Inhalt: Neuere Kirchengeschichte, Ergänzungen von Pfarrer Scholz, Staat und Kirche, Schule, Turmknopfurkunden.

 

 

 

Neuere Kirchengeschichte Steinbach-Hallenbergs

 

Der Text meiner Chroniken wurde von mir dem Pfarramt Steinbach-Hallenberg in digitaler Form zur Verfügung gestellt. Dabei war auch der vorstehende Text, der aber nur für die Zwecke des Pfarramts gedacht war. Er ist dann ohne mein Wissen und meine Zustimmung im Internet veröffentlicht worden. Deshalb sah ich auch keinen Anlaß mehr, ihn nicht auf meine Website zu stellen (der kurze Abschnitt, in dem Frau Usbeck erwähnt wird, ist dort allerdings etwas präziser gefaßt). Nunmehr ergänze ich diesen Teil noch durch einen Auszug aus meinem Buch „Kirche ohne Staatssicherheitsspitzel?“ über das Verhältnis von Kirche und Staat im Dekanat Schmalkalden. Peter Heckert.

 

Vorgeschichte:

Am 15. September 1967 kam ich nach Steinbach-Hallenberg. Mir ging der Ruf voraus - von der Landeskirchlichen Gemeinschaft ausgestreut - ich sei ein „modernistischer“ Pfarrer, der die Auferstehung leugnet. Daß das nicht so ist, hat die Gemeinde bald erfahren, vor allem auch durch viele Beerdigungspredigten.

Dennoch versuchte der damalige Prediger Mertel, seine Leute gegen mich aufzubringen: zwei Eltern schickten ihre Kinder nicht zum Konfirmandenunterricht, andere wollte er dazu bringen, ihr Kind nicht von mir taufen zu lassen. Doch er kam damit nicht durch, mit seinem Weggang war die Sache erledigt, kam aber gelegentlich doch wieder einmal hoch.

 

Mit Herrn Lieberknecht, dem anderen Pfarrer am Ort, kam ich aus. Auch hier haben manche etwas gewittert. In vielen Orten geht das nicht gut, wenn mehrere Pfarrer am Ort sind. Leider war er in vielen Dingen konservativer als ich und unsre Meinungen gingen da auseinander. Aber in vielen Dingen waren wir uns auch erstaunlich einig (vor allem, wenn es gegen Schmalkalden ging). Damit verblüfften wir manchen Kollegen und auch manchen in der Gemeinde, der einen Gegensatz witterte.

 

Im Kirchenvorstand habe ich immer eine unabhängige Haltung ein genommen. Ich wollte Verantwortung vor Gott, vor den Vorschriften der Kirche und für das Wohl der Gemeinde wahrnehmen. Von meiner ganzen Erziehung her war ich es gewohnt, unerschrocken meine Meinung zu sagen, ohne Rücksicht auf verwandtschaftliche und persönliche Beziehungen und ohne Furcht vor persönlichen Nachteilen.

So habe ich mich immer dagegen ausgesprochen, daß immer mehr Leute für die gleiche oder weniger Arbeit angestellt wurden und dafür noch übertariflich bezahlt wurden. Frau Reffke hatte den ganzen Hausmeisterdienst mit Reinigung und Heizung gemacht und noch viele Stunden in der Küche geholfen; nachher waren 2,5 Leute dafür angestellt.

Im Kindergarten wurden über 90 Kinder zeitweise von drei Kindergärtnerinnen und einer Krankheitsaushilfe betreut. Nachher waren es sechs Kräfte und zusätzlich gelegentlich Praktikantinnen für 80 angemeldete Kinder, von denen im Durchschnitt nur 50 da waren. Sicherlich: Die Zeiten wandeln sich, die Qualität der Betreuung wurde vielleicht besser. Aber man mußte sehen, daß das finanziell nicht durchzustehen war.

Immer wieder habe ich dagegen gekämpft, daß die Kirchensteuer erhöht wird, solange wir damit an der Spitze des Dekanats lagen (von der Steuer behielten wir nur 40 %, Spenden blieben uns ganz). Dennoch wurde von den Angestellten auf der Kirchenkasse die Kirchensteuer erhöht, gegen alle Beschlüsse des Kirchenvorstandes und zum Schaden für die Gemeindearbeit. Auf der Kirchenkasse wurde man schlimmer behandelt als bei staatlichen Behörden („Wenn du nicht die 50 Mark bezahlst, dann nimm auch die 40 wieder mit!“). Welch anderer Ton möglich ist, haben die letzten Jahre gezeigt. Der Wechsel des Personals ist der Gemeinde in vielen Punkten gut bekommen.

 

Ein Lehrbeispiel war die Tätigkeit der Familie Gießler in der Kirchengemeinde. Sicherlich konnten wir froh sein, jemanden aus dem Ort gefunden zu haben, der diesen Dienst übernehmen wollte. Sicher ging es auch darum, eine Wohnung zu erhalten, denn Gießlers mußten aus dem Haus in der Wolffstraße heraus. Es war in den Sommerferien des Jahres 1978, beinahe wären sie ohne Wissen des Kirchenvorstandes eingezogen.

Gießlers waren jedoch mit allem einverstanden. Sie sagten: Wir wissen, daß wir von der Kirche nicht so bezahlt werden können wie vom volkseigenen Betrieb. Aber dafür fielen ja auch Schichtarbeit und Gesundheitsgefährdung weg, eine Dienstwohnung wurde gestellt.

Im Übrigen bestand ja die Möglichkeit, durch das Gräbermachen auf dem Friedhof außerhalb der Arbeitszeit eine Menge Geld hinzuzuverdienen. Es stimmte ja auch nicht, daß von der Kirche nur 400 Mark im Monat gezahlt würden: Es gab Zuschläge und Sachleistungen (kostenloses Mittagessen, verbilligte Energiekosten) und nicht zuletzt Unterstützung in harter Währung, nämlich 900 DM im Jahr für ein Ehepaar.

Doch kaum waren Gießlers in der Wohnung, sah es anders aus. Jetzt sollte Frau Gießler für die Reinigungsarbeiten voll bezahlt werden, obwohl es (aufs Jahr gesehen) bestenfalls eine halbe Stelle ist (auch nach den sehr guten kirchlichen Richtlinien); später wurde behauptet, die  Arbeit fülle eine volle Stelle aus, Frau Gießler erhielt 190 Stunden bezahlt, arbeitete aber nur 170 Stunden, ohne daß mit dem Kirchenvorstand auch nur etwas darüber vereinbart  worden war.

Herr Gießler wollte nun auf einmal seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Kirchengemeinde stellen und keine Gräber machen. Dafür verlangte er aber eine Erhöhung seines Lohnes. Er und seine Schwester, die auf der Kirchenkasse schaltete und waltete, wandten sich an Herrn Arno Nothnagel, der sich zum Vorsitzenden des Finanzausschusses hatte machen lassen (bisher war immer der geschäftsführende Pfarrer der Vorsitzende, der allein Sitzungen einberufen konnte).

Der Ausschuß tagte ohne Wissen des Kirchenvorstandes und der Pfarrer und machte Gießlers feste Zusagen. Der Kirchenvorstand sollte nur noch entscheiden, ob die Zulage 285 oder 315 Mark beträgt. Herr Nothnagel wollte das nachher nicht mehr so recht wahrhaben, aber es besteht darüber ein von ihm gefertigtes Protokoll.

Als ich ihm sagte, daß es so nicht geht, daß zuerst der Kirchenvorstand befragt werden muß, trat er aus dem Kirchenvorstand aus. Er hat dann zwar auch noch andere Dinge angeführt, aber meine Kritik wegen des Übergehens des Kirchenvorstandes war der Hauptgrund. Herr Nothnagel wollte z.B., daß im Kirchenvorstand bestimmte Dinge durchgepeitscht würden, er wollte mir einmal vormachen, wie man das macht und wie er es im Betrieb macht; ich dagegen vertrat die Meinung, die Dinge müßten ausdiskutiert werden und dafür müsse auch Zeit sein.

Dem Kirchenvorstand blieb nichts anderes übrig, als der Zulage für Herrn Gießler zuzustimmen. Aber nach einiger Zeit fing er dann doch an, auf dem Friedhof Gräber zu machen. Diese Arbeit wurde im Laufe der Jahre immer mehr ausgeweitet, aber auf eigene Rechnung. Viele sagten: „Er ist doch ein tüchtiger Mann!“ weil sie nur diese öffentlichkeitswirksame Tätigkeit sahen. Aber seine eigentlichen Aufgaben bei der Kirche kamen zu kurz.

Zum Beispiel weigerte er sich auf einmal, weiterhin die Uhr aufzuziehen (Ich habe es dann vier Jahre selber gemacht). Aber finanziell stand er sich besser als ein Pfarrer. Es stellte sich heraus, daß der erhöhte Lohn von Anfang an von der Kirchenkasse ausgezahlt worden war. Die angebliche „Sonderleistung“ auf dem Friedhof bestand darin, daß das Gras auf dem Friedhof gemäht (und an die eigenen Kaninchen verfüttert) wurde, alles andere geschah auf private Rechnung - wie jeder weiß, nicht zu knapp.

Aber nun hieß es auf einmal: Einem Mann muß man mehr bezahlen als einer Frau. Doch als dann Kantor Dalberg angestellt wurde, hieß es: Der macht keine körperliche Arbeit, der kann sich  selber einen Nebenverdienst suchen. Gegen solche unterschiedliche Behandlung bin ich immer wieder aufgetreten, aber beliebt macht man sich damit nicht.

 

Was sich alles in der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg in vielen Jahren ereignete, hat mit einer geordneten Verwaltung nichts mehr zu tun. Hier machte sich sehr negativ bemerkbar, daß es keine Aufsicht durch eine Kreiskirchenamt bzw. Rentamt gab. Herr Gießler erklärte, er habe 1979 einen Arbeitsvertrag unterschrieben, aber er war nirgends aufzufinden. Deshalb konnte er behaupten, das Aufziehen der Kirchturmuhr sei nur eine freiwillige Leistung, aber im Protokollbuch des Kirchenvorstandes steht, daß das zu seinen Dienstpflichten gehört.

Frau Holland-Cunz, die auf der Kirchenkasse arbeitete, hatte einen Arbeitsvertrag unterschrieben, nachdem sie in die Dienstaltersstufe 1 eingeordnet war, weil sie vorher nicht im kirchlichen Dienst war. Frau Jäger hat ihr aber von Anfang an Lohn nach der Dienstaltersstufe 3 gezahlt. Angeblich hätte der Dekan das so angeordnet. Aber es lag nichts Schriftliches vor, außerdem kann der Dekan das gar nicht ohne den Kirchenvorstand. Dieser mußte wieder nachträglich zustimmen.

An Frau Gießler wurden im 1. Halbjahr 1983 sogar noch 47 Überstunden bezahlt, obwohl sie 73 Stunden weniger als bei einer vollen Anstellung geleistet hat. Alles geschah ohne den Kirchenvorstand und so, daß die Mitarbeiter unterschiedlich behandelt wurden: Die einen kriegten etwas zugeschanzt, bei den anderen ging es streng nach Vorschrift bzw. sie sollten nach Möglichkeit weniger kriegen (z.B. Frau Reffke).

 

Ich verlangte dann, daß alle Ausgabebelege mir erst zur Zahlungsanweisung vorgelegt werden, wie das in jedem Betrieb üblich ist. Eine Zeitlang wurde es dann auch in einigen Fällen gemacht, aber nachher unterblieb es wieder: Jeder, der mit einem finanziellen Anliegen auf die Kirchenkasse kam, wurde sofort bedient; der Pfarrer durfte nur nachträglich unterschreiben bzw. der Kirchenvorstand mußte notgedrungen zustimmen, da das Geld ja ausgegeben war.

Dennoch behauptete Frau Jäger, ich würde selbstherrlich handeln und alles selbst bestimmen wollen. Als ich jedoch nach einem konkreten Beispiel fragte, konnte sie keines nennen. Der Sachverhalt war ja auch umgedreht: Ärger hat es nur gegeben, weil ich auf die Einhaltung der Beschlüsse des Kirchenvorstandes und der kirchlichen Bestimmungen gedrungen habe und die Vetternwirtschaft nicht mitmachte.

 

Besonders deutlich wurde das auch bei der Kirchensteuer. Der Kirchenvorstand hatte dazu klare Richtlinien erlassen, die sich an die Praxis im Dekanat anlehnten. Wir lagen im Dekanat einsam an der Spitze. Deshalb sollte die Höhe der Kirchensteuer eingefroren werden. Der Kirchenvorstand machte sich die Mühe, straßenweise jede Familie durchzugehen und zu veranlagen. Dennoch wurden die Rentner und Jugendlichen eigenmächtig von Frau Jäger heraufgesetzt.

Und dann war es so: Wer gut zahlte, wurde erhöht, wer säumig war, blieb auf seinem Stand.

Mein Bestreben war immer, nicht die Kirchensteuer zu erhöhen, sondern die Ausgaben zu beschränken. Man hielt mir - auch von Seiten einiger Kirchenvorsteher vor - man müsse großzügiger sein, im staatlichen Bereich sei es auch so. Aber ich war der Meinung, mit dem Geld der Gemeinde (!) müsse peinlich genau umgegangen werden und jeder Anschein von Unregelmäßigkeiten vermieden werden. Und der Kirchenvorstand sollte zu seinem Recht kommen. Es ist mir unverständlich, wie man behaupten konnte, der Kirchenvorstand sei von mir übergangen worden: Einzelne (!) Mitglieder kamen mit ihren Vorstellungen nicht zum Zuge, weil sie überstimmt wurden; aber das geht auch einem Pfarrer so und er muß es respektieren.

 

Ein weiteres kompliziertes Feld war der Kindergarten: Da die langjährige Kindergartenleiterin mit der langjährigen Kirchenkassenangestellten eng verbunden war, gab es die gleichen Schwierigkeiten auch in diesem Bereich, denn Frau Jäger ist ja die Schwester von Herrn Gießler.

Jetzt wurden die Enkel der Frau Jäger eindeutig bevorzugt. Sie waren nicht getauft, wurden aber in den Kindergarten aufgenommen (die Kindergartenordnung wurde extra für sie geändert). Jetzt durften sie länger schlafen oder sie kriegten extra etwas zu trinken unten in der Küche (Apfelsaft, der zum Erntedankfest gespendet worden war).

Angeblich war eine besondere Zuwendung nötig, weil es sich um Behinderte handelte. Aber körperlich behindert war nur das Mädchen. Es gab auch andere behinderte Kinder. Doch die geistig behinderte Tochter von Weidauers wurde geschimpft, als sie einmal ohne Erlaubnis in einen Apfel gebissen hatte.

Als eine Mutter bei einer angeblich anonymen Befragung im Kindergarten die Bevorzugung einiger Kinder beklagte, wurde sie zur Leiterin bestellt und mußte Abbitte tun, weil sie sonst Nachteile für ihr anderes Kind im Kindergarten befürchtete.

Über die Aufnahme in den Kindergarten sollte der Kindergartenausschuß entscheiden. Doch manche wurden schon vorher abgewiesen mit der Behauptung, es sei schon alles voll (Familie Marr, Wolffstraße). Andere wurden aber schon vor der Sitzung des Ausschusses aufgenommen, gute Freunde auch noch später. Eine Frau schaffte es, drei ungetaufte Kinder in den Kindergarten zu bringen, ohne auch nur jemals Kirchensteuer bezahlt zu haben.

Manche Kinder wurden vor dem gesetzlich zugelassenen Alter von drei Jahren aufgenommen (Susanne Tautenhain, Marco Bahner). Dieser Zeitpunkt konnte mit Zustimmung des Kreisschulrates um zwei Monate vorverlegt werden, wenn das Kind in der Krippe war und  die Krippe das Kind für kindergartenfähig erklärte.

Doch in einem Fall wurde auch ein Kind eher genommen, das nicht in der Krippe war, weil die Mutter als Verkäuferin gebraucht wurde; angeblich hat der Kreisschulrat zugestimmt, aber schriftlich lag nichts vor. Umgedreht wurden Eltern abgewiesen, deren Kind in der Krippe war, mit der Behauptung, es sei dann in unserem Kindergarten nicht versichert. Es war ebenso wie beim Staat auch: Beziehungen waren alles!

Das andere Problem im Kindergarten war die angebliche Arbeitsüberlastung und Raumnot. Aber eine Putzfrau war meist nicht zu erhalten; als aber eine da war, wollte man sie nicht. Mit der Aufsichtspflicht haperte es immer wieder: Auch wenn sechs Kräfte da waren, hat oft nur eine Kindergärtnerin die Kinder draußen beaufsichtigt.  Der Zaun vor dem Gemeindehaus brachte eine Verbesserung der Sicherheit. Aber man kann sich nur wundern, daß nicht mehr passierte.

Dem Kindergarten wurde ein großer Raum im Leben der Kirchengemeinde eingeräumt. Oft geschah das auf Kosten anderer Arbeitsgebiete. Zeitweise stand der Kirchengemeinde in dem großen Gemeindehaus kein einziger Gemeinderaum zur Verfügung. Dennoch wurde von Seiten des Kindergartens viel Unzufriedenheit laut. Es wurde dabei der Eindruck erweckt, es läge alles nur an dem guten Willen des für den Kindergarten zuständigen Pfarrers.

 

Die beiden Problemkreise - Einstellung der Familie Gießler und Führung des Kindergartens - wurden dann miteinander verknüpft. Es ging um das Essen, das Erziehungsgeld und die Sache mit den Bananen.

Die kirchlichen Angestellten hatten für ihre Kinder im Kindergarten immer das Erziehungs- und Speisungsgeld gezahlt (z.B. die Köchin Jutta Wahl). Als aber die Enkel der Familie Gießler in den Kindergarten kamen, zahlten sie nichts. Ihre Mutter Andrea Gießler wurde erst danach stundenweise in der Küche beschäftigt; dann wurden die Stunden immer mehr ausgeweitet, auf einmal vor sie die volle Zeit da, und der Kirchenvorstand hat sie angestellt (auf diese Weise liefen mehrere Anstellungen).

Die Gießlerkinder und nachher die Jägerkinder durften am Tantentisch mitessen, wo es Sonderrationen gab, besonders der Nachtisch war reichlicher. Die Angestellten erhielten ihr Essen kostenlos von der Kirchengemeinde, nur sollten es bei Fleisch und Nachtisch die Kinderrationen sein. Herr Gießler aber erhielt z.B. zwei Schnitzel, weil er doch so schwer arbeitete (angeblich hat er es extra bezahlt, aber in den Büchern steht nichts davon).

Knappe Sachen sollten allein den Kindern vorbehalten bleiben: der erste Salat und Südfrüchte. Doch jahrelang wurde die Hälfte der Bananen an die Angestellten verkauft, weil das angeblich eine Sonderlieferung war, die nur durch eine zusätzliche Bestellung der Kirchenkasse geliefert wurde. Nun weiß jeder, wie selten Bananen in der DDR waren. Die Zuteilungen wurden auch immer knapper. Da beschloß der Kirchenvorstand: Keine Bananen an die Angestellten (für die Erwachsenen wird ein extra Nachtisch gemacht).

Doch ein Teil der Angestellten, besonders aus dem Kindergarten, murrten: Sie müßten schwer arbeiten und brauchten deshalb auch gutes Essen. Einmal wollten die Kindergärtnerinnen sogar einen Rest Bananen vor den Augen der Kinder essen, während diese etwas anderes erhielten; der Verwaltungsleiter hat sie ihnen wieder vom Tisch weggeholt und dafür gesorgt, daß sie gestückelt an die Kinder ausgegeben wurden.

Solche Vorfälle gingen meiner Bemerkung im Rahmen der Abkündigungen an Heiligabend 1985 voraus, wo ich meinte: Angesichts des Hungers in der Welt kann man doch nicht so tun, als würde man verhungern, nur weil man keine Bananen erhält. Die Sache wurde von den Kindergärtnerinnen in einem Elternabend vorgebracht, der an sich ein anderes Thema hatte. Doch der Schuß ging mehr nach hinten los, denn ich hatte nur Andeutungen gemacht, jetzt wußten alle, daß das im Kindergarten vorgekommen war.

Die Schwierigkeit in all den Jahren bestand darin, daß einfach etwas an dem bestehenden Zustand geändert wurde, ohne daß der Kirchenvorstand oder sonst jemand danach gefragt worden wäre. Dem Kirchenvorstand blieb dann nichts anderes übrig, als um des Friedens willen alles nachträglich zu genehmigen. Wo das aber aus prinzipiellen Gründen nicht möglich war, gab es dauernd neuen Ärger.

 

Es wurden auch viele Gespräche geführt. Danach war dann auch alles klar. Aber zwei Tage später wurde wieder alles in Frage gestellt, weil inzwischen wieder Frau Jäger gehetzt hatte.

Oft ging es auch um Dinge, wo man auch mit staatlichen Gesetzen in Konflikt kam. Gießlers erhielten zum Beispiel immer wieder privaten Besuch in der Küche. Auch die Kinder spielten oft dort.

Einmal hatte sich das Mädchen im Kindergarten verletzt und wurde in der Küche mit blankem Hintern auf die Anrichte gesetzt. Die Hygiene hätte doch die Küche geschlossen, wenn so etwas bekannt geworden wäre. Aber Gießlers behaupteten, ich spioniere ihnen nur nach und wolle unbedingt etwas finden. So etwas sei gesetzlich und es fehle an der Liebe!

Doch hier brauchte man gar nicht zu überwachen. Ich habe nur das vorgebracht, was entweder ich oder meine Frau selbst gesehen haben. Dabei ging es nicht um bestimmte Personen. Aber wer sich an die Beschlüsse des Kirchenvorstandes hielt, brauchte nicht kritisiert zu werden.

 

Die Beschwerde  des Herrn Erwin Häfner, Wolffstraße 6

Am 15. Juli 1985 reichte Herr Häfner nach Rücksprache mit dem Ehepaar Gießler, Frau Jäger, Frau Holland (Kälberzeil 25) und Frau Holland-­Moritz (Hauptstraße 60) eine Beschwerde beim Landeskirchenrat in Eisenach gegen mich ein. Seine Punkte waren:

1. Pfarrer Heckert hat Frau Gießler des Diebstahls von 42 Bananen beschuldigt, da sich gewichtsmäßig eine Differenz zwischen der Zahl der gelieferten und der ausgegebenen Bananen ergab. „Aus eigener Erfahrung weiß ich - ich bin in Ländern gewesen, in denen Bananen wachsen - daß die einzelnen Früchte (unterschiedlich) groß und besonders durch Umfangsdifferenz verschiedenes Gewicht haben!“

Nach den Bananen hatte ich gefragt, weil ich befürchtete, daß welche verderben könnten. An die Kindergartenkinder waren an zwei Tagen je eine halbe Banane von etwa 60 Gramm Gewicht ausgegeben worden, es hätten noch etwa 60 da sein müssen. Frau Gießler beteuerte, nur zwei Bananen an die erkrankte Köchin Frau Häfner verkauft zu haben (in den Büchern stand davon allerdings nichts). Ich habe nicht behauptet, daß die Bananen anderweitig verwendet worden seien. Vielmehr vermutete ich, daß das Gewicht vom Großhandel nicht richtig angegeben worden war und wies deshalb die Küche an, bei Lieferung gleich nachzuwiegen.

 

2. Der Malermeister König wurde von Pfarrer Heckert verdächtigt, er hätte einen privaten Auftrag der Familie Gießler zur Renovierung des Wohnzimmers doch der Kirchengemeinde in Rechnung stellen wollen. Die Firma König konnte uns damals nur die Zusage zur Renovierung von vier Räumen im Gemeindehaus geben.

Dennoch erreichte es Herr Gießler, daß sie ihm nach Feierabend noch das Zimmer machten (wie er das erreicht hat, wurde später deutlich). Ich suchte Herrn König nur auf, um sicherstellen, daß der Auftrag des Kirchenvorstandes sich nur auf die vier Zimmer bezieht.

 

3. Herr Gießler wurde von Pfarrer Heckert beschuldigt, eine Urne bei der Beisetzung verwechselt zu haben. Tatsache ist, daß Herr Gießler die Urnen beisetzte, wo er wollte, auch wenn das laut Friedhofsordnung nicht zulässig war. Er meldete die Beisetzung der Urne Elbel,  obwohl diese erst Tage später mit der Post kam. Er nahm die Benachrichtigungen eigenmächtig aus dem Briefkasten, holte die Urnen auf der Post und stellte sie im Keller des Gemeindehauses, im Schuppen auf dem Friedhof oder in der Friedhofskirche ab (von dort ist einmal eine Urne verschwunden, weil das Bestattungsinstitut sie wieder mitgenommen hatte). Diese Dinge wurden dann geordnet und dem Bestattungsinstitut mitgeteilt, wer zur Entgegennahme von Urnen berechtigt ist. Gebrauchte Einfassungen sollten nicht mehr beim Totengräber bezahlt werden, sondern auf der Kirchenkasse (dennoch hat Herr Gießler ohne Quittung weiterhin Einfassungen gesetzt).

 

4. Pfarrer Heckert hat in einer Kirchenvorstandssitzung erklärt, die Rechnungsführung der Frau Jäger sei nicht in Ordnung und für Unterschlagungen von Spenden sei Tür und Tor geöffnet. Sie habe ihr Arbeitsverhältnis auf Grund dieser Verdächtigungen gelöst. Pfarrer Heckert hat ,,trotz Widerstände und schwerer Auseinandersetzungen im Kirchenvorstand einen jungen Mann als Kirchenrechner angestellt, der einen artfremden Beruf erlernt hat, keiner Kirche angehört, weder getauft noch konfirmiert war und mit einer Frau in außerehelicher Gemeinschaft lebte.... Man kann mit normalen Sinnen diese Vorgänge und Handlungsweise eines Pfarrers nicht fassen, aber es  ist so geschehen in Steinbach!“

An Frau Jäger habe ich kritisiert, daß sie eigenmächtig und willkürlich Löhne erhöht hat. Ich habe mich immer darauf verlassen, daß ihre Berechnung gestimmt hat und unbesehen unterschrieben. Als sich dann die Überzahlung herausstellte, machte mir Herr Adolf Holland-Cunz den Vorwurf, ich hätte besser aufpassen müssen (obwohl seine Frau die Begünstigte war); daraufhin habe ich 274 Mark Schadensersatz gezahlt. Frau Jäger hatte schon jahrelang gesagt, daß sie mit Erreichen des Rentenalters ausscheiden wolle. Allerdings wollte sie erreichen, daß Frau Marianne König (Hauptstraße 13) ihre Nachfolgerin wird. Sie hat sich auch dem Kirchenvorstand vorgestellt, wurde aber nicht gewählt (schon wegen einer „Drei“ in Mathematik).

Angestellt wurde Herr Winfried Hey, Lindenstraße 44a, der vor einiger Zeit aus Jena zugezogen war. Er wurde zunächst von mir eingehend geprüft, mußte die Aufstellung der Kirchenrechnung und ein Gespräch über Kirchensteuerfragen vormachen. Danach wurde er vom Kirchenvorstand und Dekanatssynodalvorstand unter die Lupe genommen. Daß er für den Posten gut geeignet war, wurde schnell deutlich. Er konnte die Arbeit ohne lange Anlernzeit übernehmen, seine Gehaltsforderung war mäßig.

Bedauerlich war, daß einige ihn verdächtigten, er könnte Geheimnisse an staatliche Stellen oder an die katholische (!) Kirche verraten, weil seine Frau der katholischen Kirche angehört. Dabei gibt es auf der Kirchenkasse keine vertraulichen Dinge außer dem Kirchensteuergeheimnis (das aber kaum ins Gewicht fällt, weil die Steuer sowieso pauschaliert ist). Außerdem werden doch von den Kirchenvorstehern selbst alle möglichen Dinge nach außen getragen. Woher hätte Herr Häfner sonst seine Informationen?

Diese ganzen Verdächtigungen waren nur vorgeschoben. Der Kirchenkassenraum war damals ohne Schwierigkeiten auch nach Feierabend zugänglich, für alle  kirchlichen Angestellten und auch leicht mit einem Nachschlüssel. Interne Dinge wurden ohne Bedenken am Telefon erzählt. Auch im Kindergarten hörten die Kinder manches mit und erzählten es dann zu Hause. Ein Oberschüler sagte: „Wenn ich wissen will, was im Kirchenvorstand besprochen wurde, dann erfahre ich es!“

Zum Beispiel hatte ich den Namen eines Interessenten für die Stelle genannt. Daraufhin ging Frau Jäger zu dem Betreffenden in die Wohnung und behauptete, als Verwaltungsleiter müsse man auch Gardinen waschen und Brote schmieren, so daß der Betreffende sich gar nicht erst beworben hat. Diese Sache hatte ich ausdrücklich für vertraulich erklärt und darum gebeten, den Mann nicht deswegen anzusprechen.

Ende Juli 1984 hatte allerdings der Kirchenvorstand mit knapper Mehrheit und bei vielen Enthaltungen die Anstellung von Herrn Hey abgelehnt. Einige Kirchenvorsteher fühlten sich allerdings durch die Ausführungen des anwesenden Dekans verunsichert, andere fühlten sich nicht genug informiert, wieder andere hatten die zur Abstimmung gestellte Frage (Verneinung eines früheren Beschlusses) falsch verstanden.

Allerdings muß ich zugeben, daß auch einige Ungeschicklichkeiten passiert sind: Es gab Terminschwierigkeiten, so daß Herr Peters nicht von Anfang an dabei sein konnte; einen Brief des Dekans zur Sache habe ich nicht gleich zu Anfang im Wortlaut vorgelesen. Ich war aber schon damals bereit, mein Amt aufzugeben, weil ich mir nicht die Arbeit mit jemand aufladen wollte, der der Sache nicht gewachsen war, während auf der anderen Seite ein fähiger Mann zur Verfügung stand. Herr Hey wurde dann am 10. September 1984 mit 16 : 5 Stimmen gewählt. Er wurde vor der Anstellung getauft und konfirmiert und bald darauf kirchlich getraut, verheiratet war er seit 1982. Von den Behauptungen des Herrn Häfner stimmte nur der Name.

 

5. Die Leiterin des Kindergartens wurde von Pfarrer Heckert beschuldigt, von Spenden des Kindergartens gekauftes Eis an Kinder der Familie Gießler gegeben zu haben, die nicht mehr in den Kindergarten gingen. Es handelte sich dabei um ein besonderes Geschenk an die Kindergartenkinder aus Anlaß des Internationalen Kindertages. Dieses wurde sonst immer von der Kirchenkasse bezahlt.

Dieses Jahr erklärte Schwester Anni, sie habe das Geld von ihrem privaten Geld gespendet und deshalb das restliche Eis nach Belieben verteilt. Aber man muß mir auch zugestehen, daß ich nach dem Sachverhalt frage, wenn die Enkel der Familie Gießler und deren Freunde mit dem Eis aus der Gefriertruhe aus der Küche kommen und noch versuchen, das Eis vor mir zu verbergen.

Man muß ja auch bedenken, was vorausgegangen ist: Die Eheleute Gießler haben mehrere Personen ihrer Verwandtschaft mit Essen aus dem Gemeindehaus versorgt. Nicht nur daß Herr Werner Gießler mehrfach reichhaltiges Sonderessen erhielt, weil ihm das Kindergartenessen nicht zusagte.

Auch der Sohn Horst Gießler hat wochenlang mitgegessen, wenn ihm der Speiseplan zusagte, aber nicht die Kosten bezahlt, sondern nur 1 Mark pro Essen, und das auch nicht immer. Der Großvater erhielt Essen, die Schwiegertochter, wenn sie zu Besuch war. Am 4. Mai 1985, einem Samstag (an dem nur Rüstzeit war) haben 5 Personen ein Sonntagsessen mit Klößen und Fleisch erhalten; davon hat nur Karin Gießler 1,25 Mark bezahlt.

Das Essen für die Gießlerkinder wurde nie bezahlt, während Miriam Heckert pro Essen eine Mark bezahlen mußte, obwohl sie offiziell noch Kindergartenkind war und beide Eltern ganztags auf der Kirchenkasse bzw. im Kindergarten vertreten mußten.

 

Am Schluß seines Briefes kommt Herr Häfner dann noch auf den eigentlichen Grund seiner Beschwerde zu sprechen: Pfarrer Heckert hat alte Kirchengeräte verkauft. Doch dabei handelte es sich nicht um Kirchengeräte, sondern ganz weltliche Zinnkannen, die nicht mehr gebraucht wurden. Diese wurden auf Beschluß des Kirchenvorstandes verkauft. Aber da Herr Häfner zufällig bei dieser Sitzung nicht dabei war, aber auf solche Dinge scharf war, wurde er nicht bedacht. Deshalb trat er aus dem Kirchenvorstand aus, aber auch weil er wegen des Erdkabels für die Kirche mit dem Kirchenvater Huhn Differenzen hatte. Daß ich Herrn Häfner „mehrere Male belogen“ hätte, muß ich entschieden zurückweisen.

Schließlich vertrat Herr Häfner noch die Meinung: „Nach Ansicht vieler Mitglieder der Kirchengemeinde hätte Pfarrer Lieberknecht seine Gemeinde in Steinbach-Hallenberg nie verlassen, wenn eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Pfarrer Heckert möglich gewesen wäre!“ Diese Behauptung stammt wohl von Frau Jäger. Hier taucht auch der Begriff ,,gedeihliche Zusammenarbeit“ auf, den Frau Jäger aus dem entsprechenden kirchlichen Amtsblatt kennt, das sie ausführlich studiert hat (wie ich selber sehen konnte).

Zum Schluß heißt es in der Beschwerde: „Die meisten Predigten von Pfarrer Heckert offenbaren mangelnde Vorbereitung, sie geben wenig Kraft zur Stärkung des christlichen Glaubens und dienen kaum zur Erbauung im täglichen Leben. Nach meinem Dafürhalten ist der Charakter von Pfarrer Heckert dumpf und stumpf, sonst könnten derartige Machenschaften durch ihn nicht vorgenommen werden. Die Kirchengemeinde.... schrumpft von Jahr zu Jahr zusammen. Die Ursache hierfür ist nicht nur in der Umwelt...... zu suchen, sondern einen großen Teil Schuld trägt auch Pfarrer Heckert durch sein Verhalten bei!“

Der Beschwerdebrief wurde vom Landeskirchenrat an den Dekanatssynodalvorstand verwiesen. Daraufhin fand am 13. September 1985 im Dekanat Schmalkalden eine Besprechung statt, an der außer den Beteiligten auch die Kirchenväter und der Dekanatssynodalvorstand teilnahmen. Herr Häfner betonte zu Anfang noch einmal, sein Brief habe das Ziel gehabt, Pfarrer Heckert aus seiner Stelle zu verdrängen: „Er soll dahin gehen, woher er gekommen  ist!“

Frau Gießler hat bei der Besprechung noch einmal unter Tränen beteuert, sie habe keine Bananen anderweitig vergeben. Auch im HO-Laden hätten sie gesagt, daß in einem Karton nur 100 Bananen wären. Schon vorher hatte sie in zwei Schreiben ausgeführt: „Da mir von Pfarrer Heckert ständig unberechtigt Mißtrauen entgegengebracht wird...“ und ,,es wurden mir und meinem Mann ungeheure Beschuldigungen vorgehalten!“

Doch Herr Jochen Reumschüssel wußte: „So viel ich mitgekriegt habe, sind aber doch welche verkauft worden!“  Auf einmal gab Frau Jäger zu: ,,Die Arbeiter gehören mit dazu!“     Gemeint waren die Maler, die Bananen erhielten, damit sie nach Feierabend noch Gießlers Wohnstube machten. Aber Herr Gießler fragte dreist: „Wo sind welche verkauft worden?“ Seine Frau gab jetzt zu: „Utes Mutter hat zwei Bananen gekriegt. Auch Frau Häfner habe ich zwei gegeben, aber die habe ich aus der eigenen Tasche bezahlt!“ Herr König widersprach: „Ute hat zweimal drei Bananen gekriegt, aber auch Andrea hat welche gekriegt, wahrscheinlich genau so viel“

Auf einmal wurden es immer mehr. Ich traute meinen Ohren kaum. Eine peinliche Stille trat ein. Da wußten also längst alle Bescheid, nur ich war ahnungslos. Es wurde nicht weiter gebohrt, wer alles bedacht wurde. Aber wahrscheinlich haben alle Angestellten etwas gekriegt. Jetzt konnte ich mir auch denken, weshalb Herr Holland-Cunz und seine Frau nicht schlafen konnten: Sie waren beteiligt, sagten aber nichts. Gießlers konnten offenbar darauf vertrauen, daß alle dicht halten. Ich war mir selber im Zweifel, ob man ihnen nicht Unrecht tut. Aber sie hätten ungeniert eine Lüge benutzt, um einen Pfarrer in die Pfanne zu hauen, wenn nicht Herr Reumschüssel geredet hätte.

Gießlers wollten dann zu dem anderen Punkt überlenken: Die Spannungen hätten begonnen, als Pfarrer Lieberknecht wegging. In Wirklichkeit begannen sie, als Gießlers ins Gemeindehaus kamen und sich nicht an das Vereinbarte hielten. Auch Herr König meinte: „Auch Frau Jäger hat geherrscht, und nicht zu knapp. Und gekündigt hat sie, weil sie mich beleidigt hatte und ich nur von einer Klage abgesehen habe, weil sie gehen wollte. Pfarrer Heckert hat sich da total herausgehalten!“

Dekan Schreiber verlas dann den Abschnitt über Pfarrer Lieberknecht. Herr Häfner schob nach: „Warum war Pfarrer Heckert nicht bei der Verabschiedung von Pfarrer Lieberknecht dabei. Ich finde das traurig und beschämend!“ Doch der Termin war vom Dekan festgesetzt worden, obwohl ich im Urlaub war, weil er am nächsten Sonntag seinen Sohn in Schmalkalden einführen wollte.

Herr Häfner hat sogar Pfarrer Lieberknecht gefragt, ob er wegen Pfarrer Heckert gehe. Er habe gesagt: „Ich bin gerufen worden!“ Der Dekan hatte am gleichen Tag noch einmal bei Pfarrer Lieberknecht angerufen. Der hatte geantwortet: „Das hat Herr Häfner erfunden!“ Er wäre nicht 13 Jahre geblieben, wenn er es nicht hätte aushalten können. Seine Bemerkung: „Wir müssen ja gehen!“ bezog sich nicht darauf, daß er strafversetzt worden sei, sondern er wollte sagen: „Wir haben nun einmal zugesagt, da gehen wir auch, so wie Gotha hat uns keiner gerufen!“

Das Gespräch ging noch eine ganze Weile weiter. Herr Gießler führte z.B. aus: ,,Wenn mir ein Meister sagt, ich solle etwas machen, dann tue ich es noch lange nicht. Das habe ich bei den Nazis gemacht. Über Fehler kann man reden. Aber hier werden vermeintliche Fehler gleich aufgetischt. Unsre Probleme aber werden als banal abgetan!“ Er wollte sich also nichts sagen lassen.

In der Praxis mußte ich auch immer vorsichtig fragen, ob er denn bereit wäre, dies oder jenes zu machen. Und wenn er es nicht  wollte, mußte ich es tun (wie bei dem Abwasserkanal für den Kindergarten, wo wir von der Hygiene eine Frist von vier Wochen hatten und Herr Gießler wollte eine Firma bestellen). Ebenso weigerte er sich, den denkmalswerten Grabstein vom Friedhofstor in die Kirche zu räumen, wie er es vor einem Jahr versprochen hatte (ich habe ihn dann zusammen mit Herrn Hey in die Kirche gebracht).

Schließlich wollte Herr Häfner die Behauptungen über Herrn Hey wieder abschwächen: Außereheliche Gemeinschaft habe nur im Konzept gestanden, nicht im Brief. Aber die Ablichtung des Originalbriefes lag vor, und da  stand nicht „außerkirchlich“.

Nach diesen drei Punkten und vielen Abschweifungen wurden die anderen Punkte nicht mehr behandelt. Sie sind genauso ein Sammelsurium von Tatsachen, Halbwahrheiten, Verleumdungen und Lügen wie die anderen. Weder hat Herr Häfner seinen Brief zurückgezogen noch haben Gießlers auch nur ein Wort des Bedauerns gefunden. Sie haben nicht zugesagt, daß sie die Autorität des Kirchenvorstandes und der von ihm beauftragten Personen achten wollen und den Verwaltungsleiter akzeptieren wollen.

Herr Häfner hat sich ein Jahr später noch einmal an den Landeskirchenrat gewandt und eine schriftliche Antwort auf seine Beschwerde verlangt. Diese wurde ihm am 21. Juli 1986 gegeben: „Aufgrund des am 22.10.1985 von Herrn Dekan Schreiber gegebenen schriftlichen Berichts sowie des diesem Bericht beigefügten Protokolls und der zusätzlichen mündlichen Informationen haben wir keine Veranlassung gesehen, seitens des Landeskirchenrats Weiteres zu unternehmen!“ Es wurde darauf hingewiesen, daß Herr Häfner ja selber an der Sitzung in Schmalkalden teilnahm und dort auch entsprechende Antworten erhielt.

Es ist aber auch schon hier die Rede von einer besonderen rechtlichen Stellung des Dekanats, durch die der Landeskirchenrat keine Möglichkeit habe, unmittelbar einzugreifen, er sieht aber auch keine Veranlassung, angesichts der schriftlichen Stellungnahme des Gemeindekirchenrats und der eingehenden Verhandlung in der Sitzung des Dekanatssynodalvorstandes weitergehende Maßnahmen in Erwägung zu ziehen!“ Damals war noch der gelernte Jurist Mitzenheim der Dezernent im Landeskirchenrat.

 

Am 17. Oktober 1985 sprach ich noch einmal mit Frau Jäger in ihrer Wohnung. Ich machte ihr den Vorwurf, daß sie sich nicht loyal gegenüber der Kirchengemeinde verhalten habe: Sie hätte wenigstens mitteilen müssen, daß da ein Brief geplant ist, dann hätte man vielleicht die schlimmsten Auswüchse verhindern können. Sie aber sagte: „Ich bin nur froh, daß ich einmal zu Gott komme und dann alles offenbar wird, wie es gewesen  ist. Dann wird sich heraus stellen, daß ich nie gelogen habe. Ich kann ja gar nichts Böses tun, weil ich mich einmal vor Gott zu verantworten habe!“

Im Verlauf des Gesprächs behauptete Frau Jäger wieder, ich hätte ihren Bruder des Diebstahls einer Kollekte bezichtigt. Am gleichen Tag hatte ich erfahren, daß schon sein Vater beim Diebstahl einer Kollekte erwischt worden war; deshalb war sie sicher so empfindlich.

Auch behauptete sie wieder, Herr Häfner habe nicht „außereheliche Gemeinschaft“ geschrieben, sondern „außerkirchlich“, obwohl doch die Ablichtung vorgezeigt worden war. Was nützen da alle Informationen, wenn doch wieder das Alte behauptet wird. Sie behauptete auch, ihr Bruder hätte die Kosten für die Renovierung des Wohnzimmers übernommen, wenn sie mit auf unsrer Rechnung gestanden hätten; aber wie soll man das glauben, wenn er nicht einmal sein Essen bezahlt!

Bei den Angestellten änderte sich nichts: Die Leiterin des Kindergartens weigerte sich weiterhin, die Urlaubsmeldungen auf der Kirchenkasse abzugeben und verschwand selber ohne Abmeldung zu Tagung und Urlaub. Als sie dann eine Liste vorlegte, stimmte diese nicht mit dem tatsächlich genommenen Urlaub überein. Oliver Gießler aß weiterhin bei seiner Oma in der Küche, obwohl seine Mutter wegen der Krankheit des anderen Kindes freigestellt und Zuhause war. Die Küchenleiterin nahm erneut für sich und ihren Mann zwei Bananen und behauptete, darauf habe sie ein ,,Recht“.

 

Die Arbeit im Kirchenvorstand:

In der Kirchenvorstandssitzung am 2. Dezember 1985 wollte ich dann durch den Kirchenvorstand feststellen lassen, ob bei Frau Jäger noch die Voraussetzungen für die Wählbarkeit zum Kirchenvorstand gegeben sind oder ob sie diesen verlassen muß: Bei der Beschwerde des Herrn Häfner war sie der wesentliche Zuträger und gab erneut zu, mit ihm gesprochen und vertrauliche Dinge aus den Sitzungen ausgeplaudert zu haben; sie hetzt ständig Angestellte gegen den Kirchenvorstand und leitende Angestellte auf, beteiligt sich aber nicht am kirchlichen Leben, wie das Pflicht eines Kirchenvorstehers ist.

Zunächst sollte darüber abgestimmt werden, ob dieser Punkt überhaupt verhandelt wird. Ich wollte das schriftlich machen, weil Frau Jäger sich weigerte, die Sitzung zu verlassen, wie das Vorschrift ist, wenn man am Gegenstand der Verhandlung persönlich beteiligt ist. Als der Kasten mit den Abstimmungszetteln aber zu Herrn Adolf Holland-Cunz kam, nahm er die schon eingelegten Zettel heraus, zerriß sie und steckte die Schnipsel ein. Ich war zunächst sprachlos, stellte den Punkt zurück, Herr Erich Nothnagel verließ die Sitzung.

Es ging dann um die Beihilfe an Frau Jäger, die sonst am Jahresende an alle Angestellten gezahlt wurde. Wieder befürwortete Herr Holland-Cunz sie warm und wollte, daß hier nach den Gepflogenheiten gehandelt werde. Als er aber hörte, daß nur der bedacht wurde, der am Jahresende noch da war, machte er wieder einen Rückzieher, nachdem er einsehen mußte, daß ich nicht gegen die Gepflogenheiten gehandelt hatte.

Daraufhin stellte Herr Gerhard Huhn den Antrag, es dennoch bei Frau Jäger anders zu machen und ihr eine anteilige Beihilfe zu geben. Der Antrag wurde in geheimer Abstimmung mit 9 : 6 Stimmen abgelehnt. Damit war deutlich, wie die erste Abstimmung ausgegangen wäre, die Herr Holland-Cunz verhindert hatte.

Er fühlt sich Frau Jäger aus irgendeinem Grund verpflichtet, der mit seiner Frau zusammenhängen könnte, zumindest aber mit den Bananen, wo er vielleicht denkt, wir wüßten noch nicht, daß er auch welche erhalten hat.

Bei Herrn Huhn dachte ich zunächst, er fühle sich der Familie Beckmann verpflichtet, in deren Firma seine Frau und Tochter arbeiten, und Beckmanns gehören ja zur Familie Gießler (sie haben sich aber aus allem herausgehalten). Der wahre Grund stellte sich erst später heraus: Die Eheleute Huhn hatten vor, sich scheiden zu lassen, wollten vorher aber beide noch eine Reise in den Westen machen; nun fürchteten sie, Beckmann bzw. Gießlers könnten etwas verraten, wenn er ihnen nicht beihalte.

 

Es gab auch Kirchenvorstandssitzungen, in denen sachlich geredet wurde und viele Punkte erledigt werden konnte; aber da waren die Quertreiber nicht da. Aber oft ging es bei den Punkten durcheinander. Es wurden Dinge vorgebracht, die nicht auf der Tagesordnung standen, auch absichtlich vorher nicht mitgeteilt wurden. Nichts wurde abgeschlossen, vieles an die Ausschüsse verwiesen, wo es dann versandete.

Dort lief es dann zum Beispiel folgendermaßen: Im Friedhofsausschuß hatte ich eine Vorlage eingebracht, die vom Ausschuß beraten und abgeändert worden war. Herr Holland-Cunz aber machte am anderen Tag einen anderen Entwurf, der in der Substanz Änderungen enthielt, und legte diesen dann ohne Rücksprache mit dem Ausschuß den Angestellten vor. Der Verwaltungsleiter mußte ihm dann sagen, was für einen Unsinn er geschrieben hatte. Zum Beispiel wollte er, daß die Totengräber nicht vom Kirchenvorstand bestellt werden, sondern von der Friedhofsverwaltung, weil er sich für diese hielt. Als Herr Holland-Cunz aber hörte, daß darunter der Verwaltungsleiter zu verstehen ist, war er wieder dagegen.

Eine ungute Rolle spielte auch Herr Pfarrer Hoffmann aus Springstille. Er hatte auf der letzten Dekanatssynode im Anschluß an den Arbeitsbericht des Dekanatssynodalvorstandes seine persönlichen Ansichten zu den Vorgängen in Steinbach-Hallenberg mitgeteilt, ohne dazu ermächtigt zu sein oder einen Tagesordnungspunkt beantragt zu haben. Ich war bei dieser Tagung nicht dabei. Herr Hoffmann muß auch irgendwie der Frau Jäger verpflichtet sein. Diese hat ihn immer wieder angerufen, sie macht ihm auch weiter die Kirchenrechnung und die Kirchensteuer, nachdem er überhastet und ohne seine Kirchenvorstände zu fragen die Kirchensteuerkartei aus der Kirchenkasse mitgenommen hat. Er hat auch Herrn Häfner den Rat gegeben, sich nach Eisenach zu wenden, anstatt die Sache in den eigenen Reihen zu halten.

Am 21. Mai 1985 bat ich noch einmal den Dekanatssynodalvorstand, auf Frau Jäger einzuwirken, daß sie die Sitzungen verläßt, wenn es um ihre Verwandten geht. Daß sie am Gegenstand der Verhandlungen beteiligt ist, wird daran deutlich, daß sie diesen alle Einzelheiten erzählt, auch bloße Erwägungen, die gar nicht zum Beschluß wurden, und oftmals natürlich entstellt. Gießlers waren ja sogar der Meinung, sie hätten ein Recht darauf, über alle Einzelheiten informiert zu werden, und zwar durch Frau Jäger.

Dadurch können es viele Kirchenvorsteher nicht wagen, ihre Meinung offen zu sagen. Abstimmungen können nur noch geheim vorgenommen werden. Doch ich erhielt auf mehrere Briefe in dieser Sache keine schriftliche Antwort, man sagte mir nur einmal nebenbei, das könne man nicht machen. Offenbar ist es leichter, einen Pfarrer zu entlassen, der seine Pflicht tut, als einen Kirchenvorsteher, der seine Pflicht verletzt.

 

Am 19. Dezember 1985 war eine außerordentliche Kirchenvorstandssitzung mit dem Dekan und Pfarrer Hoffmann, in der es sehr erregt zuging. Herr Gerhard Huhn bestätigte noch einmal, daß er den Pfarrer Heckert gern ,,zum Teufel jagen“ würde. Frau Holland-Moritz behauptete, Pfarrer Heckert würde dauernd alles herumdrehen und schon wieder lügen. Herr Reumschüssel dagegen zitierte Ausdrücke wie „Pharisäer“, „Meister“ und ,,Lügner“, die von seiten der Familie Gießler bzw. durch Frau Jäger gefallen sind. Herr Gießler hatte sogar den schönen Ausdruck ,,Ölmännchen“ gefunden. Der Dekan war immer dabei, sagte aber nichts dazu. Je länger je mehr hat er nicht auszugleichen versucht, sondern im Gegenteil noch geschürt.

Es ging dann wieder um Bananen, die angeblich im städtischen Kindergarten auch an die Angestellten ausgegeben würden. Die Kinderdiakonin Körber war am gleichen Tag ja fast ohnmächtig geworden, weil sie keine Bananen gekriegt hatte; zumindest heulte sie und legte sich nachher in der Schwesterstation hin, war aber bald wieder putzmunter.

Herr Huhn warf mir Kleinlichkeit vor. Man müsse es so machen wie Arno Nothnagel, der mit Gießlers übereingekommen sei, „aber der Pfarrer Heckert hat es wieder zunichte gemacht“ (die Einigung erfolgte auf Kosten der Kirchengemeinde und zum Nachteil der anderen Angestellten). Ich verwies darauf, daß ich ja seit September alles habe laufen lassen. Aber das wurde von der anderen Seite nur ausgenutzt, es war schlimmer als vorher.

Der Dekan meinte dann zwar, es sei nicht gut, wenn man alles laufen lasse. Und es gäbe in der Tat auch viel Positives aus Steinbach zu vermelden. Aber er meinte dann auch wieder: Es gibt bestimmte Dinge, die drehen wir nicht zurück, z.B. den Einkauf während der Arbeitszeit.

An Heiligabend führte ich dann im Rahmen der Abkündigungen aus: „Wir haben viel zu viel Angst, wir könnten etwas verpassen und brauchten immer noch mehr. Zum Beispiel möchten einige unsrer kirchlichen Angestellten gern von den Bananen und Apfelsinen abhaben, die uns der Großhandel nur für die Kindergartenkinder selten genug zur Verfügung stellt. Sie sagen: Sie müßten schwer arbeiten und brauchten deshalb gutes Essen, anderswo werde es auch so gemacht und sie hätten ein Recht darauf. Doch damit würden wir den Kindern das wegnehmen, was sie brauchen, während ein Erwachsener auch darauf verzichten kann. Aber ist es im Großen nicht auch so, daß wir in den reichen Ländern uns alles nehmen, was die Erde uns bietet, es damit aber den Kindern in der Welt wegnehmen. Wir könnten uns alle einmal fragen: Wo könnte ich frohen Herzens etwas von dem abgeben, was ich eigentlich nicht lebensnotwendig brauche? Statt zu klagen könnten wir uns lieber zur Dankbarkeit anleiten lassen!" Alles war eingekleidet in die Aufforderung zu Spenden für die Aktion ,,Brot für die Welt“.

Im Januar griffen die Kinderdiakoninnen dieses Thema in einem Elternabend auf, in dem ich über ein ganz anderes Thema gesprochen hatte. Ich stellte klar, daß ich nicht behauptet habe, die Kindergärtnerinnen hätten sich Bananen genommen, denn sie wurden ihnen ja gebracht (man kann ihnen nur den Vorwurf machen, daß sie sie genommen haben. Sie haben sogar mehr erhalten als die Kinder, wofür diese nur die Erklärung fanden: Die sind ja auch größer als wir, da brauchen sie mehr).

Vom Kindergarten war überhaupt nicht die Rede. Man fühlte sich nur angesprochen, weil das dort gesagt worden war (aber nicht nur dort). Erst durch den Elternabend erfuhr die Öffentlichkeit, daß das im Kindergarten vorgekommen war. Keinesfalls habe ich behauptet, die Kindergärtnerinnen gönnten den Kindern die Bananen nicht. Weder das Wort „Kindergärtnerinnen“ noch das Wort „gönnen“ kamen vor. Im Grunde haben die Kinderdiakoninnen sich selber geschadet, weil nun die Eltern sagten: „Zu solchen Tanten schicken wir unsre Kinder!“ Wieviel Bananen geliefert wurden, sahen sie daran, als diese voll an die Kinder weitergegeben wurden.

Alles wurde immer ausführlich bei den Pfarrkonferenzen ausgewertet, natürlich einseitig, weil immer nur der Dekan sprach und ich nur die gröbsten Ungenauigkeiten richtigstellen konnte. Schon am 22. Januar 1986 wollte Pfarrer Schreiber junior ein Zeichen setzen durch einen Wechsel im Vorsitz des Kirchenvorstandes. Und Pfarrer Fischer ging noch weiter: „Wenn Schalke schlecht spielt, muß der Trainer gehen!“ Man will nicht sehen, daß es auch an der Mannschaft bzw. einzelnen Spielern liegen kann. Wenn einer nicht mannschaftsdienlich spielt, wird er nicht mehr aufgestellt!

 

In der Kirchenvorstandssitzung am 24.März 1986 ging es wieder hoch her. Als Herr Reumschüssel ausführte, daß die Kinder keine Bananen erhalten sollten, aber die Tanten, rief Frau Holland-Moritz: „Dein Roman ist zu schön, der müßte ins Witzblatt!“ Frau Jäger leugnete auf einmal entschieden ihre Ankündigung, sie wolle mit Erreichen des Rentenalters aufhören. Doch das hat sie mehrfach mir gegen über, aber auch vor Gemeindegliedern und Rüstzeitteilnehmern erklärt, lange vor den bekannten Schwierigkeiten. Man kann nicht das Ausscheiden aus der Arbeitsstelle ankündigen, so daß die Verantwortlichen um Ersatz bemühen, wenn dieser aber da ist dann sagen: Ich wollte ja gar nicht! Offenbar ging es aber darum, daß sie selber aussuchen wollte, wer ihr Nachfolger sein sollte; den (bzw. die) wollte sie dann „anlernen“ und immer noch die Fäden in der Hand halten.

Als Herr Reumschüssel ausführte: „Als wir uns um einen Nachfolger bemühten, hat sie alle Interessenten schlechtgemacht und ihnen sogar noch falsche Dinge über die Tätigkeit erzählt!“ da rief Frau Holland: „Man meint, der müsse einen Vogel haben!“ Als Herr Reumschüssel Frau Jäger fragte, ob ihr das Wohl der Gemeinde am Herzen liege, da sagte Frau Holland-Moritz: „Hast du noch mehr so Märchen in deinem Dingsda. Lies nur so weiter mit deinen Schmierereien!“ So war der Ton!

Frau Jäger war erstaunt, daß diese alten Dinge wieder aufgerollt wurden. Sie wäre ja nur Vertretung auf der Kirchenkasse gewesen. Ihr Bruder sei angestellt worden, als Frau Killenberg noch da war. Seine Frau ist aus ,,Not“ in die Küche gegangen. „Aber mit mir hat das nichts zu tun!“

Doch die Familie ist vor allem wegen der Wohnung ins Gemeindehaus gezogen. Sie hätten ja weiter arbeiten können für die Kirchengemeinde, auch ohne Wohnung. Und Frau Gießler übernahm die Küchenleitung, weil ihre Schwiegertochter nur unter dieser Bedingung eintreten wollte.

Ich wurde dann aufgefordert, auch einmal privat mit den Angestellten im Kindergarten sprechen. Aber ich war da für mehr Zurückhaltung und habe sie auch dem Verwaltungsleiter Hey empfohlen. Denn es könnte ja sein, daß man sich sonst andersherum aufregt über angeblich zu enge Kontakte.

Erst hat man mir glaubensmäßig etwas anhängen wollen, jetzt verwaltungsmäßig. Das Nächste wäre eine Behauptung unter der Gürtellinie, da kann man sicher sein, daß die Kirche gleich eingreift. Deshalb habe ich auch darauf gedrungen, daß ich nicht mein Büro im Pfarrhaus in einer gemeinsamen Wohnung mit der Kinderdiakonin haben mußte, wie das einige Kirchenvorsteher wollten.

Frau Ida Marr brachte die Sache auf den Punkt: „Müssen sich denn nun die Angestellten fügen oder können sie machen, was sie wollen?“ Frau Holland wollte wissen, wer sich denn nicht fügt. Darauf Herr Nothnagel: „Sie gaben keinen schriftlichen Bericht über den Elternabend, wie ich ihn angefordert hatte. Die Beschäftigten wollen dem Kirchenvorstand Vorschriften machen und unterstellen unlautere Motive. Auch Schwester Anni wollte nicht, daß die Angestellten eine Stellungnahme abgeben!“

Aber auch im Kirchenvorstand arbeiteten immer einige dagegen. Sie machten dann die Kirche in der Öffentlichkeit schlecht und hetzten die Angestellten immer wieder auf, weil sie nicht bereit waren, sich einer Mehrheitsentscheidung zu beugen. Der Dekan sprach davon, daß man auch auf eine Minderheit Rücksicht nehmen müsse, in der Brandenburgischen Synode hätten die zwei Reformierten sogar ein Vetorecht (aber da geht es nur um Glaubensdinge, und einen Einspruch muß man nachvollziehbar begründen können).

Vor allem geht es aber nicht, daß man Beschlüsse nachträglich wieder umstoßen will und von außen den Hebel ansetzt. Schließlich hieß der Dekan sogar noch das Handeln von Herrn Holland-Cunz gut, das sei eine Notmaßnahme gewesen. Er hat  also einem einzelnen ein Vetorecht zugestanden. Doch das Recht, Beschlüsse zu beanstanden, hat nur der Vorsitzende des Kirchenvorstandes, aber dann muß die Entscheidung durch eine höhere Stelle angerufen werden.

Aber auch Herr Pfarrer Bunge meinte, einen Kirchenvorsteher könne man nur entlassen, wenn er die Kirche und ihre Lehre grundsätzlich angreift; wenn er sich nur moralisch falsch verhält oder die Arbeit in der Gemeinde sabotiert, läßt sich nichts machen.

 

Unmittelbar vor der Kirchenvorstandssitzung am 21. April 1986 gab Frau Christa Holland drei Briefe im Oberstädter Pfarrhaus ab, gerichtet an Herrn Pfarrer Peters, den Dekan und Pfarrer Bunge. Darin erklärte sie ihren Austritt aus dem Kirchenvorstand. Der Vorsitzende des Kirchenvorstandes erhielt keine Nachricht, obwohl er doch die alleinige Adresse gewesen wäre; aber offenbar wollte man Breitenwirkung erzielen und die Sitzung mit diesem Thema sprengen.

Zunächst griff sie Herrn Reumschüssel an, dem gegenüber sie ja aus der Rolle gefallen war. Dann griff sie mich an, ich hätte die Kindergartenmitarbeiter ungerechtfertigt angegriffen und hätte das Ehepaar Gießler und Frau Jäger schlechtgemacht, die doch so große Verdienste um die Kirchengemeinde haben. Nach einem Gespräch mit dem Dekan und Pfarrer Bunge hat sie diesen Brief wieder zurückgezogen (man kann also nicht behaupten, sie habe schriftlich festgelegt, daß sie wegen Pfarrer Heckert ausgetreten sei).

 

Die Kündigung der Familie Gießler:

Am 8. Mai 1986 reichten die Eheleute Gießler eine schriftliche Kündigung ein, die aber nicht einfach sachlich die Tatsache mitteilt, sondern Vorwürfe enthält. Frau Holland hatte ja dazu das Vorbild gegeben: „In den letzten zwei Jahren wurde es immer deutlicher, daß die Leitung der Kirchengemeinde, insbesondere Pfarrer Heckert, ein völlig anderes Verständnis vom Miteinander im üblichen wie im christlichen Sinn hat. Dies wurde sichtbar, indem man den Mitarbeitern mit ständigem Mißtrauen entgegenkam, und mit welcher Art und Weise man Frau Jäger, die über zwei Jahrzehnte in der Kirchenkasse tätig war, aus dieser Arbeit herausgedrängt hat, ihr außerdem auch noch nahegelegt hat, aus dem Kirchenvorstand auszutreten und man dabei noch nicht einmal vor Verleumdungen zurückgeschreckt ist.....Von da an waren wir ständig Gesprächsthema in den Vorstandssitzungen, ohne uns die Möglichkeit zu geben, Unklarheiten richtigstellen zu können, abgesehen davon, daß man Verleumdungen einfach im Raum stehen ließ..... Wir bedauern es sehr, daß gerade von Pfarrer Heckerts Seite, der doch eigentlich auch Seelsorger sein sollte, in keiner Weise Versöhnungsbereitschaft und Einlenken in diesem Spannungsfeld zu erkennen war. Dies läßt den Schluß zu, daß er zu dem, was er von Gottes Wort verkündet, keine persönliche und innere Beziehung hat und sich einer Verantwortung der Kirchgemeinde sowie der ganzen Stadt gegenüber nicht bewußt ist!"

Dabei war gerade der Entwurf einer Dienstanleitung für die Küchenleiterin erstellt worden, die noch einmal auf Gießlers Wünsche einging. So wurde erlaubt, auch private Lebensmittel in der Gefriertruhe der Gemeinde aufzuheben oder während der Arbeitszeit privat einzukaufen. Aber im Grunde handelte es sich dabei um Dinge, die anderswo gar nicht vorkommen, wo kein Angestellter solche Ansprüche stellt. Es gab auch nachher darüber keine Diskussionen mehr, die Dienstanweisung wurde ohne Diskussion akzeptiert.

Es  ist keinem Mitarbeiter mit Mißtrauen begegnet worden, sondern es stellten sich Unregelmäßigkeiten heraus, die mit Beschlüssen des Kirchenvorstandes und allgemeinen Regeln nicht übereinstimmen. Daß Frau Jäger verdrängt worden sei, hat sie erst nach ihrem Ausscheiden behauptet; der Kirchenvorstand ist ihr nur nicht gefolgt, als es um die Anstellung eines Nachfolgers ging. Ich habe ihr nicht nahegelegt, aus dem Kirchenvorstand auszuscheiden, sondern Wünsche von Kirchenvorstandsmitgliedern aufgegriffen, aber meine Meinung bewußt offengelassen.

Bei den angeblichen ,,Verleumdungen“ hätte man konkreter sein müssen. Mit den Eheleuten Gießler ist oft und intensiv gesprochen worden, in vielen Dienstbesprechungen, in Schmalkalden waren sie mit dabei und  einmal verschaffte sich sogar Herr Gießler ungeladen Zugang zur Kirchenvorstandssitzung und wurde gehört. Gießlers wurden oft angehört, aber sie haben nicht in allem Recht gekriegt. Von meiner Seite wurde viel Entgegenkommen und Einlenken gezeigt. Ich habe mich, je länger je mehr, aus allem herausgehalten. Aber es zeigte sich, daß dafür die Kirchenvorstandsmitglieder den gleichen Angriffen ausgesetzt wurden, die nun die Sache in die Hand nahmen.

Das Wort „Versöhnungsbereitschaft“ ist mir zu hoch gegriffen. Ich wüßte nichts von meiner Seite, das eine Versöhnung erforderlich machte, denn ich habe keinen Groll oder sonst etwas gegen Gießlers. Um eines Amtes und meiner inneren Glaubwürdigkeit willen weise ich aber ganz entschieden die Behauptung zurück, ich hätte zu Gottes Wort keine persönliche und innere Beziehung. So etwas sagt man nicht über einen Pfarrer, das ist so schwerwiegend wie der Vorwurf der Irrlehre.

 

In einem Gespräch am 20. Mai 1986 beharrten Gießlers im Wesentlichen bei ihrer Aussage, wonach ich nicht die Qualifikation zum Pfarrer hätte. Sie waren nur bereit, das zu ihrer subjektiven Meinung zu erklären. Zu den „Verleumdungen“ wußten sie nur zu sagen, ich hätte gesagt, sie hätten sich an der Friedhofskollekte ,,bereichert“ (das Wort fiel nie). Sie versuchten dann immer wieder, neue Dinge heranzuziehen.

So behaupteten sie etwa, bei der Einstellung von Andrea Gießler hätte ich gesagt, sie brauche kein Erziehungsgeld an den Kindergarten zu zahlen; das konnte ich gar nicht sagen, weil kein Beschluß des Kirchenvorstandes vorlag, außerdem hätte ich immer darauf gedrungen, daß –wenn schon, dann - alle Angestellten so eine Vergünstigung erhalten. Das Gleiche gilt von der Behauptung, ich hätte im September 1984 erlaubt, daß Oliver Gießler in der Küche mit ißt und nichts dafür bezahlt. Als ich  eine Änderung dieser eigenmächtig eingeführten Praxis verlangte, wurde Horst Gießler erstmals sehr aggressiv gegen mich und sagte, so daß es ein Kirchenvorsteher hören konnte: „Dem Schweinehund haue ich auch noch einmal die Fresse voll!“

Daß Gießlers in der Bananensache gelogen haben, daß sie die Kirchengemeinde um Tausende von Mark geschädigt haben (durch Nichtbezahlung von Leistungen) und zunehmend weniger für die Gemeinde gearbeitet haben, das kam alles nicht in den Blick. Es war immer nur die Rede von Beschuldigungen und Verleumdungen von meiner Seite, als hätte ich sie nur ärgern wollen und als gäbe es gar keine Anhaltspunkte für meine Nachfragen.

Auch auf dem Friedhof kam es zu Unregelmäßigkeiten. Die Familie König, Bermbacherstraße 8, zahlte z.B. 30 Mark für eine Einfassung, aber Herr Gießler lieferte nur 10 Mark an die Kirchenkasse ab (angeblich war der Rest für das Setzen der Einfassung, aber das wurde extra bezahlt, bekanntlich mit 50 Mark). Über den Verbleib von sechs Grabsteinen, die im mittleren Schuppen abgestellt waren, zu dem nur Herr Gießler einen Schlüssel hatte, konnte keine Auskunft gegeben werden. Außerdem war in Steinbach bekannt, daß der Totengräber Schiwek in der Schmiede Zahngold zum Preise von 100 Mark pro Gramm verkaufte, wobei nicht klar war, ob das Gold aus alten Gräbern stammte oder Leichen entnommen wurde (menschliche Zähne, denen die Goldkronen entfernt wurden, fanden sich jedenfalls im Aufenthaltsraum der Totengräber).

Bei Übergabe des Gemeindehauses (Dienstwohnung, Arbeitsräume) machte ich ein Protokoll, von dem ich einen Auszug an Gießlers übergab. Es stellte sich nämlich heraus, daß Heizkörperteile fehlten, der Feuerzugregler total auseinandergenommen war, am Gasdurchlauferhitzer Knöpfe fehlten, die Bosch-Bohrmaschine samt Zubehör erst auf Nachfrage wieder beschafft wurde, im Ofen war noch Asche drin, die Züge waren nicht gereinigt.

Es fanden sich viele Materialien, die längst hätten verwendet werden können, z.B. Deckel für Kinderklosetts, die jahrelang nicht zu beschaffen gewesen waren (ich fuhr mit Herrn Hey nach St. Kilian und konnte mit einem Trick fünf Stück erlangen, dabei lagen welche bei uns im Keller).

Vor allem war die Wohnung für Wohnzwecke unbrauchbar gemacht worden, denn der Fußbodenbelag war herausgerissen, obwohl sie mit Fußbodenbelag übergeben worden war. Es war so gut wie kein Brennmaterial vorhanden und mußte schnell besorgt werden. Der Abfluß der Kinderwaschbecken war seit Wochen verstopft und wurde jetzt sofort gereinigt. Die alte Autokarosse auf dem Kinderspielplatz wurde nach vielem Reden entfernt.

 

In der Dienstbesprechung Anfang August 1986 erklärte Frau Andrea Gießler auf Befragen, der Termin ihrer Kündigung stehe noch nicht fest. Anschließend lief sie (während der Arbeitszeit) zu ihrem Mann und der erklärte gegenüber Herrn Reumschüssel: „Meine Frau will gar nicht kündigen. Sie hat das damals aus einem Impuls heraus gesagt, weil die Schwiegereltern gekündigt hatten. Aber jetzt will sie weiterarbeiten!“

Mit anderen Worten: Sie hatten uns damals unter Druck setzen wollen (auch Ute König sprach ja von Kündigung). Sie dachten, wir kriegten niemand anders und würden sie dann bitten, doch weiterzuarbeiten. Aber inzwischen war es klar, daß wir schon jemand hatten.

Vor allem aber ging es wohl um die Sonderzuwendungen. Ich hatte alle Gießlers nach ihrer mündlichen Kündigung in Eisenach abgemeldet. Als die Zuteilung des Geldes ausblieb, beschwerte sich Frau Jäger telefonisch (!) bei der Sachbearbeiterin und stellte es so dar, als hätte gar keine Kündigung vorgelegen und ich hätte eigenmächtig gehandelt.

Frau Gießler hätte ihre Kündigung innerhalb einer Woche zurückziehen können. Aber alles so in der Schwebe zu lassen, war nicht fair. Ich lief herum, suchte Arbeitskräfte und gab ihnen gute Worte, halte sie aber hin, weil die Stelle noch nicht wirklich frei ist. Aber als es dann ernst wird, heißt es: „Ich kündige überhaupt nicht!“ Dabei gilt eine mündliche Kündigung genau wie eine schriftliche; sie war ja vor genügend Zeugen erfolgt.

Mit Evelyn Reumschüssel hatten wir eine tüchtige Kraft gewinnen können. Sie wollte nicht aus dem VEB heraus, um später in der Wirtschaft der Eltern helfen zu können, denn sie hatte gerade ihre Ausbildung im ,,Thälmann“ in Oberhof beendet und war noch in gar keinem Betrieb. Aber wenn sie in unsrer Küche arbeitete bzw. sie sogar leitete, sollte natürlich auch alles Fleisch für die Küche beim Fleischer Reumschüssel gekauft werden, der uns ja sowieso zugeteilt worden war. Die anderen Geschäfte waren Bäcker Marr und das Geschäft Hornig. Dort hätten wir alles kaufen können, was gebraucht wurde; dort wurden auch spezifizierte Rechnungen für einen größeren Zeitraum ausgestellt, die Abrechnung war einfach.

Die Angestellten in der Küche kauften jedoch gegen jede Weisung auch in anderen Geschäften ein, bis hin zum Delikatladen. Aber dazu brauchten sie Bargeld in der Küche. Einmal wurden 400 Mark aus der Küche gestohlen; aber nachher war das Geld doch wieder da. Die Angestellten entnahmen Lebensmittel aus der Küche für den privaten Bedarf und zahlten Geld in diese Kasse (z.B. für Bananen). Auch die Kaffeekasse lief darüber.

Diese Kasse zog ich ein, damit nur noch in den zugewiesenen Geschäften gegen Rechnung gekauft werden konnte. Es stellte sich heraus, daß es der Verkaufsstellenleiterin im Geschäft Hornig sogar lieber war, wenn wir auch die Milch gegen Rechnung bezogen. Jetzt erhielten wir auch exakte Aufstellungen, nicht einen Zettel mit der Aufschrift „diverse Fleischwaren“ oder ähnlich.

Durch die Einstellung von Evelyn Reumschüssel konnten wir nur gewinnen. Wenn Andrea Gießler ausscheiden würde, könnten wir verhindern, daß ab  September dann zwei Schulkinder in der Küche sitzen. Jetzt behauptete sie auf einmal, ich hätte ihnen verboten, zwischendrin einmal eine Tasse Kaffee zu trinken. Schließlich hieß es sogar, sie dürften auch nicht Mittagspause machen, den einen Tag nahmen sie das Essen im Stehen ein. Dabei habe ich nie über solche Dinge mit den Küchenfrauen gesprochen.

Man muß dazu wissen, daß alle Angestellten in der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg (angeblich) ohne Pause durcharbeiten. Das ist niemals angeordnet worden, ist auch gegen die Vorschriften und vom Arbeitsablauf her nicht erforderlich. Im Gegenteil: Weil die Küchenfrauen schon 15.15 Uhr gingen, blieb der Abwasch vom Nachmittagskaffee des Kindergartens stehen (der sollte während der Zubereitung des Abendbrots gemacht werden). Tatsache war auch, daß schon früh Kaffee getrunken wurde, manchmal länger als eine halbe Stunde. Dagegen wäre auch nichts zu sagen gewesen, wenn nicht immer wieder geklagt worden wäre, die Arbeit sie nicht zu schaffen.

Früher, als Frau Minna Wahl, Anna Gerlach und Minna Reumschüssel in der Küche arbeiteten, wurde die Arbeitszeit dem Bedarf angepaßt. Die geleisteten Stunden wurden in ein Buch geschrieben und mit der Kirchenkasse abgerechnet. Das war von Vorteil für die Kirchengemeinde, denn bei wenig Arbeit gingen die Angestellten, aber am Wochenende schaffte eine Kraft allein in neun Stunden alles (unter Gießlers wurden dazu bis zu 16 Stunden, verteilt auf zwei Kräfte, aufgeschrieben). Früher war es möglich, mit zweieinhalb Kräften alle Arbeit einschließlich Abendbrot und Wochenende abzudecken. Jetzt wurden dazu dreieinhalb Kräfte gebraucht. Oft wurde die Zeit aber nur abgesessen, um auf die 8¾  Stunden täglich zu kommen.

Man war aber nie zu Überstunden (bzw. einer Verlagerung der Arbeitszeit) bereit; als einmal Freitag noch spät  eine Gemüselieferung kam, hat man sie verkommen lassen, anstatt sie noch zurechtzumachen und einzufrieren (es hatte ja unbedingt eine Gefriertruhe hergemußt). Außerdem wurde  die Zeit nicht  ehrlich aufgeschrieben, mehrfach eine bis eineinhalb Stunden mehr.

Da war es ehrlicher, eine feste Arbeitszeit zu vereinbaren, während der alle anwesend sein mußten und auch die Arbeit schaffen mußten. Dann mußte nur noch der Wochenenddienst aufgeschrieben werden und wann dieser „abgebummelt“ wurde. Aber es ging immer noch durcheinander: Wenn einer fehlte, bummelte er angeblich ab, aber nachher wurde es wieder in „Urlaub“ umdeklariert (und umgedreht), aber auf der Kirchenkasse war kein Urlaub gemeldet. Doch „Überhangstunden“ sollten nur abgebummelt werden, wenn keine Rüstzeit ist. Doch man machte, was man wollte, fehlte wie man wollte und die Kirchenkasse wußte nicht Bescheid.

So war auch der Zustand der ganzen Kirchengemeinde. Nach wie vor wurde Rüstzeitessen an Angestellte (und deren Kinder) ausgegeben; einen Tag blieb Kindergartenessen übrig, während acht Rüstzeitgäste unversorgt blieben bzw. Brot essen mußten. Die Totengräber suchten immer wieder Gräber aus, die ihnen gar nicht angewiesen worden waren; die Kirchenkasse hatte einer Familie zugesagt, daß ein Grab für sie reserviert wird, aber plötzlich war es von den Totengräbern belegt; niemand wollte glauben, daß sie nicht auf Anweisung gehandelt hätten.

Das sind nur Beispiele, wie die Arbeit in der Kirchengemeinde immer wieder erschwert wurde. Eigenmächtigkeiten und Böswilligkeiten mußten immer wieder eingedämmt werden. Die Ursache lag vor allem darin, daß neue Leute nicht mehr die Auffassung von ihrem Beruf hatten wie noch die älteren Mitarbeiter der Kirchengemeinde. Die hätten nicht einmal dem Pfarrer widersprochen, wenn er unrecht gehabt hätte. Hier aber suchte man bewußt Widerspruch und führte Beschwerden, obwohl man im Unrecht war. Leider wurde ihnen von Verantwortlichen zugestimmt mit dem Argument: „Wenn man alles laufen läßt, ist das der einfachere Weg. Lieber die Augen zumachen, aber Ruhe haben!“

Mit der Kündigung von Andrea Gießler ging es dann schnell. Voraus ging ein Gespräch zwischen ihr und meiner Frau in der Tür zur Küche des Gemeindehauses. Meine Frau fragte, weshalb die Kinder der Familie Gießler nicht zur Christenlehre kommen; so ist es ihre Pflicht, so tut sie das auch bei anderen Leuten, Die Antwort war: „Die gehen zur Landeskirchlichen Gemeinschaft; das reicht, dort gefällt es ihnen besser!“ Meine Frau bemerkt, daß sie dann Pfarrer Peters als den zuständigen Pfarrer benachrichtigen muß.

Schon im Gehen sieht  meine Frau, wie Frau Gießler in Richtung auf die beiden anderen Köchinnen eine abfällige Bewegung macht; ob sie damit einen Vogel zeigen wollte, läßt sich nicht genau sagen. Meine Frau drehte sich noch einmal herum und sagte: „Frau Gießler, können Sie es nicht lassen, andere aufzuwiegeln?“ Frau Gießler schrie: „Das müssen Sie gerade sagen!“

Auf dem Heimweg wurde meine Frau kurz vor der Erbstalbrücke von Herrn Horst Gießler, dem Mann von Andrea, eingeholt. Er fuhr dicht neben ihr mit dem Fahrrad, drängte sie immer mehr auf die Seite, erst nach rechts, dann nach links. Er rief: „Wenn Sie meine Frau nicht in Ruhe lassen, passiert ein Unglück. Mit meinem Vater haben Sie es schon so gemacht. Ich schlage Sie zusammen. Sie können froh sein, wenn ich ihnen nicht auf die Fresse schlage. Es passiert ein Unglück, das können Sie wissen. Ich werde Sie am besten gleich zusammenschlagen!" Meine Frau blieb stehen und sagte: „Tun Sie es doch!“ Darauf Herr Gießler: „Sie blöde Kuh, ich poliere Ihnen gleich die Fresse!“ Passanten wurden aufmerksam. Meine Frau sprach zwei Urlauber wegen Hilfe und als Zeugen an, aber sie wollten nicht hineingezogen werden.

Vier Tage später, am 15. September, zog Herr Polte während der Kirchenvorstandssitzung die Kündigung von Andrea Gießler heraus. Wieder hatte sich ein Kirchenvorsteher dazu hergegeben, nicht den normalen Weg zu gehen, hatte auch den geschäftsführenden Pfarrer nicht vorher unterrichtet, sondern half mit, Stimmung zu machen (er ist Pate von Andrea Gießler).

In der Kündigung hieß es nach bewährtem Muster: „Da ich die Mitarbeiter, laut Frau Heckert, sowieso nur verhetze und Unruhe hervorrufe, bitte ich auf die Kündigungsfrist zu verzichten!“ Damit kam sie nur einer Kündigung durch den Kirchenvorstand zuvor.

Dennoch behauptete Frau Jäger wieder, meine Frau habe gesagt: ,,Wann hören sie endlich auf?“ Doch das wäre völlig unmotiviert gewesen, so zu fragen. Diese Sache ging meine Frau nichts an, sie bezog sich nur auf die Handbewegung von Frau Gießler. Diese wird den zweiten Teil des Satzes gar nicht mehr richtig mitgekriegt haben: „Wann hören sie auf, andere Leute aufzuhetzen?!“ Das ist etwas anders als: „Wann hören sie auf zu arbeiten?“ Jedenfalls wurde der Wortlaut, wie ihn meine Frau wiedergegeben hat, von den Zeugen aus der Küche bestätigt.

Frau Jäger verplapperte sich dann, als sie sagte: „Frau Heckert lief ja so schnell. Horst wollte ja nur mit ihr reden. Aber sie lief immer schneller. Da hat er dann das Rad quergestellt!“ Tatsache ist, daß er von Anfang an gebrüllt hat. Meiner Frau war das peinlich und sie wollte fortkommen.

Die Kündigung zitiert ja auch genau das, was gesagt wurde: „......da ich die Mitarbeiter nur verhetze!“ Es steht nichts davon da, daß ihr nahegelegt worden sei zu gehen. Der Kirchenvorstand nahm die sofortige Kündigung bei vier Enthaltungen an. Daraufhin verzichteten wir auf eine Anzeige bei der Polizei, denn die Kündigung war das Eingeständnis. Eine Menge schwieriger Dinge für die Kirchengemeinde war damit gelöst. Die neuen Kräfte waren ja da.

 

,,Maßnahmen“ des Dekanatssynodalvorstandes:

Auf der Frühjahrssynode 1986 wurde Pfarrer Bunge in Trusetal beauftragt, sich mit der Situation in Steinbach-Hallenberg zu befassen. Zusammen mit dem Dekan nahm er an Sitzungen des Kirchenvorstandes teil und führte etwa 20 Einzelgespräche. Auf Grund seines Berichtes, der positive und negative Dinge aufführte, wurde ich am 1. September 1986 zur „Urteilsverkündung“ nach Floh bestellt. Dekan Schreiber, Pfarrer Hoffmann, Pfarrer Peters und Pfarrer Bunge waren zugegen.

Der Dekanatssynodalvorstand hatte als Maßnahmen beschlossen:

l. Die Geschäftsführung des Pfarramts geht an Pfarrer Peters über

2. Ein „Laie“ wird zum Vorsitzenden des Kirchenvorstandes gewählt

3. Altersbach und Rotterode führen getrennte Sitzungen durch.

Das sollte alles sein, war aber nur eine einseitige Schuldzuweisung, denn an den sachlichen Problemen wurde nichts geändert. Es wurde mir sogar ausdrücklich die Schuld zugeschoben, denn ich hätte die Ansätze zur Besserung verwischt, indem ich immer wieder Öl ins Feuer gegossen hätte. Als ich nach einem konkreten Beispiel fragte, nannte man aber nur das Übergabeprotokoll über die Hausmeisterwohnung, das überflüssig gewesen sei.

Ich übergab ein Protokoll über die Dinge, die sich seit August wieder ereignet hatten und auf die nach meiner Ansicht eine Reaktion erfolgen sollte. Ich betonte, daß ich immer nur reagiert habe. Wenn nichts vorgefallen wäre, hätte ich auch nichts zu sagen brauchen. Herr Bunge sagte mehrfach, daß er auch dieses oder jenes nicht billige (wenn Herr Gießler Weisungen nicht befolgt oder wenn man offen erklärt, die Vertraulichkeit im Kirchenvorstand nicht wahren zu  wollen). Aber Folgerungen wurden daraus nicht gezogen.

Nun war allerdings sowieso vorgesehen, daß die Geschäftsführung turnusmäßig wechselt. Am 1. September waren die üblichen sechs Jahre herum. An sich hätte man schon bei der Neuwahl des Kirchenvorstandes wechseln können. Aber Herr Peters war noch zu neu, so daß vereinbart wurde, erst nach drei Jahren zu wechseln, aber Herr Peters sollte dann auch sechs Jahre machen. Das hatte ich auch schon vorher dem Dekan mitgeteilt (den Brief hat er übrigens im Dekanatssynodalvorstand verlesen, obwohl ich ihn um Vertraulichkeit gebeten hatte; aber er war der Meinung, solche Dinge bedürften nicht der Geheimhaltung). Die jetzt angeordneten „Maßnahmen“ gingen ins Leere.

Das Gleiche trifft für den Laienvorsitz zu. Dafür bin ich immer gewesen, hatte auch zweimal einen Anlauf dazu genommen, aber es hatte sich niemand dazu bereiterklärt. Diese Maßnahme richtete sich mehr gegen Pfarrer Peters, weil  man ihm unterstellte, er schaffte diese Aufgabe nicht.

Ich dagegen erklärte, ich würde auch weiterhin eine Lüge als Lüge bezeichnen, ich würde das sogar noch entschiedener tun, wenn ich nicht mehr Vorsitzender wäre. „Ich lasse mir nicht den Mund verbieten!“ Aber im Kirchenvorstand würde ich mich gegenüber Herrn Peters ruhig verhalten, so wie er es auch meist getan hat.

Die Abkopplung der Kirchenvorstandsmitglieder aus Altersbach und Rotterode wäre rechtlich problematisch. Dazu hätten die Dörfer erst zu Filialorten werden müssen, um einen eigenen Kirchenvorstand bilden zu können. Damit wollte man ihnen die Verantwortung für die Steinbacher Dinge abnehmen, die sie nicht so interessierten. Aber man wollte auch die ausschalten, die mir in der Regel geschlossen beihielten.

In dem Gespräch war immer wieder die Rede davon, daß ich mich ändern müsse, bei den an­deren sei nichts zu verändern. Sie meinten, sie könnten mich noch zurechtbiegen, nun nicht mehr nur die Angestellten, sondern auch die Pfarrer. Sie forderten mich auf: „Sehen Sie doch einmal, wie das überall gemacht wird - auch in der Kirche!“ Aber das war es ja gerade, womit ich mich nicht abfinden konnte. Als ich sagte: „Ich werde nie gutheißen, daß Angestellte ihre Kinder ohne Bezahlung mitessen lassen!“ da antwortete der Dekan nur: ,,So eine Kleinigkeit!“ (immerhin über 1.000 Mark im Jahr).

Aber mit dem Recht stand der Dekanatssynodalvorstand einmal mehr auf Kriegsfuß. Er hat ja eine Disziplinarmaßnahme ergriffen, ohne daß ein Disziplinarverfahren durchgeführt wurde und ohne daß ich mich vorher dazu äußern konnte. Man hat gleich ein Urteil gefällt und angeordnet. Die Verfügung des Wechsels der Geschäftsführung ist im Amtszuchtgesetz von 1966 ausdrücklich als Maßnahme vorgesehen, kann also nur in einem solchen Verfahren (mit Anhörung von Zeugen und Rechtsbeistand) erfolgen.

Doch der Dekan meinte: Es handelt sich nicht um ein Disziplinarverfahren, denn es sei mir ja  nichts vorzuwerfen. Es handelt sich um einen Beschluß des Dekanatssynodalvorstandes, der Vollmacht von der Synode habe; er könne das Gleiche verfügen, was sonst nur durch ein Disziplinarverfahren möglich ist. Hier wurde als pseudo-juristisch gehandelt, anstatt zuerst einmal das Gespräch zu suchen und die Sache ,,brüderlich“ zu behandeln, wie man sonst so gern sagt.

Im Gegenteil: Dieses Vorgehen bezeichnete man als ,,brüderlich“, aber man drohte, man könne auch juristisch vorgehen. Dabei täte juristische Sachlichkeit der Kirche viel besser als eine sogenannte „Brüderlichkeit“, die zu viel tieferen Verletzungen führt (wie uns einige Zeit vorher ein Referent auf einem Pastoralkolleg ausführte).

Die Logik des ganzen Gesprächs war: Ein ,,gedeihliches Wirken“ von Pfarrer Heckert ist nicht mehr möglich. Schon hier tauchte dieser Ausdruck auf; man merkte, wie sehr Frau Jäger über Pfarrer Hoffmann in den Kirchenvorstand wirken konnte. Wenn der Wechsel in der Geschäftsführung nicht hilft, dann muß überlegt werden, ob beide Pfarrer auf der richtigen Pfarrstelle sind.

Nun sollte auf einmal ein Gegensatz zwischen den beiden Pfarrern konstruiert werden. Auf so etwas hat man schon immer gelauert, gerade im Kreise der anderen Pfarrer. Aber Pfarrer Peters erklärte auf Befragen: Wenn Pfarrer Heckert nicht einverstanden ist, übernehme ich die Geschäftsführung nicht! Dabei ging es ihm zunächst einmal darum, der undankbaren Mehrarbeit zu entgehen; aber immerhin war er der erste, der auch einmal nach mir gefragt hat.

Er meinte, jetzt wo der Karren im Dreck stecke, könne er ihn auch nicht herausziehen. Vor allem behauptete er, es seien keine Arbeitskräfte da. Doch da konnte ich darauf verweisen, daß am 1. September 1986 alle Stellen besetzt waren und der Abgang von fünf Leuten verkraftet war, denn der neue Hausmeister hatte gerade sein Kommen angekündigt.

Besonders durchtrieben fand ich es, daß man nun nachträglich noch meine Zustimmung zu den „Maßnahmen“ haben wollte: Ich sollte mich nicht nur äußerlich fügen, sondern auch innerlich zustimmen und noch dankbar dafür sein, daß mir so geholfen wurde. Theologisch gesprochen: Ich sollte meine Schuld bekennen, dann würde mir auch Vergebung gewährt und ich wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.

Doch schon das Wort „Maßnahmen“ hat in der Kirche nichts zu suchen, es ist aus dem Wortschatz der Nazis. Maßnahmen kann man nur über sich ergehen lassen. Sie auch noch innerlich bejahen zu sollen, ist psychologischer Druck, der einer christlichen Gemeinde unwürdig ist.

Doch kaum war meine „Absetzung“ verkündet, wurde mir von Herrn Bunge mitgeteilt, daß ich weiterhin amtierender geschäftsführender Pfarrer sei, bis der Termin der Übergabe bestimmt sei. Am Mittwoch wiederholte er das noch einmal in scharfer Form in Gegenwart anderer Mitglieder des Pastoralkollegs, ich würde mir sonst Ärger einhandeln. Es war wirklich etwas sonderbar.

Nun wollte ich mir natürlich nicht noch nachträglich etwas zuschulden kommen lassen. Aber mit den Unterschriften unter die Zahlungsanweisungen hatte es wirklich noch Zeit, die wurden sowieso immer erst nachträglich gegeben. Ansonsten lag nichts zum Entscheiden an bzw. jede Entscheidung hätte verschoben werden müssen, nachdem ich doch bisher alles falsch gemacht hatte. Das  ist schon komisch, wenn man wegen erwiesener Unfähigkeit abgesetzt wird und zwei Stunden später wieder „amtierend“ eingesetzt wird und für alles verantwortlich sein soll.

Mit dem ganzen Verfahren wollte man – bildlich gesprochen - das Immunsystem ausschalten, damit die Krankheit nicht mehr angezeigt wird. Weil ein Arzt gesagt hatte: „Da ist etwas krank, wenn ihr nicht etwas dagegen tut, wird der ganze Körper daran kaputtgehen!“  wollte man zu einem anderen Arzt gehen, der nicht so verantwortlich ist.

Wenn man aber nach dieser Logik gehen wollte, dann hätte sich auch der Dekan als unfähig erwiesen. Er hat es ja auch nicht verstanden, mit Pfarrer Hülsemann auszukommen und sich oft mit Pfarrer Bunge auseinandergesetzt, von mir ganz zu schweigen. Er hat sich ja mit der ganzen Pfarrkonferenz angelegt, als es um die Besetzung einer Pfarrstelle in Schmalkalden ging, die er für seinen Sohn freigehalten hat. Aber man kann es ihm doch nicht vorwerfen, wenn sich die Pfarrer oder auch nur einzelne von ihnen querlegen. Aber das war die Taktik von Frau Jäger: Immer neue „Fälle“ schaffen, damit es keine Ruhe gibt. Dann zeigt man auf den Sündenbock, der immer allein daran schuld sein soll, denn den hat man eher in der Hand als eine Gruppe.

Genauso kann kein Vorsitzender des Kirchenvorstandes etwas dafür, wenn z.B. Herr Gerhard Huhn sich so ungebührlich benimmt, daß ein Mitglied den Antrag stellt, ihn von der Sitzung auszuschließen. Da dann man dem Vorsitzenden doch nicht vorwerfen, er sei unfähig, die Sitzung zu leiten. Man darf dabei doch nicht vergessen, daß die meisten sich ja ordentlich verhalten und es mit ihnen keine Schwierigkeiten gibt.

Das galt auch für das Verhältnis Pfarrer und den Angestellten: Nach dem Ausscheiden der Familie Gießler gab es da nichts mehr, selbst mit dem Kindergarten ging es in der Regel. Erst nachher gab es mit Ute König wieder Schwierigkeiten, weil sie Gießlers damit einen Gefallen tun wollte.

Ich bat den Dekanatssynodalvorstand darum, nicht öffentlich zu verkünden: „Das war kein turnusmäßiger Wechsel, sondern wir haben ihn abgesetzt!“ Wenn es einen Neuanfang geben soll, darf keiner das Gesicht verlieren. Mir hätte schon eine Formulierung genügt wie: „Der Dekanatssynodalvorstand hat dem Wunsch von Pfarrer Heckert entsprochen!“ Aber von der Sache her hätte auch genügt: „Der Dekanatssynodalvorstand nimmt davon Kenntnis, daß die Geschäftsführung gewechselt hat. Er schlägt vor, einem Laien den Vorsitz im Kirchenvorstand zu übertragen!“

Doch in der Kirchenvorstandssitzung am 15. September sagte der Dekan ausdrücklich: „Ab sofort (!) ist ein Wechsel in der Geschäftsführung vorzunehmen. Der Dekanatssynodalvorstand ist in der Lage, solche Maßnahmen zu ergreifen. Normalerweise zieht man zu so etwas einen Juristen heran. Aber wir wollen das unter uns regeln. Ich habe zwei Juristen befragt. Die haben gesagt: Das ist die einzig richtige Maßnahme, wenn man ein Disziplinarverfahren vermeiden will!“

Natürlich ist es immer besser, ein Verfahren zu vermeiden. Aber ob die Juristen auch so geurteilt hätten, wenn sie den ganzen Sachverhalt gekannt hätten? Der Dekan fuhr dann fort: „Allerdings geschieht die Maßnahme ohne Schuldzuweisung. Schuld ist immer auf beiden Seiten, so wie in der Ehe oder Familie. Pfarrer Heckert hat den Wechsel sowieso vorgehabt, aber auch ohne das wäre es so von uns ausgedrückt worden. Hiermit wird aber keinerlei Strafmaßnahme vorgenommen!“

Doch das ist natürlich ein Widerspruch: Es wurde ganz allein etwas gegen mich unternommen, wie soll man das nicht als Strafmaßnahme verstehen? Außerdem ging es nicht darum, ob ich bereit war, zu übergeben oder nicht, sondern von der Ordnung der Gemeinde (und Kirche) her war das einfach so erforderlich; deshalb war es nicht nötig, ausdrücklich zu betonen: Wir haben ihn abgesetzt, er ging nicht turnusmäßig. Im Protokoll wurde dann festgehalten: „Maßnahmen, die ohne Zuweisung von Schuld zum Wohle aller sein sollen!“

Pfarrer Peters meldete sich mit einer längeren schriftlichen Erklärung zu Wort: Der Kirchenvorstand müsse erst darüber entscheiden, ob ein Pfarrer das Recht hat, sich der Verantwortung zu entziehen, denn es liegt eine lange Liste nicht erledigter Aufgaben vor. „Unter diesen Umständen bin ich nicht bereit, die Geschäftsführung zu übernehmen. Mit dem Schreiben vom 20. August wollte Pfarrer Heckert nur den vermuteten Maßnahmen zuvorkommen. Pfarrer Hoffmann hat dazu schon in Floh gesagt: Das ist wieder so ein geschickter Schachzug von Pfarrer Heckert!“ Wieder wurde etwas zitiert aus einem als vertraulich erklärten Brief. Da braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn Kirchenälteste sich auch nicht an die Vertraulichkeit halten.

In einem Pfarramt gibt es immer eine lange Liste unerledigter Dinge. Die Liste sollte nur eine Hilfe für Herrn Peters sein. Sie enthielt Dinge, die sich eben nicht sofort erledigen ließen. Herr Peters aber verlangte, daß erst alles erledigt sei und auch erst die Jahresrechnung abgeschlossen sei. Ab 1. Januar 1987 wolle er dann die Geschäftsführung übernehmen. Schließlich wies er noch auf seinen Gesundheitszustand hin und verwies auf Bandscheibenschaden und ein defektes Hörgerät.

Der Dekan verwies aber darauf, daß ein Pfarrer bei Übernahme eines Pfarramtes oder bei Neuwahl eines Kirchenvorstandes die Geschäftsführung übernehmen muß. Herrn Peters habe man nur eine Einarbeitungszeit gelassen. Eine Übernahme ist zumutbar, aber es muß eine ge­ordnete Übergabe erfolgen.

Dazu war ich natürlich sofort bereit, es war alles vorbereitet. Aber ich war nicht bereit, noch weiter die Heizung im Gemeindehaus zu besorgen, nachdem ich abgesetzt worden war. Dennoch wurde im Kirchenvorstand noch abgestimmt, ob ein Wechsel in der Geschäftsführung vorgenommen wird (bei einer Gegenstimme von Herrn Holland-Cunz), obwohl das durch Kirchengesetz geregelt ist und gar nicht im Belieben des Kirchenvorstandes liegt.

Dann ging es um den Vorsitz im Kirchenvorstand. Der Dekan wollte dafür einen „Laien“, also jemand, der nicht Pfarrer ist. Das  wäre eine Hilfe für Pfarrer Peters, denn die Last und die Verantwortung werde auf zwei Schultern verteilt. Herr Erich Nothnagel meinte, das dürfe für einen Pfarrer kein Problem sein, diese Aufgabe zu übernehmen. Herr Bühner meinte, für einen Laienvorsitzenden sei die Aufgabe zu umfangreich, das könne man nicht nebenher machen. Herr Marr vermißte die Bereitschaft zur Einarbeitung, obwohl ich doch gesagt hatte, daß ich für Rückfragen und Erläuterungen zur Verfügung stehe.

Es wurde dann Meinungsforschung betrieben, wer Laienvorsitzender werden sollte. Bei der Abstimmung haben vier Mitglieder den Namen „Peters“ auf den Zettel geschrieben; diese Stimmen wurden für ungültig erklärt. Nothnagel wurde achtmal genannt, Holland-Cunz viermal, dazu noch andere.

Jetzt erst wurden die Erstgenannten gefragt, ob sie kandidieren wollen. Ich wollte die Sache an den Dekanatssynodalvorstand zurückverweisen. Der Dekan aber drohte wieder mit Auflösung des Kirchenvorstandes (,,Aber das soll keine Drohung sein!“) und sagte: ,,Der Dekanatssynodalvorstand wird von seinem Beschluß nicht abgehen!“

Eine Abstimmung ergab dann 8 Stimmen für Überweisung an die Kirchenväter, 9 Stimmen für Überweisung an den Dekanatssynodalvorstand. Der Dekan drohte noch einmal: „Sie übersehen die Folgen nicht......Es muß hier weitergehen, und es wird hier weitergehen!“ Er war so ärgerlich, weil er mit all seinen Maßnahmen nicht zum Zug gekommen war: Herr Peters wollte die Geschäftsführung nicht übernehmen, es fand sich kein Laie für den Vorsitz und den dritten Punkt hat er gleich fallen lassen (Abkopplung der Dörfer). Alle drei Punkte waren mehr oder weniger ungesetzlich.

Natürlich ist eine Lösung unterhalb des Disziplinarverfahrens besser, aber das setzt gegenseitiges Einvernehmen voraus. Das wurde hier aber nicht gesucht, sondern gleich angeordnet. Daß es sich um eine Strafmaßnahme handelte, wurde noch einmal deutlich, als der Dekan sagte: „Wir hätten auch so entschieden, wenn Pfarrer Heckert nicht einverstanden gewesen wäre!“

Kein Kirchenvorstand kann gezwungen werden, einen Laienvorsitzenden zu wählen, noch dazu mit der Drohung, im Falle der Weigerung den Kirchenvorstand aufzulösen. Wenn der Dekan damit nach Eisenach gegangen wäre, hätten die gesagt: „Was habt ihr denn da für Sonderregelungen, in Thüringen ist immer der Pfarrer der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates und dieses Recht gilt auch bei euch“ (Der Laienvorsitz wurde erst später - auf Vorschlag unsres Sohnes - in der Synode eingeführt).

Dennoch meinte der Dekan auf der Pfarrkonferenz am 17. September: „Wenn ein Jurist die Sache in die Hand nimmt, gibt es ein Disziplinarverfahren Ansatzpunkte dafür sah er darin, daß ich zur letzten Kirchenvorstandssitzung das Protokollbuch nicht mitgebracht habe (ich war ja nicht mehr Vorsitzender), daß ich auf der Einladung geschrieben hatte „nach erfolgtem Wechsel in der Geschäftsführung“ (was man auch so verstehen kann: wenn der Wechsel erfolgt ist, soll auch der Vorsitz im Kirchenvorstand wechseln) und daß ich Andrea Gießler in Eisenach abgemeldet hatte, damit sie keine Sonderzuwendungen (=harte Währung) mehr erhält („Die Drohung mit der Sonderzuwendungen-Sache ist unmoralisch!“, Originalton des Dekans).

Diesen Punkt nahm Pfarrer Hoffmann zum Anlaß, aus dem Gespräch am 1. September in Floh zu erzählen, und zwar genau den Punkt wiederzugeben, wo er hochheilig versprochen hatte, „wir sind ja unter uns, es erfährt niemand“. Aber was er ausplauderte, war auch noch falsch wiedergegeben. Angeblich hätte ich gesagt: „Ich habe wegen Frau Gießler nach Eisenach geschrieben, damit es mit der Kündigung schneller geht!“ In Wirklichkeit hatte ich gesagt: „....damit es bei der Kündigung bleibt!“ (Sie war ja längst erfolgt, aber ich vermutete sehr richtig, daß sie sich das noch überlegen wird, nicht zuletzt wegen dieser „Sonderzuwendungen“).

Der Dekan wollte den Gang nach Eisenach vermeiden, damit man nicht sagen konnte: Seht ihr, ohne uns kommt ihr nicht aus! Mir lag auch nichts an der Einbeziehung Eisenachs, denn durch solche Dinge gibt man nur Außenstehenden ein Mitspracherecht. Aber dann muß auch auf der örtlichen Ebene alles ordentlich zugehen. Der Dekan Schreiber aber wollte nicht nur oberster Theologe, sondern auch oberster Finanzchef (davon hat er noch die meiste Ahnung) und oberster Jurist sein.

Hier macht sich das Fehlen eines Kreiskirchenamtes (oder Rentamtes) negativ bemerkbar, denn dadurch wäre in den „weltlichen“ Dingen ein Gegengewicht zu dem Dekan gegeben. Da das Dekanat keinem Kreiskirchenamt unterstellt ist, sollte ja der Landeskirchenrat als Kreiskirchenamt wirken. Wenn man ihn wegen einer Verwaltungssache angeht, ändert das nichts am „Status“ des Dekanats, eine juristische Beratung und auch juristisches Handeln des Landeskirchenrates sind im Anschlußvertrag ausdrücklich vorgesehen.

Das war ja gerade das Argument für den Anschlußvertrag: Wir müßten eine übergeordnete Stelle haben, an die wir uns wenden könnten zum Zwecke der Überprüfung. Wenn der Dekan jetzt verlangt, wir dürften diese Möglichkeit nicht in Anspruch nehmen, macht er sich zum Alleinherrscher.

Auch Herrn Horst Gießler wußte er zu entschuldigen: Man dürfe nicht vergessen, was vor­ausgegangen sei, er sei ja gereizt worden, meine Frau hätte gar nicht nach der Christenlehre fragen dürfen. Doch das gehört zu ihren Aufgaben, das hat sie bei allen Eltern so gemacht, auch bei den kirchlichen Angestellten. Auch die Woche vorher hatte sie schon Frau Gießler an die Christenlehre erinnert, ohne daß diese etwas gesagt hätte in Richtung darauf, daß das Kind nicht mehr kommen sollte. Sie waren auch zum Familiengottesdienst. Es war gar nicht zu erwarten, daß so eine Reaktion erfolgen würde, man mußte lediglich annehmen, daß es vergessen worden sei und man daran erinnern müsse. Doch der Dekan hat unbesehen die Behauptung der Frau Jäger übernommen, meine Frau hätte gesagt: „Wann gehen Sie endlich?“  (=wann hören Sie an Ihrer Arbeitsstelle auf?).

 

In der Sitzung am 29. September wurde Herr Erich Nothnagel, Hauptstraße 100, zum Vorsitzenden des Kirchenvorstandes gewählt. Verpflichtet auf sein Amt wurde er nicht. Ich bat noch darum, daß eine klare Abgrenzung der Aufgaben des Vorsitzenden des Kirchenvorstandes und des geschäftsführenden Pfarrers zu geben. Der Dekan sagte gleich zu, daß der Dekanatssynodalvorstand das tun werde. Ich hatte dazu einen Vorschlag gemacht, der aber nie zum Zug kam. Kein Dekanatssynodalvorstand, kein Landeskirchenrat in Eisenach und kein Landeskirchenamt in Kassel konnten oder wollten dazu Auskunft geben. Immer hieß es: Darüber muß man sich in der Praxis einigen. Hier aber wurden schon die Weichen falsch gestellt. Das war die Ursache aller späteren Übel.

Immerhin erhielt ich die Gelegenheit, einigen Gerüchten entgegenzutreten, die Kirchenälteste in die Partnergemeinde Jestädt Kreis Eschwege getragen hatten: Der Vervielfältigungsapparat war nicht von mir an Herrn Peters herauszugeben, weil er mein alleiniges Eigentum war, für 700 DM von meiner Mutter über Genex gekauft, auch alles Material und alle Reparaturen wurden von mir bezahlt, obwohl ich ja fast nur für die Kirchengemeinde vervielfältigte. Dann war dem Gerücht entgegenzutreten, der Kirchenvorstand habe sich gespalten. In Wahrheit sind einige ausgetreten und es gibt eine zahlenmäßig unterlegene Opposition, die aber nur auftrat, wenn es um den ehemaligen Hausmeister und seine Familie ging.

Bei dieser Gelegenheit kam in Jestädt zum ersten Mal zur Sprache, was uns viel Neid in Steinbach-Hallenberg eingebracht hat. Es hieß: Von den beiden Pfarrern muß einer gehen. Da aber Pfarrer Heckert ein privates Haus hat, wird das Pfarrer Peters sein müssen. Falsch ist hierbei, einen Gegensatz zwischen den Pfarrern zu konstruieren; das hat jahrhundertealte Tradition, war aber nicht das Problem. Aber in gewisser Hinsicht war es ein Fehler, in Steinbach-Hallenberg als Pfarrer ein Haus zu bauen. Das steht einem Pfarrer nicht zu, das hatten wir noch nie, das ruft Neid hervor, besonders bei denen, die es noch nicht so weit gebracht haben.

Mit dem Hausbau haben wir die günstige Gelegenheit ergriffen, als kinderreiche Familie billige und ausreichende Kredite zu erhalten, um unsre Wohnsituation zu verbessern. Das Pfarrhaus wurde zwar 1967 (dank meiner tatkräftigen Hilfe) zu einem wahren „Schlößchen“ ausgebaut, wie es damals der Dekan sagte. Aber es war in ihm kein Platz für unsre Tochter, die auch mit fünf Jahren noch bei den Eltern schlafen mußte.

Das Unterstädter Pfarrhaus in Steinbach-Hallenberg war das einzige Einfamilienhaus im Dekanat, in dem noch eine zweite Familie wohnte. Die Kantorwohnung sollte auf Dauer so bleiben, denn als Ausgleich waren ja Räume unter dem Dach ausgebaut worden. Doch diese bezeichneten die Kindergärtnerinnen als ,,dunkles, kaltes Loch“, wo man ihnen nicht zumuten könne zu wohnen.

In über zwei Jahrzehnten war die einzige Verbesserung ein Kachelofen, durch den wir erst das Kinderzimmer heizen konnten. Als im Amtszimmer der Kachelofen über Nacht eingefallen war und durch einen untauglichen Stubenofen ersetzt wurde, hat der Kirchenvorstand das fehlende Stück Fußbodenbelag durch ein Stück ausgebessert, das in einem anderen Haus herausgerissen worden war.

Fast alle Fußböden mußten jeden Tag gebohnert werden. Wir hätten hier privat investieren müssen. Da wollten wir es lieber wirklich ganz privat tun. Der Hausbau diente in erster Linie der Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse. Aber er kam auch der Kirchengemeinde zugute, denn nun war ausreichend Platz für die Kantorfamilie und zwei Kinderdiakoninnen, die dringend gebraucht wurden.

Das private Haus gab uns aber auch – wie sich später dann herausstellte - eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Gemeinde und Kirche. So konnten wir jederzeit aus dem kirchlichen Dienst ausscheiden, ohne eine Dienstwohnung zu blockieren. Wir machten die Dienstwohnung mit dem Tag des Ausscheidens frei, während das Oberstädter Pfarrhaus blockiert blieb. Aus dem Unterstädter Pfarrhaus mußte sogar der Kantor umgehend ausziehen, weil nun auf einmal das ganze Haus für einen Pfarrer gebraucht wurde (der aber trotzdem wieder absagte).

Schließlich noch ein drittes Gerücht: „Pfarrer Heckert kriegt immerzu West-Pakete aus der Partnergemeinde, da hat er sich ganz schön daran gesundgestoßen!“ Tatsache ist, daß wir verhältnismäßig viel Westpakete erhalten haben (ohne die Unterstützung aus  dem Westen hätten wir kein Haus bauen können). Aber die kamen ausschließlich von privaten Absendern, aber ihr Inhalt ging zum Teil in die Gemeinde (Kleidung, Geschenke für Christenlehrekinder).

Die Partnergemeinde hat 1985 den Motor für die Orgel in Altersbach finanziert, im Jahre 1986 die Wasserhähne und Abwasserrohre für das Gemeindehaus und die Sträußchen für die Goldene Konfirmation, mehr war nicht drin. Auch bei meinen Besuchen in der Partnergemeinde habe ich bewußt nichts mitgenommen und auch alle Fahrtkosten selbst bezahlt. Alle Kaffeepäckchen für Handwerker, Angestellte und Gemeindeglieder wurden privat von mir finanziert, dazu manches andere.

 

In den Kirchenvorstandssitzungen war es jetzt oft so, daß ganz wichtige Dinge unter „Ver­schiedenes“ erst auftauchten, während die anderen Punkte oft unwichtig waren. Es wurden Dinge verhandelt, die der Pfarrer hätte allein bewältigen müssen. Jetzt entstand die groteske Situation, daß Herr Peters immer wieder Herrn Nothnagel fragte nach Dingen, die Herr Nothnagel nicht wissen konnte, aber ein Pfarrer hätte wissen müssen. Herr Nothnagel aber hat freudig entschieden, z.B. daß Arbeitsverträge auch vom Pfarrer mit unterschrieben werden müssen und der Gasherd in der Hausmeisterwohnung inventarisiert werden muß. In der Kirchenvorstandssitzung wurde verhandelt, daß Türen unten abgeschnitten werden sollen und wie man an die Hängelampen in der Kirche herankommt.

Auch die Frage der „Beihilfen“ (manche sagten ,,Prämien“, manche sogar ,,13. Monatsgehalt“) wurde wieder aufgeworfen. Wieder einmal wurde behauptet, die Zahlung sei generell beschlossen. Herr Nothnagel aber sagte in der Sitzung am 29. September 1986: „Darüber muß jedes Jahr neu beschlossen werden!“ Diese Frage spielte ja später eine entscheidende Rolle.

Insgesamt bemühte man sich stark, nichts aufkommen zu lassen. Es sollte demonstriert werden: Mit einem neuen Vorsitzenden geht es besser, es läuft alles glatt, es kommt nicht mehr zu Entgleisungen der Mitglieder, die Maßnahmen haben schon gegriffen. Knifflige Sachen wurden unter den Teppich gekehrt. Zum Beispiel hatte die Köchin Heike Jäger ja sofort wieder gekündigt, als Ute König nach dem Urlaub wieder in der Küche aufgetaucht war.

Fräulein König machte je länger je mehr Schwierigkeiten in der Küche. Es war nicht so ganz klar, ob sie damit der Familie Gießler einen Gefallen tun wollte oder ihr Verhalten in ihrem eigenen Charakter begründet war. Ungünstig war, daß ihr Vater dem Kirchen vorstand angehörte und sie bald kritisierte, bald in Schutz nahm.

Ute König war der Dauerbrenner der Dienstbesprechungen. Sie schoß sich in folgender Reihenfolge auf die anderen Angestellten ein: Hausmeister Künzel, Köchin Reumschüssel, Kindergarten, Kirchenkasse. Ihre Kochkünste waren schwach, nach dem Vorbild des Essens bei Frau Gießler, z.B. ungesalzene Kartoffeln mit viel zu wenig Rotkrautsalat ohne Soße.

Außerdem wurde für die Angestellten auf der Kirchenkasse immer zu wenig Essen bereit gestellt (obwohl diese es bezahlten), z.B. einmal pro Person nur ein kleiner Eierpfannkuchen (obwohl nachher noch viele in die Mülltonne wanderten). Fräulein König legte sich mit Evelyn Reumschüssel an, durch die sich das Niveau der Küche stark gehoben hatte, mit Frau Schwäblein, mit Frau Reffke (obwohl diese sich heraushalten wollte).

Fräulein Reumschüssel wollte lieber die Küche allein machen und schaffte das auch, Essen für Kindergarten und Rüstzeit abzusichern, während Ute König es fertigbrachte, den ganzen August über die Rüstzeitgäste in die Gaststätte zu schicken (obwohl kaum Kindergartenessen zu machen war). Für das Kaffeekochen bei der Goldenen Konfirmation erhielt sie 20 Mark von den Goldenen Konfirmanden und den restlichen Kaffee (mehrere Päckchen), aber von der Kirchengemeinde wollte sie auch noch einmal fünf Stunden bezahlt haben.

Außerdem stellte sie immer neue Anträge auf Lohnerhöhung, obwohl sie innerhalb eines Jahres drei tarifliche Lohnerhöhungen erhalten hatte (wegen Dienstalter, genereller Erhöhung und anderer Versteuerung). Dadurch wäre aber das ganze Lohngefüge durcheinandergekommen. Deswegen gab es ja die landeskirchlichen Richtlinien. Und klar war auch, daß eine voll ausgebildete Köchin besser bezahlt werden mußte, nämlich ebenso wie die frühere Küchenleiterin.

 

Jetzt wollte Herr Nothnagel, daß auf der Kirchenkasse ein Brieftagebuch geführt wird, das    e r  dann kontrolliert, weil der geschäftsführende Pfarrer seinen Aufgaben nicht nachkommt. Ich bemerkte dazu: „Man braucht ja nicht jeden Brief einzutragen!“ (um den Unsinn dieses Verlangens zu zeigen). Da sagte Herr Nothnagel: „Wenn das herauskommt, haben wir ihn!“ Man sieht hieran, was die Absicht war. Ich sagte dazu: „So kann man doch nicht zusammenarbeiten. Der Verwaltungsleiter hat doch eine Vertrauensstellung. Es liegt kein Anlaß vor, ihm zu mißtrauen und Kontrollen einzuführen!“

Aber Herr Nothnagel wollte noch mehr: Der Verwaltungsleiter sollte über jede seiner Tätigkeiten einzeln Buch führen. Das ist natürlich ein Unding bei der Vielfalt der Aufgaben. So etwas dürfte einmalig in der Kirche und Verwaltung sein. Wenn Herr Nothnagel das möchte, dann müßte es schon der Kirchenvorstand beschließen.

Dann ging es um Dienstbesprechungen. Am 18. November konnte keine stattfinden, weil die leitenden Angestellten nicht da waren. Herr Hey hatte es unterlassen, Herrn Nothnagel davon zu unterrichten, weil nur die Besprechung stattfinden sollte, wenn auch Herr Nothnagel und Herr Reumschüssel extra dazu eingeladen werden. Herr Nothnagel behauptete, Herr Hey habe die Dienstbesprechung bewußt „verhindert“.

Als Herr Nothnagel um 7.15 Uhr pünktlich kam (sonst war er oft unpünktlich), habe sich Herr Hey an seinem Auto zu schaffen gemacht und sei erst 20 Minuten später auf die Kirchenkasse gekommen, um mitzuteilen, daß die Besprechung nicht stattfinden kann. Außerdem habe der Telefonhörer neben dem Telefon gelegen, damit niemand anrufen kann, während Herr Hey unten beim Auto ist; das Besetztzeichen sei nämlich gekommen. Da habe er den Hörer aufgelegt, damit die Kirchengemeinde keine Kosten hat (bei Besetztzeichen kostet es nichts).

In Wirklichkeit war Herr Hey dabei, mit dem Gemüsegroßhandel zu telefonieren. Dabei ergab es sich, daß er noch einmal Rücksprache mit der Küche halten mußte. Er war also in der Küche, als Herr Nothnagel kam; sein Fehler war nur, daß er nicht die Kirchenkasse abgeschlossen hatte. Er hat die Telefonverbindung bestehenlassen, weil er froh war, Schmalkalden erreicht zu haben.

Als er zurückkam, hat er in Gegenwart von Herrn Nothnagel noch einmal angerufen mit der Bemerkung: „Wir sind ja gerade getrennt worden!“ Das wird sich wohl jeder verbeten, daß ein Besucher den Hörer auf die Gabel legt. Wenn Herr Nothnagel meinte, etwas kritisieren zu müssen, hätte er Herrn Hey um Abstellung des Mißstandes bitten müssen und nicht von sich aus den Hörer auflegen dürfen.

Auch die nächste Dienstbesprechung am 25. November ist „geplatzt, weil mit Herrn Hey nicht zu reden war“, wie Herr Nothnagel behauptete. Herr Hey hätte ihn angegriffen mit der Behauptung, die Dienstbesprechungen seien nicht vom Kirchenvorstand beschlossen; so etwas hätte er ihm unter vier Augen sagen sollen und nicht vor versammelter Mannschaft. Dabei hatte Herr Nothnagel wie auch sonst üblich das Gespräch eröffnet mit der Bemerkung, die letzte Besprechung sei nicht zustandegekommen, weil Herr Hey nicht ein geladen habe. Erst daraufhin hat Herr Hey versucht, die Sache richtigzustellen, und dabei ist erst die Äußerung gefallen, es läge kein Beschluß des Kirchenvorstandes vor. Von Seiten Herrn Nothnagels mangelte es an der Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Zum Beispiel hat er den Verwaltungsleiter nie über die Beschlüsse des Kirchenvorstandes unterrichtet; deshalb wollte Herr Hey ja das Protokollbuch des Kirchenvorstandes haben.

 

In der Kirchenvorstandssitzung am 18. Mai 1988 wurde unter dem von Herrn Nothnagel aufgestellten Punkt ,,In der Diskussion: der Gottesdienst“ nur Kritik geübt, zuerst an einer Orgelschülerin (deren Vater Mitglied im Kirchenvorstand ist, aber zum Glück nicht da war), dann an beiden Pfarrern. Man hatte den Eindruck, daß jetzt von allen Seiten geschossen werden sollte, auch bei der eigentlichen Gemeindearbeit.

Zum Beispiel redeten alle über den Beitrag von Frau Marr am Palmsonntag über Umweltfragen, aber es waren nur zwei Kirchenvorsteher überhaupt bei dem Gottesdienst dabei. Herr Nothnagel behauptete einfach, hier werde das Hausrecht des Kirchenvorstandes außer Kraft gesetzt. „Bei Frau Marr handelt es sich nicht um ein Mitglied der Kirche. Sie sucht nur ein Podium. Aber sie spricht dann zu Leuten, die wegen etwas ganz anderem in die Kirche gekommen sind. Es ist nicht zweckmäßig, wenn Auswärtige genommen werden, nur Steinbacher dürfen in Steinbach im Gottesdienst mitwirken!“

Daß die Aufforderung zum freiwilligen Verzicht sehr gut zur Fastenzeit paßt, wurde nicht gehört. Man sah das Ganze als eine politische Sache an, die nicht in die Kirche gehört. Der Dekan wollte, daß alles mehr in einen Zusammenhang gesehen wird und nicht einfach „den Leuten vor den Latz geknallt“ (so war der Ton!).

Es wurde dann über das Verhältnis von Frau Marr zur Kirche diskutiert. Herr Nothnagel hatte erst einmal behauptet, sie gehöre nicht zur Kirche. Der Dekan sprach von „Baptisten“ und verbesserte sich dann in „Methodisten“. Doch Frau Jäger wußte, daß beide Eheleute in Herges-Hallenberg Kirchensteuer bezahlen. Später erfuhr ich von Hergeser Gemeindegliedern, daß Frau Marr öfter zum Gottesdienst kommt, und schließlich stellte sich heraus, daß sie in Viernau drei Klassen Christenlehre erteilt. Aber ich hatte einer „Atheistin“ die Kirche geöffnet!

Es stellte sich heraus, daß in Berlin schon über Frau Marr gesprochen worden war. Alle Pfarrer wüßten Bescheid, wer sie ist. Mir war von dem ganzen Hintergrund nichts bekannt. Angeblich wolle sie aber nur vor der vollen Kirche sprechen, nicht aber im kleinen Kreis. Sie war aber dann doch zum Gesprächskreis da. Aber vom Kirchenvorstand kamen - trotz persönlicher Einladung - nur zwei Mann, davon einer aus Altersbach.

All das veranlaßte mich, einmal etwas über „Kritik im Kirchenvorstand“ zu sagen: Kritik sollte zuerst immer bei dem Betroffenen angebracht werden. In den meisten Fällen ist sie damit schon erledigt. Zumindest können sachliche Fehler richtiggestellt werden. Nur wenn man zu keiner Übereinkunft kommt oder die Sache von allgemeinem Interesse ist, sollte sie vor den Kirchenvorstand kommen.

Langjährige Praxis war aber, daß man sich Kritik für die Sitzung aufsparte und dann plötzlich von hinten die Pfeile abschoß. Dann geht der Angegriffene aber sofort in Abwehrstellung und reagiert aggressiver, als wenn er sich die Sache und seine Argumente hat vorher überlegen können. Das Gleiche gilt für die Dienstbesprechungen, wo Kritik nur verbreitert wird und jedes Problemchen breitgetreten wird. Kritik ist notwendig, aber erst nach privater Rücksprache mit dem Betroffenen.

In der Kirchenvorstandssitzung am 13. Juni 1988 führte Herr Nothnagel aus: „Der Verwaltungsleiter sieht sich außerstande, Weisungen von mir durchzuführen. Wenn ich Mängel sehe und diese anbringe, sagt er mir klipp und klar: Weisungen habe nur der geschäftsführende Pfarrer zu geben! Es geht aber nicht, daß mir Angestellte sagen, ich hätte ihnen nichts zu sagen!“

Doch hier muß man den Zusammenhang bedenken. Herr Hey hatte nicht generell die Entgegennahme von Weisungen abgelehnt. Es hätte ja sowieso nichts genutzt, denn Herr Peters hätte ja das gemacht, was Herr Nothnagel ihm gesagt hätte. Es ging wieder einmal um das Protokollbuch. Herr Hey hatte darum gebeten, daß es wieder auf der Kirchenkasse aufbewahrt wird, damit er nachsehen kann, wenn er nicht so Bescheid weiß.

Doch Herr Nothnagel sagte ihm: „Wenn Sie etwas wissen wollen, dann fragen Sie mich. Was ich Ihnen als Auskunft gebe, muß genügen!“ In diesem Zusammenhang sagte Herr Hey: „Sie haben mir gar keine Weisungen zu erteilen!“

Der Dekan sagte dazu: „Es muß eine Zusammenarbeit da sein, sonst muß einer gehen. Wenn der Kirchenvorstand anstellt, gibt er auch die Weisungen. Wer etwas anderes sagt, ist ungeeignet für den Dienst der Kirche. Und wenn im Arbeitsvertrag steht, der geschäftsführende Pfarrer sei der Vorgesetzte des Verwaltungsleiters, dann ist der Vertrag falsch!“

Diese letzte Aussage hat er dann aber korrigiert. Schließlich gab es bei Abschluß des Vertrags die Trennung in geschäftsführenden Pfarrer und Vorsitzenden noch nicht und der Dekan hatte den Vertrag ja mit unterschrieben. Jetzt sagte der Dekan aber: „Der Arbeitsvertrag ist so zu behandeln, als würde dastehen: Beauftragte des Kirchenvorstandes oder deren Stellvertreter!“

„Dienstaufsicht des Kirchenvorstandes“ kann aber nicht heißen, daß jeder einzelne Kirchenvorsteher Weisungen erteilen kann. In jedem Betrieb ist es so, daß jeweils eine einzelne Person der Vorgesetzte ist, weil viele Köche den Brei verderben; auch kann der Zimmermeister nicht dem Fliesenleger Anweisungen geben. Dennoch wurde beschlossen, daß der Vorsitzende des Kirchenvorstandes ebenso weisungsberechtigt gegenüber den Angestellten ist wie der geschäftsführende Pfarrer. Dies ist dann allerdings nicht allen Angestellten mitgeteilt worden, sondern nur dem Verwaltungsleiter.

Wenn der Vorsitzende ein ,,Puffer“ zwischen geschäftsführendem Pfarrer und Angestellten sein sollte, dann hätte jetzt der geschäftsführende Pfarrer der Puffer zwischen Vorsitzendem und Angestellten sein müssen. Als der Dekanatssynodalvorstand den Kirchenvorstand Steinbach-Hallenberg zwang, einen Laien zum Vorsitzenden zu wählen, war die Sache auch noch klar. Da sagte der Dekan noch: „Vorsitzender der Angestellten ist der geschäftsführende Pfarrer. Der Vorsitzende darf nicht zu sehr belastet werden. Er hat nur die Sitzungen vorzubereiten, zu leiten und die Ausführung der Beschlüsse zu überwachen!“

Weil aber Herr Peters seine Aufgaben nur teilweise wahrnahm, sollte der Vorsitzende des Kirchenvorstandes einspringen. Das wäre noch gegangen, wenn es nur um Aufgaben gegangen wäre, die sich aus Beschlüssen des Kirchenvorstandes ergaben. Herr Nothnagel wollte aber auch von sich aus Dinge aufgreifen und das tun, was mir vorgeworfen wurde, nämlich die Angestellten in ihrer Arbeit zu kontrollieren. Aber die Kirchenleitung weiß schon, weshalb sie die Geschäftsführung in die Hand der Pfarrer legt. Nur diese sind theoretisch und praktisch ausgebildet, erhalten die Rundschreiben und sind durch die Pfarrkonferenzen auf dem neuesten Stand; sie allein sind materiell verantwortlich zu machen und sie allein sind von außerhalb und nicht in die örtlichen Verhältnisse verstrickt.

In der gleichen Sitzung ging es auch noch um den Gemeinderaum, weil der Kirchenchor gedroht hatte, seine Arbeit einzustellen, weil das Amtszimmer im Unterstädter Pfarrhaus wegen der Akustik nicht geeignet war. Herr Dalberg durfte seine Wünsche auch in der Sitzung vortragen und es sollte schnell abgestimmt werden: Der Chor sollte in dem vom Kindergarten noch genutzten Unterrichtsraum singen, die Rüstzeit in ihrem Tagesraum essen, den Speiseraum sollte der Kindergarten erhalten.

Später sollte der Unterrichtsraum zum Speisesaal werden und alles andere in dem anderen Gemeinderaum stattfinden (Chöre, Unterricht, Gemeindekreise). Auf meinen Einspruch hin wurde dann doch erst eine Besprechung mit allen Beteiligten durchgeführt, die an sich vorher hätte sein müssen, da hätte man sich 40 Minuten Diskussion im Kirchenvorstand ersparen können.

In dem Gespräch herrschte zunächst eine annehmbare Atmosphäre. Nur Herr Reumschüssel war etwas gereizt, weil ich darauf hinwies, daß ja noch die Schränke für die Chöre da sind und sich die Anschaffung neuer Schränke erübrige, die Herr Reumschüssel schon eigenmächtig bestellt hatte.

Es stellte sich auch heraus, daß der ganze Umbau der Kirchenkasse nicht nötig gewesen war (zwei neue Türen und Verschlag), da der Kindergarten den vorderen Kirchenkassenraum nur zeitweise als Garderobe nutzte (nicht als Büro für die Leiterin) und die Besucher der Kirchenkasse ruhig weiterhin durch diesen Raum hätten gehen können.

Auch die neue Tür für den Aufzug, wegen der sich bisher alles verzögert hatte, war nun auf einmal nicht mehr nötig. Man hätte sie nur gebraucht, wenn die Rüstzeiten in den Ferien im Unterrichtsraum gegessen hätten. Aber all meine schon vorher gemachten Vorschläge wurden nicht beachtet, es entstanden unnötige Verzögerungen und Kosten und es wurde doch keine optimale Lösung gefunden.

Erst als Herr Nothnagel hinzukam, wurde der Ton schärfer. Er legte Wert darauf, daß allein der Kirchenvorstand zu entscheiden habe, wo in zwei Jahren die Rüstzeit essen sollte, obwohl niemand das bestritten hatte, auch nicht, daß solche Beschlüsse zu respektieren seien. Auch hatte niemand bestritten, daß der Kindergarten wichtig für die Gemeinde und das Rüstzeitenheim wichtig für die Gesamtkirche sei. Es ging aber darum, daß alle etwas nachgeben. Es wurde auch ein guter Kompromiß gefunden, auch Schwester Anni zeigte sich durchaus zugänglich.

 

In der Pause der Pfarrkonferenz am 15. Juni wurde ich vom Dekan zu einem Gespräch gebeten, bei dem auch Herr Hoffmann und Herr Bunge zugegen waren. Der Dekan teilte zunächst mit, daß Herr Holland-Cunz ihm einen Brief geschrieben habe, in dem er seinen Austritt aus dem Kirchenvorstand bekanntgibt: Er könne es gesundheitlich nicht mehr schaffen und rege sich zu sehr auf; besonders fühle er sich unter Druck gesetzt, weil Pfarrer Heckert von ihm einen Beleg für seine Aussagen verlangt hat; er sehe das aber nicht als ein juristisches Problem, sondern er wolle den seelsorgerischen Rat geben, sich nach einer anderen Pfarrstelle umzusehen. Da war das, was der Dekan wollte.

Es wurde dann eine Menge anderer Dinge angesprochen. Zunächst ging es um die Beschwerde von Herrn Nothnagel, daß ich zu einem Treffen mit der Partnergemeinde Frankershausen nur Unterstädter eingeladen hatte, so daß seine Tochter nicht mit dabei war. Doch von dort kam nicht eine Junge Gemeinde, sondern eine Konfirmandengruppe, die vorwiegend aus Jungen bestand, von denen es in der Oberstadt in diesem Jahr gar keine gab. Wenn aber sowieso nicht alle eingeladen werden können, nehme ich natürlich nur meine Konfirmanden, wenn der mir zugewiesene Partnerpfarrer kommt.

Dann ging es um Friedhofssachen und den Beitrag von Frau Marr im Gottesdienst (angeblich hatte ich den Kirchenvorstand hintergangen, weil ich nicht eindeutig sagte, daß noch gar kein konkreter neuer Termin mit ihr vereinbart war).

Dann waren die Bilder dran, die Konfirmanden bei der Rüstzeit hergestellt hatten und die ich in den Turm der Kirche gehängt hatte. Es handelte sich um ein Bild aus einer Illustrierten, das den Hintern eines Mannes zeigte, der mit einem Metermaß drapiert war (es ging dabei um das Thema „Abnehmen“). Der Dekan hatte die Collagen nicht gesehen, behauptete aber, die Konfirmanden hätten „Nackte gemalt“ und ich wäre nicht erzieherisch dagegen vorgegangen. Die Eltern hatten keinen Anstoß daran genommen; es ging nur darum, überall etwas Neues zu finden.

Angeblich war die Lage für mich bedenklicher, als ich sie sehen konnte. Doch kritisiert wurde nur, daß ich Probleme angesprochen habe, die angeblich überflüssig waren. Offenbar wollte man mich mundtot machen, wie das schon bei der Synode der Fall war (aber auch da hatte der Dekan mich schon öffentlich gerügt, weil ich angeblich nicht aufpaßte, als er redete).

Scharfmacher war wiederum Herr Hoffmann. Er legte das Schreiben von Herrn Holland-Cunz gleich als Antrag aus und verlangte Konsequenzen von mir. Sicherlich ist wichtig, daß man eine Basis in der Gemeinde hat. Aber das müßte wirklich sachlich festgestellt werden durch Außenstehende, die mit dem Kirchenvorstand und den Angestellten sprechen sollten, ohne daß Pfarrer und Dekan dabei sind; und dann müßte nicht nur gefragt werden, ob sich das Verhältnis verschlechtert hat, sondern auch die Frage gestellt werden, wer denn an dem allen schuld ist.

Zu denken gab mir nur, daß jetzt überall bekrittelt wurde. Ich habe auch schon früher eine Osterkerze im Gottesdienst aufgestellt und niemand hat das kritisiert. Jetzt aber hieß es auf einmal, das sei ,,etwas Katholisches“. Niemand fand etwas dabei, daß sich die Eschweger nur mit den Unterstädtern trafen oder wenn etwas im Turm aufgehängt wurde (zum Beispiel die Zeichnungen der Oberstädter Konfirmanden mit der Unterschrift ,,Jesus, der Freund der Prostituierten“) oder wenn jemand anders als der Pfarrer im Gottesdienst zu Wort kam (daß man Frau Marr aus politischen Gründen nicht wollte, sah ich damals noch nicht). Hier wurde doch das getan, was man mir vorwarf, nämlich überall kritisiert und mit Gewalt ein Anlaß  gesucht.

Der Dekan fing dann noch unvermittelt mit der von ihm heraus gegebenen Postkartenmappe über Schmalkalden an, bei der ich ihm 20 Fehler oder Ungenauigkeiten nachgewiesen hatte. Vor allem stritt er sich mit mir über die Schreibweise des Wortes „gottlob“ und behauptete, ich hätte den Duden falsch gelesen (,,Wenn man es im Westen so schreibt, ist es richtig!“). Hier merkte man, was hinter seiner feindseligen und voreingenommenen Haltung steht:

die persönliche Kränkung, weil ich ihm Fehler nachgewiesen habe auf einem Gebiet, wo er sich als Fachmann wähnt.

 

In der Dienstbesprechung am 29. Juli fragte Herr Nothnagel Herrn Hey gleich zu Beginn: „Darf ich jetzt damit rechnen, daß Sie immer die Vertretung für die Totengräber machen oder haben Sie es nur getan, weil es sich um den Professor Usbeck handelte?“ So etwas ist eindeutig eine aggressive Frage, die gar nicht in die Dienstbesprechung mit allen gehört. Herr Noth­nagel hätte besser das öffentlich sagen sollen, was er Herrn Hey als erste Reaktion am Telefon gesagt hatte, als er sich bedankte, daß dieser das Anfertigen des Grabes übernommen hatte.

Der Hintergrund war folgender: Am Mittwoch war die 92jährige Frau Usbeck, Kirchplatz 5, gestorben. Beide Totengräber waren aber in Urlaub. Am Freitag sollte die Beerdigung sein. Am Donnerstagfrüh kam Frau Fischer (die im Haus Usbeck arbeitet, Kirchenälteste aus Altersbach) zu mir und bat um Hilfe. Nach Lage der Dinge mußte es schnell gehen. So habe ich dann zusammen mit dem Hausmeister und dem Verwaltungsleiter das Grab gemacht. Da das Nebengrab schon bepflanzt war, konnte der Aushub nur auf der anderen Seite gelagert werden. Aber dadurch konnte man zeigen, daß es durchaus möglich war, auf den hohen Aufbau rund um das Grab zu verzichten, der den Angehörigen immer so viel Mühe macht und schon oft beklagt worden war.

Ich habe mich hier aus zwei Gründen eingesetzt: Einmal handelte es sich um eine Nachbarin und treue Kirchgängerin und die Schwiegermutter eines Kollegen. Zum anderen ist die Kirchengemeinde gegen Trauerfeiern in Schmalkalden, da muß sie auch mit absichern, daß ein Grab gemacht wird, wenn es gewünscht wird. Wer von den Angehörigen hätte es wohl machen sollen, wo keiner am Ort war? Nur Herr Nothnagel brachte einen Mißklang hinein. Das war selbst Schwester Anni zuviel: Sie wurde heftig, wies Herrn Nothnagel zurecht und verließ den Raum.

In den vorhergehenden Besprechungen war Herr Nothnagel nicht dabei und alles verlief ruhig und sachlich. Die Angestellten im Gemeindehaus waren nicht gut auf Herrn Nothnagel zu sprechen. Das lag einmal daran, daß es dort jeder schwer hat. Aber er hat in seinen erst 20 Monaten auch schon einige Fehler gemacht. Doch er hat auch seine Meinung geändert. Während er früher wollte, daß das Gemeindehaus „sich selbst regiert“ unter Führung des Verwaltungsleiters, wollte er jetzt bei allem gefragt werden und sogar die Sachen machen, die allein Aufgabe des geschäftsführenden Pfarrers sind wie die Erteilung von Urlaub.

 

In der Kirchenvorstandssitzung am 12. September ging es dann mit dem Friedhofsthema weiter. Man muß den Wortlaut hören, um einen Eindruck vom Ton im Kirchenvorstand zu bekommen. Herr König sagte: „Gemeindeglieder haben gefragt, ob wir denn neue Totengräber hätten, weil Angestellte der Kirchengemeinde, darunter Pfarrer Heckert, ein Grab gemacht haben. Das ist doch Sache des Friedhofsausschusses (Bemerkung von Herrn Joachim Lieberknecht, man muß das gut hören: „Ein Wort hätte genügt!“). Der Pfarrer Heckert hat wohl die Frau Usbeck zu Lebzeiten nicht genug beachtet und besucht, so daß er das nach ihrem Tod ausgleichen wollte!“

Hier gab es allerdings Protest aus dem Kirchenvorstand, aber keinen Ordnungsruf des Vorsitzenden oder des Dekans. Dabei war diese Äußerung genauso beleidigend wie die des Herrn Holland-Cunz, nur ging es jetzt um die eigentliche Gemeindearbeit. Doch es wurde auch gesagt: „Da haben Sie nichts Falsches gemacht!“ und: „Was wäre gewesen, wenn das Grab nicht gemacht worden wäre?“

Aber Herr Nothnagel brachte wieder einen Mißklang hinein: „Der Professor Usbeck hat doch so vielen Leuten in Steinbach geholfen. Die Schwester Ilse macht doch die Termine für ihn, die doch Leute aus ihrem Betrieb für das Gräbermachen anstellen können!“ Hier spürt man wieder seine Vorurteile (bzw. seinen Neid) gegenüber Akademikern. Er hatte überhaupt kein Gespür dafür, daß hier den Frauen geholfen werden mußte, und zwar gleich, denn die Männer waren ja alle an der Arbeit, auch der Friedhofsausschuß. Hier geschah Seelsorge ganz praktischer Art, wo der Pfarrer mit gutem Beispiel vorangehen mußte.

Dann ging es um die Strafe von 100 Mark, die von der Hygieneinspektion gegen Ute König verhängt worden war, weil sie das Essen nicht nach Vorschrift hergestellt hatte und einige Gäste nach Ansicht der Hygieneinspektion deswegen erkrankt waren. Jetzt sagte Herr König auf einmal: „Ute ist doch keine Küchenleiterin, sie ist nur Beiköchin und wird nicht als Chefin bezahlt!“ (Sie erhielt 60 Mark Lohnzuschlag, während die Küchenleiterin nur 40 Mark erhielt).

Ich hielt ihm vor, daß sie aber der Hygieneinspektion gegenüber als Chefin aufgetreten sei. Herr Reumschüssel meinte: „Sie müßte schon für ihre Dummheit bestraft werden, weil sie alle Einzelheiten gegenüber der Hygiene ausgeplaudert hat!“ Dennoch meinte er: „Wir sind doch auch sonst kulant, da sollten wir die Strafe bezahlen!“ Herr Marr wollte nicht, daß gesagt werden könnte, wir würden die Maßnahme der Hygieneinspektion unterlaufen. Ich argumentierte: ,,Wenn ich auf dem Weg zur Pfarrkonferenz einen Strafzettel kriege, zahlt den auch nicht das Dekanat!“ Aber Herr Nothnagel entschied: ,,Da zahlen wir ihr die 100 Mark als Prämie für ihre Leistungen!“

Zum ,,Dank“ verlangte Ute für Donnerstag und Freitag überraschend Urlaub. Frau Heubel stimmte dem nicht zu (Herr Hey hatte Urlaub), weil sie dann selber in die Küche hätte gehen müssen. Schon Ende August hatte sie sich ein Kindermädchen besorgt, weil Ute Urlaub machen wollte. Doch sie ging dann doch nicht in Urlaub, kam aber 14 Tage später und wollte Urlaub machen.

Ute drohte wieder: „Da mache ich krank!“ Sie fuhr auch am Donnerstag nach Eisenach zum Hautarzt (warum immer nach Eisenach, wo ein ganzer Arbeitstag verlorengeht?), wurde aber nicht krank geschrieben. Daraufhin lieferte sie wieder miserables Essen, für die Angestellten auf der Kirchenkasse aber wieder viel zu wenig (nachher wurde aber etwas weggeschüttet).

Und schließlich äußerte sie, Frau Künzel wäre eine ,,faule Sau“, die nicht einmal das Geschirr für ihre Familie abwäscht, sondern das die Küche tun läßt (es handelt sich um zwei Teller). Das war die Antwort auf das ,,kulante“ Verhalten des Kirchenvorstandes. Aber offenbar mußte Herr Nothnagel Rücksichten auf Herrn König zu nehmen.

Hauptpunkt dieser Sitzung war aber der Austritt von Herrn Holland-Cunz. Der Brief wurde zunächst nicht verlesen. Aber der Dekan legte aus: „Es ist eindeutig, daß der Pfarrer Heckert und seine Umgangsweise der Grund für den Austritt ist. In den letzten Sitzungen haben Sie ja erlebt, wie Pfarrer Heckert ihn bedrängt hat, Näheres zu seinen Aussagen zu sagen. Ich habe ihm gesagt, daß er das nicht braucht, sein Einwurf ist nicht so wichtig gewesen. Es ist beschwerlich, daß es in dieser Periode der Dritte ist, der meint, nicht mehr mitmachen zu können!“

Nach einem längeren Angriff von Herrn König sagte Herr Lieberknecht: ,,Es war kein spontaner Entschluß. Das hat er jahrelang mit sich herumgetragen. Wir müssen die Entscheidung akzeptieren und sollten uns nicht länger damit aufhalten!“ Darauf Herr Nothnagel: „Wenn es keine Wortmeldungen mehr gibt, schließen wir den Punkt ab!“ Er war auch abgeschlossen, denn es entstand eine längere Pause.

Da hakte der Dekan ein: „Es ist beschwerlich, daß es schon der dritte Fall ist. Ich habe ja Pfarrer Heckert einen Vermittlungsvorschlag gemacht. Aber er hat nur verlangt, daß ich hätte eingreifen müssen. Daß ein Zurückstecken nicht möglich war, halte ich für eine ungute Sache. Die von Herrn Holland-Cunz verlangte Richtigstellung war nicht im Interesse der Gemeindesituation!“

Sonst hat der Dekan immer den Standpunkt vertreten, ein Brief an den Dekanatssynodalvorstand sei ein ,,öffentlicher“ Brief und könne überall verlesen werden. Jetzt aber wollte er erst die Zustimmung von Herrn Holland-Cunz einholen. Sicherlich wollte er von Anfang an, daß der Kirchenvorstand den Brief im Wortlaut zur Kenntnis nimmt, obwohl Herr Holland-Cunz dann ja an den Kirchenvorstand hätte direkt schreiben können.

 

In der Sitzung am 10. Oktober wurde der Brief dann vollständig verlesen. Wieder äußerte sich niemand dazu. Wieder mußte der Dekan bohren: „Das Schwierige ist, daß es nun schon der dritte Austritt ist. Für uns als Kirchenkreisvorstand ist das bedenklich. Aber zunächst einmal diese Information!“ Es war hier schon deutlich, daß er damit nach Eisenach gehen wollte, obwohl der Kirchenvorstand zurückhaltend war.

Nach der Sitzung sagte ich dem Dekan: „Man darf nicht vergessen, was den Austritten vorangegangen ist: Herr Arno Nothnagel hatte den Angestellten ungedeckte Versprechungen auf Lohnerhöhungen gemacht, Frau Holland war an dem Beschwerdebrief des Herrn Häfner beteiligt und Herr Holland-Cunz wußte nicht, wie er aus seiner voreiligen Bemerkung wieder herauskommen sollte!“ (Bisher war es immer so, daß er die Flinte ins Korn warf, wenn es schwierig wurde).

Viermal bat ich darum, daß mir der Brief ausgehändigt wird, damit ich eine Gegendarstellung abgeben kann, aber das geschah nicht.  So bin ich auf das angewiesen, was ich schnell mitschreiben konnte: ,,Es hat alles keinen Sinn, Appelle ändern nichts, ich komme mit meinen Vorstellungen nicht zum Zug. Seit der letzten Sitzung hat mich das Steinbacher Problem noch öfter und tiefer beschäftigt als sonst. Es belastet mich stark und bedrückt mich. Was Pfarrer Heckert braucht, das ist Seelsorge, nicht in die Enge getrieben zu werden. Die Betroffenen sind eines gesunden Urteils nicht mehr fähig. Die Verhältnisse strahlen auf die Pfarrfamilie, die Mitarbeiter und die Gemeinde aus. Ich halte es für besser, wenn durch Sie das Dienstverhältnis gelöst wird, nicht als Strafe, sondern als Hilfe. Ich bitte Sie um Hilfe, für ihn eine andere Tätigkeit zu finden, auch wenn zu befürchten ist, daß es mit der Zeit dort auch nicht anders wird. Ich habe nicht vermocht, die Verhältnisse zu verbessern, sondern ich habe Bedingungen für Zuspitzungen gesetzt. Daher bitte ich um Verständnis, wenn ich mein Amt niederlege!“

Damit hat er in der Tat gesagt, wie es ist: Die Verschärfung ist von seiner Seite ausgegangen! Man kann doch jetzt nicht den Spieß herumdrehen und so tun, als hätte  i c h  ihn beleidigt. Hätte er sich nicht so unqualifiziert geäußert, hätte ich mich nicht zur Wehr zu setzen brauchen und er wäre nicht ausgetreten. Man kann nicht irgendein „Geheimwissen“ andeuten, dann aber nicht dazu stehen. Da schweigt man lieber. Und wenn man austreten will, dann geht man stillschweigend, wie es Gerhard Huhn gemacht hat, anstatt noch ein Faß aufzumachen.

In der gleichen Sitzung fiel Herr König wieder aus der Rolle: „Es ist eine totale Lüge von Herrn Hey, der Kirchenvorstand hätte beschlossen, daß es für die Sonntagsstunden freie Tage gäbe. Es werden nur noch Lügen erzählt, auch von Pfarrer Heckert!“ Darauf sagte ich zum Dekan gewandt: „Herr Dekan, wäre hier jetzt nicht einmal ein Ordnungsruf angebracht?“ Er murmelte etwas, das wie ,,ja“ klang, unternahm aber nichts.

Am Schluß der Sitzung las ich aus dem Beschlußbuch des Kirchenvorstandes vor, das ich für mich angelegt hatte, nachdem mir das Protokollbuch ja nicht mehr zugänglich war. Danach war am 16.1.1984 war beschlossen worden: „Außerdem wird für Sonn- und Feiertagsarbeit allen Mitarbeitern ein unbezahlter freier Tag in der Woche gewährt, allerdings nur, wenn keine Rüstzeit ist.......die anderen Überhangstunden, die während der Woche entstehen, werden stundenweise abgebummelt!“

Dieser Tatbestand war Ute König vom Verwaltungsleiter erläutert worden. Wenn Herr König das nicht glaubt, muß er sich vorher informieren, anstatt von „Lüge“ zu sprechen bei einem Tatbestand, wo er sich einfach irrte (um es einmal so vorsichtig auszudrücken). Es ist ungeheuerlich, wenn ein Pfarrer vor einer Gruppe der Gemeinde der Lüge bezichtigt wird. Das zeigt, wie weit man kommt, wenn man nicht den Anfängen wehrt.

Der Dekan aber meinte nach der Sitzung, ich hätte mich zur Wehr setzen müssen. Dann wäre Herr König auch noch ausgetreten und der Dekan hätte gesagt, es wäre wegen mir gewesen. Hier wäre wieder der Dekan gefordert gewesen.

 

Bald darauf liefen die nächsten Beschwerden auf: Zu dem Familiengottesdienst „50 Jahre kirchlicher Unterricht“ hätte ich auch noch andere Leute und den Dekan einladen sollen und auch die Dörfer hätten beteiligt werden sollen, selbst Kirchenchor und Posaunenchor sollten mitwirken. Anstatt daß man froh war, daß statt 50 Leuten einmal 250 kamen, mußte ich den Eindruck haben: Lieber nichts Besonderes machen, dann kann man sich auch nicht beschweren.

Die Friedensdekade wollte der Kirchenvorstand unbedingt haben. Ich bat darum, daß Herr Peters einmal die Sache in die Hand nimmt und auch der Kirchenvorstand sich beteiligt. Der Dekan meinte, dazu sei gar keine Vorbereitung nötig, man müsse nur da sein (Ich habe für jeden Abend soviel Mühe verwandt wie für einen Sonntagsgottesdienst). Es mußte unbedingt sein, aber vom Kirchenvorstand waren nur zwei Leute an je einem Abend da. Und machen mußte ich es doch, weil sich eine Stunde vor Beginn des ersten Abends Herr Peters krank meldete!

 

Mitten in der Kirchenvorstandssitzung am 7. November fing Herr Nothnagel mit dem an, was er während der letzten Finanzausschußsitzung festgestellt hatte. Der Finanzausschuß hatte vom Kirchenvorstand den Auftrag erhalten, den Stellenplan für die Küche zu prüfen und Möglichkeiten für die Finanzierung zu finden.

Herr Nothnagel kam eine halbe Stunde später, beteiligte sich nicht am Gespräch, sondern nahm sich die Einnahmebelege her und schrieb sich etwas auf. Dieses trug er nun in der Kirchenvorstandssitzung vor, ohne daß es auf der Tagesordnung stand. Er hatte sich nur Dinge herausgesucht, wo er meinte, Herrn Hey und mich kritisieren zu können. Aber anstatt das erst einmal mit dem Finanzausschuß zu besprechen und die Dinge zu klären, brachte er seine Behauptungen gleich im Kirchenvorstand vor.

Zunächst ging es um das Geld für das Anfertigen des Grabes Usbeck. Die Angehörigen hatten es uns ja privat geben wollen, aber wir taten es natürlich in die Kirchenkasse. Jetzt wurde bemängelt, daß es deutlich als Spende hätte gekennzeichnet werden müssen, damit nicht der Eindruck entsteht, wir hätten soviel Geld verlangt. Später stellte sich heraus, daß der übergebene Betrag genau dem entsprach, was zu dieser Zeit von den Totengräbern verlangt wurde. Doch in welche Spalte in der Kirchenrechnung das einzutragen sei, ist allein Sache der Rechnungsprüfung, nicht einer Kirchenvorstandssitzung.

Dann wurde Herr Hey gerügt, daß er aus dem Bestand der Kirchengemeinde ein kleines Tischchen gekauft hat, ohne den Kirchenvorstand gefragt zu haben. Es handelt sich um einen Tisch, der nicht inventarisiert war  und in die Heizung wandern sollte, weil er kaputt war. Herr Hey hat 10 Mark Spende dafür gegeben (nur deshalb konnte Herr Nothnagel überhaupt etwas davon wissen. Aber er regt sich auf, wo er doch für über 1.300 Mark Stühle gekauft hat ohne Beschluß des Kirchenvorstandes und Zahlungsanweisung).

Das Gleiche gilt für das Material von dem Trockenklosett hinter der Kirche. Dieses war im Zusammenhang mit der Aufstellung der Baracke aufgestellt worden, wenn ich mich nicht täusche sogar als Zugabe ohne Bezahlung. Es sollte bei übergemeindlichen Veranstaltungen die Lage entspannen. Doch als es soweit war, hieß es: „Das können wir doch Auswärtigen nicht anbieten!“ So wurde es nur von Auswärtigen benutzt, die auf dem Kirchplatz parkten. Kinder trieben dort ihr Unwesen. Es sah verheerend aus.

Nachdem wir erst kürzlich mit der Hygiene zu tun hatten, meinte ich, diesen Schandfleck wieder beseitigen zu müssen, weil ich der Verursacher war. So habe ich dann das Trockenklosett wieder abgerissen und Herr Hey erhielt die Kanthölzer, um sich daraus ein neues Clo zu hauen. Im Grunde hat er bei der Beseitigung der Überreste geholfen, aber er gab 25 Mark Spende dafür.

Nachdem sich jahrelang niemand um diese ,,Baulichkeit“ gekümmert hatte, nicht nach Reinigung und Leerung des Kübels gefragt hatte, hieß es jetzt: ,,Da war einmal eine Gelegenheit, hinter der Tür die Hose runterzulassen (die Tür ließ sich nur nicht absperren!). Können denn die Gottesdienstbesucher das Clo im Pfarrhaus benutzen?“

Mitten in der Diskussion um das Trocken­klosett führte Herr Nothnagel aus: „Die Selbständigkeit des Verwaltungsleiters gehen noch weiter. Da geht Post ein und der Verwaltungsleiter beantwortet sie selbständig. Er sollte aber alle eingehende und ausgehende Post zum geschäftsführenden Pfarrer bringen, denn er kann den Kirchenvorstand nicht ersetzen oder vertreten. Auch im Ausdruck ist manchmal noch etwas zu verbessern. Zahlungsanweisungen werden erst im Nachhinein unterschrieben!“

Ich fragte nach einem Beispiel. Herr Nothnagel nannte das Beispiel des Briefes von Pfarrer Penckert wegen der Weihnachtsbeihilfen. Ich fragte nach weiteren Beispielen. Herr Nothnagel sagte: „Die gäbe es sicher noch, aber ich kann keine nennen!“ Ich wies auch auf die vorhandene Dienstanweisung hin, wonach Rüstzeit- und Friedhofssachen und natürlich Bestellungen für die Küche allein Sache der Kirchenkasse sind, abgesehen von kniffligen Dingen. Alle anderen Schreiben gehen an den geschäftsführenden Pfarrer.

Tatsache aber war: Herr Penckert hat die Liste am Montag an die Kirchenkasse geschickt, weil er wußte, daß er sie dann schneller zurückbekommt, denn Pfarrer Peters hatte das letzte Mal den knappen Termin weit überzogen. Herr Penckert hat ihn aber am Mittwoch bei der Pfarrkonferenz (also gleichzeitig) von dem Schreiben an die Kirchenkasse unterrichtet, so daß er sich darum hätte kümmern können.

Er kam aber erst 6 Tage später auf die Kirchenkasse, als er schon wieder einmal krankgeschrieben war. Er sprach mit Herrn Hey alles durch, erst danach wurde ausgezahlt. Die Zusammenarbeit zwischen dem geschäftsführenden Pfarrer und dem Verwaltungsleiter war nämlich nicht so schlecht, wie Herr Nothnagel immer behauptete. Herr Peters beauftragte Herrn Hey oft mit Aufgaben, die er an sich selber hätte erledigen müssen, es wurde immer alles miteinander abgestimmt.

Ähnlich war es mit der Behauptung, Herr Hey habe die 100 Mark für Ute König nicht ausgezahlt (Ersatz für den Strafbescheid). Tatsache war, daß Herr Hey nach der schriftlichen Zahlungsanweisung das Geld am 29.10. sofort überwiesen hatte, Fräulein König hatte nur ihre Kontoauszüge nicht richtig angesehen (das Geld wurde aufs Konto überwiesen, weil sie ihren Lohn auch auf dem Konto haben wollte).

 

Am 29. November sprach ich etwa zwei Stunden mit Herrn Nothnagel in seiner Werkstatt über die letzte Kirchenvorstandssitzung und bat ihn, den Kirchenvorstand nicht wieder mit Dingen aufzuhalten, die nicht auf der Tagesordnung stehen, nicht im Ausschuß vorbesprochen sind und sich nachher nicht als stichhaltig herausstellen. Aber er antwortete, er werde das jetzt auch mit den Ausgabebelegen machen. Auch lehnte er es ab, seine falschen Behauptungen im Kirchenvorstand richtigzustellen. Im Gegenteil: Jetzt verschärfte er seine Vorhaben sogar noch.

Herr Nothnagel drückte sich jetzt auch vorsichtiger aus und sprach nicht mehr von einem „Beschluß“ des Kirchenvorstandes, sondern die Dienstbesprechungen entsprächen dem Willen des Kirchenvorstandes. Ich sagte ihm: „Dann lassen sie es doch erst einmal beschließen. Aber dann wird erst einmal darüber diskutiert, zum Beispiel auch darüber, wer überhaupt teilnehmen soll; und die Angestellten muß man dann auch erst einmal über ihre Meinung befragen!“

Es ging auch mehrfach in dem Gespräch über Angelegenheiten der Küche. Herr Nothnagel behauptete, Herr Hey habe Frau Hellbach eigenmächtig eingestellt. Doch einerseits wurde darüber geklagt, daß Ute König an drei Sonntagen nacheinander hatte arbeiten müssen und ihr ungezügeltes Verhalten damit entschuldigt, aber andererseits hat man die Anstellung einer neuen Kraft hinausgezögert.

Über eine Bewerbung muß innerhalb von 14 Tagen entschieden sein. Man muß zugreifen, ehe sich die Betreffende nach einer anderen Stelle umsieht. Frau Hellbach wurde nur zur Aushilfe geholt, mit dem geschäftsführenden Pfarrer war das abgesprochen. Aber Herr Nothnagel wollte, daß so etwas auch mit ihm besprochen wird. Doch es ist dann Sache des geschäftsführenden Pfarrers, mit welchen Kirchenvorstehern er sich abspricht, der Verwaltungsleiter kann sich nur an ihn halten.

Jetzt sollte Frau Hellbach nicht mehr die Küche bei den Dienstbesprechungen vertreten, nachdem sie einmal Herrn Nothnagel kritisiert hatte. Dabei war Ute König zunächst auch dabei, obwohl sie keine Leiterin war. Erst als sie sich unmöglich benommen hatte, wurde sie nicht mehr gebeten (einmal hat sie einen Stuhl umgeworfen und ist abgerauscht, einmal sprang sie um 8.15 Uhr auf mit der Bemerkung, sie müsse erst Frühstück machen, obwohl doch angeblich ohne Pause durchgearbeitet wird).

Ich forderte Herrn Nothnagel auf, wenn er schon kontrollieren wolle, dann solle er sich doch einmal die Küche vornehmen, damit dort die Beschlüsse des Kirchenvorstandes beachtet werden. Da sagte er: „Der Verwaltungsleiter soll die Mitarbeiter schulen!“ Doch wenn er das dann tut, dann beschwert sich Herr Nothnagel, der Verwaltungsleiter handele zu selbständig und maße sich Dinge an, die Sache des Kirchenvorstandes sind. Dieser Widerspruch tauchte öfter in dem Gespräch auf.

Ich verwies darauf, daß der Verwaltungsleiter eine Dienstanweisung hat, nach der er sich richtet; diese sollte Herr Nothnagel erst einmal kennen. Ich forderte ihn auch auf, die Belege wirklich gründlich zu studieren. Dann würde ihn auffallen, daß sein (Nothnagels) privater Besuch auch ohne Kirchenvorstandsbeschluß im Gemeindehaus untergebracht worden ist, oder daß seit April kein Geld mehr für Einfassungen auf dem Friedhof eingegangen ist, obwohl ständig welche gesetzt worden, oder daß seit Mai kein Geld mehr für das Essen der Kinder der Familie Künzel eingegangen ist oder daß Frau Holland-Cunz seit geraumer Zeit für 95 Stunden bezahlt wird, obwohl sie nur für 70 angestellt ist (angeblich sollte ein Antrag bei Pfarrer Peters sein, aber es war nicht so).

Sicherlich kann der Vorsitzende auch zum Verwaltungsleiter gehen, wenn sich etwas aus der Kirchenvorstandssitzung ergibt. Er kann Auskünfte einholen und um Ausführung von Beschlüssen bitten. Wenn andere Angestellte dazu gebraucht werden, teilt der Verwaltungsleiter sie ein. Aber es geht nicht, daß Herr Nothnagel die Dienstaufsicht ausüben und selber anordnen will und Herrn Hey zum Laufburschen machen will („Lakai“).

Auch ist das Protokollbuch nicht ,,Eigentum des Kirchenvorstandes“, wie Herr Nothnagel das ansah. Verantwortlich dafür ist der geschäftsführende Pfarrer, der es bei der Pfarramtsübergabe vorweisen muß. Es enthält keine Geheimnisse, die der Verwaltungsleiter nicht wissen dürfte. Die früheren Verwaltungsleiter waren bei den Sitzungen anwesend oder sogar Mitglied des Kirchenvorstandes. Jetzt dagegen können die Mitglieder der Familie Nothnagel ohne Probleme an das Protokollbuch, denn es befindet sich in einer Aktentasche in der Werkstatt. Angeblich braucht Herr Nothnagel es für die Aufstellung der Tagesordnung. Doch mehrfach mußte ich darauf hinweisen, daß in der vorhergehenden Sitzung doch etwas beschlossen worden war, was in der nächsten wieder drankommen sollte (obwohl ich in der Sitzung gar nicht dabei war, aber ich hatte eben das Protokoll gelesen).

In die Verwirklichung der Beschlüsse sollte sich der Vorsitzende hineinknien und nicht in die Kontrolle der Mitarbeiter, die gute Arbeit leisten. Ich mußte Herrn Nothnagel auch vorhalten, daß er ja auch Schriftverkehr selbständig erledigt. So hat er eine Beschwerde eines Rüstzeitleiters über die Qualität des Essens und den Preis nicht ausreichend und sachgemäß genug beantwortet. Eine ganze Reihe Schriftverkehr, der ihm von Frau Holland-Cunz übergeben worden war, befand sich noch in seiner Werkstatt, z.B. der Antrag von Herrn Dalberg auf Zuschuß für eine Rüstzeit. Doch das geschah nicht, den Antrag habe ich mir schließlich beim Dekanat kopieren lassen.

Daß Zahlungsanweisungen  v o  r  der Zahlung erfolgt sein müssen, steht längst in der Dienstanweisung. Praxis ist aber, daß Frau Holland-Cunz an jeden unbesehen Geld auszahlt, der eine Quittung bringt. Ute König hat so z.B. Unmengen an Geschirr gekauft, ohne daß man wußte, ob das zusätzlich angeschafft wurde oder nur verbrauchtes Gerät ersetzte. Doch all diese Dinge wurden gemacht unter Umgehung von Herrn Hey. Nur wußte Herr Nothnagel das nicht, sonst hätte er es wohl nicht vorgebracht, wenn er gewußt hätte, daß Frau Holland-Cunz sich da querlegt.

Schließlich kritisierte Herr Nothnagel erneut, daß unsre Tochter Miriam die Ausgabebelege für von der Kirchengemeinde gekaufte Bücher unterschreibt. Angeblich ist sie nicht ,,ge­schäftsfähig“. Aber dann dürften auch die Kirchenjungen keine Spenden entgegen nehmen oder für ihre Aufwandsentschädigung quittieren. Sie erteilt ja keine Zahlungsanweisung, sondern nur den Empfang des Geldes. Herr Nothnagel war erstaunt, als er hörte, daß durch die Abrechnung über den Büchertisch die Portokosten für die Kirchengemeinde und überhaupt der Schriftverkehr gespart werden.

Dann wollte er die Auslastung des Rüstzeitenheims überprüft haben. Er behauptete, sie sei zurückgegangen, und er tat so, als sei das Schuld des Verwaltungsleiters. Tatsache ist, daß im Jahr 1987 die Rüstzeiten zurückgegangen sind, als er bei der Armee war. Damals wurden aber auch Rüstzeiten ohne Rücksprache mit dem geschäftsführenden Pfarrer abgesagt, weil angeblich niemand zum Kochen da war. Vielfach wurden die Gäste auch in die Gaststätte geschickt oder mußten sich selbst versorgen, teilweise sogar selber spülen. Das erhöhte natürlich nicht die Attraktivität des Hauses. Herr Hey dagegen engagierte sich sehr für die Kirchengemeinde. Er hat nicht nur das Bestehende verwaltet, sondern sich Gedanken gemacht und versucht, die Sache voranzubringen. Er sah das Gemeindehaus als seine Aufgabe an und hat sich sehr viel über das übliche Maß hinaus eingesetzt.

 

In der Kirchenvorstandssitzung am 5. Dezember war Herr Hey zunächst mit anwesend. Herr Nothnagel kam auf einige Dinge nicht zurück, z.B. auf die Forderung, über jeden Arbeitsvorgang Buch zu führen. Aber auf dem Posttagebuch und die tägliche Vorlage beharrte er.

Angeblich wäre der Weg zu seiner Werkstatt nicht weit und er wäre dort auch meist anzutreffen (in Wirklichkeit war er meist nicht anzutreffen).

Herr Hey korrigierte ihn: „Sie haben gesagt, ich erteile die Weisung, sämtliche Post zu mir nach Hause zu bringen!“ Frau Marr sagte dazu: „Bei uns auf dem Rathaus darf auch keine Post aus dem Haus!“ Auch der Dekan mußte zugeben, daß bei ihm das Protokollbuch im Pfarrhaus ist und nicht bei dem Laienvorsitzenden.

Herr Hey sagte dann, daß er ja der Weisung nachkommen wolle, aber er wolle wissen, ob es nur um eine Unterrichtung gehe oder auch um den Inhalt. Herr Nothnagel wollte in der Tat jeden Brief erst noch einmal korrigieren und dann noch einmal schreiben lassen. Aber wenn er verlangt, daß jeder Brief zwei Unterschriften tragen sollte, dann ist seine nicht dabei, sondern nur die des geschäftsführenden Pfarrers.

Der Dekan wußte dazu: „Wenn Herr Hey davon spricht, er solle die Schriftstücke in die Werkstatt bringen, so ist das eine Spitze. Herr Nothnagel hat doch ein Büro innerhalb der Werkstatt, das genauso sicher ist wie die Kirchenkasse. Die Briefe sind ja auch keine Geheimnisse!“ Das sagt er, obwohl er nie in der Werkstatt war, die eher einer Rumpelkammer gleicht als einem abgeschlossenen Büro. Und gerade Briefe sind oftmals vertraulich, während es das Protokollbuch nicht ist. Herr Nothnagel bemerkte, er habe keine Zeit, auf die Kirchenkasse zu gehen (wo zu den Öffnungszeiten immer jemand da ist). Aber dann darf er eine solche Forderung nicht stellen oder er muß das Amt aufgeben.

Zu den angeblichen Klagen des geschäftsführenden Pfarrers sagte Herr Hey: „Pfarrer Peters hat oft gesagt, wenn ich ihn fragte oder informierte, das sei doch meine Sache. Er hat sich sogar wohlwollend geäußert, daß Aufgaben auf der Kirchenkasse erledigt werden. Oft weiß er nämlich selber nicht Bescheid. Aber über die Weihnachtsbeihilfe wußte er Bescheid, er hat ja den Auszahlungsbeleg für die Bank unterschrieben!“ Diese Sache war aber Anlaß für die Forderung eines Brieftagebuchs.

Es ging dann noch einmal darum, ob Dienstbesprechungen sinnvoll sind oder nicht. Der Dekan behauptete, Herr Hey wolle nur mit mir zusammenarbeiten und es sei Unsinn, daß der Vorsitzende keinen Einfluß auf den Verwaltungsleiter haben soll (das hatte aber niemand behauptet).

Herr Nothnagel beschwerte sich noch, daß Herr Hey wegen des Heizungsofens für das Gemeindehaus mit dem Bürgermeister verhandelt hatte. Erst war er beauftragt worden, sich um die Baudinge zu kümmern. Jetzt sollte mit dem Bürgermeister auf gleicher Ebene verhandelt werden. Aber dann hätte eben der Pfarrer mitgehen müssen und nicht Herr Nothnagel allein verhandeln können.

Herr Hey fragte noch einmal, an wen er sich wenden solle bei bestimmten Problemen. Da hieß es: „An die entsprechenden Ausschüsse des Kirchenvorstandes!“ Nun kann er sich aussuchen, an wen er sich wenden soll: an den Pfarrer, an den Vorsitzenden oder an die Ausschüsse?

Nachdem Herr Hey verabschiedet worden war, sagte der Dekan noch: ,,Dienstbesprechungen sind eine Klima-Angelegenheit!“ Doch in letzter Zeit ist durch sie nur das Klima verschlechtert worden. Und das lag ausnahmsweise nicht an Pfarrer Heckert, denn der war bei den Dienstbesprechungen nicht dabei. Aber in der Regel wurde jede Besprechung nach dem Verlesen der Losung mit einer Spitze von Herrn Nothnagel eröffnet. Die Belastung der Dienstbesprechungen war Herr Nothnagel.

Dann regte sich der Dekan über einen Brief von Herrn Hey wegen der Konfirmandenrüsten auf: „Ich habe hier noch einen Schrieb von Herrn Hey. Eine solche Tonart erlauben sich nur wenige, das erlaubt sich nur der Pfarrer Heckert, sonst keiner. Schreiben Sie es nur mit, Herr Heckert!“ Ein Brief sei an den Dekan zu richten und nicht an das Dekanat, mit Anrede und Gruß. Ich wußte von dem Brief nichts, hatte ihn aber angeblich ,,inspiriert“. Wo ich das denn gelernt hätte, daß man in einem Brief keine persönliche Anrede verwendet, wo ich doch immer solchen Wert auf meine Ausbildung legte.

Ich brauchte nur auf den Brief von Oberkirchenrat Kirchner über die Sondervergütungen zu verweisen, der an das Dekanat gerichtet war, ohne Anrede und Gruß, und der mir ohne Anschreiben des Dekans weitergegeben worden war.

Der Dekan zeigte dann einen Briefumschlag herum, den ich ihm mit einem Brief in Schmalkalden ins Postfach gelegt hatte (bei einem Postfach erübrigte sich meiner Ansicht nach die Anschrift auf dem Umschlag). Auf den Umschlag hatte er ein großes Fragezeichen gemacht; aber die Kirchenvorsteher dachten, dieses sei von mir.

Dann kam erst von Herrn Nothnagel der Hammer dieser Sitzung: „Zwei Gremien versuchen, die Kirchengemeinde zu vertreten: das eine ist der Kirchen vorstand, das andere der Verwaltungsleiter in Verbindung mit Pfarrer Heckert. Ich frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der frühere Hausmeister und die frühere Küchenleiterin geblieben wären. Da haben Kündigungen stattgefunden, die mir jetzt leid tun. Auch der Pfarrer Peters beschwert sich, daß die Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsleiter und Pfarrer Heckert nicht klappt. Pfarrer Heckert stärkt dem Verwaltungsleiter den Rücken gegen mich. Es kann aber nicht sein, daß der Kirchenvorstand kaltgestellt wird und der Verwaltungsleiter und ein Pfarrer alles managen!“

Aber eher ist es so, daß  e r  allein den Kirchenvorstand und die Kirchengemeinde repräsentieren will. An dem Beispiel „Weihnachtsbeihilfe“ war doch gerade erläutert worden, daß keiner übergangen wurde. Es ist schon so, daß Herr Hey mich oft um Rat gefragt hat, weil er von Herrn Peters keine Auskunft erhielt. Wir haben auch oft diskutiert und überlegt, was das Beste ist. Aber ich habe ihn auch immer wieder darauf hingewiesen, daß er dennoch mit Herrn Peters sprechen muß. Mein Fehler war nur, daß ich ihn nicht auch noch an Herrn Nothnagel verwiesen habe.

Aber es ging noch weiter mit Herrn Nothnagel. Zu mir gewandt sagte er: „Es ist Ihnen doch angeraten worden, die Pfarrstelle aufzugeben. Es ist schwer, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Mitglieder des Kirchenvorstandes äußern laut Gedanken über einen Pfarrstellenwechsel. Ich würde Sie bitten - wenn Sie die Möglichkeit sehen - die Pfarrstelle zu wechseln. Ich sehe zuerst die Kirchengemeinde und dann den Pfarrer. Drei Mitglieder sind schon wegen Ihnen ausgetreten!“

Das war natürlich Wasser auf die Mühlen von Frau Jäger: ,,Das ist die Bestätigung, daß wir damals richtig gehandelt haben. Ich bin froh, daß es so schnell zur Einsicht kam. Wir wollten ja nicht, daß der Pfarrer Heckert wegkommt, aber er sollte nicht gegen uns sein. Jetzt bin ich beruhigt und entlastet. Aber ihr habt uns ja nicht geglaubt!“

Herr Reumschüssel erinnerte daran, daß es aber doch auch schlimme Sachen gegeben hat. Und Herr Wilhelm aus Altersbach fragte: „Was wollen wir denn tun, wenn wir noch so einen Pfarrer kriegen wie Pfarrer Peters?“ Darauf antwortete Herr Nothnagel: „Alle Probleme sind lösbar!“ Ich sagte dazu: „Dann überlegen Sie sich einmal, woher Sie in vierzehn Tagen eine Wohnung für Pfarrer, Katechetin und Kantor mit Familien kriegen, von den Kinderdiakoninnen gar nicht zu sprechen!“ Auch Frau Fischer aus Altersbach sagte: „Wir können uns nicht beklagen!“

Der Dekan hat bestimmt wieder behauptet, „der ganze Kirchenvorstand“ sei gegen Pfarrer Heckert gewesen. Dabei hatte nur Frau Jäger dem Herrn Nothnagel zugestimmt, während drei Leute dagegen sprachen. Wie die Meinung wirklich war, zeigte sich bei der Abstimmung über den Rhythmus der Dienstbesprechungen. Der Dekan meinte zwar, darüber brauche man gar nicht abzustimmen, die Meinung sei doch klar. Aber als abgestimmt wurde, da wurde die Festlegung auf einen 14tägigen Abstand abgelehnt.

Herrn Heys Brief wurde noch zweimal verlesen, aber vom Kirchenvorstand als ganz normaler Geschäftsbrief beurteilt (Frau Marr: „Ich hätte auch so geschrieben!“). Ich legte dann noch Wert darauf, daß über die Geschäftsführung etwas protokolliert wird. Der Dekan meinte dazu, es sei doch selbstverständlich, daß sie automatisch auf den zweiten Pfarrer am Ort übergeht.

Ich sagte dazu: „In diesem Fall ist es nicht so, weil ich ja wegen erwiesener Unfähigkeit vom Dekanatssynodalvorstand abgesetzt worden  bin!“ Wenn das eine im Protokollbuch steht, muß auch das andere drinstehen. Auch Herr Wilhelm sagte: „Man kann nicht einerseits die Abberufung fordern und andererseits die Geschäftsführung verlangen!“ Ich sagte: „Wenn es so selbstverständlich ist, kann es auch hingeschrieben werden!“

Der Dekan sagte noch: „Wenn Pfarrer Heckert z.B. beurlaubt würde, dann würde eine Regelung von oben erfolgen und z.B. der Vorsitzende als Geschäftsführer eingesetzt. Im Moment aber ist die Sache geregelt!“ Da konnte man schon sehen, was er vorhatte. Aber jedenfalls wurde auf einstimmigen Beschluß protokolliert, daß ich die Geschäftsführung des Pfarramts habe.

Zugeben muß man, daß der Kirchenvorstand der Meinung war, Dienstbesprechungen müßten sein. So kennen sie es ja auch von den Betrieben her. Aber dort werden die Besprechungen vom Betriebsleiter oder Abteilungsleiter einberufen. Der Vorsitzende der Synode in Eisenach hält auch keine Dienstbesprechungen mit den Mitarbeitern des Landeskirchenamtes. Und vor allem geht es nicht, daß der Leiter dabei seine Aggressionen abreagiert.

Zu den Ausführungen von Herrn Nothnagel ist zu sagen: Wenn er den früheren Hausmeister und die frühere Küchenleiterin lobt, dann tut er es wider besseres Wissen. Als ein neuer Hausmeister gesucht wurde, war Herr Nothnagel von Anfang bis Ende in den Vorgang eingebunden. Er wollte gern einen anderen Kandidaten haben (weil er ein ,,Steinbacher“ war). Daß der Kirchenvorstand dann anders entschieden hat, das hat er nicht verwunden und deshalb den gewählten Hausmeister schlecht gemacht.

Der frühere Hausmeister hat sich eines Tages strikt geweigert, die Kirchturmuhr weiter aufzuziehen, während das mit dem neuen anstandslos klappte. Der frühere hat sich geweigert, das Loch für den Kontrollschacht vor dem Gemeindehaus auszuheben, während der neue auf dem Friedhof zwei solcher Löcher samt der dazu gehörenden Gräben gemacht hat. Als der frühere Hausmeister wegen Grippe drei (!) Wochen krank geschrieben wurde, mußte der Heizer des Kinderkurheims als Vertretung geholt werden, während bei der Krankschreibung des neuen Hausmeisters seine Frau sämtliche Arbeiten übernommen hat und sich kein Pfarrer und kein Kirchenvorstand sich um eine Vertretung bemühen mußte.

Es ist unmöglich, das Küchenkollektiv schlecht zu machen. Da ist eine gute Truppe zusammen, die mit wenig Mitteln viel zuwegebringt, so daß die Küche Gaststätten und sogar Interhotelniveau hatte. Schwierigkeiten gab es nur mit Ute König, die meinte, der früheren Küchenleiterin die Stange halten zu müssen; aber auch sie hatte Zeiten, wo sie sich gut einfügte. Es läuft dort alles bestens, wenn man die Leute in Ruhe läßt.

Der Auftrag an Herrn Nothnagel und Herrn Reumschüssel hätte zurückgezogen werden können, die Besprechungen hätten beschränkt werden können auf Wünsche der Angestellten. Sie waren eingeführt worden, weil der frühere Hausmeister und seine Verwandtschaft Schwierigkeiten machten (nicht wegen Pfarrer Heckert). Aber mit den neuen Leuten gibt es so gut wie keine Schwierigkeiten; da sollte man nur eingreifen, wenn es ausdrücklich gewünscht wird. Jetzt aber ist allein Herr Nothnagel das Problem, der von Verwaltungsleiter, Kindergartenleiterin und Küchenleiterin kritisiert werden muß; doch weil sie ihm widersprechen, macht er sie schlecht.

Er möchte gern über alles informiert sein. Das kann sich aber auf Dinge beziehen, die den Kirchenvorstand angehen. Das Meiste an Verwaltung ist aber nicht Sache des Kirchenvorstandes, die Prüfung der Kirchenrechnung ist Sache der Kirchenaufsichtsbehörde. Der Vorsitzende des Kirchenvorstandes kann nicht über jede Kleinigkeit informiert werden, das bläht die Verwaltung nur unnötig auf. Der geschäftsführende Pfarrer sollte entscheiden, welche Schriftstücke er dem Vorsitzenden zur Kenntnis gibt. Umgedreht sollten Wünsche des Vorsitzenden an die Verwaltung über den geschäftsführenden Pfarrer gehen, denn auch er muß über wichtige Dinge in der Gemeinde informiert sein. Es geht nicht, daß der Vorsitzende oder auch einzelne Mitglieder des Kirchenvorstandes den Angestellten der Kirchengemeinde Anweisungen geben.

Neu war die Forderung von Herrn Nothnagel, er werde nur den Vorsitz im Kirchenvorstand wahrnehmen, wenn nicht der Pfarrer Heckert die Geschäftsführung hat. Diese Forderung war unbillig, weil er ja gar keine Erfahrungen in dieser Sache hatte. Schließlich war ich ja erst   vierzehn Tage mit der Wahrnehmung der Geschäftsführung beauftragt und hatte dabei nichts mit ihm zu tun. Er dachte dabei wohl an viele Gespräche, in denen ich ihn beraten und ihm auch widersprochen habe und auf Beschlüsse und kirchliche Regelungen hingewiesen habe. Gegen Kritik war er immer sehr empfindlich und reagierte dann mit unqualifizierten Angriffen.

Es war nicht so, daß der Verwaltungsleiter im Verein mit Pfarrer Heckert die Kirchengemeinde allein vertreten wollte, sondern Herr Nothnagel wollte allein die Gemeinde vertreten, sogar gegenüber staatlichen Stellen. Er verstand sich als ,,der Kirchenvorstand“ und gebrauchte dieses Wort als Titel für den Vorsitzenden (der ,,Herr Kirchenvorstand“, so wie es einen Vereinsvorsteher gibt). Er kann aber genausowenig den Kirchenvorstand übergehen wie die Pfarrer oder der Verwaltungsleiter und z.B. Dinge anordnen, die mit dem Kirchenvorstand nicht abgesprochen sind. Er kann überhaupt nichts allein anordnen, sondern nur in Gemeinschaft mit dem geschäftsführenden Pfarrer.

Die Kirche weiß schon, weshalb sie die Geschäftsführung den ausgebildeten und geschulten Pfarrern überträgt. Auch für die anderen hauptamtlichen Angestellten gibt es Ausbildungen und Fortbildungen. Herr Nothnagel aber hat überhaupt keine Ausbildung in kirchlichen Dingen mitgemacht. Oft wird er aber falsch beraten. Herr Dekan Schreiber billigt grundsätzlich jede Maßnahme von Herrn Nothnagel, auch wenn er sie in seinem eigenen Bereich nicht duldet (z.B. Briefe und Protokollbuch im Privathaus). Auch hier wäre es besser gewesen, wenn man die Steinbacher in Ruhe gelassen hätte. Die Aufsicht durch den Dekan und seine „Maßnahmen“ haben nichts gebessert, sondern nur noch mehr Probleme geschaffen.

Hätte Herr Pfarrer Peters im Jahre 1986 den Vorsitz des Kirchenvorstandes turnusmäßig übernommen, hätte Herr Nothnagel nicht eigenmächtig die Ausgabe von Geld veranlassen können, hätte auch Herr Holland-Cunz seine Äußerung nicht zu tun brauchen, hätte Herr Nothnagel keinen Grund gehabt, die Zusammenarbeit mit Pfarrer Heckert abzulehnen. Daß Herr Peters die Aufgaben gepackt hätte, hatte er längst unter Beweis gestellt. Wenn er die Sitzung leitete, ging es sachlicher zu.

Es gab allerdings Probleme mit ihm, die aber wohl durch die Einnahme von Medikamenten hervorgerufen wurden. Zuerst fiel es im Gottesdienst auf, als er die Abkündigungen immer mehr dehnte und mit allerhand Floskeln spickte, gelegentlich kündigte er auch einmal etwas Falsches ab. Im Gottesdienst las er auf einmal eine Lesepredigt vor einschließlich aller Anführungsstriche. Er hatte oft großartige „wunderschöne“ Ideen, die dann andere ausführen sollten. Er wollte burschikos und witzig sein, machte sich dabei aber nur lächerlich.

Einmal hat er uns in der Baracke hinter der Kirche eingeschlossen, als aber niemand reagierte, die Tür noch einmal aufgerissen und gesagt: „Sie hätten nicht herausgekonnt!“ Den Talar in der Friedhofskirche hat er einfach in den Schuppen gehängt, wo er nicht mehr zugänglich war. Als er in Rotterode den Heiligenmeister verabschiedete, hat er mit einer Rosenschere einen kahlen Kirschzweig von den Zweigen in der Vase abgeschnitten und dem Heiligenmeister überreicht. Bei der Verabschiedung der Steinbacher Heiligenmeister fragte er seinen Heiligenmeister in aller Öffentlichkeit nach dem Namen; die Heiligenmeister kamen sich wie Schuljungen vor.

Oft ließ er sich krankschreiben, wenn ihm die Arbeit zu viel wurde und auch wirklich viel Arbeit war, z.B. vor Festen. Aber andere Dinge konnte er durchaus tun, sogar mit dem Auto herumfahren und in den Westen fahren. Nur seine eigentliche Arbeit konnte er nicht tun. Er ging auch nicht in den Gottesdienst, wenn er krankgeschrieben war, auch nicht anderswo. Es war einmal die Rede davon, daß er nur noch Mütterkreis und Hausbesuche machen könnte. Doch wer sollte dann die andere Arbeit machen, wo er doch weiter in der Dienstwohnung saß und auch ungerührt die Fuhrkosten einstrich?

Der Ärztin und dem Staat war es auch egal, denn das Krankengeld mußte ja die Kirche zahlen. Der Dekan drehte und wendete sich und unternahm nichts, obwohl er nach Kirchengesetz dazu verpflichtet war. Er wollte Vertretung aus dem Dekanat anbieten und machte mir sogar Vorwürfe, ich wollte sie nicht haben (Wenn Leute wegen einer Beerdigung zu mir kommen, kann ich sie nicht nach Schmalkalden schicken). Herr Reumschüssel sagte dazu: „Wir brauchen keine Vertretung, sondern einen voll einsatzfähigen Pfarrer!“ Es war bald klar, daß die Sache auf eine vorzeitige Pensionierung hinauslaufen würde.

Im Oktober und November 1988 arbeitete Herr Peters wieder einmal einige Tage. Aber am Samstag, dem 4.11, gab er um 21 Uhr Herrn Nothnagel die wörtlich abgeschriebene Gottesdienstordnung und einen Artikel aus ,,Glaube und Heimat“, damit er am Sonntag den Gottesdienst halte. Ich erfuhr am Montag um 17 Uhr, daß ich um 18 Uhr die Andacht zur Friedensdekade halten sollte; diese hatte der Kirchenvorstand unbedingt haben wollen, aber nun hing wieder alles an mir, vom Kirchenvorstand kam nur zweimal je einer.

Doch die Gemeindearbeit lief wenigstens. Selbst im Kirchenvorstand hätte es gut weitergehen können, denn es wurde eine Zeit sachlich gearbeitet und viel geschafft. Aber dann fing Herr Nothnagel in den Sitzungen am 7.11. und 4.12. an, Dinge herbeizuzerren, die nicht auf der Tagesordnung standen und nicht vorher mit den Ausschüssen und Angestellten abgesprochen waren.

Stundenlang wurde der Kirchenvorstand damit aufgehalten. Aber am Ende stellte sich heraus, daß keine der Aussagen von Herrn Nothnagel Bestand hatte (Klohäuschen hinter der Kirche, Miriams Unterschrift, u.a.). Es wurde endlos diskutiert und richtiggestellt, anstatt das vorher im Ausschuß abzuklären. Aber Herr Nothnagel hätte mir nicht vorwerfen dürfen, ich schaffe Unruhe, nachdem  e r  unqualifizierte Angriffe gestartet hatte. Man muß da schon unterscheiden, wer eine Sache in die Welt gesetzt hat und wer sie nur wieder aus der Welt schaffen wollte.

 

Der weitere Fortgang der Sache wurde bestimmt durch die Frage der Geschäftsführung. Zunächst schrieb der Verwaltungsleiter einen Brief an den Landeskirchenrat in Eisenach, in dem er um Auskunft bat, wie es sich denn nun mit der Geschäftsführung in der Gemeinde verhält, d.h. wer ihm etwas zu sagen hat und ob auch Herr Nothnagel ihm bestimmte Dinge anordnen kann.

Der Bischof antwortete darauf am 9. Dezember: Wenn der geschäftsführende Pfarrer verhindert ist, wird die Geschäftsführung durch den dienstältesten Pfarrer vorgenommen, bei nur zwei Pfarrern am Ort also durch den anderen Pfarrer. Die Weisung, täglich Brief- und Geschäftsverkehr dem Laienvorsitzenden nach Hause zu bringen, kann nicht eingefordert werden. Es ist nicht zulässig, Brief- und Geschäftsverkehr außerhalb des Pfarramtes zu führen.

Der Bischof mahnt auch zur Einigkeit: Man solle sich zusammensetzen und in Offenheit und brüderlicher Gesinnung beraten, wie die Verwaltung der Kirchengemeinde am einfachsten und für die Beteiligten am menschenfreundlichsten geschehen kann.

Aber es wurde auch hier wieder versäumt, direkt einzugreifen. Die Weichen waren ja schon falsch gestellt worden, als entgegen der Verfassung der Landeskirche ein Laienvorsitzender eingesetzt wurde.

 

Inzwischen hatte Herr Nothnagel wiederum für den 19. Dezember eine Kirchenvorstandssitzung angesetzt, ohne den Termin mit mir abzusprechen. Es war das vierte Mal in diesem Jahr. Da konnte man wirklich nicht mehr sagen, ich hätte nur Dienstgeschäfte vorgeschoben und mich vor einer Sitzung gedrückt. Es ist für jeden Außenstehenden unvorstellbar, daß ein Laienvorsitzender eine Kirchenvorstandssitzung einberuft, ohne sich mit den Pfarrern über den Termin abgestimmt zu haben. Aber in Steinbach-Hallenberg wurde das jetzt zur Regel.

Der Dekan sagte dazu aber wieder, ich müßte mich eben entscheiden, was mir hier wichtiger sei.

Ich hatte den Adventsmütterabend in Vertretung für Pfarrer Peters zu halten. Der Termin war Anfang September in der Dienstbesprechung festgelegt worden. Schwester Irma war krank und fiel auch aus. Meine Frau war mit; aber sie konnte unmöglich das Programm von drei Stunden allein bestreiten, bei so einer Sache muß der Pfarrer einfach dabei sein. Für mich war es deshalb klar, wie zu entscheiden war: Ich konnte die Frauen nicht sitzenlassen, nur weil ein Herr Nothnagel nicht weiß, was sich gehört.

 

In der Pfarrkonferenz am 14. Dezember 1988 wurde dann eine Neuregelung der Vertretung für Pfarrer Peters mitgeteilt. Der Dekan vertrat - obwohl er den Brief des Bischofs an den Verwaltungsleiter kannte - die Meinung: Wenn im Krankheitsfall die Vertretung nicht glatt geht und der Fall unklar ist, regelt der Dekan die Vertretung. Dabei gab es bei der Vertretung in der Gemeindearbeit keine Probleme, weil alles lief wie all die Jahre. Und auch in der Verwaltung war alles durch Kirchengesetz klar.

Dennoch sollte jetzt alles auf mehrere Schultern verteilt werden: Der pensionierte Pfarrer Weiß in Springstille (vorher Pfarrer in Steinbach-Hallenberg) wird für den Bereich von Pfarrer Peters die Vertretung übernehmen, die Geschäftsführung übernimmt Pfarrer Schulte aus Oberschönau. Dann ist Herr Nothnagel bereit, den Vorsitz weiter zu führen.

Den Konfirmandenunterricht für die Oberstadt sollte ich allerdings weitermachen. Ausgerechnet das, was wirklich Arbeit macht und mir den einzigen freien Nachmittag noch wegnahm, sollte mir bleiben. Ich bat den Dekan, wenn schon, dann auch das mir abzunehmen. Er meinte auch, es sei wohl nicht schwer, dafür jemand zu finden, aber bis Ende Januar 1990 hatte sich auf diesem Gebiet nichts getan.

Für die Neuregelung der Vertretung lag kein Grund vor. Niemand hatte sich beschwert, daß eine Arbeit nicht getan worden sei, niemand hatte um Entlastung gebeten. Auch in der Verwaltung lagen keine Versäumnisse vor. Es lag kein unklarer Fall vor, höchstens dem Laienvorsitzenden war nicht klar, welches seine Aufgaben sind bzw. nicht sind. Seine eigentliche Aufgabe, die Durchführung der Beschlüsse des Kirchenvorstandes, erledigte er nicht, aber in die Aufgaben des Pfarramtes und des Verwaltungsleiters mischte er sich ein.

Der Störenfried war allein Herr Nothnagel. Er behauptete, auch Pfarrer Peters komme mit dem Verwaltungsleiter nicht hin, während dieser selber sagte: „Ich bin gerade dabei, ein gutes persönliches Verhältnis zu ihm aufzubauen! Eine harmonische Adventsfeier fand statt. Die Behauptung des Dekans, ich sei nur bedingt bereit gewesen, die Geschäftsführung zu übernehmen, stimmt einfach nicht; ich wollte nur, daß ich ordnungsgemäß beauftragt werde, damit nicht jeder behaupten konnte, ich sei ja nicht der Geschäftsführer!“ Als das entsprechend protokolliert wurde, haben weder der Dekan noch der Vorsitzende einen Einwand erhoben.

 

Erst in der Sitzung des Dekanatssynodalvorstandes am 9. Dezember wurde wieder alles anders dargestellt und anders beschlossen. Man muß das schon genau beachten, daß alles klar war und erst von einigen Leuten außerhalb von Steinbach-Hallenberg etwas herbeigezerrt wurde. Doch dann klappte es mit der Vertretung durch Herrn Weiß nicht. Offenbar hat man die Einzelheiten erst nachträglich mit ihm besprochen. Der Dekan hatte eindeutig gesagt, Herr Weiß würde für den Bereich von Pfarrer Peters die Vertretung übernehmen. Jetzt aber sagte er, er werde nur die Amtshandlungen und einen Teil der Gottesdienste übernehmen. Daraufhin sollte wieder Herr Schulte die Einteilung der Gottesdienste organisieren (ohne sich mit mir abzusprechen tat er das!).

Ich rief den Dekan an und fragte ihn nach der Vertretung für Gemeindekreise, Allianzgebetswoche und Geburtstagsbesuche. Er versprach mir, noch einmal alles schriftlich zu geben (später behauptete er, ich habe die Beauftragung für den Konfirmandenunterricht schriftlich haben wollen). Der Dekan sagte mir, ich solle die Abkündigungen zusammenstellen; am nächsten Tag kam aber Herr Schulte und sagte mir, e r  mache das. Die Verwirrung war total.

Für die Gemeindeglieder und die Angestellten wurde dadurch natürlich alles umständlicher. Es wurde nicht einmal mitgeteilt, wo Herr Weiß zu erreichen ist und ob er Telefon hat. Für die Gemeindeglieder ist es schwer verständlich, wenn sie nach außerhalb gehen sollen, wenn noch ein anderer Pfarrer am Ort ist. Später sollten bei Trauerfeiern in Schmalkalden auch noch die Schmalkalder Pfarrer eingesetzt werden und es wurde vorher erst wer weiß wie lange telefoniert, bis sich einer fand. Deshalb bat ich mit einem Schreiben am 21.12. den Landeskirchenrat, die Vertretung zu regeln.

 

Die Antwort des Landeskirchenamtes gab der Diplomjurist Schurig, der Stellvertreter des juristischen Mitglieds des Landeskirchenrates. Er führte aus: In Verwaltungsdingen (z.B. Führung der Kirchenbücher, Patenbescheinigungen) ist der andere Pfarrer der Vertreter des erkrankten Pfarrers. Die Gemeinde-Dienste (Gottesdienste, Amtshandlungen) teilt der Dekan ein.

Doch dieser hatte bisher immer die Meinung vertreten, das regele sich automatisch, da ja im Dekanat immer zwei Pfarrer aneinander gewiesen sind. Außerdem hatte Herr Nothnagel ja nicht an der Gemeindearbeit Anstoß genommen, sondern an der Verwaltung: Als geschäftsführenden Pfarrer wollte Herr Nothnagel mich nicht haben, das wollte er selber machen.

Was ich in dem Telefongespräch mit dem Dekan ausgeführt hatte, wurde von diesem bald wieder verdreht: Ich hatte mich nicht darüber beschwert, daß ich den Konfirmandenunterricht übernehmen sollte, sondern mir ging es darum, etwas schriftlich in die Hand zu bekommen, wie es denn nun mit der Vertretung werden solle, denn seit der Pfarrkonferenz hatte sich da ja wohl einiges geändert bzw. einige Punkte standen noch offen.

Ich habe nicht die Beschlußfähigkeit des Kirchenvorstandes angezweifelt, denn dieser hatte ja nichts zu beschließen, sondern es wurde nur angeordnet. Ich habe auch nicht von mir aus dem Dekan deutlich machen wollen, daß alles von ihm Angeordnete keine Gültigkeit habe, sondern ich berief mich auf eine Auskunft des Landeskirchenrates.

Meinen guten Willen zeigte ich dadurch, daß ich dennoch mit den Oberstädtern Konfirmandenunterricht machte (nur nicht die beiden ersten Wochen im Januar, weil der Unterricht sowieso ausgefallen wäre, weil Pfarrer Peters da im Westen war). Ich hatte auch schon besprochen, daß ich in den Winterferien mit den Oberstädtern Konfirmandenunterricht machen wollte, um den großen Rückstand aufzuholen.

Es kam dann auch gleich zu einer ganzen Reihe von Pannen, weil Herr Pfarrer Schulte zwar anordnen wollte, aber vorher keine Information einholte. Zwar sollte jeder Pfarrer über Verwaltungsdinge Bescheid wissen. Aber bei einer so komplizierten Gemeinde wie Steinbach-Hallenberg war es üblich, daß ein Pfarrer immer erst einmal einige Jahre da war, ehe ihm die Geschäftsführung übertragen wurde.

Am 23. Dezember war nicht in den Kästen ausgehängt, wann die Gottesdienste über Weihnachten sind. Der Kirchenjunge erhielt keinen Liederzettel. Als an Heiligabend eine Beerdigung angemeldet wurde, war niemand greifbar für die Aushänge, die unbedingt nötig waren, weil über die Feiertage keine Zeitung erschien. Es war nicht bekannt, ob am 1.Weihnachtstag Abendmahl sein sollte.

Zum Glück hatten die Oberstädter Heiligenmeister von mir einen Schlüssel zum Panzerschrank, so daß sie an die Abendmahlsgeräte konnten. Nachher standen diese allerdings über Nacht im Flur des Pfarrhauses, eine Dose blieb in der Kirche, ein goldener Löffel fehlte. Auch die Kollekte von rund 600 Mark stand ungezählt in dem Zimmer des Pfarrhauses, das jedermann zugänglich ist.

Erst am 23. Dezember erhielt ich Nachricht, wann und wo ich an Silvester Gottesdienst zu halten habe; da ich für die Dörfer vorgesehen war, mußte ich eine neue Predigt machen; wer die anderen Gottesdienste halten sollte, stand noch nicht fest, ich erfuhr erst am 30..12., daß es damit tatsächlich klappte. Bei einer Trauerfeier fehlte die Orgel, weil versäumt worden war, sie wieder von der Stadtkirche in die Friedhofskirche zu bringen.

Die Prediger nahmen sich die Freiheit, auch einmal etwas anderes abzukündigen, als es im Abkündigungsbuch stand. Herr Weiß ließ die Konfirmanden entgegen der Sitte der Gemeinde zur Psalmlesung aufstehen. Im Gottesdienst am 8. Januar wurde ein Lied ,,Jesus der Gammler“ zur Gitarre gesungen; aber das hat offenbar nicht so sehr gestört wie der Beitrag von Frau Marr zu Umweltfragen.

Bei der Allianzgebetswoche wurde ich einfach ausgebootet: Sonst machten das die Steinbacher Pfarrer mit dem Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Jetzt waren auf einmal auch Herr Schulte und Herr Weiß einbezogen, obwohl Herr Schulte doch nur die Geschäftsführung und Herr Weiß nur die Amtshandlungen machen sollte. Jetzt sollten auf einmal nur vier Abende gemacht werden und ich wurde für einen Abend vorgesehen, wo ich in Altersbach schon Allianzgebetswoche hatte. Doch darauf wurde nicht Rücksicht genommen, ich war eben nicht dabei. Das hat es bisher in Steinbach nicht gegeben und widerspricht auch dem Wesen der Allianz, wonach alle mitmachen. Aber auch diesmal ging es wohl wieder darum, zu beweisen, daß man auch ohne mich auskomme.

Am Nachmittag des 13.1. hing die Einladung zu einer Vorbesprechung für die Goldene Konfirmation in den Kästen, die zur gleichen Zeit angesetzt war wie die Probe des Posaunenchors in dem einzigen Raum, der zur Verfügung stand, obwohl es mit dieser Besprechung durchaus noch Zeit hatte.

Am 12.1. rief mich Herr Nothnagel im Auftrag von Pfarrer Schulte an, am Montag, dem 16.1., sei um 16.30 Uhr eine Finanzausschußsitzung, in der es um Arbeitsverträge gehen sollte. Am gleichen Tag teilte mir der Verwaltungsleiter im Auftrag der Vorsitzenden des Finanzausschusses mit, am Dienstag sei um 16.30 Uhr eine Sitzung des Finanzausschusses, in der die Kirchenrechnung geprüft werden soll. Ich mußte Herrn Schulte erst deutlich machen, daß nach dem Willen des Dekans der geschäftsführende Pfarrer nicht automatisch Mitglied des Finanzausschusses ist (ich war es durch Wahl).

 

Am Montag, dem 16. Januar 1989, war zunächst eine Dienstbesprechung. Als Herr Nothnagel wiederum verspätet erschien, hatte er als erstes zu kritisieren, daß schon die Küchenkräfte mit dabei waren, er hatte zunächst nur mit den Leitern sprechen wollen. Aber nun war es auch so wieder recht und nach zehn Minuten war alles erledigt. Dann wurde noch mit den Küchenkräften allein gesprochen und alle anstehenden Dinge geklärt.

Im Anschluß daran verlangte Herr Nothnagel vom Verwaltungsleiter Hey den Brief, den er an den Landesbischof geschrieben hatte. Herr Hey wollte ihn vorlesen, aber Herr Nothnagel wollte ihn mitnehmen. Ich wies darauf hin, daß der Brief von Herrn Holland-Cunz mir auch nicht ausgehändigt wurde, so daß ich dazu Stellung nehmen konnte.

Herr Nothnagel vertrat ganz im Gefolge des Dekans den Standpunkt, daß es sich nicht um einen privaten Brief handele, da er ja an die Anschrift des Gemeindehauses gegangen sei. Herr Hey konnte jedoch darauf verweisen, daß der Bischof es nicht für nötig erachtet hatte, dem Dekan eine Ablichtung des Briefes zu schicken und auch seine Antwort nicht über den Dekan gehen ließ.

Herr Nothnagel vertrat schließlich sogar die Meinung, der Dienstweg des Verwaltungsleiters in Steinbach-Hallenberg ginge über den Verwaltungsleiter des Dekanats in Schmalkalden. Das war ja nun ganz falsch, denn Vorgesetzter des Verwaltungsleiters ist allein der geschäftsführende Pfarrer. Und wenn der es für richtig und wichtig hält, informiert er den Kirchenvorstand und dessen Vorsitzenden.

Wir sprachen dann noch über alle anderen anstehenden Probleme, über Ute Königs Wünsche nach Lohnzulage, über die Arbeit von Frau Künzel und den fehlenden Arbeitsvertrag, über den Antrag der Altersbacher, Filialort zu werden, über die Beschwerden Herrn Nothnagels über meine Frau. Insgesamt waren es dreieinhalb Stunden. Das Gespräch war - abgesehen vom Anfang - weitgehend sachlich. Herr Nothnagel sagte eindeutig, er werde nicht zurücktreten, auch wenn ich die Geschäftsführung habe.

Am Abend war noch von 17 bis 19 Uhr Finanzausschußsitzung, in der auch ganz sachlich einige schon lange anstehende Dinge geklärt wurden. An sich sah die Lage nach meiner Meinung nicht so schlecht aus.

Allerdings hatte ich Herrn Nothnagel eine Zusammenstellung der Stellungnahmen des Landeskirchenamtes mitgegeben, die ich auch einigen anderen Kirchenvorstehern gegeben hatte. Diese brachte er noch am Abend zum Dekan. Dieser war besonders erbost über den Satz: „...ist eine Übertragung der Geschäftsführung des Pfarramtes an einen Pfarrer einer anderen Kirchengemeinde durch das Dekanat als rechtsunwirksam, weil nicht verfassungskonform, zu betrachten!“

 

In der Pfarrkonferenz am 18. Januar 1989 erfuhr ich dann nähere Einzelheiten aus der jüngsten Vergangenheit. Weil ich auf die Breitseiten von Herrn Nothnagel in der Kirchenvorstandssitzung am  5. Dezember nicht reagierte, wandte er sich an den Dekanatssynodalvorstand und erklärte dort: Weil Pfarrer Heckert und der Verwaltungsleiter gegen mich arbeiten, will ich nicht mehr den Vorsitz wahrnehmen! Eine halbe Stunde hat er dann Einzelheiten aufgezählt. Sicher waren das all die Dinge, die in der Kirchenvorstandssitzung am 7. November längst widerlegt waren. Aber jetzt war ja niemand im Dekanatssynodalvorstand dabei, der ihm widersprechen konnte.

Bei der Sitzung war Propst Albrecht aus Bad Hersfeld dabei, den der Dekan gern als Berater herangezogen hat. Dieser hatte im Jahre 1988 einmal mit mir gesprochen und mir am 1. November 1988 auch einmal geschrieben. Er war der Einzige, der auch mich einmal hat erzählen lassen. Aber jetzt zeigte sich, daß er zwei Seiten hat, wie das die Pfarrer von ihm sagen. Er sagte zum Dekan: ,,Jetzt sind Sie dran!“ Er war es, der dem Dekan die Idee mit der Neuregelung der Vertretung eingab. Auf ihn hat der Dekan mehr gehört als auf das, was vom Landeskirchenamt kam und die Rechtslage beschrieb.

Wieder behauptete der Dekan, mein Fehlen in der Kirchenvorstandssitzung am 19. Dezember sei mutwillig gewesen. Er bezeichnete mich erneut als Lügner und sagte: „Das stimmt alles nicht. Der Termin für den Mütterabend wurde noch nicht im September festgelegt. Diesen Kreises leitet Pfarrer Heckert ja gar nicht!“ Aber wenn Herr Peters nicht krank gewesen wäre, hätte er den Abend halten müssen und hätte in der Kirchenvorstandssitzung gefehlt, auch ihn hätte man bei der Festlegung des Termins nicht übergehen dürfen.

Am 28. Dezember war der Dekan schon einmal in Eisenach beim Baurat und sprach dabei auch mit Herrn Kirchner, dem juristischen Oberkirchenrat, der aber nur den Brief von Herrn Hey kannte, nicht meine „dreiseitige Beschwerde“ vom 21. Dezember (es war eine zweiseitige Anfrage).

Vor der Sitzung des Dekanatssynodalvorstandes am 13. Januar hätte ich den Dekan angerufen und mitgeteilt, ich sei von Eisenach als geschäftsführender Pfarrer eingesetzt. Gesagte hatte ich: „Ich halte mich an das, was Eisenach sagt!“ Darauf hätte Herr Herbert Johannes vom Dekanatssynodalvorstand gesagt: „Es kann doch nicht sein, daß Eisenach sich über die Organe des Dekanats hinwegsetzt. Das kann nur eine Rechtsauskunft sein!“ In Wirklichkeit war es aber so, daß Organe des Dekanats sich über Eisenach hinwegsetzten.

Angeblich hat der Dekanatssynodalvorstand schon an diesem Freitag beschlossen, geschlossen (!) nach Eisenach zu fahren. Aber am Montag war ,,nur dieser Schurig zu erreichen, der diesen Brief verantworten muß. Es war lediglich eine juristische Auskunft, wie es nach der Verfassung ist; über die Verhältnisse ist ihm ja nichts bekannt!“ Doch sicherlich gilt die Verfassung für alle Verhältnisse in der Kirche, und diese sind von mir durchaus nicht verschwiegen worden.

Am Dienstag hat der Dekan zunächst wieder bei Herrn Schurig angerufen und ihn aufgefordert, mir deutlich zu machen, daß es sich nicht um eine Weisung handele, weil es ja nicht um eine normale Angelegenheit geht. Er ist am Telefon so ,,scharf geworden“, daß Herr Schurig den Hörer auflegte.

Der Dekan ließ sich mit Oberkirchenrat Große verbinden, der an diesem Tag als einziges Mitglied des Landeskirchenrates anwesend war. Der mußte also für ein Gespräch zur Verfügung stehen.

Dekan Schreiber, Pfarrer Hoffmann und Herr Nothnagel fuhren noch am gleichen Tag hin und haben ein ,,klärendes Gespräch“ mit Oberkirchenrat Große geführt. Dieser habe angeblich gesagt: „Die juristische Auskunft ist ohne Kenntnis der Sache erfolgt und hat keinerlei Verbindlichkeit!“

Weiter sagte der Dekan: „Die von mir angeordneten Dinge sind in Gültigkeit. Schulte hat die Geschäftsführung und nicht Heckert. Herr Schurig wird sich vorsehen, solche ungeschützten Dinge zu tun!“ Herr Hoffmann sagte dazu: „Die Rechtsauskunft hebt Maßnahmen des Dekanats nicht auf!“ Herr Schulte verlangte gleich eine ordentliche Übergabe.

Nach der Pause griff Pfarrer Krahmer noch einmal das Thema auf und verlas eine Resolution, durch die die Pfarrkonferenz mich auffordern sollte, die Pfarrstelle zu wechseln. Er wolle auch als erster unterschreiben, auch Pfarrer Hauser wollte unterschreiben. Die anderen aber lehnten ab und sahen es als untaugliches Mittel an. Es war schon das zweite Mal, daß Herr Krahmer so eine Unterschriftensammlung machen wollte (das erste Mal, als er sich von mir wegen des Briefes an den Kreisratsvorsitzenden distanzieren wollte); aber auch diesmal wurde es nichts.

Herr Fischer aus Fambach sagte resignierend zu mir: ,,Der Zug ist abgefahren, jetzt müssen Sie sich bewegen!“  Er wollte damit ausdrücken: so kann es einem gehen, auch wenn man im Recht ist.

Weil ich Donnerstag und Freitag drei Trauerfeiern hatte, konnte ich nicht nach Eisenach fahren, obwohl ich wußte, daß am Montag der Landeskirchenrat sich mit der Sache befassen sollte. Aber Herr Hey fuhr auf gut Glück nach Eisenach, konnte dort aber auch wieder nur mit Herrn Schurig sprechen. Dieser ist ein noch junger Mann, der richtig an der staatlichen Fakultät Jura studiert hat, während Oberkirchenrat Kirchner keine juristische Ausbildung hat. Dies ist offenbar das Problem zwischen beiden gewesen, denn der eine war der Fachmann und der andere wollte ihm beweisen, daß er nichts kann.

Herr Schurig hat während des Gesprächs sich zweimal bei Herrn Kirchner vergewissert und dieser hat gesagt: „Wir können nicht gegen die Verfassung handeln!“ Er meinte, es stelle sich alles anders dar, als es der Dekan dargestellt habe. Schlimmstenfalls würde der Landeskirchenrat sich heraushalten.

Aber eine Absetzung sei nicht möglich, wenn einer 20 Jahre Pfarrer gewesen ist, schon gar nicht wegen so einer Sache. Es gäbe auch in anderen Gemeinden Schwierigkeiten mit den Laien, so hätten sie sich das nicht gedacht mit dem Laienvorsitz. Auch mit dem Dekan hätten sie schon allerhand Schwierigkeiten gehabt.

Herr Hey hat noch ein Schreiben von mir mitgenommen, in dem ich versuchte, auf die Hauptargumente des Dekans einzugehen. Am Schluß schrieb ich: ,,Im Augenblick wird das Betriebsklima nur durch Herrn Nothnagel belastet. Wir haben z.Zt. im Gemeindehaus eine gute Truppe zusammen. Auch im Kirchenvorstand sind es nur Einzelne, die mit ihren Ansichten zum Zug kommen wollen, ohne auf das Ganze zu sehen. Ehe man ein Urteil fällt, sollte man erst einmal die Angestellten und den ganzen Kirchenvorstand hören. Es kann doch nicht angehen, daß bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Pfarrer und Vorsitzendem automatisch dem Pfarrer die Schuld gegeben wird. Da muß man doch erst einmal den Sachverhalt prüfen und dann den in die Schranken weisen, der seine Befugnisse über schritten hat!"

 

Am Montag, dem 23. Januar 1989, war dann wieder Kirchenvorstandssitzung. Der Dekan hatte dazu auch wieder Pfarrer Hoffmann eingeladen, so daß der Dekanatssynodalvorstand zusammen mit Herrn Nothnagel beschlußfähig war, wie der Dekan ausführte (Beschlüsse können aber bekanntlich nur in ordentlicher Sitzung gefaßt werden, zu der alle eingeladen werden).

Zu meinem letzten Brief an den Landeskirchenrat sagte der Dekan scharf: ,,Ich habe überlegt, ob ich den Brief weiterreichen soll, der viele Halbwahrheiten und Unrichtigkeiten enthält. Die Sitzung des Landeskirchenrats wird sich nicht mit der Frage des Vorsitzes in Steinbach-Hallenberg befassen, sondern nur klarstellen, daß sich eine Rechtsauskunft nicht gegen die Organe des Dekanats richtet, zumal schwerwiegende Gründe vorliegen. Es handelt sich nicht um eine Auskunft des Landeskirchenrats, sondern der Rechtsabteilung des Landeskirchenamtes!“

Zu den „Halbwahrheiten“ rechnete der Dekan, daß Arno Nothnagel auch noch andere Gründe für seinen Austritt gehabt habe (ich habe nur den Hauptgrund genannt) oder daß Frau Holland doch einen Brief geschrieben hat (es gab aber drei unterschiedliche Lesarten, an wen er gerichtet worden ist, sie hat ihn auch wieder zurückgezogen; jedenfalls ging er nicht an den Kirchenvorstand, der erfuhr erst jetzt davon).

Nach dem Dekan fuhr gleich Herr Nothnagel fort: „Pfarrer Heckert lügt in dem Brief wie gedruckt. Es gab Pannen und Gerüchte in Rotterode wegen der Konfirmandenprüfung. Es weiß jeder, daß die drei Leute wegen Pfarrer Heckert aus dem Kirchenvorstand ausgetreten sind. Es ist gelogen, daß Arno Nothnagel keinen Auftrag hatte, sich um die Lohndinge zu kümmern. Mit den Prämien für die Angestellten waren wir zwei Jahre im Rückstand; es hätten 10.000 Mark ausgezahlt werden müssen, ich (!) habe nur die Hälfte ausgezahlt. Als ich mit Pfarrer Peters zusammenarbeitete, hat Pfarrer Heckert die Verbindung zu mir reduziert. Die Anschaffung eines Schreibtisches für Frau Heubel war ein Gelegenheitskauf (es war ein überteuerter Ladenhüter der Firma Möbel König). Der Verwaltungsleiter setzt Schriftstücke in Umlauf, die nicht gegengezeichnet sind. Der Kirchenvorstand ist für die Aufsicht zuständig, er darf nicht übergangen werden. Pfarrer Heckert hat übertrieben: Es ist zweckmäßig, daß der Verwaltungsleiter Aufzeichnungen über seine Tätigkeiten macht, aber es stimmt nicht, daß das mit Datum und Uhrzeit verlangt worden wäre. Daß die Dienstbesprechung auf Wunsch der Küchenangestellten auf Montag verlegt worden ist, das ist gelogen, sie ist wegen Pfarrer Schulte auf Montag verlegt worden!“ (Der war gar nicht dabei!).

Inzwischen war es fast 21 Uhr. Herr Manfred Usbeck wandte sich an Herrn Nothnagel: „Ich stehe dir skeptisch gegenüber. Ich denke noch daran, mit welcher Begründung du mich für den Kirchenvorstand geworben hast. Da wurde nur Negatives gesagt. Aber Pfarrer Heckert hat nicht nur Negatives gemacht!“ Frau Fischer und Frau Willing schlossen sich dem an.

Dann wieder der Dekan: ,,Dieser Brief ist völlig unmöglich, nachdem die Pfarrkonferenz zwei Stunden positive Ratschläge gegeben hat. Aber Pfarrer Heckert weiß es ja besser als alle!“

Herr Nothnagel antwortete dann Herrn Usbeck: ,,Ich habe in der Vergangenheit viel für Pfarrer Heckert getan. Bei der Beschwerde Häfner habe ich um Stimmen gebettelt (!). Das war ein Fehler, ich habe meine Strafe gekriegt. Aber ich (!) habe die Dinge zum Wohle der Gemeinde zu entscheiden. Wenn ich feststelle, daß das Verhalten eines Pfarrers sich ungut entwickelt, bin ich gefordert, die Dinge kritisch zu sehen. Ich habe das Wohl der Gemeinde im Auge und nicht persönliche Vorteile (!) eines Pfarrers!“

Dann wurde verlesen, wie Pfarrer Schulte die Zusammenarbeit einschätzt: „Pfarrer Heckert stand mir ablehnend und feindlich gegenüber. Er versuchte, die Arbeit zu behindern, hat Termine verändert oder unmöglich gemacht. Es gab dauernden Streit, wer was macht. Er hat versucht, mir jede Kleinigkeit zuzuschieben. Es sollte bloß der Vorsitzende verächtlich gemacht werden. Und so etwas will ein Pfarrer sein!“ Das war mir gleich klar, daß jetzt noch andere Pfarrer mit hineingezogen werden sollten, um dann auch zu sagen: mit dem kann man nicht!

Ich hatte dann 24 Minuten Zeit, einige Beiträge zu geben, wurde aber ständig von anderen unterbrochen und mußte antworten. Herr Döll wollte dann wissen, wie die Sache steht. Der Dekan sagte: ,,Ich habe Nachricht aus Eisenach, daß eine Auskunft nicht die Organe des Dekanats anweisen kann. Wir werden noch benachrichtigt werden!“

Er war der Meinung, daß erst noch ein Gespräch stattfinden würde, ob ein gedeihliches Zusammenarbeiten noch möglich ist. Ich wandte ein, daß es dafür andere Organe gibt, die im Auftrag des Landeskirchenrates arbeiten. Doch der Dekan sagte: „Das wird heute durchgeführt!“ Sicherlich hatte er dabei im Auge, daß er so allein reden konnte, ohne daß mir Einwendungen möglich waren und ohne einen unabhängigen Vorsitzenden.

Dann formulierte Herr Nothnagel seinen Antrag: ,,Der Kirchenvorstand empfiehlt Pfarrer Heckert, die Pfarrstelle zu wechseln, weil ein gedeihliches Zusammenarbeiten nicht möglich ist!“ Um 22.05 Uhr mußte ich die Sitzung verlassen und wurde um 22.35 Uhr wieder zurückgeholt.

Für die Abstimmung waren schon Zettel vorbereitet gewesen. Sie lautete 14 : 4 für den Antrag bei einer Enthaltung. Wieder einmal hatte der Kirchenvorstand durch Manipulation einiger Leute genau das Gegenteil von dem beschlossen, was er in der vorhergehenden Sitzung fest gelegt hatte.

Wie es zu diesem Umschwung kam, ist mir nicht so recht deutlich. Herr Nothnagel muß sich jedenfalls schon vor der Sitzung seiner Sache sicher gewesen sein. Ich kann mir das nur so erklären, daß er vorher bei allen rumgegangen ist (mit Ausnahme der Altersbacher) und ihnen irgendwelche Versprechungen über einen in Aussicht stehenden Nachfolger gemacht hat, denn es waren ausnahmsweise alle anwesend  (bis auf zwei Altersbacher), und das trotz gleichzeitiger Stadtverordnetenversammlung. Der in Aussicht genommene Nachfolger wird wohl Martin Lieberknecht gewesen sein. An sich hätte man ihn gern auf der Pfarrstelle in der Oberstadt gehabt. Aber weil Herr Peters die Stelle nicht so schnell frei machte, schoß man sich eben auf mich ein. Das paßte gut zu dem staatlichen Wunsch, daß ich in einen anderen Landkreis abgedrängt werden sollte.

Entschieden haben die Sache die Rotteroder, weil sie Pfarrer Peters los haben wollten und einen Nachfolger Lieberknecht begrüßt hätten. Wenn sie weiter zu mir gehalten hätten, dann hätte es zusammen mit den Altersbachern unentschieden gestanden. Dann hätte ich noch gekämpft. So aber war alles entschieden!

Es ging dann noch gegen Herrn Hey, der sich den Anweisungen des Vorsitzenden widersetzt habe und Briefe nicht ausgehändigt habe. Er sollte für 14 Tage von seiner Funktion als Verwaltungsleiter entbunden und Frau Holland-Cunz unterstellt werden. Herr Reumschüssel widersprach, denn Herr Nothnagel sei auch manchmal zu aggressiv. Frau Jäger wußte, daß Frau Holland-Cunz gar nicht da sei. So sollte zunächst ein Gespräch der Kirchenväter mit Herrn Hey geführt werden.

 

Am 1. Februar erhielt ich dann gegen 14 Uhr mit der Post ein Schreiben des Landeskirchenrates, daß ich mit sofortiger Wirkung beurlaubt sei und am 16. Februar zu einem Gespräch mit Oberkirchenrat Höser (dem Stellvertreter des Bischofs) und Oberkirchenrat Kirchner kommen sollte. Danach werde der Landeskirchenrat über eine Verlängerung der Beurlaubung oder andere Maßnahmen befinden. Gleichzeitig wurde festgestellt, daß es sich bei dem Schreiben der Rechtsabteilung weder um einen Beschluß noch um eine Weisung des Landeskirchenrates oder des unterzeichneten zuständigen Dezernenten handelte, sondern um eine Rechtsberatung. Durch die Beurlaubung besteht kein weiterer Handlungsbedarf in dieser Sache.

Das war wieder die vom Dekan schon mehrfach erwähnte Lesart der Sache. Doch was Recht ist, muß doch Recht bleiben. Man kann doch nicht eine Rechtsauskunft geben und nachher sagen: Aber wir können auch anders entscheiden, gegen unsre eigenen Gesetze! Welchen Sinn sollen da noch Gesetze und Rechtsauskünfte haben? Aber der Trick war natürlich: Auf diese Art und Weise brauchte man nun nicht mehr in der Sache zu entscheiden, jetzt mußte natürlich ein auswärtiger Pfarrer die Geschäftsführung machen und die ungesetzlichen Maßnahmen des Dekans mußten nicht zurück genommen werden.

 

Am nächsten Sonntag wurde die Tatsache meiner Beurlaubung im Gottesdienst bekanntgegeben. Der Dekan hielt selber den Gottesdienst, verlor aber kein weiteres Wort über die Gründe. Das gab natürlich den unmöglichsten Gerüchten Nahrung und war sehr belastend für mich und meine Familie.

Der Dekan schob dann noch am nächsten Sonntag eine Erklärung nach, die aber nichts besserte: „Seit Jahren gab es Schwierigkeiten zwischen Pfarrer Heckert und den Mitarbeitern der Kirchengemeinde. Von seiten der Synode und des Dekanats wurden immer wieder Versuche unternommen, die Verhältnisse zu verbessern. Auch meine Maßnahmen vor Weihnachten mit der anderen Einteilung der Vertretung haben nichts  genutzt. In der Sitzung am 23. Januar hat der Kirchenvorstand mit großer Mehrheit beschlossen, Herrn Pfarrer Heckert zu empfehlen, die Pfarrstelle zu wechseln. Dieser Beschluß ist jetzt für den ganzen Kirchenvorstand verbindlich! Unabhängig davon hat der Landeskirchenrat beschlossen, Pfarrer Heckert ab 1. Februar zu beurlauben. Es stimmt nicht, daß der Vorsitzende des Kirchenvorstandes, Herr Nothnagel, die Abberufung (!) Pfarrer Heckerts veranlaßt habe. Die Gemeinde wird aufgefordert, anderslautenden Gerüchten keinen Glauben zu schenken. Wir hoffen, daß nun bald eine Beruhigung eintritt!“

Man hat den Eindruck, daß vor allem Herrn Nothnagel Schützenhilfe gegeben werden sollte, der von der Gemeinde her sehr angegriffen wurde. Sicherlich konnte er die Abberufung nicht veranlassen, so groß ist er nun auch wieder nicht. Aber er hat am 5. Dezember 1988 in der Kirchenvorstandssitzung die Empfehlung ausgesprochen, ich solle die Pfarrstelle wechseln, Er war mit in Eisenach und er hat am 23. Januar den Antrag in der Kirchenvorstandssitzung gestellt. Ohne seine Rücktrittsdrohung für den Fall, daß ich weiter die Geschäftsführung habe, wäre es nicht dazu gekommen.

 

Nachdem ich jahrelang nicht ernsthaft krank gewesen war und in über 20 Jahren nur eine Woche krankgeschrieben war, stellte sich ausgerechnet in dieser Zeit eine schwere Erkrankung ein. Ich hatte eine Entzündung im rechten Oberarm (und teilweise auch im linken), die trotz Spritzen nicht zurückging. Ich saß im Sessel, konnte mich nicht rühren und hatte fürchterliche Schmerzen. Erst als ich den Arzt am Sonntag noch einmal angerufen hatte und er mir Kühlung riet, wurde es besser. Aber das war schon belastend, weil mir klar war, daß ich jetzt meinen Lebensunterhalt mit meiner Hände Arbeit würde bestreiten müssen.

Meine Frau hat mir damals sehr geholfen. Aber auch z.B. der Brief eines Gemeindegliedes aus Rotterode (,,Sie haben in vielen Jahren mich persönlich durch die gute Verkündigung des Wortes unsres Herrn Jesus Christus getröstet und dafür möchte ich gerade jetzt herzlich danken"), der Brief eines jungen Ehepaares aus Steinbach-Hallenberg (,,Wir stehen zu Ihnen und hoffen, daß Sie zu Ihrem Recht kommen. Es bleibt dabei, daß Sie unser Pfarrer sind) und vor allem die Unterschriften-Aktion der Altersbacher, die von Frau Ruth Wilhelm angeregt wurde.

Als Pfarrer Weiß in Altersbach die Abkündigung des Dekans verlaß, stand Frau Christa Häfner auf und wollte wissen, welche Gründe vorliegen; als Pfarrer Weiß meinte, er könne dazu nichts sagen, verlangte sie, daß der Dekan dazu Stellung nimmt. Mehrere Altersbacher sprachen persönlich oder telefonisch beim Dekan vor, aber er redete immer nur um die Sache herum. Der Heiligenmeister Weiß legte sein Amt nieder, seine Frau machte keinen Kindergottesdienst mehr.

Jeder vermutete, daß doch irgendetwas Schwerwiegendes vorliegen müsse, weil man ja in der Tat nur wegen schlimmer Sachen so plötzlich beurlaubt wird. Die Gerüchte reichten von ,,Er hat die Hühner des Nachbarn vergiftet" bis zu „Er hat Geld unterschlagen, ein Gerichtsverfahren ist schon eröffnet“ (Es ging bei den Gerüchten nur noch darum, ob es 50.000 Mark in Ost oder in West seien, wobei man natürlich fragen müßte, wie man an beides kommen könnte).

Die drei Anklagevertreter müssen die Verhältnisse ja in den glühendsten Farben geschildert haben, so als ginge in Steinbach alles drunter und drüber. Dabei wurde die Lage erst von außen geschaffen durch die ständigen Eingriffe des Dekans und weil nicht die nötigen Absprachen getroffen wurden. Die drei Stimmen (Dekan, Hoffmann, Nothnagel) kann man aber nur als eine rechnen, denn alle sind ja miteinander verfilzt.

Was noch dahinterstehen könnte, wurde erst später deutlich. Der Zeitpunkt für die Beurlaubung war gut gewählt. Der Bischof war in Urlaub, mehrere Oberkirchenräte fehlten, es waren wohl nur fünf überhaupt anwesend. Und da hat wohl Oberkirchenrat Kirchner das Wort geführt, denn als wir mit Oberkirchenrat Große sprachen, hörte es sich so an, als habe er nur sachlich Bericht gegeben und sich ansonsten herausgehalten. Ein Oberkirchenrat sagte offen, die Beurlaubung sei zu früh erfolgt. Bischof Leich hat zwar später geleugnet, daß die Stasi-Oberkirchenräte mit ihrer Mehrheit entschieden hätten, der Beschluß sei einstimmig gewesen, aber Berichterstatter und Wortführer waren die Stasileute.

Auch das Gespräch beim Landeskirchenrat am 16. Februar wurde vor allem von Oberkirchenrat Kirchner geführt. Wiederum wurde aber keine rechte Begründung für die Beurlaubung gegeben. Disziplinarmäßig läge ja nichts vor. Jetzt berief man sich auf einmal auf den Kirchenvorstand. Aber man hatte ja ohne diesen entschieden und mußte es ja auch tun.

Im Gegenteil: Der Beschluß des Landeskirchenrates hatte ja noch den Kirchenvorstand beeinflußt. Es war ja noch vor der „Wende“, wo die Leute noch eher geneigt waren, die Hand zu heben, wenn „oben“ etwas beschlossen wurde.

Herr Kirchner wollte gleich wissen, wer von den Angestellten in Eisenach denn geplaudert habe. Jedenfalls hat der Dekan in der Sitzung geschildert, daß er nur mit Mühe jemand in Eisenach erreicht hat, der ihm zumindest sagte: „Der Landeskirchenrat hat gegen Heckert entschieden!“ Vom Landeskirchenrat wurde kritisiert, daß der Dekan im Kirchenvorstand hat abstimmen lassen, dazu sei er nicht berechtigt gewesen, das sei die Sache des Landeskirchenrats. Der Dekan hat später dann wieder geleugnet, daß er die Entscheidung aus Eisenach im Kirchenvorstand bekanntgegeben hätte, um ihn zu beeinflussen, aber es war so.

Schließlich wurde der Brief verlesen, den der Dekan am 26. Januar geschrieben hat. Darin hat er auch behauptet, die ganze Pfarrkonferenz habe mir den gleichen Rat gegeben. Wir mußten sagen, daß gerade zwei Leute sich dafür ausgesprochen hatten, aber 14 dagegen, die anderen äußerten sich nicht. Das rief dann doch Erstaunen hervor. Aber so zuverlässig sind eben die einseitigen Berichte des Dekans.

Das Einzige, was nachher noch blieb, war dann offenbar die dicke „Akte“. Dabei handelt es sich aber nicht um die Personalakte, die in meinem Fall auch schon wieder im Archiv war.

Vielmehr hatte der Dekan offenbar allen Schriftverkehr zwischen mir und dem Dekanat nach Eisenach gegeben, auch ganz normale Anfragen und Berichte, um sagen zu können: Der schreibt immerzu Briefe! Aber immerhin wußte man dadurch von meinem schnellen Weggang von Friemar, von der Sache mit Gießlers, von dem an den Kreisratsvorsitzenden. Angeblich war in den 20 Jahren praktisch in jedem Jahr etwas.

Aus den Akten geht angeblich hervor, daß ich oft zu genau und ehrlich gewesen sei. Man müsse aber auch einmal Kompromisse schließen, um mit den Leuten auszukommen, sagten die Vertreter des Landeskirchenrats. Nun sei die Sache aber einmal verfahren. Da greife man zu dem wertneutralen Mittel der Beurlaubung, um die Gegner erst einmal auseinanderzubringen.

Ich könnte ja noch ein Verfahren beantragen, in dem geprüft wird, ob eine gedeihliche Zusammenarbeit noch möglich ist. Aber dazu würden auch nur der Dekanatssynodalvorstand und der Dekan, vielleicht noch der Kirchenvorstand gehört. Die Angestellten oder Gruppen von Gemeindegliedern wie die Altersbacher spielten keine Rolle, man könne sich nur an die gewählten Vertreter halten. Auf alle Fälle stehe am Ende, daß ich über kurz oder lang aus Steinbach fort müsse. Wozu sollte ich da noch kämpfen?

Die Beurlaubung erfolgt nach § 45 des Pfarrerdienstgesetzes. Dort steht, wann ein Pfarrer zu beurlauben ist. Doch dort steht auch, daß er vorher gehört werden muß und daß innerhalb von drei Wochen entschieden werden muß. Doch diesen mittleren Satz hatte Herr Kirchner nicht zur Kenntnis genommen. Er sagte: „Wir können ja nachsehen, ich habe das Pfarrergesetz hier!“ Es wurde nachgesehen, und es stand so da, wie ich es gesagt hatte. Das ist natürlich tödlich, wenn man einem Oberjuristen einen Fehler nachweist. Dabei ist Herr Kirchner gar kein gelernter Jurist, sondern hat sich nur über das Kreiskirchenamt hochgearbeitet. Jetzt wußte er sich nur so zu helfen, daß er sagte: „Sie bieten hier das gleiche Bild, wie es aus den Akten hervorgeht!“

 

Ergänzung im Juli 2011:

„Glaube und Heimat“ (27/2011) berichtet von dem Konflikt zwischen dem Magdeburger Domprediger Giselher Quast und dem Gemeindekirchenrat über Fragen der Geschäftsführung und der künftigen Ausrichtung der Gemeinde. Im September 2010 sollte für Quast eine zusätzliche Predigerstelle geschaffen werden, die mit der Geschäftsführung verbundene Stele sollte neu ausgeschrieben werden.

Doch im Februar klagte Quast vor dem kirchlichen Verwaltungsgericht dagegen: Die Vereinbarung sei unter zu großem Zeitdruck zustande gekommen, er habe nur 48 Stunden Zeit gehabt und habe nicht Pfarrvertretung und Juristen zu einer Prüfung heranziehen können. Vor allem aber sei das Ergebnis der Visitationskommission verlassen worden. Auch sei das Bewerbungsverfahren zu frühzeitig gestartet worden. Vor allem aber stößt er sich an der öffentlichen „Degradierung“ und dem drohenden Verlust der Dienstwohnung (sechs Jahre vor dem Ruhestand).

Der Personalreferent sagt, nun können nur das bereits eingeleitete Abberufungsverfahren weitergeführt werden. Dazu müssen Gespräche mit dem Gemeindekirchenrat, dem Kreiskirchenrat, dem Propst und Pfarrer Quast geführt werden.

Es gibt also ein eigenes (kirchen-) gerichtliche Abberufungsverfahren. Das gab es sicher zu meiner Zeit auch. Aber man mich nicht über diese Möglichkeit eines Verfahrens vor einem Kirchengericht unterrichtet nur allgemein von der Möglichkeit eines Verfahrens (wie ich annahm vor dem Landeskirchenrat). Man hat aber behauptet, der Landeskirchenrat könne ohne Verfahren einen Pfarrer beurlauben (mit dem Ziel der Zwangsversetzung), denn disziplinarisch liege ja nichts vor. Bei einem Verfahren müssen Gespräche mit allen möglichen Leuten geführt werden. In meinem Fall hat der Landeskirchenrat nicht mit dem Gemeindekirchenrat gesprochen (höchstens mit seinem Vorsitzenden) und mir erst nachträglich,  (aber da auch nicht über die Sache, sondern nur über die Versetzung). Eine öffentliche Degradierung ist natürlich auch erfolgt, noch dazu ohne jegliche Begründung.

Man kann also sagen: Nicht nur die DDR war ein Unrechtsstaat, sondern auch der Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen von 1989 sowie drei Mitglieder des Vorstandes der Kreissynode des Dekanats Schmalkalden.

 

 

Angeblich hatte sich der Landeskirchenrat schon mehrfach mit mir beschäftigt. Als ich aber fragte, weshalb man da nicht längst Rücksprache mit mir genommen habe, da  sagte er: „Das  ist unsre Sache, was wir unternehmen!“ Umso unverständlicher ist, daß man dann innerhalb weniger Tage eine Entscheidung fällte, die nicht mehr rückgängig zu machen war. Ich sagte: „Sie zerstören hier die Existenz einer ganzen Familie. Das hat etwas mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun!“

Sie wollten dann unbedingt, daß wir auf eine andere Pfarrstelle gehen, in Südthüringen, wo auch meine Frau mitarbeiten könnte. Dann könnte ich auch - so meinten sie - in Steinbach-Hallenberg weitermachen, bis alles abgewickelt ist. Das wäre vielleicht noch vorher möglich gewesen, wenn sie erst einmal mit mir gesprochen hätten. Dann hätte alles noch aussehen können wie ein normaler Wechsel.

So aber waren Tatsachen geschaffen, durch die eine Tätigkeit in Steinbach unmöglich wurde, auch nicht übergangsweise. Man hätte vielleicht gerne noch die Arbeitskraft ausgebeutet, um in Ruhe die Nachfolge besorgen können. Aber als Pfarrer auf Abruf hätte ich erst recht nichts zu melden gehabt.

Wir entgegneten auch, daß in einer neuen Stelle wahrscheinlich die Wühlarbeit weitergehen würde, daß uns weiterhin wegen unsrer politischen Einstellung Schwierigkeiten von der Kirche gemacht würden. Die Gegner hatten ja schon die Vermutung geäußert, daß es auch an anderer Stelle nicht gut gehen würde. Auch hätte man sicher bei jeder Bewerbung schon vorgearbeitet. Und es bliebe die Angst: Wenn wieder einmal etwas ist, läßt dich die Kirchenleitung hängen, weil sie größere Ziele verfolgt. So eine Enttäuschung mit der Kirche muß man erst einmal verkraften.

Deutlich war jedenfalls, daß man sich nicht in die Dinge des Dekanats hineinhängen wollte. Als der Anschlußvertrag mit Thüringen geschlossen wurde, hieß es: „Wenn Sie einmal etwas gegen den Dekan haben, müssen Sie doch eine Stelle haben, wo Sie sich beschweren können!“ Aber jetzt weiß jeder, was passiert, wenn er sich beschwert: Gegen die ,,Organe des Dekanats" wird nichts unternommen! Man wollte nichts zur Wiederherstellung normaler Verhältnisse tun (Protokollbuch, Schriftverkehr, Aufsicht über Angestellte), sondern dem Dekan freie Hand lassen.

Als ich dann sagte, daß ich lieber ausscheiden wollte, schien Herr Kirchner befriedigt zu sein. Sie wiesen mich jedoch gleich darauf hin, ich stünde dann ohne alles da, auch der Rentenanspruch ginge mir verloren. Ich wußte damals noch nicht, wie es sich wirklich verhält. Erst Zuhause konnte ich mich informieren.

Schon immer mußte die Kirche in solchen Fällen für die Altersversorgung aufkommen (steht auch im Pfarrerdienstgesetz). Seit dem Vertrag mit der staatlichen Versicherung aus dem Jahre  1979 kommt sogar die staatliche Versicherung dafür auf. Später stellte sich heraus, daß die Kirche sogar für solche Fälle ein vorgedrucktes Formular für die Bescheinigung der Einzahlungen in die Rentenversicherung hat. Man hat mich also glatt angelogen, um mich unter Druck zu setzen.

Am Sonntag rief ich bei Herrn Oberkirchenrat Höser an, daß ich kündigen werde, sobald ich wieder gesund bin. Darüber hätte der Landeskirchenrat an sich am Montag entscheiden müssen und mir mitteilen müssen, was geschieht, denn die Frist von drei Wochen war herum. Doch offenbar haben sie den Bischof beauftragt, noch einmal mit mir zu sprechen und mich vielleicht doch noch umzustimmen.

Der Bischof betonte, daß die Tür jederzeit offen stehe. Sie legten Wert auf meine Weiterarbeit und ich wäre sicherlich an einem anderen Ort ein tüchtiger Pfarrer. Aber er zeigte auch Verständnis für meinen Wunsch, jetzt erst einmal auszusteigen. Insgesamt machte er einen niedergeschlagenen Eindruck. Man hatte den Eindruck, daß er auch Gefangener der Verhältnisse war.

Der Bischof widersprach auch nicht, als wir harte Vorwürfe äußerten, weil man uns nicht gehört hatte, weil der Dekan falsche Angaben über die Pfarrkonferenz gemacht hatte, weil er mein Buch über das Dekanat Schmalkalden unter seinem Namen herausgegeben hatte, über Verstrickungen mit der Staatssicherheit.

Er sagte nicht einmal etwas zu meiner Meinung: „Der Dekan hat die Synode entmündigt, den Dekanatssynodalvorstand gekauft und die Pfarrer hält er mit Drohungen in Schach, sie würden ihre Privilegien verlieren!“ Ich forderte ihn auf, in solchen schwierigen Fällen nicht immer gleich den Pfarrer aus dem Verkehr zu ziehen, sondern es auch einmal so zu versuchen, daß man dem Pfarrer beisteht.

Unmittelbar nach dem Gespräch mit den beiden Oberkirchenräten hatte auch meine Frau gekündigt. Herr Nothnagel hatte zwar geäußert, das könne sie gar nicht. Vielleicht nahm er an, wir wären dem Dekanat noch verpflichtet, weil wir noch 5.000 Mark Schulden aus einem Darlehen hatten.

Der Dekan hatte uns ja anstandslos ohne Vertrag 10.000 Mark gegeben, die Zinsen habe ich aus eigenem Willen gezahlt. Heute ist mir klar, daß er mich damit hat auch kaufen wollen. Nun haben wir alles Geld zusammengekratzt und den Rest noch bezahlt.

Meine Frau schrieb an den Kirchenvorstand, daß er wissen mußte, daß er auch sie vertreibt, wenn er mich vertreibt. Unter einem Pfarrer Schulte wollte sie nicht arbeiten, der zwar von sich der Meinung war, er finde immer den richtigen Ton bei den Leuten, der ihr aber in menschlich verletzender Weise entgegengetreten war. Und Herr Nothnagel hat die Kinderarbeit nur kritisiert und behindert, daß kein gedeihliches Wirken zu erwarten war. Sie schloß mit den Worten: „Ich wünsche dem Kirchenvorstand, daß er in Zukunft nicht nur Gebäude und Stühle hat, sondern auch eine katechetische Kraft und die dazugehörigen 200 Kinder. Die Kinder stellen die Zukunft der Gemeinde dar und sollten ihr Recht auf christliche Unterweisung wahrnehmen können!“ 

Ich schrieb in meiner Bitte um Entlassung aus dem Dienst am 2. März 1989: ,,Die ab 1. Februar ausgesprochene Beurlaubung hat mich und meine Familie sehr betroffen gemacht, da ich bisher der Meinung war, alles für das Wohl der Gemeinde eingesetzt zu haben. Den von Ihnen angebotenen Weg, eine andere Pfarrstelle zu übernehmen, kann ich im Augenblick noch nicht gehen. Ich fühle mich körperlich, geistig und seelisch noch nicht in der Lage, nach dieser Enttäuschung schon wieder eine Gemeinde zu übernehmen. Wenn ich wieder einmal ein Pfarramt übernehme, möchte ich das mit ganzem Einsatz tun!“

 

Ich mußte dann auf die Suche nach einer Arbeitsstelle gehen. Das war auch gar nicht so einfach, weil sie doch Vorbehalte gegenüber einem Pfarrer haben: Er könnte zwei linke Hände haben und er könnte zu sehr in alles hineinblicken. Beim Kombinat Haushaltwaren kam ich dann schließlich an. Ab 20. März arbeitete ich dort.

Das Gehalt für die restlichen Tage des Monats überwies ich zurück ans Dekanat, verdiente ich jetzt doch das Eineinhalbfache bei halb soviel Arbeit. Am 1. April war die Übergabe der Amtsräume und der dienstlichen Unterlagen. Es war ja keine volle Pfarramtsübergabe, weil die Verwaltung immer noch bei Herrn Peters lag und ich für die Gebäude und Finanzen gar nicht verantwortlich war.

Ich hatte schon alles Nötige schriftlich festgehalten: Noch ausstehende Bausachen, Altersbach, kirchlicher Unterricht einschließlich Konfirmandenunterricht, angemeldete Amtshandlungen, pfarramtliche Schriftstücke bei Herrn Nothnagel, nicht erledigte Punkte seit dem Wechsel der Geschäftsführung, usw. Anwesend war auch der „Pfarrer“ Nothnagel, obwohl es sich hier allein um eine Verwaltungssache zwischen dem Übergebenden und dem Übernehmenden handelt.

Beim Thema „Kirchenvorstand“ wies ich darauf hin, daß die Wahl nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden ist: Die Gemeinde wurde nicht aufgefordert, Wahlvorschläge zu machen, sondern allein Herr Nothnagel ist herumgegangen und hat sich Leute ausgesucht. Als einer dabei von sich einen Vorschlag machte, lehnte Herr Nothnagel das ab mit der Bemerkung: „Das ist ein Anhänger von Pfarrer Heckert!“ anstatt darüber zu informieren, wie man richtig einen Wahlvorschlag macht. Erst an Ostern, eine Woche vor der Wahl, wurde die Gemeinde überhaupt über die Wahl informiert.

Mir hatte man vorgeworfen, ich sei zu genau, aber so geht es wohl auch nicht. Der Dekan sagte dazu nur: „In dieser Situation war es allein Sache des Kirchenvorstandes, die Liste aufzustellen!“

Mit Billigung des Dekans nahm sich Herr Nothnagel aus dem Vorrat des Pfarramtes amtliche Briefbogen mit, weil er Briefe im Namen der Kirchengemeinde schreiben wollte. Jeder spätere Pfarrer wird hier Schwierigkeiten bekommen, das wieder zurückzudrehen. Auch Herr Schulte hat in Altersbach zugeben müssen, daß er schon mehrfach gegenüber Herrn Nothnagel hat zurückstecken müssen.

Als wir nach Schluß der Besichtigung auf dem Hof standen, fing der Dekan noch an, meine Frau solle doch ihre Behauptungen in der Gemeinde unterlassen. Ich wollte konkret wissen, worum es sich denn handele, erhielt aber keine Antwort. Da fragte ich umgekehrt: „Wie kann man denn behaupten, im Protokollbuch stünde ein Beschluß über die Zahlung von Sondervergütungen, wenn man das Buch gar nicht gesehen hat. Eine solche Sache sollte einmal gerichtlich geklärt werden!“

Das sagte ich, weil der Dekan meiner Frau damit drohen wollte, vor Gericht zu gehen, zumindest vor ein kirchliches Schiedsgericht (aber damit war er in Eisenach abgeblitzt). Jetzt wußte er sich nur noch so herauszureden: „Es waren sich doch alle darüber einig, es wurde nur später protokolliert, daß Sonderzahlungen erfolgen sollten!“ Aber auch das entspricht nicht den Tatsachen. Ich bemerkte noch, daß man mir in Eisenach in der Sache im wesentlichen Recht gegeben hat.

Ich erzählte von der Rüge an den Dekan, weil er noch eine Abstimmung im Kirchenvorstand durchgeführt hat, nachdem die Sache schon in Eisenach anhängig war. Ich machte ihm den Vorwurf, er habe manipuliert, weil er vorher den Beschluß des Landeskirchenrates mitteilte. Dies leugnete er auf einmal. Auch Herr Nothnagel und Herr Reumschüssel behaupteten, das sei erst in der nächsten Sitzung im Februar gesagt worden. Aber da war ich ja gar nicht mehr dabei, wie hätte ich dann davon wissen können?

Es hat wirklich keinen Sinn, mit einem Kirchenvorstand zusammen arbeiten zu wollen, wenn „gestandene Männer“ sich nach zwei Monaten nicht mehr erinnern können, was gewesen ist. Ich hätte unmöglich noch länger mit diesen Leuten zusammenarbeiten können, da hätte ich mich aufgerieben. - Herr Schulte wußte an dieser Stelle zu bemerken: „Jetzt kann ich mir vorstellen, wie es im Kirchenvorstand zuging: nur Gesetze!“ Ich sagte zu ihm: „Lernen Sie erst einmal Menschlichkeit!“ und ging.

Ab 31. März 1989 wurde ich dann aus dem Dienst der Evang.-Lutherischen Kirche in Thüringen entlassen. In der Entlassungsurkunde steht, daß ich alle Rechte aus der Ordination verliere und meine Ordinationsurkunde zurückgeben müsse. Außerdem verliere ich für mich und meine Angehörigen alle Ansprüche aus dem bisherigen Dienstverhältnis.

Es gab dann aber noch eine Unstimmigkeit, weil mir erst mit Schreiben vom 16. März mitgeteilt wurde, daß meine Beurlaubung ab 22. Februar beendet sei. Da mir kein Bescheid zugegangen war, nahm ich an, die Beurlaubung bestehe weiter. Doch durch meine Krankschreibung und die Gewährung des anteiligen Urlaubs kam die Sache doch noch so hin, daß ich das Ende des Urlaubs nicht überzogen hatte.

Es ergab sich dann noch ein Schriftverkehr zwischen Herrn Hey und dem Landeskirchenrat. Herr Oberkirchenrat Kirchner schrieb am  28. März 1989: „Außerdem hat der Landeskirchenrat ausdrücklich festgestellt, daß Herr Pfarrer Heckert sich jederzeit um eine andere Pfarrstelle im Bereich der Evang-Lutherischen Kirche in Thüringen bewerben kann und seitens des Landeskirchenrates der Wiederaufnahme in den Dienst der Evang.-Lutherischen Kirche in Thüringen nichts entgegen steht!“

Aber der Landeskirchenrat sei von Anfang an davon ausgegangen, daß ein gedeihliches Wirken in Steinbach-Hallenberg nicht mehr gegeben sei, was keinesfalls von vornherein heißt, daß die Schuld hierfür allein oder überwiegend auf der Seite einer Partei liegt. Angeblich spreche das Pfarrerdienstgesetz hier vom „objektiven Verfahren“, hier werde eine Feststellung nach einer Art „Zerrüttungsprinzip“ getroffen.

Doch dieser Ausdruck kommt im Pfarrerdienstgesetz nicht vor. Es wurde ja auch gerade

k e i n  Verfahren durchgeführt, und „objektiv“ war es schon gar nicht. Wenn nur  e i n e r bestraft wird, ist das eine eindeutige Schuldzuweisung. Der Oberkirchenrat meint, es sei eben leichter, daß ein Pfarrer sich eine andere Gemeinde sucht, als daß die Gemeinde komplett ihre Sachen packen muß, um an einen anderen Ort zu gehen.

Doch diese Polemik geht an der Sache vorbei. Bei einem Pfarrer steht die ganze Existenz auf dem Spiel. Die Beurlaubung bedeutete in der Praxis eine fristlose Entlassung, zwar nicht aus dem Beruf, aber aus der einzigen Arbeitsstelle am Ort. Wenn ein anderer Arbeitnehmer Schwierigkeiten mit dem Betrieb hat, kann er in einen anderen gehen. Wenn man ihn rauswerfen will, muß erst ein aufwendiges Verfahren mit Rüge und Verweis durchgeführt werden; und auch dann noch muß der Betrieb bei der Suche nach einer neuen Tätigkeit behilflich sein.

Doch Herr Kirchner meinte, ein Pfarrer müsse in der Konsequenz seines Dienst- und Treueverhältnisses persönliche Interessen zurückstecken und den Kürzeren ziehen. Aber dann sollte man das schon den Theologiestudenten sagen, wenn man ihnen das Versprechen abnimmt, die Ordnung der Kirche zu wahren: Wer das ernst nimmt, die Ordnung der Kirche zu wahren, den kann es am Ende die Stelle kosten. Die Kirche ist eine Größe eigenen Rechts, da ist man noch wie im Mittelalter dem Feudalherren ausgeliefert.

Natürlich kann man nicht eine ganze Gemeinde versetzen. Aber darum ging es auch gar nicht. Es hätten ja nur einige Kirchenvorsteher und der Dekan in ihre Schranken verwiesen werden müssen. Die Gemeinde war ja wohl versorgt und hat an den Schwierigkeiten im Kirchenvorstand keinen Anstoß genommen. Man sagte: „Krach gibt es überall einmal!“ Viele hielten meine Kritik auch einfach für berechtigt und wollten nicht, daß mit ihrem Geld so umgesprungen wird, wie es in Steinbach-Hallenberg und im Dekanat üblich geworden war. Den Kirchenvorsteher hätte es nicht die Existenz gekostet, wenn er hätte zurückstecken müssen oder aus dem Kirchenvorstand ausgeschieden wäre. Auf die in dem Schreiben von Herrn Hey konkret angesprochenen Probleme und Vorwürfe wollte Herr Kirchner nicht eingehen. „Diese Absicht besteht hier nicht, weil sie nach meiner Überzeugung nichts einbringen wird!“

Der Bischof schrieb dann noch einmal in einem Brief vom 6. September an Herrn Hey: „Die Gemeinden im Dekanat Schmalkalden sind unserer Kirche durch einen Vertrag zugeordnet, der ihnen eine große Selbständigkeit in ihren Entscheidungen einräumt. Dies muß der Landeskirchenrat in jedem Fall respektieren. Er respektiert damit auch die Verantwortung, die die gewählten Gremien in der Kirchengemeinde und im Dekanat tragen!“

Das ist wohl nicht ganz richtig gesehen, denn der Vertrag sollte ja gerade verhindern, daß das Dekanat Schmalkalden zu einer eigenen Landeskirche wird. Der Vertrag gibt dem Landeskirchenrat alle Möglichkeiten. Aber er hat sich wohl gescheut, diese zu nutzen, weil er dann Schwierigkeiten mit der kurhessischen Landeskirche fürchtete, von der er z.B. bei den Bürogeräten völlig abhängig war. Wegen der größeren Zusammenhänge muß ein kleiner Pfarrer dann daran glauben.

Wegen dieser Briefe geriet dann auch Herr Hey in die Schußlinie. Genau wie bei mir verlangte man im September auf einmal von ihm, daß er den im Februar geschriebenen Brief herausgibt (wohlgemerkt: erst nach einem halben Jahr verlangte man das). Leider war dem Bischof die Panne passiert, daß er einen seiner Natur nach vertraulichen Brief in Ablichtung an das Dekanat geschickt hat (er hätte wissen müssen, daß das Ärger gibt, sonst wäre der Brief von Herrn Hey ja über den Dekan gegangen). Doch Herr Hey weigerte sich, den persönlichen, wenn auch nicht privaten, Brief herauszugeben. 

Weil er zu einem angesetzten Gespräch nicht erschien (er wurde im Krankenhaus operiert, hatte sich beim geschäftsführenden Pfarrer krank gemeldet), erteilte man ihm einen Verweis. Am letzten Montag im September brachte Herr Nothnagel gleich den zweiten Verweis und die Kündigung mit. Vor dem Arbeitsgericht hätte Herr Hey Recht bekommen.

Aber es ging ja gar nicht mehr um seine Arbeit, sondern um den Ausreiseantrag, den er im Gefolge der Ereignisse im Januar gestellt hatte. Der Dekan und folglich auch Herr Nothnagel wollten aber keine „Antragsteller“ bei der Kirche beschäftigt haben. Pfarrer Schulte aber wußte schon (vom Rat des Kreises oder der Staatssicherheit), daß der Antrag abgelehnt worden sei.

Am Dienstag übergab Herr Hey die Geschäfte. Am Donnerstag meldete er sich mit Familie in der deutschen Botschaft in Prag. Am Sonntag reiste er mit dem ersten Zug aus. Er erhielt sofort eine preisgünstige Wohnung und arbeitete zunächst in seinem erlernten Beruf als Zahntechniker und nachher als Schichtleiter in einem keramischen Werk bei Karlstadt am Main.

 

Das nächste Opfer war Frau Heubel, die auf der Kirchenkasse ausgeholfen hatte. Im Juni 1987 hatte der Kirchenvorstand der befristeten Anstellung einer Halbtagskraft zugestimmt, weil der Verwaltungsleiter bei der Armee war und Frau Holland-Cunz nur mit 70 Stunden im Monat angestellt war (und Frau Heil wieder aufhören wollte). Als aber Frau Heubel für die Stelle präsentiert wurde, war Frau Holland-Cunz dagegen und behauptete, sie schaffe es auch allein.

Im September konnte sich der gesamte Kirchenvorstand nicht mehr erinnern, daß er der Anstellung zugestimmt hatte, erst das Protokollbuch machte die Sache eindeutig. Ich versicherte mehrmals, es handele sich nur um eine befristete Anstellung. Aber man glaubte mir nicht. Erst als Frau Heubel auf der Kirchenkasse offiziell mitteilte, daß sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten, war man es zufrieden.

Herr Nothnagel war übrigens von Anfang an in die Entscheidungsfindung eingebunden und billigte auch die Anstellung einer „Antragstellerin“ (Zitat: Die Kirche dürfe es nicht so machen wie der Staat). Aber je länger je mehr änderte sich die Lage wieder, wollte man Frau Heubel wieder loskriegen.

Das lag auch mit daran, daß Frau Usbeck schon im Hintergrund bereit stand. Sie war öfter auf der Kirchenkasse und machte zunächst nur Kirchenbuchauszüge für andere Leute. Aber Frau Holland-Cunz übertrug ihr - nach dem Vorbild von Frau Jäger - je länger je mehr auch andere Aufgaben und bezahlte sie aus der Kirchenkasse. Sie hat sich nicht nach dieser Arbeit gedrängt, aber sie sollte als Nachfolgerin aufgebaut werden. Zeitweise nahm Frau Usbeck sogar Kirchensteuerunterlagen zur Heimarbeit in ihre Wohnung im Rasenmühlenweg 11 mit, ohne angestellt und verpflichtet zu sein.

Als im Mai 1988 der Verwaltungsleiter wieder von der Armee zurückkam, hätte man über die befristete Anstellung von Frau Heubel entscheiden müssen. Doch das unterblieb, so daß sie stillschweigend weiterbeschäftigt wurde. Erst im Herbst hieß es, sie habe ja überhaupt keinen Arbeitsvertrag und man könne ihr ohne Frist kündigen. Dabei hatte die Kirchengemeinde gegen das Arbeitsgesetz verstoßen, als sie Frau Heubel nicht am ersten Arbeitstag einen Arbeitsvertrag gab. Schließlich hat man ihr doch noch einen Arbeitsvertrag aufgezwungen, nach dem sie auch in der Küche arbeiten sollte. Als sie dann nur noch in der Küche war, hat sie gekündigt. Seit November 1989 wohnt die Familie im Hunsrück.

 

Das nächst Opfer war Kantor Dalberg. Die Stadt wollte ihm die Lehrerwohnung in der Straße der Freundschaft 3 geben; aber dort fehlte ihm das Arbeitszimmer. Dann wurde er auf eine Wohnung im Kantorat, Kirchplatz 20-22, vertröstet, das die Kirchengemeinde getauscht hatte gegen ein Baugrundstück im AWG-Gelände. Herr Dalberg wurde immer mehr unter Druck gesetzt, die Wohnung im Pfarrhaus freizumachen. Inzwischen hatte sich ja ein Pfarrer gemeldet, der das ganze Haus beanspruchte.

Herr Schulte, der nach seiner Meinung ja so gut mit den Leuten umgehen kann, sagte dann eines Tages zu ihm: „Jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht. Wann ziehen Sie nun endlich aus?“ Herr Schulte konnte sich sogar die Bemerkung nicht verkneifen: ,,Wären Sie Pfarrer geworden, dann hätten Sie Wohnung!“ Mehr kann man nicht ins Fettnäpfchen treten, denn bekanntlich hat Herr Dalberg es ja als Theologiestudent versucht, es aber nicht geschafft.

Ganz offen wurde gesagt: Einen Pfarrer brauchen wir wichtiger als einen Kantor!

Offenbar stellte man sich vor, daß Frank Willing ja die Orgel spielen kann. Aber was wird mit den Dörfern und den Amtshandlungen? Die Chöre wird das Ehepaar Holland-Cunz auch noch herunterwirtschaften, so wie das ja schon bei dem Singekreis der Frau Holland-Cunz geschah, der ohne Christenlehre nicht mehr existieren konnte. Wer wird nun Konzerte organisieren, wer Instrumentalunterricht geben? Vielleicht sind ja jetzt die Schuldirektoren Wal­ther und Anschütz wieder zum Orgelspiel bereit! Herr Dalberg jedenfalls wohnt seit Dezember 1989 in Peine bei seinen Eltern. Dort hat er  sofort eine große eigene Wohnung gekriegt. Bald danach wurde er Kantor in Leverkusen.

Im Herbst 1989 wurde auch der Hausmeister des Gemeindehauses zur Armee eingezogen. Die Frage der Wohnung für die Kindergartenmitarbeiterinnen blieb bestehen. Baulich hatte man große Dinge vor: Das Kantoratsgebäude sollte abgerissen und ganz neu gebaut werden, das Pfarrhaus sollte Zentralheizung mit Gasofen erhalten (das angebliche „Schlößchen“ mußte nun auf einmal rekonstruiert werden). Doch erst nach einem halben Jahr wurden erste Arbeiten begonnen.

 

Nach einigem Abstand muß man sich fragen, welches das kleinere Übel war und was der Gemeinde mehr gedient hätte: Hätte man nicht die Meinungsverschiedenheiten im Kirchenvorstand aushalten können und müssen? Hätte man sie nicht durch ein Eingreifen des Landeskirchenrates ausräumen können, indem man die vorliegenden Sachfragen auf Grund der vorliegenden Gesetze klärte? Kann man einen Pfarrer so im Stich lassen, der nur seine Pflicht getan hat? Kann man es verantworten, eine Gemeinde mit fast 5.000 Gemeindegliedern ohne Pfarrer zu lassen? Wie will man vor der Gemeinde die groteske Situation rechtfertigen, daß zwei Pfarrer im Gottesdienst sitzen und ein Kirchenvorsteher liest eine Predigt vor? Wenn zwei Pfarrer sich streiten, müssen beide gehen; warum mußte in diesem Fall nicht auch der Vorsitzende des Kirchenvorstandes gehen?

Bei der Kirchenvorstandswahl erhielt Herr Nothnagel wiederum nicht ausreichend Stimmen Aber er wurde natürlich vom Dekan in den Kirchenvorstand „berufen“, kam auch wieder in Synode und deren Vorstand und ist weiter die führende Kraft in der Kirchengemeinde. Jetzt hat er das, was er wollte: Er kann schalten und walten wie er will, jetzt ist er erst wirklich „der Kirchenvorstand“. Die Gemeinde fragt mit recht: Wozu haben wir da gewählt, wenn es doch so ist wie beim Staat? Das Wahlverfahren stimmte nicht mit den Gesetzen der Landeskirche überein, in die Ausschüsse wurden Gemeindeglieder berufen, bei denen die Voraussetzungen zur Wählbarkeit nicht gegeben waren (Altersgrenze, vorige Periode auf eigenen Wunsch ausgeschieden).

Ein weiteres Beispiel für die bestehende Willkür ist eine Grundstückssache: Im Dezember wurde noch ein Tauschantrag eines Einwohners einstimmig abgelehnt, weil er zehn Jahre keine Kirchensteuer bezahlt hatte, obwohl er seine Kinder ausdrücklich taufen lassen und zur Christenlehre schicken wollte. Im Februar aber wurde einem erneuten Antrag doch stattgegeben. Man wollte das Grundstück aber einem langjährigen Pächter wegnehmen, der kirchlich engagiert ist bis hin zum Gottesdienstbesuch.

Aber der andere hatte seinen Nachbarn, den stellvertretenden Bürgermeister, auf seiner Seite, und dieser war wieder Parteifreund von Erich Nothnagel. Er sollte den schönsten Bauplatz der Kirchengemeinde erhalten, obwohl die Gemeinde noch andere Bauplätze hat. Der Tausch war schon beim Notar beurkundet, wurde aber dann doch wieder rückgängig gemacht. Inzwischen war eine Nachbarin des Kirchengrundstücks im Kirchenvorstand, die CDU wurde eingeschaltet, in der der bisherige Pächter und auch der Nachbar waren. Hier haben der Filz der Steinbacher Gesellschaft und die Beziehungen einmal positiv gewirkt.

Für uns war es schwer, das alles mit ansehen zu müssen. So wie 1989 ist es in 20 Jahren nicht gewesen: Gottesdienste fielen aus, die Leute hatten bei Amtshandlungen umständliche Laufereien, Christenlehre fand zunächst gar nicht statt und nachher nur unzureichend; keine Familiengottesdienste, kein Krippenspiel, kein Erwachsenenunterricht.

Wenn wieder ein Pfarrer kommt, wird er es schwer haben. Es kann natürlich sein, daß der Kirchenvorstand sich still verhält, um zu beweisen, daß es an ihm nicht gelegen hat. Aber eher wird der Pfarrer still sein müssen, damit er nicht auch davongejagt wird. Auch in Steinbach-Hallenberg muß durch die Kirchenleitung geklärt sein, wer das Sagen hat. Es genügt nicht, nur aufzufordern: Ihr müßt euch einigen! Wenn nicht klare Richtlinien bestehen, gibt es noch lange keine Lösung.

 

An dieser Stelle muß auch von der Rolle der Familie Lieberknecht die Rede sein. Beim Landeskirchenrat wurde uns aus einem Brief eines Lieberknechtsohnes berichtet, in dem er seine Sorge um Steinbach-Hallenberg ausdrückt. Als wir später die Personalakte beim Landeskirchenrat einsehen, stellte sich heraus, daß Ullrich Lieberknecht den Brief geschrieben hatte.

Der Brief war schmierig bis eklig, voller religiöser Floskeln, die von großer Sorge um die Gemeinde sprachen, aber in Wirklichkeit nur schlecht machen wollten.

Angeblich habe eine Frau aus Rotterode ihn unter Tränen angefleht, etwas zu unternehmen. Hier kann es sich an sich nur um Frau Döll handeln, die sich sicher wirklich Sorge gemacht hat. Aber ob sie mit dem „etwas unternehmen“ eine Beschwerde beim Landeskirchenrat gemeint hat, die dann auch noch stark ins Gewicht fiel, das ist doch fraglich.

Vielleicht wollte Ullrich Lieberknecht seinem Bruder den Weg bereiten. Jedenfalls hatte Frau Lieberknecht schon lange die Fühler nach Rotterode ausgestreckt. An Weihnachten war der Vater Lieberknecht in Rotterode und Steinbach, da wird schon das Nötige besprochen worden sein.

Die Rotteroder wollten ja schon lange Pfarrer Peters loshaben. Doch als das mit der zögernden Haltung des Dekans zu lange dauerte, hat man es mit dem anderen Pfarrer versucht. Viel leicht bestand sogar der Plan, Pfarrer Peters ins Unterstädter Pfarrhaus zu setzen, damit ein Lieberknecht wieder im Oberstädter Pfarrhaus und in Rotterode war. Das ist nur eine Vermutung, aber eine Möglichkeit, den plötzlichen Umschwung der Rotteroder zu erklären; irgendetwas in dieser Richtung muß man ihnen gesagt haben.

Ich hätte ja eher vermutet, daß die Nachbarpfarrer nach Steinbach drängen. Aber falls sie das vorgehabt haben (vor allem Herr Schulte, aber auch Herr Hoffmann), dann haben sie inzwischen gemerkt, welch heißes Pflaster das ist. Außerdem wußten sie genau, daß sie gegen einen Pfarrer mit dem Namen „Lieberknecht“ keine Chance haben, egal wie dessen Qualitäten sein würden.

Vor allem rechnete man sich dann aus, daß auch die Pfarrfrau mitmachen würde und die Christenlehre ohne zusätzliche Wohnung abgesichert wäre. Deshalb hat wohl auch Frau Marion Lieberknecht etwas Christenlehre übernommen, um die Sache zu überbrücken. Der Dekan war natürlich auch für einen Lieberknecht, weil der aus dem Dekanat stammt und über bestimmte Dinge Bescheid weiß. Dazu paßt auch gut die Aussage von Vater Lieberknecht im Ostergottesdienst: „Gottes Wort wird auch in Zukunft von dieser Kanzel gepredigt werden!“

Doch zunächst einmal machte der Sohn einen Rückzieher, „weil ihm die Nachfolge seines Vaters zu schwer erschien“, wie er sagte, oder weil der Landeskirchenrat keine Genehmigung gegeben hatte oder weil ihm das Dekanat zu klein war und er ja Superintendent werden wollte. Aber entscheidend war dann wohl, daß seine Frau anfing, Karriere in der Politik zu machen. Sie war ja ein aufgehender Stern in der CDU, wurde aber dann durch Ministerpräsident Vogel relativ kaltgestellt.

Ende Juli stellte sich ein Pfarrer Möslein im Gottesdienst vor. Der Dekan war auch da und der Kirchenvorstand  tagte im Anschluß im Haus hinter der Kirche. Herr Möslein war der einzige, der sich auf die Ausschreibung hin gemeldet hatte. Aber er hätte in Steinbach nichts werden können. Schon daß er die Gottesdienstordnung veränderte und den Psalm von einem Platz an der Seite aus las, ließ ihn durchfallen. Der Landeskirchenrat hat dann verschiedene Vikare überreden wollen. Aber sie haben sich strikt geweigert, weil inzwischen im Land bekannt war, welchen Kirchenvorstand es in Steinbach-Hallenberg gibt.

Pfarrer Peters mußte zwar seit dem 1. Oktober wieder arbeiten. Aber er sagte ganz offen, daß er es nur noch solange tut, wie er kann. Das heißt, daß er auf eine Invalidisierung hinarbeiten wird wie schon die ganzen Jahre. Diese hat er schließlich ja auch erreicht. Seine Söhne waren schon in der Bundesrepublik. Er wurde mit allen Ehren verabschiedet und wird im Westen aus Kassel rund 5.000 DM im Monat an Pension erhalten.

Ab September wurde etwas Christenlehre gemacht. Frau Lieberknecht machte nun doch die beiden ersten Klassen weiter, aber die Kinder klagten, sie müßten immer nur basteln und malen. Die Klassen 3 bis 6 hat Pfarrer Weiß übernommen. Doch die Kinder, vor allem die Jungen, sehen die Christenlehre als eine Art Belustigung an und treiben allerhand Unsinn. Dafür gibt es dann hin und wieder auch einmal Ohrfeigen. Nur gut, daß es als ersten Oliver Gießler traf.

Weshalb Herr Weiß sich das alles noch auflädt, ist unverständlich. Vor 25 Jahren ist er aus Steinbach weggegangen, weil man ihn unter Druck gesetzt hatte, weil er nicht mit den Konfirmanden zurechtkam. Jetzt macht er ausgerechnet Christenlehre. Inhaltlich vertritt er seine bekannten Thesen, wonach Adam und Eva wirklich gelebt haben usw. Aber es muß für ihn eine späte Genugtuung sein, daß man ihn für die Christenlehre haben wollte, auch wenn der Unterricht miserabel ist. Der Dekan hat sonst immer negativ von ihm gesprochen, aber jetzt konnte er ihn wieder gut gebrauchen.

Bei Trauerfeiern blieb er wiederholt stecken. Bei der Trauung Peters kam er zweimal aus dem Konzept, als Herr Peters „lauter“ rief und als jemand fotografierte. Eine Steinbacher Familie wollte, daß ich ihr Kind noch heimlich im Haus taufe. So hatte es Herr Weiß ja vor Jahren mit dem Kind der Familie Ewald „aus Gewissensgründen“ gemacht;  jetzt wäre Gelegenheit gewesen, es genauso zu machen, aber das machte ich natürlich nicht.

Aber immerhin konnte man sagen, daß Christenlehre sei. In Altersbach machte Frau Schulte etwas, nachdem die Altersbacher nicht nach Rotterode zur Christenlehre gegangen waren (aber Herr Dalberg hat ja dann dort auch keine mehr gemacht).

 

Für uns wurde immer deutlicher, daß man als ehemaliger Pfarrer nicht privat in Steinbach-Hallenberg leben kann. Immer wieder fragen die Leute neugierig, setzen Gerüchte in die Welt, kontrollieren, wer zu Besuch kommt (z.B. wie oft unsre Söhne kommen und mit wem sie kommen).

Im Kombinat Haushaltwaren, wo ich seit 20. März 1989 arbeitete, war es anders, weil dort auch Hergeser und Viernauer sind. Dort wurde ich von der Leitung und von den Kollegen freundlich aufgenommen und es wurde nicht viel nach der Vergangenheit gefragt. Sicher blieb ich auch dort irgendwie noch ein wenig Pfarrer. Aber ich sah das Leben auf einmal von einer ganz anderen Seite, wie fern der Glaube und die Kirche doch den Menschen sind und daß man sie einerseits verstehen, aber andererseits auch ganz anders anreden muß.

Aber je länger je mehr mußten wir erkennen: Wir sind keine Steinbacher, wir gehören nicht dazu. Solange man Pfarrer ist, wird das etwas verdeckt, um nachher umso deutlicher hervorzutreten. So blieb für uns nichts anderes, als wegzugehen.

Und wir sagten uns: Wenn wir schon das mit vielen Mühen aufgebaute Haus aufgeben müssen, dann gehen wir dorthin, wo wir noch ein Haus haben, um das wir uns kümmern müssen, wo wir aber auch Verwandte und Freunde haben, die nicht verstehen konnten, weshalb wir nicht längst diesen Schritt getan haben.

Am 21. August (nicht früher, wie man auch behauptet hat) stellten wir einen Ausreiseantrag und zogen am 15. November 1989 um.

Inzwischen hatte sich nämlich auch herausgestellt und stellte sich in den nächsten Monaten immer mehr heraus, daß der ganze Vorgang auch noch eine andere Dimension hatte. Die ganzen Schwierigkeiten und das Umschwenken des Dekans hatten ja begonnen, als ich einen Beschwerdebrief an den Kreisratsvorsitzenden geschrieben hatte, weil man unseren Söhnen die Fahrt zur Beerdigung ihrer Oma verwehrt hatte.

Kurz darauf durfte allerdings Ute König zum Geburtstag ihres Onkels fahren, obwohl sie ja auch unverheiratet ist. Wie es dazu kam, verriet sie unbedacht bei der Weihnachtsfeier im Gemeindehaus: „Da hat uns der Erich geholfen!“ Mit „Erich“ war nicht der Staatsratsvorsitzende gemeint - wie ich zunächst annahm - sondern Erich Nothnagel.

Da fiel einem natürlich einiges ein: Zunächst einmal die Ausfälle und unqualifizierten Angriffe von Heini König gegen mich und Herrn Hey und einige andere, weil er nun Erich Nothnagel verpflichtet war. Aber auch dessen Verhalten stand nun in einem anderen Licht: Warum hat er plötzlich im Oktober und November 1988 damit begonnen, in der Kirchenrechnung etwas gegen mich und Herrn Hey zu suchen? Warum kam er auf Briefe zurück, die längst erledigt waren? Warum lobte er auf einmal  den früheren Hausmeister und machte den neuen schlecht?

Bekannt ist, wie er zu seiner ersten Westreise gekommen ist. Zunächst hatte man ihm die Reise abgelehnt, auch die Leiterin des Volkspolizeikreisamtes hatte abgelehnt. Man weiß genau, daß darüber nichts mehr kommt, auch Berlin nichts anderes entscheidet. Nur eine Möglichkeit gab es noch: die Staatssicherheit!

Kontakt dazu erhielt Herr Nothnagel über Alfred Zimmermann, Karl-Marx-Straße 51, der bei der 750-Jahr-Feier an der Spitze der sowjetischen Genossen im Festzug mitmarschierte, der beim Rat des Bezirkes für die Materialwirtschaft zuständig war und Erich Nothnagel die gewinnbringende Maschine besorgt hatte (Alleinhersteller für die DDR, jährlich 25 Millionen Stück), der Vorsitzender der NDPD und Parteifreund war. Erich Nothnagel brüstete sich ja damit, daß seine Partei ihm geholfen habe, während die CDU das nicht täte. Aber es war nicht die (Block-) Partei, sondern die Staatssicherheit, die geholfen hatte. Prompt konnte er dann ja auch innerhalb von zwei Monaten dreimal in den Westen fahren (Wo kamen denn die vielen Tanten auf einmal her?). Man erzählte in Steinbach, er habe seinen Bruder zu Spitzeldiensten werben sollen, der habe ihn aber hochkant hinausgeworfen.

Tatsache ist, daß Herr Nothnagel von der Staatssicherheit angesprochen wurde wegen Mitarbeit. An den Leuten aus dem Dekanatssynodalvorstand hatte man besonderes Interesse (Herr Johannes war ja schon IM). Herr Nothnagel sollte geworben werden von dem Referenten für Kirchenfragen beim Rat des Kreises, Horst Möschter, der ja bekanntlich ein Stasi-Mann war (und außerdem Feuerwehrkollege). Damals hat er abgelehnt.

Aber ob er es auch getan hat, als er etwas von der Stasi wollte, als er unbedingt die Westreise erreichen wollte? Das war natürlich der Punkt, wo die Stasi ansetzen konnte. Herr Nothnagel war kein „Inoffizieller Mitarbeiter“ im klassischen Sinn. Das heißt: Es wurde keine Verpflichtungserklärung unterschrieben, es wurde kein Geld gezahlt! Vor solchen Dingen wären kirchliche Mitarbeiter zurückgeschreckt. Aber man hat ihnen offenbar gesagt, welches Verhalten man von ihnen als Gegenleistung erwartete. Damit waren sie keine „Spitzel“, aber sie betrieben das Geschäft der Stasi. Zumindest war allen deutlich, daß man sich bei staatlichen Stellen und bei der Stasi eine gute Nummer machen konnte, wenn man gegen so eine negativ-feindliche Person wie den Pfarrer Heckert vorging.

Zunächst dachten wir, schon die NDPD hätte solche weitreichenden Verbindungen. Sie wurde ja von Mitgliedern selber als „Mafia von Steinbach“ bezeichnet. Auf dieser Ebene liefen solche Geschäfte wie der Kauf von Klappstühlen und eines Schreibtischs vom Parteifreund Möbel-König. Aber Westreisen waren nur in Verbindung mit der Stasi zu beschaffen. Wenn Alfred Zimmermann aussagte, Erich Nothnagel sei nicht bei der Stasi gewesen, dann besagt das gar nichts, wenn er selber dabei war. Hierhin gehören auch manche dunkle Andeutungen von Einwohnern, die vielleicht mehr wissen („Gegen den kommen Sie nicht an, da steckt mehr dahinter!“).

Daß die Staatssicherheit hinter den ganzen Vorgängen stecken könnte, zeigt auch ein Gespräch mit unserem Sohn Hosea in der Kaserne in Merseburg. Da fragte der Politoffizier: „Ihr Vater ist doch Pfarrer. Ist er es denn noch?“ Hosea sagte: „Sie wissen doch genau Bescheid, was ist!“ Seine Antwort: „Wenn Sie sich nicht ändern, dann geht es Ihnen wie Ihrem Vater!“

Man wagt so etwas gar nicht zu denken.

Aber auch in der Gemeindeversammlung in Altersbach sagte der Dekan Ähnliches gesagt. Unter anderem gab er als Grund für meine Beurlaubung an: „Mit den staatlichen Stellen hat er sich ja auch angelegt!“

 

Von der Rolle des Dekans muß in diesem Zusammenhang die Rede sein. Damals sagte er, mein Brief gefährde die guten Beziehungen zwischen Staat und Kirche im Kreis. Man habe gedroht, kein Baulimit mehr zur Verfügung zu stellen (Limit wurde sowieso nicht bereitgestellt und man wollte es auch nicht tun). Aber in Wirklichkeit meinte er: „Unsre Dienstreisen in den Westen werden gefährdet!“ Er selber war ja mehrmals als ,,Kurprediger“ für Wochen in Österreich.

Vor so einer Reise wurde man ins Staatssekretariat für Kirchenfragen bestellt und dort von Stasi-Leuten geeicht. Dabei ging es nicht nur darum, daß man im Ausland nicht die DDR schlecht macht. Es wurde immer auch versucht, inoffizielle Mitarbeiter zu gewinnen. Ich weiß das, weil unser Sohn Markus aus diesem Grunde eine Dienstreise für den Ökumenischen Jugenddienst nach Italien abgelehnt hat (erst im Mai 1990 konnte er nach Schweden fahren).

Man kann sagen, was man will: Durch diese Dienstreisen hat der Staat die kirchlichen Amtsträger diszipliniert. Auch wenn nicht direkt etwas gesagt wurde, so wollte man sich doch erkenntlich erzeigen. Dann wurde eben ein so mißliebiger Mann wie der Herr Heckert nicht mehr eingeladen, wenn man sich bei Abendessen und Wein im „Pfalzkeller“ mit den Vertretern des Rates des Kreises traf.

Dazu kam noch, daß Herr Schreiber meine wesentliche Mitarbeit an dem Buch über Schmalkalden verschwiegen hatte, das in Kassel herausgekommen ist. Erst hat er mir offiziell vor der Pfarrkonferenz den Auftrag dafür gegeben. Dann hat er selber etwas geschrieben und dabei über weite Strecken meinen Text wörtlich abgeschrieben. Der ganze vierte Teil des Buches entstammte meiner Idee, wurde von mir entworfen und von den Ortspfarrern nur noch einmal durchgesehen und korrigiert. Im dritten Teil hat Herr Schreiber sogar den sachlichen Fehler mit abgeschrieben, den ich gemacht habe, andererseits aber auch Fehler hineingebracht, wo er die Sache nicht verstanden hatte bzw. es besser wissen wollte. Weil ich ihn deswegen zur Rede stellte, versuchte er natürlich auch, mich auf anderem Gebiet unglaubwürdig zu machen. Aus diesem Grunde bohrte er in alten Sachen, zerrte neue herbei und brach einfach unnötige Veränderungen vom Zaun

Außerdem vertrat er auf Pfarrkonferenzen und in der Öffentlichkeit politische Ansichten, die einem die Haare zu Berge stehen ließen und die einfach Geschichtsfälschungen waren (Zitat: „Die Mauer in Berlin haben die Amerikaner gebaut!“). Als ich ihm dabei widersprach, wollte er mir sogar das Wort in der Pfarrkonferenz verbieten. Man mußte den Eindruck haben, daß er noch einem anderen Herrn verpflichtet war als dem Herrn der Kirche. Früher hat er jedenfalls anders geredet.

Nach der „Wende“ wurde Herrn Schreiber bei einer Versammlung in Schmalkalden vorgeworfen, er habe sich doch auch heimlich mit Staatsvertretern (d.h. Stasileuten) getroffen. Es wurden auch Tag und Stunde angegeben. Aber Herr Schreiber redete sich damit heraus, an diesem Tag sei er woanders gewesen. Wenn vielleicht auch der Tag nicht genau gestimmt hat, so liegt hier doch ein unabhängiger Hinweis vor, daß da etwas gewesen ist, daß es da Verbindungen gab.

Im September 1989 gab das Ministerium für Staatssicherheit eine Anweisung heraus, wie die nach rechts abgedriftete Kirche und die CDU wieder mehr auf DDR-Kurs zu bringen sei. Man wollte besonders bei kirchlichen Würdenträgern ansetzen. In einer Liste werden einzelne Superintendenten in Thüringen aufgezählt. Erwähnt ist auch das juristische Mitglied des Landeskirchenrates, eben jener Oberkirchenrat Kirchner, der im gleichen Schreiben auch noch einmal namentlich erwähnt ist. Er war „HIM“, das heißt hauptamtlich inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit mit einem Rang. Erwähnt wird in jenem Schreiben aber auch der „Superintendent“ von Schmalkalden, das heißt Dekan Schreiber.

Außerdem geht aus den Stasi-Unterlagen hervor, daß ein ,,Schreiber“ aus Floh einen Fluchtversuch gemacht hat. Nun gibt es dort zwar noch andere Einwohner mit dem Namen Schreiber. Aber ob die entsprechende Söhne haben, weiß ich nicht. Es könnte aber ein Sohn des Dekans gewesen sein, etwa der Arzt, dessen Frau auch nach zwei Versuchen das Staatsexamen nicht geschafft hatte. Bei den Kommunalwahlen 1989 kandidierte er in Roßdorf für die CDU und wurde als einziger im Bezirk Suhl mit Bild und staatsfreundlichem Text auf der ersten Seite der Zeitung ,,Freies Wort“ vorgestellt.

 

Durch die Zusammenarbeit mit Erich Nothnagel war es dem Dekan gelungen, die Mehrheitsverhältnisse im Dekanatssynodalvorstand umzudrehen. Vorher standen meist die beiden Theologen gegen die drei Laien. Durch das Umschwenken von Herrn Nothnagel waren die Verhältnisse umgekehrt, die beiden Schmalkalder Mitglieder wurden zu manchen Dingen gar nicht mehr herangezogen. Der Dekan rügte, daß wir uns um Thomas Päckert kümmerten, der vielleicht bei der Stasi mit einer Röntgenkanone bestrahlt wurde. Der Dekan billigte nicht den Einsatz für Antragsteller wie die Familie Schimmel. Alles fügt sich heute zu einem Gesamtbild zusammen.

Auch das Zusammenspiel von Pfarrer Hoffmann in Springstille und Pfarrer Schulte in Oberschönau wurde immer offensichtlicher. Beide haben ja auch begehrte Auslandsreisen unternehmen können (nach Finnland und USA). Für die Reise nach den USA war ich von den Pfarrern der Vereinigten Kirche eingeladen worden, weil ich gute Englischkenntnisse hatte. Aber diese Einladung wurde gleich umgepolt auf  Herrn Schulte, weil da die Genehmigung leichter laufen würde. Aber für mich war es ja auch nicht so interessant, einmal in den Westen zu kommen, ich kannte das ja.

Was uns gedroht hätte, geht aus der Stasi-Akte unsres Sohnes Markus hervor. Er sollte für den Brief an „Herrn Honecker“ vom Januar 1987, in dem er sich auch über fehlende Reisemöglichkeiten beschwerte, viereinhalb Jahre Gefängnis erhalten. Doch die Berliner Stasi lehnte diesen Vorschlag der Suhler ab, weil er zu gute Verbindungen zu kirchlichen Stellen hatte (Mitglied der Landessynode) und man keine Märtyrer schaffen wollte. Sein Brief wurde zusammen mit meinem Brief dem Dekan und seinem Stellvertreter (Pfarrer Hoffmann) beim Kreisrat in Schmalkalden vorgelegt. Damit ist deutlich, was auch für mich vorgesehen war: Ich säße heute (1990) noch im Gefängnis.

Im Januar 1990 arbeitete die Stasi ja noch und plante sogar einen Putsch, der von Gera ausgehen sollte. In diesem Monat hatte Markus zusammen mit Roland Jahn, einem früheren Jenaer, für das ZDF eine Fernsehsendung gemacht, durch die herauskam, daß die Stasi noch Zugang zu Waffen hatte. Wegen dieser Sendung erhielt Markus den höchsten „Titel“, den die Stasi zu vergeben hatte: Er wurde zum „Feind Heckert“, der zu paralysieren sei.

Man glaubt ja gar nicht, welche Vorkehrungen die Stasi getroffen hatte und was sie plante. In Steinbach-Hallenberg waren das ehemalige Haus des Skispringers Recknagel am Schwimmbad und das „Werkzeuglager“ bei der Schmiede  des Werkzeugkombinats Stasi-Objekte, aber auch weitere 17 Wohnungen, die zum Teil leer standen, zum Teil bewohnt waren.

Von diesem Gesamtbild her fällt auch ein Licht auf andere Vorgänge: Der Dekan war strikt gegen jede Art von Umweltgruppe, weil die staatlichen Stellen (bzw. die Stasi) ihm deutlich gemacht hatten, daß sie so etwas nicht duldeten. Deshalb war er auch gegen Frau Marr und daß sie etwas in der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg tut. Die Umweltgruppe in Schmal­kalden genügte ihm schon. Für mich dagegen ging es um ein echtes Umwelt-Engage­ment, das ich für die Pflicht eines jeden Christenmenschen hielt, das etwas mit Bewahrung der Schöpfung zu tun hatte.

Das Bedauerliche ist, daß der Einfluß der Staatssicherheit bis weit in die Kirche hineinreichte, auch und gerade in die höchsten Stellen. Das Magazin „Stern“ schrieb am 29. März 1990: „Martin Kirchner gehörte als Eisenacher Oberkirchenrat zu den vier Unterzeichnern des vor der Wende verfaßten ‚Weimarer Briefe’, eines Dokuments, das heute als Markstein der Parteierneuerung bezeichnet wird.“

In Wahrheit, so behaupten Eingeweihte, habe bei der darin enthaltenen Aufforderung, die DDR endlich realistisch und unbeschönigt wahrzunehmen, die Stasi die Hand geführt, mit dem Ziel, Einfluß auf die an der Basis nach rechts abgetriftete CDU zu wahren. Der Bonner Ratschlag, die Vergangenheit ruhen zu lassen, entspringt nicht nur christdemokratischem Gespür für die Stimmung im Volke, sondern auch Erkenntnissen aus Dossiers und Akten. Zum Beispiel über Martin Kirchner, den Generalsekretär der Ost-CDU. Der gehörte als. „HIM“ zur Stasi. Dieser Kirchner hat es schon vorher mit einem Pfarrer aus dem Bezirk Gera ebenso gemacht wie mit mir.

 

In Steinbach-Hallenberg soll sich nach unserem Weggang noch ein (behinderter) Pfarrer für die Oberstädter Pfarrstelle beworben haben, aber davon hat man nichts weiter gehört. Bewerben wollte sich auch der Superintendent Bär in Ebeleben, der noch einmal zehn ruhigere Jahre haben möchte (ob da allerdings Steinbach-Hallenberg das Richtige ist?). Aber man wollte ihn eigentlich nicht: Der Dekan nicht, weil er nicht einen Gleichwertigen im Dekanat haben wollte, der Kirchenvorstand nicht, weil es der Dekan so wollte und weil man natürlich auch lieber einen schwachen Mann haben will. Bär war dann doch kurzzeitig da, wurde aber bald Beauftragter der Kirchen bei der Landesregierung.

Ansonsten fand man Ende Februar 1990 für die kirchliche Arbeit nur das Wort „Chaos“. Der Kirchenjunge erfährt nicht, welche Lieder anzustecken sind. Die Heiligenmeister sollen den ganzen Kirchendienst machen (da wird es bald keinen mehr geben). Auf der Kirchenkasse sind sie auch nicht im Bild, Herr Hey hat das wenigstens mit dem Liederanstecken organisiert. Nachrichten über stattgefundene Taufen erhält der Kirchenjunge gar nicht mehr, stattdessen will man ihn zu Goldenen Hochzeiten schicken.

Christenlehre ist zwar. Aber oft fällt sie aus, ebenso wie der Konfirmandenunterricht  (und das in einer Zeit, wo sich wegen des Niedergangs der Jugendweihe wieder mehr konfirmieren lassen wollen). Jetzt hat man sogar den Konfirmationstermin umgeschmissen, weil Herr Schulte am gleichen Tag Konfirmation bei sich hat (! So etwas ist seit Menschengedenken nicht vorgekommen). Es ging sogar mehrmals hin und her wegen des Termins. Herr Naumann hat mit den Konfirmanden eine Art Rüstzeit in Schmalkalden zusammen mit den Schmalkaldern gemacht. Das hat eher Anklang gefunden. Aber es ist jetzt auch so, daß während der Konfirmandenstunde immer Spiele gemacht werden.

Meist ist Lesegottesdienst, den Herr Nothnagel und Herr Marr (der bekanntlich nicht lesen kann) halten. Die Friedensgebete am Montag machen der altlutherische und der methodistische Pfarrer, auch mal der aus Viernau.

Doch die Unruhe in der Bevölkerung ist mehr wegen der allgemeinen Lage, wegen der Entlassungen und der Frage des Geldumtauschs als wegen der Kirche. Der stellvertretende Bürgermeister ist von der NDPD in die SPD übergetreten. Aber für die CDU findet sich kein Bürgermeisterkandidat. Der erste Bürgermeister hat aufgehört, weil man ihm Vorwürfe gemacht hat, die bis zu Drohbriefen gingen; er macht jetzt Heizer in der Hergeser Schule. Nicht nur die Pfarrer vertreibt man in Steinbach, auch die Bürgermeister.

Auch im Kombinat Haushaltwaren hat es eingeschlagen: Direktor Müller entlassen, Lagerhalter Attila Mangold entlassen, Angelika Trapp und Frau Boitz an der Maschine, insgesamt 140 Entlassungen, die aus dem Westen waren schon da.

 

Ende 1990 hat sich manches geklärt. Jetzt ist deutlich, daß die Stasi große Teile der Kirche unterwandert hatte. In den gedruckten Stasi­quellen steht eindeutig, daß es im Landeskirchenrat in Eisenach und auch auf der Ebene der Visitationsbezirke inoffizielle Mitarbeiter der Stasi gab (Plural!). Stern und Spiegel haben entsprechende Aussagen und Dokumente veröffentlicht, die Fernsehsendung „Panorama“ hat die Aussagen von anderer Seite bestätigt und die Verdächtigten mit Namen genannt und interviewt, z.B. den Oberkirchenrat Christoph Thurm.

Aus den Akten wird sich erheben lassen, wer auf der mittleren und unteren Ebene inoffizieller Mitarbeiter war. Man wird diesen Leuten wohl gesagt haben, daß ihre Akten vernichtet sind. Deshalb leugnen sie auch so standhaft und ungeniert. Aber sie bedenken dabei nicht, daß auch in anderen Akten etwas über sie steht, daß es Zusatzkarteien, Querverweise und einfach Duplikate gibt. Außerdem war es bei kirchlichen Leuten vielfach üblich, daß sie nicht verpflichtet wurden, weil sie davor zurückgeschreckt wären; deshalb genügte auch die mündliche Zusage zur Mitarbeit.

Das Leben genommen hat sich Pfarrer Naumann, der bisher noch nicht verdächtigt worden war. Er hat ja verhindert, daß in Schmalkalden die Stasimitarbeiter von der Bevölkerung gelyncht wurden. Man hielt ihn in der Öffentlichkeit an sich für einen Gegner des Staates. Daß er zu DDR-Zeiten auf Wahlveranstaltungen ge­sprochen hatte und sein Beitrag in der Zeitung erwähnt wurde, konnte man für noch im Rahmen halten.

Doch im Oktober geriet er immer mehr in die Schußlinie, weil jetzt Dokumente in die Öffentlichkeit getragen wurden, die man beim Sturm auf die Stasistelle in Schmalkalden erbeutet hatte und die ihn belasteten. Er leugnete natürlich wie alle, aber offenbar hatte er doch keine reine Weste, denn sonst hätte er sich nicht das Leben zu nehmen brauchen.

Mir wurde dabei deutlich, wie sehr ich in der gleichen Gefahr hätte stehen können. Was hätte man denn gesagt, wenn nicht ein Täter, sondern ein Opfer sich das Leben genommen hätte? Hätte sich dann auch ein Dekan Schreiber hingestellt und sein Bedauern ausgesprochen, wie er das auf der Synode in Hofgeismar getan hat? Hätte man das als ein Zeichen der Unschuld oder ein Eingeständnis der Schuld gewertet. Ich kann nur sagen, daß ich Gott sei Dank nie in dieser Versuchung gestanden habe, weil ich ja ein gutes Gewissen hatte. Aber einfach war es schon nicht.

Einfach ist es auch nicht, daß jetzt einer dem anderen einen Persilschein erteilt, daß sie ungebrochen weiter ihren kirchlichen Dienst tun dürfen oder in Ehren verabschiedet werden, aber mir will man nicht einmal erlauben, einen Gottesdienst zu halten. Bischof Leich hat zwar gesagt, eine Mitarbeit beim Stasi ziehe den Verlust der Ordination nach sich. Aber in der Praxis sieht es so aus, daß nur ich durch meine Kündigung die Rechte aus der Ordination verloren habe bzw. daß sie „ruhen“, wie es richtig heißt.

Leider will die Landeskirche noch alles zudecken, weil man Schaden für die Kirche fürchtet, wenn noch mehr herauskommt. Dabei ist doch wirklich schon genug herausgekommen. Nur die Flucht nach vorn kann noch helfen. Je länger es dauert, desto schlimmer wird es werden. Es kommt alles heraus, davon bin ich überzeugt. Die kirchlichen Mitarbeiter dürften nicht mit dem Verlust ihres Amtes bedroht werden, denn da sagen sie sich: „Wenn ich es jetzt zugebe, verliere ich mein Amt. Wenn es erst später herauskommt, kann mir auch nichts Schlimmeres passieren!“

Jedenfalls könnte die Kirche nur gewinnen, wenn sie ehrlich zu ihrer Vergangenheit stünde. Viele Menschen haben Verständnis dafür, wenn einer schwach wurde oder erpreßt wurde oder Angst hatte. So schnell vergißt man ja nicht, was man selber mitgemacht hat. Bis jetzt ist jedenfalls noch keiner gelyncht worden, der es zugegeben hat, aber er hat eine große Erleichterung erfahren. Die Kirche sollte helfen und anleiten zum Bekenntnis der Schuld und Wege in eine Zukunft weisen.

Nach dem Gesagten ist es klar, daß es auch auf der Ebene der Gemeinde Stasi-Mitarbeiter gab, und zwar unter den Angestellten wie im Kirchenvorstand. Nur stehen diese nicht so im Interesse wie die Prominenten. Und wenn ein Unbeteiligter die Akten liest, kann er sich die Einzelheiten nicht so merken wie einer, der die Verhältnisse kennt. Manchmal ist es auch ein reiner Zufall, wenn ganz nebenbei etwas herauskommt.

Da war jemand beschäftigt mit der Suche nach „Offizieren im besonderen Einsatz“. Er bezeichnete Steinbach-Hallenberg als ,,Stasi-Nest“, denn dort hat es einige gegeben. Bei diesen Forschungen stieß er auch auf den Namen ,,Schwester Christa“. Er wußte nicht, was sie mit der Stasi zu tun hat. Aber ein Steinbacher kann sich schnell einen Reim darauf machen.

Als im Juni die „Tageszeitung“ eine Liste von konspirativen Wohnungen in der ganzen damaligen DDR veröffentlichte, war dabei auch das Evangelische Gemeindehaus in Steinbach-Hallenberg aufgeführt. Ich hielt das damals für eine Verwechslung und sagte: „So etwas hätte ich gemerkt, wo ich jeden Tag dort aus und eingegangen bin!“

Als die Sache in Steinbach bekannt wurde, hat Erich Nothnagel eine „Ehrenerklärung“ der kirchlichen Mitarbeiter und Kirchenvorsteher veranlaßt und in den Bekanntmachungskästen ausgehängt. Darin versichern sie, daß keiner von ihnen ein Stasi-Mitarbeiter gewesen sei. Unterschwellig wird angedeutet, daß vielleicht einer von den Weggegangenen dazugehört haben könnte.

Es wird eine Belohnung von 5.000 DM ausgesetzt für stichhaltige Beweise, worauf die Gemeindeglieder sich wunderten, daß die Kirche kurz nach der Währungsumstellung so viel Geld hat, denn man nahm an, das Geld würde dann von der Kirche und nicht von den Unterzeichnern aufgebracht. Es wurde auch rechtliche Schritte gegen die „TAZ“ angedroht, aber geschehen ist nichts (das sagt an sich schon alles).

Das Bild rundet sich heute folgendermaßen: Schwester Christa wurde nicht nur deshalb von Steinbach abgezogen, weil man sie im Mutterhaus brauchte, sondern sie war auch in der „konspirativen Wohnung Schwesternstation“ im Weg. Deshalb wurde sie im Mutterhaus schlecht gemacht, deshalb hat man sich nicht mit ihr vertragen, deshalb durfte auch niemand anders kommen. Mit anderen Worten: Schwester Christa war das erste Opfer, das die Stasi aus Steinbach vertrieben hat. Damit ist auch deutlich, weshalb Schwester Irma bei den Leuten immer so neugierig war, so daß diese sie gar nicht mehr gern haben wollten.

Jetzt wird auch deutlich, weshalb die Leute im Kindergarten aufgehetzt wurden und immer wieder wegen Kleinigkeiten ungeheure Schwierigkeiten gemacht wurden. Da wird auch deutlich, weshalb der Dekan sich ganz anders verhielt als vorher, Dinge nicht rügte, die er früher nicht durchgehen ließ (z.B. die Beschimpfung als „Lügner“ in der Kirchenvorstandssitzung). Es wird deutlich, weshalb Herr Nothnagel auf einmal nicht mehr das Ziel hatte, den Dekan von den Kirchenvorstandssitzungen fernzuhalten usw.

Es wurde zwar kein „operativer Vorgang“ der Stasi durchgeführt. Aber sie hat die vorhandenen innerkirchlichen Spannungen ausgenutzt und verstärkt. Es wurden nicht bis in die Einzelheiten Anweisungen gegeben. Aber jeder wußte, was die Stasi erwartete. Da gab es kein Entrinnen mehr. Da hätte es mir auch nichts genutzt, wenn ich mich noch mehr zurückgehalten hätte.

Heute muß ich dankbar sein, daß ich instinktiv das Richtige ahnte, daß es nämlich keinen Zweck gehabt hätte, in eine andere Gemeinde in Thüringen zu gehen. Ich muß sogar annehmen, daß unsre Ausreise das Ziel der Stasi war. Beim Rat des Kreises schienen sie nämlich eher erleichtert zu sein, als wir endlich den Antrag stellten. Wahrscheinlich hat man schon 1987 gehofft, als wir als erstes Ehepaar im Kreis gemeinsam im Westen waren, daß wir nicht mehr zurückkommen. Zumindest hat man unseren Kindern schon gesagt: Die kommen nicht wieder! Vielleicht hat uns nur „gerettet“, daß wir vier Tage früher zurückkamen und sie an der Grenze unsre Zählkarte und vielleicht andere Anweisungen nicht zur Hand hatten, sonst hätten sie uns vielleicht schon damals ausgewiesen.

Heute können wir dankbar sein, daß wir beide wieder eine Arbeit gefunden haben, zwar nicht (oder noch nicht) im kirchlichen Raum, aber doch weit besser entlohnt als früher. Wir haben ein Haus, an dem zwar noch viel zu machen ist, aber wir hoffen, das noch schaffen zu können. Wir haben einen Acker, der heute schon 150.000 DM wert ist und im Laufe der nächsten zwei Jahre bis zu zwei Millionen wert werden kann, je nachdem, wie der Bebauungsplan wird. Unsre Tochter hat sich gut eingelebt, wurde sogar Klassensprecherin, wofür sie im Sozialismus und vielleicht auch in Steinbach-Hallenberg nie eine Chance gehabt hätte. Wir können mit Zuversicht der Zukunft entgegensehen. Wir können auch jedem in Steinbach in die Augen sehen, weil wir ehrlich geblieben sind, während die Stasileute dort immer mit der Angst vor Entdeckung leben müssen. Spätestens im Gericht Gottes wird alles offenbar werden.

 

Garantieerklärung

In einem Sonderdruck der „tageszeitung“ Berlin vom Juni 1990 wird das Evangelische Gemeindehaus „Dietrich Bonhoeffer“ in Steinbach-Hallenberg als Sitz einer konspirativen Wohnung der Staatssicherheit genannt.

Wir, der Kirchenvorstand der Evangelischen Kirchengemeinde 5teinbach-Hallenberg, und die Mitarbeiter des Evangelischen Gemeindehauses „Dietrich Bonhoeffer“ möchten uns entschieden dagegen verwahren, mit dieser Veröffentlichung in Zusammenhang gebracht zu werden. Wir erklären hiermit öffentlich, zu keiner Zeit als Informanten der Staatssicherheit gearbeitet zu haben, noch von der Existenz einer konspirativen Wohnung gewußt zu haben. Unser Haus stand zu jeder Zeit kirchlichen Mitarbeitern, Behinderten, Jugendlichen und allen Christen offen, die sich bei uns zur Erholung und Gemeinschaft zusammenfanden und die wir in gutem Glauben beherbergt haben.

Unser Gemeindehaus soll auch weiterhin ein Ort des Zusammenfindens und Vertrauens sein, deshalb wenden wir uns mit Entschiedenheit gegen Gerüchte, die unseren Ruf schädigen.

 

Wir verlangen eine Offenlegung der Informationsquellen der ver­antwortlichen Verfasser dieser Listen und werden uns rechtliche Schritte gegen die ,,tageszeitung" vorbehalten.

Sollte ein Bürger stichhaltige Beweise für eine Stasi-Mitarbeit eines Mitgliedes des Kirchenvorstands oder eines derzeitigen Angestellten des Gemeindehauses erbringen, setzen wir eine

Belohnung von           5.000.00  DM      aus.

 

Mitglieder des Kirchenvorstandes (handschriftliche Unterschriften)

Mitarbeiter des Gemeindehauses (handschriftliche Unterschriften)

 

 

 

Nachwort:

Diese ausgesetzte Belohnung darf man nicht so ernst nehmen, sie wird wahrscheinlich nicht einklagbar sein, weil sie mehr so etwas ist wie eine Spielschuld. Außerdem steht ja vorsichtshalber da  „derzeitigen Angestellten des Gemeindehauses“. Insofern tut es mir auch leid, daß ich die Schwestern verdächtigt habe. In der Stasi-Liste über die konspirativen Wohnungen im Bezirk Suhl ist ja auch ausdrücklich der zweite Stock des Gemeindehauses genannt. Im Jahre 2008 hat sich nun ein Mann gemeldet, dessen Vater und Onkel im zweiten Stock des Gemeindehauses von der Stasi verhört wurden, und zwar vor 1985. Dort war die Hausmeisterwohnung, in der damals die Familie Gießler wohnte. Diese hat also nicht nur die Kirchengemeinde bei der Arbeit geschädigt, sondern auch der Stasi die Tür geöffnet in einer Dienstwohnung.

 

 

 

Nochmalige Zusammenfassung der Vorgänge:

Die Schwierigkeiten in Steinbach-Hallenberg ergaben sich aus einem Generationswechsel unter den kirchlichen Mitarbeitern. Anfangs gab es im Kindergarten drei Erzieherinnen und eine Aushilfskraft und bis zu 100 Kinder. Küche und Reinigung wurden von drei Frauen geleistet. Wenn wenig Arbeit war (keine Rüstzeit), gingen diese heim und schrieben auch nur die geleisteten Stunden auf. Wenn wieder mehr Arbeit war, machten sie anstandslos die erforderlichen Überstunden. Über das Jahr gesehen ergab sich so eine volle Anstellung.

Als diese Kräfte aber aus Altersgründen ausschieden, wurden neue Mitarbeiter angestellt, die nur zu der in der DDR üblichen Leistung bereit waren. Sie wollten jeden Tag ihren Acht-Stunden-Tag haben, mehr Mitarbeiter und mehr Vergütung. Der Hausmeisterdienst wurde jetzt von zwei Arbeitskräften versehen. Im Kindergarten waren bis zu sechs Leute angestellt. Die Kinderzahl wurde auf 90 begrenzt, von denen im Durchschnitt nur zwei Drittel anwesend waren. Dafür wurden dem Kindergarten immer mehr Räume zur Verfügung gestellt, so daß am Schluß kein einziger Raum mehr für die Gemeindearbeit zur Verfügung stand.

Die Kirche wurde als Selbstbedienungsladen angesehen: Verwandte durften kostenlos und in immer größerer Zahl mit essen, die Bananen für die Kinder wurden zur Hälfte unter die Angestellten aufgeteilt usw.

Andererseits waren die kirchlichen Tariflöhne regelmäßig erhöht worden. Mehr Personal verursachte natürlich auch höhere Personalkosten. So war in der Kirchengemeinde die Situation entstanden, daß trotz höherer Kirchensteuereinnahmen der Haushalt gerade noch so ausgeglichen werden konnte. Der Kirchenvorstand hatte beschlossen, daß die mehrere Jahre gezahlten freiwilligen Weihnachtsbeihilfen (13. Monatsgehalt) erst nach einem positiven Abschluß der Jahresrechnung ausgezahlt werden. Nähere Einzelheiten sind auf meiner Webseite („peterheckert.org) unter „Steinbach-Hallenberg“ zu finden.

Das war die Ausgangslage für den Konflikt, der am Ende eskalierte. Auslöser war Herr Erich Nothnagel, der nie direkt in den Kirchenvorstand gewählt wurde und dennoch die Kirchen­gemeinde in der Synode vertrat und sogar im Dekanatssynodalvorstand war. Nach einer Gesetzesänderung in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck war er zum Vorsitzenden des Kirchenvorstandes gewählt worden (vorher war das automatisch der geschäftsführende Pfarrer).

Er war Mitglied der NDPD und immer schon relativ staatsfreundlich, jedenfalls nach außen. In einem Gespräch mit dem Dekanatssynodalvorstand am 25. April 1984 äußerte das Mitglied Erich Nothnagel: „Christlich orientierten Bürgern ist es wichtig, sich in der Gesellschaft zu engagieren und nicht die Rolle eines Außenstehenden zu spielen, so wie ich das Einsatzfahrer der Freiwilligen Feuerwehr tue. Es gibt auch Probleme zwischen Staat und Kirche, die man ausräumen sollte. Auf beiden Seiten gibt es Kräfte, die aus subjektiven Vorfällen wie die Stö­rungen des Gottesdienstes in Fambach ein Problem machen!“ (Veranstaltungen zur Gottes­dienstzeit).  Hier wurde er aber von Johannes unterbrochen: Das Problem sei doch vom Rat des Kreises schnell und unbürokratisch gelöst worden.

 

Wie Herr Nothnagel seine Aufgabe sah:

  • Er berief Kirchenvorstandssitzungen ein ohne Abstimmung von Termin und Inhalt mit den Pfarrern
  • Er nahm Pfarramtsakten mit in seine Werkstatt und machte Vorschriften über die Beantwortung von amtlichen Briefen
  • Er nahm selber Lohnberechnungen vor und behauptet, sie seien richtig, auch wenn sie objektiv falsch waren
  • Er spielte sich als Vorgesetzter der kirchlichen Angestellten auf und gab ihnen Anweisungen ohne Rücksprache mit Pfarrern und dem Kirchenvorstand
  • Er verteilte zweckgebundene Baugelder (trotz eines gegenteiligen Beschlusses des Kirchenvorstandes) nach Sympathie und Antipathie unter die Ange­stellten auf mit dem Argument: Ich habe das Geld besorgt, also kann ich auch damit machen, was ich will.

 

Im Gegensatz zu ihm war ich in kirchlicher Verwaltung ausgebildet und habe mich auch immer in Sachen Verwaltung weitergebildet. Dennoch wollte man mir gerade in Verwaltungsdingen an den Wagen fahren. Ich habe mich immer auf den Standpunkt der staatlichen und kirchlichen Gesetze ge­stellt, weil mir dadurch am ehesten eine Sicherung gegen Willkür gegeben schien. Heute nehme ich an, daß man bewußt meine Genauigkeit in diesen Dingen, meine Unbestechlichkeit und meinen Gerechtigkeitssinn für seine Machenschaften genutzt hat. Man wußte, daß ich bei den Kungeleien und willkürlichen und eigenmächtigen Befehlen nicht mitmachen würde.

Je mehr ich mich zurückhielt und vorsichtig war, desto mehr suchte man in Nichtigkeiten. Hät­te ich aber zu sehr die Augen zugemacht, wäre man mir mit dem Kirchenrecht gekommen und hätte mir Pflichtverletzung vorgeworfen. Das war die Zwickmühle, in der ich mich befand. Vielleicht war es nur im Rahmen üblicher Betrügereien, daß man mich zu falschen Angaben in einem Versicherungsfall verleiten wollte; vielleicht sollte mir aber damit auch ein Bein gestellt werden.

Man muß auch einmal überlegen, wo das Wohl der Gemeinde bleibt: Der eine Pfarrer fiel wegen Krankheit aus. Die Gemeinde wurde trotzdem voll versorgt. Da vertreibt man noch den anderen Pfarrer, dazu innerhalb eines Vierteljahres die Katechetin, den Verwaltungsleiter, den Kantor und den Hausmeister mit Frau. Wenn Herr Nothnagel mir vorgeworfen hat, wegen mir seien drei Mitglieder aus dem Kirchenvorstand ausgeschieden, so muß man ihm vorhalten, daß wegen ihm innerhalb eines Vierteljahres sechs Angestellte der Kirchengemeinde gekündigt haben. Das waren aber keine ehrenamtlichen Mitarbeiter wie die Kirchenvorsteher, sondern hauptamtliche. Herr Nothnagel ist allein dafür verantwortlich, daß nach einem Vierteljahr die Gemeinde ohne alle wichtigen hauptamtlichen Mitarbeiter dastand.

Über Jahre hinaus hat sich dann so gut wie kein Pfarrer für die zwei unbesetzten Pfarrstellen gefunden, vor allem nicht aus Thüringen, weil sich dort herumgesprochen hatte, was vorgefallen war. Die Unterstädter Pfarrstelle konnte nur von Leuten aus dem Westen besetzt werden, die sonst keine andere Stelle fanden.

 

Plötzlich wurde Anstoß genommen an der Osterkerze oder daran, daß angeblich zu einer besonderen Veranstaltung irgendjemand nicht eingeladen worden war. Angeblich hatten die Konfirmanden Bilder von Nackten gemalt, aber es wurde abgelehnt, sich die Bilder tatsächlich anzusehen (auf sexuellem Gebiet versuchte man den Leuten gern am Zeug zu flicken). Ganz klare kirchliche Bestimmungen wurden nicht beachtet: Es war zum Beispiel möglich, daß eine Mitglied in der Kirchenvorstandssitzung offen erklärte, er werde das hier Besprochene in die Öffentlichkeit bringen und der Dekan schritt nicht dagegen ein, wozu er von Amts wegen eindeutig verpflichtet war.

Seit ich den Beschwerdebrief an den Kreisratsvorsitzenden geschrieben hatte, gab es für mich keine Chance mehr. Je mehr ich mich zurücknahm und einlenkte, desto schwerere Geschütze wurden aufgefahren. Der Staatssicherheit hätte es genügt, wenn sie mich zum Schweigen gebracht hätte. Die Kirche aber wollte sicher gehen, daß ich nicht mehr „das gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche im Dekanat“ stören würde. Deshalb hatte man meine Zwangsversetzung zum Ziel, wollte also dem Staat gegenüber den Plan übererfüllen.

 

Ich war es gewohnt, Gesetze und Bestimmungen erst einmal ernst zu nehmen. Im Kirchenvorstand in Steinbach-Hallenberg aber ging man so weit, daß man schließlich sagte: „Gesetze sind nur so etwas wie Vorschläge, an die man sich halten kann, die man aber auch nicht beachten muß!“ Und das in einem diktatorischen Staat wie in der DDR! In der DDR versuchte halt jeder, wenn es nur irgend ging, sich diesen Gesetzen zu entziehen und seine kleinen Freiheiten und Vorteile herauszuschlagen. Man machte sich einen Sport daraus, „den Staat“ zu betrügen.

Und wenn es beim Staat nicht ging, dann wollte man wenigstens bei der Kirche „Freiheit“ haben. Freiheit aber bedeutete, daß man machen konnte, was man wollte. Dabei wurden kirchliche Gesetze nicht beachtet und es wurde so entschieden, daß Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Leuten in der Gemeinde oder auch gegenüber den anderen Gemeinden entstanden.

Damit habe ich mich nie abgefunden, weil ich einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn hatte. Ich trat dafür ein, daß man erst einmal die Gesetze ernst nimmt und sich ehrlich und ernsthaft bemüht, sie einzuhalten. Gesetze stellen die schriftliche Form dessen dar, worüber man sich einig ist, worüber man eigentlich nicht mehr zu verhandeln braucht.

Daß es darüber hinaus immer Dinge gibt, die durch ein Gesetz nicht geregelt werden konnten und die man dann aktuell entscheiden und regeln muß, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich war dagegen, daß man von vornherein sagte: Gesetze gehen mich nichts an, ich mache was ich will. In der Praxis führte das nur zu Willkür und immer neuen Streitigkeiten.

Der frühere Bundeskanzler Kohl äußerte in der Parteispendenaffäre: „Mir sind Menschen wichtiger als Gesetze!“ Nun kann es zwar den Fall geben, daß man -  um die Absicht des Gesetzes zu wahren - auch einmal ausnahmsweise etwas gegen das Gesetz tut (weil ein allgemeines Gesetz nicht alle Sonderfälle regeln kann). Aber diese Ansicht darf nicht am Anfang des Handelns stehen, um eigenmächtiges Handeln zu rechtfertigen.

Ein Politiker - zum Beispiel ein Bürgermeister - soll heute integrieren können. Er muß den Laden zusammenhalten, sonst bricht alles zusammen. Das habe ich nicht gekonnt, jedenfalls nicht um den Preis, daß ich bei allem mitmachte. Ich wollte nicht mitmachen bei den kleinen Betrügereien, bei der Vetternwirtschaft und natürlich auch nicht bei der Staatssicherheit. Ich wollte, daß es ehrlich zugeht, nicht mach meinem Willen, sondern nach den allgemeingültigen Regeln und Gesetzen.

 

Ich war aber auch einfach in der Zwickmühle: Wäre ich nicht gegen die falschen Lohnberechnungen des Laienvorsitzenden eingeschritten, hätte man mir Pflichtverletzung im Amt vorwerfen können und mich haftbar gemacht, wie es ja auch in einem Fall geschehen ist (Da habe ich den Fehler einer Angestellten mit meinem Geld ausgeglichen). Hätte ich bei dem versuchten Subventions- und Ver­sicherungsbetrug mitgemacht, hätte man auch etwas gegen mich in der Hand gehabt. Mein Fehler war, daß ich bei der verbreiteten DDR-Mentalität nicht mit­gemacht habe und der Meinung war, daß es doch wenigstens in der Kirche anders zugehen müßte. Mein Gegensteuern stellte man dann als „Unruheschaffen“ dar.

Weil ich bei solchen Machenschaften nicht mitmachen wollte, bat ich um Entlassung aus dem kirchlichen Dienst. Ich wollte auch nicht in eine andere Gemeinde gehen, weil ich da sicher auch wieder mit staatlichen Stellen angeeckt wäre und die Kirche mich nicht beschützt hätte (Ober­kirchenrat Kirchner: „Wenn es dort mit den staatlichen Stellen nicht besser geht, werden wir Sie entlassen!“).

Daß der damals zu­ständige Landeskirchenrat mich ohne Prüfung der Umstände so hängenließ, bestärkte noch meine Entscheidung. Ich hatte gehofft, daß die Verantwortlichen in sich gehen und sich sagen: Wir müssen die hauptamtlichen Mitarbeiter, die eine Aus­bildung und Zugang zu Erfahrungen haben, nach Kräften unterstützen; wir dürfen ihnen nicht aus Besserwisserei und Rechthaberei noch Knüppel zwischen die Beine werfen. Den letzten Anstoß gab der Kirchenvorstand, der mir noch zwei Monate vorher das volle Vertrauen ausgesprochen hatte und mich nun los haben wollte, koste es, was es wolle.

 

Vor der Kirchenvorstandssitzung im Januar 1989 suchte Herr Nothnagel alle Kirchenvorsteher mit Ausnahme der Altersbacher auf und forderte sie auf, in der Sitzung meine Abberufung zu fordern bzw. mir den Rat zu geben, eine andere Stelle zu suchen. Erst Jahre später (1994) wurde mir mehr oder weniger deutlich bestätigt, was meine Vermutung war: Man meinte schon einen Ersatz für mich zu haben, denn Pfarrer Martin Lieber­knecht wäre nach Steinbach-Hallenberg gekommen. Nur deshalb kam das Abstimmungsergebnis im Kirchenvorstand zustande (und natürlich durch die Manipulation des Dekans). Da es sich mit dem Weggang von Herrn Peters verzögerte, versuchte man es mit der Unterstädter Pfarrstelle, Herrn Lieberknecht eine Möglichkeit zu verschaffen. Als der Kandidat dann absagte, weil er (bzw. seine Frau) größere Aufgaben in Aussicht hatte, stand der ,,Retter“ Nothnagel im Regen. Er allein ist auch dafür verantwortlich, daß nach einem Vierteljahr die Gemeinde ohne alle wichtigen hauptamtlichen Mitarbeiter da stand.

Nach dem Urteil eines langjährigen Pfarrers aus dem Kirchenkreis Schmalkalden (Bunge) gibt es im Kirchenkreis nur eine Gemeinde, die problematisch ist: ,,Das ist Steinbach-Hallen­berg. Und das liegt am Kirchenvorstand und besonders an dessen Laienvorsitzenden. Steinbach-Hallenberg ist in der Landeskirche das negative Beispiel für den Laienvorsitz!“ Soweit dieses Zitat eines Pfarrers, der die Verhält­nisse kennt.

 

Leider ist nicht ausgeschlossen, daß das Verhalten von Herrn Nothnagel einen Hintergrund hat, der mit der Staatssicherheit zu tun hat. Natürlich hat er nichts unterschrieben oder Geld erhalten und sagt deshalb mit dem Brustton der Überzeugung, er sei „nicht dabei gewesen“.

Tatsache ist aber, daß der für den Kirchenkreis Schmalkalden zuständige Führungs­offizier Möschter bei Herrn Nothnagel einen Anwerbungsversuch für die Staatssicherheit gemacht hat („Wir sind doch Feuerwehrkameraden“). Das hat er mir selber gesagt.

Ich glaube ihm auch, daß er diesen Versuch damals zurückgewiesen und auch (relativ) öffentlich gemacht hat. Ich vermute aber stark, daß er in dem Augenblick schwach wurde, in dem er selber etwas wollte, nämlich als ihn das Visum für eine Westreise von der höchsten zivilen Stelle abgelehnt worden war. In diesem Fall gab es nur noch eine Möglichkeit: die Staatssicherheit! Ein stadtbekannter Staatssicherheitsmann hat ihm die Reise dann auch innerhalb von zwei Tagen vermittelt und innerhalb von zwei Monaten noch zwei weitere Reisen. Man erzählte sich damals in Steinbach-Hallenberg, er habe seinen Bruder im Westen zur Mitarbeit für die Staatssicherheit anwerben sollen, der habe ihn aber hochkantig rausgeworfen.

Nach Aussage des hauptamtlichen Staatssicherheitsmitarbeiters Rämisch konnte Anfang 1988 die Staatssicherheit noch mitreden bei der Vergabe von Visa für Westreisen. Erst nach dem Wegbleiben des Hautarztes Dr. Holland-Cunz, der vom Dienststellenleiter befürwortet worden war, wurde der Staatssicherheit dieses Recht entzogen. Nachdem Herr Nothnagel schon privat gefahren war, bemühte er sich (nach Aussage eines Mitgliedes des Dekanatssynodalvorstandes) um einen Dienstausweis für Westreisen.

Im Grunde kann man auf den Monat genau den Zeitpunkt angeben, von dem an der mitgemacht haben könnte: Als er noch offen von einem Anwerbeversuch berichtete, war noch nichts. Dann aber kamen die Ablehnung und nachher doch noch Genehmigung der West­reise und das entschiedene Leugnen der Staatssicherheitsmitarbeit. Dazu kamen noch Warnungen aus der Gemeinde, sich nicht mit dem Mann anzulegen, hinter ihm stünden stärkere Kräfte.

So ergibt sich aus vielen Mosaikstücken ein Gesamtbild. In dieses Gesamtbild fügen sich nach meiner Meinung auch der Kirchenvorstand und sein Vorsitzender ein. Ich habe allerdings auch keine Beweise für die Unschuld von Herrn Nothnagel.

 

Von dem Tag an fing er an, die bekannten Schwierigkeiten in der Gemeinde zu machen. Nach meiner Meinung läßt sich das nur so erklären, daß er im Zusammenhang mit der Genehmigung der Westreise bestimmte Versprechungen in dieser Richtung gemacht hat oder zumindest erkannt hat, daß man nur mit solchen „Gefälligkeiten“ Erfolg haben kann (Gibst du mir, geb ich dir).

Kurz darauf hat er auch einer Angestellten der Kirchengemeinde eine Westreise vermittelt, obwohl diese unverheiratet war und dieser Personenkreis damals noch nicht fahren durfte. Es handelte sich um U. K., deren Vater im Kirchenvorstand war. Bei einem Essen der kirchlichen Mitarbeiter sagte U. K. „Die Reise in den Westen hat mir der Erich besorgt!“ Ich nahm damals an, sie habe Erich Honecker gemeint. Doch da hätte sie wohl nicht die Formulierung „besorgt“ verwendet. Es wird sich wohl um Erich Nothnagel gehandelt haben, aber so ein Entgegenkommen erfordert seinerseits Entgegenkommen.

 

Es ist doch erstaunlich, daß die Staatssicherheit in Schmalkalden aus dem Kirchenvorstand in Steinbach-Hallenberg nur die Namen Erich Nothnagel und Heini König kannte. Im Oktober 1989 wird festgehalten, daß die Kirchenvorstandsmitglieder Nothnagel und König sich weigerten, die Kirche für eine Bürgerversammlung aufzuschließen. Deshalb fuhr man nach Oberschönau zu Pfarrer Schulte. Dieser betrachtete sich die Menschen­menge und entschied dann, die Kirche doch zu öffnen (wie es auch Anweisung der Landeskirche war). Nothnagel und König könnten sich hinter IMV „Erich“, IMV „N.N.“ und IMV „N.N.“ verbergen (der Dritte könnte dabei aus einer anderen Gemeinde sein).

 

Danach setzte das irrationale Verhalten Nothnagels und Königs ein, das vom Dekan und einigen Pfarrern in gleicher Irrationalität unterstützt wurde. Jetzt wurden auf einmal längst erledigte Dinge wieder aufgewärmt, unflätige Ausdrücke fielen in der Sitzung und wurden nicht gerügt. Offen wurde von Mitgliedern des Kirchenvorstandes der Bruch der Verschwiegenheit angekündigt. Unnötige Veränderungen in der Geschäftsverteilung des Pfarramts wurden vorgenommen. Kleinlichste Kritik wurde geübt, der Vorwurf der Urkundenfälschung wurde erhoben.

Noch am 17. Januar 1989 hatte ich eine insgesamt sechsstündige Aussprache mit Herrn Nothnagel, in der alles geklärt wurde und in der er sich zu einer konstruktiven Zusammenarbeit bereit erklärte. Aber noch am Abend ließ er sich vom Dekan wieder umstimmen und ging am nächsten Tag mit nach Eisenach, um sich zu beschweren. Man hatte den Eindruck, daß verschiedene Leute wie unter Druck handelten. Damals konnte ich mir das nicht erklären. Daß da ein Staatssicherheitshintergrund bestehen könnte, habe ich noch nach der Wende zurückgewiesen. Heute denke ich anders darüber.

 

Es gab dann noch einmal Verstimmung wegen eines Telefongesprächs, das ich mit dem Vorsitzenden der Synode von Kurhessen-Waldeck führte, einem ehemaligen Studienkollegen von mir. Das Telefongespräch mit Herrn Jockel lief wie folgt ab:

Heckert: Habt ihr auch bedacht, daß durch die Wiedereingliederung des Kirchenkreises Schmal­kalden eine neue Situation entstanden ist und ihr die Synodalen von dort einer Überprüfung wegen möglicher Staatssicherheitmitarbeit unterziehen solltet, so wie das in den östlichen Gliedkirchen geschieht?

Jockel : Meinst du Herrn Nothnagel?

Heckert: Ich meine auch Herrn Bunge, er war immerhin Reisekader.

Jockel : Alle Synodalen und kirchlichen Mitarbeiter haben einen Antrag auf Überprüfung gestellt.

Heckert: Dann ist es ja gut so. Das war mir nicht bekannt, denn mich hat man nicht dazu aufgefordert, denn es müßte ja nach dem Stand von 1989 gehen.

Jockel : Meinst du, daß man die ganze kurhessische Synode überprüfen sollte?

Heckert: Das halte ich nicht für erforderlich, denn man sollte die Gauckbehörde auch nicht unnötig belasten.

Damit war das Gespräch für mich an sich beendet und hatte sein Ziel erreicht. Erst jetzt hat mich Herr Jockel noch einmal nach Herrn Nothnagel gefragt. Da habe ich mich dann doch verleiten lassen, meine Meinung zu dieser Sache zu sagen. Ich habe nicht gesagt, was behauptet wurde, nämlich daß er seit 1985 kirchliche Geheimnisse („Interna“) verraten habe. Das wäre nichts Besonderes, denn das haben verschiedene Kirchenvorsteher in Sitzungen angekündigt, ohne daß der anwesende Dekan widersprochen hätte. Ausplaudern innerkirchlicher Dinge war in Steinbach-Hallenberg erlaubt. Auch die Jahreszahl 1985 ist falsch wiedergegeben, denn Ausplaudern geschah erst die letzten beiden Jahre.

Der Name Nothnagel wurde nicht von mir ins Spiel gebracht. Ich habe mich Herrn Jockel gegenüber sehr vorsichtig ausgedrückt. Er mußte wissen, wie hypothetisch diese Aussagen waren und daß sie nicht an die Öffentlichkeit gehörten. Das war mir so selbstverständlich,

daß ich nicht noch einmal extra darauf hingewiesen habe. Außerdem mußte er wissen, daß

ein Gespräch unter vier Augen generell nicht an die Öffentlichkeit gehört. Wenn er es doch öffentlich gemacht hat, muß er das vertreten. Eine Richtigstellung könnte doch wohl nur Herr Jockel vornehmen. Ich kann mich doch nicht für etwas entschuldigen, was ich nicht gesagt habe. Ich habe übrigens auch mit einem anderen Synodalen der kurhessischen Kirche darüber gesprochen und der hat es auch für sich behalten.

Natürlich habe ich nicht behauptet, daß irgendein Mitarbeiter der Kirche im Dekanat Schmal­kalden ein inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sei in dem Sinne, daß er eine Verpflichtungserklärung unterschrieben hat oder direkte Geldzuwendungen erhalten hat. Aber ich vermute anhand von mündlich mitgeteiltem Wissen von Staatssicherheits­auflösern und aus Indizien, daß der eine oder andere sich für Vergünstigungen erkenntlich gezeigt hat. Diese Vergünstigungen bestanden je länger je mehr in Dienstreisen in den Westen mit Diplomatenpaß und unkontrolliertem Grenz­übergang.

Die Sache mit Rudolf Jockel konnte ich richtigstellen, ich glaube, das hat mir Bischof Zippert in einem Gespräch im Jahre 1994 wohl abgenommen, daß ich da nicht speziell gegen jemand hetzen wollte, sondern nur allgemein auf das Problem hinweisen wollte. Ich betonte noch ein­mal, daß ich sehr genau zwischen Vermutungen, Behauptungen und Tatsachen unterscheide und natürlich selbstverständlich annahm, daß der Inhalt des Gesprächs mit Herrn Jockel vertraulich bleibt.

 

Doch die Staatssicherheitsfrage ist nicht einmal das Entscheidende. Der eigentliche Skandal ist: Da repräsentiert einer als „Muster-Laie“ den Kirchenkreis Schmalkalden, der aber nie auf direktem Weg von der Gemeinde gewählt worden ist. Nur dank seiner großen Verwandtschaft und der geringen Wahlbeteiligung hat er überhaupt die Mindeststimmen­zahl erreicht. Hier sieht man einmal die Schwächen des gemischten Wahlsystems in Kurhessen: Es gibt kaum eine Möglichkeit, jemanden abzuwählen, weil er immer berufen wird, notfalls durch die Kreissynode.

Weil man in den Synoden einen Vorzeige-Laien braucht, redet man dann lieber nicht über die Verhältnisse vor Ort. In der Gemeinde ist Herr Nothnagel jedenfalls nicht beliebt. Man hat mich mehrfach vor ihm gewarnt. Man hat mir geraten, mich nicht mit ihm anzulegen, „weil hinter ihm noch ganz andere stehen!“ Damals habe ich darüber gelacht, heute kann ich mir einen Reim darauf machen.

Deshalb spreche ich Herrn Nothnagel das Recht ab, die Gemeinde in der Synode zu vertreten, weil er der Gemeinde, der Kirche und unsrer Familie so geschadet hat. Wenn schon das Zer­rüttungsprinzip gelten soll, dann muß man beide Seiten zurückziehen. Man sagt, in so einem Fall seien immer beide Seiten Schuld. Wie andere Beispiele auch aus jüngster Zeit zeigen, wird aber immer allein der Pfarrer versetzt, wenn es „Knatsch“ in der Gemeinde gibt. Man spricht dann vom Zerrüttungsprinzip, will aber keiner Seite Schuld geben.

Angeblich geschieht alles ohne Schuldzuweisung und nur zum Wohle des Pfarrers, aber in Wirklichkeit wird nur er bestraft. Anstatt die Sache juristisch einwandfrei zu klären (wie man dann danach handelt, ist eine andere Frage), will man es ,,brüderlich“ machen, ohne daß angeblich eine Seite den Kürzeren ziehen muß. Aber in Wirklichkeit straft man allein den hauptamtlich angestellten Pfarrer.

Doch das geht sicherlich nicht über einen Brief im Briefkasten und durch eine Kanzelabkündi­gung ohne nähere Begründung, so daß wilden Spekulationen Tor und Tür geöffnet wird. Man sollte das jedem Pfarrer sagen, der in die Dienste der Kirche tritt, daß man bei Schwierigkeiten nicht auf seiner Seite stehen wird. Wenn es darauf ankommt, erhält er von der Kirche keinen Schutz!

Die Begründung für meine geplante Zwangsversetzung war, bei Vorliegen eines zerrütteten Verhältnisses zwischen Pfarrer und einem Gemeindeglied sei es ein­facher, den Pfarrer zu versetzen, als zu klären, welches die Ursachen sind. Die Gemeinde könne man nicht versetzen, aber es gehöre zum „Berufsrisiko“ eines Pfarrers, in so einem Fall gehen zu müssen.

Es stimmt einfach nicht, daß man nur den Pfarrer versetzen kann, im Kirchenvorstand aber alles beläßt. Das ist klar und eindeutig doch eine Schuldzuweisung. Aber man kann nicht nur einen bestrafen. Ohne einen Rücktritt Herrn Nothnagels von allen seinen kirchlichen Funktionen ist ein Gespräch mit ihm sinnlos. Man wird auch nicht verhindern können, daß die Gemeinde die Dinge anders sieht als die Verantwortlichen in der Kirche. Sie sagt: In der Kirche ist es so wie in der Gesellschaft auch: Überall trifft man auf die alten Leute - und die anderen sind in den Westen gegangen!

 

Herr Nothnagel hat dennoch in der Kirche Karriere gemacht. Er arbeitete in der Beratung der Kreis­diakoniestelle in Schmalkalden und ist Vorsitzender des Vereins ,,Fami­lienzentrum  Schmalkalden  e.V.“ und wurde Beisitzer im Vorstand des Lan­desarbeitskreises  Thüringen  der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen. Doch dabei hat man den Bock zum Gärtner gemacht, denn in seiner eigenen Familie hat Herr Nothnagel so geherrscht, daß eine Tochter sich später in psychologische Behandlung begeben mußte.

Heute ist Herr Nothnagel nach dem Niedergang seiner Firma Leiter des Altenpflegezentrums in Steinbach-Hallenberg, nicht ohne auch seine zahlreiche Verwandtschaft dort mit untergebracht zu haben, obwohl niemand eine Ausbildung dafür hat, denn die Ausbildung einer Krippenerzieherin wird für den Beruf einer Krankenschwester nicht anerkannt. Außerdem darf das an sich gar nicht sein, daß mehrere Familienmitglieder in einer Dienststelle arbeiten, wo es um Geld geht.

 

Ich wehre mich gegen die Behauptung, daß ich auch noch an den gegen­wärtigen Schwierigkeiten schuld sein soll. Als ich die Gemeinde verließ, war sie eine Vorzeigegemeinde, auch wenn ich selber unzufrieden war und die Staatssicherheit mein Wirken und nicht zuletzt das meiner Frau maßlos überschätzt hat. Aber immerhin ist in über zwei Jahrzehnten kein Gottesdienst ausgefallen, jede Amts­handlung wurde abgesichert, es war wöchentlich kirchlicher Unterricht, alle Gemeindekreise wurden fortgeführt - auch auf den Dörfern - die Gebäude wurden instandgehalten, Rüstzeitenheim und Kindergarten wurden über die Zeit gebracht, fähige haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter gewonnen, die Verwal­tung war in Ordnung (vor 1970 gab es zum Beispiel keinen einzigen Arbeitsvertrag oder Pachtvertrag). Und das alles trotz Krankheit und Babyjahr meiner Frau. Wahrscheinlich lief alles zu gut und weckte Neid bei den Kollegen und Besorgnis bei den staatlichen Stellen.

Die vielbe­schworenen ,,Steinbacher Verhältnisse“ haben erst nach meinem Weggang so richtig eingesetzt. Den Einbruch in der Gemeindearbeit kann man mir nicht zuschieben. In der Gemeinde war alles in Ordnung, sie war rundum wohl versorgt und hat sich an den Querelen nicht gestört (Zitat: ,,Es kommt überall etwas vor“).

Weiterhin hatten nur einige Laien das Sagen. Sie haben einen strom­linien­för­migen Kirchenvorstand geschaffen. Gerade die jungen Leute sind wieder ausgeschieden, weil sie sich dem Diktat der ,,Macher“ nicht beugen wollten. Ein Laie kann eine viel schlim­mere Diktatur au­süben, als es ein Pfarrer je wagen würde. Das sage ich heute, obwohl ich immer für den Laienvorsitz im Kirchenvorstand war. Ich halte ihn auch heute noch für angebracht. Aber wehe, wenn hier jemand hochgespült wird, der anderswo in der Gesellschaft nicht zum Zuge gekommen ist

Es könnte natürlich sein, daß Herr Nothnagel sich inzwischen geändert hat und nicht mehr die Probleme macht wie damals. Herr Pfarrer Scholz sagte im September 1994, die Termine und Inhalte der Kirchenvorstandssitzungen würden jetzt mit ihm abgesprochen, es gäbe kein Einmischen mehr in Pfarrr­amtsangelegenheiten, das Protokollbuch sei nicht mehr bei Herrn Noth­nagel. Daraus kann ich also entnehmen, daß es damals nur gegen mich persönlich gegangen ist, daß Herr Nothnagel nicht der Meinung ist, es müsse immer so verfahren werden, wie damals von ihm verfahren wurde.

Herr Scholz äußerte, daß im Kirchenvorstand auch weiterhin noch ,,dicke Brocken“ sind. Seine Frau wurde noch deutlicher und sagte: ,,Es ist immer noch dasselbe!“ Nur müssen sie halt stillhalten, weil sie ja wissen, was sonst passiert. Offenbar hat sich in den letzten fünf Jahren nichts geändert.

Daß sich nichts geändert hat und Herr Nothnagel weiterhin das Sagen hat, zeigt ein Beispiel, das Herr Scholz erzählte: Bei der Kirmes war Frau Bergit geborene Nothnagel tot umgefallen. Die Angehörigen kamen zur Kirchenkasse, um die Beerdigung anzumelden und diese wurde dort auch vereinbart (offenbar wie üblich ohne Rücksprache mit dem Pfarrer). Erst nachträglich will man bemerkt haben, daß die Verstorbene aus der Kirche ausgetreten war. Nun war aber die Zusage schon gemacht.

Mir ist klar, was ich in einem solchen Fall gemacht hätte (zumal die Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich abgelehnt hatte, ihr Kind zur Christenlehre zu schicken): Ich hätte die Trauerfeier abgelehnt und der Mitarbeiterin auf der Kirchenkasse gesagt, sie müsse den Fehler wieder ausbügeln. Ich hätte so entschieden, um der Glaubwürdigkeit der Verkündigung willen. Aber das wurde mir immer als Gesetz­lichkeit ausgelegt; dabei habe ich nichts anderes gemacht, als was ich schon bei der Ordination versprochen habe, nämlich die Ordnung der Kirche zu wah­ren.

So ein Fehler, daß man nichts von dem Kirchenaustritt gewußt haben will, kann gar nicht vorkommen, weil man ja als erstes die Karteikarte zieht. Doch hier war offenbar die Bekanntschaft (oder sogar Verwandtschaft?) wichtiger. Herr Nothnagel jedenfalls entschied, daß die Trauerfeuer vom Pfarrer gehalten werden muß. Schwer ist für mich nur: Diese Leute wie Herr Nothnagel repräsentieren die Kirche und dürfen Gottesdienst halten. Aber mir wurde zehn Jah­re lang selbst ein ehrenamtlicher Dienst in der Kirche verwehrt.

 

Im September 1994 führte ich ein Gespräch mit dem Oberstädter Pfarrer Scholz, um das mich der Prälat der Landeskirche gebeten hatte. Zuerst wollte ich von Herrn Scholz wissen, ob der Wunsch zu einem Gespräch von Herrn Nothnagel ausgegangen sei. Er mußte das verneinen, der Prälat habe ihn darum gebeten, in dieser Sache zu vermitteln. Das war für mich aus den Worten des Prälaten nicht hervorge­gangen, ich war der Meinung, hier seien schon Sig­nale einer Meinungsänderung von Herrn Nothnagel vorausgegangen.

Aber offenbar sollte Herr Scholz erst nach dem Gespräch mit mir mit Herrn Nothnagel Kontakt aufnehmen. Aber Herr Scholz sagte klipp und klar: Es ist nicht zu erwarten, daß Herr Nothnagel oder auch der Kirchenvorstand ein Wort des Bedauerns finden für das, was damals geschehen ist! Damit ist natürlich jedes Gespräch sinnlos.

Sehr schnell wurde deutlich, was der eigentliche Grund für den Versuch des Prälats ist, die Sache mit Steinbach-Hallenberg aus der Welt zu schaffen: Die Gemeindeglieder fragen immer wieder nach Pfarrer Heckert. „Es vergeht kaum eine Woche, wo ich nicht auf dieses Thema angesprochen werde. Ich kann den Namen Heckert schon nicht mehr hören!“ Das ist es also: Sie wollen Ruhe haben, und ich soll die Hand dazu reichen, ohne daß etwas geklärt ist. Genauer noch: Ich soll mich schuldig bekennen und die Gemeinde dazu auffordern, Gras über die Sache wachsen zu lassen.

Ich mußte Herrn Scholz erst klarmachen, daß ich die Beurlaubung einfach im Briefkasten fand und erst drei Wochen später ein Gespräch mit mir angesetzt war. Warum werden solche Tatsachen nicht klipp und klar mitgeteilt? Falsch ist auch die Behauptung, ich hätte gesagt, eindeutige Beweise gegen Herrn Nothnagel zu haben. Ich habe gesagt, daß ich mehr als nur Hinweise auf einen Staatssicherheitshintergrund habe, nämlich aus den Akten und aus mündlichen Aussagen. Aus diesen Mosaiksteinen ergibt sich für mich ein Gesamtbild, in das nach meiner Meinung auch Herr Nothnagel hineingehört. Das ist aber etwas ganz anderes, als es Oberlandeskirchenrat Bielitz wiedergegeben hat.

Der Sinn der ganzen Veranstaltung war offenbar, daß ich öffentlich zugeben soll, daß ich an der ganzen Misere schuld bin, damit das Gerede in der Gemeinde aufhört. Ich würde in der Tat auch zugeben, daß ich zu vertrauensselig war und mich zu sehr darauf verlassen habe, daß die kirchlichen Vorschriften auch wirklich gelten. Ich hätte besser alles laufen lassen sollen oder die Verant­wortung nach oben abschieben sollen.

Ich kann heute dem Kirchenvorstand und der Pfarrkonferenz kein gutes Gewissen geben. Man hat sich ja längst entschieden und will nie wieder davon abgehen. Ich soll jetzt nur noch klein beigeben und dazu helfen, daß die Gemeinde ruhig ist und das Gerede aufhört. Ich soll meine Opferrolle annehmen und auf alle Fälle auch weiter Opfer bleiben.

Ich sehe nicht so recht, wie ich in dieser Situation helfen kann. Überall soll nur zugedeckt werden. Doch hier eitert ein Geschwür, das eines Tages schlimm her­vorbrechen wird. Dabei könnte längst alles ausgestanden sein. Die Gemeinde hätte Verständnis dafür, wenn wirklich ehrlich und offen aufgearbeitet würde. Doch möglich ist das nur, wenn wenigstens irgendwo ein Versagen eingesehen würde und Worte des Bedauerns ausgesprochen würden.

 

Meine Personalakte in Eisenach:

Im zweiten Anlauf gelang es mir dann, daß ich beim Landeskirchenrat in Eisenach meine dortige Personalakte einsehen konnte. Sie war erstaunlicherweise nicht „gereinigt“ worden, so daß mir nachträglich noch einige interessante Einzelheiten bekannt wurden:

Am 16. April 1989 schrieb Herr Nothnagel einen Brief an den Landeskirchenrat, weil ihn der Vorwurf getroffen habe, er sei an der Entfernung von Pfarrer Heckert schuld: „Den Vorsitz im Kirchenvorstand habe ich nicht aus Eigennutz übernommen“. Angeblich hat er über 150 Dienstbesprechungen durchgeführt, „um die Spannungen zwischen Pfarrer Heckert und Mit­arbeitern zu mindern“

In Wirklichkeit hat er nur geschürt und erst zusätzliche Probleme heraufbeschworen. Zwar hat er zunächst aus seinem Posten keine materiellen Vorteile gezogen. Aber damals ging es ihm um die Ehre, um Ansehen, um Einfluß, um bestimmen zu können, so wie er in der Familie tat.

Herr Nothnagel fügt einen Lebenslauf bei, aus dem hervorgehen soll, aus welch christlicher Familie er kommt. Allerdings ist er dabei nicht genau, denn er hat nicht nur den Betrieb seines Vaters übernommen, sondern vor allem den seines Onkels, indem er die Situation ausnutze, als dieser im Gefängnis saß.

In der Personalakte Heckert befand sich sogar der ganze Schriftverkehr mit dem Verwaltungsleiter Hey. Dabei ging es um den Status des Dekanats innerhalb der Thüringer Kirche, die sich aus einer Bemerkung von Herrn Kirchner in einem Brief an Herrn Hey ergab, das Dekanat werde sowieso bald geschluckt  Diese Drohung Kirchners führte wiederum dazu, daß der Dekan Herrn Hey weghaben wollte. Hier mußte sich Herr Nothnagel praktisch beim Landeskirchenrat entschuldigen, weil er wiederum zu heftig reagiert hatte. Diese Sache war nachher sehr peinlich, weil Herr Kirchner als Staatssicherheit­sspitzel enttarnt war und man bestrebt war, alles unter den Teppich zu kehren. Am 19. Juli 1889 waren Pfarrer Schulte und Herr Nothnagel noch einmal beim Landeskirchenrat, um wieder über Herrn Hey zu sprechen (damals war ich längst ausgeschieden).

 

Bei den Akten war dann noch der ganze Schriftverkehr wegen der Rente mit dem Landeskirchenamt in Kassel. Da schreibt ein Herr Metzner im Auftrag des Landeskirchenrats: „Herr Heckert hat alle Versorgungsansprüche verloren und hat lediglich einen normalen Rentenan­spruch. Diese Regelung gilt für alle Pfarrer, die aus dem Kirchendienst in den neuen Bundesländern aus­scheiden!“ Wenn es wirklich so wäre, ist das schlimm, weil der Rentenanspruch längst nicht den höheren Pensionsanspruch abdeckt. Außerdem antwortet diese Stellungnahme nur auf das, was gefragt wurde. Es geht gar nicht darum, daß Hessen nach seinen Vorschriften nachversichern muß.

 

Bedauerlich ist auch ein Brief von Pfarrer Ulrich Lieberknecht, der mir neben den Schwierigkeiten mit Herrn Nothnagel im Februar 1989 beim Landeskirchenrat vorgehalten und in Auszügen vorgelesen wurde, um die Zerrüttung des Verhältnisses zu beweisen. Am 1. September 1987 schrieb Landesbischof Leich noch an Pfarrer Ulrich Lieberknecht, er habe den Eindruck, daß eine Normalisierung in Steinbach-Hallenberg allmählich durchgreift. Lieberknechts Brief zeige aber an, daß dies offenbar nicht so ist. In einem von religiösen Floskeln triefenden Brief hat Herr Lieberknecht seine tiefe Sorge um die Gemeinde Steinbach-Hallen­berg zum Ausdruck gebracht. Eine blühende Gemeinde sei durch Pfarrer Heckert zerstört worden. Ein verdientes Gemeindeglied aus Rotterode habe ihn unter Tränen gebeten, doch etwas zu unternehmen (allerdings hat Frau Döll offenbar nicht gesagt, er solle etwas gegen Pfarrer Heckert unternehmen, wie er es dann tat).

 

Am 17. August 1988 ist Dekan Schreiber der Meinung, daß die Mehrheit des Kirchenvorstandes ebenso denkt wie er, daß Pfarrer Heckert nicht zum Einlenken bereit ist. Erfragt hat Dekan Schreiber seine Aussage aber nicht, daß der Kirchenvorstand so denkt wie er. In der Sitzung des Landeskirchenrats am 19. Dezember 1988 werden die Mitglieder Kirchner und Höser beauftragt, im Januar ein Gespräch mit Pfarrer Heckert zu führen. Dieses Gespräch mit den Oberkirchenräten wurde aber nicht geführt. Das wäre der richtige Weg gewesen. Weshalb Herr Kirchner es nicht tat, liegt auf der Hand.

 

Am 17. Januar 1989 behauptet Dekan Schreiber, die Geschäftsfüh­rung sei Pfarrer Heckert schon einmal am 17. September 1986 entzogen worden. Oberkirchen­rat Kirchner hat schon im Oktober 1988 ein Gespräch über einen Stellenwechsel zugesagt. Schon damals wurde vom Dekan die Einleitung eines Verfahrens nach § 57 des Pfarrergesetzes erbeten. Jetzt wird diese Feststellung von allen Besuchern mit Nachdruck bekräftigt. Pfarrer Hoffmann: „Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem gehandelt werden muß!“

 

Dieses Protokoll ist etwas dürftig. Es geht nicht daraus hervor, was eigentlich der Vorwurf ist. Offenbar genügten die Aussagen der drei Besucher Schreiber, Hoffmann und Nothnagel, das mit Nachdruck verlangte Verfahren zu beginnen,  das aber dann doch nicht durchgeführt wurde.

 

Dekan Schreiber legte eine dicke Mappe vor, die aber im Wesentlichen nur den üblichen Schriftverkehr zwischen mir und dem Dekanat enthielt. Sie sollte aber beweisen, daß ich schon immer ein Querulant war. Oberkirchenrat Höser hat diese Akte durchgearbeitet. Angeblich war sie die Grundlage für den Beschluß des Landeskirchenrates, mich ohne Anhörung fristlos zu beurlauben mit dem Ziel der Strafversetzung. Aber offenbar hat die Akte in Wirklichkeit keine Rolle gespielt, in der Personalakte ist sie nicht erwähnt.

Das Minderste wäre gewesen, die andere Seite zu hören, so ist es Gesetz und so ist es menschlich („brüderlich“). Daß der Landeskirchenrat so überstürzt handelte, lag wahrscheinlich an seiner Rücksichtnahme auf Kassel. Am 23. Januar 1989 beschloß der Landeskirchenrat einstimmig die Beurlaubung nach § 45,2 zum 1. Februar 1989.

In der Sitzung wird die Position von Dekan Schreiber übernommen, bei dem Schreiben von Herrn Schurig handele es sich nur um eine Rechtsauskunft, nicht um einen Beschluß des Landeskirchenrats. Aber immerhin hatte ich nicht an Herrn Schurig, sondern an den Landeskirchenrat geschrieben. Das Schreiben war von Herrn Kirchner an Herrn Schurig zur Bearbeitung übergeben worden. Dieser hat die Antwort auf Anweisung von Herrn Kirchner verfaßt. Als Empfänger des Briefes konnte ich nichts anderes vermuten, als daß es sich hier um eine offizielle Antwort des Landeskirchenrats han­delte (schon der Briefkopf zeigt das). Man muß doch annehmen, daß der Landeskirchenrat sich an Recht und Gesetz hält und nicht im Einzelfall nach Gutdünken oder auch „nach bestem Wissen und Gewissen“ auch anders entscheiden kann.

Herr Kirchner erhielt noch den Auftrag, Pfarrer Heckert zu einem Gespräch für den 21. Februar „vorzuladen“ (!). Am 17. Februar 1989 wird im Landeskirchenrat als Richtlinie mitgegeben, wenn es nicht zu einem Pfarrstellenwechsel oder einer Entlassung kommt, wird ein Verfahren nach § 57 des Pfarrergesetzes durchgeführt.

Es wurde dementsprechend bei dem Gespräch am 21. Februar auch gar nicht über die strittige Sache geredet, sondern es ging nur noch um Unterwerfung. Leider steht in den Akten nicht, welche Pfarrstellen angeboten werden sollten. Der Bischof schreibt auch nur, er sei gar nicht dazu gekommen, weil Pfarrer Heckert zu verbittert gewesen sei. Er sei zwar gegen Ende des Gesprächs nachdenklicher geworden, aber dabei ging es ihm nur noch einmal um eine Bedenkzeit.

 

Am 18. Januar 1989 schreibt der Dekan an den Landeskirchenrat, die Darstellungen von Pfarrer Heckert in seinem Brief an den Landeskirchenrat vom 18. Januar 1989 entsprechen nicht der Wahrheit (in Steinbach pflegte er da deutlicher von „Lüge“ zu sprechen). Schon am 17. April 1989 schreibt Präsident Bielitz aus Kassel, die kurhessische Kirche werde Pfarrer Heckert auf keinen Fall anstellen. Da hat Dekan Schreiber halt gut vorgearbeitet. Nachher behauptete man, daß ich wegen meiner Verdächtigungen gegen Herrn Nothnagel nicht angestellt würde. Aber das kann einfach nicht stimmen, weil zu diesem Zeitpunkt von solchen „Verdächtigungen“ noch gar keine Rede war. Es ging in Wirklichkeit nur ums Prinzip.

Herr Krech schreibt in einem Brief richtig, die Rechte aus der Ordination seien nicht aus disziplinarischen Gründen aberkannt worden. Aber dann behauptet er, Pfarrer Heckert habe wegen seiner Ortsbindung kein anderes Stellenangebot wahrnehmen können. Dabei geht aus den Akten hervor, daß ich schon im Februar betonte, das Haus sei kein Hindernis. Ich sagte in Gegenwart von Herrn Kirchner sogar, daß ich nach Hessen wolle. Auch Herrn Große hatte ich gefragt, ob man mir beim Umzug nicht behilflich sein könne; davon steht allerdings nichts in den Akten.

 

Gründe für die Nicht-Anstellung:

Nachdem mir jahrelang keine Auskunft gegeben wurde, weshalb die Evange­lische Kirche von Kurhessen-Waldeck mich nicht anstellen will, habe ich dann in kurzer Zeit drei Begründungen gehört. Dabei ist mir klar, daß die dritte Aussage der eigentliche Grund ist, das andere ist nur nachgeschoben:

1.  Erst hieß es, ich mische mich in unzulässiger Weise weiter in Steinbach-Hallenberg ein. Dabei habe ich mich nicht eingemischt. Es ist aber wohl so, daß die Leute innerhalb und außerhalb der Ge­meinde immer noch von meiner Zwangsversetzung reden. Durch mein persön­liches Erscheinen werden solche Diskussionen vielleicht wieder angeregt. Aber ich brauche dazu gar nichts zu tun. Weil man das Gerede nicht unterdrücken kann, sucht man einen Schuldigen. Damit will man wohl auch von der eigenen Schuld ablenken.

Man wird mir doch nicht verbieten wollen, nach Steinbach-Hallenberg zu gehen, so wie man mir auch nicht hätte verbieten können, weiter dort zu wohnen. Das Gerede wird man nur beenden können, wenn man rückhaltlos alles klärt. Und man könnte etwas dafür tun, indem man mich nicht weiter ausgrenzt, sondern mir eine Anstellung gibt. Die Leute spüren sehr genau die Ungerechtigkeit, daß die Täter in allen Ehren im Gottesdienst auftreten dürfen, während die Opfer weiter Opfer bleiben sollen.

2. Dann waren es meine angeblichen Staatssicherheitsvorwürfe gegen den Landessynodalen (!) Nothnagel. Gegen Herrn Erich Nothnagel habe ich keine ungerechtfertigten Beschuldi­gungen erhoben. Ich habe nicht gesagt, was behauptet wurde, nämlich daß er seit 1985 kirchliche „Interna“ verraten habe. Das wäre nichts Besonderes, denn das haben verschiedene Kirchenvorsteher in Sitzungen angekündigt, ohne daß der anwesende Dekan widersprochen hätte. Ausplaudern kirchlicher Interna war in Steinbach-Hallenberg erlaubt. Gegen Herrn Nothnagel habe ich viel gewichtigere Einwände.

Ich weise die Behauptung zurück, ich würde an meinem früheren Dienstort un­gerechtfertigte Staatssicherheitsbeschuldigungen verbreiten. Nach Rücksprache mit meiner Frau können wir uns nur an ein Gespräch etwa im Jahre 1991 erinnern, wo uns ein Ehepaar nach dieser Sache gefragt hat und wir unsre Meinung sagten (sie haben aber versprochen, nichts davon weiter zu sagen). Es ist wohl eher so, daß die Leute innerhalb und außerhalb der Gemeinde immer noch von den Vorgängen reden, die ja doch ungewöhnlich  sind. Sie haben ja auch schon davon geredet, als ich noch da war.

3. Der eigentliche Grund aber ist: Die Pfarrkonferenz in Schmalkalden will nicht, daß ich ein Vorrecht habe. Wer nicht in Thüringen Pfarrer sein will, der soll es auch nicht in Hessen sein! Die Schmalkalder Pfarrer durften sich bisher nämlich auch nicht in Hessen bewerben (inzwischen ist aber der erste Fall da, wo es wohl zu einem Wechsel kommen wird). Man übersieht dabei aber, daß es bei mir ja etwas anderes ist, weil ich ja direkt aus Hessen stamme. Mit Thüringen verbindet mich nichts, zumal mich der Landeskirchenrat so ungesetz­lich behandelt hat. Die Schmalkalder können gut einem anderen raten, nach Thüringen zu gehen. Von ihnen ist ja auch keiner hingegangen. Aber wenn ich dorthin gegangen wäre, dann hätte es so ausgesehen wie ein normaler Wechsel und die Sache wäre aus der Welt gewesen. Daß ich mich da nicht gebeugt habe und bis heute Gesprächsstoff biete, nimmt man mir halt übel.

Und daß ich aber das Pfarramt ganz aufgeben würde, hatte man in der Pfarrkonferenz nicht erwartet. Es war allerdings nicht so, daß die Pfarrkonferenz einen formellen Beschluß gefaßt hat, daß mir die Wiederanstellung in einem Pfarramt versagt werden soll. Dekan Bedbur hat deshalb in den Protokollen nachgesehen und nichts dazu gefunden. In Kassel aber berief man sich auf den angeblichen Beschluß. Doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei nur um eine Behauptung des Dekans Schreiber, der schon 1989 in Kassel deswegen vorgesprochen hatte, hier aber glatt gelogen hat.

 

Es tut mir auch leid um die Gemeinde, in der ich mit meiner Familie über zwei Jahr­zehnte versucht habe, das zu halten, was zu halten war, in der aber nun alles platt gemacht wird.

Ich gehe nicht so weit wie meine Frau, die meint, ihr Lebenswerk sei vergeblich ge­wesen. Aber ich sage weiterhin: Ihr habt den Falschen in die Wüste geschickt! Der wahre Sündenbock meckert noch vor der Herde her, von der sich aber immer mehr absetzen. Die Gemeinde hat durchschaut, was gespielt wurde.

Pfarrer, die sich staatsfreundlich verhalten haben, sind weiterhin im Amt oder im Ruhestand und sollen darüber ent­scheiden können, daß ein anderer nicht wieder ins Amt kommt. Wahrscheinlich werden sie erst anders darüber denken, wenn ihre Verstrickung erwiesen ist und sie selber mit Maßnahmen rechnen müssen. Ich wünsche es aber keinem! Doch bisher setzt man noch auf diese Leute und will die anderen mundtot machen (ich bin ja nicht der einzige, dem es so geht). Klüger wäre es jedoch nach meiner Meinung, statt Diskriminierung die Kritiker einzubinden durch eine Anstellung, damit sie nichts mehr sagen können.

 

Am 5. März 1990 reichte ich eine Eingabe an die Thüringer Synode ein. Darin wies ich darauf hin, daß ich durch die Vermischung zweier Artikel des Pfarrerdienstgesetzes beurlaubt wurde. Ich bat darum, daß hier eine Klarstellung erfolgt, damit solche Dinge nicht wieder vorkommen: Ich bin nach Artikel 45 des Pfarrerdienstgesetzes beurlaubt worden. Dieser aber hat schwerwiegende Fälle im Blick, die eigentlich ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen und bei denen Gefahr im Verzug ist. Diese Fälle sollte man nach meiner Meinung durch Beispiele genauer definieren und eine bessere Abgrenzung gegen den Artikel 57 schaffen.

Herr Oberkirchenrat Kirchner, der ja bekanntlich kein Jurist ist, behauptete, in Artikel 45 stünde nichts davon, daß der Pfarrer vorher gehört werden müßte. Auch wenn es nicht dort stünde, wäre es selbstverständlich, zumal in der Kirche. So hat man es auch im Fall des Oberkirchenrats Lotz gesagt. In der Stellungnahme des Landeskirchenrats zu den Staatssicherheitsvorwürfen gegen Lotz heißt es: „In allen Fällen von Beschuldi­gungen von Mitarbeitern der Kirche gehen Synode und Landeskirchenrat von dem Grundsatz aus, daß vor Be­urteilung,  öffentlicher  Stellung­nahme oder dienstrechtlicher Ent­scheidung die Beschuldigten zu hören sind. Auch deshalb sind Vorfahren zur Vergangenheit Verstor­bener nicht möglich!“

Vor allem aber kann man diesen Artikel 45 nicht mit Artikel 57 vermengen. Entweder man hat schwerwiegende („nachvollziehbare“) Gründe, dann gilt der Artikel 45. Dann ist auch jedem die erfolgte Maßnahme einsehbar. Oder die Sache ist nicht so eindeutig. Dann muß man in ein ausführliches und länger dauerndes Prüfungsverfahren nach Artikel 57 eintreten, aber  o h n e  vorherige Beurlaubung. Diese ist eine ganz schwerwiegende Maßnahme, mit der man den Fall nach Artikel 57 nicht unterlaufen darf. Ein Verfahren nach Artikel 57 spielt sich auch zunächst nur im Gemeindekirchenrat ab und beginnt nicht mit einer öffentlichen Abkündigung, die allen Spekulationen über die Gründe Tor und Tür öffnet.

Mir hat man immer wieder versichert, daß in Richtung auf ein Disziplinarverfahren nichts vor­läge. Da man aber eine Begründung für die Beurlaubung brauchte, hat man den Artikel 57 herangezogen, wo vom „gedeihlichen Wirken“ die Rede ist. Das sind aber zwei unterschiedliche Fälle.

Durch eine Beurlaubung macht man in der Praxis ein eingehendes Prüfungsverfahren unmöglich, weil man Fakten schafft, hinter die man nicht zurück kann. Die angeblich neutrale Maßnahme bedeutet in der Praxis die fristlose Entlassung aus der einzigen Arbeitsstelle am Ort.  Wie soll man dort noch für maximal ein Jahr auf Abruf und unter der Belastung eines Verfahrens arbeiten können, ohne daß die Probleme gelöst sind? Es sollte ja in Steinbach-Hallenberg bei der Geschäftsführung durch einen Pfarrer von außerhalb und dem Laienvorsitz bleiben,  auch wenn beides nach den Gesetzen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen nicht rechtmäßig war.

Herr Kirchner sagte, man könne nicht eine Gemeinde ersetzen, sondern nur den Pfarrer. Doch in Steinbach-Hallenberg ging es nur darum, einige selbstherrliche Kirchenälteste wieder auf den Boden der Gesetzlichkeit (kirchlich wie staatlich) zurückzubringen. Daß der Landeskirchenrat dazu nicht bereit war, sondern den Weg des geringsten Widerstandes ging, indem er „nichts gegen die Organe des Dekanats unternehmen“ wollte, hat mich enttäuscht.

Ich hatte mich ja vorher extra noch versichert, wie die Rechtslage ist. Auch Herr Schurig hatte sich mit Herrn Kirchner abgestimmt und dessen Zustimmung eingeholt. Da ist es spitzfindig, wenn er nachher sagt: Das war nur eine Rechts-a u s k u n f t und wir können aus übergeordneten Gesichtspunkten auch anders entscheiden. Eine Rechtsauskunft ist nicht unverbindlich, sondern es muß dann auch entsprechend dem Recht entschieden werden.

Mit der eiligen Entscheidung des Landeskirchenrates (nach vier Arbeitstagen) wurde der Kirchenvorstand manipuliert,  indem ihm die Entscheidung des Landeskirchenrates vorab mitgeteilt wurde (auch wenn Herr Schreiber sich nicht mehr daran erinnern kann, aber es waren immerhin über 20 Leute dabei). Es war ja noch v o r der „Wende“, wo die Menschen noch eher geneigt waren, die Hand zu heben, wenn etwas von oben beschlossen wurde.

 

Oberkirchenrat Kirchner äußerte gegenüber dem Dekan Schreiber: „Wenn man mit so einem Problem wie Heckert nicht fertig wird, ist es Zeit, das Dekanat voll in Thüringen einzugliedern!“ Das war es ja gerade, was ich immer vermeiden wollte: Wenn man Eisenach fragte, machte man es nur groß. Deshalb mußte alles getan werden, damit das Dekanat sich einig war. Dekan Schreiber war aber nicht bereit, auch nur die einfachsten kirchlichen Regeln einzuhalten, weil er selber entscheiden wollte, was Kirchenrecht im Dekanat ist. Nur einen Pfarrer versetzen oder absetzen, das konnte er nicht allein. Also mußte er doch nach Eisenach gehen. Ob er dabei unter dem Druck des Staates oder der Staatssicherheit handelte, muß man schon fragen. Zumindest würde das sein irrationales Verhalten erklären.

 

Der Landeskirchenrat stellte mit Schreiben vom 2. Juli 1990 fest, daß ich mich „zu jeder Zeit um eine Pfarrstelle bewerben können. Der Landeskirchenrat sieht keinerlei Veranlassung, ei­ner Wiederbeilegung der aus der Ordination begründeten Rechte im Fall einer Anstellung zu widersprechen“. Aber Kirchenrat Hans Krech schreibt  am 8. August 1990 im Auftrag der Synode: Eine Veränderung des Pfarrerdienstgesetzes im Sinne einer Präzisierung ist nicht erfor­derlich, weil bald ein einheitliches Pfarrerdienstgesetz innerhalb der EKD in Kraft tritt.

 

Am 22. Dezember 1990 schrieb ich an Landesbischof Leich:  Es ist ein Widerspruch, wenn man den Opfern die Rechte aus der Ordination nimmt („ruhen läßt“), die Täter aber ungebrochen Gottesdienste halten können und sich sogar als Widerstandskämpfer aufspielen, wie kürzlich auf der Synode in Hofgeismar geschehen. Man kann doch diejenigen nicht einfach so weitermachen lassen, die ihr Ordinationsgelübde gebrochen haben, den Opfern aber, die nach ihrem Ordinationsversprechen gehandelt haben, sogar die ehrenamtliche Tätigkeit in der Kirche versagen.

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck lehnte jedoch meine Anstellung ab. Mein Fall liegt anders als das, was man in 50iger Jahren im Blick hatte, als man über geflüchtete Pfarrer eine Sperre von zwei Jahren verhängte. Ich habe ja nicht als aktiver Pfarrer eine Gemeinde verlassen, sondern die Gemeinde hat mich verlassen, besser gesagt: die Mehrheit des Kirchenvorstandes. Auch der Landeskirchenrat, der mich doch in der Ordination verpflichtet hat, die Ordnung der Kirche zu wahren, hat mir keine Unterstützung gewährt. Deshalb habe ich ordnungsgemäß mein Dienstverhältnis gekündigt. Aber jetzt bin ich praktisch mit einem „Berufsverbot“ belegt.

Ich bat um Aufnahme in den Wartestand. Wenn man das ablehnt mit der Behauptung, das ginge nicht, dann kann ich nur sagen: Wenn die Juristen etwas wollen, finden sie auch eine Lösung. Im Grunde bitte ich um Nachholung des Verfahrens, für das ich vor zwei Jahren nicht die innere Kraft hatte. „Verstehen Sie bitte, daß ich zum jetzigen Zeitpunkt und vielleicht überhaupt nicht mehr in einer der östlichen Landeskirchen Dienst tun kann. Solange nicht die Vergangenheit aufgearbeitet und eine wirkliche Wende herbeigeführt ist, zweifle ich am Sinn der kirchlichen Arbeit. Wenn man für sich selber nicht die Sündenvergebung und die frohmachende Gnade annehmen will, dann kann man sie auch nicht anderen predigen. Hier entsteht ein Krebsschaden in der Kirche, der immer verheerendere Folgen haben wird........ Ich bitte Sie um Hilfe nicht nur für die Täter, sondern auch für die Opfer. Für beides ist es höchste Zeit, wenn es nicht schon zu spät wird. Aber je länger man wartet, desto schlimmer wird es!“

 

Landesbischof Leich antwortete am 21. Februar 1991: „Ihr Brief erweckt den Anschein, daß alle beschwerlichen Vorgänge um Ihren Dienst in Schmalkalden ausschließlich mit der Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit zusammenhängen!“ Er weist auch die Vermutung zurück, daß bei Fehlen einiger Oberkirchenräte die von der Staatssicherheit beeinflußten Oberkirchenräte die Oberhand gehabt haben können. Der Beschluß des Landeskirchenrates sei einstimmig gefaßt worden (dann ist es aber umso schlimmer).

„Sie wissen, daß ich Ihnen im Gespräch andere Pfarrstellen in unserer Thüringer Landeskirche angeboten habe. Wir haben schließ­lich auch schriftlich darauf hingewiesen,  daß wir jederzeit be­reit sind, die Rechte aus der Ordination wieder beizulegen, wenn Sie von einer anderen Landeskirche in den Dienst übernommen werden. Auch Herrn Präsident Bielitz gegen­über habe ich betont, daß das Ruhen der Rechte aus der Ordination in Ihrem Fall nicht diszi­pli­narisch zu begründen ist, sondern allein aus der Tatsache, daß Sie durch Ihre Ortsbindung in Schmalkalden sich nicht für die Übernahme einer anderen Pfarrstelle in unserer Landeskirche bereit erklären konnten.“

Der Bischof sah keinen Rehabilitierungsbedarf, weil ich ja auf Antrag aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden sei und die Rechte aus der Ordination nicht aus disziplinarischen Gründen ruhen. Wieder wird die „Ortsbindung“ behauptet, die aber keinerlei Rolle spielte.

 

Am 1. Juli 1991 schrieb ich wieder an den Landesbischof: „Bei Pfarrern war eine Versetzung ein halber Erfolg für die Staatssicherheit, eine Ent­fernung aus dem Amt ein voller; vielleicht war in meinem Fall sogar die Vertreibung aus der DDR das Ziel. Damals habe ich das nicht erkannt und war deshalb so ratlos, weil auf einmal in irrationaler Weise das kritisiert wurde, was jahrelang in Ordnung war. Hätte ich jenen Hintergrund geahnt, hätte ich mich entscheiden müssen: ent­weder ohne Aufhebens freiwillig zu gehen oder bei der Staatssicherheit mitzumachen. Ich bin sicher, daß alles seinen geordneten Gang gegangen wäre, wenn nicht die Staatssicherheit im Hinter­grund die Fäden gezogen hätte und Leute unter Druck gesetzt hätte. Hätte ich aber bei der Staatssicherheit mitgemacht, wäre ich heute noch im Amt und Würde einstmals ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet, wie das bei Oberkirchenrat Thurm geschah. 

Ich bin aus der Gemeinde gewarnt worden: ‚Legen Sie sich nicht mit diesen Leuten an, da stehen ganz andere Kräfte dahinter!’ Aber meine Dummheit war, daß ich mich auf die Gel­tung der kirchlichen Bestimmungen verließ und von meinem Amt her meinte, den ehrlichen und demokratischen Weg gehen zu müssen.

Daß ich keine andere Pfarrstelle annehmen wollte, lag nicht an der Ortsbindung an Schmalkalden. Ich habe ja von vornherein gesagt, daß ich diese aufgeben würde. Grund dafür war vielmehr die schnelle Entscheidung des Landeskirchenrates. Anfang Januar 1989 wurde mir das ja auch noch mündlich und schriftlich versichert, daß ich nicht gegen kirchliches Recht verstoßen habe. Ich nahm an, daß im Notfall der Landeskirchenrat hinter mir stehen würde.

Aber er hat es nicht einmal für nötig gehalten, mich vorher zu hören, wie das auch das Pfarrergesetz vorschreibt. Ich kann es nicht anders sehen, als daß hier eine Disziplinarmaßnahme ergriffen wurde, ohne daß ein Disziplinarverfahren durchgeführt wurde. Es blieb ja nur die Möglichkeit der Strafversetzung.

Ich sollte ja sogar mit falschen Behauptungen über die Rentenregelung unter Druck gesetzt werden. Aber mir war klar, daß die Staatssicherheits-Leute ihre Drohung wahr machen würden, mich auch in einer anderen Pfarrstelle zu verfolgen. Letztlich habe ich natürlich ‚freiwillig’ um Entlassung gebeten. Aber man darf nicht vergessen, was vorausgegangen ist. Ich bin schon der Meinung, daß ein Rehabilitierungsbedarf besteht. Schließlich ist in aller Öffentlichkeit von der Kanzel herab meine Beurlaubung ver­kündet worden, ohne daß nähere Erläuterungen gegeben wurden. Was Sie in Briefen später zur Klarstellung an mich geschrieben haben, sollte in gleicher Weise öffentlich bekannt gemacht werden, also zum Beispiel, daß keine dienstlichen Verfehlungen vorliegen, daß ich jederzeit eine Pfarrstelle erhalten könnte, usw. „

 

Landesbischof  Leich antwortete am  30. August 1991. In diesem Brief war ich nicht mehr der „liebe Bruder Heckert“, sondern es hieß: „Sehr geehrter Herr Heckert!“ Grund war meine Anlage in dem vorhergehenden Brief, in dem ich Dinge aus meiner Staatssicherheits-Akte zusammenfaßte. Diese wurden als Verleumdungen und unbewiesene Behauptungen bewertet (ich muß allerdings auch sagen, daß ich aus der späteren Kenntnis den einen oder anderen Vorgang heute anders beurteile). Weiter schreibt der Bischof:

„1. Für den Beschluß des Landeskirchenrates waren maßgeblich die anhaltenden Querelen in Steinbach-Hallenberg sowie die in einem Gespräch im Landeskirchenrat am 17. Januar 1989 von Dekan Schreiber, Prodekan Hoffmann und dem Laienvorsitzenden des Kirchenvorstandes ausgesprochene Bitte an den Landeskirchenrat, tätig zu werden. Eine Beurlaubung nach § 45 Absatz 2 Pfarrerdienst­gesetz braucht keine disziplinarischen Gründe zu haben. Bei akuten, gravierenden Schwierigkeiten kann nach § 45 Absatz 2 eine vorläufige Regelung ohne vorherige Anhörung des betroffenen Pfarrers getroffen werden.  Im Kirchenrecht gilt: Bei akuten Schwierigkeiten in einer Gemeinde geht der Pfarrer. Es bleibt die Gemeinde. Diese Bereitschaft des Pfarrers  seinen Dienst gegebenenfalls in einer anderen Gemeinde fortzusetzen, gehört zu den Amtspflichten eines jeden Pfarrers.

2. Rehabilitierungsbedarf: Ich habe mehrfach klargestellt, daß der Landeskirchenrat be­reit ist, Ihnen eine andere Pfarrstelle zu übertragen. Die entsprechenden Mitteilungen können von Ihnen verwendet werden.“

 

Am 29. Februar 1992 bat ich dann noch einmal den Landeskirchenrat, daß ich wie die Pfarrer des Dekanats Schmalkalden auf eine eventuelle frühere Staatssicherheitsmitarbeit überprüft werden möch­te, wie das ja auch bei den anderen Pfarrern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen geschieht. Diese Überprüfung könne sich nicht nur auf die gegenwärtigen Pfarrer beziehen, sondern müsse alle im Jahre 1989 aktiven Pfarrer und Ruheständler umfassen muß.

Der Landeskirchenrat antwortete am 10. März 1992: „Nach dem vorliegenden Gesetz über den Umgang mit den Akten des früheren Ministeriums für Staatssicherheit sieht sich der Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen außerstande, die Überprüfung auf Pfarrer auszudehnen, die in keinem dienstrechtlichen Ver­hältnis zur Landeskirche mehr stehen. Wohl leuchtet Ihr Argument ein, daß für die Frage der Überprüfung das Jahr 1989 von erheblicher Be­deutung ist. Andererseits ist die Zuständigkeit einer Dienstaufsichts­behörde durch Dienstbeginn und Dienstende klar begrenzt. Andererseits steht es Ihnen völlig frei, Ihre Überprüfung selbst zu beantragen. Dies müßte freilich nicht beim Landeskirchenrat geschehen, sondern als Antrag direkt an die Gauck-Behörde gerichtet werden. Beschuldigte Amtsbrüder in unserer Landeskirche haben diesen Weg ge­wählt und entsprechende Auskunft bekommen!“ (Ich war allerdings kein Beschuldigter, sondern Opfer!).

 

Jedenfalls machte ich deutlich, daß es mir um eine Rehabilitierung geht. Dazu gibt es nach meiner Meinung drei Möglichkeiten:

1. Rücknahme der Beurlaubung: Formal war sie nichtig, weil ich vorher nicht gehört wurde, aber auch sachlich war sie unangebracht, weil sie eine Zwangsversetzung erreichen wollte, ohne daß disziplinarisch etwas vorlag.  Hier sagte Bischof Zippert (Kassel), daß das Sache der Thüringer sei. Ich wies ihn jedoch darauf hin, daß sein gutes Verhältnis nach dort auch in die Waagschale geworfen werden kann (Früher sagte Eisenach: Wir müssen auf Kassel Rücksicht nehmen)

2. Die Zulassung auf eine Pfarrstelle wäre mir auch Rehabilitierung, gerade weil jetzt deutlich wird, daß man gerade dieses von Schmalkalden aus verhindern will. Er fragte mich noch einmal, ob ich das wirklich wolle. Ich sagte: Vor zwei Jahren hätte ich sofort ja gesagt, heute würde ich mir das überlegen; ich verwies darauf, daß ich inzwischen eine zweite Berufsausbildung gemacht habe und ein zweites Standbein habe.

3. Wenn die Kirche nicht zur Rehabilitierung bereit ist, muß ich selber versuchen, die Hintergründe aufzudecken. Ich weiß allerdings nicht, ob ich jemals etwas dazu in die Hand bekomme. Und zu den Staatssicherheitsleuten möchte ich im Augenblick nicht gehen. Wenn die Betroffenen selber die Wahrheit sagten, wäre mir das lieber. Bei der Gelegenheit sprach ich noch von dem Staatssicherheitsspitzel aus Hessen, der Landesverrat begangen hat und mir sehr hätte schaden können.

Vielleicht gibt es kein gerichtsverwertbares Material mehr oder es wird mir nicht zugänglich. Aber wenn ich etwas erhalten sollte, würde ich es auch einsetzen. Wahrscheinlich würde ich es erst über das Landeskirchenamt in Kassel gehen lassen. Herr Vizepräsident Bielitz hat darum gebeten. Er ist der Erste, der einmal danach gefragt hat, das ist immerhin ein hoffnungsvolles Zeichen. Nur indem man die Vergangenheit wirklich bearbeitet, kam sie bewältigt werden.

Mein Ziel ist weiterhin eine Rehabilitierung. Es ist nicht damit getan, daß der Landeskirchenrat in Eisenach im Brief schreibt, es bestehe dafür kein Bedarf, weil mir ja kein Schaden entstanden sei, ich könne ja jederzeit eine Pfarrstelle in Thüringen übernehmen. Zur Rehabilitierung gehört auch Öffentlichkeit. Denn man hat ja auch mit Kanzelabkündigungen den Eindruck erweckt, daß ich etwas verbrochen hätte. Zumindest gehört dazu auch das Eingeständnis, daß man formale Fehler gemacht hat und die eigenen Bestimmungen nicht beachtet hat, wodurch erst meine Reaktion hervorgerufen wurde.

 

Brief an Pfarrer Scholz

Lieber Herr Scholz,                                                                                       30.10.2006

ganz herzlichen Dank für die übersandte Festschrift und den ausführlichen Bericht. Ich freue mich, wenn die Gemeinde und die Öffentlichkeit an so einem Ereignis Anteil nimmt. Und sicherlich ist es auch gut, wenn dadurch - wie Ihr Eindruck ist - die allgemeine Stimmungslage etwas gehoben wird. Ich denke, das ist heute - unter anderem - auch eine Aufgabe der Kirche.

Zu Ihrem persönlichen Nachwort möchte ich Folgendes sagen: Der Eindruck ist völlig falsch, ich wolle „die Dinge“ nicht ruhen lassen. Ich will sie ja wirklich ruhen lassen und nicht wieder aufrühren. Sie haben sicher recht, daß diese „alten Sachen“ viele Menschen nicht mehr interessieren und heute ganz andere Probleme im Vordergrund stehen. Auch ich vergifte nicht mein Leben, das wäre ein völlig falscher Eindruck. Ich habe von Anfang an gesagt: Es ist nun einmal so gelaufen, daran läßt sich jetzt nichts mehr ändern, jetzt wird nach vorne geschaut! Ich habe es ja auch wirklich gut getroffen.

Manchmal denke ich sogar, ich hätte die körperliche Belastung mit wöchentlich 60 bis 80 Stunden nicht noch länger ausgehalten. Und ich habe manchmal die Befürchtung, daß unsere beiden Söhne sich im Pfarramt ebenso aufreiben. So hatte ich noch einmal zehn ruhigere Jahre und nun schon wieder sieben Jahre wie im Kommunismus, wo ich tun und lassen kann, was ich will, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse abgesichert sind.

Wenn ich an Steinbach-Hallenberg zurückdenke, dann stehen mir nicht in erster Linie die wenigen Quertreiber vor Augen, sondern die vielen Menschen, die mir glückliche und zufriedene Jahre beschert haben. Für sie habe ich meine besten Jahre dahingegeben, ich war gerne Pfarrer und bin sehr froh, darüber, daß ich Theologie studieren konnte, denn in erster Linie hat mir das persönlichen Gewinn gebracht.

Ich warte nicht auf eine göttliche Gerechtigkeit, sondern auf die geschichtliche Wahrheit, soweit es diese gibt. Auch nach der Nazizeit hat es 40 Jahre gedauert, bis in der Thüringer Kirche hinter vorgehaltener Zeit über die Verstrickung der Pfarrer in die damalige Staatspartei geredet wurde. Es wird einmal eine Generation kommen, die unbefangener über die 40 Jahre SED-Herrschaft forschen will. Da sollen nicht die Täter allein die Deutung geben, nur weil sie fast ausnahmslos im Amt geblieben sind.

Nur eine einzige Bitterkeit bleibt noch von all diesen Vorgängen zurück. Ich zitiere dazu aus meinem Buch „Kirche ohne Staatssicherheitsspitzel“: „Hätte ich mich im Januar 1989 zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit bereit erklärt, wäre ich heute noch (im Jahre 2000) Pfarrer in Steinbach-Hallenberg. Man hätte sofort den kirchli­chen Stellen signalisiert, daß man nichts mehr gegen Heckert habe und dieser das gute Ver­hältnis zwischen Staat und Kirche in Dekanat Schmalkalden nicht mehr störe. Daraufhin hä­t­te man von kirchlicher Seite alle Anschuldigungen fallenlassen, denn sie waren ja sowieso kaum sachlich begründet, sondern wurden mit Gewalt herbeigezogen, um einen Vorwand zu haben!“ Schließlich hatte die Stasi sich im Jahresplan für 1989 geschrieben, daß sie mich anwerben wolle, weil ich als bisheriger erklärter Gegner unverdächtig für ihre Zwecke sei.

Noch ein Zitat: „Das Haus war jedenfalls nicht der Grund, weshalb ich keine andere Pfarrstelle annehmen wollte. Dafür war ausschlaggebend, daß ich mir nicht vorstellen konnte, wieder eine Gemeinde zu finden, in der es mir so gut gefallen würde wie in Steinbach-Hallenberg, und daß mir Oberkirchenrat Kirchner gedroht hatte, wenn es in einer anderen Gemeinde wieder so Auseinandersetzungen mit dem Staat geben würde, dann würde man mich ganz aus dem kirchlichen Dienst entfernen. Trotz aller Schwierigkeiten fühlte ich mich in Steinbach wohl, weil die Gemeinde anders war als einige ihrer Repräsentanten, die sich lautstark zu Wort meldeten.“

„Eine Verurteilung liegt mir fern. Ich glaube auch, daß die Gemeinde und die Öffentlichkeit gelassen reagieren wird. Es gibt keine Enthüllungen, keine Abrechnung. Auch zu meinem Fall sage ich: Es ist nun einmal so gelaufen, es kann nichts mehr daran geändert werden, es besteht kein Anlaß, nachtragend zu sein oder nach Bestrafung zu rufen. Aber man sollte ehrlich und offen darüber reden.“

Was Sie über Herrn Nothnagel geschrieben haben, ist typisch. Er ist nie von der Gemeinde gewählt worden, auch als er noch vernünftig und normal war. Ich habe das nicht so recht verstanden, weil er sich doch in guter Weise engagierte. Aber die Gemeinde wußte offenbar mehr. Und ganz war es natürlich aus, als er nach der Ablehnung einer privaten Westreise in anderem Auftrag innerhalb von zwei Monaten dreimal im Westen war. Da wußte jeder, wie der Hase lief (Die Leute sagten, sein Bruder haben ihn hochkantig rausgeworfen, als er mit seinem Anliegen kam). Herr König war schon immer alterssenil. Aber diese Leute haben damals den Ton angegeben und beim Dekan Gehör gefunden.

Noch ein Punkt: Daß Herr Wahl den genauen Tag der Kircheneinweihung festgestellt haben soll, ist ja interessant. Leider haben Sie keine Begründung mitgeschrieben, das hätte mich schon interessiert. Ich habe die Frage in meiner Chronik ja offengelassen. Das „2. Sonntag im September“ bezieht sich dabei auf die Feier der Kirchweih, nicht auf den Tag der Einweihung, da ist ja gar kein Wochentag genannt. Man müßte noch einmal im Original der Chronik von Avenarius nachsehen. Wenn dort steht „am 10. 7bris“, dann ist der 10. September gemeint („septembris“). Dieser wäre dann aber ein Mittwoch gewesen, was ja auch möglich ist.

Logisch wäre an sich, daß es ein Sonntag war. Doch dann war es nicht der 10. September, denn dieser war im Jahr 1656 nur nach dem gregorianischen Kalender ein Sonntag. Damals galt in Hessen aber noch der julianische Kalender. Nach dem waren der 7. und 14. September ein Sonntag. Der 10. September war ein Mittwoch und der 15. ein Montag. Aber auch hier gilt wie bei vielen geschichtlichen Problemen. Die volle Wahrheit werden wir nicht mehr ergründen können.

Ich grüße Sie und Ihre Frau herzlich und bedanke mich noch einmal

 

Kantor Dalberg

 

In einer Einschätzung der kirchlichen Aktivitäten im Bezirk Suhl vom 29. November 1971 durch den Stellvertreter für Inneres im Bezirk Suhl heißt es: Die staatlichen Orchester dürften keine Verträge zur Mitwirkung bei Kirchenkonzerten abschließen. Einzelne Künstler wirken jedoch mit wegen ihrer religiösen Bindung, vor allem aber mit dem Argument „Musik sei Musik“. Da sich in keiner staatlichen Einrichtung eine Orgel befindet, führt die Kirche verstärkt Orgelwerke alter Meister auf. Sie führt eine breite aktive musikalische Tätigkeit aus, die zum Beispiel als „Orgelandachten“ deklariert werden.

 

Bei der Wahl im Juni 1981 ging Kantor Dalberg 11 Uhr zur Wahl. Eine Band der Jungen Gemeinde führte Proben in der Kirche durch. Im Anschluß daran wurden sofort Diskussionsrunden durchgeführt (Thema: „Ist Gott für uns noch wichtig?“ „Warum gibt es Kriege?“). Im Herbst 1981 wurde Kantor Dalberg eingezogen.

Als Kantor Dalberg um Druckgenehmigung für Plakate zum Jubiläum des Posaunenchors am 13. Oktober 1984 bat, wurde am 25. September mit ihm und Pfarrer Heckert eine Aussprache geführt. Ausgehend vom nicht genehmigten Auftritt eines Posaunenchors aus der BRD im Frühjahr 1984 wurde auf die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen hingewiesen.

 

 Im Gespräch mit dem Dekan  wurde auf das zunehmende Unterlaufen der Regelungen im Reiseverkehr für die Organisierung von Gruppeneinreisen aus „Partnergemeinden“ in der BRD eingegangen. Am 13. Oktober wurden dann auch an der Grenze den Mitgliedern des Posaunenchors aus Bad Berneck die Instrumente abgenommen. Der Leiter des Chors, Herr Nützel, erklärte, man sei zur heutigen 80-Jahr-Feier des Posaunenchors Steinbach-Hallenberg eingeladen und werde am Mittag bei Mitgliedern des dortigen Chors essen. „Wir sind harmlose Leute und begehen mit unseren Instrumenten nichts Schlechtes!“

Am 11. Februar 1985 wird kritisiert, daß es bei durchgeführten Einreisen der Mitglieder des Posaunenchors der Kirchgemeinde Bad Berneck (BRD) zu öffentlichkeitswirksamen gemeinsamen Auftritten kam. Deshalb wurde ein weiteres gemeinsames Auftreten der beiden Posaunenchöre im Juni/Juli 1984 durch zielgerichtete Maßnahmen über inoffizielle Mitarbeiter in Schlüsselpositionen (Möschter?) verhindert.

 

Durch Dalberg wurden gemeinsam mit dem Pfarrer Heckert Bestrebungen sichtbar, kirchliche Musikveranstaltungen in den Kulturplan der Abteilung Kultur des Rates des Kreises aufzunehmen, um eine höhere Besucherzahl zu garantieren. Dieses Ansinnen wurde in der Abteilung Kultur abgelehnt, was bei Dalberg und Heckert auf Unverständnis stieß.

Kantor Dalberg wurde vom Abteilungsleiter Kultur eingeladen wegen des geplanten Jubiläums des Posaunenchors Steinbach-Hallenberg. Er kam in Begleitung von Pfarrer Heckert, der sich das Gesagte wörtlich aufzeichnete. Dem Genossen Beßner ging es hauptsächlich um die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und um die Mitteilungen, welche Gruppen und Einzelpersonen einbezogen werden.

Heckert legte dar, daß es sich nicht um eine Veranstaltung handelt, die anzumelden sie, und er könne Leute auftreten lassen, die ihm passen: „Wir haben unseren Partnerchor aus der BRD eingeladen. Aber sie werden nur gemeinsam mit den Steinbachern auftreten und keinen selbständigen Beitrag leisten!“

Die staatlichen Vertreter aber machten deutlich, daß sie ein Auftreten von Ausländern ohne staatliche Genehmigung nicht dulden werden und solche Aktivitäten als ein Unterlaufen der gesetzlichen Bestimmungen betrachten. Die Genehmigung müßte sogar über den Bezirk laufen. Heckert entgegnete: „Erst haben Sie Gesetze über die Erleichterung des Reiseverkehrs gemacht und jetzt wollen Sie uns Steine beim Ausbau unsrer Kontakte in den Weg legen. Notfalls werde ich die Leute im Gemeindehaus oder vor unsrer Familie spielen lassen. Da können Sie gar nichts machen. Instrumente können sie ja mitbringen!“

 

Am 18. Februar 1985 wurde sogar eine „Operative Personenkontrolle“ eingeleitet gegen Christoph Dalberg, weil er in seiner Funktion als Kantorkatechet unter Umgehung der gesetzlichen Bestimmungen öffentliche kirchliche Musikveranstaltungen organisierte, an denen auch BRD-Personen öffentlich auftraten. Er zeigt Bestrebungen, mit kirchlichen Musikveranstaltungen öffentlichkeitswirksam zu werden. Seine Persönlichkeit ist umfassend aufzuklären, auch seine Verbindungen zur BRD, um den Mißbrauch kirchlicher Musikveranstaltungen zu feindlich-negativen Aktivitäten zu verhindern. Informanten sind FIM „Hans Werner“, FIM „Paul König“, IMS „Peter Schüler“, GMS „Lothar“,  IMS „Monika Jäger“, IMS „Schiedsrichter“.

Die Akten enthalten die Kopie eines Telegramms nach Bad Berneck, in dem Herr Dalberg darum bittet, ohne Instrumente einzureisen. Die Operative Personenkontrolle wurde abgeschlossen, weil die Anhaltspunkte aufgeklärt wurden und der Einfluß Dalbergs in der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg zurückgedrängt wurde. Er wird jedoch weiter kontrolliert durch Einsatz der IMS „Schiedsrichter“, „Peter Schüler“ und des GMS „Lothar“.

 

Am 18. April 1885 ist  „Peter Schüler“ Zeuge eines Gesprächs des Gerhardt Jäger mit Dalberg. Dalberg soll sich über Heckert beschwert haben, weil er Dalbergs Auffassungen über Kinderarbeit nicht teilt. Dalberg sei für richtige Kantorarbeit mit Jugendlichen und auch modernen Konzerten, Heckert aber sei gegen eine eigenständige Arbeit und wolle, daß sich Dalberg seinen Ideen unterordnet.

Gegen moderne Konzerte war ich auf keinen Fall, im Gegenteil. Unterschiedliche Auffassungen kann es nur gegeben haben darüber, daß Christenlehrestunden nicht allein mit Kirchenmusik gefüllt werden. Aber das betraf mich sowieso nicht, weil Herr Dalberg nur in Rotterode Christenlehre erteilte. Mir ist nicht so recht deutlich, was der IM verstanden hat. Vielleicht ging es aber auch darum, daß Herr Dalberg die Steinbacher Christenlehrekinder für einen Kinderchor haben wollt und diese Arbeit die Christenlehre ersetzen sollte.

 

Am 30. April und 1. Mai 1985 wurde Dalberg durch den GMS (Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit) unter Kontrolle gehalten. Er zeigte keinerlei negative Aktivitäten, inwieweit er sich an der Mai-Demonstration beteiligte, konnte nicht festgestellt werden. Der Einfluß Dalbergs auf die Jugendarbeit ist gering, seine Aktivitäten werden nur durch Pfarrer Heckert inspiriert. Dalberg sprach aber wieder davon, daß es mit Pfarrer Heckert Auseinandersetzungen gibt. Die Mitglieder des Posaunenchors verlangten für den 3. Mai eine Aussprache.

Dabei kann es sich nur um den alten Kleiderschrank im Christenlehreraum gehandelt haben, den ich weghaben wollte, weil die Noten des Posaunenchors auch anderweitig untergebracht werden konnten.

Auch am 26. Mai 1986 äußerten Hosea Heckert und Gerhardt Jäger, Dalberg würde kaum noch etwas für die Jugendlichen machen, weil Heckert von ihm verlangt, in erster Linie seine Arbeit als Kantor der Gemeinde zu tun. Deshalb habe er aus Verärgerung die Jugendlichen im Stich gelassen und wolle sich nur noch als „normaler Organist“ betätigen.

 

IMS „Schiedsrichter“ (der stellvertretende Bürgermeister Horst Jäger) klagt im Juni 1985 darüber, daß eine Personeneinschätzung zu Dalberg bisher nicht möglich war, da Dalberg außerhalb der Kirchengemeinde keinen Umgangskreis hat. Auch der Einsatz des IM „Monika Jäger“ zur Bearbeitung der OPK „Gemeinde“ kann nur peripher erfolgen, da durch den IM keine direkten Verbindungen zur Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg bestehen. Grund dafür ist die gesellschaftliche Stellung der Verwandten des IM  (Gemeint ist wohl: Der IM hat Verwandte in Steinbach-Hallenberg, aber die sind nicht kirchlich).

 

Im Jahre 1985 ist es der Posaunenchor aus Bayreuth (handelt es sich um den gleichen Chor wie Bad Berneck?), der nach Steinbach-Hallenberg kommen will, um an einem Waldfest des Posaunenchors Steinbach-Hallenberg teilzunehmen. Beim Grenzübergang sagt einer der Bläser: „Wenn Eure Bürger schon nicht zu uns rüber dürfen, müssen wir die Kontakte weiter ausbauen und pflegen. Es kann durchaus passieren, daß in Zukunft noch mehr Pkw einreisen!“ Bei der Zollkontrolle wurden 15 Musikinstrumente (Posaunen, Hörner) festgestellt. Nach Absprache mit der Bezirksverwaltung Suhl wurde auf Rückführung der Instrumente entschieden (durften sie nun mitgenommen werden oder wurden sie gleich „zurückgeführt“? Wahrscheinlich mußten sie da bleiben).

Am 15. Juli 1985 führte Möschter ein Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister Jäger. Dieser hatte zwischenzeitlich ein Gespräch mit dem Stadtverordneten Jürgen Huhn (Mitglied des Posaunenchors), der ihn zu bestimmten Fragen vertraulich informierte. Es ergab sich folgender Sachverhalt: Der Posaunenchor der Patengemeinde war schon seit längerer Zeit daran interessiert, nach dem Auftritt zum Jubiläum im vergangenen Jahr erneut am 13. Juli nach Steinbach-Hallenberg zu kommen. Huhn hat damals mit Dalberg gesprochen. Im Ergebnis dieser Aussprache hat Dalberg an den Chor im Westen geschrieben, sie sollten ohne Instrumente einreisen, um Schwierigkeiten zu verhindern.

Am 13. Juli war der Chor zunächst in Suhl und ist dann direkt zum Gartengrundstück des Bläsers Dieter Recknagel gefahren, um dort das Waldfest zu feiern (gegen 13.30 Uhr). Zu einem Posaunenblasen ist es nicht gekommen. Gegen 18 Uhr fuhren die Gäste wieder nach Hause. Erschienen waren 22 Bläser aus der BRD (mit Ehefrauen) und 3 (?) Bläser aus Steinbach-Hallenberg (zum Teil mit Ehefrauen). Man führte angeregte Gespräche und tauschte Erfahrungen aus. An der Grenze hatten sie Gäste den Eindruck, daß man sie schon kannte und sie bewußt „ausgesucht“ habe. Man empfinde das als Schikane und Schlechtigkeit, sie nur ohne Instrumente einreisen zu lassen.

Huhn wurde also genutzt, um Dalberg dazu zu bewegen, daß er wegen der Instrumente in den Westen schreibt. Er gab auch nachher bereitwillig Auskunft, wenn auch nicht direkt an Mösch­ter, sondern an den stellvertretenden Bürgermeister, aber ausdrücklich mit der Bemerkung „vertraulich“; er wußte also, daß er innerkirchliche Dinge verriet. Auch in diesem Fall hatte die Staatssicherheit gar keinen inoffiziellen Mitarbeiter nötig, sie hat auch so alles erfahren und erreicht.

Am 18. Juli erklärte Pfarrer Peters, die Kirche habe mit dem Treffen nichts zu tun, der Posaunenchor habe das allein organisiert. Das Waldfest werde im Gebiet des „Knüllfeldes“ durchgeführt und sei mit einem gemeinsamen Blasen verbunden (aber nicht öffentlich). Die Bläser nahmen auch am Gottesdienst teil, traten aber nicht öffentlich auf.

 

 „Peter Schüler“ schätzt am 18. Juli ein, daß von Dalberg keine eigenen Initiativen im Bereich der Jugendarbeit mehr ausgehen. Auch bei der Betreuung des Patenchores zeig er keine Aktivitäten mehr. Auch der Bürgermeister teilte mit, Dalberg werde jetzt sichtbar weniger machen. Pfarrer Peters habe ihm berichtet, daß Dalberg jetzt bemüht sei, sich Peters anzuschließen. Zwischen ihnen bestehe Klarheit darüber, daß Heckert zu stark auf Konfrontation setzt. Auch Dalberg sei nicht für die Politik des Staates, habe aber etwas gegen den „primitiven Stil“ des Heckert. Insgesamt schätzte Peters ein, daß Dalberg jetzt ruhiger sei und Einfluß unter den Jugendlichen verloren habe. Sein „aggressives Wesen“ habe sich vermutlich „abgekühlt“.

 

Im Abschlußbericht am 15. Oktober heißt es: Es lagen Hinweise vor, daß Dalberg gemeinsame Auftritte der Posaunenchöre Steinbach-Hallenberg und Bad Berneck organisiert. Es wurde festgestellt, daß die Partnerschaftsbeziehungen durch Pfarrer Heckert inszeniert wurden, der auch die gemeinsamen Auftritte öffentlichkeitswirksam gestalten wollte. Dalbergs Tätigkeit beschränkt sich aber auf die ortsansässigen kirchenmusikalischen Gruppen, öffentlichkeitswirksames Auftreten wurde nicht sichtbar.

Durch einen inoffiziellen Mitarbeiter in Schlüsselposition (Möschter) wurde Dalberg veranlaßt, vom gemeinsamen Auftreten beider Chöre Abstand zu nehmen. Eine Einreise des Posaunenchors Bad Berneck im Juli 1985 wurde nur ohne Instrumente gestattet. Bei dem Zusammentreffen im Garten eines Kirchenvorstandsmitglieds kam es nach inoffiziellen Berichten keine operativ-bedeutsamen Probleme. Im Posaunenchor gab es aber unterschiedliche Meinungen über den Sinn solcher Zusammenkünfte.

Inoffiziell wurde bekannt, daß zwischen Kantor Dalberg und Pfarrer Heckert zunehmend Spannungen auftreten, die auf der Einmischung des Heckert in die Tätigkeit des Dalberg auf kirchenmusikalischem Gebiet beruhen. Da die zur Einleitung der Operativen Personenkontrolle (OPK) führenden Anhaltspunkte durch die eingeleiteten Maßnahmen entfallen, wird die OPK eingestellt. Die Person Dalberg wird aber zur weiteren Klärung der Frage „Wer ist wer?“ unter operativer Kontrolle gehalten.

Die ganz normale kirchliche Arbeit eines Kantors löste also schon eine Überprüfung und Beobachtung der Staatssicherheit aus. Die Initiative ging aber von dem Chor aus dem Westen aus, auf keine Fall von Pfarrer Heckert, der Kontakt ging von Chor zu Chor. Die Steinbacher hatten aber natürlich auch Interesse an solchen Kontakten, aber es war nicht so, daß die DDR vom Westen aus unterwandert werden sollte. Die Bläser aus dem Westen liehen sich übrigens Instrumente von Schmalkalden aus und bliesen im Gottesdienst mit, ohne allerdings öffentlich erwähnt zu werden.

 

Dekan Schreiber sagte am 15. August 1989 zu Möschter: Kantor Dalberg hat sich geweigert, das von ihm widerrechtlich in seiner vollen Größe genutzte Pfarrhaus auch nur teilweise zu räumen. Daran sei die Neu-Einstellung eines Pfarrers gescheitert. Er sprach sich gegen eine Genehmigung des Ausreise-Antrags aus.

Kantor Dalberg hatte aber nicht das ganze Haus „besetzt“, sondern nur den Teil des Pfarr­hauses, für den er einen Mietvertrag hatte! Der andere Teil wurde von einer Kindergärtnerin genutzt bzw. war Amtszimmer des Pfarrers. Die Sache war vielmehr so, daß Dalberg ganz aus dem Haus heraus sollte und sich selber eine andere Wohnung suchen sollte, damit man das ganze Haus einem möglichen Bewerber für eine Pfarrstelle anbieten konnte. Pfarrer Heckert und seine Vorgänger waren noch bereit gewesen, wegen des knappen Wohnraums und um einen Kantor anstellen zu können, auf einen der Teil der ihnen zustehenden Dienstwohnung zu verzichten. Andere Pfarrer waren dazu aber offenbar nicht bereit. Deshalb setzte Pfarrer Schulte Kantor Dalberg und seine Familie so unter Druck, daß sie schließlich keinen Ausweg mehr sahen als die Antragstellung. Der Dekan meinte aber, bei Dalberg solle man einem Ausreiseantrag nicht zustimmen. Nur bei Heckert sei das etwas anderes. Hier sei es für alle Seiten das Beste, wenn man ihm seinen Wunsch nach Ausreise erfüllt.

Beim Posaunenjubiläum in Steinbach-Hallenberg am 22. Oktober 1989 fanden die Aktivitäten intern statt und es wurden keine Provokationen festgestellt. Allerdings sprach auch ein Vertreter der Bläsergruppe aus der Bundesrepublik.

 

 

 

 

 

 

 

Kirche ohne Stasi ?

Das Verhältnis von DDR-Staat und Kirche im Kirchenkreis Schmalkalden

 

In jahrelanger Arbeit habe ich die Unterlagen der Behörde des „Beauftragten für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR“ in der Außenstelle Suhl erforscht, soweit sie die Kirche im Dekanat Schmalkalden (heute Kirchenkreis Schmalkalden) betreffen. Dabei ist ein etwa 300 Schreibmaschinenseiten starkes Manuskript entstanden, das nicht alles aufhellen kann, aber doch manche Hintergründe aufzeigt. Im Schriftbild ist dabei kenntlich gemacht, was zusammenfassende Wiedergabe der Akten ist und was meine eigenen Ergänzungen und Wertungen dazu sind (Kursivschrift).

Das Manuskript beginnt nach einigen einleitenden Bemerkungen über das Dekanat Schmalkalden mit der Darstellung der Täter, also der vier hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit in der Kreisdienststelle Schmalkalden und des inoffiziellen Führungsmitarbeiters,  der als Beauftragter für Kirchenfragen beim Rat des Kreises arbeitete.

Es folgt dann die Schilderung des Kampfes kirchlicher Mitarbeiter und Gruppen gegen die Versuche der Staatssicherheit, den vermeintlichen Einfluß der Kirche einzudämmen. Hier geht es um Christenlehre und Konfirmation, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung und Nachteile in Schule, Armee und Beruf. Es geht um Umweltgruppen, Neubauarbeit und Gemeindetage. Das alles wird dann noch einmal dargestellt am Beispiel der handelnden Personen, vor allem der Pfarrer (in dieser zeitlichen Reihenfolge) Hülsemann, Heckert, Kramer und Hauser. Auch die Haltung der anderen Pfarrer wird beleuchtet.

Auf der kurhessen-waldeckschen Landessynode wurde der vorläufige Bescheid der Behörde des Bundesbeauftragten verkündet, wonach kein kirchlicher Mitarbeiter im Dekanat Schmalkalden ein sogenannter „Inoffizieller Mitarbeiter“ wa.  Die Mitteilung wurde  mit Beifall entgegengenommen. Das wird auch bei einem eingehenden Studium der Akten belegt: Es gab niemanden, der für Geld und mit einer Verpflichtungserklärung für die Staatssicherheit gearbeitet hat (und nur das beinhaltete die Auskunft an die Landeskirche). Es gab nur ein Mitglied des Kirchenkreisvorstandes, das von der Behörde als „Inoffizieller Mitarbeiter“ eingestuft wurde,  das aber nicht bei der Kirche angestellt war.

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. In Wirklichkeit gab es eine abgestufte Zusammenarbeit mit dem Staat, die gleichbedeutend war mit einer Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, wie jeder damals wissen mußte. Jeder wußte, daß die „Beauftragten für Kirchen  fragen“ alle  Mitarbeiter der Stasi waren, in der Pfarrkonferenz wurde eigens darauf hingewiesen. Ihre Aufgabe war es in erster Linie, die Kirchen zu  kontrollieren und zu beeinflussen.

Daß sie auch wohlwollende Ansprechpartner für die kirchlichen Mitarbeit sein sollten, war ihre Legende. Deshalb kann kein  kirchlicher Mitarbeiter sich damit  herausreden, er habe ja nur m it dem ihm zugewiesenen Vertreter des Staates geredet - er hat mit der Staats­sicherheit geredet. Er mußte auch damit rechnen, daß j eder Vertreter des Staates (zum Beispiel der Bürgermeister oder ein Lehrer) seine Aussage an die Staatssicherheit weiterleiten würde.

Das Spektrum der Mitarbeit mit der Stasi geht dabei bis hin zu „gleichbedeutend mit inoffizieller Mitarbeiter“. Ich habe in diesem Zusammenhang die Unterscheidung getroffen zwischen „offizieller IM“ (also mit Verpflichtungserklärung und Geldprämie) und „inoffizieller IM“. Diese Wortprägung ist meines Wissens neu.

Der „inoffizielle IM“ bezeichnet einen Menschen, der zum Beispiel wegen seiner kirchlichen Bindung niemals bereit wäre, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben, weil er das als Verrat an der Kirche angesehen hätte. Er war aber bereit, gefragt oder ungefragt über alle innerkirchlichen Vorgänge Auskunft zu geben, so daß sie Stasi vorbeugende Maßnahmen ergreifen konnte. Und er war bereit, im Sinne  der Stasi zu handeln. Natürlich geschah das nicht plump, sondern es wurde gesagt: „Im Interesse eines guten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche wäre es doch besser, wenn man dies oder jenes unterließe und es statt dessen so machte!“

Dieser Begriff „gutes Verhältnis zwischen Staat und Kirche“, der ja auch in anderen Zusam­men­hängen immer wieder fiel, wurde von einigen Pfarrern mit der Zeit immer mehr so ausgelegt: Nur bei einem guten Verhältnis werden auch weiterhin Genehmigungen für Dienstreisen ins westliche Ausland erteilt! Jeder in der Kirche, ob Gemeindeglied oder Angestellter, der dieses Verhältnis gefährdete, wurde deshalb vorbeugende bekämpft. Dann wurde auf dem Dienstweg versucht, die betreffende Person einzuschüchtern, zu maßregeln und auf Linie zu bringen. Leider haben der Dekan und die Mehrheit im Kirchenkreisvorstand sich je länger je mehr in diesem Sinne gebrauchen lassen - aus Angst um ihre Westreisen.

Das ist der weitere Punkt, der nach meiner Ansicht sehr deutlich aus den Akten hervorgeht: Über die Dienstreisen in der Westen hatte die Staatssicherheit gar manchen Pfarrer in Abhängigkeit gebracht. Er hat sich das selber nicht eingestanden, aber er war nicht nur vorsichtiger in seinen Äußerungen, sondern war auch einfach bereiter, im Gespräch ganz unverbindlich innerkirchliche Dinge auszuplaudern, die er besser für sich behalten hätte, im Interesse des Schutzes der Kirche und der Gemeindeglieder.

Ein Gebiet ist in diesem Zusammenhang besonders belastend: die Ausreise in den Westen. Da kamen Gemeindeglieder zu ihrem Pfarrer, um mit ihm über ihre Ausreiseabsicht zu sprechen und sich Rat zu holen. Besonders ein Pfarrer hatte dann aber nichts Eiligeres zu tun, als sofort den Beauftragten für Kirchenfragen zu benachrichtigen im Sinne von: „Kümmert euch einmal um den, der hat eine Antragstellung vor!“ Das Ziel war, den Betreffenden „gemeinsam“ von der Antragstellung zurückzuhalten.

Zwei Pfarrer sind sogar in den Westen gereist, um eine Gemeindeglied zur Rückkehr zu bewegen, das von einer Westreise nicht zurückgekehrt war. Angeblich geschah das auf Wunsch der Familie. Aber eher war es so, daß die Initiative von der Stasi ausging. Aber auch wenn die Familie zuerst den Wunsch hatte, mußte man sich ja wegen des Visums an den Beauftragten für Kirchenfragen wenden. Man mußte ihm natürlich auch den Reisegrund nennen. Und schon wurden Aufträge mitgegeben. Der Pfarrer sollte nämlich den Ehepartner aushorchen, ob er an seiner Ehe festhalten wolle, weil davon die Entscheidung abhing, ob auch der Rest der Familie ausreisen durfte. Ein Pfarrer wollte bei dieser Gelegenheit von der Stasi sogar Westgeld für die Reise haben.

Nach der Rückkehr wurde dann haarklein dem Beauftragten für Kirchenfragen erzählt, was der Besuchte über seine Ehe erzählt hatte. Da erzählt jemand seinen Pfarrer Dinge, die unter das Beichtgeheimnis fallen und die er nicht einmal einem Kollegen hätte weitersagen dürfen. Aber er hat keine Hemmungen, dies einem Vertreter des Staates haarklein zu erzählen, weil davon seine Reisen in den Westen abhängen (oder die der Ehefrau).

Solche Vorgänge sind heute natürlich auch der Kirchenleitung zugänglich. Pfarrer Bunge aus dem Kirchenkreis Schmalkalden hat ja auch die Unterlagen gesichtet. Er kommt aber offenbar zu anderen Schlüssen als ich, obwohl die Tatsachen doch nicht wegzuleugnen sind. Vor allem hat er offiziell anders berichtet, als er privat sagte (Bei einem Pfareer hat  er gesagt, er habe nichts, aber auch gar nichts Negatives über ihn gefunden, aber die Ehefrau  des Betreffenden hat er fertiggemamcht mit Behaupotungen, die sich aus den Akten gar nicht so herauslesen lassen).

 

 

Es bestehen Zweifel daran, ob man es beid er Kirichewirklich so genau wissen will. Nach der Wende hat man sich anders entscheiden: Die der Stasi nicht entgegengetreten sind oder ihr sogar zur Hand gegangen sind, die werden weiter geehrt. Ihre Opfer aber werden weiter ausgegrenzt und verfemt.

Das gilt vor allem für die Familie Emmermacher, die erst nach der Wende aus allen kirchlichen Funktionen herausgedrängt wurde, weil sie angeblich behauptet hatte, Pfarrer Naumann sei ein Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen. Nun hatte zwar Herr Emmermacher in einem für diese Zwecke eingerichteten Ausschuß der Stadt  eine entsprechende Aussage eines hauptamtlichen Stasimitarbeiters zitiert, wie es seine Pflicht war. Aber in die Öffentlichkeit getragen hat es jemand anders aus diesem Kreis, nämlich eine Pfarrfrau, deren Mann die Ausreisewilligen dem Beauftragten für Kirchenfragen gemeldet hatte.

Für mich selber konnte ich den Akten entnehmen, daß es zwar eine Akte über mich gab (sogenannte „Operative Personenkontrolle“), aber kein aktives Programm der Stasi gegen mich (sogenannter „Operativer Vorgang“). Das war auch gar nicht nötig, denn die Kirche selber hat diese Aufgabe ja erledigt. Ich gehörte eben zu den sieben Pfarrern im Bezirk, die als „feindlich-negativ“ angesehen wurden. Das ließ man die leitenden Leute im Dekanat immer wieder wissen. Diese Leute haben dann auch wie erwartet gehandelt.

Es ging am Ende gar nicht mehr darum, wer Recht oder Unrecht hat. Die Kirchenleitung in Eisenach betonte immer wieder, disziplinarrechtlich sei mir nichts vorzuwerfen. Aber das Verhältnis sei zerrüttet und ich möge doch bitte eine Pfarrstelle außerhalb des Dekanats annehmen. Weil man deswegen nicht vorher mit mir gesprochen hatte (wie es Vorschrift war), war das Zutrauen zu dieser Kirchenleitung zerstört.

Außerdem hat mir der bald darauf als hauptamtlicher Stasimitarbeiter enttarnte Oberkirchenrat Kirchner gedroht: „Wenn es in einer anderen Pfarrstelle nicht besser mit dem Staat geht, dann werden wir Sie ganz aus dem Pfarramt entfernen“! Ich habe deshalb von mir aus um Auflösung des Beamtenverhältnisses gebeten und mußte mir einen anderen Beruf an einem anderen Wohnort suchen.

Nur ein gewisser Rest an Bitterkeit bleibt: Wie aus den Jahresplänen der Stasi für 1989 her­vor­geht, wollte man mich als Mitarbeiter für die Stasi werben (gerade mich!). Hätte ich mich also Anfang des Jahres 1989 an die Stasi gewandt und um Hilfe gebeten und Wohlverhalten und Mitarbeit zugesagt, ich wäre bis zur Pensionierung noch Pfarrer in Steinbach-Hallenberg geblieben. Ich bin überzeugt, auf einen Wink der Stasi hin hätte man alles abgeblasen und mir auch so wie den anderen dienstliche Westreisen zugestanden - nur die Gemeindeglieder hätten sich dann wohl etwas gewundert.

 

 

Kirche in der sogenannten DDR

 

Als der Osten Deutschlands von der Sowjetunion  besetzt wurde, da atmeten die Kirchen dort zunächst auf. Sie hatten gerade zwölf Jahre einer Diktatur hinter sich und hofften auf eine  ungestörte Religionsausübung als anerkannter Partner des Staates. In der schlimmen Nazizeit hatte man „überwintert“ (so ein offizieller Ausdruck), jetzt hoffte man auf einen neuen Frühling.

Diese Hoffnung wurde aber spätestens zerschlagen, als man 1953 (das Jahr des Volksaufstandes) gegen die „Junge Gemeinde“ vorging. Die kirchlichen Jugendgruppen wurden auf einmal als eine feindliche Organisation angesehen, die Jugend sollte allein in der „Freien Deutschen Jugend“ organisiert sein. Man war der Meinung, die FDJ-Arbeit werde erst dann gut, wenn es keine kirchliche Jugendarbeit mehr gibt. Dabei überschätzte man aber das Wirken der Kirche erheblich.

Die Kirchenleitungen merkten jetzt auch, daß ein anderer Wind wehte. Wie sollten sie sich verhalten? Die Versuchung war groß, wieder ein Überwintern zu versuchen nach dem Motto des hannoverschen Landesbischofs: „Bisher hat die Kirche noch alle ihre Gegner beerdigt!“ Die andere Möglichkeit war, sich dem kommunistischen Regime anzupassen, wie das der thüringische Landesbischof Mitzenheim versuchte. Dieser „Thüringer Weg“ wurde aber von den anderen Kirchen mißtrauisch beäugt. Doch der Staat suchte sich mit Vorliebe den thürin­gischen Landesbischof als Gesprächspartner aus, zum Beispiel 1964 bei dem „Wartburggespräch“, als Walter Ulbricht die Erlaubnis zu Westreisen für Rentner verkündete.

Im Jahre 1968 trat nach einer Volksabstimmung eine neue Verfassung in Kraft.  Diese garantierte dem Buchstaben nach der Religionsfreiheit: Wer so rückständig sein wollte, daß er am christlichen Glauben festhielt, der sollte das tun können (aber sich nicht wundern, wenn er  beruflich kaltgestellt wurde). Die Kirchenparagraphen wer Weimarer Verfassung wurden sogar indirekt bestätigt: Der Staat führte weiterhin die allgemeinen Staatsleistungen an die Kirche ab und auch die  Gemeinden kamen ihrer Baulastverpflichtung an kirchlichen Ge­bäuden nach. Die theologischen Fakultäten an den  Universitäten bestanden weiter und wurden auch mit internationaler Literatur ausgestattet. Es gab Kirchenzeitungen und  christliche Verlage (auch wenn die Bücher der Zensur vorgelegt werden mußten  und hin und wieder eine Zeitungsausgabe nicht ausgeliefert werden  durfte).                                                   

Aber die allgemeine Tendenz war doch, daß die  Kirche aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden  sollte: Nur selten gab es Berichte über kirchliche Ereignisse in den öffentliche Medien, die Kultur sollte allein Sache des Staates werden (alle Konzerte mußten einen kirchlichen Bezug haben), der Religionsunterricht wurde aus der Schule verbannt  (auch wenn er nur von kirchlichen Kräften erteilt wurde), die Herausgabe von Druckerzeugnissen wurde eingeschränkt. Die Aufgaben der Bahnhofsmission (der man Spionage vorwarf)  wurden vom Roten Kreuz  übernommen.

Anfangs meinte man auf Seiten des Staates, man könne auch Führungskräfte in Wirtschaft und Gesellschaft verzichten, wenn  sie nicht Angehörige der SED waren. Nachher setzte man die Führungskräfte unter Druck, der Partei beizutreten und damit aus der Kirche auszutreten. Die einzige Rettung (und ihre alleinige Existenzberechtigung) war dann die CDU, weil man dort keinen Kirchenaustritt fordern konnte; aber dann konnte man auch keine Spitzenposition  einnehmen. Die Allein auf karikativem Gebiet ließ man die Kirche noch etwas mitarbeiten:  Es gab weiterhin kirchliche Krankenhäuser (auch weil diese vom Westen  mit Medikamenten und Geräten versorgt wurden). Es gab kirchliche Kindergärten, aber keine Schulen. Vor allem aber überließ man den Kirchen die Alten und geistig Eingeschränkten, die man sowieso nicht für den Aufbau des Sozialismus gewinnen konnte.

 

Wenn von kirchlicher Seite  angeregt wurde, man solle doch gemeinsam für Frieden und Fortschritt kämpfen, dann hieß es: „Der Atheismus ist die Speerspitze des Sozialismus. Wir achten zwar das religiöse Bekenntnis des Einzelnen, aber der Staat muß sozialistisch und damit atheistisch sein, sonst funktioniert die Gesellschaft nicht. Religion ist eine vorübergehende Angelegenheit, die mit der Weiterentwicklung der Sozialismus verschwindet!“ Das war an sich der Fehler, daß man den Atheismus zur Staatsdoktrin machte. Dabei war der Staat an   sich nicht atheistisch, denn die Verfassung garantierte ja die Religionsfreiheit. Aber die allein führende Partei war atheistisch, und das wirkte wie ein Staatsziel.

 

Dabei  kannte man „Religion“ gar nicht aus eigener Anschauung, sondern nur aus den Werken von  Karl Marx (bzw. den  Schulungen darüber). Man meinte immer noch, es mit der Kirche des  beginnenden 19. Jahrhunderts zu tun zu haben, anstatt die gegenwärtige Kirche einmal wahrzunehmen. Erich Honecker hatte das erstemal Kontakt mit der Kirche, als er im Rah­men einer Delegationsreise im Flugzeug zufällig neben einem Bischof zu sitzen kam und mit diesem ein ihn interessierendes Gespräch führte.

 

Margot Honecker, die Frau des Staatsratsvorsitzenden verfolgte als Volksbildungsministerin einen sehr radikalen  Kurs. Sie führte nicht nur den Wehrkundeunterricht ein, der viele christliche Schüler in Gewissenskonflikte brachte (bis man ihnen zugestand, nicht an der Schießausbildung teilnehmen zu müssen). Vor allem wurde ab 1972  der Druck auf die Schüler massiv erhöht, nicht zum kirchlichen Unterricht zu gehen  und „nur Jugendweihe“ zu machen. In den  Klassen wurden an der Tafel ge naue Liosten aufgestellt, wer zur Jugendweihe und wer zur Konfirmation geht. Auf Proteste der Kirche hin wurde das dann geändert und  nur noch danach gefragt, wer „nur Jugendweihe“ macht (was an der unerlaubten Befragung ja auch nichts änderte).

Besonders in Gegenden mit einem hohen Anteil an Christenlehrekindern mußten die Pfarrer sich ständig bei der Abteilung Inneres des Rates des Kreises beschweren (zum Kreisschulrat wurden sie nicht vorgelassen, selbst wenn sie als Eltern sich beschweren wollten). Es wurde den Schülern angedroht, sie würden  nicht zur Erweiterten Oberschule  (Gymnasium) zugelassen, wenn sie an der Konfirmation teilnähmen. Wer aber standhaft blieb, der kam doch auf die Oberschule, hatte aber auch dort weiterhin seinen Kampf.

Die Kirchen mußten natürlich auch eine Haltung zur Jugendweihe finden, die ja eine Konkurrenzveranstaltung zur Jugendweihe war. Eine Reihe von Kirchen konfirmierte erst ein Jahr später. Andere wiederum waren der  Meinung: „Seit die Jugendweihe zu einer schulischen Zwangsveranstaltung wurde, ist sie kein Bekenntnis mehr gegen die Kirche!“ Es war besser, die Jugendweihe nicht ernst zu nehmen, vor allem wenn die Konfirmanden unmittelbar nach der Jugendweihe noch zum Gottesdienst kamen.

Die Kirchen beriefen  sich in diesen Auseinandersetzungen  immer wieder auf die Verfassung der DDR und auf die Schlußakte der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit“ aus dem Jahre 1975 in Helsinki. Auch der Ruf  nach Reisefreiheit und Demokratisierung wurde immer mehr laut.

Der Druck auf die christlichen Schüler wurde  1978 schlagartig abgestellt,  auch wenn es in einigen Gebieten etwas länger dauerte, weil die Parteifunktionäre den neuen Kurs noch nicht glauben wollten.  Es gab 1978 nämlich ein Spitzengespräch zwischen Staatsvertretern  mit Erich Honecker an der Spitze und Vertretern des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Den „Bund“ hatte man gegründet, weil die gemeinsame Arbeit der deutschen Kirchen in der „Evangelischen Kirche in Deutschland “ von Seiten des Staates praktisch unmöglich gemacht wurde. 

Auf kirchlicher Seite bildete sich immer mehr der berlin-brandenburgische Bischof Schönherr

als Leiter der Gespräche mit dem Staat heraus. Zunächst war er nur Verwalter des Bischofsamtes im Ostteil der Landeskirche. Nachher aber fand man die Lösung, daß die Landeskirche zwei Bischöfe haben sollte.

Nach dem Spitzengespräch entspannte sich die Lage: Die Kinder in der Schule wurden weit­gehend  in Ruhe gelassen, die Kirche durfte wieder in den Altersheimen ihre Gottesdienste halten, kirchliche Bauvorhaben wurden genehmigt (auch wenn zum großen Teil mit Devisen aus dem Westen finanziert). In Erfurt fand zum Beispiel ein Kirchentag mit über 30.000 Teilnehmern statt. Man konnte den Wehrdienst bei den „Bausoldaten“ ableisten (wenn auch unter manchen Schikanen).

Nach dem Ende der DDR hin nahmen kirchliche Vertreter immer mehr eine führende Rolle ein. Sie standen an der Spitze der Demonstrationen und öffneten die Kirchen für die Versammlungen. Aber es waren weniger die Kirchenleitungen, die hinter der friedlichen Revolution standen. Sie waren weiterhin staatsfreundlich und wollten ihren einmal errungenen Status nicht gefährden. Im Landeskirchenrat der „Evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen“ hatte die Staatsicherheit die Mehrheit, rühmte sich eins derer Mitglieder (doch nur bei den beiden Nicht-Theologen hat man das auch von kirchlicher Seite zugegeben).

Es gab auch vorher schon einzelne Pfarrer, die immer wieder staatstreue Stellungnahmen in den Zeitungen veröffentlichten wie die Pfarrer von  Kappellendorf und Marisfeld (der wegen eines Fluchtversuchs erpreßt wurde). So waren die oppositionellen Kirchenmitglieder weitgehend auf sich allein gestellt und die Kirchenleitung sagte: „Du kannst das machen, aber wir können dich nicht schützen!“

Das war der eine Teil der Kirche, der andere hat sogar mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. Dabei wurde laut einer Anweisung schon von 1954 nicht unbedingt  eine Ver­pflichtungserklärung  verlangt und auch kein Geld bezahlt. Aber manche Pfarrer  wirkten wie ein inoffizieller Mitarbeiter und verrieten Dienstgeheimnisse (zum Beispiel aus dem Pfarrkonvent) oder Beichtgeheimnisse (geplanter Ausreiseantrag) an die Stasi. Es gab in jedem Pfarrkonvent ein ganzes Spektrum von totaler Zusammenarbeit bis entschiedener Gegnerschaft.

Die Kirche aber hat sich dieser Stasivergangenheit nicht gestellt und sie nicht  aufgearbeitet: Die Überprüfung fand zu einem frühen Zeitpunkt  statt, die Bewertung war großzügig (es wur­de mehr nach Entlastungsgründen gesucht als die Schuld offen  angesprochen). Nur wer so dumm war, sich gleich zu offenbaren, wurde entlassen.  Die Kämpfer gegen den DDR-Staat aber gingen im Alltag unter.

Auch die Kirchenmitglieder haben den Einsatz der Kirche bei der friedlichen Revolution  weitgehend vergessen. Zu DDR-Zeiten haben  sie die  Kirche noch weitgehend  mit einem   relativ kleinen Geldbetrag unterstützt, weil sie den Staat nicht leiden konnten oder unter ihm litten, aber die  Kirche der einzig weitgehend staatsfreie Raum war, den man noch erhalten wollte. Aber als die jetzt ordentlich Kirchensteuer zahlen sollten, da haben sie der Kirche den Rücken gekehrt und das vollzogen, was d er DDR-Staat  nicht erreicht hatte.

 

 

 

Ergänzungen zur  ursprünglichen Chronik durch Pfarrer Scholz 1989 - 2000

(mit Anmerkungen von Peter Heckert)

 

Die Vakanz- und Wendezeit 1989 - 1990:

Die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die Kirchengemeinde geprägt von großen Veränderungen. Sie forderten von den Gemeindemitgliedern ein hohes Maß an Verständnisbereitschaft, Anpassungsvermögen und Treue zur Sache der Kirche und des Glaubens. Das betraf sowohl die personellen Veränderungen im Wechsel der Pfarrer und Mitarbeiter, wie auch die wirtschaftlichen mit der Einführung der Kirchensteuer nach westlichem Vorbild, als auch die politischen im Verhältnis zur Schule, zur Kommune und zum Staat.

Da war nach der „Wende“ 1989 / 90 kaum noch etwas so, wie es vor der Wende war. Manches treue Kirchenmitglied konnte darüber einerseits nur verwundert den Kopf schütteln, wieviel Altgewachsenes und Vertrautes „den Bach herunter ging“, - andererseits sich aber auch wiederum darüber freuen und befreit aufatmen, wie viele neue Möglichkeiten sich der Kirche auftaten.

Wieder andere Gemeindemitglieder waren so sehr mit den veränderten wirtschaftlichen,

politischen und familiären Bedingungen beschäftigt, dass sie für die Probleme der Kirchengemeinde gar keinen Blick hatten. Und die Kirchengemeinde hatte Probleme - große sogar. Wer die bisherigen Ausführungen sorgfältig gelesen hat, wird sich nicht darüber wundern, dass die Streitigkeiten innerhalb der Kirchengemeinde nicht spurlos am Gemeindeleben vorübergegangen sind.

[Daß die Kirchengemeinde ohne eine Vielzahl an Mitarbeitern da stehen würde, war ja vorher klar: Innerhalb eines Vierteljahres hatte man sechs Mitarbeiter (also ein Drittel) hinausgedrängt. Herr Pfarrer Peters war auch vorher schon ständig ausgefallen: In den fünf Jahren mußte er zwei volle Jahre vertreten werden. Vor allem wenn viel Arbeit drohte, meldete er sich krank. Die Gemeinde hat aber deshalb nichts entbehrt: Die Gottesdienste gingen vollständig weiter, die Amtshandlungen wurden abgedeckt, die Verwaltung war in Ordnung, selbst Bauvorhaben wurden durchgeführt. Die Differenzen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Pfarrerschaft, Kirchenvorstand sowie Dekan lähmten und belasteten die Arbeit in der Kirchengemeinde nicht. Der Gemeinde konnten die Angriffe von Seiten einiger Kirchenvorsteher und einiger Mitarbeiter egal sein, das berührte sie nicht].

Es ist zwar nicht zu einer Spaltung gekommen, aber die Gegner und die Befürworter von Herrn Pfarrer Heckert standen sich sehr reserviert gegenüber. Seit der Amtsniederlegung

von Pfarrer Heckert und dem fast gleichzeitigen vorzeitigen Ausscheiden von Pfarrer Peters aus gesundheitlichen Gründen hatte die Kirchengemeinde zunächst erst einmal das Problem,

überhaupt wieder einen Pfarrer zu haben

[Es kam zu keiner Spaltung der Gemeinde, weil ich mich trotz allem loyal zur Kirche verhielt. Das wollte ich der Gemeinde nicht auch noch antun, nachdem sich rund hundert Jahre vorher schon die Altlutheraner abgespalten hatten und es in Altersbach die Methodisten gab (zu denen ich im übrigen auch hätte gehen können). Durch mein Privathaus hätte ich sofort die Möglichkeit gehabt, Gemeindeglieder zu besonderen Veranstaltungen einzuladen, im Keller war ein genügend großer Raum. Zumindest für eine gewisse Zeit wäre da etwas möglich gewesen aber. Aber dann wäre es wirklich zu einer Spaltung gekommen. Da muß das Wohl der Gemeinde im Vordergrund stehen, denn die Pfarrer kommen und gehen, aber die Gemeinde

bleibt].

In Person von Herrn Pfarrer Wolfgang Schulte aus Oberschönau fand sich ein rettender Helfer in Not! Er war zuvor schon von Dekan Schreiber im Dezember 1988 zum „Geschäftsführenden Pfarrer“ berufen, weil die Differenzen und Meinungsverschiedenheiten zwischen Pfarrer­schaft, Kirchenvorstand sowie Dekan die Arbeit lähmten und belasteten. So sollte er, gleichsam „von außen“, die Geschäfte führen [Herr Pfarrer Schulte war nicht „der große Retter“. Er hatte offenbar die Absicht, eine Pfarrstelle in Steinbach-Hallenberg zu übernehmen. Als er aber Einsicht in die sogenannten „Steinbacher Verhältnisse“ gewann, gab er das wieder auf und nahm später eine andere Pfarrstelle an. Aber in Steinbach hat er sich kräftig eingemischt und die Sache noch verschärft: Nachdem ihm die Geschäftsführung übertragen worden war, wollte er auch die pfarramtlichen Aufgaben an sich ziehen und verlangte, daß die Leute wegen einer Patenbescheinigung zu ihm nach Oberschönau kommen sollten. Weil er das Unterstädter Pfarrhaus frei haben wollte, ging er zum Kantor und wollte „Nägel mit Köpfen“ machen und sagte ihm, er müsse sich umgehend eine andere Wohnung suchen (Heckerts hattten zeitweise zwei weitere Mietparteien mit im Haus, aber jetzt sollte das ganze Haus dem Pfarrer zur Verfügung stehen)].

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Nicht nur der Unterstädter Pfarrer war zu vertreten,

auch der Oberstädter war nicht voll dienstfähig. Durch das krankheitsbedingte Ausscheiden

von Pfarrer Peters aus dem Dienst wurde Pfarrer Schulte noch sein Vertreter in der Oberstadt und somit zeitweise Hauptvertreter für beide Pfarrstellen mit damals noch etwas über 4.000 Gemeindemitgliedern, - und das neben seiner eigenen Gemeindearbeit, die unter den Verhältnissen in Steinbach zwar mitleiden, aber nicht leiden durfte!

Eine Leistung von Pfarrer Schulte, die nicht hoch genug einzuschätzen und zu bedanken ist. Zusammen mit anderen Pfarrern des Dekanats, dem Kirchenvorstand, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie engagierten Gemeindemitgliedern wurde das kirchliche Leben dennoch einigermaßen aufrecht erhalten.

Glücklicherweise lief der Evang. Kindergarten mehr oder weniger selbständig weiter wie bisher unter der erfahrenen Leitung von Schwester Anni Grünwald, ab 1991 unter Marion Lieberknecht als ihrer Nachfolgerin und natürlich den Mitarbeiterinnen des Hauses. Auf der Vertretungsbasis stand das gesamte Gemeindeleben, wenn es auch in der Gemeinde auf Unverständnis, ja teilweise Ablehnung stieß, wie mit einem fleißigen und langjährigen Seelsorger wie Pfarrer Heckert ihrer Meinung nach umgegangen worden ist.

Die Kirchenvorstandswahlen am 23.04. 1989 konnten, trotz der zerrütteten Verhältnisse,

ordnungsgemäß durchgeführt werden. Es fanden sich in allen drei Gemeindebereichen ge­nügend fähige und willige Mitglieder der Kirchengemeinde, die bereit waren, gerade in dieser schwierigen Zeit Verantwortung zu übernehmen und mitzuarbeiten.

[Die Kirchenvorstandswahlen im Jahr 1989 wurden nicht korrekt durchgeführt, denn die Gemeinde wurde zum Beispiel nicht aufgefordert, Kandidaten vorzuschlagen. Die Kandidaten wurden allein von Herrn Erich Nothnagel aufgestellt (natürlich in seinem Sinne), und der Dekan deckte das mit der Behauptung, in der vorliegenden Situation könne man gar nicht anders verfahren].

Zum Glück gab es aber die Diakonissen-Station mit Schwester Irma Weigelt noch. Die Krankenbesuche und die Betreuung der Alten und Gebrechlichen lag in ihren erfahrenen treuen Händen und war dort gut aufgehoben. Schwester Irma konnte am 1. Mai 1989 ihr 25-jähriges Dienstjubiläum als Diakonisse in Steinbach-Hallenberg feiern.

Vielen Gemeindemitgliedern hat „Schwester Irma“ nicht nur medizinisch, sondern auch in seelsorgerischer Weise geholfen, mit Krankheit und Leid fertig zu werden. Das war in jener Zeit besonders wichtig, weil ein Pfarrer als Seelsorger für die Gemeinde fehlte. So ist auch ihr in dieser schwierigen Zeit viel zusätzliche Verantwortung zugewachsen. Dankbar ist ihr Andenken noch heute in der Gemeinde lebendig! Etliche Jahre hat sie auch die Frauennachmittage und Frauenabende in Altersbach sowie in der Stadt - im Wechsel mit einem Pfarrer - gehalten.

[Schwester Irma war zwar medizinisch einwandfrei. Aber in der Gemeinde war sie nicht sehr beliebt, weil sie bei den Patienten auch schon einmal in die Schublade sah und die Leute aufdringlich aushorchte. Mit Seelsorge hatte das wohl nichts zu tun].

Was sich politisch im Laufe des Sommers bereits abzeichnete, wurde im Herbst des Jahres dramatisch: Tausende und Abertausende Bürger verließen die DDR Tag für Tag fluchtartig über Ungarn bzw. Prag und setzten sich in die Freiheit ab.

Überall im Land öffnete die Evangelische Kirche ihre Türen. „Friedensgebete“ und Gesprächsforen zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Gesellschaft breiteten sich wie ein Lauffeuer im Land aus. „All diese Entwicklungen machten auch vor Steinbach nicht Halt“, schreibt Pfarrer Schulte in der Chronik. „Die Schwierigkeit bestand zu dieser Zeit darin, dass in Steinbach- Hallenberg praktisch kein Pfarrer zur Verfügung stand, der sich in die „Wende“ aktiv hätte einschalten können.“ So spielte die Evang. Kirche in Steinbach-Hallenberg, anders als sonst in der gesamten DDR, nur eine untergeordnete Rolle.

[Bei der Wende spielte Steinbach-Hallenberg deshalb keine große Rolle, weil der Dekan, Pfarrer Schulte und Erich Nothnagel alle Bestrebungen der Bürgerbewegung abblocken wollten. Als die Kirchenleitung längst verfügt hatte, daß die Kirchen zur Verfügung gestellt werden sollten, verweigerte Herr Schulte die Öffnung der Kirche. Erst das entschlossene Auftreten der Bürger unter Leitung von Frau Marie Bühner erwirkte die Öffnung der Kirchentür. Daß Herr Schulte dann am 8. November eine Versammlung leitete, machte ihn nicht zum Träger der Wende].

Die Initiative zu den ersten „Wendeveranstaltungen“ hier ging von der Gastwirtin Marie Bühner vom „Steinbacher Wirtshaus“ im Oktober 1989 aus, die mit ihren Mitdemonstranten erreichte, dass auch in Steinbach Menschen in der Kirche zusammen kommen konnten zum Gebet, zum Meinungsaustausch und zur friedlichen Umgestaltung unserer Gesellschaft. „Die Kirche war dabei brechend voll und jeder konnte nach vorn kommen und frei seine Meinung sagen“, erinnert Pfarrer Schulte in der Chronik. Und weiter: „Die geistliche wie organisatorische Leitung hatte der Prädikant Rainer Usbeck übernommen. Von dieser Zeit an fand jeden Montag eine Demonstration in Steinbach-Hallenberg statt, angeführt in der Regel von der handfesten Wirtin Marie Bühner. Sie führte von der Kirche die Hauptstraße hinauf und über den großen Parkplatz unterhalb der Apotheke die Wolffstraße hinunter bis zum Schulhof. Dort fand dann jeweils eine Kundgebung statt, die ebenfalls von Rainer Usbeck organisiert wurde!“ so Pfarrer Schulte weiter.

Er berichtet auch von einem Gemeindeabend am 08.11.89 in der Kirche, den er selbst geleitet und moderiert hatte und zu dem alle Parteien und alle Kirchen eingeladen waren - und auch kamen. Unter dem Druck der Flüchtlinge und der Friedensgebete hatte inzwischen die DDR- Führung kapituliert: Am 18.10.1989 trat Erich Honecker als Partei- und Regierungschef zurück, die innerdeutsche Grenze fiel und mit ihr der Machtapparat der SED.

Zurück blieben Menschen, die in einem Machtvakuum ihr Leben nun selbst, in Freiheit und ohne Parteidoktrin versuchen wollten und mussten zu organisieren. Dazu trafen sich engagierte Frauen und Männer aus allen Kreisen, Parteien und Gruppen („Neues Forum“) an sogenannten „Runden Tischen“.

Auch in Steinbach fanden Gespräche am „Runden Tisch“ statt, die das Zusammenleben ohne handlungsfähige Regierung ermöglichte. Die Leitung hatte auch da meistens Prädikant Usbeck. Zwei Mitglieder des Kirchenvorstandes beteiligten sich auch daran: Erich Nothnagel und Wolfgang Pyka. Aus den Mitgliedern dieses „Runden Tisches“ ging u.a. der spätere erste, frei gewählte Bürgermeister der Stadt, Herr Dieter Häfner (+ 19.03. 2000) hervor. Mit den Kommunalwahlen am 18. März 1990 war die Aufgabe der „Runden Tische“ erfolgreich beendet.

Zusammenfassend kann man sagen: Trotz dieser bewegten und bewegenden „Wende“- Zeiten konnte, dank vieler nebenamtlicher Helfer, der Ruheständler, der Pfarrerschaft des Dekanates, der Mitarbeiter und- innen sowie des Kirchenvorstandes das kirchliche Leben der Gemeinde einigermaßen aufrecht erhalten werden.

 

Wiederbesetzung der Pfarrstellen:

Anfang des Jahres 1990 bemühte sich der Kirchenvorstand darum, zunächst erst einmal wenigstens die Unterstädter Pfarrstelle wieder zu besetzen. In der Oberstadt wohnte ja noch Pfarrer Peters, wenn auch gesundheitlichen Gründen sein Dienstende abzusehen war, was auch mit der Pfarramtsübergabe am 29. Mai 1990 an Pfarrer Schulte schließlich so geschah. Bewerber für die Unterstädter Pfarrstelle und Gastprediger hatte es bereits mehrere gegeben, die aber dann letztendlich alle wegen der Wohnungssituation in Steinbach wieder abgesagt hatten [Die Bewerbung von Pfarrern scheiterte nicht an den Wohnverhältnissen. Im Unterschied zu früher war ja das ganze Haus leer. Es war auch in einem guten Zustand (Dekan Schreiber sprach sogar von einem „Schlößchen“). Es fehlte eine Zentralheizung, aber das war damals

üblich, die gab es auch in anderen Pfarrhäusern kaum. Erst als Herr Bär die Wohnung blockierte spielte auch das eine Rolle (Hier sieht man einmal, wie gut es war, daß die Familie Heckert in einem Privathaus wohnte, auch wenn sie deswegen von den anderen Pfarrern beneidet und bekämpft wurde). Die Bewerbung von Pfarrern scheiterte an den „Steinbacher Verhältnissen“, an der Herrschsucht von Erich Nothnagel, der weiterhin im Kirchenvorstand und in der Gemeinde das große Wort führte. Daß sich da nichts geändert hatte, bestätigte Frau

Scholz, auch wenn ihr Mann das gar nicht gern sah].

 

Jürgen Bär, Unterstädter Pfarrer 1990 - 1991:

Aus seiner Amtszeit ist chronistisch zu berichten: Als ehemaliger Superintendent, aus Ebe­leben kommend, wurde er Anfang 1990 auf die Pfarrstelle gewählt, aus o.g. Wohnungsgründen aber erst am 01.10. 1990 in sein Amt als Unterstädter Pfarrer eingeführt. Damit war wenigstens eine Lücke geschlossen und die Gemeinde, der Kirchenvorstand, die Mitarbeiterschaft sowie Pfarrer Schulte konnten aufatmen.

Noch ohne Pfarrer Bär fand ein großes Chortreffen des Dekanats Schmalkalden unter Leitung von KMD Kantor Gannott (Schmalkalden) in Steinbach statt. Die Goldene Konfirmation wurde von Pfarrer Kramer (Schmalkalden) gehalten und konnte so, trotz Vakanzsituation, gefeiert werden.

Erstmalig fand am Himmelfahrtstag die Andacht im Freien statt - oben auf dem „Philipps­­wieschen“. Pfarrer Bär startete dann gleich eine Initiative zur Zusammenlegung der beiden Kindergärten unter kirchlicher Trägerschaft, was aber von den Mitarbeitern und -innen beider Einrichtungen abgelehnt wurde. Für den Friedhof wurde eine paritätische Kommission aus Stadtverwaltung und Kirchengemeinde gebildet, wobei die Verwaltung bei der Kirchengemeinde blieb. In diesem Zusammenhang wurde die Friedhofskirche auch für „weltliche“ Trauerfeiern freigegeben.

In Altersbach wurde am 17. Juni das 150. Jubiläum des Kirchsaales feierlich begangen.

Über weitere Ereignisse und Veranstaltungen in der Kirchengemeinde im Jahr 1991 kann leider keine verlässliche Auskunft gegeben werden, da Pfarrer Bär als geschäftsführender Pfarrer keine Einträge in der Chronik der Kirchengemeinde hinterlassen hat. Aus anderen Quellen ist aber zu berichten, dass Pfarrer Bär bereits im Sommer 1991 die Pfarrstelle Unterstadt wieder aufgab und die neue Stelle eines „Beauftragten für Kirchenfragen“ in Erfurt bei der Landesregierung Thüringens übernahm. Als einziger Pfarrer des Dekanats hatte er vergeblich im Pfarrkonvent Schmalkalden und wohl auch im Kirchenvorstand für den Anschluss an die Thüringer Landeskirche geworben und sich damit gegen die Wiedereingliederung in die angestammte Kirche von Kurhessen-Waldeck positioniert. Pfarrer Bär hat daraus die Konsequenzen gezogen und ist nach Erfurt gegangen [Ich hätte auch gegen eine Wiedereingliederung geegstimt, weil sie genauso wie die Ausgliederung nur aus finanziellen Gründen erfolgte. Die Pfarrer allerdings hatten zunächst keine Vorteil davon, denn bei der Besoldung blieb es zunächst beim Alten. Aber die Gemeinden hatten große Vorteile durch die Baumaßnahmen. Die bei der Ausgliederung in den Vordergrund geschobenen konfessionellen Unterschiede spielten jetzt keine Rolle mehr, siie wären mit dem Zusammegehen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen mit der Evangelischen Kriche der Provinz Sachsen auch weggefallen].

 

Ulrich Behr, Unterstädter Pfarrer 1991 - 1992:

Aus seiner Amtszeit kann leider nichts berichtet werden, weil er sein Amt gar nicht angetreten hat. Pfarrer Behr aus Goseck (Sachsen-Anhalt) hatte sich um die vakante Pfarrstelle Unterstadt beworben und wurde eine Woche nach der Amtseinführung von Pfarrer Scholz in der Oberstadt am 27. Oktober 1991 nach gehaltener Probepredigt und anschließendem Bewerbungsgespräch vom Kirchenvorstand zum Unterstädter Pfarrer gewählt.

Somit wären, seit langer Zeit, zum Ende Oktober 1991 endlich wieder einmal beide Pfarrstellen in Steinbach mit eigenen Pfarrern besetzt gewesen - wenn Pfarrer Bär aus der Wohnung im Unterstädter Pfarrhaus ausgezogen wäre! Aber statt, wie abgesprochen, die Wohnung für seinen Nachfolger zum 1. Advent zu räumen, blieb Pfarrer Bär (als Thüringer Kirchenrat!) bis Ostern 1992 und blockierte damit das Pfarrhaus und die Wiederbesetzung der Unterstadt.

Dadurch konnte der neugewählte Pfarrer Behr mit seiner Frau nicht nach Steinbach kommen und blieb in seiner Gemeinde Goseck. Als die Wohnung dann Ostern schließlich frei wurde, zog er seine Wahl zurück und trat die Stelle nicht an, was sehr bedauert wurde, zumal seine Frau Katechetin war und die Christenlehre hier übernehmen wollte, woran dem Kirchenvorstand sehr viel lag! Eine erneute Vakanzzeit von 10 Monaten war die Folge.

 

Ulrich Köppelmann, Unterstädter Pfarrer  1992 - 1993:

Aus seiner Amtszeit ist chronistisch zu berichten: Als Rückkehrer kam er mit Ehefrau und drei Kindern aus Südafrika, wo er als deutscher Pfarrer für mehrere Jahre eine Auslandspfarrstelle inne gehabt hatte. Pfarrer Köppelmann hoffte wohl, im ehemaligen DDR- Kirchengebiet noch am ehesten die ihm lieb und vertraut gewordenen afrikanischen kirchlichen Verhältnisse anzutreffen bzw. aufbauen zu können. Nach Auseinandersetzungen im Kirchenvorstand, mit

Pfarrer Scholz als „Geschäftsführender Pfarrer“, und den Mitarbeitern ist Pfarrer Köppelmann nach knapp einem Jahr in Steinbach im Sommer 1993 weggegangen.

 

 

Hans- Joachim Scholz, Oberstädter Pfarrer seit 1991:

Aus seinen Zeiten als „Geschäftsführender Pfarrer“ und Vakanzvertreter ist chro­nistisch zu berichten: Eine Woche vor seinem Dienstantritt war Mitte Oktober 1991 der Wechsel im Dekan-Amt in Schmalkalden. Dekan Alfred Schreiber hatte das Dekanat viele Jahre erfolgreich und souverän geleitet und stets den engen Kontakt zur angestammten Kirche „Kurhessen- Waldeck“ lebendig gehalten, - ganz im Sinne der Pfarrerschaft [Diese hatte sich mit großer Mehrheit für den Anschluß an Thüringen entschieden!].

Auf der Frühjahrssynode am 08.05.1990 in Hofgeismar hatten darum Dekan Schreiber und Pfarrer Bunge (Trusetal) die Rückführung des Dekanats angemahnt. Am 15. 06. 1991 war dies juristisch perfekt und das Dekanat damit wieder ein Kirchenkreis der Kirche von Kurhessen - Waldeck (EKKW).

Am Ende seiner Dienstzeit sah sich Dekan Schreiber (+ 15.07.1998) damit belohnt, dass sein Festhalten an der angestammten EKKW Früchte trug: Als Nachfolger in das Amt wurde Pfarrer Ulrich Braner aus Bad Wildungen von der Kirchenleitung berufen. Mit seiner Einführung wurde zugleich die Einrichtung eines „Kirchlichen Rentamts“ als Verwaltungszentrale des Dekanats vorangetrieben, wie es den kurhessischen Richtlinien der EKKW entsprach. Mit der Berufung Dekan Braners war ein entscheidender Schritt zur Wiedereingliederung des Dekanats in die kurhessische Kirche gelungen. Die volle Angleichung der Pfarrerschaft an die Maßstäbe der EKKW erlebte Dekan Braner in seiner Amtszeit freilich nicht, obwohl er sich stark dafür eingesetzt hatte. Erst ab 01.01.2002 fand unter seinem Nachfolger Dekan M. Bedbur dieser Angleichungsprozeß seinen vorläufigen Abschluss.

 

Für die Gemeinden spielten diese kirchenrechtlichen und kirchenpolitischen Dinge auch eine große Rolle. Denn verschiedene, tief im Leben der Gemeinden verwurzelte Aufgabenbereiche, erfuhren eine starke Veränderung - auch in Steinbach- Hallenberg. So wurde die rein gemeindliche Diakonie-Station in Steinbach aufgelöst und in die nach westlichem Vorbild im gleichen Jahr 1990 neugegründete übergemeindliche Diakoniestation Schmalkalden/ Steinbach-Hallenberg unter Leitung von Pfarrer Dietmar Gerstenberger in Brotterode überführt. Die letzte Diakonisse, Schwester Irma Weigelt, arbeitete in der Übergangzeit noch in dieser neuen Struktur mit, bevor sie im Frühjahr 1992 nach Elbingerode in das Mutterhaus zurückgerufen wurde. Damit wurde eine fast 100-jährige Tradition von Schwestern mit engster Bindung an die Kirchengemeinde unter dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck aufgegeben zugunsten einer wirtschaftlich zwar effektiveren, aber in ihrer Anbindung an die Kirchengemeinde weit unabhängigeren Arbeitsweise.

 

In gewisser Weise fing diese Veränderung der Neubau eines Altenhilfezentrums auf der „Pfaffeneller“ auf, der seit 1992 verbindlichere Formen annahm. Die Grundsteinlegung erfolgte am 13. Oktober 1994 und wenig später wurde das Heim am 5.12. 1996 eingeweiht.

Seitdem finden alte, kranke Menschen dort für ihren Lebensabend Ruhe, Sicherheit und sachgemäße Pflege, was durch die neue, gesetzliche Pflegeversicherung nunmehr weit besser abgesichert ist als früher, wo die Diakonissen unter den ärmlichen Bedingungen in den Häusern ihre Patienten pflegten und versorgten.

Einschneidende Veränderungen gab es auch auf dem Gebiet der kirchliche Unterweisung für Kinder, die in den DDR- Jahren in Form der „Christenlehre“ einen festen und anerkannten Platz im Gemeindeleben hatte, auch in Steinbach durch den Einsatz und die gute Arbeit der Katechetinnen und Kinderdiakoninnen.

Da es diese Form kirchlicher Zuwendung an Kinder in westlichen Kirchen, auch der EKKW, nicht gibt, wurde mit der Wiedereingliederung unserer Gemeinden auch dort, wo es personell zu Neueinstellungen hätte kommen müssen wie in Steinbach, die Christenlehre zugunsten eines umfassenden Religionsunterrichtes an den Schulen sukzessive abgebaut. Gewiss ergaben sich an der Schule viele neue Möglichkeiten für die Kirche, aber man erkennt mittlerweile auch, nicht nur im Dekanat und in Stein­bach, den dabei entstandenen großen Bindungsmangel der Kinder an die Kirche. Denn außer der intensiven christlichen Prägung der Kinder im Evangelischen Kindergarten gab es keine spezifisch kirchliche Arbeit mehr mit und für Kinder, zumal auch bei uns der sonntägliche Kindergottesdienst den neuen gesellschaftlichen Veränderung des Wochenendes hin zum Freizeit- und Erlebnisbereich der Familie mangels Beteiligung der Kinder zum Opfer gefallen ist.

Die Kirchengemeinde versuchte, wie anderswo im Dekanat auch, mit Veranstaltungen und Angeboten wie „Kirche für Kinder“ u.ä. dieser Entwicklung gegenzusteuern, ist aber bisher dabei auf wenig positive Resonanz gestoßen. Eine Initiativgruppe um Pfarrerin Wenderoth hatte sich am 12.03.1998 gebildet, um die Arbeit mit Kindern neu zu beleben, aber nach einigen guten und anfangs erfolgreichen Ansätzen ruht dieser Zweig der Gemeindearbeit wieder, weil auch hier die Kinder weggeblieben waren.

Ein Grund dafür wird nicht zuletzt auch in dem großen Freizeitangebot anderer Vereine, Einrichtungen sowie der Schulen liegen. Lediglich die regelmäßigen Familiengottesdienste, das Krippenspiel am Heiligabend, das alljährliche Martinsfest und die alljährlichen Kindergartenfeste des Evangelischen Kindergartens erfreuen sich regen Zuspruchs und der Akzeptanz der Kinder genauso wie der Erwachsenen.

Die zurückgewonnene enge Bindung an die angestammte kurhessische Kirche trägt aber auch reiche Früchte. Das zahlt sich besonders bei der Erhaltung und Renovation aller kirchlichen Gebäude positiv aus. Von der Kirchenleitung in Kassel wird diese Aufgabe als Aufarbeitung der DDR - Vergangenheit angesehen und in besonders starkem Maße gefördert. So konnte mit erheblichen landeskirchlichen, aber auch kommunalen und denkmalpflegerischen Mitteln die Stadtkirche vom Jahr 1991 an renoviert werden - ein Prozess, der auch 10 Jahre später noch längst nicht zu Ende ist, wenn auch schon viel erreicht wurde.

Der Evangelische Kindergarten musste wegen Einbau einer neuen Heizung im Spätherbst 1991 in ein stillgelegtes altes Fabrikgebäude im Rasenmühlenweg umziehen und konnte erst im neuen Jahr 1992 wieder in das Bonhoefferhaus zurückkehren. Dort konnten mit der Auflösung der Diakonissenwohnung 1993 die Gruppenräume für den Kindergarten sowie das Kirchenbüro erweitert werden. Außerdem wurde das Treppenhaus durch Abriß verschiedener Wohnungsteile der Diakonissenräume lichter und heller. Im Laufe des Jahres 1993 wurden im Vorgarten neue Spielgeräte für den Kindergarten angeschafft und aufgestellt.

Die kirchliche Jugendarbeit erhielt neue Möglichkeiten und Impulse durch die Eröffnung eines Jugendraumes im ehemaligen „Wasserwerk“ und die Anstellung einer Jugendpflegerin bzw. eines Jugendpflegers dafür. Ein anderer Standort wäre freilich dafür günstiger.

Das Landeskirchenamt in Kassel genehmigte uns statt der bisherigen Kantor-Katechetenstelle eine volle Kantorenstelle mit alleinigen kirchenmusikalischen Aufgaben, die wir vorher noch nie so gehabt hatten [Die kirchenmusikalische Arbeit war auch mit der Kantor-Katecheten-Stelle auf einem sehr hohen Niveau, denn der Kantor hatte ja nur in drei Wochenstunden die Christenlehre in Rotterode zu versehen, ansonsten konnte er sich der Kirchenmusik widmen.

Es gab außer dem Kirchenchor einen Kinderchor, eine Musikgruppe und vor allem eine Konzertreihe mit internationalen Künstlern. Außerdem wurden Nachwuchskräfte für das Orgelspiel ausgebildet. Und schließlich führte der Kantor auch den Posaunenchor einschließlich Nachwuchsarbeit).

Das ehemalige Rüstzeitenheim im Dachgeschoss des Gemeindehauses wurde darum im Frühjahr 1993 zu einer schönen Wohnung für die Kantorenstelle ausgebaut. Dabei entstanden für die Gemeindearbeit auch ein neues WC, ein Klubraum und zwei Abstellräume. Nach mehreren vergeblichen Bemühungen gelang es dem Kirchenvorstand schließlich, die neue Kantorenstelle mit Frau Dorothea Krüger aus Eschweiler bei Aachen zu besetzen. Am Palmsonntag, den 04. April 1993 wurde sie eingeführt und belebt seitdem die Kirchenmusik außerordentlich. Erster Höhepunkt ihrer Arbeit war das große Konzert zum Chorjubiläum im Dezember mit der Aufführung der „Weihnachtshistorie“ von H. Schütz sowohl in der Kirche Herges als auch in der Stadtkirche.

Neu eingeführt wurde Ostern 1992 von Pfarrer Scholz die „Feier der Osternacht“, die am Ostermorgen um 5.30 Uhr in der Friedhofskirche beginnt  (Es gab auch schon vorher die Auferstehungsfeier auf dem Friedhof). Nach anfänglichem Zögern wurde dieser Gottesdienst mit seiner unnachahmlichen Stimmung gut von der Gemeinde angenommen, zumal das anschließende „Osterfrühstück“ im Gemeindehaus „D. Bonhoeffer“ einen schönen und gemütlichen Ausklang bildet.

Am Erntedanksonntag, den 03. Oktober 1993, wurden im Rahmen des Gottesdienstes die beiden bisherigen („nur“) Thüringer Prädikanten Rainer Usbeck und Hans-Werner Thomas zu Kurhessischen Prädikanten mit allen Rechten, auch der Sakramentsverwaltung, berufen. Im gleichen Jahr konnten wir dank der finanziellen Unterstützung des Dekanats unsere abgenutzten „vasa sacra“ (Gerätschaften zu Taufe und Abendmahl) bei der Würzburger Goldschmiedefirma Engert aufarbeiten und neu feuervergolden lassen.

Ebenfalls restauriert wurde das Zifferblatt der Turmuhr. Die Uhr selbst wurde mit einem neuen, funkgesteuerten Uhrwerk versehen und am 1. Advent 1993 wieder in Betrieb genommen. Das alte Uhrwerk von 1701 blieb an alter Stelle im Turm der Stadtkirche erhalten.

Im Tausch gegen das Grundstück „Sternwiese“ kam das alte Organistenwohn un g neben der Kirche wieder in Besitz der Kirchengemeinde, ohne dass es freilich bisher kirchlich genutzt werden konnte, weil es noch bewohnt ist [Der Tausch des baufälligen Kantorats gegen das Bauland an der „Sternwiese“ war allein das Werk von Herrn Erich Nothnagel. Das Kantoratsgebäude wurde von der Kirche nicht gebraucht und ist nur eine finanzielle Belastung].

In Rotterode wurde 1991 von der Pfarrfrau A. Scholz mit Unterstützung von Frau Heidi Holland-Moritz ein neuer „Frauensingkreis“ gegründet. Ihm gehören jetzt 18 jüngere Frauen an, die 14tägig proben, Gottesdienste ausgestalten, aber auch zu anderen Anlässen auftreten. Bei den zur guten Tradition gewordenen „Weihnachtsmusiken in der Johanneskirche“ singen sie

oft auch mit dem „Moosburgchor“ Rotterode zusammen.

Der Konfirmandenunterricht findet seit 1992 auch in Rotterode statt, solange genügend Kin­der dazu kommen [Wenn erwähnt wird, daß in Rotterode auch Konfirmandenunterricht

geha­lten wurde, so könnte man auch erwähnen, daß das in Altersbach schon seit vielen Jahren der Fall war]. Um die Kinder zu sammeln, hat Frau Scholz Mitte der 90er Jahre einen „Kinderkreis“ und später für die Jüngeren eine „Kinderstunde“ gegründet.

Im Jahr 1993 wurde die Johanneskirche renoviert, Dach und Turm wurden neu gedeckt und eine Gasheizung eingebaut. Das „Knopffest“ als Abschluss der Bauarbeiten wurde am 27. Oktober 1993 gefeiert. Neben dem Gemeinderaum im Erdgeschoss wurde im ehemaligen Kohlenkeller eine Tee-Küche samt WC eingerichtet, sodaß die Kirche in Rotterode nun fast ein kleines „Gemeindezentrum“ ist.

In der Stadtkirche gaben die beiden Männerchöre aus Unterschönau und Rotterode am 1. Advent 1994 ein gemeinsames Konzert. Für viele der Sänger war so ein Konzert in der Kirche das erste Mal, dass sie in einer Kirche auftraten - auch hier Ergebnis der neuen, vielfältigen Möglichkeiten, wie sich Kirche nach der „Wende“ auch für Menschen öffnen kann, die ihr bisher fremd oder gar ablehnend gegenüberstanden.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung war riesengroß und die Kirche brechend voll bis hinauf in die dritte Empore. Im Zusammenhang mit der neuen Haltung der Kirche gegenüber gab es einen in der Gemeinde heftig umstrittenen Extra-Gottesdienst anlässlich des Jubiläums „100 Jahre freiwillige Feuerwehr Steinbach-Hallenberg“ am Sonnabend, den 28.01.1995 um 14 Uhr in der Stadtkirche. Dabei sollte die neue Fahne der Wehr „geweiht“ werden, wie das wohl in Bayern o.ä. katholischen Ländern üblich ist. Als Evangelische wehrten wir dieses Ansinnen ab, konnten und wollten uns aber dem Ansinnen einer gottesdienstlichen Feier mit der Feuerwehr des Ortes nicht verschließen.

Höhepunkte hatte das Jahr 1995 gleich mehrere: Zum einen das 100jährige Bestehen der Diakoniestation in Steinbach-Hallenberg, was am 05.02. mit einem Festgottesdienst begangen wurde. Die Gemeinde nahm daran regen Anteil und freute sich, mit Schwester Christa Urban aus der Gemeindepflege und Schwester Anni Grünwald als ehemalige Kindergartenleiterin zwei liebgewordene, unvergessene Schwestern wiederzusehen.

Der Besuch von Bischof Dr. Zippert aus Kassel am Wochenende 25./26. Juni war ein weiterer Höhepunkt des Jahres für die Kirchengemeinde. Der Gottesdienst am Sonntagvormittag war als Kirchspielgottesdienst auch für die Dörfer angesetzt. Am Nachmittag saß der Bischof dann noch mit dem Kirchenvorstand in kleiner Runde zusammen, wo ganz zwanglos Probleme und Fragen des Zusammenwachsens der „Kurhessen in Thüringen“ zur Sprache kamen.

Im selben Jahr 1994 wurde das neue Gesangbuch herausgegeben und hier am Sonntag, den 06.11. eingeführt. Die Kirchenvorstandswahlen am 14. Mai waren ein weiterer, wichtiger Tag des Jahres für die Gemeinde. Die Zahl der Mitglieder des Kirchenvorstandes wurde der in Kurhessen üblichen Zahl angepasst und von 24 auf 18 reduziert. Die Verteilung ist seitdem folgendermaßen: 12 aus der Stadt und je 3 aus den beiden Dörfern. Zur Wahl stellten sich 23 Kandidaten und – innen. Die Wahlbeteiligung der 3.418 Wahlberechtigten war hoch und lag in der Stadt über 25 Prozent, auf den Dörfern bis über 50 Prozent. Mit Feststellung der Wahlergebnisse endete der alte Kirchenvorstand, der neue begann seine Arbeit und damit wechselte auch die Geschäftsführung zur anderen Pfarrstelle [Die relativ hohe Wahlbeteiligung bei einer Kirchenvorstandswahl gab es nach entsprechender Werbung auch schon früher].

 

Birgit Gräbner, Unterstädter Pfarrerin  1994 – 1997:

Aus ihrer Amtszeit ist chronistisch zu berichten: Am Sonntag, den 01. Mai 1994, wurde sie in einem Abendgottesdienst vom Dekan als Pfarrerin im Hilfsdienst in die Pfarrstelle eingeführt.

Im Burgfestgottesdienst am 18. Juni 1995 wurde der neue Kirchenvorstand in sein Amt eingeführt. Sein 100-jähriges Bestehen feierte der Evang. Kindergarten am 26.08.1995 mit einem Gemeindeabend am Sonnabend zur Geschichte des Kindergartens.

Am Sonntag, dem 27.08., war dann in der Stadtkirche ein schöner Festgottesdienst mit anschließendem großen Sommerfest im Kindergarten. Aus diesem Anlass waren mehrere frühere Mitarbeiterinnen, darunter Schwester Anni gekommen, aber auch Pfarrer i.R. Weiß und Dekan Braner sowie Frau Bley vom Diakonischen Werk in Thüringen u.v.a.m.

Die erfolgreiche Wiedereingliederung des Dekanates in die Kirche von Kurhessen-Waldeck fand seinen sichtbaren Ausdruck in dem Landeskirchentag, der vom 1.-3. September 1995 in Schmalkalden stattfand und groß gefeiert wurde. Aus Steinbach fanden sich leider nur wenige Gemeindemitglieder, die sich auf den Weg zu den Hauptveranstaltungen nach Schmalkalden aufmachten, obwohl hier fleißig dafür geworben wurde. Aber viele hessische Gemeinden nutzten die günstige Gelegenheit, den neu wieder dazugekommenen Kirchenkreis Schmalkalden kennen zu lernen.

In einem 2001 vom Evang. Medienverband Kassel herausgegebenen Bildband über die Landeskirche unter dem Titel „Einblicke - Bilder und Berichte“ ist das Dekanat Schmalkalden mit einem extragroßen Beitrag vertreten. Damit wird auch erstmalig seit der politisch erzwungenen Abtrennung von Hessen am 1.02.1972 Schmalkalden wieder als voll integrierter Kirchenkreis der Landeskirche öffentlich publiziert.

 

Vom Gemeindeleben ist zu berichten, dass - wie in den Jahren zuvor - auch 1996 wieder holländische Freunde aus Pynacker in Oberhof zu Gast waren und über den Frauenkreis die lebendigen Kontakte zu uns aufnahmen. Am 02. Mai 1996 feierte der Kindergarten im Nachklang an sein vorjähriges Jubiläum ein „Baumfest“, wobei die damals vom Dekanat in Aussicht gestellten Bäumchen gepflanzt wurden. Ende des Jahres erhielt die Kirchengemeinde die wertvolle Avenarius-Chronik zurück, die in Weimar im Hauptstaatsarchiv kopiert und im Gegenzug für uns kostenlos restauriert wurde.

Wegen der beginnenden, geplanten Innenrenovation wurde die Stadtkirche nach der Goldenen Konfirmation Anfang Juli geschlossen. Die Gottesdienste fanden nun in der Friedhofskirche statt.

In Altersbach starb am 24. 05. urplötzlich der Kirchvorsteher und Heiligenmeister Lothar Kauffmann. Mit ihm verlor die Kirchengemeinde einen Mann, der in allen Fragen der Kirchengemeinde in Altersbach erster Ansprechpartner war und sich über Jahrzehnte in großer Treue und Zuverlässigkeit das Vertrauen aller Pfarrer und Gemeindemitglieder erworben hatte. Unter großer Anteilnahme wurde er am 30. Mai auf dem Friedhof in Altersbach beigesetzt. Sein Sohn Udo siedelte bald nach dem Tod des Vaters aus Frauenbreitungen um nach Altersbach. Hier ist er bereits auf dem besten Weg, in die Fußtapfen seines geschätzten Vaters zu treten.

In Steinbach verdichteten sich nach hoffnungsvollen Ansätzen die Anzeichen dafür, dass auch Pfarrerin Gräbner nicht lange auf dieser Stelle sein würde. Denn am 22. Juni 1996 hatte sie Pfarrer Hans Jürgen Basteck in der Stadtkirche geheiratet, der - wie sie auch im Hilfsdienst nach Springstille gekommen war. Da sich das junge Ehepaar eine Pfarrstelle teilen wollte, konnte Frau Basteck nach geltendem Recht der Landeskirche über Stellenteilungen nicht in Steinbach bleiben. Darum bewarb sich Pfarrerin Basteck nach Ablauf ihrer Hilfsdienstzeit nicht auf die Pfarrstelle Unterstadt, sondern ging nach Springstille zu ihrem Mann, um mit ihm das Pfarramt dort zu teilen. Ihr Weggang nach Springstille verzögerte sich zwar noch bis in das Frühjahr des nächsten Jahres. Aber mit dem Abschiedsgottesdienst am 09.02. 1997 war die Pfarrstelle I Unterstadt wiederum vakant.

 

Anette Wenderoth, Unterstädter Pfarrerin seit 1997:

Aus ihrer bisherigen Amtszeit ist zu berichten: Dankenswerter Weise hatte die Landeskirche Einsicht in die beklagenswerte Situation der Gemeinde und besonders der Unterstadt mit Altersbach, die nunmehr die vierte Vakanz innerhalb weniger Jahren hatte. So wurde nach kurzer Zeit schon Hilfe geschickt und ab 01.05.1997 Frau Anette Wenderoth aus Rothenburg/ Fulda als Pfarrerin im Hilfsdienst mit der Versehung der Pfarrstelle beauftragt. Mit ihrem Ehemann Werner Otto zog Pfarrerin Wenderoth in das eilig renovierte Unterstädter Pfarr­haus ein und widmete sich ihren Aufgaben hier in Steinbach.

Zunächst kannte die neue Pfarrerin die Stadtkirche nur als Bauplatz. Denn das Frühjahr 1997 brachte die traurige Gewissheit, dass die Kirche stark baufällig, ja einsturzgefährdet war, wenn nicht viele der Holzbauteile ausgewechselt würden, so stark waren vom Sockel bis unter das Dach Holzteile vom gefährlichen „Gemeinen Hausschwamm“ befallen. Intensive statische Vermessungen und Stabilisierungsprojekte, ausgiebige Holzuntersuchungen an allen gefährdeten Punkten der Kirche, die Erarbeitung eines Sanierungskonzeptes und schließlich die Erstellung eines verbindlichen Kostenplanes forderten ihre Zeit.

Unter Überwachung durch verschiedene Statikbüros, mit Baubegleitung durch das Landeskirchenamt und unter der Aufsicht des Schmalkalder Architekten S. Bießmann, ging schließlich die erfahrene Firma Bennert aus Nord-Thüringen ans große Werk. Einheimische Handwerker und Betriebe hatten an der Sanierung auch großes Interesse gezeigt, aber mangels eines Bauleiters, der bereit war, die verschiedenen Gewerke und Arbeiten zu koordinierenden und zu überprüfen, kam der Auftrag in andere Hände. Aber er lag schließlich bei der Firma Bennert (Hopfgarten) in guten und erfahrenen Händen, was sich in den nächsten Jahren zeigte. Nach all den nötigen Vorarbeiten begann die Firma am 27. April 1997 mit den Sanierungsarbeiten.

Durch manche Komplikationen und Schwierigkeiten zogen sich die Arbeiten hin bis über die Mitte des Jahres 2000. Schließlich konnte am Kirchweihsonntag, den 10.09.2000 die Kirche mit einem Festgottesdienst wieder in Gebrauch genommen werden. Ein langer Zug mit Kirchenvorstand, Prädikanten und Lektoren, Vertretern der einzelnen Kreise und Gruppen der Gemeinde bis hin zu Kindergartenkindern und -mitarbeiterinnen zog eingangs des Gottesdienstes in die Kirche ein. Den Schluss bildeten die beiden Pfarrstelleninhaber, in deren Mitte der neue Bischof Dr. Martin Hein aus Kassel ging, der auch die Festpredigt hielt. Ein kleiner anschließender Empfang ermöglichte dann persönliche Begegnungen mit dem Bischof und weiteren geladenen Ehrengästen wie Bürgermeister Chr. Endter, Kirchenbaudirektor Frede, Architekt Bießmann u.v.a.m.

Dabei war – neben der Dankbarkeit für diese gelungene Sanierung - allen Beteiligten klar, dass damit die nötigen Baumaßnahmen an der Stadtkirche, speziell Turm und Kirchendach, noch längst nicht beendet sind. Weitere Bauabschnitte sind bereits in der konkreten Planung und Bauvorbereitung, sodaß in den kommenden Jahren noch viele Kräfte und Kosten nötig sein werden, um das Bauwerk unseren Kindern in einem einigermaßen soliden Zustand übergeben zu können.

Ähnlich liegt die Problemlage auch bei der kleinen, aber wunderschönen Friedhofskirche, die dringend einer grundhaften baulichen Untersuchung unterzogen werden muss. Im Inneren sind die alte Elektroheizung, alle Fenster sowie das Gestühl dringend zu ersetzen. Aber für die Kirchengemeinde liegt die Priorität der Gebäudeerhaltung eindeutig bei der Stadtkirche und beim Gemeindehaus D. Bonhoeffer mit dem Kindergarten. Schon diese Aufgabenstellung fordert unsere ganzen Kräfte und übersteigt eigentlich unsere bescheidenen Möglichkeiten als Kirchengemeinde.

Über all diesen Baumaßnahmen kam aber das Gemeindeleben in diesen Jahren nicht zu kurz: Die Gottesdienste fanden alle während der vier Baujahre in der Friedhofskirche statt. Manches Gemeindemitglied fühlte sich in der kleineren Kirche bald wohler als in der großen Stadtkirche. Für Taufen und Trauungen freilich wurde gern auf die Dörfer oder sogar auf die Schlosskirche Schmalkalden ausgewichen, zu dicht war oft noch die Erinnerung an eine kurz zuvor gewesene Trauerfeier mit einem Sarg auf dem Altarplatz.

Zum Heiligabend wurde aus Platzmangel in der kleineren Friedhofskirche neben dem Krippenspiel um 15 Uhr und der Christvesper um 19 Uhr noch ein dritter Gottesdienst um 17 Uhr angeboten, der von den beiden Prädikanten mit einem Team gehalten und von der Gemeinde gut angenommen wurde.

Die Küche unseres Evang. Kindergartens stand in der Gefahr, aus zu hohen Kostengründen geschlossen zu werden. Nach langen Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt in Kassel konnte unter Reduzierung auf nur eine Kraft die Küche und der Arbeitsplatz für eine Köchin, Frau Christa Holland-Cunz, erhalten bleiben [Interessant ist zu hören, daß die Küche des Kindergartens wegen zu hoher Kosten geschlossen werden sollte. Früher gab es dort drei Vollzeitkräfte. Gut, in den Sommermonaten mußte auch noch für das Rüstzeitheim gekocht werden (und für die umfangreiche Verwandtschaft von Gießlers). Aber wenn es jetzt eine Kraft schafft, dann zeigt das doch, daß die Klagen der früheren Mitarbeiter und ihr Verlangen nach höherer Bezahlung unberechtigt waren. Das Gleiche gilt für die Reinigungskraft. Rückblickend muß man sagen, daß die Kindergärtnerinnen Recht hatten mit ihrer Beschwerde, daß sie ihre Räume selber reinigen mußten (allerdings in ihrer üblichen Arbeitszeit). Andererseits waren die Reinigungsarbeiten wegen des Rüstzeitenheims umfangreicher und die Kohlenheizung mußte ja auch noch mit erledigt werden].

 

Mit dem neuen Jahr 1998 übernahm Pfarrerin Wenderoth nach einer Einarbeitungszeit die Geschäftsführung. Unsere Kantorin Dorothea Krüger führt am 01.02.98 im Gottesdienst ein „Bileam-Singspiel“ mit den vereinigten Kinderchören aus Steinbach und Rotterode auf, was bald danach in Altersbach und Rotterode sowie im Altenhilfezentrum seine Wiederholung findet.

Musikalisch geprägt war auch das Kindergartenfest in diesem Jahr, weil eine kleine Schülergruppe aus Kisarawe (Tansania) im Dekanat und eben an diesem Tag zu Besuch in Steinbach war. Die sieben jungen Afrikaner und ihre Lehrerin belebten das Fest mit ihren exotischen und mitreißenden Klängen, an denen auch unsere Kleinsten ihre helle Freude hatten.

In der Haseltalhalle fand am 17. Oktober ein großes Konzert der vereinigten Kirchenchöre

des Haseltales unter Leitung der Kantorin D. Krüger, was auf großes, positives Echo stieß und zur Wiederholung ermutigte.

Das Gemeindehaus feierte im Jahr 1998 seinen 100. Geburtstag. Gäste aus nah und fern waren gekommen, um mit uns dieses Jubiläum zu feiern. Dekan Braner und Bürgermeister Häfner sprachen anerkennende Grußworte für die Arbeit, die in diesem Hause seit 100 Jahren geleistet worden ist. Als Abschluß gab es zur Freude aller ein schönes Feuerwerk, mit dem das Fest ausklang.

Ein Adventskonzert des Frauen-Singkreises, zusammen mit dem Moosburgchor in Rotterode, ergab zugunsten der Installation der alten Betsaalglocke in der Johanneskirche 450.- DM. Damit konnte die Glocke installiert werden und läutet seitdem in jedem Gottesdienst als „Vater-unser-Glocke“.

 

Mit einem festlichen Konzert der Vereinigten Kirchen- und Posaunenchöre in der Haseltalhalle klang das Jahr musikalisch aus. Unter der Leitung unserer Kantorin erklang von H. Schütz die „Weihnachtshistorie“ mit den Solisten: Tabea Willing, Kindergärtnerin aus Steinbach, Sopran; Pfarrer Hans- Joachim Scholz, Tenor sowie Pfarrer Martin v. Frommannshausen, Baß aus Schmalkalden. Der Erlös des Konzertes war für die Sanierung der Stadtkirche bestimmt und ergab die Summe von 3500.- DM. Mit den üblichen Weihnachtsveranstaltungen und einem „Singegottesdienst“ am 27.12. klang auch das Jahr 1998 aus.

Das neue Jahr 1999 brachte nach dem Weggang der Jugendmitarbeiterin mit der Einstellung von Herrn Frank Genzler und dem Engagement von Jugenddiakon Schelhorn für das „Wasserwerk“ neue Impulse. Damit sollen weitere Jugendliche von der Straße weggeholt und in eine Gemeinschaft integriert werden.

Weitere personelle Veränderungen gab es auf der Stelle des Hausmeisters, wo Herr M. Döll in den Vorruhestand ging, genauso wie die Mitarbeiterin im Kirchenbüro, Frau Gertraud Holland-Cunz. Herrn E. Polte als Hausmeister und Frau I. Neubert traten jeweils die unmittelbare Nachfolge an. Unsere bewährte Reinigungskraft B. Scherbarth hielt seit Anfang der 90er Jahre das Gemeindehaus und den Kindergarten in Ordnung und ging erst später in den Vorruhestand.

Der Posaunenchor feierte am Wochenende 5./6. Juni 1999 sein 100-jähriges Jubiläum mit einem Sonderkonzert der Erfurter Turmbläser in der Stadtkirche. Am Sonntagnachmittag

war dann der eigentliche Festakt in der Haseltalhalle mit vielen Gästen, wo auch der Posaunenwarte von Kurhessen-Waldeck, M. Lamohr (Fulda) und von Thüringen, M. Schmeiß (Zella-Mehlis) das Wort ergriffen und unserem Chor gratulierten. Einige verdienstvolle Mitglieder wurden von den beiden Posaunenwarten mit Treue-Nadeln ausgezeichnet, darunter auch der Leiter des Chores, Herr Edgar Holland- Moritz. Kein Jahr später verstarb er nach langer, mit großer Tapferkeit getragenen Krankheit im Alter von gerade 48 Jahren am 06. Mai 2000. Seine Trauerfeier in der Friedhofskirche wurde von Posaunenchormitgliedern aus nah und fern ausgestaltet und fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt.

Ein großangelegter Evangelisations-Abend in der Haseltalhalle am 28. März, von der Evang. Allianz unter Prädikant R. Usbeck vorbreitet und organisiert, kam gut an bei jung und alt, wenn auch ältere Gemeindeglieder unter der hohe Lautstärke der Musik zu leiden hatten! Ähnlich erfolgreich war eine Sport- und Videonacht, die vom Kreisjugendpfarrer D. Hauser (Seligenthal) gemeinsam mit Jugendmitarbeitern und –innen in der Haseltalhalle am 2.07.1999 organisiert und

Nach diesen zwei Jahren Dienst endete für Pfarrerin Wenderoth ihre Hilfsdienstzeit und sie bewarb sich um die Pfarrstelle, woraufhin sie nach Wahl durch den Kirchenvorstand am Sonntag, den 03.07.1999 in die Pfarrstelle Unterstadt mit Altersbach zur Erleichterung aller Gemeindemitglieder eingeführt wurde. Das was das wichtigste und entscheidendste Ereignis im Leben der Kirchengemeinde im Jahr 1999.

Nachdem innerhalb von nur acht bzw. zehn Jahren erst die nunmehr fünfte (!) Besetzung dieser Stelle erfolgreich wurde, kommt nun endlich Kontinuität, Verlässlichkeit und Ruhe und in die Gemeindearbeit der Kirchengemeinde Steinbach- Hallenberg. Damit werden die Aufzeichnungen zum Leben der Evang. Kirchengemeinde im letzten Jahrhundert abgeschlossen. Die letzten 10 Jahre waren eine besonders harte Belastungsprobe für die Kirchengemeinde und alle ihre Mitarbeiter der sie aber standgehalten haben. Das macht uns dankbar - und es macht Mut im Blick auf die Wegstrecke, die vor uns liegt. Die Jahreslosung 2000 passt für den Blick in die Zukunft, wenn uns allen zugesagt wird: „Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen!“ (Jeremia 29, 13+14).

 

 

 

 

 

 

 

Zur Geschichte der Schule in Steinbach-Hallenberg

 

Mit der Reformation der Kirche durch Martin Luther kam auch die Aufgabe in den Blick, Schulen für die heranwachsende Jugend zu schaffen. Luther selber hat mehrfach dazu aufgefordert. Die Besoldung für die Lehrer sollte aus dem Ertrag der aufgelösten Klostergüter herkommen.

In Steinbach könnte es schon 1550 einmal einen Lehrer gegeben haben. In der Kirchenrechnung von Roßdorf vom Jahre 1583/84 wird erwähnt, daß der dortige Pfarrer Bardthol Kehl (auch Bartholomeus Koll und Bartholomeus Kell) in Untersteinbach ein Haus und zwei Acker Wiesen in der Struth besitzt. Er war vorher Schulmeister in Meiningen und Benshausen und könnte auch in Steinbach eine kurze Zeit Lehrer gewesen sein, ehe er Pfarrer in Roßdorf wurde. Aber diese Vermutung ist sehr unsicher.

Die früheste Nachricht von der Schule in Steinbach-Hallenberg enthält das hennebergische Visitationsprotokoll von 1555. Bei der Visitation in diesem Jahre verpflichteten sich nämlich die 115 Familienoberhäupter in Steinbach („Nachbarn“), dem Pfarrer Betzelmann jährlich einen ,,Schneeberger“ (kleine Münze) zu geben, wenn er täglich eine Stunde in die Schule geht, die Knaben (!) lesen läßt und auch sonst fleißig auf die Schule sieht („Der Pfarrer soll alle Tage eine Stunde in die Schule gehen, die Knaben überlesen und sonst fleißig auf die Schule sehen“). Der Elementarunterricht erstreckte nur auf die notwendigsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Singen, hauptsächlich aber auf die Ausübung der Religion.

Der erste evangelische Pfarrer in Steinbach-Hallenberg hieß Philipp Schätzle (Philippus Schetzelinus). Er war zuvor erster evangelischer Schulmeister an der Stadtschule in Schmalkalden gewesen. Im Jahre 1537 wurde er zum Pfarramt ordiniert und kam nach Steinbach-Hallenberg. Mit dem ersten evangelischen Pfarrer in Steinbach-Hallenberg gab es also bereits einen für die Schule vorgebildeten Geistlichen.

 

 

Schulmeister in Steinbach Hallenberg seit 1573

Moritz Usbeck:  1573

Im Jahre 1566 sollte ein Lehrer auf einer gesonderten Schulstelle angestellt werden. Doch der hennebergische Superintendent Fischer lehnte den hessischen Kandidaten ab, weil er zu jung sei. So wurde die Stelle erst 1573 mit Moritz Usbeck besetzt. Er war Lehrer und „Kirchendiener“, d.h. er hatte eine Reihe kirchlicher Aufgaben. Vor allem war er für die Kirchenmusik zuständig, für Orgelspiel und Chorleitung. Bei Amtshandlungen hatte er mitzuwirken und zum Beispiel auch Beerdigungen selbständig zu halten. Bei Verhinderung des Pfarrers hielt er Lesegottesdienst. Dazu kamen noch eine Reihe äußerer Dienste wie Glockenläuten, Aufschließen und Zuschließen der Türen, Kirchenreinigung, usw. Aber er war nicht Kirchendiener im Sinne von Küster, sondern vor allem Kantor und Lehrer. Viele dieser Schulmeister und Kantoren wechselten später ins Pfarramt über. Seit dieser Zeit bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Kirchen-und Schuldiener das Doppelamt inne, neben der Schule auch noch die Kirchenmusik zu versehen.

„Im Jahre 1573 bin ich Moritz Usbeck zum Schul- und Kirchendiener in Steinbach bestätigt und angenommen worden. Zugestimmt haben der ehrsame und achtbare Hiob Ziegler, früherer Vogt auf der Hallenburg, und danach auch die ganze Gemeinde hier zu Steinbach. Weiterhin hat zugestimmt der ehrwürdige und gelehrte M. Christoph Fischer, Superintendent zu Meiningen.“

Diese Worte stehen auf der Innenseite eines alten Bucheinbandes, in dem die Mühl-, Waag- und Vormundschafts-Ordnung nebst etlichen alten Rechnungen zu finden sind und wurden von Schulmeister Georg Heß überliefert.

 

Schulgut: 1576 und 1702

Das Schulgut wurde 1576 gegründet und unter dem Pfarrer Johann Adam May dem Älteren vergrößert. Im Jahre 1702 beredete er Frau Martha Schweinsberger auf dem Totenbett, den beiden Schulstellen vier Tagewerk Wiesen in der Struth zu vermachen (sie hat auch einen Abendmahlskelch gestiftet). Ebenso half er, daß Quirin Engelhardts Witwe vier Tagwerk Rottwiesen am Großen Hermannsberg den Schulstellen vermachte, die heute noch im Besitz der Kirchengemeinde sind.

 

Conradt Kropf: 1608 bis 1627

Von dem nächsten Schulmeister Conradt Kropff sind keine Daten bekannt. Er könnte aber um 1608 eingesetzt worden sein, weil er reformiert war und damals an sich überall reformierte Lehrer eingesetzt wurden. Er soll seinen hauptsächlichen Lebensunterhalt mit Schindelmachen verdient haben; denn nachdem er eine Zeit Schule gehalten hatte, ging er in den Kirchberg und machte Schindeln. Am 14. November 1627 wurde er abgesetzt, weil er reformiert war und die neue Landesherrschaft, die Darmstädter Landgrafen, keine Reformierten mehr in öffentlichen Ämtern duldete.

 

Georg Heß:  1628 bis 1646

Zu Neujahr 1628 wurde Georg Heß aus (Tambach-) Dietharz von den darmstädtischen Behörden in Schmalkalden zum Schulmeister in Steinbach eingesetzt. Ein Jahr späte wurde er von kirchlicher Seite durch den Inspektor Christoph Cellarius bestätigt. Er starb im Jahr 1646.

 

Konrad Heß:  1646 bis 1655

Der Sohn des Georg Heß, Konrad Heß, ist im Jahre 1646 zum Schul- und Kirchendiener berufen und bestellt worden. Er war kein Studierter („literatus“), aber die Kinder waren bei ihm besser aufgehoben als bei seinem Nachfolger. Nach neun Jahren starb er am 22. Mai 1655. Er liegt auf den Gottesacker begraben, der Grabstein steht vorne, wenn man zur Kirchentür hinein gehen will (Er ist die einzige Information über diesen Schulmeister).

 

Valentin Buchhammer: 1655 bis 1676

In Steinbach hatte Valentin Buchhammer schon mehrfach gepredigt, als er am 10. Juni 1655 vom Zwölferstuhl im Namen der ganzen Gemeinde aus seiner Geburtsstadt Schmalkalden berufen wurde. Darauf wurde er am 20. Juli von denen damaligen Herrn Inspektoren in Schmalkalden bestätigt und schließlich am 15. August eingeführt. Er hat in Leipzig aber nicht viel mehr als ein Jahr studiert, weil er von seinen Eltern wenig Hilfe gehabt hat und sich meistens als Hauslehrer hat durchbringen müssen.

Einwohner, die bei ihm in die Schule gegangen sind, sagen, er sei ein scharfer Mann gewesen. Die Anfangsbuchstaben von Psalm 27: „Ich glaube aber doch“ (Unicum Bonum Spero) hat er sich zu einem Bekenntnis und Leibspruch erwählt. Am 24. Juni 1676 ist Valentin Buchhammer gestorben. Er war in Steinbach 21 Jahre weniger einen Monat der Lehrer, wie aus seinem von ihm selbst aufgesetzten und geschriebenen Lebenslauf zu ersehen ist.

 

Pfarrer Matthäus Avenarius, der nicht auf den Mund gefallen war, wenn es gegen die Reformierten ging, sagt 1665 im Wirtshaus über einen Gast: „Das ist der Hans Buchhammer, der von der lutherischen Religion abgefallen ist zu der falschen!“ Buchhammer war Bruder des lutherischen Lehrers. Als Valentin Buchhammer 1676 starb, kam es zu einer ausgedehnten Auseinandersetzung über seine Nachfolge (siehe Kantor Jacobus Lang).

 

Schulen auf den Dörfern 1666:

Auf Betreiben von Pfarrer Matthäus Avenarius wurden in Oberschönau eine eigene Kirche (1671) und eine Schulstelle eingerichtet und auch für die Amtsdörfer Unterschönau, Rotte­rode und Altersbach eigene Schuldiener bestellt. In Oberschönau war seit 1666 Volkmar Schellhaas Lehrer. Er war Sohn des Stephan Schellhaas in Coburg, war dann in Eisenach Küchenschreiber und ab 1664 Lehrer in Kleinschmalkalden. Weil er ein zanksüchtiger Mann war, hießen ihn die Leute „Doktor Merrettig“ Aber er hatte das Glück, daß der Steinbacher Pfarrer Matthäus Avenarius seine Tochter Magdalena Sabina heiratete. Er starb am 23. November 1681 im Alter von 77 Jahren.

 

Schulgebäude für zwei Lehrer 1667:

Zunächst sollten auch die Kinder aus Altersbach, Rotterode und Unterschönau in Steinbach mit zur Schule gehen. Aber auch in Steinbach wuchs die Kinderzahl so sehr, daß man Jungen und Mädchen trennen mußte. Hatte man vorher nur die Jungen unterrichtet, so waren jetzt immerhin auch die Mädchen einbezogen. Aber nun brauchte man zwei Lehrer und auch zwei Schulräume für sie. So baute man 1667 südlich der Kirche neben dem bisherigen Schulgebäude ein zweites Haus als Schulraum.

 

 

 

Kantorat

 

Die zweite Schule erhielt jedoch erst am 4. Juli 1709 ein weiteres Stockwerk, das ungefähr alles in allem 1000 Gulden kostete. Beide Schulgebäude, das alte für den ersten Lehrer und das neue für den zweiten Lehrer, standen rechts südlich neben der Kirche, wo heute noch das Kantoratsgebäude steht. Es ist nirgendwo festgehalten, welcher Lehrer in welchem Gebäudeteil wohnte. Es ist aber anzunehmen, daß zuerst der Gebäudeteil nach dem Kirchplatz zu gebaut wurde und dort der Organist (als einziger Lehrer) wohnte. Aber mit Einrichtung  der Kantorenstelle mag es anders g ewesen sein, zumal gesagt wird, daß die Organistenwohnung ng um ein Stockwerk erhöht wurde.

Beide Gebäude enthielten zunächst nur je einen Klassenraum und je eine Wohnung für den Kantor bzw. den Organisten. Der eine Lehrer übernahm nun die Jungen und erhielt den Titel „Kantor“. Der andere übernahm die Mädchen und erhielt den Titel „Organist“. Es ist nicht ganz klar, wann der Titel „Kantor“ zuerst verliehen wurde. Geisthirt gibt das Jahr 1663 an, also mitten in der Amtszeit Buchhammers.

Aber Geisthirts Angaben zu dieser Sache scheinen ungenau zu sein, man verläßt sich wohl doch lieber auf Avenarius. Der zählt Buchhammer noch unter die Schulmeister und spricht erst bei seinem Nachfolger Jacob Lang von „Kantor“. Günter Kraft gibt Valtin Molter als Vorgänger Langs an; von ihm wurde ein Trauergedicht vom 23. September 1673 gedruckt. Nehmen wir also an, daß das Kantorat 1676 eingeführt wurde, nachdem schon 1653 durch die Bestellung eines Organisten eine Trennung im Amt vorgenommen worden war.

 

Weitere Verbesserungen der Schulverhältnisse um 1700:

Pfarrer Adam May der Ältere (1692 bis 1714) „stiftete viel Gutes und Billiges in Kirchen und Schulen“, heißt es 1729 in der Steinbacher Chronik von Johannes Avenarius. So ordnete er an, daß „um besser Ordnung und Disziplin willen“ der Kantor die Knaben allein, der Organist aber die Mädchen „informieren“ sollte.

Sein besonderes Verdienst ist jedoch die Einführung des „Gothaischen Katechismus“ für die Schule in Steinbach-Hallenberg. Diese pädagogische Schrift, heute bekannt als „Gothaischer Schulmethodus“, wurde bereits 1642 auf Anordnung Herzog Ernsts des Frommen von Sachsen-Gotha veröffentlicht. Für Gelehrten-und Lateinschulen hat es schon früher Schulordnungen gegeben.

Mit dem Schulmethodus aber wird der Elementarunterricht, also die Volksschule, einer umfassenden Organisation unterworfen. Er nennt die Pflichten der Lehrer, Schüler und Eltern und legt fest, was und wie gelehrt werden sollte. Neben den üblichen Fächern sollten auch die „natürlichen Wissenschaften“ (Kräuter, Bäume, Mensch und Tier) behandelt werden. Schon damals wird die Anschaulichkeit als pädagogische Grundforderung verlangt. Wichtig ist auch die Festlegung der Schulpflicht für alle Kinder beiderlei Geschlechts vorn fünften bis zwölften Lebensjahr.

 

 

Organisten in Steinbach-Hallenberg

Johann Ernst Heß:  1653 bis 1663

Weil die Einwohnerzahl von Steinbach stieg und es viele Schulkinder gab, wurde die Gemeinde 1653 genötigt, einen weiteren Lehrer einzusetzen, der zugleich die Orgel in der Kirche spielen sollte. Es wurde deshalb 1653 Hans Ernst Heß, der Bruder des Schulmeisters Konrad Heß, zum stellvertretenden Lehrer an der Schule und zugleich zum Organisten und Mädchenlehrer angenommen. Er wurde vom Zwölferstuhl im Namen der Gemeinde Steinbach und der Filialorte vorgeschlagen und von den Inspektoren in Schmalkalden bestätigt.

Am 10. Mai 1663 gab er seinen Dienst aber wieder auf, weil sein Gehalt so gering war und er von den Leuten nur wenig bekommen konnte. Er ging nach Gersfeld in der Rhön.

 

Johann Christian Argus: 1663 bis 1675

Aus Ohrdruf in Thüringen stammte Johann Christian Argus. Er erhielt zwar 1667 ein eigenes Schulgebäude, gab seinen Dienst aus Mangel an finanzieller Unterstützung auf und ging nach Werningshausen in Thüringen gelegen (nördlich von Erfurt), nachdem er den Dienst in Steinbach zwölf Jahre wahrgenommen hat.

 

Johann Nicolaus Avenarius: 1675 bis 1708

Hierauf wurde der mittlere Sohn des damaligen lutherischen Pfarrers zum Lehrer angenommen. Er hat in Schweinfurt, Schmalkalden und Meiningen die Schule besucht. An dem letztgenannten Ort hat er die Organistenkunst bei dem dortigen Stadtorganisten Herrn Meder gelernt. Er wurde von dem gesamten. Zwölferstuhl im Namen der ganzen Gemeinde zum Organisten und Lehrer angenommen und 1675 den Herren Inspektoren in Schmalkalden vorgeschlagen und er wurde von ihnen auch bestätigt. Am 10. November 1676 wurde er nach dem Rügegericht und Schulexamen zusammen mit Herrn Kantor Jacob Lang eingeführt. Seit 1676 war er verheiratet mit Katharina Kister, der Tochter des Kantors in Mehlis, die 1656 geboren wurde.

In dieser Zeit gab es Lehrer, die aus Steinbach stammen (wie Geisthirt berichtet). Einer war Nicolaus Johann Holland, der 1681 Gehilfe in Kleinschmalkalden und dann (1683?) Lehrer in Asbach wurde, ein redlicher Mann und guter Musiker. Ein anderer war Valentin Häfner, der 1682 Lehrer in Springstille und 1692 in Trusen wurde.

Auch sein Sohn Johann Heinrich war dort Lehrer und starb 1733. Dessen Sohn wiederum wurde 1757 Pfarrer in Trusen und 1766 Archidiakon in Schmalkalden (in seinem Stammbuch wird der Theologiestudent Johann Valten Pabst aus Steinbach erwähnt). Dessen Sohn schließlich wurde 1801 Pfarrer in Barch­feld und schrieb ein vierbändiges Werk (fünfter Band von seinem Schwiegersohn) über die Herrschaft Schmalkalden.

Johann Nicolaus Avenarius hat das Organisten- und Schulamt 33 Jahre ausgeübt. Am 10. Januar 1708 starb er sanft und selig, nachdem er vorher einige Jahre gekränkelt hat, aber nur zwei Tage bettlägerig gewesen ist. Er wurde am 4. Sonntag nach Epiphanias unter großer Anteilnahme christlich in die Erde bestattet. Er hat 53 Jahre auf der Welt gelebt. Sein Begräbnistext war Phil 3,13 bis 14: „Ich vergesse, was dahinten ist“.

 

Johannes Avenarius: 1708 bis 1744:

Nach dem Tode des Johann Nicolaus Avenarius wurde sein Sohn, der Theologiestudent Johannes Avenarius, sein Nachfolger. Am 10. Januar 1687 wurde er in Steinbach-Hallenberg geboren. Seine erste Bildung erhielt er im Pfarrhaus durch den Hauslehrer Johann Conrad Geisthirt, dem damaligen Hauslehrer bei Herrn Pfarrer May und späteren Schmakalder Chronisten. Dieser wird schon die Liebe zur Geschichte in seinem Schüler geweckt haben, abgesehen von seinem Großvater Matthäus, der auch schon geschichtliche Nachrichten gesammelt hat.

Mit zwölf Jahren ging er auf die lateinische Stadtschule nach Meiningen, später nach Ohrdruf, um hier das Gymnasium zu besuchen, das bereits von 1697 bis 1700 seinen Bruder Johann Martin aufgenommen hatte. Johann Martin Avenarius war drei Jahre lang Chorpräfekt am Ohrdrufer Gymnasium, unter seiner Leitung sang der spätere Thomaskantor Johann Sebastian Bach.

Danach war auch Johannes Avenarius als Chorpräfekt sein Gesangslehrer, der dann auch seit 1706 zusammen mit ihm in Erfurt studierte. Dort entstand auch ein ,,Hochzeitsquodlibet“, an dem verschiedene Studenten sich beteiligten und das Bach dann in Reinschrift herausgab. Darin wird auf eine Ostindienfahrt (und eine Backtrogfahrt) angespielt, die auch Avenarius in seiner Chronik erwähnt.

Fast zwei Jahre später übernahm er die Stelle seines verstorbenen Vaters als Organist und Mädchenlehrer in Steinbach-Hallenberg. Weil sein Vater aber krank wurde, durfte er nicht länger bleiben, sondern wurde nach Hause gerufen, um das Amt anstelle seines Vaters zu verrichten.

Als Organist und Schullehrer wurde er einhellig berufen von sämtlichen Zwölfern, Kirchenältesten und Schultheißen der Filialorte. Am 6. Februar 1708 wurde er vorgeschlagen und von den Inspektoren in Schmalkalden Balthasar Adam Neunesius und M. Johann Wilhelm Pforr, nach abgelegter Probe am 2. Februar 1708 geprüft und bestätigt.

Am folgenden Tag wurde er von dem lutherischen Pfarrer Herrn Johann Adam May in Anwesenheit einiger Kirchenältesten eingeführt. Zu einem Bekenntnis und Leibspruch hat er sich gleich erwählt das Wort „Geduld“, weil diese „heutzutage in den Schulen sehr nötig ist, sowohl wegen vieler Verdrießlichkeit, die man ausstehen muß, als auch weil man sich wegen des geringen und schlechten Gehalts öfters kümmerlich behelfen muß und „von vielen statt Dank nur Gestank und statt Lohn nur Hohn bekommt“, schreibt er verbittert.

 

Johannes Avenarius wurde nämlich der Steinbacher Chronist. Er sammelte Nachrichten seit 1525 und berichtete natürlich besonders ausführlich über seine eigene Zeit. Die Chronik schließt im Jahre 1729 und wurde später ergänzt. Johannes Avenarius verdanken wir viele für die Geschichte Steinbachs wichtige Nachrichten, die durch seinen Fleiß und seine Geduld gesammelt und der Nachwelt aufbewahrt wurden. Die Chronik wurde bis 1743 geführt und ist im Besitz des Pfarramtes. Alle Nachrichten über Steinbach aus dieser Zeit beruhen auf dieser Chronik.

Johannes Avenarius war trotz der nicht geringen Pflichten und des kärglichen Lohnes ein allzeit lustiger Mensch und ein geschickter Komponist. Als am 13. September 1715, dem zweiten Kirchweihtag, Landgraf Karl von Hessen die hiesige Kirche besuchte, wurde ihm von dem Organisten Johannes Avenarius eine eigens dafür komponierte Tafelmusik zur Begrüßung dargebracht, die der Regent mit 6 Talern belohnte. Im Januar 1720 wurde Johannes Avenarius sehr krank und konnte ein Vierteljahr sein Amt nicht verrichten. Als er aber mit Gottes Hilfe wieder gesund geworden war, bildete er aus den Anfangsbuchstaben und dem Endbuchstaben seines Namens noch einen „Leibspruch“ in lateinischer Sprache: „Jehovas Auxilio Sanor“: „durch Gottes Hilfe wurde ich gesund!“ Er starb 1744.

 

Johannes Avenarius schreibt in seiner Chronik: Am 13. September 1715 – es war eben der zweite Tag unserer jährlichen Kirchweih - kam unser gnädigster Fürst und Herr Carl I. hierher, übernachtete im reformierten Pfarrhaus, blieb die Nacht und den anderen Tag hier bis nach der Mittagsmahlzeit. Und weil es das erstemal war, daß er als Regent hierher gekommen ist (als er neun Jahre alt war hatte ihn seine Mutter bei sich und mit in Steinbach gehabt) wurde ihm von mir, dem Organisten, eine einfache, doch wohlgemeinte Tafelmusik dargebracht, die nicht nur ganz gnädig aufgenommen wurde, sondern auch mit 6 Talern vergolten wurde. Der Text der Musik war - weil er ganz unvermutet kam und nicht viel Zeit zur Erarbeitung und Komposition übrig blieb - aus dem ersten Buch Mose im 24. Kapitel Vers 31.

 

Der Text:  Freudigsten Willkomm spricht aus Johannes Avenarius, Organist des Ortes, als der Durchlauchtigste Fürst und Herr, Herr Carl Landgraf zu Hessen, unser gnädigster Fürst und Herr, eben am Kirchweihfest, dem 13. September 1715, mit seiner hohen Gegenwart unser Steinbach begnadete. Ich wollte aus untertänigster Ergebenheit freudigst mit einer geringen und so viel in der Eile möglichen Tafelmusik meine Verehrung bezeigen, und – nachdem ich gnädigst dazu aufgefordert wurde – untertänigst übereichen.

 „Kehre ein du Gesegneter des Herrn!“ (1. Mose 24, Vers 31),  Liedvers:

Willkommen teure Landes-Sonne, dein holder Blick  und Gnadenschein

bringt unsern Herzen Freud und Wonne, und Geist, damit bereit zu sein,

was jedermann zu dieser Frist nach treuer Pflicht dir schuldig ist.

Dies ist ein Tag zur Freud erlesen, weil unser Landesvater heut

- da er noch nie hier ist gewesen - uns seiner Gnaden Zepter bietet.

Ein jeder wird dadurch erquickt, da ihm dies Glück der Himmel schickt.

Soll denn auch nun unser Flehen, des liebsten Fürsten Sicherheit

und ungetrübtes Wohlergehen zu erbitten stets bereit sein.

Doch freilich - ja so soll es sein - ach Himmel stimme damit ein.

Der Himmel schütte lauter Segen, auf unsern liebsten Fürsten aus.

Gott lasse, was sein Herz begehrt, Ihm allezeit reichlich sein gewährt.

Des Höchsten Macht und Güte beschirme den Herrn und seinen Fürstenthron.

Gott wende ab alle Unglücks Stürme, die Feinde treffe Spott und Hohn,

der Himmels Fürst aus Gnaden geb, daß unser Carl noch lange leb“.

Nach dem Gesang dieses Liedes wurden noch einige Märsche und Menuette aufgeführt und dann geschlossen. Neben den hiesigen Musikanten war der Türmer von Creutzburg mit seinen Leuten dabei. Ebenso der Schwarzhäuser Türmer mit seinen Leuten, die damals gerade hier ihren Auftritt hatten (es war ja zum Kirchweihfest) und in der damaligen Zeit die berühmtesten Musiker waren. Diese geringe Komposition mußte ich an die fürstliche Tafel bringen und später abschreiben und einschicken“ (Creutzburg liegt an der Werra nördlich von Eisenach und Schwarzhausen etwas weiter östlich, westlich von Waltershausen).

 

Johann Sebastian Bach und Steinbach-Hallenberg:

Bach hatte mit mehreren Steinbachern zu tun. Als er von 1704 bis 1707 in Ohrdruf zur Schule ging, war Johannes Avenarius Chorpräfekt und damit sein Gesangslehrer (schon von 1697 bis 1700 war Johann Martin Avenarius dort Präfekt, ebenfalls ein Enkel des Matthäus Avenarius). Auch beim Studium in Erfurt von 1707 bis 1708 waren beiden zusammen. Dabei kam es wohl bei einer lustigen Hochzeitsgesellschaft zu einer Gelegenheitsdichtung, dem „Hochzeitsquodlibet“ (Bachwerkeverzeichnis 524), zu dem jeder der Studenten etwas beigetragen hat. Bach hat es nur später noch einmal sauber aufgeschrieben.

Darin wird eine Backtrogfahrt über Holland nach Niederländisch-Indien (heute: Indonesien) erwähnt. Damals gab es Beziehungen zu Ostindien, gerade auch unter den Musikern und Spielleuten. Bach könnte davon gehört haben durch Johannes Avenarius, denn dieser erwähnt in seiner Chronik im Jahr 1723: „Einige Tage vor dem Tag Johannes des Täufers (24. Juni) 1725  haben sich drei Metzgerburschen  mit Namen Johannes Carl, Johannes Kehr und Christoph Kehr, und ein Instrumentalmusiker Matthäus Häfner auf die Wanderschaft nach Amsterdam und von da nach Ost-Indien begeben; das ist aus seinem ganz bestimmten Grund hierher gesetzt worden. Im Jahre 1730 um den Johannistag ist Johannes Carl wieder gekommen.“

Diese Nachricht ist „um gewisser Ursach willen hierher gesetzt“, um auf das Quodlibet hinzuweisen. Johannes Avenarius wäre dann der „Dominus Johannes“ aus dem Quodlibet für jene Hochzeit.

Schüler des Thomaskantors Bach in Leipzig waren auch Martin Recknagel, ein Usbeck und vor allem Johann Friedrich Doles. Ein Urenkel des Pfarrers Matthäus Avenarius war Johann Georg Schübler aus Zella St. Blasii, der seit 1746 Notenstecher und Verleger Bachs bis zu dessen Tod war. Bach ehrte ihn mit seinen „Schübler‘schen Chorälen“.

 

Finanzielle Verhältnisse 1709 bis 1736:

Im Jahre 1715 vermachte die Witwe Osanna Engelhard der Schule eine weitere Wiese, damit beide Lehrer einige Kinder kostenlos unterrichten können. Aber sieben Jahre später wurden von den Lehrern, die die Wiese selber nutzten, Steuern dafür abverlangt. Am 26. Februar 1722 baten sie um Erlaß der Steuer. Die Kirchenkasse hat den Betrag dann schließlich auch übernommen.

Im Sommer 1728 wurde ein neuer Keller in der Organistenwohnung gebaut. Die Kosten von ungefähr 8 Talern trugen auf Befehl des Inspektors je zur Hälfte die Kirche und Gemeinde, die dafür das Geld nahm, das für die Einquartierung der Reiter gezahlt worden ist.

Mit einem Vermächtnis im Jahre 1736 ist es aber nichts geworden:  Barbara Bauroth - sonst „Heintze Spalle“ genannt - hat Schuldscheine 1736 über 7 Taler an beide Schulen vermacht, es war aber niemand da, der diese Schulden eintreibt.

 

 

 

Organistenwohnung

 

Im Herbst 1730 hat der Vorsteher Valten Holland, Nagelschmied und  1729 Vorsteher, in Kassel einen eisernen Ofen für die eine der Lehrerwohnungen (oder für das Pfarrhaus?) gekauft  und nach Steinbach bringen lassen. Er kostete 8 Taler und 2 Taler Fuhrlohn. Der Aufsatz auf den Ofen kostet auch 1 ½ Taler, der Warmwasserbehälter („die Blase“) 2 Taler 15 Groschen (Sicherlich hat der Vorsteher den Ofen samt Zusatzgeräten auf Gemeindekosten gekauft).

Die Lehrer haben wohl doch sehr bescheiden leben müssen. Andererseits hatten sie aber auch verantwortungsvolle Aufgaben. Als im Jahr 1730 eine epileptische Frau im Wasser ertrank, wurde sie von den beiden Schullehrern christlich bestattet, weil kein Pfarrer in Steinbach war und ein auswärtiger nicht kommen wollte, weil sie arm war und niemand etwas für ihre Beerdigung geben konnte.

 

Gottlieb Avenarius: 1744 bis 1746

Als ältester Sohn des Organisten Johannes Avenarius wurde dann Gottlieb Avenarius sein Nachfolger, hat aber in über zwei Jahren kaum etwas tun können, wohl wegen einer Krankheit.

 

Johann Christoph Usbeck: 1746 bis 1769

Durch große Mühe seiner Freundschaft ist Johann Christoph Usbeck auf die Stelle gekommen. Es ist nicht so sicher, wie lange er sie innehatte. Sein Nachfolger soll 30 Jahre im Amt gewesen sein. Da er 1799 starb, ergibt sich das Jahr 1769 als Beginn seiner Tätigkeit und das Ende der Tätigkeit Usbecks. Das paßt auch gut zu der Angabe, daß Usbeck sich 1768 um die Kantorenstelle bemühte, sie aber nicht erlangte und zunächst nach Tann ging. Er starb am 3. November 1794 in Steinbach im Alter von 68 Jahren und zwei Monaten. Laut Kirchenbuch war er 21 Jahre Organist und 18 Jahre Kantor.

 

Friedrich Wiegand: 1769 bis 1799

Der Sohn des Schulmeisters in Herges, Friedrich Wiegand, erhielt wohl im Jahre 1769 die Organistenstelle. In 30 Jahren hat er sich um Schule und Musik „vorzüglich verdient gemacht“. Als er am 20. Februar 1799 im Alter von 58 Jahren starb, da sagte der Kantor Rommel bei der Beerdigung von seinem Kollegen: „Ein Lehrer, Orgelspieler, Schönschreiber, Klavierkünstler, der seinesgleichen sucht, ein liebreicher, aufrichtiger, dienstfertiger Freund!“ Mit Rücksicht auf seine Witwe und die zum Teil noch minderjährigen Kinder wurde sein ältester Sohn ohne vorherige Probe mit dem Schuldienst betraut.

 

Peter Wiegand: 1799 bis 1824

Zur Unterstützung seiner Mutter und der zum Teil noch minderjährigen Geschwister wurde Johannes Peter Wiegand ohne vorherige Probe mit dem Schuldienst betraut. Der Gemeinde wurde zugesichert, daß ihr dadurch aber nicht das Wahlrecht genommen werde. Wiegand hatte bei seinem Vater gelernt, war dann einige Jahre auf der Schule in Schmalkalden und dann eineinhalb Jahre Privatlehrer in Chemnitz.

Die Nachricht von der Krankheit des Vaters erreichte ihn, als er gerade in Leipzig war. Trotz der schlechten Witterung reiste er gleich heim, traf aber seinen Vater nicht mehr lebend an. Er legte eine Probe in der Schule und in der Kirche (Lesen, Musik) ab und wurde als Einziger vorgeschlagen und am 26. Februar ohne Gegenkandidat und ohne Gegenstimme gewählt. Am  8. März erhielt er die Stelle. Er war ein Jugendfreund Wilhelm Friedrich Habichts.

 

Man warf ihm aber später vor, er besuche täglich die Wirtshausgesellschaft. Er aber wandte dagegen ein: Ich bin wie alle Organisten vorher ein Vertreter der Obrigkeit bei drei Zünften. Diese haben eine Gesellschaft gebildet, die in einem Nebenraum des Wirtshauses zusammenkommt. Ich sehe es als den ersten und schönsten Beruf des Lebens an, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und mir nach vollendetem Tagewerk das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Ich habe aber niemals meine Pflicht verletzt oder Schulstunden versäumt. Der Pfarrer könne das bezeugen.

Am 19. Mai 1824 starb der Organist Peter Wiegand im Alter von 45 Jahren und hinterließ Frau und fünf Kinder. Die Steinbacher wollten die Stelle seinem ältesten Sohn Johannes Wiegand übertragen, der einmal Orgelbauer lernen wollte. Aber nach Meinung des Inspektors Kümmel kann ein junger Mann von 17 Jahren nicht die Schulstelle erhalten. Am 28. August lehnte dann auch die Regierung das Gesuch von 329 Steinbachern, die sich für Johannes Wiegand einsetzten, ab.

 

Christoph Ammenheuser: 1824 bis 1825

Bei der Wahl am 8. August erhielten David Christian Schatt aus Springstille 33 Stimmen, Balthasar Fuchs aus Unterschönau 18 Stimmen und Christoph Ammenheuser aus Marburg nur 4 Stimmen. Weitere vier Bewerber standen zur Wahl. Viele Einwohner gingen jedoch ohne Stimmabgabe wieder davon, weil sie nicht für Johannes Wiegand stimmen durften.

Am 11. September wurde Christoph Armenhäuser, der vorher Waisenlehrer in Marburg war, in Steinbach angestellt und am 11. Oktober verpflichtet. Doch er starb im August 1825. Danach bemühte sich Johannes Wiegand noch einmal um die Stelle und wollte auch die Einkünfte eines Vierteljahres an die Witwe abtreten, aber er kam auch diesmal nicht zum Zug.

 

Christian David Schatt:  1826 bis 1832

Ab Mai 1826 erhielt der Springstiller Lehrer Christian David Schatt die Stelle, der bei der Wahl vor zwei Jahren die meisten Stimmen erhalten hatte. Über ihn ist sonst weiter nichts bekannt. In den Turmknopfurkunden wird er als dritter Lehrer bezeichnet, der Kantor als zweiter Lehrer. Der erste Lehrer war dann wohl der Pfarrer, der gewissermaßen Schulleiter und Schul-Inspektor war. Er ist 1832 verstorben ist.

 

Gottfried Wilhelm: 1833 bis

Der als Aushilfslehrer und Kantor in Rinteln angestellte Herr aus Springstille wurde zum Organisten und Elementarlehrer in Steinbachbestätigt und hat am 29. September 1833 seinen Dienst angetreten.

 

 

Kantoren in Steinbach-Hallenberg

Am 24. Juni 1676 starb Herr Valentin Buchhammer. An seine Stelle kam Herr Jacobus Lang, Student der Theologie aus Schmalkalden. Diesem hat man den Titel „Kantor“ verliehen.

 

Jacobus Lang: 1676 bis 1699

Um die Besetzung dieser Lehrerstelle gab es einen ausgedehnten Streit. Am Sonntag vor Jacobi hatten die Zwölfer zunächst mit Pfarrer Avenarius gesprochen und dann im Wirtshaus beschlossen, keine Studenten zu nehmen, denn der trachte ja doch nur nach einer Pfarrstelle und kümmere sich weniger um die Schule. Sie wollten gern den Lehrer Rohr aus Trusen (heute: Trusetal) oder den Lehrer Beiersbach aus Asbach haben.

Als sie aber mit diesem Vorschlag zu dem lutherischen Inspektor Neunesius kamen, war der mit dem Asbacher gar nicht zufrieden; wahrscheinlich weil er zu sehr den Reformierten zuneigte. Auch Rohr hatte eine reformierte Frau und wollte angeblich auch gar nicht nach Steinbach. Der lutherische Inspektor wollte gern einen von zwei Theologiestudenten als Lehrer haben.

 

Avenarius sollte die Gemeinde überreden bzw. sie gar nicht erst zum Wählen kommen lassen. Er schlug den Zwölfern die Studenten Anders Merckel und Jacob Lang vor, der bei seinen Kindern Hauslehrer gewesen war. Ohne Wissen der Gemeinde schickte er sie zum Probesingen.

Pfarrer Matthäus Avenarius aber hatte einen anderen Favoriten, einen Schulmeister Leffler. Den wollte er zu seinem Schwiegersohn machen. Leffler hatte auch schon angekündigt, er würde eine (!) der Töchter des Pfarrers heiraten. Einige Gemeindeglieder baten dann doch mit Zustimmung des Pfarrers Avenarius eine gewissen Leffler, sich zur Probe zu stellen. Avenarius ließ durchblicken, daß er für Leffler sei, einen Theologiestudenten, von dem es aber hieß, er wolle nach Tabarz gehen.

Dagegen protestierte aber wieder der reformierte Pfarrer Riesner: Ein Theologe würde den lutherischen Pfarrer zu sehr entlasten. Ohne ihn müßte Avenarius vielleicht den Frühgottesdienst sein lassen, wenn die Reformierten den Hauptgottesdienst haben. Die Leute wünschten das sowieso. Aber durch Pfarrer Avenarius, der ein „rechtes Hindernis des Wachsens der reformierten Religion ist“, konnte das bisher verhindert werden. Zusammen mit seinem Sohn (dem Organisten), seinem Schwiegersohn (dem Lehrer), deren Frauen und Kinder könnten sie bei Festlichkeiten einen ganzen Tisch besetzen. Es würde ein starkes lutherisches Kleeblatt entstehen. Das würde ihn noch mehr geneigt machen, bei solchen Zusammenkünften die Reformierten zu beschimpfen (der Organist war ja ein Sohn des Pfarrers).

Jedenfalls kam die Gemeinde in diesem Fall nicht ganz zu ihrem Recht, aus zwei Kandidaten für das Amt des Lehrers einen auswählen zu dürfen. Inspektor Neune­sius meinte dazu, es sie sowieso nicht möglich, jedem Einwohner einen Schulmeister nach seinem Geschmack zu stellen; der Pfarrer müsse darauf sehen, daß die Gemeinde erst gar nicht zu einem echten Wählen kommt, ,,denn sie verstehen von der Sache nichts“. Man war dann schließlich mit Leffler und Lang zufrieden.

Am 3. August waren sie beim reformierten Inspektor. Sie hatten aber nur ein Schreiben des lutherischen Inspektors dabei. Deshalb erhielten sie keine Bestätigung. Sie gingen aber doch nach Kassel (sicherlich zu Fuß) und erhielten sechs Taler als Reisegeld. Doch sie kamen unverrichteter Dinge zurück, weil ihnen die Bestätigung durch die Gemeinde (,,Präsentation“) fehlte. Montagabend meldeten sie sich wieder bei Pfarrer Avenarius.

Der schickte am Dienstag zwei Zwölfer und den Vorsteher Hans Ritzmann zum lutherischen Inspektor, der ein Präsentationsschreiben aufsetzte. Aber Inspektor Neunes wollte unbedingt den Leffler haben, erst in zweiter Linie den Lang. Er setzte ein Präsentationsschreiben auf und das Präsentationsschreiben legten sie dem Amtsschultheiß vor.

Amtsschultheiß Zielfelder aber drang darauf, daß die Gemeinde erst gefragt wurde. Er fragte sie, ob sie das denn auf ihr Gewissen nehmen wollten, wo doch die Gemeinde überhaupt nichts davon weiß. Da wünschten sie, daß die Gemeinde noch am Dienstagabend zusammengerufen werde. Doch bei der eilig zusammengerufenen Versammlung teilte Hans Ritzmann nur mit, der Truser Schulmeister habe abgelehnt und der Asbacher sie nicht geeignet. Die Gründe dafür könne er nicht nennen, sie müßten nun bei den vorgeschlagenen Studenten bleiben, der Brief sei nun einmal ausgefertigt.

Es waren aber nur einige Anhänger des Pfarrers Avenarius da, sonst nur Kinder und einige Frauen, etwa 20 Leute. Als Bürgermeister Ritzmann rief: „Wenn ihr mit Leffler zufrieden seid, so sagt ja!“ da riefen einige Kinder zum Spott „Ja!“ Das war die ganze Wahl. Weil die Reformierten protestierten, führte Inspektor Lucan selber eine Wahl durch, die eine große Mehrheit für Leffler und Lang ergab. Ritzmann aber lief zum Pfarrer und berichtete, die ganze Gemeinde habe für Leffler gestimmt.

Als am 28. August noch einmal eine genaue Untersuchung durch den Inspektor Lucan vorgenommen wurde, stimmte aber die große Mehrheit für Leffler und Lang: Weil sie ja doch keinen der beiden zunächst vorgeschlagenen Kandidaten haben könnten, wollten sie für diese beiden gelehrten Leute stimmen. Sie wollten dem Inspektor und dem Pfarrer nicht widersprechen, weitere Unkosten vermeiden und nun doch einen ,,Gebildeten" haben, der sie nicht mehr kostet, bei dem aber die Kinder mehr lernen. Außerdem waren die zwei schon in Kassel gewesen und hätten sich vorgestellt.

Leffler wurde dann aber doch nicht genommen, weil er offengelassen hatte, ob er beim reformierten Gottesdienst singen werde. Das und der Katechismusunterricht für die reformierten Kinder war aber die Vorbedingung für diese Stelle. So wurde dann Jacobus Lang aus Schmalkalden bestätigt.

Lang erhielt also den Titel ,,Kantor" und wurde am 17. September eingeführt. Aus dem Kirchendiener“ wird also der „Kantor“, dessen Hauptaufgabe aber weiterhin die Schule ist. Seine Tätigkeit wird nur im Rang gehoben. Die Gemeinde darf weiterhin zwei Bewerber wählen, von denen dann das Konsistorium einen in das Amt beruft.

Lang war ein guter Musiker, schrieb eine schöne leserliche Handschrift. Er ließ sich auch dann und wann als Prediger hören. In der Unterhaltung und im menschlichen Umgang war er überaus liebreich und wurde von vielen wegen seiner Freundlichkeit, Dienstwilligkeit, Leutseligkeit und Höflichkeit geliebt. Er starb am 12. März 1699, nachdem er 24 Jahre in Steinbach gedient hatte, im Alter von 49 Jahren.

Mit den Reformierten vertrug er sich allerdings nicht so gut. Als Georg Reumschüssel 1685 auf dem Weg von Herges nach Unterschönau erfroren war, soll Lang gesagt haben: „So muß es allen ergehen, welche reformiert werden!“ Sein eigener Schwager Johann Friedrich Wachs hat es dann dem reformierter Pfarrer Riesner erzählt.

 

Andreas Doles: 1699 bis 1720

Der Sohn eines Schmalkalder Bürgers erscheint in der Chronik Avenarius unter dem Namen „Dohleß“ (auch „Dohles“). Er durchlief in Schmalkalden die Klassen der Stadtschule und machte dabei noch Schreibarbeiten für Inspektor Neunesius. Weil er ein guter Musiker und fromm war, machten ihn die Dillstädter zu ihrem Lehrer (Dillstädt zwischen Suhl und Meinigen). Nach einem Jahr wurde er schon nach Walldorf (an der Werra) berufen und blieb dort sieben Jahre. An Palmarum 1699 legte er in Steinbach die Probe im Singen ab und wurde an Karfreitag vom Zwölferstuhl, den Kirchenältesten und Schultheißen der eingepfarrten Dörfer vorgeschlagen, von den Inspektoren D. Ortolph Neunesius und M. Johannes Wilhelm Pforr bestätigt, und danach in Steinbach eingeführt. Im Jahr 1716 bekam er einen sonderbaren Anfall, so daß ihm die Sprache einigermaßen verfiel und das Gehör zum größten Teil verging. Daher sah er sich genötigt, seinen Herrn Sohn von Jena holen zu lassen, um ihm im Amt beizustehen. Am 28. April 1720, vor dem Sonntag Kantate, starb er sanft im Alter von 58 Jahren.

 

Johann Heinrich Doles: 1720 bis 1768:

Am 18. November 1718 wurde dem Kantor Andreas Doles sein Sohn Johann Heinrich Doles mit der Hoffnung auf Nachfolge beigegeben. Der Vater mußte aber alle Kosten für ihn tragen.

Nach dem Tode des Vaters übernahm er dann auch das Kantorat. Er wurde in Walldorf geboren und erhielt seine Ausbildung im Steinbacher Pfarrhaus durch die Studenten Hochhaus und nach dessen Weggang bei dem Theologiestudenten Johann Adam May.

 

Von 1709 bis 1713 besuchte er die Stadtschule in Schmalkalden und ging ab 13. Mai 1713 (Ostern) nach Jena auf die Universität. Von dort ließ ihn sein Vater dann holen. Er war ein guter Sänger und Musiker, spielte eine „nette Violine“ und ließ sich auf Wunsch im Predigen hören. Er hat 50 Jahre sein Amt versehen.

Im Alter hatte er noch Mühe mit der Überarbeitung der Kirchenrechnungen. In der Rechnung von 1764 mußte er die Währungen getrennt voneinander halten. Aber er sagt, er sei mit der Schule schon voll ausgelastet, und nachts könne er bei Licht nicht mehr lesen und schreiben. Ab 1765 muß es dann aber doch nach der neuen Währung gehen.

In diesem Jahr erwog man auch die Schaffung einer reformierten Schule. Vor allem der Amtsschultheiß bedauerte gegenüber dem Konsistorium, daß die reformierten Kinder in die lutherische Schule gehen mußten: Sie wissen dann nicht mehr so recht, zu welcher Religion sie gehören, und die Zahl der Reformierten nähme immer mehr ab.

 

Johann Friedrich Doles, Thomaskantor:

Am 23. April 1715 wurde dem Kantor Johann Andreas Doles ein Sohn Johann Friedrich geboren, der später berühmt werden sollte. Er wurde geboren im Kantorhaus südlich der Kirche (die Angaben im Anhang des Evangelischen Kirchengesangbuchs sind falsch). Er war der jüngste von fünf Kindern des Kantors Andreas Doles und dessen Ehefrau Anna Maria Lange (Tochter des Kantors Lang?). Als der Vater 1720 nach langer Krankheit starb, wurde sein Sohn Johann Heinrich sein Nachfolger und der Ernährer der Familie.

Er nahm sich auch seines jüngsten Bruders Johann Friedrich ,,aufs herzlichste“ an und gab ihm den ersten Unterricht in den Grundlagen der lutherischen Glaubenslehre, der lateinischen Sprache und des Klavier-und Violinspielens. Schon früh zeigte sich seine gute sängerische Begabung und Veranlagung

Sein ältester Bruder Johann Heinrich war also sein erster Lehrer. Vom zwölften Lebensjahr an besuchte er die Schule in Schmalkalden. Obwohl er erst 15 Jahre alt war, wurde er für das vakante Stadtorganistenamt vorgesehen und spielte während der Vakanz auch ein Jahr die Orgel. Den Ratschlägen seines Bruders folgend siedelte er nach sieben Schmalkalder Jahren auf das Gymnasium in Schleusingen über, das damals in ausgezeichnetem Ruf stand.

Einer seiner Lehrer schrieb über ihn, er sei „bey seiner Musik zugleich ein Freund anderer Wissenschaften“, was er oft laut geäußert habe. Er kam gleich in die Prima, also die oberste Klasse, weil ihn der Direktor Walch dafür reif erklärte. Zunächst war er Tenorkonzertist im ersten Chor, dann eineinhalb Jahre später rückte er zum ersten Chorpräfekten auf. Bereits in Schleusingen legte er seine Fundamente im Komponieren.

Mit 23 Jahren beendete er seine Ausbildung in Schleusingen und ließ sich im Sommersemester 1739 an der Universität Leipzig einschreiben. Er belegte philosophische Vorlesungen bei Gottsched und Johann Heinrich Winkler, dazu Mathematik, Geschichte, Hebräisch. In der Musik lernte er vor allem bei Johann Sebastian Bach, der ihn am Ende seiner Studienzeit nach Salzwedel empfahl. Im Jahre 1743 trat er als Pianist öffentlich auf.

 

Ab 17. August 1744 ging er als Kantor nach Freiberg. Hier war er Lehrer und als solcher dem Rektor der Schule untergeben; aber er war auch Kirchenmusikdirektor und als solcher selb­ständig. In Freiberg ist er sicher auch mit dem berühmten Orgelbauer Gottfried Silbermann zusammengetroffen, der ihm ein Pianoforte geschenkt haben soll.

Nach zwölf Jahren als Kantor in Freiberg wurde er am 30. Januar 1756 als Kantor an der Thomaskirche in Leipzig eingeführt, nachdem ihn bereits am 19 November 1755 das Konsistorium bestätigt hatte. Gleichzeitig war er Musikdirektor an beiden Hauptkirchen. Dieses Amt hatten vor ihm Johann Sebastian Bach und Johann Gottlob Harrer (gestorben am 9. Juli 1755) inne. Er trat damit in die Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs ein.

Viele Schüler, die von 1756 bis 1789 (als er emeritiert wurde) die Thomasschule besuchten, wußten seine musikalischen und pädagogischen Fähigkeiten zu schätzen und wirkten später in ansehnlichen musikalischen Stellungen. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Kantor war er auch als Komponist tätig. Er schrieb drei Passionen nach Matthäus, je eine nach Markus und Lukas und zwei nach Johannes. Eine Reformationsfest-Kantate ist von ihm erhalten und wurde schon in Steinbach aufgeführt. In seiner Musik zeigte er sich als Vertreter einer neuen empfindsamen Zeit. Im Schmalkalder Gesangbuch von 1955 ist er mit der Melodie des Liedes 429 vertreten (die dort angegebenen Lebensdaten stimmen allerdings nicht). Im Jahre 1770 wurde er auch Universitätsmusikdirektor. In den Ruhestand ging er 1789.

Im April 1789 besuchte ihn Mozart und wollte ihm gerne ein Pianoforte abschwatzen, das ihm einst Gottfried Silbermann in seiner Freiberger Zeit geschenkt hatte. Aber Doles konnte sich nicht davon trennen. Am 8. Februar 1797 starb er, fast 82 Jahre alt, in seiner Wahlheimat Leipzig.

 

In der Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“ Nr. 17 vom 26. April 2015 würdigt Andreas Rockstroh den Kantor: „In der Musikgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts begegnet uns der Name Johann Friedrich Doles im Zusammenhang mit Wolfgang Amadeus Mozarts Aufenthalt 1789 in Leipzig. Der Komponist weilte in der Stadt, um Näheres über den alten Bach von seinem Schüler Doles zu erfahren. Zu seinen Lebzeiten wurden 40 Choralvorspiele für Orgel sowie einzelne Motetten und Kantaten gedruckt. Darüber hinaus existiert eine geringere Anzahl von Autographen und Abschriften seiner Kompositionen. Er besaß eine außergewöhnliche musikalische Begabung. Er studierte 1739 an der Leipziger Universität Theologie und wurde von Johann Sebastian Bach in der „contrapunktunktischen Setzart“ gefördert.

In Freiberg, wo Doles von 1744 bis 1755 an den vier Hauptkirchen und am Gymnasium wirkte, kam es zu massiven Streitigkeiten mit dem Rektor des Gymnasiums und dem Superintendenten über den Stellenwert der Kirchenmusik. Nachdem Bachs Nachfolger, Johann Gottlob Harrer, bereits 1755 verstorben war, ließ Doles seine guten Beziehungen spielen, um das Thomaskantorat in Leipzig anzutreten, das er bis 1789 ausübte. Die restliche Zeit bis zu seinem Tode am 8. Februar 1797 nutzte er zur Verbreitung und Edition seiner Werke.“

 

Zu den Vertretern einer im 17. und 18. Jahrhundert in Steinbach-Hallenberg blühenden musikalischen Tradition zählen neben dem bereits genannten Pfarrer Matthäus Avenarius, der als Komponist von Kirchenliedern hervortrat, und Johannes Avenarius, dem Chronikverfasser, sowie Johann Friedrich Doles, dem Thomaskantor. Auch der am 6. Nov. 1670 hier geborene Sohn von Matthäus Avenarius, Johannes Avenarius, später Professor der Theologie in Gera und ein bekannter Musikschriftsteller.

Hinzu kommen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere Thomaneralumnen, unter ihnen der am 19. Januar 1725 in Unterschönau geborene Kantor und Komponist Johann Martin Recknagel und der in Steinbach-Hallenberg tätige Kantor Johann Christian Usbeck. Hierher gehört auch der Sohn des Oberschönauer Schulmeisters und später nach Schweden ausgewanderte Komponist Johann Christian Häfner.

Besoldungsverhältnisse 1773:

Das Einkommen des Kantors setze sich wie folgt zusammen:

- Nutzung der Schulwiesen (Struth, Hermannsberg) zur Hälfte

- Aus dem Gotteskasten (= Kollekten) 10 Gulden zu je 14 Batzen

- Aus der Gemeindekasse 18 Gulden (5 für Legen der Gemeinderechnung)

 -Von jedem Gebräu Bier /2 Eimer oder 20 (Kasseler) Metzen Treber

- Zehn Klafter Tannen-Brennholz frei vor die Tür

- Anschlaggeld für Bauholz aus den Gemeindewaldungen (ein Pfennig von jedem guten Groschen Kaufpreis).

 

Das Einkommen des Organisten setzte sich wie folgt zusammen:

- Nutzung der Schulwiesen (Struth, Hermannsberg) zur Hälfte

-Aus dem Gotteskasten (= Kollekten) 10 Gulden zu 14 Batzen

- Aus der Gemeindekasse 10 Gulden oder 7 Reichstaler 24 Albus 10 Heller

- Von jedem Haushaltsvorstand („Nachbar“) 1 Batzen Opfergeld.

Dazu kamen noch die „Akzidentien“: Für den Kantor jährlich zwei Kopfstück Schulgeld von jedem Schüler, dazu für kirchliche Amtshandlungen halb so viel wie der Pfarrer. Für den Organisten auch zwei Kopfstück Schulgeld von jeder Schülerin, dazu für Amtshandlungen halb so viel wie der Kantor. Die zur Schule gehörige Wiese benutzten Kantor und Organist je zur Hälfte und entrichteten die darauf haftenden Erbzinsen und Abgaben gemeinsam.

Der Kantor erhielt darüber hinaus jährlich 5 Gulden für seine Dienste als „Gerichtsaktuarius“, der die Gemeinderechnungen aufstellen mußte. Außerdem erhielt er von jedem Gebräu Bier (die Gemeinde hatte seit 1595 die Brau- und Schankgerechtigkeit) einen halben Eimer Frischbier und 10 Klafter Feuerholz, das ihm die Gemeinde frei vor die Tür schaffen mußte. Das Schulgeld betrug für die Knaben und Mädchen jährlich zwei Kopfstücke.

 

 

Weitere Kantoren in Steinbach-Hallenberg 1768 bis 1889

Wilhelm Krah: 1768 bis 1776:

Für die freie Kantorenstelle hatte sich zunächst nur der Organist Usbeck gemeldet. Dann gab es noch vier Bewerber, die aber weit entfernt wohnten. Die Wahl wurde auf den 25. März 1768 verschoben. Dabei entfielen 119 Stimmen auf Krah, 111 auf Kirchner, 105 auf Usbeck und 38 auf Ringer.

Am 28. März beschwerte sich aber Usbeck bei den Inspektoren, es sei bei der Wahl nicht richtig zugegangen: Wahlzeit und Wahlordnung seien nicht richtig bekannt gemacht worden. Man habe keine Wahlzettel angenommen und einer hätte verbreitet, die Wahl sei schon zu Ende und die Leute könnten wieder umkehren. So hätten viele nicht mehr für Usbeck stimmen können, während seine Gegner im Ort herumliefen und noch schnell Leute zusammenholten, die für die anderen Kandidaten stimmten.

Die Kirchenältesten stellten eine Untersuchung an. Als sie das Ergebnis am 30. März bei den Inspektoren ablieferten, erschienen kurz darauf vier andere Steinbacher und übergaben eine Gegendarstellung.

Die Pfarrer jedenfalls versicherten, es sei zwei Stunden lang gewählt worden und alle Stimmen seien richtig eingetragen worden. Sie waren für eine schnelle Besetzung der Stelle.

Sie wurde vergeben an Johann Wilhelm Krah, Sohn des Braumeisters Johannes Nicolaus Krah aus Schmalkalden. Er war verheiratet mit Maria Christina, der Tochter des Schmal­kalder Pfarrers Adam Balthasar Wiß.

Diese Angaben ergeben sich aus einem Hinweis Gustav Adolf Obstfelders in seiner „Chronik der Stadtkirche St. Georg zu Schmalkalden“, die Tochter des Pfarrers Wiß sei mit dem Kantor Krah aus Steinbach-Hallenberg verheiratet gewesen (Seite 16) und den Eintragungen im Kirchenbuch (Taufe eines Sohnes am 9. November 1771 und Sterbeeintrag). Durch diese Angaben kann die bisherige Lücke in der Liste der Kantoren geschlossen werden.

Krah starb im Oktober 1776 und wurde am 23. Oktober 1776 unter volkreicher Versammlung zu Grabe getragen. Es ist ausdrücklich angegeben, er sei Kantor und Kandidat für das Predigtamt gewesen. Es könnte sein, daß er nur 39 Jahre alt war. Die Leichenpredigt hielt der Pfarrer Habicht aus Springstille, die „Parentation“ der Pfarrer Fuckel aus Fambach.

 

Johann Christoph Usbeck: 1776 bis 1794:

Bei der Kantorwahl am 3. Advent 1776 erhielt der Kantor Johann Christoph Usbeck aus Tann in der Rhön die meisten Stimmen, nämlich 94. Er ist der gleiche, der von 1746 bis 1769 schon Organist in Steinbach war und schon 1768 die Kantorenstelle erlangen wollte. Auch diesmal gab es wieder Schwierigkeiten. Seine Geschicklichkeit und Tüchtigkeit im Schulwesen war allgemein bekannt. Selbst seine Gegner waren von seinem Wohlverhalten überzeugt. Es wäre gar nicht nötig gewesen, noch einen anderen Kandidaten vorzuschlagen.

Da dies aber nun einmal nach der Wahlordnung erforderlich war, hat man den Musiker Bach (wohl aus Wasungen) mit zur Auswahl gestellt. Dieser war aber im Schulwesen so unerfahren und ungeübt wie ein Junge von zehn Jahren. Dennoch sprachen einige davon, die Inspektoren könnten ihn dem Usbeck vorziehen.

Der reformierte Pfarrer Reuß setzte sich aber für Usbeck ein, weil er auf das Beste der Schule zu sehen habe: Der Mann sei kein Religionseiferer, denn wenn er ein liebloses Gemüt gegen die Reformierten hätte, so würde er gewiß an die 200 Stimmen erhalten haben; weil er aber die Reformierten so lieb habe wie die Lutherischen, habe er viele Feinde. Sie mißgönnen ihm die Kantorenstelle, obwohl diese sehr mühsam und verdrießlich ist.

Auch ein G.W. Zielfelder (ein Förster?) mußte sich gegen den Vorwurf wehren, er habe die Köhler „bei Verlust ihres Brods“ dazu bringen wollen, für Usbeck zu stimmen. Er habe sich zwar für Usbeck ausgesprochen, aber von den Köhlern haben nur vier auf ihn gestimmt, die somit nicht den Ausschlag gegeben haben.

 

Zu Usbecks Zeit ist die Knabenschule zum ersten Mal abgebrannt, in den Jahren 1786 bis 1787 wurde sie wieder neu aufgebaut: 204 Taler gab die Brandkasse, 300 Taler waren Darlehen vom Hospital in Schmalkalden und 192 Taler kamen aus dem Verkauf von Baumaterial aus der alten Schule. Die Kosten beliefen sich aber auf insgesamt 703 Taler.

Im Jahre 1788 drangen die Inspektoren mit allem Ernst darauf, daß die Kinder besser die Schule besuchen; notfalls soll der Amtsschultheiß zur Hilfe herangezogen werden. Bei der Visitation im Jahre 1794 war man auch mit den Schulen im Kirchspiel an sich zufrieden. Die Kinder waren in Lesen, Buchstabieren, Katechismus, Singen und Schreiben, zum großen Teil auch in Rechnen gut geübt.

Nur in Rotterode waren die Kinder merklich zurück. Das lag daran, daß der Lehrer Weisheit wegen eines Unzuchtfalles fortgegangen war und sein Nachfolger Langbein den Schaden noch nicht hatte ausgleichen können. Er wurde zu allem möglichen Fleiß ermahnt, den er auch versprach.

 

 

Neubau  nach dem großen Brand 1792:

Im April 1790 brannten neben vielen Häusern in Untersteinbach auch die beiden Schulhäuser neben der Kirche ab. Für zwei Jahre wurde zunächst Schule in der Stube im Wirtshaus gehalten. Das war wohl im Oberwirtshaus bzw. in dem daneben liegenden Malzhaus, das ab 1854 wieder als ständiger Schulraum genutzt wurde. Heute steht an der Stelle beider Gebäude die Gaststätte „Hallenburg“.

Unter der Bauleitung von Schultheiß Reinhard aus Steinbach und Schultheiß Ernst Holland-Moritz aus Rotterode wurde 1792 auch die Schule wieder aufgebaut. Das stattliche Fachwerkhaus steht heute noch dort. Das Geld kam von der Brandkasse, einer Kollekte, der fürstlichen Unterstützungskasse und dem Verkauf des übriggebliebenen Baumaterials. Für die Schule, den Holzschuppen, zwei Schweineställe und das Backhaus wurden 1.359 Taler ausgegeben.

Es wurde nur noch ein einziges Gebäude mit Wohnungen für Kantor und Organist gebaut. In der Mitte war ein Raum zur Einkehr für die „Kirchen-und Leichenleute“ aus den eingepfarrten Orten. In diesem Raum hielt ab 1841 der dritte Lehrer Schule. Als das Schulhaus 1854 zu klein wurde, fand auch Unterricht in einem Raum des Gemeinde-Malzhauses in Obersteinbach statt. Steinbach-Hallenberg erhielt endlich im 19. Jahrhundert eine dritte und vierte Lehrerstelle, der 1877 eine fünfte und 1882 eine sechste folgte. Doch erst 1841 war die Trennung zwischen Kirche und Schule vorgenommen worden und ein Elementarlehrer bestellt.

Christoph Usbeck führte die Schulkinder in die neue Schule, wobei ein von ihm verfaßtes Lied gesungen wurde. Er starb am 3. November 1794 im Alter von 68 Jahren, nachdem er zunächst 21 Jahre Organist und danach 18 Jahre Kantor in Steinbach gewesen war (Sterbeeintrag).

 

Matthäus Rommel: 1794 bis 1818

Bei der Kantorwahl erhielt Adam Valentin Volkmar aus Schmalkalden 158 Stimmen und Schulmeister Matthäus Rommel aus Herges (gebürtig aus Oberschönau) 180 Stimmen. Die Pfarrer wünschten sich Rommel, weil er schon 21 Jahre Erfahrung hatte. Er erhielt auch die Stelle nach einer entsprechenden Prüfung. Er war ein trefflicher Musiker und wohl auch ein guter Lehrer.

Bei der Visitation 1799 war man mit beiden Schulen wohl zufrieden. Die 137 Knaben und 151 Mädchen bestanden im Singen, Lesen, Buchstabieren und Schreiben sehr gut. Vor allem die älteren Kinder waren sehr geübt und wußten gleichlautende Worte (wie Kram-Gram, Macht-Magd) prompt zu unterscheiden. Auch an der Mädchenschule konnten fast alle Kinder schreiben. Dafür wurden Lehrern und Lindern Lob und Zufriedenheit bezeugt.

Auf den Dörfern war das Ergebnis nicht gleich gut. Aber man konnte doch zufrieden sein und keine Schule wurde als schlecht befunden. Es gab überall einige Kinder, die die Schule versäumten. Der Lehrer von Unterschönau klagte, daß das Schulgeld so schlecht einginge. Den Pfarrern wurde das Nötige in diesen Sachen aufgegeben. Auch mußten sie die Besoldungsstücke (nicht nur deren Ertrag) noch einmal genau aufführen.

 

Im Jahre 1800 hatte Rommel einen heftigen Streit mit dem Organisten Wiegand, dessen Mutter er angeblich beleidigt hatte. Daraufhin ließ ihn der Organist nicht mehr an die Orgel und in die Käfige neben der Orgel, wo die Instrumentenbläser und die Pauken ihren Platz hatten. Bei Beerdigungen hat er einige Knaben gezüchtigt, obwohl Rommel selber anwesend war. Er hat sich nicht nach den Liedern erkundigt, die gespielt werden sollten, und war auch nicht zu Vertretungsdiensten bereit.

In der Gemeinde entstand Ärgernis. Rommel wollte nicht zusammen mit dem Pfarrer und dem Organisten zum Abendmahl gehen, so daß dieses erst noch verschoben wurde.

Die Inspektoren mahnten am 6. Mai 1800 zur Eintracht und machten den Einigungsvorschlag: Der Organist muß die Orgel verschließen, aber der Kantor braucht auch einen Schlüssel, weil er als Vorsänger auf die Orgelempore muß. Der Organist darf die Kinder nur strafen, wenn der Kantor nicht anwesend ist oder mit der Beerdigung beschäftigt ist. Wenn die Lieder angeschrieben sind, braucht der Organist nicht zu fragen; wenn der Kantor aber eine Ausnahme machen will, dann muß er dies dem Organisten sagen.

 

Georg Rommel: 1818 bis 1833

Die freie Kantorenstelle wollt man zunächst dem Organisten anbieten, fürchtete aber, dann keinen so guten Organisten erhalten zu können. Dann verfiel man auf Georg Rommel, den Sohn des verstorbenen Kantors, Finanzsekretär des Freiherr von Spiegelschen Oberrentmeisters Lohnmann zu Uebelngönne (bei Warburg in Westfalen) („Övelgönna“).

Es fanden sich dann noch mehrere Kandidaten, die eine Probe ablegten mit Singen in der Kirche, Aufführen einer Musik, Vorlesen einer Predigt und Schule halten. Am Sonntag Rogate, dem 26. April 1818, war Georg Rommel dran. Er sang gut vor und führte eine selbstkomponierte kunstvolle Musik auf. Die Predigt trug er mit gutem Anstand ohne Gesten vor, mit vernehmlicher und modulierter Stimme.

Am Himmelfahrtstag, dem 30. April, wurde von 15 bis 18 Uhr in der Knabenschule gewählt. Die beiden Pfarrer nahmen die Stimmen in je einer Liste entgegen und protokollierten. Schatz aus Rotterode erhielt 139 Stimmen, Rommel 292. Diese beiden wurden den Inspektoren vorgeschlagen.

Die Pfarrer baten darum, die Stelle noch vor Pfingsten zu besetzen. Doch Rommel sollte erst noch Zeugnisse beibringen, daß er nicht mehr zum Militär eingezogen würde und daß er sich im Ausland so aufgeführt habe, daß man ihm eine solche Stelle übertragen könne. Das Attest, daß er nicht mehr militärpflichtig sei, übersandte er am 15. Mai, weil er 1788 geboren war. Das polizeiliche Führungszeugnis aber würde er erst in einigen Wochen erhalten können. Er war etwas gekränkt, daß man so etwas von ihm verlangte, wo er doch von Steinbach stamme und allezeit dort bekannt war.

Auch Pfarrer Habicht setzte sich am 19. Mai für ihn ein: Amtmann Faust habe ihn wegen seiner Geschicklichkeit im Rechnen und Schreiben an den Rittmeister Lohrmann in Übelgönna vermittelt. Dann war er als geschickter Musiker einige Jahre in Paderborn angestellt gewesen. Wegen seines guten Rufs holte man ihn vor einigen Jahren nach Minden. Er ist kein Fremder in Steinbach, sondern bei einem Besuch ging er auch zum Abendmahl. Die Inspektoren verlangten die Zeugnisse, weil man ihn wohl schlecht gemacht hatte. Nachdem die Zeugnisse eingegangen waren, konnte am 23. Juni in Schmalkalden die Prüfung vorgenommen werden. Rommel wurde verpflichtet und angestellt. Am 30. Juni wurde er in Gegenwart der Schultheißen und Kirchenväter den Kindern vorgestellt. Er wurde Zweiter Lehrer der Oberklasse an der 1828 hier von Kurfürstlicher Regierung neu organisierten Schule.

Rommel war in seiner Zeit als Komponist in weiteren Kreisen bekannt. Nun mußte er in der Schule seinen Mann stehen. Am 29. Mai 1818 war gleich die erste öffentliche Schulprüfung in der Kirche, zu der etwa 500 Kinder aus dem ganzen Kirchspiel kamen, etwa 60 fehlten. Unter Glockengeläut wurden die Kinder von ihren Lehrern in die Kirche geführt. Es wurde gesungen „Hört ihr Eltern, Christus spricht“.

Der reformierte Pfarrer sprach über Anlaß und Zweck dieser Feierlichkeit und schloß mit einem kurzen Gebet. Dann sangen die Kinder ohne Begleitung „Mein Jesu, gib Gnade“. Danach war ein Lehrer nach dem anderen mit dem Examen dran.

Begonnen wurde mit einem Gesang, entweder die Klasse gemeinsam oder auch ein Kind allein. Danach wurde gelesen und eine Katechese gehalten, teils über einen biblischen Abschnitt, teils über eine einzelne Wahrheit. Wer dazu nicht imstande war, mußte den Katechismus aufsagen. Mitunter stellten auch die Pfarrer einzelne Fragen und gaben Erläuterungen. Dann wurde geschrieben und gerechnet. Weil nicht alle Kinder in der Kirche Platz hatten, mußten die Kleineren zunächst in der Schule warten. Nach der Prüfung wurde gesungen „Nun gottlob, es ist vollbracht“. Der lutherische Pfarrer hielt eine Schlußrede, in der er Lob und Tadel austeilte und Eltern, Lehrer und Kinder an ihre Pflichten erinnerte. Nach dem Gottesdienst erhielten die Kinder an der Schule zur Aufmunterung Brezeln, die von dem eingesammelten Opfer und zwei Gulden aus der Kirchenkasse bezahlt wurden. Außerdem gab es eine Woche Schulferien.

Nach Pfingsten 1819 wurde nach einer neuen Verordnung mit der „Sommerschule“ begonnen. Nun wurde wöchentlich viermal am Morgen Schule gehalten. Viele waren aber damit nicht zufrieden und murrten dagegen, weil sie ihre Kinder zur Arbeit brauchten. Im Sommer wurde um 6.30 Uhr und im Winter um 7.30 zur Schule geläutet. Im Jahre 1819 klagte Rommel über ständige Geldverlegenheit, weil die Leute so arm sind, daß sie kaum Schulgeld zahlen. Nachdem schon seinem Vater eine Kuh gestorben war, passierte ihm nun das Gleiche. Er hatte ja auch noch seine Mutter zu unterhalten. Einige Kartoffeln von zwei kleinen Grundstücken sind die einzigen Lebensmittel, die sie noch haben. Im Jahre 1821 wollte man zunächst das Bier mit einer Steuer belegen, wies dann aber doch den Amtsschultheiß an, das Schulgeld unnachgiebig einzutreiben.

Dennoch hatte Rommel offenbar Geld, um zusammen mit dem Organisten Wiegand und dem Kantor Fuldner aus Herges in einem Oberstübchen des Wirtshauses in geschlossener Gesellschaft zu trinken. Die Lehrer waren der Meinung, an einem solchen unschuldigen Vergnügen könne die Gemeinde doch keinen Anstoß nehmen. Rommel habe man sogar schon vorgeworfen, er sei zu stolz, weil er die Gesellschaft nicht besuche, zu der die angesehensten Männer Steinbachs gehören. Wenn sie ihren schweren Beruf nach Kräften erfüllt haben, dann dürften sie sich auch in der Art erholen, wie es in Steinbach üblich sei.

Anfang 1819 kam es dann im Wirtshaus zu einem Vorfall, der zu einer Beschwerde führte. Weil oben nicht geheizt war, saßen sie unten in einem Nebenzimmer, von dem aus man aber wegen des schadhaften Ofens in die allgemeine Wirtsstube sehen konnte. Dort randalierten zwei Betrunkene, so daß Scheiben und Biergläser zerbrachen und beide bluteten. Der Organist Wiegand versuchte, die auseinanderzubringen, indem er sie mit Wasser aus dem Ofen bespritzte. Einer der Säufer aber beschimpfte den Kantor Rommel, weil er meinte, der habe ihn bespritzt. Als Rommel in die Wirtsstube ging, um alles zu klären, fielen die beiden Streithähne gemeinsam über ihn her. Da hat Rommel die beiden Betrunkenen mit dem Stock geschlagen, wie er das sonst mit den Schulkindern zu tun pflegte. Es war für ihn Notwehr, denn er hätte kein Geld gehabt, um einen Prozeß zu führen. Kantor Rommel starb am 24. November 1833.

Ein besonderes Licht auf die schulischen Verhältnisse jener Zeit werfen die Kirchenaustrittserklärungen der Altlutheraner im Jahre 1874 und später. Dabei unterschrieben viele nur mit drei Kreuzen. Sie waren allerdings alle über 50 Jahre alt. Es gab aber auch einige Ältere, die mit ihrem vollen Namen unterschreiben konnten.

 

Die Pflichten eines Kantors:

  • Pünktliches Schulehalten von 7 bis 10 und von 12 bis 14 Uhr (dabei von 12 bis 13 Uhr eine unentgeltliche Singstunde)
  • Alle 14 Tage Kirchenmusik, die vorher mit dem Schülerchor und den Dorfschullehrern zu proben ist
  • Etliche Stunden Rechnen pro Woche in der Schule, Privatstunden in Rechnen und Musik gegen besondere Bezahlung
  • Unbekanntere und neue Melodien einüben, Singen auf dem Turm an Ostern und Christtag, Gesang bei Begräbnissen
  • Fehlende Schüler holen lassen, Besuche der Kirchenväter in der Schule zulassen
  • Aus dem Lesebuch und dem Katechismus auswendig lernen lassen und in der Kirche zu gewissen Zeiten aufsagen lassen
  • Nach der Uhr sehen und sie nebst den Glocken einzufetten, wegen der Größe des Orts lange läuten lassen
  • Anwesenheit bei Taufen (neben dem Beichtstuhl), auf das Opfer der Kindbetterin in der Kirche achten
  • Nach dem Gottesdienst die Kinder beobachten, daß sie stille nach Hause gehen, ohne Lärm und Unfug
  • Darauf achten, daß die Schulknaben die Kirche reinigen und bei den Wochengottesdiensten das Opfer einsammeln
  • Nicht beim Gottesdienst aus der Kirche gehen mit Ausnahme der Wochengottesdienste, wo ja Schule zu halten ist
  • Die älteren Schüler am Montag nach der Predigt fragen und zur Aufsicht über die kleineren Kinder in der Kirche anhalten
  • Gute Harmonie mit dem Organisten und kein öffentliches Kartenspiel in den Wirtshäusern.

 

Jakob Münch: 1834 bis 1871

Kantor Rommel war am 24. November 1833 gestorben. Die letzte Zeit seines Lebens war allerhand Unordnung in der Schule eingerissen. Im Jahre 1832 hatte schon einmal der Schulamtskandidat Münch aus Brotterode die Schule übernommen. Auch 1834 wurde er wieder gefragt, nachdem zunächst Pfarrer Kümmel am 8. November allen Unterricht übernommen hatte. Den Kirchendienst übernahmen abwechselnd die Schullehrer aus den Dörfern des Kirchspiels.

Die Stelle wurde endgültig besetzt mit Jakob Münch aus Brotterode, der aus fünf Meldungen (darunter der Steinbacher Organist) ausgewählt wurde. Seine Prüfung hatte er am 3. Juli 1833 mit „gut“ bestanden. Am 4. Februar 1834 kam er nach Steinbach und wurde am 13. März (oder 13. Mai) angestellt. Am 17. Juni wurde er verpflichtet und zu einem guten Verhältnis zum Organisten ermahnt.

Sein Diensteinkommen wurde auf 250 Taler festgesetzt. Das Neujahrssingen wurde Anfang 1834 abgeschafft. Auf Vorschlag der Pfarrer wurde auch eine Dienstanweisung für den Kantor erstellt. Darin wurde genau sein Verhältnis zum Organisten beschrieben, um Verdrießlich­keiten und Auftritten vorzubeugen.

Am 7. November 1834 wurde diese Anweisung nach Steinbach gesandt. Am 24. August 1836 wurde sie noch einmal durchgesehen und am 30. März 1847 sogar ein gedrucktes Exemplar übersandt.

Jakob Münch war ein tüchtiger Musiker, hauptsächlich im Violinspiel. Er wurde 1871 pensioniert und starb 1881. Das war etwas Neues, daß ein Lehrer seine Stelle nicht bis zum Tode innehatte, sondern schon vorher in den Ruhestand gehen konnte.

Im Jahre 1837 wurde in Steinbach-Hallenberg - gleichzeitig mit Brotterode - eine Handwerkerschule gegründet, während es in Schmalkalden schon seit 1816 eine solche Schule gab.

 

Friedrich Schlag: 1871 bis 1899

Der frühere Steinbacher Organist und spätere Altersbacher Lehrer Friedrich Schlag bewarb sich 1871 (als Einziger?) um die Kantorenstelle in Steinbach-Hallenberg und wurde am 1. Oktober ohne Wahl eingesetzt. Er wurde als Ornithologe (Vogelkundler) in weiteren Kreisen bekannt. Er besaß alle damals erhältlichen Vogelbücher. Er war ein eifriger und gut unterrichteter Vogelkundiger, der mit Aufsätzen in der Fachliteratur hervortrat.

Einem Vogel (Dompfaff?) hatte er das Lied beigebracht „Heil dir im Siegerkranz“. Diesen Vogel schenkte er dem Kaiser. Dieser gab ihn aber nach vier Wochen wieder zurück mit einem Geldgeschenk von 100 Mark. Der Vogel hieß „Hans“ und sagte am Schluß seines Vortrags immer noch dazu: „Gut gemacht, Hans“. Davon wurde damals in den Zeitungen berichtet.

Schlag war von 1871 bis 1889 Kantor in Steinbach-Hallenberg. Im Jahre 1878 kam es zu einer Krise im Gesangverein in Steinbach-Hallenberg, als der Dirigent Kantor Schlag wegen „unangenehmer Erlebnisse“ mit dem Vorsitzenden sein Amt niederlegte. Der Chor war aber bereit, weiter im Gottesdienst zu singen, wenn man sich mit den Mitgliedern des Gewerbevereins einigen könnte (wohl über gemeinsame oder abwechselnde Aufführungen). Am 22. Februar 1885 erschienen nur fünf Sänger auf der Chorempore der Kirche, weil sie allein in der Übungsstunde gewesen waren. Es konnte nur die Eingangsliturgie gesungen werden, nicht die Abendmahlsliturgie. Pfarrer Obstfelder entzog dem Chor das Recht, im Gottesdienst und bei Beerdigungen zu singen. Er gründete einen anderen gemischten Kirchenchor unter Leitung von Kantor Schlag (12 Männer, 12-14 Knaben).

Mädchenklasse 1877 mit Kantor Schlag

 

 

Lehrer auf den Dörfern

Altersbach ab 1757:

Die Schulstelle in Altersbach wurde von Pfarrer Matthäus Avenarius eingerichtet, der von 1662 bis 1692 in Steinbach wirkte. Bekannt als Lehrer ist der Name von Johannes Holland-Merten, der 1732 nach einjähriger Ehe mit der Tochter des Kirchenvaters Kaufmann mit 23 Jahren starb. Sein Nachfolger wurde 1733 Johannes Kirchner. Im Jahre 1750 war Heinrich Häfner der Lehrer, der dann nach Oberschönau ging. Als er sich dort vorstellte, hielt sein Bruder Johann Michael in Altersbach den Lesegottesdienst. Die Altersbacher wollten ihn gern als Lehrer haben, aber er ging an die Universität Rinteln.

Im Jahre 1753 wollte Pfarrer Habicht den Lehrer Scherlitz aus dem Gothaischen nach Altersbach setzen. Er sah die Stelle als eine Privatlehrerstelle an, die allein seine Sache sei. Er ließ zwar verschiedene Personen die Probe ablegen und auch wählen, setzte aber den Lehrer selber ein. So war es teilweise auch in Rotterode und Unterschönau. Die anderen Lehrer aus dem Kreis beschwerten sich aber, weil genügend Bewerber aus dem Kreis da wären, vor allem Lehrerskinder, die wegen der hohen Kosten kaum ein Handwerk lernen könnten. Es würde erfahrenen Leuten aus dem Kreis der Unterhalt genommen, der in Altersbach nicht so gering sei.

Der reformierte Inspektor hat erst davon erfahren, als Scherlitz sich bei ihm vorstellte. Er forderte, daß er wie jeder andere Lehrer aus dem Kreis ordentlich von der Gemeinde präsentiert wird. Der lutherische Inspektor wollte sich nicht hineinhängen und sagte, es handele sich dort nur um einen ,,Präceptor“. Doch das war nur ein anderes Wort für ,,Lehrer“, es waren ja auch alle Lehrerdienste zu übernehmen. Habicht dagegen argumentierte: Altersbach ist ein eingepfarrtes Dorf, das seine Kinder in die Schule nach Steinbach schicken muß.

Weil der Weg aber weit ist und im Winter von den Kindern kaum zu passieren ist, hat das Dorf seit 70 oder 80 Jahren sich einen Privatlehrer gehalten. Sie konnten ihm aber nur so wenig geben, daß nur eine einzige Person mit größter Not davon leben konnte. Oftmals hat sich aus diesem Grund gar keiner gemeldet.

Den Lehrer Gotthard aus Barchfeld, der sich jetzt beschwert, hätten sie mit Frau und Kind nicht ernähren können. Außerdem konnte er schlecht lesen und hat versucht, den Kirchenvater durch einen Malter Gerste zu bestechen. Scherlitz dagegen war mit 30 Reichstalern im Jahr zufrieden. Und zusätzlich erhielt er Essen reihum in den Häusern. Er war in Rechnen, Schreiben, Lesen und Musik wohl erfahren.

Der Pfarrer hatte ihn zunächst mehrfach abgewiesen, weil er kein Landeskind sei. Aber die Altersbacher bestanden auf ihm. Da schickte er ihn ins reformierte Pfarrhaus, wo gerade der reformierte Inspektor war. Der hat ihn geprüft und war mit ihm zufrieden. Da hat er mit der Schule begonnen. Das Konsistorium forderte aber am 22. Januar 1754, daß jeder Schulmeister von den Inspektoren geprüft und bestätigt werden muß. „Ohne Prüfung und Erlaubnis kann keiner Schulmeister sein oder Betstunde halten!“

Auch die „Präceptoren“ seien als ordentliche Schulmeister zu betrachten. Die Altersbacher haben sich zwar noch einmal an den Landgrafen direkt gewandt, aber wohl nicht Recht bekommen. Scherlitz war dann drei Jahre Lehrer und wurde am 25. September 1756 auf eigenen Wunsch entlassen. Anfang der Sechziger Jahre weigerten sich die eingepfarrten Orte, zu den Kosten der Schule in Steinbach beizutragen, wurden aber 1764 durch den Amtsschultheißen dazu gezwungen.

Im Jahre 1772 trat der alte Streit um die Besetzung der Lehrer stelle noch einmal auf: Die Altersbacher Kirchenväter hatten sich den Lehrer Reinhard aus Rotterode geholt. Man hat die Glocken geläutet, die Einwohner kamen zusammen, der Kirchenvater Kauffmann gab Reinhard die Hand und wünschte ihm Glück.

Dann ging Reinhard zum reformierten Pfarrer und zum reformierten Inspektor. Am 27. April sollte er verpflichtet werden. Aber irgendjemand hat wohl Einspruch erhoben, weil keine übliche Wahl stattgefunden hatte. Pfarrer Habicht bat aber darum, es jetzt so zu belassen, weil Reinhard sich schon in Rotterode verabschiedet und seine Dienst in Altersbach angetreten hatte.

Lehrer in Altersbach: 1732 Johannes Holland-Merten, 1733 Johannes Kirchner, 1753 - 56 Scherlitz, 1756 Johann Valten Anding (von Amts wegen eingesetzt), 1761 - 72,Johann Heinrich Schott 1772 Reinhard (vorher Rotterode) 1804 - 20 Johann Christoph Reinhard, 1820 - 24 Anding (aus Grumbach), 1824 - 25 Keiner (vielleicht ab 10.11.1924 auch schon Röth), 1826 - 36 Friedrich Röth (aus Weißenborn), 1836 - 48 Bachmann (reformiert, ab 1839 fest angestellt), 1848 - 58 Ernst Georg Eck (ab 26.3.1850 fest angestellt, aus Brotterode), 1858 - 71 Friedrich Schlag (aus Metzels), 1871 Friedrich Leyh (aus Mittelstille).

 

ehrer Leyh in Altersbach

 

Rotterode:

1754 Heinrich Johannes Königshoff (aus Helmers), 1772 Reinhard, 1779 Johann Jacob Fuckel (aus Weidebrunn, laut Turmknopfurkunden), 1780 Anding (aus Asbach, noch 1788 in Rotterode, später in Schwarza), 1794 Weisheit, 1794 Langbein, 1805-09 Johann Gottfried Anding (danach Kantor in Karlshafen), 1813 Jakob Schatz (aus Rotterode, vielleicht erst ab 1820) 1849 Riemann (reformiert), 1850-55 Christoph Manns, 1855 - 57 Wilhelm (aus Altersbach, später Kantor in Seligenthal), 1857 - 62 Adolf Manch (aus Steinbach, später Organist in Marburg), 1862 - 65 Frank (aus Struth, später Hauptlehrer in Schmalkalden), 1865 - 80 Jacob Wilhelm Endter (aus Asbach, ab 1.8.1865?), 1880 - 82 L. Vockerodt (bis 1.8.1882), 1882 - 85, A. Peyran (aus Mariendorf), 1885 - 86 Christian Fenner (aus Steinbach), 1886 Wilhelm Kaufmann (aus Altersbach, noch 1893), 1901 - 05 Häfner (mindestens ab 1901), 1902 - 08 Mäder (mindestens bis 1908).

Schule im 19. Jahrhundert

Visitationen 1802 bis 1816:

Pfarrer Georg Friedrich Habicht kümmerte sich sehr um die Hebung der Volksschule. Sein Kollege Franz Engelhard Lucan konnte zwar 1802 bei seinen ersten Schulbesuchen bezeugen, daß Lehrer und Kinder fleißig sind. Aber die Methoden und Schulbücher taugten nicht viel. Eine Verbesserung in dieser Hinsicht und die Einführung neuer Gesangbücher wären nach seiner Meinung nötig. Auch klagte er über die üble Gewohnheit des Neujahrssingens, durch das drei Wochen keine Schule ist. Die Kinder ziehen dabei mit ihrem Lehrer von Haus zu Haus und singen etwas. Das einkommende Geld gehört zum Stelleneinkommen des Lehrers. Deshalb kann man diese Unsitte nicht abschaffen.

Bei der Visitation 1803 befanden sich die Schulen in einem guten Zustand. In der einen Schule waren 158 Knaben, in der anderen 178 Mädchen (Oberschönau 83, Unterschönau 45, Rotte-rode 23, Altersbach 41). Wenn man allerdings einige Fragen anders formulierte, als sie in den Lehrbüchern standen, konnte man feststellen, daß die Schulmeister mehr das Gedächtnis als den Verstand beschäftigten.

Die Lehrer überreichten den Inspektoren auch eine Beschwerde über die Pfarrer, die die Kinder konfirmieren, obwohl diese das Schulgeld an die Lehrer nicht bezahlt haben. Wegen ihrer unstatthaften Beschwerde wurde ihnen aber ein Verweis erteilt: Wenn Geld aussteht, hätten sie sich an den Amtmann zu wenden. Im Herbst 1807 wurde das Gillersche Lehrbuch der Schönschreibkunst in den Schulen eingeführt. Ende 1814 wurde ein neues Schullesebuch eingeführt.

 Zwei Kinder wurden jahrelang von ihren Eltern auf die Schule in Unterschönau geschickt, weil der Lehrer Wiegand sie bestraft hatte. Am 9. März 1808 bat er die Inspektoren, dem Schulmeister Anding in Unterschönau zu verbieten, die Kinder weiter zu unterrichten. Und der Amtmann Hartert sollte angewiesen werden, das Schulgeld bei den Eltern einzutreiben, auch wenn die Kinder nicht zu Wiegand in die Schule gingen. Dies geschah auch am 22. März.

Bei der Visitation am 25. bis 27. September 1808 beschwerte sich der Kirchenvater in Rot­terode über den Lehrer Anding, weil er die Kinder nie tadele, sondern immer nur lobe. Die sieben Bußpsalmen habe er ganz beiseite gelegt und neben dem Katechismus verwende er noch allerhand verdächtige Bücher. Doch Anding entgegnete: Das Auswendiglernen allein mache es nicht. Bei den Psalmen treffe er eine strenge Auswahl, und er lasse auch nicht außerdem noch viele Lieder lernen. Es stellte sich heraus, daß er selber sehr fleißig und die Kinder gut unterrichtet waren. Auch die Lehrer in den anderen Schulen haben ihre Pflicht getan, die Pfarrer haben ihre Aufsichtspflicht nicht versäumt.

Bei der Besoldung ergaben sich bis zum Jahr 1808 Veränderungen: Der Kantor bekommt aus der Kirchenkasse nur etwas mehr als 7 Taler, aus der Gemeindekasse mehr als 10 Taler. Das Schulgeld beläuft sich auf 8 Batzen jährlich, das Opfergeld auf 2 Batzen jährlich von jedem Einwohner. Bei einer Trauung kommen noch Naturalien hinzu (1 Stück Fleisch, 2 Kuchen, zwei Viertellaib Brot, Suppe, 1 Flasche Bier); neu sind Hausabendmahlsgebühr (2 Batzen) und Stuhlgebühr (1 Batzen). Der Organist bekommt von der Kirche mehr als 7 Taler, von der Gemeinde mehr als 6 Taler. An Holz bekommt er 8 Klafter, zur Hälfte aber für die Schulstube. Schulgeld und Opfergeld wie beim Kantor, bei den Amtshandlungen aber wesentlich weniger als der Kantor.

Auf den Dörfern sah es schlechter aus. Der Lehrer in Rotterode erhielt täglich sein Essen bei einem anderen Einwohner, auch bei Taufen und Hochzeiten nur eine Mahlzeit. Er hatte eine kleine Wiese und erhielt drei Klafter Holz. Das Schulgeld betrug 6 Batzen von jedem Kind, das Opfergeld 1 Batzen von jedem Einwohner.

In Altersbach waren die Sätze etwas höher und das Schul-Land größer. Das Opfergeld betrug 5 Albus 6 Groschen, dazu kam ein Umgang an Neujahr. Vor allem aber gab die Gemeinde eine feste Besoldung von über 12 Talern und die Herrschaft noch einmal 6 Taler. Wenn man alles zusammenrechnete, hätte der Kantor in Steinbach auf über 200 Taler und der Organist auf fast 200 Taler im Jahr kommen müssen. Der Altersbacher Lehrer dagegen hatte nur etwa 45 Taler.

Der Lehrplan der Mädchenschule umfaßte im Jahr 1814: IV.: ABC-Schreiben, Buchstabieren, Katechismus lernen III.: Schreiben nach Vorschrift, Lesen im Katechismus, diesen lernen. II. : Schreiben nach Vorschrift, Katechismus und Psalmen lernen, Geschriebenes lesen, Sprüche und Katechismus lernen, Diktiertes schreiben, Gedrucktes (Historie, Testament) lesen, Geschriebenes lesen, Läuter-mich-Sprüche und Katechismus lernen.

In der Schule waren 185 Mädchen. Allerdings besuchten die Kinder in der obersten Klasse (der 1.) nur selten die Schule, einige waren schon als Dienstmädchen beschäftigt. Viele Schüler wurden auch schon vorzeitig aus der Schule entlassen. Dadurch fehlte es dann oft auf der Handwerkerschule an Elementarkenntnissen, zum Beispiel im Lesen. Es wurden zu viele Ausnahmen gemacht.

 

Probleme mit der Schule 1816:

Am 26. Januar 1816 stellte Pfarrer Habicht den Antrag, das Neujahrssingen abzuschaffen. Die Lehrer sollten dafür mit Rottland (Rodeland) entschädigt werden. Aber woher wollte man den vielen Wald nehmen, der für den Kantor jährlich 20 Taler und für den Organisten 15 Taler Reingewinn abwirft? Der Inspektor war der Meinung, in einer Woche könnte aller erledigt sein mit dem Neujahrssingen. Ein Lehrer sollte mit den Kindern singen gehen und die anderen könnten weiter Schule halten.

Ein weiteres Problem war die Konfessionsverschiedenheit. In der Schule wurde der lutherische Katechismus gelehrt, auch für die reformierten Kinder; diese mußten dann in der Konfirmandenstunde auch noch den reformierten Katechismus lernen. Ein Vater in Unterschönau wollte im Jahr 1816 seinen Sohn deshalb lutherisch konfirmieren lassen: Er könne den Sohn sowieso nicht oft zur Schule schicken, weil er zu Hause helfen muß. Zweierlei zu lernen sei zu viel. Außerdem sähen die Lehrer den Unterricht reformierter Kinder nur als Nebensache an. Solche Wünsche kamen öfter vor. Nach den Gesetzen konnte man sich aber erst nach dem

14. Lebensjahr für eine andere Konfession entscheiden.

 

Sonntagsschule und Abendschule 1822:

Zu berichten ist jedoch von dem Versuch, eine Sonntagsschule und eine Abendschule einzurichten. Die Anregung zu Sonntagsschulen ging schon 1804 bis 1808 und dann noch einmal ab 1819 von dem Kreisrat Georg Wilhelm Schoedde aus. Der wollte sogar selber in den Sonntagsschulen unterrichten, zum Beispiel über die zweckmäßige Einrichtung und Behandlung der Miststätten und Düngerstoffe. Es ging also um eine Fortbildung der Schulentlassenen, die nur am Sonntag stattfinden konnte.

 

Im Jahre 1822 machte der Pfarrer Habicht in Steinbach damit einen Versuch. Am Sonntag Quasimodogeniti, dem 14. April, wurde die erste Stunde nach dem Nachmittagsgottesdienst in der Mädchenschule gehalten. Es kamen ausgewählte Schüler, aber auch Schulentlassene und selbst verheiratete Männer. Zur zweiten Stunde kamen schon 100 Teilnehmer. Es wurde über das Führen von Tagebüchern und Hauswirtschaftsbüchern gesprochen, Kupferstiche von Kapstadt und Umgebung gezeigt und ein Lied abgeschrieben. Bei der dritten Stunde mußte man sogar die jüngeren Kinder wieder heimschicken.

Es wurde über das Denkmal für die erste Kirche in Thüringen bei Altenbergen gesprochen und einen Ausflug nach dort geplant. Weiterhin ging es um Philosophen, Landesgesetze, die Wartburg, Kupferstiche aus dem Leben Jesu, ein Gedicht wurde diktiert. Doch nach Himmelfahrt mußte eine Pause eingelegt werden.

In der Trinitatiszeit war oft Tanz. Der Pfarrer war oft verhindert. Wenn es regnete, kam niemand. Am 20. Oktober war die Schule praktisch schon wieder eingegangen. Habicht berichtete davon zwar im Jahre 1824 an den Landwirtschaftsverein der Provinz Fulda und erhielt von dort ein Lob für seien Initiative. Er forderte ohne Erfolg das Verbot von Tanzveranstaltungen. Aber die Schule ließ sich nicht wiederbeleben. Ähnlich wird es wohl mit der Abendschule gewesen sein, die 1833 eingerichtet werden sollte.

 

Rektor der Schule 1825:

Mit der reformierten Predigerstelle wurde bei ihrer letzten Wiederbesetzung im Jahre 1825 zugleich das Rektorat der hiesigen Schule verbunden. Vom 29. September 1828 bis 30. Juli 1840 war Moritz Friedrich Kümmel zugleich Rektor der Knabenschule und hielt auch täglich dort Unterricht. Er unterrichtete eine aus Jungen und Mädchen gemischte Oberklasse in Religion und Deutsch. Man hielt den reformierten Pfarrer nicht für ausgelastet und machte ihn zusätzlich zum Rektor der Knabenschule. Er gab das dann aber wieder auf, weil er keine Vergütung für dieses „Rektorat“ erhielt.

 

Handwerksschule 1828:

Seit 1828 bestand in Steinbach auch eine Handwerksschule - eine wohltätige Einrichtung.

Seit dem Jahre 1822 hat Pfarrer Wilhelm Friedrich Habicht mit Genehmigung der Kurfürstlichen Regierung in Kassel als gegenwärtiger Ober-Schul-Behörde, die erste Schullehrer-Konferenz und den ersten Lesezirkel gestiftet und geleitet. Pfarrer Ochs in Kleinschmalkalden, jetzt in Floh, stiftete die zweite.

 

Gottfried Wilhelm:1833 bis 1845

Ab Michaelis 1833 war Gottfried Wilhelm aus Springstile der Organist und dritte Lehrer. Er war Sohn des Bürgermeisters Wilhelm in Springstille und war vorher Interimsschullehrer und Kantor in Rinteln.

 

Ferdinand Keßler: 1845 bis1847

Der Oberschönauer Lehrer Ferdinand Keßler erhielt am 4. Oktober 1845 die Erlaubnis, sich um die Organistenstelle in Steinbach zu bewerben. Am 7. März 1846 wurde er verpflichtet. Er wurde dann aber kränklich und erhielt Heinrich Scheidler zum Gehilfen. Dieser versah zusammen mit Herrn Backhaus die Stelle bis 1850.

Schon im Jahre 1847 hatte man einen Anlauf zu einer Wahl genommen. Doch die Bewerber Rosenstock und Schröder waren reformiert. Pfarrer Kümmel bezweifelte zwar, daß ein Volksschullehrer immer noch die an sich vorgeschriebene Konfession haben müsse, aber die beiden hatten keinen Anspruch auf die Stelle. Unter den sechs Bewerbern bei der Wahl am 21. Juni 1847 waren dann aber doch der reformierte Lehrer Bachmann aus Altersbach und der lutherische Schullehrer Fuldner aus Mittelstille. Die meisten Stimmen erhielten aber der Elementarlehrer Schlag mit 147 und der Lehrer Scheidler mit 94 Stimmen. Als „Elementarlehrer“ wurde der dritte Lehrer bezeichnet.

 

Eine dritte Lehrerstelle wurde 1841 eingerichtet. Sie wurde bis 1844 versehen durch Emanuel Theuer, der in dem Raum zwischen den beiden anderen Schulen unterrichtete. Sein Nachfolger war dann wohl Friedrich Schlag. Eine vierte Stelle wurde 1853 oder 1854 eingerichtet und mit Gotthilf Heller erstmals besetzt. Ein Schulraum für diese Stelle wurde im Gemeindemalzhaus eingerichtet (heute Gaststätte „Hallenburg“). Eine fünfte Stelle wurde 1877 eingerichtet (Theodor Volkmar) und eine sechste im Jahr 1882 (Adolf Pistor). Im Jahre 1893 waren es sieben Lehrer, am 28. November 1898 wurde die Anstellung eines zwölften Lehrers beschlossen.

 

Ablösung der niederen Kirchendienste:

Mit der Zeit wurde eine Veränderung bei den vereinigten Kantor- und Lehrerstellen nötig. In den Jahren 1848 bis 1850 wollte man die „niederen Kirchendienste“ an besondere Kirchendiener übertragen, weil diese Arbeiten den Schulbetrieb störten und dem Ansehen des Lehrers schädlich waren. Dazu gehörten Sammlungen, Nachtragen der Amtskleidung des Pfarrers und der Agende, Anschreiben der Lieder, Uhr aufziehen, Glocken läuten, Öffnen und Schließen der Kirchentüren, Reinigen der Kirche, Anzünden der Leuchter, Botengänge und Einladung des Presbyteriums. Doch die entsprechende Verfügung vom 10. August 1848 wurde am 1. Juli 1850 wieder zurückgezogen, weil kein Geld in den Kirchenkassen für die Ablösung da war. Es wurde aber den Lehrern erlaubt, andere Personen auf eigene Verantwortung und Kosten mit der Wahrnehmung des niederen Kirchendienstes zu betrauen.

Der niedere Kirchendienst wurde um 1870 erleichtert. An sich hatte der Kantor nur noch die Kirchentüre zu öffnen und zu schließen. Uhr und Glocken sowie das Reinigen der Kirche besorgten andere. Nur vor den drei hohen Festen und am Bußtag hatte der Kantor die Kirche gründlich zu reinigen. Das gehörte also zu seinen Dienstpflichten. Dennoch wurden am 8. Mai 1880 einmalig 15 Mark für eine gründliche Reinigung der Kirche bewilligt. Am 6. Oktober 1883 wurden dann auf Kosten der Kirchenkasse ein Kirchenjunge und eine Kehrfrau angestellt (für 15 Mark jährlich). Das Jahreseinkommen des Kantors betrug in jenem Jahr

1.078 Mark, das des Organisten 942 Mark.

Im Jahre 1897 wurden die „niederen Kirchendienste“ ganz an Kirchenjungen und andere Hilfskräfte übertragen. Vom Küsteramt des Lehrers blieben nur noch: Aufsicht über Kirche, Kirchhof und Friedhof, über Kirchenjunge und Läuter, Begleitung des Pfarrers zu Amtshandlungen in Kirche und Haus und einsammeln des Opfers, Reinigung und Aufbewahrung der Heiligen Geräte, Aufsetzen des Taufwassers und Decken des Altars (soweit das nicht die Heiligenmeister machten).

 

Erste Trennung von Kirchen- und Schulstelle:

Man machte jetzt einen Unterschied zwischen dem Kantor und dem Lehrer. Am 23. Juni 1847 wurde nur der Organist gewählt, nicht aber der Lehrer. Die Einsetzung eines Lehrers war allein Sache der Regierung. Diese wiederum machte ihre Entscheidung von den Zeugnissen abhängig. An sich stellte die Regierung den Lehrer an mit dem Vorbehalt, daß der kirchliche Inspektor zustimme. Die Pfarrer konnten also nicht mehr allein die Gemeinde zur Wahl zusammen rufen, sondern kirchliche und staatliche Behörden mußten nun zusammenwirken.

Es würde ja nichts nützen, wenn ein Kandidat gewählt würde, der zum Schulamt nicht oder nur wenig taugt. Am 28. Februar 1848 schlug Land rat Wagner eine Konferenz mit den Inspektoren vor, damit alles gesetzmäßig zugeht und keine Schwierigkeiten entstehen. Bei dieser Besprechung wurde die Erstellung eines Regulativs beschlossen, das mit allen Pfarrern besprochen und von der Oberbehörde genehmigt werden soll.

Man merkt hier, wie die Schule sich langsam selbständig macht und von der Kirche gelöst wird. Die Schwierigkeiten zeigten sich aber gleich bei der Wahl des Organisten Schlag.

 

Friedrich Schlag: 1850 bis 1856

Zur Zeit des Pfarrers Hattendorf (1856 – 1869) war Friedrich Schlag aus Metzels war von 1850 bis 1856 Organist und Elementarlehrer in Steinbach-Hallenberg (als „Elementarlehrer“ wurde der dritte Lehrer bezeichnet), von 1858 bis 1871 war er Lehrer in Altersbach. Eine dritte Lehrerstelle wurde 1841 eingerichtet. Sie wurde bis 1844 versehen durch Emanuel Theuer, der in dem Raum zwischen den beiden anderen Schulen unterrichtete. Sein Nachfolger war dann wohl Friedrich Schlag.

Unter den sechs Bewerbern um die Organistenstelle in Steinbach-Hallenberg und bei der Wahl am 21. Juni 1847 waren dann aber doch der reformierte Lehrer Bachmann aus Altersbach und der lutherische Schullehrer Fuldner aus Mittelstille. Die meisten Stimmen erhielten aber der Elementarlehrer Schlag mit 147 und der Lehrer Scheidler mit 94 Stimmen.

Der Bewerber für die Organistenstelle, Friedrich Schlag, war zwar als Lehrer geeignet, aber für den Kirchendienst wäre er an sich nicht in Frage gekommen, weil er ein zu schlechtes Zeugnis hatte. Dennoch hatte er bei der Wahl die meisten Stimmen erhalten. Die Pfarrer wollten ihn gern unter die Bewerber aufnehmen, als es im Jahre 1849 um eine erneute Wahl ging. Er sollte eine neue Probe mit Orgelspiel ablegen, wozu der Organist Burbach hinzugezogen werden sollte. So hatte man es schon am 4. Juni 1836 gemacht, als der Lehrer Bachmann in Altersbach seine Qualifikation zum Kirchendienst nachweisen sollte: Er wurde von dem Schmalkalder Kantor und dem Organisten in der Stadtkirche geprüft und für den Kirchendienst für tauglich befunden.

Die Pfarrer und auch Schlag konnten auf Erfahrungen hinweisen. Schlag hatte schon zweieinhalb Jahre Kirchendienst in Oberschönau gemacht, danach in Altersbach und jetzt einein­viertel Jahr auch den Kirchendienst in Steinbach versehen. Elementarlehrer war er seit fünf Jahren. Bei der zweiten Lehrerprüfung hatte er schon Fortschritte im Orgelspiel gezeigt. So wurde er am 18. Juni 1849 von den Inspektoren zugelassen.

Bei der Wahl gab es aber wieder Unregelmäßigkeiten: Es war nur der lutherische Pfarrer mit zwei Kirchenvätern zugegen. Bei den 68 Wählern wurde nicht vermerkt, ob es sich um Ortsbürger und Hausväter handelt. Der lutherische Pfarrer hatte auch einfach den Schulvikar Scheidler nicht zugelassen, weil er ein „Ausländer“ sei, obwohl doch auch Schlag ein „Ausländer“ war, weil er aus Metzels stammte (damals Sachsen-Meiningen). An sich hätte jeder in die Wahl kommen müssen, der zur Probe zugelassen worden war.

In Steinbach verlangten nun die Reformierten, an der Wahl beteiligt zu werden, zumal ihr Pfarrer dem Schulvorstand angehörte. Pfarrer Kümmel hat wohl eine Beteiligung gefordert und dann das Wahllokal zusammen mit anderen unter Protest verlassen.

Die Gemeindebehörde mußte nicht unbedingt zugelassen werden, aber die Reformierten hätte man nicht ausschließen sollen, weil sie an der Sache ja im gleichen Maße interessiert waren. Inspektor Habicht aber betonte, daß es sich um eine lutherische Kirchensache handele, zu der nicht die Ortsbürger, sondern nur die Mitglieder der lutherischen Gemeinde aufgerufen waren. Und Scheidler sei vom Konsistorium ausgeschlossen worden, weil er die inländische Prüfung nicht bestanden hatte.

Pfarrer Kümmel aber konnte darauf hinweisen, daß auch schon 1832 ein reformierter Lehrer zugelassen wurde.

Jetzt aber hatte man den Bewerber Riemann wegen Konfessionsverschiedenheit abgewiesen. Es handelte sich um eine Simultanschule, deshalb müßten auch die Reformierten mit wählen können und der reformierte Pfarrer mußte anwesend sein und das Protokoll mit unterschreiben. Die Zeit habe doch manches verändert, da sollte man jetzt auch die alten Bestimmungen („Rezesse“) ändern. Er war für Scheidler, weil er die Klasse schon seit zwei Jahren mit Geschick geführt hatte und Schlag an Lehrtalent überlegen war. Auch den Kirchendienst hatte er schon versehen. Lehrer müßten nach der Tüchtigkeit und nicht nach der Konfession ausgewählt werden, meinte auch der reformierte Inspektor Endemann. Scheidler nahm im August 1849 aber eine andere Stelle an.

So machte man einen dritten Anlauf zur Wahl. Wiederum sollten nur lutherische Bewerber angenommen werden, obwohl doch in der Ausschreibung nichts darüber stand. Unter den sieben Kandidaten (darunter auch der Reformierte Riemann) erhielten Schlag mit 85 und Backhaus aus Barchfeld mit 51 die meisten Stimmen. Sie wurden präsentiert und Schlag am 9. März 1850 eingesetzt. Er legte dann seine Bestallungsurkunde als Mädchenlehrer vor und bat um Überweisung des Kirchendienstes als Organist. Dies wurde ihm gewährt, und er wurde auf die Instruktion als Organist und Küster verpflichtet.

 

Schule in Altersbach

 

Vom Herbst 1851 bis Februar 1852 war die Schule nicht zu benutzen, so daß auch für den Konfirmandenunterricht andere Räume durch die Gemeinde bereitgestellt werden mußten. Im Jahre 1853 erwog man, ob der reformierte Pfarrer nicht wieder das „Rektorat“ der Schule übernehmen könne. Mit Rücksicht auf die industriellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in dem großen Marktflecken wäre es sehr wünschenswert und nötig, die Bildung der Jugend auf alle Weise zu fördern. Der reformierte Pfarrer hätte bei der geringen Zahl seiner Gemeindeglieder durchaus Zeit, täglich einige Stunden Unterricht zu geben.

Doch der reformierte Inspektor Endemann fragte, ob sich denn überhaupt noch Bewerber für die sowieso verrufene Pfarrstelle finden werden, wenn auch noch unentgeltlich Schulunterricht zu erteilen ist. Aber die Bildung könnte natürlich sehr gehoben werden, wenn man aus den begabtesten Schülern eine Förderklasse („Selekta“) bilden würde. Doch es ist wohl nichts daraus geworden.

Ebenso ging es mit dem Plan des lutherischen Pfarrers Hattendorf, aus dem Einkommen der Organistenstelle bei der Vakanz im Jahre 1856 eine Milchkuh anzuschaffen. Lehrer Schlag war wegen Krankheit zeitweise pensioniert worden (später war er Lehrer in Altersbach und 1871 bis 1889 Kantor in Steinbach). Doch das Geld mußte in anderer Weise zur Aufbesserung der Stelle verwendet werden mit den Argumenten: Eine Inventar-Kuh kann nicht für jede Gemeinde beschafft werden. Ein Nachfolger ist vielleicht gar nicht erbaut über eine Kuh. Wer soll die Kuh während einer Vakanz versorgen? Was geschieht, wenn die Kuh in der Vakanzzeit verendet? Der Plan war zu schön, um verwirklicht zu werden.

 

Johann Georg Eck: 1857 bis 1882

Bei der Ausschreibung der Stelle wurde wiederum das „lutherisch“ weggelassen. Es hätten sich also auch reformierte Lehrer melden können. Von den vier Lehrern in Steinbach waren sowieso schon zwei reformiert. Bei den Elementarlehrern sah man also nicht mehr auf die Konfession. Sie wurden aber, wie der Lehrer Fenner 1855, kirchlich eingeführt. Es meldete sich aber nur der Lehrer Eck aus Altersbach, der aus Brotterode stammte. Am 29. April 1857 sprachen sich die Gemeindebehörden einstimmig für ihn aus. Probe und Wahl konnten wegfallen. Am 1. Juli wurde er ernannt.

 

Die Schülerzahlen in den Orten des Kirchspiels waren wie folgt:

Steinbach: Münch

120 -135

Altersbach:

  70 -  80

Eck

140 - 150

Rotterode:

   70 - 100

Fenner

  90 - 130

Unterschönau:   70 -   80

Rohde

120 - 130

Oberschönau:  170 - 180

         

 

Geklagt wurde 1865 wieder, die Eltern hielten ihre Kinder nicht genügend zur Schule an. Außerdem wurde schon 1858 darüber geklagt, daß die Schulkinder Unfug und Lärm auf den Straßen machen. Die Polizeibehörde soll mit allen Kräften dagegen einschreiten. Die Lehrer sollten die Kinder züchtigen. Und die Eltern sollten bestraft werden, wenn sie sich durch fehlende Erziehung und Strenge mitschuldig gemacht haben. Auch 1866 wurden die Pfarrer ermahnt, die Schulen regelmäßiger zu überwachen. Sie sollten auch Vorschläge machen, wie den Unsittlichkeiten und dem tadelnswerten Betragen auf den Straßen durch Jungen und Mädchen begegnet werden kann. Ein Gleiches galt vom Gartenfrevel.

 

Wilhelm August Miquet: 1882 bis 1883

Am 1. August 1882 wurde der neue Organist Miquet verpflichtet. Es gab dann allerdings Anfang des Jahres 1883 allerhand Schwierigkeiten mit ihm, weil er zweimal nicht bei der Beerdigung mitgewirkt hatte und die Kirche noch während des Gottesdienstes verlassen hatte. Er wurde dann nach Neuwarp in Pommern versetzt.

 

Handwerksschule 1872:

Die Handwerksschule befand sich in den letzten Jahren in einem beklagenswerten Zustand, sie wurde nur noch von etwa zwölf Schülern besucht. Der Bürgermeister reichte daher unablässig Bittschriften bei der Königlichen Regierung in Kassel ein und bat um Trennung der hiesigen von der Schmalkalder Handwerksschule und um Einrichtung eines Königlichen Vorsteheramtes der Handwerksschule.

 

 

Diesem Gesuch wurde endlich am 30. Mai 1872 von der Königlichen Regierung entsprochen und nachdem noch vom Bürgermeisteramt die Statuten mit Schulzwang festgesetzt waren, erhob sich in Kurzem die Schülerzahl dieser für unseren Ort so nützlichen und segensreichen Anstalt auf etwa 150.

Das Königliche Handwerkerschul-Vorsteheramt bestand aus folgenden Mitgliedern:

1. Amtsrichter Kind

2. Pfarrer Bernhard

3. Bürgermeister Holland-Cunz

4. Zimmermeister Michael Jäger und

5. Schlossermeister Gottlieb Wilhelm Usbeck, sämtlich von hier.

 

 

Bau der „alten“ Schule

 Am Sonntag nach Pfingsten, dem 12. Juni 1881, entstand im Oberwirtshause (Gasthof „Zum Schloß Hallenburg“ ein Feuer, das sich sehr schnell verbreitete und diesen Gasthof sowie die Anwesen von Matthias Holland-Cunz, Caspar Danz, Kaufmann E. Sasse, und das Oberdörfer „Schulhaus“ mit sämtlichen Nebengebäuden einäscherte und die Apotheke teilweise zerstörte.

Das Schulhaus war das Malzhaus neben dem Oberwirtshaus, in dem behelfsmäßig Schule gehalten wurde. Der Platz, auf dem die Schule gestanden hatte, wurde dem Gastwirt Hugo Bühner für 1.803 Mark verkauft.

Dafür wurde das Anwesen des Naglers Christoph August König, an der Hauptstraße, Wohnhaus mit Schmiede und Scheune, mit dem dahinter liegenden Acker des Kaufmanns Wilhelm Holland-Merten angekauft. Auf dem Letzteren entstand nunmehr die neue Schule, am Eingang des Schulhofs gleich links, später die „alte Schule“. Sie kostete mit Ausrüstung etwa 30.000 Mark.

Am Sonntag, dem 15. Oktober 1882, wurde die neue Schule eingeweiht. Gegen zwölf Uhr begann die Feier an der alten Schule am Kirchplatz. Mit Glockengeläut und dem Lied „Bis hierher hat mich Gott gebracht“ wurde begonnen. Pfarrer Obstfelder brachte dem alten Schulgebäude Dank dar, wo viele die erste Bildung für Geist und Herz empfangen haben. Nach dem Lied „Großer Gott, wir loben dich“ stellte sich der Festzug in folgende Reihenfolge auf: Musikkorps, Bürgermeister, Bauleute, Gemeinderat, Kirchenväter, Festjungfrauen, Landrat, Schulinspektoren, Jungen, Mädchen, Gesangverein, Gewerbeverein, Kriegerverein, Feuerwehr, sonstige Festteilnehmer.

Man zog erst ein Stück die Hauptstraße hinunter und machte beim Gasthof Bühner (heute „Steinbacher Wirtshaus“) wieder kehrt. Dann ging der Zug zum Schulfestplatz.

 

Nach dem Lied „Nun danket alle Gott“ schilderte Pfarrer Obstfelder die Entstehungsgeschichte des Schulhauses und wandte sich an die Schuljugend mit der Ermahnung, die Wohltat zu bedenken, die ihnen mit diesen schönen Räumen geboten werde. Unter Glockengeläut und dem Lied „Nun jauchzt dem Herren alle Welt“ fand die Schlüsselübergabe statt. Das Gebäude wurde besichtigt. Bei aufklarendem Himmel vergnügten sich die Schulkinder unter Leitung ihrer Lehrer an den verschiedensten Spielen. Noch in letzter Stunde hatten wohlwollende Herren eine ziemliche Summe gespendet, von der eine große Zahl Geschenke für die Schuljugend beschafft worden war.

 

„Alte Schule“

 

Lehrer waren damals: Kantor Schlag und Organist Miquet sowie die Herren Fenner, Volkmar und Zeiß. Als sechster Lehrer kam dann noch im gleichen Jahr Adolf Pistor hinzu, der sich später in Schmalkalden einen Namen als Heimatforscher machte. Schulkinder waren es etwa 570, an Schulgeld waren 1704 Mark eingekommen.

Beim Festessen im Gasthaus sprachen zunächst der Landrat und Pfarrer Obstfelder, der allen dankte, die das nun erreichte Ziel gefördert hatten. Inspektor Metz sprach über die Lehrer. Bürgermeister Holland-Cunz erzählte die Geschichte des Schulhauses. Die Gesamtkosten blieben mit 34.500 Mark noch hinter den Voranschlägen zurück. Schließlich gedachte Inspektor Wiß der verstorbenen Lehrer, die in der alten Schule gewirkt hatten.

 

Ferdinand Wolff (Organist):  1883 bis 1933

Gegen den neuen Lehrer Ferdinand Wolff aus Seligenthal hatte der Pfarrer Obstfelder zunächst Bedenken wegen seines Vorlebens. Aber Pfarrer Schantz hatte keine Einwände, weil das Schulamt ihn ja für würdig befunden hatte. Ab 1. November wurde er Lehrer und ab 2. Dezember (Erster Advent) auch Organist. Weil Pfarrer Obstfelder verhindert war, wurde Wolff durch Pfarrer Schantz eingeführt.

 

Wilhelm Heymel (Kantor):  1890 bis 1899

Ab 1. Januar 1890 wurde Wilhelm Heymel, Lehrer in Laudenbach, geboren in Fambach, zum Ersten Lehrer in Steinbach eingesetzt. Superintendent Wiß setzte ihn zum Kantor ein. Die Gemeinde wurde nicht mehr gefragt, der Pfarrer hatte ihn nur im Gottesdienst vorzustellen. Die Schule wurde jetzt als „evangelische“ Schule bezeichnet (nicht mehr „lutherisch“). Kantor Heymel trug viel zur Hebung der Kirchenmusik bei. Seit 1890 trieb er die Gründung und Förderung der Diakonissenstation sehr voran.

 

Rektor Heymel mit Frau

 

Heymel schied aus seinem kirchlichen Amt, weil er der erste „Rektor“ der Steinbacher Schule wurde, also ein echter Schulmann, der voll dieses Amt versah. Der Rektor war Ortsschulinspektor, der lutherische Pfarrer nur sein Stellvertreter, der reformierte Pfarrer gehörte nicht mehr zum Schulvorstand. Pfarrer Schantz beklagte sich sehr darüber. Bis 1872 war er noch Ortsschulinspektor gewesen und konnte so darauf achten, daß auch der reformierte Katechismus gelehrt wurde. Seit 5. April 1872 hatte er aber nur die Schulen in Rotterode und Altersbach zu betreuen, wo es kaum Reformierte gab. Viele Eltern ließen ihre Kinder lutherisch taufen, um den Schwierigkeiten mit dem Katechismus zu entgehen. Nun war Schantz ganz aus dem Schulvorstand ausgeschieden und hatte keine Einflußmöglichkeiten mehr.

 

Ernst Margraf, Kantor:  1899 bis 1926

Um die Stelle bewarben sich nur die Lehrer Margraf und Werner aus Steinbach. Margraf war an sich reformiert, erklärte aber, er wolle zur lutherischen Kirche übertreten, weil er doch keine Unterschiede zwischen den Konfessionen finde. Werner erhielt 123 Stimmen, Margraf nur 6 (hier soll angeblich der Unmut der Gemeinde über den Konfessionswechsel deutlich geworden sein). Aber Werner zog dann seine Bewerbung zurück; angeblich soll er auch als Lehrer nicht so geeignet gewesen sein. So wurde Margraf am 9. April 1899 zum Kantor ernannt und am 1 5. April durch Pfarrer Dettmering im Amtszimmer verpflichtet. Rektor Heymel und Superintendent Obstfelder hatten sich für ihn ausgesprochen.

Es gab dann allerdings allerhand Schwierigkeiten mit ihm. Dennoch hat er natürlich seine Verdienste. Der Kirchenchor hat ihm im „Kieferle“ einen Gedenkstein gesetzt.

Als Pfarrer Schantz Ende 1900 für längere Zeit erkrankte, vertrat Margraf ihn, denn er war ja der Lektor für beide Gemeinden. Aber am 14. Oktober ließ er dem Pfarrer ausrichten, er sei selber krank und der Pfarrer müsse für Vertretung sorgen. Pfarrer Schantz vermutete eine Böswilligkeit bei Margraf, weil er eine Auseinandersetzung wegen des Übertritts zur lutherischen Kirche fürchtete. Das Konsistorium aber gab Margraf recht, man könne auch nicht unterstellen, daß er die Krankheit nur vortäusche. Aber das Verhältnis blieb gespannt bis zum gegenseitigen Vorwurf des Nicht-Grüßens.

Schulklasse 1919 mit Lehrer Margraf

 

Auch mit Lehrer Zeiß kam es zu Auseinandersetzungen wegen des Platzes im Lehrerwohnhaus, der alten Kantorschule am Kirchplatz. Zeiß hatte als Schwiegersohn des damaligen Kantors im Jahre 1888 die Hälfte des Kantor-Kellers erhalten. Diesen Teil verlangte Margraf nun zurück. Im Jahre 1905 wurden die vier Lehrerwohnungen in nur drei aufgeteilt. Eine davon erhielt eine Lehrerin. Kantor und Organist erhielten zusätzlich je eine bewohnbare Bodenkammer und ein Zimmer im Unterstockwerk. Zeiß erhielt eine nach vorne gelegene Wohnstube, einen neuen Keller und eine Gerätekammer auf der Waschküche. Außerdem schuf man im Haus noch ein Zimmer, das einmal für Lehrerin vorgesehen war, das aber zunächst anderweitig vermietet wurde und das dann der Organist mietete.

Im Jahre 1909 kam es zu einem Streit wegen der Wasserleitung zu den Lehrerwohnungen. Kantor Margraf hatte sich geweigert, die Abwasserleitung durch seinen Garten gehen zu lassen. Daraufhin wurde das Haus nicht an die Wasserleitung angeschlossen. Da beauftragten die Lehrer eigenmächtig eine Baufirma, wollten sie aber nicht bezahlen. Der Kanal wurde dann im Jahre 1911 gelegt, und zwar außerhalb der Lehrergärten nach der Kirche zu.

Die Lehrerwohnungen wurden auf Kosten der Kirchengemeinde angeschlossen, weil diese ein Interesse an dem Kanal hatte, der einen guten Zugang von der Hauptstraße zum Kirchplatz ermöglichte (die offenen Gräben auf dem Kirchplatz verschwanden).

Im Jahre 1905 gab es wieder einen Streit mit Pfarrer Klingelhöfer. Margraf hatte dem Pfarrer nur mitgeteilt, daß er in Urlaub fahre und Lehrer Zeiß ihn vertrete, hatte er nicht um Urlaub nachgesucht. Margraf sollte sich beim Pfarrer entschuldigen, schrieb aber nur einen ziemlich frechen Brief an den Superintendenten, der Pfarrer wolle ihm den Urlaub verweigern. Aber im nächsten Jahr bat er ordnungsgemäß um Urlaub und schlug Lehrer Zeiß als Vertreter vor. Nun wollte aber der Pfarrer einen lutherischen Vertreter. Margraf schrieb am 2. Mai aus Eisenach, der Pfarrer möge doch mit dem reformierten Lehrer zufrieden sein, da auch die Pfarrer sich untereinander verträten. Das Verhältnis besserte sich.

 

 

Gewerbeverein am Kantorstein, der an Lehrer Margraf erinnert

 

Während des Krieges wollte sich Margraf aus gesundheitlichen Gründen nicht an den Kriegsbetstunden beteiligen und wurde auf Anordnung des Konsistoriums vom Kreisarzt auf seine Gesundheitszustand untersucht. Er war aber kerngesund und lenkte denn auch ein und wechselte sich mit Organist Wolff in den Kriegsbetstunden ab, zumal der Kirchenchor aus Mangel an Männern eingegangen war. Im Jahre 1908 gab Kantor Margraf 400 Stunden jährlichen Zeitaufwand für den Kirchendienst an, Organist Wolff gab 325 Stunden an.

 

 

Kantorstein

Privatschule 1890:

Im Jahre 1890 gründete Pfarrer Obstfelder eine Privatschule, die er selber leitete. Am 24. April erhielt auch Pfarrer Schantz die Erlaubnis, sich an dieser Schule zu beteiligen. Sie war zunächst gedacht als Konkurrenz zur altlutherischen Privatschule des Pfarrers Rohnert. Sie sollte an zur Vorbereitung auf die Tertia des Gymnasiums dienen (dritte Klasse der Oberschule). Sie war dann aber mehr eine Realschule mit 30 bis 40 Schülern. Man lehrte Sprachen, Erdkunde, Geschichte, Mathematik und anderes. Aber man wollte die Schüler auch erziehen und wollte ihnen klarmachen, daß alles menschliche Wissen wertlos ist ohne echte Frömmigkeit und ohne Bildung des Herzens. Zum Dank überreichten die Schüler dem Pfarrer Obstfelder eine Büste August Hermann Franckes, eine Nachbildung der Büste vor dem Pädagogium in Halle. Doch mit den Jahren stimmten die materiellen Leistungen der Eltern nicht mehr mit den Gegenleistungen der Lehrkräfte überein, so daß sich einige Eltern zu einer Eingabe an das Kultusministerium veranlaßt sahen. Im Jahre 1900 waren nur noch vier Schüler vorhanden und die Schule sollte schon geschlossen werden. Da nahm Bürgermeister Bleymüller die Sache in die Hand, so daß die Schule mit 20 Schülern fortgesetzt werden konnte.

 

Verhältnis von Lehrer-und Kantorstellen:

Im Jahre 1895 wurde festgestellt, daß es im Kreis Schmalkalden feste Kantorstellen und zeitweilige gibt. Schon immer war der Titel verbunden mit der Ersten und Zweiten Lehrerstelle in Schmalkalden und den Ersten Stellen in Steinbach, Brotterode und Barchfeld. Im übrigen konnte der Titel von den Kirchenbehörden an die Lehrer verliehen werden, die sich um die Kirchenmusik besonders verdient gemacht hatten; so geschah es in Fambach und Seligenthal. In Steinbach waren also mit der Ersten Lehrerstelle Kantoren-, Küster- und Lektorendienst organisch verbunden, mit der Zweiten Lehrerstelle der Organistendienst. Die Inhaber dieser Stellen erhielten einen Teil ihrer Besoldung aus den entsprechenden Kirchenstellen und mußten ihn auf ihr Gehalt anrechnen. Bei Kantor Heymel waren das insgesamt etwas über 721 Mark jährlich.

Ungefähr 1906 wurde das Wahlverfahren für die mit Kirchendienst verbundenen Schulstellen festgelegt: Entweder wird die Stelle von der Regierung ausgeschrieben unter Angabe der Konfession und des Charakters der Stelle. Der Superintendent scheidet dann die Bewerber aus, die für den Kirchendienst nicht in Frage kommen. Der Schulvorstand wählt dann, die Regierung bestätigt und der Superintendent überträgt das kirchliche Amt. Oder die Regierung scheidet die Bewerber aus, die für das Schulamt nicht in Frage kommen. Über den Superintendenten werden die Bewerber dem Pfarramt gemeldet, das die Wahl veranlaßt. Das Ergebnis geht an die Regierung, die dann die Stelle überträgt.

Diese Lehrer sollen möglichst nur in ihrer Klasse unterrichten und vor allem Religion und Musik geben. Im Jahre 1911 versicherte die Regierung noch einmal, sie wolle bei der Ausschreibung von Schulstellen im Kreis Schmalkalden auf den konfessionellen Charakter achten. Sie will sich auch mit dem Superintendenten in Verbindung setzen und möglichst dessen Vorschläge übernehmen. Aber ausgeschrieben werden immer nur Lehrerstellen. Bewerbungen sind an die Schulbehörde zu richten, die auch die Aufsicht über die Lehrer hat. Zwar sind in der Praxis die Superintendenten auch als Schulinspektoren eingesetzt, aber sie handeln dann im Auftrag des Staates und nicht der Kirche.

 

 

 

Bau der zweiten Schule 1900 bis 1901

An Ostern 1899 war die Hauptlehrerstelle in ein Rektorat umgewandelt worden, die Genehmigung war vom 3. Februar. Am 28. November 1898 wurde die Anstellung eines zwölften Lehrers beschlossen, an Ostern 1900 wurde ein 13. Lehrer angestellt.

Im Jahre 1901 erwies sich die Steinbacher Schule als zu klein. Der Bau einer neuen Schule in der Nähe der alten war notwendig geworden. In wohlwollender Weise genehmigte das Herzogliche Staatsministerium in Gotha die Abtretung des damaligen am Friedhof entlang lie­genden Forstgrundstücks gegen Austausch der Hirtenwiese an der Rasenmühle.

 

Neue Schule

 

Einweihung der neuen Schule

 

Am 18. August 1899 wurde das vorgelegte Projekt genehmigt. Am 31. Juli 1900 wurde dem Maurermeister Keßler der Auftragt zum Bau der neuen Schule für etwas mehr als 31.000 Mark erteilt. Die Zimmerarbeiten übernahm Zimmermeister Simon aus Schmalkalden. Es entstand nun eine zweite Schule mit Lehrerwohnung, die 34.000 Mark gekostet hat, wozu eine Staatsbeihilfe von 10.000 Mark bewilligt wurde.

Am 4. September 1901 wurde die neue Schule eingeweiht. An der Feier beteiligten sich die Behörden, die Lehrer, die Schüler, sämtliche Vereine und die Feuerwehr. An die Kinder wurden 899 Bratwürste verteilt, die 900. erhielt die Schulfrau Marie Bickel.

Lehrer waren: Rektor Heymel, Kantor Margraf, Organist Wolff, die Lehrer Volkmar, Zeiß, Umbach, Heß, Blum, Mardorf und Bechthold, dazu die Lehrerinnen Fräulein Schott und Fräulein Preuß, neu hinzu kam Lehrer Schrödter. Am 1. Mai 1906 kam weiter hinzu: Lehrer Fricke von Herges-Hallenberg.

 

Im Jahre 1902 wurde die Unterkellerung der Schule beschlossen. Die Anbringung elektrischer Lampen wurde 1907 abgelehnt und der Schuldienerin eine Sturmlaterne zur Verfügung gestellt, damit sie auch abends reinigen kann. Im Jahre 1912 beanspruchte die Schule fast die Hälfte des Jahresetats des Ortes. Dennoch sollte eine 14. Lehrerstelle geschaffen werden. Die drei fünften Klassen mit 164 Schülern hatten nur zwei Räume (eine Klasse war im Evangelischen Gemeindehaus). Ein Erweiterungsbau mit zwei oder vier Klassen und eine Zentralheizung wurden ins Auge gefaßt. Der Schulvorstand lehnte zwar ab, aber der Bürgerausschuß beschloß die Planung, Landrat und Lehrerkollegium hielten den Schulanbau für nötig.

Schulsportfest

 

Im Jahre 1904 hatte die Schule 848 Schüler (davon 126 Schulanfänger), 1907 waren es 956 Schüler (davon 150 Schulanfänger), davon 49 altlutherische und 28 reformierte Kinder. Es waren 15 Klassen in sieben Jahrgängen, die erste Klasse bestand aus drei Parallelklassen. Im Jahre 1908 waren es 1.003 Schüler, im Jahre 1910 schon 1.044 (davon 119 Schulanfänger)(60 altlutherisch, 35 reformiert, 546 Jungen und 498 Mädchen). Im Jahre 1914 waren es 1.080 Schüler (davon 140 Schulanfänger).

Am 27. Februar 1906 fand eine Schulfeier zur Silberhochzeit des Kaisers statt, mit Umzug des Kindergartens durch den Ort und Festrede von Rektor Heymel.

Es bestand eine gewerbliche Fortbildungsschule, also eine Art Berufsschule, die drei Jahrgänge mit je zwei Klassen hatte, die Montag und Donnerstag zwei oder vier Stunden Unterricht hatten (Gewerbekunde, Deutsch, Rechnen, Zeichnen, Buchführung). Der Leiter war Rektor Heymel. In der Zeit des Bürgermeisters Henze erfolgte der Bau der Hauswirtschaftlichen Berufsschule

Am 12. Juli 1908 fand auf dem Schulhof der Verbandswettstreit des Thüringer Amateur-Athleten-Verbandes statt. Die Meisterschaft im Ringen und Stemmen wurde durchgeführt. Die Medaillen wurden im Schaufenster des Herrn Höhn ausgestellt. Joseph Capraro erhielt den 1. Ehrenpreis und die vom Verein gestiftete Zwei-Zentner-Medaille.

 

Auf der Ausstellung der Landwirtschaftsgesellschaft im Jahre 1909 in Leipzig wirkten auch 17 Steinbacher Kinder mit. Vor mehr als 50.000 Zuschauern wurden Spiele im Ausstellungspark vorgeführt, der 13jährige „Hauptmann“ Ernst Groß gab das Kommando. Korbball und Schlagball wurden gespielt.

Im kleinen Saal des Evangelischen Gemeindehauses hatte man 1899 schon eine Schulklasse untergebracht. Auch 1912 fand dort trotz aller Schulneubauten wieder Handarbeitsunterricht statt. Ebenso wurde 1919 das obere Eckzimmer für ein Jahr an die Schule vermietet.

Im Jahre 1914 stellte die Unterrichtsverwaltung einen auffallenden Rückgang in der Zunahme der Schulkinder fest. Es wurde laut Steinbach-Hallenberger Anzeiger vom 20. Mai 1914 eine sorgfältige Nachprüfung vorgenommen. An der Tatsache eines starken Rückgangs im Gegensatz zur bisherigen Zunahme von Schulkindern wird diese Nachprüfung aber jedenfalls nichts geändert haben.

Am 11. Februar 1914 fand eine Sitzung von Bürgerausschuß, Gemeindevertretung, Schulvorstand und Regierungsvertretern statt. Die Schule hatte 19 Klassen, aber nur 15 Räume. Es müßten aber 22 Klassen eingerichtet werden. Zunächst wollte man an die alte Schule zwei Klassenzimmer anbauen, dann vier an die neue Schule. Der Rektor meinte, vier Räume würden ausreichen, mehr als die zur Zeit 17 Lehrer brauche man nicht. In den dritten Klassen saßen allerdings 71 Schüler, die beiden jüngsten Jahrgänge mit sechs Klassen hatten nur drei Lehrer.

 

 

Lehrerkollegium 1929

 

Von einem Anbau an die neue Schule wurde dann aber abgeraten, weil das Gebäude dann ein zu kasernenmäßiges Aussehen erhalte. Ein gesonderter Bau mit der Möglichkeit zum Anbau einer Turnhalle sei besser. Der Land rat trat für den gleichzeitigen Bau einer Turnhalle ein. Doch der Krieg verhinderte die Pläne. Das zweite Schulgebäude wurde 1969 durch einen Anbau erweitert.

 

 

Schule und Kirche im 20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Kirchen- und Schulstellen voneinander getrennt. In Steinbach schloß man am 23. Juli 1921 einen Vergleich, bei dem das Grundvermögen geteilt wurde und die Kirche das Nutzungsrecht an einem Viertel des Gebäudes Kirchplatz 20 / 22 behielt. Später blieb ihr nur die Miete von dieser Wohnung. Auf den Dörfern war die Auseinandersetzung schwieriger.
Die bürgerliche Gemeinde Altersbach wollte 400 Mark im Jahr zahlen für „den, der den Lesegottesdienst hält“ (gemeint war der Organist). Da die Gottesdienste aber von den Pfarrern übernommen wurden, hat man bald nicht mehr gezahlt. Ab etwa 1980 zahlte der Staat eine Ablösesumme an den Kirchenkreis, der das Geld dann an die Gemeinden weitergibt. Selbst in kommunistischer Zeit konnte die Zahlung dieser Summen schließlich wie­der durchgesetzt werden.

Mit den Lehrern Margraf und Wolff sowie Szymanski in Rotterode wurde ab 1. Oktober 1921 die organische Verbindung von Kirchen- und Schulstelle gelöst, bei Lehrer Schäfer (Altersbach) dauerte es länger. Die Kirche schloß private Dienstverträge über den Kirchendienst mit den Lehrern ab. Aber Lehrer Margraf wurde Anfang 1926 entlassen, weil er seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nach kommen konnte oder wollte. Organist Wolff kündigte am 30. August 1933 aus Altersgründen.

Nun übernahm Lehrer Menz das Orgelspiel bei allen Gottesdiensten und Amtshandlungen, ab 1936 sein Sohn Zahnarzt Menz im Wechsel mit Lehrer Lölkes aus Oberschönau. Als beide dann in den Krieg mußten, beauftragten sie Fritz Killenberg „vertretungsweise“ mit dem Orgelspiel. Er hat ab 1939 die Orgel gespielt und den Kirchengesangverein geleitet.

Nach dem Krieg kam er Max Rattunde als zweiter Organist hinzu, der auch den Posaunenchor leitete. Er wohnte im Pfarrhaus und hat sich auch immer wieder um die Pflege der Orgel bemüht. Viele Posaunenbläser hat er herangebildet und auch einige Orgelspieler. Am 18. Juni 1978 ist er gestorben.

Zu dieser Zeit spielte schon Frank Willing die Orgel, vor allem auf den Dörfern. Im Kindergottesdienst spielte Beate Nothnagel. Beide haben in den folgenden Jahren durch ihr Orgelspiel der Gemeinde viel geholfen. Herr Willing mußte allerdings 1978 zur Armee, und Beate Nothnagel war oft verhindert, als sie Krankenschwester wurde.

Im Jahr 1978 übernahm dann Herr Killenberg den Kirchenchor. Der Kirchengesangverein war so zusammengeschmolzen, daß er nicht mehr öffentlich singen konnte. Aber Anfang Februar 1979 wurde auch Herr Killenberg krank. Am 16. September konnte er noch sein 40jähriges Jubiläum als ehrenamtlicher Kirchenmusiker begehen. In der Jahresschlußandacht spielte er zum letzten Mal, am 13. Februar 1980 starb er. Die Orgel spielten damals Beate Nothnagel, Ulrich Lieberknecht und Frank Willing, gelegentlich auch auswärtige Gäste.

Schon 1978 war die Anstellung eines hauptamtlichen Kantors erwogen worden, doch es scheiterte an der Wohnung. Erst am 15. Dezember 1979 zog Frau Rattunde aus dem Pfarrhaus aus und eine Wohnung für einen Kantor wurde frei. Am 16. Januar 1980 wurde Christoph Dalberg als neuer hauptamtlicher Kantor gewählt und am 13. Juli dann eingeführt.

Nachdem der Kantorendienst rund 60 Jahre lang nebenamtlich von verschiedenen Gemeindegliedern versehen worden war (Herr Ernst Reitzig leitete zum Beispiel den Kirchenchor), mußte der Dienst jetzt wieder hauptamtlich versehen werden. So lohnte sich auch die Anschaffung einer neuen Orgel, die am 29. November 1981 eingeweiht wurde.

Nach 1945 waren Schule und Kirche erst recht getrennt worden. Am 8. August 1945 (also schon zur Zeit der sowjetischen Besatzungsmacht) wurde Pfarrer Wüpper zwar gebeten, im Schulvorstand mitzuwirken. Aber bald entwickelte sich die Schule zu einer gegen die Kirche gerichteten Bildungseinrichtung. Sie wollte die Schüler allein in ihrem Sinn erziehen und den Einfluß anderer Erziehungsträger eindämmen. Die Christenlehre wurde aus der Schule verbannt, Lehrer wurden dazu gebracht, aus der Kirche auszutreten.

 

„Die Lebensweihe, die ebenso zum sozialistischen Dorf gehört wie die modernen Anlagen des Rinderaufzuchtbetriebs, ist auf Initiative des örtlichen Organs und des Dorfklub zustande gekommen!“ (Freies Wort am 21. April 1978)

 

Besonders die Jahre 1952 / 53 und 1971 / 78 waren in dieser Hinsicht eine schlimme Zeit. Erst nach dem Gespräch des Staatsratsvorsitzenden mit dem Vorstand des Evangelischen Kirchenbundes entspannte sich das Verhältnis wieder und das Bekenntnis christlicher Kinder wurde wieder mehr respektiert. Die Schule als ein Kind kirchlicher Arbeit hatte sich ganz von der Kirche abgewandt. Deswegen ist es gut, auf die Ursprünge des Schulwesens auch in Steinbach-Hallenberg hinzuweisen.

 

 

 

Turmknopfurkunden in der Kirche zu Steinbach-Hallenberg

 

(Angefertigt von Peter Heckert, im September 1974)

 

Der Text wurde im November 2011 überarbeitet und vor allem dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt. Der originale Text kann vom Verfasser bezogen werden.

 

Ältere Urkunden:

Diese Akten befanden sich bei den Kirchenrechnungen auf der Kirchenkasse. Bis auf die letzen Stücke (es ist nicht ganz klar, wo die Grenze ist) handelt es sich wohl um die Urkunden, die im Turmknopf aufbewahrt wurden. Entweder sind es die originalen Urkunden, die einmal beim Aufsetzen des Turmknopfes nicht wieder in den Knopf eingelegt wurden, oder es handelt sich um eine Abschrift. Auf jeden Fall sind es die ältesten Urkunden der Kirchengemeinde Steinbach-Hallenberg, die über den Bau der Kirche berichten.

Korrigiert wird die Angabe, daß beim Richten der Kirche 139 Leute geholfen hätten: Es waren wesentlich weniger, die an verschiedenen Tagen halfen, einige davon an mehreren Tagen.

Wichtig ist auch die Angabe, daß die Sakristei im Jahre 1717 gebaut wurde. Weiterhin ist wichtig, daß es sich um Originalhandschriften von Pfarrern und Amtsschultheißen handelt und ein echtes Lacksiegel erhalten ist. Und schließlich kann man erschließen, daß der Turmknopf zunächst auf dem First des Daches angebracht war.

 

  1. Beschluß zum Neubau der Kirche 1652
  2. Schreiben an Landgraf Wilhelm 1652
  3. Vergabe der Zimmererarbeiten und Bestellung von Bauaufsehern 1652
  4. Vergabe der Maurerarbeiten 1652
  5. Vergabe der Dachdeckerarbeiten 1653
  6. Darlehen des Amtsschultheißen 1657
  7.             Aufsetzen des Knopfes 1697
  8. Vergabe der Arbeiten für den Turm 1698
  9.  Reparatur des Kirchendaches 1724
  10.             Kredit für die Erweiterung des Friedhofs 1729
  11.             Kanzelgitter und Bibel 1735.

 

 

Tatsächlich im Turmknopf befindliche Urkunden:

1.         Urkunde von Faust                                                     05. Dezember             1792

2.         Urkunde von Faust                                                     21. Juni                        1806

3.         Urkunde von Christian Menz jun                             07. September            1829   

4.         Urkunde von Pfarrer Habicht                                   08. September             1829   

5.         Spendenlisten, 3 Stück                                              21.September 1837   

6.         Urkunde von Pfarrer Habicht                                   23. Oktober    1837/6.11.1840

7.         Urkunde von Elias Usbeck                                        28. Juni           1865

8         .Urkunde von Cspar Holland-$unz                           28. Juni           186

9.         Urkunde von Caspar Hollnad-Cunz                         13. August       1873 (mit Gedenkblatt) 

10.       Urkunde von Chr. W. Dittmar                                   21. August       1906 (Zickendraht)

11.       Urkunde über Rathausbau (Abschrift)                      21 .August      1906 (26.3.1900)

12.       Urkunde über Vereinshaus u.a.                                22. August       1906

13.       Urkunde von Pfarrer Klingelhöfer                            22. August       1906

14.       Urkunde über Mädchenferienkolonie                      23. August       1906 (richtig: 22.8.)

15.       Spendenliste für Kirchenheizung                              22. August       1906

16.       Urkunde Ernst Menz                                                 12. August         1933

17.       Lebenslauf Franz Peter Diby                                     12. August        1933

18.       Urkunde von Oskar Holland-Letz                                9. August       1933

19.       Zeitung „Thür. Wochenschau“                                  15. August        1928

20.       13 Münzen, die ältesten im Turmknopf                  

21.       2 Münzen aus der Napoleonischen Periode             08.09.1829    

22.       Eine Hungermünze von 1816/1817                          08.09.1829    

23.       31 Münzen aus dem Kirchenkasten                          23. August       1906

24.       4 Münzen aus der Inflationszeit                                12. August       1933

25.       29 Banknoten aus der Inflationszeit                         12. August       1933

26.       Urkunde Pfarrer Kirchner                                         10. August       1933

27.       Brot- und Fleischmarken                                           12. August       1933

28.       Zeitgeschichtliche Aufnahmen von   1933                12.08.1933     

29.       Urkunde von Bernhard Recknagel                            12. August       1933

30.       Urkunde von Pfarrer Liederwald                              04. September1953   

31.       Urkunde von Pfarrer Weiß                                        24. August       1960 (Festschrift)

32.       6 Münzen aus der Zeit nach 1949                            24. August       1960

33.       Urkunde von Bürgermeister Jäger                           29.09.1974

34.       Urkunde von Pfarrer Heckert (Volker Wahl)                        05.10.1974                

35.       20 Münzen aus dem Jahre 1974                               05.10.1974

 

 

 

ÄLTERE  URKUNDEN:

 

Nr.1: Beschluß zum Neubau der Kirche

Im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit. Amen. Wir stellen fest, daß das Kirchengebäude hier in Untersteinbach sehr baufällig geworden ist, so daß man Sorge haben muß, daß der Turm demnächst einfallen und noch größeren Schaden verursachen dürfte, wenn er und auch die Kirche nicht repariert werden. Außerdem ist dieser Kirchbau zu klein und bietet nicht genug Raum, daß die Jugend jederzeit hinein kommen kann, um am Gottesdienst teilzunehmen.

Deshalb sind sich die Gemeinden Ober- und Untersteinbach und auch die eingepfarrten Orte Oberschönau, Unterschönau, Rotterode  und Altersbach sich darüber einig geworden, das alte Kirchengebäude abbrechen zu lassen und die Kirche wieder von neuem aufzubauen und zu erweitern, Gott zur Ehre und zum Besten der Nachkommen, damit auch die Jugend darin Raum hat.

Die Gemeinden haben auch angeboten, nach ihrem Vermögen diesen Bau zu fördern.

Deshalb sind am heutigen 2. Januar 1651 sämtliche hiesigen Einwohner eingeladen und befragt worden‚ was ein jeder aus freiem Willen dazu geben und spenden wolle. Daraufhin hat ein jeder sich geäußert versprochen dazu zu geben, wie es das geführte Verzeichnis über Ober- und Untersteinbach, Oberschönau, Unterschönau, Rotterode und Altersbach festhält.

 

Als der Plan für den neuen Kirchenbau gefaßt wurde, gab es hier folgende Amtsträger:

Amtsschult­heiß Herr Vincentius Zielfelder (aus Schmalkalden)

Pfarrer Magister Johann Georg Clemen (aus Schmalkalden)

Evangelisch-Lutherischer Pfarrer und Lehrer Conrad Heß (aus Tambach)

Kirchenväter: Hans Reinhard Klein, Volker Rothämel, Christoph Holland-Nell,    

Nicolaus Usbeck.

Gemeinderat: („Zwölferstuhl und Schöffen“): Barthel Rothämel, Stoffel Holland-Nell, Valtin Wilhelm Velle, Valtin Kindt, Wendel Menz, Georg Preiß, Hans Reinhard Klein, Petter Wilhelm, Hans Holland-Wolf, Philip Holland, Valtin Zitter, Claus Usbeck.

 

Gemeindevorsteher:  Blasius Anschütz, Hans Lang.

Derzeit wird die Ausübung der Religion in den hiesigen Evangelisch-Lutherischen Kirchen und Schulen ungehindert ausgeübt.

 

Nr. 2: Schreiben an Landgraf Wilhelm:

Dem Durchlauchtigen Hochgeborenen Fürsten und Herrn Wilhelmen Landgrafen zu Hessen, Grafen zu Catzenellenbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda, unserm Gnädigsten Fürsten und Herrn. Durchlauchtiger Hochgeborener Fürst, Gnädiger Herr…..Die Gemeinde zu SteinbachHallenberg kann sich nicht zurückhalten, daß unsere nun weit über zweihundert Jahre alte Kirche an allen Stellen elend und baufällig geworden ist, daß wir nicht mehr ohne Lebensgefahr in ihr den Gottesdienst halten und Gottes Wort anhören können.

Wir stehen in steter Gefahr, daß sie unversehens einfällt, besonders wenn in ihr die Glocken geläutet werden [Die Kirche hatte wohl nur einen Dachreiter, dessen Schwingungen beim Läuten sich auf die ganze Kirche übertrugen]. Daraus könnte großer Jammer und großes Elend entstehen. Um einem solchen zu erwartenden großen Unheil aber rechtzeitig zuvorzukommen, haben wir uns aus Vorsorge entschlossen, die Kirche ganz abzureißen und neu aufzubauen.

Dazu kommt, daß die bisherige Kirche für das große Kirchspiel, zu dem sechs Dörfer gehören, viel zu klein ist. Kaum der halbe Teil der Gemeindeglieder kann darin unterkommen.

Zu Ehren Gottes des Allmächtigen und um das Seelenheil zu fördern wollen wir die Kirche deshalb bei dieser Gelegenheit auch erweitern.

Doch es gehört sich, daß wir unsere Pflichtschuldigkeit tun und zuerst die Zustimmung ihrer fürstlichen Gnaden dazu erlangen. Deshalb bitten wir sie ganz untertänig, sie wollten gnädig geruhen und zu diesem unserem christlichen Vorhaben uns ihre gnädige Zustimmung erteilen.

Wir bitten aus den erwähnten Ursachen darum, daß sie es zulassen, daß wir den geplanten Kirchenbau durchführen können und auch die Kirche erweitern dürfen, damit jeder zu fleißiger Anhörung Gottes Worts einen Anlaß hat möge und nicht gegen seinen Willen davon abgehalten wird. Hiermit würden Sie Ihre hochgerühmte Gnade erweisen.

Geschrieben Steinbach, den 31. Januar1651, ihre untertänig gehorsame ganze Gemeinde in Unter- und Obersteinbach, Unter- und Oberschönau, Altersbach und Rotterode.

 

(Antwort auf der gleichen Seite wie die Anschrift):

Weil das Vorhaben der Bittsteller christlich und löblich ist, erteilen wir hiermit unsere Zustimmung, daß sie ihre Kirche nach ihren Wünschen bauen und vergrößern dürfen. Unterschrieben Schmalkalden, den 2. Februar Anno 1651, Wilhelm [Der Landgraf war gerade in Schmalkalden, deshalb nutzte man die Gelegenheit zur Einholung der Zustimmung).

 

Nr. 3: Vergabe der Zimmererarbeiten und Bestellung von Bauaufsehern:

Ausgefertigt in Steinbach unter Hallenberg den 17. April 1651:

Wegen des geplanten Kirchenbaus ist Folgendes  verabschiedet worden: Die neue Kirche soll in der Länge 27,20 Meter haben, die Kirche 18,60 Meter und der Chorraum 8,60 Meter.

Die lichte Weite im Inneren soll 11,5 Meter betragen, die Höhe 8 Meter, in zwei Stockwerken. In der Höhe soll sie gewölbt oder rund werden.

Dieser Plan ist am heutigen Tag Balthasar Engel, Baumeister von Brotterode, übergeben und worden. Hierauf sind für diesen Kirchenbau zu Baumeistern verordnet worden: Valtin Holland für Unter- und Obersteinbach und der Oberschönauer Förster Quirin Stübing für die eingepfarrten Dörfer.

 

 

 

Geschrieben Steinbach unter Hallenberg den 21. Mai 1651:

Heute haben sämtliche Gemeinderäte  und Vorsteher im Beisein der Kirchenväter und Kirchenrechner von Steinbach und den eingepfarrten Vertreter den Meister Baltzer, Zimmermeister von Brotterode, den Auftrag zu dem neuen Kirchenbau erteilt. Er soll die Hauptarbeit

der Zimmermannsarbeiten übernehmen und außerdem zwei Treppen auswendig an der Kirche anfertigen und die Lager für die Kirchenbänke und die Haken dafür machen. Als Lohn soll er

351 Gulden haben und beim Abschluß der Arbeit drei Eimer Bier.

 

Nr. 4: Vergabe der Maurerarbeiten:

Ausgefertigt Steinbach unter Hallenberg, den 9. Juli 1652:

Heute sind zusammengekommen der wohlgelehrte Pfarrer Johann Georg Clemen, der Kirchenvater Volker Rothämel, die Baumei­ster Quirin Stüber und Valtin Holland-Ebb‚ der Gemeinderat Valtin Schmidt, der Vorsteher Hans Lang sowie Hans Hofmann, Hans Hofmann der Ältere und Hans Seidler. Sie haben den Vertrag über den geplanten Kirchenbau mit den Maurermeistern Hans Kellermann und Hans Möller von Suhl ausgehandelt. Sie haben Folgendes vereinbart, was zu machen und anzufertigen ist:

1. Die Maurer sollen den Grund für den geplanten Kirchenbau legen, so wie derselbe gesucht und vorgefunden werden kann. Dann sollen sie die Mauern darauf errichten und auf diese ein Sims legen, auf dem der neue Kirchenbau stehen soll und muß.

2. Vor der Kirche sollen sie den Grund zum Turm legen, soweit der Turm einmal gehen soll, und ein Fundament an der Giebelwand entlang legen.

3. Sie sollen den Grund für die Säulen zu den Emporen in der Kirche anfertigen‚ soweit das Maurerarbeit ist Arbeit und dabei nichts ausschließen.

4. Sie sollen drei Türen zur Kirche vorsehen: die Erste zum Schulhaus hin mit einer Höhe von  2,72 Meter und in der lichten Breite von 1,71 Meter. Die andere Tür zum Turm soll in gleicher Höhe und Weitegemacht werden.  Die dritte Tür nach dem Pfarrhaus zu, soll 2,00 Meter hoch sein und 1,15 Meter weit.

5. Die Grundmauern des gesamten Kirchenbaus sollen rundherum mit einem Sims von etwa 28,5 Zentimeter Höhe versehen bis zu der Stelle, wo der Turm einmal hin soll.

6. An die sechs Ecken sollen sie Ecksteine einsetzen, wie es im Handwerk üblich ist.

7. Die Werkstücke unter die Säulen für die Emporen sollen sie machen, wie es üblich ist.

8. Die zum Kirchenbau benötigten Steine sollen sie im Steinbruch hauen. Ein Meister soll dabei für einen Tag 9 Groschen haben, ein Knecht aber 7 Groschen 6 Pfennige, miteinander als einen halben Gulden.

9.  Wenn sie während der Arbeit ihre Maurer- und Steinhauerwerkzeuge neu anspitzen müssen, soll das von der Gemeinde bezahlt werden.

10.  Für die Maurerarbeit an der Kirche sollen die Maurermeister alles in allem 200 Gulden als Lohn haben und einen Eimer Bier.

Am 13. Juli 1652 haben die Maurer früh um 6 Uhr den ersten Grundstein für den neuen Kirchenbau den Grund unten an der Ecke gelegt [Welche Ecke?].

Am 5. August 1652 haben die Maurer die Ecksteine für die Kirchenmauern gelegt.

Am 6. August 1652 haben sie angefangen, die Mauern zu machen.

 

Nr. 5: Aufrichtung des Fachwerks:

Daß walte Gott Vatter, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

Am 11. November 1652 ist der Anfang mit dem Aufrichten des Fachwerks  für den neuen Kirchenbau gemacht worden. Es sind folgende Personen dagewesen und haben geholfen:

Hans Nothnagel, Conrad Jäger, Hans Rasbach, Blasius Anschütz, Hans Lang, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Hans Hoffmann (Summe: 15).

Am 12. November 1652: Georg Nothnagel, sein Knecht Michael, Hans Nothnagel, Konrad Jäger, sein Knecht Hans, Claus Usbeck, Blasius Anschütz, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Valtin König, Hans Lang, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland, Claus Abig, Hans Hoffmann (Summe: 22)[die Summe ist erst von späterer Hand hinzugefügt worden].

Am 13. November 1652: Georg Nothnagel, Michael Kaufmann, Hans Nothnagel, Conrad Jäger, sein Knecht Hans, Hans Gießler, Blasius Anschütz, Hans Lang, Claus Usbeck, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Schöner, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland,

Claus Abig, Hans Holland Schreiner, Bastian Gerlach (Summe:24).

Am 15. November 1652: Georg Nothnagel, Hans Nothnagel, Hans Gießler, Conrad Jäger, Michael Kaufmann, Hans Rasbach‚ Blasius Anschütz, Hans Lang, Claus Usbeck, Hans Diller, Bartholomäus Huhn, Valtin Gesell, Georg Kohl, Hans Rasbach, Georg Schöner, Valtin König, Hans Gesell, Heinrich Teichmann, Georg Kolb, Hans Köhler, Matthias Holland, Claus Abig, Hans Holland Schreiner, Hans Coburg, Caspar Holland-Dick (Summe: 25)

 

Nr. 6: Vergabe der Dachdeckerarbeiten:    

Ausgefertigt Steinbach- Hallenberg den 13.November 1653:

Heute haben die Kirchenbaumeister Quirin Stübing und Valtin Holland-Eb in Gegenwart des Herrn Pfarrers Johann Georg Clemen den Vertrag mit den Dachdeckern Hans und Lorenz Scheupfer aus Steinbach und Winterstein geschlossen. Sie sollen das Ziegeldach auf die neue Kirche legen, mit Latten versehen und die Ziegel  in Kalk legen. Die Einzelheiten:

1. Für die Latten und das Auflegen von je 1000 Ziegeln sollen sie einen Gulden als Lohn haben. Wenn 14.000 Ziegel verarbeitet werden, ist der Gesamtlohn also 14 Gulden.

2. Für das In-Kalk-legen sollen sie für je 1.000 Ziegel 1 Gulden 9 Groschen als Lohn haben.

3. Es könnte eine Mehrmenge von1.000 Ziegel entstehen, weil noch First- und Ortgangsziegel zu dem Kirchendach dazu kommen, dann macht die Summe aller Ziegel 15.000 Ziegel, die in Kalk gelegt werden müssen [„Ortgang“ ist der Rand des Daches nach den Giebeln zu].

4.  Sie wurden beauftragt, für den Chor hinten an der Kirche die Eichenschindeln („Ochsenzungen“) zu machen und anzunageln. Dafür sollen sie 18 Gulden als Lohn haben.

 

In der Zeit, als die Kirche neu erbaut wurde,  standen die Geldmünzen in folgendem Verhältnis zueinander:

1 Dukaten                     2 Gulden

1 Gulden                     27 Groschen

1 Groschen                 12 Pfennige

1 Goldgulden              5 Ortsthaler

Das Getreide hat gekostet:

1 Maß Roggen           4 Groschen     6 Pfennig

1 Maß Wetzen           6 Groschen     9 Pfennig

1 Maß Gerste             4 Groschen     6 Pfennig

1 Maß Hafer              3 Groschen     6 Pfennig

1 Maß Erbsen             6 Groschen.   

 

 

 

Ohne Nummer: Darlehen des Amtsschultheißen

Als jetziger Amtschultheiß erinnere ich daran, daß ich im vorigen Jahr 1656  zur Förderung des Kirchenbaus fünfzig Gulden geliehen habe, wie es die nähere Aufstellung aufweist. Diese hätten aus der Kirchenkreditkasse wieder bezahlt werden sollen. Aber wegen anderer Ausgaben, die ebenso notwendig haben bezahlt werden müssen, hat man nicht so viel einnehmen können. Ich kann aber auf diese ausgelegten Gelder länger nicht verzichten, sondern es ist notwendig, daß sie wieder zurückgezahlt werden.

Es ist von den Gemeinderäten und Kirchenvorstehern für gut angesehen worden, die fünfzig Gulden mir von dem Kirchengeld auszuzahlen, das die Heiligenmeister in ihrem Vorrat haben, aber wieder erhalten sollen, wenn die Kredite ohne Versäumnis erhoben werden.

Ich bestätige hiermit, daß am heutigen Tag der jetzige Kirchenrechner Claus Abig mir diese fünfzig Gulden geliefert und zugestellt hat. Das beurkunde und quittiere ich hiermit. So geschehen am 3. Mai 1657 im Beisein von Valtin Wilhelm, Valtin Zitter und Valtin Holland-Nell…            Vincentius Zielfelder

Andere Seite: Unterschiedliche Zettel über ausgezahlte 130 Gulden1 1/2 Groschen zum neuen Kirchenbau, welche aus den Kirchenkreditgeldern geliehen wurden wieder bezahlt werden sollen [Die Kirchenkasse war früher so etwas wie eine Kreditkasse, denn der Bestand wurde gegen Zinsen ausgeliehen].

 

Nr. 7: Erweiterung der Kirche und Aufsetzen des Knopfes 1697

Jesus mit allen seinen Wohltaten zuvor!

Wir, die unterschrieben haben, geben unseren Nachkommen bekannt,  daß wir es für nötig befunden haben, die Emporen in der von unseren lieben Vorfahren erbauten Kirche und im Chorraum zu bauen und zu vergrößern. Diese [dritte Empore und die] Kirchensitze sind jetzt angefertigt, das Kirchendach repariert und die Verzierung des Knopfes mit der Fahne ist erfolgt. Am Tag unserer Kirchweih 1697 haben wir den Knopf aufsetzen lassen.

Weil es aber üblich ist, daß man den Zustand festhält, wie wir ihn jetzt haben, geben wir dies zur Nachricht: Das Maß Roggen kostet 10 Groschen, der Weizen 1/2 Gulden, die Gerste ein Kopfstück, der Hafer 4 Groschen, das Maß Wein 5 Groschen 6 Pfennig, das Maß Bier 5 Pfennig 1 Heller.

Gott helfe nun gnädigst, daß der Friede, daran zu dieser Zeit mit allem Eifer in Den Haag von den hohen Vertretern gearbeitet wird, dazu führt, daß die Nachkommen bessere Zeiten und beständige Ruhe erlangen werden. Das wünschen wir, die wir unterschrieben haben, von Herzensgrund und       ….

Den 14.September 1697

Adam von Jossa, derzeit Fürstlich Hessischer Amtsschultheiß

Ludwig Bertholdt, Philosophie-Magister.. und jetziger Reformierter Pfarrer

Johannes Adam Maji, derzeit Lutherischer Pastor

Jacobus Lang, derzeit Kantor und Gemeinde-Schreiber

Johann Nicolaus Avenarius, Organist und Schullehrer

Hans Valtin Holland, Baumeister.

Der Gemeinderat ist besetzt mit nachfolgenden Personen:

Johannes Hemmling, Matthäus Holland-Moritz Älter, Nicolaus Köllmann, Valentin Hellmann, Johannes Albrecht, Valentin Büchel der jüngere, Johann Christoph Usbeck, Valtin Holland Kanngießers Sohn, Philipp Heyl, Johann Abel Wahl, Jonas Pfannschmidt, Georg Wilhelm, Schneider

Vorsteher: Nicolaus Luck, Peer Nothnagel

Kämmerer: Johann Holland-Moritz Klein, Johann Caspar Holland, Kanngießer.

 

Nr. 8: Vergabe der Arbeiten für den Turm 1698:

Verzeichnis dessen, was Meister Josef fordert von wegen der Kirche:

Zuerst wird er die Baugrube ausheben, 2,85 Meter breit und so tief wie nötig und 8,60 Meter unten im Quadrat, über dem Grund 8 Meter im Quadrat. Gemauert werden soll 17,20 Meter hoch und außen mit Quadern, unten mit einem Fußgesims und unten mit einem Kreuzbogen und mit einer großen ausgehauenen Tür und einem durchgehenden Kreuzgewölbe in die Kirche hinein. Alle Stockwerke sollen ein Traufgesims haben und oben ein schönes Hauptgesims.

Auf dem Hauptgesims mit einer steinernen laufenden Wehr soll von dem Zimmermann aus Holz ein Umgang mit acht Ecken gemacht werden. Der Meister Josef soll den eigentlichen Turm außen mit einer einige Dezimeter dicken Mauer verblenden. Das Holzfachwerk soll ausgemauert und das [obere] hölzerne Gebäude 5,75 Meter hoch sein ohne die welsche [geschwungene] Haube.

Der Baumeister verpflichtet sich, alle Handlanger auf seine Kosten zu halten und alle Steine, für die Kirche selbst zu brechen. Ferner wird er den Kalkofen ausgraben und mauern und alle nötigen Steine für das Kalkmachen zu rechen und den nötigen Kalk zu brennen, und alle Kalklager [?] zu machen.

Der Baumeister bedingt sich eine freie Wohnung und wird für jedes und alles, was in dieser Aufstellung steht, 1.900 Gulden berechnen. Er wird alles Werkzeug, das zum Steinbrechen gebraucht wird, kostenlos erhalten, aber wenn der Bau fertig ist, bleibt das Werkzeug der Gemeinde.

Mit dem heutigen Datum  haben wir Gemeinderäte zu Steinbach mit Zustimmung des Herrn Amtsschultheißen und der beiden Geistlichen mit Meister Josef Wißmar für 1.800 Gulden diesen Vertrag geschlossen über den Aufbau des Turms. Dafür hat der erwähnte Wißmar versprochen, alle Arbeit wie in diesem Vertrag steht zu volbringen. Er hat es mit seiner eigenen Unterschrift bekräftigt. Die Zustimmung des Herrn Oberrentmeisters steht noch aus.

Steinbach, den 23. August 1698

 

Abrechnung über den Turmbau 1701:

Am 7. [Monat fehlt] 1701 haben wir mit dem Steinmetz Johan Wallebern abgerechnet. Er hat  laut Quittung empfangen:

Von Hans Hemmling              49 Gulden  4 Groschen 6 Pfennig

Von Peter Usbeck                   15 Gulden 18 Groschen

Von Valtin Holland                 92 Gulden 14 Groschen 6 Pfennig

Aus der Kollekte                     24 Gulden 22 Groschen 6 Pfennig

Summe:        182 Gulden   5 Groschen 6 Pfennig.

Meister Caspar Walleber muß also noch 17 Gulden 21 Groschen 6 Pfennige erhalten, so daß er insgesamt die 200 Gulden erhält.

[Andere Schrift] Ich, Johann Caspar Walleber, bekunde, daß diese Rechnung richtig ist.

 

 

Nr. 9:  Reparatur des Kirchendaches 1724

Jesus! Eine erneute Reparatur des Kirchendachs war höchst nötig. Es mußte neue Latten angebracht und die Ziegeln in Kalk gelegt werden. Auch die 1717 erbaute Sakristei muß inwendig ausgemalt und die Ziegel außen in Kalk gelegt werden. Deshalb haben die Kirchenväter mit meiner, des Pfarrers Zustimmung, einen Vertrag gemacht mit dem Meister Johannes Luther, Bürger und Weißbinder, in Schmalkalden. Er soll fünfzig Gulden erhalten. Dazu wurden  etwa 24 Malter schwarzer und weißer Kalk und anderen Materialien angeschafft. So hat der damalige Bau siebzig Gulden gekostet.

Gott erhalte das liebe Gotteshaus und bewahre es vor allem Schaden und lasse den lieben Frieden beständig blühen, daß sein Wort bis an den jüngsten Tag darin rein und lauter gepredigt und die Heiligen Sakramente ausgeteilt werden zu seiner Ehre und zur Seligkeit aller, die darin die schönen Gottesdienste des Herrn verrichten und diesen seinen „Tempel“ besuchen.

 

Damit aber unsere liebe Nachkommen wissen, in welcher Zeit und Herrschaft wir leben, so gebe ich dazu folgende Nachricht: Unser regierender lieber Landesfürst und Herr ist der durchlauchtigste Fürst und Herr, Herr Carl, der erste Landgraf zu Hessen-Cassel, Fürst zu Hersfeld, usw. Durch Gottes Gnade steht er jetzt im 70. Lebensjahr.  Gott erhalte Seine hochfürstliche Durchlaucht noch viele Jahre im Segen.

Dieser unser gnädigster Landesfürst und Herr hat die Ehre erlebt, daß seine hochfürstliche Familie sich in höchster Blüte befindet: Sein ältester Prinz, Herr Friederich der erste Landgraf zu Hessen, wurde 1720 auf den Königlich-Schwedischen Thron ) erhoben, nachdem er einige Jahre vorher mit der schwedischen Prinzessin vermählt wurde und nach dem Tod Karls XII,  Königs in Schweden, der vor Friedrichshall in Norwegen erschossen worden ist.

Mit den übrigen drei Prinzen ist es so: Wilhelm ist vermählt mit einer Prinzessin zu Sachsen-Zeitz. Maximilian ist vermählt mit einer Prinzessin aus der Hochfürstlich-Hessischen Familie Darmstadt.  Georg ist noch unverheiratet. Sie sind alle große kaiserliche und holländische Generäle. Ihre Majestät aber, unser allergnädigster Erbprinz, hat zur Zeit noch keine Leibes-Erben.

Die Religionsausübung hat sich sehr geändert und verringert seit 1692 mein Großvater und Amtsvorgänger Matthäus Avenarius gestorben ist. Bei Antritt seines Nachfolgers Johann Adam Maji wurde der Wechsel („Alternation“) beim Gottesdienst eingeführt: Einen um den anderen Sonntag wechseln sich die beiden Prediger der Lutheraner und der Reformierten beim Gottesdienstes und Predigen ab. Wenn einer früh gepredigt hat, so predigt der andere am Nachmittag. Ausgenommen sind die hohen Feiertage: Der erste Tag bleibt allezeit früh den Lutheranern, ebenso  das Kirchweihfest, Aposteltage, Bußtage, Mittwochspredigten und Betstunden.

Die hiesige Ober- und Untersteinbacher Gemeinde bestehet zur Zeit aus 300 Mann und etwas darüber, darunter sind nicht mehr als 10 reformierte geist- und weltliche Bediente. Mit ein­geschlossen sind in Unterschönau 5 reformierte Männer und in Altersbach einer.

Die geistlichen und weltlichichen wie auch Gemeinde- und Kirchenämter sind dieser Zeit folgenden Personen überantwortet:

  1. Herr Justus Eckard Zufall, Amtschultheiß

  2. Herr Johann David Eberhard von Schmalkalden, Reformierter Pastor.

  3. Ich, Johann Reinhard Avenarius von Roßdorf, Lutherischer Pastor

  4. Herr Johann Heinrich Doles von Steinbach, Kantor, Nachfolger seines Vaters

  5. Herr Johann Avenarius von Steinbach, Organist, Nachfolger seines Vaters

  6. Caspar Dietzel, Schlosser                        Kirchenväter

  7. Johannes Rothämel, Schuster                 Kirchenväter

  8. George König, Schuster                           Kirchenväter

  9. Johannes Reumschüssel, Schlosser         Kirchenväter

10. Joh. George Faßler, Gabelschmidt, ist reformierter Kirchenvater.

Zum Gemeinderat gehören folgende:

1. Valten Holland, Kanngießer, Hufschmidt in Untersteinbach

2. Peter Nothnagel, Hammerwerker in Obersteinbach

3. Caspar Dietzel, Schlosser in Obersteinbach

4. Johannes Rothämel, Schuster in Untersteinbach

5. Valten Recknagel, Hammerbläser in Untersteinbach

6. Johannes Faßler, Büttner in Obersteinbach, reformiert

7. Johannes Hoffmann, Rinckenschmied in Untersteinbach

8. Johannes Wilhelm, Handelsmann in Obersteinbach

9. Caspar Allbrecht, Hufschmied in Untersteinbach

10. Johann Georg Holland-Merten, Nagelschmied und Hammerwerker in Obersteinbach.

 11. Nicolaus Ritzmann, Schlosser in Obersteinbach

12. Johann Georg Faßler, Gabelschmidt in Obersteinbach, reformiert.

Als Vorsteher dienen der Gemeinde:

1. Sevarus König, Nagelschmied in Obersteinbach

2. Valentinus Nothnagel, Hammerschmied in Untersteinbach

Gemeinderechner:

1. Johannes Eck, Hufschmied in Untersteinbach

2. Johann George Usbeck, Schlosser in Obersteinbach.

Fleischschätzer:

1. Johann Georg Pfannschmidt, Zainer in Obersteinbach

 2. Johann George Ritzmann, Schlosser in Untersteinbach 

Werkmeister:

Johann Georg Wagner, Schlosser in Obersteinbach

Heiligenmeister:

1. Caspar Holland-Moritz, Nagelschmied in Obersteinbach

2. Johannes Francke, Schuster in Obersteinbach.

Johannes Faßler, Büttner in Obersteinbach ist reformierter Heiligenmeister.

 

Ansonsten ist es bisher nicht zu teuer, doch eine sehr nahrlose Zeit gewesen. Die Waren der Handwerker erzielen nur einen schlechten Preis. Die Last für das Land ist sehr groß. Dazu kommt auch die Einquartierung der Hessischen Reiterei, die nun an die 15 bis 16 Jahre gewährt hat. Deshalb nimmt die Armut hier sehr überhand. Das Getreide ist in wenigen Tagen im Preis auch höher gestiegen, weil bisher während der Erntezeit in Thüringer und Franken ständig Unwetter waren. Das Maß Roggenkostet 11 Groschen, der Weizen 14 Groschen, die Gerste 6 Groschen der Hafer 5 Groschen, das Maß Bier aber 5 1/2 Pfennige.

 

Das gute Geld der gängigen Münzen erzielt einen hohen Preis:

Ein Dukat ergibt 12 Kopfstück 3 Batzen. Ein alter Sächsischer, Brandenburgischer und Lüneburgischer Gulden wird den armen Leuten für 1 1/2 Gulden aufgehängt, bei neuen Landesmünzen dieser Art  wird auf ein 2/3 Stück 9 Pfennig lage [?] gerechnet. Das französische Geld ist zur Zeit sehr verbreitet, und zwar so, daß auf jeden Gulden 1 Groschen und jedes 2/3 Stück 6 Pfennige lage stehet.

Weiter gibt es viele Hessen Zehner, von denen  32 einen Gulden ergeben, jedoch auf einen Gulden 9 Pfennig lage gerechnet wird. Danach sind Batzen, halbe Batzen, Weißpfennige und andere Münzen vielfältig üblich, teils mit Lage, teils ohne Lage.

Zur Zeit ist es zwar in Europa überall friedlich und kein Krieg, doch tun sich solche Entwicklungen hervor, daß nichts Gutes zu erwarten ist. Gott erhalte uns und unseren lieben Nachkommen im Frieden und Segen um Jesu Christi willen.

Gegeben Steinbach Hallenberg, den 8. August 1724

 

Nr. 10.  Kredit für die Erweiterung des Friedhofs 1729:

 Wir Gemeinderäte und Vorsteher der Gemeinde Steinbach, wie auch wir Schultheißen und Vorsteher der Gemeinden Rotterode, Altersbach und Unterschönau beurkunden und bekennen

für uns und im Namen der erwähnten Gemeinden -  und zwar einer für alle und alle vor einen - daß uns Herr Johann Georg Zielfelder, Fürstlich Hessischer im Amt Hallenberg eingesetzter Förster, auf unsere Bitte hin 100 Gulden geliehen hat, der Gulden zu 24 gute Groschen gerechnet. Diese Summe wir bar empfangen zum Besten der Gemeinden. Es soll zur Anschaffung eines Stücks Land für den hiesigen Friedhof und Errichtung einer neuen Mauer und ihrer Erweiterung verwendet werden.

 

 

Wir geloben das Kapital von einhundert Gulden nicht allein jährlich landesüblich zu verzinsen, sondern es auch nach einer vierteljährlichen Kündigung wieder zurückzuzahlen, wobei sich jede Seite vorbehält, in den empfangenen guten Münzen wieder zu zahlen.

Damit aber unser Herr Kreditgeber und auch dessen Erben in allem genügend gesichert sind,

so verschreiben wir ihm als Unterpfand  die Einkünfte unserer Gemeinden, wie sie auch heißen mögen, so viel zur Tilgung nötig ist, damit er sich im Nichtzahlungsfall daran halten kann.

Zu noch besseren Absicherung und Beglaubigung haben wir mit unterschreiben lassen den Fürstlich Hessischen Amtschultheißen des Amtes Hallenberg Justin Eckhard Zufalle. So geschehen Steinbach, den 20. April 1729

Fürstlich Hessischer Amtmann Justin Eckhard Zufall [echtes Lacksiegel, Unterschriften]

 

Nr. 11: Kanzelgitter und Bibel 1735:

Der Kirchenrechner hat am 12. Februar auf Anweisung des Pfarrers 2 Gulden 12 gute Groschen an Jacob Müller in Brotterode für das eiserne Gitter an der Kanzel geben müssen.

Weitere 18 gute Groschen hat er am 13. März an Hans Holland-Eb von hier als Fuhrlohn gegeben, um das Eisen für das Gitter nach Brotterode zu fahren,

Am 13. März hat er weitere 12 gute Groschen an Hans Dietzel für ein Schloß und Bänder an die Bodentür in der Kirche gegeben [Tür zum Turm?]. Diese drei Posten müssen aus der Kirchenkreditkasse wieder erstattet werden.

 

Im Jahr 1735 wurden an barem Geld zu völliger Bezahlung der Tübingischen neuen Bibel und Bekleidung des Pultes  aus der Kirchenkasse genommen

1 Gulden zur Vervollständigung des Kaufs

16 gute Groschen für Herrn Eberhardt zu Hallenberg wegen einiger dabei gehabten Unkosten und wegen seiner Mühe.

6 gute Groschen an Herrn Just Sion, Gärtner von hier, wegen des Transports der Bibel.

16 gute Groschen für eine Elle blaues Tuch und gelbes Band, gekauft  bei Herrn Spielhausen in Schmalkalden, um das Pult zu bekleiden, auf dem die Bibel liegt.         J. A. Maji, Pfarrer

 

(Es folgt noch eine kleine Quittung über ausgeliehenes Kapital und die Rückzahlung und ein gedrucktes Schreiben des Konsistoriums, daß man bei einem Orgelneubau erst die Genehmigung einholen muß).

 

 

 

 

NEUERE URKUNDEN:

 

Nr. 1: Großer Brand 1792

Aufgeschrieben in Steinbach am 5. Dezember 1792: Am 3. April 1790 morgens gegen 7 Uhr brach in der Wohnung der Witwe Wilhelm Köllmann jun unter dem Dache ein Feuer aus. Es riß zuerst die gegenüberliegende Pfarrwohnung weg und nahm mit solcher Schnelligkeit überhand, daß bei dem entsetzlichen Sturmwind es nicht menschenmöglich war, den wütenden Flammen Einhalt zu gebieten. In vier Stunden wurden Pfarr- und Schulgebäude und mit diesen 40 Wohnhäuser, 20 Scheunen, etliche 20 Werkstätten und 10 Kohlhäuser völlig in Asche verwandelt.

Auch hat bei diesem Unglück der Kirchturm sehr und die Kirche etwas gelitten, so daß das sämtliche Fachwerk vom  Achteck des Turms an neben Glocken, Uhr, Helm und Fahne völlig

vernichtet wurden. Der menschenfreundlichen Hilfe der beiden Gemeinden Herges und Vier­nau, die mit ihren beiden Spritzen herbeieilten, hatten wir es vorzüglich zu danken, daß die Kirche und der übrige Teil des Turms gerettet wurden.

Im Jahre 1791 hatten wir die Gnade, unseren Durchlauchtigsten Landesfürsten Landgrafen Wilhelm IX. bei uns zu sehen. Er nahm sowohl sämtliche neuen Gebäude und die Brandstätten der noch nicht wieder aufgebauten Pfarr- und Schulhäuser in Augenschein und hat auch fast das ganze Amt bereist. Der Besuch veranlaßte uns, um eine Kollekte, nachzusuchen und wir hatten es vor allem diesem glücklichen Zeitpunkt zu verdanken, diese gnädigst zugestanden zu erhalten. 

Das Kirchspiel erhielt in diesem Sommer mit 610 Taler von mir, dem Amtmann, ausgezahlt. Außerdem erhielt das Kirchspiel noch 1.300 Taler von der Brandversicherung. Mit dieser Summe und mit weiteren Zuschüssen konnte man sämtliche Gemeindegebäude wie Pfarrhaus und Schulhäuser wieder aufbauen. Die Baukosten haben ungefähr 2.500 Taler betragen.

Dazu  wurden von den älteren, noch in der Kirchenkasse befindlichen Kollektengeldern 500 Taler verwendet.

Drei neue schöne Glocken lieferte die Glockengießerei Christoph Ulrich zu Apolda und bekam dafür 450 Taler. Die neue Uhr hat der Uhrmacher Eberhardt in Stadtilm für 200 Taler angefertigt.

Die zwei Zimmermeister Brüder Menz von Suhl mußten den  Kostenvoranschlag für den Turmbau machen und die Zeichnung anfertigen. Danach wurde der Bau an den Zimmermeister Dammer aus Sooden-Allendorf und den Schieferdecker Schröder aus Eschwege zum Preis von 594 Taler vergeben, jedoch ausschließlich  der Materialien.

Um Pfingsten dieses Jahres begann das Werk und heute - dem Höchsten sei es gedankt - wurde es unter seiner Obhut glücklich vollendet. Der hiesige Maurermeister Friedrich Matheus hat das sehr ausgebrannte Mauerwerk - das Achteck - völlig wieder hergestellt und es mit dem Holz und Gebälke in Inneren gut verbunden.

Es wurden 230 Zentner Schiefersteine verbraucht, die man von Wildungen im Waldeckischen kommen ließ. Jeder Zentner wurde einschließlich des Fuhrlohns mit 1 Taler 8 Groschen

bezahlt. Die Schiefer kosten also das Kirchspiel 293 Taler 8 Groschen. Das Bauholz ist zwar in den hiesigen Wäldern angewiesen worden, aber es wurde mit schweren Kosten herbeigeschafft und kostete 200 Taler.

[Anmerkung: Die Währungseinheit wird jetzt mit „Taler“ angegeben. Es müßte in den Originalurkunden nachgesehen werden, wie sie lautet. Auch das Zeichen, das wie ein  „R“ aussieht, bedeutet „fl“ für Gulden („Florin“). Die Angabe „Louisdor zu 5 Taler gerechnet“ oder  „Louisdor zu 6 ½ Taler“ weist auf die Währung „Taler“, denn ein Louisdor hatte sonst 11 Gulden].

 

[Der nachfolgende Abschnitt war unter  Nr. 2 eingeordnet. Er gehört aber zu 1792, denn der Kantor Johann Christoph Usbeck war nur bis 1794 tätig, Organist Wiegand bis 1799. Auch der Krieg mit den Franzosen paßt nur in diese Zeit, nicht zu 1806. Auch der Geldkurs ist von 1792 und erst 1829 von Pfarrer Habicht ergänzt]

 

Den Knopf einschließlich des sämtlichen kupfernen Zubehörs hat der Kupferschmiedemeister Wolf in Schmalkalden für 14 Taler angefertigt. Die Fahne mit dem Windanzeiger hat der Schlossermeister Jacob Rennth in Suhl für 18 Taler geliefert, Hufschmiedemeister Caspar Nothnagel von hier aber die Anker dazu gemacht und dafür  32 Taler bekommen. Die Ver­goldung und übrige Verzierung gab dem Werk ein junger Mensch aus Schmalkalden namens Dohl. Der ganze Kirchturmbau kostet dem Kirchspiel 1.500 Taler.

 

Zur Zeit sind hier gnädigst angestellt:

1. Der fürstliche Landrat über die ganze Herrschaft Schmalkalden, Herr Christian von Eschwege zur Aue

2. Ich, der Fürstliche Amtmann, Friedrich Hartmann Faust

3. der evangelisch reformierte Prediger Herr Johann Ludwig Reuß

4. der evangelisch lutherische Prediger Herr Georg Friedrich Habicht

(Lateinischer Zusatz von Habicht, der auch seinen ersten Vornamen aus „Johann“ in „Georg“ verbessert hat): Sohn seines Vorgängers Rollemann Valentin Habicht  aus Schmalkalden

5. der der zeitige fürstliche Forstbeamte Herr Karl Lampmann

6. der Kantor Christoph Usbeck

7. der Organist Wiegand

8. der Schultheiß Nicolaus Reinhard, zugleich Bauaufseher und Rechnungsführer

9. der Kastenmeister Peter Wilhelm sen., ebenso Bauaufseher und Rechnungsführer für den Kirchenbau.

 

Vorgesetzte:

10. George Cramer   

11. Johannes Wilhelm

12. Michael Holland-Letz

13. Caspar Rothämel

14. Valentin Huhn     

15. Peter Usbeck

Derzeitige Vorsteher:

16. Johannes Recknagel        

17. Michael Nothnagel

In den eingepfarrten Dörfern

18. Johann Ernst Holland Moritz, Schultheiß zu Rotterode

19. Valentin Mangold, Schultheiß zu Altersbach

20. Christian Stübing, Schultheiß zu Unterschönau.

Wir leben übrigens jetzt in einer Periode, die in Hinsicht auf die jetzigen Franzosenkriegs am Rhein für die Ruhe Deutschlands sehr bedenklich wird. Frankreich empörte sich gegen seinen souveränen König, stürzte ihn vom Thron, brachte ihn und seine Frau, seinen Kron­prinzen und seine Tochter, auch seine Schwester, als Gefangene in die sogenannten „Tempelgebäude“ in Paris und macht ihm jetzt den Prozeß.

Die zur Zeit regierende Kaiserliche Majestät Franz II. konnte dieses nicht mit gleichgültigen Augen ansehen und schickte daher in Verbindung mit seiner Majestät des Königs von Preußen und seiner Hochfürstlichen Durchlaucht unseres Herrn Landgrafen eine starke Heeresmacht nach Frankreich. Darunter befanden sich auch 6.000 Mann Hessen. Der König und unser Gnädigster Fürst zogen selbst mit ins Feld.

Die beiden erwähnten Monarchen hatten den Oberbefehl über sämtliche Verbände der Armee

dem regierenden Herzog zu Braunschweig-Wolfenbüttel übertragen. Die alliierte Armee war schon tief in Frankreich bis in Champagne eingedrungen, hatte die Festungen von Longwy und Verdun eingenommen und den General Dummourier fast eingeschlossen. Aber durch widrige Zufälle, besonders durch den Mangel an Lebensmitteln, sahen sie sich wieder zum Rückzuge und zur Räumung jener Festungen genötigt. Mittlerweile war der Französische General Custine von Landau aus in Speyer und Worms eingefallen und hatte dort ein ansehnliches Kaiserliches Magazin weggenommen. Dann war er weiter nach Mainz und Frankfurt gezogen und behauptet diese Plätze bis jetzt.

Unsere Hessen und die Preußen stehen jetzt am Rhein und wir sind erwartungsvoll der Blutszenen, die es da geben dürfte. Wollte der Himmel nur, daß die Erfolge [der Franzosen] unserer bangen Erwartung nicht entsprechen.

Man hat die vorstehenden merkwürdigen Nachrichten auf Bitten der hiesigen Gemeinde und des Kirchspiels zum ewigen Andenken festhalten wollen.

Landgräflich Hessisches Amt, Faust, gegenwärtiger Amtmann

 

Derzeitige Kirchenväter sind:

1. Christian Holland-Letz      

2. Christian Fassler

3. Matthäus Jäger

4. Matthäus Bühner

5. Georg Kaufmann in Altersbach

6. George Schatz in Rotterode

7. Johannes Bauerschmidt

8. Christian Recknagel in Unterschönau

9. Friedrich Christoph Jäger

 

Geldkurs im Jahr 1792:         

                                       edict                           current                       gilt zur  Zeit 1829

1  Carolin                      6 Taler  4 Groschen    8 Taler                         8 Taler   8 Batzen

1  Louisdor                   5 Taler  4 Groschen    6 Taler   9 Batzen       7 Taler 14 Batzen

1  Maxdor                    4 Taler  4 Groschen    5 Taler   6 Batzen

1 Ducat                        2 Taler 20 Groschen   3 Taler 12 Batzen       4 Taler   4 Batzen

1 Laubthaler               1 Taler 13 Groschen   2 Taler 12 Batzen       2 Taler.   2 Batzen

1 Species Thaler         1 Taler   8 Groschen   1 Taler   8 Batzen       1 Taler 16 Batzen

 

an Münzen: ein 6 Groschen Stück               29     Kreuzer

                          4 Groschen Stück                 19     Kreuzer

                          2 Groschen  Stück                  9,5    Kreuzer

                          1 Groschen Stück                  17     Pfennig 

                          2 ad Stück                              26     Pfennig

1 ad Stück                              13     Pfennig (oder 12 Heller).  

und Kupfermünzen: 6 Heller Stücke,  4 Heller Stücke,  3 Heller Stücke,  2 Heller Stücke ,1 Heller Stücke.                     M. Lohrmann, Amtsschreiber hat dieses zusammengestellt.

 

Nachschrift von Habicht von 1829:

Von all den in diesem Heft genannten Personen lebt heute, den 8. Sept 1829, niemand mehr als der unter Nr. 17 genannte derzeitige Ortsvorgesetzte Michael Nothnagel und der damalige Amtsschreiber M. Lohrmann, heute Spiegelscher Rentmeister in Bodenwerder-Övelgönna

im Gebiet von Paderborn. Mein Vater und Vorgänger, Georg Friedrich Habicht, starb 1828, den 27. Januar, 77 Jahre 2 Monate alt, der 57.Jahre als Prediger hier und in Springstille war.                                                                                                             W. F. Habicht

 

Reparatur der Fahne 1796:

Aufgeschrieben Steinbach am 17. Juni 1796:

Am 2. März dieses Jahres entstand ein fürchterlicher Sturmwind, durch den unter mehreren Gebäuden auch der hiesige Kirchturm litt. Die Gewalt des Windes hatte die Spindel der Fahne ganz auf die Seite gebogen, die Fahne herunter geworfen und wegen des durch die Spindel erhaltenen Drucks den Knopf beschädigt.

Der Schieferdeckermeister Schröder aus Eschwege, der Erbauer des neuen Turms, der Nachricht von diesem Schaden erhalten, meldete sich, ihn zu reparieren. Heute ist derselbe damit fertig worden. Die Fahne lief vorher nur in zwei an ihr  angebrachten Ohren. Nun geht sie in eine daran angebrachten Röhre, in der sich die Spindel befindet. Sie steht also nun in ihrem so notwendigen völligen Gleichgewicht‚ um die Veränderungen des Windes auf das genaueste anzeigen zu können.

Die Verbesserung und völlige Wiederherstellung der  Fahne hat der hiesige Schlossermeister Elias Usbeck unternommen und geschickt ausgeführt. Man hat geglaubt, diese Begebenheit ebenfalls nachtragen zu müssen. So geschehen wie oben. Landgräflich Hessisches Amt,

Faust.

 

 

Nr. 2: Turmknopfreparatur 1806

Aufgeschrieben Steinbach am 2l. Juni 1806:

Da der Knopf des hiesigen Kirchturms etwas Schaden gelitten hat, wollte man bei Gelegenheit seiner Reparatur folgende merkwürdige Ereignisse für die Zukunft vermerken:

1. Seine Kurfürstliche Durchlaucht, unser gnädigster Landesherr, hat vor einigen Jahren die Kurwürde angenommen und Ihren feierlichen Kirchenzug in die St. Martini Kirche in Kassel am 15. Mai 1803 gehalten.

2. Voriges Jahr wurde rund um uns herum eine Fruchtsperre mit beispielloser Strenge angelegt und vollzogen. Eine Hungersnot würde unfehlbar eingetreten sein, wenn nicht Seine Kurfürstliche Durchlaucht und Landesvater gnädigst geruht hätten, uns aus Ihren Magazinen und durch zweckmäßige Vorkehrungen aus den übrigen Vorräten des Landes huldvoll zu unterstützen.

Geschrieben zum Andenken dieser frohen Ereignisse: Faust‚ Amtmann, Henrich Reiszig, Viceschulz, Caspar  Rothämel (?), Vorgesetzter.

Ferner bemerkt man ebenfalls als seltenes Ereignis: Der Sohn des hiesigen evangelisch lutherischen Predigers, Herr Wilhelm Friedrich Habicht ist seinem Herrn Vater nach vorher gesetzlich vorgeschriebener Abstimmung gnädigst beigeordnet wurde mit der Hoffnung, einst sein Nachfolger zu werden. Er wurde zum offiziellen Pfarrassistent ernannt.     Derselbe     Faust

 

 (Nachtrag von 1829: Noch im Herbst des Jahres 1806 [Jahreszahl später ergänzt] wurde unser Hessenland von den Franzosen feindlich besetzt und unser teurer Kurfürst Wilhelm I. vertrieben. Im Jahre 1807 wurde Hessen zusammen mit Hannover, Braunschweig und einem Teil von Preußen dem Hyronimus Napoleon als „Königreich Westphalen“ übergeben, der  uns sieben Jahre bis 1813 regiert hat, bis wir den Herbst des letzten Jahres unsren alten teuren Landesvater wieder in seine Residenz einziehen sahen. Steinbach, den 7. September 1829   Christian Menz jun, Amtsschultheiß)[„Hieronymus“ kennt man unter dem Namen „Jerome“].

 

 

Nr. 3: Turmreparatur 1829

Aufgeschrieben Steinbach am 7. September 1829:

Bei der in diesem Jahr gehabten und heute vollendeten geringen Turmreparatur benutzte ich die Gelegenheit, nachstehendes Denkwürdige für die Nachkommen niederzuschreiben:

In den Jahren 1816 und 1817 war nicht allein hier, sondern fast in ganz Deutschland eine große Teuerung aller lebensnotwendigen Dinge. Aus diesem Anlaß wurden verschiedene Gedenkmünzen geprägt, deshalb habe ich eine hier eingelegt. Die Hungersnot war sehr groß.

Das Korn, das aus Rußland kam, kostete pro 20 Liter Taler 6 Batzen, ein Tragkorb („Kötze“) voll Kartoffel kostete 1 Taler 9 Batzen und auch bei manchen Geizigen noch einige Batzen mehr.

Im Jahre 1817 am 31. Oktober wurde das 300-jährige Reformationsfest sehr feierlich begangen. Neben mehreren Bäumen (Nachtrag: welche aber großenteils nicht mehr stehen) wurde zum Andenken eine Linde unter die sogenannte „Kehrslinde“ gesetzt.

Anno 1823 wurde das jetzige untere Wirtshaus unter der Gemeindeverwaltung des Schult­heißen und Vorstehers Elias Usbeck und Matthäus Weber für 1.550 Taler angekauft.

Im Jahre 1824 wurde der Straßenbau angefangen (Anmerkung Habicht: auf Betreiben des hochverdienten derzeitigen Kreisrats, Regierungsrat Schoedde zu Schmalkalden) und unter Leitung des oben erwähnten Schultheißen vom oberen Wirtshaus bis an die Kirchengasse

durchgeführt und dann unter dem Schultheißen Peter Holland im Jahre 1826 bis an den Unterhammer fortgeführt. Im Jahre  1827 wurde die Straße unter Leitung des Schultheißen Christian Menz jun. bis an die Linde und noch darüber hinaus gebaut.

Sodann wurde im gleichen Jahr auch die Brücke bei dem Erbsthal durch den Maurermeister Georg Bittorf erbaut. Im Jahre  1828 wurde mit dem Bau des hiesigen Oberen Gast­hauses begonnen und in diesem Jahr vollendet. Im Jahre 1828 wurde auch der Anfang zum Straßenbau in der Moosbach gemacht und 1829 fortgeführt.     Christian Menz jun., Ortsschultheiß.

 

Nachtrag: Nachträglich ist noch als merkwürdig beizufügen, daß in der Westphälischen Zeit durch den damaligen König Hieronymus viele unsrer braven mit Gewalt ausgehobenen jungen Soldaten zuerst nach Spanien und sodann nach Rußland marschieren mußten und fast sämtlich ein Opfer der fremden Macht wurden; nur wenige kehrten zurück. Sein Bruder Kaiser Napoleon hatte Hieronymus zum König gemacht, aber er wurde wieder abgesetzt, als die Kosaken unter der Führung Czernitscheffs ihm im Jahre 1813 in Kassel einen Besuch abstatteten.

Als unser geliebter Kurfürst sein Land wieder erhielt, hatten sich von hier viele Freiwillige eingefunden, welche die Feldzüge nach Frankreich mitmachten und mit Ruhm gekrönt, größtenteils zurückkehrten.

Georg Rommel‚ Finanzsekretär des Freiherr von Spiegelschen Oberrentmeisters Lohnmann zu Övelgönna, jetzt Kantor und Zweiter Lehrer der Oberklasse an der im vorigen Jahre hier von Kurfürstlicher Regierung neu organisierten Schule.

 

Nachschrift: Kilian Mayenkranz aus Walldorf, der nur zwei Jahre als Handlanger bei einem Schieferdecker gearbeitet hat, verdient nicht vergessen zu werden, weil er sich bei dieser Reparatur durch Geschicklichkeit und Vorsicht sehr ausgezeichnet, und auch den Turm befahren hat.

 

 

Nr. 4: Turmknopfreparatur 1829

Der junge Bursche‚ der dieses Mal die Reparatur des Kirchturms unternommen hat, ist der Strumpfmacher Franz Peter Diby gewesen. Er wurde 1808 in Franzburg geboren, aber hier in Steinbach erzogen, da seine Mutter Anne Regine Preiß aus Oberschönau stammt. Als Schieferdecker hat er, ohne den ge­ringsten Unterricht genossen zu haben, mit großer Geschicklichkeit sogleich die erste Probe an dem hiesigen Turme zur Bewunderung aller glücklich abgelegt.

Der zeitige Amtmann hier ist Bernhardt Schuchardt; der Vorgänger hieß Hartert und führte in der Westphälischen Periode den Titel Friedensrichter. Der jetzige Amtsschreiber heißt Fritzen; seine beiden Vorgänger Kördel und Fleischhuth.

Der derzeitige reformierte Prediger ist Friedrich Moritz Kümmell (Sohn des derzeitigen reformierten Inspektors Herrn Kümmell in Schmalkalden), sein Vorgänger sein Schwiegervater und mein Schwa­ger Franz Engelhardt Lucan. Mit der reformierten Predigerstelle wurde bei ihrer letzten Wiederbesetzung im Jahre 1825 zugleich das Rektorat der hiesigen Schule verbunden.

Der hiesige derzeitige Förster heißt Schminke, der in Oberschönau Friedrich Zilcher.

Der hiesige Kantor und zweite Lehrer ist Georg Rommel‚ Sohn des Vorgängers Matheus Rommel. Der derzeitige Organist und dritte Lehrer ist Christian David Schatt, vorher Schullehrer in Springstille, meinem Geburtsort, wo mein verstorbener Vater, Georg Friedrich Habicht, 16 Jahre als Pfarrer gewirkt hat; auf ihn Heinrich Christian Fuldner gefolgt und jetzt ist mein Schwager Andreas Peter Ilgen dort als Pfarrer (er ist der Sohn des in Schmalkalden verstorbenen lutherischen Pfarrinspektors und Oberpfarrers Andreas Ilgen, dessen Nachfolger der Rektor Friedrich Löber zu Schmalkalden war; und dessen Nachfolger war mein einziger geliebter Bruder Christian Ludwig Rollemann Habicht, der am 13. August dieses Jahres von Seiner Königlichen Hoheit, des jetzt regierenden Kurfürsten Wilhelm II. als Pfarrer in Karlshafen bestätigt worden ist).

Der zeitige Kreisrat des Kreises Schmalkalden ist der Regierungsrat Wilhelm Schoedde -  ein für alles Gute und Bessere rastlos tätiger Mann - verschaffte auch in diesem Jahre den Gemeinden Rotterode und Altersbach eigene Friedhöfe. Der Vorfahre des Organisten Schatt war der Organist und Mädchenschullehrer Christoph Ammenheuser von Marburg, leider nur ein Jahr. Dessen Vorfahre [= Vorgänger] war Peter Wiegand, mein Jugendfreund und Nachfolger seines Vaters Friedrich Wiegand. Der derzeitige Kirchrechnungsgführer ist Caspar Wilhelm, der auch Kirchenvater ist, und Siegmund Recknagel und Caspar Holland-Cunz, beide Kirchenväter; Georg Friedrich Holland-Jopp ist reformierter Kirchenvater.

Schon seit mehreren Jahren ist der Wohlstand der hiesigen Eisenarbeiter sehr gesunken und sinkt täglich immer mehr. Im Allgemeinen sind daran die unter den deutschen Fürsten errichteten Zollschranken und Wegegelder schuld‚ wodurch ein nachteiliges Stocken im Handel und großer, fühlbarer Geldmangel entstanden ist. Besonders aber trägt hierzu auch der Getreidehandel das seinige bei. Ein wahres Glück, daß bei diesen traurigen Verhältnissen die Lebensbedürfnisse nicht nur, sondern auch die Luxusartikel sehr wohlfeil sind, sonst würde bei der unerhörten Verdienstlosigkeit größtenteils die Hungersnot unvermeidlich sein. Bei dem Allen aber ist der Luxus sehr hoch gestiegen. Ob der gegenwärtige bedenkliche Krieg zwischen Rußland und der Türkei einen Einfluß auf unsre Lage haben wird, muß und wird die Erfahrung lehren.

Seit 30 Jahren hat sich die hiesige Feldflur fast um ein Viertel durch die Abholzung bedeutender Waldstücke am Arnsberg, Humpfenloch, Kirchberg und Arzberg zum Urbarmachen vergrößert und während dieser Zeit ist die Landwirtschaft sehr angehoben worden.

Ich habe seit mehreren Jahren den Klee- und Winterfrüchte-Anbau, besonders des zweckmäßigen Staudenkorns, mit gutem Erfolge eingeführt und viele Nachahmer gefunden; auch ist mein Versuch mit der Weberkantendistel in diesem Jahre - trotz der nassen ungünstigen Witterung - wider Erwarten gut ausgefallen; und überhaupt ist bei allen Erzeugnissen eine reichliche Ernte gewesen. Zum Beispiel lieferten 60 Garben Staudenkorn 12-14-16 Maß zu je 20 Liter.

Das obere, neu erbaute kostbare Wirtshaus ist in diesem Jahr für die jährliche Pacht von 624 Talern für drei Jahre an den seitherigen Wirt Valentin Bühner und das untere Wirtshaus für 330 Taler an dessen Sohn Gottlieb Bühner vergeben worden - unerhörte Pachtsummen in dieser Zeit.

Seit einem Jahre besteht hier auch eine Handwerksschule - eine wohltätige Einrichtung. Seit dem Jahre 1822 habe ich mit Genehmigung der Kurfürstlichen Regierung in Kassel als gegen­wärtiger Ober-Schul-Behörde, die erste Schullehrer-Konferenz und den ersten Lesezirkel gestiftet und geleitet. Pfarrer Ochs in Kleinschmalkalden, jetzt in Floh, stiftete die zweite. Die hiesigen Zünfte, die sonst ihr eigenes Zunftamt hatten, gehören jetzt zu dem gemeinschaftlichen Ober-Zunftamt in Schmalkalden.

Es gibt jetzt viele wilde Ehen, weil das Heiraten den Armen sehr erschwert wird. Die Kuhpocken-Impfung wird schon seit vielen Jahren glücklich fortgesetzt. Eine Leichen­schau ist eingeführt. Ein Amtswundarzt ist hier und Kreis-Tier-Arzt seit kurzem angestellt - aber die Anlegung einer eigenen Apotheke in usnerem Ort ist von allerhöchster Stelle in diesem Jahre abgeschlagen worden. Nordhäuser Branntwein wird immer noch viel getrunken. Ein Paar Kupfermünzen aus der westphälischen Periode habe ich den übrigen beigefügt.

Dies wäre nun schon die dritte Reparatur an dem Turmknopf - möge diese höchstgefährliche Arbeit in vielen vielen Jahren nicht wieder nötig sein und werden. Gott gebe, daß der mutvolle Jüngling Diby auch diese glücklich vollenden und seine gelieferte Arbeit für gut und tüchtig befunden werden möge!!!

Steinbach-Hallenberg, am Tage nach dem jährlichen Kirchweih-Jahrmarkt, den 8. September 1829               

Wilhelm Friedrich Habicht, evangelisch lutherischer Pfarrer, auch ordentliches Mitglied des Kurfürstlich Hessischen Landwirtschafts-Vereins, geboren am 25. Juli 1778,  verheiratet mit Magdalene Ilgen aus Schmalkalden, Vater von zwei Söhnen und vier Töchtern, wovon der älteste vor acht Tagen zum ersten Mal gepredigt hat und die älteste heiratet Herrn Friedrich Bornmüller aus Suhl (Kirchensiegel aus Siegellack)

 

Nr. 5: Spenden für die Turmfahne

Steinbach, den 21. Sept. 1837: Versuch einer freiwilligen Unterschrift für eine Spende.

Bei der gegenwärtig höchst nötigen Reparatur unserer Turmfahne kann es nur als sehr wünschenswert erscheinen, daß sie zugleich neben Knopf und Sonne frisch vergoldet werden möge. Der Kostenaufwand dafür beträgt 29 Taler. Die hiesige Gemeindekasse ist außer Stand, diesen zu tragen. Durch freiwillige Beiträge könnte der Betrag leicht aufgebracht werden. Die Gemeinden Oberschönau und Springstille sind uns hierin ein leuchtendes Beispiel. Von gleichem Gemeinsinne belebt bringe, wer kann und will, der Zierde unsres schönen Turmes ein kleines Opfer. Das Verzeichnis der freundlichen Geber soll in dem Knopfe für die Nachwelt aufbewahrt werden.

Mit Vergnügen unterzeichnen: Der Pfarrer Habicht, Vize-Bürgermeister Holland, der Pfarrer Kümmell, ….. (weitere Namen).

Summa 9 Taler, 6 Heller , 4 Pfennige und für Schmieröl für die Fahne 12 Heller.

 (Zweite Liste): Die jungen Burschen haben auf Wunsch von Herrn Pfarrer Habicht 1 Taler, 7 Heller,  7 Batzen für  die Verschönerung und Vergoldung des Knopfes gegeben (es folgen 21 Namen).

(Dritte Liste in kleinerem Format): (32 Namen) 1 Taler, 13 Heller, 15 Batzen.

Abgeliefert erhalten durch den Heiligenmeister Pfannschmidt.

Johannes Möller sendet 1 Heller 8 Batzen.

 

Nr. 6: Turmknopfreparatur 1837

Steinbach-Hallenberg, am 23.Oktober 1837:

Was der Unterzeichnete in den Bemerkungen zu der im Jahre 1829 vollzogenen Turmreparatur wunschweise niedergeschrieben hat: „Möge diese höchstgefährliche Arbeit in vielen vielen Jahren nicht wieder nötig sein und werden“, ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Schon im Jahre 1837 wurde eine Ausbesserung an Turm, Knopf und Fahne für nötig erachtet und von demselben mutigen, uneigennützigen Jüngling Franz Diby von hier unternommen und glücklich ausgeführt (Anmerkung: Am Jubelfeste der Übergabe der Augsburgischen Konfession stellte Diby in der Mitternachtsstunde eine Freudenfahne an der äußersten Spitze des Turms auf ).

Diby befuhr nicht nur den Turm, sondern gab dem Achteck über dem Umgang auch ein freundliches Kleid mit Weiß und Gelb, brachte Schein-Fenster an, vergolde den Knopf, zierte die Fahne und schmückte diese mit einem durch Firnisüberzug gegen Nässe geschützten Band.

Da die Gemeindekasse außerstande war, die erforderlichen Reparaturkosten zu tragen, so veranstaltete ich eine freiwillige Kollekte unter den wohlhabenden hiesigen Ortsbürgern, die laut beiliegendem Verzeichnis 9 Taler 6 Groschen 4 Heller betrug.

Auch die jungen Burschen der hiesigen Gemeinde veranstalteten unter sich eine Sammlung, deren Ertrag mir aber noch nicht bekannt geworden ist. Die jungen Mädchen beschafften aus eigenen Mitteln ein Paar Schuhe und Strümpfe, eine Weste und Halstuch für den Schieferdecker Diby.

Das wichtigste Ereignis für unser Vaterland Kurhessen seit dem Jahre 1829 ist ohne Zweifel die Gründung einer ständischen Verfassung durch Wilhelm II., Kurfürsten von Hessen, und die daraus hervorgegangene neue Städte- und Gemeinde-Ordnung, durch die ein regeres, auf das Gemeinwohl ausgerichtetes Leben in Stadt und Land entstanden  ist und hoffentlich immer mehr anwachsen wird.

Entsprechend der Gemeindeordnung  bildet den Ortsvorstand: ein Bürgermeister, ein aus mehreren Mitgliedern zusammengesetzter Gemeinderat und der Gemeindeausschuß. Der derzeitige Bürgermeister ist Christian Menz jun. Der Gemeinderat besteht aus folgenden Mitgliedern: 1. Christian Holland, Vizebürgermeister, 2. Friedrich Reumschüssel, 3. Christian Hoffmann, 4. Gottlieb Usbeck, 5. Apotheker Ottleben, 6 .Seifensieder Zielfelder, 7. Ausschußvorsteher Carl Bühner.

Von segensreichen Folgen für die Gemeinde und das ganze Amt Steinbach-Hallenberg war die vor einigen Jahren geschehene Einrichtung einer Apotheke durch den jetzigen Besitzer Herrn Ottleben. Ebenso wichtig wird es sein, wenn in Zukunft ein praktischer Arzt, Geburtshelfer und Wundarzt in einer Person angestellt werden soll, wie das Kurfürstliche Ministerium in diesem Jahr entschieden hat.

Der derzeitige Amtmann ist Wilhelm Stern; sein Vorgänger war Leschen. Der Amtsschreiber heißt Carl Berner. Das Predigerpersonal hat sich nicht geändert. Der hiesige Förster heißt Simmer, der in Oberschönau Henning. Der Rentmeister heißt Brod, dessen Vorgänger hieß Keyßer. Der derzeitige Kantor und zweite Lehrer ist Jacob Münch aus Brotterode, der Organist und dritte Lehrer Gottfried Wilhelm, Sohn des Bürgermeisters Wilhelm in Springstille, wo jetzt mein Sohn Carl Habicht als Prediger wirkt. Gegenwärtig ist Kirchenrechnungsführer  Christian König. Kirchenväter sind Caspar Wilhelm, Georg Menz‚ Johannes König und von reformierter Seite Georg Friedrich Holland-Jopp. Der derzeitige Landrat des Kreises Schmalkalden ist Plitt, Kreis­sekretär ist Renner.

Die durch die neue Gemeindeordnung auch im hiesigen Orte entstandene Bürgergarde hat vor einigen Wochen ihre militärischen Übungen begonnen unter der Leitung ihres Hauptmanns, des Försters Simmer.

Wilhelm Friedrich Habicht‚ lutherischer Pfarrer, Vater des derzeitigen Pfarrers in Springstille.

 

Turmknopfreparatur 1848:

Diby hatte die gefährliche Arbeit an diesem Tage zwar glücklich vollendet, aber in übergroßer Eile vergessen, diese Kapsel mit ihren Schriften in den Turmknopf aufzubewahren, was er nachher immer noch hat nachholen wollen, aber leider ist es unterblieben. Ja, am 5. Juni dieses Jahres ist er, nachdem er die Kirchturmreparatur in Brotterode bereits glücklich vollendet und nur noch eine geringe Arbeit am dortigen Kirchendachhatte  hat vornehmen wollen, aus allzugroßer Unvorsichtigkeit und Kühnheit heruntergestürzt und auf der Stelle tot gewesen.

Er wurde dort feierlich beerdigt und von meinem Herrn Schwager, dem dortigen lutherischen Pfarrer Peter Ilgen, mit einer sehr schönen Leichenrede beehrt, die er auch in jeder Hinsieht verdient hat. Er war wegen seiner Geschicklichkeit und Gefälligkeit allgemein beliebt und darum auch allgemein beweint.

Der gegenwärtige Landrat in Schmalkalden heißt Wagener und der hiesige Justizbeamte heißt Scheffer, zwei wackere Männer.

Heute nun will nun der Schieferdecker Kilian Mayenkranz aus Walldorf, 34 Jahre alt, noch nachholen, was damals vergessen worden ist. Gott gebe ihm zu dieser gefährlichen Arbeit Vorsichtigkeit, Kraft und Beistand. Steinbach, den 6. November 1848

Wilhelm Fr. Habicht, lutherischer Pfarrer.

 

 

 

 

Nr. 7: Turmreparatur 1865:

Steinbach-Hallenberg, im Monat Juni 1865: Der Kirchturm wurde von Schieferdecker Dürer aus Ritschenhausen und dessen Sohn Oskar befahren und die Dachreparatur von ihnen vorgenommen. Inzwischen wurde von der Gemeindebehörde und den beiden hiesigen Pfarrern eine vollständige Ausbesserung des Turmes und der Kirche beschlossen. Daraufhin wurden am 2. des Monats die Fahne, Knopf und Zifferblatt herabgenommen und dem Bildhauer Georg Friedrich Döll aus Rotterode zum Vergolden übergeben. Dafür verlangt er heute (den 28.) bei Aufsteckung der Fahne 40 Taler, was er aber nicht vollständig erhalten wird.

Sodann wurden jene Schieferdecker - unter Heranziehung des Schornsteinfegers - mit Firnissen der Gesimse beauftragt, der Tüncher Johannes Jung mit Ausbessern und Weißen des Turms und der Kirche. Diese sämtlichen Arbeiten haben  bis zum heutigen Tag die hiesigen Weißbinder Heinrich Holland- Cunz,  Christian Friedrich Holland-Cunz, Georg Adam Bickel und Ernst Wahl unter Mithilfe der Tünchergesellen glücklich vollendet.

Bei Abnahme des Knopfes fand sich darin eine kupferne Büchse mit älteren Schriften und einiger Denkmünzen, die ich aufbewahrt und heute wieder mit diesen kurz bezeichneten Merkwürdigkeiten habe einstecken lassen:

1. Im Jahre 1846 entstand durch die Krankheit der Kartoffel eine Teuerung, daß gut 10 Liter Kartoffeln  3 3/4 Silbergroschen und 20 Liter Roggen 2 Taler 12 Silbergroschen kosten.

2. Im Jahre 1847 war die Not und Arbeitslosigkeit sehr groß, so daß der Weg durchs Erbsthal seitens der Gemeinde durch Taglöhner gebaut wurde. Der Weg hat 1.700 Taler gekostet, wozu wir 500 Taler aus der Staatskasse erhalten haben.

3. In demselben Jahre wurde die Obsternte so gut, daß eine Tragekorb auf dem Rücken [„Kötze“]  Obst nur 2 1/2 Silbergroschen kostet.

4.  Am 20. November jenes Jahres starb zu Frankfurt a./M. unser Durchlauchtigster Landesfürst Wilhelm der II. von Hessen und am 30. wurde hier mit den Trauergeläute begonnen.

5. Das Jahr 1848 war ein aufrührerisches Jahr. Der jetzige Vizebürgermeister Caspar Holland- Cunz hat im Anhange einige Nachrichten darüber niedergeschrieben.

6. Im Jahre 1849 wurde der Straßenbau überm Erbsthal am Galgenberg bis Bermbach angefangen und 1853 beendet. Dort sind inzwischen auch die Birken neben jener Straße von der Gemeinde gepflanzt worden.

7. Am 19. Sonntag nach Trinitatis 1852, dem 17.10., wurde das 50 jährige Dienstjubiläum des Herrn Pfarrers Wilhelm Habicht mit großer Teilnahme gefeiert und demselben von der hiesigen und eingepfarrten Gemeinden und dem Filialort Oberschönau ein silberner Pokal im Wert von 40 Talern verehrt.

8.  Am 18. Dezember 1853 ist der oben erwähnte ehrwürdige Herr Pfarrer Habicht gestorben.

9.  Am 16.  Juli 1854 wurde der in Kleinschmalkalden geborene neugewählte Herr Pfarrer Luck eingeführt; er ist aber 17. April 1855 wieder gestorben.

10.  Am 21. Oktober 1855 wurde der jetzige Herr Pfarrer Hattendorf aus Kreuzviehe hier eingeführt [bei Bad Nenndorf westlich von Hannover]

11. Im Jahre 1856 wurde durch Mangel an Holz die frühere Brunnenleitung mit Großalme­röder Ton­röhren ausgeführt und dabei der Oberhammerbrunnen bis in den Justizamtshof neu angelegt. Die Gesamtkosten haben ohne die Transporte etwa 900 Taler betragen

12. Im Jahre 1857 wurde den Kleinfeuerarbeitern im Kreise Schmalkalden ein Teil ihres seit undenklichen Zeiten bezogenen Brennholzes aus der Staatswaldung entzogen und dafür Steinkohlen-Magazi­ne angelegt; das entzogene Holz wurde zu Bauholz benutzt und meistbietend verkauft‚ und der Mehrerlös wurde für Steinkohle verwendet. Dadurch kostet seit einigen Jahren ein Gefäß mit etwa 20 Litern Inhalt  2 3/4 Silbergroschen (inzwischen aber 3 Silbergroschen), so daß die Kleinfeuerarbeiter nur so bestehen können.

13. Im Jahre 1859 wurde für die Reparaturen an der hiesigen Kirche eine Kollekte bewilligt und es ging ein Betrag von 170 Taler, 11 Silbergroschen, 4 Heller ein [wohl eine landesweite Kollekte].

14.  In diesem Jahr war der Sommer so trocken und die Ernte so gut, daß Mitte August alle Hülsenfrüchte geerntet waren und kosteten 20 Liter Roggen nur 20 Silbergroschen und der Tragkorb [„Kötze“] Kartoffeln 4 - 5 Silbergroschen.

15. Auch wurde in diesem Jahr mit dem Bau des Gemeinde-Felsenkellers beim Oberhammer begonnen und 1860 vollendet, bis dahin aber noch vergrößert, die Kosten betragen etwa 650 Taler.

16.  Auch ist in diesem Jahre noch ein besonderer Fall hier vorgekommen: Ein Schmied [„Zu­schläger“] Christian Marr, 20 Jahre alt, der in der Schule kaum lesen konnte, ging einige Jahre ins Ausland. Als er zurück kam, ging er jeden Abend 8 Uhr ins Bett und fing an, über Gotteswort im Schlaf zu predigen. Nach und nach wurde das nicht nur  hier, sondern weit und breit bekannt. Nach kurzer Zeit waren manchen Abend mehr als 100 Menschen in und vor seinem Hause auf der Straße, die ihn hören wollten. Der erwähnte Marr wurde mehrmals bei seinem Predigen im Bette liegend sogar mit Schweineborsten in die Nasenlöcher gestochen und dergleichen,   lies sich dabei aber nicht irre machen.

Die beiden hiesigen Pfarrer wußten nicht, was sie dazu sagen sollten, weil Marr in ziemlichem Zusammenhang predigte. Die Sache wurde der Kurfürstlichen Regierungskommission angezeigt. Diese und beschloß, Marr am 17. Februar mit Zuziehung des Medizinalrats selbst zu untersuchen. Das auch geschah an jenem Tag abends 9 Uhr, als zwölf auswärtige Pfarrer eingetroffen waren. Dazu mehr als 500 Menschen aus 4 oder 6 oder 8 bis hin zu 20 Stunden weit entfernten Orten. Darauf wurde den „Predigtfreuden“ ein Ende gemacht. Später wurde Marr zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt wurden, die Strafe wurde aber wieder erlassen. Eine solche Schwindelei ist noch nicht vorgekommen, so lange Steinbach besteht.

17.  Im Jahre 1861 wurden am Gemeinde-Kirchberg vom unteren bis an mittleren Weg 27 Acker Waldung zur Urbarmachung zu Ländereien abgeholzt, in Parzellen zu 17 Acker vermessen und an die arme Bewohner auf zwölf Jahre,  die 3 ersten für 10 Silbergroschen und die 9 letzten für 20 Silbergroschen verpachtet; dieses ist nicht allein für die Gemeindekasse, sondern auch für die ärmeren Einwohner ein großer Vorteil [ein Acker = gut 23 Ar].

18. Im Jahre 1863 wurde die Verfassung von 1860 aufgelöst und die von 1831 wieder in Kraft  gesetzt. Dadurch mußten sich im ganzen Land die auf Lebenszeit gewählten Ortsvorstände der Neuwahl unterwerfen. Für die nicht wieder neu gewählten Ortsvorstände müssen die betreffenden Gemeinden das jährlich zustehende Gehalt zahlen

19. Im Jahre 1863 wurde der Felsenkeller im Erbsthal angelegt, der bisher etwa 320 Taler gekostet hat.

20. Auch wurde in jenem Jahr der Straßenbau im Unterdorf von der Linde nach Altersbach angefangen und wird hoffentlich in diesem Jahr noch beendet

21. Ferner wurde in jenem Jahre die Neuwahl der Gemeindebehörde angefangen und erst im Monat Januar 1864 beendet. Dabei wurden gewählt und bestätigt:

A. zum Bürgermeister:

1. der seit 1852 amtierende Schlosser Elias Usbeck, Christians Sohn

B.  zum Gemeinderat:

2. Kaufmann Caspar Holland- Cunz, zugleich Vizebürgermeister

3. Kaufmann Friedrich Reumschüssel

4. Hammerbesitzer Christian Holland, Peters Sohn

5. Hammerbesitzer Peter Usbeck

6. Postverwalter Matthäus Werner

7. Kaufmann Johannes Holland-Letz

C. ständiger Gemeindeausschuß:

8. Hammerbesitzer Christian Bernhardt Holland‚ Ausschußvorsteher

9. Metzger Caspar Häfner

10. Schlosser Michel Usbeck

11. Kaufmann Christian Usbeck, Gottliebs Sohn

12. Müller Peter Jäger

13. Amtswundarzt Wilhelm Erdmann

14. Schlosser Wilhelm Reumschüssel

15. Schlosser Gottlieb Nothnagel; zugleich Steuererheber

16. Seifensieder Christoph Zielfelder

D. außerordentlicher Ausschuß:

17. Nagler Jacob König, Valtins Sohn

18. Glaser Christian Döll

19. Schlosser Philipp Reumschüssel, Gottliebs Sohn

20. Müller Gottlieb Usbeck

21. Hammerbesitzer Johannes Usbeck, Elias Sohn

22. Gurtweber Matthäus Wirth

23. Bauer Johannes Wahl

24. Schlosser Matthäus Holland-Cunz, Valtins Sohn

25. Schuhmacher Christian König

E. Staatsbeamte:

26. Justizamtmann Felde aus Kassel

27. Rentereibeamter Rompf, soeben nach Kassel versetzt

28. Aktuar Lieberknecht aus Wanfried

29. Revierförster Lipsyus aus Steinau

30. Amtswundarzt Erdmann aus Allendorf

31. Postverwalter Werner

32. Apotheker Köbrich aus Netra

33. Lutherischer Pfarrer Hattendorf aus Kreuzviehe

34.  Reformierter Pfarrer Raßmann aus Westuffeln

35. Kantor Münch aus Brotterode

36. Organist Eck

37. II. Grundschullehrer Rohde

38.  I. Grundschullehrer Fenner, Steinbach

39. Kirchenvater Peter Usbeck, zugleich Kirchenrechner

40. Kirchenvater Siegmund Reumschüssel

41. Kirchenvater Christian König, Johannes Sohn, lutherisch.

42. Kirchenvater Christoph Holland-Moritz

43. Kirchenvater Valtin König, Valtins Sohn, reformiert.

F. Ortsvorstände in den eingepfarrten Ortschaften:

44. In Altersbach Schmied Christian Häfner

45. In Rotterode Schuhmacher Christian Gratz

46. In Unterschönau Schlosser Wilhelm Friedrich Bauroth.

 

Ferner noch nachträglich:

Seit 1853 gibt es hier die Armenverpflegung mit Naturalverköstigung. Im Jahre 1861 sind von Unterdörfer Kühen viele Kälber geboren in Mißgestalten, Hund, Wolf usw. ähnlich. Der Unterwirt mußte seinen Hund abschaffen und sind danach solche Geburten nicht wieder vorgekommen. Auch wurde in jenem Jahre eine Sparkasse und 1862 eine Viehkasse eingerichtet.

Auch war im Jahr 1861 die Königsglocke zersprungen, die von Wilhelm Ullrich in Apolda umgegossen wurde. Die alte wog 433 Pfund und die jetzige 473 Pfund,  die Gesamtkosten haben etwa 86 Taler betragen.

Im Jahre 1865 war der Schnee so groß, daß sich alte Leute sich nicht an einen solchen erinnern konnten. Östlich soll er in manchen Orten - Oberhof usw.- 4,50 Meter hoch gelegen haben.  Am 30. März mußte der Schneepflug von hier nach Schmalkalden geschleppt werden und am 1. Juni wurden die Kartoffeln schon wieder gehäufelt.

(Anmerkung:) Am 19. Juni hatte man wieder einen starken Frost und es sind hier und in der Umgegend die Kartoffel teilweise erfroren. Dadurch ging der Mehlpreise auf einen Taler pro Zentner in die Höhe).  Auch sind bis heute etwa. 400 Menschen von hier abgereist und arbeiten auf Zuckerfabriken im Ausland, so daß es hier sehr an Tagelöhnern mangelt.

Geschlossen am Tage bei Aufsteckung des Knopfes.

Steinbach-Hallenberg, den 28. Juni 1865, vom Bürgermeister E. Usbeck, geboren am 8. April 1809                  (Stempel: Gemeinde Steinbach, Kurhessischer Kreis Schmalkalden.

 

Am 28. Juni 1865 wurde der neu vergoldete Turmknopf wieder aufgesteckt und dabei den Schulkindern ein Fest gegeben. Ich freue mich, daß gegenwärtig ein so reger kirchlicher Sinn hier herrscht. Im Jahre 1855 sind in allen 12 Monaten nur 1.400 Leute in der hiesigen Kirche zum Abendmahl gegangen, jetzt sind im selben Jahr bereits 1.200 gegangen. Gott erhalte und mehre!                                                                         Hattendorf,  lutherischer Pfarrer.

 

 

Nr. 8 (Anhang) Aufstand der Nagelschmiede

Kurze Beschreibung hiesiger Vorfälle in dem für ganz Deutschland insbesondere denkwürdigen Jahr 1848.

Das vorhergehende Jahr 1847 war für die hiesigen Gewerbetreibenden in vielen Beziehungen ein recht unglückliches: Die Nahrungsmittel waren sehr teuer, der Verdienst war schlecht und obendrein gab es Mangel an Arbeit. Die Nagelschmiede hatten wohl am meisten zu leiden.

Dazu kam noch zu ihrem Schrecken die Anlegung einer Nägelfabrik mit Maschinen durch Schmalkalder Bürger im Ebertsgrund bei Asbach, die „Wasche“ genannt. Die erst hart bedrängten Nagelschmiede glaubten durch die Fabrik ihre Existenz bedroht, und da auch ihre deswegen eingereichten Bitt- und Beschwerdeschriften unberücksichtigt geblieben waren, so wagten sie in ihrem Wahn dann das Äußerste.

Es war am 13. März 1848 des Morgens, als hier unerwartet von Ober- und Unterschönau ein massenhafter Zug von Nagelschmieden ankam, sich mit vielen Hiesigen, Rotterodern und anderen in Verbindung setzte und unter Zulauf von noch viel mehr Volks nach dem Eberts­grund marschierte. Sie waren mit Äxten und anderen Zerstörungswerkzeugen bewaffnet, um dort die genannte Nägelfabrik zu zerstören.

Die Leute kamen dort ganz unerwartet an und fanden nicht den geringsten Widerstand. Die Wut war so groß, daß in ganz unglaublich kurzer Zeit Maschinen und Gebäude vollständig vernichtet, ja fast der Erde gleich gemacht waren. Es gab demnach auf der Wasche eine grauenerregende „Pelzwasche“, die  von mehreren 100 Menschen erstaunlich schnell ausgeführt worden ist. Doch ist bei der hastigen Zerstörung ein Menschenleben geschädigt oder zugrunde gegangen.

Diese armen, teilweise schon halb verhungerten Leute hatten sich bei der Zerstörung äußerst angestrengt. Sie hatten den Weg 2 bis 3 Stunden weit hin und zurück gemacht und kamen nun am Nach­mittag erschöpft und hungrig in Steinbach-Hallenberg an. Hunger tut weh und Not bricht Eisen! Sie verlangten von den Zunftdeputierten deren vorrätige Gelder aus der Zunftlade. Mit Zustimmung des damaligen Rentmeisters Salzmann bekamen sie davon 60 Taler zum Verzehren. In Steinbach-Hallenberg waren aber im Augenblick die verlangten und nötigen Lebensmittel für so viele Menschen nicht so schnell aufzutreiben und so ging ein Teil davon in Wirtshäuser benachbarter Orte.

Ja, es war vielleicht doch nur ein falscher Wahn der Leute! Denn jetzt gibt es auswärts viel mehr Nägelfabriken, ja, das Zain-Eisen oder vielmehr das Walz- und Schnitteisen wird aus anderen Gegenden billiger auch nach hierher bezogen, als es hier bei den teuren Materialien herzustellen ist. Trotzdem haben die hiesigen, jetzt noch zahlreichen Nagelschmiede schon seit mehreren Jahren vollauf zu tun und keinen schlechten Verdienst.

„Der Wahn ist kurz, die Reu kommt nach!“ Und so forderte auch diese Tat noch ihr entsetzliches Opfer in Rotterode. Und ein hiesiger braver Schneider flüchtete deshalb aus der teuren Heimat mit Weib und Kind nach Amerika.

Tags darauf, am 14. März 1848, fanden sich wieder viele Gewerbetreibende zusammen, wählten einen Führer und verlangten -  als Bittschriften fruchtlos geblieben waren - jetzt nachdrücklicher unter anderem auch die Ermäßigung der Holztaxe und freie, undgenügende Abgabe von Streuzeug; diesem Verlangen wurde später von der Staatsregierung auch entsprochen.

Die Aufregung und die verschiedenen teils statthaften, teils unstatthaften Verlangen vieler Leute, namentlich auch nach Freiheit und Gleichheit - doch oft mißverstanden - steigerten sich immer mehr durch allerlei Aufwiegelungen in Rede und Schrift und den vermehrten

Genuß von erhitzenden Getränken.

Weil man mit Recht eine allgemeine größere Ruhestörung auch im hiesigen Orte allen Anzeichen nach befürchtet,  wurde noch am selben Tage im Schullokale die hiesige Bürgergarde neu organisiert; Aber mit ihr bei der Lauheit und Furchtsamkeit der meisten Mitglieder fast gar nichts auszurichten. Die Ruhestörer hatten auch Schießgewehre.

Man mußte dem immer mehr um sich greifenden Tumult ein Ende machen, zumal sich während der Osterfeiertage freches, drohendes, liederliches Gesindel auch noch von auswärts einfand und zuletzt Tag und Nacht hindurch wütete.

Am dritten Osterfeiertage  beschloß die Gemeindebehörde: Wir fangen am untersten Haus an und fordern jeden friedliebenden Bürger zur Abwehr des Krawalles auf, der hauptsächlich im Oberwirtshause getrieben wurde; dann wird mit der Aufforderung durch den ganzen Ort fortgefahren.

Als die Unterdörfer an das obere Wirtshaus kamen, gingen Mitglieder der Gemeindebehörde hinein, forderten auch da jeden Friedliebenden auf, sich dem Zuge anzuschließen. Es schlossen sich viele an, darunter auch mehrere sogenannte „Rebeller“. Der Zug ging dann weiter, wurde im Oberdorfe bedeutend größer. Als er - mit Stöcken und Knitteln gehörig bewaffnet - am Blechhammer ruhig angelangt war, kehrte er wieder um. Und wenn er nicht auseinander gegangen wäre, so .....könnte man ihn vielleicht heute noch sehen!

Trotz den Vorsichtsmaßregeln gab es jedoch später an diesem Tage wieder eine große Schlägerei mit Knüppeln und Gewehrkolben vor dem hiesigen Oberwirtshaus zwischen Hiesigen und Auswärtigen, und in der allgemeinen Aufregung wurde mit allen Glocken geläutet. Auch diese Schlägerei schien mehr aus persönlich privatem als aus politischem Charakter entsprungen zu sein.

Durch das Herbeieilen vieler friedfertiger Ortsbürger wurde die Schlägerei beendet. Auch die Schankwirtschaften - die während des Krawalles sehr schlechte Geschäfte gemacht haben sollen - wurden für einige Zeit ganz geschlossen. Die Ruhestörungen ließen hierauf nach, die Bürgergarde mußte bis zum 2. Mai Wache halten. Vom 24. März bis 2. April haben 150 Mann Infanterie und 10 Mann Husaren im Ort gelegen, Am 2. Mai kamen wieder 100 Mann Gardisten hier an, für deren Verpflegung jedoch aus der Staatskasse pro Mann täglich 3 3/4 Silbergroschen vergütet wurden.

Von den Rebellen - nach denen vom Militär gefahndet wurde - gingen mehrere längere Zeit auf die Flucht. Es wurden jedoch 16 Mann gefangengenommen und mußten zum Teil lange in Untersuchungshaft sitzen, bis endlich eine landesherrliche Begnadigung eintrat. Ende des Jahres zog das Militär- fast ungern - wieder von hier ab: Es hatte zwischen Bürger und Soldaten ein gutes Einvernehmen gegeben, daher wurde es von vielen Leuten noch ein gut Stück des Wegs begleitet.

Die allgemeine Aufregung in ganz Deutschland fand demnach auch hier ihr Echo,  jedoch immer in einem solchen Maße, daß man es im Vergleich zu Städten wie Kassel, Berlin, Leipzig, Dresden, Frankfurt a.M. (letztere der Sitz des damaligen deutschen Parlaments) doch nur äußerst klein nennen kann.

Brandstiftungen, die damals hier befürchtet wurden, hat der Allmächtige verhütet und als es nach dem Ratschlusse unsres gnädigen Gottes Zeit war, segnete er uns wieder mit Ruhe, Frieden und Nahrung, so daß unser Steinbach jetzt doch mehr als früher in Wohlstand und Bildung lebt! Dafür steige unser innigster Dank hoch! hoch! hoch!

Steinbach-Hallenberg., am 28. Juni 1865    

Caspar Holland-Cunz, Kaufmann, geboren am 2. Juli 1818 (Siegel wie bei Nr. 7).

 

 

Nr. 9: Abnahme des Turmknopfes 1873

Steinbach-Hallenberg, am 13 August 1873: Am 5. Juni schlug bei einem heftigen Gewitter ein kalter Blitzstrahl in den hiesigen Kirch­turm ein, beschädigte das Turmdach, einen Balken im Turm hinter der Uhr und etwas die Mauer. Bei der jetzt durch Schieferdecker Reinhold Thiem von Zella, Zimmermeister Michael Jäger und Schlosser Friedrich Ader hier vorgenommenen Reparatur wurde zugleich die schon früher beschädigte Turm-(Helm)-Stange samt Knopf abgenommen.

 

Denkwürdigkeiten seit 1866:.

1866: Nach dem zu Preußens Gunsten ausgefallenen deutschen Kriege in diesem Jahr wurde auch Kurhessen dem Preußischen Staat als Provinz einverleibt und die Kurfürstliche Familie hörte auf zu regieren. Der im Kreise Schmalkalden gelegene Staatswald wurde vom König von Preußen an den Herzog Ernst von Gotha für dessen im Kriege geleistete Dienste verschenkt, was in unserem Kreis großes Mißfallen erregte.

 

1869:  Am 8.Juli starb der Bürgermeister Elias Usbeck. Es wurde der Kaufmann und vorherige Vizebürgermeister Caspar Holland-Cunz zum Bürgermeister gewählt und als solcher am 29. Juli verpflichtet.

Der lutherische Pfarrer Carl Hattendorf wurde von hier nach Niederasphe versetzt. An seine Stelle wurde gewählt der Pfarrer Wilhelm Bernhard von Fambach, geboren in Marburg. Er trat am 30. Januar 1870 sein Amt an und bekleide es bis heute zur größten Zufriedenheit der mit ihm gesegneten Gemeinde.

 

1870/71: An dem glorreichen Krieg gegen Frankreich waren aus hiesiger Gemeinde 42 Krieger beteiligt, darunter 19 verheiratete Reservisten. Unsere hiesigen Soldaten gehörten meist zu der Armee-Abteilung unseres Kronprinzen und haben die glänzendsten Siege mit erfechten helfen. Gott sei Dank hat unsere Gemeinde keinen Gefallenen  zu beklagen. Dem Unteroffizier Zielfelder mußte in Folge einer Verwundung ein Bein amputiert werden. Außerdem wurden noch Einige unbedeutend verwundet.

Zur Feier der Heimkehr der hiesigen Krieger wurde ihnen nach abgehaltenem Dank-Gottes­dienst am 18. Oktober 1871 von der Gemeindebehörde ein fröhliches Mahl veranstaltet, überhaupt der ganze Tag ohne Störung recht festlich begangen. Jeder von ihnen empfing bei dieser Festlichkeit in der Kirche ein neues Kirchengesangbuch mit einem vom Bürgermeister im Namen der Gemeinde entworfenen, unterzeichneten und besiegelten schön lithographierten Gedenkblatt ( unter Nr. 9 a beigefügt).

 

Am 27. Juni 1871 war in Folge anhaltenden Regenwetters eine große Überflutung hier. Die ausgetretene Hasel bedeckte teilweise die Straße, mehrere kleine Gebäude wurden von dem reißenden Wasser umgerissen, andere sowie die beiden oberen Brücken, nämlich die sogenannte Sattlersbrücke sowie die Plätzer-Brücke arg beschädigt.

 

Ende 1871 wurden die bis 1. März 1872 verpachteten beiden Gemeinde-Wirtshäuser zum Verkauf angeboten. Käufer wurden die seitherigen Pächter Hugo Bühner und Ferdinand Recknagel. Bühner erstand das obere Wirtshaus mit Brauhaus und Felsenkeller für 6.000 Taler. Recknagel erstand das untere Wirtshaus mit Kellerhaus und Felsenkeller für 2.800 Taler.  - Nach einer am 1. Dezember. 1871 vorgenommene Volkszählung belief sich die Zahl der hiesigen Einwohner auf 2.911 in 440 Wohnhäusern.

 

1872: Unsere hiesige Handwerksschule befand sich in den letzten Jahren in einem beklagens­werten Zustand, sie wurde nur noch von etwa zwölf Schülern besucht. Der Bürgermeister reichte daher unablässig Bittschriften bei der Königlichen Regierung in Kassel ein und bat um Trennung der hiesigen von der Schmalkalder Handwerksschule und um Einrichtung eines Königlichen Vorsteheramtes der Handwerksschule.

Diesem Gesuch wurde endlich am 30. Mai 1872 von der Königlichen Regierung entsprochen und nachdem noch vom Bürgermeisteramt die Statuten mit Schulzwang festgesetzt waren, erhob sich in Kurzem die Schülerzahl dieser für unseren Ort so nützlichen und segensreichen Anstalt auf etwa 150.

Das Königliche Handwerkerschul-Vorsteheramt besteht derzeit aus folgenden Mitgliedern:

1. Amtsrichter Kind

2. Pfarrer Bernhard

3. Bürgermeister Holland-Cunz

4. Zimmermeister Michael Jäger und

5. Schlossermeister Gottlieb Wilhelm Usbeck, sämtlich von hier.

 

1873: Seither hatten wir bloß einmal täglich Postverbindung (Fahrpost) mit Schmalkalden; vom 1. August an geht noch eine tägliche Botenpost zwischen hier und Schmalkalden.

An Stelle der durch die Überschwemmung 1871 stark beschädigten Brücken sollen vom Staate zwei eiserne gebaut werden, die auf 8.000 bis 10.000 Thaler veranschlagt sind. Mit dem Bau derselben ist seit einigen Wochen begonnen worden.

Die Friedhofskirche wurde restauriert und diesmal auch im Inneren durch einen weißen Anstrich verschönert. Eine deshalb in der hiesigen Gemeinde veranstaltete Kollekte ergab 54 Taler, 19 Silbergroschen, 10 Pfennig.

Die hiesige Gemeindebehörde besteht derzeit aus folgenden Mitgliedern:

a. Bürgermeister Caspar Holland-Cunz

b. Gemeinderat:

1. Hammergewerke Christian Ludwig Holland, Vizebürgermeister

2. Apotheker Conrad Köbrich

3. Kaufmann Christian Usbeck

4. Kaufmann Johannes Holland-Letz

5. Zimmermeister Michael Jäger

6. Glasermeister Christian Döll

c. Ständiger Ausschuß:

1. Gottlieb Nothnagel, Vorsteher

2. Christian Hofmann, Stellvertreter

3. Wilhelm Bühner

4. Michael Usbeck

5. Gottlieb Usbeck

6. Postverwalter Werner

7. Christian König

d. Außerordentlicher Ausschuß:

1. Christian Jacob König

2. Wilhelm Reumschüssel

3. Georg Ritzmann

4. Mathias Wirth

5. Carl Bühner

6. Peter Usbeck

7. Mathias Holland-Cunz

8. Christian Jäger

9. Christian Holland senior.

Pfarrer r:

1. Wilhelm Bernhard, luthersicher Pastor

2. Wilhelm Rohnert, reformierter Pastor.

Lehrer:

1. Friedrich Schlag, Kantor,

2. Johann Georg Eck, Organist,

3. Christian. Rohde,

4. Fenner (Kantor Münch pensioniert).

Amtsgericht:

1. Amtsrichter Christian Kind,

2. Sekretär Carl Zschorlich

Arzt: Dr. Lehnebach

Herzoglicher Oberförster: Wilharm

Mit Gottes Hilfe wird heute der Knopf wieder aufgesteckt.

Steinbach-Hallenberg, am 13 August 1$73                          Der Bürgermeister Holland-Cunz

 

(Zusatz:) Gott segne unser liebes Kirchspiel viel tausendmal. Man besucht die Kirche fleißig und das heilige Abendmahl. Es gingen zum heiligen Abendmahl lutherischerseits im Jahre  1870 im Kirchspiel 3.022 (Oberschönau ferner 571), im Jahre 1872 schon 3.207 (Oberschönau 659), worüber ich mich  besonders freute.  Am 30. Juli 1873 war Missionsfestfeier. Es predigten Pastor Trebitz aus Beutnitz bei Jena und Pastor Gehrert [oder Gerhold] aus Niederhessen. Der Gottesdienst war sehr besucht, es gab 93 Taler Kollekte.

Gott segne uns alle und gebe uns das ewige Leben durch unsern Herrn Jesus. Amen. Gott schütze unsre. evangelische Kirche vor ihren falschen Freunden und ihren mächtigen Feinden, die sie jetzt hat. Wir beiden Pfarrer, die wir im Frieden unser Nest schützen, glauben an Psalm 46.                                                                                         W. Bernhard, Pastor

 

Nr. 10: Reparatur des Turmknopfes 1906

Zur Geschichte von Steinbach-Hallenberg wird gelegentlich der Abnahme und des Vergoldens des Turmknopfes folgendes nachgetragen:

Am 16. Juli 1870 erhielten die folgenden Reservisten und Landwehrleute Befehl, sich von 19. bis 21. Juli bei dem Bezirkskommando Rotenburg a/F. einzustellen, um an dem zwischen Preußen und Frankreich ausgebrochenen Kriege teilzunehmen: (es folgen 41 Namen). Die ausgerückten Krieger sind nach Beendigung des Feldzugs alle wieder zurück gekehrt, verwundet wurden: Adolf Zielfelder, welchem ein Bein abgenommen war, und Husar Gottlieb Kleb durch einen Brustschuß; leicht verwundet wurde Valtin Wilhelm Jäger.

 

1876: In der Nacht vom 12. auf 13. März wütete ein furchtbarer Sturmwind, der den größten Teil der Dächer abdeckte und die Schornsteine hinwegfegte, außerdem aber auch in den Wäldern großen Schaden anrichtete. Vor allem beschädigt wurden die hinter der Burg stehenden uralten Tannen und die große Eiche beim Kindlesbrunnen [bei Haus Arzbergstraße 80, Ecke Kälberzeil], in der weiten Umgebung die einzige in ihrer Stärke  (man spricht von 7 Meter Umfang) sind zusammen gebrochen.

 

1878 entstand infolge anhaltenden Regens ein „Großwasser“, das das Wehr beim Amtsgericht durchbrach und das unter demselben zwischen Erbfluß und Kunstgraben stehende Wohnhaus des Zainers Georg Christian Holland-Moritz mit fort riß, nachdem kurz vorher der Besitzer durch zwei Steiger der Feuerwehr mittelst einer Leiter aus dem einbrechenden Hause geholt worden war.

 

Mit Ende der 70er Jahre hörten die Hammerwerke auf zu gehen. Es bestanden damals noch der Oberhammer, Plätzerhammer, Mittelhammer und Unterhammer. Alle sind verschwunden und es bestehen heute an deren Stellen Eisenpoliereien oder sonstige fabrikähnliche Anlagen.

Mit Beginn der 80er Jahre wurden die hiesigen Nagelschmiede sozusagen lahm gelegt. Es entstand in Eberswalde bei Berlin die große Nägelfabrik von Möller und Schreiber, ebenso eine solche in Hamburg. Diese fabrizierten die hier einzeln geschmiedeten Hufnägel massenhaft und lieferten zu solchen billigen Preisen, daß die hiesigen Arbeiter und Händler nicht nachkommen konnten. Infolge des Arbeitsmangels fehlte es am Verdienst; ein arbeitsloser Nagelschmied arbeitete als Tagelöhner gern für 1 Mark 20 Pfennige pro Tag, um nur Brot für seine Familie zu schaffen.

In dieser Notlage kam die Königliche Regierung zu Hilfe. Aus Staatsmitteln erhielt die Gemeinde 100 Zentner sogenanntes „Peiner Eisen“. Dieses Eisen wurde an arbeitslose Nagelschmiede billig abgegeben und der Erlös den armen Notleidenden nach und nach in Form von Unterstützungen oder auch für geleistete Taglöhne gegeben.

Als später die Firma Möller und Schreiber von dem durch sie hervorgerufenen Notstande durch die Königliche Regierung Kenntnis erhielt, sandte sie Eisen hierher und ließ es durch die Nagelschmiede des Steinbacher Grundes verarbeiten. Es wurden Ochsennägel, Maultiernägel und sogenannten „Elefantennägel“ verfertigt. So brachte die genannte Firma der hiesigen Bevölkerung wieder Arbeit und Verdienst, bis dieselbe nach und nach in anderen Berufszweigen Fuß faßte und sich ihr Brot auf andere Weise verdiente.

Hierzu sei noch bemerkt, daß die Firma Möller und Schreiber in uneigennütziger Weise keinen Verdienst von den hier gefertigten Waren genommen hat, sondern die Überschüsse alljährlich hierher sandte, um an die einzelnen Arbeiter verteilt zu werden. Das letzte Geld ist im Jahre 1902 verteilt worden. Von da an ist nicht mehr für Möller und Schreiber gearbeitet worden. Trotzdem leben heute noch etwa 120 Nagelschmiede, die ihren Lohn durch Anfertigung von Schloß- und Brettnägeln, Kernnägeln  Schiffsnägeln, alle möglichen Sorten Haken und dergleichen verdienen. Hufnägel werden allerdings nur wenig fabriziert.

 

1881: Am Sonntag nach Pfingsten, dem 12. Juni, entstand im Oberwirtshause (Gasthof „Zum Schloß Hallenburg“, Besitzer Hugo Bühner) Feuer, das sich sehr schnell verbreitete und diesen Gasthof sowie die Anwesen von Matthias Holland-Cunz, Caspar Danz, Kaufmann E. Sasse, und das Oberdörfer Schulhaus mit sämtlichen Nebengebäuden einäscherte und die Apotheke teilweise zerstörte.

Der Platz, auf dem die Schule gestanden hatte, wurde dem Gastwirt Hugo Bühner für 1.803 Mark verkauft. Dafür wurde das Anwesen des Naglers Christoph August König, an der Hauptstraße, Wohnhaus mit Schmiede und Scheune, mit dem dahinter liegenden Acker des Kaufmanns Wilhelm Holland-Merten angekauft. Auf dem Letzteren entstand nunmehr die neue Schule, die am 15. Oktober 1882 eingeweiht wurde und mit Ausrüstung etwa 30.000 Mark gekostet hat. Lehrer waren damals: Kantor Schlag, Organist Miquel und die Lehrer Fenner, Volkmar und Zeiß, und als sechster kam der Lehrer Pistor. Schulkinder waren es etwa  570, an Schulgeld waren 1704 Mark eingekommen.

 

1883: Am 10. und 11.November fand die 400 jährige Geburtstagsfeier Dr. Martin Luthers statt und zwar beteiligten (sich) hieran die sämtlichen Einwohner des Kirchspiels Steinbach-Hallenberg. Aus jeder Schulklasse trug ein Schüler oder eine Schülerin in der Kirche ein Gedicht vor, während an jeden besten Schüler der Klassen eine Luther-Bibel verschenkt wurde.

 

1883/84: Im Winter fand ein großes Sterben statt, namentlich unter den Kindern. So wurden an einem Tage sechs Kinder von hier und eine Frau von Unterschönau zu Grabe getragen.

 

1888 war ein Trauerjahr. Am 9. März brachte der Telegraph die Nachricht, daß Seine Majestät der Kaiser und König Wilhelm I. im 91. Lebensjahr aus diesem Leben dahingeschieden sei. Es wurde eine sechswöchige Landestrauer angeordnet und vier Wochen lang jeden Mittag von 12 bis 1 Uhr mit allen Glocken geläutet.

Unser damaliger Kronprinz Friedrich Wilhelm weilte zur Zeit des Todes seines hochseligen Vaters infolge eines bösen Halsleidens (an dem er nicht mehr genesen sollte) in San Remo. Als ihn dort die Trauerkunde ereilte, reiste er alsbald nach Berlin, um den Thron als Kaiser Friedrich III. zu besteigen. Aber schon am 15. Juni 1888 ereilte auch ihn der unerbittliche Tod. Eine abermalige Landestrauer von sechs Wochen wurde angeordnet und abermals vier Wochen täglich von 12 bis 1 Uhr mit sämtlichen Glocken geläutet.

Als dritter deutscher Kaiser im Jahre 1888 hatte nun den Thron bestiegen Wilhelm II., der noch heute das Deutsche Reich regiert und dem noch eine lange gesegnete Regierung beschieden sein möge.

 

Am 9. Dezember 1888 Sonntag Abends gegen 6 Uhr wurde der Herzogliche Waldwart Ferdinand Hengelhaupt aus Rotterode auf dem Wege von hier nach Rotterode am Kälberzeil, oberhalb der Zionskirche, von dem Nagler Elias Rommel und dem Schlosser Richard Pfeffer von hier erschlagen. Dieselben wurden am 22. März 1889 vom Schwurgericht Meiningen zum Tode verurteilt und am 34. Oktober desselben Jahres auf dem Hof des Landgerichtsgebäudes in Erfurt hingerichtet. Diesem schaurigen Akte wohnten der damalige lutherische Pfarrer Obstfelder, Gemeinderatsmitglied Ferdinand Häfner (Andreas Sohn), Ausschußmitglied Schlossermeister Elias Usbeck und der praktische Arzt Dr. Kuhn von hier als Zeugen bei.

 

Nach langem Bitten erhielten wir im Jahre 1889 die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahn von Schmalkalden über Steinbach-Hallenberg nach Zella St.Blasii durch den Königlich Preußischen Eisenbahnfiskus. Am 6. August 1889 trafen die ersten Bahnarbeiter hier ein (Bayern und Italiener)‚ die zunächst an der Strecke Schmalkalden-Steinbach-Hallenberg arbeiteten,

Die landespolizeiliche Abnahme dieser Strecke fand am 4. Dezember 1891 statt, während der erste Zug am 14. Dezember 1891 von Schmalkalden kommend hier eintraf. Unter Beteiligung der ganzen Einwohnerschaft, Gemeindebehörde und sämtlicher Vereine fand eine großartige Feier statt. Ein Jahr später, am 25.Januar 1893, war auch die Strecke Steinbach-Hallenberg - Zella fertig und wurde dem Verkehr übergeben, gleichfalls mit einer entsprechenden Feierlichkeit. Seit jener Zeit ist Handel und Verkehr im steten Blühen und Wachsen begriffen und der Wohlstand hat sich bedeutend gehoben.

 

Am Himmelfahrtstag 1893 nachts zwischen 11 und 12 Uhr entstand in der Scheune, die damals Gottlieb Nothnagel gehörte (jetzt Gasthof „Zum deutschen Kaiser“) in der Hammergasse ein Feuer. Es verbreitete sich in kurzer Zeit über die Anwesen von Spediteur Wilhelm, Wagner An­ding, Nagler August Kaiser, Schlosser Valtin Wilhelm Jäger, Schlosser Karl Friedrich Motz, Gebrüder Karl und August Wilhelm sowie Kaufmann Michael Usbeck und zerstörte diese mit allen Nebengebäuden. Das Unterwirtshaus (das Ferdinand Recknagel gehörte) [später  Gast­­hof „Zum Stern“, Hauptstraße 47] sowie das Haus Adolf Bühners wurden stark beschädigt. Ebenso wurden die Häuser von Fritz Killenberg und David Friedrich Giesenhan durch Flugfeuer ergriffen und zerstört. Das Haus des Metzgers Wilhelm Häfner wurde stark beschädigt.

 

Wenige Wochen darauf brach in der Scheune des Matthias Rommel erneut Feuer aus. Dadurch brannte die genannte Scheune und die Wohnhäuser von Ernst Wilhelm, Lehrer Volkmar, Friedrich Wilhelm Marr und Postverwalter Werner mit Nebengebäuden nieder. Ebenso brannte die Werkstatt mit einer Wohnung des Gottlieb Wilhelm Usbeck ab, während das Wohn­haus des Letzteren und das Haus der Witwe des Peter Wahl sehr beschädigt wurden. In beiden Fällen wurde Brandstiftung vermutet, doch haben die Täter nicht ermittelt werden können.

 

In demselben Jahre entstand infolge anhaltender Hitze Futternot, das Vieh konnte nicht erhalten werden und wurde bis auf einen kleinen Bestand geschlachtet; man konnte das Pfund Fleisch für 25 bis 30 Pfennige kaufen. Als die Not am höchsten stand, wurde durch die Fürsorge der Königlichen Regierung und unsres sehr verehrten Herrn Landrats Dr. Hagen in Schmalkalden ein Kreisfuttermagazin ins Leben gerufen und Kunst- und Kraftfutter (wie Erdnußkuchen, Reisschlempe und dergleichen) und ebenso Heu und Stroh zu billigen Preisen aus den fernen Provinzen hier eingeführt. Dadurch wurde es möglich, den geringen Viehbestand doch zu gehalten.

 

Im Juli 1894 gründete der Zigarrenfabrikant Louis Wolff aus Hamburg eine Zigarren­fabrik, in der bisher etwa 120 Mädchen arbeiten und durch die ein großer Verdienst in die Gemeinde kommt.

Am 22. April 1898 fanden die ersten Verhandlungen zur Errichtung eines Elektrizitätswerks statt, die dahin führten, daß die Firma Hermann Gieldzinski in Berlin ein Elektrizitätswerk in der Moosbach errichtete, das schon Anfang März 1899 in Betrieb gesetzt wurde. Außer der Straßenbeleuchtung erhalten etwa 200 Häuser elektrisches Licht, auch wird an eine größere Anzahl Gewerbetreibender Starkstrom zum Betriebe ihrer Maschinen und dergleichen abgegeben.

 

In demselben Jahr entstand im Gruppich das neue evangelische Vereinshaus - an der Bismarckstraße Nr. 1 - in welchem eine Kleinkinderschule und zwei Gemeindeschwestern untergebracht sind, die zum großen Segen der Gemeinde schaffen und wirken.

 

Im Monat August 1899entstand in dem ehemaligen Besitztum des Hammergewerken Christian Hoffmann (der Oberförsterei gegenüber) ein Schadenfeuer, dem das ganze Anwesen in der der Hauptstraße Nr. 48 zum Opfer fiel. Dieses Grundstück wurde in seiner ganzen Größe mit 64 Ar 7 Quadratmeter von dem damaligen Besitzer Carl Wilhelm Wirth durch Beschluß der Gemeindevertretung vom 1. Oktober 1899 für 30.000 Mark von der Gemeinde käuflich erworben, die Rathausstraße darüber gelegt und das Rathaus darauf errichtet.

Am 26. März 1900 fand die feierliche Grundsteinlegung statt und am 1. Oktober desselben Jahres wurde das Rathaus seinem Zwecke übergeben. Die Gemeindevertretung veranstaltete bei dieser Gelegenheit eine Festlichkeit, an der sich außer den hiesigen Gemeinde- und Staatsbeamten und Geistlichen auch der Herr Landrat Dr. Hagen, Regierungs-Assessor Dr. Schmieder und die Kreisausschußmitglieder beteiligten.

Als Bürgermeister amtierte damals der frühere Kaufmann Alex Bleymüller aus Schmalkalden, Beigeordneter war Mühlenbesitzer August Jäger (seit 1889). Gemeindebeamte waren vorhanden: Gemeindeschreiber Christian Wilhelm Dittmar (seit 1885), Bürogehilfe Ernst Thomas (1893), Sparkassenkassierer Julius Häfner (seit 1885), Gemeinderechner August Häfner (1.1.1900), zwei Polizeisergeanten Valtin Recknagel und Richard Wahl und Flurhüter Holland-Cunz.

Die Maurerarbeiter zum Rathause waren von Ernst Keßler, die Zimmerarbeiten von Carl Jäger (Elias Sohn) aus Steinbach-Hallenberg ausgeführt worden. Die Kosten betrugen rund 50.000 Mark. Nach Fertigstellung des Rathauses wurde vor diesem ein Kriegerdenkmal errichtet. Die Maurerarbeiten hierzu wurden ebenfalls durch Keßler, die Bildhauerarbeiten von Emil Köpler aus Schmalkalden ausgeführt. Die Kosten betrugen 3.187 Mark und wurden zum größten Teil durch freiwillige Gaben aufgebracht, während der Rest von den beiden Krieger- und Militärverein übernommen wurde.

 

Im Jahre 1901 erwies sich unsre Schule als zu klein. In wohlwollender Weise genehmigte das Herzogliche Staatsministerium in Gotha die Abtretung des damaligen am Friedhof entlang liegenden Forstgrundstücks gegen Austausch der Hirtenwiese an der Rasenmühle. Es entstand nun eine zweite Schule mit Lehrerwohnung, die 34.000 Mark gekostet hat, wozu eine Staatsbeihilfe von 10.000 Mark bewilligt wurde. Die Maurerarbeiten lieferte Ernst Keßler von hier, die Zimmerarbeiten Zimmermeister Simon aus Schmalkalden.

Am Tage der Schuleinweihung - im September 1901 - fand eine Schülerfeier statt. Jedes Kind erhielt eine Bratwurst. Verteilt wurden 799 Würste, die 800. bekam die Schuldienerin Marie Bickel. Lehrer waren vorhanden: Rektor Heymel, Kantor Margraf, Organist Wolff, die Lehrer Volkmar, Zeiß, Umbach, Heß, Blum, Mardorf und Bechthold, dazu die Lehrerinnen Fräulein Schott und Fräulein Preuß, neu hinzu kam Lehrer Schrödter. Am 1. Mai 1906 kam weiter hinzu: Lehrer Fricke von Herges-Hallenberg. Die Linden von der Rathausstraße aufwärts bis zur Mühlgasse wurden 1901 durch Bürgermeister Bleymüller gepflanzt.

 

Im Jahre 1905 legte der Schlossermeister Christian Rothämel im Erbstal Haus Nr. 67 den ersten Federhammer Aiax an. Er hat sich als sehr praktisch erwiesen und erspart den Zangenschmieden viele harte Arbeit. Im Jahre 1906 entstand in der Straße „Unter den Linden“ die Thüringer Gesenkschmiede, welche die einer aus hiesigen Schlossermeistern gebildeten Gesellschaft ins Leben gerufen wurde. Ebenso entstand gleichzeitig die Thüringer Temper- und Stahlgießerei.

 

Als Bürgermeister haben die hiesige Gemeinde gleitet:

         bis 1869: Elias Usbeck von hier

1869 bis 1885: Caspar Holland-Cunz von hier (31.3.)         

1885 bis 1897: August Usbeck von hier (19.7.)

1897 bis 1901: Alex Bleymüller aus Schmalkalden (1.5.)

1901 bis heute: Wilhelm Zickendraht aus Homberg.

Nach der Volkszählung hatte Steinbach-Hallenberg folgende Einwohnerzahlen aufzuweisen: 1875: 2.981, 1880: 3.107, 1885: 3.117, 1890: 3.260, 1895: 3.668, 1900: 4.010, 1905: 4.504.

Ausgefertigt Steinbach-Hallenberg, den 2. August 1906     Christian Wilhelm Dittmar, Gemeindeschreiber.   Gesehen! W.v.        Der Bürgermeister Zickendraht

 

(Vermerk auf der Rückseite durch Pfarrer. Klingelhöfer):

Der Klempner Karl August Bauerschmidt hat den Turmknopf ausgebessert und dafür nichts beansprucht (4,50 Mark). Photograph Schüler hat eine Aufnahme vom Turmknopf und den Zuschauern gemacht, auch vom Turmknopf und den Schieferdeckern.           23.8. 1906

 

(Sonderblatt mit Erläuterung von Pfarrer Klingelhöfer):

Am 12. März 1876 wütete hier ein Orkan, der die alte Eiche zerbrach, die über der Arzberger­brunnenkammer stand. Der Stamm war 3 Meter hoch, innen hohl und hatte einen Durchmesser von 2,50 Meter. In dem hohlen Stamm haben drei Mann gefrühstückt‚ welche genügend Platz dazu hatten. Die Eiche ergab an Holz 13 Stück Schmiedestöcke, 14 Meter Holz sowie mehrere Stücke Werkholz und 2 Fuhren Reisig. An dem Zerlegen des Baumes haben drei Mann 14 Tage gearbeitet. Da eine Säge von der Länge nicht zu beschaffen war, mußte alles mit der Axt durchgeschrotet werden. In der Mitte war der Stamm schwarz und so hart wie Eisen (Vermerk Klingelhöfer:) Aufgeschrieben von Friedrich Wilhelm Recknagel, dem Vater unsrer Schwester Emilie     22.8. 1906

(Rückseite:) Johann Backer, Schieferdeckermeister, Mehlis i./Thür., Friedrich Trescher, Schieferdeckergeselle aus Benshausen, Hermann Hegner, Schieferdeckergeselle, Mehlis i./Thür.

22.8. 1906

 

(Der Entwurf zu dieser Urkunde enthält einige Erweiterungen:)

(Anderer Beginn:)

In dem im Jahre 1866 stattgefundenen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich hatte sich der Kurfürst von Hessen-Kassel nicht auf Preußens Seite, sondern auf die Seite Österreichs gestellt. Wenige Tage nach dem Mobilmachungsbeschluß des Bundestages wurde Kurhessen von den Preußen besetzt und unser Kurfürst Friedrich Wilhelm als Gefangener nach Stettin geführt. Durch Urkunde vom 18. September 1866 entband er die Truppen vom Fahneneid und die Beamten und Untertanen vom Diensteide. Durch Königliches Patent vom 3. Oktober 1866 nahm der damalige König von Preußen, Wilhelm I., Besitz vom vormaligen Kurfürstentum Hessen, das mit dem früheren Herzogtum Nassau die jetzige preußische Provinz Hessen-Nassau bildet. Der Kurfürst starb am 6. Januar 1875.

(Nach dem Bericht über den Krieg 1871:)

Im Jahre 1871 war infolge anhaltenden Regens „Großwasser“ entstanden, so daß die an der oberen Dillersgasse und oberhalb des Ortes am Haselufer stehenden Bäume zusammenbrachen, vom Wasser mit fortgerissen wurden und bei den Brücken hängenblieben, so daß das Wasser gestemmt wurde bis endlich die steinernen Brücken -

die sogenannte Sattlersbrücke (jetzt Saftsbrücke) und die Plätzerhammerbrücke (jetzt Tannenbrück genannt) …….

(Aus dem Manuskript geht auch hervor, daß der Organist „Miquet“ hieß und daß der Sparkassenrendant Julius Häfner sein Amt am 1. Juli 1885 antrat).

 

 

Urkunde zur Erinnerung der Grundsteinlegung des Gemeinde-Verwaltungs-Hauses zu Steinbach-Hallenberg, eingelegt in den Grundstein am 26. März 1900.

Infolge der Zunahme der Bevölkerung und der Gemeinde-Verwaltungsgeschäfte von Steinbach-Hallenberg stellte sich in den letzten Jahren immer mehr das Bedürfnis eines eigenen Gemeindeverwaltungs-Gebäudes heraus. Die Gelegenheit, ein zu diesem Zweck geeignetes Grundstück zu erwerben, bot sich durch das Freiwerden eines größeren Baugrundes infolge

eines Schadenfeuers, das die Gebäulichkeiten des Schuhmachers Wilhelm August Wirth niederlegte. Es war früher im Besitz des verstorbenen Hammerwerkers und Kaufmanns Christian Hoffmann, das dieser durch Ankauf von Liegenschaften mit großem Garten und Feld-Ländereien umgab und eine schöne Lage im Mitteldorf hatte.

Dieses Grundstück wurde von dem genannten Wirth auf Vorschlag des Gemeindevorstandes durch Beschluß der Gemeindeverordneten zu dem Preis von 30.000 Mark Deutscher Reichswährung einschließlich der Brandkassen-Entschädigung gekauft. Nach Begradigung des ganzen Gebiets wurden Baugründe abgegrenzt, eine Straße durch gelegt und dieser der Name „Rathausstraße“ gegeben. Zur rechten Seite und eingangs dieser Straße soll sich das neue Rathaus erheben.

Zu diesem Zwecke wurde durch Beschluß der Gemeindeverordneten eine Baukommission unter Vorsitz des Bürgermeisters eingesetzt, die das Nähere über Bau und Baukosten zu beraten und zur Vorlage zu bringen hatte. Diese Baukommission bestand aus drei Mitgliedern des Gemeindevorstandes und drei Mitgliedern der Gemeindeverordneten.

Die Kommission beauftragte nun den Architekten Meußer zu Schmalkalden mit dem Entwurf und dem Kostenanschlag eines Bauplans, wobei die Gesamtbaukosten mit 35.000 Mark begrenzt waren. In einer Reihe von Sitzungen kam der dann vorgelegte Plan in seinen Einzelheiten zur Beratung und Feststellung, dem dann auch die Genehmigung der Gemeindeverordneten folgte.

Auf Grund einer öffentlichen Ausschreibung erhielten der Maurermeister Herr. Ernst Keßler und der Zimmermeister Herr Karl Jäger die Ausführung des Rathausbaus zu dem Preis von 35.000 Mark übertragen. Zur Erleichterung der durch diesen Bau entstehenden Lasten erhielt die Gemeinde Steinbach-Hallenberg von dem Kreisausschuß zu Schmalkalden die Erlaubnis zu einem Gastwirtschaftsbetrieb im Rathaus.

Zur Erinnerung der Gründung dieses Baues wurde in den Grundstein diese Urkunde eingelegt.

Dieses geschah unter der segensreichen Regierung des Königs Wilhelm II. von Preußen, des Deutschen Kaisers, im elften Jahr seines Regierungsantritts, im 29. Jahr der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches.

Zu dieser Zeit waren im Amt:

Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau: Excel lenz Graf von Zedlitz-Trutschler.

Regierungspräsident des Regierungsbezirks Kassel: Herr Freiherr von Trott zu Solz.

Landrat des Kreises Schmalkalden: Herr Regierungsrat Dr. Hagen.

Königlicher Amtsrichter zu Steinbach-Hallenberg: Herr von Kienitz.

Lutherischer Pfarrer zu Steinbach-Hallenberg: Herr Hertting.

 Reformierter Pfarrer zu Steinbach-Hallenberg: Herr Schantz.

Herzoglich-Gothaischer Oberförster zu Steinbach-Hallenberg: Herr Brohmeyer.

 

Das Gewerbe der Schlosser und Nagler bringt auch heute noch dem Orte seine hauptsächliche Nahrung. Seit mehreren Jahren hat sich die Schlosserei (Eisen-Kurz-Warenfabrikation) sehr entwickelt und ist gut beschäftigt im Gegensatz zu der Nagelschmiederei, die durch die maschinelle Herstellung der Nägel bedrängt, immer weniger Hände beschäftigt. Die übrigen Hantierungen bringen guten Lohn. In diesem Jahre wurde eine Zentrale zur Ergänzung elektrischer Kraft und Licht in der Moosbach  in Betrieb gesetzt. Es war dieses Jahr eine gute Ernte, sämtliche Feldfrüchte sind wohlgeraten. Es ist ein großer Segen im ganzen deutschen Reiche.

Verheerende Krankheiten haben unseren Ort lange nicht heimgesucht. Die Bevölkerung nimmt stetig und bemerkenswert zu, der Zuzug ist größer als der Abzug.

Unter den Völkern Europas ist andauernder Friede. Industrie und Handel blühen und das Land erfreut sich infolgedessen eines steigenden Wohlstandes und besserer Lebenshaltung seiner Bevölkerung. Gott zu Ehren, an dessen Segen alles gelegen. Er wolle unsern Ort schirmen und segnen.

Abgeschrieben von dem in den Akten des Bürgermeisteramts aufgenommenen Entwurf.

Steinbach-Hallenberg, am 21.August 1906              Bernhard Knoth, Bürogehilfe

 

Nr. 12: Das Vereinshaus und die Diakonissenstation:

Die Anregung zur Begründung einer Diakonissenstation in Steinbach-Hallenberg ist von Pfarrer Obstfelder (jetzt Superintendent in Schmalkalden) ausgegangen und von Pfarrer Dett­me­ring (1892-1899), (jetzt Inspektor am Diakonissen-Mutterhaus zu Frankfurt a/M.) zu einem praktischen Ergebnis geführt worden. Am 6.Januar 1895 (Epiphanias) wurde die erste Schwester eingeführt und im Gottesdienst der Gemeinde vorgestellt.

Ein Jahr später wurde eine zweite Schwester angestellt und die Kleinkinderschule ins Leben gerufen. Zu diesem Zweck mietete Pfarrer Dettmering die unteren Räume des an der Hauptstraße gelegenen, dem Barbier David Werner gehörenden, Wohnhauses Nr. 44 [jetzt Nr. 69]. Die Schule wurde im Mai 1896 mit 100 Kindern eröffnet.

Am 13.März 1898 beschließt der Kirchenvorstand den Bau eines Vereinshauses zur Aufnahme der Kinderschule und zur Wohnung für die Schwestern der Diakonissenstation. Gleichzeitig sollte der Gemeinde neben dem Gotteshaus eine Stätte gegeben werden, an welcher christliches Gemeinschaftsleben von alt und jung gepflegt und durch erbauliche, unterhaltende und bildende Vorträge das gegeben werden sollte, was zur Zeit so sehr mangelt, ein frisches, gesundes, christliches Geistesleben.

Als Bauplatz wird ein Grundstück des Kaufmanns Ernst Holland-Merten im Gruppich, 21,63 Ar groß, für 2.000 Mark erworben. Da kein Weg auf dieses Grundstück führte, wurde die baupolizeiliche Genehmigung nur unter der Bedingung erteilt, daß ein Anschlußweg nach dem Arzbergweg (Kälberzeil) geschaffen wurde. Deshalb mußte noch ein Streifen Land vom Kirchenvater Karl August Jäger gekauft werden. Mit der Ausführung des Baues wurde der Maurermeister Ernst Keßler von hier beauftragt. Das Haus kostet fertig 19.500 Mark. Die Bismarckstraße ist erst später angelegt und ausgebaut worden.

Der Platz vor dem Vereinshaus war früher ein Sumpf und Wasserloch, ein Tummelplatz für die Gänse und Enten der Nachbarschaft. Die Ausfüllung und Einebnung des Platzes ist 1904 erfolgt. Manch Wagen Schutt und Erde mußte herbeigefahren werden. Ein Glück war es,

daß jemand auf den Gedanken kam, es müsse auf unserem Grundstück Kies zu gewinnen sein. Es wurde (wenn man zur Gartentüre hineingeht - rechts) gegraben, und man fand den schönsten Kies, mit dem der Platz gut bedeckt worden ist.

Die Beet-Anlagen und Wege sind von mir persönlich - unter getreuer Mitwirkung meiner lieben Frau - entworfen und angelegt worden. Die Einzäunung des Platzes hatte schon unter Dettmerings Zeiten Kirchenvater Jäger versprochen. Da er aber trotz wiederholten Drängens zögerte, ja schließlich noch eine neue Bedingung an sein altes Versprechen knüpfte, wurde er in der Presbyterialsitzung vom 25. September 1904 von seinem Versprechen entbunden. Der Kirchenvorstand konnte sich freilich nicht entschließen, die von mir gewünschte Einzäunung aus Stein und Eisen zu bewilligen. Deshalb habe ich die Einzäunung auf eigenes Risiko vornehmen lassen. Die Kosten betrugen rund 1.000 Mark. Ein kleines Stück Zauneinfriedigung mit Holzlatten hat schließlich Kirchenvater Jäger noch ausgeführt. Die Bepflanzung des Platzes mit Sträuchern usw. erfolgte Herbst 1904. Die Kosten des Zauns sind heute bis auf 300 Mark gedeckt, durch freiwillige Gaben sind die 700 Mark aufgebracht worden.

Im Jahre 1904 wurde elektrisches Licht im Vereinshaus gelegt. Im Jahre 1905 sind oben und unten alle Räume gestrichen, geweißt und zum Teil tapeziert worden, ebenso das Treppenhaus. Die Kosten betrugen 270 Mark. Jünglings- und Jungfrauenverein sind von Pfarrer Dettmering ins Leben gerufen worden.

Im Jahre 1905 ist auch - unter mancherlei Schwierigkeiten und Widerspruch - die Schließung des zwischen Vereinshaus und der jetzigen Buchdruckerei laufenden öffentlichen Fußwegs (Südseite des Vereinshauses) glücklich gelungen. Die Grenze wurde geradegelegt und durch Parzellenaustausch mit Buchdruckereibesitzer Vogt und dessen Nachfolger Luther die jetzige Grenzlinie bestimmt und eingetragen. Als Gegenleistung der politischen Gemeinde gegenüber haben wir auf der Nordseite einen Weg zum öffentlichen Verkehr freigegeben, aber Grund und Boden gehört uns.

Die jetzige Kinderschwester heißt Lina Forneberg. Die jetzige Krankenschwester heißt Emilie Recknagel (von hier stammend). Die Vorgängerin von Schwester Lina war Schwester Paula Böttner aus Römhild, eine treue und liebe Gehilfin, die sich im Dienste dieser Gemeinde fast aufgerieben hat. Ihre früher so gute Gesundheit war so angegriffen, daß sie schon im vorigen Jahre längeren Urlaub nehmen mußte, da sie ernstlich erkrankte. Ihre Erholung und Wieder­herstellung war jedoch nur scheinbar, sodaß das Mutterhaus zu unserem großen Bedauern und dem Leidwesen der ganzen Gemeinde in diesem Jahre beschließen mußte, sie von ihrem ihr lieb und teuer gewordenen Posten abzurufen, um ihr zuerst einen weiteren längeren Urlaub zu gewähren und sie dann auf ein anderes Arbeitsfeld zu führen. Gott geleite sie auch fernerhin in Segen!

Durch die Erbauung des Vereinshauses ist der Kirchengemeinde eine große Schuldenlast auferlegt worden, aber, Gott sei Dank! ist bis jetzt alles gut gegangen! Noch bestehen etwa 15.000 Mark Schulden.

Die Hauskollekte, die vom Pfarrer persönlich erhoben wird, hat in den letzten beiden Jahren etwa 1.000 Mark eingebracht. Der Kreis gibt ständig 200 Mark, die Gemeinde hat sich zur Zahlung von 200 Mark dauernd verpflichtet. Die übrigen Gelder kommen durch freiwillige Gaben, durch die Kinderschule und durch Wohnungsmiete auf. Die letztere beträgt augenblicklich 250 Mark im Jahr.

Gott lasse auch in Zukunft durch unser Vereinshaus und insbesondere durch die bis heute reich gesegnete Liebesarbeit der Schwestern seinen Segen in die Gemeinde fließen!

 

Sonstige Notizen:

Im vorigen Jahre 1905 wurde der Friedhof mit Akazien, Rot- und Weißdorn, zwei Linden, sonstigen Bäumen und mit Flieder bepflanzt.

Durch Presbyterialbeschluß vom 4. Dezember 1904 wurden die Sonntagshaustaufen abgeschafft. Früher hatte der Pfarrer an einem Sonntag oft 6 bis 7 einzelne Haustaufen, die (namentlich im Winter) seine Zeit zu sehr in Anspruch nahmen und seine Gesundheit angriffen. Jetzt werden die Kinder - an Sonntagen - im Winter im Vereinshaus (1. November - 30. April), im Sommer (1. Mai - 31. Oktober) in der Kirche getauft. Die Durchführung dieses Beschlusses hatte deshalb besondere Schwierigkeiten, weil der Kirchenvorstand bereits unter Pfarrer Dett­mering am 27. November 1897 in demselben Sinne beschlossen hatte. Leider ist damals der Beschluß nicht durchgeführt worden. Dettmering hat erklärt, daß ihm von seiten einer Hebamme zu viele Schwierigkeiten gemacht worden sind. Es hat sich auch der Spott daran geknüpft: Weil man noch kein Vereinshaus hatte, wurde in dem vom Barbier Werner gemieteten Haus getauft. Man hat dann gespottet: Die Kinder könnten gleichzeitig rasiert werden! Unter Pfarrer Hertting war deshalb der alte Zustand wieder vorhanden. Bei Durchführung des Beschlusses vom 4. Dezember 1904 gab es auch mancherlei Schwierigkeiten - so erklärt zum Beispiel ein als „guter Sozialdemokrat“ bekannter hiesiger Schlosser namens E.K., er brauche sich dem Beschluß des Kirchenvorstands nicht zu fügen, das Kirchenvorstand könne ja auch beschließen, daß die Kinder  in der in der Badeanstalt getauft würden. Aber im Allgemeinen muß ich es dankbar anerkennen, daß sich die Gemeinde entgegenkommend gezeigt und mir dadurch die Durchführung erleichtert hat. Ich habe bis heute keine Ausnahme gelten lassen (abgesehen von Nottaufen), auch bei E.K. nicht. In der Woche finden im Winter Haustaufen nach wie vor statt. Im Sommer müssen Haustaufen mit 1.50 Mark bezahlt werden.

 

Kollekten:

Lutherisch Steinbach-Hallenberg hat aufgebracht:

a.) an Kirchenkollekten:         1903 : 407,46 M

1904:  415,96 M

1905 : 416,03 M

b.) an Hauskollekten:

1.) für auswärts:                     1903: (nichts bekannt)

1904 : 541 ,80 M

1905 : 466,62 M

2.) für unsere Diakonissenstation:

1903 : 1000,90 M von mir eingesammelt

1904 : 1006,90 M

1905 : 1031,83 M von den Kirchenvätern eingesammelt.

Damit ist der Beweis gebracht, daß die Gemeinde auch dann gibt, wenn der Pfarrer nicht selbst erscheint. In diesem Jahr hoffe ich, die Einsammlung wieder selbst vornehmen zu können.

c.) an Missionsgaben:            1903 : 520,67 M

(Heidenmission)                     1904 : 456,47 M

1905 : 424,10 M

Die Festkollekte auf dem diesjährigen Missionsfest betrug 1263,70 Mark.

Der Altarraum der Kirche wurde im vorigen Jahre mit Kokosmatten belegt. Die Kosten (130 Mark) sind durch freiwillige Gaben (Konfirmanden, Kirchenkollekte) aufgebracht worden.

Steinbach-Hallenberg, den 22.August 1906             Karl Klingelhöfer, lutherischer Pfarrer.

 

 

Nr. 13: Bericht Pfarrer Klingelhöfers

Mitglieder des Kirchenvorstands:

1.) Lutherische. Kirchenväter:

 1. Johannes Friedrich Recknagel‚ Kirchrechner

 2. Julius König (22 Jahre Kirchenvater, 75 Jahre alt. Ich habe vor einem Vierteljahr das allgemeine Ehrenzeichen für ihn beantragt, bis jetzt aber noch keine Antwort erhalten. Hoffentlich kommt es in den nächsten Tagen, anläßlich der Anwesenheit Seiner Majestät Wilhelms II. auf Wilhelmshöhe in Kassel).

 3. Karl August Jäger

 4. Karl Friedrich Motz

 5. Guido Recknagel

 6. Christian August Endter

2.) Gemeindeverordnete:

  7. Hermann Usbeck

  8. Karl Friedrich Usbeck

  9. Ferdinand Usbeck

10. Rektor Heymel

11. Kantor Margraf

12. Organist Wolff

13. Benjamin Pfannschmidt

14. Ernst Wahl

15. Wilhelm August Recknagel, Friedrich Wilhelms Sohn

16. Heinrich Ernst Luck

17. Simon Friedrich König

18. Karl August Kämpf

3.) Reformierte Kirchenväter: Reckenbeil, Pfannstiel

 

Gemeindevorstand: Apotheker Dr. Köbrich, Friedrich König, Lehrer Zeiß und ein Unterschönauer.

 

Rotterode: A.  1. Friedrich Bauerschmidt

2. August Holland-Moritz

B.                    3. Karl August Motz, Bürgermeister

4. Liborius Schatz

5. Wilhelm Recknagel

6. Valentin Recknagel

Altersbach: A. 1. Edmund Gerlach

2. Ernst Nothnagel

       B. 3. Ernst Nothnagel

4.Valentin Rothämel

5. Julius Leyh, Kantor

6. Ernst Friedrich Fischer.

 

Wichtiger Kirchenvorstandsbeschluß, Sitzung vom 6. Mai 1906: Das Kirchenvorstand beschließt auf Antrag des Vorsitzenden: Da die Verhältnisse in Steinbach-Hallenberg, insbesondere die stetige Zunahme der Einwohnerzahl, auf die Gründung einer zweiten lutherischen Pfarrei hindrängen, so beschließt das Kirchenvorstand, schon jetzt für die Ansammlung eines Sondergeldvermögens Sorge zu tragen, und zwar in folgender Weise: Bei dem Verkauf von Pfarreiländereien soll von dem Verkaufskapital so viel in die jetzige Pfarreikasse abgeführt werden wie notwendig ist, um die bisherigen Pachtzinsen durch Kapitalzinsen zu ersetzen. Der Rest der Verkaufssumme soll in den zu gründenden „Fonds zur Errichtung einer zweiten lutherischen Pfarrei in Steinbach-Hallenberg“ abgeführt werden. Die Zinsen werden jährlich zum Kapital geschlagen, falls nicht das Kirchenvorstand über dieselben verfügt.

Dieser Beschluß ist vom Königlichen Konsistorium zwar nicht genehmigt, aber es hat in der Verfügung vom 19. Mai 1906 die Notwendigkeit der Gründung einer zweiten lutherischen Pfarrei in Steinbach-Hallenberg anerkannt. Weitere Verhandlungen werden gepflogen.

Im Jahre 1893 bekam Pfarrer Dettmering einen Pfarrgehilfen namens Weigel, bis dahin gab es nur eine Pfarrei „Steinbach-Hallenberg, Oberschönau, Unterschönau, Rotterode Altersbach“. Vom 1. April 1893 ab wurde dem Hilfspfarrer von der Gemeinde Oberschönau eine Dienstwohnung zur Verfügung gestellt, bestehend aus einer Stube und einer Kammer einschließlich Feuerung. Sein Nachfolger war Georg Rüger. Am 3. Juni 1900 fand die Grundsteinlegung der Kapelle in Unterschönau statt, die Einweihung am 13. Dezember 1900.

Durch Urkunden zur Regelung der Pfarreien („Parochialregulierungs-Urkunden“) vom 24. März 1902 wird die Filialgemeinde Oberschönau zu einer selbständigen Kirchengemeinde erhoben. Unterschönau wird von Steinbach-Hallenberg ausgepfarrt und zu Oberschönau eingepfarrt. Die Pfarrstelle wird in Oberschönau errichtet. Der Hilfspfarrer Kraft wird erster Pfarrer in Oberschönau.

Der Wohlstand ist gegenwärtig ganz gut. Die Industrie blüht. Die Meister können nicht genug Arbeitskräfte bekommen. Steinbach-Hallenberg hat sich in jeder Beziehung gehoben. Der Schnapskonsum ist in den letzten 20 Jahren auf die Hälfte herabgesunken, der Bierkonsum hat sich in derselben Zeit verdreifacht.

Besondere Klagen werden seit Jahren über zunehmende Zuchtlosigkeit der Jugend geführt. Die Jugend ist nicht schlecht, aber zum Teil respektlos und autoritätslos. Über Frechheiten und Unanständigkeiten könnten von vielen Seiten Beiträge geliefert werden. Hieran ist mit schuld das in vieler Beziehung unglückliche Vereinsgesetz. Es bestehen jetzt nahezu 50 Vereine. Neugründungen stehen bevor. Bei den meisten Vereinen steht das Vergnügen im Vordergrund. Es vergeht wohl kein Sonntag, an dem nicht irgendein Stiftungsfest oder ein Ball stattfindet. Schade ist es, daß auch die beiden Turnvereine viel zu viel vom Turnen ins Tanzen gekommen sind. Es fehlt ihnen eine Turnhalle. Vielleicht wird durch Errichtung einer solchen hier vieles besser werden.

Das kirchliche Leben ist im Allgemeinen gut. Abendmahlsgäste sind es jährlich etwa 2.000. Im vorigen Jahre fand auf Veranlassung des Königlichen Superintendenten Obstfelder an verschiedenen Sonntag eine Zählung der konfirmierten Kirchenbesucher statt. Wir haben gezählt:

am

Männer

Frauen

insgesamt

I. Ostertag ( vormittags)

817

451

1268

II. Ostertag (nachmittags)

53

 310

363

Lätare (nachmittags)

46

 339

385

Himmelfahrt (vormittags)

629

569

1198

I. nach Trinitatis    (vormittags)

305     

294

599

III. nach Trinitatis (vormittags)    

385                     

365     

750

 

In Steinbach-Hallenberg treten Licht und Schatten ganz besonders hervor. Zu den Schattenseiten dieser Gemeinde muß man besonders auch rechnen die oft zu bemerkende Charakterschwäche und Unzuverlässigkeit, zu den Lichtseiten die große Opferfreudigkeit und das rege kirchliche Leben. Steinbach-Hallenberg ist für einen Geistlichen ein schweres Arbeitsfeld, auf welchem er manche Enttäuschung erlebt, aber auch ein reich gesegnetes Arbeitsfeld, auf dem ihm viel Freude bereitet wird.

Steinbach-Hallenberg ist meine erste Gemeinde. Am 21. Dezember 1902 (IV. Advent), an dem Tag meiner Probepredigt, bin ich mit 139 Stimmen bei 144 Wählern gewählt worden. Da jeder Wähler zwei Bewerber wählen muß, so kam mein Freund Kandidat Trusheim mit 90 Stimmen mit in Vorschlag. Pfarrer Deichmann (Schweinsberg) erhielt 37 und Pfarrer Bührmann (Springstille) 22 Stimmen. Wäre einer der beiden Pfarrer mit in Vorschlag gekommen, dann hätte das Königliche Konsistorium gewiß den Pfarrer dem Kandidaten Klingelhöfer vorgezogen.

Am 11. Januar 1903 fand meine Einführung durch Superintendent Obstfelder statt, nachdem ich am 4. Januar 1903 des Jahres. durch Generalsuperintendent D. Werner in Kassel ordiniert worden war. Die Gemeinde hat mich mit viel Liebe aufgenommen und mir bis heute viel Freundlichkeit entgegengebracht. Gott hat mir bisher geholfen, das schwere Amt auszurichten. Viel fehlt mir noch und gar manchen hätte besser und treuer ausgerichtet werden müssen. Mag die Gemeinde verzeihen und Gott sein schwaches Werkzeug tragen!

Superintendent Obstfelder, Schmalkalden, ist 15 Jahre Pfarrer in Steinbach-Hallenberg gewesen. Ihm verdankt die Gemeinde unendlich viel und manche heilsame Ordnung ist durch ihn geschaffen worden, zum Beispiel das Reihenbegräbnis, die Friedhofsordnung, die Ausgestaltung der Liturgie, die Ordnung der Pfarreiakten. Auch ist durch ihn das lutherische Pfarrhaus in seinen jetzigen wohnlichen Zustand gebracht und der Garten angelegt worden. Wegen seiner Strenge und seinem „Gerade-durch-Gehen“ war er oft gefürchtet, ja auch gehaßt.

Pfarrer Dettmering hat durch Gründung der Diakonissenstation, durch Erbauung des Vereinshauses und durch seine rührige Vereinstätigkeit viel Segen gestiftet. Die Liebe der Gemeinde ist ihm nach Frankfurt gefolgt.

Pfarrer Hertting ist offenbar in der Gemeinde nicht recht warm geworden. Er selbst schreibt in der Pfarreichronik: „Entscheidend für meinen Weggang war die Erkenntnis, daß ich den im Steinbacher Kirchspiel an den Pfarrer gestellten Anforderungen weder in körperlicher noch in geistiger Beziehung auf die Dauer gewachsen bin“.

Steinbach-Hallenberg, den 22. August 1906                   Klingelhöfer, lutherischer Pfarrer

(Randnotiz:) Zu bemerken ist auch die durch Obstfelder im Jahre 1890 bewirkte Renovierung der Kirche zu Oberschönau (neue Kanzel, neue Orgel).

 

 

Nr. 14: Weiterer Bericht Pfarrer Klingelhöfers 1906:

Im Sommer 1903 (6. Juli - 1. August) hatten wir die erste Mädchenferienkolonie des Kreises Schmalkalden in unserem Vereinshause. Auf Veranlassung des Landrates Dr. Hagen, dieses hochherzigen und um die Jugendfürsorge des Kreises so hochverdienten Mannes, fanden 16 erholungsbedürftige Mädchen unter der liebevollen Pflege der beiden Schwestern Therese Dietlein und Paula Böttner während eines vierwöchentlichen Aufenthalts Erquickung an Leib und Seele. Sämtliche Kinder waren - wie die ärztliche Untersuchung durch Dr. Beltz ergab - blutarm und mangelhaft ernährt. Lebertran und Hämatogen wurden deshalb für alle Kinder verordnet.

In der ersten Woche aßen die Kinder sehr schlecht. In der zweiten Woche wurde es schon besser, so daß es die meisten Kinder täglich auf 1 Liter Milch brachten und sich auch das Mittagessen gut schmecken ließen. Täglich wurde gebadet und Hausgymnastik geübt. Spaziergänge fanden trotz des häufigen Regens sehr oft statt. Die Gewichtszunahme betrug höschtens 11 1/2 Pfund, mindestens 2 1/2 Pfund (Emilie Reuhöfer aus Seligenthal, Marie Heil aus Kleinschmalkalden). Wir erhielten als Vergütung pro Kind 45 Mark aus der Kreiskasse, außerdem 80 Mark für die Station und „das protestantische Deutschland“ von Werkshagen für die Schwestern.

Auch im Sommer 1904 (4. bis 30. Juli) hatten wir 16 Mädchen als Ferienkolonistinnen. Das Wetter war durchweg heiß, meist über 20 Gras. Bei der Untersuchung durch Dr. Beltz stellte sich heraus, daß ein Kind Scharlach hatte. Natürlich mußte dasselbe (Anna Köhler aus Schmalkalden) den Eltern sofort wieder zurückgebracht werden. Im Übrigen wurden alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln gebraucht, um irgendwelcher Ansteckungsgefahr vorzubeugen. Die beiden Kinder des Pfarrers und Inspektors Dettmering aus Frankfurt a/M. und deren Freundin Elisabeth Vohnwinkel, die an demselben Tag ankamen, um sich für die 4 Wochen den Ferienkolonistinnen anzuschließen und bei den Schwestern Wohnung zu nehmen, nahmen wir in unser Haus und behielten sie mit dem Einverständnis der Eltern drei Wochen bei uns. Daß es durch den Scharlachfall auf allen Seiten und bei allen Beteiligten mancherlei Aufregung gab, braucht nicht besonders betont zu werden.

Das Resultat der Ferienkolonie war wiederum ein vorzügliches. Die Kinder zeigten am Schluß neben körperlicher Frische auch größere geistige Regsamkeit. Die Gemeinde Steinbach-Hallenberg hat uns wie im vorigen Jahr so auch in diesem Jahr 1904 in bekannter liebevoller Weise unterstützt und die notwendigen Betten zur Verfügung gestellt.

Vorläufig hat der Landrat Dr. Hagen den Gedanken, die Mädchen-Ferienkolonie - ähnlich wie die durch ihn geschaffene Knaben-Ferien Kolonie zu Brotterode - zu einer ständigen Einrichtung zu machen, wieder fallenlassen müssen, weil ihm für die Dauer die notwendigen Gelder nicht bewilligt worden sind.

Der Winter 1904 brachte uns eine nicht unbedenkliche Typhus-Epidemie, bei der etwa 20 Personen zu gleicher Zeit darniederlagen. Der Gedanke des Landrates, in der alten Zigarrenfabrik (über Kaufmann Sasse) ein Notlazarett einzurichten, konnte nicht verwirklicht werden, weil die betreffenden Familien ihre Kranken selbst pflegen wollten. Da die Krankenschwester die Arbeit nicht mehr allein versehen konnte, mußten wir die Kinderschule schließen, um in Schwester Paula Hilfe zu bekommen. Todesfälle kamen, Gott sei Dank, nur zwei vor.

(Randbemerkung:) Am 21. Juni 1906 ertrank das 2 1/2 Jahre alte Töchterchen des Schlossers Friedrich August Häfner in der Hasel. Es war in einem unbewachten Augenblick ins Wasser gefallen. Wiederbelebungsversuche waren ohne Erfolg.

Es sei schließlich noch bemerkt, daß die hiesige altlutherische Zionsgemeinde durch die Auflehnung („Renitenz“) des reformierten Pfarrers Rohnert in den Jahren 1873 und 1874 entstanden ist. Durch die Bildung des Gesamtkonsistoriums in Kassel durch Allerhöchsten Erlaß vom 24. April 1873 glaubte man den Konfessionsstand der Gemeinde und des Einzelnen gefährdet. Rohnert wurde wegen beharrlichen Ungehorsams seiner Ämter entsetzt. Eine große Anzahl Gemeindeglieder (sämtlich lutherisch) folgte dem reformierten Pfarrer und trat aus der Landeskirche aus.

Steinbach-Hallenberg, den 23. August 1906       Klingelhöfer

 

 

Nr. 15: Weitere Berichte 1906

Für alle Zeiten den Urkunden des Turmknopfes hinzugefügt am 22. August 1906.

Wenn niemand mehr wird nach uns fragen -

Soll er noch unsern Namen tragen!

Verzeichnis der Gaben und Gabenspender des zur jährlichen Unterhaltung der Kirchenheizung bestimmten Kapitals. Gesammelt im August 1906.     Gesamtsumme: 1.065,50 Mark

Die Kirchenheizung ist vom Kirchenvorstand und der Vertretung der politischen Gemeinde beschlossen und soll nach dem Beschluß des Bürgerausschusses vom 26. Juli1906 im Jahre 1907 zur Ausführung kommen. Steinbach-Hallenberg‚ den 22. August 1906

Der Bürgermeister: Zickendraht

Die Pfarrer:  Klingelhöfer, lutherischer Pfarrer.

         Schantz, reformierter Pfarrer.

(Es folgen 141 Namen und weitere 4 Namen auf einem Sonderzettel mit Spendern aus Steinbach, Altersbach und Rotterode und Spenden bis zu 50 Mark. Wichtig sind auch die Berufsangaben).

Bei dem Betrag von 1065,50 Mark ist leicht zu erkennen, daß nur die leistungsfähigen Gemeindeglieder heran­gezogen wurden, weil in diesem Jahre noch die Hauskollekte für die Diakonissenstation erhoben wird, bei welcher alle Gemeindeglieder (auch die Altlutheraner) ihre Beiträge leisten.

(Dazu ein Zeitungsausschnitt:) Steinbach-Hallenberg, 21.August: Der Turmknopf wird, falls es das Wetter erlaubt‚ morgen Vormittag aufgesetzt werden. Der „eiserne Fonds“ ist inzwischen auf 1.040 Mark angewachsen.

 

Nr. 16: Reparatur des Kirchturms 1933

Steinbach-Hallenberg, den 12. August 1933: Bei der Reparatur des Kirchturmes zeigte es sich, daß der Turmknopf sehr schadhaft geworden war, so daß bei Regenwetter Feuchtigkeit eindringen konnte. Das bedeutete eine Gefahr für den sogenannten „Kaiserkopf“ und auch für die Akten. Am Donnerstag, dem 27. Juli, wurde der Knopf nach anstrengender Vorarbeit abgenommen, die Akten vertraute man mir an, weil Vertreter der politischen Gemeinde nicht anwesend und die beiden Geistlichen zur Zeit verreist waren.

Die zum Teil leicht beschädigten Akten besserte ich aus und habe sie nebst einigen Münzabdrücken in der Zeitung „Kreisbeobachter“ veröffentlicht. Ich bin dadurch einem lebhaften Wunsche zahlreicher Gemeindeglieder nachgekommen. Man beginnt wieder, sich für die Geschichte der Heimat und des deutschen Volkes zu interessieren, ein um so erfreulicheres Zeichen, als dadurch ein mächtiger Auftrieb für die nationale Weiterentwicklung erzielt wird. Möge Gott das Werk unsres allverehrten Führers Adolf Hitler, den wir täglich in unser Gebet einschließen, herrlich hinausführen!

Trübe, angstvolle Jahre liegen hinter uns. Parteibonzen regierten uns mit schönen Redensarten und ließen es an den entsprechenden Taten fehlen. Sie führten ein herrliches Leben nach den Worten: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ Die breite Masse wurde dagegen bis zum Weißbluten ausgesaugt. Das größte Verbrechen dieser Herrn aber war die künstlich von ihnen herbeigeführte Inflation oder Geldentwertung. Sie stellten sich damit auf die gleiche Stufe der  „Kipper und Wipper“, die nach dem 30-jährigen Kriege in Thüringen ihr Unwesen trieben. Die Inflation war ein Volksverbrechen und ein Betrug, wie ihn die Geschichte noch nicht erlebt hat.

Die Akten aus dem Jahre 1906 geben genügend Aufschluß über den Wohlstand, der in unserem Orte herrschte. In einer kurzen Reihe von etwa 6 bis 7 Jahren entstand die Moosbachstraße mit ihren zahlreichen Häusern‚ wurden Rotteroder-  und Bahnhofstraße bebaut und ebenso die Lindenstraße. In den gewerblichen Betrieben fehlte es so sehr an Arbeitskräften, daß Arbeiter aus Schmalkalden und sogar aus Westfalen hier ihr Brot fanden. Die fabrizierten Qualitätswaren gingen aus manchen Betrieben in aller Herren Länder und wurden gut bezahlt. Jedermann konnte in dieser Zeit beobachten, wie die Handwerks­betrie­be allmählich in Fabrikbetriebe hinüberglitten. In dieser „guten alten Zeit“ fand wirklich ein jeder sein gutes Auskommen.

Dann kam der furchtbare Krieg mit seinen Schrecken und Blutopfern und zerstörte viel Glück und noch viel mehr Hoffnungen. Das Schlimmste aber folgte mit der Revolution und der danach beginnenden Inflation. Hätten die Männer in der Regierung nur im entferntesten die Folgen geahnt, sie wäre nie in dem Masse gekommen; denn eine Inflation bedeutet letzten Endes den Untergang des Staates.

In Berlin arbeiteten die Notenpressen Tag und Nacht, um schlechtes Geld für gutes in das Volk zu werfen. Noch im Jahre 1923 beging die Regierung den Betrug, Banknoten in der Ausstattung der Vorkriegszeit mit dem kaiserlichen Adler und den Unterschriften aus dem Jahre 1910 herauszugeben. Genauso fälschte sie die Kriegsanleihe durch zahlreiche Neudrucke. Eine Scheinblüte war es nur, die durch die immer höheren Löhne und Verdienste erzeugt wurde. Dabei blieb aber immer Mark gleich Mark, wenn auch der Wert immer weiter sank und die Preise der Lebensmittel und der Waren des täglichen Bedarfs immer mehr stiegen. Deutschland wurde so zum billigsten Lande der Welt.

In großer Zahl fanden sich infolgedessen zahlreiche Ausländer ein und beteiligten sich mit ihrem hochwertigen Gelde an dem Ausverkauf Deutschlands. In manchen Großstädten ist nach amtlicher Schätzung von ihnen fast der vierte Teil der Häuser aufgekauft worden. Schon machte sich das Gespenst der Erwerbslosigkeit bemerkbar, und es mußte in vielen Fällen mit Unterstützungen begonnen werden. Wilde Streiks verschlimmerten die Lage noch mehr. An diesen beteiligten sich sogar die Eisenbahner und Bergleute, so daß hier eine ganze Woche lang kein Zug verkehrte und man gezwungen war, bei einer notwendigen Reise ein Geschirr zu mieten. Mehrmals mußte die Schule in den Jahren 1921/22 geschlossen werden, weil keine Kohlen vorhanden waren.

Die Sparguthaben, über die fast ein jeder verfügte, und die mündelsicher aufbewahrten Gelder schmolzen nach und nach in ein Nichts zusammen. Welche Fortschritte die Geldentwertung im Jahre 1923 machte, darüber legen folgende Zahlen ein beredtes Zeugnis ab. Sie zeigen den Leidensweg des deutschen Volkes:

Am 1. November des Jahres 1923 kostete:

1 Pfund Brot                             3 Milliarden Mark

1 Pfund Fleisch                       36 Milliarden Mark

1 Glas Bier                               4 Milliarden Mark   

Am 15. November desselben Jahres:

1 Pfund Brot                             80 Milliarden Mark

1 Pfund Fleisch                       900 Milliarden Mark

1 Glas Bier                               52  Milliarden Mark

Am 1. Dezember desselben Jahres:

1 Pfund Brot                           280 Milliarden Mark

1 Pfund Fleisch                          32 Billionen Mark.

Eine Goldmark hatte den Wert von 1 Billionen Papier-Mark.

 

So besaßen die Leute wohl viel Geld, erhielten aber dafür keine Ware. Ich selbst bewahrte mein Monatsgehalt einmal über einen Tag auf. Als ich am anderen Tage etwas einkaufen wollte, bekam ich gerade zwei Salzheringe dafür. Ich sehe heute noch einen 70 jährigen Rentenempfänger auf der Straße stehen und bitterlich weinen, weil seine Rente noch nicht einmal dazu reichte, sich in der Gastwirtschaft „Zum Stern“ 1/10 Liter Branntwein zu kaufen. An der Altersbacher Straße hatte ein Tüncher mehrere Häuser gebaut und eins davon verkauft. Der Kauf wurde mit Wein gefeiert. .Als einige Tage später der Verkäufer die Kaufsumme erhielt, reichte sie gerade aus, den mehr als bescheidenen Weinkauf zu begleichen.

Der Kirchenvater Jäger besaß ein Sparguthaben von etwa 18.000 Mark aus Friedenszeiten in Schmalkalden. Als er gar kein Brot mehr im Hause hatte, machte er sich auf den Weg dorthin und hob 10.000 M ab. In Stille bekam er nach langem Bitten einen Zentner Roggen für diese Summe. Er brachte die Last zur Mühle, und als der Müller das Mehl ablieferte, verlangte er 8.000 Mark Mahlerlohn. So ging das Vermögen des allseitig geachteten Mannes verloren.

 

Ähnlich erging es einem Witwer namens Zimmermann auf der Rösse. Sein Erlebnis entbehrt nicht des komischen Beigeschmacks. Auch bei ihm klopfte Frau Sorge an die Tür. Arbeitslos und Hunger dazu, das tut weh! Ganz verzagt hatte er sich auf sein Lager geworfen und war eingeschlafen. Gegen Abend wurde er wach und sieht in den Nachbarshäusern Licht brennen. Nun war er der Meinung, es sei morgens etwa 6 Uhr und machte sich, nachdem er das letzte Stückchen Brot in die Tasche gesteckt hatte, auf den Weg nach Schmalkalden, um dort sein Sparguthaben abzuholen. Schon in den Stiller Dörfern fiel ihm auf, daß heute der Tag lange auf sich warten lassen wollte.

Doch wanderte er weiter, und als er die ersten Häuser von Schmalkalden erblickte, faßte er sich ein Herz, klopfte an ein beleuchtetes Fenster und fragte nach der Zeit. Zu seinem Schrecken wurde er seinen Irrtum gewahr. Weil jetzt aber guter Rat teuer war, entschloß er sich, bis zum anderen Morgen in Schmalkalden zu bleiben. Es ging auf den Winter zu, und nach vielem Bitten und Flehen gewährte ihm der Bahnhofswirt den Aufenthalt im Wartesaal während der Nacht.

Am anderen Morgen war der alte Mann einer der ersten auf der Sparkasse, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Dafür konnte er nach seinem Dafürhalten wirklich allerhand kaufen. Ohne sich etwas zu gönnen ging er an den Fahrkartenschalter und verlangte eine Karte nach Steinbach-Hallenberg. Aber welches Verhängnis‚ das Geld reichte noch nicht einmal für die Heimfahrt. Mit was für Gefühlen der arme Mann den Weg zu Fuß zurücklegte, das kann sich jeder leicht denken.

Ähnliche Fälle könnte ich noch viele anführen. Es ist wirklich als ein Wunder zu bezeichnen, daß in dieser trostlosen Zeit die Menschen nicht ganz und gar verzweifelten an den Fügungen unsres Herrgotts und Hand an sich selbst legten. Trotzdem hat auch hier ein wohlgeachteter und angesehener Bürger aus Kummer und Gram Selbstmord begangen. Bemerken will ich noch, daß bei Todesfällen sehr oft ein Sarg kaum zu beschaffen war. Manche Leute dachten allen Ernstes daran, die Leichen in einer einfachen Umhüllung zu beerdigen. Das ging natürlich nicht aus gesundheitlichen Gründen. So mußte die Gemeinde eine Ladung Särge beschaffen. Sie waren aus ganz dünnen Brettern notdürftig zusammengefügt und brachen sehr schnell im Grabe unter der Last der darauf liegenden Erde zusammen.

Am allerschwersten wurde der Mittelstand betroffen, und unter diesem hatten Beamte und Rentner das schwerste Los. Pfarrer Rade hatte sich ein Ferkelchen beschafft und gedachte, es mit Gras und sonstigen Abfällen Groß zu füttern. Schon nach 3 Wochen mußte das arme Tierchen geschlachtet werden, wenn es nicht eingehen sollte. An dem Fleisch haben Mann und Frau - wie mir später Frau Rade mitteilte - fast 14 Tage gegessen. „Ein Schinken hat fast ein halbes Pfund gewogen!“Übel war der zweite Pfarrer, Herr Giese, dran. Sein Gehalt genügte nicht, nur das Bescheidenste zu kaufen. Mehr als einmal hat er sich des Abends hungrig zu Bett gelegt. Doch ist er später, als seine Notlage offenbar wurde, von Gemeindegliedern, die noch etwas erübrigen konnten, oft unterstützt worden. In den Küchen der wohlhabenden Bürger, das heißt einst wohlhabenden, wurde fast nur noch Pferdefleisch verwandt, und die ganz Mittellosen scheuten auch vor Hundefleisch nicht zurück.

In dieser Zeit der allgemeinen Verwirrung gab es keine Treue und keinen Glauben mehr bei vielen. Die Achtung vor dem Eigentum des Nächsten war geschwunden. Einbrüche, Betrügereien waren an der Tagesordnung. Dem Hirten wurden am hellen Tage Kühe von der Weide gestohlen und anderen die Ziegen aus dem Stalle. Die verbrecherischen Elemente verschafften sich auf diese Weise Geld, das nun in Schnaps angelegt wurde oder im Glücksspiel verloren wurde. Eine trübe Erfahrung mußte auch die Kirche machen. Schon seit einigen Sonntagen hatte der Organist bemerkt, daß die Orgel sehr verstimmt war. Als nun der Orgelbauer von Schleusingen die Orgel stimmen wollte, mußte er feststellen, daß von sämtlichen Holzpfeifen die Stimmdeckel, die aus reinem Zinn bestanden, von unbekannter Hand entwendet worden waren. Metall stand damals sehr hoch im Werte, sogar das Eisen. Wer seinen Abtreter vor der Haustüre vermißte, der brauchte nur den Alteisenhändler aufzusuchen, um das Dieb­stahlsgut wieder zu finden. Zur Zeit der Ernte mußte die Polizei den Aufenthalt fremder Personen in der Feldflur nach einer bestimmten Abendstunde verbieten, weil die Felddiebstähle einen zu großen Umfang annahmen.

So hat auch in unsrer Heimat mehrere Jahre ein Bürgerkrieg getobt, der auf seinem Gebiete mit dem gleichen Grade von Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit geführt wurde wie der 30-jährige Krieg, der Deutschlands Städte und Fluren verheerte. Freilich war es kein Krieg mit Pulver und Blei, wohl aber schlug mit Gesetzesparagrafen der eine Teil der Bürger auf den anderen ein. Freilich fehlten die blutbedeckten Kämpfer, aber wie viele sind infolge der Entbehrungen gestorben oder zum Selbstmord getrieben? Wohl sind keine Städte und Dörfer niedergebrannt worden, dafür aber gab es zahlreiche Hypothekengläubiger, die ihre Hypothek mit „nichts“ zurückbezahlt bekamen. Für sie war es gleich, ob die haftenden Häuser abgebrannt waren, oder ob sie aus einem anderen Grunde ihre Pfandobjekte einbüßten. Wenn auch mit dem 1.Januar 1924 die Stabilisierung der Mark durchgeführt war, so hat sich doch das Verbrechen der Inflation bis in die heutigen Tage ausgewirkt. Unserem heißgeliebten Führer Adolf Hitler wird der Allmächtige die Kraft nicht versagen, auch diese Wunden zu heilen und die allgemeine Not zu lindern. Das walte Gott!

(Handschriftlich): Den Akten fügte ich noch bei:

1. Abenteuerliches Leben Dibys.

2. Bericht des Fraktionsführers Letz

3. Drei Inflations-Münzen

4. Neunundzwanzig Banknoten

5. Ein Exemplar der Thür. Wochenschau, Vorläufer des „Kreis-Beobachters“, der die hiesigen Zeitung Steinbach-Hallenberger Anzeiger verdrängt.

Der Klempner Bauerschmidt, hier, hat Fahne und Knopf repariert und eine neue Urkundenkapsel angefertigt. Er verlangt für diese Arbeiten nichts.

Heute mittag 1/2 1 Uhr wird der Knopf durch den fleißigen Schieferdecker Reich, Schmalkalden, wieder aufgesteckt. Gott beschütze ihn.

Steinbach-Hallenberg, am 12. Aug. 1933 

Ernst Menz, Lehrer, Urenkel des Schultheissen Christ. Menz.

 

 

Nr. 17: Das Leben Franz Dibys

Ein abenteuerliches Leben. Der auch mehrfach in den Akten des Turmknopfes erwähnte Franz Peter Diby hat im Viernauer Kirchturmknopf seinen Lebenslauf niedergelegt, dessen Abschrift nun auch hier niedergelegt werden soll. Diby war 26 Jahre alt, als er folgendes niederschrieb: „Ich als Schieferdecker mache der Nachwelt noch folgendes bekannt: Als ein Soldatenkind wurde ich geboren zu Franzburg, erzogen bei Bremen in der Heide bis in mein sechstes Jahr, von da an bis zum elften Jahr von meiner Mutter in der Welt herumgeschleppt, von einem Schweinestall zum andern (und von einer Scheune zur andern), und in Morast, Kälte und Nässe mußte ich daselbst die Nächte verbringen, so daß ich nicht glaubte, den morgenden Tag erreichen zu können.

Dies ging unaufhörlich fort bis wir endlich in meiner Mutter Geburtsort in Oberschönau, in meinem 12.Jahre ganz elend ankamen. Hier erfuhr ich erst, wo man sich zu aller erst hinzuwenden habe, um Gott und sein Wort kennen zu lernen. Ich hörte von anderen Kindern oft sagen: „Ich will in die Schule!“ Hierauf fragte ich einst meinen Vetter Caspar Recknagel, warum die anderen Kinder in die Schule gingen. Er gab mir die Antwort:“Sie lernen Lesen, Rechnen etc.!“und sagte dann zu mir: „Warum hast du mir das nicht schon lange gesagt, ich glaubte, du bist schon lange aus der Schule!“Auf einmal erschrak ich und es war, als fiele mir ein Stein aufs Herz und konnte kein Wort sprechen. Mein Vetter kaufte mir hierauf ein ABC-Buch und schickte mich hierauf in die Schule.

Diese konnte ich aber freilich sehr wenig besuchen, denn ich mußte erst bei einem Nagelschmied mit zuschlagen, und wenn dies vorüber war, dann konnte ich erst zur Schule gehen, welches wöchentlich kaum zweimal geschehen konnte. Die anderen Bücher, die ich in der Schule brauchte, mußte ich borgen. In meinem 14.Jahre sollte ich zur Konfirmation schreiten, aber ehe dieses geschah, vermietete mich meine Mutter an einen Hirten in Zella. Von hier aus kam ich nach Steinbach und hier erst wurde ich konfirmiert. Von hier aus kam ich nach Stutzhaus und wurde Schmierbrenner, und mußte zugleich die Schafe hüten.

Auf einmal machte mir meine Mutter den Antrag, Schuhmacher zu werden. Da ich aber kein Lehrgeld aufzubringen wußte, so fing ich von selbst an, Schuhe zu flicken und neue zu machen (späterhin auch neue..).

Dies gefiel mir aber nicht, und es wurde in mir der Gedanke rege, ein Schneider zu werden, weil aber auch hierzu die Mittel und das Zutrauen der Leute fehlten, so ging ich auch hiervon wieder ab. Jetzt aber auf einmal wandte sich alles anders. Ich fand einen Meister in Sebastian Habbich in Steinbach, bei welchem ich auch das Strumpfweber-Handwerk erlernte und auch 7 Jahre betrieben habe. Aber auch hiervon mußte ich abgehen, indem die Mittel fehlten mir, das nötige Werkzeug anzuschaffen, und wurde hierauf ein Maurer und Tüncher zugleich, wobei ich aber auch zugleich die Malerei betreiben lernte. Späterhin lernte ich auch von selbst die Gärtnerei, das Sattlerei (Sattlerhandwerk), das Uhrmachen, das Tischlerhandwerk

und Zimmerhandwerk, das Dachdecken und zuletzt das Schieferdecker-Handwerk betreiben zu können, welches ich auch jetzt betreibe. /(Noch bemerke ich der Nachwelt‚ daß ich den Türknopf in dem Hause Nr. 27 in welchem Peter Schenk, Juliana Margaretha dessen Frau, und Eva Rosina, deren Töchterlein, ferner: Otto Heinrich Hoffmann, und dessen Frau Catharina Barbara, wohnten, vergoldet und verschönert habe)

Viernau, den 5. April 1834     Franz Peter Diby.

(Handschriftlich:) Den Akten des Turmknopfes beigelegt am 12.8.1933, Ernst Menz, Lehrer

(Ergänzungen aus der Sonderausgabe des Kreis- und Suhler Beobachter „Was der Turmknopf zu erzählen hat“, zusammengestellt nach 'hohen' Dokumenten von Lehrer Menz, Steinbach-Hallenberg)/

[Dieser Text stimmt überein  mit dem Abdruck in „Henneberger Heimatblätter“, Beilage zur „Suhler Zeitung“, November 1933, Nummer. 11, Seite 7).

 

Nr. 18: Turmreparatur 1933

Steinbach-Hallenberg, den 9. Aug. 1933:

Schicksalsjahr 1918: Von den grauen Kolonnen des Weltkrieges, die seit dem schmachvollen Waffenstillstand vom November 1918 sich vom Feindesland heimwärts bewegten, lösten sich auch die Kriegsteilnehmer aus unserem lieben Steinbach-Hallenberg. Einzeln und in kleinen Trupps, wie sie von ihren Regimentern entlassen wurden,  rückten sie wieder auf heimatlicher Scholle ein. Alle alten und seit Generationen bekannten Familiengeschlechter hatten vier lange Jahre ihre Heimat zäh verteidigt. 128 Tote und das mehrfache an Verwundeten war die Saat, die von Steinbach-Hallenberg in diesen vier Jahren für ein besseres Deutschland gelegt wurde.

Die dann folgende Zeit des Niederganges und der Revolution hat auch in unserer Bevölkerung ihre sonderbarsten Blüten hervorgebracht. Lange Demonstrationszüge, aus verhetzten Volksgenossen bestehend, aufgewiegelt durch gewissenlose Charaktere und Geschäftspolitiker, zogen auch durch die Straßen unsres Ortes. Unter internationalen Schlagworten von Freiheit und Gleichheit und teilweise unter Anwendung von roher Gewalt wurden Werkstätten zum Schließen gezwungen, Arbeiter an der Ausführung ihrer Tätigkeit verhindert und Fabrikanten auf offener Straße zur Unterzeichnung von Lohntarifen veranlaßt, die niemals zu erfüllen waren.

Alte gute Sitten und treueste Pflichterfüllung machten dem Geist des materiellen Gewinns, der Vaterlandslosigkeit und der Gottesverleumdung Platz. Persönlicher Eigennutz war die Triebfeder alles Handelns.

Da fungierte zum Beispiel auch ein Arbeiter und Soldatenrat unter dem Vorsitz eines Notar­gehilfen. Im Kriege etatmäßiger Feldwebel, wurde er in der Revolution marxistischer Parteiredner „Gesinnungslump“ und „Postenjäger“ war im Volksmund der Ausdruck für eine solche Wandlungsfähigkeit. Verfasser war selbst einmal Zeuge, wie dieser Agitator in einer Arbeiterversammlung die Volksgenossen derartig mit undurchführbaren Ideen bearbeitete, so daß er sie am Schluß der Versammlung auf die Internationale vereidigen konnte. Und dafür hat das neudeutsche System diese Leute in Amt und Würden gebracht.

Im Jahre 1920 war der Kapp-Putsch, der mit all den unerfreulichen Erscheinungen aufräumen sollte. Die Aktion aber brach zusammen; das deutsche Volk war noch nicht reif dazu.

Bürgermeister Zickendraht, seit dem Jahre 1900 im Amt, wurde bei dieser Gelegenheit seines Amtes enthoben und dafür ein  Karl Reumschüssel eingesetzt, jedoch nur solang, als eine Untersuchung gegen Bürgermeister Zickendraht ergebnislos verläuft und ihm „nichts am Zeug zu flicken war“. Nach Ablauf der 24-jährigen Amtsperiode wurde Gustav Pfeffer vorübergehend stellvertretender Bürgermeister‚ bis dann im Jahre 1926 ein gelernter Schuhmacher namens Henze aus Hohenstein bei Nordhausen gewählt wurde. Unglücklicherweise entschied das Los für ihn. In den ganzen Jahren seines Wirkens hat dieser neudeutsche Bürgermeister eine sehr zweifelhafte Rolle gespielt. Drei Monate Gefängnis erhielt er wegen verbotenen Waffenbesitzes im Jahre 1933 nach seiner Amtsenthebung.

In der Erkenntnis dessen, daß die vom Staat geduldete Vaterlands- und Gottlosigkeit einmal zum Untergang des Volkes führen müsse, wurde auch in unserem Orte 1924 eine Ortsgruppe der „Völkischen Freiheitsbewegung“ gegründet, die all die jungen idealistischen Kräfte umfaßte, die gewillt waren, jederzeit für die Sache des Vaterlandes einzustehen. Im Jahre 1925, als der fast noch unbekannte Soldat Adolf Hitler die Gefängnismauern hinter sich ließ, schloß sie sich sofort seiner neugegründeten „National-Sozialistischen Deutschen-Arbeiter-Partei“ an.

Schwere Kämpfe hat unsre junge Ortsgruppe miterleben müssen. Abgesehen vom Kampf gegen den roten Marxismus, der eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich aber das Bürgertum gegen diese Weltanschauung in einer Art und Weise, die bewies, daß es bereits auch schon von marxistisch-egoistischen Gedankengängen so durchsetzt war, um genau so rücksichtslos wie der Marxismus selbst bekämpft zu werden.

Als eine der ersten Ortsgruppen des Gaues Thüringen der N.S.D.A.P. wurde sie ferner noch überall da eingesetzt, wo es galt, marxistischen Terror mit Gewalt zu brechen. Suhl, Zella-Mehlis, Schmalkalden sind Zeugen dafür, daß die Ortsgruppe Steinbach-Hallenberg immer erst den Grundstein für den national-sozialistischen Aufbau der Bewegung hat legen müssen. Manch einer von unseren Parteigenossen ist mit blutigem Kopf nach Hause gekommen, um dann auch noch Hohn und Spott entgegen zu nehmen. Bei Hitlerversammlungen wurde sie weiter noch als Saalschutz vom Gau angefordert. Gotha, Eisenach, Meiningen, Altenburg, selbst an der sächsischen Grenze sind Marksteine in ihrer Geschichte. Adolf Hitler spricht selbst seine Anerkennung durch folgendes Schreiben aus (Abschrift):

München, den 4. Februar 1927.

Der Ortsgruppe Steinbach-Hallenberg und insbesondere ihrer S.A. spreche ich hiermit im Namen der Bewegung Dank und Anerkennung für die unermüdliche Unterstützung des Wahlkampfes in Thüringen unter Aufopferung von Nachtruhe und Geldmitteln aus.                                                                                                 gez. Adolf Hitler

Anbetracht dieses jahrelangen, stillen Opferns und Kämpfens wird Steinbach-Hallenberg Sitz der Kreisleitung, die in den Händen des Parteigenossen und Landtagsabgeordneten Otto Recknagel liegt.

 

1933! Wieder kommt ein Schicksalsjahr! Revolution! In voller Disziplin und ohne jegliches Blutopfer wickelt sie sich auch bei uns ab. Ein Wunder war es bei diesen aufs höchste gestiegenen Gegensätzen zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten. Die Bereinigung der Beamtenstellen geht rein gesetzmäßig und ohne jede Gewalttätigkeiten vor sich. Bürgermeister Henze wird seines Amtes enthoben und Parteigenosse Bernhard Recknagel als kommissarischer Bürgermeister mit der weiteren Amtswaltung betraut. Schwer noch lastet die Wirtschaftskrise auf unserem Orte. Zirka 60 bis 70 % sind arbeitslos und leben aus öffentlicher Hand. Gross ist daher die Verantwortung, die die heutige Zentralregierung unseres Führers Adolf Hitler auf sich genommen hat, Möge es ihr gelingen auch bei uns wieder Arbeit und selbstverdientes Brot zu schaffen.

Warum dieses politische Schreiben in den Kirchturmknopf? Weil es ein Recht darauf hat, in der Kirchengeschichte erwähnt zu werden! Ohne die Machtergreifung der nationalen und sozialistischen Weltanschauung wäre die rote Blutfahne des international-kommunistischen Wahnsinns über die Kirche hinweg zu noch grausigeren Taten geschritten.

(Geschrieben auf Veranlassung des Parteigenossen Lehrer Menz, hier.)

Fraktionsführer der N.S.D.A.P. Kreistagsfraktion (Handschriftlich) Oskar Holland-Letz

 

 

Nr. 19 fehlt [falsche Zählung]

 

Nr. 20: 13 Münzen, die ältesten im Turmknopf

i

Nr.

Jahr

Beschreibung

1.

1719

Löwe mit Jahreszahl. Rückseite: Ornament mit Königskrone. Am Rand stark beschädigt

2.

1764

 

Zwei gekreuzte Schlüssel mit Jahreszahl und den Buchstaben K und H, Rückseite glatt‚ am Rand beschädigt 

3.

1767

 

VIII  Einen Reichstaler 1767 F.U. Fürstlich Hessische Landmünze. Rückseite: 106 2/3 Stück Eine Mark. Löwe mit Ornamenten

4.

1770

 

I Hessen Albus 1770 F. U., Rückseite FL verschlungen mit einer Krone darüber   

5.

1771

IV  Einen Reichstaler 1771, Fürstlich Hessische Landmünze. justirt,

Rückseite: 33 1/3 St eine Mark fein, Löwe mit Ornamenten

6.

1772

8 Heller 1772, Kupfermünze, Blumen neben der Zahl und unten. Rückseite: Ornamente mit Krone darüber

7.

1774

8 Heller 1774, Kupfermünze, Blumen neben der Zahl und unten. Rückseite: Löwe mit Ornamenten und Buchstaben FL verschlungen [Hessen-Cassel: Friedrich II., 1760-1785]

8.

1779

 

II Hessen Albus 1779.  Rückseite: Buchstaben Fl verschlungen mit Krone darüber

9.

1780

1 Heller 1780, Ornament unter der Zahl. Rückseite mit Löwe, sehr kleine Münze

10.

1784

48 einen Thaler LM 1784. Rückseite: Rad ähnlich einem Schiffssteuerrad, darüber Krone‚ darunter Zweige

11.

1789

4 Heller 1789, Blumen neben der Zahl und unten, Kupfermünze. Rückseite: Löwe mit Wappenschild und Krone über dem Schild

12.

1814

1 Pfennig 1814, darunter ein A. Rückseite: Kreis mit Mittelstrich‚ darüber Krone‚ seitwärts Zweige

13.

1866

 

Scheidemünze 1/4 Kreuzer 1866. Rückseite: Doppeladler im Wappenschild, darüber Krone seitwärts Zweige

 

 

Nr. 21: 2 Münzen aus der Napoleonischen Periode

 

1.

1808

3 Cent, Kupfermünze, stark abgegriffen, Jahreszahl unsicher. „König von Westphalen FR. PR“.. Rückseite: HN mit Zweigen [HN = Hieronimus Napoleon]

2.)

1812

2 Cent, Kupfermünze, Adlerkopf‚ großes C, 1812. Umschrift: „König von Westphalen, FR. PR.“, Rückseite: HN mit Zweigen (die Angabe von Menz, daß es sich um drei Münzen handle, stimmt nicht, wie der beigelegte Zettel ausweist: Zwei Kupfer-Münzen aus der Westphälischen Periode, unter Regierung des Königs Hieronymus Napoleon)

Steinbach, den 8. September 1829,                                                                         Habicht, Pfarrer.

           

Nr. 22: Eine Hungermünze von 1816/1817

Auf der einen Seite: Eine Mutter mit zwei Kindern und der Umschrift: „O gib mir Brot, mich hungert“. Auf der anderen Seite eine Waage mit verschiedenen Preisnotierungen, ein Anker im Meer, die Jahreszahlen 1816 und 1817 und die Umschrift: „Verzaget nicht, Gott lebet noch“. Beigefügt ist der Zettel: Denkmünze der Hungerjahre 1816 & 1817

Christian Menz, Ortsschultheiß"

Christian Mena, der Urgroßvater des Lehrers Ernst Menz, berichtet in der Urkunde von 1829 über die Hungersnot:

„Die Hungersnot war sehr groß. Das Korn, das aus Rußland kam, kostete pro 20-Liter-Gefäß 3 Taler 6 Batzen, der Tragkorb voll Kartoffeln 1 Taler 9 Batzen und bei manchem Geizigen noch einige Batzen mehr“.

 

Nr. 23: 31 Münzen aus dem Kirchenkasten

Über die Herkunft dieser Münzen schreibt Pfarrer. Klingelhöfer auf einem beigefügten Zettel:

„31 alte Münzen aus unserem Gotteskasten, welcher am 20. August 1906 nach langer Zeit wieder geöffnet worden ist. Da keine Schlüssel mehr vorhanden waren, mußte er durch Schlosser Hugo Friedrich Ader in meiner Gegenwart und unter Assistenz von Kirchenvater Motz und Heiligenmeister Pfannschmidt aufgebrochen werden. Es fanden sich viele alte Münzen, von denen diese 31 dem Turmknopf anvertraut wurden.                 23. August 1906 Klingelhöfer

 

1.

1761   

III Heller Scheidemünze 1761, Blumen neben der Zahl. Rückseite: FL sehr verschlungen mit Krone darüber [Hessen-Cassel: Friedrich II., 1760-1785

2.

1770   

I Heller 1770, Blumen neben der Zahl. Rückseite: Ornamente mit Krone. Sehr kleine und dünne Münze

3.

1762

IIII Heller Scheidemünze 1762. Rückseite: FL sehr verschlungen mit Krone darüber  [Hessel-Cassel: Friedrich II., 1760-1785]

4.

1779

VI Heller F.U. Rückseite: F mit Krone darüber 1779. Sehr kleine‚ dünne und etwas abgegriffene Münze

5.

1791

2 Heller 1791‚ Blumen neben der Zahl und unten. Rückseite: Löwe mit Wappenschild und Krone darüber, Buchstaben auf Schild [Hesen-Cassel: Wilhelm IX.,  I,  1760-1821]

6.

1796

1 Pfenning 1796, stark abgegriffene kleine Kupfermünze, deren Verzierungen auf der Rückseite nicht erkennbar sind

7.

1800

Doppeladler mit Zahl 1/2'und Jahreszahl 1800. Rückseite: Männerkopf und Buchstaben: Franc II DGRISAGEHVBOREZAA [Rußland?]

8.

1801

1 Pfennig 1801 mit Blume darunter. Rückseite: Wappenschild und Buchstaben: S.W. u.E. [Sachsen-Weimar und Eisenach]

9.

1802

1 Pfennig 1802 R. F. Rückseite: Löwe mit Krone und Zweigen

10.

1813

1/2 Kreuzer 1813. Rückseite: Löwe mit Krone und Umschrift:

„....Nassauische Scheidemünz“

11.

1821

1 Heller 1821 mit Blumen. Rückseite: Adler

12.

1824

I Pfennig 1824 mit Blumen. Rückseite: Wappen mit Krone [Sachsen-Weimar-Eisenach?]

13.

1830   

3 Pfennige 1830, mittelgroß. Rückseite: Wappen und S.W.E [Sachsen-Weimar-Eisenach?].

14.

1831

I Heller 1831 mit Blumen. Rückseite: verziertes WK mit Krone [Hessen-Cassel: Wilhelm IX., II, 1821-1847]

15.

1841

1 Silbergroschen 1841, 30 (?) einen Thaler, Scheidemünze.

Rückseite: Wappenschild mit Krone und „"Kurfürstentum Hessen“

16.

  ?

wie Nr.15, aber Rückseite Männerkopf und „Friedrich III,

Koenig v. Preussen“, Jahreszahl nicht erkennbar [vor 1888]

17.

1842

1 Neugroschen / 10 Pfennige.  Rückseite: Wappen mit Krone

und „K. S. Scheidemünze 1842“

18.

1843

1 Heller 1843, Kurhessische Scheidemünze. Rückseite:

Löwe im Wappenschild mit Krone und „360 einen Thaler“

19.

1847

1 Heller 1847,  Kurhessische Scheidemünze, Rückseite wie 18

20.

1850

1 Heller mit Blumen, Jahreszahl könnte auch 1830 sein. Rückseite: Löwe im Wappenschild mit Krone und „G.H.K.M.“

21.

1851   

1 Silbergroschen 1851, Umschrift: „360 einen Thaler, Scheide

Münze“. Rückseite: Doppeladler auf Wappenschild mit Krone, Umschrift „Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen

22.

1861   

Heller 1861 mit Blumen. Rückseite: Adler mit Umschrift: „Scheidemünze der Freien Stadt Frankfurt“

23.

1862   

1 Pfennig 1862 Scheidemünze. Rückseite: R mit Krone [Hannover: Georg V., 1851-1866]

24.

1865

1 Pfennig 1865 Scheidemünze. Rückseite: Wappen, Krone, Zweige

25 -31.

 

 

Münzen des deutschen Reiches, jeweils mit Adler auf Rückseite. Werte mit Jahreszahl: 1 Pfennig (1889), 2 Pfennig (1874), 5 Pfennig (1898), 10 Pfennig (1891), 20 Pfennig (1876, klein), 20 Pfennig (1888, groß, Adler etwas anders)

 

Nr. 24: 4 Münzen aus der Inflationszeit

 

1.

1921

10 Pfennig Deutsches Reich. Rückseite: Adler

2.

1921

50 Pfennig Deutsches Reich, Rückseite: Garbe mit „Sich regen,

bringt Segen“

3.

1922

3 Mark Deutsches Reich. Rückseite: Adler mit „Verfassungstag

11. August 1922“

4.

1923

200 Mark Deutsches Reich. Rückseite: Adler mit „Einigkeit

und Recht und Freiheit“

 

 

Nr. 25: 29 Banknoten aus der Inflationszeit

 

1.

50 Pfennig Kreisnotgeld Schmalkalden

15.03.1917

2.

5 Mark Darlehnskassenschein, Reichsschuldenverwaltung

01.08.1917

3.

20 Mark

20.02.1918

4.

10 Mark Reichsbanknote, Reichsbankdirektorium

06.02.1920

5.

2 Mark Darlehnskassenschein, Reichsschuldenverwaltung.

01.03.1920

6.

50 Mark Reichsbanknote, Reichsbankdirektorium

23.07.1920

7.

100 Mark Reichsbanknote, Reichsbankdirektorium

01.12.1920

8.

500 Mark Reichsbanknote, Reichsbankdirektorium

07.07.1922

9.

50 000 Mark Reichsbanknote, Reichsbankdirektorium

19.11.1922

10.

5 000 Mark

02.12.1922

11.

1 000 Mark (Überdruck: Eine Milliarde Mark)

15.12.1922

12.

100 000 Mark

01.02.1923

13.

20 000 Mark

20.02.1923

14.)

1 Million Mark

20.02.1923

15.

20 Millionen Mark

25.07.1923

16.

50 000 Mark

09.08.1923

17.

100 000Mark Kreisgeld (mit Bemerkung von Menz)

15.08.1923

18.

1 Million Mark Privat-Notgeld Oskar Holland-Cunz

15.08.1923

19.

500 000 Mark Kreisgeld

15.08.1923

20.

1 Million Mark Kreisgeld

15.08.1923