Erziehung

 

Inhalt:

Vater und Mutter, Taufe, Kinderabendmahl,  Gebet, Kinder fragen, Märchen, Geschwister, Angst, Gewissen, Gehorsam, Lüge, Strafe, Kind und Tier, Krankheit, religiöse Erziehung, Kindergartenkind, Schule, sexuelle Erziehung, Freund und Freundin, Reifezeit, Jugendkriminalität,  Sterben und Tod, Makarenko.

 

 

Vater und Mutter im Leben der Kinder

In unserer Zeit, in der die berufstätige Ehefrau fast als Normalfall gilt und auch die Väter immer stärker vom Beruf gefordert werden, ist es nötig, sich immer wieder zum Bewußtsein zu bringen, was in den Kleinkinderjahren Vater und Mutter für das Leben des heranwachsenden Kindes bedeuten. Aus dieser Besinnung heraus sind dann auch die praktischen Entscheidungen für die Gestaltung des Lebens in Ehe und Familie zu treffen. Zu einer solchen Besinnung sollen die nachstehenden Ausführungen des bekannten Schweizer Ehe- und Familienberaters Dr. Bovet aus dem evangelischen Sonntagsblatt für Elsaß und Lothringen „Le Messager Evangelique“ beitragen.

 

Zärtlichkeit ist lebensnotwendig:

Die Mutter bedeutet für das Kind vor allem die Geborgenheit. Es ist bekannt, daß das menschliche Kind im Verhältnis zu den jungen Säugetieren noch unfertig zur Welt kommt. Man hat es deshalb als eine „physiologische Frühgeburt“ bezeichnet. So bedeutet die mütterliche Liebe während des ersten Lebensjahres in gewissem Sinn eine Weiterführung der Schwangerschaft außerhalb des Mutterleibes. Kinder bedürfen unbedingt der mütterlichen Zärtlichkeit und Geborgenheit, um richtig zu gedeihen. Sie ist kein Luxus, keine Sentimentalität oder Verwöhnung; sondern ist absolut lebensnotwendig.

Freilich ist diese Zärtlichkeit kein Selbstzweck. Sie hat den Sinn, das Kind allmählich selbständig zu machen. Je besser eine Mutter ihr Kind erzogen hat, d. h. je vollkommener die Geborgenheit war, die sie ihm geschaffen hat, desto eher wird das Kind selbständig werden. Viele Mütter haben große Mühe, das zu verstehen. Sie möchten ihr Kind ewig „klein“ behalten und appellieren immer wieder an seine Sentimentalität, um in ihrer Geborgenheit zu verharren. Das gibt die Kinder, die noch mit zehn Jahren nicht allein baden und noch mit fünfzehn Jahren nicht einschlafen können, bevor sie die Mutter selber zugedeckt hat. Es ist rührend, aber das gibt neurotische und unselbständige Menschen, die zudem einmal sehr heftig und, wie es dann heißt, „undankbar“ gegen die Mutter reagieren.

Die mütterliche Geborgenheit ist der Boden, in dem der Same keimt und die ersten Wurzeln treibt. Aber der Sproß richtet sich gegen den Himmel, und man erweist ihm keinen Dienst, wenn man ihn, aus Angst vor der Kälte, immer wieder mit Erde zudeckt. So bleiben des Menschen Wurzeln zwar im mütterlichen Boden, aber mit dem anderen Pol treibt er gegen den Himmel- und man soll ihn nicht daran hindern.

 

Stimme des Vaters, Stimme des Gewissens:

Auf seinem Weg ins Freie braucht das Kind aber zunächst noch eine Führung. Hier ist die Rolle des Vaters. Das Kind tut den ersten Schritt aus den mütterlichen Armen in die Arme des Vaters; dieser nimmt es dann an die Hand, und sie beginnen miteinander zu gehen. Sie gehen auf Entdeckungsreisen, schneiden Bogen und Pfeile aus der Hecke, bauen eine Hütte im Walde. Der Vater lehrt das Kind die Gesetze der Welt: „Das darfst du tun, jenes ist verboten. Wenn du das tust, wird jenes andere eintreten!“ Der Vater gibt dem Kind die erste geistige Führung, und das Kind nimmt seine Worte als unbedingte Wahrheit.

Wenn das Kind wirklich liebefähig ist, dann bringt es der Vaterliebe das Opfer seines Eigenwillens oder einer besonderen Lust: Es verzichtet auf die verbotene Frucht oder auf den bösen Streich, um nicht aus der Liebe der Eltern herauszufallen. Später, gegen Ende des Schulalters, macht sich das Kind die väterliche Moral zu eigen. Es „identifiziert sich mit dem Vater“, wie man sagt. Das drückt sich zum Beispiel darin aus, daß es die Stimme des Gewissens nicht mehr hört wie die Stimme des Vaters, sondern wie die eigene Stimme.

So wandelt sich die Wirkung der väterlichen Führung im Lauf der Kinderjahre, und auch ihr Sinn ist, mit der Zeit überflüssig zu werden. Das Ziel der Erziehung ist nicht. das Kind dau­ernd gefügig zu machen, seinen „Willen zu brechen“ und ihm zeitlebens Respekt vor jeder Art von Obrigkeit einzuflößen. Im Gegenteil. der reife Mensch soll selbständig sein, er soll Herr über seinen Willen sein.

Der Vater muß das Kind soweit bringen, daß es frei wird, wie der Vater ist. Nämlich in dem Sinne frei, daß es, wie der Vater, auf Gott gehorsam; ist und auf ihn allein. Am Schluß der Erziehung sollen Vater und Sohn wie Freunde miteinander reden können, auch wenn sie grundverschiedener Meinung sind. Am schönsten ist es, wenn der Sohn über den Vater hinauswächst und ihn belehren kann. Dann darf der Vater mit Recht stolz sein.

 

Vater und Mutter sind Stellvertreter:

Diese beiden Pole in der Erziehung - Geborgenheit und Führung - die natürlich beide Eltern gemeinsam haben, aber doch die Mutter vorwiegend den ersten und der Vater vorwiegend den zweiten, sie bestimmen weitgehend das ganze Verhalten des Menschen.

Sein Leben lang behält der Mensch seine gewisse Sehnsucht nach der mütterlichen Geborgenheit, nach der „Mutter Erde“ und ihren Geheimnissen. Die älteste Religion war die der „Erd-Mutter“, sie ging über den Kult der „Großen Mutter“ im Altertum bis zur gegenwärtigen Madonnenverehrung. Daran kann keine Theologie etwas ändern. Demgegenüber weist der väterliche Pol auf das Ziel des Weges. Die mütterliche Geborgenheit hat der Mensch einmal gehabt, sie gehört zu seiner persönlichen Vergangenheit, nach der er sich zurücksehnt.

Dagegen ist er noch nie in dieser Weise beim Vater gewesen, er sehnt sich nach ihm als nach dem noch Unbekannten. Der Vater ist außerhalb von ihm, über der Natur und sogar, je nach der Situation, gegen die Natur. „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren.“ Doch sind Vater und Mutter nur Stellvertreter, Gleichnisse. Hinter dem Vater wird allmählich der himmlische Vater entdeckt, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hinter der Mutter das, was Gott gegenübersteht. die Schöpfung. Diese liegt dem Menschen näher, sie wird zuerst entdeckt; Gott bleibt in Ewigkeit Geheimnis.

Es ist für das innere Gleichgewicht des Menschen wesentlich, daß diese beiden Funktionen von Vater und Mutter miteinander harmonieren. Daß weder die eine von der andern erdrückt werde noch beide in unversöhnlichem Gegensatz stehen. Dazu trägt entscheidend die eheliche Harmonie von Vater und Mutter bei. Wesentlich ist aber auch, daß die Eltern sich nicht scheu­en, ihren größeren Kindern ihre Fehler zuzugeben, damit jene nicht in der Verehrung der irdischen Eltern verharren, sondern wissen, daß es um Gott geht. „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk abgetan werden.“

 

Kinder brauchen Geborgenheit:

Wir betrachten den Holzschnitt von Frans Masereel: „Das Kind“. Unser erster Eindruck: „Schrecklich, so sieht doch kein Kind aus!“ „Doch, mitunter können Kinder einen solchen Gesichtsausdruck haben!“ Mutterseelenallein steht das Kind da. Man hat es vom Bürgersteig in die Gosse gedrängt, als habe es keine Da­seinsbereehtigung. Mit weit aufgerissenen Augen starrt es ins Leeere. Die kleine Gestalt scheint von Angst erfüllt zu sein (Augen, Haltung der Arme). Der kleine Leib ist aufgedunsen, der Kopf unverhältnismäßig groß, es scheint unterernährt zu sein, es ist nur notdürftig bekleidet (das Bild ist 1920 entstanden). In seiner Einsamkeit und Hilflosigkeit ist es völlig sieh selbst überlassen und scheint allen Gefahren schutzlos preisgegeben zu sein.

Im Hintergrund steigen die dunklen Leiber der Vorübereilenden wie eine schwarze, feindselige Mauer auf. Keiner hat Zeit, alles rennt vorbei. Die Menschen sehen das Kind gar nicht. Da ist der Mann mit den riesigen Stiefeln, die so aussehen, als wollten sie das Kind tottreten. Rücksichtslos läuft er auf sein Ziel zu, die Hände in den Taschen vergraben. Ihm entgegen kommt links einer, der wenigstens eine Hand hat, die sich dem Kinde entgegenstrecken könnte; aber sie scheint viel zu müde zu sein, zu teilnahmslos und kalt. Am rechten Bildrand entdecken wir noch eine Hand; sie ist bewegt und zugreifend, sie ist aber weit entfernt von dem Kind (sie scheint nach der eilig ausschreitenden Frau zu greifen).

 

Die Vorübereilenden haben keine Köpfe, keine Augen zu sehen, keinen Mund zu sprechen, keine Ohren zu hören. So steht das Kind in seiner grenzenlosen Einsamkeit, in der keine Augen sind, die seine Angst sehen. In einer so 1iebeleeren Welt muß das Kind verkümmern. Die Bibel aber mahnt uns in Mt 18,10: „Seht zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel!“

Vielleicht gibt es in unserer Nachbarschaft ein Kind, das so ähnlich aussehen kann. Könnte es nicht auch unser Kind sein? Auch im Leben unsrer Kinder kann es Augenblicke und Stunden geben, in denen ihr Gesichtsausdruck dem dieses Kindes ähnlich sein kann. Unser Kind kann uns manchmal fast fremd sein. Trotz aller Familienähnlichkeit und ererbter Wesenszüge ist es doch ein einmaliger Mensch. Unser Kind ist ein Geschöpf Gottes, nach seinem Bilde geschaffen. Gott kennt es und hat es lieb (Lied: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“!). Erfährt das Kind davon durch die Eltern?

Manche Eltern sagen entsetzt: „Ich kenne mein Kind gar nicht wieder. Peter hat einen schrecklichen Dickkopf bekommen. Ingrid lügt neuerdings so. Klaus ist ein großer Lümmel geworden. Die Kinder sind ganz anders als früher, viel selbständiger, aber auch oberflächlicher. Strafen führen nicht mehr zum Ziel!“

Nun müssen wir allerdings bedenken, daß auch andere Erziehungsträger auf die Kinder einwirken als die Eltern. Die Straße und vieles, was sie dort sehen und erleben, üben ihren Einfluß aus. Nun sind zwar manche Einflüsse durchaus zu bejahen (technisches Zeitalter, neue Gedankengänge). Aber vieles ist den Eltern auch nicht recht. Wenn wir an einem Flußufer stehen, sehen wir immer nur ein kleines Stück des Flusses. Aber den Ursprung und die Lebensflüsse, die miteinander dem Flußlauf den Charakter geben, kennen wir nicht. So kennen wir auch nicht alle Einflüsse, die auf das Kind einwirken. Wir können nur versuchen, es vor Schaden zu bewahren und in guter Weise selber auf das Kind einzuwirken.

Durch falsches Verhalten der Eltern können ungewohnte Reaktionen der Kinder hervorgerufen werden. Sie haben eben nicht mehr die innere Sicherheit und Unfehlbarkeit wie noch ihre Eltern oder Großeltern. Sie nehmen sich nicht genügend Zeit für die Kinder, sind übermüdet und oft gereizt. Der Sonntag ist längst kein Sonntag mehr, die Kraft zu gemeinsamem Tun fehlt (z.B. Gottesdienstbesuch). Man hat nicht die Nerven, die Ausführung einer Forderung an die Kinder zu kontrollieren, notfalls zu strafen.

Oft untergraben die Eltern selber ihre Autorität gegenüber ihren Kindern. Die Eltern sind sich untereinander nicht einig (Wenn die Mutter nicht auf den Vater hört, warum soll es dann das Kind tun). Die Eltern halten ihre Versprechungen nicht. Sie lügen selber und brauchen sich über Lügen ihrer Kinder nicht zu wundern. Sie verbrennen vielleicht den Teddybär des Kindes, obwohl sie versprochen hatten, ihn reparieren zu lassen. Ein Kind vergißt solche Erlebnisse nicht so schnell.

Eltern, die selber sichere und reife Persönlichkeiten sind, behandeln ihre Kinder eher weitherzig; sie haben Überzeugungskraft, Intelligenz und Humor. Strenge Eltern sind meist unsichere und verschlossene Menschen ohne rechte Willenskraft. Hinter ihrer Strenge steckt der Zweifel, ob sie sich selbst in der Kontrolle haben. So wie sie selber erzogen wurden, erziehen sie auch wieder ihre Kinder.

Es wäre aber auch falsch, die Kinder zu Idealen zu machen, ein Kind nur für begabt, phantasievoll und unternehmungslustig zu halten. Die Eltern fordern alles an dem Kind, was ihren Vorstellungen entspricht; was aber nicht hineinpaßt, wird vernachlässigt oder gar unterdrückt. So kann sich die Persönlichkeit des Kindes nicht richtig entwickeln. Eines Tages stellen die Eltern mit Erschütterung fest, daß der Schwerpunkt des Lebens des Kindes außerhalb der Familie liegt.

Was wir „Frechheit“ nennen, könnte aber unter Umständen ein Zeichen für Unsicherheit oder Mangel an Geborgenheit sein. Eine Hauptaufgabe der Eltern aber ist es, ihren Kindern die nötige „Nestwärme“ zu geben. Romain Rolland sagt dazu: „Der Wein behält immer den Geruch des ersten Gefäßes, in der er gefüllt wurde. So trägt auch die Seele bis zum Ende ihrer Tage den Stempel einer verdorbenen Jugend!“

Eine Lösung ist übrigens nicht, wenn man den Kindern jeden Wunsch unter großer persönlichen Opfern erfüllt und der Beruf die Hauptsache im Leben wird; die Spannungen zwischen Beruf und Familie gilt es auszuhalten und nicht nach der einen oder anderen Seite auszubrechen (das ist mit „Geduld“ gemeint).

Ebenso ist es nur ein Notbehelf, die Kinder an andere Erziehungsträger abzuschieben. Die Kinder sollen zuhause ein Heim haben, aber nicht in ein Kinderheim gesteckt werden. Was an sich als Bezeichnung des engsten Schutzraumes für Kinder gedacht war, ist heute zur Bezeichnung der öffentlichen Fürsorge geworden für solche, die ihr Heim bereits verloren haben. Dort kommen ja auch Kinder hin, die durchaus Eltern haben. Kinderkrippe, Schulhort und „Babyhotel“ sind irreführende Wortprägungen, die Ersatz für mütterliche Liebe bieten sollen. Aber eine Krippenerzieherin kann niemals für jedes ihrer Kinder so da sein wie eine Mutter. Aber wenn die Kinder dann schreien, kriegen sie Beruhigungsmittel.

In solchen Einrichtungen wird das Kind zwar sauber gehalten, mit Vitaminen und Kalorien gefüttert, ordentlich gebettet und gekleidet. Aber der Mangel an menschlicher Wärme, Ansprache, Spiel und Zuwendung führt unweigerlich zum seelischen Verfall, der gleich grausam ist wie körperliche Mißhandlung. Man meint, die Kinder hätten doch alles; dabei zeigen sich bei ihnen Anzeichen von „Hospitalismus“: Ernstes Gesicht, langsame Bewegunger, Geschrei bei Annäherung eines Erwachsenen schaukelnde Bewegungen des Kopfes, Zornausbrüche, verzögerte geistige Entwicklung, die auch bis zum Beginn der Schule nicht aufgeholt werden kann. In einer reizarmen Umwelt kann eben kein Kind gedeihen.

Ein Jahr früher als vergleichbare Tiere verläßt das Menschenkind den schützenden Mutterleib. So kann es von seinen geistigen Anlagen in jenem Zustand höchster Bildbarkeit Gebrauch machen und so zeitig mit seiner Welt vertraut werden. Zwanzig Jahre bleibt das Kind im elterlichen Nest, ehe es sieh selbständig macht, in einem Alter, in dem die Tiere schon altersschwach werden. Das Kind braucht wenigstens eineinhalb Jahrzehnte die bergende Umgebung des Elternhauses, den „sozialen Mutterleib“ (Portmann). Vor allem in den ersten Lebensjahren braucht es die „seelische Nabelschnur“, die nur allmählich gelockert und verlängert werden darf. Das Kind braucht die Geborgenheit im Arm oder Schoß der Mutter oder wenigstens die Wiege, die an der Mutterleib erinnert. Es hat ein Bedürfnis nach Zusammensein mit der Mutter, sonst schreit es mehr als nötig.

Ein Kind braucht aber auch Auslauf, nicht nur jene genormten Spielplätze, sondern Wald und Feld, nicht der geteerten Schulhof, sondern den Bach und der Sandhaufen. Landkinder haben es da besser als Großstadtkinder. Sie dürfen dabei nicht zu sehr bevormundet werden. Besonders ruhige Kinder geben nach einigen Versuchen, sich durchzusetzen, leicht wieder auf und fügen sich in das Unvermeidliche. Sie müssen aber gerade angestachelt werden und dürfen nicht zum „braven“ Kind herangezüchtet werden. Wichtiger als die Schonung der mütterlichen Nerven ist das Flüggewerden des Kindes.

Ein Kind darf aber auch nicht durch zu frühe Forderungen erdrückt werden: zuviel Alleinsein, zu frühe Reinlichkeitserziehung (vor zweieinhalb Jahren sinnlos), zu frühes Verhalten wie ein Erwachsener. Andererseits muß ein Kind auch selbständig werden und die Mutter sich Zeit lassen, wenn das Kind selber essen oder sich ankleiden will. Hier gilt es, die richtige Mitte zu finden.

Kinder können seelisch verhungern (nie Lieder, Märchen, Dreck, Wasser, Farben, Klötze, Werkzeug, Stofftier), aber ebenso auch geistlich. Das geschieht, wenn das Kind gar nichts vom Heiligen erfährt oder wenn man die Erziehung zum Glauben der Kirche überläßt. Mit dem Hinschicken zum Kindergottesdienst und zum kirchlichen Unterricht ist es nicht getan.

Das Kind soll zuhause das Beten lernen und nicht nur die Mickymaus sehen, sondern auch zum Beispiel die Anbetung der Hirten.

Einen besonderen Punkt stellt auch das Zubettgehen dar. Man sollte das nicht einfach der Kindern überlassen, sondern bewußt gestalten. Rechtzeitig muß angekündigt werden, daß nur das Spiel zuende geht. Gemeinsam sollte die Familie das Abendbrot einnehmen. Die Reinigung kann ruhig mit Spaß vor sich gehen. Wenn das Kind im Bett liegt, kann man die Tagesereignisse noch einmal durchsprechen oder Pläne durchsprechen. Das kann dann einmünden in das Abendgebet, das ruhig auch aus einem frei formulierter Gebet bestehen kann. Wenn die Eltern abends noch einmal fortgehen, müssen sie das dem Kind sagen und ihm versichern, daß sie bestimmt wiederkommen. Wenn sie dann da sind, müssen sie noch einmal nach dem Kind sehen.

Für das Kind erweitert sich das „Zuhause“ vom Schoß und Arm der Mutter über Ställchen und Stube zum Haus und Garten. Doch nicht der Raum an sich wird als Zuhause empfunden, sondern nur der „beseelte Raum“, wo Vater, Mutter und Geschwister sind. Das Zuhause ist bestimmt durch die Personen, die Schutz und Geborgenheit vermitteln. Die Eintracht kann gestärkt werden durch möglichst viel gemeinsames Tun, Frieden halten, Freude schenken, auch einmal eine Extrafreude.

Die Kinder sollen Liebe und Tröstung erfahren, auch wenn die Eltern wenig Zeit haben. Man braucht die Stille, um zur Gelassenheit zu finden. Dazu gehört auch, daß die Industrie auf die Arbeit der Mütter (nicht: der Frauen) verzichtet, so wie sie vor 100 Jahren auf die Arbeit der Kinder verzichtet hat (Aber heute geht es auch um die Verwirklichung der Frauen, die ja meist einen Beruf erlernt haben).

Zuletzt wollen wir das Wort Jacob Böhmes bedenken: „Vergeßt nie, daß eure Kinder Gottes Kinder sind. Rechnet damit, daß auch Gott euch helfen kann Und vergebt euren Kindern, so wie euch von Gott vergeben worden ist!“

 

 

Erzählung: Bei dir darf man nicht weinen

Mit ihren männlich weiten, festen Schritten war sie nach Dienstschluß nach Hause gegangen. Sie warf die Gartenpforte ins Schloß, holte das Schlüsselbund aus der Aktentasche und trat eilig ins Haus. Jürgens Mütze hing schon an der Garderobe. „Bin zurück, Jürgen“, rief sie. „Nachher sehen wir deine Schularbeiten durch. Vielleicht kann ich auch noch ein bißchen vorlesen: Ich denke, halb sechs bin ich fertig.“

Sie band die Schürze um, wärmte sich den Essensrest vom Vortage und setzte sich damit an den Küchentisch, die Aktentasche neben sich. Jürgen hatte anscheinend nicht gegessen. Nein, damit konnte sie ihn nicht durchlassen. Er war ohnehin zu mager. Selbst der gesunde Appetit fehlte ihm zum richtigen Jungen. Sie würde noch viel an ihm zurechtzubiegen haben. Die Lesefibel lag neben ihrem Teller. Während sie sich mechanisch die gefüllte Gabel in den Mund schob, strich sie sich das Pensum für morgen an und machte sich Notizen für ein Diktat.

Ihr Programm für den Rest des Tages war prall gefüllt. Hausfrauenarbeit und Vorbereitungen für das morgige Lehrpensum. Mit knappen, wohldurchdachten Bewegungen wischte sie Staub. Kein überflüssiger Handgriff, keine Sekunden unproduktiven Verweilens. Auch bei ihrem Hochzeitsbild auf dem Schränkchen nicht, das ihr Gesicht so ganz anders zeigte als jetzt, so jung und weich. Und auch bei dem Bild ihres Mannes nicht, neben dem seit drei Jahren eine Vase mit bunten Strohblumen stand. Nein, sie hatte ihre Gedanken und Gefühle in der Gewalt. Sie würde niemals wieder verzweifeln wie damals bei seinem Tod. Jetzt wußte sie, daß man durchkommen konnte. Man muß nur lernen, hart und nüchtern zu denken und zu handeln.

Wo der Junge wohl steckte? „Du könntest dich ruhig sehen lassen bei mir“, rief sie in den Flur hinein. „Wie bist du mit dem Rechnen zurechtgekommen? Du meintest doch, ihr würdet heute eine Arbeit schreiben.“ Aber er antwortete wieder nicht.

Sie richtete sich den Stapel Hefte und ihre Schreibsachen und wollte sich setzen. Aber dann sprang sie doch hoch. Erst mußte sie wissen, wo der Junge war. Sie rief seinen Namen durch die Wohnung, erst fragend, dann laut und befehlend.

Keine Antwort kam. Da lief sie in den winzigen Garten. Jürgen hielt sich gern dort auf, allerhand versonnene Spiele treibend. Er liebte es, schöne Steine zu sammeln oder aus Lehm Figuren zu kneten. Sie konnte ihn nicht entdecken. Oder war dieses Geräusch von ihm, dieser seltsame, abgerissene klagende Ton? Er kam aus der Hundehütte, einem Überbleibsel aus ihrer kurzen Ehe, als sie noch Sinn für, einen unnützen Zeitvertreib hatte wie beispielsweise einen Hund.

Sie bückte sich: Da sah sie den Jungen. Er kauerte ganz zusammengeschmiegt in dem muffigen Dunkel der Hütte. Als er die Mutter sah, schwieg er still und hielt sogar den Atem an.

„Was soll denn das?“ fragte sie mißmutig. „Das sind doch Kindereien. Sollte ein Junge in deinem Alter nicht etwas Vernünftigeres anzufangen wissen?“

Er ließ sich ohne Widerstand herauszerren. Dann stand er vor ihr, den Kopf gebeugt, das Gesicht in den Händen und schwieg. Aber sie hatte doch gesehen, daß die Backen feucht und schmutzig von abgewischten Tränen waren. „Was ist denn? Ist dir was schiefgegangen?“

Er atmete in kurzen schluchzenden Stößen und antwortete nicht. Sie rüttelte ihn ungeduldig am Arm. „Nun sag schon. Ich habe keine Zeit!“

Da schwenkte er den Kopf hin und her und drückte sich dabei beide Hände gegen das Gesicht: „Es - es - tut so schrecklich weh“, jammerte er. Sie starrte ihn an. „Was denn? Um Gotteswillen, was tut die weh?“ Jetzt brach ein wimmerndes, hemmungsloses Weinen aus ihm heraus. „Mein - das - mein Ohr, das rechte.“

Sie erschrak. „Ich rufe gleich den Arzt an. Komm rein, rasch, ich habe noch die Tropfen von damals.“ Sie stürzte voran, ins Haus. Aber auf halbem Wege kehrte sie um, ging zögernd zu dem Kind zurück. Warum hast du mir das nur nicht gleich gesagt?“ fragte sie ganz leise.

Der Junge kniff die Lippen ein, um sein Weinen zu unterdrücken. „Bei dir darf man ja nicht weinen. Und es tut so schrecklich weh“, sagte er mühsam.

Reglos und stumm sah sie auf ihn hinab. Dann hob sie langsam den Arm, legte ihn um die Schultern des Jungen und führte ihn ins Haus. „Ich hab es gut gemeint“, sagte sie dabei, „später werde ich es dir erklären. Wenn du groß bist!“ Und ihre Stimme klang rauh von zerbrochener Härte. (Dorothee Fischer-Naumann).

 

Aus dem Tagebuch eines Zweijährigen:

Donnerstag,

8.10 Uhr. Kölnisch Wasser auf Teppich gespritzt. Mama böse. Kölnisch Wasser ist verboten.

8.45 Uhr. Feuerzeug in Kaffee geworfen, Haue gekriegt.

9.00 Uhr. In Küche gewesen, 'rausgeflogen. Küche ist verboten.

9.15 Uhr. In Papas Arbeitszimmer gewesen. 'rausgeflogen. Arbeitszimmer auch verboten.

9.30 Uhr. Schrankschlüssel abgezogen. Damit gespielt. Mama wußte nicht, wo er war. Ich auch nicht. Mama geschimpft.

10.00 Uhr. Rotstift gefunden. Tapete bemalt. Ist verboten.

10.20 Uhr. Stricknadel aus Strickzeug gezogen und krumm gebogen. Zweite Stricknadel in Sofa gesteckt. Stricknadeln sind verboten.

11.00 Uhr. Sollte Milch trinken. Wollte aber Wasser! Wutgebrüll ausgestoßen. Haue gekriegt.

11.10 Uhr. Hose naß gemacht. Haue gekriegt. Naßmachen verboten.

11.30 Uhr. Zigarette zerbrochen. Tabak drin. Schmeckt nicht gut.

11.45 Uhr. Tausendfüßler bis unter Mauer verfolgt. Dort Mauerassel gefunden. Sehr interessant, aber verboten.

12.15 Uhr. Dreck gegessen. Aparter Geschmack, aber verboten.

12.30 Uhr. Salat ausgespuckt. Ungenießbar. Ausspucken dennoch verboten.

13.15 Uhr. Mittagsruhe im Bett. Nicht geschlafen. Aufgestanden und auf Deckbett gesessen. Gefroren. Frieren ist verboten.

14.00 Uhr. Nachgedacht. Festgestellt, daß alles verboten ist. Wozu ist man überhaupt auf der Welt? (Hellmut Holthaus)

 

Sind Sie gut zu Ihren Kindern?

  • Versprechen Sie Ihrem Kind häufig etwas, was Sie nachher nicht halten?
  • Geben Sie sich keine Mühe, korrekt zu reden, d. h. also, im besten Deutsch sich auszudrücken und so Ihrem Kind ein gutes Beispiel für die Sprachbildung zu liefern?
  • Machen Sie notgedrungen die Schularbeiten für Ihr Kind, ohne sich die Mühe zu geben, Ihrem Kind die wirklichen Zusammenhänge zu erklären, es also anzuleiten, eines Tages selbst diese Arbeit zu leisten?
  • Ist es Für Sie eine Selbstverständlichkeit; vor Ihrem Kind gegenüber Ihrem Lebenspartner in Opposition zu gehen? Das heißt also, das Kind zum Zeugen oft häßlicher Auseinandersetzungen werden zu lassen?
  • Wenn Sie etwas verlegt haben und herum suchen, lassen Sie dann vor Ihrem Kind alles in größter Unordnung liegen?
  • Geben Sie manchmal, gerade wie es Ihnen einfällt, zur gleichen Frage heute recht und morgen unrecht oder heute eine Ja-Entscheidung und morgen ein glattes Nein?
  • Antworten Sie Ihrem Kind auf seine Fragen häufig mit den üblichen Sätzen: „Verschwinde, du gehst mir auf die Nerven!“ — „Arbeite und laß' mich in Ruh'!“ usw.
  • Zwingen Sie bei Tisch Ihr Kind auch dann zu essen, wenn es keinen Hunger hat?
  • Nehmen Sie Ihrem Kind jegliche Initiative, indem Sie Ihrem Sprößling immer wieder sagten, daß er doch alles falsch macht?
  • Herrschen Sie Ihr Kind an, daß es unrecht hat, ohne ihm zu erklären weshalb?

Sie gehören zu den unmöglichen Eltern, wenn Sie in mehr als sieben Fällen mit Ja antworten müssen. Denn dann erziehen Sie Ihr Kind grundsätzlich falsch. Sie geben Ihrem Kind genau die Anleitungen, die eine erwachsene Person niemals geben dürfte. Antworten Sie in weniger als vier Fällen mit Ja, dann gehören Sie zu den aufgeschlossenen Erwachsenen, die mit jedem heranwachsenden Menschen zurechtkommen, dann sind Sie beinahe ein geborener Erzieher, den man in wichtigen Erziehungsfragen um Rat fragen sollte.

 

 

Über das Einschlafen unserer Kinder:

In vielen Familien gibt es ein abendliches Einschlafdrama mit den Kindern. Die Eltern haben sich daran gewöhnt, die Kinder wissen, daß es dazu gehört. Wenn etwas ausbleibt, fehlt etwas. Nicht immer nimmt es die Formen des „großen Affentheaters“ an, meist spielt es sich in schlichterer Weise ab. In den folgenden Überlegungen geht es um das Einschlafen unserer Kinder. Die Überlegungen verstehen sich zugleich als christliche und psychologische Erwägungen.

 

I. Tiefenpsyochologischer Ansatz: Schlaf und Mutterschoß

Schlafen bedeutet gewissermaßen einen vorübergehenden Rückfall in das Sein im Mutterleib.

Leben im Mutterschoß bedeutet Geborgenheit, Sicherheit, Einssein mit der Mutter, heile Welt. Nun gehört es aber zu unserem Leben, daß man aus dem Mutterschoß ausgestoßen wird und das Licht der Welt erblickt - mit einem Schrei als erster Lebensäußerung. Geburt ist die erste Krise im Leben.

Das Kind nimmt diese Trennung noch nicht bewußt und objektiv wahr. Mit vielerlei Bindungen bleibt es ja an die Mutter gebunden. Es hat täglich Mund- und Hautkontakt zu ihr, es hört die Mutter, es spürt ihren Geruch, später sieht es und erkennt es die Mutter. Für ein Kind ist der Eindruck, die Mutter ist nahe, soviel wie: alles ist gut.

 Hat es dagegen die Empfindung, die Mutter ist nicht anwesend, so bedeutet das: Alles ist schlecht. Die Nähe der Mutterbrust ist nicht nur Lebenserhaltung im Sinn von Ernährung, sondern bedeutet viel mehr: Nähe, Geborgenheit, Lust. Es ist kein Zufall, daß der Naturlaut „Mama“ nicht nur ein Kosewort für Mutter ist, sondern auch lateinisch die Mutterbrust bedeutet. Die ersten Glücksempfindungen erlebt ein Kind im Saugen an der Mutterbrust.

Das kann nicht immer so weitergehen, eines Tages wird das Kind entwöhnt, dann sucht es sich eine Erinnerung, einen Ersatz der Mutterbrust, die Geborgenheit bedeutete. Das Kind nimmt den Daumen, es nimmt ein Tüchlein, einen Bettzipfel, den Schnuller, den man ihm gibt. Es benützt einen Mutterersatz. Auch wenn das Kind geschaukelt wird, wird in ihm noch einmal die Illusion erzeugt, es befindet sich im Schoß der Mutter, während die Mutter dahin schreitet.

Solche Muttersymbole zeigen, worum es geht, um Geborgenheit, Angstbewahrung und Sicherheit. Von der vorgeburtlichen Existenz im Mutterleib zur nachgeburtlichen Zeit, ja bis hin ins Erwachsenenalter wird die Verbindung von Mutterschoß und Geborgenheit geahnt. Für den Schlaf spielt die Mutter oder der Mutterersatz eine große Rolle. Ein Kind will nur dann schlafen, wenn es die Mutter oder ihr Symbol bei sich hat. Es will geborgen sein, Angst abwehren. Darum legt es sich ein Schlafzeremoniell zu.

Schlafzeremonielle gibt es in vielerlei Gestalt. In jeder Familie finden wir sie ein wenig anders, aber der Grund ist der gleiche, der Mensch kann nicht schlafen, wenn er Angst hat. Eltern sollten nicht rationalistisch sein und Schlafzeremonielle einfachhin für Unfug halten, sie dienen der Angstabwehr. Mit ihrer Hilfe erhalten wir Geborgenheit aufrecht oder wir vergewissern uns ihrer aufs Neue.

Auch bei Erwachsenen gibt es Einschlafzeremonielle. Wir bereiten unsere Schlafstätten so vor, als befänden wir uns in einem dem Mutterleib ähnlichen Raum. Wir dämpfen Geräusche ab, löschen das Licht: das Bett, die Decken entsprechen den warmen Häuten, die uns im Mutterbauch umgehen. Wir kuscheln uns zusammen, ziehen die Beine an den Rumpf - so liegen Kinder im Mutterschoß.

Im Schlaf gleiten wir nach den Anstrengungen des Tages in jenen Zustand der Entspannung und der Lösung zurück, der der Urgeborgenheit ähnlich ist. In diesem Urzustand sammeln wir die neuen Kräfte für den sogenannten Lebenskampf. Daß Einschlafzeremonielle mit Geborgenheit und Sicherheit zu tun haben, erkennen wir auch daran, daß bei manchen Leuten ein Gang durch die Wohnung dazu gehört oder die Prüfung der verschlossenen Tür.

Allerdings kann das Sicherheitsbedürfnis neurotisch auswuchern, die Einschlafsitten können ins Kraut schießen. Manche Leute schauen unter das Bett, bevor sie schlafen können. Wenn ein Kind verlangt, vor dem Schlafengehen durch das ganze Haus, vom Boden bis zum Keller geführt zu werden, wenn eine solche Inspektion nötig ist, um einzuschlafen, dann wird es problematisch.

Wenn jedem Tier (Bär, Hund, Elefant) eine Einschlafgeschichte erzählt werden muß, die Mutter am Bettchen sitzen und dem Kind die Hand halten muß, bis es eingeschlafen ist, wird die Sache lästig. Einschlafzeremonielle können so sehr ausladend und merkwürdig werden, daß die Notwendigkeit besteht, einen Kinderpsychologen aufzusuchen.

Ein merkwürdiges Schlafzeremoniell soll hier kurz berichtet werden: Ein Kind ist in den ersten Monaten seines Lebens sehr behütet erzogen worden. Der Vater - ein Wissenschaftler - arbeitet zu Haus, die Mutter besorgt den Haushalt allein. Das Kind hat noch nicht sehr viele fremde Menschen kennengelernt, die Verwandtschaft hat sich noch nicht sehen lassen. Die Mutter wünscht nicht, den Kleinen als Schaustück vor Onkeln und Tanten zur Schau zu stellen. Sie hat eine Schwester mit drei Kindern, diese Kinder sind recht nervös. Alles das möchte sie ihrem Kind ersparen. Eines Tages kommt die Schwester auf Besuch. Sie will drei Wochen bleiben. Sofort stürzt sie zu dem kleinen Kind in das Zimmer mit einem Spielzeug, einem hölzernen Hampelmann. Das Kind war gerade am Einschlafen, als die Tante lärmend ins Zimmer stürzt, in der Hand den Hampelmann, erschrickt das Kind. „Schau Peter“, ruft sie und setzt über dem erstaunten Gesicht des Kleinen den Hampelmann in Aktion. Das Kind erwacht. Sein Blick, der die Mutter erwartet hat, fällt auf den Hampelmann, dann auf die fremde Frau. So etwas hat er noch nie gesehen. Er erhebt ein lautes, langanhaltendes Angstgeschrei. Die Tante nimmt ihn auf die Arme, er hört nicht auf zu weinen, erst die Mutter kann ihn besänftigen. Vom Weinen müde, schläft das Kind ein. Die Tante, die noch einige Zeit in der Familie bleiben würde, sagt, man müßte das Kind an den Hampelmann gewöhnen, es ginge nicht an, daß ein Kind Angst vor einem Hampelmann hat. Die Mutter des Kindes, die jüngere Schwester des Besuchs, läßt sich gerne belehren, denn auch ihr kam das Verhalten des Kindes befremdend vor. Vor dem Einschlafen wird an jedem Abend der Hampelmann vorgeführt. Peter gewöhnt sich an das Spiel, er weint nicht mehr, aber er macht mit den Händen und Beinen schlagende Bewegungen, Abwehrbewegungen wie es scheint, er strampelt und ist erregt. Wenn der Hampelmann weggenommen ist, beruhigt er sich sofort und schläft ein. An einem Abend ist die Tante bei Freunden eingeladen und nicht zu Hause. Die Schlafenszeit, die Zeit des Hampelmanns ist da, der Kleine wird in die Wiege gebracht, die Mutter stellt fest, daß diesem Kind offenbar noch etwas fehle. Es ist unruhig, es fängt an zu weinen, es sucht mit den Händen, erregt sich, schreit - je länger, desto ängstlicher. Die Mutter kann das Kind nicht beruhigen, der Vater kommt herbei, liebkost es. Aber alles ist umsonst. Die Eltern wollen schon einen Arzt kommen lassen, da fällt der Mutter ein, vielleicht vermisse das Kind den Hampelmann. Sie holt ihn, läßt ihn tanzen. Das Mittel wirkt, der Kleine schweigt, schlägt nach dem Spielzeug, dann schläft er ein.

Die Konsequenz der Eltern: Wenn Peter einschlafen soll, muß er den Hampelmann haben und nach ihm schlagen. Das wird als Zeremoniell auch fortgesetzt. nachdem die Tante längst abgereist ist. Wie mag es kommen, daß das Kind den Hampelmann zuerst fürchtet, ihn dann aber zum Einschlafen nötig hat. Der Kinderpsychologe Hans Zulliger deutet im Anschluß an Sigmund Freud das Phänomen. Als Peter zum ersten Mal die Tante mit dem Hampelmann anstelle der Mutter erblickte, geriet er in Angst. In seiner Auffassung vereinigen sich die Tante und das Spielzeug. Um ruhig einschlafen zu können, muß die Gefahr erst abgewehrt werden. Die Bewegungen, die das Kind angesichts des Hampelmanns machte, waren keine jauchzenden der Freude, sondern Abwehrbewegungen.

Erschien die Tante oder der Ersatz, der Hampelmann, nicht, wurde der Junge unsicher und beunruhigt. Das Kind erwartete - in seinem tiefsten Unterbewußtsein, daß die Gefahr später erscheinen könnte, wenn er schon - wie das erste Mal - am Einschlafen war. Vor dem Einschlafen allerdings wartete er darauf, daß die Tante bzw. ihr Ersatz erscheinen müßte. Durch seine Abwehrbewegung brachte er sie dann zum Verschwinden, nun konnte er sicher sein, daß er in der Nacht nicht mehr beunruhigt wurde. Um ungestört einschlafen zu können, hat er sich ein Abwehrzeremoniell zugelegt. Es hat hier den Sinn einer Bannung, einer Beschwörung, eine Gefahr wird abgewehrt, Angst soll vermieden werden. Wie alle anderen Schlafzeremonielle dient auch Peters merkwürdige Einschlafvorbereitung der Selbstberuhigung, der Aufrechterhaltung des Gefühls der Geborgenheit.

In einer jungen Erfurter Familie passiert an jedem Abend folgendes: Die Kinder sind gewaschen worden, es wird gebetet, jedes Kind ist in seinem Bett, Vater sagt gute Nacht. Jedes bekommt ein Kreuz auf die Stirn, jetzt könnten die Kinder eigentlich schlafen. Aber sie schlafen noch nicht, etwas fehlt noch. Der Vater sagt: „Keinen ...“, die Kinder antworten im Chor: „Mucks“, darauf der Vater: „sonst ...“, die Kinder: ….raucht's“. Wenn der Vater sagt: „Keinen Mucks, sonst raucht's“, ist das eine Drohung, etwas, das Angst machen könnte (wahrscheinlich am Anfang auch sollte). Indem die Kinder das Drohwort aufnehmen, aussprechen, ja einen Spaß draus machen, bannen sie die Gefahr.

Einschlafzeremonielle sind richtig und nötig, nur müssen sie in Grenzen bleiben. Je älter ein Kind wird, desto nötiger ist eine behutsame Entwöhnung, die natürlich mit einer gewissen Einübung im Verzicht nötig ist. Es ist aber auch die Situation der kleineren Kinder zu bedenken; sie haben noch kein objektives Verhältnis zur Welt. Im Märchenalter ist die Welt für sie bevölkert von Geistern und Kobolden, da kann in einer Nacht viel geschehen. Gerade da braucht man die Mutter und - dann geht sie fort. Von daher ist es wichtig, in rechter Weise „gute Nacht“ zu sagen. Zu diesem „Gute-Nacht-sagen“ gehört die Versicherung, geborgen zu sein. Dafür gibt es Symbole, das Streichen über den Kopf, das Abendlied, die Gute-Nachtgeschichte, die angelehnte Tür, durch die aus dem Elternzimmer das Licht durchschimmert. Unter psychologischem Gesichtspunkt - der aber nicht der einzige ist - hat auch das Abendgebet den Charakter eines Einschlafzeremoniells.

 

2. Moralpsychologischer Ansatz: Schlaf und unbewußtes Leben

Wenn ein Mensch schläft, handelt es sich nicht um die Ruhe, die in einem Geschäft nach Geschäftsschluß entsteht; schlafen bedeutet auch nicht das Abschalten einer Maschine, es ist keine mechanische Beendigung eines Vorganges. Zwischen Schlafen und Wachen gibt es Kontinuität.

Im Schlafen versinkt der Mensch in „etwas“, das zu ihm gehört, in einen Bereich unter oder vor der bewußten Wirklichkeit, in dem der selbstbewußte Geist nicht einfach wie im wachen Zustand verfügen kann. Dieses „etwas“ kann man nicht einfach „Leib“, aber auch nicht einfach „Seele“ nennen. Es ist die Verbindung beider. Es handelt sich um das im Leiblichen wurzelnde unbewußte seelische Leben, um den unterbewußten Ort der Stimmungen, der Gefühle, der Träume, der Bilder, der Ängste.

Das menschliche Seelenleben ist einem Eisberg zu vergleichen,- bei dem nur ein Zehntel sichtbar und über der Wasseroberfläche, neun Zehntel darunter und unsichtbar sind. Unter dem Denk- und Erlebnisbewußtsein gibt es die Lebens- „Grundschicht“. Die Region des Unbewußten ist nicht kontrollierbar durch den Geist, der Ich-Einfluß gelangt hier an ein Ende. In das Reich, in das der Mensch beim Schlaf hinabtaucht, ist weithin ein Reich unpersönlicher Mächte, der Bereich des „Es“.

Es kann wunderbar sein, sich in diesen Bereich hinabfallen zu lassen. Durch den Schlaf wird dann alles wieder gut, es ordnet sich, nachdem man einmal „darüber geschlafen“ hat, aber es ist auch gefährlich. Es gibt nicht nur den heiteren Traum, sondern auch den Alptraum, den Angsttraum, es gibt nicht nur den erfrischenden und stärkenden Schlummer, sondern auch den tiefen, bleischweren Schlaf, aus dem man zerschlagen aufsteht. Die Lebensgrundschicht und das, was unter ihr liegt, ist nicht nur bevölkert von Feen. sondern auch von Kobolden. Sich dem Schlaf auszuliefern, ist deshalb nicht ganz geheuer.

Im Schlaf „passiert“ etwas mit uns. Das ist nicht so zu denken, daß jemand als ein guter Mensch einschläft und als Verbrecher aufwacht und umgekehrt. Solange man den dunklen Bezirk durchreist, kann man mit Geist und Willen wenig tun, man ist den Es-Mächten, die dort herrschen, ausgeliefert, man kann beeindruckt, beeinflußt allmählich verändert werden, zum Guten wie zum Schlimmen.

Natürlich gibt es auch tagsüber Einflüsse und Eindrücke, die wir uns nicht aussuchen, die auf

uns einpoltern, ohne anzufragen, ob sie herein dürfen. Aber der bewußte Mensch hat es in der Hand, sie umzuwandeln, sie abzuwehren oder zu verarbeiten.

Die alten Asketen und Mystiker, die an gute und böse Geister glaubten, lehrten, daß solche Geister keine Möglichkeit haben, direkt auf den Menschen einzuwirken. Sie nahmen aber eine indirekte Einwirkung an, die dann erfolgt, wenn der Mensch wehrlos ist.

Die mittelalterliche Engellehre nahm ja an, daß Geistwesen einen Bezug zu der Welt im Ganzen, zu der Materie überhaupt haben. Von der Materie her, von den vegetativen und animalischen Bereichen des Leibes ergäben sich Einwirkungen auch in leibseelische Bereiche. Eine solche Lehre kann man ablehnen oder annehmen, das spielt keine Rolle. In ihr ist aber große psychologische Einfühlungsgabe und Weisheit zu finden. Heutige Psychologen würden es anders formulieren, vielleicht reden sie von einer Bildschicht unter den bewußten Schichten, vom persönlichen oder kollektiven Unbewußten oder wie die Formulierungen immer sein mögen.

Wer schläft, gibt sich in ein Reich, das ihm unbekannt ist, er steigt ins Souterrain seines Lebens hinunter, in das Reich der Archetypen, die man nicht leicht deuten kann, er geht hinab

„zu den Müttern“.

 

3. Theologischer Absatz: Abendgebet und Schlafengehen.

Bisher war vom Schlafengehen der Kinder noch nicht viel die Rede, sondern wir sind vom Menschen, .der sich zum Schlafen anschickt, ausgegangen, einmal - zurück - bis zum Uranfang im Mutterschoß, dann - hinab - in den Bereich, der unterhalb des bewußten geistigen Seins zum Menschen gehört. Wenden wir uns nun - mehr praktisch - unserem Thema zu.

Wenn richtig ist, daß es eine Beziehung zwischen dem Schlaf und der Geborgenheit im Mutterschoß gibt, gilt für Atheisten wie für Christen: Einschlafen muß geschehen im Gefühl der Geborgenheit.

Alles Bedrohende muß vom Einschlafen und vom Schlaf - soweit sich das machen läßt - ferngehalten werden. Das Hineintauchen in das dunkle Reich muß so geschehen, daß man sich von guten Bildern auf dem Weg begleiten läßt. Eltern sollen ihren Kindern dabei helfen. Der Tag soll still und besinnlich ausklingen, also keine abrupte Beendigung von Schularbeiten, kein plötzliches Abbrechen des Spiels, sondern eine allmähliche Vorbereitung auf die Beendigung des Tages und den Schlaf.

Das Schlafengehen darf zelebriert werden. Vater und Mutter kommen zu den Kindern und machen ihnen klar - nicht zuerst durch Worte, sondern ihr Verhalten - daß sie keine Angst zu haben brauchen. Sie besprechen den Tag. Es ist gut, wenn das, was im Verlauf eines Tages als bedrückend erfahren wurde, abgestreift wird, damit es nicht in den Schlaf mit hineingenommen wird. Der „Tagesrest“, der im Schlaf dann aufgearbeitet wird, ist immer noch groß genug. Schlaf soll nicht Arbeit sein. Wenn es eine Gebärde gibt, die Geborgenheit ausdrückt, das Streichen über den Kopf, der Gute-Nacht-Kuß, ein behutsames Zudecken und Einbetten, das sogenannte Einkuscheln, so wird man so etwas pflegen. Beim Einschlafen muß es feste Bräuche geben.

Was vor dem Einschlafen geschieht, darf nicht heute so und morgen völlig anders sein. Man kann sich nicht jeden Abend etwas Neues ausdenken, dann wird das Leben für ein Kind zu aufregend, und das ist gerade am Abend nicht erwünscht. Die guten Bilder, die in den Schlaf mitgegeben werden, sind manchmal die Geschichten, die das Sandmännchen im Abendgruß bietet - Geschichten, die pädagogisch oft ausgezeichnet sind -, sie finden sich vielleicht in einer Gute-Nacht-Geschichte, wenn Vater und Mutter sich Zeit nehmen. Eine Geschichte, in der Geborgenheit gespürt wird, wäre richtig oder eine abenteuerliche Geschichte, in der die Unholde - etwa die Riesen vom tapferen Schneiderlein - besiegt werden. Solche Vorschläge richten sich an glaubende wie an nichtglaubende Eltern. Erfordernisse, die nötig sind, um gut zu schlafen, sind Geborgenheit und „gute Bilder“.

Wenn man christlich über das Einschlafen nachdenkt, behalten solche psychologischen Überlegungen ihre Bedeutung. Wer mit dem Abendgebet einschläft, hat aber nicht nur eine psychologische Übung gemacht, die sich an Geborgenheit erinnert, sie andeutet oder sie vielleicht nur vorspielt. Die Welt der Realitäten, in der wir leben, ist nicht so sicher, daß man getrost einschlafen kann. Wir können froh sein, daß die Kinder noch nicht die Zusammenhänge der Machtpolitik erkennen, daß sie nicht wissen, was in dieser Nacht beginnen könnte, daß sie keine Ahnung davon haben, wie viele Vernichtungswaffen bereitliegen. Und es gibt auch andere Dinge, die uns um den Schlaf bringen können. Nebenan im Krankenhaus wird gestorben, irgendwo ist ein Erdbeben, ein Verkehrsunfall, irgendwo geschieht ein Verbrechen. Vielleicht wird in dieser Nacht die Ehe der Eltern auf eine harte Belastungsprobe gestellt.

Das Kind freilich ahnt nichts davon, es schläft im Gefühl der Geborgenheit. Das Kind, das gläubig sein Abendgebet gebetet hat, hat sich des eigentlichen Grundes seiner Geborgenheit versichert, es hat sozusagen „hinauf“ geschaut. Zum christlichen Glauben gehört die Wahrheit, daß Gott der Herr von allem ist, daß er die Geschicke der Welt leitet, auch wenn er ein Liebhaber der menschlichen Freiheit ist und nicht dauernd in seine Welt eingreift. Es fällt kein Haar von unserem Haupt, ohne daß er es „in Liebe“ weiß. Er sorgt für die Sperlinge, erst recht für die, die ihn lieben. Er ist gut und er ist mächtig. Aus seiner bergenden Hand kann man nicht fallen, es sei denn, man entflieht selbst dieser Hand.

Christliche Eltern brauchen den Kindern nicht nur ein Gefühl mitzugeben, sie können sie erinnern an eine Wirklichkeit. Abendgebet ist mehr als eine psychohygienische Übung, es erinnert an die Urgeborgenheit, die Gott ist und die auch dann noch da ist, wenn ein Mensch - wie Jesus - nach äußeren Gesichtspunkten betrachtet, scheitert. Das Abendgebet der Christenkinder ist Vergegenwärtigung der Wirklichkeit, daß Gott Liebe und Geborgenheit schenkt. „Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst, wenn sie ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht“, so spricht Gott im Deutero-Jesajabuch zum Menschen.

So etwas ist nicht nur bloße Anmutung und frommes Als-ob, sondern hat durchaus Praxisfolgen. Eltern im Bekanntenkreis haben mir ein Geborgenheitserlebnis ihrer Tochter berichtet: Die achtjährige Katharina schlief allein zu Hause, die Eltern waren ausgegangen. Sie wachte nachts auf, bekommt Angst, Angstschweiß bricht aus, sie fühlt, daß sie allein ist. Das könnte der Anfang einer Tragödie werden. Aber nein, sie besinnt sich, sie weiß, Vater und Mutter sind nicht da, aber Gott ist da. Sie denkt, Gott sieht mich, Gott hört mich, Gott schützt mich und buchstäblich mit aller Seelenruhe legt sie sich auf die andere Seite und schläft getröstet wieder ein.

Wenn polnische Bauersfrauen auf den Markt fahren, bekreuzigen sie sich, wenn der Zug sich

in Bewegung setzt. Zugfahren ist ihnen nicht geheuer. Ehe der Mensch sich auf den Transit durch das Reich des Schlafes begibt, das nicht geheuer ist, spricht er ein Gebet.

Das Abendgebet soll dieser Situation Rechnung tragen. Es kommt nicht darauf an, daß man sozusagen irgendein Gebet, ein Tagesgebet am Abend betet, das Abendgebet soll mehr als ein anderes Gebet der Eigenart des dunklen Reiches angepaßt sein. Es soll die Gefahren dieses Bereiches beschwören, das Schlafleben segnen. Es soll die guten, echten und heiligen Bilder in den Schlaf mitbringen. Die wahren Leitbilder des erlösten Lebens begleiten den Einschlafenden, das Zeichen des Kreuzes, der Menschensohn, Worte und Bilder der Heiligen Schrift, vielleicht auch die Heiligen, die guten Geister der Engel.

Das Wort „Bilder“ darf man nicht pressen, dazu sind auch zu rechnen ein Wort, ein Klang, ein Zeichen, eine Gebärde, etwa das ruhige und gesammelte Zeichnen mit dem Kreuz. Wer sich so vorbereitet in das Reich des Schlafes begibt, dein kommen vermutlich die guten Bilder aus dem Untergrund der Seele entgegen. Das, was er mitbringt, ist ein geheimes Ausleseverfahren dafür, was aus der Tiefenseele in die offene Seele einziehen darf (Franz Georg Friemel).

 

 

Taufe und christliche Erziehung

 Einstieg:

Ein kleiner Junge hatte genascht. Nach hartnäckigem Leugnen gestand er seine Tat unter Tränen ein und sagte dann nach einer Weile unglücklich: „Ich glaube, der liebe Gott hat mich nun nichtmehr lieb!“ Da hat die Mutter die Hand auf seinen Kopf gelegt und gesagt: „Du bist durch die Taufe ein Kind Gottes geworden. Und darum darfst du zu ihm kommen und ihm sagen, was du falsch gemacht hast. Dann hilft er dir gewiß!“ Diese Mutter ist der Auffassung: „Wenn meine Kinder einmal in Not und Schuld geraten sind und ich nicht bei ihnen sein kann, dann sollen sie an ihre Taufe denken und gewiß werden, daß sie Gottes Kinder sind!“

 

Weshalb werden Kinder getauft?

Man kann es erleben, daß Eltern zum Pfarrer kommen und sagen: „Wir haben sowieso eine Geburtstagsfeier in der Familie, da wollen wir die Taufe unsres Kindes mit weg machen!“ Sie meinen die heilige Taufe, wenn sie sagen, „wir wollen es mit wegmachen“. So vordergründig

sollte man es auch nicht sehen.

Für viele ist die Taufe einfach eine schöne alte Sitte. Sie machen sich gar keine größeren Gedanken darüber. Es ist einfach so: Das neugeborene Kind soll in der Familie gefeiert werden, es soll einen Namen haben und einen oder mehrere Paten.

Doch den Namen erhält das Kind gleich bei der Geburt, man muß ihn dem Standesamt nennen. Früher hielten manche Eltern den Namen bis zur Taufe geheim, aber da wurden auch die Kinder sehr viel kürzer nach der Geburt getauft. Heute wird der Name bei der Taufe nur noch als Anrede verwendet. Er gehört dazu, weil ja deutlich werden soll, wer getauft wird. Aber Taufe ist keine Namensgebung. Wenn es nur darum geht, der kann auch eine weltliche Feier machen und dann auch ein Familienfest veranstalten.

Manche sagen auch: „Das Kind soll unter Gottes Schutz gestellt werden!“ Ganz gewiß werden die Kinder in der Taufe dem Schutz Gottes anbefohlen. Aber die Taufe ist nicht eine Art Schutzimpfung, die das Kind vor Unfall und Gefahr bewahrt. Eher sollte man sagen: „In der Taufe wird das Kind mit dem Heiliger Geist geimpft!“

Doch der eigentliche Grund für die Taufe ist: Das Kind soll nicht als Heide aufwachsen. Es soll christlich erzogen werden, am kirchlichen Unterricht und Konfirmation teilnehmen und einmal getraut und christlich     bestattet werden. Die Hauptperson bei der Taufe ist nicht der Täufling oder die Eltern oder gar der Pfarrer. Die Hauptperson ist Jesus Christus, der den Befehl zur Taufe gegeben hat und auf dessen Namen das Kind getauft wird.

 

Die Aufgabe der christlichen Erziehung:

Mit der christlichen Erziehung sollte man gleich anfangen und sie nicht erst der Kindergärtrnerin, der Katechetin und dem Pfarrer überlassen. Es ist nicht gut, wenn die Kinder in der ersten Klasse nicht wissen, was beten heißt und noch nie von Jesus Christus gehört heben. Wenn unser Kind eine große Erbschaft gemacht hätte, dann würden wir es ihm doch auch sehr früh sagen und oft davon sprechen, damit es schon bald im Bewußtsein dieses Erbes lebt und einmal ganz davon Besitz ergreift.

 

Erziehung durch uns selbst: Taufe und Unterweisung gehören zusammen. Eltern und Paten versprechen bei der Taufe die christliehe Erziehung. Genauso selbstverständlich wie die leibliehe Fürsorge sollten auch Beten, Singen und Erzählen biblischer Geschichten sein. Luther hat dazu gesagt: „Jugend, die man nicht unterweist, ist wie ein Garten, den man im Frühjahr nicht bestellt!“

Die Kinder warten oft auch darauf. Sie wollen das Beste gerade von ihrer Mutter hören: „Mutter, hast du schon die Geschichte vom guten Hirten gehört?“ - „Ja, natürlich kenne ich die!“ - „Und da wartest du erst, bis andere kommen und mir das erzählen?!“

Man sollte den Kindern nicht nur die Taufgeschenke zeigen, sondern ihm erzählen, was ihm in der Taufe geschenkt ist. Mit den Kindern zusammen können wir in steter Ausrichtung auf Gott leben, indem wir gemeinsam zum Gottesdienst gehen und am Geschehen in Kindergarten und Christenlehre lebendigen Anteil nehmen.

In der Fürbitte für die Kinder sollten wir nicht müde werden. Sie gibt auch den Eltern Kraft und Trost, besonders wenn sie einmal erfahren müssen, daß ihre Kinder dann andere Wege gehen. Besonders wichtig ist die Feier des Tauftages (Wer kennt ihn?). Hilfreich dafür kann eine Taufkerze sein mit Namen, Tauftag und christlichen Symbolen. Man kann von der Taufe erzählen, vielleicht auch den Taufstein ansehen. Der Tauftag kann wie ein zweiter Geburtstag werden: der Platz des Kindes wird mit Kerze und Blumen geschmückt, es gibt ein kleines Geschenk. Auch im kirchlichen Unterricht könnte man den Tauftag begehen.

 

Erziehung durch die Gemeinde: Die Gemeinde bietet viele Hilfen für die christliche Erziehung an: Kindergarten, Kindergottesdienst, Kinderstunde, Konfirmandenstunde, Jugendabende. Die stärkeren Glieder tragen das schwächere mit ihrer Fürbitte, ihrem Beispiel und ihrer Hilfe.

Aber verantwortlich bleiben die Eltern. Sie sollten aber nach dem fragen, was bei der Kirche geschieht. Sie können sich auch einschalten, wenn das Kind verspottet wird wegen seines Glaubens.

Die Paten haben ein Recht gegenüber dem Kind, das aber nicht auf einer natürlichen Beziehung beruht (Verwandtschaft, Freundschaft), sondern auf ihrem Christsein. Sie haben aber auch Pflichten: Sie stehen den Eltern bei mit Ratschlägen in Erziehungsfragen, wenn es um Ausbildung und überhaupt den Lebensweg geht. Vielleicht kann ein Kind bei den Paten die geistliche Nahrung erhalten, die es zu Hause entbehrt. Besonders eignen sich hierfür vielleicht ehelose oder kinderlose Menschen. Sie können Vater oder Mutter im Glauben werden, Hilfe und Zuflucht in den Reifejahren sein und auch über die Konfirmation hinaus für ihr Patenkind verantwortlich sein.

 

 

Gebet

Kann man das Gebet befehlen?

Wir haben ein Mißtrauen gegen jeden Imperativ, denn er ist Mittel aller Moralisten die uns immer nur das Ziel zeigen, nicht aber unsere Wirklichkeit. Wir aber fragen, ob das, was hinter der Fassade liegt, Wirklichkeit ist.

 

Hilft Gott uns?

Mit ganz alltäglicher Selbstverständlichkeit versichert Christus, daß Gott uns hilft. Für uns ist dieser Indikativ, ist diese Aussage, gar nicht selbstverständlich, denn sogar im Gebet ist es, als seien wir allein; das ist unser modernes Problem.

 

Welchen Charakter, welchen Inhalt hat das Gebet?

Don Camillo marschiert mit dem Kruzifixus allein über den Kirchplatz. Aber er ist ja gar nicht allein: alles was ihn bewegt, das sagt er seinem Christus auf dem Rücken, denn ihm kann er so unmittelbar, wie ihm die Galle überläuft, seinen Ärger erzählen. Diese Unbekümmertheit und Unmittelbarkeit ist der Nerv des Gebets. Deshalb gehört das Gebet auch auf die Straße, an die Häuser, in unser Leben - nicht einmal primär in die Kirche - ganz einfach hinein in unser profanes Leben.

Deshalb ist auch der Inhalt des Gebets nicht feierlich und erhebend: Der Inhalt unsres Gebets ist ganz einfach unser Leben: Nicht sehr ungewöhnlich und aufregend. Aber wo es uns ängstet, wo wir besorgt sind, das gehört in das Gebet. Ebenso aber auch die Freude über eine nette Begegnung und unsere überschwengliche Dankbarkeit.

Der Inhalt des Gebets ist alles, was ich durchlebt habe, was ich fühle, was mir sehr nahe ist. Wegen dieser Unmittelbarkeit braucht das Gebet auch keine liturgische Sprache zu haben und keine erhebenden Gesten. Wir sind ja beim Beten keine anderen Menschen als sonst, wir können nicht auf einmal mehr, wir sind und bleiben nur „wir“. Ja, zu Gott reden ist die einzige Situation, wo man falsch reden kann, und Gott es doch richtig versteht.

Ein Stück von Gottes Wort muß aber in unser Gebet kommen. Oder wir bleiben in unseren eigenen Gedanken stecken und hören nicht auf die Rede Gottes, die vielleicht allerdings der mir ganz entgegengesetzte Meinung ist. Aber ist es nicht herrlich, daß wir auch einmal

etwas Neues hören können in dem alten Gerümpel unsrer Gedanken.

Dann werden wir auch das richtige Verhältnis finden zwischen „Liturgie“ und „Schnoddrigkeit“ im Gebet. Wie in einem liturgischen Gebet in der Kirche wollen wir nicht beten, aber wir sollen auch nicht ins andere Extrem fallen und wie mit einem Saufbruder reden. Wir sollen uns immer bewußt sein, mit wem wir reden: Gebet ist auch Mühe um Ausdruck und rechte Haltung - und in Demut.

 

Praktische Gebetsformen:

Auch in der von alters her geübten Liturgie liegt etwas Gutes, man sollte sie nicht einfach zusammenstreichen. Wichtig ist jedoch die jeweils von Sonntag zu Sonntag wechselnden Gebete noch Form und Inhalt zu verändern, nicht aber im Gehalt.

Viele unserer liturgischen Gebete sind „schön“, voll barocken Silberglanzes, aber unklar für uns heute und zum Teil sogar unehrlich. Aber wir sollten nichts abreißen, ehe wir nicht gleichwertig Neues haben. Das Vaterunser ist viel zu konzentriert, als daß wir den Gehalt aller Bitten immer ausschöpfen könnten. Deshalb ist es vielleicht besser, es nur still zu beten, damit jeder bei einer Bitte hängenbleiben kann. Oder man kann den Text von Sonntag zu Sonntag mit neuen, erklärenden Einschüben versehen, die jeweils die Bitte von anderen Gesichtspunkt sehen. Das Glaubensbekenntnis könnte man ebenso beten, jeder aber nur das,

was er zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch vertritt und glaubt. Es kommt ja beim gemeinsamen Gottesdienst nicht darauf an, daß man im gleichen Rhythmus betet, sondern daß man zu gleicher Zeit und am gleichen Ort betet, auch in einem stillen Gebet; das ist Gottesdienst!

 

Freies Gebet und liturgisches werden nebeneinander geübt. Beides sind an sich Extreme, aber beides muß man vollziehen, entweder in zwei verschiedenen Gottesdienstformen (etwa Stundengebete und Gebetsgemeinschaft) oder nebeneinander in dem gleichen Gottesdienst, aber entarten darf keins von beiden.

Auf der einen Seite brauchen wir die Kontinuität mit der Kirche vor uns und neben uns, wir müssen unsere heutige Gottesdienstform immer messen an einer gewissen „klassischen“ Form. Die Form ist durchaus wichtig, denn die äußerliche Gestalt ist das Konkrete und deshalb Verpflichtende, vor der man nicht fliehen kann in eine Innerlichkeit.

Wir können nicht eine völlig neue Form konstruieren - man kann sie überhaupt nicht konstru­ieren, sondern nur vollziehen. Die Gestalt muß dem Inhalt angemessen sein. Wenn wir mit der Tradition brechen wollen, dann müssen wir uns erst einmal vor ihr verantworten. Um uns aber verantworten zu können, müssen wir erst einmal die klassische Form herausstellen.

Das ist keine Restauration, denn es geht um keine Denkmalpflege und Rückorientierung ist kein Konservatismus (aber sie darf nicht Flucht in die Vergangenheit sein). Wir dürfen die geschichtliche Dimension nicht verlieren, denn nur unter der Pflege des Alten entsteht das Neue: Nur der kann neue Gebete schreiben, der den Geist der alten Gebete versteht und sie selbst betet).

Kontinuität und Aktualität müssen sich aber die Waage halten, wir brauchen auch den aktuellen Bezug auf unser heutiges Leben. Deshalb müssen zumindest das Gebet nach der Predigt und die Fürbitten aktuell zugespitzt sein, damit die Beziehungslosigkeit zwischen Predigt und Liturgie aufhört (man kann nicht eine Predigt von heute nehmen und nur vorfabrizierte Gebete darum lagern und das Ganze dann Gottesdienst nennen). Nicht nur die Predigt muß aktuell sein, sondern auch das Gebet, die Form der Anrede u n d die Form der Antwort muß einen konkreten Bezug auf unser Leben von heute haben.

Zwar wird zu allen Zeiten das Gleiche verkündet, aber es kann in anderer Form geschehen. Allerdings braucht der Pfarrer dazu eine Kontrollinstanz, um nicht im Egoismus zu landen; Predigt und Liturgie des Pfarrers müssen sachgemäß sein. Aber diese Sachgemäßbeit stellt nicht die liturgische Konferenz her, die ihm nur zeitlos gültige Gebete liefert, sondern die Gemeinde. Das aber bedeutet: Predigtvorbereitungskreis, in dem der Pfarrer von den Problemen seiner Gemeinde erfährt und so zur Sachgemäßheit geführt wird.

 

Weg des Gebets:

Der Unmittelbarkeit zum Leben entspricht die Unmittelbarkeit zum Gebet. Wir können unser Leben mit ganz alltäglichen Worten fassen, wir brauchen es nur an Gott weiterzusagen. Wir können diesen „Brief an Gott“ nur abfertigen, wir können ihn abschicken an den unbekannten Adressaten, aber wir können ihn nicht auf seinem ganzen Weg verfolgen, wir wissen nicht, ob er ankommt. Ob er ankommt, das hängt allerdings nicht von dem Grad der „Frömmigkeit“ des Absenders ab. Schließlich aber leben wir nicht von dem, was wir wissen, sondern von dem, was wir riskieren.

 

Wer anklopft, dem wird aufgetan!

Wer anklopft, der möchte den sprechen, der hinter der Tür wohnt, wer anklopft, der sucht den personalen Bezug zu Gott. Und Gott ist zu Hause! Mit welcher Legitimation sagen wir eigentlich: „Gott schweigt!“ Vielleicht hat Borchert recht, der Gott sagen läßt: „Ihr seid mir zu laut geworden!“ Wir haben bei den Gesprächen über unsere „gebrochene“ Situation übertönt, daß auch noch Gott zu uns redet. Wir reden zu laut und lassen Gott nicht zu Wort kommen.

Vielleicht hilft Gott uns, gerade mit diesem Wort anzusetzen, daß wir unser Sein auf das Gerüst von Gottes Wort aufladen und damit in Bewegung kommen zu Gott hin.

Beten ist nicht nur eine Bereicherung unseres Lebens, sondern die Begründung unseres Lebens auf eine neue Grundlage. Beten ist nicht Mittel zum Leben, sondern das Leben selbst (denn Leben heißt nichts anderes als „mit Gott sprechen“. Gott hat den Menschen zur Zwie­sprache mit sich bestimmt. Wir können das zwar leugnen, aber wenn wir aufhören, mit ihm zu reden, dann verkümmern wir langsam.

 

Zeit für das Gebet:

Wenn uns die Zeit zu kurz scheint und so schnell abläuft, dann liegt das daran, daß wir mit ihr nicht zurechtkommen. Gott hat sie uns aber nicht als Fallstrick gegeben, sondern als eine Möglichkeit. Aber wir lassen uns eben nicht durch Gott im Gebet einweisen in die Zeit, wir haben sogar noch das Gefühl, als ob uns die Minuten fehlten, die wir für Gott aufgewandt haben, wir sind bestürzt, daß wir soviel Zeit verlieren für die Zwiesprache mit Gott. Dabei ist es nur eine Wertfrage, was wir mehr achten: unsre viele Arbeit oder die Zeit für Gott.

Zeit für Gott fehlt uns nicht: Wir treten wesentlich gesammelter hinaus auf die Straße, wir machen nicht mehr soviel Fehler aus Mangel an Konzentration und Überlegung. Das Gebet erfrischt und belebt, und wir erhalten eine neue Sicherheit, denn das Gebet deutet uns etwas an von dem Austausch mit Gott.

 

Wer da suchet, der findet! (Klage)

Wir suchen das Leben, wir leiden daran, daß wir es nicht finden, wir finden nicht die Lebendigkeit des Lebens. Die Klage über dieses Leben aber ist legitimer Inhalt des Gebets. Wir kommen ja nicht um die Klage herum, aber wir klagen es nicht Gott, sondern anderen Menschen, von dort hallt die Klage zurück; es entsteht eine Atmosphäre der Resignation.

Es hat also Sinn, die Klage Gott vorzutragen. Man kann das nicht ergriffene Leben wieder an Gott zurückgeben, damit er es wieder so zurückgibt, daß wir es leben können. Alles, was wir nicht vollbringen können, dürfen wir Gott klagen. Gott verleiht uns Abstand von dem, was uns bedrückt und von dem, was uns fasziniert (sodaß wir nicht mehr davon freikommen). Plötzlich sind wir freigesetzt und haben einen neuen Zugang zu den Menschen, die uns vorher geängstigt oder fasziniert haben; Gott kann das Leben aufschließen.

 

Wer bittet, dem wird gegeben!

Wir können um die Fülle der ganzen Welt bitten. Gott kann großzügig sein im Gewähren, zunächst äußerlich: Auf eine unmittelbare Bitte erfolgt eine unmittelbare Veränderung (und dann sollte man nicht meinen, es wäre doch sowieso gekommen). Gott kann aber auch geben, indem er die Verhältnisse nicht ändert, aber nun dem Menschen neue physische und seelische Kräfte geben, so daß er über sich hinauswächst.

Irgendwann soll einmal der Anfang geschehen, das ist das Geheimnis des Gebetsvollzugs, denn alles, was erfahrbar ist, ist erst erfahrbar, nachdem man einmal den Anfang gemacht hat. Es gilt nur, die Hemmungsschwelle zu überschreiten. Wir tun es nicht gern, und deshalb erfolgt hier der Imperativ Gottes, der aber nur möglich ist mit dem Indikativ, und es gibt den Indikativ nur, weil der Imperativ zu verwirklichen ist.

Wir verlieren die Schlachten des Lebens, wenn wir nicht auf den Imperativ Gottes hören. Sie gehen nicht verloren an den Fronten des Kampfes, sondern am Morgen, an dem wir die Chance der Zwiesprache mit Gott auslassen.

Der Mensch möchte nun aber gern alles selbst machen: Wenn es schlecht ausgeht, dann soll das seine Schuld sein; er möchte auch Gott nicht in „Verlegenheit bringen, denn wenn etwas schief geht, müßte man doch Gott die Schuld geben. Dabei ist es doch so wichtig, daß wir unser empirisches Leben mit Gott besprechen. Aber wir können Gott dabei nichts abjagen, man kann Gott nicht in jedem Fall für seine Zwecke mobilisieren. Und ein Wunsch, der uns abgeschlagen wurde, ist vielleicht für andere Menschengruppen Erfüllung!

Gott ist nicht zur Erfüllung eines Wunsches verpflichtet, er ist ja Person und hat damit einen eigenen Willen. Das ist sein Vorteil gegenüber einem rein neutralen „Meditieren“ ohne ein persönliches Gegenüber (= Gespräch mit sich selbst). Meditation ist Erkenntnis über sich selbst. Beten jedoch ist Erkenntnis über sich selbst mit Hilfe eines anderen. Natürlich ist auch beim Beten eine Konzentration nötig (obwohl man auch im größten Gewühl beten kann)‚ wir sollten uns „sammeln“, aber wir dürfen beim Beten nicht (wie in der Meditation) alle Beziehungen abschalten, etwa zu den Eltern, zu Fragen der Ethik und zu Gott.

Ein neutrales „Es“ ist auch manipulierbar, eine Person jedoch läßt sich nicht von uns verändern. Person ist die einzige Möglichkeit, unsere Subjektivität aufzureißen. Wir sollten uns nämlich nicht überschätzen. Wir müssen erst über uns selbst klar werden; aber wir erkennen uns doch nur, indem wir unsere Bestimmung wissen, und die erfahren wir nur von außen; denn wir wissen ja nicht alles, wir haben zwar viele Möglichkeiten, aber vieles fehlt uns auch noch. Meditieren ist vielleicht noch möglich, wenn man sich dabei von einem Mittelpunkt bestimmen läßt, denn das hat den Vorteil, daß dann nicht trennende Probleme auftauchen wie bei kritischem Fragen. Ein „Nein“ Gottes ist immer noch besser als gar kein Kontakt. Denn dann bleibt es Aufgabe des Menschen, diese widrige Lage nun in anderer Weise zu tragen.

 

Was kommt aber zuerst: Glaube oder Gebet?

Wenn ich warten will, bis ich „zum Glauben komme“, bis etwas mich anspricht, dann werde ich vielleicht nichts hören. Deshalb muß ich nun selbst ausprobieren und nun auch von mir aus meinen Teil des Gebets und des Gesprächs einleiten. Dieses Bedürfnis ist aber nicht so ohne weiteres da, der Mensch hat auch nicht einen hundertprozentigen Bestand an Wissen, der ihn unbedingt zum Glauben führt. Weil das aber so unsicher ist, deshalb beten wir.

Ja wir können sogar um Glauben beten (und damit ist die Frage beantwortet!), wir können sogar klagen - und bedauern, daß wir überhaupt noch klagen, und wir können darum bitten, daß es anders wird. Das Gebet ist also eine Vorstufe, in der man allerdings die Hoffnung auf Hilfe hat und den Willen, zu Gott zu kommen, das heißt: den Willen, aus der Verzweiflung herauszukommen und sich etwas sagen zu lassen. Im Gebet enthüllt sich dann vieles, Gebet und Glauben laufen dann nebeneinander her, beide helfen sich gegenseitig.

 

Wie sollen wir uns Gott vorstellen?

Wir können doch nicht zu einem Nichts beten? Aber wir können Gott auch immer nur negativ definieren, wir können nur sagen, was Gott nicht (!) ist. Dabei bleibt es gleichgültig, w i e Gott ist, d a ß er ist, geht mich etwas an. Es kommt nur auf meinen (!) Anfang an. Dabei ist es aber gar nicht nötig, daß man sich etwas vorstellt: Man betet einfach; erst dann erfährt man Christus, etwa wie im brennenden Dornbusch Und um das Problem der Dreieinigkeit zu vermeiden, kann man ja zu allen drei „Personen“ der Dreieinigkeit beten.

Und schließlich ist zu bedenken, daß Gott ja Mensch wurde, wenn man sich also unbedingt etwas vorstellen will, dann hat man hier das „Bild“ Zum Glück haben wir keine Photographie von Jesus von Nazareth, denn wir sollen ja kein Bild anbeten. Wir beten ja auch nicht zu der menschlichen Gestalt des Jesus, sondern zu dem immer gewesenen und immer bleibenden Christus.

 

Schwierigkeiten beim Beten:

Viele Menschen haben Schwierigkeiten beim Beten, auch die Menschen „im Glauben“! Im Grunde genommen ist Beten ja Gnade, und wir können es nur weil Gott uns den Befehl gegeben hat. Wenn wir dennoch Schwierigkeiten haben, dann mag das folgende Gründe haben:

(1.) Enttäuschungen, wenn ein Gebet nicht erhört wurde (s.o.)

(2.) Man findet auch im Alltag keinen Kontakt zum konkreten Du.

Viele Menschen sind heute zu egoistisch; deshalb ist es manchmal nötig, ihr „dickes Fell“, ihre Kapsel, zu zerschlagen. Das kann sogar geschehen, indem man auf die „Ursituation“ hinweist (= wenn es dem anderen „ganz dreckig“ geht). Das darf nur nicht lieblos geschehen, mit dem „Holzhammer“, denn dadurch wird der andere nur noch mehr in den „Dreck“ hineingestoßen und „vergißt“ nachher das Beten ganz, das heißt: das Danken, darauf muß man ihn nämlich auch in Liebe hinweisen.

 

(3.) Viele Menschen leben in zwei Welten: In der Werktagswelt und in der Sonntagswelt, die allerdings in vielem nur auf die Tradition aufgebaut ist. Deshalb gibt es dann auch keine Beziehung zur konkreten Welt des Alltags - und umgekehrt: von dort zur Kirche.

(4.) Man verlangt nach Unabhängigkeit. Erst versucht man es selbst, und wenn das nicht klappt, ist vielleicht noch Gott da

(5.) Oder man bittet nur, dankt aber nicht

(a.) einmal aus reiner Vergeßlichkeit (= Nachlässigkeit)

(b.) dann aber auch, weil man seine „Schwäche“ nicht zugeben will.

Kann man die Kausalgesetzlichkeit durchbrechen? Zunächst einmal hat Gott ein persönliches Interesse an uns: Er hilft uns, ob wir beten oder nicht. Wenn sich dann aber etwas geändert hat, dann sollen wir aber nicht sagen, es wäre ja doch sowieso gekommen. Wir können dann zumindest glauben, daß es durch das Gebet geändert wurde. Wenn wir beten, dann sollen wir es auch nicht tun, um etwas zu erjagen.

Wir beten nur, um uns unter den Willen Gottes zu stellen (!). Zum Gebet gehört nämlich nicht nur die Bitte, sondern auch die Anbetung (siehe Vaterunser, auch im Vergleich zur katho­lischen Kirche). Deshalb kann man auch mit der Anbetung anfangen, wenn man glaubt, eine Bitte würde doch nichts nützen. Gott ist nicht immer Bruder, er ist auch Transzendenz. Aber bei jedem dieser beiden Pole kann man neu Kraft schöpfen und sich vorbereiten auf den nächsten: Beten ist ein Kreisen von Pol zu Pol.

 

Gebetserhörung?

Hiskia (2.Könige 20,1-7) möchte noch länger leben, darum bittet er Gott. Seine Begründung ist aber lächerlich, darauf würde Gott nicht achten. Man darf aber nicht vergessen: Hiskia war nicht nur ein Pharisäer, der nur den Buchstaben des Gesetzes beachtet, er hat wahrscheinlich nach dem Geist des göttlichen Gebotes gehandelt und auch auf die Kleinigkeiten im Alltag geachtet.

Unser Standpunkt dazu ist festgelegt im Neuen Testament: „Allein durch den Glauben!“ Wenn man dieses Wort aber richtig versteht, dann tut man freiwillig „gute Werke“. Diese sind uns nicht immer als „gute Werke“ bewußt, sollen es auch nicht. Diese sind nicht nur große Taten, sondern gerade „Kleinigkeiten“!

Man soll diese guten Werke sehr wohl tun, aber man darf sie nicht vor den Menschen und vor Gott anführen und sich ihrer rühmen.

Weil aber an sich das Rühmen des Hiskia echt war, weil er wirklich so gelebt hat, deshalb erhört ihn Gott. Außerdem hat Gott Mitleid mit diesem armen winselnden Menschen (siehe Parallelstelle bei Jesaja). Und schließlich hatte Hiskia ja auch Gottvertrauen gehabt und hat

sich zuerst auf Gott verlassen. Nachher geht er als erstes in den Tempel. Ergebnis: Der Tod des Hiskia war einmal bei Gott fest beschlossen. Aber Gott läßt sich umstimmen, und er gibt manchmal sogar mehr als wir erbeten haben (ein Tag - Gott gibt 15 Jahre).

Jeremia (Jer 14 und 15) „erpreßt“ Gott: „Wenn du deinen guten Namen nicht verlieren willst, dann hilf uns gegen die Heiden!“ Gott ist jedoch jetzt des Erbarmens müde (V.6), er läßt sich nicht von der Strafe abbringen; allerdings wird das Strafmaß (gestaffelt) herabgesetzt; nur dem Jeremia wird noch mehr verheißen. Ergebnis: Gott erhört Gebete nicht immer, manchmal bleibt er bei seinem Willen, manchmal ist es zu spät bei ihm!!!

Unterschiede: Das Volk suchte ja gar nicht Gott. Es wollte nur Regen haben, um dann das bisherige Leben fortzusetzen. Dabei hätte das Volk sich ändern können (= selbst etwas tun). Hiskia jedoch konnte von sich aus nichts gegen den Tod tun. Er suchte jedoch Gott mit ganzem Herzen - und er handelte auch danach. Als er dann in Gefahr ist, da erhört ihn Gott auch, auch wenn Hiskia töricht betet, auch wenn er nur für sich bittet‚ und nicht wie Jeremia für das ganze Volk.

1. Mose 18,20-33: Abraham möchte Gott etwas bieten, und Gott läßt die Stellvertretung der zehn Gerechten in der Stadt gelten. Durch das Gebet werden Einzelne gerettet!

Acta 4,23-31: Diese Menschen verzweifeln nicht, sondern vertrauen. Sie fangen aber bei ihrem Gebet mit der Anbetung an.

1. Tim.2, 1-4: Es kommt auch darauf an, daß man für alle Menschen bittet; andere beten dann auch für uns. Ebenso muß man auch ihm Namen aller Menschen danken, auch für die, die es nicht tun.

4. Mose 14,10-20: Mose weist auf Gottes Verheißung hin( V.17), und Gott ist dann auch barmherzig, wie er es verheißen hat (V. 20).

Gott erhört also Gebete. Wir können uns in unseren Gebeten auf Gottes Verheißungen berufen und darauf vertrauen. Ja, vielleicht kann man sogar darauf pochen. Wir sind der Sorge enthoben. Wer aber betet, der wird sich auch zur Liebe entscheiden müssen! (Psalm 113,5-7)

 

Argumente und Gegenargumente:

(1.) „Man kann sich doch nicht vorstellen, daß Gott alles hört, was die Menschen zu ihm reden!“

Gott ist kein Schalterbeamter, der immer nur auf einen hören kann. Er hat aber Wesen geschaffen, die Mund und Ohren haben und sprechen und hören können. Sollte dieser Gott selbst taub sein? Sollte ihm die Welt der Töne, der lauten oder leisen Worte, Fragen, Bitten, Anklagen oder des lauten oder leisen Denkens verschlossen sein?

 

(2.) „Man soll, was von Gott kommt, nicht anders haben wollen!“

Gott ist keine Schicksalsmaschine, an deren Lauf, wenn sie einmal in Gang ist, keiner mehr etwas ändert. Zwischen Gott und Menschen geht es nicht zu wie zwischen Apparaten, sondern noch lebendiger als zwischen Menschen. Gott ist Vater, er weiß, was der Mensch braucht, deshalb allein bestimmt er, was mit uns geschieht (und nicht wir Menschen).

 

(3.) „Man soll Gott nicht beeinflussen, sondern sich ihm ergeben: Das ist der Sinn des Betens!“

Wenn du in das Gespräch mit Gott kommen willst, dann fang einfach an, mit ihm zu reden, wie du mit einem Menschen reden würdest. Und Gott wird hören, genauer und liebevoller, als ein Mensch es könnte. Und dein weiteres Schicksal wird Gottes Antwort auf dein Gebet sein!

(4.) „Gott hat alles bestimmt, was kommen soll!“

Gott will nicht, daß wir unseren Willen aufgeben, wie das bei außerchristlichen Meditationsübungen zur Selbsterziehung des Menschen gemacht wird, denn das Leid wird nicht leichter, wenn man sich in den Willen Gottes ergibt. Jesus wollte in Gethsemane nur die Absicht seines Vaters erfüllen, in dessen Heilsplan er sich stellt (nicht „Schicksal“)

(5.) Es wird alles so kommen, wie er es gesagt hat, ob wir viel oder wenig bitten!“

Gott will nicht, daß wir die Hände in den Schoß legen und uns „ihm ergeben“. Gott will eine versöhnte Welt. Unser eigenes Schicksal ist im Guten und im Schweren nur soweit wichtig, als es zu diesem Willen Gottes „Ja“ sagt. Wir töten nicht unseren Willen ab, sondern wir bringen ihn nur in dieselbe Richtung wie Gottes Wille. Das ist nicht Ergebung, Philosophie oder Selbsterziehung, sondern Partnerschaft mit Gott, Glaube zu ihm und gehorsamer Dienst (nur so sind Bitten möglich).

(6.) „Gibt es eigentlich Gebetserhörungen, viel häufiger ist doch, daß Gebete unerfüllt bleiben?“

Gott läßt sich nicht einfach zwingen, der Erfolg oder Mißerfolg eines Gebets ist nicht zu verwenden als Beweis für oder gegen den christlichen Glauben; Gott macht eben aus der Puppe kein lebendiges Kind. Man muß lernen, offen zu sein, was Gott antworten oder tun oder auch nicht tun wird, und das lernt man dann beim Gebet, vielleicht!?

(7.) „Man bittet doch nicht. Bitten tun Leute, die nicht allein fertig werden!“

Gott erhört Gebete, aber wahrscheinlich kann man für fast jede Gebetserhörung irgendeine Erklärung haben oder finden, wenn man danach sucht. Doch das Leben ist keine Schicksalsmaschine, sondern hat Raum für das Unerwartete, Unverdiente, für Gnaden und Geschenke und Bewahrung. Deshalb muß man über menschliche Erklärungen hinweg lernen, zu beten

und zu erwarten und zu empfangen, das entspricht dem Erwachsenen!

(8.) „Man soll versuchen selbst mit seinem Schicksal fertig zu werden!“

Im täglichen Leben in der Familie kommen wir nicht ohne Bitten aus. Es gibt überhaupt keinen Menschen, der „mit seinen Schwierigkeiten allein fertig wird“. Und die Bitte um Verzeihung ist schon unter den Menschen eine der anständigsten Haltungen. Es gibt nur viele Menschen, die gar nicht merken, wieviel sie täglich - ohne zu bitten oder zu danken - von Menschen oder von Gott in Empfang nehmen.       

 

Warum ist das Beten so schwer:

Nicht alle Gebete werden erhört, Gott schweigt oft lange

Man kann den Gesprächspartner nicht sehen, weiß nicht, zu wem man spricht

Man kann nicht glauben, daß Gott auch die Kleinigkeiten hört.

Die liturgischen Gebete sind so „schön“, daß man sie nicht nachmachen kann.

Die Gebete in der Kirche sind so langweilig und nichtssagend

Ein anderer soll nicht erfahren, was wir denken (bei gemeinsamem Gebet).

 

 

 

Der kindoffene Abendmahlsgottesdienst der Gemeinde

Gemeinde als Lebensraum des Kindes:

1. Das lernende Kind: Unter Lernen verstehen wir ganz allgemein die Erweiterung des menschlichen Verhaltensrepertoires. Dieses Lernen wird gefördert durch Lob, durch Erfolge und durch Vermittlung von Einsichten. Jedes beliebige Verhalten läßt sich mit Hilfe von Umweltreaktionen modifizieren und beeinflussen. Durch die Folgen, die bestimmte Verhaltensweisen haben, wird die Wahrscheinlichkeit, daß dieses Verhalten wieder auftritt, verringert oder erhöht. In der Christenlehre und im Kinderchor liegen vergleichbare Verhältnisse zur Schule vor, hier wird gelernt und Wissen vermittelt, hier werden soziale Verhaltensweisen geprägt. Für das Hineinwachsen in die Gemeinde und für das Miteinander der verschiedenen Generationen ist ein kontinuierlicher Unterricht, beispielsweise in Glaubenslehre (vorwiegend kognitive Aspekte) und Kirchenmusik (vorwiegend sozial-emotionale Aspekte), eine unerläßliche Voraussetzung. Je gewichtiger diese Aufgaben wahrgenommen werden, umso eigenständiger und aktiver werden die Kinder im Gemeindeleben sichtbar und wachsen selbstverständlich hinein.

Christenlehre und Konfirmandenunterricht haben die Aufgabe, entlang der Entwicklung der Kinder die Glaubens- und Lebenserfahrungen einer christlichen Gemeinde in einer angemessen pädagogischen Weise zu vermitteln und mit entsprechenden und geeigneten Denkimpulsen analog der jeweiligen Altersspezifik christlichen Glauben über Lernprozesse heranzutragen. Das lernende Kind nimmt so schrittweise das auf, was später zur Bewältigung des alltäglichen Lebens gebraucht wird. Lern- und Erfahrungsprozesse sind unumgänglich im pädagogischen Einwirkungsprozeß mit dem Ziel, daß eine Glaubensentwicklung überhaupt zustande kommen kann.

Kindergarten, Christenlehre, Konfirmandenunterricht und die kirchenmusikalische Kinderarbeit sollen zur kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung des Kindes beitragen. Hier bevorzugen wir heute Modelle des offenen Unterrichtes, in dem Probleme und Fragen gestellt werden, damit die Kinder selbst zu Lösungen gelangen. Es kommt aber dabei auf die richtigen Anstöße an, die vom Unterrichtenden auszugehen haben.

Der Unterricht mit gleichaltrigen Kindern ist bedeutsam für die Interaktionen zwischen den Kindern und für ihre geistige Entwicklung. Hier sollen sie auch einen partnerschaftlichen und demokratischen Umgang untereinander erlernen. Solche Interaktionen zwischen Gleichaltrigen stellen ausschlaggebende Bedingungen bei der Veränderung des kindlichen Moralverständnisses in Richtung auf eine reife Moral dar.

2. Das spielende Kind: „Spiel ist keine Spielerei“, sagt ein bekannter Kinderpsychologe. Der Kontakt zur Umwelt und die Auseinandersetzung mit der Umwelt vollziehen sich wesentlich übers Spiel. Das Spiel ist für das Kind seine ursprünglichste und kindgemäßeste Ausdrucksform. Im Spiel haben Kinder die Möglichkeit, ihre schöpferischen Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Im Spiel werden auch Begrenzungen von Zeit und Raum freiwillig angenommen, Regeln werden beachtet, Motivationen und Spannungsmomente treten auf, die zum Fortgang des Spieles wesentlich gehören. Spiel ist Freude am Ausprobieren. Mit dem Zeitpunkt der Einschulung ist ein Kind normalerweise fähig, Spiele in regelhafter Form zusammen mit anderen Kindern auszuführen (Fußball, „Räuberbande“ u. a.). Mit zunehmendem Alter mündet ein solches Gruppenspiel in immer differenziertere und der Realität angepaßtere Regeln, die sich mehr an der Wirklichkeit der Erwachsenen orientieren und zur Identifikation des Kindes mit Modellen seiner Umwelt führen. Dabei werden soziale Rangstufen sorgfältig nachgeahmt und von der Gruppe respektiert, was für ein späteres Ausüben von Autorität wichtig ist. Im Spiel kann auch der glaubensmäßige Inhalt nachvollziehbar werden, und somit können auch christliche Einstellungen und Werthaltungen entstehen. Warum steht bei uns das Weihnachtsfest so hoch im Kurs? Sicher auch deshalb: Kinder spielen regelmäßig die Weihnachtsgeschichte und gehen als Erwachsene wiederum zum Spiel - Ostern und Pfingsten wird leider nicht gespielt.

3. Mit den anderen leben und glauben lernen:

Die Gemeinde beginnt in der Familie, und sie ist auf „funktionierende“ Familien und auf deren Bestand und Erhalt angewiesen. Kinder wachsen in der Gemeinde mit auf, und damit bilden sich auch Wertvorstellungen und Leitbilder heraus. Sie bilden den Hintergrund für das spätere Glaubensleben der Kinder. Ist eine Familie oder Teilfamilie in einer Gemeinde verankert, so unterliegt sie auch den Normen und Werteinstellungen der Gemeinde. Sie bilden eine Basis für das Miteinander der Gemeindeglieder.

Das, was häufig als „Generationskluft“ bezeichnet wird, reicht von der modifizierten Annahme des Vorhandenseins partieller „Generationskonflikte“ bis hin zu der Auffassung, daß sich der Konfliktstoff zwischen beiden als relativ gering erweist. Ein machtausübender Erziehungsstil führt früher oder später zur Konfrontation zwischen Eltern und Kindern, dagegen früh eingeübtes partnerschaftliches Verhalten bewährt sich dann auch in den Zerreißproben der Jugendzeit.

Als ein besonderes Lernfeld sehen wir den Umgang mit Alten, Kranken und Behinderten und die Herausbildung moralischer Urteilsstrukturen und Werthaltungen an. Die moralische Erziehung unserer Kinder soll bewirken, daß sie richtige Handlungsentscheidungen und -bewertungen treffen. Auch das ist ein langer Entwicklungsweg bis hinein in die Jugendzeit.

 

Wir wollen diesen Weg kurz skizzieren:

(1) Zunächst werden solche Entscheidungen getroffen, die durch die Befriedigung eigener Bedürfnisse und Interessen, durch Überredung oder durch die Macht von Autoritäten begründet werden. Kinder lassen sich in der Regel hier sehr schnell ein (Krankensingen, Kontaktaufnahme, kleine Handreichungen u. a.).

(2) In einem nächsten Entwicklungsschritt werden Entscheidungen auf einem konventionell-konformistischen Niveau gefällt, man orientiert sich an wichtigen Partnern in Familie und Freundesgruppen oder an überkommenen Werten aus der Gemeinde.

(3) Im letzten Entwicklungsschritt werden Orientierungen an persönlich bekannten Personen und Gruppen verlassen, und es kommt zu einer Orientierung an übergreifenden Systemen, wie sie zum Beispiel in der Heiligen Schrift verankert sind. Dann dient die Lehre von Christus als Grundlage für ethisches Handeln. Es ist wichtig, daß auch Kinder schrittweise an den Umgang mit kranken und behinderten Menschen herangeführt werden - zunächst vielleicht durch einfache Einladung zum Mitmachen, dann mehr mit dem Hinweis auf die Verpflichtung der Gemeinde gegenüber und schließlich mit der Erinnerung daran, daß es um Christi willen getan wird, um Hilfe, Freude und vielfältige Erleichterungen zu bringen.

 

Kinder in der Gemeinde: „Alle Erwachsenen sind großgewordene Kinder.“ Und jeder Erwachsene bringt seine Erfahrungen aus der Kindheit und aus seiner Kirchengemeinde mit. Vieles davon fließt wiederum unverändert oder verändert in den Umgang mit Kindern ein. Auch wir als Erwachsene entwickeln und verändern uns ständig weiter, wenn beispielsweise Fragen der Lebensmitte und körperliche Umstellprozesse, der Eintritt ins Rentenalter und das Älterwerden auf uns zukommen. Das schließt uns mit den Kindern zu einer ständigen Lerngemeinschaft zusammen und läßt uns gegenseitige Helfer und Partner werde (Hermfried Weber).

 

Kinder im Gottesdienst:

Kürzlich hatte ich einen sehr schlechten Traum: Ich kam in die Kirche, die ich gern besuche und sah an der Tür ein Plakat: „Kindern unter sechs Jahren, auch in Begleitung Erwachsener, ist der Zutritt verboten!“ Nach 14 Tagen hing ein anderes Plakat an der Pforte: „Personen über 60 Jahren wird empfohlen, heute einen anderen Gottesdienst zu besuchen, weil sie durch Kinder unter sechs Jahren gestört werden könnten!“

Wie kam es zu diesem Traum? Es war am 18. Juli. Pfarrer W. predigte ausnahmsweise in dieser Kirche. Sein Freund P. wollte ihn gerne hören. Frau P. hatte sich um die einjährige Tochter zu kümmern, darum nahm Herr P. das vierjährige Söhnchen mit. In der gleichen Bank saß eine junge Mutter mit einem Mädchen von etwa 2 ½ Jahren. Offenbar wollte auch sie den Gottesdienst nicht versäumen, hatte aber niemanden, dem sie die unruhige Kleine anvertrauen konnte. So blieb es nicht aus: Die Kinder stießen mit den Füßchen an die Bank, redeten laut, liefen auch ein paar Schritte in den Gang, kurz, sie störten, vor allem ältere Kirchenbesucher, die durch die Unruhe am Zuhören gehindert wurden.

Am 28. August predigte in der gleichen Kirche Pfarrer Sch. Wieder sitzt eine junge Mutter mit einem kleinen Kind in der Bank, und wieder gibt es Unruhe und Störung. Empört sagte mir ein alter Kirchenbesucher: „Es ist rücksichtslos, wenn Eltern mit so kleinen Kindern in den Gottesdienst kommen, so daß wir der Predigt nicht mehr folgen können!“

Hat er nicht recht?

Soll man also das erste Plakat meines Traumes an die Tür heften? Die Antwort können wir in Markus 10 nachlesen. Wir freuen uns doch, wenn junge Menschen in die Kirche kommen; vielleicht hatten die Mütter es gerade besonders nötig, an diesem Tag den Gottesdienst zu besuchen. Sind sie wirklich rücksichtslos? Oder sollten wir alten Leute nicht gerade auf diesen Notstand Rücksicht nehmen und die Störung ertragen? Wir könnten uns ja auf die ersten Bänke setzen, um dem Pfarrer möglichst nahe zu sein und damit den unruhigen Kindern fern. Aber ihr lieben jungen Väter und Mütter, ihr könntet euch doch auf die hinteren Bänke setzen, um nötigenfalls mit dem unruhigen Kleinen vor die Kirche zu gehen. Denn auch das zweite Plakat meines bösen Traums wollt ihr doch nicht an der Kirchtür sehen! Wer von uns Alten weiß denn, ob der Gottesdienst heute nicht unser letzter ist?

Dazu noch ein Gedanke: Ich verstehe von Psychologie wenig, von Tiefenpsychologie nichts. Aber es leuchtet mir ein, wenn Fachleute sagen: Die tiefsten Eindrücke im Unterbewußtsein erfahren Kleinkinder. Gewiß, von der Predigt nehmen sie nichts auf - wir Großen ja auch nicht immer! - aber die Kirche mit den Kerzen auf dem Altar, die farbigen Paramente, der Pfarrer im Talar, die Orgel und der Gemeindegesang, könnte das alles nicht doch in der Seele eines kleinen Menschenkindes Werte für das Leben vermitteln, mehr als wie ahnen? Gewiß, sie stören oft, diese Kleinen. Sie haben ja auch die Jünger gestört, als ihr Gespräch mit Jesus durch sie unterbrochen wurde, und trotzdem ließ Jesus sie zu sich kommen.

 

 

Kampf um das Kinderabendmahl:

In den Lebensordnungen der 50iger Jahre war Konfirmanden-Unterricht noch streng Hinführung zu dem mit der Konfirmation verbundenen Erstabendmahl. In den sechziger Jahren wurde die Teilnahme von Konfirmanden am Abendmahl freigegeben. In den siebziger Jahren fragen kirchliche Mitarbeiter und Ehepaare, die sich sehr für gestaltfreudige Familiengottesdienste eingesetzt haben, nach der Teilnahme ihrer Kinder am Abendmahl. Die Gottesdienste in neuer Gestalt haben einen Mangel der üblichen Gottesdienste deutlich gemacht und zu Aufbruchserscheinungen geführt, die eine Antwort verlangen.

Kinder nehmen am Sakramentsgottesdienst teil und erleben, wie den Erwachsenen das Abendmahl gereicht wird. Nicht selten fragen sie, weshalb sie ausgeschlossen sind. Bei einem Abendmahlsgottesdienst auf dem Campingplatz hat eine Mutter einfach die Oblate auseinandergebrochen und ihrem Kind die Hälfte abgegeben. Wie soll ein Pfarrer die Konfirmanden vom Abendmahl ausschließen, die nach einer Möglichkeit der Teilnahme fragen, wenn am Abendmahl nur eine Handvoll alter Leute teilnimmt?

Die römisch-katholische Überordnung des Sakraments hat der Protestantismus mit der Überordnung des Wortes beantwortet. Das Wort wird allen angeboten, die Taufe fast allen, aber beim Abendmahl schrauben wir die Bedingungen hoch .Doch oft kam der Wunsch nach einer Änderung auch nur von einzelnen Pfarrern, die vielleicht mangelnde 7Erfolgseriebnisse durch Fluchtreaktionen in das Sakrament ausgleichen wollten.

Aber die Frage bleibt: Warum gehen die Eltern allein zum Abendmahl und die Kinder müssen zurückbleiben? Oder warum werden die Kinder bei der Ausspendung übergangen, wenn sie mit nach vorne gehen? Warum werden die Kinder aus der Tischgemeinschaft mit Jesus ausgeschlossen und die Familien zerrissen? Meist hilft man sich mit dem Hinweis auf die kirchliche Ordnung oder man zieht den Vergleich mit dem Bohnenkaffee, den die Kinder ja auch noch nicht kriegen. Aber das kann nicht überzeugen.

 

Nicht der Verstand ist entscheidend, sondern die Gesamthaltung:

Früher wurde Abendmahlsunterweisung vor allem als Lehre verstanden. Vor allem wurden „negative“ Gefühle vermittelt: Schuldbewußtsein, Angst vor unwürdigem Empfang, ein fast tödlicher Ernst. Das Abendmahl wurde als ein erschreckendes und abschreckendes Geschehen gelehrt und erlebt. „Positive“ Empfindungen wie Freude und Gelöstheit wurden nicht geweckt, es gelang nicht, das Abendmahl als verlockendes Geschehen darzustellen.

Wegen des Zusammenhangs von Konfirmandenunterricht und Zulassung zum Abendmahl meinte man das Mahl erst feiern zu können, wenn man seine theologische Bedeutung verstandesgemäß erfaßt hat. Die Reihenfolge war: erst verstehen, dann feiern. Aus dem Freudenmahl wurde ein Bußmahl, aus der gemeinsamen Mahlzeit ein Kultessen, aus dem Gemeinschaftsmahl ein kirchentrennendes „Lehressen“; Lehre kam vor dem Vollzug.

Aber es ist ein Irrtum zu meinen, man könne nur das bejahen und praktizieren, was man lehrmäßig verstanden hat. Vielmehr gehen einübendes Verhalten und Erleben dem verstehenden Erfassen häufig voraus. Auch der Wille zum Verstehen entwickelt sich oft nur, wenn zugleich das Gefühl angesprochen wird. Heute weiß man aber, daß Lernvorgänge mit Herzen, Mund und Händen vor sich gehen. Auch das Abendmahl kann nur angeeignet werden, wenn es vollzogen und im Rahmen der aktiven Beteiligung bedacht wird. Denken und Handeln durchdringen sich wechselseitig („be-greifen“).

 

Schon das Passahmal war ein Familienmahl ohne altersmäßige Begrenzung. In der frühchristlichen Zeit wurden ganze Familien getauft und nachher wohl auch gemeinsam das Abendmahl gefeiert. Wenn so etwas wie Unterweisung stattfand, dann geschah sie beim Mahl und durch das Mahl. Nach 1. Kor 11 stellt sich der neue Bund in der von Christus zusammengeschlossenen Gemeinschaft der Heiligen dar. Im Herrenmahl wird die Gemeinschaft mit Christus (die auch die Menschen untereinander verbindet) augenfällig und verbindlich dargestellt. Auf die Hineinnahme in diese Gemeinschaft haben auch die Kinder ein Anrecht von dem Augenblick an, in dem sie die Gemeinschaft mit Christus und seiner Gemeinde wahrnehmen und erfahren können.

Gewiß haben kleine Kinder noch nicht die Fähigkeit, bestimmte theologische Frauen und Aussagen über die Gegenwart Christi im Abendmahl zu begreifen. Aber welcher Erwachsene hat hier denn ein ausreichendes Verständnis, wo schon die Theologen sich schwer damit tun? Wenn man erst reif sein muß, um das Abendmahl zu verstehen, dann müßten viele Erwachsene ausgeschlossen werden, aber vielleicht auch Hilfsschüler und Greise.

Man hat gefordert, die Kinder müßten von sich aus ein Verlangen nach dem Abendmahl äußern. Aber dann müßten wir auch mit der Wortverkündigung warten, bis das Kind ausdrücklieh danach verlangt. Aber wir sehen es als unabdingbare Aufgabe der Kirche an, den Kindern das Wort Gottes nahezubringen. Warum soll das nicht auch für das Wort in seiner leiblichen Gestalt gelten? Es gibt auch eine objektive Bedürftigkeit und vor den Empfang der Gnade Gottes dürfen keine Vorbedingungen geschoben werden.

Heute muß nicht die Zulassung, sondern der Aufschub des Abendmahlsempfangs begründet werden. Kinder können vieles tiefer erfassen, als sie sprachlich wiedergeben können. Sie haben eine kindgemäße Liebe zu Christus und das Wissen: Wenn ich Brot und Wein empfange, dann bin ich ganz nahe bei Christus. Weil er mich liebt, darf ich sein Gast sein. Ein Kind, das die einmalige Art der Zuwendung Jesu im Heiligen Mahl begreifen kann, ist abendmahls­fähig.

Ein Kind sollte aber möglichst folgende Punkte schon verstehen:

1. Das Abendmahl ist von anderen Mahlzeiten zu unterscheiden

2. Die zentrale Aussage „für dich gegeben“ sollte schon erlebbar sein

3. Es sollte ein Verlangen da sein und nicht genötigt werden.

Kinder weder auch in besonderem Maße getragen vom Glauben und der Fürbitte der Eltern. Sie haben ein elementares Gemeinschaftsempfinden und eine erstaunliche Fähigkeit, sich zu freuen. Und sie haben auch frühzeitig die Fähigkeit, die Abendmahlsspeise von anderer Speise und anderem Geschehen zu unterscheiden.

Die Teilnahme von Eltern und Kindern am Abendmahl ermöglicht ein elementares Verstehen­lernen, das durch keine nur verstandesmäßige Belehrung ersetzt werden kann. Eine Mutter wird ihrem Kind doch nicht Zärtlichkeiten vorenthalten, nur weil es sie in ihrer Bedeutung noch nicht versteht. So können auch Kinder an der Abendmahlserfahrung teilhaben, daß das Brot die Liebe Gottes zu den Menschen darstellt.

Was „Leib Christi“ ist, wird zunächst im konkreten Vollzug ganzheitlich erfahren, bevor es in erklärender Deutung entfaltet werden kann. Erkenntnis und Erfahrung wachsen fortdauernd im Vollzug der Feier. Die Teilnahme am Abendmahl ist ein Lernvorgang, der durch Zeichen und Handlungen solche Inhalte wie „Gemeinschaft, Hingabe, Vergebung“ besser aufschließt als gesprochene Worte. Das Abendmahl setzt nicht nur Glauben voraus, sondern schafft auch Glauben.

Die Verkündigung wird dadurch nicht überflüssig. Teilnahme und Erfahrung regen zu Fragen an und haben Nachdenken und Information zur Folge. Und selbstverständlich ist das Abendmahl auch Bekenntnis, nur daß das Bekenntnis nicht vorrangig an Sprache und Denken gebunden ist, sondern an die mit vollzogene Handlung; die Teilnahme ist schon Bekenntnis.

 

Abendmahlsunterweisung darf kein Trockenschwimmkurs bleiben. Wird der Zusammenhang von Gemeinschaft im Abendmahl und Gemeinschaft in der Kirche nicht auf leibhafte Art und Weise erlebt, wird es schwer werden, diesen Zusammenhang nachträglich mittels Lehre herzustellen. Glaube ist nicht eine Form lediglich verstandesmäßiger Fähigkeiten, sondern eine durch personale Zuwendung begründete Gesamthaltung. Diese wird durch das Vertrauen zur Bezugsperson gestützt und umfaßt den ganzen Menschen. Das gilt natürlich auch für Erwachsene, die oftmals ja nicht einmal den Kenntnisstand eines Konfirmanden haben. Erwachsene und Kinder müssen ständig zum Abendmahl hingeführt werden, und das kann nur im Vollzug der Feier geschehen.

Wenn Wort und Sakrament gleichwertige Gestalten des einen Evangeliums sind, dann muß der auch für das Sakrament empfangsfähig sein, der für das Wort empfangsfähig ist. Wenn die Kirche die Einladung zur Gemeinschaft mit Christus weitergibt, dann sind alle Getauften eingeladen und können die getauften Kinder nicht ausgeschlossen werden. Wenn wir die Kindertaufe bejahen (und auf die Gnade Gottes und die nachfelgende Unterweisung vertrauen), dann kann es beim Abendmahl nicht anders sein.

Erst im Mittelalter verschwand die Kinderkommunion wieder. Im Jahre 1215 legte man die Erstkommunion auf das 7. Lebensjahr fest. Die Angst vor möglicher Entweihung der Abend­mahlselemente führte weitgehend zum Ausschluß der Kinder (damals wurde den Gemeindegliedern auch der Kelch entzogen). Im Jahre 1910 hat man unter Pius X. die Erstkommunion auf das 7.-9. Lebensjahr gelegt.

Ein Kind ist auf jeder Entwicklungsstufe voller Mensch und hat auch einen vollen Glauben. Aber auch der Glaube der 14-15 Jährigen lebt nur aus der Gemeinschaft und bedarf der Begleitung und Weiterführung: ja, in diesem Alter ist der Zugang zum Altarsakrament sogar besonders erschwert.

Das beste Alter für den Zugang zum Abendmahl dürfte wohl zwischen 8 und 10 Jahren liegen, im Abschnitt des ersten kritischen Realismus. Hier lebt das Kind in Gefährdungen des Glaubens, die umfassender und tiefgreifender sind, als sie vom Kind bewußt erfaßt und ausgesprochen werden können. Es darf ihm daher die Stärkung und Tröstung im Glauben nicht verwehrt werden, die unabhängig ist vom Maß des Begehrens und Verstehens.

 

Nicht der Einzelne steht vor Gott, sondern er ist Glied einer Gruppe:

Wenn man Kinder zum Abendmahl zulassen will, ist eine ganzheitliche Begleitung nötig. Dabei muß man bedenken, daß das Kind für sein geistliches Wachstum auf drei Lebensräume angewiesen ist: die Familie (oikos), die christliche Unterweisung (didache) und den Gottesdienst (eucharistia). Der Lebensraum der Unterweisung ist dabei erst seit etwa 100 Jahren wichtig geworden, weil er die christliche Erziehung in der Familie ersetzen sollte; außerdem wurde die Sonntagsschule zum richtigen Kindergottesdienst. Aber wenn ein Katechet auch die beiden anderen Funktionen wahrnehmen will, überfordert sich.

Es sind drei Weisen des vorgezogenen Zugangs zum Abendmahl möglich:

1. Kinderabendmahl im Rahmen der erlebbaren christlichen Familie, die sich selbst zum Abendmahl hält.

2. Abendmahl in einer Unterrichtsgruppe, die eine lebendige gottesdienstliche Gemeinde und deren Mahlfeiern vor Augen hat

3. Gruppenabendmahl, in dem die Konfirmanden an sich selber exemplarisch lernen und erleben, was Gemeinde ist.

Das Stehen in einer Gemeinschaft als Voraussetzung für die Teilnahme an der Mahlfeier ist unabdingbar. Ist die tragende Gemeinschaft vorhanden, dann ist die altersmäßige Festlegung gegenüber den theologisch-seelsorgerlichen Gegebenheiten zweitrangig.

Wesentliche Standortbestimmungen und Einsichten für das Leben werden durch den Mit­vollzug der Kinder und Jugendlichen in der ihnen vertrauten Lebensgemeinschaft gewonnen. Im gemeinsamen Tun einer Gruppe Gleichaltriger läßt sich Kindern und Jugendlichen besonders nachhaltig und eindrücklich Wirklichkeit und Wahrheit des christlichen Glaubens entschließen.

Die soziale Komponente der christlichen Mahlfeier ist neu entdeckt worden: Die Mahlfeier ist kein Geschehen, das sich nur zwischen Gott und der Seele vollzieht. Die Gemeinschaft mit Christus ist vielmehr sozial vermittelt: Indem Menschen einander das Brot brechen, fügt Christus die Feiernden zur Gemeinschaft seines Leibes zusammen. Es gibt aber keinen Grund, Unmündige aus dieser Gemeinschaft auszuschließen.

Wenn die Gemeinde die „Familie Gottes“ ist, dann sollten Kinder dabei nicht ausgeschlossen sein, zum Beispiel bei einer Familienrüste. Die primäre Bezugsgruppe spielt für Kinder eine entscheidende Rolle. Was Gemeinschaft, Vergebung und Liebe bedeutet, wird zuerst im Rahmen der Familie erfahren. Abendmahlsunterweisung beginnt also schon da, wo das Kind in der Familie diese bestimmten Grunderfahrungen macht und in bestimmte Grundhaltungen (Staunen, Danken, Verzeihen, Freuen, Feiern, Lieben) eingeführt wird.

Das Kind ist in seiner Entwicklung angewiesen auf Bezugspersonen, in deren Nähe und in deren Gemeinschaft es lernt, soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Auch der Zugang zum Abendmahl wird ihm nur so ermöglicht, daß es gemeinsam mit der Gruppe von Menschen daran teilnimmt, in der es sonst lebt und sich wohlfühlt, in der es seine sozialen Ersterfahrungen macht und sich sozial zu verhalten lernt.

 

Auch noch kleinere Kinder können mit nach vorn kommen. So merken die Kinder, daß sie mit dazu gehören. Sie sehen aber auch, was da vorn geschieht, und es wird sich ihnen einprägen. Das spätere Abendmahl wird ihnen dann nichts fremdes mehr sein.

Bei Konfirmanden, die sich im Prozeß der Loslösung vom Elternhaus befinden, ist eine Einbeziehung der Eltern vielleicht nicht immer empfehlenswert. Kinder fühlen sich vielleicht beengt und beaufsichtigt, wenn die Eltern in den Lebensbereich ihrer Gruppe eindringen. Das Verhältnis der Konfirmanden untereinander und mit dem Pfarrer ist in der Regel freier und unbeschwerter, wenn die Eltern nicht einbezogen werden.

Hier findet eine Verlagerung der Verantwortlichkeiten statt: vom Einzelnen zur Familie, Kindergruppe oder Kirchengemeinde. Weniger die Abendmahlsfähigkeit des Einzelnen als vielmehr die Abendmahlsfähigkeit der jeweiligen Gruppe ist Ziel der neuen Abendmahls­unter­weisung. Sie ist Lernprozeß der Gesamtgemeinde. In der Lerngemeinschaft mit anderen macht der Einzelne die bestimmenden Erfahrungen, die ihm den Zugang zur Abendmahls­wirklichkeit eröffnen: daß die Hingabe Christi an die Menschen eine neue Gemeinschaft begründet, kann nur in der Abendmahlsgemeinde selber erfahren werden.

Ein Kind kann beim Abendmahl auf eine sehr unmittelbare Weise erleben, wie die häusliche Tischgemeinschaft sich öffnet zur Tischgemeinschaft des Leibes Christi. Es läßt sich sogar die ökumenische Weite des Abendmahls erschließen, denn die Gruppe ist verbunden mit einer weltumfassenden Gemeinschaft von anderen Gruppen, die das Abendmahl feiern. Sie wird sogar hineingestellt in die umfassende Gemeinschaft vergangener und gegenwärtiger Kirche.

Bestehende Gruppenbeziehungen können durch die gemeinsame Mahlfeier gestärkt werden. Der Gemeinschaftsaspekt dürfte sich Heranwachsenden am stärksten mitteilen und ihrer Lebenssituation in besonderer Weise entsprechen.

Natürlich darf so etwas wie „Gruppenzwang“ den Freiwilligkeitscharakter des Abendmahls nicht gefährden. Das Mahl darf nicht zum „Gruppenritus“ werden, der seine Bedeutung verliert, wenn die Gruppenzugehörigkeit aufhört.

Es gibt keinen durchschlagenden theologischen Grund für einen frühen Zugang zum Abendmahl, aber auch keinen durchschlagenden Grund gegen ihn. Aber wenn man Kinder zuläßt, dann nur in der Form des Familienabendmahls (nicht „Kinderabendmahl“ oder „Abendmahl für Kinder“, sondern „Abendmahl mit Kindern“).

Die Erweiterung zum prinzipiell kindoffenen Sakramentsgottesdienst setzt aber voraus, daß die Gemeinde das Abendmahl regelmäßig empfängt, überhaupt der Gottesdienst kindgemäß ist. Dann können nicht nur die Kinder von den Erwachsenen lernen, sondern auch diese von den Kindern. Die Kinder sollten den Gottesdienst weitgehend mitgestalten, zum Beispiel die Geräte hereintragen.

 

Was spricht gegen die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen:

1. Die bisherige kirchliche Tradition und die Praxis in der Mehrheit der Gemeinden sind anders.

2. Die offene Mahlpraxis Jesu mit Zöllnern und Sündern bestand wohl eher in Agapefeiern (Abendmahl mit Brot und Wein erst nach Ostern).

3. Die Rechtfertigung aus Gnade darf nicht zu einem billigen Angebot werden, so als ob sie nebensächlich oder belanglos wäre.

4. Die Familie besitzt keinen besonders bevorzugten geistlichen Grad für einen würdigen Abendmahlsgenuß: abendmahlsfromme Eltern garantieren noch lange nicht abendmahls­fromme Kinder.

5. Zu frühes Vertrautwerden mit Riten kann gerade zu einer späteren Ablehnung führen, zur Überfütterung und Gleichgültigkeit.

6. Die Gefahr ist groß, daß Kinder unter Einfluß oder gar Druck von Bezugspersonen zu schnell zum Mahl kommen, ohne persönliche Bejahung.

7. Wartenkönnen und Reifwerden sind wertvolle geistliche Tugenden, die Abwehrmechanismen verhindern (Ablehnung aus Überforderung, Bleiben im kindlichen Verstehenshorizont).

8. Familienabendmahl und Rüstzeitabendmahl haben eine ungute Privatisierungsneigung; der Öffentlichkeitscharakter des Erstabendmahls ist nur in der Feier der Gemeinde gewährleistet (Konfirmation)

9. Für die Erhaltung der Konfirmation ist es notwendig, daß sie Erstabendmahl bleibt; aus missionarischer Verantwortung ist die Konfirmation zu stärken, nicht zu schwächen.

10. Da schon bei der Kindertaufe der Anspruchscharakter des Sakraments zurücktritt, sollte das andere Sakrament nicht in seinem vollen Verständnis gefährdet werden.

11. Die Bedeutung der neutestamentlichen Agape unter Beteiligung von Säuglingen und Kindern ist noch nicht genügend entdeckt.

12. Für die Einübung und Erklärung des Abendmahls wird noch zu wenig getan (liturgische Stücke, Abendmahlsgeräte)

13. Man kann auch akustisch, sehend und betend, am Abendmahl teilnehmen. Erfahrungen über nichtkommunizierende Teilnahme sind nötig.

14. „Lerner im Vollzug“ ist nicht bei jedem Lerninhalt angemessen. Das gilt besonders für die Symbolhandlung des Abendmahls.

15. Ziel sollte nicht eine sofortige Vollbeteiligung sein, sondern eine sich stufenweise vollziehende Vorbereitung im Laufe von mehreren Jahren (Vorformen einüben, katechetische Lernschritte).

16. Die Kirche hat den besonderen Charakter des Abendmahls zu hüten und nicht vorschnell zu verschleudern. Es muß im Leben der Kirche Kristallisationspunkte geben, wo sie unverfälscht als Kirche zutage tritt, ohne mit irgendeiner anderen Größe verwechselt zu werden. Als besonders dichter Konzentrationspunkt hat sich schon immer das Heilige Abendmahl erwiesen

17. Man hat derzeit mehr die Neigung, die Bekennende Kirche zurückzunehmen gegenüber einer Entlastung bietenden und Offenheit ohne Bedingungen gewährenden Kirche. Doch das darf nicht dazu führen, den vollen Gehalt der Feier des Abendmahls zu beeinträchtigen und zu frühzeitig abzusetzen.

 

 „Grundsätze zur Teilnahme von Kindern am Heiligen Abendmahl“ (Beschluß der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen zu Grundsätzen zur Teilnahme von Kindern am Heiligen Abendmahl

1.r. Zu der in den Gemeinden neu erwachten Liebe zum Heiligen Abendmahl gehört auch der Wunsch christlicher Eltern, ihren Kindern das Heilige Abendmahl als glaubensstärkende Gabe früher als bisher zugänglich zu machen. Auch Kinder fragen aufgrund ihrer Erfahrungen in der Familie und in der Gemeinde nach ihrer Teilnahme an der Feier des Heiligen Abendmahles. Damit wächst die Bedeutung verantwortlichen Gebrauches dieses Sakramentes.

  • Ein Kind, das am Heiligen Abendmahl teilnimmt, sollte dies in Gemeinschaft mit seinen Eltern, Großeltern, Paten oder anderen Erwachsenen, mit denen es in einer kontinuierlichen geistlichen Gemeinschaft steht, tun. Die Teilnahme von Kindern am Heiligen Abendmahl ohne ihre Eltern oder andere Erwachsene, mit denen sie in solcher geistlichen Gemeinschaft stehen, sollte vermieden werden; das gilt auch für Kindergruppen.
  • Bei Eltern oder den genannten anderen Erwachsenen, die mit Kindern am Heiligen Abendmahl teilnehmen, ist an Menschen zu denken, die in der Gemeinde beheimatet sind, so daß den Kindern durch ihr Leben in der Familie und in der Gemeinde das Heilige Abendmahl nicht mehr fremd ist. Es wird erwartet, daß die Kinder in der Familie und in der Gemeinde auf den Empfang des Heiligen Abendmahles in geeigneter Weise vorbereitet werden.
  • Die Teilnahme von Nichtgetauften am Heiligen Abendmahl ist auch bei Kindern nicht verantwortbar.
  • Die Möglichkeit, daß Familien mit Kindern am Heiligen Abendmahl teilnehmen, erscheint nur dann sinnvoll„ wenn sie in eine umfassende Bemühung der Gemeinde um aufmerksame Zuwendung zu den Kindern eingebettet ist.
  • Zum praktizierten Abendmahl mit Kindern gehört eine intensive Abendmahlsverkün­digung und -praxis, die die Freude u n dl den Ernst, die Gemeinschaft und das Geschehen am einzelnen, die Vergebung u n d die Möglichkeit des Gerichtes entfaltet.
  • Ein Kind, das am Heiligen Abendmahl teilnimmt, sollte die zentrale Aussage des Heiligen Abendmahls „... für dich gegeben ...“ seinem Alter gemäß verstehen und das Heilige Abendmahl von einer profanen Mahlzeit unterscheiden können Deshalb erscheint uns ein Lebensalter von acht Jahren als angemessene Altersgrenze „nach unten“.
  • Konfirmanden, die im Rahmen des „Konfirmierenden Handeln“ unterwiesen werden, können in ihrer Gruppe das Heilige Abendmahl empfangen. Die Konfirmation beinhaltet - auch bei zuvor praktizierter Teilnahme von Kindern am Heiligen Abendmahl - unverändert das Bekenntnis des Glaubens und die Einsegnung der Konfirmanden und eröffnet die eigenverantwortete Teilnahme am Heiligen Abendmahl.

 

Zur praktischen Ausführung des Abendmahls mit Heranwachsenden:

1. Es wird empfohlen, die Abendmahlsfeier nicht in der agendarisch vorgeschlagenen Form zu gestalten. Diese sind unpersönlich und auf Vereinzelung eingestellt und erst zu empfehlen, wenn die Kinder und Konfirmanden bereits mehrfach in ihren eigenen Gruppen Abendmahlsfeiern erlebt und darüber gesprochen haben. Vielleicht käme ein Wochenende in Frage, an dem gemeinsam gespielt und gebastelt, gehört und gegessen wird; ein gemeinsames Essen als Höhepunkt könnte die wesentlichen Teile der Abendmahlsfeier aufnehmen.

Man hat aber auch umgedreht gesagt, der gewöhnliche Sonntagsgottesdienst der Gemeinde soll der Ort sein, wo das Abendmahl zuerst empfangen wird. Ein wechselnder Ablauf (Altarkommunion jedes Teilnehmers beim Pfarrer, Austeilung im Kreis von einem zum anderen, Austeilung in den Bänken, Familiengottesdienst an gedeckten Tischen) sei unbekömmlich, weil dann Zeichen des Wiedererkennens fehlen.

2. In einer Stadt wird von fünf Familiengottesdiensten im Jahr einer mit Abendmahl gehalten. Bei den übrigen Abendmahlsfeiern nehmen anwesende Kinder in Begleitung ihrer Eltern das Abendmahl. Bei der Konfirmation gehen jüngere Geschwister mit zum Abendmahl. Im Herbst          findet an einem Nachmittag ein Christenlehregottesdienst mit Abendmahl statt, an dem auch die Konfirmanden teilnehmen.- Kinder sollten jedenfalls nicht auf der Bank sitzenbleiben müssen, während die Eltern mit die älteren Geschwistern zum Abendmahl gehen. Sie sollten mit zum Tisch des Herrn kommen. Dadurch merken sie, daß sie ganz dazugehören; sie sehen, was da vorn geschieht, und es wird sich ihnen einprägen; es ist möglich, sie dort auch zu segnen und ihnen Gottes Zuspruch für ihr Leben zuzusprechen.

3. Die Taufe ist Eröffnung und Voraussetzung des Zugangs zum Abendmahl. Grundsätzlich ist die Taufe dem Abendmahl zeitlich vorzuordnen. In der heutigen Lage kann es natürlich einmal vorkommen, daß auch Ungetaufte am Abendmahl teilnehmen, aber sie sind dann als Noch-nicht-Getaufte zu betrachten, die nach dem Abendmahl die Bitte äußern, auch getauft zu werden. Man kann aber aus dem Abendmahl nicht alles machen und es zu einer geistigen Gemeinschaftsfeier von bewußten Nichtchristen und bekennenden Christen herabwürdigen. Eine intensive Gemeinschaft ist auch außerhalb des Altarsakraments möglich, zum Beispiel bei Agapefeiern.

4. An Stelle von Oblaten empfiehlt sich richtiges Brot, vielleicht Weißbrot. Statt Wein sollte man Most oder Obstsaft nehmen, weil es ja nicht auf den Kelchinhalt ankommt, sondern auf den Vorgang des geheinsamen (Essens und) Trinkens. Statt des üblichen Kelchs könnte man auch Becher und Teller aus der Töpferei verwenden. Alles Geschehen im Vollzug der Feier sollte immer wieder erneut gedeutet werden.

5. Die Konfirmation behält trotzdem ihre Bedeutung als Akt der Segnung, als Erneuerung des Taufbekenntnisses, als Termin der Übereignung kirchlicher Rechte. Sie gibt den Zugang zum Abendmahl auf Grund eigener Verantwortung (ohne die Familie). Eine vorherige Teilnahme am Abendmahl aber führt zur Bereicherung des Unterrichts, die Konfirmation wird mit größerer Anteilnahme erlebt und die speziellen Sinngehalte des Konfirmationsgottesdienstes werden bereichert und vertieft.

6. Die Vorverlegung des Abendmahls ist nicht das rechte Mittel, um eine tote Gemeinde wiederlebendig zu machen. Es muß vor der Erwartung gewarnt werden, als können man über das Kinderabendmahl zu einem neuen Gemeindeaufbau kommen. Es darf nicht als Heilmittel gegen allerhand Mißstände in der Kirche bewertet werden und kann nicht isoliert von allen anderen Gemeinschaftsformen des Leibes Christi geschehen. Aber von der Hineinnahme der Kinder in die Abendmahlsfeier könnte ein erneutes und vertieftes Abendmahlsverständnis

für die Erwachsenen ausgehen. Wenn wir die Neubelebung des Abendmahls als Gemeinschaftsfeier wünschen, können wir die Jungen nicht warten lassen, bis die Alten es verstanden haben.

 

 

 

Kinder fragen - Eltern antworten

„Disput mit Susi“ (aus dem Buch „Suburbia Today“ von James Thurber):

„Gott hätte den Schildkröten gar keine Panzer zu geben brauchen“, erklärte sie. Jetzt dachte ich, ich hätte sie, aber sie ist nicht leicht in die Enge zu treiben. „Schildkröten sind sehr langsam“, belehrte ich sie, „und deswegen hat Gott ihnen Panzer gegeben, in denen sie sich verstecken können, um sich vor ihren Feinden zu schützen“. - „Warum hat er sie denn nicht schneller gemacht?“entgegnete sie. Jetzt hatte sie mich. Zum ersten Male ging mir auf, daß die Stachelschweine und Stinktiere ihre Stacheln respektive ihr Vitriol gar nicht nötig haben würden, wenn Gott sie schnellfüßiger gemacht hätte.

„Warum hat Gott uns keine Flügel gegeben?“ war Susis nächste Frage, und ich schickte mich an, mich über diesen Punkt zu verbreiten. „Wir haben auch Flügel entwickelt“ begann ich, aber sie schnitt mir dieses zeitgemäße Thema kurz ab. „Gott hat eine Million Milliarden Jahre dazu gebraucht, uns Flügel zu geben“, sagte sie, „Sie taugen nichts!“ Und nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: „Wir haben gar nichts!“

„Wir können besser sehen als die Hunde“, sagte ich. „Hunde bumsen nicht immerzu an etwas an!“ - „Die Hunde werden durch besseres Gehör und schärferen Geruchssinn als wir geleitet“, erläuterte ich. „Ein Licht, weit weg, können sie nicht sehen“, war ihre Antwort darauf. „Nein, aber wenn der Mann mit dem Licht näher kommt, können sie ihn hören, und dann können sie ihn auch riechen“, sagte ich. Mit einem raschen Schachzug, ganz beiläufig, setzte sie mich matt: „Das Licht, das ich meine, kommt nicht näher, weil es in einem Leuchtturm ist!“ Das verdroß mich, denn ich bin ein schlechter Verlierer.

„Schön, schön, meinetwegen“, sagte ich kurz, „bringen wir also den Hund näher an den Leuchtturm. Willst du mir denn nicht einen einzigen Punkt gönnen?“ Susi hat eine stehende Antwort auf alle Fragen, die ihr unverständlich sind. „Nein“, sagte sie. „Warum hat Gott den Hunden keine Brillen gegeben?“ kam dann.

 

Fragerei der Kinder:

Kinder haben eine andere Logik als Erwachsene. Mit ihren Fragen können sie uns zur Verzweiflung bringen, und das nicht nur im Fragealter. Es kostet oft viele Nerven, all der Fragerei gerecht zu werden und eine Antwort zu finden, die dem kindlichen Auffassungsvermögen angepaßt ist.

Sehr schnell verliert man eines Tages dann doch die Geduld und versucht, sich mit mancherlei Ausreden vor dieser anstrengenden Tätigkeit zu drücken. Dann heißt es: „Mein Gott, jetzt hör schon endlich mit deiner Fragerei auf!“ oder:„Kind, sei still, das verstehst du noch nicht!“ Aber damit stoßen wir das Kind mit der Zeit vor den Kopf, und der erste Schritt zu einer Entfremdung ist getan.

Deshalb fragen wir uns einmal, zu welcher Gruppe von Eltern wir gehören: Zu denen, die sich freuen, wenn ein Kind sie fragt? Oder zu denen, die froh sind, wenn das Kind nicht fragt? Oder strahlen wir so viel Überlegenheit in allen Dingen der Welt aus, daß kein Kind etwas zu fragen wagt? Oder lenken wir ab, wenn die Fragen den Bereich des Glaubens berühren?

 

Das Amt der Eltern:

Ein Kind fragt schonindirekt in dem Augenblick, in dem es geboren wird: Wollt ihr mir Eltern sein? Vater, nimmst du mich als Tochter an? Bin ich überhaupt erwünscht? Wollt ihr mich möglichst bald loshaben? Habt ihr mich lieb und wollt ihr für mich sorgen? Hier geht es immer um die Grundfrage, ob die Eltern in Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Schöpfung stehen, daß sie ein Kind haben dürfen. Jedes Kind ist dabei ein anderer Mensch.

Die Regeln, die man beim ersten Kind gewonnen hat, sind beim zweiten schon wieder überholt. Das Kind lebt in einer ganz anderen Welt als der Erwachsene. Und der Erwachsene kann keinen Weg mehr zurück in diese Welt finden.

Deshalb ist die Aufgabe der Eltern so schwer. Aber das Elternamt ist auch eine hohe Aufgabe. Keiner macht alles richtig. Aber wichtig ist, daß alles in der Liebe und der Verantwortung vor Gott geschieht. Und das Kind wird dort die Wahrheit erkennen, wo es Liebe spürt, wo es sich angenommen weiß.

Es ist nicht damit getan, daß die Kinder ordentliches Essen haben, vernünftige Kleidung und eine anständige Berufsausbildung bekommen. Die Kinder sind uns als ein Geschöpf Gottes anvertraut, dem wir auch die Wegweisung zu Gott schuldig sind. Die Väter können die Erziehung - und besonders die Erziehung zum Glauben- nicht einfach den Müttern überlassen, und diese wiederum können sie nicht auf die Großmütter abschieben.

Viele überlassen das Nachtgebet am Bett des Kindes der Mutter. Und das Dankgebet am Tisch läßt man das jeweils jüngste Kind plappern, weil das so niedlich klingt. Aber dann darf man sich nicht wundern, wenn man nicht gefragt wird, was es damit auf sich hat. Wer sein Kind zum Religionsunterricht und zum Kindergottesdienst schickt, selber aber nicht zur Kirche geht, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Kind nicht nach Dingen fragt, die ihm selbst nicht wichtig sind.

An sich haben die Kinder aber Fragen, und zwar in jeder Altersstufe. Es gibt oft eine erschütternde Ratlosigkeit in unbewältigten Fragen, die ein lautes und scheinbar selbstsicheres Verhalten doch nur schlecht zu tarnen vermag. Besonders bei den Jugendlichen tritt das dann zutage. Aber liegt es nicht daran, daß sie keinen Vater hatten, den sie fragen konnten, und auch keinen Großvater, Onkel oder Paten. Wo aber gefragt wird, da bleibt man sich nahe. Und man bleibt auch dem nahe, der sich selbst als Punkt eins auf die Tagesordnung gesetzt hat.

 

Antworten:

Das Beispiel „Disput mit Susi“ zeigt deutlich, daß man dem Kind keine Antwort aus der Welt der Erwachsenen geben darf. Naturwissenschaftliche Zusammenhänge begreifen sie noch nicht (begreifen sie denn die Erwachsenen?). Andererseits kann man ihnen auch nichts sagen, was man nachher wieder zurücknehmen muß, wenn das Kind älter geworden ist. Nehmen wir uns einmal einige Beispiele vor:

1. Ein Vater geht mit dem vierjährigen Sohn durch den Wald. Plötzlich fragt der Kleine: „Warum sind die Blätter rot?“ Der Vater antwortet: „Weil es jetzt Herbst ist und kalt wird!“ Der Junge hatte aber nach der Farbe gefragt. Deshalb bohrt er beharrlich weiter: „Warum?“ Antwort: „Das liegt an der Sonne!“ Doch bei „Sonne“ denkt das Kind an Wärme. Der Vater muß deshalb immer klüger und unverständlicher reden: „Die Sonne steht eben nicht mehr so hoch!“ - Wenn die Unterhaltung so verläuft, ist sie sinnlos, denn das Kind versteht den Vater nicht. Dabei hätte er nur zu sagen brauchen: „Die Blätter sind jetzt rot, weil es so schön ist! So herrlich hat Gott der Herbst gemacht, damit wir uns freuen!“ Man kann vielleicht noch einige Zweige mitnehmen und hat so ganz nebenbei eine Glaubensstunde gehalten.

2. Eine Kindergartengruppe fragt: „Warum ist unser Haus rot?“ Die Kindergärtnerin antwortete: „Das ist ein Rohbau, noch nicht abgeputzt ist!“ - Die richtige Antwort aber hatte schon längst ein Kind vorher gefunden: „Weil es unser Haus ist, damit wir es gleich finden!“

3. „Warum schneit es?“ - „Damit wir Schlitten fahren können und Schneebälle machen!“ Aber auch: „Damit über die schmutzig gewordene Welt eine neue weiße Decke gelegt wird. Gott hat das so eingerichtet, daß die Welt immer wieder schön gemacht wird!“

 

Nur wenn die Antwort für das Kind richtig war, ist es zufrieden und fragt nicht mehr weiter. Oft empfiehlt es sich, einfach aufzufordern: „Sag es doch mal selber!“ Wenn dann eine Antwort kommt, kann man sagen: „Siehst du, du weißt es ja selber!“ Echte Fragen allerdings lassen das Kind nicht zur Ruhe kommen, da kann man es nicht abschieben.

 

Wer ist Gott?

Auf diese Frage kann niemand zufriedenstellend antworten. Wir werden nie eine Antwort finden auf die Frage: Wie sieht Gott aus? Aber auch ein Kind kann spüren, daß es ein großes Geheimnis um Gott ist. Gott muß ganz groß gemacht werden, aber auch wieder ganz nahe. Er ist überall da, so wie die Luft („überall hält Gott die Wacht“).

Von Jesus kann man eher erzählen. Kinder haben eine starke Jesusliebe und man darf sie nicht enttäuschen, indem man ihnen etwa sagt, er sei ein ganz armer Mensch gewesen (?). Ein solches Problem sehen die Kinder gar nicht, darauf sollte man sie nicht bringen. Aber sie sollen erfahren können, wie die Eltern mit Ehrfurcht von Gott und von Jesus reden. Eine abfällige Bemerkung zerstört hier alles.

Die Eltern sind aufgefordert, auf Fragen auch Antwort zu geben. Schon in der Bibel heißt es in 5.Mose 6,20: „Wenn dich nun dein Sohn heute oder morgen fragen wird und sagen: Was sind das für Zeugnisse, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?“so sollst du deinem Sohn sagen….!“

Zunächst werden es meist Frager nach den sichtbaren Dingen sein: Wer hat den Mond gemacht? Warum geht die Sonne unter? Woher kommen die Sterne? Schlafen die Blumen auch? All diese Fragen kann man als Fragen nach der Schöpfung sehen.

Hier können wir aber nicht den „lieben Gott“ als Regisseur des Weltverlaufs bemühen, sondern auch etwas über die Gesetzmäßigkeit vieler Erscheinungen andeuten. Und doch kommen wir dabei an eine Grenze, wo Fragen und Wissen nur noch in Bekenntnissen endet, entweder daß Gott dahinter steht oder daß es keinen Gott gibt.

Die Kinder fragen aber weniger nach unserer Kenntnis, als vielmehr nach unsrer Meinung. Je älter sie werden, desto mehr erwarten sie unsere Stellungnahme: „Der Lehrer hat gesagt, daß es keinen Gott gibt. Aber die Religionslehrerin erzählt uns doch von Gott. Wer hat nun recht, Vater?“

Wir müssen gar nicht reden können wie ein Pfarrer, wenn Kinder uns nach Sündenfall, Schöpfungsgeschichten oder Auferstehung fragen. Auch ein Theologieprofessor geriet ein­-mal in Verlegenheit, als sein Kind fragte: „Vater, was sind eigentlich Engel?“ Eine kristallklare Engellehre hätte da nichts geholfen. Er sagte nur: „Wenn du größer bist, dann werden wir einmal zusammen in der Bibel nachlesen, was da alles vor den Boten Gottes zu lesen ist. Jetzt brauchst du nur zu wissen, daß Gott auch für dich einen seiner Boten bestellt hat, der über dich wacht, weil Gott dich so lieb hat!“

Ein Gegenstück dazu finden wir bei Vincenz Erath in dem Buch „Größer als des Menschen Herz“. Dort erläutert eine Kindergartenschwester den Wind folgendermaßen: „Margots Schutzengel weint, weil sie Blumen abgepflückt und weggeworfen hat“" Ein kleiner Junge pflückt daraufhin auch heimlich Blumen ab und wirft sie fort. Er will dadurch herausfinden, ob er auch einen Schutzengel hat. Aber alles blieb ruhig an dem windstillen Tag. Er zertrampelte die Blumen sogar noch. Aber es blieb still. Daraus schloß er ganz verstört, er habe keinen Schutzengel.

Eine „richtige“ Antwort ist aber gar nicht einmal das Entscheidende. Wer wäre auch so vermessen, seine Antwort für die allein richtige zu halten! Sie soll ja nicht nur sachlich richtig sein, sondern dem Anlaß der Frage und dem Erkenntnisvermögen des Kindes entsprechen. Entscheidend ist das persönliche Bekenntnis der Eltern.

Man antwortet lieber nicht: „Das verstehst du nicht!“sondern: „Weißt du, das verstehe ich auch noch nicht richtig, das muß ich mir erst noch überlegen und jemanden fragen!“ Man fertigt ein Kind nicht ab mit der Bemerkung: „Das steht doch in der Bibel!“ sondern man antwortet lieber: „Das glaube ich mit vielen anderer Menschen, mit Mutter und Oma und solchen, die mir viel bedeuten!“

Unsere erste und entscheidende Antwort haben wir aber bereits gegeben mit unsren gefalteten Händen am Bett des Kindes, am Mittagstisch, mit einem Kirchgang. Wenn die Kinder das Glaubensleben der Eltern miterleben, fragen sie danach. Wenn der Vater Sonntagsmorgens im guten Anzug mit dem Gesangbuch weggeht, kommen die Fragen. Und schließlich will das Kind auch mitgehen. Wenn aber die Kinder nichts zu sehen bekommen, fragen sie auch nichts und es entsteht keine pädagogische Situation.

Nur wenn das Kind weiß, wie Vater und Mutter an Gott glauben, hat es auch Sinn, in der kirchlichen Unterweisung vom Glauben Abrahams zu reden. Nur wenn die Eltern bewußt im Glauben stehen, werden wir auf Dauer die Kinder halten können.

 

Das Christkind:

Wenn, wir an Weihnachten vom Jesuskind erzählen, dann ist das etwas anderes als ein Märchen. Gerade wenn das Kind erkennt: „Märchen sind nicht Wirklichkeit!“ müssen wir ihm helfen, daß es unterscheiden lernt. Was wir vor Jesus und von Gott erzählen, ist Wahrheit. Auch die Erwachsenen nehmen das ernst und finden darin einen Halt für ihr Leben. Am „Märchen vom Christkind“ soll der Glaube nicht zerbrechen. Man kann doch sehr schön an Weihnachten sagen: „Weil Gott uns beschenkt hat, als er Jesus zu den Menschen schickte, beschenken wir uns auch“" Wer etwas anders sagt, nimmt das Kind nicht ernst - und Gott auch nicht.

 

Kinderfragen -Kinderantworten:

1. „Hat der Pharao den Wagen gelenkt oder geschossen?“ Hier hat das Kind schon die falsche Vorstellung entwickelt, der Pharao sei selber dabei gewesen. Aber es war in seiner Phantasie auch an einem Punkt hängengeblieben, um den es gar nicht ging. Hier braucht man nicht lange hängenzubleiben. Aber man darf die Frage auch nicht übergehen.

2. David war von der Weide geholt worden und vor Samuel zum König gesalbt worden. Erste Reaktion auf die Erzählung: „Wer hat solange auf die Schafe aufgepaßt?“ Ein praktisch veranlagtes Kind!

3. Bei der Geschichte von der Heilung eines Taubstummen bemerkt ein Mädchen: „Wieso kann der jetzt gleich richtig reden, er muß es doch erst langsam lernen?“ Es wird nichts unbesehen hingenommen!

4. Es war nur sehr knapp erzählt worden, daß Gott Abrahams „Schild“ sein will. In der folgender Stunde meldet sich einer lebhaft und weiß zu berichten, daß Gott Abrahams „Schutzblech“ war. Das ist doch gar nicht mal so schlecht und zumindest anschaulich.

5. Ein Kind betrachtet mit seinem Vater den Altar in einer Kirche. Der Junge denkt besonders über das Kreuz nach: „Vati, was macht denn der Mann da oben?“Der Vater überlegt noch: „Ja, was macht er woh1?“ Da antwortet der Kleine von sich aus: „Ach, ich weiß schon. Er macht: Komm in meine Arme!“

6. Eine Mutter hatte ihren fünfjährigen Sohn strafen müssen. Nun fragt sie ihn traurig: „Kannst du dir denken, warum ich dich strafen mußte“" Matthias denkt nach und antwortet dann: „Ich denke mir, weil du mich lieb hast!“ So kann aus Kindermund manche Mahnung und manche Wahrheit kommen. Denn es wäre doch schön, wenn wir als Erwachsene auch Ja sagen könnten zu einer Strafe des himmlischen Vaters in der Gewißheit: „Du, Vater, hast mich lieb!“

 

 

 

Geschwister

Ein neues Kind bedeutet eine neue Aufgabe

Wenn ein Kind erwartet wird, gibt es anfangs nicht immer ein freudiges Erschrecken. Denn was das unausweichlich auf die Mutter zukommt, weckt eire Fülle banger Fragen: Werde ich es schaffen? Was wird aus unsren Plänen für die nächste Zeit? Wie wird die Geburt sein? Wie werde ich die kurzen Nächte verkraften?

Niemand kann von einer Mutter verlangen, daß die rechte Einstellung zu dem Kind von Anfang an da ist. Auch das braucht seine Zeit und die Mutter braucht auch Hilfe dazu. Die Umwelt allerdings bietet meist keine Hilfe. Man hört dann: „Hatte die es wirklich schon nötig, wo die doch die Einrichtung nicht einmal beisammen haben? Können die sich schon wieder ein Kind leisten?“ Das Ansehen einer Familie wächst keineswegs mit der Geburt eines Kindes und erst recht nicht das Vermögen; trotz staatlicher Zuwendungen senken Kinder doch den Lebensstandard.

Eire entscheidende Hilfe ist die rechte Einstellung des Vaters. Es ist gut, wenn er - trotz aller ungelösten Fragen - mithilft sich zu freuen. Und es ist auch hilfreich, wenn der Chef oder die Kollegen nicht murren über die Veränderung, wenn die Hausbewohner ein freundliches Wort finden und wenn die Großeltern Mut machen, anstatt sorgenvoll zu seufzen.

Aber auch die Länge der Schwangerschaft hilft der Mutter. Das Werden des Kindes geht langsam vor sich, und ebenso das Hineinwachsen der Mutter in die neue Situation. Die Mutter kann sich ja nicht neun Monate zur Ruhe setzen. Sie tut alles, was sie vorher tat, nur hoffentlich ein wenig ruhiger, mit reichlich frischer Luft und ohne Medikamente. Sie lebt mit dem Kind, aber nicht schon restlos für das Kind. Dabei wird allmählich das Gefühl wach für das, was das Kind zum Leben braucht.

Die volle Freude kommt erst mit der Geburt. Manche Frau, die vorher ihr Kind nicht haben wollte, will es auf einmal nicht mehr hergeben .Erst hatte sie gefürchtet, gar nicht der Typ der besorgten Mutter zu sein, wird nun beim erster Laut des Kindes schon wach. Dieser „Brutpflegeinstinkt“ baut der Mutter eine Brücke, nimmt ihr aber die menschliche Aufgabe nicht ab, das Kind bewußt anzunehmen. Dieses ja wird im Laufe der Erziehung immer neu gesagt werden müssen, denn nur aus dem bedingungslosen Angenommensein kann ein Kind leben.

Der Vater betrachtet das Kind mit gemischten Gefühlen. Meist hat er bald den Fotoapparat dabei und zeigt dann das Foto herum. Die Männer brummen meist nur „hm“, wenn sie es sehen. Die Frauen aber überschlagen sich fast vor Anteilnahme und beteuern, das Kleine habe bereits große Ähnlichkeit mit dem Vater. Dabei sehen die meisten Neugeborenen aus wie eine Mischung zwischen Churchill und Chruschtschow.

Dann kommen die lieben Verwandten. Wenn das Baby vor Ärger über die ungewohnten Geräusche die Stirn runzelt, dann sieht die Tante darin ein Zeichen künftiger Denkertätigkeit. Fuchtelt das arme Würmchen vor Hunger mit den Armen, entdeckt Onkel Max darin einen Hinweis auf einen späteren Boxmeistertitel des kleinen Erdenbürgers.

Das Baby ist zunächst die Hauptperson. Wenn es aber sprechen und fragen und laufen kann, dann hagelt es die ersten Ohrfeigen und es spürt die rüden Erziehungsmethoden, derer sich manche Eltern ohne Methodik bedienen.

In den letzten Jahren ist ein neuer Typ Vater aufgekommen. Im Straßenbild sieht man oft einen Kinderwagen schiebenden Vater. Vor Jahren wäre er noch belächelt worden. Auch in der engen Wohnung erleben die Väter alle Freuden und Leiden ihres Sprößlings von Anfang an mit. So wächst das väterliche Verständnis für Kinder, Verantwortungsgefühl, Liebe und Zärtlichkeit für das kleine Wesen. Später führen die Väter das Kleinen an der Hand aus, bringen es in die Krippe oder in den Kindergarten, gehen mit ihm einkaufen und nehmen es sogar mit auf den Fußballplatz.

Die ältere Gereration sollte nicht hart und lieblos über die jungen Leute von heute urteilen, sondern sollte helfen mit Rat und Tat und denen die Achtung nicht versagen die ihrer Schwierigkeiten Herr zu werden trachten. In unsrem angeblich so „vaterlosen“ Jahrhundert wächst da eine Schar junger Männer heran, die wieder richtige Väter sind.

Wenn die jungen Väter hineinwachsen in rechte Partnerschaft auch den heranwachsenden Kindern gegenüber, werden sie auch in den veränderten Verhältnissen Autorität gewinnen. Und die Kinder werden gesund und lebenstüchtig heranwachsen in einer Familie, in der nicht äußeres Wohlergehen, Lebensstandard und materieller Gewinn die Hauptsache sind, sondern das, was man sich nicht kaufen kann, nämlich Liebe, Treue, Nestwärme und das Gefühl inniger Zusammengehörigkeit.

Man nennt vier Grundbedürfnisse, die über die Entwicklung des Kindes entscheidet (nach der Aussage der Psychologen):

1. Bedürfnis, bedingungslos angenommen zu sein.

2. Bedürfnis, zu besitzen, zu haben, zu behalten.

3. Bedürfnis, etwas zu gelten.

4. Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden.

Durch Zuwendung, Ansprache, Zärtlichkeit und Geborgenheit soll das Kind ein Urvertrauen gewinnen. Ehe etwas von ihm gefordert werden kann, muß das Kind von seinen Eltern solches Vertrauen empfangen.

Das Verhalten der Eltern entscheidet darüber, wie die Welt in den Augen des Kindes einmal aussehen wird: freundlich oder feindlich, vertrauenerweckend oder Angst einflößend. Die Erfahrungen, die ein Kind in seiner Erst-Umwelt macht, werden später auf alle Gruppen übertragen. Das Kind kann sich gegen negative Auswirkungen seiner Umwelt ja noch nicht abschirmen, aber es kann sie tief in sein Inneres verbannen. Und solche verdrängter Erlebniseindrücke körnen dann später einer solchen „Überdruck“ bekommen, daß sie sich irgendwann einmal unliebsam bemerkbar machen.

Nur was empfangen wurde, kann weitergegeben werden. Nur wer Liebe erfahren hat, wird liebesfähig werden. Nur wer ein gutes Selbstbewußtsein hat, kann sich hingeben, nur wer Beziehungen zu anderen gewonnen hat, kann gemeinschaftsfähig werden.

 

Geschwister untereinander:

Mit einem Einzelkind scheint man es leichter zu haben: Es spielt ungestört mit seinen Bauklötzen oder sitzt neben der Mutter und hört eine Geschichte an. Aber es ist nicht gut, daß das Kind allein sei. „Ein Kind, kein Kind!“ sagt man. Keine Mutter und kein Vater können Bruder und Schwester ersetzen. Ein Einzelkind ist oft einsam. Die Eltern haben viele Dinge gemeinsam. Sie können sich unter­einander verständigen, bleiben abends gemeinsam auf, teilen sogar das Schlafzimmer. Das Kind aber schläft allein. In Familien mit mehreren Kindern dagegen herrscht ein besseres Gleichgewicht. Da steht die Erwachsenengemeinschaft der Gemeinschaft der Kinder gegenüber.

Das Einzelkind kann sich weniger als andere auf die spätere Anforderungen des Lebens vorbereiten. Es wird leicht verwöhnt und verzogen. Es nimmt zu früh am Leben der Erwachsenen teil, es wird altklug und naseweis und versteht nicht, im Kinderkreis zu spielen. Es ißt meist auch schlecht und ist oft sehr nervös.

Eine Geschwisterschar hat auch ihre Vorteile. indem das Kind mit den Geschwistern streitet, lernt es, sich zu behaupten und durchzusetzen. Es wird dazu erzogen, mit seinem Leid und seiner Wut fertig zu werden. Im Konkurrenzkampf kann es seine eigenen Fähigkeiten kennenlernen und entwickeln. Es lernt, sich anzupassen, ohne sich dabei aufzugeben. Schließlich begreift es, daß es nicht im Mittelpunkt der Welt steht. Spätestens bei der Einschulung werden diese Erfahrungen dem Kind zugutekommen.

Geschwister erziehen sich gegenseitig. Und diese Art der Erziehung ist meist besser als die eifriger und überängstlicher Eltern. Die Kinder biegen sich gegenseitig zurecht und schleifen ihre Untugenden aneinander ab. Eltern könnten die verschiedenen Gaben ihrer Kinder herausfinden und sie dann so lenken, daß sie sich im Spiel und bei der Arbeit ergänzen.

Allerdings wechseln die Beziehungen der Geschwister untereinander auch: Wenn sie einmal einige Zeit voneinander getrennt waren, könnten sie sich vor Liebe auffressen. Wenn sie aber wieder zusammen sind, dann reizen sie sich, hauen sich, zerstören das Spielzeug des anderen und verpetzen ihn in hämischer Erwartung der Strafe. Sind das noch Geschwister, die da mit lodernden Blicken und gefährlichen Waffen in der Hand aufeinander losgehen? Und das in einem christlichen Hause, wo man sich bemüht, den Kindern das Evangelium nahezubringen und in Gottes Ordnung zu leben? Ist das nicht zum Verzweifeln?

Aber Kinder sind nun einmal so. Und wir müssen sie so nehmen, wie sie sind. Schon in der Bibel wird Entsprechendes von Geschwistern berichtet, andererseits aber auch wieder allerhand Erfreuliches: Verständnislosigkeit und Lieblosigkeit (Josephs Brüder, Jesu Geschwister), Neid und Mißgunst (Kain, Josephs Brüder, Aaron und Mirjam, verlorener Sohn), Kumpanei im Bösen (Josephs Brüder, Elis Söhne), Streit bis zum Totsehlag (Kain, Jakob und Esau, Josephs Bruder) Sexualvergehen an der Halbschwester (Ammon und Thamar), Fürsorge (Juda für Benjamin, Mirjam, David), Zueinanderstehen (Aaron, Hiobs Kinder, Maria, Martha, Lazarus)

Das ältere Kind wird leicht eifersüchtig, wenn ein Geschwisterchen dazukommt. Dann ist plötzlich das Baby aus der Wiege verschwunden, zusammen mit der vierjährigen Schwester. Als man sie kurz vor dem Dorfteich findet, erklärt sie freimütig, sie habe das Baby in den Teich werfen wollen, weil es soviel Arbeit macht.- Das ältere Kind fragt sich eben: Warum nehmen jetzt alle die Kleine auf den Arm und mich nicht mehr? Ich bin doch ebenso brav und habe nichts getan, was ihnen mißfallen könnte. Oft wird dann ersatzweise die Puppe der Rivalin zerstört, sie soll büßen, was eigentlich der Besitzerin galt. Das Kind ist eben nicht damit fertig geworden, nicht mehr Mittelpunkt der Familie zu sein. Es empfindet das Geschwisterchen als Eindringling und von der Umgebung weniger geliebt.

Eifersucht unter Geschwistern ist etwas Normales. Meist wandelt sie sich mit der Zeit in ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Eltern können diesen Vorgang aber fördern. Schon während des Klinikaufenthalts sollte die Mutter auch Kontakt mit dem älteren Kind halten (Grüße, Geschenke, „Briefe“). Man wird das Kind gemeinsam abholen und allzu entzückte Verwandte zur Zurückhaltung mahnen.

Weniger gut ist es, an die Vernunft des älteren Kindes zu appellieren und zum Nachgeben aufzufordern. Nach Möglichkeit sollte man die Wünsche des größeren Kindes befriedigen, ihm also ruhig noch einmal die Flasche geben oder es füttern. Es geht nicht nur um das gleich große Stück Kuchen, sondern daß das Kind genauso geliebt und anerkannt wird. Das Wichtigste, was man tun kann, um die Eifersucht des Kindes in Grenzen zu halten, ist immer noch, die Liebe gerecht zu verteilen.

Eire Sonderstellung nimmt oft ein Junge unter lauter Mädchen oder ein Mädchen unter lauter Jungen ein. Doch ein Kind sollte niemals zu spüren bekommen, daß es ja wieder „nur“ ein Mädchen war. Oft ähnelt ein Kind einem geliebten Menschen aus der Verwandtschaft (z.B. der früh verunglückter Schwester) und wird deshalb vorgezogen. Oder die Mutter gewinnt eine gute Beziehung zu einem Kind und spielt es gegen den Vater aus oder macht das Kind zum Ersatz für nicht erfahrene Liebe vor seiten des Ehepartners. Auch ein krankes oder behindertes Kind wird leicht vorgezogen.

Schwer hat es oft auch das mittlere Kind, weil es sich nach oben und nach unten wehren muß. Solche Kinder werden leicht zu gedrückten und unsicheren Menschen. Auch das jüngste Kind kann sich leicht als ständig Unterlegener fühlen und dadurch in seiner Aktivität behindert werden. Nicht nur das Verwöhntwerden ist von Schaden, sondern auch das Kommandiert­werden. Wenn man so etwas feststellt, muß man dem Kind auch einmal Gelegenheit geben, mit Gleichaltrigen zu spielen.

Sicherlich haben wir zu jedem unserer Kinder eine andere innere Beziehung. Wir sollten aber versuchen, jedem Kind den gleichen Lebensraum zu geben, wie wir ihn selber beanspruchen. Das ist jedenfalls im Sinne Gottes.

 

Der Friedensengel

[Mutter schlichtet Streit zwischen den Kindern]

Ich bin der Friedensengel der Familie und werde leider ziemlich oft benötigt. Auf sanften Flügeln oder mit dem feurigen Schwert bin ich stets in höchster Alarmbereitschaft und habe mir sicher zahllose Orden verdient, unsichtbare!

Es ist mir völlig unverständlich, warum sie immer gleich mit Stuhlbeinen auf einander losgehen, oder mit Autos schmeißen, die massiv aus Gußeisen sind. Hundert Bücher stehen im Schrank, aber das eine wollen alle vier zu gleicher Zeit. Stundenlang steht die Schaukel verlassen auf dem Rasen. Zehn Minuten vor dem Mittagessen aber, wenn ich in der Küche angenagelt bin, verkündet mir vierfaches Geschrei, daß der Kampf um sie entbrannt ist. Einer hat den anderen angeblich schief angesehen, schon schneidet jemand Fratzen, tödliche Beleidigungen ertönen. Wutgeheul, Tätlichkeiten, wahllos in den Mitteln, sind zu erwarten.

Wer angefangen hat, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Ich habe auch keine Zeit dazu. Mit Kinderbier ist es für heute nichts, das gilt für alle. Mit Eis und Schokolade auch nicht. Was könnte man sich nicht für schöne Dinge denken, nachträglich, die sonst vielleicht für artige Kinder zu haben gewesen wären. Wenn ihr das tut oder laßt, dann hat es diese und jene Konsequenzen. Im Augenblick ernte ich Protest und maulende Vorwürfe, denn der war es ja gar nicht, und die und die und der ja auch nicht. Schluß jetzt! Die Unschuldigen müssen immer darunter leiden, das ist nun mal so. Siehste!

Meine Güte, was ist das anstrengend! Obendrein weiß ich nie, ob es wirklich richtig war, was ich da als Friedensengel inszeniert habe. Skrupel überfallen mich. Andere Mütter sind ja so geduldig! Vielleicht fahre ich zu oft dazwischen. Aber soll man denn tatenlos zusehen, wie sie sich die Köpfe einschlagen? Soll ich mich nicht einmischen, wenn die Großen ihre ganze Überlegenheit herauskehren und die Kleinen nicht mitspielen lassen, wenn sie schimpfen und schreien?

Manchmal sorge ich auch nur der Nachbarn wegen für Ruhe. Ich kann ja die Türen hinter mir abschließen und mich mit freundlicher Unterhaltungsmusik umgeben, aber die Nachbarn rund­herum halten vielleicht gerade sanfte Mittagsruhe, leiden unter Kopfschmerzen oder quälen sich durch die Steuererklärung.

Irgendwann wollen alle vier etwas von mir. Aber einer ist ja der erste, der mich fragt. Ich sage: „Ja, ja“, und habe gar nicht zugehört, aber das darf man sich nicht leisten. Man hat meine geistige Abwesenheit dazu mißbraucht, mir irgendwelche Zugeständnisse abzuluchsen. Aber da fühlen sich die anderen schändlich betrogen. Sie stürmen die Küche. Ihr Protest ist lautstark. Beim nächsten Mal werde ich versuchen, besser aufzupassen.

Ich bin so nebenbei der Friedensengel der Familie und werde leider ziemlich oft benötigt. Manchmal wünsche ich, ich hätte wirklich Flügel, um müheloser von einem Kriegsschauplatz zum anderen zu gelangen. Manchmal wünsche ich mir auch die vielgerühmte Weisheit Salomos, oder wenigstens so ein kleines bißchen davon, und die einschlägigen Werke moderner Pädagogik dazu im Kopf zu haben. Ich mogle mich so durch und freue mich an kleinen Teilerfolgen.

 

Sechs wichtige Ratschläge für Eltern mit Einzelkind:

1. Ziehen Sie Ihr Kind nicht in Ihre Erwachsenenwelt hinein, sondern lassen Sie es Kind sein. Unkindliche und altkluge Kinder sind bei ihren Alterskameraden unbeliebt.

2. Versuchen Sie Ihrem Kinde das Gefühl zu nehmen, aus der Gemeinsamkeit mit Ihrem Ehepartner ausgeschlossen zu sein. Flüstern Sie nicht in Gegenwart des Kindes, und tauschen Sie keine heimlichen Blicke. Erlauben Sie ihm ab und zu, in Ihr Bett zu kommen, und lassen Sie es am Abend bei besonderen Gelegenheiten auch einmal etwas länger aufbleiben. Diese Ausnahmen von der Regel schützen es davor, sich einsam zu fühlen.

3. Sorgen Sie dafür, daß Ihr Kind so häufig wie möglich mit Gleichaltrigen zusammenkommt. Erlauben Sie ihm, andere Kinder in der Nachbarschaft zu besuchen. Nehmen Sie auch die Unordnung in Kauf, wenn es selbst fremde Kinder mit ins Haus bringt, und versuchen Sie keinen allzu großen Einfluß auf die Auswahl seiner Freunde auszuüben.

4. Machen Sie gelegentlich einmal einen Ausflug mit befreundeten Familien und deren Kindern. Das vermittelt Ihrem Kind die Gelegenheit, andere Gemeinschaften und ihr Zusammenleben kennenzulernen.

5. Mischen Sie sich bei Streitereien mit anderen Kindern nicht gleich ein. Ihr Kind soll zwar wissen, daß es sich auf Sie verlassen kann, aber es muß auch lernen, seine eigenen kleinen Probleme selbst zu lösen. Spätestens bei seiner Einschulung muß es diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grade erworben haben.

6. Bedauern oder bemitleiden Sie Ihr Kind nicht, weil es Einzelkind ist. Vermitteln Sie ihm vielmehr ungezwungen und fröhlich die vorgeschlagenen Hilfen. Dann wird es genauso unbeschwert und lebenstüchtig werden wie andere Kinder auch.

 

Fünf wichtige Ratschläge:

1. Die Rivalität unter Geschwistern ist natürlich und braucht Sie nicht zu ängstigen. Oft wandelt sie sich zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit.

2. Behandeln Sie ihre Kinder nicht unterschiedslos nach gleichbleibenden Regeln. Jedes Kind muß spüren, daß Sie es ums einer selbst und seiner Eigenart willen anerkennen und lieben.

3. Für Ihr Kind ist die Tatsache der Geburt eines Geschwisters ein Erlebnis, mit dem es nicht so schnell fertig wird. Sie sollten Ihren Kindern daher früh auf die bevorstehende Geburt vorbereiten.

4. Viele Kinder reagieren auf die Geburt eines weiteren Kindes mit einer vorübergehenden „Rückentwicklung“. Auf die neubelebten kleinkindlichen Verhaltensweisen und Bedürfnisse sollten Sie nach Möglichkeit ruhig eingehen.

5. Am gefährlichsten für die seelische Gesundheit sind die unterdrückten Eifersuchtsregungen. Es ist daher wichtig, die Kinder zu ermutigen, ihren eifersüchtigen Regungen Ausdruck zu geben. Nur dann können Sie Ihren Kindern helfen, mit ihren negativen Impulsen fertig zu werden.

 

 

 

Angst

Menschliches Leben ohne Angst gibt es nicht. Jeder kennt die Angst aus eigener Erfahrung. Meist wird sie als negativ erlebt: als etwas, wovon man befreit sein möchte. Aber sie hat auch positive Seiten, weil sie Neues auslösen kann: Sie hilft zum eigenen Kennenlernen, zur Kontrolle und zum Reifen. Und oft hilft sie auch zum Überleben (Kind geht nicht auf belebte Straße, Autofahrer fährt bei Glatteis vorsichtiger, Angst vor Mathearbeit, Krankheit, Angst einen Menschen zu verlieren).

Wir kennen es alle: Die Eltern wollen ausgehen, aber das Kind schreit: „Mutti, geh nicht fort, ich habe Angst!“ Die Eltern sind verzweifelt. Dunkle Ahnungen erwachsen, was sie vielleicht alles in der Vergangenheit falschgemacht haben. Der Vater beschließt, einen Schlußstrich zu machen und streng zu sein: „Du bleibst heute allein. Wir lassen im Flur Licht an. Wehe dir, wenn du schreist. Dann darfst du am Sonntag nicht mit zur Oma fahren!“

Die Kinderpsychiatrie spricht von der sogenannten „Acht-Monate-Angst“. Im Alter von acht Monaten zeigen sich beim Kleinkind erstmals Anzeichen von Angst. Von da an lernt es die Umwelt wahrzunehmen. Die Angst ist dann Reaktion auf Unbekanntes, mit dem das Kind nicht fertig wird.

Beim Kind äußert sich die Angst in zwei Formen: Das Kleinstkind erstarrt, wird erst reglos und schreit dann. Das größere Kind versucht häufig, seine Angst hinter einem lautstarken Gebaren zu verstecken (Überaktivität, Singen).

 

Formen der Angst:

1. Angst vor dem Neuen: Kindergarten, Schule, Beruf, Hochzeit.

2. Angst vor dem Alleinsein, Trennung, dunkle Räume, Gewitter.

3. Angst vor Strafe, Leistungsangst, zu strenge Anforderungen

4. Angst aufzufallen, Falsches zu sagen, ausgelacht zu werden

5. Angst vor dem übermächtigen Erwachsenen („schwarzer Mann“), Tier

 6. Angst vor Krankwerden und Tod, Einschlafangst

7. Schwebende Angst ,die man gar nicht richtig fassen kann

8. Angst vor der Vergangenheit: Wie loskommen von falschen Weichenstellungen und Schuld

9. Angst vor der Zukunft: Der Mensch geht keinem neuen Paradies entgegen

10. Äußere Ärgste als „Angst vor“( Natur, Zwänge, Zivilisation, Politik)

11. Innere Ängste als „Angst um“ oder „Angst in“: Nicht der Mensch hat Angst, sondern die Angst hat ihn.

12. Vier Grundängste:...vor Isolierung und Einsamkeit ...vor Ichverlust und Abhängigkeit ...vor Veränderung und Vergänglichkeit ...vor Festlegung und Zwang.

 

Wie geht man gegen die Angst an?

In der Politik und im gesellschaftlichen Leben versucht man es so:

1. Verdrängung: Das Problem ist zu groß, überlasse ich den Experten

2. Alte Denkweisen: Sicherheit durch immer mehr Waffen

3. Panische Affekthandlungen: Teufelskreis von Furcht und Mißtrauen

4. Schwarzweißmalerei: Gegner ausschließlich als Feind gesehen

5. Entmenschlichung: Feind hat keinen menschlichen Wert oder edle Motive.

 

Wir können kein Leben ohne Angst leben. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln. Wichtig ist vor allem, daß die Ängste ausgesprochen und nicht heimlich herumgetragen werden. Überspieler und Leugnen der Angst, ausweichen wollen, davonlaufen, durch Haltung die Angst unter Kontrolle bekommen zu wollen, schafft nur vorübergehende Erleichterung. Verdrängte Angst kommt aber meist noch stärker zurück.

 

Allgemeine Ratschläge:

1. Alle „Angstmacher“ wie „Schwarzer Mann“ oder „Keller“ sollten aus der Erziehung verbannt werden. Sie können schwere seelische Störungen bis ins Alter auslösen.

2. Im Fernsehen nur Kinderprogramme sehen lassen. Wenn Kinder Programme nicht verstehen und bearbeiten können, kommt es zu unkontrollierbaren Gedanken- und Erfahrungsverbindungen und das Kind fühlt sich durch harmlose Erscheinungen seiner Umwelt bedroht.

3. Das Lob sollte in der Erziehung überwiegen, denn es löst innere Spannungen beim Kind. Strafe und Tadel sollten möglichst wenig verwendet werden (Makarenko).

4. Streit zwischen Eltern und mit anderen Erwachsenen und älterer Geschwistern möglichst vermeiden, weil die Kinder das nicht verstehen und verarbeiten können.

5. Langsame Gewöhnung daran, daß es abends allein gelassen wird: Sagen, wohin man geht, auch ungefähre Zeit der Rückkehr angeben; Nachbarn nach dem Kind sehen lassen.

6. Wissens- und Erfahrungsvermittlung geben ein gesundes Selbstvertrauen, das auch Angst als etwas Normales ansieht.

7. Ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Erwachsenen, besonders zu den Eltern, schafft ein mitfühlendes Verständnis, durch das man Ängste aussprechen kann, ohne ausgelacht zu werden.

8. Erfolge in der Bekämpfung der Angst bewußt machen, immer wieder ermutigen und loben. Eventuell kann man sogar Situationen organisieren, in denen das Kind erste Erfahrungen in der Überwindung der Angst erwerben kann.

 

Tiefenpsychologische Erkenntnisse:

Die biblische Aussage: „In der Welt habt ihr Angst“ gilt auch schon für Kinder. Schon Kinder haben Angstträume: Die große Kuh rennt wieder hinter mir her und will mich aufspießen. l Andere träumen von Hexen und von bissigen und laut bellenden Hunden.

Da müssen nicht konkrete Angsterlebnisse vorliegen, sondern hier kann es sich auch um Signale handeln, die auf unbewußte Schwierigkeiten, Konflikte oder Reifekrisen hinweisen. Erzieher könnten sich in einem solchen Fall etwa fragen, was in ihrem Verhalten das Kind beengen und in seiner Entfaltung hindern könnte.

Die Kuh ist in vielen Kinderträumen das Symbol nährender Mütterlichkeit. Meist wirkt es beruhigend und beglückend (mit ihr kommt ja Nahrung und Leben). Aber die Kuh kann auch Schrecken auslösen, weil sie auch stoßende Hörner hat. Überbehütete Liebe wird auch

als Verfolgung erlebt. Auf dem Weg in die Selbständigkeit empfindet das Kind die Hand als lästig, die immer zur Stelle ist und vor jedem Stolpern bewahren will.

Wenn die Mutter durch Zurücknahme ihrer ängstlichen Fürsorglichkeit dem Kind mehr Bewegungsspielraum gibt, werden die Angstträume bald verschwinden. Wenn sie aber das Kind noch stärker umsorgte (wegen seiner Ängste) und zum Beispiel bei jedem Angsttraum mit ins Bett nähme, dann würde das wie ein Teufelskreis wirken: die Angst des Jungen, der aus der Säuglingssituation heraus will, wäre nur noch gesteigert.

Auch das Auftauchen vor Hexen deutet auf eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung, denn die Hexe ist der negative Aspekt der Mütterlichkeit. Man kann Hexenträume nicht mit der Bemerkung abtun: „Hexen gibt es doch gar nicht!“ sondern man muß sich fragen, was die Beziehung zu den Kindern belastet.

Bei Träumen von bellenden und beißender Hunden muß man sich fragen: Wer von uns wirkt auf das Kind wie ein bellender Hund? Manchem selbstherrlichen Vater ist dabei schon aufgegangen, wie rücksichtslos und brutal sein Verhalten gegenüber dem Kind ist.

Der bellende Hund kann aber auch auf ein innerseelisches Problem des Kindes aufmerksam machen. Wenn das Kind durch strenge Erziehungsmaßnahmen gezwungen wird, alles Aufbegehrenwollen zu unterdrücken, dann entwickelt sich in ihm so etwas wie ein Bellbedürfnis, das sich am Tage nicht hervorwagt und darum in Träumen Luft macht.

Ein ständiges Zurückdrängen aufsteigender Protestgefühle führt zu Affektstauungen, die Erwachsene an Mitmenschen oder in Ersatzhandlungen abreagieren, die sich bei Kindern aber im Traum entlädt. Für solche Kinder bedeutet es eine große Entlastung, wenn sie Hund spielen dürfen und dabei Erwachsene anbellen können. Auch Verfolgungsspiele, bei denen sich die Großen in die Ecke treiben lassen, haben ähnlich befreiende Wirkung.

 

Menschliche Hilfen:

1. Die Kinder brauchen ein „warmes Nest“. Sie müssen spüren, daß man sie liebhat. Sie brauchen Vater und Mutter, ein rechtes Zuhause und eine gute Ordnung im Tageslauf.

2. Sie brauchen wachsame Liebe und Hilfe in Bedrohungen. Es darf ihnen nicht Angst gemacht werden. Sie müssen zur rechten Zeit Gefahren erkennen können und dann rechte Hilfe suchen.

3. Kinder sollten ernst genommen werden und auf ihre Fragen richtige Antworten bekommen. Wenn man nur darüber reden kann, hilft das schon sehr. Vieles läßt sich aber auch nicht erklären. Manches mag aus Erinnerungen kommen, die man gar nicht mehr bewußt weiß. Eltern sollten versuchen, solche belastenden Erfahrungen zu vermeiden: Wenn ein Kind die Erfahrung macht, daß doch keiner kommt, wenn es auch noch so schreit, dann wird das Mißtrauen aufkommen: Die haben mich nicht gern, die meinen es böse mit mir!

4. Das Kind muß es aber auch lernen, Versagungen zu ertragen. Wenn alles gleich erfüllt wird, hat das Kind eben Angst, etwas zu verlieren oder nicht zu kriegen. Man darf auch nicht zu viel auf einmal zu bewältigen geben, denn sonst kapituliert man zu schnell. Die Eltern müssen auch ein Stück mitgehen.

5. Zu viele Verbote und Gebote und Drohungen führen zu ängstlichen Menschen, die immer meinen, es gäbe eine Instanz, die sie kontrolliert. Angst führt zur Lüge, zum Gezwungensein, führt aber auch dazu, daß man selber Angst machen will und die Macht an sich reißen will. 6. Eine Hilfe ist auch das Selbständigewerden, denn dieses hilft gegen die Angst.

 

Hilfen aus dem Glauben:

Erwachsene sollten zugeben, daß sie selber auch Angst haben, selbst wenn sie glauben. Aber man sollte auch dem Kind zeigen: Ich will dagegen angehen, zum Beispiel durch das Gebet, auch zusammen mit dem Kind. Wie Menschen im Gebet Geborgenheit bei Gott suchten, zeigen vor allem die Psalmen, zum Beispiel Psalm 91. Da wird die Geborgenheit beschrieben mit den Bildern Schirm, Schatten, Burg, Schild, die Vogelmutter, die ihre Jungen unter den Flügeln schützt.

Schon in der Kindheit soll der Grund gelegt werden für die Geborgenheit bei Gott in allen Lebenslagen und auch im Sterben. Die Frage nach dem Tod kann auch aus einer bloßen Interessiertheit heraus kommen und nicht mit Angst verbunden sein. Aber dahinter kann sich auch Angst vor dem Alleinsein äußern. Wenn es sich um Angst vor dem Sterben handelt, weil das Kind sieh mit dem Gestorbenen identifiziert, da kann man ihm zeigen, daß doch noch andere Menschen da sind und daß vor allem auch noch Gott da ist.

Grundkräfte gegen Grundängste sind: Glaube, Liebe, Hoffnung. Glaube hilft gegen die Angst vor Isolation und Einsamkeit. Vor Gott kann man ganz „Ich-selbst“ sein, alleine, aber ohne

verlassen zu sein. Wer sich auf Gott als Gegenüber beziehen kann, wird zum selbständigen Menschen und gewinnt den Mut, „er selbst“ zu sein.

Liebe hilft gegen die Angst vor dem Ich-Verlust und Abhängigkeit. Vor Gott lebend kann ich mich an das Du hingeben, ohne mich dabei zu verlieren. Hoffnung hilft gegen die Angst vor Veränderung und Vergänglichkeit, vor Festlegung und Zwang. Vor Gott lebend muß mich weder die Veränderung überwältigen noch die Notwendigkeit, mich festzulegen.

Gott ist der Herr über Natur und Geschichte. Aus der Angst vor dem Kommenden könnte so die Hoffnung auf Gottes Macht werden.

Unnachahmlich ist dieses Vertrauen ausgedrückt in den Worten Dietrich Bonhoeffers für Neujahr 1945: „Von guten Mächten wunderbar geborgen

 erwarten wir getrost, was kommen mag.

 Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

 und ganz gewiß an jedem neuen Tag!“

 

 

 

 

Gewissensbildung

Streit und Aggression, Kampf und Haß, bestimmen unser Leben schon von früh an. Die Möglichkeit eines schuldlosen, angst- und konfliktfreien Lebens ist noch sehr fern. Leben bedeutet Expansion, der Einzelne muß sich durchsetzen - und dabei gerät er zwangsläufig mit dem gleichen Anspruch der anderen in Konflikt. Das ist unsere Zwangslage: Wir brauchen den anderen und geraten dennoch unentwegt mit ihm in Konflikt und verstoßen damit gegen das Gebot: „Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst!“

Gott thront nicht irgendwo oben, sondern er ist Mensch geworden und hat damit Solidarität und Mitmenschlichkeit gezeigt. Menschen können brüderlich miteinander umgehen. Diese Erfahrung ist wichtiger als der Gehorsam gegenüber Formen und Geboten, die oft nur die Interessen der Eltern spiegeln.

Alle Menschen sind gleich viel wert. Das sollte ein Kind möglichst früh erfahren. Es gibt keine bösen Straßenkinder, mit denen das Kind nicht spielen darf; Menschen die anders sprechen und anders aussehen, sind als Spielkameraden erwünscht. Auch häßliche Kinder, schmutzige und solche die einer anderen Sozialschicht angehören, werden nicht schlechtgemacht oder zu Fremden erklärt, die dann zu Feinden werden.

Kinder haben von sich aus keine Vorurteile. Sie würden vielleicht auch frei davon bleiben, wenn Eltern, Nachbarn, Erzieher und Lehrer ihren keine vermittelten. Durch Vorurteile wird das Gebot der Nächstenliebe am dauerhaftesten verletzt und die Bruderschaft zerstört, die sich für den Christen daraus ergibt, daß alle Menschen Gottes Kinder sind.

Normalerweise sind Kinder bereit, andere als gleichberechtigte Partner anzuerkennen und ernst zu nehmen. Sie überspielen soziale Schranken, sie erkennen gesellschaftliche Grenzen nicht an. Kinder achten nicht auf offenkundige Unterschiede, die wir so wichtig nehmen.

Pearl S. Buck berichtet von einer Mutter, die ihr Kind an die Tür schickt, als es klingelt. Das Kind sagt: „Ein Kind steht draußen!“ Die Mutter fragt: „Ein weißes oder ein farbiges?“- Die Antwort: „Das weiß ich nicht. Ich habe es nicht gefragt!“

Nie waren soziale Vorurteile so lebensfeindlich, ja lebensgefährlich wie heute. Die Völker der Erde rücken immer enger zusammen. Das Überleben auf dem Erdball hängt davon ab, daß wir mit anderen auskommen. Unter uns leben zunehmend Menschen anderer Herkunft, Nation und Rasse, auch Kultur, Religion und Erziehung. Wenn es der älteren Generation schwer fällt, mit diesen Menschen zusammenzuleben, so sollte die jüngere wenigstens nicht daran gehindert werden, selbstverständliche Menschlichkeit einzuüben.

Kinder machen schon Unterschiede. Jeder Mensch möchte sich ja vom anderen zum eigenen Vorteil abheben: der Stärkere möchte den Schwächerer ausnutzen, der Erfolgreiche möchte anerkannt werden, die Lust des Besitzenwollens drängt nach mehr.

Doch solche Unterschiede sind nicht prinzipiell, sondern punktuell: Das andere Kind ist nicht unterlegen, weil es Ausländer ist, sondern weil es als Mensch eben unterlegen ist. Die Eltern sollten nur darauf achten, daß daraus nicht wieder grundsätzliche Deklassierungen werden. Kinder müssen es auch lernen, sich in die seelische Situation des anderen hineinzuversetzen; dazu brauchen sie die erläuternde Hilfe des Erwachsenen, der sowohl ihre eigene Fehlhaltung wie deren Auswirkungen versteht und nicht gleich verurteilt. Wenn der Schuldige sich angenommen fühlen kann, wird er auch eher bereit sein, den anderen zu akzeptieren.

 

Gewissensbildung sollte sich vor moralisierender Dramatik hüten. Manche meinen, daß die Erziehung zur Ordnung der Kerninhalt der Gewissenserziehung sei, daß man vor allen Dingen Überschreitungen der Ordnung ahnden müsse. Auch sind nicht nur die negativen Verstöße der Gegenstand der Gewissenserziehung, sondern gerade die positiven Beispiele sind entscheidend. Nicht die Schuldgefühle, sondern die Grundlegung von Bejahung und Liebesgefühlen, die Freude am Leben, an seiner Pflege und Erhaltung, das Grundmotiv der Dankbarkeit und der Respekt vor dem anderen, das wirkt nachhaltiger und tiefer als alle Verbote und Strafen.

Ehrfurcht vor dem Leben ist aber nicht zu trennen von der Ehrfurcht vor Gott, von der Achtung und Liebe vor dem anderen. Diese Grundbejahung des Lebens kann auf sehr vielfältige Weise deutlich werden: die Freude an Tieren und die Verantwortung für sie ist wirksamer

als das Verbot, Tiere zu quälen. Wenn das Verhältnis des Kindes zur Natur intakt ist, dann hat es darin einen Gewissensregulator, der nach Schutz und Erhaltung des Lebens strebt - nichts anderes, als es auch die zehn Gebote wollen, die es erst später lernen und verstehen wird.

 

Auch das Gefühl der Freude am eigenen Körper und an der Nacktheit kann Urfreude an der Schöpfung ausdrücken und dem Menschen das Leben liebenswert machen. Nacktheit ist nicht schmutzig, ist keine Sünde und sollte auch nicht damit in Verbindung gebracht werden. Gerade die spätere Sexualerziehung wird durch das frühe Verhältnis zum nackten Körper vorbestimmt. Ist dieses Verhältnis ungetrübt, werden auch die späteren Sexualbeziehungen ungetrübt und glücklicher werden.

Die Maßstäbe der Gewissenserziehung sollten nicht Prüderie und irgendwelche Konventionen sein, sondern ausschließlich die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Erst wenn die Verachtung des Lebens, Mißbrauch des anderen, Haß und Erniedrigung des Menschen zum Objekt hinzutreten, können sie sündig werden. Das Kind soll sich nur an der Entscheidungsfähigkeit des reifen Erwachsenen orientieren.

Das gilt auch auf anderen Gebieten: Wer ehrliche Kinder haben will, muß selbst ehrlich sein. Wer Respekt vor seinem Können bezeugt haben möchte, muß Kindern Respekt entgegenbringen. Wenn Kinder bei ihren Eltern nicht Vertrauenswürdigkeit finden, so wird sich auch ihr eigenes Gewissen nicht schärfen, dann werden sie auch anfällig sein gegen die Verführung anderer.

Wo gegen berechtigte Anliegen der Menschheit verstoßen wird, sind allerdings auch Schuldgefühle ein notwendiger Teil der Gewissensbildung. Reue bedeutet dann, daß ich mich auf die Seite Gottes stelle gegen mich selbst (Romano Guardini). Die innere Zerrissenheit, die der Mensch fühlt, wenn er Unrecht getan hat, kann man ihm nicht ersparen. Aber wir können sie ihm erleichtern: einmal dadurch, daß wir es nicht in Grund und Boden verurteilen, sondern ihm helfen, neu anzufangen, gerade nach Verfehlungen. Zum anderen dadurch, daß wir ihm zeigen, daß man im Einklang mit seinem Gewisser besser lebt und Gewissensfrieden gut tut und man ihn wiederherstellen kann durch Einsicht in die Schuld und Wiedergutmachung.

 

Die wirksamste Methode ist vielleicht noch soziales Lernen durch eigenes Tun, zum Beispiel durch Verantwortung für ein fremdes Leben, d.h. für ein Tier. Das Kind spürt: Dieses Tier verläßt sich auf den Menschen, so wie das Kind sich auf seine Eltern verläßt. Wenn das Kind das Tier vernachlässigt, kommt es in Konflikt mit seinem Gewissen. Das Kind aber wird das Bedürfnis haben, mit seiner Umwelt, mit den Menschen der Umgebung und mit Gott ins Reine zu kommen. Wenn wir seine Konflikte mittragen, dann wird es sich auch leichter für andere verantwortlich fühlen. Es wird dadurch kein Engel, es wird aber wissen, daß es kein Engel ist, es wird die Aggressivität nicht als normale Umgangsform ansehen, sondern Konflikte konstruktiv lösen und immer neu anzufangen versuchen.

 

 

 

Gehorsam

Der Gehorsam ist die Voraussetzung jeder Erziehung wie der gesamten Persönlichkeitsbildung. Der Mensch, der das eigene Wünschen und Wollen nicht beherrschen lernt, verliert sich an den Augenblick und an seine eigenen Triebe. Der Gehorsam aber zerbricht nicht

etwa die eigene Persönlichkeit, sondern führt zur rechten Freiheit, daß der Mensch sich über sich selbst erhebt und das eigene Ich höheren Zielen unterordnet.

 

Woran liegt es, daß die Kinder nicht mehr gehorchen?

1. Zerrissenes Familienleben (Familienmitglieder leben getrennt, Eltern uneinig, verschiedene Arbeite- und Essenszeiten). - Aber wenn den Kindern der Vater fehlt, hat die Mutter eine umso größere Aufgabe; eine Mutter kann den Vater fast ersetzen. Wenn sich aber Eltern in Gegenwart der Kinder streiten, untergraben sie ihre eigene Autorität.

2. Wirtschaftliche Nöte (Raummangel, Berufstätigkeit der Mutter, verfrühtes Selbständigsein­müssen der Kinder, Übermüdung) . - Aber man muß nicht den Verhältnissen unterliegen. Trotz Raumnot kann doch Ordnung und trotz Zeitmangel auch Pünktlichkeit herrschen. Und eine Zwölfjährige, die schon den Haushalt führen muß und den kleinen Bruder versorgt, ist von ihrer Tüchtigkeit überzeugt und nimmt keinen Tadel oder Rat mehr an, obwohl sie noch selber erzogen werden müßte.

3. Allgemeiner sittlicher Verfall (Schlechtes Vorbild der Erwachsenen und der Altersgenossen, Unsicherheit über recht und unrecht). - Wenn zu Hause und in der Nachbarschaft der Diebstahl verboten ist, dann darf auch nicht anderswo „organisiert“ werden, wie es in der Kriegs- und Nachkriegszeit üblich war. Manchmal entsteht der Diebstahl aber auch aus einem Gefühl tiefen Unbefriedigtseins: Besonders die Kinder stehlen, denen in ihrer Kindheit etwas entzogen oder verboten wurde oder deren Ansprüche von den Eltern zu hoch geschraubt worden sind.

4. Unwissenheit oder Gleichgültigkeit der Eltern: Kinderunarten sind vielleicht im Augenblick drollig, führen aber zu Ungehorsam, wenn sie nicht gerügt werden. Rechtes Belohnen stärkt die Bereitschaft zum Gehorsam. - Solche Dinge muß man einfach wissen.

Die Grundlagen für den Gehorsam werden aber in der frühen Kindheit gelegt. Es ist ein wichtiger Augenblick, wenn das Kind zum ersten Mal einen eigenen Willen zeigt. Es ist merkwürdig, wenn der Zweijährige auf einmal sagt: „Nein, ich will nicht!“ Aber letztlich ist das nur ein Zeichen dafür, daß Gott uns ein gesundes Kind gegeben hat; ein Dankgebet dafür darf man aber nur leise sprechen, damit es das Kind nicht hört.

 

Falsche Möglichkeiten der Reaktion:

1. Zerbrechen des kindlichen Willens: Wenn die Eltern aber zuschlagen, zerstören sie die Liebe und der Gehorsam beruht nur auf Angst. Wenn diese Menschen dann groß werden, rächen sie sich in brutalster Weise an der Menschheit (in der Kriminalstatistik nachgewiesen!).

2. Gewährenlassen des Kindes: Dieses Nichthandeln ist heute vielleicht noch verbreiteter als die Kindesmißhandlung. Doch dadurch wird das Kind zum Tyrannen der Menschheit und landet wie der Brutale im Gefängnis. Im Übrigen entscheidet das Bild, das das Kind von seinem Vater erhält, auch darüber, wie Gott gesehen wird: Entweder wird der Blick auf Gott den Vater verstellt oder der Blick auf Gott den Herrn (in Wahrheit ist der Herr auch der Vater und umgekehrt!).

 

Beispiele:

(1) Erster Trotz: Eines Morgens leistet der dreijährige Peter bei dem gewohnten und sonst geliebten Zeremoniell des Anziehens Widerstand. Jedes Zureden stößt auf ein heftiges, erregtes Nein. Jeder Versuch, ihm gegen seinen Willen die Schuhe anzuziehen, wird mit Gebrüll und Schlagen und Stampfen beantwortet. Was soll man tun? Zunächst ist man doch ratlos, auch wenn man damit rechnen mußte, weil das Kind schon längere Zeit das Wörtchen „Ich“ gebrauchte statt in der dritten Person zu sprechen. Bis zu einem gewissen Grade läßt sich dem Trotz vorbeugen, indem man dem erwachenden Selbständigkeitsdrang des Kindes Spielraum läßt, ihm kleine Pflichten überträgt und die Verbote auf das unbedingt notwendige Maß zurückschraubt. Kleine Geschichten oder Vergleiche machen dem Kind deutlich, daß es so nicht geht. Manchmal kann man auch mit einem Scherz über den Trotz hinweggehen und das Kind lenkt ein. Oft wird man dem Kind die unangenehmen Folgen spürbar machen müssen: Peter kann nicht mit zum Einkaufen gehen, weil er keine Schuhe anhat, er kann nicht mit den anderen spielen, sondern muß auf seinem Stuhl sitzenbleiben usw.

(2) Meine Suppe eß ich nicht: Die Familie ißt Abendbrot und das Jüngste sitzt mit ärgerlichem oder höchst gelangweilten Gesichtsausdruck dabei. Er weigert sich, das angebotene Butterrot, den Apfel oder sonst etwas Schönes aufzuessen. Die Mutter ist ganz verzweifelt. Sie schaut das Kind flehentlich an, sie spielt mit ihm, sie grollt, sie will das Kind zum Essen überreden oder gar zwingen. Offensichtlich hat sie Angst, das Leben ihres Kindes durch Nichtessen zu gefährden.

Es ist völlig falsch, die Kinder zum Essen zu zwingen, wenn sie nicht mehr mögen. Das Eßbedürfnis ist durchaus unterschiedlich, es gibt Vielfraße und schwache Esser; beides kann durchaus normal sein.

Am besten tut sich das Kind die benötigte Menge selbst auf den Teller, muß sie aber dann auch aufessen. Ein Kind, das nicht essen will, wird ganz bestimmt nicht verhungern. Hunger und Durst sind Urtriebe, die jedem Menschen eigen sind. Das Kind weiß aber instinktiv, wieviel es braucht. Die Nahrungsmenge und das Gewicht des Kindes sind nicht ausschlaggebend für seine Leistung. Nur wenn sich ständige Appetitlosigkeit einstellt, muß die Sache ernst genommen werden. Aber es kommt nicht vor, daß ein gesundes Kind vor vollem Teller verhungert.

Unarten sind natürlich abzugewöhnen. Wenn das Kind nicht will, beginnt man einfach mit dem Essen und kümmert sich nicht weiter darum. Meist kommt es dann nach wenigen Augenblicken und sagt: „Gib her, ich will essen!"(so!).Wenn es aber erst nach Beendigung der Mahlzeit kommt, kriegt es nichts mehr. Notfalls kann man das Kind auch ins Bett stecken, dann ißt es nachher mit gutem Appetit. Es verhungert nicht, der Hunger ist immer noch der beste Koch.

Oft sind auch die Stimmungslage und die Lust zum Essen von entscheidender Bedeutung. Oft hilft man sich auch damit, daß man das Kind etwas für den Vater essen läßt, der doch so schwer arbeiten muß; wenn der Vater „satt“ ist, kann man notfalls die ganze Verwandtschaft heranziehen, auch für den Teddy und den Traktor kann man essen. Das Kind hat dann seinen Willen erhalten und doch alles gegessen.

Nur hat das Kind natürlich auch wie die Erwachsenen seine Lieblingsspeisen. Es muß aber von allem etwas essen und am Tisch sitzen bleiben. Oft kommt der Appetit beim Essen oder aus Langewelle. Es darf aber nicht die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich lenken und zur Hauptperson werden. Hier gilt es, weder böse noch traurig zu sein und keine Zwischenmahlzeiten und Naschereien zu gewähren. Je weniger Aufhebens man macht, desto mehr wird der Gefahr der Verwöhnung begegnet und eine Szene bei Tisch vermieden.

(3) Tobsuchtsanfall: Das Kind wirft sich auf die Erde, schreit und bekommt geradezu krampf­artige Anfälle, wirft alles Greifbare um sich. Offensichtlich will es alles auf eine Machtprobe ankommen lassen. Früher wurde in solchen Fällen der Hosenriemen abgeschnallt. Aber gibt es nicht auch einen anderen Weg?

Auf keinen Fall dürfen die Eltern sich in Angst versetzen lassen, etwa das Kind beruhigen versuchen. Gleich beim ersten Mal muß gehandelt werden, damit dem Kind die Lust an solchen Experimenten vergeht. Man kann das nicht einfach hinnehmen, denn das Kind weiß genau, daß es nicht recht handelt und erwartet eine strafende Reaktion der Erwachsenen. Allerdings darf man nicht zu schwer strafen, denn der Wille soll ja nur gelenkt und nicht gebrochen werden.

Zuerst müssen die Eltern selber Ruhe bewahren und dürfen nicht mit toben und schreien. Wenn man ganz ruhig ist, trägt man den Zappelphilipp ins Nebenzimmer und arbeitet weiter. Nun kommt der zweite Ansturm. Das Geschrei steigert sich, bis man meint: Jetzt ist er verröchelt! Aber auf einmal ist Ruhe. Erst nach langer Zeit geht man dann in die Stube und findet den Kerl entweder schlafend oder spielend: Er hat alles vergessen.

Falsch ist es nun, ihn zu fragen: „Warum hast du denn vorhin geschrien? Das war doch nicht nötig! Willst du jetzt wieder brav sein?“ Man darf in der Erziehung des Kleinkindes nur wenig reden, aber viel handeln. Man nimmt den Kleinen an der Hand und sagt nur: „Komm!“ Man kann Kinder nicht belehren oder überzeugen.

Falsch ist es auch, den Kindern ein Versprechen abzunehmen. Das Kind verspricht zwar alles, aber in zehn Minuten geht es wieder von vorne los. Dadurch gewöhnt man nur die Kinder da­ran, Versprechen zu geben, die nicht gehalten werden.

Manchen Trotz kann man durch kluges Vorbeugen vermeiden: Man tritt dem Kind höflich wie einem Erwachsenen gegenüber; eine Bitte fordert viel weniger Widerstand heraus als ein Befehl. Bei älteren Kindern kann man sie zu einer Zwischenbeschäftigung heranziehen; dann fühlen sie sich ernstgenommen und verzichten auf ihre Trotzhaltung.

Trotzausbrüche kann und soll man nicht verhindern, aber man muß sie in Bahnen lenken. Ein beliebtes Mittel ist hier die Verobjektivierung des Trotzes: Er wird als „der Bock“ angesprochen und zusammen mit der Mutter verjagt; dadurch wird die Verkrampfung gelöst und gleichzeitig die Willensentwicklung des Kindes sinnvoll gefördert.

Es gibt Pflanzen, die brauchen in ihrer Jugend einen festen Halt, aber nachher halten sie sich selber. So muß sich auch der kleine Menschenwille entfalten, aber er muß auch Halt bekommen. Zwar muß der Wille des Erwachsenen immer stärker sein. Aber der Wille des Kindes wird auch immer stärker.

Die Erziehung zum Gehorsam ist leichter, wenn die Kinder noch kleiner sind. Wenn der letzte Milchzahn ausfällt, muß die Erziehung zum Gehorsam geschafft sein. Nach dem 12. Lebensjahr ist eine Erziehung zum Gehorsam nicht mehr möglich; dann geht es nur noch um Führung und schließlich um Begegnung.

Aber es gibt keine Garantie. Auch in der besten Familie gibt es Kinder, wo die Eltern erkennen müssen: „Wir haben es nicht geschafft!“ Dann pochen sie entweder mit aller Gewalt auf ihr Erziehungsrecht und zerstören damit alles, oder sie geben den Kampf auf und sind bereit zu Kompromissen.

Keine Lösung ist es jedenfalls, wenn man mit dem „Schwarzen Mann“ droht oder gar Gott als Schreckschraube benutzt. Dazu ist der Glaube zu schade. Er hat aber am anderen Ort seine Aufgabe.

 

Geborgenheit:

Die Frage nach dem Gehorsam ist unlöslich verbunden mit dem Vertrauen. Ein Kind ist nur gehorsam, wenn es vertraut (deshalb haben es Eltern leichter als der Lehrer). Vertrauen kann man aber nur, wenn man sich geborgen weiß.

Weil es in unsrer Welt Gefahren gibt, müssen wir sie einkalkulieren und die Kräfte wecken, m sie zu bestehen. Deshalb braucht der Mensch die Geborgenheit wie das tägliche Brot. Die Versicherungen sagen uns zwar: „Vorsicht + Vorsorge = Sicherheit“ Aber das stimmt nicht. Jesus sagt uns: Es gibt keine Sicherheit in der Welt. Geborgenheit aber gibt es. Diese kommt jedoch nur aus personalen Beziehungen. In einer Ehe zum Beispiel sucht man gegenseitige Geborgenheit; und diese entsteht aus dem Wort, das zwei Menschen einander geben. Die Gefahren bleiben dann zwar. Aber die Geborgenheit ermöglicht es, in der Welt als Mensch zu leben. Ursprung aber aller Geborgenheit ist Gott - und Gott ist das Wort.

Kinder haben ihre Probleme, die heutzutage recht früh aus dem Zusammenprall mit der Welt der Erwachsenen entstehen. Sie brauchen deshalb Lebensübung, um sich in dieser Welt zurechtzufinden. Ursprünglich bringt jedes Kind dem Leben uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Es würde mit gleicher Unbekümmertheit einen Löwen streicheln, wie es eine Giftschlange ans Herz drückt oder mit einem Revolver spielt.

Doch eines Tages erlebt es, daß sein Vertrauen nicht mit gleicher Münze vergolten wird; sein Weltvertrauen wird erschüttert. Es muß erst lernen, daß der Tisch nicht böse ist, weil er uns stößt, sondern daß das eben die Eigenschaft fester Körper ist. Je mehr man das Kind über die Wirklichkeiten seiner Umwelt aufklärt, desto leichter hilft man ihm über derartige Enttäuschungen hinweg. Räumt man jedoch aus mißverstandener Fürsorge jede Gefahr aus dem Weg, verlängert man nur die Zeit des blinden Vertrauens über die von der Natur gesetzte Frist hinaus. Statt eines geübten Lebenskämpfers zieht man ein hilfloses Treibhauspflänzchen groß, das der erste Sturm, vor dem es die Eltern nicht mehr schützen können, knickt.

Um aber solche notwendigen Erfahrungen machen zu können, braucht man doch wieder Geborgenheit und die Hilfe der Eltern. Kleine Kinder fürchten sich zum Beispiel nicht vor der Dunkelheit, weil sie das Wesen der Gefahr nicht kennen. Aber eines Tages ist die Angst ganz von selber da. Nun spielen die Eltern mit ihm im dunklen Zimmer verstecken: zunächst darf er draußen vom hellen Flur aus zusehen, dann versteckt er sich mit der Mutter und schließlich versteckt er sich allein und die Eltern müssen ihn suchen. So lernt er in der Geborgenheit seiner Eltern mit der Zeit, seine Angst zu überwinden.

Diese Geborgenheit läßt sich aber nicht erreichen, wenn die Eltern keine Zeit haben. Oft bezahlt den sozialen Aufstieg das Kind, denn es heißt dann: „Papa hat zu arbeiten, stör ihn nicht!“ Doch dadurch wird der Vater der Familie entfremdet und verliert seine Autorität. Er will zwar der Familie etwas Gutes tun, aber der Sohn muß mit den Schwierigkeiten seiner seelischen und körperlichen Entwicklung allein fertig werden, und die Tochter entwickelt leicht eine Fehlhaltung gegenüber dem männlichen Geschlecht, die ein harmonisches Verhältnis zum künftigen Ehepartner erschwert.

Eltern müssen zuerst einmal ein Zuhause schaffen, ehe eine Atmosphäre des Gehorsams und der Freiheit entsteht. Nur so finden die Kinder den für ihr Wachstum notwendigen Schutz und Geborgenheit, nur so finden sie die notwendige Förderung ihrer leiblichen und seelischen Kräfte, nur so können sie in ihrer Art verstanden und geleitet werden, nur so ist überhaupt eine wirksame Erziehung zur Einordnung in die Gemeinschaft mit dem Ziel einer selbständigen Bewältigung des Lebens möglich.

 

Wie erziehen wir zum Gehorsam?

(1) Die beste Erziehung geschieht durch das Vorbild. Das beginnt bei dem gepflegten Äußeren des Erziehers und seiner Ordnung und geht bis zur Frage der Wahrhaftigkeit und des Glaubens. Was wir über Hilfsbereitschaft und christliches Leben sagen, wirkt nur soweit, wie es dem Kind vorgelebt wird.

(2) Wir erzählen ihnen, wie Gott von allen Menschen Gehorsam verlangt, auch von den großen. Biblische Geschichten (Sündenfall, Abraham und Mosegeschichten, Zwölfjähriger Jesus) machen deutlich, daß letztlich Gott den Gehorsam verlangt und ihn segnet.

(3) Wir sind selber gehorsam. Nur so können wir die Kinder zum Gehorsam erziehen. Natürlich wird uns ein vollkommener Gehorsam gegen Gott nicht gelingen, aber wir können auf Gehorsam und Pädagogik nicht ganz verzichten. Im gemeinsamen Leben von Eltern und Kindern in der Familie haben wir dann das Übungsfeld für den Gehorsam und für das Reich Gottes. Vor allem werden wir auch für uns und unsre Kinder beten, daß wir gehorsam sein können.

(4) Wir wissen, daß wir alle nicht vollkommen gehorsam sein können. Deshalb können wir auch nicht vor den Kindern als tadellose und unfehlbare Leute dastehen. Wenn wir Irrtum und Unrecht offen        zugeben, mindert das niemals die Autorität, sondern stärkt sie. Eltern und Kinder müssen sich beide unter das Kreuz Christi stellen und zur Vergebung bereit sein. Nur wer sich selber von Gott erziehen läßt, wird auch fähig sein, andere zu erziehen.

(5) Letzte Ursache des Gehorsams ist unsre Schöpfung durch Gott. Der Mensch als ein lebendiges Wesen und das Ebenbild Gottes ist zur Freiheit berufen und darf kein Knecht sein. Zum Gehorsam gehört auch Freiheit dazu, es gibt nicht eins ohne das andere. Der blinde Gehorsam hat in der Familie keinen Platz und das Vateramt ist nicht das eines KZ-Aufsehers.

 

Festhalten und Loslassen:

Eltern tun was sie können, um Gefahren von ihrem Kind fernzuhalten. Die Mutter hält das Kind in der ersten Zeit ganz fest und gibt ihm damit Geborgenheit. Erziehung aber heißt: Festhalten u n d Loslassen! Niemand kann sein Kind für sich behalten. Nach spätestens zwei Jahrzehnten muß man es ganz loslassen. Auf dem Weg dorthin wird abwechselnd die kurze und die lange Leine gebraucht, bis gar keine Leine mehr notwendig ist. Erwachsenwerden bedeutet also Loslösung.

Die Leine soll so lang sein, daß man sie nicht spürt; aber die Verbindung bleibt doch und notfalls wird die Leine wieder kurz geholt. Das wird deutlich am Beispiel der Verkehrserziehung. Eines Tages müssen die Kinder wohl oder übel allein über die Straße gehen, wenn sie nicht statt unter einen Lastwagen unter eine Neurose kommen sollen. Die Verkehrserziehung beginnt deshalb mit dem Tag, an dem die Mutter zum ersten Mal ihr Kind zu Fuß mit auf die Straße nimmt.

Die Mutter nimmt das Kind zunächst ganz fest an die Hand; dieser enge Kontakt mit der Mutter ist unerläßlich, denn nur so erfährt das Kind in der großen Welt der Gefahren eine Geborgenheit. Doch nun gehört unbedingt noch das Wort dazu. Auch wenn das Kind noch nichts davon versteht, wird die Mutter doch mit beruhigenden Worten auf das Kind einsprechen: „Jetzt müssen wir warten, bis das Auto vorbei ist. Jetzt können wir gehen!“ Wird nichts gesprochen, dann überträgt sich auch nichts. Wichtig ist, daß die Mutter selber nicht aufgeregt ist und Zeit hat und Ruhe von ihr ausstrahlt. So wird auch das Kind keine Angst haben.

Einmal aber muß das Kind von der Mutter los. Vom dritten Lebensjahr an will das Kind auch fort. Jetzt muß man die lange Leine benutzen: Das Kind darf vor den Eltern her auf dem Bürgersteig laufen. Von Woche zu Woche wird der Abstand größer, aber der Kontakt zu den Eltern muß immer erhalten bleiben. Notfalls kann das Kind wieder Verbindung aufnehmen und braucht keine Angst zu haben.

Nun ist aber sogar etwas Dressur nötig: Das Kind darf nie über die Bordkante treten, auch dann nicht, wenn der Ball dorthin gekullert sein sollte. Und es muß an jeder Straßenecke auf dem Bürgersteig warten, bis die Eltern heran sind (Am besten ruft man ihm vorher ein „Halt“ zu). Die Bordkante muß also einen eingeschliffenen Reflex ausüben und das Kind muß auf jeden Ruf hören. Gehorcht es nicht, wird es wieder an die Hand genommen.

Schon im Kindergarten ist die Leine so lang, daß die altern das eine Ende mit dem bloßen Auge gar nicht mehr sehen. Der Stolz des Kindes ist dann eine wertvolle Hilfe. Ein Schulkind muß schon Freiheit haben: Es darf nicht mehr zur Schule gebracht werden und es muß mit Gleichaltrigen rodeln gehen können, ohne daß die Mutter dabei ist.

Rechte Eltern gönnen ihrem Kind auch das selbständige und freie Leben in der Welt, denn dazu haben sie es ja erzogen. Eltern können sich nur freuen, wenn das Kind selbständig wird. Nur darf man nicht sagen: „Mach, was du willst!“ Der Schulweg wird zum Beispiel noch vorgeschrieben. Dressur hat jetzt keinen Sinn mehr, denn man kann schon vernünftig mit dem Kind reden.

Schulkinder leben also an der langen Leine, eingezäunt durch die Gebote der Eltern. Sie wissen sich noch unter den Augen der Eltern, die bei Gefahr die Leine wieder einziehen: Bei schlechtem Wetter geht es eben nicht zum Baden; und wenn das Bett nicht gemacht ist, wird es eben unter der Aufsicht der Mutter nachgeholt (und nicht von der Mutter erledigt!).

Die Kunst der Erziehung besteht darin, zur rechten Zeit die lange oder kurze Leine anzuwenden. Bei jedem Kind ist das wieder anders und es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu. Am Ende aber müssen Eltern ihr Kind abgeben, weil es keine Leine mehr braucht.

Im letzten Grunde aber werden Eltern und Kinder beide von Gott erzogen. Wir stehen alle unter Gefahren, aber wir leben auch in der Geborgenheit Gottes. Wenn Eltern erschrecken vor der Größe ihrer Aufgabe, dann dürfen sie wissen: Nicht wir erziehen, im Grunde tut es ein anderer.

 

 

 

Gehorsam

Der Gehorsam ist die Voraussetzung jeder Erziehung wie der gesamten Persönlichkeitsbildung. Der Mensch, der das eigene Wünschen und Wollen nicht beherrschen lernt, verliert sich an den Augenblick und an seine eigenen Triebe. Der Gehorsam aber zerbricht nicht

etwa die eigene Persönlichkeit, sondern führt zur rechten Freiheit, daß der Mensch sich über sich selbst erhebt und das eigene Ich höheren Zielen unterordnet.

 

Woran liegt es, daß die Kinder nicht mehr gehorchen?

1. Zerrissenes Familienleben (Familienmitglieder leben getrennt, Eltern uneinig, verschiedene Arbeite- und Essenszeiten). - Aber wenn den Kindern der Vater fehlt, hat die Mutter eine umso größere Aufgabe; eine Mutter kann den Vater fast ersetzen. Wenn sich aber Eltern in Gegenwart der Kinder streiten, untergraben sie ihre eigene Autorität.

2. Wirtschaftliche Nöte (Raummangel, Berufstätigkeit der Mutter, verfrühtes Selbständigsein­müssen der Kinder, Übermüdung) . - Aber man muß nicht den Verhältnissen unterliegen. Trotz Raumnot kann doch Ordnung und trotz Zeitmangel auch Pünktlichkeit herrschen. Und eine Zwölfjährige, die schon den Haushalt führen muß und den kleinen Bruder versorgt, ist von ihrer Tüchtigkeit überzeugt und nimmt keinen Tadel oder Rat mehr an, obwohl sie noch selber erzogen werden müßte.

3. Allgemeiner sittlicher Verfall (Schlechtes Vorbild der Erwachsenen und der Altersgenossen, Unsicherheit über recht und unrecht). - Wenn zu Hause und in der Nachbarschaft der Diebstahl verboten ist, dann darf auch nicht anderswo „organisiert“ werden, wie es in der Kriegs- und Nachkriegszeit üblich war. Manchmal entsteht der Diebstahl aber auch aus einem Gefühl tiefen Unbefriedigtseins: Besonders die Kinder stehlen, denen in ihrer Kindheit etwas entzogen oder verboten wurde oder deren Ansprüche von den Eltern zu hoch geschraubt worden sind.

4. Unwissenheit oder Gleichgültigkeit der Eltern: Kinderunarten sind vielleicht im Augenblick drollig, führen aber zu Ungehorsam, wenn sie nicht gerügt werden. Rechtes Belohnen stärkt die Bereitschaft zum Gehorsam. - Solche Dinge muß man einfach wissen.

Die Grundlagen für den Gehorsam werden aber in der frühen Kindheit gelegt. Es ist ein wichtiger Augenblick, wenn das Kind zum ersten Mal einen eigenen Willen zeigt. Es ist merkwürdig, wenn der Zweijährige auf einmal sagt: „Nein, ich will nicht!“ Aber letztlich ist das nur ein Zeichen dafür, daß Gott uns ein gesundes Kind gegeben hat; ein Dankgebet dafür darf man aber nur leise sprechen, damit es das Kind nicht hört.

 

Falsche Möglichkeiten der Reaktion:

1. Zerbrechen des kindlichen Willens: Wenn die Eltern aber zuschlagen, zerstören sie die Liebe und der Gehorsam beruht nur auf Angst. Wenn diese Menschen dann groß werden, rächen sie sich in brutalster Weise an der Menschheit (in der Kriminalstatistik nachgewiesen!).

2. Gewährenlassen des Kindes: Dieses Nichthandeln ist heute vielleicht noch verbreiteter als die Kindesmißhandlung. Doch dadurch wird das Kind zum Tyrannen der Menschheit und landet wie der Brutale im Gefängnis. Im Übrigen entscheidet das Bild, das das Kind von seinem Vater erhält, auch darüber, wie Gott gesehen wird: Entweder wird der Blick auf Gott den Vater verstellt oder der Blick auf Gott den Herrn (in Wahrheit ist der Herr auch der Vater und umgekehrt!).

 

Beispiele:

(1) Erster Trotz: Eines Morgens leistet der dreijährige Peter bei dem gewohnten und sonst geliebten Zeremoniell des Anziehens Widerstand. Jedes Zureden stößt auf ein heftiges, erregtes Nein. Jeder Versuch, ihm gegen seinen Willen die Schuhe anzuziehen, wird mit Gebrüll und Schlagen und Stampfen beantwortet. Was soll man tun? Zunächst ist man doch ratlos, auch wenn man damit rechnen mußte, weil das Kind schon längere Zeit das Wörtchen „Ich“ gebrauchte statt in der dritten Person zu sprechen. Bis zu einem gewissen Grade läßt sich dem Trotz vorbeugen, indem man dem erwachenden Selbständigkeitsdrang des Kindes Spielraum läßt, ihm kleine Pflichten überträgt und die Verbote auf das unbedingt notwendige Maß zurückschraubt. Kleine Geschichten oder Vergleiche machen dem Kind deutlich, daß es so nicht geht. Manchmal kann man auch mit einem Scherz über den Trotz hinweggehen und das Kind lenkt ein. Oft wird man dem Kind die unangenehmen Folgen spürbar machen müssen: Peter kann nicht mit zum Einkaufen gehen, weil er keine Schuhe anhat, er kann nicht mit den anderen spielen, sondern muß auf seinem Stuhl sitzenbleiben usw.

(2) Meine Suppe eß ich nicht: Die Familie ißt Abendbrot und das Jüngste sitzt mit ärgerlichem oder höchst gelangweilten Gesichtsausdruck dabei. Er weigert sich, das angebotene Butterrot, den Apfel oder sonst etwas Schönes aufzuessen. Die Mutter ist ganz verzweifelt. Sie schaut das Kind flehentlich an, sie spielt mit ihm, sie grollt, sie will das Kind zum Essen überreden oder gar zwingen. Offensichtlich hat sie Angst, das Leben ihres Kindes durch Nichtessen zu gefährden.

Es ist völlig falsch, die Kinder zum Essen zu zwingen, wenn sie nicht mehr mögen. Das Eßbedürfnis ist durchaus unterschiedlich, es gibt Vielfraße und schwache Esser; beides kann durchaus normal sein.

Am besten tut sich das Kind die benötigte Menge selbst auf den Teller, muß sie aber dann auch aufessen. Ein Kind, das nicht essen will, wird ganz bestimmt nicht verhungern. Hunger und Durst sind Urtriebe, die jedem Menschen eigen sind. Das Kind weiß aber instinktiv, wieviel es braucht. Die Nahrungsmenge und das Gewicht des Kindes sind nicht ausschlaggebend für seine Leistung. Nur wenn sich ständige Appetitlosigkeit einstellt, muß die Sache ernst genommen werden. Aber es kommt nicht vor, daß ein gesundes Kind vor vollem Teller verhungert.

Unarten sind natürlich abzugewöhnen. Wenn das Kind nicht will, beginnt man einfach mit dem Essen und kümmert sich nicht weiter darum. Meist kommt es dann nach wenigen Augenblicken und sagt: „Gib her, ich will essen!"(so!).Wenn es aber erst nach Beendigung der Mahlzeit kommt, kriegt es nichts mehr. Notfalls kann man das Kind auch ins Bett stecken, dann ißt es nachher mit gutem Appetit. Es verhungert nicht, der Hunger ist immer noch der beste Koch.

Oft sind auch die Stimmungslage und die Lust zum Essen von entscheidender Bedeutung. Oft hilft man sich auch damit, daß man das Kind etwas für den Vater essen läßt, der doch so schwer arbeiten muß; wenn der Vater „satt“ ist, kann man notfalls die ganze Verwandtschaft heranziehen, auch für den Teddy und den Traktor kann man essen. Das Kind hat dann seinen Willen erhalten und doch alles gegessen.

Nur hat das Kind natürlich auch wie die Erwachsenen seine Lieblingsspeisen. Es muß aber von allem etwas essen und am Tisch sitzen bleiben. Oft kommt der Appetit beim Essen oder aus Langewelle. Es darf aber nicht die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich lenken und zur Hauptperson werden. Hier gilt es, weder böse noch traurig zu sein und keine Zwischenmahlzeiten und Naschereien zu gewähren. Je weniger Aufhebens man macht, desto mehr wird der Gefahr der Verwöhnung begegnet und eine Szene bei Tisch vermieden.

(3) Tobsuchtsanfall: Das Kind wirft sich auf die Erde, schreit und bekommt geradezu krampf­artige Anfälle, wirft alles Greifbare um sich. Offensichtlich will es alles auf eine Machtprobe ankommen lassen. Früher wurde in solchen Fällen der Hosenriemen abgeschnallt. Aber gibt es nicht auch einen anderen Weg?

Auf keinen Fall dürfen die Eltern sich in Angst versetzen lassen, etwa das Kind beruhigen versuchen. Gleich beim ersten Mal muß gehandelt werden, damit dem Kind die Lust an solchen Experimenten vergeht. Man kann das nicht einfach hinnehmen, denn das Kind weiß genau, daß es nicht recht handelt und erwartet eine strafende Reaktion der Erwachsenen. Allerdings darf man nicht zu schwer strafen, denn der Wille soll ja nur gelenkt und nicht gebrochen werden.

Zuerst müssen die Eltern selber Ruhe bewahren und dürfen nicht mit toben und schreien. Wenn man ganz ruhig ist, trägt man den Zappelphilipp ins Nebenzimmer und arbeitet weiter. Nun kommt der zweite Ansturm. Das Geschrei steigert sich, bis man meint: Jetzt ist er verröchelt! Aber auf einmal ist Ruhe. Erst nach langer Zeit geht man dann in die Stube und findet den Kerl entweder schlafend oder spielend: Er hat alles vergessen.

Falsch ist es nun, ihn zu fragen: „Warum hast du denn vorhin geschrien? Das war doch nicht nötig! Willst du jetzt wieder brav sein?“ Man darf in der Erziehung des Kleinkindes nur wenig reden, aber viel handeln. Man nimmt den Kleinen an der Hand und sagt nur: „Komm!“ Man kann Kinder nicht belehren oder überzeugen.

Falsch ist es auch, den Kindern ein Versprechen abzunehmen. Das Kind verspricht zwar alles, aber in zehn Minuten geht es wieder von vorne los. Dadurch gewöhnt man nur die Kinder da­ran, Versprechen zu geben, die nicht gehalten werden.

Manchen Trotz kann man durch kluges Vorbeugen vermeiden: Man tritt dem Kind höflich wie einem Erwachsenen gegenüber; eine Bitte fordert viel weniger Widerstand heraus als ein Befehl. Bei älteren Kindern kann man sie zu einer Zwischenbeschäftigung heranziehen; dann fühlen sie sich ernstgenommen und verzichten auf ihre Trotzhaltung.

Trotzausbrüche kann und soll man nicht verhindern, aber man muß sie in Bahnen lenken. Ein beliebtes Mittel ist hier die Verobjektivierung des Trotzes: Er wird als „der Bock“ angesprochen und zusammen mit der Mutter verjagt; dadurch wird die Verkrampfung gelöst und gleichzeitig die Willensentwicklung des Kindes sinnvoll gefördert.

Es gibt Pflanzen, die brauchen in ihrer Jugend einen festen Halt, aber nachher halten sie sich selber. So muß sich auch der kleine Menschenwille entfalten, aber er muß auch Halt bekommen. Zwar muß der Wille des Erwachsenen immer stärker sein. Aber der Wille des Kindes wird auch immer stärker.

Die Erziehung zum Gehorsam ist leichter, wenn die Kinder noch kleiner sind. Wenn der letzte Milchzahn ausfällt, muß die Erziehung zum Gehorsam geschafft sein. Nach dem 12. Lebensjahr ist eine Erziehung zum Gehorsam nicht mehr möglich; dann geht es nur noch um Führung und schließlich um Begegnung.

Aber es gibt keine Garantie. Auch in der besten Familie gibt es Kinder, wo die Eltern erkennen müssen: „Wir haben es nicht geschafft!“ Dann pochen sie entweder mit aller Gewalt auf ihr Erziehungsrecht und zerstören damit alles, oder sie geben den Kampf auf und sind bereit zu Kompromissen.

Keine Lösung ist es jedenfalls, wenn man mit dem „Schwarzen Mann“ droht oder gar Gott als Schreckschraube benutzt. Dazu ist der Glaube zu schade. Er hat aber am anderen Ort seine Aufgabe.

 

Geborgenheit:

Die Frage nach dem Gehorsam ist unlöslich verbunden mit dem Vertrauen. Ein Kind ist nur gehorsam, wenn es vertraut (deshalb haben es Eltern leichter als der Lehrer). Vertrauen kann man aber nur, wenn man sich geborgen weiß.

Weil es in unsrer Welt Gefahren gibt, müssen wir sie einkalkulieren und die Kräfte wecken, m sie zu bestehen. Deshalb braucht der Mensch die Geborgenheit wie das tägliche Brot. Die Versicherungen sagen uns zwar: „Vorsicht + Vorsorge = Sicherheit“ Aber das stimmt nicht. Jesus sagt uns: Es gibt keine Sicherheit in der Welt. Geborgenheit aber gibt es. Diese kommt jedoch nur aus personalen Beziehungen. In einer Ehe zum Beispiel sucht man gegenseitige Geborgenheit; und diese entsteht aus dem Wort, das zwei Menschen einander geben. Die Gefahren bleiben dann zwar. Aber die Geborgenheit ermöglicht es, in der Welt als Mensch zu leben. Ursprung aber aller Geborgenheit ist Gott - und Gott ist das Wort.

Kinder haben ihre Probleme, die heutzutage recht früh aus dem Zusammenprall mit der Welt der Erwachsenen entstehen. Sie brauchen deshalb Lebensübung, um sich in dieser Welt zurechtzufinden. Ursprünglich bringt jedes Kind dem Leben uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Es würde mit gleicher Unbekümmertheit einen Löwen streicheln, wie es eine Giftschlange ans Herz drückt oder mit einem Revolver spielt.

Doch eines Tages erlebt es, daß sein Vertrauen nicht mit gleicher Münze vergolten wird; sein Weltvertrauen wird erschüttert. Es muß erst lernen, daß der Tisch nicht böse ist, weil er uns stößt, sondern daß das eben die Eigenschaft fester Körper ist. Je mehr man das Kind über die Wirklichkeiten seiner Umwelt aufklärt, desto leichter hilft man ihm über derartige Enttäuschungen hinweg. Räumt man jedoch aus mißverstandener Fürsorge jede Gefahr aus dem Weg, verlängert man nur die Zeit des blinden Vertrauens über die von der Natur gesetzte Frist hinaus. Statt eines geübten Lebenskämpfers zieht man ein hilfloses Treibhauspflänzchen groß, das der erste Sturm, vor dem es die Eltern nicht mehr schützen können, knickt.

Um aber solche notwendigen Erfahrungen machen zu können, braucht man doch wieder Geborgenheit und die Hilfe der Eltern. Kleine Kinder fürchten sich zum Beispiel nicht vor der Dunkelheit, weil sie das Wesen der Gefahr nicht kennen. Aber eines Tages ist die Angst ganz von selber da. Nun spielen die Eltern mit ihm im dunklen Zimmer verstecken: zunächst darf er draußen vom hellen Flur aus zusehen, dann versteckt er sich mit der Mutter und schließlich versteckt er sich allein und die Eltern müssen ihn suchen. So lernt er in der Geborgenheit seiner Eltern mit der Zeit, seine Angst zu überwinden.

Diese Geborgenheit läßt sich aber nicht erreichen, wenn die Eltern keine Zeit haben. Oft bezahlt den sozialen Aufstieg das Kind, denn es heißt dann: „Papa hat zu arbeiten, stör ihn nicht!“ Doch dadurch wird der Vater der Familie entfremdet und verliert seine Autorität. Er will zwar der Familie etwas Gutes tun, aber der Sohn muß mit den Schwierigkeiten seiner seelischen und körperlichen Entwicklung allein fertig werden, und die Tochter entwickelt leicht eine Fehlhaltung gegenüber dem männlichen Geschlecht, die ein harmonisches Verhältnis zum künftigen Ehepartner erschwert.

Eltern müssen zuerst einmal ein Zuhause schaffen, ehe eine Atmosphäre des Gehorsams und der Freiheit entsteht. Nur so finden die Kinder den für ihr Wachstum notwendigen Schutz und Geborgenheit, nur so finden sie die notwendige Förderung ihrer leiblichen und seelischen Kräfte, nur so können sie in ihrer Art verstanden und geleitet werden, nur so ist überhaupt eine wirksame Erziehung zur Einordnung in die Gemeinschaft mit dem Ziel einer selbständigen Bewältigung des Lebens möglich.

 

Wie erziehen wir zum Gehorsam?

(1) Die beste Erziehung geschieht durch das Vorbild. Das beginnt bei dem gepflegten Äußeren des Erziehers und seiner Ordnung und geht bis zur Frage der Wahrhaftigkeit und des Glaubens. Was wir über Hilfsbereitschaft und christliches Leben sagen, wirkt nur soweit, wie es dem Kind vorgelebt wird.

(2) Wir erzählen ihnen, wie Gott von allen Menschen Gehorsam verlangt, auch von den großen. Biblische Geschichten (Sündenfall, Abraham und Mosegeschichten, Zwölfjähriger Jesus) machen deutlich, daß letztlich Gott den Gehorsam verlangt und ihn segnet.

(3) Wir sind selber gehorsam. Nur so können wir die Kinder zum Gehorsam erziehen. Natürlich wird uns ein vollkommener Gehorsam gegen Gott nicht gelingen, aber wir können auf Gehorsam und Pädagogik nicht ganz verzichten. Im gemeinsamen Leben von Eltern und Kindern in der Familie haben wir dann das Übungsfeld für den Gehorsam und für das Reich Gottes. Vor allem werden wir auch für uns und unsre Kinder beten, daß wir gehorsam sein können.

(4) Wir wissen, daß wir alle nicht vollkommen gehorsam sein können. Deshalb können wir auch nicht vor den Kindern als tadellose und unfehlbare Leute dastehen. Wenn wir Irrtum und Unrecht offen        zugeben, mindert das niemals die Autorität, sondern stärkt sie. Eltern und Kinder müssen sich beide unter das Kreuz Christi stellen und zur Vergebung bereit sein. Nur wer sich selber von Gott erziehen läßt, wird auch fähig sein, andere zu erziehen.

(5) Letzte Ursache des Gehorsams ist unsre Schöpfung durch Gott. Der Mensch als ein lebendiges Wesen und das Ebenbild Gottes ist zur Freiheit berufen und darf kein Knecht sein. Zum Gehorsam gehört auch Freiheit dazu, es gibt nicht eins ohne das andere. Der blinde Gehorsam hat in der Familie keinen Platz und das Vateramt ist nicht das eines KZ-Aufsehers.

 

Festhalten und Loslassen:

Eltern tun was sie können, um Gefahren von ihrem Kind fernzuhalten. Die Mutter hält das Kind in der ersten Zeit ganz fest und gibt ihm damit Geborgenheit. Erziehung aber heißt: Festhalten u n d Loslassen! Niemand kann sein Kind für sich behalten. Nach spätestens zwei Jahrzehnten muß man es ganz loslassen. Auf dem Weg dorthin wird abwechselnd die kurze und die lange Leine gebraucht, bis gar keine Leine mehr notwendig ist. Erwachsenwerden bedeutet also Loslösung.

Die Leine soll so lang sein, daß man sie nicht spürt; aber die Verbindung bleibt doch und notfalls wird die Leine wieder kurz geholt. Das wird deutlich am Beispiel der Verkehrserziehung. Eines Tages müssen die Kinder wohl oder übel allein über die Straße gehen, wenn sie nicht statt unter einen Lastwagen unter eine Neurose kommen sollen. Die Verkehrserziehung beginnt deshalb mit dem Tag, an dem die Mutter zum ersten Mal ihr Kind zu Fuß mit auf die Straße nimmt.

Die Mutter nimmt das Kind zunächst ganz fest an die Hand; dieser enge Kontakt mit der Mutter ist unerläßlich, denn nur so erfährt das Kind in der großen Welt der Gefahren eine Geborgenheit. Doch nun gehört unbedingt noch das Wort dazu. Auch wenn das Kind noch nichts davon versteht, wird die Mutter doch mit beruhigenden Worten auf das Kind einsprechen: „Jetzt müssen wir warten, bis das Auto vorbei ist. Jetzt können wir gehen!“ Wird nichts gesprochen, dann überträgt sich auch nichts. Wichtig ist, daß die Mutter selber nicht aufgeregt ist und Zeit hat und Ruhe von ihr ausstrahlt. So wird auch das Kind keine Angst haben.

Einmal aber muß das Kind von der Mutter los. Vom dritten Lebensjahr an will das Kind auch fort. Jetzt muß man die lange Leine benutzen: Das Kind darf vor den Eltern her auf dem Bürgersteig laufen. Von Woche zu Woche wird der Abstand größer, aber der Kontakt zu den Eltern muß immer erhalten bleiben. Notfalls kann das Kind wieder Verbindung aufnehmen und braucht keine Angst zu haben.

Nun ist aber sogar etwas Dressur nötig: Das Kind darf nie über die Bordkante treten, auch dann nicht, wenn der Ball dorthin gekullert sein sollte. Und es muß an jeder Straßenecke auf dem Bürgersteig warten, bis die Eltern heran sind (Am besten ruft man ihm vorher ein „Halt“ zu). Die Bordkante muß also einen eingeschliffenen Reflex ausüben und das Kind muß auf jeden Ruf hören. Gehorcht es nicht, wird es wieder an die Hand genommen.

Schon im Kindergarten ist die Leine so lang, daß die altern das eine Ende mit dem bloßen Auge gar nicht mehr sehen. Der Stolz des Kindes ist dann eine wertvolle Hilfe. Ein Schulkind muß schon Freiheit haben: Es darf nicht mehr zur Schule gebracht werden und es muß mit Gleichaltrigen rodeln gehen können, ohne daß die Mutter dabei ist.

Rechte Eltern gönnen ihrem Kind auch das selbständige und freie Leben in der Welt, denn dazu haben sie es ja erzogen. Eltern können sich nur freuen, wenn das Kind selbständig wird. Nur darf man nicht sagen: „Mach, was du willst!“ Der Schulweg wird zum Beispiel noch vorgeschrieben. Dressur hat jetzt keinen Sinn mehr, denn man kann schon vernünftig mit dem Kind reden.

Schulkinder leben also an der langen Leine, eingezäunt durch die Gebote der Eltern. Sie wissen sich noch unter den Augen der Eltern, die bei Gefahr die Leine wieder einziehen: Bei schlechtem Wetter geht es eben nicht zum Baden; und wenn das Bett nicht gemacht ist, wird es eben unter der Aufsicht der Mutter nachgeholt (und nicht von der Mutter erledigt!).

Die Kunst der Erziehung besteht darin, zur rechten Zeit die lange oder kurze Leine anzuwenden. Bei jedem Kind ist das wieder anders und es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu. Am Ende aber müssen Eltern ihr Kind abgeben, weil es keine Leine mehr braucht.

Im letzten Grunde aber werden Eltern und Kinder beide von Gott erzogen. Wir stehen alle unter Gefahren, aber wir leben auch in der Geborgenheit Gottes. Wenn Eltern erschrecken vor der Größe ihrer Aufgabe, dann dürfen sie wissen: Nicht wir erziehen, im Grunde tut es ein anderer.

 

 

 

Strafe

Zorn, Strafe und Furcht werden häufig als negative Erscheinungen in unserem Leben angesehen. Man fragt deshalb seit jeher: „Geht es ohne Strafen? Darf man im Zorn strafen? Gibt es eine Erziehung ohne Furcht?“

Diese Begriffe kommen oft in der Bibel vor. Doch hier wird deutlich: Auch in Zorn und Strafe erleben wir Gottes Liebe, und nur so lernen wir es, in der Gottesfurcht zu leben. All diese Worte sind in der Bibel positiv gebraucht, denn sie helfen zur Menschwerdung des Menschen.

Dieses biblische Gottesbild ist uns jedoch verlorengegangen. In dem Erdbeben von Messina erkannte niemand das verborgene Antlitz des zürnenden Gottes. Trotz aller Warnungen hatte man mehrstöckige Häuser gebaut und in der Stadt Plakate angeklebt mit der Aufschrift: „Jesus, schick uns doch wieder einmal ein Erdbeben, wenn du kannst!“ Und zwei Tage später war das Erdbeben da und 100.000 Menschen kamen um.

O du göttlich Jesuskindlein,

Wahrer Gott und Mensch zugleich.

Laß uns deine Stimme hören

Führ uns ein ins Himmelreich!

Du weißt ja, daß wir all dich kennen.

O schicke ein Erdbeben uns sogleich!

(aus „Il stefano“ vom 25. Dezember 1908 in Messina).

Ähnlich war es mit der Titanic, die 1911 auf ihrer ersten Fahrt den Atlantik überquerte und auf der Seite stand: „Nicht Gott, nicht Christus bringt es zum Sinken“ Man schlug alle Warnungen in den Wind, bis das Schiff mit einem Eisberg zusammenstieß. Als es sank, spielte die Kapelle: „Näher mein Gott zu dir!“

Durch das Jesusbild der damaligen Zeit war das Bild Gottes als des Furchtbaren verschüttet gegangen. Ist es aber etwa unsrer Generation, die zwei Kriege erlebt hat, aufgegangen? Doch durch Jesus wissen wir, daß Gott in allem Zorn doch Liebe ist. Glaube ist Glaube an den Sinn mitten im Unsinn. Als Paul Gerhardt mitten im Krieg seine Familie verloren hatte, dichtete er dennoch: „Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann!“

Gottesfurcht im Sinne von Ehrfurcht vor Gott soll aber nicht wie bei Luther in Gottesangst umschlagen. Wenn es einem so geht, kann nur noch die Liebe Gottes wieder da heraushelfen. Deshalb werden wir immer wieder aufgefordert: „Fürchtet euch nicht!“ Das Kreuz Jesu bedeutet Zorn und Liebe zugleich.

Zur Gottesfurcht kann man allerdings nicht erziehen. Man kann nur Erziehung treiben in der Gottesfurcht. Eine „christliche“ Erziehung gibt es nicht, denn Erziehung ist ein weltliches Geschäft; aber ich kann sie doch in der Furcht des Herrn treiben.

Jeder Erzieher lebt ständig unter Zorn und Gnade Gottes. Die Kinder sind ihm als Gabe und Aufgabe von Gott als Lehen anvertraut. Die Eltern sind für die Kinder eine Zeitlang Stellvertreter Gottes. Doch sie können dieses Amt nur ausüben, wenn sie ihre Autorität zum Lieben und zum Strafen von der Autorität Gottes ableiten.

Das Kind erfährt die Liebe der Eltern in Liebe und Strenge. Wer meint, mit nur einem auskommen zu können, hat ein falsches Menschenbild und verachtet den Auftrag Gottes. Wer nicht den Mut zum Strafen hat, der weiß nicht, was Menschenleben auf Erden ist. Und wer nicht den Zorn erfahren hat, wird auch nicht die Liebe der Eltern erfahren.

Zorn ist nicht dasselbe wie Wut. Gott ist nie wütend, aber er zürnt. Man darf deshalb nicht strafen in Wut oder Affekt, wohl aber im Zorn. Ohne Zorn wird die Strafe zum juristischen Akt und ist kein personales Geschehen mehr. Zorn ist nur pädagogisch wirksam, wenn Liebe und Vertrauen da ist, sonst wird die Strafe nicht angenommen und verpufft völlig wirkungslos.

Ziel der Strafe ist die Ehrfurcht vor den Eltern, die sich in einer Entschuldigung zeigt. Man kann das nicht erzwingen und es soll auch nicht unter Angst geschehen. Aber das Kind soll spüren: Mein Vater hat mich gestraft, weil er mich liebt!

Andere Wege:

Strafe muß nicht immer sein, man kann zunächst auch einmal andere Mittel versuchen. Schon durch Regelmäßigkeit (Schlaf, Mahlzeiten) und Ordnung kann man manche Strafe vermeiden. Dann kann man natürlich die Gelegenheiten vermeiden und alles aus dem Weg räumen, was Kind dieser Altersstufe in Versuchung führt; dafür braucht das Kind dann genügend Gegenstände, mit denen es spielen kann.

Kinder brauchen klare Gebote, aber man sollte ihnen auch sagen, was erlaubt ist. Man kann ein Kind nicht für eine vermeintliche Heldentat anspornen und ein andermal es für etwas strafen, das nach seiner Meinung gleiche Anerkennung verdient.

Viele und laute Worte verhallen aber meist wirkungslos. Klar und knapp, bestimmt und energisch sollen die Anweisungen der Eltern sein. Deshalb kann man auch nur wenige Gebote und Verbote geben, sonst stumpfen die Kinder ab. Aber an dem Wenigen muß dann auch festgehalten werden; man kann nicht etwas verbieten und es beim nächsten Mal durchgehen lassen. Bei jedem Ungehorsam muß sofort und ohne Ausnahme in geeigneter Weise eingegriffen und notfalls bestraft werden.

Besser ist es jedoch, wenn man das Kind mit freundlichem Ton zum richtigen Tun anhält. Also nicht: „Du sollst doch nicht immer die Tür zuwerfen“, sondern: „Man macht die Türen leise zu!“ oder: „Bitte, mach die Türe leise zu!“ Diese sachliche Feststellung oder die Bitte wirken erheblich mehr als ein empörter Ausruf. Man muß Verbote vermeiden, wenn es anders wesentlich besser geht; zunächst muß man immer mit der feineren Strafe auszukommen versuchen.

Oft kann man auch Bedingungen an das Erlaubte knüpfen: „Wenn ihr nicht auf den frisch gesäten Rasen tretet, dürft ihr im Garten spielen; aber ihr wißt wohl selber, welche Spiele dann unterbleiben müssen!“ Manchmal kann man auch die Kinder selber zum Nachdenken und zum Formulieren der Verbote anregen, damit ihre Selbstverantwortung gestärkt wird.

Natürlich stärkt auch eine Belohnung die Bereitschaft zum Gehorsam. Nur darf es nicht soweit kommen, daß das Kind nur wegen der in Aussicht gestellten Belohnung gehorcht oder gar zum Erpresser wird. Je seltener ein Kind belohnt wird, desto eindrücklicher und wertvoller ist es. Es wird also nur belohnt, wenn zum ersten Mal der Baukasten ohne Aufforderung eingeräumt wurde, aber nicht an jedem Tag.

Belohnung und Anerkennung sind besonders wichtig bei gehemmten Kindern. Bei ihnen würden Ermahnungen und Drohungen die Sache nur verschlimmern. Diese Kinder brauchen Erfolgserlebnisse, damit ihr Wille gestärkt wird. Wenn die kleinen Ansätze einer Besserung sinnvoll belohnt werden, dann gewinnt das Kind wieder Selbstvertrauen und auch Freude an sonst ungeliebter Arbeit.

 

Merksätze über die Strafe:

(1) Bedenke das Entwicklungsalter deines Kindes: Besonders ein kleines Kind will gar nicht ungehorsam sein und die meisten Unarten entspringen der Unstetigkeit der Kinder; vor allem erfassen sie gut und böse noch nicht in ihrer vollen Tragweite.

(2) Schieße nicht mit Kanonen nach Spatzen: Härtere Strafen kann man nicht gleich bei Kleinigkeiten anwenden. Deshalb gibt es folgende Stufenleiter der Strafen, bei denen keine Stufe übersprungen werden sollte: ernster Blick, Senken der Stimme, mahnend erhobener Zeigefinger, ruhiger Anruf des Kindes, tadelndes Wort.

 (3) Strafe nicht im unbeherrschten Zorn: Ein zorniger Mensch ist unbeherrscht und gibt den Kindern ein schlechtes Vorbild. Nach einer alten Volksregel soll man erst bis 20 zählen, und Luther sagt: Vor der Strafe erst ein Vaterunser beten! Natürlich kann man auch nicht ins Gegenteil verfallen und bis zum nächsten Tag warten; das wirkt kalt und abstoßend. Wer beim Strafen seines Kindes nicht selbst mitleidet, hat kein Recht zum Strafen. Gott fällt es auch schwer zu strafen.

(4) Strafe muß beim Kleinkind unmittelbar nach der Tat folgen: Das Kind lebt ganz im Augenblick. Wenn die Strafe nicht unmittelbar eintritt, geht der Zusammenhang zwischen Strafe und Unart verloren. Vor allem wird eine Strafe angekündigt, wenn das Kind vor anderen Menschen ungezogen ist. Aber entweder wird sie nachher erlassen, oder das Kind bekommt die Strafe und hat den Grund längst wieder vergessen. Erst im Schulalter kann man sagen: Weil du dich so benommen hast, kommst du nicht wieder mit!

(5) Jede angekündigte Strafe muß durchführbar sein und vollzogen werden: Man kann dem Kind nicht ankündigen: „Das nächste Mal bleibst du Zuhause!“ wenn dort keine Aufsicht ist. Oft hat der Vater auch nur am Sonntag für die Kinder Zeit und ist dann milde gestimmt und nimmt das ungezogene Kind doch mit. Man kann auch einem kleinen Kind nicht drohen: „Wenn du ungezogen bist, schick ich dich nach Hause!“ und wenn es dann in den Dreck gefallen ist, es auch noch trösten und wieder säubern. Ein Kind spürt sehr schnell, ob die Eltern es ernst meinen und wächst ihnen dann über den Kopf

(6) Das Kind muß wissen, wofür es gestraft wird: Nur so kann es die Strafe bejahen und sie wird ihm zum Segen. Angst ist Zeichen mangelnden Vertrauens. Alle Strafe muß heilen und helfen und darf keinen Schaden anrichten. Heilsam strafen kann man nur, wenn man in der Gottesfurcht lebt. Wenn das Kind das spürt, wird es auch den Eltern gehorsam sein.

(7) Nach der Strafe muß jedes Vergehen für alle Zeit erledigt sein: Nichts ist schlimmer als das Nachtragen böser Dinge. Auch die Geschwister dürfen nicht auf dem bestraften Kind herumhacken. Das Kind muß auch die Vergebung erfahren. Vor allem vor dem Einschlafen muß diese Vergebung deutlich werden, sonst können später verhängnisvolle tiefenpsychologische Folgen sichtbar werden.

 

Die Form der Strafen:

(1) Das Reden im Zorn („zusammenstauchen“, schelten) ist Strafe. Meist macht es auch Eindruck, wenn es nicht zu oft angewandt wird. Man muß sich dabei streng in der Gewalt haben und darf keine Ausdrücke gebrauchen, deren man sich nachher schämt. Schulkinder merken dann, daß Schimpfen nicht wehtut. Hier müssen dann andere Strafen einsetzen.

(2) „Natürliche Strafe“: Hier bekommt das Kind die Folgen seiner Verfehlungen selber zu spüren: Wenn es sich bei Tisch nicht benehmen kann, wird es beim nächsten Mal nicht mit zu Bekannten mitgenommen.

(3) Körperliche Züchtigung kann nur das allerletzte Mittel sein, etwa bei Rohheitsdelikten oder bei fortlaufender Aufsässigkeit. Jungen sind mit Prügeln meist sehr zufrieden, denn sie sind schnell vorbei und dann ist alles wieder gut. Mädchen dagegen darf man nicht schlagen, denn sonst verdirbt man die spätere Frau in ihnen. Kleine Kinder erhalten höchstens einen Klaps, aber keine Ohrfeige, weil die das Ehrgefühl verletzt und auch böse Folgen haben kann.

Der Entzug des Wohlwollens und der Liebe ist eine recht zweifelhafte Strafe. Vielen ist eine rechte Tracht Prügel lieber als ein Liebesentzug, der das kindliche Vertrauen erschüttert und oft den Weg zu den Eltern später versperrt. Vom Kindergottesdienst auszuschließen ist keine Möglichkeit. Das würde zwar das Kind sehr treffen, wenn es gern dorthin geht, aber man hätte es damit vom Wort Gottes ausgeschlossen, was nicht einmal die Kirche wagt.

Kinder brauchen feste Dämme. Sonst geht es wie bei einem Bergbach, dessen Ufer bei einem Gewitter überschwemmt werden. Die Mutter stellt das eine Ufer dar, der Vater das andere. Fehlt eins oder werden beide gar vernachlässigt, so gehört schon viel Gnade dazu, ein solches Kind auf dem rechten Weg zu halten, denn es ist ja einer uferlosen Gleichgültigkeit ausgeleifert. Folgen sind dann Aufsässigkeit oder gar Jugendkriminalität. Doch mit jedem Jahr wird es dann schwerer, noch schützende Dämme aufzurichten.

 

 

Zwei Anspiele: Darf man Kinder noch strafen?

(Familie beim Mittagessen: Vater, Mutter, Hans, Christa).

M.: Komm, Hans, du hast zu wenig gegessen. Etwas Blumenkohl nimmst du noch (schöpft aus).

H.: Nein, ich hab doppelt so viel gehabt wie Christa! (Zieht den Teller im letzten Augenblick weg, Blumenkohl landet auf dem Tisch).

V.: Unverschämter Bengel! Auf der Stelle kommt dein Teller wieder auf den Tisch! (empört).

H.: Nein, ich habe gesagt, ich will nichts mehr!

V.: Willst du augenblicklich.... (springt auf, drohend)

H.: (stellt den Teller auf den Tisch).

M.: (schöpft den Blumenkohl vom Tisch auf, zwei Löffel zu Hand, das meiste in den eigenen Teller. Ißt auf).

V.: Bitte, Hans, iß jetzt! Und du, Mutter, nimmst ihm nicht ab, was er essen soll.

M.: Ich hab's schon runter. Soll ich's wieder....

V.: Wenn du unbedingt jede Erziehung deines Sprößlings sabotieren willst, dann mußt du so reden.

H.:(ißt immer noch nicht)

V.: Jetzt zähl ich bis drei, wenn du dann nicht angefangen hast, dann kannst du aber was erleben!

C.: Bitte, Hans, iß doch! Ich krieg immer Kopfweh, wenn Vati so schreit!

V.: Eins...zwei...

H.: (hebt den Löffel)

V.: Na also: Das wäre ja noch schöner, wenn man an seinem eigenen Tisch nichts mehr zu sagen hätte!

 

(Frau Bauer, 12 jähriger Sohn Michael)

B.: (stellt den Kaffe auf den Tisch, schneidet Brot, streicht Butter, alles hastig. Sieht nach der Uhr).Sieben Uhr fünfzehn! Entsetzlich. In fünf Minuten muß er ja schon gehen. (zur Tür hinaus), Michael, kommst du endlich?

M.: (stolpert ungekämmt und ungewaschen herein, Schuhe in der Hand, wirft den Rock auf einen Stuhl). Immer mit der Ruhe!

B.: Schnell! Deine Schuhe her! Setz dich hin, iß und trink, aber schnell (bürstet die Schuhe ab). Wo ist deine Mappe?

M.: Hinterm Ofen (futtert gleichmütig weiter).

B.: (zieht ihm die Schuhe an. Dann zum Stundenplan an der Wand). Was hast du denn heute für Fächer? Biologie?

M.: Ja, Deutsch, Englisch, Erdkäs.

B.: (packt seine Mappe) Mach doch schnell! Gekämmt bist du auch noch nicht! Und dabei hab ich dich um 7 Uhr geweckt (fängt an, ihn zu kämmen).

M.: Sauerei! Die ganzen Haare fallen mir in den Kaffee!

B.: Dann kämm dich doch selber! Aber schnell. Du solltest längst draußen sein.

M.: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

B.: (haut ihm eine runter) Unverschämter Bengel, jeden Morgen hat man mit dir dieses Theater!

M.: (wütend und weinend) Gib mir lieber Vespergeld, 30 Pfennig.

B.: (gibt ihm das Geld. Michael ab. Setzt sich erschöpft) Diese entsetzliche Hetze jeden Morgen geht mir einfach über die Kraft. Ich halt‘s nicht mehr aus!

 

Fragen zu den Spielszenen:

Wie hätten Sie als Vater oder als Mutter gehandelt?

Hat der Vater seine Autorität behauptet?

Was hätte er anders machen sollen?

Hat er gestraft? Wie hätte er strafen können?

Finden Sie, daß Frau Bauer richtig gehandelt hat?

Was täten Sie an ihrer Stelle?

Welche Folgen wird ihr Verhalten für Michael haben?

Kann man hier die „natürliche Strafe“ anwenden?

 

 

 

 

Kind und Tier

Die folgenden Überlegungen wollen Möglichkeiten aufzeigen und Mut machen, Kinder und Tiere zusammenzubringen zur Freude und zum Nutzen für beide Teile.

 

Biblische Grundlegung:

Auf Bildern zur Paradiesgeschichte ist immer wieder die Zusammengehörigkeit von Mensch und Tier dargestellt und als Wesensmerkmal der ungebrochenen Schöpfung verstanden worden. Wenn es nach 1. Mose 1,26-28; 2,19-20 Gottes Wille ist, daß der Mensch ein Herr sei über die Tiere, dann selbstverständlich kein Gewaltherrscher, sondern ein gütiger und erbarmungsvoller Herr, den die Freude an Gottes Schöpfung dazu treibt, sie zu erhalten und zu pflegen. Das Arbeits- und Haustier soll teilhaben an der heiligen Ruhe des Feiertages (2. Mose 20,10), und es gehört zum Rechtsein vor Gott, daß sich der Mensch seines Viehs erbarmt (Sprüche 12,10). Ohne eigene Schuld müssen die Tiere teilhaben an Gottes Zorn und Gericht über menschlicher Schuld (z. B. 1. Mose 7,21 ff.; 1. Sam. 15,3), aber sie sollen auch teilhaben an der Erlösung der Menschen und an der Herrlichkeit des ewigen Lebens (Röm. 8,18-23).

 

Das Kind als Beschützer des Tieres:

Ein Kind, das nicht gegenteilig beeinflußt wurde (etwa: „Wenn du nicht folgst, kommt der grobe Hund und beißt dich!“) und nicht gerade schon frühe böse Erfahrungen mit Tieren machen mußte, hat in der Regel eine ganz natürliche Zuneigung zu ihnen. Es bedarf keiner groben Belehrungen und Ermahnungen, um das Kind für die Liebe zum Tier zu gewinnen. Darauf aber kommt es an, einmal im Blick auf das Tier, zum andern im Blick auf das Kind selbst.

Der Herr des Tieres, den die Bibel meint, ist der Beschützer. Das begreift auch schon das kleine Kind. Wenn es sich als solchen erkannt hat, bleibt es ruhig im Umgang mit Tieren, und die beinahe unvermeidlichen schlechten Erfahrungen werden viel leichter ertragen und hinterlassen keine jahrelangen Ängste.

Beispiel: Den vierjährigen Steffen sticht eine Biene. Es tut sehr weh. Nach der notwendigen Tröstung und Heilbehandlung bekommt Steffen erklärt, daß er - ohne es zu wissen oder zu wollen - die Biene in Angst versetzt und darum zum Stechen gebracht hat. Die arme Biene muß nun leider an diesem Stich sterben. Sie ist also viel schlimmer betroffen als Steffen. Dieser wird in Zukunft achtgeben, daß er all die kleinen und wenig beachteten Bienen und Käfer und Würmchen schont und schützt. Eindrucksvoll dürfte für Steffen sein, wenn die Eltern bei Gelegenheit vorführen, daß eine Biene nicht sticht, wenn sie ruhig auf der Hand sitzen darf. Dem Stadtkind bieten sich wahrscheinlich nur wenige Gelegenheiten, als Beschützer von Tieren aufzutreten, umso sorgsamer sollten sie genutzt werden. Daß es sich dabei in den meisten Fällen um Begegnungen mit sogenannten unnützen Tieren handelt, sollte kein Hindernis sein. Das Heer von wilden Tauben und Sperlingen und die Menge der herrenlosen Katzen, die die Städte bevölkern, sind für das Stadtkind oft die einzigen Vertreter der vielgestaltigen und liebenswerten Welt der Tiere. Vielleicht muß eine Stadtverwaltung energisch gegen die Taubenplage vorgehen, aber ein Kind darf weder in Gedanken noch aktiv an solchen Maßnahmen beteiligt werden. Das Füttern der Tauben und die Pflege eines verletzten Vogels, der vielleicht „nur ein Sperling“ ist, stärken das Verantwortungsbewußtsein des Kindes. Ein weiterer, größerer Schritt, der zugleich im Sinne eines angestrebten Tierschutzes wäre, könnte darin bestehen, eine herrenlose Katze aufzunehmen. „Sieh, Kind, die arme ausgehungerte Katze hat niemanden, der sie liebhat, ihr Futter gibt und ein warmes Plätzchen bereitet. Willst du das vielleicht besorgen?“ Welches Kind wollte das nicht!

In sehr bescheidenem Maße sind Spaziergänge in Feld und Wald Gelegenheiten, das Kind in seine Beschützerrolle einzuführen. Käfer, Ameisen, eine Eidechse, vielleicht eine Blindschleiche oder ein Frosch wollen erst einmal entdeckt sein, ehe sie geschont und geschützt werden. Wo es aber geschieht, wo obendrein dem Kinde etwas von all dem Interessanten aus dem Reich der Tiere erzählt wird, da hat es seine Freude an ihnen und wird beginnen, sie zu lieben.

Das Kind auf dem Dorfe hat natürlich ungleich mehr Erlebnisse mit Tieren. Vielfach wächst es mit ihnen zusammen auf. Es lernt, sie zu schützen, weil sie Nutzen bringen. Man lebt von ihnen. Hier muß achtgegeben werden, daß die Tierliebe von groß und klein nicht hinter der Kuh oder dem Stallkaninchen zu Ende ist.

Gefahr absoluter Gleichgültigkeit gegenüber jedem Tier, das dem Menschen keinen unmittelbaren Nutzen bringt, bedroht die Kinder auf dem Lande und bedeutet eine Entfernung von dem, was Gott von uns haben will. Darum gilt das für das Stadtkind oben Angeführte ebenso für das Landkind: Es soll sich als Beschützer der gesamten Tier- und auch Pflanzenwelt erkennen und Freude an der Verantwortung für sie gewinnen.

 

Das Kind als Tierquäler:

Die kindlichen Tierquälereien verdienen ein besonderes Kapitel. Ursachen dafür: Unkenntnis, Forscherdrang, Angst, Rache. Wir gehen von der bereits bekannten Maikäfergeschichte aus. Solche und ähnliche Geschichten geschehen aus Unüberlegtheit. Das Motiv zur Tat ist Sammeleifer. Die Kinder wollen sich gegenseitig mit der Menge der gefangenen Käfer übertrumpfen und sie schnell zur Hand haben. Darum hinein in die Brusttasche. Bei Schulkindern zeigt ein solches Verhalten freilich schon ein gewisses Versäumnis, denn Quälereien aus Unkenntnis liegen in der Regel beim kleineren Kinde vor und müssen dort korrigiert werden. Wenn ein Dreijähriger mit einem Stock auf eine Schar Hühner losschlägt, freut ihn wahrscheinlich ihr Geflatter und Geschrei. Nun muß er aber nachdrücklich erfahren, daß er den Hühnern weh getan hat. „Es tut ihnen genauso weh wie dir, wenn du mit einem Stock geschlagen wirst. Jetzt wollen wir die Hühner trösten.“ Das Kind streut Futter und lernt beobachten, wie sich die Hühner beruhigen und „sich freuen“. Dort also, wo das Kind offensichtlich aus Unwissenheit Tiere quält, ist Strafe unangemessen - die könnte Rachegefühle wecken - aber eine „Wiedergutmachung“ ist umso nötiger.

Ähnliche Erziehungsmaßnahmen sind zu ergreifen, wenn ein Kind aus Forscherdrang ein Tier quält, etwa eine Schnecke von ihrem Häuschen trennt. Das Kind hat zwar keine böse Absicht, für das Tier bedeutet das aber keine Milderung der Schmerzen, und deshalb empfiehlt sich immer wieder möglichst frühzeitige Anleitung und Belehrung, daß Tiere von uns Menschen gehegt und gepflegt werden wollen. Immer wieder muß die Freude am lebenden Tier in seiner jeweiligen Eigenart geweckt werden. Dem größeren Kinde wird eines Tages davon erzählt, wieviel Gesundheit wir Menschen dem medizinischen Versuchstier verdanken.

Schwieriger sind die Fälle von Tierquälerei, bei denen Angst oder Rache die Ursache sind. Hier geben zuweilen Erwachsene ein schlechtes Beispiel oder drängen durch unbedachte Äußerungen das Kind in eine solche Fehlhaltung. Neben ausgesprochenen Mißhandlungen von „bösen“ Hunden kann die für den Erwachsenen notwendige Unterscheidung von nützlichen und nicht nützlichen Tieren und die Praxis der Schädlingsbekämpfung das Kind zu Quälereien verleiten. Im Ablauf einer von Menschenhand unberührten Natur gibt es eine derartige Unterscheidung nicht. Das Tier ist seiner Natur nach weder gut noch böse, und innerhalb der Schöpfung hat es seinen richtigen Platz.

Es gehört viel Geduld und eine große Anzahl von freundlichen Tiererlebnissen dazu, um ein Kind, das das „böse Tier als Schreckmittel und das „schädliche“ Tier als Objekt der Tötung kennengelernt hat, zu einem Beschützer von Tieren umzuerziehen.

 

Das Kind mit einem eigenen Tier:

„Ich möchte gern einen Hund (eine Katze, ein Aquarium, einen Wellensittich, eine Schildkröte, ein Kaninchen, einen Goldhamster, ein Pony)!“ Solche Kinderwünsche zu erfüllen, werden kinder- und tierliebe Eltern versuchen. Die Möglichkeiten dazu werden sehr unterschiedlich sein. Nicht zuletzt spielt die sachgemäße Haltung des Tieres eine wichtige Rolle. Darüber informieren entsprechende Bücher.

Hygienische Gründe sind vielfach ein Hinderungsgrund, ein Tier zu halten, aber es gibt in dieser Hinsicht allerlei Übertreibungen auf Kosten von befreiender Großzügigkeit. In gewisser Weise gilt auch hier das Wort: „Furcht ist nicht in der Liebe“ (1. Joh. 4,18). Die ständige Furcht vor irgendeiner Ansteckung oder einer Beschmutzung der Wohnung ist für ein Kind nicht nur unverständlich, sondern hindert auch seine Fröhlichkeit und in unserm Falle seine ungetrübte Zuwendung zum Tier, d. h. ein Stück Ausübung von Liebe.

Das Kind mit einem eigenen Tier oder auch mit „unserem“ Hund oder „unserer“ Katze hat über das bereits Gesagte hinaus noch einige ganz wertvolle Erlebnisse. Durch das enge und vielleicht jahrelange Zusammengehören mit einem Tier lernt das Kind dieses eine Tier in seinem Wesen und in seiner Verhaltensweise wirklich kennen, was bei einer zufälligen und flüchtigen Begegnung nicht möglich ist. Die Pflege und Versorgung des Tieres, an der das Kind teilhat oder die das größere Kind allein trägt, bringen ihm Freude und Ärger, Sorgen wegen Krankheit und Kummer über den Tod, und an allen diesen Erlebnissen wächst und reift das Kind innerlich. Kein noch so sinnvolles Spielzeug kann sie ersetzen.

 

Zusammenfassung

Der Dichter Christian Morgenstern sagt: „Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste für uns zu vergelten.“ Das heißt doch nichts anderes, als daß uns in den Diensten und Verdiensten der Tiere die Liebe des Vaters grüßt, die wir beantworten mit unserer Liebe zu diesem Tier, und unsere Kinder nehmen wir mit auf diesen Weg (Christa Sockel).

 

 

 

 

Krankheit: Unser Kind ist krank

Krankheit ist erst einmal ein medizinisches Problem, das in die Hand des Arztes gehört. Die Eltern haben im Krankheitsfall Lebenshilfe zu geben. Beim Säugling ist die Erkrankung noch kein besonderes pädagogisches Problem, obwohl natürlich auch ein solches Kind besonders liebevolle Zuwendung braucht. Doch spezielle Probleme ergeben sich, wenn das Kind personale Beziehungen aufgenommen hat, d.h. wenn es reden kann.

 

Begegnung mit dem Arzt:

Besonders wenn der Arzt kommen oder aufgesucht werden muß, sollten Sie dies Ihrem Kind erklären und es darauf vorbereiten! Wichtig ist, daß Sie ehrlich mit dem Kind über den Arztbesuch und eventuelle Unannehmlichkeiten sprechen und daß Ihr Kind Sie in dieser Aussage als zuverlässig erlebt. Das allgemein übliche: „Habe keine Angst, es tut ja gar nicht weh!“ erweist sich oft als unwahr. Denn das Kind empfindet die Spritze, die Blutentnahme oder auch das In-die-Ohren-Sehen als schmerzhaft. Und Angst darf Ihr Kind vor all dem Unbekannten doch haben!

Sie enttäuschen mit dieser oft in der guten Absicht der Beruhigung gebrauchten Redensart das Vertrauen Ihres Kindes. Gerade jetzt, da es so viel Unbekanntes und Angstmachendes erlebt, ist ein festes Vertrauensverhältnis zu Ihnen für Ihr krankes Kind besonders wichtig und tröstlich.

Einem Arztbesuch sehen Kinder meist mit viel Angst entgegen. Diese resultiert teilweise aus früheren „schlechten“ Erfahrungen. Außerdem hat das Kind auch Angst vor den unbekannten, glänzenden, oft spitzen. Instrumenten. Aber nicht nur die Kinder haben Angst, sondern oft auch die Eltern, besonders wenn der Arzt wegen beängstigenden Symptomen, wie Atemnot, hohem Fieber oder unstillbarem Erbrechen, gerufen werden muß. Sicher wissen Sie, daß Angst ansteckend sein kann. Deshalb ist es für Ihr akut schwerkrankes Kind wichtig, daß es Sie nicht völlig angst- und schreckerfüllt erlebt. Es zieht daraus Rückschlüsse auf seinen Zustand. Sie selbst hindert diese Angst, tröstend und beruhigend auf das Kind einzugehen und notwendige Dinge zu entscheiden. Andererseits können Sie kaum Ihre Angst dem Kind gegenüber verbergen, und ein solcher Versuch wirkt meist nicht beruhigend. Wichtig Ist deshalb, daß Ihr Kind Sie trotz Ihrer Sorge als diejenigen erlebt, die ihm Trost geben und Hilfe einleiten können.

Wie über das Kranksein, so sollten Sie auch über den bevorstehenden Arztbesuch mit Ihrem Handelt es sich um keinen Notfall, so bleibt Ihnen vielleicht Zeit, die „Utensilien“ eines „Doktorspieles“ herauszusuchen. Schauen Sie sich diese mit Ihrem Kind an, erklären Sie ihm die verschiedenen Dinge und deren Verwendungszweck, wie zum Beispiel das Hörrohr, den Verband und die Spritze. So nehmen Sie ihm ein Stück Angst vor diesen Instrumenten. Dies ist fast das Wichtigste, was Sie für Ihr krankes Kind tun können: Angst nehmen und Trost geben!

Ist Ihr Kind noch klein, fällt es ihm gewiß schwer, Sie zu verstehen. Kasperpuppen und ähnliches haben sich dabei als gute „Verbündete“ erwiesen. Spielen Sie Ihrem Kind doch mit der Kasperpuppe etwas vor! Lassen Sie zum Beispiel den Kasper die Krankheit bekommen, die Ihr Kind hat. Lassen Sie ihn jammern und klagen und all das aussprechen, was Ihrem Kind Beschwerden macht. Dann kann ein freundlicher Arzt erscheinen, der all das tut, was nach Ihrem Empfinden auch der Arzt tun wird, der Ihr Kind besucht: abhören, in Hals und Ohren sehen, Medizin verordnen, vielleicht auch eine Spritze geben. Der Puppenarzt sollte dem Kasper sagen, daß dies alles notwendig ist, damit er bald wieder gesund wird und mit seinen Freunden spielen kann. Lassen Sie den Kasper in Ihrem Spiel wieder gesund werden, oder es ist vielleicht abend, und er schläft ruhig ein.

 

Das kranke Kind als Tyrann:

Wenn ein Kind hingefallen ist oder sich gestoßen hat, schreit es zunächst noch nicht los, weil ihm eine gewisse Schockwirkung im ersten Augenblick den Atem verschlägt. Erst wenn sich das Kind vom ersten Schrecken erholt, spürt es den Schmerz. Dazwischen liegen die schwachen Augenblicke vieler Mütter: Noch ehe sich das Kind richtig besonnen hat, kommen sie ihm entgegen: „Mein armes Kleines, hast du dir weh getan?“

Natürlich hat das Kind sich wehgetan. Aber jetzt wird das erst bewußt und die Brüllerei geht los. Das Kind fühlt sich bemitleidenswert und läßt den Tränen freien Lauf. Schnell werden noch Süßigkeiten geholt und „Heile-Segen“ gemacht.

Das Kind macht den Rummel gern mit, weil es ja als Hauptperson im Mittelpunkt des Geschehens steht. Je größer das Kind ist, desto mehr wird es auf Schmerz nicht anders reagieren als durch lautes Wehklagen. Kinder von 4 bis 5 Jahren verstehen es schon, aus der Krankheit noch Kapital zu schlagen und die Eltern zu tyrannisieren bis zur Verzweiflung.

Manche Kinder stellen sich sogar selbst die tollsten Diagnosen, beobachten sich ständig und prahlen nachher mit heldenmütig ausgestandenem Leiden. Sie kennen keinen Widerstand gegen Schmerzen und werden die „eingebildeten Kranken“ von morgen.

Kinder werden irgendwann einmal krank, sei es ein harmloser Infekt, eine Blinddarmentzündung oder eine schwere, beängstigende Krankheit. Je kleiner die Kinder sind, desto unglücklicher fühlen sie sich dabei. Denn sie begreifen nicht, was da in ihnen vorgeht. Auch die Mutter, die ihr Kind bisher meist fröhlich spielend und mit einschätzbarem Verhalten erlebt hat, versteht nicht, warum ihr Kind jetzt nicht essen, nicht spielen will. Die Familie fühlt sich oft von Wünschen, Bitten und Nörgeln tyrannisiert.

Auch die Höschen sind nun wieder oft naß. Dabei war das Kind seit langem sauber und trocken. Die gewohnte Selbständigkeit, zum Beispiel beim Essen, Anziehen, Waschen usw., scheint verloren, und Ihr Kind fordert Ihre Hilfe. In Gesprächen mit Eltern höre ich oft Verwunderung bis Ärger über diese „Unarten“, zumal sie sich auch bei leichten Erkrankungen zeigen.

Das, was sich dabei unbewußt in Ihrem Kind abspielt, bezeichnet die Psychologie als „Regression“. Das ist ein durch die Erkrankung ausgelöster Rückzug in kleinkindhaftes Verhalten. Es ist der Wunsch nach der früheren, engen Verbundenheit und Geborgenheit bei den Eltern, der Wunsch nach Trost. Dies trifft auch bei größeren Kindern zu. Zwar zeigt sich die Regression dann nicht mit nassen Hosen, wohl aber mit dem Wunsch, umsorgt und „bemuttert“ zu werden.

 

Bedürfnis nach Trost:

Ein krankes Kind hat ein großes Bedürfnis nach Trost. Das ist für die Eltern manchmal ziemlich anstrengend. Sie können ja nicht den ganzen Tag am Bett des Kindes verbringen. Es gibt den Zwiespalt zwischen notwendig zu erledigender Hausarbeit und dem Wunsch, in der Nähe des Kindes zu sein, es im Bett zu halten und zu trösten.

Wenn Sie eine etwa gleichmäßig warme Wohnung haben, ist es eine gute Möglichkeit, Ihrem Kind zusätzlich in ein oder zwei verschiedenen Räumen ein Lager herzurichten. So können Sie meist in Ruf- und Sichtweite des Kindes bleiben, und der kleine Patient fühlt sich nicht alleingelassen, ja genießt Ihre Gegenwart.

Sie können neben der notwendigen Hausarbeit mit ihrem Kind erzählen, spielen, singen. Dabei ergibt sich sicher die Möglichkeit, daß Sie Ihrem Kind, seinem Alter entsprechend, sagen, daß es krank ist, was gegen die Krankheit getan werden muß und wann es ungefähr wieder gesund sein wird.

 

Von Schmerzen ablenken:

Ein von Natur aus wehleidiges Kind darf auf keinen Fall auch noch in seiner Art unterstützt werden. Nur wenn sein Theater keinen Anklang findet, wird es sich schließlich auch über den Schmerz hinwegtrösten.

Schmerzen werden umso eher ertragen, je weniger man davon spricht und Aufhebens davon macht. Man kann von der Krankheit ablenken und etwa ein Bilderbuch betrachten. Oder man gibt nach der bitteren Medizin etwas Süßes. Oder die Eltern trinken zuerst den Lebertran,

damit das Kind ihn auch haben möchte. Vielleicht kann mal auch an die Tapferkeit appellieren, besonders bei Jungen.

Bei großen Schmerzen ist natürlich eine liebevolle Hinwendung nötig: Die Eltern sollten das Kind an sich drücken und zu trösten versuchen. Das gilt auch bei größeren Kindern, bei denen man ja eher beurteilen kann, ob die Schmerzen echt sind.

 

Verwöhnung:

Gönnen Sie Ihrem Kind ein Stückchen „Verwöhnung“ durch kleine Überraschungen, zubereitete Lieblingsspeisen oder erfüllte Spiel- und Märchenerzählwünsche. Sicher ist die Befürchtung, dadurch Gewohnheiten zu schaffen, die sich nach der Krankheit schlecht wieder ausbügeln lassen, nicht unbegründet. Trotzdem ist die Zeit des Krankseins denkbar ungeeignet für die Erziehung zu Selbständigkeit, Einsicht und für Appelle an die Vernunft. Seien Sie sensibel und verständnisvoll, „Regieanweisungen zur Krankenpflege“ werden Ihrem Kind meist nicht gerecht.

Vielleicht möchte Ihr 2-3jähriges Kind zum Beispiel wieder Babykost essen. Warum nicht? Selbst wem es Ihnen nach der Genesung erklärt, es sei ja eigentlich noch krank und müßte ein Breichen essen, so lassen Sie es doch ruhig noch einige Tage zu. Auch dieses Spiel wird bald uninteressant werden, wenn Sie ihm andererseits Spiel und Spaß mit Freunden wieder verlockend in Aussicht stellen und seine Lernfreude und den Willen zur Selbständigkeit geschickt motivieren. Wenn sich Ihr Kind wieder ganz wohlfühlt, wird es das Kranksein von selbst langweilig finden.

 

Flucht in die Krankheit:

Ein Kind darf sich nicht ständig hinter seiner Krankheit verstecken, um von allen Leuten bedient zu werden. Vieles kann man auch trotz Krankheit machen: Wenn zum Beispiel der rechte Arm gebrochen ist, kann man den linken einsetzen.

Es gibt aber auch eine direkte Flucht inne Krankheit. Das Kind will sich dann etwas erzwingen, was ihm im gesunden Zustand versagt blieb. Wenn man erst einmal gemerkt hat, daß man bei einer Krankheit im Mittelpunkt steht und besondere Zuwendung erfährt, dann will man diesen Zustand immer wieder herbeiführen, um den man sich vorher betrogen fühlte.

Es kann dann dazu kommen, daß der Mensch dann auch objektiv krank wird, aber aus seelischen Gründen. Dann muß erst die seelische Ursache beseitigt werden, damit die äußeren Erscheinungen verschwinden. Ob aber das Lesen von Marx und Lenin dazu hilft (wie es ein Psychologe in der DDR geraten hat), dürfte doch fraglich sein.

 

Die Autorität muß erhalten bleiben:

Gerade in der Krankheit muß die Autorität gewahrt bleiben. Das Kind ist sowieso schon ungezogener als sonst; manchmal macht das Nörgeln ja erst auf die Krankheit aufmerksam. Man darf nicht alles gleich auf die Goldwaage legen. Aber man darf auch keine Ungezogenheiten durchgehen lassen. Ungezogenheiten sind beim Namen zu nennen und zu bestrafen und

auf keinen Fall zu entschuldigen.

Wenn das Kind wegen der Übertretung eines elterlichen Gebots eine vorübergehende körperliche Behinderung davongetragen hat (Bruch, Zerrung), dann hat es seine Strafe schon weg und darf nicht noch geschlagen werden. Man kann sagen: „Jetzt mußt du eben die Folgen tragen!“ Aber man kann auch sagen: „Ich bin froh, daß es wenigstens nicht schlimmer gekommen ist!“

Schwierig ist es auch mit chronisch Erkrankten. Entweder kriegen sie Minderwertigkeitsgefühle, weil es immer heißt: „Das schaffst du nicht!“ Oder das Kind wird zum Haustyrann, dem nur mit einer gesunden Härte zu begegnen ist.

 

Das Verhalten der Eltern:

Die Hauptlast bei der Krankheit des Kindes trägt die Mutter. Sie, läßt sich freistellen, wenn das Kind zum Arzt muß oder gepflegt werden muß. Doch gerade junge Mütter sind in so einem Fall leicht unsicher und verzagen. Solche Unsicherheit überträgt sich aber sofort auf das Kind. Angst ist die ansteckendste Krankheit, die es gibt.

Manche Mütter sind aber auch grob und gleichgültig gegenüber den Kindern, auch gegenüber den kranken. Rücksichtslosigkeit ist aber genauso gefährlich. Das Kind sucht und braucht gerade in der Krankheit die Anlehnung an die Mutter. Wird es da abgestoßen, dann gerät es in eine Abwehrstellung gegen alle Erwachsenen.

Manche Eltern ändern durch die Krankheit das Verhalten zu ihrem Kind. Oftmals erkennen sie jetzt erst ihr Kind richtig. Dann hat die Krankheit noch einen besonderen Sinn gehabt. Sie lernen es vielleicht auch, dem Kind die Angst vor dem Arzt zu nehmen. Es wäre gut, die Kinder rechtzeitig mit allen Menschen im weißen Kittel bekannt zu machen, also schon zum Arzt mitnehmen, wenn die Mutter selber krank ist.

 

 

Das Kind im Krankenhaus:

Wenn es Ihnen irgend möglich ist und die Krankheit Ihres Kindes es erlaubt, so pflegen Sie Ihr erkranktes Kind nach Absprache mit dem Arzt am besten zu Hause. Denn Kinder, besonders die kleinen unter fünf Jahren, begreifen den Nutzen von Krankenhäusern noch nicht. Sie müssen bei einer stationären Behandlung das Empfinden haben, daß sie gerade dann fremden Händen anvertraut werden, wenn sie die Nähe und Fürsorge der Eltern ganz besonders nötig haben. Die innere Not der Kinder vergrößert sich noch.

Wenn sich der Krankenhausaufenthalt jedoch nicht vermeiden läßt, ist es wichtig, daß Sie Ihr Kind darauf vorbereiten. Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Unfällen ist das natürlich meist nicht möglich. Sie sollten Ihr Kind aber auf jeden Fall wissen lassen, daß es nicht zur Strafe ins Krankenhaus gegeben wird und dies auch sonst nie als Strafmaßnahme androhen, zum Beispiel: „Wenn du nicht richtig ißt, mußt du ins Krankenhaus!“

Kinder haben oft die Vorstellung, eine Krankheit wäre eine Strafe für ein übertretenes Verbot oder andere „schlimme“ Handlungen und Gedanken. Die Angst vieler Kinder, daß ein Zusammenhang besteht zwischen Krankheit und Strafe, wird von Erwachsenen häufig unbedacht unterstützt. So wird zum Beispiel manches Kind zur Strafe ins Bett geschickt, vielleicht sogar ohne Abendbrot, oder erhält strafweise keinen Nachtisch. Bettruhe, Verbot bestimmter Speisen oder auch Nahrungsverbot überhaupt sind aber auffallende „Markenzeichen“ vieler Krankheiten.

Oft entwickeln Kinder heftige Ängste, wenn sie erfahren, daß man ihnen etwas „herausnehmen“ will, etwa die Mandeln oder den Blinddarm. Sie können sich schwer vorstellen, daß etwas, das sie in sich haben, „entbehrlich“ ist und sie nach der Operation noch „komplett“ sind. Auch bei der Vorbereitung auf das, was Ihr Kind möglicherweise im Krankenhaus erlebt, bietet sich das „Krankenhaus-Spielen“ mit Puppen oder Kasperpuppen als gute Hilfe an.

Wenn Sie Ihr Kind dann zur Aufnahme ins Krankenhaus bringen, wird es sich vielleicht trotzdem heftig weinend an Sie klammern und sich weigern, irgend etwas mit sich tun zu lassen. Nehmen Sie Ihm das nicht übel! Versuchen Sie bitte, sich in seine Lage zu versetzen: Es ist krank, hat Schmerzen und vielleicht schon einige Aufregungen hinter sich. Am liebsten würde es sich ganz bei Vati und Mutti verkriechen, aber es wird wildfremden Menschen übergeben und dies in einem beängstigend fremden Raum! Es ist gut, wenn Sie solange es irgend möglich ist bei Ihrem Kind bleiben und sich auch zeigen lassen, wo sein Bett steht.

 

 

Gewiß, da sind viele Kinder im Krankenhaus. Doch jedes einzelne Kind begegnet uns mit seinem Wesen, mit seiner Art, hat seinen Namen. Auch jedes Krankenhaus hat sein eigenes Gesicht. Nicht nur die Steine, aus denen es gebaut ist; die Menschen, die darin arbeiten, prägen seine Art.

Da kommen Kinder ins Krankenhaus. Auch wenn die Eltern das Kind begleiten, es ahnt und erlebt plötzlich, daß es einsam ist. Unbekannte Menschen nehmen es, fragen und untersuchen. Es ist dem Zugriff anderer Menschen ausgeliefert. Das, was mit ihm geschieht, ist nicht nur ungewohnt, es bereitet auch Angst und gelegentlich Schmerzen. Das Kind weiß oft nicht, worum es geht und wovon die Großen sprechen. Und vieles geschieht so wortlos und schweigend. Wenn das Kind klein ist, wehrt es sich und schreit vielleicht. Das größere Kind kennt aus Träumen und Vorstellungen Krankheit, Ende und Tod. Es kann selber nicht ermessen und übersehen, wie es um seine Krankheit bestellt ist. Die Unkenntnis kann für das eine Kind ein Schutz sein, für das andere eine uferlose Angst und Einsamkeit.

Wir haben noch nicht alles getan, wenn die Untersuchung abgeschlossen und die Aufnahme entschieden ist. Viele Fragen werden gar nicht gesehen und beachtet. Mancher Einsamkeit könnte besser begegnet werden.

Die Eltern, der Arzt und die Schwestern machen sich Gedanken über diesen ersten Augenblick im Krankenhaus. Vieles kann nur aus dem Augenblick heraus aufgefangen werden, anderes könnte zur Vorbereitung des Kindes rechtzeitig überlegt und bedacht werden. Es ist nicht gut, alles erst im letzten Augenblick zu bedenken. Schon zum Empfang im Krankenhaus gehört vieles, was in diesem ersten Augenblick eine freundliche Atmosphäre schaffen kann. Die Blumen auf den Beeten vor dem Krankenhaus, die Bilder und Spielsachen im Wartezimmer gehören dazu.

Die Gedanken darüber, welches Kind in welches Zimmer kommt, sollte nicht allein dem Zufall und äußeren Notwendigkeiten überlassen werden. Mit Liebe und Verständnis läßt sich hier unnötige Einsamkeit verhindern und gute Gemeinsamkeit fördern. Zu den Mitarbeitern der Station gehören nicht nur die Schwestern, sondern auch die Kinderdiakoninnen, die Lehrerin, die Stationshilfe und sicher noch manche andere Mitarbeiter im Krankenhaus.

 

Jeder vermag auf seine Weise die Zeit im Krankenhaus durch freundliche Begegnung und besondere Gespräche, durch Spiel und Erzählen für das Kind so zu gestalten, daß gute Erlebnisse in Erinnerung bleiben. Diese Gemeinsamkeit hat über den einsamen Augenblick hinaus Bedeutung für den Weg des Kindes. Das alles ist sicher eine Sache des Herzens und des gelungenen Augenblicks. Doch sollte die gute Erfahrung im Gespräch der Mitarbeiter weitergegeben werden und zu neuer Bereitschaft ermutigen.

Ein neuer Augenblick der Einsamkeit entsteht, wenn das Kind im Hause zurückbleiben muß. Die Trennung von der Mutter, das Mitgenommenwerden in ein fremdes Zimmer zu fremden Kindern - in eine ungewohnte Umgebung - gehen nicht spurlos an dem Kind vorüber. Das Gefühl der Einsamkeit und des Alleingelassenseins drängt sich auf.

Wenn Sie Ihr Kind dann weinend im Bett liegen sehen, glauben Sie vielleicht, es wäre für alle die beste Lösung, wenn Sie sich heimlich unter einem Vorwand oder mit falschen Versprechungen davonschleichen. Aber das Erschrecken Ihres Kindes, das schlimme Gefühl, betrogen worden zu sein, erleben Sie ja nicht mehr. Auch in dieser Situation muß Ihr Kind Sie, ähnlich wie bei den Gesprächen über den Arztbesuch, als zuverlässig erleben. Diese Zuverlässigkeit ist sehr tröstlich. Das Kind kann sich daran festhalten und weiß, daß Sie wiederkommen, wenn Sie es versprochen haben. Besser ist also ein liebevoller Abschied, auch wenn es Tränen gibt, so doch auch mit dem festen Versprechen, das Kind sehr lieb zu behalten und bald zur Besuchszeit wiederzukommen. Denn die psychische Belastung, die ein Krankenhausaufenthalt für Ihr Kind bedeutet, können Sie entscheidend vermindern, wenn Sie es, sooft es Ihnen möglich ist, besuchen.

Auch die Mutter und der Vater, die ohne ihr Kind den Heimweg antreten müssen, erleben ihre Einsamkeit. Sie machen sich Sorgen und Gedanken. Oft kommen auch Tränen. Wer sieht sie, und wer begleitet sie in diesem Augenblick? Auf Arzt und Schwester wartet schon der nächste Patient. In einem Krankenhaus sollte überlegt werden, wer in diesen Augenblicken trösten und helfen kann, ob Raum und Möglichkeit dafür gegeben sind.

Die gesunden Kinder dürfen allerdings auch nicht verunsichert werden, wenn ein Kind krank ist. Sonst entsteht ein Ruin der Beziehung zu den Eltern und ein Haß auf das kranke Geschwister. Kinder können es nicht einmal ertragen, wenn die Mutter nach dem Tod eines Kindes dauernd in Schwarz geht.

Überhaupt werden die Schwestern aus vielen Beobachtungen den Eltern raten können, was gerade für die Zeit des Besuches den Kindern guttut. Für manche Eltern steht die Ermahnung im Vordergrund, andere machen übertriebene Versprechungen für die Zeit, wenn das Kind erst wieder zu Hause ist. Dabei ist das Dasein, das Spielen und Zeithaben für das Kind allein wichtig. Es gibt in einem Krankenhaus viel Anlaß, darüber nachzudenken, wie man zusammen mit den Eltern über den sinnvollen Umgang mit der Besuchszeit sprechen kann. Das alles erfordert Zeit und Mühe. Aber wo es getan wird, bringt es Gewinn für Kinder und Eltern weit über die Zeit des Krankenhausaufenthaltes hinaus.

Doch gibt es andere Möglichkeiten, die Nähe des Zuhauses erleben zu lassen. Familienfotos sind eine Hilfe, andere Kinder haben ihr gewohntes Kuscheltier am Abend bei sich im Bett. Ein Lied oder Abendgebet, wie man es zu Hause gewohnt war, kann eine Hilfe sein. Schwestern und Eltern sollten über die besonderen Gewohnheiten des Kindes miteinander sprechen. Diese persönlichen Daten sind im Grunde viel wichtiger als alles andere, was bei der Aufnahme zu den Akten genommen worden ist.

Der häufige Besuch der Angehörigen macht die Arbeit im Krankenhaus zwar nicht leichter. Die Angehörigen können stören, die Ruhe, die nötig ist, unterbrechen. Sie werden sicher mit vielen Fragen die Mitarbeiter im Krankenhaus bei ihrer Arbeit aufhalten. Das alles ist zwar gewiß wahr. Dennoch bringt die Mutter dem Kind das Gefühl der Nähe und der Geborgenheit, die es im Krankenhaus sonst verliert. Das sollte bei allen Überlegungen im Vordergrund stehen.

In manchen Krankenhäusern oder Abteilungen war früher der Besuch verboten. Man sagt, Kinder hätten doch keinen Zeitbegriff und würden sich bald an die Umgebung gewöhnen und auch niemanden vermissen. Wenn aber die Eltern kommen, dann denkt das Kind, jetzt würde es abgeholt. Doch die Frage ist, ob die Kinder bei so einer Behandlung nicht seelisch krank werden. Kommen die Eltern aber regelmäßig - am besten täglich - dann kann sich der seelische Stau regelmäßig - am besten täglich - abbauen. Es mag zwar am Anfang noch Tränen geben. Aber das wird immer besser, wenn das Kind sich darauf verlassen kann: Die kommen ja wieder.

Wenn ein Kind im Krankenhaus liegt, ist sicher ein Problem der Eltern, daß sie nur wenig für dieses Kind tun können, jedenfalls nicht das, was sie ihm bei häuslicher Pflege angedeihen lassen könnten. Es so oft wie möglich zu besuchen, ist deshalb wohl das Wichtigste. Vielleicht haben Sie aber auch schon die Meinung gehört, daß es besser sei, ein Kind während eines l-2 wöchigen Krankenhausaufenthaltes nicht zu besuchen. Man meint, es würde sich dann schneller und ohne häufiges Geschrei eingewöhnen,

Sicher, so ein unbesuchtes Kind schreit meist weniger, es weint nach dem ersten starken Protest mehr resigniert vor sich hin. Aber was da erreicht wird, ist nicht ein einsichtiges Sich-Anpassen, sondern ein trauriges Sich-Dreinfügen.

Besuchen Sie also Ihr Kind bald nach der Krankenhauseinweisung wieder. Ihre Anwesenheit tut ihm so gut, auch wenn es bei Ihrem Anblick weint. Das Weinen ist ein Zeichen dafür, daß Ihr Kind, gerade das Kleine, Sie erkennt und die Verbindung zu Ihnen noch nicht verloren hat. Dieses würde nämlich die seelische Entwicklung Ihres Kindes unter Umständen nachhaltig negativ beeinflussen.

Günstig, ja notwendig, wäre eine tägliche Besuchsmöglichkeit, denn dann könnte Ihr Kind erleben, daß Sie vielleicht immer nach dem Mittagsschlaf oder einer bestimmten Mahlzeit kommen. Das kann auch das kleine Kind begreifen und warten lernen. Wann jedoch zum Beispiel Mittwoch ist, kann sich das Kind nicht vorstellen.

Der Besuch ist also eine sehr kostbare und wichtige, oftmals „erkämpfte“ Zeit für Sie und Ihr Kind. Gehen Sie also so mit ihr um! Überlegen Sie sich, womit Sie Ihr Kind erfreuen können!

Ganz wichtig ist, daß Sie ihm den Lieblingsteddy, ein geliebtes Schmusekissen oder ähnliches gleich zum ersten Besuch mitbringen, falls Sie es nicht schon bei der Einweisung mit in das noch fremde Bett gelegt haben. Das Kind hat damit inmitten all dieser fremden Räume und Menschen ein Stück der vertrauten, häuslichen Geborgenheit bei sich.

Fotografien von Eltern und Geschwistern können wichtige, tröstende Bindeglieder zwischen dem kranken Kind und seiner Familie sein. Wenn Sie Ihr Kind mit einem neuen Spielzeug überraschen möchten, so lassen Sie sich nicht von Ihren Gefühlen zu einem „Prestigegeschenk“ verleiten. Allzu große Puppen, Teddys und Autos behindern das Kind nur im Bett, aber mit einem Puzzle, Quartett, Legspiel, Bilderbuch, Malstiften und Zeichenheft kann sich Ihr Kind sinnvoll beschäftigen. Und während der Besuchszeit können diese Spiele gleich gemeinsam ausprobiert werden. Das schafft Ihnen und Ihrem Kind eine wohltuende Gemeinsamkeit, ebenso das Märchenerzählen und Liedersingen.

Die Besuchszeit kann dazu beitragen, die Verbindung mit Ihrem Kind wieder zu vertiefen, ihm das Gefühl geben, trotz Krankenhaus in der Gemeinschaft der Eltern und Geschwister geborgen zu sein.

Was wir bereits beim ersten Abschied von Ihrem Kind bei seiner Einweisung ins Krankenhaus bedachten, gilt natürlich auch für den Abschied nach der Besuchszeit. Schleichen Sie sich auch jetzt bitte nicht davon! Es ist gut, wenn Sie Ihren Abschied fünf Minuten vorher ankündigen, damit Ihr Kind sich darauf einstellen und sich zärtlich von Ihnen verabschieden kann. Dann aber gehen Sie bitte, auch wenn das Weinen Ihres Kindes Sie umkehren lassen möchte, mit der festen Zusage Ihres nächsten Besuches. Übrigens, eine ganz kleine, beim Abschied hinterlassene Überraschung ist oft ein guter Tröster!

Wenn Ihr Kind dann wieder nach Hause kommt, stehen Sie vor der Aufgabe, mit den Nachwirkungen des Krankenhausaufenthaltes verständnisvoll umzugehen. Oft wird von den Eltern beobachtet, daß Ihr Kind nun sehr ängstlich ist und die Eltern nicht aus den Augen läßt. Besonders kleinere Kinder fallen häufig in der Entwicklung zurück, so daß sie viele Dinge, die sie bereits selbständig tun konnten, nicht mehr tun möchten, so zum Beispiel an- und ausziehen, essen, waschen. Viele Kinder neigen nach dem Erlebnis „Krankenhaus“ dazu, nachts unruhig zu schlafen, schreiend aufzuschrecken und bei ihren Eltern schlafen zu wollen.

Dies sind keine im Krankenhaus erworbenen „Unarten“. Es sind die Folgen der für Ihr Kind so schwierigen Zeit im Krankenhaus und der Versuch, diesen Eindruck zu verarbeiten. Für Ihr Kind sind Sie dabei eine große Hilfe, wenn Sie geduldig und verständnisvoll mit diesen Nachwirkungen umgehen. Geben Sie ihm durch Ihre liebevolle Zuwendung die Geborgenheit, die es braucht, um nach der körperlichen Gesundung auch das seelische Gleichgewicht wiederzufinden.

 

Krankheit zum Tode:

Schon verkrüppelte Kinder sind ein schweres Problem für eine Familie. Der Fehler ist nicht wieder zu reparieren, das muß man wissen. Aber das Leben ist dennoch lebenswert. Man kann eben einen Menschen nicht nur nach dem Nutzwert beurteilen, denn der Mensch hat auch einen Segenswert.

Eine Krankheit kann aber auch einmal zum Tode führen. Die meisten Eltern versagen hier, wenn die pädagogische Lebenshilfe aufhört und die seelsorgerliche Hilfe zum Tode anfangen muß. Die Eltern haben hier aber die Hauptaufgabe, sie wissen bei dem Kind bleiben und selber den Kontakt zu Gott suchen.

 

 

 

 

Religiöse Erziehung im Vorschulalter

Das Gottesbild:

Ist Gott das große Auge, das alles sieht? Ist er ein gutmütiger alter Mann, der vor langer Zeit in den Ruhestand getreten ist? Ist Gott die namenlose Allmacht, in deren Hand wir uns ohnmächtig befinden? Ist Gott der gütige Vater aller Menschenkinder, den die schauen dürfen, die reinen Herzens sind? Thront Gott hoch über der Welt, oder lebt, leidet und stirbt er mitten unter uns? Ist Gott der Superzauberer über der Sternen, der alles kann? Ist er der uralte Gott Vater im Himmel, der mit eigener Hand die Tiere macht, der die Sonne und den Mond scheinen läßt und der den Regen auf die Erde herabschickt?

Kinder sagen: „Im Himmel ist es so ähnlich wie im Schlaraffenland, daß man sich alles wünschen kann und es fliegt einem dann gleich alles zu!“ - „Da stell ich mir vor, da ist so ein großer Saal und da sitzt er auf einem Stuhl!“ - „Da hat man nichts mehr von irdischen Qualen. Man ist frei und gelöst. Man braucht nicht essen, man ist einfach so satt. Also es ist ziemlich schön da oben!“

Viele der weitverbreiteter Vorstellungen von Gott haben etwas unfreiwillig Witziges an sich wie zum Beispiel die Geschichte von Ludwig Thoma vom „Münchener im Himmel“ Da heißt es: „ ...machte ihn mit der himmlischen Hausordnung bekannt: von morgens 8 Uhr bis mittags 12 Uhr Frohlocken; von mittags 12 Uhr bis abends 20 Uhr Hosiannasingen!“- „Ja, wann kriegt man denn hier was zu trinken?“ - „Sie werden ihr Manna schon bekommen!“ sagte Petrus.

Wissen wir als Erwachsene über das alles wirklich mehr als die Kinder. Unser Bild von Gott schwankt im Laufe unsres Lebers, wie sich im Laufe der Geschichte und der theologischer Lehrmeinungen das Bild und der Begriff von Gott gewandelt haben. Aber durch die kindlichen Fragen klingen unsre eigenen Fragen nach Gott durch: Wo ist Gott? Warum kann man ihn nicht sehen? Was tut er den ganzen Tag? Schläft er?

Kann ein Kind wirklich beten: „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in der Himmel komm?“ Eines Tages sagte ein Kind: „Ich will aber nicht in den Himmel, Mutter, ich will doch bei dir bleiben!“ Die Mutter war ihm der Himmel. Das Kind lebt ganz aus den Bedürfnissen des Augenblicks, seine Religiosität ist gefühlsbetont. Gott gehört ihm zur Erde wie Vater und Mutter.

Das ist ja auch nicht falsch. Gott ist bei uns auf der Erde, aber er umgreift und erfüllt zugleich das All. Gott ist im Himmel und überall, außer uns und in uns, allgegenwärtig und doch nicht sichtbar. Für uns erscheint das als Widerspruch. Aber im Denken der Primitiven und der Kinder läßt sich das noch miteinander vereinbaren. Da geht es, daß Gott unendlich fern ist und doch ganz nah, wie es in der Apostelgeschichte heißt: „In ihm leben, weben und sind wir!“

Wichtig ist das Grunderlebnis, daß Gott der Schöpfer ist, der die Welt am Anfang aus dem Nichts schuf. Er erweckt Vertrauen und gibt Rätsel auf, wir sollen ihr suchen und können ihn finden. Das Kind, das dieses Grundvertrauen in sich aufbauen konnte, erlebt schrittweise die Welt, die es umgibt, als vertrauenswürdig. So wird es freundlich und aufgeschlossen und sucht nach Kontakt mit Menschen, Pflanzen und Tiere!

Nur aus der Grundhaltung der Ehrfurcht vor dem Schöpfer und des Dankes für die Gaben der Schöpfung wird die Welt menschlich bleiben, ja eigentlich erst menschlich werden können. Kinder, die in Liebe zum Leben und zur Schöpfung aufwachsen, haben einen festeren Halt im Leben und ein selbstverständliches Vertrauen. Sie werden diese Kraft auch brauchen. Denn je älter das Kind wird, desto stärker wird seine seelische Energie auch beansprucht, wird der Glaube an die Güte Gottes auf die Probe gestellt.

Kinder sind von den Gefühlen der Furcht vor Unfall, Krankheit, Katastrophen, Feuer, Trennung, Tod stärker erschüttert als die meisten Erwachsenen. Umso mehr brauchen sie einen festen Rück halt im Glauben daran, daß alles gut wird, weil Gott gut ist. Dieser Glaube darf nicht auf Magie oder Leichtsinn gebaut sein. Man kann keinem Kind versprechen, daß es gesund bleibt, wenn es dafür betet. Die entwaffnende Frage eines Kindes könnte lauten: „Wenn Gott mich gesund macht, warum läßt er mich dann erst krank werden!“

Wir sollten dann nicht so tun, als ob wir auf alle Fragen eine Antwort wüßten. Aber wir dürfen sie auch nicht beiseiteschieben und so tun, als ob es diese und andere gewichtige Fragen an das Leben nicht gibt. Nur müssen wir uns vor endgültigen und allzu einfachen Antworten hüten. Gott darf nicht der Lückenbüßer sein, der für alle unbeantwortbaren Probleme geradesteht. Das Kind soll Glauben nicht mit Magie verwechseln und Gott nicht für den Oberzauberer halten.

Man kann einen Autounfall, den das Kind miterlebt hat nicht verharmlosen. Man kann auch nicht sagen, hier habe eben Leichtsinn seine Strafe gefunden; oft ist der Unschuldige das Opfer. Wir dürfen Gott nicht als Buhmann mißbrauchen, der das böse Kind bestraft. Aber er ist auch nicht der Prämienverteiler, der es am Ende belohnt, wenn es schön brav ist.

Das Kind soll erkennen, daß die Welt nicht vollkommen ist. Das wird an den Grenzen deutlich, zum Beispiel an Tod und Geburt. Das Kind ist nicht ein Engel und die kindliche Welt ist nicht harmlos und heil. Man kann einem Kind nicht sagen: „Dein Geschwisterchen ist noch ein Engel und wird bald vom Himmel zu uns kommen!“ Die Wirklichkeit ist ja anders, wenn die Mutter dann fort geht in die Klinik. Es empfindet Sorge und Furcht, gemischt mit einem Gefühl der Vorfreude. Es ahnt einen Konkurrenten.

Erst wenn ihm Zuwendung und Interesse der Mutter erhalten bleiben, kann es sich auch dem jüngeren Geschwisterchen unbesorgt und liebevoll zuwenden. Bei der Taufe darf es dabei sein. Es begreift, daß Gott viele Kinder hat und alle liebt. Es lernt verstehen, auch den Lebensanspruch eines anderen zu respektieren. Aber erst später wird es das dann bewußt verstehen.

Die Frage nach Gott wird für das Kind praktisch gelöst durch die Haltung der Eltern. Gott ist keine Formel und Liebe keine Behauptung, sondern die Erfahrung, daß das Gute stärker ist als

das Böse, daß sich Vertrauen mehr lohnt als das Mißtrauen und daß die Zukunft nicht voll Angst, sondern voll Hoffnung ist. Das ist wichtiger als alle Dogmen und Formeln.

Unser Wissen und Denken von Gott ist allerdings immer unzulänglich. Es gibt aber immer Menschen, die der Existenz Gottes gewiß sind und die Notwendigkeit verspüren, davon zu sprechen. Wenn wir von Gott etwas aussagen wollen, dann können wir das nur indirekt: Gott ist da, wo man miteinander Frieden macht, wo man dem Feind vergibt, wo Liebe stärker ist als Gewalt, wo uns Armut, Krankheit und Leid herausfordern, daß wir uns einem Menschen zu werden und uns nicht vor ihm abwenden.

Allerdings kann man Gottes Liebe so wenig wie Gottes Existenz beweisen. Es gibt Argumente gegen sie in großer Zahl: Soziale Unterschiede, Kinder leiden Not, es gibt Schmerz und Krankheit, Haß und Krieg.

Man kann Gott nicht beweisen, sowenig wie man ihn widerlegen kann. Der Zweifel ist so berechtigt wie der Glaube. Können aber zwei Liebende einander wirklich beweisen, daß sie sich lieben? Kann man Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit beweisen? Von uns wird ja kein unkritischer Glaube verlangt, der den Zweifel ausschließt. Selbst wer im Glauben nicht so fest ist, kann doch den Zugang der Kinder zum Glauben offenhalten, eventuell auch gemeinsam mit ihnen suchen.

Später werden sich die Kinder entscheiden. Durch die Offenheit der Haltung wird diese Entscheidung erleichtert werden. Auch das Kind wird zweifeln; wir müssen das respektieren und sogar bejahen. Trostlos ist nicht der Zweifel, sondern die Gleichgültigkeit und die Verdrängung der Frage nach Gott. Wer diese Frage abwehrt, engt den Horizont des Kindes ein und macht es dümmer. Nicht daß wir Fragen haben, sollte uns schrecken, sondern daß wir keine mehr haben. Nur dem der fragt, kann auch Antwort zuteil werden.

Wir dürfen Gott suchen, weil er uns längst gesucht hat (Pascal). So lieben die Kinder, weil sie sich selbst geliebt fühlen. Es lohnt sich auch heute noch, Kinder zu haben und zu erziehen.

Es lohnt sich zu arbeiten und an eine bessere Zukunft zu glauben. Wir wählen nicht den Tod, weil wir immer aufs Neue eine Hoffnung fassen.

Warum tun wir das alles? In solchen Fragen äußert sich unsere Frage nach Gott, selbst in der Form des Zweifels. Auch das Kind soll vor diesen Fragen wissen. Es braucht diese Fragen, die über das Alltägliche hinausweisen. Nur so wird es eine lebenslange Kraft bekommen, die darauf vertraut: Es gibt Zerstörung, aber es ist Heilung möglich, es gibt Unrecht, aber es lohnt sich, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, es herrscht Streit, aber dahinter wartet Frieden, es gibt Schuld, aber wir können uns gegenseitig vergeben und vergeben lassen.

Das soll das Kind auch im Umgang mit dem nächsten Menschen ganz praktisch erfahren. Dann braucht es für den Glauben an Gott nicht vieler Worte. Alle Fragen nach Gott können wir sowieso nicht beantworten. Auch wer an Gott glaubt, fragt immer wieder und zweifelt auch, aber er verzweifelt nicht.

Zusammenfassung:

Das Kind soll in der Geborgenheit bei Vater und Mutter lernen, das Leben zu bejahen. Diese Bejahung ist aber nicht dadurch zu erreichen, daß man die dunklen Seiten des Lebens übersieht oder leugnet. Das Kind erfährt viel mehr dunkle Seiten des Lebens, als die Erwachsenen ahnen. Es hat Angst vor großen Menschen, vor Dunkelheit, vor Neuem und Fremdem. Von Trennung, Veränderung und Katastrophen wird es tiefer erschüttert als die Großen. Würde man das übergehen, ließe man das Kind allein, bis in die Verzweiflung hinein.

Man muß dem Kind helfen, die schweren und dunklen Stunden des Lebens zu überwinden und zu bewältigen. Man muß ihm mitgeben von der eigenen Lebensbejahung, von der eigenen Zuversicht, die für viele Menschen durch Glaube und Gottvertrauen zutreffend ausgedrückt werden. So und nur so kann dem Kind der Zugang zum Glauben geöffnet werden.

 

 

Suche nach Geborgenheit

Religiöse Erziehung ist keine Wissensvermittlung, sondern das Kind macht Erfahrungen mit Gott vom ersten Lebenstag an. Ein Neugeborenes weint; es hat Hunger oder es will trocken gemacht werden. Die Mutter kommt und nimmt es auf den Arm, tröstet es, wickelt es. Das Kind macht die Erfahrung: Es ist nicht allein, es ist einer da, um ihm zu helfen. In der Liebe der Mutter macht es letztlich die Erfahrung von der Liebe Gottes.

Aber keine Mutter ist ganz gut und kein Vater ist ganz vollkommen. Das Kind erwartet, daß die Mutter immer da ist. Es hofft darauf, daß einer da ist, der immer da ist. Das Kind stellt totale Ansprüche. Es hofft auf einen vollkommenen Vater und eine vollkommene Mutter. Diese Hoffnung geht in den Glauben des Menschen ein.

Keinem Kind bleibt das Erlebnis der Einsamkeit erspart. Es hat Angst. Es sehnt sich nach einem, der für es da ist. Wir nennen Gott unsren Vater. Wir könnten ihr genauso unsere Mutter rennen, denn unser Gottesbild orientiert sich mehr an der Mutter als am Vater. In der Bibel ist die Erfahrung niedergelegt: Gott hilft, Gott tröstet, Gott lehrt. Solche Erfahrungen macht auch das Kind mit seiner Mutter.

Kinder sind darauf angewiesen, daß einer für sie da ist. Auch wir Erwachsenen hoffen ebenso auf Hilfe, auf Zuspruch, auf Schutz. Das Bild von Gott wird im Unbewußten durch die Erfahrungen mit den Eltern geprägt. Es besteht die Gefahr, daß diese frühesten Grunderfahrungen verloren gingen.

Wir können sie aber lebendig erhalten, indem wir mit unseren Kindern beten. Wir wissen, wie unzulänglich unsere Liebe und unser Schutz ist. Wir hoffen, daß einer die Kinder beschützen kann, dort wo wir es nicht mehr vermögen. Wie aber beten wir heute mit unseren Kindern? Welche Erfahrung mit Gott machen sie im Gebet?

 

Welche Gebete?

Die meisten Gebete sind nicht in der Lage, eine echte Erfahrung mit Gott aufzutun; sie prägen ein Bild von Gott, das keinen Bestand haben kann. Dazu gehört das Gebet: „Jesuskindchen klein, mach mein Herzchen rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein!“ Dieses Gebet verlangt etwas Unmögliches von dem Kind. Es spendet keinen Trost und keine Zuversicht. Es verlangt von dem Kind, daß sein Herz voll sein soll von dem Jesuskindchen. Soll sein Herz wirklich nicht voll sein von dieser Welt, von dem Vater, von der Mutter, von den Geschwistern, von der gemütlichen Wohnung, von dem warmen Bett, von dem guten Abendessen und von all der Freude und von all dem Leid, das der Tag heute gebracht hat?

Wie soll ein solches Gebet einmal tragfähig sein für alles, was das Leben bringt. Was haben solche Gebete mit Liebe und Zuneigung zu tun? Was hätte ein solcher Gott noch mit dem Leben zu schaffen? Wenn Gott so ist, daß man auf diese Weise mit ihm sprechen muß, dann wollen junge Leute nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Wenn wir mit ganz kleinen Kindern beten, dann versteht das Kind natürlich noch nichts; aber es spürt unsre Nähe und fühlt sich geborgen. Später begreift es, daß die Eltern sich einem zugewendet haben und ihm „danke“ und „bitte“ sagen. Dieser andere ist mächtig zum helfen und wendet sich nicht nur den Eltern hilfreich zu, sondern ist auch für das Kind selbst zuständig.

Es ist ungeheuer wichtig, daß etwa der Vater abends vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde Zeit für die Kinder hat. Sie erfahren: Wir gehören zusammen, auch wenn wir manchmal verschiedener Meinung sind. Jedes Kind fühlt sich angenommen und geliebt. Keines fühlt sich benachteiligt. Die Kinder sind glücklich, einen solchen Vater zu haben.

Wir nennen Gott unseren Vater. Was soll ein Kind sich unter Gott vorstellen, wenn es nicht gute Erfahrungen mit dem eigenen Vater gemacht hat. Im Gebet macht das Kind die Erfahrung: Gott ist der große Andere, der man nicht sehen und nicht greifen kann und der doch da ist.

Deshalb können wir beten: „Großer Gott, hab deine Monika lieb!“ Später wird das Kind beten: „Großer Gott, deine Monika hat dich lieb!“ Nur wenn das Kind spürt: Meine Eltern haben mich lieb, wir gehören zusammen, kann es das Vertrauen gewinnen, daß Gott es auf die gleiche Weise liebhat.

Zeigen wir ihnen, wie man beten kann, dann finden sie auch spontane Ausdrucksformen: „Lieber Gott, das Wochenerde war sehr schön. Behüte uns und unsere Lieben, daß uns in der Schule nichts passiert und daß wir alle gut nach Hause kommen!“ - „Lieber Gott, ich bitte dich, daß ich recht gute Zeugnisse bekomme und gut lesen kann und gut schreiben kann und gut rechnen kann. Ich bitte dich um Sonnenschein, damit es draußen wieder einmal richtig heiß wird!“- „Lieber Gott, hilf, daß Silvias Mutter wieder gesund wird und nicht wieder so schnell krank wird!“

Es kommt darauf an, daß wir die Situation des Kindes ansprechen. Es soll nicht lernen, daß es stillhalten und verzichten kann, sondern das Gebet soll Ausdruck dafür sein, daß es Interesse daran hat, sich mit Gott in Beziehung zu setzen. Es soll keine Pflichtübung für das Kind sein, sondern es soll Ausdruck dafür sein, daß das Kind von sich aus zu Gott sprechen will, daß das Kind weiß: Alles was für es selbst wichtig ist, ist auch für Gott wichtig, und alle, die es liebhat, hat auch Gott lieb. Gott soll wissen: Das Kind hat gespielt, es hat gestaunt, es hat sich weh getan, es hat geweint. Gott soll alles wissen, was das Kind angeht. Er soll nicht gleichgültig bleiben.

Wenn wir der Alltag mit in unser Gebet einbeziehen, dann lernen die Kinder, sich Gott mitzuteilen. Sie erfahren, daß Gott an allem Anteil nimmt. Die ganze Unmittelbarkeit der Kinder kommt dabei heraus, oftmals zum Vergnügen der Eltern: „Lieber Gott, vielen Dank für das große Kaufhaus!“

In Kinderbriefen an Gott heißt es: „Mein kleiner Bruder ist vier Jähre alt. Bitte sorg doch dafür, daß er endlich aufhört, mich ständig zu ärgern, sonst explodiere ich!“ - „War es für dich auch so schwer, als du das Einmaleins lernen mußtest? Gibst es da keinen anderen Weg? Ich weiß, daß du mich verstehst. Darum schreibe ich an dich. Herzlichst dein Thomas!“

Gott hat aber auch etwas mit der ganzen großen Welt zu schaffen, mit Geburt, Krankheit und Tod, mit Hunger, Einsamkeit und Verlassenheit. Auch diese Erfahrungen macht das Kind schon sehr früh. Und es muß lernen, diese Erfahrungen mit ins Gebet hineinzunehmen: „Großer Gott, hab mich lieb, hab den Vater und die Mutter lieb und auch das Kindchen in Mutters Bauch!“ - „Gott, unser Großvater ist tot. Wir haben Abschied von ihm nehmen müssen. Bitte, bleib du bei ihm und vergiß ihn nicht. Wir haben ihn sehr lieb gehabt!“ -„Lieber Gott, Autos sind schön!“(nach einer Fahrt über die Autobahn). „Beschütze den Kater in der Nacht, wenn er draußen herumspaziert, damit ihm kein Hund etwas tut“"

Wir sollten den Kindern helfen, alle wichtigen Vorfälle des Tages im Gebet auszusprechen. Auch Streit und Zank sind Anlaß, mit Gott darüber zu sprechen. Gott soll auch das wissen. Aber es geht nicht so wie im folgenden Beispiel: „Guter Gott, unsere Kinder haben heute einen großen Streit gehabt. Markus hat unsere Gisela getreten. Sie hat eine schwere Wunde am Bein. Gisela mußte zum Arzt. Jetzt ist Markus traurig. Er hat ja seine Schwester lieb. Bitte zeige du unseren Kindern, daß du ihnen die Füße nicht zum Treten gegeben hast, sondern damit sie den Weg zu dir laufen können. Denn du wartest ja auf uns und hast uns alle lieb. Amen!“ Das ist etwas zu sehr vom Erwachsenen her formuliert und zu moralisch. Das Gebet darf nicht mißbraucht werden zu Erziehungszwecken.

Selbst Streit und Zank brauchen wir vor Gott nicht zu verbergen. Im Gebet heißt es: „Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an!“ Aber die Kinder müssen sich doch auch zur Wehr setzen. Sie können nicht immer lieb und freundlich zueinander sein. Aber am nächsten Tag vertragen sie sich wieder miteinander. Im Gebet kann man da kein Strafgericht inszenieren. Gott ist kein Polizist, der für Ruhe und Ordnung zu sorgen hat. Aber er hat etwas mit dem Lieben und dem Verzeihen zu tun.

Wenn die Eltern untereinander Streit haben, dann entsteht bei dem Kind ein Gefühl der Unsicherheit. Diese Angst müssen wir unbedirgt im Gebet ansprechen „Lieber Gott, die Eltern sind böse aufeinander. Ich habe Angst. Ich habe sie beide lieb. Sie sollten einander wieder gut sein. Ich habe sie doch beide nötig. Sie sollen sich vertragen. Mach, daß wieder Friede bei uns ist und ich mich nicht mehr fürchten muß!“ (auch wieder zu pädagogisch).

Überhaupt fürchten sich die Kinder oft. Kein Kind ist immer tapfer und wohlgemut. Jedes Kind hat oftmals am Tag Trost und Zuspruch nötig. Die Angst wächst ins Riesengroße, wenn niemand da ist, der die Angst vertreibt. Mit der Zeit lernt das Kind, daß Gott ihm nahe ist, auch wenn Vater und Mutter nicht da sind. Alles Leid darf das Kind vor Gott aussprechen, auch eine körperliche oder geistige Behinderung: „Viele Leute sagen, ich sei nicht schön. Ich möchte so gerne schön sein und den Leuten gefallen. Lieber Gott, hilf mir, schön zu sein!“ (Besser wäre: nicht auf solche Reden zu hören. Aber das ist eher ein Gebet, das das Kind ohne Gegenwart der Eltern spricht. Diese können es aber dazu anleiten).

Das Kind soll erfahren: Gott nimmt an allem Anteil. Niemand ist für Gott unwichtig. So kann das Kind lernen, Anteil an dem anderen Menschen zu nehmen. Es soll nicht unbekümmert an der Tat eines anderen Menschen vorbeigehen. Das lernt es zuerst am Gebet. Aber das Gebet allein genügt nicht, um Anteil zu nehmen. Es ist auch aufgerufen, tatkräftig zu helfen, so gut es eben kann.

 

Die Eindrücke der frühesten Kindheit wirken gestaltend auf das ganze fernere Leben des Menschen. Darum ist es so wichtig, daß die Kinder als frühesten Eindruck das Bild der betenden Mutter in ihre Seele aufnehmen. Die Erziehung zum Gebet beginnt schon, wenn

zwei Menschen Eltern geworden sind und Gott dafür danken. Spätestens wenn das Kind aus der Klinik im Haus ist, betet die Mutter (wenn der Vater schon zu Hause ist, dann gemeinsam) über ihrem Kind ein Abendgebet.

Natürlich versteht das Kind noch nichts von diesem Geschehen. Aber in Glaubensdingen muß man auch nicht gleich alles „verstehen“. Aber wenn das Kind dann zum Bewußtsein erwacht, dann gehört das Gebet einfach mit zum Leben dazu. Das größer werdende Kind faltet ganz von selbst die Hände und spricht bald selber ein kleines Gebet mit. Zunächst übernimmt es nur von den Erwachsenen. Aber es soll ja auch einmal zum eigenen Gebet hinfinden. Kinder reifen am stärksten an den Dingen, die sie zunächst nur zum Teil verstehen. Man muß ihnen alles immer ein bißchen mehr anbieten und sollte sich nicht wundern, wenn manchmal allzu kindliche Fragen dabei auftauchen.

 

Welche Gebete verwenden wir? Formuliertes Gebet

(1) „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm!“ Nur führt dieses Gebet leicht zu dem Mißverständnis, als sollte das Kind gleich wieder zu seinem himmlischen Vater zurückkommen. Aber die Eltern wollen es doch noch behalten und großziehen.

 (2) „Ich bin klein, mein Herz mach (!) rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein!“ Das führt einmal zur Frage: „Ist mein Herz denn schmutzig?“ Aber auch zu Einwänden wie: „Aber ihr sollt doch alle drin wohnen, auch Karo und alle meine Spielsachen!“ oder: „...soll niemand drin wohnen als Lehmanns allein. Lehmanns neue Wohnung. Amen!“ Vielleicht kommt auch der Einwand: „Ich bin doch jetzt schon groß!“ Eine kleine Babette hat einmal gesagt: „Wer ist das - Jesus? Den kenn ich doch gar nicht, der soll nicht in mein Herz hinein, ich will ihn da nicht drin haben!“

(3) „Breit aus die Flügel beide!“führt zu der Frage: „Wer ist der Satan?“ Ein Mädchen hat hier gebetet: „Dies Kind soll unser letztes sein!“

(4) „Wie fröhlich bin ich aufgewacht, wie hab' ich geschlafen so sanft die Nacht. Hab Dank im Himmel du Vater mein, daß du hast wollen bei mir sein. Behüte mich auch diesen Tag, daß mir kein Leid geschehen mag!“ Dieses Gebet ist für Kinder leicht verständlich.

 (5) „Die Frösche und die Hasen, die Tiere groß und klein, die sind wie ich jetzt müde und schlafen alle ein. Ich bitte dich, du lieber Gott, behüt mich heut in dieser Nacht, wie du es auch am Tag gemacht“.

(6) „Wir haben gespielt und gelacht, der Tag hat uns viel Freude gemacht. Bleib bei uns, Heiland, auch in dieser Nacht, wir danken dir für deine Wacht!“

(7) „Schon glänzt der goldne Abendstern, gut Nacht, ihr Lieben nach und fern, schlaft ein in Gottes Frieden. Die Blume schließt die Äuglein zu, der kleine Vogel geht zur Ruh, bald schlummern alle Müden. Du aber schläfst und schlummerst nicht, dir, Vater, ist das Dunkel licht, dir will ich mich vertrauen. Hab du uns alle wohl in acht, laß uns nach einer guten Nacht die Sonne fröhlich schauen. Amen!“

 

Freies Gebet

Am besten ist es, wenn man nach den fest formulierten Gebeten noch zu einem freien Gebet anleitet. Zunächst kann man fragen: „Wofür willst du dem lieben Gott heute danken?“ - „Ich danke dem lieben Gott für die Sonne, für die Wiese. Und Autofahren und für den Teddy. Für Mami, Papi und Jan!“ Dann geht es weiter: „Wofür willst du bitten?“ - „…daß die Omi wieder gesund wird und meine Puppe. Und einen schönen Traum mit Schutzengel. Amen!“

Dieses tägliche ungebundene Gespräch mit Gott kann dann auch später fortgesetzt werden, wenn die Kinder groß sind. Das ganze Leben mit seinen Alltäglichkeiten gehört ins Gebet hinein.

Man kann auch zunächst „dem lieben Gott erzählen“, was am Tag gewesen ist. Nur sollte das nicht zu einer Moralpredigt von seiten der Eltern benutzt werden. Aber dem Kind würde dann deutlich, daß sein Tag unter den Augen Gottes verläuft. Der Abschluß wäre dann ein fest formuliertes Gebet.

Wenn die Kinder Fragen haben, kann man ihnen natürlich auch antworten. Schon das kleine Kind begreift, daß böse Gedanken das Herz unrein machen. Schwieriger ist es allerdings schon, den Satan zu erklären. Und natürlich kann man auch sagen: „Wir wollen schon alle in deinem Herzen sein; aber der Herr Jesus darf dabei nicht fehlen!“

Die Gebete müssen dem Alter des Kindes angepaßt sein. Vorbild ist folgende Einteilung: Das Mädchen in der Reifezeit betet „Schaffe in mir Gott ein reines Herz...“, der elfjährige Junge das Vaterunser und das ganz kleine „Herr Jesus, Amen!“ und der Fünfjährige betet: „Ich bin klein…“.

 

Vorbild:

Häufig wissen schon Kinder im Alter von 7 bis 8 Jahren nichts mehr mit den Kindergebeten anzufangen. Aus den Kindergebeten wächst man eben heraus wie aus Kinderkleidern. Wenn sie aber dann die Erwachsenen auch nicht beten sehen, geben sie das Beten auf. Wenn weder Vater noch Mutter, weder Großvater noch Großmutter, weder Tanten, Nachbarn und Freundinnen jemals etwas von Jesus erzählen, wie soll dann Babette diesen wildfremden Jesus in ihr Herz hineinlassen? Dann noch lieber den Postboten, der immer seine Späße mit ihr treibt. Vielleicht würde ihr aber schon eine Geschichte helfen, die die Mutter erzählt. Oder ein Buch mit biblischen Geschichten. Dann würde ihr dieser Jesus bekannt. Sie verlöre auch die allzukindlichen Vorstellungen von Gott (alter Vater).

Ein Kind, das von zuhause das Beten gewohnt ist, wird auch im Krankenhaus vor dem Essen und abends beten. Es geht hier auch einfach um eine christliche Lebensordnung. Das Gebet des Kindes darf nicht isoliert sein von dem übrigen Leben im Haus. Das gemeinsame Tischgebet, die schlichte Morgen- oder Abendandacht, ein Morgenlied, der gemeinsame Kirchgang, die Feier des Sonntags, wird das Kind im Glaubens- und Gebetsleben stärken.

 

Gebetsordnung:

Es ist falsch, das Kind allein beten zu lassen, „weil das so niedlich ist“ und so kindlich! Ein so verstandenes Gebet wird das Kind aufgeben, wenn es ablegt, was kindlich ist. Sie Mutter hat es ja auch aufgegeben und es nur für die Kinder wieder angenommen. Doch wenn bei den Erwachsenen nichts dahinter steht, soll man es lieber sein lassen. Das Kind muß zu Hause in seinem Kinderglauben getragen werden, sonst geht es seelisch zugrunde. Es braucht die Hilfe der Erwachsenen, damit es glauben kann.

Von den Erwachsenen soll es lernen, daß man zum Gebet stille wird, die Hände faltet, ordentlich und langsam spricht und keine Hast dabei hat. Das Gebet ist kein schauspielerischer Akt, der dem Besuch (Pfarrer!) vorgeführt wird. Das Beten ist auch kein Muß, sondern das Kind darf beten, und zwar regelmäßig und mit den Eltern.

Die günstigste Zeit ist vielleicht der Abend, weil am Morgen die Kinder oft eher als die Eltern aufwachen und dann gleich die Hast beginnt. Aber die paar Minuten am Abend, wenn das Kind zur Ruhe kommt, sollten sich kein Vater und keine Mutter nehmen lassen. Ein Kind, das abends still gebetet hat, wird dann auch ohne Angst ruhig einschlafen.

 

Gebetsinhalt:

Ein Kind verfällt leicht in magisches Denken: es sieht in Gott einen Zauberer, den man mit dem Gebet beeinflussen kann, besonders wenn man noch ein Versprechen damit verbindet. Die Eltern müssen hier rechtzeitig falsche Vorstellungen abbauen und dürfen auf keinen Fall mit Strafen drohen, wenn das Beten einmal unterlassen wurde.

Kinder beten auch oft um ganz äußerliche Dinge, weil sie Gott einfach vermenschlichen. Doch sie müssen einfach auch die Erfahrung machen, daß Gott nicht alle Gebete erhört. Luther hat einmal gesagt: „Geschieht nicht, was wir bitten, geschieht, was besser ist!“ Kinder begreifen das noch eher als Erwachsene, denn sie erleben es ja auch sonst, daß ihnen die Eltern nicht alle Bitten erfüllen, weil sie es besser wissen. Deshalb sollten Eltern nicht versuchen, um jeden Preis die im Gebet ausgesprochenen Wünsche von sich aus zu erfüllen, weil damit die Vorstellung vom Gebet in falsche Bahnen gelenkt würde.

Zunächst sollte man die Kinder zum Dank anhalten und dem Kind begreiflich machen: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn! Dann werden sie auch leicht zur Fürbitte bereit sein, wenn ein Geschwisterchen geboren ist, das ja noch nicht selber beten kann. Aber auch sonst ergeben sich Anlässe, für Verwandte und Freunde zu beten. Außerdem sind solche freien Gebete ein Schutz gegen Erstarrung.

Wenn das Kind aber dann in die Vorpubertät tritt, zieht es sich ganz von selber in sich zurück. Er hat viel mit sich selber abzumachen, aber wenn es daran gewöhnt ist, wird es auch weiter alle Angelegenheiten vor Gott bringen. Nur will es dabei ganz ohne menschliche Zeugen sein. Die Eltern können dann nur noch fragen, ob das Kind sein Gebet nicht vergessen hat, bis das Kind die Verantwortung für das Gebet selber übernimmt. Später gibt es dann höchstens noch eine seelsorgerliche Beratung.

Manchmal kann allerdings auch schon ein Kindergebet zu einer Beichte werden Auch diese Beichte gehört dann nicht den Eltern, sondern allein Gott. Auf keinen Fall sollen Ermahnungen oder gar Strafen folgen. Vielleicht können die Eltern sogar sagen: „Ich brauche nicht alles zu hören, was du Gott sagen willst. Aber Gott mußt du alles sagen!“ So wird eine echte Gewöhnung an das Gebet entstehen und das Kind weiß: Ich muß und kann Gott alles sagen, alles Schöne und alles Schwere, was ich mir wünsche und was mir leid tut - alles!

 

 

Gebetserziehung:

Die Wiederkehr der Strophe und der Rhythmus sind für das Kind wichtig. Die kindliche Entwicklung lebt von der Wiederholung: desselben Liedes, derselben Geschichte, desselben Spiels, derselben Puppe, derselben Bezugsperson. Für das größere Kind und den Erwachsenen hat das Moment der Wiederholung schnell etwas Ermüdendes: Aber für die Individualität des Kleinkindes ist es aufbauend und stärkend. „Das kleine Kind sucht den Lebensrhythmus. Und nur so kann es auch mit dem Gott reden, von dem es gehört hat.“

Wenn hier für kleine Kinder zunächst geformte Gebete vorgeschlagen werden, so soll damit nicht das freie Gebet in den Schatten gestellt werden, in dem wir vor Gott aussprechen, was

uns besonders bewegt, und in dem die Kinder selbst aktiv werden können.

Wir halten es in unserer Familie meistens so daß wir an ein geformtes Gebet frei den Dank für ein schönes Erlebnis oder eine besondere Bitte (etwa für einen kranken Menschen) an schließen. Das tun die Kinder, einmal daran gewöhnt, ganz von selbst.

Nur in freier Form zu beten, wird vielen schwer fallen. Können wir immer neue Worte finden für das Danken, Bitten und Loben? Manchmal ist es schwer, sich richtig auszudrücken, oder wir sind müde, und das, was uns einfällt, erscheint uns zu banal. Dann sollten wir uns vor einem geformten (was nicht heißen muß: gereimten) Text, dessen Inhalt uns nachvollziehbar ist, nicht scheuen.

Das Beten der Kinder erwächst im günstigsten Fall aus dem Gebet der Eltern. Und den Eltern, die den ersten Schritt erst einmal wagen, hilft die Unbefangenheit und Arglosigkeit der Kinder zum Gebet mit ihnen und für sie. Ein Kind, das sieht, wie seine Eltern beten, wird ihnen das zunächst ohne Frage nachtun. Denn für kleine Kinder ist das Dasein Gottes, wenn wir es ihnen verbürgen, etwas Selbstverständliches. Auch beim Beten geht es nicht ohne Üben. Wenn wir uns nicht daran gewöhnen zu beten, können wir auch keine Erfahrungen damit sammeln, können unsere Gebete nicht wachsen und reifer werden.

Manche Eltern werden sich vielleicht fragen, oh ihr Kind nicht manipuliert wird, wenn man mit ihm betet. Drängt man ihm da nicht etwas auf, was ihm fremd ist? Bekommt es vielleicht

ein falsches Bild von Gott? Soll es sich nicht lieber später selbst entscheiden? Es ist schon so, wir sind nicht sicher davor, in unserer Erziehung Fehler zu machen, auch in der Gebetserziehung. Es wäre aber Unsinn, aus Angst vor Fehlern lieber gar nicht mehr erziehen zu wollen. Man soll ja aus Schaden klug werden. Deshalb hören wir (hoffentlich) nicht auf, nach Formen zu suchen, in denen es uns möglich ist, den Kindern das zu vermitteln, was uns wertvoll und heilig ist.

Wir prägen und beeinflussen unsere Kinder ohnehin durch das, was wir ihnen vorleben. Und wir kommen nicht umhin, vieles stellvertretend für sie in die Wege zu leiten, zum Beispiel das Lernen eines Instrumentes. Das muß so sein, denn Kinder brauchen die Orientierung an - wie auch immer gearteten - Vorbildern, die wir für sie abgeben. So lernen sie, sich in der Welt zurechtzufinden. Sicher entscheidet sich jedes Kind später selbst. Aber das, was wir ihm mitgeben, wird bei dieser Entscheidung auf seine Weise ins Gewicht fallen.

 

Zur Glaubenserziehung im Vorschulalter:

Es ist seit langem bekannt, daß sich die ersten Lebensjahre stark prägend auf das ganze Leben eines Menschen auswirken. Ja, schon die Zeit der Schwangerschaft bleibt nicht ohne Einfluß auf die spätere Entwicklung des Kindes. Ein Kind, das erwünscht geboren wird und dessen Eltern die Erziehung des Kindes als sinnvolle und vorrangige Aufgabe betrachten, hat bessere Chancen für eine gute psychische Entwicklung.

Im Hinblick auf die religiöse Erziehung sind die in der Bibel angeführten Vergleiche Gottes mit dem Verhalten menschlicher Eltern (zum Beispiel „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ oder „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt ...“) nicht nur ehrenvoll, sondern auch in hohem Maße verpflichtend. Es wird einem Menschen viel leichter sein, den Begriff der Gotteskindschaft zu erfassen, wenn er aus der eigenen Kindheit entsprechende positive Erfahrungen mitbringt.

Hier fällt dem Säuglingsalter eine große Bedeutung zu: Die opferbereite Liebe einer Mutter, die tags und nachts für ihr Baby da ist, schafft die Grundlage für das Urvertrauen des Menschen. Der menschliche Säugling als sogenannte „soziale Frühgeburt“ befindet sich in einem Zustand totaler Abhängigkeit. Eine psychisch gesunde Mutter reagiert instinktiv auf das Schreien ihres Kindes und hat das dringende Bedürfnis, die Ursache des Mißbehagens zu beseitigen. Vordergründig „ruft“ das Baby nach Geborgenheit und Nahrung. Beim Stillen (nach Bedarf und nicht nach Uhrzeit) werden beide Bedürfnisse erfüllt.

Leider habe ich allzuoft von auf Ordnung und Strenge bedachten Eltern gehört: „Drei Nächte hat das Neugeborene geschrien, dann gab es Ruhe!“ Das ist das Schweigen der Resignation: „Mein Rufen wird ja doch nicht gehört!" Eine solche Haltung der Eltern ist unbarmherzig, die Folge kann für das Kind eine resignierende Lebenseinstellung mit mangelnder Erfolgszuversicht und fehlendem Urvertrauen sein. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe kirchlicher Mitarbeiter, potentiellen (Junge Gemeinde) und werdenden Eltern diesen Gedanken der verantwortungsbewußten opferbereiten Mutterliebe nahe zu bringen, wobei die Väter berufen sind, der Mutter durch Abnahme anderer Pflichten und moralische Unterstützung die Voraussetzungen für ihre wichtige Aufgabe zu schaffen.

Tiefenpsychologisch befindet sich der Säugling in der Phase des „Es“, d. h. er erlebt sich noch nicht abgehoben von der Umwelt als Person, sondern empfindet sich mit der Umwelt als Einheit - ein Zustand, den wir kaum nachempfinden können. Weiterhin wird die Säuglingszeit unterteilt: In der Mundphase (1. bis 3. Lebensmonat) ist das zupackende Saugen beim Stillen dominierend. Vom 3. bis 6. Lebensmonat erstreckt sich das Schaualter.

Die Kinder wenden sich äußeren Reizen zu - Horchen und Schauen. Sie lauschen gern der Stimme der Mutter; schön ist es, wenn sie ein Volkslied oder einen Choral singt. Die beruhigende Wirkung entsprechender Lieder konnte experimentell nachgewiesen werden. Die sogenannte Greifphase vollzieht sich im 6. bis 12.Lebensmonat. Das Kind beginnt jetzt seine Umwelt aktiv zu erobern durch Zupacken, Beißen, Belutschen. Spätestens jetzt hat sich ohne Zwänge ein fester Tagesablauf eingeschliffen.

Wir singen dem Kind abends am Bett ein Schlaflied und sprechen ein kurzes kindgemäßes Abendgebet. Wenn es dann etwa ab 9. Lebensmonat im Kinderstühlchen an den Mahlzeiten der Familie teilnimmt, lernt es allmählich neben anderen Tischsitten auch das Tischgebet kennen. Die Gewöhnung an bestimmte Abläufe und Regelmäßigkeiten spielt im gesamten Vorschulalter eine große Rolle. Erklärungen warum und weshalb sind nicht nötig; das Kind wird zum richtigen Zeitpunkt danach fragen.

Ein religiöser Brauch, der mir gerade für die Säuglingszeit, aber auch für die weitere Kindheit sehr wesentlich erscheint, ist das Segnen des Kindes mit dem Kreuzeszeichen. Für mich als Mutter hat es die Bedeutung, daß ich damit mein Kind ganz bewußt Gott anvertraue. Schon im 10. Lebensmonat zeigen sich meist erste Anzeichen einer neuen Entwicklungsphase, die sich bis zum 5. Lebensjahr mit dem Höhepunkt um den 3. Geburtstag ausdehnt: Langsam bildet sich das Ich des Kindes heraus: Dies offenbart sich nach außen hin vorwiegend in der oft recht stürmischen Äußerung eigenen Willens. Allgemein wird vom „Trotzalter“ gesprochen. Die überschießenden, bockigen Willensäußerungen zeigen sich besonders intensiv gegenüber der festen Bezugsperson (Mutter!).

Gerade sehr liebevolle Mütter reagieren, wenn sie unvorbereitet diese Phase erleben, mit Verunsicherung bis Entsetzen. Das geliebte Wesen, mit dem sie eine seelische Einheit bildete, wendet sich plötzlich in aggressiver Weise gegen sie. Aber diese erste Lösung (die ihre Vollendung in der Pubertät findet) von der festen Bindung ist geradezu lebensnotwendig und muß mit viel Verständnis durchgestanden werden.

Bis zum gewissen Grade gibt hier der Eltern-Gott-Vergleich erzieherische Hinweise: Das Kind soll viel freien Willen haben, andererseits müssen aber unumstößliche Grenzen gesetzt werden, zum Beispiel wo Gefahr für Leben und Gesundheit droht, wo der Freiraum anderer oder die soziale Ordnung gestört werden. So entsteht, ähnlich wie bei unserem Verhältnis zu Gott, einerseits die Freiheit zur persönlichen Entfaltung, andererseits das Gefühl der Sicherheit: „Die Eltern sind stärker und mächtiger als ich. Ich kann nicht mit ihnen machen, was ich will. Also können sie mir auch Schutz bieten!“

Weiterhin spielt die Gewohnheit eine wichtige Rolle. Ein psychologisches Phänomen, das seinen Höhepunkt am Ende des zweiten Lebensjahres hat, macht das besonders deutlich: Kinder dieses Alters können hochgradig irritiert reagieren, wenn gewohnte Vorgänge, so zum Beispiel die Reihenfolge des Ankleidens, das Zurücklegen eines täglichen Weges, hygienische und soziale Gewohnheiten, einmal anders ablaufen. Bald schon wird das Kind selbst an das Lied und Gebet am Morgen oder Abend erinnern.

Die Teilnahme an religiösen Handlungen ist in diesem Alter sehr wichtig, so zum Beispiel am gesprochenen oder gesungenen Tischgebet und am Kirchgang. Auch in Gemeinden, in denen kein Kindergottesdienst gehalten wird, sollten schon die Kleinsten mit in den Gottesdienst genommen werden. Wir brauchen uns nicht zu scheuen, unser Kleinstkind mit dem Sportwagen in die Kirche zu fahren und dort im Gang neben dem Platz der Mutter aufzustellen. Besonders die liturgischen Gesänge. aber auch die Choräle, sprechen Kinder in diesem Alter sehr an.

Die Predigt wird ihnen langweilig; es ist daher zweckmäßig, für geräuscharme Unterhaltung (Schnuller, Bilderbuch, Bindfaden, Brötchen, Kekse usw.) zu sorgen. Empfehlenswert sind die hinteren Kirchenplätze, denn es wird unter Umständen auch einmal unumgänglich sein, daß Mutter oder Vater mit dem schreienden oder störenden Kind schnell und wenig auffällig den Raum verläßt. Bei aller Kinderfreundlichkeit ist gegenseitige Rücksichtnahme angebracht.

Auch ein allerliebst, aber zu laut plapperndes Kind stört den aufmerksamen Predigthörer. Im Sinne obengenannter Erziehungsrichtlinien setzt man den Kindern Grenzen. Vor jedem Gottesdienstbesuch muß es die Verhaltensregeln neu hören, zum Beispiel „Wenn du etwas sagen willst, dann ganz leise in mein Ohr. Du darfst mitsingen, mußt aber beim Beten und wenn der Pfarrer redet, still sein.“ Kinder, die sonst ausreichend Bewegungsfreiheit haben, können meist auch einen Gottesdienst still durchhalten. Ist es nötig, mit dem Kind wegen einer unabstellbaren Störung den Raum zu verlassen, tut man das kommentarlos, keinesfalls mit strafenden Worten oder Gesten.

Vielerorts gibt es Christenlehre für Vorschulkinder. Andernfalls wäre es günstig, kleinere Kinder in die Stunden der ersten Klassen mit aufzunehmen. Die Erfahrung der „Gemeinschaft der Heiligen" ist auch schon für kleine Kinder sehr bedeutsam. Keinesfalls aber dürfen Kinder zu solchen Kinderveranstaltungen und zur Teilnahme am Kindergottesdienst gezwungen werden. Ein Kind, das noch sehr muttergebunden ist, bleibt bei der Mutti oder geht mit ihr, bis es so viel gute Erfahrungen und Anschluß an andere Kinder gefunden hat, daß es ohne Ängste allein in der Kindergruppe bleibt.

Für das religiöse Verständnis der Zwei- bis Fünfjährigen spielt das für dieses Alter tvpische Weltbild eine bedeutsame Rolle. Wir sprechen vom Märchenalter oder vom magischen Weltbild. Die Kinder hören schon mit etwa eineinhalb Jahren gern Geschichten. Es kann viele Male das Gleiche sein. Sie brauchen die Symbolfiguren der Märchen für ihr Weltverständnis dringend als Verkörperung von Böse (zum Beispiel Wolf) und Gut (zum Beispiel Fee), von Macht und Größe (Zauberer, König) usw.

Wir erzählen - das ist besser als Vorlesen, weil wir dabei individuell auf die Kinder eingehen können - auch von Jesus. Wenn die Kinder die biblischen Gestalten in ihre Märchenwelt einordnen, dürfen wir sie nicht enttäuscht korrigieren. So war für unsere Kinder beispielsweise Jesus der Allergrößte, nämlich der größte Riese. Mit dem Übergang in neue Entwicklungsstadien ändern sich diese Vorstellungen von allein.

Bei den formulierten Gebeten ist es zweckmäßig. eine wiederkehrende Auswahl zu treffen. „Müde bin ich ...“ ist zum Beispiel ein Gebet. das bis ins Erwachsenenalter aktuell und hilfreich sein kann. Je nach individuellem Entwicklungsstand (mit etwa 1½ bis 2 Jahren) kann mit freien Gebeten begonnen werden. Die Kinder beteiligen sich gern daran, und es ist erstaunlich, manchmal sogar beschämend. was so kleine Kinder an Dankenswertem finden und an wen sie fürbittend denken.

Es kommt gelegentlich auch vor, daß sie ins Albern geraten. Dann ist es zweckmäßig, nach erneuter freundlicher Erklärung, wie man sich beim Gebet verhält (nicht zappeln und wackeln, nicht kichern und kaspern, denn wir reden mit Gott), für einige Zeit wieder formulierte Gebete zu sprechen. Oft verlangen die Kinder dann selbst wieder nach dem freien Gebet. Unsere Kinder sagen: „Wir wollen danken beten!“.

In allen Altersstufen ist es wichtig, religiöse Vorstellungen nicht zu Strafzwecken zu mißbrauchen, etwa in Vorhaltungen wie: „Wenn das der liebe Gott sieht, dann ...“. Auch Zwang ist völlig fehl am Platz und kann einem Menschen die Religion für's ganze Leben verleiden (leider stammen viele „berühmte“ Atheisten, zum Beispiel Nietzsche, aus Pfarrhäusern). Das Beispiel ist wirksamer als der Zwang. Als verfrüht und verfehlt muß es auch angesehen werden, wenn kleine Kinder gedrängt werden, sich im Sinne der Nächstenliebe abgebefreudig und hilfsbereit zu verhalten. Gerechtes Teilen ist sinnvoll, doch das noch im Werden befindliche Ich kann keine Opfer bringen. Wenn die Eltern im Alltag eine ehrfürchtige, mitmenschliche und barmherzige Haltung praktizieren. ist dieses Vorbild wesentlicher als alle Ermahnungen.

Auch stellt es eine Überforderung dar, von Kindern dieses Alters „Wahrheit“ zu verlangen. Das magische Weltbild ermöglicht keine Realitätskontrolle. So gibt es häufig Phantasielügen und Tatsachenverdrehungen, die nicht korrigierbar sind. In solchen Fällen sollte nicht mit Strenge Wahrheit gefordert werden. Erst im Grundschulalter muß in liebevollem Verstehen die Fähigkeit geübt werden, zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu unterscheiden.

Im fünften bis siebenten Lebensjahr vollziehen sich weitere wichtige Entwicklungsschritte. Das Kind erlebt sich nun nach abgeschlossener Ich- Entfaltung erstmalig als außenstehender Beobachter. Die Entdeckung dieses Alters: „Ich bin ein Junge, werde ein Mann wie der Vater und heirate eine Frau wie die Mutter!“ bzw.: „Ich bin ein Mädchen ...“ begründet das Einleben in die eigene Geschlechtsrolle mit entsprechenden Verhaltensweisen (Verehrung des gegengeschlechtlichen Elternteils). Tiefenpsychologisch wird von der ödipalen Phase gesprochen.

Gutes elterliches Vorbild spielt jetzt naturgemäß eine besondere Rolle. Auch entwächst das Kind jetzt langsam der Märchenwelt und entwickelt ein Weltbild, das wir als phantastischen Realismus bezeichnen. Phantasie und Wirklichkeit mischen sich noch, erst im Schulalter wird mit dem naiven und kritischen Realismus das Märchenhafte völlig abgestreift. Meist entdecken Kinder in diesem Alter von selbst, daß es Menschen gibt, die nicht an Jesus glauben. Wir sprechen mit dem Kind öfter darüber (nicht abwertend!) und können ihm schon erklären, daß es vieles gibt, was unsichtbar und doch wirksam existiert, zum Beispiel die Luft, die wir atmen. In diese Zeit fällt auch das zweite Fragealter mit den vielen „Warum?“ (Das erste Fragealter mit 1 ½ Jahren: „Is'n das?“). Oft gibt es Fragen, die uns zum Nachdenken bringen oder uns staunen lassen über die Gedankenwelt der Kinder. Es ist nicht immer leicht, dem Alter und der Entwicklung entsprechende Erklärungen zu geben. Jede Frage muß beantwortet werden. Dort, wo es der 'Tatsache entspricht, auch mit einem: „Ich weiß es nicht“ oder „Wir wollen Frau/Herrn ... fragen, die/der kennt sich da aus.“

Wie bei aller Erziehungsarbeit müssen und dürfen wir Gott vertrauen, daß er aus unserem unvollkommenen Wirken Gutes erwachsen läßt, aber wir sollen im Sinne von „Bete und arbeite“ unsere Kraft und Kenntnisse einsetzen (Angelika Erbe).

 

Biblische Geschichte:

Kinder fragen nach dem Anfang: „Wo bin ich hergekommen? Wie hat alles einmal angefangen?“ Deshalb kann man ihnen auch schon die Schöpfungserzählungen der Bibel erzählen. Allerdings muß man sich hüten, sie als naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht hinzustellen. Es soll aber deutlichwerden: Gott ist gut zu den Menschen, er sorgt für sie, er hat ihnen die Welt zur Freude gegeben. Manche Theologen meinen allerdings, daß bestimmte Erzählungen in der Bibel für Kinder ungeeignet sind und ein falsches religiöses Weltbild in ihnen entstehen lassen. Andere dagegen vertrauen auf das tiefere Verständnis der Kinder, daß sie das Heils­­geschehen durch die schlichte Erzählung hindurch verstehen. Entscheidend wird aber immer sein, ob die Eltern das Interesse haben, aus der heiliger Schrift zu erzählen, und ob die Kinder ein Verlangen danach haben.

Die Kinder wollen nicht unbedingt immer eine neue Geschichte hören, sondern immer dieselben und im gleichen Wortlaut. Sie schmücken sie dann in ihrer Phantasie weiter aus, auch wenn sie von den Erwachsenen den gleichen Wortlaut verlangen. Gerne malen sie auch dazu, und was sie da malen, sollte man ruhig in die Erzählung mit hineinnehmen.

Wenn man sich das Erzählen selber nicht zutraut, kann man ja ein Buch dazu nehmen und die entsprechenden Bilder in dem Buch zeigen. Allerdings ist es besser, wenn man die Geschichte nicht einfach vorliest, sondern möglichst frei selber erzählt und ab und zu ein erklärendes Wort dazu sagt und die Bilder betrachtet.

Für ein krankes Kind bedeutet es viel, wenn es unter einem Wandfries liegt, das die Geschichte von der Tochter des Jairus darstellt. Wenn man die Geschichte erzählt, braucht man kein Erzählkünstler zu sein. Es genügt, wenn das Kind weiß: Der Vater Jairus ist in Sorge. Er ruft Jesus um Hilfe. Jesus kommt. Er hilft dem Kind. Das Kind freut sich, seine Eltern freuen sich. Das Wunder ist nicht das Wichtigste. Das Kind soll nur wissen: Jesus hat Anteil genommen, er hat Mitleid gehabt mit einem Kind, er hat sich für ein Kind Zeit genommen. Daraus wächst das Vertrauen, daß Jesus auch heute einem Kind nahe ist, wenn es einmal krank ist.

Jesus soll den Kindern nicht als verkleideter Gott erscheinen, sondern soll ihnen menschlich nahe sein. In den kleinen Dingen des Alltags sollen sie das Erstaunliche an diesem Mann kennenlernen. Sie sollen wissen: Er geht uns auch heute an, und zwar nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern.

 

 

 

Zur Lebenssituation des Kindergartenkindes

I. Entwicklung des sozialen Verhaltens:

Die wichtigste Situationsbedingung, die für viele Mädchen und Jungen hei Eintritt in den Kindergarten neu ist, besteht in der regelmäßigen Trennung von der Familie und dem Zusammenleben in der Kindergruppe. Zwar sind es nach wie vor die Erwachsenen, die Hauptbezugspersonen, die Kontakt- und Zuwendungsbedürfnisse der Kinder erfüllen, aber nicht mehr so ausschließlich wie im Kleinkindalter. Die Mädchen und Jungen nehmen durch gemeinsame Spiele und Beschäftigungen auch untereinander Beziehungen auf. Während die Jüngsten im Kindergarten meist noch mehr nebeneinanderher spielen, und nur kurzzeitig gemeinsam etwas tun, entwickelt sich unter erzieherischer Anleitung bald ein intensives Zusammenspielen. Dabei beginnen sich auch sozial gerichtete Haltungen wie Anteilnahme und Zurückstehen­können auszubilden, aber auch negative Gefühle wie Neid und Schadenfreude. Sympathie- und Antipathieerscheinungen sind zwar noch unbeständig, da sie stark von zufälligen und äußeren Faktoren abhängen, wie zum Beispiel Spielzeugbesitz oder gemeinsamer Wohngegend, aber sie lassen sich in Ansätzen erkennen, ebenso wie auch schon erste Gruppenbildungen.

Die sozialen Beziehungen zu Erwachsenen werden ebenfalls differenzierter. Während Kleinkinder allen Fremden, die nicht zum Kreis der primären Beziehungen gehören, prinzipiell abwartend und skeptisch entgegentreten, sind Vorschulkinder meist aufgeschlossener und nehmen von sich aus aktiv Kontakt auf zu Nachbarn und Verkäuferinnen, Arbeitskollegen der Eltern oder den behandelnden Ärzten.

 

2. Entwicklung des Spielverhaltens:

Im Spiel gestalten die Mädchen und Jungen alle Erfahrungen und Beobachtungen nach. Ihr Erlebnisbereich wird dadurch wesentlich erweitert, daß sie Kenntnisse über einfache gesellschaftliche Zusamenhänge aufnehmen. Beim Schule- und Familienspiel beispielsweise sind Ober- und Unterordnungsverhältnisse zu beachten, denen sie sich anpassen müssen. Das „Kind“ richtet sich danach, was die „Mutter“ sagt, und der „Schüler“ hat dem „Lehrer“ keine Vorschriften zu machen. So prägt die Nachahmung der Erwachsenen die spätere Haltung der Kinder in vielen Bereichen.

Das Spiel ist die Haupttätigkeit im Vorschulalter und hat eine große Bedeutung für die gesamte kindliche Entwicklung. Die sogenannten Fiktions- und Rollenspiele haben ihren Höhepunkt im Alter von 3 bis 4 Jahren, wenn die Phantasie der Kinder besonders lebhaft ist. Erste Erscheinungen dieser Art sind aber schon bei Beginn des zweiten Lebensjahres zu beobachten, wenn die Kleinen beginnen, einzelne Tätigkeiten nachzuahmen, zum Beispiel mit einem Teiler oder Ring als Steuerrad „Auto zu fahren“. Im Kindergartenalter werden dann mit voller Intensität Puppen und Teddys gefüttert. an- und ausgezogen, schlafengelegt und beschimpft. Die Mädchen und Jungen verwandeln Murmeln in Bonbons. Stühle in alle möglichen Fahrzeuge und sich selbst in Vater, Mutter oder einen Hund und verhalten sich entsprechend in diesen Rollen. Der Hauptlerneffekt liegt bei dieser Art von Spielen im Bereich der Sprache und des Denkens in Worten. Die Kinder sprechen beim Rollenspiel miteinander, oft reden sie auch mit sich selbst, wenn sie keine Zuhörer haben. Sie begleiten alle ihre Handlungen gerne mit Kommentaren.

Durch eine andere Gruppe von Spielen wird der materialgerechte Umgang mit Stoffen und Gegenständen geübt. Die sogenannten Konstruktionsspiele nehmen an Häufigkeit bis in das Schulalter hinein zu. Drei- bis Vierjährige kann man sich ohne Spiel mit Bausteinen kaum vorstellen, und Sechsjährige vollbringen schon wahre Meisterwerke damit. Durch das praktische Hantieren mit allen möglichen Materialien lernen die Kinder, was sie mit einem bestimmten Stoff anfangen können und was nicht. Beim freien Gestalten müssen sie umdenken

und Schwierigkeiten lösen können. Beim Nachbauen werden Vergleichen. Planen und Abzählen geübt. Dabei ist zu betonen, daß durch die Freiwilligkeit und den Spaß an der Sache wirklich „spielend“ gelernt wird und das umso effektiver, je größer die Eigenaktivität der Kinder dabei ist.

 

3. Geistige Entwicklung:

Charakteristisch für die geistige Haltung im Vorschulalter ist ein reges Interesse an Informationen und Erscheinungen der Umwelt sowie eine intensive Fragetätigkeit. Die Voraussetzung dafür ist die Weiterentwicklung des Denkens über die kleinkindliche Auffassungsweise hinaus. Für diese sind Ganzheitlichkeit und Gefühlsabhängigkeit kennzeichnend. Die Umwelt wird von jüngeren Kindern nur im Hinblick auf ihre Bedeutung für die eigene Existenz erlebt. Andere Eigenschaften. auch wenn sie objektiv noch so bedeutend sind und dem Erwachsenen gleichsam ins Auge springen, werden von ihnen überhaupt nicht bemerkt, wenn sie außerhalb ihres Interessenbereiches liegen. Sie können wirklich Erlebtes, Traum und Phantasiegebilde noch nicht klar unterscheiden. Deshalb gibt es bei ihnen prinzipiell noch kein Lügen. weil die Voraussetzung dafür die Fähigkeit zur bewußten Unterscheidung von Wahrheit und Falschheit ist.

Zu den Eigenarten ihrer Wahrnehmungs- und Denkweise gehört auch, daß sie die Ding-Welt als belebt und bedeutungshaltig auffassen. Tote Gegenstände werden vermenschlicht. Die einzelnen Sinnesgebiete sind noch nicht vollständig voneinander getrennt. So treten beispielsweise Farbempfindungen beim Musikhören oder Überlagerungen von Ton- und Formempfindungen auf. Diese Erscheinungen sind zwar teilweise auch noch bei Erwachsenen zu finden, doch im Kleinkindalter bestimmen sie die Erlebniswelt ausschließlich. Das Denken ist in dieser Phase anschauungsgebunden und konkret, es beschränkt sich auf das, was man unmittelbar schon und nachvollziehen kann. Die ersten geistigen Operationen sind einfache in­nere Vorwegnahmen oder Nachahmungen von Bewegungen sowie Vorstellung von Gegenständen und Handlungen aus der Erfahrung, die noch sehr subjektiv, ichbezogen ist.

Mit etwa vier Jahren beginnt eine Umstellung der Auffassungsweise und des Denkens. Immer

weniger Gegenstände werden als belebt angesehen, zuletzt sind es wirklich nur noch Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Kinder ordnen und gliedern ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen in räumliches Nebeneinander und zeitliches Nacheinander, während sie vorher lediglich zwischen Anwesenheit und Nichtanwesenheit unterscheiden konnten, Zukunft und Vergangenheit verwechselten. Die Erfassung der räumlichen Beziehungen gelingt eher als die der zeitlichen Abhängigkeiten. Jetzt beginnen auch die ersten Überlegungen über Zusammenhänge und Ursachen von Erscheinungen. Zwar können die Kinder abstrakte, unanschauliche Zu­sammenhänge noch nicht verstehen, weil sie noch von unmittelbaren persönlichen Erfahrungen und beeindruckenden Erlebnissen abhängig sind, aber einfache übersichtliche Beziehungen werden schon richtig angesehen, zum Beispiel daß es kalt wird, wenn das Fenster offensteht.

 

4. Entwicklung der Handlungssteuerung:

Im Zusammenhang mit der ichbezogenen, gefühlshaften Erlebnisweise von Kleinkindern ist auch die Art ihrer Handlungen zu verstehen. Sie werden von den Reizen der Umgebung getrieben, weg von abstoßenden Gegenständen. hin zu anziehenden Objekten. Sie zeigen also in diesem Sinn noch keine Eigenaktivität, sondern reagieren nur auf Einwirkungen von innen und außen, zu denen auch Verbote und Warnungen der Erwachsenen gehören. Von eigentlichen Willenshandlungen kann man in diesem Alter wegen ihrer Fremdabhängigkeit noch nicht sprechen.

Im Alter von 2 bis 3 Jahren wird dann durch die ersten Trotzerscheinungen deutlich, daß diese Abhängigkeit in eine Krise gerät. Man erlebt auf einmal, daß der kleine Mensch selbst etwas will oder auch nicht möchte und seine eigenen Absichten denen des Erwachsenen mit Nachdruck entgegenstellt. Dahinter steht die Entdeckung des eigenen Ichs, mit der die Entwick­lung zur Persönlichkeit beginnt. Das drückt sich auch darin aus, daß die Kinder jetzt zwischen Mein und Dein unterscheiden können, daß sie auf ihr persönliches Zubehör achten. Ein anderer Hinweis darauf ist die Ansprechharkeit von Jungen und Mädchen für Lob und Anerkennung sowie die Tatsache, daß sie möglichst viele Dinge selbst tun möchten.

Zum ersten Mal kann man in ihrem Verhalten echte Konflikte beobachten, Kämpfe zwischen Wunschdenken und Pflichtgefühl. Das ist der Beginn von Vorsatzhandlungen und Entscheidungen. Jetzt werden auch über den Augenblick hinausgehende Tätigkeiten durchgehalten und bis zu Ende geführt. Vorschulkinder übernehmen gerne kleinere Aufgaben, zumal die Nachahmung von Tätigkeiten in diesem Alter eine große Rolle spielt. Die Beschäftigungszeiten mit ein und demselben Spiel werden länger. Die Kinder bevorzugen jetzt solche Tätigkeiten, die einen umschriebenen Endpunkt haben. Sie wissen meist vorher, was sie zum Beispiel mit ihren Bausteinen herstellen wollen und führen ihr Vorhaben nach bestimmten Plänen durch. Es zeigt sich hier der Übergang zum Leistungsverhalten des Schulkindes, das sich längere Zeit hintereinander konzentrieren und auch unerwünschte, unangenehme Aufgaben erledigen muß.

Der Eintritt in die Schule ist eine der einschneidendsten Veränderungen der Lebenssituation im Laufe der Entwicklung eines Kindes. Deshalb brauchen Schulanfänger besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, wenn Krisen und Überforderungsreaktionen in dieser Zeit der Umstellung vermieden werden sollen. Für die Jungen und Mädchen, die bisher den Kindergarten besucht haben, und dort die Ältesten waren, bedeutet es, daß sie sich wieder in die Rolle der Kleinsten hineinfinden müssen, und zwar ohne die ständige Beaufsichtigung wie im Vorschulalter. Die Kinder, die bisher nur in der Familie betreut wurden, stehen vor der neuen Anforderung, sich in eine Gemeinschaft von Gleichaltrigen einzugliedern (Marieluise Belz).

 

Zur Lebenssituation des Schulanfängers:

Von allen Schulanfängern wird verlangt, daß sie sich im Gruppenverband gezielt und systematisch Kenntnisse aneignen. Lernprozesse an sich laufen zwar schon seit dem Neugeborenen

alter ab und bringen gerade in den ersten Lebensjahren gewaltige Fortschritte zustande. Doch geschieht der Wissenserwerb in der Zeit, die vor der Einschulung liegt, fast ausschließlich „nebenbei“ und spielerisch. Der Unterschied zum Lernen in der Schule besteht darin, daß die Kinder jetzt vor Anforderungen gestellt werden, die sie sich nicht selbst aussuchen können, sondern die an sie herangetragen werden. Um diesen Übergang gut zu bewältigen, müssen Schulanfänger verschiedene Voraussetzungen erfüllen, die sich hauptsächlich auf die folgenden Bereiche beziehen:

 

1. Körperlicher und motorischer Entwicklungsstand:

Für die Frage, ob die körperliche Entwicklung eines Schulanfängers als altersentsprechend beurteilt werden kann, spielt die Körpergröße nur eine untergeordnete Rolle. Von größerer Bedeutung ist die Frage der Körperproportionen. Das Kleinkind ist im Ganzen rundlich und gedrungen. Es hat einen großen Kopf, kurze Extremitäten, einen ungegliederten Rumpf. Am ganzen Körper finden sich reichlich Fettansätze. Im Gesicht fällt die runde, hohe Stirn im Gegensatz zu dem kurzen Untergesicht auf. Etwa vom vierten Lebensjahr an kann man eine allmähliche Streckung beobachten. Sie geht nicht in allen Bereichen gleichzeitig vor sich, aber allmählich verschwinden die Fettpolster am ganzen Körper. Der Rumpf des Kindes, seine Arme und Beine werden länger und gegliederter, die Größenverhältnisse im Gesicht verändern sich. Ein deutliches Zeichen ist auch die Ablösung des Milchgebisses durch die blei­benden Zähne und das Durchbrechen der ersten Backenzähne. Der Endpunkt dieses „Gestaltwandels“ ist zwar bei Schulbeginn oft noch nicht erreicht, aber Anzeichen davon sind normalerweise bei jedem sechsjährigen Kind zu finden.

Auch wenn der körperliche Reifungsstand nicht mehr als Hauptkriterium der Schulfähigkeit angesehen wird, spielt es in Zusammenhang mit psychischen Entwicklungsrückständen doch eine Rolle, oh auch körperlich noch die sogenannte Kleinkindform überwiegt, weil damit oft Besonderheiten in den Bewegungsabläufen verbunden sind, die für die Bewältigung der Anforderungen in der Schule eine Rolle spielen. Beim Schreibenlernen der Buchstaben und Zah­len beispielsweise ist die unabdingbare Voraussetzung, daß die Kinder den Füller richtig anfassen können. Das verlangt feinmotorische Fähigkeiten, über die manche Kinder noch nicht verfügen. Zwar werden in der Schule auch Handgeschicklichkeit und Fingerfertigkeit durch intensives Üben weiterentwickelt, jedoch ist mit Schwierigkeiten zu rechnen, wenn ein Kind gleichzeitig auf mehreren Gebieten größere Rückstände aufzuholen hat.

Eine andere Anforderung, die den motorischen Bereich betrifft, ist die Übersteuerung des Bewegungsantriebes und der Impulsivität durch die Schulanfänger. Das Ziel, eine ganze Unterrichtsstunde lang ruhig zu sitzen, wird von den meisten Jungen und Mädchen erst allmählich erreicht, und die Lehrer in den Anfängerklassen berücksichtigen diese Tatsache bei der Gestaltung des Unterrichts. Aber der Wechsel im Tagesrhythmus von der lockeren Regelmäßigkeit im Kindergarten zu dem zeitlich streng festgelegten Ablauf in der Schule und das Durchhalten des Unterrichtsvormittages unter den veränderten Bedingungen erfordert von den Kindern eine sehr große Umstellung. Wenn nach der Einschulung bei 90 Prozent der Kinder eine Gewichtsabnahme festgestellt wurde, dann ist das ein Hinweis auf den damit verbundenen Grad der körperlichen Belastung.

 

2. Die geistige Haltung des Schulanfängers:

Der geistige Entwicklungsstand ist weniger durch einen festumrissenen Wissensstand als vielmehr durch eine bestimmte Wahrnehmungs- und Denkweise charakterisiert. Im Gegensatz zu der ichbezogenen, gefühlsbestimmten Denkweise im Kleinkindalter gehen sechs- bis siebenjährige Kinder sachlicher an die Lösung von Problemen heran.

Dazu gehört die Erkenntnis, daß die Wirklichkeit feststehenden Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die man nicht beliebig nach eigenen Wünschen und Vorstellungen verändern kann, so wie das in der Phantasie und beim Spielen möglich ist. Die Erfassung von Zusammenhängen zwischen den einzelnen Erscheinungen, ihre Erklärungen und Begründungen geschehen zunächst auf konkret-anschauli­chem Niveau und sind wegen der Lückenhaftigkeit und Begrenztheit der Erfahrungen der Kinder oft noch fehlerhaft. Wenn etwa bei einem Knall auf der Straße zufällig gerade das Licht im Zimmer ausgeht und das Kind daraus einen logischen Zusammenhang herstellt, dann ist dieser zwar falsch, aber das Interesse an den Objekten der Wirklichkeit und den Beziehungen zwischen ihnen ist eine wichtige Vorbedingung für jeden Lernprozeß.

In Zusammenhang damit steht auch die Beachtung von Einzelheiten durch die Mädchen und Jungen im Schulanfängeralter im Gegensatz zu der ganzheitlichen Sichtweise im Kleinkindalter. Die eindrucksvollen Unterschiede zu der Wahrnehmung Erwachsener, die darin bestehen, daß das Kind zum Beispiel bei einem Bild wesentliche Bestandteile völlig übersieht zugunsten seines subjektiven Gesamteindrucks, verschwinden im Laufe der Entwicklung allmählich und sind beim Schulanfänger fast völlig abgebaut. Das Lesen- und Schreibenlernen setzt voraus, daß die Kinder optische Eindrücke untergliedern können und die einzelnen Zeichen unterscheiden.

Ebenso ist es mit den akustischen Wahrnehmungen. Der Lautbestand der Sprache muß differenziert werden, wenn die schriftliche Umsetzung gelingen soll. Normalerweise kann das Kind bei Eintritt in die Schule grammatisch und phonetisch richtig sprechen. Auch die Grundlagen für Zahl- und Mengenbegriffe werden schon im Kindergarten gelegt. Dagegen gibt es in bezug auf das Umweltwissen und den Kenntnisstand unter den Jungen und Mädchen noch erhebliche Unterschiede, die jedoch für die Frage der Schulfähigkeit keine so große Rolle spielen, da sie sich im Laufe der Schulzeit durch den gemeinsamen Unterricht ausgleichen.

 

3. Die Leistungshaltung des Schulanfängers:

Von besonderer Bedeutung für die erfolgreiche Bewältigung der Anforderungen in der Schule ist eine ernsthafte Aufgabenstellung des Kindes. Der Unterschied zum Spiel besteht bei der Arbeit darin, daß die Tätigkeit auch dann zu Ende geführt wird, wenn die ursprüngliche Begeisterung nachgelassen hat. Wenn es gelernt hat, echte Anforderungen an sich selbst zu stellen, etwa beim Spiel mit Bausteinen ein bestimmtes Ziel anzustreben und bei auftretenden Schwierigkeiten nicht gleich aufzugeben. dann zeigt es eine angemessene Leistungshaltung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Freude über den Erfolg, das Gefühl, etwas Schweres geschafft zu haben. Der Hauptantrieb ist das Bedürfnis nach Lob und Anerkennung.

Mit den sich entwickelnden sozialen Bezügen, der Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Erwachsenen und dem Interesse am Kontakt in der Kindergruppe, wächst auch der Wunsch, vor anderen etwas zu gelten. Es wird oft übersehen, daß bei den Mädchen und Jungen etwa ab dem fünften Lebensjahr die Bedeutung von Belohnungen abnimmt gegenüber dem Anreiz, der von anerkennenden Worten ausgeht. Dabei sollte nicht nur das erreichte Ergebnis, sondern auch die dafür aufgewendete Anstrengung berücksichtigt werden, die von Kind zu Kind ganz unterschiedlich sein kann. Von einem Schulanfänger erwartet man aber, daß er auch die objektive Einschätzung der Resultate seiner Bemühungen akzeptieren und verkraften kann, wenn sie nicht den Erwartungen entsprechen. Diese Leistungsbewertung hängt in der ersten Klasse noch fast ausschließlich vom Lehrer ab. Seine Beurteilung bestimmt das Ansehen der einzelnen Schüler. Ihm zu Gefallen strengen sie sich an; um ein Lob zu bekommen, verhalten sie sich diszipliniert. Die ausschließliche Autorität der Eltern wird dadurch in Frage gestellt.

 

4. Die Familienbeziehungen des Schulanfängers:

Durch die sich erweiternden sozialen Beziehungen und die in der Schule entstehenden neuen Interesseninhalte lockert sich allmählich die im Kleinkindalter sehr enge Bindung an die Familie. Dieser Prozeß wird durch die neuen Lebensbedingungen in der Schule vorangetrieben, aber sein Beginn liegt schon in der Vorschulzeit. Schwierigkeiten haben solche Kinder, die in diesem Bereich einen Entwicklungsrückstand zeigen, die noch zu stark auf die Eltern fixiert sind, das heißt in ihrem Wohlbefinden von deren Anwesenheit und dem unmittelbaren Schutz durch sie abhängen. Sie fühlen sich dann in der Schule hilflos und ausgeliefert. Deshalb sollte das Streben nach Selbständigkeit und „psychischer Abnabelung“ schon frühzeitig unterstützt werden. Das bedeutet nicht, daß die Familie für die weitere Entwicklung des Kindes unwichtig ist. Vielmehr braucht der Heranwachsende bis ins Erwachsenenalter hinein einen Kreis von primären Bezugspersonen, von denen er sich angenommen und akzeptiert fühlt. Im Laufe der Entwicklung verändert sich nur die Art der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern

(Marieluise Belz).

 

 

 

Sexuelle Erziehung

Die Sache mit dem Storch sollte vorbei sein. wie es wirklich ist, das ist doch viel wunderbarer. Nichts Besseres gibt es,  als wenn ein älteres Geschwister miterlebt, wie wieder ein Geschwisterchen heranwächst. Es sollte durchaus auch die Kindsbewegungen spüren dürfen und sich schon innerlich auf den Zuwachs (und Konkurrenten) einstellen. Aber dann gibt es in der Regel drei Fragen, auf die die Kinder von den Eltern eine Antwort haben wollen:

 

1. Wie kommt das Kind in den Bauch?

Das Kind ist von Anfang an drin, allerdings noch ganz klein, kleiner als ein Stecknadelkopf. In den Eierstöcken gibt es ganz viele solcher Eier. Jeden Monat wird ein Ei reif und wandert dann in die Gebärmutter (Hier muß man sicher schon eine Skizze einsetzen). Das Ei setzt sich dann in d er Schleimhaut der Gebärmutter fest. Ab er wenn nichts weiter geschieht, dann platzt es auf und die Schleimhaut beginnt ein wenig zu bluten. Das Blut läuft dann aus der Frau heraus. Aber das ist nicht schlimm, das geht allen Frauen so und ist ein ganz natürlicher Vorgang.

 

2. Wie kommt das Kind heraus?

Es muß erst einmal heranwachsen, ind er Regel neun Monate. Weil es Platz braucht, wird der Bauch der Mutter dicker und sie hat es immer schwerer, sich zu bewegen. Deshalb muß man so einer Frau gegenüber immer hilfbereit sein und ihr zum Beispiel im Bus einen Platz anbieten. Wenn dann der Tag der Geburt herangekommen ist, beginnt der Bauch zu schmerzen, weil er sich zusammen zieht, um das Kind herauszudrücken. Meist geht der Kopf voran  und drängt sich durch die Scheide, die sich immer mehr ausweitet, so daß das Kind unten aus dem Bauch herauskommen kann. Wenn es da ist, wird die Nabelschnur durchgeschnitten, die bisher das Kind mit der Muter verbunden hat und durch die es ernährt wurde. Wenn dann das Kind schreit, dann weiß man: Jetzt atmet es selber, jetzt ist es auf der Welt.

 

3. Welche Rolle spielt dabei der Vater?

Das ist die Frage, die die Eltern am meisten fürchten. Aber auch hier gilt es, sachlich zu informieren. Man muß zunächst erklären, daß aus dem Ei allein kein Kind entstehen kann, sondern auch der Vater sein Teil dazu beitragen muß. Dieser besteht aus dem Samen, der im Hoden gebildet wird. Wenn sich ein Mann und eine Frau lieb haben und sich ein Kind wünschen, dann legen sie sich nebeneinander. Und weil die Geschlechtsorgane von Mann und Frau so gebaut sind, daß sie gut zueinander passen, kann die Frau den Samen des Mannes aufnehmen (passiv formulieren). Das ist etwas ganz Schönes für beide, denn sie wollen ja ein Kind haben

Dies Samen wandern dann zu dem Ei. Aber nur ein einziger Samen kann in das Ei eindringen und sich mit dem Kern des Eis vermengen. Deshalb haben Kinder meist von Vater und Mutter etwas geerbt, beim Aussehen oder bei den inneren Eigenarten. Das befruchtete Ei setzt sich dann in der Schleimhaut der Gebärmutter, teilt sich dort immer wieder, so daß mit der Zeit ein Kind heranwächst. Schon bald kann der Arzt mit einem Ultraschallgerät das heranwachsende Kind sehen.

An sich sollte man diese Fragen erst beantworten, wenn sie gestellt werden. Wenn aber gar nichts kommt, können auch die Eltern das Gespräch eröffnen. Wenn das Kind heranwächst, werden speziellere Fragen kommen. Aber auch diese sind ehrlich zu beantworten. Doch immer sollte dabei im Hintergrund sein, daß zum Sex die Liebe dazugehört. Diese kann nur wachsen auf dem Boden einer dauerhaften Beziehung, also in der Regel in einer Ehe. Dehalb hast Gott den Menschen das Gebot gegeben: „Du sollst nicht ehebrechen!“

 

 

 

Freund und Freundin

Psychologischer Abriß der Entwicklung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern:

 (a) Bis zum 10. Lebensjahr: Unbefangene Spielgemeinschaft zwischen Jungen und Mädchen. Jedoch sexuelle Aufklärung und Kennenlernen einer liebevollen Atmosphäre im Elternhaus.

(b) Bis zum 12. Lebensjahr: Abkehr zur Gemeinschaft der Geschlechtsgenossen und wegwerfende Rede über das andere Geschlecht. Die Jungen möchten immer etwas Neues erleben, sie prahlen, fühlen sich stark, Abenteuer reizen, technische Dinge interessieren, die Mädchen sind „blöde Weiber“. Umgedreht sagen die Mädchen „blöde Bengels!“ Im Grunde ist das eine Schutzstufe.

(c) Bis zum 15. Lebensjahr: Gruppenweise Begegnungen. Man beginnt sich wieder füreinander zu interessieren und entdeckt, daß es auch noch ein anderes Geschlecht gibt. Es erfolgt wieder eine Zuwendung. Doch zunächst begegnet man sich noch im kleinen Kreis in Gruppen. Die Mädchen sind dabei den Jungen geistig noch etwas voraus, sie haben einen Lesehunger und Sammeltrieb und himmeln Schauspieler, Sänger, Lehrer usw. an. Oft sind sie aber auch noch launisch und lachen und kichern ohne Grund. Sie suchen auch eine Freundin, der sie alles mitteilen können. Man neckt sich noch gegenseitig, aber das ist schon der Anfang des Liebesspiels und der Kontaktaufnahme.

(d) Bis zum 18. Lebensjahr: Aus der Gruppe spaltet sich ein Paar ab. Die Unbefangenheit in der Gruppe ist nun nicht mehr da und man kommt sich zunächst einmal etwas komisch vor (vgl. Geschichte: „Das erste Rendezvous - damals und heute“ von Kurt Krüger), wenn natürlich auch die Jugend von heute unbefangener ist als früher. Es kommt zum ersten Rendezvous: Sie steht erwartungsvoll an einer historischen Stätte, er kommt überlegen angeschlendert („Das ist doch alles alt für mich“); allerdings ist er noch aufgeregter als sie. Nach der Begrüßung stellt er mit Bestürzung fest: „Jetzt mußt du sie unterhalten!“ Er fängt also an, vom Wetter zu reden; das läßt sich über fünf Minuten hinziehen. Dann ist der bekannte Schlägersänger dran, aber man weiß doch nie, ob der Partner ebenso begeistert ist. Es geht weiter mit der Schule, bis es beiden über ist. Schließlich kommen noch Fußball und Technik- und dann ist es aus. Bestensfalls kann man sich noch über die rückständigen Eltern aufregen.

(e) Bis zum 21.Lebensjahr: Jetzt beginnt die echte Partnerwahl. Man hält Ausschau nach einem Gefährten fürs Leben und ist dafür inzwischen sehr viel kritischer geworden. Hier ein Zitat aus einem Tagebuch: „Ich kann es nicht unterlassen, ein Mädchen anzusehen. Mein Gesichtspunkt ist dabei: Ich vermute hinter der äußeren Schale immer eine Frau, die zu mir paßt. Man merkt dabei auch, daß man ein endgültiges Gespräch nur mit einem geliebten Mädchen führen kann!“

 

Jede dieser Stufen hat ihren Sinn und keine kann übersprungen werden ohne Schaden für das ganze Leben. Aber alle diese Stufen (die Altersangeben sind nur ungefähre Richtpunkte) sind nur ein Durchgangsstadium, das bald endet, weil man die nächste Stufe erreicht.

Die Jugend befindet sich in der Reifezeit (Pubertät) in einer besonderen Notlage: Sie setzt früher ein als in vergangenen Zeiten, die seelische Reifung braucht aber nach wie vor ihre Zeit oder dauert sogar länger als früher (Akzelerator). Zwischen körperlicher und seelischer Reife, zwischen Fortpflanzungsfähigkeit und Fortpflanzungsreife besteht eine Kluft, die nur schwer zu überwinden ist.

Die jungen Menschen müssen es in dieser Zeit lernen, mit dem schon erwachten Trieb fertig zu werden. Gerade die Jungen überfällt der Geschlechtstrieb stark und unverhüllt. Er ist eine ganz natürliche Erscheinung und nichts Schlechtes; aber er stellt jedem jungen Mann eine Aufgabe. Er darf seinen Trieb bejahen und braucht sich nicht zu schämen; aber er muß ihn und sich selber überwinden, wenn er den Trieb beherrschen will. Der Trieb ist keine Entschuldigung für Ausgelassenheit und Zügellosigkeit. Wer ihn nicht in der Jugend zu beherrschen gelernt hat, der wird es nachher auch nicht können.

Beim Mädchen ist der Trieb zunächst noch verborgen und muß erst geweckt werden (Dornröschen). Er hat nicht so die drängende Kraft. Der Mädchen ist daher die Aufgabe gestellt, sich für Ehe und Mutterschaft zu bewahren. Es ist immer der Junge der drängt und das Mädchen wird immer merken, daß eine rein geistige (platonische) Liebe und Kameradschaft nicht gibt. Jungen und Mädchen haben aber beide die Aufgabe, gemeinsam mit diesen Problemen fertig zu werden und sich gegenseitig zu unterstützen.

 

 

Reifezeit

 

Das seelische Gestaltbild im dreifachen Rhythmus der Reifezeit:

I. Stufe

Kindheitspubertät

Erste Latenz

Vorphase

Vorpubertät

3 bis 6

7 bis 10

11

12

Ich - Lösung,

Wir- Bruch:

Beruhigung:

Zügellosigkeit:

Geistige

Aufgeschlossenheit:

Wandertrieb

Entdeckerfreude

Fragelust

Versonnenheit

Lebenslust

Widerspruchsgeist

Rauflust

Disziplinschwierigste Zeit

Seelische

Bereitschaft

Vertrauende

Unmittelbarkeit,

erlebniskonkrete Gottesnähe

Leben in personhafter Beschützung und Geborgenheit (Schutzengel)

Vorübergehende Ablehnung aus Übermut

Verständniswille für Gottes Wirken in den Geschichten der Bibel, meist ohne persönliche Aneignung und Beziehung

 

II. Stufe

III. Stufe

Jugendpubertät

Zweite Latenz

Erwachsenenpubertät

13 bis 17

198 0 19

20 bis 24

Flegeljahre:

Adoleszenz:

Spannungsausgleich:

Verneinung, Trotz

Verschlossenheit

Freundschaftssehnsucht

Unfreundlichkeit

 Zweifel, Kritik

Bejahung

Naturerleben,

Wertbejahung

Selbstgefühl

Arbeitsaktivität

Spannungsvolle Entscheidungszeit im Ringen um die Verbindung von Eros und Sexus

Beginn der Auseinandersetzung

 

 

 

 

Wir haben Eltern - wir wollen Eltern werden:

Wünsche eines Siebzehnjährigen

Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, daß sich die Eltern sehr um die Erziehung ihrer Kinder bemühen und auch wohl den größten Teil richtig machen. Einiges, was man besser und anders machen könnte, soll nun aufgezählt werden. Und für die Kinder ist es eine Verpflichtung, dieselben Fehler später zu vermeiden.

1.) Die Eltern müssen sich in Erziehungsfragen einig sein; deshalb andauernde Aussprache über Erziehungsfragen.

2.) Die Eltern sollen sich um Verständnis für ihre Kinder bemühen, indem sie versuchen, sich in die Lage ihrer Kinder zu versetzen.

3.) Das Ziel der Erziehung muß es sein, die Kinder für das Leben vorzubereiten:

- Keine Bevormundung oder gar Bemutterung, besonders bei Jugendlichen.

- Kinder nach außen hin selbständig handeln lassen, aber unauffällige Kontrolle.

- Lieber Beratung als Befehle. Mit moralischem Druck erreicht man meistens genausoviel

- Behutsam den Unterschied zwischen Gut und Böse im Gespräch erklären, aber nur auf der    Grundlage der gleichberechtigten Diskussion.

- Kinder mit einigen Problemen der Eltern vertraut machen. Sie wissen dann, wie sie sich später einmal verhalten sollen (außerdem wird das Selbstbewußtsein gestärkt)

- Mitbestimmungsrecht in gemeinsamen Familienangelegenheiten (Ferienreise!) einräumen.

- Regelmäßiges Taschengeld gewähren, freie Verwendung lassen; bei Kauf von unnützen Dingen liebevoller Hinweis auf bessere Dinge, aber nicht das Taschengeld kürzen. Keine Abrechnung verlangen und mit Entzug drohen.

- Bei der Freizeitgestaltung helfen, aber weitgehende Freiheiten

- Keine Verwöhnung und Verniedlichung von Schwierigkeiten

- Keine andauernde Beaufsichtigung, jedenfalls nicht offen.

4.) Bei Klatsch erst auch die Kinder „vernehmen“ und dann erst auf eine Diskussion mit den Klatschenden einlassen. Die Kinder nicht bei anderen schlecht machen und ihre Fehler bloßlegen. Auf keinen Fall Zurechtweisung des Kindes in Anwesenheit Dritter (auch des anderen Elternteil

5.) Nach einem „Fehltritt“ freundliche, aber bestimmte Zurechtweisung. Auf keinen Fall heftig werden oder Gegenargumente in der Wut unterdrücken. Text der Zurechtweisung schon vorher überlegen und möglichst kurz fassen (Lange Reden fordern den Trotz heraus, besonders dann, wenn man immer wieder dasselbe hören kann). An die Vernunft appellieren und immer Gründe nennen. Das wirkt eher als Befehle, die von dem Kind nicht verstanden werden.

Bei freiwilligem Eingeständnis einer Tat keine Bestrafung, sondern nur verständnisvolle Beratung. Keine Entschuldigungen, Geständnisse oder Versprechungen erpressen oder auch nur durch moralischen Druck fordern. „Schandtaten“ nicht später noch vorhalten. Nicht tagelang böse mit den Kindern sein. Nichts nachtragen.

6.) Kindern Geheimnisse lassen. Briefgeheimnis wahren.

7.) Autorität nicht durch Furcht vor den Eltern erlangen. Die Eltern sollen das Vorbild sein, wodurch sie genausogut (allerdings für sie schwieriger) auch Einfluß erlangen.

 

Die „Jugend von heute“:

Die heutige Jugend ist gar nicht so, wie sie oft angesehen wird. Dem Staat gegenüber zeigt sie wenig Interesse, weil dieser zu abstrakt ist, sie aber auf Anschaulichkeit und lebendige Kontakte angewiesen sind. Aber man erhebt Anspruch auf staatliche Vorsorge und Fürsorge, bei der man möglichst viel herausschlagen möchte.

Die Familie besitzt für die Jugend einen sozialen Bindungswert, denn sie gibt gegenseitige Hilfe, Daseinssicherung und menschliche Geborgenheit („Da wird man nicht rausgeschmissen, wenn man mal etwas ausgefressen hat“). Man streitet nicht mit den Eltern über derer Ansichten. Umgekehrt lassen auch die Eltern den Kindern viele Freiheiten. Die Beziehungen sind mehr partnerschaftlich (bis hin zur Anrede).

Von der Ehe hat man eine realistische Auffassung. Die Jungen erwarten von der Frau vor allem Hausfraueneigenschaften, Fleiß und Sparsamkeit. Die Mädchen erwarten Können, Fleiß, Kameradschaftlichkeit, guten Charakter, Treue und Häuslichkeit. Die Ehe wird unromantisch als gemeinsame Existenzgründung und als Partnerschaft im Lebenskampf betrachtet.

Die Arbeit ist nur Mittel zum Zweck, um außerberufliche private Lebensbereiche und Ziele zu erreichen. Im privaten Bereich wird die eigentliche Lebenserfüllung gesucht. Arbeit und Beruf werden als ein Lebensbereich neben anderen und beileibe nicht als der wichtigste betrachtet. Arbeit ist nicht Ort der Selbstentfaltung der Person, sondern der Bereich, wo man sein Geld verdient. Mit geringstem Aufwand möchte man den größten Ertrag ernten.

Doch man will sich nicht an die Bedingungen der technisierten Welt anpassen, sondern ihr gewachsen sein. Hier ist die Innerlichkeit der Person gefordert und die Fähigkeit zur Distanz gegenüber der technischen Welt.

 

Die Jugend in der Familie:

Ein Abend mit Erwachsenen und Jugendlichen:

Erwachsene und Jugendliche kreuzen an, welche fünf Eigenschaften für die Jugend typisch sind (nach der jeweils eigenen Meinung): respektlos, leidenschaftlich, kritisch, verantwortungsvoll, unabhängig, gleichgültig, religionslos, ohne Meinung, arbeitsam, unmoralisch, zukunftssicher, vorlaut, nüchtern denkend, hilfsbereit, zielstrebig, selbstbewußt, zügellos, national denkend, phantasielos, geschichtsbewußt, anpassungsfähig.

 

Die Erwachsenen vergessen gern ihre eigene Jugend und ihr eigenes Verhalten in der Jugend. Sie urteilen nur nach ihren Grundsätzen, die sie durch ihre Erfahrung gewonnen haben. Sie vergessen, auf welche Art sie zu diesen Ansichten gekommen sind; und sie können nicht verstehen, weshalb sich die Jugend erst zu den gleichen oder auch zu neuen Ansichten durchringen muß.

Andererseits sind Kinder und Jugendliche auch wieder sehr feinfühlig bei der Beobachtung der Eltern. Da sieht ein Sohn seinem Vater zu, wie er mit viel Geduld sein Auto putzt. Es ergibt sich folgendes Gespräch zwischen beiden:

Sohn : „Das mußt du selber tun!“

Vater: „Ja, der Wagen ist sehr wertvoll! Da muß man sich Zeit nehmen!“

Sohn : „Vater, bin ich nicht wertvoll?“

Vater: „Was redest du da für dummes Zeug? Wie kommst du darauf?“

Sohn : „Zu mir sagst du doch immer: Ich habe keine Zeit!“

Man kann Respekt vor den Eltern haben, weil man dazu gezwungen wird, aber auch, weil die Eltern helfend zur Seite stehen. Die Eltern geben ja nicht nur Befehle, sondern sie haben auch Antworten auf die Fragen der Jugend, vor allem auf Lebensfragen. In Fachfragen werden sie manchmal auch nicht weiterwissen, aber auf dem Gebiet des Lebens können sie in vielen Fällen wegen ihrer größeren Erfahrung einen persönlichen Rat geben. Sie dürfen dabei mithelfen, eine Antwort zu finden. Aber sie können keinen immer verbindlichen Rat geben (den gibt es überhaupt nicht). Oft müssen sie auch ihren Kindern schon die letzte Entscheidung überlassen.

Die Jugend lebt heute in einer anderen Welt als die Eltern: Es ist eine technische Welt, in der man im Kollektiv arbeitet und notwendigerweise partnerschaftlich miteinander umgeht. Es ist eine technische Welt, wo man sachlich und kritisch denken muß. Diese Welt ist eine Welt, in der sich das Christsein bewähren muß und wo man wissen will, wie Christsein dort aussieht.

 

Die jungen Menschen wollen als vollwertige Gesprächspartner ernst genommen werden und in die Verantwortung mit hineingenommen werden. Auch in der christlichen Gemeinde wollen sie eigenverantwortliche Aufgaben (Gottesdienstgestaltung, Dialogpredigt, Predigtausarbeitung).Auch die Antworten des Glaubens werden in den einzelnen Generationen anders ausfallen.

Das Problem der Tradition taucht aber schon in der Familie auf. Jede Familie hat ihre Traditionen (Weihnachtssitten, nicht rauchen in der Passionszeit, keine Wäsche zwischen Weihnachten und Neujahr aufhängen usw.) nach dem Motto: „Wie die Alter sungen, so zwitschern auch die Jungen!“ Oft werden die Jugendlichen aber auf den Grund der Tradition vorzustoßen versuchen und fragen, ob sie wirklich Ausdruck der dahinterstehenden Überzeugung sind. Die meisten Traditionen reichen nur zwei Generationen zurück (also bis zu den Großeltern), passen aber schon nicht mehr in die heutige Zeit und rufen der Protest der Jüngeren hervor. Man sollte wissen, daß sie zeitbedingte Ausprägungen der Grundüberzeugung einer Familie sind und nicht unbedingt der Glauben berühren.

Am besten wird sich eine Familie finden bei gemeinsamen Unternehmungen: Vorbereitung einer Geburtstagsfeier, eines Familienfestes, eines Spielabends; Haushaltstag der Kinder; Stadtbesichtigung, Fernsehsendung, Diskussion eines Themas usw.

 

 

 

Jugendkriminalität

Luther und Calvin hielten die Armut für die entscheidende Ursache von Verbrechen. Karl Marx und seine Anhänger glauben, daß Verbrechen nur im Kapitalismus möglich sind. Beide Thesen haben sich bis heute nicht bestätigt. Es gibt auch eine „Wohlstandskriminalität“ und

in kommunistischen Staaten kommen auch immer wieder Verstöße gegen die Gesetze vor.

In der Bundesrepublik setzte 1955 eine besorgniserregende Zunahme der Jugendkriminalität. Im Jahre 1957 war ein Höhepunkt erreicht: 21 Prozent der Jugendlichen waren an der Gesamtkriminalität beteiligt; auffallend war die zunehmende Zahl der Täter unter 13 Jahren. Schweden dagegen, das als erstes Land in Europa die Merkmale einer Wohlstandsgesellschaft entwickelte, zeigt schon seit 1946 eine steigende Kurve der Jugendkriminalität.

Das Leben in den Elendsbezirken führt nicht zwangsweise zum Verbrechen. Natürlich fordert dieser soziale Raum zu Verbrechen heraus und manche Jugendliche sind anfällig dafür. Aber sie müssen nicht automatisch Verbrecher werden. Man kann doch nicht sagen, daß arme Menschen von vornherein unehrlich sind. Und Geld hat noch nie glücklich oder moralisch einwand­frei gemacht. Die tüchtigen Menschen kommen heute keineswegs in erster Linie aus den Häusern, wo die Autos herumstehen.

Nur in seltenen Fällen wird ein Raub oder Einbruch aus materieller Not begangen. Aber manchen geht das ehrliche Geldverdienen nicht schnell genug, andere wieder begehen bedenkenlos Straftaten, um einer augenblicklichen Ebbe in der Kasse abzuhelfen. Gemeinsam aber

ist den meisten Rechtsbrechern eine rücksichtslose Mißachtung von Ordnung und Gesetz und eine aggressive Haltung, die eine Erfüllung der gesteigerten Lebenswünsche um jeden Preis anstrebt.

 

Großen Einfluß schreibt man auch dem Film und dem Fernsehen zu. Viele Eltern schicken ihre Kinder ja ins Kino oder vor den Fernsehapparat, um sie los zu sein, ohne zu kontrollieren,

welche Filme laufen. Und durch diese Betrachtung der Welt durch ein Schlüsselloch werden manche Menschen zu einem Verbrechen angeregt: Banküberfall nach dem Schema eines Films. Oder ein Teenager aus New York, der einen alten Mann hinterrücks niedergestochen hatte: „Ich wollte einmal selbst herausfinden, wie so ein Mord sich anfühlt. Ich war es satt, im Fernsehen immer nur Morde anzuschauen!“

Eine amerikanische Untersuchung hat ergeben:

1.) Die Beobachtung von Angriffshandlungen erweckt feindselige Instinkte, selbst bei völlig normalen Leuten; es bedarf aber bestimmter Disponiertheiten und Umweltbedingungen, die sich aus der persönlichen Situation des Betreffenden ergeben.

2.) Die Verbrecherfilme beruhen auf der Konzeption der Bestrafung der Bösewichte; Gewaltanwendung wird als gerechtfertigt angesehen. Dadurch wird der Zuschauer gereizt, mit seinem persönlichen Feind abzurechnen (Kollege, Chef, Liebhaber der Frau, Übeltäter). Durch sinnlose Gewaltakte kompensieren die Außenseiter der Gesellschaft dann ihre Minderwertigkeitsgefühle. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Vergeltung in Filmen nicht die Form des körperlichen Angriffs annähme.

3.) Die Anreizung von Wut- und Haßgefühlen schafft die Bereitschaft zur Aggression. Zum körperlichen Angriff bedarf es dann erst der Anwesenheit eines „Feindes“, gegen den sich die aufgepeitschten Gefühle richten können. Affekthandlungen stellen sich am häufigsten unmittelbar nach dem Genuß gefilmter Gewalttätigkeit ein. Krimis aktivieren also negative Instinkte, die unter bestimmten Bedingungen zu offener Aggression führen können.

Auch die moderne Arbeitswelt trägt mit zur steigenden Kriminalität bei: Wenn man immer nur Knöpfe drücken, Hebel oder Schalter stellen muß, dann spürt man nie ein Gefühl der Freude an der eigenen Leistung, keine Verantwortung, keine Befriedigung über sein Können. Der Ausbruch in die Kriminalität kann unter Umständen die aufregendste und nächstliegend­ste Form des Protestes gegen eine trübsinnige und hoffnungslose Zukunft sein. In einer Umgebung, die für den Betätigungsdrang der Jugend so wenig Raum läßt, kann die Kriminalität zur Rebellion des Menschen gegen die Zivilisation werden, die das Leben so risikolos, monoton und bequem macht.

Häufig finden sich Lehrlinge und ungelernte Arbeiter unter den Kriminellen und Banden. Das deutet darauf hin, d ß sie am Arbeitsplatz nach ihrer Meinung nicht genügend anerkannt sind und durch Gewalttaten ihr Geltungsbedürfnis befriedigen wollen. Der Hunger nach Realität treibt gerade die jungen Menschen von Genuß zu Genuß, zu kleinen Sensationen und zu Abenteuern. Sie können sich noch nicht mit der Welt auseinandersetzen und übernehmen nur die Konsumhaltung von den Erwachsenen.

Manche Psychologen führen auch noch einen anderen Grund an: Die jugendlichen Verbrecher konnten kein Verhältnis zum anderen Geschlecht gewinnen. Nach Beendigung der Pubertät wurden sie nicht mit den sexuellen Problemen fertig. Er schließt sich eng an Jungen an, scheut den Kontakt mit Mädchen, verharrt bei jugendlichen Unsitten, erliegt nicht selten homosexuellen Verführungen und wird dadurch immer stärker sozial gestört. Bei einer Untersuchung von jugendlichen Verbrechern zwischen 17 und 21 Jahren besaßen 47 Prozent überhaupt keine Erfahrungen mit Frauen, 37 Prozent flüchtige und nur 17 Prozent ausreichende Erfahrungen mit Frauen; aber die übertrieben es nicht selten.

Die Hauptschuld haben jedoch meist die Eltern. Nicht der Krieg ist die Ursache der steigenden Jugendkriminalität, sondern in der heutigen Jugend stellen sich nur die Fehler der vergangenen Generation und der Erwachsenen von heute dar. Viele Erwachsene sind einfach unfähig, vorbildlich zu leben. Der junge Mensch braucht aber das Vorbild, er braucht Liebe und Zuneigung, er braucht jemanden, der Verständnis zeigt für alles, was so geschieht.

Es ist traurig zu sehen, wie Kinder aus geschiedenen Ehen hinterher durch Prozesse weitergereicht werden. Etwa 38 Prozent der gefährdeten Kinder stammen aus geschiedenen Ehen. Etwa die Hälfte der unter Fürsorgeaufsicht stehenden Jugendlichen kommt aus unvollständigen oder zerrütteten Ehen. Die zwiespältige elterliche Autorität - zu strenger Vater oder auch zu strenge Mutter - führt junge Menschen oft ins Unglück. Wer als Jugendlicher zuviel Geld und schon früh den Autoschlüssel in der Tasche hat, kommt ebenfalls manchmal auf krumme Wege.

Manchmal sind die Eltern zwar da, aber die „funktionieren“ nicht: Sie erziehen nicht und geben kein gutes Beispiel, sondern sie geben sogar ein. böses Beispiel. Gerade die Väter aus vermögenden Häusern haben keine Zeit für ihre Kinder, weil sie ihr ganzes Leben damit verbringen, Geld zu verdienen. Auch die Frauen sind durch gesellschaftliche Verpflichtungen derart in Anspruch genommen, daß sie ebenfalls für ihre Kinder keine Zeit haben. Nachher sind sie dann entsetzt, wenn sie hören, was ihre Kinder getan haben sollen. Viele haben Rat und Hilfe im Elternhaus gesucht, aber man hatte keine Zeit für sie, es gab kein Gespräch. Es gibt auch eine Eltern-Verwahrlosung, die durch die Veräußerlichung und Verflachung vieler Lebensformen bedingt ist und zu einer Verkümmerung des inneren Menschen führt. Bei den Eltern sollte man ansetzen, wenn man die Jugendkriminalität bekämpfen will.

Vielen Straftätern ist gemeinsam, daß sie vor plötzlichen Schwierigkeiten standen. Dann spielt noch eine Rolle ein falsches negatives Kameradschaftsgefühl. Es haben sich jugendliche Banden gebildet, die in Selbstbedienungsläden Genußmittel entwendet haben, um sie dann bei gemeinsamen Festen zu verbrauchen (Alkohol, Zigaretten). In diesen Banden gibt es eine feste Rangordnung mit Boß, Stellvertreter und Schriftführer. Doch am meisten

gefährdet ist der Letzte in dieser Rangstufe, der so dumm ist, daß er höchstens Schmiere stehen darf: Er will durch eine große Tat sich in den Vordergrund spielen, um dadurch einen guten Mittelplatz in der Gruppe zu erlangen.

Mit ein Grund dürfte auch sein, daß man angeblich der Jugend sehr viele Rechte einräumt. Das steigt vielen dann in den Kopf bzw. die anderen nehmen sich dann auch gewisse Rechte heraus, die ihnen nicht zustehen. Hier beißt sich nun allerdings die Katze in den Schwanz: Man darf die Jugendlichen nicht entmündigen, sonst werden sie aggressiv. Läßt man ihnen aber gewisse Rechte, dann schlagen sie über die Stränge. Wie bei so manchen Dingen findet man aber nicht das richtige Mittelmaß, sondern fällt von einem Extrem ins andere und bringt nur eine Schwarz-Weiß-Malerei zustande.

 

Versuche zur Abhilfe:

1.) Eine familiäre Bindung und Führung verhütet am sichersten ein Abgleiten ins Asoziale. Wenn es erst einmal wieder als Schande gilt, seine Kinder unerzogen zu lassen, dann ist wieder mehr Hoffnung für die Kinder und für die Familie. Oft wird es allerdings auch nötig sein, nicht nur gute Ratschläge zu geben, sondern auch den Eltern die wirtschaftlichen oder ge­sund­heitlichen Sorgen abzunehmen, damit sie mehr Zeit haben, ihre Kinder zu lieben und sich um sie zu kümmern. Es gibt auch schon zum Teil Erziehungsberatungsstellen und Eltern-Diskussionsgruppen. Nur kann man hier nicht mit Vorwürfen kommen, sondern man sollte die Eltern etwa einladen, auch sonst etwas zum Leben der Gemeinde mit beizutragen.

2.) Die Schule übt einen jahrelangen und mächtigen Einfluß auf die Jugendlichen aus. Der Lehrer kann so schon erste Anzeichen persönlicher und sozialer Probleme entdecken und kann vieleicht raten und helfen. Psychologen sollten ihn bei der Arbeit am Kind und für das Kind unterstützen, damit es kein „Versager“ wird.         Man kann auch ganze Schulklassen in eine Gerichtsverhandlung führen und dann mit ihnen darüber sprechen. Die Zehn-Jahres-Schule bietet manche Möglichkeiten, die Kinder noch besser auf das Leben vorzubereiten und sie innerlich gefestigt in die Welt zu entlassen. Schließlich kann der Bau von Sportstätten und Jugendheimen eine Gelegenheit geben, die Freizeit sinnvoll anzuwenden.

3.) Ein Bewährungshelfer soll dem straffällig gewordenen Jugendlichen helfen, wieder in die menschliche Gemeinschaft eingegliedert zu werden. Hier sind auch die Betriebe aufgerufen, durch eine Lehrstelle oder Anstellung dem jungen Menschen eine echte Chance zu bieten. Der straffällig gewordene Jugendliche ist durchaus nicht immer „schlecht“ (höchstens seine Eltern).

4.) Auch die Polizei kann durch kluges Verhalten Manches erreichen. In Schweden hatte sie immer Mühe mit jugendlichen Autofahrern, die in Banden durch die Stadt rasten, mit alten, nur notdürftig fahrtüchtig gemachten und bunt bemalten Autos. Die Stadt vermietete an sie alte, leerstehende Häuser am Rande der Stadt und gab Beihilfen für die Einrichtung! Organisationen stifteten eine komplette Werkzeugausrüstung, damit die Wagen in Ordnung gehalten werden können, und einen Autobus, der als Filmvorführraum dienen soll. Die Autoklubs organisierten eine Auto-Ralley. Als Gegenleistung boten die jugendlichen Autofahrer bedürftigen Kindern und Rentnern an den nächsten Sonntagen einen Autoausflug an. Und jeden Donnerstagabend stellten sie zwei Autos zur Verfügung, um Gehbehinderte und invalide Jugendliche zu deren Vereinszusammenkünften zu fahren.

 

Die Jugend ist nicht schlechter als früher:

Zum Menschsein des Menschen gehört die Freiheit der Entscheidung. Darin eingeschlossen ist die Möglichkeit, die Freiheit zu mißbrauchen. Verbrechen ist deshalb eine existentielle Möglichkeit des Menschen. Es gibt nicht „den“ Kriminellen, sondern ein gewisses Maß an Kriminalität hat es zu allen Zeiten gegeben und wird es auch weiter geben. Nur das Ansteigen einer bestimmten Form von Kriminalität ist ein Warnungszeichen.

Mord und Totschlag kommen heute seltener vor als in den Zeiten, als der Mord noch mit dem Tode bestraft wurde. Sie hatten ihren Höhepunkt in den politisch unruhigen Jahren um 1930. In den Jahren zwischen den Weltkriegen wurden mehr junge Leute unter 25 Jahren wegen Tötungsdelikten und Körperverletzung verurteilt als heute. Und in d er „guten, alten Zeit“ um die Jahrhundertwende waren es sogar sechsmal soviel. Ausgesprochene Gewaltverbrechen sind bei der heutigen Jugend weit geringer als früher, von einer allgemeinen Verrohung kann man nicht sprechen.

 

 

Sterben und Tod: Wie reden wir mit Kindern vom Sterben?

Einstieg:

Soll man Kinder mit zur Beerdigung nehmen?

Wie haben wir selber als Kind das Sterben erlebt?

 

Wie erleben Kinder den Tod?

Das Thema „Tod“ ist für Kinder nicht tabu. Es sollte aufgegriffen werden, wenn sich Ereignisse dazu anbieten zum Beispiel wenn ein Haustier stirbt oder der Tod eines Menschen das Kind bewegt. Geschickte Fragen und gemeinsames Nachdenken sind geboten. Zu beachten ist die Altersstufe. Ein Fünfjähriger verkraftet nicht so viel, wie ein Zehnjähriger.

 „Mein Hamster schläft. Schon drei Tage. Er ist ganz kalt, Ich wecke ihn nicht auf!“ So beschreibt der siebenjährige Jan seine erste Erfahrung mit dem Tod. Er benützt damit ein Wort, das ihm aus seinem Alltag geläufig ist. Schlaf kennt Jan, diesen kann er benennen. Vielleicht hat die Mutter beim Tod des Großvaters dasselbe Wort benützt. „Der Opa schläft jetzt lange!“ In der Tat ist der Schlaf verwandt mit dem Tod. Die Chinesen kennen ein Sprichwort, das lautet: „Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes“

Die Frage nach dem Sterben wird ausgelöst durch den Tod eines geliebten Haustiers oder eines geliebten Menschen. Dann beginnt das Kind auch darüber nachzudenken, was diese Ver­änderung wohl für den Betreffenden bedeutet. Kinder spielen dann gern „Beerdigung“ und finden das „schrecklich schön“. Aber die Kinder beginnen auch schon zu ahnen, daß sie selber einmal werden sterben müssen. Dann suchen sie Hilfe und Geborgenheit bei den Erwachsenen. Diese aber müssen sich erst einmal selber klarwerden über ihre Stellung zum Tode.

Viele Erwachsenen scheuen sich, mit den Kindern von Krankheit und Tod zu sprechen. Sie meinen, die Kinder verstehen es doch nicht und wären zu klein, um es ertragen zu können. Ihre unbefangene Lebensfreude soll nicht durch schwere Eindrücke zerstört werden. Die Sorglosigkeit der Kinder soll erhalten bleiben, weil wir uns selber daran aufrichten möchten.

Kinder erfassen mit ihrem Herzen meist erstaunlich schnell und sicher, auch ohne Einzelheiten zu wissen. Wir körnen ihrer nicht alles Schwere ersparen, weil wir so die Entwicklung seiner besten Kräfte hemmen.

 

Wie kann ich wahrnehmen, wenn mein Kind trauert?

„Kinder können ihre Trauer und Verlustgefühle auf vielfache Weise ausdrücken. Manchmal entwickeln sie körperliche Symptome oder Schmerzen und Krankheitsvorstellungen (so wie viele Erwachsene), oder sie werden ernsthaft krank. Andere Kinder entwickeln plötzlich feindliche Gefühle und aggressives Verhalten gegenüber Altersgenossen oder Erwachsenen, oder sie verleugnen vollkommen, daß sich irgendetwas verändert hat. Oft idealisieren Kinder die verstorbene Person, besonders wenn sie ihnen sehr nahe stand. Mitunter fühlen sich Kinder schuldig am Tod des Verstorbenen, besonders bei Geschwistern, und reagieren mit Panik und Ängsten. Der Erwachsene muß wissen, daß Kinder unter acht Jahren ihre Trauergefühle nicht ohne weiteres in Worten ausdrücken können. Um so wichtiger ist es, die Phantasiespiele zu beobachten, in denen das Kind seine Befürchtungen oder Idealisierungen „agiert“, das heißt im Spiel mit Puppen, Tieren oder in Selbstgesprächen, auf die man hinhören muß. Eltern sollten daher stets wach werden, wenn deutliche Veränderungen im Verhalten eines Kindes in der Nachfolge eines Todeserlebnisses auftreten. Solche Veränderungen sind stets Ausdruck der Trauer, die noch nicht in Worten ausgedrückt werden kann.

 

Vor Überlastung schützen:

Wir müssen sie allerdings vor unnötigen Erschütterungen behüten, die zur Überlastung der seelischen Kräfte führen könnten (nicht qualvolles Leben mit ansehen). Entscheidend wird sein, daß wir selber im Leid nicht ohne Trost sind und uns bei Gott geborgen wissen.

Manche Eltern sind entsetzt, wenn Kinder arscheinend herzlos vom Sterben sprechen. Da sagt etwa eine Tochter: „Mutter, wenn du stirbst, dann heirate ich den Vater!“ Oder: „Wenn du gestorben bist, dann kriege ich deine Halskette!“ Oder es heißt. „Opa, wenn du einmal tot bist, dann komme ich jede Woche und hark dir über!“

Kinder sind nicht gemütsarm, wenn sie etwas schnodderig vom Sterben reden. Sie können ja noch in keiner Weise den Verlust ermessen. Nur wenn sie einen nahen Verwandten verlieren, spüren sie die bedrohende und ängstigende Nähe des Todes. Dann werden sie viel Verständnis und Wärme brauchen. Aber wenn ein Kind sich auf das „Erben“ freut, dann hat es ja nicht all die schweren Begleiterscheinungen vor Augen, sondern das Besitzenwollen.

Man kann dem Kind etwa so antworten: „Die Halskette hat der Großvater mir geschenkt, als wir geheiratet haben. Deshalb darf ich sie auch nicht verschenken. Aber heute Nachmittag spielen wir zusammen. Dann bist du die Mutter und darfst die Kette ein Weilchen anziehen. Aber den Vater kannst du nicht heiraten, auch nicht, wenn ich einmal tot bin. Wenn du groß bist, heiratest du einen anderen Mann. Jetzt aber holen wir den Vater vom Geschäft ab, da freut er sich sicher darüber!“

Erwachsene müssen die Frage nach dem Tod ehrlich beantworten und dürfen ihr nicht ausweichen. Unerklärlich ist die Aussage: „Dein Bruder Gottfried hat es jetzt gut. Er ist im Himmel!“ Es wird von einer weiten Ferne geredet, die das Kind sich nicht vorstellen kann. Gleichzeitig erlebt es mit, wie der Tote in einen Sarg gebettet wird. Mit vielen Blumen wird dieser in die Erde gelegt und zugeschüttet. Später werden Blumen gepflanzt. Man begießt das Grab, macht hin und wieder. einen Spaziergang dorthin, redet freundliches vom Verstorbenen - aber er ist nicht mehr da.

 In dem Buch von Wera Panowa „Kleiner Mann in großer Welt“ fragt der kleine Serjoscha: „Sterben wir denn alle?“ Die Erwachsenen werden verlegen, so als hätte er etwas Unanständiges gefragt. Schließlich sagt einer „Nein, wir sterben nicht, und besonders du nicht, das kann ich dir versprechen!“ Doch solche barmherzigen Lügen müssen wir vermeiden. Die Erwachsenen müssen wahrhaftig antworten: „Ja, du wirst auch sterben!“ Aber die Antwort muß noch weitergeführt werden, damit das Kind damit leben kann. Das Kind muß getröstet werden, um mit dem Problem fertig zu werden.

Besser ist da die Antwort von Ludvik Askenazy in der Geschichte: „Wie wir das Glück suchen gingen“. Da begegnen Vater und Sohn einem Leichenwagen. Der Vater will ablenken, aber der Junge hat nur noch dieses eine Problem. Der Vater sagt die Wahrheit: „Alle müssen sterben!“ Aber er tröstet den Jungen und sagt: „Ich werde eher sterben als du!“ Und er sagt dem Jungen, daß er als Gestorbener neben dem Fahrer des Leichenwagens sitzen darf. Da fürchtet sich der Junge nicht mehr vor dem Tod, und auch der Vater fürchtet sich nicht mehr. Der Junge ist zufrieden, die Artwort war ihm ausreichend und eine große Hilfe.

Wir dürfen nicht ausschmücken und vom Himmel erzählen. Kinder sind sehr phantasievoll und werden noch mehr dazu machen: „Dann bin ich also ein Engel und spiele immer die Blockflöte, ohne daß ich üben muß. Jeden Mittag gibt es Kartoffelpuffer, und ich muß nie in die Schule gehen!“ Auch andere, christliche klingende Vorstellungen sollte man nicht weitergeben: „Die Seele fliegt als Engelchen zum Himmel, wo Petrus an der Tür steht und sie in den großer Himmelssaal führt!“

Man kann ruhig zugeben: „Ich weiß nicht, wie es dort aussieht. Aber ich weiß, daß man da bei Gott ist. Dort wird man ihn noch deutlicher hören und spüren und sehen wie hier. Aber das ist ein Geheimnis, das wir nur ahnen können! Wir wissen nicht genau, wo das Brüderchen jetzt ist. Wir glauben aber ganz fest und sicher, daß es bei Gott ist und dort gut aufgehoben ist. An Ostern hat Gott gezeigt, daß er stärker ist als der Tod. Er hat Jesus nicht bei der Toten gelassen, sondern hat sich weiter um ihn gekümmert. Wir Christen glauben, daß er sich auch um uns kümmern wird. Über Einzelheiten aber brauchen wir uns nicht der Kopf zu zerbrechen!“

 

Vorbereitung:

Kinder sollten behutsam und rechtzeitig auf den bevorstehenden Tod eines nahen Familienmitgliedes vorbereitet werden. Nichts ist schlimmer für ein Kind, als durch die scheinbare Vorsorge der Erwachsenen sich ausgeschlossen zu fühlen, während es instinktiv und intuitiv die Veränderungen im Verhalten der Umgebung wahrnimmt, sich den Zusammenhang jedoch nicht voll erklären kann und sich dadurch allein gelassen fühlt.

Geht längere Krankheit voraus, so empfiehlt es sich, wenn der Ausgang gewiß ist, kleineren Kindern im Anfangsstadium der Krankheit einen Besuch zu ermöglichen, Jugendliche dagegen zu Gesprächen mit dem Sterbenden zu ermutigen. Beides sollte nie ohne aufmerksame Beobachtung der Nachwirkungen und ohne ein offenes Gesprächsangebot von seiten der gesunden Erwachsenen bleiben. Auch hier haben Verschweigen, Beschönigen, Verleugnen oder Verheimlichen eher die Wirkung eines ernsten Vertrauensbruches. Dem Kind muß allerdings in den meisten Fällen erklärt werden, daß es von sich aus den Sterbenden oder aussichtslos Kranken nicht nach seinem Tod fragen kann, es sei denn, der Sterbende eröffnet sich selbst. Letzteres geschieht häufiger, besonders gegenüber Jugendlichen.

 

Vom Anblick eines Toten fernhalten?

Eine spezielle Frage ist, ob man Kinder vom Anblick eines Toten fernhalten soll. Aber ein Schulkind ist meist so sachlich interessiert, daß man es nach entsprechender Vorbereitung erstmals eine Leiche sollte sehen lassen. Dabei kann man auch gleich das Kirn zum Takt gegenüber der Trauernden erziehen. Allerdings sollten dabei die Trauernden ihren Schmerz um den Verstorbenen nicht in haltlosem Weinen oder gar lautem Jammern zum Ausdruck bringen. Dieses Verhalten könnte dem Kind nur Schrecken und Angst verursachen. Tritt die Mutter aber still und ehrfürchtig an den Sarg und nimmt sie betend Abschied, so kann das dem Kind für sein ganzes Leben eindrücklich bleiben. Man könnte ihm auch ein paar Blumen geben, die es in den Sarg legen darf. Dabei könnten wir auch dazu anleiten, wie man sich verhält, wenn man einem Trauerzug unverhofft begegnet.

 

Soll mein Kind einen sterbenden Verwandten im Krankenhaus besuchen?

Wird ein Kind vom Krankenbesuch eines nahen Verwandten ausgeschlossen, nährt es oftmals unklare Vorstellungen und Ängste. Es braucht je-och eine sachliche Vorbereitung auf den veränderten Zustand des todkrankcn Familienmitgliedes und auf das, was im Krankenhaus vorgeht. Auch hier gilt es, sich an die eigentlichen Fragen und Vorstellungen des Kindes heranzutasten, um vorsichtig darauf eingehen zu können.

 

Soll mein Kind an einem Begräbnis teilnehmen?

Wenn sechs- bis siebenjährige Kinder an einem Begräbnis teilzunehmen wünschen, sollten sie nicht ausgeschlossen werden. Bei jüngeren muß klar sein, daß ein dein Kind vertrauter Erwachsener beruhigende Nähe während des Begräbnisses gewähren kann. Er wird die Fragen des Kindes auch während des Begräbnisses beantworten und durch die körperliche Nähe eine ständige Rückversicherung bieten. In jedem Fall sollte das Kind aber auf die jeweiligen Begräbnisrituale und auch auf die natürlichen Gefühlsäußerungen der Trauer vorbereitet werden.

 

Ehrliche Antworten:

Viele Erwachsenen scheuen sich, mit den Kindern von Krankheit und Tod zu sprechen. Sie meinen, die Kinder verstehen es doch nicht und wären zu klein, um es ertragen zu können. Ihre unbefangene Lebensfreude soll nicht durch schwere Eindrücke zerstört werden. Die Sorglosigkeit der Kinder soll erhalten bleiben, weil wir uns selber daran aufrichten möchten.

Kinder erfassen mit ihrem Herzen meist erstaunlich schnell und sicher, auch ohne Einzelheiten zu wissen. Wir körnen ihrer nicht alles Schwere ersparen, weil wir so die Entwicklung seiner besten Kräfte hemmen.

Der Großvater ist gut beraten, wenn er dann etwa sagt: „Ja, und dann denkst du daran, wie schön es immer war, wenn wir zusammen waren!“ Junge Menschen wissen zwar, daß sie sterben müssen; aber sie können es sich nicht vorstellen, weil sie meinen, noch Zeit zu haben. Alte Menschen haben eine andere Einstellung dazu. Sie wissen, daß sie nicht mehr viel Zeit haben. Aber das sollte ihnen auch mehr Gelassenheit geben.

 

Nicht ausschmücken:

Wir dürfen nicht ausschmücken und vom Himmel erzählen. Kinder sind sehr phantasievoll und werden noch mehr dazu machen: „Dann bin ich also ein Engel und spiele immer die Blockflöte, ohne daß ich üben muß. Jeden Mittag gibt es Kartoffelpuffer, und ich muß nie in die Schule gehen!“ Auch andere, christliche klingende Vorstellungen sollte man nicht weitergeben: „Die Seele fliegt als Engelchen zum Himmel, wo Petrus an der Tür steht und sie in den großer Himmelssaal führt!“

Man kann ruhig zugeben: „Ich weiß nicht, wie es dort aussieht. Aber ich weiß, daß man da bei Gott ist. Dort wird man ihn noch deutlicher hören und spüren und sehen wie hier. Aber das ist ein Geheimnis, das wir nur ahnen können! Wir wissen nicht genau, wo das Brüderchen jetzt ist. Wir glauben aber ganz fest und sicher, daß es bei Gott ist und dort gut aufgehoben ist. An Ostern hat Gott gezeigt, daß er stärker ist als der Tod. Er hat Jesus nicht bei der Toten gelassen, sondern hat sich weiter um ihn gekümmert. Wir Christen glauben, daß er sich auch um uns kümmern wird. Über Einzelheiten aber brauchen wir uns nicht der Kopf zu zerbrechen!“

 

Wann können wir zu unseren Kindern über den Tod sprechen?

Immer, wenn ein Kind danach fragt, sollte geantwortet werden. Der Tod eines Haustieres oder anderer Lebewesen kann so ein Gespräch in Gang setzen. Dabei ist sehr vorsichtig vorzugehen, um gerade jüngere Kinder nicht mit einem Informationsangebot zu überschütten, das nicht verarbeitet werden kann. Die bereits bestehenden Vorstellungen und Phantasien des Kindes sollten „ans Licht geholt“ werden, um es von da aus zu wirklichkeitsnahen Korrekturen anregen zu können. Werden Kinder allein gelassen im Kampf mit ihren zum Beispiel mystischen Vorstellungen, kann das dazu führen, daß ihr Wirklichkeitssinn später auch in anderen Bereichen beeinträchtigt wird. Verschiebungen von Antworten auf später sind so wenig hilfreich, weil es oft nur den Erwachsenen Hilfe bietet, wenn sie ihre eigenen Todesängste hinter verschobenen Antworten verstecken.

 

Wenn mein Kind mich plötzlich fragt, ob ich eines Tages sterben werde?

Hinter dieser Frage steckt die Trennungsangst des Kindes, das sich von seinen Eltern abhängig fühlt. Trotzdem muß sie mit einem „Ja“ beantwortet werden, zu dem die beruhigende Versicherung gehört, daß das Sterben weder von dem Kind verursacht werden kann, noch daß der Erwachsene selbst erwartet, bald zu sterben. Ein Erwachsener kann einem Kind zum Beispiel sagen: „Ich werde für lange Zeit dasein, solange du mich brauchst!“ Für das Kind ist das beruhigend zu wissen, zumal solche unvermeidlichen Gefühle wie Ärger, Eifersucht und Rivalität das Angst- und Schuldgefühl nähren könnten, daß den Eltern durch solche Gedanken und Phantasien Schaden bzw. der Tod zugefügt wird. „Gelegentlich sagen manche Eltern gedankenlos in Augenblicken unkontrollierten Zorns: „Du wirst mich noch ins Grab bringen mit deinem Benehmen!“ Die Phantasien des Kindes werden von jenen Vorstellungen geprägt, die die Erwachsenen seiner Umgebung oft unbedacht mitteilen und erwecken, ohne sich dabei die Mühe zu machen, eine dem Kind erträgliche und wirklichkeitsnahe Darstellung zu geben.

 

Tod der Eltern:

Sterben einem Kind beide Eltern, sind auch Erwachsene, die das miterleben, meist hilflos. Am besten und hilfreichsten für das Kind ist es dann, wenn die Zukunft sachlich geklärt wird, damit der Eindruck vermieden wird, daß es wahllos herumgereicht wird. Ansonsten sollte ihm viel Geduld und Zuwendung entgegengebracht und ein normaler Tageslauf ermöglicht werden, um es dann bei seiner Trauerarbeit unterstützen zu können.

Stirbt die Mutter, ist das Erlebnis für Söhne und Töchter verschieden. Töchter reagieren oft darauf mit größerer Selbständigkeit, obwohl im Unbewußten die unbestimmte Sehnsucht nach wärmender Liebe bestehen bleibt.

Jungen trauern sehr lange um den Verlust der Mutter. Der weitere Verlauf richtet sich danach, ob die Umgebung zur Verleugnung und zum Vergessen beiträgt oder dem Kind genügend Zeit zur Trauer und zur Belebung eines tröstlichen inneren Erinnerungsbildes gelassen hat.

Der tiefe Verlust ist nur dann heilbar, wenn es dem Kind ermöglicht wird. seine eigenen schöpferischen Kräfte zu entfalten und einen eigenen, wenn auch vorläufigen Lebensentwurf zu entwickeln, der die Tatsache des Verlustes nicht wegleugnet.

Stirbt der Vater, wird das meist noch bedrohlicher erlebt, weil sich mit ihm vielfach heute noch Versorgung und ökonomische Sicherheit verbinden. Sich auf die Zeit von Krankheit und Sterben des Vaters einzustellen, ist oft schwer, weil die meisten Männer ungeübter im Aussprechen tieferer Gefühle sind. Sie tragen durch ihr eigenes Verhalten länger zur Verleugnung bei. Viele Mütter geraten aus der eigenen Angst um den Verlust des Lebenspartners in Konflikt und können ihren Kindern oftmals wenig helfen.

Bei der Wiederverheiratung eines Elternteils werden Kinder nach einem miterlebten Todesfall vor ähnliche Loyalitätsprobleme gestellt wie bei einer Scheidung. Wie gut die Anpassung gelingt, hängt weitgehend von der geleisteten Trauerarbeit der Familie und dem früheren Verhältnis zum verstorbenen Elternteil ab, aber auch von der emotionalen Offenheit und Zuneigung des an eine neue Heirat denkenden Elternteils.

Kinder jeder Altersstufe bedürfen der seelischen Hilfe und des ernstgemeinten Beistandes ihrer nächsten Umgebung, wenn ein Elternteil tödlich erkrankt und stirbt. Wie mehrfach zuvor betont, ist die zunächst schmerzlich aufbegehrende Frage: „Warum trifft das gerade mich?“ - „Was bleibt mir nun?“ durchaus natürlich für jeden Überlebenden. Im Umgang mit dem Kind gilt es vor allen Dingen ängstliche und schuldbeladene Gefühle zu beruhigen, in wirklichkeitsnaher Weise auf die bevorstehenden Veränderungen vorzubereiten und über den ersten Schmerz des Verlustes tätig hinwegzuhelfen, besonders bei der sorgfältigen Vorbereitung auf den Trauergottesdienst und das Begräbnis, wenn das Kind, geschützt durch einen ihm eng vertrauten Erwachsenen, daran teilnimmt.

Die schwierigere Aufgabe entsteht in den folgenden Wochen und Monaten, wobei gelegentliche Gespräche und Erinnerungen an frohe, gemeinsame Erlebnisse mit dem verstorbenen Eltern- oder Geschwisterteil ebenso helfen können wie Hinweise auf die frühere Lebensbejahung des Verstorbenen. In jedem Fall sollte man sorgfältig hinhören und weder abzulenken noch zu bagatellisieren versuchen, wenn ein Kind sich seine Schuldgefühle gegenüber einem Verstorbenen vom Herzen reden möchte. Stilles Annehmen, Verstehen und ein tröstender Hinweis auf die Vergebung, deren wir alle bedürfen, wirkt beruhigender als jedes Ausreden- wollen.

Wie zuvor betont, erschwert zu großes Mitleid die Trauer, während die Erweckung neuer Interessen und größerer Nähe von den meisten Kindern als hilfreich erlebt wird, ebenso wie die Freigabe zum Zusammensein mir Altersgenossen.

 

Tod durch Unfall:

 Am schwersten ist gewiß die Hilfeleistung für Kinder, die ihre Eltern oder Geschwister völlig unvorbereitet durch Unfall oder Selbstmord verlieren. Entscheidend ist aber auch dann der verständnisvolle Beistand, der wegen der Plötzlichkeit des Geschehens mehr Geduld und Zuwendung erfordert. Dem Kind muß Gelegenheit gegeben werden, seine positiven wie negativen Erinnerungen an die persönlichen Beziehungen, seine Erlebnisse und Gefühle gegenüber einem Erwachsenen auszusprechen, der gelernt hat, genau hinzuhören, zu ermutigen und nicht abzulenken.

Die Trauer des Kindes wird erleichtert, seine Ängste werden gemildert, sobald eine klare Zukunft entworfen werden kann. Geschwister sollten nach Möglichkeit für die ersten Wochen und Monate zusammenbleiben können, weil anderenfalls dem schweren Verlust ein weiterer Verlust folgt, der Anklammerungsängste auslösen kann.

 

Tod eines Geschwisters:

Beim Tod eines Bruders oder einer Schwester sind Kinder oft besonders einsam, weil die Eltern voll in ihrer eigenen Trauer aufgehen. Die Stellung in der Geschwisterfolge ist besonders zu beachten. Für jüngere Geschwister kann die extreme Trauer der Mutter zum Beispiel zu Gefährdungen führen. Ein hinterbliebenes Kind braucht viel Liebe und Aufmerksamkeit, weil sonst die Zweifel, ob es den Eltern lieber gewesen wäre, wenn es selbst gestorben wäre, überhandnehmen können durch das Erlebnis, immer wieder mit dem verstorbenen Bruder, der verstorbenen Schwester verglichen zu werden.

 

Todkranke Kinder:

Todkranke Kinder sollten rechtzeitig von ihrer Situation erfahren, damit sie in Ruhe und Frieden Abschied nehmen können. Wird ihnen die Wahrheit zu lange vorenthalten, führt es gelegentlich zu einer Art Trosthaltung des sterbenden Kindes den Eltern gegenüber, die ihm sein Sterben nicht erleichtert.

Besonderer Hilfe in der Trauerarbeit bedürfen ältere Kinder, die durch einen Unfall eines ihrer jüngeren Geschwister verloren haben, für das sie die Aufsichtsverantwortung übernommen hatten. Ähnlich ist es bei Selbstmorden von älteren Kindern bzw. Jugendlichen. Eltern und Geschwister müssen dann mit ihren Schuldanteilen neu leben lernen.

Ein besonderes Problem stellt die Begleitung unheilbar kranker Kinder dar, die nicht nur aufgrund von Erlebnissen oder Erfahrungen mit der Frage des Todes konfrontiert werden, sondern selbst existentiell davon betroffen sind. Für die kirchliche Arbeit mit Kindern ist das wohl ein Randproblem, da unheilbar kranke Kinder erstens prozentual selten sind und zweitens meistens in stationärer Behandlung und damit der Einflußsphäre des Katecheten entzogen sind. Die seelsorgerliche Aufgabe stellt sich primär den Eltern, den Ärzten und Krankenhausseelsorgern.

 (1.) Was gebt in einem unheilbar kranken Kind vor, wie empfindet und reagiert es?

Die Beobachtungen von E. Kübler-Ross haben bestätigt, daß todkranke Kinder von ihrer Krankheit und dem bevorstehenden Tod wissen. Sie können das nicht immer verbal ausdrücken. vor allem wenn sie noch sehr jung sind. Auf intuitiver Ebene wissen sie jedoch, wie es um sie steht, und das drücken sie in einer Symbolsprache aus. Diese Symbolsprache zu verstehen ist das A und O der seelsorgerlichen Begleitung eines solchen Kindes. Es äußert sich zunächst mit nonverbalen Mitteln (Zeichnungen, Collagen u. a.), kann dann aber auch Worte dafür finden, wenn ein verständnisvoller und vor allem verständnisfähiger Gesprächspartner da ist.

Zum Beispiel berichtet Elisabeth Kühler-Ross von einem fünfjährigen Jungen, der einen Regenbogen gezeichnet hatte, an dessen Ende sich ein prachtvolles Schloß befand. Der Junge kommentierte: „Etwas wissen die Erwachsenen nicht: die nennen das immer Regenbogen, aber das ist eigentlich kein Regenbogen, das ist die Seitenansicht von der Brücke, die wir passieren von diesem Leben ins andere Leben“ (Das andere Leben hatte er mit dem Schloß symbolisiert).

 Wer die symbolische Sprache der Kinder versteht, wird merken daß jedes sterbende Kind drei Dinge sagt:

- von wem es Hilfe braucht (das kann irgendeine Bezugsperson sein)

- wann es jemanden braucht (das wird vor allem in Momenten des Alleinseins und der Angst sein);

- welche eigenen „unerledigten Geschäfte“ (gemeint sind seelische Konflikte, verdrängte Probleme) das Kind hat.

 

 (2) Was geht in mir vor, wenn ich einem todkranken Kind gegenüberstehe?

Die Erwachsenen, die beruflich, familiär oder freundschaftlich einem unheilbar kranken Kind beistehen wollen, haben oft große Hemmungen und fühlen sich unsicher, weil sie nicht gelernt haben, mit solch einer Situation umzugehen. Die Situation erfordert, für das Kind da zu sein, ihm beizustehen, offen zu sein für seine Äußerungen und darauf einzugehen. Doch da ist die erste Hemmung: der Erwachsene weiß, wie es um das Kind steht und meint, das Kind wisse es nicht. Er versucht vorsichtig zu sein, sich nichts anmerken zu lassen und Mut zu machen. Dabei muß er sich verstellen. Das merkt das Kind, denn es weiß ja mehr, als der Erwachsene ihm zutraut, und ist sehr sensibel in seinem kranken Zustand.

Weitere Hemmungen und Belastungen können dazukommen: Schuldgefühle gegenüber dem Kind, weil man es vielleicht manchmal hart angefaßt hat. weil man vielleicht sein Defizit an Liebe und Zuwendung nun erkennt. Womöglich meldet sich sogar das Gefühl. für die Krankheit des Kindes mitverantwortlich zu sein. All das gehört zu dem Bereich, den Kühler-Ross die „unerledigten Geschäfte“ der Erwachsenen nennt. Sie müssen zunächst „erledigt“, d. h. aufgearbeitet und ausgeräumt werden. Besonders auf seiten der Eltern eines todkranken Kindes können solche Vorgänge ganz massiv auftreten, weil im familiären Leben und in der Erziehung viel Konfliktstoff liegt. Es ist also zu überlegen, wie die Erwachsenen zu einem natürlichen Verhältnis und Verhalten gegenüber dem kranken Kind gelangen können, damit sie ihm zur echten Hilfe werden.

(3) Wie kann ich meine Reaktion gegenüber dem Kind so steuern, daß ich dem Kind wirklich helfe und beistehe?

Da sind zunächst die bereits angesprochenen Sachverhalte: eigene unverarbeitete seelische Probleme, Schuldgefühle und Ressentiments auf seiten der Erwachsenen müssen abgebaut werden. Die Frage, ob man dem unheilbar kranken Kind die Wahrheit sagen oder ihm etwas vorspielen soll, ist eine Scheinfrage, denn das Kind kennt intuitiv die Wahrheit. Es kommt vielmehr darauf an, die Symbolsprache zu verstehen und in ihr zu antworten, damit sich das Kind angenommen und verstanden weiß. Für das Verstehen der Symbolsprache gibt es allerdings kein allgemeingültiges Rezept. Mit etwas Phantasie lassen sich viele Symbole erschließen; manchmal deuten sie die Kinder selbst.

Es ist eine vorwiegend metaphorische Sprache, deren sich die Kinder bedienen. Das allerwichtigste beim Umgang mit dem todkranken Kind ist eine Grundhaltung, die von „bedingungsloser Liebe“ (Kübler-Ross) erfüllt ist. Vielleicht erscheint diese Forderung banal. Bedenkt man jedoch, wie oft in der Kindererziehung Liebe und Zuneigung von Bedingungen abhängig gemacht werden, dann bekommt dieser Hinweis seine Berechtigung. Kinder brauchen gerade dann Liebe und Zuneigung, wenn sie versagt haben. Das ist bedingungslose Liebe. Liebe kann nie Belohnung für eine Leistung sein.

Das Kind ist auf den Erwachsenen angewiesen. So ist es zutiefst beunruhigt bei dem Gedanken, daß Vater oder Mutter sterben könnten und es selber einsam bleiben müßte. Hier kann das Wissen trösten: Es gibt andere, die sich um mich kümmern, vielleicht ein Onkel oder eine Tante. Das Kind kann dann leicht zu der Auffassung gelangen, daß Krankheit und Tod immer miteinander verknüpft sind. Dann ist es voller Unruhe und Furcht, wenn es selber oder Angehörige krank werden. Manchmal sagen wir Erwachsenen auch, daß der Tod zu einem Menschen kam, als dieser im Bett schlief. Für das ängstliche Kind kann dies der Grund sein, daß es versucht, nicht zu schlafen. Oder vielleicht äußert sich seine Unruhe auch nur in vorübergehenden Einschlafschwierigkeiten. In diesen Ängsten dürfen wir es nicht allein lassen, sondern müssen das Kind mit seinen Gefühlen ernst nehmen und mit ihm sprechen.

 

Hilfe von Verwandten:

Schließlich stellt sich die Frage, ob die Hilfe für überlebende Kinder jeweils stets von einem Elternteil oder nahen Verwandten ausgehen muß, insbesondere wenn letztere die eigene Trauer und Depression kaum überwinden können. Der Austausch zwischen Kindern und Jugendlichen ist freier und oft hilfreicher als die gutgemeinten Versuche hilfloser Verwandter.

Der Erwachsene weiß, daß Schmerz und Trauer in langer ständiger, aber in ihrer Stärke sich vermindernder Pein im Ablauf der Zeit heilen und die Umwendung zum Weiterleben und zur Zukunft eine unausweichliche Notwendigkeit wird. Kinder dagegen können nicht ahnen, ob und wann die Tränen der Erwachsenen versiegen werden. Sie wissen auch nicht, wann es angebracht ist, vom Trauern zum Leben zurückzukehren. Weil es Kindern oft nur schwer möglich ist, in Worte zu fassen, was sie fühlen, bleibt es Aufgabe des Erwachsenen, weniger über die eigene Trauer und den eigenen Lebenszusammenhang zu reden, als vielmehr stellvertretend für das Kind seine Gedanken, Gefühle und Ängste auszusprechen. Für jüngere Kinder wird das leichter sein, wenn das verstorbene Familienmitglied in ein gemeinsames, nicht nur formelhaftes Gebet eingeschlossen wird. Dem Kind gibt diese Anregung die Möglichkeit zu einem eigenen Gespräch mit dem Toten, in dem es seine Trauer und Hoffnung vor Gott hintragen kann. Eine weitere Möglichkeit, die jeder Erwachsene in vernünftigem Maße anwenden wird, ist die Erinnerung: „Wenn Vater jetzt bei uns wäre, würde er sich sicher über dein Zeugnis (über deinen Erfolg) freuen“ - „Mutter würde sicher wünschen, daß wir ihren Geburtstag freudig so begehen wie zu der Zeit, als sie noch bei uns war!“ - „Wenn Hanna noch lebte, hättest du sicher dieses Gedicht ihr gewidmet!“'

Die Verstorbenen sind für eine lange Zeit in unser Leben eingeschlossen, aber es kommt darauf an, ihnen jene Gestalt zu verleihen, die den Tod als sinnerfülltes Leben enthüllt, als den Augenblick in der unumkehrbaren und ungewissen Strecke des Lebens, an dem unser Mühen belohnt wird durch eine Freiheit, die wir nur erahnen können. Nur dadurch kann das Kind Zuversicht in das Leben gewinnen, das noch vor ihm steht, und lernen, daß es noch viele vielleicht härtere Verluste zu überwinden haben wird, die ihm als Zeichen der Lebensbewährung gesetzt sind. Das wird ohne tiefes Gottvertrauen kaum möglich sein.

Vielmehr bedarf es der „religio“, der echten Rückbindung des einen an den anderen, in der jedermann aufgerufen ist, in seinem Leben und Sterben Zeugnis abzulegen für seinen Schöpfer, der ihm sein Leben gab und ihn in seinem Tode, der zu seinem Leben gehört, zu sich ruft. Dies Kindern zu vermitteln mag unsere größte, schwierigste Aufgabe sein, für die es aber nur des guten Willens bedarf, nicht der Vollkommenheit.

Wenn Kinder über den Tod sprechen, fragen sie mehr, als wir das hören, wie es bei einer Beerdigung zugeht oder was die Toten im Sarg machen oder wie Gott die Toten zählt und durch den Sand im Sarg beobachtet, ob er sie wieder auf die Erde zurückschickt oder bei sich behält und ob sie dann eine „Masse des Friedens, der Harmonie, der Liebe und des Glücks“ bilden. Diese Kinder fragen nach dem Leben:“Was muß ich tun? Wie muß ich leben? Welche Hilfe kannst du mir geben? Wie kann ich die Angst vor dem Sterben dadurch überwinden, daß ich wirklich lebe?“

 

Das Erleben des Todes:

Als allgemeine Feststellung können wir vorausschicken, daß sich das Erleben von Tod in den letzten Jahrzehnten immer mehr vom unmittelbaren zum mittelbaren verschoben hat. Sterben und Tod werden weitgehend vom Kind ferngehalten. Beides ist aus der Familie herausgenommen und an gesellschaftliche Einrichtungen delegiert („institutionalisiert“). Trauerfeiern werden den Kindern oft nicht „zugemutet“. Nur selten ist „Tod“ Gesprächsthema zwischen Eltern und Kindern. In der Schule wird nur anekdotisch und distanziert davon gesprochen.

Das alles hält das Kind von einer direkten Konfrontation mit dem Problem des Todes fern und fördert einerseits die Verdrängung desselben und andererseits die Ausbildung magisch-geheimnisvoller Vorstellungen.

Dort, wo Sterben und Tod häufig präsentiert werden, nämlich im Fernsehen, ist fast durchweg eine große Distanz vorhanden. Tod im „Western“ ist kaum ernst zu nehmen, im Krimi ist er zur Herstellung der Spannung notwendig (im Übrigen ist es ja „nur ein Film“), in den Nachrichten ist er sehr weit weg.

Das unmittelbare Erleben von Tod wird für das Kind dann gravierend, wenn damit der Verlust einer Bezugsperson oder eines geliebten Tieres verbunden ist. In der Terminologie der Psy­cho­lo­gie hieße das: wenn der Entzug eines Liebes- bzw. Libido-Objektes vorliegt. Das Problem für das Kind ist weniger der Tod an sich, als vielmehr das Gefühl, daß ihm etwas weggenommen wurde, das zu seinem Leben gehörte. Der Tod von Verwandten zum Beispiel kann daher sehr unterschiedlich auf ein Kind wirken, je nachdem, welche Bedeutung die verstorbene Person für das Kind hatte.

Jeder Katechet und Seelsorger, der dem Kind bei der Verarbeitung seiner Erfahrungen mit dem Tod zur Seite stehen möchte, ist selbst unmittelbar von der Realität des Todes betroffen, weil niemand Unsterblichkeit für sich in Anspruch nehmen kann. Das einzige, das er dem Kind voraus hat, sind seine größeren Erfahrungen und sein tieferes Nachdenken. Vielleicht wird er sich aber auch dabei ertappen, wie stark er selbst dieses Problem verdrängt hat. So ist eine eigene Standortfindung vor der Begleitung des Kindes unumgänglich.

Zunächst soll gefragt werden, wie der christliche Glaube mit der Realität des Todes umgeht, wie er den Tod versteht und welche Hilfen er zur Bewältigung von damit verbundenen Ängsten bietet.

 

Es gibt vier Phasen, wie sich der Begriff des Todes im Kind entwickelt:

1). Die erste Phase, die etwa bis zum zweiten Lebensjahr reicht, ist gekennzeichnet von einem totalen Nichtverstehen und einer vollständigen Gleichgültigkeit). Es existieren beim Kind keine bewußten, objektivierbaren Vorstellungen. Die einzigen Reaktionen, die auf eine Todeserfahrung hin auftreten, sind diejenigen, die auch im Zusammenhang mit Trennung und Abwesenheit (von „Liebesobjekten“, Bezugspersonen) auftreten. Tod wäre aus der Perspektive des Kindes gleichzusetzen mit Trennung.

2.) Die zweite Phase ist im Zusammenhang mit einer mythischen Todeswahrnehmung zu sehen. Der Tod wird als Gegenstück zur Realität verstanden, als Zustand des Aufhörens und Verschwundenseins. Andererseits wird der Tod provisorisch, vorübergehend, reversibel empfunden und in seinen Konsequenzen mehr oder weniger negiert. Die Zustände „Leben“ und „Tod“ sind nicht widersprüchlich. Sie sind zwei verschiedene, aber reversible Zustände. Diese Phase erstreckt sich etwa vom 4. bis zum 6. Lebensjahr.

3.) Die dritte Phase, die etwa bis zum 9. Lebensjahr reicht, führt Schritt für Schritt zu einer Konkretisierung des Todesbegriffs. Es ist die Phase des infantilen Realismus, in der mehr und mehr konkrete, objektgebundene Vorstellungen über den Tod eine Rolle spielen: der Tote (die Leiche), der Friedhof, das Skelett, das Grab. Die Person stirbt zwar, ist aber anfänglich noch in Raum und Zeit vorhanden. Sie ist zu einem anderen Seinszustand erstarrt. In dieser Phase gelangt das Kind von einem individuellen Bezug (der Tod einer bestimmten Person, „mein Tod“) zu einem universalen Bezug („alle Menschen sind sterblich, vor allem die alten“). Es erkennt die Irreversibilität und Endgültigkeit des Todes. Es akzeptiert das menschliche Schicksal der Sterblichkeit realistisch, ohne besondere Emotion, teilweise aber verbunden mit der Angst vor dem Verlust des Liebesobjektes. Der Tod wird nun weniger als Strafe oder Rache, sondern mehr als natürlicher Vorgang gesehen.

4.) Die vierte Phase ist wieder eine abstrakte, sie wird zwischen dem 9. und u. Lebensjahr angesetzt. Sie ist von existentieller Angst im Zusammenhang mit der Todesvorstellung gekennzeichnet, die den Beginn der Symbolisierung des Todes anzeigt. Tod wird nun mehr als realer Verlust und als Ende des eigenen Lebens begriffen. Das Kind kommt in die Phase der Adoleszenz, wo Kindheitsängste erneut aufbrechen. Mehr und mehr spielt der Todesbegriff der Erwachsenen eine Rolle mit allen philosophischen, metaphysischen, religiösen, psychologischen, sozialen und ethischen Aspekten.

 

Glaubensfragen:

Kinder stellen auch ganz gezielte Glaubensfragen: „Mutter, warum betest du am Grab der Großmutter? Sieht uns die Großmutter vom Himmel? Sie ist doch begraben, wie kann sie dann im Himmel sein?“ Hier kann man das Bild vom Weizenkorn und vom Säen verwendet werden: „Aus dem verfaulenden Saatgut kommt etwas Neues hervor!“ Wir können auch die biblischen Begriffe „heimgehen“, „schlafen“, „bei Gott sein“ erläutern. (Allerdings muß man schon den Unterschied zwischen dem täglichen Einschlafen und dem Sterben deutlich machen).

Man kann etwa so mit den Kindern reden: „Da unten im Grab liegt zwar Omas Körper. Aber wir dürfen doch glauben, daß sie bei Gott ist. Gott holt die zu sich, die ihn liebhaben. Wie er das macht, ist sein Geheimnis. Wir werden es erst erfahren, wenn er uns selbst einmal zu sich holt. Ob die Großmutter uns vom Himmel aus sieht, weiß ich nicht. Aber wir gehören immer noch mit der Großmutter zusammen, weil wir alle Jesus liebhaben. So wie Gott auf die Großmutter schaut und sie liebhat, so schaut er auch auf uns und hat uns lieb. Niemand muß sterben, ehe Gott es will. Und wenn er einen abholt, dann läßt er ihn nicht allein. Angst und Heimweh gibt es im Himmel Gottes nicht, weil es einem nirgends so wohl ist wie bei Gott!“

 

Biblische Bilder vom Tod:

Das Alte Testament spricht in vielen Zusammenhängen und Bildern vom Tod. Der

Tod kann das natürliche Ende des alten Menschen sein, dessen Leben erfüllt ist. Viel öfter als von diesem ruhigen, sanften Tod ist die Rede vom jähen, bösen Tod, der als übermächtiger Feind den Menschen hinweg nimmt. Mit dem bösen Tod ist fast immer der Gedanke des Gerichtes verbunden, wobei nicht gesagt ist, daß das Todesurteil gerecht sein muß. Es kann Gottes Gericht oder das Urteil von Menschen sein. Die eigentlich schlimme Vorstellung für den Gläubigen ist die, daß er im Totenreich von der lobenden Gemeinde Gottes ausgeschlossen ist. Jedoch bietet das Totenreich keinen Schutz vor Gottes Zorn.

Im Neuen Testament wird alles Reden vom Tod in ein neues Licht gerückt, in das Licht des Todes und der Auferstehung Jesu. Unbestritten ist alle menschliche Todeserfahrung, die sich im Alten Testament widerspiegelt. Doch nun ist der Durchbruch vom Tod zum neuen Leben vorgezeichnet. Jesus ist nicht für sich allein auferstanden von den Toten, sondern „der Erstling geworden unter denen, die da schlafen“ (1. Kor. 15,20). Der Tod ist für den Glaubenden, d. h. zur Gemeinde des Auferstandenen gehörend, nicht mehr endgültig, weil die Gemeinschaft mit Gott dadurch nicht zerbrochen wird.

 

Hilfen für die Erlebnisverarbeitung:

Der Blick auf die Bibel hat wohl eines deutlich gemacht: die Reflexion über den Tod gehört zum Leben des Menschen. Eine Verdrängung der Tatsache - und vor allem der Ängste - ist daher eine Flucht aus dem realen Leben in ein Scheinleben. \Wie können nun die Bilder der Bibel, die den Tod beschreiben, uns selbst wie auch die Kinder und Jugendlichen zu einer tieferen Verarbeitung eigener Erlebnisse und Ängste helfen?

(A) Die vor allem im Alten Testament beschriebenen Todeserfahrungen sind allgemein menschliche Erfahrungen, in denen sich auch Menschen unserer Zeit wiederfinden.

 (B) Das „Gespräch über den Tod“, das die Bibel führt, ist ein Dialog mit Gott. Gott ist der Lebendige, er ist der Geber des Lebens. Deshalb ist der Tod eine ihm zugeordnete, aber untergeordnete Macht. Die menschlichen Erfahrungen und Ängste in bezug auf den Tod werden von hier aus relativiert: gerade im Moment der Todesbedrohung erlebt der glaubende Mensch die Nähe Gottes. Er kennt die Adresse, an die er sich in der Verzweiflung und Angst wenden kann.

(C) Die neutestamentliche Rede vom neuen, ewigen Leben, das mit der Auferstehung Jesu seinen Anfang genommen hat, ist der Schlüssel für die katechetische und seelsorgerliche Behandlung des Themas „Tod“.

 (1.) Vertrauen. Grundlage aller seelsorgerlichen Bemühungen ist eine Vertrauensbasis zwischen dem Seelsorger und dem Partner. Diese allgemeingültige Tatsache gilt ganz besonders im Hinblick auf Kinder. Solange sie zu dem kirchlichen Mitarbeiter kein Vertrauen gewonnen haben, werden sie kaum über ihre inneren Sorgen sprechen. Ich kann hier eigentlich nur Sach­verhalte wiederholen, die bekannt sind: das Kind muß sich angenommen fühlen, und zwar voraussetzungslos angenommen. Es will sich verstanden und ernstgenommen wissen

 (2) Aussprechen. Erlebnisverarbeitung geschieht durch Kommunikation und Aktion. Das Kind sollte dazu geführt werden, über sein Todeserlebnis zu sprechen, seine Gefühle und Ängste auszudrücken. Das kann in der Anfangsphase über nonverbale Medien erfolgen (Bild, Spiel, Tanz usw.). In der Folge sollte aber auch darüber gesprochen werden, damit eine emotionale und intellektuelle Verarbeitung erfolgen kann. Im Gespräch müßte das Kind immer merken, daß es ernstgenommen und verstanden wird. Der Mitarbeiter sollte sich also mit Wertungen stark zurückhalten, die das Gespräch schnell blockieren. Stattdessen muß er dem Kind bei der Artikulation helfen und Interpretationen der Gefühle und Ängste anbieten, in denen sich das Kind wiederfinden kann und dadurch seine verborgenen Konflikte entdeckt.

(3) Mittragen. Der Mitarbeiter ist nun einbezogen in das innere Erleben des Kindes und kann nicht mehr als Unbeteiligter und Außenstehender auftreten. Er wird zum Mitfühlenden und Mittragenden. Das wird er dem Kind zunächst verbal deutlich machen. Das Mittragen hat aber in irgendeiner Weise auch praktische Konsequenzen. Vielleicht ist es ein Hausbesuch, vielleicht ein Geschenk, vielleicht die Vermittlung eines Ferienaufenthaltes. In der sozialdiakonischen Kinderarbeit kann es im Extremfall sogar bedeuten, daß über eine Betreuung und Unterbringung des Kindes nachgedacht wird, wenn es zum Beispiel durch den Todesfall die einzige betreuende Person verloren hat. Auf jeden Fall ist eine längere seelsorgerliche Begleitung des Kindes unumgänglich, damit es spürt: „Es ist jemand da, der mich versteht. Trotz des Verlustes hin ich nicht allein.“ Im Normalfall werden die Eltern des Kindes diese Begleitung übernehmen (wenn zum Beispiel eine andere Bezugsperson oder ein Lieblingstier gestorben ist). Für den kirchlichen Mitarbeiter kann das heißen, daß er die Eltern zu solcher Begleitung anleiten muß, da hier oft viel Unverständnis (im Sinne von nicht wissen) zu bemerken ist.

 

Trauer und Trauerarbeit:

Wenn ein Kind direkt von einem Todesfall betroffen ist (der Tod eines nahen Verwandten oder einer sonstigen Bezugsperson), ist seine natürliche Reaktion die Trauer. Das Kind wird seine Trauer unmittelbarer und natürlicher äußern als ein Erwachsener, da es nicht in dessen gesellschaftlichen Rollenzwängen steht, die eine natürliche Trauer manchmal behindern. Das vereinfacht den Prozeß der Trauerhilfe und Trauerarbeit.

Das Kind wird seine Trauer aber auch spezifisch, kindgemäß, äußern. Die erste Reaktion ist das Traurigsein über den erlittenen Verlust. Dazu können sich recht schnell Ärger und Anklage gesellen: „Jemand hat mir den lieben Menschen Weggenommen. Mit welchem Recht?“ Auch Angst kann die Trauer begleiten, wenn die verstorbene Person für das Kind Schutz und Fürsorge bot, wie zum Beispiel die Großmutter, bei der ein elternloses Kind lebte.

Die Trauerhilfe wird deshalb vor allem darin bestehen, mit dem Kind zusammen die Fragen nach Leben und Tod zu bedenken. Je nach seiner Entwicklungsstufe wird man versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen über den natürlichen Zusammenhang zwischen Leben und Sterben. Das Kind wird erkennen, daß der geliebte Mensch nicht gestorben ist, um ihm zu schaden oder weh zu tun. Danach wird man gemeinsam mit dem Kind über die neuentstandene Situation nachdenken, die bestehende Lücke mit anderen Inhalten zu füllen suchen und Ängste abbauen helfen.

Elisabeth Kübler-Ross meint sogar, daß alle Trauerarbeit unnatürlich sei (im Gegensatz zur natürlichen Trauer), da sie immer Ausdruck von Scham, Schuld und Angst ist. Bei dieser Form der Trauerarbeit, der Bearbeitung von Schuldgefühlen, ist die Hilfe eines Seelsorgers fast immer nötig. Bei Kindern werden wir weniger damit zu tun haben, weil ihr relativ kurzes Leben und ihr kindlich natürlicher Umgang mit den Menschen nicht so viel Angriffsfläche für Schuldgefühle bietet.

 

Ludvik Askenazy: „Wie wir das Glück suchen gingen“

(aus: „Der Spatz auf der Schallplatte“)

Wir gingen miteinander spazieren. In der Nähe des Krematoriums sahen wir einen Leichenwagen. Im Wagen stand ein Sarg. „Vater“, sagte er, „das ist ein Lieferwagen, nicht?“ - „Ja“, sagte ich, „ein Lieferwagen!“ - „Was liefert er?“ - „Verstorbene“, antwortete ich. „Was ist das - ein Verstorbener?“- „Ein Toter!“ sagte ich. „Das ist, wenn man stirbt?“ fragte er. „Ja, mein Sohn.“

Er wurde traurig. Eine Weile starrte er den Leichenwagen an, dann sagte er: „Vati, wo liegt er?“- „Wo liegt wer?“ - „Na, der Verstorbene“, flüsterte er. „Hinten“, sagte ich. „Ganz hinten?“

Das Auto war schwarz und düster. Das Bübchen bekam Angst vor dem Tod. Er sah mich ganz erschrocken an und fragte: „Und jeder muß sterben?“ - „Jeder, sagte ich, „jeder, mein Kind, das ist Menschenlos!“ - „Du wirst aber früher sterben als ich“, sagt er hoffnungsvoll. Ich tröstete ihn und sagte: „Ja!“

„Komm“, sagte ich dann, „gehen wir den Weg da nach links, drüben ist eine Wiese, auf der wachsen Margeriten und Maßliebchen!“- „Vati“, sagte er, „müssen die Maßliebehen auch sterben?“ - „Komm“, sagte ich, „wir wollen uns ein Eis kaufen, und schau nicht mehr auf das Auto!“

Er aber schaute und schaute. Und dann fragte er ganz verzweifelt: „Und muß der Verstorbene immer hinten liegen?“ - „Ja“, sagte ich, „was für ein Eis möchtest du. Vanille-Eis?“ Er stand immer noch und schaute. Er war den Tränen nahe. „Vati“, sagte er, „könnte ich nicht, wenn ich sterbe, neben dem Chauffeur sitzen?“ - „Freilich“, sagte ich, „das ginge schon. Aber nur, wenn du nicht mit ihm sprichst, denn das ist gegen die Verkehrsvorschriften!“ Er versprach zu schweigen.

Und er freute sich sehr. Er machte sogar einen Luftsprung. „Komm“, sagte er, „pflücken wir Margeriten, einen großen Strauß, solange wir noch leben. Und vielleicht fangen wir auch eine

Heuschrecke!“

Seit der Zeit fürchtete er sich nicht mehr vor dem Tode, und ich fürchtete mich nicht mehr vor dem Tode, und ich fürchtete mich auch nicht mehr, wo wir doch neben dem Chauffeur sitzen werden.

 

Brief an eine Mutter, die ihr Kind verloren hat

Liebe Frau N., vor mir liegt die Anzeige vom Tode Ihres Kindes: „... einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen ...!“Dazu die Bitte Ihrer Schwägerin, Ihnen zu schreiben. Ich hätte es auch ohne diese Bitte getan, obgleich es mir nicht leicht fällt. Ich habe Angst, daß Sie mich beim Lesen dieser Zeilen sehr ernst ansehen könnten und Ihr Blick mich fragen würde: Sagst du nicht mehr als du hast? Sie haben recht. Was ich habe, ist tatsächlich nicht mehr als ein Erschrecken vor der furchtbaren Macht, die Ihnen den Inhalt und den Sinn Ihres Lebens zerschlug. Denn das war Ihnen Ihre Tochter seit dem Tage, an dem Sie die Nachricht erhielten, daß Sie auf die Rückkehr Ihres Mannes aus Rußland nicht mehr zu warten haben. Aber nun bitte ich Sie, mir zu glauben, daß mit diesen Zeilen Ihnen nicht ein Habender oder ein Tröstender gegenübertreten will, sondern ein Ratloser und Hilfloser, der nur für Sie erhofft, was er auch für sich selber erbittet: daß er von Gottes Trost nicht verlassen wird, wenn aller menschliche Trost versagt.

Ich denke an ein Wort, das sich mir schon manches Mal in den Weg stellte, als ich trösten wollte und sollte und nicht trösten konnte. Es steht in der Bibel, im Buch des Propheten Jeremia Kapitel 29, Vers 11 und lautet: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet!“ Lassen Sie uns gemeinsam dieses Wort befragen, ob es nicht für Sie und für andere Menschen in Ihrer Lage einen Trost hat.

„Ich weiß wohl“, sagt Gott der Herr. Das ist zunächst eine Absage an uns Menschen, die wehe tut. Wenn Gott sagt: „Ich weiß“, so heißt das doch wohl auch: Ihr - ihr Menschen - wißt es nicht, könnt es nicht wissen, sollt es nicht wissen. Für Sie heißt das: Sie können und sollen es nicht wissen, warum Ihnen Ihr Kind entrissen wurde. Alles Nachdenken und Nachgrübeln darüber ist also vergeblich. Und alle Antworten, die Sie sich selbst und die andere Ihnen zu geben versuchen, greifen ins Leere. Sie sollen aber wissen, daß Gott es weiß. Gott war mit seinem Wissen dabei, als der Lastzug das Fahrrad Ihrer Tochter streifte, er war mit seinem Wissen dabei, als man Ihnen die Nachricht überbrachte, er war dabei all die Tage, an denen es Ihnen erst nach und nach bewußt wurde, wie leer Ihr Leben geworden ist.

„Ich weiß ... spricht der Herr!“ Und wenn Gott etwas weiß, dann weiß er es anders, als wir Menschen etwas wissen. Wir Menschen wissen etwas sehr oft nur mit dem Kopf, kühl, sachlich, unpersönlich. Was Gott weiß, weiß er mit seinem Herzen. Auch wenn er uns Menschen in das Dunkel des Leides hineinführt, auch wenn er uns seinen Zorn zu spüren gibt, brennt sein Herz dabei in Liebe zu uns.

Was mir das Recht gibt, Ihnen das so zu schreiben? Ich von mir aus dürfte das so gewiß nicht sagen. Aber wenn wir jetzt in der Passionszeit auf das Kreuz Christi sehen, müssen wir da nicht sagen: Es kann eigentlich nichts geben, was uns Menschen widerfährt, und Gott wüßte es nicht mit seinem guten, väterlichen Herzen. Gott hat es auch gewußt, was damals an der unübersichtlichen Straßenbiegung geschah und warum es geschah. Genügt es nicht, daß Gott es gewußt hat, daß er es mit seinem Herzen gewußt hat?

Aber Gott geht noch einen Schritt weiter. Er läßt uns auch Einblick gewinnen in seine Gedanken. Nicht so, daß wir seine Gedanken auf ihre Richtigkeit an unserer Einsicht und Erfahrung nachkontrollieren könnten, wohl aber so, daß er uns sagt, was das für Gedanken sind, die er mit uns hat: Gedanken des Friedens und nicht des Leides.

Leid und Frieden. Wie geht beides zusammen? Unser menschliches Herz sagt: Wenn Gott mit uns wirklich Friedensgedanken hat, dann kann er uns doch nicht ein so schweres Leid auferlegen. Aber Gott denkt und handelt da wiederum ganz anders. Bei ihm steht auch das Leid - und vielleicht müssen wir sagen: gerade das Leid - im Dienst des Friedens.

Vor Jahren hörte ich einmal ein Wort eines russischen Mönchs. Es war im Kriege, und über sein Volk war damals viel Leiden gekommen. Als ihn jemand auf dieses Leiden ansprach, antwortete er ganz ruhig: „Jetzt weiß ich, daß Gott mein Volk nicht verworfen hat, denn sonst würde er ihm nicht ein so großes Leiden auferlegen!“ An dieses Wort mußte ich in den Jahren unseres Wirtschaftswunders oft denken, und es hat mich schon manches Mal sehr unruhig gemacht. Sie verstehen vielleicht, warum ich es in diesem Brief erwähne.

Leid kann trösten. Nur Menschen können so grausam sein, daß sie einander Leid um des Leides willen zufügen. Gott auferlegt Leid, um uns ihm näher zu bringen und uns bei ihm Frieden zu schenken. Gott macht uns heimatlos in dieser Welt, indem er uns soviel nimmt, was uns lieb und teuer war, um uns heimisch zu machen in seiner ewigen Welt. Gott nimmt, um zu geben. Er führt durch das Sterben zum Leben. Und wiederum: das sind nicht fromme Gedanken. Es ist der Herr Christus selbst, der vor den leidgeprüften Menschen steht und sie zu sich ruft und bittet, ihre Hände in die seinen hineinzulegen, damit er sie durch das Leid zum Frieden und durch das Sterben zum Leben führe.

Und damit, liebe Frau N., stehen wir nun bei dem letzten und seligsten Stück Trostes, das uns aus Gottes Wort zuteil werden soll: „... daß ich euch das Ende gebe, des ihr wartet!“ Gott sagt uns, daß wir hoffen dürfen, auch und gerade dann noch hoffen, wenn es, menschlich gesprochen, nichts mehr zu hoffen gibt. Es geht durch unsere Zeit ein Zug tiefer Hoffnungslosigkeit. Wir Menschen haben das Empfinden, es gelte die uns noch verbliebene Zeit auszunutzen, ehe die Tür endgültig ins Schloß fällt.

Etwas von diesem Zufallen der Tür haben Sie, liebe Frau N., erlebt. Gottes Wort sagt es uns aber anders. Um im Bilde zu bleiben: Die Tür soll nicht ins Schloß fallen, sondern sie soll aufgehen. Wir sollen uns - so läßt uns Gott durch sein Wort ausrichten - als Kinder verstehen, die vor der Tür zur Weihnachtsstube stehen, voller Erwartung, die gewiß nicht enttäuscht wird. „... daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet!“

Man kann der Güte und der Macht Gottes gar nicht genug zutrauen. Er ist gewiß mit uns nicht am Ende dort, wo wir Menschen mit unseren Gedanken und unserer Kraft am Ende sind. Ist das ein frommer Wunsch? Das wäre es wohl, wenn der Herr Christus nicht da wäre. Aber nun ist er da, der auferstandene Herr! Und so gewiß er da ist, dürfen auch wir über Tod und Grab hinaus hoffen. Wie oft mögen Sie als Mutter Ihr Kind in früheren Jahren in seinem Kinderschmerz auf den Schoß genommen und getröstet haben: Wein doch nicht, es soll alles wieder gut werden. Es soll alles noch einmal gut werden - ich meine, daß Gott durch sein Wort auch Ihnen nun gerade das sagen will. Wie? Er weiß es. Jedenfalls so, daß es all unsere menschlichen Erwartungen übertrifft. Wir können von der Barmherzigkeit Gottes gar nicht groß genug denken.

Und nun fragen Sie wohl noch: Wie soll denn mein Weg weitergehen? Wozu bin ich denn noch in dieser Welt da? Denken Sie an die Traurigen! Ob Gott nicht gerade die Traurigen in dieser Welt besonders braucht, um sie zu den Traurigen zu schicken und damit die Traurigen zu ihnen kommen. Traurige werden von Gott in dieser Welt gebraucht, damit Traurige von Gott getröstet werden. In herzlicher Teilnahme und mit Ihnen und für Sie um den Trost Gottes betend grüßt Sie Ihr A. S.

 

Ein Brief an ein Kind mit Krebs (von Elisabeth Kübler-Ross)

Geschrieben für Dich am letzten Tag im Mai

Dies ist eine Geschichte über das Leben -

über Wirbelstürme und über Samen,

die wir im Frühjahr in die Erde legen,

über Blumen im Sommer und Früchte im Herbst.

Dies ist aber auch eine Geschichte über den Tod.

Er kann ganz früh im Leben kommen,

aber auch sehr spät zu manchen Menschen.

Um was geht es im Grunde?

 

Stell Dir vor wie das Leben angefangen hat, ganz am Anfang wie Gott alles schuf - die Sonne, die über der Welt scheint, uns wärmt, die Blumen wachsen läßt, deren Strahlen die Erde berühren, auch wenn Wolken sie verdecken.

Gott sieht uns immer. Seine Liebe leuchtet stets über uns, gleichgültig wie klein oder wie groß wir sind. Nichts kann die Strahlen von Gottes Liebe aufhalten.

Wenn Menschen geboren werden, beginnen sie wie winzige Samen. Die Samen des Löwenzahns bläst der Wind auf die Wiese - ein paar landen am Straßenrand, einige auf einem grünen Rasen, wo sie unerwünscht sind - andere in einem Blumenbeet...

Und so ist es auch mit uns: Wir beginnen unser Dasein in einer reichen oder armen Familie, in einem Waisenhaus, vielleicht auch hungrig, vielleicht auch sterbend als kleine Kinder. Es kann aber geschehen, daß uns unsere Eltern lieben, die uns sehr sehnlich wünschen, die uns vielleicht adoptieren und uns selber aussuchen. Manche Leute nennen dies vielleicht das Glücksspiel des Lebens.

Doch denke daran: Gott trägt auch die Verantwortung für den Wind. Um die Samen des Löwenzahns kümmert er sich ebenso wie um alles Leben überhaupt - vor allem um die Kinder!

Es gibt keinen Zufall im Leben. Gott macht keine Unterschiede zwischen den Menschen. Wir sind alle seine Kinder. Seine Liebe kennt keine Bedingungen!

Er versteht alles, er verurteilt nie - Er ist bedingungslose Liebe.

Du und Gott, Ihr habt zusammen Deine Eltern herausgesucht aus einer Billion Menschen. Du wähltest sie, um ihnen zu helfen beim Wachsen und Lernen - und die sind auch Deine Lehrer.

Unser Leben ist eine Schule, in der wir manches lernen können: Mit anderen Menschen auszukommen - Ihre Gefühle zu verstehen - aufrichtig sein mit uns und anderen, Liebe zu geben und zu empfangen.

Wenn wir unsere Prüfung bestanden haben, dann dürfen wir die Schule abschließen - das bedeutet: Wir dürfen heimkehren in unser wirkliches Zuhause - zu Gott, von dem wir kamen.

Dort treffen wir alle Menschen wieder, die wir je geliebt haben. Es ist wie eine Familienzusammenkunft nach einem Examen. Das ist der Augenblick des Sterbens, wenn wir den Körper ablegen, genauso wie wir anderes tun dürfen, wenn wir unsere Hausarbeiten gemacht haben.

Im Winter kannst Du kein Leben in einem Baum sehen. Aber im Frühjahr kommen kleine grüne Blätter heraus - eines nach dem anderen. Im Spätsommer ist der Baum voller Früchte. Er hat sein Versprechen gehalten. Im Herbst fallen die Blätter ab, eines nach dem anderen. Für den Baum ist das die Vorbereitung für die Winterruhe.

Einige Blumen blühen nur wenige Tage - Jedermann bewundert sie als Zeichen des Frühlings und der Hoffnung. Und dann sterben sie - aber sie haben getan, was sie tun müßten. Andere Blumen blühen lange viele betrachten ihr Dasein als selbstverständlich und beachten sie kaum mehr. So verhalten sich viele mit alten Menschen. Sie sehen sie im Park sitzen bis sie eines Tages für immer gegangen sind.

Alles im Leben ist ein Kreislauf: Der Tag folgt auf die Nacht, der Frühling auf den Winter...

Verschwindet das Boot hinter dem Horizont, so ist es nicht einfach „weg“ - aber wir sehen es nicht mehr, wie wir die Sonne nicht sehen während der Nacht.

Gott wacht über alles, was er geschaffen hat: Erde, Sonne, Bäume, Blumen und Menschen, die durch die Schule des Lebens gehen müssen, bevor ihre Lehre abgeschlossen werden kann.

Erst wenn alle Arbeit getan ist, wofür wir auf die Erde kamen, dürfen wir unseren Körper ablegen.

Er umschließt die Seele, wie die Puppe den künftigen Schmetterling. Dann werden wir frei sein von Schmerzen, Angst und allen Kummer - frei sein, wie ein freier, schöner Schmetterling - und dürfen heimkehren zu Gott. Bei ihm werden wir nie mehr allein sein. Dort werden wir weiterleben, werden wachsen, tanzen, spielen und fröhlich sein. Wir werden auch zusammen sein mit allen Menschen, die wir liebten. Dort sind wir von mehr Liebe umgeben, als wir uns je vorstellen können.

Tod

           

Meist denkt man sich den Tod von der menschlichen Vorstellung her, wie man sich gegen ihn sichern kann, wie man das an sich Grausame abschwächen und verschönern kann.

Schattendasein:          Etwas von dem Menschen bleibt noch übrig

Ewige Jagdgründe:     Keine materiellen Sorgen mehr

Paradies:                    Schlaraffenland

Nirwana:                     Alles menschliche Leid hört auf.

August Bebel:             „Mach dir das Leben gut und schön, im Jenseits gibt’s kein                                               Wiedersehn.

Der Mensch ist aber für Gott geschaffen, zu dem Totenreich, wie Gott es sich ausgedacht hat; der Mensch hat sich zu entscheiden, ob er sich so verhalten will, daß er mit Gott in der Ewigkeit leben kann, oder ob es eine Ewigkeit ohne Gott wird.

 

Furcht bei uns:

Ein Sterbender versucht sich an den Menschen seiner Umgebung festzuhalten; das geht bis zum äußeren Festkrampfen an den Lebenden. Und doch muß er allein durchstehen, was nun kommt, die anderen bleiben zurück. Die Gesundheit schiebt sich wie eine Wand zwischen den Toten und die Lebenden.

Für junge Menschen ist der Tod ein tiefgreifendes Erlebnis, weil nun klar wird: Auch ich kann bald sterben, ich weiß nur nicht wann. Der Tod ist also der Feind, der den jungen Menschen trennt von dem, was er liebt, was er leisten will, was sein Leben wertvoll macht. Alte Menschen freuen sich oft auf den Tod; sie sind müde und lebenssatt und der Tod ist für sie nur ein Ausruhen.

Aber den jungen Menschen ist der Tod fremd geworden! Wir sind Knechte des Todes, weil wir ihn fürchten. Schon das Alleinsein mit dem bloßen Ablauf der Uhr, das uns an das Enteilen der Zeit gemahnt, dieses Weiterrücken des Sekundenzeigers stört uns.

Der Volksaberglauben kennt viele Zeichen des Todes, vor denen man sich fürchtet:

Das Käuzchen schreit (der „Totenvogel“)

der Hund jault nachts

die Glocken schlagen noch einmal, wenn sie nicht mehr gezogen werden

Pflanzen haben weiße Blätter          

Bäume blühen im Herbst

Auf vielen Grabdenkmälern sieht man abgebrochene Säulen: Der Verstorbene wurde mitten aus dem Leben gerissen, das noch nicht erfüllt war. Der Tod hat dieses blühende Leben sinnlos vernichtet. Überall begegnen wir dem Tod und fürchten uns vor ihn.

 

Furcht bei den Völkern:

Soll denn wirklich alles aus sein? Die Toten wirken noch!

Afrika:             Der „lebende Leichnam“ ist zwar hilflos, aber doch noch irgendwie lebendig. Also braucht er Geräte, Ausrüstung und Speisen.

Germanen:     Das Gespenst des Toten beunruhigt die Überlebenden

Griechen:        Die sichtbaren, aber leblosen Schattengestalten kennen weiter Not und Sorge, sie können von dort die Lebenden noch sehen.

Israeliten:       Furcht vor dem Schattenreich, weil man dort von Gott getrennt ist.

China:             Wenn den Toten nicht genug Ehre angetan wird, rächen sie sich.

Europa:           (als Aberglauben!): Die Toten rächen sich, wenn sie zieht ordentlich begraben oder sonst vernachlässigt worden sind.

Primitive:        Man muß bei den Begräbnis viel Lärm machen, damit die Geister verjagt werden.

Katholische Kirche: Von den Toten geht noch eine Kraft aus, denn man verehrt die Reliquien.

 

Dieser Geisterglauben und die Gespenster furcht entstehen wohl in der Hauptsache aus dem schlechten Gewissen der noch Lebenden heraus, weil sie noch eine unbeglichene Schuld den Toten gegenüber haben. Deshalb will man die Toten sicher abschieben: Ein Fährmann fährt die Toten ins Totenreich.

Es findet sich aber auch die Vorstellung: Die Toten haben es gut.

Indianer:                       Ewige Jagdgründe nur für Indianer

Mohammedaner:       Jeder Mann hat viele Frauen

Germanen:                  In Walhalla darf man immer Kämpfe bestreiten

Auch bei uns hofft man auf eine Vereinigung in alter Weise, wenn man auf den Grabstein schreibt: „Auf Wiedersehen!“

 

Die Seele:

Griechen:

Das Eigentliche am Menschen ist der Geist, nicht aber der Körper, denn dieser ist das Nichtseiende. Der Geist ist lokalisiert im Körper, wird aber auch deshalb durch ihn eingeengt. Durch den Tod wird der Geist dann aber zum Glück vom Stofflichen befreit und wird unsterblich (auch wir stellen uns eine Unsterblichkeit der Seele vor, weil wir wünschen, doch nicht ganz tot zu sein; das ist aber ganz unbiblisch!).

Die Unsterblichkeit der Seele ist aber nun nach Ansicht der Griechen ein Zeichen dafür, daß in jedem Menschen ein göttlicher Funke vorhanden ist, durch den der Mensch gottähnlich wird (Die Griechen machten sich die Götter dem Menschen zum Bilde!). Plato zeigt auch einen Weg, wie man zur Unsterblichkeit gelangt: Loslösen von allen niedrigen körperlichen Begierden...oder es ist sinnst eine Läuterung nötig.

 

Hinduismus:

Der Mensch hat immer die Sehnsucht, vom Vergänglichen loszukommen, er möchte aufsteigen zum ewigen Sein. Dazu sind aber erst eine Läuterung und eine Wiedergeburt in niederen Tieren nötig. Diese Läuterung geht solange vor sich, bis der Mensch die höchste Stufe des Seins erreicht hat: das Nirwana. Dort gibt es dann nicht mehr den einzelnen Menschen, sondern nur noch den Menschen schlechthin, der ohne Wünsche, Hoffnungen und Leidenschaften ist.

 

Buddhismus:

Alles Leben ist Leiden. Es sind Verzicht und Entsagung nötig (siehe das Leben Buddhas!), um im Tod zu versinken. Man preist den Tod als das ersehnte Ziel, denn im Nirwana gibt es nach allem Erdenleid nur noch ein sanftes Dämmern und Dahindösen.

 

Goethe (kein Vertreter des Christentums. Er schildert und schreibt das, wie er es sich vorstellt, was ihm nützt und hilft).

Goethe wird nicht fertig mit dem Tod, er fürchtet ihn. So sucht er zu vergessen durch Arbeit und Schaffen (Faust). Am Ende wünscht er sich einen Übergang des Lebens in ein unsterbliches „Sein“. Der einzelne stirbt zwar, er ist und bleibt tot, es gibt keine Auferstehung. Aber sein Denken, seine geschaffenen geistigen Werte leben weiter.

 

Anthroposophen:

Man kann seine verschiedenen Seelen selbst erlösen, auch durch eine Art Seelenwanderung. Mit Hilfe der „Geisteswissenschaften“ kann man sogar einen Einblick in das Unterbewußte gewinnen, in das frühere und zukünftige Leben (nach dem bedeutendsten Vertreter Steiner)

 

Heidegger:

Unser ganzes Leben ist auf das einmalige Ereignis des Todes ausgerichtet. Mit dem Tod stirbt der ganze Mensch, also Leib, Geist und Seele. Und doch. sieht Heidegger nicht alles, weil er den Menschen nur für sich sieht, aber ohne den, von dem er geschaffen wurde, ohne Gott.

 

Der heutige Mensch:

Man möchte den Tod gern gedankenlos beiseite schieben. Sterben gehört ins Krankenhaus. Die Ärzte und Angehörigen tun alles, um den Sterbenden vom Sterben abzulenken. Der Tod ist dann nur noch der letzte Moment des Leben, aber oft nicht mehr des bewußten Lebens;

eine Spritze hilft dann noch zum Eindämmern. Abendmahl und Vergebung auf dem Sterbebett sind oft unnötige Dinge, weil eine bewußte Annahme des Evangeliums nicht mehr erfolgen kann.

Der Sarg wird dann feierlich dekoriert, damit man nicht mehr an seine grausame Bestimmung erinnert wird. In den Grabreden und Nachrufen tut man so, als könnte man noch mit dem Toten reden, man kann aber nicht mit ihm, sondern nur von ihm reden.

Denkmäler sollen verhindern, daß ein mächtiger Mann in Vergessenheit gerät, sie sollen die erwünschte Unsterblichkeit sichern. Je mächtiger sich ein Mann fühlt (besonders Gewaltherrscher!), desto größer muß. das Grabdenkmal sein.

 

Die Bibel (Neues Testament und jüngste Schriften des Alten Testaments):

Gott ruft die Menschen in ein neues Dasein. Es ist wohl ein Bruch da, aber es ist derselbe Mensch, der aufersteht. Es ist nicht die Auferstehung des Erdenleibes (Christus hat auch einen anderen Leib gehabt!). Der ganze Mensch geht in die Ewigkeit ein, sein ganzes Leben, seine Geschichte, sein Tun und Lassen. Wir Menschen können unser Leben nicht verleugnen, es geht alles mit hinüber bis zum Gericht. Und das macht unser Sterben so schwer und die Furcht vor dem Tode so groß. Denn am Ende steht Gott, und mit Gott kommt das Gericht zu uns. Darauf müssen wir uns einstellen und bewußt damit rechnen.

Tod in Sünde bedeutet nicht nur biologischen Tod, sondern Trennung von Gott. Wo der lebendige Gott da ist gibt es zwar einen geistlichen und ewigen Tod (Verdammnis). Aber darauf folgen auch eine Auferstehung in völlig neuer Form und ein Leben ohne Tod, ein Leben bei Gott. Die Entscheidung des Gerichts wird gefällt aufgrund der Entscheidung, die der Mensch zu seinen Lebzeiten vollzogen hat.

 

Johannes 5,21 - 29:

Das Urteil über all unsere Taten liegt bei Gott, nicht in einer menschlichen, gesellschaftlichen Wertung. Wer vor den Menschen verurteil wird, braucht noch lange nicht bei Gott verurteilt zu sein. Es kommt darauf an, ob ein Mensch seine Tat bereut oder ob er weiter so lebt. Das ist aber kein Freibrief! Und die menschliche Gerechtigkeit hat auch ihre Berechtigung, denn man kann eine Bestrafung nicht auf ein späteres Gericht verschieben.

Wann ist das Gericht? Das Jüngstes Gericht in1.000 Jahren oder in fünf Minuten?

Der leibliche Tod: Sofort oder in 60 Jahren ?

Der Ausgang des Urteils steht schon im Leben des Menschen fest. Die Entscheidung fällt immer und jederzeit. Jede persönliche Entscheidung des Menschen ist ein Beitrag zu dem späteren Urteil.

Wer richtet?

Der Mensch selber entscheidet über Leben und Tod, ob er einmal zum Guten oder zum Bösen gerichtet wird.

Einschränkung:

1.) Handlung im Affekt (aber es geht ein Streit voraus!)

2.) Die Entscheidung ist für den Menschen nicht leicht zu fällen, was er vielleicht noch für erlaubt hält, ist bei Gott schon negativ (nicht bei groben Verstößen).

 

Der Maßstab für unser Leben ist das Wort Gottes, wenn es auch noch so grob und allgemeingehalten ist. All das ist gut, was wir unter den Augen Gottes getan haben. Wenn man seine Schuld erkannt hat, wenn sie erdrückend schwer wird, dann ist die Sünde noch lange nicht größer geworden; sie erscheint uns nur größer, weil unser Blick auch für die „kleinen Sünden“ geschärft wurde.

 

Aus:, ,Der Totentanz“:

Warum soll man sich machen Müh' und Fleiß, wenn man gewinnt sein Geld auf andere Weis.

Ich mach mir keine Not - und morgen bin ich tot.

Ich muß noch arbeiten. Ich will noch leben auf der Welt,

und was haben von meinem Geld.

Alle meine Verwandten hat der Tod mit genommen.

Da muß ich doch wenigstens übrigbleiben.

Das Leben war trotz allem schön, wenn man es auch oft verwünscht hat.

Krämerin: „Ich will diesem Fremden nur gleich was andrehen.“

Laßt mir mein Leben, ich will euch Gold und Silber geben.

Argument: „Ich habe doch immer gefastet und Buße getan!“

Antwort: „…und immer nur ans Geld gedacht!“

Soldat: ,,Jetzt habe ich dich endlich, der mir Kameraden und Eltern genommen“.

Tod: „Du sahst mir oft ins Angesicht, jetzt kennst du mich nicht!“

Der Tod: ,,Ich habe schon manchen erlöst!“ - „Ihr seid ein Arzt?“

Was hat denn mein armes kleines Kind getan?

Tanzen auf der grünen Heid, ist des Dirnleins größte Freud.

Tanzen auf der grünen Heid, ist des Dirnleins größtes Leid.

König: „Ich kenne keinen anderen über mir! Soll ich euch hängenlassen, Rebell. Auch Gewalt über mein Leben ist mir allein gegeben.“

Der Tod holt jeden. Aber wir haben als Christen die Gewißheit, daß wir zu Gott kommen, daß wir erlöst sind.

 

 

 

Anton Semjonowitsch Makarenko

Individuelle Erziehung:

Makarenko erwartet von der individuellen Erziehung der Kinder keine Wunder. Er sieht in dem „klaren individuellen Weg“ eine Lossage vom Kollektiv dem er aus Erfahrung einen größeren Wert in der Erziehung zuschreibt (K.30). Und das Kollektivinteresse entwickelt sich so wesentlich schneller, als wenn er sich nur auf die individuelle Erziehung verlassen hätte (W.645).

„Man meinte, durch ein ehrfürchtiges und zuvorkommendes Verhalten zur Natur des Kindes müsse aus dem Gas ‚Seele‘ unbedingt eine kommunistische Persönlichkeit entstehen. In Wirklichkeit wuchs, was naturgemäß wachsen mußte: gewöhnliches Unkraut“ (W.635). Man wollte den Menschen tüchtig machen für die Gegenwart und erzog ihn nicht vom Ziel her. Dies führte zur individuellen Erziehung und damit zum Individualismus, der aber nur zu Egoismus und Anarchie führt (K.44).

„Das vor der Revolution taugte nicht (Besserungsanstalt!). Man muß den neuen Menschen auf neue Weise schaffen. Wir brauchen unseren Menschen: Schaffe ihn! Auch wenn sie nicht für die Verwirklichung unseres sozialerzieherischen Wunschtraums geeignet sind!“so sagt Maka­renko zu Beginn seiner Tätigkeit (W.10/11/26).

 

Der Erzieher:

Es kommt nicht nur auf die Bildung des Erziehers an, sondern auch auf seine Erziehung. Er muß für die Praxis ausgebildet sein, auch und gerade in ganz kleinen äußerlichen Dingen, um somit zur pädagogischen Meisterschaft zu gelangen. Es kommt nicht auf das Talent des Erziehers an, es gibt auch eine „anerzogene Gabe“, die man durch Erfahrung und Arbeit gewinnt, eben diese pädagogische Meisterschaft, die zusammen mit der Erziehung durch das Kollektiv in einem gegenseitigen, sich positiv befruchtenden Spannungsverhältnis steht. Nur so kann man von der „Lernschule“ zur Ganzheitserziehung kommen.

 

Ursprüngliches Kollektiv:

Der Übergang von der Persönlichkeit zum Kollektiv ist nur mit Hilfe des ursprünglichen Kollektivs (Kleinkollektiv) möglich (A45). Es umfaßt nicht weniger als 7 und nicht mehr als 15 Personen, diese Größenordnung hat jedenfalls Makarenko in der Erfahrung herausgefunden. Damit wird ein Abgleiten ins „Freundschaftskollektiv“ wie auch eine Spaltung in zwei Kollektive vermieden (K.18).

Diese Einteilung entspricht der russischen Großfamilie, auch hier werden die Jüngsten umsorgt, die Älteren geachtet. Man schmort nicht im eigenen Saft, und die Älteren werden keine unterhaltenden Witze erzählen, sondern für die Kleinen sorgen (K.20).

 

Einzelner und Kollektiv:

„Objekt der Erziehung ist für uns das gesamte Kollektiv. Es kommt darauf an, erstens die Persönlichkeit dem Kollektiv einzugliedern, jedoch so, daß sie der Ansicht ist, diesem Kollektiv auf eigenen Wunsch und aus freien Stücken anzugehören; zweitens gehört dazu, daß das Kollektiv diese Persönlichkeit freiwillig aufnimmt. So wird das Kollektiv zum Erzieher der Persönlichkeit (A.141).

Das Kollektiv besitzt seine bestimmten allgemeinen Ziele. Jede einzelne Persönlichkeit muß ihre Neigungen mit denen der anderen in Einklang bringen; das sind in erster Linie die des gesamten Kollektivs. Die allgemeinen Zielsetzungen bestimmen die des Einzelnen. Ein Kollektiv besteht nämlich nur dort, wo die persönlichen und die allgemeinen Zielsetzungen zusammenfallen und keine Disharmonie herrscht (A.78).

In der Praxis heißt das dann auch: „Durch Arbeitslohn lernt der Zögling, die persönlichen Interessen mit den Interessen der Gemeinschaf zu koordinieren“ (W.646) (Es wurde also Arbeitslohn gezahlt, obwohl das eigentlich im Widerspruch steht zur marxistischen Theorie).

„Nur durch das Kollektiv tritt jedes seiner Glieder in die Gesellschaft“.

 

Keim des Kollektivs:

Das erste gemeinsame Unternehmen („Arbeit“) - der Fang eines Holzdiebs - ist der erste Keim kollektiven Geistes (W.48). Es ist nur ein Keim, und in der Rückschau spricht Maka­renko von „Keimen des Kollektivs“, aber es ist ein Anfang, wenn sich auch noch kein Klassenbewußtsein herausgebildet hat (W.66). Durch die Arbeit für die Bauern wächst nun der Wohlstand, ohne den sich das Kollektiv wirtschaftlich nicht halten kann (W.62).

„Viele Arbeiten sind nur möglich. weil der Mensch gewohnt ist, zu leiden und zu dulden!“ (W.632) .Arbeit ist immer Mühe und Schweiß, am Ende jedoch entsteht sogar ein Arbeitsstolz, der den Menschen des Kollektivs auszeichnet (W.634).

 

Schönheit und Freude:

„Schönheit kommt durch Ernährung und Arbeit!“ (W.624). „Sie möchten weinen, weil in ihrem Leben das wahre Gesetz der Menschheit wiedererstanden ist, weil auch sie die Schönheit der Arbeit in einem freien Kollektiv kennengelernt haben“(W.372). Nur im Kollektiv ist Arbeit frei und macht auch Freude.

Bis jetzt war alles Arbeit. Aber heute wird es mir klar: „Es gibt Leute, und es gibt Menschen!“ (W.392). Es gibt Leute, die schuften, und es gibt Menschen, die Freude an der Arbeit haben. Sie waren in die Landwirtschaft verliebt, ohne an eigenen Vorteil zu denken, gingen in ihr auf, ohne zurückzublicken. Sie wußten jeden in Mühe und Arbeit verbrachten Tag zu schätzen!“ (W.280). Arbeit und ein arbeitsreiches Leben sind auch Freude. Arbeiten und manchmal ausruhen - darin besteht eben das Leben! (W.684).

 

Der Erzieher:

Es ist äußerst wichtig, daß der Erzieher bei Spiel und Arbeit mittut! (W.89). Spiel und Arbeit sind eine Einheit, und wenn Gemeinschaft entstehen soll, müssen alle sich zu Spiel und Arbeit zusammenfinden. Nur so kann das Gesamtkollektiv Wirklichkeit werden, indem nämlich das Erzieherkollektiv mit den einzelnen ursprünglichen Kollektiven zusammenarbeitet.

Sicheres und präzises Wissen, Können, Kunstfertigkeit, „goldene Hände“, wortkarges Wesen, das Vermeiden leerer Phrasen, stete Bereitschaft zur Arbeit - das ist es, was die Jugend in höchstem Maße mitreißt, auch bei Mißerfolgen! (W.212).

 

Erziehung:

„Je mehr ich nachdachte, desto mehr Ähnlichkeit fand ich zwischen dem Erziehungsprozeß und dem Produktionsprozeß materieller Güter, und in dieser Ähnlichkeit gibt es nichts schreckliches, nichts, was besonders mechanistisch gewesen wäre. Der Mensch blieb für mich Mensch mit all seiner Kompliziertheit, seinem ganzen Reichtum und seiner Schönheit. Aber mir schien, gerade deshalb müsse man an ihn genauere Maßstäbe anlegen, sich zu ihm mit größerem Verantwortungsgefühl und größerem Wissen verhalten - und nicht mit primitiven, hysterischen Methoden an die Erziehung gehen. Diese tiefgehende Analogie zwischen Produktion und Erziehung war in meiner Vorstellung vom Menschen durchaus nicht eine Entwürdigung - im Gegenteil, sie erfüllte mich mit besonderer Achtung vor dem Menschen, denn auch eine gute, komplizierte Maschine nötigt Achtung ab!“ (W.637).

 

Kritik: Folgerung:

Hier ist nirgends die Rede von einem „bewältigen“. Die Erziehung ist im Gegenteil immer ein Mittel, das der Arbeit übergeordnet ist. Arbeit ist wiederum ein Mittel der Erziehung, um zu einer freudigen Gemeinschaft kommen zu können. Auch in der folgenden Äußerung geht es nur um ein Erziehungsmittel: „Schwerlich konnte die Flamme der Begierde bei den Möbelträgern entbrennen, denn zu stark war in diesem Fall die Läuterung durch die Arbeit!“ (W.334).

Außerdem beginnt Makarenko nicht nur aus erzieherischen Gründen mit einer Produktion, sondern er gehorcht auch der Not. Er glaubt jedoch nicht, daß „die Arbeit ohne gleichzeitige Bildung, ohne gleichzeitige politische und gesellschaftliche Erziehung einen erzieherischen Nutzen aufweist.“ (A.170). Arbeit und Erziehung spielen hier also zusammen, Arbeit allein bedeutet noch lange nicht Erziehung zu einer Gemeinschaft. Sie hat allerdings ihre große Berechtigung im gesamten Erziehungswerk und für das Leben der Gemeinschaft (K.30).

 

Das Ziel in der Pädagogik:    

Es kommt in der Pädagogik auf klar formulierte, unbeugsame, klare, unmittelbare und kategorische Forderungen an!“ (K.15). Die verschieden großen und ständig wechselnde Sicht auf die Zeit auszuführen haben (W.227).

Das Hauptziel ist für Makarenko klar umrissen: „Das Erziehungsziel geht aus den Zielsetzungen und Aufgabestellungen unserer Revolution hervor, aus den Zielen und Aufgaben unseres Kampfes. Es ist klar entwickelt und in allen Einzelheiten bekannt!“ (A.12).

 

Um dieses Ziel nicht allzu abstrakt werden zu lassen, findet man einen Menschen als Leitbild, hier also Maxim Gorki (W.91): „Der Lebensweg des Menschen und Dichters Maxim Gorki war auch Vorbild für unsere Haltung zum Leben; in Gorki sahen wir ein Stück von uns selbst!“ (A.140). Makarenko sieht allerdings auch ein, daß das Ziel dennoch zu hoch gesteckt ist, aber er sagt: Es kann gar nicht hoch genug sein.

„Möglichst hohe Anforderungen an den Menschen, aber gleichzeitig eine entsprechend tiefe Achtung vor ihm. Von einem Menschen, den wir nicht achten, können wir nicht das Höchste verlangen. Stellen wir an einen Menschen hohe Anforderungen, dann achten wir ihn gerade dadurch. Weil wir Forderungen erheben und sie erfüllt werden, können wir dem Menschen Achtung entgegenbringen!“ (S.4)

Aber es gehört auch die Freude dazu: „Ein Programm ist von großer Bedeutung im Leben des Menschen. Selbst das unnützeste Menschlein wird sich dann bestimmte Wegstrecken einteilen. Er blickt froher in die Zukunft, und die ganze Natur erscheint ihm geordneter: Hier ist links; dort ist rechts; hier ist es näher zum Weg, dort weiter!“ (W.605).

„Das eigentliche Stimulans im Leben des Menschen ist die kommende Freude, die man zunächst selbst schaffen muß (ebenso wie das Kollektivinteresse). Dann muß man differenzieren: von der primitiven Befriedigung (Lebkuchen) bis zum höchstentwickelten Pflichtgefühl. Aber man muß immer kleinere, näherliegende Ziele Perspektiven) schaffen!“ (W.647).

„Das Kollektiv muß vor sich eine bessere Zukunft sehen und ihr in freudiger gemeinsamer Anstrengung in beharrlichen, frohen Träumen entgegenstreben!“ (W.449)

 

Kritik: Die Kritik des Christen setzt dort ein, wo an die Stelle Gottes die „Idee des Kollektivs“ tritt, um die nur zweifache Beziehung zwischen Erzieher und Zögling aufzuheben. Bei Makarenko haben so Zögling und Erzieher das gleiche Ziel: das Kollektiv, und damit eine menschliche Größe im menschlichen Bereich. Der Mensch bleibt aber nicht in der Zeit, das Kollektiv ist nicht die absolute, letzte, endgültige allein richtige und allein anzuerkennende Größe, es repräsentiert nur Menschen, die sich einander ablösen. Deshalb allein ist es möglich, daß der Erzieher auch einmal mit harter Gewalt regiert.

Er fordert „bewußte Disziplin“ nicht „Gehorsam“, er ist „human“, aber nicht unbedingt „menschlich“, weil echte Menschlichkeit nur aus den Wissen um die Geschöpflichkeit des Menschen herrührt, weil Makarenko nichts weiß über die letztliche Herkunft und das endgültige Ziel des Menschen, weil der dem Menschen die „Idee des Kollektivs“ überstülpt und in eine neue Sklaverei führt unter den Abgott „Kollektiv“.

Hier ist der Mensch zwangsläufig nur ein kleines Teilchen im großen Organismus, das nach Belieben oder Laune ausgewechselt werden kann. Der „neue Menschentyp“ kann sich nie im Kollektiv zu voller Blüte und Entfaltung hinentwickeln; im Kollektiv geht der Mensch seines Menschentums verlustig(K.46 - 48).

 

Disziplin:

„Gerade die Disziplin unterscheidet die Gesellschaft von der Anarchie gerade die Disziplin bestimmt die Freiheit. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Dies Wort bestimmt das strenge und kräftige System der sozialistischen Gesellschaft, die eine Disziplin fordert, ohne die

keine Gesellschaft und keine Freiheit der Persönlichkeit bestehen können!“ (A.159)

Dies ist die harte Forderung des Bolschewismus, die bewirkt, daß der Mensch in der Mühle des Akkords, der Planerfüllung und der „Disziplin“ zerrieben wird. Bei uns im Westen dagegen hilft man schon eher dem Schwachen, hier wird kaum einer ausgebeutet, wenn das auch oft mißbraucht wird (Makarenko unterstützt übrigens im Privatverkehr auch die Schwachen, etwa wenn jemand beim Kartenspielen verloren hat.W.83).

„Solange noch kein Kollektiv und keine Kollektiv-Organe geschaffen sind, solange es weder Tradition gibt noch die grundlegenden Arbeits- und Lebensgewohnheiten, hat der Erzieherdas Recht, Zwang auszuüben (W.142)(nachher übt das Kollektiv den Zwang aus). Makarenko sagt von sich selbst (allerdings mehr scherzhaft und doch verantwortungsbewußt): „Ich bin ein so hartgesottener Mensch, daß ich den gesunden Verstand der heißesten Liebe stets vorziehe!“ (W.592).

Durch äußeren Zwang („Disziplin“) will man auch den inneren Menschen ändern (mißverstandener Aristotelismus), und es sind auch durchaus Erfolge zu verzeichnen: Durch militärisches Exerzieren war das Benehmen nachher nicht mehr so schlacksig und es wurde Phantasie entwickelt (W.206). Dabei vergißt man aber, daß dies nicht möglich gewesen wäre ohne eine auch innere Umlenkung.          

Typisch bolschewistisch ist auch die Einordnung der Kunst: Das Theaterspielen wird der Tätigkeit in der Landwirtschaft gleichgesetzt, es wird von einer Einsatzabteilung ausgeführt, die auch strenge Vorschriften erhält, damit sich der Individualismus nicht in ihr breitmacht (W. 310).

Makarenko weiß jedoch ganz genau, daß gute Disziplin niemals erreicht wird nur durch Befehle, durch äußeren Druck oder durch das Stützen auf Dogmen. Diese Disziplin ist auf einer technischen Norm basiert, die sich nur auf das Bewußtsein gründet, wird stets rational; sie neigt dazu, sich in blinden Gehorsam und mechanische Unterordnung einer leitenden Persönlichkeit gegenüber zu verwandeln (A.113).

Andererseits kann sich Makarenko eine gute Disziplin nicht vorstellen, wenn sie nur durch das Bewußtsein geprägt sein sollte. Diese Disziplin nennt er eine „rationale“, die innere Konflikte und Zwang, und eine „Kette von Streitigkeiten und Problemen“ auslöst (K.16).

Für Makarenko ist Disziplin die „völlige Vereinigung einer tiefen Einsicht mit einer sehr strengen, anscheinend sogar mechanischen Norm, sie ist die Vereinigung voller Bewußtheit, Klarheit und völligen gemeinsamen Verständnisses aller dafür, wie gehandelt werden muß!“ (A.113).

 Deshalb ist Disziplin im Kollektiv gerade für jede einzelne Persönlichkeit nichts anderes als völliges Geborgensein, vollständiges Überzeugtsein von seinem Recht und den jedem offenstehenden Wegen und Möglichkeiten!“ (A.26)

Disziplin ist jedoch nicht die Voraussetzung, der Ausgangspunk für eine gute Erziehungsarbeit; sie ist auch nicht Methode unter anderen (K.17), sie ist das Ergebnis der Erziehung, sie muß bewußt geübt werden, sie ist Ergebnis des gesamten Erziehungsprozesses, sie ist politisch begründet und vom Bewußtsein getragen!“ (A.26). Sie muß vor allem als Ausdrucksform unseres politischen und sittlichen Wohlergehens gefordert werden.

So sagen die Zöglinge nachher: „Der Gradmesser der Disziplin ist, wie du gehandelt hast ohne zu wissen, daß es den anderen bekannt gewesen ist, wie du dich verhalten hast!“ (S.37). Disziplin liegt vor, wenn man etwas, was unangenehm ist, gern und freudig vollbringt!“ (Seite 35/36). Disziplin unterscheidet die Gesellschaft von der Anarchie, gerade sie bestimmt die Freiheit!“ (A.159).

 

Das Kollektiv:

„Was ist ein Kollektiv? Es ist nicht einfach eine Ansammlung oder eine Gruppe von Individuen, die, einander wechselseitig beeinflussend, zusammen arbeiten (das meinte die „Pädologie“). Es ist ein zielstrebig aufgebautes und wirkendes Organ, das zum Handeln befähigt ist (Dieser Satz K.18). Das Kollektiv ist ein zielstrebig ausgerichteter Komplex von Persönlichkeiten (stimmt das?), die sich organisiert haben und sich der Organe des Kollektivs bedienen!“ (A.79).

„Ein ideales Kollektiv ist eine Erscheinung sozialer Ordnung. Es ist ein lebender sozialer Organismus, weil es Organe besitzt, weil in ihm Vollmachten und Verantwortlichkeit, Beziehung der Teile zueinander und ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis bestehen.“ (A.92)

„Ein Kollektiv ist eine freie Gruppe von Werktätigen, die eine einheitliche Zielsetzung verbindet, ein einiges Wirken. Es ist eine organisierte Gruppe mit leitenden Organen, Disziplin und Verantwortlichkeit. Das Kollektiv ist ein sozialer Organismus in einer gesunden menschlichen Gesellschaft“(A.157)

„Eine Abteilung ist ein Kollektiv, das seine Traditionen, seine Geschichte, seine Verdienste und seinen Ruhm hat, auch wenn mittlerweile die Zusammensetzung etwas anders geworden ist“(25 Prozent in sieben Jahren)“ (W.645).

Ein Kollektiv, das unser Erziehungsziel sein muß, muß ganz bestimmte Eigenschaften besitzen:

(1.) Das Kollektiv vereinigt die Menschen durch das gemeinsame Ziel in gemeinsamer Arbeit und durch die gemeinsame Organisation der Arbeit

(2.) Das Kollektiv ist Träger der ersten Pflicht vor dem ganzen Staate, denn nur durch das Kollektiv tritt jedes seiner Glieder in die Gesellschaft ein.

(3.) Das Kollektiv ist kein Haufen, das KolektivKollektiv ist ein sozialer Organismus

(4.) Das Sowjetkollektiv steht auf dem prinzipiellen Standpunkt der Einheit der werktätigen Menschheit auf der Welt (A.168).

Von diesem letzten Ziel her, der Einheit der Werktätigen in der ganzen Welt, ist das Kollektiv bestimmt. Dieses Ziel ist aber nur durch die Disziplin zu erreichen. Es gibt nicht den Einzelnen, sondern nur ein Glied des Kollektivs, das nur Bedeutung hat im Kollektiv, er ist „Genosse unter Genossen“. In diesem Sinn der Sowjetdisziplin wird so die Harmonie hergestellt zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv.

Obwohl das Kollektiv immer vollkommener wird, je mehr es sich auf die Selbständigkeit der Mitglieder stützt, geht es dennoch nicht um die Erziehung von Individuen, sondern um die Erziehung von Genossen. Unter diesen sind die Beziehungen untereinander nicht frei, sondern durch Ehre und Pflicht an das Kollektiv gebunden. So ist das Kollektiv „Körper“ und „Mitte“ in einem.

Es geht im Kollektiv um die Überwindung der Hindernisse im Menschen, der lernen soll, Hindernisse zu überwinden. Das Ziel ist die Vereinigung einer tiefen Einsicht mit der mechanischen Norm. Sie ist aber nicht durch das Bewußtsein geprägt, sie ist keine moralische Kategorie um Recht und Unrecht, sondern es geht darum, daß man lernt, sich dem anderen unterzuordnen, um eine lebendige Einheit zu schaffen.

Das Kollektiv bedeutet nicht Unterwerfung unter eine Person (so sieht man es im Westen oft), sondern alle sehen ein - meist spontan und intuitiv - wie gehandelt werden muß. Form und Normen sind nur gültig, wenn ein gemeinsames Verständnis vorhanden ist in der Bewußtheit der Richtigkeit.

Damit dieser Zustand erhalten bleibt, muß man der Zersetzung wehren, zum anderen aber auch eine Tradition schaffen, die alte Formen bewahrt: „Gerade die Tradition festigt das Kollektiv, und wenn man sie auch erst künstlich schaffen muß!“ (A.19).

 

Kritik:

Man kann auch nicht einfach die Methoden Makarenkos übernehmen. Man muß auch bedenken, daß ihm gewisse Umstände die Arbeit auch wieder erleichtert haben (seine Leistung soll damit nicht geschmälert werden):

(1.) Die Zöglinge standen ihm dauernd zur Verfügung, Tag und Nacht konnte er sie beeinflussen und nicht nur während einiger Stunden des Tages. Es waren junge Leute, deren Charakter bei weitem noch nicht bis ins letzte festgelegt war. Außerdem hatten sie kaum eine Fluchtmöglichkeit, denn die Welt draußen, aus der sie kamen, war alles andere als verlockend. Lieber nahmen sie die zunächst äußerliche Disziplin auf sich, als ausgestoßen zu werden (W.65)

(2.) Das Kollektiv konnte sich organisch aus einer Keimzelle entwickeln, dem Erzieher wurden nicht von Anfang an „Massen“ vorgesetzt. Diese Keimzelle kann immer die Neuangekommenen absorbieren und erziehen (W.64), aber als dann zuviel Verwahrloste geschickt werden, tut sich auch für Makarenko ein Problem auf.

(3.) Die größte Schwierigkeit fällt vielleicht weg: Die Zöglinge werden im heiratsfähigen Alter entlassen.

 

Was können wir aber nun von Makarenko lernen?

(1.) Gott handelt nicht nur am einzelnen Menschen. Gottes Wege sind nicht immer nur individuelle Wege: Christliche Erziehung führt zur Gemeinde

(2.) Man hüte sich vor christlichem Kollektivismus, der dem Einzelnen auch nur die Rolle eines Rädchens in der Gemeinschaft zuweist.

(3.) Es geht um die praktische Anwendung der biblischen Erkenntnisse vom Menschen, seiner Herkunft, seines Weges, seines Zieles, die im Ganzheitsdenken der Bibel schon dargelegt sind;

Wer fordert noch Disziplin (= Gehorsam gegenüber Gott)?

Wer vergißt, wer vertraut auch dem Gestrauchelten?

Wer liebt und achtet den Menschen?

 

 

 

 

 

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