Inhalt: Zukunft der Kirche, Pfarrer, Gottesdienst in Kurhessen-Waldeck

 

Volkskirche oder Kirchenreform:

ZwischenVolkskirche und Freiwilligkeitsgemeinde

 

Begriffsbestimmung:

Die Volkskirche kann Kirche eines Volkes sein, das heißt: Ein ganzes Volk gehört fast geschlossen zu einer bestimmten Kirche und diese ist dann auch fest mit dem Staat verbunden (Italien, Spanien, Schweden). Doch auch hier zeigt sich langsam ein Abbröckeln der überlieferten Übereinstimmung und nirgends entstehen neue Volkskirchen dieses Stils.

In Deutschland spricht man schon seit Jahren von Volkskirche in einem neuen Sinn. Sie sollte nicht mehr als Kirche d e s Volkes verstanden werden, sondern als „Kirche f ü r das Volk“.

Man will damit nicht mit der alten Tradition brechen und den Begriff  „Freikirche“ ablehnen. Aber man redet auch nicht mehr im alten Sinne von der „Volkskirche“.

Voraussetzung für eine Volkskirche ist das Wohlverhalten der Mächtigen im Volk, der Regierung oder der herrschenden Partei. Volkskirche wird auf die Dauer nur bestehen können, wenn sie von den Regierenden zumindest geduldet wird und nicht heimlich oder öffentlich bekämpft wird.

 

Die Situation der Kirche in einem kirchenfeindlichen Staat:

Die Kirche hat an sich keine Existenzberechtigung. Die Kirche wird derart geduldet, daß sie mit einer nicht unwirksamen Bekämpfung der Kirche einhergeht. Es wird alles getan, um „Religion“ zur „Privatsache“ zu machen. Das Klima des gesamten öffentlichen Lebens  in Presse, Funk, gesellschaftlichen Organisationen, Schulen, Bildungseinrichtungen, Volksbräuchen und Sitten wird entchristlicht. Bestimmte Schlüsselberufe werden unter Zwang möglichst von bewußten Christen freigemacht. Man muß nur die überall vorhandene Säkularisierung und religiöse Gleichgültigkeit freilegen und wirken lassen. Niemand hat mehr einen gesellschaftlichen Vorteil von äußerer Kirchenzugehörigkeit. Die Volkskirche wird ins  gesellschaftliche Abseits geschoben und dort läßt man sie.

Das bedeutet: Verdrängung der Kirche  aus dem öffentlichen Leben, Abbau der traditionellen „Privilegien“ (Steuerrecht) und der Ansprüche auf finanzielle Unterstützung durch den Staat. Die Stelle der Kirche soll von der Partei eingenommen werden und die volkskirchlichen Institutionen werden durch sozialistische ersetzt Die christliche Bekenntnisschule wird durch die „antichristliche Bekenntnisschule“ ersetzt (nicht offiziell‚ aber in d er Praxis). Die Kirchlichen Amtshandlungen werden durch Ersatzhandlungen der Partei und des Staates verdrängt (Beispiel: Jugendweihe).

Aber es wird eifersüchtig darüber gewacht, daß die kirchliche Wirksamkeit auf den Status quo beschränkt bleibt und möglichst immer mehr eingeschränkt wird. Die kirchliche Presse hat einen eingeengten Spielraum. Kulturelle Betätigung der Kirche (Musik, Laienspiel) wird nicht mehr als Äußerung des kirchlichen Lebens angesehen. Der Staat wird aber das christliche Bekenntnis  dulden unter der Voraussetzung, daß die jeweiligen gesellschaftlichen Ziele des Staates  offen unterstützt oder zumindest schweigend hingenommen werden. „Kameradschaftliche Zusammenarbeit“ bedeutet aber nicht Partnerschaft, sondern volle Unterwerfung unter die Staatspartei und Ausklammerung des weltanschaulichen Gebiets und Verzicht auf jeden eigenständigen christlichen Beitrag zur Formung der Gesellschaft.

Der volkskirchliche Charakter der Kirche wird langsam aber sicher zerstört. Es entsteht eine neue Art von „Freiwilligkeitskirche“ aus den Gemeindekernen der Kirche. Der „Rest“ schließt sich stärker zusammen, wird bewußter christlich und auch neu „kirchlich“ (Opferfreudigkeit).

 

Die Situation der  Kirche in einem säkularen, aber kirchenfreundlichen Staat:

Die Kirche wird von niemand bedrängt und kann in voller Freiheit leben und wirken. Der Staat und die Parteien stehen ihr nicht nur in freundlicher Duldung, sondern mit ausgesprochenem Wohlwollen gegenüber. Die Kirche hat alle Möglichkeiten der öffentlichen und privaten Wirksamkeit. Die „Massenmedien“ stehen ihr in ausreichendem Maße zur Verfügung. Fast das ganze Volk gehört zur Kirche und nur wenige stehen offen außerhalb.

Und doch muß man sich fragen, ob die Kirche hier noch Volkskirche ist. Denn die Fort­setzung der Zugehörigkeit zur Kirche, wie sie von

über 90 Prozent des Volkes praktiziert wird, ist nicht als ein Verhalten aus christlicher Überzeugung zu werten. Zwar begehren die meisten die kirchlichen Amtshandlungen. Aber das Leben der Millionen von Kirchenmitgliedern ist immer mehr aus dem Christentum ausgewandert. Zwar gibt es nach fast überall einen kirchtreuen Kern und an Festtagen ist eine nicht geringe Zahl en Menschen in den Gottesdiensten. Aber für die große Mehrheit ist an die Stelle des christlichen Glaubens längst ein nachchristlicher Humanismus getreten, der seine Kraft zwar immer noch vom Christentum nimmt, aber nicht vom Evangelium und von Jesus Christus. Das Leben des Tages (Werktag wie Sonntag) spielt sich außerhalb der Kirche ab. Wenn es auf eine Probe ankäme, wäre es in diesen Staaten (wie in der Bundesrepublik) um die christliche Substanz auch nicht anders bestellt als in kirchenfeindlichen Staaten. Auch das Zutrauen in die Widerstandskraft christlicher Eltern ist nicht begründet; es wäre nicht anders als bei den Auseinandersetzungen um die Jugendweihe in der DDR.

Auch die Opferfreudigkeit ließe sicher nach, wenn nicht mehr der Staat die Kirchensteuer einzöge und pfändete. Die Parteien müssen sich ja auch selber aus Mitgliedsbeiträgen finanzieren, die Kirchen aber erhalten noch Subventionen vom Staat (allerdings leisten sie auch

etwas dafür). Aber es denkt heute niemand mehr ernstlich an eine kircheneigene Beitragserhebung. „Die Begünstigung der Kirche kann eine spezifische Form ihrer Verfolgung sein!“ sagte Kultusminister Mikat schon 1963 vor der rheinischen Synode. Die Begünstigung verführt leicht zur  Selbsttäuschung. Sie läßt in Ordnung erscheinen, was im Grunde fragwürdig ist.

Die Kirche darf heute keinen Anspruch in der Öffentlichkeit geltend machen, hinter dem keine glaubwürdige geistliche Vollmacht steht. Die Kirche sollte nicht auftreten und Forderungen erheben, als ob sie diese Namen ihrer großen Mitgliederzahlen erheben könnte, wo sie doch weiß, daß sie in Wahrheit diese nicht hinter sich hat.

Andererseits darf die Kirche ihre Offenheit zu allen Menschen, ihr Für-alle-dasein-Wollen nicht preisgeben und sich resigniert auf den Kreis der „Kirchentreuen“ zurückziehen. Niemals darf die Kirche den Willen zur Volkskirche freiwillig aufgeben. Die Kirche muß ihrem Auftrag an alle in jedem Fall treubleiben. Dazu muß sie sich anstrengen, die überlieferte Struktur ihres Gemeindelebens zu verwandeln.

Es bedarf einer „Reformation“, einer Zurückbildung ihrer Struktur zur missionarischen Gemeinde. Sie muß wieder aus sich herausgehen, anstatt sich nur zu versammeln. Sie  ist Gesandtschaft Gottes an die Menschheit, nicht eine religiöse Vereinigung, sondern Gottes Aufgebot an die Menschen.

 

Die Amtshandlungen:

Man muß auch die Restbestände kirchlicher Bindungen beachten und jede Gelegenheit zur Wortverkündigung und Fürbitte wahrnehmen und zumindest eine Segenshandlung vornehmen. Nicht die Scharfmacher und Einpeitscher haben die Verheißungen Gottes auf ihrer Seite, sondern die Behutsamen, die positiv dort anknüpfen, wo noch Bindungen vorhanden sind.

Besonders offenkundig ist der Gegensatz zwischen Volkskirche und Wirklichkeit bei der Konfirmation. Der Pfarrer spricht den Konfirmanden ein pauschales Sündenbekenntnis vor und verlangt nur noch ein „aufrichtiges Ja“. Die Konfirmanden sprechen dann unter dem Zwang der Sitte und dem Druck der Eltern ohne oder gar gegen ihre eigene Überzeugung etwas aus, was sie selbst als unehrlich empfinden müssen. Dennoch nimmt der Pfarrer ihnen ihr Versprechen als ein „aufrichtiges Bekenntnis“ ab.

Einmal konfirmiert, bleiben die weitaus meisten der Namens-Christen dann auch folgerichtig der Kirche fern, es sei denn, sie akzeptieren später christliche Riten bei Trauung und Taufe. Aber sie wirken eher als eine feierliche Verbrämung mit gewissen magischen Aspekten und mit dem Pfarrer als bezahltem Zeremonienmeister.

Was würde wohl geschehen, wenn alle Kirchenglieder mit einmal ernsthafte Gegenleistungen forderten? Wenn sie also Gottesdienste und Bibelstunden besuchten, seelsorgerlichen Beistand verlangten und sämtliche Ansprüche anmeldeten, mit denen die Kirche eigentlich rechnen muß? Die Kirche könnte mit ihren augenblicklichen Möglichkeiten diesen Ansprüchen auch nicht annähernd genügen. Sie lebt also heute davon, daß sie nicht ernst genommen wird.

Die Kirche hat auch in der modernen Welt ein Daseinsrecht, aber es ist zu einem guten Teil dekorativer Art. Sie ist Veranstalterin von Kulthandlungen und in viel weiterem Maß, als es ihr recht ist, Instrument uralten Aberglaubens: in den immer seltener werdenden Randsituationen hat die Kirche Restbestände religiöser Bedürfnisse zu befriedigen.

In der Mitte unsrer modernen Welt, wo die Entscheidungen fallen und wo die Zukunft mehr interessiert als die Vergangenheit, muß man die fast totale Funktionslosigkeit der Kirche feststellen. Die Christenheit  hat so gut wie keinen Anteil an der modernen Entwicklung der Kunst, der Naturwissenschaft, der Technik, usw. Tucholskys Beobachtung stimmt immer noch: „Was an der Haltung beider Kirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf daß ihnen ja niemand entwische. Wir auch, wir auch! Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von anderen Geschaffene, das bei anderen Entwickelte in Elemente um, die ihnen nützlich sein können!“

 

Zahlen:

Bei den Zahlen über den Gottesdienstbesuch muß man bedenken, daß an Feiertagen der Besuch wesentlich stärker ist und daß die oft großen Zah1en im Kindergottesdienst nicht berücksichtigt sind, obwohl die Kinder doch in der Gesamtseelenzahl mit enthalten sind. Auch die Gottesdienste in den Urlaubsorten sind zu beachten. Viele Menschen hören auch die Radio- und Fernsehgottesdienste. Dadurch werden manchmal vielleicht mehr Menschen erreicht als durch alle anderen Gottesdienste zusammen. Dazu kommen die vielen Wochenveranstaltungen der Kirche. Früher konnte man die ganze Gemeinde noch am Sonntagvormittag erreichen. Aber heute können viele gar nicht zu dieser Zeit, aber in der Woche oder zu Wochenschlußandachten lassen sie sich schon rufen.

 

Ortsgemeinde und Situationsgemeinde:

Man hat versucht, die Ortsgemeinden durch sogenannte „Situationsgemeinden“ zu ergänzen

Hier wird der Mensch inmitten seiner ständischen und beruflichen Umwelt angesprochen: Landvolk, Studenten, Schüler, Rundfunk, Kirchentag. , Telefonseelsorge, usw. In der mündigen und pluralistischen Welt ist eine solche „offene Arbeit“ notwendig. Hier ist somit

eine vollgültige Gemeinde entstanden‚ die eigentlich eigene Pfarrer haben        müßte und die gleichen Rechte wie die Ortsgemeinden. Die Kirche ist einfach zu diesem Strukturwandel gezwungen , in manchen Landeskirchen sind bereits 25 Prozent aller Pfarrer in solchen übergemeindlichen Diensten tätig. Aber man muß auch bedenken: Nur die Ortsgemeinde bringt das Geld für die Kirche auf, deshalb darf sie nicht vernachlässigt werden!

Die Ortsgemeinde soll dadurch auf keinen Fall verdrängt werden und es darf zwischen beiden Arten keine Rivalität geben. Schließlich ist die Ortsgemeinde seit dem Mittelalter eine stabile Größe gewesen und zum Garanten kirchlicher Kontinuität geworden. Aber die Situationsgemeinde ist eine sinnvolle Ergänzung der alten Ortsgemeinde, wie sie in der modernen Gesellschaft erforderlich ist  Vielleicht liegt doch  in der Annähernng und gelegentlichen gegenseitigen Durchdringung beider Gemeindeformen die künftige Gestalt einer neuen Volkskirche vor.

Die Pfarrbezirke könnten verkleinert werden und die Einrichtungen auf Stadt- und Kreisebene gestärkt werden. Vielleicht ist aber der ganze Kirchenkreis zu groß. Deshalb erprobt man im Modell den Kirchenbezirk. Die Pfarrer in diesem Gebiet spezialisieren sich auf eine bestimmte Gruppe und kümmern sich in allen Orten um sie. Damit wird die Aufsplittern in Kleinst­kreise vermieden (besonders in Stadtbezirken) und Veranstaltungen können zusammengelegt werden.

Die Zugehörigkeit zur Kirche wird weiter zurückgehen, Hand in Hand mit einer Verlagerung des quantitativen Schwergewichts auf die gesellschaftlich weniger aktiven Bevölkerungsteile (Frauen und ältere Leute). Es gibt keine gesunde Basis für eine volkskirchliche Zukunft.

Aber die neue Form der Freiwilligkeitskirche zeichnet sich vorerst nur so schwach ab, daß niemand es verantworten mag, auf sie hin radikale strukturelle Wandlungen vorzunehmen.

So geht die Volkskirche zwar numerisch zurück, wird aber gleichzeitig fortgesetzt, mit der Tendenz zur Minderheitskirche volkskirchlicher Struktur. Es bleibt das Problem des Übergangs von lückenloser geographischer Abdeckung bestimmter Gebiete zur Schwerpunktarbeit mit beweglichen Teams kirchlicher Mitarbeiter.

 

Der Pfarrer:

Das alte Leitbild von dem Pferrer als dem  Hirten  seiner Herde läß tsich heute nicht mehr aufrecht erhalten, denn Christus ist der Hirte.  Der Pfarrer ist nur einer unter Gleichen und steht mit seiner Gemeinde in der Gemeinschaft des Glaubens. An die Stelle des Einmann-Betriebes muß heute die Zusammenarbeit  mit der Gemeinde und mit anderen Pfarrern treten, bis hin zu Predigt und Seelsorge.

Wichtig ist auch, daß der richtige Pfarrer an die richtige Stelle  gesetzt wird. Er hat nicht mehr das Recht auf seine Pfarrstelle, sondern nur auf eine Pfarrstelle. In angemessenen Zeitabständen sollten Pfarrer und Gemeinde vor die Entscheidung gestellt werden,  ob sie weiter zusam­men­arbeiten wollen. Eine stärkere Steuerung des Pfarrereinsatzes ist nötig, damit etwa junge Pfarrer oder solche mit viel Initiative in neu entstehende Siedlungen gesetzt werden können oder aus toten Gemeinden der Pfarrer einmal abgezogen wird, bis dann wieder ein volks­missionarischer Einsatz gewagt wird. Wo aber der Fehler beim Pfarrer liegt, hätten die Aufsichtsbehörden energisch einzugreifen.

 

Gemeindeveranstaltungen:

Nur zeitlich begrenzte Veranstaltungen sind heute noch attraktiv. Ein Seminar mit drei oder fünf Veranstaltungen hat mehr Chancen, als wenn man auf Dauerbesuch rechnet. Noch besser ist der „Offene Abend“, der von einem Thema bestimmt ist und sich nicht wiederholt oder erst nach langer Zeit. Die Kirche lädt die Menschen in ihrer Sache ein. Da fühlen sie sich eher angesprochen und kommen auch. Begegnung und Gespräch sind die bestimmenden Merkmale der neuen Arbeit. Nur so kann sie konkurrenzfähig bleiben gegenüber dem Angebot der öffentlichen Kommunikationsmittel. Hier kann dann auch das Gespräch zwischen den verschiedenen Schichten der Gemeinde stattfinden.  „Der miteinander sprechenden Gemeinde gehört die Zukunft!“ (Dr. Saft).

 

Laien:

Die Kirche braucht als Missionare in der säkularisierten Welt nicht mehr den Berufschristen, sondern den Christ im Beruf. Der Laie in seiner Absichtslosigkeit ist der berufene Träger der Ansteckungskraft des Glaubens. Wir brauchen die nicht-amtlichen Mitarbeiter und Nachbarn, die ihren Mitmenschen brüderlich zur Seite stehen und ihre Arbeits- und Lebensbedingungen teilen. Das sind die schweigenden Missionare von morgen.

Auch die Predigt bedarf der Auseinandersetzung mit den Sachfragen der Zeit‚ so wie umgekehrt die Diskussionen der Fachleute auch Fragen aufwerfen, die des theologischen Sachdenkens bedürfe. Dazu bedarf es aber einer guten Zurüstung der Laien, damit sie auch zum Partner des Pfarrers werden können und für das Gespräch mit Nichtchristen und anderen Konfessionen gerüstet sind.

Sie brauchen dazu einen unabhängigen beratenden Arbeitsstab, der frei ist von Verwaltungsaufgaben und die geistig-materielle Situation des heutigen Menschen analysiert. Er muß ständig arbeiten, um nicht den Anschluß zu verpassen, und auch schon vorausplanen. Mitglieder wären etwa ein theologischer Theoretiker, ein kirchlicher Praktiker, ein Psychologe, ein Soziologe, ein Naturwissenschaftler, ein Stilist und jeweils ein Fachmann des in Frage kommenden Problems.

 

 

Harvey Cox:     Stadt ohne Gott

 

1. Was ist Säkularisierung? Durch die Säkularisierung wird der Mensch von der metaphysischen Kontrolle seines Denkens befreit. Die Welt ist ihm allein überlassenen, er kann nicht mehr die Götter verantwortlich machen. Doch die Säkularisierung ist  nicht antiklerikal, sie wendet sich nur anderer Problemen zu und macht die Religion zur Privatsache. Dieser Vorgang ist unumkehrbar, es wird keine Wiederbelebung der Religion geben.

Die Urbanisierung erreicht auch das letzte Dorf, es entsteht eine Technopolis. Eine Zuständigkeit der Kirche nach der anderen geht auf den Staat über: politische Bedeutung, soziale Funktion, Kultur. Im nachchristlichen Zeitalter kommen aber neue Aufgaben auf die Kirche zu.

Die Säkularisierung (etwas anderes als die Ideologie des „Säkularismus“, der die Weltlichkeit zum alleinigen Prinzip macht) hat drei Dimensionen, die aber im Keim in der biblischen Botschaft schon angelegt sind:

a) Schöpfung als Entzauberung der Natur, weder Haß noch Ehrfurcht gegenüber der Natur, weltliche Betrachtungsweise.

b) Exodus als Entsakralisierung der Politik, Akt des politischen Ungehorsams gegenüber dem Gottesgnadenturn des Pharao, es wird Geschichte.

c) Sinaibund als Entheiligung der Werte, Normen nicht zeitlos; aber es muß Normen geben, damit Zusammenleben der Menschen möglich ist.

 

2. Die Gestalt der säkularer Stadt: Die Anonymität der Stadt raubt dem Menschen nicht das Gesicht, sondern der Horizont der Kontakte und die Freiheit der Wahl wird ins Unendliche erweitert; das ist ein Zuwachs an Freiheit. Aber es muß nun auch eine Auswahl getroffen werden: Zu vielen Menschen hat man nur Sekundärkontakte, um die wirklich privaten Kontakte pflegen zu können.

Die Kirche darf den Menschen nicht mit dörflichen Maßstäben begegnen. Natürlich soll jeder ein verläßlicher Nachbar sein wie der barmherzige Samariter, aber es kommt nicht zu einer herzlichen persönlichen Beziehung.

Doch der Mensch ist eingeladen, verantwortlich frei zu handeln. Er muß sich nicht zudecken lassen von gesellschaftlichen Konventionen. Das Evangelium sagt: Der Mensch ist mehr als nur ein Schnittpunkt sozialer Existenzen. Der Mensch kann nicht ohne Gesetz leben aber nur das Gesetz haben macht ihn kaputt.

In der Stadt gibt es  Mobilität. Vor allem die unteren Bevölkerungsschichten kommen dadurch aus dem Käfig. Wer in räumlicher Bewegung ist, wird aber auch sozial beweglich.

Starke Mobilität hat aber auf die Religion eine verheerende Wirkung, denn sie schneidet vom Heiligtum ab. Doch auf der Wanderung wächst die Gotteserkenntnis. Beispiel ist Israel: Jahwe bleibt nicht an das Heiligtum gebunden, er offenbart sich in geschichtlichen Ereignissen (Universalismus).

Der Mensch der urbanen Säkularität ist Pragmatiker: Er will herausfinden, wie etwas funktioniert. Dabei hat er keine Grenzfragen und auch keine religiösen Fragen (gegen Tillich). Pragmatismus ist die Kunst, ein Problem nicht von Adam und Eva her aufzurollen, sondern möglichst bald in die Praxis umzusetzen. Wahrheit gibt es nur pragmatisch. Mit der Technopolis beginnt die funktionale Ära.

Die  Bibel  steht diesem pragmatischen Denken nicht im Wege: Im Alten Testament wird nicht gefragt, wer der Mensch ist, sondern was er tut. Daß die religiöse Frage darüber erloschen ist, ist kein Unglück.

Letztes  Kennzeichen der Stadt ist die  Profanität. Camus sagt: „Wenn es Gott gäbe, müßten wir ihn abschaffen!“ (Voltaire hatte gesagt: „Wenn es keinen Gott gäbe, müßten wir ihn erfinden!“). Das Christentum präsentiert aber keinen tyrannischen Gott, bei dem kein Platz ist für die Verantwortlichkeit des Menschen: In Gen 2 benennt der Mensch die Tiere und ist damit Gottes Partner und gibt der Welt einen Sinn.

Die Christen in den Ländern Osteuropas waren Vorkämpfer der Säkularisierung. Wenn sie sich politisch loyal verhielten, unterwanderten sie das System, indem sie die geschlossene Weltanschauung ablehnten. Sie lehnten den Kommunismus nicht ab, weil er materialistisch war, sondern weil er zu wenig materialistisch war; nicht weil er atheistisch ist, sondern weil er metaphysisch ist!“

 

3. Konsequenzen für die Kirche:  Jesus  hat die Welt und die Menschen verändert.  Heute ist uns die Säkularisierung vorgegeben. So wie Jesus seine Jünger in die offene Situation hineinführte, so werden wir in eine neue Lage in unserer Welt hineingeführt.

Wir brauchen eine Theologie der sozialer Revolution und nicht mehr nur eine Individualethik. Wir müssen in die Lücke hineintreten, wo neue Strukturen sichtbar werden, aber die sozialen Verhältnisse noch nicht darauf eingestellt sind. Die christliche Theologie hat hier als Katalysator zu wirken.

Die Predigt  hat hier Ansagefunktion. Aber sie hat keine fertigen Pläne, der Christ hat keinen fertigen Entwurf für eine neue Welt.  Die Predigt läßt das Signal aufleuchten, daß der Gott noch am Werk ist, der die Sklaven befreit. Die nichtreligiöse Sprache einer nachchristlichen Zeit ist heute die politische Predigt.

Man kann von Gott nicht mehr mit Engelszungen reden. Die Kirche darf nicht mehr behaftet sein mit den Kleidern einer bürgerlichen Zeit, sonst kommt alles falsch an, was sie sagt. Alte Normen der Kirche müssen zerbrechen, damit sie verstanden wird (Kierkegaard: In einem Zirkus ist Feuer ausgebrochen. Der Clown wird losgeschickt, die Feuerwehr zu holen. Aber man glaubt ihm nicht, man hält alles für einen Spaß: sein Kleid hindert ihn, verstanden zu werden).

Wir begegnen Gott nicht mehr in einem Sein außerhalb unserer selbst, sondern wo wir auf das stoßen, was nicht mehr veränderbar ist, wo wir auf Grenzen stoßen und dennoch herausgefordert werden, vorwärts zu gehen.

 

 

 

Günter Jacob: Die Zukunft der Kirche in der Welt des Jahres 1985

(in: Die Zeichen der Zeit, 12/67 , S. 441 - 451, Berlin 1967 )

Die Säkularisierung ist heute ein fortgehender geschichtlicher Prozeß, der weltweit wird und. unumkehrbar ist. Er führt auch zum Absterben und Ende aller Religionen und führt die „völlig religionslose Zeit“ herauf (Bonhoeffer: WuE, Seite145). Die Welt des Jahres 1985 wird eine säkularisierte und technisierte Welt sei, und zwar im Osten und im Westen. Es wird auch im Osten zur Entmythologisierung im Blick auf politische Dogmen und Mythen kommen. Alle werden ihre Aufgaben finden angesichts von Hunger, Krankheit und Massenelend in weiten Teilen der Welt. Vor allem die Christenheit als die „Avantgarde  Gottes“ (Harvey Cox) müßte eine solche kollektive Verantwortung für die notleidenden Völker der Erde wahrnehmen, wo ihr doch die Botschaft vom Schalom anvertraut ist.

Die  Welt des Jahres 1985 wird bestimmt sein von Industriezentren  und städtischen Ballungs­gebieten, von einer Ausdehnung der Freizeit und einem erhöhten Bedürfnis nach Kultur und Information, von Fortschritten in der Medizin und in der Wettervorhersage usw. Wie wird da noch eine Theologie bestehen können, die von dem Herrgott redet, der das Wetter macht?

Jürgen Moltmann hat in einem Aufsatz gefordert, daß sich die christliche Hoffnung von dem Gewittergott der Geschichte, dem Gott des Schicksals und des Zufalls, absetzt und sich auf

ihren einzigartigen Grund besinnt, auf den Gott der Verheißung, den Gott des Exodus im Alten Testament und der Auferstehung im Neuen Testament. Die Christen sollten sich darum bemühen, daß die Menschen den Kopf oben behalten, sinnvolle Ziele erkennen und den Mut finden, dafür menschliche und materielle Kräfte zu investieren.

Unser heute in einer ganz bestimmten Weise geprägtes Kirchentum wird nur noch in kläglichen Konventikeln vorhanden sein, wo einige „letzte Ritter“ (Bonhoeffer) eine Reservation für den aussterbenden „homo religiosus“ finden - wenn nicht bald eine Reformation an

Haupt und Gliedern erfolgt.

Die Landeskirchen dagegen operieren auch nur mit fiktiven „Seelenzahlen“ aus dem Jahre 1946 (!) und konzentrieren sich auf die Verteidigung bzw. den Ausbau des derzeitigen kirchlichen Bestandes, sie weichen den Einbrüchen von außen und den Zusammenbrüchen im Inneren der Kirche nur Schritt für Schritt und lassen sich so ohne Perspektive nur unter der Gewalt von Sachzwängen und Entwicklungstendenzen schieben. Aber die Folge ist: Alle Energien werden in hinhaltenden Rückzügen und Reparaturarbeiten verschlissen. Da braucht sich niemand zu wundern, wenn immer mehr die Resignation wächst.

Um statistische Informationen über den Trend der innerkirchlichen Entwicklung zu empfangen, sind wir auf Publikationen der marxistischen Religionssoziologie angewiesen, zum Beispiel Olof Klohr: „Religion und Atheismus heute“, Berlin 1966; Zahlen von 1963 ). Dort wird sehr richtig festgestellt: Die Kirchlichkeit in großstädtischen Bereichen geht zurück. Das zeigt der große Anteil von konfessionslosen Bürgern, die hohe Zahl der Kirchenaustritte, der geringer Kirchenbesuch, die rückläufige Inanspruchnahme kirchlicher Feiern. Die stärkste Bindung an Religionsgemeinschaften hat die Altersgruppe über 60 Jahre. Der Anteil der kirchlichen Begräbnisse ist noch hoch, aber nur ein geringer Teil der heute in der Großstadt geborenen Kinder wird noch getauft.

Früher verschob sich die Konfessionsstruktur zugunsten der Konfessionslosen in erster Linie über den Kirchenaustritt, in Zukunft aber wird die „natürliche Veränderung“ vorherrschend werden. Auch auf den  Dörfern wird es zu diesem Entwicklungsgefälle kommen - durch die Schaffung der sozialistischen Produktionsverhältnisse, durch den Einzug der modernen Technik und durch höhere fachliche Ausbildung. Nach Ablauf von zwei Jahrzehnten wird das Ende  dieser Auflösungsprozesse längst gekommen sein. Das ist nur ein kurzer Zeitraum, aber man denke nur einmal 20 Jahre zurück, wie es damals noch war.

Die Generation der heute 3J - 50 ;jährigen ist nicht mehr in der kirchlichen Tradition kontinuierlich verwurzelt. Seit der an ihnen vollzogenen Kindertaufe gehören sie zwar formell zur Kirchgemeinde und haben auch offiziell niemals den Kirchenaustritt vollzogen. Oft erklärt sich das einfach aus einer unbewußten Scheu vor Tabus und durch die fromme Großmutter.

Aber sehr viel alarmierender und auch sehr viel beschämender ist, daß diese Menschen ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche durch das Nichtzahlen der Kirchensteuer bezeugen. Sie verharren in einem Zustand „nichtverstandener Selbstexkommunikation“ (E. Lange). Wenn sie auch im Dorf noch gewisse Kontakte mit der Kirche an den großen Stationen ihres persönlichen und familiären Lebens aufrechterhalten, so entfallen diese doch stillschweigend und ohne irgendein Drama im Augenblick ihres Umzugs in städtische Wohngebiete in Verbindung mit dem Wechsel des Arbeitsplatzes.

Sie merken, daß alles auch ohne Kirche geht und zwar ebensogut wie vorher. So steht uns also nicht eine spektakuläre Kirchenaustrittsbewegung als Zeichen einer klaren Entscheidung gegen die Kirche und ihre Verkündigung bevor, sondern ein schleichender Schwund und eine geräuschlose Entfernung.

Diese Gleichgültigkeit ist nicht ein Ergebnis des militanten Atheismus, sondern sie grassiert auch in der westlichen Welt. Die Zahlen der echten Konversionen von bisher Gleichgültigen

oder von bewußten Atheisten zur Kirche auf Grund eines ursprünglichen Ergriffenseins durch die biblische Botschaft ist minimal. Die Kindertaufen sind in den Großstädten und in den Industriegebieten bestürzend zurückgegangen.

Wir dürfen nicht auf die herkömmlichen Dörfer schauen, aus denen heute noch relativ stabilem kirchlichem Leben wir einen fragwürdigen Trost schöpfen, sondern. auf die industriellen Gebiete und ihre Wohnstädte, denn sie sind für die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten im Zeitalter der Technisierung und der Verstädterung typisch.

Wie viele der heute noch getauften Kinder werden nach sechs Jahren Zugang zur Christenlehre finden? Wie viele werden den Konfirmandenunterricht besuchen und schließlich konfirmiert werden?  Bis es in 15 Jahren so weit ist, wird die überkommene Macht kirchlicher Traditionen und der kirchlich geprägten Öffentlichkeit zersetzt sein.

Nur solche junge Menschen, die nach diesen verschiedenen Filterungen etwa im Jahre 1985 noch konfirmiert werden, werden die Glieder zukünftiger Gemeinden sein, niemand sonst! Nur sie werden das Leben der Gemeinden durch ihre tätige Mitverantwortung und auch durch ihre finanziellen Beiträge fortsetzen. Der personelle und materielle Zusammenbruch des bisherigen Parochialsystems ist also vorauszubestimmen.

Die zwangsläufigen Schrumpfungsprozesse könnten freilich dadurch beschleunigt werden, wenn die das jetzige kirchliche System ökonomisch noch aufrechterhaltende finanzielle Basis erschüttert wird. Diese kirchlichen Apparaturen entsprechen in ihren noch immer imposanten Erscheinungen nicht mehr der effektiven geistlichen Kraft.

Die Kirche wird wie die Sekten auch ihre Arbeit einmal selbst  finanzieren müssen. Unter geistlichem Gesichtspunkt muß man einen solchen Grundsatz sogar in Überwindung eines volkskirchlichen Selbsterhaltungstriebs bejahen: Er bewahrt die Kirche durch heilsamen Zwang vor jeglichem Fassadenbau.

Unsere Pfarrergesetze gehen alle von dem hauptamtlichen Pfarramt aus ,ohne zu fragen, ob es im Jahre 1985 überhaupt noch möglich sein wird. Dabei müßten wir endlich in einem kirchlichen Planungspragmatismus erste Konsequenzen ziehen. Zum Beispiel sollte von einem bestimmten Stichtag an die Erlernung eines Berufs zur Voraussetzung für die Ordination werden. Das wäre nicht Ausdruck der Sorge und des Kleinglaubens, sondern im Gegenteil Ausdruck des Gehorsams gegenüber dem Sendungsauftrag. Um der zukünftigen Freiheit im Dienst der Verkündigung willen wäre das nötig.

Doch man wehrt sich heute gegen eine Prognostik und Planung, vielleicht sogar mit dem erbaulichen Hinweis auf den Heiligen  Geist. Man setzt den heute gegebenen Bestand als Voraussetzung und Grundlage für alle kommenden Entwicklungen und kalkuliert höchstens gewisse zeitlich begrenzte Einbrüche und teilweise Verluste noch ein.

Da ist zum Beispiel immer noch die Rede vom Pfarrermangel. Doch dieser Nachwuchsmangel besteht nur unter Voraussetzung des Fortbestandes des zur Zeit noch künstlich aufrechterhaltenen Parochialsystems im dichten Gewebe der zu besetzenden Pfarrstellen. Heute ist

die Diasporasituation der Kirche in organisatorischer Hinsicht trotz allem noch nicht gegeben. Aber wenn sie eintritt, wird vielleicht ein Raum von 40 bis 50  Dörfern den Einsatz eines hauptamtlichen Pfarrers rechtfertigen und ermöglichen, weil in jedem dieser Dörfer nur noch vier oder fünf Familien existieren, die mit der biblischen Botschaft leben und sich als Christen in Zeugnis und Dienst engagiert wissen.

Das Betreuungschema der Pfarrer wird dann nicht mehr möglich sein und der Arbeitsstil muß sich ändern. Der Pfarrer wird Menschen zu mündigen Laien zurüsten müssen, die ihrerseits den Hauskreis oder die Gruppe am Ort brüderlich beraten und leiten können.

Das eigentliche Problem ist die Übersetzung der neutestamentlichen Zeugnisse in den Wirklichkeitshorizont der modernen Welt. Alle Bemühungen um die Gestaltreform der Kirche sind nebensächlich im Vergleich der so dringend notwendigen theologischen Arbeit. Doch zur Zeit befinden wir uns in einem hochexplosiven Spannungsfeld zwischen moderner Bibelwissenschaft und herkömmlicher Gemeindefrömmigkeit, das zu schweren Fragen grundsätzlicher und praktischer Art führt.

Wir gehen aber einem völlig religionslosen Zeitalter entgegen. An die Stelle des „homo reli­giosus“ wird der „homo technicus“ treten, inmitten einer durch Wissenschaft und Technik säkularisiert und technisierten Welt. Wir können nicht weiterhin die ganze Energie für Arbeiten der Verteidigung  und der Ausbesserung der Kirche verwenden, etwa als Bollwerk gegen die Flut der Säkularisierung oder als Lückenbüßer für das verschüttete Erlebnis der Volksgemeinschaft oder als Hort abendländisch-christlicher Tugenden und Werte.

In der christlichen Verkündigung sollte wieder stärker die alttestamentliche Botschaft vom Schalom zur Geltung kommen; dieses Wort umfaßt Heil und Heilung und ist mit „Friede“ oder mit „Heil“ nicht genügend übersetzt, denn die religiöse Deutung auf den Seelenfrieden ist genauso falsch wie die politische Deutung im Sinne einer bloßen materiellen Befriedigung.

Das alttestamentliche Zeugnis vom Bund Gottes mit seinem Volk (stellvertretend für die ganze Menschheit) wird im neutestamentlichen Zeugnis von Kreuz und Auferstehung Jesu manifest.

Folge wäre eigentlich eine entschiedene Absage an die übliche Spiritualisierung der biblischen Botschaft und die Absage an die in der Kirche immer noch im Schwange befindliche Zerspaltung zwischen Heilsgeschichte und Weltgeschichte, Sakralität und Profanität, Jenseits und Diesseits, Heil und Wohlfahrt. Die in der traditionellen Predigt auf das Seelenheil des Einzelmenschen beschränkte Zukunftshoffnung muß in ihren menschheitlichen und kosmischen Dimensionen freigelegt werden und die Christenheit muß sich durch zeichenhafte Aktionen als die der ganzen Welt dienende Ökumene engagieren.

 

Die biblische Botschaft wird auch in Zukunft Menschen ergreifen  und diese Menschen als Christen zur neuen Menschheit zusammenfügen. Doch die Kirche wird sich 1985 in Gruppen, Zellen, kommunitären Bewegungen, Teams und dynamischen Minoritäten mündiger Christen darstellen. Schon die heutigen Bruderschaften (Agape, Taize, Jona, East Harlem, Riesi, usw.) haben eine vom organisierten Großkirchentum wegzielende Tendenz zugunsten eines Lebens in der Solidarität mit den unkirchlichen Menschen. Diese Versuche sind nicht Distanzierung und Absonderung, sondern Verantwortung und Hinwendung zum Alltag.

Die Aufgaben der Kirche im Blick auf unsren gegenwärtigen Standort lassen sich in sechs Thesen umreißen:

1. Intensivste theologische Arbeit der Pfarrer und sonstigen kirchlichen Mitarbeiter ist notwendig. Alle Unterrichts- und Jugendstunden dürfen nicht zu frommen Märchenstunden werden. Die restaurativen Strömungen wie die „Bekenntnisbewegung“ werden zwar zunächst in den Gemeinden ein bestürzendes Echo finden, aber das ist im Grunde die Weigerung, der Situation offen ins Auge zu sehen, in die uns Gott in der modernen Welt gestellt hat.

2. Wir müssen den Mut haben, die jungen Menschen so früh wie möglich in eine tätige und  kritische Mitarbeit auf unkonventionellen Wegen zu rufen. Diese jungen Menschen werden Verantwortung für das gemeinsame Leben und den gemeinsamen Dienst solcher Gruppen und Hauskreise, aber auch für die Gestaltung von Freizeiten übernehmen müssen. Die katechetische Unterweisung wird 1985 nur noch in Form von Wochenend- und Ferienfreizeiten möglich sein.

3. Die Pfarrer dürfen im herkömmlichen Parochialsystem nicht durch die Übernahme von Vakanzen noch zusätzlich in der Aufrechterhaltung eines volkskirchlichen Betriebs verschlissen werden. Für die kirchliche Betreuung in vakanten Gemeinden müssen Lektoren zur Verfügung gestellt werden, die auch die Beerdigungen halten. Die Pfarrer aber müssen frei gehalten werden, damit sie die Kraft und die Möglichkeit haben, neben ihren herkömmlichen Arbeiten auch Experimente zu wagen und gezielt und konzentriert ganz bestimmten Gruppen zu dienen.

4. Die Gemeindeglieder müssen viel stärker angeleitet werden, die Weltwirklichkeit zu erkennen und sie im Licht der biblischen Botschaft zu deuten. Die Gemeinden müssen von der Erörterung religiöser Feierabendprobleme aus dem Winkel der nicht- berufstätigen Rentner loskommen und die Weltnöte und Weltprobleme von heute, morgen und übermorgen existentiell mit durchleben. Kleine Arbeitsstäbe von Experten sollten auf landeskirchlicher Ebene mittelfristig Themenpläne für die Gemeinde aufstellen und das notwendige Informationsmaterial übermitteln.

5. Die Christen der jüngeren und mittleren Generation müssen anders als bisher von der Gemeinde ermutigt werden, in die Welt einzuwandern und im Licht der uns eröffneten Zukunfts­hoffnung auch in politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen eine Mitverantwortung zu übernehmen, mit Vernunft und Fachwissen hier zu kooperieren und zu koexistieren, und zwar in Solidarität und in kritischer Distanz.

6. Wir müssen uns auf den Dialog „Christentum und Marxismus“ rüsten, wenn wir nicht morgen Gefahr laufen wollen, in der Begegnung mit den Marxisten unsrerseits veraltete Positionen zu beziehen und in unsrer Auseinandersetzung mit dem Atheismus Zerrbilder an die Wand zu malen und sie kurzschlüssig zu attackieren.

„Es ist schwer, in und mit dieser Kirche zu leben…Doch es dürfte die Reife des Christen ausmachen, daß er seine Kirche der Welt der Mehrdeutigkeit zurechnet und sich als ein kritisch Hoffender in ihr engagiert...“ (H. J. Schultz).

 

20 Jahre später, nach Günter Jacob:

Heute zeigt sich, daß die Welt so religionslos nicht geworden ist. Zwar weiß die Mehrheit unserer Zeitgenossen mit der Gottesfrage nichts mehr anzufangen, zugleich aber meldet sich beim einzelnen als heimlicher Schmerz die Erkenntnis: Mein unverwechselbares Leben schrumpft auf Alltäglichkeit zusammen. Eine Minderheit fragt neu nach dem Sinn des Lebens. So drängt sich  überraschend so etwas wie eine neue Religiosität nach vorn.

Dem Aufkeimen neuer Religiosität steht die Tatsache zur Seite, daß die Auflösung der Volkskirche weniger vehement verläuft, als es vor 20 Jahren zu erwarten stand. Der Pastor kann auch heute noch hauptamtlich für die Kirche tätig sein und muß nicht einem zusätzlichen Broterwerb nachgehen; auch die Sorge um die Rente bleibt ihm erspart. Bewerber für eine Ausbildung zu kirchlichen Berufen gibt es ausreichend. Den Gemeindegliedern, die sich leise aus ihrer Kirchenmitgliedschaft wegstehlen, stehen Menschen gegenüber (allerdings in geringerer Zahl), die sich als Erwachsene dem Glauben neu zuwenden. Vor allem aber sind der Kirche eine Fülle von Ideen und Aktivitäten zugewachsen, an die früher kaum zu denken war.

Also doch: Alles nicht so schlimm? Wer sich derart beruhigen wollte, würde einer Täuschung zum Opfer fallen. Bei allen Hoffnungszeichen, darf nicht übersehen werden: Der Prozeß der Säkularisierung. der Verweltlichung wird auch in den kommenden Jahren eine bestimmende Größe bleiben. Die Gemeinden und kirchlichen Mitarbeiter auf dem Lande werden dabei die Hauptlast tragen müssen,

Die Einengungen und Begrenzungen, welche die Säkularisierung mit sich bringt, wirken aller­dings auch als Voraussetzung für neue Freiheit. Für den Bereich gesellschaftsbezogener Verantwortung, welcher sich auch die Kirche nicht entziehen kann, bedeutet das: Eine äußerlich auf bescheidenes Maß reduzierte Kirche hat es wesentlich leichter, sich zu den drängenden Problemen von Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsverantwortung zu Wort zu melden als eine scheinbar starke Volkskirche mit Massenanhang. Sie vermag eher die christliche Begrün­dung glaubhaft zu machen und die Versuchungen bzw. Mißverständnisse klerikalen politischen Machtstrebens zu vermeiden.

Als Zentralfigur der Säkularisierung tritt mitnichten der aufgeklärte „homo technicus“, die selbstbewußte Persönlichkeit des wissenschaftlich-technischen Zeitalters zutage. Vielmehr scheint es ein zutiefst unsicherer Mensch zu sein, der verpflichtenden Bindungen und Festlegungen mögliche aus dem Wege geht und  inmitten der Massengesellschaft sich auf private Inseln zurückziehen möchte.

Von der Mündigkeit der Laien ist nicht mehr die Rede. Heute hören wir statt dessen den Ruf nach mehr Pastoren, nach mehr hauptamtlichen Mitarbeitern, nach mehr Planstellen. Und die Laien stimmen herzlich gern in solches Rufen mit ein, machen uns selber rar, geizen mit unserer Zeit.  Ich staune, wieviel Rücksicht seitens der Hauptamtlichen auf uns genommen wird, statt uns direkter  anzugehen und bei unserer Mitverantwortung zu packen.

 

Aus der Volkskirche wurde eine Kirche im Volk:

Sicher ist sogar einiges besser als 1967 und keineswegs so negativ wie unter der Chiffre 1985 von Jacob vorausgesagt: Der Heiligabendgottesdienstbesuch ist gestiegen. Die Häufigkeit der Abendmahlsfeiern hat zugenommen. Die diakonische Arbeit kirchlicher Anstalten und Einrichtungen ist leistungsstärker als je zuvor und zu einem unersetzbaren Faktor des gesamtgesellschaftlichen Gesundheits- und Sozialwesens geworden. Die Nachfrage nach Bibeln steigt.

Aus diesen Beobachtungen schloß Stolpe: „Die kirchliche Lage ist also offenkundig sogar äußerlich besser als 1967. Doch das wäre ein Betrug; denn Günter Jacobs Kernaussagen stimmen: Der Verlust der Quantität geht weiter. Der natürliche Mitgliederschwund aus der Differenz von Bestattung und Taufe setzt sich unablässig fort. Das zweifellos vorhandene Interesse an manchem Angebot der Kirche führt in aller Regel nicht zur Mitgliedschaft. Die kirchlichen Amtshandlungen werden weniger in Anspruch genommen. Der zahlenmäßige Rückgang erreicht in dünnbesiedelten Gebieten erhebliche Ausmaße. Gemeinden gehen mit ihren Gottesdiensten aus den Kirchen in die Wohnzimmer.

Zugleich hat sich die Vielfalt des kirchlichen Angebots vergrößert, so daß sich viele Menschen an kirchlichen Veranstaltungen beteiligen, die nicht der Kirche angehören. Neue Themen, neue Menschen und neues Interesse zeigen, wie sich die biblische Botschaft selbst Raum verschafft. Günter Jacob hat das vorausgesagt. Heute sehen wir, daß neue Impulse zwar in der Regel nicht aus der traditionellen kirchlichen Arbeit erwachen, sie aber doch der Kristallisationspunkt vieler Gott- und Wahrheitssucher ist. Unübersehbar ist schließlich auch, daß die kleiner gewordene Kirche ein erstaunliches Sympathieumfeld besitzt.

Günter Jacob hatte recht, die Volkskirche ist bis 1985 gefallen. Doch sie erlebte die Gnade eines weichen Falls, und sie erlebt sich heute als Kirche im Volk wieder.

 

 

 

 

Zukunft der Kirche

 

Das christliche ABC: „Ein Gebot der Stunde: Einübung im christlichen ABC“

Die biblischen Sätze begegnen unsrer Generation in Formeln. die durch fromme Gewöhnung gezähmt oder durch inflationistischen Mißbrauch entwertet sind.  Wie können die Christen heute jene „Sprache Kanaans“ überwinden, die für unsere säkularisierten Zeitgenossen im Osten und im Westen die fatale Rolle einer nur noch Eingeweihten zugänglichen Geheimsprache spielt?

Hier sollte man sich redlich eingestehen, daß unsere christlichen Gemeindeglieder (oft sogar die Pastoren und Katecheten) für diese Aufgabe der Verdolmetschung der christlichen Wahrheit vor den heutigen Zeitgenossen, auch den durchaus kirchlich gebundenen Zeitgenossen. nicht hinreichend gerüstet sind. Mit der korrekten Rezitation von Katechismussätzen ist es nicht mehr getan. Es ist natürlich auch nicht mit der unscharfen Umschreibung in irgend einem Zeitungsjargon getan. Es geht durchaus um die dogmatischen Kernsätze der Bibel, die nicht durch billige Anpassung an den Zeitgeist mundgerecht und schmackhaft zu machen sind! Es geht aber auch um das Problem der Sprache im Sinne einer „Neuinterpretation des Glaubens", wie sie der römisch-katholische Theologe Thomas Sartory in seinem gleichnamigen Buch mutig gewagt hat. Die Not besteht doch darin, daß gerade diejenigen: die in einem verbindlichen Sinn Christen werden möchten. nicht darüber Klarheit haben, was die von der christlichen Kirche in den herkömmlichen Predigten dozierten Wahrheiten im tiefsten für den einzelnen und für die heutige Menschheit und nicht bloß für das fromme Individuum in seiner religiösen Innerlichkeit besagen.

Hier steht die Aufgabe vor uns, die Bibel, dieses ja weithin in seinen geschichtlichen Zu­sam­menhängen und Durchblicken ganz unbekannte und auch unverstandene Buch überhaupt erst einmal zu entdecken! Hier meldet sich die Notwenigkeit an, ein rechtes Verständnis des ständig traktierten Glaubensbekenntnisses zu erarbeiten. Dabei darf man die schwierigen Fragen, die sich aus dem Kontrast zwischen dem biblischen Weltbild und der heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis ergeben,  nicht ausklammem oder durch erbauliches Pathos. überspielen.

Wir erheben gegen niemanden einen Vorwurf, wenn wir diese Not dahin artikulieren, daß wir von einem geistlichen Analphabetentum junger und alter Christen sprechen. Diesem Analphabetentum, das leider auch dort besteht, wo treue Gemeindeglieder zahlreiche Bibelstellen aus dem Gedächtnis wörtlich zitieren können, muß um des der Kirche aufgetragenen Zeugnisses willen begegnet werden.  Sie müssen so in Kenntnis und Erkenntnis der biblischen Zeugnisse gefördert werden, daß sie ohne den gängigen erbaulichen Stil der üblichen kirchlichen Redeweise vor ihren Mitmenschen in eigenen Worten darlegen können, was der Inhalt des christlichen Glaubens ist.

Gegenüber allem fatalen Achselzucken und allen pessimistischen Stimmungen muß Mut gemacht werden, mit einem Elementarunterricht christlicher Unterweisung für Erwachsene zu beginnen, die begriffen haben, daß sie trotz jahrelanger kirchlicher Betreuung in Predigt und Unterricht als Christen noch immer ABC-Schützen sind!

 

Kirche und Unternehmensberatung

Im Jahre 1996 erstellte die Unternehmensberatung McKinsey ein Handlungskonzept zur Reform der kirchlichen Arbeit in Ballungsgebieten, das sogenannte „München-Programm“.

Der Münchner McKinsey-Direktor Peter Barrenstein war Mitglied des Kirchenvorstands seiner evangelischen Gemeinde. Er konnte abschätzen, wieviel betriebswirtschaftliche Lehre einer Kirche zumutbar ist. Er durchschaute aber auch die kirchlichen „Verdrängungsmechanismen“ angesichts einer sich schnell wandelnden Zeit und des eigenen schleichenden Bedeutungsverlustes. In der Kirche gibt es eine Ablehnung von genauer Analyse und von Erfolgskontrolle der eigenen Arbeit, die nur schwer zu verstehen ist.

Trotz solider Ware und guter Mitarbeiter fehle es am richtigen Management und einer klaren Unternehmensphilosophie. Die Kirche biete zwar dankenswerterweise eine Basis für Meinungsvielfalt, sei aber damit profillos geworden. Die Empfehlung: „Wieder in den Wettbewerb gehen und das Eigentliche herausstellen.“ Die regionale Zusammenarbeit in deutschen Großstadt lasse zu wünschen übrig, statt dessen versuche jede Gemeinde, alles zu machen. Es fehle eine Reflexion der Alltagsarbeit.

Bei den Gemeindegliedern schälten sich folgende fünf Gruppen heraus: Nur 18,7 Prozent sind Glaubende mit fester Kirchenbindung, 8,6 Prozent Glaubende mit kritischer Kirchendistanz, 20,5 Prozent Suchende mit Kirchendistanz, 43,1 Prozent Kirchenfremde und 9,1 Prozent Mitglieder ohne Glauben. Aber 81,3 Prozent der Befragten bleiben in der Kirche, weil sie von ihr an besonderen Lebensstationen rituell begleitet werden möchten. Als zweiter Hauptgrund wurde das soziale Engagement benannt.

Das „München-Programm“ ist längst kein „bayerisches Schmankerl“ mehr. Fast 1 000 mal ist es mittlerweile auf Anfrage in alle vier Himmelsrichtungen verschickt worden. Der Münchner Studentenpfarrer Hans Löhr, einer der Protagonisten der Zusammenarbeit mit den Unternehmensberatern, argwöhnt bereits: „Andere Kirchengemeinden werden wahrscheinlich viel mehr von der McKinsey-Studie profitieren. Die picken sich das heraus, was ihnen gefällt, während wir versuchen wollen, das gesamte Programm durchzusetzen!“

Dies aber würde erhebliche Einschnitte in die überkommene Strukturen und Gewohnheit kirchlicher Arbeit bedeuten. In München hieße das: Die Leitung der regionalen Gesamtkirchengemeinde das Dekanat, wird durch neue Stabsstellen gestärkt, und sie bekommen neue Aufgaben bei der Repräsentanz der Kirche in der Öffentlichkeit. Sie gibt aber auch Befugnisse an Untergliederungen (Prodekanate) ab, deren Schlagkraft bei der Erledigung kirchlicher Alltagsarbeit gestärkt wird.

Statt bisher vier Prodekanate mit jeweils 40 Pfarrern und jeweils 70.000 Kirchenmitgliedern sollte es mindestens sieben mit jeweils 25 Pfarrern und „nur“ 40.000 Kirchenmitgliedern geben. Überschaubarkeit, Transparenz und klare Verantwortlichkeiten verlangen die Unternehmensberater. Keinesfalls wollen die Mc-Kinsey-Leute das Mitbestimmungselement in der evangelischen Kirche beschneiden, wie zeitweise geargwöhnt wurde. Sie schlagen aber vor, die synodalen Gremien auf Gesamtkirchenebene und Gemeindeebene von vielen Kleinaufgaben zu entlasten und sie zu einer Art von Aufsichtsräten mit Grundlinien-Kompetenz zu machen. Ein kirchliches „lean management“ sieht das München-Programm, dem auch die bayerische Kirchenleitung positiv gegenübersteht, vor: Stärkung der Zentralen bei gleichzeitiger Erhöhung der Verantwortlichkeit an der Gemeindebasis.

 

Erfolgskontrolle der kirchlichen Angebote

Hauptpunkt des evangelischen München-Programms sind aber die Institutionalisierung von Mitarbeiterfortbildung und Mitarbeiterbegleitung und eine Schwerpunktsetzung und beständige Erfolgskontrolle der kirchlichen Angebote. Doppelarbeit soll vermieden werden. Kirchengemeinden und kirchliche Werke sollen sich einer permanenten Evaluation ihrer Arbeit unterziehen. Zu deutsch: Die in der evangelischen Kirche verbreitete Neigung, eigenbrötlerisch vor sich hin zu werkeln, soll kräftig erschwert werden. Der Traum von der kirchlichen Arbeit als beständiges Teamwork könnte, da sind sich die Unternehmensberater sicher, Wirklichkeit werden.

Nötig sei ein Aufbruch des deutschen Protestantismus aus seiner „bürgerlichen Milieuverengung“ und eine Umwandlung der „Amtskirche zu einer unternehmerischen. Kirche mit missionarischen Impulsen“, sagte Oberkirchenrat Rüdiger Schloz (Hannover). Streben nach Erfolg sei „theologisch nicht anstößig“.

 

Kirche bestimmt Marktlage neu

Der Arbeitskreis „Kirche von morgen“ kam 1995 in einer Studie zu dem Schluß, daß die evangelische Kirche derzeit vor der Aufgabe steht, ihre „Marktlage“ neu zu bestimmen. Sie habe „das Monopol auf Frömmigkeit und Sinnorientierung“ verloren. Dies sei aber auch eine Chance zur Neuorientierung.

Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes wird die EKD zwischen 1990 und 2030 rund ein Drittel ihrer Mitglieder verlieren. Die Zahl der Kirchensteuerzahler werde sogar noch stärker zurückgehen. Es müßten daher Ansätze zu einem „gegliederten, unterschiedlich strukturierten Finanzsystem“ entwickelt werden. Neben der Kirchensteuer würden künftig auch gemeindebezogene Beiträge („Kirchgeld“) und Spenden für bestimmte Kirchenprojekte eine größere Rolle spielen.

„Unzählige Ortsgemeinden sind so klein geworden, daß Grundaufgaben der Kirche in ihrem Rahmen nicht mehr zu erfüllen sind“, wird in der Untersuchung mit dem Titel "Minderheit mit Zukunft" hervorgehoben. Es liege daher gerade in Gebieten mit besonders wenigen Christen nahe, Kirchengemeinden zu einer „Regionalgemeinde“ mit nur einem Gemeindekirchenrat zusammenzufassen. In dieser Region könnten sich Zentren herausbilden, die jeweils für Seelsorge und Diakonie, für Regionalgottesdienste oder kirchenmusikalische Veranstaltungen zuständig seien.

Deutlich stärken will der Arbeitskreis die Rechte ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Kirche. Sie müßten künftig in größerem Maße zum „tragenden Element kirchlicher Arbeit“ werden und ein „gesichertes Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht haben“. Die „einseitige Identifikation“ von Kirche mit der Person des Pfarrers sowie das „hierarchische Amtsbewußtsein“ müßten überwunden werden. Nötig sei auch, leitende kirchliche Ämter nur noch auf Zeit zu vergeben und die Kontrolle über die Amtsführung zu verstärken.

Die Autoren schlagen außerdem die Reform des kirchlichen Mitgliedschaftsrechts vor. Danach soll es künftig eine stufenweise Mitgliedschaft für unterschiedliche Grade der Beteiligung am kirchlichen Leben geben [Wie will man das wohl theologisch rechtfertigen?].

 

Spirituell dürr und spröde

Nirgendwo sonst in Europa ist die Distanz der Mehrheit der Bürger zur institutionellen Religion, zum kirchlichen Christentum in den 1970er Jahren so stark angewachsen wie hier zu Lande. Nirgendwo sonst ist das Vertrauen in die kirchliche Autorität im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts so drastisch zurückgegangen wie in der deutschen Nation.

Die deutsche Mitte, vor allem ihr akademischer und weiblicher Teil, flüchtete aus den Sakristeien in das fernöstlich inspirierte Fastenseminar, in die Transzendentale Meditation, in den schamanischen oder buddhistischen Kurs, in die Esoterik. Heraus kam so etwas wie eine individualisierte Religion, kamen privat zusammengestellte und eigenhändig zubereitete Sinn-Menüs aus verschiedenen religiösen und heilsversprechenden Zutaten. Die neue bundesrepublikanische Mitte bediente sich vor allem in den 1980er Jahren aus dem ungeordneten Kramladen der Weltreligionen und Therapieschulen, nahm jeweils das experimentell mit, was gerade einleuchtend klang und wechselte es kurzerhand aus, wenn es nicht das hielt, was es ursprünglich zu versprechen schien.

Die etablierten Kirchen jedenfalls entvölkerten sich. Und der Prozeß hält an. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht seit gut 30 Jahren stetig zurück. Jahr für Jahr verliert die Kirche gleichsam eine Großstadt; so umfangreich jedenfalls - (oft weit) über 100.000- ist die regelmäßige Zahl der Austritte. Religiös aktiv und einer der beiden Großkirchen treu verbunden sind lediglich rund 22,5 Prozent der Deutschen. Von den katholischen Kirchenmitgliedern gehen nur noch knapp 16 Prozent regelmäßig, also jeden Sonntag, zum Gottesdienst. Volkskirchen wie ehedem sind die christlichen Glaubensgemeinschaften im Grunde nicht mehr, die evangelische noch weniger als die katholische.

Insbesondere der deutsche Osten ist mittlerweile so entkonfessionalisiert wie keine andere Region in Europa. Schwarz sieht es vor allem für die Zukunft aus, da der typische Aufkünder der Kirchenmitgliedschaft jung, so um die 30, ledig, besser verdienend und höher qualifiziert ist, während die verbliebenen treuen Kirchgänger unterdessen sehr alt, ziemlich provinziell und eher weniger gut gebildet sind. Mithin: Waren die heiligen Messen Mitte der 1960er Jahre oft noch überfüllt und zahlreich an den Wochenenden, so sind sie heute sehr viel rarer geworden und finden ganz überwiegend vor deprimierend leeren Bänken ohne die Beteiligung von jungen und mittelalten Menschen statt.

 

Weg aus der Depression

Der fortschreitende Auszehrungs- und Entlegitimierungsprozeß hat die Kirchen in ihrer Substanz und in ihrem Selbstbewußtsein getroffen, auch in ihrem materiellen Bestand. Die christ­lichen Großkirchen sind kleiner, überdies ärmer geworden - ideell und finanziell. Dem institutionalisierten Christentum fehlt dadurch inzwischen die Kraft zur Mission, auch der Mut und Drang dazu; es traut sich die transzendentale Überschwenglichkeit und Ekstase nicht mehr zu, wirkt spirituell dürr und spröde.

In ihrer Not und Ratlosigkeit verhalten sich die Kirchen wie normale bürgerliche, gewinnorientierte Wirtschaftssubjekte. Sie beauftragen zunehmend kommerzielle Unternehmensberater, die ihnen zu mehr betriebswirtschaftlicher und organisationsfunktionaler Effizienz verhelfen sollen. Und die McKinseys dieser Republik geben ihnen auch die übliche Empfehlung, die sie in solchen Fällen eben zu hohen Preisen zu offerieren pflegen: Sie raten den Kirchen zur größeren Dienstleistungsorientierung. Infolgedessen höhlt sich der spirituelle, heilsversprechende, oft auch anstrengende und zumutende Kern des Religiösen noch mehr aus; und so werden die Religionsgemeinschaften noch stärker zu Servicestationen für Sozialleistungen und Kulthandlungen in lebenszyklischen Bedarfsfällen einer ansonsten kirchenindifferenten, säkularisierten Gesellschaft.

Immerhin: Aus den schlimmsten Depressionen, aus den heftigsten Selbstzweifeln, aus ihrer ärgsten Verzagtheit haben die christlichen Kirchen in der jüngsten Vergangenheit wieder herausgefunden. Emotionalen Anfeindungen und wütenden Attacken sind die christlichen Religionsgemeinschaften nicht mehr ausgesetzt.

Die Gesellschaft zeigt sich im Ganzen nicht sonderlich interessiert an den Äußerungen und Überzeugungen der Großkirchen, ist ihnen gegenüber aber auch nicht unfreundlich, scheint zuletzt eher wohlwollend geworden. Die Perspektive hat sich ein wenig geändert; und so wirken einige Daten nicht mehr gar so düster und erschreckend trostlos wie noch vor zehn oder 20 Jahren.

Natürlich, die Kirchenaustrittszahlen sind beträchtlich, der Rückgang der Gottesdienstbesucher ist drastisch. Doch jetzt registriert man ebenso eindringlich, daß es ja immerhin noch 4,8 Millionen Katholiken gibt, die sich jeden Sonntag vor den Kanzeln und Altären versammeln. Daß sich auch auf deutschen Sportplätzen an den Wochenenden keineswegs mehr, sondern erheblich weniger Besucher einfinden, darauf kommt jeder Bischof und Theologe in den periodisch fälligen Interviews zur Lage des Christentums in Deutschland schnell und eifrig zu sprechen. Gewiß nicht ganz zu Unrecht.

Und weiter: Verglichen mit anderen Großorganisationen hat die Kirche nach wie vor eine solide hauptamtliche Kaderstruktur. Dreizehntausend Priester sorgen im Katholizismus für die Verkündung der Botschaft, für die Seelsorge und für die Reproduktion der Organisationseinheit Kirche. Die rituellen Serviceleistungen der Kirchen werden nach wie vor, zumindest im Westen der Republik, von der Mehrheit der Bürger gern in Anspruch genommen. An den Lebenswenden (Taufe, Eheschließung, Tod) greifen die Altbundesrepublikaner verläßlich auf den priesterlichen Beistand, auf die weiterhin alternativlosen, da über zwei Jahrtausende erprobten und trainierten Zeremoniekünste der Großkirchen zurück. Sein Ritenmonopol also hat das institutionalisierte Christentum zäh verteidigt und robust erhalten. Die neuen Konkurrenten aus der Esoterik- und New-Age-Branche der 1980er Jahre erwiesen sich letztlich doch als eher vorübergehende Modeströmung, die weitgehend versiegte, jedenfalls wenig tiefe Spuren oder gar kollektive Bindungen zurückließ.

Und schließlich haben die Kirchen auf dem politischen Terrain seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erheblich an Boden gewonnen. Die Kirchen haben sich zur sozialen Situation in der Bundesrepublik geäußert, haben Stellungnahmen zum Irak-Krieg abgegeben, haben Einwände zur Humangenetik vorgebracht, haben die Zuwanderungspläne der Parteien und Regierung kommentiert.

Vor allem ihre scharfe Ablehnung des Irak-Krieges hatte den Kirchen zu Beginn des Jahres 2003 neue Anhänger und Sympathisanten verschafft. Das galt insbesondere für den zur Mitte der 1990er Jahre noch viel gescholtenen Papst, der allerdings bereits mit seiner Globalisierungskritik Resonanz in sonst eher kirchenabständigen Kreisen erzielte. Die Kirche verfuhr in ihrem Friedenskampf doppelstrategisch: Sie setzte zum einen alle diplomatischen Instrumente ein, die ihr zur Verfügung standen, um den Krieg an Euphrat und Tigris zu verhindern; sie und Ostermärsche. Sie ließ die Glocken läuten als Zeichen der Mahnung und des Appells.

 

Mitwirken an der Sinnstiftung

In den letzten Jahren haben sich genug kluge Soziologen zu Wort gemeldet, die eine Renaissance des Religiösen prognostizieren, die von einer zunehmenden Religionsproduktivität der Moderne ausgehen. Ebenso kluge Demoskopen haben dem allerdings deutlich widersprochen. Renate Köcher beispielsweise hat aus den Zahlen ihres Instituts keinen Anstieg religiöser Einstellungen entnehmen können. Die Deutschen, so vielmehr ihr kühles Resümee aus dem empirischen Befund, interessieren sich überwiegend allein für den Augenblick, für Spaß, für Geld, für Urlaubsreisen.

Dagegen allerdings stehen wiederum die Beobachtungen der zeitgeistempfindsamen Marketingexperten, Jugend- und Zukunftsforscher. Sie alle rechnen mit einem enormen Bedeutungszuwachs zumindest des Sinnverlangens. Schließlich zehre die Moderne den überlieferten Sinnvorrat im hohen Tempo auf; daher wachse künftig der Bedarf an Identität, Begründung, Erzählung, also: neuem Sinn.

 

Verdiesseitigung und Jenseitsverlust

Die Kirchen haben keine Zwangsmittel mehr gegenüber den eigenen Mitgliedern. Das Befehl-Gehorsam-Modell früherer Zeiten greift nicht mehr. Die Beziehung zwischen der amtlichen Kirche und den Kirchenmitgliedern ist ein Tauschverhältnis geworden: Die Leute suchen sich aus den kirchlichen Angeboten das heraus, was ihnen nutzt. Sie bestimmen selbst, was ihnen wichtig ist. Die Kirche kann den Menschen nicht mehr von außen auferlegen, was sie aus Sicht der Institution eigentlich zu glauben hätten. Glaube und Religion sind heute selbstbestimmt. Sie werden kaum mehr kollektiv getragen. Doch viele Verantwortliche in den Kirchen haben diese gesellschaftliche Veränderung noch nicht wirklich zur Kenntnis genommen.

 

Die Kirche müßte eine stärker angebotsorientierte Seelsorge betreiben, das heißt: Sie würde dafür sorgen, daß es Kirchengemeinden unterschiedlichster Eigenart gibt, konservative, progressive, sozial orientierte, kulturell orientierte. Sie würde zum Beispiel mehr Jugendkirchen einrichten, Kirchenläden in den Innenstädten und dergleichen. Die Menschen wollen nach ihrem Geschmack und nach ihren Themen und Zeitrhythmen auswählen. Denn eine einheitlich gestrickte Seelsorge gehört der Vergangenheit an. Wenn die Kirchen hier nichts verändern, wird die Kirchlichkeit immer mehr an Bedeutung verlieren.

 Studien zeigen, daß viele Kirchenmitglieder nicht mehr an den Himmel, die Hölle oder einen persönlichen Gott glauben. Es glauben mehr Kirchenmitglieder (!) an Engel als an den dreifaltigen Gott. Und selbst von den Katholiken, die jeden Sonntag in die Kirche gehen (rund 16 Prozent) glaubt jeder Dritte zum Beispiel an die Wiedergeburt, was er offiziell eigentlich nicht dürfte. Das Problem für die Kirche wie für die Gläubigen selbst ist: Es gibt einen Zwang zu diesem Subjektivismus, weil der kirchliche Glaube nicht mehr gesellschaftlich abgestützt ist. Der einzelne Gläubige ist heute auf sich selbst gestellt. Und entsprechend macht er sich eben seine eigenen Gedanken.

Die meisten Kirchenmitglieder verstehen sich als Kunden der Kirche - so nach dem Motto: Wenn ich Kirchensteuer zahlen muß, dann entscheide ich auch selbst, was mich an Kirche interessiert und was nicht. Diese Menschen greifen zu bestimmten Zeiten auf die Kirche und ihr rituelles Angebot zurück, vor allem bei Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Bei der Bewältigung und Gestaltung von Lebenswenden, die in der Familie eine Rolle spielen, ist die Kirche nach wie vor als religiöser Dienstleister gefragt.

Wobei inzwischen allerdings auch die alte Koalition zwischen der Kirche und den Familien zerbricht: Die Familien lassen sich nicht mehr von der Kirche in ihre Belange hineinreden. Sie sind zum Beispiel immer weniger bereit, die Kinder im Sinne eines verlängerten Arms der Kirche zu erziehen. Getauft werden die meisten Kinder immer noch, aber das war's dann meist auch. Weiter gehende Ansprüche werden von den Familien zurückgewiesen. Kinder- und Jugendarbeit, Religionsunterricht - das wird alles schwieriger, weil immer weniger selbstverständlich. Damit bröckelt aber auch die früher problemlose Gewinnung neuer, aktiver Mitglieder.

Als Dienstleistungsunternehmen hat die Kirche sogar an Bedeutung gewonnen. Alle neueren Untersuchungen belegen, daß die Menschen die sozialen Dienstleistungen der Kirchen (Sozialstationen, Krankenhäuser, Ehe- und Lebensberatungsstellen) nicht nur begrüßen, sondern sagen, daß die Kirchen hier noch mehr tun könnten. Dabei beschäftigen Caritasverband und Diakonisches Werk zusammen bald eine Million Mitarbeiter in Deutschland. An der Seelsorgearbeit der Kirchen sind die Menschen allerdings weniger interessiert. Hier tut sich eine große Kluft auf. Wir können auf der einen Seite eine deutliche Entkirchlichung feststellen, auf der anderen Seite eine Ausweitung der Sozialkirche. Das ist Ausdruck einer Expansion des Sozialstaates, nicht aber des kirchlichen Christentums.

Es findet sozusagen eine Verdiesseitigung des Kirchenverständnisses statt. Und diese Entwicklung geht einher mit einem gewissen Jenseitsverlust der kirchlichen Predigt, das heißt: Die Deutung des Todes mit all den Fragen nach Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit wird in den Kirchen selbst kaum mehr thematisiert. Die Kirchen geben damit ein ureigenes religiöses Thema auf. Da brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Menschen fragen, wofür man denn die Kirchen noch braucht. Wenn die Kirchen die entscheidende Frage nach der jenseitigen Gerechtigkeit für die unschuldigen Opfer von Krieg, Verfolgung und Leid nicht mehr stellen, wenn es letztlich egal ist, wie einer sein Leben führt, weil die Botschaft nur noch heißt: „Der Himmel geht über allen auf“, dann machen sich die Kirchen tendenziell überflüssig. Dann fragen die Leute, warum sie sich überhaupt an eine Kirche binden sollen.

Wenn man genau hinschaut, dann befriedigt die Kirche bei vielen, die sich in den Kirchengemeinden engagieren, im Grunde nur deren Bedürfnis nach Gemeinschaftserleben. Hier unterscheidet sich die Kirche dann aber nicht mehr vom Gesangsverein oder vom Kaninchenzüchterverein.

Nun ist die Kirche dabei, ihr Ritenmonopol zu verlieren. Beerdigungen zum Beispiel werden vielfach von freien Trauerrednern vorgenommen. Es gibt Menschen, die keinen Pfarrer bei der Beerdigung wünschen. Es gibt viele Theologen, aber auch Nichttheologen, die als freie Unternehmer auf dem Markt der rituellen Dienstleistungen auftreten und denen nachgesagt wird, ihre Sache besser zu machen als die kirchlichen Seelsorger. Warum? Weil sie einfühlsamer auf die Kunden eingehen und mehr auf deren Wünsche hören. Sie sind näher an den Menschen dran, weil sie davon leben.

Die Kirchen kommen hier zu Lande, so der US- amerikanische Soziologe Rödney Stark, viel zu staatsnah daher. Sie werden vielfach repräsentiert von Menschen, die eine Beamtenmentalität haben und deren Einkommen gesichert ist, ob die Kirchen nun voll sind oder nicht. Das kirchliche System stabilisiert in seiner immanenten Trägheit den Status quo. Unternehmerisches Handeln wird strukturell verhindert.

Die flächendeckende Volkskirche in dem Sinne, daß eine breite Mehrheit der deutschen Bevölkerung den Kirchen angehört, geht ihrem Ende entgegen. Die Kirchenmitglieder sind auf dem Weg in die Minderheit. Es wird sich eine andere, neue Art von Volkskirche ausbilden. Sie ist prinzipiell für alle Menschen offen, die sich am kirchlichen Leben beteiligen wollen, ohne daß sie nun an alle Dogmen glauben oder sie verstehen müßten. Eine solche plurale Form religiöser Vergemeinschaftung wird bleiben. Das unterscheidet die Kirchen von Sekten, in denen nur die kleine Schar von Auserwählten zusammen ist.

Die Kirchen befinden sich in einer Übergangssituation. Es gibt Tendenzen in die eine wie in die andere Richtung. Die innerkirchliche Polarisierung nimmt zu, der Kampf um die Verfügung über die Heilswahrheiten und Heilsgüter. Doch wer den Weg in eine Minderheitenkirche mit fundamentalistischen Zügen propagiert, wird viele von denen verlieren, die sich heute noch in den Kirchen engagieren. Und das sind immer noch sehr viele Menschen.  Die moderne Gesellschaft ist geprägt von ästhetischen Milieus, die sich zum Teil scharf voneinander abgrenzen.

Die Kirchen verlieren immer dann und dort den Anschluß, wo ihre Angebote zu undifferenziert sind. Die Kirchen haben ein Angebotsproblem. An Gelegenheiten und Orten, mit religiösen Themen und Fragen auf die Leute zuzugehen, mangelt es nicht. Die moderne Gesellschaft ist durchaus eine religionsträchtige Gesellschaft. In den Kirchen aber fehlt es vielfach an Fantasie, beherztem Personal und missionarischem Willen (nach Michael N. Ebertz).

 

Zwölf gute Gründe, in der Kirche zu sein

1. Im christlichen Glauben bewahrt die Kirche eine Wahrheit, die Menschen sich nicht selber sagen können. Daraus ergeben sich Maßstäbe für verantwortungsbewußtes, gelingendes Leben.

2. In der Kirche wird die menschliche Sehnsucht nach Segen gehört und beantwortet.

3. Die Kirche begleitet Menschen von der Geburt bis zum Tod. Das stärkt auf geheimnisvolle Weise.

4. In der Kirche können Menschen an einer Hoffnung auf Gott teilhaben, die über den Tod hinausreicht.

5. Die Kirche ist ein Ort der Ruhe und Besinnung. Unsere Gesellschaft ist gut beraten, wenn sie solche Orte pflegt.

6. In der Kirche treten Menschen mit Gebeten und Gottesdiensten für andere ein. Sie tun das auch steilvertretend für die Gesellschaft.

7. Die kirchlichen Sonn- und Feiertage mit ihren Themen, ihrer Musik und ihrer Atmosphäre prägen das Jahr. Die Kirche setzt sich dafür ein, diese Tage zu erhalten:

8. In Seelsorge und Beratung der Kirche wird der ganze Mensch ernstgenommen und angenommen.

9. In Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen der Kirchen schaffen viele haupt- und ehrenamtlich Engagierte ein besonderes, menschenfreundliches Klima.

10. Wer die Kirche unterstützt, übt Solidarität mit den Schwachen.

11. Kirchliche Musik und Kunst sind bis heute prägende Kräfte unserer Kultur.

12. Wo immer Menschen hinkommen oder hinziehen, treffen sie auf die weltweite christliche Gemeinschaft. Dazu kann jede und jeder beitragen          (Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.

 

 

Abschied der Kirche vom Monopoldenken

Ergebnisse ihrer Mitgliederbefragung 1995 „Fremde Heimat Kirche“

Menschen suchen Kontakt zu Kirche und Religion nur noch in bestimmten Lebenssituationen. So finden vorrangig die Kasualien wie Taufe, Eheschließung und Beerdigung eine „weitgehend ungebrochene Akzeptanz“.  Zumindest an den hervorgehobenen lebenszyklischen Übergangspunkten wird das Bedürfnis nach kirchlich-religiöser Begleitung wach.

Erstmals liegen auch Daten über Christen in Ostdeutschland vor. Dabei ist von besonderer Bedeutung, daß sich im Vergleich zur Mehrheit der Ostdeutschen ein „klarer Altersüberhang der Kirchenmitglieder“ ergab: „Die Evangelischen sind im Durchschnitt 50 Jahre. die Konfessionslosen nur 39 Jahre alt.“ Während bei den Alten (wie im Westen) biographische Anknüpfungspunkte eine wichtige Rolle spielten, betonten jüngere Christen die „selbstverantwortete, selbsterworbene Kirchenmitgliedschaft“.

 

In Ost- und Westdeutschland begegnen uns zwei völlig unterschiedliche „Religionskulturen“. Gehörten in Westdeutschland Ende 1994 noch 84,2 Prozent der Deutschen und 80,3 Prozent der gesamten Wohnbevölkerung einer christlichen Kirche an, so gilt das in Ostdeutschland nur noch für 28,9 Prozent bzw. 29,3 Prozent. Wenn auch, wie unsere Erhebung gezeigt hat, die Kirchenmitgliedschaft in der weit überwiegenden Mehrheit durch Unbestimmtheit und Selektivität gekennzeichnet ist  („auswahlchristliche Religiosität“) so haben doch alle Kirchenmitglieder in Ost und West eine kirchliche Unterweisung erfahren und sind zumindest mit den elementaren Inhalten der christlichen Glaubensüberlieferung sowie mit den Grundformen kirchlichen Lebens bekannt gemacht worden. Das sind in Westdeutschland über vier Fünftel der Bevölkerung.

Für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland hingegen, rund sieben Zehntel, ist das Verhältnis zur Kirche, zu Christentum und Religion dadurch gekennzeichnet, daß sie schlicht überhaupt nicht damit konfrontiert sind. Schon die zweite Generation ist mehr­heitlich nicht getauft und hat keinerlei christliche Unterweisung erfahren. Diese unterschiedlichen Religionskulturen sind Indikatoren für tiefgehende Unterschiede in Mentalitäten und Wahrnehmungsmustern.

Aus dem sozialen Kontext ergeben sich die spezifischen Bedingungen für die Kirchenmitgliedschaft. In Westdeutschland prägt seit Jahrzehnten Pluralismus das Verhältnis zur Kirche. Die Kirchenbindung ist eine Bindung unter vielen anderen geworden. In Ostdeutschland hingegen gibt es nach der Erfahrung im Sozialismus eine verbreitete Scheu vor formalisierter Bindung und Mitgliedschaft.

Nach außen ist die Kommunikation insofern erschwert, als bei den Konfessionslosen in Ostdeutschland die Sprachfähigkeit für Religion völlig abhanden gekommen ist. Funktionen von religiöser Qualität wie Wertevermittlung, Handlungsleitung, Kontingenzbewältigung, Ausbildung von Selbst- und Weltverständnis werden nicht in der Sprache der christlichen Tradition ausgedrückt, sondern in gänzlich anderen Begriffen verortet. Deshalb ist die Suche nach Sprachformen. die diesen Hintergrund für die christliche Glaubensüberlieferung aufschließen können, eine vorrangige Aufgabe für Kirche und Theologie.

Der reflexive Umgang mit der Tradition wie mit den gegenwärtigen religiösen Deutungsmustern ist eine genuine Aufgabe der Theologie. Theologie muß der Kirche helfen, mit dem kulturellen Riß umzugehen und eine neue Sprachfähigkeit zu erwerben. Dabei müssen Theologie und Kirche sowohl die Kompetenz entwickeln, den religiösen Hintergrund von Lebensgeschichten wahrzunehmen und zu verstehen, als auch der faktischen Religion die nötige Kritik entgegenbringen.

„Religion“ ist ein abstrakter Deutungsbegriff. In den Interviews hat sich durchweg gezeigt, daß als religiös angesehene Erfahrungen stets inhaltlich und institutionell bestimmt, an ein spezifisches protestantisches Milieu gebunden sind: es sind Erfahrungen mit Personen, Pfarrern, mit Räumen und Riten, mit Geschichten und Symbolen. Religion wird nicht abstrakt, nicht losgelöst von der konkreten kirchlichen und damit konfessionellen Erfahrung angesprochen. Das macht die Pflege und Weiterentwicklung der Sprache und Symbolwelt des Christentums sowie die Pflege der kirchlichen Formen, Riten und Räume, in denen religiöse Beheimatung stattfinden kann, zu einer vordringlichen Aufgabe.

 

Glaubenssystem als Rahmen

Zwischen religiösem Fundamentalismus und absoluter Indifferenz ist der größte gemeinsame Nenner, den in den religionssoziologischen Untersuchungen die Befragten bei allen individuellen Unterschieden ausweisen, das hohe Maß, in dem an den Brennpunkten der Biographie rituelle Begleitung von der Kirche gewünscht wird: Geburt, Erwachsenwerden, Eheschließung, Tod. In all diesen biographischen Knotenpunkten wird auch der Familien- und Generationenzusammenhang virulent.

Freilich gilt das angesichts der Differenzierung der Lebensformen in unterschiedlichen Stadien und Situationen auf ganz verschiedene Weise. So stehen zum Beispiel wie sich gezeigt hat, jüngere Menschen und Frauen ohne Kinder diesem lebenslaufbezogenen Kirchenverhältnis fremder gegenüber, weil sie keine biographischen Anknüpfungspunkte an das kirchliche Angebot ritueller Begleitung an den Lebensschwellen haben.

Kein Weg wird wieder zu einem alle Mitglieder der Gesellschaft übergreifenden, umfassenden Sinn- und Deutungssystem zurückführen. Aber auch für jede andere Weise, die prekäre Orientierungsfunktion in einer extrem pluralistischen. höchst individualisierten, von flüchtigen Trends hin- und hergeschüttelten sozialen Welt zu erfüllen, kann und wird keine einzelne Agentur unter freiheitlichen politischen Rahmenbedingungen je wieder ein Monopol erlangen.

Für Sinngebung, Wertsetzung und Wertvermittlung, für Handlungsleitung und Vergewisserung, Vergemeinschaftung und Identitätsbildung, für die Bewältigung des Unverfügbaren und Kontingenten im Leben wie Begabung oder Veranlagung, Glück und Schicksalsschläge, Gesundheit oder Krankheit und Tod sind jeweils neben der überkommenen christlichen Religion in unterschiedlichem Ausmaß andere gesellschaftliche Systeme mehr oder weniger kompetent wirksam: andere alte und neue religiöse Orientierungen, das Recht und die Bildung, Wissenschaft und Popularwissenschaft, Kunst und Literatur, Medien und Sport. Wirtschaft und Werbung.

 

Das Christentum befindet sich heute in einer verschärften Konkurrenzsituation. Die Staatskirchlichkeit hatte ihm bis in unser Jahrhundert hinein ein Monopol verschafft. Demgegenüber hat sich die Lage grundlegend geändert. Das Verhältnis von kirchlicher Institution und individueller Frömmigkeit hat sich auseinanderentwickelt. Zudem haben sich im Prozeß der Neuzeit eine ganze Reihe ursprünglich christlicher Domänen verselbständigt: Gewissensfreiheit als Frucht des Evangeliums, soziale Fürsorge für Kranke, Behinderte und Notleidende, Menschenwürde und Menschenrecht, Schule und Bildung. Vieles ursprünglich Christliche ist säkular geworden und steht nun in Konkurrenz. zu Kirche und Christentum. Wertevermittlung beispielsweise geschieht auch durch andere Träger von Erziehung und Bildung, durch Recht und Politik.

Daneben gibt es heute eine Vielzahl religiöser oder quasireligiöser Konkurrenten. Bildung, Medien und Globalisierung haben andere Religionen in allen Kulturkreisen präsent gemacht. Fernöstliche Religionen oder der Islam üben nicht nur die Faszination des Exotischen aus, sondern sind auch nicht mit den Hypotheken der Christentumsgeschichte belastet. Daneben stehen neue Religionen, Jugendsekten, vor allem aber auch „verkappte“ Religionen (Carl Christian Bry), die eine Art Religionsersatz bieten. Lebensreform und Wissenschaftsglaube, Psychologie und Esoterik, politische Ideologien und soziale Bewegungen, welche erhebliche Lebensenergien freisetzen können. Das ganze Leben kann um die Arbeit oder die Familie, um wirtschaftlichen Erfolg oder Popularität und Macht kreisen. Dann gilt Luthers Satz:  „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“

Schließlich stehen Christentum und Kirche jedoch in einer viel banaleren Konkurrenz, nämlich gegenüber den Angeboten und Verführungen in unserer Konsum- und Freizeitgesellschaft, Zeit und Aufmerksamkeit auf eine unübersehbare Palette von Möglichkeiten zu verwenden, die Kurzweil und Spannung, Spaß und Genuß verheißen und auch vermitteln. Pop und Sport, Shopping und Disco, Film und Fernsehen, Natur und Kultur, auch anspruchsvolle Bildungsangebote — alles reizvolle Betätigungen, die Zeit verbrauchen und angesichts des begrenzten Zeitbudgets in Konkurrenz liegen mit der Zeit, die etwa Gottesdienst und Andacht, Bibellesen und Meditieren, Engagement in der Gemeinde oder in kirchlichen Projekten erfordern.

Frage nach der Botschaft

Diese Konkurrenzlage nötigt zur permanenten Verständigung darüber, was dem Christentum eigentümlich ist - die Frage nach den Inhalten. nach der Botschaft. Das entscheidend und unterscheidend Christliche ist die Person Jesus Christus. An dieser Person haftet die frohe Botschaft von der Befreiung des Menschen aus seiner Schuldverstrickung, das Evangelium von dem im Glauben schon wirklichen Reich Gottes, in welchem Liebe, Friede und Gerechtigkeit herrschen, die gute Nachricht von der Hoffnung, die den Weg des Glaubens zum Schauen erhellt.

Auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick dogmatisch, konventionell, nur kirchlichen Insidern verständlich erscheint - in dieser Botschaft ist eine unverwechselbare Weitsicht und Lebensform begründet. welche sich von anderen abhebt: Mit dieser Botschaft muß die Kirche die Konkurrenz bestehen, in die sie gestellt ist. Wird diese Weltsicht und Lebensform lebensnah entfaltet, so kann sich erweisen, welche lebenserhellende Kraft in ihr steckt.

Das hat die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland bei ihrer Tagung im November 1993 versucht. indem sie das Angebot des Glaubens als „Leben in Fülle“ beschrieb. In diesem Versuch eines Katechismus auf zwölf Seiten stehen klärende und hilfreiche Sätze wie: „Die Gewißheit des christlichen Glaubens besteht darin, daß Gott verläßlich ist!“-  „Die Lebensform des christlichen Glaubens schließt die Gewißheit ein, daß unser Leben in Familie, Arbeitswelt und Gesellschaft und in der uns umgebenden Welt ein Geschenk ist!“ - „Die Lebensform des christlichen Glaubens schließt die Aufrichtigkeit ein, die persönliche Verstrickung in den Schuldzusammenhang des Menschengeschlechts weder ironisch zu überspielen noch durch hilflose moralische Appelle zu verleugnen!“ - „Der Glaube besteht ... vor allem darin. Gottes Gegenwart zu erfahren und in dieser Erfahrung - im Leben und im Sterben - geborgen zu sein. Der Glaube ist daher in seinem Kern Gelassenheit, d.h.: Unbedingtes Vertrauen auf Gottes heilsame Nähe!“

 

Damit richtet sich unser Augenmerk zugleich auf die selbstkritische Frage, wie weit die Kirche dem Gestalt zu geben vermag, was sie predigt. Daran wird sie heute gemessen. Und das entspricht dem theologischen Grundsinn von „Zeugnis“; die Kirche soll dafür Raum schaffen, daß grundlegende Glaubenserfahrungen möglich werden.

Besonders deutlich läßt unsere Erhebung eine an Lebenslauf-Situationen orientierte Mitgliedschaft hervortreten. Diese ist gebunden an die Amtshandlungen und lebenszyklisch orientierte Gottesdienstformen sowie an die pastorale Begleitung in besonderen Krisenlagen. Daneben gibt es eine Wahrnehmung der Mitgliedschaft in Gruppen oder Initiativen mit einer besonderen sachlichen Ausrichtung, zum Beispiel Friedens-. Dritte Welt-, Ökumene-, Umwelt-. Jugend-, Frauengruppen etc. Diese können an eine Ortsgemeinde gebunden oder aber überparochial sein.

In diesen unterschiedlichen Formen der Kirchenmitgliedschaft spiegelt sich wider, daß sich die Mehrheit der Mitglieder nicht mehr im Sinne einer umfassenden Beheimatung in einer Gemeinde, Gruppe, Organisation oder Institution mit der Kirche identifizieren. Identifikation erfolgt mehr und mehr über Betroffenheit, Interesse und Gelegenheit. Mitgliedschaft in der Kirche wird in allen Stadien von Nähe und Distanz auf unterschiedliche Weise erlebt und wahrgenommen.

Unsere Kirchen leben weiterhin aus dem Herkommen und den sich abschwächenden Traditionsbindungen und Konventionen. Sie müßten dagegen ihre Organisation darauf ausrichten, aktiv, initiativ, quasi „unternehmerisch“ um Akzeptanz, Förderung und Mitgliedertreue zu werben. Das bedeutet keineswegs, den Inhalt der Botschaft dem Gusto der Menschen anzupassen.

 

Attraktives Angebot

Die Kirche müßte sich am Leitbild einer Organisation orientieren, die um Mitglieder wirbt, indem sie ihnen die Botschaft des Evangeliums einleuchtend macht und damit für ihr Leben ein unverwechselbares und unausschlagbar attraktives Angebot unterbreitet. Die Vermittlung christlicher Lebensorientierung und Lebensform an möglichst viele Menschen in der Gesellschaft durch ihre Botschaft (martyria, ihren Dienst (diakonia) und ihr Gemeinschaftsangebot (koinonia) müßte ihr erklärtes Ziel sein, auf welches auch ihre organisatorische Struktur ausgerichtet ist. Dann wäre sie eine missionarische Kirche.

Durch Spezialisierung in sogenannten „funktionalen Diensten“ hat die Kirche auf die gesellschaftliche Differenzierung reagiert. Sie hat neben den Ortsgemeinden vielerlei Werke und Einrichtungen geschaffen, um der Vielfalt der Lebenswelt näherzukommen: Akademien, Erwachsenenbildung, Jugendarbeit, Industriepfarrämter, Beratungsstellen und Telefonseelsorge. Aber in der Wahrnehmung ihrer Mitglieder ist daraus kein Netzwerk kirchlichen Dienstes entstanden. Die kirchlichen Aktivitäten sind nach innen und außen nicht so verknüpft, daß wirklich erlebbar würde, welchen weitreichenden Dienst die Kirche für das Leben der einzelnen Menschen und für die Gestaltung unserer Gesellschaft leistet. Für die Akzeptanz der Kirche wäre es aber äußerst wichtig, daß Menschen dies erkennen und wissen.

Das Organisationsziel, christliche Lebensorientierung und Lebensform möglichst vielen Menschen in der Gesellschaft („allem Volk“) zu vermitteln, verlangt jedoch zwingend einen strategisch, professionell koordinierten Einsatz der erheblichen materiellen und immateriellen Mittel und Ressourcen, über welche die evangelischen Landeskirchen verfügen. Dies gilt für alle kirchlichen Ebenen von der Ortsgemeinde bis zur Gesamtkirche. Teilziele formulieren, die Mittel gezielt dafür einsetzen. Wirkungen und Erfolg kontrollieren-  solches Vorgehen ist der Kirche noch ziemlich fremd [Das mit den funktionalen Diensten ist ja gut und schön. Aber es geht auch um das Geld, und das kommt nun einmal nur in den Ortsgemeinden ein].

 

 

 

Meine Kirche macht mir Sorgen (eine Befragung)

 

1. Gottesdienst:

Die große Mehrheit hielt hier Veränderungen für nötig, wenn auch bei den Älteren in abnehmender Zahl. Einige forderten darüber hinaus öfter moderne Gottesdienste. Andere aber meinten: Die Form ist urwichtig, wenn Gottes Wort verkündigt wird“ - „Es kommt auf den Inhalt an“ oder „Beide Formen sollten nebeneinander bestehenbleiben“.

2. Der persönliche Kontakt der Gemeindeglieder im Gottesdienst: Eine Mehrheit war der Meinung, es gehe in der Kirche zu unpersönlich zu, die anderen meinten, es sei zu familiär, darunter besonders die älteren Gemeindeglieder. Einige betonten ausdrücklich, sie seien mit der jetzigen Form einverstanden bzw. die Frage müsse von Fall zu Fall entschieden werden. Einer forderte eine verstärkte Seelsorge, weil viele große Probleme nicht aus eigener Kraft gelöst werden können.

3.  Zahlenmäßiger Rückgang der Gemeindeglieder ein, der in der Arbeitsgruppe anhand großer Schautafeln demonstriert wurde. Eine knappe Mehrheit hielt der Rückgang für eine Stärkung der Gemeinde, die anderen sahen darin eine Schwächung, vor allem die Gruppe der jungen Gemeindeglieder. Die Meinung war, hier käme es zu einer Scheidung der Geister und es fielen nur die Leute weg, die Mitläufer sind und persönliche Vorteile suchen. Nötig sei aber auch die Aktivierung aller Gemeindeglieder, damit tatsächlich eine Stärkung erfolgt.

4. Stellungrahme der Kirche zu politischen Problemen: Mit großer Mehrheit wurde die Meinung vertreten, eine solche Stellungnahme sei zu wenig vorhanden, besonders bei der Jungend. Einer wies darauf hin, daß die Gemeindeglieder sich hier zu wenig einsetzen, einer meinte, bis jetzt habe man immer das richtige Maß gefunden.

5. Umgang mit der Bibel: Die meisten der Befragten sagten, wissenschaftliches Denken ist eine Hilfe, nur wenige meinten: „Wissenschaftliches Denken ist ein Hindernis“.

Erstaunlicherweise waren sich hier die Jungen und die Alten einig, während das „Mittelalter“ konservativer war. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, daß wissenschaftliches Denken eire Hilfe oder ein Hindernis sein kann bzw. daß man auf jeden Fall die Bibel ohne Vorurteile lesen sollte. - In der Diskussion sagte ein Rentner: „Wenn mir die Gottesdienste  in neuer Gestalt auch persönlich nicht so liegen, so bin ich doch um der Jugend willen dafür. Mindestens einmal im Monat sollte ein Gottesdienst so gestaltet werden!“ Sicher hat er damit für viele Gemeindeglieder seines Alters gesprochen.

 

Zusätzlich war dann noch gefragt worden: „Welche Sorge bewegt Sie darüber hinaus

1. Die jungen Leute hatten vor allem zwei Sorgen: Gottesdienste müßten moderner gestaltet werden mit der entsprechender Musik, damit wieder mehr Jugendliche zum Gottesdienst kommen. Eine Stimme war: „Warum kann man bei einem solchen Gottesdienst wie heute nicht auch einmal applaudieren“

2. Die Kirche wird im öffentlichen Leben immer mehr zurückgedrängt.

3. Die Kirche habe ihre wahre Aufgabe noch nicht erkannt und die Jugend muß noch mehr auf Gott hingewiesen werden und die Jugendarbeit gefördert werden.

4. Die Konfirmation und die Teilnahme der Jugendlichen am Gottesdienst. Die Kirche müsse auf vielen Gebieten aktiver werden, Hausbesuche und Seelsorge des Pfarrers sowie intensives Bibelstudium und Zusammenhalt im Glauben werden angeregt.

5. Schnellerer Zusammenschluß der Landeskirchen und ein Abbau der konfessionellen Schranken.

Zum Schluß noch drei Einzelstimmen: „Wir sind oft zu feige. Wir sollten weniger

reden und mehr tun. Es wird alles mögliche kritisiert an der Kirche; aber wir sollten uns lieber von Gottes Wort in Frage stellen lassen!“

                                                                      

 

 

 

Pfarrer

 

Gespräch mit einer Gemeindegruppe

Positive und negative Seiten am Beruf des Pfarrers, Erwartungen gegenüber dem Pfarrer.

 

Interview des Pfarrers (einer aus der Gruppe stellt die Fragen)::

1. Was macht Ihnen besondere Freude an Ihrem Beruf?

2. Was fällt Ihren schwer?

4. Wie schwer ist die Unterscheidung zwischen dienstlicher und privater Beschäftigung?

5. Wie ist es dazu gekommen, daß Sie Pfarrer wurden?

6. Unter welchen Bedingungen würden Sie den Beruf wechseln?

 

Stundenplan des Pfarrers:

Anhand von vorbereiteten Kärtchen wird ein Wochenplan für den Pfarrer aufgestellt (ähnlich dem Stundenplan für Schüler). Welche Arbeitsgebiete haben Vorrang, welche könnte man an Gemeindeglieder abgeben?

Darf ein Pfarrer nur das verkündigen, was er selber glaubt?

Kann er etwas weitergeben, zu dem er nicht hundertprozentig steht?

Gibt es nicht Schwankungen in der Festigkeit seines Glaubens?

Welche Bedeutung haben Person und Beruf des Pfarrers in der Gemeinde?

Welche werden sie in der Gemeinde von morgen haben?

 

Positive Seiten an dem Beruf des Pfarrers:

Keine schwere körperliche Arbeit, kein weiter Weg zum Arbeitsplatz, weitgehend selbständiges Einteilen der Arbeit, ungeregelte Arbeitszeit, Kontakt mit vielen Menschen, Zusammensein mit Menschen verschiedener Generationen, geräumige Dienstwohnung, Dienstwagen, langer Urlaub , Dienstreisen, Möglichkeit der Spezialisierung nach freier Wahl, Ansehen in der Gemeinde bzw. in der Stadt, er kann andere Menschen durch seine Botschaft von Gott frohmachen, er hat eine große und verantwortliche Aufgabe in der Kirche

 

Was ist besonders schwierig an dem Beruf des Pfarrers?

Isolierte Stellung im Verhältnis zu anderen Berufen, dem Beruf hängt ein Hauch gesellschaftlicher Rückständigkeit an, der Beruf ist nicht denkbar ohne entsprechende Anteilnahme, es gibt oft nur kleine Teilnehmerzahlen und  trotz Einsatz wenig Erfolg, häufiges Bitten um Geld, Dienstliches und Privates oft nicht zu trennen, Wochenenddienst,  Widerstand bei neuen Versuchen in bestimmten Kreisen der Gemeinde, Besuche bei kirchenfernen Leuten, muß Vorbild für die Gemeinde sein steht im Blickfeld der Öffentlichkeit, Krankenbesuche, Trost in Trauerfällen.

 

Erwartungen gegenüber dem Pfarrer:

Der Jugend zugewandt, kontaktfreudig, liebenswürdig, echt, natürlich, nicht zu langweilig und unverständlich reden, mit den Problemen der Gegenwart vertraut sein, nicht selber alles wissen und können wollen, Aufgeschlossenheit für das Neue (in Kirche und Welt), moderne Jugendabende, Gottesdienste und Veranstaltungen, Besuche bei Kranken und alten Leuten, muß sich um die ganze Gemeinde kümmern, immer gute Laune, moderner Haarschnitt.

(siehe auch Erzählung: Der Pfarrer mit der schwarzen Nase).

 

Wie stelle ich mir einen Pfarrer vor?

Ein Pfarrer bekommt manchmal Meinungen zu hören, weshalb man sich nicht am kirchlichen Leben beteiligt. Da wird etwa auf den Eheskandal des Nachbarpfarrers verwiesen oder es wird behauptet, die Pfarrer glaubten das gar nicht, was sie predigen. Oder es wird gesagt: „In der Kirche gilt doch ein Mädchen mit einem Kind weniger als ein Mann, der sich auf Kosten anderer bereichert!“

Man könnte hiergegen natürlich einwenden, daß es doch auch etliche weiße Schafe gibt oder daß bei den anderen auch nicht alles in Ordnung ist. Aber der Pfarrer muß sich natürlich auch immer fragen: „Was tust du inmitten deiner doch sehr verweltlichten Gemeinde? Weißt du, in welch angefochtenen Kirche du stehst? Hätte Gott nicht manchmal Grund, selber aus dieser Kirche auszutreten?“

 

Hinderungsgründe:

Der Weg ins Pfarrhaus ist deshalb oft so weit, weil die Person des Pfarrers oder auch nur sein „Amt“ große Hemmungen hervorrufen:

1. Er geht zu manchen Leute dreimal, ehe er eine andere Familie einmal besucht. Vielleicht versteht er sich mit den Leuten besser!

2. Er hat zu sehr seinen eigenen Willen und läßt sich nichts sagen. Bei jedem Wort der Kritik kommt er gleich mit Bibelsprüchen.

3. Gibt die Predigt wirklich seine persönliche Überzeugung wider oder tut er damit nur seine Pflicht? Steht er wirklich dahinter?

4. Ist er mit seiner Familie ein gutes Vorbild? Ist er nur ungern ins Dorf gekommen, weil man ihn dorthin gesetzt hat?

5. Der Pfarrer ist zu gescheit und versteht die einfachen Leute nicht. Man hat der Eindruck, er sehe auf die anderen nur herab.

6. Wenn ich ins Pfarrhaus gehe, meinen die Leute, ich wolle sie anschwärzen oder ich hätte sehr viel zu beichten!.

7. Der Pfarrer könnte bei einem Besuch ein frommes Gespräch anfangen und dann würde deutlich, daß ich selber es gar nicht so fromm meine.

8. Der Pfarrer soll nicht in der Predigt auf meine persönlichen Dinge eingehen können, auch wenn er keine Namen nennt.

9. Ich möchte die Verantwortung, die der Pfarrer vor Gott trägt, nicht auch noch mittragen. Er müßte Hilfe haben; aber keiner tut es.

 

Anforderungen:

Bei einer Umfrage wurden an der Pfarrer folgende Anforderungen von den Gemeindegliedern gestellt: Er soll die Gemeindeglieder besuchen, sehr viel die Begegnung mit den Menschen suchen, eine verständliche Sprache sprechen, seine Tätigkeit soll über die Kirche hinausreichen, er soll ein Aktiv von Mitarbeitern organisieren, Leben und Verkündigung sollen übereinstimmen, er soll vor allem der Jugend ein älterer Bruder und Freund sein.

 

Ein Ausschnitt aus einer Umfrage in Polen:

Ein Angestellter: „Ich stelle mir den Geistlichen in unserer Zeit vor als einen, der nicht von der Kanzel Blitze auf die Gläubigen schleudert, sondern ihnen in Wahrheit ein Freund  ist. Ein Pfarrer muß auf schwierige Situationen gefaßt sein, immer die Ruhe bewahren und sich selbst beherrschen. Meiner Meinung nach sollte der evangelische Pfarrer viel häufiger die Gemeindeglieder besuchen. Es gibt viele Häuser, in die das Auge des Geistlichen einmal hineinblicken müßte. Ist es richtig, die Kranken nur beim letzten Abendmahl zu besuchen? Es ist die Zeit gekommen, wo man den Menschen suchen und sich mühen muß, ihn zu gewinnen. Ein freundlicher Händedruck, ein Besuch zu Hause könnte abseits stehende Christen vielleicht wieder der Kirche zuführen."

Ein Arbeiter: „Der Pfarrer muß heute sehr viel die Begegnung mit den Menschen suchen und sich nicht hinter schützenden Kirchenmauern verbergen. Seine Rede sei wohlgesonnen, gläubig und auch heiter. Sehr wichtig: Das Beispiel des persönlichen Lebens!“-

Eine Erzieherin: „Der Pfarrer soll auf der Kanzel eine Sprache sprechen, die der heutige Mensch verstehen kann. Wir erwarten, daß er mit dem Worte Gottes alle Probleme durchleuchtet, die die Menschen unserer Zeit bewegen, und eine Lösung zeigt in Übereinstimmung mit dem Evangelium. Darum: Näher am Leben! Auch außerhalb der Kanzel steht der Pfarrer immer auf dem Leuchter. Aber vergessen wir nicht: Er ist auch nur ein Mensch. Vollkommen ist nur der himmlische Vater.“

Eine andere Stimme: „Der Prediger muß ein guter Schlosser sein. Die Herzen der Menschen sind nichts anderes als komplizierte Schlösser. Man kann ein Schloß nicht mit Gewalt aufbrechen, sondern muß den Mechanismus kennen und den entsprechenden Schlüssel besitzen. Und das ist die Aufgabe des Seelsorgers: den Schlüssel zu finden zum Herzen des heutigen Menschen.“

Eine Studentin: „Den evangelischen Pfarrer unserer Tage stelle ich mir vor allen Dingen als Gottes Diener vor. Mir sagt der „moderne Pfarrer“ nicht zu, der sich müht, mit verschiedenen Neuerungen den Menschen zu gefallen. Ich möchte einen Geistlichen sehen, der durch seine Stellung im Leben die Wertschätzung seiner Umgebung gewinnt, weil er sich der Verantwortung bewußt ist, die auf ihm ruht.“

Eine Lehrerin: „Der Geistliche sollte nicht nur Theologe, sondern auch Psychologe und Pädagoge sein. Außerhalb der Kanzel sollte er und seine Familie beispielhaft sein für die von ihm verkündete Wahrheit Gottes. Eine wichtige Rolle in der kirchlichen Arbeit kann auch die Pfarrfrau spielen, besonders in der Arbeit an Kindern und Jugendlichen.“

Ein Arbeiter: „Die Tätigkeit des Pfarrers muß über die Kirche hinausreichen. Durch sein Vorbild sollte er  beweisen, daß der Glaube mit dem täglichen Leben im Einklang steht. Als wichtig betrachte ich die Hausbesuche. Sie stärken den Glaubenden.“

Ein Gemeindeglied: „Der Geistliche muß engen  Kontakt mit den Gemeindegliedern haben und sich zu diesem Zweck ein Aktiv von Mitarbeitern organisieren.“

Ein Jurist: „Es ist schlecht bestellt um einen Pfarrer, der meint, alles selbst machen zu müssen. Das ist ein schlechter Pfarrer, der kein Vertrauen hat zu seinen weltlichen Mitarbeitern. Es gibt keinen Pfarrer ohne Gemeinde und keine Gemeinde ohne Pfarrer.“

Eine Studentin: „Ich erwarte vom Geistlichen die Übereinstimmung von Leben und Verkündigung. Ich erwarte von ihm ein Leben, aufrichtig und voller Hingabe an den Menschen. Die Menschen sehen anders auf einen Pfarrer. Was sie einem anderen Menschen verzeihen, wird einem Geistlichen noch lange nicht verziehen. Enger Kontakt mit den Familien ist nötig. Er sollte teilhaben am Leben seiner Gemeindeglieder, nicht nur an ihren Sorgen, sondern auch an ihren Freuden.“

 Ein Student: ..Die Tätigkeit außerhalb der Kanzel ist wesentlich schwieriger als die Verkündigung. Der Pfarrer sollte im Rahmen des Möglichen neue Wege suchen in der Arbeit an“  Eine Schülerin: „Die Tätigkeit des Pfarrers auf der Kanzel sollte so bleiben, wie sie immer war. Außerhalb der Kanzel sollte der Pfarrer bescheiden, beherrscht und standhaft sein.“

Eine Jugendgruppe: „Wir erwarten vom Pfarrer das, was er von uns erwartet. Wohl muß zwischen ihm und uns ein gewisser Abstand bestehen, aber doch sollte er uns älterer Bruder und Freund sein. Wir bauen gemeinsam an der Zukunft der Kirche und des Vaterlandes.“

Am Schluß muß man sich allerdings fragen: Kann ein Pfarrer dies alles leisten? Was ist das Wesentliche seines Dienstes?

 

 

Berufsbild von heute

Bei der Frage nach dem Berufsbild des Pfarrers von heute bzw. der Zukunft stehen sich zwei gegensätzliche Standpunkte gegenüber:

Allgemeines Priestertum:

Der Pfarrer ist Gemeindeglied und Partner der Gemeindeglieder. Alle Glieder der Gemeinde tragen in gleicher Weise Verantwortung für das Zeugnis des Evangeliums. Der Pfarrer ist theologischer Fachberater und stellt die Verbindung zur Gegenwart her und befähigt die Gemeindeglieder zu den ihnen übertragenen Diensten. Der Pfarrer leitet seine Berufung aus dem Auftrag der Gemeinde ab und sie kann auf Zeit erfolgen.

Göttlicher Stiftungscharakter:

Der Amtsträger ist durch seine Ordination ein Ausgesonderter. Seine Verantwortung ist eine andere als die der anderen Christen. Der Pfarrer ist verantwortlicher Verwalter von Wort und Sakrament im Gegenüber zur Gemeinde. Als Stellvertreter des „Guter Hirten“ ist er der Hirte der Gemeinde. Er leitet seine Berufung von Christus ab und muß von der Gemeinde unabhängig bleiben. Deshalb wird er auf Lebenszeit berufen und ist grundsätzlich unversetzbar.

Mittlerer Standpunkt:

Aber man kann sich auch eine Vermittlung beider Seiten denken: Jeder Pfarrer braucht die Mitarbeit der Gemeindeglieder und die anderer kirchlichen Mitarbeiter brauchen ihrer göttlichen Auftrag nicht erst durch den Pfarrer vermittelt zu sehen. Aber der Pfarrer ist als Prediger, Seelsorger und Sakramentsverwalter auch ein Gegenüber zur Gemeinde und kann nicht in das allgemeine Priestertum eingeebnet werden. Die Reformation macht bewußt polare Aussagen über die Kirche und kennt keine geistliche Differenzierung zwischen Pfarrer und Laien. Die Taufe ist das unüberbietbare Sakrament und schon latente Priester- oder Bischofsweihe.

 

Die Berufung zum Amt läßt sich sowohl von der Gemeinde und von Christus her begründen. Die  Gemeinde beruft um der Ordnung willen, weil nicht alle predigen und die Sakramente austeilen können. Die Gemeinde delegiert den, der die besten Gaben dafür hat.  Gott aber  beruft, indem er die Vollmacht zu diesem Amt gibt, so wie Christus sie den Aposteln gab. Der Zuspruch der Sündenvergebung ereignet sich nicht im Miteinander, sondern im Gegenüber.

Beide Standpunkte stehen sich gleichberechtigt gegenüber. Die Existenz des Amtes darf nicht aus der Gemeinde und die der Gemeinde nicht aus dem Amt abgeleitet werden. Der Amtsträger darf weder Funktionär noch Patriarch der Gemeinde sein.

Die Unabhängigkeit des Amtsträgers muß deshalb gesichert sein durch die lebenslängliche Einsetzung ins Amt und die grundsätzliche Unabsetzbarkeit (nur Altersgrenze und Notfallversetzung oder Strafversetzung).

Schwieriger ist das Ernstnehmen des allgemeiner Priestertums aller Gläubigen. Aber auch heute könnten Gemeindeversammlung, Gemeindekirchenrat oder ein Helferkreis zur Stimme der Gemeinde gegenüber dem Amtsträger und zum Seelsorger am Seelsorger werden. Dazu ist es erforderlich, daß in der Kirche durchgehend wirksame kollegiale Ordnungen  bestehen. In. Synoden und Beiräten muß ein neuer Stil entwickelt werden durch Vorgabe eines gegenseitigen Vertrauens. Man wird auch mit Zuspitzungen rechnen müssen, vielleicht wird auch einmal im Grenzfall der Vorsteher gegen seine Ratgeber entscheiden. Aber ansonsten sollte die Kirche alle Bestrebungen zu vielfältiger Meinungsbildung und Zusammenführung von Interessen fördern. Es müssen „Gegenstrukturen“ entwickelt werden, wie sie etwa in dem Mann verankert sind, der die Rechtlichkeit der Maßnahmen des Heiligen Offiziums der katholischen Kirche kontrolliert.

Aber dagegen wird auch eingewendet: Ein Arzt legt sich ja auch nicht erst zu den Kranken, um zu wissen, was Krankheit ist. Schon gar nicht hat er alle Krankheiten am eigenen Leib verspürt. Man braucht auch nicht unbedingt einen Zweitberuf, um das Vorhandensein von Pfarrern zu rechtfertigen. Der Beruf, Pfarrer und Seelsorger zu sein, ist genug für einen Menschen und füllt ihn vollständig aus. Jeder Beruf erfordert heute seinen ganzen Mann und kann nicht nur so am Rande aufgenommen werden. E i n Beruf kommt dabei immer zu kurz. Und was sollte eine Gemeinde mit einem möglicherweise schizophrenen Freizeitpfarrer? Auch eine Aufbesserung der Pfarrbesoldung sollte nicht der ausschlagende Gesichtspunkt sein.

 

 

Prediger, Therapeut, Funktionär? Leitbild für den pastoralen Dienst heute

 

1. Leitbild: Der Prediger

Dieses über Jahrhunderte hinweg als typisch protestantisch empfundene Berufsprofil, das seine eigentliche Aufgabe in der Verkündigung des Wortes Gottes (vor allem in Form der öffentlichen Kanzelrede im Gottesdienst) sieht, hat in unserem Jahrhundert noch einmal durch die dialektische Theologie eine Aufwertung und Ausprägung erfahren: Gottes Wort kommt in dreifacher Gestalt zu uns, nämlich in Jesus Christus, im prophetischen und apostolischen Zeugnis von ihm, wie es sich in der Bibel niedergeschlagen hat, und in der lebendigen Verkündigung des Wortes in der Kirche.

Es ist die eigentliche und hohe Aufgabe des Pfarrers, diesen Dienst der Verkündigung durch die Predigt und mehr oder weniger auch bei seinen anderen Tätigkeiten wie Unterricht, Seelsorge usw. zu vollziehen. Seine Gewißheit gründet darin, daß im gehorsamen Hören auf den biblischen Text sich ihm Gottes Wort erschließt und daß er dieses heilschaffende Wort den Menschen weitersagen kann. Wo er nicht verstanden wird oder wo er Widerständen begegnet, dort darf er damit rechnen, daß dieses Mißverstehen nicht nur seinem Ungenügen zuzurechnen ist, sondern auch dem Ungehorsam des Menschen, der sich dem Anspruch des Wortes Gottes zu entziehen sucht.

 

2. Leitbild: Der Liturg

Im bewußten Gegensatz zur einseitigen Beschreibung des Pfarrers von seiner Verkündigungsaufgabe her entwickelten Anhänger der liturgischen Bewegung ein Verständnis des Amtes, das das sakramentale Handeln dem der Wortverkündigung mindestens gleichordnet. Erst im liturgischen Gesamtvollzug, im Miteinander von Verkündigung und sakramentaler Feier, von Predigt und Liturgie findet der Pfarrer seinen spezifischen Auftrag. Vom Gottesdienst her, der „die anschaulichste, die dichteste, die zentralste. die deutlichste Form der Vergegenwärtigung Christi“ darstellt`, erhält der Pfarrer seine Würde, seinen Auftrag, seine Gewißheit. Von ihm her und auf ihn hin gestaltet sich seine Amtsführung. Meditation und Gebet, Beichte und persönliche Lebenszucht erhalten besonderes Gewicht. Auch neuere pastoraltheologische Entwürfe knüpfen wieder an der liturgisch orientierten Konzeption an. So beschreibt M. Josuttis den Pfarrer als „Bürge für die Wahrheit,“.

 

3. Leitbild: Der missionarische Trainer

In den ökumenischen Debatten zur missionarischen Gemeinde in den 60er Jahren wurde das Bild eines Pfarrers entworfen, der als ,,Befähiger“, als „Trainer“, seinen Auftrag darin hat, die Laien „zum missionarischen Dienst im Alltag zuzurüsten“'. Mission ist hierbei sehr weit gefaßt: nicht als Versuch, Menschen in die Kirche hereinzuholen, sondern als andauernde Bereitschaft, dort, wo die „Tagesordnung der Welt“ es verlangt, Gottes Liebe durch Wort, Tat oder Gemeinschaft zu bezeugen. Solche Mission wurde als Strukturprinzip der Kirche, als einziges Kennzeichen der Kirche („.nota ecclesia“) definiert. Damit war vielen traditionellen Aufgaben des Pfarrers ein Abschied erteilt.

Die Trainer-Funktion des Pfarrers hatte ihr Schwergewicht in der dialogischen Vermittlung theologischer Einsichten für den Dienst der Laien. Er, der Laie, der „Fachmann der Welt“ galt ja als der eigentliche Missionar. Er brauchte für seinen Dienst am Arbeitsplatz, im Wohnbezirk, in seinem privaten und gesellschaftlichen Alltag missionarisch anwendbare Theologie. Klar war: Solche Theologie konnte nicht einfach am Schreibtisch des Pfarrers entstehen und bloß von den Kanzeln herabgepredigt werden. Sie konnte nur aus einem andauernden Dialog zwischen Laien und Pfarrern hervorgehen, aus einem ständigen Gesprächsprozeß zwischen den „Fachleuten der Bibel“ und den „Fachleuten des Alltags“. Mit diesem Pfarrerbild hat sich eine Generation jüngerer kritischer Theologen in den sechziger und siebziger Jahren identifizieren können. Aber vielen von ihnen ist im Laufe der Jahre deutlich geworden, daß zwischen dem so beschriebenen Dienst und den tatsächlichen Verpflichtungen auf traditionelle Erwartungen, denen sie sich nicht entziehen konnten, ein harter Widerspruch entstand.

 

4. Leitbild: Der Theologe

Vor allem im Gefolge der von der historisch-kritischen Exegese beeinflußten hermeneutischen Theologie hat sich ein Pfarrerbild entwickelt, das es als hauptsächliche Aufgabe des Pfarrers begreift, den „garstigen Graben“ zwischen Bibel und Leben mit Hilfe wissenschaftlich-theologischer Einsichten zu überbrücken. Vor allem im Bereich von Katechetik und Erwachsenenbildung wurden zahlreiche Modelle erarbeitet, die zum Ziel haben, den Nichttheologen theologische Ergebnisse zugänglich zu machen. W. Bernet bringt diese Konzeption auf die Formel: „Der Pfarrer ist der Gemeinde nicht die Verkündigung und nicht den Glauben schuldig. Er ist ihr die Theologie schuldig.“ Im Unterschied zur missionarischen Konzeption wird hier eher einliniger gedacht: vom Pfarrer zu den Laien, von der Theologie her zum Leben und Denken des Menschen hin.

Der Theologe:

In Zukunft wird der Pfarrer zunächst einmal Theologe  sein müssen. Er muß einiges Wissen haben über die Bibel und ihre Auslegung im Laufe der Geschichte, selbstverständlich ausgewertetes Wisser, so daß er auch seinerseits zu sagen weiß, was von der Auferstehung zu halten und was ein Sakrament ist. Evangelium, Kirche und Christentum müssen viel mehr als früher bekannt  gemacht werden, damit die Gemeinde weiterlebt. Die Gemeinden werden daran interessiert sein müssen, einen Kundigen zu haben, der über die Theologie Bescheid weiß.

Eine theologische Weiterbildung wird unbedingt dazugehören. Die wichtigen theologischen Fragen und Arbeitsweisen der Kirche sind heute so sehr im Fluß, daß sie in ihrem Fortgang beobachtet und verarbeitet werden müssen.

Die Gemeinden werden anspruchsvoller in bezug auf die Qualifikation ihrer Pfarrer sein müssen. Es geht nicht um genug Nachwuchs, sondern um geeigneten Nachwuchs. Bisher war das Theologiestudium so gut wie ganz eine Sache der persönlichen Entscheidung (die natürlich notwendig ist). In Zukunft wird es mehr auf eine „Delegierung  durch die Gemeinden“ ankommen.

Der Pfarrer wird der verantwortliche Ausleger der biblischen Botschaft sein und das Bekenntnis zuspitzen auf die heute gegebene Zeit und Situation unter strenger Bindung an die biblische Botschaft. Er wird vor allem „mit dem Mund zu arbeiten haben“, allerdings nicht nur in

der Predigt, sondern auch im Gespräch. Vor dem Gerede sollte er sich allerdings scheuen, aber bereit sein zum verbindlichen Wort. Dieses muß er dann allerdings auch durch den Lebenswollzug bestätigen.

 

5. Leitbild: Der Therapeut

Die seelsorgerlich-therapeutische Konzeption wird sowohl von den Protagonisten der modernen Seelsorgebewegung vertreten wie auch von den soziologisch-sozialpsychologisch argumentierenden Anwälten einer funktionalen Theorie kirchlichen Handelns, die keinem theologischen Leitbild, sondern vor allem den tatsächlichen Erwartungen der Kirchenglieder zu entsprechen suchen. Der Pfarrer wird hier zum Fürsorger und Tröster der im Leben Gestrandeten und der Trostbedürftigen. Man erwartet von ihm den Dienst der „helfenden Begleitung in Krisen­situationen und an Knotenpunkten des Lebens“. Die Kasualien gewinnen wieder an Bedeutung und rücken in das Licht pastoraler Anerkennung. Der Pfarrer soll sich zu recht in Anspruch nehmen lassen, wenn grundlegende Deutungs- und Wert-Systeme darzustellen oder zu vermitteln sind, vor allem Kindern und Jugendlichen gegenüber. Viele Eltern wissen um die Grenzen ihres eigenen erzieherisch-moralischen Einflusses und hoffen deshalb, daß sie im kirchlichen Raum mit einer „Kraft zum Guten“ ausgerüstet werden. Im Verhalten Jesu sieht man den biblischen Grund für die therapeutische Konzeption, nach dem Motto: „Jesus hat Kranke geheilt und Gemeinschaft gesucht mit den Außenseitern der damaligen Gesellschaft“

 

6. Leitbild: Der Repräsentant

Nicht nur unter volkskirchlich-bürgerlichen, sondern auch unter mehr weltlichen Verhältnissen gilt der Pfarrer als der entscheidende Repräsentant der Institution Kirche. „Er ist die entscheidende Bezugsperson für die Öffentlichkeit und den Staat, wenn es um Kirche geht. Weder der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel noch die versuchten Reformen haben der dominierenden Rolle des Pfarrers wesentlichen Abbruch getan. Ob es die Pfarrer selbst wahrhaben wollen oder nicht: Sie repräsentieren die Kirche in der Gesellschaft.

In vielen Fragen kann der Pfarrer nicht mehr einfach „die Institution Kirche“ repräsentieren, sondern er wird in ihr seinen bis zu einem gewissen Grade selbst verantworteten Weg gehen und seine mehr oder weniger selbst zu treffenden Entscheidungen finden müssen. Er wird als Repräsentant der Kirche nie nur objektiv die Kirche darstellen, sondern zugleich subjektiv seine Interpretation der Kirche vermitteln können. Die Institution fungiert in vielen Fragen als gemeinsames Dach, unter dem sich relativ verschiedene Meinungen und Interessen versammeln.

 

Überblickt man diesen Katalog von Pfarrerbildern, dann darf man schlußfolgern, daß gegenwärtig     in der Lage ist, wirklich umfassend zu überzeugen. Zu zahlreich sind die theoretischen Einwände und die praktischen Gegenerfahrungen. So ist es wohl nicht nur dem persönlichen Versagen des einzelnen anzulasten, wenn heute viele Pfarrer erhebliche Identifikationsprobleme mit ihrem Beruf haben, die sich manchmal auch spürbar negativ in ihrem Dienst, in ihrem familiären Leben oder auch in ihrer physischen und psychischen Gesundheit auswirken. Sollten wir deswegen nicht schleunigst nach einem sinnvollen alternativen Pfarrerbild suchen, nach einer theoretisch fundierteren und praktizierbareren Wegweisung für den Dienst? Man muß nach neuen Beufs-Bildern suchen:

 

Der Pfarrer bzw. die Pastorin werden zu Vertrauensbildnern, zu Menschen, die ihre verschiedenen pastoralen Aufgaben nicht irgendwie, sondern als Teil eines vertrauensbildenden Prozesses verstehen und vollziehen sollen. Die Gemeinde als Modell für eine Kultur des Vertrauens, der pastorale Dienst unter der Perspektive der Vertrauensbildung, - dieser Ansatz wird einmal von R. Strunk im Blick auf den alttestamentlichen Bund Gottes mit seinem Volk, im Blick auf das Verhalten Jesu und die Tendenzen der frühen Gemeinden eindrücklich biblisch begründet. Zum anderen überzeugt er auf dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen und kirchlichen Erfahrungen.

Die in den sechs beschriebenen Berufsbildern gezeichneten Aufgaben sind in Wahrheit keine Alternativen. Sie stellen vielmehr verschiedene Funktionen pastoraler Vertrauensbildung dar. Was das heißt, das sei wenigstens umrißhaft angedeutet:

Die vertrauensbildende Predigt wird ihre Aufgabe weder darin sehen, die Hörer „abzukanzeln“ noch ihnen dem Munde zu reden. Sie findet ihr Zentralthema in der Botschaft von dem uns Menschen immer wieder vertrauenden Gott. Ihre Redeweise wird von dem geduldigen Versuch bestimmt sein, Verständigung, Einverständnis mit dem Hörer zu erlangen. Der Hörende muß spüren: Der, der da redet, der weiß Bescheid. Der weiß, wie das Leben ist. Dem geht es nicht nur darum, seinen Bibeltext oder allgemeine Sprüche loszuwerden, sondern er sucht intensiv nach einer hilfreichen Perspektive für das, was wir heute erfahren.

Der Pfarrer, die Pastorin als Vertrauensstifter, - das ist ein schwerer Beruf. Mancher spürt massiv die Schattenseiten eines solchen Dienstes: Beruf und Privatbereich sind nur schwer zu trennen. Arbeitszeiten und -leistungen sind nur schwer abrechenbar und nur kompliziert zu planen. Infragestellungen von außen und innen bleiben nicht aus. All das ist wahr. Und dennoch: Der Pfarrer, die Pastorin als Vertrauensbildner, das ist auch ein schöner Beruf. Für mich gehört gerade die Ganzheitlichkeit dieses Dienstes, die Möglichkeit. sich mit seiner ganzen Person in den Beruf einbringen zu können (wo gibt es das heute noch?) zu dem, was mir in diesem Beruf das gute Gefühl innerer Befriedigung vermittelt hat. Der Pfarrerberuf ist nicht nur ein Problem, sondern auch ein Privileg.

Schließlich: Der Pfarrer, die Pastorin als Vertrauensbildner, - von diesem Leitgedanken her läßt sich manches klären, was in diesem Beruf immer wieder zu entscheiden ist. Alle einzelnen Anforderungen des Dienstes dürfen danach befragt werden, ob sie dem Prozeß des Vertrauens dienen oder ihn hindern. Das klingt in dieser Kürze sicher recht allgemein und blaß. Auf dem Hintergrund konkreter Entscheidungssituationen wird die Frage nach dem Vertrauen dagegen zu einer hilfreichen, produktiven, manchmal auch riskanten Orientierungshilfe in Kirchgemeinden ebenso wie in Institutionen zur theologischen Ausbildung (nach Wolfgang Ratzmann).

 

Zweitberuf?

Manche erhoffen sich auch einiges von einem Zweitberuf für den Pfarrer (neben seinen pfarramtlichen Aufgaben. Dafür wurden vorgeschlagen: Krankenpfleger, Gärtner, Kfz.-Schlosser, Landwirt, Monteur, Bäcker, Bauarbeiter, Bandarbeiter, Musiker, Buchhalter, Abteilungsleiter, Innenarchitekt oder Rechtsanwalt.

Vor allem aber soll er körperlich anstrengende Arbeit kennen. Auch eine lebenswirklichere Ausbildung wird gefordert: Psychologie, Sozialwissenschaft, Pädagogik, Ökonomie, Musik, Literatur, moderne Malerei handwerkliche Selbsthilfe und Erste Hilfe.

Manche fordern, er müsse unbedingt vorher einen Beruf erlernt und praktiziert haben, ehe er Pfarrer werden kann.

 

 

Das Amt des Pfarrers

Ist der Beruf des Pfarrers ein Beruf unter anderen? Ist er Beamter der Kirche oder Angestellter des Kirchenvorstandes? Ist er Delegierter der Gemeinde oder Spezialist für Religion? Mit der Kirche hat sich auch das Berufsbild des Pfarrers stark gewandelt. Früher hatte der Pfarrer eine Reihe von sozialen Funktionen  im öffentlichen Leben, die seine Amtsfunktionen unterstützten. Heute ist er mehr eine Privatperson, die nur für die Kirchgemeinde da ist.

Es ist auch heute nicht mehr das Ideal, daß ein Pfarrer in einer Gemeinde alt und grau wird, 30 oder 40 Jahre oder gar ein halbes Jahrhundert in einer Gemeinde wirkt und fast alle Gemeindeglieder getauft und getraut hat und wie ein Vater unter seinen Kindern lebt.

Jeder macht zuerst allerlei Mißgriffe und überwirft sich mit führenden Leuten in der Gemeinde. Dann besteht die Gefahr, daß er sich furchtsam ins Pfarrhaus zurückzieht und sich in der Gemeindearbeit auf das Notwendigste beschränkt und allen Mut und alle Zuversicht verliert und schließlich verbittert und kraftlos wird.

Auch für die Gemeinde ist  es nicht  gut, wenn derselbe Pfarrer zu lange bleibt. Die Gaben sind sehr verschieden; und was dem einen nicht gelingt, gelingt dem andern. Einzelne Gemeindeglieder, die der eine Pfarrer für unzugänglich und unempfänglich hielt, werden vielleicht von seinem Nachfolger gewonnen. Es gibt Pfarrer; die habe eine Gabe zur Erweckung. Aber sie ermüden leicht, wenn die Bewegung zum Stillstand kommt. Dann muß wieder einmal einer her, der mehr die Gabe des Bauens und Pflegens hat.

Jeder Pfarrer hat es zunächst einmal schwer, denn er kommt ja als Fremder in die Gemeinde und muß sich erst einleben. Meist überfällt ihn auch ein Berg von „Geschäftsführung“: Kirchenvorstandssitzung, Verhandlungen, Haushaltspläne, Pachtverträge, Handwerker, Kirchen­buchführung, Friedhofsordnung, Meldewesen, Kirchensteuer, Gemeindekartei, Schriftverkehr.

Doch auch das gehört mit zum Amt und vermittelt oft auch tiefe Einsichten in das Leben einer Gemeinde. Jeder Pfarrer muß so erkennen, daß er nur ein Glied in der Kette der Vorgänger und Nachfolger ist.

Aber ein Pfarrer sollte nicht nur Verwalter bleiben, sondern Missionar sein. Kann er sich damit beruhigen, daß 90 Prozent seiner Gemeindeglieder nicht zum Gottesdienst kommen oder dem Leben der Gemeinde fernbleiben. Liegt es am Pfarrer, liegt es an den veränderten Formen des modernen Lebens? Müssen nicht neue Versuche unternommen werden? Er trägt die Verantwortung dafür, daß die Christen nicht eine „geschlossene Gesellschaft“ bleiben, sondern zu ihrem Zeugendienst in der Umwelt zugerüstet werden.

Seit es keine bürgerliche Kirche mehr gibt, kann man den Beruf des Pfarrers nicht mehr so ergreifen wie jeden anderen Beruf, sondern der Beruf wird auch gleichzeitig eine Berufung sein. Damit ist nicht ein großes Bekehrungserlebnis gemeint. Aber ein äußerer Anstoß wird immer dazu gehören, ehe man diesen Beruf ergreift, wenn auch immer eine verborgene Angst dabei bleibt. Gerade der Wechsel von der Freiheit des Studiums in die Enge einer Kirche und eines Dorfes kann schon Angst machen. Dazu kommt der Öffentlichkeitscharakter des Amtes und seine Anforderungen, aber auf der anderen Seite auch wieder eine Isolierung und

Einsamkeit. Aber dann auch wieder viel Freiheit, die Faulheit zuläßt, aber auch der Phantasie und Eigengestaltung Raum gibt.

 

 

Das Theologiestudium

Viele der heutigen Theologiestudenten müssen erst einmal die Sprachen nachlernen. Deshalb geht viel von der eigentlichen Studienzeit verloren, obwohl der Stoff gewachsen ist und die Methoden verfeinert worden sind. Einige Kirchen haben deshalb begonnen, Sprachkurse vor dem eigentlichen Studium einzurichten. Überhaupt kümmern sich die Kirchen im Gegensatz zu früher sehr um die Ausbildung ihrer zukünftigen Pfarrer. Sie begleiten die Studenten durch Freizeiten und Besuche der Nachwuchsreferenten am Studienort durchs Studium. Die Theologischen Lehrer sind in der Regel ordiniert und haben einen Predigtauftrag.

Andererseits mühen sich auch die Fakultäten um eine Studienreform. Sie führen Studienberatung und kleine Arbeitsgruppen unter Leitung älterer Studenten ein. Zwischenexamina und Vorexamina werden gehalten (Philosophie, Bibelkunde, Kirchengeschichte). Die Praktische Theologie wird ausgebaut und behandelt auch die Fragen des Gemeindelebens. Ringvorlesungen der Vertreter der verschiedenen Fächer und gemeinsame Übungen versuchen die Verklammerung aller theologischer Gebiete zu erreichen. Die Vermehrung der Lehrstühle soll die Breite der Gesichtspunkte sichern, während allgemeine Überblicke dann die Ganzheit vermitteln.

Dennoch ist eine Spezialisierung nicht zu umgehen. Selbst ein Professor kann kaum noch einen Gesamtüberblick verantworten. Man wird auf Vollständigkeit verzichten müssen und zwischen den Gebieten erster Ordnung und dem übrigen Stoff unterscheiden. An einigen Beispielen soll der Student die Methoden des Umgangs lernen und die Quellen der Forschung wissen, um sich das andere dann selbständig erwerben zu können.

Jeder Student muß einmal durch das Feuer der wissenschaftlichen Kritik hindurch, auch wenn dabei der Glaube nur schwach zu Wort kommt. Natürlich handelt sich die Universität dann den Vorwurf ein, daß die Haupttriebfeder ihres Tuns der Zweifel an allem Bestehenden sei. Man vermißt das fröhliche Bewußtsein unbezweifelbarer Positionen, vom Glaubensbekenntnis bis hin zu den Formen des Gemeindelebens. Man greift Professoren und Pfarrer als „links intellektuelle Kritiker“ an und behauptet, die Normalgemeinde verlange etwas anderes.

Doch trotz all dieser Anläufe von Gemeindekreisen gegen eine „ungläubige“ Theologie halten die Kirchen  daran fest, daß nur der Pfarrer in der Gemeinde sein kann, der durch das Feuer der kritischen Theologie hindurchgegangen ist. Man sucht nicht mehr den religiösen Problematiker, weil der unsre Welt nicht geistig bewältigen kann. Gefordert ist heute eine konkrete Sachlichkeit, um mit den eigenen Lebensfragen und denen anderer Menschen fertig zu werden.

Doch viele junge Leute kommen zwar mit einem beweglichen Geist auf die Hochschule, aber ihr Geist ist auch oft auf ein vorschnelles Urteil ausgerichtet, mehr auf Kritik als auf sorgfältige methodische Auseinandersetzung. Oft verschwindet über der Kritik ganz der Gegenstand. Die Studenten eignen sich die kritischen Ergebnisse an, ohne den Gegenstand noch ernst zu nehmen. Zu oft wird auch von den Professoren die Kenntnis des Gegenstandes vorausgesetzt und man beginnt gleich mit der Interpretation.

Der Student wird dadurch leicht unsicher, denn er bleibt bei der Vielfalt der möglichen Auslegungen hängen. Weil er selbst nicht selbständig urteilen kann, macht er die Interpretation seinem Meister nach. Er handhabt die Methoden und begreift doch nicht, daß man nur auf diesem Wege zum Verstehen kommen kann. Mancher flüchtet sich dann in anerkannte theologische Richtigkeiten. Doch das ist kein Weg, den kritischen Fragen in Theologie und Kirche auszuweichen. Nur die Solidarität mit diesen Fragen gibt der Predigt heute noch eine Chance.

Die Wahrheit des Evangeliums wird einen radikalen Gestaltwandel nicht nur überdauern, sondern es erzwingt ihn selbst. Wer gehorsam radikale Fragen geduldig aushält, wird neue Antworten von großer missionarischer Kraft finden. Dieser Vorgang ist aber nicht nur ein Vorrecht der angestellten Theologen, sondern eine Sache der ganzen Gemeinde.

Doch viele haben schon als Studenten hier ihre Bedenken. Es ist für sie eine zweitrangige Frage, welchem Professor sie sich mehr anschließen wollen. Viel schwerwiegender ist das Problem, wie das an der Hochschule gelernte einmal zu vereinbaren sein wird mit dem Leben und Denken der Gemeinde. Es geht darum, die Gemeinde auf dem Weg der geschichtlichen „Übersetzung“ der Botschaft von damals bis heute mitzunehmen. Es geht um Dialog und nicht um einen Monolog.

Doch bei der Gemeinde trifft man da oft auf Unverständnis. Das Studium entfremdet den Studenten erst einmal dem kirchlichen Milieu. Mancher fühlt sich heimatlos innerhalb der Formen traditioneller Christlichkeit. Die Gemeinde denkt mittelständisch. Aber im Studium lernt man alles andere als mittelständisches Denken. Die Folge ist oft eine Isolierung in der Gemeinde.

Im Studium fehlt überhaupt allgemein die Ausbildung in den Problemen der modernen Arbeitswelt. Der Ansatz des theologischen Denkens wird ausgebildet, die historischen und methodischen Grundlagen werden gelegt, die Exegese eingeübt. Die Vielfalt des gemeindlichen Lebens zu beurteilen und zu studieren, überläßt man dem Studenten bzw. dem Predigerseminar. Die Theologische Fakultät ist sogar stolz darauf, daß sie keine Anleitung zur Praxis gibt (wie etwa die medizinische); das Studium soll keine Berufsausbildung sein, sondern reine Wissenschaft.

Die von der Universität Ausgebildeten müssen dann feststellen, daß sie eine  Rüstung verpaßt bekamen, in der sie sich in der Praxis nicht bewegen können. Die Mehrzahl von ihnen legt sie darum nach kurzen Versuchen still beiseite; wenn es gut geht, greift man zur Steinschleuder des David.

Viele geraten schon auf der Universität nach den Sprachexamina in eine Studienkrise. Einige wechseln dann das Studienfach. Andere entwickeln ein besonders kritisches Verhältnis zu ihrer eigenen kirchlichen Vergangenheit und zur Ortsgemeinde. Einige landen mit seelischen Störungen beim Studentenarzt, einige finden den Weg zum Studentenpfarrer, und einige greifen zum Selbstmord.

Gerade die leidenschaftlichen Wissenschaftler scheuen den Übergang ins praktische Pfarramt. Entweder finden sie den Zuschnitt der Gemeinde unerträglich, oder sie haben Angst davor, als Funktionäre der Gemeinde verschlissen zu werden.

Ein Teil der Studenten versickert schon im Laufe des Studiums. Man spricht von 20 oder 40 Prozent..Andere wieder wollen nach dem Studium für die Erwerbung des Doktortitels beurlaubt werden. Viele schieben einfach das Examen hinaus, um der Begegnung mit der Gemeinde noch auszuweichen. Manche suchen nach Aufträgen und Stellungen außerhalb der Gemeinde (übergemeindliche Ämter).

Man muß allerdings auch sagen, daß gar mancher junge Pfarrer mit konservativen Kirchenvorstehern seine Zusammenstöße erlebt hat, so daß er schließlich zur Überzeugung kam, man komme ja doch nicht durch. In vielen Fällen ist der Anfang eines jungen Pfarrers in einer Gemeinde mühsam und in einigen Fällen katastrophal.

Nicht immer gelingt ein gesunder Ausgleich zwischen dem Beharrungsvermögen und der Traditionstreue der Gemeinde und dem Vorwärtsdrängen des Pfarrers.

 

Konflikte:

„Wo trifft man noch den Frieden in dieser Welt voll Streit?

Wo hauset noch hinieden verborgne Seligkeit?

Wo in des Kirchleins Schatten, vom Nußbaum halb verdeckt, 

bewohnt von trauten Gatten, ein Pfarrhaus sich versteckt!“

So hat noch Gerok die Welt beschrieben, in der Pfarrer leben. Und in der Tat: Der Pfarrer fällt doch ganz aus dem modernen Leistungsdenken heraus und seine „Produktion“ läßt sich nicht in Erfolgsmeldungen fassen.

Es gibt nur noch wenige Berufe, zu denen ein Haus als Dienstwohnung gehört. Ein Pfarrer bezieht regelmäßig Gehalt und braucht sich nicht so dem rauhen Existenzkampf auszusetzen. Er ist praktisch unkündbar, kann aber von sich aus den Ort seiner Tätigkeit wechseln. Er kann das Leben seiner Familie teilen, weil er keine Wechselschichten kennt und sich den Ablauf seiner Arbeit selber einteilen kann.

Dennoch ist auch das Leben des Pfarrers voll von Konflikten. Er ist verpflichtet zum Einsatz aller Kräfte im Dienst an seiner Gemeinde. Aber er ist zugleich auch Ehemann und Familienvater. Damit hat er eigentlich zwei Familien: eine große nämlich eine Gemeinde, und eine kleine, das sind Frau und Kinder; und beiden muß er gerecht werden.

Er soll in der Stille Kraft schöpfen für seinen Dienst und wirkt doch ständig in der Öffentlichkeit. Er ist ein Zeuge für Jesus Christus, aber auch ihn bedrängen Zweifel. Er soll ein Leben im Gehorsam gegen Gott führen und ist doch zugleich ein Mensch mit Schwächen und Fehlern.

Er muß sich fragen: Eigne ich mich  wirklich für diesen Beruf? Habe ich denn die Gewähr, daß der Glaube immer felsenfest in mir bleibt? Es geht in der Theologie um Gott; aber Gott kann man nicht studieren wie man die Natur studiert. Ein Gott, den Menschen begreifen können, wäre ja kein Gott. Gut, wir wissen von diesem Gott durch Jesus Christus. Aber von Jesus wissen wir nur durch das Zeugnis seiner Jünger. Daraus ergibt sich die Frage der Auslegung der Heiligen Schrift mit all ihren Problemen.

Die Forderungen, die heute an einen Pfarrer gestellt werden, sind sehr vielfältig: Er soll der Gemeinde das Wort Gottes bezeugen, Gottesdienste halten und Seelsorge treiben, er soll Kinder unterrichten und mit Jugendlichen Kreise bilden, er soll Gemeindegruppen sammeln und Kontakte mit Schulen und Behörden pflegen, er soll möglichst viele Hausbesuche machen und doch jederzeit erreichbar sein, er soll Zeit haben für die Trauernden und für die Brautpaare, er soll sich freuen mit den Fröhlichen und leiden mit den Leidtragenden, er soll außerdem ein guter Verwalter der Kassen sein und ein anzuerkennender Repräsentant der Kirche, und schließlich soll er auch das Studium der Heiligen Schrift nicht vernachlässigen.

Im Grunde ergeben sich hier noch die schwierigsten Fragen. Es hat einmal jemand gesagt: „Die Kirche predigt, was niemand lebt, und die Kirche lebt, was niemand predigt!“ Besteht nicht ein  Widerspruch  zwischen Anspruch und Verheißung der Botschaft auf der einen Seite und Unbeweglichkeit der eingefahrenen Gleise auf der anderen?

Die Menschen unserer Generation sind sehr empfindlich gegen Routinephrasen, die nicht die eigene Überzeugung des Redenden ausdrücken. Doch heute glaubt niemand mehr der lautstarken Reklame, sondern fragt sich, ob der Mann sie wohl auch zu Hause trinkt, wenn er sie so anpreist. Trinkt der Prediger das selber, was er auf der Kanzel ausschenkt? Hat es eine Beziehung zu dem, was seine Existenz sonst ausfüllt? Der Pfarrer ist ja ein umgänglicher Mann. Aber wo taucht in seiner menschlichen Rede etwas von Christus auf? Und wenn: Wirkt es dann nicht wie ein Fremdkörper oder spricht er so selbstverständlich davon wie über das Wetter?

Man spricht sogar davon, daß es ganz typische „Pfarrhausneurosen“ gäbe, weil die Pfarrer mit diesem Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht fertig werden. Der Pfarrer fühlt sich verpflichtet, der Gemeinde ein ethisches Vorbild zu sein. Deshalb versucht er krampfhaft, über seine Triebe Herr zu werden und baut eine triebfeindliche Moral als Sperrmauer um sich herum auf. Er sichert sich vor seinem sündigen Leben und verliert damit weitgehend seine Lebendigkeit.

Aber auch die Gemeinde erwartet, die Pfarrfamilie solle nicht so sein wie die anderen, sie soll so etwas wie eine heilige Familie sein. Wenn sie genauso ist wie andere, dann ist man enttäuscht, macht stille Vorwürfe oder empfindet eine hämische Befriedigung.

Die Gemeinde schiebt die Pfarrfamilie ständig in ihre Ideale hinein, überfordert sie und zwingt sie zum Verdrängen. Aber wenn dann einer von einer manifesten Neurose befallen wird, heißt es: „Und so einer will Pfarrer sein!“ Die Gemeinde hindert den Pfarrer nicht nur ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, sondern sie erzeugt auch ein schlechtes Gewissen in ihm und zwingt ihn sogar manchmal zur Heimlichkeit. Und wenn die junge Pfarrfrau schließlich doch einen nur dezenten Lippenstift benutzt, hat sie doch immer noch ein schlechtes Gewissen

Dazu kommt ein weiterer Grund: Ein Pfarrer hat keine Zeit. Es fehlt an Zeit für Privatleben und Familie. Dabei hat er oft einen Zwölfstundentag. Es gibt eine Unmenge von festen Verpflichtungen: Veranstaltungen, Kreise, Sitzungen, Amtshandlungen, Hausbesuche. Dennoch soll er in seiner Zeiteinteilung elastisch bleiben.

Aber da hat er in seinem Kalender den Geburtstag eines alten Gemeindegliedes vermerkt und will einen Besuch machen, um die seelsorgerliche Chance zu nützen. Doch als er klingelt, öffnet ein zehnjähriges Kind und ruft laut durch die Wohnung: „Oma, das ist für dich!“ Die Familie aber zieht sich diskret aus der guten Stube zurück.

Wenn sich der Pfarrer aber am Montag in den Liegestuhl legt, wird er wegen Faulenzerei angegriffen. Dabei haben seine lieben Christen am Sonntag im Liegestuhl gelegen, während er zu tun hatte. Einem Friseur nimmt man es nicht übel, wenn er montags geschlossen hat, wohl aber dem Pfarrer. So erzeugt man ein schlechtes Gewissen in dem Pfarrer, wenn er einmal nichts schafft. So gewöhnt er sich dann an die Arbeit und lebt in einer Daueranspannung, in der er das Schwere seines Berufes nicht innerlich verdauen kann und nicht in Muße innerlich weiterzuarbeiten vermag.

Die Gemeinde müßte hier mehr Geduld  haben mit dem Wachstum des Pfarrers im Glauben und in der Heiligkeit. Er braucht die Freiheit, dies und das zu tun, so und so zu sein, um Mensch zu werden und zu bleiben. Und wenn er sich einmal als Sünder erweist, dann sollten Gemeinde und Kirchenleitung nicht unbarmherziger sein als Gott selbst.

Der Pfarrer muß auch Zeit haben für Privatleben und Familie, denn Frau und Kinder bedürfen der menschlichen Zuwendung, um seelisch weiterwachsen zu können. Es besteht Gleichrangigkeit zwischen Amt und Familie. Am besten wäre es sicherlich auch, wenn ein junger Pfarrer nicht kurz hintereinander ins Amt geht, heiratet und Kinder bekommt. Die Einarbeitung in das Pfarramt beansprucht ihn stark. Er sollte deshalb erst heiraten, wenn er in seinem Beruf zu Hause ist und dann neue Energien für Ehe und Vaterschaft aufbringen kann.

Wir wollen nicht vergessen, wie viele hervorragende Männer unseres Volkes aus Pfarrhäusern stammen. Gerade durch die Umwandlung der Triebe in höhere geistige-seelische Antriebe wurde das Pfarrhaus zu einer Stätte der Kultur. Doch wahrscheinlich sind alle Akademiker etwas neurotisch, nur wirkt sich das bei einem Pfarrer oft nicht so stark aus, weil er in seinem Glauben eine Hilfe hat, die ihn vor Schlimmerem bewahrt.

 

Mitarbeiter:

Luther hat das allgemeine Priestertum aller Gläubigen wiederentdeckt. Aber ohne Vermittlung scheint es bei uns auch nicht zu gehen, denn bei uns steht an der Stelle des Priesters die  allwissende  Theologie. Den Theologen wird unbehaglich zumute, wenn ein Nichttheologe laut über Gott, Christus und die Bibel nachzudenken beginnt. Aber umgekehrt scheuen auch die Nichttheologen davor zurück, wenn sie von Theologen aufgefordert werden, von ihren christlichen Glauben her Aussagen zu den Problemen ihrer Welt zumachen, in der sie doch Fachleute sind.

Sicherlich muß es eine wissenschaftliche Theologie und einen eigens darin ausgebildeten Stand geben. Aber er hat seine Aufgabe nur stellvertretend  für die anderen und nicht für sich selbst auszuüben. Es ist für die Theologie gefährlicher als für andere Wissenschaften, wenn sie sich nur im „Schleimfädenziehen“ übt, wenn sie ihre Kunst nur um der Kunst willen treibt, weil ihr Gegenstand universal ist und alle Menschen angeht.

Die Theologieprofessoren werden ihr Katheder noch um einige Grade mehr in Richtung auf die Kanzel rücken müssen. Was nicht gepredigt, geglaubt und gelebt werden kann, taugt nichts für die Theologie.

Das Hauptgespräch haben die Theologen mit der Heiligen Schrift zu führen. Dazu kommt dann noch ein Nebengespräch mit Dogmatik und Kirchengeschichte. Heute aber droht das Nebengespräch zum Hauptgespräch zu werden.

Die Theologie droht immer mehr zu einer Angelegenheit von Experten zu werden, fast zur Angelegenheit einer Zunft, die nur darauf bedacht ist, ihr Wissen methodisch möglichst korrekt und richtig weiterzugeben. Dabei ist die Sache mit Gott gar nicht so kompliziert, wie die Theologen sie machen. Durch seine Offenbarung in Jesus ist der verborgene Gott uns doch sichtbar und „einfach“ geworden. Deshalb kommt es auch in der Theologie auf eine Menschwerdung an und Theologen müssen aus Zunftgenossen zu Zeitgenossen werden. Nur so erfüllt sich das abstrakte und formale Reden von der menschlichen Existenz mit konkretem Inhalt und Leben. Die Theologen sollten nur ein kleines Berufsheer sein mit der Aufgabe, eine

große theologische Miliz zu schaffen. Erst dann läßt sich das allgemeine Priestertum aller Gläubigen verwirklichen.

Der Pfarrer ist nur der theologische Mitarbeiter in einem Team, er ist Berater und Anreger zu eigener Initiative. Doch oft hängt die Gemeinde als volkskirchliche Versorgungsinstitution mit Zentnerlast an ihm und zehrt die Kräfte auf, die dann für missionarische Experimente über die Schar der gesammelten Gemeinde hinaus frei wären. Die Gemeinde sieht ihn in erster Linie als Prediger und Seelsorger und er soll im Leben der Gemeinde die prägende Zentralfigur darstellen. Das erschwert dann die Entflechtung der Aufgabenbündelung im Pfarramt, durch die die Verantwortung auf verschiedene Schultern verteilt wird.

Der Pfarrer muß in der Gemeinde nicht alles selber machen. Er ist sicher auch einmal froh, wenn er nicht reden muß, sondern selber einmal teilnehmen kann. Gott stört sich sicher nicht an den liturgischen Fehlern eines Juristen. Gerade die Studenten sagen: „Wir wollen unseren Glauben experimentieren!“ Etwa 50 Prozent aller Studenten äußerten bei einer Befragung, sie stünden den Fragen des christlichen Glaubens aufgeschlossen gegenüber, und nur 30 äußerten, sie hätten keinen Glauben. Man sieht die Kirche nüchtern, auch mit ihren Schattenseiten. Aber die atheistische Auflehnung Nietzsches ist nur noch geistesgeschichtlich interessant, nach­vollzogen wird sie kaum noch.

 

Modelle:

(1) Im Industriegebiet  haben zwei Pfarrer 1.000 Gemeindeglieder zu betreuen. Das Gemeindemetrum liegt am Rande der Gemeinde, weil die Planung geändert wurde und statt der Wohnungen ein Industriegebiet in dieser Gegend angelegt wurde. Die Gemeinde wächst um 1.000 Leute im Jahr, noch noch mehr ziehen zu und wieder weg. Trotz 90 Besuchen im Monat muß der Pfarrer sagen: „Wenn ich das nächste Mal wiederkomme, wohnen oft längst andere Leute dort!“ Das Programm mit Vorträgen, Kreisen, Diskussionen im Gemeindehaus ist fehlgeschlagen. Die Hauptarbeit verlagert sich wieder in den Gottesdienst. Zwei Tage gehen für die

Vorbereitung der Predigt drauf, um von der Sprache der heutigen Kirche loszukommen. Der Pfarrer darf auch vor ungewöhnlichen Situationen nicht kapitulieren, sondern die Unerschüt­ter­lichkeit eines Arztes mit der Zähigkeit eines Telegrammboten verbinden: Da war eine Frau im mittleren Alter gestorben. Als er das Hausgefunden hat, empfängt ihn eine attraktive junge Frau im durchsichtigen Baby Doll. Sie bietet dem Pfarrer einen Sessel an und sagt: „Meine Schwester wird auch gleich hier sein!“ Sie kommt auch bald, im gleichen Aufzug. So haben sie dann die Beerdigung der Schwägerin durchgesprochen. Der Pfarrer unterhält nach allen Seiten Kontakte. Die Eltern schicken ihm ihre Kinder, weil sie im Gemeindehaus besser aufgehoben sind als auf der Straße. Für die Jugendlichen hat er einen Jazzkeller eingerichtet. Zwar verschwinden sie mit 17 Jahren dann, aber sie kommen wieder, wenn sie heiraten, wenn Kinder geboren werden oder wenn es einen Todesfall gibt.

(2) Ein Pfarrer darf sich nicht entscheiden, ob er für die 4 bis 5 Prozent treuer Gemeindeglieder da sein will oder ob er sich den 90 Prozent Randsiedlern zuwenden soll. Seine Aufgabe ist es vielmehr, die treuen Gemeindeglieder für den missionarischen Dienst zuzurüsten. Oftmals kann das aber nur im Rahmen eines Kirchenbezirkes geschehen, wobei dann jeder Pfarrer übergemeindliche Spezialaufgaben übernimmt. Da gibt es zum Beispiel schon lange den Kirchenbezirk „Oberweser“, in dem die Pfarrer sich reihum mit den Predigten abwechseln und übergemeindliche Veranstaltungen vorbereiten, zu denen die Gemeindeglieder aus dem ganzen Bezirk zusammenkommen.

 (3) Als die Kanalisation verlegt wurde, hat der Pfarrer selber mitangepackt und die Rohre vor seinem Haus ohne fremde Hilfe verlegt. So etwas zählt im Leben eines Dorfes. Er ist nicht der Meinung, daß der Pfarrer gegrüßt werden muß, sondern er grüßt oft zuerst. Aber dafür bietet ihm einer, der gerade sein Auto repariert auch an, „dem Herrn Paster seins“ auch gelegentlich einmal nachzusehen. Große Achtung hat sich der Pfarrer bei einem besonderen Ereignis erworben. Der Bürgermeister hat in Kirmesstimmung begonnen, die leitenden Angestellten seines Betriebes anzupöbeln. Die Arbeiter stellen sich vor sie. Der Wortwechsel wird hitziger, eine Schlägerei droht auszubrechen. Da erscheint der Pfarrer auf der Bildfläche, der irgendwo gesessen hat. Er baut sich vor dem Bürgermeister auf und sagt: „Sie haben ein Amt und ich habe ein Amt. Und weil Sie ein Amt haben, können Sie sich das hier nicht leisten. Und jetzt gehen wir Amtsträger, Sie und ich, nach Hause!“ Sie zogen ab, Arm in Arm. Ereignisse wie diese haben ihm eine Autorität verschafft, die ihn zur entscheidenden Instanz im Dorf macht.

Moderne Pfarrer:

Sie lesen Kriminalromane und fahren Auto. Sie spielen Klavier, Geige oder auch Gitarre, und die Beatles erscheinen ihnen nicht als ein Produkt der zerfallenden Kultur. Sie verstehen die Sprache unsrer Zeit, die Sprache der Vororte und Arbeiterstädte genauso wie die der modernen Literatur und Existenzphilosophie. Was auf den ersten Blick modern an diesen Pfarrern erscheint: Sie haben geistig  und lebensmäßig eine breitere Basis.

 

(1) In Amsterdam arbeitete ein Pfarrer, den man als „freischaffenden guten Hirten“ und als „Beichtvater der Dirnen“ bezeichnet. Er hat in einem Viertel eine Kellerbar eröffnet, in das die offizielle Kirche nicht hineinreicht. Er lebt mit seiner Frau ohne eine offizielle Position oder Funktion als Mensch unter Menschen und wird als Nachbar akzeptiert. Als sie an die Renovierung des total heruntergekommenen Hauses gingen, bot man ihnen tatkräftige Hilfe an. Durch die persönlichen Kontakte und die Gemeinschaftsarbeit ist eine große Familie entstanden, in der einer dem anderen hilft, äußerlich und innerlich, auch dem Pfarrer. Finanzielle Unterstützung. kommt aus dem ganzen Land. Aber es gibt auch Familien, die einen Asozialen so lange aufnehmen, bis er allein und menschenwürdig existieren kann. In einer Kartei sind all diese Helfer erfaßt und warten auf den Zeitpunkt, wo man sie braucht: Rechtsanwalt,

Zahnarzt, Kleiderfabrikant, eine Witwe. Oft gibt es auch Enttäuschungen. Die jungen Leute wollen ausprobieren, wie weit die Nächstenliebe der anderen reicht, wenn sie stehlen oder betrunken nach Hause kommen; dann kommt es nur darauf an, wer den längeren Atem hat.

(2) „Unser Herr Pfarrer spielt Mittelstürmer!“ hieß es Hohenkirchen bei Kassel. Der dortige Pfarrer spielte schon als Jugendlicher Fußball in einem Verein und mochte seinen Sport auch in seiner ersten Pfarrstelle nicht aufgeben. Beim Spiel heißt es oft respektlos: „Gib doch ab, Mensch!“Aber sonst heißt es artig „Guten Tag, Herr Pfarrer!“ Die Jugend macht begeistert bei diesem Pfarrer mit, aber es ist auch schwer, die Sportlerkollegen dann am Sonntag in die Kirche zu kriegen. Später wurde Wolfgang Dietrich der geistliche Betreuer der deutschen Olympiamannschaft in Mexiko.

 (3) Ein Pfarrer arbeitet in einer Fabrik und wohnt in einem Wohnblock  Ein Nachbar borgt sich ein Verlängerungskabel. Der Pfarrer sagt nachher: „Das selbstverständliche Ausleihen eines Kabels ist eine Predigt. Das Handanlegen, wo Not ist, ist eine Bibelstunde. Wahrscheinlich reden wir zu viel über Gott und Christus in der Kirche. Christus, das sind doch die kleinen profanen Dinge des täglichen Lebens, die wir unserem Mitmenschen zuliebe tun!“

 (4) „Ich weiß nicht mehr, was ich predigen soll!“ sagte ein Pfarrer, nachdem er ein Jahr lang im Bergwerk gearbeitet hatte. Aber dann war er wieder im Gemeindepfarramt und sagte: „Wenn ich meiner Gemeinde so predigen würde, daß die Kumpels etwas davon hätten, dann müßte ich wohl mit meiner Entlassung rechnen. Und wenn ich es nicht tue, für wen predige ich dann eigentlich?“ Natürlich braucht ein Prediger eine gewisse Distanz von der Welt, eine Stille, in der er zu einsamen Hören und Reden kommt .Aber deshalb darf er sein Amt nicht von der Welt isolieren. Doch dazu kann er nicht aus einer heiligen Welt heraus die Solidarität mit der profanen Welt anstreben, sondern er           hat seine Identität mit der Welt als die gemeinsame Basis voraussetzen. Denn die Frontlinie zwischen Kirche und Welt zieht sich mitten durch jeden Christen und durch jede kirchliche Einrichtung.

Wer einmal als Hilfsarbeiter in einer Maschinenfabrik gearbeitet hat, wird mit seinen theologischen Einsichten ganz von vorne anfangen müssen, wenn er sich den Konflikten eines Arbeiters im Leistungslohn  ausgesetzt sieht. Die Verkündigung der Kirche muß heute den Hörer an ganz anderen Stellen abholen, als es üblicherweise der Fall ist, und sie hat viel unmittelbarer Lebenshilfe anzubieten, als es bisher riskiert wird. Doch es hat auch keinen Zweck, wenn der Pfarrer einige sogenannte „Laien“ als Berater um sich sammelt, die von vornherein der Denkweise des Pfarrers nahestehen oder sich mit ihren eigenen Vorstellungen gegen den Theologen nicht durchsetzen können. Wenn schon, dann müssen sie auch ebenbürtige Partner sein und ein eigenständiges Gegenüber zum Pfarramt.

 (5) In Gladbeck und Gelsenkirchen arbeiteten Anfang der fünfziger Jahre drei Pfarrer im Bergwerk. Zunächst bekamen sie zu hören:“Der macht das ja nur, um schneller eine Wohnung zu kriegen!“ oder: „Du bist wohl beim Examen durchgefallen und willst dir jetzt das Geld für das weitere Studium verdienen!“ Aber am Sonntag kamen dann nicht nur die Bergmannsfrauen in die Kirche, sondern auch die Männer, um „ihren Kumpel“ zu hören. Unter Tage konnten sie ja keine langen Predigten halten. Aber sie konnten mit den Leuten reden - auch über Gott. Sie haben eine schwere Arbeit auf sich genommen, leisteten die gleichen Schichten wie ein Bergmann und wurden von der Zeche dafür bezahlt und lebten davon. Zusätzlich versuchten sie vor Anfang an der Gemeinde zu dienen. Nachher wurden sie dann auch offiziell in ihr Amt als Pfarrer eingeführt, haben aber ihre Arbeit im Bergwerk zunächst beibeihalten.

 

Arbeiterpriester in Frankreich:

Viele Menschen sind an ihren Arbeitsplätzen eher geistlich ansprechbar als in kirchlicher Räumen. Deshalb taten sich Anfang 1944 in einem Café in Paris einige jüngere katholische Priester zusammen. Sie waren zu der Überzeugung gekommen, daß die herkömmlichen Kanzelpredigten nicht mehr ausreichten, um dem kommunistischen Einfluß und der Entfremdung zwischen Arbeitern und Kirche entgegenzuwirken. Deshalb vertauschten sie das geistliche Gewand mit dem blauen Arbeitskittel und standen täglich mehr als acht Stunden an der Werkbank oder am Fließband.

Dabei fanden sie aber keine Zeit mehr zum Lesen der Messe, weil ihnen das Zusammensein mit ihren Arbeitskameraden wichtiger  erschien. Die Arbeiterpriester suchten und fanden einer Weg zum Massenmenschen unserer Zeit. Mit einfachen Arbeitern und ihren Familien lebten sie in Elendsvierteln. Allerdings nahmen sie auch an  Demonstrationen der extremen Linken teil und traten zum Teil in kommunistische Gewerkschaften ein. Auch gingen einige von ihnen mit ihren Arbeitskameradinnen Bindungen ein, die nicht den Traditionen des katholischen Priestertums entsprachen.

Kardinal Suhard, Erzbischof von Paris, hat damals das Experiment der fast einhundert Priester gebilligt und gegen den Papst verteidigt. Er sagte: „Wenn man die Arbeiter erreichen soll, müssen wir aufbrechen und zu ihnen gehen!“ Es ging hier um das Überbringen der frohen Botschaft an die Außenstehenden. Dazu war eine Eingliederung dieser Arbeiterpriester in die Welt der Arbeiter erforderlich. „Es handelt sich hier um einer Akt der Naturalisierung des Priesters in einem Volk, in dem er bisher nur ein Fremder war!“

Am 19. Januar 1954 wurden die Arbeiterpriester vor ihrer Kirche zurückgerufen, nachdem man ihnen zunächst nur drei Stunden Arbeit erlaubt hatte und die Mitarbeit in Gewerkschaften verboten hatte. Nun aber hieß es: Ein Priester, der der ganzen Tag in der Fabrik tätig sei, könne nicht mehr genügend Zeit für seine religiösen Aufgaben haben und werde somit seinen priesterlicher Funktionen entzogen. Es hieß sogar: „Ein Priester kann nicht ein Mensch wie ein anderer  sein. Seine Weihe macht notwendig einen Herausgehobenen aus ihm!“ Die Arbeiterpriester aber wollten absichtlich nichts anderes sein als andere Menschen und stellten sich bewußt mit ihnen in ihre Umwelt. Damit aber widersprachen sie der offiziellen Auffassung vom Priesteramt und näherten sich dem protestantischer Standpunkt.

Auch wurden ihnen die sozialen Fragen immer wichtiger  und das Religiöse immer hoffnungsloser. Die Beteiligung an Demonstrationen und die Übernahme von Gewerkschaftsposter machte sie verdächtig, in den Kommunismus abgeglitten zu sein. Deshalb hat man dieses Experiment gestoppt. Auch ein Versuch von Kardinal Feltin im Jahre 1959 (als Johannes XXIII. Papst geworden war) hatte keinen Erfolg. Man erklärte ihm durch das Heilige Offizium: Zur Evangelisierung der Arbeiter ist es nicht nötig, Priester in die Fabriken zu entsenden. Der Priester sei ausschließlich für die Ausübung heiliger Handlungen geweiht worden.

Dabei handelte es sich hier um wirkliche arbeitende Pfarrer, und nicht um „Pfarrer für Arbeiter“. Diese gibt es in den USA, wo man zum Teil in großen Betrieben eine Betriebskirche eingerichtet hat und einen Betriebspfarrer angestellt hat („Werkpfarrer“), der sich den menschlichen Problemen der Arbeiter widmet und ihr religiöses Bewußtsein weckt.

Anders ist es mit den Arbeiterpfarrern in der Bundesrepublik, die von den Kirchenleitungen berufen werden, um den Kontakt zwischen Arbeitern und Kirche herzustellen, durch Besuche in der Fabriken, Diskussionen mit Arbeitern, Werkgottesdienste, usw. Aber all das reicht nicht an das heran, was die Arbeiterpriester in Frankreich an  Solidarität  erreicht haben.

Das Experiment der „Arbeiterpfarrer“ muß man skeptisch sehen, weil sie hier ihre Zeit und Arbeitskraft einsetzen. Gebraucht werden aber vor allem Menschen, die nicht studiert haben, sondern als Arbeiter wie jeder andere mit ihren Kollegen reden. Sie haben die Aufgabe, Vorurteile abzubauen, um erst einmal wieder den Menschen freizulegen, damit ihn Gottes  Wort erreichen kann.  Um aber diese Aufgabe übernehmen zu können, müssen sie ausgebildet sein. Dafür sind die Pfarrer da, daß sie sich den Kopf zu zerbrechen, wie man auf die Fragen. und Vorwürfe der anderen antwortet.  Die Laien sind dann die Kontaktstellen, wo sich dieser ganzer Kampf abspielt.

 

Pfarrer und Gemeinde:

In Zukunft wird der Pfarrer aber auch Partner der Gemeinde sein müssen. Er ist zwar ein Besonderer, aber unter anderer Besonderen und immer prinzipiell auf andere angewiesen. Der Pfarrer repräsentiert nicht die Gemeinde und sie ist auch nicht „seine“ Gemeinde, sondern der Pfarrer ist nur Teilhaber an der Wirklichkeit der Gemeinde: Er ist als Theologe der Kommanditist, die Komplementäre aber sind die Kirchenvorsteher und anderen. Alle Dienste sind zu verstehen als Entfaltungen des der Gesamtgemeinde übertragenen einen Dienstauftrages. Auch ein Katechet kann dann etwa der wichtigste Diener im Dienstgefüge einer Gemeinde werden.

Hilfreich sind hier die Fragen Dietrich Mendts an alle Pfarrer:

- Hast du in der Gemeinde einen Menschen, den du im Blick auf seine Erkenntnis als dir völlig gleichberechtigt betrachtest und auf dessen Kritik hin du dich ändern würdest?

- Stellst du echte Fragen an Glieder der Gemeinde mit dem Wunsche, daß sie dir weiterhelfen möchten?

- Betrachtest du deine Mitarbeiter als deine Diener oder dich als ihren Diener?

 

Selbst auf die Nichtchristen ist der Pfarrer angewiesen, weil ja die Christen überall mit Nichtchristen zusammenleben. Auch der Pfarrer wird immer wieder mit ihnen zusammentreffen, gelöst und entkrampft, ohne Minderwertigkeitsgefühle und Hochmut, um von ihnen zu lernen. Wenn er sich dem entzieht, wird sein Leben mit der Zeit „entwirklicht“ und er kann nicht mehr Verkünder des Evangeliums und Seelsorger für die Christen sein.

 

Heute wächst die Erkenntnis: Allein geht es nicht mehr, bestimmt aber nicht mehr gut. Einer hat zu wenig Zeit, zu wenig Wissen, kann nicht gleichzeitig überall sein. Die horizontale Verfügungsstruktur setzt sich heute immer mehr durch, weil sie weniger störanfällig ist und rascheres und zielstrebigeres Handeln möglich macht. Die missionarische Struktur der Kirche erfordert heute einfach Partnerschaft, schon damit Informationen nicht erst den Empfänger erreichen, wenn sie überholt sind.

In Zukunft werden viele verkündigen, lehren und Gottesdienst halten müssen, wenn es einen Effekt haben soll. Das Gespräch mit der Menschen wird immer mehr nicht mehr vom Pfarrer allein geführt, sondern von den „Laien“ (wenn man doch einmal ein positives Wort dafür finden könnte und nicht immer nur den „Nicht-Theologen“ damit meinte!).

Je mehr Mitarbeiter, desto besser. Bei der Vielfalt der Aufgaben wäre das Wichtigste aber ein Strategieplan und eine Prioritätenliste. Diese Leitungstätigkeit (aber in Partnerschaft) wäre dann die Aufgabe des Pfarrers. Er könnte „Kybernet“" (1. Kor 12,28) sein, die  „Steuermannskunst“ ausüben, und wäre damit ganz ausgefüllt.

Irgendwie wird der Pfarrer auch immer Funktionär der Kirche  sein müssen, ob er will oder nicht. Er vertritt die Kirche als Funktionsträger nach außen. So wie er dasteht, steht die Kirche in der Öffentlichkeit da (das Image einer Organisation wird nicht von den Mitgliedern bestimmt, sondern von den Funktionären!).

Der Pfarrer würde dadurch von einem Leistungsdruck befreit. Er hätte die Aufgabe: Er dient einem Auftrag, indem er zur Sache ruft, Ausleger des überkommenen ist, Zeuge angesichts der Zukunft ist; er ist Planer und Leiter von Aktionen, weiß in seinem Bereich Bescheid und hält sich auf dem Laufe.

Die „Heiligen“ in Eph.4,12‚ das sind die sogenannten „Laien“, diese sollen zugerüstet werden, denn sie haben ein „Amt“ zu übernehmen in der Kirche. Der Pfarrer ist nur da, diesen Kämpfern an der Evangelisationsfront zu helfen, sie auszubilden, denn sie haben im harten Alltag auf die Fragen zu antworten, die man dem Pfarrer nicht zu stellen wagt.

Aber der Pfarrer sollte etwa in der Schule wissen, daß die paar Mann in dem Haufen nicht alleingelassen werden dürfen, die nachher dann alles auszustehen haben. Mt ihnen ist er verbunden durch die „Einigkeit im Geist“ (V.3), sie sind die wahren Kämpfer. - Aber auch der Pfarrer muß bereit sein, in die Firmen zu gehen, um zu sehen, wie es den Menschen geht, um zu wissen, was er auf der Kanzel zu sagen hat und wie er seine Helfer ausbilden soll.

Und sie haben die Aufgabe, den Pfarrer sehr genau über die „Welt“ zu unterrichten und über die Wirkung seiner Worte, damit er nicht „weltfremd“  und nur theoretisierende Antworten  gibt. Der Pfarrer ist die Umschlagstelle, die Gottes Wort in unsere Welt hineinzuinterpretieren hat, er hat die Erfahrungen der Laien zu sammeln und auszutauschen, er ist die Stelle, man alles abladen und neu auftanken kann."

 

Der Pfarrer muß künftig möglichst viele der ihm erreichbaren Gemeindeglieder „anleiten zum Leiten“ und  „führen zum Führenkönnen“ und „unterweisen in der Kunst, Weisungen zu finden“. „Anleiten zum Leiten“ meint dabei keineswegs vorrangig bloße Mitteilung von „Verwaltungs- und Führungspraktiken“, sondern „theologische Unterweisung“ der Gemeinde in Fragen zum Beispiel des Bibelverständnisses, der Sakramente, der Kirche, der „Welt“, ethischer Probleme usw. einschließt.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der überwiegende Teil der kommenden Pfarrergeneration die (im voraus skizzierte) Ent-Monopolisierung des Pfarrer-Berufes innerhalb der Gemeinde nicht als „Bevormundung“ oder „Entmachtung“, sondern als „dringend nötige und einzig vernünftige Entlastung“ empfinden, bzw. die partnerschaftliche Eingliederung des Pfarrers in eine mitplanende und mitverantwortende Dienstgruppe als „unerläßliche Voraussetzung und entscheidende Chance für das eigene Risiko, Pfarrer zu sein!“ Für viele junge Theologen ist etwa die Aussicht, „lebenslang Pfarrer sein zu wollen“, eine bedrückende Vorwegnahme abzuwartender Zukunft; und umgekehrt das „Pfarramt auf Zeit“ die dringend erwünschte Rückkehrmöglichkeit in einen normalen Beruf für den Fall, daß es „schief geht“. Man unterschätze nicht die Bedeutung solcher „nicht-theologischer Imponderabilien“ auch für theologisches Denken (Johannes Hempel). .

Der Pfarrer kann einmal der Hilfsarbeiter der Laien in der Welt werden. Er kann als Trainer, Ausbilder, Lehrer für den Weltdienst der Laien werden. Oder man hat einmal den Pfarrer verglichen mit dem „Feld-Koch“, der den Soldaten eine bekömmliche, kräftige Mahlzeit kocht.

 

Aufgabe der Gemeinde:

Viel wird auch auf eine richtige Erziehung der Gemeindeglieder ankommen. Die Getauften sollen zum Ausleben ihres Christenstandes gerufen werden, indem sie gottesdienstreif, gemeindereif und weltreif gemacht werden.

1. Gottesdienstreife:

Gottesdienst reif ist, wer den Weg ins Heiligtum findet und vor Gottes Angesicht der Nöte seines Nächsten und der Welt fürbittend gedenkt. Weil er weiß, daß echte Hilfe für den Mitmenschen letztlich nur von Gott gegeben werden kann, deshalb liebt er auch den Gottesdienst der Gemeinde. Solche Menschen sind wahre Gottesdienstteilnehmer und priesterliche Mitvollzieher der Liturgie. Sie übernehmen freudig gottesdienstliche Pflichten und Funktionen (Altardienst, Gesang, Bekenntnis, Gebet) bis hin zur Vertretung des Pfarrers als Lektor.

2. Gemeindereife:

In der heutiger Diasporasituation muß jeder die Gemeinde als seine Gemeinde empfinden, für die er mit verantwortlich ist (auch wenn er in eine neue Gemeinde kommt). Besonders gilt das für die Kirchenvorsteher und hauptamtlichen Mitarbeiter, aber auch Helfer bei Krankenbesuchen und Straßensammlung gehören dazu.

3. Weltreife:

Gottesdienst und Weltdienst gehören im Rhythmus von Sammlung und Sendung zusammen. Die Hinwendung zum Dienst an der Welt tut der Gottesliebe und Gottesverehrung keinen Abbruch. Wir dürfen die Welt nicht um Gottes willen vernachlässigen, und Weltreife führt nicht zur Verflachung unseres Glaubens, sondern zu dessen Bewährung: Gerade im Dienst an der Welt erweist unser Glaube seine Echtheit.  Die Welt bedarf der Botschaft von der Erlösung. Jeder Christ sollte sich ohne Angst in den Dienst der Versöhnung und des Friedens stellen; damit wäre seine Weltreife erwiesen.

 

 

Zeit haben

Vor allem sollte der Pfarrer freigestellt sein, um Zeit zu haben. Der Pfarrer soll einfach jederzeit da sein. Die Gemeindeglieder sehen in ihm den Seelsorger, auch wenn es selten zu einem direkter Seelsorgegespräch bis hin zur Beichte kommt. Er soll sich auch gar nicht in psychologische oder pädagogische Sachbereiche einmischen. Aber man bringt ihm großes Vertrauen entgegen, daß er mithelfen kann bei der Öffnung für Gott. Dazu muß er nicht sich in allen Gebieten bestens auskennen, sondern nur seine eigentliche Aufgabe erfüllen.

Ein Pfarrer kennt die geistlichen Niederlagen seiner Gemeindeglieder, aber er weiß auch von vielen geistlichen Siegen. Dieses Wissen bringt oft einen Freudenton von geistlicher Schönheit in das Pfarrhaus. Dies wiederum wird zum Fürbittgebet für die Gemeindeglieder führen. Ein Pfarrhaus kann so zu so etwas wie einer  Heimat  in einem fremden Land werden, wo viele gerettet werden können, die sonst untergingen.

           

„Ich habe Zeit“: Provozierende Ansichten eines Pfarrers                                      

Gleich vorweg: Ich habe jede Menge Zeit. Ich langweile mich zwar nie, aber ich habe Zeit. Von früh bis spät. Dazu brauche ich nicht einmal um 3 Uhr aufzustehen. Das geschieht höchstens, wenn die Galle zirpt oder die Migräne mich anwedelt, oder wenn die ganze Woche nichts aus der Predigt geworden ist. Sonst halte mich schon an den Satz von Ernst Fuchs (den ich mir aus seinen Erläuterungen zur Hermeneutik gemerkt habe): „Ein Prediger muß ausgeschlafen sein! Verschlafen ist wirklich etwas anderes!“                                                      

Das klingt jetzt etwas frech, sicher auch ungerecht, aber ich behaupte: Viele kirchliche Mitarbeiter, besonders die Pfarrer, halten nicht einmal ihren Achtstundentag ein. Das Geschrei möchte ich jetzt hören: „Ja, aber Ich…..von früh bis spät ... mein Herz ... mein Schreibtisch,  die Gemeinde,  die Probleme ... , ich schaffe es nicht, Hilfe ... , und nun das: So ein Satz! Unverschämt werden die mich schimpfen und noch viel mehr. Haltet ein, Brüder! Nutzt die Zeit besser! Obwohl so eine richtige Entladung auch einmal ganz gut ist.           

Vielleicht praktizierst du das viel zuwenig. Ich meine, einmal alles hängen lassen, dich in eine Ecke zu verziehen, mit den Kindern zu spielen, meinetwegen auch Skatabend, Fußballspiel oder ein kleines Läufchen, wie wäre es denn damit, Kollege? Den theologischen Speck etwas abarbeiten, die Verkrampfungen loswerden. Ein Garten tut es auch. Oder lachen! Wann hast du das letzte Mal richtig gelacht? Du denkst, das geht nicht? Die Leute, die Schwierigkeiten, und wie wird das alles enden? Na, wie denn? Weißt du es denn? Hast du kein Vertrauen?

Sieh doch einmal mit Gottes Augen. Er lacht bestimmt über unsere traurigen Versuche, die Karre aus dem Dreck zu ziehen, nennen wir es meinetwegen auch Gemeinden bauen, über unsere Ansätze, Pläne, Strukturveränderungen.                                                                  

In unserer Gegend hier müssen die Frauen viel Steine lesen auf dem Feld. Die werden dann an den Wegrand gekarrt. Da liegen sie nutzlos herum. Aber aus denselben Steinen sind einmal viele unserer Kirchen gebaut worden. Siehst du, solche Feldsteine sind wir, und was macht er daraus? Du glücklicher, nutzloser Mensch, du willst immer Erfolg sehen, Leistungen, Zahlen, Abschlüsse. Die kirchlichen Oberen hungern ja auch danach. Wissen sie noch, wie schön es ist, Menschen zu begleiten, für sie da zu sein, mit ihnen zu beten? Vielleicht haben sie es nur vergessen und erinnern sich manchmal wehmütig an diese schönste Zeit ihres Lebens.

 

Du aber darfst den ganzen Tag nutzlose Dinge tun: In der Bibel lesen, beten, besuchen, unterrichten, liebhaben, hören, reden, schweigen. Wann hast du das letzte Mal wirklich geschwiegen, Brüderdien? Vielleicht hast du nur keine Zeit, weil du nicht schweigen kannst. Du mußt dir Erfolgserlebnisse einreden, dich dauernd bestätigen. Mein Rezept: Schweige jeden Tag eine halbe Stunde, und du hast Zeit wie Heu.

Warum? Weil du plötzlich merkst: Mir ist alles geschenkt. Meine Arbeit, meine Gemeinde, die Gruppe, in der ich arbeite, die Menschen, meine Familie. Auch die Worte, die ich sage, gerade die, die mir schwer werden. So erlebst du: Ich kann es nicht machen. Ich nicht! Also überlaß ihm die Sache. Weißt du eigentlich, daß du besonders gut dran bist: Du kannst dir deine Zeit selber einteilen. Vielleicht würdest du allerdings auch lieber deine Stunden absitzen und dann fernsehen. Manche machen das so. Nein, das brauchst du nicht. Du hast sicher deine festen Zeiten und Stunden, manchmal auch ziemlich viele, zwölf am Tag oder mehr. Aber es gibt auch andere Zeiten. Alles verläuft in einem eigenen Rhythmus. Du mußt ihn aushalten. Du darfst ihn nicht stören.                                                                                                

Vielleicht denkst du auch, der hat gut reden. Soll er erst einmal meine Arbeit machen. Du irrst, ich sage das alles eigentlich mir selbst, denn eben klingelt das Telefon, ich wollte doch an den Liegenschaftsdienst schreiben, die Straßensammlung ist abzuführen, was sage ich am Sonntag meinen Konfirmanden, muß der Kollege Z. gerade jetzt krank werden, der Sturm hat in W. wieder einige Quadratmeter Biberschwänze abgedeckt, Mutter B. muß ich besuchen, es klopft an die Tür ...                                                                                                   

Immerhin habe ich auch zwölf Dörfer mit sieben Predigtstellen, zweitausend Meter Mauern und Zäune und etwa fünfzehn Dächer zu versorgen. Sorgen gibt es genug. Von den Menschen habe ich noch nicht gesprochen. So ist es also nicht. Und eine glückliche Natur bin ich auch nicht. Im Gegenteil: Zu schnell werfe ich die Flinte ins Korn, zu schnell bin ich oben, zu schnell bin ich unten.                                                                                                       

Für unseren Konvent war neulich ein Gespräch über neue Kirchen- steuerverfahren angesetzt. Sehr, sehr interessant. Ich fuhr aber trotzdem. Als ich mich ins Auto setzte, tat es sich schwer. Ging mir ja auch so, warum nicht ihm, wo wir so verwachsen sind. Die Werkstatt sprach dann von Kopfdichtung,. Fand ich gut, weil wir gerade ein so schönes Konventthema hatten. Als ich verspätet die Treppen zum Konventszimmer heraufeilte, kam der Kollege T. heruntergestürzt: Auf dem Markt gibt es Klobecken. Nichts wie hin. Über Kirchensteuern nachdenken, eine kaputte „Kopfdichtung“ beseitigt haben und ein Klobecken unter dem Arm, was für ein Tag! (Friedemann Steiger)

 

 

Anrede unter Pfarrern („Unter Amtsbrüdern zu diskutieren“)

Ein Pfarrer schrieb einmal: „Zehn Jahre bin ich nun im Predigtamt, aber daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnen können, daß ich nun ein Bruder bin. War ich es denn vorher nicht?“ Aber in der Kirche ist es nun einmal noch weithin üblich, daß sich zumindest die Pfarrer mit „Bruder“ anreden.

Der Brudername ist im Neuen Testament ein Ausdruck für die Glaubensverbundenheit der „Kinder Gotte“. Er sollte dann aber auch nur die innerste Zusammengehörigkeit derer zum Ausdruck bringen, die Christus angehören und mit Ernst Christen sein wollen. Er enthält ein geistliches Urteil über den Glaubensstand derer, für die er gebraucht wird. In der Brüdergemeine oder in einer Diakonenschule ist diese Anrede die Voraussetzung für die Zugehörigkeit und den Dienst. Aber ein Diakon wird extra für diese Bruderschaft eingesegnet, er stellt sich bewußt in eine Bruderschaft hinein, während dem Pfarrer das Amt verliehen und durch das Dienstrecht geregelt wird.

Die große Gefahr aber ist, daß der Brudername zu einer abgegriffenen Münze wird. Er wird in seiner Bedeutung eingeengt und sinkt zu einer bloßen Standesbezeichnung herab. Sehr leicht kann es dann auch dazu kommen, daß man sich zusammen mit dem Brudernamen auch gleich noch handfeste Beleidigungen an den Kopf schleudert. Hier wird dann eben ein romantisches Bild vom Pfarrerstand künstlich weitervererbt, das nicht mehr in unsere Zeit paßt.

Dazu kommt, daß beim Gebrauch des Brudernamens oft die Gegenseitigkeit fehlt. Der Pfarrer sagt dann „Bruder“, wird aber selber mit „Herr Pfarrer“ angeredet, etwa im Verhältnis zu einem Diakon. Viele Diakone empfinden es als eine große Auszeichnung, wenn sie einen Pfarrer auch mit „Bruder“ anreden dürfen.

Man spricht auch davon, daß nur ein „Höhergestellter“ einem „Niedrigergestellten“ den Brudernamen „gewähren“ darf; diesem ist er dann „geschenkt“ worden. Ein Höhergestellter soll diese Anrede gebrauchen dürfen, auch wenn er weiß, daß die Anrede nicht wohl erwidert werden kann.

Aber mit der Anrede der Pfarrer untereinander ist es ja schon ebenso schwierig. Ein Pfarrer schreibt dazu: „Zum Superintendenten soll ich's nicht sagen, das geht nur bis zum Oberpfarrer. Übrigens, der Superintendent sagt's zu mir. Es ist also eine Sache der Dienstgrade. Daß wir in der Predigt 'liebe Schwestern und Brüder' sagen, das müssen wir uns nun abgewöhnen. Leute ohne Talar können einen solchen Titel nicht bekommen!“

Ein Wortungetüm ist die Bezeichnung „Amtsbruder“. Beide Begriffe in einem Wort beißen sich schon. Aber vor allem kommt hier eine Mißachtung des „Bruders“ zum Ausdruck: Man bedeutet dem anderen damit doch:“Ich muß dich zwar als Bruder anreden, aber du bist es ja doch nur von amtswegen und im übrigen kann ich dich nicht riechen!“ Gleiches gilt von der „Amtsschwester“, ein Problem, das aufgetaucht ist, seit dem es Pfarrerinnen (oder Pastorinnen) gibt. „Amtsschwester“ und erinnert an eine Sennerin auf der Alm. Und soll man etwa zu einem unverheirateten weiblichen Bischof  „Fräulein Amtsschwester“ sagen?“

 

Unmöglich ist auch die Anrede „Herr Bruder“. „Meine Herren und Brüder“ mag für manche Fälle noch passen, wenn weltliche und christliche Anrede auseinandergehalten sind; aber hier paßt wiederum das „Herr“ nicht gut zum „Bruder“ (vgl. Mt 23,8).

Wenn man schor den Brudernamen gebraucht, dann muß verantwortlich damit umgegangen werden. Er sollte Hinweis auf die Verpflichtung sein, nun auch als Bruder im gemeinsamen Dienst zusammenzuleben. Vielleicht muß man zurückhaltender damit umgehen, vielleicht auch freimütiger und unbefangener. Aber in jedem Fall muß so etwas wachsen und auf einer gegenseitigen Absprache beruhen.

Warum soll etwa ein Pfarrer zu vielen lieben Menschen „Bruder“ sagen, aber zu vielen anderen nicht, die ihm ebenso lieb sind und mit ihm in der gleicher Arbeit stehen? Da gibt es Gemeinden, da reden sich die Kirchenältesten mit „Bruder“ an, und den Pfarrer natürlich auch so. Auch einige Männerkreise fangen an, die Bruderanrede einzuführen.

Wenn das so weitergeht, wird man schließlich jedes Mitglied der Gemeinde oder der Kirche als Bruder oder Schwester anreden (Wie es in den pietistischen Kreisen üblich ist). Aber mit der Mitgliedschaft in der Kirche ist es so eine Sache: Die Gemeinde Gottes hat keine feste Grenzen .Wie wollten wir immer entscheiden, wer nun ein „Bruder in Christus“ ist.

Sind am Ende alle Menschen „Brüder“ im Sinne eines „Seid umschlungen Millionen“? Jesus hat uns die Liebe zu der Menschen gelehrt, die er zu Brüdern ernannt hat und die darum vom Vater adoptiert worden sind. Diese sind dann „eins in Christus“, aber nicht alle Menschen sind Brüder. Zumindest muß man Unbehagen bei einem solchen Gedanken haben.

Aber wie können wir uns denn da in der Kirche anreden? Möglichkeiten:

1. Wir reden uns mit „Herr“ oder „Frau“, wie das auch sonst im Leben üblich ist. Auch im Pfarrkonvent tut das unserem Brudersein in Christus nicht den geringsten Abbruch. Die Bruderschaft liegt noch eine Schicht tiefer als der „Bruder“: Sie will geglaubt sein, sie will gelebt sein und sie zeigt anderswo als in der Anrede (s.u.).

2. Unter Pfarrern paßt auch gut die Anrede „Kollege“, wie das früher auch schon üblich war. Man sollte sich dabei nicht beirren lassen, daß heutzutage das Wort fast die Bedeutung von „Kumpel“ bekommen hat. Man sollte den lateinischen Sinn des Wortes heraushören, der einen Menschen bezeichnet, der im gleichen Dienst steht und die gleichen Ziele verfolgt wie man selber.

3. Anderen kirchlichen Mitarbeitern gegenüber empfiehlt sich die Anrede „Liebe Mitarbeiter“.  Vor allem ist das gut, wenn man an eine kirchliche Dienststelle schreibt, deren Sachbearbeiter man nicht namentlich kennt. Die betreffender Mitarbeiter werden sich dann in ihrer Arbeit ernstgenommen wissen, und sie sind ja auch tatsächlich Mitarbeiter bei dem einen Auftrag der Kirche.

Auch mit den Titeln sollte man bei der Anrede sparsam sein. Man kann zwar „Herr Superintendent“ oder „Herr Oberkirchenrat“ sagen um damit das Amt und den besonderen Auftrag zu respektieren. Damit muß noch nicht ein Abstand hervorgerufen oder die Bruderschaft gestört werden. Aber es geht nicht, daß der Vikar oder die Pfarrfrau „Herr Pfarrer“ sagen muß oder daß ein Generalsuperintendent von den Pfarrern verlangt, daß sie ihn mit diesem Titel anreden (sie tun es dennoch nicht). Wenn jemand einen Titel in der Anrede verwendet, ist das seine Sache und sollte ihm nicht verwehrt werden; aber man kann diesen Titel nicht in der Anrede fordern (zumal wenn es ein „Titel ohne Mittel“ ist und nicht wie der Doktorgrad auf einer eigenen Leistung beruht). Bruderschaft hängt nicht vom Titel ab, sondern es kommt darauf an, daß von der Bruderschaft etwas sichtbar wird im alltäglicher Miteinander. Das Gemeindeglied muß es spüren, daß der Pfarrer ihm Bruder ist auch wenn er eine Amtsbezeichnung hat.

 

Ein „Bruder“ aus der Gemeinde schrieb einmal in einer Kirchenzeitung: „Wir sind doch Brüder behaupten die Christen“. Ein Kirchenfremder wie ich sieht das ganz anders! Brüderlichkeit nur in einer Richtung. Von oben nach unten. Entgegenkommen verboten. Verbotsschild: Hier Einbahnstraße! Verkehr nur in einer Richtung möglich! Das ist ihre Brüderlichkeit. „Wir sind doch Brüder“  behaupten sie. Aber sie sagen „Herr Pfarrer!“. Oder „Frau Pfarrer“ oder Her Oberkonsistorialrat“ oder „Herr Generalsuperintendent“. Das ist es doch besser, wenn man es so macht wie in unserer Firma, wo man sich mit Herr oder „Frau“ anredet, falls man nicht noch persönlicher miteinander umgeht.         

                  

                                        

Programmierter Gemeindeabbau

Oder: Wie ruiniert man eine Kirchgemeinde?

 

Regel 1: Kommen Sie zu spät!

 Kommen Sie grundsätzlich zu spät und rennen Sie dabei die letzten Meter. Wenn Sie schweratmend ankommen, gibt Ihnen das den Hauch des Vielbeschäftigten.. (Ihre Schweißdrüsen sorgen für nachdrückliche Unterstreichung dieses Hauchs). Außerdem wird niemand  an Sie mit Vorwürfen herantreten, denn jeder erkennt, daß Sie immer Ihr Letztes geben. Vergessen Sie nicht, in den ersten Minuten noch ganz schlapp zu wirken, das unterstreicht den gewünschten Eindruck. Jedermann ist froh, daß Sie wenigstens jetzt noch gekommen sind. So können Sie ihre Schlamperei am ungeniertesten fortsetzen

 

Regel 2: Bleiben Sie eisern!

Meinungen kommen, Meinungen gehen, Sie aber bleiben auf Ihrer bestehen. Seien Sie überzeugt davon, daß Sie immer Recht haben, und fechten Sie es durch bis zum Komma - und Sie werden es erleben, daß Ihnen die anderen zum Schluß tatsächlich zustimmen ... Das ist ein Gefühl! Das ist Sieg!

Die Techniken des Überzeugen sind vielfältig: Entweder wiederholen Sie ständig dasselbe mit anderen Worten; oder versuchen Sie, lange zu reden; hilft das nicht, werden Sie aggressiv. (Eine Prise Ironie wirkt wie Pfeffer!). Als letztes Mittel bleibt das seufzende oder der gekränkte Rückzug ins „Na bitte, wenn Sie meinen“. Strafen Sie von da an aber die anderen mit demonstrativer Gleichgültigkeit (Gähnen, Uhr, Blättern, usw.).

 

Regel 3: Halten Sie Distanz

Es ist geradezu abstoßend, wie betont herzlich manche Leute zueinander sind. Gewöhnlich ist das ja nur Mache. Seien Sie vorsichtig! Bleiben Sie auf Distanz! Grüßen Sie mit weit abgestrecktem Arm und nur leichtem Handdruck und Lächeln. Kommen Sie frühzeitig, damit der hinterste Platz für Sie noch frei ist. (Lassen Sie die anderen merken, daß dies Ihr Stammplatz ist). Verfolgen Sie von dort das Gespräch mit kühler Distanz. Merke: Je spürbarer Sie sich raushalten, desto mehr wird auf Ihr Wort geachtet, wenn Sie sich auch mal äußern. Sagen Sie aber nie etwas Persönliches - das schadet nur Ihrem Image im Kreis - versuchen Sie dagegen, das Gespräch im Theologischen zu halten. Nüchternheit, Exaktheit, Sachlichkeit und alles andere ist Gelaber! Übrigens: Wenn Ihnen je einer das „Du“ anbieten sollte, lächeln Sie säuerlich zurück und erbitten sich Bedenkzeit. Der kommt kein zweites Mal!

 

Regel 4: Seien Sie der Mittelpunkt

Jeder Kreis braucht einen Mittelpunkt. Seien Sie der! Der Trick ist einfach: Seien Sie vorne, seien Sie hinten, sagen Sie zu allem etwas, lassen Sie sich einfach nicht bremsen. „Seid eifrig im Geist“, natürlich! Und wenn nicht mit dem Geist, dann wenigstens ohne. Haben Sie das feste Empfinden, daß ohne Sie nichts läuft, daß es auf Sie ankommt, damit der Laden in Schwung bleibt, denn es braucht einfach einen Mittelpunkt und der sind Sie.

Sie können der Sache in der Diskussion noch einen weiteren, beträchtlichen Drall geben, indem Sie nicht nur alles kommentieren, sondern auch die Sprecher jeweils vor dem Satzende schon unterbrechen. In weniger als einer halben Stunde haben Sie das Gespräch dermaßen belebt, daß es jetzt jeder so macht. Ihre Anregung schafft Aufregung, macht Schule!

    

Regel 5: Unbedingte Verschwiegenheit

Sie gilt für die anderen. Selbstverständlich gilt sie auch für Sie, außer in den Fällen, wo etwas Negatives über jemand gesagt wurde. Es gehört zur Fairneß in einem Kreis, daß der Betreffende dies erfährt, denn nur so entsteht ein Klima des Vertrauens, wenn man erfährt, was die anderen über einen denken.

Auch gibt es persönliche Nöte, die Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut werden. Zögern Sie nicht, auch diese weiterzugeben, da man ja aus gemachten Sünden und Fehlern anderer lernen kann. Versäumen Sie aber nie, den Mantel der Verschwiegenheit nach dem Gespräch wieder ganz fest zuschnüren, in dem Sie den anderen unter Eid nehmen, ja nichts von dem Gehörten weiterzusagen. Auf diese Weise vermeiden Sie unnütze Komplikationen, die entstehen, wenn sich zwei dasselbe verraten und sich herausstellt, daß beide es von Ihnen haben.

 

 

Ruhetag für den Pfarrer

Sind Sie auch schon einmal verärgert vom Pfarrhaus gekommen, weil der Pfarrer nicht da war oder keine Zeit hatte? Müssen Pfarrer immer zu sprechen sein? Diese Frage interessiert sicher Gemeindeglieder und kirchliche Mitarbeiter in gleicher Weise. Auf meine Frage, ob ich mit ihm mal etwas bereden könnte, antwortet mir der Pfarrer: „Sie sehen doch, daß ich hier zu tun habe“ und läßt mich stehen. Er baut an einem Schuppen weiter. Da mein Problem ein echtes ist, versuche ich es noch einmal  und frage, wo denn ein Telefon wäre, ich müßte mal dringend telefonieren. „Hier jedenfalls nicht - auf der Post sind Telefonzellen.“  Na gut, noch verärgert gehe ich weg vom Pfarrhaus.

Da fällt mir doch das Schild wieder ins Auge: Montags ist hier Ruhetag: „Evangelisch Lutherische Kirchgemeinde Ostseebad Wustrow und Ostseebad Dierhagen“. Ach ja, das hatte ich ganz vergessen, heute war Montag. So ein Pech aber auch. Ich gehe zur Post und telefoniere. Nun mutmaße ich, was in anderen Fällen der freundliche, ältere Herr wohl geantwortet hätte - in einem Notfall vielleicht, etwa einem Trauerfall in der Gemeinde oder einem Unfall im benachbarten Rüstzeitheim, wo kein Telefon ist. Ob er auch auf das Schild verwiesen hätte? Allein der Gedanke daran läßt mich nachdenklich werden - oder zornig.

Ich muß an meine Kindheit denken. Ich habe selber lange Jahre in einem Pfarrhaus gelebt. Mein Vater hatte vermutlich keinen Ruhetag, sonst hätte ich mich nicht über wenig Zeit beklagt, die er manchmal hatte- ich hätte mich ja auf den Ruhetag freuen können - einen ganzen Tag für die Familie. Daran jedenfalls kann ich mich nicht erinnern. So wie ich das erlebt habe, war da immer irgend etwas. - keiner hat einen Ruhetag.

Dieses Schild läßt mich nicht in Ruhe. Ich habe es zu Hause an meiner Pinnwand hängen und erwarte die Reaktionen meiner Freunde und Besucher. Meist lachen sie, sind unverständig: „Das gibt es doch nicht!“ Gut, daß ich es fotografiert habe, sonst glaubt es vielleicht keiner. Eine Freundin erzählte mir, dieses Schild schon vor zehn Jahren dort gesehen zu haben. Also mindestens zehn Jahre jeden Montag Ruhetag. Die Kirche hat Ruhetag. Was ist, wenn der Ruhetag auf einen Feiertag fällt (Weihnachten, Pfingsten...)? Vielleicht hat Gott Ruhetag am Montag? Wäre es ihm zu verübeln? Er muß sich ja schließlich auch mal ausruhen - oder nicht?

Ich sehe ein, daß ein Pfarrer auch Ruhe braucht in seinem Leben. Der Beruf ist sicher einer der anstrengendsten, aber das mit einem Ruhetag zu unterstreichen, öffentlich zu machen? Ob das der richtige Weg ist, sich Ruhe zu gönnen, möchte ich bezweifeln. Ruhetag in der Seelsorge? Ruhetag in der Gemeinde? Ruhetag in der offenen Kirche? Ruhetag in der Gemeinde Gottes? Ruhetag im Leben? Ob Jesus auch Ruhetag hatte? Hat er ein Schild mit sich herumgetragen, daß ihm die Menschen vom Hals hält? Jetzt muß ich laut lachen. Doch es bleiben Fragen über Fragen (Stephan Schack).

 

Leserstimmen:

Eigentlich bin ich begeistert, daß der Pfarrer gleich öffentlich bekannt macht: Einmal muß auch ich privat sein. Bitte helft mir durch einen Ruhetag dazu ... Aber nun erschrecke ich: Der Pfarrer war ortsanwesend, und er wurde angesprochen. Trotzdem verweigert er sich. Das ist mir unverständlich. Es ist das Erkennungszeichen des Seelsorgers, daß, wird er angesprochen, er sich auch ansprechen läßt und für das Anliegen des Partners öffnet

  Ich. rate aber, der Pfarrer sollte den Ruhetag benutzen, um unterwegs zu sein. Privat! Das würde jeder Mensch verstehen. A. Z.. Dresden

Kein schlechtes Gewissen

Warum macht man sich deshalb ein schlechtes Gewissen? Warum sollte ein Pfarrer nicht mittags lesend unter dem Apfelbaum sitzen oder Donnerstag früh in der Schlange beim Fleischer stehen? Hauptsache, er hat Ruhe und Zeit für ein Gespräch, einen Krankenbesuch, für die Vorbereitung der Predigt oder des Altenkreises.

Für Notfälle, die sich nicht auf morgen verschieben lassen, gibt es auch in Wustrow keinen Ruhetag . Hat der junge Mann sich schon einmal überlegt, wie ein Sommer für Pastoren in Ferienorten aussieht? Jeder meint: „Na, der Pfarrer hat doch Platz in dem großen Haus, der bringt doch alle unter“.  Junge Leute aus Wustrow waren im Juli die Übeltäter, durch deren Unachtsamkeit die alte Pfarrscheune total abbrannte. Wochenlang wurde mitsamt der Jungen Gemeinde aus dem danebenliegenden Rüstzeitheim aufgeräumt und mit dem Wiederaufbau begonnen. Täglich arbeitete der Pastor mit dem angekohlten, noch verwertbaren Holz an der Kreissäge, schwarz wie ein Schornsteinfeger. Jeder Mensch braucht, um den täglichen Anforderungen gerecht zu werden, einen Ruhetag. Auch der Pfarrer. Und da sollte man ihn nur im unaufschiebbaren Notfall stören.

Zunächst empfiehlt unser Pfarrerdienstrecht jedem Pfarrer einen freien Tag in der Woche. Die meisten können dies gar nicht einhalten. Da sind Beerdigungen, ein Geburtstagsbesuch, Handwerker. Sie sind ja in einem Pfarrhaus aufgewachsen und kennen das. Kennen Sie vielleicht auch, Pfarrer, die nicht, mehr richtig zuhören, wenn man ihnen etwas Wichtiges sagen. Kennen Sie, vielleicht auch Pfarrer, die Seelsorgegespräche auf abends um zehn verschieben müssen, weil ihr Tag so voll ist? Kennen Sie vielleicht auch Pfarrer, die immer dasselbe quasseln, weil sie vor lauter Arbeit nicht mehr zum Nachdenken kommen? Kennen Sie vielleicht auch Pfarrerskinder oder Ehepartner von Pfarrern, die ihre Probleme allein lösen müssen, weil der Vater und Partner die Probleme anderer lösen muß? Um nicht ein solcher Pfarrer zu werden,  braucht auch ein Pfarrer Freizeit, Muße und Ruhe.

Von Bischof Dibelius: „Ein Christ sei immer im Dienst!“ ist ebenso eine Überspitzung wie die Berufung auf den Acht-Stunden-Tag.

 

 

Die Theologin

In der Diskussion, ob die Frau ein Pfarramt übernehmen könne, hat man immer wieder biblische Stellen heranezogen Aber man kann nicht einfach eine Paulusstelle absolut setzen und daraus eine Lehre über das Amt der Theologin heute entwickeln. Wenn Paulus etwa in 1. Kor 14, 35 sagt: „Es ist ein Greuel, wenn die Frau in der Gemeinde redet“, dann hat er dabei bestimmt nicht das liebenswürdige Wesen der Pfarrerinnen von heute vor Augen gehabt. Eine rein biblizistische Antwort geht an den ganz anderen Gegebenheiten von heute doch sehr vorbei.

Es wird auch immer wieder auf die Stelle Eph 5,23ff verwiesen, wo es heißt, daß der Mann das Haupt der Frau sei. Hier handle es sich nicht um eine zeitbedingte Aussage, sondern hier gehe es um eine Ordnung, die Gott eingesetzt hat. Im Verhältnis von Mann und Frau gehe es

nicht um eine polare Ergänzung, sondern das Verhältnis sei unumkehrbar, eine Frau könne nicht „Haupt“ sein.

Andererseits ist es auch wieder nicht richtig, von einer „Zweieinigkeit“ Gottes zu sprechen. Die Frau dürfe nicht mehr anerkennen, daß der „Herr“ das Göttliche erschöpfend offenbart habe. Die Frau sei die Stellvertreterin der dem Geist polarer Liebe. Das ist weltfremde My­stik.

Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß in anderen Religionen die Frau eine bedeutende Rolle in der Religion spielt als Priesterin und Wahrerin der Tradition, auch in sonst männlich bestimmten Gesellschaften Die Kirche des Mittelalters hat demgegenüber den Stand der un­verheirateten Priester eingeführt, andererseits aber auch wieder den Kult der „Himmelskönigin“ Maria überhöht. Luther dagegen hat eine priesterliche Tätigkeit der Frau als Ausnahme zugelassen, wenn keine geeigneten Männer vorhanden sind. Und die altprotestantische Orthodoxie hat die Frage der Frauen im Predigtamt zu den „Adiaphora“ (unwichtigen Dingen) gerechnet.

Heute wird vor allem darauf verwiesen, das Amt des Pfarrers sei ein väterliches Amt. Eine Frau könne nicht väterlich sein. Gott selber sei Vater. Er ist das Urbild der irdischer Vaterschaft (also nicht umgedreht, daß der Mensch von sich aus auf Gott schließt). Selbst Frauen lehnten das Gemeindepfarramt ab, weil es als Zeugenamt spezifisch männlicher Charakter trage, also aktiven Funktionen erfordert, die dem Wesen der Frau widersprächen.

Dann verweist man darauf, an der Ordination von Frauen könne eine Vereinigung mit der katholischen Kirche scheitern, weil hier der evangelische Begriff vom Amt besonders zum Ausdruck kommt. Man verweist auf die schwierigen Probleme für eine verheiratete Pfarrerin, am Ende noch mit Kindern. Und man befürchtet, daß in Zukunft weniger Männer als bisher sich zu einem geistlichen Amt rufen lassen werden, wie das in der Schule ja schon der Fall ist.

Besonders umstritten war die Frage der Ordination: Wenn die Frau ein geistliches Amt hat (Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung), muß sie auch voll ordiniert sein; eine halbe Ordination gibt es nicht.

Die „Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche“ hat zunächst gefordert, eine Ordination erst vorzunehmen, wenn sich die Theologin nach menschlicher Voraussicht auf Lebenszeit zu dem Amt entschließen kann (vorher nur Einsegnung). Die VELK hat der Theologin zunächst spezifische Dienste zugewiesen: Unterweisung, Frauenwerk, Jugendarbeit, Gemeinde­helfer­innen­ausbildung, Volksmission, Sondergemeinde (Anstalt), Berufstätigenarbeit, Betreuung alleinstehender Frauen, Arbeit mit jungen Mädchen, Familienpflege. Es sei kein Werturteil über die Frau, wenn man nicht diese Aufgaben zuweise, sondern eine notwendige Ergänzung zum Amt des Mannes. Aber Notsituationen und besondere Begabungen rechtfertigen noch nicht eine grundsätzliche Zulassung. Hirte der Herde und Hausvater müsse der Mann sein (Gutachten 1962).

In der Kriegs- und Nachkriegszeit haben aber Theologinnen unter härtester Bedingungen ihren „Mann“ gestanden. Vor allem in der DDR wuchsen sie unter den gegebenen kirchlichen Verhältnissen immer mehr in das Pfarramt hinein. Heute kann die Frau überall ein übliches Gemeinde- Pfarramt übernehmen, auch wenn sie verheiratet ist.

Dabei braucht man noch nicht einmal gleich mit Schlagworten wie „Gleichberechtigung“ zu kommen. Aber man muß doch auch fragen, warum ausgerechnet das Pfarramt der letzte Beruf sein sollte, der den Frauen auf Grund ihres Geschlechts versperrt sein soll. Angesichts der Vermännlichung der Frau und der Gesellschaft wurde die Rolle der Frau immer mehr auf ihrer biologischen Eigenwert und gewerbliche Inanspruchnahme eingeschränkt. Durch den Antritt ins geistliche Amt könnte sie sogar ihre verlorene Würde wiedergewinnen.

Die Kirche kann es sich auch gar nicht leisten, die Gaben der Frau ungenutzt zu lassen. Das Pfarramt würde im Gegenteil verarmen und einseitig werden, wenn die gegenseitige Lebenshilfe der Geschlechter fehlt. Dem Dienst des Mannes begegnen heute Grenzen, die man früher nicht kannte. Der Mensch öffnet sich heute nicht mehr dem Amtsträger; sondern dem Mitmenschen. Hier hat die Frau als Partner des Mannes ihre Aufgabe in einem sich ändernden Pfarramt.

Auch theologisch ist zu fragen, ob man Gott weiterhin mit dem Bilde des „Herrn“ personifizieren kann. Das Wort „Herr“ hat ja zwei Gegensatzpaare: Einmal „Herr und Dame“, oder „Herr und Frau“, zum anderen „Herr und Knecht“.

Heute aber versuchen wir doch gerade die Zielsetzungen eines Alleinherrschers zu überwinden (Kampfhaltung gegen den Gegner, Entwertung jeder Opposition, Sieg der gerechten Sache, endgültig gesicherter Dauerzustand). Zumindest müßte man dann den Begriff des „Herrn“ neu definieren. Es ist aber unnötig, in Gebeten das Wort „Herr“ durch „Gott“ zu ersetzen. Auch sind die Verpflichtungen des Herrn gegenüber den „Untergebenen“ herausstellen. Aber fest steht, daß heute die Ordnung der Menschenwelt nicht mehr allein vom Manne her (vom Geist, vom Logos) gelingen kann.

Deshalb drängen die Frauen heute auch in das Pfarramt. Sie wollen kein Sonderpfarramt, weil ihnen dadurch ja doch nur der Zugang zu dem bisher vom Mann geprägten Pfarramt verwehrt würde. Allerdings ist „Pfarrerin“ oder auch „ Pastorin“ ein wenig ein Wortungetüm, drückt aber die Gleichartigkeit aus.

In Zukunft wird in der Pfarrerschaft das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeglichener sein. Auch das Bischofsamt wird man der Frau nicht verwehren können. Allerdings wird es dadurch auch zu einer Veränderung der Kirche kommen, die tief in das geistliche Leben und das dogmatische Selbstverständnis einschneiden wird.

Zwar kann man sich überlegen, ob man eire Theologin nicht zunächst in städtischen Gemeinden einsetzt, wo die Gemeindeglieder auch die Möglichkeit haben, sich an einen Mann zu wenden. Zumindest wird in jedem Fall der Gemeindekirchenrat seine Zustimmung geben müssen. Aber hierbei dürfte es sich um Übergangserscheinungen handeln. Im Wesentlichen wird der Dienst der Frau von den Gemeinden angenommen. Viele Menschen, die das „Amt“ meiden, erschließen sich aber der Pfarrerin in überraschender Weise.

 

 

Die Pfarrfrau

Wenn eine Frau heute einer Pfarrer heiratet, weiß sie meist nicht, was auf sie zukommt, es sei denn, sie stammt selber aus einem Pfarrhaus. Ihr Mann allerdings weiß das vorher auch meist nicht. Auf der einen Seite wünscht man die Mitarbeit der Pfarrfrau, auf der anderen Seite macht man ihr Schwierigkeiten, wenn sie Theologin ist. Kann man aber die Arbeit von zweien nur mit e i n e m Gehalt bezahlen? Muß nicht die Arbeit der Pfarrfrau so bezahlt werden, daß sie sich für andere Arbeiten eine Hilfe leisten kann? Kann man ihr einen Beruf verwehren, der außerhalb des Pfarrhauses liegt? Hier ist jedenfalls doch schon vieles anders geworden als früher.

Manche Pfarrhäuser sind schon zu Privathäusern geworden, weil ein extra Gemeindebüro da ist oder weil der Mann ein übergemeindliches Pfarramt hat. In vielen Fällen läßt sich aber eine solche Trennung nicht einfach herbeiführen. Und dann ist die Pfarrfrau vielfach überlastet.

Eine häusliche Hilfe fehlt meist. Wenn sie Kinder hat, bleibt ihr meist keine Zeit mehr, auch noch viel für die Gemeinde zu tun. Manchmal meint sie sogar, nicht einmal am sonntäglicher Gottesdienst teilnehmen zu können. Dennoch muß sie zwanzigmal am Tag ihre Arbeit unterbrechen, um zur Tür zu laufen, das Telefon abzunehmen, Bestellungen zu notieren, Besuche zu empfangen.

Wenn dann das Pfarrhaus oder gar der Pfarrgarten vernachlässigt werden, macht man ihr Vorwürfe. Nun müssen zwar Mängel abgestellt werden, die das Pfarrhaus ungastlich und unfreundlich werden lassen. Eine Pfarrfrau sollte schon so etwas wie die Seele eines Pfarrhauses sein und nicht in einer einzigen Schürze mehr aus dem Haus tragen als der Mann durch seinen ganzen Dienst einbringen kann (wie man früher sagte). Aber man sollte auch nicht zuviel verlangen.

Die Pfarrfrau hat den Vorteil, die Arbeit ihres Mannes noch begleiten zu können. Kaum irgendwo in der Gesellschaft ist die Tätigkeit von Mann und Frau noch so eng miteinander verbunden wie im Pfarrhaus (Deshalb sagte man vielfach auch noch zur Pfarrfrau „Frau Pfarrer“). Wohnung und Arbeitsstätte sind sonst meist getrennt, die Wohnung ist zum privaten Raum geworden, in dem man das Ehe- und Familienleben gestaltet. Das Pfarrhaus ist hier ein Überbleibsel aus der Vergangenheit.

Dafür hat aber auch die Pfarrfrau die Möglichkeit, über die äußerliche Versorgung hinaus die Arbeit ihres Mannes mit zu tragen. Vor allem kann sie eine gewichtige Stimme der helfenden Kritik sein. An ihr Ohr dringt auch manches aus der Gemeinde, was man dem Pfarrer nicht sagt. Ihre Erfahrung im eigenen Beruf und die lange geübte Selbständigkeit werden ihr hierbei das nötige Selbstbewußtsein geben. Auch die Verschwiegenheit Dritten gegenüber dürfte ihr nicht schwer fallen.

Oftmals kommt es aber auch zu Überforderung und Zeitdruck. Aus der „Pfarrherrin“ von früher" ist vielfach nur noch ein geschundenes Wesen geworden. In der Erweckungsbewegung sind manche Gruppen entstanden, die früher von Laien geleitet wurden, heute aber dem Pfarrer oder seiner Frau zufallen. Mehrere Dörfer sind zu einem Kirchspiel zusammengelegt worden. Nun gibt es Frauenhilfe, Mütterkreis, Männerabend, Altennachmittag, Jungschar, Jugend­arbeit, Volksmission, Chor, Christenlehre, Konfirmandenunterricht, Verwaltung, Gartenarbeit, Jubiläen, Bauarbeiten und nicht zuletzt der Gottesdienst - und das oft in drei bis fünf Dörfern. Dabei kann es ja nur zu einem Totalausverkauf der geistigen und körperlichen Kräfte kommen, wenn man alles ernst nehmen will.

Es ist einer Pfarrfrau nicht zu verdenken., wenn sie ihren Mann in ein übergemeindliches Amt wünscht oder danach fragt, ob die neue Wohnung auch mit genügendem Komfort ausgestattet ist. Andererseits entstehen aus solchen Nöten auch manche Ehekrisen, denen man nur begegnen kann, wenn man das alte Ideal vom Pfarrhaus abbaut: das traute Eheweib eilt als Pfarrfrau und Hüterin des ach so geliebten Gartens im Kreise ihrer Kinderschar auf leisen Sohlen durch der Flur dieweil ihr Gatte im Studierzimmer, das liebe Pfeifchen schmauchend, die Sonntagspredigt zu Papier bringt.

Unsere heutige Umwelt ist geprägt von der arbeitenden Frau, die für ihre Arbeit den gleichen Lohn wie ihr männlicher Kollege erhält. So kann der Mann der Pfarrfrau auch nicht nur Pfarrer und Theologe sein, sondern er ist auch Ehemann und Familienvater. Die Pfarrfrau ist weder eine billige Arbeitskraft, noch die immer freundliche, in jeder Situation tüchtige, alles richtig machende, immer Zeit habende und nimmermüde Gefährtin ihres Pfarrherrn.

Man kann von der Pfarrfrau kein bestimmtes Auftreten eine selbstverständliche Mitarbeit, eine bestimmte Aufmachung bzw. den Verzicht auf eine Aufmachung verlangen. Sie hat sogar einen größeren Spiel- und Ermessensraum als ihr Mann. Kleidung und Auftreten können Kritik hervorrufen. Aber ihr Verhalten kann Schlimmeres anrichten, weil es Rückschlüsse auf Herz und Glauben zuläßt.

Die Gemeinden sollten bereit sein, die Pfarrfrau anzuerkennen, so wie sie ist. Viele sagen einfach: „Es schickt sich nicht für eine Pfarrfrau, Geld zu verdienen!“ Viele empfinden es auch als Anmaßung, wenn eine Pfarrfrau, die vollausgebildete Pfarrerin ist, ihren Mann einmal im Gottesdienst oder sonstwo vertritt. Auch von der Kirchenleitung wird die Anstellung einer Pfarrfrau, die Theologin ist, oftmals ab gelehrt mit der Begründung: „Die verheiratete Frau gehört ins Haus!“(selbst wenn sie keine Kinder hat!). Es war eine Sensation, als in Köln ein Pfarrerehepaar in zwei benachbarten Sprengeln als Gemeindepfarrer eingesetzt wurde.

 

Eine Gruppe forderte entschieden (darunter auch Pfarrfrauen): „Laßt die Pfarrfrau in erster Linie das sein, was sie ist: die Frau des Mannes und nicht dessen Berufs!“ Oder man verlangt sogar den Zölibat, wenn die Pfarrfrau nicht bereit ist, ihren „Beruf Mutter“ anzutreten

bzw. den Verzicht auf Kinder.

Nun kommen allerdings in einer Pfarrfamilie die Kinder oftmals zu kurz:

1. Sie werden von klein auf in die Gemeindearbeit eingespannt: Läuter, Heizen, Lieder anstecken, Zettel austragen, Kirchplatz säubern, usw. Die Gemeinden aber werden dadurch zur Unselbständigkeit erzogen. Den Kinder werden dadurch Kirche und Glaube oftmals sehr verleidet. Aber in vielen Gemeinden erwartet man das so von ihnen.

2. Die Kinder der voll berufstätigen Pfarrfrau wachsen außerhalb des Hauses auf, in Krippe, Kindergarten und Hort oder unter der Betreuung anderer Leute. Aber auch außerhalb dieser Zeit ist die Pfarrfrau oft noch in der Gemeinde beschäftigt (abends, Sonntag), so daß sie wenig Zeit für die Kinder hat.

3. Man überläßt die Kinder sich selber, sie werden schon irgendwie zurechtkommen „Um uns hat sich in unsrer Jugend ja auch niemand gekümmert!“). Die Gemeindearbeit soll angeblich wichtiger sein als alle andere Arbeit. Aber das ist nicht richtig; denn der Nächste, an der Jesus uns weist, ist in erster Linie mit das eigene Kind.

 

Der Strukturwandel im Pfarramt hat sich vielfach zuungunsten des Pfarrerehepaares vollzogen. Vor allem in kleineren Landgemeinden ohne weitere kirchliche Mitarbeiter bleibt der Pfarrfrau oft kein anderer Weg, als ihrem Ehemann in unermüdlichem Einsatz zur Seite zu stehen. Aber ihre aktive Tätigkeit muß dann auch bezahlt werden, und nicht nur, wenn sie in anderen Gemeinden die Orgel spielt. Wenn sie für fehlende Kräfte einspringt, steht ihr auch deren Gehalt zu. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Frauen anderer kirchlicher Mitarbeiter, zum Beispiel Diakonenfrau).

Man darf ja nicht vergessen, daß die Pfarrfrauen in der Regel einer qualifilizierten Beruf mit in die Ehe bringen. Sie haben Verantwortung im öffentlichen Leben getragen und nicht unerheblich Geld verdient. Ihr Selbstbewußtsein ist durch den Beruf gefestigt, sie haben Lebens- und Berufserfahrung. Sie möchten gerade in den ersten Ehejahren mithelfen, die notwendigen Anschaffungen zu tätigen. Ihre Unabhängigkeit möchte sie nicht einfach aufgeben und möchte nicht als „Magd der Gemeinde“, als Nur-Hausfrau oder Putzfrau verschlissen werden. Außerdem geht es nicht an, daß die eine Pfarrfrau mitverdient und die andere sich für die Gemeinde einsetzt bei nur  e i n e m Gehalt.

Auch eine Berufstätigkeit außerhalb des Pfarrhauses muß man der Pfarrfrau zugestehen. Warum soll es denn gerade beim Pfarrer anders sein als in den meisten Ehen heutzutage? Hier könnte im Gegenteil eine gute Verbindung Kirche-Welt zustandekommen.

Natürlich kann eine  Ärztin ihren Patienten nicht gleich noch fromme Sprüche mit auf den Weg geben..Gerade als Ärztin kann die Pfarrfrau guten Kontakt zur Gemeinde finden, jedenfalls mehr, als wenn sie nur die Orgel spielt. Auch bei Gemeindeabenden kann sie gut mitwirken und gelegentlich sogar ein Zusammenarbeit mit ihrem Mann erreichen. Die entstehenden Schwierigkeiten sollte man dabei im Glauben tragen und nicht gegenseitig die Arbeit schlecht machen.

Vielleicht genügt es auch, wenn die Frau lebt wie alle anderer Frauen in der Gemeinde, die kleine Kinder haben. Vielleicht merken die anderer gerade daran, daß durchaus nichts Besonderes an einem Menschen dran sein muß, der die Kirche gern hat. Sie hat ihrer Beruf und die Kinder, und der Mann hat eben seine Arbeit. Und selbst wenn sie im Beruf für die Kirche tätig ist, dann gilt doch: Die Auswahl eines solchen Berufes hängt zunehmend davon ab, ob er mit der Ehe vereinbar ist. Es muß die Möglichkeit geben, nur in der Familie tätig zu sein oder in der Gemeinde mitzuhelfen oder außerhalb in einem Beruf tätig zu sein.

Das Pfarrhaus der Zukunft wird durch folgende Linien gekennzeichnet sein:

 1. Die Pfarrfrau wird mehr als bisher im Berufsleben stehen, um Einkommen, Kranken­versicherung, Rentenanspruch und Anwendung ihrer Berufsausbildung zu haben. In der Gemeinde wird sie mitarbeiten wie jeder andere Laie auch. Ihre Verbindungen zur „Welt“ aber werden sich positiv auf die Verkündigung des Pfarrers auswirken; es werden wertvolle Kontakte zu nichtchristlichen Partnern hergestellt.

2. Der Pfarrer wird um seiner Ehe und Familie willen über eine Versachlichung des Pfarrhauses nachzudenken haben. Je besser die Trennung zwischen seiner Arbeitsstätte und der Wohnung erfolgen kann, desto eher läßt sich eine Privatsphäre schaffen, in der Ehe und Familie gedeihen können. Es muß als unzumutbar angesehen werden, wenn sonntags noch Gemeindeglieder kommen, die auch montags hätten kommen können. Auch die Familie des Pfarrers gehört zu den Gemeindegliedern, für die er dasein soll.

3. Die Gemeindeglieder werden sich mehr Gedanken um das Pfarrerehepaar machen müssen. Sie werden auf die Gesundheit des Pfarrers und seiner Ehe achten müssen und ihm notfalls auch Freizeit zudiktieren. Auch werden sie helfen müssen, die Einsamkeit und Isolierung vieler Pfarrfrauen zu überwinden. Viele Pfarrfrauen verkümmern, weil sie eigentlich niemanden haben, der ihnen hilft, ihr Leben an der Seite ihres Mannes mühelos und fröhlich zu gestalten. Ihr Mann hat ständigen Umgang und Austausch mit anderer Menschen, er hat Gemeinschaft mit den Kollegen im Pfarrkonvent. Die Pfarrfrau braucht vielleicht etwas Ähnliches im Kreise der Pfarrfrauen.

 

 

Erzählungen

Pfarrer sein ist gar nicht schwer: Eine nicht ganz ernstzunehmende Meinungsäußerung.

Große Artikel sind gedruckt und ganze Bücher sind in jüngster Zeit in zunehmendem Maße geschrieben worden über Resignation im Pfarrerberuf, über Neurosen im Pfarrhaus, über Erwartungshaltungen und das Selbstverständnis in dem Beruf des Pfarrers. Dabei ist Pfarrer sein doch gar nicht so schwer, wenn man es mit Martin Luther hält, dem Volk fleißig aufs Maul schaut, dabei die Regeln und Erwartungen, die Vorstellungen und die Pflichten kennenlernt und sich dann richtig verhält.

Wenn ich so richtig niedergeschlagen bin, und das kommt vor, erinnere ich mich an das Schlagwort der Schulklasse meiner Tochter: „Man darf das alles nicht so verbissen sehen!“ In einer Dorfgemeinde, ganz weit weg in der Provinz, so weit, daß es schon kaum noch wahr sein darf, zeichnet sich folgendes Rollen-Regelspiel ab, das man als Pfarrer kennen sollte, um den todsicheren Weg zwischen Szylla und Charybdis einzumanövrieren:

- Predigt der Pfarrer laut und gut verständlich, dann schreit er in der Kirche. Hat er normale Lautstärke, dann spricht er zu leise und leidenschaftslos.

- Versteht er sich gut mit der Jugend, dann ist er zu weltlich. Kann er es mit der Jugend nicht, ist er weltfremd.

- Beginnt der Gottesdienst pünktlich, dann geht die Uhr des Pfarrers wieder vor. Beginnt der Gottesdienst mit einigen Minuten Verspätung, um auch den verspäteten Besuchern die Möglichkeit zu geben, noch rechtzeitig dabeizusein, dann hält der Pfarrer die ganze Gemeinde auf.

- Wird die Kirche neu gestrichen, dann wirft der Pfarrer das Geld zum Fenster raus. Ist der Anstrich schon vierzig und mehr Jahre alt, dann läßt der Pfarrer die Kirche verkommen.

- Ist der Pfarrer schon älter, dann sollte er sich pensionieren lassen, bevor es zu spät ist. Ist er jung, dann hat er noch nicht genug Erfahrung.

-  Hat er ein Auto, dann ist er zu schnell und sollte mehr Zeit für seine Schäfchen haben. Hat er kein Auto, dann hat er den Anschluß an die Zeit versäumt.

-  Nimmt die Pfarrfrau ihrem überlasteten Mann ein Stück Gemeindearbeit ab, dann steht der Pfarrer unter der Fuchtel und Pantoffel; und wer weiß, ob er die Predigt allein aufsetzt. Überläßt die Pfarrfrau ihrem Mann die Gemeinde selbst, dann kümmert sie sich um nichts und dürfte auch mal was tun.

-  Macht der Pfarrer fleißig Hausbesuche, dann schnüffelt er in Familienangelegenheiten herum, die ihn gar nichts angehen. Macht er wenig Hausbesuche, dann läßt er die ganze Gemeinde vor die Hunde gehen.

-  Hält er „schöne Beerdigungen“, dann drückt er nur auf die Tränendrüsen und sagt doch nicht die volle Wahrheit. Redet er der Gemeinde angesichts von Tod und Grab ins Gewissen, dann gehört das da nicht hin, und man soll die Situation nicht so ausnutzen.

-   Ist die Kirche am 24. Dezember zum Zerbrechen gefüllt, könnten doch wenigstens dann die mal zu Hause bleiben, die sonst immer da sind, damit die andern auch mal Platz bekommen. Ist die Kirche leer, dann geschieht es dem Pfarrer ganz recht, und er sieht, daß er so beliebt auch nicht immer ist.

- Versteht sich der Pfarrer gut mit seinen Konfirmanden, dann treibt er in den Konfirmandenstunden nur Allotria, und man lernt nichts bei ihm. Faßt er die Konfirmanden strenger an, gibt er gar Aufgaben auf, dann sollte er das lieber der Schule überlassen und sich da nicht drein- hängen.

-ä  Spricht er von Spenden, Geld und Kollekten, dann ist er geldhungrig. Wenn er nichts tut und keine Aktionen veranstaltet, ist in der Gemeinde sowieso nichts los, und in den Nachbargemeinden klappt alles viel besser.

- Predigt der Pfarrer länger als zehn Minuten, dann bringt er die Gemeinde nur in den Kirchenschlaf. Predigt er kurz u

- Hat der Pfarrer eine eigene Meinung und kann sie auch noch begründen, dann will er doch nur immer recht behalten. Hat er keine so rechte Meinung, dann geht er den Dingen immer so elegant aus dem Weg, daß er nicht glaubwürdig ist.

-  Haben die Mitarbeiter freie Hand und entwickeln Initiativen, dann kann da einfach jeder machen, was er will; und so geht es doch nicht. Setzt er im Gespräch mit Mitarbeitern seine eigene Meinung dagegen, dann soll er seinen Kram lieber gleich alleine machen.

-  Ist der Pfarrer körperlich an Pfunden gewichtig und schwer, dann hat er sich durch die Gemeinde gefuttert. Ist er schmal und gar sportlich gebaut, dann sieht er gar nicht richtig wie ein Pfarrer aus und kriegt zu Hause nicht genug zu essen.

-   Nimmt er ein Schnäpschen in Ehren bei der Hochzeit an, dann trinkt er zuviel, was ein Pfarrer nicht sollte. Lehnt er höflich mit Hinweis auf die Gesundheit ab, dann tut er uns die Ehre nicht an.

-   Läßt er sich versetzen oder steigt in der Hierarchie auf, dann war er der beste Pfarrer, den wir je hatten. Den hätte man wirklich nicht gehen lassen dürfen.    Ist ein neuer Pfarrer dann seinem Amtskollegen nachgefolgt, dann hat man ihn gleich bei der Antrittspredigt „zum Fressen gern“. Und nach drei Jahren tut es dann den Leuten leid, daß sie es nicht getan haben.

 

Man sieht: Pfarrer sein ist gar nicht so schwer, wenn man sich auskennt. Manchmal läßt man ihn auch in Ruhe und sagt am Sonnabend: „Es ist höchste Zeit, daß es Sonntag wird, damit die Leute zur Ruhe kommen und der Pfarrer zur Arbeit!“

Wie gesagt, wenn ich einmal ganz „unten“ bin - und das kommt vor - erinnert mich meine Tochter daran: „Man darf das alles nicht so verbissen sehen!“ Und dann kriegt sie mich um den Hals und sagt leise ins Ohr: „So ein Pfarrer hat's ja auch wahrhaftig nicht immer leicht. Denn allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann!“ Und dann frage ich erschrocken und erstaunt zurück: „Nicht mal ein Pfarrer?“ Dann lacht sie und sagt: „Nicht mal der. Du siehst das alles noch viel zu verbissen, Papa!“ (nach Helmut Ludwig).

 

Zum Glück nur ein Traum….

Der junge Pfarrer war erst wenige Wochen in diesem Dorf, noch viel zu kurze Zeit also, um seine Gemeinde wirklich zu kennen; aber doch lange genug, um schon mancherlei Dinge gesehen zu haben, die in einer christlichen Gemeinde so nicht sein dürften. Kein Wunder, daß ihn das alles sehr beschäftigte und sogar bis in seine Träume hinein verfolgte.

Er war nämlich soeben bei seiner nächtlichen Predigtvorbereitung am Schreibtisch eingeschlafen. „Die Gemeinde ist wie ein Leib mit vielen Gliedern, mit Auge und Ohr, Hand und Fuß, und jedes Glied erfüllt seine Aufgabe.“ Soviel war auf dem verrutschten Papier gerade noch zu lesen, und nun sah es aus, als wollte er mit der Nase den Punkt setzen, so krumm und unbequem lag er da über den Blättern. Vielleicht löste gerade diese krummgezogene Stellung in seinem Hirn den Traum aus, der ihn sogleich zu plagen begann:

Er war wie ein Ackergaul vor einen schweren Wagen gespannt, den er ziehen sollte, und von allen Seiten kamen anfeuernde Rufe. Der Wagen aber rührte sich nicht von der Stelle, so sehr er auch zog, und seine Füße waren so schwer, als wären sie am Boden festgewachsen. Als er sich aber nach Hilfe umsah, entdeckte er, daß von allen Seiten Gemeindeglieder herankamen, bekannte und unbekannte. Alle schleppten sie schwere Säcke, die sie auf den Wagen warfen. „Wir bringen dir unsere Sorgen, du bist doch nun unser Pfarrer“, sagte der eine und wuchtete einen dicken Sack über die Wagenbretter. „Da habe ich das kaputte Kirchendach drin“, sagte ein anderer, und sein Sack war wie ein Berg. „Ich bringe die Geldsorgen“, ächzte der Küster, „dafür sind Sie ja nun verantwortlich.“ Zwei starke Männer mußten ihm helfen, seine Last auf den Wagen zu hieven.

Der Gemeindekirchenrat brachte gemeinsam alle Gemeindesorgen. Immer je zwei schleppten an einem großen Sack: die Sorgen für die Unterweisung der Kinder und Konfirmanden, für die Alten und Kranken, für die Zugezogenen, für die Gleichgültigen: „Das ist nun ihre Aufgabe, dafür werden Sie ja bezahlt.“ Die Säcke türmten sich so hoch, daß der Wagen unter seiner Last viel zu klein erschien.

Mit entsetzten Augen beobachtete der junge Pfarrer ihr Tun. „Aber das müssen wir doch alle... wir sind doch eine Gemeinschaft ...“, wollte er erklären, da entdeckte er, wie viele seiner Gemeindeglieder auf den Wagen kletterten und es sich auf den Säcken bequem machten. Hart und scharf schnitten ihm die Riemen in die Schultern, und er mußte sich mit aller Kraft dagegen stemmen, daß der Wagen nicht rückwärts rollte. Hinter dem Wagen gingen die, die oben auf den Säcken keinen Platz mehr gefunden hatten. Sie schlenderten, die Hände in den Hosentaschen, gelangweilt vor sich hin oder sie schlossen Wetten darüber ab, ob der Wagen wohl wirklich vorankommen würde.

 

„Ein altes Ding“, sagte einer abschätzig, „verbraucht und unmodern.“ - „Zu wenig Kraft“, gähnte ein anderer mit einem Blick auf den Pfarrer, „kann ja nichts werden.“

Plötzlich aber schrie einer auf dem Wagen ganz laut: „Vorwärts, hüh!“ so daß der Arme in den Sielen alle Muskeln anspannte. Zwei Säcke purzelten bei dem unvermuteten Ruck vom Wagen, und es gab ein großes Gepolter. Von diesem Gepolter wachte der junge Pfarrer auf. Er hatte anscheinend bei seinen Bemühungen, den Wagen zu

ziehen, heftig mit den Armen gerudert und dabei alle Bücher samt der Schreibtischlampe vom Tisch gefegt. Verdutzt und nicht begreifend tastete er um sich, fand schließlich den Lichtschalter und blinzelte, noch immer von dem Traum befangen, ins helle Licht. Wie war

das doch? Benommen sammelte er seine Notizen vom Boden auf. „... jedes Glied erfüllt seine Aufgabe“, las er auf dem letzten Blatt. Und plötzlich war der Traum wieder da - in allen Einzelheiten! Vorbei war die Schläfrigkeit, eilig setzte er sich und schrieb, ohne noch einmal innezuhalten, seine Predigt zu Ende (nach Lisbeth Glaubitz).

 

Der Pfarrer als Allesmacher

Hier sieht man einen armen Mann,.

sein Leid fängt Sonntagmorgen an:

Was muß er alles selber tun,
indessen seine Schäfchen ruhn!

Als erster geht er Blumen pflücken,

die sollen seine Kirche schmücken.

Dann muß er vor dem Altar fegen,

den Läufer muß er gerade legen:

Nun holt er die Kollektenteller,

wenn er‘s allein macht, geht es schneller!

Die Lieder steckt er selber an

und denkt: Selbst ist der Mann.

Den Weg zur Kirche harkt er selber,

vom Friedhof jagt er ein paar Kälber.

Beim Anschlagkasten fällt ihm ein:

der Wochenspruch soll da hinein.

Jetzt hängt er fünf Minuten lang

mit aller Kraft am Glockenstrang.

Dann eilt er - ziemlich schön erledigt,

zu lesen nochmal seine Predigt'

Darm steigt er schnell in den Talar.

Ob wohl noch was vergessen war?

Die Kerzen nun fix angezündet.

Ob er so schnell ein Streichholz findet?

Der Gottesdienst ist schließlich aus,

und alles wendet sich nach Haus.

Frau Müller zu Frau Meier spricht:

„So müd war sonst der Pastor nicht!“

Hört zu, ihr lieben jungen Freunde!

Denkt selber nach: Ist das Gemeinde?

Könnt ihr euch sowas still mit ansehn?

Das müßte euch doch etwas angehn!

Zuschauer gibt es nicht!

 

Der Gemeindewagen

Einst tat ein Pfarrer sich beklagen,

er müsse den Gemeindewagen

- wie er es nannte - ganz allein

mit vieler Mühe ziehn bergein.

Die andern säßen alle drin,

und keinem käm' es in den Sinn,

mal selber schiebend zuzufassen;

man tat' sich lieber ziehen lassen.

Nun, einer, dem's zu Ohren kam,

die Sache sich zu Herzen nahm.

Er überlegte hin und her,

wie hier wohl recht zu helfen wär',

und wie zu allseit'gem Heile

die Lasten besser man verteile.

Nachdem ihm etwas eingefallen,

sieht man ihn zu dem Pfarrer wallen.

„Herr Pfarrer, hören Sie mir zu,

Ihr Kummer läßt mir keine Ruh.

Da unser Küster ist verstorben

- ein neuer hat sich nicht beworben -

woll'n wir - drei andere im Ort

und ich - wenn's recht ist, ob sofort

im Wechsel dieses Amtes walten,

das Gotteshaus in Ordnung halten.“

Beim Pfarrer, was der Mann da spricht,

auf Gegenliebe stößt es nicht.

„Ach nein, das macht schon meine Frau!

Sie nimmt es damit sehr genau.

Und außerdem macht's ihr Vergnügen“,

 beeilt er sich hinzuzufügen.

Der Mann gibt sich noch nicht geschlagen,

er denkt an den „Gemeindewagen“:

„Ich weiß im Dorfe ein paar Jungen,

die kämen alsbald angesprungen

und würden gerne schon ab morgen

das Glockenläuten mit besorgen.“

„Ach nein, das macht bereits mein Sohn!

Er tut den Dienst seit Jahren schon.

(Der Küster war dazu, am Rande,

bei seinem Leiden nicht imstande.)

Mein Sohn, der ist auf alle Fälle

auch immer pünktlich da zur Stelle.

Hier drängt es nicht mit den Problemen;

das Läutgeld woll'n wir ihm nicht nehmen.“

Er gibt nicht auf, der gute Mann,

zum dritten Male setzt er an:

„Ich hab 'nen Bruder, gar nicht fern,

als Diakon würd' er uns gern

 Gemeinde-Abende gestalten,

auch sonntags mal 'ne Predigt halten.

Vielleicht, daß dann manch' ander Glied

zu solchem Dienst sich auch entschied!“

Der Pfarrer zieht die Stirne kraus,

da macht er sich schon gar nichts draus.

„Vertretung ist mir stets verpönt.

Die Leute sind an mich gewöhnt!“

Und die Gemeinde, wie ich fand,

 ist besser fest in einer Hand!“

Da läßt der Mann es lieber sein,

stellt weitere Bemühung ein,

dieweil ihm eines sonnenklar:

Es bleibt doch so, wie's vordem war.

Und die Moral von der Geschichte?

Steht solchem Pfarrer nicht im Lichte!

Nicht jeder, der von Lasten spricht,

ist auf Ent-Lastung gleich erpicht.

Denn schwerer noch als zuzufassen

ist es für manchen - loszulassen!   (M. St.)

 

„Meine lieben, leeren Bänke!“

So begann der Pariser Pfarrer und Schriftsteller Charles Wagner eine Predigt Dann fuhr er fort: „Schon lange bewegt mich der Gedanke, euch zu predigen, seid ihr doch meine treuesten Zuhörer, die regelmäßig da sind. Ich muß zwar in Wahrheit bekennen, daß ich für euch keinen passenden Text finden konnte. Nichtsdestoweniger will ich an euch loben, daß ihr beim Gottesdienst stets anwesend seid.

Wie das Wetter auch sei, ob kalt oder warm, ihr seid da. Ihr macht es nicht wie so viele Barometer- Christen, die nur gelegentlich, wenn sie bei guter Laune sind, den Gottesdienst besuchen. Es ist bei euch eben nicht so, daß ihr ausgerechnet des Sonntags ausfliegen oder mit Freunden zusammenkommen müßt. Wenn Gottesdienst ist, dann seid ihr nicht bei Handwerk und Arbeit. nicht auf dem Feld und auch nicht im Bett.

Loben will ich auch eure Stille und Aufmerksamkeit. Ihr seid keine lästigen Zuhörer, die den Gottesdienst durch unbedachtes Schwatzen stören. Nicht einmal vor der Predigt hört man eure Stimme.   Ihr dreht euch nicht um, wenn andere zu spät kommen. Ihr seid auch nicht da, um eure schönen Kleider zur Schau zu tragen oder um über andere zu urteilen. Ihr wollt euch nicht an schöner Redeform ergötzen, sondern das Evangelium hören.

Wahrlich, viel hab' ich an euch zu loben, meine lieben leeren Bänke. Ich habe mich aber auch zu beklagen, vor allem darüber, daß die Predigt vom Evangelium in euch keine Frucht wirkt.

Ihr habt ja dafür weder Ohren noch Verständnis. Ihr kommt nicht vom Fleck weg, wie überhaupt der Zuhörer so viele, die Ohren haben und doch nicht hören. Es ist dies ein übler Zustand.

Ihr betet auch nicht für euren Seelsorger und pflegt keine Gemeinschaft mit ihm. Darum ist die viele Arbeit, die er für euch tut, fruchtlos.   Ihr habt auch keinen Opfersinn, ihr seid hart, gerade so hart wie die abwesenden Gemeindeglieder.

Wißt ihr denn nicht, meine lieben leeren Bänke, daß ihr euren Hirten in Gefahr und Versuchung bringt? Ihr brecht ihm Bein und Arm. Was nützt es ihm, von Gott Kraft zu erbitten. das Beste zu predigen. wenn er euch immer starr und leblos vor sich hat! Ist es ein Wunder, daß sein Eifer schließlich erstarrte?

Aber auch die Getreuen bringt ihr in Gefahr. Ihr raubt ihnen die Freude und dämpft ihnen den Eifer. Um euretwillen fällt es ihnen schwer, den einsamen Weg zum Gotteshaus zu gehen. Euer trauriges Beispiel droht sogar die Getreuesten um den Glauben an die Macht des Evangeliums zu bringen und am Sieg Gottes irre zu werden.

Meine lieben leeren Bänke, wenn ihr nur wüßtet, wieviel Wasser ihr den Mühlen des Unglaubens zuführt. Mein innigstes Gebet und meines Herzens tiefster Wunsch ist, daß ihr künftig keine leeren Bänke mehr seid. Wie groß wäre meine Freude, wenn ihr angefüllt wäret mit Menschen, die nach dem Heil Gottes hungern und dürsten.

Sollte mein Gebet aber nicht in Erfüllung gehen, so bliebe mir wenigstens die feste Zuversicht. dermal einst eingehen zu dürfen in meines Herrn Reich, wo meine Freude ungetrübt sein wird, weil dort oben keine leeren Bänke mehr sein werden.“ (Verfasser unbekannt).

 

Letztes Mal waren es acht

 Sicher: ich kenne Städte und weiß von Dörfern, in denen die Kirchen gefüllt sind, gefüllter als bei uns. Aber auch in diesen Kirchen hatte ich oft das Gefühl, daß nichts „geschieht“. Auch dort war Leere - Leere, wie hier in R.

So schreibe ich, was ich sehe und sah. Und weiß, daß eine Wand uns trennt. Eine Wand zu denen. die „draußen“ sind. Aber auch eine Wand zu denen, die zu uns kommen, jeden Sonntag neu. Letztes Mal waren es acht. Werden es morgen die gleichen sein?

„ Furcht ist nicht in der Liebe ...“ Auf den ersten neun Bänken saß am letzten Sonntag kein Mensch. Nur hinten saßen auf der linken Seite vier, und auf der rechten drei. Bernt saß oben neben der Orgel. Die anderen waren nicht zu sehen. Nach dem Gottesdienst gab es zwei Taufen. „Ich glaube an Gott den Vater ...“ Dreimal habe ich diese Worte am letzten Sonntag gesprochen, denn am Nachmittag mußte ich E. im Nebendorf vertreten. „Ich glaube an Gott den Vater ...“

Wenn Anna nicht wäre, würde ich gehen. Man hält diese Leere auf die Dauer nicht aus. Wer braucht mich denn? Wenn einmal jemand an meiner Tür klingelt, ist es ein Mensch, der Geld verlangt. Aber auch dieser Mensch ist nicht aus meiner Gemeinde. Und sonst? Natürlich, die Anmeldungen zu Taufe, Trauung und Begräbnis. Sie kommen und sind verlegen. Und ich bin es auch. Was soll ich ihnen sagen? Ich kenne sie ja nicht.

„Herr Amtsbruder, verlieren Sie nicht den Mut. Uns allen geht es so!“ sagte neulich E. zu mir. E. ist alt. Und es sollte heißen: Man gewöhnt sich daran. Aber gerade das möchte ich nicht. Ich weiß: nicht die Zahl ist entscheidend, ich weiß. „Wenn zwei oder drei in meinem Namen ...“.  Zwei oder drei.

Aber waren es letzten Sonntag so viele? Wissen denn die, die kommen, noch, was hier geschieht? Im Hause Gottes! Die ersten neun Bänke in diesem „Hause Gottes“ waren leer. Und erst ganz hinten saßen sie: die vier Frauen, drei Männer und -Bernt. Ganz vereinzelt saßen sie da. Vereinsamt. Fast vom Raum verschluckt. Und meine Stimme hallte in diesem Raum und war sicher von ihnen kaum zu verstehen. Wände. Die Holzdecke und das Kreuz. Ich habe zwischendurch unwillkürlich immer wieder auf das Kreuz geschaut, als wollte ich mich vergewissern, ob wenigstens Er noch da ist.

Bernt kommt nur meinetwegen, ich weiß. Damals habe ich ihm geholfen, damals, als es „geschah“. Er tat mir leid. Und einer mußte ihnen ja helfen. Ob sie jetzt heiraten werden? Mit siebzehn Jahren schon Mutter? Es wird nicht leicht für sie beide sein. Ja, Bernt kommt nur meinetwegen. Er schämt sich noch. „Furcht ist nicht in der Liebe . ..“ Was werde ich ihnen morgen sagen?

Eigentlich hatte ich mir alles damals ganz anders vorgestellt. Berufen! Berufen zu einem Dienst. Zum Dienst für Gott. Für Gott und - die Menschen.

Man sollte die Kirchen schließen. Ein Jahr lang. Meinetwegen auch nur ein halbes. Aber man sollte die Kirchen schließen. Kein Gottesdienst mehr. Kein Glockengeläut. Kein Begräbnis, keine Taufe, keine Trauung: „Wegen mangelnder Beteiligung bleibt die Kirche bis auf weiteres geschlossen.“ Würden sie aufwachen? Einige vielleicht. Und die anderen?

a, man sollte die Kirchen wirklich für einige Zeit schließen. Statt dessen bauen wir neue. Für wen? Warum? Zur Ehre Gottes, zur Ehre des jeweiligen Pfarrers, damit er der Leere in sich entfliehen kann? Ich  las neulich den Satz: „Man hat eine Kirche gebaut, statt eine Gemeinschaft zu erwecken.“ Das ist es.

Das letzte Mal waren es acht. Wo bleibt die „Ehre Gotte“? Man sollte in Zukunft die Pfarrer nicht nur Theologie studieren lassen, sondern auch Architektur und Statik. Man sollte sie als Grundstücksmakler ausbilden. Auf die Handelsschule schick mit Schreibmaschine, Steno und Schriftverkehr: „Sehr verehrter Herr Oberkirchenrat, Doktor und Sachverständiger. Laut Paragraph soundso viel habe ich mir erlaubt, die Kirche zu schließen, denn beschlußunfähig ist, wenn weniger als ... !“

Das Steinmetzhandwerk sollten die Pfarrer erlernen, damit sie selber die Kreuze auf dem Friedhof wieder aufrichten können, denn wenn die Kreuze eines Tages umfallen, weil keiner mehr für ihre Instandhaltung sorgt, ist der Pfarrer dran schuld. Man sollte die Pfarrer in Zukunft zu Werbefachleuten in die Lehre schicken, bevor sie eine Gemeinde übernehmen, vielleicht wird ihr Amt dann anziehender, oder zu einem Pantomimen, damit er sie die Kunst des Schweigens lehrt.

Anna schläft. Und ich sitze vor meiner Predigt und weiß nicht, was ich ihnen morgen sagen soll. Dreitausend und mehr zahlen monatlich ihre Kirchensteuer. Einige von ihnen begegnen mir täglich. Und sie grüßen mich, denn ich bin ihnen „nicht unsympathisch“. Nur gleichgültig bin ich ihnen. Sie haben nichts gegen mich. Sie verstehen: auch ein Pfarrer will leben. Oh, die Menschen sind heute sehr tolerant. Auch dem Pfarrer gegenüber.

Natürlich sagen sie: „Eigentlich ist es nicht recht, daß die Pfarrer so viel verdienen. Aber wenn sie uns dafür in Ruhe lassen - sollen sie. Ja, die Pfarrer haben es gut. Einmal in der Woche Dienst, und in der Woche frei, die paar Besuche ausgenommen. Besuche! Mich hat er noch niemals besucht, obwohl ich schon sechs Jahre in diesem Ort wohne. Na, ja, er ist auch nur ein Mensch, aber kein besserer als wir.“

Damals hatte Anna gesagt: „Es gibt keinen, freieren Beruf, als den eines Pfarrers. Weißt du, ich freue mich, wenn wir erst eine Gemeinde haben.“ Und ich hatte genickt. Und gedacht wie sie.

Der Graben ist zu weit. Sie haben nichts gegen uns, aber wir sind ihnen gleichgültig. Ein notwendiges Requisit bei Familienfesten. Die Kirche eine Attrappe. Der Pfarrer ein Statist, der die Stichworte gibt. Aber die Szene - die Szene spielt sich auf einem ganz anderen Boden ab.

Sie glauben nicht mehr, weil auch uns der Glaube mangelt. Auch wir glauben, wie sie. oft nur noch an die Zahl, an den Erfolg, an den Grad unserer Beliebtheit.

„Ich glaube an Gott den Vater ...“. Wenn man es jeden Sonntag dreimal vorzusprechen hat, beginnt man zu leiern. Und die gekommen sind, merken es und - leiern mit. „Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben ...“ Und sie denken dabei: heute nachmittag kommt Onkel Karl. Hoffentlich ist der Kuchen gelungen.

Früher saß Anna immer in der vordersten Reihe. Aber nun fehlt auch sie. Ob sie es nicht erträgt, daß ich „erfolglos“ bin? „Es trifft mich nicht“, habe ich ihr gesagt. Und sie hat mich angesehen und geschwiegen. Sie wußte, daß ich nicht die Wahrheit sprach.

Morgen muß ich noch den Fragebogen beantworten. Übermorgen kommt Fritz Reymann mit Braut. Und am nächsten Sonntag sind in R. wieder vier Taufen. Ich kenne die Eltern noch nicht. Sie kommen nie in die Kirche. Aber das Kind soll „christlich“ erzogen werden. Austreten kann es später immer noch, wenn die Zeiten sich wieder ändern. Herr Pfarrer, Sie müssen es verstehen ... Ich verstehe. Natürlich werde ich das Kind taufen. Alle tun es ja. Beyer! Ich muß ihn besuchen, bevor er stirbt. Nur die Sterbenden warten auf uns, aber auch nicht alle.

„Furcht ist nicht in der Liebe ..“

Eben kommen sie aus der Spätvorstellung. Ob auch in diesem Film wieder ein Pfarrer vorkam? Neben anderen Uniformträgern trat auch der Pfarrer auf. Ist es das? Nein. Aber warum sehnen sich dann die Menschen im Film nach einem Pfarrer und im Leben nicht? In den Filmen sind die Kirchen meist voll. Und die Orgel spielt dort so schön, wie sie im normalen Gemeindeleben nie gespielt wird. Letztes Mal haben außer mir nur drei mitgesungen, und dabei hatte ich nur bekannte Lieder ausgesucht.   Ich werde ihnen morgen den Predigttext vorlesen - und dann von der Kanzel steigen, ohne ein Wort zu sagen. Vielleicht sollten wir überhaupt weniger predigen und dafür mehr beten?

Anna schläft. Heute hat sie sich wieder über mich geärgert. weil ich zu Brunner gegangen bin. „Mußte denn das sein?“ hat sie mich gefragt. „Für andere hast du immer Zeit - und für mich?"

Vielleicht hätten wir nicht heiraten sollen. Sie ist enttäuscht, weil hier meine Gaben „verkümmern“. Meine Gaben!

Ich müßte E. einmal fragen, ob es ihm auch so geht. Ich kann oft nicht mehr beten. Immer wieder schieben sich andere Bilder dazwischen. Und dann gebe ich es auf. Trotzdem glaube ich an Gott. An Christus und die Kirche. Aber wider alle Vernunft. Wider alles Wissen. Wider meinen Willen. Ist das gerade - Glaube?

Anna schläft. Ich werde Anna bitten. daß sie morgen mitkommt und für mich betet. Letztes Mal waren es acht. Und wenn Anna morgen kommt, werden es vielleicht neun sein. Oder vielleicht sogar mehr. Oder auch weniger. Komisch. Eben stellte ich mir vor, daß ich die Gemeinde verlassen muß. Und da überfiel mich ein Gefühl unsagbarer Trauer. Liebe ich diese Gemeinde denn? (Krister Filaretow).

[Hier schreibt ein Pfarrer einer gleichgültigen, ganz der Kirche abgewandten Gemeinde, die zwar noch Kirchensteuer bezahlt, die Amtshandlungen verlangt, aber sonst praktisch ohne Kirche lebt. Können wir diesen Pfarrer verstehen? Ist es in der Gemeinde, in der wir leben, anders? Was könnten wir als Gemeindeglieder tun, daß neues Leben bei uns in der Kirche wach wird? Was müßte in unserer Volkskirche anders werden? Was dürfte nicht verändert werden? Zu diesen und ähnlichen Fragen soll diese „Beichte eines Pfarrers“ anregen].

 

Der Pfarrer mit der schwarzen Nase

Ganz wider Erwarten war an diesem Sonntag die Kirche gut besetzt. Es waren auch die einmal da, die sonst nicht kommen. Leute vom Kirchenvorstand und auch junge Leute. Mädchen mit blonden Zöpfen, Burschen in Niethosen und mit langen Haaren. Viele alte Leute. Aber irgendwie war es an diesem Sonntag anders als sonst. Es fehlte die gewohnte Stille während des Gottesdienstes. Auf den hinteren Bänken wurde gekichert und getuschelt.

Gewiß, Gottesdienste sind keine Trauerfeiern, sondern festliche Stunden der Freude. Der Pfarrer jedoch schien an diesem Tag etwas nervös zu sein. Nicht, daß er ein engherziger Mann war. Ganz und gar nicht. Man sah ihn im Alltag auch mit derben Manchesterhosen und Rollkragenpulli. Doch diesmal machte er ein merkwürdiges Gesicht. Irgend etwas stimmte nicht. Die Leute sahen ihn so überfreundlich an und lächelten verschmitzt. Es schien, daß einige sogar über ihn lachten. Aber er konnte sich keinen Grund denken.

Wie hätte er es auch wissen sollen! Er konnte doch nicht sehen, woran sich die anderen offensichtlich ergötzten. Er hatte eine schwarze Nase. Der Pfarrer mit der schwarzen Nase - so etwas kommt nicht alle Tage vor.

Und die Leute machten sich auch. ihre Gedanken. Mußte er vielleicht noch vor dem Gottesdienst die Schuhe seiner Familie putzen und hat die Schuhcreme an die falsche Stelle gebracht? Oder hatte er das falsche Taschentuch, das er wochentags benutzte, wenn er im Kirchengrundstück arbeitete? Wer weiß! Einige ihm wohlwollend gesinnte Leute versuchten, ihn auf seinen ungewöhnlichen Teint aufmerksam zu machen, aber er schaute sie nur fragend an. Auch seine Frau gestikulierte mit ihren Händen und wischte sich eifrig die Nase, um ihren Mann an seine Nase zu erinnern. An diesem Sonntag hatten die Leute auf ihrem Heimweg vom Gottesdienst angeregte Gespräche. Manche hörte man laut lachen. Das war schon eine Sensation für das ganze Dorf: Der Pfarrer hat mit einer schwarzen Nase gepredigt.

 Seine Frau war sofort nach dem Gottesdienst in die Sakristei geeilt und hatte ihrem Mann „die Nase geputzt“. Man hörte die beiden lachen. Wie gut ist es, wenn Pfarrer über sich selbst lachen können!

Da sich in einem Dorf herumspricht, was in einem Pfarrhaus so vor sich geht, hatte es sich auch herumgesprochen, wie der Pfarrer zu seiner schwarzen Nase gekommen war. Er war am Samstagabend spät von einer Dienstreise zurückgekommen und hatte am Sonntagmorgen die Kirche geheizt und außerdem noch schnell den Gartenweg gekehrt, der durch den Friedhof zur Kirche führte. Dabei hatte er sich schmutzig gemacht. Es blieb vor dem Gottesdienst nur noch Zeit, sich die Hände zu waschen und den Talar anzuziehen.

In den Häusern wurde die ganze Woche über die Sache diskutiert. Die einen meinten, daß es schon recht sei, wenn Pfarrer nicht nur predigen, sondern sich auch. ums Kirchengrundstück kümmern. Schließlich habe der Pfarrer doch genug Zeit: Und außerdem tut Bewegung gut.

Andere meinten, daß man in einer Gemeinde wie dieser solche Arbeiten dem Pfarrer abnehmen sollte. Es gäbe genug junge Leute mit kräftigen Händen. Die schwarze Nase des Pfarrers, so lächerlich sie auch in dem Gesicht des geistlichen Herrn aussah, war doch für viele Gemeindeglieder zu einer ernsten, nachdenkenswerten Sache geworden.

Als der Pfarrer am anderen Sonntag die Kirche heizen wollte, war bereits Feuer im Ofen und der Gartenweg war sauber gekehrt. Die alte Dame, die immer eine Stunde vor dem Gottesdienst kam, erzählte dem Pfarrer, ein älterer Mann und drei junge Leute wären dagewesen und vor etwa zehn Minuten wieder gegangen. Als der Pfarrer dann am Altar stand und seine Gemeinde begrüßte, mußte er lächeln, denn auf der Empore saß einer seiner treuesten Kirchenältesten und hatte eine schwarze Nase (Herbert Götz)

 

Einmal - und nicht wieder?

Nun sind aus vielen Gemeinden die Busse wieder unterwegs. Ob Großmütterchenkreis, Frauenhilfe, Männerkreis oder Junge Gemeinde, sie fahren hin und her durchs Land. Ich wollte in diesem Jahr von einer Ausfahrt mit der Frauenhilfe absehen. Es gibt kaum eine Kirche mit bedeutendem Schnitz-. oder Flügelaltar, noch berühmte Museen und Gedenkstätten in unserer Umgebung, die wir auf unseren Ausfahrten noch nicht kennengelernt haben. Aber das ist nicht der eigentliche Grund meiner Passivität. Die Fahrt im letzten Jahr war zu aufregend.

  Es begann schon am Abend zuvor. Wir waren bereits zu Bett gegangen, als es klingelte. Eine Konfirmandin fragte, ob ihre Patentante noch mitfahren könne, sie sei überraschend zu Besuch gekommen. Meine Frau, die nochmals aufgestanden war. sagte zu, ohne daran zu denken, daß der Bus schon voll ausgebucht war.

Zur angesetzten Abfahrtszeit war der Bus nicht da. Erste Nervenprobe! Nach zwanzig Minuten kam er. Der Fahrer begrüßte mich mit dem Zuruf, ich könne von Glück sagen, daß er da sei. Motorschaden.! Sie hätten es aber schnell reparieren können. Beim Einsteigen begann der Kampf um die Plätze, die einen wollten ans Fenster, die anderen nach vorn, um besser Luft zu kriegen. Zweite Nervenprobe!

Zuerst fuhren wir zur Kirche nach Kronhausen. Dort wurde uns die Morgenandacht gehalten. Beim Aussteigen war es einer Teilnehmerin bereits übel.   Dann ging es nach Wintersgrün zum Besuch der Gedenkstätte eines bedeutenden Heimatforschers. Die Frauen schien aber die Gedenkstätte weniger zu interessieren als ein anderer Ort. Der Morgenkaffee tat seine Wirkung! Haben Sie schon einmal erlebt, wenn sich über dreißig Frauen für etwas anderes mehr interessieren als für eine Gedenkstätte? Nervenprobe, sage ich Ihnen!

Zu Mittag waren wir auf der Michelsburg. Das Essen war gut, die Aussicht auch. Am Nachmittag besichtigten wir ein Heim der Inneren Mission in Korbfeld. Es hat die Frauen sehr

interessiert. An das Heim schließt sich ein herrlicher Park. Ich wollte gern darin spazierengehen, aber die Frauen wollten unbedingt noch ins Stadtzentrum, um einzukaufen.

Als alles im Bus saß, fehlte jemand. Haben Sie schon e:innal in einer fremden Stadt eine Person gesucht, die sich verlaufen hat? Große Nervenprobe! Und ich hatte beim Verlassen des Busses eindringlich gesagt: Merkt euch, wir stehen am Richard-Wagner-Platz. Sie hatte wohl die Götterdämmerung noch nicht in der Oper gesehen, sonst hätte es ihr gedämmert und Richard Wagner wäre ihr eingefallen. Nach einer halben Stunde fanden wir sie. Sie war glücklich - wir auch!

Am Abend fuhren wir in unsere Universitätsstadt. Auf dem Land grafen hatte ich das Abendbrot bestellt, zwei Tage davor aber den telefonischen Anruf erhalten, sie; müßten wegen Umbau schließen. Die kalten Platten seien im Lokal auf dem Forst bestellt. Als wir nach der Abendandacht aus der Schillerkirche kamen, regnete es in Strömen. Da der Bus nur bis zum Fuß des Berges fahren konnte, wandten zwei Teilnehmerinnen ein, sie könnten den Berg hinauf nicht schaffen. In  der Gaststätte einer Gartenkolonie brachte ich sie unter. Wieviel Nerven es kostete, bis ich alle Frauen oben hatte, ist kaum zu schildern.

Wenig später erschien der Busfahrer und meldete freudestrahlend, er stehe auf gleicher Höhe, nur zehn Minuten Fußweg entfernt. Allerdings habe er einen weiten Umweg durchs Mühltal machen müssen. Und die beiden Frauen in der Laubenkolonie? Wir mußten dennoch zurückfahren. Als ich sie abholte. saßen sie mit aufgespanntem Regenschirm unter einem großen Kirschbaum. Der Gastwirt hatte sein Lokal um 21 Uhr geschlossen, da keine weiteren Gäste da waren. Das letzte Stück der Fahrt verlief ohne Nervenprobe!

Mir hat es gereicht, den Frauen nicht. Sie wollen in diesem Jahr wieder ausfahren. Es sei doch eine so schöne, abwechslungsreiche Fahrt gewesen.

 

Phantasien eines geplagten Dorfpfarrers

Der Pfarrer hatte soeben die fünf Besucher seines sonntäglichen Nachmittagsgottesdienstes verabschiedet. Auch der dritte Dienst lag nun hinter ihm. Der Tag hatte ihn müde gemacht, und er war mit sich, mit Gott und der Welt unzufrieden. Nach einer Autofahrt von mehr als 40 Kilometern, dreimaligem Singen, mit dem er auch den kranken Organisten ersetzen mußte, den Gebeten und, den Predigten, für die es von einem Mal zum andern schwerer wurde, sich innerlich zu sammeln - nach alledem hatte er nicht mehr als 15 Christenmenschen erreicht. Das Ergebnis dieser Mühen erschien ihm geradezu lächerlich gering. Ein Tag Arbeit und Hetzen und eine Kollekte von 15,50 Mark.

Sicher, so durfte man das nicht sehen, und seine Predigt hatte auch sehr viel hoffnungsvoller geklungen. Doch das Gottvertrauen, das er seinen Gemeindegliedern soeben noch ans Herz gelegt hatte, konnte er zu dieser Minute in sich selbst nicht finden. Unser Pfarrer tat sich leid. Er war frustriert.

Wer brachte denn Verständnis auf für die Mühe, die er sich jeden Sonntag gab? Die Leute klagten, wie leer die Kirchen wären, und gingen selber nicht hinein. Und dazu durfte er sich auch noch den Spruch anhören: „In der Woche Pfarrer und am Sonntag Lehrer, so könnte man's aushalten.“

„Herr Gott“, sagte sich der geplagte Mann, als er die Kirchentüren schloß, „warum versteht niemand die Sorgen eines Dorfpastors?“ Er ging zurück in das Kirchenschiff und setzte sich noch einmal in eine der leeren Bänke. Da schreibt man stundenlang an der Predigt, da denkt man sich in die Köpfe der Hörer hinein, und dann sitzen fünf alte und schwerhörige Frauen unter der Kanzel! Der Pfarrer stützte sein sorgenvolles Haupt mit beiden Händen. Vielleicht mochten ihn die Leute nicht leiden? Selbstmitleid, Enttäuschung und Müdigkeit ließen ihm die Augenlider bleiern schwer werden, so schwer, wie ihm das Pfarrerleben selbst erschien.

 

Wer weiß, wie lange er schon so gedankenverloren gesessen hatte. als er eine seltsam schmeichelnde Stimme neben sich vernahm. Es war die weiche Stimme einer Frau, die zu ihm sprach, als tröstete sie ein kleines Kind. „Ach, mein lieber Herr Pfarrer, warum sind Sie nur so deprimiert? Die Leute verstehen Sie eben nicht. An Ihrer Predigt war heute doch wirklich alles dran. Wenn Sie mich fragen, Perlen vor die Säue geworfen. Sie trifft gewiß keine Schuld! Mehr können Sie nicht tun. Aber wer dankt es Ihnen?“

Diese Worte gingen dem traurigen Dorfpfarrer wie Öl ein. Doch wer vermochte ihm so tief ins Herz zu blicken? Er sah auf und erschrak nicht wenig, als da eine mehr als altmodisch, ja eine mittelalterlich gekleidete Dame neben ihm stand und ihn huldvoll anlächelte. Oder lachte sie ihn aus? Unser Pfarrer konnte sich keine Klarheit darüber verschaffen. Denn noch undurchsichtiger als dieses Lächeln war ja die Frau selber, wie sie so unwirklich neben ihm stand.

Das Gesicht mußte ihm ganz blaß geworden sein. Sie bemerkte sein Erstaunen und sagte wie selbstverständlich: „Ich bin Emilia, die Amtsfrau. Sie kennen mich doch. Dort oben!“ Sie wies mit ihrer schmalen Hand in den Altarraum, „dort oben neben der Kanzel auf dem Grabstein die Figur da, das bin ich. Glauben Sie mir nur. Ich stehe dort schon ziemlich lange und mochte die Leute, die hier zur Kirche gehen, noch nie leiden. Auch nicht, als vor Zeiten die Gottesdienste noch voller waren."

Was nutzte nun unserem Pfarrer seine ganze moderne Erziehung, die die Existenz von Geistern ja noch nicht einmal in Erwägung zog. Sie stand einfach da, die schöne Amtsfrau Emilia, die schon vor 497 Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, am hellichten Sonntagnachmittag. Mit etwas größerem Mut hätte er ihr faltenreiches Gewand berühren können. Doch er fühlte gar keine Neigung, sich letzte Gewißheit über diesen Spuk zu verschaffen. Im Grunde wollte der Pfarrer die Erscheinung gar nicht wieder fortzweifeln. Denn wenigstens sie schien Verständnis zu besitzen für alle seine Nöte.

Darum bemühte er sich um Unbefangenheit und setzte seine Worte so, wie er es einer adligen Amtsfrau schuldig zu sein glaubte. „Meine gnädige Frau Emilia, wenn ich mir die Ehre dieses Gesprächs auch ganz und gar nicht zu erklären vermag, verraten Ihre Worte doch, daß Sie allerhand von meinem Beruf verstehen. Die vergangenen Jahrhunderte, die Sie unter jener Kanzel zubrachten, haben Sie gewiß so manches über unseren geistlichen Stand gelehrt.“

„Das können Sie laut sagen“, antwortete die Amtsfrau in einem Ton, der ganz und gar nicht zu der vornehmen Ansprache passen wollte, „es gibt aber noch andere Gründe, weshalb mir alles in dieser Dorfkirche zuwider ist. Gründe, von denen ich lieber nicht sprechen will.“ Dem Pfarrer stieg ein schwefliger Geruch in die Nase, der ihn aber an nichts Böses erinnerte. Vielmehr war er froh, endlich eine verständnisvolle Zuhörerin gefunden zu haben, und begann, sein Herz auszuschütten „Ach, wissen Sie, die Leute von heute ahnen ja nichts davon, was ein Dorfpfarrer alles leisten muß.“

Emilia rümpfte nur ihre kecke Nase, doch gab sie sich keine Mühe. das Mißverständnis aufzuklären Schon zu Lebzeiten hielt sie alle Frömmigkeit für Humbug und war nicht umsonst dazu verdammt, gerade durch eine Dorfkirche zu geistern. „Ja, ja“, sagte sie nur, „die Menschheit taugt nichts mehr.“

Das ging unserem Pfarrer aber doch etwas zu weit. „Nein, das will Ich noch nicht einmal behaupten“, milderte er ihr scharfes Urteil ab. „Die Leute stehen heutzutage derart im Streß. Die haben es gar nicht so einfach mit der Kirche. Und wie die Heiligen lebten die Christen noch nie. Schon immer waren sie auf Gottes Gnade angewiesen.“

 Auf solche theologischen Einsichten hatte es die schöne Amtsfrau gar nicht angelegt. Sie sah gelangweilt aus einem der Kirchenfenster. Ohne es zu bemerken, sprach der Pfarrer weiter: „Schon immer waren die einen auf der Suche und gingen die anderen achtlos an ihrem Herrn vorüber. Heute aber ist es leider zur Mode geworden, daß man sich für einen Christen hält, ohne sich im geringsten um die Kirche zu kümmern. Ich frage mich manchmal, wozu sie uns Pfarrer eigentlich noch brauchen, wenn nicht gerade eine Beerdigung ansteht.“

Dieser trübsinnige Satz schien Emilia nun wieder zu gefallen. „Ja, ja, mein lieber Herr Pfarrer, zu meiner Zeit verkörperte die hohe Geistlichkeit noch Autorität. Da stellte der Pfarrer im Dorf noch etwas dar. Jedermann zog vor ihm den Hut, und weder in der Kirche noch in der Konfirmandenstunde wagte sich einer zu muksen.“

Damit war Emilia schon wieder auf einen Punkt gestoßen, der unserem Pfarrer so manche schlaflose Stunde bereitet hatte: der wöchentliche Ärger mit seinen Konfirmanden. „Da ist schon etwas dran, Frau Amtsmännin. Mehr Disziplin wäre schon sehr wünschenswert, doch wenn man die Jungen und Mädchen einzeln vor sich hat, dann kommt man gut mit ihnen aus. Und Respekt vor dem Pfarramt haben die Leute heute auch noch, so schlecht sind die Zeiten doch nicht.“

„Ja, aber in den Gottesdienst gehen Ihre lieben Jungen und Mädchen samt deren Eltern nicht hinein. Da können Sie noch so viel studiert haben und die klügsten Dinge von der Kanzel hinunterpredigen. Sie tun mir richtig leid.“

„Ach ja...“ seufzte der Pfarrer und dachte wieder an die fünf schwerhörigen Frauen und die weite Autofahrt und die Mühseligkeit seines Pfarreralltags. Schon hatte er den Anflug von Verständnis und Selbstvertrauen, der soeben gegen die verdammenden Reden der Spukgestalt in ihm aufgestiegen war, vergessen. Er sah sich in seinem schwarzen Talar ganz allein mitten in einer leuchtend bunten Menschenmasse stehen, die achtlos an ihm vorüberzog.

„Herr Pfarrer!“ rief wieder eine Stimme hinter ihm, und er meinte, es wäre Emilia, die noch größere Sorgen auf sein Haupt laden wollte. „Herr Pfarrer!“ Diese Stimme klang ganz anders. Er schlug die Augen auf und richtete sich auf. Was war los? Er hatte wohl geschlafen. Sein erster Blick ging nach der Grabplatte neben der Kanzel. Das Relief der schönen Emilia stand wieder an seinem Platz, doch es schien spöttisch zu lächeln. Er rieb sich die Augen. Was für ein seltsamer Traum!

„Herr Pfarrer“, rief es wieder. Das also hatte er nicht geträumt. Dicht hinter ihm stand ein junges Ehepaar. Der Mann hielt einen Säugling in den Armen. „Guten Tag, wir wollten Sie nicht stören.“ Die junge Frau schmunzelte. „Es geht uns um die Taufe unseres Sohnes Christian. Man sagte uns, Sie seien noch in der Kirche“.  „So, so“. Dieser Stimmungswechsel kam zu plötzlich über unseren Pfarrer. Er stand verdutzt vor den jungen Leuten. Die Frau aber, in der er jetzt eine ehemalige Konfirmandin erkannte, ließ keine peinliche Stille aufkommen. „Wissen Sie, wir wollen unser Kind doch nicht wie einen Heiden aufwachsen lassen. Wir sind beide in der Kirche, und damals bei Ihnen im Unterricht war es immer schön und lustig. Ich verstehe leider erst heute manches von dem, was Sie uns damals erzählten. Dir geht es doch auch so?“ Der Mann nickte nur, denn zu Worte wäre er sowieso nicht gekommen. „Wissen Sie, Herr Pfarrer, so ein Kind wie unser Christian braucht etwas Festes im Leben, an das er sich halten kann. Nicht wahr?“ Der Ehemann nickte wieder. „Ich muß ja zugeben, daß wir lange nicht mehr in der Kirche waren, aber beten tue ich jeden Tag. Immer im Stillen und wenn die Glocken läuten. Da laß ich mich von niemand irre machen. Ich sage immer: Gut, daß noch eine Kirche im Dorf steht! Und wenn mal hier was los ist. dann kommen wir auch, darauf können Sie sich verlassen!“

Den kurzen Moment, den die junge Mutter zum Atemholen nötig hatte, nutzte der Mann, um seiner Frau ins Wort zu fallen. „Ich denke, das interessiert den Herrn Pfarrer jetzt gar nicht. Er weiß doch selbst am besten, wie wichtig die Kirche ist. Es geht uns ja nur um den Termin, und wann wir uns noch einmal sprechen können.“

Der Pfarrer hatte sich diese Flut von Worten schweigend angehört. Gerade dieses Mädchen, das ihm als schwatzhafteste Konfirmandin ihres Jahrganges in unrühmlicher Erinnerung geblieben war, hatte ihm eben neuen Mut gegeben.

Nachdem er mit dem Elternpaar alles Nötige besprochen hatte, ging er wieder in die Kirche und blieb vor dem ominösen Grabstein stehen. Er begann zu lachen, ganz leise natürlich. Diese Frau mit ihren überheblich spöttischen Mundwinkeln hatte seinem Gefühl nach noch nie in den Altarraum gepaßt. Doch wie manche andere Anfechtung gehörte wohl auch sie in diese Kirche hinein. Trotzdem blieb es ein Haus Gottes, und er selber blieb sein Diener, der manch­mal erleben durfte, daß seine Mühe nicht umsonst war (Andreas Müller).

 

 

Wie fromm müssen Mitarbeiter der Kirche sein?

1. Die wieder erlaubte Frömmigkeit

Man darf wieder von der Frömmigkeit sprechen. Mindestens die Sache wird von vielen wieder als Wert begriffen, wenngleich sie sich des Begriffs nicht so sicher sind und lieber das Fremdwort „Spiritualität“ wählen. Dieser Einstellungswandel ist in unserem protestantischen Raum einmal theologisch nicht selbstverständlich. Denn zu den ursprünglichen Intentionen reformatorischer Theologie gehörte der Kampf gegen fromme Bräuche und Einstellungen, die für Luther und die Reformatoren das Evangelium von der freien Gnade Gottes zu verdrängen und zu ersetzen drohten. Nicht zuletzt aus dem Protest gegen Frömmigkeit, freilich gegen eine spezifisch geprägte und zwanghaft praktizierte, entwickelte sich die Reformation. Auch wenn dieser Protest nur einer bestimmten Art religiöser Praxis und ihrer fragwürdigen theologischen Einstufung galt (Ablaßwesen, Heiligenverehrung usw.) und auch wenn die Reformation ihrerseits eine eigene Art von Frömmigkeit selbst begründet und entwickelt hat, so hat doch das ursprüngliche frömmigkeitskritische Motiv die protestantische Theologie und Kirche deutlich geprägt. Die nicht unberechtigte Angst, durch Thematisierung des Subjektiven, der Frömmigkeitspraxis des Menschen, durch Beachtung der subjektiven religiösen Erfahrung könne die Theologie ihr eigentliches Thema vergessen und die Kirche ihren eigentlichen objektiv-göttlichen Auftrag verraten, blieb lange Zeit und immer wieder maßgeblich. Äußere-religiöse Vollzüge galten mindestens als weniger bedeutsam, wußte man doch, daß der Glaube tief im Inneren eines Menschen verborgen liegt. Eine evangelische Lehre vom geistlichen Leben hat sich so nie so recht entwickeln können und der Aufklärung, dem Rationalismus und den modernen Fortschrittsideologien fiel es so sehr leicht, die überlieferten Reste protestantischer spiritueller Praxis in den gottesdienstlichen Liturgien wie im privaten Alltag der Menschen nach und nach zu zersetzen und zu verdrängen.

Frömmigkeit ist ein wieder erlaubtes Thema. Auch sprachlich halte ich das für erstaunlich. Die Begriffe „fromm“ bzw. „Frömmigkeit“ sind in ihrer geschichtlichen und gegenwärtigen Bedeutung nicht eindeutig. „Fromm“ leitet sich vom althochdeutschen „fruma“ (Nutzen) und vom mittelhochdeutschen „vrum2 (nützlich, förderlich brauchbar) ab. Noch zur Zeit Schillers und Goethe konnte „fromm“ im moralischen Sinne gebraucht werden: ein frommer Mann war ein rechtschaffener, tapferer, ehrlicher, tüchtiger Mensch. In diesem Sinne hat Luther auch den Begriff in der Übersetzung der Bibel verwendet.

Aber nicht zuletzt dadurch, daß er „dikaios“ also einen nicht nur ethischen, sondern zugleich auch religiösen Begriff mit „fromm“ wiedergab („Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen“, Lk 23,4), nahm die Bezeichnung zunehmend eine religiöse Färbung an. Fromm sein bedeutete nun: gottesfürchtig (im ganzheitlichen religiösen und ethischen Sinn) leben. Zunehmend aber entfiel die ethische Bedeutung. Der Begriff wurde „entweltlicht“ (M. Seitz). Durch die pietistischen Einflüsse wurde er stärker mit intensiver religiöser Emotion beladen. Als die „entschieden Frommen“ das Wort für ihre religiöse Art okkupierten, gewann es bald einen absonderlichen Klang. E wurde gelegentlich zum Schimpfwort, das außer dem noch mit der Nebenbedeutung von „lamm fromm“ im Sinne von „gutmütig-dümmlich, genügsam, vertrauensselig“ belastet wurde. Am Ende dieser Entwicklung wird „fromm“ zu einer Bezeichnung für einen weltlosen Glauben, zu eine wenig ernstzunehmenden „konturlosen persönlichen Seelengestimmtheit“ einiger Außenseiter. Welche Begriffsbedeutung schwingt eigentlich mit bei unserem Thema?

Schleiermacher erhob die Frömmigkeit zur Basis seines ganzen dogmatischen Systems: „Das Gemeinsame aller noch so verschiedenen Äußerungen der Frömmigkeit ... ist dieses, daß wir uns als schlechthin abhängig oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewußt sind?“ Doch ist diese Definition nicht zu stark durch bürgerlich-idealistisches Denken und Empfinden geprägt, wenn Frömmigkeit allein als Kategorie des inneren „Bewußtsein“ und nicht auch als Bezeichnung für äußere Handlungen gebraucht wird?

 

2. Erwartungen an die pastorale Frömmigkeit

Sicher gibt es Menschen in unserem Lande, .die vom Pfarrer oder kirchlichen Mitarbeiter nichts erwarten. Sie haben zu Kirche, Gott und kirchlichen Amtsträgern so wenig Beziehung, daß sie weder (positive) Erwartungen noch (negative) Befürchtungen entwickeln. Dennoch fällt auf, daß in der literarisch-kulturellen Szene unseres Landes die Pfarrerfigur relativ häufig auftaucht. Sie findet starkes Interesse, obwohl Statistiken noch immer das Kleinerwerden der Gemeinden massiv belegen und obwohl immer weniger Menschen hierzulande eine aktive Beziehung zu Kirchgemeinden oder Pastoren unterhalten.

Was interessiert Schriftsteller, Filmemacher, Leser und Kinobesucher an der Pfarrerfigur? Will man wissen, welche theologischen Argumente er vorzubringen hat? Will man ein selten gewordenes Exemplar einer aussterbenden Gattung bewundern? Man kann vermuten, daß der Pfarrer gerade dadurch interessant wird, daß gelebter Glaube immer weniger „normal“, immer weniger fraglos-selbstverständlich wird, so daß Beispiele gelebten, in unserem Kontext praktizierten Glaubens plötzlich gefragt sind.

Einfache Gemeindeglieder sind ihrerseits eingebunden in viele Zwänge und Vollzüge des allgemeinen gesellschaftlichen Lebens. „Christliches“ ist an ihnen so nur schwerer auszumachen. So gerät der Pfarrer in den Blick. Er soll auch in der sozialistischen Gesellschaft Möglichkeiten realen praktizierten christlichen Glaubens vor Augen führen. Er fungiert - ziemlich zwangsläufig - nach außen hin als der Repräsentant von Religion und Kirche. Er wird nicht nur auf seine Argumente hin befragt, sondern ganzheitlich. Er soll mit seiner Person bezeugen, ob christlicher Glaube eine ernstzunehmende oder überflüssige, vielleicht sogar schädliche Art menschlicher Lebensverwirklichung in unserem Land ist.

Wie fromm soll der Pastor sein? Die Außenstehenden erwarten, daß er mit seinem ganzen Leben, mit seinem Verhalten anderen gegenüber, mit seinen Worten und Handlungen, mit seiner Art, die Kinder zu erziehen und seine Ehe zu gestalten, in seiner beruflichen und privaten Sphäre die Werte erkennen läßt, die Kirche, Religion und christlicher Glaube zu bieten haben. Sie erwarten von ihm, daß er fromm ist - und zwar im Sinne eines personhaften Erweises der Sinnhaftigkeit des christlichen Glaubens. Dabei interessiert es sie wohl wenig, daß die Erwartung theologisch nicht gerechtfertigt ist und psychisch gefährlich neurotisierend wirken kann.

Jede Gruppe neigt dazu, ihre Frömmigkeitsauffassung direkt auf den Pastor zu projizieren. Er soll möglichst dem entsprechen, wie man selbst empfindet, denkt oder glaubt. Oder genauer: Er soll die eigenen Glaubenskonzeptionen noch besser realisieren, als man es selbst konnte. Er soll die eigene Position als realisierbar und so als wahr erweisen. Man braucht ihn als Legitimationsfigur der eigenen Überzeugung, gerade weil man durch mancherlei Zweifel und Anfechtungen und durch das schizophrene Leben in den verschieden Rollen des Alltags das eigene System in Frage gestellt sieht. Viele Gemeindeglieder erwarten allerdings nicht, daß er ganz dem eigenen Frömmigkeitsmuster entspreche. Sie wissen, daß sich ihre Gemeinde aus sehr unterschiedlichen Gruppen zusammensetzt. Ihnen ist vor allem der Pfarrer ebenso als Integrationsfigur wichtig. Er soll die verschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen zusammenhalten. Er soll ihnen allen ein kritisches Gegenüber sein und zugleich ein verständnisvoller einfühlsamer Partner, der das nicht billig in Zweifel zieht, was Menschen heilig ist. Er darf anders denken, er darf  zumal wenn er wesentlich jünger ist - sich auch anders verhalten. Aber er darf nicht den Eindruck erwecken, er verachte die, die ihren Glauben formulieren und praktizieren als er selbst.

 

3. Frömmigkeit als pastorales Defizit

Ist der Pastor, ist der Mitarbeiter so fromm, wie es im Grunde doch alle erwarten: eine lebendige Beziehung zur Bibel, zu Gott, zum Gottesdienst? Die Innenwelt des Durchschnittspfarrers sieht anders aus... Nicht nur die Außenwelt, in der pastorale Praxis heute verläuft, ist säkularisiert. Auch im Inneren des pastoralen Bewußtseins hat sich die Plausibilität religiöser Lebens- und Deutemuster weitgehend aufgelöst. Familienannoncen aus dem Pfarrhaus beweisen: Auch dort verzichtet man zunehmend mehr auf religiöse Formeln bei der Bekanntgabe wichtiger Lebensereignisse. Der unterschiedliche Arbeitsrhythmus der Familienglieder läßt auch im Pfarrhaus kaum Raum für eine gemeinsame Andacht. Und ob die Pfarrer herkömmliche Frömmigkeitsübungen wie Bibellektüre, Gebet und Meditation regelmäßig praktizieren, dürfte weniger eine Frage der Zeit als der Einsicht in Sinn und Notwendigkeit solcher Übungen sein.

Zwar gibt es wieder andere, die verschiedene Andachtsformen oder Gottesdienste und Meditationen probiert haben und immer wieder probieren und die mit ihrer kreativen Spiritualität einverstanden sind. Aber die meisten leiden darunter, den Erwartungen von außen - und oft auch aus ihrem eigenen Herzen! - nur eine dürftige, angefochtene Frömmigkeit entgegensetzen zu können. Manche geben sich selbst die Schuld. Andere klagen über ihre durchlaufene, gerade im spirituellen Bereich vergebliche Ausbildung. Die tieferen Ursachen werden aber wohl eher in gesellschaftlichen und theologischen Zusammenhängen zu suchen sein:

-  in einer ausschließlich historisch-kritischen, in ihrer Wirkung vorwiegend distanzierenden Art des Umgangs mit der Bibel in der Theologie,

- in einem von der Ökonomie her beeinflußten funktionalistischen Denken, das für „Gottesdienst- „‚Andacht“ o. ä. keinen Raum läßt,

-  im religionskritischen Verdacht, nicht nur viele religiöse Ideen, sondern auch der christliche Glaube verdanke sich nicht der Offenbarung, sondern allein bestimmten gesellschaftlichen oder psychischen Prozessen.

-  im Tagesablauf, der von den Erfordernissen der modernen Industrie her konzipiert wird und der keine „heiligen Zeiten“ mehr kennt.

 

4. Christliche Frömmigkeit inmitten säkularer Alltagsrituale

Ein erster Weg: Die Arbeit als Sakrament

Wir alle kennen Menschen, die nicht aufhören können zu arbeiten. Oft stöhnen sie und reden von Streß. Aber sie wissen ihre Zeit eigentlich gar nicht anders zu füllen als mit Arbeit. Sie hat einen hohen Stellenwert erlangt. Der Mensch hat nicht die Arbeit, sondern die Arbeit hat den Menschen. „Sein Leben war nur Arbeit“, sagen die Angehörigen eines Verstorbenen, und sie meinen es überhaupt nicht kritisch. Arbeit hat hier mitunter schon einen Heilscharakter bekommen, arbeiten wird zu einem quasi sakramentalen Geschehen: Es geht um Kommunikation mit dem Herrn.

Auch Pastoren und manche Mitarbeiter gehen mitunter diesen Weg säkularer Ersatzfrömmigkeit. Freilich: Es gibt wirklich in jeder Gemeinde viel mehr zu tun, als man schaffen kann. Es gibt viele Zwänge: „Wenn man schon nicht will - man muß ja!“ Es ist ja auch alles wichtig - nicht nur um des Pastors willen, sondern auch um der Gemeinde willen, sogar um Gottes willen. Aber hintergründig spielt es eine Rolle, daß man im pastoralen Dienst kein vorzeigbares Produkt herstellt. Man kann wenig sichtbare Leistung abrechnen. Das Gefühl, immer im Dienst zu sein, bestimmte Rituale der Dauerbeschäftigung sind dann die einzige Basis, mit sich und seinem Beruf einverstanden sein zu können. Weder im alltäglichen Betrieb noch sonntags ist Zeit für einen „Sabbath“, an dem zu hören und der zu feiern wäre, der uns rechtfertigt allein aus Gnaden, nicht aufgrund unserer frommen oder sonstigen Arbeitsleistung.

Ein zweiter Weg: Die Ekstase der Freizeit

Gerade der von der Arbeit Enttäuschte sucht nun in der Freizeit Entschädigung. Im Konsumieren (oft nicht gerade knapp: von Alkohol), im manchmal wirklich ekstatischen Ausbruch aus den sonst so fest gebahnten Alltagsgleisen, zum Beispiel im Urlaub, am Wochenende, in der Familie, in vielfältigen Formen der  „Zerstreuung“ will man die sonst zu triste Realität vergessen und kompensieren. Man will seine Ruhe, seinen Spaß, seinen Rausch haben. „... die religiös-moralischen und gesellschaftlichen Lebensverheißungen, wie  „Lohn, Segen, Friede, Zufriedenheit, Freude, Ansehen, Heils- und Selbstgewißheit, Geliebt- und Gebrauchtwerden“ werden nun von der Freizeit erhofft und erwartet. Freizeit ist also mit Erwartungen nicht weniger überbesetzt als früher die Arbeitszeit. Das Verhältnis zu ihr wird „religiöser“, - sofern man nämlich unter „Religion“ eine individuelle und kollektive Sinnvergewisserung versteht. Und der Kampf ums Leben findet nun als Kampf ums Erleben in der Freizeit statt.. Der Zwang, der darin steckt, ist freilich nicht weniger unbarmherzig als der alte des Überlebens durch Arbeit.

Auch auf diesem Weg säkularer Ersatzfrömmigkeit finden sich Pastoren und Mitarbeiter wieder: Familienangehörige, vor allem der Ehepartner, sollen entlasten, entschädigen, sollen sich einem ungeteilt zuwenden, sollen stets faszinieren. Überzogene Erwartungen an den Partner führen manchmal dazu, dessen reale Möglichkeiten der Zuwendung und Liebe zu mißachten. Alkohol sorgt auch in manchen Pfarrhäusern nicht nur zum Heben einer festlichen Stimmung, sondern wird als Trostmittel regelmäßig konsumiert. Alles in allem bleibt wenig Raum, die Stimme dessen zu vernehmen und ihr zu antworten, der in seine „Ekstase der Nachfolge“ ruft - heraus aus ungesunden Überansprüchen an andere oder krankmachenden Heilserwartungen an materielle Dinge.

Ein dritter  Weg: Flucht nach „drüben“:

Viele versuchen einen Ausbruch aus dem Alltag des beruflichen und privaten Lebens, dem irgendwo auch pseudoreligiöse Dimension zukommt. Hier werden die „ganz anderen“ Verhältnisse schnell zum „gelobten Land“, zu einem Maßstab, der nicht mehr kritisiert wird und mit dem alles Hiesige und Bisherige gemessen wird. Und vielleicht sind wir gerade dadurch taub, den zu hören, der sein Heil eher an die Kleinen und an die Armen als an die Mächtigen und Reichen und die Gesetze ihres Lebens bindet.

Die Suche nach den angemessenen Formen heute darf sich nicht verselbständigen. Sie ist die Konsequenz eines persönlichen Engagements für brennende Themen und Inhalte unseres Lebens im Lichte des Glaubens. Spiritualität ohne Thema, auch wenn sie formal interessant erscheint, bedeutet wenig. „Wichtiger ... als zu wissen, wie man beten soll, ist zu wissen, wofür man beten soll. Anders ausgedrückt: Eine neue Spiritualität kann man nur versuchen, wenn man klare und eindeutige Lebensthemen und Lebensinhalte hat, für die es sich lohnt zu stehen. Es gibt aber eine Spiritualität, die sich mit den großen Themen des Lebens und seiner Bedrohung verbindet: mit der Sehnsucht nach Frieden, mit dem Kampf gegen die Zerstörungen, die der Mensch plant und anrichtet, mit dem Kampf gegen die Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Die diese Spiritualität versuchen, wissen, wofür sie beten, fasten, beichten, schweigen, singen. Es sind Menschen mit einem großen Durst nach Leben. Sie leiden an dem, was dem Leben angetan wird. Und darum schreien und singen und beten sie.

Die so ihren Glauben darstellen, kreisen nicht um ihr eigenes Ich, sondern um das bedrohte und zerstörte Leben im Zusammenhang mit den Lebensverheißungen Gottes.

 

5. Frömmigkeit lernen          

Es ist unsinnig, mit der Bibel nur beruflich und nur historisch-kritisch umgehen zu wollen. Wer allein diese Art der Kommunikation betreibt, kommt aus der Distanz zur Überlieferung nicht heraus. Der notwendige distanziert-wissenschaftliche Umgang muß vielmehr eingeordnet werden in eine möglichst alltägliche Praxis einer lebendigen

Ausprobieren geistlicher Formen

Es ist nicht schlimm, wenn man auch in den Pfarrhäusern keine einheitliche Andachtspraxis mehr vorfindet. Wo Spiritualität praktiziert wird, dort gibt es heute keine allgemeingültige Norm. Wir kommen nicht darum herum, unsere eigenen Formen zu suchen und hoffentlich auch zu finden. Dazu wird es nötig sein, den Schatz überlieferter frommer Praxis zur Kenntnis zu nehmen und aus ihm auszuwählen, was wir heute brauchen können. Dazu ist freilich nicht nur eine traditionskritische Grundeinstellung nötig, sondern zugleich eine Haltung, die den alten Glaubenskonturen und den „überlieferten Instrumenten der Spiritualität“ mit einer positiven Vermutung begegnet. Wir können vermuten, daß ernsthafte und radikale Menschen ernsthafte Gestaltungen ihres Lebens gefunden haben.  Sie sind aber keine ehernen Gesetze mehr, sondern Lebensangebote, aus denen wir das für heute Brauchbare auswählen und dies so erben können.

Begegnung mit dem anderen:

Frömmigkeit lebt aus der Beziehung zu anderen, selbst wenn einer allein die Bibel liest - und damit ja bei den Erfahrungen anderer ist! - oder allein betet - und dabei betend an andere denkt. Wer Frömmigkeit praktiziert, entdeckt sich in einer Kette von Schwestern und Brüdern.

Wahrnehmen der Situation:

„Vielleicht kommt unsere spirituelle Bescheidenheit daher, daß uns zu wenig auf den Nägeln brennt, daß wir zu wenig Wünsche an das Leben haben“, sagt Fulbert Steffensky. Ein Blick in die Ökumene gibt ihm recht: Lebendige Frömmigkeit wächst dort, wo Menschen ihren Glauben bewußt im Kontext einer Situation des Hungers, der Unterdrückung, der Perspektivlosigkeit oder eines neuen Aufbruchs feiern. Zur verhängnisvollen Geschichte unserer abendländisch-protestantischen Frömmigkeit gehört die Tendenz ihrer zunehmenden Entweltlichung. Deshalb sollte heute Frömmigkeit als situationsbezogene, „weltliche“ Haltung verstanden und eingeübt werden: Die Nöte und Chancen der Situation sind mit den Verheißungen und Tröstungen des Evangeliums zusammenzusehen. Die alte Trennung von Religion und Politik ist nicht die ganze Wahrheit. Wahr ist auch, daß ewiges Leben schon jetzt, schon in dieser Situation angefangen hat und zum Vorschein kommen will. Wir brauchen liturgische Vollzüge - die Friedensdekade ist ein Beispiel.

 

Die priesterliche Dimension im evangelischen Pfarramt

1.  Abgrenzung der priesterlichen Dimension im Bezugsfeld des Evangelischen Pfarramtes gegenwärtiger Ausprägung:

Ohne Anspruch auf Rangordnung und Vollzähligkeit könnte man von einem kerygmatischen, einem poimenischen, einem diakonischen. einem katechetischen, einem liturgischen, einem kybernetischen, einem ökonomischen und einem repräsentativen Element sprechen. Innerhalb dieser Zusammensetzung gibt es eine Dimension, die keine unmittelbare Außenfunktion hat. Sie mißt dem Träger des Pfarramtes einen bestimmten Standort zu und ordnet ihn in ein bestimmtes Verhältnis ein. Die Bereitschaft oder Weigerung, den zugemessenen Standort einzunehmen und in dem vorbestimmten Verhältnis zu leben, hat einen weitreichenden Einfluß auf die Außenfunktionen des Pfarramtes. Dies soll unter dem Begriff der „priesterlichen Dimension“ aufgezeigt werden. In unserem vorfindlichen Pfarramt gibt es eine priesterliche Dimension und daß es wichtig ist, sie anzunehmen.

2. Die Anwendung des Priesterbegriffs in der reformatorischen Glaubenslehre:

Die Lehre vom „Allgemeinen Priestertum des Gläubigen“ stellt fest, daß Christus das alttestamentliche Priestertum vollendet hat und der alleinige Mittler und Priester ist. Zwischen ihm und denen, die an ihn glauben, ist keine Vermittlung nötig. Jeder Getaufte steht in einem unmittelbaren Verhältnis zu Christus und durch ihn zu Gott. Er hat an dem priesterlichen Handeln Christi unmittelbaren Anteil.

Sofern diese Erkenntnisse reformatorischer Glaubenslehre angenommen werden, verbietet sich nach Tod und Auferstehung Christi die Anwendung des Priesternamens im klassischen Sinn des .,mediators“ ebenso wie die Übertragung des priesterlichen Amtes auf einen Menschen. Aus diesem Grund spreche ich nicht vom „Priesteramt“, sondern von einer priesterlichen Dimension im Evangelischen Pfarramt und verstehe diese als eine Standortbestimmung dessen, dem das Amt übertragen worden ist.

3. Aussagen des Neuen Testamentes über die Fortführung des Werkes Christi auf Erden:

Eine Sichtung der Aussagen des Neuen Testamentes über die Fortführung des Werkes Christi durch die Apostel, die Jünger und die Gemeinde läßt Folgendes erkennen:

a) Der Herr identifiziert sich mit dem Handeln und dem Leben derer, die von ihm beauftragt sind. Die entsprechenden Aussagen erfolgen in der Struktur zweiten Person Plural und erste Person Singular. „Wer euch hört, der hört mich!“ (Luk. 10,16). In ähnlicher Weise überträgt Jesus seine Vollmacht, Sünden zu vergeben, auf Petrus (Matth. 16,19) oder die Jünger (Joh. 20,23). Nicht nur mit dem Handeln des beauftragten Jüngers, sondern auch mit dessen Person kann sich der Herr identifizieren: „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf!“ (Mt 10,40).

b) Die Aussagen, in denen eine Identifizierung zwischen Auftraggeber und Jünger erfolgt, haben eine inhaltliche Entsprechung in Wendungen. die sich auf den Namen Jesu von Nazareth oder Jesu Christi berufen.

 

Die Aussagen über die Fortführung der Sendung Jesu durch die Jünger ergibt folgende Tatbestände:

a) Christus nimmt in besonderer Weise Menschen in Anspruch, die für ihn und an seiner Statt reden und handeln sollen. Er läßt sich von Menschen vor Menschen vertreten, indem er sich mit den Beauftragten identifiziert. Diese Stellvertretung kann in der Richtung von Gott zu den Menschen als priesterliche Dimension bezeichnet werden.

b) In der gegenläufigen Richtung von den Menschen zu Gott gibt es keine Entsprechung für die Stellvertretung. In den paulinischen Gemeinden besteht eine rege wechselseitige

c) Aus den beiden Beobachtungen ergibt sich die Standortbestimmung des beauftragten Jüngers. Er hat seine Autorität und Vollmacht allein aus der Abhängigkeit von Christus. Er ist an den Willen Christi gebunden, sich von ihm vor Menschen vertreten zu lassen. Er soll die Menschen, die ihm begegnen, mit den Augen Christi sehen und nach seinem Willen mit ihnen umgehen. Kriterium für die Erfüllung seines Dienstes ist seine Bindung an Christus oder sein Gehorsam, nicht die Reaktion der Menschen.

 

4. Die Frage der Übertragbarkeit der neutestamentlichen Aussagen auf unser heutiges Pfarramt:

Die Jüngerbeauftragungen des Neuen Testaments haben durchweg einen missionarischen Rahmen. Unser Pfarramt hat einen Gemeindebezug. Der Jünger des Neuen Testaments wird vor allem gesandt, um Menschen zu Christus zu rufen, aus denen sich Gemeinde bildet. Der Evangelische Pfarrer wird vor allem berufen, einer vorhandenen Gemeinde zu dienen, in der Menschen bei Christus bleiben. Das Verhältnis zur Gemeinde unterscheidet den Jünger des Neuen Testaments von dem Evangelischen Pfarrer der Gegenwart.

Aus der Differenziertheit der Situation ließe sich der Schluß ziehen, daß alle im Neuen Testament auf einzelne Jünger gerichteten Beauftragungen heute auf die Christengemeinde und nicht auf einzelne anzuwenden sind. Diese Annahme läßt sich jedoch schwer durchhalten. Sie käme in Konflikt mit der Unmittelbarkeit des einzelnen zu Christus. Die Merkmale der Unvertretbarkeit und Unmittelbarkeit gelten auch für den zum Predigtdienst Berufenen. Sie können auch nicht durch die Annahme außer Kraft gesetzt werden, die Berufung sei ausschließlich die Abtretung des an sich allen gegebenen Mandats an einen einzelnen. Sobald dieser das Mandat übernommen hat, im Namen Christi zu predigen und die Sakramente zu verwalten, ist er zuerst unmittelbar Christus selbst und nicht dem Forum der Gemeinde gegenüber verantwortlich.

Dazu kommt, daß auch die Mandatsübertragung ausschließlich durch die Gemeinde nicht in einem rein technischen Sinn verstanden werden kann. Die Gemeinde kann nur als im Namen Christi versammelte Gemeinde in Vollmacht handeln. Insofern spricht auch sie eine indirekte Berufung durch Christus aus. Auch die Gemeinde kann nicht an sich selbst, Sonden nur an Christus binden. Sosehr eine Gemeinde den mit dem Predigtamt und der Sakramentsverwaltung Beauftragten durch Fürbitte, Mitarbeit, geistliche Ermahnung und Tröstung tragen und im Grenzfall sogar an der Aufhebung seines Mandates entscheidend beteiligt sein kann, die Verantwortung seines Dienstes unmittelbar vor Christus kann sie ihm nicht abnehmen. Schon diese Überlegungen rechtfertigen die grundsätzliche Anwendung der als priesterliche Dimension definierten Standortbestimmung des Neuen Testaments für den beauftragten Jünger auf den heute in das Evangelische Pfarramt Berufenen. Sofern in seinem Dienst die Stellvertretung Christi vor Menschen, die Fürbitte für die ihm anvertrauten Menschen eingeschlossen und die Erfüllung seines Dienstes allein von der Bindung an Christus abhängig ist, lebt er in einer priesterlichen Dimension.

 

II. Konsequenzen aus der Bejahung der priesterlichen Dimension des evangelischen Pfarramtes:

1. Die geistliche Lebensführung:

In grundsätzlicher Überlegung haben wir festgestellt, daß die Vollmacht unseres Dienstes als Pfarrer allein in unserer Abhängigkeit von Christus begründet ist. Nicht nur was wir sagen und tun, sondern auch wie  (aus welcher inneren Haltung heraus) wir reden und handeln, ist für die Erfüllung unseres Dienstes maßgebend. Vor der Ausbildung steht das Wachsen im geistlichen Leben, in dem wir um unsere Nähe zu Christus, um unseren Gehorsam ringen und gegen Aufsässigkeit kämpfen. Für das Wachsen im geistlichen Leben sind unter Einpassung in die persönliche Situation bestimmte Regeln unaufgebbar. Sie scheinen auf breiter Front zunehmend seltener praktiziert zu werden und dadurch in Vergessenheit zu geraten. Zu den unaufhebbaren Regeln geistlichen Lebens für Pfarrer gehören:

- Der tägliche Umgang mit der Heiligen Schrift unter persönlichen Fragestellungen

- Das tägliche persönliche Gebet, das über den Lauf der Woche verteilt Gemeindeglieder und Mitarbeiter und die Amtsbrüder in der Superintendentur namentlich miteinschließt und in der Bitte um Vergebung und Ausrüstung zum Dienst gipfelt.

- Das persönliche Opfer, im Sinne des materiellen Opfers und der Hingabe zum Dienst.

Eine geistliche Lebensordnung ist die Folge der Anerkennung der priesterlichen Dimension unseres Pfarramtes. Sie würde mißverstanden, wenn sie als eine uns aufgetragene Anstrengung zum Erwerb von Vollmacht gesehen werden sollte. In der Befolgung der geistlichen Lebensordnung wachsen Vollmacht und Autorität des Pfarrers als Erfüllung der verheißenen Gegenwart des Herren von selbst. Allein auf diesem Weg erleben wir Freude und Dienst, Dankbarkeit für die Berufung und Mut, in schweren Situationen durchzuhalten.

 

2. Der Konvent der Superintendentur als Hilfe zum geistlichen Leben:

Die Teilnahme am Konvent der Superintendentur sei entmutigend und lähmend, diese Ansicht ist nicht vereinzelt von Pfarrern zu hören. Der Konvent als Forum theologischer Richtungs- und im unglücklichsten Fall kirchenpolitischer Machtkämpfe mit personenbezogenem Hintergrund biete keinerlei Hilfe und Halt für den Dienst in der Gemeinde. Dabei liegt es nahe, von unseren Konventen das Gegenteil zu erwarten und in ihnen die Möglichkeit der gegenseitigen Hilfe zum geistlichen Leben zu sehen.

Ein Konvent könnte jedesmal mit Beichte und Abendmahl beginnen. Die überwiegende Mehrzahl der Konventsteilnehmer, zu denen auch die Katecheten gehören, ist davon überzeugt, daß die Konventsgemeinschaft von der Gemeinschaft am Tisch des Herren lebt. Gegensätzliche theologische Überzeugungen werden oft leidenschaftlich ausgetragen, ohne zu Gegensätzen unter Brüdern zu werden. Der Konvent bietet auch die Möglichkeit, einen Bruder als Ratgeber oder im besonderen Fall als „confessionarius“ zu finden. Durch die Bejahung der Aufgabe, sich gegenseitig zum geistlichen Leben zu helfen, wird ein Konvent geprägt. Er kann durchaus zum Halt und zur Hilfe für den Pfarrer in der Gemeinde werden, ohne dabei die gegenseitige Hilfe zur Weiterbildung für die Praxis unseres Dienstes zu vernachlässigen.

 

3. Das poimenische Element des Evangelischen Pfarramtes und die priesterliche Dimension:

Mehrfach ist das Argument wiederholt worden, die Gemeinde habe dem jeweiligen Pfarrer nicht mehr das Bewußtsein geben können, gebraucht zu werden. Eine gleichgültige Gemeinde ist für den Pfarrer nicht nur in den Anfangsjahren seines Dienstes eine schwere Belastung und Versuchung. Ebenso müssen wir uns im kirchenleitenden Dienst fragen lassen, wieweit wir uns für eine Ökonomie der Kräfte einsetzen, die menschenmöglich vermeidbare Belastung durch Einsatz an der falschen Stelle zu verhindern sucht. Dennoch ist die zitierte Argumentation gefährlich. Sie erhebt das Verhalten der Gemeinde zu ihrem Pfarrer zum Kriterium sinnvollen Dienstes. Man muß zuvor die Frage stellen, ob es überhaupt eine Gemeinde gibt, der wir eine völlige Ablehnung des Dienstes der Kirche bescheinigen können. Die Bejahung der priesterlichen Dimension unseres Amtes schenkt die Möglichkeit, unsere Gemeinde trotz Enttäuschungen um Christi willen zu lieben.

 

4. Das kerygmatische Element

„In der Kirche des Wortes wird häufig langweilig und lustlos gepredigt!“Dieses Urteil eines Predigthörers steht nicht für sich allein. Äußeres Merkmal der Predigt ist die zunehmende Abkehr von der freien Rede zugunsten der Vorlesung. Der Prediger verliert die Bereitschaft, sich an die Gemeinde auszuliefern, einschließlich der Möglichkeit, im Gedankengang stecken zu bleiben und Wichtiges zu vergessen. Er verschanzt sich hinter seinem Manuskript. Ist die Vermutung überzogen, daß die Zuflucht zum Manuskript Ersatz für die Zuflucht zu Christus sein kann? Unsere Predigten sind ihrem theoretischen Inhalt nach in der Mehrheit schriftgemäß. Die anstehende Frage ist, ob der Prediger aus der Nähe Christi heraus predigt. Dort allein kann er für sich selbst Mut zum Predigen und Freude am Predigen finden. Die Bejahung oder Verneinung der priesterlichen Dimension unseres Dienstes wirkt sich nirgend anders so deutlich aus wie im Predigtdienst.

 

5. Das liturgische Element

Liturgie wird in der Evangelischen Kirche häufig als das Hobby von Experten angesehen. Diese tun ihrerseits einiges zur Festigung des verbreiteten Vorurteils, indem sie eifrig über der Kluft zwischen gehobenen Sachverstand und dem weniger gebildeten Klerus wachen. Ein Mißverständnis scheint auf beiden Seiten vorzuliegen, als ob Liturgie vornehmlich die Einhaltung eines liturgiegeschichtlichen erklärbaren Reglements für den Gottesdienst wäre. Liturgie ist auch die Haltung der Anbetung, des Lobes und Dankes, in der die Gemeinde vor das Angesicht ihres Herren tritt. Dabei läßt sie sich von dem Leiter des Gottesdienstes führen. Ebenso wie eine Wechselwirkung zwischen der inneren Aufgeschlossenheit des Predigers und seiner Hörer besteht, gibt es diese auch zwischen dem Liturgen und der versammelten Gemeinde. Aus der Nähe seines Herren kommend die Gemeinde in die Nähe Christi zu geleiten, geschieht unter dem Einfluß der priesterlichen Dimension unseres Amtes. Am sichtbarsten tritt die priesterliche Dimension des Pfarramtes bei der Feier des Heiligen Abendmahles, gleichgültig ob es in der großen Form des Hauptgottesdienstes oder in der um den Tisch versammelten kleinen Gruppe begangen wird, in Erscheinung. Christus braucht den Stellvertreter, der an seiner Statt Hausvater am Abendmahlstisch ist. Gerade der Pfarrer, der in seiner Mühe um die Predigt immer wieder an seine eigene Unzulänglichkeit stößt, wird den stellvertretenden Dienst beim Abendmahl als Entlastung annehmen. Er braucht sich bloß zur Verfügung zu stellen, ohne schöpferisch wirken zu müssen.

 

6. Das katechetische Element

Vielen Pfarrern fällt der Dienst im Unterricht besonders schwer. Ein Grund dafür mag in der früher ziemlich vernachlässigten Ausbildung auf diesem Gebiet liegen, ein anderer in der gegenüber früheren Zeiten wesentlich ausgeprägteren Differenzierung der Generationen, die den Zugang zueinander erschwert. Nirgends kann der Dienst des Pfarrers so in Frage gestellt werden wie im kirchlichen Unterricht.

Unter dieser Voraussetzung Freude am Unterricht zu erwecken, bedeutet, ein Umschlagen der mitgebrachten Grundhaltung zu erwirken. Dies ist nur in der Bereitschaft möglich, stellvertretend für Christus Ablehnung und Spott zu ertragen, ohne in eine aggressive Abwehrhaltung zu verfallen. Eine Hilfe zur Erlangung dieser Bereitschaft ist das Gebet für die Kinder und Jugendlichen unter Nennung ihrer Namen in der Vorbereitung des Unterrichtes.

 

7. Das repräsentative Element

Besonders von den Funktionären des Staates widerfährt Pfarrern in der Gemeinde und gesteigert in kirchenleitenden Diensten eine ausdrückliche Beachtung. Sie werden als Repräsentanten der Kirche, als Personen mit Öffentlichkeitsbedeutung angesehen.

 

Auch die Einstellung zu den Vertretern des Staates wird von der priesterlichen Dimension unseres Amtes beeinflußt. Einerseits ist der Pfarrer auch den Vertretern des Staates gegenüber nichts anderes als der von Christus Beauftragte. Er kann sich in Begegnungen mit Vertretern des Staates nicht auf den Standpunkt jenseits von Christus einlassen, so sehr dieser Standpunkt für überzeugte Atheisten verständlich ist. Andererseits kann der die priesterliche Dimension Bejahende mit den Vertretern des Staates nicht in voreingenommener Feindseligkeit oder Geringschätzung umgehen. Er sieht auch sie mit den Augen Christi und erkennt zwei Eigenschaften, die Achtung fordern. Auch überzeugte Atheisten sind von Christus gesuchte und noch nicht aufgegebene Menschen. Staatsfunktionäre stehen in dem von Gott gewollten Amt des weltlichen Regiments. Sie führen dies Amt zumeist mit großem persönlichen Einsatz und tragen an einer großen Verantwortung. Die Erfahrung zeigt, daß auf dieser von uns aus gesehen in der priesterlichen Dimension begründeten Basis jenseits von Anbiederung oder Feindseligkeit gegenseitige Achtung und Aufgeschlossenheit wachsen können (nach Werner Leich). 

 

 

Theologiestudium

Die Kirche hat einen Bachelor-Abschluß für das Theologiestudium abgelehnt:

Die Regelstudienzeit für das Fach Theologie soll auf 13 Semester festgesetzt werden, der Bachelor-Abschluß wird abgelehnt, das Theologiestudium könne man nicht mit anderen Studiengängen vergleichen. Angeblich reicht nicht einmal der Master-Abschluß als Ausbildung für das Pfarramt. Doch man fragt mit Recht: Wie alt sollen da denn die „Berufsanfänger“ noch werden? Und man muß auch fragen: Bereitet das übliche Theologiestudium wirklich auf den Pfarrerberuf vor? Da muß man drei alte Sprachen lernen, die selbst im zweiten Examen noch verlangt werden, aber danach sofort vergessen werden. Da wird in der Vorlesung jedes Wort hin und her gewendet, anstatt einen Überblick über das ganze biblische Buch zu geben. Da werden die Dogmenkämpfe des Altertums nachvollzogen, anstatt auf die heutige Situation einzugehen.

Ein Pfarrer braucht heute aber ganz andere Fähigkeiten: Redekunst, Gesprächsführung, Konfliktbewältigung, Pädagogik, Erwachsenenbildung, Psychologie, Betriebswirtschaftslehre und Bauwesen - das wird im Beruf gebraucht. Statt dessen bringen die Pfarrer aber das an, was sie gelernt haben, nämlich Bibelauslegung und Dogmatik. Da wird die biblische Geschichte in der Predigt lang und breit nacherzählt, Parallelen werden gezogen und die Umweltverhältnisse geschildert. Sachliche Fehler sind dabei trotz des langen Studiums nicht ausgeschlossen.

Es wird immer nur gesagt, was der Text damals sagen wollte. Und der Schlußsatz lautet dann: Was das für uns heute bedeutet, das müßt ihr euch nun selber überlegen! Die Kurzandachten in „Glaube und Heimat“ sind ein gutes Beispiel dafür, von erfreulichen Ausnahmen abgesehen.

Doch mein akademischer Lehrer hat schon gesagt: Wenn man nicht in den ersten drei Minuten die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewinnt, schlafen sie ein! Deshalb kommt es auf die geschickte Vermittlung an. Inhaltlich geht es um die grundlegende Aussage und nicht um jede Einzelheit. Was die Botschaft der Bibel ist, kann man auch in weniger als 13 Semestern lernen. Es ist ja nicht eine akademische Laufbahn ins Auge gefaßt, sondern eine ganz gewöhnliche Berufsausbildung. Und dafür braucht man den Rat erfahrener Praktiker und nicht den Elfenbeinturm einer hochgestochenen Theologie.

Pfarrer sind sowieso ein Sonderfall in unserer Gesellschaft: Sie haben ein gutes Einkommen, sie waren nie arbeitslos, sie haben nie eine Wohnung suchen müssen, sie haben meist keine Kollegen und ein Vorgesetzter kann sie auch nur selten mobben. Das führt auch heute immer noch zu einer gewissen Weltfremdheit und zu einer Isolation vom wirklichen Leben. Eine Überbetonung der Theologie und ein langes Studium  verstärken das nur noch. Ein kürzeres Studium und dafür eine längere praktische Ausbildung würden die Kopflastigkeit der Theologen mindern. So wie in anderen Berufen wäre eine zweigleisige Ausbildung in „Schule“ und „Betrieb“ besser für die Ausbildung der Pfarrer.

 

 

Der „Knigge für Landpfarrerinnen und Landpfarrer“

herausgegeben vom Kirchlichen Dienst auf dem Lande der Evangelischen Landeskirche

in Baden

Der „Knigge“ hält für zahllose Alltagssituationen Verhaltensregeln vor: Bei Tisch, Begrüßungsrituale, Kleiderordnung, Umgang mit dem anderen Geschlecht usw. Aber was sind die „Verhaltensregeln“ beziehungsweise „Notwendigkeiten sensibler Wahrnehmung“ für Pfarrerinnen und Pfarrer in ländlich geprägten Kirchengemeinden?

 

Warum dieser Knigge? Ein Vorwort:

„Großer Bahnhof“ im Pfarrhof. Der Kirchenchor ist angetreten, etwas weiter weg steht

der Musikverein, zwischendrin Bürgermeister, Ortsvorsteher, Dekan, Stadt- und Ortschaftsräte, der Kirchengemeinderat und „allerlei Volk“. Sie alle sind gekommen,

um die neue Pfarrfamilie zu begrüßen.

Der Ortsvorsteher heißt den neuen Pfarrer, samt Familie, mit herzlichen Worten willkommen. In seiner kurzen Rede charakterisiert er in schnörkellosen Sätzen „sein“ Dorf und sagt, als ob er es so nebenbei erwähnen würde „ ...viele Bauern überlegen sich, ob sie nicht aufhören

sollten.“

So war das bei unserem Empfang in „unserem“ Dorf. Ich war gerade dabei, die Worte in die entsprechende Schublade, auf der bäuerliches Standesgejammere steht, einzuordnen, wenn ich nicht in sein Gesicht geschaut hätte. Irgendwie hatte ich den Eindruck, er erwartete etwas von mir - doch was? Zum Theologen wurde ich ausgebildet und jetzt war ich auf einmal Dorfpfarrer. Was wußte ich über die Menschen, die hier leben? Über ihre Tradition, ihre Kultur, über das Sozialgefüge, über die Landwirtschaft und das Gewerbe?

 

Überdies war gleich nebenan ein weiteres Dorf, wie man so hörte, grundverschieden vom Ersten. Während meines Studiums tauchte das Thema „Dorf“ nur einmal am Rande auf, in einem praktisch-theologischen Seminar soziologischen Zuschnitts. Und im Petersstift kam

Landwirtschaft auch nur in Form einer Weinprobe vor. Als junger Pfarrer konnte ich dem Ortsvorsteher so gut wie nichts auf seine Problemanzeige antworten. Ich denke, er hat auch keine fachlichen Antworten bei mir gesucht. Wen er aber suchte, war jemand, der seine

Probleme hörte, sie mit bedachte und mit ihm darüber ins Gespräch kommen wollte. Umzog wichtiger ist es, sich die Arbeit im Gemeindepfarramt nicht zu erschweren, indem man sich „daneben“ benimmt. Der Landpfarrer-Knigge möchte Ihnen helfen, nicht in alle Fettnäpfchen zu treten, die sich Ihnen in den Weg stellen.

 

Was ist das „Land“? Der Landesentwicklungsplan von 2002 unterscheidet vier Raumkategorien:

1. Verdichtungsräume,

2. Randzonen um Verdichtungsräume,

3. Verdichtungsbereiche im ländlichen Raum und

4. den ländlichen Raum im engeren Sinn.

Kriterien der Zuordnung sind vor allem die Siedlungsdichte, die Einwohner-Arbeitsplatz-Dichte und das Baulandpreisniveau. Im ländlichen Raum leben nach dieser Kategorisierung

etwa 149 Einwohner auf einem Quadratkilometer. Unser „Knigge“ hat insbesondere die gelben und hellgelben Räume im Blick, wenn wir über einen Landpfarrerinnen- und Landpfarrer-Knigge sprechen.

Ein Blick auf die Raumkategorien-Karte des Landesentwicklungsplanes macht schnell deutlich, daß weite Bereiche unserer landeskirchlichen Gemeinden in eine der zwei zuletzt genannten „ländlichen“ Bereiche fallen.

 

Vorweg sei gesagt: Sei mit dem Herzen bei den Menschen! Und zwar ganz konkret bei denen Deines Ortes! Um diese zu kennen, braucht es Seelsorgebesuche. Also die Regel ist: Besuche, Besuche, Besuche! Weil Du darüber informiert sein mußt, was die Menschen bewegt: deren soziale, wirtschaftliche, kulturelle und geistliche Situation. Viele wesentliche Dinge erfährst Du in der Begegnung mit den Menschen und nicht allein in der Studierstube.

 

I. Nach innen geschaut: Die Kirchengemeinde

Erstens: Du hast bei weitem nicht immer recht! Theologisch nicht und menschlich sowieso nicht! Springe auch mal über Deinen Schatten – wenn du bestimmte Traditionen nicht kennst oder magst.

Zweitens: Menschen sind wichtiger als Regeln! Das heißt: schaue zuerst, was die Menschen brauchen und frage dann danach, wie Du das mit Deiner theologischen Überzeugung und den landeskirchlichen Regelungen vereinbaren kannst. Im Zweifelsfall, bleibe im Gespräch mit Verantwortlichen hierüber und mit dem Herzen bei den Menschen.

Drittens: Allein kannst Du nichts tun! Pflege daher liebevoll, kontinuierlich und wertschätzend deine Ehrenamtlichen. Laß Dir was für Gruppen und Kreise und Gremien einfallen.

Zolle ihnen Anerkennung. Würdige Prädikantinnen und Prädikanten, die Dir Freiräume schaffen.

Viertens: Ausschließliche Sprechzeiten sind für Pfarrerinnen und Pfarrer problematisch. Wir betreiben ja keine Zahnarztpraxis! Unterscheide zwischen Öffnungszeiten des Pfarramtes (Sekretärinnenzeiten) und sei selber nach Absprache erreichbar. Hinterlasse Deine Handynummer bei den regionalen Bestattern und halte zu ihnen enge Kontakte. Sie werden das nicht mißbrauchen, da auch sie wissen, was es bedeutet, stets erreichbar zu sein.

Fünftens: Die Dorfpfarrerin, der Dorfpfarrer ist zunächst für alles zuständig: Vom PC bis zum WC. Von der defekten Telefonanlage, über die Toilette im Gemeindehaus, das Schneeschippen, die Krankheit der Mutter mit drei Kindern, die Schließung des Schulstandortes und der letzten Dorfkneipe ... all das und vieles mehr geht Dich etwas an. Das ist positiv und negativ: Du wirst gebraucht und gefragt, aber auch leicht überfordert. Stelle Dir die Fragen: „Wo setzt Du deine Grenze? Was delegierst Du?“

Sechstens: Die Theologie: Bleibe fähig zum geschwisterlichen Gespräch. Bringe theologische Weite mit und vertrete Deinen Standpunkt. Wertschätze das geistliche Leben deines Ortes: Von der AB–Gemeinschaft über die Liebenzeller Mission... bis hin zum CVJM. Menschen aus solchen Kreisen tragen Deine Gemeinde oft entscheidend mit!

Siebtens: Du hast also eine gut „lutherische“ Aufgabe: dem Volk aufs Maul zu schauen und die hohe Theologie zu übersetzen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Übersetzer: die Alltagssprache kannst Du nur bei den Menschen lernen! Suche Deine Gemeindeglieder da, wo sie zu finden sind. Auch an den „Hecken und Zäunen“. Pfarrerinnen und Pfarrer können gerade in überschaubaren ländlichen Gemeinden viele Denkanstöße geben. Wer persönlich bekannt ist und gemocht wird, darf auch ungewöhnliche Gedanken äußern. Seine Worte werden gehört und bedacht, wenn die persönliche Ebene stimmt. In ländlichen Gemeinden leben (noch) Landwirte. Deren Erdverbundenheit schützt vor Radikalisierung und Schwärmertum.

Achtens: apropos „Bauern“. Achte sie besonders gut. Bevor Du in der Predigt über Gen-Mais und Massentierhaltung sprichst, rede zuvor mit den Landwirten in Deiner Gemeinde. Suche Möglichkeiten, wie Du kirchliche Veranstaltungen zu den Menschen vor Ort bringen kannst. Zum Beispiel mit einem Erntedank-/ Erntebittgottesdienst direkt auf dem Bauernhof. Halte diese Feiern sehr hoch und stimme sie terminlich mit den Landwirten, Winzern wegen ihrer Erntezeiten ab und binde sie in die Erntebitt- und Erntedankgottesdienste aktiv mit ein (zum

Beispiel beim Dank- und, oder Fürbittengebet).

Neuntens: Bedenke: Landleute sind oft keine Schrift und Textleute! Wenige haben Geisteswissenschaften studiert und sind darin bewandert, komplexe Texte zu lesen. Sie sind nicht dümmer, aber eben nicht textgeschult! Bedenke: Wer von uns Theologen würde die elektronische Steuerung einer hochkomplexen NC-gesteuerten Drehmaschine auch nur ansatzweise verstehen; wer von uns versteht die Abrechnungssoftware eines Mittelständlers, oder wer kann einen Dachstuhl planen und erstellen, wie es Dein Zimmerermeister mit Hauptschulabschluß souverän bewerkstelligt! Der stellt was auf die Beine! Hast Du jemals einen guten

Spätburgunder kultiviert und vermarktet, auf daß er Deine Familie ernährt.

Zehntens: Jammere bloß nicht öffentlich über Deine viele Arbeit. Alle andern arbeiten auch hart!

 

II. Die Außenkontakte:

Elftens: Du bist eine Person im öffentlichen Interesse. Man kennt Dich! Es ist daher angemessen auf adäquate Kleidung und Verhalten zu achten: „Verstelle Dich nicht, aber vermeide unnötige Provokationen“.

Zwölftens: Pflege kommunale Kontakte. Bürgermeister, Ortsvorsteher, Gemeinderäte sind wichtige Kontaktpersonen. Von ihnen erfährst Du viel, was die Menschen bewegt.

Dreizehntens: Beachte das Vereinsleben. Gleiche Deine Jahresplanung mit den Vereinsterminen ab. Besuche regelmäßig die Jahreshauptversammlungen. Gottesdienste auf dem Sportplatz, in der Scheune, im Feuerwehrhaus... bauen die Gemeinde auf und sind gemeinschaftsfördernd! Beim Jubiläumskonzert ist man ein gern gesehener Gast. Bleib also sitzen und unterhalte Dich angeregt bei einem Glas Wein oder Apfelschorle...

Vierzehntens: Kult und Kultur gehören zusammen! Welche Menschen prägen und bereichern das kulturelle Leben Deiner Region? Wirst Du zur Vernissage oder zum Konzert eingeladen – und gehst Du gelegentlich hin? Bitte entschuldige Dich, wenn Du verhindert bist.

 

III. Ökumene:

Fünfzehntens: Halte rege Kontakte zu Nachbarkirchengemeinden – und pflege den ökumenischen Austausch. Wir werden weniger. Spürbar ist dies besonders auf dem Land: sowohl die Gemeindeglieder, als auch die Hauptamtlichen. Welche Möglichkeiten und Notwendigkeiten zum gemeinsamen Tun gibt es? Gemeinsame Ältestentreffen, ökumenische Pfarrkonvente, Kanzeltausch an den zweiten Festtagen, gemeinsame und ökumenische Pfingstmontag-, Erntebitt-, oder Hofgottesdienste im Wechsel der Gemeinden. Nicht zuletzt hängt an dieser Zusammenarbeit auch die Möglichkeit zu Urlaubsvertretungen.

 

Und zum Abschluß

Sechzehntens: Genieße das Leben auf dem Land: es gibt hier eine lebenswerte Umwelt, Felder, Wald und Wiesen. Es gibt hochwertige Lebensmittel, regional und nachhaltig produziert. Es gibt Schlachtplatte, eigenen Most und Wein, allerlei Obst und Gemüse regional, saisonal und gut, selbstgebackenes Brot, handwerklich arbeitende Bäcker und Metzger, Kontakte zu bodenständigen Menschen, wie Landwirten und Handwerkern.

Deine Kinder wachsen meist noch gut behütet und bodenständig auf: sie kennen die Farbe der Kühe, das Woher der Milch, kennen den Sportverein und die Trachtenkapelle, sind in der Landjugend oder in der Kirchenjugend engagiert und Hammer, Säge und Zange beherrschen sie selbstverständlich. Man kennt sie und man kennt dich. Es gibt sozialen Zusammenhalt und

Kommunikation.

Kurz: Es lohnt der Gang auf das Land. Es bietet ein reiches und anspruchsvolles Leben – und

das auch zukünftig. Und keine Sorge: über moderne Kommunikationsmittel bist du bestens vernetzt.

 

Zusammenfassung

Das also ist eine „Summa“ dessen, was die Mitarbeiter des Kirchlichen Dienstes Land während ihrer Arbeit im Gemeindepfarramt oder als engagierte Laien erfahren haben und als bedenkenswert weitergeben möchten.

Wenn Sie unsere Erfahrungen schmunzelnd und augenzwinkernd zur Kenntnis nehmen, verstehen Sie uns richtig, denn wir möchten Ihnen keine Ratschläge geben, sondern Wege aufzeigen, wie Sie ihren Dienst für sich und für Ihre Gemeinde mit Freude wahrnehmen können.

Was vielleicht sonst noch zu sagen ist...

Das Badnerlied ist Pflicht! Du solltest mindestens drei Strophen mitsingen können (regional unterschiedlich: in und um Freiburg sind zum Beispiel andere Strophen wichtiger als in und um Karlsruhe...).

 

 

 

 

 

 

Ordnung des Gottesdienstes in Kurhessen-Waldeck

 

Das Wort „Gottesdienst“ hat eine dreifache Bedeutung:

1. Der Dienst, den Gott uns Menschen erwiesen hat

2. Die Versammlung der Gemeinde zum „Gottesdienst“

3. Der „Lebensgottesdienst“ der Gemeinde und des Einzelnen.

 

Der Dienst Gottes ermöglicht dabei überhaupt erst den menschlichen Gottesdienst: Das Wort Gottes ist das erste, die Antwort des Menschen das zweite. Der Dienst Gottes setzt sich im Gottesdienst der Gemeinde fort, weil darin Kreuz und Auferstehung Jesu gepredigt werden und Gott dadurch zwischen  sich und uns Gemeinschaft stiftet (wie auch in Taufe und Abend­mahl). Die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus in Wort und Sakrament ist das primäre konstitutive Element des Gottesdienstes der Gemeinde.

Doch die Gemeinde hat auch von Anfang an gebetet und gelobt, Fürbitte geleistet und die Sünde bekannt („Herr erbarme dich“). Die erste Antwort der Gemeinde auf die Verkündigung des Evangeliums besteht im Bekenntnis und Lobpreis, Gebet und Fürbitte. Das ist das sekundäre konstitutive Element des Gottesdienstes der Gemeinde.

Das Evangelium von Jesus Christus ist von vornherein auf Gemeinschaft aus: Ich kann mich nicht selbst zum Glauben rufen, ich kann mir nicht selbst die Vergebung der Sünde zusprechen. Vor allem will die Predigt mich mit den anderen, die ebenso das Evangelium gehört haben, zur Gemeinschaft zusammenschließen. Doch der Gottesdienst ist nur dann „echt“, wenn er sich in den Lebensgottesdienst fortsetzt (Liturgie und Diakonie).

Der Dienst Gottes an den Menschen hat zur Folge die Versammlung der Gemeinde und den Dienst am Nächsten. Der Gottesdienst der Gemeinde gründet sich allein auf den Dienst Gottes, dem der Dienst an den Menschen folgt. Der Dienst am Nächsten ist nur dann Gottesdienst, wenn ihm der Dienst Gottes und der Gottesdienst der Gemeinde vorausgegangen sind. Der dreifache Begriff des Gottesdienstes ist also als Einheit zu begreifen.

„Die Predigt ist die eigentliche Spitze des Gottesdienstes zur Welt hin“: Gottes Zuwendung zur Gemeinde und zu uns umfaßt zugleich die Wendung zur Gemeinde zur Welt und unsere Hinwendung zum Nächsten. Der Gottesdienst trägt also immer ein missionarisches Element in sich, er ruft die Gemeinde in die ungeschützte Weite der Welt (Ort der Sendung der Gemeinde und des Einzelnen). Damit verbindet sich die eschatologische Absicht des Gottesdienstes: Die Gemeinde als wanderndes und wartendes Gottesvolk darf nicht in dieser Welt und Zeit seßhaft werden, sondern muß sich bewußt bleiben, daß sie stets unterwegs ist - dem kommenden Herrn entgegen.

Der Gottesdienst  trägt aber auch einen institutionellen Charakter. Die Gemeinde versammelt sich nicht spontan und sporadisch, sondern regelmäßig am Sonntag zu gewohnter Stunde. Die Ordnung des Gottesdienstes besteht auch darin, daß in ihm die Verkündigung des Evan­geli­ums in Predigt und Sakramenten Gebet und Fürbitte, Bekenntnis und Lobgesang aufeinander folgen und sich sinnvoll zueinander verhalten müssen.

Hier tut sich neben der Frage der Tradition auch das Problem des Unbehagens am Gottesdienst auf: Zwar kann jeder einzelne Christ den persönlichen Gottesdienst in einer ihm gemäßen Form und in einer von ihm zu verantwortenden Art halten, aber der Gottesdienst der Gemeinde muß an eine Ordnung gebunden sein, weil nicht eine Vielzahl von Einzelnen ihren Gottesdienst begehen, sondern die Gemeinschaft der Gemeinde.

Das dem evangelischen Gottesdienst gemäße Element der Freiheit dürfte noch am ehesten in der Predigt seine Niederschlag finden, während die sinnvolle Zuordnung der liturgischen Stücke ein Ausdruck der „guten“ Ordnung sein sollte.

 

In Kurhessen wurde in den sechziger Jahren eine neue Gottesdienstordnung entworfen, die die drei Agenden von 1896 für die Kirchengemeinden im Konsistorialbezirk Kassel und die Waldeck'sche Kirchenordnung von 1731 ablöste. Hier sollten die alten hessischen Traditionen  mit modernen Ausdrucksformen verbunden werden, vielfach auch in Übereinstimmung mit den Agenden der Vereinigten  Evangelisch-Lutherischen Kirche und den Kirche der Union. Vor allem ging es um zeitgerechten Stil und Sprache und um die Beachtung der theologischen Erkenntnisse der damaligen Zeit.

 

Das „Komm heiliger Geist“ ist ein Gebet mit der pfingstlichen Bitte um den Heiligen Geist, kein Eingangslied (das erst anschließend folgt). Leider wird es nur in wenigen Gemeinden geübt. Aber es ist doch ein schöner Einstieg, wenn die Gemeinde am Beginn sich von den Plätzen erhebt und diese Bitte zum Ausdruck bringt.

 

Der Eingangspsalm ist Hymnus (auch als Lied), der nach dem Wegfall der regelmäßigen alttestamentlichen Lesungen an die Verknüpfung der beiden Teile der Schrift erinnert. Der Rahmenvers (Antiphon) läßt den Skopus erkennen. Die Verknüpfung mit dem christlichen Gottesdienst  geschieht durch das „Ehr sei dem Vater“.

 

Der Bittruf und Lobpreis war zunächst als fakultativ vorgesehen, da die historische Entstehung problematisch ist und diese Stücke nicht als unbedingt notwendig erscheinen. Sie gehören jedoch auf jeden Fall in den Abendmahlsgottesdienst, der auch sonst einen größeren Reichtum entfaltet.

 

Das Kollektengebet diente ursprünglich wohl dazu, die freien Gebete  innerhalb der  Gebetsgemeinschaft zu Beginn des Gottesdiensntes zusammenzufassen. Es soll auch heute den Eingangsteil abschließen und auf die Schriftlesung vorbereiten. Der Aufbau ist wie folgt: Anrede, Dank, Bitte, trinitarischer Lobpreis.

 

Man soll den Hörer nicht mit drei Lesungen überfordern. Um die Aufmerksamkeit beim Hören zu erleichtern, wollte man zunächst den altkirchlichen Lesungen gewisse Erläuterungen („Praefamina“) voranstellen, die den Inhalt der Lesung in einem Satz zusammenfassen. Das ist dann aber unterblieben.

 

Das Glaubensbekenntnis spricht theologische Erkenntnisse aus, deren Sinn nur aus der Zeit ihrer Entstehung verstanden werden kann. Es muß also interpretiert und übersetzt werden. Es hat also weniger den Sinn von dogmatischen Aussagen, sondern den Sinne eines Lobpreises und Lobopfers. Dieser anbetende Charakter läßt eine gewisse Freiheit im Ausdruck sehr wohl zu. Deshalb hatte man es zunächst auch zwischen Offener Schuld und allgemeinem Kirchengebet  vorgesehen, um  den Charakter des Lobpreises noch zu verstärken. Auf keinen Fall sollte man auf dieses Band mit den anderen Kirchen verzichten.

 

In der Predigt ist das missionarische Element und die eschatologische Absicht zur Geltung zu bringen. Es geht um die Übersetzung des Textes in die Situation der Gemeinde und die nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe und die Verkündigung des Evangeliums in der Sprache des angefochtenen und begnadigten Zeugen. Zur Erneuerung des Gottesdienstes gehört die Erneuerung der Predigt.  

 

Die „Offene Schuld“ findet sich in allen hessischen Agenden vor 1896, und zwar nach der Predigt, der ja die Aufgabe zukommt, zur Erkenntnis der Sünde zu führen und die Vergebung zuzusprechen. Nicht jede Predigt wird aber dieser Aufgabe ausdrücklich nachkommen können. Deshalb soll an einer Stelle des Gottesdienstes ausdrücklich zur Erkenntnis der Sünde angeleitet und die Vergebung zugesprochen werden. Die Offene Schuld ist Zusammenfassung der Predigt und erste Antwort der Gemeinde. Die Predigt wird dadurch nicht zur Bußpredigt, denn die Verkündigung der Güte Gottes leitet ja gerade zur Buße. Auch der moderne Mensch hat ein Verlangen, die Sünde zu bekennen und den Zuspruch der Vergebung zu hören. Endgültig hat man die Offene Schuld aber nur an vier Sonntagen an den Anfang des Gottesdienstes gestellt, sie wird aber nur in wenigen Gemeinden wirklich ausgeführt.

 

Das Gebet gehört schon zu den sekundären konstitutiven Elementen. Es ist die Antwort der Gemeinde auf das Wort Gottes, aber auch das Gebet der Gemeinschaft, die die Gemeinde bildet. Da die fixierten Formulierungen agendarischer Gebete leicht zu Gedankenlosigkeit verführen, sollte die Predigt ursprünglich münden in ein freies Gebet, das sich auf die Predigt bezieht, aber diese nicht in Gebetsform zusammenfassen sollte. Geblieben ist aber nur das stille Gebet im allgemeinen Kirchengebet, das einem echten Bedürfnis des heutigen Menschen entspricht.

Das Allgemeine Kirchengebet besteht aus vier Teilen: Gebet, Fürbitten, Stilles Gebet, Vater unser. Der erste Vorschlag in der Agende geht allgemein auf die Eigenart des Sonntags ein, der zweite greift Anliegen der Schriftlesungen auf. Die Fürbitten haben seit alters her eine bestimmte Reihenfolge. In der Agende wird aber bei den verschiedenen Vorschlägen abgewechselt zwischen den Anliegen und Personengruppen. Die erste Form der Aufforderung zum Stillen Gebet zielt auf eine Fürbitte und stellt eine Aussage dar, die zweite Form leitet zur Anbetung an.

 

Das Abendmahl ist ein eschatologisches Sakrament, nicht nur ein Erinnerungsmahl an den Tod Jesu, wie es die meisten hessischen Agenden verstanden (außer Oberhessen). Deshalb wir die altkirchliche Tradition wieder aufgenommen mit Präfation („Die Herzen in die Höhe“), „Wahrhaft würdig und recht“, Sanctus  (Heilig, heilig, heilig), Benedictus (Gelobt sei…), Einsetzungsworte.

Der Abendmahlsgottesdienst enthält vier weitere Gebete: Das Sündenbekenntnis zur Vorbereitung des Gottesdienstes, das an die Stelle der Beichte am Vorabend getreten ist; es endet mit der Bitte um Vergebung. Doch auch dieses Stück wird meist weggelassen, da ja schon der Empfang des Abendmahls Sündenbekenntnis und Lossprechung bedeutet. Das Gebet nach dem Stillen Gebet enthält eine Bitte um den rechten Empfang des Abendmahls. Bei der Danksagung (Präfation) wechselt der mittlere christologische Teil nach den Zeiten des Kirchenjahres. Ein weiteres Gebet ist das „Christe, du Lamm Gottes“, das vor der Austeilung gesungen wird. Dazu kommt beim Abendmahl der Friedensgruß und der Lobpreis nach dem Empfang des Abendmahls.

 

Die Lieder sollte man sorgfältig auswählen, gegebenenfalls die Aufteilung der Strophen auf Gemeinde und Chor überlegen. Das Lied nach dem Kanzelsegen soll die Aussagen der Predigt aufnehmen, ebenso die Schlußstrophe vor dem Segen (eventuell kann man diese auch an einer Reihe von Sonntagen singen lassen).

 

Eine Gemeindebeichte sollte man ab und zu als eigenen Gottesdienst halten, da mindestens in einem Teil der Gemeinde ein Bedürfnis dafür bestehen, weil hier Beichte, Sündenbekenntnis und Zuspruch der Vergebung im Mittelpunkt stehen. Hier hat auch der Dekalog als „Beichtspiegel“ seinen Platz. Bei den Beichtfragen geht es nicht nur um den Vorsatz, das sündliche Leben zu bessern, da die einzige Voraussetzung für die Vergebung in dem Bekenntnis der Schuld besteht.

Die Form der Absolution wurde wegen der altertümlichen Sprache und verschiedener Wiederholungen aufgegeben. Außerdem gehört die Retention (Drohung bei Mißbrauch) in die Beichtpredigt. Die Beichte endet mit der Danksagung und dem trinitarischen Segen, dem die Aufforderung zu einem seelsorgerlichen Gespräch vorangeht.

 

 

 

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