Seelsorge

 

Warum noch Seelsorge? Seelsorge und Psychotherapie, Wohl und Heil des Menschen

Der Psychotherapeut hat hier nicht die Aufgabe des Seelsorgers, dem Patienten zum geistlichen Frieden, zur Vergebung der Sünden, zur Heilsgewißheit zu verhelfen; er kann nur, wenn er sich nicht selbst als (Laien-) Seelsorger dazu berufen weiß, den Patienten an einen geeigneten Seelsorger überweisen. So viel sollte er aber von Glaubensinhalten wenigstens verstehen, daß er dem Patienten helfen kann, seine Bilder richtig zu erkennen, sie einzuordnen und ihren Aufforderungscharakter zu verstehen.

Der Psychotherapeut hat als Hilfsbedürftige nur die neurotisch Kranken zu betreuen. Die Aufgaben des Seelsorgers reichen wesentlich weiter. Doch seine Fürsorge gilt auch den Neurotikern. Diese aber kann er nur dann verstehen und trösten, wenn er über ein Mindestmaß an Kenntnissen auf dem Gebiet der Psychotherapie verfügt. Denn der neurotisch Kranke, der unfähig zu jedem echten Lebensvollzug, zum Schlafen, zum Lieben und auch zum Glauben ist, verzweifelt nicht darum an Gott, weil er ungläubig, sondern weil er krank ist.

Seelsorge und Psychotherapie sind trotz mancher gemeinsamer Anliegen weithin wesensverschieden, in Beruf und Berufung des Helfenden, in Ansatzpunkt, Methode und Ziel ihres Wirkens, in dem - bei dem Seelsorger viel weiteren - Kreis der Hilfsbedürftigen. Seelsorge ist keine Psychotherapie; denn sie kann nur den bewußten Anliegen des Ratsuchenden Rechnung tragen. Psychotherapie aber ist auch keine Seelsorge, denn sie kann über die begrenzte Heilung eines Menschen hinaus nicht zum ewigen Heil führen.

Wer weiß, wieviel unechte Glaubenshaltung, wieviel Machtstreben und Geltungsbedürfnis, wieviel Grausamkeit und pervertierte Sexualität sich in Fehlformen der Frömmigkeit äußern, der wird nur begrüßen können, wenn in dem Schmelztiegel vertiefter Selbsterkenntnis der Psychoanalyse alle Heuchelei und Scheinfrömmigkeit schwinden. Nur so kann der Boden bereitet werden für eine echte Frömmigkeit und Charakterbildung. Im Sinne einer ganzheitlichen Bildung der Persönlichkeit müssen Psychotherapie und Seelsorge zusammenwirken.

 

Seelsorge zieht zu Jesus Christus

Die Menschen, die zu uns kommen, haben meist andere Sorgen als die, daß. Jesus Christus nicht ganz ihr Herr ist. Bei ihnen geht es meist um persönliche Nöte im beruflichen, häuslichen, gesellschaftlichen oder intimen Bereich. ei allen diesen Nöten und dem möglichen Hilfeangebot wird jede Seelsorge zu fragen haben, ob das, was dem Menschen am meisten Not macht, auch das Gleiche ist, was Gott am meisten Not macht. Jede Seelsorge, die nicht zu Jesus Christus zieht, sieht an der Sache vorbei und ist nur kurzfristige, oft nur Scheinhilfe. Jesus allein ist d a s Heil!

 

Die beste Möglichkeit der Seelsorge ist die Fürbitte

„Sprich erst mit Gott über den Menschen, ehe du mit dem Menschen über Gott sprichst“, ist ein guter Rat. In keiner Situation wird unsere Ohnmacht so deutlich wie im Dienst der Seelsorge. Wer von Gott getrieben ist, wem die Not der Menschen auf den Nägeln brennt, der wird auch bald gefordert sein, sich im Gebet die Weisung und die Vollmacht zur Hilfe von Gott zu erbitten.

 

Wer verstehen kann, bekommt Möglichkeiten zur Seelsorge

Hier sind die Gabe des Verstehenkönnens im psychologischen Sinn und das tiefere Erkennen des Menschen im Sinn der Liebe gemeint. Es wird höchste Zeit, daß wir vom Reden über die Liebe zur persönlichen Praxis kommen. Dabei geht es nicht nur um das Liebhaben, sondern auch um den Mut, die Liebe zu zeigen.

Aber es geht auch um das Verstehen der oft stummen und hilflosen Zeichen um Hilfe. Wie oft sind wir so mit uns selbst beschäftigt, daß wir die Signale des anderen nicht bemerken. Bitten wir Gott um Offenheit für den anderen!

 

Seelsorge ist Gottes ureigenste Sache

Wer die Bibel kennt, weiß, wie sehr diese Wirklichkeit ernst zu nehmen ist. Er selbst ist der Seelsorger. Jede Seelsorge, die nicht aus der Abhängigkeit von Gott und damit im Wissen um die eigene Ohnmacht geschieht, wird schnell zur angemaßten Vollmacht. „Herr, was willst Du, daß ich sagen soll?“ ist das dringendste Dauergebet während eines Gesprächs.

 

Nur Menschen, die selbst in der Seelsorge stehen, können Seelsorger sein

Wir können nur helfen, wenn wir uns helfen lassen. Wir können nur Wege aufzeigen, wenn wir selber der Wegweisung teilhaftig werden. Es scheint eine weitverbreitete Illusion zu

sein, daß Seelsorge nur eine Sache für Anfänger im Glauben ist. Weh dem, der andere führt und selbst nicht geführt wird. Er wird bald zum blinden Blindenführer!

 

Seelsorge meint den ganzen Menschen

„Seelsorge oder Lebenshilfe“ ist eine falsch gestellte Frage. Die Praxis zeigt dauernd, daß ganz konkrete menschliche Dinge (zum Beispiel der Schlaf oder seelische Schwierigkeiten) enorme geistliche Wirkungen haben. Der ganze Mensch mit Leib, Seele und Geist ist eine Einheit, deren Teile sich gegenseitig beeinflussen; alles bedarf dar Erneuerung durch Gott.

 

Seelsorge zielt ins Zentrum der Existenz

Die Gefahr der Einseitigkeit der Lebenshilfe scheint da zu liegen, wo geistliche und menschliche Hilfe verwischt wird. Wenn heute gesagt wird, daß es dem Menschen nicht mehr um die Frage nach der Gerechtigkeit vor Gott gehe, sondern um das Wohl und das Miteinander, so ist das scheinbar richtig. Zugleich ist es aber immer eine Verkürzung der biblischen Bot­schaft, die man nicht auf Dauer ohne Schaden für den ganzen Menschen hinnehmen kann.

 

 

Gesprächsführung: Hilfreiches Verhalten

1. Partnerschaftliches Verhalten und Toleranz:

- Ich stelle keine Behauptungen auf, ohne sie zu begründen und einsichtig zu machen.

- Ich ermutige den Partner zu Widerspruch und Kritik gegenüber meinen Aussagen und meiner Person. Dadurch aktiviere ich sein Selbstwertgefühl und seine Eigeninitiative.

- Ich antworte tolerant, also weder autoritär noch „scheißliberal“. Überredung werde ich vermeiden, überhaupt jegliches Drängen und Zwingen

- Ich finde gemeinsam mit dem Partner heraus, welches Maß an Partnerschaft er momentan braucht.

- Die vom Partner auf mich übertragene Autorität ist stufenweise abzubauen, etwa durch Wendungen wie: „Die Lösung finden wir wohl am besten durch gemeinsame Anstrengung“.

 

2. Zuhören

- Ich möchte mein Hören und Sehen, mein Denken, fühlen und Glauben ganz auf den Gesprächspartner konzentrieren, ganz auf den einen Sender einstellen und Nebensender ausschalten, weil sie mich am genauen Hinhören und Hinschauen hindern.

- Ich sorge vor und während des Gesprächs für ein Höchstmaß an äußerer und innerer Ruhe. - Ich achte nicht nur auf die logischen Aussagen des Gesprächspartners, sondern versuche zu erfassen, was er (noch) nicht mit Worten sagen kann, zum Beispiel starke Gefühle, innere Angst.

- Ich beachte Stichwörter, Reizwörter, Wiederholungen, Schüsselsätze, Hauptfragen, aber auch Bruchstellen und Pausen. Gibt   einen „roten Faden“, eine bestimmte Richtung im Gespräch? Gesprächsthema (des mir wichtig oder schwierig erscheint), während der Partner

schon von anderen Themen spricht.

- Ich lasse den Partner ausreden und falle ihm nicht ins Wort mit Meinungsäußerungen, vor-. eiligen Deutungsversuchen) und Zwischenfragen; ich habe Zeit und Geduld.

- Ich stelle nur notwendige weiterführende Fragen, die Fragen müssen aus dem Gespräch herauswachsen und dürfen nicht hineingetragen werden.

- Wenn der Partner Fragen stellt, höre ich zunächst daraus, welche Antworten er selber finden kann,

 

3. Unbedingtes Annehmen und Wertschätzen:

- Ich achte und akzeptiere die Gedanken und Gefühle, Erlebnisse und Wünsche des Partners.

- Ich achte auf die guten und starken Seiten des Partners und setze alles daran, um diese Seiten im Gespräch zu bestätigen und zu verstärken,

- Ich habe eine tiefe Achtung vor der Persönlichkeit des Partners, vor seinem Lebensweg, seiner Freiheit und Gebundenheit. Ich respektiere auch seine Rückschritte und Umwege

- Ich achte nicht nur auf das, was der Partner war und ist, sondern auch auf das, was er

Werden kann, daß er die Chance hat, sich zu ändern bzw. durch Christus verändern zu lassen.

- Ich erinnere mich, wie befreiend es für mich war, wenn ich mit meinen Stärken und Schwächen akzeptiert wurde (von Freunden, Familienangehörigen, Gott). Ich frage mich dann, ob ich auch den Partner so achten und annehmen kann, wie er ist. Für uns beide gilt: „Nehmet einander an, gleichwie Christus euch angenommen hat (Röm 15,7).

- Weil ich Gen Partner wertschätze, werde ich ihn nicht an mich binden; sondern loslassen können, wenn die Gesprächssituation zu schwierig wird. Ich werde ihn dann an einen eventuell älterem Gesprächspartner oder Fachberater weitervermitteln.

 

4. Zu vermeidendes Verhalten

- Dirigieren, d.h. Ratschläge, Mahnungen oder Befehle aussprechen, fertige Lösungen vorlegen zu Überredung und Manipulation greifen.

- Debattieren, d.h. Streitgespräche führen, rechthaberisch den eigenen Standpunkt vertreten.

- Dogmatisieren, d.h. Aussagen von unangreifbarer Autorität verbreiten (Lehrsätze aus Theologie und Psychologie, Lebenserfahrung und Volksweisheit).

- Diagnostizieren, das bedeutet hier: schnell und verallgemeinernd und endgültig eine Diagnose aussprechen, so daß der Partner seine individuelle Freiheit verliert.

- Interpretieren, das bedeutet hier: eigenwillig und subjektiv auslegen, Dinge hineintragen oder herauslesen, die nicht wirklich angesprochen sind.

- Bagatellisieren, d.h. ein Problem oder Gefühl des Partners herunterspielen oder als geringfügig ansprechen.

- Moralisieren, d.h. negative oder positive Werturteile aussprechen

- Monologisieren, d.h. viel und langatmig reden und dabei den anderen aus den Augen verlieren.

- Rationalisieren, d.h. in einseitiger Weise logisch-intellektuell vorgehen und dabei

die Gefühle mißachten.

- Projizieren, d.h. eigene Erfahrungen, Gedanken und Gefühle auf den Gesprächspartner übertragen, von subjektiven Erfahrungen auf den anderen schließen.

- Sich identifizieren, d.h. in der Welt des Partners aufgehen, die nötige Distanz und Selbstkontrolle verlieren.

- Sich fixieren, d.h. sich selber auf bestimmte Rollen festlegen oder sich vom Gesprächspartner aufzwingen zu lassen („Zünglein an der Waage“, „trostreiche Mutter“).

- Examinieren, d.h. ausfragen, zu viel fragen, aushorchen, verhören.

 - Umfunktionieren, d.h. den Partner unterbrechen und das Gespräch gegen seinen Willen in eine bestimmte Richtung lenken.

 

 

Depression

Der Depressive ist im Allgemeinen sehr empfindsam und stark beeindruckbar. Da er empfänglich ist für alle dunklen und belastenden Seiten des Lebens, gilt er als der geborene Schwarzseher. Beim Umgang mit ihm fällt auf, daß er Spannungen und Auseinandersetzungen nicht aushalten kann. Konflikte belasten ihn mehr als nötig, weil er auch sachliche Differenzen persönlich nimmt. Darum ist er stets bemüht, Spannungen abzubauen. Diese Harmonisierungsversuche belasten ihn jedoch schwer, weil sie häufig mit dem Verzicht auf eigene Interessen verbunden sind.

„Um des lieben Friedens willen“ geht er allen Auseinandersetzungen - auch den notwendigen - aus dem Wege und wird dadurch immer stärker in die Ecke gedrückt. Aus Angst, er könne den ihn Bittenden verletzen oder verlieren, wagt der Depressive nie, „Nein“ zu sagen. Da ihm das Nachgeben und Verzichten zur zweiten Natur geworden ist, sieht er sich allen Forderungen und Unverschämtheiten seiner Mitmenschen wehrlos ausgesetzt. Die zu allen erstrebte Nähe kostet ihn einen hohen Preis: Er muß sich allen anpassen und unterordnen bis hin zur Selbstaufgabe.

 

Da es kein Mensch auf die Dauer aushalten kann, sich kränken zu lassen, wo er sich wehren müßte, sich ausnutzen zu lassen, wo er an sich selbst denken müßte, muß sich der Depressive als Ausgleich für seine äußere Unterlegenheit eine innere Überlegenheit schaffen. Das erreicht er dadurch, daß er seine überwertige Bescheidenheit durch das Gefühl der moralischen Überlegenheit kompensiert. Uneigennützige (altruistische) Tugenden wie Verzichtbereitschaft und Selbstlosigkeit rücken in seiner Wertskala an die erste Stelle, und so kann er sich bei seinem Mangel an gesundem Durchsetzungsvermögen eigener Anliegen wenigstens damit trösten, daß er ein moralischer Mensch ist.

Das biblische Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ formt der Depressive zu dem Satz um: „Du sollst deinen Nächsten mehr lieben als dich selbst.“ Nicht selten passiert es, daß sich ein Depressiver in eine ausgesprochene Dulderrolle hineinsteigert, in der er sich zugleich bewundern und bedauern kann.

Eine andere Art der Aggressionsentladung ist beim Depressiven das Jammern, Klagen und Lamentieren. Wo die Aggression keinen dieser beiden Wege findet, richtet sie sich nach innen und führt von Anklagen und Haß gegen die eigene Person bis hin zur unbewußten Selbstzerstörung. Vom Selbsthaß zum Selbstmord ist dabei oft nur ein kleiner Schritt. Im ganz wörtlichen Sinne ist der Depressive dann oft von seinen eigenen Aggressionen völlig „niedergeschlagen“.

Schwer zu leiden hat der Depressive auch unter ständig bohrenden Schuldgefühlen. Diese rühren zum Teil daher, daß er sich häufig mit anderen identifiziert und auf diese Weise auch die Schuld für deren Versagen auf sich nimmt. Ist er zum Beispiel als Gast irgendwo eingeladen, fühlt er sich für das Gelingen der Begegnung verantwortlich. Glückt diese nicht recht und stellen sich Mißstimmungen ein, so bekommt er Schuldgefühle.

Zum anderen Teil kommen die Schuldgefühle des Depressiven daher (und hier liegt eine echte Schuld vor), daß er es versäumt, sein eigenes Leben zu leben. Durch die allzu starke Anlehnung an andere bleibt er sich selbst Wesentliches schuldig. Da ihm diese echte Schuld aber nicht bewußt wird, überträgt er sie auf Situationen, in denen er eigentlich gar nicht schuldig werden kann. Insofern steckt in der Schuldübernahme für andere doch ein Quentchen eigene Schuld.

Im Gegensatz zum optimistischen Menschen, der in die Zukunft blickt, schaut der Depressive meist zurück in die Vergangenheit. Er erlebt die Zeit nicht als Angebot des Wachstums und der Entfaltung, sondern - eher umgekehrt - als Mittel der Einengung und des Abnehmens. In seiner Bindung an das Vergangene verliert er sich in endlosen Grübeleien. Mit Wendungen wie: „Wäre das damals nicht geschehen, so wäre heute alles anders“ oder „Hätte ich das nicht getan, so könnte ich heute noch in meinem Amt sein“, versucht er an längst Geschehenem und damit Festgelegtem zu rütteln. Statt in die Zukunft hinein weiterzuschreiten und sich so von den Fehlhandlungen der Vergangenheit zu befreien, verbraucht er seine ganze Kraft im ohnmächtigen Ansturm gegen das nicht mehr Veränderbare.

Wenn der typische Schwarzseher von vornherein nichts Gutes erwartet, dann trifft ihn wenigstens das Schwere, das über ihn kommen könnte, nicht unvorbereitet. Sollte das Schwere aber ausbleiben, dann kann er nur angenehm überrascht werden.

Wenn wir nach der Ursache des depressiven Verhaltens fragen, stoßen wir auf eine Ich-Schwäche und ein mangelhaft ausgebildetes Selbstwertgefühl. Der Depressive wagt nicht, er

selbst zu sein. Er tut sich schwer, eigene Wünsche auszusprechen, geschweige denn, gegen andere durchzusetzen. In seiner Unselbständigkeit lehnt er sich an andere an und begibt sich in innere Abhängigkeit von ihnen. Diese Abhängigkeit kann so groß werden, daß der Depressive schon durch ein Andersdenken oder einen anderen Geschmack die Beziehung zu dem erwählten Partner gefährdet sieht.

Um die damit verbundenen Ängste zu vermeiden, bleibt dem Depressiven nur die totale Auslieferung an den anderen. In der Ehe führt eine depressive Bindung der Partner aneinander dazu, daß der eine den anderen nicht ein Stück freigeben kann. Der biblische Satz: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen“, wird in einer solchen Ehe verabsolutiert und bewirkt, daß der eine keinen Schritt ohne den anderen tun kann. Der Verzicht auf die Eigenprägung seiner Person bringt es mit sich, daß der Depressive nur ein widerspiegelndes (oder in einem anderen Bild: echohaftes) Leben führt. Das mag streckenweise bequem sein, befriedigend aber ist es nicht.

Die Ich-Schwäche des Depressiven ist nicht - wie man weithin meint - angeboren, sondern in der Regel Folge einer nicht geglückten Mutter-Kind-Beziehung. Natürlich können konstitutionelle Komponenten wie Schwermütigkeit und Bequemlichkeit bei der Entstehung einer Depression eine Rolle spielen. Die entscheidenden Faktoren aber sind sie nicht. Eingehende Untersuchungen der frühkindlichen Entwicklungssituation haben ergeben, daß vor allem Verwöhnung und Versagung die depressionsfördernden Elemente sind.

Die Verwöhnung ist das weitverbreitetste Erziehungsübel unserer Zeit. Aus Angst, dem Kind etwas schuldig zu bleiben oder seine Liebe zu verlieren, deckt die verwöhnende Mutter jede Unlustreaktion des Kindes mit Zärtlichkeit zu. Sie nimmt ihm dadurch die Möglichkeit, seine Affekte zu äußern und Lösungen zu deren Bewältigung zu finden. Da dem verwöhnten Kind jede Anstrengung durch das vorkauende Verhalten der Mutter erspart wird, gerät es in eine passive Erwartungshaltung hinein. Dadurch wird verhindert, daß es die Fähigkeit zum Zupacken und zur Durchsetzung seiner Wünsche entwickeln kann. Das bedeutet insofern eine schwere Schädigung für das Kind, als ein gesundes und gekonntes Durchsetzungsvermögen zu einer normalen Ich-Stärke gehört und ein wesentlicher Bestandteil des Selbstwertgefühls ist.

Je älter es wird, desto schädigender wird für das Kind die allzu enge Bindung an die Mutter. Da es auf eigenen Wegen nie erfährt, wie die Welt wirklich ist, erwartet es, daß diese - wie die Mutter (in einer Art Schlaraffenland) - nur dazu da sei, es zu bedienen und zu verwöhnen. Mit dieser Erwartungshaltung aber muß es an der realen Welt scheitern, die alles andere als eine verwöhnende Mutterinstanz ist.

Die nicht vollzogene Ablösung von der Mutter erhält das Kind aber nicht nur in einer schädlichen Unmündigkeit, in der sein Ich nicht erwachsen werden kann, sondern erzeugt in ihm auch unterschwellige Haßgefühle, die sein ganzes Leben vergiften können. Sowohl sich ein verwöhntes Kind einerseits unter der beständigen Fürsorge seiner Mutter fühlt, so sehr leidet es andererseits unter deren „weichen Vergewaltigung“.

Kein gesundes Kind kann es auf die Dauer hinnehmen, daß alle Regungen zur Eigenständigkeit in ihm unterdrückt werden, darum fängt es an, die Mutter zu hassen. Da es diesen Haß aber nicht äußern kann (wie würde es damit die geliebte Mutter kränken und welche Schuldgefühle müssten das bei ihm auslösen!), lenkt es ihn nach innen. Auf diese Weise staut sich in dem nicht zu sich selbst Kommenden im Laufe der Zeit ein großer Haß an, der in dauernden Selbstanklagen und Selbstbestrafungen abgearbeitet werden muß. Die für den Depressiven typische Neigung zum Selbsthaß, der sich bis zur Selbstzerstörung steigern kann, findet darin seine Erklärung. Der gegen die eigene Person gerichtete Haß des Depressiven ist im Grunde nur der verschobene Haß gegen die Mutter.

 

Die Traumatisierung (d. h. die innere Verletzung) des Kindes wird noch dadurch verstärkt, daß ihm die nur an sich selbst interessierte Mutter jeden Handgriff und jede kleine Hilfeleistung als großes Opfer vorhält. Bei den allerselbstverständlichsten Dingen wie der Reinigung und Fütterung läßt sie es spüren, wieviel Anstrengung und Verzicht das die „liebe Mutti“ kostet. Dadurch erzeugt sie im Kind Wiedergutmachungstendenzen und erreicht, daß dieses sich schuldhaft an sie gebunden fühlt. Aus der schuldhaften Bindung an die Mutter leitet sich das für den Depressiven so typische Gefühl her, daß er eigentlich kein Daseinsrecht hat und daß er nur leben darf, wenn er sich (unter Zurückstellung aller eigenen Interessen) für andere opfert.

Verdrängter Neid ist ein schwerer Störfaktor im seelischen Haushalt. Menschen, die ihre Neidgefühle ständig unterdrücken müssen, stehen dem Leben in der Grundhaltung des Ressentiments gegenüber.

Weil die sich versagende Mutter das Kind überfordert, beeinflußt sie ein weiteres Geschick sehr nachhaltig. Sie drängt es in eine depressive Verzichtbereitschaft hinein, aus der sich später nur schwer wieder befreien kann. Als bleibende Bedrückung geht mit ihm die Frage durch das Leben: „Wozu bin ich denn eigentlich da, wenn ich doch nur allen eine Last bin?“ Ein auf diese Weise vorgeprägter Mensch verbraucht einen wesentlichen Teil seiner seelischen Kraft, um diese Bedrückung zu überwinden; für die Bewältigung seiner Alltagsaufgaben bleibt ihm nicht viel übrig.

Für den seelsorgerlichen Umgang mit dem Depressiven ergibt sich aus dem vorher Aufgezeigten dreierlei: Erstens braucht der Depressive einen Menschen, der ihn um seiner selbst willen akzeptiert. Nur im Gefühl, als Person wirklich angenommen zu sein, kann er das nötige Vertrauen zu sich selbst finden.

Der Depressive muß lernen, daß er auch ohne Stütze und Anlehnung auf eigenen Füßen stehen kann. Für ihn ist wichtig, daß er ein gesundes Gefühl für den eigenen Wert entwickelt. Erst das gibt ihm die Möglichkeit, ich nicht nur um andere, sondern - wie es nötig ist - auch um sich selbst zu drehen. Wenn es dem Depressiven gelingt, auch sich selbst zu lieben, hat er den entscheidenden Schritt getan, um sich aus den Bindungen, die ihn unmündig halten, zu befreien.

Zweitens braucht der Depressive einen Menschen, der ihm hilft, seine falsche Verzichthaltung und die daraus resultierende Resignation zu überwinden. Nur durch ständige Ermutigung kann er Vertrauen fassen, auch an andere Forderungen zu stellen und im Leben eigene Ziele zu verfolgen. Der Depressive muß die Einsicht gewinnen, daß er sich nicht nur nach anderen zu richten braucht, sondern daß sich andere auch nach ihm richten müssen.

Was ihm not tut, ist ein gesundes Durchsetzungsvermögen. Im vertrauten Umgang muß ihm die Angst genommen werden, Unlustgefühle und Aggressionen zu äußern. Er muß die Erfahrung machen, daß es etwas durchaus Natürliches ist, auf Gängelung und Beschneidung der eigenen Möglichkeiten mit feindseligen Gefühlen zu reagieren, denn nur dann kann er dazu freiwerden, den anderen seine Aggressionen anzuvertrauen, wie er ja auch seinerseits bereit ist, deren Aggressionen anzunehmen. Diese Möglichkeit der Aggressionsentladung ist für den Depressiven von entscheidender Bedeutung, weil nur dadurch verhindert werden kann, daß die Aggressionen nach innen schlagen und Selbstbestrafungs- und Selbstzerstörungstendenzen erzeugen.

Drittens muß der Depressive einen Menschen haben, der ihm ermöglicht, eine realistische Einstellung zur Welt zu gewinnen. Da er das Bild der Mutter auf die Welt überträgt, erscheint ihm diese entweder als Schlaraffenland (= verwöhnende Mutter) oder als Wüste (= sich versagende Mutter). Das durch diese Übertragung entstehende Zerrbild der Welt kann der Depressive von sich aus nicht korrigieren. Nur mit Hilfe eines behutsamen Begleiters kann es ihm gelingen, seine Übertragung zu durchschauen und von der Welt zurückzunehmen.

 

 

Zwangshandlungen (Fanatismus)

Der unter Zwängen leidende Mensch wird zwar den Seelsorger seltener aufsuchen als der Depressive, aber er bedarf seiner Hilfe nicht weniger. Die eigentliche Not des Zwanghaften besteht darin, daß er eine bestimmte Lebensaufgabe, der er sich stellen müßte, vor der er aber zurückschreckt, in einem dem Willen untergeordneten Bereich zu lösen versucht.

So hält zum Beispiel einer, der sein Inneres nicht ordnen kann, eine penetrante äußere Ordnung. Ein solcher Mensch ist furchtbar irritiert, wenn die gute Stube nicht aufgeräumt ist oder der Wagen nicht auf Hochglanz poliert in der Garage steht. Die äußere Ordnung bringt ihm eine gewisse Entlastung (daraus erklärt sich der sonst schwer verstehbare „Putzfimmel“), aber seine wirklichen Probleme kann sie nicht lösen. Von harmlosen Vorformen bis zu zwanghaften (beinahe rituellen) Handlungen sind dabei alle Spielarten möglich. Die Tendenz ist, daß mit fortschreitendem Alter die Zwanghaftigkeit zunimmt, wenn ihre Motivation nicht abgebaut wird.

Ein Charakteristikum des zwanghaften Menschen ist sein ständiges Umgetriebensein von Zweifeln. Dahinter steckt seine Angst vor den unvorhergesehenen Zufällen des Lebens und sein Bestreben, sich gegen diese zu schützen. Bei allem, was er unternimmt, wird er von Zwangsvorstellungen geplagt, die ihm ausmalen, welche Komplikationen sich aus seinem (eingebildeten) Vergessen oder Unterlassen ergeben könnten. Mögen diese Vorstellungen dem Zwanghaften auch selbst als grotesk und aller Vernunft zuwiderlaufend erscheinen, so wird er doch von ihnen in Bann gehalten.

Um wenigstens ein bißchen Gewalt über die Zukunft zu bekommen, kämpft er gegen die eingebildeten Gefahren. Dadurch schafft er sich zwar momentane Erleichterung, verliert aber die Angst vor dem Kommenden nicht. Statt die Zukunft gestaltend anzugehen, verbraucht der Zwanghafte seine Kräfte in der Abwehr seiner phantastischen Zweifel.

Dabei ist zu beobachten: Je zwanghafter einer. wird, umso mehr nehmen seine Zwangszweifel den Platz sinnvollen Tuns ein. Auf diese Weise wird das Leben mehr und mehr eingeengt und zuletzt von lauter Zwängen überwuchert.

Ein weiteres Symptom des zwanghaften Menschen ist der Geiz. Sein überwertiges Sicherungsbedürfnis treibt ihn dazu, alles mögliche, vor allem aber Geld zu sammeln und zu horten. Der Zwanghafte fühlt sich nur einigermaßen zufrieden, wenn er „Reserven“ hat. So kommt es, daß er in alten Kleidern herumläuft, während die neuen im Schrank hängen und von Motten zerfressen werden, oder daß er sich nicht den kleinsten Luxus gönnt, während seine Sparguthaben unaufhürlieh stetigen.

Seine Affekte und Aggressionen wagt der Zwanghafte nicht zu äußern. Aus Angst, er könne die Kontrolle über sich selbst verlieren, versucht er alle spontanen Reaktionen von Wut, Haß und Neid zu unterdrücken. Dadurch überfordert er sich selbst und erzeugt in sich einen Affektstau, der nur mit Hilfe kompensatorischer Maßnahmen unter Kontrolle gebracht werden kann.

Unter dem Druck der abgedrosselten Affekte kann sich der Zwanghafte sehr leicht zum Fanatiker entwickeln. Er bekämpft dann im anderen all das, was er sich selbst verbieten mußte. Je größer der innere Stau bei ihm ist, desto kompromißloser führt er diesen Kampf.

Im Gegensatz zum Depressiven richtet der Fanatiker seine Aggressionen nicht gegen sich selbst, sondern gegen jemanden oder etwas draußen. Bei seinem rücksichtslosen Vorgehen gegen Andersdenkende oder andere Überzeugungen hat er ein gutes Gewissen, weil er überzeugt ist, damit etwas Notwendiges zu tun, und sich dessen gar nicht bewußt wird, daß er in seinen Fanatismen Aggressionen abreagiert.

Eine andere Möglichkeit, sich seiner angestauten Aggressionen zu entledigen, findet der Zwanghafte darin, daß er eine übermäßige Korrektheit entwickelt. Mit dieser übt er sowohl Druck auf sich selbst als auch auf seine Mitmenschen aus. So kann zum Beispiel eine Hausfrau mit ihrer zwanghaften Ordentlichkeit ihre ganze Familie terrorisieren, oder ein Prüfer kann mit seiner Übergenauigkeit alle zu Prüfenden unter unheimlichen Druck setzen. Auf mannigfache Weise kann der Zwanghafte seine unterdrückten Affekte in Überkorrektheit ausleben. Das bietet sich ihm insofern geradezu an, als er dabei in der Maske des Ordnungshüters seine Mitmenschen aufreizen und angreifen kann.

Wenn ihm aber diese Möglichkeiten verschlossen sind, weil sein übersensibles Gewissen diese Formen der Affektentladung nicht zuläßt, wirken die unterdrückten Kräfte auf den Körper. Auf diese Weise entstehen Schlafstörungen, Kopfschmerzen sowie Herz- und Kreislaufstörungen.

Eine besonders häufige Folge der Aggressionsverdrängung des zwanghaften Menschen ist der Bluthochdruck, der nicht selten der Vorläufer von Schlaganfällen und Herzinfarkten ist. In diesem Symptom drückt sich - gleichsam in einer Art Körpersprache - der unlösbare Konflikt zwischen aggressiv sein wollen und nicht aggressiv sein können aus.

Der zwanghafte Mann zum Beispiel zwingt seine Frau, das Wirtschaftsgeld bis zum letzten Pfennig abzurechnen. Mit eiserner Konsequenz setzt er seine Lebensansichten in der Familie durch. Seine Kinder erzieht er nach starren Prinzipien. Er glaubt, alles in ein System einfangen zu können, und fühlt sich verpflichtet, nach diesem System zu handeln.

Die Erfahrung, daß sich die Zeiten ändern, läßt der Zwanghafte für sich nicht gelten. Mit allen Kräften sperrt er sich gegen die Einsicht, daß es im Bereich der Erziehung keine unveränderlichen Prinzipien gibt. Er ist der Vertreter zeitloser Wahrheiten, Neues und Ungewohntes lehnt er schroff ab. Da er mit seiner unelastischen Haltung bei Heranwachsenden häufig auf Widerstand stößt, entwickelt sich der Generationskonflikt zwischen ihm und seinen Kindern in besonderer Schärfe.

Zwanghaftes Verhalten ist nicht angeboren, sondern wird in der Kindheit erworben. Eine der Hauptursachen dafür liegt darin, daß die spontanen Äußerungen des Kindes zu früh gehemmt und unterdrückt werden. Für die Entwicklung des Kindes ist es verhängnisvoll, wenn es nie laut, ausgelassen und eigenwillig sein darf. Es gibt Eltern (vor allem zwanghafte neigen dazu), die beim Kind keine Widerrede dulden und die meinen, seinen Eigenwillen (oder wie sie sagen: seinen Trotzkopf) brechen zu müssen. Wenn .das Kind einmal laut ist, wird es zurückgewiesen und zur Ruhe vermahnt, wenn es beim Spielen etwas kaputt macht (gar nicht, um zu zerstören, sondern um zu entdecken), wird es mit Vorwürfen überhäuft und als böse getadelt.

Auf diese Weise entsteht im Kind der Eindruck, daß alle seine Wünsche böse sind, und seine Handlungen werden schon im Ansatz gehemmt und unterdrückt.

Natürlich bedeutet es für das Kind eine starke Verunsicherung, wenn es seine spontanen Bedürfnisse nicht äußern und stillen darf. Diese Verunsicherung kann so weit gehen, daß es sich bei allem fragen muß: Darf ich eigentlich ich selbst sein oder muß ich gehorchen und auf meine Wünsche verzichten? Dem Impuls steht bei dieser Konstellation immer sofort der Gegenimpuls entgegen, und die Folge davon ist, daß die meisten Antriebe gar nicht zur Ausführung kommen, sondern im Zweifel steckenbleiben.

Zum späteren zwanghaften Verhalten kann es auch führen, wenn vom Kind zu früh verlangt wird, auf sich aufzupassen und sich zusammenzunehmen. Erstgeborene werden nicht selten unter diesen Erwartungsdruck gestellt. Vom älteren Kind erwarten viele Eltern ganz selbstverständlich, daß es dem jüngeren gegenüber zurücktritt, daß es bei Streitigkeiten nachgibt, daß es zugunsten des Geschwisters verzichtet. Sie ahnen gar nicht, welche Last sie damit ihrem Kind aufladen. Meist fällt ja diese Forderung in eine Zeit, in der das größere Kind schon eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt hat und das nachfolgende Geschwister als Rivalen empfindet. Nun soll es nicht nur diese feindseligen Gefühle, die die Fachleute der Kain-Abel-Problematik zuordnen, unterdrücken, sondern darüber hinaus auch noch dem Rivalen mit besonderer Rücksichtnahme begegnen.

Zur Ausbildung zwanghafter Verhaltensweisen kann es auch aus kompensatorischen Gründen kommen. Wenn ein Kind in einer völlig ungeordneten Welt aufwächst, muß es versuchen, dem chaotischen Milieu eine selbstentwickelte Ordnung entgegenzustellen. Da kein Kind ohne den Halt bestimmter Leitlinien und Grundsätze erwachsen werden kann, muß es sich diese selbst schaffen, wenn sie ihm nicht von den Eltern gegeben werden. Dabei kann es leicht passieren, daß diese Grundsätze starre und zwanghafte Formen annehmen, weil diese ja immer wieder gegen äußere, sie in Frage stellende Einflüsse verteidigt werden müssen. Haltlose Eltern rennen oft aggressiv gegen den Halt an, den sich ihre Kinder zu geben versuchen. Auf diese Weise kommt die merkwürdige Tatsache zustande, daß die zügellose Erziehung ebenso zwangsbildend wirkt wie die überfordernde.

Ganz allgemein wird man sagen können, daß überall da die Gefahr zur Herausbildung von Zwangssymptomen besteht, wo an Stelle der Erziehung die Dressur tritt. Da es wesentlich leichter ist, ein Kind zu einem bestimmten Verhalten zu dressieren als es dahin zu erziehen, wählen viele Eltern den bequemeren Weg. Mit Hilfe der Dressur lassen sich Musterkinder erziehen, die zwar durch ihre Bravheit und ihren Gehorsam imponieren, die aber nichtsdestoweniger zu bedauern sind, weil sie für ihre Bravheit mit ihrer schöpferischen Spontanität bezahlen müssen.

Im seelsorgerlichen Umgang mit zwanghaften Menschen wird es für uns darauf ankommen, sie trotz ihrer oft pedantischen oder fanatischen Lebenseinstellung zu akzeptieren und ihnen Mut zu einer offeneren und freieren Lebensgestaltung zu geben. Das kann nicht dadurch geschehen, daß wir ihre starren Prinzipien und eingefleischten Gewohnheiten angreifen, sondern nur dadurch, daß wir sie aus ihren selbstgemachten Gehäusen herauslocken und ihnen zeigen, daß es auch jenseits ihrer schützenden Wände Lebensmöglichkeiten für sie gibt. Zwanghafte machen den vergeblichen Versuch, ihr Leben sichern zu wollen, und verlieren es dabei. Sie müssen es darum lernen, sich loszulassen und dem Leben anzuvertrauen. Da sie das allein nicht können, brauchen sie den Seelsorger, der sie behutsam an der Hand nimmt und bei ihren Schritten, in die Freiheit begleitet.

Hysterie

Noch schwerer als Zwangshandelnde haben es Hysteriker. Ihnen wird der massive Vorwurf gemacht, sie seien Simulanten. Von den meisten wird angenommen, der Hysteriker spiele nur krank, er könne ich durchaus normal verhalten, wenn er nur wolle.

Das auffallendste Kennzeichen des hysterischen Menschen ist sein überwertiger Geltungsdrang, sein unstillbares Bedürfnis nach Bestätigtwerden und Mittelpunkt-sein-wollen. Beständig ist der Mensch mit hysterischen Persönlichkeitsanteilen darauf aus, die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auf sich zu ziehen. Von daher erklärt sich sein oft extravagantes Verhalten, das sich in auffälliger Kleidung ebenso ausdrücken kann wie in absichtlichem Zuspätkommen.

Da es dem Hysteriker innere Not bereitet, wenn er nicht die genügende Beachtung findet, muß er alles tun, um diese Beachtung zu erzwingen. Dabei scheut er auch vor der Demonstration einer Krankheit nicht zurück. Es kann durchaus passieren, daß ein Hysteriker, der sich in einer Gruppe übersehen glaubt, plötzlich ohnmächtig umfällt und auf diese Weise die Blicke aller auf sich lenkt oder daß in einer Ehe der an Hysterie Leidende immer dann Kopf- oder Magenschmerzen bekommt, wenn er in die unterlegene Position gerät oder sich von seinem Partner vernachlässigt fühlt. Bei einem hohen Grad der Nichtbeachtung läßt es der hysterisch Gefährdete sogar auf einen Selbstmordversuch ankommen.

Das vordrängerische Verhalten des hysterischen Menschen erzeugt natürlich emotionalen Widerstand und führt dazu, daß der Hysteriker eher als arrogant denn als leidend empfunden wird. Nur wenige sind in der Lage, hinter den hysterischen Machenschaften die wirkliche Not eines Menschen zu erkennen. Wo jedoch übersehen wird, daß das ganze „Imponiergehabe“ nur Signal einer tiefsitzenden Wunde ist, wird man dem Hysteriker nicht gerecht.

Um auch nur einigermaßen im inneren Gleichgewicht zu bleiben, ist er auf dauernde Bestätigung angewiesen. Da er sein Selbstwertgefühl aus der von anderen zurückgespiegelten Bewunderung aufbaut, muß er ein überwertiges Bedürfnis nach Bestätigtwerden entwickeln. Ein gleichgültiges Übersehen seiner Person fügt ihm nicht nur einen Randschmerz zu, den er bewältigen kann, sondern trifft ihn im Kern seines Wesens.

Die unersättliche Geltungssucht des hysterischen Menschen, die wir als sehr unsympathisch empfinden, ist ein Symptom seiner Krankheit. Innere Not ist es, die ihn dazu treibt, sich immer wieder nach vorn zu drängen und die „erste Geige“ spielen zu wollen. Um den Blick auf sich zu lenken, setzt der Hysteriker alle ihm verfügbaren Mittel ein - von der harmlosen Übertreibung bis zur maßlosen Hochstapelei. Dabei verwickelt er sich in immer größere Widersprüche zwischen Schein und Sein, zwischen dem Bild, das er von sich zu: geben versucht, und der Wirklichkeit seiner Person.

Bei fortschreitender Krankheit gerät der Hysteriker häufig in eine totale Isolierung hinein, die nicht selten mit dem Selbstmord endet. Je unsicherer er nämlich ist, desto unkontrollierter werden die Formen seines „Imponiergehabes“. Es ist die Tragik des hysterischen Menschen, daß seine stärksten Notsignale nicht mehr verstanden werden. Während noch kleine Angebereien ihre Bewunderer finden, stoßen übertriebene Selbstglorifizierungen auch den geduldigsten Zuhörer ab. Mit einem Hochstapler will auf die Dauer kein Mensch etwas zu tun haben. Von sich selbst aus kann der Hysteriker diesen Teufelskreis nicht durchbrechen, darum braucht er Menschen, die sich nicht von seinem Verhalten abschrecken lassen, sondern die dahinter liegende Not erkennen.

 

Einerseits kann der Mensch mit hysterischen Wesenszügen sehr charmant und liebreich sein. Er ist ein Meister des Flirts und versteht es, seine Reize und Vorzüge überzeugend zur Darstellung zu bringen. Da er die Sexualität von seiner Person abspalten kann, gewinnt er die Eigenschaft des Sex- Appeal, d. h. jene starke, unbewußte Anziehungskraft, der das andere Geschlecht nur schwer widerstehen kann.

Andererseits gelingt es dem Hysteriker nur schwer, einen anderen Menschen um seiner selbst willen zu lieben. Für ihn ist die Liebe nur ein Mittel zur Selbstbestätigung. Er liebt die durch die Liebe geschenkte Aufwertung seiner Person mehr als den jeweiligen Partner. So kommt es, daß die hysterische Persönlichkeit ihren Partner entweder als Schmuckstück benutzt, mit dem sie renommieren kann, oder als Spiegel, in dem sie ihren Charme widergespiegelt sieht.

Für sie kommt nur ein Partner in Frage, der sie liebenswert findet

Das Eingehen einer Liebesbeziehung ist für den Hysteriker viel leichter als das Beharren in ihr. Er lebt ja, von der Bewunderung des Partners. In ersten Begegnungen kann ihm diese Bewunderung verhältnismäßig leicht gewährt werden, aber auf die Dauer läßt sie sich nur schwer durchhalten. Wer brächte das fertig, seinen Partner immer nur liebens- und begehren-

wert zu finden? Der Hysteriker aber erträgt es nur schwer und reagiert frustriert, wenn die Komplimente ausbleiben und die Bewunderung für ihn nachläßt. In seinem unersättlichen Drang nach Bestätigung sucht er sich dann einen anderen „Verehrer“, und den findet er leicht, weil er auf alle Schmeicheleien, die er nur zu gern glaubt, hereinfällt.

In Fällen von gesteigerter Hysterie kommt es auch zu einem häufigen Partnerwechsel. Einem typischen Hysteriker wie Don Juan kommt es nicht auf wirkliche Begegnungen, sondern nur auf Eroberungen an. Er sieht in den Frauen eine Art Freiwild, das eingefangen werden muß.

Wenn die Partnerin erobert ist, dann ist sie für ihn nicht mehr interessant. Eine große innere Unsicherheit treibt ihn dazu, gewissermaßen Skalpe zu sammeln, weil sein Selbstwertge­fühl von der Zahl seiner Opfer abhängig ist. Er ist so instabil, daß er sich in die Rolle eines un­widerstehlichen Eroberers hineinbegeben muß.

Ein weiteres Motiv für den häufigen Partnerwechsel des Hysterikers ist darin zu suchen, daß er mit seinem plötzlichen Abbruch der Beziehungen der Gefahr zuvorkommen will, vom Partner fallengelassen zu werden. Das könnte er schlechterdings nicht ertragen, weil das seine

ganze, nur mühselig aufrechterhaltene Stabilität zum Einsturz bringen würde.

In Gruppen mit wechselnden Rollenerwartungen funktionieren Hysteriker im Allgemeinen gut, aber von der stabilen Zweierbeziehung der Ehe sind sie überfordert. Dafür gibt es drei Gründe:

1. Erstens ist der Hysteriker nicht fähig, Kritik zu ertragen. Ihm fällt es zwar nicht schwer, den Partner schonungslos herunterzureißen, aber im Blick auf seine Person ist er mimosenhaft empfindlich. Beim leisesten Angriff auf sein Verhalten gerät er in wilde Affekte. Statt auf das

Angesprochene einzugehen, überhäuft er den Kritisierenden seinerseits mit einer Flut von Vorwürfen, die mit der gemeinten Sache gar nichts zu tun haben. Schon die geringste Kränkung der Eigenliebe löst beim hysterischen Menschen intensive Haßgefühle aus.

3. Zweitens bringt es der Hysteriker nicht fertig, seine illusionäre Erwartung, die er dem Partner und der Ehe gegenüber hegt, aufzugeben. Ihm ist es selbstverständlich, vom Partner alles zu fordern, aber er kommt nicht im Entferntesten auf die Idee, daß er ihm auch etwas zu geben hätte. Zwischen seiner fordernden Haltung und seiner Bereitschaft zu geben besteht ein schreiender Widerspruch.

3. Drittens gelingt es dem Hysteriker nicht, die sexuellen Beziehungen aus dem Machtstreben herauszuhalten. Er sieht auch im Sexus nur ein Mittel zur Steigerung seines Selbstwertgefühls und seiner Macht über den Partner. Da es ihm in allem darum geht, die Faszination und Ausstrahlungskraft seiner Person zu erfahren, verwendet er auch seinen Sex-Appeal in erpresserischer Weise. Dadurch wird die Liebesfähigkeit des Partners stark beeinträchtigt, wenn nicht ganz zum Erliegen gebracht. Nicht selten sind Impotenz oder Frigidität (= Geschlechtskälte) Folgen solchen Verhaltens.

 

Hysterische Menschen leiden unter schweren Minderwertigkeitskomplexen

Wenn wir nach den Ursachen dieser inneren Fehlentwicklung fragen, dann stoßen wir auf gestörte Eltern-Kind-Beziehungen in den Jahren, in denen das Kind seine magische Wunschwelt aufgeben und erste Schritte zur Realitätsfindung tun muß. Nach Meinung der Fachleute

sollte das zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr geschehen. Um diese Reifungsschritte aber vollziehen zu können, braucht das Kind Eltern, die selbst eine stabile Wertwelt aufgebaut haben und ihm als Vorbild dienen können. Nur auf dem Weg der Identifikation mit reifen Eltern kann das Kind selbst Reife erlangen.

Besonders verhängnisvoll ist es für die Entwicklung, wenn hysterische Eltern (oft auch nur ein Elternteil) ihr Kind gar nicht als Eigenperson erkennen können, sondern es nur als Teil ihrer selbst wahrnehmen. Solche Eltern übertragen alle ihre unerfüllten Wünsche auf das

Kind und setzen es damit unter einen furchtbaren Erwartungsdruck.

Alle Versuche des Kindes, ein eigenes Selbst aufzubauen, werden dadurch im Keime erstickt. Denn wie soll ein Kind den Weg in die Eigenständigkeit finden, wenn jeder Schritt dahin von der vorwurfsvollen Frage begleitet wird: „Mußtest du uns das antun? Hättest du auch nur ein Fünkchen Dankbarkeit, dann hättest du dich anders verhalten.“

Hysterische Eltern versuchen ihrem Kind einzureden, daß es sein Selbst nur findet, wenn es sich nach dem Bild der Eltern entwickelt, daß es aber sein Selbstsein verfehlt, wenn es so wird, wie es sein möchte. In einer solchen, geradezu paradoxen, Situation, in der jeder Mut zur Eigenständigkeit erstickt wird, kann das Kind natürlich kein stabiles Selbst aufbauen.

Die Folge davon ist, daß das Kind, wenn es erwachsen wird, keinerlei Selbstsicherheit besitzt und sich nur schwer gegen die Wünsche und Erwartungen anderer abgrenzen kann.

Verheerende Auswirkungen für die Entwicklung hat es auch, wenn unreife Eltern ihr Kind zum Partner ihrer Enttäuschungen und Ängste machen. Es passiert nicht selten, daß in einer unglücklichen Ehe der Sohn in die Rolle des Trösters seiner Mutter gedrängt wird oder daß die Tochter die Rolle eines Verbündeten ihres Vaters spielen muß. Wird das Kind auf diese Weise zum Vertrauten eines Elternteils gemacht, dann werden ihm Dinge mitgeteilt, die es noch nicht verarbeiten kann und es wird altersmäßig überfordert.

Immer ist er versucht, gerade die Rolle zu übernehmen, die von der jeweiligen Bezugsperson oder vom jeweiligen Augenblick gefordert wird. Am Ende kommt dabei heraus, daß ein solcher Mensch vor lauter Rollenspielen gar nicht weiß, wer er selbst ist. So entwickelt sich eine Scheinpersönlichkeit, der klare Konturen und feste Charakteranlagen fehlen.

Nicht zu verkraften ist für das Kind auch die aus dem Elternkonflikt herrührende Erwartung, daß es sich einerseits wie ein Erwachsener benehmen, andererseits aber ganz gehorsames Kind sein soll. Durch dieses unausgeglichene Nebeneinander wird das Kind verwirrt und in ihm werden schwere Minderwertigkeitsgefühle erzeugt, da es einfach nicht beide Forderungen in gleichem Maße erfüllen kann.

 

Schwieriger Prozeß der Nachreife:

Von schädlichem Einfluß ist weiter für das Kind ein uneinsichtiger Wechsel zwischen Verwöhnung und Versagung. Wenn es ein Kind immer wieder erleben muß, daß es bald grundlos verwöhnt, bald grundlos beiseite gestellt wird, dann zieht es die Liebe, die es in einer normalen Entwicklung den Eltern zuwendet, auf sich selbst zurück.

Das hat zur Folge, daß sich in ihm eine narzißtische Hysterie ausbildet. Ein auf diese Weise zum Narziß gewordenes Kind dreht sich in allem, was es denkt und fühlt, nur um sich selbst.

Die Menschen, mit denen es zusammenlebt (seien es die Geschwister, seien es die Freunde) dienen ihm nur als Spiegel, in dem es sich bestaunen kann. Die uns in Grimms Märchen überlieferte Frage: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?“ ist die typische Frage einer narzißtischen Hysterika.

Für den Narziß ist es eine unverzeihliche Beleidigung, ihn nicht liebenswert zu finden. Wer ihn nicht bewundert, ist sein Feind. Solange er hofiert wird, ist er gut zu ertragen, wenn er aber einmal nicht genügend beachtet wird, dann macht er entweder wilde Szenen, um auf sich aufmerksam zu machen, oder er fällt in ein depressives Loch.

So kann der Narziß sein Gesicht von einem zum anderen Augenblick völlig verändern: Eben sah er noch faszinierend und attraktiv aus und im nächsten Moment hängt er schon völlig durch und liegt niedergeschlagen am Boden. Wegen dieser Instabilität ist er auch für wechselnde Gruppenbeziehungen besser geeignet als nur für die stabile Zweierbeziehung in einer Ehe.

Zuletzt müssen wir noch ein Wort zu den Streitereien und Auseinandersetzungen, die Eltern in Gegenwart des Kindes haben, sagen. Solche Auseinandersetzungen finden verhältnismäßig oft statt und werden im Allgemeinen für harmlos gehalten. Viele Eltern sind nämlich der Meinung, daß das Kind das alles noch nicht verstehe und daß man sich vor ihm nicht zusammenzunehmen brauche.

Mit dieser Meinung befinden sie sich in einem gefährlichen Irrtum. Auch wenn das Kind die rationalen Zusammenhänge der elterlichen Streitereien nicht durchschauen kann, so nimmt es doch die in den Konflikten steckenden Emotionen voll auf. Dadurch fühlt es sich verwirrt und findet nun seinerseits keinen Weg, wie es sich richtig verhalten soll. In dem schillernd chaotischen Milieu, das von einem sich streitenden Elternpaar ausgeht, kann das Kind kein gesundes Selbstwertgefühl, wie es zur Identitätsfindung nötig ist, entwickeln.

 

Für den seelsorgerlichen Umgang mit dem hysterischen Menschen ist die Einsicht in sein wirkliches Kranksein die erste Voraussetzung. Nur wer erkennt, daß die unsympathische Geltungssucht des Hysterikers ein Krankheitssymptom ist, bringt es fertig, sich helfend um ihn zu bemühen. Wer von diesen Zusammenhängen nichts weiß, fühlt sich von den Auftritten und Extravaganzen des Hysterikers bald so abgestoßen, daß er ihn fallen läßt.

Was der hysterisch gefährdete Mensch am nötigsten braucht, ist eine gleichmäßige Liebe und Zuwendung, die ihn trotz aller Verstiegenheiten ernstnimmt. In solcher Zuwendung kann er langsam ein Selbstwertgefühl aufbauen und verstehen lernen, daß er, um leben zu können, nicht auf die Bestätigung von anderen angewiesen ist.

Beim Hysteriker muß der Schwerpunkt seiner Stabilität von außen nach innen verlagert werden. Er selbst empfindet es als eine große Befreiung und Entlastung, wenn er von den Urteilen und Meinungen der anderen über ihn unabhängiger wird. In dem Maße, in dem er eine größere innere Stabilität gewinnt, gelingt es ihm auch, das ständig wechselnde Rollenspiel aufzugeben, in dem er sich auf „die jeweiligen Situation und seine Bedürfnisse einstellt.

An der Hand' eines verläßlichen Begleiters gewinnt er allmählich eine gewisse Ich-Kontinui­tät. Das ist darum so bedeutsam für ihn, weil er dabei zu sich selbst kommt und den Mut faßt, er selbst zu sein. Zum ungekünstelt sich verhaltenden Menschen kann der Hysteriker ja nur dadurch werden, daß er von der furchtbaren Vorstellung befreit wird, für ihn sei das Leben nur dann lebenswert, wenn er nach vorn kommt und die „erste Geige“ spielt. Natürlich erfordert solch ein Nachreifungsprozeß viel Geduld. Was in der Kindheit versäumt wurde, kann im Erwachsenenalter nur langsam nachgeholt werden.

 

 

Schizophrenie

Zu den Menschen mit starkem seelischem Leidensdruck gehören neben den Depressiven auch die Schizoiden. Sie leiden unter quälendem Mißtrauen und leben darum in beständiger Angst, es könnte ihnen jemand zu nahe kommen und sie für seine Zwecke mißbrauchen. In ihrer kühlen, distanzierten Art wirken sie arrogant und unnahbar. Aber im Gegensatz zu dieser äußeren Maske schlummert tief in ihrem Inneren die Sehnsucht nach Angenommen- und Verstandenwerden.

Da Schizoide Schwierigkeiten haben, in persönlichen Kontakt zu kommen und so am emotionalen Geschehen unmittelbar teilzuhaben, flüchten sie gern in anonyme Gruppen, um wenigstens über gemeinsame Interessen ein Dazugehören erleben zu können. Ihre Distanziertheit vom wirklichen Geschehen macht sie zutiefst unsicher, so daß sie nie genau wissen, ob die Eindrücke und Vorstellungen, die sie von anderen haben, richtige Wahrnehmungen oder nur Einbildungen sind. Aus dieser Unsicherheit erklärt sich ihre Angst, sich an einen Menschen oder eine Situation ohne Absicherung hinzugeben.

Ihre Orientierung im Leben gewinnen Schizoide mit Hilfe des Verstandes. Weil es ihnen nicht gelingt, sich in ein Geschehen einzufühlen, müssen sie die Kräfte des Verstandes überwertig entwickeln. Sie sind scharfe Denker und exakte Analytiker, aber ihnen fehlt das Gespür für den Hintergrund der Dinge.

Im Bereich mechanischer Prozesse sind sie zu großen Leistungen fähig, in den zwischenmenschlichen Beziehungen hingegen versagen sie, weil sich diese häufig dem Zugriff des Verstandes entziehen. Von einem schizoiden Patienten stammt die Äußerung: „Ich habe immer den Eindruck, daß da, wo andere aus dem Gefühl heraus reagieren, bei mir ganz schnell eine Reihe von Schaltprozessen abläuft.“

Auch die Intimbeziehungen werden von Schizoiden sehr sachlich gestaltet. Unbekümmert um die Bedürfnisse des Partners gehen sie direkt auf ihr Ziel los. Es ist sehr typisch für sie, daß sie eher eine Liebestechnik entwickeln als in eine Gefühlsverbindung mit dem Partner eingehen. Da Frauen auf emotionale Zuwendung und Zärtlichkeit besonders angewiesen sind, fühlen sie sich im Umgang mit schizoiden Männern oft in die Rolle des Sexualobjektes gedrängt. Die bei ihnen häufig beobachtete Frigidität ist nur die Antwort auf das unemotionale und unerotische Verhalten ihrer Partner. Ein Liebesleben, das sich in einem rein funktionellen Vorgang erschöpft, ist für Frauen eine schwere Belastung.

Auf die Annäherung anderer, durch die sie sich eingeengt und bedroht fühlen, antworten sie mit abweisendem Zynismus und verletzender Schärfe. Da sie keinerlei Vorstellung davon haben, wie ihre Aggressionen auf andere wirken, empfinden sie auch keine Schuldgefühle, wenn sie ihre Mitmenschen tief gekränkt und brüsk zurückgewiesen haben.

Die mangelnde Einbettung der aggressiven Regungen in das Gesamtgefüge der Persönlichkeit bringt es mit sich, daß Schizoide auf Herausforderungen ihrer Umwelt überheftig reagieren. Ihnen fehlen die bremsenden Kräfte, die zur Zügelung und Beherrschung der Aggressionen notwendig sind. Aus ursprünglicher Angstabwehr kann sich bei ihnen leicht eine Gewalttätigkeit entwickeln, die nur schwer wiedergutzumachenden Schaden anrichtet.

Gelegentlich gebrauchen Schizoide auch Aggressionen in Form von spitzen Bemerkungen und Neckereien als Mittel zur Kontaktaufnahme, weil ihnen andere, behutsamere Arten der Werbung nicht zur Verfügung stehen. Von Pubertierenden ist ja bekannt, daß sie sich nur im Schutz von Aggressionen dem anderen Geschlecht nähern können. Aus der Beobachtung ihres Verhaltens stammt das Sprichwort: „Was sich liebt, das neckt sich.“

 

Ruhe und Stabilität

Nichts ist darum für ein Kleinkind wichtiger als die stabile Zuwendung seiner Mutter. Wie das Kind die Mutter erlebt, so erlebt es später die Welt. Hat es ihr gegenüber Vertrauen entwickeln können, dann kann es später auch der Welt mit Vertrauen begegnen. Ist seine Beziehung zur Mutter dagegen durch Mißtrauen getrübt, dann wird später seine Beziehung zur Welt auch durch Mißtrauen vergiftet sein. In diesem Sinn ist die Mutter wirklich das Schicksal des Kindes. von Überbehütung und Überbeschäftigung mit dem Kind gehen ähnlich verderbliche Wirkungen aus. Mütter, die sich ausschließlich um das Kind drehen, überfordern dieses durch ihre ständigen Aktivitäten. Durch ihre zu intensive Zuwendung überrennen sie sein Bedürfnis nach Stille und Alleinsein. Kein Kind kann es vertragen, immerzu nur getätschelt, liebkost und beschäftigt zu werden. Es braucht die Ruhe so nötig wie die Zuwendung, damit es sein Eigenleben entfalten kann. Darum kann es sich im Falle der Überbeschäftigung nur ängstlich und irritiert auf sich selbst zurückziehen.

Es ist ein gefährlicher Irrtum von Erwachsenen, zu meinen, das Kind merke davon nichts. Mit Fug und Recht kann darum gesagt werden, daß auch die mangelnde Ruhe in unseren Wohnungen ein neurotisierender Faktor ist. Da die gesamte moderne Umwelt mit ihren vielen Reizquellen (grelle Beleuchtung bis in die späten Abendstunden, anhaltende Geräuschkulisse usw.) schizoidisierend wirkt, müssen Eltern sorgfältig darauf achten, daß das Kind die nötige Abschirmung erfährt.

Die größte Gefährdung aber bedeutet es für ein Kind, in das Spannungsfeld zerstrittener Eltern zu geraten. In einer solchen Situation muß es sich ständig zurücknehmen und seine eigenen Wünsche und Regungen unterdrücken, um die Hochspannung nicht noch durch seine eigenen Probleme zu erhöhen.

Auf diese Weise wird das Kind gezwungen, alles mit sich selbst abzumachen. Statt in den Eltern Menschen z haben, denen es seine Konflikte und Unausgeglichenheiten anvertrauen kann, muß es selbst die Erwachsenenrolle übernehmen und ständig vermitteln, verstehen und ausgleichen. Es ist unschwer einzusehen, daß dadurch ein Kind völlig überfordert und um seine Kindheit betrogen wird.

Um sich überhaupt mitteilen zu können, müssen Schizoide erst starke, Widerstände überwinden. Das tun sie häufig dadurch, daß sie ihren Äußerungen zynische, ironische oder alberne Bemerkungen vorangehen lassen. Nicht wenige ihrer Gesprächspartner fühlen sich dadurch verletzt und wenden sich von ihnen ab. Schizoide reagieren darauf mit einem zwiespältigen Gefühl: Einerseits sind sie erleichtert, daß es ihnen erspart bleibt, mit einem anderen Menschen in nahen Kontakt zu kommen (vor dem sie sich ja fürchten), andererseits sind sie enttäuscht, daß sie keinen Menschen finden, dem sie sich wirklich anvertrauen und ausliefern können.

Wer mit Schizoiden zu tun hat, sollte wissen, daß hinter ihrer Maske von Ironie und Zynismus eine tiefe Sehnsucht nach Angenommenwerden und Geborgenheit steckt. Darum darf er sich von ihrer abwehrenden Haltung nicht zurückschrecken lassen. Nur wer es fertigbringt, sie trotz ihres abweisenden Benehmens zu akzeptieren, kann ihnen helfen.

Statt ihre Ängste mitzuteilen und sich dadurch zu entlasten, halten sie diese zurück und drängen sich so in einen unerträglichen Angstdruck hinein. Der einzige Ausweg, der ihnen in dieser Situation bleibt, besteht darin, ihre Ängste auf die Außenwelt (sei es auf Personen oder auf Sachen) zu verlegen. Der Druck ihrer Innenangst wird zwar dadurch verringert, aber dafür nimmt die gesamte Umwelt für sie angsterregende Züge an.

Schizoide, die ihre Ängste nach außen projizieren, fühlen sich von allen Seiten bedroht. Wohin sie sich auch wenden, überall wittern sie Gefahr und immer liegen sie auf der Lauer, sich gegen plötzliche Überfälle oder vermeintliche Angriffe abzuschirmen. In ihrer Umgebung kann nichts geschehen, das sie nicht auf sich selbst beziehen und dem sie nicht mit Argwohn nachspüren müßten.

Für sie ist der friedlichste Nachbar ein bedrohlicher Feind und die harmloseste Situation voller Tücken und Fallen. Mehr, als sie es sagen können, leiden Schizoide darunter, daß sie keinem Menschen und keiner Situation unbefangen begegnen können. Wenn sie nicht durch die Hilfe eines Seelsorgers oder Therapeuten aus dieser Verklemmung befreit werden, unterliegen sie mehr und mehr einem Beziehungs- und Bedeutungswahn, der bis zum eigentlichen Verfolgungswahn gesteigert werden kann.

Es ist alles andere als Hochmut, wenn sie in den Umgang mit ihren Mitmenschen alle Spielarten der Abwehr - von kühler Distanz bis zu abweisender Unnahbarkeit - einfließen lassen. Vielmehr zeigt sich darin ihre Unfähigkeit, ihre inneren Bedürfnisse und ihr äußeres Verhalten in Einklang zu bringen. Darum kann nur derjenige dem Schizoiden wirklich gerecht werden, der sich nicht auf ihr äußeres Verhalten, sondern auf ihre inneren Bedürfnisse orientiert. Die Stärke schizoider Menschen liegt in ihrer affektlos kühlen Sachlichkeit. Da sie weder zu Menschen noch zu Dingen emotionale Beziehungen entwickeln, haben sie einen unbestechlichen Blick für Tatsachen.

Ihnen fehlt nicht der Mut, die Dinge so zu sehen wie sie sind, ohne Beschönigungen und Verschleierungen. Diese Nüchternheit bewähren aber Schizoide nicht nur anderen gegenüber, sondern auch gegenüber sich selbst. Wie zu ihren Mitmenschen so haben sie auch zu sich selbst ein distanziertes Verhältnis. Darum können sie auch ihr Altwerden und ihren Tod als Fakten unsentimental annehmen.

Das Mißtrauen, das Schizoide anderen Menschen gegenüber haben. übertragen sie oft auch auf Gott. In Glaubensfragen sind sie ausgesprochene Zweifler und Skeptiker. Vertrauen und Ehrfurcht sind für sie nur schwer nachvollziehbare Haltungen. Unter ihrem Zugriff wird alles entzaubert und ernüchtert.

Diese Nüchternheit hat aber bei ihnen nicht aufbauende, sondern destruktive, nihilistische Tendenzen. Sie genießen es, wenn sie anderen den Glauben zerstören können und sie auf diese Weise zu Gefährten ihres Zweifels und Mißtrauens machen. Zu einem verläßlichen Gottesglauben kann ihnen nur helfen, wer sich ihnen selbst als verläßlicher (d. h. durch nichts zu irritierender) Partner erweist (nach Walter Saft).

 

Gemütskranke

Das Wichtigste für alle, die mit Gemütskranken zusammenleben ist, ihnen Liebe und Geduld entgegenzubringen Ein gütiger Blick, eine freundliche Aufforderung zur Aussprache, geduldiges Anhören der Dinge, die den Leidenden bedrücken, sind Balsam auf die wunde Seele! Sie helfen besser als alle Arznei!

Selbst wenn der Gequälte hundertmal das Gleiche erzählt, sollte man ihn ausreden lassen! Das allein gibt ihm erst die Gewißheit, daß er von seinen Angehörigen ernst genommen wird! Man kann dabei ruhig weiterarbeiten, aber man sollte nie unwillig das Wort verbieten. Gerade dieses Aussprechen erleichtert dem Kranken seine Qualen.

Auch sollten sich die Angehörigen immer neue kleine Freuden ausdenken, welche sie dem Kranken bereiten. Es gibt ja auch Dinge, die nichts oder wenig kosten und doch ein Herz erfreuen! Aber bitte erwarten Sie nicht daß der Kranke Ihnen vor Dankbarkeit um den Hals fällt!

Man kann einem Gemütskranken den größten Dienst erweisen, wenn man ihm selbst ein Schwacher wird, sich barmherzig unter seine Last stellt, ihn in der frohen Gewißheit tröstet, daß sein Leiden in Gottes Vaterhänden zu Frucht und Freude umgestaltet wird. Ferner versichere man dem Kranken, daß sich die Glaubensnöte beheben, sobald die körperliche Genesung beginnt, vor allem sage man ihm Fürbitte zu und stärke ihm das Vertrauen, daß der Seelsorger mit der Gemeinde für den Kranken solange glaubend betet für seine Genesung, bis der Kranke selbst wieder in der Lage ist, es zu tun.

Dem Gemütskranken kann man nur sagen: „Gott euer Vater errettet Euch aus aller Trübsal! Ihr dürft wieder lachen! Für Euch wird gebetet und geglaubt. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch! Gott will nicht, daß ihr Euch zerquält, wenn ihr nicht glauben und beten könnt. Es ist nur eine Prüfung für den einzelnen, die Familie und die Gemeinde, ob sie fähig ist, den brüderlichen Dienst der Fürbitte treu zu üben und im Glauben die Verheißungen Gottes anzunehmen.“

 

 

Selbstmord (siehe auch Date „Sinnfrage“)

Wie kommt es eigentlich zum Selbstmord? Daß sich Menschen mit einer unheilbaren Krankheit in einem Verzweiflungsakt das Leben nehmen, können wir verstehen, aber daß sich auch junge Menschen, die körperlich ganz gesund sind, das Leben nehmen, ist uns völlig unverständlich. Gibt es dafür eine einsichtige Erklärung?

Es ist unbestreitbar, daß sich der Selbstmörder ein Recht anmaßt, das nur Gott zusteht, aber es ist ebenso unbestreitbar, daß er an einer psychischen Krankheit zugrunde geht, die seine persönliche Verantwortung aufhebt oder zumindest wesentlich einschränkt. Es mag richtig sein, daß die Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses manchen potentiellen Selbstmörder von der Ausführung seiner Tat zurückgehalten hat, aber es ist ebenso richtig, daß die abschreckende Wirkung dieser Maßnahme genauso gering ist wie die der Todesstrafe.

Alle Ärzte und Psychologen, die sich mit dem Selbstmord beschäftigen, stimmen darin überein, daß dieser in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle in einer seelisch kranken Verfassung begangen wird. Eine solche krankhafte Disposition aber ist nicht plötzlich da, sondern bildet sich langsam heraus. Dieser negative Prozeß könnte gestoppt werden, wenn es gelänge, die ihn fördernden Faktoren auszuschließen. Darum ist es wichtig, alle Einwirkungen aufzuspüren, die an der Entwicklung zur Selbstmordverfassung beteiligt sind.

Eine ganz verhängnisvolle Rolle spielt in dieser Hinsicht die Einengung der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, die schon in sehr früher Kindheit einsetzen kann und von den Beteiligten oft unbemerkt bleibt. Ein Mangel an gleichmäßiger liebender Zuwendung kann im Kind das Gefühl des Unverstandenseins und der Verlassenheit entstehen lassen. Wer als Kind nicht genügend liebende Zuwendung erfahren hat, ist als Heranwachsender nicht in der Lage, von sich aus liebende Zuwendung weiterzugeben. Dadurch gerät er in eine Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich bis zur totalen Isolierung steigern kann.

Mit der Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen geht gewöhnlich eine Minderung des Selbstwertgefühls Hand in Hand. Auch diese negative Verkoppelung kann schon sehr früh eintreten, wenn Eltern ihren Kindern einerseits die nötige Zuwendung versagen und sie andererseits ständig überfordern. Worte wie „Versager“ oder „Nichtsnutz“ gehen lieblosen Eltern sehr leicht über die Lippen. Was aber so gedankenlos da hingesprochen wird, richtet bei Kindern oft einen sehr tiefsitzenden Schaden an. Das als Versager bezeichnete Kind erlebt sich auch immer wieder als Versager. Ganz unversehens bekommt es die berüchtigte „schwarze Brille“ auf die Augen, durch die es alles verzerrt und dunkel eingefärbt sieht.

Auf diese Weise entsteht der Eindruck, gleichsam von allen Seiten umzingelt und eingesperrt zu sein, als wäre man in einem Raum, dessen Wände immer näher und bedrängender auf einen zukommen. Dieses Gefühl des Eingesperrtseins kann sich so weit steigern, daß es ähnlich erfahren wird, wie es Rilke dem Panther im Zoo nachempfindet: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Untersuchungen an Menschen, die einen Selbstmord versuchten, haben ergeben, daß diese durchweg in der Kindheit an einer gesunden Lebensentfaltung gehindert wurden. Hier wurde die Grundlage für ihre spätere Lebensverneinung gelegt, durch die sie sich zu gehemmten, entmutigten Menschen mit kontaktgestörtem Verhalten entwickelten.

Neben Liebesentzug und Überforderung muß als dritter schädigender Faktor die Überbehütung erkannt werden. Es gibt Eltern, die meinen, ihren Kindern jede Belastung ersparen und alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen zu müssen. Durch ein solches Verhalten, das einer falschen Güte entspringt, wird die Entwicklung der Kinder zur Selbständigkeit verhindert. In kritischen Situationen stehen dann die herangewachsenen Kinder, denen das Training zu selbständigem Handeln versagt blieb, als hilflose Menschen da und neigen zu panikartigen Kurzschlußreaktionen (wozu auch der Selbstmord zu rechnen ist).

Die oft geäußerte Befürchtung, daß das Aussprechen von Verboten kindliche Aggressionen erzeuge (und das darum Verbote möglichst vermieden werden müssen), kann als unbegründet zurückgewiesen werden. Nicht de Aussprechen von Verboten an sich ist problematisch, sondern die Haltung, die dahintersteht. Verbote, die aus fürsorgender Zuwendung der Eltern für das Kind kommen, lösen in diesem keinerlei Aggressionen aus. Wenn Verbote hingegen nur aus Bequemlichkeit und Selbstsucht gegeben werden, dann stoßen sie auf erheblichen Widerstand. Kinder haben für diese Hintergründe ein sehr feines Gespür und lassen sich viel schwerer täuschen als die Erwachsenen. Wenn es aber für die Kinder schon schwierig ist, daß in ihnen Aggressionen gegen die Eltern erzeugt werden, so ist es noch schwieriger für sie, daß sie diese Aggressionen nicht äußern dürfen.

Normalerweise ertragen es Eltern nicht, daß Kinder aggressiv gegen sie aufbegehren. Es ist eine allgemeingültige Auffassung, daß Kinder zu gehorchen und sich dem Willen der Er­wach­senen widerspruchslos zu fügen haben. Unter dem Druck dieser Regelung bleibt den Kindern keine andere Wahl, als ihre aufkommenden Aggressionen nicht ins Bewußtsein gelangen zu lassen (das heißt: sie ins Unbewußte zu verdrängen). Auf diese Weise entsteht ein schmerzlicher Zwiespalt im Inneren des Kindes: Der geforderten Zuneigung steht eine unbewußte Ablehnung gegenüber.

Die Aggression, die sich den Eltern gegenüber nicht ausdrücken darf, verliert durch ihre Verlagerung ins Unbewußte aber keineswegs ihre Kraft, sondern richtet sich nun mit voller Stärke statt nach außen gegen die eigene Person. Natürlich richten solche Verdrängungen in Einzelfällen noch keinen großen Schaden an, aber wenn sie zur Gewohnheit werden, entwickelt sich daraus eine Disposition, in welcher der Mensch ständig einem Aggressionsdruck gegen sich selbst ausgesetzt ist. Für Eltern und Erzieher ist es wichtig, diese unheimlichen Zusammenhänge zu durchschauen. Dadurch werden sie in die Lage versetzt, Kindern in der nötigen Lockerheit zu begegnen und ihnen in Reizsituationen Aggressionen gegen die Älteren zu gestatten. Durch solche gelegentlichen Aggressionsentladungen der Kinder kann viel späteres Unheil vermieden werden.

Durch Einengung der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und durch gegen die eigene Person gerichtete Aggression kann das innere Gleichgewicht so gestört werden, daß der Selbstvernichtungswunsch den Selbsterhaltungstrieb übersteigt und daß dadurch jede Freude am Leben zerstört wird. Verstärkend wirkt in dieser Situation noch der Umstand, daß sich die zerstörerischen Kräfte auch der Phantasie bemächtigen können. Während sich in einem unbelasteten Leben die Phantasie positiven Zielen zuwendet und diese bildhaft vorwegnimmt, umkreist sie in Belastungssituationen das Sterben und nimmt den Tod vorweg.

Der Phantasierende stellt sich vor, wie sehr die anderen erschrecken, wenn sie von seinem Selbstmord hören, wie sie sich Vorwürfe machen und bitter bereuen, daß sie so schlecht zu ihm gewesen sind, und wie sie erstaunt feststellen, daß sie ihm so etwas gar nicht zugetraut hätten. Solche Vorstellungen schaffen dem Niedergeschlagenen große Genugtuung, in ihnen kostet er den „Lustgewinn des Selbstmords“ voll aus. Zu einem späteren Zeitpunkt spielt die Phantasie verschiedene Möglichkeiten des Selbstmordes durch und im Endstadium entwirft sie seine Durchführung, oft bis in die kleinsten Details.

Doch nicht nur nach ihrem Inhalt, sondern nach der Art ihres Auftretens ändern die Selbstmordphantasien ihr Gesicht. Anfangs lassen sie sich willentlich herbeirufen (und dementsprechend auch wieder zurücknehmen), später überfallen sie den Betroffenen in Form von Zwangs­gedanken, gegen die er sich auch mit dem Einsatz seines ganzen Willens nicht wehren kann. Je mehr die Selbstmordphantasien einen solchen Überfallcharakter annehmen, desto bedrohlicher und alarmierender werden sie.

Wer einem mit Selbstmordgedanken umgehenden Menschen helfen will, muß sich zuerst einmal bewußt machen, in welch tötender Vereinsamung sich dieser befindet. Valery erhellt uns dessen Situation, wenn er schreibt: „Für den Selbstmörder bedeutet jeder andere nur Abwesenheit.“ Er hat keinen, der seine wirkliche Not verstehen oder auch nur ahnen könnte. Im Abschiedsbrief eines jungen Menschen, der sich das Leben genommen hat, stehen die Worte: „Kraftlos schlepp ich mich durchs Leben, aller Lebenslust beraubt, habe keinen, der die Größe meines Elends kennt und glaubt!“

Fachleute halten es nicht für übertrieben, wenn behauptet wird: „Jedem Selbstmord geht ein fehlendes oder mißglücktes Gespräch voraus!“ Neben das Verstehen und Annehmen muß von Seiten des Helfers das Bemühen treten, dem Entmutigten neue Möglichkeiten zu Erfolgserlebnissen zu erschließen. Dabei muß er sehr behutsam ans Werk gehen. Er darf nur solche Aufgaben stellen, die ohne allzu große Anstrengungen auch gelöst werden können. Nichts wäre für einen Entmutigten schlimmer, als wenn er mit einer Aufgabe konfrontiert würde, an der er scheitert. Selbstmordphantasien lassen sich nach allgemeiner Erfahrung nur schwer direkt angehen (es gelingt zum Beispiel nicht, sie auszureden). Sie verschwinden jedoch unversehens, wenn sich der von ihnen Heimgesuchte positiven Zukunftsplänen zuwendet.

 

Im Umgang mit Selbstmordgefährdeten muß man jede Bemerkung und jede Geste vermeiden, die sie lächerlich machen oder als Menschen minderer Qualität abqualifizieren könnte. Gedankenlos hingesprochene Worte wie „Versager“ oder „armes Würstchen“ haben auf sie eine vernichtende Wirkung. Sie ziehen negative Anspielungen auf sich wie ein Magnet.

Noch gefährlicher aber als abfällige Bemerkungen sind für sie Äußerungen, die sie als Aufforderung zum Selbstmord verstehen können. Schon viele sind durch Sätze wie: „Du bist ja viel zu feige, dich umzubringen“ in den Tod getrieben worden, weil sie meinten, ihren „Mut zum Selbstmord“ unter Beweis stellen zu müssen. Auch leiseste Andeutungen in dieser Richtung bergen eine erhebliche Gefahr in sich.

Nach statistischen Untersuchungen gibt es nur wenige Selbstmorde, die vorher nicht auf mehr oder weniger direkte Weise angekündigt werden. Wenn irgendwo eine Bemerkung auftaucht, die als Hinweis auf einen Selbstmord gedeutet werden kann (zum Beispiel: „Es ist am besten, wenn ich Schluß mache“ oder „Ich werde euch bald von mir erlösen“), dann ist höchste Alarmstufe geboten.

Es ist ein Irrtum zu meinen, der zum Selbstmord Entschlossene verrate sich nicht. Die Behauptung, daß dort, wo von Selbstmord gesprochen wird, keine Gefahr sei (nach der Weise: „Die es sagen, bringen sich nicht um, und die sich umbringen, sagen es nicht!“), ist durch die Erfahrung eindeutig widerlegt. Im Blick auf das zweite wird man einräumen müssen, daß hinter der Selbstmordandeutung tatsächlich der Wunsch stecken kann, den Angeredeten seelisch unter Druck zu setzen. Wir wären aber schlecht beraten, wenn wir nur dieses Motiv hinter einer solchen Andeutung sähen und nicht zugleich entdeckten, daß sich dahinter ein Hilferuf verbirgt.

Die philosophischen Auffassungen vom sogenannten Freitod sind gefährlich. Manche verherrlichen den Selbstmord als Akt menschlicher Freiheit (so in der Stoa). Andere vertreten die Auffassung, daß es ein unberechtigter Eingriff in die Rechte des einzelnen sei, jemanden, der sein Leben zu beenden beabsichtige, von diesem Schritt zurückhalten zu wollen. „Wer reisen will, den soll man nicht halten“ sagen sie und meinen, daß gerade bei einer so wichtigen Entscheidung, wie der über die Beendigung des Lebens, jede Einflußnahme von außen verboten sein müsse. Entsprechend ihrer Grundeinstellung sprechen diese Leute auch nicht von Selbstmord, sondern von Freitod. Mit dieser Bezeichnung drücken sie aus, daß sie den freien Willen des Täters respektiert sehen wollen. Ihre mehr auf philosophischen Überlegungen als auf wirklicher Erfahrung beruhende Einstellung ist insofern gefährlich, als sie den letzten Rest von Bereitschaft, Selbstmordgefährdeten beizustehen, zum Erliegen bringt.

Dagegen muß man entschlossen die aus der Erfahrung gewonnene Erkenntnis setzen, daß der Mensch im Prozeß der Selbstzerstörung seines Willens nicht mächtig ist. Die Antwort, die ein Selbstmordgefährdeter auf die Frage eines Arztes gab, ob er sich umbringen wolle: „Wer will das schon? Das tut man doch gegen seinen Willen“, erhellt die wirkliche Situation, in der sich der Selbstmörder befindet. Mit Recht stellt ein österreichischer Journalist fest: „Selbstmord ist nicht die letzte Freiheit, sondern im doppelten, und damit schlimmsten Sinn des Wortes, die letzte Unfreiheit des Menschen!“

Menschen, die mit Selbstmordgedanken umgehen, sind Nächste, die unserer besonderen Zuwendung bedürfen. Durch Eingehen auf sie, Verständnis für ihre Situation und Bereitschaft zum Gespräch kann man ihnen wirksame Hilfe leisten. Wenn es uns gelingt, einen Selbstmordgefährdten aus seiner tödlichen Vereinsamung zu befreien und ihm neue Lebensperspektiven zu eröffnen, haben wir einem Menschen das Leben gerettet. Zu solchem Dienst an unserem notleidenden Bruder ruft uns ganz allgemein das Gebot der Nächstenliebe, aber im Besonderen das Wort aus dem Matthäusevangelium: „Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“, denn ein Selbstmordgefährdeter ist ein Mensch, der in sich selbst gefangen ist (nach Walter Saft).

 

Seelsorge am Krankenbett

Häufig wird der Seelsorger als ein Übersetzer des „Wortes“ gesehen. Wenn wir dieses Bild aufnehmen, dann wird uns in ihm anschaulich, welch schwierige Aufgabe er hat, daß er das „Wort“ in die konkrete Lage des Kranken übersetzen soll. Der Strom, der ihn, den gesunden, von dem kranken, vielleicht schwer leidenden Menschen trennt, ist breiter als der Strom, der zwischen ihm und einem anderen Gesunden liegt, mag der auch weltanschaulich auf einem ganz anderen Ufer stehen. Auch die Landung am anderen Ufer wird ihm nicht dadurch erleichtert, daß ihm in der Krankheit ein fester Anlegeplatz gegeben ist. Krankheit ist ja nicht ein fixierbarer Punkt. an dem sich einer befindet, sondern im Gegenteil ein sehr weitgestrecktes Feld. Der Mensch ist in seiner Krankheit viel komplizierter, undurchsichtiger und überraschender, als wir ihn uns immer wieder denken.

So sieht der Mensch, der im magischen Weltbild lebt, in der Krankheit eine Strafe für die Übertretung von Tabuvorschriften, die die Götter durch Vermittlung der bösen Geister schicken. Die Übertretung fällt nicht notwendigerweise dem Erkrankten selbst zur Last, sie kann auch durch die Sippe oder durch das ganze Volk geschehen sein. Es ist verständlich. daß auf dieser Stufe menschlicher Kultur Arzt und Priester eine Person sind, denn Heilung kann natürlich nur erfolgen, wenn zuvor die Götter durch Opfer versöhnt sind. Dann folgt das Zauberritual, das die bösen Geister bannt, und dann erst die eigentliche Behandlung des Kranken durch heilende Kräuter oder andere, auf den Kranken unmittelbar einwirkende Maßnahmen. Dieses magische Krankheitsbild ist durchaus noch lebendig.

Krankheit als Folge von Sünde ist auch die überwiegende Vorstellung des Alten wie des Neuen Testamentes. In beiden Testamenten gibt es zahlreiche Beispiele dafür, daß Menschen wegen eines sündhaften Vergehens mit Krankheit geschlagen werden. So wird Mirjam wegen ihres Murrens aussätzig (4. Mose 12), ebenso Gehasi wegen seiner Veruntreuung (2. Kön. 5) und Usia wegen eines Übergriffs im Tempel (2. Chron 26). Der Gelähmte in Matth 9, 2 ist krank wegen seiner „Sünden“.

Daß der Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde auch in Jesu nächster Umgebung für selbstverständlich gehalten wird, zeigt die Frage der Jünger bei der Heilung des Blindgeborenen, wer denn nun gesündigt habe, er oder seine Eltern. Doch gerade hier relativiert Jesus diesen Zusammenhang. Indern er ihnen antwortet: „Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm“ (Joh. 9, 3), zerstört er ihre Vorstellung, daß zwischen Krankheit und Sünde ein notwendiger, gleichsam ursächlicher Zusammenhang besteht, und zeigt ihnen, daß es Krankheit auch aus anderen Gründen als denen der Sünde geben kann.

Wie stark die Frömmigkeit des Mittelalters von falschen Vorstellungen beherrscht ist, verrät schon der Bau des mittelalterlichen Krankenhauses, das an der Pforte den Beichtstuhl hat. Doch auch heute sind diese Vorstellungen noch lebendig. Wir stoßen auf sie in der an Krankenbetten häufig gehörten Frage: „Was habe ich denn Böses getan, daß ich soviel Schmerzen erdulden muß?“

Die enge Beziehung zwischen Weltbild und Krankheitsbild läßt sich bei Hippokrates und den griechischen Philosophen besonders gut erkennen. Nach ihm ist Gesundheit der Ausdruck der Harmonie des Menschen mit sich selbst und seiner Umwelt, Krankheiten dagegen die Störung dieser Harmonie. Ein Arzt muß diesem Ideal entsprechend den Sinn für die Harmonie, für das Schöne und Vollendete haben. Je stärker seine Liebe zum Kranken aus seiner Liebe zum Gesunden, zum Schönen und Vollkommenen hervorwächst, umso feiner wird er fühlen, was not tut und was fehlt. Mitleid und Sympathie mit dem Kranken, dem häßlich Leidenden sind ihm völlig fremd; darum wendet er sich ab von dem, dem nicht mehr zu helfen ist. Diese Abwendung von dem nicht mehr Heilbaren und Häßlichen beleuchtet blitzartig die Kluft, die hier gegen die christliche Idee des Arztes und gegen das christliche Gefühl klafft. Darin und in dem fehlenden metaphysischen Bezug liegt sicher der Grund, daß sich das Krankheitsbild des Hippokrates im Gegensatz zum ptolemäischen Weltbild im Mittelalter nicht durchsetzen kann.

Wie in der klassischen Physik setzt sich auch in der medizinischen Forschung das Ideal der Objektivierbarkeit durch. In ihr gibt es nur noch eine einzige Wirklichkeit und eine einzige Methode, diese Wirklichkeit zu erkennen. Es ist die Methode der unmittelbaren Beobachtung sichtbarer, meßbarer und berechenbarer Objekte. Mit Hilfe dieser Methode werden bahnbrechende Erfolge erzielt. Die parasitären Erkrankungen des Menschen mit den teils höchst kom­plizierten Mechanismen ihrer Übertragung und der Zwischenwirte werden aufgeklärt, die Erreger der Infektionskrankheiten werden gefunden und dargestellt, und auch das Problem der ultravisiblen Krankheitserreger erfährt in den Viren eine Aufhellung. Indem es auf diesem Wege gelingt, klar erkannte Krankheitsursachen zu entdecken, wird es ganz offensichtlich, daß die Frage, ob jemand krank wird oder nicht, mit seiner moralischen Haltung (d. h. mit seinem Schuldigwerden oder Freibleiben von Schuld) nichts zu tun haben kann. Alle Anschauungen, die Sünde und Krankheit in einem ätiologischen Zusammenhang sehen, werden als Aberglaube abgetan.

Wie die klassische Physik erzielt die naturwissenschaftliche Medizin ihre großartigen Erfolge durch eine einschneidende Abstraktion: sie abstrahiert die Krankheit vom Menschen und macht aus ihr einen Fall. Diese Abstraktion erschließt viele Möglichkeiten: den Tierversuch, die exakte Beschreibung des objektiven Krankheitsgeschehens und die kausale Beeinflussung der Krankheit, aber sie enthält auch schwerwiegende Verzichte, den Verzicht auf die personale Wirkung des Arztes und des Kranken auf die Krankheit und den Verzicht auf die Frage nach dem Sinn der Krankheit. In der Sicht dieser Medizin ist Krankheit eine zufällige Störung des körperlichen Seins. Die Frage: „Warum ist dieser Mensch gerade heute, gerade so erkrankt?“ liegt außerhalb ihres Forschungsbereiches und wird darum nicht gestellt.

Von einem Krankheitsbild kann man in der „exakten“ medizinischen Forschung eigentlich gar nicht sprechen. Für die parasitären und infektiösen Erkrankungen hat sie zwar in ihren sorgfältigen phänomenologischen Beschreibungen ausgezeichnete Krankheitsillustrationen geschaffen, in Anlehnung an mechanistische Vorstellungen hat sie auch gewisse Krankheitsmodelle entwickelt - so etwa: das heißgelaufene Getriebe muß sich abkühlen oder die Maschine muß überholt werden -, aber ein wirkliches, den Sinn deutendes und vom Herzen annehmbares Krankheitsbild hat sie nicht.

 

Durch die Erkenntnisse der mit Freud heraufkommenden Tiefenpsychologie gerät die „verstandesobjektive Medizin in eine Krise. Ihr Kriterium des Krankseins: Die gestörte Organfunktion, sei es auf dem Boden anatomisch nachweisbarer Veränderungen oder abwegiger Funktionen im Stoffwechselgeschehen, mit dem sie alle parasitären, infektiösen und chirurgischen Erkrankungen erfaßt, erweist sich in der Anwendung auf die Neurosen als unzureichend. Bei einer Phobie, wenn zum Beispiel der Mensch nicht in der Lage ist, infolge einer unüberwindlichen Angst einen freien Platz zu überschreiten, ist es kaum möglich, von einer gestörten Organfunktion zu sprechen. Wird an der Notwendigkeit des Nachweises einer gestörten Organfunktion für den Krankheitsbegriff festgehalten, dann muß das dahin führen - und in vielen Fällen hat es tatsächlich dahin geführt - einen neurotisch gestörten Menschen für nicht krank zu halten.

Der Arzt, der an das Bett eines Kranken tritt, überschreitet ja praktisch die Grenze des rational Wißbaren. Aus der sachlichen Entsprechung: Krankheit und Medizin tritt er in die personale Beziehung: „Mensch in Not und Mensch als Helfer“. Erfahrungsgemäß hängt es gerade davon ab, in welcher Intensität ein Arzt diesen Übergang aus dem Sachlichen in das Personale vollziehen kann, ob er ein guter oder ein schlechter Arzt ist. Ein Arzt, der am Krankenbett kein anderer ist als in seinem Laboratorium, wird trotz aller Spezialkenntnisse, über die er verfügt, im Ganzen gesehen ein schlechter Arzt sein.

Ähnlich wie in der Physik werden dadurch die Methoden der „objektiven“ Medizin relativiert. Sie behalten wie die Prinzipien der klassischen Physik, zu denen sie eine große Affinität haben, in ihrem Bereich ihre „Endgültigkeit“, aber sie werden doch sehr bestimmt auf ihren Bereich eingeschränkt und verlieren damit ihre Allgemeingültigkeit.

Die Methoden, mit denen die Tiefenpsychologie arbeitet, sind völlig anderer Art als die der naturwissenschaftlichen Medizin. Die wichtigsten Aufschlüsse über die Vorgänge im Bereich der Seele erhält die Tiefenpsychologie aus den spontanen Einfällen, die der Kontrolle des Verstandes entzogen sind, und aus der Bildersprache des Traumes.

Wie sich ein Gedicht in seinem „sphärischen“ Gehalt nur im Hören nach innen erschließt, so und in noch ausgeprägterer Weise läßt sich die Bildersprache des Traumes nur von dem verstehen und deuten, der in seiner eigenen Bilderwelt lebt. Niemand aber lebt so intensiv in seiner Bilderwelt wie der Meditierende. Daraus läßt sich ersehen, welche Bedeutung die Meditation als Erkenntnismittel für die psychotherapeutische Forschung hat.

Die Erforschung der psychischen Tatbestände mit Hilfe der in der Tiefenpsychologie entwic­kelten Methoden erhellt das Problem der spezifisch menschlichen Krankheiten. Als spezifisch menschlich werden im Licht dieser Forschung alle diejenigen Krankheiten erkannt, bei denen sich die spezifisch menschliche Situation - das ist die Störbarkeit des Antriebserlebens - als für die Krankheit wesentlich erweist.

Die Ursachen dieser Erkrankungen liegen nach der übereinstimmenden Ansicht der meisten Psychotherapeuten in den nur aus der besonderen Struktur des Menschen heraus verständlichen, in der frühen Kindheit erworbenen Gehemmt­heiten, die in bestimmten Lebenssituationen die Krankheitssymptomatik ausbrechen lassen.

Dabei hat sich weiter erwiesen, daß sich die Grenze zwischen Organkrankheit und Neurose durchaus verwischt. Hinter einer Organkrankheit, die in ihrer ganzen Symptomatik keine neurotischen Züge zeigt und darum unneurotisch wirkt, kann die Neurosestruktur ebenso stehen wie hinter einer deutlich erkennbaren Neurose. Für eine Reihe von Erkrankungen wie das Asthma bronchiale, den Hochdruck, die chronische Verstopfung, die Ulkuskrankheit und einige allergische Leiden ist das sicher nachgewiesen.

Um die Tatsache zu kennzeichnen, daß auch bei organisch Kranken psychologische Faktoren von Bedeutung sein können, hat H. Meng den Begriff der „Organpsychose“ geprägt. Damit hat die im existentiellen Bereich nie verlorengegangene Erfahrung, daß weite Bereiche unseres Organgeschehens emotional besetzt sind und aus diesem Grunde an unserem Affektleben teilnehmen, wieder Eingang in die offizielle Medizin gefunden. Alte Einsichten, die sich in Redewendungen wie: „Er frißt alles in sich hinein, er nimmt sich alles zu Herzen, die Galle läuft ihm vor Ärger über“ -ausgeprägt haben, gewinnen dadurch eine neue Bedeutung.

 

Das Wissen, daß Krankheit etwas mit Schuld zu tun haben kann, ist unterschwellig lebendig geblieben. Das zeigt sich etwa darin, daß manche Kranke ängstlich bemüht sind, ihr Kranksein vor den Mitmenschen zu verbergen. Besonders stark tritt es da in Erscheinung, wo einem Kranken eröffnet wird, daß sein Leiden seelisch bedingt ist. Ohne dieses Wissen bleibt es weithin unverständlich, daß die meisten Menschen ihre Einlieferung in eine Heil- und Pflegeanstalt als Schande empfinden und daß Worte wie „hysterisch“ und „Psychopath“ zu Schimpfworten werden konnten. Was in dieser Weise unterschwellig weiterlebt, tritt in der psychotherapeutischen Praxis wieder offen ins Licht, denn der Psychotherapeut hat es ständig mit Schuldfragen echter wie neurotischer Art zu tun.

Schuld in psychotherapeutischer Sicht bedeutet natürlich nicht die Verletzung irgendeines bestimmten Moralgesetzes. Würde Schuld als krankmachender Faktor so gesehen, dann müßte jeder Dieb und jeder Ehebrecher als Folge seiner Tat krank werden. In welche Abwegigkei­ten eine solche Sicht führt, braucht nicht ausgeführt zu werden.

Das Krankmachende liegt oft nicht in der Verletzung, sondern in der allzu ängstlichen Bindung an ein enges, falsch aufgebautes moralisches Gewissen. Freud nennt es das „Über-Ich“ und Fromm spricht von ihm als dem „autoritären Gewissen“, weil es sich an den Autoritätspersonen Vater und Mutter bildet und sich auf „Du sollst“-Bestimmungen gründet. Dieses Gewissen kann fehlgeleitet werden. Es wird zum Beispiel fehlgeleitet, wenn eine Mutter aus falscher Mutterliebe, die in Wirklichkeit Eigenliebe ist, ihr Kind nicht in das Leben hinausgibt. Gehorsam gegenüber einem so geleiteten Gewissen bedeutet für das Kind Verbleiben in der unmündigen Haltung eines Kindes und Verzicht auf die eigene Lebensentfaltung. Trotz formal korrekten Verhaltens - nach dem Gewissen wird ja gehandelt - liegt hier Schuld vor. Die Schuld liegt demnach nicht im Verhalten, sondern im Gewissen selbst.

Da der Mensch Freiheit hat, muß er auch ein Wissen darum haben, worauf er sein Leben auszurichten hat. Dieses Wissen kann ihm das autoritäre Gewissen nicht geben - wenigstens nicht in letzter Verbindlichkeit. Darum setzen einige Psychotherapeuten, die der Überzeugung sind, daß der Mensch mit seiner Freiheit nicht ohne ein verbindliches Wertsystem leben kann, über das autoritäre Gewissen noch ein Gewissen höherer Instanz. Müller-Eckard nennt es ,,Seins­gewissen“, Fromm spricht von einem „humanistischen“ Gewissen als einem Mitwissen über das letzte Ziel, als Kenntnis über uns selbst. Gut ist im Sinne dieses Gewissens die größt­mögliche Entfaltung der eigenen Lebensmöglichkeiten, die möglichst vollständige Erfüllung des „Werde, was du bist“. Tugend bedeutet hier Verantwortlichkeit gegenüber der eigenen Existenz, Laster dagegen Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber. Die tägliche Erfahrung bestätigt die Richtigkeit dieser Sicht. Der Mensch, der mit Wissen gegen seine Gesundheit lebt, vor allem der Süchtige, ist immer ein Mensch mit schlechtem Gewissen.

Gibt es demzufolge zwei verschiedene Gewissen? Verschiedene nur dann, wenn das autoritäre Gewissen fehlgeleitet ist und sich in Eigenmächtigkeit gegen das Seinsgewissen erhebt. Darin liegt eine der Hauptursachen der neurotischen Gestörtheit.

Im Falle seelischer Gesundheit umgreift das Seinsgewissen das autoritäre Gewissen und hebt es auf eine höhere Ebene. Wie besonders Eberhardt gezeigt hat, geht das autoritäre Gewissen entwicklungsgeschichtlich -sowohl in der Völker- wie in der Einzelentwicklung - dem Seins­gewissen voraus. Mit seinen „Du-sollst“ Bestimmungen ist es dem noch nicht in den relationalen Bezügen lebenden Menschen zugeordnet: dem Menschen auf der Stufe der Kindheit und dem Primitiven.

Spezifisch menschliche Krankheit entsteht nach Jores dann, wenn ein Mensch unfähig ist, den höchsten Wert des Lebens zu verwirklichen. Die Gründe dafür sind mannigfaltigster Art. Sie können darin bestehen, daß ein Mensch sein Seinsgewissen überhört oder absichtlich gegen es handelt; dann liegt persönliche Schuld vor. Sie können aber auch in Gehemmtheiten liegen, dann handelt es sich für den Betroffenen um eine echte tragische Schuld, um jenes unschuldig Schuldigwerden, das in der Freiheit des Menschen seinen tiefsten Grund hat. Von Gehemmtheit sprechen wir dann, wenn ein Mensch in einer Situation, in der eine Lebensentfaltung möglich ist (Versuchungssituation) oder ein Verzicht geleistet werden muß (Versagungssituation), beides nicht kann, weil ihm wesentliche Inhalte seines Menschseins verdrängt sind, oder wenn ein Mensch durch die Bindung an ein fehlgeleitetes und überstark gewordenes autoritäres Gewissen in Widerspruch zu seinem Seinsgewissen gerät.

Zwar kann der Fall eintreten, daß der Kranke dazu gebracht werden muß, wie es Jakobi fordert, „an seine letzte Disharmonie. an seine verborgene Verzweiflung, an seine geheime Angst heranzugehen, seinen Zersetzungswillen zu erkennen und aufzulösen, bzw. auflösen zu lassen, seine Sonderung einzusehen“, aber es kann sich auch der gegenteilige Fall ergeben, daß wir einen Kranken vor dem Schuldspruch seines irregeleiteten Gewissens zu verteidigen haben.

II.

Die Bereitschaft, an der paradoxie-erfüllten Weite des biblischen Krankheitsbildes festzuhalten und auf eine vereinfachende und vereinheitlichende Schematisierung zu verzichten, bringt insofern eine erhebliche, aber verheißungsvolle Erschwerung der praktischen Seelsorge am Krankenbett mit sich, als sie uns durch den Wegfall einheitlicher und allgemeingültiger Richt­linien dazu zwingt, in die jeweilige, sehr konkrete Situation des uns anbefohlenen Kranken einzugehen. Vor einem solchen Mit-Sein in einer Situation dürfen wir uns nicht scheuen. Erst dann kommt es, wenn Gott Gnade gibt, bei dem Kranken zur Erzeugung positiver frucht­barer Schuldgefühle; erst dann verläßt der Kranke jene Niederungen des Gewissens, in denen Schuldgefühl fälschlich identifiziert wird mit Angst und Minderwertigkeitsgefühl, in denen der Mensch an einem Vergangenen haften bleibt und nicht mehr von der Stelle kommt; und erst dann gewinnt der Kranke die Freiheit, sich von seinem „Seinsgewissen“ positiv leiten zu lassen.

Im seelsorgerlichen Umgang mit Kranken, besonders mit neurotisch und psychotisch Erkrankten, ergeben sich drei seelsorgerliche Grundsituationen, die wir im Folgenden eingehend betrachten wollen. Aus didaktischen Gründen unterscheiden wir diese begrifflich klar voneinander; es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie im Leben nur selten rein auftreten. Meistens überschneiden sie sich, darum dürfen sie nicht im Sinne einer Typologie verstanden werden.

1. Die erste Grundsituation ist das überspannte Gewissen. Es ist dadurch charakterisiert, daß das Bewußtsein einer Schuld voll und in quälender Weise gegeben ist, während die wirklich begangene Schuld der Intensität dieser Gefühle bei weitem nicht entspricht. Menschen dieser Art haben häufig im landläufigen Sinne gar keine Sünde begangen. Trotzdem ist ihr Inneres von einem unheimlichen Schuldgefühl verdunkelt.

Kranke mit pathologischen Schuldgefühlen haben in der Regel neben einem bis ins Absurde zugespitztem Gewissen auch dessen Gegenspieler, einen unbändigen Drang zur Auflehnung und zur Bosheit, die bisweilen phantastische Dimensionen annimmt. Die Gedanken und Phantasien dieser Kranken stehen zwar in einem scharfen Kontrast zu ihrer tatsächlichen Hilflosigkeit, deswegen werden sie meistens für harmlos gehalten, aber sie haben doch einen unverkennbar aggressiven Charakter und lassen erkennen, daß sich hinter ihnen eine verzweifelte Auflehnung gegen göttliche und menschliche Gesetze verbirgt.

Das Gewissen kann sich nicht nur in dem Sinne irren, daß es Schuld geflissentlich übersieht, sondern auch in dem anderen, nicht weniger furchtbaren, daß es sich unbarmherzig gegen seinen eigenen Träger wendet, indem es in die Fußstapfen der Erzieher tritt, unter deren Einfluß es sich formte. In vielen Fällen schafft erzieherische Überforderung, besonders wenn sie mit mangelnder Umwelthilfe verbunden ist, eine Werdenshemmung der Persönlichkeit, eine Verdrängung und Fesselung überaus wichtiger Lebensbedürfnisse, die in der Folge - fast notwendig - zu aggressiven Impulsen oder autistischen Rückzugsbewegungen führt.

In solchem Falle gilt es für den Seelsorger, den Kranken vor dem Schuldspruch seines Gewissens zu verteidigen. Dazu darf sich ein Seelsorger umso mehr berechtigt fühlen, je mehr er auf seelsorgerlichem Wege die Einsicht gewinnt, daß sich Schuldgefühl und Schuld auf der inneren Ebene tief berühren. Dasselbe Gewissen, das die quälenden Schuldgefühle weckt, provoziert auch die aggressiven schuldhaften Impulse, die das Innenleben des Kranken völlig zerrütten, und stößt in jenen furchtbaren Teufelskreis hinein, in dem die Schuldgefühle durch die aggressiven Phantasien und Impulse gesteigert werden und diese wiederum verstärkte Aggressionen hervortreiben.

Die „Phänomene der Gewissensangst“, die wir in den oben beschriebenen „Äußerungen“ an Neurotikern beobachten und die bei ihnen besonders kraß hervortreten, sind nicht auf diese beschränkt. In abgeschwächter Form stoßen wir auf sie bei Skrupulanten, gewissensängstlichen, sich ewig mit Selbstvorwürfen quälenden Menschen, deren Gedanken und Reden noch nicht den Schein des Realen und Vernünftigen verloren haben und sich dennoch in absurden Kreisen bewegen. Bei der Seelsorge an solchen Menschen, die unter dem Druck ihres „beladenen“ Gewissens den Weg zum Seelsorger besonders leicht finden und die darum einen sehr hohen Prozentsatz der bei uns Hilfesuchenden ausmachen, ist große Vorsicht und sorgfältiges Hinhören geboten, da sich ihre abwegigen Schuldgefühle nur schwer als solche erkennen lassen und da jede Bestärkung in diesen Gefühlen für sie eine gefährliche Verschlechterung ihrer inneren Lage bedeutet.

 

2. Die zweite seelsorgerliche Grundsituation ist die der verdrängten Schuld. Sie besteht im Wegblenden des Schuldbewußtseins bei offensichtlich vorhandener Schuld. Ihr begegnen wir bei Menschen, die ihr Verhältnis zur Schuld nicht verwirklichen und ihre Schuldgefühle verdrängen. Menschen dieser Art, die durch ein Augenschließen vor ihrer eigenen unzweideutigen Schuld sich selber und ihre Mitmenschen betrügen, müssen wir in Wahrhaftigkeit und mit Liebe und Taktgefühl - durch Robustheit könnten wir hier alles verderben - auf ihre Schuld hin ansprechen. Nur so kommen wir in einen wirklichen Kontakt mit ihnen, denn indem wir den Schuldigen in ihnen ansprechen, sprechen wir ihren besseren Teil, den schuldfähigen Teil ihrer Persönlichkeit an.

Sehr häufig ist die erste Reaktion auf solch einen Anruf nur Widerstand, Zorn und Ablehnung. Sowohl durch die allgemeine menschliche Erfahrung wie durch das Neue Testament (der böse Geist läßt sich nicht widerstandslos verbannen, Mark 5, 1-20; Luk. 8, 26-39) sind wir auf diese Reaktion vorbereitet. Das erleichtert es uns, vor diesem Widerstand nicht zurückzuschrecken. Zurückschrecken aber dürfen wir nicht, denn ein Ausweichen vor der Schuld würde hier (d. h. in der zweiten seelsorgerlichen Grundsituation) einen Verrat an unserer Aufgabe bedeuten.

Nicht selten haben wir in Auseinandersetzung mit dem in Schuld verstrickten, sich aber gegen die Einsicht dieser Schuld sperrenden Menschen einen Verbündeten in seinem eigenen unbewußten Gewissen, das stets vorhanden ist, auch wenn es nicht sprechen kann. Die übertönte und abgeblendete Wahrheit bricht oft unvermittelt in einem Traum durch, der plötzlich das ganze Schuldbewußtsein des Menschen ins Licht stellt, oder sie tut sich in einer Unruhe und Angst kund, die erst dann weicht, wenn das Schuldbewußtsein in den Erlebnisraum der wachen Person - in das Wachbewußtsein - vordringt und diese zur Umkehr zwingt.

Der Gewissensschrecken bereitet den, der sich von ihm erschüttern läßt, auf jene unerschütterliche Geborgenheit der Gotteskindschaft vor, die ihr erstes Signum gerade darin hat, daß sich Menschen zutiefst in Frage stellen und aus ihrer fragwürdigen Selbstsicherheit herausrufen lassen.

Im Umgang mit Menschen, die ihre Schuldgefühle verdrängen, ist der Seelsorger vor eine schwere Aufgabe gestellt. Er kann sie nur unter der Bedingung lösen, daß er von der Schuld des anderen nicht selber irritiert und verärgert wird. Ist er irritiert und fängt er an, den anderen zu verachten und innerlich abzulehnen - das kann sehr versteckt und tief unter der Schwelle des Bewußtseins geschehen - dann hat er ihn bald verloren. Vor dieser Gefahr des - sei es auch leisesten - Irritiertwerdens schützt uns nur die eigene ständige Beichte. Mit Hilfe der Beichte gewinnen wir die weitgespannte, im Grunde paradoxe Haltung, nicht irritiert und verärgert, aber doch kompromißlos und unzweideutig der schuldigen Verhaltensweise gegen­überzustehen.

 

3. Die dritte seelsorgerliche Grundsituation ist die (triebhafte) Verhaftung an schuldiges Tun. Sie ist die häufigste und schmerzlichste. Auf sie stoßen wir bei Menschen, die um den schuldigen Charakter ihres Tuns wissen und dennoch nicht vermögen, von diesem Tun zu lassen, - auf das zu verzichten, was sie dauernd verurteilt. Ein oberflächliches Urteil wird das Tun dieser Menschen für eine einfache Charakterlosigkeit halten - die kann es natürlich sein -, bei näherem Hinsehen aber zeigt sich oft, daß hinter solchem Tun ein quälendes und unfruchtbares Ringen mit einem sittlich Verworfenen, sich aber faszinierend Aufdrängenden steht, ein Gefesselt-Sein an fast unwiderstehliche Triebmächte.

Die Schuld dieser Menschen hat fast immer einen tragischen Charakter. Hinter ihr liegt eine seelische Verödung, die meistens bis in die frühe Kindheit zurückreicht. Ein Stück ungelebtes Leben sucht sich bei ihnen in einer schuldhaften Handlung Befriedigung. Eine Seite des Menschen, die mißachtet wurde, oder in einem emotionellen Mangelzustand aufwuchs, behauptet in gefährlichen Durchbrüchen ihr Recht und nimmt dadurch Rache an einer menschlichen Ordnung, die sie nicht zu entfalten und nicht zu bergen vermochte.

Wer in der Not solcher Zerrissenheit steht, dem hilft weder die bloße Begegnung der Schuld noch deren unnachsichtige Verurteilung durch ihn selbst oder durch den Seelsorger. Der Durchstoß ins unverwirklichte Eigene, der in dem schuldhaften Tun erstrebt wird, geht ins Leere, wenn sich dieses Eigene nicht an dem Vorbild einer gültigen Ordnung orientieren und vollenden kann, und die Verurteilung reicht, wenn sie moralischen Ursprungs ist, in das Elend dieses deformierten Daseins gar nicht hinab. Echte Hilfe kann einem so Leidenden nur der Seelsorger bringen, der mit einer entschiedenen Vertretung des Rechts gegenüber der Schuld den wachen Sinn für die tiefere Bedeutung verbindet, die selbst in einem schuldhaften und sinnwidrigen Verhalten liegen kann, und der mitten in der Auseinandersetzung mit der unzweideutig und dringlich abzulehnenden Schuld des Hilfesuchenden doch dessen - so gut wie immer vorhandenen, wenn auch oft schwachen - Kreatürlichkeit eingedenk ist.

Die Lösung echter Lebensanliegen aus falschen Bindungen gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Seelsorge in dieser dritten Grundsituation. Sie wird freilich nur dort gelingen, wo der Seelsorger um die existentielle Paradoxie weiß, daß der Mensch eine Willensfreiheit hat und doch unter einem unfreien Willen leidet. In der Praxis bestimmt diese Paradoxie das seelsorgerliche Handeln in der Weise, daß sie den Seelsorger einerseits daran hindert, sich direkt an den Willen des Hilfesuchenden zu wenden - statt an den Willen wendet er sich an die emotionellen, affektiven Voraussetzungen dieses Willens -, ihn andererseits aber doch ermutigt, den Menschen als ein wollendes, d. h. als ein entweder noch sich-verschließendes oder als ein sich hin-gebendes Wesen anzusprechen.

III.

Ein sehr wichtiges Problem der heutigen Seelsorge, besonders der Krankenseelsorge, ist das Zeitproblem. Wir Menschen von heute sind alle miteinander in einer großen Zeitnot. Nach außen zeigt sie sich in dem sich ständig steigenden Tempo, nach innen in einer zunehmenden Zerfahrenheit. Es muß alles schnell, sogar sehr schnell gehen, eine schnelle Seelsorge aber zerstört sich selbst. Jeder erfahrene Seelsorger weiß, daß Seelsorge mit dem Blick auf die Uhr - es braucht nicht die äußere, es kann auch die innere Uhr sein - nicht möglich ist. Diese Erfahrung zwingt uns, im Nachdenken über die Erneuerung und Verlebendigung der Seelsorge auf das Zeitproblem einzugehen.

Eine Untersuchung der zeitlichen Beanspruchung der Seelsorger ergibt, daß eine Überbelastung durch äußere Anforderungen in den meisten Fällen tatsächlich vorliegt. Sie ist uns weithin als Aufgabe verordnet und bleibt als Last und Leid für uns bestehen. Ein intensiveres Eingehen auf das Zeitproblem aber zeigt, daß „Zeithaben“ nicht nur ein mengenmäßig zu messender Begriff ist, sondern auch eine innere Haltung ausdrückt. Einerseits kennen wir Menschen, denen mitten in allem zeitlichen Bedrängtsein ein echtes Zeithaben für andere möglich ist, andererseits wissen wir um solche, die auch dann keine Zeit für sich und andere haben, wenn dieses äußere Bedrängtsein - etwa im Urlaub - von ihnen genommen wird. Paradoxerweise sind solche Menschen dann bemüht, die Zeit „totzuschlagen“'. So verwandelt sich die Zeit, deren Fehlen sie sonst bitter beklagen, für sie in einen Feind, den sie totschlagen müssen. Diese Paradoxie beweist mit hinlänglicher Deutlichkeit, daß es in dem Zeitproblem nicht so sehr um die vordergründigen Fragen rationaler Zeiteinteilung oder sinnvoller Zeitausnutzung, wie um unser sehr hintergründiges Grundverhältnis - d. h. das Verhältnis des ganzen Menschen - zur Zeit geht.

Wer in der Glaubensgewißheit lebt, daß unsere Zeit in Gottes Hand steht, hat die innere Freiheit, das ihm jeweils Aufgetragene mit ganzer Ruhe und Hingabe zu tun. Er weiß, daß es nicht darauf ankommt, möglichst viel Gutes zu tun (das ist der Fehler des quantitativen Denkens), sondern das - und zwar ganz - zu tun, was Gott jetzt von ihm verlangt, und er ist dessen sicher, daß uns Gott niemals an mehreren Orten zu gleicher Zeit haben will. Er braucht auch nicht gierig nach jedem möglichen Erlebnisinhalt zu greifen, weil er Angst hat, er könnte etwas verpassen und dadurch eine Chance zur Ausweitung seines Lebens verlieren, denn ihn trägt das Vertrauen.

Dieses negative Zeichen wird erst dort bestimmt, wo wir unsere Zeit aus Gottes Hand reißen und für uns allein haben wollen. Mit dieser losgerissenen Zeit wissen wir nichts anzufangen, da wir mit Gott auch die Bestimmung unseres Lebens verlieren. So wird die Zeit für uns zu einer Ware, mit der wir handeln oder feilschen können: „Zeit ist Geld.“ Die fatale Eigenschaft des Geldes, sich mit unseren Süchten zu verbinden, greift damit auch auf unsere Zeit über. Sie wird abhängig von der Konvention, die wir pflegen, von unserer Rücksicht auf einflußreiche Mitmenschen und von uneingestandener Geltungssucht, sie wird getrieben von unseren „selbst­verständlichen“ Pflichten. In dieser vielseitigen Beanspruchung, die einem bewußten Wollen und einem unbewußten Getriebensein entspringt, wird unsere Zeit zu kurz. Die Tage werden zu kurz, das Leben wird zu kurz, - und deshalb haben wir ständig das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Der Verflachung, die uns alle immer wieder bedroht, können wir nur entgehen, wenn wir dem Element des Meditativen, das in uns ist (es meditiert in uns), in unserem Leben den genügenden Raum geben. Wenn wir als Seelsorger aus der Meditation leben, gewinnen wir das innere Bereitsein für das Hören, werden wir innerlich in die Lage versetzt, „Interesse“ zu haben, d. h. mitten drin zu sein in dem, was der andere sagt, meint und ist. Wo das aber geschieht, wo der andere unser „Interesse“ spürt, da hat er das Gefühl, daß wir Zeit für ihn haben, auch wenn es nach dem Pendelschlag der Uhr gemessen nur wenige Minuten sind.

Durch die Meditation wird unsere Zeit auch äußerlich neu geordnet. Indem sie uns wesentliche Erlebnisse schenkt, befreit sie uns von der Erlebnissucht, die sich in sensationellen Erlebnissen befriedigt, und damit von dem Jagen nach ständig neuen Erlebnisinhalten. Für unsere äußere Zeitordnung ist schon sehr viel gewonnen, wenn das Jagen nach Abwechslung und Zerstreuung aufhört, noch mehr aber wird dadurch gewonnen, daß sich in der Meditation die sogenannten „selbstverständlichen“ Pflichten neu formieren. Viele dieser sogenannten Pflichten, die wir für völlig selbstverständlich halten, sind im Lichte der Meditation gar nicht so selbstverständlich; andere Pflichten hingegen, für die wir erst Zeit haben, wenn die „selbstverständlichen“ Pflichten erfüllt sind, rücken in der Meditation an eine wichtige Stelle.

IV.

Keine Zeit haben und nicht hören können - das sind beides Symptome eines gestörten Verhältnisses zu unsrem Seinsgrund und letzthin zu Gott. Daß wir keine Zeit haben, sprechen wir meist sehr ungeniert aus; daß wir nicht hören können, bringen wir dadurch zum Ausdruck, daß wir uns dauernd gegenseitig unterbrechen, wenn aus einer konventionellen Höflichkeit nicht mit Worten, dann durch innere Abschaltungen und Abschweifungen. Wir brennen darauf, zu Wort zu kommen.

Den Pfarrern fällt das Zuhören besonders schwer. Wir wurden ausgebildet, über jeden Inhalt der Bibel exegetisch und dogmatisch richtig zu sprechen, aber die Kunst des Zuhörens haben wir nicht gelernt. Damit hängt es zusammen, daß unsere Predigten oft einen bloß dogmatischen und weniger einen wirklich seelsorgerlichen Charakter haben.

Es gehört zu den homiletischen Grunderfahrungen, daß Predigten und Gespräche um so vollmächtiger sind, je stärker sie aus der Stille, d. h. aus dem Hören auf Gott und den Nächsten kommen. Predigten, die nicht in der Stille wachsen, bleiben leere Reden, und Gespräche, hinter denen nicht die Tiefe des inneren Hörraums steht, entarten zu vordergründigen Diskussionen. Um solchen Fehlentwicklungen zu entgehen, müssen wir dafür sorgen, daß der innere Hörraum erweitert und vertieft wird. Das geschieht am wirkungsvollsten durch die Meditation. In der Meditation wächst die Hörbereitschaft für Gott und den Nächsten. Wie die Meditation die beste Vorbereitung für das Gebet ist, Gebet ist ja im Entscheidenden nicht Reden, sondern Hören -, so ist sie auch die beste Vorbereitung für das seelsorgerliche Gespräch, noch treffender würden wir sagen: für das seelsorgerliche Hören.

Der Hilfesuchende, der durch die Verbindung der Tiefenschichten der Gesprächspartner auf diese Weise seine unterdrückten Triebe und Wünsche artikulieren und aussprechen kann, erlebt eine durchgreifende Entspannung. Der Seelsorger leistet dabei durch sein aktives seelsorgerliches Hören eine Art Geburtshelferdienst, indem er den inneren Raum bereithält, in den sich die unbewußten Triebe und Wünsche gebären und ausformen können. Triebe und Wünsche, die sich so auszeugen und gestalten, verlieren die Macht über ihre Träger.

Dieser Vorgang, der vor allem im seelsorgerlichen Umgang mit leichten Neurotikern beobachtet wurde, ist in der Psychotherapie unter dem Namen „Katharsis“ bekannt. Auch der Psychotherapeut versucht die den psychoneurotischen Symptomen zugrundeliegenden, unbewußten Komplexe zu beseitigen, indem er sie bewußt macht und dadurch so weit entkräftet, daß sie geordnet und beherrscht werden können. Im Unterschied zum Seelsorger bedient er sich dabei wissenschaftlicher Methoden (zum Beispiel der Traumdeutung oder des Assoziationsversuchs, um nur einige zu nennen).

Es ist selbstverständlich, daß alle Fälle neurotischer Gestörtheit in die Behandlung des ausgebildeten Psychotherapeuten gehören - Kurpfuscherei ist hier besonders vom übel -, das schließt aber nicht aus, daß es auch in der Seelsorge, besonders wenn sie unter dem Vorzeichen der Meditation steht, zu psychokathartischer Entspannung kommt, zumal sich in den Sprechzimmern der Seelsorger immer häufiger Menschen einfinden, die zwar noch keine deutlichen Neurosesymptomatik zeigen, die aber doch im Banne einer beginnenden Neurose stehen.

Es ist außerordentlich schwer, die zarte und doch intensive Wechselbeziehung zu beschreiben, die in einer echten seelsorgerlichen Begegnung zwischen dem Seelsorger und dem Hilfesuchenden stattfindet. Am genauesten erfaßt sie das Wort „Empathie“, das sich zwar im Raum der psychotherapeutischen Forschung gebildet hat und zunächst das Wechselverhältnis zwischen dem Psychotherapeuten und seinem Patienten bezeichnet, das sich aber ohne Sinnänderung auf die Wechselbeziehung im seelsorgerlichen Geschehen übertragen läßt. Empathie bedeutet, daß man erfolgreich in die inneren, gefühlsbedingten Erfahrungen eines anderen eindringt. Sie schließt auch das imaginäre Projizieren des eigenen Bewußtseins in eine andere Persönlichkeit ein.

Die Fähigkeit, mit anderen Menschen in ein Emnpathieverhältnis zu treten, muß der am Beginn seiner Tätigkeit stehende Seelsorger erst erwerben. Dabei leistet ihm die Meditation eine wesentliche Hilfe. Unter ihrer Einwirkung entwickelt er eine Eigenschaft, die so etwas wie ein sechster Sinn ist und die ihn befähigt, sich mit den Gefühlen, Empfindungen und Reaktionen anderer zu identifizieren und durch diese enge Bindung sehr konkrete Hilfen zu geben.

Zur Abwehr von Mißverständnissen muß darauf hingewiesen werden, daß die Empathie zwar zu einer zeitweiligen Identifizierung, nicht aber zu einer gefühlsmäßigen Verflechtung mit dem Hilfesuchenden führt. Wäre das der Fall, dann müßte der Seelsorger alle Gefühle des Hilfesuchenden, die Gefühle der Einsamkeit, der Schuld, der Angst oder der Panik genau so intensiv mitempfinden wie dieser selbst - und daraus würde folgen, daß er schon nach wenigen Gesprächen am Ende seiner Kraft wäre, und so könnte er gerade nicht helfen. In Wahrheit ist es vielmehr so, daß uns die Empathie zwar innerlich in die Lage versetzt, mitfühlend in die Schwierigkeiten unseres Besuchers einzudringen, daß sie aber zugleich in uns jenes Distanzgefühl schafft, das uns davor bewahrt, von den uns vorgetragenen Nöten und Konflikten bedrängt und erdrückt zu werden.

Natürlich bedeutet das nicht, daß die Tätigkeit des Seelsorgers keinerlei Anforderungen an seine Gefühlskräfte stellt. Trotz allen Distanzgefühls wird der Seelsorger von den Tragödien und Herzensnöten der Menschen zuweilen bis ins Innerste erschüttert. Er muß darum stets in der Lage sein, auf geistige Reserven zu seiner inneren Erneuerung zurückgreifen zu können. Die Lebenskräfte, die er verausgabt, müssen ständig wieder aufgefüllt werden.

Nirgends aber geschieht das wirkungsvoller als in der Meditation. Der Seelsorger. der in der Meditation, d. h. im meditativen Offensein für Gottes Wort lebt, schöpft auch im Verlaufe eines anstrengenden Gesprächs ständig aus dem Frieden, den Einsichten und der Kraft, die von Gott kommen, und geht so öfters gestärkt aus einer seelsorgerlichen Begegnung hervor, die große seelische Anforderungen an ihn stellt. Auf diese Weise erfährt er, daß sich im Kraftfeld der Meditation mit dem Vermögen zu geben auch die Gabe des geistlichen Nehmens entwickelt. In der Meditation gewinnt der Seelsorger die innere Weite und Festigkeit, die es ihm ermöglicht, auch die belastendsten Bekenntnisse seiner Gemeindeglieder anzuhören, ohne dadurch in seinem inneren Gleichgewicht gestört zu werden.

Ein Seelsorger, der sich durch das Gehörte erschrecken, beleidigen oder auch nur irritieren läßt, verliert die innere Verbindung zu dem Ratsuchenden. Diese innere Weite ist aber nicht nur für die seelsorgerliche Begegnung selbst, sondern auch für das Verhältnis des Seelsorgers zu dem Betreuten nach dessen Geständnis von entscheidender Bedeutung. Ein Gemeindeglied darf nicht das Gefühl haben, daß es durch ein Schuldbekenntnis — und mag dieses noch so schwerwiegend sein — die Achtung seines Seelsorgers verliert.

Bonnell berichtet, daß auf einem Konvent von etwa dreihundert Pfarrern nach seinem Vortrag die Frage gestellt wurde: "Warum betont der Vortragende so, wir sollten weder Überraschung noch Ärger zeigen, wenn jemand mit einem ernsten moralischen Problem zu uns kommt? Ich wüßte nicht, wie ein Geistlicher einer solchen Person gegenüber noch wie früher empfinden könnte.

Ein Seelsorger sollte weder Überraschung noch Ärger zeigen, wenn jemand mit einem ernsthaften moralischen Problem zu ihm kommt. Nehmen wir einmal an, daß ein hervorragendes Glied der Gemeinde, das dabei noch in einem christlichen Werk tätig ist und von dem man natürlich annimmt, daß es frei von moralischen oder geistigen Verfehlungen ist, dem Seelsorger mitteilt, daß eine heimliche Sünde bei ihm vorliegt. Wie kann es da möglich sein, ihm gegenüber auch weiterhin die gleiche Haltung einzunehmen?

Doch hier wird genau der Irrtum begangen, vor dem immer gewarnt wird: „Ein hervorragendes Glied meiner Gemeinde ..., von dem ich natürlich angenommen habe, daß es frei von moralischen Verfehlungen sei.“Zu einer solchen Annahme ist man gegenüber keinem Glied der Gemeinde berechtigt. Irren ist menschlich. Es kommt vor, daß Männer und Frauen von höchster Kultur und höchsten Idealen vom Wege abirren. Wenn wir annehmen, daß dem nicht so sei, und wenn wir dann auf einen solchen Fall moralischen und geistigen Versagens stoßen, so werden wir durch die uns gemachten Geständnisse entmutigt und vielleicht sogar gekränkt sein.

Doch eine solche Frage ist Symptom einer verbreiteten Haltung ist. Trotz der allgemeinen Erkenntnis, daß wir allzumal Sünder sind werden Predigten oft so gehalten und Gespräche oft so geführt, als ob es das Normale sei, daß der Mensch, zumal der Christ, von keinerlei persönlichen Problemen beunruhigt und belastet ist. Auf einem gesetzlich-moralischen Glaubensver4ständnis baut sich leicht ein falsches Menschenbild auf. In dessen Umkreis ist man zwangs­läu­fig über eine sittliche Verfehlung „entrüstet“ (man verliert seine innere Rüstung), führt ein offenes Geständnis der inneren Konflikte den Bekennenden zwangsläufig in eine zwielichtige Situation, in der sich eine offene Zuwendung (die obligatorische Vergebung) mit einer geheimen Verachtung durchdringt. Natürlich werden Pfarrer, die in einer solchen Glaubenshaltung stehen, von ihren in innerer Not befindlichen Gemeindegliedern nicht aufgesucht. Ihre Enge verwehrt ihnen den Zugang.

. Wer Gestalten wie Jakob und David einmal gründlich meditiert hat, wird sich durch keinerlei Geständnis mehr erschrecken oder gar aus der Fassung bringen lassen. Ein Seelsorger, der in die Abgründe des menschlichen Herzens blickt, braucht darüber nicht entmutigt zu werden oder gar am Menschen zu verzweifeln. Wie sein Meister, der Sünderheiland, glaubt er an die Möglichkeiten der Besserung selbst der schlimmsten Menschen. Zum einen weiß er, daß es nicht seine Kräfte und Hilfsquellen sind. die dem Hilfesuchenden den Sieg über seine bisherigen Niederlagen verleihen, zum anderen zeigt ihm die Tatsache, daß im Leben eines Menschen ein moralischer und geistiger Konflikt tobt, daß das Gute in ihm noch nicht vom Bösen überwuchert worden ist (nach Walter Saft).

 

 

Am Sterbebett

I. Der Tod:

„Er hat einen schönen Tod gehabt“ - so denkt und spricht weithin der heutige Mensch, wenn jemand plötzlich und unerwartet und ohne Schmerzen gestorben ist. Und unzählige Menschen wünschen und ersehnen sich solchen schnellen, schmerzlosen Tod. Man denkt und wünscht so, weil man im Tod nur das biologische Ereignis sieht. Mit dem Tod ist alles aus, und Verwesung zu Erde und Staub sind alles - das ist weithin der Irrtum des heutigen Menschen. Und darum gilt für ihn: nicht an den Tod und das Sterben denken und alles aus dem Leben verdrängen, was an diese dunkle Stunde erinnert. Der Tod soll darum schnell kommen, unerwartet und ohne Schmerzen, als schöner Tod.

Der christliche Glaube weiß mehr um den Tod. Der Tod ist nicht nur das Ende, der Schlußpunkt, der Torschluß, das große Nichts oder wie die Worte heißen, mit denen sich der säkularisierte Mensch die Wirklichkeit und Wahrheit des Todes verhüllt. Der Tod ist die große, ernste Stunde der Entscheidung, da der Mensch vor das Angesicht Gottes gerufen wird und das Urteil Gottes empfängt über Annahme oder Verwerfung, ewiges Leben oder ewigen Tod. Ist ein Mensch gestorben, dann ist die Entscheidung über sein ewiges Schicksal gefallen. Die irdische Gnadenzeit und Geduld Gottes sind zu Ende. Himmel oder Hölle - eines von beiden ist für den Verstorbenen Wirklichkeit geworden.

Wer selig sterben will, muß sich auf das Sterben rüsten, solange er noch im vollen Leben steht. „Mein ganzes Leben habe ich an diesen Stunden studiert“, sagte Matthias Claudius, der fromme Wandsbecker Bote, als er ins Sterben kam; und sein Sterben. wurde ein seliges Sterben. Ein Wort Luthers dazu: „Die wahre Vorbereitung zum Tode ist die Übung des Glaubens. daß man weiß, daß der Tod, die Sünde, die Hölle, der Satan durch Christum, den Gekreuzigten, überwunden und zu Boden sind. Daß wir nämlich den Tod, nicht wie er an und für sich ist oder wie er uns vorkommt, ansehen; sondern wie er in Christo ist!“

Die letzte .Gelegenheit, sich für den Schritt durch die dunkle Pforte des Todes zu rüsten, ist die Zeit auf dem Sterbebett. Sie ist die letzte Gelegenheit, die Gott uns schenkt. Aber wie die Erfahrung, an den Sterbebetten zeigt, ist es für einen, der nicht im Kontakt mit Gott geblieben ist und sich nicht in den Tagen der Gesundheit gerüstet hat, schon sehr spät, oft zu spät. Denn die Schmerzen die körperliche Schwäche und die Wirkung des Morphiums nehmen dem Kranken die Kraft, sich bereit zu machen, dem ewigen, heiligen Gott zu begegnen und die gnädige Zusage Gottes zu ergreifen und festzuhalten.

 

II. Zu Hause am Sterbebett:

Das Krankenhaus ist heute vielfach der Ort des Sterbens geworden. Aber es gibt doch noch viele Sterbebetten zu Hause im Kreis der Familie. Und es ist gut so; denn zu Hause können die Angehörigen ganz anders als im Krankenhaus, wo meistens mehrere Menschen auf einem Zimmer liegen und die Besuchszeit begrenzt ist, an den Sterbenden den seelsorgerlichen Dienst tun und versuchen, ihm zu einem seligen Sterben zu helfen. Als Christen sind wir unsern Sterbenden diesen Dienst schuldig. Deshalb müssen wir versuchen, die große Hilflosigkeit zu überwinden, die uns beim seelsorgerlichen Dienst trotz des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen packt.

Die leibliche Pflege allein genügt nicht. Wir müssen unsern Sterbenden innerlich helfen, daß sie die Anfechtungen und Ängste des Todes bestehen, mit Gott ins Reine kommen, sich in der Zusage Gottes bergen und so zu einem seligen Sterben kommen. Wir sind einander diesen priesterlichen Dienst schuldig, die Eheleute untereinander, die Eltern den Kindern, die Kinder den Eltern, der Freund dem Freunde.

 

Was haben wir zu tun?

1. An jedes Kranken- und Sterbebett gehören zuerst einmal die Bibel und das Gesangbuch. Auch dort, wo beide in der Familie nicht mehr täglich gebraucht werden, dürfen sie am Krankenbett nicht fehlen. Wenn der Kranke und der Sterbende nicht selbst zu ihnen greifen, so müssen sie doch beide zum Vorlesen bereit sein. Denn das Vorlesen, oder besser: das Vorbeten von Gesangbuchversen oder Bibelworten ist ein unerläßlicher Dienst an denen, auf die der Schatten des Todes gefallen ist.

2. Der zweite seelsorgliche Dienst an den Sterbebetten ist die Fürbitte. In den Nachtstunden sollte der, der da wachend am Bette sitzt, sich nicht dem Grübeln überlassen, sondern mit der ganzen Stärke seines Herzens still beten. Das kostet viel Kraft. Wer einmal ein oder zwei Stunden am Sterbebett konzentriert gebetet hat, alle Gesangbuchverse und Bibelworte, die ihm gegenwärtig waren, weiß das. Der weiß auch, daß die Fürbitte und betende Sammlung die Sterbekammer wie eine Strahlung erfüllen.

3. Ein sehr wichtiger Dienst ist das seelsorgliche Gespräch. Von selbst wird es zwischen dem Sterbenden und dem, der da Beistand leistet, aufbrechen. Solch seelsorgliches Gespräch muß durch die Wahrheit und die Liebe bestimmt sein. Für einen Christen verbietet es sich, den Todgeweihten über seinen Tod hinwegzutäuschen und die fromme Lüge zu gebrauchen „Du wirst wieder gesund werden!“. Dazu ist die Todesstunde zu sehr angefüllt mit dem Ernst der Ewigkeit, sind Krankheit und Sterben von Gott gestellte Aufgaben und ist mit dem Tod die Ewigkeit entschieden. Täuschung und Lüge haben darum keinen Platz am Sterbebett. Aber die Liebe gebietet es, daß die Mitteilung über den Ernst der Krankheit und den Zustand des Sterbenden voll Schonung ist und den Kranken nicht erschüttern darf. Darum gilt für das Gespräch mit Todgeweihten: sich Zeit lassen, warten können und wachsen lassen, was von allein langsam und still wächst, nämlich die Gewißheit um das Abgerufenwerden.

Das Gespräch darf auf keinen Fall den Sterbenden bedrängen und auf seine Bekehrung ausgerichtet sein. Es muß aber die gnädige Zusage Gottes, die uns in Jesus Christus geschenkt ist, aussprechen und anbieten: Im Kreuz Christi ist uns Gottes ganze Barmherzigkeit zugesagt, wir sind Gotteskinder, haben Vergebung der Sünden, sind Erben des ewigen Reiches.

Diese große Verheißung können wir mit eigenen Worten oder mit den Kernsprüchen der Bibel zusprechen. Einige Kernsprüche der Bibel:

Ich weiß, daß mein Erlöser lebt (Hiob 19, 25).

Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöset. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein (Jes. 43, 1).

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer (Jes. 54, 10).

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Matt. 28, 20).

Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh. 3, 16).

Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe (Joh. 11, 25).

Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben (Joh. 14, 19).

Es soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden (Apg. 2, 21).

Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium (2. Tim. 1, 10).

 

4. Es ist zwar sehr selten, aber bei langsam Dahinsterbenden, wie Krebskranken, doch manchmal so, daß sie beichten möchten und sich vom Herzen reden, was sie innerlich bedrängt und beschwert und was ihr Verhältnis zu Gott belastet und zerstört. Hier mußt man, wenn man keinen Pfarrer rufen kann oder rufen will, als sein Bruder in Christo still und geduldig hören, ohne ein Urteil zu fällen und ohne einen Rat zu geben. Denn wenn jemand das aussprechen muß, was ihn vor Gott belastet und ihn nicht zu Gott kommen läßt, da gibt es keinen menschlichen Rat und keine menschliche Hilfe. Da gibt es nur die gnädige Zusage Gottes, daß im Kreuz Christi die Vergebung der Sünden für den bußfertigen Sünder geschehen ist. Darum kann jeder nur in der Vollmacht des Glaubens die Vergebung der Sünden zusprechen.

5. Wenn ein Sterbender zur Gewißheit seines Abscheidens gekommen ist und um den Ernst der Todesstunde weiß, dann wird er selbst nach dem Sakrament des Heiligen Abendmahls verlangen. Oder du, der du den priesterlichen Dienst der Seelsorge schuldig bist, mußt ihm raten, das Heilige Abendmahl zu empfangen. In christlichen Häusern sollte niemand sterben ohne die Tröstung und Stärkung des Heiligen Abendmahls, der leibhaftigen Gegenwart unseres Herrn Christus.

 

III. Der Todeskampf:

Die Zeit des Todeskampfes ist ganz besonders mit heiligem Ernst erfüllt und gebietet allen, die im Sterbezimmer sind, ehrfurchtsvolles Schweigen. Es wird auch geraten, zwei brennende Kerzen auf den Tisch zu stellen und, wo ein Kruzifix im Hause ist, es dem Sterbenden in die gefalteten Hände zu geben.

Der Sterbende erlebt den Todeskampf meistens in großer körperlicher Not und im Zustand der Bewußtlosigkeit. Nur selten bleibt bis zuletzt das volle Bewußtsein. Wir am Sterbebett können nichts anderes tun als schweigen, dem Sterbenden die Hand halten und kurze Bibelworte und Gesangbuchverse vorsprechen, die dem Sterbenden bekannt sind. Und wir müssen wissen, daß der Sterbende, auch wenn er ohne Bewußtsein zu sein scheint, doch ein waches Gehör hat und seltsam offen ist, das Wort Gottes aufzunehmen.

Ist der Augenblick gekommen, daß der Sterbende in den letzten Zügen liegt, dann sprechen wir den Sterbesegen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Wenn der Sterbende entschlafen ist, drückt man ihm die Augen zu. Und dann sammelt man sich zum Gebet: „Heiliger und gerechter Gott, wir beugen uns vor dir an diesem Sterbebett. Wir danken dir für alles, was du an dem Entschlafenen getan hast, und für alles, was er uns durch deine Gnade gewesen ist. Du hast ihn in der heiligen Taufe zu deinem Kind und zum Erben deiner Verheißung angenommen. Durch Freud und Leid, durch Arbeit und Mühe, durch gute und schwere Tage hast du ihn geführt und nun aus diesem zeitlichen Leben abgerufen. Wir befehlen dir seine Seele zum ewigen Leben. Was er aus menschlicher Schwachheit gefehlt hat, das wollest du austilgen nach deiner großen Barmherzigkeit durch Jesus Christus, unsern Heiland. Erbarme dich seiner und tue an ihm nach deiner Verheißung. Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, und hilf uns allezeit, wach zu sein und bereit für unsere letzte Stunde. Himmlischer Vater, tröste und stärke uns und alle, die durch diesen Tod betrübt werden, und führe uns endlich mit allen, die selig vollendet sind, zu dir in dein himmlisches Reich. Amen.“

 

IV. Der Segen der Sterbebetten für die Angehörigen:

Von den Sterbebetten kann für alle Angehörigen ein großer Segen kommen. An den Sterbebetten erleben und erfahren wir Wahrheiten, von denen wir vorher nichts geahnt haben oder an denen wir bis dahin oberflächlich vorübergegangen sind.

1. Wer mit Sterbenden zu tun hat und sie tage- und wochenlang betreut, kann der Wirklichkeit von Krankheit und Schmerzen, Siechtum und Unheilbarkeit nicht ausweichen. Er erlebt den Menschen in seiner ganzen Hilflosigkeit, unterworfen und wehrlos preisgegeben den dunklen und rätselhaften Mächten des Leidens und Sterbens. Aller Stolz und alle Selbstherrlichkeit sind zu Ende. Der Mensch steht an der Grenze alles Könnens und Wollens. Wir sind nicht die Herren unseres Lebens - diese Wahrheit erfahren wir an den Sterbebetten eindrücklich und unvergeßlich, wir, die in guten Tagen die Grenzen unseres Menschseins übersehen oder sie uns zu verbergen suchen. Diese Erkenntnis „Wir sind nicht die Herren unseres Lebens“, macht uns demütig und bescheiden, und in dieser Erkenntnis sind wir offen für die christliche Botschaft: „Ich bin der Herr, dein Gott.“

2. An den Sterbebetten erweist sich sichtbar die Kraft des Bibelwortes. Die große Verheißung von der Vergebung der Sünden und der Auferstehung zum ewigen Leben kann den Sterbenden aus all seiner Anfechtung und Angst herausnehmen und ihn mit dem Frieden Gottes beschenken, der höher ist als alle Vernunft. Wer diese geheimnisvolle Kraft des Wortes Gottes an einem Sterbenden miterlebt hat, vor dem hat sich das Geheimnis des Bibelwortes geöffnet. Er hat etwas davon gespürt und erfahren, daß in dem Bibelwort die gnädige Gegenwart Gottes da ist, die aus verzagten Sündern und Menschen im Schatten des Todes Gotteskinder macht, Menschen, die im Lichte Gottes stehen.

3. Die Stunde an dem Sterbebett kann auch erfüllt sein von der Gottesferne und den teuflischen Mächten der Tiefe. Der Sterbende kann seiner ewigen Verwerfung bewußt sein und da auch nüchtern und klar aussprechen: Die Tür ist für mich verschlossen, die große Zusage Gottes von der Vergebung der Sünden und der Auferstehung zum ewigen Leben gilt mir nicht. Solche Erfahrung erschüttert uns bis ins Tiefste und versetzt uns in einen furchtbaren, aber heilsamen Schrecken. Sie läßt uns spüren, daß jede Stunde unseres Lebens, nicht nur die letzte Stunde, von der Finsternis der Hölle oder von dem Lichte Gottes bestimmt wird und daß es allein darauf ankommt und allein entscheidend ist, daß die Gewalt aus der Höhe unser Denken, Wünschen und Handeln bestimmt.

4. Zugleich wird uns unsere geistliche Armut bewußt, wie hilflos wir vor den harten Wirklichkeiten des Lebens, Krankheit, Sünde und Tod, sind, wie wenig wir das Bibelwort kennen und als Waffe zur Verfügung haben und wie wenig wir aus der Kraft des Bibelwortes leben.

So kann uns das Sterbebett in unserem Hause zum Anreiz werden, zur Bibel zu greifen und die Worte der Heiligen Schrift zu lernen und mit ihnen zu leben als dem lebendigen Wort Gottes, das unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserm Wege ist.

 

Tod, Auferstehung und ewiges Leben

Diesseitsglaube statt Jenseitshoffnung:

Im Mittelalter war der Glaube an das ewige Leben eine weltanschauliche Selbstverständlichkeit. Alle waren davon überzeugt, daß der Mensch nach seinem Tode wieder zum Leben erweckt wird und vor den Richterstuhl Gottes treten muß. Die Friedhöfe wurden als Gottesäcker verstanden, auf denen die Entschlafenen dem Jüngsten Tage entgegenruhen, um als dann vom Tod erweckt zu werden

In der Neuzeit ist aber eine radikale Veränderung eingetreten. Der Glaube an Unsterblichkeit und ewiges Leben hat aufgehört, die selbstverständliche Voraussetzung unseres Denkens und Fühlens zu sein. Wer heute an ein Leben nach dem Tod glaubt, tut es gegen den Zeitgeist, der sich auf die kurze Formel bringen läßt: „Mit dem Tod ist alles aus!“

Zu dieser Veränderung ist es durch die Aufklärung und den damit verbundenen umfassenden Säkularisierungsprozeß gekommen. Die Aufklärung, die sich sowohl in der Medizin wie in der Philosophie durchsetzte, bewirkte eine Bewußtseinsverschiebung vom Jenseits aufs Diesseits, vom Leben nach dem Tod auf das Leben vor dem Tod

Die Medizin, die streng naturwissenschaftlich orientiert war und beeindruckende Erfolge aufzuweisen hatte, verbreitete die Überzeugung, daß das Weltganze aus dem Zusammenwirken von physikalisch-chemischen Kräften zu erklären sei und daß es Bewußtseinstätigkeit ohne Gehirntätigkeit nicht gebe. Das bedeutet aber, daß die menschliche Existenz nichts anderes ist als ein komplizierter organischer Prozeß, der mit der Geburt (genauer: mit der Zeugung) beginnt und mit dem Tod endet.

Die Philosophie bezeichnete die Vorstellung von einem ewigen Leben als Einbildung des Menschen, als Produkt seiner schöpferischen Phantasie. Feuerbach sah den Jenseitsglauben im natürlichen Abhängigkeitsgefühl des Menschen begründet. Auch dem Selbsterhaltungs- und Glückseligkeitstrieb wies er eine wichtige Rolle zu. In der weiteren Entwicklung deckte die Philosophie den gesellschaftlichen Mißbrauch des Unsterblichkeitsglaubens auf und wies nach, daß die Vertröstung auf ein Jenseits dazu benutzt werden kann, ungerechte soziale Verhältnisse im Diesseits er erklären.

Erfüllt von diesen Gedanken wurden die Europäer von einem aufklärerischen Pathos ergriffen. An die Stelle der Gottesliebe sollte die Liebe zum Menschen treten. Der Glaube an Gott sollte durch den Glauben an den Menschen ersetzt werden, und statt sich auf Jenseitigkeit aus-

zurichten, sollte sich der Mensch in der Diesseitigkeit einrichten.

 

Trotz Verdrängung bleibt die Angst:

Die Einsicht in die Endgültigkeit des Todes ist von den Menschen jedoch nicht wie ein neutrales (d. h. sie nicht betreffendes) Faktum angenommen worden, sondern hat weithin zur Verdrängung des Todes geführt. Gemäß einem stillschweigenden Abkommen wird von Sterben und Tod nicht gesprochen. „Die Menschen leben so, als ob es keinen Tod gäbe, als ob sie gar nicht zu sterben brauchten“, sagt ein bekannter Arzt unserer Tage.

Infolge dieser Verdrängung hat sich die Stilistik des Sterbens tiefgreifend verändert. Früher war der Tod gegenwärtig: Man starb zu Hause, umgeben von den Angehörigen, die den Ster­benden mit ihren Gebeten begleiteten. Es gab den Leichenzug, der vom Trauerhaus zum Friedhof führte. Heute ist der Tod den Blicken der Menschen entzogen. Man stirbt im Krankenhaus, fernab von den Angehörigen. Der Leichenwagen, der durch die Straßen fährt, ist kaum noch als solcher zu erkennen. Auch eine Einübung ins Sterben findet fast nicht mehr statt. Ließ man sich früher noch von dem Psalmwort mahnen: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“, so lebt man heute weithin in den Tag hinein und will nach Möglichkeit des Endes nirgends gedenken.

Durch die Verdrängung des Todes läßt sich jedoch die Todesangst nicht beseitigen. Im Ge­genteil: Je stärker der Tod aus dem eigenen Erleben herausgedrängt wird, desto unheimlicher wird seine Macht und desto größer wird die Angst vor ihm. Daraus erklärt sich die paradoxe Erscheinung, daß in derselben Zeit, in der der Tod tabuisiert wird, Bücher, die sich mit dem Sterben beschäftigen, die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es ließ schon vor Jahren aufhorchen, daß das Buch von Elisabeth Kübler-Ross „Interviews mit Sterbenden"“zu einem Bestseller geworden ist.

Alle diese Bücher verfolgen die Tendenz, die Angst vor dem Sterben dadurch zu vermindern, daß sie die Erlebnisse und Erfahrungen Sterbender wiedergeben. Aus diesen Erlebnissen geht nach Meinung der Verfasser eindeutig hervor, daß es ein Leben nach dem Tod gibt und daß dieses Leben, wie die Lichterlebnisse bezeugen, der Eingang in ein freundliches ewiges Licht bedeutet.

Welche Beweiskraft haben diese Sterbeerlebnisse für ein mögliches Sein nach dem Tod? Gar keine! Denn es sind die Erlebnisse von Todkranken, von denen kein einziger wirklich gestorben ist. Was ihnen widerfahren ist, waren physisch-psychische Vorgänge unmittelbar v o r, nicht n a c h dem Tod. So haben sie vielleicht das Sterben erfahren, aber sicher nicht den Tod.

Erlebnisse in der Nähe des Todes dürfen nicht mit Erlebnissen des Todes verwechselt werden. Darum können sie Ansagen nur über diese Zeit, nicht aber über die Ewigkeit machen.

 

Eine Sache des Vertrauens

Wir stehen immer wieder unter dem inneren Zwang, nur das für wirklich zu halten, was uns bewiesen werden kann. Von diesem verengten Zugang zur Wirklichkeit müssen wir uns befreien. Es gibt viele Dinge in unserem Leben, die nicht bewiesen werden. können und doch höchst wirklich sind. Dazu gehört auch das ewige Leben. Aus der Tatsache, daß ewiges Leben nicht bewiesen werden kann, darf nicht geschlossen werden, daß es dieses nicht gibt.

Das ewige Leben ist wie Gott und die Liebe eine Sache des Vertrauens. Daß ewiges Leben ist, kann darum nur in einem Akt des Vertrauens angenommen werden. Das Vertrauen, das hier gefordert wird, ist freilich kein blindes, sondern ein begründetes Vertrauen. Auch wenn es über keine zwingenden Beweise verfügt, so hat es doch einladende vernünftige Gründe. Es gibt Anlaß genug, ein vertrauendes Ja zu einem Leben nach dem Tod zu wagen, denn ohne solches erscheint dieses Leben letztlich ziellos und sinnlos.

Der Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben ist kein Randproblem, sondern das Zentrum des christlichen Glaubens. Sehr nachdrücklich sagt der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief: „Ist Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich."

Warum ist das so? Ohne den Glauben an die Auferstehung der Toten wird das hier und jetzt gelebte Leben überbewertet, ja sogar absolut gesetzt. Wer das Leben nur in dem engen Horizont zwischen Geburt und Tod sieht, der steht in der Gefahr, dieses Leben bis zur Neige auskosten zu wollen mit dem: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ Um ja in diesem einzigen Leben nichts zu verpassen, entwickelt der Mensch eine unstillbare Sucht nach Konsum- und Verbrauchsgütern. In rücksichtslosem Egoismus versucht er, seine Lustgefühle zu befriedigen und verfällt dabei leicht den modernen Götzen „Sex, Car and Career“ (Sex, Auto und Karriere). Die ausschließliche Ausrichtung auf die Gegenwart kann zu einer übersteigerten Selbstbezogenheit führen und die Empfindungsmöglichkeit für andere verkümmern und absterben lassen.

Der Glaube an das ewige Leben dagegen kann von dem Zwang befreien, aus diesem Leben herausholen zu müssen, was nur herauszuholen ist. Und er bewahrt vor der Verzweiflung, die sich immer dann einstellt, wenn die Kräfte erlahmen, der Lebenskampf nicht mehr bestanden und die Lust nicht mehr befriedigt werden kann.

 

Ewig mit Jesus sprechen

Immer wieder werden Christen gefragt: „Wie muß man sich ewiges Leben vorstellen? Sagt uns doch bitte genau, was ihr unter Auferweckung der Toten versteht!“ Auf diese Frage können wir nicht antworten und auf diese Bitte nicht eingehen, denn Auferweckung der Toten und ewiges Leben sind Wirklichkeiten, die unser Vorstellungsvermögen und unsere Phantasie ganz und gar übersteigen.

Jenseits der Todesgrenze erwartet uns, wie es in einer mittelalterlichen Mönchslegende heißt, „totaliter aliter“, d. h. ganz, ganz anders als unsere an Raum und Zeit gebundenen Vorstellungen und Phantasien.

Trotz dieser Unvorstellbarkeit aber ist das ewige Leben nichts völlig Unbekanntes. Es verheißt uns nämlich die unmittelbare Begegnung mit unserem Herrn, die uns in diesem Leben nur mittelbar (d. h. vermittelt durch Wort und Sakrament) geschenkt ist. Im 13. Kapitel seines ersten Korintherbriefes schreibt Paulus zu dieser Frage: „Wir sehen jetzt nur undeutlich wie in einem trüben Spiegel; dann aber von Angesicht zu Angesicht!“

Die Auferweckung der Toten ist nach biblischer Sicht kein gegenständliches Ereignis, das sich photographieren ließe. Darum läßt sich von diesem Ereignis auch nicht in naturwissenschaftlicher Faktensprache, sondern nur in gleichnishafter Bildsprache berichten. In Bildern und Symbolen können Gegensätze, wie erkennbar und nicht erkennbar, materiell und immateriell, diesseits und jenseits, zusammengefaßt werden. Die Sprache der Bilder ist der Sprache der Dichtung verwandt. Diese wenden wir immer dort an, wo wir das durch die reine Vernunft Unerforschliche aussagen wollen. Und verstehen kann sie nur der, der nicht bei den vordergründigen Gegenständen stehenbleibt, sondern den hinter den Erscheinungen spürbaren Zusammenhang erfaßt.

Da die Auferweckung der Toten ein durch und durch personalistisches Geschehen ist, läßt sich diese am besten in personalen Bildern und Gleichnissen beschreiben. Einen der eindrucksvollsten Vergleiche dieser Art haben wir Martin Luther zu danken. Er sagt: „Mit wem Gott einmal zu reden begonnen hat - es sei im Zorn oder in der Gnade-—, der ist fürwahr unsterblich.“

Die Unsterblichkeit, von der Luther hier spricht, ist nicht in einer dem Menschen eigenen Seelenqualität, sondern in der Treue Gottes begründet. Sie bedeutet nicht Fortdauer einer Substanz, sondern Fortführung der Kommunikation. Für den von Gott angeredeten Menschen kann der Tod nicht mehr das letzte Wort haben; das von Gott begonnene Gespräch kann der Tod nicht beenden. Das so eindeutig als personal und nicht als dinghaft charakterisierte ewige Leben ist Gegenstand des Vertrauens - und nicht der Erkenntnis. Darum erschließt es sich auch nur dem Glauben und nicht dem Erkennen.

In ähnlicher Weise wie Luther beschreibt auch Sören Kierkegaard das ewige Leben mit Bildern und Gleichnissen aus dem personalen Lebensbereich. Er stellt es sich vor als ein Sein, in dem er „ewig, ewiglich mit Jesus sprechen“ kann.

 

Zwei entgegengesetzte Glaubensvorstellungen:

Wir können zwar nicht direkt sagen, was die Auferstehung der Toten ist, aber wir können direkt sagen, was sie nicht ist. Die Auferstehung der Toten ist nicht die Befreiung der unsterblichen Seele aus dem sterblichen Leib. Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Glaube an die Auferstehung der Toten sind nicht zwei sich ergänzende, sondern zwei sich gegenseitig ausschließende Glaubensvorstellungen. Hinter der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele steht die platonische Philosophie, hinter dem Glauben an die Auferstehung der Toten die Bibel. Nach platonischer Sicht haben wir ewiges Leben kraft einer vom Sterben unberührt bleibenden Seelensubstanz, nach christlicher Glaubensüberzeugung haben wir es, weil wir von Gott aus dem Tode herausgerufen und zu neuem 'Leben erweckt werden.

Plato gliedert den Menschen auf in einen vergehenden Leib und eine unvergängliche Seele. Nach seiner Überzeugung ist die Seele schon vor dem Leib da und überdauert ihn auch. Bei der Geburt verbindet sich die unsterbliche Seelensubstanz mit dem sterblichen Leib. Zwischen beiden herrscht ein Urgegensatz. In der Abwertung des Leibes geht Plato so weit, daß er ihn als Gefängnis der Seele bezeichnet. Darum bedeutet für ihn ewiges Leben nicht Erlösung des Leibes, sondern Erlösung vorn Leib. Solange die Seele mit dem Leib verbunden ist, lebt sie in Gefangenschaft. Da es der Tod ist, der das Gefängnis des Leibes aufbricht, erscheint er in der platonischen Philosophie als Befreier. Er gibt der Seele die Möglichkeit, aus den sie einengenden Bindungen in ihre Urheimat zurückzukehren, in der sie - von aller Entfremdung befreit - ganz sie selbst sein kann.

Der Apostel Paulus sieht im Tod nicht den Befreier, sondern den letzten Feind, der aufgehoben wird (1. Korinther 15, 28). Er verkündigt die Auferstehung des Leibes, während Plato die Vergänglichkeit des Leibes lehrt. Die Gewißheit des ewigen Lebens gründet nach dem Glauben des Apostels in der Treue Gottes, die es dem Tod verwehrt, seine Hand endgültig auf uns zu legen, nicht in der Seelenqualität des Menschen, die vorn Tod unberührt bleibt.

Der Gegensatz Leib-Seele ist jedoch nicht auf die platonische Philosophie beschränkt geblieben. Er taucht in der Gegenüberstellung von Geist und Materie in der idealistischen Philosophie wieder auf und ist auch in die christliche Glaubenslehre eingedrungen. Trotz der Unver­einbarkeit dieser beiden Ansätze ist die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele auch auf Kanzeln vertreten und als der eigentliche Kern des Auferstehungsglaubens bezeichnet worden. Bis in Agenden und Kirchenlieder hinein läßt sich die Vorstellung verfolgen, daß nach dem eingetretenen Tod des Leibes die Seele in ihre Heimat (d. h. ihre eigentliche Heimat) zurückkehrt. All diesen Vermittlungsversuchen gegenüber muß mit Nachdruck betont werden. daß christlicher Auferstehungsglaube etwas anderes meint.

 

Keine Wiederbelebung:

Die Auferstehung der Toten ist nicht die Befreiung der Seele aus dem sterblichen Leib, aber sie ist auch nicht die Wiederbelebung des gestorbenen Körpers, oder schärfer ausgedrückt: die Wiederbelebung des zu Leichnams. Um uns vor falschen Vorstellungen zu bewahren, sagt der

Apostel Paulus; „daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben, auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche" (1. 15,50). Wer sich das ewige Leben einfach als Fortsetzung unseres irdischen Daseins vorstellt, verkennt die Radikalität des Todes, der nimmt nicht ernst, daß im Tode die ganze jetzige Daseinsgestalt des Menschen (d. h. sein Körper und seine Seele) zerbrochen wird.

Wie konnte es zu der Vorstellung kommen, daß in der Auferstehung der gestorbene Körper wiederbelebt wird? Wohl zuerst durch ein Mißverständnis der Osterberichte, sodann aber auch durch eine falsche Auslegung der Paulusworte aus dem ersten Korintherbrief: „Es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Ist ein natürlicher Leib, so ist auch ein geistlicher Leib“ (1. Korinther 15,44). Paulus verwendet an dieser Stelle den Begriff „Leib“, um den griechischen Gedanken abzuwehren, als sei der Leib nur die sterbliche Hülle einer unsterblichen Seele. Was versteht er aber darunter? Auf keinen Fall das, was wir unter Körper verstehen.

Am ehesten treffen wir den Sinn des paulinischen Wortes „Leib“ noch, wenn wir es mit Person übersetzen. „Leib“ bezeichnet nämlich nach seinem Verständnis die Fähigkeit des Menschen, ein Verhältnis zu Gott, seinen Mitmenschen und zu sich selbst zu haben.

Wie Paulus mit allen Aussagen über die Art und Weise des ewigen Lebens sehr zurückhaltend ist, so ist er es auch im Blick auf das Wort „Leib“. Darum darf in diesem Wort keine gegenständliche Aussage vermutet werden. Es ist vielmehr eine gleichnishafte Umschreibung der

durchgehaltenen Person, die unserem natürlichen Erkennen völlig verborgen ist.

Auf die Frage, warum Paulus überhaupt von einem durchgehaltenen Ich spricht und dafür das Wort Leib verwendet, ist zu antworten: Er tut das, um deutlich zu machen, daß die Auferstehung keine Schöpfung aus dem Nichts ist. Indem er den Leib als das Durchgehaltene ausgibt, weist er darauf hin, daß die Auferstehung ein Geschehen an der von Gottes Liebe durch den Tod hindurchgehaltenen Person ist. Dem Apostel ist die Feststellung wichtig, daß Gott in der Auferstehung unser Ich bewahrt, um es zu vollenden.

Die Identität (d. h. die Gleichheit mit uns selbst), die uns Gott schenkt, ist freilich keine ungebrochene. Unsere Selbigkeit wird nur gewahrt in völliger Andersartigkeit; wir haben die durchgehaltene Person nur durch den vollständigen Abbruch hindurch.

 

Ein neues Verhältnis zum Sterben:

Wir werden immer wieder gefragt, wie wir zum Glauben an Auferstehung und ewiges Leben kommen können. Darauf müssen wir antworten: nicht durch Belehrung, sondern durch Begegnung, weil das ewige Leben nicht eine Sache der Erkenntnis, sondern des Vertrauens ist. Wie die Verschlossenheit der Jünger gegenüber der Auferstehungswirklichkeit nicht durch schlußfolgerndes Nachdenken, sondern durch erschließende Begegnung aufgebrochen wurde, so kann auch unser vom Verstand her kommender Vorbehalt gegen die Auferstehung nicht durch erkenntnistheoretische Überlegungen, sondern nur durch Begegnung überwunden werden.

Begegnung bedeutet einerseits Begegnung mit im Glauben stehenden, vertrauenswürdigen Menschen und durch sie mit dem lebendigen Auferstandenen. Und Begegnung ist andererseits ein Geschehen, in dem wir durch den Heiligen Geist beim Hören oder Lesen des Wortes mit dem Herrn gleichzeitig werden. Auferstehungsglaube ist immer Antwort auf erfahrene Begegnung und als solcher nicht Weltanschauung, sondern Vertrauenshaltung. Im Auferstehungsglauben bewährt sich das Urvertrauen, daß der Herr die Seinen auch im Tode nicht aufgeben wird. Ewiges Leben heißt nichts anderes „als auch im Tode in der Liebe Gottes geborgen sein“.

Auferstehungsglauben haben oder nicht, das erscheint vielen unserer Zeitgenossen als eine sehr belanglose und nebensächliche Angelegenheit. Aber ist es das wirklich? Eine Antwort auf diese Frage können wir finden, wenn wir darüber nachdenken, was der Auferstehungsglaube bewirkt o)der wie sich durch den Auferstehungsglauben unser Leben verändert. Der Glaube an das uns von Gott verheißene ewige Leben befreit uns von dem Zwang, das jetzt und hier gelebte Leben absolut zu setzen, d. h. für das Letzte und Einzige zu halten. Als Menschen, die auf das ewige Leben ausgerichtet sind, stehen wir nicht unter dem Druck, jede Lebenschance ergreifen und jede Lustmöglichkeit ausleben zu Müssen, sondern können gelassen auf das verzichten, was uns nicht zufällt oder was wir nur im Kampf gegen andere erringen könnten. Wir brauchen vor solchem Verzicht nicht zu erschrecken, denn in der Gelassenheit wird unser Leben nicht arm, sondern gewinnt, auch wenn es mit mancher äußeren Ent­beh­rung verbunden ist, an Weite und Tiefe.

Der Glaube an das ewige Leben ermöglicht uns das Hergeben und Loslassen, das wir von uns aus nicht können. Das ist eine sehr wichtige Ermöglichung, denn als solche, die hergeben und loslassen können, können wir das Altwerden mit seinen Einschränkungen und Begrenzungen leichter annehmen.

Und Auferstehungsglaube schenkt uns ein neues Verhältnis zum Sterben. Als Menschen, die von einem verantwortbaren Glauben an das ewige Leben erfüllt sind, brauchen wir uns nicht ängstlich an das Leben als unser Letztes zu klammern, sondern können uns in großer Freiheit und Zuversicht auf eine allerletzte Wirklichkeit einlassen. Solcher Glaube ist die bedingungslose Übergabe unserer ganzen Existenz an Gott und seine Unbegreiflichkeit. Er ist ein Akt der Hoffnung und des Vertrauens.

 

Unmittelbar vor dem jüngsten Tag:

Der Gedanke muß festgehalten werden, daß es keine Bewahrung ohne totale Verwandlung gibt. Sterben und Auferstehen bedeuten in diesem Sinne: Gott zerbricht die irdische Daseinsgestalt der Person (und zwar ganz) und schafft die neue, todüberlegene, ewige. Um die zerstörende Wirklichkeit des Todes nicht abzuschwächen, ist es nicht statthaft, das neue leibliche Sein in organischem Zusammenhang mit dem Jetzigen zu denken, wie es die mittelalterliche Vorstellung nahelegt, nach der Gott den ins Grab gelegten Körper zum neuen Leben erweckt.

Eine solche Vorstellung wäre nur dann erlaubt, wenn sichergestellt wäre, daß sie keine direkte (eigentliche) Aussage über die Seligkeit, sondern nur gleichnishafter (uneigentlicher) Ausdruck für die Identität ist. Ohne diese Absicherung würde der Irrtum heraufbeschworen, daß es einen organischen Zusammenhang zwischen irdischem und ewigem Leben gibt.

Daß dies tatsächlich geschehen ist, zeigt sich daran, wie heftig sich Christen bei Einführung der Krematorien wehrten, die Körper ihrer Angehörigen verbrennen zu lassen, weil wie fürchteten, daß dadurch die Auferstehung des Leibes verhindert (genauer formuliert: zunichte gemacht) würde.

Neben der Frage: „Wie muß ich mir die Auferstehung der Toten vorstellen?“ werden Angehörige von Verstorbenen auch immer wieder von der Frage beunruhigt: „Wo befinden sich unsere Toten in der Zwischenzeit zwischen ihrem Ableben und der Wiederkunft Jesu Christi?“ Es ist verständlich, daß Menschen so fragen, weil sie unsere Vorstellung von Zeitlichkeit auf das Jenseits übertragen. Aber trotzdem ist diese Frage falsch gestellt, denn im ewigen Leben gibt es kein Gestern und Morgen mehr, sondern mir noch ein ewiges Heute. Die Ewigkeit ist jenseits von Zeit und Raum. Insofern steht jeder nach seinem Tod unmittelbar vor dem „jüngsten Tag“. Was uns als lange Zwischenzeit erscheint, ist in Gottes Augen nur ein einziger Augenblick (wie Luther sagt)

Mit dem Gedanken an eine Zwischenzeit zwischen Tod und Jüngstem Gericht müssen wir auch alle Spekulationen über die Existenzweise der Verstorbenen aufgeben. Darum müssen wir der weitverbreiteten Lehre widersprechen, daß die Seelen der Toten, die sich im Sterben vorn Leib trennen, ohne Leiblichkeit an vorläufigen Orten der Seligkeit oder Verdammnis weilen, bis sie am jüngsten Tag, ihre Leiblichkeit wiederbekommen und dann erst den vollen Zustand ihrer Seligkeit oder Unseligkeit erreichen. Diese Lehre bezieht die Auferstehung nicht auf den ganzen Menschen, sondern nur auf den Leib, und nimmt ihr dadurch den Ganzheits-Charakter. Und außerdem verkennt sie, daß wir ein Leben nach dem Tode, wie geartet es auch sei, allein durch die Auferweckung haben.

 

Gar keine Trauerfeier:

Es ist noch nicht allzulange her, da galten Bestattungen weithin als Domäne der Kirche. Das hat sich nachhaltig geändert. Heute zeigt sich jedoch: Die Bestattungen, die dem Pfarrer entzogen werden, fallen nicht automatisch dem freidenkerischen Redner oder dem Friedhofsorganisten zu. Denn in 50 Prozent der Fälle, so schätzt man, verzichten die Angehörigen überhaupt auf eine Feier.

Dieser Rückgang jeglichen Bestattungsrituals sollte nicht gleichmütig zur Kenntnis genommen werden. Bis zurück in vorgeschichtliche Zeiten ist die Entwicklung der menschlichen Kultur ablesbar an der Art, wie man mit den Toten umging. Droht uns nicht ein Wesenszug der Humanität verloren zu gehen, wenn die Verstorbenen im wahrsten Sinne des Wortes sang- und klanglos aus unserer Mitte scheiden?

Den Bestattungen „ganz ohne“ ist freilich auch ein Stück Ehrlichkeit zuzugestehen. Nicht zuletzt stellen sie eine Gegenreaktion auf das hohle Gepränge dar, das im Umkreis des Todes nicht selten zu beobachten ist. Nur zu leicht artet der Grundsatz, über Tote nichts Böses zu sagen, zu unglaubwürdiger Lobrede und zu übertriebenem äußerem Aufwand aus.

In welchem Umfang die Bestattungsrituale wirklich abnehmen, bleibt zunächst noch Gegenstand der Spekulation. Die Friedhofsverwaltungen halten die genauen Zahlen darüber, ob und mit welchem Inhalt Feiern begehrt werden, besorgt zurück. Warum eigentlich? Von vornherein nicht helfen können sie allerdings, wenn es um eine Ursachenerforschung geht.

Eine Vermutung drängt sich jedoch auf: Offenbar setzt sich unter unseren Mitmenschen die Tendenz fort, Elementarvorgänge des individuellen Lebens (das Sterben gehört dazu!) zu entpersönlichen. Da man aber damit noch nicht zu einem unbelasteten Verhältnis findet, wird der Tod mit seinen Erscheinungsformen aus dem sichtbaren Alltag ausgegrenzt und mit einem strengen Tabu belegt.

Dies fordert freilich eine andere Entwicklung heraus, vor der wir auch in unserem Lande nicht mehr die Augen verschließen können: Junge Leute kosten den Reiz aus, der mit dem Durchbrechen des Todestabus verbunden ist. Auf den Friedhöfen und in Leichenhallen machen sich „Gruftis“ zu schaffen: Grabkreuze werden demontiert und Grüfte, nach Todessymbolen durch­sucht. Folgt die Polizei den Spuren solcher Friedhofsschändung, mag sie auch auf das schwarz ausgeschlagene Zimmer eines Jugendlichen stoßen, in dem ein Sarg die Bettstatt vertritt.

Soweit er sich in grobem Unfug äußert, kommt die .Justiz nicht darum herum, gegen den Grufti-Jugendkult einzuschreiten. Man sollte sich jedoch bewußt bleiben, daß es sich bei ihm im Grunde nicht um ein kriminelles Phänomen handelt. Seinem Wesen nach entspringt er den Defiziten an Todesbewältigung. deren sich die Erwachsenen schuldig mache (nach Gottfried Müller).

 

Militärseelsorge

 

Seelsorge an Soldaten oder Militärseelsorge

 

Konzeptionelle Grundfragen und ihre Auswirkungen auf die Praxis evangelischer Soldatenseelsorg am Beispiel des Standortes Bad Frankenhausen

von Markus Heckert, Wolferstedt

 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung                                                                                                                    3

2. Geschichte evangelischer Seelsorge im militärischen Bereich   bis 1954         

            2.1 Die Anfänge                                                                                                   4

            2.2.Die Entwicklung von Strukturen bis zum Ende des Kaiserreichs          5

            2.3. Die Entwicklung der Militärseelsorge zwischen 1918 und 1945         6

3. Die Entwicklung bis zum Abschluß des Militärseelsorgevertrags                       7

4. Der Militärseelsorgevertrag von 1957                                                                     9

4.1 Der Abschluß des Vertrages und seine Auswirkungen

               auf die ostdeutschen Kirchen                                                                         9

4.2 Konzeption und rechtlicher Gehalt des

               Militärseelsorgevertrages von 1957                                                            11

4.3 Aufgaben der Militärseelsorge nach dem Vertrag von 1957                             3

4.4 Kritik am Militärseelsorgevertrag bis 1989                                                         15

5. Die Suche nach neuen Ansätzen in den achtziger Jahren                                   17

  1. Die Friedensdiskussion im Bereich der Kirchen

der damaligen DDR                                                                                  17

5.2. Die Friedensdiskussion im Bereich der Kirchen der EKD                    19

5.3. Die Suche nach neuen Wegen im Bereich der Militärseelsorge       20

6. Die Entwicklung in den neuen Bundesländern nach der Wende                      26

6.1. Die neue Situation nach der Wende                                                      26

6.2. Die weitere Entwicklung bis zur Synode der EKD im Herbst 1994    30

6.3. Die Synodentagungen im Herbst 1993                                                  32

6.4. Die Thüringer Interimsregelung für die Militärseelsorge                   36

6.5. Die EKD - Herbstsynode 1994 und ihre neuen Regelungen               37

  1. Die Rahmenvereinbarung über die evangelische Seelsorge

in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern                                           

7. Konkrete Auswirkungen des Konfliktes um den Militärseelsorgevertrag

auf den Standort Bad Frankenhausen                                                                 40

8. Die heutige seelsorgerliche Situation am Standort Bad Frankenhausen           43

9. Thesen                                                                                                                           46

 

1. Einleitung

Im Sommer 1999 absolvierte ich im Rahmen meiner Vikarsausbildung ein Praktikum im Bereich der Seelsorge an Soldaten am Standort Bad Frankenhausen. Dies war für mich die erste Begegnung mit diesem Arbeitsbereich.

Voller Skepsis und mit gewissen Vorbehalten nahm ich das Praktikum auf. Dabei lernte ich verschiedene Arbeitsformen sowohl der evangelischen Seelsorge an Soldaten und der katholischen Militärseelsorge am Standort Bad Frankenhausen kennen.

Durch dieses Praktikum und vor allem durch die vielen Gespräche kam mir die Problematik „Militärseelsorge“ oder „Seelsorge an Soldaten“ zu Bewußtsein. Den tiefsten Eindruck hinterließ dabei in mir der immer wieder vorgetragen Wunsch, es möge doch endlich auch in Bad Frankenhausen einen evangelischen Seelsorger an Soldaten geben.

Solch vehement vorgetragenen Wünsche nach kirchlicher Arbeit sind sonst leider eher selten. Dabei gefiel mir die Formulierung „Seelsorge an Soldaten“ (statt “Militärseelsorge“) von Anfang an besser, werden doch in dieser Formulierung die Subjekte der Seelsorge konkret angesprochen.

Wichtig war mir auch die Beschäftigung mit dem biblischen Hintergrund dieses Themas. Da ist das Gebot: „Du sollst nicht töten!“ (fünfter Gebot). Was bedeutet das für die Seelsorge? Was ist, wenn Soldaten töten, töten sollen, um anderes Leben zu bewahren? Wie kann man mit diesem Dilemma umgehen?

Hilfreich war mir die Besinnung auf die biblische Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum (Matthäus 8,5-13). Dieser Hauptmann erbittet Hilfe von Jesus. Und Jesus antwortet nicht mit konzeptionellen Grundüberlegungen. Er hilft dem Hauptmann, der glaubt. Und Jesus freut sich über diesen Glauben. Der Mensch in seiner Situation steht für Jesus im Mittelpunkt. Dies sollte auch in der Seelsorge der Kirche gelten, egal nach welchem Modell sie angeboten wird.

 

In dieser Arbeit soll es um unterschiedliche Konzepte kirchlicher Seelsorge im militärischen Bereich gehen. Da Konzepte immer aus einer geschichtlich bedingten Entwicklung entstehen, ist es zunächst unerläßlich, diese geschichtliche Entwicklung zu betrachten. Nur dadurch können Vorgänge um diese Konzepte und die Unterschiede der Konzepte erklärt werden.

Außerdem werden die Auswirkungen auf einen konkreten Standort, den Standort Bad Frankenhausen untersucht. Manches von dem dabei Herausgearbeiteten läßt sich sicher verallgemeinern, anderes wieder nicht.

Ich hoffe, mit dieser Arbeit einen Beitrag zur weiteren Diskussion am Thema leisten zu können.

 

1. Geschichte evangelischer Seelsorge im militärischen Bereich bis 1945:

2.1 Die Anfänge        

Mit dem Ende der ritterlichen Struktur und dem Aufkommen des Landsknechtswesens am Ende des Spätmittelalters entsteht ein neuer Typ des Soldaten. Soldat sein wurde zum Beruf, der „mit der Weltanschauung des jeweiligen Kriegsherrn bzw. mit den Kämpfen für eine Sache nichts zu tun hatte. Man kämpfte da, wo Krieg war und am besten bezahlt wurde.“[1] So waren die Landsknechte eine flexible Truppe, die schnell einsatzfähig waren, aber auch nur einen eher geringen Grad an Verbindlichkeit eingingen.

Äußere Klammer dieser Landsknechttruppen war neben dem „Profoß (das Gericht) ..... die nun entstehende Feldkirche“[2], die sich um die geistliche Versorgung der Landsknechte und der dazugehörigen Randgruppen des Landsknechtshaufens[3] kümmerte.

So entstanden, bedingt durch die beschriebene Flexibilität der Landsknechte, temporäre Militärgemeinden. Auf Grund ihres zeitweiligen Charakters und der Flexibilität der Landsknechte ist die Aufgabe einer solchen Militärgemeinde fast ausschließlich in seelsorgerlicher Betreuung zu sehen und nicht in einer etwaigen ideologischen Beeinflussung der Landsknechte.

In der Reformationszeit gab es dann wohl die ersten Soldaten, die sich mit der Sache, für die sie kämpften, identifizierten. Dies ist für beide Seiten in Zeit der Reformation wie auch der Gegenreformation zu vermuten.

Martin Luthers Beschäftigung mit den Fragen nach dem politischen Handeln des Christen führt zu der von ihm entwickelten Lehre von den zwei Reichen.[4] Dabei stehen beide Bereiche unter Gottes Hand, sind aber auch klar voneinander getrennt. Die Obrigkeit hat ihre Aufgabe darin, das Zusammenleben noch sündiger Menschen zu organisieren. Dabei können und sollen sich Christen bewähren. Jedoch führt dieses weltliche Regiment Gottes nicht zu seinem eigentlichen Anliegen, der Erlösung der Menschen. Der Christ wird gerechtfertigt durch den Glauben, er wird nicht durch staatliches Handeln oder Teilnahme an diesem Handeln gerettet. Trotzdem untersteht jeder Christ dem staatlichen Handeln, Aufruhr dagegen wird verworfen[5]. Die Grenze dieses Gehorsams ist erst dann erreicht, wenn solcher Gehorsam gegen Gottes Gebote verstoßen würde: Man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen![6].

In diesem Spannungsfeld entwickelten sich Militär und Militärseelsorge bzw. Seelsorge im militärischen Bereich weiter. Hinzu kam noch die konfessionelle Spaltung und die damit verbundene Erschwerung des Zusammenlebens der Menschen in Deutschland.

Wie oben beschrieben, waren die Landsknechte eher ideologisch unabhängig. Sie kämpften in Gruppen, unter einem Führer für den, der das meiste zahlte. Dieser Führer oder Leiter der Gruppe war auch für die Bereitstellung des Seelsorgers zuständig. Dieser Seelsorger galt als einer, der den für das Kriegsgeschäft notwendigen Dienst leiste und gegen Bezahlung die Truppe begleitete.[7]

 

2.2 Entwicklung von Strukturen bis zum Ende des Kaisereichs

Der Dreißigjährige Krieg brachte über Europa eine bis dahin unvorstellbare Katastrophe. Militärisch gesehen war er der Höhepunkt des Landsknechtswesens und der Beginn des Übergangs zu den stehenden Heeren der Neuzeit. Hier fällt dem schwedischen König Gustav Adolf die Aufgabe zu, erstmals allgemeinverbindliche Ordnungen für die seelsorgerliche Betreuung Militärangehöriger zu erlassen.[8] Dabei wird geklärt, daß nur ausreichend qualifizierte Theologen Feldprediger werden können, und die militärische Seelsorge wird aus der Kommandoebene des Militärs herausgelöst.

Auf Grundlage dieser Ordnungen entwickeln sich in den nächsten Jahrhunderten verschiedene Ordnungen zur Regelung der Seelsorge an Soldaten, so zum Beispiel die preußische Militärkirchenordnung von 1750. Damals wurden die Weichen für eine Entwicklung hin zu einer separaten und von der zivilen getrennt existierenden Militärkirche gestellt. Den Feldpredigern unterstehen nicht nur die direkten Militärangehörigen, sondern auch deren Frauen, Kinder und Bedienstete.[9]

Nach den Befreiungskriegen und der preußischen Militärreform wurde 1811 auch die Militärkirchenordnung reformiert. Die Militärprediger werden jetzt von der Provinzialregierung berufen, also von einer zivilen Stelle unter Mitwirkung zuständiger kirchlicher Stellen.

Bei der Reform 1832 werden die Rechte der militärkirchlichen Strukturen gegenüber den zivilen Ortsgemeinden und Territorialkirchen in Preußen weiter gestärkt. Ebenso wurde festgelegt, daß die Militärgeistlichen an vaterländischen Feiern teilzunehmen und mitzuwirken hatten.

Damit endete die Ideologiefreiheit der Militärgeistlichen, wobei sich viele dieser Geistlichen gerne vor einen konservativ-monarchistischen Karren spannen ließen. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 wurden regelrechte „Kasernenstunden“ befohlen, in denen der zuständige Militärgeistliche neben christlichen Werten auch zu gesteigerter Vaterlandsliebe erziehen sollte.

Folgerichtig wirkten bei der Krönung des deutschen Kaisers im Jahre 1871 ebenfalls Militärgeistliche mit. Während der Kaiserzeit wird die Militärseelsorge weiter ausgebaut und auf die Marine ausgeweitet.

Während des 1.Weltkrieges wirkten vielerorts Militärgeistliche beider Konfessionen. Diese trugen ebenso wie die Soldaten feldgraue Uniformen, waren aber durch ein Kreuz unterschieden von anderen Soldaten.

Dabei wurde die Organisation der Tätigkeit von Militärpfarren aber dadurch erschwert, daß es unterschiedliche Landeskirchen gab und damit unterschiedliche kirchliche Regelungen, während das Heer und die Marine weitestgehend den alten preußischen Regelungen folgten. Neben den hauptamtlichen Militärgeistlichen[10] gab es viele weitere Geistliche der Zivilkirche, die Dienst als Militärpfarrer taten[11]. Die Revolution von 1918 begann als Matrosenaufstand. Eine der Forderungen der Matrosen war die Abschaffung der Gottesdienstpflicht.[12]

 

2.3 Entwicklung der Militärseelsorge ziwchen 1918 und 1945

Nach Kriegsende und dem Untergang des Kaiserreiches gab es kaum Militär bzw. militärische Verbände in Deutschland.[13] Trotzdem hatte die stark zusammengeschrumpfte Reichswehr weiter Interesse an einer geregelten Militärseelsorge.

Aber erst 1929 kommt es in der Weimarer Republik zu einer Neuordnung der Militärseelsorge. Der Feldpropst wird dem Reichswehrminister zugeordnet. Er wird vom Reichspräsidenten nach Absprache mit dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß berufen und die Militärpfarrer sind in einer Art Doppelstellung Reichsbeamte und kirchliche Amtsträger. Aber die Zeit der Weimarer Republik war auch eine Zeit der Wirren und der Angriffe auf die verschiedensten gesellschaftlichen Einrichtungen und Organisationen. So gab es, vor allem von links, Angriffe gegen die Militärseelsorge. Immer wieder erscheint der Vorwurf, die Kirche hätte im 1. Weltkrieg Waffen gesegnet[14]. Dies führt zu einer ablehnenden Haltung, nicht nur gegen die Militärseelsorge im Kleinen, sondern auch gegen die Kirchen und den Glauben im Ganzen.[15]

Die 1929 geschaffene „Evangelische Militärkirchliche Dienstordnung“ galt im Wesentlichen weiter bis 1945. Offiziell gab sich der nationalsozialistische Staat zwar weltanschaulich neutral – so lehnte Göring die Übernahme der Militärseelsorge für „seine“ Luftwaffe bis zum Schluß ab – doch gerade die aus der Reichswehr hervorgegangene militärische Leitung der Wehrmacht förderte den Ausbau der Militärseelsorge parallel zum Ausbau der Wehrmacht. Leiter der Militärseelsorge wird wieder ein Feldbischof.

In der Zeit des Nationalsozialismus kam es zum Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche. Auch der Bereich der Militärseelsorge blieb davon nicht unberührt. Der Absolutheitsanspruch des nationalsozialistischen Staates konnte neben sich keine andere Meinung oder Haltung dulden.

Deshalb versuchte man, die Bekennende Kirche und ihre Vertreter aus der Militärseelsorge herauszuhalten. Dazu diente zunächst vor allem das Verbot nebenamtlicher Standortseelsorge.[16] Im Jahre 1942 ordnete das Oberkommando der Wehrmacht in seinen Richtlinien für die Durchführung der Feldseelsorge an: „Der siegreiche Ausgang des nationalsozialistischen Freiheitskampfes entscheidet die Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft ..... Die Wehrmachtsseelsorge hat dieser Tatsache eindeutig Rechnung zu tragen.“

Die Behandlung von Fragen, die außerhalb des religiösen Gebietes liegen,[17] wurde deshalb den Militärpfarrern verboten. Gemäß dem Absolutheitsanspruch des Nationalsozialismus wurde Militärseelsorge nur geduldet, wenn sie sich in das Gesamtbild einfügte. Anscheinend war man sich dessen nicht so ganz sicher. So gab es immer wieder neue Erlasse, die dieses bekräftigten.

Außerdem wurde 1944 in der Wehrmacht als Kontrolle und Gegenpol die Institution des NS-Führungsoffiziers geschaffen. Dieser stand in gewisser Konkurrenz zur Militärseelsorge. Er sollte die ethischen und moralischen Hintergründe nationalsozialistischer Politik im Krieg vertreten und somit - wenn auch angeblich weltanschaulich neutral - den Soldaten und Offizieren Wertmaßstäbe vermitteln.[18].

Mit dem Deutschn Reich und seiner Wehrmacht ging auch die Militröseelsorge 1945 unter.

 

3. Die Entwicklung bis zum Abschluß des Militärseelsorgevertrags:

Am 8. Mai 1945 ging das Deutsche Reich mit allen seinen staatlichen Institutionen unter. Es kam in der Folge zur Bildung zweier deutscher Staaten, die unterschiedlichen Militärbündnissen angehörten.

Zunächst war aber eine Wiederbewaffnung Deutschlands unvorstellbar, für die Sieger wie auch für die Deutschen. Kein Deutscher sollte jemals wieder eine Waffe in die Hand nehmen. Für viele galten die Kirchen, vor allem die Bekennende Kirche, als Autorität. Es gab aber auch diejenigen, die der Kirche eine Mitschuld am Krieg anlasteten. Insbesondere der Militärseelsorge wurde und wird diese Mitschuld angelastet.

Exemplarisch hierfür sei Horst E. aus Saalfeld zitiert: „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, 1946, unmittelbar nachdem ich aus dem Krieg heimkam. Der Grund war das Verhalten unseres Divisionspfarrers, der 1944 in den Kampfhandlungen bei Riga es als seine wichtigste Aufgabe ansah, uns als Soldaten zu ermahnen, bei Bauchschüssen nicht zu schreien, um die Kampfmoral des anderen nicht zu gefährden. Mit so einer Kirche wollte ich nichts mehr zu tun haben.“[19]

Wie schon nach dem 1. Weltkrieg gab es Vorwürfe gegen die Kirchen und die Militärseelsorge, und nicht alles war unbegründet. Auch heute noch wird den Kirchen die Militärseelsorge in der Wehrmacht vorgeworfen. In Gesprächen, die ich mit Bad Frankenhäuser Einwohnern zu diesem Thema hatte, kam auch immer wieder diese Ablehnung zum Ausdruck.[20]

In der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR galt die Teilnahme an der Militärseelsorge als Beweis für die Doppelzüngigkeit kirchlichen Friedensengagements.[21]

Zunächst aber war 1945 nicht daran zu denken, Militär und damit Militärseelsorge in irgendeiner Weise weiterzuführen. Zu groß war das Mißtrauen der Alliierten gegenüber den Deutschen, aber auch die Ablehnung jeglichen militärischen Handelns durch die Deutschen selbst.

Schwierig war die Lage der Kriegsgefangenen. Erst 1951 unternahmen die USA Bemühungen, unter den noch Gefangenen Strukturen einer Seelsorge zu schaffen.

Noch problematischer allerdings war die Lage der Kriegsgefangenen in der ehemaligen Sowjetunion. Sie lebten unter schwersten Bedingungen in einer sich atheistisch gebärdenden Umwelt, in der es keinen offiziellen Platz für christliche Inhalte gab.

Auch in der gerade entstandenen DDR wurden die Kirchen bekämpft und wegen ihres Engagements in der Militärseelsorge früherer Zeiten verleumdet.

Spätestens mit dem Koreakrieg begann der sogenannte „kalte Krieg“ und der Zerfall Europas in zwei einander feindlich gegenüberstehende Militärblöcke. Auch Deutschland wurde auf die Blöcke aufgeteilt. Nur die Kirchen blieben noch gesamtdeutsch organisiert.

Im Jahre 1950 trat Bundeskanzler Adenauer erstmals an die westlichen Alliierten heran, mit der Bitte um Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Parallel gab es erste Verhandlungen zwischen der EKD und staatlichen Stellen der Bundesrepublik über die Neugründung einer evangelischen Militärseelsorge.

 

4. Der Militärseelsorgevertrag von 1957:

4.1 Der Abschluß des Vertrags und seine Auswirkungen auf die ostdeutschen Kirchen:

Vom 3. bis zum 8. März tagte dann in Berlin-Spandau die EKD-Synode. Dort wurde der ausgehandelte Militärseelsorgevertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der EKD geschlossen.[22] Dieser Vertag war am 22. Februar desselben Jahres von Bundeskanzler Adenauer und Bischof Dibelius unterzeichnet worden. Es war der erste Staatskirchenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der EKD. Die EKD war somit „konkordatsfähig“[23].

Auf katholischer Seite bestanden ja die alten Abmachungen des Reichskonkordates von 1933 weiter, ein Umstand der bis heute zu heftigen, häufig äußerst unsachlichen Angriffen, der Gegner der Katholischen Kirche gegen ebendiese führt.[24]

Dem Militärseelsorgevertrag von 1957stimmten rund 80 Prozent der Synodalen der EKD zu. Dies bedeutet, daß auch Synodale aus dem Hoheitsgebiet der damaligen DDR mit für den Vertrag gestimmt hatten, obwohl dieser Vertag ja nur auf dem Territorium der alten Bundesländer gelten konnte und sollte.

Der Militärbischof Hermann Kunst erinnert sich: „Interessant bei dieser Synodaltagung ist, daß die Erregung über den Militärseelsorgevertrag nicht etwa von Seiten der DDR-Kirchen kam.........Die DDR-Synodalen haben selbstverständlich für den Vertrag gestimmt. Es hat nur eine Stimme aus der DDR gegeben, ein Kirchenrat aus Thüringen, der sich, so weit ich mich erinnere, der Stimme enthalten hat. Gegen den Militärseelsorgevertrag gestimmt haben der Kreis um Martin Niemöller, um Ernst Wolf.“[25].

Sollten diese Erinnerungen richtig sein, so ist davon auszugehen, daß fast alle ostdeutschen Synodalen dem Vertrag - der sie zu dieser Zeit nicht betraf und auch nicht betreffen konnte - aus gesamtkirchlichem Verantwortungsbewußtsein zugestimmt haben. Dies wird auch heute noch von manchem Mitarbeiter der evangelischen Kirchen in den neuen Bundesländern als bitter empfunden.

Der Hauptvorwurf gegen den Vertrag und seine Ratifizierung mit den Stimmen der ostdeutschen Synodalen ist, daß durch diesen Vertrag die Einheit der EKD auf Grund des nun einsetzenden Druckes der SED - Regierung aufgegeben werden mußte.

Dieser Anschein erscheint zunächst richtig. So meldete ADN am 8.3.1957 die Errichtung eines Staatsekretariates für Kirchenfragen.[26] Die CDU - Ost erklärte nur wenige Tage später, daß „...mit dem Vertrag über die Militärseelsorge ....... die EKD eine unmittelbare Verflechtung mit einem der beiden deutschen Staaten ... mit dem aggressiven Militärpakt der Nato und mit den Vorbereitungen eines Atomkrieges auf deutschen Boden . . .“ [27] eingegangen ist.

Durch den neuen Staatssekretär für Kirchenfragen wurde die Teilung der EKD in Ost und West vollzogen. Bereits zu seinem ersten Gespräch mit Kirchenvertretern aus der damaligen DDR wurden Probst Grüber und Bischof Dibelius, die Beauftragten der EKD, nicht mehr eingeladen. Auch Probst Grüber vermutete die Ursache im Militärseelsorgevertrag[28].

Jedoch zeigen nach der Wende aufgefundene und zugänglich gewordenen Dokumente ein etwas anderes Bild. So kann festgestellt werden, daß die Gründung des Staatssekretariates und die härtere Politik gegenüber der Kirche schon länger beschlossen waren. Der Militärseelsorgevertrag war nur noch willkommener Anlaß - nicht die Ursache - längst beschlossener Verschärfungen.

Anfang der fünfziger Jahre kam es bereits zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Kirche und Staatsmacht in der damaligen DDR. Durch die Ereignisse um den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 setzte zunächst eine Periode der Verbesserung in diesem Verhältnis ein. Doch bereits Anfang 1954 setzte das Politbüro eine Arbeitsgruppe ein, deren Aufgabe es war, das Verhältnis Staat/Partei – Kirche neu zu bestimmen und eine einheitliche Linie zu formulieren.

Mitglieder dieser Kommission waren Oelßner als Chefideologe, Wandel und Hegen vom Staatssekretariat für Innere Angelegenheiten, Barth vom Zentralkomitee und Mielke vom Staatssekretariat für Staatssicherheit[29]. Ziel dieser einheitlichen Linie sollte es sein, Kirchenführer wie Dibelius, Lilje und Frings „von den Massen der Kirchgänger zu isolieren.[30]. Letztendlich sollte die Einheit der Kirche zerstört werden.

Alle Mitglieder dieser Arbeitsgruppe waren SED - Mitglieder. Von der eigentlich zuständigen Abteilung „Verbindung zu den Kirchen“ unter Leitung von Otto Nuschke (CDU) war wohlweislich niemand über diese neuen Aspekte in der Kirchenpolitik der SED informiert und auch niemand in die Gespräche einbezogen. Die folgenden Monate waren noch von einem hin und her in der Kirchenpolitik gekennzeichnet.

Am 19. Juni 1956 stellt das Politbüro der SED auf einer Sitzung fest: „Die Hauptabteilung Verbindung zu den Kirchen bei Dr. Nuschke hat in keinerlei Hinsicht die Interessen des Staates gegenüber den Kirchenleitungen wahrgenommen.“ Deshalb wurde diese Hauptabteilung aufgelöst und ein „Staatliches Amt für Kirchenfragen“ unter der Leitung eines Staatssekretärs gebildet.

Aufgabe dieses Staatssekretariates war es, die „ der Regierung .... zustehende Aufsicht“ über die Kirche auszuüben und die „ständige Verbindung zu den Kirchenleitungen und Dienststellen .... in der DDR“[31] zu halten. Am 3.12.1956 schließlich wurden die Bischöfe der evangelischen Kirchen in der DDR zu Ministerpräsident Grotewohl eingeladen. Mit anwesend war auch Probst Grüber, der in seinen Erinnerungen schreibt: „Wir konnten erkennen, daß die DDR-Regierung künftig nur die östlichen Landeskirchen und Bürger der DDR als Gesprächspartner akzeptieren würde.“[32]       

Dabei wurde allerdings der Militärseelsorgevertrag nicht erwähnt. Vielmehr lagen die Ursachen in der neuen Kirchenpolitik der SED. Der Beschluß für die administrative Lostrennung der ostdeutschen Kirchen von der EKD war also längst gefallen. Der Militärseelsorgevertrag stellte erst später ein willkommenes Argument für die Rechtfertigung dieses Schrittes dar.[33] Trotzdem hält sich gerade unter kirchlichen Mitarbeitern das Vorurteil, daß der Militärseelsorgevertrag von 1957 die Ursache für die Abtrennung der Ostdeutschen Kirchen von der EKD war und insofern als schädlich abzulehnen ist.

 

4.2 Konzeption udn rechtlicher Gehalt des Militärseelsorgevertrags von 1957:

Der Aufbau der Bundeswehr vollzog sich in gewollter Diskontinuität zur Reichswehr und Wehrmacht. Es sollte eine neue Art von Streitkräften entstehen, auf demokratischer Grundlage, demokratisch legitimiert und kontrolliert. Der „Staatsbürger in Uniform“ und das Prinzip der „Inneren Führung“ sind Ergebnisse dieses Prozesses.

„Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit sind Grundpfeiler und Wesensmerkmale der freiheitlich-demokratischen Lebensordnung der Bundesrepublik Deutschland. Diese Freiheiten gelten trotz der Einschränkungen, die der Dienstbetrieb mit sich bringen kann, auch für die Soldaten der Bundeswehr.

Der Anspruch des Soldaten auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung wird ausdrücklich vom Gesetz anerkannt und gewährleistet. ... Militärseelsorge basiert auf staatskirchenrechtlichen Vereinbarungen...“[34].

Die Einführung der Militärseelsorge im Bereich der Bundeswehr war und ist gewollt, sowohl von staatlicher Seite, wie auch von den meisten Kommandeuren[35]. Artikel 4 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland garantiert Glaubens- und Gewissensfreiheit. In Absatz zwei dieses Artikels wird die ungestörte Religionsausübung gewährleistet.[36] Aufgrund der Schlußbestimmungen des Grundgesetzes gilt in Deutschland weiterhin Artikel 141 der Weimarer Verfassung vom 11. August 1919, der besagt: „Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer ..... besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.“[37]

Dabei besagt der Militärseelsorgevertrag von 1957, daß die Militärseelsorge als Struktur in einem Doppelverhältnis steht. Auftrag und Aufsicht des Dienstes sind kirchlich, Status und Organisation hingegen werden staatlich geordnet. Hierin liegt einer der wichtigsten Kritikpunkte am Militärseelsorgevertrag. Diese Kritik kommt sowohl aus innerkirchlichen Kreisen, als auch aus kirchenfeindlichen Kreisen und aus Sekten.[38]

Die Leitung der evangelischen Militärseelsorge liegt bei einem vom Rat der EKD ernannten und von Staat unabhängigen Militärbischof, der dieses Amt nebenamtlich führt. Im Gegensatz zu vielen anderen Streitkräften unterliegen die Militärpfarrer nicht der militärischen Struktur und sind auch nicht disziplinarisch in die Bundeswehr eingegliedert.[39] Die Militärpfarrer werden als „Geheimnisträger“ allerdings als Bundesbeamte auf Zeit ernannt und sind militärischen Dienststellen auf Zusammenarbeit zugeordnet.                              

Hier wird wieder die Doppelstellung deutlich. Einerseits die Unterstellung unter kirchliche Strukturen, andererseits die konzeptionelle und strukturelle Anbindung an staatliche Stellen. Gerade damit haben viele Menschen - und auch Christen - in den neuen Bundesländern große Schwierigkeiten. Geprägt vom Bild der NVA und des SED - Regimes bestehen viele generelle Vorbehalte gegen staatliche Strukturen im Allgemeinen.

Besonders sensibilisiert sind viele evangelische Gemeindeglieder aber, wenn es um den Verdacht staatlicher Einflußnahme auf kirchliche Tätigkeit geht. Aufgrund der Erfahrungen aus DDR Zeiten wird durch die Doppelstruktur der Anbindung der Militärpfarrer eine Vermischung der Zuständigkeitsbereiche und eine staatliche Einflußnahme befürchtet.[40]

Dabei will die Doppelstruktur des Militärseelsorgevertrages gerade dieses verhindern. Aufgabe hierbei ist mit Sicherheit ein sensibelster Umgang und ein Bewußtmachen der Problematik bei allen Personen, die in der Militärseelsorge arbeiten, aber auch bei deren Kritikern. Hier helfen nur offene Gespräche und Diskussionen ohne Vorurteile.

So wurde der damalige nebenamtliche evangelische Seelsorger für den Standort Bad Frankenhausen Ende 1997 extra zum Pfarrkonvent eingeladen und berichtete dort über Militärseelsorge im Allgemeinen und die Lage in Bad Frankenhausen im Besonderen. Es kam zu einer intensiven Diskussion, in der all die oben angesprochenen Vorbehalte und Ängste ebenfalls angesprochen wurden und zum Teil auch nicht ausgeräumt werden konnten. Allerdings war es gut und notwendig, eine solche Diskussion zu beginnen und die unterschiedlichen Sichtweisen wenigstens zu benennen.

Auch die dem Militärbischof nachgeordnete Struktur, das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr ist eine kirchliche und staatliche Verwaltungsbehörde. Allerdings entzündet sich in Gesprächen hier nicht so viel Kritik bzw. werden kaum Befürchtungen geäußert. Das wird wohl daran liegen, das daß Kirchenamt nicht so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht[41].

 

4. 3 Aufgaben der Mikitärseelsorge nach dem Vertrag von 1957:

Rein empirisch gesehen ist die Aufgabe der Militärseelsorge die Verkündigung am Arbeitsplatz. Nur ist dieser Arbeitsplatz gekennzeichnet durch eine besondere Situation. Auch wenn - nach der Konzeption - der Bundeswehr in ihr Staatsbürger dienen, die Rechte und Pflichten haben, ist der Dienst in der Bundeswehr doch gekennzeichnet durch eine gesellschaftliche Sondersituation. Bereits im Frieden gibt es hier Befehl und Gehorsam sowie gewisse Einschränkungen, die im zivilen Leben nicht üblich sind.                                      

In dieser Sondersituation, in der sich Menschen befinden, soll Seelsorge erfolgen. Dabei wird es immer sowohl die konkrete Hinwendung zu einem Einzelnen geben. Dabei werden die Aufgaben durch die Interessen und auch Probleme des Einzelnen bestimmt. Diese Form der Seelsorge unterscheidet sich wohl kaum von Seelsorge im zivilen Bereich[42].

Daneben gibt es die Hinwendung zu einer Gruppe. Eine offizielle Form davon ist der lebenskundliche Unterricht, der von den Militärgeistlichen erteilt wird. Dabei handelt es sich um eine eigentlich staatliche Aufgabe, die auf die Mitarbeiter der Militärseelsorge aus staatlicher Selbstbeschränkung heraus übertragen wurde. Die Teilnahme ist freiwillig[43]. Inhaltlich ist der Unterricht abgestimmt zwischen den zuständigen Kirchenämtern und dem Bundesministerium für Verteidigung.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Rüstzeitarbeit. Dabei besteht für die Kirche oft die gute Möglichkeit, außerhalb des normalen Kasernenbetriebes und Kasernenumfeldes mit Soldaten und Offizieren in eine gewisse Berührung zu kommen.

Einen anderen Schwerpunkt in der Arbeit des Militärseelsorgers stellen die Kasualien dar, wobei hier ein zahlenmäßiger Unterschied zwischen Ost und West nicht zu übersehen ist.

Mit besonders großen Anforderungen an den Seelsorger verbunden sind Fälle von Krisenintervention[44]. Deshalb müssen Militärpfarrer besondere Voraussetzungen erfüllen. Nach dem Vertrag von 1957 müssen sie studiert haben, zur Ausführung des Pfarramtes in einer der Gliedkirchen berechtigt sein und drei Jahre in der landeskirchlichen Seelsorge tätig gewesen sein. Auch sollten sie das fünfunddreißigste Lebensjahr bei ihrer Einstellung nicht überschritten haben[45].

 

4.4 Kritik am Militärseelsorgevertrag bis 1989:

Schon von Anfang an wurde der Militärseelsorgevertrag kritisiert. Von politischer Seite in der Bundesrepublik kam neben der Kritik linksradikaler Parteinen Kritik vor allem von der FDP, so in ihrem sogenannten Kirchenpapier von 1974.

Aber auch innerkirchliche Kritik wurde immer unüberhörbarer und hat seit der Wende eine neue Dimension gefunden. So leiteten die „Heidelberger Thesen“, die die Kommission der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg 1959 vorlegte,[46] eine breite innerkirchliche Diskussion über eine kirchliche Haltung zu Armee und Wehrdienst in Deutschland ein.

Unausgesprochen in den Thesen, nicht aber in der folgenden Diskussion, stand die Militärseelsorge immer mit zur Debatte. Ebenso wurde der Militärdienst und mit ihm die Militärseelsorge durch die Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre in Frage gestellt. Aufgenommen wurden die Intentionen der Heidelberger Thesen in der Friedensdenkschrift der EKD 1981.

Es gibt aber unterschiedliche Ebenen von Kritik am Militärseelsorgevertrag. So gibt es Gruppen, die den Wehrdienst als solchen generell in Frage stellen. Dies ist legitim, da sich im Atomzeitalter generell die Frage nach der Sinnhaftigkeit bzw. Sinnlosigkeit jeglicher kriegerischer Auseinandersetzung stellt.

Insbesondere das Gegenüberstehen der beiden feindlichen Blöcke Nato und Warschauer Pakt bis 1989 stellte den Krieg als Mittel der Politik in Frage. Auch die Politik der Abschreckung, die bis zur Auflösung des Warschauer Paktes von beiden Seiten propagiert wurde, scheint vielen Menschen keinen Ausweg zu bieten.

So bildeten sich Anfang der achtziger Jahre vermehrt pazifistische Gruppierungen in Ost und West. Diese Gruppierungen zeichneten sich durch ihre Unabhängigkeit von politischen Parteien aus und waren in Ost wie West häufig kirchennah angesiedelt[47]. Allerdings gerieten diese Gruppen auch immer wieder in die Debatten um den Ost - West - Konflikt hinein und wurden zum Teil für politische Interessen mißbraucht.

Insofern hat das Ende des Ost-West Konfliktes diesen pazifistischen Gruppen die Arbeit erleichtert, sind sie doch nun nicht mehr dem Verdacht ausgesetzt, für die „andere Seite zu arbeiten“. Darin liegt die große Chance einer Versachlichung der Diskussion auf beiden Seiten.

Klar ist allerdings, daß, wer den Militärdienst als solchen ablehnt, natürlich auch die Militärseelsorge ablehnt. Als Beispiel sei hier ein Text aus dem Umfeld der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner(DFG -VK) zitiert: „Da werden sich wohl einige zusammengefunden haben ..... um Bundeswehrerbsensuppe zu schlabbern, Geschicklichkeitsspiele, Hüpfburg, Verkehrskindergarten, Glücksrad, Militärseelsorge, Kaffe und Kuchen, Leben im Felde und was derlei noch mehr notwendig ist bei der Ausübung des Tötungshandwerks zu besichtigen. ...... Wer mit so etwas nichts zu tun haben möchte, kann sich an den Treffpunkt für Kriegsdienstverweigerung der DFG - VK wenden . . .“[48]. Hier wird Militärseelsorge gleichgesetzt mit Beihilfe zur Tötung anderer.

Neben solchen extremen Ansichten hatten und haben auch viele kirchliche Kreise Bedenken gegen Armeen als solche und somit gegen die Militärseelsorge im Besonderen. Allerdings haben verschiedentlich auch Vertreter aus dem Bereich der Militärseelsorge dazu Anlaß gegeben.

So führte die zunehmende Zahl der Wehrdienstverweigerer Ende der sechziger Jahre und die immer stärker werdende kirchliche Beratung zur Kriegsdienstverweigerung zu einem Treffen der beiden Militärbischöfe mit Verteidigungsminister Schröder am 12.11.1968. Aus diesem Treffen entstand eine Arbeitsgruppe, die aus 15 Vertretern des Verteidigungsministeriums und je drei Beauftragten der beiden Militärbischöfe bestand.

Die Arbeitsgruppe erstellte zum 1.4.1969 ein Gutachten zu Fragen der Kriegsdienstverweigerung, in dem unter anderem festgestellt wurde, daß sich unter der Jugend eine illusionäre Friedensschwärmerei breitmache, der an den Schulen durch Veränderung der Lehrpläne zugunsten des Primates des Wehrdienstes als wahrer Friedensdienst begegnet werden müsse.[49]

Nachdem dieses Gutachten öffentlich bekannt wurde, kam es zu lebhaften Protesten aus Kirche und Gesellschaft. Auch wurde eine unangemessene Einmischung der Kirche in staatliche Aufgaben kritisiert[50]. Auf Grund der Proteste, so auch von der Synode der Landeskirche Hessen - Nassau und von „Pax Christi“ wurde das Gutachten schließlich zurückgenommen und als vorläufige Sammlung von Argumenten abgewertet.        

Trotzdem zeigt dieses Papier und sein Werdegang ein Grundproblem im Zusammenhang mit der Militärseelsorge auf. Offensichtlich hatten Personen aus der Militärseelsorge und der Bundeswehr eine so übereinstimmende Sicht der Dinge, daß sie so ein gemeinsames Gutachten verfassen konnten.

Dabei kann und darf es nicht sein, daß die Militärseelsorge als solche Legitimations- und Motivationsprobleme der Bundeswehr mit lösen hilft. Aufgabe und Adressat jeglicher Seelsorge ist der Mensch, nicht die Struktur.[51] Auch kann es nicht Aufgabe von Militärseelsorgern sein, dem Staat für andere Bereiche (hier: Schule) Ratschläge zu erteilen, um dadurch die Sichtweise von Menschen und Staatsbürgern besser in eine bestimmte Richtung zu lenken[52]

 

5. Die Suche nach neuen Ansätzen in den achtziger Jahren:

5.1 Friedensdiskussion im Bereich der Kirchen der damaligen DDR:

Als Bestandteil einer umfassenderen emanzipatorischen Bewegung entwickelte sich in den achtziger Jahren in der DDR unter dem schützenden Dach der Kirche eine vom Staat unabhängige Friedensbewegung. Geprägt wurde diese Bewegung von der in beiden Blöcken stattfindenden Aufrüstung, die jeweils als Nachrüstung bezeichnet wurde. Dabei wurde vielen Menschen die Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit einer weiteren Rüstung klar.

Hinzu kamen für viele die negativen Erfahrungen innerhalb der NVA oder bei den Baueinheiten des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR. Dabei spielten Fragen wie Militärseelsorge oder Seelsorge an Soldaten so gut wie keine Rolle.

Für Wehrdienstleistende bestand lediglich im knapp und selten gewährten Ausgang die Möglichkeit, einen Pfarrer am Standort aufzusuchen. Gottesdienstbesuch war auf Grund ungünstiger Ausgangszeiten nur selten möglich. Für Wehrdienstleistende in der NVA kam oft auch noch die Angst hinzu, im Ausgang beobachtet zu werden. Immerhin, Gottesdienstbesuch war nicht direkt verboten, wurde aber auch nicht gerne gesehen. Für Offiziere hingegen war ein Gottesdienstbesuch oder das Aufsuchen eines Pfarrers unvorstellbar. Dies hätte dem atheistischen Staatsverständnis der DDR und dem militärischen Gehorsam widersprochen.

In dieser Zeit entstand auch die Kaserne in Bad Frankenhausen als sogenannte Vorzeigekaserne. Häufige Besuche des Ministers für Nationale Verteidigung in Bad Frankenhausen waren die Folge. Solche Besuche brachten für die Wehrdienstleistenden, aber auch für die Bevölkerung von Bad Frankenhausen, zahlreiche Unannehmlichkeiten mit sich. Außerdem änderte sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt Bad Frankenhausen durch die vielen Offiziere. Auch brachte der Ausgang von Soldaten nach Bad Frankenhausen Probleme mit sich.

Trotzdem entstand in Bad Frankenhausen kein Zentrum der Friedensbewegung. Es waren eher Einzelpersonen aus dem kirchlichen Umfeld, die neue Ansätze in der Friedensfrage auch nach außen hin vertraten, ohne größere Teile der Bevölkerung hinter sich versammeln zu können. Dies geschah aber in anderen Teilen der Thüringer Landeskirche wie auch in anderen Landeskirchen der damaligen DDR.

Auch die Kirchenparlamente beschäftigten sich mit der Friedensfrage. So auch die Thüringer Synode auf ihrer Herbsttagung 1982[53]. Hier wurde, mit dem Hinweis auf das Atomzeitalter ein neues Herangehen an die Fragen von Krieg und Frieden gefordert. Dabei wird hervorgehoben, daß „eine deutlich Absage an Geist und Logik der Abschreckung unumgänglich ist.“[54] Ein solches Zeugnis für den Frieden wurde von staatlicher Seite abgelehnt und als Einmischung in staatliche Angelegenheiten zurückgewiesen.

Trotzdem gingen gerade Anfang der achtziger Jahre immer mehr junge Männer zu den Bausoldaten, meist aus christlicher Verantwortung, um ein Zeichen zu setzen, daß sie sich eine andere Form der Friedenssicherung wünschen, als durch eine sich immer schneller drehende Rüstungsspirale und durch ein Prinzip der Abschreckung.

Dabei wurden von den meisten auch der Nachrüstungsbeschluß der Bundesregierung und die Rüstungsbestrebungen der Nato-Länder durchaus kritische gesehen.[55] Nachdem bereits 1982 die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen eine Absage an Geist und Logik der Abschreckung beschlossen hatte, kam es 1987 durch die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR zu einer sehr deutlichen Äußerung über Fragen des Friedens und der Friedenssicherung[56]. Damit wurde dem Geist der Abschreckung deutlich widersprochen.

Wörtlich steht in diesem Synodenbeschluß: „In einer Welt mit Massenvernichtungsmitteln gibt es keine gerechten Kriege mehr! Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein. ...... Jeder Christ, der vor die Frage des Wehrdienstes gestellt wird, muß prüfen, ob seine Entscheidung mit dem Evangelium des Friedens zu vereinbaren ist. Wer heute als Christ das Wagnis eingeht, in einer Armee Dienst mit der Waffe zu tun, muß bedenken, ob und wie er damit der Verringerung und Verhinderung der Gewalt und dem Aufbau einer internationalen Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit dient. Die Kirche sieht in der Entscheidung von Christen, den Waffendienst oder den Wehrdienst überhaupt zu verweigern, einen Ausdruck des Glaubensgehorsams, der auf den Weg des Friedens führt."[57]Diese deutlichen Worte zeigen, wie groß die Sorge um die Bewahrung des Friedens innerhalb der DDR-Kirchen genommen wurde.

Es war nicht ungefährlich, solch deutliche Worte zu sagen, aber die Not von Menschen, die sich mit Gewissenskonflikten plagten, war so groß, daß die Bundessynode es für gegeben erachtete, in diesem Maße deutlich ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen.

Spezielle Fragen einer Militärseelsorge spielten aber im Denken und Handeln der kirchlichen Institutionen und der Gruppen kaum eine Rolle. Trotzdem wurde gerade durch Mitglieder und Anhänger der Friedensbewegung während des Wehrdienstes oder des Dienstes in den Baueinheiten seelsorgerliche Begleitung durch kirchliche Mitarbeiter - wenn immer möglich - gesucht.

Das geschah vielfach bereits im Vorfeld des Wehrdienstes, wenn es um die Entscheidung ging, welche Art des Dienstes geleistet wird. Oft ging die seelsorgerliche Begleitung während der Wehrdienstzeit weiter, durch Mitglieder der Heimatgemeinde im Urlaub, aber auch am Standort durch dortige kirchliche Mitarbeiter. Auch wurde brieflich Hilfe und Unterstützung geleistet. Hier entstand ohne offizielle Strukturen und ohne Namen so etwas wie eine Seelsorge an Soldaten[58].

 

 

5.2  Die Friedensdiskussion im Bereich der Krichen der EKD

Ähnlich wie in der DDR kam es auch in der Bundesrepublik Anfang der achtziger Jahre zu einer neuen Diskussion, was dem Frieden am meisten dienen könne. Einer der Auslöser war der Nachrüstungsbeschluß der Nato. Angesichts der bereits auf beiden Seiten angehäuften Waffen, die die Erde mehrfach hätten zerstören können, sahen große Teile der Bevölkerung die Notwendigkeit einer weiteren Nachrüstung nicht ein.

Es entstand eine Friedensbewegung, die sich zunächst hauptsächlich gegen den Nachrüstungsteil des Nato-Doppelbeschlusses wandte. Viele Aktivitäten dieser Friedensbewegung gingen auch in den alten Bundesländern von kirchlichen Gruppen aus. Dabei konnte dort die Diskussion freier und ungefährdeter erfolgen als in der damaligen DDR. Doch es gab auch Angriffe und Vorwürfe gegen diese Gruppen wie den Vorwurf, als „fünfte Kolonne Moskaus zu agieren“.

Auch kirchenleitende Strukturen beschäftigten sich mit der Friedensfrage, wobei die Frage der Militärseelsorge zunächst ebenfalls nicht im Mittelpunkt stand. So äußerte die EKD in einer Denkschrift 1981: „Die Aufgabe, das Bewußtsein dafür wachsen zu lassen, daß der heutige Zustand“ [der atomaren Hochrüstung] „nicht dauern darf, besteht heute dringender als vor 22 Jahren“ [Erscheinen der Heidelberger Thesen]. „Deshalb wächst gerade auch in der Kirche die Zahl derer, die keine Geduld mehr haben und den Zustand der atomaren Konfrontation und des Wettrüstens nicht mehr erträglich finden. Die Kirche hat für sie Achtung und Verständnis. Gerade auch in der heutigen Situation muß die Kirche den Waffenverzicht als eine christliche Handlungsweise ansehen. .......Kirche muß auch heute,

22 Jahre nach den Heidelberger Thesen, die Beteiligung am Versuch, einen Frieden in Freiheit durch Atomwaffen zu sichern, weiterhin als eine für Christen noch mögliche Handlungsweise anerkennen. Deshalb hat die Kirche Achtung und Verständnis für diejenigen, die in der Bundeswehr Dienst leisten.“[59]

Auch hier zeigt sich der Versuch, eine neue Herangehensweise an die Fragen von Krieg und Frieden und damit verbunden die Frage nach dem Wehrdienst zu finden. Auch wenn in diesem Papier das Wort Militärseelsorge nicht fällt, geht es doch um das Wirken von Soldaten und wie dieses von ihrer Kirche gesehen wird.

Diese Denkschrift wurde nicht nur im zivilen Bereich aufgenommen, sondern auch im militärischen Bereich und besonders im Bereich der evangelischen Militärseelsorge zum Teil kontrovers diskutiert.

 

5.3 Die Suche nach neuen Wegen im Bereich der Militärseelsorge

Die Kirchen und die Christen in beiden deutschen Staaten versuchten die Spaltung Europas in zwei feindliche Blöcke durch ihr Handeln zu beenden. Wichtig waren dabei die Begegnungen mit den Partnergemeinden. Meist waren diese Begegnungen nur auf dem Gebiet der damaligen DDR möglich, selten auch in anderen Ländern des Ostblocks.

Doch gerade diese Begegnungen halfen, sich kennenzulernen und ein Klima des Vertauens untereinander zuschaffen. Dabei wurde auch die vom Staat unabhängige Friedensbewegung der DDR unterstützt. Es kam zu vielen Gesprächen und man lernte vieles über das andere Land. Manch einer hat wohl in diesem Zusammenhang auch erstmals etwas von der Militärseelsorge gehört. Aber es wurde nur wenig über so etwas gesprochen.

Beide deutsche Kirchen nahmen in den folgenden Jahren am konziliaren Prozeß teil. Dabei wurde gemeinsam um Lösungen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gerungen.

Parallel zum Friedensengagement vieler Christen formierte sich immer mehr Widerstand gegen die alten Formen der Militärseelsorge in der Bundesrepublik Deutschland. Dort bildeten sich auch zuerst Gruppen, die nach neuen Wegen suchten. Die Diskussion um „Seelsorge an Soldaten oder Militärseelsorge“ entstand bereits vor der Wende in der DDR und vor der deutschen Einheit. Es war zunächst eine „Binnendiskussion“ in den Evangelischen Kirchen der alten Bundesrepublik und in ihren Gruppen und Kreisen.[60]

Dies kommt zum Ausdruck in einer Resolution des „Dietrich-Bonhoeffer-Vereins“ vom 25. Februar 1989, in der unter anderem steht: „1957 wurde der Dienst der Kirche unter Soldaten durch Militärseelsorgevertrag und Kirchengesetz geregelt. Innerhalb der 30 Jahre Militärseelsorge-Praxis sind grundlegende Probleme sichtbar geworden:

  • Isolierung der Militärseelsorge vom ortsgemeindlichen Leben
  • Zu starke Anpassungszwänge durch Einbindung in bundesbeamtenrechtliche und militärische Strukturen
  • Verselbständigung der Militärseelsorge-Hierarchie
  • Mangelnde landeskirchliche Kenntnisse und Einflußmöglichkeiten.

Die Bezeichnung „Militärseelsorge“ hat zu diesen Defiziten beigetragen und sollte durch den Begriff „Dienst der Kirche unter Soldaten“ ersetzt werden.......“[61]

In dieser Positionsbeschreibung wird eine Ablehnung der bisherigen Praxis deutlich und eine Neuorientierung gefordert. Dabei ist nicht die Umbenennung der zentrale Schwerpunkt, sondern die inhaltliche Neugestaltung.

Die angesprochene Isolierung vom ortsgemeindlichen Leben ist ein Problem, für das sich nur schwer eine Lösung finden läßt. Militärseelsorge ist Seelsorge am „Arbeitsplatz“. Der Dienst beim Bund bringt es aber mit sich, daß die Möglichkeiten des Sicheinbringens in die Ortsgemeinde des Standortes begrenzt sind.

Viele Angebote der Ortsgemeinde laufen an den Wochenenden. Gerade da aber sind die meisten der Grundwehrdienstleistenden zu Hause und damit in ihren angestammten Ortsgemeinden. Die wenigen, die in der Kaserne sind, haben in der Regel umfangreiche Wachdienste zu versehen und sind somit weitgehend unabkömmlich. Hinzukommt gerade am Standort Bad Frankenhausen die ungünstige Lage der Kaserne außerhalb der Stadt.

Eine weitere Besonderheit des Standortes Bad Frankenhausen[62] besteht darin, daß auf Grund der Veränderungen im Zusammenhang mit der deutschen Einheit viele Offizier und Berufssoldaten aus den alten Ländern hier Dienst tun. Auch diese verlassen, wenn irgend möglich am Wochenende die Kaserne, um nach Hause zu fahren[63]. Somit stehen sie der Ortsgemeinde am Wochenende personell nicht zur Verfügung[64].

Insofern ist die teilweise auftretende Distanz von Ortsgemeinde und Militärgemeinde zu bedauern, aber kaum zu ändern. Seelsorge am Arbeitsplatz Bundeswehr heißt eben auch, sich auf die Besonderheiten dieses Arbeitsplatzes Bundeswehr einzulassen[65]. Gerade diese Besonderheiten erfordern ja auch die Möglichkeiten einer speziellen seelsorgerlichen Betreuung. Trotz dieser objektiven Schwierigkeiten kann trotzdem versucht werden, die Distanz zwischen Militärgemeinde und Ortsgemeinde so gering, wie möglich zu halten. Gerade Gemeindefeste bieten sich hierfür an, nur muß auch die Ortsgemeinde bereit sein, eventuelle Berührungsängste zu überwinden. Dies gelang bereits teilweise am Standort Bad Frankenhausen, vor allem durch das Engagement Einzelner, sowohl aus dem kirchlichen, wie auch aus dem militärischen Bereich.

Allerdings könnte bei mehr Kontinuität seitens der Strukturen evangelische Militärseelsorge in Bad Frankenhausen mehr möglich sein. Dies sieht man am Beispiel der katholischen Militärseelsorge, von deren Seite neben dem Standortpfarrer auch ein Pfarrhelfer am Standort ist, der oft als organisatorisches Bindglied zwischen Ortsgemeinde und Militärgemeinde segensreich wirkt.

Die ebenfalls monierten zu starken Anpassungszwänge durch Einbindung in bundesbeamtenrechtliche und militärische Strukturen wurden in zahlreichen Gesprächen mit in der Militärseelsorge wie auch in der Seelsorge an Soldaten Tätigen so nicht gesehen.

Nach dem Militärseelsorgevertrag von 1957 sind die Militärgeistlichen in ihrem geistlichen Auftrag unabhängig von staatlichen Weisungen. In kirchlichen Angelegenheiten unterstehen sie dem Militärbischof. Trotzdem gibt es auch Berührungspunkte zu militärischen Strukturen und die Notwendigkeit, sich diesen Strukturen um des Dienstes willen anzupassen[66].

Problematisch ist hier allerdings die von Jens Müller-Kent konstatierte „größere Nähe der verteidigungspolitischen Überlegungen von Militärpfarrern zu den Überzeugungen des Gros des Offizierskorps“, hervorgerufen „ durch den intensiven Umgang mit den Offizieren in Manövern, Stabsbesprechungen, Kasinogesprächen etc. . . .“ der „in der Truppe jeweils auf sich gestellten Militärpfarrer“[67]. Es besteht in jeglicher Form der Seelsorge immer die Gefahr, die nötige Distanz zu verlieren. Dies ist auch für den Bereich der Militärseelsorge nicht auszuschließen.

Mangelnde Kenntnisse in der Landeskirche über die Arbeit und den Dienst der Militärseelsorger - wie im Papier des Bonhoeffer-Vereins 1989 beklagt - liegen sicher teilweise auch im mangelnden Interesse der Kirchenmitglieder begründet, die solches beklagen. So fühlen sich viele Militärpfarrer innerhalb ihrer Kirche nicht richtig anerkannt[68] und fühlen sich oft von ihrer zivilkirchlichen Umgebung gemieden.

Die grundlegende Problematik des Wehrdienstes und damit auch der damit verbundenen Militärseelsorge wurde deutlich im sogenannten „Immendinger Gelöbnis“ vom 12.11.1985. Dieses „Immendinger Gelöbnis“ ist entstanden im Ergebnis der auch von den Synoden befürworteten Abkehr vom Prinzip der Abschreckung. Grundgedanke ist, daß Abschreckung im Atomzeitalter nicht mehr funktioniert und nur noch als gefährlich anzusehen ist.

In diesem „Gelöbnis heißt es: „Am 12.11.85 geloben wir, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Aufgrund unserer persönlichen Gewissensentscheidung sehen wir uns an dieses Gelöbnis nur gebunden, wenn die Bundesrepublik Deutschland und ihre Verbündeten keine Atom-, biologischen sowie chemischen Waffen einsetzen.“[69]. Dieses Gelöbnis, obwohl ohne jede rechtliche Relevanz, erregte großes öffentliches Aufsehen in der Bundeswehr und in kirchlichen Kreisen. Innerhalb der Bundeswehr kam es sogar zum Versuch, disziplinarisch gegen dieses „Gelöbnis“ vorzugehen[70].

Innerkirchlich solidarisierten sich auf dem „3. Mutlanger Bußtag“ 1986 etwa 800 kirchliche Mitarbeiter mit dem Anliegen der Soldaten.[71] Dabei wurde besonders kritisiert, daß die zuständigen Stellen der Militärseelsorge sich nicht auf die Seite der Soldaten gestellt hätten und diese nicht beraten und begleitet hätten.

So schreibt Carl Alfred Fechner in diesem Zusammenhang: „Für Soldaten könnte hier [gemeint das Immendinger Gelöbnis] natürlich auch die Militärseelsorge eine besondere Rolle spielen. Es ist jedoch offenbar derzeit immer noch ein wichtiges Anliegen vieler Militärpfarrer, Soldaten - häufig ihrem Wunsch gemäß - lediglich eine individuelle Heilsgewißheit zu vermitteln. Wer aber zum Beispiel über die Seelenrettung gefallener Krieger oder eine ewiges Leben nach dem Atomtod spekuliert, muß sich auch als Militärpfarrer die Frage gefallen lassen, ob er sich nicht unbeabsichtigt mitschuldig macht an einer zutiefst unmenschlichen Entwicklung.“[72]

Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein verabschiedet im Nachgang dieser Ereignisse am 2.5.1987 eine Resolution. Dort wird festgestellt: „Vor 30 Jahren wurde der Dienst der Kirche unter Soldaten durch Militärseelsorgevertrag und Kirchengesetz geordnet. Einerseits hält der Dietrich-Bonhoeffer-Verein diesen Dienst der Kirche für dringend notwendig. Andererseits bedarf dieser in 30 Jahren praktizierte Dienst einer Überprüfung unter dem Gesichtspunkt theologischer und friedensethischer Einsichten. Entscheidendes Kriterium dieser Überprüfung muß sein die Freiheit für die Verkündigung des Evangeliums und für das gemeindliche Leben der Soldaten einschließlich gemeindlicher Mitverantwortung.[73]

Es wird also nicht die Kündigung des Militärseelsorgevertrages gefordert, wie zum Beispiel von der „Solidarischen Kirche Rheinland“. Eine solche Kündigung könnte auch die verheerende Folge haben, daß die Kirche die Seelsorge an und unter Soldaten als nicht mehr nötig erachtet und damit zum Beispiel Soldaten aus der Kirche und dem konziliaren Prozeß für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ausschließen will. Jedoch sieht der Bonhoefferverein genug Probleme, die eine neue Besinnung über den Militärseelsorgevertrag erfordern und dessen Neufassung nötig machen.

 

Auch andere kirchliche Strukturen innerhalb der EKD formulierten Ende der achtziger Jahre Bedenken und Anfragen an den Militärseelsorgevertrag. Als Beispiel sei hier der Beschluß der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau vom März 1988 erwähnt[74].

Darin wird die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau beauftragt, zu prüfen, ob der Militärseelsorgevertrag mit dem synodalen Aufbau der Landeskirche vereinbar ist. Insbesondere die in Artikel 14 des Militärseelsorgevertrages angesprochene Nachordnung des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr unter den Bundesminister für Verteidigung wird dabei als besonders problematisch angesehen. Des Weiteren soll die Kirchenleitung prüfen, ob die Mitwirkung der Militärpfarrer durch besondere Gottesdienste an einem Gelöbnis möglich ist, da dieses Gelöbnis den Einsatz von Massenvernichtungsmitteln einschließt und somit im Widerspruch zu zahlreichen kirchlichen Verlautbarungen stehe. Außerdem werden mögliche Konflikte zwischen dem Beamten-Eid und dem Ordinationsgelübde des Militärpfarrers zur Sprache gebracht und der lebenskundliche Unterricht hinterfragt. Letztendlich soll die Kirchenleitung auch prüfen, ob es in Zukunft nicht besser nur noch Standortpfarrer im Nebenamt geben soll, um so eine bessere Integration der Militärseelsorge in das Gemeindeleben zu erreichen.[75]

Auch die Nordelbische Kirche führte eine vergleichbare Diskussion und kam zu ähnlichen Ergebnissen.

 

Bei der Bewertung dieser Diskussionen muß beachtet werden, daß Ausgangspunkt immer das Gegenüberstehen der beiden großen Militärblöcke war. Ausgehend von diesem Gegenüberstehen und der Situation einer ins unvorstellbare gesteigerten Rüstung wurde von den Kirchen in zahlreichen Beschlüssen die Logik der Abschreckung grundsätzlich in Frage gestellt.

Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß es in der Zeit vor 1989 durch die klare Trennung Europas und fast der ganzen Welt in zwei Blöcke[76] unvorstellbar war, daß sich diese Trennung in absehbarer Zeit überwinden ließe. Selbst die Politik setzte nur auf langsame Wandlung durch langsame Annäherungen und rechnete im besten Fall mit einem langen Zeitraum. Das Wegbrechen eines Blockes stand nicht zur Debatte. Erst recht war ein friedliches Wegbrechen eines Blockes nicht vorstellbar und ein Zusammenbrechen in einem Krieg wünschte sich auch niemand, da dieses das Ende Europas, vielleicht sogar der Welt bedeutet hätte.

Somit gehen alle Überlegungen von einer Weiterexistenz der beiden Blöcke aus und haben als Ziel nur eine langsame Aufweichung der Blockgrenzen, zum Beispiel durch vertrauensbildende Maßnahmen. In diesem Rahmen sahen auch die Kirchen Möglichkeiten zur Beteiligung, so im konziliaren Prozeß und in den viele Begegnungen von Menschen über die Blockgrenzen hinweg.

Überlegungen über friedenserhaltende Maßnahmen in anderen Ländern durch Angehörige der Bundeswehr waren völlig irrelevant. Durch die Ereignisse von 1989 brach der Warschauer Pakt innerhalb kürzester Zeit zusammen. Damit fiel er auch als „Ordnungsmacht“ in Osteuropa aus, was zu zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen führte. Nicht nur die Kriege im ehemaligen Jugoslawien sind hier zu nennen, sondern insbesondere auch die Erschütterungen beim Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, angefangen vom Einsatz von Soldaten gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen in Litauen bis zum gerade stattfindenden Tschetschenienkrieg.

Solche Überlegungen waren der Zeit vor 1989 fremd. Erst nach den Veränderungen in Europa stellte sich die Frage neu, ob es doch die Notwendigkeit gibt, in bestimmten Konstellationen militärisch einzugreifen.

Vor diesem Hintergrund begegnete mir bei meiner Arbeit an diesem Thema häufig der Vorwurf, mit dem Nichtbeitritt der ostdeutschen Kirchen zum Militärseelsorgevertrag und der Einführung der Seelsorge an Soldaten nur alte und überholte Konzepte der westlichen Kirchen beziehungsweise interessierter Kreise dieser Kirchen zu übernehmen[77]. Die Existenz eigener ostdeutscher Ansätze wird damit in Frage gestellt.

 

6. Die Entwicklung in den neuen Bundesländern nach der Wende:

6.1 Die neue Situation nach der Wende

 

Im Herbst 1989 begann die friedliche Wende in der damaligen DDR. Eine wichtige Ursache für den friedlichen Verlauf war sicher die unbedingte Gewaltlosigkeit der oft aus dem kirchlichen Raum kommenden Vertreter der Gruppen, die die Wende einleiteten.

Innerhalb der Nationalen Volksarmee zeigten sich bald Auflösungserscheinungen. Zunächst wurden noch Grundwehrdienstleistende gegen die Demonstrationen eingesetzt[78]. Im Zusammenhang mit der Maueröffnung und der für Soldaten fehlenden Möglichkeit, die Bundesrepublik zu besuchen, kam es zu immer mehr Unmut, vor allem unter den Wehrpflichtigen. Es gab sogar Streiks. Parallel zu der sich immer schneller auflösenden staatlichen Autorität kam es auch zur Auflösungserscheinungen in allen Bereichen der NVA[79]. Immer mehr Soldaten wurden in zivilen Bereichen eingesetzt, um das Fehlen der vielen Übergesiedelten in der Wirtschaft zu kompensieren. Parallel dazu wurde über die Einführung eines Zivildienstes als Alternative zu Wehrdienst diskutiert. In diesem Prozeß ging den meisten Offizieren jegliche Autorität verloren.

Bereits im Frühling 1990 zeichnete sich der Weg zu einer Einheit Deutschlands ab. Damit stellte sich selbstverständlich auch die Frage nach der Zukunft der NVA. Aber nicht nur der NVA brach die „Geschäftsgrundlage“ weg, der gesamte Warschauer Vertrag brach zusammen.

Diese Entwicklungen veränderten aber nicht nur Osteuropa, sondern auch Westeuropa, und zwar mehr, als man zunächst wahrhaben wollte. Ergebnis dieser Entwicklung war, daß die Politik der Abschreckung und des Gleichgewichts der Kräfte überholt war. Es gab keine zwei Blöcke mehr, die sich feindlich gegenüberstanden. Dies hatte zunächst Legitimationsprobleme in der Nato und der Bundeswehr zur Folge. Es wurde zum Teil öffentlich diskutiert, ob nicht im Rahmen einer sogenannten „Friedensdividende“ auch das westliche Militärbündnis aufgelöst werden solle.

Folgerichtig kam in dieser Zeit auch die Struktur der Militärseelsorge auf den Prüfstand. Zunächst stellte sich die Frage nach der Einführung einer Militärseelsorge für die ostdeutschen Kirchen. Spätestens im Frühsommer 1990 war klar, daß die deutsche Einheit nur noch eine Frage der Zeit war. Damit war klar, daß die Bundeswehr über kurz oder lang auch auf dem Gebiet der damaligen DDR zu einer Realität werden würde und mit ihr der Militärseelsorgevertrag von 1957.

Dabei gab es viele Vorbehalte gegen diesen Vertrag. Einer dieser Vorbehalte lag darin, daß in dem Militärseelsorgevertrag von 1957 die Ursache für die von der DDR - Regierung 1957 erneut eingeleitete Repression gegen die Kirche in der DDR und die Lostrennung der ostdeutschen Kirchen von der EKD lag. Wie heute aus Dokumenten der damals zuständigen Stellen der damaligen DDR bekannt ist[80], war dem nicht so. Die Errichtung eines unter SED - Kontrolle stehenden Staatssekretariats, die Zurückdrängung kirchlicher Kräfte und die Zerhlagung der gesamtdeutschen EKD war längst beschlossen und wäre auch ohne den Militärseelsorgevertrag erfolgt.

Aber es gab auch tiefergehende Vorbehalte, die zu einem großen Teil aus den intensiven Diskussionen über die Friedensfrage in den achtziger Jahren herrührten. Damals mußte man mit Nachteilen rechnen, wenn man sich zu pazifistischen Ideen bekannte. Viele Christen nahmen diese Nachteile auch auf sich. Es gab nun bei manchem die Angst, sich der neuen Zeit zu sehr anzupassen und „alte Ideale“ zu verraten[81].

Hinzu kam bei vielen eine tiefe Abneigung gegen das Militär als solches. Diese Abneigung war oft geprägt durch eigenes Erleben der Zustände in der NVA oder den Baueinheiten. Solche subjektiven Vorurteile können zwar falsch sein, aber gerade durch ihre Subjektivität sind sie nur schwer von außen zu verändern.

Im September 1990 stellte die Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR fest, daß sie sich an ihren Beschluß zum Bekennen in der Friedensfrage von 1987 gebunden wisse. Des Weiteren wird beschlossen, „daß der Geltungsbereich des von der EKD und Bundesregierung geschlosseneren Militärseelsorgevertrages durch die Zusammenführung von Bund und EKD keine Ausweitung auf die Gliedkirchen erfährt.“[82]

Interessanterweise versuchen gerade die ostdeutschen Landeskirchen, die 1957 erst durch ihre Stimmen die Verabschiedung des Militärseelsorgevertrages ermöglicht hatten, diesen nun, im Jahre 1990, zu kippen.

Im Herbst 1990 tagte dann die Thüringer Synode. In der Zwischenzeit wurde die deutsche Einheit vollendet. In vielen Kasernen wurden am 2. Oktober durch die Offiziere die alten Truppenfahnen feierlich zusammengerollt. So geschah es auch in Bad Frankenhausen. Es herrschte eine Art Untergangsstimmung, verbunden auch zum Teil mit Wut auf die Kirche[83].

Nur sehr wenige der alten NVA - Kader wurden dann in der Folgezeit von der Bundeswehr übernommen[84].

Bereits wenige Tage nach ihrem Eintreffen in Bad Frankenhausen suchten Offiziere der Bundeswehr Kontakt sowohl zur evangelischen wie zur katholischen Kirche. Obwohl es keine Verträge gab, kam es problemlos zu Kontakten und zu verschiedenen Formen der Zusammenarbeit.

Gerade in dieser Zeit, in der vieles noch in Bewegung war, war es wichtig, daß die rat- und hilfesuchenden, aber auch Kontakt anbietenden Vertreter der Bundeswehr nicht durch ideologische Vorbehalte zurückgewiesen wurden. Jeder sah im anderen den Christen, den Bruder. Und so begann ein Gespräch, ein Dialog. So konnten auf beiden Seiten Unsicherheiten und Vorurteile benannt und auch abgebaut werden.[85]

 

Auf der ersten Tagung der 7. Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen im Herbst 1990 versuchte der damalige Landesbischof Leich in der Frage der Militärseelsorge andere Schwerpunkte zu setzen, als dies wenige Wochen vorher auf der Synode des Bundes noch geschehen war[86]. Er schreibt in seinem Bericht an die Synode: „ ....... Die Synode des Bundes hat 1988 in dem Beschluß ,Bekennen in der Friedensfrage‘ indirekt gegen den Wehrdienst von Christen gesprochen. Dies geschah in der Zeit der Hochrüstung und gegenüber einer Armee, die als Stütze des Sozialismus und der kommunistischen Weltanschauung gestaltet war. All diese Argumente wirken nach. Eine schwere innerkirchliche Auseinandersetzung mit der Gefahr der Spaltung stünde bei einer einfachen Übernahme des Militärseelsorgevertrages bevor. Dafür müssen die Verantwortlichen in der EKD und auch in der Bundeswehr Verständnis haben. Unverständlich ist mir folgende Befürchtung. Die Seelsorge an Soldaten könne als Ja zum Bestehen einer Armee verstanden werden. ......... Aber daß es Armeen geben wird, solange das Reich Gottes noch aussteht, erscheint mir biblisch begründet. Der Widersacher wird immer das Böse in der Welt fördern. Um das Böse einzudämmen, hat Gott den Menschen die Gewalt des Schwertes anvertraut. Saddam Hussein kann nicht durch Zivildienstleistende überwunden werden. Verbrecherische Organisationen, die ganze Völker durch den Besitz überlegener Waffen terrorisieren, können nicht von Wehrdienstverweigerer aufgehalten werden. Die Armee als Schutztruppe für den Frieden ist in dieser Welt notwenig. Wir treten für Zivildienstleistende und für Wehrdienstverweigerer in ihrer Gewissensentscheidung ein. Wir sollten aber auch die Entscheidung achten, mit der Waffe als Schutzmann des Friedens zu dienen. Nüchtern müssen wir zugeben, daß die Seelsorge am Soldaten eine ganze Reihe von Regelungen des Militärseelsorgevertrages in Anspruch nimmt und den Vertrag selbst gleichzeitig ablehnt. Wir brauchen Zeit, Erfahrung und Abstand. Es ist gut, dies in der Seelsorge am Soldaten zu gewinnen.“[87]

Der damalige Landesbischof Leich stellt hier, in seinem Bischofsbericht, nachdem er ausführlich auf alle Probleme und Vorbehalte gegen die Militärseelsorge eingegangen ist, den Beschluß des Bundes von 1988 zum Bekennen in der Friedensfrage in dessen damaligen historischen Zusammenhang. Dieser Zusammenhang lag eindeutig in der Situation, daß zwei bis an die Zähne bewaffnete Blöcke einander feindlich gegenüberstehen und daß bereits ein noch so geringer Anlaß genügt hätte, eine globale Katastrophe auszulösen. Auch erwähnt er, daß die damalige NVA keine Armee eines demokratischen Systems war. Nun aber ist durch den Wegfall des Warschauer Paktes eine ganz neue Situation eingetreten.

Bereits 1990 erkennt Bischof Leich, daß in Zukunft nicht so sehr die Frage einer globalen militärischen Katastrophe im Mittelpunkt stehen wird, sondern vielmehr lokal begrenzte Konflikte mit Gewalt gegen Schwache und Unterdrückung einzelner Menschen und Menschengruppen. Dabei begründet er die Notwendigkeit von Armeen sowohl von der notfalls gebotenen christlichen Nächstenliebe [88] als auch von der Zwei - Reiche - Lehre Martin Luthers her. Aber auch gegensätzliche Positionen werden von Bischof Leich erwähnt und gewürdigt. Besonders wichtig ist an diesem Bericht, daß ausreichend Zeit für die Entwicklung angemahnt wird. Erfahrungen sind erst zu gewinnen und können vielleicht zur Überprüfung von Positionen führen.

Es gab natürlich Proteste gegen diese Sichtweise des Landesbischofs. Aber es gab auch Gespräche zwischen dem Landesbischof und kirchlichen Mitarbeitern, die sich einen Einsatz im Bereich der Seelsorge an Soldaten vorstellen konnten. Dabei war klar, daß es noch keine rechtlich verbindlichen Regelungen geben konnte, aber um der Soldaten willen Seelsorgemöglichkeiten geschaffen werden sollten.

So wurden noch Ende 1990 die ersten Pfarrer mit der Übernahme der Seelsorge an Soldaten im Nebenamt durch den Landeskirchenrat der Evangelisch - Lutherischen Kirche in Thüringen beauftragt. Für den Standort Bad Frankenhausen erging dieser Auftrag an den damaligen Superintendenten Bornschein, der bereits in Kontakt zu Bundeswehrangehörigen stand[89]. So entstanden in den neuen Bundesländern bereits erste Strukturen für eine Seelsorge an Militärangehörigen, auch ohne Übernahme des Militärseelsorgevertrages von 1957.

Allerdings hatten diese Strukturen zunächst Übergangscharakter und sollten helfen, eine gemeinsame Meinung zu finden. Aufgabe dieser „Seelsorge an Soldaten“ sind seelsorgerliche Gespräche mit Soldaten, Unterrichtseinheiten zu ethischen Fragen[90] und die Gestaltung von Veranstaltungen und Gottesdiensten. Hierbei wird besonders die Chance im missionarischen Dienst gesehen.

 

6.2. Die weitere Entwicklung bis zur Synode der EKD im Herbst 1994

In der weiteren Entwicklung sind zwei Hauptlinien zu beachten. Auf der einen Seite ging die Seelsorge an Soldaten in den Kasernen weiter. So auch in Bad Frankenhausen. Dabei kam seitens der Angehörigen der Bundeswehr aber immer häufiger und immer stärker die Frage auf, warum in den ostdeutschen Landeskirchen der Militärseelsorgevertrag nicht gilt. Gerade die Berufsoldaten aus den alten Bundesländern kannten und schätzten von dort her die evangelische Militärseelsorge als Selbstverständlichkeit im Umfeld ihres Dienstes in der Bundeswehr. Hinzu kam, daß die katholische Kirche ihre Regelungen[91] ohne weiteres auf die neuen Bundesländer übertrug.

Immer wieder wurde und wird im Zusammenhang mit den Sonderregelungen für die evangelische Seelsorge an Soldaten seitens der ostdeutschen Landeskirchen von Bundeswehrangehörigen der Verdacht geäußert, man werde als Soldat von der Kirche nicht richtig akzeptiert und als Christ zweiter Klasse angesehen.

Trotzdem wird die konkrete Arbeit vor Ort, auch in Bad Frankenhausen, gewürdigt und gern gesehen. Nicht an dieser konkreten Arbeit entzündet sich die Kritik. Adressat der Kritik am Sonderweg der ostdeutschen Landeskirchen sind die Kirchenleitung, die Synode und bundeswehrkritische Gruppen in der Kirche.

Die andere zu beachtende Linie im Zusammenhang mit Militärseelsorge ist die innerkirchliche Diskussion zu diesem Thema und der Prozeß der Meinungsbildung. Die Thüringer Landeskirche hat sich - entsprechend den Vorschlägen des damaligen Landesbischofs Leich - Zeit genommen, um in einem längeren Prozeß der Meinungsbildung und Meinungsfindung gemeinsam voranzukommen. Dabei ist die genaue Gestalt eines möglichen Alternativmodells zunächst noch unklar.

Parallel dazu ging die nebenamtliche Seelsorge an Soldaten weiter. Waren 1990 noch acht Pfarrer mit der Seelsorge an Soldaten beauftragt worden, sind es 1992 nur noch vier Pfarrer, die nebenamtlich die Seelsorge an Soldaten leisten. Dies sind Superintendent Bornschein für 1.580 Soldaten in Bad Frankenhausen, Oberpfarrer Halm für 793 Soldaten in Gera, Pfarrer Neumann für 1.965 Soldaten in Bad Salzungen und Pfarrer Graf für 450 Soldaten in Sprötau. Die über 500 Soldaten in Sondershausen können seit Januar 1992 nicht mehr betreut werden, ähnlich ist die Situation für über 800 Soldaten in Gotha.[92]

Bei diesen Zahlen, die einem innerkirchlichen Arbeitsbericht entnommen sind, fällt auf, daß es nicht um die Anzahl evangelischer Soldaten geht. Vielmehr wird der Seelsorger als zuständig für alle Soldaten eines Standortes gesehen. Dies ist auch im Militärseelsorgevertrag so vorgesehen und kennzeichnet besonders die Situation im Osten Deutschlands, wo nur wenige der Grundwehrdienstleistenden der Kirche angehören.

Trotzdem wendet sich Militärseelsorge an den einzelnen Menschen, egal, ob er einer Konfession angehört. Darin liegt eine große und wichtige Chance der Seelsorge im militärischen Bereich. Hier besteht die Möglichkeit, unter Menschen, für die die frohe Botschaft Jesus Christi nicht im Mittelpunkt ihres Lebens steht, Mission zu betreiben und so diese frohe Botschaft weiterzugeben.

Dabei darf es aber nicht vordergründig um die bloße Erhöhung der Mitgliederzahlen der Kirche gehen, sondern Auftrag ist allein der Auftrag Jesu: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,19f).

Im Jahre 1992 plant die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. zwei hauptamtliche Stellen im Bereich der Seelsorge an Soldaten zu schaffen. Diese Stellen sollen aber nicht zum Jurisdiktionsbereich des Militärseelsorgevertrages gehören und werden deshalb aus landeskirchlichen Mitteln finanziert. Sie sollen in Bad Salzungen und Bad Frankenhausen entstehen.

Ein weiterer wichtiger Streit- und Diskussionspunkt ist der lebenskundliche Unterricht. Dieser war zunächst nicht Bestandteil des Militärseelsorgevertrages von 1957 und wurde erst 1959 durch die zentrale Dienstvorschrift 66/2 der Bundeswehr eingeführt und ist somit Bestandteil des Dienstes. Trotzdem wird dieser Unterricht im Geltungsbereich des Militärseelsorgevertrages von den Militärseelsorgern gehalten und verantwortet. Hier sehen viele Kritiker eine Überschneidung des kirchlichen und des militärischen Bereichs. Weitgehend außerhalb der Kritik stehen die Standortgottesdienste. Dagegen sind die Gottesdienste vor Vereidigungen und Gelöbnissen stark umstritten[93].

Auch die Bundeswehr beurteilte in diesem Zeitraum die Tätigkeit der evangelischen Seelsorge an Soldaten. So stellt in einem Erfahrungsbericht an den Generalinspekteur der Bundeswehr[94] der dafür zuständige Offizier der Linie S 1 am 16.8.1993 fest, daß die ostdeutschen Landeskirchen noch Zeit brauchen, um ihre Position zur Bundeswehr zu entwickeln. Dabei wird insbesondere festgestellt, daß es unter den ostdeutschen Landeskirchen keine einheitliche Haltung zur Bundeswehr und zur Militärseelsorge gibt[95].

Des Weiteren wird erwähnt, daß eine Verlängerung der Übergangsphase notwen­­dig ist, um den Eindruck staatlicher Bevormundung zu vermeiden. Eine im Sinne der Bundeswehr positive Entwicklung wird in den Gemeinden konstatiert, die gleichzeitig Bundeswehrstandort sind. Daraus wird die dringende Not-wendigkeit weiterer versachlichender Gespräche geschlußfolgert[96].

Zum Thema: Lebenskundlicher Unterricht wird bemerkt, daß an einigen Standorten und in Abhängigkeit von der Arbeitsbelastung des jeweiligen Pfarrers vereinzelt Veranstaltungen stattfinden, die dem in den alten Bundsländern praktizierten lebenskundlichen Unterricht ähneln.

Abschließend wird bemerkt, daß der Unterschied zwischen Militärseelsorge nach dem Vertrag von 1957 und Seelsorge an Soldaten nach den Übergangsregelungen immer deutlicher wird. Dies geschieht durch unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten zwischen katholischem Militärpfarrer und evangelischen Seelsorger für Soldaten. Außerdem verstärkt sich dieser Eindruck durch das Erleben von evangelischer Militärseelsorge bei Lehrgängen in den alten Bundesländern.

Dabei wird bemerkt, daß sich viele evangelische Soldaten, gerade auch im Blick auf die Aktivitäten der katholischen Militärseelsorge, von ihrer Kirche alleingelassen fühlen. Dieses Gefühl besteht nach meinen Beobachtungen am Standort Bad Frankenhausen heute noch, zum Teil gegenüber früher eher noch verstärkt, dabei aber vor allem bei Berufssoldaten aus den alten Bundesländern, die die dortige Praxis der Militärseelsorge kennen und nun hier vermissen. Dieses Gefühl wird noch durch die andauernde Nichtbesetzung der Stelle am Standort Bad Frankenhausen weiter verstärkt.

 

6.3  Die Synodentagungen im Herbst 1993;

Im Vorfelde der im Herbst 1994 in Halle tagenden Synode der EKD kam es bereits im Hebst 1993 zu wichtigen Synodentagungen zu dem Thema Militärseelsorge und ihre eventuelle Neugestaltung. Hier sollte versucht werden, die unterschiedlichen Modelle und Überlegungen zusammenzuführen und eventuell ein gemeinsames neues Konzept für diese Sonderform der Seelsorge zu finden. Eingeflossen in den Entscheidungsprozeß sind unter anderem die Überlegungen der gemeinsamen Arbeitsgruppe der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und der Evangelischen Kirche in Württemberg, die Überlegungen des Friedensausschusses der Evangelisch reformierten Kirche unter Beteiligung zahlreicher Vertreter evangelischer Landeskirchen aus Ost und West sowie zahlreiche Einzelvoten von Personen und Gruppen[97].

In Vorbereitung der Thüringer Synode und um die Diskussion über strittige Punkte weiterzuführen, erarbeitete die Evangelische Jugend in Thüringen die Dokumentation: „Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation“, die allen Synodalen zur Verfügung gestellt wurde. Im Vorwort wird darauf hingewiesen, daß es nach wie vor zwei Extrempositionen gibt. Von den Einen wird die vollständige und schnellste Übernahme des Militärseelsorgevertrages von 1957 gefordert. Andere wiederum kündigen bei einer solchen Übernahme an, aus dem kirchlichen Dienst auszuscheiden. Der verantwortliche Arbeitsausschuß der Jugendkammer empfiehlt nun, zwischen diesen exponierten Stellungen Alternativen zur Seelsorge an Soldaten zu suchen. Ulrich Töpfer stellt das Buch und sein Anliegen als Geschäftsführer des Landesjugendpfarramtes vor.

Die Tagung der Synode der EKD beschäftigt sich im Herbst 1993 erneut mit dem Thema Militärseelsorge. Hier erstattet der Ausschuß zur künftigen Gestaltung der Militärseelsorge Bericht[98]. In diesem Bericht werden zunächst noch einmal die strittigen Punkte beschrieben. Dabei handelt es sich vor allen um unterschiedliche Ansichten in der Friedensethik, im Verhältnis von Staat und Kirche sowie in der Ekklesiologie. Des Weiteren wird festgestellt, daß die unterschiedlichen Positionen nicht auf einen Ost-West Gegensatz zurückzuführen sind. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Aufgaben wurden zwei mögliche Strukturmodelle entwickelt.

 

Modell A: Das erste Modell geht von einer Fortentwicklung ohne Änderung des Militärseelsorgevertrages und des entsprechenden Kirchengesetzes der EKD aus. Beide haben sich im Wesentlichen bewährt und die volle Freiheit von Verkündigung und Seelsorge sind gewährleistet. Es wird nur eine Fortentwicklung unter Beibehaltung der bestehenden Rahmenbedingungen angestrebt. Für den Status des Militärpfarrers und der anderen Mitarbeiter der Militärseelsorge werden keine Änderungen angestrebt. Das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr soll in seinem inhaltliche Bereich[99] an Strukturen der EKD angebunden werden. Des Weiteren sollen die Sonderhaushalte der Evangelischen Militärseelsorge, die sich vor allem aus dem Kirchensteueranteil der evangelischen Soldaten aufbauen, in das Kirchenamt der EKD eingegliedert werden. Dieses Modell ließ den Verbleib im bisherigen Militärseelsorgevertrag zu, lediglich das Kirchengesetz der EKD wäre zu ändern.

 

Modell B: Dieses Modell sieht eine Fortentwicklung mit Veränderung des bestehenden Militärseelsorgevertrages vor. Dabei ist zu beachten, da zur Änderung eines Vertrages zwei Seiten gehören. Auch die staatliche Seite muß bereit sein, eine solche Änderung mitzutragen. Im Artikel 27 des Militärseelsorgevertrages verpflichten sich beide Seiten, entstehende Meinungsverschiedenheiten auf freundschaftliche Weise zu beseitigen. Das bringt nach Meinung vieler Juristen die Schwierigkeit mit sich, das ein solcher Staat-Kirchen-Vertrag nicht einseitig aufzukündigen ist und bestenfalls im Konsensweg geändert werden kann. Dies bedarf eines entsprechenden Zeitkorridors. Im Einzelnen sieht Modell B vor, den bei vielen umstrittenen Bundesbeamtenstatus der Militärpfarrer in den Status von Seelsorgern an Soldaten als Pfarrer im unmittelbaren EKD-Dienst zu überführen. Dabei entstehen aber einige Probleme, die im Vorfeld gelöst werden müßten. So ist der völkerrechtliche Status des Pfarrers unklar. Auch der Zugang zu Sicherheitsbereichen und die notwendige Gehheimhaltung dienstlicher Geheimnisse der Bundeswehr müßte neu geklärt werden. Auch die Frage der Bezahlung dieser Pfarrer stellt sich. Des Weiteren ist nach Modell B eine Eingliederung des Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr in EKD-Strukturen vorgesehen. Gleiches gälte nach diesem Modell für die Sonderhaushalte der Militärseelsorge. Dabei ist damit zu rechnen, daß es in diesem Zusammenhang zu einer Veränderung der Finanzierung durch die Bundesrepublik kommen könne[100].

Auf jeden Fall würde die Einführung des Modells B eine einvernehmliche Änderung des Militärseelsorgevertrages sowie eine Änderung des Kirchengesetzes der EKD erfordern. Außerdem wäre zu bedenken, wie sich das Verhältnis zur Katholischen Kirche in Zukunft im Bereich der Militärseelsorge gestalten soll, da diese zur Zeit keine entsprechenden Änderungen anstrebt.

Zur Streitfrage des lebenskundlichen Unterrichts wird der Synode der EKD vorgeschlagen, diesen grundsätzlich als Arbeitsfeld der Seelsorge beizubehalten. Gerde dieser Unterricht kann Mittel sein, den Kontakt zu Soldaten zu befördern. Dabei ist auf die Freiwilligkeit der Teilnahme zu achten.

 

Modell C: Ein weiteres Modell wird von Vertretern verschiedener Gliedkirchen und kirchlicher Gruppen vorgeschlagen[101]. Dabei soll die Seelsorge an Soldaten innerhalb landeskirchlicher Strukturen organisiert werden. Lediglich das Kirchenamt soll mit koordinierender Funktion bei der EKD angesiedelt werden. Als Vorteil dieses Modells wird von den Befürwortern eine größere Nähe zur Gemeinde gesehen. Anstelle des Militärseelsorgevertrages soll ein Rahmenvertrag stehen, nachdem die Landeskirchen entsprechenden Mitarbeiter haupt- oder nebenamtlich mit der Seelsorge an Soldaten beauftragen. Dieser Dienst ist in synodale Strukturen der jeweiligen Landeskirchen einzubinden. Äußerst problematisch an diesem Modell erscheint mir die Bezogenheit auf die einzelnen Landeskirchen. Logische Folge dieses Modells wären zahlreiche Einzelmodelle, die unter Umständen miteinander konkurrieren. Für Soldaten ergäbe sich bei fast jeder Versetzung die Notwendigkeit, sich auf ein anderes Modell einzustellen. Dies wäre den Soldaten, denen die Seelsorge gelten soll, nur schwer vermittelbar. Bereits die Unterschiede zwischen der Praxis der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche stoßen am Standort Bad Frankenhausen auf großes Unverständnis und erhöhen eher Zugangsbarrieren bei konfessionslosen Soldaten[102].

 

Die Synode der EKD beschließt am 11.11.1993 in Osnabrück, die Modelle A und B in den Gliedkirchen zu diskutieren, um zu einer einvernehmlichen Regelungen zu gelangen[103].

Meines Wissens sind diese beiden Modelle auch am Standort Bad Frankenhausen diskutiert worden, wobei alle mir gegenüber gemachten Äußerungen von Soldaten und Offizieren Modell A befürworten[104]. Dabei wird aber immer wieder hervorgehoben, daß es aus Sicht der Soldaten nötig ist, endlich mit der Seelsorge zu beginnen, statt immer nur über Modelle zu reden.

Im Nachgang dieser Synodaltagung beschäftigen sich die Landeskirchen mit den beiden Modellen. Bereits vor der EKD-Synode hatte sich die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen eine Neuordnung der Militärseelsorge angeregt. Im Nachgang sagt Oberkirchenrat Krüger über den Beschluß der Thüringer Landeskirche: „Wir hoffen, daß der Militärseelsorgevertrag, so wie er jetzt besteht, nicht unverändert bleibt.“[105] Dabei hebt die Thüringer Synode die unbedingte Notwendigkeit eines Konsenses bei notwendigen Neuregelungen hervor und lehnt Alleingänge ab. Dazu ist allerdings ein längerer Zeitraum nötig.

Modell B favorisieren: die Evangelische Kirche im Rheinland, der Reformierte Bund, die Evangelisch-Reformierte Kirche, die Bremische Evangelische Kirche, die Evangelische Kirche in Brandenburg[106], die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens, die Evangelische Kirche der schlesischen Oberlausitz, die Pommersche Evangelische Kirche, die Lippische Landeskirche, die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsens, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche von Westfalen.

Modell A wird favorisiert von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Evangelischen Landeskirche in Baden, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg, der Evangelisch-Lutherischen Kirche Schaumburg-Lippe, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Braunschweig und der Evangelisch-Lutherischen Kirche Hannovers.

Die anderen Landeskirchen geben bis Herbst 1994 kein eindeutiges Votum für eines der beiden Modelle ab. Somit ist klar, daß der Weg zu einer einheitlichen Regelung erst noch gefunden werden muß. Deshalb soll auf der Tagung der Synode der EKD, die vom 6. bis 11.11. in Halle stattfindet, weiter nach einer Lösung gesucht werden.

In der Zwischenzeit melden sich auch Angehörige der Bundeswehr zu Wort. So gab es Eingaben von Bundeswehrangehörigen, die sich als evangelische Christen an die Kirchenleitungen und die Synoden wandten. Auch aus Bad Frankenhausen wurde ein Brief an den Landesbischof geschrieben, in dem die unterzeichnenden Soldaten eine bessere seelsorgerliche Betreuung verlangen.

Der Arbeitskreis „Sicherung des Friedens“ und die „Aktion pro Militärseelsorge“ wenden sich gegen Veränderungen am alten Militärseelsorgevertrag, bzw. sprechen sich für Modell A aus. Durch den Militärgeneraldekan Ottemeyer vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr wird in einem Brief gefordert[107], die evangelischen Soldaten an der Entscheidungsfindung zu beteiligen und sie nicht nur zu Objekten einer Diskussion um Militärseelsorge zu machen. Dies ist ein gewichtiges Argument, daß in der bisherigen Diskussion zu kurz gekommen ist.

 

6.4  DieThüringer Interimsregelung für die Militärseelsorge:

Da im Frühjahr 1994 noch keine abschließende Reglung im Rahmen der EKD absehbar war, befaßte sich die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche erneut mit dem Thema Militärseelsorge. Bei dieser Tagung wurden Regelungen für den Bereich der Thüringer Landeskirche getroffen. Dabei wurde auf die Vorläufigkeit dieser Regelungen bis zu einer endgültigen Klärung durch die EKD hingewiesen[108].

In diesem Beschluß wird betont, daß die Seelsorge an den Soldaten Aufgabe der Kirche ist. Dabei muß das Friedenszeugnis der Kirche eindeutig bleiben. Angesichts der weltweit zunehmenden Akzeptanz von Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen wird festgestellt: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“. Deshalb kann der Dienst der Kirche an Soldaten nicht der Ausbildung zum Soldaten dienen. Ziel der Seelsorge an Soldaten soll die Teilnahme am Leben in der Gemeinde sein, Soldaten sind sowohl Gemeindeglieder in Uniform, als auch Menschen, an die sich er missionarische Auftrag der Kirchen richtet.

Rein praktisch sollen in allen Kasernen Sprechzeiten eingerichtet werden. Dafür muß in entsprechender Raum zur Verfügung stehen, der sich in seiner Ausgestaltung von anderen Räumen der Kaserne unterscheidet und die Präsenz von Kirche in der Kaserne sichtbar machen soll. Gottesdienste als Versammlungen der Gemeinde finden grundsätzlich an den entsprechenden Orten wie Kirchen und Gemeindehäusern statt und stehen nur in Ausnahmefällen im Zusammenhang mit militärischen Ereignissen.

Besonderen Stellenwert in der seelsorgerlichen Arbeit mit Soldaten nehmen die Rüstzeitarbeit und das Angebot von Gesprächskreisen ein. Der lebenskundliche Unterricht hingegen wird in dieser Übergangsregelung in seiner bisherigen Gestalt nach der Dienstvorschrift 66/2 weitgehend abgelehnt, da er allein der Ausbildung der Soldaten dient. Kirchliche Mitarbeiter können zwar an diesem Unterricht teilnehmen - als Gäste und unverkennbar in ihrem Friedenszeugnis - aber die Verantwortung für diesen Unterricht wird an die Bundeswehr zurückübertragen.

Die Umsetzung dieser Interimsregelung wirft gerade am Standort bad Frankenhausen einige Probleme und Fragen auf. So sind die Mindestangebote von Seelsorge an Soldaten durch die andauernde Nichtbesetzung der Stelle des evangelischen Seelsorgers nicht gewährleistet. Es gibt nach wie vor keine festen Sprechstunden. Die Telefonnummer des vertretungsweise zuständigen Seelsorgers ist lediglich an einigen Wandzeitungen von Kompanien zu finden. Damit ist bestenfalls noch Krisenintervention möglich, aber keine reguläre Seelsorge an Soldaten, in welcher Form auch immer.

Auch hat sich die Forderung, daß sich die Räume der Seelsorge von anderen Räumen der Bundeswehr unterscheiden sollen, auf ungewollte Art verwirklicht. Zwei der drei Räume sind dauerhaft verschlossen, der dritte Raum wird in der Zwischenzeit von der Truppe als Abstellraum genutzt. Es gibt keine Möglichkeit, Broschüren und Einladungen auszulegen.

In dem einen Raum befindet sich lediglich ein Tisch und ein leerer Bundeswehrspind, im anderen Raum stehen eine Liege und mehrere nicht ausgeräumte Bücherkisten. Sollte doch einmal vertretungsweise jemand anwesend sein, so ist in diesem Umfeld nicht an seelsorgerliche Gespräche zu denken. Auch Gesprächskreise, Rüstzeiten und Unterricht können mangels Präsenz praktisch nicht angeboten werden.

Da ist die Situation der katholischen Militärseelsorge am Standort Bad Frankenhausen eine ganz andere. Die dortigen Räume sind während der Dienstzeit fast immer besetzt. Selbst bei einer lange währenden Vakanz gab es am Standort einen Pfarrhelfer als Ansprechpartner. Vor den Räumen liegen Broschüren und Einladungen aus und es gibt neben der Möglichkeit, den Seelsorger telefonisch zu erreichen, einen Briefkasten. Auch sind die Räume ansprechend ausgestattet und für seelsorgerliche Gespräche, aber auch das gemeinsame Gebet geeignet.

Die oben beschriebene Situation der evangelischen Seelsorge an Soldaten hingegen wird von diesen nicht verstanden und nicht akzeptiert. Die Ursache hierfür wird aber fast unisono in einer besonderen Distanz der Mitarbeiter der Thüringer Kirche und ihrer Kirchenleitung gegenüber der Bundeswehr und der Militärseelsorge gesehen. Als Begründung werden auch immer wieder die besonderen Regelungen zur Seelsorge an Soldaten und die Nichteinführung des Militärseelsorgevertrages angegeben.

 

6.5  Die EKD-Herbstsynode und ihre neuen Regelungen:

Für den Herbst 1994 wurde erneut eine Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland einberufen, die die Fragen nach der zukünftigen Ausgestaltung der Seelsorge im militärischen Bereich auf der Tagesordnung hatte. Ziel war es, eine möglichst einheitliche neue Regelung zu finden.

Doch bereits im Vorfeld kam es zu umfangreichen Diskussionen und gegenseitigen Vorwürfen der unterschiedlichen Lager. So äußerte Militärbischof Binder in einem epd- Interview[109] die Meinung, daß die Militärseelsorge ein nur wenig geliebtes Kind der Kirche ist und daß die Kirche Soldaten als Gemeindeglieder allein läßt. Eine der Ursachen sieht der Militärbischof in einem linken Flügel der Kirche, der Westbindung, Nato und Abschreckung, aber auch die freie Marktwirtschaft als solche ablehnt. Seiner Meinung nach ist der Streit um die Militärseelsorge nur ein „Stellvertreterkrieg“ um die eigentliche Frage einer Friedensethik.

Der Rat der EKD empfiehlt hingegen mit Mehrheit der Synode, ihn zu ermächtigen, mit der Bundesregierung Verhandlungen auf der Basis des Modells B mit dem Ziel seiner Einführung aufzunehmen[110]. Dabei wird angestrebt, die bisherigen Arbeitsmöglichkeiten der Militärseelsorge im Westen, wenn auch in neuen Strukturen, zu erhalten und die Seelsorge an Soldaten auf eine rechtliche verbindliche Grundlage zu stellen.

Auf ihrer Tagung beschloß dann die Synode ohne Gegenstimmen [111] eine Stellungnahme zum Beschlußvorschlag des Rates der EKD. Damit wird dem Rat der EKD das Mandat für Verhandlungen mit staatlichen Stellen erteilt, um notwendige Änderungen in den Regelungen für eine Seelsorge an Soldaten dahingehend zu erreichen, daß die 24 Gliedkirchen der EKD in Zukunft selbst wählen können, ob die in ihrem Bereich tätigen Militärseelsorger als Staatsbeamte auf Zeit oder als kirchliche Mitarbeiter tätig werden.

Somit wird zumindest in diesem strittigen Punkt Modell B als Option für alle Landeskirchen eröffnet und die Entscheidung an die betroffenen Landeskirchen delegiert. Damit blieb vordergründig die Einheit gewahrt, gab es doch durch dieses Optionsmodell eine einheitliche Regelung, auch wenn Inhalt dieser Regelung gerade die Nichteinheitlichkeit ist.

Des Weiteren wird der Rat gebeten, über notwendige Änderungen der Leitungsstruktur der evangelischen Seelsorge an Soldaten bzw. der Militärseelsorge nachzudenken und die Einführung von Änderungen im Sinne von Modell B zu prüfen.

Erstaunlich sind die Reaktionen auf diesen Beschluß. Ich habe den Eindruck, daß jede Strömung diesen Beschluß in ihrem Interesse interpretieren kann, daß aber die eigentlich Betroffenen, die Soldaten und Offiziere in der Bundeswehr, keine Klarheit über die kirchliche Position gewonnen haben, was zu weiterer Verunsicherung führen muß.

Militärbischof Löwe kommentiert den Beschluß der Synode mit den Worten: „In der Praxis der Militärseelsorge wird sich nichts ändern. Gar nichts.“[112] Hingegen hebt der Bonhoefferverein die Möglichkeit der teilweisen Einführung des Modells B in den westdeutschen Kirchen hervor und fordert auf, nun generell den Weg in Richtung auf rein kirchliche Dienstverhältnisse der Seelsorger zu ebnen.[113] Dazu legt der Verein einen eigenen Entwurf zur weiteren Gestaltung vor, der in dem Buch „Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen“, auf den Seiten 349 bis 367 abgedruckt ist.

 

6.6.  Die Rahmenvereinbarung über die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern

Im Ergebnis der EKD-Synode blieb die Thüringer Interimsregelung in Kraft. Die Seelsorge am Standort Bad Frankenhausen wurde nach dem altersbedingten Ausscheiden des damit beauftragten Superintendenten Bornschein aus dem kirchlichen Dienst durch den Pfarrer z.A. Bauer ehrenamtlich wahrgenommen. Dieser Seelsorger engagierte sich sehr im Bereich der Seelsorge an Soldaten und es gelang ihm, die Seelsorge im militärischen Bereich in die Ortsgemeinde einzubinden. Allerdings gab es auch Kritik von Mitgliedern der Ortsgemeinde, denen das zeitliche Engagement „ihres“ Pfarrers in der Seelsorge an Soldaten zu weit ging.

Hier ist ein generelles Problem der derzeitigen Regelungen erkennbar. Jeder mit evangelischer Seelsorge an Soldaten beauftragte Pfarrer ist gezwungen, seien Zeit und seine Kraft zwischen Ortsgemeinde und „Militärgemeinde“ zu teilen, was unweigerlich in der Praxis zu Problemen führen muß. So konnte Pfarrer Bauer zum Beispiel auf Grund seiner ortsgemeindlichen Verpflichtungen nicht am Einsatz der Frankenhäuser Soldaten beim Oderhochwasser teilnehmen, was von den Soldaten und Offizieren sehr bedauert wurde. Ähnliches galt und gilt bei mehrwöchigen Übungen, in deren Verlauf gerade die seelsorgerliche Begleitung gewünscht wird.

Nach vielen Verhandlungen zwischen dem dazu auf der Synode in Halle ermächtigten Rat der EKD und der Bundesregierung wurde am 8.3.1996 die Rahmenvereinbarung über die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern paraphiert und am 12. Juni desselben Jahres unterzeichnet[114]. Geschlossen wurde diese Rahmenvereinbarung in der beiderseitigen Erkenntnis, daß die ostdeutschen Landeskirchen zur Zeit nicht willens sind, den Militärseelsorgevertrag von 1957 zu übernehmen. Trotzdem soll der gesetzliche Anspruch der Soldaten auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung mit dieser Vereinbarung verwirklicht werden.

Wichtigster Punkt dieser Vereinbarung ist die Tatsache, dass in den östlichen Kirchen tätige hauptamtliche Seelsorger an Soldaten Kirchenbeamte der EKD sind und dem Militärbischof unterstehen. Anstelle des im Militärseelsorgevertrags vorgesehenen Wehrbereichsdekans wird ein „Bevollmächtigter für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern“ ernannt, der ebenfalls Kirchenbeamter ist.

Die EKD verpflichtet sich, solche Pfarrer einzusetzen, die die freiheitlich­-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes anerkennen. Dazu gehört nach diesem Vertrag auch die Achtung vor der Entscheidung der Soldaten zum Wehrdienst mit der Waffe. Die Aufgaben der Pfarrer entsprechen den Regelungen des Militärseelsorgevertrages und werden im Einzelnen durch eine Dienstanweisung des Militärbischofs beschrieben, wobei diese Dienstanweisung mit den Bundesminister für Verteidigung abzustimmen ist.

Die Eignung eines Bewerbers stellt der Militärbischof fest, wobei das Einvernehmen mit dem Bundesminister der Verteidigung herzustellen ist. Die Bezahlung erfolgt aus kirchlichen Mitteln, wobei die Personalkosten der EKD vom Bund erstattet werden. Außerdem werden die Kosten für personelle Unterstützung und zur Sicherstellung der materiellen Arbeitsbedingungen vom Staat übernommen[115].

Des weiteren wird vereinbart, daß die entsprechenden Pfarrer vor der Aufnahme ihrer Tätigkeit in der evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern sicherheitsmäßig mindestens nach Stufe 1 überprüft werden[116] Abschließend wird festgestellt, daß die Vereinbarung als Zwischenlösung betrachtet wird und befristet bis zum 31.12.2003 gültig ist.

Parallel zur Rahmenvereinbarung gab das Kirchenamt der EKD Erläuterungen dieser Vereinbarung heraus[117]. In diesen Erläuterungen wird unter Punkt 3.6. auch das Verfahren in Bezug auf die Kirchensteuern der evangelischen Soldaten in den neuen Bundesländern geregelt. Dabei werden die Kirchensteuern des angesprochenen Personenkreises, analog zur westlichen Regelung, durch den Sonderhaushalt Evangelische Militärseelsorge verwaltet und für den Bedarf der Seelsorge an Soldaten ausgegeben. Nicht verbrauchten Mittel werden an die beteiligten Gliedkirchen zurückgegeben.

Die Rahmenvereinbarung wird für die ostdeutschen Landeskirchen durch eine „Innerkirchliche Vereinbarung über die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Bundesländern“ ergänzt und von der Thüringer Landeskirche schließlich am 16. Dezember 1996 unterzeichnet und damit in Kraft gesetzt[118].

Damit war der Weg frei für eine geregelte Seelsorge an Soldaten am Standort Bad Frankenhausen. Allerdings bleibt bei genauer Untersuchung der Gesetzestexte verschwommen, wo der wirkliche substantielle Unterschied zum Militärseelsorgevertrag von 1957 liegt. Lediglich in dem Punkt, dass die ostdeutschen Seelsorger an Soldaten keine Bundesbeamten auf Zeit, sondern Kirchenbeamte sind, scheint ein gravierender Unterschied zu liegen. Trotzdem müssen auch die ostdeutschen Seelsorger auf den Boden des Grundgesetzes stehen und werden einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Alle anderen Punkte sind weitestgehend analog dem Militärseelsorgevertrag von 1957 geregelt.

 

7. Konkrete Auswirkungen des Konflikts um den Militärseelsorgevertrag auf den Standort Bad Frankenhausen:

Als nach der deutschen Einheit die ersten Offiziere der Bundeswehr an den Standort Bad Frankenhausen kamen, kannten sie aus ihrem bisherigen Dienst die evangelische Militärseelsorge nach dem Vertrag von 1957. Die meisten dieser Offiziere schätzten und schätzen diese Form der Seelsorge an Soldaten. Jedoch mußten sie schnell feststellen, daß diese Form der Seelsorge so nicht von den ostdeutschen Landeskirchen übernommen werden sollte.

Dies enttäuschte viele der Offiziere und sie fühlten sich in ihrem Selbstverständnis angegriffen. Dieser Vorgang wiederholt sich regelmäßig bei neu in die neuen Bundesländer versetzten Berufssoldaten und Offizieren und belastet deren Verhältnis zur evangelischen Kirche. Immer wieder wurde mir in Gesprächen Unverständnis gegenüber der Haltung der ostdeutschen Kirchen geäußert. Verstärkt wird dieses Unverständnis noch dadurch, daß die katholischen Kirche diese Probleme mit der Seelsorge nicht kennt.

Seitens der Bundeswehrangehörigen wird nach Ursachen gesucht. Häufig wird dabei ein Nachwirken der SED-Politik unter ostdeutschen Kirchenvertretern vermutet. Ähnliches behauptet ein Artikel von Udo Hahn mit dem Titel: „Zurück in die Nische[119]. In diesem Artikel wird behauptet, daß fünf Jahre nach der Wende der ostdeutsche Protestantismus noch weit von der inneren Einheit entfernt ist. Im Zusammenhang mit der Ablehnung des westdeutschen Modells der Militärseelsorge schreibt Udo Hahn: „ Statt pragmatisch zu entscheiden ..... wurde .... nicht selten ideologiebeladen diskutiert ...... Die Früchte aggressiver SED-Politik und atheistischer Propaganda dürfen im Nachhinein nicht als Gesundschrumpfungsprozeß verharmlost werden.“[120]

Eine andere Ursache sieht Professor Frederic Hartweg aus Straßburg. In einem Vortrag über die Evangelische Kirche in Ostdeutschland formuliert er: „Es stellt sich die Frage, ob in Ostkirchen nicht manchmal eine introvertierte, sektiererisch-oppositionelle Grundhaltung vorherrscht. .....Dazu gehört auch zuweilen ein gewisser DDR-Reflex der Distanz gegenüber dem nach wie vor als fremd empfundenen Bereich des Staates, der Macht.“[121]

Offiziere und Berufssoldaten aus den alten Bundesländern sehen sich als Demokraten, die in einer demokratisch legitimierten Armee Dienst für ihr Volk tun. In diesem Selbstverständnis fühlen sie sich schnell durch die zurückhaltende Haltung der ostdeutschen Kirchen gegenüber der Bundeswehr und der Militärseelsorge bestätigt.

Ich zitiere einige Aussagen[122]: „Was soll ich eigentlich hier? Für die Leute bin ich ein doofer Wessi und die Kirche macht da mit. Die erkennen mich ja nicht mal als richtigen Christen an.“ „Ich weiß nicht, was ich von der Kirche halten soll. Ich habe immer gedacht, ich bin ein guter Christ und hier tut die Kirche, als ob ich ständig Kinder umbringe.“ „Ich werde aus der Kirche austreten. Ihr akzeptiert mich ja doch nicht. Dabei bin ich auch für euch da. Aber ihr haltet euch für was Besseres und wir sollen die Dreckarbeit machen. So nicht mit mir.“ „ Ich habe immer geglaubt, Jesus und seine Kirche ist für Menschen da, die in besonderen Situationen sind. Aber hier ist das anders. Sicher, der alte Superintendent kam immer mal in die Kaserne. Aber die anderen Pfarrer wollten nichts von uns wissen. Und den Pfarrer Bauer, der hat Zeit gehabt für uns, den hat man weggeschickt, weil er zu viel für uns da war. Wir sind der Kirche hier doch egal.“ „Die Thüringer Kirche ist besonders gegen uns, sonst hätte sich längst ein Militärpfarrer gefunden. Na ja, ich sehe das so, da will keiner, weil Soldaten eben keine richtigen Christen für diese Kirche sind.“

Dies sind nur einige Äußerungen, die den Grad der Verbitterung ahnen lassen. Es ist der Thüringer Landeskirche und ihren Vertretern offensichtlich nicht gelungen, ihre Sicht der Dinge und ihr Anliegen, den Militärseelsorgevertrag neu zu gestalten, diesen Soldaten zu vermitteln.

Ebenso werden die Vorbehalte gegen den lebenskundlichen Unterricht von diesem Personenkreis nicht verstanden. Auch hierzu einige Äußerungen: „Was soll das, da sind junge Leute, die haben noch nie etwas von Jesus gehört. Und hier ist die Chance, davon etwas zu erzählen. Und die Kirche will nicht.“ „ Gilt für die Thüringer Kirche der Missionsbefehl nicht mehr. Hier ist doch die Chance. Die letzte Möglichkeit für lange Zeit. Wenn nicht beim Bund, wann dann? Die haben doch nie wieder mit der Kirche zu tun.“ „Wie sehr mißtraut eure Kirche uns? Warum wollt ihr nicht? Hier ist doch eine Aufgabe! Mission, das ist doch die Aufgabe, die Jesus uns allen gegeben hat! Und die Pfarrer wollen nicht. Wie sehr hassen die uns Soldaten denn?“

Diese Äußerungen, die voller Frust sind, zeigen die großen Kommunikationsdefizite zwischen der Kirche und den Soldaten. Viele der Vorwürfe verrieten das Bedürfnis, Unverständnis und auch Wut einmal zu artikulieren. Oft folgten dann gute und intensive Gespräche.

Viele evangelischen Berufssoldaten und Offizieren kennen aus den alten Bundesländern die Militärseelsorge als selbstverständlichen und liebgewonnenen Bestandteil des Dienstes in der Bundeswehr. Diesen Bestandteil vermissen sie in Bad Frankenhausen. Durch die anhaltende Diskussion um die richtige Form der Seelsorge und die seit 1997 nicht erfolgte Besetzung der eingerichteten Stelle für einen evangelischen Seelsorger wird oftmals dieser subjektive Eindruck verstärkt. Daran ändert auch das ehrenamtliche Engagement von Pfarrern wenig. Zwar wird dieses Engagement wahrgenommen und durchaus gewürdigt, aber es reicht den Betroffenen eben nicht.

Ganz anders stellt sich meines Erachtens die Situation bei den in Bad Frankenhausen tätigen Wehrpflichtigen da. Die meisten dieser Wehrpflichtigen stammen aus den neuen Bundesländern und sind zum großen Teil konfessionslos. Sie hatten bisher keinen oder kaum Kontakt zur Kirche und vermissen solchen Kontakt auch nicht. Trotzdem wird von erstaunlich vielen die Seelsorge an Soldaten begrüßt und - wenn möglich - auch bei Problemen wahrgenommen. Ich war während meines Praktikums erstaunt, wie häufig ich um seelsorgerliche Gespräche gebeten wurde.

Allerdings gibt es auch die Meinung, es ist egal, wer das macht. Wichtig ist nur, dass jemand da ist, der zuhört und helfen kann. Ob das nun ein Pfarrer oder ein Sozialarbeiter ist, ist vielen egal.[123] Trotzdem würde die Mehrheit die Anwesenheit eines Seelsorgers am Standort begrüßen.

Dafür gibt es ganz praktische Gründe. Immerhin haben die Soldaten einige Rechte im Bezug auf die Militärseelsorge. So besteht ungehinderter Zugang zu den Seelsorgern. Auch dann, wenn jemand als Disziplinarstrafe in den Arrest muß, kann er mit einem kirchlichen Seelsorger sprechen. Leider können die Soldaten in Bad Frankenhausen nur eingeschränkt von diesen Rechten Gebrauch machen. Durch die Nichtbesetzung der Stelle des evangelischen Seelsorgers müßte erst der „Vakanzvertreter“ aus Gera kommen.

 Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die innerkirchlichen Probleme mit der Militärseelsorge für viele Soldaten so nicht nachvollziehbar sind. Die Diskussion um den Militärseelsorgevertrag ist inhaltlich unklar und bewirkt Vorurteile und Enttäuschungen über den Weg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen in diesem Zusammenhang.

 

8. Die heutige seelsorgerliche Situation am Standort Bad Frankenhausen:

Die derzeitige Situation ist vor allem gekennzeichnet durch die Nichtbesetzung der Stelle des evangelischen Seelsorgers an Soldaten. Nach Auskunft von Herrn Krätschell, dem Bevollmächtigten für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr in den neuen Ländern, wurde diese Stelle zum 1.1.1997 geschaffen. Seit dem gab es mehrere Versuche, diese Stelle zu besetzen, die aber alle gescheitert sind.

Die Ursachen hierfür liegen vor allem in der extrem niedrigen Zahl von Interessenten. Dies ist den Angehörigen der Bundeswehr am Standort Bad Frankenhausen nicht mehr zu vermitteln. Vielmehr vermuten diese, daß die Ursachen für die Nichtbesetzung in einer reservierten Haltung sowohl der Thüringer Pfarrerschaft wie auch der Kirchenleitung gegenüber der Bundeswehr und der Seelsorge an Soldaten liegen. Diese - zum Teil auch verbal geäußerte Vermutung - trägt nicht unwesentlich zu der oben beschriebenen Verbitterung bei und ist geeignet, das Ansehen der Thüringer Landeskirche unter den Bundeswehrangehörigen am Standort Bad Frankenhausen dauerhaft zu schädigen.

Auch aus Sicht der Wehrpflichtigen ist die Besetzung der Stelle dringend nötig. Diese haben ein Recht auf seelsorgerlichen Beistand in ihrer besonderen und nicht immer einfachen Lebenslage. Wirksamer Beistand ist aber nur möglich, bei einer einigermaßen Erreichbarkeit des Seelsorgers.

Hier wird Seelsorge gewünscht, aber aus der Sicht der Betroffenen von der Kirche verweigert. Dies ist weder theologisch noch sachlich begründbar. In der Seelsorge an Soldaten besteht für die Wehrdienstleistenden zeitlich gesehen oft die letzte Chance mit Kirche und somit mit der frohen Botschaft Jesu Christi in Berührung zu kommen. Wo sonst kommt Kirche noch so leicht an junge Menschen heran, wo sonst sind so gute Vorraussetzungen der Verkündigung des Evangeliums unter zum einem Großteil kirchenfernen jungen Menschen gegeben? Ziel kann und darf aber nicht die vordergründige Steigerung der Mitgliederzahlen sein, es geht vielmehr um echte Mission gemäß des Auftrages unseres Herrn.

Eine bessere Einbeziehung in das Gemeindeleben der Ortsgemeinde der Stadt Bad Frankenhausen[124] wäre leichter möglich durch persönliches Engagement. Dazu wäre aber die Besetzung der Stelle und damit das Vorhandensein eines Ansprechpartners und Koordinators Vorraussetzung. Es gibt durchaus seitens der Soldaten das Bedürfnis, sich in das Leben der Ortsgemeinde einzubringen. Dazu bedarf es aber einer kontinuierlichen und koordinierenden Tätigkeit auf beiden Seiten. Nur so kann es gelingen, Hürden abzubauen und gegenseitige Vorurteile zu überwinden.

Dabei muß bei allen Hoffnungen aber die besondere Situation der Soldaten im Blick bleiben. Diese sind in ihrer Mehrzahl gerade am Wochenende nicht in Bad Frankenhausen und können somit kaum am sonntäglichen Gottesdienst und damit am wöchentlichen Höhepunkt des Gemeindelebens teilnehmen. Aber zahlreiche andere Aktivitäten sind vorstellbar[125]. Viele der aus dem Westen Deutschlands stammenden Soldaten sind ein reges Gemeindeleben gewöhnt und wären sicher auch bereit und in der Lage, neue Impulse und Ideen in die Ortsgemeinde Bad Frankenhausen einzubringen.

Hier ist Optimismus angebracht, zumal die katholische Gemeinde, in ähnlicher Situation, durch ihre Erfahrungen diesen Optimismus nur bestärkt. Es werden sicher immer Probleme bleiben, aber manchmal ist es nötig, Probleme auszuhalten und im geschwisterlichen Zusammenhalt mit ihnen zu leben.

An einen Seelsorger für den Standort Bad Frankenhausen werden sicher hohe Ansprüche zu stellen sein. So gehört zu seinem Dienstbereich außer zwei Dorfgemeinden noch der Bundeswehrstandort Sondershausen. Hier sind sicher große Fähigkeiten der Koordination und Ressourcen-Einteilung gefragt.

Allerdings sollte unter diesem Aspekt die Konzeption der Seelsorgerstelle in Bad Frankenhausen neu bedacht werden. Zur Zeit handelt es sich um eine 50-Prozent-Stelle, die aber gekoppelt ist mit einer 50-Prozent-Gemeinde­pfarrstelle. Damit soll eine nähere Anbindung an das Gemeindeleben gewährleistet werden und gleichzeitig einer Verselbständigung der Seelsorge im militärischen Bereich gewehrt werden.

Dabei sollte aber für die Zukunft bedacht werden, daß es bei einer solchen Konstruktion neue Schwierigkeiten geben kann. Auch in Zukunft wird die Bundeswehr Auslandseinsätze tätigen müssen. Für die Zeit dieser Einsätze ist es aber der zivilen Ortsgemeinde nicht zuzumuten, auf „ihren“ Pfarrer zu verzichten. Somit sind Unklarheiten und Reibereien zwischen den beiden Einsatzbereichen des Pfarrers vorprogrammiert. Wäre es nicht besser, einen Pfarrer ganz für die Seelsorge an Soldaten freizustellen, auch wenn dann ein größerer Bereich zu versorgen wäre? Vor einer Verselbstständigung könnte eine zeitliche Begrenzung dieser Tätigkeit und die Einbeziehung des Seelsorgers an Soldaten in ortskirchliche Strukturen[126] schützen helfen.

Auch könnte die Seelsorge am Seelsorger- ein oft vernachlässigter Gesichtspunkt - ausdrücklich und institutionalisiert durch eine Seelsorger aus dem zivilen Berech übernommen werden. Trotzdem wird es immer von den konkreten Menschen und nicht von Regeln abhängen, welcher Weg beschritten wird. Wichtig ist nur, dass der Weg beschritten wird.

Am Beispiel des Standortes Bad Frankenhausen zeigt sich auch ein weiteres Problem der Konzeption „Seelsorge an Soldaten“, statt Militärseelsorge nach dem Vertrag von 1957. Wichtigstes substantielles Unterscheidungsmerkmal der Rahmenvereinbarung von 1996 ist, daß der Seelsorger nicht mehr Bundesbeamter auf Zeit, sondern Kirchenbeamter ist. So sehr dies konzeptionell verständlich und im Hinblick auf mögliche Gefahren und Vorurteile gegenüber dem Status des Bundesbeamten zu begrüßen ist, werden hier eine Reihe neuer Probleme geschaffen, die auch den Standort Bad Frankenhausen bei einer Besetzung der Stelle betreffen würden.

Hauptproblem ist meines Erachtens die klare Regelung der Stellung des Militärpfarrers als Bundesbeamter auf Zeit und die bei weitem nicht so klaren Regelungen der Rechte von Kirchenbeamten, die im staatlichen Umfeld Dienst tun. Militärpfarrer, die Bundesbeamte sind[127] haben ohne weiteres Zugang zu Sicherheitsbereichen. Dies muß für Kirchenbeamte jeweils im Einzelfall geregelt werden.

Außerdem genießen Militärpfarrer völkerrechtlichen Schutz [128]. Dieser Schutz ist für Kirchenbeamte in der Seelsorge an Soldaten völkerrechtlich nicht klar geregelt. Dieser Umstand erfordert dringend eine internationale und völkerrechtlich bindende Klärung. Einseitige Erklärungen der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Frage reichen meiner Meinung nach nicht aus.

Auch stellt sich die Frage, ob eine Ablehnung des Status als Bundesbeamter nicht generell die Frage aufwirft, ob Christen in der Lage sind, als Staatsbeamte zu dienen. Sind „normale“ Beamte in ihrem Christsein nicht denselben Gefahren und Anfechtungen ausgesetzt, wie ein Militärpfarrer? Den „normalen“ Beamten wird ein verantwortlicher Umgang als Christ mit solchen Problemen zugestanden, dem Militärpfarrer nicht.

 Gerade vor dem Hintergrund einer immer multipolareren Welt stellen sich manche Fragen neu. Auch am Standort bad Frankenhausen sind sogenannte „Krisenreaktionskräfte“ stationiert. Werden diese Soldaten im Ausland eingesetzt, was passiert dann mit ihnen aus seelsorgerlicher Sicht. Gibt es am Einsatzort für sie Militärseelsorge oder Seelsorge an Soldaten oder gar keine Seelsorge, weil kein Seelsorger an Soldaten greifbar ist?

Die Bundeswehr hebt im Auslandseinsatz zum Beispiel die geldlichen Unterschiede zwischen Soldaten aus Ost und West auf. Alle bekommen 100 Prozent. Erst nach ihrer Rückkehr an die Standorte wird wieder nach dortigem Tarif gezahlt. Viele ostdeutsche Soldaten fühlen sich deshalb als Soldaten zweiter Klasse.

Analog wird zum Teil auch kirchliches Handeln gesehen. Im Auslandseinsatz gilt rein praktisch allen die Seelsorge der dortigen Seelsorger. Unter diesen Bedingungen kann und darf es keine spürbaren Unterschiede mehr geben. Bei einer Rückkehr aus ihrem Einsatz werden die evangelischen Soldaten aber wieder unterteilt in diejenigen, die Militärseelsorge erhalten und diejenigen, die Seelsorge an Soldaten erhalten. Dabei wird in der Regel das ostdeutsche Modell als verdeckte Zurücksetzung der Soldaten durch die Kirche gesehen, gerade auch am Standort Bad Frankenhausen.

Die Kirchen und auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen muß dringend die friedensethische Diskussion weiterführen. Dabei sollte über alles und mit jedem geredet werden. Wir sind in Christus ein Leib, ein Leib mit vielen Gliedern.

Sicher bleibt es dabei: „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“. Obwohl es keine gerechten Kriege gibt, erscheint es in den letzten Jahren häufiger so, daß es doch gerechtfertigte Kriege geben könnte. Schuldig werden gibt es nicht nur im Tun, ein Schuldigwerden gibt es auch im Unterlassen.

Schreckliches Beispiel hierfür sind die Ereignisse in der bosnischen Stadt Srebrenica. Die dortigen UN- Soldaten weigerten sich, gegen die serbische Armee zu kämpfen. Kampflos fiel diese Stadt in serbische Hände. Die UN-Soldaten haben streng nach ihren Vorschriften gehandelt, nur hat dieses Handeln Tausenden das Leben gekostet. Auch wer dabeisteht und zusieht, kann schuldig werden. Ebensolches gilt für den Kosovo.

Helfen kann vielleicht eine Besinnung auf Luthers Lehre von den „Zwei Reichen“, die es bis zur Vollendung des Reiches Gottes hier auf Erden noch gibt. Bis zu dieser Vollendung müssen wir in dem Dilemma leben, schuldig zu werden durch Tun oder durch Unterlassen.

Wir alle sind Sünder, wir alle sind schuldig. Wir sollen dem anderen nicht seine Schuld vorhalten, sondern als Brüder und Schwestern miteinander leben, gerechtfertigt durch den Glauben und in der Gewißheit der Vergebung der Sünden durch Jesu Opfertod am Kreuz.

 

9. Abschließende Thesen

1. Krieg darf nach Gottes willen nicht sein.

Schon das Gebot „Du sollst nicht töten“ zeigt, daß Kriege kein Mittel christlichen Tuns sein können. Trotzdem kann es Situationen geben, wo ohne einen Krieg auch Menschen getötet werden. Hier muß jeder Christ nach seinem Gewissen entscheiden. Dazu bedarf es vielfältigster Gesprächsmöglichkeiten und des seelsorgerlichen Beistands. Hilfreich dazu ist das gemeinsame Gebet - auch von Christen, die diese Entscheidung für sich unterschiedlich treffen.

 

2. Seelsorge an Soldaten ist für die Kirche unabdingbar und unaufgebbar.

Immer dort, wo Menschen auf Begleitung und Seelsorge warten, kann und darf sich Kirche dem nicht entziehen. Auch der Missionsbefehl läßt ein solches

Sichentziehen nicht zu. Gehet hin in alle Welt! Und nicht nur zu denen, bei denen ihr es für richtig erachtet.

 

3. Der Begriff „Seelsorge an Soldaten“ ist dem Begriff „Militärseelsorge“ vorzuziehen.

Seelsorge an Soldaten benennt die Subjekte der Seelsorge in ihrer besonderen Situation. Er beschreibt deshalb besser die Aufgaben dieser Seelsorge, als der Begriff Militärseelsorge. Nicht dem Militär gilt seelsorgerliches Handeln, sondern dem einzelnen Soldaten in seiner konkreten Situation.

 

4. Es ist zu prüfen, ob die substantiellen Unterschiede zwischen Militärseelsorgevertrag und Rahmenvereinbarung wirklich so groß sind, daß sie eine unterschiedliche Handhabung der Seelsorge in beiden Teilen des vereinten Deutschlands rechtfertigen.

Einen entscheidenden Unterschied gibt es lediglich im Status des Pfarrers als Staats- oder Kirchenbeamter. Für radikale Gegner der Kirchen und ihrer Seelsorge spielt dies keine Rolle, die Angriffe bleiben dieselben [129]. Auch bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, diesen Unterschied beizubehalten, bei der großen Anzahl der damit verbundenen Probleme.

 

5. Es sollte bedacht werden, daß der Wunsch, Änderungen am Militärseelsorgevertrag vorzunehmen, zu dessen ersatzloser Abschaffung führen kann.

So fordern die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 1998 den völligen Übergang dieser Form der Seelsorge in den kirchlichen Bereich.

 

6. Die Besetzung der Stelle eines Evangelischen Seelsorgers für Soldaten in Bad Frankenhausen ist dringend erforderlich.

Nur durch die Besetzung kann Seelsorge nach den Intentionen der Rahmenvereinbarung erfolgen. Auch ist es ein Gebot christlicher Nächstenliebe, die nach Seelsorge fragenden nicht allein zu lassen. Außerdem haben die Soldaten einen staatlich garantierten Anspruch auf Seelsorge, der ihnen nicht von der Kirche verweigert werden kann.

 

7. Es ist nötig, durch Informationen und Begegnungen das Bild dieser Art der Seelsorge im Bereich der Thüringer Landeskirche zu schärfen.

Wichtig sind Informationen und Gespräche aller Beteiligten unter Hinzuziehung von Soldaten der Bundeswehr. Diese sind meines Erachtens nach die Hauptbeteiligten. An sie richtet sich diese Form der Seelsorge. Ziel sollte nicht sein, den anderen von seiner Meinung zu überzeugen, sondern einander kennenzulernen. Eine Vorstellung der verschiedenen Sonderseelsorgebereiche (Militär, Polizei, Notfälle, Strafvollzug) im Rahmen der Vikarsausbildung wäre ebenfalls hilfreich.

 

8. Im Zusammenhang mit der Frage der Militärseelsorge sollte klar sein: Es kann nie einheitliche Meinungen dazu geben. Trotzdem sollte versucht werden, eine einheitliche Regelung in Deutschland zu schaffen.

Dies könnte Vorurteile und Vorwürfe hinsichtlich einer auch in den Kirchen andauernden Spaltung Deutschlands entkräften helfen. Auch wäre ein gemeinsames Vorgehen mit der katholischen Kirche ratsam, da viele Aktivitäten in diesem speziellen Seelsorgebereich ökumenisch passieren. Unterschiedliche Auffassungen der beiden Kirchen hingegen sind in dieser Frage äußerst schwer vermittelbar.

 

 

Trauer

Die Begegnung mit dem Tod macht die meisten Menschen hilflos. Was soll man auch sagen, wenn der Mann der Nachbarin stirbt? Wie sich verhalten, wenn die beste Freundin ihr Kind verliert? Ein leise gemurmeltes „Mein herzliches Beileid“ oder „Meine aufrichtige Anteilnahme“ kaschiert häufig, daß einem die richtigen Worte fehlen, das Mitgefühl über einen Trauerfall auszudrücken. Auch Umschreibungen wie „Nun ist er also von uns gegangen“ verschleiern mehr die eigene Angst davor, den Tod eines Menschen direkt zu thematisieren, als daß sie Trost für die hinterbliebenen Angehörigen wären.

 

Den Schmerz nicht relativieren

Trauer auf diese Weise zu äußern wirkt daher schnell anonym oder allgemein. Persönlicher ist es, mit eigenen Worten zu kondolieren. Dabei kommt es nicht darauf auf, druckreif zu sprechen oder zu schreiben, sondern Gefühle mitzuteilen: „Ich bin fassungslos“, „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“. Martin Möllmann, Diplom-Religionspädagoge und Trauerbegleiter aus Paderborn, rät: „Zeigen Sie, was Sie spüren: Tränen, Hilflosigkeit, Enttäuschung ..“. Auch Gesten wie ein Händedruck oder eine Umarmung symbolisieren, daß man sich in die Stimmungslage des Hinterbliebenen hineinversetzen kann.

 „Was man vermeiden sollte, ist, die Trauer wegzutrösten“, sagt Karina Kopp-Breinlinger vom Münchner Institut für Trauerpädagogik. Vermeintliche Trostworte wie „Das wird schon wieder“ oder „Du bist ja noch jung, du findest bestimmt einen neuen Mann“ resultieren aus der eigenen Hilflosigkeit und der Unfähigkeit, den Verlust anzunehmen. Sie zeigen dem Trauernden, daß man ihn und sein Leid nicht ernst nimmt.

„Die Trauer braucht Raum. Der Schmerz der Hinterbliebenen darf deshalb nicht relativiert werden“, sagt Kopp-Breinlinger, die Menschen in Gruppen- oder Einzelsitzungen in ihrem Trauerprozeß unterstützt.

 

Freunde und Bekannte verzichten deshalb besser auf „gute“ Ratschläge, die darauf zielen, von dem Schmerz abzulenken. Der Trauernde hat etwas Kostbares verloren und ein Recht auf seine Tränen.

Stattdessen empfiehlt Kopp-Breinlinger, gleich nach der Todesnachricht mit den Hinterbliebenen Kontakt aufzunehmen und anzubieten, daß diese sich jederzeit melden können, wenn sie Unterstützung brauchen. „Am besten ist es, zu fragen, ob ich etwas für den anderen tun kann.“ Möllmann bestätigt: „Seien Sie einfach da, und halten Sie die Situation aus“ Wichtig ist es, konkrete Hilfe anzubieten - zum Beispiel bei der Organisation der Beerdigung, der Gestaltung der Trauerfeier oder dem Verfassen der Todesanzeige. Fragen Sie nach, welcher Ablauf für die Trauerzeremonie gewünscht wird. Ist geplant, eine Abschiedsbotschaft zu verlesen? Soll eine bestimmte Musik gespielt oder ein spezielles Ritual gepflegt werden?

 

Alltags-Aufgaben abnehmen

Nach der Beerdigung beginnt für die Trauernden oft die schwerste Zeit. Freunde und Bekannte kehren in ihren gewohnten Alltag zurück. Die Hinterbliebenen aber suchen eine neue Rolle in ihrem Leben, eine neue Identität. Die Ehefrau ist nun Witwe, das Kind Waise.

Unterstützung von außen - auch bei ganz einfachen Dingen - bleibt in dieser Phase der Neuorientierung besonders wichtig. „Viele Menschen vergessen in der Trauer zum Beispiel, für sich selbst zu sorgen“, sagt Kopp-Breinlinger. Notwendige Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Putzen oder Behördengänge geraten aus ihrem Blickfeld. Hinterbliebene sind dankbar, wenn ihnen jemand abnimmt, das Auto abzumelden, oder sie beim Gang zum Notar begleitet. Manche schlafen monatelang schlecht, leiden unter Eßstörungen und Atemproblemen. „Auch der Körper trauert“, sagt die Expertin. Und weil die Konzentration schwerfällt, sind bislang selbstverständliche Fähigkeiten oft wie ausgelöscht. Manche Trauernde haben plötzlich Angst vor dem Autofahren, andere schaffen es nicht, sich selbst eine Zugverbindung herauszusuchen.

 

Erinnerungen wachhalten

Noch Wochen oder Monate nach dem Todesfall bestimmt das schlimme Ereignis den Alltag. Deshalb sollten Freunde und Bekannte der Hinterbliebenen nicht zur Tagesordnung übergehen und den Verlust ausklammern. Daß auch ihre Erinnerung an den Verstorbenen wach bleibt, zeigen sie, indem sie an gemeinsame Erlebnisse erinnern, Geburts- und Gedenktage würdigen sowie Vorlieben und Charaktereigenschaften erwähnen: „Das hätte deinem Mann sicher auch gefallen.“ Man sollte weiterhin über den Verstorbenen sprechen, betont Kopp-Breinlinger.

 

Zwischen Sorge und Akzeptanz

Zieht der Trauernde sich lange Zeit völlig zurück, können Freunde und Bekannte ihn dezent auf Hilfsangebote von außen hinweisen. Ein guter Einstieg in ein solches Gespräch sind wiederum die eigenen Gefühle, etwa „Ich habe Angst um dich“ oder „Ich mache mir Sorgen“. So helfen zum Beispiel Trauerbegleiter in kirchlichen, sozialen oder privaten Einrichtungen dabei, Verlusterfahrungen zu verarbeiten. In vielen Städten gibt es Trauercafés, die den Austausch mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen ermöglichen. „Bei Selbstmordgedanken sollte man aktiver agieren und den Trauernden zu einem Termin beim Psychologen oder Psychotherapeuten anregen“, sagt Möllmann.

Beim Umgang mit Trauernden ist viel Fingerspitzengefühl notwendig: Einerseits möchte man sie von dem Verlust ablenken, andererseits ist es wichtig, ihnen eine Auszeit zuzugestehen und es zu respektieren, daß sie sich für Wochen oder Monate aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen.

Der Spruch, daß geteiltes Leid halbes Leid sei, stimmt eben nicht immer. Kopp-Breinlinger: „Man kann den Trauernden den Verlust nicht abnehmen, sondern nur ein Stück Weg mit ihnen gehen.“

 

Umgang mit Trauernden

- Reden. Gehen Sie nicht schweigend über den Verlust eines Trauernden hinweg, sondern sprechen Sie darüber. Falls Ihnen die Worte fehlen: Thematisieren Sie Ihre eigene Hilflosigkeit.

- „Gute“ Ratschläge unterlassen. Bieten Sie stattdessen lieber konkrete Hilfe an: einkaufen, Behördengänge erledigen, sich um Blumenschmuck für die Beerdigung oder um die Trauerkarten kümmern, bei der Gestaltung des Grabs mitwirken.

- Da sein. Zeigen Sie dem Hinterbliebenen, daß Sie für ihn da sind.

 

 

[1] Bettina Walter: Militärseelsorge gestern und heute, Seite 8

[2] ebenda

[3] allgemein als Troß bezeichnet und sowohl Angehörige als auch Dienstleister umfassend

[4] vgl. WA 11, S.245ff. „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr gehorsam schuldig sei“; auch: CA 28

[5] CA 16

[6] Apostelgeschichte 5,29

[7] vgl.: Scheel in: Ein Kriegsmann und guter Christ . . .; Hrsg.: Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr; 1990, Heft 1

[8] die sogenannten Kriegsartikel, vgl. Scheel, ebenda

[9] vgl. TRE, Band 22, Artikel Militärseelsorge; Seite 747ff.

[10] den Divisionspfarrern

[11] nach Meyers Lexikon, 8. Auflage von 1939, Artikel Militärseelsorge im siebten Band: 7,5% aller evangelischen Pfarrer und 1441 katholische Geistliche taten Dienst als außeretatmäßige Feldgeistliche

[12] vgl. Arnold Vogt, in: Ein Kriegsmann und guter Christ . . .; Hrsg.: Evangelisches Kirchenamt für die Bundeswehr; 1990, Heft 1

[13] Der Versailler Vertrag verbot militärische Betätigung fast völlig. Ob es in der sogenannten „Schwarzen Reichswehr“ Militärgeistliche gab, darüber konnten keine Belege gefunden werden.

[14] In einem Gespräch mit Professor Friemel - katholischer Militärseelsorger im Nebenamt am Standort Erfurt - wurde eben dies von ihm bestritten. Nach seiner Erkenntnis wurden Menschen gesegnet, die allerdings Waffen getragen bzw. dabei hatten. Aber eine explizite Waffensegnung ist ihm nicht bekannt. Trotzdem ist m.E. bei der bekannten nationalen Gesinnung vieler Militärgeistlicher mit allem zu rechnen.

[15] Diese Tendenz setzt sich bis heute fort. An geeigneter Stelle wird darauf zurückgekommen.

[16] Laut TRE, a.a.O., gelang es nicht völlig, die BK aus der Militärseelsorge herauszuhalten

[17] TRE, Band 22, Artikel Militärseelsorge; Seite 748, Zeile 46ff.

 

[18] Von irgendwelcher Neutralität kann in diesem Zusammenhang natürlich keine Rede sein. Der NS-Führungsoffizier war verantwortlich und zuständig für die Umsetzung der nationalsozialistischen Ideologie in der Wehrmacht und sollte im Krieg vor allem den Durchhaltewillen stärken und kontrollieren.

[19] Zitiert nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 8

[20] „Daran sieht man doch, was die Kirche für ein Verein ist.“(E.K., Bad Frankenhausen); „Die Kirche hat den Nazis geholfen, daß die Soldaten bei den Verbrechen mitgemacht haben“(L.M., Bad Frankenhausen); „Es ist heute wie damals - die Kirche macht die Soldaten wieder fit für den Krieg.“(K.S., Bad Frankenhausen)

[21] Der Autor dieser Arbeit erinnert sich hier an viele „Gespräche“, die er gezwungenermaßen mit dem Wehrkreiskommando Schmalkalden in den achtziger Jahren führen mußte. Auch heute noch gibt es diese Vorwürfe und Angriffe von mir persönlich bekannten ehemaligen Funktionsträgern der DDR.

[22] Vertragstext: siehe „Dokumentation zur Katholischen und Evangelischen Militärseelsorge“; hrsg. vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr und Katholischem Militärbischofsamt Bonn 1989, Seite 29ff.

[23] Dieser Ausdruck stammt von Bischof Hermann Kunst, der zum ersten Militärbischof wurde. (nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 11

[24] Ein Beispiel aus dem Sektenbereich: Unter der Internetadresse der Scientology findet man des Artikel: „Ein Nazivertrag rettet sich über die Zeit“. Darin wird die katholische Kirche auf das übelste beschimpft und die im Reichskonkordat beschlossenen und im Wesentlichen bis heute geltenden Regeln zur Militärseelsorge als besonders verwerflich hingestellt. Genauer Fundort: http://www.freedommag.org/german/rasputin/page 28b.htm - 4.12.99 – 23.25 Uhr

[25] nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 11

[26] Neue Zeit vom 9. März 1957

[27]epd-Dokumentation, Band 1: Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, Witten, Frankfurt/M., Berlin 1970, Seite 47

[28] vgl. Heinrich Grüber, Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, Köln 1968, Seite 385f.

[29] nach: Armin Boyens: Staatssekretariat für Kirchenfragen und Militärseelsorgevertrag; in: Kirche unter Soldaten, 1/93; Seite 82

[30] nach: Armin Boyens: Staatssekretariat für Kirchenfragen und Militärseelsorgevertrag; in: Kirche unter Soldaten, 1/93, Seite 82

[30] nach: Armin Boyens: Staatssekretariat für Kirchenfragen und Militärseelsorgevertrag; in: Kirche unter Soldaten; 1/93, Seite 91

 

[31] nach: Armin Boyens: Staatssekretariat für Kirchenfragen und Militärseelsorgevertrag; in: Kirche unter Soldaten; 1/93, Seite 92

[32] H. Grüber Heinrich Grüber, Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, Köln 1968, Seite 375

[33] Weiteres zu diesem Thema unter: Armin Boyens: Staatssekretariat für Kirchenfragen und Militärseelsorgevertrag, in: Kirche unter Soldaten, 1/93,

[34] zitiert nach der Homepage der Bundeswehr unter:http://www.bundeswehr.de/bundeswehr/bwintern/seelsorge.html vom 4.12. 1999

[35] Dies wurde mir in zahlreichen Gesprächen versichert.

[36] Ausführliches zum verfassungsrechtlichen Hintergrund: Erwin Fischer: Die Verfassungsrechtlichen Grundlagen der Militärseelsorge

[37] Gesetzestexte zitiert nach: Grundgesetz, 30.Auflage, Beck-Texte im dtv, München 1993

[38] Von Pfarrern, die der Militärseelsorge kritisch gegenüberstehen, wird immer wieder wie im folgenden Beispiel von Pfarrer X. geäußert: „Die [Militärseelsorger] sind ja gar keine Pfarrer mehr, die unterstehen dem Staat und wes Brot ich eß, dies Lied ich sing.“ Als Beispiel aus dem kirchenkritischen Bereich sei auf die Homepage: http://www.thur.de/eule/9608/bund3.html (von 4.12.) verwiesen, die unter dem Titel: „Bibel segnet Schweißschuß gegen Serben ab“ gegen die Militärseelsorge und den Seelsorger im vermeintlichen Konflikt zwischen angeblichem staatlichem Auftrag und Verkündigung abzielt. Auch die Homepage der Scientology Church wendet sich gegen diese Doppelstruktur (genaue Adresse am 4.12. 1999 (http://www.freedommag.org/german/rasputin/page 28b.htm)

[39] nach: Martin Bock: Religion im Militär; Seite 117f. ist dies anders in z.B. Australien, Finnland, Großbritannien, Italien, Schweiz, USA, Belgien, Frankreich, Griechenland, Kanada, Norwegen, Österreich......Lediglich die Niederlande haben in der Nato ein dem deutschen vergleichbares System.

[40] Aber auch unter Christen in den alten Bundesländern gibt es ähnliche Befürchtungen

[41] Vielleicht traut man einer „Behörde“ eher die Meisterung einer solchen Dopplung zu.

[42] Allenfalls treten in der Bundeswehr bestimmte Probleme häufiger oder gesondert auf. Gedacht ist unter anderem an Trennungsprobleme.

[43] Es gibt allerdings in einigen Kasernen die Übung, das Nichtteilnehmende mit eher ungeliebten Aufgaben für die Zeit der Nichtteilnahme betraut werden

[44] Dies gilt selbstverständlich auch im zivilen Bereich, jedoch kommen solche Fälle oft auf den Militärpfarrer zu (Familienprobleme, Trennung, Unfalltod und im Extremfall Tod durch militärische Ereignisse)

[45] Der Grund hierfür dürfte in der körperlichen Belastbarkeit des Kandidaten bei Übungen oder im Einsatzfall liegen. Auch ist ein nicht zu großer altersmäßiger Abstand zu den Soldaten und Offizieren sicher günstig.

[46] Abgedruckt u.a. in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen; Seite 29ff.

[47] Es gab aber auch Gruppen, die bewußt Distanz zu den Kirchen hielten.

[48] Zitiert nach: Gerald Korbus in: Oldenburger Stachel Nr.8/96, Seite 6: „Es ruft der TOT“; veröffentlicht im Internet unter: http://www3.eac.de/stachel/96.08/8kdv.html

[49]nach: Jens Müller-Kent: „Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung“; Seite 289f.

[50] gemeint sind die Ratschläge der Militärseelsorger für den Schulunterricht

[51] Trotzdem besteht immer wieder die Gefahr, daß Mitarbeiter der Militärseelsorge, und sei es aus Nähe zu Menschen, diese Grenze überschreiten

[52] Eine genaue und umfangreiche Übersicht über aufgetretene Probleme zwischen Militärseelsorge und Kirche findet sich bei: Jens Müller-Kent: „Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung“; Seite 282-344

 

[53] Der Text des entsprechenden Beschlusses ist abgedruckt unter: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 37f.

[54] abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 38.

[55] Die offiziellen Stellen der DDR sahen die Ursache der Friedensgefährdung nur im Westen. Dagegen wurden die eigenen Rüstungsanstrengungen als friedensstützende Maßnahmen dargestellt. Bekenntnisse in diesem Sinne wurden vielen DDR - Bürgern abverlangt.

[56] Das Papier ist abgedruckt bei: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 34ff.

[57] zitiert nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 35

[58] In diesen Gesprächen mit kirchlichen Mitarbeitern gab es oft die einzige Möglichkeit, über Schikanen und Benachteiligungen im Dienst zu reden, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

[59] Zitiert nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 33

[60] In den Gruppen und Kreisen im Verantwortungsbereich des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR fand eine solche Diskussion wie oben beschrieben „mangels Masse“ faktisch nicht statt.

[61] Nach: Frieden statt Sicherheit - Von der Militärseelsorge zum Dienst der Kirche unter den Soldaten, hrsg. von Karl Martin, Seite 12ff.

[62] Dies gilt mit Sicherheit auch für andere Standorte, besonders im Osten Deutschlands.

[63] Manche fahren sogar fast täglich.

[64] Aber auch viele Offiziere an Standorten in den alten Bundesländern haben auf Grund der viele Versetzungen ihren familiären Hintergrund nicht am Standort. Die Familie bleibt bei einer Versetzung am alten Standort wohnen, so daß dieser Offizier auch zum Wochenendpendler wird.

[65] Zu diesen Besonderheiten vergleiche auch: Pfarrer ohne Ortsgemeinde, herausgegeben von Yorick Spiegel, Seite 172ff.

[66] So wird von Militärpfarrern, die für Auslandseinsätze vorgesehen sind, erwartet, daß sie bereit und in der Lage sind, im Ernstfall einen Bundeswehrjeep zu steuern. Dies ist aber nur möglich mit einem speziellen Bundeswehrführerschein, so daß der Militärpfarrer mehr oder weniger „gezwungen“ ist, diesen Führerschein bei der zuständigen Stelle der Bundeswehr zu machen.

[67] Vgl. Jens Müller-Kent: Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung, Seite260

[68] Dies wird auch bestätigt von: Jens Müller-Kent in: Militärseelsorge im Spannungsfeld zwischen kirchlichem Auftrag und militärischer Einbindung, Seite 262

[69] zitiert nach: Frieden Statt Sicherheit, herausgegeben von Karl Martin, Seite 25

[70] so Karl Martin; in: Frieden Statt Sicherheit, Seite 25

[71] ebenda

[72] Carl-Alfred Fechner in: Frieden Statt Sicherheit, herausgegeben von Karl Martin, Seite 33

[73] vollständiger Text bei: Frieden Statt Sicherheit, herausgegeben von Karl Martin, Seite 45

[74] vollständiger Text bei: Frieden Statt Sicherheit, herausgegeben von Karl Martin, Seite 56ff.

[75] Zu allen diesen Anfragen wurde vom Dietrich-Bonhoeffer-Verein eine Stellungnahme erarbeitet, die die Berechtigung der Anfragen aus dem Synodenbeschluß im wesentlichen bestätigt und entsprechende Konsequenzen fordert (vollständiger Text: Frieden Statt Sicherheit, herausgegeben von Karl Martin, Seiten 60-93)

[76] auch die meisten „Blockfreien“ fühlten sich einem der beiden Blöcke mehr oder weniger zugehörig

[77] Als Beispiele: Ein kirchenleitender Mitarbeit aus einer westdeutschen Landeskirche: „Jetzt werden im Osten noch mal die Schlachten geschlagen, die im Westen nicht gewonnen werden konnten. Und ihr merkt nicht, wie ihr da ausgenutzt werdet“; Ein Offizier, evangelisch, aus den alten Bundesländern, jetzt in den neuen Bundesländern: „Die Evangelischen hinken noch hinterher, ihr macht jetzt das, was die Grünen nicht geschafft haben. Die wollen doch nur auf dem Rücken der Kirche einen Fuß in die Tür kriegen und die Bundeswehr über die Kirche kaputtmachen“.

[78] Vor allem aus dem Bereich der Bereitschaftspolizei und der Transportpolizei.

[79] Der damalige Verteidigungsminister, ein Admiral, bat Hunderte streikende Soldaten, doch in die Kasernen zurückzugehen, damit man dort besser und in Ruhe über die sicher berechtigten Forderungen diskutieren könne. Außerdem erbat er die Gründung von „Soldatenvertretungen“ um anstehende Fragen zu gemeinsam zu besprechen.

[80] Siehe oben

[81] Dies wurde in Gesprächen sehr häufig geäußert. Typisch ist die Äußerung der Pfarrers X.: „Damals habe ich so geredet und mein Sohn hat keine Studienplatz bekommen, weil er Bausoldat werden wollte. Und nun soll das alles wiederganz anders sein. Es hat sich schon so viel geändert, durch diese Wessis, auch in der Kirche. Aber hier bleibe ich stur, ich bleibe Pazifist. Dafür habe ich zu viel gelitten.“

[82] zitiert nach: Seelsorge für Soldaten; Seite 132

[83] Ein ehemaliger NVA-Offizier aus der Kaserne Bad Frankenhausen im persönlichen Gespräch: „Damals, am Tag vor der Einheit haben wir die Fahnen eingeholt und die letzten Papiere verbrannt. Gefeiert hat keiner, jedenfalls kenn ich keinen, und dann haben wir gewartet, was passiert, wenn der Feind kommt. Wir haben verloren, wegen der Kirche, die hat uns alles eingebrockt. Und dann mußten wir warten, auf Montag, da sollten die neuen Herren kommen. Keiner wußte, was mit ihm passiert. Und von der Kirche hat sich keiner um uns gekümmert. Die haben uns unserem Schicksal überlassen. Und dann haben sie gemeinsame Sache mit den Wessis gemacht.“

[84] Viele schieden selber aus, andere mußten auf Grund ihrer Vergangenheit entlassen werden. Nur die wenigstens wurden übernommen - zum Teil in der zivilen Verwaltung der Kaserne - und die wenigen direkt in die Bundeswehr Übernommenen verloren in der Regel ihren alten Dienstgrad.

[85] Man darf nicht vergessen, daß es auch für die aus dem Westen gekommenen Bundeswehroffiziere nicht leicht war, hier anzufangen. Mancher suchte in Bad Frankenhausen gerade den Kontakt zur Kirche um auch ein Stück Kontinuität zu haben und in der neuen Stadt Heimat zu finden.

[86] Siehe oben

[87] nach: Amtsblatt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen; 1991/3

[88] dem Schwachen helfen

[89] Noch heute wird von Offizieren und Berufssoldaten am Standort Bad Frankenhausen an den geleisteten Dienst von Superintendent i.R. Bornschein dankbar gedacht.

[90] Analog zum lebenskundlichen Unterricht

[91] Diese beruhen auf dem Reichskonkordat von 1933.

[92] Quelle: Praxisbericht des Arbeitskreises Seelsorge für Soldaten vom 30.10.1992, abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen; Seite 175f.

[93] Ich konnte während meines Praktikums selber an einem solchen ökumenisch gestalteten Gottesdienst teilnehmen. Für die Soldaten war die Teilnahme freiwillig. Im Nachgespräch mit den amtierenden Pfarrern (beide im Nebenamt in der Soldatenseelsorge tätig) wurde offen über die besonderen Schwierigkeiten eines solchen Gottesdienstes mit kirchlich gebundenen und völlig kirchenfernen gesprochen.

[94] Abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen; Seite 185ff.

[95] Dies ist sicher für eine Institution wie die Bundeswehr nur schwer zu meistern.

[96] Dies kann ich durch eigene Beobachtungen bestätigen. In der Kirchgemeinde Bad Frankenhausen ist die Bundeswehr und die Militärseelsorge infolge gegenseitigen Kennenlernens besser angesehen als in Kirchgemeinden und bei kirchlichen Mitarbeitern vom Rand der Superintendentur

 

[97] Diese beiden Voten sowie mehrere Einzelvoten sind abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten -Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe – Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seiten 198 - 240

[98] Der Abschlußbericht dieses Ausschusses stammt vom 16.9.93. Der komplette Bericht sowie weitere Dokumente zu diesem Bericht finden sich in: EKD Informationen, herausgegeben vom Kirchenamt der EKD; Titel: Militärseelsorge - Bericht zur künftigen Gestaltung der Militärseelsorge und weitere Materialien, Hannover 1993

[99] Dieser inhaltliche Bereich soll dabei weiter ausgebaut werden.

[100] Beide Modelle wollen bei der Finanzierung eine Veränderung erreichen. In Zukunft sollen die Kirchensteuern der Soldaten direkt den Landeskirchen zufließen und die Militärseelsorge soll sich aus der EKD - Umlage finanzieren.

[101] Dieses Modell findet sich bei: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe – Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 265ff.

[102] Die Anfrage: „Warum macht ihr es anders als . . .“ war die häufigste, die mir in Bad Frankenhausen begegnete.

[103] Der Beschluß ist veröffentlicht in: epd-Dokumentation Heft 39/94, Seite 1f. unter dem Stichwort: Synode der EKD, Beschluß betr. „Dienst der Kirche unter Soldaten“

[104] Zum Teil werden nicht einmal die Änderungen, die Modell A vorsieht, als nötig erachtet.

[105] Oberkirchenrat Johann-Friedrich Krüger in einem Interview, das abgedruckt ist unter: Die Zeichen der Zeit, 3/94, Seite 108, unter der Überschrift: Thüringer Synode gegen Militärseelsorgevertrag

[106] Allerdings spricht sich die Synode gegen eine Beauftragung der Seelsorger durch die EKD aus. Quelle: Zeichen der Zeit 3/94, Seite 106ff. „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ von Lothar Petzold

[107] Abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation; hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 310

[108] Der vollständige Text des Synodenbeschlusses ist veröffentlicht in: epd-Dokumentation 47/94; Seite 9ff. unter dem Stichwort: Synode der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Thüringen, Interimsregelung für die Militärseelsorge

[109] abgedruckt in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 316ff.

[110] genauer Text in: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 326f.

[111] bei einigen Enthaltungen

[112] nach: Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe - Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 337

[113] Seelsorge für Soldaten - Bestandsaufnahme - Orientierungshilfe – Dokumentation, hrsg. von der Evangelischen Jugend in Thüringen, Seite 339

[114] Vollständiger Text dieser Vereinbarung bei: Kirche unter Soldaten - Beiträge aus der Evangelischen Militärseelsorge, Heft 2/96, Seite 73ff.

[115] Dies steht explizit im Jahresbericht der Bundesregierung 1996, veröffentlicht im Internet unter der Adresse: http://www.bundesregierung.de/05/0511/jahrb96/t01176.htm

[116] § 10 der Vereinbarung

[117] abgedruckt in: epd 14/96, Seite 4ff.

[118] Quelle: Recht der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen (sogenannte Rechtssammlung) in der Fassung von 1997, Punkt 851

[119] Dieser Artikel vom 5.7.1996 ist im Internet im Archiv des Merkur, Ausgabe 27/96 unter folgender Adresse nachzulesen:

http://www.merkur.de/archiv/texte/0000000120.htm (Stand: 4.12.99)

[120] am angegebenen Ort

[121] Quelle: Internet: http://www.zzf-pdm.de/gforum/berichte/evost.html

[122] Diese Aussagen sind mir gegenüber wörtlich so gefallen. Trotz oder gerade wegen ihrer Subjektivität zeigen die, wie groß die Verunsicherung und Verbitterung über die Debatte ist.

[123] Bei einer kleinen, nicht repräsentativen Umfrage ergab sich folgendes Bild: Von 20 Soldaten waren drei evangelisch und einer katholisch. Sieben erachteten es als unbedingt nötig, daß es Militärseelsorger gibt. Achtzehn begrüßten die Anwesenheit von Militärseelsorgern. Und fünfzehn waren der Meinung, daß diese Tätigkeit auch von speziell geschulten zivilen Sozialarbeitern wahrgenommen werden könne. Die Diskussion um den Militärseelsorgevertrag war allen unbekannt.

[124] Wichtig wäre eine Ein- und Anbindung an Bad Frankenhausen und nicht an die noch vom Pfarrer zu versorgenden Ortsgemeinden, die in gewisser räumlicher Distanz zum Standort liegen.

[125] So könnten die gegenseitigen Einladungen zu Höhepunkten und Festen auf einen größeren Kreis ausgeweitet werden und es könnten neue Begegnungsmöglichkeiten auch außerhalb der Feste organisiert werden. Auch ein gemeinsamer Bibelkreis, bestehend aus Mitgliedern der Ortsgemeinde und Angehörigen der Bundeswehr, ist denkbar. Er fände auf Seiten der Bundeswehrangehörigen sicher Interesse.

[126] Regelmäßiger Predigtdienst; Einladung zu den Pfarrkonventen und zur Kreissynode; Kontakte zu Mitbrüdern und Schwestern und regelmäßige Gespräche über den Dienst und seine Besonderheiten

[127] Schon hier weicht die Bundeswehr von der in vielen Nato-Staaten üblichen Praxis ab, wo die Militärseelsorger direkt in die Streitkräfte eingeordnet sind.

[128] vgl: Bericht des Ausschusses zur künftigen Gestaltung der Militärseelsorge für die EKD-Synode in Osnabrück, 1993, abgedruckt: EKD-Informationen, Militärseelsorge; hrsg. vom Kirchenamt der EKD; Seite 6f.

[129] Eine kleine Auswahl aus dem Internet: Den Amtskirchen soll jede Finanzierung gestrichen werden.(www.freedomag.org/german/rasputin/page28b/htm - Homepage der Scientology); Bibel segnet Schweißschuß gegen Serben ab (www.thur.de/eule/9608/bund3.html/ Ähnliches ist aus den Homepages anderer kirchenfeindlicher Organisationen zu finden.

 

 

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