Die Kirche als Bankinstitut

Das Borgen von Geld war an der Tagesordnung. Zeitweise war wohl ganz Bischofsheim verschuldet. Man borgte bei Leuten die noch etwas hatten, besonders bei Juden; man borgte auch bei der Kirche, die meistens flüssig war und als „Bankinstitut“ soziale und wirtschaftliche Aufgaben jahrhundertelang erfüllte.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege war die hiesige Kirche finanziell auf dem Null­punkt. Als letzten Schatz hatte man jahrelang einen Kirchenbecher mit fünfzehn Reichstalern betrachtet, der abwechselnd bei dem Pfarrer, den Baumeistern, den Kirchenältesten und dem Zentgrafen versteckt wurde. Doch auch er war bei der Rückkehr von einer Flucht nach Hanau verschwunden und mußte nach langen Beratungen abgeschrieben werden.

 

Regelmäßige Einkünfte hatte die Kirche seit 1640 nicht mehr. Schließlich gab es in den Kassenbüchern überhaupt keine Eintragungen mehr. Von 1642 bis 1646 sind nur fünf Einzahlungen zu verzeichnen, erst 1647/48 besserten sich die Ein­gänge und stiegen ab 1650 wieder deutlich an. Man beschloß, sämtliche Rück­stände zu streichen und ab 1660 mit neuen Büchern wieder Ordnung in die zer­rütteten Kirchenfinanzen zu bringen. Die vielen bösen Weißpfennige wurden mit großem Verlust bei dem Schmul Judt in hartes Geld umgewechselt.

Wenn in den Verschnaufpausen des Krieges einige Einwohner aus Hanau wieder nach Bischofsheim zurückkehrten und hier auch Gottesdienste stattfanden, wurde der Schulmeister ernstlich ermahnt, fleißig das Almosensäcklein herumzutragen.

Eine bedeutende Einnahmequelle der Kirche waren die Strafgelder, die vor allem für „das Verbrechen der Sabbathschändung“ verhängt wurden. Diese Gelder ka­men in den „Allmosen Seckel für die Armen“. Sie wurden aber fast immer zweck­entfremdet und zu 5 Prozent an sichere Leute ausgeliehen, häufig an die stets kapitalschwache Gemeinde.

Nach dem großen Kriege gingen die Kirchensteuern nur sehr spärlich ein, die Leute hatten vorerst andere Sorgen. Das Presbyterium bat, beschwor und be­drohte schließlich die Baumeister, die Gelder einzutreiben. Das fruchtete aber wenig. Der Zentgraf als Vertreter der weltlichen Macht wurde angewiesen, den säumigen Steuerzahlern die Weinernte zu beschlagnahmen, aber er tat es nicht. Nun wurde den Baumeistern ein Termin zur Eintreibung der Rückstände gesetzt. Sie kamen auch zu dem Termin, aber mit leeren Händen. Nur der „halsstarrige und urtrotzige“ Engelbert Schernick kam nicht und mußte erst herbeigeholt wer­den. Zornig erklärte er, daß er die 20 Gulden nie zusammenbrächte, es sei alles so lange her, die Äcker seien verkauft, vererbt, geteilt, niemand wüßte mehr, für was und wieviel er zu zahlen habe. Nun wurden die Baumeister beim Gericht angezeigt und sollten mit ihrem Vermögen selbst für die Rückstände aufkommen.

Im Jahre 1697 holte man sich sogar einen Soldaten, der die Steuern mit Gewalt eintreiben sollte, aber durch einen Streit zwischen Pfarrer und Zentgraf kam er nicht zum Einsatz und marschierte wieder ab. Nun kam der Groll des Pfarrers zum Ausbruch, er zog vom Leder: Die Kirche stünde immer allein und müsse jeden Handschlag bezahlen. Wenn dagegen die Gemeinde nur einen Schweinestall bauen lasse, müsse alles herbei und helfen, auch z.Zt. der Feldbestellung und der Ernte. Man ließe lieber das Korn auf dem Felde verfaulen, wenn die Gemeinde zur Fronarbeit riefe. Die Strafen seien so hoch, daß jedermann Angst habe.

Um 1700 besserte sich die finanzielle Lage der Einwohner. Die Zahlungen in die Kirchenkasse flossen stetiger. Die Kirche kam wieder zu Geld. Man beklagte sich zeitweise sogar, daß niemand mehr Geld borgen wolle. Das Geld wurde mit den übrigen kirchlichen Wertsachen immer noch in der Kirche aufbewahrt in einem           festen Kasten, über den man zur Tarnung einen Holzverschlag gesetzt hatte. Die Achtung vor dem Gotteshaus war damals in allen Bevölkerungskreisen noch so groß, daß der Einbruch in eine Kirche unmöglich erschien. Nun wurde in Fechenheim der erste Kircheneinbruch in der Umgebung begangen.

Darauf kam die An­ordnung, kirchliche Gelder und Wertsachen in einem Privathaus unterzubringen; es fand sich aber niemand, der die Verantwortung übernehmen wollte.

Die ausgegebenen Darlehen wurden größer: 25 Gulden, 50 Gulden 100 Gulden. Bei diesen Summen wurde man vorsichtiger und verlangte gerichtliche Eintragung auf den Besitz des Schuldners. Peter Adamy borgte sich 40 Gulden, schob aber die Eintragung immer wieder hinaus. Schließlich wurde er vorgeladen. Er war ganz toll und vergaß allen Respekt: Man schert mich ja mehr als der Juden Salm, so ein Bischofs­heimer Pfarrer soll mich nicht scheren, künftigen Peterstag will ich's abtragen!“ Dann ging er in Wut weg.      

Im Jahre 1740 wurde die Selbständigkeit der Kirchengemeinde bei der Dar­lehensvergabe durch das Konsistorium eingeschränkt. Es durfte kein Geld mehr verliehen werden ohne gerichtliche Eintragung. Das gab böses Blut, denn diese Eintragung war sehr teuer, jeder suchte sich davor zu drücken mit dem Hinweis, daß er das Geld bald zurückzahlen wolle. Aber es halfen keine Bitten, die Kirche mußte genau nach der Verfügung handeln.

Im Jahre 1741 rief man alle Schuldner zusammen, es war eine wahre Volksversammlung, der man eröffnete, daß alle ausgegebenen Darlehen sofort zurückgezahlt oder gerichtlich eingetragen werden müßten. Das Presbyterium zeigte sich menschlich und bewilligte noch eine Frist bis Martini. Es ging ein großes Wehklagen durch das Dorf, aber die Beträge kamen größtenteils zurück. Die Kirche saß nun auf ihrem Geld und verlieh kleinere Beträge unter der Hand auch weiter an sichere Leute.      

Auch die Juden liehen sich Geld bei der Kirche, und der Jude David gibt den ersten Wechsel in der Geschichte unseres Ortes. Im 19. Jahrhundert nehmen die Ausleihungen der Kirche stark zu und gehen in die Tausende, 1832 betrug allein der Zinsrückstand 517 Gulden. Die Schuldner kommen nicht nur aus Bischofsheim, sondern auch aus den Nachbarorten. Es werden Beträge bis zu 1500 Gulden verliehen. Die Überwachung der ausgeliehenen Gelder kann nicht mehr völlig nebenberuflich geschehen, der Kirchenrechner bekommt eine Entschädigung.

Im Jahre 1848 brach die bisherige Einkommensbasis der Kirche mit der Abschaf­fung des Zehnten zusammen, der Geldstrom versiegte. Die Kirche mußte ihre Banktätigkeit aufgeben, die Volkswirtschaft schuf neue Geldinstitute. Die ersten Spar- und Leihkassen kamen, die Raiffeisenkasse und die Kreissparkasse bildeten sich und übernahmen ihre in einer modernen Wirtschaftsreform nicht mehr weg­zudenkende Aufgabe.

 

 

Chronik des Pfarrers Burhenne ab 1937

1937: Am 30. April 1936 wurde Pfarrer Wagner pensioniert. Am 1. Ostertag 1936 verabschiedete er sich von seiner Gemeinde. Pfarrer Gerlach (Hochstadt) versieht die Pfarrstelle mit. Gottesdienste halten alle Pfarrer des Kirchenkreises Hanau I. Während der Vakanzzeit wurde das Pfarrhaus durch neuen Innenanstrich und Tapeten zum großen Teil erneuert.

Am 27. Januar 1937 hielt Pfarrer Friedrich Wilhelm Burhenne mit seiner Familie Einzug.

Es hatte geschneit und gefroren. Jetzt taute es. Die Familie kam gegen 2 Uhr an, um 3 Uhr erschienen die Möbelwagen. Nachts um ½ 3 Uhr war man mit dem Ausladen fertig. Ein Willkommen über der Eingangstür des Pfarrhauses erfreute die Familie. Am nächsten Tag entboten die zwei ältesten Mitglieder des Kirchenvorstandes dem Pfarrer ihren Gruß: Bernhard Klaas und Johannes Grimm XIII.

Am Sonntag, dem 7. Februar 1937, sollte Landeskirchenrat Dr. Merzyn (Kassel) den neuen Pfarrer einführen. Er mußte absagen, da infolge der kirchlichen Wirren seine Anwesenheit in Kassel für Verhandlungen notwendig war. Ebenso schien es am 14. Februar werden, den Dr. Merzyn neu zugesagt hatte. Als sich auch da keine genaue Verabredung ergab, entschloß sich Kreispfarrer Kaiser, den Pfarrer einzuführen. So geschah es auch am 14. Februar, unter Assistenz von Pfarrer Kath (Hanau) und Pfarrer Gerlach (Hochstadt). Die Kirche war übervoll, der Kirchenchor sang. Die Predigt ging über Matthäus 4,4 (Invokavit-Evangelium). Nachmittags saß man noch friedlich beisammen.

Pfarrer Burhenne beschreibt: Die Gemeinde ist durch eine starke kommunistische Zeit hindurchgegangen. Man merkt es am Kirchenbesuch, am zum Teil geringen Verständnis kirchlicher Dinge. Die Entfremdung gegenüber der Kirche nimmt allerorts zu, also auch hier. Das wird noch mehr verständlich, wenn man die ablehnende Haltung bestimmter Kreise im Rathaus kennt. Freilich ist Gott sei Dank auch noch ein guter Gemeindekern vorhanden. Aber Lauheit, Faulheit, Angst halten viele von dem Leben in der Gemeinde fern. So viel Charakterlosigkeit gibt es. Die Jugend hat auch wenig Zeit zur Beteiligung am Gottesdienst. Die Kollekten sind auch nicht sehr groß, haben sich aber gegen die Jahre vorher gehoben. Die Männer, die größtenteils in der weiter aufblühenden Metallindustrie in Frankfurt beschäftigt sind, verdienen gut, durch Überstunden viel. Kirchensteuer geht ordentlich ein. Aber sonst ist keine Gebefreudigkeit vorhanden.

Da der Pfarrer auch Passionsgottesdienste hielt, wurde im Kirchhof nach der Leitergasse [heute: Ostteil der Obergasse] zu eine elektrische Lampe am dort stehenden Pfahl angebracht. Die Gottesdienste waren gut besucht. Das Vater-Unser-Läuten mußte wieder eingeführt werden, der Vorgänger hat es einschlafen lassen.

Diamantene Hochzeit konnten feiern: Jean Wörner und Frau Elisabeth geborene Puler. Kreispfarrer Kaiser überreicht namens des Landeskirchenamtes ein Kruzifix aus Holz, Der Pfarrer überbrachte die Grüße und Wünsche des Kirchenvorstands. Abends ehrte der Kirchenchor die Jubilare mit zwei schönen Liedern. Mit Hilfe des Chors konnte der Pfarrer etliche neue Melodien im Gottesdienst singen lassen. Am zweiten Ostertag legte der alte Kantor Knöll sein Amt nieder, das er 49 Jahre hindurch verwaltet hat, in Gewissenhaftigkeit und Treue. Christenlehre [für die Konfirmierten] fand noch statt. Etliche Mädchen besuchten sie sehr treu, andere selten, die Jungen sehr selten.

Der Pfarrer hält im Pfarrhaus Bibelstunden, das Wohnzimmer und sein Arbeitszimmer werden ausgeräumt. Für Hausfrau und Mädchen ist das nachher viel Arbeit. Es kommen im Durchschnitt 65Besucher, Frauen in großer Mehrzahl, Jugend fehlt ganz. Auch ein Zeichen der Zeit. Bei der Beerdigung zweier neuapostolischer Personen wurde das Geläut nicht gestattet.

Vom 25. -27. April 1937 wurde der Blitzableiter auf dem Kirchturm nachgesehen. Die Kosten für die Aufstellung des Gerüsts waren höher als die eigentlichen Reparaturkosten.

 

Pfarrer Burhenne beschreibt: Es gab gar wenig Obst, obwohl alles in schönster Blüte stand. Das war nach Aussage der alten Leute noch nie, daß so wenige Bäume etwas trugen. Aber kein Mensch macht sich eigentlich etwas daraus. Es wird genug verdient. Das „Freut euch des Lebens“ hat die Oberflächlichen gepackt. Man genießt und drängt nach Genuß. Im Sommer läßt an manchen Sonntagen der Gottesdienstbesuch sehr nach. Was früher in der Nachkriegszeit von allen verständigen Menschen verworfen wurde, wird heute überstark betrieben: Die Vergnügungen, Aufmärsche, Vorbeimärsche am Gotteshaus finden sehr viel am Sonntagvormittag statt.

 

Im September kam Unruhe in die Bevölkerung wegen der politischen Geschehnisse. Der Pfarrer hält aber alle politischen Zwistigkeitserscheinungen von der Kanzel fern. Dafür ist Kirche und Kanzel nicht da, um Polemik gegen irgendeine kirchliche Gruppe zu treiben [Gemeint ist hier die Auseinandersetzung mit den „Deutschen Christen“, die den Nazis nahe standen, zu denen aber der Pfarrer von der Kanzel nichts sagen will].

 

1938: Der Zugang vom Tor in der Obergasse zur Kirchentür wird durch Erneuerung des Plattenwegs gebessert. Die Sandsteinplatten wurden aus alten Grabsteinen vom aufgegebenen Friedhof gefertigt. Dieser Friedhof zwischen Hintergasse [heute: Alt-Bischofsheim] und Zwin­ger gelegen wurde eingeebnet. Daher wurde das Grabmal von Pfarrer Ahlhut an der Südmauer der Kirche aufgestellt. So ist nur noch ein kleiner Teil dieses Friedhofs vorhanden, obwohl vor Gras, Efeu und Gestrüpp kaum ein Grab zu erkennen ist. Ein Zeichen der Pietätlosigkeit. Auch dieser Teil ist zur Säkularisation freigegeben.

Die Passionsabendgottesdienste sind auch in diesem Jahr gut besucht. Aber der Pfarrer meint doch ein Nachlassen der Freudigkeit zum Tisch des Herrn zu gehen bemerken zu können. Antichristliche Kreise sind überall spürbar. Austritte aus der Kirche sind allerdings verschwindend gering, noch kein alteingesessener Bischofsheimer ist ausgetreten.

Am 3. April (Sonntag Judika) mußte Prüfung und Konfirmation in einer Feier am Nachmittag stattfinden wegen der Abstimmung in Österreich am Sonntag Palmarum [Es ging um den Anschluß Österreichs an Deutschland]. Am 12. April gab es einen Dankgottesdienst über den Anschluß Österreichs an das Mutterland. Die im Gottesdienst hätten sein sollen, fehlten [Gemeint sind die NS-Partei­mitglieder]. Die Gliederungen der Partei beanspruchen die Gemeindeglieder, jung und alt so sehr am Sonntag, daß Zeit zum Gottesdienstbesuch vielfach ganz fehlt.

Der Kirchenchor kann seine Gesangstunden noch halten und verschönt die Gottesdienste durch seinen Gesang. Die Christenlehre ist von den Mädchen einigermaßen besucht, von den Jungen gar nicht, hier und da stellen sich einige ein. Auch der Kindergottesdienst leidet unter der Einspannung der Kinder in die Parteiarbeit.

Zu den Weihnachtsgottesdiensten äußert der Pfarrer wie auch in 1937 nur kurze Gedanken. Am Erntedankfest wurde 1937 und 1938 einen Rundgang um den Altar gemacht, wobei jeder Gottesdienstbesucher sein Geldopfer auf zwei bereitgestellte Teller legen konnte. Am 3. Juli wurde ein ganztägiger Pfarrkonvent des Kreises Hanau-Stadt in Bischofsheim gehalten.

 

1939: Die Bibelstunden ab Januar waren einigermaßen besucht. Eine Volksmissionswoche (fünf Tage) schuf für ihre Zeit allabendlich eine volle Kirche. Von verschiedenen Pfarrern - auch von dem Ortspfarrer - wurde sie in sechs Gemeinden gehalten. Durch Volksmissionswochen und durch Goldene Konfirmation unternahm man überall im Land den Versuch, die Menschen wieder mehr für die Kirche zu gewinnen. Die Beteiligung bei Beerdigungen war merkwürdig groß.

Am Sonntag Exaudi wurde die Goldene Konfirmation gefeiert. Das goldene Jubiläum der vor 50 Jahren eingesegneten hiesigen Konfirmanden gestaltete sich zu einer erhebenden Feier. Von den damaligen 26 Konfirmanden konnten noch 14 an der Jubelfeier teilnehmen. Vor dem Gottesdienst am Sonntag versammelten sich die Jubilare im Pfarrhaus, von wo aus sie in feierlichem Zuge von Pfarrer Burhenne und den Kirchenältesten in die Kirche geführt wurden. Pfarrer Burhenne fand in seiner Ansprache ergreifende Worte über die Bedeutung der goldenen Konfirmationsfeier, die einen tiefen Eindruck hinterließen. Der Kirchenchor verschönte die Feier durch Vortrag in ihren Rahmen passender Chöre. Am Nachmittag fand in der Ebert‘schen Gastwirtschaft eine Nachfeier statt, bei der sich sämtliche Konfirmanden mit ihren Familien eingefunden hatten. Eine Rede des Pfarrers, Erzählungen aus alten Zeiten und Gedichtvorträge der Enkelkinder hielten die Feiernden nach lange in echter Gemeinschaft zusammen.

Bei der Beerdigung des Fabrikanten Wörner, der ausgetreten war, wurde kein Geläut zugestanden. Die Partei hat ihn mit Pomp beerdigt. Die Angehörigen haben dem Pfarrer die Absage in keiner Hinsicht nachgetragen. Am 25. August beerdigte der Pfarrer den Leiter der örtlichen NSV, Herrn Kaiser. Um 4 Uhr nachmittags, als er zum Friedhof ging, wo nur die Beerdigung stattfinden sollte, wunderte ich mich, daß niemand in schwarzen Kleidern - also Teilnehmer am Begräbnis - zu sehen war, nur eine Frau, Verwandte von Herrn Wörner. Als er in die Lindenallee einbog, sah er aus dem Friedhofstor die Parteigliederungen kommen, dagegen keine Zivilisten. Die Partei marschierte am Pfarrer vorbei. Auf dem Friedhof war die gesamte Teilnehmerschaft noch anwesend. Herr Wörner hatte die kirchliche Beerdigung gewünscht, so stand auch der Sarg noch über der Erde. Der Pfarrer hielt in ruhiger Weise ohne Eingehen auf das Auftreten der Partei die Rede und sprach das Gebet. Zum ersten Mal hat die Partei ihre Kranzniederlegung gesondert von der kirchlichen Beerdigung gehalten. Dabei spürte jeder, wie die Luft geladen ist, die politische Lage ist ungeheuer gespannt.

Am Abend des 25. August erhielt der Pfarrer ein Telegramm vom Artillerieregiment Nr. 51, erste Abteilung, sich sofort in Fulda zu melden. Er war der erste und älteste der zur Zeit aktiv Dienenden, der zum Heer einberufen wird. Es ist so still sonst im Dorf. Alle, die von dieser Einberufung hören, werden sich fragen: Jetzt wird es ernst! Abends um halb elf Uhr fuhr Burhenne mit Auto ab nach Hanau, um den Schnellzug nach Fulda zu erreichen. Die Nachbarn saßen am Tor und wünschten gesunde Heimkehr. Was für ein Gegensatz zu 1914. Keine Begeisterung. Pfarrer Gerlach (Hochstadt) vertrat und hielt im Wechsel mit Hochstadt, hier einmal vormittags, einmal nachmittags Gottesdienst. Die antikirchlichen Kreise haben die Abwesenheit des Pfarrers für sich gut ausgenutzt, die Austrittserklärungen häufen sich, zumal ihr Bürgermeister vom Amtsgericht oft einen Angestellten zur Entgegennahme dieser Erklärungen kommen läßt.

 

1948: An Himmelfahrt 1948 war nachmittags ein furchtbarer Wolkenbruch entstanden, der große Teile des Dorfes mit seinen Wassermassen überschwemmte. Im Pfarrhof stand das Wasser hoch, mehr noch im Pfarrgarten, ein halber Meter.

Seit 25. August 1939 war Burhenne bei der Wehrmacht und geriet im Januar 1945 im Mittelabschnitt der Front im Osten (Polen) in russische Kriegsgefangenschaft. Am 25. März 1948 (Ostern) ist Pfarrer Burhenne aus der russischen Kriegsgefangenschaft über das Heim­kehrer­lager „Waldstück“ (Hersfeld) heimgekehrt. Es war eine bittere Zeit. Beinahe neun Jahre abwesend von der Heimat und vom Dienst im Heimatpfarramt. Wie sah die Heimat aus: Hanau und Frankfurt wie zahlreiche weitere deutsche Städte zerbombt, zerstört, entvölkert, aber auch wieder übervölkert durch die Flüchtlinge, auch Bischofsheim. Kirchlich schien es besser geworden zu sein. Es beruht aber vielfach auf nur Schein. Die religiöse Gleichgültigkeit bricht doch wieder hervor, die antikirchliche Haltung hat sich bei vielen nicht geändert, trotz schwersten Erlebnissen. Aber der Glaubensstand dünkt besser geworden zu sein.

Solange die Menschen die Fragen des Entnazifizierungsantrags zu beantworten hatten, kamen sie wenigstens äußerlich zur Kirche und begehrten die Wiederaufnahme. Wo diese Entnazifizierungsverhandlungen zum Teil beendet sind oder ihre Schärfe verloren haben, hört die Hin­wendung zur Kirche auch wieder auf. Außerdem geht es vielen nach der Währungsreform wieder gut. So kann Gott und sein Gebot wieder in weite Ferne rücken [Die Entnazifizierung sollte Nazitäter von Mitläufern unterscheiden und diesen wieder die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen].

Am 1. August 1948 übernahm Burhenne nach erfolgter Operation wieder sein Amt. Das Herz hat natürlich durch Krieg und Gefangenschaft in Rußland gelitten. Die Gemeinde muß der Pfarrer erst wieder neu kennenlernen. Daher beginnt er mit Hausbesuchen.

Der Kirchenchor ist seit 1946 wieder in Tätigkeit, wobei Frau Burhenne viel Werbedienst getan hat. Sie und sein jüngerer Sohn haben während der letzten Kriegsjahre auch den Kirchendienst mit Läuten, Reinigung usw. übernommen, weil sich niemand dazu gemeldet hat (Angst vor der Partei).

Die Jugend in der Gemeinde ist wie überall in großer Gefahr der Verwahrlosung. Ehrfurcht und Achtung vor Mensch, Tier und Sache ist so stark geschwunden. Aber die Erwachsenen sind mit schuld. Die Gebefreudigkeit nimmt ab. Allerdings ist auch jede Ware teuer. Und endlich nach der Währungsreform gibt es wieder Waren aller Art, während vorher der schwarze Markt blühte. Um die Familien zu besuchen, sammelte Burhenne bei den großen Sammlungen für Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk auch mit.

An Weihnachten 1948 konnte Burhenne seit 1940 das erste Weihnachtsfest wieder in der Heimat mitfeiern. der Kirchenchor sang in den Gottesdiensten, dazu die Konfirmanden. Im Dezember 1948 wurde die Evangelische Frauenhilfe gegründet. Immerhin gelang es 20 Frauen in einem losen Bund zu sammeln, ohne feste Beiträge und Verpflichtungen. Die Adventsandachten fanden wegen der Kälte im Pfarrhaus (Wohnzimmer und Arbeitszimmer) statt.

 

1949: Die Kirche hat stark gelitten. Am 4. Februar 1944 brannte der Turm im oberen Teil aus. Der Turmhahn schmolz, der Turmhelm verschwand ganz im Feuer, das Gebälk des Glockenstuhls brannte auch an, die Balken verkohlten zum Teil. Das Schiffdach hatte ein Drittel seiner Schieferbedeckung verloren, so daß Regen und Schnee ungehindert ins Kircheninnere eindringen konnten. So ergab sich die Notwendigkeit der Instandsetzung des Gotteshauses. Bisher war noch nichts geschehen. So wollte man in diesem Jahr die Arbeiten beginnen. Am 13. März hielt der Gesangverein „Eintracht“ in der Kirche eine kirchenmusikalische Feierstunde. Eine gute Kollekte sollte nun helfen, die Arbeiten durchzuführen.

Jede Woche ab Neujahr bis Ostern ist Abendandacht im Pfarrhaus, ebenso Zusammenkunft der Frauenhilfe. Am 10. April ward das Ehrenmitglied des Kirchenvorstandes Bernhard Klaas 90 Jahre alt. Der Herr Bischof schickte ihm ein Glückwunschschreiben. Am gleichen Tage wurden die Konfirmanden konfirmiert. Die Kinder, überhaupt die Jugend, ist sehr unerzogen: Folgen des Krieges, aber auch mangelnder Erziehung im Elternhaus machen sich bemerkbar. Alle Lehrer klagen sehr über die Frechheit, Zerstreutheit, Faulheit, das Unvermögen zum Denken und Auswendiglernen. Im kirchlichen Unterricht ist es nicht besser. Die Achtung fehlt. Und die Eltern finden beinahe nicht mehr dabei: „Es ist ebenso!“

Die Gemeindeglieder nehmen weiter am alljährigen Missionsfest in Enkheim teil, das am Himmelfahrtstage stattfindet.

Am Sonntag Exaudi 1949 feierte der Konfirmandenjahrgang 1899 seine goldene Konfirmationsfeier mit Gottesdienstbesuch und Nachfeier. Am 1. April wurde ein neuer Kirchendiener eingestellt. Gottlieb Streicher wird hoffentlich seine Arbeit als Küster gut erledigen. Die beiden Männergesangvereine singen bei Trauungen manchmal in der Kirche.

Die Friedhofsverwaltung hat nach dem Krieg die politische Gemeinde an sich gerissen. Sogar die Nationalsozialisten haben an der Friedhofskommission nichts geändert. Es wird jetzt aber besser sein, die alte Friedhofsverwaltungsordnung wieder aufzurichten. Die Kirchenverwaltung hätte sich die Aufsicht von der politischen Gemeinde nicht nehmen lassen dürfen.

Der Kirchenchor besuchte den Frauenchor in Dörnigheim und stärkte dadurch auch das Selbstgefühl des Dörnigheimers Chors für seinen Dienst.

Die politische Gemeinde bildet auf Anweisung der vorgesetzten Behörden einen örtlichen Wohlfahrtsausschuß, zu dem neben der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, der Flüchtlingsorganisation auch die Innere Mission gehört.

Mit der katholischen Flüchtlingsgemeinde wird ein Vertrag über die Nutzung des Gotteshauses durch diese abgeschlossen.

Am 23. Oktober hielt der Kirchenchor eine musikalische Feierstunde in der Kirche, der Chor sang gut. Dirigent war Wilhelm Saiz, Orgel und Geige waren auch dabei. Im November hielt die Diakonisse Maria Fröhlich einen Vortrag über ihre Arbeit in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, desgleichen sprach Diakonisse Bertha Klamm an zwei Abenden zu der weiblichen Jugend und zu den Frauen. Adventsandachten wurden gehalten. Man sammelte Gaben für das Lager in Großauheim. Dort leben heimatlose freigelassene Kriegsgefangene. Ebenso wurden Erntegaben für das Altersheim in Wilhelmsbad gesammelt.

An der Kirche sind im Laufe des Sommers mancherlei Arbeiten durchgeführt worden. Das schadhafte Chordach wurde mit Dachpappe belegt. Schiefer ist zur Zeit sehr teuer und schlecht aus der französisch besetzten Zone zu erhalten. Ein neuer Ofen wird gesetzt. Die Dachrinnen wurden repariert, ebenso die durch Bomben und die von Granatsplittern beschädigte Südwand der Kirche.

Das Dach des Kirchenschiffes wurde doch noch mit Schiefer ausgebessert. Es war nötig, denn der Regen drang ständig ins Kirchenschiff. So sah die Kirche aus: Turmhahn verbrannt, Notdach auf Turm. Schiffsdach mit Dachpappe an den beschädigten Stellen belegt. Jetzt ist das Dach des Schiffes wenigstens in Ordnung [im oberen Teil des Daches am Turm eine größere Fläche und am rechten Rand des Daches etwas weiter unten eine weitere kleinere Fläche]

In diesem Jahr konnten sieben Ehepaare die Goldene Hochzeit feiern.

Man hat wieder eine eifrige Sammlung für die Bischofsheimer Diakonissenstation durchgeführt, die wir aus freiwilligen Beiträgen der Gemeindeglieder, soweit die dazu willig sind, erhalten.

 

1950: Fräulein Funk von dem Landesverband der Frauenhilfe spricht am 11. Januar in Bischofsheim. Dieses Jahr gibt es keine Konfirmation, die Kinder werden erst in 1951 konfirmiert [Grund ist die Umstellung des Schuljahrbeginns, die später wieder rückgängig gemacht wurde].Zum ganztägigen Kirchenchorfest in Langenselbold, am 14. Mai fahren die Bischofsheimer mit 85 Personen hin. Am 4. Juni ist Goldene Konfirmationsfeier.

Die Instandsetzung des Kircheninneren wird geplant. Im Juli erläßt der Kirchenvorstand einen Aufruf zu einer freiwilligen Spende für die Instandsetzung der Kirche: „Unsere Kirche hat durch Kriegseinwirkung nicht unerheblich gelitten. Zwei Glocken und der große Kronleuchter mußten abgegeben werden. Der Turm ist ausgebrannt; das Dach, die Fenster und die Lichtleitungen waren stark beschädigt, die Dachrinnen von Bomben- und Granatsplittern durchlöchert und der Mauerbewurf an der Südseite unseres Gotteshauses hatte sich an vielen Stellen gelöst.

Im Kircheninnern ist durch die infolge der Dach- und Fensterschäden eindringende Nässe der Wand- und Deckenbewurf und Anstrich immer mehr abgeblättert. Holzteile sind gefault und an der Orgel haben sich manche Holzpfeifen verzogen.

Das Gotteshaus, das in seiner jetzigen Gestalt - abgesehen von kleineren später erfolgten Anbauten - um das .Jahr 1450 errichtet worden ist und unter Denkmalschutz steht, soll in seiner Eigenart als gotischer Bau erhalten und wieder in einen würdigen Zustand versetzt werden.

Im Jahr 1949 sind die Dachrinnen wieder instandgesetzt, das Dach selbst ist teils mit Schiefer, teils mit Dachpappe belegt worden, die Außenwand ausgebessert, ein neuer Ofen gesetzt und ein elektrisches Orgelgebläse eingebaut worden.

Es verbleiben noch als Hauptarbeiten der Innenanstrich der Kirche, der der Turmausbau und die Glockenbeschaffung. Um in diesem Jahre den Anstrich im Innern erneuern zu können, ist man auf die Mithilfe, Freigebigkeit und Opferfreudigkeit der Gemeindeglieder angewiesen, die Kirchensteuereinnahmen reichen dazu nicht aus. So hat der Kirchenvorstand es für notwendig und gut befunden eine Geldsammlung durchzuführen, wie es bereits in vielen Gemeinden geschehen ist.

Der Gemeinde werden am 11. Juni die Farbproben in der Kirche gezeigt. Am 26. Juni beginnt die Ausmalung des Kircheninneren. Die Aufsicht hat Kirchenmaler Velte aus Darmstadt, die Arbeiten führen aus der Weißbindermeister Burger und Brüder Frischkorn mit ihren Arbeitsleuten.

Die Fensterarbeiten macht Glasköhler aus Frankfurt, die. Holzarbeiten Wilhelm Stiz, die Maurerarbeiten Jakob Günther, die Schlosserarbeit der Schmied Heinrich Schäfer. Der Landeskonservator Dr. Bleibaum aus Marburg berät die Gemeinde. Große Hilfe leistet dabei auch das Mitglied des Kirchenvorstandes Wilhelm Schäfer. Später besichtigt der neue Landeskonservator Dr. Nothnagel ebenfalls die Kirche. Zwei neue Läufer für den Chorraum wurden in der Kunstwerkstätte Cornelius in Kassel gefertigt. Die elektrische Installation führt Herr Bauch durch.

Bei der Beseitigung des alten Putzes kamen besonders um die Schlußsteine und auf diesen selbst schöne, wohl 500 Jahre alte Blumenornamente zum Vorschein. Die Schlußsteine 1 und 2 im Chor zeigen einen Abt- oder Heiligenbilder [Protus und Hyacinthus]. Am Schlußstein 3 in der Mitte des Schiffs hat der Kirchenmaler behutsam und nur andeutend hier und da die Farben verstärkt, das „Soli Deo Gloria“ ist neu. Die Schlußstein 4 a+b sind auf der Empore.

Im Chor werden auch fünf alte Weihekreuze sichtbar. Eins über dem Stuhl des Pfarrers bleibt sichtbar. Die anderen werden - weil ungleichmäßig verteilt - wieder überpinselt [!]. Desgleichen kommt ein abgemeißelter Sandstein an der Rückwand des Chors zum Vorschein. Ob es ehemals eine Marienstatue darstellte oder ein Sakramentshäuschen war?

Am 28. August fuhren Frauen der Gemeinde bei prächtigem Wetter zum Frauenhilfstag nach Windecken. Am 3. September hielt man den ersten Gottesdienst in dem schönen Kirchlein.

Im Juli / August haben die Kirchenältesten und freiwillige Helfer eine Sammlung durchgeführt. Zuvor war ein Aufruf verteilt worden. Der Pfarrer hat dabei allein rund 100 Familien besucht. Überhaupt brachte die Arbeit in der Kirche für den Pfarrer viel Lauferei und Schreiberei.

In diesem Jahr wurde auch in Bischofsheim mit der Arbeit unter der Jugend begonnen. Zunächst entstand eine Knaben-Jungschar. Später entstand ein kleiner Mädchenkreis von kon­fir­mierten Mädchen [Diese Gruppen wurden im Kirchenkreis von Diakonen und Jugendarbeiterinnen geleitet].

Um der Not in den evangelischen Gemeinden in der Sowjetzone etwas steuern zu können, erhält jede Kirchengemeinde in Westdeutschland eine Patengemeinde in der Sowjetzone: Bischofsheim erhält Schönfeld bei Artern an der Unstrut. Es sollen Pakete mit guten Lebensmitteln dorthin gesandt werden. Man sammelt wieder Erntegaben für das evangelische Altersheim in Wilhelmsbad.

Der Kirchenchor geht an einem Herbstsonntagnachmittag nach Enkheim zu einem frohen Nachmittag mit dem Enkheimer und Dörnigheimer Chor zusammen. Zum Weihnachtsfest wurde die Patengemeinde wieder von der Frauenhilfe reichlich mit Paketen bedacht. Es wird Zeit, daß der Turm seinen Helm erhält. Das Notdach ist nur ein Notdach-Behelf.

 

1951: Die durch die Weihnachtsfeiertage unterbrochenen Abendandachten werden wieder aufgenommen. Vom 21. bis 27. Januar wurde eine volksmissionarische Woche gehalten mit Diplom-Ingenieur Wolkenlos aus Wiesbaden und mit sehr gutem Besuch.

Propst Wibbeling (Langendiebach) und Dekan Wessendorft (Bergen) besichtigen die Kirche.

In diesem Jahr fand wieder die Konfirmation am Palmsonntag statt. Es ist die allgemeine Klage: Die Konfirmanden lernen auch im zweijährigen Konfirmandenunterricht nicht viel. Das Elternhaus steht nicht hinter den Kindern.

Am 21. Mai nehmen Gemeindeglieder am Gustav-Adolf-Vereinsfest in Hanau teil.

Am 24. Juni machte der Kirchenchor einen Ausflug mit Autobus nach Obernburg (Main), Miltenberg und Wertheim, zurück über Klingenberg, Mespelbrunn, Aschaffenburg. In der Diasporagemeine Obernburg [evangelische Gemeinde in katholischer Umgebung] sang der Chor im Gemeindegottesdienst.

Die Frauenhilfe fuhr am 19. August zum Frauenhilfstreffen. 750 Frauen aus dem Hanauerland fanden sich ein. Am 26. August nahm der Kirchenchor am Kreisverbandsfest der Kirchenchöre teil. Die Gemeinde sammelte Erntegaben, Kartoffeln, Gemüse, Obst und Lebensmittel in Packungen, dazu gab man Geld für das evangelische Altersheim in Wilhelmsbad, nach Angabe der dortigen Schwester waren die Gaben reichlich

Am 28. Oktober besuchen die Kirchenchöre von Dörnigheim und Enkheim die Bischofsheimer. In der Bußtagswoche fand in diesem Jahr die besser besuchte Gebetswoche statt. Die Bauern und Gartenbesitzer sind mit ihrer Arbeit zum großen Teil fertig. Die Fünfzigjährigen halten wie 1950 eine Feier mit Kirchgang und Andacht auf dem Friedhof ab und mit Grüßen des Ortspfarrers.

 

1952: Ein Jungmädchenchor bildet sich. Etliche Adventsandachten werden gehalten.

Zum Weihnachtsfest spendet die Frauenhilfe einen Zentner Lebensmittel und alte Bekleidungsstücke an unsere Patengemeinde Schönfeld bei Artern [Nordthüringen]. Ebenso sammelten die Konfirmanden drei Pakete. Am Reformationsfest wurde ein Schulgottesdienst gehalten

Die übliche Winterarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Es gibt Frauen-, Männer- und Jugendarbeit. Doch der Eindruck ist immer, es geht innerlich nicht vorwärts. Die Konfirmanden sind zerfahren, können nicht still sitzen und können nicht hören. Auswendiglernen nur bei denen möglich, die von ihrem Elternhaus dazu angehalten werden. Überhaupt lernt man gerade auch durch den Konfirmandenunterricht den Segen eines frommen Elternhauses kennen, der in den Kindern im Allgemeinen sich widerspiegelt.

Die Ehrfurchtslosigkeit ist allenthalben groß, zum Teil ein Erbe der vergangenen Zeit, zum Teil veranlaßt durch die jetzigen Verhältnisse, Schamlosigkeit, Schonungslosigkeit gegenüber den Kindern und an Kindern, Entsittlichung auf allen Lebensgebieten, im Verhalten der Menschen. Film, Zeitschriften, Illustrierte, Rundfunk tragen viel dazu bei, daß alle gute Sitte mißachtet wird und verschwindet und derart leichtsinnige Lebensauffassung sich breit macht, daß man die nach uns kommenden Geschlechter nur bedauern kann. Aber es fehlt ja an Verantwortungsgefühl. Die Eltern sehen es gern, wenn das kaum schulentlassene konfirmierte Mädchen schon einen Freund hat. Die Jugend hat gar keine Jugend mehr.

Unter den rund 3000 Gemeindemitgliedern sind rund 155 Siebzigjährige, die zum Teil noch sehr rüstig sind. .Der Großteil der Werktätigen ist in Frankfurt-Ost (Mainkur) in der Metallindustrie beschäftigt und verdient gut. Allerdings machen viele Überstunden und Sonntagsarbeit, wodurch sich ihr Lebensstandard beträchtlich erhöht. Es ist den Leuten zu gönnen. Die sich unter erschwerten Umständen ein Haus bauen, sind durchweg äußerst tüchtige Leute, Vater, Mutter, Kinder, Verwandte und Freunde helfen mit. Kaum ist der Mann von seiner Berufsarbeit zurückgekommen, da hat er schon wieder die Hacke oder den Spaten in der Hand, um den Bau seines Hauses voran zu treiben [Mit Hacke und Spaten kann man kein Haus bauen. Gemeint ist das Ausschachten der Baugrube]. Das geht oft bis in die späte Nacht hinein. Leider wird der Sonntag auch allzugern und willig zur Arbeit genommen, auch von solchen, die die Sonntagsarbeit nicht brauchten. Manche Einwohner laufen den halben Sonntag im Werktagsarbeitskittel herum.

Das Vergnügen macht auch den Sonntag zum Alltag. So mancher ist am Montag müder als er am Samstag die Woche abschloß. Für Vergnügen ist Geld genug da. Von den schlimmsten Feiernden, aber für mildtätige Zwecke am wenigsten zu haben.

Der Klassenkämpfer glaubt ein feiner, freier Kerl zu sein. Aber gerade die Kirche mache ihn zum Unfreien. In dieser Rolle fühlt er sich in seiner Selbstüberschätzung glücklich. Die Hinwendung zur Kirche zum Ende des Krieges ist vorbei. Viel Selbstsicherheit hat die Herzen wieder erfaßt. Auch der Gedanke an die Atombombe kann für längere Zeit die Menschen nicht zur Vernunft bringen, vorläufig ist es ja noch nicht so weit.

Die Beratungen und Verhandlungen mit der politischen Gemeinde betreffend den Turmaufbau haben bisher noch nicht zu einem Ergebnis geführt. Es sieht bisher so aus, als ob die politische Gemeinde die Unterhaltungsverpflichtung langsam aberkennen wolle. Aber diese ist ja neuerdings erst von der hessischen Regierung den Gemeinden durch eine Verordnung ins Gedächtnis gerufen worden.

Am 16. März führte der Kirchenchor eine feine kirchenmusikalische Feierstunde durch, die gut besucht war.

Am 13. Dezember 1952 wurde das Notdach durch gewaltigen Sturm vom Dach abgerissen, bis zum Vorgarten (neben Wohnhaus Reuhl) geschleudert und derart wuchtig auf den eisernen Staketenzaun gedrückt, daß dieser zusammendrückte. Von 1945 bis 1952 war die Kirche ohne richtiges Turmdach.

 

 

1953: Das neue Jahr soll den Turmaufbau und neue Glocken bringen. Ein entsprechender Kirchensteuerbeschluß wurde gefaßt [Offenbar wurde aus diesem Grund die damals noch bestehende Ortskirchensteuer für dieses Jahr erhöht].

Der Kirchenvorstand erließ im Juli 1953 3einen Aufruf zu einer freiwilligen Spende für die Instandsetzung der Kirche: „Unsere Kirche hat durch Kriegseinwirkung nicht unerheblich gelitten. Zwei Glocken und der große Kronleuchter mußten abgegeben werden. Der Turm ist ausgebrannt; das Dach, die Fenster und die Lichtleitungen waren stark beschädigt, die Dachrinnen von Bomben- und Granatsplittern durchlöchert und der Mauerbewurf an der Südseite unseres Gotteshauses hatte sich an vielen Stellen gelöst.

Im Kircheninnern ist durch die infolge der Dach- und Fensterschäden eindringende Nässe der Wand- und Deckenbewurf und Anstrich immer mehr abgeblättert. Holzteile sind gefault und an der Orgel haben sich manche Holzpfeifen verzogen. Im vergangenen Jahre sind die Dachrinnen wieder instandgesetzt, das Dach selbst ist teils mit Schiefer, teils mit Dachpappe belegt, die Außenwand ausgebessert, ein neuer Ofen gesetzt und ein elektrisches Orgelgebläse eingebaut worden. Zur Zeit werden die Fenster, soweit nötig. in Ordnung gebracht. Es verbleiben noch die Hauptarbeiten der Innenanstrich der Kirche, der Turmausbau und die Glockenbeschaffung.

Um in diesem Jahre den Anstrich im Innern erneuern zu können, sind wir auf die Mithilfe, Freigebigkeit und Opferfreudigkeit der Gemeindeglieder angewiesen, die Kirchensteuer-einnahmen reichen dazu nicht aus. So hat der Kirchenvorstand es für notwendig und gut befunden eine Geldsammlung durchzuführen, wie es bereits in vielen Gemeinden geschehen ist.

Unser Gotteshaus, das in seiner jetzigen Gestalt -abgesehen von kleineren später erfolgten Anbauten - um das .Jahr 1450 errichtet worden ist und unter Denkmalschutz steht, soll in seiner Eigenart als gotischer Bau erhalten und wieder in einen würdigen Zustand versetzt werden.

Darum bitten wir bei der Sammlung in der nächsten Zeit alle Familien und Einzelpersonen der Gemeinde herzlich um ein Geldopfer und wir hoffen, daß unsere Bitte ein gutes Gehör, ein offenes Herz und eine gebefreudige Hand findet.“

Zum Weihnachtsfest wurde die Patengemeinde wieder von der Frauenhilfe reichlich mit Paketen bedacht. Es wird Zeit, daß der Turm seinen Helm erhält. Das Notdach ist nur ein Notdach-Behelf.

Ab Februar wurde gesammelt. Es wurde zum Teil gut gespendet, zum Teil auch schlecht. Der Pfarrer selbst hat viele, viele Gänge gemacht, um wirtschaftlich besser gestellte zur Hingabe eines größeren Betrags - einer dreistelligen Zahl - zu veranlassen. Es hat sich gelohnt, wie die Listen ausweisen.

Zum Beispiel stiftete ein Rentnerehepaar 15 Mark. Als sie eine Nachzahlung von 20 Mark erhielten, erklärten die Eheleute: „Wir behalten 5 Mark, die anderen 15 Mark spenden wir für die Glocken!“ (Die 15 Mark waren damals bei vielleicht 100 Mark Rente sehr viel Geld). Eine Witwe besuchte der Pfarrer zu ihrem Geburtstag (70 Jahre). Auf ihre Frage, was sie geben solle, sagte ich: „Ist Ihnen die Gabe von drei Mark zu viel?“ „Nein!“ „Nun, dann geben Sie fünf Mark!“ „Ich möchte zehn Mark spenden. Kann es freilich nicht auf einmal!“ Sie gab die Summe von zehn Mark in drei Raten. Die politische Gemeinde wurde nicht angegangen zu einer Spende, sie hat auch nichts gegeben.

Auch der Kirchturm wird wieder aufgebaut. Allerdings hat die politische Gemeinde kaum den Kirchenvorstand mit zu der Beratung herangezogen. Das liegt im Wesen der Partei. Lange war man sich über die Form des Turms nicht klar. Landeskonservator, Landeskirchenamt (soweit es überhaupt gefragt wurde) wollten nicht mehr die alte Form haben. Anders dagegen der Kirchenvorstand, der am Althergebrachten mehr hängt. So kam es dann endlich zu der endgültigen Formung. Landeskonservator und Landeskirchenamt stifteten vierstellige Zahlen mit. Aber leider zeigte sich sehr bald, daß die Abdichtung des Rundgangs nicht gut genug war. Die Turmmauern wurden langsam feucht. So wird nochmals an dem Turm herumgebaut werden müssen. Dann im Jahre 1953 wurde der spitze Kirchenturm aufgebaut und der Bischofsheimer Schmiedemeister Fritz Kinkel schmiedete und montierte die stählerne Turmspitze.

Große und kleine Gaben zusammen ergaben die schöne Summe von fast 14.000 Mark, darunter eine Familienspende von 1.200 Mark. Jedenfalls bestellte man drei neue Glocken. Der Glockenbrief half auch dazu, gebefreudig zu machen.

Neue Glocken unter neuem Turmhelm (Zeitungsbericht „Kasseler Sonntagsbote):

Im Jahre 1944 verbrannte der Turmhelm und alle Holzteile des Glockenstuhls und des Turmes. Die alte Glocke ließ aber auch danach nach behelfsmäßiger Ausbesserung des Turms im Jahre 1945 ihre Stimme erklingen. Als vielerorts nach der Währungsreform neue Glocken beschafft wurden, regte sich auch in unserem Dorf der Wille zur Vervollständigung des Geläuts. Aber erst im Jahre 1953 konnte die Verwirklichung erfolgen. In einer Sammlung brachten 30 Männer und Frauen eine ansehnliche Summe zusammen. Denn fast überall hatten sie ein freundliches Gehör und gebefreudige Herzen und Hände gefunden. Im Oktober geschah der Guß dreier neuer Glocken, während sich die alte inzwischen in einer Glockenschweißerei einer „Operation“ unterziehen mußte, da sie sich einen gefährlichen Riß zugezogen hatte. Den Glockendienst versah in dieser Zeit eine kleine Leihglocke, die lustig und hell vom Turm herunter klang.

Bei prachtvollem Sommerwetter konnten unter starker Beteiligung der Gemeinde alle vier Glocken eingeholt werden. Ein Reitertrupp der Ortsbauernschaft, der Spielmannszug, der Kirchenchor, die beiden Gesangvereine „Eintracht“ und „Liederlust“ , die Feuerwehr, Vertreter fast aller sonstigen Vereine und andere Gemeindeglieder geleiteten in langem Zuge durch die Hauptstraßen des Dorfes die Glocken auf geschmückten, von starken Rossen gezogenen Wagen vor den Kirchhof, wo dann eine kurze Feuer stattfand, bei der die beiden Gesangvereine mitwirkten.

Der Vertreter der Gießerei Wilhelm Wörner übergab die Glocken an Pfarrer Burhenne, der allen Spendern für ihre Gaben herzlich dankte und die Hoffnung aussprach, daß die Glocken in Frieden ihre Stimmen Gottes zu Lob und Ehre erschallen lassen mögen. Bürgermeister Krieger betonte, die Glocken sollten niemals wieder für Zwecke des Unfriedens und der Vernichtung abmontiert werden.

An einem Sonntag im Herbst 1953 wurde dann die Glockenweihe gehalten in unserem vollbesetzten Gotteshaus. Dabei half der Kirchenchor durch seine Lieder mit. Pfarrer Burhenne hielt die Liturgie, Propst Wibbeling die Festpredigt über Sacharja 3,14 b: „In Dank und Lob gegen Gott möchte die Gemeinde allezeit die Botschaft dessen hören und in Verantwortung annehmen, der da ist und kommen wird. Dazu rufen auch die Glocken die Gemeinde mit auf.“

Dekan Wessendorft nahm die Weihe der Glocken vor, bei die jedes Mal aufgerufene Glocke ihre Stimme erhob, bis schließlich alle vier in Vollgeläut weithin über unser Heimatdorf ertönten.

So hängen wieder Glocken im Turm, der auch im Jahr 1953 bis auf die Dachdeckerarbeiten in neuer Gestalt aufgebaut worden ist, worüber sich alle Bischofsheimer freuen. Knauf, Kreuz und Hahn stehen darüber in der Höhe und wollen mit dem Geläute uns zum Himmel weisen, daß wir als Gemeinde uns sammeln unter dem Kreuz und achthaben auf uns selbst, um stets Gottes Ehre kundzutun in der Erhabenheit der Freude, in der Stunde des Leids. Gott halte schützend und segnend seine Hand über unsre Kirche und Gemeinde.

 

1954 / 1955: Die Orgel wurde gereinigt und ein großer Teil umgebaut zum Preis von 4.000 Mark. Der Kirchturm ist aufgebaut. Das Storchennest auf dem Schornstein des Pfarrhauses ist altersschwach geworden, das Rad verfault, das ganze Nest hängt schief, also ist Ersatz zu schaffen. Die Störche verstopfen jährlich die Dachrinnen mit ihrem Kot. Aber niemand will das Nest auf seinem Haus haben. Also die gutmütige Kirchengemeinde läßt das Nest wieder aufbauen. Bauer Bernhard Reitz stiftet ein brauchbares Rad dazu.

Im Herbst ist der Kirchturm ist im oberen Teil seines Verputzes, also unterhalb des Schutzgitters, sehr feucht. Die Erhaltarbeiten sind sehr schlecht gemacht, daher kommt die Nässe in den Mauern. Die Paketaktion für die Patengemeinde hat an Weihnachten guten Erfolg gehabt.

1955: Der Acker „Am Linnes“, für den niemand bis vor kurzem eine halbe Mark pro Quadratmeter gegeben hätte, bringt mit allen dortigen Äckern einen guten Preis wegen der Kiesgewinnung zum Aufbau Frankfurts. Die Gemeinde will den Acker verkaufen. Firma Kern beutet ab 1956 den Acker „Am Linnes“ aus.

Ein Gemeindehaus ist erforderlich. Die Gemeinde steht in Verhandlungen mit dem Ehrenmitglied des Kirchenvorstandes, Schmiedemeister Johannes Schäfer, wegen Tauschs eines „Am Wellenpfad“ gelegenen Grundstückes. Es ist kaum ein anderes zu haben, die Preise sind hoch. Im Flurstück „Unterer Drisch“ wird der Preis noch höher.

1956: Etwas Erfreuliches zeitigte die Teilnahme am Männertag im Rahmen des Evangelischen Kirchentages in Frankfurt. In der großen Festhalle waren. 2000 evangelische Männer zu einer großen Kundgebung versammelt. Es sprechen Bischof Dr. Dibe­lius, Kirchenpräsident Niemölller und Bundesinnenminister Dr. Heinemann. Ein kleiner Männerkreis bildete sich, der regelmäßige Zusammenkünfte halten will. Zum Frankfurter Kirchentag hatte die Gemeinde 175 Quartiere zur Verfügung gestellt. Aber niemand kam. Die Frankfurter Bürger haben sich zuletzt doch noch besonnen und Quartiere in großer Zahl zur Verfügung gestellt.

Die Fünfzigjährigen hatten am 8. Oktober einen gemeinsamen Kirchgang und nachmittags eine kurze Kranzniederlegungsfeier auf dem Friedhof, bei der der Pfarrer die Ansprache hielt

Eine Gebetswoche für Kriegsgefangene usw. findet statt, aber mit geringer Beteiligung. Alle Kriegsgefangenen sind nunmehr daheim, soweit sie Nachricht bisher gegeben haben (Man vermutete aber, daß es noch „Schweigelager“ gibt). Nur Konrad Weingang wird noch in Rußland festgehalten, meinte man.

Zu Weihnachten sandte man wieder Päckchen in das Großauheimer Lager und ins Altersheim. 60 Pakete haben gebefreudige Familien gepackt und in die Patengemeinde Schönfeld gesandt.

Etliche Goldene Hochzeiten wurden auch in diesem Jahr in einer festlichen Feier, werktags oder sonntags, begangen.

Zur Bestreitung der Kosten des Ausbaus des Kircheninneren hat ein Fabrikant ein zinsloses Darlehen von 2.500 Mark zur Verfügung gestellt. Die letzten 500 Mark hat er der Kirche geschenkt.

Die alte hölzerne Vorhalle an der Südseite der Kirche wurde zu einer einfachen und würdigen Gedenkstätte ausgebaut.

Man steht immer noch in Verhandlung mit Schmiedemeister Schäfer (Ehrenmitglied des Kirchenvorstandes) zwecks Erwerbs eines Grundstücks für das Gemeindehaus „Am Wellenpfad“.

Bei den alljährlichen Erntedankspenden für das evangelische Altersheim steht Bischofsheim vermutlich an der Spitze der im Westen liegenden Kirchengemeinden von Hanau-Stadt. Überhaupt haben Bethel und die Betheler Mission aus Bischofsheim bei Vorträgen und Filmvorführungen höhere Beträge hereinsammeln können als bei anderen Gemeinden. Hoffentlich bleibt das so!

Der Gottesdienstbesuch wechselte, aber auch die Teilnahme der Kirchenvorsteher daran. Es gibt Sonntagsarbeit! Und es kann nicht genug gefeiert werden!

1957: Es wurden weitere Verhandlungen wegen des Gemeindehausbauses geführt. Gern hätte man an der Hauptstraße ein Gehöft erworben. Aber ein nicht hier wohnender Besitzer wollte sein Gehöft nicht abgeben. Vielleicht darum, weil wir keinen Preis unter der Theke als Behörde zahlen konnten oder aus antikirchlicher Einstellung?

Kirchenvorstehr und Frauenhilfe gehen alljährlich auf Fahrt (letztere nur halbtägig) zum Ken­­nenlernen der Heimat und Festigung der Gemeinschaft. Die Jugendarbeit ist in festen Händen. Die Teilnahme an der Männerarbeit läßt nach. Unter den Konfirmanden gibt es freilich r auch sehr ordentliche.

1958: Allmählich wird man sich über die Form des Gemeindehauses klar. Aber es gibt auch ärgerliche Mißverständnisse. Das kirchliche Bauamt Kassel will in mancher Hinsicht etwas anderes als der Kirchenvorstand. Der Bauplatz ist nicht sehr groß, reicht aber aus. Wer bauen will, muß Geld haben, Geduld und immerwährende Freudigkeit. Das merkt man sehr, sagt der Pfarrer.

Die seit 1948 bestehende Frauenhilfe entwickelt sich gut. Für das Gemeindeleben ist sie wertvoll. Auch der Kirchenchor leistet Gutes. Ebenso macht die Arbeit an der Jugend Fortschritte, besonders bei den Jungscharen.

Der Architekt Wilhelm Schäfer legt erste Pläne für den Gemeindehausbau vor.

1959: Jetzt beginnt der Gemeindehausbau. Die Meinungen zwischen Landeskirchenamt und Kirchenvorstand gehen in manchen Dingen auseinander. Im März begann die Erdarbeit. Die. Witterung war gut. Eine Wasserader wurde angerissen, es mußten Ablenkungsarbeiten ausgeführt werden. Dann erfolgte der Rohbau, zuerst der Saal, dann das Wohnhaus mit Eingangshalle.

Unstimmigkeit gab es wegen der Schrägen, besonders am Saal. Nach Fertigstellung des Rohbaus wurden erste Innenarbeiten ausgeführt. Der Arbeitsfortgang kann mit einer Schnecke an Langsamkeit gut konkurrieren. Die Gemeinde freut sich auf die Fertigstellung des Hauses.

Der Ertrag der Haussammlungen steigt. Aber die Kirchlichkeit läßt viel zu wünschen übrig. Geld, Geld ist die Parole, damit die persönlichen Wünsche erfüllt werden können. Weltseligkeit guckt allenthalben hervor: Die Eroberung des Weltalls beginnt (mit dem Start des Sputniks! Braucht man noch Gott? Sind wir in der Kirche sehr verschieden von denen, die außerhalb von ihr stehen?

Ein kleiner Kreis von schultentlassenen Mädchen und Jungen hat sich gebildet bzw. wird weiter verstärkt.

1960: Endlich gewinnt das Innere des Hauses sein Gesicht. Der Hausmeister kann am 1. Februar seine Wohnung schon beziehen. Aber für den Saal und die Halle stockt die Arbeit. Es gibt weiter Kontroversen zwischen dem Landeskirchenamt dem Architekten des Kirchenvorstandes wegen der Schrägen. Der Außenputz fehlt noch, ebenso die Einfriedigung. Aber Kirchenchor, Frauenhilfe, die Jugend hat nun Räume zum Üben, Versammlung, Zusammenkunft, Beratung, frohe Abende, usw. Was war das doch eng - zurückschauend vermerkt - im größten Zimmer des Pfarrhauses im Erdgeschoß, wo die ganzen Jahre hindurch die Veranstaltungen von Andachten, Gebetsstunden bis zur Jugendstunde und Kirchenvorstandssitzungen (besonders diese Sitzungen hielt der Pfarrer in seinem Arbeitszimmer wegen des Mithörenkönnens der Mieter neben dem Gemeinde­zimmer). Mein Nachfolger kann nun gut alle kirchlichen Gemeinschaften im neuen Gemeindehaus unterbringen.

Nochmals sei es betont: Wie hilfreich kann die Frauenhilfe mit 100 Mitgliedern in der Gemeinde sich betätigen. Sicherlich bedingt nun der schöne Raum auch das Wachstum der „Vereine“, denn im Pfarrhaus war es eng, alte Tapeten, viele Stühle ungemütlich, daß bei manchem sicherlich die rechte Freudigkeit zum Kommen fehlte.

Der Kirchenchor ist auch erfreut, im größeren Raum üben zu können. Und vor allem die Jugend mit den zwei schönen Jugendräumen wird dankbar sein, sich ausdehnen zu können. Die kleinen Verschönerungen lassen sich durchführen und der Außenputz stört das Leben im Inneren nicht. Denn daß rechtes, frohes, unverkrampftes Leben die Räume erfülle, ist aller Wunsch.

 

Renovierung 2012

Bei Renovierungsarbeiten im Februar 2012 stieß nun auf verbaute Steine, von denen man annahm, daß sie aus dem achten Jahrhundert stammen. Ebenso ging man davon aus, daß die jetzige Kirche im 13. oder 14. Jahrhundert an dieser Stelle gebaut worden war. Nun jedoch nahm man an, daß es dort bereits wesentlich früher ein Gotteshaus gegeben haben muß. Aber hierbei ist nicht bedacht, daß die 880 / 882 erwähnte Kirche im alten Dorf stand, das 1538 abgebrannt ist und im Bereich der heutigen „Alte Dorfstraße“ lag].

Aber man fand im westlichen Bereich der alten Kirche eine Tür, die später zugemauert wurde. Man hat den alten Betonputz aus den sechziger Jahren entfernt. Er war mit bis zu zehn Zentimetern deutlich dicker ist als zuvor angenommen, denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sehr viel Zement und Beton bei Neubauten, aber ebenso bei Sanierungen verwendet.

Möglicherweise wird man diesen ehemaligen Türbereich nicht wieder mit Putz versehen, sondern dort eine Scheibe anbringen, um damit auch einen Teil des historischen Mauerwerks weiterhin sichtbar zu lassen.

Aufgrund dieser bemerkenswerten Entdeckung und der zusätzlichen Arbeiten sind auch die Sanierungskosten gestiegen. Man rechnet aktuell mit einem Betrag von rund 300.000 Euro. Da die Gemeinde diesen finanziellen Aufwand nahezu komplett selbst tragen müssen, auch keine Zuwendung von der Landeskirche erhalten, ist sie auf Spenden angewiesen.

Die Sanierung im Inneren des historischen Teils der evangelischen Kirche wird vermutlich im April abgeschlossen sein. Zunächst nämlich muß das freigelegte Mauerwerk abtrocknen, bevor der neue Putz aufgetragen werden kann. Auch dieser Prozeß wird einige Zeit in Anspruch nehmen.  

 

 

Einiges über frühere Münzen, Maße und Gewichte

Die Übertragung von Gütern erfolgte in vergangenen Zeiten durch den Tausch­handel, einer primitiven Wirtschaftsform, die sich auch nach Einführung des Gel­des auf dem flachen Lande noch lange erhielt. Das erste Münzsystem in West­europa lehnte sich an die römische Währungsordnung an.

Als im 9. Jahrhundert die Fürsten das Recht bekamen, Geld zu prägen, setzte eine starke Zersplitterung des Geldwesens ein. Fremde Kriegsvölker brachten auch nach Bischofsheim stets die verschiedensten Geldsorten mit, deren Valuta­wert oft nicht bekannt war und die nach Abzug der Soldaten meistens mit großem Verlust bei den auf diesem Gebiet versierten Juden in Landeswährung um­getauscht werden mußten. Banknoten tauchten erst im 18. Jahrhundert auf und wurden besonders auf dem Lande vorerst mit größtem Mißtrauen betrachtet.

Die wichtigste Münzeinheit war der Gulden, dessen Name mit dem Wort „Gold“ zusammenhängt. Er stammte aus Florenz und wurde daher schriftlich mit „Gulden“ bezeichnet. Der französische Name Florin wurde aber nie gebraucht, sondern immer „Gulden“ gesagt. Ein Gulden hatte 30 Albus (als). Albus heißt „Der Weiße“ wegen seines Silbergehaltes, er hatte einen Wert von 10 Pfennigen. Ein Albus hatte 8 Heller (h); der Heller wurde erstmals in der Stadt Schwäbisch-Hall geprägt. Der Umrechnungswert des Guldens wurde am 1. Januar 1872 auf 1,71 Mark festgesetzt.

Aus Joachimsthal im Erzgebirge kam der Taler, ein sehr wichtiges und lange Zeit geltendes Geld­stück aus Silber. Er wurde in 30 Groschen eingeteilt und hatte einen Wert von drei Mark.

Der Kreuzer (Kreuzer) war eine aus Tirol stammende Silbermünze und hatte seinen Namen von dem Doppelkreuz auf seiner Rückseite erhalten. Sein Wert betrug etwa 4 Pfennige. Ihm wert­gleich war der Batzen, der oft als halber Batzen im Wert von 2 Pfennigen im Umlauf war.

Den Schilling gab es in vielen Ausführungen, hierzulande hatte er einen Wert von 12 Pfennigen, der Doppelschilling von 24 Pfennigen. Der Pfennig ist eine sehr alte Silbermünze, schon vor 1100 Jahren gab es ihn. Er hat sich in der Form des Kupferpfennigs als Scheidemünze bis heute erhalten. Einige Male sind in den Rechnungsbüchern der Gemeinde auch Einzahlungen in Tournosen verzeichnet, einer aus Tour in Frankreich stammenden Münze im Wert von 4,2 Gulden.

 

Verwirrend waren die Unterschiede auf dem Gebiet der Längen- und Hohlmaße sowie der Gewichte. Unter der gleichen Bezeichnung verstand man in den ver­schiedenen Ländern Deutschlands oft völlig andere Werte, sogar viele Städte hat­ten eigene Normen. Bei einem Handelsabschluß außerhalb des eigenen Landes mußte daher stets vermerkt werden, ob nach Frankfurter, Hanauer, Kölnischer, Lübecker oder sonst einer Norm gerechnet werden sollte.

 

In den Rechnungsbüchern der Gemeinde erscheinen folgende Getreidemaße:

Ein Malter      = 1,28 Hektoliter

Ein Achtel       = 168 Pfund

Ein Simmer    = 30 Liter

Ein Sechter     =   7 Liter

Eine Meste     = etwa 14 Liter

Ein Gescheid  = 21 (Stück)

Ein Fuder        = 60 Garben

Getreide wurde beim Verkauf nicht gewogen, sondern gemessen, wobei an ver­schiedenen Orten das gehäufte Maß, an anderen Orten das gestrichene Maß galt.

 

Weinmaße:

Ein Fuder                    = 6 Ohm = 900 Liter

Ein Ohm                     = 150 Liter

Ein Maß                      = 1,6 Liter

 

Längenmaße:

Eine Rute                    = 10 Fuß = 3,75m

Ein Fuß                        = 10 Zoll = 37,5 cm

Ein Zoll                                   = 3, 75 cm

Eine Frankfurter Elle  = 54 cm

           

Flächenmaße:

Quadratzoll, Quadratfuß, Quadratrute (14,4 m2)

 

Durch das Reichsgesetz vom 1. Januar 1872 wurde bei Währung und Maßen das Dezimal­system eingeführt, aber im ortsüblichen Handel blieben alte Maße noch lange erhalten. Heute sind sie verschwunden: Das Gros = 144 Stück, das Schock = 60 Stück, die Stiege = 20 Stück, die Mandel = 15 Stück, bei Eiern 16 Stück, das Dutzend = 12 Stück.

 

Zeitrechnung

Natürlich wußte man auch in früherer Zeit, in welcher Jahreszeit man lebte, aber kaum jemand konnte sagen, wann etwa Ostern, Pfingsten oder Weihnachten wäre. Das hatte der Pfarrer in der Kirche mitzuteilen, denn in den Häusern der Einwohner gab es keinen Kalender.

Auch bei der Angabe von Jahreszahlen war man völlig unsicher und rechnete häufig nach den auch in der ersten Urkunde über Bischofsheim angeführten „In­diktionen“. Das waren Zeitabschnitte von 15 Jahren in der Regierung von Kaisern und Päpsten oder auch Steuerperioden. Dieser Zeitbegriff wurde sehr individuell angewandt und wich häufig von anderen Zeitangaben ab. Er war also eine sehr unsichere Zeitbestimmung. Häufig mußten die Geburts- oder Todesdaten eines der zahllosen Heiligen bei Verträgen, Terminen oder Steuerzahlungen als zeit­liche Richtpunkte dienen.

Die alten deutschen Monatsnamen hielten sich lange in der Umgangssprache, wurden aber in Verträgen und Urkunden immer mehr durch die fast stets dem geistlichen Stande angehörenden Schreiber verdrängt. Die deutschen Namen wa­ren (mit Januar beginnend) Hartung, Hornung, Lenzing, Ostermond, Wonnemond, Brachet, Heuert, Ernting, Scheiding, Gilbhard, Nebelung, Julmond.

Der Jahresbeginn war im frühen Mittelalter unterschiedlich, in manchen Gebieten feierte man am 25. 12. Neujahr, andernorts aber am 25.3. Erst am Ende des 14. Jahrhunderts setzte sich der 1. Januar als Neujahrstag allmählich durch. Da­mit entstanden aber wieder Schwierigkeiten, denn September z. B. heißt auf lateinisch der Siebente, wurde nun aber der neunte Monat. So heißt es dann in den alten Bischofsheimer Urkunden immer umständlich, „in dem Monate den man auf latine Septembris“ nennt, oft schreibt man zur Sicherheit noch dahinter „7 bris“.

Ebenfalls begann der Tag in verschiedenen Gegenden zu verschiedenen Zeiten, um 4.00 Uhr, 5.00 Uhr oder 6.00 Uhr morgens. Zumindest in der Sommerzeit war der Tagesbeginn gleichbedeutend mit dem Arbeitsbeginn. Der Tagesbeginn wurde überall durch Glockengeläute bekanntgegeben. Da die Glöckner sicher auch keinen Wecker hatten, haben sie sich wohl nach dem Hahnenschrei gerichtet.

Die Sonntage standen vor der Reformation durchaus nicht unter dem Schutz der absoluten Sabbatheiligung. Man verrichtete zwar keine groben Arbeiten wie etwa Mistfahren, Dreschen oder Pflügen. Doch nahm niemand Anstoß, allerlei Ar­beiten in Hof und Garten zu vollziehen. In Städten wurde auf dem Markt Ware verkauft, die Landbevölkerung brachte ihre Produkte unbeanstandet auf die Märkte. Nur während des Vormittagsgottesdienstes scheint man sich bei der Be­tätigung eine gewisse Zurückhaltung auferlegt zu haben. Übrigens erhielten auch die Tagelöhner sonntags ihren Lohn ausgezahlt.

Diese etwas lockere Auffassung des Bibelwortes: „Am siebenten Tage sollst du ruhen von allen deinen Werken“ wurde erst nach der Reformation zu ändern versucht und schlug nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders nach dem Er­starken des calvinistischen Einflusses in der reformierten Kirche in das Gegen­teil um und führte zu manchmal geradezu grotesken Bestimmungen. Einzelne Aus­nahmen scheinen sich jedoch auch in diese Zeit hinübergerettet zu haben, wie es die Regelung beim Aufsuchen der Niederdorfelder Mühle beweist.

 

Finanzielle Leistungen der Gemeinde an die Kirche

Die Kirche hat im Leben der Gemeinde in den vergangenen Jahrhunderten eine große Bedeutung gehabt. Ihr Einfluß war dem der politischen Gemeinde gleich­zusetzen, sie genoß weitgehend Sonderrechte. Rechtsprechung und Gesetz waren häufig mit kirchlichen Grundsätzen in Übereinstimmung zu bringen. Das tägliche Leben der Ge­meinde war nicht nur obrigkeitlichen Bestimmungen untergeordnet, sondern auch in kirchliche Ordnungsprinzipien eingebettet.

Die Verbindungen zwischen der Gemeinde und der Kirche auf dem Sektor der Verwaltung waren viel­schichtig und nicht immer klar abgegrenzt. Sie beruhten zum Teil auf Überlieferun­gen, deren Ursprung niemand mehr kannte. Auch diese Tatsache läßt darauf schließen, daß Bischofsheim im Dreißigjährigen Kriege nicht in dem Maße zer­stört und entvölkert wurde, wie es die Überlieferung berichtet. In einer nach dem Kriege völlig neu entstandenen Gemeinde hätte man um 1700 den Ursprung von Verflechtung und Verpflichtung durch schriftliche oder mündliche Über­lieferung noch kennen müssen.

Die Rechnungsbücher der Gemeinde berichten über die Kirche von Geld und lassen daher Rückschlüsse auf die Rechte der Kirche zu. So wird aus dem Jahre 1758 berichtet, daß der Pfarrer das Heu von der Breul­wiese bekommt, die Gemeinde muß sich mit dem Grummet begnügen. Des wei­teren ist vermerkt, daß der Kirchturm in diesem Jahr schon eine Uhr hatte, deren Instandhaltung zu Lasten der Gemeinde ging. Sie bemühte daher auch Uhrma­cher aus Bergen, Offenbach und Windecken. Ebenso mußte die Gemeinde das Öl zum Schmieren der Glockenlager an den Schulmeister zahlen. Dieser Schulmeister war auch der Glocken- und Uhrwärter. Auch diese Kosten trug die Gemeinde.

Eben­falls wurde der Organist aus der Gemeindekasse entlohnt, und der Peter Ebert bekam für das Treten der Orgelbälge jährlich einen Gulden. Dafür konnte er sich etwa vier Brote kaufen. Schließlich wird aus diesem Jahr noch berichtet, daß die Ev.-luth. Kirche in Gronau jedes Jahr den Martinszins in Höhe von 1 Gulden 15 Albus von der Gemeinde Bischofsheim bekam, niemand weiß warum, aber da es schon immer so war, zahlte man durch viele Jahrzehnte, bis der alte Zopf im Jahre 1850 mit einem Betrag von rund 300 Gulden abgelöst wurde.

Die Gemeinde hatte ebenfalls die Pflicht, die Orgel zu unterhalten. Viele Jahre lang sah der Orgelmacher Zink aus Ostheim in Bischofsheim nach dem Rechten und kas­sierte hohe Beträge.

Befremdend hoch war der Verschleiß an Glockenseilen. Sie wurden nach Gewicht bezahlt, erst sehr viel später nach der Länge. Ein Glockenseil kostete 1768 immerhin 11 Gulden. Einmal fragte das Amt Bergen nach Überprüfung der Rechnun­gen, was denn eigentlich mit den alten Glockenseilen geschehe? Wahrscheinlich hatte man vielfache Verwendungsmöglichkeiten für diese Seile.

Für die jährlich viermal zu festgelegten Zeiten (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Michaelis) stattfindenden Feiern des Heiligen Abendmahles bezahlte die Ge­meinde das Brot und den Wein. Im Jahre 1758 benötigte man für diese Abend­mahlsfeiern 16 Brote und 30 Liter Wein. Diese stattlichen Mengen traten viele Jahre hindurch immer wieder konstant auf. Das Brot kostete 4 Gulden, der Wein 13 Gulden; erst in den Koalitionskriegen stieg der Brotpreis auf 11 Gulden, der Weinpreis auf 16 Gulden. Im Jahre 1794 gab es erstmals „weißes“ Brot zum Abendmahl.

Im Jahre 1769 kam der Pfarrer Brand nach Bischofsheim. Zu derselben Zeit hatte der Herrschaftliche Kirchenrat Bähr hier ein Hofgut. Bähr verzog nach Heidelberg und strengte einen Prozeß gegen die Gemeinde an wegen der von ihm geforder­ten Magazinfrüchte. Ausnahmsweise gewann die Gemeinde diesen Prozeß, und der Herr Rat mußte bezahlen. Der Pfarrer Brand hat 60 Jahre in Bischofsheim amtiert. Er muß ein sparsamer Mann gewesen sein, die Gemeinde borgte wiederholt größere Beträge von ihm.

In den vorliegenden Rechnungen erscheinen immer wieder Arbeiten an dem Turm, an der Uhr, die 1794 ein neues Schlagwerk bekommt, der Orgel, der Mauer um den Friedhof, den Toren, dem Pfarrhaus und Wirtschaftsgebäude. Besonders der Abtritt des Pfarrgehöftes scheint stark beansprucht gewesen zu sein, denn Reparaturen an ihm treten regelmäßig jedes Jahr auf.

Nach 1800 wird das Amt Bergen kritischer zu den Leistungen der Gemeinde an die Kirche. Es ordnete an, daß in Zukunft keine Arbeiten an kirchlichen Einrich­tungen ohne ausdrückliche Genehmigung des Amtes geleistet werden dürfen.

Im Jahre 1806 müssen die Mauern um den Kirchhof ausgebessert werden. Die Gemeinde sperrt sich und läßt Petitionen schreiben; aber es hilft nichts, sie muß die Arbei­ten ausführen.

Zur Besoldung des Pfarrers gehörten 10½ Ohm Wein (rund 1.635 Liter). Diesen Wein mußte die Gemeinde aus den Erträgnissen des Zehntweines an den Pfarrer abliefern. In schlechten Weinjahren war der Wert des Weines in Geld aufzubrin­gen, das aus der Gemeindekasse kam und 70 bis 150 Gulden jährlich ausmachte.

Außer dem Besoldungswein bekam der Pfarrer auch Besoldungskorn als Gehaltsanteil von der Gemeinde. Es waren 40 Malter Korn (Roggen) und 1 Malter Ha­fer. Ferner erhielt er zwei Fuder Roggenstroh. Im Jahre 1813 ist eine teure Zeit, das Abendmahlsbrot kostet 12 Gulden, der Abendmahlswein 30 Gulden.

 

In der Zeit der großen Armut nach den Befreiungskriegen wurden die Leistun­gen der Gemeinde an die Kirche durch die Obrigkeit beanstandet, ebenso Menge und Preis des von der Gemeinde zu liefernden Brotes und Weines wurde kriti­siert. Auch nach der Kornpfründe des Pfarrers wurde gefragt. Bei dem hohen Weinzehnten wurde nach dem Grund der Lieferung gefragt und eine Unter­suchung angeordnet. Die Antwort aus Bischofsheim zu allen Fragen lautet: „Das ist schon immer so gewesen“.

Schließlich wurde wenigstens die Sache mit den 10½ Ohm Besoldungswein geklärt. Der Wein war ein Besoldungsanteil des Pfarrers aus der Zeit des ehemaligen Frankfurter Bartholomäusstiftes, das in der Gemarkung große Besitzungen hatte.

Im Jahre 1830 versuchte die Gemeinde wieder einmal, die vielfachen finanziellen Verfilzungen zwischen der Gemeinde und der Kirche übersichtlicher zu gestalten. Am 3. Juni des gleichen Jahres kam ein Vertrag zustande, der heute, nach 142 Jahren, immer noch besteht und allen Ablösungsversuchen bisher widerstanden hat. Die Gemeinde zahlt gemäß dieses Vertrages der Kirche jährlich 150 Gulden, die später auf 257,16 Mark umgerechnet wurden. Die Kirche wiederum zahlt der Gemeinde für die zweite Schulstelle einen Zuschuß von 75 Gulden = 128,58 Mark.

Diese Zahlungen erfahren noch eine Abänderung durch den Vertrag vom 18.1.1924, nachdem das Küster-Schulhaus (altes Rathaus in der Hintergasse 28) voll in den Besitz der Gemeinde überging. In dem gleichen Vertrag einigte sich die Gemeinde mit der Kirche über die Auflösung der beiden Küsterschulstellen, über die Ablösung der Glockensichlinge, der Glockenheller und der Läutegeldab­gabe. Ferner wurde die Bezahlung für das Zeitläuten ganz von der Gemeinde übernommen; auch über die Teilung des Schullandes in Größe von 1 Hektar 11 Ar, 19 Quadratmeter einigte man sich großzügig, denn niemand wußte mehr, welches Land der Lehrerstelle und welches Land der Küsterstelle zugehörig war. Für die 3½ - Zim­mer- Wohnung der Küsterstelle in dem Schulhaus mußte die Gemeinde jährlich 360 Mark zahlen. Nach Verrechnung dieser Zahlungen hat die Gemeinde der Kirche also jährlich den Betrag von 488,58 Mark zu zahlen.

Im Jahre 1947 bot die Gemeinde der Kirche den 22,5fachen Jahresbetrag als Ablösung dieser Summe an, was die Kirche aus erklärlichen Gründen ablehnte. Nach Wiederherstellung geordneter Währungsverhältnisse versuchte die Gemeinde abermals, mit dem An­gebot des 10fachen Jahresbetrages die alte Geschichte aus der Welt zu schaffen, aber die Kirche lehnte wieder ab.

 

Auch das Zeitläuten (11 Uhr) wird noch immer ausgeübt. Als es eingeführt wur­de, hatte kein Mensch im Dorf eine Taschenuhr. Der Schall der Glocke sagte den in der Feldmark arbeitenden Bauern, daß es Zeit sei, Pferde oder Kühe vor den Wagen zu spannen, um heimzufahren, damit Mensch und Tier eine Ruhepause hatten und Nahrung zu sich nehmen konnten. Das 11 Uhr-Läuten beibehalten worden, und die Gemeinde zahlt auch heute noch jährlich 300 Mark dafür. Sie sollte sie auch weiter zahlen, denn dieses Zeitläuten ist ein letzter Hauch aus dem alten Bischofsheim, ein Klang aus einer vergangenen Zeit.

Im Jahre 1830 wurde das Pfarrhaus nochmals von der Gemeinde völlig umge­baut und renoviert. Die Gemeinde mußte dafür 1.000 Gulden aufnehmen und zehn Wochen lang einen Wächter stellen, der nachts das Haus und die Baumaterialien bewachte.

Nach einer noch vorhandenen wichtigen Urkunde vom 24. Juli 1849 werden die Verpflichtungen der politischen Gemeinde und der Kirchengemeinde weiter be­reinigt: Es werden nochmals die Rechte aufgezählt, die die Ev.-reformierte Kirche (der Kirchenbau) von den der Kirche zehntpflichtigen Bischofsheimer Einwohnern zu erhalten hatte: 20 Achtel Korn Frankfurter Scheuermaß, 2 Fuder Roggenstroh, 1 Achtel Hafer Frankfurter Scheuermaß. Außerdem hatte die Gemeinde das Pfarrgehöft und die Kirche zu unterhalten. Alle diese Verpflichtungen wurden nun durch die Zahlung von 8.000 Gulden abgelöst. Dieses Geld borgte sich die Ge­meinde bei der Landeskreditkasse. Die Summe mußte von der Kirche 41 Jahre lang mit 4½ Prozent verzinst werden, dann gehörte ihr das Kapital zinslos.

Die Gemeinde verpflichtete sich, zum Pfarrgehalt einen jährlichen Zuschuß von 150 Gulden, gleich 271,16 Mark zu geben, den sie 1974 durch Zahlung des 20fachen Jahresbetrages abzulösen beantragte. Die Unterhaltung des Kirchturmes, der Glocken und der Glockenseile blieb wei­terhin Aufgabe der Gemeinde.

Am 4. Februar 1944 brannte der Turmhelm beim Abwurf von Brandbomben völlig ab, die Kirche wurde schwer beschädigt. Ein hölzernes Notdach sollte weitere Zer­störungen durch Witterungseinflüsse abhalten. Am 13. Dezember 1952 wurde das Notdach durch einen der schlimmsten Stürme in dieser Gegend hochgewirbelt und auf einen Zaun der Obergasse geschmettert. Ob­wohl das Geld damals noch sehr knapp war, ließ die Gemeinde den Turm für rund 30.000,- DM in seiner jetzigen Form wieder aufbauen.

Seit dem Ausgang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts zahlt die politische Gemeinde auch keine Beiträge mehr für Brot und Wein zum Abendmahl. Irgend­ein Hinweis auf einen diesbezüglichen Vertrag wurde nicht gefunden.

Im Jahre 1834 starb Pfarrer Jung. Sein Nachfolger war der Pfarrer Hartmann aus Sterbfritz. Obwohl das Pfarrhaus gerade erst renoviert worden war, hatte dieser Geistliche recht erhebliche Wünsche in Bezug auf neue Instandsetzung des Hauses. Diesen Wünschen kam man auch nach. Die Umzugsrechnung des Pfarrers war gepfeffert, er verlangte 223 Gulden, 44 Kreuzer. Die Gemeinde antwortete ihm, daß sie keineswegs verpflichtet sei, diese Gelder zu zahlen. Sie sei aber bereit, ihm eine Beihilfe von 100 Gulden zu geben. Und dabei blieb es. Der Pfarrer Hartmann ist sehr lange in Bischofsheim gewesen, er starb 1898.

Nach diesen finanziellen und rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen der Ge­meinde und der Kirche erscheint letztere in den Gemeinderechnungsbüchern nur noch bei den Buchungen des Anteiles am Pfarrergehalt, bei der Pflege und In­standhaltung der Turmuhr und bei der Entlohnung für das Zeitläuten. Die Turmuhr, deren Vervollständigung durch Zifferblätter wiederholt diskutiert wurde, ist um 1930 abgebaut worden.

Die Beziehungen der politischen Gemeinde zur ev. Kirchengemeinde sind im all­gemeinen immer freundschaftlich gewesen und haben besonders auf dem Sozialsektor eine gute Zusammenarbeit ermöglicht.

 

 

Stellung und Aufgabe eines evangelischen Pfarrers in der modernen Gesellschaft                                                            

   Von Pfarrer Hartmut Käberich

Noch bis in die Zeit dieses Jahrhunderts galt der Pfarrer als der Vertreter einer Einrichtung - der Kirche -, deren Aufgaben und Bedeutung allgemein aner­kannt waren. Deshalb zählt man ihn zu den sogenannten „Honoratioren“: Er wurde von jedermann geachtet oder doch zumindest gefürchtet, und er konnte sich seines Einflusses sicher sein. Er repräsentierte die geltende sittliche Ordnung, die ethi­schen Werte und Normen, das, was als „gut“ und „böse“ galt.

Von ihm wurde Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erwartet und seine Antwort meist übernommen, denn er belegte sie mit den Worten der Bibel, und an deren „Wahrheit“ durfte es keinen Zweifel geben. Er bot im Namen seiner Religion Hilfe an, wenn Menschen in Angst und Hoffnungslosigkeit gerieten, indem er ihnen einen Vorstellungsbereich anbot, in dem sie mit Hilfe von Gesangsbuch- und Katechismusversen ihre Lage wiedererkennen und Trost finden konnten. Bei all dem handelt es sich auch noch heute um die wichtigsten Probleme des ein­zelnen Menschen. Und trotzdem wird den Aufgaben des Pfarrers nicht mehr die gleiche Bedeutung beigemessen wie damals.

Immer mehr Menschen haben erkannt, daß viele bei uns geltende religiöse Vor­stellungen rückständig sind, beispielsweise in Fragen der Sexualität, der Gleich­berechtigung von Mann und Frau, der politischen Verantwortung und Mündig­keit. Deshalb meinen viele, Religion sei uninteressant und bedeutungslos und folglich auch die Arbeit des Pfarrers. Und dennoch bejahen in der Bundesrepu­blik rund 80 Prozent der Bevölkerung das Bestehen von „so etwas wie Kirche“ in unserer Gesellschaft und halten diese für erforderlich. Das bedeutet aber nicht, daß diese 80 Prozent Interesse an theologischen Fragen haben, die sie mit Hilfe des Pfarrers klären wollen. Daran haben höchstens 3 Prozent Interesse. Das Interesse besteht vielmehr an Seelsorge, Taufe, Trauung, Beerdigung, an Unterricht und vor allem an karitativer Tätigkeit. Dabei hat der Pfarrer eine ähnliche Position wie der Arzt: Man nimmt ihn nur in Anspruch, wenn man ihn braucht. Darüber ­hinaus wünscht man ihn zu sehen, um sicher zu sein, daß die Kirche noch vor­handen ist und ihre Aufgaben wahrnimmt.

Man will vom Pfarrer immer noch wissen, woran man sich halten kann und was Gültigkeit hat. Er soll auch heute noch sagen, was „gut“ und „böse“ ist. Er soll helfen, daß wir die Dinge richtig deuten und ihnen den rechten Wert beimessen. Das wird von ihm erwartet, weil er Fachmann in religiösen Fragen ist und weil er gelernt haben soll, wie man solche Sachen den Kindern und Jugendlichen nahebringt.

Und genauso wie früher soll der Pfarrer in den Krisensituationen des Lebens seine Hilfe anbieten: Wenn ein Kind geboren wird, wenn zwei Menschen heira­ten und wenn jemand stirbt, aber auch Einsame, Alte und Kranke sowie Trau­ernde erwarten, daß er sich ihnen zuwendet und Zeit für sie hat. Sicher hat die Kirche für diese Bereiche kein Monopol mehr. Ihre besondere Zu­ständigkeit ist wohl in zwei Punkten begründet.

Erstens hat sie eine jahrhundertealte Tradition in der Wahrnehmung dieser Auf­gaben. Deshalb richten sich die Erwartungen der Bevölkerung gerade auf ihre Vertreter. Und zweitens verfügt sie über eine Organisation, die es ermöglicht, noch fast jeden zu erreichen.

Das sind also zwei Bereiche, in denen der Pfarrer arbeiten soll. Wenn es aber stimmt, daß viele religiöse Vorstellungen rückständig sind, wie wir festgestellt haben, dann kann der Pfarrer nur dann gültige Antworten geben, wenn es ge­lingt, das Evangelium als kritische Kraft für neue Wertvorstellungen verstehbar zu machen und neue Maßstäbe der Erziehung und Sexualmoral sowie des Ver­haltens in Fragen der Wirtschaft und insgesamt der Bedingungen von Emanzi­pation und Selbstbestimmung unter wirtschaftlichen und technischen Systemzwängen zu finden.

Wenn der Pfarrer mit seiner Arbeit den Menschen unter den heutigen Lebens­bedingungen helfen soll, so müssen sich auch die Formen, in denen das geschieht, verändern. Er soll ja nicht nur für die wenigen da sein, die am Sonntag seinen Gottesdienst besuchen, sondern auch für alle anderen. Und deren Lebensform stimmt nicht überein mit der von einigen „Frommen“, die oft glauben, in der Kirche müsse alles nach ihren eigenen Vorstellungen gehen.

Entscheidend für den Weg der Kirche und die Aufgaben des Pfarrers ist eine Erkenntnis, die erst in den letzten Jahren in ihrer Bedeutung erkannt worden ist: Wenn die Christen sich mit ihrer Frömmigkeit auf ihren privaten Bereich zurückziehen, dann werden sie gleichgültig gegen die wirtschaftlichen und sozialen Mißstände in unserem Land.

 

Die Botschaft des Propheten und die Predigt Jesu fordern aber gerade in unserer Situation zu Veränderungen in Kirche und Gesellschaft auf. Deshalb kann die Kirche nur dann glaubwürdig sein, wenn sie bereit ist, sich selbst zu verändern und mit dieser Legitimation in alle Bereiche des öffentlichen Lebens einzutreten, damit die Herrschaft des Menschen über andere einmal aufhört. Dann ist die Kirche eine „Kirche für andere“ und ihr Repräsentant ist der Pfar­rer, der das verdeutlichen soll.

 

Chronik der Katholischen Kirchengemeinde Bischofsheim

Von Pfarrer Johannes van Besien

Wann die Katholische Kirchengemeinde Bischofsheim entstanden ist, ist schwer zu sagen. Wann entsteht überhaupt eine Christengemeinde? Wenn die Antwort lau­tet: „Dort, wo sich Christen zusammentun, sich treffen, gemeinsam das Opfer feiern, nach dem Evangelium leben wollen und versuchen, Christus in die Welt zu tragen“, dann war in Bischofsheim schon lange „Kirchengemeinde“, jahrelang ehe sie kanonisch errichtet wurde.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war praktisch eine Handvoll Katholiken in Bischofsheim (etwa 30). Diese wenigen Familien wurden zuerst von Fechenheim und später dann von Pfarrer Josef Scherer in Seckbach mit betreut. Unter Pfarrer Abel wurde 1914 die Heilig Kreuz Kirche in Bergen-Enkheim er­baut, welche jahrelang für die Katholiken von Bischofsheim Pfarrkirche war. Erwähnt werden sollte vielleicht einmal, daß die Bischofsheimer Katholiken jahrelang bei Wind und Regen, zu Fuß nach Fechenheim und später nach Enk­heim gingen, um dem Gottesdienst beizuwohnen.

Im Jahre 1939 wurde Bernhard Köhler Pfarrkurat in Bergen-Enkheim mit dem Titel eines Pastors. Er erhielt in der Östlichen Sandstraße 7 in Enkheim eine Mietwohnung. Pfarrer Köhler erfreute sich großer Beliebtheit, nicht nur bei den Bergen-Enk­heimer und Bischofsheimer Katholiken, sondern auch bei allen anderen Ortsbewohnern, ob seiner Aufgeschlossenheit und seiner Hilfsbereitschaft, vor allem während der harten Kriegsjahre. Durch den Zuzug der Heimatvertriebenen in Bischofsheim wuchs nach dem Krie­ge die Zahl der Katholiken auf rund 200 Seelen an.

Seit 1946 gewährte die evangelische Kirchengemeinde den Katholiken Gast­freundschaft im Pfarrhaus. Am 1. Adventsonntag wurde dort der erste Gottes­dienst im Pfarrbüro abgehalten, und viele Gläubige standen während dieses Got­tesdienstes im Flur des Pfarrhauses. Als dann die Zahl der Katholiken weiter wuchs, siedelte man zunächst in die Turnhalle um. Nach längeren Verhandlungen erklärte sich dann die evangelische Kirchengemeinde bereit, den Katholiken jede zweite Woche ihr Gotteshaus zur Verfügung zu stellen, in den beiden anderen Wochen fuhren die Katholiken mit einem Omnibus nach Bergen-Enkheim zum Gottesdienstbesuch.

Für die würdige Gestaltung des Altars sorgten jahrelang die drei Geschwister Flahaut/Maisch mit großer Liebe und Hingabe. Schon zu allen Zeiten hatte der jeweilige Pfarrer Pflege und Betreuung in diesem Hause erhalten, welches prak­tisch die Arbeit des „ersten Pfarrhauses“ übernahm.

Im Jahre 1954 wurde Pfarrer Köhler versetzt und an seine Stelle trat Pfarrer Friedrich Bromm. Er übernahm die Pfarrkuratie Bergen-Enkheim und betreute die in­zwischen auf rund 1000 Seelen angewachsene Seelsorgestelle Bischofsheim. Ab 1955 wurden die sonntäglichen Gottesdienste im Kinosaal in der Jahnstraße abgehalten.

Da immer mehr katholische Christen in Bischofsheim zuzogen, plante das Bistum Fulda die Erbauung einer Kirche mit einem kleinen Gemeinderaum. Pfarrer Bromm erhielt diesen Auftrag. Anfang 1960 wurde dann nach einem Plan des Diözesan-Architekt Schick der Bau begonnen und am 17. Dezember des gleichen Jahres von Diözesan-Bischof Dr. Bolte die Einweihung des neuen Gotteshauses vorgenommen. Die Kirche wurde mit einem Kostenaufwand von 490.000,- DM erstellt.

Die Finanzierung des Projektes erfolgte weitgehend durch das Bistum Fulda und den Bonifatiusverein Paderborn. Die hiesige Kirchengemeinde tat sich sehr schwer, ihren finanziellen Anteil zu tragen: es mußte für die Dauer von 30 Jahren ein Darlehen von 60.000,- DM aufgenommen werden, was für die doch relativ kleine Gemeinde eine sehr große Belastung bedeutet. Es wurde ein Kirchbauverein gegründet, um die fälligen Zinszahlungen aufzubringen.

Am 1. Oktober 1962 bekam Pfarrer Bromm Hilfe. Aus der belgischen Benediktiner­abtei Steenbrugge kam der Benediktinerpater Josef van Besien, welcher seit eini­gen Jahren als belgischer Armeepfarrer in Deutschland tätig war, und der sich in den Dienst der Diözese Fulda stellte. Zum Einarbeiten kam er als Kaplan nach Bergen-Enkheim und betreute von dort aus Bischofsheim.

Im Jahre 1963 wechselten in Bergen-Enkheim erneut die Pfarrer. Herr Pfarrer Bromm wurde nach Bauerbach versetzt, an seine Stelle kam Pfarrkurat Hubert Wiederhold. Auf dem kircheneigenen Gelände wurde ein Pfarrhaus erstellt. Die Kosten dafür übernahm die Diözese Fulda. Am 1. Juni 1964 wurde Herrn Pfarrkurat von Besien Bischofsheim als selbständi­ge Kuratie übergeben. Dieses wurde im Hessischen Staatsanzeiger vom 8. Juni 1964 bekanntgegeben. Daraufhin wurde ein Kirchenvorstand gewählt, so daß dadurch die Kirchengemeinde handlungsfähig werden konnte. (Der Kirchenvorstand ei­ner Kirchengemeinde ist der Rechtsträger des Grundvermögens und finanzieller Verwalter).

Die Anzahl der Einwohner wuchs stetig und die Aktivitäten der Pfarrei wurden immer ausgedehnter und mannigfaltiger. Gruppen, Kreise und Gemeinschaften wurden gebildet. So hielt es Pfarrer van Besien Anfang des Jahres 1967 für gut und notwendig, einen Pfarrausschuß zu bilden, welcher den Namen „Pfarrgemeinde­rat" erhielt. Dieser setzte sich aus den verschiedenen Mitarbeitern des Pfarrers zusammen, sollte ihm beratend zur Seite stehen und die Arbeit mit koordinieren. Erst später, im Dezember 1967, ordnete die Diözese bei allen Kirchengemeinden die Bildung eines solchen Gremiums an. Diese Pfarrgemeinderäte bekamen ei­gene Statuten, und die Mitglieder wurden gewählt. Letzteres wurde zunächst nicht bei uns durchgeführt, da unser Pfarrgemeinderat bereits „stand“, aktiv war und gut funktionierte.

Am 13.6. 1971 erfolgte dann bei uns die erste Wahl. Zur Vorsitzenden wurde Frau Anneliese Hakewessell gewählt, welche dieses Amt bis heute versieht.

 

Ein Pfarrgemeinderat hat den Auftrag:

1. mit dem Pfarrer alle Fragen des pfarrlichen Lebens zu beraten und ihn in seinem Amt zu unterstützen,

2. die Arbeit der Organisationen und Gruppen anzuregen, zu fördern und aufeinander abzustimmen,

3. die Durchführung gemeinsamer Aufgaben zu beschließen und etwa not­wendige Einrichtungen zu schaffen, insbesondere, wenn kein anderer ge­eigneter Träger zu finden ist,

4. Belange der Katholiken der Pfarrei in der Öffentlichkeit zu vertreten, zu­mal wenn politische Gemeinde und Pfarrgemeinde sich räumlich decken,

5. die Pfarrgemeinde im Katholikenausschuß (des Dekanats, der Stadt, des Kreises oder Bezirks) zu vertreten.

Inzwischen hatte sich die Kirchengemeinde auf rund 3.000 Menschen vergrößert. Verschiedene Gemeinschaften, Gruppen und ein Kirchenchor waren entstanden. Die Verwaltungsarbeiten, welche seit 1964 von der Pfarrhaushälterin, Frau Schuster, ehrenamtlich mit erledigt wurden, waren so angewachsen, daß die Diözese Fulda Frau Schuster als erste Pfarramtshelferin der Gemeinde anstellte. (1.5.1969). Für rund sechs Monate war eine Seelsorgehelferin - Praktikantin, Fräulein Richarz, in der Gemeinde mit tätig.

Die entstandenen Gemeinschaften waren von außerordentlicher Aktivität. Da der neben der Kirche stehende etwa 30 Quadratmeter große Raum für diese alle bei weitem nicht ausreichte, stellte Pfarrer van Besien noch zwei Kellerräume des Pfarrhau­ses zur Verfügung. Alle Sitzungen und Besprechungen wurden in dem Wohn­zimmer des Pfarrers abgehalten.

Der Wunsch nach einem Pfarrzentrum und die Notwendigkeit eines solchen wuchsen immer mehr. In Anbetracht dieser Tatsache wurde von dem Kirchenvorstand beschlossen, am Berger Hang in der Flur 29 ein Grundstück von 4.524 Quadratmeter Ackerland zu kaufen, und mit diesem Tauschobjekt erstanden wir zu einem günstigen Preis von der politischen Gemeinde das Stück Land hinter der Kirche, genannt der „Lange See“.

Am 29. September 1967 stellte der Kirchenvorstand den Antrag, Bischofsheim zur Pfar­rei u ernennen. Diesem gab die Diözese am 30. Januar 1969 statt, und der Regie­rungspräsident bestätigte diese Ernennung im Hessischen Staatsanzeiger mit AZ. 13/69/544. Pfarrkurat van Besien wurde zum Pfarrer ernannt und war damit der erste römisch-katholische Pfarrer Bischofsheims.

Am 30. April 1970 wurde mit dem Bau des Pfarrzentrums in der Berliner Straße begonnen, und die Kirchengemeinde war sehr glücklich, als am 31. Januar 1971 das Haus eingeweiht und eröffnet werden konnte. Pfarrer van Besien gab ihm den Namen: „Haus der Begegnung“. Daß es diesen Namen zu Recht erhielt, beweist das Leben, welches sich in diesem Hause abspielt: Männer und Frauen treffen sich zu Vorträgen und Seminaren, Diskussions- und Bastelabenden. Die Betagten haben hier ihre allmonatliche Kaffeerunde, eine Adventsfeier und

ein großes Frühlingsfest. Den Miniclub besuchen regelmäßig 15 Kinder und genießen Vorschulunterricht. Eine psychologische Beratungsstelle gibt Hilfen in Erziehungs- und Jugendfragen. Jeden Sonntag ist für die Kinder ein Wortgottesdienst im Saal, für die Kleinen

ist während des Gottesdienstes Babysitterdienst, so daß die Eltern ungestört dem Hochamt beiwohnen können. Allsonntäglich ist nach dem Hochamt Frühschoppen. Der Kirchenchor trifft sich jeden Montag zur Probestunde. Für Erwachsene und Jugendliche laufen Yoga- und Karatekurse. Vielen Bischofsheimer Einwohnern wird viermal wöchentlich Entspannung und Freude geboten durch die Aktion „Guter Film“.

Zahlreiche Jugendgruppen haben regelmäßige Gruppenstunden.

Jugendgruppen: „Schlangentöter“ – „Nomaden“ – „Inkas I und II“, „Ministrantengruppe I“.

Mädchengruppen: „Frohschar“ – „Kürbiskerne“.

Gemischte Gruppen: „Spielgruppe des 1. - 3. Schuljahres“ – „Sing- und Spielgruppe“.

Arbeitsgruppen: „Disko I“ (Beat) – „Disko II“ (Standard) – „Alpin I – V“, „1 Filmclub“ –

„1 Arbeitsgruppe für Gräberpflege“ – „3 Musikgruppen“. Der Jugendführer im „Haus der Begegnung“ ist Erwin Bednarczyk. Im „Haus der Begegnung“ wurde der über 160 Mitglieder zählende „Judoclub Bischofsheim“ gegründet, welcher Kinder vom Vorschulalter bis zu Erwachsenen hin erfaßt.

Neben Bällen, Festen, Pfarrgemeindenachmittagen und anderen pfarreigenen Veranstaltungen fanden z.B. im Jahre 1973 im „Haus der Begegnung“ statt: 14 Tanzveranstaltungen, 37 Clubabende, 44 Frühschoppen, acht Familienfeiern, sieben Elternabende, ein Tanztee, zwei Seminare und zwei Blutspendetermine. Verantwortlicher für das „Haus der Begegnung“ ist Herr Karlheinz Förster.

Für alle anfallenden Arbeiten und Aufgaben haben sich eine große Anzahl frei­williger Helfer Herrn Pfarrer van Besien zur Verfügung gestellt. Ein „Verteiler-­Helferkreis" - ein „Babysitter-Helferkreis“ ein „Frauen-Helferkreis“, der das Gotteshaus reinigt, ein Helferkreis für die „Bejahrtenveranstaltungen“ und ein „Nothelferkreis“. Außerdem stellten sich regelmäßig zahlreiche Helfer zur Ver­fügung, welche für den Kirchenbauverein sammeln und die regelmäßigen alljähr­lichen Sammlungen der Caritas, des Müttergenesungswerkes, der Kriegsgräber­fürsorge usw. durchführen.

Für die caritative Arbeit in unserer Gemeinde zeichnet Herr Otto Rachhals verantwortlich, welcher seit dem 1. 1.1973 als erster Diakon unserer Gemeinde hier tätig und einer der ersten Diakone der Diözese Fulda ist.

Zum heutigen Stande unserer Gemeinde wäre zu sagen: Bischofsheim umfaßt jetzt etwa 5.000 Katholiken, wovon etwa 1.200 Nicht-Deutsche ihre eigenen Gottesdienste in unserer Kirche haben.

Die Gottesdienstordnung: Samstagabend Vormesse um 18.00 Uhr, Sonntag früh in der Winterzeit um 8.00 Uhr, in der Sommerzeit um 7.30 Uhr Gottesdienst, Montag ist kein Gottesdienst. Dienstag um 16.00 Uhr ein Kindergottesdienst. (Vor diesem Kindergottesdienst haben die Kinder des 1. - 3. Schuljahres ab 15.30 Uhr eine Seelsorgestunde). Mittwoch früh um 8.00 Uhr, Donnerstag um 9.00 Uhr ist die Gemeinschaftsmesse der Frauen, Freitagabend um 19.00 Uhr ein Abendgottesdienst für die Berufstätigen und die Jugend. Freitag von 18.00 -19.00 Uhr ist Beichtgelegenheit, zweimal im Jahre (vor Ostern und vor Weih­nachten) sind Bußgottesdienste.

Allwöchentlich wird ein eigener Pfarrbote herausgegeben, dem alle Gottesdienste und Veranstaltungen der kommenden Woche entnommen werden können. Der Gottesdienstbesuch am Sonntag beträgt rund 22 Prozent. Im Jahre 1973 hatten wir 24.600 Kommunionsempfänge; im gleichen Jahr gab es 25 Kirchenaustritte.

 

Heirat und Ehe

Eine Eheschließung vor 200 Jahren war nicht etwa eine Privatangelegen­heit der beiden Betroffenen, sondern unterlag strengen Verordnungen der Obrig­keit. Ein ehewilliger junger Mann hatte sich nur „im Amt“ zu verlieben; wohnte die Erwählte außerhalb des Amtes, so wurde die Sache schon schwierig, denn die jungen Männer sollten im Lande bleiben. Schon vor Der Verlobung („Eheberedung und Gelöbnis“) mit einer außerhalb des Amtes wohnenden Braut mußte der junge Mann sich auf dem Amte melden, „da­mit auf Mittel und Wege gesonnen werde, wie ihm im Amt einige Güter untergeben werden könnten“, damit er hier heiraten könne. Die Eheberedung soll auch stets vor dem Amt vorgenommen werden, damit alles rechtens zugehe; im­mer wieder wird davor gewarnt, Winkelschreiber mit dem Ehevertrag zu be­trauen.

Niemand durfte bis zum dritten Grad der Verwandtschaft, es sei denn, daß die christliche und weltliche Obrigkeit die Genehmigung erteile. Ehen zwischen Cou­sin und Cousine waren also verboten. Diese einschränkende Bestimmung engte die Auswahl auf dem Heiratsmarkte stark ein, denn bei der praktisch völligen Abkapselung der Gemeinde war man meistens auf Ehepartner aus dem eigenen Dorfe angewiesen, in dem fast alle Menschen untereinander verwandt oder ver­sippt waren. Hatten sich die jungen Leute nun gefunden, so mußten das Braut­paar und deren Eltern sich auf den Weg zum Amt machen und hier das ausdrück­liche Einverständnis zur Heirat mitteilen. Wagte es ein Auswärtiger, sich hier ein­zuheiraten, so hatte er Immobilien im Werte von mindestens 300 Gulden im Orte nachzuweisen, sonst konnte aus der Sache nichts werden.

 

Die beiden Elternpaare mußten nun vor der hohen Obrigkeit genaue Auskünfte über Haus und Acker und alles geben, was die jungen Leute erhalten würden. Jedes Ackerstück mußte angegeben werden, auch dessen Wert wurde auf Heller und Pfennig notiert. Meistens übergaben die Eltern den jungen Leuten das Land nicht als ihr Eigentum, sondern nur zur Nutzung („nutznüßlich“). Das Schriftstück wurde von allen Beteiligten unterschrieben, oft nur mit drei (beglaubigten) Kreu­zen. Dieses Schriftstück reichten die jungen Leute dann mit einem Gesuch an die Gemeinde ein und baten zugleich um die Aufnahme in das Ortsbürgerrecht („Nachbarschaft“). Der Gemeinderat beschloß in einer Sitzung darüber und fer­tigte ein Protokoll an.

Auch der Tag der Hochzeit unterlag weit­gehend der Kontrolle der Obrigkeit. Vorerst mußte man sittsam zur Kirche gehen und die Predigt anhören, danach durften die Geschenke entgegengenommen wer­den. Kinder, die der Braut nichts schenkten, durften nicht am Tisch der „ehr­lichen" Hochzeitsgäste sitzen. Bei dem Hochzeits­essen sollte es ordentlich zuge­hen, es sollte nicht zuviel angeboten werden.

Auch mit den Geschenken sollte „kein Überfluß“ getrieben werden; die Hochzeitsfeier durfte nur einen Tag dauern und nicht, wie es sich eingebürgert hatte, drei Tage.

Eine üble Sitte hatte sich vor 250 Jahren eingeschlichen: Nachts, wenn die Hochzeitsgäste aufbrachen, nahmen sie mit, was an Eß- und Trinkbarem zu ergattern war. Gegen dieses „Heimschleppen“, durch das dem jungen Paar oft großer Schaden entstand, wurden durch verschiedene Erlasse der Obrigkeit empfindliche Strafen angedroht.

Streng war man in Angelegenheiten der Moral. Hier gab es keine Gnade. Ehe­leute, die auseinanderliefen, hatten sich wieder zusammenzufinden oder sie wur­den des Landes verwiesen. Ehebruch und Hurerei konnten den Kopf kosten; Frauen wurden meistens ertränkt. Mädchen, die ein uneheliches Kind erwarteten, wurden an den Pranger gestellt, mit „Ruten gestrichen“ und aus den Toren der Gemeinde hinaus gepeitscht. Sie wurden des Landes verwiesen.

Auch in Bischofsheim sind wiederholt solche armen Mädchen aufgetaucht, die hier entbunden haben. Sie kamen meistens von weither.

Anhand der Rechnungsbücher läßt sich genau verfolgen, wenn jemand aus einem anderen Ort nach Bischofsheim zog, denn jeder mußte erst sein Einzugsgeld von 36 Gulden bezahlen, Frauen zahlten die Hälfte. Dies bedeutete eine schwere Belastung und machte den Ortswechsel zu einem seltenen Fall.

In den Niederschriften des Presbyteriums sind für die Eheschließung verschie­dene Benennungen gebraucht worden: „haben Hochzeit gehalten, hielten ihren öffentlichen Kirchgang, sind zur Kirche gangen und haben ihren hochzeitlichen Ehrentag gehalten“. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es jährlich nur eine bis drei Eheschließungen, später drei bis fünf jährlich.

Auch Scheidungen sind schon vorgekommen, wenn sie auch im Allgemeinen streng verboten waren. Johann Seypen (Seip) klagte 1642 gegen seine „trewlose Ver­lasserin" Elisabeth. Er wird vor dem Ehegericht in Hanau geschieden und darf wieder heiraten. Die treulose Elisabeth mußte die Gerichtskosten bezahlen.

So glatt ging das aber nicht immer. Der arme Johannes Heilmann wandte sich 1639 hilfesuchend an die Presbyter und sagte aus, daß seine Frau ihn mit Fäu­sten und Stöcken geschlagen habe, ihn vom Brot abgewiesen habe und nicht mehr bei ihm bleiben wolle. Die liebe Hausfrau wurde nun bestellt, vor dem Pfarr­erkollegium in Hanau versöhnten sich die Eheleute und gaben sich die Hände, aber „die obgemelte Mane“ hielt ihr Versprechen nicht. Sie wurde abermals vorge­laden, und sagte patzig, sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen und wolle geschieden werden. Sie erhielt eine Anzeige und wurde zu Gefängnis ver­urteilt. Wieder entlassen, blieb sie bei ihrem Ehemann.

 

Häufig ließen sich in Bischofsheim auswärtige Brautpaare trauen, meistens junge Leute aus Frankfurt, die schon vor der Ehe ein Kind bekommen hatten. Im Jahre 1704 wurde ein junger Mann aus dem Amte Ehrenburg hierher ver­schlagen, der wegen des Bayerischen Krieges weder Geburtsschein noch Lehrbrief vorweisen konnte. Er verliebte sich in ein Bischofsheimer Mädchen, bekam aber keine Heiratserlaubnis. Es war schon fast ein Wunder, daß man ihn nicht hinauswarf. Der junge Mann gab aber nicht auf und bettelte solange bei allen mög­lichen Ämtern und Behörden, bis man ihm die Heiratserlaubnis gab.

Die Trauungen für die reformierten Christen fanden in der Kirche statt, die Lutheraner wurden durch den Hochstädter Pfarrer im Rathaus getraut. Im Jahre 1704 gab es eine große Aufregung: Die reformierte Tochter des Caspar Jüngling wollte sich nicht in der Kirche, sondern ebenfalls im Rathaus trauen lassen. Der Zentgraf hatte seine Erlaubnis dazu gegeben, das eilends zusammen­geholte Presbyterium war jedoch dagegen. „Da könnten ja auch bald Leichenpredigten und andere Akte in Gemeinde-Häusern sein!“ Schließlich kam es zu einem Kompromiß, die Trauung wurde im Elternhaus der Braut vorgenommen.

Im Jahre 1726 erscheint in den Kirchenbüchern der Ausdruck „Schwer-Vattern“ (Schwieger­vater).

Nach alter Ortssitte kam der Schulmeister mit seinen Kindern zum Hochzeitshaus, um einige Lieder zu singen. Dafür bekamen die Kinder einen Topf Brühe oder Suppe, ein Viertel Kuchen und einen Laib Brot und einen Trunk, der Schulmeister bekam ein halb Viertel Wein, Suppe und Fleisch. Der Schüler wurden nun immer mehr und es war fast so, als müßte man für die Schulkinder eine zweite Hochzeit aus­rüsten. Man beschloß, daß der Schulmeister 15 Albus und jedes Kind 1 Albus zu be­kommen habe. Wenn arme Leute Hochzeit hielten, durfte nur die Hälfte der Kin­der singen.

Bei den vielen Einquartierungen heirateten die Soldaten hier lustig drauf los. Von 1734 an mußten die Pfarrer von dem Dienstvorgesetzten des Soldaten eine Unbedenklichkeitsbescheinigung anfordern und ebenfalls von dem Pfarrer aus dem Heimatort des Bräutigams die schriftliche Bestätigung, daß der Soldat noch nicht verheiratet sei.

 

Alkohol

In Bischofsheim wurde schon unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg Ta­bak angebaut. Das läßt sich aus den Angaben über Kirchenstrafen nachweisen, denn häufig wurden Leute bestraft, weil sie sich sonntags zu verbotener Zeit Tabakpflanzen aus Hanau geholt oder eine Traglast Tabak nach Frankfurt zum Verkauf getragen hatten. Das Rauchen, oder wie man damals sagte „Tabaktrinken“, gegen das in anderen Teilen Deutschlands schon damals so oft gewet­tert wurde, wird in den hier vorliegenden Schriftstücken niemals erwähnt. Ebenso wird niemals der warnende Zeigefinger gegen das Bier- oder Weintrinken er­hoben, alle diese Genußmittel scheinen keine nennenswerte Rolle in Bischofsheim gespielt zu haben.

Anders verhielt es sich mit dem Branntwein. Aus den Jahren 1645 und 1653 liegen Erlasse des Grafen von Hanau vor, in denen das „Sonntägliche Fressen und Sauffen“ vor den Kirben und den Jahrmärkten strikt verboten wurde. In unserer Gemeinde befanden sich zahlreiche Brennhäuser: Branntwein wurde nicht nur bei den Wirten, sondern auch auf vielen anderen Hofreiten gebrannt, wie die Geschichte des Juden Mayer von 1698 beweist. Es wird ein richtiger Rachenputzer gewesen sein, den man hier produzierte. Die Not und die Ver­zweiflung der damaligen Zeit ließen Männer und Frauen zu diesem Gesöff grei­fen, um Trost und Vergessen zu finden.

Branntwein tranken wohl fast alle. Sogar bei den Sitzungen des Presbyteriums gab es ihn zu trinken. Zentgraf, Bürgermeister und Schulmeister mußten er­mahnt werden, ihr übermäßiges „Branntweinsaufen“ zu unterlassen. Beson­ders die unerlaubten oder erlaubten Gänge zur Mühle nach Niederdorfelden waren häufig mit erheblichem Alkoholgenuß verbunden. Während man auf sein Mehl wartete, ging man nicht wie vorgeschrieben in den Gottesdienst der Nieder­dorfelder Kirche, sondern in das Wirtshaus.

Ein Peter Schmidt soff sich 1696 bei dieser Gelegenheit zu Tode. Häufig kamen Leute vollkommen betrunken in die Kirche, Frauen machten dabei keine Aus­nahme. Es wird berichtet, daß sie durch spöttische Bemerkungen, durch lautes Reden oder Lachen, durch „Schreien wie ein Tier oder durch dauerndes Heulen die Gemeinde geärgert haben“. Alle wurden bestraft, in besonders schweren Fällen oder im Wiederholungsfalle wurden die Strafen durch das Gericht ausge­sprochen. Diese Strafen waren hart. Ein Bauer hatte in betrunkenem Zustand Schelte und ehrenrührige Worte über die Kirchenältesten ausgegossen. Er mußte 1 Gulden zahlen trotz flehentlicher Bitten um Verzeihung und versprochener Besserung. Ein anderer Mann schlief betrunken während der Predigt ein und wurde ebenfalls zu einem Gulden Strafe verurteilt. Auch häusliche Streitigkeiten, die aus Trunksucht entstanden, mußten immer wie­der durch die Presbyter geschlichtet werden. Nach 1700 scheint sich das übermäßige Verlangen nach Branntwein gelegt zu haben, es werden keine Ermahnungen mehr ausgesprochen, keine Strafen mehr verhängt.

 

Die Schulen

Schon im Jahre 1608 gibt der Pfarrer Jacob Heuser einen Hinweis auf einen Lehrer, indem er in den Pfarrakten vermerkt: Die Bürgermeister von Bischofsheim geben jährlich einem Schuldiener.....(keine Angaben). Damit ist die Existenz einer Schule bereits in diesem Jahr erwiesen.

Die Presbyterial-Protokolle sind in der am weitesten zu­rückliegenden Zeit sehr genau geführt und berichten mancherlei über Schule und Lehrer. Die Unterlagen der Gemeinde beginnen mit dem Jahre 1758. Die Ge­meinde hatte zwar das Schulgebäude zu stellen und zu unterhalten, die Schule an sich war aber eine kirchliche Einrichtung.

Eine Schule gab es schon vor dem Dreißigjährigen Krieg am Ort, denn aus einer Notiz von 1608 in den Kirchenbüchern geht hervor, daß die Gemeinde dem „Schuldiener“ (diesen Titel führte der Lehrer damals) einen jährlichen Ge­haltszuschuß zu geben hatte. Zur Zeit dieses Krieges war dann ein Mann namens Wörner hiesiger Schuldiener, der zugleich mit dem Bischofsheimer Zentgrafen als Flüchtling in Hanau verstarb.

Diese Dorfschulmeister konnten in vielen Fällen wohl selber nur mühsam lesen und schreiben; im Rechnen sind sie über die schriftliche Addition und Subtraktion selten hinaus­gekom­men. Sie waren ohne jede Berufsausbildung und hatten ein so geringes Einkommen, daß die Schule als Nebenbeschäftigung angesehen wurde und die Lehrer versuchen mußten, sich als Schuster, Schneider, Schreiner oder Schmied noch einige Gulden zu verdienen. So glich die Schulstube meistens mehr einer Werkstätte als einem Unterrichtsraum. Meistens war das Amt des Lehrers mit Nebenaufgaben verbunden, für die er noch einige Heller erhielt. Im Jahre 1779 wurde das erste Schullehrerseminar in Kassel gegründet, nun erhielten ge­eignete junge Männer hier die allernotwendigsten Grundlagen für ihren Beruf.

Am 7. Januar 1731 starb der Schulmeister Dittmer. an seiner Stelle wurde am 17. März der Schulmeister Römpst ein­gesetzt worden. Römpst selber starb am 5. August 1744. an seiner Stelle wurde der Schulmeister Hohmann den 22. No­vember eingesetzt.

Man muß es den Bischofsheimern hoch anrechnen: Kaum hatten sie nach Be­endigung des Dreißigjährigen Krieges ihre Häuser und Wirtschaftsgebäude not­dürftig instandgesetzt, so errichteten sie schon 1665 das Schulhaus am damaligen Ende der Breulgasse vor dem Breultor. Die Kirche schenkte 10 Gulden zum Bau und lieh weitere 70 Gulden zu 5 Prozent aus dem Almosensäcklein. Der Schuldiener hieß Gregory Christ. Das Schulgehöft in der Breulgasse brennt aber 1776 nieder und wird wieder aufgebaut.

Als im Jahre 1731 zwischen der Kirche und verschiedenen Behörden wegen der Besoldung (Schulkompetenz) ein Streit ausbrach, machte der amtierende Pfarrer auch Angaben über frühere Bischofsheimer Schulhäuser. Danach soll vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Schule in einem Gebäude auf der Hofreite des Ge­meindebackhauses in der Hintergasse gewesen sein und vorher sogar ein Schul­gebäude auf dem Kirchhof gestanden haben.

Am 21. September 1679 hat das Presbyterium der ganzen hiesigen Ge­meinde in der Kirche nach der Predigt August Lapp, Schuldiener in Hintersteinau, vorgeschlagen zum Schuldiener in Bischofsheim. Es hat auch jeden Einwohner gefragt, ob er mit dem Singen, Schreiben und der Person des Schulmeisters zu­frieden sei. Weil alle Einwohner mit ihm wohl zufrieden waren, haben Pfarrer, Zent­graf und Kirchenälteste um ihn beim Konsistorium angehalten. Es hat ihn auch zum hiesigen Schuldiener angenommen.

So ein Schuldiener hatte neben seinem winterlichen Unterricht mancherlei Nebenbeschäftigung. Er mußte während der Predigt das Almosensäckel herumtra­gen, dafür bekam er jährlich 15 Albus. Dann hatte er die Glocke zu schmieren, die Turmuhr zu stellen, zu läuten, monatlich einmal die Kirche zu fegen, Leute vor das gefürchtete Presbyterium zu holen, dem Zentgraf und den Gerichtsleuten Nachrichten zu überbringen, kirchliche Briefe auszutragen und mußte Botengänge nach auswärts verrichten. War der Pfarrer verhindert, so mußte er Lesegottes­dienst halten und die Schüler und Jugendlichen am Sonntagnachmittag in der Kinderlehre und im Katechismus prüfen. Die Jugendlichen trieben allerlei Un­sinn.

War es zu schlimm, dann wurden zwei Kirchenälteste abkommandiert, die Aufsicht zu führen hatten und die Übeltäter vor dem Presbyterium anzeigten, dann hagelte es Strafen. Ließ der Kirchenbesuch nach, so bekam der Schuldiener den Auftrag, die Kir­chenschwänzer aufzuschreiben, es gab dann Geldstrafen.

Im Sommer war keine Schule. Ende August verkündete der Pfarrer von der Kan­zel, wann die Schule wieder anfange. Für jedes Kind hatten die Eltern einen ge­ringen Geldbetrag an den Lehrer zu zahlen, der zu seinem Gehalt gehörte, eben­falls hatten sie die berüchtigten Schulscheiter zu liefern, um den Ofen im Klas­senraum zu heizen. Geld und Holz waren aber gleichermaßen knapp, und so schickten die Eltern von fünf oder sechs Kindern immer nur eines in die Schule. In späteren Jahren hat die Kirche bei völlig unbemittelten Familien diese Zah­lungen gelegentlich übernommen.

Im Jahre 1685 ging es dem armen Schuldiener August Lapp sehr schlecht: Drei Bischofsheimer Bürger übernachteten in einem Ort, dessen Name nicht zu entziffern ist. Er muß nicht weit im Nordosten gelegen haben, denn in dem Wirtshaus waren auch Leute aus Issigheim, Ostheim, Bruchköbel und ein Tuchmacher aus Altenstadt. Dieser erkundigte sich bei den Bischofsheimern nach Leinewebern in ihrem Heimatort. Man nannte ihm einige, u.a. den Bischofsheimer Leineweber und Schulmeister Jost Lapp. Der Altenstädter fragte weiter, wer die Muster auf den Halstüchern der Bischofsheimer gemacht habe; sie seien von ihrem Schul­meister Jost Lapp.

Da sagte der Altenstädter, daß er diesen Mann kenne, der sei ein Hexenmeister, ein Teufelsbanner und ein Wehrwolf. Die Bischofsheimer würden in wenigen Wochen ein fürchterliches Unglück erleben, wenn sie diesen Mann behielten. Er rief nach Feder und Papier, schrieb alle Beschuldigungen auf und gab das Papier den Bischofsheimern mit. Am nächsten Tag wußten der Pfarrer und die Presbyter Bescheid, sie machten sofort eine Anzeige vor Ge­richt. In der bald anberaumten Gerichtsverhandlung mußte der Altenstädter alles zurücknehmen. Ihm wurde bescheinigt, daß er ein liederlicher, schmähsüchtiger und verlogener Ehrendieb sei.

Trotz dieses glänzenden Freispruches machte man Lapp das Leben zur Hölle, überall verspürte er Angst, Abneigung und Mißtrauen.

Mit Einwilligung des Konsistoriums legte er am 24. Dezember 1685 sein Amt nieder. Er durfte noch bis zum neuen Jahr im Schulhaus bleiben. Pfarrer und Älteste übernahmen den Unterricht im Pfarrhaus, denn kein Kind betrat das Schul­haus, solange der „Hexenmeister“ darin wohnte. Alle durch den Unterricht entstandenen Schäden im Pfarrhaus mußte die Gemeinde ersetzen; das Läuten der Glocken übernahmen vorerst Leute aus der Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir auch, wann damals geläutet wurde: Morgens um 4 Uhr und abends um 8 Uhr.

Der neue Schulmeister hieß Dittemer, er war eine anfangs sehr geachtete Per­sönlichkeit und gehörte dem Presbyterium an, aber auch er war vor einem Rüffel des Herrn Pfarrers nicht sicher: Er habe nicht ohne Erlaubnis des Pfarrers über Feld zu gehen, sondern Schule zu halten; auch habe er mit dem Läuten aufzuhören, sobald die Leiche auf dem Kirchhof ist und nicht bei begüterten Familien weiter zu läuten.

Eine etwa 1660 gemachte Aufzeichnung gibt Auskunft über die Besoldung des Lehrers:

An Korn 8 Achtel aus dem Zehnten, jeder Sichling im 2 Achtel, Summa 10 Achtel.

 7½ Gulden     Die Gemeinde

 1  Gulden       Der Kirchenbau

17  Heller        Johann Loller für einen Garten neben Andreas Köhn

25  Heller        Johann Kührlinas zu Pferd für die Hofreithe

25  Heller        Johann Reich von seiner Hofreithe

 2  Albus          Engelbert Ketter und Johann Hayn

 1  Batzen        Andreas Köbel und Hans See für einen Garten

Summa:      9 Gulden 7 Albus 7 Heller.

 

Im Jahre 1668 machte der Zentgraf im Presbyterium den Vorschlag, der Pfarrer sollte doch einmal mit dem Schulmeister reden, ob nicht auch während der Sommer­zeit ein bis zwei Stunden Schule gehalten werden könnten, damit die Kinder nicht alles vergäßen und auch von der Straße kämen. Der Schulmeister erklärte sich dazu ohne die befürchteten Geldforderungen bereit und erbat als Ausgleich nur vier bis sechs Wochen Urlaub in der Weinlese, damit er seiner Familie hel­fen könne, einige Stücke Brot zu verdienen.

Im Jahre 1700 erscheint der Name des Schulmeisters Dittemer mit einem „Hl.“ (=Hochlöb­lich). Das bedeutet Anerkennung! Aber zwei Jahre später wird in im­mer stärkerem Maße Kritik an ihm geübt: Er behandele die Kinder schlecht und brülle auch die sich beschwerenden Eltern an und sage ihnen, daß er es nicht nötig habe, ihre Kinder für einen halben Gulden das ganze Jahr über zu lehren.

Bald sieht sich auch das Presbyterium genötigt, ihm Vorhaltungen zu machen; die Kinder seien verschieden veranlagt, er müsse auf ihre Eigenarten eingehen und besonders die Kleinen gütig behandeln. Auch solle er nicht immer den Stock gebrauchen, sondern es erst einmal mit Ruten versuchen. Bald verfällt er dem Trunk, die Mahnungen, sein übermäßiges Branntweinsaufen zu unterlassen, werden immer häufiger. Man droht ihm sogar mit Entlassung, denn Dittemer ver­spricht alles, hält aber nichts.

Im Jahre 1713 versorgt er das Dorf wieder einmal mit Gesprächsstoff: Er hatte einen Brief nach Frankfurt tragen müssen und bei dieser Gelegenheit kräftig einen gehoben. Betrunken kam er in finsterer Nacht in Bischofsheim an, ging aber erst in eine Judenwirtschaft und trank weiter. Dann torkelte er nach Hause und verlangte sein Essen. Die Erbsensuppe mit einem großen Stück Speck stand wohlbehütet im Ofen, aber sie war natürlich dick geworden. Wutent­brannt brüllte der Hausherr seine Frau an, ob das etwa eine Behandlung für einen Schulmeister sei, da könne ja ein Reiter drauf stehen, ohne einzusinken. Mit einem kräftigen Fußtritt zertrümmerte er die Schüssel und beförderte alles auf den Fußboden. Dann verprügelte er sein liebes Weib nach Strich und Faden und der Ordnung halber auch seine heulenden Kinder.

Die weinende Frau lief zum Pfarrer, der sich mit einem Windlichte versorgte und auf den Weg ins Schulhaus machte. Der Pfarrer schreibt: „Der Schulmeister konnte die Zunge nicht bewegen und hatte Augen wie ein gestochenes Kalb“. Der Pfarrer nannte den Schulmeister „eine volle Sau“. Das Zwiegespräch der beiden Herren ist getreu­lich aufgezeichnet, danach konnte der Schulmeister seine Zunge doch noch sehr gut bewegen. Der Schulmeister mußte vor dem gesamten Presbyterium erschei­nen, bekam eine mächtige Standpauke und gab das Versprechen ab, nie mehr einen Tropfen zu trinken. Das Versprechen hat er gehalten - bis zum nächsten Tag.

Gleichgültig, ja abweisend standen die Eltern der schulischen Bildung und Er­ziehung gegenüber. Der Amtmann Burckhardt von Bergen notiert resignierend im Jahre 1763: „Die Eltern sorgen mehr für ihr Vieh als für ihre Kinder, wenn das Kind imstande ist, sich selbst an dem Brotschrank ein Stück Brot zu schnei­den, glauben die Eltern, daß sie ihre Erziehungspflichten überstanden haben. Sie halten nun ihr Kind, welches nur dem äußeren Ansehen nach einem Men­schen ähnlich sieht, im übrigen aber nur von einem ver­nünftigen Stück Vieh zu unterscheiden ist, von der Schule ab. Ist das erste Winter­halbjahr in der Schule fleißig zugebracht worden, schicken die Eltern im Sommerhalbjahr ihre Kinder nicht in die Schule. Diese vergessen das mühsam er­lernte, so daß im Herbst wieder von vorne angefangen werden muß.“

Im Jahre 1733 will man dem armen Schulmeister von den Erträgen der winzigen Schul­äcker auch noch den Zehnten abnehmen. Nun stehen vier Nachbarn auf und er­klären einmütig, daß die Schul­äcker nie „gezehntet“ worden seien.

Im Jahre 1753 erklärt der Lehrer, daß er nicht das Geld aufbringen könne, um die Schul­stube zu heizen. Die Gemeinde führt daraufhin die „Schulscheiter“ ein: Jedes Kind muß morgens ein Stück Holz für den Schulofen mitbringen.

Die Leute hat­ten aber kein Holz, daher bewilligte die Gemeinde fünf Taler für das Heizen der Schulstube. Eine öffentliche Versammlung aller Nachbarn wandte sich gegen diese Regelung, der Lehrer mußte die fünf Taler zurückgeben. Erst das Hochfürst­liche Hessen-Nassauische Reformierte Konsistorium verfügte, daß bei den geringen Einkünften eines Lehrers diesem die Heizung der Schulstube nicht zugemutet wer­den könne und die Kirche in Bischofsheim diesen Betrag zu zahlen habe.

Die Einrichtung und Unterhaltung von Schulgebäuden, der Ankauf von Einrichtungsgegenständen und Lehrmitteln war einzig und allein Aufgabe der Ge­meinde, während die Schule selbst eine kirchliche Angelegenheit war. Niemand leistete einen Zuschuß. Oft konnte die Gemeinde das anteilige Gehalt des Lehrers nicht zahlen. Dieser mußte sehen, wie er sich durchhungerte. Zur Ehre der Ge­meinde muß allerdings vermerkt werden, daß sie im folgenden Jahr dann zwei Ge­hälter zahlte.

Die Abgabe des Schulgeldes und der Schulscheiter fiel den Eltern schwer. So machte die Kirche 1707 den Vorschlag, eine „freie Schule“ zu schaffen, die von der Gemeinde und der Kirche zu tragen sei und in der die Zahlungen der Eltern entfallen sollten. Alle waren einverstanden, nur der Zentgraf sah Schwierigkeiten kommen. Er sollte recht behalten.

Im November 1707 ging eine umfangreiche Denkschrift wegen der Gründung der neuen Schule an das Konsistorium ab. Der Grundstock des Lehrergehaltes sollte aus dem Ertrag des Weinzehnten von der Gemeinde kommen, auch die Kirche wollte regelmäßige Zahlungen leisten. Allerdings: Die Schulscheiter soll­ten bleiben. Die Gemeinde murrte, aber sie wurde zusammengerufen und der Retter in der Not erschien, Herr Friedrich Ludwig Bashi, Hanau­ischer Rat und Amtmann aus Bergen. Er trug die Notwendigkeit der neuen Schule mit solcher Überzeugungskraft vor, daß alle zustimmten.

Es dauerte noch sechs Jahre, aber 1713 war die „Freyschule“ da [Schule ohne Schulgeld]. Der Einfachheit halber wurde ein Bischofsheimer Nachbar mit Namen Weber als Lehrer einge­stellt, da er Hausbesitzer war, brachte er auch gleich das Schulhaus mit. Er hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Er war Lutheraner. Das reformierte Konsistorium brummte zwar etwas, gab dann aber doch seine Zustimmung. So glaubte man, alles sei in bester Ordnung. Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Dieser Schulmeister Weber stellte nach kurzer Zeit Anträge, über die man lauthals lachte: Er wollte sein Haus als amtliches Schulhaus deklariert wissen und damit frei von der Haussteuer sein, er wollte den Status eines Schulmeisters haben und damit von der Zahlung des „Batzen Manngeldes und des Almygeldes“ befreit werden, er wollte freie Viehweide haben und auch keinen Hirtenlohn bezahlen, er verlangte die dem Schulmeister zustehenden Naturalien an Korn, Heu und Holz und vor allem seinen Anteil an den Geldern, die aus dem öffentlichen Säckel für die reformierte Schule aufgebracht wurden.

Als man ihm alles abschlug, ging er nach Bergen vor Gericht. Dort stellte man fest, daß die Forderungen des Weber zu Recht bestanden. In einem erbitterten Papierkrieg zwischen den beiden Kon­sistorien, der Gemeinde, dem Amt und der Kirche wurden wahre Meisterleistun­gen vollbracht. An einem Tage wurden drei verschiedene Schreiben verfaßt, kopiert, durch Boten überbracht, beantwortet und nach Bergen weitergeleitet. Zähneknirschend mußten sich Kirche und beide Konsistorien den Forderungen des Schulmeisters fügen.

Im Jahre 1716 waren mehr als hundert Kinder in einem Schulraum versammelt, man verlangte für die Freischule von der Gemeinde einen Anbau. Im Jahre 1726 entbrannte ein heftiger Streit um die Schule, die weltliche Macht griff zum ersten Male nach ihr. Der alte Pfarrer hatte in der Kirche wieder einmal die Eltern ermahnt, ihre Kinder fleißig in die Schule zu schicken.

Am Abend dieses Tages ließ der Zentgraf die gesamte Gemeinde zusammenrufen und sprach zu ihr über Schulprobleme. Von nun an müßten alle Kinder täglich in die Schule gehen, der Schulmeister habe Listen zu führen, die Versäumnisse einzutragen und die Listen dem Zentgrafen zu übergeben. Jedes Fehlen eines Kindes würde mit fünf Albus bestraft.

Er, der Zentgraf, würde wöchentlich zweimal die Schule visitieren, der Schul­meister habe nur noch von ihm Befehle anzunehmen. Morgens um 7 Uhr sollte mit der kleinen Glocke die Schule eingeläutet werden. Der Zentgraf griff sich zwei Presbyter heraus und beauftragte sie, seine Anordnungen dem Schulmeister zu überbringen. Sie taten es!

Natürlich erfuhr der Pfarrer sofort von der Sache. Er ließ sich erst den Schul­meister kommen und alles berichten. Nun wurden die beiden Presbyter her beordert. Sie bestätigten alles und bekamen einen Anpfiff; sie hätten keine Befehle vom Zentgrafen zu befolgen, dieser müsse die ihm unterstellten Gerichtsmänner beauftragen.

Es wurde ein langer und sachlicher Bericht an das Konsistorium abgesandt, aus dem die Angst sprach, Kirche und Pfarrer könnten den Respekt in der Gemeinde verlie­ren. Schulmeister und Zentgraf seien arrogante und unverständige Leute, die Schul­meister wollten sich schon immer über die Pfarrer schwingen und alles besser wissen. Das Konsistorium handelte sofort. Der Pfarrer wurde für sein rasches Eingreifen belobt, die beiden Presbyter bekamen eine Rüge, der Zentgraf erhielt wegen seiner Eigenmächtigkeit einen gehörigen Rüffel vom Amt.

Nach dem Tode des branntweinfreudigen Lehrers Dittemer traten sechs Bewer­ber um die anscheinend begehrte Stelle auf, jeder hatte einflußreiche Befürworter. Jeder Bewerber mußte an einem Sonntag in der Kirche lesen und singen, der Pfarrer gab ihnen ein Mittagessen, gegen Bezahlung aus der Kirchenkasse, ver­steht sich.

Auch der junge Dittemer, Sohn des Verstorbenen und ebenfalls Schulmeister, war unter den Bewerbern, wurde aber abgelehnt: Man brauche für die starke Jugend in diesem Ort einen guten strengen Mann, vor dem die Jugend Furcht hat. Der Dittemer möge sich in einem geringen Ort ein Stück Brot verdienen! Man sieht, die Bischofsheimer mit ihren damals 481 Einwohnern (ohne Juden) hielten ihr Dorf nicht für einen geringen Ort.

Den Sieg trug der Schulmeister Nicolaus Kempf aus Enkheim davon, der am 12. März 1730 mit vielen frommen Worten und Gebeten sowie endlosen Ermahnun­gen in sein Amt eingeführt wurde.

Was verlangte man damals so von einem Schulmeister? Im Jahre 1744 kam der Schulmei­ster Hohmann nach Bischofsheim. Der Inspektor Grimm aus Hanau sagte es ihm:

 

Instruktion für den neuen Schulmeister Hohmann zu Bischofsheim:

1. Er muß ein stilles, gottfürchtiges und ehrbares Leben führen.

2. Er muß die Jugend im Buchstabieren, Lesen, Rechtschreiben und Rechnen gründlich und treulich informieren.

3. Den Katechismus, die Kinderlehre und die fünf Hauptstücke muß er nach jedes Kindes Begriff täglich behandeln („tractieren“).

4. Die Jugend muß er zur Gottesfurcht, Gehorsam der Eltern und Vorgesetz­ten wie auch gute ehrbare Sitten täglich ermahnen.

5. Er muß nach der Schulordnung informieren, und seine Arbeit in der Schule mit dem Gebet und Gesang anfangen und endigen.

6. Er muß keine Schulstunde versäumen.

7. Er muß auf die Jugend in der Kirch achtgeben, daß sie nicht Mutwillen treiben.

8. Er muß die Kinder in der Schule wegen Faulheit und Mutwillen mit Mode­ration und Vernunft, mit Liebe, und mehr mit Ruthen als mit dem Stock, die Halsstarrige aber mit mehrerer Schärfe strafen.

9. Die Nachlässigen und Mutwilligen dem Herrn Pfarrer wie auch ihren Eltern und Ältesten anzeigen, daß sie korrigiert werden.

10. Er muß dem Herrn Pfarrer und den Ältesten allen gebührenden Respekt und Ehre geben und gehorsam sein.

11. Mit jedermann in der Gemeinde in Frieden und Einigkeit leben und beschei­den betragen.

12. Er muß auch Wiedersinnige in Liebe und Geduld ertragen.

13. Er muß gegen jedermann „diensthaftig“ sein.

14. Hat er etwas zu klagen, muß Er es dem Presbyterium anzeigen, wann es die Not erfordert.

15. Alles was seines Schulamtes und in der Kirchen ist zu tun, treulich und ernsthaft in acht zu nehmen.

Im Jahre 1750 wird dem Herrn Schulmeister für arme Kinder das Holzgeld von der Kirche bezahlt. Im Jahre 1754 machte der Zentgraf eine Aufstellung sämtlicher Einkünfte des Schulmeisters: Dieser bekam 336 Gulden 12 Albus Das war gar nicht so wenig und bestand überwie­gend aus Naturalien und Ackernutzung.

Im Jahre 1832 will die Kirche eine zweite Lehrerstelle beantragen, da 133 Kinder von einem Lehrer in einem Raum unterrichtet wurden. Die Kirche will jährlich 150 Gulden dazu beitragen, den Rest soll die Gemeinde leisten. Hier wird erwähnt, daß die bisherige erste Lehrerstelle der Gemeinde gehört. Das ist neu und muß in der Zeit von 1758 - 1831 geschehen sein, aus der Unterlagen zur Zeit. nicht auftreibbar sind. Ebenfalls wird gesagt, daß der Beitrag der Gemeinde zur ersten Lehrerstelle nur die Rückerstattung des Organistengehaltes sei, das die Gemeinde zu zahlen habe.

Am 6. Januar 1776 brannte das in der Breulgasse gelegene Schulgehöft ab. Für 6 Gulden mietete die Gemeinde von Joh. Heinrich Asmer eine Stube, in der ein halbes Jahr unterrichtet wurde. Der Aufbau des neuen Schulhauses an der alten Stelle wurde mit großem Eifer betrieben. Die neue Schule kostete die erhebliche Summe von 945 Gulden 45 Albus Das Haus stand bis 1971 noch in der Breulgasse (Schmied Schäfer). Es hatte eine Sonnenuhr.

(Abschrift einer Urkunde aus den ältesten Schulakten; Bischofsheim, den 14. Februar 1780).

 

Aufstellung über die für das abgebrannte und neu erbaute Evangelisch-Reformierte Schulhaus und die Scheune verwendeten Baukosten:

„1. An das Schulhaus                                                                        Gulden Albus

Dem Herrn Hauser zu Hanau für Tannenholz                                 111      10

dem Johannes Emmel zu Wachenbuchen für Eichenholz             22       14

dem Andreas Fix zu Fechenheim für Holz, Dielen und Latten      49       7

dem Ziegler dahier für Kalk und Backstein                                      43       20

dem Ziegler zu Hochstadt für Ziegel                                                   6        24

dem Ziegler Voltz zu Hainstadt für Ziegel                                        60

dem Glaser Steinmetz für Fenster                                                    47

für gehauener Stein und Platten                                                      18

für Leisten, Latten und Nägel                                                            13       15

vor Leinöl, Farbe und Leim                                                                4

dem Zimmermeister Kühn zu Fechenheim                                     111      6

dem Maurermeister Waltzer dahier                                               100

dem Schreiner Borckhart dahier für Schreinerarbeit                     36

für Schlosser- und Schmiedearbeit                                                   33

für eine eiserne Platte                                                                           3

für Stroh und ein Stück Holz zum Leimen                                          8        15

 

                                               Summa                      667         21

 

2. an die Schulscheune                                                                     Gulden Albus

Dem Herrn Hausser zu Hanau vor Tannenholz, Dielen, Latten  107      15

dem Zimmermeister Hoffmann                                                         36       25

dem Zimmermeister Müller                                                                 6

dem Maurermeister Waltzer dahier                                                             37

dem Ziegler dahier für Kalk, Backstein und Ziegel                          65       18

dem Ziegler zu Hochstadt                                                                     8        25

für zwei Haufen Mauersteine                                                                         3

für Leisten, Latten und Nägel                                                               6        24

für einen steinernen blanken Pfosten                                                1        20

für Stroh zum Leimen und ein Stück Holz                                                       5

                                                                                  Summe           278        7

                                                           Summe der Baukosten           945      28

 

bescheinigt J. C. Kaysser, Zentgraf“.

 

Die erste Lehrerstelle war mit dem Kirchenamt organisch verbunden, der Lehrer mußte Organist sein. Diese Verbindung wurde 1894 gelöst. Die Bezahlung der ersten Lehrerstelle erfolgte durch die Kirche. Dazu bekam der Lehrer von der Gemeinde einen jährlichen Zuschuß von 36 Gulden und aus der Zehntsteuer 8 Mal­ter Besoldungskorn, dazu einige Gebunde Stroh. Sein schmales Gehalt wurde noch etwas aufgebessert durch die Nutzung einiger kleiner Schuläcker. Im Jahre 1848 wurde das Besoldungskorn mit 56 Gulden abgelöst. Der zweite Lehrer wurde von der Gemeinde bezahlt. An Bargeld bekam er 36 Gulden, die Stelle wurde über 50 Jahre hinweg niemals aufgebessert.

Im Jahre 1758 amtierte noch der ev.-ref. Schulmeister Philipp Caspar Hohmann. Auch er bekam ein Gehalt von 36 Gulden 4 Albus, für das Orgelspiel bekam er weitere 7 Gulden 15 Albus, für Orgelspiel bei Leichen, Kindtaufen und Hochzeiten 2 Gulden 15 Albus, für das Schmieren der Glocken und der Turmuhr 1 Gulden, für das Auf­ziehen der Turmuhr 6 Albus Der Lehrer mußte auch die Glocken läuten, täglich viermal, dafür bekam er ein Fuder 60 Gebund (Garben) Korn. Diese mußte er selber bei den Bauern einsammeln. Oft warfen die Bauern diese Garben ganz von oben auf die harte Tenne, daß alle Körner heraussprangen und der Lehrer seinen „Glockensichling“ als leeres Stroh nach Hause trug.

Aus der langen Reihe der Bischofsheimer Lehrer können an dieser Stelle nur einige erwähnt werden. Im Jahre 1796 tritt der aus Eichen stammende Johannes Wen­zel sein Amt an. Er starb 1833. Sein Sohn Daniel Wenzel hatte 18 Jahre lang seinem Vater in der Schule unentgeltlich geholfen. Er war von dem Pfarrer Theobald in Hochstadt gefördert worden und hatte sich durch eifriges Studium weitergebildet. Auf Vorschlag des Hochstädter Pfarrers bekam er dann die zweite Lehrstelle in Bischofsheim, hat bis 1867 unterrichtet und ist 1879 gestorben. Er war ein guter Lehrer, ein äußerst frommer und rechtschaffener Mann, aber nur von „mäßigen Gaben“.

 

Im Jahre 1832 forderte die Kirche eine zweite Lehrerstelle: Im Jahre 1833 kam ein Lehrer Neidhard in den Ort. Man war mit ihm nicht recht zufrieden und nahm ihm seine Nebenämter ab. Wenige Jahre darauf wurde er ent­lassen und lebte als Ortsarmer in Bischofsheim. Gelegentlich erhielt er von der Gemeinde ein Paar Schuhe oder etwas Wäsche.

Im Jahre 1833 wurde das Schul- und Wirtschaftsgebäude für rund 650 Gulden instandgesetzt. Auch neue Bänke und eine Wandtafel wurden von ortsansässigen Handwerkern geliefert. Zum ersten Male kümmerte sich das Kurfürstliche Konsistorium auch um Schulbücher. Für Kinder armer Eltern wurden von der Gemeinde für 2 Gulden 36 Kreuzer Schulbücher gekauft. Die Regierung fing an, sich um die Schule zu küm­mern, allerdings auf Kosten der Gemeinde.

Ein Jahr später werden Schulversäumnisstrafen eingeführt und 6 Gulden 50 Kreuzer Schul­strafen verhängt.

Wenn nicht durch Notzeiten verhindert, fand jedes Jahr eine Schulprüfung statt. Dazu kam der Herr Superintendent als Kreisschul-Inspektor, der Pfarrer als Ortsschul-Inspektor, das Presbyterium, der Bürgermeister und der Gemeindevorstand und alles, was Rang und Namen hatte. War zufällig Einquartie­rung im Ort, wurde auch der rangälteste Offizier eingeladen. Der fromme Lehrer Wenzel betete abends vorher inbrünstig, daß alles gut gehen möge. Er konnte jedes­mal hinterher Dankgebete zu Gott senden, denn es ging immer alles gut. Jedes Kind bekam nach der Prüfung einen Milchweck als Geschenk.

Die Ausstattung der Schule machte Fortschritte, 1836 werden 27 bleierne Tinten­fässer gekauft, auch sieben neue Schreibpulte.

Im Jahre 1843/44 lag der Schwerpunkt der Gemeindepolitik bei der Schule. Die Gemeinde kaufte die Heß‘sche Hofreite für 6.000 Gulden von dem Kaufmann Jacob Größer aus Mainz. Es handelte sich um das 1968 abgerissene alte Rathaus in der Hintergasse 28. Die Anlage bestand aus dem Wohnhaus, dem Hof, zwei Scheu­ern, einer Kelter, einem Brennhaus, der Stallung und einem Garten in der Obergasse. Der Aus- und Umbau dieses Hauses erforderte hohe Summen, die Baufüh­rung hatte ein Architekt. Das bisherige Schulhaus in der Breulgasse wurde für 780 Gulden an Johannes Schäfer verkauft. Es befand sich bis 1971 im Besitz dieser Familie. Dann wurde es ab­gerissen.

 

Im Besitz der Familie Schäfer, Breulgasse, befindet sich folgende Urkunde:

„Zuschlagbescheid den öffentlichen freiwilligen Verkauf des der Gemeinde Bischofsheim zugehöri­gen Schulhauses betreffend. Das dem öffentlichen Ausgebot ausgesetzte ehemalige Schulhaus an der Breulpforte neben Wilhelm Bauscher und Johannes Ebert gelegen, 1 Viertel 17 Ruthen groß, wird dem meistbietend gebliebenen Ortsbürger Johannes Schä­fer von Bischofsheim für das abgelegte Gebot von siebenhundertachtzig Gulden oder eintausendsiebzehn Taler 45 Silbergroschen 3 Heller der Zuschlag erteilt unter folgenden Bedingungen, daß

1. der Käufer Besitz und Beschwerden sofort übernehme,

2. die Kaufbriefkosten allein trage,

3. das Kaufgeld binnen drei Monaten an die Gemeinde zahle, vom 1. März des Jahres aber mit 5 Prozent verzinse, und

4. für die katastrierte Größe nicht gehaftet werde.

Das Grundstück wird hiermit unwiderruflich zuge­schlagen und Ausfertigung dieses Zuschlagsbescheides erteilt. Bergen, am 31. Januar 1845 Kurfürstliches Justizamt Schuppius“.

 

Der fromme Lehrer Wenzel schreibt: „Am 10. November 1844 zogen wir (Wenzel und Jäger) in die neue Schule und hielten die erste Schulstunde. Gemeinschaftlich wollen wir nun am Werk des Herrn arbeiten; und den preisen, der uns zu die­sem Amt berufen hat.“ Die Kinder bekamen zur Feier des Tages Milchbrötchen.

 

Im Jahre 1843 kam aus Fechenheim der Lehrer Jäger nach Bischofsheim. Jäger und Wenzel waren zu ihrer Zeit hervorragende Schulmänner. Jäger war ein bemerkenswerter Mensch. Auf dem Totenhof und im Schulgarten richtete er Anlagen von Edelobst ein, lehrte die Schüler das Veredeln von Obstbäumen und führte neue Edelobstsorten ein. Als Ornithologe erreichte er hohe Bedeutung; seine Werke und Veröffent­lichungen wurden von der Wissenschaft anerkannt und bildeten die Grundlage für die Vogelkunde des Untermaingebietes.

Jäger korrespondierte mit mehreren Universitäten und wurde von der Wetterau­ischen Gesellschaft durch Ernennung zum Ehrenmitglied geehrt. Er hatte ein außerordentliches Geschick beim Präparieren von Vögeln, die er an Schulen und Institute der Universitäten abgab oder an Privatpersonen verschenkte. Auch im Senckenbergmuseum waren zahlreiche seiner Arbeiten vorhanden. Seine größte Arbeit war die wissenschaftliche Einordnung der von ihm hier festgestellten mehr als 200 Vogelarten. Als er 1871 starb, wurde er mit einem großen Leichenbegängnis zu Grabe getra­gen. Sein Nachfolger war Lehrer Hartmann, auch er war ein tüchtiger Lehrer, von dem Nachkommen noch heute in Bischofsheim leben. (Theodor Seiboldt, Zwingerstraße).

Als nach 1848 die Gemeinde durch Fortfall des Zehnten in bittere Armut geriet, mußten die Eltern für ihre Kinder Schulgeld bezahlen, pro Kind 2 Silbergroschen 10 Heller. Diese Regelung, die als Holzgeld gedacht war, ließ man jedoch bald wieder fallen. So erfahren wir, daß die Schule im Jahre 1852 von 154 Kindern besucht wurde. Im Jahre 1859 wurde das Gehalt des Lehrers Jäger erhöht. Er erhielt nun in bar 163 Gulden 45 Kreuzer.

 

Dann bekam er noch 24 Gulden für das Heizen der Klasse, 12 Gulden für das Aufziehen der Turmuhr, 1 Gulden zum Ankauf von Öl für die Turmuhr. Er quittierte stets: Dankbar erhalten! Er war auch der erste Lehrer, der mit „Lehrer“ unterzeichnete, während es bisher immer „Schulmeister“ hieß.

Die Kinder hatten 1863 ein gutes Jahr, denn sie bekamen zweimal einen Weck, einmal bei der Schulprüfung und einmal im 18. Oktober zur Feier des 50. Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig.

Im Jahre 1866 geschieht etwas Unerhörtes: Die Gemeinde kauft einige Anschauungsbilder, zwei Karten und Zeichenvorlagen; auch drei Putzfrauen werden beschäftigt, die sonnabends die Klassenräume säubern. Alle drei quittieren den Empfang ihres Lohnes mit drei Kreuzen. Im Jahre 1867 bekommt die Schule sogar eine „Rechenmaschine“.

Lehrer Hartmann erhält zwei Jahre später schon 221 Gulden Gehalt, der zweite Lehrer etwa die Hälfte. In diesem Jahr wird auch die „Industrieschule“ eingeführt (Handarbeitsunter­richt). Es unterrichten für je 50 Gulden jährlich die Frau des Lehrers Hartmann und die Frau des Pfarrers Hartmann.

 

Die Schule beginnt für die Gemeinde teuer zu werden, allein für Gehälter, Pen­sionen und Lehrmittel muß die Gemeinde mehr als 1.600 Gulden aufbringen. Ist eine Lehrerstelle vorübergehend vakant, dann unterrichtet der Pfarrer als Orts­schulinspektor, gegen Bezahlung natürlich. Im Jahre 1871 tritt dann ein neues Unterrichtsfach auf: der Turnunterricht. Der Lehrer Hufnagel übernimmt ihn und bekommt von der Gemeinde dafür 26 Gulden 15 Kreuzer.

Im Jahre 1872 werden durch die Aufbesserung der Lehrergehälter die Schullasten für die Gemeinde so drückend, daß mehrere Mitglieder des Gemeinderates nach Kassel reisen, um wegen der Regulierung der Lehrergehälter zu verhandeln. Im Jahre 1873 bekommt die Schule zum erstenmal 20 Zentner Steinkohlen. Im Jahre 1880 legt die Gemeinde wieder Schulgeld um, es werden 614,- Mark erhoben. Die Kosten der Schule belaufen sich auf 2.065,44 Mark, davon wurden ganze 30 Pfen­nige für Lehrmittel abgezweigt.

 

Besoldung des Lehrers Hartmann 1881:

1. Besoldung                                     738,43 Mark

2. Aufziehen der Turmuhr                 33,-  Mark

3. Vertretungsgeld                             50,-  Mark

4. für Heizung der Klasse                   90,-  Mark

    1.011,43 Mark

 

Für sieben Mark wird die Leibeserziehung gefördert: Zwei Sprungständer, ein Seil und ein Sprungbrett werden gekauft. Ein aus dem Jahre 1867 stammendes Inventarverzeichnis der Schule weist doch schon eine ganze Menge Bücher aus. Sie waren von der Kirche beschafft und be­trafen fast nur den Religionsunterricht. Im Jahre 1882 setzte die Gemeinde erstmalig einen Betrag für Lehr- und Lern­mittel in den Haushaltsplan der Schule ein. Ausgegeben wurden davon 5,- Mark für ein Lutherbild und 16,16 Mark für Milchbrötchen! Im Jahre 1888 tat man etwas für die Musik und kaufte eine Geige; da auch ein neuer Kaiser da war, wurde auch dessen jugendliches Abbild beschafft.

Das Jahr bringt eine wichtige Neuerung: Die Königliche Steuerkasse überweist erstmals einen Zuschuß von 600,- Mark zu den Lehrergehältern. Damit bahnt sich eine für die Gemeinde wichtige Entwicklung an.

Der hiesige Metropolitan Hartmann war Kreisschulinspektor geworden. Er fand immer noch Zeit, sich in der pädagogischen Praxis zu betätigen und verdiente sich durch Vertretungsstunden an der Schule 150,-Mark.

Die alte Schulscheune in der Hintergasse 28 wurde abgerissen. Der Lehrer Hartmann konnte nun seine Feldfrüchte nicht mehr unterbringen, die Gemeinde mietete ihm für 10,- Mark eine andere Scheune.

Für die Schule wurde eine Karte von Europa gekauft, eine große Konzession an die neue Zeit. Im Jahre 1890 wurden wieder einmal 100 Tintenfässer gekauft, der Verschleiß war riesig. Erstmalig erwarb die Gemeinde auch Tafelschwämme. Im Jahre 1891 lieferte Schreiner Wörn 12 neue Schulbänke für 264,- Mark, für 10,- Mark stellte er eine Wandtafel auf. Von nun an bekam jeder Lehrer für längere Zeit jährlich 10,- Mark aus der Gemeindekasse, dafür mußte er den Jahresbedarf an Schwamm und Kreide für seine Klasse decken.

Im Jahre 1892 begann man mit dem Bau der neuen Schule (heutige Post, Hinter­gasse 30), die im folgenden Jahr eingeweiht wurde [Zeitweise Post, Alt Bischofsheim 30, heute abgerissen) Die Ausgaben für Lehr- und Lernmittel stiegen auf 158,- Mark. Im Jahre 1894 wird der erste Lehrer endlich einmal von dem Amt des Auf­ziehens und der Pflege der Turmuhr befreit. Ein Bürger übernimmt diese Auf­gabe für jährlich 45,- Mark. Soweit den Lehrern keine Dienstwohnungen zur Verfügung gestellt werden kön­nen, mietet die Gemeinde Wohnungen für die Lehrer.

 

Die Lehrer dieses Jahres sind den alten Bischofsheimern noch bekannt:

Lehrer Hartmann bekommt              1.197,94 Mark Gehalt,

Lehrer Klauer                                     1.300,-  Mark Gehalt,

Lehrer Knöll                                        926,-  Mark Gehalt.

 

Jeder Lehrer verdient sich durch das Heizen der Klassenzimmer weitere 70,- Mark. Zwei Lehrerfrauen erteilen den Handarbeitsunterricht, jede bekommt 85,71 Mark. Die Schulkinder erhielten in diesem Jahr für 20,- Mark Brezeln und für 13,- Mark Brötchen. Die Brezeln bekamen sie am Tag der Feier des 100. Geburtstages des Kaisers und Königs Wilhelm I., auch sein Bild für 8,50 Mark zierte einen Klassenraum. ‚Hundert Broschüren „Kaiser Wilhelm der Große“ wurden an die Schulkinder verteilt und 30 Lampions für den Gebrauch bei der Jahrhundertfeier für 30,- Mark gekauft.

Die Gemeinde zahlte nunmehr an die Ruhegehalt- und Witwenkasse der Leh­rer Beiträge, Im Jahre 1894 waren es 232,- Mark. Nun wurden auch zum ersten Male Zeugnishefte angeschafft. Die Schule erforderte Aufwendungen in Höhe von 15.878,50 Mark von der Ge­meinde, der Staatszuschuß belief sich auf 3.070,- Mark.

 

Als im Jahre 1899 der Schulraum knapp wurde, richtete man im alten Rathaus an der Einmündung der Hintergasse in die Schäfergasse einen Schulsaal ein; zum ersten Mal wurden die Schulbänke nicht mehr von ortsansässigen Schreinern an­gefertigt, sondern von einer Schulmöbelfabrik bezogen.

Im Jahre 1902 begann man mit den Planungen für die neue Schule. Anfangs soll­te die Schule in die Pfarrwiese am Breul kommen. Da der Baugrund nicht geeignet war, suchte man einen Standort in der Niederweide aus, aber auch hier erwies sich der Boden als ungeeignet. Dann erst verfiel man auf den Platz in der Waldstraße. Auch hier war der Baugrund sehr ungünstig und konnte erst nach hohen Auf­schüttungen bebaut werden. Das Auffüllen des Baugrundes kostete allein schon 2.498,46 Mark. Für die Kosten der Planung nahm die Gemeinde 15.000,- Mark auf.

Der Bestand an Lehr- und Lernmitteln der Schule ist noch äußerst ärmlich, außer Tinte, Schwamm und Kreide wird noch ein Rechenbuch gekauft. Aber es gab eine Inflation an Kaiserbildern. Der Ortsschul-Inspektor Pfarrer Ganß bestellt: „Seine Majestät der Kaiser Wilhelm II. als Soldat und Seemann“ für 3,- Mark. Der Kreisschul-Inspektor wußte nichts davon und bestellte ebenfalls für die Schule zwei bunte Bilder von Kaiser und Kaiserin. Das war der Gemeinde zuviel, aber ein guter Monarchist nahm dann den „Soldaten und Seemann“ zum Einkaufs­preis ab.

Man wird moderner und kauft auch Lehrmittel, Landkarten, Liederbücher, Dik­tatstoffe; besonders der Musik nimmt man sich an, es werden zwei weitere Gei­gen gekauft, jede kostet 20,- Mark. Jedoch verschafft man sich gleich für 30,- Mark ein reichhaltiges Ersatzteillager mit zahllosen Stegen und Wirbeln. Auch das Rechnungsprüfungsamt macht erstaunt Fragezeichen auf diese Rechnungen. Ver­tretungsstunden wurden mit 0,60 Mark bezahlt.

Der Neubau der Schule in der Waldstraße kostete sehr viel Geld. Die Gemeinde mußte hohe Schulden machen, die noch vergrößert wurden durch die Anlage des heutigen Friedhofes. Immerhin gab die Regierung 11.000,- Mark für die Einrichtung der Schule.

Der Neubau der Waldschule wurde am 21.Oktober 1907 abgeschlossen. 1958 wurde ein großer Anbau durchgeführt und gleichzeitig der Kindergarten im Schulhof abgerissen.

Die Ausstattung war spartanisch einfach: ein Stereoskop, einige Wandkarten, ein Regulator, eine Wasserflasche und sechs Gläser zogen mit Schülern und Lehrerkollegium am 21. Oktober 1907 in die neue Schule ein (Stereoskop und Regulator waren auch im Jahre 1956 noch funktionsfähig). Die Kinder erhielten bei der Ein­weihungsfeier genau abgezählte 103 Brezeln.

Am 5. November desselben Jahres war schon die erste Fensterscheibe entzwei. Die drei Platanen, die heute noch eine Zierde der Schule und Gemeinde sind, kosteten 18,- Mark, die Linde 2,- Mark, der Kastanienbaum 50 Pfennige. Dieser Baum wurde 1958 gefällt, wobei einer der beteiligten Waldarbeiter um ein Haar tödlich verunglückt wäre.

An der Schule unterrichteten fünf Lehrer: die Herren Günther, Klauer, Knöll, Krutsch und Schäfer. Vom Jahre 1908 an kommt ein katholischer Pfarrer aus Fechenheim und erteilt Religionsunterricht. Lehrpläne und Lehrberichte erscheinen, einige physikalische Geräte sind vorhanden, Barren und Reck werden vom Turn­verein gespendet. Ein Schild „Für die Pisser“ und geruchbindendes Öl sind Zu­geständnisse an die Hygiene.

Im Jahre 1910 bekam die Schule ihren ersten Rektor, er hieß Gödecke. Es waren nun sieben Lehrer und ein Vertretungslehrer vorhanden, eine Vertretungsstunde wurde mit 1,- Mark vergütet.

Mit Rektor Gödecke zieht eine neue Zeit in die Schule ein. Eine Lehrerbücherei wird gegründet, eine Menge von Lehrmitteln für Erd- und Naturkunde, Chemie, Rechnen und Raumlehre werden beschafft, Geräte zur Leibeserziehung gekauft, Stundenpläne, Anwesenheitslisten, Schulstempel tauchen auf, das technische Zeich­nen wird eingeführt, 1912 wird die Schülerbücherei gegründet, deren Bestseller „Friedesinchens Lebenslauf“ von Heinrich Sohnrey ist.

Im Jahre 1911 wird die Fortbildungsschule eingeführt, an der vorerst nur der Rektor un­terrichtet.

Im Jahre 1914 soll der Erweiterungsbau der Schule errichtet werden, für ihn sollten 55.000,- Mark ausgegeben werden. Die Bauzeichnungen, die 825,- Mark kosteten, sind noch vorhanden. Dieser Erweiterungsbau hat auf sich warten lassen! Der Erste Weltkrieg kam, die Zeit der Inflation, die Arbeitslosigkeit, das bildungsfeindliche Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg anstelle des totalen Sieges der totale Zusammenbruch. Erst 1958, 44 Jahre verspätet, konnte der Erweiterungsbau seine Pforten öffnen.

Im Jahre 1913 kam mit Fräulein Hedwig Schott die erste Lehrerin nach Bischofsheim. Im Jahre 1932 wurde Rektor Gödecke in den Ruhestand versetzt, sein Nachfolger wurde Konrektor Schäfer. Von 1935 bis 1945 war Hauptlehrer Christian Günther Lei­ter der Schule, von 1945 bis 1956 Hauptlehrer Appel. Die Schülerzahl war stark rückläufig geworden. Die Rektorstelle ging ein.

           

Anzahl der Schulkinder

1763 waren 76 Schulkinder in einer Klasse ( aber nicht in der Waldschule )

1910 waren 304 Schulkinder in sechs Klassen in der Waldschule

1919 waren 361 Schulkinder in acht Klassen in der Waldschule

1941 waren 248 Schulkinder in acht Klassen in der Waldschule

1974 waren 2334 Schulkinder in zehn Klassen nur in der Waldschule

 

Aus der Schulstatistik:

            1763    76 Schulkinder           Schule einklassig

            1833    133 Schulkinder          Schule zweiklassig

            1873    178 Schulkinder          Schule dreiklassig

            1899    221 Schulkinder          Schule vierklassig

            1907    273 Schulkinder          Schule fünfklassig

            1910    304 Schulkinder          Schule sechsklassig

            1912    365 Schulkinder          Schule siebenklassig

            1919    361 Schulkinder          Schule achtklassig

            1922    298 Schulkinder          Schule achtklassig

            1927    227 Schulkinder          Schule achtklassig

            1932    278 Schulkinder          Schule achtklassig

            1937    258 Schulkinder          Schule achtklassig

            1938    263 Schulkinder          Schule achtklassig

            1941    248 Schulkinder          Schule achtklassig

            1964    512 Schulkinder          Schule neunklassig

            1974    2.334 Schulkinder       Schule zehnklassig

 

Auf die Grundschule I in der Waldstraße entfallen davon 435 Schüler, auf die Grundschule II in der Albert-Schweitzer-Siedlung 405 Schüler und auf die Gesamt­schule 1.494 Schüler; von diesen kommen 676 Schüler aus Hochstadt, Niederdorfel­den und Schöneck.

Im Jahre 1956 wurde der Lehrer Herbert Lippert zum Rektor ernannt, er leitete die Schule bis zum Jahre 1969. In dieser Zeit vollzog sich in der Schule ein grundlegender Strukturwandel. Die Gemeinde mußte sehr erhebliche Mittel für die Schule aufwenden.

 

Die steigende Schülerzahl machte 1958 eine Erweiterung der Schulgebäude notwendig:

Der erste Erweiterungsbau in der Waldstraßenschule erforderte  DM 673.361,96

Der zweite Erweiterungsbau                                                    DM 450.478,73

Die Turnhalle an der Gänsseestraße                                                    DM 414.490,94

Die Befestigung des Schulhofes                                                DM  30.211,81

 

Zu diesen außergewöhnlichen Kosten mußte die laufende Unterhaltung in Höhe von jährlich DM 120.000,- bis DM 130.000,- aufgebracht werden. Das Gelände des ehemaligen Kindergartens an der Gänsseestraße, verschiedene Gärten und Teile eines Privatgrundstückes am Fechenheimer Weg wurden dem Schulareal zugeschlagen.

Der Unterricht wurde den Erfordernissen der modernen industrialisierten Ge­sellschaft angepaßt, der arbeitsteilige Gesamtunterricht getestet, Fachkonferenzen eingeführt, eine moderne Lehrerbücherei aufgebaut sowie eine umfangreiche Schülerbücherei zur Verfügung gestellt. Nachschlagewerke und Handbüchereien standen in allen Klassen in überreicher Menge bereit. Drei Klaviere, eine Organa, das Orffsche Instrumentarium, Noten und Notenpulte befruchteten die musische Bildung nachhaltig.

Im Werk- und Nadelarbeitsunterricht wurden hervorragende Arbeiten erbracht, die auf Ausstellungen starke Beachtung fanden. Hervorragendes wurde auf dem Gebiet der Kunsterziehung geleistet. Der Schwimmunterricht wurde eingeführt. Durch die von der Schule erhobene Elternspende flossen der Schule erhebliche Mittel zu, die restlos zur Anschaffung von neuen Büchern und Lehrmitteln zur Verfügung gestellt wurden. Außerordentlich günstig wirkte sich die Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat aus. Aus dem Kreise des Elternbeirates kam neben berechtigter Kritik auch manche wertvolle Anregung an das Lehrerkollegium.

Als durch administrative Verfügungen des Kultusministeriums die Einziehung der Elternspende bürokratisiert wurde, wirkte das Kollegium bei dem Einzug dieser Spende nicht mehr mit. Nun wurde von der Elternschaft die „Förderungsgemeinschaft Bischofsheimer Schulen e.V.“ gegründet, die fortan die Einziehung der Be­träge übernahm und 1974 aufgelöst wurde.

Im Jahre 1964 war ein weiterer Erweiterungsbau notwendig. Damals wurden noch die Schüler der Klassen 1 bis 9 in der Schule unterrichtet. Auch wurde die Förderstufe eingeführt und bald darauf die Planungen für die Gesamtschule aufgenommen.

Rektor Lippert wurde mit Wirkung vom 31. Juli 1969 wegen Erreichung der Al­tersgrenze mit großen Ehrungen in den Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger war der Realschullehrer Kurt Lehnert aus Bergen-Enkheim.

Mit seiner Einführung wurde zu Beginn des Schuljahres 1969/70 der Förderstufen­trakt der geplanten Gesamtschule in der Albert-Schweitzer-Siedlung eingeweiht; am 8. Oktober 1971 wurde unter großer Beteiligung der Bevölkerung die Einwei­hung der Räume für die Sekundarstufe I vollzogen. Dieser neue Bau ist in architek­tonischer Hinsicht mit Schulen herkömmlicher Art in keiner Weise mehr zu ver­gleichen.

Von der fünften Klasse an besuchen nicht nur Bischofsheimer Kinder, sondern auch Kinder aus Gronau, Niederdorfelden, Oberdorfelden und Hochstadt die neue Schule. Später wurden die Kinder aus Gronau in Bad Vilbel eingeschult, die aus Oberdorfelden in der neuen Gemeinde Schöneck im Ortsteil Kilianstädten.

Für das in der Entwicklung begriffene Schulzentrum wurde 1973 eine weitere Grund­schule mit einer Vorschulklasse errichtet, eine Kreissonderschule ist geplant. Die Se­kundarstufe II wird 1975 die Arbeit aufnehmen, und eine Berufsfachschule soll hier für den Westkreis errichtet werden. Am 1. August 1974 waren an der Gesamt­schule insgesamt 90 Lehrkräfte tätig. Bischofsheimer Kinder werden, ohne ihren Ort verlassen zu müssen, hier einmal ihr Abitur machen können.

Auch die Schule hat die Grenzen des Ortsbereiches gesprengt und ist eine überregionale Einrichtung geworden. Als bemerkenswert bei den Planungen zur Schul­reform ist eine außerordentlich starke pädagogische Aktivierung der Elternschaft zu verzeichnen.

Förderstufe und Sekundarbereich I sind bereits vom Landkreis Hanau erbaut worden, denn durch ein Landesgesetz sind die Kreise mit Wirkung vom 1. Jan. 1970 Schulträger geworden. So wie der Bürgermeister Krieger in Bischofsheim schu­lischen Fragen sehr aufgeschlossen gegenüber stand, hat auch der vitale und energiegeladene Hanauer Landrat Woythal Bildung und Erziehung mit zu seinen wich­tigsten Anliegen werden lassen. Der Landkreis Hanau ist der erste in der Bun­desrepublik, der völlig das moderne System der integrierten Gesamtschule ver­wirklicht hat. Die Schule ist aus ihrer jahrhundertelangen Isolierung herausgetre­ten, hat starke soziale Akzente erhalten und ist eine Angelegenheit der Gesell­schaft geworden.

Zum Abschluß soll noch eines Tages gedacht werden, der weniger in schulischer Hinsicht als soziologisch bedeutsam erscheint. Es ist der 8. November 1958, an dem der erste Erweiterungsbau der Schule in der Waldstraße eingeweiht wurde. Diese Feier war die letzte, an der sich die gesamte Bischofsheimer Bevölkerung spon­tan beteiligte. Der abendliche Fackelzug der Schulkinder wurde fast von der ge­samten Bevölkerung begleitet, die Turnhalle am Wald war restlos überfüllt, man schätzte die Besucher im Raum auf 1.200, zahllose Menschen standen drau­ßen an den Fenstern der Halle. Die Zahl der Geschenke war unübersehbar. Spä­ter hat kein bedeutsames Ereignis so große Teile der Bevölkerung mobilisiert. Weder die Einweihung der katholischen Kirche, die Erweiterung der evangelischen Kirche, noch die Übergabe des modernen Rathauses haben eine ähnliche Reso­nanz bei der Bevölkerung gefunden.

Die große Feier zum 90jährigen Jubiläum fand am Samstag, 24. Mai, in und um die Lehranstalt in der Waldstraße herum statt. In neun Dekaden hat sie eine abwechslungsreiche und bewegte Geschichte hinter sich gebracht. Seit 1993 gibt es zum Beispiel die Betreuungseinrichtung, die vom Förderverein getragen wird. Es werden 292 Schülerinnen und Schüler zur Zeit von insgesamt 14 Lehrern unterrichtet.

Im Jahr 1997 zum 90jährigen Jubiläum wurden an der Waldschule in den vier Grundschul- und einer Vorschulklasse insgesamt 292 Schülerinnen und Schüler betreut. Neben 14 hauptamtlichen Lehrerinnen und Lehrern waren noch zwei Referendare, ein Lehrer für griechischen Unterricht und eine Sozialpädagogin für die Betreuung der Kinder zuständig. Die Waldschule wird von Rektorin Irmine Kästner und Konrektorin Irene Morgenstern geleitet. Der Unterricht findet in 17 Räumen statt.

Die Schule wurde über die Jahre immer wieder neu gestaltet und den Änderungen der pädagogischen Betreuung angepaßt. So hat die Schule trotz enger räumlicher Verhältnisse 1993

die Betreuungseinrichtung ins Leben gerufen. Getragen wird das zusätzliche Betreuungsangebot vom Förderverein. Das Modell ist mit dem Unterricht verzahnt. Die Finanzierung dieser Zusatzleistung wird jedoch immer schwieriger. Die Eltern müssen für den Betreuungsplatz ihres Kindes erheblich mehr bezahlen. Außer dem üblichen Grundschulangebot gibt es auch eine Sprachheil- und eine Vorklasse. Eine logopädisch ausgebildete Lehrerin sorgt sich um therapeutische Maßnahmen für Kinder, die auf diesem Gebiet noch Schwierigkeiten haben.

Aber später wurde die Schule zu einer reinen Grundschule.

 

 

Berufe

Bischofsheim war, was die Zahl der Berufe anging, nicht sehr vielseitig. Außer den Landwirten und Tagelöhnern, den Wächtern, den Feld- und Waldschützen und den Hirten werden in den Rechnungsbüchern Schmiede und Zim­merleute, Schreiner und Weißbinder, Ziegler und Leineweber erwähnt. Außerdem gab es Wirte, Krämer, Bäcker und Metzger; letztere waren bis 1876 ausschließ­lich Juden. Alle größeren Arbeiten wurden von der Gemeinde an auswärtige Handwerker vergeben.

Viele Berufe gab es nicht mehr. Schon in der Hallstattzeit zog der wandernde Bronzegießer durch die Lande, er tauschte alte Stücke gegen neue, sammelte Altmaterial und goß an Ort und Stelle neue Geräte. Seine Nachfolger sind die Zinngießer und Kesselflicker.

Die Wollweber, die Leineweber und Hutmacher boten ihre Dienste an. Der Topfstricker umwickelte eingesprungene Töpfe mit einem Drahtgeflecht, der Bender bot seine Fässer an, der Kraut­hobler aus Tirol zog zur Herbstzeit durch das Land, um Weißkraut einzuschneiden, der Gerber oder Löher ließ den Hundedreck aufsammeln, den er zum Gerben brauchte, der Barbier hieß Scherer oder Bader.

Der Zunderhannes bot sein Feuergerät an (Stein und Schwamm), der Rotgerber, der Färber, der Wollkämmer kam, der „Hauderer“ mit festem Wagen und starken Pferden war der Spediteur früherer Zeiten, oft hatte er auch eine Kutsche mit zwei flinken Pferden zur Personenbeförderung; der Tuchmacher ge­hörte einer hochangesehenen Zunft an, der Köhler war jedermann bekannt, der Gürtler fand Abnehmer für seine Gürtel, der Rinkelmacher (an sich fertigte er ein Gerät zum Zusammenhalten von Wundrändern an, auch: Rinkenmacher) fertigte Schnallen für Schuhe und Gürtel, der Strumpfwirker hatte Strümpfe und Zipfelhauben anzubieten, der Nagelschmied mit seinem Hund, der in einem Rad den Blase­balg treten mußte, machte auf Bestellung seine teuren Nägel. Auf den Jahrmärk­ten waren die Moritatensänger beliebt mit ihren rührseligen oder erschröck­lichen Geschichten. Slowaken mit Kamelen, Affen und Bären waren gerngesehene Gäste, ebenso der Savoyarde mit seinen Murmeltieren.

 

Erstmals wurden in den Unterlagen der Gemeinde erwähnt:

1663    Tabakanbau

1760    eine Zeitung - Die Hanauer Frag- und Anzeigennachrichten. Bezugspreis jährlich 1 fl.

1763    Die erste Grenzbegehung

1764    Die erste Kerb

1765    Die erste Hebamme

1769    Die erste Auswanderin nach Pennsylvanien, Eva Steinbrinkin

1773    Die erste Feuerspritze

1778    Der Tabakanbau feldmäßig

1779    Der gemeindliche Obstbau

1788    Die Totenfrau

1801    Das erste Buch - Das neue Wunder unserer Zeit (Dampfmaschine?)

1805    Die Pockenschutzimpfung

1807    Beginn des Kartoffelanbaus

1810    Bischofsheim wird Teil des Großherzogtuns Frankfurt; es besitzt 104 Feuerstellen, 647 Seelen und eine reformierte Kirche

1813    Der Anbau von Welschkorn (Mais)

1814    Landsturm wird aufgestellt

1814    Der erste Wechsel

1814    Die Steinkohle

1814    Nathan unterschreibt eine Quittung, ohne vor seinen Namen „Jud“ zu setzen

1815    Mardochay pachtet als erster Jude von der Gemeinde Land

1816    Der Wasserbauinspektor

1818    Der Landphysikus

1821    Zwangsversteigerungen

1824    Die Maklergebühr

1826    Die Landgestütkasse

1826    Die Landwirtschaftliche Zeitung

1830    Landkrankenhaus Hanau

1831    Das Chaussee-Geld

1834    Schulversäumnisstrafen

1834    Die Hundesteuer

1834    Feuerwehr bekommt zwei neue Leitern gestellt

1836    Der Dorfbrunnen wird erneuert

1838    Niederschlagung rückständiger Steuern

1838    Laut Polizeiverfügung muß ein baufälliges Haus geräumt werden

1839    Postgebühren

1840    Der Fleischbeschauer (Kreistierarzt Metzger)

1840    Ausgabe von Heimatscheinen durch die Gemeinde

1841    Die Gemeinde kauft für arme Kinder Schulbücher

1841    Zement

1841    Das „Porte bohr“ wird abgebrochen

1843    Die Gemeinde kauft das Wohnhaus der Heß‘schen Hofreite und baut es zur Schule aus

1847    Auf dem Gelände des heutigen Rathauses wird der Friedhof erweitert

1849    Die Gemeindejagd

1849    Ankauf von Torf

1854    Das Schäfertor wird abgebrochen

1857    Die Post kommt von Bergen

1858    Porto

1864    Der Ortsschätzer

1865    Schafpferch-Verpachtung

1866    Isolierstation für Kranke auf dem Rathaus

1866    Auf dem Rathaus wird eine Isolierstation eingerichtet

1867    Das Breultor wird abgerissen

1866    Steuermarke für Rechnungen

1868    Die Petroleumlampe

1869    Gemeinde verkauft Bauland (an der rechten Seite des „Vizinalweges“ nach Hochstadt)

1869    Der Handarbeitsunterricht

1869    Der Briefkasten

um 1870 Bis zu dieser Zeit standen nur wenige kleine Häuser vor dem Breultor an jeder Seite des Weges. Nach dem deutsch-französischen Krieg belebte sich die Bautätigkeit an dieser Stelle.

1886    Gründung der Turnerschaft 1886

1871    Die Briefmarke und die Depesche

1871    Der Turnunterricht

1871    Die Handdreschmaschine

1873    Der erste Gemeindearbeiter

1873    Die Pferdedreschmaschine

1874    Der Gesangverein als erster Verein registriert

1874    Das Standesamt

1874    Die Streichhölzer

1875    Die erste Straßenlaterne (auf dem Brunnen)

1876    Die ersten Schausteller

1879    Der erste Ziegenbock

1879    Der Schiedsmann

1880    Die Gemeinde verkauft Baugelände vor den Schäfertor und am Gänssee

1880    Das Schulgeld

1881    Die Eisverpachtung

1881    Verkauf von Christbäumen

1885    Die Postanweisung

1885    Die Gemeinde gibt Bauplätze „Am Löwenseeweg“ ab, es dürfte sich um Grundstücke am heutigen Rumpenheimer Weg gehandelt haben (nach Lippert)

1886    Der Haingraben wird als Baugelände an die Anlieger verkauft, ebenfalls die Gräben in den Schäfergärten und ein Bauplatz „Am Schlag“

1886    Gründung der Turnerschaft 1886

1888    Der Giftweizen gegen Mäuseplage

1888    Weihnachtsfeiern der Vereine

1890    Der Fotograf

1893    Colonialwaren

1893    Neue Zeitung - Main- und Kinzigbote

1893    Das erste Telefon

1893    Zigaretten

1894    Die Gemeinde erwirbt ein Grundstück auf der Breulwiese zum Bau eines Arzthauses

1895    Die Postagentur bei Lehrer Knöll

1895    Die Lustbarkeitssteuer

1895    Die Zeugnishefte

1895    Die Körungskommission

1897    Der „Fabrikarbeiter“

1897    Das Waldfest der Eintracht

1897    Die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft

1898    Vertrag über die Eisenbahnhaltestelle am „Weg nach Rumpenheim“)

1899    Kreissparkasse

1899    Waschpulver

1899    „10 % Rabatt“

1901    Das Wasser wird untersucht

1904    Die erste Rechnung mit Schreibmaschine geschrieben

1904    Dachpappe

1906    Fruchteis

1906    Eine Waschküche

1906    Gemeindekrankenpflegestation

1907    Rollgeld

1908    Der Leichenwagen ist angeschafft

1908    Desinfektion von Wohnungen

1908    Nachnahmesendung

1908    Katholischer Religionsunterricht

1909    Der Dreschmaschinen-Günther

1910    Die Zahlkarte

1911    Die zentrale Wasserleitung

1911    Familienstammbücher

1911    Straßenschilder und Hausnummern

1913    Kinematograph auf der Kerb

1913    Die erste Lehrerin

1918    Der Arbeiter- und Soldatenrat

1919    Das erste Auto ist im Dorf

1919    Das Mieteinigungsamt

1920    Der erste Bürgermeister von auswärts (Foocken)

1920    Einfamilienhäuser mit öffentlicher Förderung

1921    Der Schrebergarten

1921    Der Personalausweis

1921    Die Elektrifizierung

 

 

Eisgewinnung und Heusergraben

Die leidige Tieflage unseres Ortes führte bei plötzlicher Schneeschmelze oder wolkenbruchartigen Regenfällen immer wieder zu überschwemmten Straßen und vollgelaufenen Kellern. Um diese unerfreulichen Zustände nach Möglichkeit zu beheben, kaufte die Gemeinde zur Verbesserung des Wasserabflusses aus dem Ort das bisher dem Fiskus gehörende Gelände um den „Tiefen See“ und den Heusergraben.

Der Tiefe See wurde später wegen der dort vorhandenen eigenartigen Flora zu einem gesuchten Studienobjekt der Botaniker. Hier gab es Pflanzen, die in Euro­pa äußerst selten oder einmalig sind. Das Gebiet wurde daher zum Naturschutz­gebiet erklärt. Heute ist jedoch durch die Ausdehnung des Ortes und die damit ver­bundene vermehrte Anlieferung völlig andersgearteter Flüssigkeiten diese einzig­artige Pflanzenwelt wohl fast verschwunden.

Im Jahre 1890 wurde der Tiefe See an die Frankfurter Eisgewinnungsgesellschaft verpachtet, die jährlich 1.000,- Mark Pacht zahlte. Das damals noch reine Mainwasser wurde durch ein unterirdisches Rohr in den Tiefen See gepumpt. Die Winter kamen damals noch treulich ihrer Pflicht nach und ließen das Wasser zu klarem Eis gefrieren, das in Blöcke gesägt, geborgen und in der an der heuti­gen Taunusstraße gelegenen Eishalle gelagert wurde. Im Sommer wurde es dann besonders an Frankfurter Wirte und Metzger verkauft.

Die Eisgewinnung an dieser Stelle fand noch im Jahre 1932 statt, jedoch ging der Absatz immer mehr zurück, da die Kunsteisproduktion an Boden gewann. Ein Spiel des Zu­falls wollte es, daß auf dem Gelände der später abgerissenen Eishalle ausgerech­net die Firma „Kälte-Mack“ ihre Produktionshallen errichtete.

 

Im Jahre 1899 bekam die Gemeinde eine weitere Einnahme aus der Eisgewinnung: Der Eis-Günther aus Enkheim pachtete das Wasser des Tränkebaches für 350,- Mark jährlich zur Eisgewinnung; im Jahre 1903 mußte er jedoch für das Bischofsheimer Wasser schon 1.510,- Mark an die Gemeinde abliefern.

Im Jahre 1905 trat die Bahn an die Gemeinde heran und forderte für den Durch­fluß des Wassers im Heusergraben unter der Bahnstrecke Frankfurt/Ost - Ha­nau einen Beitrag. Die Gemeinde lehnte natürlich das Ansinnen ab mit der Be­gründung, daß das Wasser dort schon immer geflossen sei, ehe die Bahn ihre Strecke baute. Schließlich mußte die Gemeinde doch 1,- Mark jährlich an die Bahn abführen.

Im Jahre 1908 gab es Ärger mit der Eisgewinnungsgesellschaft. Es waren Veränderungen an dem Abfluß des Heusergrabens vorgenommen worden, durch die das Wasser nicht restlos abfloß und sich in dem verbleibenden See Algen bildeten, die das Eis unverkäuflich machten. Im Jahre 1912 faßte die Gemeinde nach sehr langen Debatten den Beschluß, den Heusergraben zu verrohren. Man entschied sich für Rohre von 40 Zentimeter Durch­messer, ein Querschnitt, der vollkommen genügte, denn die Wasserführung des Grabens war an sich unbedeutend.

Nach der Kanalisierung des Ortes konnten die anfallenden Wassermassen nicht mehr versickern, sondern wurden gesammelt dem Main zugeführt. Durch die Ausdehnung des Baugebietes war die Auffangfläche des Oberflächenwassers stark erweitert, die Wassermengen zu bestimmten Zeiten vervielfacht. Die Ge­meinde begann deshalb im Jahre 1954, den Ablaufweg zum Tiefen See zu verrohren und baute am Rande des Naturschutzgebietes ein Hebewerk. Da der Querschnitt des 1912 errichteten Rohrkanals für die anfallenden Wassermassen nicht mehr ge­nügte, um sie ohne Stau in den Main zu leiten, wurde der Heusergraben mit Betonrohren von 1,80 m Durchmesser neu verrohrt. Schwierig und kostspielig war die Horizontal­unterbohrung der Bahnstrecke und der B 8/40.

Da die Ingenieure mit einem Spitzenanfall von 3,3 Kubikmeter pro Sekunde an Wasser rechneten und eine die Einfahrt der Schiffe in die Rumpenheimer Schleuse hindernde Querströmung befürchteten, mußte auf Forderung des Wasser- und Schiffahrtsamtes durch ein besonderes Auslaufbauwerk der Einfluß in den Main 200 m flußabwärts verlegt werden. Allein dieses Auslaufbauwerk kostete 400.000, - Mark und wurde 1974 fertiggestellt.

 

 

Bischofsheim im „Dritten Reich“

Die Weimarer Republik führte in den Jahren 1931/33 einen verzweifelten Kampf gegen die extremen Parteien der KPD und der NSDAP. Die KPD war im Ort stark vertreten. Besonders scharf ging man gegen Ausländer vor, die sich in radi­kalen Parteien politisch betätigten, sie wurden über die Grenze abgeschoben.

Der Hanauer Gruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold gehörten etwa 30 Bischofsheimer Bürger an. Die örtliche „SA“ war schon vor 1933 gegründet und wurde von einem früheren Kommunisten geleitet. Schlägereien zwischen poli­tisch Andersdenkenden sollen nicht vorgekommen sein. Es wird nur berichtet, daß Hanauer SA-Leute den Dirigenten der Liederlust abends auf dem Heimweg nach einer Singstunde verprügelt haben sollen.

Nach dem 30. Januar 1933 zogen die neuen Machthaber gegen SPD und KPD zu Felde. Am 4. Mai 1933 kam aus der Reichshauptstadt der Befehl, alle führenden Kommu­nisten, Pazifisten und Sozialdemokraten nebst deren Angehörigen listenmäßig zu erfassen und zu überwachen, ebenfalls die jüdische Intelligenz. Es gab Hausdurch­suchungen bei KPD- und SPD-Funktio­nä­ren. Etwa zehn den neuen Machthabern unliebsame Personen wurden in Schutzhaft (KZ) genommen, kamen aber bald wieder frei. Ein Bischofsheimer KPD-Angehöriger wurde später zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, aber er kam wieder heil nach Hause.

Am 14. Dezember 1938 ging der Gemeinde unter „Geheim“ eine Liste der damaligen Konzentrationslager zu:

Papenburg      Regierungsbezirk Osnabrück

Sonnenberg    Regierungsbezirk Frankfurt/Oder

Lichtenberg   Regierungsbezirk Merseburg

Brandenburg  Regierungsbezirk Potsdam

Mohringen      Regierungsbezirk Hannover (Nur für Frauen).

 

Die Verpflegungskosten für die Inhaftierten hatte die Heimatgemeinde zu übernehmen, pro Tag 1,50 RM. Im November 1933 hatte die Gemeinde noch für drei Männer zu zahlen. Zu Weihnachten kamen die „Schutzhäftlinge“ zurück. Sie hatten sich täglich bei der Polizei zu melden und durften nach Einbruch der Dunkelheit ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Die Polizei hatte sie in unregel­mäßigen Abständen zu kontrollieren. Für jeden Entlassenen mußten Kartei­karten in dreifacher Ausfertigung angelegt und bei Vorkommnissen durch Eintra­gungen ergänzt werden. Die strengen Einschränkungen der persönlichen Freiheit der Haft­entlassenen wurden aber bald wieder aufgehoben. Natürlich wurde auch die Arbeiterwohlfahrt verboten, der vorhandene Betrag von 2,06 RM zugunsten des Landes Preußen beschlagnahmt.

 

Am 24. Mai 1933 wurden im Ort alle „kommunistischen“ Fahr- und Motorräder ein­gezogen, um Kurierfahrten zu verhindern. Einige Zeit später wurden die Fahr­räder nach Stellungnahme des Ortsgruppenleiters den Besitzern wieder zurück­gegeben. Der führende Parteigenosse bestätigte meistens, daß aus den Kommu­nisten stramme Nationalsozialisten geworden seien.

Das Vermögen der „staatsfeindlichen“ SPD wurde eingezogen. Da es oft auf Privatkonten versteckt worden war und die Kassen Auskünfte verweigerten, wurden diese durch einen besonderen Reichserlaß gezwungen, die Gelder zu offenbaren, die dann eingezogen wurden.

Am 22. September 1933 kam das Verbot des Abhörens ausländischer Sender, besonders des Senders Moskau. Waren Personen aus verschiedenen Familien zum verbote­nen Abhören versammelt, galt das als verbotene Versammlung und wurde mit KZ bedroht.

Alle Vereine wurden gleichgeschaltet, ihre führenden Männer muß­ten der Partei angehören. Als zwei frühere Sozialdemokraten zum ersten und zweiten Vor­sitzenden des Geflügelzuchtvereins gewählt wurden und sie dies pflichtgemäß dem Bürgermeister mitteilten, kam umgehend die Anfrage, welchen Gliederungen der NSDAP sie angehörten.

Auch über die hiesigen Gastwirte mußte schriftlich berichtet werden, ob sie etwa mit der SPD sympathisierten. Am 12. August 1935 wurde den kirchlichen Jugendverbänden jegliche Tätigkeit unter­sagt, den Lehrern verboten, für diese Verbände zu werben. Große kirchliche Veranstaltungen unter freiem Himmel wurden verboten, sie galten als Tarnveranstaltungen der mit den politischen Zuständen Unzufriedenen. Im Jahre 1936 begann der Kampf gegen die „Bekennende Kirche“, die Listen der Pfarrer mit Redeverbot im gesamten Reichsgebiet kamen regelmäßig und wurden immer länger. Auch der Generalsuperintendent a. D. Dibelius war darauf verzeichnet.

 

Personell gab es 1933 bald Veränderungen in der Gemeinde. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP Lenz, ein gebürtiger Hochstädter, war ein entfernter Verwandter des amtierenden SPD-Bürgermeisters Michael Kaiser. „Onkel, wann machst Du mir denn nun Platz?“ fragte er eines Tages. Onkel machte am 16. Mai 1933 Platz. Lenz soll nach Aussage von Zeitgenossen ein etwas großsprecherischer, aber nicht bösartiger Mann gewesen sein, der auch von politisch Andersdenkenden Rat angenommen und ihn befolgt hat. Er ist später zur Wehrmacht eingezogen worden und als Offizier gefallen. Das Bürgermeisteramt wurde dann vertretungs­weise von dem Bürgermeister Fey aus Bergen-Enkheim versehen.

Die Gemeindewahl im März 1933 war die letzte, die nach demokratischen Regeln ablief. Die Nationale Arbeitsgemeinschaft erhielt mit 632 Stimmen 5 Sitze, die SPD mit 462 Stimmen 4 Sitze, die KPD mit 371 Stimmen 3 Sitze; 17 Stimmen waren ungültig.

Zwei der Nationalen Arbeitsgemeinschaft unliebsame Gemeindeangestellte wurden sofort entlassen. Noch tagten die Gemeindegremien in altgewohnter Weise, aber nachdem der Ortsgruppenleiter Lenz das Amt des Bürgermeisters übernommen hatte, wurde bald das „Führerprinzip“ eingeführt. Die Gemeindegremien wurden aufgelöst, der Bürgermeister regierte. Ihm standen zwei Beigeordnete und sieben Gemeinderäte zur Seite, die selbstverständlich der Partei angehören mußten und nur beratende Stimme hatten. Der Bürgermeister hatte allein Entscheidungen zu treffen und diese in ein Beschlußbuch einzutragen.

Es erscheint eigenartig, daß den Archiven genaue Angaben über das Schicksal des Ortes in den Kriegen vergangener Jahrhunderte zu entnehmen sind, Unterlagen aus dem Zweiten Weltkrieg dagegen fast völlig fehlen. Es sind sicher beim Herannahen des Feindes alle die damals führenden Nationalsozialisten betreffenden Akten vernichtet worden, aber es sind auch keinerlei Sachberichte über die Kriegswirtschaft, Kriegsereignisse und sonstige Geschehnisse aufzufinden.

Im Jahr 1937 überflog ein Zeppelin Bischofsheim.

 

Der Zweite Weltkrieg

Im Jahre 1939 war eine bayerische Pioniereinheit in Bischofsheim einquartiert, die bei vie­len älteren Einwohnern noch in freundlicher Erinnerung ist; auch heute sind die Beziehungen einzelner Familien zu manchen der früheren Soldaten noch nicht abgebrochen. Im Herbst 1941 wurde der Batterietrupp einer Flakscheinwerferbatterie hierher verlegt und im Gasthaus „Zum Hessischen Hof“ einquartiert, darunter auch der spätere Rektor Lippert. Auf der Windschnur und südöstlich des Bahnhofes wurden Stellungen für schwere Flakscheinwerfer errichtet.

Der Krieg machte sich anfangs durch Feindeinwirkungen nicht bemerkbar. Die wehrfähigen Männer waren eingezogen, Lebensmittel und Bekleidung sowie Ge­genstände des täglichen Bedarfes gab es auf Karten oder Bezugsscheine, nachts hatte strenge Verdunkelung zu herrschen.

 

In der Nacht vom 4. zum 5. August 1941 schlug der Krieg hier zum ersten Male zu. Von einem Bomberverband wurden Sprengbomben abgeworfen, die aber zum Glück den Ort nicht trafen und im Wald, beim Friedhof, in den Wingerten und im Mainfeld tiefe Trichter hinterließen. Aber die abgeworfenen Brandbomben trafen ihr Ziel. Sie fielen in die Niedergasse, acht Gehöfte brannten, doch die Wohnhäuser konnten gerettet werden, ebenfalls das in den Stallungen untergebrachte Vieh. Männer, Frauen und Kinder konnten viele Brandbomben unschädlich machen. Rühmend muß die Hilfe der hier zum Arbeitseinsatz untergebrachten französi­schen Kriegsgefangenen erwähnt werden.

Auch die in der Jahnstraße stehende Turnhalle brannte ab. Während der Haus­wart Fritz Robanus und sein Sohn die Brandbomben in der Halle ablöschten, stand im Vorderbau die Wohnung schon in hellen Flammen, die dann auf die Halle übergriffen. Allein auf dem kleinen Areal der Turnhalle zählte man 43 Brandbombeneinschläge.

 

Bis zur nächsten Ernte waren alle Wirtschaftsgebäude wieder aufgebaut, schöner als sie je waren. Die Kosten trug das Reich; die Turnhalle wurde nicht mehr aufgebaut. Im Januar 1944 wurden Bischofsheimer Bauern und französische Kriegsgefan­gene nach Oberrad beordert, dort waren durch Bombeneinschläge gewaltige Holzmengen angefallen, die zu Brennholz aufgearbeitet wurden. Die Mannschaf­ten vieler Orte waren im Einsatz, Bischofsheim mußte 400 Kubikmeter Holz bearbeiten, von dem die Hälfte für den Ort, die andere Hälfte für Frankfurt bestimmt war. Die Arbeit war schwierig, denn das Holz steckte voller Bombensplitter; Sägen und Äxte waren kostbar und schwer zu ersetzen.

 

Am Gronauer Weg entdeckte man einen Bombenblindgänger von 40 Zentnern. Er wurde vorsichtig freigegraben, ein Feuerwerker entfernte den Zünder. Nun sollten die Bischofsheimer Bauern den unheimlichen Fund auf einer Schleife in das Dorf schaffen, aber sechs Pferde rückten ihn nicht von der Stelle. Schließlich holte man sich Dreiböcke, wand die Bombe hoch und legte sie auf einen starken Ackerwagen. Nun konnten zwei Pferde die Bombe in den Ort bringen, wo sie auf einen Wehrmachtslastwagen umgeladen und abtransportiert wurde. Die Arbeit hatte sich über einen ganzen Tag ausgedehnt.

 

Am 4. Februar 1944 gegen 11.00 Uhr gab es wieder Alarm, den niemand recht ernst nahm, denn es herrschte zu dieser Zeit ein mit starkem Schneesturm ver­bundenes Wintergewitter. In das himmlische Donnern mischte sich plötzlich das Krachen von Bombeneinschlägen. Gottseidank hatten die Feinde wohl Ortungs­schwierigkeiten. Die von Westen einfliegenden Flugzeuge warfen ihre Bombenlast vor dem Ort ab, setzten dann aus und warfen nach Überfliegen des Dorfes ihre Sprengbomben über die Feldmark bis an den Main. Die Felder waren über­sät von Bombenkratern, noch am Nachmittag gingen Spätkrepierer hoch.

Aber Brandbomben kamen wie ein Regen herunter, und sie trafen ihr Ziel. Wieder war die Niedergasse besonders betroffen, sieben von den neu erbauten Scheunen brannten wieder ab. Im Ort brannte es an 130 Stellen, nach anderen Aussagen an 160 Stellen, alles war in Rauch und Flammen gehüllt, der Kirchturm eine lodernde Fackel. Brandbomben sprühten Feuer auf den Hausböden, in Zim­mern, Ställen, Scheunen und wurden von Frauen, Männern und Kindern mit nassen Säcken, Sand und Mist unschädlich gemacht.

 

Die Brandbekämpfung litt unter dem Umstand, daß eine starke Gruppe von Männern wieder in Oberrad eingesetzt war und erst telefonisch zurückgerufen werden mußte. Vorbildlich halfen wieder ukrainische Arbeiter und französische Kriegsgefangene. Das losge­bundene Vieh irrte in strenger Kälte über die vereisten Felder. Bald waren Feuer­wehren aus vielen Orten, auch aus Frankfurt, zur Stelle und halfen vor allem bei der Rettung der Häuser.

Schwer war auch die Mainkur getroffen, in Fechenheim gab es zehn, in Enk­heim 50 Tote, am Roten Graben waren zwei Häuser hinweggefegt, die Gleis­körper zerstört, die Schienen ragten zerrissen gegen den Himmel, die Straße Frankfurt-Hanau war von Trichtern übersät und unpassierbar. Am 18. März 1944 fand man im Gebiet der Schäfergasse eine Luftmine, glücklicher­weise war sie ein Blindgänger.

 

Zum Ende des Krieges rissen die Luftalarme Tag und Nacht kaum noch ab. Man schlief fast nur noch in Kleidern, den Koffer mit den wichtigsten Urkunden und Wertsachen griffbereit neben sich. In den meisten Häusern war ein Keller durch Abstützungen mit schweren Balken in einen Luftschutzraum verwandelt worden. Brechstangen, Äxte, Spitzhacken, Kästen mit Sand und Wannen mit Wasser, Ver­bandmaterial standen bereit, Wanddurchbrüche zu den Nachbarhäusern stellten Fluchtwege dar. Die Kellerfenster waren durch Sandsäcke geschützt, an den Hauswänden waren durch weiße Pfeile und die Buchstaben LSR über den Schutzräumen Hinweise für etwaige Retter angebracht.

 

An einigen Stellen hatten Nachbargemein­schaften starke Betonbunker errichtet, andere Bewohner hatten sich im Garten Bun­ker in die Erde gegraben. In der Vilbeler Hohl und in der Ledergasse waren in die Steilwände tiefe Löcher gegraben, um bei rechtzeitiger Alarmierung in der Nähe wohnenden Bürgern Schutz zu bieten. Beiderseits der Landstraßen waren Mannlöcher ausgehoben, in denen sich Fußgänger oder Radfahrer bergen konnten, wenn die gefürchteten Jagdbomber auftauchten, die im Tiefflug Straßen, Eisenbahnlinien und Wasserstraßen kontrollierten und auf alles schossen, was sich bewegte. Lokomotiven, Kraftfahrzeuge und Schiffe waren ihre Lieblingsziele.

 

Das Heulen der Sirenen, das beklemmende Dröhnen der oft aus Hunderten von viermotorigen Maschinen bestehenden Bomberpulks, das Donnern der Flakab­schüsse, das unheimliche Pfeifen der herabrauschenden Bomben, die krachenden Explosionen einschlagender Bomben, das dumpfe nicht endenwollende Grollen der Bombenteppiche auf Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Offenbach, Hanau, das Lodern der brennenden Stadtteile, deren Rauchpilze noch 24 Stunden nach dem Angriff aus 100 Kilometer Entfernung zu sehen waren, die Geisterfinger der Flakschein­werfer am nächtlichen Himmel bestimmten in immer kürzer werdenden Abstän­den den Tagesablauf der Bevölkerung unserer Heimat. Der totale Krieg, wie ihn Hitler und Göbbels wollten, war da!

Am 27. März 1945 beschossen amerikanische Panzer von Rumpenheim aus unseren Ort, sie belegten hauptsächlich die Straßenkreuzungen mit Feuer, größere Gebäudeschäden traten nicht auf. Zwei Personen wurden bei dem Beschuß ver­letzt, ein 16jähriger Junge in der Borngasse getötet. Am folgenden Tag kamen die Amerikaner über den Main, die von deutschen Truppen vorher versenkte Fähre benötigten sie dazu nicht.

Im Garten des Hauses Bahnhofstraße 18 stand ein deutsches Flakgeschütz, aber es trat nicht in Tätigkeit. Die Geschützbedienung schlief völlig erschöpft im Keller des Hauses und wurde von den Amerikanern gefangengenommen. Im Ort und seiner unmittelbaren Umgebung befand sich eine schwache deutsche Truppe, Unteroffiziersschüler aus Friedberg, von denen noch acht Soldaten fielen und auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt wurden.

Der Krieg war aus. Aus Bischofsheimer kehrten 150 Soldaten nie mehr in die Heimat zurück! Sieben Bischofsheimer Bürger sind durch Kriegseinwirkungen um­gekommen und viele wurden verwundet. Viele führende Nationalsozialisten aus dem Ort hatten sich vorerst einmal in Sicherheit gebracht und stille Dörfer im Vogelsberg oder im Spessart aufgesucht.

Für einige Tage mußten einzelne Straßen­züge freigemacht werden, um den Siegern Unterkunft zu geben. Es muß festgestellt werden, daß die Amerikaner sich gut betragen haben, sie haben nichts zerstört und nichts genommen außer ein paar Kleinigkeiten, die wohl als Souvenirs gedacht waren.

Als die Panzer nach Bergen und Niederdorfelden weiterfuhren, benutzten sie aus Angst vor Minen nicht die Straßen, sondern fuhren über die Felder. Die Spuren der schweren Fahrzeuge konnte man noch jahrelang beim Pflügen be­merken

 

Kriegsende in Bischofsheim

Kurt Wörner berichtet im Jahr 2014: Am 4. Februar 1944 vormittags: Mein Bruder Walter und ich wollten seinen zwei Tage zuvor, zum neunten Geburtstag geschenkten Schlitten in den kümmerlichen Schnee- und Eisresten an einem kleinen Buckel. der sich am Anfang der Ledergasse gegenüber dem Umspannwerk befand, ausprobieren.

Plötzlich, im Tosen des Winds, schlugen uns Schneeflocken wie Nadeln ins Gesicht, nichts war mehr erkennbar, obwohl wir erst wenige Häuser von unserer Wohnung entfernt waren. Ein Blitz, der uns erschauern ließ, färbte den dunklen. wolkenverhangenen Himmel in ein gespenstiges Rot. Ein Nachbar hat uns nach Hause geschickt und uns noch zugerufen „Es ist Fliegeralarm!“ Kaum waren wir im Luftschutzkeller unsres Hauses, er war nur rund zwölf Quadratmeter groß (zwölf Personen fassend), da begann die Kriegsfurie sich über Bischofsheim auszutoben. Krachen und Heulen, beängstigendes Getöse, Druckwellen, welche die Schutztüren auf und zuschlugen ließen, sorgten für noch mehr Angst.

Schweigend saßen wir zusammengekauert und erwarteten mit Magenschmerzen das Ende des Luftangriffs. So nahe waren wir noch nie am Kriegsgeschehen. Nie mehr habe ich in den noch vielen folgenden schlaflosen Nächten in diesem Keller diese Angst verspürt. Der Spuk verging. Doch nach dem Verlassen des Schutzkellers erfaßte uns das Entsetzen. Stinkender, beißender Qualm ließ uns die Atmung stocken. Die Luft wurde immer wärmer.

Im beginnenden Chaos hörte man, wo es überall brannte. Alle, meist Frauen, liefen mit Eimern und Löschspritzen in Richtung Ortsmitte. Die erste Scheuer, die in Flammen stand, war in der Hochstädter Straße, beim Seipe Heine. Seine Kühe kamen uns wild und laut muhend entgegen.

Ich rannte weiter zur Obergasse, von dort sah ich den brennenden Turm der evangelischen Kirche. In der Zwerggasse hatte man freie Sicht auf den Mittelpunkt des Dorfs. Wild züngelten die Flammen an der Spitze des etwa 30 Meter hohen Turms. Ein schauriges Bild bot sich meinen Augen. Mittlerweile hatten sich viele, meist ältere Frauen, hier eingefunden, in ihren vom Rauch geschwärzten Gesichtern sah ich die Spuren der Tränen. Plötzlich neigte sich der lodernde Turm in Richtung Hintergasse. Flammen- und funkensprühend stürzte er mit Getöse - dabei das Kirchendach beschädigend - zu Boden. Ein schlimmes Spektakel war beendet. Bischofsheim hatte sich verändert.

Mein weiterer Weg führte mich hin zum Rathaus. Wo ich auch hinsah, ein Höllenbrand. Hier wollte ich mich nützlich machen, aber meine Kräfte schwanden bald, denn die gefüllten Wassereimer waren schwer. Neben dem Rathaus brannte der Kurzwarenladen der Familie Jahn, deren Warenbestände und das dazugehörende Inventar in Sicherheit gebracht werden mußten. Hier konnte ich endlich helfen. Irgendwann wurde ich von meiner Mutter nach Hause geholt. Im Schlaf sah ich noch die eingestürzten Gebäude und hörte das jämmerliche Muhen der Rinder, die sich unversorgt auf der Wiese befanden, dort, wo wir eigentlich nur einen Schlitten ausprobieren wollten.

Von einer umstürzenden Mauer wurde Herr Lambrecht aus dem Fechenheimer Weg getroffen und mußte mit seinem Leben die Löscharbeiten bezahlen.

Heute gibt es noch Zeitzeugen. zum Beispiel Mitschüler, die immer noch Bombensplitter aus jenen Tagen in sich tragen. Die Mehrzahl der Brände wütete in der Niedergasse. Es waren wohl 110 bis 150 Brandstellen, die genaue Zahl wurde nie festgestellt. Es wären wohl noch mehr Häuser in Mitleidenschaft gezogen worden, wenn die Bewohner nicht die Brandbomben sofort wieder aus den Gebäuden herausgeworfen hätten. Das ist öfters passiert.

 

Im März 2015 berichtet Wörner weiter: In diesen Frühlingstagen gehen meine Gedanken wieder zurück, wie seit vielen Jahren, zu Ereignissen, die heuer vor etwa 70 Jahren geschehen sind. Ich, 1936 geboren, wohnte mit meinen Eltern und drei Brüdern in der Berger Straße 4 in Bischofsheim. Im gleichen Haus wohnte noch das ältere Besitzerehepaar und deren Nachkommen Insgesamt lebten 13 Personen verteilt auf zwei Etagen in zwei Wohnungen von rund 60 Quadratmetern. Drei Generationen auf engsten Verhältnissen. Der Anfang meiner Erinnerung aus dieser Zeit ist der Bombenabwurf auf die Turnhalle in der Jahnstraße und die Zerstörungen diverser landwirtschaftlicher Gebäude in der Niedergasse. Wir wurden damals vom Kindergarten zu dieser Trümmerstätte geführt.

Mit der Zunahme von Luftangriffen auf umliegende Städte änderte sich das Leben in unserem beschaulichen Ort grundlegend. Krachen und Bersten der detonierenden Bomben, Heulen und Getöse von explodierenden Granaten haben uns, wie viele Bischofsheimer, ungezählte Nächte in Schutzkeller verbannt. Viele Ereignisse der damaligen Zeit waren für uns Kinder unverständlich, manche wurden sogar heiter aufgenommen. Zum Beispiel in der Waldschule befand sich ein Volks­empfänger, der diente zur Warnung vor Luftangriffen. Die Ansage „Radio Frankfurt schaltet ab wegen Annäherung feindlicher Flugzeuge“ sorgte für eine Unterbrechung des Unterrichts.

Nach einer solchen Durchsage wurden wir eines Tages zum Aufsuchen von Schutzräumen nach Hause geschickt. Ich befand mich auf dem Heimweg, als die Sirene auf dem Dach des alten Rathauses mit ohrenbetörendem Lärm von der nahenden Gefahr warnte. Im Schulraum des Klassenlehrers Herrn Günther stand dieses Radio, er war schon älter und schwerhörig. Ältere Schüler haben öfters die Stimme des Radiosprechers nachgeahmt und somit für Unterrichtsunterbrechungen gesorgt.

Erinnerungen gehen auch zurück an diverse Veranstaltungen der Wehrmacht in dem Biergarten der Gaststätte „Zum Hessischen Hof“. In den Räumen der Gaststätte war die Kommandantur der hiesigen Luftabwehr untergebracht. Heute ist auf diesem Grundstück die Sparkasse Hanau ansässig. Hier im Hinterhof, unter den Kastanien, die heute unter Naturschutz stehen, wurde im Frühjahr die Volksgemeinschaft durch die Wehrmacht und durch die NS-Frauen­schaft am „Tag des Eintopfs“ aus der Feldküche versorgt. An solchen staatlich angeordneten Veranstaltungen wurden den Bürgern die Überlegenheit des Heeres und die Vorteile dieses verbrecherischen Staats vorgegaukelt.

In steter Erinnerung bleibt mir auch der damalige Postbote Herr Wörn aus der einstigen Hin­tergasse, der aus einem gelben Karren auf seinem Weg durch das Dorf nicht nur Feldpostbriefe verteilte - oft war die schlimme Nachricht, die er überbrachte, daß ein Ehemann, Vater oder der kaum der Schule entwachsene Bruder den Heldentod für „Führer, Volk und Vaterland“ gefallen ist. Auch wir Kinder spürten immer mehr die Angst, die die Erwachsenen ergriffen hatte. Die Einschränkungen des täglichen Lebens häuften sich. Versorgungsengpässe traten auf. Vieles, wie Bekleidung und Schuhe, gab es nur noch auf Bezugsscheine. Die Beschaffung und der Transport von Holz sowie Kohle oblag uns Kindern, dies war für meinen Bruder und mich eine mühevolle Arbeit.

Ab Sommer 1943 häuften sich die Luftangriffe auf Frankfurt, Darmstadt, Hanau und Industrieanlagen in unserer Region. Da diese Bombardements meist nachts passierten, konnte man die feindlichen Bomberpulks bei ihrem Anflug am Himmel erkennen, das Angst erregende Getöse der Flugzeuge, die jetzt laut heulenden Sirenen, die uns zum Aufsuchen der Schutz- räume aufforderten, erfüllten uns mit Angst und Entsetzen. Wie mit langen hellen Geisterfingern suchten die Scheinwerfer, die am Eingang zur Vilbeler Hohl in der Windschnur und zwischen der Bahn und der Straße B 40 stationiert waren, nach diesen uns verderbenbringenden Flugobjekten. Ein Flugzeug wurde abgeschossen und stürzte hinter dem Buchwald ab. Die Besatzung fand den Tod.

Am 4. Februar 1944 erwischte es auch Bischofsheim (siehe oben). Die Einschränkungen des täglichen Lebens wurden immer stärker. Ein geregelter Schulunterricht war nicht mehr möglich. Selbst notwendige Fahrten in die umliegenden Städte Frankfurt, Offenbach und Hanau waren nur mit hohem Risiko möglich. Die Straßen in den Städten waren durch Bombentrichter unpassierbar, der Bahnverkehr war durch den Beschuß von so genannten „Jabos“ zusam­mengebrochen. Getroffene Güterzüge lagen neben dem Gleisbett. Der Inhalt der Waggons barg vielerlei Schätze, die bei Nacht- und Nebelaktionen verschwanden. So wurden einige Scheunen wie von Geisterhand mit neuen Wellblechdächern versehen.

Dramatisch endete 1944 und ebenso dramatisch begann 1945. Im Dezember 1944 erfolgte der erste Luftangriff auf Hanau, Anfang Januar 1945 erfolgte die zweite Bombardierung Hanaus mit erheblichen Zerstörungen. Tags darauf kamen ausgebombte Hanauer mit vom Brand verschonten Habseligkeiten auf Handkarren in unseren Ort. Einige Familien fanden hier ihr neues Zuhause und wurden Bürger von Bischofsheim. Ab Januar verging kaum ein Tag, an dem nicht die Kriegsfurie um uns stärker tobte. Am Nachthimmel konnte man die christbaumähnlichen Markierungen sehen, die den Bomberverbänden ihr Ziel absteckten. In der Nacht im engen Keller, der durch flackernde Kerzen spärlich erhellt war, warf dessen Licht schemenhaft die Schatten der dösenden Kellnerin an die Wände. Dies alles bildete eine gespenstige Szenerie.

Hinzu kam der uns in Angst versetzende Lärm der explodierenden Bomben, von krepierenden Granaten, das trommelnde Sperrfeuer der Flak. Die Druckwellen der heulend explodierenden tonnenschweren Luftminen lösten Erschütterungen aus, die mir heute noch in Erinnerung sind. So rückte das Frühjahr 1945 näher. Jetzt erkannte die so genannte Volksgemeinschaft: „Das Tausendjährige Reich“ geht zu Ende. Das schaurige Finale begann in der Nacht zum 19. März, ohne Warnung vor Fliegeralarm näherten sich die Bomberpulks der alliierten Streitkräfte der Kreisstadt Hanau. Geweckt von den gewaltigen Explosionen der zerstörenden, todbringenden Bombenlast stürzten wir in den Keller.

Die Bomberfracht machte Hanau dem Erdboden gleich. Die historische Altstadt lag in Flammen, nur etwa zehn Häuser hatten das Inferno unbeschädigt überstanden und 30.000 Bewohner ihre Bleibe verloren. Mit dem beginnenden Morgen sah man den schaurig rotgefärbten Himmel hinter dem Hochstädter Ried und Dörnigheim.

Nun ging die Angst um. Die Bischofsheimer Bürger suchten Schutz und gruben sich in den Wänden der Vilbeler Hohl und am Ende der Ledergasse ein. Die US-amerikanischen Streitkräfte rückten immer näher, ihre Lärmorgie der Artillerie kündigte das Finale des „Dritten Reichs“ an. Ende März, ein Frühlingstag ging zu Ende, Frösche aus dem nahen Ried stimmten ihr Abendkonzert an, von Niederdorfelden kommend näherten sich deutsche Wehrmachts­ange­hörige, die die Berger Straße in Richtung Hochstadt verließen. Bei einem Stop vor unserem Haus verteilten wir den Rest von Zigaretten aus dem Bestand meines Vaters. Die Worte eines dieser Landser höre ich heute noch, der damals beim Quaken der Frösche sagte. „Hier möchte ich im Frieden leben!“

Am Abend zum 27. März; wieder lagen wir, wie viele Tage zuvor, teilweise angezogen in unseren Betten. Plötzlich eine Detonation laut, wie wir sie noch nie gehört hatten. Staub drang durch das geöffnete Fenster. Einschlag und Abschuß in rascher Folge. Von Rumpenheim aus wurde Bischofsheim beschossen.

Ein Trupp Wehrmachtsfunker, die in unserem Wohnzimmer anwesend waren, haben, bevor sie uns verließen, folgenden Funkspruch erhalten: „Panzerspitze dringt in Hanau ein.“ Den Rest der Nacht verbrachten wir angstvoll im Keller; die letzte Nacht im Keller. Gespenstige Ruhe herrschte, bis ein leises Schleichen den Einmarsch der Amerikaner ankündigte. Am Morgen erlebten wir auf einer Mauer am Tor den Troß der amerikanischen Kriegsmaschinerie, der zwei Tage lang von Hochstadt kommend sich wie ein Lindwurm durch die von Panzern aufgerissene Berger Straße nordwärts weiter Richtung Frankfurt zog und Bischofsheim verließ.

Nur ein kurzer Halt genügte, um das Leben von acht jungen Männern, die fanatisch von einem verbrecherischen Regime erzogen waren, auszulöschen. Sie wollten, verschanzt an der

Straßengablung nach Bergen und Niederdorfelden, den Vormarsch dieser Armee aufhalten.

Durch den nächtlichen Beschuß der Artillerie wurde ein 16-jähriger, Bischofsheimer tödlich und einige Erwachsene schwerverletzt. Fazit aus dieser Zeit: 15 Männer wurden in den Kriegstagen auf dem Bischofsheimer Friedhof beigesetzt. 150 Männer aus dem einst beschaulichen Ort ruhen auf den Kriegsfriedhöfen in ganz Europa.

 

Kurt Wörner, Berger Straße 4, schreibt in seinen Erinnerungen an das Kriegsende, daß sich Einwohner in der Vilbeler Hohl aus Angst vor Bombenangriffen eingegraben hätten. Im Sommer 2011 vermutete Oliver Dietzel, daß es sich bei den Höhlen um einen „Erdstall im Kleinformat“ gehandelt haben könnte: „Da haben wir als Kinder drinnen gespielt. Eingang Richtung Bergen, links im Hang vom Hohlweg, seit Jahren fast ganz zugeschüttet…. Der Eingang war winzig, wie bei den Erdställen beschrieben und innen gab es eine Art herausgegrabene Sitzbank!

Walter Lenz bestätigt, daß sich das Objekt südlich der alten (!) Straße nach Bergen befindet. Als Kind war er mit seinem Vater dort, aber heute würde er es auch nicht mehr finden. Es gibt übrigens zwei weitere Objekte in diesem Bereich: Wenn man von der Querspange nach Niederdorfelden fährt, geht gleich links die Vilbeler Hohl ab. Dort ist am Anfang ein gemauerter Keller und weiter hinten noch eine Öffnung. Aber in allen Fällen muß man doch fragen, ob es sich dort um einen Erdstall handelt oder nicht doch nur um eine künstlich geschaffene Höhle, die zum Beispiel als Keller genutzt wurde.

Norbert Mankel wußte dazu: Die „Höhle“ lag etwa in der Mitte der sogenannten „Vilbeler Hohl“, die man erreicht, wenn man von der Querspange nach Bergen rechts abbiegt in Richtung Niederdorfelden und dann gleich wieder links. Auf der linken Seite war dann der angebliche „Erdstall“. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um einen Unterstand, den eine Flakbesatzung im Zweiten Weltkrieg angelegt hat. Die Flak stand am (alten) Abzweig der Straße nach Niederdorfelden und oberhalb des Unterstandes. Am oberen Ende der Vilbeler Hohl sind übrigens zwei ganz ebene Äcker, die durch den Abtrag von Lehm für die Herstellung von Russensteinen entstanden (sie wurden an Ort und Stelle hergestellt.

 

Nach der totalen Niederlage

Das Chaos war da. Es gab kein Reich mehr, kein Land, keine Regierung, kein Landratsamt. Jede Gemeinde war auf sich selbst gestellt. Die Straßen wurden von amerikanischer Militärpolizei auf Jeeps und schweren Motorrädern kontrolliert, Panzerspähwagen waren dauernd unterwegs. Die deut­sche Bevölkerung durfte anfangs nur von 8 - 10 Uhr und von 16 - 18 Uhr auf die Straße, später von 8 - 18 Uhr, dann bis 20 Uhr. Niemand durfte einen Nachbarort aufsuchen, wer unbedingt außerhalb etwas zu erledigen hatte, tarnte sich mit Mistgabel und Henkelkorb als Bauer und ging über die Felder.

Nach Beendigung des Krieges wurden die Mitglieder der NSDAP sämtlich aus dem Öffentlichen Dienst entfernt. Die Amerikaner setzten Herrn Philipp Esch­mann als kommissarischen Bürgermeister ein, der früher der SPD, nun aber der KPD angehörte. Da es keine vorgesetzte Dienststelle oder Behörde gab, war Herr Eschmann gleichsam der König von Bischofsheim und mußte mit seinen KPD-Mannen auf dem Rathaus versuchen, mit den örtlichen Problemen fertig zu werden. Beschädigte Gebäude mußten geflickt werden, wozu man besonders Aluminiumplatten benutzte, die aus einem auf dem Bahnhof liegengebliebenen Güterzug stammten. Dieser Güterzug hat den Einheimischen manches geliefert, was noch jahrelang in Gebrauch war, es war eben eine wirre, gesetzlose Zeit. Die Bevölkerung mußte mit Wohnungen, Lebensmitteln und Holz versorgt wer­den.

Man gründete erst einmal einen Gemeindebeirat, der aus vier Angehörigen der früheren SPD, drei Mitgliedern der früheren KPD, einem Vertreter der „Bürger“ und einem Landwirt bestand. Auch eine Reihe von Kommissionen wurde gebildet. Dieser Gemeindebeirat wurde bald von einem achtzehnköpfigen „Antifaschistischen Ausschuß“ abgelöst, der die Aufgaben der Gemeindevertre­tung übernehmen sollte. Da Herr Eschmann häufig in Wiesbaden weilte, wurde Herr Friedrich Kröll als sein ständiger Vertreter eingesetzt.

 

Die ehemaligen Parteigenossen wurden hart angefaßt; ihre Wohnungen wurden besonders stark belegt, häufig wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen, auch wurden die Leute wegen Nichtigkeiten auf das Rathaus bestellt, wo man sie stundenlang warten ließ, es soll auch vorgekommen sein, daß frühere Nationalsozialisten geschlagen worden sind.

Die früheren Parteigenossen wurden zu Hilfsdiensten bei der Besatzungsarmee herangezogen. Sonntags hatten sie anzutreten, um im Wald Holz zu schlagen, den Tränkebach zu reinigen oder die unappetitlichen Larven der Kartoffelkäfer auf den Feldern zu vernichten, wozu auch andere Bevölkerungskreise und die Jugend eingesetzt wurden. Die ehemals in prächtigen Uniformen einherstolzierenden früheren Herren der Gemeinde verrichteten ihre Aufgaben mit recht gemischten Gefühlen. Es muß jedoch berichtet werden, daß es bei diesen Arbeitseinsätzen recht menschlich zuging und daß die neuen Herren bei dieser Gelegenheit nie­mals persönliche Rache genommen haben.

 

Am 30. April 1945 gab es in der Mittagszeit Alarm. Eine Gruppe Polen, frühere Zwangsarbeiter aus Fechenheim, hatte sich gen Bischofsheim aufgemacht, um hier zu plündern und zu stehlen. Die Männer des Ortes versammelten sich mit ihrem Bürgermeister an der Spitze, bewaffneten sich mit Mistgabeln, Knüppeln und Äxten und traten den Räubern entgegen. Bei dem Versuch, den Felsenkeller der Wirtschaft „Zur Krone“ aufzubrechen, wurden die Polen gestellt und gefangen­genommen. Militärpolizei holte die Übeltäter ab. Bei diesem Vorfall wurde ein Mann aus Hochstadt von einem Polen zusammengestochen.

Anfang Mai kamen die Polen wieder, aber diesmal heimlich bei Nacht. Sie stah­len eine Menge Stallhasen und Geflügel. Es geschahen viele Überfälle und Mor­de in dieser chaotischen Zeit. Polen überfielen eines Nachts einen Gutshof an der Straße von Hanau nach Alzenau, raubten ihn aus und ermordeten 16 Män­ner, Frauen und Kinder. Die späteren polizeilichen Ermittlungen dieser grausi­gen Tat dauerten Jahre und führten bis nach Polen hinein, aber sie verliefen im Sande.

Am 21. Mai 1945 wurden hier wieder amerikanische Soldaten einquartiert. Sie suchten sich moderne Häuser aus, in denen Toilette und Bad vorhanden waren. Die Besitzer durften täglich eine Stunde lang ihr Eigentum betreten, um das Klein­vieh und die Blumen zu versorgen. Auch diese Soldaten haben sich anständig be­tragen, nur verbrauchten sie zum Leidwesen der Eigentümer viel Wäsche und Heiz­material.

Alle Personen über zwölf Jahre bekamen nun von der amerikanischen Verwal­tung Ausweise, die sie bei sich zu tragen hatten. Außer der Unterschrift wurde dieser Ausweis noch mit den Fingerabdrücken des Besitzers verziert. Auch auf die Schutzbleche der Fahrräder wurden Zulassungsziffern gemalt, ebenso bekamen die Ackerwagen Nummernschilder.

Am Sonntag, dem 19. August 1945, wurde Bischofsheim durch eine äußerst starke Ex­plosion erschüttert, die gegen 22 Uhr die Menschen erschreckt auf die Straßen trieb. Bald war der Ort in einen dichten grauen Nebel gehüllt. Einige Zeit später erschienen völlig verstört deutsche Kriegsgefangene aus Dörnigheim und berichte­ten, daß dort ein großes Unglück geschehen sei. Die Amerikaner hatten östlich des Bahnhofes Dörnigheim und südlich der Bahnstrecke nach Hanau ein großes Sammellager erbeuteten Kriegsmaterials angelegt. Flakgeschütze, Flakscheinwer­fer, zerschossene Panzer, Wehrmachts-LKW und viel Munition waren aufgestapelt, deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskommandos eingesetzt und in Baracken untergebracht.

Sie wurden nach der Explosion sofort von den Amerikanern fortgeschickt, um sich in den umliegenden Gemeinden ein Nachtquartier zu besorgen und am folgenden Tag wieder in Dörnigheim zu melden, was sie auch alle getan haben. Bei der Explosion waren 56 Amerikaner getötet worden, ebenfalls vier deutsche Feuerwehrleute. In Hochstadt zersprangen Fensterscheiben, und Dächer wurden abgedeckt.

Auch die Frau des ehemaligen Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters wagte sich nun wieder nach Bischofsheim zurück. Sie wurde von der Spitze der Bischofs­heimer Behörde sofort auf der Straße verhaftet und vorerst in das Arrestlokal des alten Rathauses gesperrt. Die ehemals führenden NS-Leute mußten zu den Amerikanern nach Vilbel zum Verhör kommen, die meisten kamen zurück, aber drei Personen behielten die Sieger da und brachten sie nach Höchst in das Gefängnis. Später überführte man die Verhafteten in ein Internierungslager nach Darmstadt, sie wurden aber nach und nach wieder entlassen.

Im Rathaus waren fast alle Verwaltungsstellen von Kommunisten besetzt. Sie haben nach be­sten Kräften für die Bevölkerung gesorgt, sollen sich aber auch manche Eigenmächtigkeiten erlaubt haben. Es ist erklärlich, daß sie frühere Nationalsozialisten manchmal etwas scharf in die Zange nahmen, sie vergalten das, was ihnen früher angetan worden war.

Nachdem sich auch eine kommissarische Kreisverwaltung gebildet hatte, fanden die ersten legalen demokratischen Kommunalwahlen am 27. Januar 1946 statt. 135 Männer und 16 Frauen hatten als frühere Nationalsozialisten kein Stimmrecht. Die Wahl erbrachte fünf Sitze für die SPD, ebenfalls fünf Sitze für die CDU und zwei Sitze für die KPD. Diese Wahl hatte für die Stellenbesetzung im Rat­haus einschneidende Folgen.

Am 24. März 1946 wählte die neue Gemeindevertretung den SPD-Mann Herrn Heinrich Kappes zum neuen Bürgermeister. In das Gemeindeparlament zog auch Herr Georg Krieger ein, der später für die Gemeinde eine so große Bedeutung erhalten sollte.

Im Jahre 1948 war wieder eine Kommunalwahl. Die SPD war mit den Leistun­gen des amtierenden Bürgermeisters nicht recht zufrieden und schlug als ihren Kan­didaten Herrn Ludwig Sorg vor, doch wurde der bisherige SPD-Bürgermeister mit den fünf Stimmen der CDU und den zwei Stimmen der KPD wieder gewählt. Die SPD verließ unter Protest das Wahllokal, nachdem sie erklärt hatte, daß sie nach diesem Vorfall nicht gewillt sei, in dem künftigen Gemeindevorstand mit­zuarbeiten.

Der neue Gemeindevorstand bestand nun aus dem Bürgermeister, zwei Herren der KPD und einem Herrn der CDU. Man regierte eine geraume Zeit, bis man nicht mehr so recht weiter konnte und die SPD bat, doch wieder mitzuarbeiten. Das tat die SPD aus ihrem Verantwortungsgefühl für die Ge­meinde dann auch.

 

Der Bischofsheimer Busverkehr startet 1945 als erster der heutigen Maintaler Stadtteile. Bischofsheim hat damals 2.500 Einwohner. Im Jahre 1946 hatte keiner Briketts zum Wärmen. Nur die Bäcker wurden beliefert um Brot backen zu können. Im Jahre 1950 wurden die Bekanntmachungen von Jean Krebs ausgerufen. Er begann seine Ausrufe mit „BEEE - Kannnnt - machung“.

 

 

Die SPD nach 1945

In einer Art Vorspann zur ersten Sitzung der neugebildeten Legislative, die sich damals Gemeindebeirat nannte, vom 28. Mai 1945 schrieb der derzeitige Schriftführer Wilhelm Nohr (SPD) in seinem Protokoll: Nach einem einige Stunden andauernden Gefecht (27. März 193.45), das unserer Gemeinde außer größeren Gebäudeschäden auch 7 Todesopfer der Bürger und 8 Soldaten der Wehrmacht abver­langte, galt es in erster Linie, die gesamte Bevölkerung vor dem Hungertode zu bewahren...Mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung wurde das ehemalige Mitglied der Sozialdemokra­tischen Partei Deutschlands (nun KPD Mitglied) Philipp Eschmann zum kommissarischen Bürgermeister bestellt.

Es gab kein Reich mehr, kein Land, auch keine Kreisverwaltung. Der kommissarische Bürgermeister war König von Bischofsheim und ganz auf sich allein gestellt, war niemand verantwortlich. Eschmann nahm seine Macht in Anspruch, besonders die im Ort führend gewesenen Nationalsozialisten waren Schikanen ausgesetzt, wofür vielfach in der Bevölkerung Verständnis aufgebracht wurde.

Doch sollte man bei objektiver Betrachtung nicht vergessen, daß der kommissarische Bürgermeister sich nach Kräften bemühte, den Hei­matvertriebenen, den Flüchtlingen aus der Sowjetischen Besatzungszone und bedürftigen Alteingesessenen nach Kräften zu helfen bei der Beschaffung von Wohnraum, der Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial zu helfen.

Die Verwaltung der Gemeinde lag nach dem Zusammenbruch fest in kommunistischer Hand. Auch der ständige Vertreter des kommissarische Bürgermeisters, Herr Friedrich Kröll, war Kommunist und hat meistens die Gemeinderatsitzungen geleitet, da Herr Eschmann nach Wiesbaden als Referent geholt wurde und sich auch gern als „Herr Ministerialrat“ anreden ließ. Auch die beiden Hilfspolizisten, die Herrn Hans Bachmann und Wilhelm Eschmann, gehörten der KPD an.

 

Am 21. Dezember.1945 trat als Ordnungsfaktor die neue deutsche Gemeindeordnung in Kraft. Nach einem Sitzungsprotokoll ohne Datum, wahr­scheinlich von einem der letzten Mai- oder ersten Junitage 1945, begann sich das demokratisch-kommunale Leben wieder zu regen.

Ein Gemeindebeirat, der die Aufgaben der früheren Gemeindever­tretung übernehmen solle, wurde gebildet. Ihm gehörten von der SPD an: Ludwig Sorg, Bernhard Heß, Jean Bepperling und Wilhelm Nohr. Von der KPD: Wilhelm Krebs, Wilhelm Eschmann, Hans Bachmann. Die Bürgerlichen waren durch Wilhelm Reuhl vertreten, die Landwirte von Wilhelm Ebert.

Am 28. Juli 1945 wurde dieser Beirat durch zwei weitere Personen ergänzt: Jakob Stork von der SPD und Friedrich Reitz von der KPD kamen hinzu. Der Gemeindediener Schmidt wurde entlassen, wahrscheinlich war er Parteigenosse gewesen, Jakob Urban (KPD) wurde sein Nachfolger.

Am 18. Juni 1945 wurde die aus 4 Personen bestehende Wohnungskommission gebildet und der SPD-Mann Wilhelm Nohr zum Schiedsmann berufen, als Vertreter Bernhard Heß (SPD) bestimmt.

Am 14. August 1945 wurde der antifaschistische Ausschuß gebildet, der aus je 6 Personen der SPD, der KPD und der Bürgerlichen bestand und die Aufgabe der früheren Gemeindevertretung übernehmen sollte. Die Namen dieser Mitglieder sollten in der Sitzung vom 20 August 1945 genannt werden, aber von dieser Sitzung liegt kein Protokoll vor. In der Sitzung vom 14.August wurde auch bekanntgegeben1 daß die Grundschule im Orte am 1. September 1945 wieder eröffnet werden sollte. Als mögliche Lehrer schlugen die Verantwortlichen der Gemeinde Frau Schomberg, Herrn Mohn und Herrn Kaiser vor.

Interessant sind auch die in dieser Sitzung bekanntgegebenen Vermögensverhältnisse der Gemeinde. Während man 1939 vor Aus­bruch des Krieges 200.000 Reichsmark Schulden hatte, bestand das jetzige Vermögen aus 55.688,99 RM und einer Rücklage von 300.000 Reichsmark. Diese Beträge wurden bei der Währungsreform 1948 restlos annulliert und auch nicht aufgewertet.

Nachdem sich eine kommissarische Kreisverwaltung gebildet hatte, fanden die ersten legalen demokratischen Kommunalwahlen am 27. Januar 1946 statt. Die Wahl erbrachte 5 Sitze für die SPD, ebenfalls 5 Sitze für die CDU und 2 für die KPD. Diese Wahl hatte für die Stellenbesetzung im Rathaus entscheidende Folgen.

Am 24. März 1946 wählte die Gemeindevertretung den SPD-Mann Herrn Heinrich Kappes zum Bürgermeister. In den Gemeindevorstand kamen Herr Karl Suffner und Wilhelm Reuhl (CDU), Daniel Adami von der SPD und Wilhelm Engelhardt von der KPD. Etwas später erscheint bei den Unterschriften auch der Name von Herrn Wilhelm Lamprecht von der SPD.

In die SPD-Fraktion der Gemeindevertretung zog auch Georg Krieger ein, der später für die Gemeinde eine große Bedeutung erlangen sollte.

Im Jahr 1948 war wieder eine neue Kommunalwahl. Die SPD war mit den Leistungen ihres Genossen, dem Bürgermeister Heinrich Kappes, nicht so recht zufrieden und schlug als ihren neuen Kandidaten Herrn Ludwig Sorg vor, doch wurde der bisherige SPD-Bürgermeister Kappes mit den 5 Stimmen der CDU und den 2 Stimmen der KPD wieder gewählt. Die SPD verließ unter Protest das Wahllokal, nachdem die erklärt hatte, daß sie nach diesem Vorfall nicht gewillt sei, im Gemeindevorstand mitzuarbeiten. Der neue Gemeindevorstand bestand nun aus dem Bürgermeister Herrn Heinrich Kappes, Herrn Johann Wilhelm Reuhl (CDU) und aus den beiden KPD-Mitgliedern Herrn Friedrich Kröll und Herrn Wilhelm Engelhardt.

Man regierte nun eine geraume Zeit so vor sich hin, bis man nicht mehr so recht weiter konnte und die SPD bat, doch wieder mitzuarbeiten. Das tat die SPD aus Verantwortungsgefühl für die Gemeinde dann schließlich auch.

Parteipolitische Kontroversen traten weder in den Niederschriften des Gemeindevorstandes noch in denen der Gemeindevertretung auf. Fast immer heißt es, daß die Beschlüsse einstimmig gefaßt wurden. Es war die Zeit der furchtbaren Not, in der alle von der Hand in den Mund lebten, die Zeit, die jeden Tag neue Probleme brachte.

Erst kam einmal die Entlassung aller Personen, die etwas mit der NSDAP zu tun gehabt hatten. Die Lehrer, die Polizeibeamten, die Gemeindeangestellten, der Ortsdiener, der Nachtwächter, der Totengräber, der Fleischbeschauer und viele andere wurden aus ihren Ämtern entfernt und durch Leute ersetzt, die das ei­gentlich nicht gelernt hatten. Richter, Staatsanwälte und Lehrer wurden als Waldarbeiter beschäftigt, obwohl sie mit Säge und Axt nicht gut umgehen konnten.

Schwierig war die Holzversorgung. Erst wurde der Bischofsheimer Wald bis an die Grenze des Erträglichen ausgeschlachtet, dann das Holz in der Bulau bei Wolfgang geschlagen und schließlich lieferte der Wald auf der Wegscheide bei Bad Orb den Bischofs­heimern Heiz- und Brennmaterial. Da fast die gesamte deutsche Kohleförderung in früher von der deutschen Wehrmacht besetzte Gebiete ging, mußten Großstädte wie Dörfer mit Holz zum Kochen und Heizen versorgt werden. Die Gemeinde hatte eine starke Mannschaft von Stammarbeitern aufgestellt, um Holz einzuschlagen. Aus jeder Familie mußten arbeitsfähige Männer an bestimmten Tagen mit in den Wald, um beim Holzeinschlag zu helfen. Manchmal machten auch Frauen mit. Kranke, Alte und Antifaschisten waren von dieser Pflicht entbunden, und es gab plötzlich eine große Anzahl von Antifaschisten. Wer nicht kam, sollte auch kein Anrecht auf Holzzuteilung erhalten.

Der Gemeinde wurden jährlich 7.200 Zentner Holz zugeteilt, die auf dem Schulhof beim Rat­haus zersägt, abgewogen und an die Zuteilungsberechtigten verkauft wurden. Bei diesen Maßnahmen ging es wohl nicht immer ganz korrekt zu, denn in der Gemeindevertretung wurden Klagen über die Holzversorgung und -einteilung laut. Besonders wurde gerügt, daß die Bauern in ihren Höfen große Holzstapel hätten und trotzdem ihren Anteil von der kargen Versorgung erhielten.

Im Walde führte Philipp Pohl ein umsichtiges und gerechtes Regiment über die Waldarbeiter.

Einmal mußte wegen einer technischen Störung bei der Bulau auf freier Strecke ein Kohlenzug halten. Obwohl die nächsten Wohnhäuser viele hundert Meter von der Strecke entfernt waren, erschien wie aus dem Boden gestampft bald mehrere Dutzend Kinder, erklommen die Waggons und warfen in fliegender Eile die Kohlen­stücke in den tiefen Schnee. Bald erschien auch ein halbver­hungerter Polizist, sprang mit seiner gezückten Pistole herum und befahl den Kindern den Zug zu verlassen, aber niemand nahm Notiz von ihm. Er schoß auch nicht, denn wahr­scheinlich hatte er überhaupt keine Patronen. Ein Bischofsheimer Bäcker stopfte seinen Holzsack mit Steinkohle voll und schleppte die mehr als 2 Zentner durch tiefen Schnee mehrere hundert Meter bis zum Lastkraftwagen

Die Gemeindegremien hatten nicht nur Sorgen mit dem Holz. Als der Etat für 1946 aufgestellt werden mußte, saß man rat­los vor den Formularen, bis man sich entschloß, den wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP entlassenen früheren Gemeinderechner Gallus Bergmann herbeizuzitieren, der dann die Ange­legenheit zu aller Zufriedenheit erledigte. Ebenso handhabte man die Aufstellung des Etats für 1947.

Nach dem Kriege waren fast alle Geschäfte geschlossen, da ihre Inhaber in der Partei gewesen waren. Die Anträge auf Wiedereröffnung häuften sich, besonders Anträge auf Genehmigung von Obst- und Gemüsegeschäften wurden häufig gestellt. Oft wurden die Anträge abgewiesen, aber als der Landrat auch die Schließung der Schlosserei Kinkel in der Niedergasse verfügte, protestierten alle Gremien der Gemeinde dagegen und setzten durch, daß der Betrieb erhalten blieb.

Komplizierter zu behandeln waren die Anträge auf Zuteilung von Gartenland. Jedermann versuchte die schmale Ernährungs­basis auf irgendeine Weise zu verbessern. Die Gemeinde schuf kleine Gartenparzellen in der Roten Erde, dem Gebiet der heutigen Schlesischen- und Löwenseestraße. Ausgewiesen wurden auch Gartenstücke südlich der Bahnstrecke nach Frankfurt in dem heutigen Industriegebiet, ebenfalls in einem abgeholzten Waldstück auf dem heutigen Eugen-Kaiser-Ring.

Die alteingesessenen Einwohner mit Hof- und Stallgebäuden suchten die Ernährungsbasis auf alle denkbare Weise zu ver­bessern. Wo es nur irgend ging, hielt man sich Stallhasen, eine Ziege, ein paar Hühner, einige Gänse oder auch ein Schaf. Mühsam und nicht immer legal wurde das Futter für die Tiere beschafft. Jedes kleinste Stückchen Gartenland wurde genutzt, jeder Quadratmeter Wegegras hatte seinen Pächter.

Schwierig und langwierig war auch die Rückgabe des nun gemeinde-eigenen Landes in der Roten Erde an die früheren Besitzer Der NS-8ürgermeister Lenz hatte geplant, in diese, Gebiet eine neue Siedlung zu errichten und die Besitzer dieses Geländes unter Zwang genötigt, das Areal an die Gemeinde zu verkaufen. Nun erhielten die früheren Eigner ihren Besitz durch einen Beschluß der Gemeindevertretung wieder zurück.

Als die Apathie nach dem Zusammenbruch sich langsam legte und erster Lebenswille die Oberhand gewann, wurden zahlreiche Anträge auf Überlassung von Baugelände gestellt. Der Wert des Geldes wurde zwar künstlich stabil gehalten, inflationäre Preise wie nach dem 1. Weltkriege gab es nicht, aber in Wirklichkeit war das Geld nichts wert, wer wollte damals schon gegen Reichsmark die sichere Kapitalanlage an Grund und Boden verkaufen ?

Große Sorge bereitete der Gemeinde die Wasserversorgung. In dem furchtbaren Dürrejahr 1947 war die Wasserversorgung katastrophal, die Misere wurde noch durch die stark gestiegene Bevölkerung er­heblich verstärkt. In diesem Jahr hatte auch das Vieh durch den Futtermangel stark zu leiden Die Stallfütterung wurde weitgehend eingestellt und durch den Weidegang ersetzt. Unkraut, Kartoffelkraut und Schilf­rohr wurden als Futter eingebracht. Aus Futtermangel mußte viel Vieh verkauft werden, aber die Bevölkerung bekam kein bißchen Fleisch mehr.

Die Gemeinde brauchte zusätzlich zu ihrer eigenen Erzeugung. mehrere tausend Zentner Kartoffeln. Hier wurden die Gemeinden Niederdorfelden und Wachenbuchen als Lieferanten zugewiesen, wo die dortigen Ortslandwirte die Angelegenheit örtlich regelten.

Bei den Bauern wurde ein genaues Ablieferungssoll für all ihre Erzeugnisse festgelegt. Wer dieses Soll nicht erfüllte oder gar nichts ablieferte - auch das gab es - wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Es wurden auch Kontrollen durchge­führt durch auswärtige Polizeibeamte, die nach versteckten Vorräten oder nicht angegebenem Vieh oder Geflügel suchten. Auch Verhaftungen sind vorgekommen.

Natürlich hatten die Bauern genug zu essen und litten keine Nöte. Natürlich schlachteten sie schwarz. Für ihre abgelieferten Erzeugnisse bekamen sie nur reguläre Preise für ein Ei 8 Pfennige, für 1 Liter Milch 18 Pfennige, für 1 Zentner Kartoffeln 4,30 RM, für einen Zentner Korn 8 - 9 RM, für eine Kuh 400 RM. Aber. für landwirtschaftliche Geräte hatten sie Phantasiepreise zu zahlen, für ein Ackerpferd 20.000 RM. Sie waren also ge­zwungen, mit Naturalien Tauschhandel zu treiben oder Schwarz­marktpreise zu zahlen.

Im Frühsommer 1945 kamen die ersten Transporte der Heimatver­triebenen. Die Aufnahme dieser bettelarmen und völlig ver­zweifelten Menschen erforderte umfangreiche Maßnahmen. Vorerst brachte man die Vertriebenen in drei Sammellagern in den Sälen der Gastwirtschaften Fritz Ebert, im „Grünen Baum“ und im „Hessischen Hof“ unter. Es mußten Stroh, Laken und Decken beschafft werden, Waschgelegenheiten eingerichtet werden. Eine Gemeinschaftsküche wurde eingerichtet, in der das Mittagessen zubereitet wurde. Alte und Kranke waren zu versorgen, Lebensmittel zu organisieren und vieles andere. Brot und Nährmittel erhielten die Vertriebenen wie jeder andere auch auf Lebensmittelkarten. Der Kreis Hanau mußte vorerst 36.000 Heimatvertriebene aufnehmen, nach Bischofsheim kamen mit dem ersten Transport etwa 600 Leute.

Diese gewaltige Aufgabe findet in den Sitzungsniederschriften der Gemeindegremien eigenartigerweise überhaupt keinen Niederschlag, außer der lapidaren Bemerkung, daß ein Flüchtlingsausschuß gebildet wurde. Dieser Ausschuß bestand aus je einem Herren der SPD, der CDU und der KPD, denen zur Beratung. Personen aus der Arbeiter­wohlfahrt und dem Deutschen Roten Kreuz zur Verfügung standen.

Der ebenfalls gebildeten Wohnungskommission standen ebenfalls Personen aus der vorher- genannten Organisation zur Verfügung. außerdem wurde dem Ausschuß ein Baufachmannbeigegeben (diese Auskünfte stammen nicht aus den amtlichen Unterlagen, sondern­ von Personen der damaligen Zeit). Einmal. wird auch erwähnt, daß die Gemeinde regelnd eingreifen mußte, als sich örtliche Schreiner weigerten, den Heimatvertriebenen im Bedarfsfalle einen Sarg zu verkaufen. Im Laufe des Herbstes 1945 wurden die Sammellager allmählich aufgelöst und die Vertriebenen in Wohnungen eingewiesen.

Einige Mutige der Vertriebenen begannen schon recht früh, mit der Planung und Errichtung eines eigenen Hauses. Die Gemeinde stellte Baugelände zur Verfügung, anfangs nahm man

50 Pfennige für einen Quadratmeter. Alle Anträge der Vertriebenen um ein Darlehen von der Gemeinde in Höhe von etwa 1000 oder 1500 RM wurden abgelehnt, dabei schwamm die Gemeinde doch im Geld.

 

Zurück zur SPD! Die erste Zeit nach 1945 ist schwer zu ergründen, da alle damals führenden Genossen mittlerweile verstorben sind. Der Ortsvereinsvorsitzende war Ludwig Sorg, auch der Genosse Emil Kraus aus der Friedhofsstraße hatte ebenfalls eine leitende Funktion -wahrscheinlich war er Kassenleiter. Die Sitzungen der Partei fanden im „Kaiser-Friedrich“ statt, der späteren „Dorfschänke“ im Fechenheimer-Weg. Wann und warum Ludwig Sorg den Vorsitz des Ortsvereins abgegeben hat, konnte nicht mehr festgestellt werden. Sein Nachfolge war Wilhelm Lambrecht, der diesen Vorsitz bis 1962 inne hatte. Die von ihm geleiteten Sitzungen waren. farblos und ohne tragende Ideen. Die Zahl der Genossen betrug damals etwa 80, die allerdings bei wichtigen Tagesordnungspunkten, etwa zur Jahreshauptversammlung, zur Wahl von Delegierten und Kandidaten für das Bürgermeisteramt in großer Zahl erschienen.

Im Allgemeinen befaßten sich die Tagesordnungspunkte mit akuten Problemen der damaligen Notzeit. Diese großen Sitzungen fanden entweder im Saal der Gastwirtschaft Fritz Ebert oder bei Wilhelm Keller statt, beide in der Obergasse. In einer Kampfabstimmung wurde der Genosse Lambrecht 1962 durch den jungen, kämpferischen Genossen Sepp Sigulla abgelöst.

Mit der Kommunalwahl 1952 ging die etwas schläfrige Ägide von Bürgermeister Kappes zu Ende. Dem bisherigen Kandidaten der SPD Ludwig Sorg stand ein Mitbewerber um das Amt des Bürgermeisters in der Person des Genossen Georg Krieger gegen­über. Der Genosse Krieger wurde in einer Kampfabstimmung zum SPD-Kandidaten gewählt und errang bei der Wahl zum Bürger­meister gegen den weiter von CDU und KPD favorisierten bis­herigen Bürgermeister Kappes mit der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme den Sieg.

Mit dem neuen Bürgermeister zog ein völlig neuer Geist in die Verwaltung der Gemeinde ein. Es begann eine Zeit unerhörter Aktivität, die den Charakter der Gemeinde völlig veränderte. Auf dem Bausektor wurde der Anfang gesetzt mit der Wieder­errichtung des völlig zerstörten Kirchturmes. Ihr folgte die Zeit zahlloser Neubauten in neuen Siedlungsgebieten, die überaus wichtige Gründung der Wohnungsbaugesellschaft, die auf die persönliche Initiative des Bürgermeisters zurückzu­führen ist, eine völlig neue Infrastruktur mit Kanalisation, Straßenbau, Trinkwasserversorgung, Straßenbeleuchtung und unzähligen anderen Maßnahmen, zum Beispiel Schulbauten. Dieses unerhörte Aufblühen der Gemeinde, die die Bevölkerungszahl auf etwa 14.000 Einwohner anwachsen ließ, hätte sich auch mit einem tatkräftigen Bürgermeister und einer entscheidungs­freudigen SPD-Fraktion nicht in diesem Umfange durchsetzen lassen, wenn nicht in der Zeit des Wirtschaftswunders der Ballungsraum Frankfurt zu einem Zentrum der Westdeutschen Wirtschaft entwickelt hätte.

Die Maßnahmen der neuen Ortsregierung fanden in der Bevölkerung solchen Widerhall, daß die SPD bei der Kommunalwahl 1964 elf Sitze in der Gemeindevertretung errang (C6U 8) und 1968 die SPD abermals elf Sitze bekam (CDU 5, FDP 2 und NPD 1).

Bischofsheim war durch die sozialdemokratische Kommunalpolitik zu einem beachtlichen Ort mit starker Wirtschaftskraft und gesunder finanzieller Basis geworden. Der anfangs recht unbekannte und teilweise abgelehnte Georg Krieger war zum allgemein anerkannten und äußerst populären Politiker geworden, er war „Unser Schorsch“ geworden (Aufzeichnungen von Sepp Sigulla zur Geschichte der SPD nach 1945)

 

 

Die Lage der Bevölkerung nach dem Krieg

Die Menschen in dem besiegten Deutschland lebten in bitterster Not. Nur den Landwirten und den Bäckern, Metzgern und Wirten ging es etwas besser. Die Städter lebten in Kellern, in einsturzgefährdeten Häu­sern, deren Fenster oft mit Brettern vernagelt waren, in Gartenhütten. Viele saßen als Evakuierte in einsamen Dörfern zusammengepfercht in Bauernhäusern, die für nur eine Familie erbaut waren. Es gab keine Kohle, kein Holz, kein Gas, es gab vor allen Dingen fast nichts zu essen.

Im Januar 1946 gab es pro Kopf und Woche zwei Pfund Brot und 75 Gramm Butter, manchmal noch 62,5 Gramm Käse und einige Nährmittel, manchmal auch nichts weiter. Auch die wenigen Gramm Fleisch waren nicht immer vorhanden, dann konnten 40 Gramm Zucker als Fleischersatz erworben werden. Die Menschen sahen verhungert aus, in den Fabriken mußten Arbeitspausen eingelegt werden, denn die Beschäftigten brachen vor Erschöpfung zusammen. Infolge des fehlenden Eiweißes traten Ge­dächtnisstörungen auf.

Wer noch irgend etwas aus dem Krieg gerettet hatte, kam zu Fuß oder auf dem Fahrrad auf das Land, um bei den Bauern für Ohrringe, ein Armband, ein paar Schuhe oder ein Oberhemd einige Lebensmittel einzutauschen, einige Kartoffeln oder Nudeln oder gar ein Stückchen Speck, auch Obst war sehr begehrt. In den Gärten und in den Feldern wurde viel gestohlen. Zur Erntezeit zog man nachts auf die Getreidefelder, legte eine Zeltplane auf den Boden und drosch mit den Speichen des in Bewegung gesetzten Hinterrades Körner aus. Besonders schlimm war das Hungerjahr 1947, als es eine Mißernte gab.

Auch hier am Ort suchte man sich mit allen Mitteln zu helfen. Fast jede Fa­milie hielt sich Stallhasen oder eine Ziege oder ein paar Hühner. Mühsam und nicht immer legal wurde das Futter beschafft. Jedes kleinste Stückchen Gartenland wurde genutzt, jeder Quadratmeter Wegegras hatte seinen Pächter.

Viele Deutsche arbeiteten bei amerikanischen Dienststellen und kamen mit den Besatzungssoldaten auch in persönlichen Kontakt. Sie brachten die so begehrten amerikanischen Zigaretten in den Verkehr, die Schachtel zu 100,- RM. Für diese „Amis“ konnte man fast alles kaufen, sie waren die „Zigarettenwährung“. In Gar­ten und Feld sah man Tabakpflanzen, deren Blätter dann auf langen Bindfäden aufgereiht als „Scheuerbambel“ in Wind und Sonne trockneten. Fast jedermann hatte sein Geheimrezept, um das Eigenerzeugnis rauchbar zu machen, aber was man auch tat, es schmeckte furchtbar.

Für die Soldaten der Sieger bestand anfangs strenges Verbrüderungsverbot. Aber die Not der Bevölkerung war so groß, daß bald etwas Hilfe kam. Man konnte aus amerikanischen Lebens­mittelsendungen hier und da gekochte Kartoffeln in Büchsen erwerben. Nicht vergessen werden sollte die amerikanische Care-Organi­sation. Wer Bekannte oder Verwandte in Amerika hatte, konnte durch diese Care-Pakete mit Lebensmitteln oder Bekleidung erhalten, doch war das nur eine Hilfe für einzelne. Auch Milchpulver für Familien mit Kleinkindern kam über den Ozean, schließlich kam der Maisgrieß in solchen Mengen, daß er wohl in jedes Haus gelangte. Aus ihm wurden Brot und Kuchen gebacken und auch Pudding und Suppe hergestellt.

 

m Wald errichtet. Die dort vorhandenen reichen Kies- und Sandbestände wurden an Ort und Stelle zu Mörtel verarbeitet und mit Lastwagen an die Baustellen nach Frankfurt befördert. Nachdem die Kiesvorräte ausgebeutet waren, wurde

Die große amerikanische Hilfe setzte erst nach der Währungs­reform ein, als auf Anregung des ehemaligen amerikanischen Außenministers Marshall durch den nach ihm benannten Plan riesige Finanzmittel, die zum Teil ver­loren waren, nach Europa überragen wurden, um die Wirtschaft des zerstörten Erdteils wieder aufzubauen. Die Bundesrepublik Deutschland verdankt ihren schnellen Wiederaufstieg zum großen Teil dieser Hilfe. Die Aktion wurde später ERP (Europa-Rettungs-Plan) genannt.

Bei den Bauern wurde ein genaues Ablieferungssoll für alle ihre Erzeugnisse fest­gelegt. Wer dieses Soll nicht erfüllte oder gar nichts ablieferte - auch solche gab es - wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Es kam hin und wieder vor, daß bei den Kontrollen versteckte Vorräte gefunden wurden oder nicht angegebenes Vieh oder Geflügel. Dann wurden Verhaftungen vorgenommen und einige Land­wirte waren für eine gewisse Zeit verschwunden. Natürlich hatten die Bauern genug zu essen und litten keine Not, natürlich schlachteten sie schwarz. Sie    be­kamen für ihre abgelieferten Erzeugnisse reguläre Preise, für ein Ei 8 Pfennige, für einen Liter Milch 18 Pfennige, für einen Zentner Kartoffeln 4,30 Reichsmark, für einen Zentner Korn 8,- bis 9,- Reichsmark , für eine abgelieferte Kuh 400,- Reichsmark . Aber für landwirtschaftliche Geräte hatten sie Fantasiepreise zu zahlen, für ein Pferd 20.000,- Reichsmark . Sie mußten also mit Naturalien Tauschhandel treiben oder Schwarzhandelspreise bezahlen.

Da die Zahl der Einbrüche ständig stieg, wurden am 20. Februar 1946 zwei Nachtwächter eingestellt, denen noch zwei in jeder Nacht wechselnde Ehrennachtwäch­ter zugeordnet wurden.

Nach dem Kriege waren fast alle Geschäfte geschlossen, da ihre Inhaber meist in der Partei gewesen waren. Nach und nach bekamen die Geschäftsleute die Erlaubnis zur Wiedereröffnung ihres Geschäftes, aber sie hatten leider kaum etwas anzubieten.

Für die Bäcker konnten indes immer Briketts beschafft werden, so daß die Leute wenigstens die ihnen zustehende geringe Brotration bekamen.

a fast die gesamte deutsche Kohlenförderung in früher von den Deutschen be­setzte Gebiete ging, mußten Großstädte wie Dörfer mit Holz zum Heizen und Kochen beliefert werden. Die Gemeinde hatte eine starke Mannschaft von Stammarbeitern aufgestellt, um Holz einzuschlagen. Auch die übrigen Männer hatten einige Tage beim Holzeinschlag zu helfen. Kranke, Alte und Antifaschisten waren von dieser Pflicht entbunden. Wer nicht kam, hatte auch kein Anrecht auf Holzzuteilung. Als der Bischofsheimer Wald bis an die Grenze des Vertretbaren ausgeholzt war, bekam die Gemeinde andere Waldgebiete zugewiesen, in der Bulau hinter Wolfgang, später bei der Wegscheide im Spessart. Die Gemeinde erhielt jährlich 7.200 Zentner Holz, das auf dem Rathaushof zersägt, abgewogen und verkauft wurde.

Bei der Holzverteilung ging es wohl nicht immer ganz korrekt zu, denn in der Gemeindevertretung wurden Klagen über die Holzver­sorgung und -verteilung laut. Besonders wurde gerügt, daß die Bauern in ihren Höfen große Holzstapel hätten und trotzdem ihren Anteil von der kargen Zuteilung erhielten. Die Holzarbeiter brachten sich jeden Abend einen Sack Abfallholz mit nach Hause, Kinder und Enkel standen mit Schlitten oder Wagen bei Ankunft des LKW schon bereit, um die wertvolle Fracht heimzubringen.

Im Jahr 1946 wurden die Bewohner des Rumpenheimer Weges durch eine eigen­artige Erscheinung erschreckt. In dem Haus der Witwe Ebert begann es gegen Mitternacht zu klopfen. Dieser Vorgang wiederholte sich regelmäßig und trat später auch am Tag auf. Das Klopfen war so stark, daß es auch in den Nach­barhäusern zu vernehmen war. Die Bewohner des Hauses waren völlig veräng­stigt und brachten die Kinder bei Nachbarn unter. Man stieß Röhren in den Erd­boden, weil man unterirdische Luftblasen oder Quellen vermutete. Nach einiger Zeit verschwand die Erscheinung wieder, die Herkunft wurde nie geklärt.

 

Die Grundschule wurde mit Erlaubnis der Besatzungsbehörde am 1. Sept. 1945 wie­der eröffnet, die Oberstufe erst viel später. Kinder und Lehrer litten stark unter der Winterkälte. Dick eingemummt saß man im Klassenzimmer, mit Händen in Fausthandschuhen wurde geschrieben, als Papier dienten alte Notizbücher oder ab­getrennte Zeitungsränder.

Der Winter 1946/47 war sehr kalt, sehr lang und sehr schneereich. Die Erde war 60 Zentimeter tief gefroren. Anfang März kam plötzlich Tauwetter, Ströme von Wasser­massen kamen die Berger und Niederdorfelder Straße herunter. Die Hochstädter-, die Bergerstraße, die Breulgasse, die Borngasse und die Niedergasse standen un­ter Wasser, das auch in die Häuser eindrang, die Keller füllte und in den Zim­mern des Erdgeschosses stand. Das Vieh mußte in höher gelegene Ortsteile ge­bracht werden, die Feuerwehr hatte alle Hände voll zu tun, es dauerte vier Wochen, bis man den Schlamm wieder fortgeschafft hatte.

In dem kargen Erntejahr 1947 hatte auch das Vieh unter Futternot zu leiden. Die Stallfütterung wurde weitgehend eingestellt und durch Weidegang ersetzt. Unkraut, Kartoffelkraut und Schilfrohr wurden als Futter eingebracht. Wegen Futtermangel mußte viel Vieh verkauft werden, aber die Bevölkerung bekam doch kein bißchen Fleisch mehr.

Um Strom zu sparen, wurde die doppelte Sommerzeit eingeführt. Morgens um 5 Uhr begann die Arbeit, aber die Uhr zeigte 7 Uhr an, abends um 20 Uhr standen die Zeiger schon auf 22 Uhr. Die Straßen waren dann wie leergefegt. Die erschöpf­ten Menschen schliefen, um morgens wieder einigermaßen bei Kräften zu sein.

Der 9. Mai 1948 war der Himmelfahrtstag. Um 16 Uhr zog aus dem Osten ein Gewitter herauf. Es kam mit gewaltigen, nicht enden wollenden Wolkenbrüchen und dauerte bis in die Nacht hinein. Wieder standen die gefährdeten Straßen unter Wasser, es war schlimmer als 1947. In einigen Zimmern stand das Wasser einen halben Meter hoch. Die Landstraße nach Hochstadt war an drei Stellen aufgerissen und für Fahrzeuge unpassierbar. Ein Bischofsheimer Bauer war mit seinem Kuhgespann in Hochstadt von dem Unwetter überrascht worden und wäre auf dem Heimweg fast ertrunken, aber die brave Kuh zog durch.

Und dann kam der 20. Juni 1948! Auch er war ein Sonntag, der nicht vergessen sein sollte. Die DM war da! Jeder Haushaltungsvorstand konnte 40,- Reichsmark und für jeden Familienangehöri­gen 20,- RM in das neue Geld umwechseln, das in Amerika gedruckt und für deutsche Begriffe etwas bunt ausgefallen war. Am folgenden Morgen waren die Schaufenster, soweit es noch welche gab, mit Waren gefüllt. Man konnte bald wie­der kaufen, was man brauchte und wofür man Geld hatte. Es war wie im Märchen.

Im Jahre 1948 wurde das Gelände des Mörtelwerks wieder aufgefüllt und mit Bäumen bepflanzt. Die Fundamente des Mörtelwerkes wurden an einem sonnigen Vormittag in die Luft gesprengt, was einen gewaltigen Krach machte.

 

Eine ganz in der Nähe ansässige Kolonie von niedlichen Waldohreulen, die von den Bischofsheimer Vogelfreunden stets liebevoll beobachtet wurde, nahm diesen Krach so übel, daß sie verschwand und nicht wiedergekommen ist. Die beträchtlichen Einnahmen aus dem Mörtelwerk verwandte die Gemeinde zur Unterstützung sozial schwacher Bauherren. Die ausgegebenen Darlehen wur­den nach der Rückzahlung erneut für Sozialbauten ausgeliehen.

 

Die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge

Eine der vielen furchtbaren Folgen des verlorenen Krieges war die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus ihrer angestammten Heimat. Nach Bischofsheim wurden in der Hauptsache Sudetendeutsche und Oberschlesier eingewiesen, doch auch aus Ost- und Westpreußen, Pommern und Brandenburg sowie aus Ungarn, Jugoslawien und dem Banat haben vertriebene Deutsche in Bischofsheim eine neue Heimat gefunden.

Im Sommer 1945 trafen die ersten Transporte der Vertriebenen nach tage­langer Fahrt in Güterwagen ein. Der Kreis Hanau hatte vorerst 36.000 der neuen Bürger aufzunehmen und unterzubringen. Mit wenigem Handgepäck, einem Sack voller Habseligkeiten, die man ihnen gelassen hatte, einem Koffer oder einem Persilkarton. Hungrig, verschmutzt und völlig apathisch blickten die verzweifelten Menschen in eine hoffnungslose Zukunft, sie konnten es immer noch nicht fassen, was mit ihnen geschehen war. Die Gemeinde hatte in den Sälen der Gastwirtschaften Hessischer Hof, Ebert und Grüner Baum drei Massenquartiere vorbereitet. Ein Strohlager war alles, was man den dicht zusammengedrängten Leuten vorerst zu bieten hatte. In einer Gemeinschaftsküche wurde täglich ein warmes Essen bereitet, Brot und Nähr­mittel erhielten die Vertriebenen wie jeder andere Einwohner auf Lebensmittelkarten. Die Gemeinde setzte eine aus drei Herren bestehende Flüchtlingskommission ein, die diesen unglücklichen Menschen beratend und helfend zur Seite stehen sollte.

Im Herbst 1945 konnten die Massenquartiere nach und nach aufgelöst werden. Die Vertriebenen wurden in Wohnungen eingewiesen, und es wurde eng in den alten Häusern. Die Benutzung von Küche und Bad mußte geregelt werden. Es kam oft zu Zank und Streit, aber es ging oft auch erstaunlich gut. Vielen der unfreiwilligen Bischofsheimer Quartiergeber muß ein hohes Lob ausgesprochen werden für ihr Verständnis der Lage ihrer neuen Hausgenossen und für die Hilfe, die sie ihnen angedeihen ließen.

Bald regte sich auch bei den Vertriebenen neuer Lebensmut. Man suchte sich Arbeit, vor allem bei den Bauern, um die dürftige Ernährungsbasis etwas aufzu­bessern. Auch bei der Gemeinde waren Arbeitsplätze zu besetzen. Die meisten der Vertriebenen aber fanden in der benachbarten Großstadt Arbeit und vorerst noch wenig Brot. Nicht immer konnte man in seinem erlernten Beruf tätig sein, schwierig war es häufig für die in den weiten meist ländlich strukturierten Ostgebieten in der Landwirtschaft tätig gewesenen Bauern und Bauernsöhne, sie mußten einen neuen Beruf erlernen.

Früh begannen einige Mutige mit der Errichtung eines Wohnhauses. Die Gemeinde gab das Baugelände, anfangs für 50 Pfennige pro Quadratmeter. Heute sind sehr viele der Vertriebenen Hausbesitzer. Heiraten zwischen Einheimischen und Vertriebenen gehörten bald zur Tages­ordnung, die Eingliederung der Vertriebenen erfolgte fast lautlos und vollständig. Die neuen Bürger haben sich als tüchtiger und fleißiger Menschenschlag erwiesen und haben durch ihre Arbeitskraft sehr zum Wiederaufbau des zerstörten Lan­des und seiner Wirtschaft beigetragen.

Die anfangs überall vorhandenen Ver­bände und Landsmannschaften der Heimatvertriebenen spielen heute kaum noch eine Rolle und sind politisch bedeutungslos geworden. Die anfangs befürchtete Radikalisierung großer Bevölkerungsteile ist ausgeblieben. Die Kinder der Ver­triebenen wissen leider kaum noch etwas von ihrer alten Heimat, sie sprechen Bischofsheimer Dialekt, die Sprache der Ostpreußen, der Schlesier und Sudetendeutschen stirbt mit den Alten aus.

Außer der Gemeinde haben auch das Land Hessen und später die Bundesrepu­blik viel für die Vertriebenen getan. Alle erhielten eine nach ihrem früheren Einkommen berechnete pauschale Hausratentschädigung, die früheren Besitzer von Immobilien bekamen aus dem Lastenausgleich je nach dem Wert ihres früheren Besitzes erhebliche Mittel zur Gründung einer neuen Existenz, nach­weisbares Barvermögen wurde nach der Währungsreform aufgewertet, für die Errichtung von Wohnhäusern und gewerblichen Einrichtungen wurde billiges Geld zur Verfügung gestellt.

Bis zum Sommer 1961 war es den Bewohnern Ostdeutschlands möglich, aus der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, der heutigen Deutschen Demokratischen Republik, beson­ders über Berlin in den Westen zu fliehen. Der Strom dieser Flüchtlinge schwoll zuletzt auf täglich mehr als 3.000 an, ehe Mauer und Todesstrafen, Schießbefehl und automatische Tötungsanlagen die Massenflucht verebben ließen. Die Flücht­linge wurden aus Berlin ausgeflogen, durch Sammellager geschleust und auf die verschiedenen Bundesländer verteilt. Auch sie erhielten Unterstützung wie die Heimatvertriebenen, für sie wurden ebenfalls Mittel zum Bau von Wohnungen bereitgestellt.

 

Die Bautätigkeit

Vor dem Breultor haben um 1870 zumindest einige kleine Häuser an jeder Seite des Weges gestanden. In Blickrichtung zur Bergerstraße links besaß die Gemeinde das Hirtenhaus. Nach dem deutsch-französischen Krieg belebte sich die Bautätig­keit an dieser Stelle. Von der Kirche erwarb der Maurer Johannes Will einige Quadratruten der Wiese „Am oberen Breul“ neben dem Hirtenhaus als Bauland. Das 1879/80 erbaute Haus steht heute noch und gehört der Familie Merlau.

Im Jahre 1891 kauften Johannes Kröll und Friedrich See ebenfalls kleinere Stücke der Breulwiese als Bauland. Das von Friedrich See erworbene Anwesen ist das heutige Suffnersche Grundstück. Im Jahre 1894 hat die Gemeinde ebenfalls ein Grundstück auf der Breulwiese zum Bau eines Arzthauses erworben.

Von dieser Breulwiese, die früher den Raum zwischen dem Stumpfgraben, der Hochstädter Straße, der Bergerstraße und dem Tränkgarten ausfüllte, verkaufte die Kirchengemeinde gegen den oft harten Widerstand des Konsistoriums laufend weitere Baugrundstücke, 1896 an den Spenglermeister Sippel, an den Ackermann Wilhelm Rohrbach IV., 1898 die große Hofreite an Bernhard Klees II., an Fried­rich Ebert, immer kostete der Quadratmeter 1,- Mark.

Im Jahre 1903 will die Gemeinde sogar 30 Ar der Breulwiese erwerben, um eine Schule zu bauen, zieht den Antrag dann aber wegen des schlechten Baugrundes zurück.

Die Kirche fordert nun plötzlich 4,- Mark für den Quadratmeter. ‚Diese immense Steigerung erregte den Unwillen aller Kauflustigen, und der Preis wurde auf 3,- Mark reduziert.

Theodor Suffner, Heinrich Ebert und Caspar Acker erwarben neues Land oder vergrößerten ihre Grundstücke, ebenfalls Bernhard Klees. Die Ge­meinde legte fest, daß der Abstand zwischen den Gehöften Suffner-Klees ein­schließlich des Grabens mindestens 8 Meter zu betragen habe.

Im Jahre 1906 verkaufte die Kirche an das Weißfrauenstift in Frankfurt fünf Acker von insgesamt 27,20 Ar zum Preis von 0,65 Mark pro Quadratmeter. Das war mehr als das Dop­pelte des ortsüblichen Preises! Bischofsheimer Bauern waren an dem Ankauf nicht interessiert, die Grundstücke hatten der Kirche auch nur 10,- Mark Jahrespacht eingebracht. Die Kirche ging nun zu öffentlich meistbietenden Versteige­rungen des Baulandes über. Bei einem Taxenpreis von 4,- Mark ersteigerte 1906 der Maurer Wilhelm Maisch 4,65 Ar zum Quadratmeterpreis von 4,20 Mark, der Zimmermann Jean See 5,17 Ar zu 4,25 Mark. In den Jahren 1906 bis 1908 verkaufte die Kirche weitere fünf Bauplätze an den Meistbieten­den, der Quadratmeterpreis stieg nun schon auf 5,60 Mark.

Aber nicht nur im Osten dehnte sich die Gemeinde über ihre jahrhundertealten Grenzen aus, auch an anderen Stellen regte es sich, besonders dort, wo die Ge­meinde Liegenschaften besaß. Nachdem die Gemeinde seit 1869 Bauland an der rechten Seite des „Vizinalweges“ (gemeindeeigener Verbindungsweg) nach Hochstadt Bauwilligen zur Verfügung ge­stellt hatte, begann 1880 die Bautätigkeit vor dem Schäfertor, auch am Gänssee wurden die ersten Bauplätze verkauft, der Quadratmeter für 3,- Mark.

Im Jahre 1885 gab die Gemeinde drei Bauplätze „Am Löwenseeweg“ ab, die Kasseler Quadratrute zu 10,- Mark. Es dürfte sich um Grundstücke am heutigen Rumpenheimer Weg gehandelt haben. Im Jahre 1886 wird der Haingraben an die Anlieger verkauft, ebenfalls die Gräben in den Schäfergärten und ein Bauplatz „Am Schlag“. Diese Baugrundstücke lagen zwi­schen der heutigen Jahnstraße, der Schäfergasse und der Plättenweide. Sonder­barerweise war hier der Baugrund recht billig, denn ein Käufer zahlte z. B. für 252 Quadratmeter nur 158,- Mark.

 

Im Jahre 1906 lief ein großes Vorhaben an, das die Gemeinde jahrelang be­schäftigte und dann doch nicht zur Durchführung kam: Der anscheinend sehr wohlhabende Metzgermeister Müllerleile aus Frankfurt beabsichtigte, auf dem Sandbodengelände rechts der Bahnhofstraße an der Strecke nach Mainkur eine Villensiedlung zu errichten. Die Gemeinde war begeistert, er­weiterte sofort den Ortsbebauungsplan, beschloß die Abwasserleitung zum neuen Wohngebiet zu legen und schloß mit dem Müllerleile einen Vertrag über die Entwässerung des neuen Wohngebietes zum Zimmersee hin ab, wonach die Hälfte der entstehenden Kosten von dem Käufer zu tragen sei. Dieses Vorhaben wurde immer wieder diskutiert und kam erst mit dem Ausbruch des 1. Welt­krieges zum Erliegen.

In den Jahren von 1899 bis 1907 wuchs die Gemeinde um 377 Seelen. Im Jahre 1907 wurde der Tränkgraben in der oberen Breulgasse verrohrt, der Graben in der Pforte zugeschüttet und an die Anlieger für 50 Pfennig pro Quadratmeter verkauft. Im Jahre 1908 wird erheblich gebaut in der Hochstädter Straße, der Breulgasse, der Gänsseestraße und im Rumpenheimer Weg. Die Zimmersee- und die Hochstraße erhalten ihre offiziellen Namen. Von dem Besitzer der Wirtschaft „Zum grünen Baum“ in der Schäfergasse, Herrn Reuhl, wurde Gartenland zur Anlage der Jahnstraße erworben. Der Erste Weltkrieg setzte der Bautätigkeit naturgemäß ein Ende.

Im Jahre 1920 traten mit Beginn des demokratischen Staates soziale Tendenzen mehr in den Vordergrund. Die kommunale Bautätigkeit griff von der Erstellung gemeindlicher Zweckbauten auf den Wohnungsbau über, um Wohnraum für Kriegsbeschädigte und Minderbemittelte zu schaffen. Im Fechenheimer Weg stellte die Gemeinde unentgeltlich Baugrund zur Verfügung, auf dem sieben Doppel- und auch mehrere Einfamilienhäuser errichtet wurden.

Die Gemeinde nahm zum Bau dieser Häuser ein Darlehen von 200.000,- Mark auf und beschaffte auch die für die späteren Erwerber notwendigen Hypotheken.

Die Gemeinde wollte nicht Besitzer der Häuser bleiben, sondern diese nach Möglichkeit bald an private Erwerber abgeben. Schon im ersten Jahr fanden vier Einfamilienhäuser ihre Käufer für je 25.000,- Mark.

Zur Abwendung der Wohnungsnot wurden auch im Dachgeschoß der Schule in der Waldstraße zwei Notwohnungen errichtet. Als 1923 die Liste der Baulustigen auf 38 angewachsen war, beschloß die Ge­meinde, daß nur noch Einheimische Bauerlaubnis bekommen sollten. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 ruhte die Bautätigkeit hier am Ort fast völlig, die durch die Arbeitslosigkeit bedingte Not war riesengroß.

Auch in der Zeit des Dritten Reiches sind hier nur vereinzelt Wohnhäuser ge­baut worden, obwohl viele Baulustige bei der Gemeinde wegen Überlassung von Bauland vorstellig wurden. Der damalige Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Lenz kaufte von den Landwirten ein großes Gelände in den Flurgebieten „Am Löwensee“ und „In der Roten Erde“ an, um dort eine Siedlung entstehen zu lassen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Verwirklichung des Planes. Die Besitzer der Grundstücke sollen mit dem Verkauf durchaus einverstanden gewesen sein, be­haupteten nach dem Kriege aber, unter Druck gesetzt worden zu sein und er­hielten ihr früheres Eigentum zum Einkaufspreis zurück.

Nach dem Krieg war die Wohnungsnot gigantisch. Die Städte waren zerbombte Schutthalden; Evakuierte, besonders aus Hanau, hatten aufgenommen werden müssen und pferchten die Familien der Einheimischen zusammen, ein Ausgleich der Hanauer Gastfreundschaft früherer Jahrhunderte!

Dann kam das Millionenheer der Heimatvertriebenen, von denen etwa 900 von Bischofsheim übernommen werden mußten. Diesem Ansturm war mit Eigenini­tiative und privater Hilfsbereitschaft nicht mehr beizukommen. Durch das Wohn­raumbewirtschaftungsgesetz wurde die Wohnungszwangswirtschaft eingeführt. In allen Orten wurden Wobnungskommissionen gebildet, die in die Nachbarge­meinden zogen und jede Wohnung auf Größe und Belegung untersuchten und an­ordneten, welche Räume für Heimatvertriebene und Evakuierte freigemacht werden mußten. Besonders die Familien früherer aktiver Nationalsozialisten wurden stark zusammengedrängt. Das Wohnungsamt der Gemeinde war die am meisten in An­spruch genommene Abteilung der Verwaltung.

Schon 1946, in der Zeit der tiefsten Not und des nagenden Hungers, als es we­der einen Stein noch einen Nagel zu kaufen gab, wurde der erste Anlauf zur Überwindung der drückenden Verhältnisse gemacht. In der Gänsseestraße, der Eichwald- und Lindenstraße sowie der Leuchte sollten auf Gärten, Schutthalden und Bombenkratern neue Gebäude entstehen. Die ersten Vorschläge für neue Haustypen trafen bei der Gemeinde ein, wurden aber abgelehnt, da sie gar zu primi­tiv ausgefallen waren.

Einige der Heimatvertriebenen gingen nach Überwindung der Mutlosigkeit bald daran, sich ein eigenes Heim zu schaffen. Sie holten sich Trümmersteine aus Frankfurt, klopften sie in mühseliger Arbeit ab, hoben in Handarbeit die Baugrube aus und begannen in Eigenarbeit, manchmal auch mit gelegentlicher nach­barlicher Hilfe, ihren Bau. Schon nach Fertigstellung der Kellerdecke zog man ein und baute nach und nach das Häuschen fertig.

Nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 begann das Leben sich wieder zu normalisieren. „Sparen? Niemals wieder! Zweimal habe ich mein Geld verloren“. Jeder wollte sich erst einmal satt essen, die „Freßwelle“ ging durch das Land, danach die „Kleiderwelle“, seit etwa 15 Jahren waren Textilien nur schwer, später überhaupt nicht mehr erhältlich gewesen. Als man satt und wieder eingekleidet war, begann die „Reisewelle“; Ziele am Bodensee und im Allgäu waren das Höchste der Gefühle. Das nun kommende Deutsche Wirtschaftswunder erweckte in der Welt Verwunderung und Erstaunen. Die D-Mark erwies sich als eine sehr harte Währung, man begann doch wieder zu sparen, und wer Geld hatte, konnte auch bauen. So stellte man im August 1953 fest, daß nach dem Kriege schon 70 neue Häuser in Bischofsheim entstanden waren.

 

Die Baugenossenschaft

Eine der sozialen Großtaten der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Gründung der Gemeinnützigen Baugenossenschaft. Sie ging aus der Initiative des Bürgermeisters Georg Krieger hervor. Nach mehreren Versammlungen von Bauinteressenten im Jahre 1953, nach Besichtigungsfahrten zu ähnlichen Einrichtungen anderer Gemeinden, nach Referaten auswärtiger Experten, fand die Gründungsversammlung am 3. Dezember 1953 statt; Aufsichtsrat und Vorstand wurden gewählt, am 1. Januar 1954 begann das erste Geschäftsjahr. Elf noch etwas ängstliche Bauherren und sechs Mieter bildeten den bescheidenen Anfang; unter den Bauwilligen waren acht Heimatvertriebene. Das Ziel war, Wohnblöcke zu erstellen, die im Besitz der Genossenschaft bleiben und in denen der Mietpreis pro Quadratmeter 0,95 DM betragen sollte. Außerdem waren Eigenheime mit einer Wohn­fläche von 60 bis 65 Quadratmeter geplant, deren Preis 20.000,-DM nicht übersteigen sollte. Durch Selbsthilfe konnte dieser Preis noch erheblich ge­senkt werden.

Die Genossenschaft wies die Bauwilligen auf Finanzierungsmöglichkeiten hin, half bei der Beschaffung von Aufbaudarlehen, Mieterdarlehen, Lastenausgleich, staatlichen Fördergeldern und Hypotheken. Etwas Eigenkapital mußte allerdings nachgewiesen werden; es gab auch Bau­herren, die sich auch dieses noch borgen mußten. Die Genossenschaft beschaffte zentral sämtliche Baumaterialien, besorgte die Bauunternehmer, die Handwerker. Sie übernahm die Verhandlungen mit der Bauaufsichtsbehörde, alles ehrenamt­lich und ohne Entschädigung. Viele Aufgaben wurden durch Bedienstete des Rathauses erledigt, so daß der Ausspruch des Bürgermeisters, die Baugenossen­schaft sei ein Kind der Gemeinde, zu Recht besteht. Um etwas Startkapital zu bekommen, wurden Geschäftsanteile in Höhe von 300,- DM angeboten. Die Ge­meinde übernahm 10 Anteile, auch viele Geschäftsleute und Privatpersonen folg­ten ihrem Beispiel.

Die ersten Eigenheime wurden in der Sudetenstraße begonnen. Mit Spitzhacke, Schippe, Spaten und Schubkarre hob man die Baugruben aus. Gemeindevertreter kamen abends und sams­tags, um besonders heimatvertriebenen Witwen bei dem Ausheben der Gruben zu helfen. Sonntags zog die skeptische Bischofsheimer Bevölkerung hinaus, um die langsam wachsenden Häuser zu betrachten, und oft hörte man die Bemer­kung: Das wird nie etwas! Aber es ist doch etwas geworden!

Bis 1974 hat die Genossenschaft erbaut oder in der Planung elf Wohnblöcke mit 107 Wohnungen, 54 Eigenheime mit 77 Wohnungen, 35 Betreuungsbauten mit 60 Wohnungen und 37 Garagen. Es sind also 244 Wohnungen geschaffen worden. Die investierten Kosten betragen rd. 8,3 Millionen DM. Als Kuriosum sei vermerkt, daß wegen des schlechten Baugrundes zwei Häuser im Finkenweg absanken und 1974 durch eine Spezialfirma hydraulisch gehoben und unterfangen werden mußten. Dieses Unternehmen verursachte Kosten in Höhe von DM 200.000,-. Statiker und Architekt werden nun zur Kasse gebeten.

 

Die Albert-Schweitzer-Siedlung

Das Hochstädter Ried im Osten unserer Gemeinde bestand aus einigen wenig er­tragreichen Äckern, die in Privatbesitz waren, und einem etwa zwei Hektar großen gemeindeeigenen Sumpfgebiet. Rohr und Schilf wucherten dort, Wasserflächen bildeten sich im Frühjahr und im Herbst und luden durchziehende Bläßhühner, Haubentaucher und Wildenten zu kurzer Rast ein, gaben unzähligen Fröschen einen gesicherten Lebensraum und versorgten das auf dem Pfarrhause nistende Storchenpaar mit einem immer gedeckten Tisch.

Diese Frösche waren das Symbol des Ortes, die Bischofsheimer waren in der Um­gebung weithin als „Bischemer Frääsch“ bekannt, der FSV 07 führt den Frosch heute noch als Wappen. Sie machten sich bemerkbar, die Frösche!

An stillen Sommerabenden waren ihre Konzerte, einmal schwächer, einmal stärker wer­dend, dann aussetzend und auf Kommando des Vorsängers wieder beginnend, im ganzen Ort zu hören.

Die Idee, hier im Hochstädter Ried zu bauen, stammt von dem Bürgermeister Krieger, ihre Verwirklichung ist eine der großen Taten dieses bedeutenden Mannes. Der Bedarf an Sozialbauten war groß. Heimatvertriebene, Evakuierte, SBZ-­Flüchtlinge, Minderbemittelte, Kinderreiche, umzuschulende Bergleute aus dem Ruhrgebiet, Resozialisierte, bisher in Behelfsheimen Untergebrachte, u. a. m. ver­langten zeitgemäße und billige Wohnungen. Bund und Land stellten Gelder zur Verfügung, anerkannte Gemeinnützige Baugesellschaften waren vorhanden, doch die verantwortlichen Herren runzelten beim Anblick des angebotenen Baugrun­des bedenklich die Stirne.

Nach langen Verhandlungen arbeitete die Nassauische Heimstätte, eine Staatsbaugenossenschaft, schließlich doch einen Bebauungsplan aus, der von der Gemeindevertretung genehmigt wurde. Vorerst mußte das Ge­lände von der Trümmerverwertungsgesellschaft (TVG) erst einmal aufgefüllt wer­den. Ungezählte Mal rollten Lastzüge den zermahlenen Schutt der niedergebomb­ten Frankfurter Straßenzüge in das Ried; es gab viele Beschwerden, denn die Fahrer wollten „Kubikmeter machen“ und rasten auch zur Nachtzeit mit ihren schweren Fahrzeugen über das damals noch vorhandene Basaltpflaster und ver­ursachten, besonders bei den Leerfahrten, erheblichen Lärm.

Im Jahre 1963 begann man mit dem Bau. Die Gründungsarbeiten waren schwie­rig, kostspielig und so auf Sicherheit bedacht, daß man 32 Stockwerke auf den Fundamenten hätte errichten können; ein entsprechender Antrag der Baugesell­schaft wurde jedoch von der Gemeinde abgelehnt. Die Gemeinde, die für den eingebrachten Baugrund 70.000, DM erhalten hatte, trat mit 20.000,- DM der Nassauischen Heimstätte als Gesellschafterin bei. An der Errichtung der Sied­lung beteiligten sich weitere Gemeinnützige Baugesellschaften, so die Mibau, die Marvell und die Merian GmbH.

Die staatlichen Zuschüsse für den sozialen Wohnungsbau flossen im Laufe der Zeit spärlicher, die Baugesellschaften konnten wegen der hohen Gründungskosten den vom Staate geforderten Mietpreis nicht mehr garantieren und gaben daher drei Bauplätze für Hochhäuser an private Bauunternehmer ab, die nun die Bauten errichteten und naturgemäß kostendeckende Mieten nahmen. Für das zweite der im sozialen Bauprogramm gebauten Hochhäuser gab die Ge­meinde im Zuge der Wohnraumbeschaffung zu günstigen Bedingungen ein Dar­lehen von DM 100.000,-. So konnte 1972 das letzte Haus der Siedlung seiner Bestimmung übergeben werden.

 

Im Stadtarchiv findet sich (unter Nummer 201-01 - 202-08) zwanzig 20 Diapositive mit Aufnahmen von einer Richtfeier der damals „Albert-Schweitzer-Siedlung“ genannten Wohn­blocks an der Goethestraße nördlicher Teil. Diese Blocks wurden damals von der Nassauischen. Heimstätte im sozialen Wohnungsbau mit jeder Menge öffentlicher Mittel auf einem Sumpfgelände errichtet. Der Aufnahmezeitpunkt dürfte so um 1971 liegen.

Das Baugelände lag in einem Überschwemmungsgebiet und sumpfigen Ried unterhalb des östlichen Bischofsheimer Hanges (früher Weinbau, heute Streuobst zwischen Querspange und Hochstädter Straße) und wurde mit Aushub und Trümmerschutt aus dem engeren Rhein-Main-Gebiet aufgefüllt. Das Gebiet umfaßte in etwa den Bereich Schillerstraße östlich Aldi bis zur östlichen Krümmung der Schillerstraße und reichte südlich bis etwa zum Heinrich-Heine-Weg. Eine Reihe älterer Aufnahmen zeigt die überschwemmte Straße nach Hochstadt in diesem Bereich.

 

 

Insgesamt wurden in der Albert-Schweitzer-Siedlung gebaut:

in 12- und 14-geschossigen Häusern                        276 Wohnungen

in viergeschossigen Wohnblöcken                            456

in Reihen-Eigenheimen                                              29

in zwei weiteren Häusern                                           3

 

In diesen 764 Wohnungen leben mehr als 3.000 Einwohner. Diese Bürger kamen aus ganz verschiedenen Gegenden. An einem Hochhaus war die Post maßgeblich beteiligt, das Haus wird im Volksmund Postsilo genannt. Viele der Wohnungen wurden von Frankfurtern belegt, andere von Bergarbeitern aus dem Ruhrgebiet, die wegen Schließung der Kohlengruben hierher zogen, um als Chemiearbeiter umgeschult und eingesetzt zu werden.

Der Versuch der Stadt Frankfurt am Main, eine große Anzahl zu resozialisierender Familien aus Notunterkünften der Stadt hier unterzubringen, konnte verhindert werden. Dem Geschick der Gemeinde ist es zu verdanken, daß in die Sozialwohnungen eine erhebliche Anzahl von bisher in unzulänglichen Wohnungen le­benden Bischofsheimern einziehen konnten. Die Siedlung ist in ihrer Konzeption nicht ohne Kritik geblieben. Besonders das Fehlen von Kinderspielplätzen und Einkaufsmöglichkeiten wurde beanstandet.

Heute sind zwei große Selbstbedienungsläden vorhanden und ein weiträumiger Spielplatz mit einer Rollschuhbahn gibt den Kindern Gelegenheit zum Herumtollen. Die Buslinie führt durch die Siedlung und erspart den Bewohnern weite Anmarschwege; zwei Kindergärten, ein Hort, eine Grundschule und die Gesamt­schule sind in unmittelbarer Nähe. Die Siedlung hat menschliche Wärme be­kommen, die Bewohner werden Bischofsheimer. Freilich: Die Frösche sind fort, und mit ihnen verschwand auch der Storch!

 

Die Fluren 14, 15, 16

Das zur Zeit geltende Bundesbaugesetz hat einen neuen Begriff gebracht: Die Umlegung.

Das bedeutet, daß die Gemeinde ein in Privatbesitz befindliches Areal zum Baugebiet erklären kann und einen gewissen Anteil, bis zu 30 Prozent zur Verwirk­lichung kommunaler Einrichtungen ohne Entgelt für sich in Anspruch nehmen darf und den verbleibenden Rest von 70 Prozent auf die Einbringer der Grundstücke an­teilmäßig verteilt. Dieses Verfahren wurde erstmals im Gebiet der Plättenweide angewandt, das die Plättenweide, den Haingraben und die Stumpfgrabenstraße umfaßte.

Da die Gemeinde hier nur Straßengelände und zwei Baugrundstücke benötigte, forderte und erhielt sie 20 Prozent der umgelegten Fläche. Der Protest der Betroffenen war groß, man sprach von Enteignung, von kommunistischen Me­thoden. Die Empörung legte sich aber bald, als man merkte, daß man durch diese Umlegung einen Riesengewinn machte, denn die bisher kaum genutzten Äcker und Gärten mit einem Verkehrswert von etwa 3,- DM pro Quadratmeter waren nun Bauland geworden und damit Gold wert.

Im Jahre 1966 erwies es sich, daß die Schule in der Waldstraße mit ihren zwei Erwei­terungs­bauten die immer größer werdende Schülerschar nicht mehr aufnehmen konnte. Man brauch­te also Gelände für eine neue Schule, desgleichen für einen Kindergarten und für ein Bürgerhaus, aber man hatte es nicht. Nun beschloß die Gemeindevertretung am 9. März 1966 für die südlich der Albert­-Schweitzer-Siedlung gelegene Fläche bis zum Dörnigheimer Weg einen neuen Bebauungsplan, der im Wesentlichen das Gebiet der Flur 14 umfaßte. Durch einen späteren Beschluß wurde der Bebauungsplan durch Hinzunahme der Flur 15 und Teile der Flur 16 wesentlich erweitert und kam damit der geplanten Trasse der Autobahn bedenklich nahe.

Dieses neue Baugebiet umfaßte insgesamt 300.000 Quadratmeter und be­fand sich in den Händen von 124 zum Teil auswärts wohnenden Eigentümern. We­gen des hier sehr großen Öffentlichen Bedarfes legte die Gemeinde den Flächenbeitrag für kommunale Vorhaben auf 30 Prozent fest. Es hagelte „Anregungen und Bedenken“ und es bedurfte der ganzen Überzeugungskraft des Bürgermeisters Krieger und des Leiters der Bauabteilung, Bauingenieur Schadeberg, bis man nach vielen und endlosen Verhandlungen alle Eigentümer unter einen Hut gebracht hatte.

Die Gemeinde bekam etwa 109.000 Quadratmeter einschließlich der ihr gehörenden Wege und Gräben zur Durchführung ihrer kommunalen Vorhaben. Nun begann der Verkauf des Geländes. Die Bodenpreise schnellten empor, bis auf 200,- DM pro Quadratmeter und höher. Der Reichtum zog in viele Bischofsheimer Häu­ser ein. Gewaltige Wohnblöcke und Hochhäuser entstanden; der soziale Wohnungs­bau war in diesem Gebiet nicht mehr vertreten. Da viele der zu Geld gekom­menen Landbesitzer sich nun auch ein Häuschen in dem neuen Wohngebiet er­richteten, entstand durch das Nebeneinander von Einfamilienhäusern und Wohn­blöcken ein etwas planlos und unharmonisch wirkendes Stadtbild.

Im Jahre 1973 stellte man bestürzt fest, daß im rhein-mainischen Ballungs­raum plötzlich ein Überangebot an Wohnungen vorhanden war, der Zuzug der Menschen nachließ und viele Wohnungen leer blieben.

Manche Bauvorhaben wurden gar nicht begonnen, auf einigen Baustellen nur mit halber Kraft gearbei­tet, auf anderen wurde die Tätigkeit für längere Zeit völlig eingestellt. Erschwe­rend kam hinzu, daß sich eine immer stärker werdende Abneigung gegen das Wohnen in den großen anonymen Wohnblöcken bemerkbar macht.

Die für Bischofsheim um die Jahreswende 1973/74 erwartete Einwohnerzahl von 16 - 17.000 ist in weite Ferne gerückt. Aber sicher werden auch einmal die fertigen und begonnenen Bauten mit Leben erfüllt sein.

 

Einwohnerzahlen

Im Jahr 1821 hatte Bischofsheim 100 Häuser mit 509 Einwohnern.

Im selben Jahr hatte Hanau 9600 Einwohner.

Die Einwohnerzahlen im Jahre 1821

Bischofsheim mit 100 Häusern und 509 Einwohnern,

Bergen-Enkheim mit 245 Häusern und 1338 Einwohn.

Berkersheim  mit  35 Häusern und 178 Einwohnern,

Bockenheim mit 154 Häusern und 1050 Einwohnern,

Eckenheim mit 57 Häusern und 511 Einwohnern,

Eschersheim mit 56 Häusern und 554 Einwohnern,

Fechenheim mit 144 Häusern und 777 Einwohnern,

Ginnheim mit 81 Häusern und 430 Einwohnern,

Gronau  mit 50 Häusern und 360 Einwohnern,

Hanau  mit   ? Häusern und 9600 Einwohnern,

Massenheim mit 42 Häusern und 218 Einwohnern,

Praunheim mit 79 Häusern und 384 Einwohnern,

Preungesheim mit 69 Häusern und 393 Einwohnern

Seckbach mit 190 Häusern und 1115 Einwohnern

 

1812 - 647 Seelen

1820 - 509 Seelen  in 100 Häusern

1835 - 715 Seelen worunter 4 Katholiken sich befanden

 

1945    2300                           1965    7 500

1950    3200                           1970    10 600

1955    3800                           1972    12 300

1960    4900                           1974    13 500

 

1974 - 13000 Einwohner

1999 - 14600 (Kinkel)

 

 

Die Kindergärten

Im Jahre 1907 war es der Pfarrer Ganß, der von der Gemeinde die Einrichtung eines Kindergartens forderte. Die Gemeindevertretung hatte den Antrag damals ernsthaft diskutiert und für den Kindergarten einen Raum in der alten Schule, Hintergasse 28, vorgesehen. Schließlich wurde der Plan aber doch abgelehnt.

So vergin­gen noch 22 Jahre, bis 1929 der Vaterländische Frauenverein vom Roten Kreuz aktiv wurde und auf einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Platz neben der neuen Schule in der Waldstraße eine Baracke aufstellte und einen Kindergarten einrichtete. Die Baracke kostete etwa 6.000,- Mark, die Einrichtung 1.500,- Mark. Dieses Geld konnte nur mühsam aufgebracht werden. Da dieser Kindergarten eine private Einrichtung war, ist über ihn in den Ge­meindeakten vorerst nichts zu finden.

Frau Schüler, die Gattin des damals hier praktizierenden Arztes, stand dem Kinder­garten vor. Fräulein Klauer, die einige Vorbildung hatte, wurde als Leiterin ein­gesetzt. Sie ist bis 1936 auch Leiterin geblieben, Ihre Nachfolgerin war ein Fräulein Krapz, dann ein Fräulein Laudenbach, die im Ort als Tante Lina bekannt und beliebt war. Im Jahre 1938 trat ein Bischofsheimer Mädchen, Fräulein Kröll, die jetzige Frau Goy, als Pflichtjahrmädchen in die Dienste des Kindergartens und ist später auch eine Zeitlang dessen Leiterin gewesen.

 

Besucht wurde diese Einrichtung durchweg immer von 60 bis 80 Kindern, die von zwei, manch­mal auch drei „Tanten“ betreut wurden. Wenn einmal Not am Platze war, wurden auch Schulmädchen abkommandiert. Die Eltern hatten an Kindergartenbeiträgen 50 Pfennige pro Woche zu zahlen, später im Kriege 1,50 RM. Die Helferin erhielt monatlich 30,- RM, die Leiterin 150,- RM. Die Besuchszeiten waren wie heute von 8 - 12 Uhr und von 13 - 17 Uhr. Das jedes Jahr vorhandene Defizit wurde durch Spenden abgedeckt. Außerdem erbat man sich beim Regierungspräsidenten jährlich die Erlaubnis für eine Lot­terie mit 2.000 - 4.000 Losen. Im Dritten Reich wurde der Kindergarten der Kreisleitung der NSV unterstellt. Die Baracke hat noch bis 1959 ihrem Zweck gedient, dann wurde sie abgerissen.

Auch der Spielplatz des Kindergartens war nur primitiv ausgestattet. Die Gemeinde, die nach 1945 die Einrichtung in ihre Obhut genommen hatte, war arm. Da erbarmte sich eine amerikanische Pioniereinheit aus Wolfgang und baute neue Spielgeräte ein. Als eine Abordnung der Truppe nach einem halben Jahr wieder einmal nach ihrem Geschenk schaute, fand sie es durch ältere Kinder völlig zerstört vor. Ohne irgendwelches Aufheben zu machen, brachten die Amerikaner bald eine neue Aus­stattung von stärkeren Geräten, die dann auch eine Weile gehalten haben.

Im Jahre 1959 wurde der erste moderne Kindergarten von der Gemeinde in der Gänssee­straße errichtet. Er wurde im Rahmen eines Dorfgemeinschaftshauses erbaut und enthielt einen großen Gemeinschaftsraum für Vereins- und Familienveranstaltun­gen, in dem die Gemeindevertretersitzungen stattfanden und auch für die Gemeindebücherei ein bescheidener Platz war. Da die Besucherzahl des Kindergartens ständig wuchs, wurde der Gemeinschaftsraum ebenfalls dem Kindergarten zuge­ordnet, so daß hier nun fünf Kindergruppen betreut werden konnten. Insgesamt hatte die Gemeinde für Bau und Umbauten des Kindergartens in der Gänsseestraße 354.000,- DM aufzuwenden.

Der neu erbaute Kindergarten in der Schillerstraße erforderte schon 850.000,-DM. Der Kindergarten in der Uhlandstraße, in dem auch ein Kinderhort eingerichtet wurde, kostete 965.000,-DM. Laienkräfte werden kaum noch und nur als Aushilfe beschäftigt. Der Bau eines vierten Kindergartens im Zimmerseegebiet ist geplant.

 

Straßen- und Wegebau

Der Bau und die Instandhaltung der Straßen geschah früher im Rahmen der Hand- und Spanndienste. Die Besitzer von Gespannen mußten mit Pferd und Wagen, die übrigen Männer mit Spitzhacke, Spaten und Schippe erscheinen. Die Pflasterarbeiten in den Ortsstraßen wurden von auswärtigen Firmen übernom­men; die noch heute für die Gemeinde häufig tätige Firma Kaiser aus Hanau hat schon vor Generationen in Bischofsheim gearbeitet.

Besonders lästig scheint der Ausbau der Vizinalwege gewesen zu sein. Das waren die Verbindungswege zu den Nachbarorten. Den hier entstehenden Ver­pflichtungen suchte man sich mit allen Mitteln zu entziehen; vor allem tauchte immer das Argument auf, daß nur sehr geringer Verkehr auf der betreffenden Straße herrsche und kein Bedarf zu deren Ausbau bestehe.

Wann die Straßen des Ortes erstmalig gepflastert wurden, geht aus den Rechnungsbüchern nicht klar hervor, denn bei den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorgenommenen Arbeiten an Straßen scheint es sich um die Erneuerung des früheren Pfla­sters gehandelt zu haben.

 

Als 1898 mit einem Zuschuß der Gemeinde in Höhe von 2.000,- Mark der Haltepunkt Bischofsheim-Rumpenheim an der Bahnstrecke eingerichtet wurde, mußte notgedrungen auch der zum Bahnhof führende Rumpenheimer Weg instand gesetzt werden, was die Gemeinde 3.800,- Mark kostete. Die gleichzeitig geplante Neupflasterung der Schäfergasse wurde zurückgestellt. Zu gleicher Zeit mußte die Gemeinde Land zum Ausbau des Rumpenheimer Weges, damals noch Neugasse genannt, erwerben, ebenfalls Land zur Verbrei­terung des Fechenheimer Weges.

Im Jahre 1899 begann man sich mit dem Abbau der chaussierten Straße vom Bahnhof Bischofsheim nach Hochstadt zu befassen. Dieser Weg führte vom Bahnhof quer durch die Felder über das Flurstück „Froschtränke“ an den Landgraben am Fuß des Kochberges. Er hatte nur sehr wenig Verkehrsaufkommen. Die Trasse der heutigen Straße nach Hochstadt wurde festgelegt. Die Gemeinde mußte 35 Parzellen für 1.992,12 Mark von den Besitzern erwerben und sollte für den Ausbau der Straße weitere 3.180,- Mark aufbringen, was sie erst einmal ablehnte. Die Straße wurde dann 1905 doch fertiggestellt.

 

Im Jahre 1899 wurde in der Kirchgasse („Ranzen“) Straßenland erworben und die Straße gepflastert. Die Straße „Am Kreuzstein“ bis zum Wartbaum (Einmün­dung des Rumpenheimer Weges) wurde mit Kies und Steinen befestigt. Mit neun Waggon Kleinschlag suchte man die Straße nach Niederdorfelden instandzusetzen.

Im Jahre 1900 wurde die Schäfergasse dann doch neu gepflastert. In demselben Jahr wur­de auch der Griesterweg als unbebauter Feldweg ausgewiesen. Erst 1901 wurde durch die Gärten des Alten Dorfes ein zwei Meter breiter Fußweg als Verbin­dung zwischen Hintergasse und Kreuz­stein geschaffen. Im Jahre 1903 wurden Hinter- und Obergasse neu gepflastert.

Im Jahre 1906 beantragte die Gemeinde die Einrichtung einer Frachtgutabfertigung auf dem Bahnhof, aber die Bahn verlangte dafür neben freiem Gelände 77.000,- Mark, die man natürlich nicht aufbringen konnte.

 

Im Jahre 1911 forderte der Landrat den Ausbau der Straße nach Bergen und die Schaf­fung eines direkten Verbindungsweges nach Enkheim. Wie üblich lehnte die Gemeinde beide Vorschläge ab. In diesem Jahr bekamen auch die Berger- und Gänsseestraße ihre offiziellen Namen. Im Jahre 1920 wurde die Straße nach Niederdorfelden gebaut, die Kosten betrugen

60.000,- Mark.

Im Jahre 1928 sollte die Straße nach Bergen wieder einmal modernisiert werden. Für Land und Entschädigung zu fällender Obstbäume sollte Bischofsheim 5.530,- Reichsmark aufbringen, lehnte aber ab. Für den Radfahrweg nach Hochstadt dagegen hatte die Gemeinde außer dem benötigten Land keine Kosten zu entrichten.

 

Im Jahre 1932 plante die Gemeinde die Einführung eines freiwilligen Arbeits­dienstes für jugendliche Arbeitslose unter 25 Jahren, um die drückenden Folgen der Arbeitslosigkeit etwas zu lindern. Das Gelände zwischen der Wald- und Fried­hofstraße sollte aufgefüllt werden, aber die von der Gemeinde aufzubringenden 1.500,- Reichsmark waren nicht vorhanden. Anfang 1933 sollten durch die einheimischen Arbeitslosen Notstandsarbeiten an den Straßen durchgeführt werden, aber auch diese Pläne scheiterten an Geldmangel.

Schließlich nahm die Gemeinde 25.000, Reichsmark Darlehen auf, um durch ihre Arbeitslosen die Gänssee-, Wald- und Bahnhofstraße teeren zu lassen. Auch in anderen Straßen wurden Notstandsarbeiten verrichtet, u. a. arbeiteten Bischofs­heimer Arbeitslose mit an dem Ausbau des Bischofsheimer Spaziergängern be­kannten „Schwarzen Weges“, der als Fuß- und Radweg zur Vilbeler Straße führt.

Nach dem Kriege befanden sich sowohl die Ortsstraßen als auch die Verbin­dungswege zu den Nachbarorten in einem bejammernswerten Zustand. Es kann als eine Großtat der Gemeinde bezeichnet werden, daß nach den lästigen und be­schwerlichen Zuständen während der Kanalisation des Ortes das Netz der Ortsstraßen schnell und zielstrebig auf einen modernen Stand gebracht werden konn­te. Der letzte Basaltstein aus dem Straßenstück der oberen Breulgasse konnte 1973, in einem geschmackvollen Ständer gelagert, im Rathaus als Erinnerung an eine vergangene Zeit aufbewahrt werden.

Zielstrebig setzte sich die Gemeinde für den zeitgemäßen Ausbau der Kreis- und Landesstraßen ein. So wurde 1959/60 die moderne Straße nach Niederdorfelden fertiggestellt, 1962 die immer wieder vom Hochwasser überschwemmte und oft unpassierbare Straße nach Hochstadt völlig neu und gegen Frost und Wasser ge­sichert gebaut.

Im Jahre 1966 wurde die veraltete und gefährliche Straße nach Bergen modernisiert. Diese überaus stark belastete Straße ist für Kraftfahrer auch heute noch sehr gefähr­lich und soll nach beendetem Planfeststellungsverfahren in den Jahren 1974/75 begradigt und verbreitert werden. Die gleichzeitig mit dem Ausbau dieser Straße geplante Nordumgehung unseres Ortes über den Hochstädter Hang mit Anschluß an die Straße Bischofsheim-Hochstadt wird eine spürbare Entlastung von dem überörtlichen Verkehr mit sich bringen.

Im Jahre 1965 erfolgte der Ausbau des Fechenheimer Weges bis an die Gemar­kungsgrenze, 1971 der weiterführende Ausbau nach Frankfurt. Die Einmündung der Landesstraße L 3209 in die B 8/40 am Roten Graben stellte wegen des schienengleichen Bahnüberganges ein schweres Verkehrshinder­nis dar. In den Verkehrsspitzen morgens gab es häufig kilometerlange Staus bis in die Ortsstraßen hinein.

Nach einem zähen Kampf gelang es der Gemeinde, der Bundesbahn und der Stadt Frankfurt die Einwilligung zum Bau einer neuen Straße vom Roten Graben an die Vilbeler Landstraße abzuringen; die Straße konnte 1971 ihrer Bestimmung übergeben werden, sie erhielt den Namen „Kilian­städter Weg“. Diese Straße brachte, besonders als nach wieder endlosen Ver­handlungen an der Vilbeler Landstraße eine Ampelanlage installiert wurde, für den Bischofsheimer Durchgangs- und Quellverkehr eine spürbare Erleichterung.

Außerordentlich wertvoll war die nach längerer Bauzeit entstandene Überführung der Bahnstrecke Frankfurt-Ost - Hanau an unserem Bahnhof. Allerdings brach­te diese Brücke für die in Richtung Hanau reisenden oder von Frankfurt-Ost kom­menden Fahrgäste der Bundesbahn einige Erschwernisse mit sich. Um den Fuß­gängern den Weg über diese Brücke möglichst sicher zu gestalten, erwirkte die Gemeinde eine Verbreiterung der Brücke und übernahm die entstehenden Kosten von 18.500,-DM.

Der 1969 erfolgte vierbahnige Ausbau der B 8/40 und die Errichtung einer großen Ampelanlage an der Einmündung der von Bischofsheim kommenden Straße in die Bundesstraße machte die An- und Abfahrt an dieser berüchtigten Todesfalle sehr viel sicherer.

Als nach dem Neubau der Gesamtschule im Schulgebäude der Waldstraße nur noch Grundschüler und damit keine Schülerlotsen mehr waren, wurde eine Be­darfsampelanlage an der Einmündung der Waldstraße in den Fechenheimer Weg ge­schaffen; ebenfalls wurden, besonders für die Schüler, die Bedarfsampelanlagen am Kreuzstein und am Dörnigheimer Weg eingerichtet. Der äußerst neuralgische Ver­kehrspunkt an der Kreuzung Hochstädter- und Bergerstraße wurde durch eine automatische Ampelanlage schon 1968 weitgehend entschärft.

Insgesamt hat die Gemeinde seit 1952 rd. 6.000.000,- DM für die Moderni­sierung der Ortsstraßen ausgegeben, für die Straßenbeleuchtung rd. 300.000,-DM.

 

Die Autobahn

Diese Autostraße war anfangs unter dem Namen „Kleiner Rhein-Main-Schnellweg“ als vierspuriger Verkehrsweg zur Entlastung der überaus stark frequen­tierten B 8/40 gedacht und sollte unter anderem den sich durch die engen Ortsstraßen von Dörnigheim quälenden Durchgangsverkehr aufnehmen. Dann stufte das Straßen­neubauamt diesen modernen Verkehrsweg zur sechsspurigen Autobahn Bingen - Fulda um, ja, sogar die Bezeichnung „Paris – Warschau“ tauchte auf.

Unge­klärt ist bis heute noch die Führung der Autobahn im Frankfurter Raum. Man wollte sie über den Alleenring führen, aber wütender Protest war die Antwort. Dann prüfte man, ob sie sich als Hochstraße über den Alleenring bauen ließe, aber die Reaktion der Frankfurter Bürger war die gleiche. Schließlich plante man sogar die Untertunnelung der angeführten Straßen, doch dieser Plan scheiterte vorerst an den ungeheuren Kosten, ist aber immer noch im Gespräch.

 

Während sich die Stadt Dörnigheim und die Gemeinde Hochstadt eindeutig für die geplante Trassenführung aussprachen, wurden in Bischofsheim und Enkheim schwerste Bedenken gegen die Planung geäußert. Beide Orte protestierten gegen die Zerstörung des Erholungswaldes. Für Bischofsheim kam noch erschwerend hinzu, daß auf der geplanten Linienführung der sonst geforderte Schutzabstand von 100 Meter zu dem bebauten Ortsteil nicht eingehalten werden könnte und die Autobahn zum Beispiel nur 35 m entfernt an dem Hochhaus Bahnhofstraße 37/39 vorbei­führen würde. Damit würden die Bewohner der südlichen Neubaugebiete des Ortes einer starken Lärm- und Abgasbelästigung ausgesetzt werden. Der Schutz der Bevölkerung erweist sich auch durch die geplante Anlage von Erdwällen und deren Bepflanzung als nur unbefriedigend lösbar.

 

Die Gemeinde Bischofsheim forderte daher in aller Eindeutigkeit eine nördliche Trassenführung, nach der die Autobahn, von Preungesheim oder Niederursel kommend, durch das Oberfeld der Gemarkung, dann durch die Gemarkungen Hochstadt, Wachenbuchen und Mittelbuchen an die große Dreispitze nordöstlich von Hanau geführt werden solle. Dann bliebe der Wald verschont und vor allem würde ein fast unüberwindliches Hindernis für das organische Zusammenwachsen der Ortsteile zur Stadt Maintal entfallen.

Bürgerversammlungen fanden statt, die Aktionsgemeinschaft „Unmenschliche Autobahn“ bildete sich, die Schutzgemeinschaft „Deutscher Wald“ gab mit zahl­reichen Veröffentlichungen den Bischofsheimern Hilfestellung, ökologische, sozia­le, medizinische und klimatische Gutachten wurden erstellt und die geplante Trassenführung immer wieder verworfen. Die Herren vom Straßenneubauamt kamen wieder und wieder zu Besprechungen und stellten sich mutig der kochenden Volksseele, aber sie blieben bei ihrer verkehrspolitischen Konzeption: Die Autobahn muß dahin, wo sie von dem Kraftfahrer angenommen wird, und das sei nur hier!

Die Gemeindevertretung Bischofsheim beschloß daher, sehr zum Ärger der Nachbargemeinde Dörnigheim, die eine möglichst schnelle Entlastung ihrer verstopf­ten Durchgangsstraßen herbeiführen wollte, eine Klage gegen diese Trassen­führung einzubringen, obwohl man sich sehr wohl bewußt war, daß diese Klage sicher nur aufschiebende Wirkung haben würde. Man wollte aber nichts unver­sucht lassen und auch die letzten Mittel zur Verhinderung dieser für Bischofsheim unbefriedigenden Lösung in Anspruch nehmen.

 

Der Sport in Bischofsheim

Der Kraftsport hat in Bischofsheim nie so recht Wurzel schlagen können. Athle­tenclub sowie Stemm- und Ringverein stellten ihre Tätigkeiten bald wieder ein. Nur die Turnerschaft 1886 besteht weiter, aber mit dem Turnen selbst ist zur Zeit nicht viel Staat zu machen, während in vergangenen Zeiten die Bischofshei­mer Turner recht beachtliche Leistungen aufzuweisen hatten. Die Namen von Hermann Knöll, Heini Henkel und Wolfgang Grimm sollten hier erwähnt wer­den.

Im Jahre 1904 feierte man in Bischofsheim sogar ein Gauturnfest. Im Jahre 1907 gab es einen Fußballclub Allemania, der immer wieder bei der Gemeinde um einen Platz betteln mußte. Schließlich bekam er den Festplatz „An der Leuchte“ unent­geltlich als Spielplatz zugewiesen mit dem Vorbehalt, daß er zu weichen habe, wenn dort ein Fest abgehalten werden sollte. Im Jahre 1909 feierte die Turner­schaft auf demselben Platz ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum, das eigentlich erst 1911 fällig war. Die Gemeinde ließ sich vom Verein sechs Mark Lustbar­keitssteuer auszahlen.

Im Jahre 1912 gründete sich der Fußballklub Viktoria, auch er hatte Platzsorgen und mietete sich schließlich im Hochstädter Ried eine Wiese für jährlich 20,- Mark als Sportplatz. Erst 1921 wird der Sportplatz am Wald von der Gemeinde ge­schaffen und den Turnern und Fußballern zur Verfügung gestellt. Damit war ein wichtiger Schritt von den stets wechselnden primitiven Bolzplätzen zu einer Sportanlage getan.

Im Jahre 1927 wurde dann von der Turnerschaft die schöne Turnhalle in der Jahnstraße gebaut, und als gleichzeitig die Gemeinde den Zinsendienst für die Halle in Höhe von 2.000,- Mark jährlich übernahm, gab sie damit zu erkennen, daß der Sport nun auch von dem offiziellen Bischofsheim anerkannt wurde.

Im Jahre 1931 bekam der Sportplatz am Wald sein erstes Holzgeländer. Die feierliche Einweihung des Platzes erfolgte am 3. und 4. September 1932; bei dieser Gelegenheit erscheint neben dem Turnverein auch eine Turngesellschaft. Im Jahre 1933 ist der Turnverein in starken finanziellen Schwierigkeiten; er kann seine Steuern nicht bezahlen, legt seine Bücher vor und beweist, daß er bei Zahlung der Steuern bankrott sei.

Die Gemeinde schlägt vor, daß der Verein wenigstens seine Staatssteuern bezahlen möge, über die Gemeindesteuern wolle man mit sich reden lassen.

Nach dem Krieg hat die Gemeinde recht erhebliche Mittel zur Förderung des Sportes aufgebracht. Ein neuer moderner Fußball-Rasenplatz mit Anlagen für leichtathletische Übungen wurde im Wald errichtet und kostete 260.000,- DM. Dieser im Jahre 1972 ihrer Bestimmung übergebenen Anlage folgte die Umwand­lung des bisherigen Platzes in einen Hartplatz, der auch bei ungünstiger Witterung bespielbar ist. Die Baukosten beliefen sich auf 240.000,- DM, die gleichzeitig installierte Flutlichtanlage erforderte rund 40.000,- DM.

Der in weiteren Einwohnerkreisen populäre Fußballsportverein FSV 07 Bischofsheim hat eine recht wechselvolle Entwicklung hinter sich; in den Jahren 1971 bis 1973 spielte er in der höchsten Amateurklasse, der Hessenliga.

Für Kinderspielplätze wurden bisher 166.000,- DM ausgegeben; der in Angriff genommene Waldspielpark zwischen dem Eugen-Kaiser-Ring und dem Waldsee wird 400.000,- DM erfordern, selbst die kleine in der verlängerten Stumpfgra­benstraße geschaffene Eislauffläche verursachte Kosten in Höhe von 16.000,-DM. Die im Jahre 1972 errichtete und ihrer Bestimmung übergebene „Trimm-Dich-­Anlage" mit 20 Stationen hat bei der Bevölkerung nicht nur unseres Ortes weit­gehend Anklang gefunden.

Auch der „Weiße Sport“ ist seit 1973 in Bischofsheim heimisch, als der mitgliederstarke Bischofsheimer Tennisverein seine in der Niederweide mit viel Idealismus, Fleiß und Opfern errichteten Tennisplätze einweihte. Leider wurde das liebevoll eingerichtete provisorische Clubheim 1974 durch Brandstiftung vernichtet.

Im Jahre 1974 wurde als vorerst letzte der sportfördernden Maßnahmen der bis­herige Handballplatz neben der Turnhalle am Wald in einen den Erfordernissen der Jetztzeit entsprechenden Stand versetzt. Es wurde ein großer Platz mit Kunst­stoffbelag für das Faustballspiel, ein Rasenplatz in den für das moderne Handball­spiel geltenden Maßen und ein weiterer Rasenplatz als Bolzplatz für die fußball­begeisterten Jungen geschaffen. Diese Anlage kostete 380.000,- DM.

Die der Turnerschaft gehörende Turnhalle am Wald, 1958 als Ersatz für die im Krieg in der Jahnstraße abgebrannte Halle erbaut, hat wie ihre Vorgängerin mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Helfend trat immer wieder die Gemein­de mit oft recht erheblichen Zuschüssen auf.

Die von der Gemeinde erbaute erste Schulturnhalle in der Gänsseestraße kostete einschließlich ihrer Ausstattung 420.000,- DM, zwei weitere Turnhallen stehen im Bereich der Gesamtschule. Die Gemeinde zahlt auch die Entschädigung für die drei Schulhausmeister bei Benutzung der Hallen durch Sportvereine, so daß den Vereinen keine Kosten entstehen.

Auch die jährlich stattfindende Sportlerehrung, bei der neben wertvollen Sachprei­sen auch Geldpreise überreicht werden, geht zu Lasten der Gemeinde. Alles in allem: Es sind beachtliche Summen, die aus öffentlichen Mitteln für die moderne Freizeitgestaltung aufgebracht werden.

Zu dem Mittelpunktschwimmbad Hanau-West, das von der Stadt Dörnigheim und den Gemeinden Bischofsheim und Hochstadt 1974 fertiggestellt wurde, hat Bischofsheim 2 Millionen DM zugesteuert.

 

Die Energieversorgung der Gemeinde

Außer dem Wasser, das in vielen Dörfern unserer Heimat die nützliche Tätig­keit des Mehlmahlens verrichtete und sehr wahrscheinlich auch in Bischofsheim einmal eine Mühle getrieben hat, gab es hierzulande eigentlich nur das Holz als jahrtausendealte Energiequelle. Erst zum Ausgang des vorigen Jahrhunderts traten in nennenswertem Umfang Steinkohlen und Koks auf. Holz aber behielt immer noch seine große Bedeutung.

Im Jahre 1900 führte die Gemeinde erste Besprechungen über die Versorgung des Ortes mit elektrischem Strom, der aber damals noch nicht unter der Devise „Elektrizität in jedem Gerät“ stand. Die bescheidene Stromerzeugung jener Tage begnügte sich mit einer sparsamen Beleuchtung der Wohnungen und dem An­trieb schwacher Motoren in gewerblichen Betrieben und in der Landwirtschaft. Doch es sollte noch viel Wasser den Main hinunter fließen, bis es in Bischofsheim so weit war.

Im Jahre 1904 verhandelte man mit einer Mannheimer Firma, die hier ein Wasser- und Gaswerk errichten wollte, doch mit der Gasversorgung des Ortes sollte es noch 70 Jahre dauern, weil auch die 1908 ernsthaft mit Frankfurt wegen des An­schlusses an die Frankfurter Gasversorgung geführten Verhandlungen sich zer­schlugen.

In den Jahren 1912 und 1913 folgten wieder viele Besprechungen, die Gemeinde erklärte sich be­reit, das Ortsnetz der Stromversorgung zu übernehmen und stellte den Platz für das Transformatorenhaus zur Verfügung, in der „Lettergasse“, wo es dann später auch hinkam. Doch der Erste Weltkrieg vereitelte neben vielen anderen Vorhaben auch das der Stromversorgung, aber schon 1920 nahm man den Faden wieder auf. Der Strom kam ins Dorf. Fortschrittlich, wie man war, führte man auch gleichzeitig eine moderne Straßenbeleuchtung ein. Sie bestand aus 36 Wandlampen und sechs Überspannlampen.

Schon 1928 wollte sich der Landkreis Hanau in den Besitz des örtlichen Strom­netzes bringen, das gelang ihm aber erst zwei Jahre später. Im Jahre 1943 machte er weiter den vergeblichen Versuch, unsere Wasserversorgung zu erwerben.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wieder nur Holz, und das in bei weitem nicht ausreichendem Maße. Nach der Währungsreform waren Steinkohlen und Koks wieder auf dem Markt, aber es erschien als Konkurrent auch das Propan­gas, das in roten Stahlflaschen in vielen Häusern Eingang fand und zu Kochzwecken benutzt wurde. Mehr und mehr dominierte der elektrische Strom, er ist von der modernen Technik zu einem wahren Zauberkünstler entwickelt worden.

Neben dem Strom trat etwa seit 1955 das Heizöl als Energiequelle auf. Die meisten der Bischofsheimer Häuser werden heute mit Öl beheizt, bequem, sauber und vorerst einmal billig. Das Holz verschwand als Brennmaterial immer mehr. Aber das Öl ist nicht umweltfreundlich. Die Gemeinde ging hier mit gutem Beispiel voran: Das neue Rathaus und die Gesamtschule haben keine Schornsteine, sie werden elektrisch beheizt.

 

Im Jahre 1973 wurde durch die Kreiswerke in Hanau endlich auch Bischofsheim an die Ferngasleitung angeschlossen, vorerst aber nur der Ortsteil in den Fluren 14/15. Die zweite Grundschule wird mit Gas beheizt, alle in dem Gebiet neu errichteten Häuser müssen nach der Ortssatzung an die Gasversorgung ange­schlossen werden.

 

Die Müllbeseitigung

Nach dem Kriege hatte man anfangs kaum Probleme mit dem Hausmüll: Es gab keinen. Jeder Gegenstand fand irgendeine Verwendung, alles, was brennbar war, heizte den Badeofen oder den Waschkessel. Wenn wirklich einmal etwas zu nichts mehr verwandt werden konnte, kam es in irgendein Bombenloch.

Als nach der Währungsreform das große Bauen in Frankfurt begann, brauchte man Sand und Kies als Baustoffe. in Bischofsheim waren sie vorhanden, im Linnes, entlang der Bahnstrecke nach Hanau. Mit der Schaufel wurden die Last­wagen beladen, viele vorgeschichtliche Funde traten in den Gräberfeldern zutage. Aber dann kamen die Bagger und schaufelten in wenigen Jahren auf die uner­sättlichen Lastwagen, was der vorgeschichtliche Main in vielen Jahrtausenden hierher getragen und abgelagert hatte.

Zurück blieb eine Kraterlandschaft, Baggerseen entstanden, in denen Fische schwammen und in der warmen Jahreszeit trotz strengen Verbotes auch gebadet wurde. Hier wurde gezeltet, lichtscheues Volk und „Hascher“ fanden sich ein. Ausgediente Auto-Wracks, leere Treibstoffton­nen wetteiferten mit verrostenden Maschinen, das Bild einer Landschaft zu ver­unstalten, auf der früher Kirschbaumplantagen und Spargelfelder das Auge erfreu­ten. Dieses verschandelte Gelände, das seine Fortsetzung in der Gemarkung Dörnig­heim fand, konnte nicht als Mondlandschaft liegenbleiben; es mußte rekultiviert werden.

Man machte es erst einmal mit Müll, der nun in immer größer werden­den Mengen anfiel. Nach der Umstellung auf neue Energiequellen hatte man plötzlich für Pappe, Holz, Holzwolle, Papier und vieles andere keine Verwen­dung mehr und suchte es loszuwerden. Neue Möbel wurden gekauft, für die alten, oft noch recht gut erhaltenen, fanden sich immer schwerer Abnehmer. So schafften viele Leute alles, was sie nicht mehr benötigten, bei Nacht und Nebel fort. Besonders die Waldränder und die Feldwege waren beliebte Abladeplätze für alte Radioapparate, Fernsehgeräte, Bettmatratzen und Polstersessel, ausge­diente Kühlschränke, Waschautomaten und Elektroherde. Mit Bergen von Kar­tonagen und Papierabfällen bildete das alles ein makabres Stilleben des 20. Jahr­hunderts. Der Müll wurde allerorten zu einer Landplage, Gesetzgeber und Be­hörden hatten einzugreifen.

Die Gemeinde Bischofsheim führte gemeinsam mit der Nachbargemeinde Bergen-­Enkheim die Öffentliche Müllabfuhr im Jahre 1958 ein. Für jeden Haushalt wurde eine Fünfzig-Liter-Tonne beschafft, die von den Bürgern bezahlt werden mußte und wöchentlich geleert wird. Für Betriebe, Wohnblöcke und Hoch­häuser wurden Großraumbehälter angeboten, für die zur Zeit Abfuhrgebühren von 800 DM jährlich erhoben werden, während die Gebühren für Kleintonnen heute 40 DM betragen. Die Einführung der für alle verbindlichen Müllabfuhr fand im Allgemeinen großen Beifall in der Bürgerschaft.

Um auch den Sperrmüll aus der Gemeinde zu entfernen, werden in regelmäßi­gen Abständen nach vorheriger Bekanntmachung Abfuhrtage angesetzt. Sorg­fältig werden die überflüssigen Gegenstände meistens schon abends vor dem Ab­fuhrtage auf dem Bürgersteig aufgebaut; morgens ist jedoch alles durchwühlt, denn immer wieder kommen Sammler und suchen sich für sie noch brauchbare Gegenstände heraus.

Anfangs fuhr man den Sperrmüll mit offenen Lastwagen fort, heute sind Spezial­fahrzeuge vorhanden, die den Müll zermahlen und zusammenpressen und so den Anfall ganzer Straßenzüge mit einmal abtransportieren können. Aber dieser Sperrmüll wird nur drei- bis viermal im Jahr abgefahren, und so fand man immer wieder Müll, dessen man sich an verbotener Stelle entledigt hatte. Die Gemeinde tat ein weiteres. Sie stellte neben der verlängerten Jahnstraße und der verlängerten Zimmerseestraße Müllgroßbehälter auf, zu denen man an drei Wochentagen den Kleinmüll bringen kann. Auch diese Maßnahme, kostenfrei wie die Sperrmüllabfuhr, wurde von der Bevölkerung freudig begrüßt und angenom­men. Nun sind Wege und Waldränder wieder sauber geworden.

Aber wohin mit dem Müll? Eine Zeitlang genügten unsere leeren Kiesgruben, wohin die mittlerweile Stadt gewordene Gemeinde Bergen-Enkheim ihren und unseren Müll fuhr. Aber die der Gemeinde gehörenden Gruben waren bald voll. Sie wurden mit einer dicken Schicht Erde aufgefüllt und so rekultiviert. Herr Kern, der einen großen Teil des Kiesgeländes erworben und ausgebeutet hatte und am Rande des Geländes ein Gehöft errichtete, war als erster mit der Rekul­tivierung fertig. Heute grast auf dem ehemaligen Kiesgrubengelände wieder Vieh, wachsen Obstbäume und Getreide. Einige kleine private Müllgruben durften noch eine Weile angefahren werden.

Immer wieder kamen spät abends oder im ersten Morgengrauen Lastwagen von außerhalb, die unbeleuchtet in das Gebiet fuhren und dort ihren Abfall abkipp­ten. Ganze Berge leichtbrennbarer Stoffe lagen dann herum, und irgend jemand fand sich immer, der die Sache ansteckte. Beißender Qualm legte sich dann we­gen der hier fast immer herrschenden Westwinde auf Hochstadt oder Dörnig­heim.

Besonders schlimm war es, wenn illegal abgeladene Wagenladungen ausgedienter Autoreifen in Brand gerieten und schwarzer Qualm den Himmel ver­dunkelte. Wieder und wieder mußte die Feuerwehr ausrücken.

Zurück zum Müll! Wo blieb er denn nun? Anfangs nahm ihn die Stadt Frank­furt gegen teures Geld in ihrer Müllverbrennungsanlage in der Nordwest-Stadt ab, dann konnte oder wollte man plötzlich nicht mehr. Nun wurde der Müll in die Verbrennungsanlage des Kreises Offenbach nach Heusenstamm gebracht, dann winkte auch Offenbach ab. Im Augenblick kommt der Müll auf die Müllkippe nach Bruchköbel, die aber auch bald aufgefüllt ist. Nach dem Zusammenschluß der Kreise Hanau - Gelnhausen - Schlüchtern zum Main-Kinzig-Kreis wird sich der neue Großkreis ernsthaft mit dem Problem der Errichtung einer zentralen Müllverbrennungsanlage beschäftigen müssen.

Die Kosten der Müllabfuhr betrugen im Jahre 1974 für die Gemeinde Bischofsheim 355.000 DM. Sie werden voll durch die von den Bürgern zu zahlenden Gebühren aufgebracht. Im Jahre 1972 entdeckte man in den Müllkippen von Langenselbold und Groß­krotzenburg in großem Umfang dort deponierte Giftmüllfässer. Auch in Bischofsheim vermutete man solchen Giftmüll, doch bestätigten sich diese Vermutungen glücklicherweise nicht.

 

Gewerbe und Industrie

Um alle ihre vielfältigen Aufgaben in einer den Bürger befriedigenden Weise vollziehen zu können, braucht die Gemeinde Geld, Geld und nochmals Geld. Bischofsheim hat immer eine solide finanzielle Basis gehabt und die vorhandenen Mittel sorgfältig planend und sparsam wirtschaftend so eingesetzt, daß nach Vollendung der nun begonnenen Vorhaben zur Zeit nichts Bedeutendes zu wün­schen übrig bleibt. Die Infrastruktur der Gemeinde war bei der Entstehung der Stadt Maintal im Großen und Ganzen für eine Siedlung dieser Größe als abge­rundet und ausreichend anzusehen. Als bemerkenswert kann dabei herausge­stellt werden, daß die Pro-Kopf-Verschuldung Bischofsheims bei etwas über 300,- DM lag und damit weit hinter der Verschuldung der drei anderen Stadt­teile zurückblieb.

Neben dem Gemeindeanteil an der Einkommensteuer in Höhe von 2.300.000,-DM, den Schlüsselzuweisungen in Höhe von 1.305.000,- DM im Rechnungsjahr 1974 ist die Gewerbesteuer im Betrag von 1.800.000,- DM eine wichtige Ein­nahmequelle der Gemeinde, von der seit dem Jahre 1970 allerdings 40 Prozent an den Bund abfließen. Die Gewerbesteuer war einmal das A und 0 der Gemeinden. Gut florierende Industriewerke machten ihre Gemeinden reich, Wolfgang und Rüsselsheim sind Beispiele dafür.

Es ist daher zu verstehen, wenn die Gemein­den sich bemühten, umsatzkräftige gewerbliche Anlagen in ihren Gemarkungen anzusiedeln. Bischofsheim konnte seine Gewerbesteuereinnahme von 50.000,-DM im Jahre 1952 bis 1974 auf 1,8 Millionen erhöhen. Es ist besonders der klugen Verhandlungstaktik des Bürgermeisters Krieger zu verdanken, daß sich hier seriöse Firmen ansiedelten, die sorgsam aus einer Fülle von Interessenten ausgewählt wurden. Das

für gewerbliche Betriebe ausersehenes Gelände rechts und links der Bahn­hofstraße war allerdings zum großen Teil lange blockiert durch das weithin be­kannte Versandhaus Neckermann. Dieser Firma war das nach dem Kriege neuerbaute Haus am Frankfurter Ostbahnhof zu eng geworden, sie suchte neue Bauplätze und fand sie in Bischofsheim. Rechts der Bahnhofstraße waren die früheren Müllerleile'schen Grundstücke sowie die sich anschließenden Sandäcker in Privatbesitz. Mit tatkräftiger Unterstützung der Gemeinde gelang es der Fir­ma Neckermann, diese Acker von den Besitzern für insgesamt 60.000,- DM zu erwerben. Das war im Jahre 1954/55 ein guter Preis.

Bischofsheim glaubte nun den großen Gewerbesteuerfisch an der Angel zu ha­ben, aber Neckermann baute nicht! Hat vielleicht nie bauen wollen und den An­kauf des Geländes als Druck­mittel gegen die Stadt Frankfurt vollzogen.

Frank­furt stellte dann auch prompt aus Furcht, diesen großen Steuerzahler zu ver­lieren, der Firma das Gelände an der Hanauer Landstraße zur Verfügung. Dort wurde gebaut, sofort und umfassend.

Aber unser Gelände blieb in den Händen der Firma Neckermann! Man hatte versäumt, die Klausel einzufügen, daß das Gelände an die Gemeinde zurück­gegeben werden müsse, wenn innerhalb einer gewissen Frist nicht gebaut würde. Sechs Jahre wurden immer wieder Versuche unternommen, in den Besitz des für den Ort lebenswichtigen Baugebietes zu kommen; schließlich ging die Ge­meinde 1961 vor das Verwaltungsgericht, vor dem sich die Firma bereit erklärte, den Besitz für nunmehr 600.000,- DM der Gemeinde zu überlassen. Nun konn­ten sich Gewerbebetriebe ansiedeln mit Schwerpunkten in der Gutenbergstraße, der Philipp-Reis-Straße und der Bahnhofstraße. Auch in der Spessartstraße und ab 1973 in der Bruno-Dreßler-Straße entstanden zahlreiche gewerbliche Niederlassungen. Insgesamt bestehen 1974 am Ort 320 gewerbliche Betriebe, zu denen noch 83 Personen mit Mindestgewerbesteuer kommen.

 

Die Gastarbeiter

Die Gastarbeiter kamen anfangs tropfenweise, dann strömten die Völkerscharen herbei. Im Jahre 1967 z. B. hatten wir Menschen aus Osterreich, Holland, Frankreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Bulgarien, England, Schweden, Irland, Nordamerika, Kanada, Argentinien, der Türkei, Marokko, Ghana, Ägypten, Israel und Jordanien zu Gast.

Das Hauptkontingent der Gastarbeiter stellten anfangs die Italiener und Jugo­slawen, später traten Spanier in großen Mengen auf, dann kamen die Griechen und zuletzt die Türken. Sie brachten ihre heimische Sitte und Kleidung mit, machten die warmen Sommernächte zum Tage, ließen an ihrer Radiomusik an warmen Samstagen und Sonntagen große Teile der Gemeinde teilnehmen und bevölkerten rudelweise die Bürgersteige. Sie unterhielten sich in einer Lautstärke, daß man jederzeit den Ausbruch einer Schlägerei befürchten mußte, wenn nicht ebenso lautes und fröhliches Lachen auf die Harmlosigkeit des Stimmengewirrs hingewiesen hätte.

Es ist kein Ruhmesblatt der Westdeutschen, daß diese Gastarbeiter anfangs häu­fig schamlos ausgenutzt wurden. In der Zeit des Wohnungsmangels wurden die Ausländer in die unmöglichsten Räume verwiesen, Garagen, Keller, Bodenräume wurden schleunigst zu „Wohnungen“ umfunktioniert, auch Waschküchen und frühere Schweineställe erweiterten den Wohnungsmarkt. Dutzende von Gastarbeitern waren in kleinen Räumen zusammengepfercht und mußten für die aus einem Brettergestell bestehende Schlafstelle häufig horrende Summen bezah­len. Erst als sich die Behörden und Gewerkschaften dieses Übelstandes annah­men, erst als die schlimmsten Ausbeuter in der Presse angeprangert und einige der gewinnsüchtigen Wucherer von Gerichten verurteilt worden waren, erst als eine Sättigung auf dem Wohnungsmarkt eintrat, besserte sich auch für die Gast­arbeiter die Wohnungssituation.

In Bischofsheim haben sich hunderte von Einwohnern ein neues Haus gebaut, waren in moderne Mietwohnungen oder Eigentumswohnungen gezogen. In den älteren Häusern der Schäfergasse, der Borngasse oder der Niedergasse gab es plötzlich leerstehende Wohnungen, und bald waren alle von Gastarbeitern be­setzt. In der Niedergasse, dem heute noch ursprünglichsten Teil der Gemeinde, spielen heute kaum noch deutsche Kinder. Hier tollen spanische, portugiesische und türkische Kinder herum. Der alte Ortskern mit seinen Fachwerkhäusern wird hier wie anderenorts immer mehr zu einem Getto der Gastarbeiter.

In Bischofsheim sind im Jahre 1974 etwa 1.200 bis 1.300 Ausländer. Sie leben hier zum Teil schon mehrere Jahre und haben auch Verbindungen zu deutschen Familien aufgenommen. Auch Eheschließungen zwischen Deutschen und Aus­ländern sind keine Seltenheit mehr.

Sogar im Wirtschaftsleben der Gemeinde beginnen die Ausländer eine Rolle zu spielen. Zwei Marmorbetriebe sind Eigentum von Italienern, ebenfalls ist das Lokal „Schäferstube“ in der Schäfergasse in italienischem Besitz. Auf dem Hof der Schäfergasse 6 besteht ein italienisches Lebensmittelgeschäft, in der Waldstraße ein gut besuchter italienischer Eissalon, im Rumpenheimer Weg existiert ein spanisches Lebensmittelgeschäft und in der Bruno-Dreßler-Straße ist die Niederlassung einer Mailänder Firma mit Zubehör für Textilbetriebe.

Die Gastarbeiter haben starken Anteil am Aufschwung der deutschen Wirtschaft. Die ausländischen Arbeiter werden häufig bei schmutzigen Arbeiten eingesetzt, für die zur Zeit deutsche Arbeiter schwer gewonnen werden können. Auch bei Arbeiten, die mit einer starken körperlichen Belastung verbunden ist, findet man häufig Ausländer, z. B. bei der Müllabfuhr, bei Erdarbeiten im Straßenbau, beim U-Bahn-Bau.

Sie verdienen ihr gutes Geld, sind meistens sparsam und beschei­den; häufig sind auch die Familien der Gastarbeiter hier oder sie werden in ihrer Heimat völlig von dem Verdienst der Gastarbeiter durch regelmäßige Geldsen­dungen unterhalten. Die deutsche Wirtschaft braucht diese Gastarbeiter immer noch dringend; für die soziale Eingliederung der Gastarbeiter und für die Aus­bildung und Erziehung ihrer Kinder sollte in Deutschland etwas mehr getan werden.

 

Die Schrebergärten

Auch in der Gemeinde Bischofsheim entstanden Kleingärten. Viele Einwohner, die kein eigenes gärtnerisch nutzbares Gelände besaßen, versuchten sich Landstücke zu pachten. In den Kriegs- und darauffolgenden Notzeiten ver­suchte jedermann in die Nutzung eines Fleckchens Erde zu kommen, um die Ernährungsbasis etwas aufzubessern. Später fand man Freude daran, seine eige­nen Radieschen zu ziehen, ein Obstbäumchen zu pflanzen und heranwachsen zu sehen.

Der Gemeinde erging es mit den Kleingärtnern wie mit den Turnern und Fuß­ballern. Nachdem die Kleingartenfreunde immer zahlreicher wurden, schlossen sie sich zu einem Verein zusammen und kamen zur Gemeinde: „Wir brauchen Land für Schrebergärten!“ Und die Gemeinde gab es. Die ersten Gärten dieser Art wurden auf dem alten Friedhof zwischen Hintergasse und der Zwingerstraße an­gelegt, aber bald wurden in beiden Straßen Gebäude errichtet, und die Kleingärtner mußten weichen.

Ein Kleingartengelände war auch im Gebiet des heuti­gen Eugen-Kaiser-Ringes im letzten Krieg eingerichtet. Nach dem Krieg ent­standen auch hier Häuser, die Kleingärtner mußten abermals weichen. Das große Schrebergartengelände links der Bahnhofstraße entlang der Bahnstrecke nach Hanau war lange für viele zufriedene Kleingärtner ein abgelegenes und unge­fährdetes Domizil, dann kamen auch hier die Lastwagen, fuhren Kies ab und brachten Lärm und Schmutz. Schließlich wurde die lange geforderte Überfüh­rung der Bahnstrecke begonnen, und nun wurden auch hier die Kleingärtner ver­trieben.

Ungefährdet wähnte sich auch die Kleingartenkolonie neben der Eishalle, doch auch sie entging ihrem Schicksal nicht. Nachdem die Häuserfronten den fried­lichen Gärtnern schon bedenklich auf dem Leib gerückt waren, kam die A 80 und griff nach ihrem Boden, und wenn noch einige Parzellen übrigbleiben soll­ten, werden sie im Lärm und Staub des Straßenbaus erstickt werden und die letzten Gärtner vor den Abgasen der Kraftfahrzeuge kapitulieren müssen.

Vorsichtige Kleingärtner wichen nach Norden aus und ließen sich von der Ge­meinde ein Gelände nördlich der Straße nach Bergen anweisen, wo alsbald ein fröhliches Graben, Pflanzen und Bauen begann. Sogar ein Gemeinschaftshaus er­stellte man und glaubte sich sicher wie in Abrahams Schoß. Aber wieder droht die Entwicklung auch über diese Kolonie hinwegzurollen.

Im Zuge der Verbreiterung und Begradigung der gefährlichen Straße nach Bergen soll eine Nordumgehung Bi­schofsheims gebaut werden, und diese führt durch die Kleingärten.

 

Bürgermeister Georg Krieger

In seiner elfhundertjährigen Geschichte hat Bischofsheim viele Bürgermeister gehabt. Niemand wird mehr feststellen können, wie viele es waren und wie sie alle hießen. Verschieden sind auch ihre Titel gewesen. Da gab es jahrhundertelang die Zentgrafen, deren Zuständigkeit sich zwar nicht ganz mit der eines heutigen Bürgermeisters deckte, ihr jedoch vergleichbar war. Dann nannten sich die Dorfoberhäupter Schultheiß oder „Heimburge“, für kurze Zeit gab es sogar einen „Maire“, ebenfalls für kurze Zeit einen Schulzen, schließlich ist man doch bei dem „Bürger­meister" geblieben. Es sind viele tüchtige Männer unter den Bischofsheimer Bürgermeistern gewesen, Männer, die mit Mut und Energie die Gemeinde sicher führten und in kritischen Situationen einen klaren Kopf behielten.

Der letzte Bürgermeister der Gemeinde Bischofsheim war Herr Georg Krieger. Bürgermeister Krieger hat in einer ungewöhnlichen Zeit Ungewöhnliches gelei­stet. Am 18. Juli 1908 in dem damals noch zum Kreis Hanau gehörenden Fechen­heim als Arbeitersohn geboren, trat er nach Beendigung der Schulzeit eine 31/2 jährige Schlosser- und Spenglerlehre an und hat als Handwerker gearbeitet, bis ihn wie hunderttausende andere die beginnende Weltwirtschaftskrise 1928 ar­beitslos machte. Seine Befähigung zu manueller Tätigkeit war nicht gerade hochentwickelt, seine größeren Fähigkeiten lagen auf anderem Gebiet.

Der junge geistig aufgeschlossene Mann mit Sinn für Humor und Neigung für Musik, Theater und Sport trat schon 1922 in die sozialdemokratische Arbeiterjugend ein und wurde Mitglied der Gewerkschaft, war im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und trat 1927 in die SPD ein. Er war ferner Angehöriger der Eisernen Front. Im Jahre 1920 kam Herr Krieger nach Bischofsheim und trat dem DRK bei, wo er führend mitarbeitete und es als DRK-Mann auch verstanden hat, sich der Ein­gliederung in irgendeine NS-Organisation zu entziehen.

Von 1942 bis 1945 war Herr Krieger Soldat und als Sanitäter zur Kriegsmarine eingezogen. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kehrte er in die Heimat zurück und stellte sich sofort dem Wiederaufbau zur Verfügung. Er trat dem Bürgeraus­schuß bei und wurde 1946 nach der ersten demokratischen Wahl Gemeindever­treter. Die SPD wählte den intelligenten und besonnenen Mann zum Sekretär des SPD­-Unterbezirkes Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern.

 

Im Jahre 1952 wurde er zum Bürgermeister von Bischofsheim gewählt und hat das Amt bis zur Gründung der Stadt Maintal innegehabt. Auch nach dem Zusammen­schluß war Herr Krieger noch bis zur Kommunalwahl am 27. Oktober 1974 als Erster Staatsbeauftragter für die neue Stadt tätig. Bürgermeister Krieger gehörte von 1952 bis 1974 dem Kreistag an und war von 1966 bis 1974 Kreistagsvorsitzender. Er bekleidete außerdem eine große Anzahl von Neben- und Ehrenämtern.

Solche Ämtermassierungen können wohl ein Kriterium für einen tüchtigen Mann sein, brauchen aber nicht unbedingt einen „Großen Mann“ zu kennzeichnen. Bürgermeister Krieger war jedoch ein großer Mann, der, obwohl von Haus aus kein gelernter Verwaltungsmann, es doch verstanden hat, der Verwaltung den Stempel seiner Persönlichkeit aufzudrücken und in der turbulenten Zeit der stür­mischen Entwicklung dieser Gemeinde die Fäden nicht aus der Hand zu ver­lieren und mit einem ausgemachten Sinn für das Mögliche, gemeinsam mit einer progressiven Gemeindevertretung, das kleine Bischofsheim nicht nur flächen­mäßig groß gemacht, sondern zu einem organisch gesunden Gemeinwesen ge­staltet zu haben. So viele und so hohe Ämter er auch bekleidet hat, er ist nie überheblich oder arrogant geworden und hat sich stets als Sohn des Volkes verstanden.

Bürgermeister Krieger hat sich durch seine korrekte und erfolgreiche Amtsfüh­rung und durch seine warme Hilfsbereitschaft und menschliche Güte nicht nur An­erkennung, sondern auch tiefes Vertrauen bei allen Schichten der Bischofsheimer Bevölkerung erworben. Für seine überragenden Verdienste wurde der letzte und auch größte Bischofs­heimer Bürgermeister am 14. Juni 1972, anläßlich seines zwanzigjährigen Dienstjubiläums, durch den Hessischen Innenminister Bielefeld mit der Freiherr-vom-Stein-Plakette ausgezeichnet.

Der Bundespräsident verlieh dem scheidenden Bürgermeister in Anerkennung seiner erfolgreichen Tätigkeit am 28. Juni 1974 das Bundesverdienstkreuz. So eine Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes kann auch ihre Tücken haben. Anfang Februar 1974 reichte der Gemeindevorstand den mit allen nötigen Unter­lagen versehenen Antrag auf Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den Bür­germeister Krieger auf dem Dienstwege nach Bonn ein, in der sicheren Hoffnung, daß dieser Vorgang in fünf Monaten abgewickelt werden könne, ohne die zustän­digen Behörden allzusehr in Zeitnot zu bringen. Aber es rührte sich nichts, und die für den 28. Juni 1974 vorgesehene letzte Gemeindevertretersitzung rückte immer näher. Nervöse Anrufe in Bonn, Wiesbaden und Darmstadt sowie bei dem Bun­destagsabgeordneten Gerhard Flämig hatten stets dasselbe Ergebnis: Niemand konnte Auskunft geben!

Da kam am Vormittag des 28. Juni der erlösende Anruf aus dem Landratsamt: Der Orden ist da! Der Erste Beigeordnete bat nun, daß der Herr Landrat in der abend­lichen Sitzung die Ehrung vornehmen möge, aber der Landrat war zu diesem Zeit­punkt dienstlich verhindert. Auch der Kreisdirektor Lenz und der Jurist des Kreises, Dr. Paul, waren anderweitig dienstlich verpflichtet. Wir sollten uns alles abholen und dem Bürgermeister das Verdienstkreuz durch den Ersten Beigeordneten überreichen lassen. So wurden Urkunde und Orden geholt, bewundert, weggeschlossen und eine Rede zusammengebastelt.

Am Nachmittag dieses Tages kam ein dringender Anruf aus dem Landratsamt: Herr Bürgermeister und der Orden seien umgehend nach Hanau zu bringen, denn die Überreichung einer so hohen Auszeichnung dürfe nicht durch untergeordnete Instanzen erfolgen, sondern müsse mindestens durch einen Landrat vorgenommen werden. So mußte leider Bürgermeister Krieger von der als Überraschung geplan­ten Ehrung in Kenntnis gesetzt werden. Um jedoch wenigstens ein kleines Dekor zu bilden, fuhren zwei Beigeordnete mit, spendeten Beifall und wurden mit einem Glas Sekt belohnt. Abends bei der letzten Gemeindevertretersitzung erhielt der Bürgermeister von den Vertretern aller Parteien anläßlich seiner Auszeichnung einen lebhaften und ehr­lich gemeinten Beifall.

 

Gänsweiher

In der Presse und auch sonst wird das be­liebte Naherholungsgebiet in Bischofs­heim oft „Gänsseeweiher“ genannt. Aber  das ist ganz offensicht­lich ein doppelt gemoppelter Begriff: Entweder muß es heißen „Gänsweiher“ oder „Gänssee“. Davon ist wieder abgleitet der Straßenname „Gäns­seestraße“, entsprechend der Bezeichnung der umgebenden Flur.

Fortan gab es in Bischofsheim die Gänsseestra­ße und ohne groß darüber nachzuden­ken, wurde diese Bezeichnung auch für das Naherholungsgebiet verwendet und an den „See“ einfach noch ein „Weiher“ angehängt ‑ fertig war der Gänsseewei­her.

 Es muß nach wie vor „Gänse-Weiher“ heißen, so war es auch früher, als das „Suffner‑Träutsche“ als letzte ihre Gänse auf das dortige Sumpfgelände trieb. Es handelt sich hier nicht um einen See, son­dern vielmehr um ein Feuchtgebiet hin­ter dem Friedhof . Um 1910 sind die Gänse noch in dieses Ge­biet getrieben würden, um dort Schne­cken und anderes Getier zu fressen ‑ wie es eben auch das „Suffner‑ Träutsche“ tat.

Der „Gänseweiher“ ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Eine Luftmine hat einen Krater und viele abgeknickte Bäume hinterlassen. Der Krater hat sich mit Grundwasser gefüllt, die Bäume sind schließlich gero­det worden. Der Uferbereich ist schließlich durch damalige Baggerfirma Kern ‑ sie durfte das Gewässer für den Kiesabbau nutzen ‑ bepflanzt und eine Insel als Nistplatz für Enten und andere Wasservögel geschaffen worden. So entstand der heutige Anglersee auf dem Gelände des Gänseweihers.

Als eigentliches Naherholungsgebiet der heutigen Form wurde das Gänseweiher‑Gelände übrigens am 11. Juli 1970 eingeweiht. So kann man sich heute bei gemütlichen Spaziergängen an der herrlichen Natur, an seltenen Pflanzen und Vögeln rund um den Gänseweiher freuen. Schön daß es ihn gibt. Denn solche stille Refugien werden bei uns in Großstadtnähe immer seltener.  

 

Eugen-Kaiser-Ring

In Bischofsheim wurde die Straße am Friedhof mit seinem Namen versehen, durch ihre Eckform und zusam­men mit der Friedhofs‑ und Waldstraße ei­nen „Ring“ bildend, eben „Eugen‑Kaiser­-Ring“. Mit dieser Benennung wird des letz­ten Landrats des Kreises Hanau vor der Machtübernahme durch die Nationalsozia­listen gedacht, der im Zweiten Weltkrieg als KZ‑­Häft­ling in Dachau umkam. Er hat­te sich vor allem um benachteiligte Bevöl­kerungsgruppen verdient gemacht.

Geboren wurde Kaiser am 28. Oktober 1879 in Cleversulzbach bei Heilbronn. Sein Vater Christian Kai­ser war dort als Gastwirt tätig. Nach der Schulzeit erlernte Eugen Kaiser den Beruf des Gärtners und konnte sich Im Jahre 1906 im Gärtnerverband schon „Gauleiter“ nennen. Damit war er also Leiter eines Landschaftsbezirks. Der Begriff dieses Amts war vor dem Ersten Weltkrieg durchaus gängig in Strukturen diverser Vereinigungen. Einen negativen Beiklang erhielt die Gauleiter‑Stellung erst, als die Nationalsozialisten ihn ab 1925 für ihre Ge­bietsorganisation übernahmen (dritt­höchste Regierungsebene unter dem „Füh­rer“ und der Reichsleitung).

Eugen Kaiser interessierte sich nicht zu­letzt auf Grund seiner Herkunft aus der unteren Mittelschicht für die Belange der Kleinbürger. Kein Wunder also, daß er sich in der Arbeiterbewegung mit enga­gierte. Im Jahre 1907 besuchte er die Gewerkschafts­schule, in der er sich ausgiebig mit Ar­beitsrecht auseinander setzen konnte. Sein Einsatz für die Arbeiterschaft brachte ihm schnell Anerkennung ein. Im Jahre 1910 wurde er in die Position des Arbeitersekretärs in Frankfurt am Main berufen. Zugleich war er Vorsitzender des Bezirksjugend‑Aus­schusses.

Damit präsentierte er sich auch auf der po­litischen Bühne. Von seinen Genossen in der SPD hatte er schon 1909 das Vertrauen ausgesprochen bekommen, bis 1921 den Vorsitz des Frankfurter Stadtverbands in­ne. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er bis zum Ende seines SPD‑Vorsitzes der Stadtverordnetenfraktion an.

Von 1920 bis 1924 war er Mitglied des Reichstages in Berlin, bevor er sich dann völlig auf seine Landratsposition einlas­sen konnte, die er 1922 übernommen hatte: Er entschied die erste Landratswahl im Kreis Hanau für sich. Im Jahr seines Amts­antritts wurde Eugen Kaiser auch die Poli­zeidirektion in Hanau überlassen. Als Landrat machte sich Kaiser stark für so­ziale und wirtschaftliche Einrichtungen, förderte beispielsweise den Neubau von Schulen. Auch in Kreisen seiner politi­schen Gegner erwarb er sich auf diese Weise einen positiven Ruf.

Knapp elf Jahre machte sich Eugen Kaiser als Oberhaupt des Kreises verdient, bevor er dann im Zuge der Machtübertragung an die NSDAP im März 1933 in den einstweiligen Ruhestand ver­setzt wurde. Über die Legitimation der „Gleichschaltung“ übernahmen in allen Kreisen Nationalsozialisten die Leitungs­funktionen.

Damit aber noch nicht genug, blieben die ehemaligen Funktionäre, gerade aus der SPD und der KPD, den Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung, weiter unter strenger Beobachtung und Kontrolle. Eu­gen Kaiser war also gleich mehrfach „vor­belastet“. Die Verordnungen und Verfolgungen betrafen gerade im Laufe des Krie­ges immer größere Bevölkerungsgruppen. Nicht nur Menschen jüdischen Glaubens, auch unliebsame Personen aus Politik, Ge­werbe und Kultur fielen willkürlichen In­haftierungen zum Opfer.

Als Generäle um den Oberst Claus Schenk Graf von Stauf­fenberg am 20. Juli 1944 einen Sprengstoff­anschlag auf Adolf Hitler verübten, war der passende Vorwand geliefert, um gleich eine ganze Welle von Arretierungen zu veranlassen. Bei dem Attentat sollte Hitler in seinem Hauptquartier „Wolfsschanze“ nahe Rastenburg während einer Bespre­chung getötet werden. Der Plan schlug fehl, statt dessen war nun der Weg geebnet für die Aktion „Gitter“. Bei dieser Serie von Inhaftierungen waren vor allem Symbolfiguren der SPD, Politiker der Reichs‑ und der Landesebene, die sich vor 1933 kämpferisch mit dem Nazis­mus auseinander gesetzt und vor Hitler ge­warnt hatten sowie Personen, denen auf lokaler Ebene NS‑Abneigung nachgesagt wurde. Hunderte von Menschen wurden in allen Kreisen in Gewahrsam genommen, Eugen Kaiser zählte ebenfalls dazu.

Der Reichsführers der SS, Heinrich Himm­ler, gab am 21. August 1944 den Befehl für den Start von „Gitter“ ‑ doch auch zuvor waren schon unzählige Festnahmen vorge­nommen worden. Für die folgenden sechs Monate sollte sich der Volksgerichtshof mit der Vielzahl an Gefangenen auseinan­der setzen, mehr als 5.000 Todesurteile wur­den in dieser Zeit alleine wegen des Atten­tats ausgesprochen, Tausende Zuchthaus­strafen wurden verhängt. Der Volksge­richtshof war ein Sondergericht für „Hoch‑ und Landesverrat“, die Mitglieder wurden von Hitler selbst ernannt, ehren­amtliche Beisitzer stammten allesamt aus den Reihen der NSDAP oder der Wehr­macht. Für Eugen Kaiser lautete das Urteil im August 1944 auf Haft im Konzentrati­onslager Dachau. Allerdings drängten die Alliierten in den folgenden Wochen und Monaten an allen Fronten des Deutschen Reiches vor, so daß auch das KZ Dachau fluchtartig verlassen werden mußte. Für die Häftlinge stand aus diesem Grunde ein beschwerlicher Marsch bevor, Ziel waren die bayerischen Berge, in die sich die Nazis mit ihren Inhaftierten zu­rückziehen wollten.

Dem mittlerweile 65‑jährigen Eugen Kai­ser wurde dieser lange Marsch aber zum Verhängnis. Er war den körperlichen Strapazen nicht mehr gewachsen und ver­starb. Als Todesdatum gilt der 4. April 1945. Nach Kaisers Tod und dem Ende des Zwei­ten Weltkriegs wurden im Main‑Kinzig-­Kreis Straßen nach ihm benannt.

 

Maintal  (zur Geschichte des Stadtteils vergleiche auch „Maintal. Geschichte“)

Um das Jahr 1965 grassierte die Gebiets- und Verwaltungsreform im Lande. Die Grundidee der Gebiets- und Verwaltungsreform war begrüßenswert und ge­sund. Man wollte allen Bürgern des Landes auch auf der Ebene der Verwaltung gleichsam Chancengleichheit geben.

In vielen kleinen Dörfern und Gemeinden mit ihren ehrenamtlichen oder nebenberuflichen Bürgermeistern und wenigen oft nur mit schwachen Verwaltungskenntnissen ausgerüsteten Bediensteten konn­ten die Bürger nicht ausreichend betreut und beraten werden, mußten Nachteile hinnehmen, die besonders auf dem kulturellen und sozialen Sektor auftraten. Durch Großgemeinden mit einer leistungsfähigen Verwaltung wollte man die Lage der bisher benachteiligten Orte anheben und deren gesamte Infrastruktur verbessern.

Das Land Hessen versuchte diese Reformen anfangs auf freiwilliger Basis durch­zuführen, hatte jedoch damit nur beschränkte Erfolge. Aber dann wurden die Reformen durch Gesetz im Landtag beschlossen, und von finanziellen Zuwendungen war nun keine Rede mehr. So sind von mehr als 2.700 hessischen Gemeinden heute nur 597 geblieben, und am 1. Januar 1977 werden es nur noch 417 sein.

Alte klangvolle Ortsnamen mit dem Schmuck historischer Patina verschwanden oder führten nur noch als untergeordnetes Unterscheidungsmerkmal ein Aschenbrödeldasein. Neue Namen traten auf, nicht natürlich gewachsen aus der Freude des Volkes an der Musik der Sprache oder aus der Treffsicherheit des Volksmundes. Es sind leider häufig Namen wie aus der Retorte, künstlich gemacht und inhaltsleer.

In vielen Großstädten vollzieht sich zur Zeit eine soziologische Umstruktu­rierung. Das Herz der Stadt, die City, wird immer mehr von Großbauten be­herrscht, große Geschäfte, Banken und Büropaläste machen sich breit. Aber die Menschen entfliehen, sie wollen dort nicht mehr wohnen und ziehen an die Peripherie der Stadt und in die angrenzenden Gemeinden. Nachts ist die City menschenleer. Auch Frankfurt ist von dieser Entwicklung betroffen, und wäh­rend die Bevölkerungszahl im rhein-mainischen Ballungsgebiet immer noch an­wächst, geht die Einwohnerzahl der Großstadt ständig zurück. Das bedeutet ne­ben dem Prestigeverlust auch erhebliche steuerliche Einbußen, zumal in dem eng gewordenen Stadtgebiet kaum noch Platz für neue Industriewerke vorhanden ist und diese in die Nachbargemeinden gehen.

Was lag also näher als der Versuch, die verlorengegangenen Schäflein bei der Gebietsreform wieder unter die Obhut der Stadt zu bringen und nach Möglichkeit noch einige andere mehr? So entstand unter dem nun verstorbenen Oberbürgermeister Möller der nach ihm benannte Plan, nach dem die Stadt Frankfurt mit 64 Gemeinden eine Regionalstadt bilden sollte mit einer Einwohnerzahl von mehr als zwei Millionen, fast schon ein Stadtstaat. An den wütenden Protesten fast aller Gemeinden scheiterte dieses Vorhaben vorerst. Doch die kleinen Anrainer der Großstadt waren aufgeschreckt und versuchten durch Zusammenschlüsse Schutz- und Trutzburgen zu bauen.

Immer neue Möglichkeiten von Zusammenschlüssen wurden diskutiert, von der Regierung kam sogar einmal der Plan, Bischofsheim dem Kreis Offenbach ein­zuverleiben. Allmählich kristallisierte sich dann doch die Vereinigung von Bischofsheim, Dör­nigheim, Hochstadt und Wachenbuchen heraus.

Am 27. November 1973 wurde der sogenannte Grenzänderungsvertrag im Sit­zungssaal des Bischofsheimer Rathauses von den beteiligten Bürgermeistern und ihren Ersten Beigeordneten feierlich unterschrieben, nachdem der Hessische Land­tag keine andere Wahl gelassen hatte. Dieser Vertrag ist für unseren Ort ein so wichtiges Dokument, daß er, ebenso wie die früheste Urkunde, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht sein möge.

 

 

Im Zuge des Zusammenschlusses mußten in allen vier Stadtteilen Straßennamen umbenannt werden, wobei Bischofsheim mit nur 14 Umbenennungen am besten wegkam.

Aus der Bahnhofstraße          wurde             Am Kreuzstein

aus der Berliner Straße         wurde             Rhönstraße

aus der Bleichstraße              wurde             Am Bornberg

aus der Breslauer Straße       wurde             Erfurter Straße

aus der Danziger Straße        wurde             Tilsiter Straße

aus der Eichendorffstraße     wurde             Stoltzestraße

aus der Eichwaldstraße         wurde             Ulmenstraße

aus der Hintergasse               wurde             Alt Bischofsheim

aus der Kirchgasse                 wurde             Rumpenheimer Weg

aus der Königsberger Straße wurde             Allensteiner Straße

aus der Philipp-Reis-Straße   wurde             von-Miller-Straße

aus der Siemensstraße          wurde             Bruno-Dreßler-Straße

aus der Stettiner Straße         wurde             Rostocker Straße

aus der Wiesenstraße            wurde             Am Obertor

 

Am 19. Juni 1974 fand die letzte Gemeindevertretersitzung in Bischofsheim statt.

 

Gemeindevorstand:

Krieger, Georg           Bürgermeister                                   SPD

Lippert, Herbert         Erster Beigeordneter SPD

Marquard, Heinrich   Beigeordneter                        SPD

Urbisch, Erich             Beigeordneter                        SPD

Rohrbach, Wilhelm    Beigeordneter                        CDU

Schreiber, Carl           Beigeordneter                        CDU

 

Gemeindevertretung:

Ewald, Friedrich         Vorsitzender               SPD

Sigulla, Sepp                                                  SPD

Kühn, Heinz-Werner                                      SPD

Weil, Valentin                                                SPD

Benditz, Dieter                                              SPD

Weiher, Christa                                             SPD

Glaser, Ottmar                                              SPD

Wörn, Rena                                                   SPD

Bolz, Johannes                                               SPD

Urbisch, Ruth                                                 SPD

Volk, Ernst                                                     SPD

Milbrecht, Gerhard                                       SPD

Puhl, Klaus                                                     SPD

Gollenbeck, Bernd                                         SPD

Ebert, Friedrich                                             SPD

Güth, Rainer                                                  SPD

Rohrbach, Helmut                                         SPD

Schüler, Max                                                 SPD

Eschmann, Horst                                           SPD

Rapp, Peter                                                    SPD

Römer, Norbert                                             SPD

 

Heiermann, Horst                                          CDU

Schoor, Norbert                                             CDU

Dr. Wendt, Werner                                       CDU

Kaiser, Ruth                                                     CDU

Linscheid, Raimund                                       CDU

Eschelbach, Wolfram                                    CDU

Fasbender, Volker                                         CDU

Hofmann, Martel                                          CDU

Sukatsch, Joachim                                         CDU

Rack, Dieter                                                   CDU

Moll, Manfred                                               CDU

Trauner, Heinz                                               CDU

Barschow, Horst                                            CDU

 

Lietz, Walter                                                  FDP

Gutsch, Rosemarie                                        FDP

Eschmann, Wilhelm                                      FDP

 

Schriftführer:

Krebs, Wilfried

Seibel, Dieter

 

 

Am 28. Juni 1974 kamen die Bischofsheimer Kommunalpolitiker nochmals zu ei­nem Parlamentarischen Abend zusammen, über dem doch leise Wehmut lag. Bürgermeister Krieger gab einen eindrucksvollen gerafften Bericht über die bis­herige Entwicklung des Ortes, der Erste Beigeordnete Lippert würdigte die Ver­dienste des scheidenden Bürgermeisters und die Fraktionsvorsitzenden Sigulla, Heiermann und Frau Gutsch kamen zu Wort.

Seit dem 1. Juli 1974 steht an den Ortstafeln. „Maintal“! Topographisch nicht recht zutreffend und klanglich nicht sehr schön. Das Bischofsheimer Rathaus als das modernste in den vier Stadtteilen wird vor­erst die wichtigsten Verwaltungsämter beherbergen. Noch ist alles in der Um­stellung begriffen, die am 31. August 1974 beendet sein soll. Unter den Staatsbeauf­tragten läuft alles noch gebremst, erst die am 27. Oktober 1974 stattfindende Kom­munalwahl wird eine neue Stadtverordnetenversammlung erbringen, die dann auch den neuen Bürgermeister der Stadt zu wählen hat.

 

Grenzänderungsvertrag

- Zusammenlegung -

 

Die Gemeinde Bischofsheim, vertreten durch den Gemeindevorstand,

und

die Gemeinde Hochstadt, vertreten durch den Gemeindevorstand,

und

die Gemeinde Wachenbuchen, vertreten durch den Gemeindevorstand,

und

die Stadt Dörnigheim, vertreten durch den Magistrat,

schließen in Ausführung der Beschlüsse

der Gemeindevertretung von Bischofsheim vom 30. Oktober 1973

und

der Gemeindevertretung in Hochstadt vom 9. November 1973

und

der Gemeindevertretung in Wachenbuchen vom 26. Oktober 1973

und

der Stadtverordnetenversammlung in Dörnigheim vom 26. Oktober 1973

 

gemäß §§ 16 bis 18 der Hessischen Gemeindeordnung vom 25.2. 1952 in der Fassung vom 1. Juli 1960 (GVBl. S.103) folgenden Grenzänderungsvertrag:

 

§ 1

Zusammenlegung - Name - Ortsteilbezeichnung

(1) Die Gemeinde Bischofsheim, die Gemeinde Hochstadt, die Gemeinde Wachenbuchen und die Stadt Dörnigheim schließen sich zu dem vom Gesetzgeber festgesetzten Termin zu einer Stadt zusammen.

(2) Die neue Stadt soll den Namen „MAINTAL“ tragen.

(3) Die Namen der bisherigen Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und der Stadt Dörnigheim sollen als Ortsteilbezeichnungen weiter­geführt werden. Die Ortsteilbezeichnungen werden auf den jeweiligen Ortstafeln angebracht.

 

§ 2

Rechtsnachfolge

Die neu zu bildende Stadt ist die Rechtsnachfolgerin der bisherigen Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und der Stadt Dörnigheim. Sie tritt mit dem Tage der Rechtswirksamkeit der Zusammenlegung in alle Rechte und Pflich­ten der bisherigen Gemeinden ein.

§ 3

Nachwahl - Staatsbeauftragte für die Interimszeit

(1) Mit der Rechtswirksamkeit der Zusammenlegung gehen alle Organe der bis­herigen Gemeinden unter.

(2) Die gemäß § 32 KWG erforderliche Nachwahl ist binnen sechs Monaten nach Rechtswirksamkeit der Zusammenlegung durchzuführen. Die Gebiete der bisherigen Gemeinden bilden jeweils Stimmbezirke i. 5. des Kommunalwahlrechts.

(3) Für die Zeit von der rechtswirksamen Zusammenlegung bis zur Konstitu­ierung der neuen Gemeindeorgane werden der oberen Aufsichtsbehörde folgende Personen zur Bestellung als Staatsbeauftragte vorgeschlagen:

a) für die Aufgaben der Stadtverordnetenversammlung: je 5 Personen der bisherigen Gemeindevertretungen von allen vier Ortsteilen

b) für die Aufgaben des Bürgermeisters: der dienstälteste Bürgermeister dieser vier Gemeinden

c) für die Aufgaben des Magistrats (des 1. Stadtrates): er an Dienstjahren nächstälteste Bürgermeister der vier Gemeinden

d) für die Aufgaben der Stadträte: die anderen beiden Bürgermeister

 

§ 4

Statusrechte der Einwohner

Soweit die Wohnung oder der Aufenthalt in den bisherigen Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und der Stadt Dörnigheim für Rechte und Pflich­ten maßgebend sind, werden die Wohn- und Aufenthaltsdauer in der neuen Stadt ohne Unterbrechung angerechnet.

 

§ 5 Ortsrecht

Das Ortsrecht der bisherigen Gemeinden ist bis zum Zusammenschluß zu verein­heitlichen. Soweit dies nicht möglich ist, gilt es in den künftigen Ortsteilen weiter, bis die neue Stadtverordnetenversammlung neues Ortsrecht erläßt, jedoch läng­stens zwei Jahre nach Rechtswirksamkeit der Zusammenlegung.

 

§ 6 Bebauungspläne

Die für das Gebiet der bisherigen Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachen­buchen und der Stadt Dörnigheim erlassenen rechtskräftigen Flächennutzungs- und Bebauungspläne gelten als Bauleitpläne der neuen Stadt ohne die zeitliche Be­grenzung i. 5. von § 5 dieses Vertrages fort. Dies gilt auch für Flächennutzungs­- und Bebauungspläne, die vom gemeinsamen Planungsverband Bischofsheim, Dör­nigheim, Hochstadt und Wachenbuchen rechtskräftig aufgestellt worden sind.

 

§ 7 Verwaltung

Für die Aufgaben der Stadtverwaltung werden die vorhandenen Verwaltungs­gebäude- und -räume der Gemeinden genutzt. In den Gemeinden werden Außen­stellen der Stadtverwaltung eingerichtet. Dort werden die publikumsintensiven Angelegenheiten bearbeitet. Damit wird eine bürgernahe Verwaltung sichergestellt.

 

§ 8 Dienstrecht

Die Bediensteten (Beamte, Angestellte, Arbeiter) der bisherigen Gemeinden wer­den unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften und unter Wahrung ihres Be­sitzstandes in den Dienst der neuen Stadt übernommen.

 

 

§ 9 Ortsgerichts- und Schiedsmannsbezirk

Die a) Ortsgerichtsbezirke, b) Schiedsmannsbezirke in den bisherigen Gemeinden bleiben auch nach der Zusammenlegung bestehen.

 

§ 10 Investitionsmaßnahmen

(1) in den Gemeinden a) Bischofsheim, b) Hochstadt, c) Wachenbuchen und d) der Stadt Dörnigheim sind folgende Investitionen vorgesehen, die auch bei Zwischenwahlen bis zur nächsten ordentlichen Kommunalwahl durchgeführt bzw. begonnen werden sollen:

 

a) Bischofsheim: Bürgerhaus, Kindergarten mit Kinderhort, Waldspielpark am Eugen-Kaiser-Ring, Umgestaltung des alten Handballplatzes, Gemeinsames Schwimmbad (Kostenanteil)

Straßenbau, Wohnhaus auf dem Betriebshofgelände, Schmutzwasserkanal nach Frankfurt/Main, Tanklöschfahrzeug. Gesamtkosten ca. 12.915.000,- DM.

 

b) Hochstadt: Feuerwehrgerätehaus, Bau des zweiten Kindergartens, Kinderspielplatz an der Dreschhalle, Gemeinsames Schwimmbad (Kostenanteil), Sanierung Ortskern, Umlegungsverfahren (Baugebiet West), Erschließung des Baugebietes West (Straßenbau einschließlich Beleuchtung und Kanalisation), Ankauf von Gebäuden, Geländeerwerb für Festplatz, Friedhofserweiterung, Kinderspielplatz und Kin­dergarten. Gesamtkosten ca. 6.948.000,- DM.

 

c) Wachenbuchen: Rathaus (Sitzungssaal), Neuanlage des Friedhofes, Feuerwehrgerätehaus,

Erweiterung der Mehrzweckhalle, Verbesserung des Festplatzes, Kinderspielplatz einschließlich Rollschuhbahn in der Bachstraße, Neubau eines zweiten Sportplatzes, Freizeitpark im Gemeindewald, Umlegungsverfahren, Straßen- und Feldwegebau einschließlich Beleuchtung, Erweiterung der Kanalisation, Tanklöschfahrzeug, Erwerb von Gelände.

Gesamtkosten ca. 4.570.000,- DM

 

d) Dörnigheim: Fertigstellung des Bauhofes, Bürgerhaus, Kindergarten in Verbindung mit der Kindertagesstätte für behinderte Kinder des Landkreises Hanau, Kinderhort, Kinderspielplatz (Robinson-Spielplatz), Altenwohnheim mit Altentagesstätte, Sozialstation, Sportplatz (Hartplatz Eichenheege), Gemeinsames Schwimmbad (Kostenanteil), Freizeitpark, Sozialer Wohnungsbau, Straßenbau- und Straßenbeleuchtung, Erweiterung der Kanalisation, Fuhrpark einschließlich Straßenkehrmaschine, Tanklöschfahrzeug, Aufforstung, Erwerb von Gelände.

Gesamtkosten ca. 8.910.000,- DM. Einzelheiten ergeben sich aus den (hier nicht beigefügten) Finanzierungsplänen.

(2) Soweit diese Investitionen bis zum Zusammenschluß begonnen, jedoch noch nicht fertiggestellt sind, sind sie vordringlich zu verwirklichen.

(3) Darüber hinaus bestimmt die neue Stadtverordnetenversammlung Rangfolge und Dringlichkeit weiterer Investitionsmaßnahmen allein unter Beachtung des Gesamtwohls der Bürger der neuen Stadt.

 

§ 11

(1) Für den Zeitraum zwischen der Verabschiedung des Auseinandersetzungsvertrages und der Rechtswirksamkeit des Zusammenschlusses werden ge­meinsame Gremien auf der Ebene der Gemeindevorstände bzw. des Magistrats und der Gemeindevertretungen bzw. der Stadtverordnetenversammlung ge­schaffen.

(2) Den gemeinsamen Gremien sind alle Beschlußvorlagen der Gemeindevor­stände bzw. des Magistrats oder der Gemeindevertretung bzw. der Stadtver­ordnetenversammlung zur Beratung vorzulegen, die Auswirkungen auf den Zusammenschluß haben.

 

 

(3) Die gemeinsamen Gremien geben jeweils mit Mehrheit eine Empfehlung an den Gemeindevorstand bzw. den Magistrat oder die Gemeindevertretungen Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und die Stadtverordnetenversamm­lung der Stadt Dörnigheim.

(4) Dem gemeinsamen Gremium auf der Ebene der Gemeindevorstände bzw. des Magistrats gehören jeweils drei Vertreter der Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und der Stadt Dörnigheim an. In das gemeinsame Gremium auf der Ebene der Gemeindevertretungen bzw. der Stadtverordne­tenversammlung entsenden die Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt, Wachenbuchen und die Stadt Dörnigheim jeweils 5 Vertreter.

 

§ 12 Inkrafttreten

Die §§ 10 (1) und II dieses Vertrages treten nach Vertragsabschluß und auf­sichtsbehördlicher Genehmigung, die übrigen Bestimmungen treten mit dem rechts­wirksamen Zusammenschluß in Kraft.

 

Bischofsheim, den 27. November 1973

Für die Gemeinde Bischofsheim:

 

Für die Stadt Dörnigheim

 

Für die Gemeinde Hochstadt

           

Für die Gemeinde Wachenbuchen

 

 

Ergänzungen aus neuerer Zeit

 

 

Straßenfest (1980)

Ins Leben gerufen wurde beliebte „Bischemer Straßenfest“ im Jahre 1980 anläßlich der 1100-Jahrfeier Bischofsheims. Im Jahre 1974 hatten sich Dörnigheim, Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen zur Stadt Maintal zusammengeschlossen. Trotzdem sollten die historischen Feiern auch künftig in jedem Ortsteil abgehalten werden. Das Bischemer Straßenfest zum Jubiläum des jüngsten Stadtteils war das erste große Fest nach der Gebietsreform im Jahre 1974. Wegen des durchschlagenden Erfolges der Jahrfeier ist das jährlich stattfindende Bischofsheimer Straßenfest hervorgegangen.

Wilfried Krebs erinnert sich noch gut an die Vorbereitungen. Gemeinsam mit ihm als damaligem Hauptamtsleiter hätt­en allen voran seine Mitarbeiterin lrm­hild Bölitz sowie Herbert Lippert (Rek­tor i.R.), Philipp Eibelshäuser und Herbert Begemann vom Amt für Jugend, Kultur und Sport die Fäden in der Hand gehalten. So waren von Schulen über Kindergärten bis hin zu Parteien, Vereinen und Verbänden alle auf den Beinen, um die Jubiläumsfeier zum unvergeßlichen Ereignis werden zu lassen.

Die Teilnehmer hatten nicht nur ihre Stände zu planen, aufzubauen und zu bewirtschaften. Zudem galt es, Mitglie­der zu mobilisieren, die sich in histori­schen Kostümen am Festzug beteilig­ten. Motivwagen wurden in den Hallen des Betriebshofs zusammengezimmert. Kostümproben standen an. Doch der Aufwand lohnte sich.

Am Sonntag, 24. August 1980, schlän­gelte sich ein Festzug mit 50 Gruppen durch den Ort. Präsentiert wurden Bi­schofsheimer Symbole aus den voran­gegangenen Jahrhunderten. Auch Mu­sikzüge und Gäste aus den Gemeinden mit gleichem Namen Bischofsheim bei Zeil am Main, Bischofsheim bei Mainz und Bischofsheim in der Rhön - sowie Maintals Partnergemeinden wa­ren mit von der Partie. Es bildeten sich Freundschaften zwischen Vereinen aus Bischofsheim und den namensgleichen Orten, die noch heute bestehen, erzählt Krebs.

Mit viel Geduld und Akribie hatte Her­bert Lippert Bilder der Vergangenheit zusammengetragen, die im Rahmen einer Bilderausstellung Einblicke in das historische Bischofsheim gaben. Die von den Bürgern zur Verfügung gestell­ten Fotos zeigten unter anderem alte Häuser, Straßenszenen und Momente des alltäglichen Lebens. „Hunderte strömten ins Rathaus“ erläutert Krebs noch heute erfreut über den großen Erfolg der Dokumentation.

Das „Volksfest für alle Bischofshei­mer“, wie er es im Rückblick betitelt, begeisterte Große und Kleine. Gäste aus Nah und Fern folgten der Einladung. „uff de Gass“ zu feiern. So wurde eine weitere Auflage im Jahre 1981 be­schlossen.

Jahr für Jahr am dritten Augustwochenende wandelt sich „Alt Bischofsheim“ in eine große Feiermeile. Junge und Alte treffen sich zum Feiern „uff de Gass“. Das Straßenfest, so sind sich viele einig, ist aus Bischofsheim nicht mehr weg zudenken.

 

Eisstockschützen (1988)

Eine Straße eignet sich nur be­dingt zum Eisstockschießen. Wenn allerdings weder ein zu­gefrorener See noch eine künstliche Bahn zu haben sind, dann reicht notfalls auch eine abgesperrte Straße. So war es zumindest in Bischofs­heim. Mitte der achtziger Jahre, während der Bauphase am Ortsausgang in Richtung Ro­ter Graben, nutzten die Fans des Eisstocksports den gesperrten Fechenheimer Weg, um ihr Hobby auszuüben. Doch auf dem Asphalt lief der Eisstock nicht immer in der gewünschten Bahn.

So beschloß der Freundes­kreis im November 1988 den Ersten Eisstockschützenverein Maintal‑Bischofsheim aus der Taufe zu heben, um eine richtige Bahn zu bauen. Von der Stadt Maintal bekam der kleine Verein, der heute etwa 45 Mitglieder zählt, die Geneh­migung, innerhalb des Rasen­sportplatzes am Wald zwei Bahnen zu errichten. Seither haben die Sportlerinnen und Sportler eine gute Kunststofffläche, auf der sie Sommer wie Winter spielen können.

In Eigenregie wurden zusätz­lich ein kleiner Geräteschup­pen sowie eine Überdachung angelegt, so daß bei schlech­tem Wetter Spielpausen im Trockenen verbracht werden können. „Wenn der Gänssee­weiher zugefroren ist, wird selbstverständlich dort ge­spielt“, berichtet Wilfried Krebs, Schriftführer der Eis­stockschützen. „Doch das“, fügt er bedauernd an, „war in den vergangenen Jahren eher die Seltenheit“

In regelmäßigen Abständen werden Turniere zusammen mit anderen Vereinen oder auch vereinsintern abgehal­ten. Gespielt wird in Mann­schaften zu meist vier Perso­nen. Wer punkten will, muß den Stock so nah als möglich an einem runden Gummi­stück, der sogenannten „Dau­be“ plattieren. Je besser die Teams zielen, desto mehr Punkte erhalten sie.

Großen Wert legen die Eis­stockschützen auf die Gesellig­keit. Der Vergnügungsausschuß ist daher sehr aktiv, um immer wieder gemeinsame Aktivitäten zu organisieren. Zum festen Jahresprogramm zählen die traditionelle Rad­tour am 1. Mai, das Kerbtur­nier die Weihnachtsfeier so­wie das Heringsessen. Seit vie­len Jahren bestehen gute Kon­takte nach Moosburg in Kärn­ten, Moosburg in Bayern und Wülfsrath im Rheinland.

Sorgen machen sich die Sport­ler um den Nachwuchs. Zwar gibt es bei den Eisstockschüt­zen auch einige jungen Mit­glieder, doch mit Blick in die Zukunft zu wenige. Werbeak­tionen blieben bisher ohne den gewünschten Erfolg. Spaß ma­che den Gästen das Spiel, er­läutert Krebs, aber die Kon­kurrenz durch andere Angebo­te sei groß.

Trainiert wird sonntags von 10 bis 12 Uhr oder dienstags und donnerstags zwischen 18.30 und 20.30 Uhr auf der vereins­eigenen Sportanlage am Fe­chenheimer Weg in Bischofs­heim. Im Winter spielen die „Bischemer“ einmal pro Wo­che gemeinsam mit anderen Vereinen in der Eissporthalle Frankfurt. Interessenten sind jederzeit willkommen, um Fragen rund um den Sport zu stel­len oder bei einem Probespiel den Spaß am Eisstockschießen zu entdecken.

Für Auskünfte rund um den Eisstockschützenverein ste­hen Erwin Henkel, Erster Vor­sitzender (Telefon 06181- 46107) und Schriftführer Wil­fried Krebs (Rufhummer 06109 - 61157) ‑ zur Verfügung.

 

 

Lippert, Herbert (1989)

Nicht nur als Heimatforscher erwarb sich der Jubilar Verdienste um Bischofsheim

Zum 85. Geburtstag von Herbert Lippert (MTA, 01.08.1989)

Als der „Tagesanzeiger” Ihn vor fünf Jahren zu seinem Achtzigsten würdigte, hatte die Stadt Maintal gerade erst eine Arbeitsgruppe gebildet, um die Hochstädter Chronik zu erstellen. Doch bis heute konnte das Werk noch nicht beendet werden. Und warum nicht? Es fehlte einfach die treibende Kraft, die penibelste Recherche, der Wille und die Verbundenheit mit der Heimat eines Herbert Lippert. Trotz seines hohen Alters war sich der alte Herr nicht zu schade, seine Erfahrung als Chronist einzusetzen und Beiträge für die Hochstädter Chronik zu liefern. So wie er es vor zwei Jahrzehnten tat, als er die Geschichte der Gemeinde Bischofsheim von Grund auf ausarbeitete.

Am 31. Juli 1969 wurde Helmut Lippert pensioniert. 19 Jahre lang war er Lehrer und Rektor an der Waldschule in Bischofsheim. Und darauf legte er besonders großen Wert. Einen höheren sogar als den seiner Tätigkeit als Heimatforscher. „Ich will nicht immer nur als Chronist von Bischofsheim erwähnt werden”, ärgert sich der Jubilar ein wenig. Er hätte es viel lieber, würden ihn die Maintaler Stadtväter als Mitgründer der Bischofsheimer Volksschule zu würdigen wissen. Schließlich war er es, der zwei Jahre nach dem Krieg zusammen mit dem damaligen Bürgermeister von Bischofsheim, Georg Krieger, die neue Schule geplant und ermöglicht hatte. Lippert erinnert sich: „Der arme Bauleiter. Dreimal ließen wir die Fundamente wieder abreißen. Er resignierte schon und wollte uns seine Arbeit überlassen.”

Für Herbert Lippen war Bischofsheim die zweite Heimat. In Ostpommern geboren und aufgewachsen, verschlug es ihn nach dem Krieg eher zufällig an den Untermain. Vom Bauernknecht über den Waldarbeiter und Holzfäller stellte er seine Dienste der Gemeinde zur Verfügung. Zunächst als Lehrer „seiner Schule”, später als Rektor Auf seine pädagogische Arbeit ist er besonders stolz. Trotz seiner Bescheidenheit, wie er selbst sagt, ist er den vielen Ehrungen ein wenig überdrüssig geworden. Er hat doch soviel für Bischofsheim getan. Eben nicht nur die Chronik, die bei solchen Anlässen immer und immer wieder das Thema ist. Nur beiläufig erwähnt er, der erste Maintaler Bürger mit der goldenen Verdienstmedaille gewesen zu sein. Vom Bundesverdienstkreuz ganz zu schweigen.

Auch auf den Journalisten, der nur diese Chronik im Kopf zu haben scheint, ist er etwas, na ja ... „Wie war das denn nun, mit dieser Heimatgeschichte, will dieser junge Schreiber wissen. Herbert Lippen macht den Eindruck, als erzähle er nur widerwillig davon. Jeder fragt schließlich dasselbe. „Gut, spulen wir eben das runter, was es darüber zu sagen gibt.” Das oder so etwas Ähnliches könnte in ihm herumgeistern, als er mir zum ersten, insgesamt wahrscheinlich zum x-ten Mal, seine Geschichte von der Chronik erzählen muß. Erst nach seiner Pensionierung habe er endlich Zeit und Muße gehabt, sein immerwährendes Vorhaben zu verwirklichen. Sechs Jahre lang war er damit beschäftigt. Ein Archiv nach dem anderen mußte durchforstet werden. Doch nicht alle wollten sich in den Dienst seiner ehrenamtlichen und nicht entlohnten Tätigkeit als Heimatforscher stellen. Immer ins Staatsarchiv nach Marburg zu fahren, sei ihm zu lästig und zu zeitaufwendig gewesen. Also mußte er sich an Privatpersonen halten. Auf alteingesessene Bischofsheimer mußte er zurückgreifen. Sie sollten ihm ihr Material, ihre Überlieferungen oder Bilder zur Verfügung stellen.

Die Stadt war nach der Gemeindereform nicht gerade kooperativ gewesen­. Das Rathaus wurde umgebaut, modernisiert. Auf einmal habe er sich im Keller wiedergefunden, als er nach Material forschte. Urkunden der Kirchengemeinde gehörten auch dazu.

 

Heute hat er noch seinen Archivschrank im Rathaus, hat das Archiv ja auch lange Jahre geleitet. Aber so ganz alleine konnte er sein „Lebenswerk“ nun doch nicht verwirklichen. Er war zwar sein eigener Lektor und Korrekturleser gewesen, aber das Abtippen mit der Schreibmaschine übernahmen dann doch die Sekretärinnen der Stadt. Ebenso der Drucker und Verleger Braun war ihm

sehr behilflich. Man mußte ja 407 Seiten setzen, drucken und binden. Die Auflagestärke weiß Herbert Lippert nicht mehrt. Aber es gibt die Chronik immer noch, obwohl 1975 erschienen. Die Stadt muß ziemlich draufgelegt haben. Ein Buch hat Produktionskosten von 30 bis 40 Mark. „Aber wer”, fragt der alte Herr listig, „wer kauft schon eine Chronik um 40 Mark?” Für zwanzig Mark war es dann schließlich zu haben und die Stadt hatte obendrein noch eine nette Geschenkidee für Jubiläen und Sonstiges.

Ja, mit Leib und Seele war der Rektor a.D. bei der Sache. Aber für eine überarbeitete, zweite Auflage fühlt er sich zu alt. Es tat ihm damals, 1974, offensichtlich weh, diese Gemeindereform. Man wollte eigentlich. unter sich bleiben, alle vier Stadtteile. Lippert spricht von einer Vernunft- ja sogar Mußehe der vier Gemeinden.

Bischofsheim war die finanziell gesündeste der vier. Aber bevor es Frankfurt untergeordnet wurde? Nein! Dann schon lieber Maintal. Mit den anderen verbindet ihn sowieso fast nichts. Gut, Wachenbuchen habe ein paar schöne Speiselokale, aber sonst? Und Hochstadt sei sowieso das Hätschelkind der Stadt. Was da an Sanierung reingesteckt werde. Bischofsheim hätte in den 15 Jahren gerade mal einen Kindergarten in der Schillerstraße bekommen. Etwas grantig scheint Lippert zu werden, wenn er auf die Anfänge Maintals zu sprechen kommt. „Es wird nie den Charakter einer kleinen Stadt bekommen. Es bleiben vier kleine Ortschaften.” Aber inzwischen sieht er auch die Vorteile dieser Gemeindereform. Im Großen und Ganzen sei Maintal schon großzügiger angelegt.

Da kommt er dann auch von selbst wieder auf sein Werk zu sprechen. Seit der Zusammenführung habe es sowieso nichts Neues, Wissenswertes zu erfassen gegeben. Nur noch Verwaltungskram. Und im Übrigen: „Am Anfang hat sich niemand um meine Arbeit gekümmert. Als es dann endlich Konturen annahm, gab es die amtliche Förderung, doch einen Auftrag gab es nie. Es war allein meine Initiative.” Er gibt zu, nach der Pensionierung etwas Ausgleichendes, quasi einen neuen Beruf gesucht zu haben. „Es war auf einmal eine furchtbare Lücke da, die geschlossen werden mußte.

Und fürwahr, für alle die es noch nicht wissen sollten: Seine Chronik fängt tatsächlich in der Steinzeit an. Über die Bronzezeit und die Jungsteinzeit (Erwähnung vorgeschichtlicher Funde) führt seine „Verfolgung” dann schnurstracks zur ersten urkundlichen Berücksichtigung Bischofsheims, anno 880. Hexenprozesse und die Karolingerzeit, Römerstraßen und der Grenzstreit mit Hochstadt, die ersten Versuche im Weinanbau und die Geschichte der „Kerb”. Und natürlich die Kriegszeiten. Der 30jährige Krieg ebenso wie die Auswirkungen der französischen Revolution, das „Dritte Reich” wie die Kaiserzeit. Alles ist dabei. Die Kirche ausführlichst, die Post, das Trinkwasser, die Vereine. Das Ordnungswesen und die öffentlichen Bauten. Herbert Lippert kann stolz auf sich und seine Arbeit sein, wenn er nicht so bescheiden wäre.

 

Filmbühne (1997)

Die Filmbühne war nach dem Zweiten Weltkrieg für die Bischofsheimer eine Standardeinrichtung, die noch in allerbester Erinnerung ist. Saal und Gastwirtschaft ersetzten für lange Zeit eine Turnhalle und ein Bürgerhaus. Viele Neubürger wissen überhaupt nicht, in welchen „historischen“ Räumlichkeiten sie sich bewegen, wenn sie im Supermarkt in der Jahnstraße einkaufen.

Im Mai 1947 prangten in Bischofsheim Anschlagzettel, die mitteilten, daß die „Kronen-Lichtspiele“ Ecke Obergasse wieder eröffnen. Die Sensation war perfekt: ein Kino war wieder da! In der damaligen noch fernsehlosen Zeit war diese Nachricht Musik in den Ohren von alt und jung; ein unbeschreibliches Glücksgefühl in der noch grauen und ungewissen Nachkriegszeit.

Der Betreiber Alfred Förster war der Mann der Stunde! Bereits 1948 plante er den Bau eines großen Kinos in der Jahnstraße, wo er sich ein entsprechendes Grundstück erworben hatte. Er war ein überaus fleißiger Mann und formte jeden Stein selber. Dies entlockte manchem Bischofsheimer oft ein etwas geringschätziges Lächeln. Das Kino hier und im Allgemeinen stand in voller Blüte. Außer seinem regulären Kinobetrieb in Bischofsheim hatte Alfred Förster auch noch ein „Wanderkino“. Mit zwei Kofferprojektoren, eingerollter Leinwand und zerlegter Vorführkabine auf dem Dach seines alten Autos fuhr er jeden Abend in einen anderen Ort, um dort Kino zu machen: nach Hochstadt, Rumpenheim, Niederdorfelden, Rendel, Gronau und Roßdorf. In Bischofsheim hatte er einen festen Vorführer und die Familie bewerkstelligte den Kinobetrieb.

Im Jahre 1950 begann Alfred Förster, zusammen mit seinem treuen Helfer Hermann Schrott, mit einfachsten Hilfsmitteln und mit dem Neubau in der Jahnstraße. Im Jahre 1952 eröffnete die „Filmbühne“ ihre Pforten. Allerdings nicht gleich als Kino, sondern als willkommener Mehrzwecksaal für alle größeren Veranstaltungen wie Kerb, Konzerte, Theater, Fasching und zeitweise Gottesdienste der katholischen Einwohner. Eine kleine Gastwirtschaft wurde eröffnet und von Familie Förster erfolgreich betrieben. Oma. Kahlert stand wie ein Fels hinter der Theke, Frau Henkel war die Kellnerin. Nach der „Dorfschänke“ war im „Cafe Filmbühne“ schon ganz früh ein Fernsehapparat Anziehungspunkt für die Gäste. Ein Stammpublikum bildete sich heran, außerdem wurde die „Laufkundschaft“ - die Kinobesucher, die vor und nach dem Filmbesuch in die Gaststätte kamen - zum Standard.

Ab 1953 wurden die „Kronen-Lichtspiele“ in der Obergasse in die „Filmbühne“ Jahnstraße verlegt. Die anderen Veranstaltungen liefen jedoch weiter, bis zur Inbetriebnahme der neuen Turnhalle am Wald im Jahre 1956. Ab dieser Zeit wurde der Saal als festes Kino konzipiert; mit Polsterbestuhlung, Cinemascope-Leinwand und neuen, modernen Filmprojekten. 300 Sitzplätze warteten auf die Kinobesucher, die auch anfangs noch strömten.

Anfang der sechziger Jahre begann allerdings das „Fernsehzeitalter“ und der Kinobesuch ging allgemein, erst langsam, dann drastisch zurück; das Kinosterben begann. Wenn Alfred Förster inzwischen nicht sein florierendes Baugeschäft eröffnet hätte, vom Verdienst des Kinos hätte seine Familie nicht mehr existieren können. Da der Kinobetrieb auch sein Hobby war, entschloß er sich erst recht spät - im April 1968 - seine Filmbühne zu schließen. Dies wurde vom inzwischen durch das Fernsehen verwöhnte und kinoentfremdete Publikum nicht mehr allzu stark wahrgenommen.

Der Raum wurde in einen Supermarkt umgewandelt, welcher auch 1997 noch heute betrieben wird. Das Baugeschäft Förster hatte sich im Laufe der Jahre zu einem starken Unternehmen entwickelt, das heute von den Nachkommen erfolgreich geleitet wird. Alfred Förster verstarb 1992, seine Frau 1996. Beide haben ein Stück Kulturgeschichte in Bischofsheim mitgeprägt und den Bürgern damals ermöglicht, in den Räumlichkeiten der Filmbühne jahrelang viele schöne Stunden zu verbringen (Heinz Zoller).

 

Der Friseur, der Zähne zieht (1997)

Vor über 100 Jahren öffnete Kurt Jahn in Bischofsheim zum ersten Mal die Türen seines Friseursalons „Rasir-Frisir. Haarschneide-Cabinet Kurt Jahn“. In der früheren Hintergasse in Bischofsheim ließ der aus Bautzen in Sachsen stammende Jahn seine Kunden vor einem großen Spiegel Platz nehmen. Auf dem Spielgeltisch lagen Schere, Rasiermesser sowie Rasierpinsel, daneben standen verschiedene Fläschchen mit auserwählten Düften. An der dahinterliegenden Wand schlängelte sich ein langes Ofenrohr als Rahmen entlang. Von Friseur Jahn wurden Schädel eingeschäumt und kahl rasiert oder eine neue Dauerwelle gelegt.

Aber das war nicht alles, denn früher gingen die Menschen bei einem Wehwehchen nicht gleich zum Arzt. Bei Zahnschmerzen ging man zum Friseur. Äußerliches und innerliches Wohlbefinden lagen da nicht weit auseinander. Nach erfolgreicher Verschönerung steckte etwa der Bischofsheimer Barbier das Messer in den Mund seines Kunden. Sobald der kranke Zahn entdeckt war, machte Jahn mit ihm kurzen Prozeß. Auch bei kleineren oder größeren Verletzungen wurde nicht sofort ein Arzt gerufen. Sogenannte „Wundärzte“ waren im Ernstfall die ersten Ansprechpartner, obwohl sie keine fundierte medizinische Ausbildung besaßen. So auch Kurt Jahn.

Wer denkt, daß hier schon genug Berufe auf eine Person vereint wurden, hat weit gefehlt. Ganz nebenbei unterhielt Jahn auch noch das erste Bischofsheimer Postamt. Um die Jahrhundertwende mußte man sich schon einiges einfallen lassen, um eine mehrköpfige Familie zu ernähren.

 

Ursprung der Bischofsheimer Grimms (2000)

Wer den Namen „Grimm“ hört, denkt zwangsläufig sofort an die berühmten Märchensammler und Sprachwissenschaftler aus Hanau - die Brüder Grimm, die auf dem Hanauer Marktplatz in Bronze gegossen ihren Ehrenplatz gefunden haben. Beim Namen Grimm muß es sich nicht unbedingt um die beiden Märchensammler handeln. Auch in Maintal, besser gesagt im Stadtteil Bischofsheim, ist der Name Grimm auffallend häufig vertreten. Doch mit der Hanauer-Steinauer Linie haben diese Grimms nichts zu tun.

Das fand der Hobby-Ahnenforscher Arnold Olbrich heraus, der sich in mühevoller Kleinarbeit mit dem Grimmschen Stammbaum befaßt hat. Seine Erkenntnis: Der Urvater aller Bischofsheimer Grimms stammt aus Eschwege und war Schuhmacher.

Seine Ehefrau ist eine geborene Grimm und weil es derer noch viele in Bischofsheim gibt, die aber nach eigenen Angaben nicht miteinander verwandt sein sollen, machte sich Olbrich an die Arbeit. Inzwischen füllt sein Ahnenmaterial schon etliche dicke Aktenordner. Seine Forscherarbeit stellte er im August 2000 bei der jüngsten Magistratspressekonferenz der Öffentlichkeit vor.

Seit fünf Jahren widmet sich Olbrich diesem ungewöhnlichen Hobby. Für die Chronik der Familie Grimm brauchte er allein drei Jahre und ungezählte Stunden mühevoller Kleinarbeit. Das erstaunliche Ergebnis: Fast alle Familien mit Namen „Grimm“, die in Maintal leben, stammen aus einer genetischen Linie, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht.

Ihren Anfang nahm die Grimm-Forschung im Pfarrbüro der evangelischen Kirche Bischofsheim, wo Arnold Olbrich mit Unterstützung von Pfarrer Helmut Siebert und den Gemeindesekretärinnen Huthmann und Schuhmacher in den vielen Geburts-, Heirats- und Sterbebüchern nach Informationen suchte.

Bei seinen Recherchen fand er schließlich heraus: Ein Johannes Grimm, ein Schuhmacher aus Eschwege, kam im Jahre1690 auf Wanderschaft nach Bischofsheim und heiratete dort eine Anna Magdalena Bosch. Aus dieser Ehe stammten acht Kinder, sieben Jungen und ein Mädchen. Einer der Jungen, Johann Caspar, heiratete eine Johanna Maria See und hatte mit ihr drei Söhne. Von ihnen stammt die weitere genetische Linie der heutigen Maintaler Grimms ab.

Bis heute gibt es von ihnen über 200 männliche Nachkommen. Die bei den ältesten noch Lebenden sind in Bischofsheim Friedrich Grimm und Heinrich Grimm (beide Jahrgang 1906). Der Jüngste ist Daniel Grimm, 1998 geboren.

Die. meisten Nachkommen des „Ur-Vaters“ Johannes Grimm leben heute in Bischofsheim, teilweise auch in anderen Maintaler Stadtteilen. Einige verschlug es nach Frankfurt, Bad Vilbel oder Offenbach, aber auch in weiter entlegene Orte wie Miltenberg, Kiel, München, oder ins Ausland nach Paris und Australien. „Ungefähr 20 Familien gibt es heute noch in Maintal, die mit dem Johannes Grimm aus Eschwege direkt verwandt sind“, berichtet der Ahnenforscher.

Mehrere Meter lang ist die Ahnentafel, die Hobby-Ahnenforscher Arnold Olbrich über den Stammbaum der Bischofsheimer Grimms zusammen gestellt hat. Bei der Pressekonferenz wußte Olbrich auch einige Anekdoten zu berichten, die sich um die Bischofsheimer Grimms ranken. Demnach sind die meisten Familien untereinander zerstritten. Dies soll folgende Bewandtnis haben: Einer der Grimms, fast alle waren damals Landwirte, hatte einiges Vieh verkauft. Als der Postbote das Geld aus dem Verkaufserlös brachte, übergab er es aber einem anderen Grimm, der wiederum behielt den Batzen Geld für sich. Von da an soll es mit dem Frieden unter den Grimms vorbei gewesen sein. Da nützte auch alle Verwandtschaft nichts - im Gegenteil. Und bekanntlich hört beim Geld auch die Freundschaft auf.

 

Malermeister Frischkorn (2001)

Am 20. Oktober 2001 feierte der Malermeister Frischkorn, Sudetenstraße 21, sein 100jähriges Jubiläum. Bereits seit 100 Jahren bringt der traditionelle Fachbetrieb Farbe in das Leben der Maintaler.

Im Jahre 1901 gründete Wilhelm Frischkorn den Malerbetrieb. Im Jahre 1947 übernahmen die beiden Söhne Andreas und Peter das Geschäft in zweiter Generation. Als Andreas nach Siegen umsiedelte, um dort einen Malerbetrieb zu betreiben, führte Peter das Bischofsheimer Geschäft alleine weiter und lehrte seinem Sohn Klaus das Malerhandwerk. So trat dieser 1966 ins väterliche Unternehmen ein. Im Anschluß an die Meisterprüfung im Jahre 1973 lag die Geschäftsleitung von 1984 bis 2000 in Händen von Klaus Frischkorn.

Im vergangenen Jahr gab es dann erneut einen Wechsel auf dem Chefsessel. Peter Müller, der den Betrieb Frischkorn seit 1982 - zunächst als Auszubildender, später als Geselle und Meister - unterstützte, übernahm die Leitung. Im Jubiläumsjahr zählen mit Christopher Conrad und Akkus Tamer einmal mehr zwei Auszubildende zum Team.

Die Servicepalette des Bischofsheimer Fachbetriebes ist breit gefächert. So zählen Renovierung und Anstrich von Außenfassade ebenso zu den Leistungen wie Malerarbeiten im Gebäudeinneren. Auch für Tapezier- und Bodenbelagsarbeiten sind Peter Müller und seine Mitarbeiter stets die richtige Adresse. Und sollte einem Maintaler Heimwerker mal der Leim ausgehen, fehlen ordentliche Pinsel oder mangelt es an Farben und Lacken für eigenständige Renovierungsarbeiten so ist im gut sortierte Fachgeschäft an der Sudetenstraße 21 garantiert das gewünschte Material zu finden.

Für kompetente Arbeiten aus dem Hause Frischkorn sorgen die Malermeister Peter Altendorf, Peter Müller (Inhaber) und Klaus Frischkorn, die Facharbeiter Mario Jantur und Patric Kohlenbeck, die Lehrlinge Christopher Conrad und Akkus Tamer sowie Theo Gärtner, der „gute Geist des Betriebes“. Für freundlichen Kundenservice im Laden sowie reibungslose Abläufe im Büro zeichnen Ursula Hofer und Kerstin Müller verantwortlich.

 

Theo Mack (2001)

Anläßlich des 80. Geburtstages, den Theo Mack kürzlich begehen konnte, haben die Landesinnung Hessen Kältetechnik und die Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik in Maintal-Bischofsheim ihrem Gründervater zu Ehren in Würdigung seiner bedeutenden Lebensleistung und seiner Verdienste für das Kälteanlagenbauerhandwerk den Theo-Mack-Förderpreis gestiftet. Der Preis ist mit 10.000 Mark dotiert. Er soll jedes Jahr vergeben werden und die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Kälte-Klimatechnik nachhaltig unterstützen. Gefördert werden können Einzelpersonen und Institutionen sowie Forschungs-, Entwicklungs- und Erprobungsvorhaben. Über die Vergabe befindet das Bundesfachschulkuratorium.

Ziel dieses Förderpreises ist es auch, die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kälte- und Klimatechnik und deren gesellschaftlichen Nutzen stärker in das öffentliche Bewußtsein hineinzutragen.

Theo Mack ist im Besitz des Bundesverdienstkreuzes, das ihm 1987 vom Bundespräsidenten für seine Verdienste verliehen wurde. Ausgezeichnet wurde Herr Mack unter anderem für die beispielhaften Leistungen in der Berufsausbildung junger Menschen, die über seine beruflichen Tätigkeiten hinaus ehrenamtlich von ihm erbracht wurden.

Hierzu gehörten unter anderem:

  • 1965 Mitbegründer der Bundesfachschule, die damals im Berufsbildungszentrum der Handwerkskammer Frankfurt untergebracht war.
  • 1968 Vorstandsmitglied Landinnungsverband Mechanikerinnung und Tätigkeit im
  • Prüfungsausschuß.
  • 1971 Gründung der Landesinnung. Hessen Kältetechnik, der ersten Landesinnung im Bundesgebiet. Über 21 Jahre Obermeister dieser Innung.
  • 1978 Wesentliche Beteiligung an der Schaffung des Vollhandwerks Kälteanlagenbauhandwerks, das 1974 vom Bundesminister für Wirtschaft genehmigt wurde.
  • 1979 Der erste Manteltarifvertrag für die Arbeitnehmer des Kälteanlagenbauerhandwerks in Hessen vom 13. Februar 1979 trägt seine Unterschrift.
  • 1986 Fertigstellung und Einweihung der Bundesfachschule Kälte-Klima-Technik in Maintal-Bischofsheim. eine weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannte berufliche Bildungsstätte für die Kälte-Klima-Branche.

 

Danzas  (Post-Tochter) (2001)

Mit der Danzas AG hat Bischofsheim hat die Stadt Maintal einen dicken Fisch an Land gezogen: Die 100-prozentige Tochter der Deutschen Post AG errichtet auf dem ehemaligen Klöckner-Windsor-Gelände im Gewerbegebiet Maintal-West (Bischofsheim) eines der größten Warenverteilzentren Europas. Im Februar 2002 soll es losgehen - fast zwei Jahre nach dem ursprünglich anvisierten Start. „Wir haben viele genehmigungsrechtliche Klippen umschiffen müssen, was mit Hilfe von Stadtrat Gerd Robanus aber letztlich auch gelungen ist“, betont Thomas Henseler, Chef von Danzas Rhein-Main.

Seit der zweiten Juliwoche wird jetzt gebaut: Auf dem rund 40 000 Quadratmeter großen Danzas-Areal entstehen eine rund 10 000 Quadratmeter große Halle und ein etwa 3000 Quadratmeter großer, zweigeschossiger Bürotrakt.

Noch ist Danzas an der Carl-Benz-Straße in Frankfurt-Fechenheim ansässig, doch die dortige Fläche wurde nach Hinzukauf des an der Orber Straße in Frankfurt ansässigen Logistikunternehmens Nedloyd Unitrans zu klein - ein neues, größeres Firmenareal mußte her, und so kam es 1999 zu ersten Kontakten zwischen Danzas und Jürgen Hader, dem Investor auf dem ehemaligen Klöckner-Windsor-Gelände.

Zwar erwiesen sich die Verhandlungen gerade mit den Behörden und politischen Gremien als zäh, verliefen schließlich aber doch erfolgreich, so daß dem Umzug von Danzas auf das Bischofsheimer Gelände - eine kleinere Betriebseinheit des Logistikriesen befindet sich dort bereits seit Frühjahr dieses Jahres - nun nichts mehr im Wege steht. Im Februar kommenden Jahres soll der Umzug der Post-Tochter mit ihren rund 400 Arbeitsplätzen von Frankfurt nach Maintal abgeschlossen sein.

Und gerade im Hinblick auf die Arbeitsplätze, betont Thomas Henseler, habe die Nähe zum alten Danzas-Standort in Fechenheim für die Entscheidung pro Bischofsheim gesprochen, denn so behalten viele Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz.

Auch die im Vorfeld oft kritisierte, offenbar unzureichende Verkehrsanbindung nur über die Gutenbergstraße habe Danzas nicht von der Entscheidung abgehalten, „weil andere Vorteile einfach überwogen“, so Henseler. Trotzdem hoffe man nach wie vor auf eine zusätzliche Anbindung an die Autobahn an der Stadtgrenze (Stadtgärtnerei Frankfurt/Roter Graben).

„Da mahlen die Mühlen in Frankfurt sehr langsam“, gab jedoch Erster Stadtrat Gerd Robanus gestern zu bedenken. Seit Jahren stecke man in Verhandlungen, um eine solche zweite Zufahrt zum Gewerbegebiet zu ermöglichen, doch der entscheidende Durchbruch stehe noch aus.

Doch geschehen, so Robanus, müsse auf jeden Fall etwas: „Das Amt für Straßen- und Verkehrswesen Gelnhausen hat bereits signalisiert, keinem weiteren Verkehrsaufkommen in der Gutenbergstraße zuzustimmen“, betont der Erste Stadtrat: „Die Auslastung über die Gutenbergstraße beträgt mit Danzas genau 100 Prozent."

Danzas und Maintal - zwei Begriffe. die zukünftig zusammengehören: Doch ob die Stadt mit dem Logistikkonzern, der zu den größten der Welt zählt, auch einen potenten Gewerbesteuerzahler an Land gezogen hat, läßt Robanus offen: „Es kann einmal ein Jahr dabei sein, in dem es keine Gewerbesteuer von Danzas gibt“, ließ er am Montag im Stadtparlament auf eine entsprechende Anfrage von SPD-Fraktionschef Burkhard Wagner durchblicken.

Unabhängig davon sei er froh und auch ein wenig stolz, ein solch renommiertes und bekanntes Unternehmen nach Maintal geholt zu haben. Und dafür gab es dann sogar „Szenenapplaus“ von Stadtverordneten aller Fraktionen.

 

Numerierung der Häuser (2002)

Arnold Olbrich aus Bischofsheim hat sich mit den Bischofsheimer Kirchenbüchern von 1770 bis 1820 näher auseinander gesetzt und dabei herausgefunden, daß die Straßen und Gassen zu dieser Zeit allesamt bereits benannt, die Häuser aber noch durchweg ununterbrochen numeriert waren. Auf wann diese Numerierung wiederum zurückzudatieren ist, bleibt für ihn im Dunkeln.

Diese Form der Unterscheidung von Häusern war weit verbreitet. Viele kleine Gemeinden in ländlichen Bezirken sind noch heute auf diese Weise numeriert.

Nachdem 1538 nach einem großen Brand Bischofsheim wieder aufgebaut werden mußte, errichteten die Bewohner zu ihrem Schutz Pforten und Tore. So entstanden auch das Schäfertor und das Breultor sowie die Pforten an der Borngasse und Hintergasse (heute: „Alt Bischofsheim“). Innerhalb dieser neu entstandenen Straßen ging dann die Numerierung weitestgehend im geordneten Uhrzeigersinn vonstatten. Angefangen am östlichen Ende der Hintergasse - in westliche Richtung - danach die Schäfergasse von Süden her, über Niedergasse und Borngasse-  hin zur Obergasse. Es folgen Breulgasse, „Vor dem Breultor“, die Kirchgasse und die Hintergasse. Danach werden die Straßen „Vor der Schäferpforte“, „Vor dem Schäfertor“ und schließlich die Zwingerstraße. Im Nordosten der Stadt werden schließlich auch noch die Hochstädter Landstraße, der Hochstädter Weg und die Hochstädter Straße numeriert.

Ganz so einfach nachzuvollziehen, wie man das jetzt anhand dieser Karte machen würde, ist es dann doch wieder nicht. Denn die Zahlen der jeweiligen Häuser sind möglicherweise im anfänglichen Sinne noch leichtverständlich rekonstruierbar gewesen. Doch mit Bebauungen zwischen den einzelnen Nummern sowie außerhalb der Mauer wurde es noch einmal eine deutliche Spur schwieriger. Wenn beispielsweise im Falle einer Erbschaft Grundstücke aufgeteilt werden mußten, entfiel - bei zwei Kindern - oft die Hälfte eines Hauses an den einen, die andere Hälfte an den an deren Nachkommen. Dementsprechend treten in den Kirchenbüchern auch Hausnummern wie „77 ½“ oder gar „26 2/5  auf. Nach dem vorgestellten System wohnten unter anderem die Familie Kappes 1890 in der Hintergasse 2 (heute: Alt Bischofsheim 36), die Familie Reuhl in der Schäfergasse 110 ½  (heute: Schäfergasse 16; Gastwirtschaft „Grüner Baum“) und die Familie Frischkorn in der Breulgasse 119 (heute: Breulgasse 22).

Je größer Bischofsheim im Laufe der letzten Jahrhunderte wurde, desto unübersichtlicher und unrentabler wurde dieses Numerierung-System. Im Zuge der Verlegung der Wasserleitungen in Bischofsheim 1911 1912 wurde sich schließlich nur noch nach Straßen  in der heute geläufigen Form orientiert. Zu dieser Zeit gab es bereits 470 Haushalte - diese Reform war also ein Segen, wenn man sich da als Briefträger im Ort nicht auskannte.

 

Hölz GmbH (2002)

Die Firma Hölz GmbH in der Spessartstraße 17 in Bischofsheim bietet mit ihren Sparten Schlüssel, Sicherheitstechnik und Schlosserei ein umfassendes Angebot für Sicherheit rund um Haus, Wohnung und Betrieb. Heute wird in dem renommierten Unternehmen, das in ganz Deutschland und sogar in Polen tätig ist, aus Anlaß des 25-jährigen Geschäftsjubiläums kräftig gefeiert. Geschäftsführer Hans-Joachim Hölz hatte die Firma am 1. März 1977 in der Bischofsheimer Breulgasse 20 als Schlüsseldienst mit Ladengeschäft und Schlosserwerkstatt gegründet.

Mit Hans-Joachim Hölz freuen sich Ehefrau Barbara Hölz, die beiden im Unternehmen tätigen Söhne Thomas (32) und Christian (29), Schwiegertochter Annette - die Ehefrau von Thomas Hölz - sowie der eineinhalb Jahre alte Enkelsohn Julian zusammen mit allen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Barbara Hölz: „Wir sind stolz darauf, wie sich unsere Firma vom kleinen Schlüsseldienst zu einem mittelständischen Unternehmen mit rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt hat.“ Auch Schwiegertochter Annette ist für die Firma tätig. Zur Zeit befindet sie sich im Erziehungsurlaub.

 

Hans-Joachim Hölz, in Frankfurt am Main geboren, war im Jahre 1958 mit seinen Eltern Adolf und Hedwig Hölz sowie seiner Schwester Christa nach Bischofsheim gezogen. Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Schlosserlehre bei der Firma Reith im Frankfurter Riederwald. Von 1963 bis 1977 war Hans-Joachim Hölz zunächst als Geselle, später dann als Meister, bei der Schlosserei Heckmann in Bischofsheim angestellt, bevor er sich dann am 1. März 1977 in der Breulgasse selbständig machte. Seit 1980 firmiert das Unternehmen als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Im Jahre 1981 zog die Firma von der Breulgasse in ein repräsentatives Ladengeschäft im Fechenheimer Weg. Im Jahre 1987 erfolgte dann der Umzug von Werkstatt und Büro in die Spessartstraße. Das Ladengeschäft zog im Jahre 1994 in die Spessartstraße um.

Ehefrau Barbara übernahm von Anfang an in der Firma Mitverantwortung. Nach der Gründung des Unternehmens engagierte sie sich im Laden und übernahm gleichzeitig Aufgaben im kaufmännischen Bereich sowie in der Finanz- und Lohnbuchhaltung.

Hans-Joachim und Barbara Hölz betonen, daß die dynamische Entwicklung der letzten zehn Jahre, die das Unternehmen verzeichnen konnte, ohne das große Engagement der Söhne Thomas und Christian, die bereits seit vielen Jahren für die Firma tätig sind, nicht möglichgewesen wäre. Sie integrierten die Elektronik in den Bereich der der Sicherheitstechnik, die früher allein auf rein mechanischen Prinzipien beruhte und erschlossen mit ihrem innovativen Handeln  neue Märkte und Kundenkreise.

Zu den Kunden der Hölz GmbH zählen sowohl Privatpersonen, wie etwa Mieter oder Eigentümer von Wohnungen und Häusern, als auch Hausverwaltungen. Hinzu kommen Handwerks-, Handels- und Industrieunternehmen, Banken, Kommunen, Architekten und Bauträger.

Seit 1994 ist am Firmensitz in der Spessartstraße 17 „alles unter einem Dach“ nachdem das Ladengeschäft vom Fechenheimer Weg in die Spessartstraße umgezogen war. Hier sind alle Geschäftsbereiche auf rund 300 Quadratmetern Fläche angesiedelt. Doch aufgrund der stetigen Expansion des Unternehmens wird der Platz auch auf diesem Grundstück langsam knapp. Hans- Joachim Hölz: „Wir sind derzeit räumlich am Ende angelangt, denken über eine Vergrößerung nach.2

Das soll aber den Söhnen vorbehalten bleiben. Hans-Joachim und Barbara Hölz: „Wir wollen auf unseren Erfolgen weiter aufbauen und freuen uns, wenn unsere Söhne in näherer Zukunft die Geschäftsführung übernehmen.“

Neben den Angeboten des klassischen Schlüsseldiensts bietet die Firma Hölz hochwertige mechanische und elektromechanische Sicherheitstechnik aus einer Hand. Ob es sich nun dabei um den Rundum-Einbruchsschutz, um Schließanlagen, elektronische Schließsysteme, um Antriebstechnik für Rolläden, Türen oder Tore, um Zutrittskontrolle, elektromechanische Verschlußsysteme, Fluchtwegsicherungssysteme oder Schrankanlagen handelt - wer etwa Schwachstellen in Wohnung, Haus oder Betrieb wahrnimmt, wird seit 25 Jahren fachmännisch und individuell beraten, um zu einem optimalen Sicherungskonzept zu gelangen.

Zum festen Auftragsbestand des Unternehmens gehören außerdem Lieferung und Montage von Spezialtüren wie beispielsweise Feuerschutz-, Rauchschutz- und Schallschutz-Türen sowie Sicherheitstürelemente aus den Werkstoffen Stahl, Edelstahl, Holz oder Aluminium sowie Haustüren, Fensterelemente und Garagentore. In eigener Werkstatt werden Fenstergitter und Gittertüren sowie andere Schlosserarbeiten nach Kundenwunsch individuell angefertigt. Eine Spezialität im Hause Hölz ist die Eigenfertigung von computerunterstützten und servicefreundlichen Schließanlagen. Als Großschließanlagen werden sie beispielsweise für ein Großhandelsunternehmen in den alten und den neuen Bundesländern sowie in Polen angefertigt und auch eingebaut.

Für die Hölz GmbH ist es selbstverständlich, daß der Betrieb permanent im technischen und kaufmännischen Bereich dem Stand der Technik angepaßt wird. Hans-Joachim Hölz: „Durch inner- und außerbetriebliche Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden die Voraussetzungen für die konsequente Umsetzung eines umfassenden Sicherheitskonzepts für die Kunden geschaffen.“

Um dieses hohe Ziel zu erreichen, arbeitet das Team der Hölz GmbH eng zusammen. Sohn Thomas, seit 1989 im elterlichen Betrieb tätig, ist Schlossermeister und spezialisiert auf die Projektierung von Zugangskontrollsystemen, Panik- und Brandschutz, elektromechanische Verschlußsysteme, Schließanlagen und Spezialtürelemente. Sein Bruder, Schreinermeister Christian Hölz, arbeitet seit 1993 im elterlichen Betrieb. Er hat sich auf mechanische Einbruchsicherungen, Einbruchmeldeanlagen, mechanische und elektronische Schließanlagen sowie auf alle Fragen im Bereich der Holzbearbeitung spezialisiert. Zuständig für Metallbaukonstruktionen, Toranlagen und Schlosserarbeiten ist Schlossermeister Detlef Albert, während Elektromeister Hagen Ickler für die Projektierung elektronischer Sicherheitssysteme und Videotechnik zuständig ist.

Als kaufmännischer Angestellter ist Josef Zimmer zuständig für die Koordination der Aufträge und die Terminplanung. Ein Auszubildender erlernt im Hause Hölz derzeit den Beruf des Metallbauers, eine junge Frau absolviert eine Ausbildung als Bürokauffrau. Hinzu kommen derzeit elf weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für die Hölz GmbH als Bürokauffrau, Metallbauergesellen und auch als Helferinnen und Helfer im Metallbau und Schlüsseldienst tätig sind. Claudia Jung, eine ehemalige Auszubildende, die den Beruf der Metallbauerin ergriff, ist seit dem Ende ihrer Ausbildung in den Bereichen Schlüsseldienst und Ladenverkauf tätig.

Insgesamt wurden in den vergangenen Jahren elf junge Menschen zum Metallbauer sowie zur Metallbauerin sowie zwei Bürokauffrauen ausgebildet. Um in einen Handwerksbetrieb hin­ein­schnuppern zu können, wurden in jedem Jahr Schülerinnen und Schillern der umliegenden Schulen Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt.

Als anerkannter Fachbetrieb im Großraum Rhein-Main ist die Firma Hölz seit vielen Jahren Mitglied im Bundesverband Sicherungstechnik Deutschland (BSD) und wird vom Hessischen Landeskriminalamt als Errichterunternehmen für mechanische Sicherungseinrichtungen empfohlen. Thomas Hölz arbeitet aktiv bei den Junioren im BSD sowie zusammen mit Bruder Christian Hölz im Partnerkreis der Sicherheits- und Schlüsselfachbetriebe Deutschland - Regionalgruppe Hessen - mit. Der Betrieb ist bei der Handwerkskammer Wiesbaden eingetragen und Mitglied in der Metallinnung und bei der Kreishandwerkerschaft Hanau. Außerdem ist die Hölz GmbH Mitglied der Industrie- und Handelskammer Hanau, dem Einzelhandelsverband, dem Maintaler Sicherheitsverbund und dem Verein Pro Polizei.

Darüber hinaus ist Hans-Joachim Hölz seit vielen Jahren im Vorstand der Gemeinschaft Bischofsheimer Fachbetriebe aktiv - zunächst als Kassierer und jetzt als Schriftführer. Das Engagement „vor Ort“ unterstreicht das Unternehmen auch durch seine Teilnahme am „Bischofsheimer Schaufenster", bei dem die Hölz GmbH seit dem Start der Initiative im Jahre 1978 mit einem eigenen Stand präsent ist. Auch beim kommenden „Bischofsheimer Schaufenster“, das vom 16. bis 17. März stattfindet, wird die Hölz GmbH selbstverständlich vertreten sein.

Das Jubiläum wird am Freitag, 1. März, von 9 bis 18 Uhr und morgen, Samstag, 2. März, von 9 bis 14 Uhr gefeiert. Freunde, Kunden und Geschäftspartner sind im Hause Hölz zu Imbiß und Umtrunk eingeladen.

 

Maintalerin schreibt in der Reihe „Zeitgut“ über ihr Leben (2002)

Die Kenntnis dieser nüchternen Fakten ist zweifelsohne wichtig. Doch wie steht es mit dem Wissen über die Bevölkerung der früheren Zeiten? Einen Einblick in das alltägliche Leben der Menschen vermittelt der Unterricht selten. Wer seine Großeltern fragt, soweit diese noch leben, bekommt oft karge oder gar keine Antworten. Ungern wird über die „dunkle Zeit der deutschen Geschichte“ gesprochen.

Die Bischofsheimerin Magda Riedel handhabt das anderes. Kommen ihre Nichten vorbei, ist sie immer bereit, Fragen über die Vergangenheit zu beantworten. Einige Episoden ihrer Kinder- und Jugendzeit hat sie sogar veröffentlicht - in der Reihe „Zeitgut“, einer bisher 15-bändigen Publikation des Berliner JKL-Verlags, in der die deutsche Historie des 20. Jahrhunderts aus Sicht zahlreicher Zeitzeugen festgehalten ist. In mehreren kurzen Aufsätzen berichtet die Seniorin von ihren Eltern und Geschwistern, ihrer Schulzeit und dem Moment, in dem ihr die Greueltaten der Nationalsozialisten bewußt wurden. Aufmerksam wurde die Seniorin auf die Reihe „Zeitgut“ durch einen Artikel des Maintal Tagesanzeiger

„Ich verstehe nicht, warum manche Menschen über ihre Vergangenheit schweigen“, erklärt die aufgeschlossene Dame. Selbstverständlich habe auch sie Schuldgefühle, aber die Geschichte sei nun mal ein Teil von ihr und Verstummen ändere das Geschehene nicht.

Aufgewachsen ist Magda Riedel, geborene Zelke, auf einem Bauernhof in Zepkow nahe der Kleinstadt Röbel an der Müritz in Mecklenburg. „Die Eltern haben soviel bestimmt, es war furchtbar“, erinnert sie sich an das strenge Regiment zu Hause. So konnte sie auch nicht wie gewünscht eine Ausbildung zur Sekretärin machen, sondern mußte die Haushaltungsschule besuchen. Mit 23 Jahren verließ sie ihren Heimatort, um gegen den Willen ihrer Mutter ein Pflichtjahr bei einer Zahnärztin in der Nähe Danzigs abzuleisten.

In ihrem Text „Sinneswandel“ beschreibt sie die dortige Konfrontation mit den Häftlingen des Konzentrationslagers Stutthof, die ihr die Augen für das unmenschliche Handeln der Nationalsozialisten öffnete: „Auffallend waren die verschiedenfarbigen Kreise auf dem Rücken der Sträflingskleidung. ,Der lila Punkt ist die polnische Geistlichkeit', erklärte der Wachmann, ,der rote Punkt, das sind die Kriminellen, der gelbe Punkt die Juden, und die mit dem grünen Punkt, das ist die polnische Intelligenz“.

Magda erschrak und fragte zweifelnd, mit zitternder Stimme: „Sind alle diese Inhaftierten kriminell geworden?“- „,Aber nein“, wurde sie belehrt, „doch der Führer wird seine Gründe haben.“ Am folgenden Samstagabend wurden beide Frauen zu einer Festveranstaltung im Lager Stutthof eingeladen. Magda nutze die Gelegenheit, einen unbeobachteten Blick in eine roh zusammengezimmerte, mit Stroh ausgelegte Baracke zu werfen. Die abgemagerten Gestalten starrten mit glasig-ausdruckslosen Augen ins Leere. Sie erstarrte. Nur mühsam konnte sie einen Schrei unterdrücken, bittere Tränen verdunkelten ihre Augen und wie von Furien gejagt, schoß sie aus dem Lager und ging heim.

„Wir waren als Jugendliche viel zu beschäftigt, um die Vorgänge zu durchschauen“, erläutert die Maintalerin. Ihrer Stimme ist anzumerken, daß diese Tatsache sie noch immer entsetzt. Nie vorher habe es soviel Angebote für junge Menschen gegeben. Sie selbst sei sportlich sehr aktiv gewesen, habe es genossen, dieses Hobby ausleben zu können. Zu den Treffen der

Jungmädel hätten ihre Eltern sie allerdings nicht gehen lassen. „Politik ist nichts für Kinder“. begründeten sie diese Entscheidung gegenüber ihrer Tochter. Magdas Freundinnen waren dort.

So ereignete sich, als sie zehn Jahre alt war und bei einer jüdischen Familie in Röbel lebte, um dort die höhere Schule zu besuchen, eine Szene, die ihr bis heute sehr leid tut. In ihrem Text „Wir wollten neue Lieder singen“ ist dies nachzulesen. Dort beschreibt die heute 84-Jährige wie sie auf dem Klavier der Familie die Lieder begleitete, die die Freundinnen neu gelernt hatten. „Lautstark klangen Nazilieder durch den Raum. Alle drei begriffen wir nicht den im Text unverhohlen zum Ausdruck gebrachten Haß auf die jüdischen Mitbürger. [...] In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und Herr Beyer stand auf der Schwelle. [...] Erbärmliches Schluchzen von Frau Beyer drang durch die Tür. Ich spürte, ich hatte unrecht getan [...] und versteckte mich bis zum Anbruch der Dunkelheit in der Kirche.“

Auch über das familiäre Osterfest und den schwierigen Weg zur Berliner Poststelle, um einen Brief an den im Kriegsdienst stehenden Cousin abzuschicken, berichtet Riedel. Eine weitere, nachzulesende Anekdote ist der heimliche Besuch mehrerer Mitschüler bei einem Propagandaabend der Nazis. „Einen Tag lang wurde verhandelt, was mit den Kindern gemacht werden sollte. Schließlich wurden sie vom Unterricht ausgeschlossen, was bedeutete, daß sie keinen Abschluß mehr machen konnten“, führt sie die übertrieben harte Vorgehensweise der Lehrer aus. Die Antwort auf die Frage, wie es Magda Riedel und ihrem Mann Albert, den sie 1947 heiratete, nach dem Krieg ergangen ist, füllt einen weiteren Aufsatz. Dort ist zu erfahren, wie das junge Paar von Röbel über Aschaffenburg nach Frankfurt kam (31.05.2002).

Tränkebach (2006)

Als wenn die Sonne gewußt hätte, daß Wanderer gerne trockenen Fußes die Natur erkunden, blitze sie gestern gegen 11 Uhr durch die dunklen. grauen Regenwolken. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gaben Maintals Stadtrat Erik Schächer, Klaus Wichert, Leiter des Frankfurter Umweltamtes. und Professor Daniela Birkenfeld, Frankfurter Stadtverordnete aus Bergen-Enkheim. am Tränkebach in Bischofsheim die „.neuen“ Wanderwege frei. „Neu sind sie ja eigentlich nicht“, gab Wichert zu. Aber zusammenhängend waren die einzelnen Wege vorher nicht. Somit haben Wanderer ab sofort die Möglichkeit, einen großen und zwei kleine Wanderwege rund um die Bergen-Enkheimer und Maintaler Streuobstwiesen zu erkunden. So genannte Infostähle an der Wegstrecke weisen darüber hinaus auf Sehenswürdigkeiten hin. „Grenzen trennen nicht mehr, sondern verbinden Städte und sogar verschiedene Landkreise“, betonte Stadtrat Schächer und lobte die gute Kooperation mit der Stadt Frankfurt. An dem Projekt beteiligten sich auch der Main-Kinzig-Kreis, das MainÄppelHaus sowie die Maintal Werke. Für interessierte Maintaler Bürger liegen die Wanderkarten ab sofort in allen Stadtläden aus (31.05.2006).

 

Robert Kinkel präsentiert Werk auf der Buchmesse:

Man könnte es als Lebenswerk bezeichnen: Das Buch „Bischem Heute und Damals“, das der Bischofsheimer Robert Kinkel gerade erst fertig gestellt hat. Seit 1975 ist er am Bilder sammeln. Gemeinsam mit seinem zweiten Werk „Die kosmologische Kinkel-Zyklen-Theorie“ ist er auf der Frankfurter Buchmesse beim Stand seines Verlegers „Books an Demand“ (BoD) vertreten.

Die Idee für „Bischem Heute und Damals“ hatte Robert Kinkel im Jahr 1975. Er stellte alte Fotografien neuen gegenüber und fand Gefallen daran. Sogar heute, im Jahr 2010, seien nämlich viele Häuser von damals noch erhalten. „Sie haben meist nur eine andere Verkleidung“, so Kinkel. Im Jahre 1975 war auch die Bischofsheimer Chronik von Herbert Lippert, dem ehemaligen Schulleiter der Waldschule, erschienen. Ideen und Geschichten aus dieser Chronik motivierten Robert Kinkel, sein Buch über Bischofsheim zu beginnen.

„Im Jahr 1994 hat der Tagesanzeiger in meinem Namen einen Aufruf gestartet, daß Bürger ihre alten Bilder an mich schicken“, erinnert sich Kinkel. Viele kamen diesem Aufruf nach. Als Fundgrube erwies sich auch das Bildarchiv der Stadt Maintal. „Ich habe mittlerweile so viele Fotografien gesammelt, daß ich einen zweiten Band plane. Robert Kinkel überlegt außerdem, diesem zweiten Buch eine DVD beizulegen, auf der ein alter Film über Bischofsheim zu sehen sei.

„Bischem Heute und Damals“ ist eine geschichtliche Bildergalerie mit 300 Fotografien sowie Grafiken aus drei Jahrhunderten. Kinkel hat darauf geachtet, daß er dem Leser im Buch immer wieder Bildervergleiche ermöglicht, beispielsweise von Fotos der Jahre 1935, 1999 und 2010. Die heutigen Bilder wurden vom gleichen Standpunkt aus fotografiert wie die damaligen, so daß die Veränderungen der Zeit unverkennbar sind. Auf 176 Seiten informiert der Bischofsheimer Autor seine Leser über die verschiedenen Ansichten von Bischofsheim. Darunter sind unter anderem zahlreiche Abbildungen vom Fechenheimer Weg, der Straße Alt Bischofsheim und der Schäfergasse. Des Weiteren nimmt Kinkel in seinem Buch Bezug auf die evangelische Kirche, verschiedene Gaststätten, die Waldschule und Landschaften in und um Bischofsheim, vor allem in Richtung Berger Hang. Abschließend berichtet er über „Kunst in Bischem“, von Ölgemälden, Eisenguß, Kupferstichen und Tuschezeichnungen.

 

Plan für neue Ortsmitte steht (2005)

Der Abriß des ehemaligen Bischofsheimer Rathauses und die völlige Neugestaltung des Ortsmittelpunktes gegenüber der Kirche rücken näher. Die Arbeitsgruppe Rathaus hat sich mehrheitlich dafür ausgesprochen. Am 26. September 2005 soll das Parlament entscheiden.

Die AG Rathaus bevorzugt das PEN-Modell: Ein dreigeschossiger, L-förmiger Riegel mit Bürgerladen, Geschäften und vier Wohneinheiten soll nach den Plänen der Bruchköbeler Projektentwicklungs GmbH (PEN) den Rathausplatz an der Straße Alt Bischofsheim prägen. Freitags kann auf einer Fläche von fast 780 Quadratmetern wie immer der Wochenmarkt stattfinden. Auf dem hinteren Teil des insgesamt 4000 Quadratmeter großen Geländes sollen zehn Reihenhäuser entstehen. Für Kinder haben die Architekten einen 250 Quadratmeter großen Spielplatz vorgesehen. Der Durchgang zur Zwingerstraße bleibt erhalten.

PEN hatte der Stadt für das Grundstück im Herzen Bischofheims ursprünglich 1,065 Millionen Euro angeboten. Doch diesen Kaufpreis kann sie nicht mehr halten. Sie müßte eine Tiefgarage bauen, um die vorgeschriebene Zahl von Stellplätzen vorweisen zu können und rechnet mit zusätzlichen Kosten von rund 540.000 Euro. „Das heißt nicht unbedingt“, so Baudezernent Erik Schächer gegenüber der Frankfurter Rundschau, „daß die Stadt dadurch nur noch eine halbe Million Euro erlöst. Denn der Investor kann mit der Tiefgarage ja auch Geld verdienen, indem er einige der 33 Tiefgaragenplätze verkauft“.

Der Magistrat hat für die Stadtverordnetenversammlung am kommenden Montag, 26, September, 18 Uhr, in der Halle der Turngemeinde Dörnigheim keine Empfehlung für eines der vier Angebote abgegeben. Er hat nur eine Beschlußvorlage nach den Vorstellungen der AG Rathaus formuliert. Diese habe die Aufgabe an sich gezogen und nun eine Lösung gefunden, so Schächer, „die wir nicht beeinflussen wollten“.

Sepp Sigulla und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative für den Erhalt des Rathauses lehnen das PEN-Modell rundweg ab, „weil wir damit wohl eine komprimierte Wohnbebauung auf dem Rathausgelände bekommen und unseren Ortsmittelpunkt und unser Stadtteilzentrum verlieren“, heißt es in einer Pressemitteilung  [Wenn ich als Privatmann ein Baugrundstück kaufe, kann ich dem Verkäufer auch nicht sagen: „Gib es mir billiger, denn ich muß eine Garage bauen!“] (23.08.2005)

 

In einer Versammlung am Freitag, 23. September 2005, um 19 Uhr im Bürgerhaus will die Bürgerinitiative diskutieren wie sie das Parlament doch für das Modell des Frankfurter Architekten Heiko Messerschmidt gewinnen kann. Der hat dem Magistrat einen Entwurf vorgelegt, der den Erhalt des ehemaligen Verwaltungsgebäudes aus den sechziger Jahren vorsieht. Der Waschbetonbau soll im Erdgeschoß für Gewerbe, im ersten und zweiten Stock für altersgerechte Wohnungen genutzt werden. Messezschmidt bietet als Kaufpreis 450.000 Euro an.

Als Kooperationspartner hat sich der Architekt das Pflegezentrum Mainterrassen ins Boot geholt.  Doch deren Geschäftsführer konnte bisher kein befriedigendes Nutzungskonzept vorlegen, sagt Stadtrat Erik Schächer. Sie wären zwar interessiert, heißt es in einem Schreiben an den Magistrat vom 25. Juli, könnten das gesamte Projekt „in der Kürze der Zeit“ aber nicht abschließend prüfen.

In der SPD-Fraktion hatte auch der Vorschlag des VdK in Kooperation mit der Firma Freyler Industriebau eine Chance, wie Karl-Heinz Kaiser berichtet. Nach dem Abriß des Rathauses und dem Ankauf von 970 Quadratmetern für rund 200.000 Euro könnte ein „Zentrum für Wohnen und Leben im Alter“ mit 38 betreuten Wohnungen und acht Läden inklusive Stadtladen gebaut werden. Für diese Idee fand sich aber in der AG keine Mehrheit Es wurde befürchtet, daß die Stadt Probleme bekäme, die restlichen rund 3000 Quadratmeter rund um den Neubau zu vermarkten.

„Magistrat will ‚Modell A“ titelte der Tagesanzeiger in seiner gestrigen Ausgabe. Bürgermeister Erhard Rohrbach wies gestern darauf hin, daß der Magistrat zwar - wie berichtet - dem Stadtparlament am kommenden Montag einen entsprechenden Beschlußvorschlag zur Neubebauung des Bischofsheimer Rathausplatzes unterbreitet. Jedoch habe der Magistrat selbst keinerlei Beschlüsse gefaßt, sondern leite lediglich den Vorschlag der „Arbeitsgruppe Rat­haus“ weiter. Entscheiden müssen nun die Stadtverordneten am kommenden Montag in der wie immer öffentlichen Sitzung ab 18 Uhr in der Sporthalle der Turngemeinde Dörnigheim (Bahnhofstraße 64) (FR 21.09.2005).

 

Marktplatz: 2013

Im Mai 2013 tut sich etwas im sogenannten ,,Schäfergarten“, dem Gelände in der Ortsmitte von Bischofsheim, wo einst das Rathaus stand. Erst kürzlich wurde für das Haus B genannte Gebäude, eines von insgesamt vier geplanten, Richtfest gefeiert. Das Eckhaus (Haus C) sei laut Aussage des federführenden Bauträgers Wohnbau Hess aus Bad Vilbel bereits bezogen, eine Wohnung stünde dort derzeit noch zum Verkauf. Nun sollen in den kommenden Monaten die letzten beiden Wohneinheiten (A und D) und anschließend die Neugestaltung des Marktplatzes in Angriff genommen werden, erläutert Beate Haasmann von der Bad Vilbeler Firma.

Man stehe diesbezüglich in regelmäßigem Austausch mit der Stadt Maintal.

Um zu entscheiden, wie der neue Marktplatz, der im Bereich zwischen den Häusern A und D sowie zur Straße Alt Bischofsheim entstehen soll, zukünftig aussehen soll, wurde eine Arbeitsgruppe (AG) ins Leben gerufen, wie Erster Stadtrat Ralf Sachtleber erklärt. In dieser AG sitzen nach den Worten des Stadtrats unter anderen Bischofsheimer Bürger, die Kinderbeauftragte Monika Böttcher sowie der Sprecher der Beschicker des Bischofsheimer Wochenmarkts Martin Hanstein.

Auch Wohnbau Hess sitzt mit am Tisch, obwohl dies das Unternehmen eigentlich nicht müßte. Doch auch die Firma habe ein Interesse, daß das „Herz von Bischofsheim von den Bürgern akzeptiert“ werde, schreibt Firmenchef Stefan Hess auf der Homepage. Auf den Marktplatz zurückkehren soll dann auch wieder der im vergangenen Oktober auf die Straße in Richtung Schäfergasse umgezogene Wochenmarkt, allerdings erst nach Abschluß der Sanierung der Straße Alt Bischofsheim, die sich an die Bautätigkeiten im „Schäfer“ anschließen wird. Wiederhergestellt werden sollen außer dem Platz auch der Fußweg als Verbindung zwischen der Zwingerstraße und Alt Bischofsheim sowie der öffentliche Spielplatz. Die Planung des neuen Spielplatzes erfolge ebenso wie jene des Marktplatzes in Zusammenarbeit mit der Maintaler Stadtverwaltung.

Die Firma Wohnbau Hess ist laut eigener Aussage eng mit Maintal verbunden, der geschäftsführende Gesellschafter Stefan Hess schreibt auf der firmeneigenen Internetseite, daß er in Dörnigheim aufgewachsen und dort zur Schule gegangen sei. „Mein Vater und unser Unternehmen haben seit 1963 annähernd 500 Wohneinheiten in Maintal gebaut“, so Hess, die Stadt sei somit ein Hauptstandort der eigenen Bautätigkeit. Die Benennung „Schäfergarten“ rühre daher, daß das Flurstück, auf dem gebaut werde, im Grundbuch von Bischofsheim unter diesem Namen eingetragen sei. „Wir fanden den Namen sympathisch“, schreibt Hess. Er solle aber nur für die beiden, in Richtung Zwingerstraße gelegenen, hinteren Gebäude B und C gelten. Die Häuser A und D sollen zukünftig den Namen „Am Marktplatz“ tragen. Was den Zeitplan betrifft, könne laut Haasmann mit dem dritten Bauabschnitt (Haus A) möglicherweise noch in diesem Jahr begonnen werden. Für dieses Objekt habe ihre Firma vor allem von Senioren Kaufanfragen erhalten, so Haasmann. Die Lage unter anderem mit der Nähe zu Einkaufsgelegenheiten und der Bushaltestelle sei für die älteren Menschen interessant, mutmaßt die Immobilienexperten. Die rückwärtigen Gebäude seien dagegen besonders bei jungen Familien beliebt.

 

Abgesehen von einigen kleineren Arbeiten hat die „neue" Bischofsheimer Ortsmitte im Mai 2016 Gestalt angenommen. In ihrem Zentrum steht der historische Brunnen, der umfassend restauriert und am 20. Mai bei der Einweihung des Platzes auch wieder in Betrieb genommen wurde. Seit Freitag, 10.30 Uhr, fließt jetzt tatsächlich wieder Wasser in den Brunnen, der einst auch als Pferdetränke gedient hatte. Erster Stadtrat Ralf Sachtleber erinnerte daran bei seinem kurzen Abriß über den Entstehungsprozeß der neuen Ortsmitte.

Zuvor hatte Bürgermeisterin Monika Böttcher die rund 300 Besucher des kleinen Einweihungs­fests begrüßt, dabei kurz und knapp festgestellt „Er ist gelungen“ und passend zur gerade laufenden politischen Diskussion angefügt: „Die neue Bischofsheimer Ortsmitte ist eine wichtige Säule unserer Stadtentwicklung.“

Es sei ein langer Weg gewesen, bis nun diese Neugestaltung des Marktplatzes entstanden ist, rief Ralf Sachtleber in Erinnerung, der darauf verwies, daß der Nebenbau des ehemaligen Rathauses schon 2008 abgerissen worden ist. Lange war Ende der neunziger Jahre und danach darüber diskutiert worden, was mit dem Areal passieren sollte. Das Stadtparlament entschloß sich am Ende für den Verkauf des hinteren Bereichs des ehemaligen Rat­hausgeländes an die Bad Vilbeler Firma Wohnbau Hess, die dort Wohnhäuser errichtet hat, der Bereich des neu gestalteten Marktplatzes verblieb im Besitz der Stadt.

Der Erste Stadtrat dankte den Teilnehmern an der Planungswerkstatt, die in vielen Stunden ihre Ideen für die Gestaltung des Platzes eingebracht hätten. Neben dem historischen Brunnen spendet eine Linde Schatten und gibt es Sitzgelegenheiten. Noch fehlt hingegen der Bau der Rückwand des Marktplatzes, die laut Sachtleber auch Platz für Schaukästen zur Historie der Ortsmitte und ebenso für künstlerische Arbeiten bieten soll.

Einziger Wermutstropfen ist derzeit noch, daß sich bisher noch niemand gefunden hat, der das auf der linken Seite des Platzes vorgesehene Cafe betreibt. „Hier sind wir noch auf der Suche, hoffen aber, daß das Café bald mit Leben erfüllt wird“, gab sich Sachtleber gestern im Gespräch mit dem Tagesanzeiger optimistisch, daß auch dieses Problem gelöst werden kann.

Sehr positiv aufgenommen wurde die Neugestaltung auch von Pfarrer Jens Heller von der benachbarten evangelischen Kirchengemeinde Bischofsheim. Er hofft, daß der Marktplatz zu einem wichtigen Ort wird, an dem sich die Menschen für Gespräche treffen. Und er kann sich gut vorstellen, dort beispielsweise auch mal einen Freiluftgottesdienst abzuhalten. Er hob mit einem Zitat aus der Bibel zudem die gesellschaftliche Bedeutung des Brunnens hervor. So gebe es im Neuen Testament unter anderem eine Begegnung zwischen Jesus und einer Samaritanerin, die just an einem Brunnen erfolgte.

Für den passenden musikalischen Rahmen der Eröffnung bei schönem Wetter sorgte der gemischte Chor des Gesangvereins Eintracht Bischofsheim unter der Leitung von Sergio Goldberg. Er sang unter anderem „Memory“ aus dem Llyod-Webber-Musical „Cats“ und das Chanson „Au Champs Elysee“. Gemeinsam mit den anwesenden Bürgern stimmten die Eintracht-Sänger dann auch „Am Brunnen vor dem Tore" und die „Bischemer Hymne“ an, die mit folgenden Worten beginn „Der Stern von Maintal ist unser Bischem.“ Die Eintracht-Mitglieder hatten auch drei Bilder von Philipp Metzler entdeckt, die dieser 1974 gemalt hatte und die in kräftigen Farben unter anderem den historischen Brunnen zeigen, der nun an dem Marktplatz seinen neuen Standort gefunden hat.

 

 

Bücher

Evangelische Kirche zu Bischofsheim Kreis Hanau, 1968

1100 Jahre Bischofsheim, Stadtteil von Maintal, 880-1980

50 Jahre Musik-Corps Bischofsheim, Vom Spielmannszug zum Blasorchester, 2001

Albert-Einstein-Schule, 1976 bis 2001

 

 

 

 

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