Reihe I

 

 

1 . Advent: Mt 21, 1 - 9

Ein Bild des holländischen Malers Frans Masereel zeigt den Einzug Jesu, als sei er bei uns geschehen. Eine Stadt mit Geschäften, Autokolonnen Menschenmassen. Und mittendrin Jesus, auf einem Esel reitend, von einem Lichtglanz umgeben. Er fällt trotz des Gewühls auf, denn um ihn herum ist ein kleiner Raum frei. Weichen die Leute etwa aus, weil sie Scheu und Ehrfurcht haben vor dem König, der dort kommt? Oder sehen sie ein Verkehrshindernis in ihm? Oder gehen sie ihm aus dem Weg?

Wenn wir ihre Gesichter sehen, scheint das Letztere zu stimmen. Niemand bemerkt diesen Jesus. Entweder ist er Luft für sie oder er fällt wirklich nicht auf; er ist ja auch so unscheinbar und unauffällig. Außerdem sind alle mit ihren eigenen Gedanken und Geschäften so mit Beschlag belegt, daß sie auf so eine seltsame Gestalt gar nicht achten können. Jesus, der Sohn Gottes, kommt in eine Stadt, aber niemand nimmt Notiz von ihm. Das Leben in der Stadt geht weiter, als sei nichts geschehen. So war es bei der Geburt Jesu, bei der Taufe, beim Einzug in Jerusalem und bei der Kreuzigung. Es waren immer nur Einzelne, die die Bedeutung dieses Ereignisses für ihr Leben erkannten.

Die Handlung geht dabei ganz von Jesus aus. Wir können ihn nicht mit unsrem Verlangen und unsrer Erwartung herbeiziehen. „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Das gilt auch noch heute. Er ist unterwegs, er hat sich aufgemacht, er will einziehen. Er kommt sogar zu denen,

die es nicht erwarten. Damals sahen sie ihn. Wir können ihn nicht sehen. Aber er will erkannt werden als der, der er ist - auch von uns. Auf andere und neue Weise ereignet sich der Einzug Jesu immer wieder.

 

(1.) Der erwartete König: Zu Fuß war er wie alle anderen Festpilger bis vor die Tore der Stadt Jerusalem gewandert. Aber dann besteigt er ein Reittier und setzte damit ein Zeichen, das kaum zu übersehen war. In den alten Schriften hieß es, vom Ölberg her werde der Messias in seine Stadt einziehen. Er wird nicht hoch zu Roß wie weltliche Könige kommen‚ sondern auf einem Esel, dem Reittier der kleinen Leute.

Jesus hat diese Zeichen bewußt eingesetzt, damit alle merken können, wer er ist. Einige haben auch richtig verstanden: Sie haben zwar keinen roten Teppich dabei, wie man ihn vor Staatsgästen ausrollt, aber sie breiten schnell ihre Obergewänder vor ihm aus, damit er wie ein König einziehen kann.

Unter den Festpilgern geht es um wie ein Feuer. Sie sind sowieso voller Spannung und Freude auf das Fest, leicht erregbar und von einer glühenden Hoffnung erfüllt. Sie meinen: „Jetzt endlich ist die Stunde gekommen‚ der ersehnte Messias ist da!“So mag es den Leuten zumute sein, die die Gesellschaftsordnung in ihrem Land umstürzen wollen, um zu gerechteren Verhältnissen zu kommen. Sie denken: Nur noch eine kleine Anstrengung, dann heben wir es geschafft!

Einige beginnen zu singen. „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“Das war ein Stück üblicher Liturgie, so wurden alle Pilger am Tempeltor empfangen. Jetzt aber wurde das alles doppeldeutig. Einige singen sogar: „Hosianna, dem Sohne Davids!“ Damit wurde die Sache schon eindeutiger, denn der Messias sollte ja ein Nachkomme Davids sein. Aber Jesus löst diese alten Hoffnungen auch wieder ab. Wir werden nicht mehr so hoffen können wie die Juden von damals. Wir haben ja auch keine Beziehung mehr zum Königtum, das ist für uns etwas Vergangenes, etwas aus dem Märchen. Auch die damals Jesus huldigten, haben noch viel umlernen müssen, bis sie begriffen , was „Königsherrschaft Jesu Christi“ bedeutete.

 

(2.) Der machtlose König: Jesus will nicht ein kriegerischer Revolutionär sein. Indem er den Esel nimmt, entscheidet er sich für die Hoffnung auf den friedlichen Messias. Im Grunde war

sein Einzug nur eine ganz unauffällige Demonstration, die in dem Gewimmel der 100.000 Pilger gar nicht auffiel. Deshalb haben ja auch die Römer nicht eingegriffen, von diesem „Bettelkönig“ (wie es Luther sagt) ging keine Gefahr für sie aus.

Mit diesem Jesus war nicht viel Staat zu mache- Sicher würde er so nicht viel ausrichten können. Jeder kann ihn abweisen, keinem drängt er sich auf. Seine Niedrigkeit scheint ans Lächerliche zu streifen. Kein Staatsstreich, kein Militärputsch, kein Aufstand. Und doch ein Einzug, der die Welt verändert hat.

Der da einzog, war der Gott der armen Leute. Er verkleidete seine Macht in Menschlichkeit und Güte, Anspruchslosigkeit und Opfer. Deshalb folgten ihm auch Leute, die nicht einer offiziellen Pflicht genügten, sondern ihn von Herzen willkommen hießen. Wenn heutzutage ein Staatsgast kommt, dann werden zum Teil die Menschen abkommandiert und Kinder müssen Fähnchen schwenken. Aber Jesus sind sie freiwillig gefolgt, weil er anders war als die Mächtigen dieser Welt.

Auch seine Kirche wird allen Machtvorstellungen absagen müssen. Es wird doch manchmal gesagt: Zur Kirche gehören soundso viel Prozent der Bevölkerung, da müßte sie doch ganz anders auftreten! Aber eine Machtdemonstration ist nicht unsere Sache. Macht gibt es in der Welt genug, mehr als genug. Es wird die große Aufgabe aller Friedwilligen sein‚ dem Gewaltdenken abzusagen und sich für eine weltweite Abrüstung einzusetzen. Sicherheit erlangt

Man nicht durch mehr Macht, sondern durch den Abbau aller Machtmittel. Das will uns Jesus mit seinem Einzug in Jerusalem lehren. Die Frage ist nur, ob wir uns belehren lassen wollen Darauf kommt es aber doch an, daß er auch bei uns einzieht.

 

(3.) Er zieht ein als unser König: Was damals in Jerusalem geschah, könnte uns gleichgültig sein, hätten wir es nicht mit ihm zu tun. Es ist „dein“ König, und zwar völlig zu recht, nicht einer, der sich diese Würde nur anmaßt. Er bittet nicht darum, König sein zu dürfen, sondern er ist es.

Es ist an sich erstaunlich, daß sich Menschen überhaupt von diesem Jesus beeinflussen lassen. Jeder hat doch einen gefüllte Terminkalender und viele Pläne, daß für Jesus eigentlich kein Platz mehr bleibt. Aber damals wandten sich die Leute auf offener Straße diesem Jesus zu. Sie vergaßen, daß sie eigentlich keine Zeit hatten, und Geld verdienen müßten. Sie dachten nicht an die Kosten ihrer Kleider - so wie wir heute nicht an die Schonung unsrer Autopolster denken dürfen oder den Ertrag unserer Überstunden, wenn wir Jesus nachfolgen wollen.

Niemand opfert gern etwas von seinem mühsam erworbenen Besitz und von seiner wenigen Freizeit. Einige tun das, aber die meisten, sind nicht bereit, sich in Kosten oder gar in Leiden zu stürzen. Sie besuchen gelegentlich Gottesdienste und sprechen stille Gebete. Damit ist aber nur der Anfang gemacht. Wirklich aufgenommen wird Jesus nur dort, wo man sich im Alltag nach ihm richtet und seine Forderungen über alle Nützlichkeitserwägungen stellt.

Wir könnten natürlich auch versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Vielleicht erscheint er uns auch so wie ein Verkehrshindernis. In unserer Weilt muß es doch schnell gehen, da hat man nicht viel Zeit für Jesus oder für die Kirche. Das bringt doch alles nur Unruhe in den üblichen Tagesablauf. Aber Jesus läßt sich davon nicht beeindrucken. Er kommt dennoch zu uns, in ihm bewegt sich Gott auf uns zu.

Wenn Besuch kommt, weist man ihn als höflicher Mensch nicht ab. Jesus ist sogar hoher Besuch‚ den wir mit der nötigen Hochachtung empfangen müssen. Er ist nicht einer, dem wir freundschaftlich auf die Schulter klopfen können. Er ist auch kein irdischer Glücksbringer, sondern er verlangt im Gegenteil etwas von uns. Dennoch könnten wir ihn mit freudigem Gesicht empfangen, denn er kommt ja, um uns zu helfen.

Wir werden heute keine Kleider mehr hinbreiten und Zweige schwenken. Aber es gibt auch für uns Begrüßungszeichen, die mehr sind als nur ein Adventskranz. Das Kommen Jesu ist nicht an die Jahreszeit gebunden, sondern er kann und will jeden Tag zu uns kommen. Im Grunde weiß jeder ganz genau, was falsch und richtig ist, wenn Jesus zu ihm käme.

Es könnte nämlich auch sein, daß wir etwas anderes erwartet haben in dem der da kommt, ihn als einen irdischen Glückbringer ansehen und als einen, der unsere Wünsche erfüllt. Und deshalb ist es so unangenehm, wenn es sich herausstellt: Jesus verlangt etwas von uns, und dazu noch etwas ganz anderes, als wir uns vorgestellt hatten. Was verlangt Jesus von uns? Sicher wüßten wir das doch ganz genau, was falsch und was richtig ist, wenn Jesus zu uns käme, heute und hier.

Sehr schön beschreibt das ein Schlager, der vor Jahren in Südamerika auftauchte, von einem unbekannten Verfasser. Das Lied hörte man aus Gastwirtschaften und geöffneten Fenstern, auch da, wo man es nicht vermuten würde. Eigentlich ist es gar kein Schlager, das Lied hat nur eine eingängige Melodie Es wird beschrieben‚ was wohl geschähe, wenn Jesus zu uns käme. Hier einmal einige der anschaulichen Beispiele dieses Liedes:

„Wenn Jesus in dein Haus käme, wäre ich doch gespannt, was du tun würdest, wenn er unangemeldet käme, nur einfach so hereingeschneit. Ich weiß, du würdest ihm den schönsten Raum geben und ihm die allerbesten Speisen vorsetzen und du würdest ein freudiges Loblied anstimmen. Würdest du ihn an der Tür mit ausgestreckten Armen empfangen? Oder müßtest du erst deine Kleider wechseln und einige Illustrierte verstecken und die Bibel dorthin legen, wo sie hingehört?

Würdest du das Radio abschalten und wünschen, daß du das letzte hastige Wort nicht ausgestoßen hättest? Würdest du deine Schlagerplatten verstecken und einige Gesangbücher her­vorholen?

Wenn dein Heiland ein oder zwei Tage mit dir verbringen wollte, würdest du dann weiterhin all die Dinge tun, die du immer tust? Würde das Leben so für dich weitergehen, wie es von Tag zu Tag weitergeht? Würde eure Familienunterhaltung ihre gewöhnlichen Themen beibehalten und würde es eine Überwindung für dich bedeuten, ein Tischgebet zu sprechen? Würdest du die Lieder singen, die du immer singst, und die Bücher lesen, die du liest? Würdest du ihn die Dinge wissen lassen, mit denen deine Gedanken sich befassen?

Würdest du Jesus überall mit hinnehmen, wo du hinzugehen vorhast? Würdest du froh sein, daß er deine allerbesten Freunde kennengelernt hat, oder würdest du hoffen, daß sie nicht kommen‚ bis sein Besuch beendet ist? Wärst du froh, wenn er immer bei dir bliebe, oder würdest du mit großer Erleichterung aufatmen, wenn er schließlich gegangen ist? Wenn Jesus in dein Haus käme, wäre ich gespannt, was du tun würdest!“

 

2. Advent: Lk 21, 25 - 33:

Es gibt ein bekanntes Bild der zerstörten Stadt Dresden. Es ist aufgenommen vom Turm des Rathauses, der wie durch ein Wunder noch stehengeblieben war. Am rechten Bildrand sieht man die steinerne Figur eines Engels, der die Arme ausgebreitet hat, als wollte er sagen: „Seht, das ist aus der Stadt geworden!“ Unten sieht man dann kilometerweit nur die Gerippe der zerstörten Häuser. Das Bild macht die schreckliche Möglichkeit deutlich, daß der Mensch die ihm anvertraute Welt zugrunderichten könnte.

Uns wird heute immer mehr deutlich, daß das Ende der Welt nicht nur durch einen Befehl Gottes kommen könnte. Wir sehen, daß das Ende auch langsam durch die Zerstörung unsrer Welt durch die Folgen des Fortschritts kommen könnte, aber genauso auch plötzlich durch die schrecklichen Waffen von heute. Uns scheint das nicht so sehr zu beunruhigen‚ wir haben uns schon zu sehr daran gewöhnt und Überhören die warnenden Signale.

Da ist es gut, wenn uns in der Adventszeit so ein Bibelabschnitt vorgelegt wird, der vom Ende der Welt spricht. An sieh hat das Wort „Advent“ für uns einen freudigen Klang. Es kündet uns an: Weihnachten ist nahe, wir können uns auf das Fest der Geburt des Herrn vorbereiten. Aber Advent ist auch eine Bußzeit, eine Zeit der ernsten Besinnung auf das, was uns mit dem Kommen des Herrn erwartet.

„Advent“ heißt „Ankunft“. Aber es geht dabei nicht nur um die erste Ankunft Christi in der Welt, sondern auch um seine Wiederkunft am Ende der Tage. Dieser Sonntag mahnt uns deshalb an das Gericht, das Jesus halten wird, wenn er wieder in diese Welt kommt. Beim ersten Hören klingen diese Worte niederdrückend. Aber es geht nicht darum, eine Weltuntergangsstimmung zu erzeugen. Jesus will uns nicht in Angst und Schrecken jagen.

Das tun die Sekten, die den Menschen tüchtig einheizen, um sie dann in ihre Fänge zu treiben. Die Neuapostolischen erwarteten das Ende der Welt, wenn ihr Stammapostel stirbt. Aber ehe er 1960 starb, hat er angeblich noch eine Offenbarung gehabt, nach der Gott doch noch etwas Geduld habe und noch warten wolle. Die Bibelforscher berechneten das Ende der Welt für das Jahr 1914. Aber es kam der erste Weltkrieg, der ja schon der Anfang vom Ende hätte sein können, aber von einem noch schlimmeren gefolgt wurde; und hoffentlich kommt nicht noch ein neuer, der dann wohl wirklich das Ende bringen würde.

Deshalb ist es gut, wenn wir hier aufgefordert werden: „Augen auf!“ Wir fragen uns vielleicht: Ist das noch die gute Welt, die Schöpfung aus der Hand Gottes? Die Flüsse sind verseucht, die Wälder sterben ab, manche Tiere werden nur noch in Büchern beschrieben. Durch menschliche Schuld ist vieles zerstört. Und über allem steht die tödliche Bedrohung durch Waffen, die das Ende alles Lebens bedeuten können, Die Neutronenbombe wurde schon als „Bombe des Jüngsten Gerichts“ bezeichnet (dooms-day-bomb). So ist uns der Gedanke nicht fremd, daß alles Leben in der Tiefe bedroht ist.

Aber es wäre falsch, aus den Aussagen der Bibel einen Termin des Endes berechnen zu wollen. Man hat immer wieder versucht, die erwähnten Endzeitereignisse mit bestimmten Vorgänge- in unsrer Zeit gleichzusetzen. Dann könnte man dann feststellen, an welchem Punkt wir gerade angelangt sind, und daraus berechnen, wie viele Stationen noch bis zum Ende ausstehen.

Doch man kann hier keinen Fahrplan aufstellen. Es handelt sich sowieso vorwiegend um Vorstellungen aus jüdischer Religion, die Jesus und die Gemeinde nur übernommen haben. Sie hören sich so an, als sei alles nur Schicksal und der Mensch könne nichts daran ändern. Gottes Reich kommt zwar ohne unser Zutun ganz von selbst. Aber wir werden dadurch auch zur Entscheidung herausgefordert. Wir sollen die Dinge so ernst nehmen, wie sie sind. Aber wir sollen in der Zuspitzung der Ereignisse nicht hilflos liegenbleiben.

Die tröstliche Antwort gerade der Adventssonntage lautet: Es wäre falsch, einen Termin berechnen zu wollen oder auch einfach das Kommende nicht zu beachten. Jesus sagt: „Wenn ihr draußen die Bäume ausschlagen seht, dann wißt ihr, daß bald Sommer wird. Da könnt ihr doch auch begreifen: Wenn Christus kommt, beginnt das Reich Gottes!“

 

Wir dürfen wissen‚ daß das .Ende der Welt mit der Wiederkunft Christi gekoppelt ist, mit der

auch das Reich Gottes beginnt. Es wird also nicht erwartet, daß wir das Reich Gottes schaffen, aber daß wir uns darauf einstellen. Der Blick ist nicht auf die Schrecken der Endzeit zu richten, sondern auf das kommende Heil. Hinter den düsteren Worten steht die frohe Botschaft: „Der Herr ist auf dem Wege zu uns!“ Angst wird also nicht durch Sicherungen überwunden, sondern durch den Glauben an den kommenden Herrn.

Was wir jetzt nur glauben und hoffen, das werden wir dann sehen. Die Anfechtung wird ein Ende haben, aller Zweifel und aller Unglaube, Mißerfolg und Versagen, Traurigkeit und Leiden. Uns ist nicht versprochen, daß die Welt immer christlicher wird. Aber wir leben in einer Jetzterwartung, leben immer an einer Grenze. Und da macht es nicht viel aus, ob die Grenze für den Einzelnen im Tod überschritten wird oder die ganze Welt den letzten Advent des Herrn erlebt.

Wer wach ist, erkennt die Zeichen. Manches hat für uns den endgeschichtlichen Charakter verloren: Sonnen- und Mondfinsternisse sind für uns vorausberechenbar, selbst Naturkatas­trophen werden vorausgesagt, so daß man sich darauf einstellen kann. Wir bauen Talsperren und Dämme gegen das Hochwasser und ergreifen Maßnahmen gegen Hunger und Seuchen. Aber die täglichen Zeitungsnachrichten zeigen uns doch, daß Christi Herrsein bis zur Stunde tief verborgen ist und der Kampf mit den Mächten der Zerstörung noch zu Ende gekämpft werden muß. So werden wir aufgefordert zum verantwortlichen Umgang mit Gottes Schöpfung, aber auch dazu, die Augen aufzuhalten für Jesu letzten Advent!

Daneben steht als zweite Aufforderung: „Kopf hoch!“ Alle Anzeichen werden erst eindeutig, wenn der Herr wirklich erscheinen wird. Dann gilt es, den Kopf zu erhaben und dem Herrn entgegenzugehen. Es muß dabei keiner verschreckt und eingeschüchtert sein. Alle Bedrängnisse und Begrenztheiten erhalten auf einmal einen anderen Stellenwert. Es wird sich niemand danach drängeln, aber er wird alles als Begleiterscheinung des Kommens Christi sehen und verstehen.

Luther hat einmal die Lage eines Christen verglichen mit einem Ritter, den der Feind gefangengenommen hat und ins tiefste Burgverlies geworfen hat. Aber eines Tages hört der Gefangenen Lärm. Die Burg dröhnt von den Rammbänken des Belagerers. Ihm wird auch angst und bange, als die Mauern bersten. Aber er weiß: Das ist ja ein Freund, der gekommen ist, mich aus der Gefangenschaft zu befreien .Jeder Schlag bringt ihn der Erlösung näher. So haben es auch die Verfolgten des Naziregimes empfunden: der Vormarsch der Gegner war ihnen erträglich, er wurde sogar mit Freude erwartet, obwohl er die Niederlage des eigenen Volkes und die Zerstörung von Dörfern und Städten bedeutete.

Jesus kommt allerdings nicht mit Waffen. Und unsre Welt ist kein Burgverlies oder Konzentrationslager. Aber die Ermutigung, die in einem solchen Vergleich liegt‚ wird uns schon deutlich sein. Doch es geht nicht darum, allem Hinderlichen doch noch eine positive Seite abzugewinnen. Was uns den Blick erheben läßt, ist Christus. Gemeint ist die ausschließliche Konzentration auf das Kommen des Menschensohnes.

Wir sind schon jetzt mit ihm verbunden. Aber es ist wie bei zwei Liebenden‚ die vorwiegend nur brieflich oder mit den anderen modernen technischen Mitteln in Verbindung sein können. Der Briefwechsel bezeugt vollgültig, daß sie einander gehören. Aber die Liebe sucht doch auch nach völligem Vereintsein. So suchen wir eben auch nach der völligen Vereinigung mit Christus.

Überall auf der Welt sehnen sich die Menschen nach Erlösung. Da sind Hungernde und Kranke, die so gern Hoffnung hätten auf Heilung und neues Leben. Da sind die Alten und Einsamen, die ohne Freude in die Zukunft blicken und sich überzählig vorkommen. Damit sie wieder ihre Häupter erheben können, sind offene Herzen und helfende Hände notwendig. Als Christen sind wir nicht unbeteiligte Zuschauer, die zum untätigen Warten verurteilt sind. Gott erwartet von uns, daß wir die Zeit bis zur Wiederkunft Christi dazu nutzen, die Armen und Gebeugten aufzurichten .Sie sollen Hoffnung und Zuversicht wieder möglich machen, damit Menschen ihre Augen wieder aufheben können, die sie vor Furcht und Verzagtheit niedergeschlagen hatten.

In unserem Lebenskreis, in Haus und Beruf, können wir dazu helfen, daß ein Stück Friede für alle verwirklicht wird. Durch ein Opfer von Geld und Zeit und auch einem Stück unserer Ruhe können wir helfen, daß ein Einsamer oder Kranker wenigstens für einige Zeit menschliche Nähe und Liebe spüren kann.

Der Film „Der Untergang der Titanic“ schildert folgende Szene: Ein alter Mann findet einen kleinen Jungen, der seine Mutter in dem Menschengewühl verloren hat. Er drückt das Kind an sich, beruhigt es und redet ihm gut zu. Die Menschen um sie herum schreien in panischer Angst. Aber der alte Mann hat die Zeichen verstanden und im letzten Augenblick seines Lebens noch Gutes getan.

Wenn wir auch so handeln könnten, wären wir nicht Nachhut des Gestrigen, sondern Vorboten einer heilen Welt, nämlich des Reiches Gottes. Ein Stück des Reiches Gottes ist schon Wirklichkeit in der Kirche. Dort wird Gottes Wort verkündet, das ewig bleiben wird. Himmel und Erde werden vergehen, aber Jesu Worte werden nicht vergehen. Deshalb haben wir dieses Wort, gesprochen oder gesungen, in dieser Zeit weiterzusagen und uns nicht nur auf Adventsschale und Einkauf zu beschränken. Mit dem Wort Gottes ist uns schon ein Stück Ewigkeit in Herzen und Hände gelegt. Vorher ist es vielfach verborgen unter einer harten Schale. Aber diese wird aufbrechen und wir werden inmitten alles Zerbrechens dann den Schritt tun dürfen vom Glauben zum handgreiflichen Schauen.

 

 

3. Advent: Mt 11, 2 - 10

„Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So fragen die Jünger des Johannes. Es wäre wirklich ein starkes Stück, wenn er nicht der versprochene Helfer gewesen wäre, auf den das Volk der Juden bis heute wartet! Dann hätten die Juden recht, die immer noch auf den Messias warten. Sie hatten ja im Laufe der Jahrhunderte viele falsche Propheten und Gottesmänner erlebt. Sie waren gewarnt und mißtrauisch und konnten es dann auch nicht glauben, als der Retter tatsächlich da war.

Wenn eine Sache bis heute Bestand gehabt hat, ist das noch lange kein Beweis für ihre Rich­tig­keit. Es ist schon mancher Verführer gekommen und mancher auf ihn reingefallen. Europa wird immer wieder einmal den sogenannten „Jugendreligionen“ überschwemmt. Das sind Vereinigungen, die Jugendliche ihrem Elternhaus entfremden‚ um sie so ganz in ihre Gewalt zu bekommen und für kriminelle Zwecke auszunutzen.

Hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu scheiden. Hinterher ist man oft klüger. Das war ja die Schwierigkeit bei Johannes und Jesus. Da treten plötzlich zwei Gottesmänner auf. Welcher ist denn nur der richtige? Wer ist nur Vorbote und wer ist unter Umständen ein Betrüger? Es ist nicht verwunderlich, wenn man da erst einmal abwarten will. Weil man zu schnell hereinfallen kann, ist auch Johannes unsicher. Aber für uns ist das keine Möglichkeit mehr. Wir müssen die Frage jeder für uns beantworten: „Wer ist Jesus?“ Wir leben ja in der Zeit nach Weihnachten und nach Ostern. Uns ist ja eindeutig gesagt‚ daß Jesus der Größere ist.

Johannes war zwar ein bedeutender Mensch. Er war sogar mehr als ein Prophet, weil er ja das Kommen Gottes ankündigte und auf die Stelle hinwies, wo der Erhoffte erscheinen sollte. Aber Johannes gehörte doch noch zur Alten Welt, er war nur ein Wegbereiter. Schon seine Schüler Jesus war der Größere. Und jeder, der zu Jesus gehört, ist mehr als Johannes. Wir dürfen dankbar sein für diesen Johannes. Er war ein rechter Adventsprediger. Er hat angezeigt, daß die Stunde geschlagen hat. Er lehrt uns auch, endlich aufzuwachen und umzukehren und mit Gott ernst zu machen, indem wir auf den Kommenden achten und ihn ja nicht übersehen.

Aber letztlich ist Johannes nur um Jesu willen wichtig. Interessant ist nicht er selbst, sondern der andere, auf den er zeigt. Das bedeutet aber nun umgekehrt: Man kommt hinter das Ge­heim­nis Jesu, indem man auf seine Boten hört. Jetzt in der Adventszeit sollen uns wieder die Ohren geschärft werden, daß wir nicht die wahre Weihnachtsbotschaft verpassen.

Allerdings kann es vorkommen‚ daß auch ein Bote Gottes zum Zweifler wird. Die Bibel schildert uns nicht Menschen, die über allen Zweifel und alle Versuchungen erhaben wären. Sie macht vielmehr deutlich, daß Glaube und Anfechtung notwendigerweise zusammengehören. Auch dem Johannes wurde nichts erspart. Allerdings ist er kein grundsätzlicher Zweifler. Seine Frage zeigt doch, daß er schon auf dem Weg zum Glauben ist; er ist sich eben nur noch unsicher. Und sicher handelt er auch richtig, indem er sich an den wendet, an dem er irre geworden ist. Das ist überhaupt eine gute Regel: Nicht Dritte befragen, sondern sich direkt an den wenden, den es angeht, da erhält man die beste Antwort. Und Jesus hat ja dazu gesagt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert!“

Immerhin war da aber doch manches, weshalb man sich über Jesus ärgern konnte. Johannes hatte einen erwartet, der die Bösen vernichtet und eine heile Welt herstellt. Aber Jesus fing nicht an, die Menschen in gut und böse zu sortieren. Die Welt wurde nicht sichtbar in den Herrschaftsbereich Gottes verwandelt. Vor allem aber hatte der König Herodes immer noch Macht und hielt den Täufer in einer Bergfestung gefangen.

Wir stoßen uns heute vielleicht auch immer noch an der Unscheinbarkeit Jesu. Er konnte auch keine imponierenden Taten vorweisen. Schlüssige Beweise wie in der Naturwissenschaft fehlen uns. Jesu Botschaft hat die Welt noch nicht radikal verändert. Es gibt immer noch große Religionen und Weltanschauungen neben dem Christentum und die Juden warten immer noch auf den Messias. Uns werden die Irrwege der Kirche als Schuld vorgehalten. Wissenschaft und Technik drängen den Glauben in einen Winkel. Der christliche Glaube wird als Ballast hingestellt.

So blieb eben alles beim Alten. Es war noch nichts besser geworden in der Welt, seit Jesus da war. Nur armes Volk hatte er um sich gesammelt, bedrängte und bekümmerte Menschen. Er hatte nur eine Bestandsaufnahme gemacht, aber noch keine Änderung herbeigeführt. So ohnmächtig, so ungöttlich, so unwirksam hatte Johannes den Kommenden nicht erwartet. So begann Johannes zu zweifeln, ob er sich nicht doch in Jesus getäuscht hat.

Aber auch die Antwort Jesu ist enttäuschend: Die beiden Männer sollen Johannes ausrichten, was sie in Jesu Nähe hören und sehen! Das hat Johannes doch schon vorher gewußt. Das hatte ihm noch keine Sicherheit gegeben, sondern gerade seine Zweifel genährt. Wir wären vielleicht froh, wenn wir solche Christuswerke unter uns erlebten. Schließlich entsteht der Glaube durch die Erfahrungen mit Jesus.

Und die hat man doch damals wohl machen können, als Blinde sehen, Lahme gehen und Taube wieder hören konnten. Schon bei den alten Propheten waren solche Wunder als Zeichen des Messias angekündigt worden. Und Jesus hatte noch zwei weitere Taten hinzugefügt: „Tote stehen auf und Armen wird die frohe Botschaft verkündet!“ Das war doch sehr viel. Wir hätten da doch nicht mehr gezweifelt, sondern hätten in all dem einen Beweis für die Wahrheit Gottes gesehen.

Aber so einfach ist das auch für uns nicht. Wo sehen wir denn heute etwas von den Taten Jesu? Die Kirchlichkeit läßt nach, viel Müdigkeit ist da. Vielfach kann man hören: „Die Kirche kann da auch nicht helfen!“ Wer derart die Hoffnung aufgegeben hat‚ gehört heute zu den Armen, denen die frohe Botschaft verkündigt wird.

Diese Botschaft hat auch heute ihre Wirkung. Da wenden sich auch junge Menschen der Kirche zu und haben einer Mut zum Bekenntnis, der erstaunlich ist. Die Zukunft der Kirche und unser aller Zukunft ist nicht so aussichtslos und so sinnlos, wie wir vielleicht manchmal meinen. Hier und da beginnt ein Mensch, sich dem Guten zuzuwenden. Jesus hat ihn freigemacht zu lieben‚ wo sonst gehaßt wird, zu vergeben, wo sonst nur Rache geübt wird, fest zu bleiben‚ wo sonst nachgegeben wird.

Nur müssen wir ebenso wie der Täufer einsehen: Es kommt zunächst noch keine allumfassende Verwandlung der Dinge vom Himmel her. Es geht ganz schlicht um eine menschlichere Weise des Zusammenlebens. Jesus hat nicht zuerst die gesellschaftlichen Verhältnisse umgewälzt, um dann die menschlichen Probleme zu lösen. So versuchen das ja die Marxisten. Sie meinen: Wenn es erst einmal keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr gibt, dann werden alle ganz von selber gut und ihre Probleme untereinander hören auf; und was dann noch bleibt an Krankheit oder Hunger oder ähnlichem, das werden wir dann schon mit Hilfe der Wissenschaft bewältigen können.

Jesus aber hat sich zuerst um die seelische und leibliche Not des Einzelnen gekümmert. Er hat sich mit den Kranken abgegeben und für die Armen und Verachteten viel Zeit gehabt. Aber dadurch hat er die Welt mehr umgewälzt als alle Politik und Wissenschaft. Er hat dem Einzelnen Mut gemacht und gezeigt, daß man trotz widriger äußerer Umstände ein anderer Mensch werden kann. Und durch die Änderung des Einzelnen hat er auch das Gesamte verändert. Dadurch hat er eine Revolution von unten her eingeleitet‚ die mehr Verheißung hat als aller Zwang von oben.

Gott ergreift nicht von seiner Welt Besitz, indem er mit der Axt zuschlägt. Vielmehr macht er Kranke heil und zieht die Verachteten und Unglücklichen zu sich heran. Damit setzt er Vorzeichen des Künftigen‚ mehr nicht. Unter den vielen Leiden der Menschen fallen die wenigen Krankenheilungen Jesu nicht sehr ins Gewicht; und die geheilt wurden, sind doch einmal einer Krankheit erlegen. Und doch hat Jesus mit jeder Machttat schon das Künftige vorweggenommen.

Das Gleiche gilt für die im Inneren Geschädigten. Diese „Armen“ waren zur Zeit Jesu vor aller Hoffnung und von der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen. Nun aber war Platz für sie an Gottes Tisch. Als Brüder ihres „großen Bruders“ hatten sie einen neuen Platz in Gottes Volk. Das sind alles keine großartigen Dinge. Aber hinter allem und in allen läßt sich doch die verborgene Herrlichkeit Gottes entdecken.

Wir können nicht verlangen, daß der Kommende sich durch sichtbare Erfolge ausweisen soll. Ein bewiesener Gott wäre kein Gott. Er nimmt das Risiko auf sich, daß auch seine besten Freunde ihn nicht mehr verstehen. Aber in aller Stille tritt er in das Leben der Elendsten ein und opfert sich auf im Dienst an den anderen. Aber auf eine solche ungewöhnliche Art und Weise erobert er die Welt.

Unsere Aufgabe wird es sein, im Sinne Jesu weiterwirken. Das wäre unser Beitrag zum Weihnachtsfest und eine Möglichkeit‚ andere Menschen von der Nähe Gottes zu überzeugen. Jesus wirkt heute nicht mehr direkt wie damals, als er noch auf der Erde war. Er braucht uns als sein Werkzeug.

Dazu genügt es nicht, ein paar tröstende Worte zu sagen, die nichts kosten Er will sich zwar auch der inneren Not der Menschen nehmen, aber er möchte auch in die rein körperlichen Krankheiten eingreifen. Wir dürfen dabei mithelfen, und sei es auch nur, um die Not zu lindern. Jesus hat uns ja gerade gelehrt‚ daß auch die Kranken und Ausgestoßenen eben Menschen sind, die auf unsre liebe angewiesen sind. Durch eine tatkräftige und konkrete Hilfe zeigt sich, ob unser Glaube etwas taugt.

Die Liebesarbeit der Kirche an den Kranken und Alten und Behinderten ist oft das Einzige, was man der Kirche noch lobend anrechnet. Deshalb sollten wir das erhalten und nicht einfach dem Staat überlassen. Geld dafür zu geben, ist noch das Einfachste. Schwerer wird es schon sein, selber dabei mit Hand anzulegen. Bloße Worte überzeugen niemanden. Nur die Tat wird überzeugen und auch andere zu Christus führen. Wir können Jesus nicht mehr selber sehen. Da sollte man doch wenigsten durch uns seine Auswirkungen spüren können.

Heute sind wir Christen das Erkennungszeichen und Vorzeichen Christi in der Welt. Wir tun heute die Taten Jesu, wenn auch auf andere Art und nicht mit der durchschlagenden Wirkung wie bei Jesus. Aber nur wenn wir uns ihm zur Verfügung stellen, wird sein Wirken allen deutlich werden können. Bei den Menschen mag unser Werk nicht viel gelten, mögen wir klein und gering geachtet werden. Aber so sind wir doch wenigstens Hinweiszeichen auf den Größeren, der schon gekommen ist und in seiner ganzen Größe erst noch kommen wird.

 

4. Advent: Lk 1, 39 - 47 (heutige Abgrenzung  (Vers 39 - 45) 46 - 55 (56)

In vielen katholischen Kirchen hat Maria, die Mutter Jesu, einer hervorragenden Platz. Manchmal ist sie sogar die Hauptfigur des geschnitzten Altars. Bei manchen katholischen Christen ist deshalb der Eindruck entstanden, als sei Maria die Hauptfigur in der Kirche. Zumindest hält man es für gut, sich im Gebet an sie zu wenden, damit sie Fürsprache bei ihrem Sohn einlegt. Für uns dagegen hat Maria nur eine Bedeutung im Zusammenhang mit Jesus. Sie hat ihren Platz nicht einmal neben dem Sohn, sondern Christus ist unser einziger Erlöser. Doch oftmals haben wir Christus nur „i n“ etwas: Er begegnet uns in Wort und Sakrament, er ist in anderer Weise da in der Kirche, und hier haben wir ihn gewissermaßen im Schoß seiner Mutter.

Doch nur um Christi willen schauen wir auf Maria. Wir dürfen sie ehren‚ aber nicht verehren. Sie war auch nur ein Mensch und hat später an ihrem Sohn gezweifelt und nicht an ihn geglaubt. Erst nach Ostern hat sie wieder zum Glauben gefunden und ist zur christlichen Gemeinde gestoßen.

Dabei gab es an sich genügend Vorzeichen: Maria tritt in das Haus der Elisabeth und wird sie achtungsvoll gegrüßt haben, wie sich das von einer jüngeren Frau gegenüber einer älteren gehört. Der Gruß der Elisabeth aber fällt völlig aus dem Rahmen: „Gott hat dich unter alle- Frauen ausgezeichnet, dich und dein Kind! Wer bin ich, daß mich die Mutter meines Herrn besucht!?“ Spricht jemand, der ein großes und unverhofftes Geschenk bekommt und noch gar nicht glauben kann, daß es ihm gehört, sondern einen Irrtum befürchtet.

Hier begrüßen sich nicht nur Maria und Elisabeth, sondern der noch ungeborene Johannes freut sich im Leibe seiner Mutter über die Begegnung mit Jesus. Aber woher weiß Elisabeth eigentlich von dem Kind der Maria? Woher weiß sie, daß jenes Kind mehr sein soll als andere Kinder? Die Geschichte beantwortet die Frage einfach: „Sie wurde des Heiligen Geistes voll!“

Durch den heiligen Geist kann Elisabeth mit den Augen Gottes sehen. Durch die unscheinbaren Äußerlichkeiten kann sie hindurchsehen und sie erkennt, wer in Wirklichkeit vor ihr steht. Und sie preist Maria: „Selig bist du, die du geglaubt hast!“ Maria hat nicht an sich einen Vorzug, sondern nur als eine beispielhaft Glaubende wird sie gepriesen.

Und hier können wir auch als evangelische Christen in Maria ein Vorbild sehen; nicht weil sie die Mutter Jesu ist, sondern weil sie eine beispielhafte Glaubende war, ehren wir sie. Auch bei den katholischen Christen hat sich da seit einem Konzil einiges geändert: In vielen Kirchen finden wir immer noch Mariendarstellungen, aber etwas an die Seite gerückt - und da gehört sie auch hin: Wichtig, aber nicht die Hauptsache in einer Kirche!

Mit dem Glauben der Maria allerdings hat es nichts Besonderes auf sich. Manche meinen ja, das Bekenntnis zur jungfräulichen Geburt Jesu sei doch ein handfester Beweis. Hier habe Gott so sichtbar eingegriffen und den normalen Gang der Dinge durchbrochen, daß man gar nichts mehr zu glauben brauche.

Aber eine Jungfrauengeburt ist kein Gottesbeweis. Von vielen Menschen wird nicht nur die Sache an sich angezweifelt, sondern auch die Aussage, die doch dahinter steht, nämlich daß Jesus Gottes Sohn ist. Auch die Engelerscheinung ist nicht eindeutig, sie schließt nicht einfach jeden Zweifel aus und macht den Glauben nicht überflüssig.

Deshalb läuft Maria ja auch gleich zu Elisabeth, um sich zu vergewissern. Aber das hätten wir alle auch so gemacht, darin ist uns Maria menschlich so nahe. Aber sie findet nicht nur die Aussage des Engels erfüllt, sondern vernimmt ein ganz unerwartetes Christuszeugnis aus dem Munde Elisabeths. Gott macht eben auf verschiedene Weise auf das aufmerksam, was noch geschehen soll. Christus ist schon da in dieser Welt: vorerst noch stumm, nicht einmal sichtbar, aber Maria ist doch schon das Gefäß der leibhaften Gegenwart Gottes. Das darf Maria so nach und nach erkennen.

Einfach war es für sie sicher nicht‚ zu solchem Glauben zu kommen. Sie hat auch nach Zeichen gesucht, das die Aussagen bestätigen und den Glauben stützen könnte. Doch in Wirklichkeit gibt es so etwas gar nicht: ein Glaube, der bewiesen werden könnte, ist kein Glaube. Aber Maria wagt den Schritt, den wir alle tun müssen; sie vertraut auf Gottes Wort! Deshalb soll Maria gesegnet und seliggepriesen werden.

Aber es steigt ihr nicht zu Kopf‚ was sie oben gehört hat. Sie bleibt ganz passiv, als sie die Größte aller Frauen genannt wird. In ihrem Lobpreis läßt sie keinen Zweifel an ihrer Niedrigkeit und Bedürftigkeit. Maria hat nichts Besonderes an sich, das nicht jeder von uns auch haben könnte. Gott kann sein Werk auch durch Sünder tun. Er braucht nicht besondere Organe, die er erst einmal vollkommen und untadelig gemacht hat. Aber er schenkt seine Gnade denen, die sie an sich nicht verdient haben und wendet seine Güte denen zu, die ihrer nicht wert sind.

Wir alle haben Menschen, die wir für kürzere oder längere Zeit in unserem Herzen mehr oder weniger groß machen möchte: den Sohn oder die Tochter, aber auch einen Filmstar oder einen Olympiasieger oder irgendeinen anderen Meister seines Faches. Es gibt auch Menschen, die sich selber groß machen; in den Weihnachts- und Neujahrsreden werden wir sicher wieder etwas davon erfahren.

Maria aber singt das Lied des Menschen, den Gott groß machen will. Sie freut sich ihres Gottes. Sie kommt aus dem Staunen über die Mitteilung Gottes nicht heraus. Sie widerstrebt nicht, sondern gibt Gott recht, noch ehe sie ihn begriffen hat. Sie sagt „Ja“ zu ihm voll zitternder Erwartung.

Gott ist wie ein Mann, der sich zu einem Kind herabbeugt, das sich verlaufen hat. Maria war eine kleine unbeachtete Frau, von der in der großen Welt keiner Notiz nimmt. Dort kümmert sich keiner um den Verlierer. Dort steht nur der Sieger im Scheinwerferlicht. Die Erfolgreichen werden geehrt und ihr Werk wird aufbewahrt und gepflegt. Gott aber hat bei Maria haltgemacht und sich zu ihr herab geneigt. So beugt er sich immer herab zu den Übersehenen und Zukurzgekommenen in der Welt und stellt sie in die Geschichte seines Reiches.

Maria ist aber doch die größte unter allen Frauen - um Jesu Christi willen. Sie ist das Gefäß, durch das Gott in der Welt und im Fleisch wohnen kann, sie ist seine Eingangspforte in die Welt. Gott hat sie sich auserwählt für seine Anwesenheit und sein Wirken. Aber das bedeutet nicht, daß Maria mit ihrem Menschsein sich am Werk Gottes beteiligen könnte. Sie ist und bleibt ein verlorener Sünder und ist ganz auf die Gnade Gottes angewiesen.

Wer das im Glauben erkannt hat, wird Gott loben‚ so wie Maria das tut. Sie würde das ihr Widerfahrene geradezu verleugnen, wenn sie nicht den Herrn groß machte. Maria aber ist hier wiederum nur das Vorbild der Kirche und unser Vorbild. Wir haben alle Ähnliches erfahren und haben Grund, dieses Lob Gottes aufzunehmen und mitzutun.

Vielleicht ist in diesen letzten Tagen der Festvorbereitung unser Atem ein wenig kurz. Aber es gehörte trotz allem mit dazu, daß in dieser Tagen das Gotteslob vernehmbar wird so wie bei Maria. Das sollten wir uns noch einmal überlegen, wo und wie wir in diesen Tagen Gott loben können, der so große Dinge an uns getan hat.

Und noch etwas könnten wir uns überlegen: Gott beginnt in der Maria Wohnung zu nehmen. Mit anderen Worten: Gott kann uns in einem anderen Menschen begegnen. Man kann zwar nicht den Glauben an Gott in Mitmenschlichkeit hinein aufzulösen; aber etwas Wahres ist schon dran: Wir körnen Gott finden in dem Menschen, der uns gerade begegnet, vielleicht gerade in diesen Tagen.

Doch wir werden auch betroffen feststellen‚ wie oft uns Gott begegnen wollte und wir haben ihn übersehen. Er begibt sich oft gerade in die Gestalt eines unscheinbarer Menschen. In dem Menschen, der unsre Hilfe braucht, begegnet uns Gott.

Aber auch in dem Menschen‚ der uns durch einen guten Rat weiterhilft, hilft Gott uns selber. Selbst in dem Menschen, der uns beleidigt, kann Gott vor uns stehen, um uns zu prüfen, wieviel wir von dem Vorbild Jesu Christi begriffen haben.

Gewiß können wir die Aufgabe der Maria nicht wiederholen. Aber Maria wird uns deutlich: Gott sieht uns freundlich an, gerade auch durch andere Menschen. Da haben wir nun die Aufgabe, unsererseits andere Menschen freundlich anzusehen. Gott will uns benutzen, daß wir Christusträger werden. Gott braucht unseren Mund und unsre Hände, um seine Botschaft laut werden zu lassen in der Welt.

Manchmal hören wir dann sogar ein Echo unseres Tuns Vielleicht sagt jemand: „Damals hast du mir in einer verzweifelten Lage geholfen. Du hast zu mir ein Wort gesagt, das für mich wie ein Wort Gottes war!“ Das muß nicht zum Hochmut führen, sondern zum Lob des Gottes, der unsren Mund und unsere Hände benutzt hat für sein Werk.

So erzählte es ein Häftling aus dem Lager Buchenwald: In der nächsten Nacht wollte er in den elektrischer Draht gehen und Schluß machen. Da hörte er aus dem Fenster des Bunkers heraus eine laute und klare Stimme: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis!“ Es war die Stimme des Pfarrers Paul Schneider. Er wurde für diesen Ruf geschlagen und schließlich stumm gemacht. Aber diesen einen Mann hat er gerettet, denn er wußte nun, daß doch einer bei ihm ist. Wenn uns doch nur das gelänge, auch nur einem Menschen mit unsrem Reden oder Tun wieder Mut zu machen! Dann hätten wir uns recht auf das kommende Fest vorbereitet.

 

 

Christnacht: Lk 2, 1 - 14

An Weihnachten erinnert sich mancher daran, daß er ja auch wieder einmal in die Kirche gehen könnte. Man ist es noch so gewohnt, mag erfreut sich am Schmuck der Kirche und an den Liedern. Es soll von der Familie die Rede sein und von der eigenen seligen Kinderzeit. Es ist eben so eine ganz besondere Stimmung im Zusammenhang mit Weihnachten. Wenn sich jemand davon hat ansprechen lassen und deswegen heute hier in die Kirche gekommen ist, dann ist er herzlich willkommen, auch wenn er sonst das ganze Jahr über nicht kommt.

Hier in der Kirche erfährt das Fest seinen wahren Höhepunkt. Hier wird darüber nachgedacht, weshalb wir denn überhaupt diesen ganzen Aufwand treiben. An Weihnachten lautet die Botschaft: „Gott sucht mit uns persönliche Verbindung!“ Manchmal haben wir doch dem Eindruck, Gott sei weit weg; wir können ihn zwar noch dumpf ahnen, aber es bleibt alles unverbindlich. An Weihnachten aber hören wir: „Gott will die Entfernung überbrücken, er will Kontakt zu uns bekommen und uns für sich gewinnen. Dazu hat er sich in das Gedränge der Welt begeben. Er ist zwar nicht Mensch, sondern er w u r d e Mensch und einer von uns, mit allen Konsequenzen!“

Und dennoch gibt es auch heute Menschen, die sagen: „Für mich gibt es sowieso kein Weihnachten!“ Das kann auch an dem betreffenden Menschen selber liegen, weil er meint, das Fest setze eine besondere Seelenstimmung voraus und zu der könne er sich nicht aufschwingen. Einem solchen Menschen helfen kein noch so großes Geschenk und keine noch so gute Medizin. Sie brauchen aber vielleicht die Ruhe des Gotteshauses und sie brauchen vor allem das Wort Gottes, um wieder froh zu werden.

Allerdings haben wir hier in der Kirche keine Insel der Seligen, wo man sich schönen Illusionen hingeben kann. Auch an Heiligabend bestehen die harten Realitäten dieser Welt weiter. Es gibt Hunger in der Welt und Kriege, es gibt viel Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Viele erwarten sicher von einem solchen Gottesdienst etwas Stimmung und auch schöne Worte. Aber das Unheil in dieser Welt läßt sich nicht leugnen. Doch wir fragen heute nach seiner Überwindung, nach dem Heil Gottes in dieser Welt des Unheils.

Wir können nichts ändern. Auch das Kind in der Krippe konnte zunächst nicht helfen: Es lag da in den Windeln, konnte nur schlafen und trinken und vielleicht auch schreien. Und doch ist durch dieses Kind etwas anders geworden in der Welt, schon allein dadurch, daß es da war.

Hier ist Gott über den breiten Graben gesprungen, der ihn von den Menschen getrennt hat. Sein Sohn wurde gerade für diejenigen geboren, die meinten, Gott habe sie vergessen. Er wird geboren für die Armen, die kein Bett für ihr Kind haben und die sich ungeborgen und entwurzelt fühlen.

Gerade in dieser Nacht spürt mancher besonders seine Einsamkeit und sucht Anschluß. Da ist es gut, wenn er Menschen findet, die sich um ihn kümmern. Zumindest aber hat er einen Gott, der ihm nahe ist. Das verdeutlicht die Weihnachtsgeschichte. Das Tröstliche an ihr ist, daß dort auch von der Not der Menschen die Rede ist: Es wird uns deutlich, daß es dem Gottessohn auch nicht besser erging als den Menschen. Aber hier wird auch ein Weg aus der Not heraus gezeigt. Manchmal genügt dafür allein das Wort Gottes. Jesus hat bewußt auf seine Macht verzichtet. Und dennoch hat sein Wort die Welt und die Menschen grundlegend verändert.

Deshalb sollten wir an einem Tag wie heute nicht nur klagen über die Schlechtigkeit der Welt, sondern sollten sie auch im Lichtglanz Gottes sehen. Jesus wurde Mensch, um die Menschheit herauszuführen aus dem Elend in eine bessere Zukunft. Heute können wir schon vielerorts etwas entdecken von der großen Freude, die allem Volk widerfahren wird - sicher auch bei uns.

Allerdings kann dieser Gott auch heute nur durch Menschen aktiv werden. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“ Das gibt es nur, wenn wir auch unseren Teil dazu beitragen. Die frohe Botschaft liegt in dem „und“: Auch auf der Erde soll Friede sein! Daß Gott im Himmel gerühmt wird, braucht nicht unsere Sorge zu sein. Aber der Friede auf Erden liegt mit in unsrer Hand.

Natürlich könnte sich Gott auch mit seiner unwiderstehlichen Allmacht rücksichtslos in der Welt durchsetzen. Aber er will nicht zwingen, sondern überzeugen. Wir sollen von uns aus einsehen, daß der Friede notwendig ist, wenn wir überleben wollen. Doch vergessen wir nicht: Letztlich wird die Welt „von oben herab“ in eine andere Verfassung gebracht: Gott wendet sich den Menschen mit seiner Liebe zu. Er betritt das Aufstandsgebiet und begibt sich auf die Stufe der Aufrührer und liebt selbst seine Feinde. So zeigt er, wie sehr ihm an uns liegt und macht Frieden mit der Welt. Er regiert die Welt nicht mehr nur von außen, sondern er wird selber ein Stück Welt und wirkt als solches in die Welt hinein.

Die Welt ist dadurch noch nicht pauschal verwandelt worden. Aber in der Person Jesu ist doch ein Anfang gemacht. Jesus hat gezeigt, daß man Frieden halten kann. Dieser Frieden ist mehr als nur das Schweigen der Waffen. Er ist die Überwindung des Hasses durch die Liebe, die Beseitigung der Schuld durch die Vergebung, die Heilung der Kranken. Dann ist die Feindschaft behoben und Versöhnung eingetreten. Dieser Friede beruht auf einer durchgreifenden Neuordnung der Dinge. Da werden die Wurzeln der Feindseligkeit aufgespürt und beseitigt. Nur das Geordnete und Gesunde, das Gerechte und Heile wird einen echten Frieden ermöglichen. Jesus hat den Weg dazu gewiesen.

Wir können etwas gegen den Krieg tun. Vielleicht nicht so sehr gegen den aktuellen Krieg in irgendeinem Winkel der Welt. Aber wir können dazu beitragen, daß eine Bewußtseinsänderung bei uns und in der Welt eintritt. Lange war man weithin der Meinung, man müsse viele Soldaten und Waffen haben, um sicher zu sein. Heute aber erkennen wir immer mehr, daß die Mittel viel besser in der Entwicklungshilfe angelegt sind. Beides können wir nämlich nicht leisten‚ Rüstung und Entwicklungshilfe nebeneinander. Wenn wir aber den Gegensatz zwischen reichen und armen Völkern abbauen, dann werden die Soldaten überflüssig. Denn in Zukunft wird die Hauptgefahr von den armen Völkern ausgehen‚ die sich eines Tages werden holen müssen, was man ihnen heute noch vorenthält. Manche reichen Länder liefern ihnen noch die Waffen dafür, anstatt ihnen lieber Maschinen und Ausbilder zu geben.

Es gibt aber auch Länder, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Dazu gehört etwa Tansania.

Dort gibt es keine Wehrpflicht, sondern nur eine kleine Armee, die zudem noch stark bei zivilen Projekten eingesetzt ist. Das Land wurde zwar einmal von Uganda überfallen. Aber dennoch hält man an dem Vorrang der Entwicklung des Landes fest.

Auch in Europa gibt es Länder, wo man sagt: Die Kriegsgefahr ist gegenwärtig nicht so groß. Deshalb rüsten wir nicht weiter, sondern versuchenden Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Durch eine solche Einstellung aber wird der Frieden sicherer und die Rüstung immer überflüssiger.

Friede umfaßt auch den Wohlstand und das äußere Glück. Das war auch schon die Sehnsucht der Menschen zur Zeit der Geburt Jesu. In einer Inschrift von damals heißt es: „Die Menschen sind voll guter Hoffnungen für die Zukunft, voll frohen Mutes für die Gegenwart!“ Hier ist festgehalten, was die Menschen aller Zeiten ersehnen.

Doch um dieses Ziel zu erlangen, gilt es, nach der Liebe Gottes zu handeln. Die Hirten haben sich ja auch nicht mit dem Hören der Botschaft begnügt, sondern sie gingen hin zu dem Kind und brachten ihm Geschenke mit. Ein Schaf-Fell konnte immerhin ein Hundertstel des Jahreseinkommens ausmachen. Damit wurde die mißliche Lage des Jesuskindes noch nicht geändert, aber es war doch ein Zeichen der Liebe. Und wenn wir heute für die Aktion „Brot für die Welt“ sammeln, dann ändert das noch nicht schlagartig die Not in der Welt. Aber es ist doch ein Zeichen der Hoffnung für viele Menschen. Sie spüren dann: Wir sind nicht allein, wenn uns Flüchtlingselend und Naturkatastrophen heimsuchen. Da sind Menschen, die helfen uns beim Aufbau unseres Gesundheitswesens und unsrer Schulen. Weihnachten kann nicht nur ein Familienfest bleiben, an dem wir uns untereinander beschenken, sondern diese Geschenke von Volk zu Volk gehören mit dazu.

Man konnte am Stall von Bethlehem vorbeilaufen. Und man kann auch heute aus dieser Christvesper so weggehen, wie man gekommen ist. Christus aber wartet auf die Menschen, die seinen Frieden annehmen und dann praktizieren. Wir müssen es mit den Menschen riskieren, mit denen wir immer noch in Unfrieden leben, hier bei uns und anderswo. Vielleicht ist uns noch heute Abend ein Schritt in diese Richtung möglich. Dann wäre das „Friede auf Erden“ kein leeres Wort mehr.

Der uns dazu den Anstoß gibt, hat als Kind in der Krippe gelegen. Wenn in einer Familie ein Kind geboren wird, dann sagen die Geschwister: „Wir haben ein Kind!“ Es ist nicht das Kind der Mutter, sondern es gehört allen. So will auch das Kind in der Krippe „unser“ Kind sein.

Ein neues Kind bringt immer eine Umstellung mit sich. So will auch Jesus uns und alle Welt umstellen. Er fordert jeden Einzelnen dazu auf. Wenn aber viele Einzelne sich ändern, dann wird auch das Ganze anders. Wenn doch nur schon a l l e Menschen erkannt hätten, daß wir schon Frieden mit Gott haben. Dann gäbe es auch Frieden unter den Menschen. Dann wäre es so wie in einer großen Familie, in der sich alle einig sind und einer für den anderen da ist.

 

 

Christfest I: Lk 2, 15 - 20

Ein Kind erzählte einmal diesen zweiten Teil der Weihnachtsgeschichte folgendermaßen: „Denk mal, Mutti, da waren Hirten auf dem Feld. Auf einmal war es sehr hell und sie haben sich gefürchtet. Aber da ist ein Engel gekommen und hat gesagt: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Und da haben sie weiter geschlafen!“

Das ist fast eine moderne Weihnachtsgeschichte. Weihnachten leuchtet einmal kurz auf. Wir sind jedes Jahr wieder neu berührt von diesem Fest. Vielleicht erinnert es uns so sehr an die Weihnachtsfeste unsrer Kindheit, die uns heute wie ein Stück heiler und vollkommener Welt erscheinen. Aber nachher ist alles wieder beim Alten. Wir sehen flüchtig auf das Licht der Kerzen die uns an das ewige Licht erinnern sollen. Dann geht der Blick weiter zu den Geschenken, die uns meist schon mehr ansprechen. Und dann machen wir weiter oder schlafen weiter, als ob nichts geschehen wäre. Höchstens wundern wir uns noch, daß im Alltag von Weihnachten so gut wie nichts übrigbleibt.

Den Hirten aber hat sich Gott gerade in ihrem Alltag gezeigt. Es war eine Nacht wie andere auch. Keiner konnte ahnen, daß etwas Außergewöhnliches passieren sollte. Die Hirten taten ihre Arbeit, wie man es von ihnen erwartete. An Gott werden sie wohl kaum gedacht haben, denn Arbeit ist Arbeit, da hat man anderes im Kopf.

Dabei hätten sie Gott so nötig gehabt. Hirten hatten nichts zu sagen, sie galten als unehrlich, unsauber und ungläubig. Ihre Arbeit war schwer und gefährlich und erforderte ganze Kerle. Mit anderen Menschen kamen sie kaum zusammen. Von allen verachtet blieben sie allein mit ihren Gedanken und Gewohnheiten. Es gab zur Zeit Jesu keinen verachteteren Beruf als den der Hirten. Sie galten als Betrüger und Gewalttätige. Man hielt sie für Menschen, die Gott längst abgeschrieben hatte. Und es mag sein, daß sie deshalb auch ihrerseits Gott längst abgeschrieben hatten. Sie waren die Unterdrückten und Benachteiligten von damals. Nur weil sie diesen Beruf hatten, waren sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen, obwohl sie doch nötig waren und jeder auf ihre Arbeit angewiesen war.

Aber gerade für solche Menschen interessiert Gott sich zuallererst. Gerade den Ausgestoßenen wird die frohe Botschaft zuerst verkündet. Gott ist gerade bei denen, die es am wenigsten erwarten. Und er zeigt sich oft zu einer Zeit, in der man gar nicht mit ihm gerechnet hat. Diese Hirten waren nicht besonders fromm, sie waren Menschen wie wir alle. Sie brachten keine besonderen Voraussetzungen mit, die sie als Empfänger der Botschaft Gottes hätte geeignet erscheinen lassen.

Und doch dürfen sie als erste die frohe Botschaft Gottes hören. Man kann sich nur wundern, daß sie nicht mißtrauisch oder gar ausfällig wurden. Wenn man immer wieder zum Narren gehalten wird, verliert man leicht das Vertrauen. Aber diesmal werden sie nicht enttäuscht. Für einen Augenblick wird der Vorhang vor der göttlichen Welt weggezogen und sie dürfen etwas vom Geheimnis Gottes erfahren. Gott hat entschieden, wann und wem er sich zeigen will. Er wohnt nicht irgendwo im Weltall, sondern er kommt mitten hinein in das menschliche Leben.

Deshalb können wir ja auch nicht nach dem Hören seiner Botschaft so einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir können nicht so tun, als sei schon der dritte Feiertag - oder sagen wir besser: als sei schon wieder der Alltag. Gott läßt den Hirten nicht sagen: „Es besteht kein Grund zur Aufregung, ihr könnt weiterschlagen, so als sei nichts geschehen!“ Nein, er hat eine frohe Botschaft für die Hirten, die ihr Leben verändern wird.

Dabei entsprach diese Botschaft durchaus nicht ihrer Hoffnungen und Erwartungen. Sie ersehnten einen mächtigen Herrscher, der den Glanz ihres Volkes wieder herstellen würde. Stattdessen wurden sie auf ein Kind verwiesen, das gerade noch einen „Krippenplatz“ im wörtlichen Sinne des Wortes erlangt hatte. Aber die Hirten waren ja praktisch die erste Gemeinde, die sich um das Kind versammelte. Sie gingen bald wieder fort in die Nacht. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als voller Hoffnung zu warten‚ bis aus dem Kinde ein Mann würde, der sein Werk beginnt.

Aber immerhin: Sie hatten etwas gesehen‚ was sie von nun an nicht wieder loslassen würde. Wir haben hier eine Hauptschwierigkeit: Gott bleibt ja unsichtbar für uns! Und was nicht sichtbar ist, das ist für viele auch nicht wirklich. Aber achten wir einmal darauf‚ wie oft hier vom „hören“, „kundtun“ und vom „Wort“ die Rede ist. Mit anderen Worten: Wir heute können nur sehen, indem wir h ö r e n. Wenn wir Gott auch nicht sehen, so können wir ihn doch hören.

Allerdings hören wir ihn nicht aus einem himmlischen Lautsprecher. Wir haben nur die Erzählungen der Augenzeugen von damals, die uns gerade an Weihnachten lebendig vor Augen stehen sollten, als wären wir selber dabeigewesen. Schon damals war auch das gesprochene Wort nötig. Die Hirten wären nie auf diese Geburt aufmerksam geworden, wenn sie nicht darauf hingewiesen worden wären. Erst recht hätten sie nicht herausbekommen, w e r da geboren worden ist. So ist also das gesprochene Wort zur Deutung nötig, es macht eine Sache eindeutig. Als Gott sagt: „Dies Kind ist mein Sohn!“ da erkennt er es als seinen Sohn an, so wie ein irdischer Vater ja auch erst sein Kind anerkennt.

An sich hätte den Hirten die bloße Mitteilung genügen können. Im Stall konnten sie auch nicht mehr finden, als sie schon gehört hatten. Aber dennoch wird ihnen auch ein Zeichen gegeben: Das Kind wird in einer Krippe liegen! Diese wird das Zeichen sein, daß dieses Kind der angekündigte Heiland ist. Das Kind hatte ja keinen Heiligenschein und es waren auch keine Engel im Stall dabei, wie das die Maler so gern darstellen.

Mit menschlichen Augen kann man nicht wahrnehmen, daß dieses Kind der Sohn Gottes sein soll, das muß einem erst gesagt werden. Für das Gottsein haben wir sonst kein Organ. Aber um es uns leichter zu machen, wird Gott in einem Kind greifbar und kommt uns leibhaft

ganz nahe. Nun kann man ein Leben Jesu erzählen. Man hätte es filmen können. Gott läßt sich sehen und fassen.

Dennoch ist das kein Beweis, wenn ich sage: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn!“ dann ist das ein Glaubensbekenntnis. Und wenn ein anderer sagt: „Ich glaube nicht an Jesus“ dann ist das auch nur ein Bekenntnis und kein Beweis. Es geht allein darum, ob wir das Wort Gottes annehmen und ihm vertrauen.

Wir heute haben es im Grunde ja noch besser als die Hirten. Die sahen nur den unscheinbaren und ärmlichen Anfang. Wir aber wissen von den späterer Worten und Taten Jesu und von seiner Auferstehung. Wir haben in Taufe und Abendmahl äußerlich sichtbare Zeichen für die Gegenwart Gottes. In den Schriften der Bibel haben wir ausführliche „Briefe“ Gottes vorliegen, die uns von seiner Liebe zu uns erzählen. All das hatte man ja nicht von Anfang an. Wir haben es da doch eigentlich sehr viel besser, wenn wir glauben wollen.

Vielleicht hätte uns der Gottessohn im Stall nur vom Glauben abgehalten. Die Hirten aber waren nicht enttäuscht. Sie waren ja durch das Wort des Engels darauf vorbereitet. Und außerdem war ihren diese Umgebung vertraut. Sie spürten genau: Das ist einer, der zu uns gehört. Der kommt nicht nur schnell einmal zu Besuch und danach ist alles wieder, wie es war. Der geht unseren Weg mit durch Höhen und Tiefen und geht auch durch den Tod mit uns hindurch. Gottes Wort wird gerade durch unscheinbare Dinge bestätigt.

Es muß nur auch einer da sein, der die Botschaft Gottes aufnimmt, so wie man ein Empfangsgerät haben muß, wenn man Radio oder Fernsehen empfangen will. Um uns herum sind ja ständig Wellen in der Luft. Wir können sie nicht sehen, und doch kann jeder feststellen,

daß da etwas da ist. Es ist nicht nur das wirklich, was man sehen kann. Man muß nur bereit sein zum Empfang, dann wird einem doch manches aufgehen.

Doch diese Hirten werden gleichzeitig auch wieder zu Sendern. Sie hören nicht nur, sondern gehen hin, um zu sehen. Und als sie gesehen haben, geben sie Auskunft über das Wort, das ihnen Gott über dieses Kind gesagt hat. Zunächst werden es die Leute gehört haben, die mit in der Herberge waren. Aber nachher haben sie es weiter verbreitet, wo sie auch hinkamen: in ihren Familien, bei den Arbeitskollegen, bei Nachbarn und Bekannten, auch bei ganz Fremden.

An den Hirten können wir sehen, was Glaube bedeutet: Sie hören, gehen hin, sehen und sagen weiter. Diese Schritte sind auch uns aufgegeben. Das Weihnachtsfest ist bald vorüber und wir stehen wieder in unserem Alltag. Da wird sich zeigen müssen, ob es nur Tage waren wie viele andere oder ob von der Botschaft dieses Festes eine praktische Wirkung ausging. Weihnachten ist für uns nicht mit dem Besuch des Gottesdienstes erledigt, sondern beginnt jetzt erst richtig.

Wie viele Menschen gibt es in unserer Umgebung, die bedrückt oder verzweifelt sind. Viele sind am Leben verbittert oder gleichgültig geworden. Sie erleben die Vergänglichkeit und der Kreislauf der Jahre. Gott scheint ihnen so weit weg zu sein wie den Hirten der Tempel. Gerade an Weihnachten wird vielen das wieder bewußt werden. Viele singen dann dieses eine Mal im Jahr die Lieder, die ihnen aus der Kindheit vertraut sind und trauern dabei dem Glauben ihrer Kindheit nach. Aber es sind auch andere da, bei denen alles stumm und leer bleibt, die keinen Christbaum und keine Kerze haben, die auch keinen Menschen haben‚ der einmal mit ihnen spricht.

Aber sie warten vielleicht gerade auf ein Wort, auf unser Wort. Sie hoffen auf e i n Stück der Weihnachtsbotschaft, das gerade ihnen gilt. An diesen Menschen haben wir eine Aufgabe. Es ist nicht damit getan, daß wir an Familie Müller eine vorgedruckte Karte schicken und nur unsre Unterschrift daruntersetzen. Es gibt heute noch so vieles, was zum Himmel schreit. Die umfassende Weltverwandlung, in der der Friede auf Erden volle Wirklichkeit wird, erwarten wir erst, wenn Christus erneut wieder auf die Erde kommt. Aber das darf uns nicht faul machen. Es gibt zwar Probleme, für die unser Arm zu kurz ist. Aber wohin er reicht, dort sollten wir zufassen. Unseren bescheidenen Beitrag können wir auch leisten, daß unsere Welt ein wenig der Welt Gottes ähnlich wird.

Am Alltag der Hirten hatte sich äußerlich gesehen nichts geändert. Die Arbeit war noch genauso schwer und alle Probleme waren auch noch da. Aber sie selbst hatten sich verändert. Sie gingen in ihrer Alltag zurück wie ein Mädchen, das die erste große Liebe erfahren hat. Sie hat zwar weiter ihren alten Arbeitsplatz. Aber alles strahlt an ihr; sie ist eine andere geworden und möchte es am liebsten aller Welt erzählen. Wenn wir jetzt hinausgehen, dann müßte man es doch uns auch ansehen, daß mit uns etwas anders geworden ist.

 

Zusatz:

In der Konfirmandenstunde kam die Bemerkung: „Wenn wir erst auf dem Mond sind, werden wir es vielleicht wissen, wer Gott ist!“ Natürlich weiß heute jeder Konfirmand, daß Gott nicht auf dem Mond wohnt. Aber dahinter steht eben doch die ernsthafte Frage: Wie wird Gott für uns greifbar und begreifbar Wir wollen dieser Frage einmal nachgehen, indem wir uns überlegen, wie die Hirten in Bethlehem das erste Weihnachten erlebten.

Die Hirten hatten den Abgesandten Gottes für einen Augenblick sehen dürfen. Der dichte Vorhang, der für uns vor der göttlichen Welt hängt, hatte sich für einen kurzen Augenblick geöffnet. Sie haben einen Blick tun dürfen in die Herrlichkeit Gottes. Aber nun ist wieder alles wie zuvor: dunkle Nacht - das Feld, über dem die Sterne leuchten - die Viehherden.

Wir können nicht von uns aus fragen: „Wo ist Gott?“ Gott zeigt sich schon von sich aus. Aber e r entscheidet, wann er sich uns zeigen will. Die Hirten waren gerade mitten bei ihrer üblichen Arbeit, als Gott sich ihnen offenbarte. Es war eine Nacht wie andere auch. Aber gerade im Alltag ist er ihnen begegnet.

 

 

Christfest II: Joh 1, 1 - 14

Fast ist das Fest schon wieder vorüber. So schnell geht das? Und in unseren Wohnungen und Kirchen - und vielleicht auch in unsren Herzen - wird es bald wieder so aussehen wie auf einem Campingplatz im September: An den zertretenen Grasflächen sieht man noch, wo die Zelte gestanden haben. Die Papierkörbe und Abfallgruben sind übervoll und zeugen noch davon, daß hier einmal viele Menschen gewesen sind. Aber jetzt sind nur noch einige Unentwegte da, die sich noch ein paar Tage Nachsaison leisten.

Sind wir vielleicht auch diesen letzten Urlaubern vergleichbar, die noch nicht wahrhaben wollen, daß die Urlaubszeit unweigerlich zu Ende geht? Morgen beginnt auch wieder unser Alltag wo wir früh aufstehen und an die Arbeit müssen. Aber Weihnachten soll auch dann noch nachwirken und nicht endgültig für ein Jahr begraben sein, wenn der Christbaum dann entsorgt ist.

Allerdings geht es nicht darum, die Weihnachtsstimmung nun weiterhin zu konservieren. Diese falsche Art der Verlängerung von Weihnachten hat der Dichter Heinrich Böll einmal beschrieben. Er schildert in seiner Kurzgeschichte: „Und das nicht nur zur Weihnachtszeit“ eine liebenswürdige Oma, die das ganze Jahr über Weihnachten macht: Sie sitzt auch in der Augusthitze unterm Tannenbaum und lauscht dem kitschigen Lied der Spieluhr. So geht es eben auch nicht. Damit flieht man aus der Welt und aus dem Alltag und hat Weihnachten gerade nicht begriffen.

In unserem Predigttext heißt es ja ausdrücklich: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. Gott hat sich ja gerade in seinem Sohn Jesus Christus in den Alltag der Menschen hi­n­ein­begeben. Die übliche Weihnachtsgeschichte von der Geburt des Kindes im Stall macht uns das schon deutlich. Nur wird diese Geschichte heute leider oftmals ins Gefühlvolle hineingezogen, man findet dieses Bild schön und rührselig und übersieht dabei ganz die harte Wirklichkeit, die doch eigentlich dahinter steht.

Der Anfang des Johannesevangeliums verführt uns nicht so in zum Abgleiten ins Kindliche. Hier wird mehr grundsätzlich die Bedeutung der Geburt Jesu deutlich gemacht, ohne daß man dazu erst noch eine ausführliche Erzählung braucht. Aber vielleicht paßt gerade diese Art der Glaubensaussage viel besser in unsere heutige so nüchterne und sachliche Welt.

Von Weihnachten ist hier überhaupt nicht die Rede. Johannes der Täufer wird erwähnt. Von Jesus heißt es: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf!“ Das bezieht sich doch alles eher auf den erwachsenen Jesus. Wir müssen auch bedenken, daß dieser Anfang des Johannesevangeliums für lange Zeit für viele Gemeinden die einzige Weihnachtsgeschichte war. Sie hatten ja nur i h r Evangelium und kannten die anderen gar nicht.

Dennoch handelt es sich hier um eine echte Weihnachtsgeschichte. Sie betont ausdrücklich die Menschwerdung des Gotteasohnes, auch wenn dazu nicht alle Einzelheiten erst ausgemalt oder erfunden werden müssen. Und diese Geschichte kann uns besonders gut deutlich machen: Die weihnachtliche Saison geht mit dem Fest nicht zu Ende, sondern sie fängt im Grunde genommen morgen erst richtig an.

Johannes singt nämlich nicht „Alle Jahre wieder“, sondern sein Lied steht unter der Überschrift: „Jeden Tag neu trifft uns die Weihnachtsbotschaft!“ Diese Botschaft ist nicht eine fromme Dekoration für ein schönes deutsches Fest, sondern sie betrifft unser ganzes Leben.

Die Losung „Friede auf Erden“ darf nicht zusammen mit den Weihnachtskugeln bis zum nächsten Jahr eingepackt werden, sondern sie ist ein Programm für unser Leben in der Familie und Arbeitswelt, ebenso für das Zusammenleben der Völker und Rassen.

Dieses Programm hat auch Aussicht auf Erfolg. Dazu ist Gott ja Mensch geworden, daß er uns die Möglichkeit zum Frieden einmal konkret vorführen konnte. Gott hat mit unnachgiebiger Liebe um die Menschen gekämpft, die er geschaffen hat. Er will sie erhalten, koste es, was es wolle. Selbst sein Sohn war ihm als Einsatz nicht zu teuer. Jesus konnte wenigstens Gottes Wort in die irdische Wirklichkeit hinein übersetzen.

Er hat auch Gott beim Wort genommen als er Partei ergriff für die Mühseligen und Beladenen, für die Asozialen und die Ausbeuter, für die Huren und die Samariter. Jesus hat sich um alle gekümmert, die keine Chance mehr hatten, auf einen guten Weg zu kommen. Er setzt sich für die ein, die meinten, ihr Leben sei verpfuscht und sie könnten auch nicht mehr auf Gott hoffen.

So kam ein neues Licht in. die Welt. Nun brauchen wir nicht mehr vom Glauben an ein höheres Wesen zu reden, sondern wir können uns ganz konkret auf den Vater Jesu Christi beziehen. Der läßt sein Licht leuchten über die Welt, ob die Menschen wollen oder nicht. So wie die Sonne immerzu scheint, auch wenn wir sie nicht sehen können, so ist Gott nur immerzu da. Er macht es hell, damit wir keine Angst zu haben brauchen. Im Dunkel lauert die Gefahr. Aber im Licht Gottes läßt es sich gut leben. Nicht alle wehren das Licht Gottes ab. Es gibt auch Menschen, die ihm Eingang gewähren.

Es hat ihn keiner daran hindern körnen, seinen Sohn in die Welt zu geben. Es kann ihn auch heute keiner hindern, in die Welt hineinzuwirken. Er macht unsre Welt erst hell und zeigt dem Menschen seinen Platz in dieser Welt. Er macht uns am Beispiel Jesu deutlich, was alles möglich ist in dieser Welt‚ und er möchte, daß wir diesem Beispiel folgen.

Leider muß Johannes feststellen: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht ergriffen!“ und: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf!“.Aber mit großer Freude kann er doch auch berichten: Viele nahmen ihn auf und wurden dadurch zu Gottes Kindern!

Für uns wird es auch darauf ankommen, dieses Licht zu ergreifen. Das ist gar nicht mehr so schwer seit Weihnachten. Wir müssen ja nicht von uns aus nach dem Licht greifen. Es ist ja schon da und wir brauchen uns ja nur in dieses Licht zu stellen. Dann würde sich auch ganz von selber die Sicht der Dinge dieser Welt schon verändern.

Die Erde ist dann wirklich eine gute Gabe Gottes, die allen Menschen gegeben ist, den Besitzenden und den Besitzlosen. Deshalb darf es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr geben. Alles Freund-Feind-Denken, aller Krieg und aller Rassismus müssen aufhören. Die Verständigung zwischen andersdenkenden Menschen und zwischen Ländern unterschiedlicher Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung wird gefördert. Es werden Vorurteile beseitigt und die Liebe wird gegen den Haß gestellt. Die Jungen und die Alten können miteinander und füreinander leben. Das Betriebsklima in den Werkhallen, Büros und Schulen kann anders werden. Unsre Welt kann eine Welt werden, die wirklich im Lichte Gottes steht, wenn wir nur dieses Licht heranlassen.

Noch einmal: Jesus hat uns das vorgemacht. Johannes sagt in der Sprache seiner Zeit: „Das Wort ward Fleisch!“ Wir könnten etwa sagen: Jesus übersetzt das Fremdwort „Gott“ in die konkrete Wirklichkeit des Alltags: Er ißt mit denen, zu denen man sich nicht an den Tisch setzt. Er lacht mit denen, die nichts zu lachen haben. Er begegnet den Unbeliebten mit Liebe. Er beurteilt einen Menschen nicht nach Schönheit, Gesundheit, Geld oder Lebenswandel.

Das ist auch uns möglich. So wird auch heute unser Gott in unsre Welt hineingetragen. So werden auch heute Menschen und Verhältnisse geändert und unsre Welt wird ein Stückchen menschlicher oder - vielleicht besser gesagt - göttlicher, das heißt: mehr im Sinne Gottes.

 

Es wäre schön, wenn wir hier schon „Ja und Amen“ sagen könnten. Aber unsere Welt ist ja nicht so - n o c h nicht so. Wir sind immer noch vielfach unfähig, Liebe zu üben, wo man sich haßt, zu verzeihen, wo man sich beleidigt, zu verbinden, wo Streit ist.

Es gibt also immer noch Finsternis auf der Welt. Aber sie fordert uns heraus, s o l c h e Realitäten nicht anzuerkennen. Johannes fordert uns heraus, Zeuge zu sein für ein Denken und Leben im Sinne Jesu.

Im Blick auf den Weltfrieden kann das nur heißen: Die Christen überall in der Welt müssen ihre Regierungen auffordern, den ersten Schritt zu tun. Wir können nicht mißtrauisch darauf warten, was der andere tun wird, sondern wir haben auf das zu hören, was Gott uns zu sagen hat und wie Jesus es uns vorgemacht hat. Wir dürfen nicht auf Vorleistungen der anderen warten, sondern müssen selber Vorleistungen bringen. Nur so ist das Wettrüsten zwischen Ost und West beendet worden.

Das könnten wir uns auch für unser persönliches Leben merken: Wenn w i r den ersten Schritt tun, wird es für den anderen leichter, auch einen Schritt zu tun. Und am Ende könnte es gar zu einem Wettlauf danach kommen, wer dem anderen mehr entgegengekommen ist. Dann hätte Gott seine Freude an uns, dann wäre die Weihnachtssaison nicht mit dem heutigen Tag zu Ende, dann wäre nicht vergeblich gewesen, was der Schlüsselsatz unsres Predigttextes ist: „Das dort ward Fleisch!“

 

 

Altjahrsabend: Lk 12, 35 - 40

In wenigen Stunden geht das alte Jahr zu Ende. Wir werden das neue Jahr mit Raketen und Kanonenschlägen und manch anderem Krach begrüßen. Ursprünglich sollten dadurch ja böse Geister vertrieben werden, die besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ihr Unwesen treiben sollten. Wir glauben natürlich nicht mehr an solche Geister, wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Aber warum machen wir (oder viele bei uns) diesen Quatsch noch mit? Warum hat auch der Staat nichts dagegen?

Vielleicht ist mit dem Jahreswechsel doch eine geheime Angst verbunden, die durch den Krach übertönt werden soll. Einmal geht es dabei um die Angst vor der Zukunft; doch davon wird eher morgen an Neujahr zu reden sein. Noch mehr aber werden wir heute Angst empfinden, wenn wir an das denken, was hinter uns liegt. Wenn ein Kind in den dunklen Keller oder durch den Wald gehen soll, dann pfeift es oft vor sich hin, um sich nicht so allein fühlen zu müssen. Vielleicht brauchen wir auch den Krach an Silvester, um unsere Angst zu verscheuchen. Und vielleicht braucht man auch den Alkohol an so einem Tag, um sich wieder etwas Mut anzutrinken.

Wir ziehen auch wohl alle Bilanz an so einem Tag wie heute. Das Jahr wird vor unserem in­neren Auge ablaufen wie ein Film, in der wir doch irgendwie die Hauptrolle spielen. Es wäre schön, wenn wir die hellen und heiteren Stunden mehr im Gedächtnis behielten, als die traurigen. Aber wir können die Vergangenheit auch nicht abschütteln. Unsere Verfehlungen stehen uns vor Augen. Wir hatten Pläne, die sich nicht verwirklichen liehen. Wir hatten gute Vorsätze gefaßt, aus denen nichts geworden ist. Wir haben Menschen aus dem Blick verloren, wir haben andere hergeben müssen an den Tod. Und zu den persönlichen Nöten kommt noch die Furcht vor gefährlichen politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen.

Wir wissen, daß wir für alles Verantwortung tragen: Für das uns anvertraute Stück Welt, für die Menschen unsres Lebenskreises und für uns selbst. Die Zeit ist ja unumkehrbar; was einmal geschehen ist, kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. Die Zeit spult sich unaufhaltsam ab. Das wird uns wohl besonders heute wieder einmal bewußt. Und dann machen wir einen Strich unter alles, rechnen Plus und Minus gegeneinander auf und stellen entweder Erfolg oder Mißerfolg fest.

Sicherlich macht auch Gott seine Rechnung auf. Bei ihm sieht das Ergebnis unter Umständen sehr viel anders aus. Vielleicht ist es besser. Es gibt ja Menschen, für die wiegt das Negative sehr viel schwerer; sie sehen gar nicht mehr die schönen Seiten ihres Lebens und klagen immerzu nur, während ein Außenstehender die ganze Sache lehr viel freundlicher beurteilt. Aber vielleicht sieht das Ergebnis bei Gott auch schlechter aus. Wenn wir unseren persönlichen Jah­resabschluß machen, dann schieben wir gern alles Unangenehme weg; aber Gott hat es doch gesehen und es kommt mit auf die Rechnung. Er hat letztlich das entscheidende Wort zu sagen; und nicht nur, wenn wieder einmal ein Jahr seinen Abschluß gefunden hat.

Das heißt aber: Wir sind Gott verantwortlich für das‚ was wir mit seiner Welt machen. Christen sind Menschen, die das Eigentum des zur Zeit abwesenden Herrn zu verwalten haben. Zwischen Auferstehung und Wiederkunft haben sie das zu versorgen und zu verwalten, was ihm gehört. Der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Aber er hat damit auch eine besondere Verantwortung für sie. Er ist Gottes Ebenbild und vertritt Gott gegenüber der Welt. Was aus der Schöpfung Gottes wird, ist also in hohem Maße in die Hand der Menschen gegeben. Wir brauchen uns deswegen nicht aufzuplustern, so als ständen wir am Schaltpult der Menschheitsgeschichte. Aber wir brauchen auch nicht darüber zu verzweifeln daß unser Einfluß auf das Ganze so gering ist.

Aber wir könnten das vergangene Jahr auch einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachten, ob wir diese Verantwortung für die Welt recht wahrgenommen haben in der Familie und im Beruf. Haben wir unsre Gaben und Fähigkeiten, haben wir unser Eigentum recht eingesetzt und zum Wohl der Welt verwendet? Gott hat uns alles nur geliehen, damit wir es in seinem Sinne verwenden zum eigenen Wohl und zum Wohl anderer Menschen.

Aber eines Tages wird er selber wiederkommen und alles in die Hand nehmen. Wenn er anklopft, soll ihm sofort die Tür aufgemacht werden. Es wäre schön, wenn er dann einen Zustand vorfände, mit dem er zufrieden sein kann. Wenn er im Haus Licht sieht, dann hat man also auf ihn gewartet; dann muß man nicht erst aus dem Schlaf geweckt werden, sondern ist gleich wach und bereit. Dann kann das Haus auch ohne Schwierigkeiten an den Eigentümer übergeben werden

So will uns Gott allezeit bereit finden. In jedem Augenblick kann er ja einen Schlußstrich ziehen und unser Leben beenden Nicht ohne Grund steht im gleichen Kapitel bei Lukas die „Geschichte vom Reichen Kornbauer“. Dabei ist es unerheblich, ob die Geschichte der ganzen Welt endet oder nur die kleine Lebensgeschichte des Einzelnen; für den Betreffenden läuft das auf dasselbe hinaus.

Es gibt eben auch ein „zu spät“. Es könnte ja sein da sich einer gerade aus seinem Minus wieder hocharbeiten wollte. Aber wenn es draußen klopft, kann er nicht sagen: „Warte noch einen Augenblick, ich bin gerade noch beim Aufräumen!“ Gott kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn man wüßte, welche Nacht das ist, könnte man natürlich einmal aufbleiben. Gott möchte uns aber jederzeit bereit finden.

Wir wissen nur: Einmal kommt er bestimmt! Aber wir sind nicht immer darauf vorbereitet. Deshalb haben wir auch diese untergründige Angst. Wir merken‚ wie schnell die Zeit vergeht und daß sie unumkehrbar ist. Gerade an Silvester wird uns das besonders deutlich vor Augen geführt. Da wird uns wieder in Erinnerung gerufen: „Du müßtest ja eigentlich immer bereit sein!“

Gott verlangt von uns, daß wir immer auf dem Posten sind. Bei unsrer Arbeit wird ja auch Aufmerksamkeit und Sorgfalt verlangt. Wenn es um unser Leben geht‚ dann lohnt sich der Einsatz umso mehr. Für andere Dinge setzen wir uns auch ein. Wenn es um eine Ausbildung oder ein Prüfung geht, dann muß vieles andere zurücktreten. Wenn einer bauen will, was setzt er da doch Kräfte ein! Das lohnendste Ziel ist aber, sich auf die Wiederkunft des Herrn einzurichten.

Am heutigen Tag sollten wir nicht nur in die Vergangenheit blicken und unsre Zeitängste dadurch noch steigern. Besser wäre es schon, auf die eben erst gefeierte Geburt Christi zu blicken, die uns der Blick auf die Zukunft eröffnet.

An ihm sollten wir alles Erlebte und Getane messen und unter seine Vergebung stellen. Dann aber dürfen wir nach vorne schauen auf das Wiederkommen des Herrn. Das ist das einzige gewisse Ereignis gegenüber den vielen Hoffnungen und Befürchtungen, die wir vielleicht sonst für die Zukunft haben. Dort liegt das Ziel aller Jahre und auch der Sinn unsres Lebens.

Wir wissen nicht, wann der Herr kommt. Aber wir haben uns darauf einzurichten, d a ß er kommt. Sicher ist, daß mit dem Verrinnen der Zeit auch die Heimkehr des Hauseigentümers näher rückt. Der Silvestertag ist einmal ein Anlaß, darüber nachzudenken, obwohl er sich ja

ansonsten in nichts von anderen Tagen unterscheidet.

Sicherlich könnten wir auch. unser Zeitbewußtsein etwas trainieren. Doch nicht so, daß wir bedauernd oder gar weinerlich klagen: „Mir bleibt immer weniger vor der mir zur Verfügung stehenden Zeit!“ Eher könnten wir wach und fröhlich sagen: „Immer näher kommt die Stunde, in der Christus da sein wird!“

Es könnte ja auch sein, die Knechte fühlen sich ganz wohl, wenn der Herr weit fort ist: Die Katze ist aus dem Haus, da haben die Mäuse freien Lauf. Dann denkt man: „Mein Leben gehört mir selbst, ich kann machen, was ich will, ich habe ja keinen über mir, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Da könnte es tatsächlich mit der Gemütlichkeit zu Ende sein, wenn der Herr wiederkommt. Dann wird er sich bedienen lassen und die anderen müssen springen.

Aber dann kommt die große Überraschung: Der Herr bindet sich selbst die Zipfel des Gewandes hoch, läßt seine Knechte am Tisch Platz nehmen und bedient sie. In England macht man das in hochherrschaftlichen Häusern manchmal zur Fastnacht. Da werden dann die Diener einmal von den Herrschaften versorgt. Das geschieht dann aber unter vielen Scherzen und Späßen.

Jesus aber ist es ganz erst mit seinem Dienen, das ja hingeht bis zum Kreuz. In dieser Zusage, daß er dann seine Leute bedienen und betreuen will, steckt das ganze Evangelium. Wenn Christus kommt werden wir allein von dem leben, was e r an uns tut. Wenn wir uns zum Abendmahl einladen lassen, dann geschieht das in gewisser Weise schon heute.

So müssen wir das alte Jahr mit einem Defizit an Leistung und Erfolg abschließen; auch unsere Schuld vor Gott ist nicht zu leugnen. Aber wir können auch aufatmen. Denn wir erfahren aufs Neue, daß es zuletzt nicht auf uns ankommt und auf das was wir selbst zuwege gebracht haben oder nicht. Zuletzt hängt unsre Zukunft davon ab, was der Herr für uns getan hat und vor allem was er noch tun wird.

 

 

Neujahr: Lk 4, 14 - 21

Am Neujahrsmorgen wünschen wir unseren Freunden und Bekannten ein gutes und erfolgreiches, gesundes neues Jahr. Vielleicht sprechen wir auch von einem gesegneten neuen Jahr. Aber überlegen wir uns dabei auch, was damit eigentlich gemeint ist? Wünschen wir dabei wirklich den Segen Gottes auf den anderen herab? Oder ist das zu einer Formel geworden wie unser „Guten Tag“ oder „Grüß Gott“ in Bayern?

Auch Jesus spricht zu Beginn seiner Wirksamkeit vom Segen Gottes. Er verspricht seinem Volk das angenehme Jahr des Herrn. Vom Alten Testament her kennen wir die Einrichtung des Gnadenjahres: Alle 50 Jahre sollten die alten Besitzverhältnisse wiederhergestellt werden, alle Sklaven sollten freigelassen werden und keiner sollte mehr irgendwelche Vorrechte haben.

Wir wissen nicht, ob diese Bestimmung der Bibel in Israel jemals tatsächlich durchgeführt worden ist. Aber wir wissen, daß auch Jesus ein solches Gnadenjahr angekündigt hat. Allerdings hängt das nicht mehr vom guten Willen der Menschen ab, sondern nun tritt Gott in Aktion und beginnt sein Heil.

Deshalb zählen wir ja auch die Jahre von Christi Geburt an. Zwar haben wir offiziell jetzt das Jahr …. „nach unsrer Zeitrechnung“. Aber jeder wird sich doch fragen müssen: „Wonach richtet sich denn unsre Zeitrechnung?“ Und da sind wir wieder beim Handeln Gottes an der Menschheit, sind wir wieder bei Jesus Christus und seiner Geburt angelangt. Seitdem ist jedes Jahr ein Jahr des Herrn, oder wie man es früher auf lateinisch sagte „anno domini“ = im Jahr des Herrn.

Wir wissen nicht, was in diesem Jahr auf uns zukommt. Aber wir sollen wissen, daß es ein Jahr des Herrn ist. Es steht allein unter der Verfügung Gottes und ist allein durch seine Gegenwart bestimmt. Wir sind nicht irgendwelchen dunklen Schicksalsmächten unterworfen oder den Launen großer Männer, sondern wir haben auch im neuen Jahr allein nach Gott zu fragen.

Jesus hält hier ja gewissermaßen seine Antrittspredigt. So etwas ist immer eine besondere Sache. Wenn ein Pfarrer bei seiner ersten Predigt die Stufen zur Kanzel hinaufsteigt, dann ist das schon ein besonderes Gefühl. Er sieht Menschen, die meist freundlich dreinschauen, allerdings noch abwartend und ein wenig neugierig, wie sich der Neue wohl machen wird, aber selten feindselig oder ablehnend. Es ist eine schöne Ermutigung für einen neu angekommenen Pfarrer, wenn er mit großen Erwartungen freundlich empfangen wird.

Aber in solchem Verhalten liegt auch eine Versuchung. Man meint leicht, es müsse nun immer gute und gefällige Worte geben. Und man kann leicht in Bedrängnis geraten, wenn einmal von Gottes Wort her etwas gesagt werden muß, was unbequem ist und nicht gern gehört wird. Die Erwartungen können eben nicht immer erfüllt werden, es wird auch Widerspruch geben müssen. Aber entscheidend ist, ob dabei Gottes Sache betrieben wird.

Jesus ist auch auf Widerstand gestoßen, als er sagte: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ Es ist ausdrücklich gesagt: „vor euren Ohren“. Man kann also nur davon hören. Die Zuhörer aber beklagen sich: Sie wollen keine Reden hören, sondern sie wollen Taten und Wunder sehen. Aber Jesus bleibt dabei: Er lehnt es ab, seine Macht und .Herrlichkeit und seinen Auftrag mit Wundern zu demonstrieren.

Die „holdselig“ angefangene Predigt, die das Wohlgefallen der Zuhörer hervorgerufen hat, endet so ziemlich unerfreulich. Ein Wort ergibt das andere und schließlich heißt es: „Sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus!“ Solange er sich in den eingefahrenen Geleisen bewegte, war es gut. Als er aber konkret wurde und vom „Heute“ sprach und vom Anspruch Gottes, da wollen sie ihn nicht mehr haben.

Das Wort „heute“ ist das eigentlich Aufregende an dieser Predigt. Ohne dieses Wort wäre der Gottesdienst in Nazareth verlaufen wie jeder andere. Die Leute hätten ihre religiösen Überzeugungen behalten und nicht missen mögen. Sie hätten sicher auch gesagt: „Es gibt einen ewigen und allmächtigen Gott, der die Welt geschaffen hat und heute noch regiert!“ Das ist immer wahr und regt niemanden auf. So etwas kann man immer schön sauber zu Papier bringen und im Gottesdienst immer erneut wiederholen. Aber es bringt doch niemand aus der Ruhe.

Jesus aber erregt mit einem einzigen Satz einen Aufruhr. Er rückt seinen Zuhörern auf den Leib, indem er sagt: „Jetzt ist die Stunde der Entscheidung!“ Jetzt könnt ihr nicht mehr nur zuhören, sondern müßt „ja“ oder „nein“ sagen. Das ist bis heute nicht anders. Aber viele kommen auch heute mit dem Gedanken zum Gottesdienst: „Mal sehen, was uns heute geboten wird!“ Man setzt sich in die Bank und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Aber man ist entschlossen, sich nicht vom Sitz hochreißen zu lassen.

Aber in jeder Stundenkann uns Gott begegnen. Nicht jede Zeit ist wie die andere. Nach dem Kalender und der Uhr gleicht sich die Zeit natürlich, aber nicht nach ihrem Gehalt, nach den Ereignissen und Gelegenheiten.

Es gibt manchmal nur kurze Zeitspannen, die den Lauf der Geschichte für lange Zeit bestimmen oder doch wenigstens beeinflussen. Es gibt Augenblicke, in denen das Schicksal eines Volkes oder gar der ganzen Menschheit gewissermaßen an e i n e m Faden hängt. Eine Jahreswende gibt immer Anlaß, im Blick auf das Vergangene solche Entscheidungsstunden zu bedenken und im Blick auf die Zukunft sich darauf gefaßt zu machen.

Wenn wir es mit Gott zu tun haben, genügt es nicht, einige Richtigkeiten zur Kenntnis zu nehmen. Wir werden immer persönlich angesprochen und können reden oder schweigen, die Beziehung aufnehmen oder fliehen.

Die Leute von Nazareth haben theoretisch schon verstanden, was Jesus meinte. Aber es wollte ihnen nur nicht in den Kopf, daß dieser Jesus etwas Besonderes mit Gott zu tun haben soll, wo sie ihn doch von klein auf kennen und wissen, daß er ein Sohn Josephs ist und von Beruf ein Zimmermann. Auch seine Familie wird sehr unter den Ereignissen in Nazareth gelitten haben. Anfangs war er der Stolz der Familie, nun war er das schwarze Schaf und brachte große Schande über sie.

Es mag sein, daß wir im vergangenen Jahr auch nach stolz waren auf unsre Zugehörigkeit zu Gott. Aber vielleicht kann es im neuen Jahr schon zu einer Belastung werden. Dann wird sich zeigen müssen, ob der Glaube nur eine Tradition ist oder ob er fest in unserem Leben verwurzelt ist.

Alle Zeit, die uns gegeben ist, ist Christuszeit, eine Zeit der offenen Tür. Es liegt nicht in unsrer Macht, die Türen bei Gott aufzuschließen oder gar aufzubrechen. Wir sind darauf angewiesen, daß er uns selber eine offene Tür schenkt. Die Tür kann auch einmal wieder verschlossen sein. Noch steht sie weit offen. Auch im neuen Jahr ist Gelegenheit, Gott zu begegnen und seine Hilfe zu erfahren.

Mißerfolge brauchen uns im neuen Jahr nicht umzuwerfen, denn Jesus nimmt unser Versagen auf sich. Was wir drangeben müssen, erstattet er vielfältig. Er heilt unsre Krankheiten. Und wenn uns eines Tages die Krankheit zum Tode ereilt, dann führt er uns dadurch erst recht ins Leben.

Jesus lädt heute wieder alle ein, egal wie sie bisher gelebt haben. Er spricht nur von dem Gnadenjahr und läßt den zweiten Teil des Satzes, wie er noch bei Jesaja steht, das Wort vom Tag der Vergeltung, weg. Jesus sagt die Zeit der Liebe an. Er deckt unsre Vergangenheit mit der Liebe Gottes zu und gibt uns damit die Möglichkeit, in Zukunft uns mit Liebe für die Mitmenschen einzusetzen.

Man kam natürlich der Meinung sein, Jesus sei uns das Meiste schuldig geblieben, was er uns verheißen hat. Viele werden uns vorwerfen, wir redeten uns ja nur ein, es sei alles gut: Wenn uns etwas Mißliches trifft, würden wir es hinterher als wünschenswert bezeichnen, und wenn uns etwas Trauriges trifft, würden wir behaupten, es mache uns Freude. Das wäre nur ein billiger Trick, wenn wir alles Leidvolle wegdeuten wollten.

Wenn wir glauben, wird tatsächlich etwas anders. Wir können sogar das Schwere liebgewinnen, wenn wir darin die Hand Gottes erkennen. Und was als zerstörerisch erschien, kann heilend und aufbauend sein. Es gibt ungezählte Menschen, denen das einfach eine Erfahrung ist.

Aber auf der anderen Seite bedeutet das auch, daß die frohe Botschaft für die Armen nicht eine Vertröstung sein darf. Es muß einfach Freiheit für die Gefangenen, Heilung für die Blinden und Erlösung für die Mißhandelten geben. Deshalb werden wir aufgefordert, alles uns Mögliche zur Behebung dieser Not zu tun.

Wir sind nicht nur Hörer und Empfänger der Botschaft, sondern auch Menschen, die sie an andere weitergeben. Es gibt sicher viele Menschen, die von dem freundlichen Jahr des Herrn etwas hören möchten und die dadurch wieder Mut zum Leben finden könnten. Wenn schon,

dann soll es doch für alle ein Gnadenjahr werden.

Vielleicht denken wir nun an die vielen Menschen, die in Heimen leben müssen, wo Alte und Kranke betreut werden. Sie brauchen nicht nur Essen und Trinken, sie wollen nicht nur versorgt und gepflegt sein, sondern sie suchen nach einem Menschen, der ganz für sie da ist, der einmal einen Brief schreibt oder ein gutes Gespräch mit ihnen führt.

Aber wir können ruhig auch an die Einsamkeit und Verlassenheit der vielen Menschen in unsrer Umgebung denken. Oder auch an die Menschen, die von Zweifel und Gottverlassenheit geplagt sind und die einen regelrechten Hunger nach Liebe haben.

Vielleicht können wir dabei so wie Jesus nur einzelne Zeichen aufrichten für das, was von Gott her allen zugedacht ist. Zunächst ist es noch so wie bei der aufgehenden Sonne, die ihre Strahlen vorausschickt, so daß der Horizont hell wird. Aber die große Umwälzung und die Neuordnung der Dinge stehen noch aus.

Das kommende Jahr soll uns dem ein Stück näher bringen. Es soll aber nicht nur für uns ein Gnadenjahr werden, sondern auch für die anderen. Daran müssen wir arbeiten. Da werden wir auch im neuen Jahr genügend Arbeit haben.

 

 

1. Sonntag nach dem Christfest: Lk 2, 25 - 35

Folgt man den Umfragen, so war das vergangene Jahr ein gutes Jahr. Und Viele rechnen sogar damit, daß es für sie im kommenden Jahr noch besser wird. Dennoch meint die knappe Hälfte der Bevölkerung, da ß sich die Gesellschaft in einer schweren Krise befindet und vielleicht sogar auf eine Katastrophe zusteuert. Es gibt allerhand noch zu lösende Probleme, auch im neuen Jahr (…..):

So geht es uns in dieser Zeit „zwischen den Jahren“ wie alle Jahre: Wir blicken voller Dankbarkeit zurück auf ein gutes Jahr. Wir haben Essen und Trinken gehabt, Wohnung und Kleidung, aber auch noch vieles andere mehr, was über diese Grundbedürfnisse hinausgeht. Im Weltmaßstab gesehen haben wir alle auf der Sonnenseite des Lebens gestanden, auch wenn es unter uns beträchtliche Unterschiede gibt. Auch bei uns gibt es Menschen, die relativ arm sind, also weniger als der Durchschnitt der Einwohner unseres Landes haben. Aber es geht ihnen immer noch weit besser als der großen Mehrheit der Menschen.

Aber wir wissen natürlich nicht, ob diese guten Zeiten uns erhalten bleiben. Und so blicken wir auch mit etwas Sorge in das neue Jahr. „Wie wird es weitergehen?“ fragen viele. Und: „Wird es überhaupt weitergehen?“ so fragen vielleicht besonders die Älteren unter uns. Sie können nicht mehr viel im Leben bewegen, sie haben ihre Aufgaben an Jüngere abgeben müssen. „Aber werden die auch alles bewältigen?“ so wird doch gefragt.

Zuversicht können uns da aufmunternde Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart geben.

In der heutigen biblischen Geschichte wird von Simeon erzählt. Er wartet noch auf ein besonderes Kind. Ein Kind ist immer ein Zeichen der Hoffnung, denn es verkörpert die Zukunft. Der Name „Simeon“ bedeutet „Erhörung“. Der Simeon in der Geschichte gehört offenbar zu einem Kreis von Menschen, die auf die Erlösung Jerusalems warten. Ehe sie nicht kommt, ist sein Leben noch nicht vollendet, kann er noch nicht sterben.

Man stellt sich ja vor, daß er schon ein Greis gewesen sei, obwohl das nicht zwingend ist. Aber die eigentlichen Leistungsjahre des Lebens hat er wohl schon hinter sich. Doch seine Leistung besteht nicht darin, daß er Jahrzehnte fleißig gearbeitet und seine Familie ernährt hat. Seine Leistung besteht vielmehr darin, daß er zu warten gelernt hat und die Hoffnung nicht aufgegeben hat.

Ihm zur Seite gestellt wird Hanna. Nach damaliger Auffassung konnte eine Frau nicht als Zeugin zählen. Aber hier macht sie die gleichen Erfahrungen wie Simeon. Beide sind sie vom Geist Gottes erfüllt. Dieser sorgt dafür, daß Hanna die ganze Zeit im Tempel geblieben ist und Simeon nun dorthin geführt wird. Und der Geist läßt sie auch erkennen, daß es mit diesem Kind etwas Besonderes auf sich hat. Der natürliche Mensch hat kein Organ für das, was in diesem Kind verborgen ist. Aber diese zwei Menschen lassen sich von Gott sagen, daß man noch hoffen darf, weil mit diesem Kind etwas Neues begonnen hat. Jetzt ist Simeon am Ziel seines Lebens.

Möglich wird diese Begegnung, weil die Eltern etwas mehr getan haben, als es die Sitte von ihnen verlangt. Üblich war, daß man den erstgeborenen Sohn wieder Gott „darbrachte“, wie man damals sagte. Damit wollte man zum Ausdruck bringen, daß er Gott gehören sollte. Aber man hat ihn natürlich nicht selbst geopfert, sondern ein Tier an seiner Stelle dargebracht. Diese Auslösung hätte aber bei irgendeinem Priester im Land erfolgen können. Jesu Eltern aber bringen das Kind in den Tempel, weil es dort hingehört. Gottes Geist hatte sie dazu getrieben, damit es zu der denkwürdigen Begegnung im Tempel kommen kann.

Mit diesem Kind ist Gott in der Mitte. Er ist im Gotteshaus, er ist mitten unter den Menschen, die auf ihn warten und auf ihn hoffen. Er ist aber auch mitten in der Welt. Dieses Kind ist nicht mehr nur die Hoffnung Israels, sondern auch die Heiden werden in die Geheimnisse Gottes eingeweiht: Er ist das Licht, zu erleuchten die Heiden!

Nun ist Gott wieder in der Welt gegenwärtig, die sich von ihm abgewandt hatte. Er ist auch in unsrer Welt gegenwärtig. Manchmal füllt es uns schwer, das zu glauben. Wir erleben doch immer wieder Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Da sind auf einmal Menschen, mit denen man jahrelang friedlich miteinander belebt hat, plötzlich zu Feinden geworden. Da werfen vorwiegend junge Leute plötzlich Brandsätze auf die neuen Nachbarn; auf einmal führen sie Parolen im Mund aus einer Zeit, wie wir längst überwunden glaubten. Wer bringt denen denn so etwas bei, wer hat sie denn verhetzt? Was haben die Eltern und Erzieher versäumt, daß so eine Saat unter ihnen aufgehen konnte? Was haben Politiker falsch gemacht, daß man so unzufrieden mit ihnen ist?

Viele sagen auf einmal: „Denen geben wir einen Denkzettel. Bei der nächsten Wahl wählen wir eine der radikalen Parteien, egal welche!“ Wenn man dann genauer nachfragt, dann sagen sie: Natürlich wollen wir nicht, daß diese Parteien wirklich an die Macht kommen!“ Aber was ist, wenn viele aus Protest eine Partei wählen, die sie eigentlich nicht wollen, und sich nachher wundern, wie viele Stimmen so eine extreme Partei doch gekriegt hat. Sie wird nicht gleich die Mehrheit bekommen. Aber sie könnte so stark werden, daß nur noch eine große Koalition gegen sie möglich ist, und das ist auch wieder nicht gut.

Jetzt sind wir vom Geist Gottes zu den nächsten Wahlen gekommen. Aber das ist nicht, falsch, da sind wir noch genau am Bibeltext. Denn wenn Gott ein Zeichen setzt, wenn er sich in der Welt bemerkbar macht, dann kommt es in der Welt zum Widerspruch. Auch dieses Weihnachtsfest ist nicht nur friedlich verlaufen. Gott kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf - bis heute ist das noch so.

Schon Simeon hat dem Kind einen schweren Weg vorausgesagt. Die Menschen werden in ihrer großen Mehrheit Jesus ablehnen, so wie sie schon immer Gott abgelehnt haben. Auch Maria wird in das harte Schicksal ihres Sohnes hineingezogen. Krippe und Kreuz gehören

eng zueinander. Immer wieder sind es Mütter und auch Väter, die ihre Kinder beweinen müssen. Aber heute ist das meist die Folge des Fehlverhaltens der Menschen. Bei Jesus gehörte das alles in den Plan Gottes.

Jesus ist wie der Stein, über den man stolpern und an dem man zu Fall kommen kann. Aber er kann auch der Stein sein, auf dem man stehen und festen Stand gewinnen kann. Fallen oder Aufstehen -n das ist die Frage. Beides ist möglich! Und an Jesus entscheidet sich, wie es mit uns weitergehen wird.

An Jesus kann man zu Fall kommen: Wer ihn verwirft, verspielt die einzige Chance, die wahre Zukunft im Frieden mit Gott zu finden. Wer Jesu Vergebung zurückweist, bleibt unter der Schuld und unter allen ihren Folgen. Aber das muß ja alles nicht sein. An Jesus kann und soll man „aufstehen“. Wer ihn annimmt, der gewinnt das neue Leben in Freiheit und Hoffnung.

Fallen oder Aufstehen - beides ist möglich. Gott aber will nicht, daß wir fallen, sondern daß wir aufstehen.

Doch vielleicht kann man nur stehen, wenn man vorher an Christus zu Fall gekommen ist. Wer das erfahren hat, der hat allen Stolz auf die eigene Leistung aufgegeben. Der hat erkannt, daß er sich selber nicht helfen konnte. Aber er stellt auch dankbar fest, daß Christus ihn längst schon wieder aufgerichtet hat.

Deshalb braucht uns auch vor dem neuen Jahr nicht bange zu sein. Es wird manchen Fall bringen. Aber mit Gottes Hilfe werden wir auch wieder aufstehen. Wir brauchen die Frage: „Wie wird es weitergehen?“ nicht voller Bangen zu stellen. Wir können sie erwartungsfroh und hoffnungsvoll stellen. Denn nichts hätte Gott lieber, als daß wir durch ihn zum „Aufstehen“ kommen.

 

 

2. Sonntag nach dem Christfest: Lk 2 , 41 - 52

Es gibt auch bei uns Kinder, die müßten zu ihren Eltern sagen: „Wißt ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist?“ Manche Kinder gehen so eifrig zum kirchlichen Unterricht und zum Kindergottesdienst, daß sich die Erwachsenen nur schämen können, vor allem die eigenen Eltern. Manche Kinder erzählen ihren Eltern zuhause haarklein wieder, was sie gerade gehört haben .Sie haben mit zwölf Jahren ein besseres Verständnis des Evangeliums als ihre Eltern und viele Erwachsene.

Es gibt aber auch den anderen Fall. Es nutzt doch nichts, wenn eine Mutter mit ihrem Jungen schimpft: „Warum gehst du nicht hin zu den kirchlichen Veranstaltungen. Zum Kindergottesdienst könntest du auch gehen, da lernst du doch nichts Schlechtes!“ Da kann man nur antworten: „Gehen Sie doch erst einmal zum Gottesdienst, dann wird auch ihr Kind kommen!“

Ganz extrem wird es, wenn ein Mädchen sagt: „Meine Mutter hat gesagt, sie wolle sowieso aus der Kirche austreten, ich soll nur erst noch konfirmiert werden. Da komme ich lieber gleich gar nicht!“ Das Mädchen hat halt auf seine Art die Folgerungen aus dem Verhalten der Mutter gezogen.

Von Jesus und seinen Eltern dagegen heißt es in dieser Geschichte: „Sie gingen jedes Jahr nach Jerusalem zum Passahfest.“ Das Kind wurde gleich von Anfang an in die religiösen Bräuche seines Volkes mit hineingenommen, es wuchs ganz wie selbstverständlich darin auf.

Diese Wallfahrt nach Jerusalem gehörte halt zu dem ganzen Leben mit dazu. Das Vorbild der Eltern wirkte hier aber mehr als alle Belehrungen.

Wenn ein Kind schon vom Säuglingsalter an erlebt, daß die Eltern abends vor dem Einschlafen mit ihm beten, dann wird es auch nachher selber beten. Welch ein Segen geht von den Eltern aus, die mit ihren Kindern zum Gottesdienst kommen, vor allem im Konfirmandenalter und danach. Das ist sowieso eine schwierige Zeit, weil die Jugendlichen nicht so recht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Da brauchen sie eine Stütze und das Vorbild der Eltern. Man merkt es immer wieder: Wenn es auf die Konfirmation zugeht, springen all die ab, deren Eltern nicht voll und ganz dahinter stehen. Aber andererseits werden all die durch diese kritische Zeit hindurch getragen, die in ihren Eltern ein Vorbild haben.

Jesus war sicher kein Wunderkind, das diese ergrauten Theologen in Verlegenheit gebracht hätte. Er hört erst einmal zu und fragt dann. Es sind kluge und wohlüberlegte Antworten, die Jesus auf ihre Gegenfragen gibt. Das merken die anderen auch. Wer aber richtig im Glauben seiner Eltern aufgewachsen ist, der kann solche Fragen durchaus beantworten. Jesus hat diese alten Männer nicht belehrt. Er hat ihren auch keinen neuen Glauben beigebracht, denn noch steht er ja ganz in der jüdischen Religion. Aber es wird hier doch deutlich: Auf diesem Kind ruht ein besonderer Segen, seine Weisheit weist es als den Sohn Gottes aus. Das will uns diese Geschichte zeigen: „Mit dem Kind hat es etwas Besonderes auf sich.“

Das müssen auch die Eltern schmerzhaft erfahren. Im Alter von zwölf Jahren beginnt ja der erste entscheidende Schritt von den Eltern weg. Eltern müssen ihre Kinder ja alle einmal hergeben. Aber bei manchen vollzieht sich die Ablösung schmerzhafter als bei anderen. Es kann auch sein, daß die Kinder trotz aller Bemühungen der Eltern auch im Glauben andere Wege gehen und sich von Gott entfernen. Das ist selten, aber es kommt vor. Die Eltern müssen sich dann ernsthaft fragen, was sie trotz allem falsch gemacht haben.

Hier die Eltern Jesu müssen plötzlich auch einen Ungehorsam ihres Sohnes erfahren. Sie dachten, doch alles für den Sohn getan zu haben, und nun hat er auf einmal ganz andere Bedürfnisse. Das tut Eltern natürlich weh. Hier kommen sie an eine Grenze, wo der Wille Gottes über dem Gehorsam gegen die Eltern steht.

Jesu Eltern lebten ganz in ihren religiösen Gewohnheiten. Nach dem Gesetz hat es genügt, einmal im Jahr diese eine Woche Passah zu feiern und seinen Glauben einmal unter Beweis zu stellen. Jesus aber durchbricht diese Ordnung und gibt sich ganz dem himmlischen Vater hin. Das Fragen nach Gott geht ihm über alle menschlichen Formen. Er bleibt auch über diese sieben Tage hinaus, weil es jetzt in diesem Augenblick notwendig ist.

Deshalb erschrecken die anderen. Auch uns erscheint dieser Jesus als ein Fremder. Und er wäre auch heute ein Fremder unter uns, weil er ganz ernst macht mit dem Willen Gottes. Aber in Wahrheit sind doch w i r die Fremden, die fern von Gott leben, während Jesus ganz bei Gott ist.

Wir leben in unsren Ordnungen und Gewohnheiten - so und so oft zum Gottesdienst - aber Jesus ist in jedem Augenblick offen für den Willen Gottes, für den Ruf, der ihn erreicht. Mit welcher Schlichtheit und Selbstverständlichkeit ist doch dieser Satz gesagt: „Muß ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist!“ Das sagt Jesus zu seinem leiblichen Vater und macht ihm damit deutlich: Es gibt noch einen anderen Vater für mich, der mir mehr zu sagen hat als du es sagen kannst! Jesus ist der Sohn Gottes! Das zeigt sich darin, daß er mit großer Weisheit von Glaubensdingen redet und daß er einfach dort bleibt, wo gerade davon gesprochen wird. Das ist ihm zur Zeit einmal wichtiger als selbst die eigenen Eltern.

Doch dann geht er ohne Widerrede wieder mit den Eltern nach Nazareth und ist ihnen gehorsam. Er bleibt das Kind seiner irdischen Eltern und ist ihnen in allen Dingen des irdischen Lebens untertan. Er will nicht eine gewisse jugendliche Aufsässigkeit mit religiösen Gründen rechtfertigen, sondern hält sich an das vierte Gebot.

Es gab ja in Israel junge Leute, die wollten ihre alt gewordenen Eltern nicht mehr unterstützen. Da erklärten sie einfach, sie wollten ihren Verdienst und ihren Besitz später einmal dem Tempel zur Verfügung stellen. Sie durften jedoch zunächst alles so behalten wie vorher, aber sie durften es nicht an jemand anders weitergeben, auch nicht an die eigenen Eltern. Jesus hat diese Praxis später hart gegeißelt. Man kann nicht das erste Gebot („Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“) gegen das vierte Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren“) ausspielen, denn auch das vierte Gebot ist von Gott.

Jesus ist Gott gehorsam und deshalb gehorcht er auch seinen Eltern. Indem er aber den Eltern gehorcht, gehorcht er auch Gott. Nur an e i n e m Punkt stellt er einmal heraus: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ Das gilt zwar in jedem Augenblick, aber es zeigt sich nur in einigen entscheidenden Augenblicken. Dann geht Jesus wieder mit den Menschen und mit den Eltern.

Der nächste entscheidende Augenblick war für Jesus gekommen, als sein Vater gestorben war und seine Mutter und seine Brüder kommen und sagen: „Du bist jetzt das Familienoberhaupt, du mußt jetzt mitkommen und für uns sorgen!“ Da lehnt Jesus das auch ab und sagt: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die Gottes Wort hören und tun!“ (Lk 8,21).

Wer das Wort Gottes zum Grund seines Lebens macht, der ist ein Verwandter Jesu, ein Kind Gottes. Nur weil Jesus ganz auf Gott aufbaut, ist er der Sohn Gottes. Manchmal muß er sich dabei auch gegen seine irdischen Eltern wenden.

 

 

Epiphanias: Mt 2, 1 - 12 (Variante 1)

Immer wieder blicken wir gespannt in den Osten. Wird der Frieden erhalten bleiben oder wird es Krieg geben? Spielt sich das alles fernab von uns ab oder werden wir mit hineingezogen? Können wir uns auf unsre kleinen privaten Probleme zurückziehen oder sind wir Teil einer weltweiten Gemeinschaft? Heute droht uns Gefahr vor allem aus dem Osten. Zur Zeit Jesu galt der Osten als Land der Weisheit, ja sogar eines verborgenen Geheimwissens. Hatten doch schon die alten Babylonier die Sterne erforscht und Erkenntnisse gewonnen, die für ihre Zeit erstaunlich waren. Heute denken wir etwas anders darüber. Wir wissen, daß auch viel Aberglaube dabei war, der ja bis in unsre Zeit hineinreicht. Das mit den Tierkreiszeichen und Horoskopen kommt ja von den Babyloniern.

Aber zunächst einmal galten sie als Vertreter der Wissenschaft und der Weisheit. Umso erstaunlicher ist es, daß sich einige dieser Männer aufmachen, um nach einer noch höheren Weisheit zu suchen. Sie hatten doch schon alles Wissen der Welt zusammengetragen. Weshalb sollte es da in einem unbedeutenden Land noch höhere Erkenntnis geben? Matthäus will seiner Gemeinde sagen:

 

1. Zu Jesus kommen die Fernen: Es gab ja damals auch Wissenschaftler im jüdischen Volk. Sie hatten die alten Schriften studiert, sie waren ganz nahe am Geschehen dran. Sie hätten es doch wissen können, viel eher als die Fernen. Aber ihr Wissen führte zu nichts. Sie stellten die Bücher wieder an ihren Platz, weil sie es ja schon immer besser gewußt haben.

Uns geht es oft nicht anders. Wir meinen, Bescheid zu wissen über Gott und die Welt. Wir machen uns sogar ein Bild von Gott, wie er nach unsrer Meinung zu sein hat. Aber dann bricht dieses Bild auseinander, weil vielleicht ein lieber Mensch aus unsrer Nähe gestorben ist oder weil wir beruflich aus der Bahn geworfen wurden oder weil wir mit Krankheit belastet werden. Dann ist Gott so ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt haben. Dann müssen wir umlernen, so wie das die Weisen aus dem Morgenland mußten, die einen Palast suchten und einen Stall fanden.

In gleicher Gefahr stehen die Theologen, die sich wissenschaftlich mit der Bibel und dem Glauben beschäftigen. Da kann man leicht vor lauter Einzelheiten das Eigentliche übersehen. Da achtet man nur darauf, was über die Frauenfrage oder über die Dritte Welt aus einem Bibeltext zu entnehmen ist. Man hat seine Lieblingsthemen, die man wiederfinden will. Aber man läßt das Wort Gottes nicht mehr zu sich sprechen.

Beides ist schwer zu verstehen: Die es eigentlich wissen müßten, die an der Quelle sitzen, glauben nicht. Aber ausgerechnet die Heiden, die sich mit all ihrer Wissenschaft angeblich im Irrtum befinden, finden den Zugang zum Heil.

Wir denken vielleicht: Es liegt doch an uns, welche Weltanschauung wir uns zurechtmachen oder welcher Religion wir uns zuwenden. Es gibt doch heute so viele davon. Und selbst innerhalb des christlichen Bereichs gibt es doch so viele unterschiedliche Möglichkeiten: Wenn mir meine Gemeinde nicht gefällt, dann findet sich doch leicht eine andere, entweder von unsrer Kirche oder auch von einer anderen. Doch es ist Gottes Sache, wen er wählt und ruft. Wir können uns nicht aus einem großen Angebot die Sonderangebote herausfischen oder schnell noch einmal im Winterschlußverkauf zugreifen, wie es uns beliebt.

Gott ist nicht überall zu finden, in allen Weltanschauungen und bei allen Menschen. Vielmehr hat er sich gebunden an einen ganz bestimmten Menschen, an diesen Jesus, der in einem ganz bestimmten Ort zu einer ganz bestimmten Zeit geboren wurde. Man muß schon hingehen. Aber das kann man nur, weil Gott sich zunächst zu uns Menschen aufgemacht hat.

Das ist die Botschaft des Weihnachtsfestes, das ja in der alten Kirche am heutigen Tag begangen wurde und in den östlichen Kirchen auch heute noch so gefeiert wird. Bei uns spricht man eher vom „Dreikönigstag“. Doch gemeint waren nicht Könige, sondern Wissenschaftler, eben die Weisen aus dem Morgenland. Und die Zahl „drei“ hat man nur daraus geschlossen, daß dreierlei Geschenke erwähnt werden. Und sicherlich waren sie das, was wir heute „Heiden“ nennen. Doch damals zog man keine so scharfen Grenzen zwischen den Religionen.

Es waren sicherlich auch gläubige Menschen, auch wenn sie den wahren Gott noch nicht erkannt hatten. Aber sie hielten sehnsüchtig nach dem Welterlöser Ausschau. Sehr viele Irrwege waren sie dabei schon gegangen. Aber nun auf einmal hatten sie am Himmel etwas entdeckt, was ihnen eine neue große Hoffnung gab. Und so kommt es zu dem Zweiten, was uns Matthäus sagt:

 

2. Zu Jesus finden die Irrenden: Die Begegnung mit Jesus bedeutet für diese Männer ein Abschied von dem, was sie früher gedacht und geglaubt haben. So ist für manche Leute, die sich als Kommunisten bezeichneten, eine Welt zusammengebrochen. Es gibt nur wenige, die von der Sache überzeugt sind (aber da muß man sich fragen, ob sie ganz zurechnungsfähig sind). Viele aber sind Mitläufer, die sich von ihrem nach außen vorgetragenen Bekenntnis persönliche Vorteile erhoffen. Vielen muß man vorhalten: „Bei einem anderen politischen System würden sie anders reden!“

Das streiten die dann zwar ab und sagen, sie würden nie ihre Meinung ändern. Aber wenn sie dann umgeschwenkt sind, dann bezeichnen sich höchstens als irregeleitet und versuchen wieder, ihr Mäntelchen nach dem Wind zu hängen.

In dieser Weihnachtserzählung geht es ja nicht darum, daß man sich auf einer mittleren Linie trifft und etwas vereinbart. Hier muß ja ein Wahn und ein Irrglaube überwunden werden, hier müssen Götter gestürzt werden. Wenn Gott kommt, dann werden die Götter entmachtet. Dann werden aus Sternenanbetern echte Christusanbeter.

In jedem Heidentum, in jeder Weltanschauung steckt wohl die Frage nach dem wahren Gott. Oft muß ein Mensch erst verschlungene Wege gehen. Selbst eine außergewöhnliche Stellung der Sterne kann ein Hinweis auf ihn sein. Saturn galt als der Stern Israels, Jupiter als der Königsstern, und das Sternbild der Fische deutete auf die Endzeit. Alles traf damals zusammen und zeigte den Weg in Richtung Jerusalem.

Aber die Weisen hätten noch ganz am Schluß fehlgehen können, weil ihr Zeichen noch nicht eindeutig wer. Sie hätten ja bei diesem Herodes hängenbleiben können, der zwar zur jüdischen Religion gehörte, aber nicht zum jüdischen Volk, der ein König von Gnaden der Römer war und ein rechter Gewaltherrscher. Weil er ständig um seinen Thron bangte, hatte er sogar seine drei Söhne umbringen lassen.

Er war ein Mann vom Schlage heutiger Gewaltherrscher. Sie wollen den Frieden retten. Aber dann wollen sie die Probleme mit Gewalt lösen. Doch die Zeit ist weitergegangen. Heute sind Dialog und Verständigung gefragt, weil uns angesichts der heutigen Waffen nichts anderes übrigbleibt. Von Gewaltherrschern aber müssen wir uns befreien.

 

3. Jesus huldigen die Befreiten:

Aus welchen Gründen fragen heute Menschen nach Jesus? Ist es nur wissenschaftliches Interesse oder Angst vor dem Weltuntergang? Hatten sie ein musikalisches Ur-Erlebnis oder eine romantische Sehnsucht? Waren sie politische Eiferer oder empfanden sie eine soziale Verpflichtung? Oder treibt sie eine existentielle Not, ein persönliches Problem oder eine menschliche Schwäche?

Die Weisen aus dem Morgenland werden sich nicht unbedingt als Gefangene gesehen haben, die befreit werden müßten. Aber sie suchten nach einem, der der Welt und auch ihnen selber Glück und Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand bringt. Doch man kann die Welt nicht erlösen durch die Ausübung von Macht. Und auch der Einzelne kann nicht frei werden dadurch, daß er Macht erlangt und gegen andere einsetzt.

Der Weg zur Krippe führt vielleicht über die Mächtigen und die Wissenden. Ohne eine bestimmte Macht wird man nicht auskommen. Und ein Stück Wissen gehört zum Leben auch dazu. Aber am Ende kommt es darauf an, daß man ganz schlicht vor dem Jesuskind niederkniet und es anbetet. Das bedeutet Verzicht auf eigene Macht und eigene Weisheit. Aber nur so können wir in der Welt miteinander auskommen.

Jesus ist der verheißene wahre König Israels. Er ist aber der Herr der Völker. Für die Gemeinde des Matthäus war es nicht leicht, diese Erkenntnis durchzuhalten. Sie stieß auf heidnischen Aberglauben und ein verhärtetes Judentum. Und doch macht ihr Matthäus deutlich: Wir erleben jetzt die Wunder der letzten Zeit. Die Ersten aus der Ferne sind schon da. Jetzt beginnt die Sammlung des Gottesvolkes. Jetzt ist der geboren, dessen Herrsein im Dienen besteht und dem kein Opfer zu schwer ist. Jetzt werden die Menschen erst ernstgenommen und geliebt.

Das gibt uns den Mut, auch heute voller Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Nicht die Gewaltherrscher werden sich durchsetzen, sondern das Kind in der Krippe. Und wir selber sollten uns deshalb auch bemühen um einen gewaltfreien Umgang mit unserem Mitmenschen, um Liebe und Verständnis, um Freiheit und Freude.

 

 

Epiphanias: Mt 2, 1 -11 (Variante 2)

Im Zeiß-Planetarium in Jena kann man in der Weihnachtszeit sehen, was es mit dem „Stern von Bethlehem“ auf sich hat. Da wird dann die Stellung der Sterne zur Zeit Jesu an der Kuppel des Gebäudes nachgeahmt. Man weiß heute, daß es sich bei diesem Stern nicht um einen Kometen handelt, sondern um das besonders enge Zusammentreffen zweier Planeten, die von der Erde aus dann wie ein einziger, besonders heller Stern erscheinen.

Etwa alle 800 Jahre treffen Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische zusammen. In alten Zeiten aber galt der Planet Saturn als der Stern der Juden; und Jupiter war der Königsstern. Wenn nun diese beiden zusammentrafen, mußte also bei den Juden ein neuer bedeutender König geboren worden sein. Das alles können wir einer Keilschrifttafel aus Babylon entnehmen.

Auch die Christen hatten wohl von diesem astronomischen Ereignis gehört. Das brachte sie auf die Idee, sich dazu eine Geschichte auszudenken, die dann auch im Gottesdienst erzählt wurde und nachher in unsre Bibel kam. In dieser Geschichte wollten sie ausdrücken, wie der jüdische König Herodes, wie die Schriftgelehrten und wie sie selber zu Jesus standen. Wir dürfen also nicht annehmen, da seien tatsächlich Männer aus dem Osten gekommen, um das Kind in der Krippe anzubeten. Schon gar nicht dürfen wir das vor Augen haben, was die spätere Legende von den „Heiligen drei Königen“ daraus gemacht hat.

In der Bibel selber ist nur von „Magiern“ die Rede. Und daß es drei gewesen sein sollen, schließt man nur daraus, daß drei verschiedene Geschenke erwähnt werden. Auch der Stern von Bethlehem kann nicht beweisen, daß es diese Männer tatsächlich gegeben hat. Aber wir müssen uns heute fragen, was hat die christliche Gemeinde mit dieser Geschichte über ihren Glauben aussagen wollen und wie kann das uns helfen, mit unsrer Situation heute fertigzuwerden.

1. Herodes: Zunächst geht es einmal um die Gegenüberstellung von Herodes und Jesus. Herodes ist durch seinen eigenen leidenschaftlichen Machtwillen auf den Thron gekommen, ein König von Roms Gnaden. Hart und rücksichtslos ist er nur auf die Mehrung seiner eigenen Macht bedacht. Ein Tyrann, der sich als halber Gott und Welterlöser vorkam. Als er von dem neuen König hört, denkt er nur an einen König von seiner Art; er sieht den Machtkampf kommen, der ihn den Thron kosten wird. Das aber will er mit allen Mitteln verhindern.

Dabei ist Jesus ein ganz anderer König. Die Herrschaft ist ihm von Gott gegeben und nur durch das Kreuz wird er zum Herrn. Er ist in Armut geboren und doch fehlen ihm die Zeichen der göttlichen Ehre nicht. Er ist tatsächlich der Herrscher der Welt und aus allen Völkern und Ländern wird eine Gemeinde sich sammeln, die ihr ehrt und anbetet. Sein Reich ist zwar nicht von dieser Welt; aber es ist auch nicht die religiöse Privatsache einiger Schwärmer und Sektierer.

Herodes hätte das auch wissen können. Er kannte ja auch die Hoffnung auf den König Gottes, der da kommen sollte. Doch jetzt, wo er da ist, will er ihn in seine Gewalt bringen, weil er ihm im Wege ist. Der Thron des Königs der Juden ist nach seiner Meinung eben schon besetzt, und zwei Könige passen eben nicht drauf.

Auch heute trifft das Bekenntnis zu Jesus auf Konkurrenz. Wir schon Weltanschauungen, die die allein seligmachende zu sein beanspruchen. Und wir haben eine Partei, die die alleinige Führungsmacht darstellt. Vielfach wittert man leider in den Christen eine Gefahr für den eigenen Anspruch. Den politischen Führungsanspruch einer Partei wollen wir vielleicht nicht bestreiten. Wir machen nur nicht mit, wenn man auch weltanschaulich alles beherrschen will, wenn man also auch unsren Glauben als Gefahr ansieht. Dieser Unterschied ist uns klar, aber leider nicht allen anderen. Auch unser Reich ist nicht von dieser Welt; wenn man das doch endlich begreifen wollte. Aber wir gehören in unserem Glauben einem größeren Herrn als alle Mächtigen dieser Erde.   

 

2. Die Schriftgelehrten:

Noch mehr als Herodes wußten die Schriftgelehrten von der Hoffnung auf den, der kommen sollte. Doch als er da ist, verschließen sie sich vor ihm und wollen ihn nicht anerkennen. Sie kennen zwar die Schrift genau, haben aber ihre eigenen Vorstellungen von dem Retter Gottes. Sie nehmen Anstoß an seiner äußeren Erscheinung und erst recht werden sie Anstoß nehmen

an seinem Kreuz. Sie sind die Hüter der Tradition, wollen es aber letztlich doch besser wissen als Gott.

Finden wir nicht ähnliche Erscheinungen auch bei uns? Einmal bei den Menschen außerhalb unsrer Gemeinde, etwa bei den Bibelforschern, auch „Zeugen Jehovas“ genannt. Die kennen ja nun unbestrittenermaßen die Bibel sehr genau, jedenfalls bestimmte Stellen in ihr. Aber sie legen sie ohne den Zusammenhang und in der Regel völlig verdreht aus. Sie wissen etwas und sind doch für das Eigentliche blind, sie kommen nicht zur Anbetung Jesu.

Aber die Gefahr besteht in gleicher Weise für die Glieder unsrer Gemeinde. Es ist gut, wenn wir die Bibel lesen und wir können sehr viel aus ihr entnehmen für unseren Glauben und unser Leben. Aber wir sollten auch nicht auf den Dienst der theologischen Wissenschaft verzichten. Sicherlich kann ein schlichter Bibelleser manchmal größere Erkenntnis gewinnen als der gelehrteste Professor. Aber umgedreht kann die theologische Forschung auch die eigene Erkenntnis sehr weitgehend fördern. Zumindest sollte man sie nicht von vornherein ablehnen, gerade in unsrer heutigen Zeit, wo unser Glaube von anderer Seite mit wissenschaftlichen Mitteln angegriffen wird. Da müssen wir gerüstet sein und eben auch mit wissenschaftlichen Mitteln antworten können.

Natürlich schützt auch die Wissenschaft vor Torheit nicht. Die Schriftgelehrten waren ja gerade theologische Wissenschaftler, die ihr eigenes Gedankengebäude aufgerichtet hatten und deshalb betriebsblind geworden sind. Die anderen Wissenschaftler aber, die Naturwissenschaftler der damaligen Zeit, die finden zu Jesus. So erleben wir es auch heute noch: Wissenschaftler, die immer mehr in die Geheimnisse der Natur eindringen, erkennen immer mehr die Größe der Schöpfung Gottes und kommen dadurch zur echten Anbetung Gottes.

 

3. Die Gemeinde: Schließlich wollen wir nun noch fragen, wie die Gemeinde und wie wir zu diesem Jesus stehen. Die Gemeinde damals wurde auch mit den nackten Fakten ausgesetzt und stieß mit der rauhen Wirklichkeit zusammen. Sie hatte Demütigungen und Mißerfolge zu erleiden. Aber sie fand das alles im Schicksal Jesu schon im Voraus abgebildet: Er war wie ein Findelkind, das von seinem Vater erst verleugnet wurde und erst auf Gottes Befehl von ihm anerkannt wurde. Vor dem König muß er versteckt werden und ist schon als Kind ein Flücht­ling. Er ist zwar der König der Juden, aber schwach und ohnmächtig wie ein Kind. Doch so gesehen ist die Lage der Gemeinde nichts Ungewöhnliches. Wenn sie schwach und ohnmächtig ist, dann geht es ihr so wie Jesus auch. Das ist eben die übliche Situation des Glaubenden in der Welt.

Dennoch ist das nicht das Einzige, was wir an diesem Tage zu sagen haben. Bisher ist nur das zum Ausdruck gekommen, was an Weihnachten auch schon deutlich wurde: die Armut und Niedrigkeit Jesu. Aber diese Glaubensaussage wird am Epiphaniasfest notwendiger Weise ergänzt. Es ist das Fest der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus. Es war ursprünglich das Fest, an dem man der Geburt und Taufe Jesu gedachte; erst im 4. Jahrhundert wurde es in seiner Bedeutung von Weihnachtsfest verdrängt. Nur in den Ostkirchen ist bis heute der 6.Januar das eigentliche Christgeburtsfest.

Wir sollten deshalb nicht so sang- und klanglos an diesem Fest vorübergehen. Hier wird uns nämlich deutlich gemacht, wie Gott auf Erden durch Christus geehrt und verherrlicht wird. In seiner Niedrigkeit und trotz seiner Niedrigkeit ist er doch der Verherrlicher des Vaters Dem in Armut Geborenen fehlt es doch nicht an den Zeichen der göttlichen Ehre.

Es sind zwar Menschen da, die dieses Kind ablehnen und sogar bekämpfen. Leider sind es die Menschen des eigenen Volkes, die es eigentlich doch gerade wissen müßten. Aber es kommen die Hirten von dem Feld bei Bethlehem. Es kommen die alten Leute Simeon und Hanna. Und es kommen die Weisen aus dem Morgenland, die als Heiden das tun, was der eigene König dem Kind schuldig bleibt.

Auch wenn es nur ein Kind ist, das in die Welt gekommen ist, so werden dadurch doch Situationen verändert, Existenzen durchsichtig und Verhältnisse aufgedeckt. Herodes zum Beispiel erscheint als ein verschlagener und kalter Machtmensch, der ein falscher „König der Juden“ ist. Die Schriftgelehrten sind zwar Hüter der Tradition, aber doch tote Buchstabengelehrte. Die Fremden und Fernen sind die eigentlich Nahen.

So wird auch heute noch, wenn wir diese Beschichte hören, unsre Existenz vor Gott aufgedeckt. Wir müssen uns fragen: „Wo ist Christus in unsrer Gemeinde offenbar? Wo stellen wir uns auf die gleiche Stufe mit den Niedrigen und Schutzbedürftigen? Wo kann man die Treue Gottes in unserem Leben erkennen? Wo helfen wir mit, die Situation zu verändern? Was wird leichter und was wird schwerer, wenn wir Christus unter uns wissen?“

All diese Fragen wirft eine solche Geschichte auf. Beantworten muß sie jeder für sich. Entscheidend dabei wird für uns immer sein: Finden wir so wie die Männer aus dem Osten zur Anbetung des Heilandes und lassen wir uns auch heute von seiner Herrlichkeit bestimmen.

 

 

1 . Sonntag nach Epiphanias: Mt 3, 13 - 17

Es gibt sicher viele Menschen, die einsam sind. Vielleicht wird ein Außenstehender das ganz anderes sehen, wird meinen, so schlimm sei es nun auch wieder nicht. Aber entscheidend ist doch, wie der betreffende Mensch es empfindet. Es kann ja sein, daß durchaus relativ oft Besuch kommt, aber dem Menschen, der sich einsam fühlt, langt es doch nicht.

Es kann auch durchaus sein, daß zwar äußerlich alles geschieht, aber der Mensch doch allein ist. Er wird zwar rundherum versorgt, aber es fehlt ihm die menschliche Ansprache, innerlich bleibt er doch allein. Man kann viele Kinder haben und ist im Alter doch auf sich allein gestellt. Die Jungen haben halt auch ihre Probleme und Aufgaben, da kann man sie auch nicht übermäßig beanspruchen.

Es kann auch sein, daß ein ganzes Volk sich verloren und verlassen vorkommt. So ging es dem kleinen Volk der Juden, das da in irgendeinem abgelegenen Winkel des römischen Reiches lebte. Seit Jahrhunderten warteten sie auf den Retter, den Gott ihnen versprochen hatte. Schon manchmal hatten sie gedacht: „Der ist es!“ Aber dann wurde es wieder eine Enttäuschung.

Nun war Johannes der Täufer am Jordan aufgetreten. Er forderte zur Umkehr auf und sagte: „Jetzt ist es bald so weit, ihr müßt euch recht auf das Kommen des Herrn vorbereiten!“ Viele ließen sich auch rufen und wurden von ihm getauft. Das sollte das Zeichen dafür sein, daß sie ihr Leben ändern wollten.

Plötzlich aber steht da in der Reihe derer, die sich taufen lassen wollen, dieser Jesus von Nazareth. Doch was will er da? Für alle ist die Taufe angebracht, nur nicht für diesen einen. Der Täufer bemüht sich hartnäckig, Jesus abzuwehren und sagt: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, nicht umgekehrt!“

Wir werden vielleichtdenken: Jesus war eben sündlos und hatte deshalb die Taufe zur Vergebung der Sünden nicht nötig. Doch dieser Sinn der Taufe ist nur bei Markus erwähnt, nicht aber bei Matthäus. Und außerdem: Was bedeutet denn „Sündlosigkeit“? Eine Konfirmandin fragte dieser Tage etwas ungläubig: „Jesus hat wirklich niemals etwas Böses getan?“ Sicher hat, er auch seine Eltern mal geärgert, könnte man sich vorstellen. Es geht bei ihm mehr um das grundsätzliche Verhältnis zu Gott dem Vater. Jesus war ihm in jeder Hinsicht gehorsam. Sogar den Tod hat er auch sich genommen, weil Gott es so wollte. Darin unterscheidet er sich von uns allen, die wir Sünder sind.

Doch Johannes hat mehr Hemmungen, weil hier die Rollen in Gottes Heilsgeschichte vertauscht werden. Wie kann Jesus unter denen sein, die sich auf das Kommen des Weltenrichters vorbereiten, wenn er doch selber dieser Richter ist? Zu ihm wollen sie sich doch gerade

hinwenden. Da muß er ihnen doch gegenüber stehen oder sogar über ihnen, da kann er doch nicht einer unter ihren sein?

Doch Jesus sagt: „Du mußt ja noch nicht alles begriffen haben. Gib jetzt erst einmal deinen Widerstand auf. Später kann die Rollenverteilung ja wieder anders sein. Aber jetzt gilt es erst einmal, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Zwar bin ich der Richter der Welt, der mit Geist und mit Feuer tauft. Aber zunächst muß mein Weg erst einmal ganz anders verlaufen!“ Johannes erwartet dem Richter - und es kommt der Retter. Er beugt sich willig unter Gottes Willen. Wenn auch sonst keiner den Willen Gottes erfüllt - Jesus tut es. Aber er tut es nicht, um die anderen zu übertrumpfen und zu beschämen, sondern weil er sich mit ihnen solidarisiert. Er geht den Weg, den an sich alle Menschen gehen mußten, den „Weg der Gerechtigkeit“. Wenn Johannes predigt, Gottes Zorn werde sich über die sündigen Menschen entladen, dann kann Jesus nur sagen: „Das stimmt, aber der Zorn trifft m i c h!“

Gott fängt neu an, aber ganz anders als erwartet. Gott ist oft ganz anders als erwartet plötzlich da. Er läßt sich nicht festlegen, wie und wann er kommt. Fest steht nur, daß er kommt und seine Verheißungen erfüllt und Hoffnungen nicht enttäuscht. Das sollen alle wissen‚ die sich einsam fühlen: Jesus ist immer mit dabei! Es geht mit uns wie ein Lastträger, der uns die Bürde abnimmt, die wir nicht tragen können. Er trennt sich nicht von uns, weil wir Sünder sind, sondern er setzt sich mit den Sündern zusammen. Denn: Solidarisierung mit den Menschen ist nun einmal Solidarisierung mit Sündern. Der Richter wird zum Fürsprecher. Wenn alles gegen uns sprechen wird, dann setzt er sich für uns ein.

Sicher gab es auch damals schon welche‚ die mit ablehnender Kritik daneben standen und das Ganze wie ein schlechtes Schauspiel betrachteten. Sie meinten‚ die Umkehr nicht nötig zu haben, weil sie sich seit eh und je auf dem richtigen Weg befunden haben. Sie waren überzeugt, daß sie unbeschädigt durch das Feuer des künftigen Gerichts hindurchgehen würden.

Jesus aber stellt sich in die Reihe der Sünder, die sich zur Umkehr rufen lassen. Wie oft hat er später mit ihnen an einem Tisch gesessen. Und angefangen hat das damals am Jordan, als er wie einer der Sünder wurde.

Der Sohn Gottes mit denen in Reih und Glied, die Gott mißachtet und verraten, verlassen und geschändet hatten, aber jetzt auf Vergebung hoffen. Das ist das große Wunder gewesen. Ein Christus, wie ihn der Täufer erwartet hatte, hätte es vielleicht zunächst leichter gehabt. Aber den Christus, der es sich so schwer macht, weil er retten will - den haben wir nötig.

Daß er der Richtige ist, das wird auch bei der Taufe deutlich. Da bekennt sich Gott zu seinem Sohn. Während der Taufe erleben Jesus und Johannes etwas, was den anderen verborgen ist. Sie sehen etwas, das man als „Vision“ bezeichnen könnte, das aber einen wirklichen Hintergrund hat, so wie Träume ja auch nicht nur Unsinn sind.

Die Taube, die den Geist Gottes darstellt, kann nur Jesus sehen. Sie war schon bei den Assyrern der Vogel, der die Wahl eines Königs symbolisierte. Damals wußte jeder Zuhörer genau, was mit diesem Vergleich gemeint war. Für Jesus ist die Taube eine Bestätigung seines Auftrags. Jetzt weiß er, daß er fähig sein wird, den Weg der totalen Selbstaufgabe bis zu Ende zu gehen.

Auch Johannes erlebt die Taufe Jesu als Höhepunkt seines Wirkens. Eine Stimme ist zu hören: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Diese Bezeichnung macht deutlich, daß Gott sich uns zugewandt hat und an unsrer Not teilhat. Wenn im Orient ein neuer König den Thron bestieg, dann sagte der Priester im Auftrag Gottes: „Du bist mein Sohn!“ Damit adoptierte Gott den neuen König als seinen Sohn. Mit der Thronbesteigung eines neuen Königs waren immer große Hoffnungen verbunden. Der neue Mann sollte endlich das Heil bringen.

Aber bei Matthäus wird der Satz aus Psalm 2 ergänzt durch ein Zitat aus Jesaja 42: „…an dem ich Wohlgefallen habe!“ So spricht Gott von dem Gottesknecht, der die Last und Schuld der anderen auf sich nimmt. Hier wird gleich deutlich gemacht, daß dieser Jesus etwas anderes ist als die Könige dieser Welt.

Doch als Jesus aus dem Wasser emporsteigt, da antwortet Gott mit der höchsten Erhöhung: Der Geist Gottes kommt auf Jesus, so daß er denkt wie Gott und von ihm getrieben wird, so wie ein Segelschiff im Wind. Doch so wird es möglich, Jesus so zu sehen, wie er wirklich ist. Man hatte ja die verschiedensten Vorstellungen von dem Retter, den Gott schicken wollte. Die Vorstellungen schossen wie Pilze aus dem Boden, so wie in manchen Ländern die Jugendsekten und bei uns die sogenannten „charismatischen Gruppen“‚ die „Geistgetauften“, die behaupten, sie allein hätten den Heiligen Geist gepachtet. Jetzt aber ist der Retter wirklich da. Man braucht ihn nur in Jesus zu erkennen.

 

2. Sonntag nach Epiphanias: Joh 2, 1 - 11

Im österreichischen Burgenland sagte einmal ein Junge beim Hören dieser Geschichte: „Mein Vater kann das auch: er schüttet Wasser in das Faß, und er nimmt Wein heraus!“ Aber so Einfach werden wir mit dieser Geschichte nicht fertig, so als hätte Jesus hier nur Wein mit Wasser gepanscht. Diese Geschichte könnte uns schon aufregen: Jesus zeigt seine Macht an so einer billigen Sache. Bei einer Hochzeit hat man sich verkalkuliert und zu wenig Wein eingekauft. Um die Familie nicht zu blamieren, hilft Jesus ihr aus der Klemme.

Bei den Wundergeschichten in den anderen Evangelien erbarmt sich Jesus über eine menschliche Not, eine wirkliche Not. Aber hier geht es eine Pannenhilfe in einer peinlichen Verlegenheit. Doch wenn wir in Verlegenheit sind, dann schicken wir doch auch schon einmal ein Stoßgebet in den Himmel: „Gott, gib doch, daß ich hier wieder herauskomme, ohne daß etwas passiert oder ohne daß ich mich bloßgestellt habe!“ Warum sollte man nicht auch um so etwas bitten? Aber man muß dann doch wissen: Meist sind wir selber schuld dran. Gott könnte aber trotzdem helfen. Aber er muß es nicht. Wir müssen es ihm überlassen, wann und wie er hilft.

Das muß auch Maria lernen. Sie sagt zu ihm: „Zeig doch einmal, was du kannst!“ Woher sie weiß, daß er helfen kann, darf man nicht fragen, denn immerhin handelt es sich ja um das erste Zeichen. Aber Maria ist stolz auf ihre guten Beziehungen und läßt sie spielen. Sie will den Leuten zeigen: „Ihr sollt mal sehen, was mein Sohn kann!“ Aber Jesus ist kein Nothelfer, der sofort alle Wünsche erfüllt. Das erkennt auch Maria an. Sie streitet sich nicht mit ihm, sondern auch sie muß warten wie Jesus auch. Gott handelt oft erst dann, wenn man es nicht erwartet.

Die Geschichte zeigt sehr deutlich: Jesus nimmt am Leben der Menschen und an ihrer Freude teil. Er ist nicht ein finsterer Asket und griesgrämiger Spielverderber. Sogar bei einer Hochzeit ist er dabei, nicht um zu stören und den Menschen bei ihrer Fröhlichkeit ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern um an ihrer Freude teilzunehmen.

Sonst sehen wir Jesus immer wieder bei den Weinenden und Stöhnenden, bei den Verbitterten und Hoffnungslosen. Hier aber können wir ihn als den Heiland der Frohen und Glücklichen entdecken. Diesen Christus dürfen wir den Menschen nicht vorenthalten, damit sich die Fröhlichen nicht abwenden.

Jesus ist nicht nur bei unsrem Alltag dabei, bei unsrer Arbeit und der Bewältigung unsrer Probleme und Spannungen. Jesus beginnt seine Wirksamkeit auf einem Fest. Christliches Leben ist auch ein Fest. Das soll nicht heißen, daß wir jeden Tag mit großem Aufwand alle Tage herrlich und in Freuden leben sollten und vergessen dürften, wer als armer Lazarus vor unsrer Tür liegt.

Unser Leben ist festlich, weil es nicht ein Stöhnen ist unter einer Fülle von Pflichten. Vielmehr dürfen wir ein fröhliches und freies Leben führen, von der Liebe und vom Geist Gottes angeregt. Unser Leben ist ein Fest, weil Jesus da ist, er macht es erst zum Fest. Nun dürfen wir leben ohne die Kleinlichkeit und Verkrampftheit der Gesetzesmenschen in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Wir brauchen nicht mit tierischem Ernst die strengen Regeln geheiligter Vorschriften einzuhalten, unser Versagen zu vertuschen und unsere Fehlbeträge durch Humorlosigkeit überspielen. Daß Jesus seine Wirksamkeit auf einem Fest beginnt, ist geradezu ein Programm.

Die Wasserkrüge könnten die alte Religion des jüdischen Gesetzes symbolisieren. Sie sind leer und müssen erst auf Jesu Befehl aufgefüllt werden. Jesus verwandelt die Leere der Menschen in Fülle, so daß sie verwandelt werden. Wenn aber etwas anders wird, dann nicht durch uns. Wir stehen oft nur herum wie leere Wasserkrüge. Wir verwässern immer nur Jesus aber verwandelt.

Die Juden haben nur ihre alten Religionsüberlieferungen, ihre. Reinigungen und Gesetze; sie haben ihre mechanischen Gebetsübungen und die toten Werke und nur einen fernen Gott, der sich durch keinen Eifer der Menschen bewegen läßt, aus dem Dunkel herauszutreten. Durch Jesus aber verwandelt sich das Wasser in Wein. Über dem alten Bund erhebt sich der neue, der ferne Gott kommt nahe. Jetzt können alle Gnade um Gnade aus seiner Fülle schöpfen, wie

es schon in Joh 1, Vers 16 heißt.

Bei einer Hochzeit könnte man das Ehepaar auf diese biblische Geschichte ansprechen und sagen: „Jesus hat das gegeben, was fehlte. Möge er Ihnen in ihrer Ehe auch immer das geben, was Ihnen fehlt!“ Die Geschichte macht deutlich: Jesus ist in allen Fällen unser Helfer. Er hilft uns nicht nur aus Verlegenheiten, sondern er will uns gerade dort beistehen, wo wir wirkliche Hilfe brauchen. Wir brauchen doch oft im Leben eine Kraft, die uns wieder voranbringt. Jesus k a n n antworten auf alle Not. Wenn wir nicht mehr aus noch ein wissen, so kann er uns doch in aller Ratlosigkeit noch Hilfe schaffen.

Doch es geht hier nicht um ein Zauberkunststückchen. Man darf nicht bei dem Wunder hän­genbleiben, sondern es geht um die Gegenwart Jesu. Ein neutraler Beobachter merkt gar nicht, was hier geschieht. Die Hochzeitsgesellschaft hat das Zeichen gar nicht bemerkt, nicht einmal der Speisemeister. Es geht allein um die Jünger. Nur sie glauben an Jesus. Nur weil sie schon vorher seine Jünger waren und an ihn glaubten, dürfen sie eine solche Tat sehen. Aber ihr Glaube beruht nicht auf einem Wunder, sondern auf dem, was sie schon vorher mit Jesus erlebt haben. Wunder kann man immer nur für sich persönlich annehmen, nicht anderen aufzwingen. Deshalb darf man nicht fragen: „Was ist hier passiert?“ sondern es geht darum: „Wer ist Jesus?“

Wir werden heute unsres Glaubens auf andere Art und Weise gewiß. Bei uns hat es mit dem Glauben schon bei dem Wasserwunder der Taufe begonnen. Aber erhalten und gestärkt wird er durch das Abendmahl. In Johannes 15 ist das in einem einzigen Satz gesagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun!“

Vielleicht wäre uns dieses Bild vom Weinstock lieber als diese Beispielgeschichte von einer Hochzeit. Dazu kommt, daß ein solches Weinwunder auch von dem heidnischen Gott Dionysos berichtet wird. In zwei seiner Tempel soll alljährlich zum Dionysosfest am 5. / 6. Januar Wein statt Wasser aus den Tempelquelle gesprudelt sein.

Mit der Geschichte von der Hochzeit zu Kana aber bekennt sich die christliche Gemeinde zu dem, der mehr ist als Dionysos: „Was dieser heidnische Gott angeblich macht, das kann unser Herr schon lange!“

Dionysos verspricht im Rausch ein neues Leben. Aber die Freude ist kurz und der Rückfall in die Wirklichkeit unausbleiblich. Wovon wir uns Leben und Glück versprechen, das verzehrt sich. Was uns zunächst begehrenswert erscheint, das beginnt uns bald zu langweilen. Jesus aber gibt nicht nur den besseren Wein, sondern er gibt überhaupt die beste Freude.

Jesus sagt aber: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“ Der Wein ist zwar eine der Gabe- der Heilszeit, das Weinwunder deutet an: „Die Heilszeit ist da!“ Aber die wahre „Stunde“ Jesu ist sein Sterben, und Auferstehen. Sein Heilswerk besteht nicht in einem Weinwunder, sondern in seiner endgültigen Verherrlichung durch Gott.

Maria sieht nur ein hauswirtschaftliches Problem. So sehen auch bei uns manche nur die wirtschaftlichen Probleme und versprechen sich von ihrer Lösung das Heil für die Welt. Jesus aber weiß etwas Besseres, nämlich das Leben aus Gott und mit Gott. Es geht nicht um de- Wein, sondern um Jesus. Er ist der Retter für alle Menschen. Aber seine Hilfe ist nicht eine platte Selbstverständlichkeit. Wir erleben Jesus zwar oft als freigiebigen Spender. Aber einklagen können wir das nicht. Es muß uns schon um ihn selbst zu tun sein.

Wir können Gott nur bitten, daß er an uns ein Wunder tut und uns das Geheimnis Christi erschließt, wie er es bei den Jüngern getan hat. Wenn einer in der Klemme ist, dann hilft ihm keine Philosophie und keine Weltanschauung, sondern nur das neue Leben bei Gott.

Deshalb dürfen wir in der Kirche in den Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen nicht Wasser bereitstellen, sondern den guten Wein Jesu.

Dies geschieht symbolisch im Abendmahl. Ein Spötter hat einmal den Kirchenvater Hieronymus gefragt ‚ wer denn den Wein bei der Hochzeit zu Kana getrunken habe, immerhin eine Menge von 500 bis 700 Litern. Da hat er geantwortet: „Davon trinken wir heute alle noch!“ Der heutige Abendmahlswein ist Wein wie bei der Hochzeit zu Kana.

Und Jesus ist der Freudenmeister, der uns Brot und Wein zum Weiterleben gibt.

Die Kirche hat bis heute die Vollmacht, das Abendmahl auszuteilen, nur fehlen halt oft die, die den Wein trinken, der ihnen helfen könnte. Diese Geschichte hier will uns aber Mut machen, die Hilfe unsres Freudenmeisters auch in unserem persönlichen Leben wiederzufinden und ihm dafür zu danken.         

 

Zusatz:

In Kriegsgefangenschaft haben sie auch Abendmahl gefeiert mit Kaffeetassen und gewöhnlichem Kaffee, das geht natürlich auch, aber es fehlt der Symbolwert des Weines. Aber man könnte eben an die Geschichte von der Hochzeit zu Kana denken um zu wissen, daß auch

das ein vollwertiges Abendmahl ist. Das hätte man auch dem katholischen Priester in dem Roman „Die Kraft und die Herrlichkeit“ von Graham Greene sagen müssen: In einem mittelamerikanischen Staat war eine Christenverfolgung. Nur dieser eine Priester war übriggeblieben und besuchte die Gemeinden und hielt heimlich Gottesdienste. Aber er konnte nie mehr die Messe feiern, weil die Regierung den Verkauf von Wein streng verboten hatte. Doch bei einem Funktionär kann er eine Flasche schwarz kaufen. Doch kaum hat er sein letztes Geld hingelegt, da zwingt ihn der andere, die Flasche an Ort und Stelle mit ihm zu leeren. So war alles vergebens. Aber wir würden vielleicht sagen: Warum hat er nicht Wasser genommen oder Traubensaft? Es kommt doch auf den Glauben an. Und Jesus kann doch aus Wasser Wein machen!

 

 

3. Sonntag nach Epiphanias: Mt 8, 5 - 13

Unser christliches Abendland ist gar nicht mehr so christlich. Das können wir an unserem Ort sehen, aber auch an dem ganzen Land. Der Schwerpunkt des Christentums hat sich auf andere Länder und Kontinente verlegt. In Afrika bekannten sich um 1900 erst etwa vier Prozent der Bevölkerung zu Christus. Heute aber sind dort fast ein Drittel schon Christen. Das Land, in das wir vor 100 Jahre Missionare geschickt haben, ist jetzt so weit, seinerseits Missionare ins sogenannte „christliche Europa“ zu senden. Dort weist die christliche Tradition eine rückläufige Tendenz auf.

Dort gab es sogar Staaten, deren staatstragende Partei den Atheismus vertrat. Allerdings war auch dort der Glaube möglich. Nur ist er eben viel mehr als früher eine Entscheidung des Einzelnen. Früher konnte er im Strom mitschwimmen. Jetzt muß er oft sein Recht gegen den Zug der Zeit behaupten. Viele erlagen aber auch der allgemeinen Stimmung und wandten sich von der Kirche ab; sie schwammen wieder mit dem Strom, aber in eine andere Richtung.

Ein Pfarrer kann da manches betrübliche Beispiel erzählen. Ein entscheidender Punkt ist dabei zum Beispiel die Heirat. Wenn nur e i n Partner der Kirche angehört, kommt es darauf an, wie man sich entscheiden wird. Entweder der christliche Partner setzt sich durch und kann dem anderen mit herüberziehen. Oder er paßt sich vorschnell an und läßt sich wegziehen von der Kirche. An dieser Frage entscheidet sieh viel für die Ehe: Wer sich hier durchsetzt, kann auch nachher mitreden. Wer aber hier nachgibt, wird immer nachgeben müssen.

Da hat ein Mädchen es gegen den Vater durchgesetzt, daß es konfirmiert wurde. Es hat jahrelang im Kindergottesdienst mitgewirkt und Lesegottesdienste gehalten. Aber dann hat sie geheiratet, ist weggezogen, das Kind nicht getauft und schließlich ist sie selber aus der Kirche ausgetreten.

Da fragt man sich halt doch: Was ist das für ein Glaube, der auf diese Art und Weise wieder sterben kann. Er ist aus der Tradition herausgewachsen, aber offenbar doch nicht stark genug gewesen. Die es eigentlich hätten wissen können, wenden sich ab. Dafür kommen andere, von denen man es nicht erwartet hätte.

Das macht ja etwa die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum deutlich. Er ist ein Heide, wahrscheinlich ein Syrer, der im Dienst des Vierfürsten Herodes steht. Aber gerade er gewinnt ein noch unbestimmtes Zutrauen zu Jesus und ist voller Erwartung. Er hat noch nichts entdeckt, aber er vertraut sich diesem Jesus an.

Glaube richtet sich ja nicht auf Dinge oder Sachverhalte, sondern auf die Person. Er ist Erfassen der unsichtbaren Hand Gottes. Er ist ein Wagnis, bei dem es keine statischen Berechnungen gibt wie beim Hausbau. Aber das beeinträchtigt die Tragfähigkeit des Vertrauens nicht.

Gerade weil man fröhlich auf alle Sicherungen verzichten kann, ist man glücklich über das Vertrauensverhältnis. Wenn es einer mit dem anderen wagt, dann werden beide fest miteinander verbunden. Und wenn das Vertrauen sich als Irrglaube erwiese, dann wäre das eine große Enttäuschung.

Der Hauptmann kommt mit der Erwartung, in Jesus einen vertrauenswürdigen Partner zu finden. Sein Glaube ist das eigentliche Wunder in dieser Geschichte. Er rechnet mit einer geradezu verblüffenden Gewißheit mit der Kraft Jesu. So wie er seinen Soldaten befiehlt und sie marschieren, so kann nach seiner Meinung auch Jesus der Krankheit befehlen. Er will Jesus sagen: „Du hast doch Befehlsgewalt! Sprich nur ein Wort, schien kommt alles in Bewegung und geht in Ordnung!“ Dann kann man darauf warten, bis die Meldung kommt: „Befehl ausgeführt!“ Es gibt keiner Zweifel, daß er ausgeführt wird!

Über einen solchen Glauben kann sich Jesus nur wundern. Von einem Verwundern Jesu ist sonst nur noch bei seinem Besuch in Nazareth die Rede. Dort heißt es: „Er verwunderte sich über ihren Unglauben!“ Die es eigentlich hätten wissen müssen, verweigern Jesus ihr Vertrauen. Hier aber vertraut ihm einer, von dem man es gar nicht erwartet hätte.

Allerdings kommt gar nicht der Patient zu Jesus, sondern nur dessen Vorgesetzter. Wir haben doch gelernt, daß man sich im Glauben nicht vertreten lassen kann! Jeder muß doch für sich alleine glauben! Aber hier geht es offenbar nicht um eine klug durchdachte christliehe Lehre. Die Glaubenden des Neuen Testaments sehen durchweg nicht so aus, als hätten sie erst ein Glaubensexamen bestanden. Es geht vielmehr um das Zutrauen, mit dem ein Mensch von Jesus Hilfe erwartet. Niemand hat bisher helfen können. Aber da ist Jesus, dem traut der Hauptmann zu, daß er das helfende Wort spricht.

Es geht hier ja gegen Gewalten, die sich gegen Gott auflehnen und seine Schöpfung zerstören wollen. Krankheit, die das Leben gefährdet und zerstört, ist nicht nur ein Naturgeschehen. Der Tod als der äußerste Grenzfall der Krankheit ist der Sünde Sold. Hier geht es um den ständiger Kampf zwischen Gott und dem ihm feindlichen Mächten. Gott aber wird der Sieger bleiben. Er hat es zwar so eingerichtet, daß es Krankheit und Tod gibt. Das sind seine Naturgesetze. Aber er geht souverän damit um. Er hat dieses Instrument geschaffen, aber was er auf diesem Instrument spielt, ist seine Sache.

Von außen gesehen scheint solcher Glaube an Gott eine sinnlose Tollkühnheit zu sein. Der Glaubende selbst würde so etwas nie sagen. Er hat volles Vertrauen zu Jesus. Dieses Zutrauen kann und wird auch in Krisen kommen. Aber er wird immer wieder die Gewißheit gewinnen, daß seine Sache bei Jesus gut aufgehoben ist. Wenn wir Jesus mehr zutrauten, würden wir wohl auch mehr mit ihm erleben.

Aber alles was der Glaube hat, das hat er von außen. Er hält sich an das, was er von Jesus erfahren hat; und er verläßt sich auf die Kraft der Sakramente, weil er in ihren Gott selbst wirksam weiß. Er weiß: Auch wenn mein Glaube versagt, dann trägt doch die Taufe mich. Martin Luther hat sich ja gelegentlich in sein Zimmer eingeschlossen und dann mit Kreide vor sich auf den Tisch oder an die Wand geschrieben: „Ich bin getauft!“ Das hielt er sich vor Augen, wenn sein Glaube unsicher zu werden drohte. Er rechnete ja mit der Existenz des Teufels und konnte nur durch das Festhalten an Gottes Verheißungen einen Schutz aufbauen. Und wenn wir Jesus nicht recht zu finden und zu fassen meinen, so ist er doch im Abendmahl da und wir können ihn in uns hineinnehmen. Diese Gewißheit gegen alle Ungewißheit ist Glaube.

Der Hauptmann weiß wahrscheinlich selbst gar nichts davon, daß er glaubt. Deshalb entgegnet er Jesus auch ganz bescheiden: „Soviel habe ich ja gar nicht erbeten oder erwartet. Ich will ja gar nicht, daß du dich verunreinigst, indem du in das Haus eines Heiden trittst. Es genügt ja ein einziges befehlendes Wort!“

Der Hauptmann kann keine Ansprüche anmelden. Aber er hat die Gewißheit: „Ich darf auf ihn hoffen! Ich brauche mich auch nicht mit der Frage herumzuquälen, ob ich Glauben habe, oder ob der Glaube ausreicht und durchhält. Ich brauche nur an das zu denken, was Jesus kann und will.

Jesus läßt solchen Glauben gelten. In seinem eigenen Volk hat er ihn nicht gefunden. Die Tradition bietet keine Gewähr dafür, daß man Anteil am Reich Gottes gewinnt. Viel wichtiger ist, daß man mit Jesus bekannt wird. Denn in der Begegnung mit ihm wird der Glaube geweckt. Tradition kann so nur ein Mittel sein, mit Jesus in Verbindung zu kommen. Insofern ist Tradition gut. Aber sie ist eben nicht alles. Auch wer nicht in einer Tradition steht, kann zu Jesus kommen. Es bedarf keiner Vorleistungen. Woher einer auch kommt und in welcher Verfassung er ist, wenn er sich nur von Jesus helfen lassen will, so ist er willkommen. Wir können das sicher manchmal schlecht verstehen, wo wir uns doch für so gute Christen halten. Aber es ist so, daß Jesus auch von Ungläubigen entdeckt wird. Aller Atheismus unsrer heutigen Welt ist für das Wirken Jesu kein Hindernis. Wir sollten nicht durch unsere Engstirnigkeit anderen den Zugang zu Jesus erschweren.

Wir müssen damit rechnen, daß Millionen von Menschen außerhalb der Kirche und ohne bewußtes Bekenntnis doch nicht von Gott getrennt und verloren sind. Es kann sein, daß auch Andersdeckende, Anhänger anderer Religionen oder gar Atheisten doch so etwas wie einen unsichtbaren (anonymen) Glauben haben. In der Tiefe ihres Herzens und in ihrem Verhalten zum Mitmenschen kann doch etwas sein, was dem bewußten christlichen Glauben entspricht.

So will ja Jesus das Licht der Heiden sein. So wie der Hauptmann zu ihm kam, so sind auch nachher ganze Völker zu ihm gekommen. In dieser Epiphaniaszeit denken wir ja besonders daran. Jesus hat seine Herrlichkeit nicht nur seinen Leuten offenbart, sondern aller Welt. Auch bei uns will er alle zu sich heranführen, auch Menschen, die wir vielleicht schon verloren geglaubt haben. Ja, Gott bedient sich manchmal ungewöhnlicher Wege. Vielleicht entsteht gerade auf diesem Wege ein Glaube, den wir nicht erwartet hätten. Doch wichtiger ist allerdings, daß der Glaube auch bei uns entsteht oder gefestigt wird.

Wieviel Menschen wurden da eigentlich gesund? Recht gesehen doch wohl zwei. Denn nicht nur der Bursche konnte sein Krankenlager gesund verlassen und seinem Hauptmann, der sich so für ihn eingesetzt hatte, wieder zur Hand gehen, sondern „gesund“ - im tiefsten Sinne - war auch der Hauptmann selbst geworden! Sein unbedingtes Vertrauen zu Jesus war die ausgestreckte Hand, an der ihn Gott in die Gemeinschaft der „Kinder Gottes“ hineinführen konnte, die sich in allem, was geschieht, mit allem, was ihr Leben erfüllt, der Macht ihres Herrn anvertrauen. Wo sich ein Mensch in dieser Weise dem heilenden, rettenden und befreienden Handeln Jesu Christi öffnet, sich ihm anbefiehlt und sich auf ihn verläßt, da wird es - auch heute - für jeden von uns nicht ein Gerichts-Wort, sondern ein Wort des Heils sein: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast!“

 

 

4. Sonntag nach Epiphanias: Mt 8, 23 - 27

[Schön wäre es, wenn man das Lied im Gottesdienst erwähnte Lied singen könnte. Es steht leider nicht im Gesangbuch. Es findet sich in „Gott liebt diese Welt I, Seite 24, und im Internet unter „www.youtube.com/watch?v=98NFpfW447E“, den Text allein findet man unter „www.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/277984“]

In dem Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ heißt es: „Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht, durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr!“ Die christliche Gemeinde wird hier mit einem Schiff verglichen, das den Stür­men des Lebens ausgesetzt ist. Aber es fährt trotz allem immer weiter und sein Ziel ist die Ewigkeit bei Gott.

Es mag uns gewagt vorkommen, diese Geschichte so auszulegen, in ihr also ein Gleichnis für das Leben der Gemeinde in der Welt zu sehen. Aber kein anderer als der Evangelist Matthäus hat uns das vorgemacht: Er hat die Wundergeschichte des Markus gekürzt und aus ihr eine Geschichte vom kleinen Glauben der Jünger gemacht. Unter der Hand ist so eine Geschichte daraus geworden, die für alle Zeiten uns etwas zu sagen hat; denn das hat die Kirche immer wieder erfahren müssen, daß sie den Stürmen der Welt ausgesetzt war und Angst und manch­mal auch Verzweiflung gekannt hat.

Hier in dieser Geschichte wird uns deutlich gemacht, was geschehen kann, wenn der Glaube einmal konkret auf die Probe gestellt wird. Wenn man die Jünger gefragt hätte, ob sie an Jesus glauben, dann hätten sie sicherlich ohne zu Zögern gesagt; „Natürlich!“ So würden sicherlich auch alle, die hier im Gottesdienst versammelt sind, ob jung oder alt, ohne Bedenken sagen: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn!“ Aber wenn das Wetter kommt und die Wellen fallen über das Schiff her, dann ist es mit dem Glauben doch oft aus.

Wir kennen ja auch die Welt um uns herum. Wir haben uns auch einige Verhaltensregeln angeeignet, wie man am besten aus Zwangslagen herauskommt. Dennoch gibt es auch bei uns Ratlosigkeit und Angst. Wir finden in den stürmischen Zeiten keine sturmfreien Inseln mehr und sind allen Gewalten ausgeliefert.

Die Versuchung ist groß, in eine vermeintlich sturmfreie Ecke ausweichen zu wollen. Im Mittelalter ging man dazu ins Kloster. Heute zieht man sich lieber in sein eigenes Inneres zurück und sagt: „Aber im geheimen glaube ich doch immer noch an Gott!“

Von dieser Haltung erzählt der zweite Vers unsres Liedes: „Doch wer Gefahr und Leiden scheut, erlebt von Gott nicht viel. Nur wer das Wagnis auf sich nimmt, erreicht das große Ziel!“ Die Schwierigkeiten sind dazu da, daß Jesus uns wieder heraushelfen kann und dadurch seine Macht erweisen kann. Doch der Einzige, der noch helfen könnte, schläft. Stellen wir uns den Gegensatz doch einmal bildlich vor: Der Sturm tobt, die Wellen schlagen in das Boot - und Jesus macht ein Nickerchen. Aber er kann sich das leisten, auch in einer solchen Lage zu schlafen. Es ist ja ein anderes Schlafen, als wenn die Christen die Zeit verschlafen vor lauter Bequemlichkeit und Nichtstuerei. Jesus weiß sich im Schutz seines himmlischen Vaters geborgen. Die Jünger hätten erkennen müssen: Allein die Gegenwart Jesu ist schon der beste Schutz in aller Bedrängnis.

Aber denken wir nicht alle so wie die Jünger. Wie oft meinen wir: „Gott schläft! Er hat uns vergessen! Von ihm können wir nichts mehr erwarten! Es wäre Einbildung, noch auf ihn zu hoffen! Wir müssen realistisch sein und den Dingen ins Auge sehen, wie sie sind. Wir bekennen uns zu Gott. Aber im Geheimen hängen wir an dem Aberglauben, die Dinge und Mächte dieser Welt seien das Entscheidende, worauf wir Rücksicht zu nehmen hätten.

Die Jünger Jesu in dieser Geschichte tun das Einzige, wozu ihr bißchen Glaube noch ausreicht: Sie wenden sich an Jesus! Sie vertrauen darauf, daß er auch in dieser schwierigen Situation noch etwas machen kann. Was, das wissen sie auch nicht. Wir wissen es heute ja auch nicht. In dieser Geschichte wird gesagt, Jesus habe direkt und unmittelbar geholfen: Er kann nicht nur Menschen ändern und Krankheiten besiegen, sondern er hat auch Macht über die Natur.

Aber wir wissen: Nicht immer geht es so aus wie hier. In solchen Geschichten geht es ja immer glatt, das ist ja ihr Sinn. In der Wirklichkeit ist es oftmals schwieriger. Aber wir sollten wissen: Jesu Macht ist auch heute nicht geringer als damals. Auch heute können wir Zeichen seines Eingreifens finden, wenn das auch nicht immer allen gleich deutlich wird.

Da bittet einer um Bewahrung für sein kleines Kind, das allein einen Weg unternimmt und es passiert dem Kind auch tatsächlich nichts. Da wendet sich eine schwere Krankheit wieder zum Guten. Da verliert ein todkranker Mensch plötzlich die Angst vor dem Sterben. Hier hat sich doch auch ein Sturm gelegt und es ist eine große Stille eingetreten. Der Glaube hat es doch nicht nur mit den Dingen des inneren Lebens zu tun, sondern er will auch auf alle Nöte angewandt werden, die einem Menschen in dieser Welt entstehen.

Diese Geschichte macht uns also deutlich, was Glaube ist. Wir dürfen nicht Zauberkunststücke von Jesus erwarten nach dem Motto: „Unmögliches wird sofort erledigt‚ Wunder dauern etwas länger. Auf Wunsch kann auch gehext werden!“ Das Wunder macht den Glauben nicht überflüssig. Im Gegenteil: Nur wer an Gott glaubt‚ wird auch überall seine Wunder erkennen und nicht vom Zufall reden oder sonst etwas.

Es geht hier auch nicht um ein Gottvertrauen so im Allgemeinen, sondern um ein tatsächliches Rechnen mit seiner Macht und Treue heute und hier, mitten in den Stürmen und in der Anfechtung. Hier müssen wir uns alle die Frage vorlegen: Glauben wir tatsächlich daran, daß Gott in einem solchen Fall helfen kann, wie er eingangs geschildert wurde? Hier erst wird unser Glaube echt auf die Probe gestellt.

Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, dann müssen wir damit rechnen, daß wir mehr von den „Stürmen“ zu spüren bekommen als die anderen. Aber wir dürfen zugleich auch der rettenden Macht unsres Herrn gewiß sein. Diesen Glauben will uns eine solche Geschichte ganz fest einschärfen.

Außerdem kann uns aber noch etwas helfen, was in den beiden anderen Strophen des Liedes erwähnt wird. Wir stehen als Glaubende nicht allein in der Welt. Wir sind eine Mannschaft, in der jeder seine Aufgabe erfüllt. „Viel Freunde sind mit unterwegs, auf gleichen Kurs gestellt.

Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein!“

Es macht schon etwas aus, wenn man in einer Schulklasse nicht der Einzige ist, der zum Religionsunterricht geht. Es macht schon etwas aus, wenn man in der Firma nicht der Einzige ist, der am Sonntag zum Gottesdienst war. Es macht schon etwas aus, wenn man nicht der einzige Jugendliche beim Abendmahl ist, sondern damit rechnen kann: Viel Freunde sind mit unterwegs!

Gerade das Abendmahl will uns fest miteinander zu einer Mannschaft verbinden. Es erhält uns in der Verbindung mit Gott. Aber es stärkt auch die Gemeinschaft untereinander. Wenn wir hier von einem Brot essen und von einem Kelch trin.ken, dann können wir uns dadurch stärken für unsren Kampf in der Welt. Dann erhält auch unser Glaube die richtige Nahrung und bleibt nicht ein Kleinglaube, sondern wird ein starker und unerschütterlicher Glaube, wie er nun einmal nötig ist, wenn wir in dieser Welt als Christen bestehen wollen.

Doch die Mannschaft allein macht’s noch nicht. Sie ist verloren, wenn nicht ein Größerer über ihr wacht. Was die Mannschaft zusammenschweißt, das ist Gottes Heiliger Geist. Gott selber muß bei allem mit dabei sein, sonst hilft die beste Mannschaftsleistung nichts. Deshalb bitten wir auch immer wieder, wie es im Lied heißt: „Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir allein auf der Fahrt durch das Meer, o bleibe bei uns Herr!“

 

 

5. Sonntag nach Epiphanias: Mt 13, 24 - 30

Ein Schriftsteller unsrer Zeit erzählt die Geschichte eines Blinden, der immer mit einer Drehorgel durchs Dorf zieht. Die Orgel übt besonders auf einen Jungen eine besondere Anziehungskraft aus. Bald geht er regelmäßig mit dem Blinden‚ schiebt den Leierkasten und singt die Melodie mit. Das ergreift die Leute besonders, so daß die Geldstücke noch reichlicher in den alten Hut oben auf dem Leierkasten fallen. Als wieder einmal ein guter Tag gewesen ist, wickelt der Blinde dem Jungen einige Münzen in Papier „für die Sparbüchse“.

Da kommt dem Jungen erst das Geld in dem Sinn. Er denkt: Wenn du nur ein oder zwei solcher Münzen hättest, dann könntest du dir eine Tüte Bonbons kaufen. Um den Blinden zu täuschen, singt er so laut und übermütig, wie er nur kann. Mit einem kurzen Blick überzeugt er sich, daß gerade niemand aus dem Fenster schaut. Dann greift er mit zitternder Hand in den Hut.

Der Alte scheint nichts bemerkt zu haben. Allmählich schwinden alle Hemmungen, er bedient sich immer wieder, aber nie mehr als ein oder zwei Münzen. Es ist doch schön, wie dieser Junge sich mit dem Blinden abgibt. Aber mitten im Tun des Guten ist eine recht böse Saat aufgegangen. Die klare Kinderstimme entpuppt sich auf einmal als Deckmantel des Diebstahls.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Aus dem Jungen ist ein Mann geworden. Eines Nachmittags geht er noch einmal zu dem Blinden, der in seinem Vorgärtchen sitzt und die Frühlingssonne genießt. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein vergilbter Brief. Als sie sich die Hände reichen, fliegt der Brief vom Tisch. Der Blinde hat schnell beide Hände ausgestreckt und den Brief wieder eingefangen. „Kannst du denn etwas sehen?“ ruft der junge Mann bestürzt und fast vorwurfsvoll. Der Alte antwortet: „Ja, aus der Nähe sehe ich immer noch etwas wie ein Schatten!“

Der Junge fragt: „Warum hast du all die Jahre nichts gesagt?“ Er denkt natürlich an die gestohlenen Münzen. Nach langer Zeit antwortet der Blinde: „Ich wollte dir eine Lehre für dein Leben mitgeben. Du hast gemeint, weil ich schwieg, hätte ich nichts gemerkt. Du hast genauso gedacht, wie die Menschen von Gott denken. Aber das wird nicht die schlechteste Lehre für dich gewesen sein!“ Der Blinde hat lange schweigen können, bis der Tag kam, an dem die beiden als Männer darüber sprechen konnten. Durch dieses aktive Schweigen hat er geholfen, anstatt zu richten. Er hat sich Zeit gelassen. Aber seine Erziehung wurde dadurch nur umso wirksamer.

Auf solche Art und Weise will uns auch Gott erziehen. Das macht uns das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen deutlich. Da hat einer seinen Acker gesät. Aber in der Nacht kommt sein Feind und sät Unkraut dazwischen. Ich glaube, Entsprechendes gab es auch bei uns, als die Landwirtschaft noch eine größere Rolle spielte. Heute macht man es anders, da gießt man Unkrautmittel auf das Grab desjenigen, den man treffen und dem man eins auswischen will.

Erst wenn die Saat aufgeht, sieht man, was wächst.

In Palästina gibt es ein Unkraut, das in einem bestimmten Wachstumsstadium dem Weizen ähnelt. Es hat zum Teil sogar stärkere Wurzeln als der Weizen. Wenn man es ausreißen wollte, würde man den Weizen mit ausreißen. Also muß man warten bis zur Ernte, bis man beides gut unterscheiden kann; und dann muß eben mühsam sortiert werden, was gut und was schlecht ist.

Dieses Gleichnis benutzt Jesus, um etwas über die Wirkung seines Wortes in der Welt auszusagen. Durch dieses Wort wirkt Jesus in die Welt hinein, die ja Gottes Eigentum ist. Aber in ihr ist auch der „böse Feind“, der die Menschen unter seine Gewalt bringen will. Es gefällt ihm, daß sie Sünder sind, und er möchte nicht, daß das anders wird. Jesus aber bricht mit seinem Wort in diese Welt ein und möchte uns wieder in die Gemeinschaft mit Gott ziehen.

Die Herrschaft Gottes kann nur aufgerichtet werden, indem die Herrschaft des Feindes gebrochen wird. Das geht nicht ohne Kampf ab. Jesus streut sein Wort aus, aber der Feind sät auch. Wo Jesus mit Liebe kommt, sät er Haß. Wo Jesus die Menschen freispricht und mit Gott versöhnt, da will er Mißtrauen und Feindschaft gegen Gott schüren. Wo Jesus Menschen miteinander verbindet, da sät er Feindschaft.

In der sichtbaren Gemeinde Gottes gibt es Gutes und Böses nebeneinander. Einer hat das einmal mit einem Bild deutlich gemacht: Wo Gott eine Kirche baut, da setzt der Teufel gleich eine Kapelle daneben. Man kann nicht einmal sagen, daß es daneben ist. Das Unkraut wächst ja mitten unter dem Weizen. Innerhalb der Kirche geht der Widersacher sogar mit besonderem Eifer und mit besonderer Gerissenheit vor: Er verfälscht das Evangelium in Gesetz, verdirbt die Freiheit in Zuchtlosigkeit, die Gewißheit in falsche Sicherheit, die Vollmacht in Herrschenwollen und die Originalität in Eigenwilligkeit. Was an sich gut war, wird abgewandelt und schließlich in sein Gegenteil verkehrt. Und aus Seelsorge wird schließlich Seelenverderbnis.

Aber was sollen wir dagegen machen? Es hat immer wieder Heiligungsbewegungen in der Kirche gegeben, die reinen Tisch machen wollten. Wer einmal vom Glauben abgefallen war, sollte nicht wieder aufgenommen werden. Die einen gingen ins Kloster, die anderen nach Amerika. Im 19. Jahrhundert bildeten sich die Sekten, die jede für sich die wahre Kirche sein wollten. Gerade in Krisenzeiten und Umbruchssituationen scheint die Neigung stärker zu werden, eine „reine“ Kirche zu bilden. Auch in unserer Zeit gibt es wieder die Tendenz, sich von der Welt abzusondern und eine ideale Gemeinde zu bilden.

Doch gerade in solchen Gruppen wird man leicht gesetzlich. Was ist, wenn einer nicht dem gesteckten Ziel entspricht? Entweder wird er ausgestoßen oder er wird durch harten Zwang auf Vordermann gebracht. Ein Weizenfeld ohne Unkraut gibt es aber nicht. Das Unkraut schadet dem Weizen, schlechte Christen machen die Kirche unglaubwürdig. Aber durch ein großes Unkrautjäten würde auch nichts besser.

Diese Erkenntnis darf uns allerdings kein gutes Gewissen geben, daß wir uns auf das Weiterbestehen des Bösen einrichten. Wir können gewiß grobe Sünden erkennen und bekämpfen und sogar davon loskommen. Aber wer von uns kennt, was im Finstern verborgen ist? Kämen bei einer Reinigung der Gemeinde nicht schwerste Fehlgriffe vor? Würden wir damit nicht auch selbstherrlich in das Recht dessen eingreifen, der allein das letzte Wort über uns zu sprechen hat?

Ein Aussonderungsversuch schon heute wäre eine unerlaubte Vorausnahme dessen, was zur Ernte geschehen soll. Selbstverständlich können wir nicht alles gutheißen und müssen auch das Verwerfliche schon verwerflich nennen. Es wird auch einmal eine letzte Scheidung der Menschen geben. Aber Jesus läßt nicht zu, daß wir diese Scheidung vollziehen. Wir können sie auch gar nicht vollziehen, weil wir selber fehlerhafte Menschen sind. Und wir dürfen sie nicht vollziehen, weil wir damit dem Anderen die Möglichkeit zur Umkehr und zur Besserung nehmen.

Wer vorzeitig ausjäten will, versucht dem Kampf zu entgehen. Er möchte den Gegner so schnell wie möglich ausgeschaltet wissen. Doch in Wirklichkeit ist doch ein immer neues Angehen gegen die Sünde nötig. Wer sich aber zu Jesus hält‚ wird das aus einer neu geschenkten Freiheit heraus tun können. Weil er freigesprochen ist, braucht er nicht erst eine Probe- und Bewährungszeit durchzumachen, sondern kann gleich den Kampf aufnehmen. Er braucht nicht erst mit seiner Sünde allein fertigzuwerden, sondern er wird von Gott gerechtfertigt.

Nur so vermeidet man Heuchelei und Hochstapelei. Jesus hat das ja selbst an den Frommen seiner Zeit studieren können. Da gab es die Pharisäer, die das Gesetz bis ins Kleinste halten wollten und die Menschen dadurch in eine furchtbare Zwangsjacke steckten. Da gab es die Essener, die nur noch leben zu können glaubten, wenn sie sich in ein Kloster in der Wüste zurückzogen. Und da gab es Johannes den Täufer und seine Jünger, die auch durch gesetzliche Maßnahmen dem Gericht Gottes entrinnen wollten.

Dieses Gericht wird einmal kommen. Deshalb kann der Richter ja warten und Geduld haben wie der blinde Leierkastenmann. Aber am Ende wird Gottes Werk in Klarheit verwirklicht werden. Wenn wir etwas vom Gericht Gottes hören, dann sollten wir nicht an die denken, die es mutmaßlich treffen wird. Das Wort vom Gericht Gottes ist immer ein Wort an den, der es hört. Gott muß auch das verbrennen‚ was an unserem Leben noch Unkraut ist. Er wird auch das verbrennen, was an der Kirche und an der ganzen Welt nicht in Ordnung ist.

Deshalb haben wir es nicht nötig, mit falschem Eifer an einer perfekten Kirche zu basteln. Gott selbst vollendet einmal sein Werk in voller Klarheit. Darauf können wir uns verlassen. Jetzt ist die Kirche vielfach noch armselig und unansehnlich; und wir sind es mit ihr. Aber Gott läßt sich noch Zeit mit dem Gericht. Das ist die frohe Botschaft, die wir aus diesem Gleichnis heraushören dürfen. Es bleibt noch eine Zeit des Kampfes und der Reinigung. Wir sollten nicht meinen, daß wir die Reinigung vollbringen könnten. Aber wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott sie fertigbringt. Deswegen dürfen wir das Größte für die Kirche und für uns erhoffen. Gott wird das wahrmachen, was er sich vorgenommen hat.

 

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias: Mt 17, 1 - 9

In manchen Gemeinden fragt man sich: Was soll man tun, wenn nur ein oder zwei Leute oder gar überhaupt niemand zum Gottesdienst kommt? In vielen Gemeinden ist diese Frage ja noch nicht so sehr akut. Denn wenn in einem Ort mit 5.000 Einwohnern nur zwei Prozent der Gemeindeglieder kommen, so sind das doch immer noch 100 Leute. Aber wenn ein Dorf nur 100 Einwohner hat und es kommen nur zwei Prozent, dann sind das eben nur zwei Gottesdienstbesucher.

Nun kann man zwar mit 100 Menschen noch einen Gottesdienst in der üblichen Form halter, mit zweien aber nur schwer, ohne daß es irgendwie komisch wird. Das Schlimme daran ist nur: Wenn es immer so wenige sind, dann verlieren auch die den Mut und bleiben weg. Wenn man in einem kleinen Ort sowieso nur 24 Gottesdienste im Jahr ansetzt, dann fallen vielleicht elf aus, weil niemand dazu erschienen ist.

Wenn man so etwas hört, tut einem die Geschichte von der Verklärung Jesu gut. Sie zeigt die künftige Herrlichkeit Jesu schon während seiner Erdentage. Hier wird Jesus gezeigt, wie er eigentlich erst nach Ostern ist. Aber die vertrautesten Jünger dürfen ihn schon einmal so sehen, um dadurch schon vorher in ihrem Glauben gestärkt zu werden. In dieser Erzählung wird zum einmaligen Ereignis verdichtet, was das wahre Wesen Jesu ist.

Diese Geschichte will uns also Mut machen, indem sie uns in die Zukunft schauen läßt, in eine Zukunft, die sich für Jesus schon erfüllt hat und der wir alle erst noch entgegengehen. Beim Vorblick auf diese Zukunft sollen wir die Kraft erhalten, unsere Gegenwart besser bewältigen zu können.

Wenn es manchmal so niederschmetternd in der Kirche ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten, damit fertig zu werden: Einmal kann man schimpfen und damit seinen Ärger abreagieren. Aber damit erreicht man nicht viel, denn die es am meisten angeht, hören es ja nicht, weil sie gar nicht da sind. Da ist eben die andere Möglichkeit besser, nämlich: Denjenigen, die da sind, in ihrer bedrückenden Lage Mut zu machen. Wir haben ja eigentlich noch mehr als die Jünger die Möglichkeit, die Herrlichkeit Jesu zu sehen. Wir haben ja Ostern schon erlebt, wir können in der Bibel davon lesen, wir brauchen nur auf das zu hören, was uns immer wieder gesagt wird.

Obwohl die Verklärungsgeschichte eigentlich schon durch Ostern überboten ist, hat sie uns dennoch etwas zu sagen. Oft bleibt uns die Herrlichkeit Jesu noch genauso verborgen, wie sie den Jüngern zunächst war. Wir ärgern uns mit den Jüngern an der Niedrigkeit Jesu und seiner Kirche. Wir sehen überall Schäden und Mängel, meist nur bei der anderen und hoffentlich auch bei uns selber. Wir möchten gerne vollendete Christen sein und scheitern dennoch immer wieder an der eigenen Unzulänglichkeit, an den Fehlern anderer und an den Verhältnissen.

Den Jüngern gingen für einen Augenblick die Augen auf und sie erkannten: „In Jesus haben wir tatsächlich Gott bei uns!“ In diesem Augenblick würden sie es auch fertigbringen, die Niedrigkeit Jesu zu ertragen. Jetzt glauben sie fest an ihn.

Diesen Augenblick möchten sie festhalten. Wenn er vorübergeht, dann wäre wieder alles so wie vorher, dann wären auch Zweifel und Unsicherheit wieder da. Davor hat Petrus Angst. Deshalb sagt er: „Laßt uns hier Hütten bauen!“ Hier will er mit Jesus allein sein, weit abseits von der Welt. Hier wäre es leicht, immer an Jesus zu glauben. Hier wäre man praktisch schon im Himmel und brauchte sich nicht mehr mit den Zweifeln und Fragen dieser Welt herumzuschlagen.

Zweifelnde Fragen haben wir heute auch immer noch. Auch wenn wir glauben wollen, so überfällt uns doch immer wieder das quälende und ängstliche Fragen: „Was hat es denn nun tatsächlich mit Jesus auf sich? Kann man dem glauben, was er gesagt hat? Warum bist du eigentlich ein Christ?“ Solcher Fragen braucht sich keiner zu schämen. Im Gegenteil: Wenn er das nicht schon einmal erlebt hat, dann muß er sich fragen, ob er es wirklich ernst mit dem Glauben meint. Fragen und Zweifel gehören mit zum Christsein dazu. Entscheidend ist nur, daß man wieder darüber hinwegkommt.

Das gibt es ja dann auch wieder, die Stunde, in der uns gewiß wird: „Was wir vermuteten, stimmt wirklich: In Jesus haben wir Gott bei uns!“ Erklären können wir uns das nicht, wo eine solche Gewißheit auf einmal herkommt. Aber alle Zweifel und alle Ungewißheit und alle Angst sind auf einmal vorüber.

Unser Glaube läßt sich aber so nicht sichern, daß wir ihn nicht immer wieder zu wagen brauchten. Es gibt manchmal Stunden, in denen wir mehr hören und sehen und erkennen als sonst. Das gibt uns einen starken Anstoß für die nächste Zeit. Aber es nützt unsrem Glauben nichts, wenn wir gestern geglaubt haben. Auf das Heute kommt es an und das tägliche Durchhalten

des Glaubens.

Das gilt auch für das Beispiel des Gottesdienstbesuchs. Ein Pfarrer macht sich darüber auch so seine Gedanken: Wenn etwa zur Goldenen Konfirmation oder an Heiligabend die Kirche so annähernd voll ist, dann sagt er sich auch sicherlich manchmal: „Warum ist es nicht immer so? Könnten wir nicht immer so zusammenbleiben?“ Oder wenn am Sonntagnachmittag eine Beerdigung ist und es kommen dreimal so viel Leute wie am Vormittag zum üblichen Gottesdienst, dann fragt man sich doch: „Warum haben sie nicht auch am Vormittag Zeit? Und nicht nur einen Sonntag, sondern jeden?“

Wir möchten wahrscheinlich alle gern solche schönen Augenblicke festhalten. Und dann beginnt wieder der Alltag und es ist das Übliche. Damit müssen wir rechnen und dürfen uns davon nicht verdrießen lassen. Es geht immer einmal auf und ab im Leben der Kirche und im Leben des einzelnen Christenmenschen. Wenn man in der Talsohle ist, dann darf man sich davon nicht zu sehr beeindrucken lassen. Es geht ja doch auch wieder einmal bergauf. Wir fragen uns nur: „Was bleibt uns, wenn wir sozusagen von unserem Berg der Verklärung herabsteigen? Irgendwie soll ein solches Ereignis des Überzeugtseins vom Glauben doch auch seine Nachwirkungen haben und die Zukunft mitbestimmen?“

Nun, hier ließe sich schon Einiges aufzählen.

Zunächst einmal bleibt, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist. Die Jünger erschrecken, als sie merken: In Jesus haben wir es mit dem lebendigen Gott zu tun, der sich den Menschen zeigt, wann und wie er will. Diese Gewißheit kann uns durch nichts genommen werden, was späterhin noch dazwischen kommt. Wir leiden ja mit, wenn wir sehen, wie sehr die Botschaft von Jesus Christus mißachtet wird. Wir stehen selber oft im Ungewissen und sind mutlos in einer kleinen Schar. Wir sind enttäuscht von Fehlentscheidungen und äußerer Unscheinbarkeit in der Kirche. Erst haben wir gemeint, die Kirche könnte solch eine „Hütte“ sein für die Herrlichkeit Gottes. Und dann müssen wir auch ihre menschliche Seite erkennen und stehen in der Versuchung, uns von ihr abzuwenden. Aber es bleibt die Gewißheit: Gott ist am Werk in seinem Sohn und in seiner Kirche. Manchmal wirkt er nur verborgen. Aber oft können wir auch direkt sein Tun erkennen. Dann wissen wir auch genau: Er ist der Sohn Gottes, heute und alle Zeit. Dann können wir so sagen wie noch kurz vorher Petrus: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Als zweites bleibt uns, daß er bei uns ist in seinem Wort. Wir haben Jesus nicht in unseren Wünschen und Vorstellungen, nicht in liebgewordenen Redewendungen und vertrauter Traditionen, auch nicht in theologischen Meinungen und Auslegungen. All das ist auch gut und richtig. Aber als Entscheidendes wird auch uns gesagt: „Den sollt ihr hören!“

Wenn die helle Wolke wieder fort ist, dann haben wir niemand anders als Jesus allein. Dann können wir nur noch auf sein Wort hören, um in unsrem Glauben gestärkt zu werden. Und wir können uns zum Sakrament versammeln, das das fleischgewordene Wort Gottes für uns ist.

Als Gemeinde Jesu Christi sind wir aber auch verantwortlich dafür, daß die Welt ihn hört in seinem Wort. Wenn wir nur für uns Hütten bauen und es uns darin gemütlich sein lassen, haben wir unsren Auftrag noch nicht erfüllt. Gottes Wort will geradeheraus aus solchen „Hütten“ und unter die Leute gebracht werden. Nur so kann es auch bei uns bleiben.

Das dritte schließlich, das uns bleibt: Er richtet uns auf und macht uns stark. Ohne Jesus müßten wir verzagen in dieser Welt. Wir kämen aus unsrer Schuld nicht heraus und hätten keine Zukunft. Jesus aber ruft uns zu einem neuen Leben auf dem Weg mit ihm. Er sagt uns, wohin wir gehen sollen. Er schickt uns zu den Menschen. Und er richtet uns wieder auf‚ wenn wir einmal gefallen sind.

So wie die Jünger müssen wir von dem Berg der Herrlichkeit herabsteigen. Aber Jesus hat uns stark gemacht, als seine Zeugen in die Welt zu gehen und dabei auch Leiden und Mißerfolge auf uns zu nehmen. Wir dürfen uns immer wieder umdrehen zum dem Berg der Verklärung und uns von dem Anblick des verherrlichten Jesus stärken lassen. Wir dürfen unsere Augen aufheben zu dem Berg, um zu wissen und nicht zu vergessen, woher uns die Hilfe kommen wird.

 

 

Septuagesimä: Mt 20, 1- 16

Es gibt sicher auch in unsrer Gemeinde Leute, die können wir nicht leiden. Die einen sind persönlich unausstehlich, die anderen haben uns beleidigt, wieder andere sind nur von Anderswoher zugezogen, die eine Familie war schon immer verachtet, die andere hat sich erst neuerdings etwas zuschulden kommen lassen. Alle rücken sie etwas ab von diesen Menschen und wollen möglichst wenig mit ihnen zu tun haben.

Aber nun gehören auch die zur Kirchengemeinde und haben in ihr die gleichen Rechte. Sie haben auch die gleiche Verheißung wie all die anderen: „Wer zu Gott gehören will, der darf auch bei ihm sein!“ Gott nimmt sich gerade der Verachteten und Ausgestoßenen an. Das hat schon die Menschen zur Zeit Jesu geärgert und wir ärgern uns auch darüber.

Wir, die guten Kirchengänger, stehen immer in der Gefahr, auf die anderen herabzusehen, die es halt nicht so ernst nehmen. Aber auch die tauchen dann einmal auf und lassen ihr Kind taufen und auch die werden kirchlich beerdigt. Wo wollte man auch eine Grenze machen zwischen wirklichen Christen und Mitläufern? Natürlich gibt es eine äußere Grenze: die Zugehörigkeit zur Kirche. Aber wer dazu gehört, der gehört auch voll und ganz dazu. Wir können da nicht noch Unterteilungen machen.

Luther hat einmal erwogen, ob er nicht einen besonderen Gemeindekern sammeln soll: Menschen, die täglich mit ihm den Gottesdienst feiern und „die mit Ernst Christen sein wollen“. Aber er mußte es enttäuscht aufgeben: „Ich habe die Leute nicht!“sagte er. Das wird auch wohl immer so bleiben. Es gibt keine Kerntruppe, auf die man sich in jedem Fall verlassen könnte.

Unsere Gemeinde besteht nicht aus vielen Ringen, die um einen festen Kern gelagert sind. Sie gleicht vielmehr einem großen Kreis, in dem jeder die gleiche Bedeutung hat. Gott macht keine Unterschiede zwischen den Eifrigen und den Gleichgültigen. Da können wir auch keine machen.

In Kindergottesdienst ist vielleicht einer, der durch seine Unruhe die ganze Gruppe verdirbt; aber wir werden nicht einfach so mit ihm fertig, indem wir ihn ausschließen. Oder zum Jugendabend kommt einer, der nur Unsinn macht; aber auch er ist mit eingeladen und gehört mit dazu.

Wenn an Weihnachten jemand im Gottesdienst auftaucht, der sonst nie kommt, dann können wir nicht sagen: „Du bist sonst nicht da, da brauchst du auch heute nicht zu kommen!“ Es kommt mancher zur (gelegentlich) zur Kirche, von dem die regelmäßigen Kirchgänger sagen: „Der kommt doch nicht!“ Und es gehört mancher zur Kirche, von dem es die anderen nicht erwartet haben. Für manche ist dann das Erstaunen groß.

Unser Gott ist eben anders, als unsere Moral und unsre Vernunft sich das wünschen. Aber das ist auch unser Glück. Denn wenn nur die Moralischen und Anständigen zu Gott gehören dürfen, dann wären wir alle nicht mit dabei. Aber zu dieser Einsicht muß man zunächst einmal kommen.

 

Zunächst würden wir doch sagen: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ und: „Jedem nach seiner Leistung!“ „Welche Firma könnte denn am Lohntag so verfahren wie in dem Gleichnis von der Arbeitern im Weinberg bzw. dem „Gleichnis vom gütigen Arbeitsherrn“? Wenn es um das Gehaltskonto geht, versteht keiner Spaß. Wir schielen sowieso nach dem höheren Einkommen des Kollegen, dem schöneren Haus des Nachbarn, dem Kleid der Freundin, dem schnelleren Auto und der weiteren Ferienreise. Sehr schnell haben wir dann den Eindruck, wir seien im Leben zu kurz gekommen. Wir sehen noch ein, daß der Lohn nicht ganz hundertprozentig gerecht sein kann, dazu ist die Arbeit zu unterschiedlich. Aber wenigstens so einigermaßen soll es doch stimmen. Es muß doch eine gewisse Ordnung geben, sonst kann das Arbeitsleben nicht gedeihen.

Im Gleichnis aber passiert etwas Empörendes: Zuerst erhalten die Zuletztgekommenen ihren Lohn, mit voller Absicht. Sie erhalten einen vollen Tageslohn, der damals aber nicht mehr als das Existenzminimum war. Alle denken sie: Das ist aber ein ehrenwerter Arbeitgeber. Er stellt großzügig diejenigen gleich, die erst später Arbeit gefunden haben. Sie haben sich den ganzen Tag über ohne Erfolg um Arbeit bemüht. Jetzt aber erhalten sie den gleichen Lohn wie diejenigen, die schon eher das Glück hatten, eine Arbeit zu finden.

Die anderen denken natürlich: Wenn die schon zehn Euro für eine Stunde kriegen, dann werden wir wohl 120 für unsre 12 Stunden Arbeit kriegen! Wenn schon Großzügigkeit‚ dann erst recht für die diejenigen, die sich den ganzen Tag über schwer geplagt haben. Aber ihre Gesichter werden lang, als sie auch nur genausoviel erhalten wie die anderen. Das ist doch ungerecht. „Unsre Arbeit wird nicht geachtet“ denken sie. Der weiß ja überhaupt nicht, was Arbeit ist! Da werden wir morgen auch erst gegen Abend kommen und noch ein Stündchen mitarbeiten, unseren Lohn kriegen wir ja so und so.

Aber wer sagt denn, daß es am nächsten Tag wieder Arbeit geben wird? Wer sagt denn, daß dann wieder so ungewöhnlich verfahren wird? Dieser Herr kann mit seinem Geld machen, was er will. Er kann es natürlich auch verschenken. Aber man kann nicht darauf spekulieren, daß er es tun wird. Er ist ja auch nicht vertragsbrüchig geworden. Er hat jedem sein Recht zuteil werden lassen. Keiner hat weniger erhalten, als ausgemacht war. Aber die anderen denken doch: „Anständig war das nicht von dem Arbeitgeber, die mehrfache Arbeit hätte er wenigstens doch ein klein wenig anerkennen müssen!“

Nun ist das Gleichnis natürlich ein Bild für Gottes Handeln. Ist Gott etwa ein Gott der Willkür? In dem Wort „Willkür“ liegt eine Kritik. Diese dürfen wir aber nicht üben, weil wir selber diesem Gott ja alles verdanken. Wir haben ja nicht auf dem Markt einen Vertrag mit ihm geschlossen, sondern wir sind alle Schuldner Gottes, die niemals das geleistet haben, was sie im Weinberg Gottes hätten leisten können.

Deshalb sollten wir lieber von der Freiheit Gottes reden, der mit dem Seinen tun kann, was er will. Seine „Urgerechtigkeit“ hat etwas Beglückendes an sich. Seine Freiheit wird an seiner Güte sichtbar. Er setzt sich auch für die ein, die kein e Verdienste haben. Er ist eben Gott und nicht ein Mensch.

Wir verstehen so etwas nicht immer. Stellen wir uns folgenden Fall vor: Da hat einer die Kirche in einer schwierigen Zeit verlassen, vielleicht weil er das Geld sparen wollte. Als er aber alt geworden ist, will er wieder eintreten. Werden da nicht viele sagen: „Erst hat er uns im Stich gelassen, jetzt braucht er auch nicht mehr zu kommen!“ Sie zählen dann auch gern ihre Verdienste auf und gehen mit ihren hausieren: „Schon der Großvater war im Kirchenvorstand

und wir haben immer etwas für die Kirche gegeben. Da kann doch jetzt nicht ein anderer kommen und sich auf meinen Platz in der Kirche setzen!“

Dabei wäre es doch sehr viel schöner, wenn wir auch einen sehr spät Gekommenen freundlich einladen, zu uns hereinzukommen. Sie sollen sich doch mit uns über die Güte und Gnade Gottes freuen. Die „Altgedienten“ brauchen deshalb noch nicht zu fürchten, sie könnten zu kurz kommen. Vielleicht haben sie auch manches Wertvolle, das ihn en vor den Füßen lag, als unbrauchbar verworfen. Sie werden vielleicht auch noch das erlangen, was mehr ist als die Last und Hitze des Tages. Aber auch das wäre nur ein Geschenk Gottes.

Natürlich ist es betrüblich, wenn einer sagt: „1ch habe ja noch Zeit. Die Kirche ist doch kein Frosch, sie hüpft nicht weg. Wenn ich alt bin, ist immer noch Zeit dafür!“ Es könnte aber auch einmal schnell zu spät sein, dann wird abgerechnet und ausgezahlt. Aber natürlich wird Gott dann nicht fragen, ob einer bei seinem Tode der Kirche angehörte oder nicht. Gott fragt aber danach, ob einer Glauben gehabt hat oder nicht. Allerdings fragt er nicht danach, wie lange dieser Glaube gedauert hat oder warum er sich erst im letzten Augenblick eingestellt hat.

Keiner von uns hat das Recht, herablassend auf andere in der Kirche herabzusehen. Es gibt in ihr manche, deren bisheriger Lebensgang und deren Lebensweise den Vorstellungen von einem Christen nicht entsprechen. Da gibt es Kirchenfremde, denen kirchliche Traditionen völlig ungewohnt sind und die vielfach auch mit einer Riesenlast von Enttäuschungen und Vorurteilen gekommen sind. Denken wir etwa an Menschen, die über ihren Ehepartner erst zur Kirche gestoßen sind. Sie werden doch leicht meinen, unseren Vorsprung könnten sie nie auf holen. Aber sie haben natürlich auch eine Chance.

Wir sind immer geneigt, unser Verhältnis zu Gott in einem Lohnverhältnis zu sehen: „Wer viel für Gott getan hat, den wird er auch dafür belohnen!“ Zumindest soll ein Teil der Belohnung selbst verdient sein, auch wenn Gott dann noch freiwillig etwas drauflegt.

Das Gleichnis aber sagt uns: „Das ganze Lohndenken ist falsch. Gott teilt nur Geschenke aus, auch an die, die es eigentlich nicht verdient hätten und die gar nicht wissen, wofür sie belohnt werden. Es kommt nicht auf unser Tun und Entbehren, auf unsren Kampf und unser Opfer an, sondern allein auf Gottes Güte!“ Es ist auch nicht so, wie es in einer jüdischen Legende heißt, die Letzten hätten in der einen Stunde mehr gearbeitet als die anderen am ganzen Tag. Bei Jesus hört alles Rechnen auf. Wir können nicht Gottes Lohnbuchführung nachrechnen, sondern wir sind im Grunde alle Zuletztgekommenen.

Natürlich sind die auch zu loben, die so lange gearbeitet haben. Aber wenn sie so ordentliche Leute sind, dann sollten sie doch auch den Herrn verstehen und sich auf seine Seite stellen, anstatt sich zu beschweren. Sie können sich doch nur darüber freuen, daß sie alle so gut wegkommen. Ohne die Güte Gottes kann keiner leben. Aber für alle, die Gott brauchen, steht die ganze Fülle der Güte Gottes bereit.

 

 

Sexagesimä: Lk 8 , 4 - 8 (9 - 15)

Vielen Menschen ist es rätselhaft, was hier im Gottesdienst gesprochen wird und was uns immer wieder zusammenführt Äußerlich gesehen passiert doch kaum etwas, und was wirklich geschieht, kann man ja doch nicht sehen. Mancher wird vielleicht sagen: „Was, du gehörst

auch zu dem Verein?“ Wenn wir aber dieses Gleichnis vom Sämann richtig verstanden haben, dann sagen wir ihm lieber: „Ja, ich gehöre s c h o n zu dieser Gemeinde und bin froh darüber!“

Es gibt vieles, was uns von dieser Gemeinde fernhalten will. In der Deutung des Gleichnisses sind einige Beispiele aufgeführt. Doch hier sind nicht vier Typen von Menschen dargestellt; und wir sind nicht einfach das gute Land, wo der Same aufgeht. Wir sollten nicht fragen: „Zu welcher Gruppe gehöre ich?“ Vielmehr sollen wir hier aufmerksam gemacht werden auf die Hindernisse und Verschlossenheiten, auf die Dornen und Disteln, die auch bei uns die Entfaltung des Wortes Gottes behindern. In jedem vor uns steckt etwas von diesen vier Gruppen; wir alle lassen uns einmal hindern, das Wort Gottes zu hören. Auch unter dem treuen Kirchgängern und Predigthörern sind Menschen aller vier Gruppen zu finden.

 

(1) Manchmal gleicht unser Herz einem harten, festgetretenen Weg, in den kein Samenkorn eindringen kann. Entweder ist alles fort und vergessen, wenn der Gottesdienst vorbei ist. Das verstockte Herz spricht dann: „Das geht mich ja alles nichts an, das betrifft mich nicht!“Dann kommt in den Gesprächen in der folgenden Woche die Predigt dieses Sonntags nicht mehr vor, weil sie mit dem Zuklappen der Kirchentür abgetan ist.

Oder das Wort Gottes geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus, prallt ab an unseren Einwänden und unserer Bequemlichkeit. Gerade wer oft zum Gottesdienst kommt, steht in dieser Gefahr. Am schwierigsten ist es sicher für die Konfirmanden. Anstatt zuzuhören ritzen sie dann Zeichnungen in die Kirchenbänke. Viele reagieren auch so, daß sie nach der Konfirmation erst einmal eine Erholungspause einlegen und oft dann gar nicht mehr kom­men. Das Wort konnte keinen Glauben wirken. Im Grunde ist es überhaupt nicht gehört worden, obwohl die Möglichkeit dazu da war. Aber das Herz ist verstockt und zu Stein geworden.

 

(2.) Manchmal fällt das Wort auf steinigen Boden. Wir nehmen das Wort mit Freuden auf. Wir kommen gern zum Gottesdienst und sind begeistert von der Predigt, erzählen vielleicht auch davon weiter. Wir glauben auch dem Wort, denn es leuchtet uns im Augen blick ein. Aber die schönen Ansätze bleiben Strohfeuer. Wir glauben nur solange wie es bequem ist, ein Christ zu sein. Wenn einer uns verspottet wegen unsres Glaubens, dann lassen wir ihn fallen; wir schämen uns und bleiben weg. Wieder stehen uns manche Konfirmanden vor Augen, die im Unterricht eifrig mitmachten und nachher wegblieben. Irgend etwas wurde im Herzen angerührt, aber es ging nicht tief genug.

Die Versuchung kann aber auch anders aussehen: Der Tod eines lieben Menschen kann mir zur Anfechtung werden, während ein anderer ganz kalt dabei bleibt. Leicht steht man dann in der Versuchung, sein Vertrauen ganz wegzuwerfen und zu sagen „Ich habe doch so viele

Gottesdienste besucht, doch es hat alles nichts genutzt. Gott schweigt!“ Gerade dann aber kommt es darauf an, unter dem Wort zu bleiben, Geduld zu haben und weiter zuzuhören.

 

(3.) Manchmal hören wir das Wort schon aber es bleibt fruchtlos. Der Same geht auf, man sieht etwas. Aber die Dornen gehen auch auf und ersticken wieder alles. Wie mancher nimmt sich vor, zum Gottesdienst zu gehen oder zu beten oder einen kranken Menschen zu besuchen. Aber vor lauter Arbeit und Sorgen unterbleibt es dann immer wieder. Oder das Vergnügen ist wichtiger, und wenn es nur in einer Fernsehsendung besteht. Wenn unser Leben davon bestimmt ist und nicht vom Wort Gottes, dann bleiben wir Namenschristen, dann sind wir Hörer des Worts, aber keine Täter. Dann wirkt Gottes Wort nicht in unseren Alltag hinein.

Deshalb gewinnen dann Arbeit und Sorge, Vergnügen und Geld solch eine Bedeutung.

Wer aber sein Herz an das Wort Gottes hängt, der findet auch das richtige Verhältnis zum Geld und zum Fernsehen. Er wird frei, mit dem Reichtum und der Freude am Leben richtig umzugehen. Deshalb sollten wir uns schon fragen: „Wovon ist wohl unser Tun und Handeln im Alltag bestimmt? Von Gott oder von unseren eigenen Gedanken? Ist der Christenglaube wirklich die Macht, die unser Leben bestimmt? Sind wir vielleicht nur einmal angerührt worden und machen heute nur noch so mit? Ist der Glaube nur eine bloße Überzeugung oder eine hohl gewordene Gewohnheit?“

Mit erschrecken dem Ernst stellt Jesus fest, wie schwer und wie selten sein Wort bei uns Wurzel schlägt und wie schwer unser Leben sich ihm angleicht. Dieser Vorwurf trifft gerade die, die an das Wort zu glauben meinen. Oft kritisieren sie auch den Gottesdienst, um eine Entschuldigung für ihr Nicht-Hören zu haben. Im Konfirmandenunterricht sagte einmal einer: „Zum Gottesdienst gehören auch Zuschauer!“ Doch wir brauchen keine Zuschauer, sondern Mitbeteiligte. Die Zuschauerhaltung ist nur ein Versuch des Teufels, das Wort Gottes aus unserem Herzen wegzureißen. Ob es ihm gelungen ist, zeigt sich vielleicht schon bei den Gesprächen auf dem Nachhauseweg.

 

(4.) Aber oft geht auch eine Frucht auf. Dann hören wir das Wort nicht nur, sondern behalten es auch und leben nach ihm in unserem Alltag. Wir Menschen fragen leicht nach dem Augen­blickserfolg. Der ist aber schnell vorbei. Gott aber fragt nach der Frucht, die bleibt. Ehe es aber so weit kommt, muß Gott sehr oft unser hartes Herz erst einmal aufbrechen und es durch Leid und Not umpflügen, ehe es den Samen des Wortes Gottes aufnimmt und Frucht bringt in Geduld. So kann sogar das Leid einmal Segen bringen.

Jetzt haben wir aber immerzu nur auf die Art des Bodens geachtet. Darauf legt auch die an­schließende Deutung des Gleichnisses Wert und hat damit zum ersten Mal dieses Gleichnis in einer Predigt ausgelegt. Wenn wir aber das Gleichnis für sich betrachten, hat Jesus es noch etwas anders gemeint.

Er will sagen: „Der Sämann beginn so verhältnismäßig zufällig, es kommt auch zu Ausfällen bei der Saat. Aber er kommt doch zum Ziel, weil er eben gesät hat. Er wendet alle Sorgfalt an, aber er kümmert sich gar nicht um das, was daneben geht. Er läßt sich dadurch nicht ab­schrec­ken, sondern freut sich über das, was Frucht bringt. Was dort aufgeht, ist so viel, daß es ihm genügt, denn es hat hundertfach Frucht gebracht!“

Jesus tröstet damit seine Jünger. Diese hatten zuerst von leichten Erfolgen geträumt. Aber dann hatten sie erleben müssen, wie Gegner auftreten‚ wie Jesus auf Gleichgültigkeit und Ablehnung, ja offene Feindschaft stößt. Einige hatten begeistert mitgemacht, sich aber nach einiger Zeit wieder enttäuscht abgewandt. Andere hingen zu sehr an ihrem Geld und ihren Verpflichtungen. Jesus läßt sich dadurch nicht erschüttern. Er freut sich über die, die auf ihn hören und ihm nachfolgen. Für die ist er da. Und die bringen auch so überreiche Frucht, daß es für das Reich Gottes langt.

Gott könnte natürlich auch aus seiner Verborgenheit heraustreten und sich dann mit seiner Allmacht Respekt verschaffen. Aber er möchte unser Vertrauen gewinnen. Er will nicht Marionetten, sondern Kinder. Er will solche, die zu ihm kommen, weil seine Liebe sie überwunden hat. Wenn der Kirche etwa Praktiken und Methoden einfielen, die Massenerfolge sicherten, wäre das nicht unbedingt gut. Das war der Irrglaube der Deutschen Christen, die sich den Nazis anpaßten, weil sie hofften, dadurch die Volksmassen zu erreichen.

Der geringe Erfolg des kirchlichen Wirkens sollte uns nicht anfechten. Wir können nicht widersprechen, wenn uns jemand vorhält, wir brächten nicht viel zustande. Wir sehen oft nur den Mißerfolg, sehen nur das, was daneben fällt. Auch Jesus stellt hier nüchtern fest: Es fällt etwas daneben. Allerdings sind es nicht Dreiviertel der Aussaat, wie wir uns das so vorstellen. Das Meiste fällt ja auf gutes Land und das andere ist der übliche Verlust.

Damit will Jesus die Jünger vor Anfechtung bewahren: Der Same ist gut, am Samen liegt es nicht. Im Gegenteil: Er bringt trotz allem so viel Frucht, daß es reicht. Der Ertrag ist unwahrscheinlich hoch. Und um dieses Ertrags willen hat sich dann doch das Ganze gelohnt. Im Grunde ist die Arbeit Jesu doch ein großer Erfolg.

Das liegt auch mit am Sämann. Es ist nicht gleichgültig, wer den Samen sät. Nur Jesus garantiert, daß seine Art der Aussaat doch zum Ziel führt. Auf unscheinbare und geheimnisvolle Weise baut Gott sein Reich, natürlich ist das heute noch nicht nachweisbar. Heute wird immer noch gesät und die Ernte wird erst später aufgehen. Aber doch ist schon etwas von diesem Reich sichtbar.

Wo nur e i n Mensch sich für Gott entscheidet und den Willen Gottes tut, da bringt das hundertfache Frucht, da ist er selber zum Sämann geworden. Der sichtbare Erfolg bleibt vielleicht armselig. Doch Gottes Sieg ist unter dem Mißerfolg verborgen. Wie wenige in unsrer Gemeinde hören überhaupt das Wort Gottes, wie wenige tun es. Aber wo einer dem anderen ein tröstendes Wort sagt, wo einer Zeugnis ablegt für seinen Glauben, da ist das Reich Gottes und der Segen Gottes, da ist hundertfache Frucht.

Gott erreicht auch mit wenigen sein Ziel. Das heißt: In unseren Augen sieht es vielleicht wenig aus, aber bei Gott ist es alles. Wie wenig ist zum Beispiel das, was uns im Abendmahl gereicht wird! Und doch hat es solche Durchschlagskraft, daß es uns langt, um Kraft für unser Leben zu empfangen. Nehmen wir doch dieses Samenkorn an und lassen es aufgehen in unseren Herzen.

 

Estomihi: Mk 8, 31 -38

In diesen Tagen erlebt an allen Orten die Fastnachtszeit ihren Höhepunkt. Früher hatte sie noch einen Bezug zum Kirchenjahr, denn man wollte sich vor der Fastenzeit noch einmal richtig austoben. An Aschermittwoch ging man dann brav zum Gottesdienst und ließ sich das Aschekreuz auf die Stirn malen, und in Mainz wurden die leeren Geldbeutel im Rhein gewaschen.

Was zunächst nur Brauch in den katholischen Gegenden war, ist inzwischen über das ganze Land hinweggeschwabbt. Aber mit dem Kirchenjahr hat das nichts mehr zu tun, abgesehen von der Festlegung des Termins. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn auch bei uns von mehreren rührigen Vereinen Fastnachtsveranstaltungen durchgeführt werden. Aber wir sollten den ernsten Hintergrund dieser Zeit nicht vergessen

Durch diesen Predigttext werden wir auf die Passion Christi hingewiesen, denn Jesus kündigt sein Leiden an. Die Leidensankündigungen klingen wie kurze Zusammenfassungen der Leidensgeschichte Jesu. Man hat aber vermutet, sie seien erst durch die Passionserfahrung in das Leben Jesu zurückverlegt worden, um zu beweisen, daß Jesus schon mit seinem Tod gerechnet habe. In Wirklichkeit sei er nach Jerusalem gegangen, um dort zu predigen und entscheidend zu wirken.

Doch es gibt nach der Tradition keinen Grund, weshalb Jesus nicht zu seinen Leuten von seinem bevorstehenden Tod gesprochen haben sollte. Sie haben ihn ja nicht verstanden, seine Andeutungen blieben für sie dunkel. Jesus galt als notorischer Ketzer, Verführer und Gesetzesbrecher. Was er in Jerusalem vorhatte, mußte das Maß voll machen.

Wenn Jesus nicht wissentlich und willentlich in den Tod gegangen wäre, dann wäre sein Gang

nach Jerusalem nicht mehr die Tat des Gehorsams. Uns würde nicht zugerechnet, was er für uns geleistet hat. Seine Kreuzigung wäre nur ein Mißgeschick, dem man erst nachträglich einen Sinn hineingelegt hat. Aber wir dürfen darauf vertrauen, daß Jesus bewußt den Tod für uns auf sich genommen hat.

 

1. Wir sind unterwegs mit Christus, der sein Leben opfert: Jesus leidet nicht nur, sondern er wird „verworfen“, von Gott verlassenen. Das begreift Petrus nicht. Aber auch Jesus selbst ist an diesem Punkt anfällig. Seine heftige Reaktion auf das eindringliche Wort des Petrus läßt erkennen, wie gefährdet Jesus selbst an dieser Stelle ist. Er merkt, daß hier der Satan aus den wohlmeinenden Petrus spricht, der die Gedanken Gottes durchkreuzen will. Doch damit denkt er sich einen Gott nach Menschenart. Der wirkliche Gott aber ist anders, er durchkreuzt unsre Gedanken.

Petrus spricht nur das aus, was wir denken wir. Wir möchten in unserem Leben auch gern unserem eigenen Kreuz entgehen. Wir wollen eine heile Welt, ein friedliches Leben, das äußere und das innere Glück, vielleicht sogar eine Spaßgesellschaft. Das Wort vom Kreuz will uns nicht zu Pessimisten machen. Aber der Weg Jesu ist schwer.

Vielleicht hat Petrus vorgeschwebt, daß Jesus in Jerusalem die große richterliche Endabrechnung beginnt, wie sie der Prophet Daniel vom „Menschensohn“ erwartet. Jesus ist aber der andere „Mensch“, den Angefochtenen ein Angefochtener, den Leidenden ein Leidender, den Gottverlassenen ein Gottverlassener. Er ist ein Gott in einer Welt, in der Auschwitz möglich war und in der auch noch heute gequält und gemordet wird. Käme Jesus als Richter, dann hätten auch wir nichts zu hoffen. Aber er richtet nicht, sondern er rettet, er will Menschen gewinnen.

Wir hätten vielleicht gern den siegenden Christus: Aber Herrlichkeit und Leiden gehören immer zusammen: Wir können uns nicht nur die eine Seite herausgreifen, die uns paßt. Frühere Zeiten haben davon noch gewußt. In der ersten großen Epoche der europäischen Kunst, in der Romanik, hat man Christus immer als den König dargestellt, allerdings als König am Kreuz. Er war nicht einfach aufgehängt wie ein Verbrecher, sondern stand aufrecht und majestätisch vor dem Kreuzesbalken, wie einer, der überwunden hat. Manchmal hat er sogar eine Krone auf oder hebt die Hand segnend über die, die zu ihm aufblicken.

Anders ist es in der nächsten Epoche, in der Gotik. Hier wird der große Schmerzensmann dargestellt, der gequält und zermartert am Kreuz hängt, das Sinnbild alles Leidens in der Welt. Und so hat man durch alle Zeiten hindurch einmal die eine Seite, einmal die andere betont. Unsre Zeit, die so viel vom Leiden weiß, hat deshalbwohl auch oft den leidenden Christus

dargestellt.

Welcher Typ gehört wohl in eine Krankenhaus-Kapelle? Soll man da einen leidenden Christus wählen, der die Verbundenheit mit den Leiden der Kranken zeigt? Ist es ein Trost für einen Kranken, wenn er sieht: „Der andere hat auch gelitten, vielleicht sogar für mich gelitten?“ So war der berühmte Isenheimer Altar gedacht, der heute in Colmar gezeigt wird und der einmal in einem Hospital für Pestkranke stand.

All unseren persönlichen Wunschbildern von Christus ist damit eine Absage erteilt. Es gibt keinen heroischen Christus, keinen Helden, den man anhimmeln kann, keinen Führer und Wundermann. Jesus ist aber auch nicht das Idealbild eines Menschen, der also das verkörpert, was alle Welt schon immer geglaubt hat oder als Ideal anerkannt hat oder gern hat haben wollen.

Jesus ist damals als König verkleidet worden, wie eine Fastnachtspuppe - und dann haben sie ihn ausgespottet. Aber er hat das alles ausgehalten. Jesus ist halt so, wie Gott ihn will. Er ist so, wie Gott ihn sieht, und nicht wie wir ihn sehen. Uns ist das genauso unverständlich wie den Jüngern damals: Wie kann einer die Welt erlösen, der von der Welt ans Kreuz genagelt wird? Wie bei den Jüngern muß Jesus auch bei uns den Anstoß überwinden, indem er uns nach der Auferstehung sagt: „Ich bin trotz allem der Herr!“

 

2. Wir sind unterwegs mit Christus, der unser Leben fordert: Heute, am Sonntag vor der Passionszeit, werden wir aufgerufen, den Weg mit Jesus zum Leiden zu gehen und selbst ein Teil der Leiden zu tragen. Jesus will uns nicht die Not des Leidens und Sterbens abnehmen, sondern er will Gefolgsleute, die den gleichen Weg zu gehen lernen.

Doch Jesus verlangt nicht, daß wir dabei tapfer sind, daß wir uns nichts anmerken lassen. Er

weiß, wie schwer es uns fällt, denn er selber Angst gehabt. Wir müssen doch ehrlich sein:

„Wenn wir krank sind oder wenn es ans Sterben geht, haben wir Angst. Wir haben sogar schon Angst, wenn uns jemand wegen unsres Glaubens verspottet; wir denken, der andere könnte es uns vielleicht heimzahlen oder uns bei Gelegenheit fühlen lassen, welche Nachteile es bringen kann, wenn man zur Kirche gehört!“ Jesus hat uns nichts anderes verheißen. Ihm ist es selber es so gegangen. Aber er verlangt von uns, daß wir uns nicht mehr wundern, wenn der Weg der Kirche durch die Welt ein Weg der Schmach ist.

Allerdings ist das auch eine Stärke: Wenn einer die Schmach aushält und sich nicht an dem Anderen rächt, ist der Zusammenhang zwischen Schuld und Vergeltung durchbrochen, dann

wird aus einem Vergehen nicht immer wieder neues Böses. Deshalb ist die Vergebung eine

Kraft, die mehr erreicht als alle Gewalt.

Jesus liebte auch die Menschen, die ihn ans Kreuz brachten. Er wollte sie innerlich bezwingen durch die Größe seines Sterbens, sie sollten überwunden werden vom Anblick dieses leidenden Gerechten.

Nachfolge bedeutet, daß wir nicht ausweichen. Es gäbe weniger Unmenschlichkeit und Grausamkeit in der Welt, wenn wir uns ins Mitleiden eingeübt hätten. Dann könnten wir nicht mehr gegen unsere Mitmenschen Recht haben wollen und uns auf ihre Kosten groß machen wollen. Das Kreuz streicht alles durch: unsre Gottlosigkeit, unsere Eigenmächtigkeit, die Gleichgültigkeit, das Geltungsstreben und die Verliebtheit in uns selbst.

Jesus fordert uns auf, uns von dem alten Sünder lossagen, der unseren Namen trägt. Da wird natürlich viel verlangt. Wir leben ja normalerweise ein behütetes Leben. Trotzdem haben wir uns zu prüfen, inwieweit der Stil unsres Christseins bestehen kann vor dem, was Jesus hier sagt und vorgelebt hat. Es könnte uns so gehen wie den Bundeswehrsoldaten, die sich jahrzehntelang auf ein ruhiges Leben in der Kaserne einrichteten und nun plötzlich nach Afghanistan sollen.

Mit Jesus auf dem Weg zu bleiben, ist nicht leicht. Es kann sein, daß wir in dem uns auferlegten Leiden dem Gekreuzigten ähnlich werden. Wer aber unter dem Eindruck dessen steht, was Jesus für uns getan hat, der wird das Glück des anderen erstreben und bereit sein, dafür selbst Opfer zu bringen.

Wenn uns Leiden auferlegt wird, dann soll unser Glaube es in das Geschehen der Passion Jesu

einordnen. Niemand ist Schwereres auferlegt worden als ihm. Ein Glücklicher hat es natürlich

schwer, einen Verzweifelten zu trösten. Ein Gesunder wird verlegen, wenn er einem Todkran­ken beistehen will. Jesus aber hält mit uns aus als einer, dem kein Leiden und keine Belastung fremd sind. Gott kann viel von uns fordern, aber dabei sind wir mit Christus unterwegs.

3. Wir sind unterwegs mit Christus, der uns das Leben schenkt: Aber Jesus fordert nicht nur, sondern er schenkt uns das Leben. Wenn man für andere da ist, dann kommt Freude ins eigene Leben. Man läßt den eigenen Ruhm und findet sich auf einmal von Gott hochgeehrt und für voll genommen. Aber das kann nur im Wagnis des Glaubens erfahren werden. Für Zu­schauer ist das nichts. Man muß sich schon mit Jesus auf den Weg begeben.

Man kann natürlich auch versuchen, sich alles „Kreuz“ zu ersparen: Man hat alles, was das Herz begehrt, genießt alle Ehren und freut sich aller Annehmlichkeiten, die das Leben bietet. Aber am Ende kommen wir doch in die Lage, Gott ganz Auge in Auge gegenüber zu stehen. Und was dann?

Umgekehrt: Es könnte einer den schweren Weg mit Jesus mitgegangen sein und Gott doch gefunden haben. Die Gnade Gottes ist wohlbegründet, denn sie beruht auf der Hingabe seines Sohnes. Es kann uns nichts Besseres geschehen, als daß wir uns von Jesus ermutigen und einladen lassen, den Weg nach Jerusalem mitzugehen.

 

 

Invokavit: Mt 4, 1 -11

Auf Bildern zu dieser Geschichte von der Versuchung Jesu ist der Versucher so dargestellt, wie man sich früher den Teufel vorstellte: mit Hörnern, Schwanz und Pferdefuß, über und über mit schwarzen Haaren bedeckt und zehn Meter gegen den Wind riechend. Das wäre schön, wenn man den Teufel so einfach erkennen könnte und von den Menschen unterscheiden könnte. Dann wüßte man, woher die Gefahr droht und könnte sich dagegen wappnen. Aber so leicht ist das nicht.

Wir wissen ja, daß es diese Märchenfigur gar nicht gibt. Doch die Sache, die damit gemeint ist, die ist sehr wohl da. Nur spricht heute der Versucher zu uns durch den Mund anderer Menschen: Da sind vor allem unsere Gegner, aber auch Verwandte, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Vorgesetzte, die uns von Gottes Weg abbringen wollen. Oder der Versucher

spricht zu uns durch unsre eigenen Gedanken und sagt: „Es hat ja doch alles keinen Zweck!“

In jedem Fall aber bleibt uns immer verborgen, wer hinter einem solchen Gerede steht: der Satan, der Verführer, der Zerstörer. Der hat es schon immer verstanden, sich meisterlich zu tarnen. Deshalb ist es so schwer, ihm zu widerstehen und wirksam zu begegnen.

Aus dem Vernichtungslager Auschwitz wird erzählt: Die eingelieferten Gefangenen wurden von einem freundlichen Mann in Empfang genommen, der begütigend auf sie einsprach, den Kinder über das Haar strich und ein aufrichtiges Wort für die Alten hatte: Sie müßten sich nur noch baden und dann kämen sie in ihre Quartiere. Die Leute taten, was man von ihnen verlangte, in der Hoffnung, daß nun alles gut würde. Sie gingen in die Duschräume, die Türen wurden verschlossen. Aber es kam kein Wasser, sondern es kam Gas. In Auschwitz nannte man den Mann an der Rampe des Bahnhofs den „schönen Teufel“.

Aber so ist der wirkliche Teufel auch. Er tritt an die Menschen heran, ohne sich zu erkennen

zu geben. Er tut freundlich und hilfsbereit und ist eben doch der Teufel. So ist er auch an Jesus herangetreten. Eben noch ist er in der Taufe feierlich zum Sohn Gottes ausgerufen worden. Nun aber wird er in die Wüste geführt, wo die bösen Geister hausen. Er hungert, er muß schwer mit sich kämpfen, welchen Weg er gehen soll. Es wird ihm nichts leichter gemacht, nur weil er der Sohn Gottes ist. Er muß sich so entscheiden wie wir auch.

Hier hat die christliche Gemeinde in einer Erzählung beispielhaft gestaltet, welche Probleme Jesus hatte. Sie hat aber gleichzeitig die Versuchungen ihrer eigenen Zeit mit in die Geschichte hineingebracht und eine Antwort darauf gesucht. Und sie hat sie damit auch die Frage für die Christen aller Zeiten aufgeworfen: Inwieweit sind das auch unsre eigenen Versuchungen?

 

1. Bei der ersten Versuchung, ist richtig erkannt, daß Jesus Macht hat über die Kräfte der Natur. Aber er darf sie niemals für seine persönlichen Zwecke mißbrauchen, weder um den eigenen Hunger zu stillen und auch nicht den der ganzen Welt. Wie hätten sie ihm zugejubelt, wenn er das Wunder vollbracht hätte und aus Steinen Brot gemacht hätte! So einen könnten wir doch auch heute gebrauchen. Dann brauchten wir uns nicht mehr bei der Arbeit zu schinden und das Hungerproblem in der Welt wäre gelöst.

Unsre Versuchung aber ist es, daß wir zu dem vielen, was wir schon haben, immer noch mehr haben wollen. Deshalb arbeiten wir immer mehr und werden doch nur immer unzufriedener. Und wenn wir wirklich einmal etwas abgeben, dann nur, um eigennützige Ziele zu erreichen. Im persönlichen Leben helfen wir dann nur, weil wir bei Gelegenheit eine Gegenleistung erwarten. Und als Gesellschaft geben wir Wirtschaftshilfe in die Länder Afrikas und Asiens

doch nicht aus Dankbarkeit gegenüber Gott, sondern weil wir sie in unser Lager ziehen wollen oder weil wir sie wieder ausbeuten wollen!

Jesus weiß, was Hunger ist. Er kennt auch das Problem des Hungers in der Welt. Das zeigen ja gerade die Speisungsgeschichten, die über ihn erzählt werden. Aber erkennt auch, daß man mit der Lösung dieser Frage nicht alles erreicht. Auch eine satte Menschheit wäre verloren, wenn sie in der Entfremdung von Gott bliebe. Wahrscheinlich kämen die Menschen massenweise. Aber zu Gott zurückfinden würden sie auf diese Weise nicht.

Deshalb sagt Jesus: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ Der Mensch braucht auch das Wort Gottes, das ihm den Sinn seines Lebens und die Aufgabe für sein Leben zeigt. Einen Hungernden kann man natürlich nicht mit Bibelbüchern satt machen. Aber er braucht auch das lebendige Wort, nicht einfach Papier, nicht irgendein totes Gerede oder einfach gesetzliche Anweisungen.

 

2. In der zweiten Versuchung ist richtig erkannt, daß man in der Tat auf Gott vertrauen kann. Sicherlich wären die Massen begeistert gewesen, wenn Jesus von der Zinne des Tempels gesprungen wäre. Er hätte ein Schauspiel geboten und sie hätten vielleicht auch geglaubt, daß er der Messias ist. Das wäre die Sensation der Sensationen gewesen.

Schon die Römer sagten: „Gebt den Leuten Brot und Spiele, gebt ihnen etwas zu essen und ihr Vergnügen, dann sind sie zufrieden und werden euch folgen!“ Jesus hätte ihnen das alles bieten können, und sicherlich noch besser als die Römer das konnten. Heute wird uns der große Aufschwung durch Olympische Spiele versprochen. Milliardengewinne sollen sie bringen, den Bekanntheitsgrad erhöhen, die Wirtschaft anregen - und die Spitzenpolitiker könnten mit auf der Ehrentribüne sitzen.

Der Versucher will gar nicht, daß Jesus zu ihm überläuft. Vielmehr spricht er ihn gerade auf seine Gottessohnschaft an: „Mach doch von dem Gebrauch, was du vor anderen Menschen voraus hast!“ Auch Jesus hätte mit einem sogenannten „Wunder“ die Menschen mit einem Schlag gewinnen können und hätte dazu noch eine Bestätigung von höchster Stelle gehabt. Es hätte ja so aussehen können, als nähme er die Zusage des Vaters ernst, wenn er gesprungen wäre.

In Wirklichkeit aber wäre Gott mißbraucht. Jesus hätte den Gehorsam gegenüber Gott aufgegeben und sich aus der Solidarität mit den Menschen ausgeklinkt. Man darf seine Zusage nicht mutwillig ausprobieren wollen. Natürlich kann uns Gott davor bewahren, an einen Baum zu fahren. Aber sollten wir es deshalb darauf ankommen lassen, nur damit deutlich wird, was Gott kann?

Jesus antwortet richtig: „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen!“ Er verzichtet auf

Beliebtheit und endet am Kreuz. Auch wir müssen uns entscheiden, ob wir uns mit Brot und Spielen zufrieden geben und sagen: „Hauptsache, ich habe zu essen und zu trinken, mein Auto und meinen Fernseher, und sonst kümmere ich mich um gar nichts!“ Oder ob wir uns bemühen, bei allem eigene Wohlstand den Mitmenschen nicht zu vergessen und auch einmal etwas für die Gemeinschaft zu tun, ohne gleich zu fragen: Was kriege ich dafür?

 

3. In der dritten Versuchung schließlich geht es um den entscheidenden Punkt: Wird Jesus auch die Wünsche und Ideale seiner Zeit anbeten? Wird er zum Volksführer, wie die Leute ihn haben wollen? Wird er ihnen nur angenehme und bequeme Dinge sagen? Dann wären sie ihm sicher gefolgt; aber dann hätte er seinen Auftrag, der Gott ihm gegeben hatte, verleugnen müssen. Sicher würde auch heute einer Erfolg haben, der den Leuten sagte: „Keine Steuer-Erhöhung, niedrige Sozialbeiträge und hohe Rente!“ Das kommt besser an als „Blut, Schweiß und Tränen“, weil wir es ja alle möglichst bequem haben wollen.

Bei Jesus versucht der Verführer, die Machtgelüste zu erregen, die doch in jedem Menschen drin sind. Er verspricht sogar die Weltherrschaft. Amerikanische Präsidenten scheinen manch­mal der Meinung zu sein, dieses Ziel schon erreicht zu haben. Sie wollen die Welt neu ordnen, nicht wie ein Diktator, sondern durchaus in der Verantwortung vor Gott - wie sie meinen. Doch dabei vergessen sie, daß man mit Macht und Gewalt keine Menschenherzen gewinnen und verwandeln kann. Man muß auch auf die Wünsche der Menschen hören und nicht denken: „Die sind nur zu dumm, man muß sie zu ihrem Glück zwingen!“ So denken alle Diktatoren dieser Welt. Deshalb haben wir ja ein demokratisches System, daß der Verstand der Vielen zusammengefaßt wird. Zwar hat dieses System auch seine Fehler, aber es gibt kein besseres.

Jesus besteht auch die dritte Versuchung, weil er weiß, daß der Welt mit einer Diktatur nicht gedient ist, auch wenn sie noch so milde ist. Diese Versuchung war vielleicht die gefährlichste, aber sie ist auch entlarvend: Der Versucher verzichtet hier auf ein Bibelzitat, weil er denkt, die im Menschen schlummernden Machtgelüste würden schon auch so ihre Wirkung entfalten.

 

Jesus hat sich während seiner ganzen Wirksamkeit gegen das politische Messias-Ideal abgrenzen müssen. Diese Geschichte macht deutlich, daß die Grundentscheidung schon am Anfang gefallen ist. Jesus wollte kein politischer Führer sein. Er spürt die Versuchung, den leichteren Weg zu gehen und den Massen zu Gefallen zu reden. Es könnte ja sein, daß Gott das sogar will und ihm dabei auch alle Unterstützung gewähren wird. Doch dann durchschaut er die Absicht des Versuchers: „Hier verdreht einer Gottes Wort, um seine eigenen Ziele zu erreichen!“

Bei Jesus ging es darum, daß die Menschen nur ihm danken und Gott damit ausgeschaltet wäre. Gott wäre auf die Probe gestellt und herausgefordert worden und hätte sich damit Jesus unterwerfen müssen. Jesus hätte sich Gott entfremdet, so wie das viele Menschen tun. Deshalb mußte er einen anderen Weg gehen, als der Verführer vorschlägt. Er muß den schwereren Weg gehen, damit Gott wieder groß und wichtig wird. Gott muß gewinnen!

Soll Gott gewinnen, kostet es Kampf. Auch Jesus stand sein Leben lang vor dem Entweder - Oder. Er kämpft für sich, aber auch für uns. Bei ihm war der Ausgang noch offen. Aber seit er gesiegt hat, können auch wir siegen. In unseren eigenen Versuchungen haben wir ihn an unserer Seite. Die Methoden können wir jetzt leichter durchschauen: Der Versucher redet fromm, vernünftig, macht gute Vorschläge. Doch es gilt, gleich von Anfang an zu sagen: „Hebe dich weg von mir, Satan!“ Wenn wir in Versuchungen standhaft bleiben wollen, dann helfen nur zwei Dinge: immer wieder Gottes Wort vor Augen haben und Stärkung im Abendmahl holen.

Auch in der Abwehr können wir von Jesus lernen. Der Weg des Versuchers scheint realistischer und wirkungsvoller zu sein im Vergleich zu dem schweren Weg ans Kreuz. Tatsächlich muß man manchmal mit den Wölfen heulen, um nicht gefressen zu werden. Aber es wird doch niemand Zufriedenheit empfinden, wenn er dabei ständig seine inneren Überzeugungen verleugnen muß. Wir können nicht bei irgendwelchen Kräften in der Welt nach Unterstützung suchen. Sie würden uns nur langsam einwickeln und in den Schlaf wiegen; so machen das ja einige Insekten mit ihren Opfern, die sie dann aussaugen. Wenn wir unseren Glauben verleugnen sollen - das könnten wir uns als Regel merken - dann ist mit dem anderen kein Pakt zu schließen.

Die Überlegenheit Jesu besteht in seinem Gehorsam. Er geht den schwereren Weg und schwimmt gegen den Strom. Aber er bleibt seinem Auftrag treu. Dieser schloß den Weg ans Kreuz ein. Aber so gewinnt Gott, indem sein Sohn den Versuchungen des angeblichen Für­sten der Welt widersteht. So verwundbar wir sind: Diesen einen haben wir auf unserer Seite. Wenn wir uns an ihn halten, hat Gott auch bei uns gewonnen!

So dürfen wir am Schluß aus dieser Geschichte auch die tröstende Verheißung heraushören: der Versucher ist zwar noch da, aber er ist nicht mehr unbesiegbar, sondern er ist schon an die Kette gelegt. Wenn wir in der Nähe Jesu bleiben, werden wir ihn auch besiegen. Natürlich müssen wir auch gegen die Versuchung in uns selber kämpfen. Aber Gott reicht uns dabei seiner Hand und hält uns fest und tut das Entscheidende.

 

 

Reminiszere: Mk 12, 1 - 12

Daß wir heute Christen sein können, ist nicht selbstverständlich. Ehe der christliche Glaube überhaupt zu unsrem Volk kommen konnte, hat das viele Opfer gefordert. Zu nennen wäre etwa der Mönch Winfried, der Bonifatius genannt wurde. Er hat zunächst in Hessen gearbeitet

und hat bei der Stadt Fritzlar eine Eiche gefällt, die dem germanischen Gott Donar geweiht war. Das war eine gefährliche Sache, denn er mußte zwar nicht den Zorn irgendwelcher Götter fürchten, wohl aber die Rache der Anhänger dieses Gottes. Nachher kam er dann nach Thüringen, vor allem in den Thüringer Wald, aber auch nach Nordthüringen. Schließlich ging er noch zu den Friesen und wurde dort umgebracht, weil er den neuen Gott der Christen verkündete.

Und so ging es später manchem, der für den wahren Glaube eingetreten ist. Ein Jan Huß wurde noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt‚ mit einem Luther konnte man es schon nicht mehr tun. Ein Dietrich Bonhoeffer wurde noch in den letzten Kriegstagen umgebracht, andere hatten rechtzeitig ins Ausland fliehen können.

Sagen wir nur nicht: „Das hätten wir nicht gemacht, was diese bösen Weingärtner getan haben!“ Aber wir leben in einem Jahrhundert, das schon viel unschuldiges Blut vergossen hat, das blutig war wie andere auch oder noch schlimmer. Immer wieder beginnen Kriege, mit den üblichen Grausamkeiten auf beiden Seiten. Aber wir brauchen gar nicht gleich an solche Dinge zu denken, wo es ums Leben geht.

Wir handeln schon so wie die bösen Weingärtner, wenn wir einen verspotten, der immer gerade und anständig seinen Weg gegangen ist und uns im Grunde ein Vorbild ist. Aber gerade deswegen ist er doch eine stumme Anklage gegen alle, die es zum Beispiel mit der Ehrlichkeit nicht so genau nehmen. Ein solcher Mensch wird oft vor anderen schlecht gemacht oder für leicht verrückt gehalten oder von anderen gemieden. Dabei ist es doch nur gut, solche stillen Mahner zu haben, die den anderen Unruhe im Gewissen bereiten. Auch sie sind Boten Gottes, die uns etwas zu sagen haben.

Wenn wir so das Gleichnis hören, dann werden wir denken: Das ist doch unwahrscheinlich, daß der Eigentümer es immer wieder versucht. Die Gewaltakte der Angesprochenen steigern sich immer mehr: erst schlagen sie, dann werfen sie den Boten den Kopf mit Steinen ein, schließlich bringen sie alle einfach um. So etwas kann sich doch kein Eigentümer gefallen lassen. Er wird doch die Polizei verständigen oder gleich ein bewaffnetes Kommando schicken, um diese Übeltäter zu strafen

Andererseits denken wir vielleicht: Warum ergreift Jesus nicht Partei für die Pächter? Sie sind doch die Ausgebeuteten, die unter einem ausländischen Grundherrn zu leiden haben! Aber Jesus geht es nicht um die sozialen Verhältnisse. Es handelt sich ja um ein Gleichnis, dem es nur auf eine Glaubensaussage ankommt.

Es macht uns deutlich: Vor Gott sind wir alle fortgesetzt schuldig geblieben. Er hat etwas von uns zu erwarten und zu fordern. Aber wir haben es ihm auf eine trotzige und feindselige, ja sogar mörderische Weise verweigert. Schon das Volk Israel hat auf die Propheten nicht gehört. Jesus ist der Fortsetzer des Werkes der Propheten. Gott hat sich immer wieder um die Menschen gemüht und dabei viele Menschen geopfert. Er ist nicht mit einem Donnerwetter dazwischengefahren, wenn sie seine Boten davongejagt haben. Er zeigt immer wieder Geduld, auch wenn das Leiden für ihn und seine Boten bedeutet. Weil er immer wieder an den Menschen abgeprallt ist, waren immer neue Leiden notwendig.

Schließlich hat Gott nur noch einen, den geliebten Sohn! Der soll nun einfordern, was dem Vater zu steht. Er ist der Erbe. Im Grunde gehört ihm alles so wie dem Vater. Vor ihm müßten doch die Pächter nun Respekt haben. Aber er kommt wie ein Schaf mitten unter die Wölfe.

Er läuft genau in die Fänge seiner Mörder.

Auf einem solchen Weg wird der Weinbergbesitzer nie zu dem kommen, was ihm zusteht. Er opfert sogar seinen Sohn. Aber auch er wird umgebracht und sein Leichnam wird wie ein Aas über die Mauer geworfen, den Geiern zum Fraß. Das war Gottes letzter Versuch. Bis zum Letzten müht er sich um seine Feinde. Und auf alle Fälle verzichtet er auf Gewalt und bleibt bei dem Weg der Gewaltlosigkeit.

Dieser Weg ist auch der Einzige, der für die Kirche möglich ist. Sie hat die Aufgabe, zu mahnen und zu wachen. Sie soll darauf achten, daß auch nachher eine Frucht im Weinberg Gottes da ist. Aber wer soll diese Aufgabe wahrnehmen? Die Pfarrer etwa? Früher war das so, da konnte der Pfarrer die ganze Gemeinde kontrollieren. Aber heute läßt man sich auch von ihm nicht gern etwas sagen. Man begegnet ihm höflich oder sogar freundlich. Aber wehe, wenn er zu den Familienverhältnissen eines Einzelnen Stellung nimmt! Wenn er nur sagt: „Das ist nicht recht, daß du das Werkzeug in der Firma hast beiseiteschaffen wollen!“

Das Ermahnen ist aber auch ein schweres Geschäft, weil man ja jedem selbst am Zeug flicken kann. Es kann sich ja kaum einer freihalten von Dingen, die nicht so ganz in Ordnung sind. Und wenn es nur ein Trinkgeld ist, das man einem gibt, damit man etwas erreicht - immer gibt es etwas, wo auch der Mahner nicht so ganz recht gehandelt hat.

Wer heute mahnen will, muß selber Vorbild sein. Die wahren Mahner sind nicht die, die alles besser wissen, sondern die selbst erst einmal alles vormachen. Andererseits kann auch einer zum Mahner werden, dem wir es zunächst nicht zugetraut haben. Es liegt nicht an der Stellung des Betreffenden, sondern ob er die Aufgabe wahrnimmt. Mancher gibt einfach ein stilles Vorbild ab und wirkt unbewußt auf andere ein.

Gott allerdings darf viel direkter zu uns reden. Er hat ja etwas einzufordern und darf uns deshalb auch mahnen. Er kann uns auch bestrafen, wenn wir die Zahlung verweigern. Er will ja nichts weiter haben‚ als was ihm sowieso gehört. Doch dieses Herrenrecht Gottes müssen wir erst einmal für uns anerkennen.

Die Pächter im Gleichnis wollen ja den Weinberg an sich bringen. Er soll nicht in die Hand des Sohnes kommen, sondern als herrenloses Gut herumliegen, so daß sie ihn sich schließlich unter den Nagel reißen können. So könnte es doch auch sein, daß wir alle kirchliche Arbeit als unsere eigene Sache ansehen. Gott ist ja unsichtbar. Wir könnten vielleicht feststellen, daß es doch auch ganz gut ohne ihn geht. Jetzt soll er uns nicht mehr stören. Wir verwalten und bearbeiten seinen Weinberg auch allein, allerdings auf eigene Rechnung. Und wenn er doch sein Recht geltend machen sollte, dann haben wir das Kreuz für ihn bereit.

Wir sollten nicht meinen, wir seien nicht schuld am Tod Jesu. Wenn wir ihn heute aus unserem Leben oder gar aus unserer Kirche hinausdrängen wollen, dann handeln wir nicht anders als die Juden von damals. Gott geht dieses Risiko ein, daß wir meinen könnten, er sei außer Landes gegangen, diese Eigenständigkeit gesteht er uns zu. Doch auch Gottes Geduld hat Grenzen. Sie geht unbegreiflich weit. Aber sie endet dort, wo Gottes Güte verachtet wird. Wer auch den Sohn verstößt, erfährt Gottes strenges Gericht. Gott zerstört zwar nicht den ganzen Weinberg, aber er bestraft die Pächter.

Doch der Zielpunkt des Gleichnisses ist nicht so sehr das Gericht, sondern die Frage an uns: „Wie stellst du dich zu Christus und zu den Leuten, die Gott heute zu dir schickt?“ Die einfachste Lösung ist immer: „Schlagt ihn tot!“ Das muß nicht wörtlich gemeint sein. Das geht auch, wenn man über einen redet oder ihn sich mit manch anderen Dingen aufreiben läßt oder einfach auch, indem man ihn totschweigt. Besser und richtiger wäre aber, daß wir uns mit den Mahnern Gottes auseinandersetzen und auf sie hören. Gott hat doch soviel Aufwand für uns getrieben, daß es nur recht ist, wenn wir ihn erst nehmen und auf ihn hören.

Gott will uns ja nicht zermalmen, sondern gewinnen. Deswegen bleibt er nicht beim Leiden seines Sohnes stehen, sondern hat am dritten Tag nach Karfreitag neu an ihm gehandelt. Die Menschen hatten Jesus schon achtlos weggeworfen, so wie man das mit einem Stein tut, der zu nichts zu taugen scheint. Gott aber hat gerade diesen Stein zum Schlußstein im Gewölbe seiner Kirche gemacht. Er hält erst alles zusammen; wenn man ihn herausnimmt, stürzt alles zusammen. Jesus ist ja selber aus dem Baufach gewesen, hat vielleicht auch manchen Stein achtlos beiseite getan. Jetzt aber wollen die Menschen ihn als unbrauchbar und wertlos wegwerfen.

Aber Gott macht am Karfreitag nicht Schluß, sondern nimmt den verworfenen Stein zum ersten Baustein für seine neue Welt. Darauf wollen wir schon schauen, wo wir jetzt am Beginn der Passionszeit stehen. Wir wollen auch die Botschaft hören, die Gott uns heute zu sagen hat: Vom Leiden seines Sohnes, durch das er um uns werben will, und vom Auferstehen seines Sohnes, durch das er auch uns eine neue Zukunft geben will.

 

 

Okuli: Lk 9, 57b - 62

Ein Glück nur, daß so etwas nicht in jedem Fall von uns verlangt wird. Wir wollen doch auch Jesus nachfolgen. Aber müssen wir deshalb zum Landstreicher werden, der nicht weiß, wo er am Abend sein Haupt hinlegen soll? Den Jüngern Jesu ging es so, als sie Wohnung, Arbeit und den Schutz der Familie aufgaben, um Jesus nachzufolgen.

Den Hugenotten in Frankreich ging es so, als sie wegen ihres evangelischen Glaubens ihre Heimat verlassen mußten; ebenso den evangelischen Salzburgern, die mitten im Winter von dem katholischen Erzbischof vertrieben wurden. Wer weiß, was uns da noch einmal blühen kann, wenn wir es mit dem Glauben an Jesus ernst nehmen!

 

1. Der erste Mann:

Andererseits erwartet der erste Mann, der hier zu Jesus kommt, wohl eine bestimmte Geborgenheit von ihm. Es gibt ja Menschen, die sich nicht allein durchs Leben schlagen wollen, sondern sich lieber an eine stärkere Persönlichkeit anschließen und ihr ganz die Führung überlassen. Irgend etwas an Jesus hat ihn gepackt, so daß er bedingungslos mitgehen will - eigentlich eine sehr lobenswerte Einstellung.

Aber mit so ein bißchen Begeisterung und Bereitschaft ist es ja noch nicht getan. Wird er über Krisen und Nöte und das Auf und Ab persönlicher Stimmungen hinwegkommen? Jesus warnt: „Stell dir das nicht zu leicht vor! Du wirst nur Unruhe und Ärger davon haben. Die Tiere haben wenigstens noch einen Bau oder ein Nest. Aber ich kann am Morgen nicht sagen, wo ich am Abend sein werde!“

Wer Jesus nachfolgt, muß auf alle Sicherungen verzichten und sich wahrscheinlich in immer neue Unruhe führen lassen. Wir können heutzutage gelegentlich wieder etwas von dieser Unruhe spüren. Es kann zu ganz schönen Aufregungen kommen, wenn es etwa um die christliche Erziehung der Kinder geht oder wenn einer zeigt: „Der christliche Glaube ist mir wichtiger als alles andere!“ .Jesus hat uns da von vornherein reinen Wein eingeschenkt. Mit solchen Dingen muß man rechnen‚ wenn man Christ sein will.

Jesus selber ist es ja auch nicht anders ergangen. Schon bei seiner Geburt wußte man nicht, wo man ihn hinlegen sollte. Kurz bevor er das hier zu dem Mann sagt, haben ihn die Samariter vor die Tür gewiesen. Er wird von den anderen eben nicht als einer der ihren angesehen. Er möchte sich ihnen aber auch nicht anpassen. Deshalb bleibt er fremd und sein Dienst bringt ihn ständig in Unruhe. Er kann sich nicht in das Schneckenhaus seines Privatlebens zurückziehen, wie wir modernen Menschen das so gern tun. Der Ort der endgültigen Hingabe wird „Schädelstätte“ heißen; dort wird alle Begeisterung und aller Personenkult enden.

Doch nicht jedem wird zugemutet‚ daß er sein Zuhause und die Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens aufgibt. Jeder hat doch Freude an der gemütlichen Wohnung, er sucht die Gemeinschaft anderer und möchte auch einmal ein Fest feiern. Auch ein Pfarrer muß nicht unbedingt ein schlechtes Gewissen haben, wenn er in einem schönen Pfarrhaus wohnt.

Aber wenn es der Dienst für Jesus erfordert, wenn unser Zeugnis vor der Welt nötig ist, wenn es Kampf um den Glauben gibt, dann gilt es, hart zu sein gegen sich selbst. Dann wird ein Christ alle Strapazen fröhlich auf sich nehmen und notfalls auch alles aufgeben. Jesus wird dann schon weiterhelfen.

Die Bequemlichkeit bleibt aber immer eine Gefahr für uns. Gerade in einer sogenannten „Volkskirche“ ist man es gewohnt, alles billig haben zu können. Weil es dieser Kirche um die große Zahl zu tun ist, macht sie es sich in ihrer Verkündigung und in ihrem Leben in der Welt leicht zu bequem.

Aber je mehr sie der breiten Weg einschlägt, den die vielen gehen, desto uninteressanter wird sie für die anderen. Vielleicht haben uns die Nichtchristen längst überholt in ihrer Bereitschaft, zu arbeiten, zu opfern, zu dienen und sich selbst nicht zu schonen. Wir machen eben gerne noch unsre Einschränkungen, wenn wir dem Ruf Jesu folgen wollen.

 

2. Der zweite Mann:

So geht es ja dem zweiten Gesprächspartner Jesu. Jesus hat ihn angesprochen; und er ist auch zur Nachfolge bereit. Aber er will erst einer heiligen Pflicht genügen: Sein Vater ist gerade gestorben und nun muß er erst noch alles mit der Beerdigung regeln. Das ist ein frommer Brauch und der letzte Liebesdienst‚ den man einem Menschen erweisen kann - doch geradezu eine Selbstverständlichkeit.

Umso befremdender ist es, daß Jesus dieses Selbstverständliche dem Mann nicht zugesteht. Jesus verstößt hier gegen die heilige Ordnung und den frommen Brauch. Auf dem Gebiet aber sind die Leute bis heute empfindlich. Jesu Verlagen ist nicht nur taktlos, sondern sogar unmenschlich hart. Doch wir dürfen nicht vergessen, was Jesus damit hat ausdrücken wollen. Jesus beanstandet nicht, daß man die Toten begräbt oder an einer Beerdigung teilnimmt. Aber er will den Mann zum Nachdenken bringen‚ auch gegenüber heiligen Pflichten. Er übertreibt, damit man das radikal Neue seiner Predigt wahrnimmt.

Vor allem ist Jesus gegen die damals üblichen Bestattungsbräuche. Er hatte eine tiefe Abneigung gegen das Geheul und den Lärm der Klageweiber. Wer so klagt und vor der Unabänderlichkeit des Todes kapituliert, der kann nicht an Gottes Macht glauben. Er sieht in seiner Hoffnungslosigkeit nur nach hinten und wartet nicht auf Gottes Reich. Wer aber mit Jesus geht, der geht ins Leben hinein. Er wird sich nicht an die Toten hängen und sie nicht in der Vergangenheit suchen, sondern in der Zukunft mit Jesus. Dieser beanstandet nicht, d a ß die Toten begraben werden, sondern w i e man es tut: Man kann nicht Gott dienen und sich an die Hoffnungslosigkeit der Welt verlieren. Man kann die Nachfolge nicht mit einem Sonderurlaub wegen eines Todesfalls beginnen.

Wir fragen uns: „Kann man denn sein ganzes Denken und Glauben im Handumdrehen auf das Neue einstellen? Und dazu noch an einem so leidvollen Tag! Hat es nicht wenigstens noch bis morgen Zeit, das neu geschenkte Leben zu beginnen?“ Doch Jesus will gerade jetzt die totale Kehrtwendung. Gerade in der Situation der Traurigkeit und Erschütterung gilt es, das Evangelium zu begreifen. Gerade wo die Wirklichkeit der Welt so bedrückend ist, soll die tröstende Kraft des Wortes Gottes deutlich werden.

Deshalb wird auch heute noch gerade dieses Wort von der Auferstehung an Gräbern verkündet. Oft kann man auch helfen, indem man eine neue Aufgabe vor Augen stellt. Jesus gibt dem Mann ja auch einen konkreten Auftrag: „Gehe hin und verkündige das Reich Gottes!“ Oft wird man noch am ehesten mit dem Leid fertig, wenn man .sich eine neue Aufgabe geben läßt.

 

3. Der dritte Mann:

Von dem dritten Mann schließlich wird verlangt, daß er sich aus den normalen bürgerlichen Bindungen herauslöst. Auch das ist nicht der Normalfall für uns. Wir haben es ja gerade gelernt‚ die Nachfolge Christi innerhalb von Ehe und Familie und in der Gesellschaft zu leben und uns dort zu bewähren.

Heute kennen aber viele nur noch die Familie. Sie wollen unter sich sein und sich um Gott und die Welt nicht kümmern. Die Notwendigkeit, auch einmal etwas Außerordentliches zu tun, wollen sie nicht sehen. Schon gar nicht wollen sie alle Brücken hinter sich abbrechen oder gar Familienbande auflösen, wie das etwa auch heute noch von einem Missionar oder einer Diakonisse verlangt wird.

Man wird, wenn man zu Jesus stößt, aber immer etwas hinter sich lassen. Heutzutage muß sich mancher von einem lieben Beruf von Plänen und Erfolgsaussichten trennen, weil sie ihm zur Versuchung würden. Wer mit Jesus geht‚ hat ein unsicheres Leben und kann nicht mehr so planen und ist auf viele Arten gefährdet.

Aber wir sollten nicht über das klagen, was wir nicht mehr haben, seit wir bei Jesus sind. Es kommt auf die Blickrichtung an. Wer Jesus nachfolgen will‚ der wird geradezu magnetisch angezogen von dem, was er vor sich hat. Nur wer nach vorne schaut, wird auch seine Furche gerade ziehen können.

Wenn einer sich das Kettenrauchen abgewöhnen will, dann kann man ihm nicht empfehlen, zum Abgewöhnen noch einmal andächtig eine zu rauchen. Und wenn einer bei Jesus in Dienst treten will, dann kann er nicht gleich mit dem Urlaub beginnen. Entweder man gehört dazu

und setzt sich sofort voll und ganz ein. Oder man ist eben noch nicht reif zur Nachfolge. Ein Christ lebt von der Zukunft her. Er läßt das Alte getrost zurück und sieht nach vorne auf den Herrn. Er klagt nicht wehleidig über das, was er nicht mehr hat, sondern er freut sich über das, was er mit ihm gewonnen hat.

Dennoch wird immer wieder versucht, uns als die ewig gestrigen hinzustellen. Vielleicht hat man mit diesem Vorwurf auch gar nicht so unrecht. Die Kirche hat doch weitgehend nur versucht, das Bestehende zu erhalten. Viele erwarten das auch von ihr: Sie soll alles beim Alten lassen, das Bestehende als göttliche Ordnung hinstellen, den materiellen Besitzstand und den eigenen geistigen Standpunkt sichern. Die Kirche soll eine feste Insel sein in einer sich ständig wandelnden Welt. Sie ist für viele noch ein Stück der guten alten Zeit.         

Die Kirche hat ihre Kraft in sinnlosen Rückzugsgefechten verplempert, anstatt sich auf die veränderte Umwelt einzurichten und alle Kräfte dafür einzusetzen‚ daß man auch in Zukunft bestehen kann. Jesus will, daß wir vorwärts schauen.      Es geht ihm allerdings nicht um das, was andere mit der Welt vorhaben. Er will nicht menschliche Pläne unterstützen, sondern das verwirklichen, was e r mit der Welt vorhat. Nur wenn wir da mitmachen, wird unsre Arbeit einen Sinn haben.   

Es wird uns nicht gesagt‚ was aus den drei Gesprächspartnern Jesu geworden ist, ob sie mitgegangen sind oder sich abgewandt haben. Aber hier wird an Einzelbeispielen deutlich, welche Opfer unter Umständen von uns verlangt werden. So schwer kann die Nachfolge sein! Aber bei jedem kann das wieder anders aussehen, wir können uns da nicht pauschal festlegen.

Es wird nicht von uns gefordert, präzis das Gleiche zu tun wie ein anderer. Vielleicht müssen wir in einem ähnlichen Fall genau das Entgegengesetzte tun und das ist auch Nachfolge. Unter Umständen führt uns der Ruf Jesu nicht aus der Familie heraus, sondern gerade in sie hinein.  

Es geht nicht darum, daß wir Jesus kopieren, sondern daß wir ihn kapieren. Nachfolge geschieht immer in Freiheit und erfordert viel       Originalität. Wir müssen uns auch heute wieder fragen: Was müssen wir tun, in unsrer Lage, in unsrer Umwelt und in unsrer Zeit? Es werden uns keine Rezepte gegeben. Aber wir werden aufgerufen, nach vorne zu schauen auf Jesus und dann unsere Entscheidung zu fällen.

 

 

Lätare: Joh 12, 20 - 26

Was ein Mensch wert ist, merkt man oft erst, wenn er tot ist. Wie viele Leute sind erst nach ihrem Tod und gerade durch ihren Tod berühmt geworden! Denken wir etwa an der Südamerikaner Che Guevara, der zunächst mit Fidel Castro in Kuba gekämpft hat und auch drei Jahre einer seiner Minister war. Dann aber hatte er die Verwaltungsarbeit satt, er wollte seine revolutionären Ziele weiter verfolgen und nicht im Alltagstrott ersticken. Die Revolution sollte nicht auf die Insel Kuba beschränkt bleiben, sondern ganz Südamerika erfassen.

So brach er mit vielleicht 50 Leuten nach Bolivien auf, um dort den Kampf neu zu beginnen.

Die Polizei hatte die Gruppe aber bald aufgespürt und Che Guevara wurde erschossen. Aber gerade dadurch wurde er zu einem Vorbild für die Jugend in der ganzen Welt. Als 1968 die großen Studentenunruhen waren, da führte man überall Bilder Che Guevaras bei den Umzügen mit. Erst sein Tod hat ihn so bekannt gemacht und dazu geführt, daß er bis heute nachwirkt.

Ähnlich ist es ja mit Jesus auch gewesen. Wenn er irgendwann als alter Mann im Bett gestorben wäre, dann würde sein Name vielleicht noch in Nachschlagewerken auftauchen, aber es gäbe keinen, der ihn auch heute noch als den lebendigen Herrn anbetet. So aber ist sein Tod zu einem Sinnbild für jedes Leiden der Menschen geworden. Selbst im Geschichtsbuch für die Schule findet man ein Bild des Gekreuzigten.

Für uns als Christen ist aber noch mehr damit verbunden. Ein Mann wie Che Guevara ist ja nur für eine politische Sache gestorben. Jesus aber ist gestorben zur Erlösung für die ganze Menschheit. Er hat nicht eine Idee verwirklichen wollen, sondern den Willen Gottes ausgeführt.

Dazu ist jetzt die Stunde gekommen. Selbst gebürtige Griechen wollen Jesus sehen. „Alle Welt läuft ihm nach!“ mußten selbst die Gegner Jesu anerkennen. Wie gerufen kommen deshalb jene Griechen, die an sich zum Passahfest angereist waren. Zunächst wollen sie nur „sehen“, vielleicht aus Neugier, vielleicht auch aus Interesse. Das ist noch keine Nachfolge. Aber so fängt es an, wenn jemand ein Jünger Jesu wird. Der Weg geht dabei über die anderen Jünger. Jene beiden sind die einzigen im Jüngerkreis, die einen griechischen Namen haben. Vielleicht haben sie sich besonders um die Mission unter den Griechen gekümmert.

Doch das alles ist nur ein „Anspiel“ für die eigentliche Verkündigung. Die Griechen sind bald wieder vergessen gegenüber dem, was Jesus nun für alle ausspricht. Ihre Anfrage macht nur deutlich, daß jetzt die „Stunde“ für Jesus gekommen ist. Jetzt müssen die Dinge ihren Lauf nehmen. Jetzt wird Jesus mit den Jüngern auch von der Notwendigkeit seines Leidens sprechen müssen, wird ihnen sein Leiden ankündigen müssen.

Dabei weiß Jesus genau: „Die Jünger werden nicht begreifen, was sein Tod bedeutet. Wir heute begreifen es ja noch nicht, müssen immer noch an diesem „Wort vom Kreuz“ herum­buchstabieren. Wir sehen zwar an vielen Orten im kirchlichen Bereich und darüber hinaus das Kreuz, wir haben uns daran gewöhnt und sind wohl auch etwas abgestumpft. Aber wenn wir daran denken, was an jenem Kreuz geschehen ist, dann ist das Kreuz Jesu doch beunruhigend und erregend für uns.

Wenn es nicht so wäre, müßten wir darin doch ein bedenkliches Zeichen sehen. Sicher ist es auch eine gute Ordnung, wenn wir in den Wochen vor Karfreitag vor Augen haben, welchen Weg unser Herr hat gehen müssen. Das heißt nicht, daß wir uns damit für die übrige Zeit des Kirchenjahres davon freigekauft hätten. Jetzt befassen wir uns nur ausführlicher damit um uns für alle Zeit darin einzuüben und damit leben zu können.

Jesus verwendet hier ein Gleichnis, das uns dem Sinn seines Leidens und seiner Auferstehung deutlich machen kann. Gleichzeitig hilft er damit auch uns, mit unserem Leiden fertig zu werden. Er spricht vom Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird und stirbt, um dann auf neue Art und Weise wieder aufzuerstehen. Dieses Gesetz des Weizenkorns   bewirkt für Jesus die Vervielfältigung seines Lebens, für uns aber die Verwirklichung unsres Lebens.

Auch in der schlimmsten Hungerzeit muß man immer noch Saatgut aufheben für das nächste Jahr. Durch die kostbaren Körner hätten ausgehungerte Menschen satt gemacht werden können. So aber sagt die Vernunft: „Sie müssen aufgehoben werden für die Aussaat im nächsten Jahr!“ Aber auch dann bei der Aussaat werden die kostbaren Körner auf die Erde geworfen und sterben ab. Doch das einzelne Samenkorn muß eben absterben, wenn es sich vervielfältigen soll.

So mußte auch Jesus seine menschliche Lebensweise aufgeben, um seine Keimkraft entfalten zu können. Zunächst war das Unternehmen Jesu nur eine innergeschichtliche Bewegung. Er hatte ein paar Schüler und Anhänger um sich gesammelt, es wurden mit der Zeit einige mehr. Er hat auf sie eingewirkt, damit sie eine neue Art des Miteinanderlebens finden und in die Welt hinein wirken.

Zunächst war Jesu Sache nur etwas, was sich im Raum dieser Welt abspielte. Sie hat sich von Mensch zu Mensch fortgepflanzt, so wie ein brennender Gegenstand den nächsten in Brand steckt. Durch den Tod Jesu aber wurde seine Sache in die ganze Welt hinausgetragen, da hat sich das Feuer im Funkenflug überall hin ausgebreitet. Das Verlangen jener Griechen, die Jesus sehen wollen, ist ein Anzeichen dafür, daß sich nun der eigentliche Auftrag Jesu vollendet.

Natürlich wird auch heute die Botschaft Jesu nur von Mensch zu Mensch weitergegeben. Aber sie wissen jetzt: „Ihrem Herrn ist schon alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben. Er ist verherrlicht und in den „Raum“ Gottes zurückgekehrt. Er ist aus dem kleinen irdischen Wirkungskreis herausgenommen und zu weltweiter Wirksamkeit ermächtigt. Wo immer seine Leute hinkommen werden, um Menschen einzuladen, da ist er gegenwärtig. Wo immer zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen.

Doch diese Veränderung war nicht ein harmloser Vorgang wie die Verwandlung von Wasser in Dampf. Das Weizenkorn muß in der Erde absterben. Das Sterben ist für Jesus sicher nicht leicht gewesen. Aber Kraft erhielt er nur durch die Hingabe, den Sieg nur aus der Niederlage. Aber er war kein Held, er hat ja selber darum gezittert, ob er auch alles schafft, wie Gott es will.

Jesus ist ja nicht nur einfach gestorben, sondern hingerichtet worden. Damit war doch auch zunächst einmal alles zunichte gemacht, was er in seinen Erdentagen unter Mühen und Opfern erreicht und zustande gebracht hat. Nun soll er „Ja“ dazu sagen, daß auch sein Werk zunächst einmal gescheitert ist. Er muß doch annehmen, daß er nicht nur Menschen gegen sich hat, sondern Gott selbst.

Er hat ja nicht unbedingt seine Erhöhung voraussehen können. So war sein Leiden und Sterben schon eine schwere Anfechtung für ihn. Bei uns ist das ja auch nicht anders. Wir glauben zwar an die Auferstehung der Toten das und das ewige Leben. Aber das heißt ja nicht, daß das Sterben keine Anfechtung für uns bedeutet. Auch ein glaubender Mensch wird da auf schwerste Proben gestellt. Aber er kann es auch lernen, mitten in aller Betrübnis den Weg in Gottes Arme zu wagen.

Dieses Gesetz vom Weizenkorn, vom Sterben und Neuwerden, gilt für jeden Christen. Wir sind nicht selber Christus. Sein Opfer bleibt doch einzigartig. Aber sein Weg ist auch bestimmend für unseren Weg. Wir können nicht geruhsam auf der Kirchenbank oder im Fernsehsessel sitzen und mit verschränkten Armen zuschauen‚ wie Jesus stirbt. Es gibt für uns keinen Weg an Kreuz vorbei, in Leben mit dem Auferstandenen ohne das Mitsterben.

Wir müssen halt ganz unverblümt sagen, daß das Christsein auch etwas kostet. Es ist nichts für solche, die nur sich selbst schonen wollen. Oftmals denken wir doch „Ich will ja Christ sein, aber mein sonstiges Leben soll nicht darunter leiden. Meine Kinder sollen deswegen keine Nachteile haben, und aktiv dafür einsetzen will ich mich auch nicht!“ im Grunde sind wir alle doch leidensscheu und bequem, feige und unfrei und wollen nur halbe Nachfolger Jesu sein. Zumindest soll es nicht an unsre Lebensmöglichkeiten gehen.

Da kann man nur schwer daran glauben, daß man gerade in der Nachfolge des Gekreuzigten das Leben gewinnen wird. Aber es kommt auf einen Versuch an. Vielleicht werden wir dann erfahren, daß Christus uns gerade dann das Leben gibt, wenn wir fürchten, es zu verlieren. Es ist Gottes Sache, wie sich das Gesetz des Weizenkorns in unserem Leben auswirken soll. Der eine kriegt eben mehr ab als der andere. Jesus aber will uns willig und bereit machen, für alles, was kommen kann. Es ist nicht ein Mißgeschick oder eine Panne, wenn wir auch zu leiden haben.

Wer das begreift, der sammelt sich nicht Schätze auf Erden, denn er hat sein Bestes bei Gott. Er wird sich nicht um Unvermeidlichen wundreiben und sich nichts ertrotzen wollen. Er wird nicht meinen, daß Wohlstand und Besitz die Menschlichkeit und Vergebung der Sünden überflüssig mache. Er wird sich vielmehr Gott ganz zur Verfügung stellen‚ vielleicht sogar alle seine Wünsche und Hoffnungen hintenanstellen, um so auf andere einzuwirken und Gottes Tat an andere weiterzugeben.

 

 

Judika: Mk 10, 35 - 45

Das mit den Ehrenplätzen fängt ganz klein an: Der höfliche Mann läßt die Frau rechts gehen!

Der Vater saß früher als Haushaltsvorstand an der Spitze des Tisches. Bei einer Konferenz oder Versammlung sitzt auch der Chef oder der Vorsitzende immer dort. Selbst in der Kirche gab es früher Ehrenplätze für den Grafen oder den Patron oder auch nur für die Kirchenvorsteher oder die Pfarrfamilie. Und das geht dann hin bis zu den Spitzen des Staates und bis zu den gekrönten Häuptern: Da herrscht ein ganz strenges Protokoll, in dem genau festgelegt ist, wer neben wem sitzen darf.

So etwas schwebt auch den zwei Jüngern Jesu vor. Die wollen sogar selber weitgehend selber bestimmen, welchen Platz Jesus an sie vergeben soll. Dabei vergessen sie aber, daß Jesus selbst zur Rechten Gottes sitzen wird. Er allein hat diesen Platz verdient durch sein Leiden und seine Selbsthingabe-. Er hat die Voraussetzung dafür geschaffen, daß wir diesen Weg des Leidens gehen können. Das Wort „verdient“ ist dabei allerdings der falsche Ausdruck, denn er hat sich ja nicht etwas erworben, sondern Gott hat ihm diesen Platz geschenkt.

Auch die beiden sonst hochangesehenen Jünger Jakobus und Johannes liegen mit ihren Er­wartungen völlig falsch. Von höchster Stelle muß ihnen die Abwegigkeit ihres Ansinnens bescheinigt werden. Diese Peinlichkeit ist sicher tatsächlich so passiert, man hat sie später nicht vertuschen können. Man hat sie aber auch später nicht erfinden können, denn nur Jakobus hat im Jahr 44 den Märtyrertod für die Sache Jesu erlitten, während Johannes wahrscheinlich überlebt hat.

Aber hinter der Bitte der beiden Brüder steht die ernsthafte Frage: „Wie bekommen wir Anteil am Reich Jesu?“ Darauf werden uns hier drei Antworten gegeben: Indem wir mit leiden und mit verzichten und indem wir dienen.

 

(1.) Wir leiden mit: Die Jünger sahen ihren tief verachteten und hart bekämpften Herrn als den künftigen Herrscher an. Sie ziehen jetzt nach Jerusalem, wo Jesus nach ihrer Meinung seine Herrschaft antreten wird. Da ist es doch an der Zeit, sozusagen die Kabinettsliste und die Verteilung der Ministerien zu klären. Und dabei müssen doch seine engsten Freunde und Mitkämpfer berücksichtigt werden.

Jesus könnte es nun rundweg ablehnen, sich auf sein Königtum ansprechen zu lassen. Er könn­te einfach antworten: „Nichts da mit Ministersesseln und anderen Ämtern, auch nicht für euch!“ Aber er beschämt seine Jünger nicht in dieser Weise, sondern er stellt ihnen vor Augen, was jetzt wirklich auf ihn und damit auch auf sie wartet:

„Ja, es geht jetzt nach Jerusalem. Aber dort wartet etwas ganz anderes auf mich, als ihr es erhofft. Da wird ein Kelch auszutrinken sein und da wird eine ganz andere Taufe vollzogen!“ Der „Kelch“ ist das Symbol für das Annehmen des von Gott verhängten Leidens. Und die „Taufe“ meint eine Überflutung, die die ganze menschliche Existenz auslöscht. Nur wenn Jesus dies durchsteht, wird es zur Herrlichkeit kommen.

Es ist nicht gesagt, daß die Jünger das Gleiche auf sich zu nehmen hätten wie Jesus. Aber die beiden werden gefragt: „Könnt ihr leiden? Wenn ihr so auf Mitregieren aus seid, seid ihr da auch bereit, mit zu leiden?“ Damit ist allerdings mit allen herkömmlichen Messiasvorstellun­gen gebrochen: Das Reich Jesu kommt nicht durch eine Umsturz oder eine Machtergreifung des Militärs. Hier löst nicht ein Regime das andere ab, denn Jesu Reich ist nicht von dieser Welt.

Die Verwandlung der alten Welt war die herkömmliche jüdische Hoffnung. Uns ist aber nicht verheißen, daß sich Jesus im Lauf der Weltgeschichte immer mehr durchsetzen wird und durch einen Prozeß der Durchchristlichung die ganze Welt allmählich in sein Reich verwandeln wird. Vielmehr muß der Messias erst einmal ans Kreuz.

Die Antwort der beiden Brüder aber verblüfft: „Ja, wir können!“ Das kommt wie aus der Pistole geschossen. Wer von uns traute sich schon, so zu antworten? Auch Jesu Jünger sind ja dann feige geworden und geflohen, als es ernst wurde. Aber auf alle Fälle wird keinem der Jünger ein Weg zugemutet, den der Herr ihnen nicht vorausgegangen wäre. Das gilt für alle Nachfolger Jesu zu allen Zeiten. Keiner wird sich zum Märtyrertod drängen. Keiner sollte sich auch mit den Beteuerungen seiner Standhaftigkeit übernehmen. Aber wir müssen damit rechnen, daß auch wir einmal einen „Kelch“ zu trinken haben könnten, in welcher Gestalt auch immer.

 

(2.) Wir verzichten: Auch wenn die Jünger die Kraft hätten, den Weg mit Jesus mitzugehen, so sind ihnen die erträumten Ministersessel nicht sicher. Jesus sagt: „Diese Ministersessel gibt es schon. Aber darüber verfügt Gott allein!“ Man kann nicht mit Jesus leiden wollen und dabei schon immer ausrechnen, was es einbringt. Man kann nicht an Jesu Seite stehen wollen und dabei nur an den eigenen Erfolg denken. Jesus meint: „Darüber reden wir jetzt gar nicht, denn das gehört allein in die Zuständigkeit des Vaters!“.

Christen sollten also gehorsam den Weg des Glaubens gehen - den Weg, den Gott ihnen vor­herbestimmt hat - aber nicht fragen, was ihnen dafür als Lohn zuteil wird. Was weiter geschieht, wird sich schon finden. Das heißt nicht, daß alle Hoffnung der Christen nur ein Phantasiegebilde wäre. Jesus will nicht, daß wir leer ausgehen. Es besteht gar kein Grund zur Sorge, es könnte einer von uns zu kurz kommen, aber es gibt keine verbrieften Garantien. Aber wir werden aufgefordert, zu verzichten und nicht zu spekulieren. Gott soll bestimmen, was aus uns wird. Und wir können ihm fröhlich und gelassen vertrauen.

 

(3.) Wir dienen: Den übrigen Jüngern platzt der Kragen, als sie die Bitte der beiden Brüder hören. Aber solche Rangfragen sind ihnen sicher auch nicht fremd. Vielleicht haben sie die Frage gar nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern sie wollten nur nicht, daß die anderen einen Vorteil haben. Daß s i e die Ehrenplätze einnehmen, dagegen hätten sie vielleicht gar nichts gehabt.

Das Geltenwollen macht uns auch in der Kirche zu schaffen. Da redet dann die „Frau Kirchenrat“ die Frau des Bischofs mit „Frau Bischof“ an, weil sie denkt, das würde ihr schmeicheln und weil sie selber auch den Titel ihres Mannes tragen will. Aber die Angesprochene sagt dann nur. „Ich bin die Frau ….Mit dem Beruf meines Mannes habe ich in dieser Hinsicht nichts zu tun!“

Jesus hat geduldig mit den beiden Brüdern geredet. Jetzt greift er auch die anderen zehn Jünger nicht an, sondern spricht ganz grundsätzlich zu ihnen: „Der Messias ist nicht ein Superkönig, der den Kaiser Tiberius ablöst, indem er noch mehr Soldaten marschieren läßt und darüber hinaus auch noch Gottes Macht einsetzt, um auf der Erde reinen Tisch zu machen“ Jesu Reich ist nicht von dieser Welt, und seine Diener kämpfen nicht darum.

Christen leben natürlich in dieser Welt, die von Mächtigen regiert wird, als Bürger haben sie Anteil an der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Sie haben Rechte und Pflichten. Aber Jesus hat es nicht als seine Aufgabe angesehen, dem Kaiser die Macht zu entreißen und die Welt in seinem Sinne umzugetalten.

So versuchen das die Terroristen. Sie haben keine Aussicht, auf demokratischem Wege ihre Vorstellungen zu verwirklichen, da versuchen sie es mit Gewalt. Und vielleicht denken sie auch: Wenn die anderen uns schon nicht folgen wollen, dann sollen sie wenigstens keine Ruhe in ihrem Leben haben!“ Das Evangelium Jesu dagegen zwingt keinen, es ist kein neues Gesetz.

Die Gemeinde Jesu aber steht unter einem anderen Gesetz: „Wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener, also derjenige, der bei Tisch serviert!“ Alles Großseinwollen hat ein Ende. Man kann sich auch nicht zur Abwechslung aufplustern und „christlichen Dienstwillen“ demonstrieren wollen, so daß es alle sehen und bewundernd klatschen. Und Dienst und Hingabe gibt es auch außerhalb der christlichen Gemeinde.

Umgekehrt geht es auch in der Kirche nicht ohne eine gewisse gesetzliche Ordnung ab. Diese wird sich an die staatlichen Ordnungen anlehnen, denn es geht zum Beispiel nicht, daß die Arbeitnehmer in der Kirche schlechter bezahlt werden als im nichtkirchlichen Bereich. Und doch lebt die Kirche vom Dienst ihres Herrn und bildet auch einen Teil dieses Dienstes in ihrem Leben ab. Der das letzte Wort über die Menschheit spricht, der gibt sich selber für sie als Lösegeld.

So wie man früher einen Sklaven loskaufte, so hat auch Jesus sich selbst in den Tod gegeben. An ihm geschieht, was mit den Vielen geschehen müßte, er tritt an ihre Stelle. Empfänger des Lösegeldes ist Gott. Ihm wird aber kein Geld oder sonst ein Sachwert gezahlt, sondern hier gibt einer sich selbst. Jesus tritt mit allem für die Menschen und für die Gemeinde ein, indem er sich selbstdabei aufgibt.

Dieser Dienst war nötig, weil nicht nur einen Sinneswandel oder ein Umorientierung unseres Wollens und Tuns nötig war, sondern eine Befreiung: Bei Gott hatten wir verspielt und konnte von uns aus gar keinen Neuanfang machen. Aber Jesus hat mit seiner eigenen Verlorenheit bezahlt. Nun sind wir wieder frei, uns einzusetzen für die Welt und die Menschen.

Wir können wieder an Jesu Königtum teilhaben. Aber sein Königtum besteht nicht darin, daß er sich bedienen läßt, sondern daß er ganz für andere da ist. Auch wir können wie ein Priester für andere vor Gott einstehen. Und wir können Diakone sein, die mit helfender Hand für andere da sind, weil wir selbst von dem leben, was an uns geschehen ist.

 

 

Palmarum: Joh 12, 12 - 24

Gott und Jesus und der Kirche werden viele Erwartungen entgegengebracht. Warum besuchen denn Menschen den Gottesdienst‚ halten Verbindung zur Kirche und schicken ihre Kinder zum kirchlichen Unterricht? Fast könnte einem Angst werden‚ weil die Kirche so viel Vertrauensvorschuß hat und man ihre Macht natürlich weit überschätzt. Die Kirche kann aber immer nur Vorschläge machen und ihr moralisches Gewicht in die Waagschale werfen, aber nicht eine Änderung herbeiführen und eine heile Welt schaffen. Die Kirche ist ja auch viel zu schwach, um etwas bewegen zu können. Wenn ihre Gegner wüßten, wieviel Versagen und Verzagen, wieviel Schuld und Mißtrauen es in ihr gibt, hätten sie nicht soviel Angst vor ihr. In Zukunft werden die Einflußmöglichkeiten eher noch abnehmen. Doch das entspricht ganz dem Willen Jesu.

 

Jesus will ohne Macht zum Königtum: Schon damals hatten die Menschen falsche Erwartungen an Jesus. Eine große Menge befand sich aus Anlaß des Passahfestes in Jerusalem. Dieses Fest erinnerte an die Befreiung aus Ägypter und erweckte jedes Jahr neu Hoffnungen auf den Messias und sein Reich. Palmzweige sind Zeichen des Königtums, auf Münzen waren sie zu sehen .Und wenn die Menschen Jesus als „den Kommenden“ begrüßen, da verwenden sie den Geheimnamen für den erhofften Messias.

Doch man erwartet von ihm Hilfe im weltlichen Bereich, speziell auf dem Gebiet der Politik. Der Macht Roms war doch wohl nur mit Macht zu begegnen. Die Erde müßte umgestaltet und in ein Paradies verwandelt werden, damit die Rechtlosen und Niedergehaltenen wieder eine Zukunft haben. Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen neu geordnet werden, damit eine effektive Hilfe für die kleinen Leute erfolgt.

Auch wir denken im Grunde so wie die Menschen damals. Und als Christen sollten wir schon einen Standort beziehen und für die Neuordnung der Dinge uns einsetzen, unter Umständen auch durchaus kämpferisch. Es ist schon recht, wenn die Menschen auch das genießen können, was sie erarbeitet haben.

Aber all das ist nicht die Hauptaufgabe Jesu: Er läßt sich zwar den Ruf der Menge gefallen. In dem Ruf „Hosianna“ verbirgt sich ja sein eigener „Name“: Er will ja „Helfer“ und „Retter“ sein. Und er hat natürlich den Einzug in Jerusalem so gestaltet, daß das Messiasthema anklingt: Er besteigt ja ein Reittier und läßt sich zujubeln.

Doch bezeichnender Weise kommt er nicht hoch zu Roß, sondern auf einem Esel. Andere, die ihre Machtergreifung mit einem Marsch auf die Hauptstadt begonnen haben, sind mit Waffen und Soldaten gekommen und haben ihren Weg mit Blut (fremdem Blut natürlich) gezeichnet. Jesus aber ist bereit, sein Blut für die Rettung der Vielen zu vergießen. Er liefert sich dem Todesurteil aus, das über Revolutionäre verhängt zu werden pflegt, und bleibt gehorsam bis ans Kreuz.

Jesus geht einen Umweg, um ohne Macht ans Königtum zu kommen. Das geschieht nicht aus taktischen Gründen, um einmal auf eine andere Art als üblich etwas zu erreichet. Jesus entwickelt nicht einen neuen Stil des politischen Handelns, nämlich den der Machtlosigkeit und des Rechtsverzichts.

Jesu Reich ist nicht eine Herrschaft neben anderen. Er bringt vielmehr ein neues, endzeitliches Königtum, das einmal alle Staatlichkeit aufheben wird, nämlich dann, wenn er wiederkommen wird. Dann wird er wirklich sein Volk regieren‚ wie es vorher noch kein anderer regiert hat. Für dieses kommende Reich demonstriert Jesus, indem er den Esel besteigt; aber er macht nicht so etwas wie eine christliche Politik.

Deshalb wenden sich die Leute auch bald wieder von ihm ab. Sie haben nur vordergründig an das gedacht, was äußeren Nutzen und Vorteile bringt. Aber wenn das dann nicht so ist, dann ist auch die Sache mit Gott für die erledigt. Dann flaut die Begeisterung ab und man geht wieder zur Tagesordnung über. Die jetzt noch „Hosianna“ rufen, werden in einer Woche „Kreuzige ihn“ schreien. So schnell geht das, wenn man Jesus mißverstanden hat.

So ging es auch einer Frau, die einmal die Beste ihrer Konfirmandengruppe war und der Liebling des Pfarrers. Als sie neunzehn Jahre alt war, betete sie das erste Mal aus tiefstem Herzen um das Leben ihrer krebskranken Mutter. Als die Mutter aber doch starb, warf sie Glauben und Christentum als untaugliche Mittel über Bord. Sie war eben nicht darauf vorbereitet, daß wir unweigerlich mit unseren Erwartungen scheitern müssen, wenn wir uns Jesus nähern. Er ist eben anders, als wir es uns so wünschen.

 

Nur über das Kreuz kommt man zur Herrlichkeit: In Jesu Umwelt hat es eine Strömung gegeben, in der man glaubte, die Vollendung der Dinge sei schon eine Tatsache: Vom Ölberg her komme der Friedenskönig, und mit ihm bricht die neue Welt an. Das erste Grab hat sich ja bereits aufgetan, als Lazarus von den Toten auferweckt wurde. Jetzt wird mit dem Einbruch des Wunderwirkens Gottes gerechnet. Und wenn die Hohenpriester Lazarus aus dem Wege räumen wollen, dann wollen sie damit den Anbruch der neuen Welt beseitigen, wollen sie den beginnenden Brand austreten.

Die Gegner haben Jesus von Anfang an gehabt, weil er anders war als sie. Jesus hatte erreicht, was ihnen mißlang. Voller Neid müssen sie eingestehen: „Alle Welt läuft ihm nach!“ Das war sicher übertrieben. Jesus hatte gar kein Talent, eine Massenbewegung zu organisieren, vor allem wollte er es auch nicht.

Ob sich wohl viele zu ihm bekennen und öffentlich für ihn demonstrieren würden, wenn er in unseren Ort käme? Bekennen wir uns denn zu ihm in unserem .Alltagsleben? Wenn wir doch nur auch einmal mit solchen Zahlen aufwarten könnten, daß die anderen sagen würden: „Ihr seht, daß ihr nichts ausrichtet, denn alle Welt läuft ihm nach!“ Dann würde man auch sehen, daß die Kirche nicht nur aus Mitläufern besteht, sondern etwas dahintersteckt.

Doch viele machen sich nicht klar, daß zum Christsein auch das Kreuz dazugehört. Auch Jesus hat es noch vor sich, und deshalb ist ihm bange. Sicher wird der Weg am Ende zu seiner Verherrlichung führen. Aber das heißt nicht, daß der Tod nicht ernst genommen würde. Die Jesus da im Messiasrausch zu jubeln, haben nicht begriffen, daß das Weizenkorn erst in die Erde fallen muß, ehe es Frucht bringen kann.

Wenn wir das anerkennen, wird unser Leben auch Frucht bringen. Dann dürfen wir auch heute schon von der Herrlichkeit Gottes reden, dürfen sie heute schon vorausnehmen. Aber Christus gehört unbedingt mit da hinein. Eine Zukunft ohne Christus wäre die Hölle, er gehört in die christliche Hoffnung mit hinein.

Aber davor steht erst einmal das Kreuz. Wir stehen am Anfang der Karwoche, in der wir uns in das Leiden und Sterben Jesu vertiefen. Kinder nimmt das sehr viel mehr mit als uns. Wenn sie etwa das Kreuzigungsbild von Mathias Grünwald auf dem Isenheimer Altar sehen, dann fragen sie: „Was sind das denn für spitze Stacheln?“ Oder sie sagen: „Das sind die Zacken von der Peitsche!“Selbst die Hartgesottenen werden davon erschüttert. Aber dieses Leiden war die Voraussetzung für die Erhöhung und damit seine Wirksamkeit

 

Die Selbsthingabe Jesu führt zur Wirksamkeit für die ganze Welt: Da sind einige Ausländer, die gern einmal Jesus kennenlernen möchten. Die Juden haben Jesus abgelehnt, aber die griechisch sprechende Welt fragt nach ihm; das soll man hier heraushören. Allerdings dürfen sie nicht mit Jesus sprechen. Der Zugang zu ihm erfolgt über die Jünger.

Das ist die Lage, in der auch wir heute sind: Wir können nicht mehr direkt mit Jesus sprechen, sondern der Zugang zu ihm geht über die Predigt der Apostel und Evangelisten. Oft müssen wir uns erst mühsam an die Botschaft Jesu heranarbeiten und uns von ihm die Augen öffnen lassen.

Sein Sterben gehört dabei unbedingt mit dazu. Denn nur so konnte er der Herr/über alle Menschen werden. Nur als der Erhöhte ist er auch heute noch für uns zugänglich. Aber wir können nicht fordern: „Nur wenn ich Jesus persönlich sehen kann, könnte ich auch an ihn glauben!“ Jesus bleibt unsichtbar, weil er erst sterben mußte, ehe er der Heiland der ganzen Welt werden konnte.

Aber schon die Griechen von damals haben an ihn geglaubt, obwohl sie ihn nicht sehen und hören konnten. Ihnen wird nur die Botschaft von dem Weizenkorn verkündet, damit sie teilhaben können an der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Indem die Kirche die Botschaft Jesu weitergibt, macht sie ihn sichtbar und in der Welt wirksam.

Die Frage an uns bleibt: Sind wir nur Mitläufer, deren Begeisterung bald verflacht? Oder bleiben wir abwartend oder vielleicht sogar ablehnend, wenn nicht alles so kommt, wie wir es uns gedacht haben? Oder fragen wir nach Jesus, um noch Genaueres zu erfahren? Sind wir bereit zum Dienen?

Nur wer sich von Jesus in den Dienst stellen läßt, wird alles über ihn erfahren. Es gibt viele Dienste für Jesus: Der Gottesdienstbesuch, das Einspringen für die Nachbarin, die Geldspende. Auf diese Art und Weise können wir uns vorbereiten auf den Empfang Jesu, nicht durch eine sensationslüsterne Neugier. Und somit werden wir heute gefragt: „Bist du bereit zum Dienen und damit vorbereitet auf das Kommen Jesu?“

 

 

Gründonnerstag: Joh 13, 1 -15 und 34 - 35

Dienen ist heute nicht mehr modern. Bei uns ist keiner mehr Diener, sondern wir sind alle Hausherren. Wenn man an die unterwürfigen und trotteligen Dienerfiguren in den Filmen denkt, dann möchte man in der Tat nicht ein solcher Diener sein. Diener sind nach dieser Sicht armselige, unterdrückte Menschen, die keinen eigenen Willen haben und immer nur nach der Pfeife ihres Herrn tanzen müssen.

Jesus aber war sich nicht zu gut, seinen Jüngern gegenüber die Aufgaben eines Dieners auszuführen. In dem heißen Land Palästina mit seinen staubigen Straßen war es einfach erforderlich, daß die Füße gewaschen wurden, wenn man ein Haus betrat. Eigentlich war das die Aufgabe des Hausherrn. Aber er gab das natürlich gern an einen Sklaven ab und zwar an den geringsten von ihnen.

Wenn Jesus aber diese ganz verachtete Arbeit tut, dann erregt das natürlich Anstoß. Das ist dasselbe, wie wenn der Regierungschef persönlich die Klärgrube hinter seinem Haus ausschöpft. Wir verstehen, wenn Petrus sich weigert. Umgedreht wäre es richtig gewesen. Es ist natürlich in Ordnung, wenn man hilfsbereit und höflich zueinander ist. Aber es muß im Rahmen bleiben. Wir sagen gern: „Ich lasse mir nichts schenken. Ich will mir doch nichts nachsagen lassen“ Das Annehmen der Liebe Jesu ist gar nicht so einfach. Wir denken auch sicher: „Wo kämen wir denn hin, wenn es alle so machten?“ Nun, ans Kreuz kommt man, wie man bei Jesus sehen kann. Und mit der Fußwaschung hat es angefangen.

Die Jünger haben den Atem angehalten, als Jesus sich so zum Diener der Menschen macht; selbst dem Judas hat er ja die Füße gewaschen. Aber Jesus will damit ein Beispiel geben, wie sie sich verhalten können. Er will nichts verlangen, was er nicht selber vorgemacht hat. Er hofft, daß sie sich dadurch anstecken lassen, in gleicher Weise füreinander und für andere da zu sein. Es ist ja schließlich die letzte Nacht, die er mit ihnen zusammen ist. Da will er ihnen sozusagen sein Testament mitgeben.

Sein Vermächtnis ist das neue Gebot, daß wir uns untereinander lieben. Das ist zwar nicht so besonders neu, sondern es findet sich schon im Alten Testament. Aber es kommt ja darauf an, daß es jeden Tag bei uns neu wird und wir es auch in unser Leben umsetzen. Jesus ruft uns auf, so wie er die niedrigsten Dienste zu tun, um ein wenig mehr Menschlichkeit in die Welt zu bringen.

Zunächst gilt das Gebot einmal innerhalb der Gemeinde. Aber wir haben natürlich auch eine Pflicht zur Liebe ohne Grenzen. So wie Jesus sich selbst hingegeben hat, so haben wir uns auch hinzugeben an die Welt.

Es gibt sehr viel Haß und Elend in unsrer Welt. Aber sie können überwunden werden, wenn Menschen da sind, die sich nicht scheuen, dem Vorbild Jesu nachzufolgen. Wenn wir es uns gefallen lassen, daß Jesus für uns da ist, dann werden wir auch frei, für andere da zu sein und auch Dienste zu tun, die eigentlich unter unsrer Würde sind. Wenn Jesus, der Große, uns einen großen Dienst getan hat, dann können wir, die Kleinen‚ den kleinen Dienst nicht verweigern. An drei Lebensbereichen kann das einmal deutlich werden:

 

(1) Im Zusammenleben der Menschen kommt es immer wieder zu Beleidigungen. Das tut weh und das kann man nicht so leicht vergessen. Gut kann es nur werden nach dem Beispiel Jesu. Er hat nicht gewartet, bis die anderen ihn bedient haben, sondern ist ihnen entgegengekommen und hat ihnen seine Liebe gezeigt. Wenn man nur den Beleidigten spielt und immer nur von dem anderen Genugtuung erwartet, wird nichts besser.

Vergessen wir aber nicht: Wir sind alle auf die Vergebung anderer angewiesen, denn wir haben auch schon andere beleidigt. Jeder Mensch, ob Beleidiger oder Beleidigter, ist auf die Liebe des anderen angewiesen‚ sonst wäre unser Zusammenleben die Hölle. Deshalb sollten wir auch bereit sein, alte Fronten einmal zu überspringen und die Hand zur Versöhnung zu reichen. Nur so können wir die Außenseiter der Gesellschaft wieder in die Gemeinschaft hineinziehen und uns selber davor bewahren, zu einem Außenseiter zu werden.

 

(2) Jesu Beispiel wäre auch hilfreich angesichts der Unmenschlichkeiten jeder Art, die es in der Welt gibt. Es wird uns fast schon zu viel‚ wenn wir die Zeitung aufschlagen und nur die Überschriften        lesen [Beispiele einfügen].

Die Kirche ist hier fast ohnmächtig, und Gott scheint zu schweigen. Was soll man antworten, wenn gefragt wird: „Wie kann Gott das zulassen, daß so viele Menschen in der Welt hungern und daran sterben?“ Gewiß geht Christus auch an diesen Menschen nicht achtlos vorüber. Auch in ihrem Elend sollen sie etwas von der Liebe Gottes zu den Menschen erfahren können.

Hier sind sowohl Einzelne wie auch die ganze Kirche aufgerufen, dem Beispiel Jesu zu folgen. Getan hat das der Arzt Dr. Binger, der nach dem Vorbild Albert Schweitzers ein Urwaldhospital zunächst in Peru und dann in Mexiko aufgebaut hat. Wir können das nicht alle nachmachen. Aber wir können wenigstens mit Geld den Einsatz dieser wenigen Leute unterstützen. Hier werden Zeichen aufgerichtet für unsren Dienst im Sinne Jesu für die Welt.

 

(3) Der ferne Nächste soll uns nicht davon abhalten, auf die Probleme unsrer nächsten Umgebung zu achten. Wenn wir nach Gelegenheiten fragen, unsre Dienstbereitschaft in die Tat umzusetzen, da möchte ich an erster Stelle als sozialen Schwerpunkt die alten Menschen nennen. Gewiß wird einiges für sie getan, auch von der Kirche. Denken wir an Gottesdienst und Gemeindeveranstaltungen, die doch vielfach von alten Menschen besucht werden und wo sie sicher auch ein Stück Hilfe erfahren. Und wir können auch an die vielen Besuche denken, die Gemeindeglieder von sich aus bei alten Menschen machen‚ auch wenn sie selber schon zu den Alten zu rechnen sind.

Doch welch reiches Betätigungsfeld liegt hier noch für Staat, Kirche und den Einzelnen! Ein einmalige Veranstaltung im Jahr tut es nicht. Wir brauchten, zum Beispiel unbedingt einen Altenclub, wo man .sich treffen und erzählen kann, wo es vielleicht auch Essen gibt und eine Bücherei und vieles andere mehr. Einen Jugendclub haben wir. Aber die Alten werden sich vielfach als überflüssig und abgeschoben vorkommen. Keiner fühlt sich so recht für die verantwortlich; hier könnte vielleicht der Dienst der Kirche einsetzen, nicht nur als Sache der Spezialisten, sondern als Aufgabe für alle.

An solchen Dingen könnte man erkennen, daß hier Christen tätig sind. Wenn man etwa in der Eisenbahn Bekanntschaft schließt mit fremder Menschen, dann wird man wohl nur selten fragen oder herausbekommen, ob der andere zur Kirche gehört oder nicht. Wir sind in diesen Dingen viel zu scheu, um uns zu offenbaren. Viele Parteimitglieder oder Vereinsmitglieder tragen ein Abzeichen und geben sich so zu erkennen und bekennen sich zu ihrer Einstellung. Christen aber bleiben weithin unerkannt.

Da hält ein Zug auf einem Bahnhof. Eine große Schar Frauen will einsteigen. Es gibt ein großes Gedränge und Geschubse. Jede will die erste sein, will einen Sitzplatz oder gar einer Fensterplatz haben. Der Beobachter findet bald heraus, daß die Frauen alle zusammengehören. Sie erzählen und lachen gemeinsam und reichen Süßigkeiten herum. Nur eine Frau läßt man links liegen, um die kümmert sich keiner. Auf einmal packen sie kleine Bücher aus und singen: „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Da merkt der Mann: Das sind ja Fromme, die wohl einen Ausflug mit der Bahn machen. So sind eben die Christen: Fromm reden und singen, Gebete und salbungsvolle Reden, aber von Liebe untereinander keine Spur.

Mancher wird aber nun denken: Was hat denn das alles mit Gründonnerstag zu tun? Da denken wir doch besonders an das Abendmahl, da feiern wir selber das Abendmahl und da wollen wir auch etwas über das Abendmahl hören! Aber im Grunde waren wir schon dauernd bei diesem Thema. Wir haben uns nämlich mit den Folgen des Abendmahls für uns befaßt. Im Abendmahl läßt Jesus uns teilhaben an seinem Tod. Aber wir werden es nur recht empfangen, wenn wir uns dadurch zu gegenseitiger Liebeshingabe rüsten und stärken lassen.

Im Johannesevangelium findet sich kein Einsetzungsbericht für das Abendmahl und auch sonst kein Hinweis auf die Sakramente. Allerdings hat man den rätselhaften Vers 10 dahingehend gedeutet: „Wer gewaschen ist, der bedarf nichts als noch die Füße waschen, denn er ist ganz rein!“ Das hat man so verstehen wollen: Wer durch die Taufe reingewaschen ist von aller Sünde, der braucht nichts weiter als das Abendmahl, um sich täglich neu der Taufgnade zu versichern!

So wie sich Jesus in der Fußwaschung hingegeben hat, so opfert er. sich auch im Abendmahl. Wenn wir uns diesen Dienst gefallen lassen, dann werden wir auch aufgeschlossen zum Dasein für andere. Und dann ist das Abendmahl nicht der Abschied von Jesus, sondern der Anfang eines gemeinsamen Lebens mit Christus und unseren Mitmenschen.

 

 

Karfreitag: Joh 19, 16 - 30

Jesus ist nicht der einzige Mensch, der gekreuzigt worden ist. Die Kreuzigung war bei den Römern eine übliche Todesstrafe. Vielleicht war sie deshalb so beliebt, weil der Todeskampf oft stunden- und tagelang dauerte und die anderen sich an diesem Anblick weiden konnten. Sicherlich erhoffte man sich auch eine abschreckende Wirkung davon. Die Leute haben eher ein Schauspiel darin gesehen, das etwas Abwechslung versprach. Und dabei dachten sie: „Armer Kerl! Zur gut, daß es uns nicht erwischt hat!“

Dabei hätte es eigentlich jeden einzelnen von ihnen erwischen müssen - und auch jeden einzelnen von uns heute. In den Augen Gottes sind wir alle Verbrecher und Hochverräter. Aber wir sind natürlich euch Gottes geliebte Kinder, die nicht alle am Kreuz enden sollen. Deshalb ging ja Jesus stellvertretend für uns ans Kreuz. Aber eine Kreuzigung war damals nichts Besonderes. In dem Film „Spartakus“ wird die Kreuzigung von 6.000 aufständischen Sklaven gezeigt. Was bedeuten da schon die drei Kreuze in Jerusalem? Und doch war der Tod Jesu etwas anderes, weil er f ü r u n s geschah. Wir können sagen: Karfreitag ist die Vollendung des Planes Gottes, die Verherrlichung des Sohnes Gottes und die Errettung des Volkes Gottes.

 

Die Vollendung des Planes Gottes: Die Hinrichtung wird sachlich berichtet, fast im Protokollstil. Nichts ist davon zu hören, daß die Seele des Gekreuzigten erschüttert und verwirrt ist. Kein Weinen und Heilen der Seinen‚ die Flucht der Jünger wird nicht einmal berichtet. Die Entkleidung des Hingerichteten wird nicht als Entwürdigung gesehen, sondern als Erfüllung der Schrift.

Jesus ist nicht das Opfer, sondern er kümmert sich noch fürsorglich um seine Leute. Man hört keinen Klageruf über die Gottverlassenheit, erst recht keinen unartikulierten Schrei, sondern die Aussage des Siegers, daß Gottes Plan nun zum Ziel gebracht ist.

Da hängt kein geschundener Leib am Kreuz, der mit seiner Last die Arme nach unten zieht und an den Nägelwunden reißt, da drücken nicht die Gesichtszüge die ganze Sterbensnot aus, sondern wir sehen einen Christus, der aktiv sein großes Werk vollbringt. Aufrecht steht er vor dem Kreuz, die Nägel sind bloße Zutaten. Das Kreuz ist nur das geometrische Zeichen, das die segnenden oder einladenden Arme abbildet. So hat man die Kreuzigung in der Zeit der Romanik dargestellt (im Gegensatz zur Gotik wie auf dem Isenheimer Altar).

Für den Glaubenden wird das grausig vernichtende Geschehen durchscheinend und er nimmt wahr, daß hier das Heil geschieht. Christus gehört zwar der himmlischen Lichtwelt an, wie das die Gegner des Johannesevangeliums behaupten. Aber er mußte auch ganzer Mensch werden und wie ein Mensch sterben, ehe er wieder erhöht werden konnte. Als er auf das Kreuz genagelt wurde und dieses aufgerichtet wurde, da war das für den‚ der sehen kann, seine Erhöhung. So war Karfreitag nicht die große Stunde der Finsternis, sondern die große Stunde Gottes, dessen Plan nun endlich verwirklicht und ans Ziel gebracht wird.

Zur Deutung des Geschehens greift man auf die Schrift zurück. Das geschieht nicht, um peinliche Lücken der Überlieferung zu füllen. Vielmehr soll deutlich werden: Dies ist nicht der Zusammenbruch der Sache Gottes, sondern die Erfüllung seiner Zusagen, nichts anderes als das, was Gott von Anfang an im Sinn hatte. Niemand konnte ihm das Programm verderben, sondern im Gegenteil: Mit der vermeintlichen Ausschaltung Jesu mußte der Fürst dieser Welt helfen‚ das Werk Gottes zu verwirklichen.

Die spätere Gemeinde hat Jesus auch so dargestellt, daß Jesus sogar noch für die Zukunft seiner Kirche sorgt. Maria, die Mutter Jesu, ist Symbol für die Kirche, für die Gemeinde unter dem Kreuz, die vom Erhöhten das Heil erwartet. Sie wird dem Lieblingsjünger anvertraut, also dem, der das Johannesevangelium geschrieben hat. Man hat also nicht nur die Verheißungen aus dem Alten Testament, sondern auch den Zeugen aus dem Neuen Testament. An sein Wort kann man sich halten. Er verbürgt die Überlieferung von Jesus Christus und nimmt die Gemeinde in seine Obhut und Fürsorge.

Gleichzeitig werden die beiden Gruppen der Urchristenheit, die sich oft um den Vorrang miteinander gestritten haben - die Judenchristen und die Heidenchristen - aneinander gewiesen. Jesus weist in seiner letzten Stunde die Heidenchristen an, in der größeren Kirche ihre neue Heimat zu finden. Und er weist die Heidenchristen an, das Judenchristentum als die Mutter zu ehren, aus der sie hervorgegangen sind.

 

Die Verherrlichung des Sohnes Gottes: Unter dem Kreuz Jesu stehen auch die‚ die nun endlich ihr Ziel erreicht haben‚ wie sie meinen. Dort am Kreuz sollte er enden! Aber ganz zufrieden sind sie immer noch nicht. Pilatus hat am Kreuz die Inschrift anbringen lassen: „Jesus von Nazareth, der König der Juden!“ Aber die Gegner wollen, daß er schreibt: „Jesus hat behauptet, er sei der König der Juden!“ Pilatus hat sich vielleicht gar nichts gedacht bei dieser Überschrift. Aber natürlich bleibt er dabei. Welcher Beamte und dazu noch von der Besatzungsmacht würde jemals etwas freiwillig zurücknehmen.

Vielleicht will er auch absichtlich die Juden ärgern. Denn sie haben ihn ja zu diesem Schritt gezwungen, jetzt zahlt er es ihnen heim. Die Juden haben sich von ihrer Messiashoffnung los­gesagt. Damit haben sie sich selbst gedemütigt. Jetzt fügt Pilatus noch den Hohn dazu. Der Einspruch der Juden macht ihr Verletzt­sein erst recht offenbar. Sie erkennen genau: Ohne es zu wollen ruft Pilatus die Königswürde Jesu aus. Und das noch in drei wichtigen Sprachen, also für die ganze Welt.

Nun kann niemand mehr sagen: „Wer es glauben will, der mag es glauben!“ Nur für die Frommen und die religiös Veranlagten ist Jesus der König. Dann könnte man Jesus unter die Religionsstifter einreihen und die Nichtreligiösen würden in Ruhe gelassen. Pilatus aber hat dafür gesorgt, daß der Anspruch Jesu an die ganze Welt gerichtet ist. Alle können und sollen es lesen. Und sie müssen sich entscheiden, ob sie diesem Wort glauben oder sich daran stoßen werden.

Jesus stirbt ja f ü r die Welt und nicht gegen sie. Er setzt nicht die Macht ein, sondern die Liebe. Er fordert nicht, sondern er schenkt. Wenn er am Schluß sagt: „Es ist vollbracht!“ dann ist das nicht nur ein Seufzer der Erleichterung, weil nun alle Qual ein Ende hat. Vielmehr ist jetzt das entscheidende Werk Gottes vollbracht. Was äußerlich aussah wie ein Werk des Hasses, ist der Sieg Gottes über die Bosheit der Welt.

Wenigstens einer hat es fertiggebracht, das Böse zu überwinden. Deshalb kann auf Karfreitag auch Ostern folgen. Deshalb können wir auch mit dem Bösen in uns fertigwerden. Jetzt geht die stille Gewalt Jesu durch die Welt. Er ist fortan König in dem Reich, das nicht von dieser Welt ist.

 

Die Errettung des Volkes Gottes: Unter dem Kreuz sind auch die Kriegsknechte, die sich um die Kleider Jesu streiten. Sie sind völlig unbeteiligt, ihnen geht es nur ums Geld: Sie haben diesen Jesus für Geld ans Kreuz geschlagen, nun versuchen sie, aus seinen Habseligkeiten noch Geld zu machen. Ausdrücklich wird vermerkt, der Rock Jesu sei ungenäht gewesen. Das erinnert an das Obergewand des Hohenpriesters. Nur ist Jesus sogar ein Hoherpriester, der

sich sogar für die Seinen zum Opfer weiht.

Noch eine Parallele zu jüdischen Bräuchen kann man feststellen: Jesus hängt am Kreuz, während im Tempel die Passahlämmer geschlachtet werden. Dort sind es viele Lämmer, hier ist es das eine Lamm, das der Welt Sünde trägt und stellvertretend für die anderen stirbt. Wir wären ja nicht einmal bereit‚ für die eigenen bösen Taten den Kreuzestod zu erleiden, schon gar nicht stellvertretend für die anderen.

In Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“ soll ein völlig Unbeteiligter anstelle des Freundes hingerichtet werden, für den er sich verbürgt hat. Wären wir dazu bereit gewesen? Wir sind doch froh, wenn wir überhaupt nichts mit dem Tod zu tun haben. Den Gedanken an den eigenen Tod schieben wir von uns weg. Und wenn wir ihn in unsrer Umgebung erleben‚ dann denken wir: „Armer Kerl, nur gut‚ daß es mich nicht erwischt hat!“

Wenn plötzlich ein Mensch aus dem Leben gerissen wurde, zum Beispieldurch einen Unfall, dann sollte man doch annehmen, daß die anderen etwas zur Besinnung kommen. Aber sie sagen höchstens: „Schicksal“ oder „Pech gehabt“ oder „Hauptsache, mir geht es nicht so!“ Sie gehen zur Trauerfeier und sagen Beileid. Aber sie sind kaum zur Kirche heraus, da sind sie schon wieder zur Tagesordnung übergegangen und bereden ganz andere Dinge.

Jesus aber war das unschuldige Opfer, das stellvertretend für uns gebracht wurde. Da kann man nicht unbeteiligt bleiben. Dadurch wurden ja schließlich für unsere Begegnung mit Gott und für unser Leben ganz neue Bedingungen geschaffen. Vielleicht unterschätzen wir die Bedeutung dieser Frage, halten sie für belanglos und unterdrücken sie. Wir meinen‚ hier brauche nichts bereinigt und vollbracht zu werden.

Gott aber weiß es besser. Nur durch das Opfer Jesu leben wir noch. Nun kann uns niemand mehr streitig machen, daß Gott ein Gott für uns ist und uns liebhat.

 

 

Ostern I: Mk 16, 1 - 8 (Variante 1)

Uns ist diese Erzählung bekannt. Man lese sie aber einmal Menschen vor, die keine christliche Tradition haben. Die werden doch sofort sagen: „Das gibt es doch nicht, das ist unmöglich. Einer, der schon zwei Tage lang mausetot war, kann nicht wieder lebendig werden! So etwas ist doch alles Schwindel!“

Man kann darauf mit der frommen Antwort entgegnen: „Bei Jesus ist das etwas anderes. Er war doch Gottes Sohn. Gott hat ihr wieder auferweckt, Gott kann das doch!“ Aber damit wird sich heute kaum einer noch zufrieden geben. Und seien wir einmal ehrlich: Wir sind

zwar Christen und an Ostern erwarten wir auch eine solche Botschaft. Aber wir haben doch auch unsre Fragen. Doch das kann nur gut sein. Nur wer fragt, erhält auch Antwort.

Und so wollen wir uns immer wieder neu um diese alte Botschaft bemühen. An diesem Predigttext sind drei Punkte wichtig: Jesus ist nicht im Grab! Jesus ist mitten in der Welt! Jesus ist uns voraus!

 

(1.) Jesus ist nicht im Grab! Die Menschen einer vergangenen Zeit hatten ein anderes Wirklichkeitsverständnis als wir. Für sie war der kleine Grenzverkehr zwischen der göttlichen und der irdischen Welt kein Problem. Sie konnten ganz unbefangen vor einer Menschwerdung Gottes oder von seiner Himmelfahrt reden, auch wenn sie natürlich wußten, daß dabei niemand wie von einer Rakete angetrieben in die Luft saust.

Seit der Aufklärungszeit vor 200 Jahren haben wir es verlernt, hinter solchen naiven Geschichten noch die eigentliche Wahrheit zu entdecken, die damit ausgedrückt werden sollte. Für uns ist es einfach undenkbar geworden, daß ein Toter noch hinterher irgendwelche Wirkungen auf die Lebenden haben kann.

Wir wissen eben zu genau, daß ein Toter in der Erde verwest und nach 30 oder 50 Jahren ist nichts mehr von ihm da. Viele wollen sich da damit helfen, daß sie von der „Seele“ sprechen. Aber alle Ostererzählungen sprechen doch davon, daß die Jünger den ganzen Jesus gesehen haben und nicht nur so etwas wie eine Seele. Was sollen wir uns überhaupt darunter vorstellen?

Ausgangspunkt für den Osterglauben waren allein die Erscheinungen Jesu vor den Jüngern. Paulus zum Beispiel ist ihm vor Damaskus begegnet und ist daraufhin ein Christ geworden. Die Erzählung vom leeren Grab hat er wahrscheinlich nicht gekannt, denn er erwähnt sie nirgends. Dennoch hat er natürlich an die Auferstehung geglaubt und erwähnt sie ausdrücklich in seinem Glaubensbekenntnis in 1. Korinther 15.

Man kann also auch an die Auferstehung glauben, ohne die Vorstellung vom leeren Grab dabei zu haben. Wir glauben aber nicht an das leere Grab, sondern an den auferstandenen Jesus. Nur wer weiß, daß Jesus lebt, dem ist die Erzählung vom leeren Grab eine zusätzliche Stütze für seinen Glauben. Aber ohne diesen Glauben kann man nur mit Kopfschütteln über eine solche Geschichte hinweggehen.

 

 (2.) Jesus ist mitten in der Welt! Entscheidend für unsren Glauben ist allein: Man kann Jesus auch heute begegnen. Aber dazu muß man sich nicht nach Jerusalem aufmachen, um ihn dort in der Nähe des leeren Grabes zu suchen. Inmitten in unserer Welt können wir ihm begegnen. Jesus ist nicht im Grab, sondern mitten in unserem Leben gegenwärtig. In anderen Religionen spielt das Grab eine große Rolle. Bei den Ägyptern baute man ja sogar die riesigen Pyramiden als Grabkammern für die Gottkönige. Das Grab sollte dem Toten eine gewisse Ewigkeit verleihen. Solange man das Grab hatte, war er noch mitten unter seinen Verwandten und unter seinem Volk. Durch das Grab konnte man noch über den Toten verfügen.

Denken wir auch daran, welche Rolle das Grab bei uns heute spielt. Viele sind am heutigen Tag schon an einem Grab gewesen oder wollen noch hingehen. Wir fragen gar nicht: „Wer wälzt uns den Stein?“ Unsere Grabsteine sind festgefügt und Zeichen für etwas Endgültiges. Wir wollen Erinnerungen pflegen und dem Tod noch ein Stück Leben abringen. Wenn man an das Grab eines Angehörigen tritt, dann nimmt man sozusagen noch einmal Verbindung mit ihm auf. Er ist noch nicht in zu weite Ferne gerückt und meint auch, noch mit ihm sprechen zu können. Das ist alles menschlich gesehen sehr verständlich. Aber vom christlichen Glauben her ist das nicht nötig. Wenn wir fest an die Auferstehung der Toten glauben, dann sind wir an kein Grab gebunden.

Als ein Vater gestorben war, sagte die Mutter zu dem Kind: „Der Vater ist jetzt im Himmel!“

Das Kind dachte dabei aber gar nicht an irgendein Grab auf dem Friedhof, sondern es schaute zu dem kleinen Stück Himmel, das man vom Küchenfenster aus sehen konnte, und dachte in meiner kindlichen Vorstellung: Dort ist er nun und sieht auf uns herab!“ Am Grab hängt es also nicht. Und vielleicht begreifen gerade die Kinder und primitive Leute am ehesten, was Auferstehung ist.

Es gab aber auch in der Kirche einen Kult um das Grab Jesu, obwohl niemand weiß, wo es tatsächlich ist. Aber wegen dieses Grabes hat man die Kreuzzüge unternommen. Man hat eine Kirche gebaut, die heute eine Attraktion für die Touristen ist, gerade in der Osterzeit. Aber

Jesus läßt sich nicht in ein Grab oder in eine Kirche einfangen. Jesus ist anders als die Pharaonen Ägyptens. Wir predigen nicht das leere Grab, sondern den auferstandenen Jesus Christus.       

 „Galiläa“ war für die Juden das Land der Heiden. Dort, mitten in der weltlichen Welt, wird ihnen Jesus begegnen, so wie er uns heute in unsrer technisierten und weitgehend gottlosen Welt begegnet. Jesus ist mitten drin in der harten täglichen Arbeit, im Genuß und im einfachen Leben, im Elend und in der Beschaulichkeit, in Liebe und in Tod. Da werden wir ihn sehen.

Doch erst wer von ihm gehört hat, wird ihn auch sehen - nicht mit der Augen sehen, aber mit dem Herzen. Das Entscheidende an Ostern ist die Botschaft und nicht, daß man die Aufer­stehung mit eigenen Augen sehen kann. Davon wird nirgends im Neuen Testament erzählt; nur die Auswirkungen des Osterereignisses werden deutlich und die Osterbotschaft wird weitergesagt.

 

(3. ) Jesus ist uns voraus! Galiläa war nur die erste Station Jesu. So wie Gott in der Mosezeit seinem Volk voranzog, so ist Jesus vorangezogen in die griechische, römische, germanische, slawische, angelsächsische und afro-asiatische Welt. Er ist auch vorangeschritten in die Welt der Neuzeit, der Wissenschaften und der Revolutionen. Und heute ist er jetzt bei uns, das ist das Wichtigste.

Wo begegnet der Auferstandene uns heute? Er begegnet uns nicht im Auf und Ab der Weltgeschichte. Und schon gar nicht begegnet er uns im Werden und Vergehen der Natur. Viele sehen in Ostern doch nur das große Frühlingsfest, an dem man alle Jahre wieder das große Wunder der Auferstehung der Natur erleben kann. Das wichtigste an Ostern ist nicht der Osterspaziergang, sondern der Osterkirchgang. Nur dort können wir dem Auferstandenen begegnen. In seinem Wort, in Taufe und Abendmahl und in dem Mitchristen neben uns ist er bei uns. Schon wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da finden wir seine Kraft und seine Hilfe, die sich dann auch in unserem Leben auswirkt.

 

Von der Auferstehung Jesu damals in Jerusalem habe ich doch noch nichts. Sie ist aber die Voraussetzung für unsre eigene Auferstehung. Durch Taufe und Abendmahl werden' wir in dieses Auferstehungsgeschehen mit hineingenommen. Andererseits ist die Auferstehung

erst etwas Zukünftiges, sie ist uns erst für die Zeit nach unserem Tod verheißen.

Aber wir werden auch nicht einfach auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet. Die Auferstehung wirkt schon ins unsere Gegenwart hinein, so daß wir leben können, als wären wir schon Neugeborene. Auferstehung ist etwas Vergangenes (was Jesus anbetrifft) und etwas Zukünftiges (was uns anbetrifft). Aber sie ist vor allem auch Gegenwart, nämlich die Hoffnung, die jetzt schon unser Leben bestimmt.

Wenn ein Mensch ganz neu wird, wenn er Gott gehorsam wird und seinem Mitmenschen Liebe erweist, dann beginnt die Auferstehung schon wirksam an uns zu werden. Jesus ist uns dabei immer schon voraus. Er will uns hinter sich herziehen der Zukunft bei Gott entgegen.

Jesus ermächtigt uns, an der Gestaltung der neuen Zeit mitzuwirken. Aber am Ende aller Zeit, da werden wir zu i h m kommen und mit dem Auferstandenen vereint sein.

 

 

 

Anspiel zu Ostern - statt einer Predigt /(Variante 2)

 

Dorothea: Verlesung des Predigttextes Mk 16, 1- 8

Lied: „Antwort auf alle Fragen gibt uns dein Wort“

 

Gunter: Ihr singt hier so unbekümmert: „Antwort auf alle Fragen gibt uns dein Wort“. Dabei stellt dieses Wort uns doch nur neue Fragen. Dorothea hat da eben die Geschichte von der Auferstehung Jesu vorgelesen. Aber ich habe noch niemanden wieder lebendig werden sehen, der schon zwei Tage mausetot war.

 

Uta: Aber bei Jesus ist das doch etwas anderes. Der war doch Gottes Sohn. Deshalb hat ihn halt Gott wieder auferweckt. Gott kann das doch!

Dorothea: Aber was nützt das mir? Daß dieser Jesus auferstanden ist, kann mir doch egal sein. Ich will wissen, ob i c h einmal auferstehen werde. Ich will wissen, was mit mir geschieht, wenn ich einmal gestorben bin. Was soll das Leben denn für einen Sinn haben, wenn nachher nichts mehr kommt?

 

Elke: Aber es sieht doch ganz so aus, als käme wirklich nichts mehr. Der tote Mensch wird in die Erde gelegt und verwest und nach 30 oder 50 Jahren ist nichts mehr von ihm da.

Margitta: Aber die Seele kommt doch in den Himmel. Sie haben Jesus begraben wie andere auch, aber seine Seele ist bei Gott.

 

Pfarrer: Ja, so könnte man denken, wenn man liest, was Paulus über die Auferstehung Jesu sagt. Er meint im 2. Korintherbrief in Kapitel 5: „Der alte Leib wird zerbrochen und wir erhalten alle einen neuen Leib von Gott!“ Also käme die Seele in den Himmel und kriegt auch einen neuen Leib.

Ursel: Es fällt mir ein, was neulich einmal ein Arzt gesagt hat. Ein Kranker hatte ihn gefragt, ob mit dem Tode alles aus ist. Da hat er geantwortet: „Gott hat uns in der Geburt erschaffen. Warum sollte er uns nicht noch einmal einen neuen Leib geben können?“

Gunter: Wenn ich recht verstanden habe, meint ihr jetzt: Der Mensch kommt zu Gott und wird von ihm mit einem neuen Leib umgeben. Der alte Leib bleibt also im Grab liegen. Aber Gott kann dennoch einen Menschen auferwecken, er ist nicht an unseren irdischen Körper gebunden.

Pfarrer: Ja, Paulus erwähnt an keiner Stelle das leere Grab Jesu. In 1. Korinther 15 hat er einmal die Hauptpunkte des Evangeliums zusammengefaßt. Und da sagt er nur: „….gestorben und begraben, auferstanden und gesehen worden“ - so ähnlich wie in unserem Glaubensbekenntnis. Wahrscheinlich hat Paulus die Erzählung vom leeren Grab gar nicht gekannt. Aber er hat doch an die Auferstehung Jesu geglaubt, weil er dem auferstandenen Jesus selber begegnet war, damals vor Damaskus.

 

Heidi: Vielleicht sehen wir uns den Predigttext aus Markus 16 noch einmal genauer an. Der wichtigste Vers ist doch wohl der Vers 6: Der Engel verkündet den Frauen: „Jesus ist auferstanden!“ Das ist die Hauptsache, das sollen sie jetzt glauben. Nur ergänzend zeigt der Engel auf die Stelle, wo Jesus gelegen hat. Aber die Frauen hätten dem Engel auch geglaubt, wenn der Leichnam noch dagelegen hätte. Und wir würden es heute auch noch glauben. Vielleicht sogar noch eher glauben, wenn wir nicht an diese Geschichte vom leeren Grab glauben wollen. Hauptsache ist doch: Die Seele ist im Himmel!

 

Margot: Ihr immer mit eurer Seele. Hast du denn eine? (zu Heidi): Ich habe noch keine gesehen. Und was nützt es mir denn, wenn so ein Stück von mir zu Gott kommt. Ich will wissen, ob wir so wie wir hier sind, in den Himmel kommen - ob ich zum Beispiel meine Verwandten wiedersehe?

 

Pfarrer: Paulus sagt in dem schon erwähnten Kapitel 1. Korinther 15: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben!“ Das ist hart, aber sicher richtig: Unser irdischer Körper wird einmal zerfallen und so wie heute nie wiedererstehen. Und eine „Seele“ - wie wir das immer verstehen, gibt es nicht. Mit Seele ist etwas anderes gemeint als ein Körperorgan, Seele ist der ganze Mensch, das Wesen des Menschen, seine Person, mit der er schon immer Kontakt hat zu Gott. Darauf kommt es an: daß wir schon in unserem Leben Verbindung haben zu Gott. Dann wird er auch nach unserem Tode mit uns in Verbindung bleiben, so wie er mit Jesus in Verbindung blieb, auch nach der Kreuzigung. Die Geschichte Jesu Christi hat nicht mit dem Tod ein Ende gefunden. Mit Ostern beginnt sie erst eigentlich. Er lebt!

 

Elke: und für uns beginnt mit Ostern auch jedes Jahr etwas Neues. Ostern - das Fest des Frühlings - wo in der Natur alles grünt und blüht….das ist doch Auferstehung! Alle Jahre wieder erleben wir dieses große Wunder. Und wir haben als Menschen auch immer wieder daran teil.

 

Dorothea: Nun aber einmal langsam. Ostern ist nicht das Fest des Frühlings, sondern das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Und wir erleben auch nicht jedes Jahr eine Auferstehung, sondern nur einmal. Aber das liegt noch in ferner Zukunft irgendwann einmal nach unserem Tod, in Tausenden oder Millionen oder auch Milliarden von Jahren wird Gott uns wieder auferwecken.

 

Elke: Dann werden wir also doch auf eine bessere Zukunft vertröstet. Was nützt mir das aber heute? Ich denke. Die Auferstehung Jesu und unsere Auferstehung müßten doch eine Auswirkung auf unser Leben heute haben. Ich meine: Auferstehung geschieht schon jetzt, wenn ein Mensch neu wird, wenn er Gott gehorsam wird und seinen Mitmenschen Liebe erweist. Das ist Auferstehung, jetzt und hier in unserem irdischen Leben! Was nach dem Tode kommt, kann mir ja egal sein.

 

Margot: Hat diese Ansicht, daß Auferstehung schon jetzt geschieht, nicht auch etwas mit dem Abendmahl zu tu? Das Abendmahl ist doch auch ein Geschenk Gottes, das den Menschen ganz neu machen will, das ihm Kraft und Stärkung geben will für sein Leben und für sein Sterben. Ist im Abendmahl nicht schon die Auferstehung für uns gegenwärtig?

 

Pfarrer: Das Abendmahl ist schon das Anrecht auf die Auferstehung. Allerdings nicht im Sinne einer Lebensversicherung, so als könnte überhaupt nichts mehr passieren, wenn man das Abendmahl erhalten hat. Man muß sicher immer beides miteinander sehen: Die Auferstehung wird uns erst in der Zukunft geschenkt. Aber das wirkt schon in die Gegenwart hinein, so daß wir leben können wie Neugeborene, als wären wir schon auferstanden. Aber es ist durchaus nicht gleichgültig, ob Jesus auferstanden ist oder nicht. Nur weil Gott ihn nicht im Tod gelassen hat, haben wir überhaupt die Gewißheit der Auferstehung.

 

 

Ostern II: Lk 24 , 13 - 35

Wer auf dem Friedhof einen lieben Menschen hat begraben müssen, der geht mit traurigen Gedanken heim. Stellen wir uns vor, es war noch ein junger Mann, der Ernährer der Familie, es sind noch kleine Kinder da. Was wird nun werden? Wie wird sich die neue Situation bewältigen lassen? Die ersten Tage begegnet den Angehörigen noch eine Welle der Hilfsbereitschaft. Aber nachher geht jeder wieder zur Tagesordnung über und hat seine eigenen Probleme, die Hinterbliebenen sind auf sich allein gestellt.

Sie haben zwar bei der Trauerfeier das Wort von der Auferstehung gehört. Aber das löst ja nicht ihre gegenwärtigen Probleme. Sie wissen nicht aus noch ein. Sie tun etwas ohne Sinn und Verstand, nur um überhaupt etwas zu tun. Schnell macht sich auch innere Leere breit,

weil man enttäuscht ist: vom Leben allgemein, von anderen Menschen, auch von sich selbst. Was man erhofft hatte, das läßt sich nicht mehr verwirklichen. Man kann nur noch tief enttäuscht sein.

In dieser Stimmung sind auch die beiden Jünger, die uns in der Emmaus-Erzählung vor Augen gestellt werden. Sie verlassen Jerusalem mit hängenden Köpfen und traurigen Herzen. Sie sind erschrocken und eingeschüchtert durch die Ereignisse in Jerusalem. Ire großen Pläne von der Befreiung von der römischen Fremdherrschaft und von wichtigen Posten für die Jünger Jesu sind zerronnen. Sie können nur nach rückwärts schauen und dabei nur enttäuscht und traurig sein. Sie sehen keine Zukunft vor sich.

Sie gehen fort von Jerusalem, denn dort haben sie nichts mehr zu suchen. Damit gehen sie auch von Jesus fort, denn Jesus ist tot und nichts mehr von ihm zu erhoffen. Im Grunde war er ihnen auch vorher ein Fremder geblieben, denn sie hatten sich etwas anderes von ihm erhofft. Nun wollen sie erst einmal nach Hause und dann irgendetwas anfangen, um alles vergessen zu können.

In diesen beiden Männern können wir uns selber erkennen. Haben wir ihn denn jemals verstanden? Vor allem: Haben wir ihn richtig verstanden? Wir reden von Gottes „Liebe“ und meinen, Gott müsse uns alles erfüllen, was wir wollen und was uns gerade einfällt. Wir reden von der „Vergebung der Sünden“ und decken damit nur unsre Bequemlichkeit zu und nehmen die Sünde nicht ernst. Wir reden von der „Erlösung“ und meinen, Gott müsse all unsere kleinen und großen Beschwerden aus dem Weg räumen.

Wir haben unsere Ansprüche und Erwartungen an Gott, sehen aber nicht, was er mit uns vorhat. Oft suchen wir unser sogenanntes „Glück“ auf eigene Faust und begnügen uns mit dem, was die Welt zu bieten hat. Erst wollten wir den Berggipfel bezwingen. Aber dann bleiben wir bei einigen schönen Blumen im Tal hängen. Die Berufsausbildung geht vor, für die Familie muß man etwas tun, das Haus muß in Ordnung gehalten werden…..Wenn dann noch Zeit ist, kann man immer noch auf den Gipfel steigen, kann man sich immer noch mit Gott befassen. So denken wir doch oft.

Wir meinen dann, es läge an uns, ob wir uns zu Gott aufmachen oder nicht. Dabei hat er sich selbst zu uns aufgemacht und ist uns auch heute nah. Der auferstandene Jesus geht den ent­täuschten Jüngern nach. Er müht sich um sie, hat Zeit für sie und führt sie Schritt für Schritt zu neuer Erkenntnis. So geht er auch uns nach, gerade wenn wir einmal eine Enttäuschung erlebt haben.

Wir sind allerdings doch auch in einer anderen Lage als beiden Jünger. Diese haben Jesus bis Karfreitag persönlich gekannt, sie hätten ihn auch nach Ostern gleich erkennen müssen. Aber sie haben noch nicht gewußt, was wir heute wissen. Mit einer Auferstehung konnten sie ja nicht rechnen, das lag völlig außerhalb ihres Gesichtskreises. Wir aber kennen die Geschichte schon und wissen‚ daß der auferstandene Jesus hier mit den Jüngern redet.

Doch noch wichtiger ist ja, daß auch wir in Kontakt mit ihm kommen. Es geht ja nicht um einen allgemeinen Sachverhalt, der „Auferstehung“ heißt, sondern auf die persönliche Ge­mein­schaft mit Jesus kommt es an. Doch dieser Jesus ist uns näher, als wir oft denken. Jesus ist mit uns auf dem Wege, auch wenn wir ihn nicht erkennen. Auch wem wir uns ganz einsam und verlassen fühlen, ist er uns zur Seite. Gerade dann, wenn wir uns mit großen Zweifeln herumquälen, will er uns helfen. Er ist sogar bei denen, die ihn noch gar nicht kennen und die sich mit Händen und Füßen sträuben, ihn anzuerkennen. Wir meinen oft, mit unseresgleichen allein zu sein oder auch uns mit irgendeinem Fremden zu unterhalten. Aber in Wirklichkeit ist Jesus mit dabei und begegnet uns auch in unseren Mitmenschen.

Vielleicht ist er schon lange hinter uns her. Vielleicht will er sich gerade heute zu erkennen geben. Vielleicht waren unsre Augen bisher „gehalten“, so daß wir ihn nur noch nicht erkannt haben. Oftmals wollen wir verzagen und sehen keinen Ausweg mehr. In Wirklichkeit aber ist die Hilfe schon unterwegs zu uns, und eine Lösung ist schon gefunden.

Den Jüngern damals hat zunächst das Verständnis der Heiligen Schrift geholfen. Sie hatten es aber wirklich schwer damit. Sie kannten ja noch nicht das Neue Testament wie wir, sondern sie hatten nur die Schriften des Alten Testaments. Sie kannten sicher eine Menge Prophetensprüche, die von dem Retter Gottes handelten, von seinem Leiden und andeutungsweise auch schon' von seinem Auferstehen. Aber bisher waren das nur tote Buchstaben geblieben‚ sie hatten diese Worte noch nicht mit Jesus in Verbindung gebracht.

Erst der Herr selber muß ihnen die Auslegung geben: Wenn sie die Schrift verstanden haben, werden ihnen auch die Augen geöffnet werden. Und schließlich werden sie erkennen: Es genügt, die Heilige Schrift zu haben und richtig zu verstehen. Dann braucht man Jesus gar nicht mehr leibhaftig vor Augen zu haben, dann ist ja schon alles klar und kein Zweifel mehr möglich.

Aber für die Jünger damals war das ein gewaltiger Schritt. Mit Jesus war ja nicht nur irgendeiner gestorben, den man liebgehabt hatte, sondern hier waren die Hoffnungen eines ganzen Volkes zusammengebrochen. Hier war der Glaube an Gott ins Wanken geraten. Es war wohl nur schwer zu begreifen, daß der Tod Jesu doch Gottes eigene Tat war. Vielleicht mußte Jesus erst sterben, ehe man ihn verstehen konnte. Nun wurde klar, daß sein Reich nicht von dieser Welt ist. Der erwartete König der Heilszeit mußte durch Leiden und Tod gehen‚ um den Willen Gottes zu erfüllen.

Unsere Erwartungen an ihn sind meist anders. Wir meinen, Gott hätte sich in der Welt durchsetzen müssen, notfalls auch mit Gewalt. Er hätte doch längst mit den Nöten der Welt fertigwerden müssen. Wir hatten Hilfe von ihm erhofft, aber sie blieb aus. Wir sind zum Gottesdienst gegangen, aber nichts ist passiert.

An den Emmausjüngern jedoch sehen wir, wie man Ostern erleben kann: Erst große Traurigkeit und Enttäuschung. Dann wird ihr Herz von den Worten des Unbekannten angeregt, wie er da mit ihnen die Schrift durchgeht und ihren den Schlüssel zum rechten Verständnis Gottes gibt. Schließlich geht ihren ein Licht auf und sie werden von einer großen Freude erfüllt. Nun beginnen sie ihr Leben neu zu sehen und finden sich wieder in der Welt zurecht.

Doch das Wort Gottes allein macht es auch nicht. Es geht nicht allein um die Botschaft, sondern auch um den, der sie sagt. Der Bote kann nicht einfach wieder abtreten und durch einen anderen ersetzt werden. Glaube ist nicht das Kennen christlicher Lehrsätze, sondern eine Lebenshaltung: Er ist die Lebensgemeinschaft mit Christus, er gehört zu jeder Wende im Leben der Jünger mit dazu.

In ihrem Heimatort angekommen bitten die Jünger den Unbekannten: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget!“ Das ist nicht nur eine Sache der Höflichkeit, sondern sie wollen ihm Gastfreundschaft gewähren, so wie sie es von Jesus gelernt hatten. Vor allem aber soll er ihnen helfen, die neu aufgekeimte Hoffnung wachsen zu lassen. Ihr Glaube wird nur Bestand haben, wenn jener Helfer bei ihnen bleibt.

Als er das Brot bricht, erkennen sie, wer er wirklich ist: So hat Jesus immer das Brot am Beginn der Mahlzeit gebrochen, als er noch bei ihnen war. Jetzt sitzen sie wieder zum Abendbrot zusammen, und er ist mitten unter ihnen. Wir denken hierbei natürlich gleich an das Abendmahl, in dem Jesus ja auch unsichtbar gegenwärtig ist.

Wir denken vielleicht auch an den Ablauf des Gottesdienstes (es ist ja ein Sonntag!), bei dem es auch um die Auslegung der Schrift und das gemeinsame Mahl geht. Jesus kann uns zwar auch außerhalb des Gottesdienstes begegnen und Glauben wecken; aber der Gottesdienst ist doch eine besondere Gelegenheit dazu. Hier können wir auch nach Ostern noch Gemeinschaft mit Jesus haben.

Den Jüngern werden die Augen erst bei dem Mahl geöffnet. Wir würden es eher umgekehrt sagen: Nur die Predigt erklärt uns alles, das Abendmahl ist nur ein stimmungsvolles Anhängsel, das man vielleicht nicht einmal so recht versteht. Viele beurteilen den Gottesdienst nur nach der Predigt und sehen in dem anderen nur eine feierliche Umrahmung. Doch hier wird uns deutlich: Nur in Wort u n d Sakrament haben wir die volle Gemeinschaft mit dem auferstandenen und lebendigen Herrn!

Doch als die Jünger das erkennen, ist Jesus wieder verschwunden. Es kommt ja auch gar nicht darauf an, w i e die Auferstehung geschehen ist, sondern d a ß sie geschehen ist. Wir werden heute beim Abendmahl auch nur für einen flüchtigen Augenblick erkennen können, daß Jesus dahinter steht; nachher sehen wir wieder nur Brot und Wein; aber das heißt ja nicht, daß Jesus nicht da bliebe. Jesus muß ja nicht unbedingt sichtbar sein. Aber er ist da, wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen.

Deshalb gehen auch die Jünger wieder zurück nach Jerusalem. Das Kreuz, das dort steht, bedeutet keine Anfechtung mehr für ihren Glauben. Sie suchen die Gemeinschaft der anderen Christen und möchten sie teilnehmen lassen an ihrer Freude. In der Gemeinde stützt man sich gegenseitig im Glauben und wird von Jesus gehalten. In der Gemeinde kann es auch zur rechten Osterfreude kommen, weil dort einer dem anderen weitersagt: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

 

 

Quasimodogeniti: Joh 20, 19 - 31

Ein Professor für systematische Theologie hielt einen Bibelabend über die heutige Geschichte vom ungläubigen Thomas. Zunächst hat er alles kurz nacherzählt und dann die Frage gestellt: „Ist das denn alles so geschehen?“ Alle erwarteten natürlich: „Jetzt wird er uns Wort für Wort beweisen, daß alles so war - das ist doch die Aufgabe eines Professors der Theologie! Er wird schon allen Zweiflern eins aufs Dach geben!“

Aber da gab sich der Professor schon selbst die Antwort: „N e i n, diese Geschichte ist keine Tatsache wie etwa die Kreuzigung!“ Man kann sich vorstellen, daß Viele erst einmal aus al­len Wolken fielen. Sie waren felsenfest vom Gegenteil überzeugt und hatten all diese biblischen Geschichten als Tatsachenberichte genommen. Aber diese Erzählungen sind eben nicht geschichtlich in dem Sinne wie etwa ein Zeitungsartikel über ein ganz bestimmtes Ereignis.

Dann hat also dieser Thomas doch recht mit seinem Zweifel: Hätten wir denn die Geschichte geglaubt, so wie sie dasteht? Jesus kommt durch die verschlossene Tür. Das kann doch kein Mensch! Jesus war ja auch kein Mensch mehr; er war ja gestorben und wieder auferstanden, aber nicht mehr mit einem Leib wie vorher: Maria Magdalena hat ihn nicht berühren dürfen, als sie ihm im Garten begegnete. Die Jünger haben ihn nicht berührt. Und selbst Thomas verzichtet nachher darauf, obwohl er es doch so entschieden und stürmisch verlangt hatte. Auch Thomas hat gemerkt, daß mit Jesus etwas anders geworden ist. Deshalb kann er ja trotz verschlossener Türen bei ihnen sein. Wir dürfen die Geschichte aber nicht so verstehen, als habe sich plötzlich aus der Wand eine Gestalt gelöst und sei auf die Jünger zugegangen, und das sei Jesus gewesen. Hier muß etwas anderes gemeint sein: Jesus war bei den Jüngern. Aber w i e, das können wir heute nicht mehr so genau feststellen.

Andererseits ist Jesus immer noch derselbe, der Jesus, den sie früher gekannt haben. Sie erkennen ihn auch jetzt sofort wieder. Nur ist er jetzt anders bei ihnen als früher. Das mußten sie erst alle einsehen.

Im Grunde muß man doch allen Jüngern den Vorwurf machen: „Ihr glaubt nur, weil ihr gesehen habt!“ Doch eigentlich ist das gar kein Glaube, sondern ein Für-wahr-halten. Wir müßten das abschließende Wort Jesu so übersetzen: „Hältst du nur deshalb für wahr, weil du gesehen hast? Wohl denen, die nicht sehen und doch vertrauen!“ Es geht also darum, ob man dem Wort Jesu vertraut. Ud dieses Vertrauen nennt Jesus „Glaube“. Wir sollen nicht einfach für wahr halten, daß Jesus durch eine verschlossene Tür geht; darauf kommt es bei dieser Geschichte gar nicht an. Wir sollen aber Jesus vertrauen: Er ist bei den Jüngern, obwohl alles verschlossen ist.

Es gibt ja heute drei verschiedene Gruppen von Menschen, die grundsätzlich verschieden den­ken. Viele leben noch in einer Welt der vollkommenen Harmonie, es gibt keine Probleme und alles ist ihnen selbstverständlich. Diese Menschen nehmen auch alle Geschichten der Bibel wörtlich; es gibt für die gar keine Fragen, sie lassen sich durch keinen Zweifel erschüttern. Eigentlich sind diese Menschen zu beneiden, denn ihnen bleibt vieles erspart, was anderen Mühe macht. Für sie gibt es auch bei dieser Thomasgeschichte keine Fragen.

Die meisten hängen jedoch noch in der Weltanschauung des 19 Jahrhunderts: Am Anfang war die Materie und diese entwickelt sich nach festen Naturgesetzen immer weiter bis zum heutigen Zustand. Es gilt nur das, was sich objektiv zeigen und beweisen lassen kann. Nur was ge­messen werden kann und Geld einbringt, hat einen Wert. Von daher gesehen ist natürlich das Ostererlebnis des Thomas ein völliger Unsinn und eine lügnerische Erfindung.

Doch dieses Denken ist heute längst nicht mehr modern, auch wenn es von den unverbesserlichen Gottesleugnern immer wieder erneuert wird. Der Satz: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ ist heute einfach Unsinn. Es gibt mehr, als wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Wer nur das

als wirklich ansieht, was er sieht, für den ist die Welt nur sehr klein.

Zur Beispiel hat nach niemand ein Atom gesehen - und doch ist es da. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind nicht sichtbar und nicht vorstellbar, aber sie sind doch wahr: Gott ist nicht sichtbar und nicht vorstellbar, aber er ist doch für uns da. Es kommt nur darauf an, wie man ihn erkennen will.

Nehmen wir ein Fernrohr - aber Gott ist nicht bei den Sternen. Nehmen wir ein Mikroskop - aber Gott ist nicht im Atom! So kann man Gott nicht sehen. Wir haben nur ein Organ dafür: den Glauben! Wer an Gott glaubt, wird ihn erkennen und ihm werden die Augen geöffnet.

Doch der Thomas ist ein gutes Beispiel für die durchschnittliche Haltung der Menschen, die nicht glauben können, ohne Wunder zu sehen. Eigentlich müßten sie doch dem Wort der anderen Jünger glauben, die lügen doch nicht. Die haben doch auch wirklich etwas erlebt: Jesus hat ihnen den Heiligen Geist verliehen und ihnen den Auftrag zur Weltmission gegeben, er hat sie von ihrer Furcht erlöst und ihnen eine befreiende Freude geschenkt. Das sind doch alles Dinge, die man objektiv feststellen kann, es handelt sich doch nicht um Einbildungen der Jünger.

Aber Thomas ist nicht dabeigewesen. Da geht es ihm wie uns: Wir waren nicht dabei. Vielleicht hatte er sich enttäuscht und verbittert von den anderen abgewendet, vielleicht war dieser Jesus erledigt für ihn. Jetzt muß Thomas erst wieder in die Gemeinde zurückfinden. Aber er kommt wenigstens. Er will seinen Glauben selber finden. Er ist bereit, sich überzeugen zu lassen. Das ehrt ihn. Negativ an ihm ist, daß er Bedingungen stellt, von denen er den Glauben abhängig macht. Aber Jesus geht auch darauf ein. Er macht auch uns immer wieder solche Konzessionen, obwohl wir im Grunde natürlich nur allein mit seinem Wort zufrieden sein sollten.

Wenn wir fragen: „Was führt uns zum Glauben an Jesus?“ dann gibt uns diese Geschichte die Antwort: Er wird uns in der Gemeinde durch Jesus geschenkt. Dort wird das Wort Gottes weitergesagt und das Zeugnis derer, die dabei waren, ausgelegt. Dort kann man offen über seine Zweifel reden und von den anderen Hilfe erfahren. Wo sich Menschen unter dem Wort Gottes zusammenfinden, da ist Jesus gegenwärtig. Das ist die tiefe Wahrheit dieser Geschichte, darum geht es hier.

Aber es gibt keinen Beweis dafür. Auch wenn Thomas den auferstandenen Herrn berührt hätte, wäre das noch kein Beweis gewesen. Wer nicht glauben w i l l, der findet immer tausend Ausreden, um sich davor zu drücken und wird immer neue Vorbehalte anmelden.

Im Grunde geht es dabei gar nicht um die verstandesmäßigen Zweifel, sondern es handelt sich um einen Mangel an Vertrauen. Der Glaube ist halt doch immer ein Wagnis. Wenn man schwimmen lernen will, muß man erst ins Wasser gehen. Aber wenn man dann erst drin ist, lernt man es auch - wenn man die richtige Anleitung hat, wenn ein anderer die Sache richtig erklärt. Man muß nicht unbedingt etwas sehen, das kommt höchstens noch zusätzlich dazu. Aber durch das Sehen wird nichts leichter. Man muß selber mitmachen!

Die Jünger hätten auch noch zweifeln können, als sie Jesus gesehen hatten; aber sie haben ihm vertraut. Wir heute sind nicht selig, weil wir Jesus nicht sehen, sondern wenn wir glauben. Unser Glaube ist nicht wertvoller als der Glaube derer, die Jesus noch gesehen haben. Wir dürfen die Augenzeugen Jesu nicht verachten, nur weil Jesus gesagt hat: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Aber wir dürfen sie auch nicht beneiden, denn der Glaube ist nicht vom Sehen abhängig.

Vielleicht sieht man das noch an ehesten an kleinen Kindern. Abends müssen sie allein ins Bett. Oft haben sie dann Angst und weinen. Sie haben noch kein Vertrauen und denken: „Vater und Mutter haben mich allein gelassen!“ Aber wenn dann die Tür aufgeht und Vater oder Mutter stehen am Bett, dann ist alles wieder gut. Die größeren Kinder haben es dann auch gelernt und wissen: Auch wenn es dunkel ist, sind Vater und Mutter doch da, auch wenn man sie nicht sieht. - So ist auch der Glaube eine Zuversicht auf das, das man erhofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht (Hebr. 11,1).

Ob die Eltern, die ihr Kind „Thomas“ nennen, das alles bedenken? Ob sie überhaupt diese Geschichte des ungläubigen Thomas kennen? Ihr Kind soll doch sicher oder hoffentlich ein gläubiger Thomas werden. Glauben erkennt man daran, ob einer sagt: „Mein Herr und mein Gott!“ Nicht irgendein Gott, sondern  m e i n e r! Aber auch wenn wir ungläubig oder auch nur schwach­gläubig geworden sind, wird Gott uns deshalb doch nicht gleich wegwerfen, sondern uns zum rechten Glauben verhelfen. Und wer zum Glauben kommt, der empfängt Frieden, den Jesus seinen Jüngern schenkt

 

 

Miserikordias Domini: Joh 10, 11 - 16 (Variante 1)

Gelegentlich können wir auf Feldern und Wiesen eine Schafherde beobachten. Der Schäfer blinkt über die friedlich grasende Herde und die Landschaft hinweg. Die Hunde sorgen für Ordnung und daß die Tiere zusammenbleiben. Es gibt eigentlich keine Aufregung - ein friedliches, stimmungsvolles Bild.

Aber ein Schäfer ist etwas anderes als ein Hirte zur Zeit Jesu. Damals mußte man als Hirte mit allen möglichen Gefahren rechnen und es gab dauernd Aufregungen: wilde Tiere brachen in die Herde ein, Räuber wollten sich ein Tier stehlen‚ die Lämmer verliefen sich leicht in dem unwegsamen Gelände, es gab Streit mit anderen Hirten um die Wasserstellen und Weideplätze.

Ein Hirte war damals ein Kämpfer, der notfalls sein Leben für die Herde einsetzen mußte. Wenn ein Löwe kam, mußte er mit Steinschleuder, Stock und Messer gegen ihr angehen und ihm notfalls das Lamm noch aus dem Maul ziehen. Als Hirten konnte man damals nur ganze Kerle gebrauchen. Deshalb verglichen sich auch die Könige und Herrscher gern mit einem Hirten. Eine gerechte Regierung und die Fürsorge für die Schwachen sollten kennzeichnend für ihr Handeln sein. Sie waren Herrscher u n d Beschützer, denn nur wer beschützt, darf auch herrschen. Wer sich nicht verantwortlich weiß für die Herde, der darf auch kein Hirte sein.

In diesem Punkt hat es manche betrüblichen Erfahrungen mit der Herrschern des alten Orients gegeben. Sie ließen sich zwar gern als „Hirte“ bezeichnen, aber sie waren es nicht. Sie waren Machtmenschen, die ihre Untertanen nur wie Schachfiguren auf ihrem Spielbrett hin und her schoben.

Wo gibt es denn bei uns heute gute Hirten? Gehen wir einmal einige Berufe durch: Da ist zunächst der Politiker und Staatsmann. Da ist der Leiter der großen Wirtschaftsvereinigungen.

Da ist der Armeegeneral. Da ist der Leiter einer großen Organisation. Sind sie Hirten, die für die anderen eintreten und ihnen nur das Beste zukommen lassen? Haben sie nur das wohl der anderen im Kopf oder denken sie nur an ihre eigene Haut?

Die Aufgabe eines Hirten kann man heute am ehesten vergleichen mit der Stellung eines Meisters. Diese Menschen haben es schwer nach allen Seiten: von oben kommen die Befehle und der Meister ist verantwortlich für die Durchführung; er muß Erfolgsmeldungen nach oben weitergeben können. Von unten kommen die Wünsche und Beschwerden, aber der Meister muß auch die Befehle von oben plausibel machen. Diese Menschen in mittlerer Position sind wirklich nicht zu beneiden. Sie drohen, zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden, zwischen oben und unten. Der Arbeiter steht an seiner Maschine und macht oft Tag für Tag dasselbe. Den Meister aber schickt er los, um Material zu beschaffen. Wenn etwas nicht klappt, muß der Meister her. Immer muß er sich verantworten, immer muß er sich vor die anderen stellen. Die einen machen es dann halt wie die Radfahrer, die nach oben katzbuckeln und nach unten treten. Die anderen hören nur auf das, was von unten kommt. Beides ist gleich falsch: Kein guter Hirte wird seine Herde schutzlos dem Löwen und Wölfen preisgeben, aber er wird auch nicht nur dorthin gehen, wo die Herde hin will.

Auch der Pfarrer soll ein Hirte seiner Gemeinde sein. Das norddeutsche Wort „Pastor“ heißt ja „Hirte“. Unter „Herde“ versteht man heute einen Haufen von solchen, die nichts zu sagen haben, die bestenfalls einen Leithammel haben. Christus als der Hirte und der Pfarrer als Leithammel! So weit käme es noch, das wäre ja noch schöner. Das Bild von Hirt und Herde paßt heute nicht mehr auf eine christliche Gemeinde. Der Pastor ist nicht Herr und Eigentümer der Gemeinde. Es gibt nur einen unvergleichlichen Hirten, das ist Jesus. Deshalb bezeichnete man in Israel nie den regierenden König als „Hirten“. Gott allein war der gute Hirte seines Volkes. Und man hoffte darauf‚ daß er einen Heilsherrscher schicken wird, der sich seiner Herde annimmt. Das Wort „Hirte“ umfaßte also viele Sehnsüchte und Erwartungen, aber auch immer wieder viele Enttäuschungen.

Aber dann kam Jesus und sagte: „Was ihr gesucht und erhofft habt, das bin ich!“ Er kam nicht als schimpfender Prophet oder als unbarmherziger Richter, sondern als ein milder Christus. Er hat nicht einen höheren Posten erstrebt, sondern sich zu den Menschen in der Tiefe gestellt. Es hat ihm nicht an guten Qualitäten für den Weg nach oben gefehlt. Aber er ging aus Liebe in die Tiefe zu den Menschen, die in Not sind.

Bei ihm brauchen wir keinen Verdacht zu schöpfen, wenn er sich als „guter Hirte“ empfiehlt. Er ist ja nicht ein guter Hirte neben anderen‚ sondern d e r gute Hirte. Er allein macht wahr, was das Bild meint, er ist der Größte und Beste. Wenn das heute ein Baumeister oder Dirigent oder Arzt oder Politiker sagt, dann sind wir mißtrauisch. Wir haben eben auch zu viele Enttäuschungen erlebt. Aber Jesus darf so etwas mit Recht sagen, weil er der gute Hirte ist und bleiben wird.

Wir haben ein gesundes Mißtrauen gegen jeden Herrschaftsanspruch, wird sind anti-autoritär eingestellt. Aber bei Jesus besteht nicht die Gefahr, daß wir ihm hörig werden und unsre eigene Persönlichkeit verlieren. Das passiert nur bei den Mitläufern, die sich immer nur anpasse- und hinter einem Vordermann verstecken wollen; und wenn sie die Stimme eines anderen hören, dann rennen sie schnell dorthin, wenn sie sich etwas davon versprechen. Wenn wir Jesus richtig verstanden haben, dann wollen wir nur ihm gehören, dann suchen wir gar keinen anderen.

Jesus kennt die Seinen, so wie ein Hirte seine Schafe kennt. Einem Fremden wurden die Schafe nicht folgen. Aber dem eigener Hirten laufen sie zutraulich und sorglos nach. Ihnen wird kein Zwang auferlegt, sondern sie folgen in problemloser Selbstverständlichkeit ihrer Bezugsperson. Weil der Hirte die Seinen kennt, können sie ihn auch liebgewinnen. Jesus hätte zwar viele Gründe, um an uns irre zu werden. Aber er steht doch zu uns wie kein anderer. Man kann ihn nicht auswechseln gegen einen anderen. Schließlich ist er ja unser Eigentümer und deshalb so an uns interessiert wie kein anderer. Wer nur angestellt ist, soll zwar auch auf das Wohl der Herde bedacht sein und nicht fliehen, wenn der Wolf kommt; aber er wird eben doch fliehen, wenn Gefahr droht, denn es sind ja nicht seine Schafe.

Jesus aber hat für die Seinen gekämpft und dabei sein Leben gelassen. Er wahrt zwar auch sein eigenes Interesse, wenn er um sein Eigentum kämpft; aber er tut es um des Eigentums willen und nicht nur seinetwillen. Schließlich hat man es hier ja mit einem „Wolf“ zu tun‚ der

das Symbol für das Böse in der Welt ist.

Dieses kann viele Gesichter haben. Manche Wölfe brechen von außen ein und wollen die Her­de auseinandertreiben. Aber es gibt auch Gefahren, die von innen aufbrechen: Wir wollen gern eigene Wege gehen und alles besser wissen. Wir drängen zur Futterkrippe ohne auf die Gefahren zu achten. Wir sind rücksichtslos gegenüber dem Nachbarn, weil keiner zu kurz kommen will.

Den Schafen kann man das nicht übelnehmen, denn sie sind ja Tiere. Wir aber wollen doch keine Schafe sein. Wir können solche Gefahren nur vermeiden, indem wir uns nach dem Vorbild unsres guten Hirten Jesus richten. Er hat mehr Erfahrungen als wir. Er weiß, wie heimtückisch der Wolf ist: Er schnappt sich immer einzelne, um so die garte Herde machtlos und hilflos zu machen. Er will Einzelne von der Herde trennen, um so besser mit ihnen fertig zu werden. Für uns gilt es, diese Methode zu durchschauen und sich nicht vereinzeln zu lassen. Der Schüler darf sich auf seine Eltern berufen, darf sich den Beistand der Mitschüler sichern und darf sich an Jesus halten. Er wird dann nicht schweigen, wo man reden sollte. Er wird feststehen und nicht nachgeben und sogar noch anderen helfen können.

Jesus will wie ein guter Hirte die Herde zusammenhalten. Zu seiner Herde gehören ja alle, die getauft sind. Aber mancher ist ihm fortgelaufen und hat ihn nicht mehr vor Augen. Er ist zwar getauft und konfirmiert worden, er hat das Abendmahl empfangen, er hat gelobt, sein Kind im christlichen Glauben zu erziehen. Aber dann ist er auf andere Wege geraten und hat Gott den Rücken gekehrt. Manchmal bilden offensichtliche Übertretungen der Gebote den Graben, über den sie nicht zurückfinden. Doch auch ihre Lage ist nicht hoffnungslos, weil es für Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt.

Gott ist nämlich auch leidenschaftlich an denen interessiert, die weggelaufen sind. Er schickt ihnen Menschen, die sie einladen. Er schickt ihnen Krankheit, damit sie über ihr Leben nachdenken. Er läßt sie seine Güte in überwältigender Weise erfahren. Deshalb darf auch keiner von uns zu schnell Fronten aufrichten gegenüber denen, die er für verloren hält.

Gewiß gibt es auch eine Grenze der Gemeinde. Man muß ja sagen können, wer dazu gehört oder nicht. Aber Jesus hat auch die Vollmacht, sich außerhalb der Gemeinde noch Leute zu suchen .Es ist nicht gesagt, daß die ganze Menschheit einmal seine Herde sein wird. Aber er kann zu allen Zeiten aus den verschiedenen Räumen Menschen herausrufen. Er ist nicht auf uns angewiesen, sondern wir sind auf ihn angewiesen.

Wir meinen manchmal, wir müßten einen möglichst hohen Zaun um die Gemeinde errichten, um zusammenhalten zu können. Aber die Einheit der Herde wird nicht durch den Zaun, sondern durch den Hirten verbürgt. Das gilt auch für die Unterschiede, die es in der Kirche gibt. Es gibt ja leider nicht nur eine Kirche, sondern viele. Und innerhalb der einzelnen Kirchen gibt es auch noch einmal Abstufungen. Doch diese Vielgestaltigkeit darf durchaus sein. Nur der Hirt muß ein und derselbe bleiben, dann macht das nichts aus. Wenn alle auf seine Stimme hören, dann ist die Einheit auch da.

Die Gemeinde darf auch nicht hinter verschlossenen Türen an sich selbst genug haben und nur ihren eigenen Interessen nachhängen und die anderen der Sorge des guten Hirten überlassen. Ostern endet ja damit, daß die Jünger in die Welt gesandt werden. Es ist nicht damit getan, daß sie mit Ernst Christen sein wollen, regelmäßig die Gottesdienste besuchen, in der Bibel lesen, täglich beten und anständige Menschen sind. Sie sollen auch helfen, daß Entfremdete wieder zurückfinden können.

Jesus will uns zu Hirten machen die zu den anderen Schafen gehen. Die jetzt sichtbar gesammelte Gemeinde ist noch nicht die ganze Gemeinde; die hier im Gottesdienst Versammelten sind noch längst nicht alle, die dazugehören oder dazugehören könnten. Unsere Aufgabe wird es sein, zu den anderen hinzugehen und sie zum frischen Wasser und zur grünen Aue zu führen. Wir werden gefragt‚ ob wir gute Hirten sein wollen, die gerne Verantwortung übernehmen und so ihren Hirten nachfolgen. Die andere Möglichkeit wäre, bei der geringsten Schwierigkeit oder Gefahr alles hinzuschmeißen und davonzurennen, Jesus ist nicht abgehauen, sondern hat sich für uns geopfert. Dafür sollten wir ihm ewig dankbar sein. Und unsere Dankbarkeit kann sich zeigen, indem wir mithelfen, daß keines der Kinder Gottes irgendwo verlorengeht.

 

 

Miserikordias Domini: Joh 10, 1- 5 und 27-30 (Variante 2, veränderte Textauswahl)

Ein junger Mann wunderte sich darüber, daß im Gottesdienst überhaupt keine Gesellschaftskritik anklang. Das sei doch etwas unbefriedigend für einen Pfarrer, meinte er. Aber es ist nicht unsre Aufgabe in der Kirche, nun Gesellschaftskritik zu üben. Das ist nicht die erste Aufgabe der Kirche. Sicher wird auch Kritik zu üben sein. Doch zunächst einmal haben wir uns selber zu kritisieren. Und ein Pfarrer hat nicht als der Herr Soundso seine lieben Mitmenschen abzukanzeln, sondern er hat Gottes Willen auszulegen. Wie einen Spiegel hat er Gottes Wort vorzuhalten - und sich auch selber in diesem Spiegel zu betrachten.

Unsre Aufgabe in der Kirche ist nicht Gesellschaftskritik, sondern die Darstellung des Wortes Gottes. Wenn dabei etwas Gesellschaftskritik mit abfällt‚ wird nichts dagegen zu sagen sein. Wenn die Gesellschaft nicht mit dem Wort und dem Willen Gottes übereinstimmt, wird man das schon zu sagen haben. Aber nicht Kritik um jeden Preis und Kritik um der Kritik willen, das kann nicht unsre Aufgabe sein.

Andererseits gilt auch: Gottes Wort ist so aktuell, daß man es immer auf seine Zeit und seine Lebensverhältnisse anwenden kann. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird so manche Aussage auf sich anwenden können. Nehmen wir doch gleich unseren Predigttext. Kann sich da nicht jeder vorstellen, wer die falschen Hirten sind, die wie Diebe und Räuber kommen? Sie versprechen den Himmel auf Erden, aber in Wirklichkeit haben sie nur ihren eigenen Vorteil im Auge.

Mancher wird aber auch sagen: Wir brauchen einen anderen, der vor uns hergeht als Jesus. Menschen sind niemals so gehorsam wie Schafe. Und so ruhig wie auf einer stillen Weide geht es in unserem Alltag schön längst nicht mehr zu. Doch ein Hirte zur Zeit Jesu hatte nichts mit der romantischen Idylle zu tun von einem Schäfer, der gemächlich vor seiner friedlich grasenden Herde hergeht. Damals hatten die Hirten einen harten Kampf zu bestehen. Sie mußten Fähigkeiten und Charaktereigenschaften haben‚ die gerade auch in unsre Zeit gepaßt hätten. Ohne Unerschrockenheit und Bereitschaft zum Verzicht konnte man damals nicht Hirte sein. Gegen Diebe und Räuber und wilde Tiere mußte die Herde verteidigt werden. Man

mußte immer die besten Weidegründe kennen und hatte manche Auseinandersetzungen mit den Konkurrenten zu bestehen.

Aber das Verhältnis zwischen Hirt und Herde war nicht einfach das zwischen einem Menschen und einer Sache. Die Schafe waren nicht nur der ganze Reichtum des Hirten‚ sondern auch seine Lebensaufgabe. Das ist wie zwischen zwei Liebenden, wo einer für den anderen da ist und wo diese Wechselbeziehung als ein großes Glück erlebt wird. Hier geht es nicht nur um Bescheidwissen und Zur-Kenntnis-nehmen, sondern um gegenseitige Hingabe.

In der Bibel beschrieb man mit dem Bild von Hirt und Herde das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten, jedenfalls müßte das Verhältnis an sich so sein: Die einen sorgen für das Volk und schützen es vor Gefahren, die anderen fügen sich in das Ganze ein und setzen sich zum Wohle aller ein. Beide hängen sie aneinander und sind im Grunde nicht voneinander zu trennen.

Ist das zwischen uns und Jesus auch so? Manche sagen doch: Da wird man unmündig, wenn man nur auf die Stimme des Hirten hört! Wir wollen selber Verantwortung tragen und wollen uns nicht bevormunden lassen! Doch derjenige muß wohl erst noch gefunden werden, der unmündig wurde, weil er auf die Stimme des guten Hirten gehört hat. Jesus sagt doch: „Der gute Hirte - das bin ich!“ und die Betonung liegt dabei wohl auf dem „gut“ und auch auf dem „ich“

Es gibt ja auch andere Hirten. Im Grunde brauchen wir doch alle etwas, woran wir uns halten können und worauf wir hoffen können. Manche wollen sich ja sogar die Entscheidung darüber, was gut und was böse ist, von anderen abnehmen lassen. Oder sie suchen noch nach dieser oder jener kleinen Säule, die das Lebensgebäude abzustützen hilft.

Wenn wir nicht auf den guten Hirten hören wollen, dann kommen eben andere, die uns helfen wollen. Es gibt ja heute solche Sekten, die sich als religiös tarnen, aber nur Macht über die Menschen gewinnen wollen. Die sagen dann ganz genau, wohin unser Weg zu führen hat. Die haben auch Unterstützungen bereit. Aber die sagen auch immer: „Ohne Jesus“. Wer vor uns geholfen haben will‚ der muß sich von Jesus und von der Kirche trennen. Und ehe man es sich versieht, entpuppt sich der vermeintliche Hirte als der Räuber, der einen mit Haut. und Haar haben will. Und dann erst stellt sich heraus, wie unfrei man in Wahrheit geworden ist.

Bei Jesus als dem guten Hirten aber wird gerade die Verantwortung geweckt und die Mitarbeit in freier Entscheidung gewünscht. Da wird keiner untergebuttert, sondern als Mensch ernst genommen.

Gewiß, auch in der Kirche sind wir auf Leitung in sachlichen und persönlichen Angelegenheiten angewiesen. In unsrer komplizierten Welt muß es Menschen geben, die leiten und führen. Aber Leitung in der Kirche ist doch von anderer Art als in der Welt. Wenn etwa ein Pfarrer eine besondere Aufgabe in der Gemeinde hat, dann bedeutet das keine Herrschaft in der Gemeinde. Er verwaltet zwar die Sakramente und hat das Wort Gottes auszulegen. Aber das bedeutet auch eine große Verantwortung und vielleicht auch eine Belastung. Er hat mehr Verantwortung und muß Rechenschaft ablegen.

An sich kann man diese Aufgabe nur übernehmen, wenn man sich getragen weiß von dem guten Hirten Jesus. Er allein gibt die Vollmacht. Aber ansonsten hat ein Pfarrer keinen Deut mehr zu sagen als jeder andere. Etwas von dem Hirtesein Jesu sollte auch in seinem Handeln deutlich werden.

Es mag sein, daß man gegen das Bild von Hirt und Herde seine Bedenken hat‚ vor allem wenn man es falsch verstanden hat. Dennoch lohnt es sich sicher, auf die hier gemeint Sache zu hören und sich um ein rechtes Verständnis zu bemühen. Es ist auch sicher nicht so sehr lohnend, danach Ausschau zu halten‚ wer denn heute als Räuber oder Fremder der Gemeinde gefährlich werden könnte. Wichtiger ist es doch, auf den Hirten der Schafe zu achten, seine Stimme zu erkennen und ihm zu folgen.

Man muß schon genau hinsehen, wenn man einem folgen will! Jesus sagt: „Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber!“ Das ist eine Behauptung. Wer sagt uns denn, daß er anders ist? Die religiösen Führer in Jerusalem haben ihn eher für einen Wolf als einen guten Hirten gehalten. Der Unterschied liegt darin: Jesus wird von seinem Vater bestätigt. Er gibt dem Sohn die Menschen, er sorgt dafür, daß noch andere herbeigeführt werden, die bisher nur nicht wußten, daß sie ohne ihn nicht leben können.

Wir halten es meist für eine Sache unsres Ermessens, welchem Herrn wir glauben wollen. Mancher Konfirmand mag etwa denken: „Machst du halt erst einmal mit, und wenn es zu schwierig wird, kannst du dir ja immer noch etwas anderes suchen!“ Und das ist nicht nur bei Konfirmanden so! Dabei steht die Frage in Wirklichkeit ganz anders: „Wollen wir an den glauben, dem wir sowieso gehören, oder wollen wir uns gegen ihn sträuben?“

Wer mit ihm gehen will, wird auch sein Kreuz auf sich nehmen müssen. Die Nachfolge wandelt sich zwar mit den Zeiten. Wir können nicht mehr so unmittelbar hinter Jesus hergehen wie seine Jünger. Aber wir haben das zu tun, was er auch tat. Jesu Liebe gewinnt auch heute in seinen Nachfolgern Gestalt: er vergibt - sie vergeben, er dient - sie dienen. Seine Art prägt sich ihnen ein und prägt sich in ihnen aus.

Der Gehorsam gegenüber diesem Herrn gehört mit dazu. Jesus fragt: „Habt ihr es wirklich besser gehabt unter denen, die vor mir da waren?“ Jesus macht niemanden ärmer, als er ist. Es ist ein Irrtum, wenn wir meinen, wir kämen mit unseren Problemen besser zu recht, wenn wir nicht auf Jesus hören. Das Umgekehrte ist der Fall: Wenn sich einer von Jesus trennt, gehen die Probleme erst los. Er dachte zwar zunächst, eine Belastung los zu sein, aber nur zu schnell merkt er, daß er unter eine wirkliche Knechtschaft geraten ist.

Man fährt gut, wenn man Jesus nachfolgt. Seine Herrschaft besteht nicht darin, daß er kommandiert, sondern daß er vergibt. Wer Jesus kennt, für den liegt in dem Folgen kein Problem; höchstens könnte es sein, daß er bedauert, diesem Hirten nicht unbefangener und anhänglicher gefolgt zu sein.

Wer Jesus folgt, der wird auch bei ihm bleiben. Jesus sagt:“Ich gebe ihnen das ewige Leben!“ Hier ist das Gleichnis verlassen und Jesus spricht Klartext. Er hat an Ostern die Bahn gemacht für ein neues Leben, und nun zieht er alle mit sich, die zu ihm gehören. Es gibt schon jemand, der daran interessiert ist, die Menschen wieder von Jesus wegzureißen. Jesus muß für seine Leute kämpfen.

Aber der Kampf ist schon entschieden. Es gibt keine Gewalt, die gegen Gott an könnte. Jesu Gemeinde ist Gottes Gemeinde, Jesu Hand ist Gottes Hand. Dessen dürfen wir sicher sein, wenn jemand uns mit Versprechungen und Drohungen von unserem Glauben abbringen will: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die Gott uns geschenkt hat durch Jesus Christus, unsern Herrn.

 

 

Jubilate: Joh 15, 1 - 8

Wie sähe unsre Welt wohl aus ohne Christus und ohne die Christen? Es fehlten nicht nur die Kirchengebäude, sondern auch die kirchlichen Heime und Krankenhäuser, die Kindergärten und Schwesternstationen. Viele große kulturelle Leistungen auf dem Gebiete der Kunst, der Musik und der Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart gäbe es nicht. Es gäbe keine Gottesdienste, keine Taufen‚ keine Trauungen, keine Beerdigungen. Wer sollte dem Menschen Trost zusprechen, wer ihnen tatkräftig helfen?

Mancher wird heute sagen: „Darum kümmert sich doch der Staat. Er setzt viel Geld und viele Menschen ein, um die Bedürfnisse aller Art zu befriedigen!“ Und doch ist ein Unterschied zwischen einer Krankenschwester, die ihre Arbeit als einen Beruf wie andere auch ansieht, und einer Schwester, die aus Liebe zu Christus den Menschen hilft. Dabei ist es nicht wichtig, ob sie von der Kirche oder vom Staat angestellt ist, sondern es kommt darauf an, wie sie ihren Dienst versteht. Auch in kirchlichen Häusern kann man manche Lieblosigkeit treffen.

Doch insgesamt gesehen sollte man doch annehmen, daß in einem kirchlichen Haus ein anderer Geist herrscht als anderswo. Das hängt dann sicher damit zusammen, daß der Antrieb zu allem Tun von Jesus her kommt. Wer sich mit Jesus verbunden weiß, wird die Kraft zu solchem Handeln empfangen. Deshalb können wir auch in unserer heutigen Zeit auf die Kräfte des christlichen Glaubens nicht verzichten.

Spätestens hier aber müssen wir nun fragen: „Hängen wir wirklich so an Christus wie die Rebe am Weinstock?“ Kriegen wir wirklich von dort „Kraft und Lebenssaft“? Und zwar n u r von dort, denn eine Rebe hängt immer nur an einem Weinstock und kann sich nicht verschiedene Nahrungsspender suchen. Der Weinstock war bei den Alten so etwas wie der Baum des Lebens. Die Griechen sahen im Wein eine Gottesgabe, die den Menschen aus seiner lästigen Umwelt herauslöst und zu einem neuen Sein verwandelt und ihnen Freude bringt. Doch diese Freude ist natürlich nur oberflächlich und von kurzer Dauer, denn hinterher kommt dann der sogenannte „Kater“.

Der Rausch ist bestimmt kein Mittel, um unsere Probleme zu lösen. Es ist seltsam, daß sowohl in wirtschaftlich dürftigen Verhältnissen als auch in der Wohlstandsgesellschaft ein hoher Alkoholverbrauch da ist. Das deutet doch darauf hin, daß da Probleme bestehen‚ wenn auch unterschiedlicher Art. Dagegen angehen wird man nur können, indem an etwas Echtes an die Stelle solcher Drogen setzt. Dazu muß man wirklich ein anderer werden, aus sich heraustreten, eine neue Kreatur werden.   

Jesus Christus will dieser Baum sein, der uns den guten Saft für unser Leben gibt. Das Bild vom Weinstock ist ja ähnlich dem Bild vom Leib Christi. Beide Male geht es um etwas Lebendiges, das einen festen Zusammenhalt darstellt, dem man sich nicht ohne Schaden entziehen kann. Wird ein Glied vom Leib isoliert, so muß es absterben genau wie eine Rebe, die vom Weinstock getrennt wird. Das Bild vom Leib will die Abhängigkeit der Glieder untereinander deutlich machen, das Bild vom Weinstock zeigt, wie jede Rebe vom Weinstock abhängig ist.

Aber deutlich wird auf jeden Fall: „Es geht nichts ohne Jesus!“ Es hat ja schon Zeiten und Länder gegeben, wo es hieß: Das Christentum wird verboten, die Kirchen in Kulturhäuser oder Scheunen umgewandelt, die Bibeln müssen abgeliefert werden. So war es 1905 in Mexiko oder nach 1917 in der Sowjetunion (heute ist es dort wieder anders, muß man dazu sagen). Viele haben sich diesen Anordnungen gebeugt, haben nur mit den Schultern gezuckt und haben ihren Glauben still im Herzen behalten, wie sie sagten. Aber da sie vom Kraftquell des Lebens abgeschnitten waren, verkümmerte der Glaube auch bald.

Es kann aber auch sein, daß Gott selber wie ein Weinbauer die jungen Triebe herausbricht, die doch keine Frucht bringen und dem Weinstock nur den Saft wegnehmen. Es mag tröstlich sein, daß Gott selber die Schnitte tut und nur dort etwas wegnimmt, wo es nötig ist. Aber besser ist es natürlich, wenn man zu den gut entwickelten Trieben gehört, die bleiben. Die Triebe sind ja nicht bloß angeheftet, sondern sie sind aus dem Stamm herausgewachsen. Sie brauchen nur daran zu bleiben, dann kommt auch ganz von selber Frucht hervor.

Die Frucht könnte darin bestehen‚ daß andere Menschen zu Jesus geführt werden. Aber wenn man andere Bibelstellen heranzieht, wird man eher an gegenseitige Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, usw. denken, aber auch an Glaube, Gerechtigkeit und Wahrheit. Heute haben wir es außerdem gelernt‚ dabei auch die gesellschaftliche Gesamtlage

zu beachten. Wenn wir als Einzelne Gutes tun wollen, dann wird dadurch der gesellschaftliche Umbau nicht überflüssig; er kann vielmehr die Leistungen des Einzelner noch fördern. Umgedreht macht ein gutes Sozialwesen die spontane Tat des Einzelnen nicht überflüssig.

Zum Christsein gehört notwendig auch eine missionarische Strahlkraft. Natürlich ist auch die Zusammengehörigkeit untereinander wichtig. Aber die Kirche kann nicht eigensüchtig für sich behalten, was sie hat. Wenn sie darauf verzichtet, mit Wort und Tat missionarisch aktiv zu sein, wird Gott ihr ein Ende machen. Die Rebe sitzt zwar fest am Stamm, aber sie soll ja für andere da sein. Das Leben im Kreise der christlichen Brüder und Schwestern gehört eng zusammen mit dem „Hingehen und Fruchtbringen“. Gott wartet darauf‚ daß bei unserem Christsein auch etwas herauskommt.

Früchte kann man aber nur bringen‚ wenn man eng mit dem Stamm verbunden ist, also aus Christus heraus lebt. Wir meinen immer wieder, wir seien auf uns allein gestellt, nur auf uns selbst angewiesen und uns selbst verantwortlich. Wir wollen alles alleine schaffen und Gott nicht mit unseren Dingen belästigen. Aber damit haben wir uns schon von ihm getrennt. Aber wenn uns dann der Atem ausgeht, dann wundern wir uns.

Jesus aber sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“n Doch da sind wir anderer Meinung. Ein solcher Anspruch wird doch durch das Leben ständig widerlegt. Wir können doch sehr viel ohne Jesus tun. In unserer modernen       Welt sehen wir doch genug von der Schöpferkraft der Menschen. Auch unter Nichtchristen gibt es viel Liebe, weil Gott sie ja in seine Schöpfung hineingelegt hat. Auch wer glaubt, kann das nicht leugnen. Aber er weiß dennoch: Ohne Christus kann man nichts für das Heil tun, ohne ihn gibt es keine Vergebung und keine Hoffnung über diese Welt hinaus.

Der Glaubende weiß, daß sein „Saft“ aus dem Weinstock kommt. Man kann Gott nicht besser ehren als so, daß man aus dem lebt, was er gewährt. Gott gefällt nur, wenn wir uns darüber freuen, von ihm beschenkt und getragen zu werden. Er will ja gar nicht, daß wir uns abrackern müssen. Er befiehlt nicht und treibt nicht an, er zwingt und droht nicht‚ er muß uns nichts widerwillig abringen.

Gott möchte, daß wir freudig bei ihm bleiben und ihm dienen. Einen Baum muß man ja auch nicht drängeln, daß er Frucht bringt: Kaum ist die Blüte abgefallen, da wächst die Frucht heran, mit Unwiderstehlichkeit und Lebensfreude. So soll es mit unserem Glauben und seinen Früchten auch sein. Nur besteht in der Beziehung zwischen Christus und den Glaubenden nicht ein naturhafter Zwang, sondern eine personale Verbundenheit: Weil wir ihn liebhaben, wollen wir in seinem Sinne wirken.

So wird alles darauf ankommen, daß wir an ihm bleiben. Christus in uns und wir in ihm, das gehört zusammen. Er bleibt in uns, wenn seine Worte in uns bleiben. Diese Worte wollen nicht nur vernommen, sondern auch ständig bedacht sein; sie wollen mit uns gehen, so daß ihre helfende und tröstende Stimme nie stumm wird.

Christus bleibt in uns, wenn wir das Abendmahl empfangen. Hier wird ja die Ernährung der Reben durch den Weinstock besonders deutlich. Viele grüne Altardecken tragen deshalb auch den Weinstock als Symbol. Dadurch werden wir daran erinnert: Hier am Tisch des Herrn empfangen wir die entscheidende Kraft für uns Leben‚ hier bleiben wir mit ihm in Verbindung und von hier werden wir ausgesandt in die Welt, um alle Menschen in Verbindung mit dem wahren Weinstock zu bringen.

 

 

Kantate: Matthäus 11, 25 - 30

Das ist schon eine Katastrophe, wenn die Predigt beginnt: „Das Jahr …..war ein Jahr der Katastrophen!“ Natürlich ist jedes Jahr ein Jahr der Katastrophen. Aber es gibt in jedem Jahr auch viele erfreuliche Dinge. Der heutige Predigttext ist so ein aufmunterndes und mut­ma­chen­des Wort. Der Vers „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“ ist eins der schönsten Worte in der Bibel. Das Wort „erquicken“ ist heute nicht mehr so gebräuchlich. Es bedeutet so viel wie „aufmuntern, neue Kraft geben“. Wenn man etwa einem heißen Tag eine Wanderung macht und dann an eine Quelle kommt und sich abkühlt und etwas trinkt, dann ist man nachher erquickt“.

Der Sonntag „Kantate“ fordert uns zum Singen auf. „Das, was mich singen machet“ ist das gerade in diesem Bibeltext so schön zum Leuchten kommende Evangelium, die Frohe Botschaft Jesu Christi, daß die Mühseligen und Beladenen bei ihm Ruhe finden können für ihre Seelen.

Die „Mühseligen und Beladenen“ sind nicht unbedingt die Menschen mit einem schweren Schicksal. Damals waren es die Menschen, die unter den unerfüllbaren Verpflichtungen des jüdischen Gesetzes seufzten und wegen ihres mangelnden religiösen Lebens aus der Gemeinschaft der Frommen ausgestoßen wurden.

Für uns heute ist das nicht mehr das Problem. Aber auch bei uns werden Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt, weil sie wirtschaftlich nicht so mithalten können. Das ist schon schwer für eine alleinerziehende Mutter, wenn sie ihren Kindern sagen muß: „Ein Eis

ist diesen Monat nicht drin!" oder: „Für die Klassenfahrt habe ich kein Geld!“ Und MP 3-

Player und Markenklamotten sind erst recht kein Thema.

Mühselig und beladen ist auch, wer sich immer wieder um Arbeitsstellen bewirbt, es vielleicht auch einmal zu einem Vorstellungsgespräch schafft, aber doch nicht genommen wird. Mancher ist auch selber daran schuld, weil er in der Schule den „Ernst des Lebens“ nicht so ernst genommen hat. Aber mancher hat auch eine gute Berufserfahrung, wird aber wegen seines Alters nicht genommen. Das ist fürchterlich, wenn man Klinken putzen muß und sich möglichst gut verkaufen muß, indem man auch manchmal ein wenig schwindelt und sich besser darstellt, als man ist.

Mühselig und beladen sind auch die Menschen, die unter einem immer höheren Arbeitsdruck stehen. Wenn Leute entlassen werden, müssen die anderen deren Arbeit mit übernehmen, denn es ist ja nicht so, daß die eingesparten Arbeitskräfte gar nichts getan hätten. So muß etwa, wer an der Kasse sitzt, in den betriebsschwachen Zeiten die Regale mit einräumen. Der Lohn wird immer mehr gedrückt, auf das Weihnachtsgeld darf man freiwillig verzichten. Notfalls werden noch Fremdfirmen geholt. Trotz allen Fortschritts gibt es doch auch viele Lasten in unserem Leben.

Zur Zeit Jesu standen - wie gesagt - die religiösen Lasten mehr zur Diskussion. Es war aber nicht so, daß Jesus sich mit denen abgegeben hat, die religiös nicht ernst genommen wurden, weil er die religiöse Elite nicht gewinnen konnte. Nein, er hat es vielmehr von vornherein auf die Verlorenen abgesehen. Damit hat er die überall in der Welt geltende Wertskala außer Kraft gesetzt. Überall wird der Mensch nach Leistung und Erfolg, Können und Zuverlässigkeit beurteilt, nicht nur die Manager in der Wirtschaft, sondern auch im religiösen Leben. Die Frommen waren sogar der Meinung, daß unter den Augen Gottes dieser Maßstab noch in verstärktem Maß gelten soll. Sie sahen ihre Aufgabe darin, das Gesetz Gottes auszulegen und zu entfalten, bis es in jeder Lebenssituation eine bindende Wegweisung gibt.

Weil sie reich waren, konnte ihnen das besser gelingen. Wer aber das Pech hatte, in ein karges und ungeordnetes Leben geboren zu sein, der hatte auch bei Gott nichts zu hoffen. Der kleine Mann muß schon manchmal ein wenig betrügen, wenn er über die Runden kommen will. Und dann sagt er sich: „Für all mein verdientes Geld habe ich schon einmal Steuern abgeführt. Wenn ich es ausgebe, kommt noch einmal die Mehrwertsteuer drauf. Da kann ich auch einmal einen Schwarzarbeiter beschäftigen, das Finanzamt kriegt immer noch genug.“ Die Reichen haben das nicht nötig, die haben ihren gewitzten Steuerberater. Und auch wenn sie als Spitzensatz 43 Prozent Steuern bezahlen, so bleibt doch immer noch genug für sie übrig und sie müssen nicht darben.

Jesus hat die als gottlos und verkommen verschrieenen Menschen einfach geliebt. Und das

Wunder geschah: Sie haben sich lieben lassen und haben dabei auch Gott lieben gelernt. Die Zöllner und Sünder haben sein Evangelium entdeckt und gaben Gott die Ehre. Der Glaube ist nicht nur etwas für die Gebildeten. Die Erfahrung lehrt, daß gerade ihnen oft verborgen bleibt, was Glaube ist. Da gibt es zum Beispiel die Meinung, was durch die Archäologie bewiesen ist, das stimmt an den biblischen Geschichten. Wenn man zum Beispiel das erwiesenermaßen echte Grab Jesu leer finden würde, dann wäre das ein Beweis für die Auferstehung. Aber die biblischen Geschichten und Glaubensaussagen gelten auch ohne archäologischen Nachweis, dieser kann sie höchstens noch anschaulicher machen.

Natürlich kann auch ein Wissenschaftler ein gläubiger Mensch sein. Aber der Glaube ist auch für einfache Menschen da und gerade für sie. Man muß auch nicht erst Theologie studiert ha­ben, um glauben zu können.

Jeder Pfarrer kann nur dankbar sein, daß sie die Gelegenheit hatten, Theologie zu studieren. Es bringt in erster Linie einen persönlichen Gewinn, unabhängig von der Ausbildung für einen Beruf. Aber wer das nicht hat, ist auch ein vollwertiger Christ. Niemand braucht etwas mitzubringen oder vorzuleisten.

Wer gar nicht erst in Versuchung kommt, seine Vorzüge in die Waagschale zu werfen, der hat es am leichtesten. Allerdings darf auch der Unwissende sich nichts einbilden und etwa sagen, ein Gebildeter könne keinen Glauben haben. Verstand gehört durchaus auch dazu. Die Kirche müht sich ja auch um die Gebildeten und lädt sie in die Akademien ein. Aber man muß auch mit ganz einfachen Worten sagen können, was Glaube heute bedeutet. Verklausuliert reden macht noch keinen Professor. Eine Predigt soll kurz und konkret sein, hat einmal ein Prediger gesagt („Man kann über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“).

Allerdings stellt sich hier auch die Frage, ob Jesus überhaupt die „geistlich Armen“ rufen darf Deshalb werden seine Aussagen dadurch bekräftigt, daß er eine enge Verbundenheit zwischen sich und dem Vater herausstellt. Was die Bibel mit „kennen“ bezeichnet, geht weit über das verstandesmäßige Wissen hinaus. Hier geht es um ein gelebtes Miteinander, um volles Einvernehmen und eine gegenseitige Zuwendung. Im Kontakt mit Jesus kommt es zum wirklichen Kennenlernen Gottes.

Wozu Jesus von Gott bevollmächtigt ist, das praktiziert er dann, als er die überforderten und überlasteten Menschen zu sich ruft, die es nicht geschafft haben und es nicht schaffen können. Hier liegt natürlich auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, daß jedem Menschen endlich die Stelle zugewiesen wird, auf die er ein Recht hat. Im Wahlkampf wird das oft versprochen.

Die Parteien sagen, wie sie diese Aufgabe anpacken wollen, auch wenn sie dann nachher sagen, das war ja nur Wahlkampf, unser tatsächliches Regierungsprogramm ist nüchterner und bietet nicht so viel.

Es bleibt immer unsere Aufgabe, unser eigenes Leben und das Leben in der Gesellschaft zu verbessern. Die Kommunisten wollten so etwas nicht hören. Sie sagten: „Wir haben schon die allein richtige Lösung. Wenn wir erst die Reichen enteignet und alle gleich gemacht haben, dann ist das Paradies da!“ Und wenn Leute der Kirche dann von einem „verbesserbaren Sozialismus“ sprachen, dann war die Hölle los.

Wir müssen unsere Welt nüchterner sehen, denn da gibt es noch viel zu verbessern. Auch der Glaube schafft uns nicht den Himmel auf Erden. Wir müssen schon auch kräftig zupacken, gerade auch bei den Dingen, die am Anfang als die „Mühsal unseres Lebens“ bezeichnet wurden. Keiner darf sich selber aufgeben, sondern muß sich zum Beispiel immer wieder bewerben, wenn er keine Arbeit hat.

Als das einmal ein Pfarrer von dieser Kanzel sagte, murmelte eine Frau in den hinteren Reihen: „Der hat gut reden, der hat ja eine unkündbare Anstellung!“ Aber auch die anderen dürfen den Mut nicht sinken lassen.

Der Glaube ist da eine große Hilfe. Jesus läßt nicht zu, daß wir mutlos werden. Er ist für die Mühseligen und Beladenen da, also für diejenigen, die religiöse Probleme haben, aber auch für diejenigen, die mit den Aufgaben des Alltags nicht zurechtkommen: Man kann sein Leben nur mit Hilfe des Glaubens meistern und darf die Zuversicht nicht sinken lassen.

Bei der Renovierung einer Kirche wollte ein Pfarrer den Bibelspruch von den Mühseligen und Beladenen gern als Motiv für eine künstlerische Darstellung haben. In Anlehnung an eine andere künstlerische Darstellung sollten die Abendmahlsymbole in der Mitte stehen und darum die „Mühseligen und Beladenen“, also zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer oder eine trauernde Mutter.

Als der Pfarrer aber mit dem in Aussicht genommenen Künstler sprach, meinte der: „Warum soll man immer nur das Negative darstellen? Unsere Aufgabe ist es doch, den Menschen Mut zu machen!“ So hat er es bei vielen seiner Kunstwerke gemacht, die es von ihm im öffentlichen Raum gab, und er meinte, das solle man auch in der Kirche so machen. Jesus ist natürlich auch für die Mühseligen da, aber darüber darf man die Gesunden nicht vergessen. Der christliche Glaube ist nicht nur etwas für die Gescheiterten.

Allerdings gibt es auch bei Jesus ein Joch, auch bei ihm wird man eingespannt. Aber sein Joch ist sanft. Tyrannen machen absichtlich zu viele Gesetze, damit sich jeder irgendwo

schuldig macht. Je engmaschiger ein Netz ist, desto weniger ist damit zurechtzukommen.

Aber Jesus ist nicht so. Er ruft vielmehr nur auf „Werdet meinen Jünger, folgt mir nach!“ Aber damit werden wir nicht in eine Freiheit entlassen, in der wir niemand etwas schuldig sind. Es ist schon eine Gefahr, daß wir das mit dem Gehorsam nicht so ernst nehmen und uns Vieles am Glauben erleichtern oder gar erlassen. Wir können uns keinen Gott einreden, der klein beigegeben hat und seine Ansprüche auf ein Minimum verringert hat.

Doch Jesus bedrängt uns nicht, er gewinnt uns. Was wir dann gern tun, ist uns Erholung. Entlastet, entspannt und erwartungsfroh können wir auf das setzen, was Jesus zuerst für uns getan hat. Wir haben alle unser Päckchen zu tragen. Aber Jesus selbst ist der Mühselige und Beladene geworden, damit wir für unsere Seelen Ruhe finden. Nach einem solchen tiefen Aufatmen singt es sich gut.

 

Ergänzung: Bild von Rembrandt: „Die große Krankenheilung“.

Wenn Jesus sagt: „Kommt her!“ dann hat das kaum jemand besser verstanden als der niederländische Maler Rembrandt. Er war einmal reich gewesen, war mit einer guten, schönen Frau verheiratet, hatte mehrere Kinder und war schon in jungen Jahren ein berühmter Künstler. Aber dann starben die Kinder bis auf einen schwachsinnigen Sohn, und seine Frau starb auch. Rembrandt war verzweifelt, machte Schulden, trieb sich in billigen Gaststätten herum und hatte keine Lust mehr, keine Kraft für seine Arbeit.

Aus dieser Zeit haben wir einen Kupferstich von ihm. „Die große Krankenheilung“ heißt das Bild. Ein kleines Blatt, auf dem Jesus in der Mitte zu sehen ist. Seine Hände laden ein. Viele Menschen sind da, und zu allen sagt er: „Kommt her!“ Vor allem sind es die Mühseligen und Beladenen, die sich von links her zu Jesus drängen.

Da sieht man einen Aussätzigen und einen Blinden, der von seiner Frau herangeführt wird; einen Mann auf Krücken und eine Frau, die nervenkrank wirkt - alle diese Mühseligen und Beladenen, von denen die Bibel erzählt.

Einer wird von einer alten Frau auf einer Karre herangefahren. Manche sagen, daß diese alte Frau aussieht wie Rembrandts Mutter. Dann sieht sich also der Maler auf einer Karre, die sonst zum Mistfahren dient - aber die Mutter bringt ihn, den Versager, den mühseligen und beladenen Mann, nicht auf den Misthaufen, sondern sie schiebt ihn zu Jesus.

Die ehrbaren Bürger von Amsterdam hatten wohl längst zu dem abgewirtschafteten Künstler gesagt: „Unsere Geduld mit dir ist zu Ende. Nimm dich zusammen, leiste etwas, denn Versager können wir nicht gebrauchen!" Aber die Mutter weiß, wer Versager brauchen kann, so bringt sie den Sohn zu Jesus.

Der Maler hat auch darüber nachgedacht, wer denn außer denen in der Bibel wohl noch mühselig und beladen ist - und so hat er einen Schwarzen an den Rand des Bildes gestellt. Reiche Kaufleute hielten sich damals einen Kammermohren - so wie sich Reiche einen Löwen hielten und arme Leute einen Hund. Diese Schwarzen hatten keinen Freund, keine Mutter, keine Geschwister, niemanden, der ihre Sprache sprach. Wer nahm sie schon ernst? Bei Jesus finden sie einen Platz.

Und auch die Frauen dürfen kommen. Die waren ja schon zu Jesu Zeiten doppelt belastet - mit schwerer Arbeit und mit der Versorgung der Männer und der Kinder. Aber trotzdem galten sie in der Männergesellschaft der alten Zeit nichts. Jesus war der einzige Rabbi, der Frauen unter seinen Zuhörern duldete - weil er wie kein anderer wußte, daß sie abgearbeitet, mühselig und beladen sind.

Und Kinder werden gebracht, die ja auch in Jesu Zeit kaum etwas galten, die in der jüdischen Gemeinde nur dann mitzählten, wenn sie männlich waren und wenigstens zwölf Jahre alt. Noch Jesu Jünger wollen sagen: „Geht weg, das ist hier nichts für Kinder!“ Auch diese Jünger sieht man auf Rembrandts Bild.

Aber Jesus sagt: „Lasset sie kommen, denn auch sie sind oft genug schon mühselig und beladen. Werden sie nicht oft genug beiseite gestoßen? Müssen sie sich nicht fürchten vor ihren harten Vätern und ihren nervösen Müttern?“ Rembrandt hat solche Kinder gekannt, die sich mit schlecht geflickten Hosen auf den Gassen von Amsterdam herumtrieben - geschubst, getreten und beschimpft von den Bessergestellten.

In einer Ecke des Bildes bringt sogar das Kind seine Mutter, eine müde, schlechtgekleidete Frau, die nicht recht den Mut hat, näher zu Jesus zu gehen. Alle dürfen kommen. Sogar die Tiere. Ein abgedroschenes, geschundenes Kamel reckt seinen Hals. um Jesus zu sehen. Ein Hund, der sonst wohl mit Füßen getreten wird. an dem sein Herr seine Wut auslassen kann oder den sein Frauchen zu Tode mästen darf - auch er kann kommen wie alle mühselige und beladene Kreatur.

Aber dann gibt es auf dem Bild auch einige Leute, die nicht kommen wollen. Schriftgelehrte stehen ziemlich nahe bei Jesus, aber die meisten drehen ihm den Rücken zu. Sie haben mit ihm diskutiert, aber jetzt reden sie nicht mehr mit ihm. Jetzt reden sie nur noch über ihn. Sie brauchen einen Heiland für die Starken, einen, der die andern mitreißen kann, damit es in der Wirtschaft und auch in der Kirche wieder vorwärtsgeht. Aber sie haben einen Jesus gefunden. für den die Mühseligen und Beladenen wichtiger sind als die Gesunden und Starken.

Obwohl diese Gelehrten eine viel bessere Schulbildung haben als die vielen Kranken, Behinderten, Frauen, Kinder, Mohren, Hunde und Kamele, begreifen sie Jesus nicht. Sie wollen einen starken Jesus und eine starke, gesunde Kirche, die auf alle Menschen Eindruck macht. Und sie finden einen Jesus, der sich um die verkommenen, betrunkenen Männer kümmert, die man auf einer Mistkarre manchmal zum Scherz durch die Gassen fährt. Rembrandt hat diesen Schriftgelehrten die Gesichter und die Kleidung der wohlhabenden Bürger von Amsterdam gegeben, die früher einmal seine Auftraggeber und seine Freunde gewesen waren. Die haben jetzt keinen Blick mehr für den Mann auf der Mistkarre; die hatten noch nie einen Blick für heruntergekommene Männer und abgehärmte Frauen. für verängstigte Kinder und einsame Ausländer.

Jesus sagt zu allen, die bei ihm stehen, zu den Schriftgelehrten und den Kindern, zu den Jüngern und den Frauen: „Lernet von mir, ich bin demütig und von Herzen freundlich.“ Rem­brandt hat im Lauf seines Lebens gelernt, was auf der Schule nicht zu lernen ist: daß man mit Schlauheit und Wissen allein sein Leben noch nicht meistern kann. Er weiß, daß es gut ist, Sanftmut und Demut zu erfahren - und daß es auch gut sein wird, davon weiterzugeben. Wer auf Weisheit aus ist, der kann sie bei Jesus lernen.

Diese Weisheit hat - Gott sei Dank - mit unserer Intelligenz nichts zu tun. Man findet sie manchmal bei ungeschulten Frauen, bei Kindern und bei „Mohren“`. „Lernt sie bei mir! Aber ihr lernt sie nicht durch meine Reden allein, sondern dadurch, daß ihr mit mir geht und immer wieder in meinem Geiste lebt!“ Darum stehen auf Rembrandts Bild auch einige Jünger dicht neben Jesus - mit fragenden Gesichtern. Sie verstehen noch nicht alles, aber sie wenden doch wenigstens ihr Gesicht ihm zu. Und wenn sie auf Jesus schauen. haben sie auch gleich die Mühseligen und die Beladenen an Jesu anderer Seite im Blick. Sie reden nicht über Jesus wie die Schriftgelehrten - sondern mit ihm, weil sie etwas lernen wollen. Sie werden nicht fortgehen wie die Pharisäer, sondern bei Jesus und also bei den Mühseligen und Beladenen bleiben. So lernen sie die Weisheit, die den Klugen und Intelligenten so oft verborgen ist. Jesus hat mit den Gebildeten nur selten gute Erfahrungen gemacht - eher mit den Mühseligen und Beladenen, von denen viele zum ungelehrten Volk gehörten. „Sanftmut und Demut - darauf kommt es an!“-

 

 

Rogate: Joh 16, 23b - 27 und 33

Wenn ein Kind sich etwas wünscht, dann geht es immer zuerst zu den Eltern. Warum hat es wohl solches Zutrauen gerade zu diesen Menschen? Nun, weil es eben die Eltern sind, die schon immer für ihr Kind gesorgt haben. Wenn man gute Erfahrungen gemacht hat, geht man immer wieder hin. Die Kinder wissen eben, daß' sie mit ihren Kindern ganz eng zusammengehören. Doch manchmal schlagen die Eltern auch eine Bitte ab, weil es nicht gut wäre für das Kind, diesen Wunsch zu erfüllen. Aber Kinder sind ja nun schlau: Sie gehen vielleicht zu einem Onkel oder einer Tante oder zur Oma und erhalten dann alles. Aber damit sind sie eigentlich den Eltern ungehorsam geworden, sie sind aus der engen Gemeinschaft mit den Eltern ausgebrochen.

So geht es uns in unsrem Verhältnis zu Gott auch manches Mal: Wir versuchen es vielleicht ab und zu einmal mit dem Beten, aber wenn es dann angeblich nichts nützt, wenden wir uns anderen Helfern zu. Jesus aber sagt uns: Beten kann man nur im Vertrauen auf Gott, wenn man in enger Gemeinschaft mit ihm steht und sich nur auf ihn verläßt. Wer sich erst noch bei anderen rückversichern möchte, der wird von Gott nichts erhalten. Doch der bleibt in enger Gemeinschaft mit ihm, der ihn - und n u r ihn - auch wirklich um etwas bittet.

Der heutige Sonntag „Rogate“ erinnert uns ja ans Bitten. Früher machte man an diesen Sonntag die Umgänge durchs Feld, Bittprozessionen für die Ernte. An vielen Stellen stehen noch die großen Feldsteine auf der Grenze der Flur. Dort hat man bei den Feldbegehungen Halt gemacht und um eine gute Ernte gebetet.

Wenn wir beten, dann denken wir doch meist an Bitten um unser irdisches Wohlergehen. Da hat einmal eine Frau erzählt: „Ich hatte gerade die Milch aufgesetzt, mußte aber auch unbedingt die Wäsche von der Leine nehmen, weil es anfing zu regnen. Ich habe ich gebetet: Lieber Gott, laß die Milch nicht überlaufen! Als ich mitten beim Wäscheabnehmen war, sagt mir auf einmal der Heilige Geist: Jetzt ist es soweit! Und wie ich hochkomme, ist die Milch gerade vor dem Überkochen!“

So geht es halt nicht mit dem Beten. Gewiß, auch so etwas kann einmal eine wichtige Bitte sein. Jesus meint hier auch ganz konkret das Bittgebet: Nur wer wirklich bittet, ist und bleibt ein Kind des Vaters. Ein Kind, das nie seine Eltern um etwas bittet, sondern immer zu anderen geht, ist kein Kind mehr. Nur im Gebet wird das Alles praktische Wirklichkeit, was Christus seinen Jüngern damals und uns heute zugesagt hat.

Aber in das Gebet gehören nicht nur unsere rein menschlichen Wünsche. Wer nur für sich bittet, bleibt ewig unzufrieden. Jesus aber will uns Frieden schenken. Wer keinen Frieden hat, ist unzufrieden. Frieden und zufrieden sein hängen ja zusammen. Jesus sagt: „Trotz all eurer Wünsche sollt ihr zufrieden sein!“

Das Gebet ist deshalb erst einmal Dank und Anbetung. Jesus zählt aber noch ganz andere Dinge auf, die Gott uns geben will: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch!“ (14,27). „Meine Freude soll in euch sein!“ (15,11) und am Schluß des heutigen Abschnittes sagt er: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“

Ist das nicht ein Angebot? Wer von uns hätte keine Angst? Angst vor der Atombombe, vor Verrat, vor der eigenen inneren Leere? Jesus sagt: „Wenn ihr zu Gott gehören wollt, kann euch das alles nichts mehr anhaben. Dann seid ihr so sicher wie ein Kind in den Armen der Mutter oder an der Hand des Vaters!“ Das Gebet ist also mehr als das Aussprechen unsrer menschlichen-allzumenschlichen Wünsche. Es ist auch nicht nur einfach ein Stoßgebet für den äußersten Notfall. Nein, es gibt uns die ständige Gemeinschaft mit Christus und die Geborgenheit bei Gott. Bei ihm dürfen wir uns sicher fühlen wie bei einem Vater, denn er redet mit uns und beschützt uns.

Jesus hat seine Jünger verlassen. Er hat ihnen nichts hinterlassen als das Angebot: „Jetzt gehört ihr nicht mehr nur zu mir, sondern zuerst zu meinem Vater. Jetzt dürft ihr unmittelbar zu ihm reden, so wie ich mit ihm geredet habe!“ Die Jünger standen in der Gefahr, sich nur an den Menschen Jesus zu binden. Wenn er nun nicht mehr da war, würde vielleicht ihr ganzer Glaube zusammenbrechen. Da verweist sie Jesus an den Vater und sagt: „So, wie ihr mir bisher vertraut habt und mir nachgefolgt seid, so sollt ihr euch jetzt zu Gott halten!“

Wir heute stehen eher in einer anderen Gefahr: Wir glauben vielleicht an einen Gott, so ein höheres Wesen muß es ja geben. Aber mit Jesus Christus wissen wir nichts anzufangen. Das ist aber auch falsch: Zu Gottkommen wir nur über Jesus. Auch wenn wir im Gebet urmittelbaren Zugang zu Gott haben, so können wir doch Jesus nicht ausschalten aus unserem Leben. Genauso macht ja auch der Heilige Geist den Herrn Jesus nicht überflüssig. Wenn wir zu. Gott wollen, kommen wir an Jesus nicht vorbei. Das ärgert natürlich viele Leute.

Doch Jesus ist kein bissiger Hund oder gehässiger Türhüter, der uns nicht hineinlassen will in das Haus Gottes. Nein, er lädt uns sogar nach dort ein, zeigt uns den `Weg und begleitet uns hin zum Vater. Der Weg zu Gott, dem Vater, ist das Gebet „im Namen Jesu Christi“. Wenn wir beten, dann immer nur zu Gott, aber „durch Jesus Christus, unsern Herrn!“.

Ohne Christus müßte unser Gebet bald ersticken unter den Dornen der Anfechtung und der Angst der Welt. Ohne Christus wäre es auch ein bodenloses Experiment, das nur in einer großen Enttäuschung endet.

Jesus aber sagt: „Ihr dürft gewiß sein, daß Gott euch hört und auch e r h ö r t. So, wie ihr euch auf mich berufen dürft, so erfüllt Gott euch auch die Bitte, weil ich es euch zugesagt habe. Gott erfüllt die Bitten, weil er sich dadurch zu Jesus und zu seiner Offenbarung bekennt. Gott darf sich doch nicht blamieren vor den anderen. Jesus braucht ihn gar nicht um die Erfüllung der Gebete zu bitten, denn sie sind schon erfüllt.

Die Jünger dürfen damit neben Jesus treten und das alles am eigenen Leibe erfahren. Und w i r sind damit auch zu Freunden Jesu geworden. Wenn ein Junge einen Freund hat und er bittet den Vater um Geld für ein Eis, der Freund aber steht daneben, dann wird der Vater auch dem Freund seines Sohnes ein Eis spendieren. So wie Gott seinen Sohn Jesus liebt, so liebt er auch alle, die an ihn glauben.

Deshalb hat nicht die Welt das letzte Wort zu sprechen, sondern Gott. Wer aber nicht betet, dem geht diese Gewißheit unweigerlich verloren. Man muß das Beten auch üben, feste Zeiten und eine gewisse Gewöhnung gehören dazu. Wenn man Konfirmanden nach Gebetstextexten fragt, wissen sie zum Teil zumindest das Vaterunser. Aber wenn man dann fragt: „Betet ihr es auch?“ dann sagen sie mit entrüsteter Miene: „Nein!“ und würden am liebsten hinzufügen: Wie kann man nur so etwas fragen!“ Aber dadurch werden wir halt alle unglaubwürdig vor denen, die sowieso nicht beten. Wer aber betet, der darf von Gott erfahren, welche Macht so ein ganz gewöhnliches Gebet hat, weil Gott dahinter steht.

 

 

Himmelfahrt: Lk 24 , 44 - 53

Über der Stadt Rio de Janeiro steht auf einem über 700 Meter hohen Berg eine weiße Christusstatue. Mit ihren 38 Meter Höhe leuchtet das Standbild weithin. Christus streckt die Arme segnend über die darunterliegende Millionenstadt. Die diese Figur errichten ließen, wollten damit deutlich machen: „Unsere Stadt und das ganze Land sollen unter den segnenden Hände Christi leben!“

Christus wird oft als der Segnende dargestellt. So blieb er auch seinen Jüngern im Gedächtnis: Mit zum Segen erhobenen Händen hatten sie ihn zum letzten Mal gesehen. Segnend war er von ihnen geschieden und zurückgekehrt in die verborgene Herrlichkeit des Vaters. Auch wenn sie nachher seine Hände nicht mehr sehen konnten, so wußten sie dennoch: „Wir gehen unseren Weg alle Tage unter dem Segen des Herrn!“

Der Abschiedssegen Jesu besiegelt alles, was er gesagt und getan hat. Unter seinen erhobenen Händen steht der weitere Weg seiner Jüngerschar und seiner Gemeinde für alle Zeiten. Darauf kommt es Lukas an. Von Himmelfahrt ist bei ihm am Schluß seines Evangeliums nicht die Rede. Er spricht nur davon, daß Jesus auf einmal nicht mehr sichtbar ist und Gemeinschaft mit ihm nicht mehr über die leibliche Gegenwart möglich ist. Es bleibt offen, wo sich Jesus jetzt befindet.

Das ganze Gewicht liegt auf der Aussage, daß die neue Gemeinschaft des Auferstandenen mit den Jüngern unkündbar und unwiderrufbar ist. Auch wenn er leiblich abwesend ist, so bleibt er doch als der Herr gegenwärtig. Der Segen ist dabei die Brücke von damals zum Heute, ein Zeichen, dafür, daß wir zwar zurückgelassen, aber nicht allein gelassen sind.

Vielleicht kommen wir dann- auch einmal von der Vorstellung weg, als sei Himmelfahrt so etwas wie eine Fahrt im Freiballon oder gar mit einer Rakete. Dieses ursprünglich heidnische Bild stellt die Auferstehung in den Schatten und macht die Hinwendung Gottes zur Welt zweifelhaft. Der Eindruck wird erweckt, Jesus sei nicht mehr in der Nähe und wir könnten unter Umständen tun, was wir wollten.

Das Bild vom segnenden Christus aber macht und deutlich: Wir haben keinen abwesenden Herrn, der nichts ausrichten kann, weil er außer Landes ist. Uns soll es nicht gehen wie „Hans-guck-in-die-Luft“, der nachher als begossener Pudel dasteht. Nicht wir müssen zum Himmel wachsen, sondern der Himmel kommt auf uns zu.

Wenn Jesus der geplagten Menschheit hätte helfen wollen, dann hätte man ihm bessere Erfolge gewünscht. Die Kirche stand sicher immer wieder in der Gefahr, noch nachträglich das verwirklichen zu wollen, was Jesus nicht geschafft hat. Also her mit einer „Theologie der Revolution“ und dann auch Revolution gemacht. Es gibt doch Länder, in denen menschliches Elend so zum Himmel schreit, daß das „Wort vom Kreuz“ nichts helfen kann und man das Herrsein Christi mit weltlichen Mitteln geltend machen müßte.

Sicher ist es wichtig und notwendig, die weltlichen Dinge neu zu ordnen. Das Geschrei der Unterdrückten und Entwürdigten kann nicht überhört werden. Da genügt es auch nicht, mit ein paar freundlichen Worten an den guten Willen der Menschen zu appellieren. Aber für Jesus gibt es keinen Fortschritt in der Welt ohne das gepredigte Wort und den Hinweis auf das, was durch Jesus schon geschehen ist. Das Werk Christi wird auch dann nicht überflüssig sein wenn im weltlichen Bereich alles Menschenmögliche erreicht ist. Keine Ordnung der Welt wird das Reich Christi sein.

Die Sache Jesu Christi muß allerdings einen mühsamen Weg in die Welt hinein gehen. Von Mensch zu Mensch muß das Evangelium au gebreitet werden. Buße zur Vergebung der Sünden soll allen Völkern gepredigt werden. Das ist kein leichtes Geschäft. Aber nur wo Menschen sich frei dem Evangelium öffnen, da tritt auch eine tatsächliche Sinnesänderung ein.

Man hat bezweifelt, daß Jesus selber den Missionsbefehl gegeben habe. Die judenchristlichen Gemeinden haben ja mit der Heidenmission gezögert. Aber Lukas bezeichnet den Ausgangspunkt treffend: „Fangt an in Jerusalem!“ Die Jünger werden zu Zeugen, zu Gewährsleuten der Überlieferung und Überbringern der Botschaft, die mit ihrer Person für das einstehen, was sie bekunden.

Lukas will damit klarstellen: Der erhöhte Christus ist kein nebelhaftes Geistwesen, in Geheimerfahrungen dem einen so und dem anderen so erscheinend. Er hat ein Gesicht, denn es gab eine Zeit, wo er noch da war. Seine Worte fanden Deckung in seinem Tun. Die Botschaft ist nicht ablösbar von dem, was da wirklich geschehen ist. Es geht um das, was sich „im Fleisch“ ereignet hat. Und dazu braucht man die Zeugen.

Heute allerdings sehen wir auch, daß Mission nicht nur etwas ist für „Neger“ im fernen Afrika ist. Sie fängt vielmehr vor unserer eigenen Haustür an. Doch vielleicht haben wir gerade dazu keinen Mut. Für die Mission in Übersee würden wir schon Geld geben. Aber selber mittun - ist das nicht etwas zu viel verlangt und auch unter Umständen gefährlich?

Jesus aber verheißt seinen Beistand allen, die seine Sache in der Welt vertreten. Es braucht keiner hinter verschlossenen Türen zu sitzen, sondern er kann mutig zur Tat schreiten. Jesus steht hinter seinen Zeugen und beweist seine Macht durch Zeichen und Wunder. Diese geschehen auch heute noch, wenn wir sie nur als solche erkennen.

Der Schlußakkord des Lukasevangeliums spricht von der „großen Freude“ und dem Lobpreis Gottes. Jesus hat die Jünger verlassen. Er hat ihnen eine weltweite Aufgabe hinterlassen. Aber sie sind nur eine winzige Kirche. Aber diese Kirche steht unter der Zusage und dem Segen des erhöhten Christus. Sie braucht nicht ihre Erfolgschancen zu überschlagen, ehe sie tätig wird, sondern sie ist ausgestattet mit der „Kraft aus der Höhe“, die seit Pfingsten wirksam ist.

Es liegt also kein Grund vor, in eine Untergangsstimmung zu verfallen. Natürlich ist die Rüstung gefährlich. Und ganz gewiß ist unsre Umwelt stark bedroht. Aber das darf uns nicht lähmen, sondern wir werden ermutigt zum Verändern. Allerdings geht das nicht einzeln, sondern wir werden hineingestellt in den Leib Christi, in die Kirche, die gestärkt wird durch die Kraft aus der Höhe.

Diese Kraft dient zunächst dem Eigenbedarf der Kirche. Sie wäre ja gar nicht in der Lage, die Sache Christi aus eigener Kraft zu treiben. Dafür gibt es viel zu viel Schwächliches und Müdes‚ Entmutigendes und Skandalöses in ihr. Menschliche Einsicht und menschliches Bemühen können in der Sache Gottes gar nichts ausrichten. Die Kirche kann nur das Instrument sein, dessen sich Gott bedient. Die Menschen sind bestenfalls nur Gottes Mitarbeiter. Die Kirche kann nur in der Kraft ihres Herrn wirksam sein.

Das Gleiche muß man auch sagen für die Seite der Empfänger des Evangeliums: Ihnen kann man das Wort vom Kreuz nicht annehmbar machen mit Erfahrungen und Beweisen und mit ausgeklügelten Techniken und Methoden. Entscheidend ist der Heilige Geist, der das bewirkt, was aus eigener Vernunft und Kraft nicht zustande kommen kann.

Dazu gehört aber auch, daß die Kirche aufs Warten angewiesen ist. Die Jünger sollen in der Stadt bleiben und warten! In der Kirche wird oft emsig und hingebungsvoll gearbeitet, oft nur mit geringem äußerem Erfolg. Es wird auch viel überlegt und geplant, erfunden und experimentiert. Die Liebe ist eben erfinderisch und sucht neue Wege.

Aber es könnte auch soweit kommen, daß wir eifrig und nervös Pläne entwickeln, weil wir der Kraft aus der Höhe nicht genug zutrauen. Die großen Stunde der Kirche waren die, in denen sie sich ihrer Armut und ihrer Bedürftigkeit bewußt wurde‚ als sie ihre Hoffnung nur auf Christus setzen konnte.

Der nächste Schritt heißt also nicht: „Loslaufen, aktiv werden, sich tummeln“, auch nicht „Lagebesprechung, Einsatzplan, Ausbildung!“ Der nächste Schritt heißt nur: „Warten!“ Die ersten Christen taten das, indem sie sich immerzu im Tempel aufhielten. Die wartende Gemeinde findet sich dort zusammen, wo Gott mit uns Kontakt aufnehmen will. Das tun wir auch in dem Gottesdienst am Himmelfahrtstag.

Gottes Geist wird uns nur durch die Gnadenmittel gegeben-, also durch sein Wort und die Sakramente. Deshalb ist der Gottesdienst die Stelle, von der die Kraft des Erhöhten ausgeht. Deshalb kann die Gemeinde nicht träumend oder gar schlafend auf den Geist warten, sondern nur aktiv und der Zusage des Herrn trauend.

 

 

Exaudi: Joh 15, 26 - 16, 4 (Variante 2)

An bestimmten Tagen im Jahr können wird endlich den ganzen Tag rund um die Uhr einkaufen und am Sonntag von 14 bis 20 Uhr. Wem es am Sonntag zu langweilig ist, weil er nicht zum Gottesdienst war, der kann dann wenigstens am Nachmittag noch etwas erleben. Früher ging man da in die Natur oder zu Bekannten, heute geht man halt ins Kaufhaus. Aber wozu brauchen wir da noch einen Sonntag? Aber ohne Sonntag ist alle Tage Werktag.

Dazu paßt die Forderung eines Arbeitgebervertreters, den Maifeiertag auf den jeweils ersten Sonntag im Mai zu verlegen, damit Arbeitskräfte eingespart werden können und die Gewinne steigen. Folgerichtig hat ihm ein Politiker entgegengehalten, da könnte man doch auch gleiche alle christlichen Feiertage abschaffen. Beim Buß- und Bettag ist das ja schon gelungen. Man hat natürlich nicht den Feiertag angeschafft, denn die Kirche bestimmt allein über ihre Feiertage, und Gottesdienste kann man auch am Werktag halten. Aber wenn der Tag nicht mehr arbeitsfrei ist, dann ist er auch nicht mehr so im öffentlichen Bewußtsein.

Wir leben nicht mehr in einer gegenüber den Christen feindlichen Gesellschaft wie die ersten Christen. Aber es ist heute auch nicht mehr selbstverständlich, daß christliche Überzeugungen das öffentliche Leben prägen. Manche Politiker sprechen zwar von den „christlichen Werten“, die ihr Parteiprogramm bestimmen. Aber die wenigsten werden wohl sagen können, was das konkret bedeutet.

Wenn man sich dann gegen Tierversuche und Embryonenforschung ausspricht, dann stößt man gerade bei diesen Leuten auf Unverständnis: „Man dürfe doch den Fortschritt nicht behindern, man müsse den Hunger in der Welt besiegen und die Medizin müsse immer mehr vervollkommnet werden!“ Und dann werden eben auf der Staatsdomäne die gen-veränderten Pflanzen ausgesät. Und die Atomkraftwerke sollen erst noch einmal weiter laufen und der Müll kommt dann in ein sogenanntes Zwischenlager, das aber ein Endlager ist. Und zum Kriegführen muß man natürlich auch weiterhin fähig sein. Mit den christlichen Werten ist es

nicht so weit her in unserer Gesellschaft. Wer diese Dinge aber alle ablehnt, der hat es als Christ in unserer Gesellschaft nicht leicht.

In manchen Wohngegenden fällt es bereits auf, wenn junge Menschen sich trauen lassen oder ihr Kind zur Taufe bringen. Es ist gar nicht so leicht, mit dem Gesangbuch in der Hand zum Gottesdienst zu gehen, während die lieben Nachbarn hinter der Gardine stehen.

Oder ein junger Mann sagt: „Die anderen denken doch, bei mir sei etwas ausgehakt, wenn ich plötzlich zur Kirche ginge. Es muß doch genügen, ganz für sich persönlich einen Glauben zu haben. Die anderen brauchen das doch gar nicht zu wissen!“ So denken doch viele.

Wir dürfen dankbar sein, wenn wir nicht von Seiten des Staates im Glauben behindert werden. Leider gibt es das noch allerhand Staaten in der Welt, vor allem mit andersgläubiger Mehrheit. Aber auch Diktaturen wollen immer den möglichen Einfluß der Kirche ausschalten.

Wir aber dürfen ungehindert als Christen leben, ohne Verfolgungen von Seiten des Staates oder der Parteien oder sonstiger gesellschaftlicher Gruppen fürchten zu müssen. Wir werden lediglich durch andersgläubige oder ungläubige Mitmenschen zum ehrlichen Bekennen herausgefordert.

In einem Buch aus der früheren DDR schreibt ein Ausleger: „Den Christen ist das Recht, sich zu ihrem Glauben zu bekennen, garantiert. Sie haben die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Bürger. Alltagsschwierigkeiten dürfen uns nicht dazu verführen, uns als Märtyrer zu verstehen!“ Aber jeder, der damals so etwas las, wußte natürlich, daß hier die Politik des Staates gegenüber der Kirche kritisiert wurde, weil im alltäglichen Leben dieses Recht oft nur auf dem Papier stand.

Dennoch gab es auch in der DDR keine echte Christenverfolgung. Das war in der Zeit der ersten Christenheit anders. Da wurden sie aus den jüdischen Gemeinden herausgestoßen und verloren damit den Schutz der staatlich zugelassenen Religion. Die Juden begnügten sich nicht mehr mit dem Ausschluß aus ihrer Gemeinschaft, sondern sie empfanden die Christen mehr und mehr als Konkurrenz und wollten sie durch Anklagen bei den heidnischen Behörden unschädlich machen.

In diese Situation hinein wollte der Evangelist Johannes seiner Gemeinde Trost zusprechen. Man zählte inzwischen ja ungefähr das Jahr 90 nach Christus, die ersten großen Verfolgungen mit der Ermordung von Christen waren angelaufen. Da legt der Evangelist seinem Herrn Worte in den Mund, die in seine damalige Zweit wirken sollen. Der wirkliche Jesus hat sich wohl keine großen Gedanken um eine spätere Kirche gemacht. Aber was hier also seine Rede angeführt wird, ist durchaus in seinem Sinne: „Zum Christsein gehört die Anfeindung und Verfolgung dazu!“

Wenn die Kirche groß dastand in weltlicher Macht und Größe, da war sie meist nicht mehr auf dem Weg ihres Herrn. Wenn sie im Windschatten weltlicher Mächte ihre Vorteile suchte, da hat sie das verleugnet, was sie nach Christi Willen sein sollte. Es besteht eine grundsätzlich unvermeidbare Spannung zwischen der Christenheit und der Welt. Man darf sich nicht darüber wundern wenn Christen gehaßt werden, denn schon ihrem Herrn und den ersten Christen ging es nicht anders.

Wenn jede Bedrängnis von außen fehlt, dann muß sich die Kirche fragen, ob sie die Sache ihres Herrn verbogen oder verharmlost hat und damit um ihre heilende und richtungsweisende Kraft gebracht hat. Was niemanden aufregt, ist bestimmt nicht das Evangelium. Deshalb wundern sich ja auch die Politiker manchmal, wenn sie dachten, sie hätten die Kirchenleute in der Tasche und dann sagt plötzlich ein Bischof oder sogar gleich mehrere etwas, das ihnen gar nicht in den Kram paßt.

Aber die Gefährdung kommt nicht nur von außen, sondern auch von innen. Wir werden vielfach überschätzt und wir überschätzen uns selber auch. Wir sehen uns als Volkskirche mit vielen Mitgliedern und großen sozialen und gesellschaftlichen Leistungen. Was die Kirchen im Gesundheitswesen, in der Kindererziehung und bei der Freizeitgestaltung auf die Beine stellen, ist schon gewaltig. Aber über den wahren geistlichen Zustand kann man sich da leicht hinwegtäuschen.

Das ist ja auch die Gefahr bei den Statistiken: Irgendwie kann man es immer wieder so drehen, daß es doch aufwärts zu gehen scheint. Und wenn es wirklich einmal nicht der Fall ist, dann tröstet man sich damit, daß es anderswo noch schlechter ist. Statistiken erfordern viel Zeit, ändern aber gar nichts, wenn man nicht bereit ist, daraus auch Folgerungen zu ziehen. Statistiken fangen das Leben nicht ein.

Jesu Abschiedsrede ist aber nicht auf den Ton des Tadels gestimmt, sondern auf den der Vorsorge und des Vorausdenkens. Er will ankündigen, daß die Kirche nur arm und schwach sein kann. Man muß die Möglichkeit des Schwachwerdens und Versagens in die eigenen Überlegungen einbeziehen. Jesus möchte, daß wir nicht überrascht sind, wenn unsere Zugehörigkeit zu ihm auch einmal ihren Preis von uns fordert.

Doch in den schwersten Bewährungsproben des Glaubens kann auch der Glaube reifen und können die größten Gotteserfahrungen gemacht werden. An der Art, wie einer bereit zum Opfer ist, erkennen andere, was einem der Glaube wert ist. Und dann wird man aufmerksam und bringt Vertrauen entgegen.

Es geht dabei nicht nur darum, daß wir unseren Mann stehen müssen, wenn es hart auf hart geht. Jesus bangt auch um unseren inneren Zustand. Aber er weiß auch: Selbst wer schwach ist wie Petrus, der kann noch seine Brüder stärken.

Mit seiner müden und unzuverlässigen Kirche kann Christus noch immer etwas anfangen, weil er selbst der Beistand ist. Kein Widerstand der Welt, kein Schwachwerden der Gemeinde wird verhindern, daß die Sache Jesu weitergeht. Natürlich: Die Sache Jesu wird durch Menschen in der Welt vertreten und verbreitet. Die Menschen mögen das gut oder schlecht machen, tapfer und fröhlich oder kleinlaut und schwächlich.

Aber letztlich kann die Sache Gottes nur durch ihn selber begreiflich gemacht werden. Der Glaube ist ein Geschenk. Es gibt keinen Beweis dafür. Aber die Botschaft trifft plötzlich ins Herz. Da geht etwas auf, das vorher verschlossen war. Der Glaube ist immer eine Entdeckung, die uns zuteil wird. Aber am Sonntag vor Pfingsten wird uns zugesagt, daß der Geist Gottes über uns kommt und daß wir einen Beistand haben, der uns hilft, unsren Glauben und unser Leben in dieser Welt zu bewältigen.

Und die Gemeinde ist auch nach Jesus nicht allein: Er sendet ihr einen Helfer als Beistand, der ihn jetzt vertritt. Im Grunde ist das aber Jesus selbst, der auf andere Art und Weise bei seinen Leuten ist. Aber man muß um diesen Tröster beten, man kann ihn nicht haben, sondern immer nur empfangen. Man muß kommen, aber man empfängt.

Aber Gott kommt dann nicht in unser stilles Kämmerlein, um dort mit uns zu reden. Er möchte, daß wir in die Kirche kommen, um dort mit seinem Wort bekannt gemacht zu werden. Gottes Zeugnis ist verbunden mit dem Zeugnis von Menschen. Und da gibt es immer noch Neues zu entdecken. Beim Glauben weiß man nie alles, auch wenn man Theologie studiert hat und sogar den Doktor gemacht hat und Professor ist.

Wenn wir uns aber etwas sagen lassen, dann sind wir auch fähig, etwas weiter zu geben. Dann finden wir auch die richtigen Entscheidungen in den Fragen unsres Alltags. Dann wissen wir, wie die „christlichen Werte“ in unserem Leben konkret aussehen. Und dann können wir das auch furchtlos gegenüber anderen vertreten, weil wir Gott als unseren Beistand haben.

 

 

Exaudi: Joh 15, 26 - 16,4 (Variante 2)

Eigentlich ist es ein ungeheurer Anspruch, wenn wir sagen, im Gottesdienst wird Gottes Wort verkündet. Wir nehmen die Bibel her und lesen daraus vor. Aber die Bibel ist auch nicht nur reines Gotteswort, sondern Gotteswort in Menschenwort eingefaßt, mit menschlichen Gedanken vermischt und mit menschlichen Worten ausgedrückt. Und dann kommt vielleicht so ein Pfarrer und nimmt diesen Bibeltext noch als Grundlage für eine Predigt. Wieder wird ein Stückchen mehr Menschenwort daraus. Und der Hörer nimmt es noch einmal etwas anders auf, als es gemeint war. Bleibt denn da überhaupt noch etwas vom göttlichen Wort erhalten, wenn es immer weiter so verdünnt wird?

Und doch wird immer wieder der Anspruch erhoben: „In der Kirche wird Gottes Wort geredet!“ Manchmal war es allerdings auch schlimm. Es gab Zeiten, da hat man von der Kanzel herunter über die richtige Düngung gepredigt. So geht es ja auch nicht, da blieb wirklich nur Menschenwort übrig. Aber heute ist das ja nicht mehr so, da kann jeder aus einer Predigt für seinen Glauben etwas entnehmen, auch wenn die Predigt noch so schlecht und noch so langweilig war; es kommt hier auch etwas auf den guten Willen an.

Daß Gott aber immer noch durch seine Kirche spricht, ist einzig und allein ein Werk des Heiligen Geistes. Nur diese Kraft Gottes stellt sicher, daß überhaupt noch etwas von Gott hörbar wird in unsrer Welt. Kein Prediger könnte etwas ausrichten, wenn nicht Gott dahinter stünde. Deshalb brauchen wir die Kraft des Heiligen Geistes immer wieder neu. Wir gehen ja auf Pfingsten zu. Und am heutigen Sonntag gilt unser Gebet vor allem der Bitte um den Heiligen Geist. Wir stehen immer wieder in der gleichen Lage wie die Jünger am Karfreitag: Wir müssen immer wieder um den Heiligen Geist bitten, der uns trotz allem der Nähe Gottes gewiß macht.

Wir müssen oft unsren Glauben bezeugen, bis in die Kleinigkeiten hinein. Es ist nicht immer so, daß wir gleich verspottet werden oder persönliche Nachteile haben. Aber es ist zum Beispiel nicht gleichgültig, ob man zur Konfirmation geht oder nicht. Hier fängt das Zeugnis schon an. Auch der regelmäßige Gottesdienstbesuch gehört dazu.

Wenn man die Konfirmanden fragt, wer denn in der Regel besonderen Wert legt auf die Konfirmation, dann sagen sie: „Der Pfarrer!“ Aber der konfirmiert lieber einen weniger als daß er ein schlechtes Gewissen haben möchte. Genauso denken sicher viele, sie täten dem Pfarrer einen Gefallen, wenn sie zum Gottesdienst gehen. Kommt denn überhaupt keiner auf den Gedanken, daß er G o t t beleidigt, wenn er das Angebot Gottes so offensichtlich verachtet? Der Heilige Geist wird beleidigt, nicht der Mensch, der Gottes Wort nur im Auftrag Gottes weiterzugeben versucht.

Wir müssen halt immer noch auf den Heiligen Geist warten. Nicht der ganze Bereich der Kirche ist auch der Bereich des Heiligen Geistes, und nicht alles kirchliche Leben ist auch geistliches Leben. Deshalb werden wir gerade heute aufgerufen, dafür zu bitten: „Komm, Heiliger Geist!“ Prüfen wir uns aber auch einmal, ob unser Glaube wirklich vom Heiligen Geist bestimmt ist oder nur menschliche Gründe hat.

Eigentlich ist es ein Wunder, daß es durch all die Jahrhunderte hindurch noch Kirche gibt, auch in unsrer Zeit. Die Geschichte der Kirche ist nicht gottverlassen, ist nicht geistlos. Gottes Geist hat immer wieder in der Kirche gewirkt. Das Wort von Christus hat immer wieder Glauben gefunden und Gemeinde gesammelt. Aber entscheidend ist ja, ob es auch bei uns Glauben findet und Gemeinde sammelt. Das Leben anderer Christen ist eine Stärkung für unseren Glauben. Aber lassen wir uns denn auch wirklich stärken?

Nur wer vom Geist Gottes gestärkt wird, kann den Haß der Welt aushalten. Wer sich nur auf sich selbst verläßt, wird bald untergehen. Es ist doch so, daß wir immer noch und immer wieder neu gehaßt und verspottet werden. Man kann heute immer wieder hören: „Ihr seid doch zurückgeblieben. Ihr paar Alten seid doch aus einer anderen Zeit!“ Doch man wundert sich, daß sich immer noch junge Menschen für diesen Christus entscheiden und in seinen Dienst treten.

Man wundert sich auch, daß die Kirche immer wieder so modern ist, sich nicht auf ihre alten Glaubenssätze versteift, sondern immer wieder neu Stellung nimmt zu dieser Welt. Und man wundert sich auch, daß es nicht um ewige Wahrheiten geht, über die man notfalls reden kann, sondern um einen Glauben, der eine Entscheidung fordert und deshalb Ärger erregt.

Zur Zeit Jesu ging man noch im Namen Gottes gegen die Christen vor, man meinte damals, Gott einen Dienst zu tun. Heute bekämpft man die Christen im Namen des Fortschritts, man redet von Aberglauben und Mystizismus, die überwunden werden müßten. Aber dabei ist der Fortschritt dann zu einem Gott geworden: Man folgt ihm blindlings und läßt nichts anderes gelten.

Viele Menschen meinen ja, der Haß auf die Christen sei die Strafe für die Mißstände in der Kirche. Dabei ist es doch so: Je mehr die Kirche zu sein versucht, desto härter wird sie von dieser Feindschaft getroffen. Je entschiedener einer als Christ zu leben versucht, desto mehr steht er unter dem Beschuß der anderen: „Der will etwas Besseres sein! Wir aber wissen genau, was er auf dem Kerbholz hat!“

Ach, was man da alles zu hören kriegt. Dabei sind das alles nur Ausreden für die eigene lässige Haltung. Niemand läßt sich gern in Frage stellen. Viele möchten ihre Ruhe haben und in Ruhe gelassen werden. Deshalb ihre bissige Reaktion. Auch wenn wir gerade für solche Menschen da sein wollten, würden sie doch mit Haß antworten, weil sie alles als einen Angriff auf sich selbst verstehen.

Doch das Schlimmste ist noch nicht der Druck von außen her. Gewiß, mancher Kirchenälteste und mancher treue Kirchgänger hat auch Nadelstiche auszuhalten. Aber viel gefährlicher ist das Irrewerden an der eigenen Sache, das gerade in Zeiten äußerer Bedrückung leicht aufkommt. Jesus sagt uns: „Das muß alles so sein. Ich sage es euch gleich von vornherein: Es bleibt euch nichts erspart!“

Aber wir sind manchmal auch nicht besser: Wir machen uns eine Anschauung von Gott und verurteilen im Namen Gottes die anderen, die nicht sind wie wir: Die Frommen schimpfen auf die Modernen und umgekehrt. Dabei wollen sie doch alle demselben Gott dienen.

Auch in der Kirche werden die verketzert, die anders sind. Jeder denkt, er habe die Wahrheit gepachtet. Dabei ist nur einer die Wahrheit: Gott, der uns den Geist der Wahrheit schickt, für den wir uns entscheiden sollen. Bei der Wahrheit geht es nicht um falsch oder richtig, sondern um eine Entscheidung. Wir fragen doch manchmal: „Woran kann man sich halten, wenn alles zu schwimmen beginnt?“ Heute wird uns gesagt: „Der Geist der Wahrheit wird euch in alle Wahrheit leiten!“

Um alles noch einmal zusammenzufassen: Jesus ist bei uns, auch wenn wir ihn nicht sehen. Er gibt uns die Vollmacht, sein Wort zu verkündigen. Er hat jedem von uns in der Taufe die Kraft des Heiligen Geistes gegeben, so daß wir heute ein Jünger Jesu und ein Bote Gottes sein können und uns vor nichts zu fürchten brauchen.

 

 

Pfingsten I: Joh 14, 23 - 27

Wenn wir von einem Menschen Abschied nehmen, dann sagen wir: „Auf Wiedersehen!“ Aber ob wir ihn tatsächlich wiedersehen‚ wissen wir nicht. Morgen können wir oder der andere schon tot sein. Oder wir können durch irgendwelche äußeren Umstände für immer voneinander getrennt werden. Oder es ergibt sich einfach keine Gelegenheit mehr, noch einmal zusammenzutreffen. Wir sagen oftmals so gedankenlos „Auf Wiedersehen“ zu Menschen, die wir das erste Mal im Leben gesehen haben und die wir wahrscheinlich auch nie wiedersehen werden. Aber man macht das eben so.

Als Jesus von seinen Jüngern Abschied nahm, da mußte er ihnen schon etwas mehr hinterlassen als solch einen unverbindlichen Wunsch. Sie sind in Unruhe und Angst. Sie wissen nicht, was werden soll, wenn ihr Meister sie verläßt. Sie brauchen als Hilfe etwas Handfestes, das genausogut ist, wie wenn Jesus selber bei ihren wäre. Doch genau das kann ihnen Jesus versprechen: Gott wird ihren den Heiliger Geist senden, der an die Stelle Jesu tritt.

Luthers Übersetzung „Tröster“ trifft die Sache nicht. Es geht um den, den man zur Hilfe herbeiruft. Das Wort „Helfer“ macht also noch am ehesten deutlich, was Jesus hier meint. Er kennt die Ratlosigkeit seiner Jünger und weiß, daß sie sich ohne diesen Beistand nicht zu­rechtfinden werden. Deshalb gibt er hier einer bedrängten Gemeinde ein Wort der Verheißung mit auf den Weg.

Wir müssen uns ja vor Augen halten: Als das Johannesevangelium geschrieben und diese Worte formuliert wurden, da setzte die erste Welle der weltweiter Verfolgung der Christen ein. Ja, wenn Christus noch da wäre, dann könnte er sich jetzt für seine Gemeinde einsetze-Aber wo ist er denn jetzt? So werden sich doch damals viele Christen gefragt haben.

Und das Johannesevangelium hat ihnen dann deutlich gemacht: Er ist noch bei uns, wenn auch auf andere Art und Weise. Gott der Vater und Jesus Christus der Sohn sind jetzt als Heiliger Geist bei euch. Und dieser Geist ist nicht nur so in euren Gedanken vorhanden, sondern ein wirklicher Helfer.

Das ist auch uns gesagt, die wir in diesem Jahr wieder das Pfingstfest feiern. Wir sind nicht unbedingt eine bedrängte Gemeinde. Aber heute läuft in der Kirche gar nichts mehr von selbst. Wenn eine Gemeinde sich nicht vom Geist Gottes zu selbständigem Handeln antreiben läßt, wird sie langsam aber sicher absterben. Man spricht dann gewöhnlich vor der Krise in der Kirche. Dabei übersieht man aber die große Chance für die Kirche in unserer Zeit: Sie kann wieder ganz neu lernen, daß sie ihr Leben nicht aus sich selbst heraus entwickeln kann, sondern nur als Gabe des Heiligen Geistes empfängt. Und was uns jetzt als Not erscheint und Unruhe macht, das kann dann zuletzt zu unserem Segen werden.

So ist das aber auch in unserem persönlichen Leben. Es gibt Jahre, wo alles glatt geht: wir sind gesund, können etwas leisten, es gibt keine Sorgen in der Familie. Und dann meinen wir, das müsse alles so sein. Doch plötzlich kommt es anders: Eine Krankheit hemmt unsre Schaffenskraft, ein Todesfall zerschlägt unser Familienglück; wir geraten in Sorgen und kommen in Krisen. Wenn wir dann lernen, daß wir den Helfer Gottes brauchen, dann kann alle Not in Segen umschlagen.

Entscheidend wird dabei sein, ob wir den Heiligen Geist tatsächlich an uns wirken lassen wollen. Nur wer wir alles von ihm erwarten, werden wir eine Zukunft haben, als Kirche und als einzelner Christ. In dreifacher Art und Weise möchte der Heilige Geist dabei unser Helfer sein:

 

(1.) Der Heilige Geist macht uns fähig zur Liebe: Wenn ein Mann einer Frau seine Liebe deutlich machen will, dann genügt dazu nicht eine Liebeserklärung, sondern er muß es auch durch die Tat beweisen. Etwas überspitzt ausgedrückt wird er nicht nur sagen: „Ich liebe dich!“ sondern auch: „Ich will dir auch immer den Müll runtertragen!“ Und wenn jemand seine Liebe zu Jesus zeigen will, dann geht das nur im konkreten Einsatz für die Welt und ihre Menschen.

Aber diese Liebe ist nur möglich, weil wir uns geborgen wissen dürfen in der Liebe Gottes. Wir können und nicht zur Liebe zwingen. Gott kommt zu uns mit seiner Liebe und öffnet uns das Herz, damit wir anderen Menschen mit Liebe begegnen können. Der Heilige Geist hilft uns zu solcher Liebe. Er ermöglicht uns eine Lebenshaltung im Sinne Gottes. Er leitet uns auch an zur rechten Gotteserkenntnis. Diese ist nur in der Liebe möglich. Gott kommt auf uns zu. Er will mit uns eine Wohngemeinschaft eingehen und bei uns zu Hause sein. Er hat es auf unser Herz abgesehen. Aber wir müssen unser Herz drangeben, sonst merken wir nichts von Gott. Natürlich begegnen wir Gott nicht persönlich, so wie das den Jüngern zur Zeit des irdischen Wirkens Jesu möglich war. Jetzt, wo Jesus zum Vater erhöht ist, begegnet er uns durch den Geist, begegnet er uns im Wort. Dort will Gott zu Wort kommen. Die Predigt ist nicht die Erörterung eines beliebigen Gegenstandes, sondern Gottes Zuspruch an uns und somit Gottes eigenes Werk. Wer in der festen Bindung an Jesu Wort lebt, dem wird ein solches Leben auch möglich sein.

 

(2.) Der Heilige Geist lehrt uns die Worte Jesu immer wieder neu: Er setzt Jesu Werk fort, bestätigt es und vollendet es schließlich. So sorgt er dafür, daß die Gemeinde nicht wehrlos dasteht, sondern die richtigen Argumente und Entgegnungen findet, wenn sie ihren Glauben verteidigen muß.

Man kann manchmal nur staunen, was der Heilige Geist auf diesem Gebiet fertigbringt. Da steht ein Schüler zwei Stunden lang Rede und Antwort, besser als es vielleicht die Eltern gekonnt hätten. Man kann tatsächlich nur staunen, welche Argumente die Kinder manchmal haben, noch über das hinaus, was sie einmal im Konfirmandenunterricht gehört haben. Das kann doch nur mit dieser Hilfe des Heiligen Geistes zusammenhängen. Hier wird eben heute das konkret, was Jesus versprochen hat mit den Worten: „Der wird euch alles lehren!“

Der Geist lebt, indem er erinnert an das, was Jesus schon gesagt hat. Der Geist sagt im Grunde nichts Neues, weil das Alte immer noch nicht überholt ist. Doch er will nicht zeitlose Wahrheiten auf mich anwenden, sondern er ruft mich heute persönlich. Aber er ruft so, wie er schon immer Sünder gerufen und wieder ermutigt hat.

Aber: Wenn wir die Beziehung zu Jesus aufrechterhalten wollen, dann können wir unsre Augen und Ohren nicht nur stur in die Vergangenheit richten. Wer immer nur rückwärts geht, bemerkt nicht die sich verändernde Landschaft und die damit gestellten gegenwärtigen Aufgaben. Der Heilige Geist aber erfordert den Vorwärtsgang. Er ist immer schon in der Gegenwart und beschenkt uns dort und gibt uns Aufträge.

Er gibt uns den klaren Blick für unsre Zeit. Er zeigt uns aber auch, was diese unsere Welt mit Jesus zu tun hat. Wenn wir schon Probleme vor uns sehen, dann müssen wir auch wissen, wie wir sie lösen können. Den Maßstab und die entscheidende Hilfe für die Bewältigung der Probleme unsrer Welt gibt uns der Heilige Geist durch die Bindung an das Wort Jesu.

 

(3.) Der Heilige Geist gibt uns Frieden: Auch das, was unsere Welt mit am nötigsten braucht, vermittelt uns der Heilige Geist: Den Frieden mit Gott und den Frieden der Menschen untereinander. Frieden bedeutet aber nicht die Entrückung aus dem Getümmel der Welt. Wir können die Welt nicht ihrem Unfrieden überlassen und uns selber in ein Reich des Friedens zurückziehen.

Wir können die Welt nicht ihrem Schicksal überlassen, weil Gott uns den Frieden geschenkt hat, den wir der Welt weitergeben sollen. Wir werden von Gott beschenkt, damit wir nun unsererseits den Frieden in der Welt verwirklichen. Das ist die Aufgabe, die uns besonders an diesem Pfingstfest gestellt wird: daß wir in unsrer kleinen Umgebung für den Frieden tätig werden. Der Heilige Geist gibt uns die Freiheit und die Kraft, unerschrocken und furchtlos als Zeugen des Friedens aufzutreten. Wir müssen nicht mehr erschrecken vor all der Schwierigkeiten unseres Lebens, wir sind nicht wehrlos allem preisgegeben, sondern wir können aktiv daran mitarbeiten, daß Frieden unter den Menschen ist.

Auch wenn man uns mit Haß begegnet, wenn man uns droht, wenn man uns in die Ecke drücken will, dann brauchen wir uns nicht mit den gleichen Mitteln zu wehren. Wir haben ja die Kraft des Heiligen Geistes auf unsrer Seite. Der macht uns fähig zur Liebe, er lehrt uns die richtigen Argumente und er gibt uns Frieden. Da können wir ruhig und gefaßt allen Schwierigkeiten ins Auge sehen. Wir stehen ja doch auf der Seite des Siegers.

In der Abschiedssituation spricht Jesus vom Frieden. Das ist ein Frieden, der durch nichts mehr gestört werden kann. Wir freuen uns an der Buntheit des Frühlings und atmen dankbar den Duft der sich neu schmückenden Schöpfung Gottes. Aber es gibt auch Schattenseiten, die unser Herz erschüttern, und es gibt unausweichlich eine letzte Stunde für uns. Doch wir haben einen Frieden, der auch dann immer noch in Kraft ist, eine letzte Geborgenheit und Unversehrtheit.

Wir haben den Heiligen Geist nicht bekommen, um ihn für uns zu behalten und um uns in stillen Stunden daran zu erfreuen. Wenn man schon Kraft erhält, dann muß man sie auch besonnen und sinnvoll anwenden. Die Welt braucht den Helfer. Und wir können ihn ihr bringen, weil Jesus ihn uns gegeben hat. Die Welt braucht Liebe, sie braucht Maßstäbe, sie braucht der Frieden. Wir haben all das und sind es deshalb der Welt schuldig. Gott rechnet fest mit uns.

 

 

Pfingsten II: Mt 16, 13 - 20

Wir begehen heute wieder den Jahrestag der Gründung der Kirche. Zwischen jenem ersten Pfingstfest in Jerusalem und dem heutigen Pfingstfest besteht allerdings doch ein beträchtlicher Unterschied. Damals wurde die Botschaft von dem auferstandenen Jesus laut und mit großer Begeisterung verkündet, für alle sichtbar hatte sich das Wirken des Heiligen Geistes an den Jüngern ereignet.

Was aber ist aus jenen verheißungsvollen Anfängen geworden? Das lange Wochenende in der schönen Jahreszeit verleitet nur wenige, in den Gottesdienst zu gehen. Das Pfingstfest ist nicht gerade volkstümlich, viele verstehen nicht so recht, was dieser Tag und seine Predigt bedeuten sollen. Hier sehen wir wieder einmal, wie anders doch der christliche Glaube ist als alles, was es sonst in der Welt gibt: Gott hat durch Christus gehandelt, er wirkt auch heute durch den Heiligen Geist, er überbietet immer wieder alle menschlichen Erwartungen. Für manchen mag des unverständlich bleiben und Pfingsten wird ihm als ein seltsames Fest vorkommen. Aber das läßt sich nun einmal nicht ändern. Hier wird ja gerade deutlich, daß wir etwas Besonderes in diese Welt einzubringen haben.

Von Pfingsten und vom Heiligen Geist ist allerdings in diesem Bibelabschnitt nicht ausdrücklich die Rede. Aber der Sache nach ist es stark enthalten. Es geht nämlich um drei Dinge: um das zum-Glauben-kommen, um die Kirche und um das Amt. All das bewirkt der Heilige Geist. An Pfing­sten damals hat es angefangen. Und das Bekenntnis des Petrus war schon eine Vorstufe dazu.

 

1. Zum Glauben kommen: Petrus konnte nicht aus eigener Vernunft noch Kraft zu dieser Erkenntnis kommen. Gott selber hat ihm zu diesem Glauben verholfen. Der Glaube muß einem durch den Heiligen Geist geschenkt werden. Aber er ist auch ein Stück eigene Tat, denn man darf sich nicht gegen das Wirken Gottes sperren.

Um die Frage, wer Jesus ist, kommt heute kein Mensch mehr herum. Selbst in den Geschichtsbüchern an unseren Schulen kann man ihn nicht ausklammern. Man versucht seine Bedeutung herunterzuspielen‚ man will ihn in eine Reihe mit menschlichen Persönlichkeiten einordnen, man deutet seine Anliegen falsch - aber man kann ihn nicht aus der Welt schaffen.

Es wird etwa vor ihm gesagt: „Jesus war ein großer Idealist. Er wollte die Menschen besser machen‚ aber sie haben ihn dafür umgebracht!“ Oder es heißt sogar: „Jesus war der erste Sozialist. Aber er hatte dann doch nicht den Mut, die Sklaven zum Aufstand aufzurufen!“ oder noch schlimmer. „Jesus war so ein Zauberer oder Wundertäter, aber am Schluß konnte er sich selber nicht helfen!“

Manche behaupten auch einfach: „Jesus hat gar nicht gelebt, der ist bloß so eine Erfindung seiner Jünger!“ Aber so einfach wird man mit ihm nicht fertig. Als Jesus mit seinen Jüngern diskutiert, da sieht es zunächst auch so aus, als veranstalte er eine unverbindliche Meinungsumfrage. Die Leute wollen in Jesus den ersten Propheten Elia oder den letzten Propheten Johannes wiedererkennen, jedenfalls halten sie ihn für einen Propheten.

Aber über die Bedeutung Jesu kann man sich nicht unverbindlich unterhalten. Man kann die Christusfrage nicht auf Dauer im Unbestimmten lassen. Jesus fragt jeden: „Was sagst du denn?“ Dann gibt es keine Ausrede und kein Abschweifen. Diese Frage muß jeder für sich klar und deutlich und ehrlich beantworten. Bei Jesus können die Eltern nicht für ihre Kinder, die Paten nicht für die Konfirmanden und der Pfarrer nicht für die Gemeinde antworten, da ist jeder persönlich dran.

Es genügt nicht‚ nur zu sagen: „Ich habe nichts gegen die Kirche. Sie tut ja viel Gutes. Und die Krankenschwestern könnte ich ja vielleicht auch einmal nötig haben. Und wie ein Hund möchte ich auch nicht begraben werden?“ Solche Aussprüche kann man doch manchmal hören. Aber in einem Deutschaufsatz hätte man damit das Thema verfehlt. Da wäre es besser gewesen‚ man hätte sich gar nicht zur Sache geäußert.

In der Tat können wir ja nur sagen: „Ich glaube, daß ich nicht glauben kann!“Zur rechten Erkenntnis können wir nicht kommen durch wissenschaftliche Forschung oder durch Diskussion oder durch immer neue Anläufe. Doch das Pfingstevangelium lautet ja gerade: „Gott hilft dir durch seinen Geist zum Glauben‚ er gibt dir den Halt, der höher ist als alle Vernunft, du darfst dich zu ihm bekennen in Lobpreis und Gebet.

2. Die Kirche: Wir bekennen keinen Privatglauben, sondern den Glauben der Kirche. Petrus spricht in diesem Bibelabschnitt ja für alle Jünger und damit auch für die Kirche. Es ist gut, wenn wir zunächst einmal ein solches Bekenntnis übernehmen, denn es will uns helfen zum eigenen Bekennen.

Jeden Sonntag sprechen wir das Glaubensbekenntnis, das so ungefähr aus dem 3.Jahrhundert stammt und der Glauben beschreibt, wie ihn schon die Apostel hatten. Es gibt auch noch andere Bekenntnisse, wir könnten sogar selber eins machen; es wird nur wichtig sein, daß der Glaube der Kirche darin zum Ausdruck kommt. Wir brauchen nicht jede Einzelaussage zu unterschreiben‚ aber wir bekennen uns zu dem gleichen Glaubenden, den schon die Väter hatten.

Allerdings kann sich die Kirche auch einmal irren. Sehr schnell hängt man doch bestimmten Vorstellungen nach, wie Jesus sein sollte. Jesus bezeichnet den Petrus ja unmittelbar nach seinem strahlender Bekenntnis als „Satan“, weil er ihn vom seinem Leidensweg abbringen will. Jesus ist nicht so, wie wir ihn haben wollen, sondern wie Gott ihn haben will. Das werden wir immer wieder lernen müssen, wenn wir Kirche Jesu Christi sein wollen. Der Heilige Geist hilft dazu, daß man in der Kirche immer wieder auf den richtigen Weg zurückfindet.

Die Kirche wird jeden Tag neu durch das Bekenntnis der Christen zu Gott und zu Jesus. Wo man aus seinem Wort lebt und seine Sakramente empfängt, da beginnt die Herrschaft Gottes. Die Kirche ist der Brückenkopf des Reiches Gottes in der Welt. Sie ist noch nicht das ganze Reich Gottes; dazu hat sie noch viel zu viele Schwächen, versagt zu oft und kann viel zu wenig erreichen.

Aber ein Stück vom Reich Gottes wird trotz aller Schwächen auch in der Kirche deutlich. Jeder von uns ist aufgefordert, ein Stück dieser Herrschaft Gottes in seinem Leben deutlich werden zu lassen. Die Wirksamkeit der Kirche hängt nicht von ihren leitenden Persönlichkeiten ab. Wenn Petrus hier als der „Fels“ bezeichnet wird, dann könnte man ja meinen, er trüge den ganzen Bau. So versteht es bis heute die römisch-katholische Kirche, deren Päpste sich als Nachfolger des Petrus verstehen (Papst Paul VI. sagte: „Ich bin Petrus!“). Doch Petrus war nur der erste Stein im Bau der Kirche: er war der erste Christusbekenner, mit ihm fing die Kirche an, insofern hat er schon seine Bedeutung.

Aber das Fundament der Kirche ist Jesus Christus selber. Mit ihm steht und fällt die Kirche. Er allein kann sie in unsrer Welt erhalten, nicht wir oder die Kirchenleitung und auch nicht irgendwelche Gespräche und Abmachungen. Wir Menschen vermögen nur etwas durch das, was Gott aus uns macht. Er baut durch den Heiligen Geist seine Kirche auf, und wir können bestenfalls seine Mitarbeiter sein. Aber es ist nicht nur ein Einziger sein Helfer, sondern wir alle sind „Petrus“, können ihn richtig verstehen und seine Vertreter in der Welt von heute werden.

 

3. Das Amt: Die Kirche darf von Schuld lossprechen oder sie behalten. Wofür jetzt schon die Lossprechung erteilt wurde, danach wird beim Jüngsten Gericht nicht mehr gefragt. Dort wird nur noch das zur Sprache kommen‚ wofür auf Erden die Lossprechung verweigert wurde. Der Richter ist letztlich Gott allein. Doch in der Kirche gibt es kein Amt, das allein über die Sündenvergebung entscheiden könnte. Für einen Bildwerfer braucht man ein Objektiv: Es sammelt die Strahlen und wirft sie auf die Leinwand. Aber das Objektiv kann man wechseln. Man braucht Personen, die bestimmte Aufgaben in der Kirche übernehmen. Aber die Personen sind auswechselbar.

Ein Amt in der Kirche bringt nicht mehr Macht, sondern mehr Verantwortung. Petrus wird oft als Himmelspförtner mit einem großen Schlüssel dargestellt. Aber er ist eher der Verwalter des Reiches Gottes auf Erden. In dieser Aufgabe hat er mehr zu tragen als die anderen. Das mußte Petrus an Pfingsten erfahren, als er von den anderen an die Spitze gestellt wurde und nun den Mund auftun mußte.

Er hatte es nicht gelernt, er war ein einfacher Fischer. Aber die Fähigkeit‚ andere Menschen zu Gott zu führen, hängt nicht von der Menge des theologischen Wissens ab. Doch wer sich zur Verfügung stellt, dem gibt es Gott durch seinen Geist schon ein, was er reden soll. Dann kann er auch von Dingen reden, die über den eigenen Horizont hinausgehen und im wahrsten Sinne des Wortes „ergreifend“ wirken.

Zu solchem priesterlichen Dienst sind wir alle gerufen. Hier liegt aber eben das Problem: Wer wagt es denn, seinen Nachbarn oder Kollegen in ein Gespräch über Jesus zu verwickeln? Wer spricht anderen Trost und Ermahnung zu? Wer läßt sich seine Schuld vergeben? Aber wenn

wir einem anderen das Evangelium verschweigen, dann schließen wir ihn vom Zugang zu Gott aus, anstatt ihm aufzuschließen.

Gott hat uns die gleiche Aufgabe zugedacht wie dem Petrus: Einmal möchte er, daß wir zu festen Steinen im Bau Gottes werden. Zum anderen hilft er uns‚ Menschen mit Christus zu verbinden. Sein Heiliger Geist führt uns alle zu ihm hin.

So dürfen wir helfen, daß Menschen die Vergebung erlangen‚ Gott wieder fürchten und lieben lernen und ihr Heimatrecht bei Gott bekommen. Dadurch werden sie frei werden zum Dienst an den Menschen und der Welt. Sie werden zu der Gewißheit kommen: Niemand kann uns etwas anhaben, wenn wir zu Christus und seiner Gemeinde gehören. Keiner braucht Angst zu haben, daß ihm durch das Bekenntnis zu Christus irgendwelche Nachteile entstehen könnten. Wir alle können dem Herrn vertrauen‚ der größer ist als die Mächte dieser Welt und uns und die Kirche erhalten wird bis ans Ende dieser Welt.

 

 

Trinitatis: Joh 3, 1 - 15

Was eine Geburt ist, wissen wir. Aber was soll eine „Wiedergeburt“ sein? Jeder Mensch kann nur einmal geboren werden! Da muß also etwas anderes gemeint sein. Jesus spricht von der Taufe, die den Menschen ganz neu macht. Damals wurden ja noch vorwiegend Erwachsene getauft, denen man das Neuwerden wirklich ansah. Der Mensch ist erst richtig Mensch, wenn er getauft ist.

Nikodemus ist eigentlich aus Neugier gekommen. Er hat erlebt, wie Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel geworfen hat. Damit war für ihn bewiesen, daß Jesus ein von Gott beglaubigter Lehrer war. Nikodemus möchte sich diesen Mann etwas näher ansehen, weil er spürt: „Der hat uns allen etwas zu sagen, da steckt mehr dahinter!“

Nikodemus ist ein Vertreter des offiziellen Judentums, ein frommer Jude, der nach dem Heil

fragt. Eigentlich müßte er doch darüber Bescheid wissen, wo er doch selber ein Lehrer und Schriftgelehrter ist, der es anderen beibringen soll. Er ist aber auch Vertreter des religiösen Menschen, denn es auch heute noch gibt. Er gehört zwar keiner Kirche an, aber irgendeinen Halt außerhalb muß jeder Mensch haben. Dann sucht er sich oft eine Art Ersatzreligion und auch eine eigene Moral.

Aber Nikodemus gibt sich immerhin nicht mit dem überlieferten Wissen zufrieden, er fragt weiter. Die Gefahr ist immer, daß man genau Bescheid zu wissen glaubt, wie das mit dem Leben und der Moral, aber auch mit dem Glauben und dem Christentum ist. Wir wissen, was sich gehört und unbedingt notwendig ist. Wir wissen in welchem Alter ein Kind getauft wird, wie oft man zum Gottesdienst geht, wie hoch die Kirchensteuer zu sein hat und daß man zum Pfarrer gehen muß, wenn einer gestorben ist.

Manche glauben auch, den Weg zum Heil zu wissen. Es gibt Christen, die fordern: Erst mußt

du eine Bekehrung erlebt haben, möglichst auf Tag und Stunde festgelegt, dann erst bist du wiedergeboren. Sie machen eine Methode aus ihrem Glauben und wollen sich den Glauben anerziehen und lassen nur ihren Weg gelten. Da nimmt sich ein Mann vor: „Du mußt aber jetzt einmal unbedingt ernsthafte Anstrengungen unternehmen, um ein besserer Mensch zu werden!“

Aber ein guter Mensch ist noch nicht gleich ein Christ. Das war der erste Fehler. Und dann stellte sich heraus, daß spätestens zwei Tage danach alle guten Vorsätze vergessen waren. Mit Gewalt läßt sich gar nichts aufbauen. Wir können nicht langsam von unten anfangen und einen Turm in den Himmel bauen. Wir können von uns aus gar nichts tun! Es geht nicht darum, noch zielstrebiger an sich zu arbeiten und das schon Erreichte noch zu vervollkommnen, die im Menschen vorhandene sittliche Anlage zu entfalten und zu entwickeln, den Reifeprozeß der eigenen religiösen Persönlichkeit zu fördern und mit einer außerordentlichen inneren Kraftanstrengung es auch zu einer Bekehrung zu bringen.

Jesus sagt: „Ihr müßt von oben geboren werden, sonst könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen!“ Mit dem „von oben her“ ist gemeint „von neuem, von vorne an. Ihr müßt radikal von vorne anfangen!“ Also ein totaler Neuanfang vom Nullpunkt aus. Man kann das Haus nicht mehr reparieren, sondern man muß es abreißen und neu bauen. Wie schwer fällt uns das aber! Wir möchten doch immer auf dem Erreichten aufbauen: auf der Kirchlichkeit unsrer Eltern, auf unsrer Konfirmandenzeit, auf besonderen Festen in der Kirche. Aber Jesus sagt: Jeder muß neu anfangen!

Doch er kann nicht selber etwas aus eigener Kraft erreichen, sondern es muß ihm geschenkt

werden. Unser menschliches Wesen taugt nichts, um den Weg zu Gott gehen zu können. All diese Versuche bleiben nur Flickwerk. Gott selber greift ein bei Taufe. Dort werden wir erneuert und erhalten Kraft für unser Leben.

Wenn wir schon auf irgend etwas aufbauen wollen, dann bei unsrer Taufe. Jesus sagt, der neue Mensch müsse „aus Wasser und Geist“ neu geboren werden, wobei die Gabe des Geistes an das Wasser gebunden ist. Die Taufe ist nicht eine Sache, die mit dem Besitz des Taufscheins ein für allemal erledigt ist. Der Taufschein ist überhaupt nicht entscheidend. Da einmal eine Frau den Pfarrer gefragt: „Unsre Kinder sind nun schon groß. Aber getauft sollen sie werden. Geht das nicht, daß Sie einfach die Taufurkunde ausstellen und ich lade sie dann nachher zum Kaffee ein?“ Aber das Entscheidende ist doch gerade, daß das Kind mit Wasser getauft wird

und dazu die Taufformel gesagt wird. Die Taufurkunde ist zweitranging (und der Kaffee erst

recht!).

Aber das Gnadengeschenk der Taufe muß nun auch ein Leben lang neu ergriffen werden. Viele Menschen stellen dieses Geschenk einfach in den Glasschrank und heften den Taufschein bei ihren anderen Dokumenten ab. Langsam verstaubt dieses Geschenk. Es steht ehrwürdig da und darf nicht angefaßt werden. Nur manchmal wird es wieder hervorgeholt, zur Konfirmation etwa oder zur Trauung. Aber so geht es halt nicht: Ein Geschenk ist dazu da, daß man es benutzt.

Aber bauen wir unser Leben wirklich auf der Taufe auf? Wer weiß denn seinen Tauftag und seinen Taufspruch? Wer verläßt sich in Gefahren denn wirklich darauf, daß er getauft ist und zu Gott gehört?

Luther war manches Mal in schweren inneren Gefahren. Er fürchtete, in seinem Glauben wankend zu werden und aus der Nähe Gottes herausfallen zu körnen. Da hat er dann immer mit Kreide auf den Tisch vor sich geschrieben: „Ich bin getauft!“ Und da war er wieder sicher, daß ihm nichts passieren konnte.

Uns wird heute die Frage gestellt: „Willst du dir dein Leben aus eigenen Kräften zurechtzimmern oder willst du dich auf Gott verlassen?“ Jesus sagt: „Der Mensch, so wie er ist, muß vom Reich Gottes ausgeschlossen sein. Er hat es nicht in der Hand, sich das Heil selbst zu besorgen. Es kommt darauf an, gleich den richtigen Anfang zu finden. Wer ihn verpaßt, rennt ins Verderben. Aber wir finden den Anfang nicht selber, sondern Gott hat ihn uns gezeigt in der Taufe!“

Alle Menschen, die Jesus begegnen, sind zunächst einmal in der Dunkelheit. Nikodemus

kommt aus dem Dunkel der Nacht, um sich den Weg zu Gott aufhellen zu lassen. Er will

wissen, woher er kommt und wohin er geht. Jesus sagt ihm: „Du bist nicht nur ein Kind deiner Eltern, sondern du kannst noch einmal geboren werden durch die Taufe zu einem Kind Gottes. Um richtig leben zu können, brauchst du nicht nur deinen Verstand, sondern auch den Geist Gottes. Der Heilige Geist ist nicht etwas Besonderes, das nicht in den Alltag gehört, sondern er will im Gegenteil dein tägliches Leben bestimmen!“

Wir dürfen Gott für ganz bestimmte Erfahrungen und Durchbrüche in unserem Leben dankbar sein. Aber als Glaubende wissen wir, daß das gerade dann der Fall war, wenn wir uns nicht auf uns selbst verließen, sondern auf den Gott außerhalb von uns. Nicht unsre menschlichen Leistungen begründen unseren Stand bei Gott, sondern allein, was Gott an uns tut. Glaube leitet sich nicht ab aus unserem Verstand oder Gefühl, aus Willen oder Erfahrung. Er ist nicht abhängig von unserem jeweiligen inneren Zustand. Aber gegen jeden Zweifel darf ich mich an Gott halten, gegen meine Traurigkeit in ihm fröhlich sein, gegen mein Versagen mich an sein Wort halten. Das ist eigentlich die entscheidende Frage: Wo sind wir gebunden, woran hängen wir unser Herz? Jesus ist nur gebunden an das Reich Gottes. Er kommt vom Vater und er geht zum Vater. Er weiß, von wem er gehalten ist.

Aber er weiß auch, daß das nicht bei allen so ist: „Der Geist weht, wo er will!“ Man kann ihn nicht sehen. Er ist wie der Wind: ungreifbar und niemand kennt sein Woher und sein Wohin. Aber er ist doch da und an seinem Ergebnis wahrnehmbar: Man kann den Wind nicht sehen; und doch knickt er die mächtigsten Bäume. Genauso kann man den Geist Gottes nicht sehen, aber man kann ihn hören, hier im Gottesdienst, beim Bibellesen und beim Gebet.

Es gibt solche Menschen, die aus dem Geist geboren sind, die anderen Menschen zum Segen werden, weil Gottes Geist in ihnen wirkt: Menschen, die für andere die Hände falten, die ihnen einmal unter die Arme greifen, die Zeit haben fair ein Gespräch, die unbeirrt bei ihrem Glauben bleiben und ihn ernst nehmen. Auch unter uns gibt es solche Menschen. Aber die Hauptfrage ist doch: Gehören wir auch zu ihnen? Die Erzählung hat ja keinen richtigen Abschluß. Aber damit bleibt die Situation offen: Jeder kann sich noch entscheiden!

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis: Lk 16, 19 - 31

„Vor unserer Türe liegen keine Bettler mehr. Der Rettungswagen hat Lazarus abgeholt. In einem sauberen Krankenzimmer wird ihm Hilfe und eine sachgemäße Pflege zuteil. Durch unsere Steuer- und Sozialbeiträge ist das Lazarusproblem bei uns gelöst!“ Es wäre grund­falsch, wenn wir so dächten. Lazarus kommt auch in der modernen Welt vor, nur eben anders. Er ist in dem Konzentrationslager, in den Hungergebieten, er ist politisch Verfolgter. Wir dagegen sind die Reichen und die Satten, die im Grunde alles haben.

Deshalb gilt auch uns die Mahnung Jesu: „Übersieh nicht den Lazarus!“ Die Liebe fängt mit dem Wahrnehmen an. Der reiche Mann lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Jeder Tag war für ihn ein Fest. Hart daneben der Gelähmte, den man vor seine Tür gelegt hat, voller Geschwüre, an denen die Hunde lecken und er kann sich nicht wehren. Aber vielleicht kann hier etwas abfallen: Die Esser wischen sich die Hände mit Brotstücken ab und werfen diese dann dem armen Lazarus vor wie einem Hund. Dadurch wird ihn er sogar noch Gelegenheit gegeben, ein gutes Werk zu tun.

Sicher haben sie den Bettler mit ihren Augen gesehen. Aber sie haben nicht den g a n z e n Menschen wahrgenommen, sondern haben ihr Gewissen schnell beschwichtigt. Sie blieben gedankenlos und unachtsam und waren im Grunde nur mit sich selbst beschäftigt. Oder sie

hätten die Hilfe mildtätigen Organisationen überlassen‚ wenn es sie damals gegeben hätte. Aber Liebe kann nicht vergesellschaftet werden. Spontane Hilfe und persönliche Hingabe sind weiterhin notwendig.

Zunächst einmal können wir an den fernen Nächsten denken. In den Jahren nach dem Krieg waren wir dankbar für jede Unterstützung von außen und für die Pakete, die uns erreichten. Heute stehen wir wirtschaftlich gesehen mit an der Spitze der Welt und wir gehören zu den reichen Völkern. Unsere Aufgabe ist es nun, denen zu helfen, denen es heute schlecht geht. Doch wir geben tausendmal mehr für Alkohol und Zigaretten aus als für die Hungernden in der Welt.

Über dem fernen Nächsten dürfen wir aber den armen Lazarus vor unserer Haustür nicht vergessen. Gewiß gibt es bei uns kaum noch materielle Not. Aber es gibt viel innere Not, gerade auch bei steigendem Wohlstand. Hier kann gerade der christliche Glaube eine Hilfe sein. Hier sind wir jedem Mitmenschen Gottes Wort schuldig.

Wie mancher Selbstmörder hätte gerettet werden können‚ wenn der letzte Mensch, mit dem er sprach, nicht versagt hätte. Er hatte vielleicht die Fähigkeit, einem Menschen gut zuzureden und ihn von einer unbedachten Handlung abzubringen. Gott wird auch danach fragen, ob er sie nur für sich gebraucht hat oder auch zum Wohle anderer.

Es gibt niemand, der nicht seinen Lazarus vor der Tür hätte: Die Kranken, die niemand besucht. Die alten Eltern, die nur noch als Belastung empfunden werden. Die Frau, für die der Mann kein gutes Wort hat. Die Kinder, für die keine Zeit ist. Ein Kollege, der unseren Rat braucht.

Der Name „Lazarus“ bedeutet so viel wie „Gott hilft“. Aber wie soll Gott helfen, wenn wir nicht bereit sind, in seinem Auftrag zu handeln? Gott hat doch nur uns, wenn er anderen Menschen Hilfe zuteil werden lassen will. Wir können unsere Verantwortung nicht immer vor uns herschieben oder auf andere abschieben. Heute und hier sind wir gerufen.

Der Hauptfehler des reichen Mannes lag in seiner falschen Einstellung zu Gott. Er hatte an seinem Geld und seinem guten Leben genug und brauchte Gott nicht. Wer sich aber um Gott nicht kümmert, der verliert auch den Bilek für die Not des Mitmenschen. Wer aber an Gott glauben möchte, der muß diesen Glauben auch in die Tat umsetzen.

Luther hat es so ausgedrückt: „Es ist unmöglich zu lieben, wo nicht Glaube ist, und unmöglich zu glauben, wo nicht Liebe ist!“ Der reiche Mann ist sicher auch zum Gottesdienst gegangen. Aber Gottes Wort hat ihn nicht getroffen. Der Glaube blieb in der Theorie stecken und wurde nicht praktisch. Doch nur Glaube und Liebe zusammen sind wahrer Glaube.

Wenn man diesen Zusammenhang erkannt hat, dann wird man auch wissen, daß man die Frist nicht versäumen darf. Der reiche Mann ist ganz auf irdische Dinge eingestellt, ohne über die Todesgrenze hinaus zu fragen. Der Sinn seines Daseins erschöpft sich in der Erhaltung und im Genuß seines Wohlstandes.

Er hat natürlich wie selbstverständlich erwartet, daß er den Ehrenplatz neben Abraham erhalten wird. Aber eben diesen Platz bekommt Lazarus, weil Gott immer Partei ergreift für die Geplagten. Das sollen alle wissen, die es schwer haben. Das sollen aber vor allem auch die wissen, denen die Hilfsbedürftigen vor der Tür liegen. Wer auf Gottes Seite stehen will - was ja auch der Reiche wollte - der kann nur für sie Partei ergreifen.

Bei dem reichen Mann beginnt das Umdenken erst, als es zu spät ist. Immerhin denkt er jetzt zum ersten Mal an andere, nämlich an seine Brüder, die er vor dem gleichen Schicksal bewahren will. Aber auch für sie gibt es keine Sonderoffenbarungen durch Gott. Sie haben auch so Zeit und Gelegenheit auf Gott zu hören. Wer erst zu spät zur Einsicht kommt, für den ist dann die Türe zu.

Bei Kindern kann man öfters beobachten, daß sie nicht hören können. Da schärft ihnen die

Mutter ein: „Paß schön auf, wenn du über die Straße gehst!“ Das Kind nimmt sich das alles auch vor und hat den festen Willen, auf die Ermahnungen der Mutter zu achten. Aber dann sieht es auf der anderen Straßenseite eine Freundin und rennt einfach los, ohne nach rechts und links zu sehen.

Doch Erwachsene sind oftmals auch nicht besser, sowohl was ihr Alltagsleben angeht als auch die Fragen des Glaubens. Hinterher ist man natürlich klüger. Aber dazu sind die Warnungen Gottes ja da, daß das Kind nicht erst in den Brunnen fällt. Viele meinen‚ die Warnungen seien nur für die anderen da, ihnen selber könne schon nichts passieren. Die werden erst klug, wenn der Schaden dann da ist. Dann geht halt die Klage los: „Ach hätte ich doch gehört!“

Die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus macht uns unmißverständlich deutlich: Nur während der Zeit unsres Lebens haben wir Gelegenheit, auf Gott zu hören. Gottes Wort wird uns doch reichlich angeboten. Seit Jahrhunderten wird es gepredigt. Es kommt zu uns durch Literatur und Kunst, durch Musik und Architektur, durch Sitte und Brauchtum. Jeder hat Gelegenheit, mit Gott in Berührung zu kommen, selbst wenn er aus einem atheistischen Hause stammt. Gott läßt keinen ungewarnt.

Allerdings gibt es für uns nichts anderes als die Bibel, wenn Gott uns eine Nachricht zukommen lassen will. Wir können nicht etwas Außerordentliches verlangen, ehe wir Gott glauben. In der Bibel steht doch eindeutig: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und führe umherirrende Blinde in dein Haus!“(Jes 58,7-8) .Was will man darüber hinaus noch haben?

Ein Wunder könnte vielleicht bei manchem den inneren Widerstand brechen. Aber zu einer Umkehr im ganzen Wesen und Tun würde es nicht führen. Die Erzählung hat sicher auch recht, wenn sie behauptet: „Wenn jemand nicht auf die Bibel hört, dann wird er auch nicht höre, wenn jemand von den 'Toten auferstünde!“

Die Bibel gibt uns genauso verläßliche Kunde von Gott wie einer, der direkt von Gott zu uns käme. Er könnte uns auch nichts anderes berichten‚ als wir aus der Bibel schon wissen. Mehr kann und braucht man nicht zu wissen.

Natürlich leiden wir manchmal darunter, daß unser Glaube nichts Handgreifliches in den Händen hält. Das Wesen aller anderen Religionen ist doch, daß sie Gott sichtbar und damit anschaulich und begreifbar machen wollen. Wir aber müssen uns auf ein Buch stützen. Unser Glaube ist da unanschaulicher.

Oder haben wir nicht doch einen, der von Gott und von den Toten zu uns gekommen ist? Jesus von Nazareth war der, der Gottes Wort noch einmal bestätigt und vertieft hat. Er hat uns die letzte Sicherheit über Gott gegeben. Mehr ist nicht nötig. Doch - eins ist natürlich nötig, und das steht auch in der Bibel, nämlich: „Den sollt ihr hören!“

 

 

2 . Sonntag nach Trinitatis: Lk 14, 1 - 24

Ein Mann wäscht am Sonntagmorgen sein Auto. Er tut es liebevoll und gründlich. Es fließt viel Wasser und es fließt viel Schweiß. Im Hintergrund sieht man eine Kirche, deren Glocken läuten. Sicher ist ihr Klang unüberhörbar. Aber der Mann sagt: „Die sind doch selber schuld daran, wenn sie immer ausgerechnet dann Gottesdienst machen, wenn ich mein Auto waschen muß!“

So kann man natürlich auch mit der Einladung der Glocken fertigzuwerden versuchen. Dabei laden sie doch ein zu einem festlichen Ereignis, das Gott für uns veranstaltet und wo etwas vom Reich Gottes deutlich werden soll. Wir könnten uns allerdings vorstellen, daß Gott seinen Willen in der Welt anders durchsetzt als durch die Ausrichtung eines Gastmahls. Dabei ist er ja nur der Gebende, der nur schenkt und nichts fordert.

Nun kennt allerdings die Bibel auch den mächtigen und strafenden Gott, vor dem einem angst und bange werden kann. Das gehört auch zu seinem Wesen. Er ist nicht nur der ewig lächelnde Gott, der nur die Aufgabe hat, allerlei Schaden zu verhüten. Er ist auch gerecht und eifersüchtig und erwartet unseren Gehorsam.

Aber im innersten Herzen ist Gott anders. Da ist er der Gastgeber, der seinen geliebten Menschen das große Fest bereitet. Wie Gott ist, können wir an Jesus Christus ablesen. Er geht zu den Menschen und lädt zu dem Festmahl Gottes ein. Er ist selber mit der Gastgeber und er macht sich auch selber auf den Weg, um die Menschen einzuladen, was an sich die Aufgabe des Dieners war.

Sein Rufen ist etwas anders als ein „Einberufen“, und seine Einladung ist keine Vorladung. Gott zeigt sein Herrsein darin, daß er freigiebig austeilt und fröhlich macht. Er hat keinen Spaß daran‚ uns kurz zu halten; er sieht uns gerne glücklich. Aber solches Glück gibt es eben auch nicht ohne Gott.

Wir brauchen nicht mit zusammengebissenen Zähnen und unter Erfolgszwang stehend aus uns selbst etwas zu machen. Gott macht aus uns etwas, indem er uns in dem Kreis der Menschen hineinruft, die an seinem eigenen Leben teilhaben und mit ihm an einem Tisch sitzen. Weil wir das „Haupt zum Freunde“ haben und „geliebt bei Gott“ sind, haben wir einen Sinn für unser Leben und ein lohnenden Ziel.

Gottes Fest findet statt, auch wenn wir seine Einladung nicht wahrnehmen. Viele werden allerdings denken: „Aber wir sind doch da. Wir hören die Predigt‚ und wir stehen der Sache Jesu Christi nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber!“ Das stimmt schon, wir haben die Einladung gehört und bemühen uns auch, ihr gerne nachzukommen.

Aber unsre Bereitschaft für Gott und unsre Weigerung ihm gegenüber liegen doch eng beieinander. Auch diejenigen täuschen sich leicht, die felsenfest überzeugt sind, bei ihnen werde sich Gott keine Absage holen. Sie meinen, ihre Entscheidung für Gott sei so klar und unwider­ruflich gefallen, daß es so etwas gar nicht geben könne. Manchmal geben sie sogar Tag und Stunde ihrer Entscheidung an.

Aber dann kommen sie etwa in ein kirchliches Krankenhaus, um die Berufsausbildung zur Krankenschwester aufzunehmen. Sie stellen sich vor, so ein Haus sei eine heile Welt und alles sei nur eitel Freude und Sonnenschein. Aber dann stellt sich heraus, daß dort auch nur mit Wasser gekocht wird, daß dort Menschen am Werk sind, die eben Schwächen und Fehler haben wie andere Menschen auch. Da kann dann leicht eine Welt zusammenstürzen, und man wird an Gott irre. Das gibt es also, daß fromme („religiöse“) Menschen sich Gott verweigern, obwohl sie es selber nicht bemerken.

Es sind keineswegs verwerfliche oder entbehrliche Dinge, die jene Menschen davon abhaltender Einladung zu folgen. Es sind durchaus ehrenwerte und notwendigen Aufgaben, die sie erledigen wollen. Sicher hätte man den Acker auch noch einen Tag später besichtigen können. Und den Hochzeitstermin mußte man nicht unbedingt auf den Tag legen, an dem schon ein Fest angesetzt war.

Aber andererseits nimmt auch heute der Beruf jeden voll in Anspruch. Ehe und Familie stellen eine starke Bindung dar. Das kann und soll auch nicht anders sein. Beide Bereiche - Beruf und Familie - stehen ja auch unter dem Schutz und dem Segen Gottes. Jesus will uns ja auch nicht der Schöpfung Gottes entfremden. Wir sollen unsre Alltagspflichten ja auch nicht mit schlechtem Gewissen tun.

Jene Eingeladenen aber sagen: „Ein andermal gerne, aber heute paßt es mir gerade nicht!“ Im Grunde hätten sie Zeit gehabt. Zeit haben wir alle in reichem Maße. Aber in Wirklichkeit hatten sie „keine Lust“‚ wie man so sagt, im Grunde wollten sie einfach nicht, wollten nicht in Gemeinschaft mit anderen kommen, sondern hatten an sich selber genug.

Was einem wichtig ist, dafür hat man immer Zeit. Für Sport oder Fernsehen hat man viel Zeit. Sie sind sicher keine Sünde. Aber sie können unsre Gemeinschaft mit Gott zerschlagen, wenn wir nur noch sie im Kopf haben. Aber wer sich jetzt nicht einfindet, für den wird es einmal zu spät sein. Wer sich zum Vortisch nicht einladen läßt, bekommt auch die Hauptmahlzeit nicht zu schmecken. Soll man es darauf ankommen lassen?

Viele sagen auch: „Ich bin nicht dagegen!“ Aber Gott kommt bei ihnen einfach nicht zum Zug. Die Geschäfte des täglichen Lebens werden in der Praxis so wichtig, daß Gott zurückstehen muß. Und dies geschieht nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wenn man Gott erst einmal vernachlässigt hat, kommt das immer wieder vor. Der erste Schritt ist hier der entscheidende.

Was uns hindert, der Einladung Gottes zu folgen, ist im Grunde ein Götze. An sich ist es eine gute Gabe des Schöpfers. Aber wenn es mit Gott in Konkurrenz tritt, wird es gefährlich. Es kommt immer darauf an, welchen Rang alles in unsrem Denken und Wollen, in unsrem Tun und Lassen hat.

Man könnte ja auch sagen: „Das ist doch die ureigenste Sache eines jeder einzelnen, wie er es mit Gott zu halten gedenkt! Es ist doch niemand ein Vorwurf zu machen, der sich der Einladung Gottes entzieht!“ Aber Jesus denkt da anders. Er weiß, daß der Gastgeber eine Ablehnung als Beleidigung und Mißachtung versteht und zornig wird. Schließich wollte er ja allen ein schönes Fest bereiten und hat es an nichts fehlen lassen.

Sein Vorhaben gibt er jedenfalls nicht auf. Wenn die zuerst Eingeladenen nicht kommen, dann hat er noch andere, mit denen er sein Fest feiern kann. Nun werden die Zaungäste hereingeholt, an die bisher noch keiner gedacht hat. Die anderen nahmen an, daß diese Leute nur mit Einschränkungen am Reich Gottes würden teilnehmen können. Es waren die hoffnungslosen Fälle, wo doch alles keinen Zweck mehr hat, weil sie sich nicht mehr ändern würden.

Aber gerade diese werden nun eingeladen. Das ist nicht ein Akt der Verlegenheit, der in den ursprünglichen Plänen Gottes nicht vorgesehen war. Es ist auch nicht eine List Gottes, der die Plätze schnell mit zwielichtigen Gestalten gefüllt hätte, damit die Zuerstgeladenen wieder ge­hen müssen, falls sie doch noch kommen. Nein, hier geht es ja gerade um die beglückende Botschaft, daß gerade diese verachteten Menschen die Freude eines Festes mit Gott erleben dürfen.

Aber bemühen wir uns in der Kirche nicht auch meist um die bequemen Leute, mit denen man gut auskommt und die sich kirchlich gut einordnen lassen. Wir wollen die haben, auf die wir uns von vornherein verlassen können. Die Versuchung ist groß einfach unter sich zu bleiben.

Dabei hält man sich die vom Leibe‚ die Mühe machen‚ wenig sympathisch sind und schwere Schicksale erlebt haben. Jesus lenkt unsren Blick aber auch auf die, die draußen stehen. Ihnen dürfen wir den Zugang zu Gottes Fest nicht versperren oder die Sache Jesu verekeln. Es ist viel Raum im Reich Gottes.

Vor allem ist auch Raum für uns dort. Wir können uns ja wiederfinden in den zuerst Eingeladenen. Aber wir sind auch die Armen, Krüppel, Blinden und Lahmen. Der Tischgast, dem Jesus das Gleichnis erzählt hat‚ der hat sich sicher zu den Zuerstgeladenen gezählt. In Wirklichkeit aber ist er draußen geblieben. Das lag nicht an Gott, sondern an dem Mann selber.

Gott lädt ein. Er möchte sein Haus voll haben: Er kriegt es auch bestimmt voll. Wenn nicht so, dann so. Es könnte sein, daß wir auch zu den Heiden von ganz draußen gehören. Darüber könnten wir nur erschrecken. Aber wenn wir uns einladen lassen und hineingehen zum Fest, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn wir dort Menschen treffen, die wir uns nicht ausgesucht hätten.

 

 

3. Sonntag nach Trinitatis: Lk 15, 1 - 10

Wir kennen das alle, wenn wir etwa die Brille verlegt haben oder ein Kind im Kaufhaus verlorengegangen ist: Dann ruhen und rasten wir nicht eher, bis es wieder da ist, und dann ist die Freude groß. Diesen' alltäglichen Vorgang nimmt Jesus zum Anlaß für die beider Gleichnisse vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen. Er will uns damit etwas deutlich machen über unser Verhältnis zu Gott.

Wir reißen uns doch auch leicht von der Hand Gottes los und rennen davon, weil uns etwas in die Augen gesprungen ist und uns anlockt. Es gibt soviel interessantes im Leben, daß man bei all dem Trubel Gott plötzlich aus den Augen verloren hat. Dann merken wir unter Umständen doch, daß uns etwas fehlt und möchten gern wieder zurück. Oft sind wir tatsächlich wie die dummen Kinder, die nicht wissen, was sie wollen: Nach Gottes Gebot und Verheißung wollen wir nicht leben, aber ohne Gott können wir auch nicht sein. Wenn wir bei Gott sind, wollen wir von ihm fort; wenn wir aber fort sind, wollen wir wieder zu ihm zurückkehren.

Ein Glück nur, wenn Gott da aufmerksam ist. Er spürt bald, wenn eins seiner Schutzbefohlenen fehlt. Da muß er sich nun diesem Menschen mit ganz besonderer Fürsorge zuwenden. Er möchte doch keins seiner Kinder verlieren. Seit der Taufe gehören wir doch zu ihm. Und er hat damals versprochen, mit all seiner Liebe und Fürsorge über unserem Leben zu wachen.

Welch ein Risiko ist das: Er läßt 99 allein und geht dem einen nach, das ihn jetzt besonders braucht. Wird er nun nicht vielleicht die anderen auch noch verlieren? Haben nicht auch diese ein Anrecht darauf, daß er sich um sie kümmert?

Das ist eine Frage, die sich auch immer wieder in unserem Gemeindeleben stellt: Um wen muß man sich mehr kümmern: um die treuen Gemeindeglieder, bei deren alles normal läuft, oder um die Randsiedler, die viel Mühe und Aufwand erfordern und nachher war doch alles vergeblich.

Aber Gott ist halt so, daß er dieses Risiko eingeht. Er geht uns schon nach, wenn wir uns sicher fühlen und noch nichts von der Gefahr merken. Er führt uns sozusagen alle an einer unsichtbaren Leine. Diese Leine kann schon sehr lang werden, so daß wir meinen, sie sei gar nicht mehr da; so können wir uns frei und ungezwungen bewegen. Aber Gott läßt uns nie aus den Augen. Plötzlich kann die Leine wieder sehr kurz sein und dann sind wir sicher froh darüber.

Gott ist auch froh darüber, denn er hat ein Kind wiedergefunden, das sich verirrt hatte. Eltern sind manchmal auch unglücklich über ein mißratenes Kind. Man kann fünf brave Kinder haben und das sechste ist ein Tunichtgut. Aber wenn dann so ein kleiner Strolch zum Muttertag einer Strauß Blumen bringt und verspricht, er wolle sich bessern, dann freuen sich die Eltern und alles ist vergessen. Auch wenn die anderen Kinder alle einen Strauß bringen: über diesen

einen freut sich die Mutter am meisten.

Natürlich freut sich Gott auch über die 99 Anständigen, mit denen er weniger Mühe hat. Er will nicht, daß wir mutwillig in die Irre gehen, um aus Fehlern zu lernen und an Gefahren zu reifen. Es kann ja auch sein, daß Gott uns nicht wiederfindet. Dieses Risiko sollten wir auch bedenken, obwohl natürlich das Gleichnis uns deutlich machen will: Gott sucht solange, bis er Erfolg hat.

Besser ist es natürlich, wenn wir den von Gott vorgezeichneten Weg gehen und uns nicht aus seiner Nähe entfernen. Dennoch kann es passieren, daß einer verlorengeht. Es ist dabei gleichgültig, ob man aus eigener Schuld davongelaufen ist oder nur so verlorengegangen ist, wie man etwa eine Münze verliert. Gott sucht uns in jedem Fall und möchte, daß wir umkehren.

Das eigentliche Gleichnis spricht übrigens vom Suchen Gottes. Die angehängte Deutung („Es wird Freude sein über einen Sünder, der Buße tut“) spricht von der eigenen Umkehr. Aber beides hängt ja miteinander zusammen: Nur weil Gott uns nachgeht, können wir auch wieder zu ihm zurückkehren.

Zur Zeit Jesu wurde das deutlich an den Zöllnern und Sünder, die zu anderen Menschen wurden, als Jesus sich um sie kümmerte. Weil er sie als Menschen achtete, faßten sie auch wieder Mut zum Leben und fanden die Kraft zur Umkehr. Die frommen Pharisäer regten sich natürlich darüber auf. Sie wollten erst sehen, daß der Sünder sich besserte, sie wollten ihm eine Zeit der Bewährung auferlegen. Sie sollten den Beweis erbringen, daß sie sich gebessert haben und der Gemeinschaft mit Gott würdig wären. Sie sortierten die Menschen erst und gaben die Entfernten verloren. Jesu aber ist an den Entferntesten am meisten interessiert. Und er freut sich jedesmal, wenn einer gefunden wurde.

Das Gleichnis will einmal Jesu Verhalten rechtfertigen: Er stellt keine Vorbedingungen, sondern nimmt den Menschen erst einmal so, wie er ist. Jesus selbst ist der Ausleger seiner Gleichnisse. Zum anderen will das Gleichnis aber auch die frommen Pharisäer einladen, sich doch mit Gott mitzufreuen, weil seine Gemeinde nun wieder vollzählig ist. Gewiß sind die frommen Leute tatsächlich etwas anderes als die Abgeirrten. Sie sind Gott viel lieber als ein Sorgenkind. Aber wenn er sich auch einmal besonders darüber freut‚ daß einer zurückgekommen ist‚ dann können sie sich doch auch mitfreuen.

Mancher ist doch nur fortgelaufen, weil er Angst hatte, er könnte etwas versäumen. In seinen ungeheuren Leistungsdrang möchte er etwas erleben, um nur ja nicht der Anschluß zu verpassen. Mancher sagt dann: „Wenn ich alt bin und ausgelebt, kann ich ja immer noch zurückkommen und fromm werden. Aber vorerst bin ich noch weit entfernt vom Schlaganfall und von frommen Anwandlungen!“

In der Fremde aber sieht dann doch manches anders aus. Und wenn sich einer dann die Hörner abgestoßen hat und wieder zurückkehrt oder von Gott zurückgeholt wird, dann freut sich Gott doch darüber und kümmert sich nicht um die Vorurteile, die wir Menschen doch in einem solchen Fall haben.

Gott macht nicht mit, wenn wir fordern: „Werft den aus der Kirche raus, denn er hat sich selber alles verscherzt!“ Wir sind doch meist der Meinung: Der sich vor der Öffentlichkeit oder nach unserem eigenen Urteil unmöglich gemacht hat, der hat sich auch vor Gott oder zumindest vor der Gemeinde unmöglich gemacht.

Was würden wir wohl sagen, wenn ein junger Mann hier in den Gottesdienst käme, der gerade eine Gefängnisstrafe wegen Diebstahls abgesessen hat? Oder wenn eine Frau zum Abendmahl ginge, die gerade erst geschieden wurde? Oder ein Mann, der jahrelang die Kirche gemieden oder sogar öffentlich bekämpft hat? Wir würden doch sicherlich erst Beweise für eine Sinnesänderung haben wollen.

Aber sind wir denn besser als die, mit denen wir normalerweise nicht viel zu tun haben wollen? War es unser Verdienst, wenn wir äußerlich gesehen nicht unter die Räder gekommen sind? Wir haben doch selber unsere Vorteile davon, wenn Gott so zu anderen Menschen und zu uns selber ist. Es ist doch gut, wenn Gott uns nicht nur danach fragt, ob wir anständige Menschen sind. Sicherlich käme dabei doch nur heraus, daß wir in dieser Hinsicht Sünder sind.

Viel wichtiger ist doch die Frage, ob wir Menschen sind, die zu Gott gehören wollen. Wenn einer kommt und Gottes Wort hören will, dann hat kein Mensch das Recht, ihm die Gemeinschaft zu verweigern. Heute stehen wir leicht in der Gefahr, so zu sein wie die Pharisäer von damals. Sie regen sich darüber auf, daß Jesus keine Tuchfühlung mit ihnen aufgenommen hat und nicht mit den Theologen und Pfarrern zusammengearbeitet hat.

Ausgerechnet mit diesen Gleichgültigen setzt er sich an einen Tisch. Aber auch wiederum nicht, um ihnen eine Andacht oder eine Standpauke zu halten, sondern um ihnen zu sagen „Ihr gehört auch zu Gott! Gott sucht euch und will euch auch ganz bei sich haben. Ihr seid auch sein Eigentum, und darauf will er nicht verzichten!“

Wir geben uns selber oft zu schnell verloren oder geben andere auf. Vielleicht haben wir uns auch viel zu schnell darauf eingerichtet, verloren zu sein. Gott aber sucht und findet uns. Nicht wir können uns zu ihm aufmachen, sondern e r sucht uns. Wir brauchen nur die Augen aufzumachen und sehen, daß Gott am Werk ist, dann wissen wir uns gerettet.

Diese Einstellung Gottes kommt auch uns allen hier zugute. Wir sind Gottes Eigentum durch die Taufe. Gott wurde sogar ein Mensch, um sich persönlich um alle kümmern zu können, die zu ihm gehören. Und Jesus ist auch denen nachgegangen, die ihre eigenen Wege gingen. Er hat keinen verloren gegeben, auch wenn er manchmal nach ihm suchen mußte wie nach einer Stecknadel im Heuhaufen.

Der Hirte hängt an jedem Schaf mit ganzem Herzen, er hat eine persönliche Beziehung zu jedem Einzelnen. Und wenn der verlorene Groschen ein Teil des Brautschatzes war, dann verstehen wir, weshalb die Frau so intensiv suchte.

Im Grunde gehören wir alle zu denen, die von Gott weggegangen sind. Auch nach uns muß er suchen. Aber wir mögen in unserem Leben verwirtschaftet haben, was wir wollen: unseren guten Ruf, unsere Ehe, unseren Kinderglauben - Gott gibt uns dennoch nicht auf. Vielleicht haben wir unseren Körper ruiniert und vielleicht sind unsre Gedanken zerfressen - aber wir gehören durch die Taufe doch immer zu Gott. Auch wenn wir meinen, unser Leben sei verpfuscht und alle würden nur auf uns herabsehen - Gott ist es nicht einerlei, ob wir in Ungehorsam und Lüge verlorengehen.

Es gibt keine Situation, die ausweglos verfahren wäre und wo ein Zurück unmöglich wäre: Gottes Liebe trägt uns aus allem wieder heraus und die Gabe der Taufe kann immer noch Frucht bringen.

Weil aber der Gott Jesu ein Freund der Ausgestoßenen ist, sind auch wir Christen den Ausgestoßenen in besonderer Weise verpflichtet. Es darf keinen Menschen geben, der benachteiligt, behindert, gedemütigt und deklassiert wird. Es darf keinen geben, mit dem wir quitt und fertig sind. Gott liebt sie alle, er liebt auch uns. Deshalb sollten wir jedem Verlorenen die Heimkehr leicht und schön machen. Und wenn wir uns vielleicht selber zu der Verlorener rechnen, dann dürfen wir wissen: Gott wartet immer auf uns!

 

 

4 . Sonntag nach Trinitatis: Lk 6, 36 - 42

Eine Frau hat sich mit ihrem Bruder verkracht. Sie wohnen im gleichen Haus, aber sie gehen sich aus dem Weg. Sie arbeiten nicht gegeneinander, aber sie betrachten sich gegenseitig als Luft. Ab und zu klagt die Frau anderen Leuten ihr Leid. Natürlich ist der Bruder daran schuld, daß alles so gekommen ist. Aber sicherlich war sie mindestens genauso daran beteiligt. Nachher will es dann immer keiner gewesen sein: man sucht nur die Schuld beim anderen, merkt aber gar nicht, welch gerütteltes Maß an Schuld man selber hat. Vielleicht ist die eigene Schuld sogar noch größer als die der anderen.

Aber so sind wir Menschen eben: Die Fehler des anderen fallen uns auf, aber über die eigenen sehen wir großzügig hinweg. Das ist in der großen Politik so: Da bricht ein Krieg aus. Jede Seite beschuldigt die andere, sie haben angefangen. Keiner will es gewesen sein, aber das Unglück ist da. Aber das ist auch in unserem Alltagsleben so: Wenn in der Schule einer bestraft wird, dann redet er sich gern damit heraus: „Aber die anderen haben noch mehr gemacht als ich!“

Wir waschen alle lieber die schmutzige Wäsche der anderen‚ anstatt vor der eigenen Haustüre zu kehren. Aber damit täuschen wir uns über unsere wirkliche Lage hinweg, wir versuchen es zumindest. Aber Gott läßt sich nicht bemogeln. Bei ihm können wir nicht die Aufmerksamkeit von uns weg auf andere lenken. Im Gegenteil: Gott ergreift Partei für unsre Mitmenschen! Wir müssen damit rechnen, daß alle Anklagen gegen andere wieder auf uns zurückfallen. Darauf will uns dieser Abschnitt der Bergpredigt Jesu hinweisen.

Man könnte ihm zunächst die Überschrift geben: „Wie ich dir, so Gott mir!“ Mit unseren Mitmenschen gehen wir oftmals nicht gerade zimperlich um. Aber Kritik fordert Gegenkritik heraus, ein abschätziges Urteil wird mit Verachtung quittiert. Dadurch aber wird die Gemeinschaft untereinander zerstört: Wenn ich einen anderen verurteile, verliere ich den Zugang zu ihm und er wird nicht mehr auf mich hören. Aber auch andere werden mit der Zeit unsicher, wie sie sich dem Betreffenden gegenüber verhalten sollen. Ich sage zwar: „Ich will euch ja nur warnen, einen solcher unzuverlässigen Nichtskönner darf man doch nicht hochkommen lassen!“ Aber in Wirklichkeit machen wir mit einem solch lieblosen Richten mehr kaputt, als daß es hilft.

Dürfen wir uns denn nicht wehren, wenn uns einer geärgert hat? Doch wir wollen ja nur den anderen herabsetzen, um selber besser dastehen zu können. Dadurch wollen wir ja nur ablenken. Gott fragt: „Wie bist du?“ und wir antworten: „Aber der andere ist noch schlechter als ich!“ Bei dem anderen sehen wir halt immer sehr scharf, wo der Fehler liegt. Wir wollen ihm sogar helfen, den Splitter aus dem Auge zu entfernen. Aber' den Balken im eigenen Auge wollen wir nicht bemerken.

Meist wollen wir es gar nicht wahrhaben, daß es bei uns ein großer Balken ist. Wir fangen an, mit anderen Menschen und mit Gott zu streiten, bei wem der Balken und bei wem der Splitter zu finden ist, wer mehr oder weniger schuld ist. Doch darum geht es ja gar nicht. Viel wichtiger ist, die eigene Verkehrtheit einzusehen.

Wir sind alle miteinander blind, das ist doch die Wahrheit! Das Urteil darüber steht nur Gott zu. Er fragt nicht, ob andere dasselbe oder noch mehr verbrochen haben. Er will nur wissen: „Was hast d u getan?“ Und unsre Schuld wird nicht kleiner, wenn ein anderer sich auch schuldig gemacht hat.

Wir jedenfalls haben nicht das Recht, einen anderen zu verurteilen, selbst wenn er sich hundertmal schuldig gemacht hat. Verurteilen könnte höchstens einer, der völlig ohne Schuld ist. Aber Jesus hat einmal eine Ehebrecherin in Schutz genommen und zu ihrer Anklägern gesagt: „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe der ersten Stein!“ Da haben sich alle nacheinander stillschweigend verkrümelt.

Nur Gott ist wirklich unparteiisch und nicht selber in einen Fall verwickelt. Er allein kann gerecht richten. Und er allein kann jeden von uns in seinem Handeln zurechtweisen. Er sagt: „Durchbrecht den Teufelskreis des Vergeltens und Wiedervergeltens! Bewegt euch stattdessen in dem Gotteskreis der Verzeihung und der Liebe! Achtet euren Mitmenschen und wertet ihn auf, dann wird er euch auch mit Achtung begegnen und gut von euch reden!“

Es geht dabei nicht nur um das Zusammenleben der Menschen untereinander. Man kann ja zunächst fragen: „Was tun denn Christen anderes als die Nichtchristen, bei ihrer täglichen Arbeit, in der Freizeit, auf kulturellem Gebiet‚ bei sozialer Tätigkeit?“ Äußerlich unterscheidet sich das tägliche Tun der Christen ja nicht von dem anderer Leute. Und doch durchdringt die Verbundenheit mit Christus alles Tun. Wir stehen zwar mitten in der Welt und sind ihren Anforderungen verpflichtet. Aber wir sind doch in das Kommende hineingezogen und leben aus dem Neuen. Das ist die Spannung, unter der unser Handeln steht. Sie kann auch dazu führen, daß wir uns vom Handeln anderer unterscheiden.

Irgendwo muß ja auch einmal deutlich werden, daß wir zwar i n der Welt stehen, aber nicht v o n dieser Welt sind. Wir sind auch noch einem höheren Herrn verpflichtet. Dieser ist uns sogar wichtiger als alle anderen Ansprüche. Schließlich geht es dabei ja um unsre Zukunft Wie wir mit dem Mitmenschen umgehen, so wird Gott auch uns behandeln.

Die zweite Überschrift über diesen Bibelabschnitt aber lautet: „Wie Gott mir, so ich dir!“ Gleich der erste Satz ist der alles umspannende Bogen: „Gott ist barmherzig, da seid ihr es auch!“ Früher wurden die Leute an den Pranger gestellt und angespuckt. Luther aber sagt uns in seinem Katechismus: „Wir wollen unseren Mitmenschen entschuldigen, Gutes vom ihm reden und alles zum Besten kehren!“

Hier könnten wir am ehesten zeigen, daß wir „ganz der Vater“ sind. Von ihm haben wir viel Barmherzigkeit erfahren. Da werden wir doch wohl auch anderen gegenüber barmherzig sein können. Wir leben ja alle von der Güte Gottes. Wir stehen nicht nur alle unter der gleichen Drohung, sondern auch alle unter der gleichen Liebe Gottes. Er wendet sie auch denen zu, gegen die manches einzuwenden wäre. Gott ist eben ein „unverbesserlicher Optimist“, wie das einmal der Holländer Hoekendijk genannt hat.

Gott ergreift ja auch Partei für mich, gegen den viel einzuwenden ist. Er hebt mich auf die gleiche Stufe mit denen, über die er sich auch schon erbarmt hat. Dadurch entsteht eine ganze neue Gemeinschaft zwischen denen, die Gottes Barmherzigkeit erfahren haben. Vorher standen sie miteinander in Konkurrenz, wollten durch ihr Können zu Erfolg und zu Ansehen kommen.

Jetzt aber merken sie: Wir haben alle auf der gleichen niederen Stufe gestanden. Gott aber hat uns emporgehoben und unserem Leben, wieder einen neuen Sinn gegeben. Jetzt ist es nicht mehr nötig, von der eigenen Schuld abzulenken. Natürlich ist es zunächst immer angenehmer, sich mit den Fehlern der Nebenmenschen zu befassen. Es ist leichter, sich aufs hohe Roß zu setzen, als selber abzusteigen und demütig zu Fuß zu gehen. Aber weil Gott uns trotz unsrer Fehler und Schwächen liebt, können wir unser Versagen ruhig eingestehen und brauchen es nicht mehr mit der Schuld der anderen zu vergleichen. Jeder macht einmal Fehler. Deswegen brauchen wir uns selbst und anderen nicht mehr zu beweisen, was wir doch für feine Menschen sind und wie verhältnismäßig gute Kerle wir doch noch sind.

Wir sollten auch den Versuch aufgeben, den anderen ändern zu wollen. Es muß sich schon jeder selber ändern. Das bedeutet aber auch: „I c h muß mich ändern!“ Das kann ich nämlich und dafür bin ich auch zunächst einmal zuständig. Wenn jeder das beachtet, braucht keiner in dem Bereich des anderen einzudringen.

Manchmal kann es allerdings auch hilfreich sein, den anderen auf Schwächen hinzuweisen. Es gibt ja Dinge, die merkt er gar nicht selber. Da wäre es lieblos, ihn nicht darauf hinzuweisen und ihn dem Gespött der anderen preiszugeben. Aber solche Hinweise müssen dann sachlich bleiben und mit reinem Herzen und aus der Liebe geschehen. Da darf keine heimliche Freude dabei sein, dem anderen eine auswischen zu können.

Es sollte auch keiner nur Anteilnahme und Hilfsbereitschaft heucheln, in Wirklichkeit aber sich überlegen fühlen. Es gibt ja so Leute, die tun immer überfreundlich und besorgt; aber im Grunde weiden sie sich innerlich daran, dem anderen seine Schwächen vorzuhalten. Aber Kritik an der eigenen Person würden sie nicht ertragen, aber sie fühlen sich besser als die anderen.

Es ist schon viel verlangt‚ wenn wir die eigenen Fehler einsehen sollen und mit denen anderer nachsichtig sein sollen. Doch Jesus hat es uns so vorgelebt. Wir können in unserem Urteil nicht strenger sein als er selbst. Wir sollten lieber versuchen, ihm gleich zu werden in der Liebe. Und wir müßten natürlich auch immer daran denken, daß wir selber uns einmal vor Gott zu verantworten haben und dann auch ganz auf seine Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sein werden.

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis: Lk 5, 1 - 11

„Petri Heil“ möchte man sagen, wenn man diese Geschichte hört. So etwas wünschen sich die Angler gegenseitig, oder auch die Fischer. Und dieser Wunsch kommt wohl von dieser Erzählung vom Fischzug des Petrus her. Einen großen Fang wünscht sich jeder Angler oder Fischer. Aber hier geht es ja gar nicht so sehr um die Fische, sondern in einem ganz anderen Sinn um das Heil des Petrus.

Er ging wie viele andere seinem Beruf nach. Ein harter Beruf‚ der mit viel Mühen und manchen Enttäuschungen verbunden war. Petrus und seine Kollegen haben gerade wieder eine solche Nacht hinter sich. Da aber tritt Jesus in ihren Arbeitsalltag. Gerade den arbeitenden Menschen will Jesus seine Botschaft sagen. Er hat keine Kirchgänger vor sich, die sich extra für den Gottesdienst feingemacht haben. Vielmehr macht er ein wahllos zusammengelaufenes Volk zu seiner Gemeinde, einen Fischerkahn zu seiner Kanzel.

An sich haben ja viele der Predigt Jesu zugehört und die Sache mit dem wunderbaren Fischfang miterlebt. Aber nur einige wenige lassen sich von Jesus rufen. An Petrus wird das beispielhaft deutlich. An ihm wird anschaulich, was letztlich von allen gilt, die in Jesu Dienst

treten.

Sie sollen „Menschenfischer“ sein. Im Markusevangelium ist allein dieses Wort überliefert. Lukas hat es gewissermaßen illustriert durch den Fischfang. Bei Johannes schließlich wird das Ganze erst in die Zeit nach Ostern verlegt. Lassen wir ruhig die Frage offen, wo dieses Wort eher hingehört: zu der ersten Berufung der Jünger oder zu der zweiten Berufung nach Ostern. Deutlich ist doch in jedem Fall: Wer Menschen für Jesus gewinnen will, der ist immer auf  i h n angewiesen, der kann es nicht aus sich selber tun, sondern nur mit diesem Herrn im Rücken.

Im Altertum wurde das Bild von der Menschenfischern nur in einem üblen Sinne gebraucht. Wir denken dabei vielleicht an manche christliche Sekten, die im Teich der Kirche fischen und die Leute der Kirche für sich gewinnen wollen. Sie treiben ja keine echte Mission, sie gehen ja nicht zu denen, die nichts von Gott wissen wollen, sondern sie wollen ja gerade die aktiven Leute der Kirche abwerben. Wenn heute überhaupt noch Mission getrieben wird, dann nur über die Kirche. Und da gibt es im Grunde auch nur zwei Möglichkeiten, nämlich über den kirchlichen Unterricht und zum anderen im Zusammenhang mit einer Eheschließung. Aber auch da liegt kein Verdienst der kirchlichen Mitarbeiter vor, sondern hier ist allein der Geist Gottes am Werk.

Der christliche Künstler Herbert Seidel hat diese Tatsache mehrfach in Bildern zum Fischzug des Petrus dargestellt. Da sieht man drei Männer, die sich wirklich abmühen, das volle Netz ans Ufer zu ziehen. Aber hinter ihnen steht Jesus. Er hat das Netzt in Wirklichkeit in den Hän­den und zieht es an Land. Die Männer meinen, sie hätten alles geschafft, aber in Wirklichkeit ist alles nur dem Herrn zu verdanken, der hinter ihnen steht.

Da hat im 19. Jahrhundert ein Missionar auf einer Insel Indonesiens gewirkt. Fünf Jahre hat er gepredigt, bis die Bewohner der Insel ihn aufgegessen haben, denn sie waren noch Menschenfresser. Es kamen aber andere Missionare dorthin und haben weiter gepredigt. Es hat noch einmal acht Jahre gedauert, bis die erste Frau sich taufen ließ. Heute ist dort eine blühende christliche Kirche. Und die Christen von heute können gar nicht verstehen, was ihre Großväter mit jenem ersten Boten des Evangeliums gemacht haben. Er hat sich abgemüht und keinen Erfolg mehr gesehen. Aber Gott hat doch noch das Netz eingeholt und einen reichen Fang sichergestellt.

Die Dienstleute Gottes müssen damit rechnen, daß sie sich anscheinend vergeblich bemühen. Der Kreis der Leute, die in der christlichen Gemeinde leben, wird immer kleiner. Die Chorsänger kommen nicht mehr. Es wird immer schwerer, Jugendliche oder Männer oder Frauen für die kirchlichen Veranstaltungen zu gewinnen. Da könnte man leicht den Kopf hängenlassen.

Man kann nur so sprechen wie Petrus: „Aber auf dein Wort hin, Herr Jesus, will ich es immer wieder versuchen!“ Und in der Tat stellt sich auch das ein, was wir in unsrer Redeweise als „Erfolge“ bezeichnen. Aber wenn es anders kommt, als zunächst befürchtet, dann nur deswegen, weil der Herr der Kirche sein großes Wunder getan hat. Das eigentliche Wunder in dieser Geschichte dreht sich nicht um die Fische, sondern um den Glauben des Petrus und der paar anderen Jünger.

Dieses Wunder können wir auch bei uns immer wieder erleben. Die Zeiten, in denen die Kirche mit dem Zeitgeist segelte, waren nicht immer die besten für die Kirche; zu leicht hat man Menschenwerk mit dem Werk Gottes verwechselt. Umgekehrt hat man unter ungünstigen äußeren Bedingungen einen überwältigenden Ertrag erleben dürfen. Man kann nicht sagen: „Bei günstigen äußeren Umständen gibt es nur Scheinerfolge und bei schlechten kann man Wunder des Glaubens erwarten!“ So einfach ist das sicher nicht.

Aber die Kirche muß nun einmal lernen, daß sie sich nicht auf ihre Methoden und Erfahrungen und Kniffe verlassen kann. Sie hat sich höchstens ein gewisses handwerkliches Können anzueignen, sie sollte schon etwas von der Methoden der Verkündigung verstehen. Aber sie wird diese nie in den Griff bekommen. Sie wird vielmehr immer so wie Petrus sagen müssen: „Auf dein Wort hin!“

Das gilt auch für unser persönliches Leben. Wie manche Frau hat ihren Mann vorzeitig verloren und stand dann allein mit ihren Kindern da. Die Aufgabe stand vor ihr wie ein Berg, die Kinder allein durchzubringen. Vielleicht waren auch noch die alten Eltern zu pflegen. Da wird man leicht denken: „Das schaffst du nie. An einer solchen Aufgabe gehst du kaputt!“ So etwas kann man nur schaffen, wenn man seine feste Zuversicht auf Gott setzt. Manchmal ist man am Ende seiner Kräfte und sieht keinen Ausweg mehr. Aber die Zuversicht, daß Gott gerade einer solchen Frau beisteht‚ gibt doch immer wieder neue Kraft.

Allerdings kann man an so einem Fall auch immer wieder sehen, wie beschränkt die eigenen Kräfte sind. Das wird auch Petrus mit einem Schlag deutlich. Man hätte doch erwarten können, daß er beglückt über den großen Fang ist. Stattdessen erleben wir Erschrecken und Erschütterung bei ihm. Er erkennt auf einmal, wie schlecht sein Leben bisher war. Es geht dabei nicht um einzelnes Versagen, sondern er ist ganz und gar ein sündiger Mensch. Das erkennt er, als er Jesus begegnet. Jetzt merkt er: „Der und ich, wir passen nicht zusammen, denn er ist das Gegenteil von mir.“ Wer aber vor Jesus steht, der steht damit auch vor Gott.

Aber statt einer Strafe trifft ihn das Wunder, daß er nun auf einmal ein Mitarbeiter Gottes werden soll.

Diese Erfahrung muß man wohl erst gemacht haben, ehe man in den Dienst Jesu treten kann. Erst muß man zuhören, so wie das Petrus getan hat. Ehe man weitersagen kann, muß man erst einmal gehört haben. Und dann muß man erkennen, daß man im Grunde gar nichts ist und Gott allein der Handelnde ist. Wenn man sich nichts mehr auf die eigene Leistung einbildet, dann ist man reif für eine Aufgabe im Auftrag Jesu.

Jesus hält der Petrus für würdig, einen solchen großen Auftrag zu übernehmen. Damit bindet er ihn fest und erdgültig an sich. Jenes: „Fürchte dich nicht“, hat Petrus nie mehr aus der Ohren verloren. Als er später vor dem Hoher Rat steht, da sagt er: „Wir können es ja nicht lassen, vor dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben!“

Man merkte dem Petrus noch später an, aus welch tiefer innerer Freude heraus er gesprochen hat. Er wollte mit Menschen Kontakt aufnehmen, um ihnen etwas von der guten Botschaft Gottes zu sagen. Auf einen solchen Kontakt warten heute vielleicht auch viele Menschen. Auch wenn sie sonst alles haben, fehlt ihren noch etwas zum wahren Menschsein. Dieses aber sind wir alle ihren schuldig, durch uns können sie es erfahren.

Wie sind zwar auch nur sündige Menschen. Aber Jesus betreibt seine Sache gerade mit sündigen Menschen. Es braucht also keiner so zu tun, als sei er ein makelloser Heiliger und als hänge der Fortbestand der Kirche an ihm. Die Kirche ist nicht das Unternehmen der Menschen, sondern immer Sache Jesu Christi.

Wenn wir ihm nachfolgen und in seine Dienste treten wollen, dann wird das zuweilen etwas mühevoll für uns sein. Aber das steht ja nicht einfach in unserem Belieben, ob wir uns zur Verfügung stellen. Jesus hat ja auch nicht lange gefragt, sondern ist in das Boot des Petrus gestiegen und hat ihm Anweisungen für die Fischerei gegeben und hat ihm den Auftrag zum Menschenfischen gegeben. Jesus ist eben mehr als ein Vorbild, das man sich selber wählt und notfalls auswechselt und auf das man verzichten kann, wenn man selber Fortschritte gemacht hat. Zu Jesus kann man niemals sagen: „Danke, jetzt komme ich auch allein weiter!“

Wir bleiben immer in unserem Leben auf diesen Herrn angewiesen. Aber wenn wir uns ihm zur Verfügung stellen, werden wir auch eine große Stütze in allen Dingen an ihm haben. Er wird dann unser Leben führen und leiten, wie es richtig ist. Und wir werden das nicht als ein lästiges Muß empfinden, sondern fröhlich bekennen wie Petrus: „Ich kann nicht anders!“

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis: Mt 28, 16 - 20

Zu einem Pfarrer kam einmal eine Mutter und wollte ihre zwei Kinder zur Taufe anmelden. „Sie sind aber schon 5 und 3 Jahre alt“, sagte sie. „Jetzt schämen wir uns, mit so großen Kindern noch durchs Dorf zu gehen in die Kirche. Geht das nicht‚ daß wir gar keine Taufe machen. Sie schreiben nur eine Taufurkunde aus und ich lade Sie auch nachher zum Kaffee ein!“

Auf Kaffee und Kuchen kommt es bei der Taufe ja nun überhaupt nicht an. Und auch die Taufurkunde ist nicht das Wichtigste. Es kommt ganz allein auf den Vollzug der Taufe an, also das dreimalige Begießen mit Wasser und die dazu gesprochenen Worte. Und auch wenn ein Erwachsener getauft wird, kann das nicht anders gemacht werden.

Daran wird deutlich: Die Taufe ist heilsnotwendig. Es gibt kein Christsein ohne die Taufe. Man kann sich zwar zur Gemeinde halten‚ zum Gottesdienst oder zum kirchlichen Unterricht kommen, aber dann ist man immer noch kein Christ im vollen Sinne. Wir brauchen uns gar keine Gedanken darüber zu machen, ob man in Zukunft vielleicht in einzelnen Fällen auf die Taufe verzichten könnte. Jesus hat sie uns geboten, da können wir es nicht anders machen.

Und so wurden auch jene beiden Kinder ordnungsgemäß getauft, zwar nicht in der Kirche, sondern im Haus, aber doch so, wie es sich gehört.

Wenn einer aus irgendeinem Grund die Taufe nicht erlangen konnte, dann hat Gott für ihn auch sicher noch andere Wege. Es kann ja sein, daß sich niemand gefunden hat, der wirklich hingegangen ist und diesem Menschen das Evangelium wirklich aufgeschlossen hat; da kann er ja nichts dafür. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die Taufe für unser Heil und das ewige Leben notwendig ist. Dieser Lehrsatz ist aber kein hartes Gesetz, sondern er macht die Einladung zur Taufe dringend und unüberhörbar. Er mahnt, dieses Angebot nicht auszuschlagen und das Geschenk Gottes doch anzunehmen. Nur wer diese Gabe verachtet, wird nicht zu Gott kommen können.

Manche Menschen wollen auch erst noch abwarten und fallen nicht gleich vor Jesus auf die Knie, wie seine Jünger. Aber selbst von deren heißt es ja: „Einige zweifelten“. Sie hatten diesen schlichten Mann aus Nazareth erlebt, wie er müde und erschöpft war, wie er ein grausames Ende genommen hatte. Aber nun soll er vor ihnen stehen wie ein Gott, als Inhaber aller Macht im Himmel und auf Erden. Da ist es nicht verwunderlich, wenn einer zweifelt. Aber wenn einer nach langem Zögern die Knie vor Jesus beugt, dann wiegt diese Entscheidung umso schwerer. Dann wird er sich alles wohl gut überlegt haben und nicht so schnell wieder anderen Sinnes werden.

Außerdem liegt das nicht allein bei ihm. Wir meinen ja leicht, der Glaube sei eine Sache der persönlichen Einstellung oder sogar des Geschmacks. Man kann sich aber nicht von einem neutralen Standort aus für eine bestimmte Glaubensweise entscheiden, so wie man sich für eine bestimmte musikalische Richtung oder für eine Sportart entscheidet. Und der christliche Glaube ist nicht eine von vielen Religionen, die um ihre Anerkennung werben. Jesus ist nicht einer von vielen, sondern der Unvergleichliche.

Er hat uns immer schon festgenagelt durch die Taufe. Wir können uns ja gar nicht mehr aussuchen, an welchen Gott wir glauben wollen. Wir gehören ja längst einem. Es geht nur darum, ob wir uns von dem lebendigen Gott ergreifen und retten lassen oder ohne ihn und gegen ihn leben wollen.

Wer aber mit ihm leben will, steht auch unter seinem besonderen Schutz. Der Ausdruck taufen „auf den Namen“ stammt aus dem Bankverkehr und meint die Gutschrift einer Summe auf ein Konto. Wer also getauft ist, gehört auf das Konto Jesu und ist damit sein Eigentum geworden.

Wer getauft ist, gehört nicht mehr den bösen Mächten, die ihn zu einem gottwidrigen Leben nötigten. Er ist vielmehr frei und kann von seinen Anklägern nicht mehr erpreßt werden. Er steht ja nunmehr auf der Seite Gottes und untersteht nur noch dessen Herrschaft. Das hat sich Martin Luther vor Augen gehalten‚ wenn ihm Zweifel und Anfechtungen kamen. Dann hat er sich in ein Zimmer eingeschlossen und mit Kreide vor sich auf den Tisch oder an die Wand geschrieben: „Ich bin getauft!“ Das hat ihm Trost und Sicherheit gegeben, daß keine Macht der Welt ihm etwas anhaben kann.

Eine ähnliche Erfahrung hat Karl Barth, ein bedeutender Theologe unserer Zeit, unmittelbar vor seinem Tod ausgedrückt. Am Abend vorher telefonierte er noch mit einem Freund. Sie sprachen über die dunkle Weltlage. Aber Barth sagte zum Schluß: „Nur ja die Ohren nicht hängenlassen! Nie! Denn es wird regiert!“ Der da regiert ist der dreieinige Gott, der in Jesus den Menschen nahe gekommen ist und der auch heute durch den Heiligen Geist unter uns wirkt.

Diese Worte: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ sind eine Art Regierungserklärung Jesu Christi. Nicht ein blindes Schicksal bestimmt unser Leben, nicht die Politiker haben die Macht über uns, nicht die Gesetze der Welt haben über uns zu bestimmen.

Die Machtfrage ist schon entschieden: Wir haben nur den einen Herrn, nämlich Jesus Christus, dem alle Macht gegeben ist.

Das Wörtchen „alle“ beherrscht diesen Text, kommt allein viermal vor. Es gibt also nichts, was außerhalb des Herrschaftsbereichs Gottes ist. Was in dieser Welt über die Bühne geht, ist immer nur der Vordergrund; im Hintergrund aber steht Christus, der der Herr ist über alles und alle. Und zwar ist er das nicht nur im Himmel, wohin ihn manche verbannen möchten, damit sie auf der Erde ihre eigene Macht ausspielen können Gott ist gerade auch Herr der Erde.

Auf den Namen dieses Gottes sind wir einst getauft worden. Wahrscheinlich sind die Worte unsres Predigttextes damals auch gesprochen worden, denn sie gehören eigentlich zu jeder Taufe. Es ist ja der sogenannte „Missionsbefehl“. Und Mission geschieht auf dem Weg der Taufe und der Unterweisung.

Dadurch hat die Kirche allerhand zu tun in der Zeitspanne zwischen Auferstehung und Wie­derkunft Christi. Dieser Dienst führt sie nach draußen zu den Völkern, aber auch in den Innenraum der Gemeinde, die alles einhalten soll, was der Herr ihr befohlen hat. Die Kirche überschreitet damit ihre eigenen Grenzen, indem sie hinausgeht, tauft und lehrt. Aber sie muß das tun, denn das, was ihr gegeben ist, gehört allen Völkern. Gott hat es allen Menschen zugedacht, also muß es auch unter die Leute kommen, und wir sind seine Boten dabei. In einer Legende aus der Anfangszeit der Kirche wird Jesus nach der Himmelfahrt von den Engeln gefragt: „Was wird nun aus deiner Botschaft?“ Er antwortet: „Dafür habe ich meine Jünger!“ Aber die Engel fragen weiter: „Und wenn sie nun versagen?“ sagt Jesus: „Eine andere Möglichkeit habe ich nicht!“

Die Kirche darf sich also nicht in ein Schneckenhaus zurückziehen, nur ihre Gottesdienste halten und vielleicht noch die Schwachsinnigen pflegen, aber sich um ihre Umwelt in Staat und Gesellschaft nicht kümmern. Diese Rolle möchten ihr manche Außenstehenden gern zudiktieren, um ihren Einfluß einzuschränken. Aber auch manche kirchliche Leute möchten sie auf diesen Raum beschränken.

Andererseits aber darf sich die Kirche aber auch nicht in die Welt verlieren. Wenn ein Christ bei einer politischen Partei mitmacht, dann darf er nicht das verleugnen müssen, was ihm eigentlich am Herzen liegt, wenn er zwar als Bürger mitmachen kann, aber nicht als Christ wirken darf! Wenn wir schon einen Dienst an der Gesellschaft tun wollen, dann sollte auch deutlich werden: Der tut das im Dienst eines höheren Herrn!

Dieser Herr möchte ja, daß wir in die Welt gehen. Es ist ja seine Welt. Wo wir auch hinkommen, dort ist er immer schon anwesend. Er übt gewissermaßen einen Sog aus, so daß wir vorwärts schreiten müssen und so den leeren Raum langsam ausfüllen. Dabei führen wir sein Wort mit, das überall hinkommen soll, wo er sich unerkannt schon aufhält.

Einer meinte: „Mein Leben hat dann einen Sinn gehabt, wenn ich nur zehn Menschen zu Christus geführt habe!“ Man könnte auch sagen: „Wenn es nur einer ist, dann ist schon viel erreicht!“ Aber in Wirklichkeit gilt: „Keiner kann einen anderen zu Christus führen, sondern er kommt zu uns. Nicht wir haben Menschen zu ihm zu führen, sondern er holt sie sich schon selber. Wir können nicht den Herrschaftsbereich Christi erweitern, sondern er hat schon alle Gewalt!“

Wenn einer sich um einen Menschen kümmert und ihm die frohe Botschaft bringen will, dann steht Jesus unsichtbar neben ihm. Wo sich eine Gemeinde in seinem Namen versammelt, da ist immer einer mehr anwesend, als man Köpfe zählen kann. Er hat gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Kein Jünger ist allein auf seinem Weg. Er ist auch nicht auf seine Gläubigkeit, sein Durchhaltevermögen oder seinen Verstand angewiesen, sondern allein auf diesen Herrn, der mit ihm geht.

Wir sind es allen Menschen schuldig, daß sie etwas von Christus erfahren. Mit dem Missionsbefehl gibt er uns einen Marschbefehl. Wir haben eine Bringschuld gegenüber allen Menschen: Wir können nicht warten, bis einmal einer bei uns nachfragt, sondern wir sind selber aufgefordert, aktiv zu werden.

Die Botschaft Christi ist doch kein Ladenhüter, sondern etwas, was wirklich alle gebrauchen können. Es muß sich nur herumsprechen, daß es da etwas gibt, was zum Leben nötig ist. Die Verkäufer dürfen das kostbare Gut nicht im Lager liegenlassen, sondern haben es schnell unter die Leute zu bringen, nicht nur unter gute Freunde, sondern wirklich an alle, die davon erfahren.

Allerdings kommt es hier auf das persönliche Zeugnis vor Person zu Person an. Christus ist zwar überall da, aber man muß sich doch für ihn entscheiden. Es wird nicht einfach jeder gerettet, der sich nicht zu Gott und zur Kirche gehalten hat. Das Heil wird allen angeboten; aber es will im Glauben angenommen sein. Solange die Flasche Wein im Schaufenster steht, habe ich noch nichts davon; ich muß schon hineingehen und sie kaufen, wenn ich sie genießen will. Das reichhaltige Angebot Gottes nutzt nichts, wenn wir es nicht in Anspruch nehmen.

Er bietet es uns an. Aber er sagt auch: „Geht damit hin in alle Welt!“ Diese Welt fängt in unsrer eigenen Wohnung an, in der Schule, in der Firma, auf der Straße. Es wäre schön, wenn jemand durchs uns zum Jünger Jesu würde, indem er sich taufen läßt oder endlich das in die Tat umsetzt, was seit seiner Taufe schon in ihm liegt. Und noch besser ist natürlich, wenn wir selber uns immer wieder als echte Jünger Jesu erweisen.

 

 

7. Sonntag nach Trinitatis: Joh 6, 1 - 15

Den Menschen in der Geschichte vor der Speisung der 5.000 kommt es nur auf einen einziger Punkt an: Sie sind satt geworden, ein ganz dringendes Lebensbedürfnis ist gestillt worden. Nun denken sie: „Diesen Jesus müssen wir uns warmhalten. Der soll uns auch weiterhin etwas zu essen verschaffen. Da wären wir alle Probleme los. Und bequemer als bei dem geht es nicht mehr!“

Sie wollen ihn also zum Ernährungsminister und Brotkönig machen. Wer dem Volk Brot geben kann, mit dem wird man zufrieden sein. Viele waren mit Hitler zufrieden, weil er die sowieso vorhandene Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft noch ankurbelte; viele loben ihn heute noch wegen des Autobahnbaus, weil dadurch vielen Leuten Arbeit und Brot verschafft wurde, jedenfalls am Anfang. Jede Regierung muß versuchen, der Bevölkerung das Maul zu stopfen, dann sind sie wenigstens ruhig.

Man schreit immer wieder nach sozialen Maßnahmen. Obwohl es uns doch schon sehr gut geht, soll es uns immer noch besser gehen. Und wer das garantieren kann, das ist unser Mann.

Auch in Jesus hat man so einen Führer vermutet, der Wunder vollbringen kann. Hat er nicht so etwas vollbracht wie damals Mose in der Wüste, als Brot vom Himmel fiel? Mose hatte ja selbst von einem Propheten gesprochen, der so sein wird wie er selber. Das Volk hoffte ja auf einen Retter. Gerade in der Heimat Jesu rund um den See Genezareth kam es ja immer wieder zu Aufständen und zum Auftreten immer neuer Führergestalten.

Aber Jesus läßt sich nicht von der Menge vereinnahmen. Ein Wirtschaftswunder ist nicht seine Sache. Er läßt sich nicht zum König machen, dessen Amt es sein soll, jenes Wunder täglich zu wiederholen. Für solche Wünsche und Ziele läßt er sich nicht beschlagnahmen. Sicher hätte er mit vordergründigen Erfolgen den Beifall der Menge gewinnen können. Aber er handelt so wie schon bei der Versuchung durch den Teufel: Er entzieht sich der Menge, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern vom Wort Gottes!

Jesus will arm und niedrig bleiben, so wie Gott es mit ihm vorhat. Er will ja der Messias Gottes sein und nicht erst vom Volk dazu gemacht werden. Schon morgen, wenn sie wieder Hunger haben, werden sie ihm nicht mehr nachlaufen. Dann wird ihre Bewunderung in Enttäuschung oder gar Haß umschlagen und sie werden ihn aus ihrer Mitte ausstoßen.

Wir wollen die Menschen nicht verachten, die Jesus in eine solche Rolle drängen wollen. Wer den Bauch voll hat und sich alles leisten kann, hat es leicht, von „höheren Werten“ zu reden.

Wir haben ja das Mehl im Schrank und den Braten in der Röhre, und unser Sparbuch ist ganz ansehnlich. Viele behaupten dennoch, es ginge ihnen schlecht. Aber in Wirklichkeit können wir beruhigt beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Denn aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir es ja morgen auch wieder. Wir nehmen das zu selbstverständlich hin und danken Gott nicht dafür. Für viele Menschen in der Welt hat diese Bitte aber eine viel dringlichere Bedeutung: Sie leben von der Hand in den Mund.

Mit knurrendem Magen kann man schlecht einer Predigt zuhören. Deshalb ist Jesus auch daran interessiert, daß die Menschen satt werden. Er kümmert sich auch um ihre leibliche Not; aber er erfüllt nicht einfach alle menschlichen Hoffnungen. Jesus weiß, wie weh der Hunger tut. Wenn es nach ihm ginge, würden wirklich alle Menschen satt, nicht nur einmal, sondern immer.

Aber er weiß auch: Mit ein paar Einzelaktionen kann die Brotfrage nicht gelöst werden. Wenn wir einmal ein paar Mark geben, damit Verbandszeug nach Nikaragua oder sonstwohin geschickt werden kann, dann ändern sich dadurch noch nicht die Verhältnisse in der Welt. Es wird damit ein Zeichen der Hoffnung gegeben, es wird einigen weniger Menschen geholfen, unsere Spende ist nicht sinnlos. Aber Jesus will mehr als nur ein Trostpflästerchen auflegen.

zunächst könnte man meinen, es ginge hier nur um das Wunder, das nicht so recht glaubhaft ist. Die Menschen haben eine ganze Tageswanderung hinter sich, sie können am Abend nicht wieder zurück in ihre Dörfer. Sie sehen Jesus als der Gastgeber an, der sich um ihr leibliches

Wohl zu kümmern hat. Aber in der einsamen Gegend gibt es nichts zu kaufen. Und selbst wenn man viel Geld hätte, könnte man so vielen Leuten kaum einen Überbrückungshappen bieten. Nur ein kleiner Junge ist da, der sich schnell fünf Brötchen und zwei Sprotten eingesteckt hatte. Er gibt seine „eiserne Ration“ weg und vertraut allein auf Jesus. Er sagt nicht: „Da kann man nichts machen!“ Er will vielmehr von dem leben, was vorhanden ist und will gut damit wirtschaften.        

Jesus aber sagt: „Ich bitte zu Tisch!“ Wie ein Hausvater spricht er das Dankgebet, so als hätte er genug für alle. Dann beginnt er auszuteilen und gibt jedem so viel, wie er haben will. Viele kluge Leute haben sich Gedanken gemacht, wie so etwas möglich war: Jesus hätte in der Nähe in einer Höhle ein Vorratslager gehabt, aus dem er nun alles herbeischaffen ließ. Oder die Leute hätten ja das Essen mit im Rucksack gehabt, aber vor lauter Zuhören das Essen vergessen. Oder die einen, die etwas dabei hatten, hätten nicht mit den anderen teilen wollen und deshalb erst gar nicht ausgepackt; erst Jesus habe sie dazu gebracht, zu teilen und miteinander zu essen.

Doch all diese Erklärungsversuche gehen an dem Eigentlichen vorbei. Es geht ja um ein Zeichen, das man mit keiner Fernsehkamera hätte erfassen können. Man kommt der Sache schon näher, wen n man diese Erzählung versteht als ein Gleichnis für die Erntegaben, die Gott uns jedes Jahr auf den Feldern schenkt. Im Gebet wendet sich Jesus an den Schöpfer und wirkt auch selber als Schöpfer. Er macht uns deutlich, wer der Geber aller guten und vollkommenen Gabe ist, wem wir alles verdanken.

Haben wir begriffen, aus wessen Hand wir das nötige täglich empfangen? Spüren wir, welche Liebe hinter jedem Bissen Brot steht, den wir zu uns nehmen? Was für ein Anteilnehmen an unserem Wohl und Wehe durch unser tägliches Brot zum. Ausdruck kommt? Wir könnten auch bedenken, wie wir verantwortlich mit dem umgehen, was aus Gottes Hand kommt. Ist es wirklich schon so lange her, daß wir den letzten Krümel vom Teller absuchten? Jetzt werden Mittel zum Schlankwerden gekauft: die einen hungern, die anderen fressen sich krank. Über diese Problematik von heute müssen, wir einmal nachdenken‚ wenn wir diese Geschichte hören.

Doch wir müßten auch noch etwas weiter gehen in unseren Überlegungen: Wie Jesus hier das Dankgebet spricht und das Brot an die Menschen austeilt, das erinnert doch stark an das Abendmahl. Heute dürfen wir doch auch so aus der Hand Jesu das Abendmahl in Empfang nehmen als Stärkung für unser äußeres und inneres Leben. Deshalb könnte man den Sinn dieser Geschichte auch mit einem Wort Jesu ausdrücken, das einige Verse später wiedergegeben wird „Ich bin das Brot des Lebens!“ Es geht also um Jesus, der sich uns heute im Abendmahl hingibt, und nicht um das vorder­gründige Brotwunder. So ist es auch auf der Mosaiken in Ravenna in Italien dargestellt: Nicht die Massen der Essenden, sondern Jesus steht ganz groß im Mittelpunkt und segnet das Brot.

Jesus versteht aber unter dem Brot mehr als Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung, Auto und Fernseher, Geld und Vergnügen. Was nutzt uns denn alles Geld und aller Lebens­stan­dard, wenn wir trotz allem unzufrieden sind und keinen Sinn in allem sehen? Jesus will und kann a 1 1 e n Hunger stillen. Er gibt uns Lebensraum und Freiheit zum Atmen. Er läßt Bedrückte wieder aufrecht gehen und Zerstrittene wieder aufeinander zugehen. Er schafft ein gutes Betriebsklima und Frieden mit den Menschen und der Welt. Und nicht zuletzt gehört auch die tägliche Nahrung zu dem, was wir ihm verdanken.

Wir sind gefragt, ob wir Gott zutrauen, daß er a l l e Not beheben kann. Er gibt Brot für Leib und Seele, für uns und für andere. Wir könnten kein echtes Abendmahl feiern, wenn wir nicht auch an die Armen in der Welt dächten. Aber auch das Brot für die Seele ist nötig. Das Hauptthema ist nicht das Hungerproblem, sondern der Glaube, denn Jesus hat ein Wunder getan, das nur den Jüngern sichtbar war und ihren Glauben stärken sollte,

So wie wir auf das tägliche Brot angewiesen sind, brauchen wir auch die Nähe Jesu. Das Brot ist vergänglich. Jesus aber gewährt Leben über die Grenzen des Sterbens hinweg. Der Blick weitet sich auf das Ende der Welt hin. Darum werden alle satt werden, die hier noch hungern; und damit sind nicht nur die gemeint, denen der Magen vor Hunger knurrt, sondern auch all die anderen, die hungert und dürstet nach einem lebenswerten Leben in der Gemeinschaft mit Gott.

Manche haben ja schon verstanden, was das „Brot des Lebens“ ist. Sie holen es sich jeden Tag im Gebet und sonntags im Gottesdienst. Und im Abendmahl haben wir sogar etwas von diesem Brot leibhaft vor Augen. Klein und unscheinbar sind das Stückchen Brot und der Schluck Wein. Und doch nehmen wir das Kommende vorweg, wenn wir es essen. Wir erhalten Kraft aus der Welt Gottes und können damit auch unser Leben heute viel besser bewältigen.

Manchmal werden wir verzagen und sagen: „Was ist das unter so viele?“ Tausendfach sind das Leid und der Schmerz in der Welt. Was soll unser Singen und Beten, unsre Opfer an Zeit und Geld dagegen ausrichten? Die Kirche müßte neue Ordnungen schaffen und mehr leisten und Brot für die Welt und Befreiung für die Welt schaffen. Also nicht weltfremd sein, sondern Probleme lösen, dann hat die Kirche noch einer Sinn.

Doch hier geht es nicht um die Welt, sondern um das, was Jesus mit dieser Welt vorhat. Er fordert uns auf, ruhig und sorglos ein Dankgebet zu sprechen und einfach anzufangen und auszuteilen und natürlich auch anzunehmen - es wird schon reichen. Das verspricht uns der, der das Brot des Lebens ist. Durch ihr werden Weinende wieder froh und Ratlose getrost, Geängstigte werden ruhig und Sterbende zuversichtlich. Diese Wendung in unserem Leben könnte schon eintreten, wenn wir das Abendmahl zu uns nehmen. Hier wird nämlich die Speisung der Fünftausend und das Wirken Jesu in unsre Zeit hinein fortgesetzt.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: Mt 5, 13 - 16

In manchen Gegenden wird ein Gast mit Brot und Salz an der Haustür begrüßt. Damit will man zu verstehen geben: „Wir bieten das an, was man unbedingt zum Leben braucht!“Brot ist das Grundnahrungsmittel und Salz äst das dazu notwendige Gewürz. Das Salz ist an sich unscheinbar, ganz und gar alltäglich; es lohnt sich kaum, darüber zu reden. Trotzdem ist Salz lebenswichtig. Das merkt man spätestens dann, wenn man keins mehr hat oder es gesundheitlich nicht mehr verträgt. Dann schmeckt eben alles fad.

Mit dem Salz geschieht eigentlich nichts weiter, als daß es sich auflöst. Wenn es wirken soll, darf es nicht mehr zu sehen sein. Doch es muß richtig dosiert sein: Ein Braten kann noch so zart und knusprig sein - er schmeckt nicht, wenn es nicht gesalzen ist oder auch wenn er zuviel gesalzen ist. Das Salz ist im Vergleich zum Fleisch sehr billig. Aber wehe, wenn es fehlt!

Für den Menschen des Altertums hatte das Fleisch sogar religiöse Bedeutung. Die Juden bezeichneten das Gesetz als das Salz, ohne das die Welt nicht besteht. Wenn Israel abirrt von seiner Bestimmung, für die Welt da zu sein, dann wird das Salz kraftlos.

Salz konserviert. Die Gemeinde bewahrt also die Welt vor Fäulnis und Verwesung. Salz würzt: Durch die Gemeinde ist die Welt vor Gott noch erträglich, nicht fade wie eine salzlose Speise. Gott erhält die Welt nur um der Christenheit willen. Sie ist das „Pfand“ der Hoffnung für die ganze Welt.

Aber ist das nicht zuviel behauptet von einer Christenheit‚ die doch in Wirklichkeit nur fade ist und die ihr von Gott zugedachte Aufgabe nicht oder nicht genügend wahrnimmt? Dürfen wir uns denn als eine Elite fühlen, ohne die nichts mehr geht? Doch es geht nicht um das, was die Gemeinde ist oder hat, was sie kann oder vollbringt; vielmehr geht es um das, was Gott seltsamerweise durch die Gemeinde tut. Die Gemeinde kann das, was da von ihr behauptet wird, nur mit Verwunderung und Dankbarkeit vernehmen. Nur im Munde Jesu ist so  ein Wort wahr.

Es wäre aber auch verfehlt, wenn wir die Christenheit in der Welt aufgehen ließen. Die Kirche hat sich zwar vielfach in die Welt aufgelöst wie das Salz in die Suppe. Die geschichtlichen Kräfte des Evangeliums haben sich vielfach heilsam in der Welt ausgewirkt. Aber es ist nicht so, daß diese Wirksamkeit der Kirche die Welt erhält, sondern allein Gottes Geduld und Hoffnung.

Das Salz darf nicht kraftlos werden. Mancher Christ möchte das Salz der Erde für sich behalten, weil das Evangelium nicht gefragt zu sein scheint. Sie wollen es verstecken, weil es nicht mehr in unsre Zeit zu passen scheint. Doch was man hat, das sollte man auch anwenden.

Eine Hausfrau wäre schön dumm, wenn sie zwar Salz im Haus hätte, aber es nicht anwendete. Außerdem braucht die Welt das Evangelium so nötig wie der Koch das Salz.

Deswegen brauchen wir noch nicht überheblich zu sein und alles besser wissen wollen. Auch ein feindseliges inneres Abrücken von der Welt ist uns nicht erlaubt. Wir sind für den Dienst an der Welt da. Deshalb sollten wir so konsequent wie möglich das sein, wozu Gott uns gemacht hat.

Allerdings werden wir viele Dinge um keinen Deut anders machen als unsre nichtchristlichen Mitmenschen auch. Aber überall wird sich das Bekenntnis zum dreieinigen Gott auswirken. Wir wissen eben um unser Woher. Wir wissen, daß wir vor Gott verantwortlich sind. Aber wir haben auch die Gewißheit, daß Gott zu uns steht und uns annimmt. Das schafft eine letzte Verbundenheit allein an Gott.

Es geht also nicht darum, nur das zu predigen, wonach den Leuten die Ohren jucken (2. Tim 4,3). Da tut man der Welt keinen guten Dienst, sondern betrügt sie um ihr Bestes. Dann ist eben das Salz auch fade geworden. Die Christenheit soll aber nicht der Honig der Welt sein, sondern das Salz der Erde (so sagt es Georges Bernanos in seinem „Tagebuch eines Landpfarrers“).

Wir haben der Welt ja auch etwas zu bieten. Und die Welt braucht das befreiende Wort des Evangeliums. Der Geist der Versöhnung und des Friedens hat es nach wie vor schwer. Noch sind Krieg und Feindschaft bittere Wirklichkeit. Das Evangelium aber kann der Welt die Versöhnung und den Frieden bringen, es kann Ordnung in die Gedanken bringen und Heilung bewirken. Das Salz der Erde darf nicht irgendwo verkümmern. Die Welt hungert nach Liebe, nach Frieden, nach Gerechtigkeit und Versöhnung.

Während wir hier zum Gottesdienst versammelt sind, geht draußen das Leben weiter. Wir hören den Straßenverkehr und das Schreien der Kinder. Aber sie alle leben davon, daß hier in dieser Kirche Menschen sind, die für die Welt beten. Wir schalten uns in die Fürbitte Jesu für die Welt ein. Das ist der priesterliche Dienst der Gemeinde für die Welt. Natürlich weiß die Welt nicht, daß sie davon lebt. Woher sollte sie es auch wissen? Unserer Regierung wird es gleichgültig sein‚ daß wir für sie beten. Aber überall in der Welt tun die Christen das, egal welche Regierung es ist.

Wie das aussehen kann, wenn Christen das Salz der Erde sind, schildert ein verunglückter Offizier in dem Buch „Rückkehr ins Leben“ (W.u.E. Thom, Berlin 1979): Bei seinem langen Krankenhausaufenthalt lernt er eine Schwesternschülerin kennen, die ihm durch ihre Hilfsbereitschaft und Umsicht auffällt. Als es schon fast ans Verabschieden geht, sagt sie ihm, daß sie täglich für ihn betet, daß Gott ihm hilft. Sie hatte ihre Eltern verloren, als sie zwei Jahre alt war, und war in einem christlichen Waisenhaus aufgewachsen. Noch immer wohnte sie dort und half den Jüngeren. Nun wollte sie eine gute Krankenschwester werden. Sie arbeitete nicht in einem kirchlichen Krankenhaus. Aber sie hatte den Mut, einem weltanschaulich ganz anders eingestellten Patienten gegenüber ihren Glauben zu bekennen. Sie betete für einen Menschen, der ihr ans Herz gewachsen war, und das blieb nicht ohne Wirkung. So war sie Salz der Erde.

Das andere Bild sagt das Gleiche: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Wieder könnte uns vor Augen stehen, daß die christlichen Kirchen zur Verdunkelung der Welt nicht unwesentlich beigetragen haben. Leider ist die Christenheit oft nicht Licht gewesen. Aber sie kann es sowieso nicht aus eigener Kraft, sondern sie ist nur Licht, weil Christus sie dazu macht.

Licht ist notwendig, damit man sich zurechtfindet. Da weiß man, wohin man greifen muß. Man kann unterscheiden und Gefahren sehen. Das Unheimliche und Schreckliche kann sich nicht mehr verstecken. Man stößt sich nicht gegenseitig und braucht sich nicht unbeabsichtigt umzurennen.

Licht ist dazu da, daß es hell macht. Es wäre unsinnig, ein Licht anzuzünden und dann ein Gefäß darüber zu stülpen. Nicht nur, daß es dann nicht leuchten kann, es wird auch mit der Zeit wegen Sauerstoffmangel ausgehen. Ohne Bild gesprochen: Christsein und nichts davon weitergeben - das ist ein Unding!

Deshalb heißt es hier auch zum Trost: „Die Stadt auf dem Berge kann gar nicht verborgen bleiben. Sie hat eine Bedeutung für die ganze Umgebung. In die Stadt kommen die Leute aus den Dörfern, wenn sie einmal etwas Besonderes brauchen. Eine Stadt muß dafür offen sein. Sie soll besucht und besichtigt werden und auch nach ihren Energiequellen befragt werden können?

Auch die christliche Gemeinde ist nicht zu übersehen. Auch wenn wir zahlenmäßig klein sind und nicht den Ton angeben, sind wir doch wer. Wir sind es nicht deshalb, weil wir so vollkommen sind, sondern weil Gott uns zur Stadt auf dem Berge gemacht hat. Unsere Bedeutung liegt nicht darin, was wir uns ausdenken, sondern in dem, was Gott durch uns tut. Auf ihn haben wir zu verweisen, wenn man uns fragt: Was sagt ihr denn zu den Bemühungen um Frieden? Wie beteiligt ihr euch am Wachsen der Gerechtigkeit?

Unser Beitrag ist da wichtig. Wir könnten nur übersehen werden, wenn wir unseren Herrn verleugnen. Dann allerdings würden wir tatsächlich niemandem mehr auffallen und für die Welt uninteressant werden.

Die Schildbürger wollten das Licht in Säcken auffangen und in ihr fensterloses Rathaus tragen. Das mußte ihnen mißlingen, denn Licht muß weiterstrahlen, gradlinig oder auch durch einen Spiegel oder sonst etwas abgelenkt oder auch zurückgeworfen. Aber man kann es nicht aufbewahren wie Wasser im Eimer. So kann man Jesu Reich auch nur haben, indem man es weitergibt.

Der beste Christ wäre der, der das von seinem Herrn auf ihn fallende Licht am klarsten weitergäbe und bei dem man am deutlichsten wiedererkennen könnte, woher es stammt.

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: Mt 25, 14 - 30

In Kaufmannskreisen sagt man: „Die erste Generation erwirbt, die zweite erbt, die dritte verdirbt!“ Ist das nur eine Kaufmannsregel oder auch eine Erfahrung in der Kirche Jesu Christi? In der Gemeinde der dritten) Generation gab es damals nämlich ein Problem: Die Wiederkunft des Herrn blieb aus. „Womöglich kommt er gar nicht wieder“, sagte man. Da lebt man doch besser danach, was einem selber günstig und nützlich erscheint.

So wird auch heute mancher denken: „Ich habe nichts gegen die Kirche. Meine Eltern haben mir auch Wichtiges mitgegeben, als sie mich christlich erzogen haben. Aber man soll die Dinge nicht übertreiben!“ Das ist eben die Versuchung der späteren Generationen: nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht kalt und nicht warm! So aber verdirbt man Gottes Gaben. Aber so darf es nicht sein. Christus hat uns etwas anvertraut. Und das gilt es zu verwalten, zu vermehren und zu verantworten.

 

(1.) Verwalten: Wir sind von Christus für die Zeit seiner Abwesenheit zu Verwaltern seines Eigentums eingesetzt. Der Begriff der „Haushalterschaft“ ist in den Kirchen erst in den letzten Jahren ein wenig erschlossen worden. Im Neuen Testament werden die Amtsträger, aber auch jeder Christ in der Gemeinde als „Haushalter“ bezeichnet. Christi Sache ist in unsere aller Hände gelegt. Zwar ist er allein es, der alles wirkt und vollbringt. Aber heute soll auch einmal sichtbar werden, was w i r dabei zu tun haben.

Die hohen Summen machen deutlich, daß der Gemeinde sehr viel anvertraut ist. Die Gaben sind da - sie wollen entdeckt und erweckt werden. Zunächst einmal denken wir dabei an die Gaben des Heiligen Geistes: Daß einer glauben und das Evangelium verstehen kann, daß er zu

predigen und zu beten, trösten und ermuntern vermag, das gehört alles zu den Gaben des Heiligen Geistes.

Aber auch die angeborenen und anerzogenen Fähigkeiten‚ auch die Schöpfungsgaben kommen von Gott. Die natürliche Musikalität zum Beispiel wird für das Lob Gottes in Dienst genommen. Erzählgabe und Verständnis für Kinder braucht Christus für die Kinder in seiner Gemeinde. Aber auch Organisationstalent und handwerkliche Fähigkeiten sind nötig. Selbst solche Dinge wie ein Sinn für das Schöne oder die Kontaktfreudigkeit zu anderen Menschen sind eine Gabe.

Alle diese natürlichen Begabungen nennt man ja auch sonst im Sprachgebrauch „Talente“. Sie sind uns nicht nur dazu gegeben, daß wir daraus nur für uns selbst einen Vorteil ziehen. Martin Luther hat einmal zugespitzt formuliert: „Was nicht im Dienst steht, ist Raub!“ Was wir also nicht unserem Mitmenschen zugutekommen lassen, das rauben wir ihm.

Vielleicht besteht die Hilfe nur darin, daß wir dem anderen ruhig zuhören und ihn aussprechen lassen. Wirklich Zeit zu haben und nicht immer nur auf dem Sprung zu sein, das ist oft schwerer als körperliche Arbeit. Warum sollte man nicht einmal einen Krankenbesuch machen. Wenn man schon nicht weiß, was man sagen soll, so kann man doch wenigstens anhören, was der Kranke sagt. Das wird ihn schon etwas erleichtern.

Vielleicht könnten wir noch manche Gabe bei uns ausgraben. Es wäre doch schade, wenn viele alte und junge Talente unentdeckt blieben.

Das Gemeindeleben wird reicher und ausstrahlungskräftiger, wenn jeder mit seinen Kräften dazu beiträgt. Die Sache unseres Herrn kommt besser zum Zuge, wenn möglichst viele sich mit ihren Gaben daran beteiligen. Gaben sind nicht ein Ruhepolster zum eigenen Ruhm, sondern sie bringen zugleich Aufgaben mit sich, Aufgaben an dem Nächsten, der unsre Hilfe braucht.

Was wir haben, ist uns von Christus zum sinnvollen Gebrauch übergeben. Das heißt allerdings nicht, daß wir ein schlechtes Gewissen haben müßten, wenn wir etwas haben oder genießen. Gott freut sich über glückliche Menschen. Aber zuletzt ist uns alles doch nur geliehen. Wir haben das Seine „ökonomisch“ zu verwalten, auf eine sinnvolle und ertragreiche Weise.

 

(2.) Vermehren: Eine bestimmte Weisung, was mit dem Geld zu machen ist, hat der wegziehende Herr nicht hinterlassen. Ja er hat nicht einmal ausdrücklich gesagt, daß mit dem Geld gearbeitet werden soll. Aber gerade darum geht es ja gerade, daß man dies begreift. Der Herr darf erwarten, daß die Knechte mit seinem Gut arbeiten und es vermehren. Gott betrachtet uns nicht als unmündige Kinder, sondern er sieht uns sozusagen als Erwachsene, denen er selbständige Arbeiten überträgt.

Doch wir schrecken vielfach zurück, wenn uns Aufgaben übertragen werden sollen. Wir meinen, mit leeren Händen da zustehen‚ und sehen gar nicht, was wir doch alles besitzen. Gott schenkt uns alles, was wir benötigen‚ und noch vieles mehr. Aber wir nehmen es viel zu selbstverständlich und beklagen uns dauernd, daß wir zu kurz kommen.

Solche Klagen aber lähmen uns und führen zur Untätigkeit. So geschieht es bei dem bösen und faulen Knecht. Er verwahrt das Anvertraute schon sorgfältig, aber er setzt es nicht ein. Er hat es richtig empfangen - nun hat er es richtig wieder abgeliefert. Damit ist alles geschehen, was von ihm erwartet werden konnte, meint er. Dieser Mann will sich nicht in das Risiko des Alltags begeben. Er hat Angst, am Ende dumm da zustehen, wenn er nichts dazugewonnen hat.

Aber wer kennt diese Angst vor dem Mißerfolg nicht? Doch Gott hat uns nicht verheißen, daß unsre Predigt Glauben findet und unser Dienst an anderen immer gelingt. Es ist uns auch nicht verheißen, daß uns gedankt wird und wir geachtet werden. Aber wir können erwarten, daß Jesus zu seiner Verheißung steh ‚ bei uns zu sein. Er trägt und erträgt uns, und das genügt auch.

Der Herr lobt die beiden ersten Knechte, obwohl sie nicht die gleiche Leistung aufweisen können. Maßgebend ist nur, daß sie das Beste versucht haben und mit den anvertrauten Gaben gearbeitet haben. Die kleine Leistung aber wird nicht geringer bewertet. Gott möchte unseren persönlichen Einsatz.

Wo wir nur das Erbe pflegen und alles sorgsam verwahren, da haben wir aus dem Leben ein Museum gemacht. Dort kann man interessiert alles betrachten. Aber die Ausstellungsstücke sind nur zum Ansehen, man darf sie nicht gebrauchen. Gott aber will das Leben, will Wachstum.

Die Gemeinde als ganze und jeder einzelne Christ in ihr hat zu prüfen, wie das von Christus eingesetzte Kapital sich verzinst. Sie könnten in der Diakonie oder Mission umgesetzt werden. Die Kinder machen uns da oft etwas vor, denn sie bringen andere zum Kindergottesdienst mit. Kann nicht jeder vor uns einmal eine biblische Geschichte erzählen oder sachgemäß Bescheid geben, wenn einer kritisch fragt?

Nicht eingesetzte Gaben verkümmern und gehen verloren, sie „rosten ein“. Was würden wir wohl sagen, wenn wir jemandem ein Geschenk machten und es beim nächsten Besuch noch unausgewickelt vorfänden? Eine Kirche, die sich an dem genügen läßt, was sie hat, wird verarmen und vergehen. Man kann nur das auf Dauer haben, was man einsetzt. Vergrabene Gaben gehen verloren, eingesetzte Gaben wachsen. Wenn einer seinen Glauben weitersagt, muß er sich viel mehr damit auseinandersetzen, muß viel mehr darüber nachdenken und Argumente finden. Das aber wird ihm selber zugutekommen und den eigenen Glauben stärken. Wer hergibt, der empfängt meist mehr, als er weggegeben hat.

 

(3.) Verantworten: Den Umgang mit den Gaben Christi werden wir im letzten Gericht zu verantworten haben. Die Erwartung des kommenden Herrn darf nicht zur Untätigkeit führen, sondern spornt zur Wahrnehmung aller Chancen an. Das macht der dritte Knecht falsch. Wenn er sich schon vor der Strenge des Herrn fürchtet, dann hätte er umso mehr den Willen des Herrn erfüllen müssen. Aber so läßt er es bei einer formalen Korrektheit bewenden und hat dadurch natürlich auch keine Freude mehr an der Arbeit.

Christus ist aber gar nicht der harte Mann, für den der dritte Knecht ihn hält. Er fordert ja nichts, was er nicht zuvor gegeben hat. Aber wenn er gesät hat, will er auch eine Ernte sehen. Wer aber mit den Gaben Gottes arbeitet, darf auch darauf vertrauen, daß sie Frucht bringen.

Der Gottesdienst endet nicht an der Kirchentür. Unseren Glauben gilt es zu bewähren, wo wir mit anderen Menschen zu tun haben: im Beruf, in den Familien, in der Nachbarschaft. Überall dort treffen wir Menschen, die Probleme und Sorgen und persönliche Nöte haben.

Wenn wir in nähere Gemeinschaft mit ihnen kommen, hören wir manches von Krankheit, von Sorgen um die Kinder, vom Unverständnis seitens der Eltern oder vom Haß zwischen Nachbarn. Da sollen wir vermitteln und ausgleichen und Hilfe geben in geistiger und körperlicher Hinsicht.

Christus tut alles, daß wir diese Arbeit in großer Fröhlichkeit leisten können. Er möchte, daß wir einmal in die große „Freude“ eingehen, das heißt an seinem Freudenmahl teilnehmen werden. Wer seine Gaben jetzt ergreift und nützt, für den beginnt die große Freude schon jetzt.

 

 

10. Sonntag nach Trinitatis: Lk 19, 41 - 48

In Dresden dachte man lange, die im Krieg zerstörte Frauenkirche werde als Ruine erhalten bleiben. Neben den Neubaublöcken sollten die Mauerreste und der große Steinhaufen ein stummes Mahnmal sein, das doch sehr deutlich zu den Menschen spricht. Diese Steine erinnerten an eine der schrecklichsten Bombennächte des Krieges. Aber sie forderten auch: „Laßt so etwas nie wieder zu! Ihr habt doch die Möglichkeit, Frieden zu halten in der Welt!“

Heute ist die Kirche zum Glück wieder aufgebaut. Aber sie bleibt weiter ein Mahnmal der Erinnerung.

Unser Predigttext redet von den Steinen der Stadt Jerusalem, die ja ein Heiligtum für Juden, Christen und Mohammedaner ist. Diese Stadt hat im Laufe der Jahrtausende viel mitgemacht. Schon Jesus hat über die Stadt geweint. Er geriet in Zorn über die unheiligen Geschäfte im Tempel‚ aber durch seine Anwesenheit hat er Stadt und Tempel zu einem heiligen Ort gemacht.

 

(1 .) Jesu Tränen über die Stadt: Den Menschen in Jerusalem war ein großes Angebot gemacht worden: Jesus von Nazareth hat unter ihnen gelebt und war einer der ihren. Aber die Huldigung der Seinen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Mehrheit des jüdischen Volkes sich gegen ihn gestellt hat. Weil sie das Heilsangebot ausgeschlagen haben, wird über die Stadt das bittere Ende kommen.

Jesus hat das schon vorausgesehen und deshalb über die Stadt geweint. Noch vier Jahrzehnte hat Gott diesem Volk Zeit gelassen. Aber dann wollten sie sich durch einen Aufstand gegen die Römer selber helfen. Das Ende war die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus und die Zerstreuung des Volkes über die ganze Welt. Gerade weil das Volk die höchste Gnade erfahren hat, soll es auch am härtesten bestraft werden. An Jesus entscheidet es sich, ob es Gericht oder Gnade erfahren wird.

Es ist Gottes Sache, wie lange er uns Zeit zur Umkehr gibt und ob und wie er straft. Jesus hat der Stadt den Frieden bringen wollen. Ihr Name bedeutet so viel wie „Schau des Friedens“. Aber sie hat ihrem Namen keine Ehre gemacht und hat keinen Frieden mit dem Gottessohn geschlossen. Nachdem sie aber das Angebot Gottes ausgeschlagen hatten, konnten sie es nicht mehr wahrnehmen und es war vor ihren Augen verborgen. Erst wollte man nicht erkennen und annehmen, nachher konnte man es nicht mehr. Das war eigentlich schon das Gericht, die Römer hätten gar nicht mehr die Stadt zu zerstören brauchen.

Jesus sieht den ganzen Ernst der Lage. Deshalb weint er. Männer weinen ja nicht so schnell. Aber Jesus wird auf einmal die ganze Gottlosigkeit dieser Stadt klar. Er sieht vor seinem geistigen Auge, wie die Menschen dort ihn ablehnen werden und deshalb das Gericht über sie kommen wird. Aber er ist nicht empört und lacht auch nicht aus Schadensfreude, sondern er weint über die Verlorenen. Er kann den Menschen sein Gutes nicht aufzwingen. Jesus will retten. Aber wo man ihn abweist, da kann er es nicht.

Aber auch über uns könnte Gott sagen: „Eure Kirche kann ja ruhig zerstört werden so wie die Frauenkirche in Dresden. Ihr braucht die Kirche ja nicht mehr, weder das Kirchengebäude noch die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen! Euch kann es ruhig so gehen wie den Juden, die in alle Winde zerstreut wurden!“

Auch wir hier in Deutschland können das Evangelium nicht ungestraft ausschlagen. Vor über 1 000 Jahren kamen die ersten Boten des Christentums in unsere Gegend. Aber sind wir heute christlicher oder gläubiger als die Menschen vor einem Jahrtausend? Vor über 450 Jahren nahm bei uns die Reformation ihren Ausgang. Aber haben wir deshalb das Anliegen der Reformatoren besser bewahrt als etwa die römischen Katholiken, die uns doch heute in manchen Dingen ein Vorbild sind?

 

(2.) Jesu Zorn über die unheiligen Geschäfte: Die Israelis sind heute wieder im Besitz der ganzen Stadt Jerusalem. Dadurch haben sie auch wieder Zugang zur Klagemauer, einem Rest des Tempels aus der Zeit Jesu, heute ihr höchstes Heiligtum. Wir denken dabei daran, daß

Jesus von hier die Händler und Geldwechsler hat vertreiben müssen, damit der Tempel wieder zum Bethaus wurde.

Indem Jesus vom Tempel Besitz ergreift, wird er erst zu dem, was er sein soll: das Haus, das seinem Vater heilig ist. Die Erneuerung des Tempels war ein Zeichen der messianischen Zeit. Nicht nur die gottesdienstliche Praxis wurde verändert, sondern mit Jesus hat sich alles verändert. Jetzt nimmt er sein Hausrecht wahr. Nur wo er ist, da ist der Tempel Gottes. In ihm findet die Begegnung zwischen Gott und uns statt. Aber die meisten haben dieses Zeichen nicht verstanden und haben in Jesus nur einen Störenfried gesehen.

Deshalb blieb kein Stein auf dem anderen. Und Jahrhunderte später haben die Moslems auf den Trümmern dieses Tempels eine Moschee gebaut. Aber wären wir denn würdiger, im Besitz einer „heiligen“ Stätte zu sein? In unserem Land gibt es doch auch so etwas: die Wartburg in Eisenach, das Augustinerkloster in Erfurt, Wittenberg und Halle, Eisleben und Mansfeld. Uns ist auch ein großes Erbe anvertraut.

Natürlich geht es dabei nicht um die Lutherstätten an sich, sondern um das, was dort geschehen ist. Wenn man etwas erbt, freut man sich darüber. Man hütet und bewahrt das Erbe, man gebraucht es und versucht es zu vermehren. Man ist den Eltern oder Verwandten dankbar für das, was sie hinterlassen haben.

Sind wir denn dankbar für die Reformation, die wir als Deutsche geerbt haben? Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt; aber es sind nur wenige, die regelmäßig darin lesen. Die Kirchen und Gottesdienste sind im evangelischen Sinne umgestaltet worden; aber nur wenige brauchen den Gottesdienst heute wirklich. Luther sprach vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, bei dem jeder mithilft in der Gemeinde; aber in der Praxis hängt dann doch alles an dem einen, der hauptberuflich dafür angestellt ist.

 

(3.) Jesu Anwesenheit am heiligen Ort: Am Ende ist Jesus wieder im Tempel. Dadurch wird er aufgewertet als der Ort, wo Jesus mit seinem Wort und seinen Sakramenten in der Welt einen Platz hat. Da ist Gott bei seinen Menschen, ihnen zugewandt und an ihnen interessiert. Jetzt sind sie nicht mehr unter sich, sondern Gott ist in ihrer Mitte. Diese Gelegenheit darf man nicht verpassen.

Natürlich hat der Tempel keine Heiligkeit an sich. Das gilt natürlich auch für unsere Kirchen. Erst die Anwesenheit des Herrn macht den Ort heilig. Sicherlich ist Gott immer und überall da. Aber er bindet sich doch an Leibhaftes. Und seine Gemeinde braucht einfach einen Raum, in dem sie beieinander sein kann.

Doch müßte Jesus nicht auch über uns weinen und aus unsrer Kirche und aus unsrem Herzen viel herauswerfen? Wir haben kein Recht, auf die Juden herabzusehen. Sie haben ja zwei Jahrtausende als Gast bei anderen Völkern gelebt und haben dabei Schweres erleben müssen, nicht nur in Deutschland und in Europa.

Doch wir können und dürfen nicht vergessen, wie schrecklich unser Volk an dem Volk der Juden gesündigt hat. Vor 50 Jahren, am 9. November 1938, wurden überall in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser und Geschäfte angezündet oder sonstwie zerstört. Zynisch hat man das dann als „Reichskristallnacht“ bezeichnet.

Es waren nicht nur „faschistische“ Elementen, sondern an den Ausschreitungen beteiligten sich auch viele brave Bürger, denen man das gar nicht zugetraut hätte. Viele Leute wollen bis heute nicht darüber reden‚ wollen diese alten Geschichten ruhen lassen. Wenn man auf diesem Gebiet forschen will, kann man etwas von der Angst spüren, die manche der Betreffenden heute noch haben.

Es ist erfreulich, wenn an den ehemaligen jüdischen Stätten Gedenktafeln angebracht oder Stolpersteine vor den Häusern verlegt werden. Es gab auch Orte, wo die Bevölkerung sich

den Nazi-Trupps entgegenstellte. Doch wir müssen immer noch befürchten, daß Menschen in ihrem Herzen denken: „Nur gut, daß die Nazis mit den Juden aufgeräumt haben, da sind wir das Problem los!“

An dem Judenhaß sind auch die Christen nicht schuldlos. Sie sagten: „Die Juden sind schuld am Tode Jesu, deshalb war ihre Verfolgung die gerechte Strafe Gottes!“ Es beruhigt halt so schön, wenn man weiß, wer die Schuldigen sind. Doch wie sollen die Juden zum Frieden mit Gott finden und wie sollen sie an Christus glauben, wenn die Christen so unchristlich an ihnen handeln?

Wir stehen in einer Schuld-Gemeinschaft mit den Juden und können nur gemeinsam mit ihnen hoffen. Sie bleiben das Volk der Verheißung Gottes, auch durch das Gericht hindurch. Wir sind nur als neues Volk der Verheißung hinzugekommen. Jesus bricht nicht den Stab über uns, sondern neben seinem Zorn steht sein Erbarmen. Gerade in Jerusalem hat Jesus ja die Schuld aller Menschen stellvertretend auf sich genommen.

Jesus erbarmt sich auch über uns. Noch ist es nicht zu spät. Wir können es besser machen als die Juden damals. Uns ist die Kirche gegeben, damit wir sie benutzen, um von Gott zu hören und ihm zu danken. Nur so hat sie einen Sinn für uns. Nur so haben wir weiterhin ein Anrecht darauf, unsere Kirche zu behalten. Dann wird sich auch Gott über uns erbarmen, wenn vielleicht schon manches schief gelaufen ist. Gott möchte keinen strafen, sondern bietet uns seine Hilfe an durch den Gottesdienst. Warum sollten wir uns diesem Gott nicht anvertrauen?

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis: Lk 18, 9 - 14

Ein Junge kommt von der Schule nach Hause. Er ist stiller als sonst. Artig stellt er die Schultasche in die Ecke. Ungewöhnlich lange wäscht er sich die Hände. Dann rührt er nervös in der Suppe herum: „Mutter, ich habe in dem Diktat eine Drei gekriegt. Aber ich bin nicht der Schlechteste. Klaus hat auch eine Drei und sechs andere bekamen sogar Vieren!“

Diese Haltung gibt es auch in der Kirche: Man vergleicht sich mit denen, die angeblich schlech­ter dastehen und will damit sein eigenes Gewissen beruhigen. Was der Pfarrer sagt, das gilt nur für die, die nicht da sind, ein Glück nur, daß ich das alles schon weiß und beachte. Jesus aber sagt: „Du sollst nicht der Pharisäer sein, du kannst nicht der Zöllner sein, Gott aber will für dich sein.

 

(1.) Ich soll nicht der Pharisäer sein: Zunächst einmal möchte ich den Pharisäer in Schutz nehmen und verteidigen. Er meint es von seinem Standpunkt aus ehrlich und ganz ernst. Er gehört zu der Gruppe von Menschen, von denen man mit Respekt spricht. Er ist korrekt und zuverlässig. Er hat eine klare Linie für sein Leben. Er läßt sich nicht einfach treiben. Er nimmt den Willen Gottes ernst im täglichen Leben.

Moralisch ist bei ihm alles in Ordnung: Wenn er Unrecht leidet, greift er nicht zur Gewalt. Er hält zu seiner Frau. Die Kinder sagen: „Streng ist der Vater schon, aber gerecht! Er betrügt niemand um des eigenen Vorteils willen. Und er hält seine Versprechen den anderen gegenüber.

Auch religiös ist bei ihm alles in Ordnung: Seine Frömmigkeit hört nicht auf, wo der Geldbeutel anfängt. Wenn er etwas kauft, gibt er noch einmal ein Zehntel des Kaufpreises für die Erhaltung des Tempels oder für die Armenfürsorge. An sich mußte der Verkäufer diese Steuer schon entrichten. Aber weil man nie sicher sein konnte, ob das tatsächlich geschehen war, machte es der Pharisäer noch einmal. Er wollte also sogar noch das ausgleichen, was andere versäumt hatten.

Auch der eigene Bauch ging ihm nicht über alles: er fastete zweimal in der Woche, das heißt er verzichtete jeweils einen ganzen Tag auf Essen und Trinken. Das wollte schon etwas heißen in einem heißen Land. Und er vergißt auch das Beten nicht. Er vergißt nicht, Gott dafür zu danken, daß er anständig leben kann und kein Dieb und Ehebrecher ist.

Alle Maßstäbe, die wir hier anlegen, sind menschliche Maßstäbe. Es mag sein und wird auch so sein, daß Gott den treuen Kirchgänger irgendwie belohnt, aber wehe wenn dieser sich vor Gott darauf beruft, er sei immer oder fast immer im Gottesdienst gewesen. Gott erkennt unsre Leistungen sicher an und freut sich darüber. Aber wir können nicht sagen: „Hier sieh mal, Gott, was ich dir alles zu bieten habe: einmal im Monat zum Gottesdienst, die Kinder alle im kirchlichen Unterricht und im Kindergottesdienst, sechzehnmal Pate, 50 Mark für die Erneuerung der Kirche gespendet und die Kirchensteuer doch immer pünktlich gezahlt!“ Wir können Gott nichts bieten, weil e r uns alles zu bieten hat, weil er uns v i e 1 mehr zu bieten hat, als wir je schaffen könnten.

Die Pharisäer haben versucht, streng nach den Geboten Gottes zu leben. Sie haben sich zu einem Bund zusammengeschlossen, um der allgemeinen Not ihres Volkes entgegenzuwirken. Spenden, Fasten und Beten - das war das Programm, das sie sich freiwillig auferlegten. Sie gingen dazu nicht ins Kloster, sondern wollten in ihrem Alltagsleben zeigen‚ wie man auch in schweren Zeiten als anständiger und frommer Mensch leben kann.

Wenn wir es so recht betrachten, dann kann Gott nur den frommen Pharisäer liebhaben und nicht den lumpigen Zöllner, dann kann er auch nur die treuen Kirchgänger lieben und nicht auch den, der sagt: „Alle Jahre wieder, aber alle Jahre nur einmal!“ Werden wir den überhaupt nicht belohnt, wenn wir immer so treu zur Stange gehalten haben? Entweder die Gebote Gottes gelten, und dann ist es nicht egal, ob man sie peinlich genau hält oder ob man sie öffentlich verachtet. Oder die Gebote Gottes sind nicht ernstgemeint, und dann ist der Lump fein heraus und alle Opfer und aller sittlicher Kampf sind entwertet.

Wenn der Pharisäer mit seinem Lebensstil in unserem Volk Schule machen würde, dann hätten wir viel weniger Probleme: Wir könnten auf viele Polizisten verzichten, durch das Fasten lebten wir viel gesünder und würden auch Krankenkosten sparen, es gäbe keine Kinder aus geschie­denen Ehen und die Mittel für Notstände und die Dritte Welt würden sprunghaft steigen.

Aber leider sind wir nicht solche Pharisäer. Viele sagen: „Ich kann es nun einmal mit den Geboten nicht so genau nehmen. Die Verhältnisse sind nicht so, und meine Natur auch nicht!“ Und dann wird eben mitgenommen, was man so gerade braucht. Das Finanzamt wird betrogen, damit man zu etwas kommt. Und wenn man der Polizei ein Schnippchen schlagen kann, dann hebt das das Selbstwertgefühl. So machen es doch alle. Und es geht ein richtiger Sog aus von dieser Haltung, daß auch die in Gefahr geraten, die anständig leben wollen. Der Pharisäer aber ist in den Anfechtungen seiner Zeit standhaft geblieben. Er ist durchaus nicht der Heuchler, wie wir ihn oft sehen: er ist ein ehrenwerter Zeitgenosse, ein tüchtiger Mensch, der sich hohen Ansehens erfreut und an den man sich vertrauensvoll wenden kann, weil man bei ihm nicht übers Ohr gehauen wird.

Falsch wäre es aber auch gewesen, hätte sich der Pharisäer im Tempel zum Zöllner herumgedreht und ihm gesagt: „Laß nur, Zöllner, es ist ja alles halb so schlimm. Denke doch mal scharf nach; es gibt doch sicher auch gute Seiten an dir und in deinem Leben. Davon mußt du Gott etwas sagen; du mußt Gott deutlich machen, wie sehr du dich bemühst. Nur Kopf hoch, du wirst es schon schaffen!“

Der Fehler des Pharisäers ist nur, daß er meint, dadurch schon mit Gott im Reinen zu sein. Er hat sein Vertrauen auf sieh selbst gegründet‚ verläßt sich nur auf sich und ist von sich völlig überzeugt. Im Grunde braucht er Gott gar nicht mehr, weil er aus sich selber gerecht ist. Vor Gott gilt aber nicht, was einer ist und leistet. Sondern: „Gott nötig haben, ist des Menschen höchste Vollkommenheit", sagte der dänische Theologe Kierkegaard.

 

(2.) Ich kann nicht der Zöllner sein: Der Zöllner ist der Typ des verdorbenen Zeitgenossen. Er hat die Möglichkeiten erkannt und ausgenutzt, die man in rechtlosen Zeiten hat. Er hat sich auf die Seite der Mächtigen gestellt und mitgeholfen, sein Volk auszupressen und auszusaugen wie eine Traube in der Kelter. Um Geld verrät er sein Vaterland, und sein Unrecht den Armen gegenüber schreit zum Himmel. Der Zöllner ist ein trauriger Nutznießer, der sich am Elend seines Volkes bereichert.

Aber auch wir stehen nicht nur in der Gefahr, zum hochmütigen Pharisäer zu werden, sondern es gibt auch einen hochmütigen Zöllner. Für diesen sind Schuldbekenntnis und Schwarz­malerei ein Trick, und im Grund schnalzt er dann heimlich mit der Zunge vor Wonne, wenn er daran denkt, welche Freude doch Gott an so einem zerschlagenen Gewissen und an solcher Selbsterniedrigung haben muß. Dieser Zöllner sagt: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht so hochmütig bin wie dieser Pharisäer. Ich bin ein Verbrecher, Lump und Ehebrecher. So ist nun einmal der Mensch und ich bin auch so, aber ich bin mir wenigstens darüber klar und deshalb doch ein wenig besser als die anderen. Ich bin ein anständiger Mensch, weil ich mir nichts vormache; ich bin wenigstens ein ehrlicher Sünder und führe meinen inneren Schweinehund offen spazieren und verstecke ihn nicht wie dieser verlogene Spießbürger in den Falten meines Gewandes!“ Unser Dankgebet lautet weder: „Ich danke dir, Gott, daß ich solch ein prächtiger Mensch bin!“ noch: „Ich danke dir, Gott, daß ich solch ein reuiger Sünder bin!“ sondern: „Ich danke Dir, Gott, daß d u so barmherzig bist!“

 

Und der Zöllner könnte denken: „Ich habe zwar ein kleines Ich, aber der hat auch eins: er wird schon auch seinen Dreck am Stecken haben!“ So war es nach dem Zusammenbruch von 1945, als der Augenblick des ersten Schocks überwunden war und man sagte: „Die anderen sind auch nicht besser, was d i e erst alles gemacht haben!“

Der Zöllner weiß auch genau, wer er ist und wie er den von Leuten angesehen wird. Deshalb bleibt er beschämt am Tempeleingang stehen. Wollte er heraus aus seinem anrüchigen Leben, dann müßte er seinen Beruf aufgeben und alles unrecht Erworbene zurückgeben. Aber wie soll er das jetzt noch schaffen? Deshalb schlägt sich an die Brust, dorthin, wo das Herz ist, aus dem alle bösen Gedanken und Entschlüsse kommen; dadurch möchte er sich für alles strafen, was ihm auf dem Gewissen liegt. Doch er weist nicht auf das, was er hat - und wäre es sein zerschlagenes Herz. Vielmehr ruft er nach dem, was er nicht hat, nämlich nach der Versöhnung Gottes. Er ist einer, der Gott wirklich braucht.

Deshalb sagt Jesus so überraschend: „Der Zöllner ging gerechtfertigt vom Tempel weg!“ Sind damit nicht alle Prinzipien der menschlichen Moral umgestoßen? Wir würden doch alle urteilen: Der Pharisäer ist der gottgefällige Mann! So würden wir sagen, wenn wir ehrlich sind, denn das entspricht dem natürlichen Empfinden des Menschen. Anders urteilen wir nur, wenn wir die Geschichte und das Urteil Jesu schon kennen.

Eugen Roth hat ein Gedicht verfaßt: „Ein Mensch betrachtete einst näher die Fabel von dem Pharisäer, der Gott gedankt voll Heuchelei dafür, daß er kein Zöllner sei. Gottlob, rief er in eitlem Sinn, daß ich kein Pharisäer bin!“ Aber man könnte auch sagen: „Ich danke dir Gott, daß ich so ein edler Sünder bin wie der Zöllner!“ Wir können uns nicht stolz in langer Reihe hinter dem Zöller aufstellen und ihn als unsren Schutzheiligen betrachten. Es gibt auch eine Zöllner-Demut, die in Wirklichkeit ein Hochmut ist und zu einem Überpharisäer führt.

Wer aber so betet wie der Zöllner in Jesu Beispielgeschichte, der bittet nur um Gnade und nicht um eine vorausberechenbare Pflichtreaktion Gottes. Man kann auch aus der Art des Zöllners nicht eine Methode des Frommseins ableiten. Man kann weder auf die eine noch die andere Frömmigkeitshaltung setzen: Ich darf nicht der Pharisäer sein, aber ich kann auch nicht der Zöllner sein wollen.

 

(3 .) Gott will für mich sein: Jetzt beginnen wir den Merksatz nicht mehr mit „Ich“, sondern mit „Gott“. Dieser Satz hebelt die beiden anderen Schlagzeilen aus und macht deutlich, daß alles auf Gott an kommt. Der Pharisäer kreist um sich selbst, beobachtet sich selbst und analysiert den Stand seiner Heiligung. Seine Erfolgsbilanz mag durchaus stimmen. Aber Gott macht sich dieses Urteil nicht zu eigen, es ist für ihn uninteressant.

Sicherlich gibt es Unterschiede zwischen den Menschen. Aber Gott richtet nach seinen Maßstäben. Wen ein Angeklagter vor Gericht steht, dann bezeichnet er sich oft zwar als unschuldig, aber der Richter bildet sich doch sein eigenes Urteil. Manchmal spricht er auch einen Angeklagten frei, von dem die öffentliche Meinung behauptet, er sei schuldig.

Gott ist auch unbestechlich und gerecht. Deshalb nutzt es auch gar nichts, sich mit einem anderen zu vergleichen. Daß der Pharisäer noch Zeit hat, über die Schulter nach dem Zöllner zu sehen, zeigt doch, daß er gar nicht wirklich mit Gott geredet hat. Die einzige Vergleichsperson für uns ist Jesus. Er zeigt am Zöllner, daß nicht die eigene Leistung entscheidet, sondern nur Gottes Erbarmen. Wenn wir auf          sehen, vergehen uns die törichten Vergleiche.

Der Pharisäer will‚ daß Gott sein Freund und der Feind der anderen ist. Gott soll selber handeln wir ein Pharisäer: die Guten belohnen und die Schlechten bestrafen, höchstens zur Rechtschaffenheit des Menschen das bißchen hinzufügen, was da noch fehlt.

Dem Zöllner aber fehlen die guten Werke. Er wirft deshalb all sein Vertrauen auf Gott. Doch zu dieser Einsicht muß man erst einmal kommen. Zunächst einmal sind wir doch alle Pharisäer, die sich etwas einbildet auf ihre Frömmigkeit: Wenn wir zum Gottesdienst gehen - und sei es nur einmal im Jahr - dann sind wir immer noch besser als die anderen, und Gott wird uns schon nicht so schlecht ansehen. Aber nicht einmal der Pfarrer kann sicher sein, von Gott angenommen zu werden, es sei denn, er verläßt sich ganz auf Gottes Gnade.

Der Zöllner hier im Gleichnis mißt sein Ich an Gott, der allein sein Maßstab ist. Und da merkt er: Ich bin ja ganz weit weg von Gott. Er sagt nicht: „Lieber Gott“, sondern: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Aber gerade deshalb ist Gott ihm nun nahe und er darf wieder nahe zu Gott kommen: auch als Unwürdiger darf er ins Gotteshaus kommen. Wir können uns den Zöllner richtig vorstellen, wie er wieder in den Tempel kommt und Gott dankt, nicht als ein hochmütiger Zöllner, sondern als ein froher Mensch: Der innere Schweinehund, Herr, ist zwar immer noch da, aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, dir noch einmal wehe zu tun, weil du mir damals eine neue Chance und neuen Mut gegeben hast.

Franz Werfel erzählt in seinem Roman „Der veruntreute Himmel“ von einer Köchin, die sich den Himmel erkaufen möchte, indem sie einen armen Teufel zum Priester ausbilden läßt. Aber nach Jahren muß sie erkennen, daß sie einem Betrüger zum Opfer gefallen ist. Tieferschüttert begibt sie sich auf eine Wallfahrt nach Rom. Sie wird vom Papst empfangen und hört dort, daß man für sie beten wird, auch ohne daß sie dafür etwas geleistet hat.

Das müssen wir wohl alle erst einsehen: Vor Gott stehen wir mit leeren Händen da. Aber er nimmt Pharisäer und Zöllner und auch uns an, wenn wir uns allein ihm anvertrauen.

 

 

12. Sonntag nach Trinitatis: Mk 7, 31 - 37

In den Anstalten Hephata bei Treysa in Hessen hören sie diese Geschichte von der Heilung des Taubstummen besonders gern, denn aus ihr ist ja der Name der Anstalt genommen. Aber nicht alle dort können diese Geschichte hören und verstehen. Sie sind nämlich auch taubstumm. Weil sie nicht hören können, lernen sie auch nicht das Sprechen, oder sie lernen es nur schlecht. So ein Mensch zieht sich sehr leicht in sich selbst zurück und isoliert sich immer mehr.

Was Taubstummsein bedeutet, wird man vielleicht erst verstehen, wenn man einmal das Leid in einer solchen Krankenanstalt erlebt hat: Da ist ein dreizehnjähriger, hübscher Junge, das erste Kind seiner Eltern. Aber als er ein Jahr alt war, hatte er eine Gehirnhautentzündung und blieb auf dem Entwicklungsstand eines Einjährigen und wird ständig von furchtbaren Kopfschmerzen geplagt. So sieht Krankheit auch heute aus.

Da taucht doch die Frage auf: „Warum hilft Jesus nicht auch heute solchen Menschen?“ Warum hilft er nicht auch mir in meiner Krankheit? Und es gibt ja auch Krankheiten ohne medizinischen Befund. Ein Mensch kann auch so sprachlos sein, unfähig auf andere zu hören, er kann sich nicht verständlich machen. An solche Menschen kommt man nicht heran, aus ihnen ist nichts herauszukriegen. Sie leiden darunter. Wir selber werden auch schon solche Zeiten erlebt haben, wo wir wie taub und stumm waren.

Christus aber will auch unser Arzt sein. Nur handelt er nicht allein mit Spritzen und Tabletten, sondern er will auch die Seele heil machen. Und er verheißt uns, daß einmal in Gottes Reich alles heil sein wird.

 

(1.) Christus hilft durch seine Zuwendung: Ein Gehörloser wird Jesus zugeführt. Man hat es ihm mitteilen müssen, daß da einer ist, der ihm helfen könnte. Aber Jesus tut zunächst nicht, was man von ihm erwartet. Zwar sieht es zunächst so aus, als mache er den üblichen Hokuspokus eines antiken Wundermannes mit. Aber in Wirklichkeit geht es Jesus zuerst einmal um ein ganz persönliches Zugehen auf den Kranken. Er spricht in einer Sprache, die der Behinderte auch verstehen kann: Er macht eine Gebärde, um ihm deutlich zu machen,

daß er ihm helfen will.

Jesus nimmt den Mann besonders: Dadurch soll er spüren, daß es jetzt ganz allein um ihn geht. Durch sein Leiden war er aus der Gemeinschaft der anderen ausgeschlossen. Jesus aber sucht Gemeinschaft gerade mit ihm. Jesus seinerseits aber sucht Gemeinschaft mit Gott. Jesus schaut zum Himmel auf, um deutlich zu machen: Was jetzt geschehen wird, hat mit Gott zu tun. Seine ganze Kraft kommt von Gott. Der muß Jesu Hände erst segnen. Ein sogenanntes Wunder kann er nur tun als Bittender.

Es geht hier also nicht um Zauberei. In der Geschichte wird durch Zeichen soviel geredet, wie das bei einem Gehörlosen nur sein kann. Und es wird dem Kranken deutlich gemacht: zum Heilwerden gehört auch das Neuwerden des Verhältnisses zwischen Gott und dem Menschen. Erst aus dem Versöhntsein heraus kann es zu einer glücklichen und gesunden Welt kommen. Aber zu dieser körperlichen Heilung kommt es dann auch tatsächlich.

 

(2.) Christus hilft als Arzt: Es gibt Krankheiten‚ die können wirklich auf eine Art geheilt werden, die für uns wunderbar ist. Es gibt Menschen, die diese Gabe zur Krankenheilung haben. Jesus hatte sie sicherlich, sonst hätten nicht so viele Heilungsgeschichten von ihm erzählt werden können. Allerdings ist manche Einzelheit später ausgemalt und übertrieben worden. Und es mag manche Geschichte im Neuen Testament stehen, die gar kein besonderes Ereignis im Leben Jesu zur Grundlage hat, sondern anderen Geschichten nachgebildet wurde.

Aber all diese Heilungsgeschichten wollten doch sagen: „Jesus ist der Herr über Leiden und Krankheit. Die bösen Mächte werden nicht das letzte Wort über Gottes Schöpfung behalten. Jesus erweist seine Barmherzigkeit auch gegenüber diesem armen, taubstummen Mann im Heidenland, dessen letzte Rettung der Wundermann Jesus war!“

Ja, dieser Jesus konnte Wunder tun. Er war nicht nur Seelsorger, sondern auch Arzt. Die Frage war nicht, ob er helfen k a n n, sondern ob er helfen w i 1 1. Das Wunder der Krankenheilung besteht darin, daß Jesus an die Barmherzigkeit Gottes appelliert: Gott möge die Folgen des Abfalls von ihm nicht so schwer nehmen und wieder aufheben. Dieser arme Mensch ist doch preisgegeben an zersetzende und den Menschen peinigende Mächte. Er hat sich mit beteiligt an dem Aufstand gegen Gott. Hier ist ein schwerer Kampf zu bestehen. Jesus muß erst die Werke des Teufels zerstören

Die Welt ist Schauplatz eines unsichtbaren Kampfes, der aber doch sichtbare Auswirkungen hat: Krieg und Gewaltherrschaft, zerstörte Gemeinschaft zwischen den Menschen, Hunger und Krankheit. All das ist Folge der verschiedenen einzelnen Auflehnungen gegen Gott, aber auch eines überindividuellen Entschiedenseins gegen Gott. Deshalb muß Jesus Machttaten tun, damit die gottfeindliche Macht einen Menschen wieder loslassen muß.

Daß Gott in Jesus Christus für uns Partei ergreift, die wir doch von ihm abgefallen sind, daß er uns aus unseren Gebundenheiten herausholt, d a s ist das eigentliche Wunder. Jesus kann aber Wunder tun, auch in unserer Zeit. Diese Geschichte handelt nicht von einem vergangenen Christus, der vor vielen Jahrhunderten einmal Kranke und Krüppel gesund gemacht hat. Hier geht es um den Christus, der auch heute wirkt. Wer ihn ernst nimmt, der kann sich

Niemals mit der Tatsache des Leidens abfinden, sondern wird nach seiner Überwindung fragen. Jesus schenkt mit dem Heil auch die Heilung. Er ist nicht nur der Heiland des inneren Menschen, sondern auch der Arzt für die leibliche Krankheit. Dies allerdings erleben wir heute nur anbruchsweise.

 

(3.) Christus hilft durch seine Verheißung: In der ersten Christenheit kamen auch Heilungen aus dem Glauben heraus vor. Aus dem 19. Jahrhundert werden solche Heilungen von Christoph Blumhardt berichtet. Auch Pfarrer Janda im Schniewindhaus in Schönebeck an der Elbe hat solche Heilungen durch Gebet versucht.

Es gibt immer wieder Leute, die behaupteten: „Wenn sieben Gläubige einem Kranken die Hand auflegen, dann wird er gesund!“ Sind wir nur im Glauben so schwach geworden, daß wir diese Kraft verloren haben?

 

Doch sicherlich muß man sich hier vor Experimenten hüten. Wer wirklich so eine Gabe hat, geht nicht damit hausieren. Vor Jahre- erregte einmal der Fall einer Medizinstudentin in Hamburg großes Aufsehen. Sie hatte die Zuckerkrankheit, weigerte sich aber, die dringend notwendigen Spritzen zu nehmen. Ihr Argument war: „Wenn Gott mich gesund machen will, dann kann' er das auch ohne Spritzen!“ Als künftige Ärztin hätte sie wissen müssen, daß Gott gerade in einem solchen Fall durch die Medizin hilft. Aber diese Studentin ist gestorben in der Überzeugung, Gott habe ihren Tod gewollt.

Hier muß dringend vor aller Schwärmerei gewarnt werden. Gott hat uns doch die ärztliche Kunst und die Medikamente gegeben, damit wir sie anwenden. Aber wir sollten dennoch wissen, daß unsre menschliche Kraft allein nicht ausreicht. Wenn wir zum Arzt gehen, sollten wir deshalb darum beten, daß Gott die Hände des Arztes und seine Mittel segnet. Bei Jesus gehören Menschenhilfe und Gotteshilfe immer zusammen. Medikamente und Gebet sind kein Widerspruch.

Auch Jesus hat nicht alle Kranken gesund gemacht. Er wollte kein Wundermann sein, sondern nur einige Zeichen aufrichten, die andeuten: So wird es einmal in der kommende Gotteswelt sein. Ein Stück des Gottesreiches hat jetzt schon begonnen, aber es ist nur ein Anfang. Wer diese Zeichen versteht, den ermutigen sie zu großer Hoffnung, auch dann, wenn er geschädigt und krank ist.

Und wenn es der Gemeinde Jesu hin und wieder einmal gegeben sein sollte, in der Kraft ihres Herrn Heilungen zu vollbringen, dann wären sie auch nur Hinweise auf Kommendes. Sie wären nur eine ereignishafte Verkündigung, noch nicht die endgültige Heilung, die uns versprochen ist für die Vollendung aller Dinge bei Gott.

Bis dahin aber sollten wir uns herausholen lassen aus unsrem Panzer der Selbstgerechtigkeit und uns für die Liebe Gottes öffnen. Wir sollten nicht daran zweifeln, daß Gott uns aufgeschlossen hat für seine Liebe. Dafür steht das Zeichen der Taufe. Die Taufe ist ein Stück Gebärdensprache Gottes, daß wir uns aufschließen lassen für seine Zuwendung und sein Heil.

In der Alten Kirche wurden dem Täufling die Finger in die Ohren gelegt und zu ihm das „Hephata“ gesprochen: „Tue dich auf!“ Er soll nicht mehr taub und stumm für Gott sein, sondern den Mund auftun zum Lob Gottes.

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis: Lk 10, 25-37 (Variante 1)

In manchen Großstädten muß man aufpassen, daß man nicht über die ausgestreckten Beine eines sogenannten „Penners“ fällt. Meist sind es jugendliche Rauschgiftsüchtige, die hier mitten im Zentrum normaler Menschen herumhängen. Da kann es einem schon schwer fallen, nicht hochmütig auf diese Menschen herabzusehen. Allzuleicht kommt doch dem wohlanständigen Bürger der Gedanke: Wie kann man nur so tief sinken? Aber diese jungen Menschen haben doch auch Väter und Mütter, die sich Sorgen um sie machen, die verzweifelt sind und sich fragen: Was haben wir nur falsch gemacht?

Und wenn man dann alles mit dem Wort Gottes in Beziehung setze, dann fragt man sich: „Sind das nicht meine Nächsten, die mir vor die Füße gelegt sind? Bin ich nicht derjenige, der der Nächste für diese Menschen ist? Bin ich nicht auch wie jener Priester in der Erzählung Jesu, der schnell auf die andere Straßenseite geht?“

Er tut so, als hätte er nichts gesehen. Er redet sich damit heraus, er habe jetzt etwas Dringenderes zu tun, seine Pflicht sei jetzt der Gottesdienst im Tempel. Aber dann kommen natürlich auch gleich wieder die Gegenargumente:

- Die sind doch selber daran schuld; wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.

-Die wollen sich doch gar nicht helfen lassen, die fühlen sich doch wohl mit dieser Art zu leben.

- Es ist Aufgabe des Staates und der Hilfsorganisationen, das ist eine Sache für Profis und nicht für Amateure.

- Warum soll denn gerade ich eingreifen, es sind doch noch genug andere da.

Es sind doch immer die gleichen Argumente - seit Jahrhunderten - die uns daran hindern, dem anderen zum Nächsten zu werden. Er liegt vor unserer Haustür. Aber wir denken: Solche Verhältnisse wie in den alten Geschichten der Bibel gibt es doch gar nicht mehr.

 

Doch diese Erzählung kann uns noch mehr auf den Leib rücken. Was sagen Eltern, wenn der Sohn kommt und in ein Krisengebiet gehen will. Er hat sich schon impfen lassen, es fehlen nur noch die Papiere! Es müssen Europäer dorthin gehen, um die Hilfsgüter zu verteilen, damit sie nicht auf dem schwarzen Markt landen!

Soll der Aufruf Jesu solche Folgen haben? Sind auch die Menschen in irgendeinem Krisengebiet der Welt unsre Nächsten? Wir erleben sie als Fernsehbild, nicht länger als drei Minuten. Daß es hier um menschliche Schicksale geht, kann man ja gar nicht umsetzen. Sind unsre Nächsten auch noch die Menschen, die so weit weg sind? Müßten wir nicht erst einmal die erkennen, die vor unsrer Haustür liegen? Dürfen wir uns beim Helfen selber in Gefahr begeben?

Wenn einer fragt: „Wer ist Gott?“ dann verstehen wir die Frage. Aber wenn einer fragt: „Wer ist mein Nächster?“ dann schütteln wir mit dem Kopf, denn es weiß doch jeder, wer sein Mitmensch ist. Doch ist es nur die eigene Familie und Verwandtschaft? Sind es die Leute des eigenen Volkes oder auch die Ausländer? Sind es nur die der eigenen Kirche oder zum Beispiel auch die Moslems?

Der Schriftgelehrte will wissen, wer sein Nächster ist, damit er weiß, welchem anderen Menschen er k e i n e Liebe schuldig ist. Ein Samariter zum Beispiel war nach seiner Meinung kein „Nächster“. Die Samariter kamen nämlich nicht mehr zum Tempel, sie hatten sich mit den Heiden vermischt, sie waren keine Volksgenossen mehr. Es bestand eine erbitterte Feindschaft zwischen Juden und Samaritern: Ein Samariter gehörte für einen Juden zu jener Sorte Mensch, vor der man sich als guter Bürger fernzuhalten hatte. Auch wir denken doch leicht: „Das ist ein Ausländer, um den brauche ich mich nicht zu kümmern!“Oder:“Er ist ein Fremder oder er gehört nicht zur gleichen Kirche wie ich- vielleicht gehört er zu überhaupt keiner Kirche!“

Jesus aber verbietet uns, so zu denken. Man kann gar nicht festlegen, wer der Nächste ist. Wenn einer in Not ist und Hilfe braucht, dann ist er mein Nächster, und ich bin der Nächste, der ihm helfen kann. Wer am schlechtesten dran ist und meine Hilfe am nötigsten braucht, der wird mir zum Nächsten. Da gibt es keine Ausreden, da kann man keine Grenzen ziehen, da wird man einfach von Gott verpflichtet. Man kann gar nicht fragen: „Wer ist mein Nächster?“ sondern man wird immer von dem anderen gefragt: „Wem kannst du jetzt zum Nächsten werden?“

Natürlich hatten der Priester und der Kirchendiener gute Gründe. Der Überfallene hätte ja schon tot sein können, dann hätte der Priester den Gottesdienst nicht mehr halten dürfen. Der war schließlich wichtiger als der Dienst als Krankenpfleger, da warteten Leute auf ihn. Auch der Kirchendiener wurde unbedingt gebraucht, er sollte vorsingen und andere Handreichungen übernehmen. Vielleicht waren die Räuber noch in der Nähe und würden auch noch die Helfer überfallen.

Sicherlich gilt auch, daß man sich nicht verzetteln darf. Man kann nicht alle lieben, kann nicht für alle da sein; das wäre auch nur eine Ausrede und eine Flucht vor der Verantwortung. Aber wir können wenigstens dem Liebe erweisen, der uns so im Weg liegt, daß wir fast darüber stolpern.

Jesus sagt sogar: „Es gibt keine Gemeinschaft mit Gott ohne die helfende Tat an dem Mitmenschen. Niemand kann den Weg zu Gott finden, indem er an dem Bruder vorübergeht. Auch wenn du auf dem Weg zum Gottesdienst bist, gilt für dich das Gebot der Menschenliebe. Dann ist sogar die tatkräftige Hilfe für den Mitmenschen ein Gottesdienst - ein Dienst für Gott!“

Allerdings liegt unser Nächster nicht immer offen auf der Straße. Man muß schon die Augen offen halten und eine Beziehung zu dem hilfsbedürftigen Menschen aufnehmen. Durch eine Diskussion will man nur einen Aufschub erreichen. Jesus aber fordert den sofortigen Einsatz. Die Frage nach dem Nächsten wird nicht in einer Diskussion gelöst, sondern indem Jesus sagt: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dann wird aus der Lehrfrage eine Lebensfrage. Damit ist auch jener furchtbare Satz verurteilt: „Jeder ist sich selbst der Nächste!“ Wenn wir wirklich so handeln wollten, dann wären wir bald untergegangen.

Im Sinne Jesu muß es richtig heißen: „Jeder ist jedem der Nächste!“ Dann können wir uns auch nicht mit der Überlegung beruhigen, daß sich heute der Staat um solche Dinge kümmern muß. Gewiß haben sich viele Dinge durch den wachsenden Wohlstand und das eng geknüpfte soziale Netz erledigt. In unserem Land brauchen wir das Brot nicht mehr mit den Hungernden zu teilen, es haben alle genug zu essen.

Aber im Weltmaßstab gibt es noch genug Menschen, die unter die Räuber gefallen sind.

Auch diese rücken uns immer mehr auf den Leib. Sie kommen aus den armen Ländern und erhoffen sich bei uns ein besseres Leben. Früher waren es meist Menschen unseres eigenen Volkes. Heute kommen Sinti und Roma aus Rumänien, Polen und Jugoslawen, Albanier und Türken bzw. Kurden. Es kommen Afrikaner und Asiaten. Man bezeichnet sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber es sind eher Armutsflüchtlinge. Würden wir nicht auch so handeln, wenn es für die Kinder weder Nahrung noch Medikamente gibt und schon gar nicht Schulbildung und Arbeitsplatz?

Wir haben heute erkannt, daß diesen Menschen in ihrem Heimatland geholfen werden kann. Martin Luther King, der ermordete amerikanische Schwarzenführer, hat in einer Auslegung der Geschichte vom Barmherzigen Samariter gesagt: „Die Christen haben immer nur gewar­tet, bis einer unter die Räuber fiel. Dann sind sie hingegangen und haben ihn verbunden und gepflegt. Heute aber kommt es darauf an, die Straßen so sicher zu machen, daß es keine Räuber mehr gibt. Damit ist mehr geholfen!“

Er wollte damit sagen: „Wir können nicht warten, bis erst etwas passiert ist. Wir müssen schon die Ursachen ausschalten, damit nichts passieren kann. So handeln wir heute als barmherzige Samariter. Erst wenn dann trotzdem noch etwas passiert, können wir Samariter im üblichen Sinne werden!“

Zuletzt können wir noch einmal darüber nachdenken, daß Jesus gleich zweimal in dieser Geschichte vorkommt: Er ist verborgen in dem Überfallenen - wer an dem vorübergeht, der geht auch an Jesus vorüber! Er ist aber auch selber der barmherzige Samariter; er hilft uns, wenn wir in Not sind bzw. schickt uns andere Menschen zur Hilfe. Seine Liebe und unbedingte Bereitschaft für den Mitmenschen kommt auch uns zugute.

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis:. Lk 10, 25 - 37 (Variante 2)

Das Paradebeispiel für einen Samariter von heute ist der Mensch, der auf einen Verkehrsunfall stößt. Er sieht einen Motorradfahrer im Straßengraben liegen und muß sich nun blitzschnell entscheiden: anhalten oder weiterfahren? Man hat ja schon öfters Tests unternommen: Ein Unfall wurde nur vorgetäuscht und über 20 Autos sind vorbeigefahren, ehe einer anhielt. Wie oft wird das auch im Ernstfall vorkommen?

Man könnte ja immerhin so tun, als habe man nichts gesehen. So ein Verletzter macht doch allerhand Mühe und Umständlichkeiten: Man verliert kostbare Zeit, der Verletzte könnte das neue Auto verunreinigen, die Polizei wird hinterher allerhand Fragen stellen. Gibt es nicht das Rote Kreuz für solche Fälle? Werden nicht noch andere kommen, die vielleicht viel besser helfen können?

Solche Gründe hatten auch der Priester und der Kirchendiener in der Geschichte, die Jesus erzählt hat. Der Priester sagt sich: „Vielleicht ist er schon tot; und wenn ich ihn dann berühre, darf ich den Gottesdienst nicht mehr halten. Außerdem ist ein Priester keine Krankenschwester; für Verwundete ist er nicht zuständig, so wie jener Theologieprofessor in Göttingen, der einer alten Frau nicht den Handwagen schieben wollte, weil das nicht sein Amt sei.

Und der Kirchendiener sagt sich: „Ich muß mich beeilen‚ daß ich nicht zu spät zum Gottesdienst komme. Ich muß vorsingen und habe allerhand Aufgaben im Gottesdienst, ohne mich kann es nicht losgehen. Vielleicht sind auch die Räuber noch in der Nähe und würden auch mich überfallen; diese einsame Gegend zwischen Jerusalem und Jericho war schon immer eine unsichere Ecke!“

Es sind heute noch die gleichen Gründe wie damals. Vor lauter Erörterungen über das Für und Wider kommt man nicht zum Helfen: Erst werden einmal die Grundlagen erörtert und Pläne aufgestellt, aber zur praktischen Tat kommt man nicht - eigentlich typisch menschlich, oder soll man besser sagen „typisch deutsch“?

Jesus läßt sich auch zunächst auf eine Erörterung mit dem Schriftgelehrten ein. Dieser will dem bekannten Laienprediger aufs Kreuz legen, ihm gar eine Ketzerei nachweisen. Aber seine Frage kann er sich an sich selbst beantworten, von den Glaubensgrundlagen Israels her, die er ja selber anerkennt. Und er muß sich die Aufforderung gefallen lassen: „Tue das, so wirst du leben!“

Aus einer Lehrfrage ist plötzlich eine Lebensfrage geworden. Plötzlich geht die Theorie unter die Haut und es geht um Leben und Tod. Der Schriftgelehrte kann nicht mehr Zu­schauer bleiben, sondern muß sich der Aussage Jesu stellen: „Du weißt es doch, daß Gott dich fordert, wenn er dir einer Mitmenschen in den Weg stellt. Er hat ein Recht auf deine ganze Liebe. Wenn du es nicht von selber weißt, so sagt es dir doch Gottes Wort und Gebot.

Auch durch staatliches Gesetz ist jeder zur Hilfeleistung verpflichtet. Kraftfahrer werden sogar für den Ernstfall ausgebildet. Aber machen wir uns nichts vor: Wer würde im Notfall tatsächlich helfen? Wer weiß noch, wie man es richtig macht? Guter Wille allein macht

es nicht, es gehört auch etwas Wissen und Erfahrung dazu. Aber ein Opfer kann froh sein, wenn unter den vielen neugierigen Zuschauern einer ist, der tatsächlich zupackt. Es kann nicht jeder in jedem Fall helfen. Aber man sollte auch nicht sensationslüstern dabeistehen und vielleicht noch besserwisserisch kommentieren: „Der ist ja selber schuld daran, weshalb mußte er auch so rasen!“

Aber wir brauchen uns ja nur einmal vorzustellen, wir lägen selber im Straßengraben und brauchten Hilfe. Oder wir sind krank und keiner kommt mal zu Besuch, aus angeblichem Zeitmangel oder aus Furcht vor Ansteckung. Es gibt so viele Gelegenheiten, wo wir die Hilfe anderer nötig haben. Auch deshalb können wir nicht Zuschauer bleiben und erst lange Überlegungen anstellen, ob wir helfen sollen oder können oder nicht.

Der Schriftgelehrte will wissen, wer sein Nächster ist, damit er weiß, welchen anderen Menschen er keine Liebe schuld ist. Ein Samariter zum Beispiel war nach seiner Meinung kein Nächster: Die Samariter kamen nicht mehr zum Tempel, sie hatten sich mit den Heiden vermischt, sie waren keine Volksgenossen mehr. Es bestand eine erbitterte Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. Ein Samariter gehörte für die Juden zu jener anderen Sorte Mensch, von der man sich als guter Bürger fernzuhalten hat.

Auch wir denken doch leicht: „Das ist ein Ausländer, um den brauche ich mich nicht zu kümmern. Oder es ist ein Fremder oder er gehört nicht zur gleichen Kirche wie ich‚ vielleicht gehört er überhaupt nicht zu einer Kirche!“ Jesus aber verbietet uns, so zu denken. Er macht alle Ausflüchte unmöglich und stellt Gottes Gebot unausweichlich vor Augen: Auch die Andersgläubigen und selbst die Gottlosen sind unsere Nächsten!

Man kann gar nicht vorher festlegen‚ wer der Nächste ist. Wenn einer in Not ist und Hilfe braucht, dann ist er mein Nächster und ich bin der Nächste, der ihm helfen kann. Wer am schlechtesten dran ist und meine Hilfe am nötigsten braucht, der wird mir zum Nächsten. Da gibt es keine Ausreden, da kann man keine Grenzen ziehen‚ da wird man einfach von Gott verpflichtet. Ungefragt wird man zum Nächsten gemacht. Ich kann nie fragen „Wer ist mein Nächster?“ sondern ich werde immer von dem anderen gefragt: „Wem kannst du zum Nächsten werden?“

Es gibt viele Gelegenheiten, wo wir zum Nächsten werden können. Achtlos gehen wir oft an Menschen vorüber, die innere und äußere Hilfe brauchen. Hier gilt es, scharfsichtig zu werden und die Augen aufzumachen, damit wir die Not des Mitmenschen erkennen. Wir können nicht alle Menschen lieben, denn das wäre unmöglich und wäre auch nur eine Flucht vor der Verantwortung. Aber wir können wenigstens dem Liebe erweisen, der uns so im Weg liegt, daß wir fast darüber stolpern.

Jesus sagt sogar: „Es gibt keine Gemeinschaft mit Gott ohne die helfende Tat an dem Mitmenschen. Niemand kann den Weg zu Gott finden, indem er an dem Bruder vorübergeht. Auch wenn du auf dem Weg zum Gottesdienst bist, gilt für dich das Gebot der Menschenliebe. Dann ist sogar die tatkräftige Hilfe für dem Mitmenschen ein Gottes dienst - ein „Dienst für Gott“.

Damit soll rieht gesagt sein, daß es nur darauf ankomme, ein anständiger und hilfsbereiter Mensch zu sein. Mitmenschlichkeit ist nicht mehr als Kirchenlaufen. Und was man so „Humanismus“ nennt ist kein Ersatz für den Gottesdienst. Aber damit ist der furchtbare Satz verurteilt: „Jeder ist sich selbst der Nächste!“ Wenn wir wirklich nach diesem Satz handeln wollten, dann wären wir bald untergegangen. Richtig im Sinne Jesu muß es heißen: „Jeder ist jedem der Nächste!“ Gefragt ist immer nach dem, der liebt.

Wir können uns auch nicht damit beruhigen, daß sich heute der Staat um solche Dinge kümmern muß. Gewiß haben sich viele Fälle durch den gesellschaftlichen Fortschritt erledigt. Wir brauchen heute in unserem Land das Brot nicht mehr mit einem Hungernden zu teilen, es haben alle genug zu essen.

Aber im Weltmaßstab gibt es noch genug Menschen, die unter die Räuber gefallen sind. Wir brauchen dabei gar nicht nur an Entführer, Geiselnehmer und Terroristen zu denken, es gibt auch viele geschniegelte und gebügelte Räuber. Ihnen bereitet das Elend der Menschen im Straßengraben keine schlaflosen Nächte, wenn es um ihr Geld und ihre Macht geht.

Es kann nicht Aufgabe der Kirche sein, gesellschaftliche Veränderungen im großen Maßstab und mit revolutionären Mitteln zu vollziehen.

Aber man kann auch nicht durch christliche Liebesarbeit lösen‚ was nur durch Veränderung der Gesellschaftsordnung zu lösen ist. Es gibt heute über 6 Millionen Flüchtlinge in der Welt, die Mehrheit davon in Afrika. Die kann man nicht alle anderswo unterbringen, da müssen, die Verhältnisse im Heimatland so gestaltet werden, damit niemand zu fliehen braucht.

Martin Luther King, der ermordete amerikanische Schwarzenführer, hat in einer Auslegung zur Geschichte vom Barmherzigen Samariter gesagt: „Die Christen haben immer gewartet, bis einer unter die Räuber fiel; und dann sind sie hingegangen und haben ihn verbunden und gepflegt. Heute aber kommt es darauf an‚ die Straßen so sicher zu machen, daß es keine Räuber mehr gibt. Damit ist mehr geholfen!“

Er wollte damit sagen: „Wir können nicht erst warten, bis etwas passiert ist, sondern wir müssen alles tun zur Verhütung von Gefahren. An dem Beispiel vom Verkehrsunfall können wir uns das einmal deutlich machen: Zur Erhöhung der Sicherheit auf der Straße können wir bessere Straßen bauen, verkehrssicherere Autos herstellen, strenge Maßstäbe bei der Fahrschule anlegen, die Verkehrsteilnehmer ständig schulen und in Erster Hilfe ausbilden, strenge Strafen verhängen und manches andere mehr.

Noch konkreter gesprochen: Wann wird endlich Schluß gemacht mit dem Verbrechen, die Autos auf dem Bürgersteig abzustellen, so daß die Fußgänger auf die Fahrbahn treten müssen? Wenn einer schon sein Fahrzeug falsch parken zu müssen glaubt, dann soll er es auf der Fahrbahn abstellen und seine Kraftfahrerkollegen behindern und nicht vor allem Kinder und alte Leute gefährden. Wenn erst einmal etwas passiert ist, dann ist es zu spät. Wir müssen die Ursachen ausschalten, damit gar nicht erst etwas passieren kann. So handeln wir heute als barmherzige Samariter. Und wenn dann dennoch etwas passiert, dann ist immer noch Gelegenheit, ein Samariter im üblichen Sinne zu werden.

Dieses Bild vom barmherzigen Samariter hat ja Geschichte gemacht und ist heute immer wieder aktuell. Dieses Bild hat die Liebesarbeit der Kirche in Gang gesetzt und ist zum Leitbild der Diakone geworden. Viele Christen sind dadurch angetrieben worden, hinzugehen und desgleichen zu tun. Auch wir sollen         dadurch in unserem Gewissen wachgerüttelt werden und in Bewegung gebracht werden. Gelegenheiten zum Helfen finden sich genug.

Zuletzt könnten wir noch einmal darüber nachdenken, daß Jesus selber gleich zweimal in dieser Geschichte vorkommt. Er ist verborgenen in dem Niedergeschlagenen; wer an ihm vor­über­geht, der geht auch an Jesus vorüber. Er ist aber auch selber der barmherzige Samariter, der uns hilft, wenn wir in Not sind bzw. uns andere Menschen zur Hilfe schickt. Seine Liebe und unbedingte Bereitschaft für den Mitmenschen kommt auch uns zugute.

 

 

14. Sonntag mach Trinitatis: Lk 17, 11 - 19 (Variante 1)

Kleinen Kindern bringt man frühzeitig bei, daß sie immer „Dankeschön“ zu sagen haben. Sie müssen vielleicht sogar noch Händchen geben und einen Knicks machen und dann freuen sich alle und sagen: „Welch ein wohlerzogenes Kind!“ Aber wie steht es denn bei den Erwachsenen mit der Dankbarkeit? Vergessen die nicht auch manchmal den Dank, wenn sie eine Freude erfahren haben?

Viele Dinge sind uns doch so selbstverständlich geworden, daß uns gar nicht mehr der Gedanke kommt, wir könnten uns ja auch einmal dafür bedanken. Wieviel tut etwa die Mutter für die Familie?! Sie hat ihren Beruf, aber sie versorgt auch fast den ganzen Haushalt, kocht

Essen, hält die Wohnung sauber, wäscht die Kleider.

Der Vater geht auch Geldverdienen, hilft im Haushalt, repariert alles, läuft viele Wege. Und außerdem haben die Eltern noch Zeit für die Kinder, sehen nach den Hausaufgaben, spielen mit ihnen, beantworten ihre Fragen. Wenn die Eltern sich so um die Kinder kümmern, dann haben wir doch allen Grund zur Dankbarkeit.

Oder denken wir daran, daß wir alle ausreichend und gut zu essen haben. Viele Menschen aber bleiben Zeit ihres Lebens hungrig, darunter auch besonders viele Kinder. Wir aber schimpfen gleich, wenn das Brot einmal nicht so schmeckt oder wenn es abends ausverkauft ist. Sollten wir nicht schon dankbar dafür sein, daß es überhaupt Brot gibt?

Es gibt viele Dinge, bei denen man sich fragt: „Hat das denn auch etwas mit Dank zu tun? Hat das denn überhaupt etwas mit Gott zu tun?“ Viele haben einer schönen Urlaub verlebt, die Kinder haben mit Begeisterung bei einem Fest mitgemacht‚ wir leben mit so vielen Menschen zusammen, die uns helfen und denen wir helfen können. Daß sie zur die Schule gehen müssen, wird den Kindern vielleicht nicht so schmecken; aber daß sie dabei viel lernen können und in der Regel klüger werden als ihre Eltern‚ ist doch auch etwas Schönes.

Menschen haben eine große Freude erlebt und erzählten voller Dankbarkeit anderen davon: Die Mutter des Kindes, das Blinddarm hatte; das Ehepaar, das ein Kind adoptiert hat; die Frau, für die ein Mädchen einkaufte. Kinder kommen zum Kindergottesdienst, da können wir doch Gott danken, denn er hat ihnen so das Herz geöffnet hat, daß sie gerne kommen. Das sind alles Dinge, die jeder von uns jeder Tag erleben kann und die uns dankbar stimmen können.

Das wollte uns ja auch die Geschichte von den zehn aussätzigen Männern deutlich machen: Wenn wir eine Freude erlebt haben, dann sollten wir dafür danken. Aber unser Dank gilt in erster Linie Gott, der uns das alles gegeben hat. Nicht nur wenn wir gerade noch einmal am Tod vorbeigekommen sind, ist Grund zum Danken, sondern auch schon bei den ganz alltäglichen Dingen: Für die Arbeit und den Urlaub, für die Feste und die Mitmenschen.

Doch schon Jesus mußte die schmerzliche Erfahrung machen: Da kommen Menschen und suchen Hilfe in ihrer Not. Aber sie bleiben Gott den Dank schuldig. Ihm persönlich sollen sie ja gar nicht danken. Aber es ist ihm nicht gleichgültig, ob sie seinem Vater danken oder nicht. Er will ihnen ja einen Weg bahnen zu Gott. Aber die meisten bleiben auf halbem Wege stehen, nämlich bei der Hilfe aus äußerer Not.

Dabei hatten sie anfangs durchaus das getan, was Gott will: Sie haben Jesus in der Not angerufen! Aber dann gehen sie zurück in ihr altes Leben, zu ihrer Arbeit, ihrer Familie und zu den üblichen Gottesdiensten. Sie begreifen gar nicht, daß Gott nicht nur einmal im Leben mit ihnen in Berührung kommen will, sondern sie an jedem Tag begleiten will. Gott wollte durch die Heilung ihren Glauben wecken und in alle Zukunft mit ihnen in Verbindung bleiben.

Aber das geschieht nur bei dem einen, der erst noch einmal zu Jesus zurückkehrt. Nur für ihn wird die Heilung zum persönlichen Weg zu Gott, er allein ist wirklich gerettet und geheilt, weil nur e r den persönlichen Heilszuspruch Jesu hören kann.

Er sieht jetzt alles mit anderen Augen. Er weiß: Gesundheit, Erfolg und Besitz sind umsonst, wen man dadurch nicht zum Lob Gottes geführt wird. Jetzt aber lebt er als ein neuer Mensch, der ganz zu Christus gehört, auch wenn er noch in seiner alten Umgebung ist. Aber er ist reicher und glücklicher, weil er dankbar bleibt.

Im Psalm 50 heißt es: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen!“ NeunMänner wollten nur gesund werden, aber mit Gott wollten sie nichts zu tun haben (oder zumindest doch mit Jesus, der ihnen Gott bringt). Sie sahen nur das Geschenk, aber nicht den, der es ihnen gegeben hatte. Nach der Heilung ging es nicht neu los, sondern es war wieder alles beim Alten. Dadurch war letztlich alles vergeblich.

Dabei hätten sie als fromme Glieder des Gottesvolkes am ehesten verstehen müssen, was Gott hier an ihnen tat. Aber ausgerechnet der verachtete Samariter tut das Richtige. Bei dem Wort „Samariter“ sollten wir nicht gleich an den „barmherzigen Samariter“ denken, von dem Jesus uns auch erzählt. Ein Samariter war wie einer, der aus der Kirche ausgetreten ist. Aber vielleicht hat er gerade deshalb begriffen, wieviel ihm geholfen wurde, während die anderen alles als selbstverständlich hinnahmen.

Im Grunde ist aber nichts selbstverständlich und danken kann man nie genug. Die Religionslehrerin war einmal krank. Als sie wieder zum Unterricht kam, sagte ein Mädchen aus der erstes Kasse zu ihr: „Ich habe für dich gebetet, daß du wieder gesund wirst. Aber jetzt mußt du dich auch bedanken“. Kinder und Narren sagen die „Wahrheit. Und sie sind oft auch die Dankbarsten, weil sie so sehr auf die Hilfe der anderen angewiesen sind. Sie wissen oft besser als die Erwachsenen, was zu tun ist. So sind sie manchmal ein Vorbild, so wie jener Samariter den anderen ein Vorbild war.

Wie macht man das aber nun mit dem Danken? Nun, abends vor dem Einschlafen hat jeder sicher noch einige Sekunden Zeit, um der Tag noch einmal zu überdenken. Da gibt es bestimmt sehr Vieles, wofür man dankbar sein kann. Wenn man das Gott im Gebet sagt und ihn dafür lobt und preist, dann war es sicher kein verlorener Tag gewesen. Und dann kann man auch guten Gewissens für den nächsten Tag bitten, damit der auch gelingen möge.

Wer das nicht tut, wer sich von Jesus helfen läßt, aber dann ohne ihn weiterlebt, der enttäuscht ihn bitter. Er hilft mit dazu, daß das Leiden Jesu auch heute noch weitergeht. Die gute Nachricht der Bibel aber lautet für uns: „Jesus wartet auch heute 'noch auf uns, daß wir uns bei ihm bedanken und Gott damit loben!“

 

 

14. Sonntag nach. Trinitatis: Lk 17, 11 - 19 (Variante 2)

Kleinen Kindern bringt man frühzeitig bei, daß sie „Dankeschön“ zu sagen haben. Sie mußten früher sogar noch Händchen geben und einen Knicks machen und alle freuten sich über das wohlerzogene Kind. Aber vergessen wir selber nicht viel zu oft das Danken? Viele Dinge sind uns so selbstverständlich geworden, daß uns gar nicht mehr der Gedanke kommt, uns dafür zu bedanken.

Wir haben doch zum Beispiel regelmäßig unser Essen. Aber ist das wirklich so selbstverständlich? Wie schnell wird über das Essen in der Kantine, in der Mensa oder im Krankhaus geschimpft. Es kann nicht jeden Tag die Lieblingsspeise geben. Und zu Hause ist das Essen auch nicht besser. Man hat eher den Eindruck, die zu Hause nicht so gutes Essen bekommen, die maulen bei der Gemeinschaftsverpflegung am meisten. Aber allein die Tatsache, daß es überhaupt Brot gibt, ist doch schon Grund zur Dankbarkeit.

Die Geschichte vom dankbaren Samariter macht uns deutlich: Nach der Bitte folgt der Dank, hinter der Gabe steht ein Geber und es geht nicht um Glück, sondern um Heil.

 

(1.) Nach der Bitte folgt der Dank: Schon Jesus mußte die schmerzliche Erfahrung machen: Die meisten, die in der Not seine Hilfe suchten, bleiben seinem Vater den Dank schuldig. Jesus will nicht, daß sie ihm persönlich danken, denn er ist nur gekommen, um die Ehre Gottes groß zu machen. Und so lobt der Geheilte auch Gott, als er Jesus seinen Dank ausspricht. Aber auch für Jesus ist es nicht gleichgültig, ob die Menschen seinen Vater loben oder nicht.

Doch wir sind halt alle so: Die Wohltaten Gottes lassen wir uns gern gefallen und nehmen sie im Grunde vielleicht als unser gutes Recht hin. Erst wenn uns wieder etwas fehlt, dann denken wir wieder an ihn.

Besonders in Kriegs- und Notzeiten betete mancher wieder zu Gott und machte Versprechungen. Da gelobt einer in der Kriegsgefangenschaft: „Wenn ich wieder heim komme, dann will ich mich auch treu zur Kirche halten“. Aber dann ist er ein vielbeschäftigter Handwerker, der nicht einmal Zeit hat für ein Gespräch. Zum Gottesdienst kommt er nie und es kann keine Rede davon sein, daß er sonst einmal etwas für die Gemeinde tun würde.

Viele Menschen sehen Gott wie einen Automaten an: Wenn das Gewünschte da ist, geht man weg und kümmert sich nicht weiter um den Automaten. Und wenn der Automat einmal versagt, dann geht man zum nächsten. Bei Gott gegenüber können wir nicht dummdreist denken: Er ist ja zur Wohltat verpflichtet, pünktlich und pausenlos, dazu ist er ja der „liebe Gott“. Es ist gut, wenn wir vergangene Gefahren und Ängste vergessen können. Aber es ist nicht gut, wenn wir das wiedererlangte Glück hinnehmen, als müßte das so sein.

Die Religionslehrerin war einmal krank. Als sie wieder zum Unterricht kam, sagte ein Mädchen aus der ersten Klasse nach der Stunde zu ihr: „Ich habe für dich gebetet, daß du wieder gesund wirst. Aber jetzt mußt du dich auch bedanken!“ Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Aber sie sind oft auch die Dankbarsten, weil sie sehr stark auf die Hilfe der anderen angewiesen sind. Kinder wissen oft besser als wir, was zu tun ist. Sie sind uns manchmal ein Vorbild, so wie dieser samaritanische Fremdling den anderen ein Vorbild ist.

Die Neun haben anfangs durchaus getan, was Gott will: Sie haben ihn und seinen Christus in der Not angerufen. In dem Augenblick, als sie sich zu den Priestern aufmachten, waren sie Musterbilder des Glaubens. Gott will, daß man ihn gerade anruft, wenn man ganz unten ist, und der Hilfeschrei der Kranken ist durchaus keine niedere Stufe des Gebets.

Aber in Psalm 50 heißt es: „Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde und rufe • mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen!“ Bitten und Danken gehören zusammen. Dankbarkeit ist nicht nur eine menschliche Tugend, sondern sie gibt zu erkennen: „Ich habe dich verstanden, im Dank weiß ich mich dir verbunden. Mir ist deine Liebe nicht selbstverständlich. Du hättest nicht gemußt, aber du wolltest!“

 

(2.) Hinter Gabe steht der Geber: Der Samariter bezeugt durch seine Dankbarkeit seine Verbundenheit mit Jesus. Die neun Undankbaren aber haben Gott nur als Mittel für ihre eigenen Zwecke mißbraucht. Sie wollten nur gesund werden, aber mit Gott haben sie nichts zu tun haben wollen, sie sahen nur die Gaben und nicht den Geber. Daß man aber Gott, den Geber aller Gaben, erkennt, das war doch die Absicht bei der ganzen Heilung!

Die jüdischen Gelehrten sagten, daß Aussatz nicht nur eine übliche Krankheit sei, sondern auch ein Zeichen dafür, daß man von Gott verworfen ist. Insofern hat das gleiche Schicksal die Juden und Samariter verbunden. Jetzt aber sieht Jesus nur die Menschen und ihren Jammer, er fragt nicht nach Nationalität, sondern er nimmt sie unterschiedslos an und wird ihnen zum Helfer. Aber die Jesus am nächsten sein müßten, weisen ihn ab. Sie wollen zwar gesund sein, aber mit Jesus wollen sie nichts zu tun haben. Die aber an sich weit weg sind, nehmen ihn an. Auch die Fernstehenden haben also eine Chance.

Auch die anderen haben sicher gedankt. Zur Reinigungsprozedur gehörte der Dank im Rahmen eines Gottesdienstes. Solche festen Formen des frommen Lebens sind sicher hilfreich. Aber dadurch haben sie nicht erkannt, daß Gott sich in Jesus offenbart. Jesus ist nicht nur ein Wunderheiler, sondern er redet und handelt zugleich als Gott. Der Samariter geht nicht nur in den Tempel, sondern er kehrt zurück zu Jesus, in dem er seinen Gott und Herrn entdeckt hat.

Gottlos waren die anderen deshalb nicht, er wird in ihrem Leben schon eine Rolle gespielt haben, die einer gewissen Normal-Frömmigkeit entspricht. Aber Jesus war für sie nur interessant um seiner Gaben willen, aber als Geber interessiert er nicht.

Man wird den Geheilten das neu gewonnene Leben gönnen. Aber sie dürfen nicht vergessen, wem sie es verdanken. Bei ihnen ist die Erhörung des Hilferufs letztlich vergeblich gewesen. Nur der Samariter vergißt nicht hinter der Gabe den Geber. Gerettet ist nur der eine, weil er glaubt. Und Glaube ist ein persönliches Verhältnis zu Christus.

 

(3.) Es geht nicht um das Glück, sondern um das Heil: Es war den Kranken sicher nicht leicht, allein auf das Wort Jesu hin zu den Priestern zu gehen, die ihre Heilung feststellen mußten. Damit waren sie an sich auf dem richtigen Weg. Aber neun von ihnen haben wohl kaum dauernden Segen aus dieser Heilung empfangen. Sie haben nicht gemerkt, daß Gott ihnen immer und auf alle Art helfen will und daß diese Heilung nur ein Anfang sein sollte. Sie haben nur die Heilung empfangen, und dann war wieder alles beim Alten.

Die Neun sind nur gesund und nur glücklich und sind wieder zurück bei ihren Familien. Jesus freut sich mit ihnen darüber, die Geheilten werden nicht für ihre Undankbarkeit bestraft. Aber er fragt doch, wo sie geblieben sind, nicht vorwurfsvoll, sondern aus Sorge. Warum haben sie das viel größere Angebot Jesu nicht erkannt, warum lassen sie ihn so gleichgültig außen vor?

Gesund geworden sind alle zehn, aber gerettet ist nur einer. Nur einer kann hören: „Dein Glaube hat dich gerettet!“ Mit der leiblichen Hilfe hat er zugleich geistlichen Segen erhalten und dadurch etwas gelernt über Gott und über sich selbst.

Dieser ist ausgerechnet ein Samariter. Dazu muß man wissen: Dieses Volk hatte an sich den gleichen Ursprung wie die Juden, aber sie hatten sich angeblich mit Heiden vermischt und sind dann nicht mehr zum Tempel in Jerusalem zugelassen worden, so daß sie sich ein eigenes Heiligtum schufen. Deshalb wurden sie von den Juden als Ungläubige angesehen. „Samariter“ war ein Schmähwort. Aber in dieser Geschichte wird deutlich gemacht: Auch die Samariter haben das Wort Gottes angenommen, auch die ehemaligen Juden müssen sie jetzt als Gläubige anerkennen, ja, sie können sogar ein Vorbild sein.

Es ist auch heute gut, wenn der Glaube über die Kirchenmauern hinaus dringt, mit denen wir uns oft umgeben. So ein Gottesdienst im Kirchweihzelt lockt doch einmal Leute an, die man sonst in der Kirche nicht sieht. Dafür muß man dann wohl auch in Kauf nehmen, daß am Rande mit Geschirr geklappert wird, daß Leute sich unterhalten oder sogar rauchen. Jesus Christus will wirklich allen helfen und alle mit sich verbinden. Aber dabei ist immer deutlich zu machen: Es geht nicht um das Vergnügen und auch nicht allein um das Glück, sondern um das Heil Gottes.

Für die Neun scheint auch alles heil zu sein. Aber die Frage aller Fragen haben sie übersehen. Auch der größte Wohlstand und die beste Gesundheit macht die Normalisierung unseres Verhältnisses zu Gott nicht überflüssig.

Gott kann in unserem Leben nicht bloß eine entbehrliche Zutat sein. Er ist der, an dem sich zuletzt alles entscheidet. Wenn ich als Mensch meiner Bestimmung entsprechend leben will, dann muß ich im rechten Verhältnis zu Gott stehen.

Wenn wir das richtige Bitten lernen wollen, dann müssen wir vier Dinge beachten: Zum Gebet gehören Dank, Bitte, Fürbitte und Lobpreis. Wenn wir einmal einen Tag so überdenken, dann fällt uns bestimmt vieles ein, wofür wir dankbar sein dürfen. Aber wir haben auch sicher Bitten; daß wir einmal wunschlos glücklich wären, das gibt es doch gar nicht. Doch wir sollten dabei nicht vergessen, auch für a n d e r e zu bitten. Und schließlich sollten wir Gott loben und preisen, der uns das alles geben kann und uns so vieles gibt.

Das Danken ist eine feine Kunst. Aber sie sollte beständig geübt werden. Es gibt so vieles, was uns erfreut und dankbar macht, auch und gerade die Kleinigkeiten: das schöne Wetter, ein lieber Brief, eine kleine Aufmerksamkeit, Hilfe in Gefahr.

Ein alter Mann holte, wenn es auf Danken zu sprechen kam, eine vernickelte Taschenuhr aus der Schublade. Die Zeiger waren abgebrochen, die Uhr war schon viele Jahre kaputt. Aber er hatte sie aufbewahrt, weil sie ihm als Soldat im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet hatte. Ganz deutlich war auf der Rückseite der Eindruck einer abgeprallten Gewehrkugel zu sehen. Der Mann sagte: „Es gibt immer beide Möglichkeiten: Glück gehabt oder Gott sei Dank! Ich habe mein Leben lang nicht vergessen, wieviel Dank ich Gott schulde!“

 

 

15. Sonntag nach Trinitatis: Matth 6, 25 - 34 (Variante 1)

In einem Land im Südwesten Europas fotografiert ein Tourist einen Fischer, der in seinem Boot liegt und döst. Durch das Klicken der Kamera wird der Fischer wach. Da fragt ihn der Fremde: „Warum fahren Sie denn nicht hinaus auf das Meer, um zu fischen. Fühlen Sie sich nicht wohl?“ Der Fischer steht auf und reckt und sich sagt: „Ich fühle mich phantastisch!“ Doch der Tourist fragt weiter: „Ich verstehe nicht, weshalb Sie nicht arbeiten!“ Der Fischer aber meint: „Ich bin doch schon heute früh ausgefahren, und der Fang war gut!“ Da ereifert sich der Ausländer noch mehr: „Aber wenn Sie noch einmal ausfahren, dann können Sie immer mehr Fische verkaufen. Dann können Sie Leute anstellen, sich Schiffe und Kühlhäuser zulegen und dann....!“ „Was dann?“ fragt der Fischer. Der Tourist ist begeistert: „Dann können Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen und auf das herrliche Meer blicken!“ - „Aber das tue ich doch jetzt auch schon!“ sagt der Fischer. Nur das Klicken Ihrer Kamera hat mich gestört!“

Hat er nicht recht, dieser Lebenskünstler? Wozu soll man sich sorgen und mühen, wenn man am Ende doch nicht mehr hat Oder ist so ein Mensch ein Taugenichts, der früher oder später

der Allgemeinheit zur Last fallen wird?

Diese von Matthäus in der Bergpredigt zusammengefaßten Sprüche Jesu sind schon ärgerlich für uns. Sie sind gar nicht einmal original von Jesus, sondern es gibt viele Entsprechungen zu ihnen im Judentum und den anderen Religionen der damaligen Zeit. Hier geht es aber nicht um einen volkstümlichen Glauben an die Vorsehung. Erst von der ganzen Frohen Botschaft her gewinnen diese Aussagen ihren Sinn.

Jesus meint nicht, daß wir all die schönen Dinge des Lebens nicht brauchten. Er sagt eindeutig: „Euer Vater im Himmel weiß schon, daß ihr das alles braucht!“ Er weiß auch, daß man vorsorgen muß, damals wie heute. Der Staat muß vorsorgen, Vorräte für schlechte Zeiten anlegen, künftige Entwicklungen vorbereitem - alles andere wäre verantwortungslos. Und genauso macht es auch der Privatmann: Er hat etwas in der Speisekammern und im Kleiderschrank und er hat in der Regel auch ein Sparkonto.

Doch hier fängt das Problem schon an: „Wieviel sollte man auf der hohen Kante haben, um sich sicher fühlen zu können? Sind es 1000 Euro oder 20.000 oder vielleicht 100.000 Euro?“ Je mehr einer hat, desto mehr hat er doch Sorgen, er könnte das alles wieder verlieren und in „Armut“ zurücksinken… Wenn einer erst eine Warnleuchte gegen Einbrecher am Haus hat, dann hat er diesen Zustand schon erreicht.

Er entsteht aber erst recht in einer Mangelwirtschaft: Da ist der Heizungsofen etwas altersschwach, man läßt schon einmal seine Beziehungen spielen und stellt sich einen als Reserve hin. Doch was ist, wenn der Ernstfall kommt und von einem Tag auf den anderen der neue Ofen angeschlossen werden muß? Dann hat man ja wieder keinen in Reserve! Also wird noch ein dritter Ofen besorgt, damit man auf alle Fälle gefaßt ist. Das ist das ungute Sorgen, das Jesus meint.

Einer hat sich einmal ein Faß mit 100 Liter Benzin angelegt für den Fall, daß das Benzin einmal knapp wird. „Wenn ich dann das Moped nehme, dann kann ich noch ganz lange fahren, während die anderen laufen müssen!“ ist seine Devise. Doch ist das wirklich so erstrebenswert, derart über die anderen triumphieren zu wollen. Ist es nicht besser, wenn man sagt:

„Wenn die anderen nichts mehr haben, will ich auch nichts mehr haben!“

Sicherlich müssen wir schon vernünftig planen, für uns und unsere Familie. Wir müssen unsere Arbeit sorgfältig tun und unser Geschäft verantwortlich führen. Auch für die Gesundheit können wir vorsorgen und viel für die Zukunft tun. Jesus wäre falsch verstanden, wenn man nur in den Tag hinein lebte und immer neue Ratenkäufe tätigte in der Hoffnung, das werde eines Tages schon alles bezahlt werden.

Der Hinweis auf die Vögel und die Blumen darf uns nicht täuschen. Hier geht es nicht um eine Entsprechung, bei der Punkt für Punkt alles gleich ist. Vielmehr geht es um einen Schluß vom Geringeren zum Größeren: Wenn schon die nicht-arbeitenden Geschöpfe von Gott erhalten werden, wieviel mehr dann ihr, die ihr arbeitet!“ Daß Menschen arbeiten, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber die Sorge gehört eben auch mit zum Menschsein dazu. Jeder sucht sich selbst zu erhalten und zu sichern. Wir wollen mehr. Aber dabei droht uns dann das verlorenzugehen, was wir haben. Und bei all dem wissen wir: unser Leben ist vergänglich! Je älter wir werden, desto mehr kämpfen wir mit dem drohenden Tod. Deshalb möchten wir der Zukunft das Unheimliche nehmen möchten sie in den Griff bekommen.

Fürsorge und Vorsorge sind durchaus nötig. Zur Sorge werden sie aber, wenn sie in einer Haltung der Vertrauenslosigkeit geschehen. Das ist das Heidnische in uns. Letztlich geht es hier um die Größe unseres Glaubens, um das erste Gebot, nämlich ob wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.

Wer sich sorgt, der tut so, als müßte er sein eigener Schöpfer und Erhalter sein und als wäre sein tägliches Tun nicht eingeschlossen in die alles umgreifende und tragende Fürsorge Gottes. Das führt in Verbissenheit und Verkrampfung, in Humorlosigkeit und Mißtrauen. Dann meint man, auf Gott wäre kein Verlaß, und man kann nicht glauben, daß er es doch wohl macht.

So haben wir es in der Kirche gelernt, so wollen wir es ja auch glauben. Aber dann sagen wir doch wieder: „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt?“ Das dachte auch ein amerikanischer Multimillionär, der unbedingt sein Geld sichern wollte: Er hatte einen gewaltigen Tresor bauen lassen, den er im Teich seines Parks versenken ließ. Bei einer Party stieg der Hausherr selber in den Tresor und ließ die Türen schließen. Nach einigen Minuten wollte er wieder herauskommen. Die Gäste aßen und tranken einstweilen. Aber nach einer Stunde war der Hausherr immer noch nicht wieder da. Man telefonierte nach Spezialisten, die den Tresor von außen öffnen konnten. Sie fanden den reichen Mann tot inmitten seiner Schätze, denn er hatte die richtigen Buchstaben und Zahlenkombination vergessen. So hat die technische Anlage, die seinen es Besitz und sein Leben sichern sollte, sein Leben beendet.

Jesus möchte, daß wir nachts sorglos schlafen können. Wir können schon froh sein über den technischen Fortschritt. Nur wollen alle Dinge vernünftig erworben und gebraucht werden. Es bringt nichts, verbissen um ein vermeintliches Glück zu kämpfen und dabei das wahre Glück zu verlieren.

Doch das ist leicht gesagt und schwer getan. Auch von den Kanzeln werden wir immer wieder aufgefordert, uns nicht auf die Dinge dieser Welt zu verlassen und mit den Notleidenden zu teilen. Doch man kann gut reden mit 5.000 Euro netto im Monat und freier Wohnung. Da wäre es ehrlicher, wenn man sagte: „Wir wissen zwar, was Jesus von uns will; aber wir bringen es nicht fertig, danach zu leben!“ Jeder von uns ist von der Ursünde gefangen, Gott doch nicht so ganz zu vertrauen.

Das Sorgen hört wohl erst in der Ewigkeit auf. Das soll nicht heißen, daß die Frohe Botschaft erst am Jüngsten Tag in Kraft tritt. Aber sie hat von dorther ihre Kraft. Was uns die größte Sorge macht, ist wahrscheinlich der Tod. Unsere kleinen Sorgen sind Ausdruck dieser großen Sorge. Aber gerade diese Sorge ist uns doch abgenommen: Wir können unserem Leben kein Stück hinzufügen, aber Gott ist es, der unser Leben erhält.

Darum können wir jeden Tag mit neuer Kraft angehen. Es stimmt schon: „Jeder Tag hat seine eigene Plage!“ Wir brauchen sie nicht noch dadurch zu vergrößern, daß wir die Last von morgen schon in das Heute hineinnehmen. Wer Vertrauen auf Gott hat. kann sich voll und ganz seiner heutigen Aufgabe zuwenden. Das macht das Leben nicht nur fröhlicher und leichter, sondern auch ergiebiger und fruchtbarer. Man verbraucht nicht die Kraft für etwas, das noch gar nicht dran ist.

Jesu Aufforderung: „Sorget nicht!“ ist eigentlich kein Befehl, sondern eine Erlaubnis - vielleicht die kühnste, die jemals auf Erden gewagt worden ist. Aber sie ist möglich, weil Gott unser Vater ist. Wenn seine Herrschaft bei uns an erster Stelle steht, wird uns alles andere dann zufallen.

 

Anspiel zum nachfolgenden Predigttext Mt 6,24 - 34 „Sorget nicht!“

In einer Pantomime wird dargestellt‚ wie man sich sargt und wie man nach dem Reich Gottes trachtet, allerdings beides sehr extrem und damit auch letztlich als falsch dargestellt:

Ein junger Mann holt sich aus verschiedenen Ecken des Altarraums der Kirche bunt bemalte Kartons und baut sie um sich herum auf, sozusagen die Schätze, die er sich sammelt. Er will dadurch sein Leben sichern, stellt sie wie eine Mauer um sich herum und denkt, nun sei alles gut.

Aber da kommen andere und wollen ihm seine Schätze wegnehmen. Immer wieder muß er rennen und laufen, um die Fremden zu vertreiben bzw. ihnen seine Schätze wieder abzujagen. Es kommen auch einige, die ihn um Hilfe bitten. Aber er wehrt ab. Er will alles für sich behalten, er meint, auf nichts verzichten zu können.

Immer wieder zählt er seine Kästen. Nachts kann er nicht schlafen aus Sorge um seinen Besitz. Kaum hat er sich auf sein Bett niedergestreckt, so schreckt er wieder auf und sieht nach, ob noch alles da ist. Einen hat er nicht mehr erwischen können, der ihm einen Kasten weggenommen hat. Da setzt er sich ganz verzweifelt hin und jammert und hat ein sorgenvolles Gesicht.

Neben ihm ist ein junges Mädchen zu sehen. Das soll karikiert darstellen, wie man nach dem Reich Gottes trachtet. Sie ist schwarz angezogen‚ etwas altmodisch‚ mit Brille und mit Demutszwiebel. Mit dem Gesangbuch geht sie in die Kirche, singt und betet übertrieben und liest aus einer überdimensionierten Bibel.

Auch zu ihr kommen die Leute und bitten sie. Aber sie gibt ihnen nur eine Bibel mit. Man bringt ihr eine Maschine, an der sie arbeiten soll. Aber sie winkt nur ab und liest weiter in der Bibel, deutet nach oben und will den anderen auch eine Bibel aufdrängen. Schließlich versucht sie es auch noch bei dem Mann, der seine Schätze um sich herum aufhäuft. Aber die große Bibel läßt sich nicht in seine Mauer einbauen. Er gibt sie zurück. Er gibt aber dem Mädchen einen Karton ab. Aber die wehrt ab und will ihn nicht haben. Sie klemmt nur die Bibel unter den Arm und zieht wieder ab.

Nun wird das „Publikum“ gefragt, was hier dargestellt wurde. Notfalls werden einzelne Punkte erläutert und noch einmal wiederholt. Frage: Wer von der beiden macht es denn nun richtig bzw. richtiger?

Beide machen es falsch! Wie müßte es denn nur richtig sein, wenn man alles im Sinne unseres Bibeltextes darstellen will?

Der junge Mann nimmt die Bibel an und liest darin. Er gibt von seinen Schätzen ab und braucht sich nun nicht mehr zu sorgen, daß sie ihm genommen werden. Er wird froh und glücklich.

Das Mädchen liest auch weiter in der Bibel. Aber sie arbeitet auch und zeigt den anderen, wie man es macht. Sie gibt keine Almosen, sondern hilft den anderen, daß sie sich selber helfen können. Eventuell kann sie sich auch äußerlich noch etwas besser zurechtmachen (z.B. bunte Kittel überziehen).

 

15. Sonntag nach Trinitatis: Mt 6, 24 - 34  (Variante 2)

Die Sorge gehört mit zu unserem Leben wie das tägliche Brot. Gerade um das tägliche Brot machen wir uns ja Sorgen.' Weil jeder denkt, er hätte noch nicht genug davon, will er sich immer mehr zusammenraffen: Er arbeitet wie verrückt, kümmert sich kaum um die Kinder und gar nicht um die Alten und hat auch keine Zeit für die Kirche.

Die Sorge um die Erhaltung Lebens gehört von Anfang an zum Menschen dazu. Er sieht überall in der Welt Gefahren auf sich zukommen und will sich deshalb aus eigenen Kräften einen sicheren Raum schaffen. Wie eine Mauer baut er seiner Besitz und seine Versicherungen um sich her auf und denkt, ihm könne ihm nichts mehr passieren. Das ist ein Urtrieb und hat mit Tugend oder Untugend zunächst nichts zu tun.

Allerdings muß man einen Unterschied machen zwischen Sorge und Sorge. Es gibt eine durchaus richtige Sorge im Sinne einer guten Vorsorge für die Zukunft. Jeder von uns hat sich einen Notgroschen auf die Seite gelegt und Vorsorge getroffen für sein Alter. Das ist gut und vernünftig und nicht gegen den Willen Gottes.

Gott sieht die Sorgen unseres Alltags nicht als geringfügig an. Im Vaterunser steht ja ausdrücklich die Bitte um das tägliche Brot mit drin. Aber sie ist eben nur eine von sieben Bitten. Gott will uns noch mehr geben: nicht nur einen kurzzeitigen Erfolg, sondern den Segen, der sich immer mehr in unserem Leben auswirkt.

Hier wird das praktisch. was die frohe Botschaft Gottes an uns ist: Wir dürfen unser Leben ganz der Fürsorge Gottes anvertrauen. Allerdings werden wir hier nicht mit den Vögeln und Blumen verglichen. Es geht nicht darum, daß wir so leben wie sie. Der Vergleichspunkt ist vielmehr: Gottes Fürsorge gilt nicht nur den Pflanzen und Tieren, sondern noch viel mehr uns Menschen, weil wir ihm noch wertvoller und wichtiger sind.

Aber machen wir denn damit ernst in unserem Leben? Meist verfallen wir doch jener zweiten Form der Sorge, die Jesus ganz und gar nicht bei uns sehen möchte. „Meine Arbeit macht mir Sorgen“, sagen viele. Sie fragen sich, wo der Sinn ihrer Arbeit liegt. Sie sehen nur das, was ihnen die Freude an der Arbeit verdirbt und blicken jeden Montag wieder mit Sorge der neuen Woche entgegen.

„Meine Kinder machen mir Sorgen“, ist so ein weiterer Spruch. Einmal gibt es Sorgen, weil die Jugend in vielen Dingen heute so ganz anders ist als die Eltern. Zum anderen wird die Berufsfindung heute zunehmend schwieriger. Viele Eltern fragen sich: „Wie machen wir es nur richtig? Dann noch: „Mein Alter macht mir Sorgen!“ Wenn man nicht mehr so richtig kann und aus dem Arbeitsleben ausscheiden muß, dann kommt man sich leicht überflüssig vor. Keiner will ein langes Krankenlager haben, um den Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Werden die letzten Lebensjahre noch einen Sinn haben?

Schließlich könnten wir auch noch sagen: „Meine Kirche macht mir Sorgen!“ Die Zahl der Gemeindeglieder geht zurück, neue Gottesdienstformer werden erprobt, mit der Bibel wird wissenschaftlich umgegangen, das Verhältnis zu politischen Dingen ist umstritten. Wie wird es da weitergehen mit der Kirche? Wird sie nicht ganz anders werden, als wir es bisher gewohnt waren?

Alle diese Sorgen gehen doch täglich mit uns. Wir sollten uns fragen: Gehören sie zu den berechtigter Gedanken, die man sich um die Zukunft machen muß. Oder sind sie Zeichen jener ängstlichen Sorge, die Gott zu wenig zutraut. Jesus weiß, daß Gott mächtiger ist als alle Sorgen der Menschen. Er macht uns Mut, an den Gott zu glauben, der uns das Sorgenmüssen abnimmt. Von seiner Fürsorge dürfen wir uns geborgen wissen.

Falsch wäre es natürlich auch, wenn wir nur in den Tag hinein lebten. Bei Gott dem Vater dürfen wir zwar die Beine unter dem Tisch stellen und ihn sorgen lassen. Aber das heißt nicht, daß wir leichtsinnig werden können (und auf Kosten anderer leben wollen).

Ein sogenannter „Gammler“ lebt noch nicht im Sinne der Bergpredigt. Er macht sich zwar keine Sorgen, macht beim Konsumdenken nicht mit und fängt auch nicht an zu hamstern Aber ein Leben auf Kosten der anderen ist wohl auch nicht das Richtige.

Allerdings wird für uns die Gefahr schon nicht zu groß werden, daß wir zu sorglos werden. Uns ist ja der Wille zum Tun angeboren und. wir schaffen trotz alles Stöhnens doch ganz gern etwas. Aber die andere Gefahr ist ganz groß da, daß wir nämlich leben, als ob es Gott nicht gäbe, der für uns sorgen will. Deshalb erlaubt uns Jesus nicht nur, die Sorgen fahren zu lassen. Er befiehlt uns auch: „Sorget nicht!“ Er macht uns frei von den Dingen dieser Welt und bindet uns an Gott, den Vater.

Zwischen Sorglosigkeit und ängstlicher Sorge gilt es den rechten Weg zu finden. Jesus will nicht, daß wir die Hände in den Schoß legen und die Welt mit ihren Nöten und ihrer Arbeit verachten. Aber das Gegenteil ist auch nicht richtig. Mancher müht sich nur für die Familie und seine Kinder, damit sie es einmal besser haben und sagt dann: „Das ist doch auch im Sinne Gottes!“

Mit dieser frommen Begründung will er sich nur der Herrschaft Gottes entziehen. Er will selber schalten und walten können und alles allein entscheiden. Und weil er erst noch für das und für das sorgen muß, bleibt keine Zeit und kein Raum mehr für Gott. Nur wer erst nach Gott fragt und dann an sein Tagwerk geht, wird von ängstlicher Sorge frei. Er weiß:

Jede Arbeit hat einen Sinn und kann mir deshalb Freude machen. Meine Kinder werden mit Gottes Hilfe den rechten Weg im Leben finden. Auch im Alter wird Gott noch wichtige Aufgaben für mich haben.

Und mit der Kirche wird es auch in Zukunft weitergehen, weil Gott sie erhält. Es ist sicher nicht leicht, im Sinn der Bergpredigt zu leben. Es ist uns aber auch nicht erlaubt, diese Worte Jesu nur abzumildern und doch wieder mit unseren sonstigen Lebensauffassungen auszugleichen AM besten wird uns alles noch gelingen, wenn wir tatsächlich im Sinne des Jesuswortes leben: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen!“ Gott wird zwar nicht alle unsere törichten Wünsche erfüllen. Aber er wird uns das geben, was wir zum Leben brauchen. Damit sollen wir es uns genug sein lassen.

Und wenn wir nachher für alles danken können, was uns Gott gegeben hat, dann haben wir wahrscheinlich die richtige Glaubenshaltung gehabt.

 

 

16 . Sonntag nach Trinitatis: Joh 11 , 1 und 3 und 17 - 27

Fast in jeder Woche müssen wir hier im Gottesdienst bekanntgeben, daß Gemeindeglieder verstorben sind und christlich beerdigt wurden. Fast in jeder Woche sind Menschen unter uns, die in besonderer Weise vom Leid getroffen wurden. Fast in jeder Woche werden wir

dem Problem des Todes gegenüber gestellt. Das scheint die Widerlegung des Auferstehungsglaubens zu sein.

Was hier von den beiden Schwestern in Bethanien geschildert wird, das geschieht tagtäglich in unserer Umgebung. Auch bei uns stirbt Lazarus immerzu, einmal in diesem, einmal im anderen Haus. Jedesmal ist es einer, den wir liebhaben und den auch Gott liebhat. Aber warum läßt er ihn dann sterben?

Hier tun sich dann die gleichen Fragen auf wie damals. Aber die Antwort ist auch immer noch dieselbe. Wir sprechen auch heute immer wieder von der Auferstehung der Toten. Nur bringt Johannes darüber keine lange theoretische Abhandlung, sondern er kleidet alles in eine dramatisch ablaufende Erzählung ein. Dadurch wird die Überzeugung des ganzen Neuen Testaments anschaulich vor Augen gestellt:„Jesus kann vom Tode erwecken!“

Der Evangelist will also nicht etwas Aufregendes berichten, das sich in Jesu Erdentagen einmal zugetragen hat, sondern er will uns zum Glauben an die Auferstehung rufen. Es geht nicht um Lazarus und Bethanien und die Schwestern, sondern es geht um uns und um die Menschen in unserem Ort.

Aber wie verhalten wir uns manchmal angesichts des Todes? Oftmals versuchen wir doch, den Gedanken an den Tod zu verdrängen. Wenn einer todsterbenskrank ist, kommt er oft ins Krankenhaus und stirbt dort. Wir vermeiden ängstlich, mit ihm über seinen Zustand zu sprechen. Und wenn es dann zu Ende ist, wollen viele den Toten nicht mehr ansehen. Der Sarg wird überreich mit Blumen bedeckt, es werden ihm noch Blumen nachgeworfen. Es wird alles möglichst überdeckt.

In Johannes 11 wird nichts verschleiert. Der Tod des Lazarus wird geschildert, wie er wirklich ist: „Er stinkt schon, denn er hat schon vier Tage gelegen!“ Deutlicher kann man es nicht sagen. Und dahinter steht die Meinung: Jetzt ist es zu spät, jetzt ist nichts mehr zu machen, alles ist aussichtslos.

Nach damaliger Überzeugung blieb die Seele noch drei Tage in der Nähe des toten Körpers. Aber jetzt sind es schon vier Tage her, da ist die Grenze endgültig überschritten, das Leben ist endgültig aus dem Körper heraus, ein Scheintodsein kommt nicht mehr in Frage, außer dem klinischen Tod ist auch der biologische Tod eingetreten. - Wie reagiert Jesus auf dieses Geschehen? Als erstes wäre zu sagen:

 

(1.) Jesus bleibt fern! Er bleibt einfach noch zwei Tage dort, wo er sich gerade aufhält. Dabei weiß er genau, was sich inzwischen ereignet. Das ist aber genau auch unsre Situation. Wir behaupten in der Kirche, Jesus sei der Sieger über den Tod; und dann überläßt dieser Jesus doch dem Tod das Feld. Jedesmal, wenn ein von uns geliebter Mensch stirbt, wird doch unser Auferstehungsglaube erschüttert.

Wir sagen dann auch oft: „Wäre der Arzt nur zur rechten Zeit dagewesen! Wenn er sich doch an die Anweisungen des Arztes gehalten hätte! Wäre er doch nicht immer so gerast mit seinem Motorrad!“ Manchmal befassen sich unsere Gedanken noch lange mit solchem „Hätte, Wäre, Wenn“. Unser Herz will nicht frei werden vom Schmerz und von der Anklage, wir machen uns noch innerlich fertig.

natürlich ist das auch wieder verständlich. Wir hängen doch alle am Leben, an unserem eigenen und an dem unserer Angehörigen. Wir möchten unser Leben unter allen Umständen und mit allen Mitteln erhalten, nichts unversucht lassen und keine Möglichkeit verpassen, um das Letzte zu verhüten. Und wir würden sonst etwas dafür geben, um den Tod wieder rückgängig machen zu können.

Deshalb machen die Schwestern ja auch den Vorwurf: „Wir haben dich rechtzeitig benachrichtigt. Es war roch genug Zeit, ehe das Herz still stand. Du hättest gekonnt, aber du hast nicht gewollt!“ Dennoch ist Jesus nicht gleichgültig und läßt den Freund einfach so fallen. Er denkt nur auf weitere Sicht und in größeren Zusammenhängen, er hilft zunächst nicht, weil er mehr tun kann und will.

 

(2.) Jesus kommt! Nun wäre hier als zweites zu sagen: Als seine Zeit gekommen ist, da ist er doch da und wirft die Vorstellungen der Menschen über den Haufen. Wie kann er das? Gehört er nicht auch zur bedrohten und schwachen Menschenwelt? Er ist doch kein übermenschlicher Held, der die Flammen unversehrt durchschreiten kann. Er ist auch nicht gegen den Tod gefeit.

Und doch weiß Martha: Hier ist ein Mensch, der in völliger Verbindung mit Gott steht. Was er von Gott erbittet, das wird ihm Gott geben. Sie spürt genau: Er ist als einziger nicht in der Lage, in der alle Menschen sind, nämlich ohnmächtig, lahmgelegt, vom Tod überwältigt und zu Boden geschlagen. Jesus kann, wenn er will!

Wenn Jesus kommt, dann ist er allein der Mittelpunkt, nicht mehr Lazarus. Dann ist auch

keine Zeit mehr, sich denen zu widmen, die gekommen sind, um ihr Beileid auszusprechen und Trost zu spenden. Oftmals sind unsere Bestattungsbräuche doch nur eine Kapitulation vor der Macht des Todes. Das Schreckliche wird dabei noch unterstrichen.

Müßten wir nicht an einemSarg die Wehleidigkeit aufgeben und das Jammern ersetzen durch Getrostheit und Hoffnung? Wenn man sein Beileid ausspricht, dann sagen manche Menschen nach altem Brauch: „Es ist Gottes Wille gewesen!“ In dieser Richtung müßte auch unsere Antwort liegen‚ vielleicht noch etwas zuversichtlicher‚ etwa: „Gott wird ihr auferwecken!“

Gewiß gibt es auch eine Zeit des Trauerns und der Klage. Aber unsere Aufgabe ist es, davon wegzukommen und auf Gott zu schauen, der uns eine neue Zukunft gibt.

So machte es der König David: Solange sein Kind noch lebte, hat er um es gebangt. Als es aber dann gestorben war, stand er auf und regelte ganz nüchtern das Erforderliche. So wäre

es auch für uns gut: Nicht nur auf das Vergangene schauen, sondern in die Zukunft! Bei Lukas heißt es einmal: „Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes!“ Das ist auch unsre Aufgabe gerade angesichts des Todes.

 

(3.) Jesus erweckt von Tode! Das wäre das Dritte, was über die Haltung Jesu zu diesem Geschehen zu sagen wäre. Doch Martha versteht ihn zunächst falsch: „Das weiß ich ja, daß er am jüngsten Tag auferstehen wird!“ Doch darum geht es ihr nicht. Sie hängt ja an diesem Leben mit allen Fasern und sucht es zu erhalten.

Es gab aber damals auch die entgegengesetzte Haltung. Es gab Irrlehrer, die sagten: „Die Auferstehung am Jüngsten Tag ist uns gleichgültig. Wir fühlen uns jetzt schon als Auferstandene. Auch wenn wir äußerlich gesehen sterben müssen, so macht uns das nichts aus!“ Gegen diese Meinung richtet sich die Geschichte von der Auferstehung des Lazarus, die ja das steilste Wunder dieser Art im Neuen Testament ist und sich am unwahrscheinlichsten anhört. Sie protestiert gegen die Vergeistigung der Auferstehung und macht deutlich, daß das etwas mit dem Leib zu tun hat.

Deshalb sagte man früher im Glaubensbekenntnis „Auferstehung des Fleisches“ und heute „Auferstehung der Toten“, aber nicht „Auferstehung der Seele“, so als hätte nur die Seele etwas mit Gott zu tun. Es geht hier auch nicht darum, nur zum eigenen Sterben ein neues Verhältnis zu gewinnen, sondern hier wird der wirkliche Tod überwunden.

Das soll aber andererseits nicht heißen, daß sich die Auferstehung so vollzieht, wie es hier bei Lazarus in einer anschaulichen Geschichte geschildert wird, daß sich die Gräber auftun und die Toten in ihren Sterbehemden herauskommen. Es geht hier nicht um ein Geschehen, das

mit der Filmkamera festzuhalten wäre, sonder um ein Leben in der Unverweslichkeit.

 

Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe!“ Jesus ist gekommen, den Menschen das Leben zu bringen. Es ist überraschend, daß er sagt: „Das Leben, das ihr sucht und erhalten wollt, das habt ihr in mir!“ Und zwar soll es nicht erst ein Leben in Jenseits sein, so als ob das Eigentliche erst nach der Auferstehung am Jüngsten Tag möglich wäre. Jesus wäre dann auch im Grunde nicht mehr nötig. Er würde uns nur über unsre Zukunftsperspektive informieren und dann von der Bühne abtreten. Hauptsache, wir haben alles, was wir uns wünschen. Der Glaube an Christus hätte keine Bedeutung mehr.

Jesus aber sagt: „Was ihr bisher als Auferstehung und Leben angesehen und erhofft habt, das wird euch zuteil in mir. Sucht es nicht anderswo und ohne mich. Wenn ihr an mich glaubt, dann habt ihr es. Ein ewiges Leben ohne Jesus wäre doch die Hölle. Das wahre Leben ist die Gemeinschaft mit Gott in Christus. Wenn er Grund und Ziel unsres Lebens wird, dann haben wir erst das wahre Leben.

Martha versteht Auferstehung zunächst nur als Fortsetzung des bisherigen Lebens. Aber eines Tages hätte Lazarus dann doch wieder sterben müssen. Jesus aber bietet ihr die Auferstehung zu einem Leben an, das er in die Welt gebracht hat. Es geht im Leben nicht darum, wie man die 80 oder 90 Jahre erreichen kann (An der Apotheke steht manchmal: „Sie können 103 Jahre alt werden durch gesunde Lebensweise und Medikamente“).

Aber entscheidend ist die Frage, wie meine 80 oder 50 Jahre von Christus her ihren Inhalt bekommen. Wir versuchen oft, uns auch gegen den Tod durchzusetzen und uns über ihn hinwegzusetzen. Doch Christus ermutigt uns, daß wir uns fallenlassen und loslassen an ihn, um bei ihm das Leben neu zu empfangen.

Das soll allerdings nun nicht heißen, daß wir nach dem Tod nichts mehr zu erwarten hätten. Nur: Wenn ewiges Leben nichts anderes ist als die Gemeinschaft mit Christus, dann haben wir es schon heute, dann sind wir - i n diesem Sinne - schon auferstanden. Wenn wir heute schon in der Christusgemeinschaft leben, dann bleibt sie auch m Sterben erhalten. Sterben heißt nicht: „Jetzt läßt er uns los!“ Der Tod ändert nichts daran, daß wir mit Christus verbunden sind. Lazarus ist der Freund Jesu. Er ist lebendig, diese Freundschaft ist lebendig, auch wenn er noch im Grab ist.

Das sollten wir vor Augen haben, wenn wir meinen, Christus bliebe fern. In Wahrheit kommt er und will uns auferwecken. Was heute schon im Verborgenen geschieht, das wird der jüngste Tag endgültig ans Licht bringen.

 

 

17. Sonntag nach Trinitatis: Mt 15, 21 - 28

Hunde sind zwar treue Tiere. Aber wenn man jemanden als „Hund“ bezeichnet, dann ist das ein Schimpfwort. Vor allem wenn man noch einen Zusatz macht wie „Du blöder Hund“ oder „Du Köter“. Auch ein „Windhund“ wird meist abgewertet. Im Altertum gab es die Philosophenschule der „Zyniker“, der „Hündischen“, die alles und jeden schlecht machten und ihn von oben herab behandelten. Deshalb muß es diese ausländische Frau getroffen haben, als Jesus sie anfuhr: „Du Hund, ich kann doch nicht den Kindern das Brot wegnehmen und es vor die Hunde werfen!“ So etwas hat sicher gesessen.

Jesus gerät hier ins Zwielicht, so kennen wir ihn gar nicht. Man kann auch nicht sagen, er habe sich nur deshalb taub gestellt, weil er die Frau habe „prüfen“ wollen. Man wundert sich auch, weil es so aussieht, als habe er sich von einer heidnischen Frau bekehren lassen, als habe er sich durch ihr Verhalten gewandelt. Das ist ja auch in der Tat so: Jesus tut etwas, was er ursprünglich nicht vorhatte. Er überschreitet dabei sogar eine Grenze, die ihm anerzogen worden war. Damit eröffnet er aber einen Weg für die Gemeinde nach Ostern, die ja auch zu den Heiden gegangen ist.

Gehen wir die Szene noch einmal der Reihe nach durch: Unentwegt läuft und schreit die Frau hinter Jesus und seinen Jüngern her. Wiederholt versuchen die Jünger, Jesus dazu zu bestimmen, daß er sie wegschickt. Sie bitten Jesus um ein Machtwort, damit endlich diese unangenehme Sache ein Ende hat und die Gruppe in Ruhe weiter gehen kann. Es ist doch nur natürlich, daß man möglichst schnell aus dieser peinlichen Situation herauskommen möchte, zumal man weiß, daß man ja doch nicht helfen kann.

Jesus läßt sich die Zudringlichkeit der Frau eine ganze Weile gefallen. Aber er schweigt doch. War nun alles Hoffen, alles Vertrauen umsonst? Auch die Fürbitte der Jünger richtet nichts aus, auch dieser letzte Hoffnungsschimmer ist dahin. Es ist alles hoffnungslos. Letztlich reagiert Jesus mit keinem Wort auf den Anruf der Frau, denn für eine Heidin ist er ja nicht zuständig.

Das Markusevangelium, das diese Geschichte auch erzählt, versucht zu erklären und zu verharmlosen: Jesus sollte zuerst zu den Juden gehen und danach zu den Heiden. Dann würde er hier sagen: „Immer schön der Reihe nach, liebe Frau. Ihr Heiden seid noch nicht dran!“ Aber Matthäus bewahrt den ursprünglichen Sachverhalt: Die Ausweitung des rettenden Handelns Gottes auf die Heiden ist keine platte Selbstverständlichkeit, sondern ein Ereignis, das bereits in das Ende aller Zeit hineinreicht; denn daß das Evangelium in der ganzen Welt gepredigt wird, ist ein Zeichen der letzten Zeit.

Die Frau bittet nicht, weil sie ein Recht dazu hätte. Vielmehr treibt sie die Not, denn sie hat eine schwerkranke Tochter. Sie ist doch völlig ohnmächtig, ist an der Grenze menschlicher Kraft und Möglichkeiten, ist getrieben von der Angst einer Mutter um ein geliebtes Kind. Die letzte Möglichkeit ist Jesus. Von ihm weiß sie zwar auch nur wenig, aber er ist der letzte Ausweg. Ihr Schreien ist ein Ausdruck eines großen Vertrauens zu Jesus.

Haben wir schon einmal wie diese Frau zu Jesus geschrien? So geschrien, wie Luther dichtete: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir!“ Haben wir schon einmal so gebetet, daß es wirklich ein Schreien von Grund unsres Herzens war, so wie ein Ertrinkender um Hilfe schreit? Wenn man schreit, dann ist man wirklich am Ende.

Eine Mutter hatte einen sechsjährigen Sohn, der einen Gehirntumor hatte und damals ihr einziges Kind war. Als es mit dem Sohn zu Ende ging, da rief sie allerdings nicht Gott an, sondern ging zum Arzt. Sie flehte ihn an, doch etwas zu machen. Aber er konnte natürlich auch nicht helfen. So schwer ist es manchmal in unserem Leben. Die Mutter hat nachher noch zwei Kinder bekommen. Das hob ihren Schmerz über das gestorbene Kind nicht auf. Das Bild hing immer im Zimmer, jeder hatte vor Augen, daß man dieses Kind nicht vergessen hat. Aber so eine Krankheit kann durchaus auch anders ausgehen, nämlich positiver. Aber auf jeden Fall braucht keiner zu denken, er sei von Gott verlassen, ganz gleich, wie es ausgeht.

Als die Frau in der biblischen Geschichte die erste Absage bekommt, unterläßt sie jeden Versuch, diese zu entkräften. Sie wirft sich vielmehr vor Jesus nieder und ruft: „Herr, hilf mir!“ Doch Jesus wiederholt seine Ablehnung überscharf „Soll denn den Kindern das Brot weggenommen werden?“

Die Frau weiß, daß Gott nur das Volk Israel erwählt hat. Sie ist nicht der Meinung, daß er gefälligst für alle Menschen da zu sein hat. Sie sagt auch nicht: „Was dem einen recht ist, das ist dem anderen billig!“ Sie appelliert nicht an Gottes Gerechtigkeitssinn. Sie weiß: Daß wir mit Gott in Gemeinschaft kommen, beruht allein auf seinem freien Erwählen. Gott hat es in der Hand, mit wem er sich verbinden will. Verdient hat es keiner. Denn wenn es nach dem Verdienen ginge, so könnte er mit uns Schluß machen, so wie man heute einfach per SMS eine Beziehung beendet.

Jeder andere wäre zusammengezuckt und hätte sich geknickt und enttäuscht aus dem Staub gemacht. Oder sie Frau hätte voller Stolz sagen können: „Na, dann eben nicht!“ Die Frau könnte anfangen, mit Jesus zu rechten und zu streiten. Sie hätte sich damit abfinden können, daß Jesus es anders beschlossen hat.

Wir könnten all diese Reaktionen verstehen, weil sie menschlich sind und wir es wahrscheinlich auch gern so machen würden. Das sind alles Verhaltensweisen, die auch uns nicht fremd sind. Aber wenn wir ihnen nachgeben würden, dann wäre die Brücke zwischen Gott und uns eingestürzt.

Aber dann nimmt die Frau Jesus doch beim Wort und führt seine Aussage schlagfertig in ihrem Sinne weiter: „Wenn du schon den Vergleich mit den Kindern am Familientisch gebrauchst, dann gibt es für mich und meine Tochter dort einen Platz. Die Hunde, von denen du sprichst, bekommen eben doch etwas. Ich will niemandem etwas wegnehmen, sondern ich will ja nur das, was sowieso abfällt, ein Stückchen von deiner unendlichen grenzenlosen Barmherzigkeit. Ich weiß, daß ich kein Recht habe. Aber ich möchte doch etwas von deiner grundlosen Güte abhaben!“

Jesus stößt hier auf Glauben, wo man es nicht hätte erwarten können. Es ist ein Glaube, der sich nicht auf „Rechte“ beruft und doch von Jesus Hilfe erwartet. Deshalb stellt sich am Ende doch heraus: Jesus kann auch anders. Auf jeden Fall hilft er, wenn auch nicht immer so, wie wir es erbitten, sondern anders und oft besser.

Der Glaube hält solche Spannungen durch und läßt sich nicht beirren. Die Frau bleibt weiter bei Jesus. Sie wendet sein „Nein“ in ein „Ja“, in dem sie das im „Nein“ für sie noch enthaltene „Ja“ ans Licht zieht. So erfährt der Glaube die Auflösung der Spannung und der Glaubende empfängt entsprechend seinem Glauben.

Aber das bedeutet doch oft: „Man muß gegen Gott an Gott glauben!“ Der Glaube der Frau war sicher nicht in allen Punkten durchgeklärt. Aber er war ein Vertrauen zu der Person Jesu. Sie hängt sich an Jesus und weiß vielleicht gar nicht einmal wieso.

Glaube muß immer etwas wagen, und diese Frau wagt etwas. Sie muß diesen Glauben auch durchhalten, auch wenn er angefochten ist, und zwar nicht von außen, sondern von Gott selber. Jeder Glaubende kommt einmal in Situationen, in denen er fragt: „Kann Gott nicht helfen? Will er nicht? Gilt seine Zusage noch?“ Jesus selber mußte durch solche Anfechtungen hindurch. Gott kann auch schweigen. Und am bedrückendsten war sein Schweigen an Karfreitag. Aber Luther sagte in einer Predigt zu diesem Text: „Man muß das tiefe heimliche Ja unter und über dem Nein mit festem Glauben auf Gottes Wort fassen und halten!“

Auf einer Tasse steht die folgende Geschichte geschrieben: Spuren im Sand. Ich träumte eines Nachts, ich ging am Meer entlang. Und es entstand vor meinen Augen, Streiflichtern gleich, mein Leben. Nachdem das letzte Bild an mir vorübergegangen war, sah ich zurück und stellte fest, daß in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur zu sehen war. Das verwirrte mich sehr und ich wandte mich an den Herrn. „Als ich dir damals alles, was ich hatte, übergab, um dir zu folgen, da sagtest du, du würdest immer bei mir sein. Warum hast du mich verlassen, als ich dich so verzweifelt brauchte?“ Der Herr nahm meine Hand: „Geliebtes Kind, nie ließ ich dich allein, schon gar nicht in Zeiten der Angst und Not. Wo du nur ein Paar Spuren in dem Sand erkennst, sei ganz gewiß: Ich habe dich getragen!“

Unsere Bittgebete sind oft kraftlos und wenig wagemutig. Heimlich sind wir der Meinung,

Gott lasse sich nicht dreinreden. Dahinter steht die Vorstellung, Gott würde die Welt nach

einem Generalplan steuern, wie von einem neutralen Schaltpult aus, ohne unmittelbaren Kontakt mit den Menschen.

Diese Geschichte zeigt es anders: Gott ist selbst Mensch geworden. Er bekommt es in Jesus mit den Menschen zu tun und sie bekommen es mit ihm zu tun. Und dabei geschieht das Erstaunliche: Daß der Herr und Gott sich von einem Menschen überwinden läßt. Es entwickelt sich ein Geschehen, das nicht nur Menschen verändert, sondern auch Gott. Der Glaube flüchtet sich von dem Gott, der sich zunächst versagt, zu demselben Gott, der am Ende Ja sagt.

 

Ergänzung;

Die Frau läßt sich nicht so leicht abweisen. Sie führt das Bild weiter und sagt: „Wenn Kinder mit am Tisch sitzen, dann lassen die auch einmal etwas fallen und die Hündlein schnappen es auf. Mehr will ich ja gar nicht!“ Obwohl Jesus „Nein“ gesagt hat, hört sie doch das heimliche „Ja“ heraus. „Du sagt es ja“, beschwört sie ihn fast, „die Hunde kriegen auch etwas ab. Ich bin ja nur ein armer Hund. Aber gib mir jetzt auch etwas ab. Ein Krümel von dir ist so viel, daß es für mich genügt!“

Wie hätten wir so etwas gewagt? Gut, einmal bitten wir Jesus schon. Aber wenn er dann nicht hilft, geben wir es auf und sehen uns nach anderen Möglichkeiten um oder versuchen selbst zurechtzukommen. Wo finden wir bei uns denn solchen Glauben, der dieses Werk Jesu gewissermaßen herbeizieht? Und dann will die Frau noch nicht einmal einen Beweis, sondern vertraut dem Wort Jesu, daß die Tochter gesund sei. Das ist fast zu viel verlangt.

Oft nehmen wir auch unsere speziellste Not und Belastung aus und denken: „Da wird Jesus doch nicht eingreifen, das ist zuviel für ihn!“ Wir wollen ihm nicht so auf die Nerven fallen wie diese Frau hier. Und doch wird uns gerade diese Frau als Vorbild hingestellt.

Diese Geschichte will uns Mut machen zum Glauben: Am Ende hört Jesus doch! Wir dürfen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Sonst kann es uns passieren, daß Gott einem anderen hilft und ihm das gewährt, was wir uns nicht von ihm zu erbitten getrauten. Gott hilft oft gerade dann, wenn wir es nicht erwartet haben.

 

 

18. Sonntag nach Trinitatis: Mk 12, 28 - 34

Die Konfirmanden stöhnen‚ wenn sie die Gebote auswendig lernen sollen‚ besonders wenn auch noch die Erklärungen Luthers dazukommen. Dabei sind es doch nur zehn Gebote, an den zehn Fingern der Hand abzuzählen. Die Juden hatten daraus 613 Gebote gemacht, dazu noch einige hundert Verbote, alles in allem etwa tausend Vorschriften. Die konnte ja niemand mehr kennen. Da war das Gesetz Gottes nicht mehr eine Hilfe, sondern eine schwere Last. Jesus aber faßt das alles zusammen in zwei grundsätzlichen Geboten: „Du sollst Gott lieben und deinen Mitmenschen!“Das war an sich nichts Neues. So steht es auch schon im Alten Testament. Dort stehen die Sätze aber ganz vereinzelt da und an verschiedenen Stellen.

Jesus aber bindet Gottesliebe und Menschenliebe streng aneinander. Vor allen Dingen macht er deutlich, daß die Nächstenliebe ihren Impuls von der Liebe Gottes zu den Menschen empfängt. Auch die Juden haben schon die Frage nach dem „vornehmsten“ Gebot gestellt. Sie meinten damit das Gebot, das im Konfliktsfall den Vorrang haben sollte. Also zum Beispiel die Frage: „Darf ich dem anderen die Wahrheit ins Gesicht sagen oder muß ich sie ihm aus Liebe verschweigen?“ Oder mehr eine Frage aus unserer Zeit: „Muß das werdende Leben auf alle Fälle geschützt werden oder darf die Mutter darüber entscheiden‚ die vielleicht das Kind nicht haben will?“ Überall im Leben müssen wir Prioritäten setzen, müssen wir entscheiden, was den Vorrang haben soll.

Jesus rückt nicht zwei Gebote unter vielen an die Spitze, hinter denen die anderen im Konfliktfall zurückstehen müßten; er schafft keine Rangordnung der Gebote, über die man diskutieren und die man vielleicht auch wieder einmal verändern könnte. Mit dem Doppelgebot der Liebe faßt Jesus alle anderen Gebote zusammen. Es enthält das ganze Gesetz und legt die anderen Gebote aus. An ihm ist jede einzelne Vorschrift zu messen, auszulegen und vielleicht auch zu kritisieren.

Man braucht also keine tausend Gebote und Verbote zu kennen. Man braucht nicht einmal die Zehn Gebote auswendig zu lernen. Man braucht kein dickes Buch über das christliche Verhalten. Es ist alles ganz einfach geworden: Gott und den Nächsten lieben - das ist alles. Nicht das Gesetz ist das leitende Prinzip dabei, sondern Gottes Wille. Wo für die Juden das Gesetz steht, da steht für uns Gott. Nur so haben wir die Möglichkeit, das Miteinander in Freiheit zu gestalten.

Diese Vereinfachung fordert aber den Einzelnen auch mehr. Jetzt kann ich mich nicht mehr damit zufriedengeben, daß ja schon andere für mich gedacht haben. Ich muß jetzt selbst denken. Wer nach der Vorschrift handelt, der weiß, wie er zu verfahren hat. Wer nach dem Gesetz geht, braucht nur anzuwenden, was geschrieben steht. Er bewegt sich auf gebahnten Wegen.

Wer aber nach der Liebe handeln will, der muß selbst finden, wohin er den Fuß zu setzen hat. Er kann sich nicht an eine Vorschrift halten, sondern muß sich alles selber ausdenken und dann auch verantworten. Er braucht die Weisheit des Gesetzgebers in jedem einzelnen Fall, weil er ja praktisch selber der Gesetzgeber ist.

Der Mitmensch ist nicht Anwendungsobjekt bestimmter Vorschriften. Er ist der andere Mensch, der uns zur Aufgabe wird. Lieben heißt dann: vom anderen her denken, sein Wohl und Wehe zur eigenen Sache machen, das eigene Leben um seinetwillen leben.

Ausgangspunkt für alle Überlegungen und für alles Handeln ist die Situation des anderen. Der andere ist nicht ein „Fall“‚ der in ein System von Regeln eingeordnet wird. Wenn man ihn in der richtigen Schublade hat‚ dann weiß man auch‚ wie man mit ihm umzugehen hat. Nein, so einfach ist das nicht. Der andere ist der Mensch, der mich braucht, in der Lage, in der er sich gerade befindet. Da kann man ihm nicht mit dem Gesetz begegnen. Er braucht Liebe. Aber die Liebe ist die Zusammenfassung aller Gesetze.

Allerdings kann niemand die Liebe von anderen fordern. Er kann nicht hingehen und sagen: „Du bist doch Christ, du mußt doch nach der Liebe handeln. Ich will dich jetzt bestehlen, aber du mußt mir vergeben. Du darfst nicht einmal dein Eigentum zurückfordern!“ Ebensowenig kann man sagen: „Ich habe zwar allerhand Lügen über dich verbreitet. Aber du darfst mir deswegen nicht böse sein. Du darfst nicht einmal versuchen, die Sache richtigzustellen!“

Das mit der Liebe kann nur klappen, wenn beide Seiten sich daran halten. Ich kann nicht vom anderen Liebe fordern, und er kann es nicht von mir fordern. Wenn schon, dann müssen beide aufeinander zu gehen. Eine Einbahnstraße führt in die Sackgasse. Oder aber einer muß leiden‚ muß sich alles gefallen lassen, muß immer wieder nachgeben‚ auch wenn das ausgenutzt wird. So kann man natürlich auch handeln‚ und das muß nicht unchristlich sein. Aber ob es dem anderen hilft und ein Zeichen von echter Liebe ist, das ist doch fraglich.

Ohne Gesetz und Ordnung kann man auch heute nicht auskommen, auch nicht in der Kirche, sonst reißt Willkür ein. Wenn es einer mit dem 7. oder 8. Gebot nicht so genau nimmt, dann wird man schon den Finger auf diese offene Wunde legen müssen. Dann kann man nicht sagen: „Hier muß seelsorgerlich gehandelt werden, da kann man auch einmal darüber hinwegsehen!“ Seelsorgerlich wäre gerade, daß man auch die Gebote einschärft, damit der Verirrte wieder auf die rechte Bahn gebracht wird.

Das mit der Liebe gelingt nur, wenn alle Seiten sich daran halten. Gott ist dabei unser Vorbild. Er vergibt uns, wenn wir trotz allen guten Bemühens gescheitert sind. Aber er hält uns das Gesetz vor, wenn wir über ihn spotten und so tun, als gäbe es keine Gebote. Wenn einer sich bemüht hat - wirklich echt und ehrlich - nach Gottes Willen zu leben und dann doch sein Versagen erkennen muß‚ dann hilft Gott ihm wieder auf. Wenn man den guten Willen erkennt, dann kann man auch im Einzelfall wieder großzügig sein.

Gottesliebe und Nächstenliebe dürfen nicht auseinanderfallen. Unsere Gottesbeziehung kann nicht in mitmenschlichen Beziehungen aufgehen; man kann nicht sagen: „Wenn ich mitmenschlich handle, dann brauche ich Gott nicht mehr!“ Neben die Gebote der zweiten Tafel gehören unbedingt auch die drei ersten Gebote der ersten Tafel. Deshalb sollen die Eltern und Paten bei der Taufe auch versprechen: „Das Kind soll es lernen, Gott und die Menschen zu lieben!“ Ziel der Erziehung kann es also nicht sein, das Kind zum „anständigen Menschen“ zu erziehen. Für den Christen gehört der Glaube an Gott unbedingt dazu, sonst ist die Erziehung nicht vollständig.

Aber wer Gott lieben will, der wird auch ganz von selbst die Menschen lieben. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Man kann Gott nicht lieben, indem man sich vor dem Mitmenschen, vor seinen Ansprüchen - Bedürfnissen und Nöten - in Sicherheit bringt. Dies würde geschehen, wenn man sich auf den Gottesdienst und das Gebet zurückzöge.

Andererseits ist eine isolierte Nächstenliebe auch nicht im Sinne Jesu. Da könnte man sich zwar in große Aktivitäten stürzen, aber man hätte Gott dabei vergessen. Das wäre zwar Humanismus, der auch Großes vollbringen kann; aber das ist nicht das, was Jesus meint. Gott hat ein Recht auf unsere Liebe. Er will mit uns reden und wünscht sich, daß wir mit ihm reden. Wie sollte es auch eine Liebe zu den Menschen geben, wenn die Liebe zu Gott stumm und leblos ist?

Gott hat ein Recht auf unsre g a n z e Liebe. „Mit ganzem Herzen“ meint unser Personzen­trum. „Von ganzer Seele“ zielt auf unsere Lebendigkeit und auf unsren ganzen Leib. „Mit aller Kraft“ weist auf die Kraft und den Schwung unserer Liebe zu Gott. Von Jesus hinzugefügt ist „mit deinem Denken“, so daß also auch die Verstandeskräfte im Dienst der Liebe stehen.

Mit dem allen werden wir gefragt: „Welche Rolle spielt Gott im Ganzen deines Lebens? Wieviel Aufmerksamkeit wendest du ihm zu? Ist dein Denken und Schaffen ihm zugewandt? Ist dein Planen und Entscheiden von ihm bestimmt? Was bist du bereit, ihm zuliebe zu tun und vielleicht auch zu opfern?

Sehr hilfreich ist dabei die Bestimmung: „Lieben wie dich selbst“. Der stärkste Trieb des Menschen ist die Selbsterhaltung. Ob er es zugibt oder nicht: „Er mißt alle Dinge daran, ob sie ihm dienlich sind. Er ist sich selbst wichtig und möchte respektiert werden.

Jesus aber meint nun: „Mit eben dieser problemlosen Selbstverständlichkeit sollte der Mensch auch seinem Mitmenschen zugewandt sein, so „ohne Wenn und Aber“ sollte er ihn wichtig nehmen.

Dabei geht es dann auch nicht um den wechselseitigen Ausgleich der Interessen. Hier soll vielmehr der Mitmensch einen ungeschmälerten Anspruch auf meine Liebe bekommen. Aber hier merken wir auch: „So einfach Jesu Gebot ist, so anspruchsvoll ist es auch, weil es so total fordert.“ Aber diese Forderung ist möglich, weil ihr seine totale Zuwendung zu uns vorausgeht. In Jesus Christus ist die letztgültige Selbstzuwendung Gottes geschehen. Wo dieses Geschenk Gottes angenommen wird, da entsteht von selbst Liebe. Wir haben einen Gott, den man liebhaben muß, wenn man ihn nur kennt. Das müßten auch unsere Mitmenschen zu spüren bekommen.

Reihe I

 

Ergänzung;

Viele können das bis heute nicht begreifen: der Herrscher der Welt als ein Verbrecher am Kreuz gestorben! Aber wenn wir das nur auch einmal fertigbrächten, lieber einmal einzustecken als mit Gewalt den eigenen Vorteil zu suchen. Mancher wird sagen: Aber anders als unter Einsatz der Ellenbogen wird man kein Reich erobern! Doch es hat es ja noch niemand ernsthaft versucht - außer Jesus. Und der hat viele Anhänger gefunden, die versuchen, in seinem Sinne zu wirken.

Ein Rabbiner von heute kritisierte Jesu Wort: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" Er sagte: „Wo anders als in dieser Welt soll denn das Reich Gottes aufgerichtet werden?“ Sicherlich ist es kein Reich über den Sternen. Gott ist i n der Welt und sein Reich wird auch in der Welt sein. Doch es ist nicht so wie die Reiche dieser Welt, das will Jesus sagen.

Man kann i n der Welt sein und ist doch nicht v o n der Welt. Der Lebensraum für uns Christen ist diese Welt, die Welt Gottes, und nichts anderes sonst. Aber wir leben nicht nach der Gesetzen und Regeln dieser Welt, sondern von Gott her. Immer wo sich ein Mensch für Gott entscheidet und nach seinem Willen lebt, da wird schon ein Stück vom Reich Gottes heute Wirklichkeit.

Und wo Reich Gottes ist, da kann man auch die Dinge dieser Welt in Gebrauch nehmen, ohne sich von ihren beherrschen zu lassen. Ein Christ braucht nicht weltfremd zu sein und die angenehmen Seiten des Lebens zu meiden. Er braucht auch seinen Leib nicht zu verachten, sondern kann sich seines Lebens freuen. Da hatte auch der Rabbiner Kritik anzumelden: Das Christentum sei leibfeindlich eingestellt und unterdrücke speziell die Sexualität. Das Judentum aber sei immer bei dem Satz geblieben: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“

Hier beginnt das Judentum eire Offensive gegen den christlichen Glauben, den es als rückschrittlich darstellt. Der wahre Gottesglaube dagegen sei nur noch im Judentum enthalten, das sich sehr gut mit der modernen heutigen Welt vereinbaren läßt bzw. schon immer das gelehrt hat, was heute so allgemeine Überzeugung ist.

Man trifft sich dabei durchaus mit anderen Gegnern des Christentums. Es waren ja im Grunde drei entscheidende Angriffe, die man im Laufe des 19. Und 20. Jahrhunderts gegen das Christentum geführt hat. Angriffe, die jeweils einen anderen Aspekt herausgriffen, aber immer doch

bis ins Zentrum führten. Und wenn uns hier keine Klarstellung gelingt, dann wird es schlecht aussehen mit der Konkurrenzfähigkeit unsres Glaubens mit anderer Meinungen und Weltanschauungen.

Der erste Kritiker war der Philosoph Friedrich Nietzsche. Er bezeichnete das Christentum als eire Sklavenmoral, nur tauglich für im Leben Gescheitert und nicht für Herrenmenschen, die sich ihres Lebens freuen wollen.

Darauf bauten natürlich dann die Nationalsozialisten auf, die zweiten Kritiker. Sie brachten aber zusätzlich noch ihren „Mythos von Blut und Boden“ dazu. Vielen Christen war damals tatsächlich nicht deutlich, ob man nicht doch den germanischen Christus und die Rassenideologie der Nazis mit dem Christentum verbinden kann.

Der dritte Angriff wurde von seiten des angeblich „wissenschaftlichen“ Marxismus geführt. Er wirft dem christlichen Glauben speziell Wissenschafts- und Weltfeindlichkeit vor und will die Religion durch eine wissenschaftliche Aufklärung überwinden oder doch zumindest ganz an den Rand drängen.

Interessant ist nun, daß diese Motive der Weltfremdheit und Rückständigkeit auch in den jüdischen Angriffen gegen den christlichen Glauben zu finden sind, obwohl Faschismus und Kommunismus den Juden ja nicht gerade wohlgesinnt sind! Offenbar handelt es sich hier doch um gewisse Dinge, die immer wieder die verschiedenartigsten Menschen an diesem Jesus ärgern.

Es wäre ja auch schlimm, wenn sie sich nicht an Jesus ärgerten. Nur wenn sich einer ärgert, ist ihm der wahre Christus verkündet worden. Ein Pfarrer kam einmal mit einem Atheisten ins Gespräch, der bei einer Trauerfeier dabei war. Er meinte nur, hier sei ihm wieder einmal richtig deutlich geworden, welches haarsträubende Zeug den' Leuten von der Kirche erzählt werde; das könne man doch einem Menschen von heute nicht mehr zumuten. Der Pfarrer sagte darauf nur: „Daß Sie so reagieren, zeigt mir nur, daß die Predigt nichtig war. Das Evangelium von Jesus muß ja Widerspruch herausfordern, zumindest bei Leuten wie Ihnen, sonst ist es verwässert worden!“

Natürlich ist es nicht immer leicht, mit diesem gekreuzigten Herrn zu leben. Wir werden halt doch immer wieder dumm deswegen angesehen. Aber dieser Gekreuzigte ist auch der, der jetzt bei Gott ist und an der Herrschaft über die Welt mitbeteiligt ist. Uns zum Trost und zur Stärkung ist gesagt, daß über seine Feinde schon das Urteil gesprochen ist und sie ihm alle einmal zu Füßen liegen werden. Daran können kein Jude und kein Atheist etwas ändern. Aber erkennen und begreifen wird das nur, wer den Geist Gottes hat.

 

 

19. Sonntag nach Trinitatis: Mk 2 , 1 - 12

Was würde wohl ein Patient sagen, wenn der Arzt ihm verkündet: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ Der Patient ist doch gekommen, um Linderung und Heilung für seine körperlichen Leiden zu erlangen. Der Arzt soll reparieren, damit der Mensch wieder arbeitsfähig wird oder schmerzfrei seinen sonstigen Tätigkeiten nachgehen kann. Und das soll möglichst schnell gehen. Also müssen starke Medikamente angewandt werden, statt daß man es zu einer langsamen Gesundung mit Hilfe körpereigener Abwehrstoffe kommen läßt.

Es kann auch sein, daß der Patient selber schuld ist an seiner Krankheit. Viele Kranke verlangen Unmögliches vom Arzt: Erst haben sie unvernünftig gelebt, und nun soll der Arzt ihnen ein Mittel geben, damit sie auf der Stelle wieder gesund werden. Viele klammern sich vertrauensselig an eine Medizin und erwarten alles von ihr, anstatt einmal zu fragen, warum Gott wohl die Krankheit geschickt hat, und was er damit sagen will. Wenn einer zum Arzt käme, der sich einfach nur überarbeitet hat, durch Überstunden und Schwarzarbeit, dann sollte der Arzt die Krankheit zehnmal schlimmer machen als sie überhaupt ist und dem Betreffenden erst einmal ordentlich Angst machen. Und dann ein langsam wirkendes Präparat und Bettruhe verordnen. Wenn einer im Bett liegt, dann kommen ihm vielleicht doch manche Gedanken. Und vielleicht denkt er dann auch wieder einmal an Gott. Der Gang zum Arzt schließt ein Gebet um Heilung nicht aus. Ein Arzt weiß um seine Grenzen; er weiß, wie schnell er einmal Fehler machen kann. Wir sollten in ihm nicht einen modernen Zauberdoktor und Medizinmann sehen.

Viele körperliche Krankheiten haben aber auch eine seelische Seite und können nicht allein durch Apparate und Arzneien behoben werden. Ein Patient muß auch Vertrauen zum Arzt haben. Und er muß selber den Willen zur Heilung mitbringen. Körper und Seele stehen in einer Beziehung zueinander: eine körperliche Krankheit drückt auf die Seele, seelischer Kummer aber kann körperlich krank machen.

Magengeschwüre und Gallenerkrankungen haben oft ihre Ursache in einem Ärger, den man in sich hineingefressen hat. Der Arzt soll dann operieren. Aber vielleicht sollte er den betreffenden Menschen eher zum Psychiater schicken, zum Seelenarzt, oder auch zum Pfarrer. Er müßte dann sagen: „Bringen Sie erst Ihre Seele in Ordnung, dann kann Ihnen auch körperlich geholfen werden. Ich kann Ihnen jetzt etwas geben oder etwas machen, das zur Überbrückung dient. Aber auf Dauer muß Ihnen anderswie geholfen werden!“

Das Gleiche meint Jesus, als sie einen Gelähmten auf einer Bahre zu ihm bringen. Dieser Mann will jetzt eine schnelle Wunderheilung, so wie sie bis heute manche Heiler zustandebringen. Aber wenn sie dann geschehen ist, wenn die unmittelbare Gefahr vorüber ist, dann ist alles vergessen und es bleibt alles beim Alten. Jesus aber gibt zu verstehen: „So einfach ist das nicht, wie ihr euch das denkt. Hier muß umfassender geholfen werden. Diese Krankheit ist zwar nicht die Folge einer speziellen Sünde, die dieser Mann begangen hat. Aber sie ist Ausdruck der verderbten Schöpfung, die nicht mehr so ist, wie Gott sie geschaffen hat. Alle Menschen sind Sünder. Und die Heilung von Sünden ist genauso wichtig wie die körperliche Heilung!“ Das will Jesus auch den zahlreichen Zuschauern zeigen, will ihnen deutlich machen, wo es bei ihnen allen fehlt.

Das ist wirklich eine Überraschung, die Jesus da zu bieten hat: „Statt Heilung will er Vergebung schenken!“ Aber für den Kranken wird es eher eine böse Überraschung gewesen sein. Er weiß ja noch nicht, daß auf die Vergebung die Heilung folgen wird. Nicht die Sünde tut ihm weh, sondern die Knochen. Deshalb hat man ja gesagt: „Die Menschen wären an sich glücklich, wenn ihnen nicht immer w:ieder von der Kirche eingeredet würde, sie seien Sünder!“

Wer gesund ist, kann leicht sagen: „Vergebung ist wichtiger als Gesundheit!“ Aber heimlich meint doch jeder: „Ohne Vergebung läßt es sich sehr wohl noch leben, doch ohne Gesundheit, da ist das Leben schon fast nicht mehr lebenswert. Der innere Schaden hindert ja nicht so sehr wie der äußere!“

Wenn man Konfirmanden fragt, welche der sieben Bitten des Vaterunser die wichtigste sei, dann antworten sie regelmäßig: Die vierte Bitte, in der es um das tägliche Brot geht! Und dazu gehört ja nun einmal auch die Gesundheit. Doch als zweitwichtigste Bitte wird meist die Vergebung der Sünden genannt. Das ist ein Hinweis darauf, daß doch den meisten Menschen beides wichtig erscheint. Nur im Konfliktsfall wäre das Essen immer noch wichtiger als die Vergebung - da können wir ruhig ehrlich sein.

Jesus macht deutlich: Eine Krankheit trennt nicht von Gott. Sie kann unter Umständen sogar zum Segen werden, weil man da ganz neue Erfahrungen mit Gott machen kann. Gerade wenn man vielleicht länger liegen muß, kommen Dinge ins Blickfeld, die sonst immer zu kurz kamen. Da merkt man erst, wie begrenzt und schwach man ist und wie sehr man Gott nötig hat. Man denkt vielleicht auch über sein bisheriges Leben nach und merkt, was man bisher versäumt hat. In der Krankheit hat man endlich wieder einmal Zeit und kann auch auf Gott hören und über Sünde und Vergebung nachdenken.

Deshalb ist auch die Seelsorge am Krankenbett wichtig. Viele Stationsärzte in den Krankenhäusern begrüßen es ausdrücklich, wenn der Pfarrer kommt, weil das den Gesundungsprozeß günstig beeinflussen kann. Andererseits werden heutzutage Ärzte gern als Seelsorger angesprochen. Da wundern sich dann die anderen Patienten im Wartezimmer, wenn sie zwar einen Termin hatten, aber es immerzu nicht weiter geht. Aber vielleicht ist jetzt gerade jemand mit einem vergleichsweise harmlosen körperlichen Anliegen gekommen, braucht aber in Wirklichkeit die Möglichkeit zur Aussprache, braucht seelische Hilfe. Ärzte sind heute vielfach die modernen Seelsorger. Man geht lieber zu ihnen, weil sie den Schaden gewissermaßen naturwissenschaftlich sehen und nicht gleich mit der Sünde kommen. Sehr gut wäre da sicher die Verbindung beider Berufe: Daß die Pfarrer auch Mediziner und die Mediziner auch Pfarrer sind.

Jesus fragt den Kranken auch nicht nach seiner Vergangenheit. Er macht ihm auch keine Vorwürfe. Er sagt nur und ungefragt: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ Denn das hat der Kranke jetzt erst einmal nötig. Jede äußerliche Heilung wäre doch fragwürdig, wenn der Konflikt mit Gott bestehenbleibt. Und umgekehrt gilt auch: Es könnte jemand krank sein und bleiben und dennoch wissen, daß nichts mehr zwischen ihm und Gott steht.

Jesus fragt: „Was ist denn leichter, die Heilung oder zu sagen, daß die Sünden vergeben sind?“ Jeder würde darauf antworten: „Die Sündenvergebung ist leichter, das braucht man ja nur zu sagen, aber nachprüfen kann es niemand. Bei einer Heilung aber kann man den Erfolg sichtbar vorzeigen!“ Doch eine Heilung besagt ja noch nicht, daß der Kranke auch auf ewig heil wird. Die Kranken, die Jesus geheilt hat, sind ja eines Tages doch einmal gestorben. Aber geblieben ist ihnen die Versöhnung mit Gott.

Dieser Zusammenhang zwischen Körper und Seele kann auch noch einmal deutlich werden an einem Thema, das immer wieder heftig diskutiert wird, nämlich die Abtreibung. Manche Frauen vertreten seit Jahren den Standpunkt: „Mein Bauch gehört mir!“ Der Bauch gehört ihnen zweifellos, aber nicht das Leben, das in ihm heranwächst. Das ist ein eigener Mensch, den man nicht so herausschneiden kann wie den Blinddarm und die Galle.

Wer hier tötet, beseitigt nicht nur ein Gewüchs von Zellen, sondern einen Menschen mit einer Seele. Und man muß schon fragen, weshalb das straffrei sein soll, nach der Geburt des Kindes aber nicht mehr. Hier werden sehr schnell Dämme eingerissen, so daß eine Flut neuer Fragen aufkommt: „Wenn mir ein kranker oder alter Mensch nicht in den Kram paßt, dann kann ich ihn ja vielleicht auch schmerzlos beseitigen, sozusagen entsorgen. Wie weit sind wir da noch von dem Begriff ‚lebensunwertes Leben-‚entfernt. Wer entscheidet hier: die Frau, der Arzt, das Gericht? Man .muß nicht alles m:achen, nur weil man es machen k a n n.

Aber man darf hier auch nicht zu schnell urteilen. Wer nie in diesem Konflikt gestanden hat, kann gar nicht ermessen, wie schwer in manchen Fällen zu entscheiden ist. Aber man sollte klar sagen, daß Abtreibung Schuld ist. Sie ist kein Mittel der Schwangerschaftsverhütung, daß man eben denkt: „Wir ergreifen keine Maßnahmen, wenn es eben schief geht, dann haben wir ja immer noch diese Möglichkeit!“ Ein entsprechendes Strafgesetz kann da durchaus die Gewissen schärfen und Schuld verhindern. Die meisten machen sich ja auch gar nicht klar, welche schweren seelischen Probleme eine Abtreibung für die verhinderte Mutter mit sich bringt. Vorher wird das alles verdrängt. Aber wenn es dann geschehen ist, dann türmt sich ein Berg von Vorwürfen auf.

Deshalb dürften nicht nur alte Männer in dieser Frage entscheiden, nicht nur Politiker oder Theologieprofessoren oder auch der Papst. Man sollte auch einmal die jungen Menschen fragen, die ihr Leben in doppelter Weise ihrer Mutter verdanken: Damals war die Mutter erst 17 und noch in Ausbildung, und die Eltern und die Ärzte haben ihr zugeredet, „es“ doch zu machen. Aber sie hat sich durchgesetzt und das Kind zur Welt gebracht und ist heute schon glückliche Oma.

Abtreibung kann und darf keine Massenlösung sein. Schon gar nicht darf wirtschaftliche Not der Grund sein. Aber man kann sich schon Fälle denken, wo ein Schwangerschaftsabbruch das kleinere Übel ist. Aber man sollte ihn auch wirklich als „Übel“ bezeichnen und Gott um Vergebung darum bitten und nicht selbstherrlich über Leben und Tod entscheiden wollen. Und wer selber einmal den Konflikt einer ungewollten Schwangerschaft miterlebt hat, wird duldsamer und verständnisvoller in dieser Sache sein. Und wer heute noch darunter leidet, daß er abgetrieben hat, der darf sich erst recht an den vergebenden Gott wenden.

Solche Vergebung ist auch für uns heute noch möglich: In der Kirche wird sie uns zugesagt, zwar durch Menschen, aber im Auftrag Gottes, so wie Jesus das dem Gelähmten sagte. Wir haben heute nicht so sehr eine Heilungsgeschichte gehört, sondern eine Vergebungsgeschichte. Unser Leben entscheidet sich daran, ob uns die Vergebung Gottes zugesprochen wird, alle anderen Sorgen sind zweitrangig. Wenn uns aber vergeben wird, dann hat das Auswirkungen auf den ganzen Menschen, auch auf den Leib. Jesus ist für beides zuständig, für Leib und Seele. Er will uns auch noch heute in jeder Hinsicht gesund machen.

 

 

Spielszene zum nachfolgenden Predigttext:

Käte:    Sag mal, Jochen, wieviel hast du denn in diesem Monat verdient?

Jochen: Daß ihr Frauen das immer so genau wissen müßt! Also: 1.800 Euro brutto und 1.300 Euro auf die Hand.

Käte:    Da müssen wir aber noch ganz schön lange warten, bis wir unser Wochenendgrundstück kaufen können.

Jochen: Erst müssen wir in unserer neuen Eigentumswohnung sein und den Audi haben. Das heißt: Wenn Oma stirbt, dann erben wir sicher ihr ganzes Vermögen, und dann baue wir unser Wochen­endhaus. Was Müllers können, das können wir schon lange.

Käter:  Weißt du, Jochen, eigentlich könnte ich ja Samstag und Sonntag auch noch arbeiten und nebenbei etwas verdienen.

Jochen: Vielleicht als Aushilfsschwester im Krankenhaus.

Käter:  Was? Als Schwester? Da denke ich gar nicht dran. Was verdient man denn da! Nein, das ist unter dem Strich, das kommt überhaupt nicht in Frage!

Jochen: War ja nur ein Vorschlag. Oder willst du als Kellnerin gehen? Die gehen meist mit einem guten Trinkgeld nach Hause.

Käte:    Du willst mich wohl aufziehen. Schwester, Kellnerin! Das mache ich nicht mit, das lohnt sich doch nicht!

Ein Jahr später

Käte:    Langweilig ist das hier. Seit einem halben Jahr arbeite ich nicht mehr. Dieses schreckliche Haus! Mir fällt bald die Decke auf den Kopf! Immer dieser schreckliche Krach! Aber in drei Monaten ist alles vorbei. Das Häuschen auf dem Wochenendgrundstück ist fast fertig. Das Geld von der Oma haben wir natürlich total verbuttert. Und gearbeitet haben wir fast Tag und Nacht…..                                                                                (Es klingelt):

Bote:   Ich komme aus dem Krankenhaus. Sind Sie Frau Käte Spärlich?

Käte:    Um Himmels willen, ist etwas passiert? Mein Mann Jochen? O Gott, ist er tot?

Bote:   Nein, regen Sie sich nicht auf. Sie sollen nur gleich ins Krankenhaus kommen.

Käte:    O Gott, was ziehe ich nur an? So kann ich doch nicht losrennen! Was soll ich nur machen?

                                               Im Krankenhaus

Doktor: Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall, er ist schwer verletzt. Sie können leider nicht zu ihm.

Käte:    Mein Mann hat sonst niemand als mich. Wir haben keine Kinder, keine Verwandten, keine Freunde, keine Nachbarn. Sie dürfen meinen Mann nicht allein lassen.

Doktor: Er ist nicht allein, eine Schwester hält bei ihm Wache. Aber er braucht jetzt dringend Ruhe. Es wird gut für ihn sein, einmal Zeit zum Nachdenken zu haben. Und vielleicht tut Ihnen, Frau Spärlich, die Ruhe im Hause auch einmal gut.

Käte:    Wie soll ich so lange ohne meinen Mann auskommen? Das kann ich nicht! Warum geht es gerade uns so? Jetzt, wo wir am Ziel waren, da geht es uns so dreckig. Warum bloß?

Doktor: Vier bis sechs Wochen haben Sie Zeit. Versuchen Sie, etwas Vernünftiges daraus zu machen. Chancen, die man hat, sollte man nützen.

 

 

Erntedankfest: Lk 12, 15 - 21

Es ist kaum zu fassen‚ daß dieser reiche Mann ein Narr sein soll. Er lebt nicht von der Hand in den Mund, sondern plant vernünftig für die Zukunft. Geistesgegenwärtig will er sich gleich Handwerker sichern, die seine Lagerräume vergrößern. Er wäre sicher nicht reich geworden, wenn er nicht auch früher aufgepaßt und geschäftliches Talent entwickelt hätte. Er hat seinen Reichtum nicht auf Kosten anderer Leute erworben, sondern war eben fleißig, sparsam und geschickt. Und wenn sich einer rechtzeitig zur Ruhe setzt, dann ist das doch nur eine Tugend. Wie viele übertreiben doch nach der anderen Seite und arbeiten pausenlos bis zum Umfallen. Es soll ja auch immer bergauf gehen

Der reiche Mann macht da nicht mehr mit. Er will sich endlich einmal eine Verschnaufpause gönnen. Er will nicht immer nur arbeiten, bis er eines Tages tot umfällt und die anderen von ihm sagen: „Jetzt wo er langsamer treten wollte und sein Leben genießen konnte, da mußte er sterben!“ So dumm will er nicht sein, auch in dieser Hinsicht ist er an sich ein kluger Mann.

Und schließlich kommt bei dem Mann auch nichts um. Wenn man nicht richtig plant, verderben manche Lebensmittel. Wenn man den Kindern zu viel Brot mit in die Schule gibt, wandert es in den Abfallkorb.

Bei Familienfeiern wird meist viel zu viel an Essen herbeigeschafft und verdirbt nachher. Und vom Werkessen wird auch manches wieder zurückgegeben. Das hängt allerdings auch damit zusammen, daß wir wieder anspruchsvoll geworden sind. Manche Hausfrau kann eine

Verkäuferin zur Verzweiflung bringen, und wenn der gewohnte Bäcker einmal krank ist, dann wird auf ihn geschimpft, anstatt ihm gute Besserung zu wünschen. Der reiche Kornbauer aber richtet sich nach dem Bedarf und tut das Erforderliche.

Aber einen entscheidenden Fehler hat er gemacht: Er rechnet nicht mit seinen Mitmenschen und er rechnet vor allem nicht mit Gott. In der ganzen Geschichte kommt kein anderer Mensch vor. Immer wieder spricht der Mann nur von sich selbst. Und Gott erscheint nur, weil er von sich aus in das Leben dieses Mannes eingreift. Er durchkreuzt alle Pläne und gebietet ein Halt! Jetzt stellt sich heraus: Das kostbarste Gut ist die Zeit. Und wenn sie abgelaufen ist, dann helfen kein Geld und kein Arzt, dann bekommen andere Dinge ein großes Gewicht.

Natürlich hätte es auch nicht genügt, nun noch zusätzlich etwas für die Gesundheit zu tun, um den Herzinfarkt zu vermeiden. Das ist hier nicht gemeint. Der Fehler liegt darin, daß dieser Mann nur in Sach- und Geldwerten denkt. Er hat nicht bemerkt, daß hinter dem reichen Ertrag seiner Felder einer steht‚ der ihm das alles hat zukommen lassen. Er wird Gott wohl nicht leugnen, er hat ihn noch nicht offiziell abgeschafft. Sicher hat er auch etwas zum Erntedankfest gespendet. Aber wenn man ihn fragt: „Worauf gründest du dein Leben“ dann antwortet er: „Auf das was ich mir erwirtschaftet habe!“

In diesem Punkt ist der Kornbauer eigentlich ein moderner Mensch. Seine Welt besteht nur aus ihm selbst und verschiedenen Dingen. Daß da noch ein Geber ist, der hinter allen Gaben steht, kommt ihm nicht in den Blick. Den Erfolg seines Lebens mißt er nur an den sichtbaren Dingen.

Man kann allen Leuten zeigen, wie gut es einem geht. Manchem genügt schon das neueste Farbfernsehgerät. Ein anderer braucht ein Auto. Ein Dritter ein Haus mit allem drum und dran bis hin zum Gartenzaun. Weil die Arbeit im Beruf oft so trostlos und wenig ausfüllend ist, sucht man auf diesem Feld seine Selbstverwirklichung. Ist ein Teilschritt erreicht, wird schon das nächste Ziel ins Auge gefaßt. Immer heißt es: „Nur noch das, dann bin ich fertig!“Aber wenn es geschafft ist, geht es gleich wieder weiter.

Natürlich muß man das erhalten, was man von den Vorvätern ererbt hat. Natürlich muß man für sich und seine Familie sorgen, damit man mit dem Nötigsten ausgestattet ist. Natürlich darf man auch Pläne machen. Wenn man zum Beispiel heiratet, kann man sich doch nicht

nur vor Augen halten‚ was alles schief gehen könnte. Natürlich ist es auch gut, wenn man eine gewisse Vorsorge trifft; jeder von uns ist in der Krankenversicherung und in manch anderer dazu.

Aber der Wahlspruch: „Versichert - gesichert“ streut doch nur Sand in die Augen. Keine Versicherung kann uns vor Schaden bewahren, sondern höchstens die Folgen eines Unglücks abmildern. Vor allem aber sollte eine Versicherung uns nicht davon abhalten‚ Gott mit in den Plan unseres Lebens mit einzubeziehen. Gerade wenn man sein Leben sichern will, muß man sich auf Gott verlassen; dann kann man auch den Verlust bestimmter Güter verschmerzen, weil man sich gehalten weiß von der umfassenderen Fürsorge Gottes.

Wenn aber die Verbindung zu Gott fehlt, nutzt aller Besitz nichts. Vorrat und Besitz an sich sind nicht böse. Aber sie werden fragwürdig, wenn wir uns allein auf sie verlassen, so als ob es Gott nicht gäbe. In Wirklichkeit aber begegnet uns Gott in all den Dingen, die wir anfassen und wovon wir leben. Wir können immer nur wegnehmen was Gott zuvor hingelegt hat. Im Geschehen von Saat und Ernte kann man das besonders unmittelbar erleben.

Gott erhält unser Leben durch die Dinge. Sie haben nicht nur einen Gebrauchswert, sondern sie sind Geschenke Gottes. Anders gesagt: Wir empfangen nicht nur Kalorien, sondern wir empfangen durch sie die Liebe Gottes. Am Erntedankfest geben wir zu erkennen, daß uns dies bewußt ist. Und im täglichen Tischgebet, das ja das Erntedankfest des Alltags ist, bestätigen wir dies immer wieder neu

Der Reiche Kornbauer feiert kein Erntedankfest. Wem sollte er auch danken als sich selbst? Von Gott will er nichts wissen; deshalb redet er nicht mit ihm, sondern nur mit sich selbst. Und auch der Mitmensch ist nicht in seinem Blick; denn er fragt sich nicht: „Wozu ist mir denn dieser Reichtum gegeben, könnte ich damit nicht anderen Menschen helfen?“ Dieser Mann hat nicht erkannt, wovor er lebt und wozu er lebt.

Auf einem Bild ist der reiche Kornbauer dargestellt, wie er mit den Armen seine vielen Geldsäcke zu umfassen und festzuhalten sucht. Aber hinter ihm steigt schon der Tod auf. Er will sich einigeln in seinen Besitz, wie eine schützende Mauer hat er hat er die Säcke um sich her­um­gestellt. Aber dem Tod macht diese Mauer nichts aus, er holt ihm doch.

Wie hätte es der Bauer aber richtig machen können, wie können wir es richtig machen? Darüber wollen wir jetzt noch einmal nachdenken:

(1.) Wenn wir unseren Besitz auch frohen Herzens hergeben könnten, hätten wir die richtige Einstellung zu ihm. Auch wenn uns alles genommen wird, so haben wir doch Gott, der uns weiterhilft. Unser Leben wird nicht sinnlos, wenn wir bestimmte Dinge nicht mehr haben. Wir sollten keine Angst haben. wir könnten sie eines Tages verlieren. Wir sollten sie vielmehr mit Freude in Gebrauch nehmen und sie genießen. Und wir sollten Gott dafür danken und uns an ihn binden und nicht an die Dinge.

(2.) Der Mensch braucht mehr zum Leben als was er ißt und trinkt. Wer nur auf sein Geld achtet, merkt oft nicht, wie unterernährt er innerlich ist. Was hilft es denn, wenn die Scheunen voll sind und das Herz ist leer geblieben? Einseitige Ernährung ist gefährlich. Auch unsre Seele braucht „Vitamine“, nämlich die Liebe zu Gott und den Menschen. Werden wir verlegen, wenn wir etwas besitzen, das über das Notwendige hinausgeht? Möchten wir tatsächlich nur mit dem täglich Notwendigen leben? Wo ist die Grenze zwischen Nötigem und Überflüssigem? Verschiebt sich diese Grenze?

(3.) In der Frage des Hungers auf der Welt müßten wir andere Wege beschreiten. Die „Aktion Brot für die Welt“ ist eine gute Sache und hilft wenigstens einigen wenigen Menschen, ein kleines Stück weiter. Mit unserer Spende zum Erntedankfest haben wir schon das Sicherheits- und Besitzdenken durchbrochen und haben schon etwas abgegeben

Aber um das ganze Problem in den Griff' zu kriegen, muß an längere Hebel ansetzen. Wir gehören ja zu den reichen Ländern und haben da eine besondere Verantwortung. Vielleicht ist uns das nicht so deutlich, daß wir im Grunde zu den reichen Kornbauern gehören. Wir vergleichen uns gern mit der absoluter Weltspitze anstatt mit der großen Masse der Völker, die in bitterster Armut leben und für die eis Erntedankfest wie unseres kaum möglich ist.

Es gibt ja Länder, da wird der landwirtschaftliche Überschuß vernichtet, damit die Preise hoch bleiben; und in den gleichen Ländern haben dann die armen Leute nicht das Geld, um die teuren Produkte zu kaufen. Und auch von uns ist zu sagen: Allein von unseren Abfällen, von dem was achtlos weggeworfen wird, könnte manches andere Land leben. Wir können am heutigen Tag nicht vergessen, daß Millionen von Menschen hungern, in Südamerika, in Afrika und anderswo.

Aus Bolivien wird uns folgende Geschichte berichtet: Eine Indianerfrau hat fünf Kinder. Aber sie füttert immer nur vier vor ihnen, das jüngste kriegt nichts ab. Sie wird zur Rede gestellt, weshalb sie ausgerechnet dem jüngsten gar nichts gibt. Ihre Antwort ist: „Das ist das Schwächste, das wird sowieso zuerst sterben Ich muß sehen, daß ich wenigstens die anderen durchkriege!“

 (4.) Wir können aber auch nicht der Gottesdienst beenden mit dem Gebet: „Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser Kornbauer. Ich bin nicht so tüchtig wie er, gehe aber in die Kirche und gebe dort mein „Opfer“. Mit Geld kann man sich noch nicht vor der Verpflichtung gegenüber Gott und dem Mitmenschen freikaufen. So wollen wir heute unseren Mitmenschen danken, weil sie ein Stück ihres Lebens für uns gegeben haben, seien sie nun Bauer oder Arbeiter, Bäcker oder Arzt. Die in der Stadt können der Bauern dankbar sein, daß sie bei Wird und Wetter, Frost und Hitze tätig sind, damit wir etwas zum Essen auf dem Tisch haben. Und die Bauern werden der Industriearbeitern und Handwerkern dafür dankbar sein, daß sie die nötigen Maschinen und Geräte zur Verfügung stellen. Wir hängen doch alle voneinander ab und haben deshalb auch a 1 1 e Grund, das Erntedankfest zu feiern.

Vor allem aber wollen wir Gott danken, der uns diese Leben gegeben hat und auch sonst alles, was wir zum Leben brauchen. Weil er da ist, brauchen wir zum Glück keinen Vorrat auf viele Jahre anzulegen. Vielmehr empfangen wir unser Leben täglich neu aus seiner Hand. Unser Reichtum besteht darin, daß wir uns auf ihn berufen können, wenn es um die letzten Dinge geht. Dafür wollen wir ihm danken, heute und alle Tage.           

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: Mk 10, 2 - 9

Darf man sich scheiden lassen? Für viele Ehepaare ist das keine Frage mehr. Sie haben die Entscheidung getroffen und die Scheidung hinter sich. Wenn die Kirche in der Nachfolge Jesu sagt: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden?“dann steht sie damit im Widerspruch zum Denken und Fühlen der Gesellschaft. Diese räumt das Scheidungsrecht ein für Ehen, die ihren Sinn verloren haben.

„Wen wir nicht miteinander können, dann lassen wir uns scheiden!“ sagen junge Paare, noch ehe sie miteinander begonnen haben. Manche ziehen es sogar vor, gar nicht erst zu heiraten, damit nicht noch Kosten entstehen beim Auseinanderlaufen. Das wird dann sogar noch gerechtfertigt mit einer angeblich fortschrittlichen Einstellung. Oder man sagt: „Es ist doch besser, wir bleiben zusammen, als daß wir heiraten und bald wieder geschieden sind, wie es bei vielen anderen der Fall ist!“ Doch wer sich wirklich liebt, der kann auch heiraten, kann seinem Verhältnis auch eine feste Form geben. Zum Glück handeln doch immer noch die meisten Paare danach, besonders die jungen.

Es gibt einem Pfarrer schon zu denken, wenn nach der Statistik jede dritte Ehe wieder geschieden wird. Als Pfarrer kann er nicht als Unbeteiligter und von oben herab über Ehe und Scheidung sprechen. Er ist immer mit Betroffener, der etwas weiß von dem Lernprozeß in einer Ehe, von Konflikten und auch von der Möglichkeit des Scheiterns. Wie soll er sich verhalten‚ wenn ein Geschiedener wieder heiraten will und auch getraut werden möchte, von dem gleichen Pfarrer wie beim ersten Mal? Vielleicht sitzt auch heute jemand unter uns, der sich mit dem Gedanken an Scheidung trägt.

Aber dieser Satz Jesu: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ sollte nicht nur als Gesetz verstanden werden. Er ist auch eine gute Nachricht für alle Paare, die mit dem Segen Gottes leben wollen, die Mut zur Treue und zur Bindung fürs Leben haben. Jesus will nicht nur eine strenge Gesetzesauslegung - vielleicht noch strenger als die seiner jüdischen Zeitgenossen - .er will auch Barmherzigkeit und das Annehmen der frohen Botschaft.

Gott schützt die Ordnung der Ehe. Von Anfang der Schöpfung an hat Gott den Menschen geschaffen als Mann und Frau, die aber e i n Lebewesen sein sollen. Sie sind nicht wie zwei an einem Schachbrett. Gehen sie auseinander, dann wird von jedem eine Hälfte amputiert. Das leibliche Einswerden ist ein Geschehen, das zwei Menschen aufs Tiefste miteinander verbindet. Da gibt einer dem anderen sein letztes, gibt sich selbst. Das kann man nicht ungeschehen machen.

Jesus will uns die Liebe nicht ausreden. Er will, daß wir diese Gottesgabe besser nutzen und fröhlicher empfangen. Er möchte uns vor Halbheiten bewahren. Dazu käme es aber, wenn wir ohne Hingabe und das tiefe „Ja“ zum anderen lieben wollten, ohne Treue und ein unauflösliches Einssein.

Jesus überbietet das Gesetz, indem er auf Gottes Urabsicht mit den Menschen hinweist. Zwar wird keine Ehe das voll verwirklichen können, was hier gemeint ist. Aber sie wird daran ausgerichtet sein, was Gott als Idealbild in der Schöpfungserzählung uns vor Äugen gestellt hat. Dieses Bild soll uns immer wieder in Unruhe und Bewegung halten, soll uns anreizen, diesem Ideal auch wirklich nachzueifern.

Die heute übliche Meinung ist allerdings anders. Da sagt man: „Es ist nicht ungesetzlich, wenn man sich scheiden läßt!“ Wer etwas erlaubt, scheint gütiger zu sein als der, der etwas verbietet. Er trägt der Wirklichkeit Rechnung und scheint menschlicher zu sein.

Jesus aber rechtfertigt die Scheidungspraxis nicht, weil er mehr für die Menschen will. Er sagt: „Schon Mose hat nur notgedrungen die Scheidung zugelassen!“ Im Grunde hat er diese Praxis schon vorgefunden und lediglich die Rechtsfolgen einer Scheidung etwas geregelt. Doch bis zur Zeit Jesu war es da zu allerhand Auswüchsen gekommen. Zunächst einmal konnte nur der Mann sich scheiden lassen. Es genügte, wenn er dazu einen Scheidebrief schrieb und ihn seiner Frau übergab. Für die strengen jüdischen Lehrer war zwar nur Untreue ein Scheidungsgrund. Aber für die anderen genügte schon, wenn die Frau das Essen anbrennen ließ oder wenn der Mann eine andere fand, die schöner ist als seine Frau.

Jesus aber ergreift Partei für den schwächeren Partner und verkündet zugleich den ursprünglichen Willen Gottes. Er sagt nur: „Wegen eurer harten Herzen hat man die Möglichkeit der Scheidung zugestanden!“ Auch der nach dem Recht Geschiedene kann sich nicht auf sein Recht berufen, sondern wird an sein steinernes Herz erinnert.

Heute hat man es leichter als früher, die Scheidung zu erlangen und die finanziellen und sozialen Folgen zu tragen. Deshalb geht man oft vorschnell in jungen Jahren eine Ehe ein, um endlich von den Eltern unabhängig zu werden und um das zu finden, was man bei Vater und Mutter nicht gefunden hat. Doch sie bedenken nicht, daß statt einer Neubauwohnung oft nur die Notwohnung bei den Schwiegereltern bleibt, und daß es nicht nur die Freude an den ersten Schritten des Kindes gibt, sondern auch die durchwachten Nächte am Bett des kranken Kindes.

Man kann kein Paar zwingen zusammenzubleiben. Wo zwei Partner nur noch übereinander stöhnen, sich anschreien oder gar schlagen, kann die Scheidung angebracht sein. Aber man sollte auch nicht vorschnell denken: „Da kann man sowieso nichts machen!“ Es haben auch immer wieder Menschen die Worte Jesu beherzigt, oft unter Mühen und Selbstüberwindung. Aber sie haben durch offene Worte sich gegenseitig geholfen und sind wieder zusammengeführt worden.

Mancher hat auch seine Schuld neu sehen gelernt. Daß man schuldig werden kann am Ehepartner, das leuchtet vielleicht noch ein. Aber daß man damit zugleich schuldig wird vor Gott, verstehen die wenigsten. Deshalb meldet Jesus mit seinem Reden und Handeln Protest an gegen unsere Art zu leben und zu handeln. Ihm paßt der ganze Weltzustand nicht, in den hinein Mose sein Gesetz gesprochen hat.

Das Gesetz ist für Sünder gemacht, ist eine Notordnung. Es ist nicht dazu da, daß aus Sündern nun Nicht-Sünder werden. Es ist vielmehr nur dazu da, daß Sünder nicht an ihrer Sünde kaputtgehen, und auch, damit sie merken, wie es um sie steht. Leider gibt es auch Ehescheidung, weil die Herzen verkrustet und versteinert sind. Da scheitert dann auch der gute Schöpferwille Gottes, der an sich den Menschen volles Glück zugedacht hat.

Das Gesetz ist nur so etwas wie ein Notverband. Aber man kann nicht ein ganzes Leben lang mit einem Notverband herumlaufen. Der Notverband kann nur vorübergehend Schlimmeres verhüten, aber nicht den Schaden beseitigen. So kann auch das Gesetz uns nicht von der Sünde befreien. Jesus weiß, daß wir unsere Ehen nur als Sünder führen können. Er hält uns nicht seine hohe Auffassung von der Ehe vor, um uns daran zerbrechen zu lassen. Er weiß, daß es nicht in allen Fällen ohne Notmaßnahmen abgeht. Aber er möchte verhindern, daß wir durch einen Notausgang aus der Ehe fliehen.

Wir führen unsere Ehen als Sünder in einer sündigen Welt. Keiner soll überrascht sein und von vornherein wissen: „Der Partner ist ein Sünder!“ Aber noch viel wichtiger ist das andere: „Ich selbst bin auch ein Sünder!“Ohne tägliche Vergebung geht es nicht. Aber mit ihr, da geht es.

Das eheliche Miteinander ist ein überaus komplizierter und empfindlicher Prozeß. Um glücklich zu sein, müßte man eigentlich dieses verletzliche Gebilde in- und auswendig studiert haben. Jesus kennt die Menschen. Deshalb verweist er auf einen Außenstehenden, verweist er auf Gott, der die Menschen zusammengebunden hat wie ein Gespann unter einem einzigen Joch.

Wir suchen das Verbindende leicht in uns selbst: im Verliebtsein, in der gegenseitigen Anziehungskraft, in dem, was uns am anderen besonders gefällt. Aber im Ernstfall trägt das nicht. Die Verliebtheit vergeht, das Faszinierende wird zur Gewohnheit. Und der Alltag verschluckt, was die Hochstimmung hervorbrachte.

Da ist es sicher eine große Hilfe, wenn man sich vor Augen hält: „G o t t fügt zusammen!“ Was uns verbindet, liegt außerhalb von uns. Das trägt unendlich viel mehr als die schönsten Gründe, die wir selbst für unser Verbundensein entdecken könnten. Gott hat von

Anbeginn der Schöpfung gewollt, daß Mann und Frau zusammengehören. Ma n muß ihn nur an sich heranlassen, auch an die Art, die Ehe zu führen. Gott will noch etwas aus uns machen. Wenn wir das immer vor Augen hätten‚ geschähe in mancher Ehe noch ein Wunder.

 

 

21. Sonntag nach Trinitatis: Mt 5, 38 - 48

Früher waren die Franzosen unsere Feinde. Auf dem Niederwald bei Rüdesheim hat man ein Denkmal aufgestellt, auf dem eine Germania eine Drohgebärde in Richtung „Erbfeind“ im Westen macht. Man hat sich herausgeredet, die Germania sehe ja in Richtung Mainz. Aber ihre Schöpfer haben schon Frankreich im Auge gehabt. Dann waren angeblich die Juden an jedem Unglück des deutschen Volkes schuld, und ihre Vernichtung sollte Deutschland zur vollen Größe verhelfen. Nach dem Krieg waren die „Russen“ die Feinde, die uns zu überrollen drohten. Und heute ist es der Terrorismus, der unseren Wohlstand kaputtmachen will und der deshalb mit Waffengewalt bekämpft werden soll.

Aus dem „Feinden“ sind inzwischen Freunde geworden. Nur bei der gegenwärtigen Bedrohung durch den Terrorismus können wir noch nicht einsehen, daß wir auch diese Menschen lieben sollen. Natürlich können wir zum Beispiel die Moslems unter uns lieben, die sich ja fast durchweg von den Gewalttätern abgrenzen. Aber die Täter selber lieben, das zeigt uns doch, wie unerhört diese Forderung Jesu ist. Daß Gott von uns Vollkommenheit erwartet, das ist ein so hoher Anspruch, daß es uns den Atem verschlägt.

Doch es geht nicht darum, daß wir unsre menschlichen Möglichkeiten immer mehr ausbauen, sondern die Liebe kommt aus der Vollkommenheit Gottes, die uns in den Seligpreisungen zugesprochen wird. Sicher: Das ist wie eine tausend Meter hohe Felswand ohne Vorsprünge und Griffe, die wir nehmen sollen und nicht können. Aber weil unser Vater im Himmel in Jesus Christus nach uns greift, können wir das in der Bergpredigt Geforderte auch umsetzen.

In drei Stichpunkte kann man sich das noch einmal vor Augen führen: Die Liebe, wie sie von Gott zu uns kommt, ist grenzenlose Liebe, ist schöpferische Liebe und ist zukunftsgewisse Liebe.

 

(1.) Grenzenlose Liebe: Liebe auf Gegenseitigkeit fällt nicht schwer, denn man ist ja dabei der Gewinner. Aber auch den Feind mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu lieben, das ist schwer, denn es bedeutet ja, von ihm her zu denken und zu handeln, als wäre man er selbst.

Es liegt in unserer Art, nach der Regel zu handeln: „Wie du mir, so ich dir!“ Tu mir etwas Gutes, dann will ich dir auch Gutes tun. Übervorteilst du mich aber, dann habe ich das Recht, bei nächster Gelegenheit dich zu übervorteilen. Wir bleiben nichts schuldig, wir geben alles zurück. Die Mittel und Wege, die ein Feind gegen uns gebraucht, wenden wir auch gegen ihn an. Und daraus entstehen dann Blutrache und Erbfeindschaft zwischen Völkern, Familien und Menschen.

Aber auch in unserem persönlichen Leben ist es nicht anders. Da geraten wir auch mit anderen aus wichtigem oder weniger wichtigem Grund in Streit. Beliebt sind da ja die Nachbarschaftsstreitigkeiten: Der Hahn, der zu früh kräht, der Hund, der das frisch bestellte Beet umgräbt, die Kinder, die beim Spielen zu laut sind. Solche Dinge können das ganze Leben vergiften und werden oft auf die nächste Generation vererbt.

Es gibt allerdings auch Gegensätze in der Sache, die nicht einfach aufgegeben werden dürfen: Man kann sich ja den Irrtum und das Unrecht des anderen nicht zu eigen machen. Aber auch wenn man einem anderen in der Sache widersteht, kann man doch um ihn ringen und werben. Vielleicht ist die Feindschaft ja gar nicht aus sachlichen Gegensätzen entstanden, sondern aus persönlichen Gründen: Wir können den anderen nicht leiden oder meinen, von ihm ungerecht behandelt worden zu sein. So etwas muß man erkennen und zugeben, dann kann die Einstellung auch anders werden.

Mit dem „Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ gelangen wir an den Kern der Botschaft Jesu. Im Grunde gibt es gar keine „Feinde“ mehr für uns. Im Sport spricht man ja schon lange vom „Gegner“ und im Geschäftsleben und der Politik sogar noch freundlicher vom „Mitbewerbern“. Das ist ganz im Sinne Jesu. Gut, daß er nicht diskutiert, sondern befiehlt. Da können wir uns nicht mehr einreden, in diesem besonderen Fall müßten wir uns seiner Anweisung entziehen.

Die Leidensgeschichte Jesu ist die Auslegung dieser Verse aus der Bergpredigt: Er geht seinen Feinden nach und bringt ihnen sein größtes Opfer. Er läßt sich abführen, ohne seine Jünger zur Gegenwehr aufzurufen. Er hält seine Backe denen hin, die ihn schlagen. Er nimmt auch die rohen Kriegsknechte menschlich ernst, er wehrt sich nicht und nimmt alles hin. Er betet am Kreuz für seine Feinde, anstatt ihnen zu fluchen.

 

(2.) Schöpferische Liebe: Das Wort „Du sollst deinen Feind hassen“ findet sich nicht im Alten Testament. Es ist nur in falscher Weise aus dem Gebot der Nächstenliebe gefolgert worden: Wenn man nur den Nächsten lieben soll, liegt darin nicht die Erlaubnis, den Feind zu hassen? So haben es auch die religiösen Eiferer im Qumrankloster am Toten Meer ausgelegt. Das Prinzip „Auge um Auge“ war damals schon ein Fortschritt, war besser als die doppelte Vergeltung oder die Blutrache. Zur Zeit Jesu überlegte man schon, ob man den Geschädigten nicht mit einer finanziellen Ersatzleistung zufriedenstellen könnte.

Doch damit kann man eine zerstörte Gemeinschaft nicht wieder aufbauen, dazu gehört etwas mehr. Wenn man nur das Recht für sich in Anspruch nimmt, gibt es keine Zukunft zusammen mit dem anderen. Unvergebene Schuld macht unfrei. Wenn man aber dem Schuldner vergibt, wird seine Freiheit wiederhergestellt und die eigene Freiheit gefestigt.

Jesus lehrt es uns anders, indem er sagt: „Ihr dürft dem Bösen keinen Widerstand leisten!“ An drei Beispielen macht er das klar (diese läßt man von den Konfirmanden vorspielen): „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin!“ Der Schlag auf die rechte Backe - die bei einem Rechtshänder ja mit dem Handrücken ausgeführt wird - galt als besonders entehrend. Da muß man schon ein starker Mensch sein, wenn man so etwas still aushält, ohne zurückzuschlagen. Es ist völlig unsinnig, wenn man Jesus Schwäche nachgesagt hat: Er war kein Weich-Ei, sondern ein „cooler Typ“.

Das zeigt auch das zweite Beispiel mit dem Mantel. Es galt als fair, wenn man dem anderen wenigstens noch den Mantel als Kälteschutz ließ, wenn er im Prozeß dazu verurteilt wurde oder wenn er etwas verpfänden mußte oder auch wenn er ganz einfach beraubt wurde. Wer sich aber bis aufs Hemd auszieht, der will damit nicht erreichen, daß der andere sich vor den Leuten unmöglich macht, sondern er will Frieden halten und Frieden schaffen. Und wenn einer freiwillig auch noch den Mantel hergibt, dann hat er das Vertrauen, daß Gott ihm dann besonders beistehen wird (man übertrage das einmal auf den Raub einer Marken-Jacke, wie er ja heute öfter vorkommt!).

Und das Beispiel mit der Meile bezieht sich zum Beispiel auf das Recht der römischen Soldaten, sich jeden Passanten zu greifen und ihn das Gepäck tragen zu lassen, oder auf die Pflicht, als Begleitschutz mit einer Amtsperson mitzugehen (heutiges Beispiel: Jemanden mit Gepäck bei Nacht zum Bahnhof bringen). Jesus meint dazu: „Verwandle das, was man dir vielleicht abgepreßt hat, in eine freiwillige Leistung, in eine Tat der Liebe. Denn wer sich Unrecht gefallen läßt, zeigt damit seinen Willen zur Wiederherstellung der Gemeinschaft!“

Wenn wir immer nur auf das Handeln des anderen reagieren, werden wir immer abhängiger von dem, was der andere tut. Aber ich muß nicht, ich kann auch anders, als der andere mir vorschreiben will. Der Frieden kann nur mit hohem Einsatz und mit Opfern erkauft werden. Und dazu braucht man eine schöpferische Liebe. Gott macht es uns vor, wie man schöpferisch liebt. Er liebt uns ja auch, obwohl wir es nicht verdient haben. Aber dazu gehört auch eine zukunftsgewisse Liebe.

 

(3.) Zukunftsgewisse Liebe: Die Frage ist unvermeidlich: Was soll das alles in unserer Welt? Wohin würde das führen, wenn man einem Schläger erlaubte, weiter auf den anderen einzuschlagen, wenn man im Prozeß sich übervorteilen läßt und auf einen Vergleich eingeht oder wenn man sich eine Nötigung gutwillig gefallen läßt? Die ganze Rechtsordnung würde doch auf den Kopf gestellt. Das Straf- und Zivilrecht und sogar das Völkerrecht sind doch auf Wertausgleich und Wiedergutmachung hin angelegt.

Gestörte Gemeinschaft kann nicht durch Rechthaberei wiederhergestellt werden. Was ist denn gewonnen, wenn man mit dem Flurnachbarn nur noch per Einschreibebrief verkehrt oder mit dem Kollegen kein Wort mehr spricht bis zur Verhandlung vor dem Betriebsrat? Nicht umsonst gibt es unter Kraftfahrern den Witz von dem Leichenstein, auf dem die Worte stehen: „Er hatte Vorfahrt!“

Mit der Bergpredigt wird man nicht die Welt regieren können. Dem Bösen wird oftmals wi­derstanden werden müssen, sicher auch mit der Schärfe des Gesetzes, denn das gehört noch zu dieser Welt und wir sind noch nicht im Himmel. Die Vollendung wird erst mit dem Wiederkommen des Herrn geschehen.

Aber Jesus lädt uns ein, Neues mit ihm zu wagen. Seine Weisungen sind jetzt schon verbindlich. Und sie geben ein Ziel an, auf das wir mit Gottes Hilfe hinstreben sollen. Im Vertrauen auf Gott brauchen wir nicht Böses mit Bösem zu vergelten, sondern können denen wohl tun, die uns hassen. Die Bergpredigt ist nämlich nicht für den Himmel gemacht, sondern für die Erde. Aber dazu brauchen wir dann auch eine Liebe, die grenzenlos, schöpferisch und zukunftsgewiß ist.

Es geht gar nicht so sehr darum, daß der Weltfrieden gewahrt wird. Viel wichtiger ist der Frieden in unserem Alltag. Es braucht sich ja jeder nur einmal den Menschen vor Augen zu stellen, der ihm am meisten zu schaffen macht. Dann hatte man sich vor Augen, daß sich Gott auch für diesen Menschen hingegeben hat.

Der brave Soldat Schweijk wollte das tun. Als der Hauptmann sagt: „Jetzt geht es in den Kampf Mann gegen Mann!“ da fragt er vorsichtig: „Herr Hauptmann, zeigen Sie mir doch meinen Mann, vielleicht könnte ich mich ja mit ihm einigen!“ Statt die Hand zum Gegenschlag aufzuheben, können wir sie zum Segnen erheben oder zur Hilfe ausstrecken. So hat es auch Martin Luther King gemacht. Er hat dieses Wort: „Wie du mir, so ich dir!“ umgewandelt in: „Wie Gott mir - so ich dir!“ Jesus erwartet ganz sachlich von uns, daß wir an unseren Feinden das tun, was Gott an uns tut.

 

 

22. Sonntag nach Trinitatis: Mt 18, 21 - 35

Ein Mann zu zwei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt, weil er mehrfachen Betrug verübt hatte, um an Geld zu kommen. Er war Inhaber einer kleinen Firma, die schon öfter Waren an eine Firma in Bayern geliefert hatte. Es bestand also eine vertrauensvolle Geschäftsbeziehung, die der Betrüger ausnutzte: Er schickte einfach eine Rechnung an die Firma, ohne einen Auftrag erhalten zu haben und natürlich auch ohne etwas geliefert zu haben. Die Buchhaltung der Firma bezahlte auch prompt. Danach schickte der Mann wieder einmal zwei echte Rechnungen, danach aber wieder eine falsche Rechnung. Mit der Zeit wurden diese falschen Rechnungen höher und kamen in immer kürzeren Abständen. So erschwindelte sich der Mann in zehn Monaten 60.000 Euro, bis der Betrug - wie zu erwarten war - bei einer Innenrevision aufflog.

Der Mann hat dann wieder eine andere Firma gegründet. Aber die wirft so wenig ab, daß er niemals die Schuld wird zurückzahlen können. Nach unserer Rechtsordnung kommt man in einem solchen Fall ins Gefängnis, bleibt aber dennoch lebenslang zur Wiedergutmachung verpflichtet. Das ist auch gut so: Wir brauchen für unser Zusammenleben eben bestimmte Regeln.

Bei Gott aber ist das anders. Wenn er uns nach Recht und Gesetz verurteilen würde, dann wären wir alle dran. Dann müßte es uns so gehen, wie am Schluß des Gleichnisses beschrieben: „Wir müßten den Folterern übergeben werden, bis wir alle Schuld bezahlt hätten“, das heißt aber: „Auf ewig.“Doch das ist nicht der Sinn des Gleichnisses: Es will nicht einschüchtern und abschrecken, sondern es zeigt die Übermacht der Gnade und des Erbarmens Gottes. Er ist anders als die Menschen, aber er möchte, daß die Menschen sich an seinem Vorbild ausrichten. Deshalb erwartet er von uns eine grenzenlose Vergebung für unsere Mitmenschen, weil wir erstens selbst darauf angewiesen sind und zweitens weil wir auch selbst damit beschenkt werden.

 

(1.) Wir sind selbst auf Vergebung angewiesen: Es geht hier nicht um die Kleinigkeiten, mit denen mein Mitmensch mich im täglichen Leben ärgert. Es geht um die Dinge, unter denen ich wirklich leide, das was schmerzt und wurmt und mich fertigmacht. Vielleicht ist der andere daran schuld, daß ich meine Arbeitsstelle verloren habe. Oder er hat meine Ehe zerstört oder mich wirtschaftlich ruiniert.

Und da meint Petrus: „Wenn ich in einem solchen Fall siebenmal vergebe, dann habe ich doch eine Engelsgeduld, dann mußt du, Jesus, doch mit mir zufrieden sein!“ Nach der Lehre der jüdischen Schriftgelehrten sollte man zwei oder dreimal vergeben, und zwar immer wieder im gleichen Fall, also zum Beispiel wenn die gleiche Person mich immer wieder um Geld betrogen hat. Die jüdischen Denker fragten immer nach der Grenze und wollten eine bestimmte Zahl wissen. Aber Jesus sagt: „Unendlich, grenzenlos!“ Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität.

Wir leben überhaupt nur von der grenzenlosen Vergebung. Darum ist es sinnlos, Sünde mit der Elle zu messen oder in Mark und Euro zu beziffern. Wer fragt, wie oft er vergeben soll, der sieht das Vergeben als den Ausnahmefall an. Jesus aber sagt: Vergebung ist der Regelfall. An die Stelle der Ansprüche tritt die Ordnung der Barmherzigkeit.

Konflikte können ja auch schicksalhaft sein: Vielleicht hat der andere etwas getan, von dem er gar nicht wissen konnte, daß er mich damit verletzt. Vielleicht ist er Opfer einer Verführung geworden. In manchen Fällen erkennen wir auch leicht eine Bosheit, wo gar keine ist, wir sehen Feindseligkeit, wo es sich nur um Ungeschick handelt. Die Sünde der anderen sehen wir groß und deutlich, für die eigene aber sind wir blind. Deshalb ist Duldsamkeit gar nicht so falsch.

Der Mann in dem Gleichnis hat nichts gelernt. Machen wir uns nur einmal die Verhältnisse deutlich, die hier vorausgesetzt werden. Der Mann muß Statthalter einer Provinz gewesen sein, um so eine ungeheure Summe unterschlagen zu können. Jetzt ist die Sache herausgekommen und er muß vor den Großkönig treten und wird zur Rechenschaft gezogen. Es ist ganz klar: Er wird den Schaden nie wieder gut machen können, auch wenn er weiter Statthalter sein sollte. Das Urteil zu damaliger Zeit konnte nur sein, daß er mit seiner ganzen Familie zum Sklaven gemacht wird: Eine Katastrophe für ihn und seine Angehörigen!

Keiner von uns ist in der sicheren Position der Überlegenheit und Unangreifbarkeit, aus der heraus er mit seinem Mitmenschen ins Gericht gehen könnte. Wir sind alle solche, die eigentlich verspielt haben. Was auch immer zwischen meinem Mitmenschen und mir vorgefallen sein mag, ich bin selbst einer, der auf Vergebung angewiesen ist. Ich meine, mit einem anderen abrechnen zu können, und befinde mich grundsätzlich in der gleichen Lage wie er. Jesus meint sogar, ich täte gut, meine Schuld als die unvergleichlich größere anzusehen.

Als der König dem Statthalter die Riesenschuld erließ, hat er ihn vom Standort des Rechts auf den Standpunkt der Gnade gestellt. Der Statthalter aber hat ohne Erbarmen gegenüber dem Untergebenen wieder den Standpunkt des Rechts eingenommen. Bei wem aber einmal Gnade vor Recht ergangen ist, der steht auf einem ganz anderen Boden. Wer dann noch mit einem anderen abrechnen will, hat man den Boden der Barmherzigkeit und der Vergebung wieder verlassen und ist auf den Boden des Rechts zurückgekehrt. Es genügt nicht, siebenmal eine Ausnahme zu machen und durch die Finger zu sehen, aber ansonsten darauf zu pochen, daß Recht doch Recht bleiben müsse. Wer auf das Recht pocht, dem wiederfährt auch nur das Recht und nicht die Barmherzigkeit.

 

(2.) Ich bin selbst mit Vergebung beschenkt: Worauf es Jesus eigentlich ankommt, das ist die grenzenlose Vergebung. Diese bin ich meinem Mitmenschen schuldig, weil ich doch selbst damit beschenkt bin. Allerdings läßt Jesus die Schuld nicht einfach auf sich beruhen, so als sei sie etwas Vergangenes, über das man nicht mehr redet. Da ist schon etwas zu beheben und auszuräumen. Deshalb bitten wir ja im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld!“

Schuld vergeben kann nur Gott. Er ist wie der orientalische König in dem Gleichnis, dem die Lage seines Statthalters durch und durch geht. Er schenkt dem Mann die Freiheit, und dieser braucht nicht einmal die Schuld zu erstatten. Doch es bestehen Unterschiede: Bei Gott geht es nicht nur um eine Geld-Schuld. Und Gott redet nicht nur vom Erbarmen und macht nicht nur eine großzügige Geste, sondern bei ihm hat sich das Erbarmen ereignet: In Jesus hat er das Werk der Barmherzigkeit zu Ende gebracht, denn die Vergebung kostete seinen Sohn Jesus das Leben.

Das aber gibt uns Kraft, weil aus Gottes Vergebung unsere eigene Vergebung erwächst. Jetzt leben alle in dem „Raum“, in dem die unvorstellbare große Barmherzigkeit Gottes wirksam und kräftig wird. In der christlichen Gemeinde haben wir eine gute Erfahrung mit Gott gemacht. Und diese Erfahrung tragen wir nun in alle Welt hinaus. Jetzt setzt sich in dem anderen fort, was sich bei mir selbst ereignet hat. Aber Gottes Vergeben und mein Vergeben gehen dabei nicht parallel, sondern mein Vergeben erwächst aus dem Vergeben Gottes. Jetzt bin ich auf einen Standort gestellt, an dem das Nichtvergeben schlechterdings nicht mehr möglich ist. Dadurch bekomme ich einen ganz neuen Zugang zu meinen Mitmenschen. Das Klima unter uns ist von Gottes wunderbarer Großzügigkeit bestimmt.

Wer Jesu Schüler ist, hat von Jesus das Vaterunser gelernt, in dem es heißt: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das heißt aber doch: Erst wenn wir unserem Mitmenschen vergeben haben, können wir es auch wagen, Gott um Vergebung zu bitten. Daß wir ihn aber um die Vergebung der viel größeren Schuld bitten dürfen, das macht uns das heutige Gleichnis klar. Unsere Mitmenschen sollen sehen, daß wir Beschenkte sind. Sie sollen Vertrauen zu uns fassen, sollen gerne zu uns kommen und fröhlich wieder von uns weggehen. Etwas von dieser Erkenntnis soll zum Schluß noch einmal an zwei Beispielen deutlich machen:

Im Kindergottesdienst hatte ein Junge immer wieder gestört. Er wurde mehrfach ermahnt, aber es wurde nicht besser. Schließlich wurde er aus der Gruppe heraus geschickt. Da fing er an zu jammern und wollte gern bleiben. Aber die Leiterin ließ sich nicht erweichen. Da sagte der Junge: „Sie sind ja unbarmherziger als der Papst!“ Es ist nicht klar, weshalb der Papst unbarmherzig sein soll. Aber jedenfalls hatte der Junge keinen Erfolg bei der Leiterin, es blieb bei dem Ausschluß. Allerdings war es nur für diesen Tag, denn Strafe muß sein, aber es war natürlich nicht für immer. Letztlich hat die Barmherzigkeit gesiegt bzw. die verhängte Strafe war auch ein Teil der Barmherzigkeit.

Zwei Jungen waren bei den Großeltern zu Besuch. Der Große hatte sicher die Hoffnung, daß sie nichts von den Eltern verhängte Strafe wüßten. Er erzählte auch freimütig, daß er im vorigen Monat 14mal in der Schule Arbeitsmittel oder Hausaufgaben vergessen hatte. Als ihm die Großeltern aber sagten, daß die Eltern deswegen ja die vier Wochen Fernseh- und Computerverbot über ihn verhängt hatten, da klappte doch die Kinnlade etwas herunter. Sie machten unmißverständlich deutlich, daß dieses Verbot auch bei ihnen gilt. Aber sie haben dann doch mit den Eltern verhandelt, weil sie die Dauer der Strafe für etwas zu hoch hielten (die Konfirmanden werden zustimmen). Da haben die Eltern doch die Strafe etwas herabgesetzt, vielleicht auch, weil sie selber inzwischen zu der Erkenntnis gekommen sind, daß sie im ersten Moment etwas zu streng waren. Im menschlichen Bereich muß man oft streng sein. Aber im Licht Gottes gilt auch die Barmherzigkeit.

 

 

23. Sonntag nach Trinitatis: Mt 22 , 15 - 22

In der damaligen DDR kam ein junger Mann ins Pfarramt und sagte, er möchte gern wieder in die Kirche eintreten. Aber erst möchte er einmal die politische Meinung des Pfarrers hören. „Wenn er gegen den Staat ist, dann trete ich auch wieder ein“, sagt er. Eine brenzlige Lage, wenn einer von vornherein mit der Möglichkeit rechnet, der Pfarrer könnte gegen den gerade bestehenden Staat eingestellt sein.

Jahrhundertelang war es doch gerade umgekehrt, die Kirche war der verlängerte Arm des Staates. Wenn nun in der Neuzeit Staat und Kirche getrennt sind, dann heißt das doch nicht automatisch, daß die Kirche gegen den Staat gerichtet ist. Was sollte man aber nun diesem jungen Mann antworten? Wenn es ihm ernst ist mit dem Kircheneintritt, dann wird er sich auch durch eine andere Meinung des Pfarrers nicht abhalten lassen. Wenn er den Pfarrer aber nur aufs Glatteis führen wollte, dann verdient er keine Antwort auf seine Frage. Der Pfarrer hat nur zu ihm gesagt: „Als erstes kommen Sie einmal zum Gottesdienst, dann werden wir weitersehen!“ Doch der junge Mann wurde nicht wieder gesehen.

Es ist schon eine heikle Sache, die heute hier unter anderem verhandelt werden soll. Die Geg­ner Jesu werfen nämlich das Problem um das Verhältnis zwischen Staat und Kirche auf, oder um es etwas altmodischer zu sagen, es geht ihnen um die „Obrigkeit“.

Schon zur Zeit Jesu lag mancher Sprengstoff in dieser Frage. Das Land war von einer fremden, heidnischen Macht besetzt. Die Juden wollten ihre politische Freiheit wiedererlangen.

Die eine Partei wollte es mit Gewalt versuchen und verweigerte sogar die Zahlung der Steuer. Die anderen, die Pharisäer, interessierten sich nicht für die politischen Fragen, aber sie benutzten sie doch, um Jesus eine Falle zu stellen.

Zunächst loben sie seine Offenheit im Gespräch, um ihm eine unvorsichtige Bemerkung zu entlocken, die für eine Anklage beim Statthalter reicht. Jesus aber gibt dieser Frage, die für ihn leicht hätte verhängnisvoll werden können, eine Wendung, auf die niemand gefaßt war: Er läßt sich eine römische Münze zeigen, die das Bild des Kaisers und seine Aufschrift trägt. Diese Münze zahlten ja auch die Pharisäer als Kopfsteuer. Jesus weist ihnen nach, daß sie ja auch in der Praxis die Oberherrschaft des Kaisers anerkennen. Damit haben sie ja schon selber eine Antwort gegeben und hätten Jesus gar nicht zu fragen brauchen: Es ist selbstverständlich, daß jeder seine Steuern zu zahlen hat, auch wenn sie einem verhaßten Herrscher zugute kommen!

Doch wir sollten uns nicht nur darüber freuen, wie Jesus sich hier geschickt aus der Schlinge zieht. Dieser Satz „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, muß uns noch weiter beschäftigen. Jesus sagt hier: „Ich habe euch gesagt, daß die Gottesherrschaft bald anbrechen wird. Aber sie ist nicht dazu da, um die politische Fremdherrschaft abzuschütteln. Sie hat überhaupt nichts mit Politik zu tun!“ Wenn also einer Revolution machen will,

dann muß er das selbst verantworten. Er kann vielleicht die Menschenrechte oder die Humanität als Begründung anführen, aber nicht den christlichen Glauben. Das Christentum ist keine politische Ideologie, um innerweltliche Ziele zu erreichen, mögen sie auch noch so berechtigt sein. Konkret gesprochen heißt das zum Beispiel: „Wir als Kirche haben uns in erster Linie um die Fragen des Glaubens zu kümmern! Aber unter diesem Gesichts­punkt nehmen wir auch Stellung zu den Fragen des alltäglichen Lebens. Wir haben nicht die Interessen anderer Mächten zu vertreten. Richtschnur unseres Handelns ist allein der Auftrag Gottes, nicht die Ziele einer menschlichen Partei!“ Die Kirche ist auch nicht der letzte Hort der guten alten Zeit, sondern den Aufgaben ihrer Zeit immer schon ein Stück voraus.

Jesus will uns auch nicht erläutern, warum wir den Staat brauchen Dazu äußert sich ja Paulus in Röm 13: „Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt, um die Ordnung unter den Menschen aufrecht zu erhalten!“ Jesus aber sagt nur: Beide haben ihr Recht, Staat u n d Kirche, wenn sie auf ihrem Gebiet bleiben. Sie brauchen sich nicht hindernd im Weg zu stehen oder gar bekämpfen.

Aber der Ton liegt bei Jesus ganz auf der zweiten Hafte des Satzes: „Gebt Gott, was Gottes ist!“ Daß ihr dem Staat das Notwendige gebt, ist selbstverständlich. Aber gebt ihr auch Gott, was er von euch fordert? Das sollten wir uns heute auch einmal fragen.

Hier können wir wieder an die DDR denken, wo die sogenannte „Jugendweihe“ gewissermaßen als Zwangsveranstaltung eingeführt wurde. Die Kirche war auf die neue Lage zunächst nicht gefaßt. Aber sie hat dann doch weise entschieden, wenn sie in erster Linie fragt: „Gebt ihr auch Gott, was Gottes ist?“ Die einen sahen in der Jugendweihe eine feierliche Schulentlassung, die man halt so mitmacht wie andere Schulveranstaltungen auch. Die anderen sind dagegen zu der Überzeugung gelangt, daß es doch um mehr geht als eine übliche Schulveranstaltung.

Aber in beiden Fällen hat das mit der Konfirmation nichts zu tun. Die Einsegnung eines getauften Christen, die ihm eine Hilfe zur Stärkung seines Glaubens sein soll, ist nicht abhängig von irgendwelchen Schulveranstaltungen. Wenn einer konfirmiert werden möchte, dann haben wir ihn nur zu fragen: „Gibst du auch Gott, was Gottes ist? Vertraust du auf ihn, willst du auch weiter zu ihm gehören, willst du weiter aus der Kraft des Glaubens leben, auf den du getauft bist?“

Das müssen wir jeden Konfirmanden mit großem Ernst fragen. Es wäre nichts gewonnen, wenn einer nur so die Konfirmation mitmacht. Die entscheidende Frage ist immer, ob einer mit ganzem Herzen bei Gott ist, wenn er die Einsegnung begehrt. D a s entscheidet über die Zulassung zur Konfirmation, nicht ob einer noch alles mögliche Andere mitgemacht hat, das ihn im Grunde kalt gelassen hat. Man kann Vieles mitmachen; aber bei der Konfirmation wird es ernst, da muß eine Entscheidung gefällt werden.

Nun ist allerdings unsre heutige Situation anders als die zur Zeit Jesu. Damals sah man nur die Knechtung durch eine fremde Macht. Aber es ist doch die Frage, ob wir heute nicht auch mit

für unsere Umwelt verantwortlich sind. Wir stehen in jedem Fall in politischen Zusammenhängen, wir leben in einer Stadt und in einem Staat und haben staatliche Gewalt über uns, ob wir wollen oder nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben ja viele versucht, grundsätzlich unpolitisch zu leben. Sie sagten „Ohne mich! Gebranntes Kind scheut das Feuer, wer einmal reingefallen ist, möchte nicht gern noch einmal als Verbrecher hingestellt werden!“ Aber kommt man mit diesem „Ohne mich“-Standpunkt denn aus? Wenn niemand Verantwortung übernimmt, dann werden Verantwortungslose an die Macht kommen. Auch die Christen sind aufgerufen, nicht nur in der Kirche, sondern auch im öffentlichen Leben mitzuwirken, zum Beispiel im Elternbeirat

oder in den Vereinen.`

Allerdings erhält diese Mitarbeit erst dann ihren rechten Ort, wenn sie bestimmt ist durch die Bindung an Gott‚ wenn hier wirklich ein Auftrag Gottes gesehen wird. Eine Partei, die außer dem ersten Teil ihres Namens nichts Christliches an sich hat, entspricht sicher nicht dem Willen Gottes. Die würde von Jesus sicher genauso abgelehnt, wie er damals die politischen Eiferer abgelehnt hat, die nur i h r e Politik machten und nicht auf Gott hörten. Wir sollten keine bestehende oder erstrebte Ordnung mit dem Reich Gottes gleichsetzen. Gott hat sicher mehr vor, als wir auf Erden uns erträumen. Deshalb werden wir auch nicht zu allem „Ja und Amen“ sagen, was andere uns vorschlagen. Wir dürfen uns auch nicht in eine überstürzte Aktivität stürzen. Unser Ziel ist nicht ein christlicher Staat, der das Reich Gottes abbildet. Gott wird schon selber dafür sorgen, daß sich seine Herrschaft durchsetzt. Und dann zählt nur, ob wir i h m gegeben haben, was ihm gehört.

 

 

Reformationsfest: Mt 5, 1 - 10

Möchten wir eigentlich zu denen gehören, die hier glückselig gepriesen werden? Das sind doch die kleinen Leute, die gesellschaftlich Benachteiligten. Sie sind immer nur Amboß und niemals Hammer. Aber sie sehnen sich nach Gerechtigkeit und möchten selber auch Gerechtigkeit üben. Aber sie sind machtlos und können nur klagen. Früher lag die Benachteiligung vorwiegend in der Armut der Leute. Heute werden wir mehr an die Menschen denken, die ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden: Weil sie eine abweichende Meinung vertreten, haben sie keine Aufstiegschancen und werden von den Herrschenden doch so etwas wie Menschen zweiter Klasse angesehen.

Vielleicht zählen wir uns selbst zu diesen Leuten. Wenn man in so einer Lage ist, wird man aber wohl kaum glücklich sein. Doch das ist ja gerade die frohe Botschaft der Seligpreisungen Jesu: Gott wird gerade solche Menschen trösten und ihnen das Himmelreich geben. Indem er das ansagt, beginnt schon die neue Welt.

Dieser Bibelabschnitt wurde früher zum Allerheiligentag gepredigt. An diesem Tag gedachte man der Heiligen, deren Namen man nicht mehr kennt. Untern „Heiligen“ verstand man Menschen, die mehr gute als böse Taten in ihrem Leben begangen haben und die als besonders eng mit Gott verbunden galten. Der Allerheiligentag ist bis heute in der katholischen Kirche der 1. November. Am Vorabend dieses Tages aber hat nach einer Überlieferung Martin Luther im Jahre 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg geschlagen.

Luther meinte allerdings, man sollte sich nicht so sehr um die schon verstorbenen Heiligen kümmern, sondern um die lebendigen Heiligen, um die rechten Christen auf Erden.

Sicherlich können wir von den Christen vergangener Jahrhunderte lernen. Die Geschichte des Glaubens fängt nicht erst mit uns an. Als Kirche der Reformation greifen wir ja immer wieder auf die Ursprünge zurück. Aber viel wichtiger ist doch, daß Gott auch heute mit uns reden will. Er will uns zeigen, wie man als Christ wartet, glaubt und leidet.

Damit hätten wir schon eine Gliederung dieser Seligpreisungen. Nur müssen wir bedenken, daß in all diesen Verheißungen Jesus Christus mit drinsteckt. Er steht verborgen hinter dem Wörtchen „denn“. Er ist es ja, der satt macht und tröstet und das Himmelreich öffnet. Alle diese Verheißungen gelten nicht abgesehen von Jesus. So können wir also sagen: Jesus verbürgt sich dafür, daß es die gut haben sollen, die auf Gott warten, die an Gott glauben und die für Gott leiden.

 

(1.) Gut sollen es haben, die auf Gott warten: Der Philosoph Nietzsche hat gefordert, die Christen müßten erlöster aussehen, wenn er an ihren Gott glauben sollte. Aber hier wird deutlich: Christen sind unsicher in ihrem Glauben, „geistlich arm“ und „angefochten“. Oft kommt es ihnen vor, als sei Gott weit weg. Oft sind sie traurig, nicht anders als andere. Oft meinen sie, es nicht mehr ertragen zu können. Nur Defizit, nur Mangel ist bei ihnen zu finden.

Zu dieser Erkenntnis hatte Martin Luther erst wieder kommen müssen. Gelehrt hatte man ihm, daß man sich durch gute Werke den Himmel verdienen kann. Aber er merkte immer mehr, daß kein Mensch vor Gott etwas vorweisen kann. Je mehr er sich mühte, desto aussichtsloser wurde der Erfolg. Schließlich konnte er nur noch sagen: Hilf mir, Gott, denn ich habe es nötig. So stark wie Hunger und Durst wurde in ihm das Verlangen, so zu werden‚ daß Gott ihn als Gerechten anerkennen kann.

Es wäre allerdings auch nicht recht, wenn wir das Armsein oder das Leidtragen zu einer Forderung machten, die man erst erfüllen muß, wenn man bei Gott überhaupt Aussichten haben will. Es geht nicht darum, sich in eine Arme-Sünder-Stimmung hineinzusteigern. Das wäre auch wiederum nur ein Gesetz und nicht die frohmachende Botschaft Jesu.

Aber einsehen sollten wir so wie Luther, daß wir Gott brauchen. Gott nötig haben ist des Menschen höchste Vollkommenheit, sagte der dänische Theologe Kierkegaard. Gott ist denen am nächsten, die ihn am nötigsten brauchen. Mancher muß eben immer einen Weg gehen, der ganz unten entlangführt. Er möchte gern anders sein, so wie Gott es sich gedacht hatte. Aber dann kommen immer wieder die Einbrüche und Versager, nicht Zufallspatzer, sondern Anzeichen einer tiefen Gottentfremdung.

Aber Gott sagt zum Glück: „Du brauchst vor mir kein Held und Könner, kein Mensch des Erfolgs und der Leistung zu sein. Wenn du mich nur brauchst und alles von mir erwartest, dann sollst du es gut haben. Den anderen, die alles allein machen wollen, kann ich nicht helfen. Aber dir helfe ich!

 

(2.) Gut sollen es haben, die an Gott glauben: In den Kirchen der Reformation hat man das Glauben oft verengt auf den Glauben des Einzelnen, was er allein mit Gott abzumachen hat. Aber wer von der Barmherzigkeit Gottes lebt‚ der wird selber barmherzig. Wer Frieden mit Gott hat, der will auch unter der Menschen Frieden schaffen. Das neue Leben entsteht aus Gott. Deshalb haben wir es gut, können es zumindest gut haben.

Barmherzigkeit ist die Liebe zu dem, der es besonders schwer hat. Sie bringt es auch einmal fertig, nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes zu handeln, sondern auch dem Schwachen noch eine Möglichkeit zu lassen. Einfacher ist es natürlich, alle über einen Kamm zu scheren und alle exakt gleich zu behandeln. Das wird von Gesetzesmenschen noch am ehesten verstanden. Aber wer die Angst und die Schmerzen des anderen zu seinem eigenen Leiden macht‚ der wird barmherzig. Er riegelt sich nicht mehr gegen die Nöte und Verlegenheiten des anderen ab, sondern sucht nach einem Ausweg.

Jesus hat so gehandelt. Ihn ließ die aussichtslose Lage seiner Mitmenschen nicht ruhig werden. Gott hatte ihm dem Auftrag gegeben, gerade diesen zu helfen. Dafür hat er es sogar riskiert, es mit den Frommen und Gerechten im Lande zu verderben. Aber er war eben einer von denen, die reinen Herzens sind: er wollte Leben erhalten und fördern, auf das Wohl des anderen bedacht sein, für die Ehre und Achtung des Mitmenschen eintreten und bei dem allen doch Gottes Taten in der Welt rühmen.

Auf diesem Weg allein kann man auch zum. Frieden in der Welt beitragen Christen sind aktive Friedensmacher: Sie werden Verfeindete zu versöhnen suchen, werden verbindend wirken und sich selbst dabei nicht schonen. Wenn man Frieden stiften will‚ setzt man sich leicht zwischen alle Stühle. Aber nur so lassen sich Spannungen abbauen. Wenn wir einer großen Schritt auf dem Weg zum wirklichen Frieden vorankommen wollen, dann werden wir bei uns und in der Welt eine öffentliche Meinung schaffen müssen, in der der Krieg nicht mehr gedeihen kann.

Gott will Frieden auf allen Ebenen und in jeder Beziehung. Und bei uns müssen wir damit anfangen. Wir können nicht immer nur die anderen zum Frieden aufrufen, sondern haben selber mit gutem Beispiel voranzugehen. Gerade die Kinder müßten erst einmal mit dem Friedenmachen bekannt gemacht werden, ehe man ihnen später eine Waffe in die Hand gibt. In der heutigen Welt darf die Waffe erst die letzte Möglichkeit sein. Sie darf erst in Erwägung gezogen werden, wenn wirklich das eigene Leben bedroht ist. Ein Christ aber wird sich trotz allem auch fragen müssen: „Solltest du nicht auch im äußersten Fall auf Gewalt verzichten und lieber bereit sein zum Leiden?“

 

(3.) Gut sollen es die haben, die für Gott leiden: Niemand soll die Leiden suchen. Vielmehr ist es eine Wohltat, wenn wir Frieden haben und nicht leiden müssen. Aber wir sollten uns nicht nervös machen lassen bei jeder kleinen Konfliktsituation, die uns das Christsein einbringt. Das Leiden ist eine vorauszusehende Folge der Glaubenshaltung eines Christen. Je mehr wir auch zum Leiden bereit sind, desto mehr wird unser Zeugnis vor der Welt an Überzeugungskraft gewinnen.

Daß wir es gut haben sollen, können wir vielfach nur gegen unsre Erfahrung glauben. Unser Leben sieht noch anders aus. Es ist wohl mehr vom Leiden als vom Sieg geprägt. Daß dies aber mit zum Glauben dazugehört, ist uns auch durch Martin Luther wieder vor Augen gestellt worden. Er war zum Leiden bereit, weil er nicht von der Wahrheit Gottes lassen wollte. Aber weil er Gott auf seiner Seite wußte, konnte er auch fröhlich und getrost sein. Das Gleiche gilt aber auch von uns: Wenn wir Gott bei uns haben‚ wird uns das Himmelreich gehören, nicht erst in einer fernen Zukunft, sondern anfangsweise auch schon hier und heute.

 

 

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres: Lukas 17, 20 -30

Das neue Jahrtausend hatte kaum begonnen, da ereignete sich ein großes Unheil. Am 11. September 2001 wurden zwei Verkehrsflugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums in New York gelenkt. Nach der ersten Meldung im Radio schaltete man den Fernsehapparat an. Zunächst dachten viele an einen Unglücksfall. Dann flog das zweite Flugzeug heran. Immer noch konnte man denken: Es wird an dem zweiten Turm vorbeifliegen! Aber es kam auf der anderen Seite nicht wieder hervor, es war auch in den Turm gekracht. Über 3.000 Menschen kamen damals um. Für sie war dieser Herbsttag der letzte in ihrem Leben.

Dieses Ereignis hat das ganze Jahrzehnt bestimmt, es wird vielleicht das ganze Jahrhundert bestimmen. Es war damals eine Zeit des Aufschwungs und des Optimismus. Der große Ost- West-Gegensatz war überwunden, die Technik brachte immer neu Wundertaten hervor, vielen

Menschen ging es gut. Und auch wenn schon die ersten Schwierigkeiten der Wirtschaft zu

sehen waren, so dachte man doch: „Das ist eine Krise wie viele andere, sie wird schon wieder zurückgehen!“ Aber von einer Stunde zur anderen war dieser Optimismus dahin, so wie nach dem Erdbeben von Lissabon im Jahre 1795 oder nach dem Abwurf der Atombomben im Jahre 1945.

Solche Wendepunkte warfen auch immer wieder die Frage auf: „Kommt jetzt das Ende der Welt?“ Jesus läßt sich aber nicht auf eine Datumsangabe ein, denn er will die Menschen weder beruhigen noch ängstigen. Hätte er gesagt: „In hundert Jahren!“, dann hieße das: „Gar nicht, denn dann lebe ich nicht mehr!“ Hätte er gesagt: „Nächstes Jahr!“ dann hätte ich ja noch ein bißchen Zeit. Hätte er gesagt: „Morgen schon!“ dann wäre die Reaktion: „Nun ist sowieso alles zu spät!“

Jesus bezieht sich in seiner Antwort auf die Frage nach dem Ende der Welt auf die biblischen

Geschichten von der großen Wasserflut zur Zeit des Noah und von dem Feuerregen auf die Stadt Sodom. Die Menschen dieser Zeit haben nicht mit dem Kommen Gottes gerechnet. Ihr Leben verlief ganz normal mit Essen und Trinken, Lieben und Arbeiten, Kaufen und Verkaufen. Aber ihr Verhängnis war, daß sie meinten, ihr Leben könne und werde immer ungestört so weiter gehen.

Auch unser Leben geht seinen Gang. Wir leben mit dem Wissen um eine mögliche Katastrophe. An beängstigenden Meldungen fehlt es nicht, auch nicht an Warnungen, Beschwichtigungen und Prognosen. Aber wie sollen wir mit all dem umgehen? Die Optimisten sagen: „Es wird schon nicht so schlimm kommen. Wir brauchen nichts zu ändern!“ Die Pessimisten sagen: „Das Unglück kommt unaufhaltsam. Wir können nichts ändern!“ Und das heißt in beiden Fällen: „Wir müssen uns nicht ändern!“

Die christliche Hoffnung hat so den Beigeschmack des Utopischen. Leicht könnte man auch durch die Beschäftigung mit der Zukunft die Pflichten von heute verpassen. Sollten wir nicht endlich lernen, daß das Reich Gottes sich jetzt und hier verwirklichen will? Jesus sagt hier da schwergewichtigen Satz: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“. Damit will er nicht sagen, daß das Reich in der Innerlichkeit des Menschen ist, nur in seinem Herzen und in seinen Vorstellungen.

Er will sagen: „Es ist in eurer Mitte. Ihr wollt wissen, wann das Reich Gottes kommt, dabei steht der doch mitten unter ihnen, der es euch bringt!“ Man könnte die Fragenden mit einem Mann vergleichen, der am Fenster steht und mit dem Fernglas die Straße entlang blickt, weil er Besuch erwartet und ihn schon in der Ferne entdecken will. Aber der Gast ist auf einem anderen Weg gekommen, leise ins Zimmer getreten und legt ihm gerade die Hand auf die

Schulter.

Sind wir nicht auch oft wie der Mensch mit dem Fernglas? Wie oft diskutieren wir über Gott und sein Reich, als sei es fern. Dabei hat es mitten unter uns längst begonnen, so wie Jesus es versprochen hat. Jesus selbst ist das Reich Gottes, er als Person, in seinem Wort und in seinem Sakrament, in Taufe und Abendmahl.

Dennoch fragen auch wir: „Wo sieht man denn etwas von diesem Reich in unserer Welt?“ Gottes Regieren bleibt uns oft im Dunkeln. Wir empfinden eine Gerechtigkeitslücke in der Welt, an der die weltlichen Herrscher nichts ändern können oder wollen. Manche Politiker versuchen ja, die irdischen Verhältnisse neu zu ordnen. Aber das wird nicht zum Reich Gottes führen. Und auch als Kirche sind wir zerspalten und kraftlos und allzumenschlich in unserem Verhalten. Christi Wirken vollzieht sich in tiefer Niedrigkeit und Schwachheit, Glaube glaubt

gegen allen Augenschein.

Die Unsicherheit, mit der wir persönlich leben müssen, liegt auch über der Zukunft der Menschheit. Vor einigen Jahren war es noch die beispiellose Rüstung, die Angst machte. Heute ist es eher die ungeheure Belastung der Umwelt und der Kampf um die Rohstoffe, die ungerechte Verteilung der Güter dieser Erde, weltweit gesehen, aber auch innerhalb des jeweiligen Staates. Dazu kommen noch weltanschauliche und religiöse Gegensätze, die das Leben vergiften.

Auch in früheren Zeiten gab es ähnliche Ängste, Gerüchte, Warnungen, Befürchtungen. Seit jeher war es auch die Sehnsucht der Menschen, in die Zukunft schauen zu können. Wenn das möglich wäre, könnten wir doch ganz anders planen und könnten die Unsicherheitsfaktoren aus unserem Leben streichen.

Zur Zeit Jesu bewegte viele Menschen die Angst vor einer Katastrophe, die das Ende der Welt bedeuten würde. Viele Juden hoffen aber auch, daß der Messias kommen und ein Gottesreich errichten werde, wie es die Propheten angekündigt hatten. Viel diskutiert wurde die Frage, ob Menschen diese Ereignisse beeinflussen können oder ob ein seit Urzeiten feststehender Plan ablaufe. Und es fehlte nicht an Spekulationen, wann und wo und wie sich die letzten Ereignisse abspielen werden.

Auch heute gibt es Gruppen, die ganz genau wissen wollen, wann der Herr zum letzten Mal und für immer kommen wird. Sie wollen dann eine ideale Gemeinschaften gründen und sagen: „Wir haben es. Kommt zu uns. Wir sind die einzig Geretteten am Tag des Gerichts!“. Jesus aber sagt: „Geht nicht hin! Folgt ihnen nicht! Glaubt denen nicht, die mit Zeiten und Ortsangaben aufwarten! Wenn das Reich Gottes kommt, wenn der Menschensohn aus seiner Verborgenheit heraustreten wird, werden alle überrascht sein und nicht vorbereitet. Die Bibel ist kein göttlicher Terminkalender, denn Gottes Pläne mit unserer Welt entziehen sich menschlicher Einsicht!“

Doch wir müssen auch ganz nüchtern sehen: Unsere Welt mit ihren Schönheiten und Freuden, mit ihren Sorgen und Leiden, wird nicht ewig bestehen. Sie wird einmal den Kältetod oder den Wärmetod erleiden, wenn sie nicht schon vorher zerstört wird. Es kann auch sein, daß die Menschen schon vorher aussterben, so wie viele Tier- und Pflanzenarten schon ausgestorben sind.

Noch näher rückt uns diese Grenze, wenn wir auf nasser Straße gerade noch einmal um einen Unfall herumgekommen sind, wenn eine Krankheit die Ärzte zu höchstem Einsatz ihres Wissens und Könnens veranlaßt, wenn wir uns Gedanken darüber machen, vor welchen Problemen die Generation unsrer Enkel einmal stehen wird.

Doch näher liegt uns eine Haltung wie bei den Zeitgenossen Noahs, näher als wir uns eingestehen. Unser Alltag verläuft routinemäßig, Unser Denken bewegt sich im Bereich des Weltlichen, wir haben Wünsche, treiben Vorsorge. Aber in unserer praktischen Lebenshaltung kalkulieren wir den großen unbekannten Tag Jesu nicht ein. Daß er aber eintritt, das ist gewiß. Das bedeutet dann aber auch, daß es einmal ein „Wann“ geben wird. Das heißt aber: „Daß wir immer von dieser Grenze her zu leben haben!“

Und vor allem wissen wir, daß unser persönliches Leben einmal auf alle Fälle enden wird. Doch dieses Wissen um die Grenze macht uns nicht traurig oder mutlos und dadurch auch tatenlos. Wir wissen ja: Da kommt einer auf uns zu, es ist nicht aus, sondern wir werden es auf neue Weise mit Gott zu tun bekommen.

Unsre Welt muß der neuen Welt Platz machen. Aber dieser Blick in die Zukunft braucht uns nicht zu ängstigen. Jesus reiht sich weder unter die Optimisten noch unter die Pessimisten ein. Er hat eine andere, eigene Botschaft: „Tut Buße. denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Ihr müßt euch ändern - nicht aus Angst vor der Katastrophe, sondern in Erwartung des Gottesreiches.

Es ist ja Jesus, der uns unmittelbar nahe kommt, so nahe, wie er es noch nie war. Wir können uns auf ihn freuen, wie man sich auf einen lange vermißten Menschen freut. Diese Vorfreude der Begegnung gibt Schwung und bewirkt Wachheit. Der Blick auf das Ende lähmt nicht, sondern macht uns aktiv in der Zeit, die uns bleibt.

Martin Luther soll gesagt haben: „Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, dann würde ich doch heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“ Wir müssen auf das Reich

Gottes warten. Aber wir sollten nicht darüber versäumen, was wir zwischen Ostern und dem

Jüngsten Tag machen können.

Im Vaterunser beten wir: „Dein Reich komme!“ Wir erbitten damit beides: „Gott, dein Reich möge doch aus seiner Verborgenheit heraustreten und im Weltgeschehen beherrschend werden, sichtbar für jeden und jeden einbeziehend!“ Und wir erbitten damit auch: „Himmlischer Vater, mach uns bereit, dein Reich in seiner verborgenen Gestalt zu erkennen und anzunehmen, uns ihm zu unterstellen und uns zu ändern, wie es deine nahe Gottesherrschaft von uns verlangt!“

Ob wir den Tag Jesu einkalkulieren oder nicht, wir werden ihn erleben. Damals stand Jesus noch sichtbar mitten unter den Menschen. Dann kam die Zeit des Wartens ohne seine leibliche Gegenwart. An seinem großen Tag wird er aber wieder sichtbar werden. Vor allem wir er

plötzlich in unserer Mitte sein. Er wird nicht mehr unerkannt zwischen den Menschen stehen,

die durch die Hülle seiner Niedrigkeit nicht hindurchzusehen vermochten.

Den Tag des Herrn verschläft keiner. Anders als damals in Bethlehem kommt Christus wie ein Blitz aus heiterem Himmel, verbunden mit Donner und Krachen. Auf einmal wird alles erhellt, ist alles klar. Aber wir brauchen keine Angst zu haben vor dem Morgen, sondern wir können vertrauen auf eine Zukunft mit Christus. Dies kann uns Halt geben in der Stunde des Todes, mit der für jeden der jüngste Tag beginnt.

 

 

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr: Mt 25, 31 - 46

Die wenigsten von uns werden schon einmal mit dem Gericht zu tun gehabt haben. Wir kennen diese Situation nur vom Film und Fernsehen. Dennoch kann man schneller als man denkt in etwas hineingeraten, so daß man sich vor der Schiedskommission oder vor dem Gericht verantworten muß. Weil wir freie Menschen sind, müssen wir unser Leben verantworten, was wir getan oder was wir nicht getan haben. Auf alle Fälle aber werden wir vor dem Richterstuhl Christi stehen. Es muß zwar nicht genau so sein, wie hier beschrieben. Aber eines Tages werden wir nicht mehr untertauchen oder uns durchmogeln können, sondern dann stehen wir vor Gott.

Genau genommen ist das aber auch heute schor so. Gottes Wohlgefallen oder Mißfallen gehen ständig mit uns. Wer Böses tut, straft sich selber gleich mit: Er kann nicht frei sein mit einem schlechten Gewissen; er wird gelähmt, wenn er versagt hat; er zerstört Gemeinschaft, wenn er dem anderen enttäuscht oder hintergangen hat; er wird einsam, wenn er geizig ist, usw.

Dennoch vollzieht sich das Gericht Gottes nicht allein tief verborgen im Herzen des Einzelnen, wenn ein Mensch seine eigene Verkehrtheit entdeckt und darüber erschrickt. Dabei kann man sich immer noch beschwichtigen und vergessen und verdrängen wollen. Aber das wird uns Christus nicht für immer durchgehen lassen. Eines Tages kommt das Endgericht. Dann gibt es keine Möglichkeit zur Umkehr mehr, sondern die Akten werden geschlossen.

Damit wir eines Tages nicht davon überrascht werden, erzählt Jesus uns dieses Gleichnis. Er macht deutlich, daß er selber auch mit betroffen ist. Die einen haben Liebestaten vollbracht und nicht gewußt‚ daß sie das Jesus getan haben. Die anderen dagegen behaupten wiederum, sie seien ja Jesus nie begegnet. Doch wer seinen Brüdern und Schwester dient, der dient damit Jesus.

Wem das deutlich ist, der wird vielleicht Angst haben vor dem Menschen, die im Endgericht als Zeugen und Ankläger gegen ihm auftrete werden. Jesus selbst wird ihr Sprecher sein, weil er jedesmal der Betroffene war. Allerdings wird Jesus auch zur Sprache bringen, was f ü r uns spricht. Er billigt uns nicht mildernde Umstände zu und spricht uns nicht mangels Beweises frei, sondern er begnadigt uns. Das Urteil ergeht zwar nach den Werken, aber es wird aufgehoben im Spruch der Gnade. Ganz am Schluß wechselt die Erzählung noch einmal hinüber zu den Gesegneten, denen das ewige Leben geschenkt wird. Hier erkennt man, worauf Jesus letztlich abzielt. Aber zunächst einmal macht er uns deutlich, wie wir leben sollen, um im Endgericht bestehen

Ist die Geschichte vom Heiligen Martin eigentlich noch bekannt? Der Martinstag ist der 11. November. Er erinnert an Martin von Tours. Er hatte schon immer eine Neigung zum Christentum. Aber er war nicht getauft. Er hatte Soldat des römischen Reiches werden müssen und hatte einen hohen Posten erhalten. Doch er durfte nicht in der Kirche sein. Eines Tages reitet er mit einem Pferd über Land. Es bläst ein eisiger Schneesturm. Da trifft er am Weg einen Bettler in Lumpen gehüllt und halberfroren. Kurz entschlossen nimmt er seinen weiten Mantelumhang her, teilt ihn mit dem Schwert in zwei Hälften und gibt dem Bettler die eine Hälfte. Kurz darauf läßt er sich taufen.

Obwohl er also noch kein Christ im eigentlichen Sinne war, hat er doch so gehandelt, wie Christus es uns geboten hat: Er hat Nackte bekleidet und hat damit eins der sieben Werke der Barmherzigkeit getan, die Jesus in seinem Gleichnis vom großen Weltgericht aufgezählt hat: Hungrige speisen, Durstige tränken, Heimatlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene trösten und Tote begraben.

Das soll nun allerdings nicht heißen: Man kann auch ein anständiger Mensch sein, ohne in die Kirche zu gehen. Hauptsache: „Ich tue meine Pflicht und tue keinem Menschen etwas zuleide und lebe ehrlich von meiner Hände Arbeit!“ Manche Leute sagen ja: „Es kommt nur darauf an, sich um den Mitmenschen zu kümmern; das ist mehr, als immer nur in die Kirche zu laufen! Wahres Christentum zeigt sich in der Tat! Anstatt Kirchen zu bauen und zu erneuern, sollten sie lieber Wohnungen erstellen, damit wäre uns mehr gedient!“ So kann man es doch immer wieder einmal hören.

Doch solch ein rein praktisches Christentum ist eine Einbildung. Man kann das dann „Humanismus“ nennen, aber es ist kein Glaube. Krankenhäuser können auch Menschen bauen‚ die nicht glauben - und es ist gut, wenn sie es tun. Wir dürfen froh sein, wenn vieles von dem, was Jesus gewollt hat, in unsrer heutigen Welt verwirklicht wird, auch von Nichtchristen.

Dennoch bleibt ein Unterschied, wenn man nach den Beweggründen fragt: Ob ich es tue, um dem Fortschritt der Menschheit zu dienen oder um einen Auftrag Gottes auszuführen. Man muß auch genau hinhören, was das für Taten sind, die vor Gott zählen: Es geht nicht um unseren Bruttoverdienst oder daß wir keine Vorstrafen haben. Vielmehr kommt es darauf an, die Not des andern ganz ernst zu nehmen

Aber nun das Überraschende, das Jesus sagt: Die guten Taten der Nichtchristen k ö n n e n ihnen angerechnet werden. Das muß nicht sein, Gott behält sich seine freie Entscheidung vor. Aber es können auch Menschen im Endgericht freigesprochen werden, die nicht in dem Bewußtsein gelebt haben, im Dienst Gottes zu stehen. Sie haben sich keine großen Taten vorgenommen‚ sie taten, was ihnen vor die Hand kam. Unbewußt taten sie, was Gott erwartete und werden dafür gerecht gesprochen.

Das heißt aber nicht, daß w i r den Ruf Gottes in den Wind schlagen können. Denn w i r wissen ja von ihm und stehen ja schon immer in seinem Dienst. In dem notleidenden Menschen können wir unseren Herrn Jesus Christus erkennen. Jeder Mensch ist für uns ein Abbild Gottes und aus jedem sehen uns die Augen Jesu Christi an und fragen uns: „Hilfst du mir?“

Wir haben nicht schon unser Soll erfüllt‚ wenn wir am Sonntag zum Gottesdienst gehen. Gottesdienst ist auch die Tat der Barmherzigkeit, die ohne alle Hintergedanken denen gilt, die mich brauchen. Wenn wir hier diese Kirche verlassen, dann beginnt der zweite Teil des Gottesdienstes. Dann zeigt sich erst, ob wir Gott richtig verstanden haben und ob wir ihm dienen wollen.

Beides gehört immer zusammen: der Gottesdienst am Sonntag und der Gottesdienst am Werktag. Man kann nicht auf eins von beiden verzichten. Durch gute Taten am Mitmenschen wird der Gottesdienst am Sonntag nicht überflüssig. Man hat behauptet, als Christ brauche man nicht zum Gottesdienst und zum Abendmahl gehen, denn was dort geschieht, das könne sich auch in ganz anderen Formen zeigen .Dazu ein Beispiel: In einem Lokal in Amerika verkehren vorwiegend Weiße. Nur ein Schwarzer sitzt mit drin, allein an seinem Tisch, obwohl es ziemlich voll ist. Die Leute gehen lieber wieder, als daß sie sich zu diesem Schwarzen setzen. Wenn ich nun hingehe und ihm Gesellschaft leiste, dann sei das dasselbe wie das Abendmahl. Da entstünde Gemeinschaft wie beim Abendmahl und auf die Feier am Sonntag mit Brot und Wein könne man dann verzichten.

Natürlich kann man auf diese Art mit einem Menschen sehr eng verbunden sein. Aber die erste Frage ist doch die Gemeinschaft mit Gott. Wer zu Gott gehört durch das Abendmahl, der wird ganz von selbst versuchen, auch andere Menschen zu Gott zu führen. Er wird sich vielleicht auch besonders um die Verachteten und Ausgestoßenen kümmern. Aber das ersetzt immer noch nicht die Feier des Abendmahls. Im Gegenteil: Nur von dort her erhalten wir Kraft, auch das andere zu tun!

Es gibt auch heute noch viel zu tun. Der Blick in die weite Welt und die „Aktion Brot für die Welt“ dürfen dabei nicht dazu führen, das zu übersehen‚ was uns unmittelbar vor Augen liegt. Heute werden von den sieben Werken der Barmherzigkeit besonders die Krankenbesuche wichtig sein. Ein kranker und ein alter Mensch werden oft links liegengelassen und vereinsamen. Man braucht oft gar nicht viel zu tun, vielleicht nur einmal nach dem Betreffenden zu

sehen.

Nächstenliebe ist allerdings noch etwas mehr als praktische Hilfsbereitschaft. Entscheidend ist der Trost in der inneren Not. Mancher Kranke wird undankbar, mancher hat Fragen. Hier gilt es zu helfen. Aber wir sollten dabei wissen, daß jeder von uns genauso schuldig ist wie der andere und auf die Vergebung Gottes angewiesen ist. Vielleicht können wir gerade hier die meiste Hilfe bringen, einerlei ob der andere innerhalb oder außerhalb der Gemeinde steht.

Jesus sagt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ Das allein entscheidet über das Urteil, das am Ende unsres Lebens über uns gefällt wird. In den ganz unscheinbaren Entscheidungen des Alltags geht es um unser Schicksal, geht es um unser Verhältnis zu Gott.

Aber heißt es denn nicht an anderer Stelle: „Wir werden ohne die Werke gerecht gesprochen, allein aus Glauben?“ Sicherlich sollten wir nicht nur deshalb Gutes tun, weil wir Lohn dafür erwarten. Die Menschen‚ die Jesus als Vorbilder hinstellt, haben ja ganz unbewußt so gehandelt; es ist einfach alles ganz selbstverständlich aus ihrem Glauben hervorgewachsen. Irgendwo muß der Glaube praktische Auswirkungen zeigen, sonst ist er kein Glaube.

Es werden gar keine großartigen Leistungen und heroische Taten verlangt. Es ist nicht jeder von uns ein Albert Schweitzer. Aber auf kleine alltägliche Hilfen kommt es an: Da ist eine Mutter erkrankt und die Nachbarinnen kochen nun abwechselnd für die Familie mit. Einer Mutter mit einem Beinleiden wird der tägliche Weg zur Kinderkrippe abgenommen. Die kranke Tante wird besucht. Man spricht mit dem, der aus der Haft entlassen wurde. Es werden auch Spenden gegeben für die Opfer von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen.

Gewiß, jeder von uns hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Aber wir werden von Gott nicht gefragt, was wir für u n s getan haben, sondern wo wir anderen geholfen haben. Jesus jedenfalls verheißt Freude beim Herrn für all die, die auch den Mitmenschen sehen und in diesem den leidenden Christus erkennen.

 

 

Bußtag: Lk 13, 1 - 9

Die Umkehr, die auf einem Umdenken beruht, ist nicht ein Spezialthema für den jährlichen Buß- und Bettag. Luther sagte schon in der ersten seiner 95 Thesen: „Das ganze Leben der Gläubigen soll eine Umkehr sein!“ Dennoch hat so ein außerordentlicher Bußtag schon einen Sinn. Früher wurden die Bußtage angeordnet, wenn bestimmte Ereignisse zu besonderen Fragen Anlaß gaben. Dazu gehörten ein Krieg oder Naturkatastrophen, ein großer Brand oder auch solche Ereignisse, wie in unserem Bibelabschnitt beschrieben. An den Bußtagen versuchte man, das innerlich zu bewältigen, indem man sich selbst prüfte und umkehrte. Die Bibel gibt uns dazu Anleitung. Als erstes wird uns heute gesagt:

 

(1) Es ist höchste Zeit, achtet auf die Zeichen des Gerichts: Jesus geht von aktuellen Fällen aus, die in aller Mund waren. Festpilger aus Galiläa waren im Begriff, mit ihren Opfertieren zum Tempel zu ziehen. Vielleicht waren sie auch schon im Tempel damit beschäftigt, ihre Opfer darzubringen. Da hat der Statthalter Pontius Pilatus sie überfallen und niedermetzeln lassen, so daß sich ihr Blut mit dem Blut der Tiere vermischte. Die römischen Legionäre haben sich nicht nur am Menschen‚ dem Ebenbild Gottes, vergriffen, sondern auch an den Opfertieren, die ja schon Gott geweiht waren.

Der Vorfall hat die Menschen verstört. Er paßt in das Bild, das wir auch sonst von Pilatus erhalten. Der König Herodes Agrippa, der selber auch nicht besser war, wirft ihm vor: Bestechlichkeit, Gewalttaten, Mißhandlungen, gehäufte Hinrichtungen ohne Gerichts verfahren und unablässige wilde Grausamkeit. Doch er hatte einen guten Freund am Kaiserhof, der ein glühender Judenhasser war. So ist lange nichts passiert, bis im Jahre 35 ein ähnliches Gemetzel wie in der Bibel beschrieben zur Abberufung des Pilatus führte.

Wer ist schuld an solchen Untaten? Wir werden natürlich sofort sagen: „Pilatus war schuld!“ Dadurch sind wir mit der Sache schnell fertig. Zur Zeit Jesu aber suchte man die Schuld nicht bei den Tätern, sondern bei den Opfern: „Wer so schrecklich stirbt, der muß etwas Schreckliches getan haben. Jedes Unglück kommt von Gott, und der wird schon seine Gründe haben. Gott ist doch gerecht, umsonst tut er Derartiges nicht. Wer weiß, womit die Getöteten halt Gott herausgefordert haben. Die Rechnung mußte grundsätzlich immer aufgehen: Ein hartes Geschick weist zurück auf eine große Sünde!“

Wenn wir etwa an den Atombombenabwurf in Hiroshima denken, dann sagen wir natürlich: Schuld haben die, die den Befehl zum Abwurf der Bombe gaben, und dann die, die den Befehl auch ausführten. Aber es könnte ja auch jemand sagen: „Wer hat denn damit angefangen? Es war doch nur eine Vergeltungsaktion, schuld waren die Japaner!“ Doch Jesus läßt sich auf eine derartige Diskussion nicht ein, ihm geht es um etwas anderes.

Vor allem wendet er sich gegen die Zuschauerhaltung derjenigen, die ja nicht betroffen sind und meinen, sich über die Schuld der Betroffenen ein Urteil erlauben zu können. Mit den Angehörigen der Umgekommenen hätte Jesus sicher anders geredet. Aber seine Gesprächspartner wollen als neutrale Beobachter reden aus sicherer Entfernung, als Unbeteiligte. Sie kommen gar nicht auf die Idee zu fragen: „Wenn es nun mich getroffen hätte? Womit habe ich es

eigentlich verdient, da ich bisher von Derartigem verschont geblieben bin?“

Auch über den Atombombenabwurf auf Hiroshima darf man sich solange nicht aufregen, wie man sich nicht gefragt hat: „Wärst du zu etwas Derartigem nie und nimmer fähig? Würde dein Volk niemals so etwas machen? Was habt ihr denn gemacht, was ist meine Schuld? Wären

wir wirklich vor den Atombomben sicher, wenn sie nicht in den Händen von Politikern und Militärs wären, sondern in den Händen von Diakonissen und Pfarrern?“ (Das Beispiel stammt von dem Theologieprofessor Helmut Thielicke).

Unsere Frage sollte also nicht lauten: „Warum hat es jene getroffen?“ Wir sollten vielmehr fragen: „Wieso hat es uns nicht getroffen?“ Das liegt doch nicht daran, daß wir unschuldig wären! Es gibt überhaupt keine Unschuldigen, sondern immer nur in gleicher Weise Gefährdete! Deshalb verbietet uns Jesus, uns als Zuschauer mit dem Geschick anderer zu befassen. Vielmehr geht er unmittelbar auf uns selbst zu, damit wir nicht verpassen, was jetzt dran ist. Wir möchten immer gern Gott zur Rechenschaft ziehen und ihn belehren, wie er es besser hätte machen können. Dabei ist es doch so: Wenn Gott wirklich so konsequent hätte sein wollen, wie wir gern wollen, dann hätte er   u n s  das Opfer sein lassen müssen.

Das Blutbad an den Galiläern, der Einsturz des Turmes, die Opfer eines Verkehrsunfalls - all das sind Zeichen Gottes. Aber was muß er eigentlich noch tun, um uns wach zu kriegen? Was haben wir gelernt aus der in einem solchen Fall ausgestandenen Angst, dem Erschrecken, den geleisteten Gelübden? Gott erwartet von uns die ganz große Umkehr. Aber dazu gehört noch die zweite Aussage:

 

(2).Es ist noch ausreichend Zeit, das Gericht wird noch aufgeschoben: An sich müßte der Baum schon Frucht getragen haben. Es geht nicht an, daß er nur den Boden aussagt, ohne daß etwas dabei herauskommt. Gott erwartet auch einen Lebensertrag, erwartet „Früchte der Buße“. Unser Leben soll etwas erbringen. Andernfalls werden wir abgehauen wie ein Baum, so wie die Stadt Jerusalem im Jahre 70 vernichtet worden ist.

Auch als Kirche haben wir vieles nicht gebracht. Es werden hohe Ansprüche gestellt und ein erheblicher Aufwand getrieben. Aber es gibt viel Leerlauf‚ wenig überzeugendes Gotteslob, Mangel an diakonischen Kräften, Beschäftigtsein mit dem eigenen Bestand. Würden nicht viel mehr Menschen auf Christus aufmerksam werden, wenn man uns so richtig glauben könnte? Müßte nicht mehr Menschen geholfen sein, so daß sie aufatmen und froh werden? Müßte sich an unseren Opfern nicht deutlicher darstellen, was unser Herr uns wert ist? Müßte man an uns nicht besser ablesen können, welch eine wunderbare Sache doch die Vergebung ist?

Jesus bittet wie der Weingärtner um Aufschub, damit noch einmal Zeit bleibt. Es kommt noch nicht gleich der Jüngste Tag, der allen Problemen und Anfechtungen sogleich ein Ende machen würde. Nur: Unter dem Druck der Allmacht Gottes gäbe es kein Umkehren aus freier Entscheidung mehr. Da kann man nur in Freude ausbrechen, weil man das sieht, was man geglaubt hat. Oder man muß sich zähneknirschend eingestehen, daß man verspielt hat, weil man sich falsch entschieden hatte. Umkehr kann immer nur aus freiem Herzen und Willen kommen.

Deshalb hält Jesus den Jüngsten Tag noch auf. Er will die Frist noch nutzen. Wie ein guter Weingärtner arbeitet er noch an seiner Gemeinde. Er gräbt das Erdreich rund um den Baum auf, damit die Wurzeln Luft und Nahrung erhalten und der Baum dann Früchte tragen kann.

Ohne Bild gesprochen: Jesus bricht unsre Verhärtungen und Verkrustungen auf, damit sein lebendiges Wort durch die Oberfläche eindringt und vordringt bis an die Wurzeln unserer Existenz. Dort soll es wirken und etwas reifen lassen, was den anderen zugutekommt. Er will uns aufreißen durch die schrecklichen Nachrichten aus aller Welt. Er will aber auch den Borden lockern durch die Predigt seines Wortes und durch die Sakramente, wenn er im Gebet mit uns spricht, will er mit uns arbeiten und uns weiterhelfen,

Jesus kommt nicht als Schulmeister oder Aufpasser, sondern als guter Freund. Er nimmt unser Versagen nicht zum Anlaß, sich von uns zu distanzieren, sondern: Je nötiger wir ihn haben, desto mehr tut er für uns. Er tut alles, um uns durchzubringen, damit wir nicht abgehauen werden müssen. Früchte sind immer noch möglich, weil Gott sich immer noch um uns bemüht.

So hören wir auch an diesem Buß- und Bettag die frohmachende Botschaft Gottes: „Euch bleibt noch Zeit!“ Allerdings sollten wir diese Zeit auch gut nutzen. Gott möchte auch Früchte sehen. Allerdings sollten sie nicht vor lauter Angst hervorgebracht werden, sondern Antwort auf die Liebe Gottes sein. Sie wären das Echo und würden erkennen lassen, daß Gottes Liebe bei uns angekommen ist und wir aus ihr leben wollen. Der heutige Gottesdienst will uns ermutigen, aus dieser Liebe heraus zu leben und gute Früchte zu bringen.

 

 

Ewigkeitssonntag: Mt 25, 1 - 13

Michael Stiefel, ein Augustinermönch in Eßlingen, schloß sich schon 1521 der Lehre Martin Luthers an. Aber bald mußte er die Stadt verlassen und kam nach Lochau bei Wittenberg und wurde Pfarrer. Da er sich aber auch sehr für Mathematik interessierte und stark mit der Offenbarung des Johannes beschäftigte, berechnete er den Jüngsten Tag auf den 19. Oktober. 1533. Die einen lachten darüber und trieben ihr ausgelassenes Leben nur um so wüster. Die anderen bereiteten sich voll Ernst auf den Tag vor, ließen aber ihre ganze Arbeit liegen.

Am 19 .Oktober versammelte sich die Gemeinde mit ihrem Prediger in der Kirche, um betend und singend, voller Angst und Spannung, das große Ereignis zu erwarten. Die Stunde kam - aber nichts geschah. Michael Stiefel hatte sich geirrt. Nur mit Mühe wurde er durch Luther vor einer harten Bestrafung durch den Kurfürsten bewahrt. Seit jener Zeit singt man übrigens das Spottlied „Stiefel muß sterben, ist noch so jung, jung, jung, jung!“

Ja, wir haben leicht spotten, wenn nicht immer wieder solche Dinge vorgekommen wären. Die Neuapostolischen zum Beispiel haben das Ende der Welt zunächst für 1884 und dann für das Jahr 1914 berechnet. Es kam auch zufällig etwas, nämlich der Erste Weltkrieg; aber das war noch lange nicht das Ende. Bei den Neuapostolischen hieß es: „Wenn der Stammapostel stirbt, ist das Ende da!“Aber der ist natürlich auch 1960 gestorben und nichts geschah. Inzwischen haben die Neuapostolischen aber schon wieder einen neuen Termin für den Weltuntergang.

Mit dem Gleichnis von den Zehn Jungfrauen werden wir in eine ähnliche Lage hineingeführt. Die dritte Generation nach Jesus wartete auch sehnlichst auf das Ende der Welt, wie es Jesus angekündigt .hatte. Aber es geschah nichts. Hatte sich Jesus getäuscht oder hatten sie sich getäuscht? Es entstand Unruhe in den Gemeinden. Viele wurden von dem ewigen Warten verzehrt; so wie das Öl in einer Lampe verzehrt wird, so nahm auch ihr Glaube an die Wiederkunft Christi ab.

Bis dann eines Tages ein Prediger die Rede Jesu vom nahen Gottesreich neu auslegte. Er erzählte das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen und machte damit deutlich: Gott hatte es anders vor, als wir es immer verstanden haben. Wir müssen noch mit einem gewissen Zeitraum rechnen. Aber das ist kein Grund, in der Wachsamkeit nachzulassen oder gar die Hoffnung auf die Niederkunft Jesu ganz aufzugeben.

Die Hoffnung gehört mit zum Leben der Menschen hinzu. Auch die kleinen Hoffnungen unseres täglichen Lebens können wir nicht geringachten: Wir hoffen auf einen erholsamen Urlaub, auf das Wiedersehen mit einem geliebten Menschen, auf die Wiederherstellung der Gesundheit. Aber solche Dinge dürfen uns den Blick auf die große Hoffnung nicht verstellen, daß die Welt wieder heil wird und neu geschaffen wird. So ist unser Glaube immer auf die Zukunft gerichtet. Diesen Punkt können wir nicht zur Not auch weglassen oder auch nur an den Rand stellen.

Dennoch wird Nüchternheit gerade für uns Menschen von heute auch ganz gut sein. Jesus hat nicht „alles“ vorausgesagt und für alle Zeiten festgelegt. Er hat ja selber den Zeitpunkt des Endes nicht gewußt, sondern ihn dem Vater überlassen. Er hat uns kein Drehbuch der „Letzten Dinge“ geliefert, aus dem wir ablesen könnten, in welchem Abschnitt wir uns gerade befinden.

Das Gleichnis sagt uns: „Es kann noch lange dauern, bis Gott sich allen öffentlich zeigen wird. Es genügt nicht, nur einfach zur Gemeinde zu gehören. Man muß auch den richtigen Glauben haben. Die zehn Mädchen wollen ja die ganze Gemeinde darstellen. Aber nur die eine Gruppe denkt richtig über Gott und läßt ihm die freie Entscheidung. Die andere Gruppe aber denkt falsch und meint, Gott müßte so handeln, wie sie sich das vorstellen. Allerdings wird sich erst am Ende herausstellen, wer klug und wer töricht war - wer auf Gott gehört hat und sich nicht hat beirren lassen oder wer seiner eigenen Meinung über Gott gefolgt ist.

Eins steht allerdings fest, damals wie heute: Jesus kommt! Nur wissen wir nicht, wann er kommt. Er ist schon heute bei uns in allem, was wir tun. Aber er wird auch wieder sichtbar erscheinen. Bis dahin aber ist noch' allerhand zu tun für uns. Schon Jesus hat seine Jünger auf einen Dienst zugerüstet, der offensichtlich nach seinem Abschied weitergehen sollte, ja sich erst voll entfalten sollte: Sie sollten predigen und unterweisen, Menschen heranführen und taufen, sein Mahl feiern und Kirchenzucht üben. Hier paßt die ganze Kirchengeschichte hinein, eine Zeit aktiven Wartens und wartender Aktivität. Den Antrieb und die Kraft dazu gibt Jesus selber.

Aber an sich soll das Leben ganz normal weitergehen. Dazu gehört selbst der Schlaf, der auch die klugen Mädchen übermannt. Sie werden. nicht getadelt, weil sie ein normales Leben führen, weil der Schlaf eben natürlich und normal ist. Nur sollen sie die Hoffnung nicht aufgeben, daß das normale Leben in die „Hochzeit“ ausmündet.

Aber wir können auch nichts tun, um den Bräutigam herbeizuzwingen. Das ist ja der Fehler der törichten Mädchen. Sie meinen, daß eine Lampenfüllung an Öl reichen wird. Sie rechnen gar nicht damit, daß das Kommen des Bräutigams sich noch hinziehen könnte. An sich wollen sie zu früh feiern und kommen dann zu spät.

Der Bräutigam kommt dann, wenn es für ihn Zeit ist. Er läßt sogar die Braut warten. Und erst recht tut er nicht den Brautjungfern den Gefallen, schon eher zu kommen, nur weil es ihnen so besser in den Kram paßt. Deshalb gilt es bis heute, sich auf ein langes Warten einzustellen, eben bis zur Wiederkunft Christi.

Andererseits kommt er aber ohne menschliches Zutun und läßt sich dabei auch nicht aufhalten. Er kommt, obwohl manche so unvernünftig sind und ihn herbeizwingen wollen. Er kommt, weil e r es will und nicht weil wir es wollen. Er kommt trotz aller Übel in der Zeit, und für manchen kommt er sogar zu früh.

In einem Traum hat einmal ein Prediger einer Versammlung böser Geister beigewohnt. Sie berieten‚ wie sie am besten die Seelen der Menschen fangen könnten. Einer sagte: „Ich will ihnen sagen: Es gibt keinen Gott!“ Aber die andere meinte: „Das werden sie nicht glauben, denn schon die Natur belehrt sie eines andere!“ Dann schlägt einer vor: „Ich will ihnen einreden, mit dem Tod sei alles aus!“ Aber er kommt auch mit seinem Vorschlag nicht durch, weil der Oberste sagt: „Ihr Gewissen läßt ihnen darüber keine Ruhe!“ Schließlich hat ein Dritter einen Vorschlag, der gut geheißen wird. Er sagt: „Ich will alles gelten lassen, was die Bibel und das Gewissen von Umkehr und Vertrauen zu Gott sagen, aber dann hinzufügen: Es hat noch Zeit!“ „Vortrefflich“, rief da der König der Teufel aus‚ „geht hin und handelt nach diesem Rezept!“

Dieses lauwarme Aufschieben wird uns tatsächlich zur größten Versuchung. Wir meinen, es gäbe ja noch viele Gelegenheiten, um Gutes zu tun, und verpassen dabei die Forderung des Tages. Wir trösten uns mit dem Gedanken, der Jüngste Tag werde schon nicht so bald kommen, mit Glaubensdingen könne man sich noch später befassen. Wir hoffen nicht mehr so sehnsüchtig und zukunftsgewiß wie im Neuen Testament. Wir sagen: „Das ist jetzt 2 000 Jahre her und das Erwartete ist nicht eingetreten, das ist nichts mehr für uns!“

Bei unseren alltäglichen Problemen sind wir da eifriger. Schon lange vor Weihnachten laufen wir nach Rosinen für den Stollen und nach Kerzen für den Baum. Manchmal können wir sogar das Gewünschte nicht finden.

 

Das Ende der Welt aber kommt bestimmt. Vor allem aber kommt das Ende unseres zeitlichen Lebens. Wir haben nicht länger zu warten als unser Leben dauert. Deshalb gilt es, in jedem Augenblick abrufbar zu sein. Es kann auch einmal sehr schnell gehen.

Wir denken am heutigen Tag auch an die, für die die Stunde schon geschlagen hat. Für sie ist das Problem schon gelöst, ob Gott zu früh oder zu spät gekommen ist. Deshalb wollen wir nicht nur an die Toten denken, sondern schon unsere Zukunft im Auge haben, unseren Tod und die Ewigkeit. Wir begehen heute nicht einen „Totensonntag“, sondern den „Ewigkeitssonntag“, an dem die Lebenden zur Besinnung gerufen werden.

Heute ist auch kein Trauertag, sondern man kann auch mit Freude an die Ewigkeit denken. Eine Hochzeit ist ein fröhliches Fest. Und wenn es heißt: „Der Bräutigam kommt!“ dann ist das kein Schreckensruf, sondern ein beglückender Ruf der Freude für den, der wirklich bereit ist.

Zur Hochzeit gehört auch unbedingt ein Hochzeitszug mit entsprechend vielen Leuten. Hätten die klugen Mädchen etwas von ihrem Öl abgegeben, dann hätte ihr Zug ein klägliches Ende genommen, weil dann alle ohne Öl dagestanden hätten. Es gibt eben auch einmal ein „Zu spät“. Dann kann sich keiner mehr hinter dem anderen verstecken, auch nicht in Glaubensdingen: Es nutzt den Kindern nichts, wenn die Eltern fromm sind. Es nutzt dem Mann nichts, wenn die Frau zum Gottesdienst geht. Es nutzt dem Paten nichts, wenn das Patenkind zwar konfirmiert wird, aber er selber hält nichts vom Glauben. Wer nicht persönlich dabeigewesen ist, hat alles verpaßt.

Weil die Ankunft Gottes so sicher ist, dürfen wir bei unsrer Arbeit nicht versagen. Er sorgt für das Letzte und wir haben uns um das Vorletzte zu kümmern, weil das am Ende so unendlich wichtig sein wird. Es wäre falsch, das Ende zu nah zu erwarten, uns nur mit dem Morgen zu beschäftigen und das Heute zu verpassen. Es wäre aber auch falsch, das Ende zu weit zu wähnen.

Dann ginge es uns wie jenem Brückenbauer, der als erster eine Brücke über einen großen Abgrund geplant hatte. Der Bau wurde vollendet und war der Stolz aller, die daran gebaut hatten. Am Tag der Einweihung aber wurde der Architekt von nicht zu überwindenden Zweifeln gepackt, ob er sich nicht doch verrechnet habe und die Brücke zusammenstürzen muß. In seiner Verzweiflung stürzte er sich von der Brücke in die Tiefe. Diese hat jedoch bis heute ihren Dienst getan.

Wir sollten nicht dem Wahn erliegen, uns verrechnet zu haben. Gott rechnet allein. Deshalb sollte unsere Hoffnung die Naherwartung und die Fernerwartung in sich vereinen. Wenn es Zeit ist, wird Gott schon kommen. Wir können nur dafür beten, daß wir dann gerüstet sind, ihn zu empfangen.

 

 

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