Reihe III

 

1. Advent: Jer 23, 5 - 8

Jede Regierung hat wohl ein bestimmtes Ziel vor Augen für ihren Staat und für ihre Bürger. Nach außen möchte man Sicherheit, ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarn, internationale Anerkennung. Und mancher große Staat strebt auch weltpolitische Macht an, möchte Einfluß haben und unter Umständen auch andere Länder ausbeuten können. Nach innen sucht man Wohlstand und Glück zu verschaffen, Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen und allseitige Zustimmung zu den Maßnahmen der Regierung.

Meist verkörpern sich solche Wünsche in einer bestimmten Person an der Spitze eines Staates. Dort befindet sich meist ein starker Mann, ob er dieses Amt nun geerbt hat oder sich selbst genommen hat oder durch Wahl erlangt hat. Auch wenn sich mehrere in die Macht teilen und eine demokratische Kontrolle da ist, so ergibt sich doch immer ein Gegenüber von Führung und Geführter. Und der kleine Man meint doch immer, „die da oben“ hätten allein etwas zu sagen und seien dann natürlich auch für alle Rückschläge und Mißerfolge dem Volk gegenüber verantwortlich.

Zur Zeit des Propheten Jeremia wurde die Staatsspitze durch einen König verkörpert. Aber was war das für ein König? Die Babylonier schickten sich an, auch den kleinen Staat Juda noch ganz unter ihre Gewalt zu bekommen. Vorerst hatten sie den Zedekia als einen von ihren abhängigen König eingesetzt. Sein Name bedeutet an sich etwas Positives: Unsre Gerechtigkeit ist Gott!“ Damit wird auf eine wichtige Aufgabe des Königs hingewiesen: Er soll Augen im Kopf haben, soll sein ganzes Land überblicken und vor allem auf das Recht im Land achten.

Aber gerade damit stand es sehr schlecht. Jeder versuchte, nur das Beste für sich selber her­aus­zuholen. Man setzte sich rücksichtslos durch und die Schwachen blieben auf der Strecke. Die Reichen wurden noch reicher und die Armer noch ärmer. Und das alles angesichts der außenpolitischen Gefahr, die das Volk doch eher hätte zusammenführen sollen. So aber zeigten sich alle Verfallserscheinungen eines untergehenden Volkes, eine Untergangsstimmung, in der man die Augen vor der Wirklichkeit verschloß.

In dieser Situation spricht der Prophet Jeremia von einem neuen König, der erst ein wahrer König sein wird, nicht so ein Schwächling wie er König Zedekia. Er erwartet ihn noch für die geschichtliche Zeit, vielleicht schon für die nahe Zukunft, jedenfalls nicht erst am Ende der Welt.

Wir denken dabei natürlich gleich auch an Jesus, der ja auch wie ein König in Jerusalem eingezogen ist. Allerdings sieht seine Herrschaft anders aus als die eines weltlichen Herrschers. Er wollte eben nicht mit Gewalt den Menschen seinen Willen aufzwingen, sondern sein Herrschen bestand im Dienen. Irdische Hoffnungen hat er dabei mit aufgenommen, aber eben auch deutlich gemacht, daß die volle Erfüllung seiner Verheißungen erst am Ende aller Zeit zu erwarten sein wird.

Auch heute will Jesus als ein König zu uns kommen, aber anders als die Könige Israels und auch anders als die Herrscher der Welt von heute. Drei Dinge sind für den wahren König Gottes charakteristisch: Er regiert sein Volk recht, er setzt Gottes Anspruch durch und er holt die Verstoßenen heim.

 

Jesus regiert sein Volk recht:

Jeremia rechnet wohl mit dem Ende des israelitischen Königtums. Es wird enden, so wie ein Baum abgehauen wird. Aber aus dem Stumpf kommt wieder ein Sproß hervor, der ein gerechter König sein wird. So stammte Jesus wohl aus einer Nebenlinie der Familie Davids,  aber er war die Erfüllung der Hoffnungen, die Israel in bezug auf seine Könige hatte.

Die weltlichen Herrscher sind immer Unterdrücker ihrer Völker gewesen. Mit Hilfe ihrer Soldaten und ihrer Polizei haben sie Macht nach außen und innen ausgeübt. Aber das war praktisch auch ihre einzige Art zu regieren, mehr fiel ihnen nicht ein. Meist waren sie vom Volk isoliert und hatten nur ihren eigenen Vorteil im Auge, nicht das Wohl aller.

Jesus aber hat Macht über die Menschenherzen. Ohne Drohung und Gewalt setzt er seine Willen in uns durch. Sein Wort bindet uns an ihn. Oft bringt er uns dadurch aus der Ruhe, läßt und  alte Gewohnheiten des Denkens und Handelns fraglich werden. Dann entdecken wir, wie verkehrt wir gelaufen sind und noch laufen. Adventszeit ist Zeit zur Selbstprüfung und zur Änderung des Lebens.

Aber indem uns Jesus zur Umkehr aufruft, ermutigt er uns auch, einen anderen Weg zu gehen. Es geht nicht darum, ein frommes Gehabe zu zeigen, und nur all den Weihnachtsklimbim mitzumachen. .Jesus will uns ganz in die Hand bekommen. Aber das schafft er nicht dadurch, daß er sich gegen uns wendet. Das ist die irrige Meinung der weltlichen Herrscher: Wem das Volk aufmuckt, dann muß man es schon vorbeugend unterdrücken, muß drohen und die Freude alarmieren, damit sie notfalls gegen das Volk helfen. Jesus aber erklärt sich  f ü r  die sich ihm widersetzenden Menschen. Das hat ihm zwar zunächst das Kreuz eingebracht. Aber letztlich hat er doch viele Menschen dadurch überzeugt.

Das ärgert ja die weltlichen Herrscher so, daß da Menschen sind, die freiwillig dem wahren König der Welt folgen. Sie wissen eben: Dieser Jesus gibt acht auf seine Leute, er schaut sich im Lande um und weiß, wie es dort wirklich aussieht. Er hat ein brennendes Inter esse an seinen Leuten. Deshalb kommt er auch zur Einsicht und kann mit Klugheit und Glück seine Herrschaft ausüben. Für ihn ist es kein Wunschtraum, daß Regierung und Volk eng miteinander verbunden sind.

Allerdings hat er nicht die Veränderung der sozialen Verhältnisse als seine Aufgabe angesehen. Er wußte, daß sie erst am Ende der Welt wirklich aufgehoben werden können. Aber bis dahin überläßt er die irdische Gerechtigkeit der weltlichen Ordnung. Christen werden mit Nichtchristen zusammen sich für die Veränderung der Verhältnisse einsetzen. Die Liebe Christi wird sie dazu treiben, allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen. Aber sie werden jede Maßnahme an dem messen, was Jesus gewollt hat. Sie werden ihr Tun verstehen als Zeichen für das, was Gott noch mit der Welt vorhat. Letztlich wird es ihnen um die Herrschaft Gottes in dieser Welt gehen.

 

Jesus setzt Gottes Anspruch durch:

Jeremia wartete noch auf einen Menschen, einen irdischen König. Allerdings sollte dieser Mensch von Gott benutzt werden, um einen Teil des göttlichen Heils auf der Welt zu verwirklichen. Man wußte ja noch: Der wahre König Israels ist Gott selbst, und der Träger der irdischen Krone kann nur sein Stellvertreter sein. Aber Zedekia war kein solcher Stellvertreter. Er hatte zwar einen schönen Namen: „Gott ist unsre Gerechtigkeit“. Aber diesen Anspruch würde erst ein anderer wirklich erfüllen.

Das Zentralwort heißt hier „Gerechtigkeit“. Es beschreibt, was sich zwischen Gott und den Menschen abspielt, aber auch das Verhältnis der Menschen untereinander, wenn sie in Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Gott beansprucht die Menschen und die ganze Schöpfung, indem er sie mit seiner Liebe zurückgewinnt. So stellt er wieder ein ungetrübtes Gottesverhältnis her, indem er sich selber als Bindeglied zur Verfügung stellt.

Gott setzt sich in der Welt durch, indem er sie liebhat. Jeremia hat noch nicht Jesus vor Augen gehabt. Aber was er hier ankündigt, ist in Jesus Wirklichkeit geworden. Für uns ist nichts weiter erforderlich, als daß wir uns von diesem Jesus helfen lassen.

 

Jesus holt die Verstoßenen heim: Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Hoffnung. Aber worauf wollen wir warten? Auf bessere Zeiten etwa? Wahrscheinlich haben wir doch schon die beste aller Zeiten hinter uns. Mancher wird sich noch vorkommen wie in einem Wartesaal, wo man auf die Zukunft wartet. Aber im Wartesaal tut man nichts, da ist die Zeit meist nutzlos vertan. Doch besser ist es, aktiv die Gegenwart zu gestalten, allerdings dann mit einem festen Ziel vor Augen.

Das Reich Gottes ist nicht nur ein jenseitiges Reich, sondern es will Raum greifen in unsrer Welt. Es kommt von Gott und durch ihn, aber wir Menschen sind tätig dabei, gerade weil wir wissen, daß es noch aussteht. Jeremia hofft auf Freiheit für sein Land und sogar die Befreiung des nördlichen Nachbarreichs Israel. Dort hat man den größten Teil des Volkes schon in die Gefangenschaft geführt. Das war die Strafe Gottes für ihre Taten. Nur er weiß, wo diese Menschen jetzt sind. Aber Jeremia hofft, daß Gott auch diese Verstoßenen wieder heimführen wird.

Für uns ist die Hoffnung umfassender. Wir wissen, daß Gott sich sein Volk aus allen Völkern aussucht, sie sind ihm alle gleich lieb. Wir wissen auch, daß das Lied recht hat: „Welt ging verloren!“ Die Menschen sind Gott entfremdet, von ihm abgerückt, sie sind im „Elend“ Aber auch sie dürfen eine Hoffnung haben: Christus kommt und erreicht, daß Gott das riesige Schuldkonto annulliert und die Menschen wieder in ihre Heimat bei Gott zurückgeführt werden können .

Davon leben wir auch heute. Christus ist zu uns auf dem Weg indem er uns verkündet wird. Die Tage, auf die Jeremia geblickt hat, sind gekommen: Für uns hat die Christusherrschaft schon begonnen.

 

 

2. Advent: Mt 24, 1-14 

Wenn bei einer Frau die Wehen einsetzen, dann kommt das Kind bald, dann geht eine Zeit zu Ende und etwas Neues beginnt. Diesem Wandel kann man sich nicht entziehen, sonst kann man nicht teilhaben an der Freude danach. Nur wer durch Angst und Schmerzen hindurchgegangen ist, wird Freude in der ganzen Tiefe erfahren. Deshalb nimmt Matthäus die Wehen bei der Geburt als Bild für die Wehen bei der Wiederkunft Christi.

Heute kann man die Schmerzen der Geburt mit Spritzen bekämpfen. Aber unser Gefühl für die schmerzvollen Anzeichen der Gegenwart dürfen wir nicht bekämpfen. Wir können uns nicht taub  stellen gegenüber der Not in der Welt, gegenüber der Unterdrückung in totalitären Staaten, gegenüber der Ausbeutung der Natur, gegenüber dem Schmerz des Mitmenschen neben uns. In zwei Schritten wollen wir darüber nachdenken: Wir leben in einer  unruhigen Welt, wir leben in einer angefochtenen Gemeinde.

 

1. Wir leben in einer unruhigen Welt:

Goethe läßt seine Faust beim Osterspaziergang sagen: „Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen!“ Heute wissen wir von Kriegen in aller Welt, die Nachrichten darüber können uns nicht kalt lassen.

Aber das darf uns nicht entmutigen, alle Möglichkeiten des weltlichen Handelns sind auszu­schöpfen. Aber das geht nicht so, daß falsche Messiasse kommen und die politische Macht an sich reißen und mit eisernem Besen in der Welt Ordnung machen wollen. Sie halten das Volk für dumm und sich allein für klug. Deshalb wollen sie das Volk zu seinem Glück zwingen, koste es was es wolle. Besonders in Rußland konnte und kann man das immer wieder beobachten.

Ein Wandel in der Welt kommt nicht durch menschliche Anstrengungen, sondern allein durch Gott. Was sich bis zum Ende abspielt, ist auch nicht eine mächtige und alles durchdringende Entwicklung, die alle Welt allmählich und fast unmerklich verwandelt. Gewiß gibt es eine Unzahl an Wirkungen Christi und seines Evangeliums in der Welt. Aber man kann auch die Gegenrechnung aufmachen, was Christen alles nicht vermocht haben. Wir haben nicht getan, was wir zu tun schuldig sind. Deshalb gibt es immer noch Probleme in der Welt.

Einige sind Naturereignisse, da können wir nichts machen: Krankheiten, Erdbeben, Wirbelstürme. Weil die Nachrichtenübermittlung heute besser ist als früher, hören wir fast jeden Tag davon. Deshalb haben wir heute den Eindruck, das Unheil in der Welt habe zugenommen.

Aber einige Probleme sind auch sind hausgemacht: Das fängt an bei der wirtschaftlichen Not, die zum großen Teil durch ungerechte Handelsbeziehungen entsteht. Und das gilt vor allem bei Kriegen. Gott will den Krieg nicht.

Aber wenn die Menschen eben nicht klug werden, läßt er sie in ihr Unglück rennen. Wer weiß, was der Menschheit da alles noch bevorsteht, ehe Gott dem mit Gewalt ein Ende setzen wird.

Das Ende der Welt wird sich aber nicht durch kriegerische Ereignisse ankündigen. Zur Zeit Jesu dachte man so. Auch in der frühen Christenheit hat es solche Gruppen gegeben, die aus den Ereignissen der Welt den Zeitpunkt des Endes ablesen wollten. Jesus hatte ja selber gesagt: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ Einmal heißt es sogar: „Es sind einige hier, die werden nicht sterben, bevor das Reich Gottes kommt!“

Es wäre falsch, aus gewissen Ereignissen in der Weltgeschichte einen Fahrplan bis zum Ende aufzustellen. Vor allem können wir das Ende nicht vorverlegen durch einleitende Maßnahmen wie bei einer Geburt. Gott behält sich das Ende vor. Es kann nicht berechnet oder veranlaßt werden. Wie bei einer Schwangerschaft muß man warten. Man trägt „etwas“ mit sich herum, aber das Ende kann man nicht bestimmen.

Dennoch hat es immer wieder Menschen gegeben, die Berechnungen anstellen wollten. So meinte man etwa, im Jahre 1000 oder 2000 ginge die Welt unter, so als ob Gott sich an unser Dezimalsystem hielte. Besonders populär wurden solche Spekulationen am Ende des 19. Jahrhunderts, wo allerhand Sekten die Termine für die Erde ausrechneten und dann  immer wieder verschieben mußten. Die Bibelforscher waren schließlich beim Jahr 1975 angelangt. Bei manchen Leuten führte das dann aber zu abartigen Erscheinungen: Sie verkauften  allen ihren Besitz, zogen weiße Kleider an und versammelten sich auf einem Berg. Aber was nicht kam, war das Ende der Welt.

Advent bedeutete ursprünglich die Ankunft des Kaisers oder eines sonstigen Machtträgers oder einer Gottheit und damit auch des Messias. Doch damit verbunden waren schon bei den Juden Vorzeichen wie Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen. Matthäus zählt auch einige Vorzeichen auf. Aber gerade die Länge der Liste macht deutlich: Es muß noch viel Wasser den Fluß hinunter laufen, bis das Ende endlich kommt. Es  ist die Rede von falschen Messiassen, die große Versprechungen machen und viele Anhänger gewinnen. Nicht umsonst hieß der Gruß zur Nazizeit „Heil Hitler“, weil das der Heiland für das deutsche Volk sein sollte. Wir als Christen aber wissen: Es ist in keinem anderen das Heil als in Jesus Christus, er ist der einzige Heiland, damals wie heute! Wir brauchen keinem Verführer zu folgen!

Matthäus faßt seinen Eindruck dann so zusammen: „Weil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten!“ Sicher meint er zunächst damit die Liebe zu Gott. Aber wenn die nicht mehr da ist, dann läßt meist auch die Liebe zu den Menschen nach. Unsere Aufgabe wird es sein, dann zu beharren bis ans Ende, in unsrem Glauben und in der Liebe.

 

2. Wir leben in einer angefochtenen Gemeinde:

Die Kirche ist kein Bereich, der außerhalb aller Anfechtung liegt. Ihr Zeichen ist das Kreuz ihres Herrn. Die Zerstörung des Tempels deutet darauf hin, daß man sich vor Gott nicht abschirmen kann, auch nicht durch die Religion. Nicht unser Frommsein rettet uns, sondern das gnädige Kommen des Herrn. Die Zerstörung des Tempels ist ein Hinweis auf das Ende dieser Welt und damit auch das Ende aller Religion, soweit man sie als fromme Leistung des Menschen versteht.

Auch die  Kirche wird nicht mehr Raum, Einfluß und Wirkung, mehr Macht und Glanz in der Welt bekommen. Ihre Stellung wird eher noch abgebaut werden. Und wir als Christen werden nicht in Watte gepackt werden. Ein bißchen Zugluft muß nicht gleich zu kalten Füßen führen.

Aber es kommt schon Druck von außen und von innen.  Der von innen wird vielleicht noch der schlimmere sein. Die eben noch zur Gemeinde gehörten, werden zu Verrätern und Hassern. Es treten falsche Propheten auf. Die Kirche wird aber auch durch den Irrtum in den eigenen Reihen gefährdet. Doch das darf uns alles nicht anfechten.

„Aus seiner Partei und aus der Kirche tritt man nicht aus!“ hat einmal einer gesagt. Wenn die Sache an sich gut ist, kann man sich nicht dadurch irre machen lassen, daß einige Vertreter versagen. Man kann sich nur wundern, daß die Kirche unter so ungünstigen Bedingungen durchgehalten hat. Das liegt aber nur daran, daß Christus immer wieder neue Anfänge gesetzt hat.

Die Christenheit aber wartet auf die letzte Ankunft des Herrn. Aber alles ist nur Vorspiel. Was uns vielleicht beunruhigt und erschreckt, braucht uns nicht im Glauben zu beirren. Im Gegenteil: Für den Glauben ist das ein Zeichen der Hoffnung. Der Herr kommt schon auf uns zu.  Er wird sich in der Welt durchsetzen, nicht gegen die Welt, sondern für uns und für alle, die ihn annehmen.

Ehe das Ende kommt, wird erst noch viel zu tun sein: Das Evangelium ist aller Welt zu predigen. Dabei wird die Kirche aber keine weltlichen Zwangsmittel einsetzen, um ihrer Botschaft Geltung zu verschaffen. Sie wird aber die heutige Technik nutzen, um allen Völkern das Evangelium bezeugen zu können. Das wird länger dauern als bis zum nächsten Weihnachtsfest. Im Grunde ist ja unser ganzes Leben eine Adventszeit, eine Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Sicherlich: Einem Menschen, der allzu sorglos lebt, wird man sagen müssen: „Das Ende kann jeden Augenblick da sein!“ Aber heute sind mehr die allzu Besorgten angesprochen. Ihnen wird gesagt: „Das Evangelium vom Reich muß erst noch in der ganzen Welt gepredigt werden!“ Das ist auch heute unsere Aufgabe und nicht das Spekulieren über das Ende der Welt. Wenn wir aber unsere Zeit nutzen und zur Ausbreitung des Reiches Gottes beitragen, dann werden wir auch am Ende bestehen können.

Advent ist also nicht nur Vorgang in unserem Herzen, sondern es wird auch einen öffentlichen Weltadvent Christi geben. Neu gegenüber der jüdischen Erwartung  ist vor allem, daß er unverhofft kommt - also nicht in einer allmählichen Entwicklung und von Vorzeichen begleitet. Man muß also nicht in den Weltereignissen ein Programm sehen und wie die Sektierer daran herumrechnen, sondern es ist allein Wachsamkeit geboten. Wir erhalten viele Gelegenheiten zur Bewährung des Glaubens. Deshalb werden wir aufgefordert: „Durchhalten bis ans Ende!“

„Wenn ihr das seht, laßt euch nicht aus der Fassung bringen!“ Hinter allem in der großen Weltgeschichte  und in meiner kleinen persönlichen Geschichte steht der Herr. Er antwortet nicht auf die Frage, wann die ersten Zeichen seines Kommens erkennbar werden. Aber er mahnt zur Wachsamkeit, Nüchternheit und Geduld. Was immer uns bedrängen mag: Das spricht nicht gegen sein Kommen, sondern dafür. Wir haben unter allen Umständen Grund zur Vorfreude.

Manchen dauert es zu lange, bis sich die Verhältnisse ändern. Sie denken: „Es hat ja doch keinen Sinn gegen den Strom zu schwimmen, du machst es dir nur unnötig schwer!“ Wer sagt: „Kriege wird es immer geben!“kapituliert und hat keine Perspektive. Jesus warnt davor, sich schrecken und lähmen zu lassen. Trotz Rückschlägen und Leidenszeiten können wir beharren und auf das Ziel ausgerichtet sein. Aber der Siegespreis erhält nur der, der auch bis zum Ende durchhält, und nicht, wer schon auf halbem Wege umkehrt.

Viele wünschen sich im ersten Augenblick den sofortigen Eintritt der Wiederkunft des Herrn. Doch was ist, wenn wir noch nicht genügend vorbereitet sind? Zum Glück kommt Christus nicht als himmlischer Welteroberer. Wir dürfen uns noch entscheiden und auf die Liebe Gottes antworten mit unserer Liebe. Wenn er kommt, sollen wir ihm nicht als einem Fremden begegnen, sondern als dem ersehnten und geliebten Herrn.

Der ernste Predigttext will uns die Adventsfreude nicht nehmen, aber uns davor bewahren, Advent nur einseitig mit Kerzenschimmer, Tannenduft und Adventskranz zu begehen. Eine christliche Gemeinde kann nicht ohne Perspektive leben. Wer vom Ende her lebt, bleibt zielgerichtet und läßt sich nicht vom alltäglichen Geschehen treiben.

 

Anderer Einstieg:

Wenn ein Gewitter kommt, dann kündigt es sich meist durch allerhand Vorzeichen an: Es kommt Wind auf, der Himmel verdunkelt sich, die Luft ist von einer seltsamer Spannung erfüllt. Dann sagen die Leute: „Es wird wohl ein Gewitter geben!“ Oder wenn es Winter wird, dann kündigt der sich auch schon vorher an: Das Laub fällt von den  Bäumen‚ die Luft wird rauher, die Vögel ziehen weg. Und dann denkt so mancher: „Es wird wohl bald wieder Winter werden!“

 

 

3.  Advent: Lukas 3, 1 - 9 (14)

An den Adventssonntagen sind in vielen Städten die Geschäfte wieder offen. Die Geschäftsinhaber wissen, daß in diesen Wochen der höchste Gewinn zu machen ist, sie rechnen in jedem Jahr mit einem Zuwachs. Aber vor den Geschäften  gibt es auch Bettler. Ein Reporter hat sich einmal verkleidet auf die Zeil in Frankfurt gesetzt. Viel hat er nicht eingenommen: In zwei Stunden drei Euro. Als er Leute direkt ansprach, waren es auch nur zwei Euro in der Stunde.

Viele haben Hemmungen, einem Bettler etwas geben. Sicher erhält er doch auch Arbeitslosengeld II wie andere Leute, die nicht betteln. Und ganz problematisch sind natürlich die Bettlerbanden, wo Frauen und Kinder auf die Straße geschickt werden und dann ein Mann auf einem Parkplatz alle abkassiert.

Aber paßt ein Bettler nicht viel besser zum Advent als die hektischen Menschen im Kaufrausch? Am dritten Advent wird uns immer Johannes der Täufer vor Augen gestellt, ein Mensch, der auf alle Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichtet und vom kommenden Reich Gottes redet. Er paßt doch besser in die Adventszeit als die sogenannten Weihnachtsfeiern.

Lukas beginnt mit einer großartigen Aufzählung der großen Männer von damals: Kaiser, Fürsten, Statthalter, Hohepriester. Eigentlich müßte doch nun bei ihm von einer ähnlichen Größe der Menschheit die Rede sein. Aber dann ist nur ein Asozialer, einer der fern von der Gemeinschaft der Menschen in der Wüste gelebt hat, der Sohn eines unbedeutenden Priesters in Jerusalem. Wie ein Urmensch tauchte er wieder unter den Zivilisierten auf und redete von Gericht und Buße. Genauso wie sein Äußeres ungewöhnlich war, so war auch seine Botschaft abstoßend. Schon damals hörte man nicht gern von Gericht und Buße.

Es gab an sich viel guten Willen unter den Leuten, die zu dem seltsamen Mann am Jordan kamen. Aber sie wurden mit einem Hagelwetter empfangen. Johannes wirft ihnen grobe Schimpfworte an den Kopf und fordert sie auf, sich eine völlig andere Lebensweise anzugewöhnen. Damit macht sich niemand beliebt. Schließlich setzt doch jeder Mensch alles daran, sich ein einigermaßen erfreuliches Leben aufzubauen. Wem fällt das schon in den Schoß! Und dann soll man sich das mühsam Erreichte madig machen lassen?

Aber bei Gott gelten andere Maßstäbe als unter den Menschen. Er sucht sich seine Leute nicht unter den Größen der Welt, die von vornherein Einfluß haben, sondern nimmt ganz einfache Menschen, um sie erst während ihrer Tätigkeit groß und einflußreich zu machen. Was wissen wir denn, ob nicht die Kinder oder die Bettler oder die Verrückten mehr vom Reich Gottes verstehen als die guten Kirchenchristen.

Offenbar hat doch Johannes mehr von Gott verstanden als die frommen Pharisäer und Schriftgelehrten:

1. Mit großer Nüchternheit ruft er uns aus aller falschen Sicherheit heraus.

2. Mit großem Ernst ruft er zur Buße und zu einem spürbaren Ergebnis.

3. Mit großer Entschiedenheit ruft er zur Umkehr im täglichen Leben.

 

1. Mit großer Nüchternheit ruft Johannes uns aus aller falschen Sicherheit heraus:

Die Leute, die zu Johannes dem Täufer hinaus an den Jordan gezogen sind, meinten genau zu wissen, wer draußen steht und wer drinnen. Draußen waren die Heiden und die Gottlosen, eben „die anderen“. Sie aber waren Abrahams Kinder, sie gehörten zum Volk Gottes, ihnen konnte nichts passieren.

Deshalb wollen sie wohl mehr aus Neugier mal den berühmten Prediger hören, von dem jetzt

alle Welt spricht. Man muß ihn mal gehört haben, denn man ist ja fromm. Mit einem wohligen Gruseln hofften sie zu hören, wie Gott voller Zorn mit den anderen abrechnet.

Aber dann werden sie plötzlich gefragt, wie s i e denn dem künftigen Zorn Gottes entrinnen wollen? Der Ruf zur Umkehr gilt immer allen Menschen. Er gilt nicht den anderen, sondern immer denen, die ihn hören. Gerade wer meint, nicht auf die Gnade Gottes angewiesen zu sein, hat die Umkehr nötig.

Auch bei uns gibt es falsche Sicherheit und Selbstgerechtigkeit: Wir verlassen uns auf den Taufschein, auf den Kirchensteuerzettel, auf das eigene Frommsein, auf sein fleißiges Arbeiten. Als wir heirateten, ließen wir uns trauen. Unsere Kinder ließen wir taufen. Wir besuchen auch öfter oder seltener den Gottesdienst. Wir beteiligen uns am kirchlichen Leben, soweit es

unsre Zeit zuläßt und wir es für gut halten. Wir lassen uns geistlich bedienen und genießen

das, was uns von seiten der Kirche angeboten wird.

Wir sind doch alle irgendwie der Meinung, daß bei uns doch die Richtung stimmen und wir uns über Gottes Gericht und Zorn nicht so viel Gedanken zu machen brauchten. Wir halten uns doch alle so ein bißchen für die Favoriten Gottes. Mit wem sollte er denn sonst eine Kirche bilden und seine Welt erhalten, wenn nicht mit uns?

Das ist aber das Gefährliche an unserer Kirchlichkeit, daß wir Gottes helfendes und rettendes Tun uns gefallen lassen, um auf diese Weise Gott auszuweichen. Man kann Gnade nicht verdienen, aber wohl verscherzen. Gott kann dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken. Er fragt uns nicht danach, was die anderen getan haben, sondern was wir tun!

 

2. Mit großem Ernst ruft Johannes zur Buße, zu einem spürbaren Ergebnis:

Haben wir bei aller Adventsstimmung und Weihnachtsrührseligkeit einmal bedacht: Gott kommt zum Gericht! Jeder Gottesdienst ist sein Advent, seine Ankunft bei uns, die über Tod und Leben entscheidet. Das ist wie eine Lawine, die Berge und Hügel einebnet, alle Täler auffüllt und das Krummes geradegerichtet. Jetzt gibt es eigentlich nur noch eins: Entweder sich der Lawine entgegenstellen und darin umkommen oder ihre Gewalt anerkennen und einen sicheren Ort suchen, wenn es ihn gibt. Wenn eine Lawine über ein Haus hinweggebraust ist, dann ist es zunächst einmal zerstört. Aber nachher wird es dann umso schöner wiedererstehen, und Menschen werden in ihm wohnen. Advent bedeutet deshalb beides: Bußruf  u n d Ankündigung des Heils.

Aber wir können Gott nicht den Weg in der Welt bereiten, weil Gott sich schon selber Bahn

schafft. Wir können auch nicht irgendwelche Vorbereitungen treffen und unseren gegenwärtigen Zustand erhalten wollen oder möglichst viel durch die Katastrophe hindurchretten wollen. Wir können nicht mehr bloß theoretisch von einem höheren Wesen reden, sondern nun werden wir ganz praktisch gefragt: Bedeutet dir Gott etwas?

Wer aber mit einem mißratenen und verdorbenen Leben zu Gott kommt, wer gläubig Hilfe bei ihm sucht, der darf auch an die rettende Barmherzigkeit Gottes glauben. Und so ist dann die Kirche der Ort der Geborgenheit, wo wir uns hinretten können vor der Lawine, die da auf uns zukommt. Unsre Taufe, die ja mehr ist als die Taufe des Johannes, ist so ein Rettungspunkt. Und im Abendmahl sind wir dem Herrn nahe.

Advent bedeutet: Jetzt macht er sich zu mir auf! Er ist zu mir unterwegs! Er wendet sich seiner Welt zu, kommt auf sie zugegangen. Er will gestörte und abgerissene Gemeinschaft wie­derherstellen. Lukas zitiert ausdrücklich noch einen Satz mehr als die anderen Evangelisten: „Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen!“

Zwar ist die Ankündigung des Gerichts kein blinder Alarm, sondern es wird stattfinden. Aber aus dem Gericht sollen alle die errettet werden, die sich retten lasen wollen. Dann werden sie auch das Heil Gottes sehen können. Im Vorblick auf Weihnachten wollen wir als Letztes und. Wichtigstes aus diesem Text heraushören: Das Heil ist uns nahe!

 

3. Johannes ruft zur Umkehr im täglichen Leben:

Mit der Kirchlichkeit allein ist es nicht getan. Erst wenn auch wir fragen: „Was sollen wir denn tun?“ sind wir auf dem richtigen Weg. Buße besteht nicht in Selbstzerknirschung, im Wühlen in begangener Schuld. Es geht nicht um ein Grübeln über sich selbst, sondern um eine Wegwendung vom eigenen Ich.

Ziel ist einmal die Auslieferung an Christus, aber auch die konkrete Hinwendung zum Mitmenschen. Die Antworten des Johannes sind verblüffend schlicht. Er könnte ein tief eingreifendes ethisches, soziales, politisches Programm entwickeln. Ideale aber kann man sich vom Leibe halten. Über Lebensprinzipien kann man dicke Bücher schreiben. Über Reformprogramme kann man aufwendige Kongresse halten. So machen es die Politiker - aber nichts wird anders.

Dem Unmenschlichen in der Welt ist nicht so abzuhelfen, daß man hin und wieder ein Liebespaket schickt oder hier und da ein Werk der Barmherzigkeit tut. Da müssen Strukturen geändert werden, damit der Unterdrückung und Ausbeutung, dem Hunger und Elend der Menschen und dem Mißbrauch von Gewalt ein Ende gesetzt wird. Man kann nicht warten, bis die Verhältnisse der Welt andere geworden sind. Johannes sagt: Die Situation ergibt, was zu

tun ist: Kein langes Besinnen, kein Aufschub, sondern sehen, was der Augenblick verlangt.

So einfach ist es mit der Umkehr.

Der Täufer verweist nur auf das Nächstliegende: Da steht einer ohne Rock, da hat einer nicht genug zu essen dabei! Gebt ihnen etwas ab von dem, was ihr habt. Jeweils die Situation ergibt, was zu tun ist. Er spricht zu Zöllnern und Soldaten und weist sie auf die Alltäglichkeiten ihres Berufes hin.

Er tut das, was wir heute „Seelsorge“ nennen: Die Verkündigung des Wortes Gottes an den Einzelnen und in seine besondere Lage hinein. Buße gibt es nämlich nicht so im „Allgemeinen“, sondern immer nur konkret. Man kann gar nicht auf einmal und für alle sagen, wie Buße auszusehen hat, sie muß konkret sein.

Johannes verlangt nichts Unmögliches von seinen Hörern. Er will nur erreichen, daß sie eine

andere Einstellung zum Besitz und zu ihrer Arbeit erlangen. Besitz an sich ist nichts wert; er bedeutet nur etwas, wenn er dem Menschen dient und das Leben ermöglicht. Deshalb dürfen wir nicht Herz und Hand verschließen, wenn einer unsre Hilfe braucht. Das gilt im Bereich des alltäglichen Lebens wie im Weltmaßstab.

So müssen wir auch heute schlicht und deutlich das jeweils Notwendige herausfinden. Wir leben allerdings in einer anderen Zeit als Johannes, denn wir wissen, daß das Heil in Jesus schon angebrochen ist. Wir werden heute mehr im gemeinsamen Gespräch herauszufinden haben, wie wir den Willen Gottes verwirklichen können. Wenn das geschieht, muß es zu einer tiefgreifenden Verwandlung unseres Wesens und zu einer durchgängigen Änderung unseres Tuns kommen.

 

Weitergehende Hinweise zum Predigttext Lukas 3,1 - 9:

Der Wirksamkeit des Täufers ist - im charakteristischen Unterschied zu Markus - alles Eigengewicht genommen: Seine Tätigkeit kann nur rahmend als Einleitung und Schluß für das dienen, was Lukas an ihm wichtig schien: sein Hinweis auf Christus. Sicherlich allen bekannt ist Grünewalds Bild auf dem Isenheimer Altar: Johannes mit dem übergroßen Zeigefinger, der auf den Gekreuzigten zeigt. Nach Lukas bewirkt die Johannestaufe nicht die Sündenvergebung, sondern weist auf sie hin.

Das ist noch nicht die Christustaufe, die den Geist und damit die Totalerneuerung bringt. Die Johannestaufe bewahrt vor dem Zorn des hervortretenden Richters. Dies kann sie nur, wenn es zur Umkehr kommt zu dem kommenden Gott, „Umkehren“ das heißt: die Richtung ändern, sich auf einen anderen Punkt zubewegen. Der Täufer erneuert den Ruf der alten Propheten, zu Jahwe umzukehren, in der Naherwartung des Kommens Gottes

Angeregt sind die, die zu ihm herausgekommen sind (vgl. V. 3), und zwar alle, nicht nur (wie bei Matth.) die Pharisäer und Sadduzäer. Das Zorngericht ergeht nicht nur über die Heiden, sondern auch über Israel, sofern es nicht bereitet ist

Der Weg soll nicht mehr in der Wüste gebahnt werden, sondern die Stimme - des Täufers - wird in der Wüste vernehmbar. Und die Wegbereiter des kommenden Gottes sind nicht mehr die Himmlischen, sondern die hier angeredeten Menschen (EG 9, Wochenlied). „Bereitet den Weg des Herrn. Nicht, damit er komme, sondern weil er kommt!“

Bei einer Umfrage wußten viele nicht zu sagen, was Advent bedeutet. Nun weiß man al­lerdings nicht, wie repräsentativ die ausgewählten Antworten sind. Aber daß es sich um eine Bußzeit handelt, eine Zeit der ernsten Vorbereitung auf Weihnachten, das ist heute kaum einem klar. Aber am Adventskranz wird das Licht nur sparsam gesteigert, da geht es nicht um Reklame und Lichterketten, da läuft es hinaus auf Jesus Christus, das Licht der Welt.

Nicht die Weltgeschichte mit ihrer besonderen Konstellation enthält die Voraussetzung für das, was sich hier von Gott her, als sein Heil (soterion) ereignet. Bei Gott liegt die Initiative. Er beruft (V. 2). Er kommt selbst (VV. 4-6.16). Durch Gott wird dieses 15. Regierungsjahr des Tiberius zur „ausgezeichneten Stunde“.

Was Gott zu unserm Heile getan hat, ereignete sich in den Ereignissen der Weltgeschichte. Aber wie von den vielen Broten, die es auf der Welt gibt, einige konsekriert und damit für des Herrn sakramentales Handeln benutzt werden, so wird hier ein Stück Weltgeschichte „aus­gesondert“ zur Heilsgeschichte. Wie in der Hostie, so erkennt auch in diesem Stück Geschichte nur der Glaube den anwesenden und handelnden Gott.

Johannes sagt etwa so: Wenn ihr jetzt noch dem Gericht Gottes entgehen wollt, dann laßt euch taufen. Die Wassertaufe bewahrt vor der vernichtenden Feuertaufe. Aber auch die Johannestaufe erfordert ein Absterben. Wer aber an sich selber das Gericht vollzieht, wird nicht dem ewigen Gericht verfallen. Wer getauft ist, geht fortan als ein neuer Mensch durch die Welt. Er führt sein Leben schon nach dem Willen Gottes und braucht deshalb das Gericht nicht mehr zu fürchten.

PROGRAMMHINWEIS! Wir alle haben wohl dieses Wort schon in großen Buchstaben auf unserem Fernsehschirm gesehen. Und was dann folgte, waren kurze Ausschnitte aus einer Fernsehsendung, die am nächsten Tag oder in naher Zukunft ausgestrahlt werden sollte. Welchen Zweck haben solche Programmhinweise zu erfüllen? Mit ein paar interessanten Bildern und zugkräftigen Worten wird der Zuschauer auf eine kommende Sendung aufmerksam gemacht. Programmhinweise sollen also werben für ein bestimmtes Programm. Zwei Dinge soll der Zuschauer wissen: was ihn erwartet, wenn er zur angekündigten Zeit vor dem Bildschirm sitzt, und n was er verpaßt, wenn er nicht dabei ist.

Man könnte auch unseren heutigen Predigttext als solch einen Programmhinweis verstehen. Und Lukas ist der Mann, der aus dem großen Adventsprogramm einen kleinen Ausschnitt vorstellt.

Wir können Johanes nicht hinauswerfen. In Gottes Programm hat Johannes einen festen Platz. Es könnte allerdings sein, daß wir das bisher nur zu gern übersehen haben, weil uns Johannes nicht ins Programm zu passen schien. Genau wie beim Fernsehen! Was uns nicht zusagt, das überhören wir. Wir picken uns die Rosinen heraus! Doch eines muß uns ja klar sein: Beim Fernsehen geht es um Information und Unterhaltung, im Adventsprogramm Gottes um das einzigartige Angebot eines neuen, eines heilen Lebens. Und wer meint, es genüge, die Hauptsache zu erfassen, der irrt sich. Was hilft uns die schönste und genaueste Beschreibung eines Zieles, wenn wir den Weg dorthin nicht kennen?

Mit großer Sachlichkeit erinnert der Täufer uns an die Vorläufigkeit alles unseres Tuns. Trotz aller Ähnlichkeit seiner Verkündigung mit Jesus ist der Täufer nicht der Christus. Auch wir stehen, wenn wir seinen Ruf hören und ernsthaft befolgen, noch immer im Vorläufigen drin. Schon in aller seiner Unvollkommenheit jetzt kann unser „Tun“ menschliches Mühen, nicht aber „Frucht“ sein. „Frucht“ ist noch mehr. Der Unterschied zwischen der „Frucht“ und menschlichem Mühen ist ähnlich wie der Unterschied zwischen dem Tun einer Gouvernante und dem Tun einer liebenden Mutter. Christus sucht „Frucht“. Und er allein ermöglicht „Frucht“. Er wird mit Feuer und dem heiligen Geist taufen. Darauf sind wir auch heute täglich angewiesen. Das Offensein für den Nächsten setzt das Offensein für Christus voraus.

Johannes der Täufer wurde eigens ausgesandt, um auf das Kommen Jesu vorzubereiten. Gott überfällt uns nicht unerwartet, sondern läßt uns eine Zeit der Vorbereitung. An diesem Johannes können auch wir uns nicht einfach vorbeidrücken. Er richtet sozusagen erst einmal ein Stopschild auf der breiten Straße nach Weihnachten zu. Wir kommen nicht so schnell und einfach zur Krippe, sondern erst einmal müssen wir umkehren, wenn wir ans Ziel gelangen wollen.

Es könnte sein, Gott kommt wirklich, aber wir bauen ihm Hindernisse oder belassen vorsätzlich die bestehenden Sperren. Mancher bezichtigt Gott, zu ihm sei er nicht gekommen; aber er hat ihn nur nicht an sich herangelassen.

Es geht uns wie einer bankrotten Firma: Sie wird liquidiert oder sie kann höchstens noch mit Beteiligung eines anderen weiterbestehen. Das heißt für unser Christenleben: mit göttlicher Beteiligung! Nur so können wir weiterleben.

Am Beispiel zweier Berufsgruppen macht Lukas das noch einmal deutlich: Da kommen Zollbeamte und Soldaten und fragen: „Was sollen w i r denn tun? Die Verhältnisse zwingen uns doch einfach, die Leute zu betrügen oder zu töten!“ Sie meinen, ihre Welt stünde unter anderen Gesetzen und sie könnten nichts dagegen machen. Der Täufer aber meint, es gebe auch unter mißlichen äußeren Umständen genügend Möglichkeiten zur Umkehr. Er gibt aber nicht den Rat, daß sie ihren Beruf aufgeben oder die Waffen wegwerfen und desertieren. Er fragt nur danach, wie sie sich innerhalb des Gegebenen verhalten.

Die Zöllner sollen ihr Amt in Zukunft korrekt und in menschlicher Weise führen und damit eine Wendung zum Neuen vollziehen; am Beispiel des Zöllners Zachäus schildert Lukas dann später, wie so etwas konkret aussieht. Auch das Soldatsein läßt Johannes gelten. Er erörtert nicht, in wessen Dienst sie stehen. Aber er appelliert an ihre Menschlichkeit, vor allen Dingen jetzt, wo sie nicht im Kriegseinsatz sind.

Natürlich wird im echten Kampf nicht viel nach Menschlichkeit gefragt, vor allem nicht in den modernen Kriegen, wo man weittragende Waffen hat und das Ausmaß der Zerstörungen gar nicht mehr selber sehen kann. Aber man kann trotzdem vieles tun, um Schikanen und Mißhandlungen zu vermeiden.

Seine vorrangige Aufgabe ist nicht, Krieg zu führen, sondern Krieg zu verhindern. Gerade so gilt im umfassendsten Sinne: „Mißhandelt, schikaniert, erpreßt niemanden!“ Das muß sich jeder gesagt seinlassen, der - unmittelbar oder mittelbar - mit den Instrument der Gewalt umgeht, und es wird für den Fortbestand der Menschheit ausschlaggebend sein, wie viele Menschen in ihrem alltäglichen Leben solche Umkehr - Gesinnung und - Praxis sich in persönlicher Entscheidung zu eigen machen.

 

 

4. Advent: Lk 1, 26 -  33 und 38 (Andacht)

Katholiken kennen den Rosenkranz. Es ist eine Gebetsschnur mit Perlen zum Zählen der Gebete: Man läßt den Kranz Perle um Perle durch die Finger gleiten und betet bei jeder Perle ein Gebet, bis man einmal ganz herum ist. Meist wird dabei abwechselnd das Vaterunser und das „Ave Maria“ gebetet.

Wem ist aber bewußt, daß es bei diesem „Ave Maria“ um den Gruß des Engels Gabriel an Maria handelt? Das Lied wird oft bei Trauerfeiern gewünscht, wohl deshalb, weil man davon schon einmal etwas gehört hat. Aber die wenigsten werden wissen, daß es sich dabei eigentlich um ein katholisches Lied handelt, um ein Lied aus dem katholischen Gottesdienst. Oder ist Maria auch eine biblische Gestalt für unsre Kirche?

Die Mutter Jesu ist auch für uns wichtig. Sie kann uns in vieler Hinsicht ein Vorbild sein. Das fängt damit an,  daß Maria erst einmal zuhört (Die Diskussion über die Jungfrauengeburt ist ja erst von Lukas eingefügt worden). Erst am Schluß sagt sie: „Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast!“           .

In diesen Tagen vorweihnachtlicher Unrast kann Maria uns die Ruhe lehren, die wir doch auch so nötig brauchen. Diesen Text sollten wir nicht nur durchdenken, sondern auch einmal im Herzen bewegen. Viele Maler haben diese Szene andächtig dargestellt, sie haftet in unserem Bewußtsein. Sie könnte Freude auslösen über die großen Taten Gottes.

Die Menschwerdung Gottes durchkreuzt die Erwartungen der Zeit. Diese Offenbarung geschieht nicht im Tempel, sonder im Alltag. Der Bote Gottes kommt in die kleine Stadt Nazareth, von der man sagte: „Was kann schon aus Nazareth Gutes kommen?“ Er grüßt eine junge Frau, obwohl man in jüdischen Kreisen sagte: „Einer Frau entbietet man überhaupt keinen Gruß!“

Diese Frau ist nicht die Madonna und Himmelskönigin, nicht die Gottesmutter und das Urbild der Kirche. Dazu hat man sie später gemacht. In jüdischer Sicht ist sie nur eine junge Orientalin, die einen Sohn gebar, den sie nicht verstehen konnte, dem sie aber doch bis unter das Kreuz seiner menschlichen Tragödie folgte. Auch wir sollten erst einmal die menschliche Seite an Maria sehen.

Der Engel rühmt nicht irgendwelche Tugenden oder andere nennenswerte Eigenschaften. Es wird nichts gesagt von ihrer Frömmigkeit und ihren Gebeten, schon gar nichts von ihrer Sünd­losigkeit von Geburt an, wie das die katholische Kirche behauptet. Wir wissen von ihr an sich nicht mehr als ihren Namen. Es ist die ins Griechische übertragene Form des hebräischen Namens „Miriam“. Diese war die Schwester des Mose und führte mit ihm das Volk Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit.

Nun handelt Gott durch Maria weltweit. Aber er handelt auf ganz natürliche Art und Weise. Maria war mit Joseph verlobt. Das geschah in der Regel mit 13 Jahren. Die Braut blieb aber noch etwa ein Jahr im Vaterhaus, galt aber praktisch als verheiratet und konnte auch mit ihrem künftigen Mann zusammensein.

Der Engel teilt ihr nun mit, daß sie schwanger ist, ehe sie es selber weiß. Maria gibt ihr Kind nicht preis, sie versucht keine Abtreibung, sondern entscheidet sich für das Leben. Der Bote Gottes hat ihr die Furcht vor allem genommen. So steht schon ganz am Anfang eine gnädige Zusage Gottes, die dann in der Christnacht das dunkle Feld der Welt erhellt.

Maria wird einen dornenreichen Weg in einer gespaltenen Welt gehen. Aber die Freude am Kind kann ihr nicht mehr genommen werden, weil sie der Liebe Gottes traut. Schmerz und Liebe liegen in der Welt oft nahe beieinander. Aber wer das „Ave Maria“ betet, begibt sich damit unter den Schutz Gottes (nicht nur der Maria) gegen die herrschende Moral der Machthaber.

Maria ist uns in vielem voraus. Sie ist nicht ein dümmliches und einfältiges Mädchen. Sie ist nicht das verderbte Weib, die Verführerin, das Einfallstor der Sünde. Sie ist aber auch nicht die sündlose und geschlechtslose Gottesmutter. Vielmehr ist sie eine erwachende und ermutigende Frau. Durch Gottes Zusage traut sie wieder dem Leben und wird ihm gerecht.

So können wir von Maria lernen: Wenn Gott uns braucht, dann gilt es zu hören. Keine Vorurteile anderer Menschen und keine irgendwie gearteten Verpflichtungen dürfen uns davon abhalten, Gottes Willen zu tun. Niedrigkeit und Demut und erst recht nicht das Frausein sind kein Hindernis für einen echten Glauben. Gott rechnet nicht mit unsren verstandesmäßigen Fähigkeiten, sondern mit unsrem schlichten Gehorsam. Am Schluß sollen auch wir sagen: „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“

 

 

 

Christvesper: Joh 3, 16 - 21 (Variante 1)

Kleine Kinder freuen sich noch ganz von  Herzen über die Weihnachtsgeschenke. Je reifer man aber im Laufe seines Lebens wird, desto mehr verlieren die Dinge als solche an Bedeutung. Dann wird uns mehr der Mensch wichtig, der sich uns zuwendet, indem er uns beschenkt. Es kommt uns nicht so sehr auf das Geschenk selber an, sondern mehr auf die Liebe und Freundlichkeit, die dahinter steht.

So ist es aber auch im Verhältnis zwischen Gott und uns. Wir können die Liebe Gottes nicht an den Dingen ablesen, die er uns zum Geschenk macht. Wir können nicht sagen: Je mehr Glück und Gesundheit und Erfolg, desto mehr Gottesliebe erfahren wir. Viel wichtiger ist doch die grundlegende Tatsache, daß wir Geschöpfe des himmlischen  Vaters sind, der uns liebhat. Wir leben nicht in einem eiskalten Weltall und in einer Welt, die kein Herz für uns haben kann. Vielmehr haben wir einen Gott, der nicht ohne uns sein möchte.

Das macht das Johannesevangelium mit dem unnachahmlichen Satz deutlich: „Also hat Gott die Welt geliebt!“ Das ist die Überschrift für das ganze Neue Testament, gewissermaßen das Evangelium im Evangelium. Luther hat über diesen Vers gesagt: „Das ist eines der herrlich­sten Evangelien im Neuen Testament. Es wäre billig, daß man es mit goldenen Buchstabes ins Herz schriebe. Jeder Christ sollte sich solche Worte täglich wenigstens einmal im Herzen vorsprechen!“

Die Götter der Griechen liebten die Welt nicht. Sie saßen auf ihrem Olymp und kümmerten sich nicht um die Menschen. Sie wollten auf weichem Boden spazierengehen und nicht ihre Füße auf die rauhe Erde setzen. Prometheus mußte ihnen das Feuer stehlen, damit sich die Menschen wärmen konnten, aber er wurde dafür furchtbar gestraft.

Wir glauben solche Göttersagen heute längst nicht mehr. Aber das Weltgefühl, das sich in ihnen ausspricht, ist uns nicht fremd. Wir ahnen heute, wie kalt und leer das Weltall ist. Es schweigt und gibt keine Antwort auf die Rufe der Menschen. Alle Zukunftsromane sind nur Ausdruck der Sehnsucht des Menschen, in dieser Wüste des Weltalls nicht allein zu sein. Aber die Erde ist nur ein winziges Staubkorn in den ungeheuren Weiten des Alls, ein kleines bißchen Leben  in einer unheimlichen Welt des Todes, ein Stück Heimat in der ewigen schweigenden Unendlichkeit.

Aber gerade dieses Fünkchen Leben hat Gott geliebt und wird es immer lieben. Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, wie Luther gesagt hat. Er bringt Wärme in die Kälte des Alls, gibt dem ganzen erst einen Sinn. Das zu glauben mutet uns Weihnachten zu. Und ohne diesen Glauben gibt es heute nichts zu feiern.

Gott war so menschenfreundlich, daß er sieh ins Sichtbare begeben hat. Deswegen sind ja auch wohl so viele Menschen vor diesem Fest und dem Gottesdiensten angezogen. Auch den Entwöhnten geht das zu Herzen., was an Weihnachten gesagt und gesungen wird, was zu sehen ist beim Krippenspiel. Unsere Gefühle brauchen wir uns dabei nicht zu schämen. Sie können uns vielmehr helfen, die eigentliche Tat Gottes sichtbar zu machen.

Heute müßten wir eigentlich anders heimgehen, als wir gekommen sind. Wir müßten entdeckt haben‚ daß Gott sich uns in seiner Liebe entschlossen zugewandt hat, auch wenn wir manchmal gegen ihr rebelliert haben. Gott hat sich in seiner Liebe aufgemacht, um die verlorene Welt wiederzubekommen.

Gott schickt dazu nicht irgendetwas, sondern in seinem Sohn gibt er sich selbst. Er strahlt mit seiner Liebe wie die Sonne nach allen Seiten ab, so daß ein leicht angewärmtes Weltklima, eine allgemeine Grundstimmung des Wohlwollenis entsteht. Nein, Gott tritt entschlossen in diese Welt, geht auf die Menschen zu, öffnet ihnen sein Herz und möchte, daß auch sie ihr Herz für ihn öffnen.

Man kann den Satz aus dem Johannesevangelium auch noch etwas anders betonen: Gott liebt d i e s e Welt. Es ist nicht eine Traumwelt, sozusagen nur die Schokoladenseite unsrer Welt. Er liebt die Welt, die auch am heutigen Tag so ist, wie sie ist: eine Welt voll Angst und Schrecken, voll Lieblosigkeit und Haß, voll Terror und Blutvergießen; voll armer und hungernder Menschen auf der einen Seite und voll reicher und satter Menschen auf der anderen Seite; eine Welt‚ in der Menschen auf der Flucht sind vor anderen Menschen; wo Menschen als Geiseln gefangengehalten      werden‚ wo Menschen entführt und ermordet werden, um etwas zu erpressen; eine Welt voller Gegensätze und Gefahren und vor allem voller Gräben und Grenzen.

Doch gerade diese Welt liebt Gott. Und das nicht, weil wir so edel und hilfreich und gut wären oder so unwiderstehlich liebenswert und liebenswürdig. Aber wenn Gott die Welt liebt, dann liebt er damit ja auch jeden einzelnen von uns. Dann bin ich immer mit gemeint, auch wenn ich der Ansicht bin, von Gott weit weg zu sein.

Glaube gehört allerdings dazu. Nur die an ihn glauben, werden gerettet werden. Die Hirten mußten nicht zur Krippe eilen, sie hätten sich auch weiter um ihre Schafe kümmern können.  Die Weisen aus dem Morgenland mußten dem Stern nicht folgen, ihr Wissen war sicher in ihrer Heimat sehr gefragt. Man muß nicht die Hand ergreifen, die sich einem hinstreckt. Das Gerettetwerden versteht sich nicht von selbst. Jesus kommt zwar allem in der Absicht, uns zu retten. Aber indem er kommt, findet auch das Gericht statt. Er hat es nicht gewollt; aber es ergibt sich zu seinem großen Schmerz. Wer sich nicht retten läßt, der schließt sich selber vom Heil aus und wählt das Verderben. So gibt es also ein Entweder - Oder. Aber Christus lädt uns ein, in den Strahlungsbereich seines Lichtes einzutreten. Er ist erfüllt von der Sorge, wir könnten seine Liebe ausschlagen und damit unsre einzige Chance verspielen.

Er könnte uns natürlich auch durch den Einsatz seiner göttlichen Macht zur Vernunft bringen. Aber das wäre das Ende der Liebe. Daß man die Menschen zu ihrem Glück zwingen müsse, ist eine nur allzu geläufige Überzeugung. Gott hält davon nichts. Er sucht unser Herz. Deshalb läßt er es darauf ankommen, ob wir seine rettende Hand auch ergreifen. Deshalb kommt er so bescheiden und glanzlos und unaufdringlich, wie das die Weihnachtsgeschichte schildert. Er nimmt es in Kauf, daß wir vielleicht „Nein“ sagen. Aber er will uns die Freiheit lassen für oder gegen ihn so sein. Doch das sind arme Menschen, die sich dagegen wehren, daß Gott sie liebhat.

Ein Trost ist nur, daß die Finsternis das Licht nicht dunkel machen kann. Wo aber das Licht hinkommt, da ist es mit dem Dunkel vorbei. Wer sich ins Licht stellt, der wird dann auch das Rechte tun. Er wird sich nicht nur an der göttlichen Liebe wärmen, sondern nun seinerseits versuchen, ein Stück der Liebe Gottes in der Welt wirklich werden zu lassen.

Wer sagt: „Friede auf Erden!“ der kann nicht gleichgültig bleiben, wenn es um Sein oder Nichtsein von Menschengruppen oder der ganzen Menschheit geht. Er wird seine kleinlichen Vorurteile und Haßgefühle ablegen und wissen: Gott hat alle lieb, wer sie auch seien und wie sie auch seien. Er wird im Sinne des Liedes handeln: „Gott liebt diese Welt, und wir sind sein Eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen: Gott liebt diese Welt!“

Das hat auch ein belgischer Pater gelernt. Er hatte den Auftrag erhalten, in einem Lager mit Aussätziges zu predigen. Am Rande des umzäunten Lagers hatte man ihm eine Kanzel eingebaut. Von dort aus predigte er und verteilte kleine Geschenke. Aber er begreift bald, daß er die Leute in dem Lager dadurch nicht erreicht. Er predigt sie vor oben herab an, aber er gehört nicht zu ihnen; er ist ja nicht in ihrer Lage.

Da begibt er sich selber in das Lager und erklärt sich so mit den Kranken solidarisch. Aber nun darf er das Lager nicht mehr verlassen. Er steckt sich auch an und wird krank. Doch er lebt noch 15 Jahre unter seinen Leidensgefährten und predigt ihnen die Liebe Gottes und spricht ihnen Trost zu. Als sein Sarg dann wieder in die Heimat zurückgeführt wird, entblößt der belgische König sein Haupt vor ihm und sagt: „Das war einer der größten Belgier!“

Woher wird dieser Mann wohl die Kraft zu solchem Handeln genommen haben? Sie kann nur von Gott kommen. Denn nur Gott hat das Gleiche fertiggebracht. Er hat erkannt, daß er den Menschen nur helfen kann, wenn er ihnen seinen Sohn schickt. So hat sich Jesus ganz auf die Stufe der Menschen begeben.

Aber damit stand auch allen deutlich  vor Augen: Gott hat sich für die Menschen entschieden. Jetzt ist nur noch die Frage: „Wie werden s i e sich entscheiden: für oder gegen ihn?“ Der Weg zu einer Entscheidung f ü r ihn steht aber offen. So geht es an Weihnachten nicht um gutes Essen und große Geschenke, nicht um wehmütige Erinnerungen oder unrealistische Hoffnungen, sondern um die frohe Botschaft, die allem Volk widerfahren soll: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!“

 

 

Christvesper: Joh 3,16  (Variante 2)

Umfrage. Was erwarten Sie von Weihnachten?

(1.) Das Fräulein aus den großen Geschäft an der E>Was Weihnachten bedeutet? Kurz  gesagt: eine große Hetze! Je näher das Fest kommt, desto toller wird es. Daß die Leute auch immer in den allerletzten Tagen einkaufen! Und an die geschäftsoffenen Sonntage mag ich schon gar nicht denken! Das geht vom Morgen bis zum Abend in einer Tour. Und Weihnachten selbst? Nun, da will ich einmal ausschlafen und ausruhen nach all der Jagd.  Und am zweiten Feiertag, da will ich mich amüsieren. Ja, das will ich!

 

(2.) Der dicke Herr von gegenüber:

Was mir Weihnachten bedeutet? So schrecklich viel ist da nicht dran! Meine Frau allerdings schafft da immer eine fette Gans auf den Tisch. Und - nicht wahr - mit ‚nem anständigen Tröpfchen Wein ist das auch nicht zu verachten! Und hinterher eine dicke Zigarre! Doch, doch,  - Weihnachten ist ganz nett. Man lebt mal ein paar Tage gut.

 

(3.) Die Witwe im Dachgeschoß:

Was mir Weinachten bedeutet?  O, da brechen alle alten Wunden auf! Da stecke ich mir ein Bäumchen an und träume. Da denke ich an die vergangenen Zeiten,  wie mein Mann noch lebte und wie die Kinder noch klein waren. Und dann weine ich ein wenig, während die Kerzen so traurig verlöschen.

 

(4.) Der Oberschüler:

Hoffentlich schenkt mir der Alte oder das Christkindchen - mir ist es gleich - endlich ein Moped. Da könnte ich endlich einmal fort und könnte mir ein schönes Leben machen.

 

(5.) Einer: Was mir Weihnachten bedeutet? - Nichts!

 

Eigentlich haben sie alle nichts von Weihnachten begriffen. Muß es denn immer so eine Hetze sein wie bei dem Fräulein im Geschäft? Gewiß, es muß in diesen Tagen jeder hart arbeiten, es geht ja auch auf das Jahresende zu und der Geschäftserfolg muß erst noch gesichert werden. Manche wollen auch vorarbeiten, damit sie in der Zeit zwischen den Jahren arbeitsfrei haben. Auch die Hausfrau stellt die ganze Wohnung auf den Kopf und will alles aufs Beste in Ordnung haben. Selbst die Pfarrer haben an Weihnachten allerhand zu tun.

Aber man braucht doch euch einmal einen Ruhepunkt in all der Hetze. Und wenn auch die Adventssonntage nicht dazu gereicht haben, dann wird es jetzt spätestens Zeit, daß Weihnachten wird. Das heißt: Weihnachten wird es ja auch ohne unser Zutun. Aber es geht ja darum, daß es bei jedem Einzelnen von uns Weihnachten wird. In dieser Stunde wird nun ein Schlußpunkt gesetzt, j e t z t sollte jeder zum Frieden des Weihnachtsfestes finden können oder schon gefunden haben.

Zum Weihnachtsfest gehört natürlich auch etwas Gutes zum Essen und Trinken. Machen wir uns doch nichts vor: Jeder, der es sich einigermaßen erlauben kann, hat doch eine Gans oder etwas Ähnliches im Kühlschrank. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen. Zu einer Festlichkeit gehört auch ein Festessen. Man sollte diese Äußerlichkeiten nicht unterschätzen, denn sie helfen auch, so einen Tag zu einem eindrücklichen Erlebnis zu machen.

Aber sie sind ja nicht das Entscheidende. An Weihnachten geht es doch um mehr. Wenn das ganze Fest nur aus Fressen und Saufen bestehen soll und hinterher der Magen verdorben ist, dann ist das doch bedauerlich. Dann braucht man auch kein Weihnachten zu feiern, denn gut essen und trinken kann man auch an einem anderen Tag genausogut.

Sinnvoller ist es da schon, von dem „Fest der Familie“ zu reden. „Weihnachten ist ganz nett!“ hat der dicke Herr gesagt. Warum sollte man da nicht auch einmal nett zueinander sein, vor allem im Familienkreis? Weihnachten bietet so viele Möglichkeiten dafür. Aber das ist noch längst nicht alles.

Ganz anders sieht es bei der Witwe im Dachgeschoß aus. Sicher hat sich mancher unter uns in ihr wiedererkannt. Es geht ja vielen genauso, daß sie gerade an Weihnachten ihre Einsamkeit spüren. Sicher hat doch mancher vorhin gedacht: Diese Witwe feiert ein richtiges Weihnachten. Sie setzt sich doch wenigstens besinnlich hin, sie hat ein Bäumchen und sieht in die Kerzen. Aber woran denkt sie? Sie träumt von vergangenen Zeiten, sie denkt an Mann und Kinder, sie gibt sich nur ihrem Schmerz hin. Aber sie sieht nicht nach vorne. Sie spürt nichts von der wahren Freude des Weihnachtsfestes. Sie hat keine Zukunft vor sich, es bleibt trostlos bei ihr.

Natürlich hat diese Witwe ein schweres Los. Aber sie hat noch nicht begriffen, daß Jesus auch ihre Dunkelheit erhellen kann, daß er gerade für ihre Einsamkeit da ist. Die wehmütigen Gedanken seien ihr nicht verwehrt. Aber vielleicht könnte sie doch auch Hilfe finden, wenn

sie in der Bibel läse und sich zur Gemeinde hielte. Ohne Hoffnung kann man nicht leben. Aber Christus ist diese Hoffnung, auch für eine einsame alte Witwe.

Der Oberschüler hat solche Probleme nicht. Er denkt nur an die Geschenke bzw. an d a s Geschenk, was für ihn unbedingt an Weihnachten da sein muß. Mit den Geschenken sind wir ja heute nicht mehr bescheiden. Ein paar Hundertmarkscheine gehen schon drauf.  Aber ist das alles, worum es an Weihnachten geht? Geschenke gibt  es doch auch zu anderen Gelegenheiten. Und soll es erst soweit kommen, daß das ganze Fest verdorben war, wenn das gewünschte Geschenk nicht unter dem Baum stand?

Dabei wollen wir nicht vergessen, w i e es zu dieser Sitte des Schenkens an Weihnachten kam. Wir schenken doch nicht ohne Grund. Unsre menschlichen Geschenke sind doch nur Erinnerung an das eigentliche Geschenk, das Gott uns allen gemacht hat: Er hat uns seinen Sohn geschenkt. Das ist das Zentrum des Weihnachtsfestes, oder sagen wir besser: die Mitte des Christfestes, denn um Christus geht es!

Darüber wollen wir uns jetzt noch einige Gedanken machen; denn wer das nicht begriffen hat, für den ist heute kein Weihnachten. Um die fünfte Äußerung brauchen wir uns ja nicht zu kümmern: Wem Weihnachten überhaupt nichts bedeutet, dem ist eben nicht zu helfen. Wir aber wollen auf diesen Vers aus Johannes 3,16 hören: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden‚ sondern das ewige Leben haben!“

 

 

Christfest I : Micha 5, 1 - 4 a

Wenn ein Land in eine Krise kommt‚ dann ruft man gern nach einem starken Mann. Dann wird ein Mann an die Spitze der Partei und des Staates gestellt, und alles soll besser werden. Der neue Mann hat angeblich das richtige Rezept und den nötigen Sachverstand, er hat sich schon im kleineren Rahmen bewährt und ist bei der Bevölkerung angesehen - da werden wir das schon in den Griff kriegen. Manchmal ist es auch nur ein Energieminister oder ein Fußballtrainer, der gehen muß. Aber immer denkt man: „Neue Besen kehren gut, ein neuer Mann kann das Steuer noch einmal herumreißen, ehe das Schiff sinkt!“

Dabei hat man den Vorgänger vor zehn  Jahren auch als letzten Retter in der Not geholt. Damals hatte man auch alles von ihm erhofft. Er hatte auch zunächst Erfolge gehabt. Aber dann war es wieder das alte Lied, es ging mehr bergab als bergauf. Es stellte sich eben heraus, daß es keine Wunder gibt. Auf einmal sind alle Verdienste vergessen. Ein Mann wird ohne Dank in die Wüste geschickt. Der Neue wird alles besser machen.

Auch der Prophet Micha spricht vor einem, der für Recht und Ordnung sorgen wird, „in der Kraft und Macht des Herrn“. Mit diesem Verheißungswort steht er uns oft sehr nahe, denn wir wünschen uns auch oft einen, der endlich einmal reinen Tisch macht. Dazu kommt noch, daß Micha gegen soziales Unrecht, religiöse Heuchelei und brutale politische Gewalt ist. Micha ist der Mann vom Lande, der weiß, daß von der Großen der Welt nichts Gutes zu erwarten ist. Sein starker Mann kann nur einer vom Lande sein, wo man die alten Sitten noch einhält und noch unverdorben und urwüchsig ist, wo man noch am alten Glauben  festhält und vom Ernst der Gebote Gottes noch etwas weiß.

Für Jerusalem kann Micha nur die Katastrophe erwarten: „Der Zionsberg wird umgepflügt wie ein Acker und die Stadt wird ein Steinhaufen.“ Wenn Gott noch einmal mit seinem Volk neu anfangen will, dann wird er ganz anders und an ganz anderer Stelle neu einsetzen. Das Königtum in Jerusalem hat keine Chance mehr. Es wird nicht nur ein Regime durch ein anderes abgelöst. Im politischen Bereich erwartet man die große Wende immer vom Bestehenden her: ein neuer Mann, ein neuer Stil der Außen- und der Innenpolitik, ein neuer Umgang mit dem wirtschaftlichen und militärischen Machtmitteln, weltweite Anerkennung.

Dabei sollen aber immer die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft, das Bestehende nur bestens ausgenutzt werden. Gott soll schon noch ein bißchen Glück dazu geben. Aber es soll ein Reich vor dieser Welt sein. Auch der Prophet Micha denkt zunächst nicht anders. Aber er scheint doch etwas davon  zu ahnen, daß hier etwas grundsätzlich Neues kommen muß: Gott muß einen neuen Anfang setzen und ein Reich ganz anderer Art schaffen.

Der Neu-Einsatz ist durch äußerste Niedrigkeit und Unansehnlichkeit gekennzeichnet. Angeredet ist der kleinste Bezirk in Juda und in ihm wieder das unbedeutende Nest Bethlehem. Ausgerechnet von dort soll der Retter des Volkes kommen.

Aber aus Bethlehem ist schon einmal einer gekommen, der sein Volk zu einer gewissen Größe geführt hat: Der König David stammte aus diesem „Kaff“. Gott mißt eben mit anderen Maßen als wir. Es ist seine Art, aus wenig oder nichts doch Großes zu machen. Bethlehem ist so das Symbolwort für die Niedrigkeit der Herkunft.

In der  Weihnachtsgeschichte geht das dann weiter: In dem ohnehin ärmlichen Bethlehem nur eine Notunterkunft, Unterdrückung der Bevölkerung durch die Besatzungsmacht, die Krippe, der Besuch der gering geachteten Hirten, ihre verwunderlichen Auskünfte. Im Leben des erwachsenen Jesus war es nicht anders: Arm ist er, belauert und verfolgt, heimatloser als Füchse und Vögel. Sein ganzes Leben ist ein „Nein“ zu der grundsätzlichen, Hoffnung auf den Retter des Volkes. Mehr noch, als Micha es ahnen konnte, hat sich mit dem Kommen Jesu ein Qualitätssprung ereignet.

Gott mußte ganz weit unten ansetzen. Doch der Stall von Bethlehem war kein unguter Zufall. Der Welt war anders nicht zu helfen. Aber ihr i s t dadurch geholfen worden. Für uns hat sich das Prophetenwort in der Geburt Jesu erfüllt. Aber die Erfüllung biegt auch alle allzu menschlichen Erwartungen um. Die Geburt des Kindes in Bethlehem hat nichts mit unsren Träumer vom starker Man gemeinsam. Es ist der Protest Gottes gegen unsre Endlösungswünsche.

Auch unser Gottesbild wird dadurch zurechtgerückt. Als fromme Christen haben wir vielleicht begriffen, daß das Heil nicht von einem starken  Mann kommt. Aber wir hoffen vielleicht, daß Gott selber sich endlich als dieser starke Mann erweisen möge. Soll er doch endlich einmal dreinschlagen zwischen all die Streithähne in  der Welt. Soll er doch endlich einmal seine Kirche aus der Niedrigkeit herausführen und die Wahrheit des christlichen Glaubens erweisen. Wie sehr wünschen wir es uns doch, endlich einmal vor aller Welt Recht zu bekommen.

Aber auch von solchen Gottesvorstellungen sollen wir erlöst werden; Gott ist nicht der Supermann, der Übervater, die Verlängerung unseres Größenwahnes in den Himmel. Gott ist ganz anders, weil er in Jesus ganz anders gehandelt hat. So macht er uns frei von bloß erträumten Gottesvorstellungen  und menschlichen Wunschbildern, die letztlich doch unbrauchbar sind.

Gottes Liebe besteht gerade in dem Verzicht auf Macht. Doch dies läßt uns nicht bei der hoffnungslosen Feststellung enden: Ich kann  ja doch nichts machen, ich bin ja ausgeliefert der Mächten und Zwängen dieser Welt. Wer Gottes Weg begriffen hat, der wird im Gegenteil handlungsfähig. Er durchschaut das Spiel der Mächtigen dieser Welt und läßt sich davon nicht schrecken. Er sucht und findet Weggenossen und erfährt Solidarität, wenn er den Weg Gottes gehen will. Und er hat eine feste Zuversicht, weil er sein Ziel kennt.

Micha erwartet einen Herrscher, dessen Ursprünge in grauer Vorzeit liegen, nämlich in der Zeit Davids. In dem Namen „David“ wird alles zusammengefaßt, was das Volk Israel erhofft hat. Aber der neue Mann ist nur das Werkzeug Gottes, mehr nicht. In der Geburt Jesu aber sind die Horizonte des Gewohnten überschritten. Im Krippenkind ist Gott leibhaft unter uns. Das ist so eine Art Ursakrament, mit dem Gott im Menschlichen gegenwärtig wird. Heute haben wir ihn nicht mehr so sichtbar unter uns. Aber wir haben das Sakrament des Abendmahls, das ihn uns auch gegenwärtig macht.

Er ist wirklich der Mann des Heils und des Friedens. Er ist das Ende der Gewaltausübung und stellt den immer wieder ersehnten Zustand her, in dem die Völker und die Menschen nicht mehr gegeneinander sind. Solcher Friede ist eingebettet in dem Gesamtzustand des Heils, in dem alles Böse und Zerstörende, alles was Angst macht und das Leben verdirbt, ausgeschaltet ist; da wird die Welt wieder so, wie sie der Schöpfer sie gedacht hat.

Und die Menschen werden einen haben, der wie ein Hirt die Herde leitet. Er übt dabei nicht Gewalt aus, sondern ist fürsorglich und auf das Wohl der Herde bedacht. So regiert der ‚Mann des weltweiten Heils‘ schon heute. Er herrscht, indem er dient, ohne Drohung und Druck. Gott­lose nimmt er in bedingungsloser Liebe an und gewinnt gerade so Macht über ihre Herzen und ihr Leben. Er schenkt Vergebung und macht dadurch die Menschen frei, einander zu vergeben. Indem er dient, macht er die Menschen willig, nun ihrerseits ganz für andere da zu sein.

Mancher wird sagen: Das ist aber eine seltsame Macht, wenn einer nicht Panzer und Flugzeuge einsetzt, sondern nur sein Wort. Da ist er doch zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Nein, er setzt die gewaltlose Macht Gottes ein und gewinnt dadurch die Menschen. Wir alle kön­nen dazu beitragen, daß seine Macht sich ausweitet, wenn wir uns von ihm anleiten lassen. So kön­nen wir unsren Teil des Friedens Gottes in die Welt tragen. Damit könnten wir ein Gegengewicht schaffen gegen alles, was sich immer wieder unheilvoll in der ganzen Geschichte der Mensch­heit auswirkt: wirtschaftliches und politisches Machtstreben, Verachtung und Ausbeutung der Menschen, Mißtrauen und Angst.

Wir sind nicht machtlos, wir können die Welt verändern im Sinne Gottes. Voll erfüllt werden die Hoffnungen der Menschheit zwar erst, wenn Christus wiederkommt. Die Hirten der Weihnachtsgeschichte mußten erst einmal wieder in ihren Alltag hinaus. Aber sie waren erfüllt von einer Kraft, die ihr ganzes Leben in einem anderen Licht erstrahlen ließ. Auch wir dürfen wissen: Was Micha nur erahnt hat, das haben wir im Glauben erfahren. Der Erwartete ist unter uns und erfüllt unser Leben mit Kraft und gibt ihm ein Ziel.

 

 

Christfest  II: Joh 8, 12 - 16  (Variante 1)

Der römische Kaiser Aurelian hat im 3. Jahrhundert das „Fest der unbesiegten Sonne“ auf den 24./25. Dezember festgelegt. Das ist kurz nach der Wintersonnenwende, wenn die Sonne wieder ihren Siegeslauf gegen Dunkel und Kälte beginnt. Dieses Fest hat wohl großen Anklang gefunden, weil es mit dem Jahreslauf verbunden  war. Wer würde sich nicht freuen, wenn die Tage wieder länger werden und alles wieder auf den Frühling hinausläuft.

Auf dieses volkstümliche Fest ist die christliche Kirche eingegangen, als sie im 4. Jahrhundert den  24. /25. Dezember zum Geburtstag Christi erklärte. Damit hat sie die Gedanken und Ge­wohnheiten der Menschen aufgenommen und ihnen einen christlichen Sinn gegeben. Aber gleichzeitig hat sie auch gesagt: Nicht der römische Kaiser, sondern Christus ist die wahre Sonne.

Richtig deutlich wurde das allerdings erst am Wirken des erwachsenen Jesus. Wir werden heute am zweiten Feiertag nicht mehr in den Stall geführt, sondern in die Öffentlichkeit. Heute geht es nicht mehr um ein andächtiges Betrachten von geschnitzten oder gemalten Figuren, sondern um den Mann, der gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt!" Dieses Licht ist wie die Sonne, wie ein Röntgenstrahl oder wie ein  Weihnachtstransparent.

 

Das Licht der Welt ist wie die Sonne: Wir können heute gar nicht mehr so nachempfinden, welches Grauen vor dem Dunkel der Nacht die Menschen früher hatten. Finsternis war der Inbegriff des Unheimlichen und Bedrohlichen. Man ersehnte den Sieg des Lichts mit der gleichen Inbrunst, mit der man alle Morgen den Sonnenaufgang begrüßte.

Bei uns dagegen macht das elektrische Licht die Nacht zum Tag. Eine beleuchtete Großstadt ist zwar noch nicht taghell, auch nicht in der Weihnachtszeit. Aber sie ist doch weit von der Finsternis entfernt, die unsre Vorfahren als etwas Grauenhaftes empfanden. Ein Fußballspiel wird heute unter „Flutlicht“ ausgetragen. Und letztendlich haben wir in der Atombombe sogar ein Licht zur Verfügung, das heller ist als tausend Sonnen.

Vordergründig gesehen kann Christus also nicht mit den vielen anderen Lichtern in der Welt konkurrieren. In der Zeit des Kienspans und der Öllampen war der Christbaum mit seinen vielen Kerzen noch ein Hinweis auf die strahlende Helligkeit, die Christus verbreitet. Unsre heutige Beleuchtungstechnik aber hat den Christbaum weit überholt.

Dennoch haben viele Menschen den Christbaum lieber als alles andere Licht. Er schenkt uns zwar nicht den hellsten Schein, aber den schönsten. Die Neonlampen geben nur ein nüchternes und kaltes Licht. Aber die Kerzen, die echten Wachskerzen, strahlen Wärme und Geborgenheit aus, bei ihnen ist uns wohl.

Wir können auch den Vergleich mit dem Sonnenlicht heranziehen. Zwar kann die Sonne auch ein gleißendes Licht abgeben und sogar stechen. Aber in der Hauptsache ist sie für uns doch der lebensspendende Stern. Wenn die Strahlung der Sonne plötzlich aufhörte, wäre es in kürzester Frist um alles Leben geschehen. Leben ist nur da, wo Licht und Wärme ist. Wenn eine Pflanze kein Licht mehr erhält, vegetiert sie dahin und geht schließlich ein. Und wenn einer krank ist und lange nimmt mehr an die Sonne kam, wird er blaß; aber gerade da ist er wieder besonders anfällig  für Krankheiten.

Wer aber Jesus gefunden hat, der ist in den Lichtraum eingetreten, wo das Streben nach Un­abhängigkeit von Gott überwunden ist. In seiner Nähe dürfen wir uns sicher wissen und es wird uns warm ums Herz werden. Da lassen wir uns hinein holen in die beglückende Gemeinschaft mit Gott, in der wir unser Leben haben. Es heißt nicht: „Wer Christus nachfolgt, der  s o 1 1 das Licht des Lebens haben!“ sondern es heißt: „Wer ihm nachfolgt, w i r d das Licht des Lebens haben!“

Dieses Licht ist mehr als alle anderen Lichter der Welt. Es geht dabei nicht um ein Licht mehr oder weniger, nicht um einen Wettbewerb nach dem hellsten Licht. Es geht um die grundsätzliche Entscheidung: Licht oder Finsternis. Entweder man ist ganz im Dunkel oder man ist ganz im Licht. Das Licht bringt es an den Tag, oder: Die Sonne bringt es an den Tag.

 

Das Licht der Welt ist wie ein Röntgenstrahl:

Wer im Dunkeln tappt, hat keinen Durchblick. Er wird anfällig für das Widergöttliche, das die Bibel „Sünde“ nennt. Das Leben aber in der Sonne Gottes ist erst das wahre, volle Leben. Dorthin will Jesus Christus uns führen.

Es gibt aber Leute, die behaupten genau das Gegenteil: Der Glaube verdunkle nur die Erkenntnis, hell könne es nur werden, wenn man sich davon losmacht. Sicher hat es Glaubenskriege und die Unterdrückung wissenschaftlicher Erkenntnisse gegeben. Doch Jesus will, daß es hell wird. Und wir sollen bei der Erhellung der Welt mithelfen, vor allem dabei, daß es in der Welt etwas menschlicher zugeht.

Christen sind nicht weltfremd, sondern  sehen die Welt und die Menschen im Lichte Gottes realistisch. Sie machen sich nicht mehr so viele Illusionen über das Gute im Menschen‚ wie das weltliche Heilslehren meist tun. Man muß sehr viel glauben, wenn man deren Heilslehren bejahen will. Da tut man sich im Grunde leichter mit dem Glauben an Gott. Doch das erkennt man erst, wenn man an Gott glaubt. Durch ein helles Licht werfen die Ge­genstände erst scharfe Schatten, dann erkennt man erst so richtig, was vorher an Hindernissen alles so da war. Es ist ganz gut, wenn Licht in die Dunkelheit kommt‚ um Gut und Böse zu unterscheiden. Gottes Licht durchdringt unser Innerstes wie eine Röntgenstrahlung.

Jesus durchschaut uns in der Tiefe mit den Augen Gottes, so wie auf einer Röntgenplatte eine verborgene Krankheit ans Tageslicht kommt. Es wird alles aufgedeckt, was sich im Dunkel versteckt und getarnt hat. Es gibt keine unausgeleuchtete Ecke mehr, in der man Zuflucht finden könnte. So kommt ja auch die Polizei dem Verbrecher auf die Spur, indem sie Scheinwerfer oder Leuchtkugeln einsetzt. Jesus bringt auch Licht in unseren Fall. Sich von Jesus durchschaut wissen, ist schon heute das Gericht, da entscheidet sich schon heute, was am Erde sein wird.

Dennoch sagt Jesus: „Ich richte niemand!“ Seine Gegner urteilen nach menschlicher Weise und verurteilen deshalb auch. Jesu Urteil ist zugleich das des Vaters. Er schaut aber nicht nur in die Tiefe, um zu verurteilen, sondern er ist ja gekommen, um die Welt zu retten. Er will sie nicht der Verlorenheit überlassen, sondern sie ins Leben „zurücklieben“. Er tritt der Finsternis nicht mit Finsternis entgegen‚ sondern scheint in die Dunkelheit hinein und macht sie wieder hell.

Vor dem „Ich-bin- Wort“ Jesu hat einer die Geschichte von der Ehebrecherin eingefügt, die gesteinigt werden soll, bis Jesus  zu ihren Anklägern sagt: „Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ Die Frau kann ihre Schuld vor Jesus nicht verbergen. Aber er erkennt auch, daß sie Hilfe und wahres Leben braucht. Jesus deckt schon auf. Er ist nicht nur ein Stimmungsmacher für die Weihnachtsfeiertage, sondern schon der Richter.

Aber er richtet anders als seine Gegner. Sein Urteil ist gerecht. Auf einmal sind die Rollen vertauscht: Sie haben ihn anklagen wolle; aber jetzt werden  auch sie von ihm beurteilt und vor die Entscheidung für oder gegen das Licht gestellt. Sie werden auch eingeladen, in den Lichtkreis Jesu zu treten.

 

Das Licht der Welt ist wie ein Weihnachtstransparent: Ist es denn wirklich heller geworden, seit Jesus auf die Erde kam? Wieviel Unheil haben doch gerade Menschen, die Christen sein wollten, über die Erde gebracht? So wird doch verschiedentlich eingewandt.

Aber dieser Vorwurf trifft nicht Jesus, sondern uns selbst. Wie wenig leuchtet doch aus uns selbst das Licht Christi. Wir lassen uns zwar von diesen Licht anleuchten‚ aber wir werden dadurch nicht verwandelt.

Ein Mensch kann natürlich immer nur Schaltstelle sein für das Licht Gottes, so eine Art Spiegel, der das empfangene Licht dann weitergibt an andere. Wir sollten uns selber als eine solche Schaltstelle zur Verfügung stellen. Gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit braucht vielleicht mancher Mensch unsre Liebe, braucht ein wenig Licht in seinem Alltag, braucht jemanden, der ihm wieder Mut macht. Alleinstehende Menschen spüren in dieser Zeit ihre Einsamkeit besonders. Aber mit wenigen Mitteln läßt sich hier viel erreichen: ein Besuch oder eine Einladung kann hier viel Freude bringen.

Wir können auch den Vergleich mit einem Weihnachtstransparent ziehen. Es leuchtet nicht aus sich selbst, sondern durch die Kerzen, die dahinterstehen. So erhalten wir als Menschen unser Licht auch nur von Gott. Wir brauchen es nur durch uns hindurch zulassen und weiterstrahlen zu lassen.

Wir dürfen darauf vertrauen, daß Christus viel Licht hat. Es kommt durch uns hindurch zu anderen Menschen, damit es auch bei denen etwas hell werden kann. Es ist nicht immer leicht, die Liebe Gottes auch zu leben. Aber wir dürfen uns doch freuen, daß soviel sie zu verwirklichen trachten,

Wer sich von Jesus bescheinen läßt, der wird auch die Kraft erhalten, anderen zu helfen. Und wer anderen hilft, der wird dabei auch für sich selber viel gewinnen und wird so ganz nebenbei auch viele seiner Probleme einer Lösung zuführen.

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Nicht eingegangen wurde auf die Frage nach der Legitimation Jesu: Man wirft ihm vor, er sei nur sein eigener Zeuge, da könne ja jeder behaupten, er komme von Gott. Das ist Größenwahn und Hochstapelei und empörend für einen, der das erste Gebot ernst nimmt. Doch ein Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage Jesu kann nicht erbracht werden. Man kann ja auch nicht den Wert eines Kunstwerks (Bild oder Plastik) nach dem Gewicht feststellen. Man muß das Werk ansehen und kann dann beurteilen, ob es Kunst ist oder nicht. So muß man sich auch erst mit Jesus einlassen, dann wird sich das Geheimnis seiner Person von selbst erschließen, von innen her (vgl. auch Voigt, S. 54).

 

Andacht:  (Variante 2)

In einem Gespräch ging es um das Böse im Menschen. Ein Psychologe meinte:  „In der Kirche wird der Mensch in zwei Hälften zerteilt, eine gute und eine böse. Die böse Seite kommt vom Teufel; sie ist im Grunde unmenschlich und muß deshalb ausgeschieden werden. Dazu arbeitete man früher mit Teufelsaustreibungen und Hexenverbrennungen!“

Diese Sicht des Menschen sei aber völlig, falsch, wenn nicht sogar gefährlich, meinte der Psychologe. Der Mensch dürfe das Böse in sich nicht verteufeln, sondern müsse es mit in seine Persönlichkeit aufnehmen: Wenn es den richtigen Stellenwert innerhalb der Gesamtpersönlichkeit hat, kann es nicht gefährlich werden, weil es von den guten Seiten überlagert wird.

Aber hier ist das christliche Menschenbild nicht richtig gesehen. Im Johannesevangelium steht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben!“ Wenn irgendwo in der Dunkelheit ein Licht aufleuchtet, dann wird dadurch doch nicht die Dunkelheit überhaupt beseitigt. Sie wird nur an einer Stelle zurückgedrängt undüberlagert, sie wird überboten und nicht beseitigt.

Und so ist auch Jesus wie ein Licht in die  Welt gekommen. Aber das bedeutet nun nicht, daß wir so tun könnten, als gäbe es nichts Böses mehr in der Welt. Jesus selber hat ja unter dem Bösen gelitten und ist ihm am Ende sogar scheinbar unterlegen. Aber er hat das Böse in der Welt doch eingedämmt, nämlich bei den Menschen, bei denen er Glauben fand.

Deshalb kann man auch nicht sagen, das christliche Menschenbild sei unrealistisch. Wir gönnen nicht leugnen, daß auch ein Christ Böses tut. Aber wir sind nicht ohne Hoffnung, daß wir das Böse in seine Schranken weisen können. Dazu hat Christus sich ja zu den Menschen begeben, um ein Licht in ihre Dunkelheit zu bringen und ihnen wieder Mut zu machen, gegen das Böse in sich selber und in der Welt vorzugehen.

Viele allerdings erhoffen sich nichts von ihm, sondern suchen anderswo ihr Heil. Das hat schon Jesus an sich selber spüren

Müssen. Sie glauben seinem Zeugnis nicht. Er kann sich da nur auf Gott berufen und auf seine enge Gemeinschaft mit ihm. Entweder man erkennt diesen Gott an und damit auch Christus und dann wird man Hilfe erfahren. Oder man lehnt Gott ab, dann muß man versuchen, sich allein durchs Leben zu schlagen.

 

 

1 . Sonntag nach dem Christfest: Mt 2, 13 - 18

Heute wäre an sich Gelegenheit zu einer gemütlichen Nachfeier zum Weihnachtsfest. Etwas vom Glanz des Festes liegt noch auf diesen Tagen. Aber die Geschichte vom Blutbad an der Krippe reißt uns aus unsren Träumen. Da ist es aus mit unsrer Feiertagsstimmung, da sind wir wieder mittel in unsrer leidgequälten Welt. Auch an diesem Fest haben wieder viele Mütter um ihre Kinder geweint‚ die verhungert oder erfroren sind, die durch Krankheit oder Gewalttat umgekommen sind.

Unsre Welt ist voll dunkler Geheimnisse. Weihnachten ist nicht dazu da, daß wir einmal alles Dunkle und Böse vergessen. Jesus ist nun einmal unter nicht gerade erfreulichen Umstände- geboren worden. Er wurde nicht nur voller Freude angebetet, sondern es geschahen auch Haß und Mord. Jesus hatte es mit der gleichen Welt zu tun wie wir. Ja, in mancher Hinsicht hat er sogar noch mehr ihre Gewalt erlebt als wir.

Hieran können wir prüfen‚ wie tief die Weihnachtsfreude in unsre Herzen gekommen ist. Hält sie auch noch, wenn das Fest vorbei ist und das unfeierliche Alltagsleben beginnt? Wenn Belastungen und Erprobungen kommen? Hat die Weihnachtsfreude sich an Jesus entzündet, dann kann sie bleiben. Diese Chance haben wir immerhin. Gott jedenfalls will, daß es Weihnachten bleibt.

Daß ein bedeutender Mann in den Tagen seiner Kindheit verfolgt wird, wurde in der Antike oft erzählt. Wir kennen es besonders aus dem Alten Testament von Mose. Die Inhaber der Macht mußten halt immer den neuen Mann fürchten und versuchten ihn deshalb mit allen Mitteln niederzuhalten, auch vor dem Verbrechen wurde nicht zurückgeschreckt.

Auch vom Kaiser Augustus hat man übrigens auch von einer frühen Verfolgung erzählt. Aber bei ihm war die Gefährdung nur eine vorübergehende Sache. Sie war nur Vorspiel zu Macht und Herrschaft, Erfolg und Glanz. Bei Jesus aber kündigt die Verfolgung des Kindes an, was auch späterhin Jesu Los sein wird. Der Sohn Gottes ist nun einmal unbehaust in der Welt, ist ein Flüchtling.

An den Kindern merkt man noch am deutlichsten, wenn Unrecht und Gewalttat geschieht. Einer treibt eine ehrgeizige Machtpolitik, und die Kinder verbrennen unter Phosphor und Napalm. Oder die Eltern streben nach höherem Lebensstandard und die Kinder kommen darü­ber zu kurz, werden in Krippe und Hort abgeschoben. Der Kindermord von Bethlehem geht in anderen Formen auch heute weiter.

Nun könnte aber der Eindruck entstehen: Den wird als Retter und Helfer predigen, der kann sich ja selber nicht helfen! Wir hören auch der Vorwurf: Nach fast 2000 Jahren Einwirkung auf die Menschheit ist die Welt immer noch nicht in Ordnung gebracht. Nicht einmal Jesu eigene Gemeinde ist frei von Leid und Schuld.

Aber Jesus ist nicht mißraten, was er gewollt hat. Er hat gar nicht gewollt, was wir allzuleicht von ihm erwarten. Auch für Jesu Leute wird die Anfechtung nicht Durchgangsstadium sein, sondern sie das ganze Leben über in Unruhe halten. „Wir haben hier keine bleibende Stadt!“ hat man schon bald in der Christenheit erkannt.

Gott weiß, warum er seinem Volk das Leiden verordnet hat. Denn in der Rückschau stellen wir oft fest: die getragenen Lasten haben uns im Grunde nur fester mit ihm verbunden, jedenfalls mehr als das Leichte und Angenehme. Auf alle Fälle dürfen wir wissen:  Wenn es zu leiden und zu tragen gilt, dann finden wir Jesus erst recht in unsrer Nähe.

Sein Gegenüber ist Herodes. Wo Jesus ist, da tritt auch immer sogleich ein Herodes auf. Die Welt sträubt sich eben mit aller Macht gegen den Plan Gottes. Und Herodes symbolisiert die „Welt“ in einem besonders zugespitzten Sinne. Die Geschichte vom Kindermord ist zwar eine Legende. Aber der wirkliche Herodes war tatsächlich so. Er hat ungezählte Menschen hinrichten lassen, auch aus der eigenen Familie. Er war ein Fremder und deshalb bei den Juden besonders verhaßt. Seine Herrschaft konnte er nur mit Gewalt aufrechterhalten.

Zudem war es eine Zeit heißer Messiaserwartungen. Die Annäherung der Planeten Jupiter und Saturn im Jahre 7 vor Christus hatte die Erwartungen noch aktualisiert. Die Ankündigung beim Propheten Micha hatte die Aufmerksamkeit auf das kleine Bethlehem gelenkt. Die Erinnerung an den Kindermord des ägyptischen Pharao war nicht verblaßt. Und Herodes war so ein kleiner Pharao.

An Herodes kann man ablesen, was sich in der Weltgeschichte immer wieder ereignet: Macht wird nicht im Dienst an den Menschen benutzt, sondern um ihrer selbst willen festgehalten. Je schwächer die Position eines Tyrannen ist, desto grausamer und unmenschlicher ist sein

Umgang mit der Macht. Vergleiche mit gegenwärtigen Ereignissen sind rein zufällig und beabsichtigt. Gewalt ist nicht ein Zeichen vor Stärke, sondern von Schwäche und Angst. Doch die Völker haben es immer wieder mit ihrem Blute bezahlen müssen.

Jesus aber setzt der Gewalt nicht neue Gewalt entgegen. Er handelt nicht nach dem Prinzip: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!“ Bei Jesus geht es vielmehr um Dienst und Einsatz bis zur Drangabe des eigenen Lebens. Jesus will nicht die weltliche Herrschaft ablösen, so als wäre sein Reich von dieser Welt. Insofern brauchte Herodes nicht um seinen Thron zu fürchten, denn das künftige Königtum dieses Kindes ist von anderer Art.

Jesus hält es nicht mit dem Mächtigen, aber er steht ganz inmitten seines Volkes. Mit diesem Volk ist er verbunden, dort ist er zu Hause. Die Zitate aus dem Alten Testament machen deutlich: Jesus steht mit seinem Volk in einer Schicksalsgemeinschaft, so daß sich in seinem Leben noch einmal die Geschichte des Gottesvolkes nachzeichnet. Nach Ägypten ist schon Joseph verkauft worden, seine Brüder sind in der Zeit der Hungersnot nach dort gezogen und schließlich auch noch der Stammvater Jakob. Das Volk Israel war ein Fremdling in Ägypten, so wie Jesus auch. Aber dann gab Gott das Zeichen zur Rückkehr. Wie einst Israel, so zieht schließlich Jesus mit seinen Eltern ins Land der Verheißung.

Aber nicht weil Jesus gekommen ist, sind die Kinder von Bethlehem umgebracht worden, sondern weil immer wieder Kinder ermordet werde, ist Jesus in die Welt gekommen. Der Kindermord von Bethlehem ist nur  e i n e  T a t  der Grausamkeit in einer grausamer Welt. Alle Augenblicke geschehen auf unsrer Erde die entsetztlichsten Dinge. Und in diese Welt voller Angst und Leid und Grausamkeit kommt Jesus und bringt ihr die Liebe Gottes. Er bleibt auch nicht nur am Rande dieser Welt stehen, wo das Leben noch erträglich ist. Vielmehr kommt er mitten hinein in Leid und Elend dieser Welt und hat am Leiden der Menschen teil.

Man könnte meinen, Jesus habe sich das Leiden erspart, das seinen Altersgenossen auferlegt worden ist. Aber das sah nur für eine Weile so aus. Jesus hat in noch tiefere Tiefen hinein müssen. Im Augenblick wurde er noch gerettet. Wenn er selber reden und handeln kann, wird er aber wieder der gleichen Gewalt gegenüberstehen. Und dann wird ein Vertreter des Römischen Reiches das Todesurteil gegen ihn unterschreiben.

Doch bei allem behält Gott die Fäden in der Hand. Herodes denkt, er könnte den glimmenden Funken austreten. Doch Gottes unsichtbare Regie versagt nicht. Zunächst einmal gibt er dem Joseph den Befehl, mit dem Kind zu fliehen. Er mußte seinen Beruf aufgeben und ein Flücht­lingsleben dafür eintauschen.

Näher hätte gelegen, daß sich Joseph bei Gott beklagt hätte und mißtrauisch einen eigenen Plan entworfen hätte. Oder er hätte sich zwar dem Befehl Gottes gebeugt, aber nur mürrisch und unzufrieden. Aber bei Joseph kam der Gehorsam aus einem tiefen Vertrauen. Sein schnelles Gehorchen bestätigt das. Er tut, was in dieser Stunde fällig ist. Solche Menschen wie Joseph brauchen wir, die durch ihre Entschlossenheit das Leben retten und vertrauensvoll Gottes Willen tun.

Auch in der Bibel gibt es nicht immer die glatten  Lösungen. Gott kann auch verborgen sein. Aber er ist dennoch der Gott, der uns bei der rechten Hand hält. Keiner schafft es, Gott aufzuhalten. Gottes Wille ist die Erlösung der Welt, und diesen Willen führt er zu Ende. Alle haben sie dabei im Heilsplan Gottes ihren Platz: Maria und Joseph, deren Leben um des Jesuskindes willen so leidvoll verlief, die Mütter vor Bethlehem und ihre hingemordeten Kinder, sogar die Soldaten, die den Mordbefehl vollstrecken mußten. Aber vorerst sollte Jesus noch bewahrt werden, weil Gott ihn noch brauchte zur Erfüllung des ihm gegebenen Auftrags. Zunächst traf es die anderen statt seiner. Nachher wird es ihn treffen an unsrer Stelle.

Wir haben auch alle unsren Platz im Heilsplan Gottes. Er möchte, daß wir an guter Ordnung mitwirken und Leiden und Greuel verhindern. Aber oft müssen wir uns anklagen, daß wir die Leiden anderer nicht gesehen und beachtet und uns selbst in Sicherheit gebracht haben. Doch wir gehören hinein in diese Welt mit all unsren Hoffnungen und Ängsten. Wenn wir das heute begreifen, dann hat es sich gelohnt, daß wir uns aus unsrer Feiertagsstimmung haben aufschrecken lassen.

Letztlich werden wir dadurch auch nur hingewiesen auf den Heiland der Welt. Wir dürfen uns stärken lassen in der Gewißheit: Bei Gott ist seine Gemeinde auch mitten in der Drangsal wohl geborgen.

 

 

Silvester: Jes 30, (8-14) 15-17

Auf dem Weg hierher in die Kirche hat es sicher schon gekracht. Nicht nur der unnütze Radau um Mitternacht belästigt uns in diesen Tagen, sondern auch mancher frühzeitige Knaller. Auf dem Heimweg werden uns vielleicht schon Betrunkene begegnen. Da empfinden wir die Ruhe und Abgeschiedenheit des Gottesdienstraums besonders angenehm. Der Predigttext unterstützt das noch: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ Der Prophet Jesaja war allerdings von anderem Getöse als von harmlosen Knallfröschen umgeben: Er hörte das Säbelrasseln feindlicher Supermächte, zwischen die der kleine Staat Juda geraten war. Von Norden drohten die Assyrer. Sollte man sich ihnen unterwerfen oder doch vielleicht bei den Ägyptern im Süden eine Hilfe suchen.

Jesaja warnt die Führung seines Volkes: „Ägypten wird zwar gewaltig mit seinen Waffen rasseln, doch wenn es zur Entscheidung kommt, wird es nichts unternehmen!“ Doch das sagt er nicht als Realpolitiker, sondern das ist seine Einschätzung vom Glauben her: „Wer kein Vertrauen zu Gott hat, sucht sich falsche Verbündete unter den Menschen. Wer sich aber allein auf Menschen verläßt, der ist verlassen!“

Man könnte meinen, der Prophet sei nur mutlos geworden. Auch Gott scheint aufgegeben zu haben, denn Jesaja soll nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten, sondern seine Botschaft in seinem Haus aufschreiben für einen künftigen Tag. Damit macht er aktenkundig, daß das Volk gewarnt wurde. Aber dennoch hofft er, daß sie sich doch noch ansprechen lassen und stille bleiben, damit e r ihnen helfen kann.

Vielleicht haben wir von diesem Jahresschlußgottesdienst eher eine Entlastung erwartet. Stattdessen hören wir aber: „Achtung! Gefahrenstelle!“ Aber neben dem Gefahrenschild steht auch der Hinweis: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ Die tatsächliche Lage wird deshalb nicht verschleiert. Aber es wird ihr entgegengehalten: „Durch Gelassenheit wird euch geholfen werden!“ Doch er tröstet nicht mit der rein menschlichen Erwartung: „Es wird schon alles gut werden“, denn dann muß man auch sagen, worauf man diese Hoffnung gründet.

Jesaja ist aber nicht ein wissenschaftlich arbeitender Zukunftsforscher, sondern er rechnet mit Gott. Er singt nicht wie in dem Schlager nach dem Zweiten Weltkrieg: „Hurra, wir leben noch", sondern bei ihm entscheidet sich alles an Gott, von dem alles kommt und auf den hin alle Dinge gerichtet sind. Gott ist nicht eine entbehrliche Zutat zu dem, was sowieso schon in der Welt betrieben wird, sondern wenn wir auf ihn hören, haben wir auch Zukunft. Deshalb beschließen wir das alte Jahr in der Gewißheit. Gott will, daß uns geholfen wird, in dem wir umkehren und indem wir stille sind und hoffen.

 

1. Uns wird geholfen in der Umkehr:

Gott will erhalten, was er geschaffen hat. Aber der Bestand unsres Lebens ist kein einklagbares Recht, sondern Wirkung der Geduld und des Erbarmens Gottes. Gott will auch, daß wir ihn bei der Erhaltung seiner Schöpfung unterstützen. Deshalb ist es am Ende des Jahres angebracht, daß wir einmal Inventur machen. Und das Ergebnis kann dann nicht sein - wie es viele Politiker machen – daß wir sagen: „Nur weiter so!“

Zur Zeit des Jesaja suchte man sein Heil in politischen Bündnissen mit den Nachbarn und der Großmacht Ägypten. Zeitweise tat man auch so, als würde man sich den Assyrern unterwerfen. Aber der Prophet ist für das Stillesein und nicht für das nervöse Herumpaktieren. Für ihn war das alles eine Frage des Glaubens. Der Bestand des Volkes Gottes wird von Gott garantiert. Er ist der Herr der Geschichte, die Völker sind nur seine Werkzeuge. Deshalb kann ein Volk sein Schicksal nur in das zukünftige Handeln Gottes verlegen.

Aber Jesaja ist nicht dagegen, daß Menschen handeln, sondern dagegen, daß sie eigenmächtig handeln, daß sie handeln, als wäre Gott nicht da. Die Leute haben Gott gegenüber ein gutes Gewissen. Der fromme Betrieb läuft. Doch auch bei wohlgeordnetem religiösem Betrieb kann man sich dem lebendigen Gott beharrlich entziehen. Gott soll nicht stören oder beunruhigen.
Deshalb ist er gern gesehen, wenn er unterstützt, was wir uns ausgedacht haben. Er ist gern gesehen, wenn er untermauert, was wir vorhaben. Und er ist gern gesehen, wenn er segnet, was unserem eigenen Interesse entspricht.

Auch die Kirche kann nicht sich oder anderen zu Gefallen predigen. Sie darf nicht den Interessen der Mächtigen dienen, die sich angeblich beschützen oder ihr Geld geben. Nur wenn wir Gott walten und wirken lassen, käme er an unsere Probleme heran. Umkehr ist deshalb das Gebot der Stunde am Ende des Jahres. Aber für die Zukunft gilt es, stille zu sein und zu hoffen.

 

2. Stillesein und Hoffen hilft uns für die Zukunft:

Wir beschließen wieder ein Jahr in einem Zeitalter, in dem die Gewaltausübung und Gewalt­androhung in unheilvoller Weise Geschichte machen. Daß Friede ist, können wir nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Daß aber Friede bleibt, dafür hat jeder die ganze Kraft seines Herzens und Willens einzusetzen. Damals hieß es: „Mit Rossen werden wir rasen, auf Rennern werden wir rennen!“Heute heißt es: „Mit Kanonen werden wir schießen, mit Raketen können wir jeden Punkt der Erde treffen. Und notfalls werden wir auch Atomwaffen einsetzen!“

Man könnte natürlich einwenden: „Die Rüstung wird ja nur vom Gegner erzwungen!“ Jeder rüstet nur „nach“, so wie die jungen Männer ihr Messer „nur zur Verteidigung“ bei sich haben. Aber bei jeder kleinen Auseinandersetzung wird dann doch das Messer gezogen und zugestochen.

Deshalb muß es natürlich auch eine gewissenhaft verwaltete Macht geben. So lange es das Böse in der Welt gibt, wird es durch Machtausübung in die Schranken gewiesen werden müssen. Vor allem der Staat hat ein Machtmonopol, das er durch Polizei und Gerichte ausübt. Nur beruhigen dürfen wir uns durch diese Feststellungen nicht.

Machtausübung gegenüber dem Einzelnen kann immer nur das letzte Mittel sein. Aber man sollte nicht meinen, daß das dann auch immer Erfolg hat. Vor allem hilft sie nicht im Zusammenleben der Völker. Schon Jesaja malt aus, was geschieht, wenn ein Land verheert ist: Oben auf dem Berg findet man nur noch eine alte Signalstange, mit der man früher Nachrichten weitergegeben hat, die aber jetzt nur noch verrät, daß in diesem Land einmal Menschen gewohnt haben.

Deshalb sind die Voraussetzungen für die Anwendung von Gewalt aufzudecken. Und die Anlässe zu den weltbedrohenden Konflikten müssen ausgeräumt werden. Der judäische König Hiskia aber wollte nur paktieren und taktieren und bereitete den Aufstand gegen Assyrien schon vor. Aber das war nicht ein Zeichen der Stärke, sondern der Verzweiflung, die ja das Gegenteil von Stille ist. Und seine Hektik war ein Zeichen der Verzweiflung, die ja das Gegenteil von Hoffnung ist. In seinem scheinbaren Selbstvertrauen brach er so das Unheil vom Zaun. Als ob  Gott nicht wüßte, wie er seinem Volk helfen kann, als ob er nicht die Dinge in der Hand hätte und behielte.

Das gilt aber auch für unser persönliches Leben: Wir brauchen uns nicht Sorgen zu machen im Blick auf das neue Jahr und alle möglichen Vorbereitungen zu treffen. Es gilt, nicht in falsche Aktivität und Hektik zu verfallen, sondern sich Zeit zu nehmen. Wenn Eheleute sich nicht mehr Zeit nehmen für das Gespräch, beginnt die Gemeinsamkeit abzusterben. Wenn Eltern keine Zeit mehr für die Kinder haben, wird das Vertrauen zueinander schnell ausgehöhlt. Auch unser Vertrauen zu Gott braucht Zeiten der Stille, braucht Bibelstudium und Gebet und das Zusammensein mit Gleichgesinnten. Nur so gewinnen wir Vertrauen, unser Leben trotz bleibender Fragen auszuhalten.

Es geht allerdings nicht darum, daß wir uns als „die Stillen im Lande“ in den engen Raum unseres Herzens zurückziehen und den inneren Frieden mitten in einer gefährdeten Welt genießen. Ein Christ ist für den Gang der großen Politik durchaus mit verantwortlich. Die Kirche hat keinen direkten Auftrag in der Politik. Aber der einzelne Christ hat einen Auftrag in ihrer Eigenschaft als Bürger; er darf sich einmischen in die Politik seines Staates und seiner Gemeinde.

Aber die Gemeinde kann allein durch ihr Dasein, durch ihr Wirken und ihr Gebet, auf das Leben der Gemeinschaft einwirken. Und so wünschen wir uns zum neuen Jahr nicht nur Gesundheit und Kraft, sondern wir wünschen uns auch Ohren und Herzen, die auf Gott hören und ihm vertrauen. Und wir wollen uns die Bereitschaft wünschen, unser Leben zu verändern.

Wenn wir rechte Christen sind, dann geht auch von uns eine große Gefaßtheit aus, eine Ruhe und Gelassenheit, die die Welt nicht finden kann außer durch Gott. Wer gewiß ist, daß Gott unter allen Umständen das letzte Wort spricht, braucht nicht nervös zu werden.

 

 

Neujahr: Joh 14, 1 -12

Ein neues Jahr bringt manche Besorgnisse mit sich. Was wird mir alles widerfahren? Werden sich meine Pläne verwirklichen lassen? Wird es ein Jahr mit Jesus werden? Schließlich ist Jesus ja nicht leibhaftig unter uns. Wir müssen selber herausfinden, was heute sein Wille mit uns heute ist.

 

 (1) Jesus macht für uns bei Gott Quartier:

Mit Jesu Abschied geht etwas zu Ende. Man kann nicht behaupten, daß wir darauf leicht verzichten könnten. Jesus bleibt zwar einer von uns, bleibt sozusagen weiter mit uns verwandt. Aber  die unmittelbare Lebensgemeinschaft mit ihm hat aufgehört. Wir kennen das ja auch aus unsrem menschlichen Zusammenleben. Wenn man sich jahrelang nicht sieht, ist es schwer, die Verbindung aufrecht zu halten. Man kann sich zwar schreiben. Aber das ist doch nie so intensiv wie die persönliche Begegnung. Wenn man sich nicht wenigstens hin und wieder einmal sehen kann, zerbricht die Gemeinschaft sehr leicht.

Jesus hinterläßt uns ja sein Wort. Und wir wiederum können uns im Gebet mündlich an ihn werden. Aber dieses dort läßt sich ja nicht ohne Einbuße von dem ablösen, der es gesagt hat. Wenn man einen Menschen gern hat, dann will man nicht nur seine Briefe lesen oder seine Stimme am Telefon hören, dann will man ihr auch sehen und anfassen können. Wenn Jesus nicht leibhaftig bei uns ist, dann fehlt uns schon etwas.

Aber Jesus verspricht seiner Jüngern: Das ist nur für eine Übergangszeit. Er lebt nur zeitweilig im Ausland und wird dann wieder zurückkehren. Seine Jünger brauchen nicht kopflos zu werdet, sie brauchen nicht zu erschrecken, sie brauchen nur zu glauben, dann werden sie diese Zeit schon überstehen.

Sie werden sich allerdings nicht auf günstige materielle Vorbedingungen, auf Einfluß, Reichtum und Macht verlassen können. Sie werden auch nicht auf die allgemein verbreiteten Überzeugungen und Erwartungen der Menschen eingehen können. Aber sie werden Christus auf ihrer Seite haben, der sie auch jetzt nicht in ihrem Elend allein läßt.

Dennoch hat der Thomas recht mit seiner Fragerei. Er kann ja gar nicht wissen, wohin Jesus geht. Der Weg dahin ist weder auf einer Landkarte noch auf einem Himmelsglobus festlegbar. Jesus hat durch die Himmelfahrt nicht einfach einen anderen Ort im Raum eingenommen, sondern er ist einfach in einen ganz anderen Raum gekommen. Aber diesen Raum können wir nicht mit unsrem dreidimensionalen Raum oder mit dem in sich gekrümmten Weltall vergleichen,  sondern er ist von ganz anderer Qualität.

Uns ist verheißen, daß wir auch einmal in dieser Welt Gottes sein werden. Gott möchte, daß alle Menschen bei ihm eine Bleibe finden, wenn er auch nicht so eine Art himmlisches Grand-Hotel bieten wird; vor allzu menschlichen Vorstellungen sollten wir uns da schon hüten. Dieses Wohnrecht bei Gott versteht sich auch nicht von selbst. Da muß einer\erst die Unterkünfte ausfindig machen und für uns sichern. Deshalb mußte Jesus seinen Opfergang gehen. Er ist unser Quartiermacher, der uns schließlich nachholen wird. Nur weil er vorausging, konnte er weiter für die Seinen sorgen.

Unser Zuhause bei Gott ist also schwer erkämpft. Zwar mußte Jesus dem Vater nichts abringen. Aber es war doch erst einiges aus der Welt zu schaffen und zu bereinigen, ehe der Weg zu Gott frei war. Jesus ist also nicht einfach abgehauen, sondern er hat uns verlassen, um unsre Interessen besser wahrnehmen zu können.

Das sagt Jesus den Menschen wie Thomas und Philippus, die erschrocken sind und viele Fragen haben. Er verheißt ihnen, daß er ihnen eine Bleibe bereiten wird.  Und er wird zurückkommen und sie über den Graben holen, den er selber übersprungen hat.

 

(2) Jesus ist der Weg zum Vater:

Was verlangt Jesus wohl von uns, wenn wir an das verheißene Ziel gelangen wollen? Er legt uns nicht Gesetze und Vorschriften auf, sondern er spricht so gesetzesfrei wie möglich: „Der Weg, die Wahrheit und das Leben - das bin ich!“ Jesus beschreibt nicht einen Weg, er weist uns nicht hin auf einen Weg, sondern er ist selber der Weg. Wir möchten doch alle gern einen Weg wissen, auch in das neue Jahr. Aber Jesus  i s t  de r Weg, die Wahrheit und das Leben.

Wenn es nur darum ginge, den richtigen Weg zu finden, dann könnte  man ihn ja auch allein gehen, ohne Christus. So versucht das ja ein Lehrer, der seine Schüler zur Selbständigkeit erziehen möchte.  Aber es gibt keinen Weg zu Gott ohne Christus oder an ihm vorbei. Wer Jesus sieht, der hat auch der Vater vor Augen. Und wer bei Jesus ist, der hat auch Anteil am ewigen Leben.

Jesus ist aber auch so etwas wie ein Weg, der gegangen sein will. Wer ihn geht, bleibt nicht in der alten Verfassung. Allerdings liegt das nicht am eigenen Können, sondern weil das Gehen dieses Weges einfach voranbringt. So können wir  a11e  zu einem neuen Menschen werden,

 

(3) Jesus wird der Mächtigste:

Wenn einer im Beruf Fortschritte macht, dann kann es sein, daß er auch seinen Wohnort wechseln muß: Erst in die Kreisstadt, dann in die Großstadt und schließlich vielleicht nach New York. Wenn er wirklich etwas gekonnt hat, dann werden seine Mitarbeiter seinen Weggang bedauern. Sie müssen ja nun selber sehen, wie sie allein zurechtkommen. Aber sie werden sich schließlich auch sagen: Er hat einen größerer Verantwortungsbereich, da kann er viel mehr Menschen nutzen und am Ende haben wir selber auch einen größerer Vorteil davon.

So wird die Gemeinde Christi durch seinen Weggang euch nicht vollkommen aktionsunfähig. Sie setzt ja das Wirken Jesu in der Welt fort. Er hat sie ja dazu angeleitet und unterstützt sie nun von höherer Stelle aus. Jetzt erst kann er ja die „größeren“ Werken tun, die nun allen Christen zugute kommen.

Mit der Himmelfahrt gewinnt das Wirken Jesu erst seine rechten Ausmaße. Jetzt wird sein Wirkungsbereich über die ganze Erde ausgeweitet. Seine Jünger durchbrechen die Enge des Heimatlandes Jesu und gehen hinaus in die Welt. Sie sind erfüllt vom Geist Christi und tun vielfach die gleichen Dinge wie er.

Jetzt kommst es erst zu einem Zusammenwirken zwischen himmlischem Christus und irdischer Gemeinde. Beide können sich nun erst recht ergänzen. Christus braucht die Christen als seine irdischen Werkzeuge. Und die Christen brauchen Christus, weil sie sonst in der

Welt verloren werden.

Wie tröstlich ist doch der Satz: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Wie gut tut das gerade in unsrer Zeit, wo doch so viele Menschen Angst haben. Sie haben Angst um ihr bißchen Hab und Gut, um ihr berufliches Fortkommen, um ihre Kinder und sie haben Angst vor dem Tod. Nur Christus kann uns von dieser Angst befreien. Wenn man weiß, daß  e r  die Herrschaft über die Welt hat, dann läßt man sich schon nicht mehr so von den Herren dieser Welt beein­drucken. Dann geht man unbeirrt seinen Weg mit Christus und dann weiß man auch: Ich habe ja längst meine Wohnung bei Gott!

Das soll nicht heißen‚ daß wir uns nicht um die Wohnung hier auf unsrer Erde kümmern müßten. Das ist auch notwendig und wichtig. Aber es ist nicht so wichtig, daß wir deshalb die himmlische Wohnung ganz aus den Augen verlieren könnten. Wer die himmlische Wohnung noch als Rückhalt hat, der kann gelassen die irdischen Schwierigkeiten über sich ergehen lassen: Christus hat die Macht geschieht nur, was er zuläßt.

 

 

2. Sonntag nach dem Christfest: Joh 1 , 43 - 51

Es ist nicht immer leicht, Menschen für die Mitarbeit im Kirchenvorstand zu gewinnen. Und doch darf man immer wieder glücklich sein, wenn sich Menschen dafür gefunden haben, diesen wichtigen Dienst in der Gemeinde zu versehen. Sie haben damit ein Beispiel gegeben für das, was man von einem Christen erwarten darf: Wenn man gerufen wird, dann geht man mit und stellt sich zur Verfügung.

So war das schon bei der Berufung der ersten Jünger Jesu. Als Johannes der Täufer auf Jesus zeigte und sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ da löste er damit eine Kettenreaktion aus, in der einer nach dem anderen zu Jesus fand. Hier werden einige wesentliche Züge des Christwerdens überhaupt sichtbar: Wenn einer das Geheimnis Christi entdeckt, dann bleibt er bei ihm und sagt seine Entdeckung sofort weiter. Kein Christ kann das für sich behalten, was er empfangen hat. Er will das Empfangene sofort mit dem nächstbesten Mitmenschen teilen‚ den er findet. Das Wort „finden“ kommt hier sehr oft vor. Dadurch wird eine Brücke geschlagen von einem Menschen zum anderen, gerade auch zu denen, die schon lange gesucht haben und nun gefunden wurden. Diese dürfen Jesus sehen.

Das war damals noch ganz direkt möglich. Aber es genügt nicht, wenn man nur einen optischen Eindruck von Jesus gewonnen hat‚ wenn man nur seine äußere Gestalt wahrgenommen hat. Es kommt darauf an auch ein inneres Bild von Jesus zu gewinnen. Denn daß sich in seinem Menschsein sein Gottsein verbirgt, das nimmt nur der Glaube wahr.

Man unterscheidet ja zwischen dem irdischen Jesus, der damals in Palästina von Ort zu Ort zog, und dem auferstandenen Christus, der seit Ostern für alle Menschen da ist, unabhängig von Zeit und Raum. Aber wir glauben nicht nur an den erhöhten Christus, wie das der Marburger Professor Rudolf Bultmann wollte, sondern für unsren Glauben ist auch der irdische Jesus wichtig.

Johannes stellt es so dar, als sei den Jüngern mit einem Schlag gleich alles klar gewesen. Von den anderen Evangelisten wissen wir, daß sie erst allmählich hinter das Geheimnis der Person Jesu gekommen sind. Johannes dagegen stellt das spätere Glaubensbekenntnis der Kirche an den Anfang und erwartet, daß man gleich den Glauben wagt.

Vielleicht würde man ohne das Glaubensbekenntnis leichter einen Zugang zu dem irdischen Jesus finden. Das sagen ja die sogenannten „Jesusleute“, die Jesus als ihren persönlichen Heiland gefunden haben und nun überall davon erzählen. Diese „Jesuswelle“ ist ja einmal aus Amerika auch zu uns gekommen. Auch bei uns gibt es junge Leute, die mit Jesus neu leben wollen. Es kann natürlich trotzdem schwer sein, die Glaubenserfahrung anderer für sich zu übernehmen, nicht jeder wird den Weg der Jesusleute gehen können.

Aber die Christuserfahrung kann man eben nur an Jesus machen. Deshalb geben wir uns ja solche Mühe, den Kindern etwa im Kindergottesdienst die Geschichten von Jesus zu erzählen. Wir kauen nicht nur das Glaubensbekenntnis durch (obwohl das für der Glauben vollauf genügen würde)‚ sondern wir versuchen den Glauben durch lebendige Geschichten zu verdeutlichen.

Dennoch wollen wir dankbar sein für das Glaubensbekenntnis. Es ist ja gestaltgewordene Glaubenserfahrung. Es ist eine Hilfe und ein Anstoß zum Glauben. In gewisser Hinsicht muß natürlich jeder wieder beim Nullpunkt anfangen, muß der Schritt nachvollziehen, den andere schon vor ihm getan haben.

Aber die schon glauben, bekennen für die anderen: „Wir haben gefunden!“ Insofern fangen wir doch nicht beim Nullpunkt an, sondern unser Weg zu Jesus ist in groben Zügen schon von anderen markiert. Wenn wir diesen Richtpunkten folgen‚ kommen wir schneller voran. Hierbei ist aber ganz wichtig, daß sich Menschen finden, die ihren Glauben mit eigenen Worten bezeugen.

Für Kinder ist es so wichtig, daß auch die Eltern einmal mit ihnen über den Glauben reden und ihnen erklären, was ihnen dieser Glaube in ihrem Leben bedeutet und wie er sich am Beispiel auswirkt. Und ein Kirchenvorsteher kann zum Beispiel seinem möglichen Nachfolger erzählen‚ welchen inneren Gewinn er von seinem Dienst gehabt hat. Das persönliche Zeugnis ist heute so überaus wichtig, wenn in einem anderen Menschen der Glaube geweckt werden soll.

Oftmals wird auch ein direkter Anstoß nötig sein. So sagt Jesus zu Philippus kurz und bündig: „Folge mir nach!“ Er will ihm damit sagen: „ritt in meine Fußspuren! Bleibe immer in meiner Reichweite! Frage mich vor allen wichtigen Entscheidungen! Trenne dich von allem, was dich an der Nachfolge hindert! Laß dich nicht durch verlockende Angebote abhalten! Suche nur noch die Ehre deines himmlischen Vaters! Bleibe bei mir, auch wenn der Weg steil und steinig wird, wenn er Opfer kostet und Leiden mit sich bringt, auch wenn man dich deshalb mißverstehen sollte!“

Nicht jeder beantwortet den Ruf Jesu so freudig und ohne zu zögern wie Philippus. Viele Menschen stellen sich taub einem solchen Ruf gegenüber. Andere schieben die Entscheidung auf‚ weil sie sich von liebgewordenen Sünden nicht trennen können. Wieder andere haben verstandesmäßige Einwände, sie wollen erst klar sehen, ehe sie ihr Leben in den Dienst Gottes stellen.

Zu einem Pfarrer kam einmal ein junger Mann und erklärte, er wolle auch wieder in die Kirche eintreten, aber erst solle er ihm einmal meine Meinung zu einer gerade aktuellen Frage sagen. Er hat sie ihm natürlich nicht gesagt, weil ich annehmen mußte, daß er nur eine Falle stellen wollte. Wenn es einem wirklich um den Glauben geht, dann ist er natürlich gern willkommen; aber nicht, wenn er noch nach allem möglichen anderen dabei schielt.

Bei Nathanael ist es wieder etwas anderes: Er möchte gern ganz sicher gehen. Große Versprechungen haben schon manche gemacht, und am Ende stand die große Enttäuschung. Zweifel sind da verständlich. Aber Nathanael benutzt sie nicht als Vorwände, um mangelnde Bereitschaft zu tarnen. Er ist wirklich bereit, sich helfen zu lassen. Jesus bezeichnet ihn ja als rechten Israeliten, an dem kein Falsch ist. Aber er fährt sich genau dort fest, wo die christliche Botschaft eben schwierig wird: „Was kann denn aus diesem Kuhdorf Nazareth Gutes kommen? Der allmächtige Gott in so einem Nest!“ Auch ein Mensch, der heute zur Gemeinde kommt, wird nur Menschliches sehen.

Manchmal kommen einige Touristen in die Kirche, um sie sich anzusehen‚ nicht um zum Got­tesdienst dazubleiben. .Aber was wäre gewesen, wenn sie geblieben wären? Hätten sie den richtigen Eindruck gewonnen‚ vor allen Dingen einen guten Eindruck? So daß sie das Gefühl gehabt hätten: Da ist etwas, das sich lohnt, was man im Leben brauchen könnte, wo man gerne mitmacht! Würde man bei uns, mitten unter all dem Menschlichen, auch das Göttliche wahrnehmen können?      

Ein junges Mädchen, das einmal in einen Kreis frommer Menschen kam, sagte: „Ihr redet alle wie aus Büchern!“ Da hat man sich nicht verständlich machen können, da ist die frohe Botschaft nicht verständlích geworden.

Sicherlich ist das Glauben nicht so einfach. Im Grunde ist es nur möglich, weil Jesus uns gesucht und gefunden hat. Er war dem Nathanael schon nahe, als er noch unter dem Feigenbaum saß. Er hat ihn bis ins Innerste durchschaut, er überwindet ihn im Inneren. Aber er zwingt ihm nichts auf‚ sondern er sagt: „Komm und sieh doch selber? Überzeuge dich erst selbst und dann triff deine Entscheidung!“

Das ist die rechte Art, Mission zu treiben. So müßten wir auch die Menschen außerhalb der Gemeinde anreden: „Komm doch einmal mit zum Gottesdienst! Da erlebst du die Kraft des Wortes Gottes und die Freude der Christen! Komm mit in unsre Familie, da erlebst du, wie kein Raum mehr ist für Haß und lieblose Worte! Da findest du echte Bruderschaft und stehst nichtmehr allein mit deiner Not!“

Aber Jesus verheißt dem Nathanael noch mehr: „Ihr werdet den Himmel offen sehen!“ Er verspricht nicht ein leichtes und bequemes Leben. Aber Gottes Gnadensonne scheint auch über dem finsteren Tal, durch das seine Jünger gehen müssen. So wächst in der Nachfolge Jesu der Glaube. Er wird dann auch nicht verzweifeln, wenn ihm Gott unbegreiflich wird.

Das Rufen eines Christen bleibt nicht ohne Antwort, denn der Himmel ist über ihm offen. Er hat nicht nur ein Loch, sondern in Jesus sind Himmel und Erde eins geworden. Die Verbindung Gottes mit den Menschen reißt nicht ab, sondern die Engel Gottes sind immerzu hin und her unterwegs.

Gewiß ist das nur ein Bild für das Handeln Gottes mit den Menschen. Aber es macht doch deutlich, daß Gott keinen allein läßt. Wer in seinem Auftrag einen Dienst in der Kirche oder an der Welt wahrnimmt, der darf seiner Hilfe sicher sein, er wird nicht auf verlorenem Posten allein gelassen‚ sondern er erhält Rückenstärkung durch seinen himmlischen Herrn.

 

 

 

 

Epiphanias: Joh 1, 15 - 18

Manches Jahr gibt es eine lange Fastnachtskampagne. Das liegt - wie so vieles - an der Bibel. Wenn Ostern spät ist, gibt es bis zu fünf Sonntage nach Epiphanias - was ganz selten ist. Was ist das nur für ein ungewöhnlicher Tag, dieses Fest der Erscheinung des Herrn, das wir am 6. Januar begehen? De Kirchen im Osten feiern an diesem Tag die Geburt Jesu, denn um die - um seine Erscheinung auf der Erde - geht es an diesem Tag. Es ist nicht so, wie es auch schon behauptet wurde, daß die Kommunisten das Weihnachtsfest in Rußland abgeschafft hätten, sondern es wurde schon immer am 6. Januar gefeiert.

Bei der Erscheinung Christi geht es um die Gegenwart Gottes in der Welt. Er ist zwar schon in seiner ganzen Schöpfung gegenwärtig. Aber er wird es erst richtig mit Christi Geburt: In den Menschen Jesus von Nazareth ist die einmalige Einheit zwischen Göttlichem und Menschlichem für uns da. In Jesus Christus hat Gott sich uns erfahrbar gemacht. Jetzt kann zum Beispiel erfahren werden, wie der Glaube an die Vergebung auch unter den Menschen Brücken schlägt und Gemeinschaft stiftet.

Heidnische Religionen haben sich Götterbilder aus Stein oder Holz gemacht. Natürlich haben wir keinen Gott, den man mit den Augen sehen und mit den Händen anfassen kann. Aber es ist nicht so, daß wir einen unsichtbaren Gott hätten: Sein Sohn hat ihn uns bekannt gemacht.

In Jesus erweist er uns seine Gnade und in ihm schenkt er uns sich selbst.

 

1. Jesus hat uns den unsichtbaren Gott bekannt gemacht:

Das Prinzip der Naturwissenschaft lautet: Nur was mit den Sinnen erfahrbar ist, das ist auch wirklich! Man muß damit experimentieren können, muß den Versuch jederzeit wieder mit dem gleichen Ergebnis wiederholen können und er muß von jedermann nachvollziehbar sein.

Doch das gilt schon nicht mehr im Bereich der Psychologie und erst recht nicht im Bereich der Kunst. Hier gibt es zwar auch wissenschaftliche Methoden, die zu einer gewissen Annäherung verhelfen. Aber das Eigentliche muß in einem Sprung geschehen, den man nicht in der Hand hat. Das gilt auch für die Liebe: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert, tausend und eine Nacht und es hat Zoom gemacht!“ Wie soll man so etwas mit wissenschaftlichen Methoden erklären?

Wenn eine Frau ein Kind geboren hat, dann macht sie ganz andere Erfahrungen als vorher.

Vorher war sie im Labor und am Computer. Jetzt wird sie in einer ganz anderen Weise gefordert! Und ihr Mann, der vielleicht bisher die Entwicklungschancen von Firmen wissenschaftlich berechnet hat, der muß auf einmal die Windeln wechseln. Aber ist das nicht menschlicher, sinnvoller und erfüllender?

Auch Gott können wir uns nur nähern, indem wir eine Beziehung zu ihm aufnehmen. Wenn einer uns auffordert: „Zeigt mir doch euern Gott!“ dann verlangt er etwas, das Nicht-Gott ist. Gott ist nicht mehr Gott, wenn er als Objekt gedacht wird! Er ist nicht Gegenstand der Erkenntnis, so daß ich über ihn verfügen könnte. Chemische Verbindungen ergeben sich von selbst. Massen kann man wiegen. Die Fernrohre kann man auf Gestirne richten, so daß sie Objekt unsres Forschens werden. Gott aber ist Subjekt, er ist der Handelnde, der nur in der

Begegnung erkennbar ist.

Gott tritt uns in den Weg mit dem Ziel einer solchen Begegnung. Er geht auf uns zu, gibt sich uns zu erkennen und zieht uns in seine Gemeinschaft. Das alles meinen wir, wenn wir von der Erscheinung Gottes reden und dies in den Wochen nach dem Epiphaniasfest feiern. Nicht wir suchen Gott, sondern er tritt in unser Leben.

Das ist erstmals geschehen in unserer Taufe. Das ist doch eine wunderbare Sache, wenn ein Mensch auf einmal eine Beziehung zu seiner Taufe gewinnt. Ehe er noch denken konnte, ehe er etwas darstellte, hat Gott sich ihm zugewandt. Deshalb ist die Kindertaufe besser als die Erwachsenentaufe, weil es da nicht darauf ankommt, daß man schon einen festen Glauben hat. Vielmehr wird die Grundlage dafür gelegt, daß man sich diesen Glauben schenken lassen kann.

Auch die Predigt ist nicht eine objektive Erörterung über das Wesen Gottes. Man kann nicht

von ihm reden in der dritten Person. Wir können nicht über ihn reden, so als wäre er gar nicht anwesend. Er kann nicht verkündet werden mit einem Trommelfeuer von Gottessprüchen, da würde man bald abstumpfen. Es gab ja einmal den amerikanischen Evangelisten Billy Graham. Den nannte man das „Maschinengewehr Gottes“, weil er in schneller Folge kurze Sätze auf die Zuhörer niederprasseln ließ. Und dann rief er die „Bekehrten“ nach vorne. Aber das war alles nicht von langer Dauer.

Jesus aber spricht nicht  ü b e r  seinen Vater, sondern er kommt ja vom Vater und ist mit ihm eins. In seiner Rede ist immer der auf uns zukommende Gott verborgen. Natürlich spricht er auch über Gott. Aber sein Wort über Gott ist das maßgebende, nie in die Irre führende, nie zuviel versprechende und daher verläßliche Wort.

 

2. In Jesus erweist Gott uns seine Gnade:

Vor Jesus gab es ja noch Johannes den Täufer. Er war auch ein frommer Mann, der eine Gemeinde um sich geschart hatte und der sogar vielleicht von ihnen als der Heiland angesehen wurde. Aber die christliche Gemeinde hat in ihm nur den Vorläufer gesehen. Dennoch soll er schon erkannt haben, wer Jesus ist, wenn er sagt. „Wir haben ihn erlebt und wußten, daß wir es mit dem uns sonst verborgene Gott zu tun haben. Den unsichtbaren Gott kann man nun auf einmal sehen, denn in seinem Sohne erweist er uns seine Gnade. So sind wir ständig von ihm beschenkt worden. Er hat nicht nur das Menschenmögliche auf erfreuliche und überzeugende Weise in die Tat umgesetzt, sondern wir empfingen alles aus der Fülle des göttlichen Wesens!“

Und noch früher gab es Mose. Aber Gnade und Wahrheit findet man bei ihm nicht. Er hat nur das Gesetz gegeben, mit dem sich Jesus auseinandersetzen mußte, als er am Feiertag einen

Kranken heilte. Mose machte nur Auflagen, er forderte und verpflichtete. Aber dadurch machte er die Menschen unfrei. Er hat nicht nur vorgeschrieben, daß man nicht tun darf, was man tun möchte. Er hat auch die Menschen so eingeengt, daß sie als Sklaven der Sünde auch das tun mußten, was sie nicht wollten.

Der Mensch, der ohne Gott leben will, ist ja in Wirklichkeit nicht frei. Er verfällt erst recht dem Zwang des Gesetzes, auch wenn er verneint, daß es für ihn Gesetze gibt. Er weiß: Du mußt etwas leisten. Gott wird dir alles auf Heller und Pfennig nachrechnen! Wer aber bei Christus ist, der darf aus der göttlichen Fülle immer nur nehmen, einen Gnadenerweis nach dem anderen.

Daß wir uns aber richtig verstehen: Es geht nicht um ein Schlaraffenleben, das wir bei Jesus führen könnten, sondern um ein fruchtbares und ertragreiches Leben. Das ist wie bei einer Weinrebe, die ihre Frucht nicht aus sich selber hervorbringt, sondern aus dem, was ihr zuströmt.

In Jesus gewinnt Gott seine Welt zurück. Er tut das aber nicht so, indem er sie „auf Vordermann“ bringt, sondern indem er ihr ein Gutes nach dem anderen tut. Zwar wird er dabei immer wieder enttäuscht, weil er nicht unbedingt auf Dankbarkeit hoffen kann. Aber er läßt sich davon nicht irre machen und stößt keinen hinaus.

 

3. In Jesus schenkt Gott sich uns selbst:

Das Johannesevangelium hat bei Gott angefangen: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort!“ Am Schluß des ersten Kapitels aber ist von dem die Rede, was Menschen an Jesus erfahren haben. Es gilt, beides zusammenzubinden. Es ist nicht so, daß uns Auskunft darüber gegeben wird, was man von Jesus empfangen kann, also zum Beispiel die Kenntnis Gottes oder immer neue Geschenke aus der Fülle Gottes. Vielmehr schenkt Gott uns nicht nur dies und jenes, sondern er schenkt sich uns selbst.

Wenn wir nur nach dem fragten, was bei Jesus „zu holen“ ist, dann hätten wir das Beste noch nicht entdeckt. Er ist zwar Bringer oder Entdecker von Freuden, aber das Wesentliche ist, daß er sich selbst gibt.

Das ist wie bei der Liebe zwischen Menschen. Die Liebe sagt nicht: „Ich will dies und das von dir, sondern ich will d i c h!“ Jesus Christus ist die uns zugewandte Liebe Gottes. Gott will die Gemeinschaft zwischen ihm und uns. Er schenkt sich selbst.

So kann man den unsichtbaren Gott doch sehen, weil er so menschlich und darum so zugänglich ist. Es wird uns sehr leicht gemacht, weil er es auf Begegnung und Gemeinschaft abgesehen hat. Schon wenn Menschen aufeinander zugehen, wird der andere Mensch nicht zum Objekt. So ist es erst recht bei Gott: In Christus macht Gott mit uns den neuen Anfang. Vor uns steht der Mensch Jesus, aber er ist Gott konkret!

 

 

1. Sonntag nach Epiphanias: Mt 4, 12 - 17

„Wir fahren in die DDR zur Jugendweihe“, sagte eine Frau zu ihrer Nachbarin, „dort gibt es ja keine Konfirmation, die machen dafür Jugendweihe!“ Ein typisches Vorurteil eines Außenstehenden, der die wahren Verhältnisse nicht kennt, aber mitreden will. Selbstverständlich gab es in der DDR die Konfirmation wie im übrigen Deutschland auch. Aber offenbar sahen viele Westdeutsche - und sehen es auch noch heute so - den Osten Deutschlands als ein halbheidnisches Gebiet an. „Wir mußten denen doch erst wieder den Glauben bringen!“ war nach der Wende von mancher Kanzel zu hören. Die Überheblichkeit auf wirtschaftlichem Gebiet wurde auch auf das Gebiet des Glaubens ausgedehnt.

Ernsthafte Geschichtswissenschaftler haben übrigens auch eine ähnliche Theorie vertreten: Der Ostern sei erst spät christianisiert worden, zum Teil erst im 11. Jahrhundert. Deshalb sei es den Menschen dort leichter gewesen, nach 500 Jahren zur Reformation Luthers umzuschwenken. Und wenn man weiter denkt, dann müßte man sagen: Nach weiteren 500 Jahren sind sie dann ganz vom Glauben oder doch wenigstens von der Kirche abgefallen.

Doch vielleicht gibt es dort bis heute  ein ernsthafteres Christentum als in unserer Spaßgesellschaft. Weil der Staat nur echte religiöse Aktivitäten duldete, durfte die Kirche keine Frei­zeit­beschäftigung wie Basteln oder Spielen anbieten, sondern es mußte immer um christliche Verkündigung gehen.

Natürlich wurde auch gebastelt und gespielt. Wenn es bei einer Konfirmandenfreizeit nach dem Mittag zum Skilaufen ging, dann hieß das offiziell: „Praktische Übungen zum ersten Glaubensartikel“ Aber bei jeder Veranstaltung der Kirche gab es mindestens so etwas wie eine Andacht oder ein Gebet, zum Kirchenkonzert gehörte mindestens ein Gedicht mit christlichem Inhalt oder Gunter Emmerlich konnte in der Kirche nur sein sogenanntes Kirchenprogramm machen. Vieles von dieser Einstellung ist bis heute geblieben.

Aber es dürfte natürlich klar sein: Echten Glauben gibt es sowohl im Osten wie im Westen, genauso wie es überall Unglauben gibt. Es gibt keine „Kirchenwüste“, in der es sich gar nicht mehr lohnt, noch etwas zu investieren, wo man nur noch wenig Pfarrer hinschickt und nur noch den Bestand verwaltet. Glauben kann man überall, das ist nicht vom politischen oder wirtschaftlichen System abhängig.

Auch Galiläa, der Landstrich im Norden Israels, galt als halb heidnisch. Schon im Jahre 732 hatte der assyrische König dieses Gebiet um den See Genezareth - das Stammland der Stämme Sebulon und Naftali - zu seiner Provinz gemacht und die Oberschicht des Volkes in die Gefangenschaft geführt. Die Übriggebliebenen hatten sich an die heidnischen Religionen - wir würden heute sagen: „an die herrschenden Anschauungen“ angepaßt. Sie galten als das „Volk, das im Finstern saß“.

Doch ausgerechnet hier beginnt Jesus seine Wirksamkeit. Als Johannes der Täufer gefangengesetzt wird, sieht Jesus das als Zeichen an, nun mit seinem Wirken zu beginnen. Er nimmt seinen Wohnsitz in Kapernaum und fängt an zu predigen.

Doch das hängt nicht damit zusammen, daß er nun endlich erwachsen geworden ist und das Elternhaus verläßt, um auf eigenen Füßen zu sehen. Jesus konnte sich gar nicht aussuchen, was er tun sollte, weil der Plan seines himmlischen Vaters schon längst fest stand. Der Beginn seiner Wirksamkeit in Kapernaum ist Erfüllung dessen, was Gott durch seine Propheten längst hat sagen lassen. Der unscheinbare Ortswechsel ist in Wirklichkeit der Beginn der Herrschaft Gottes.

Daß Gott in der Welt herrscht, das ist die gute Botschaft, die wir an Weihnachten gehört haben, die wir jeden Tag hören können, die auch uns gilt. Im neuen Jahr gelten nicht nur die Gesetze der Politik und der Wirtschaft, sondern in erster Linie ist Gott am Werk.

Die offiziellen Kreise in Jerusalem haben sicher nicht viel auf die Verheißung des Jesaja gegeben. Die große Wende in der Geschichte zwischen Gott und den Menschen konnte doch nicht aus dem ungläubigen und verrufenen Galiläa kommen.

Was bei diesen Leuten Bedenken hervorruft, ist in Wahrheit Gottes Plan. Gott ist eben so, daß er mit den Kleinen und Verachteten anfängt. Deshalb siedelt sich Jesus gerade dort an, wo Menschen wohnen, die Gott fern sind und sich wohl auch schon daran gewöhnt haben. Gott beginnt bei den Abgehängten, den Aufgegebenen, den Vergessenen, bei denen, die eigentlich nicht mehr dazugehören. Damals, als die Assyrer kamen, haben die Galiläer das Gericht Gottes als erste erlitten. Nun zur Zeit Jesu sollen sie auch zuerst seine Gnade zu verspüren bekommen.

Das ist auch die Chance für uns, für die Gemeinde und für jeden Einzelnen. Wenn wir uns auch so vorkommen wie die Galiläer, wenn wir einmal versagt haben und ganz unten sind, dann ist Jesus doch auf unsrer Seite und führt uns heraus. Da hat einer den Beruf nicht kriegen können, den er sich zunächst gewünscht hatte; aber nachher hat er entdeckt, daß der andere Beruf viel interessanter und ausfüllender ist.

Oder da hat einer das Mädchen nicht zur Frau gekriegt, das er gern gehabt hatte; aber nachher ist er froh, daß es nichts geworden ist, weil er sich durch das Äußere hat blenden lassen. Oder da ist einer durch eine Krankheit aus der Bahn geworfen worden und sah das erst als ein großes Unglück an; aber nachher stellte sich das als das Glück seines Lebens heraus - und er hat es nun besser als vorher.

Wenn jemand ein schweres Unglück widerfährt, dann ist das nicht ein Zeichen dafür, daß Gott ihn verlassen hat. Der Betreffende darf im Gegenteil sicher sein, daß Gott ihm besonders nahe ist. Wo Jesus hinkommt, da entsteht wieder Freude in einem Menschenleben, so wie wenn ein Schiff in Seenot plötzlich das ersehnte Leuchtfeuer sichtet. Auch heute ist Jesus stärker als alles Dunkle in unserem Leben, stärker als Schmerz und Kummer, als Einsamkeit und Trauer. Wir brauchen uns nicht mit unserem Versagen abzuquälen und brauchen es nicht krampfhaft bemänteln. Selbst wenn der Tod einen Schlußstrich unter ein Leben zieht, dann geht nicht ein für allemal das Licht aus. Jesus zeigt uns, daß der Tod nicht die Endstation unsres Lebens ist; er ist stärker als Tod und Vergänglichkeit.

Doch wir fragen vielleicht: Was hat Jesus damals konkret verändert, was hilft er uns heute? Wir sind doch sehr darauf aus, den Nutzen einer Sache festzustellen: Wie hoch ist der Zuwachs am Volkseinkommen? Welche sozialen Probleme wurden mit Erfolg angefaßt? Gerechtigkeit für alle, besonders für die Zukurzgekommenen, war schon immer ein Ziel und ist ja auch bei uns heute ein Schlagwort.

Man kann sicher nicht behaupten, Jesus habe die Welt gar nicht verändert. Sein Wirken war vielleicht mehr wie ein unterirdischer Strom, der aber viele Quellen speist. Nach weltweit verändernden Taten und Maßnahmen dürfen wir da wohl nicht fragen. Jesus ist kein Georg Bush, der die Bösen in der Welt zielsicher ausmacht und vernichtet. In Jesu Handeln geht es nicht nur um ein soziales Anliegen. Das gehört mit dazu: Jesus hat Einzelne aus ihrem Schattendasein herausgeholt, er hat ganze Gruppen wieder in die Gesellschaft eingefügt. Gleich zu Anfang wendet er sich sogar einer ganzen Landschaft zu. Die nicht ganz für voll Genommenen werden von ihm aufgewertet. Ihr gesellschaftliches Schicksal wird zur Sprache gebracht und es wird ihnen die Menschenwürde wiedergegeben.

Aber das ist nicht alles: In erster Linie geht es darum, daß bei den Verlorenen ein großes Licht aufgehen wird. Wo Jesu hinkommt, wird es hell. Da wird ausgeräumt, was die Menschen von Gott trennt. So kann die ganze Welt wieder heil werden.

Als kirchliche Leute rechnen wir uns wohl eher zu denen wie in Jerusalem. Wir sind wohlerzogene Kirchgänger, sagen immer „Amen“ zur Predigt und führen ein Leben in guter Ordnung. Solche Menschen machen weniger zu schaffen als die Gescheiterten. Wenn ich aber eher ein „Galiläer“ bin, einer von den Abgehängten, mit allerhand Flecken im Lebenslauf und voller Zweifel, dann ist Jesus gerade an mir interessiert ist. Gott will immer die am meisten, die es am nötigsten haben.

Wir haben einen Gott, der unter uns wohnt. Er hatte sein Haus in Kapernaum und er hat sein Haus bei uns inForm der Kirche. Dort wird sein Wort gepredigt, die Taufe gespendet und das  Abendmahl ausgeteilt. Jede Stadt ist mit der Gegenwart Christi beschenkt. Dadurch ändert sich viel in der Welt. Die Politiker wollen die Welt verändern durch Umorganisation, durch Gesetze, durch die Ausübung von Macht, durch sogenannte „Reformen“, die in Wirklichkeit doch nur Rückschritt sind.

Jesus aber ruft die Menschen zur Umkehr auf und verkündet den Anfang des Reiches Gottes. Er erobert unsre Herzen, indem er uns Vertrauen abgewinnt, Glauben weckt, Hingabe herausfordert und Geborgenheit schenkt.

Jesus beginnt mit der Predigt. Wir können es schon verstehen, wenn Menschen sagen: „Die Kirche soll nicht so viel reden, sondern viel tun!“ Aber die Kirche soll auch predigen. Jesus hat es getan, und er hat es der Kirche aufgetragen. Sie hat zu sagen, was wir gerade nicht tun können und was Gott allein tun kann und tut.

Das ist natürlich äußerlich gesehen der schwerere Weg, wenn Jesus unsere Herzen sucht. Aber so und nicht anders wird die Welt für Gott gerettet. Wenn Gott mit seiner Liebe zu uns unterwegs ist, das müßte doch ein Anlaß sein, sich ihm vertrauensvoll zuzuwenden. Gott vergibt die große Abwendung von ihm, er ruft zur Umkehr auf und lädt zur Heimkehr ein. Nichts steht mehr zwischen uns und ihm. Das ist die gute Botschaft, die uns auch in diesem neuen Jahr gilt.

 

 

2. Sonntag nach Epiphanias: 2. Mose 33, 17 b - 23

Wenn Kinder draußen herumgetobt haben und dann ins Haus kommen, da brüllen sie gern „Hunger!“ Wenn die Mutter das hört, dann weiß sie natürlich, was damit gemeint ist. Aber wenn sie klug ist, dann reagiert sie nicht darauf. Sie wartet, bis das Kind anständig und deutlich sagt: „Mutter, ich habe Hunger, kannst du mir etwas machen!“ oder größere Kinder werden wohl sagen: „Mutter, was darf ich mir zum Essen nehmen!“

Ein Kind kann mit Vater oder Mutter nicht umspringen wie vielleicht noch mit seinesgleichen. Gerade den Eltern gegenüber gehört sieh eine gebührende Höflichkeit und Ehrerbietung. Und dazu gehört auch, daß man nicht so einfach in die Gegend brüllt, sondern eine passende Anrede verwendet. Bei manchen mag es auch möglich sein, daß man sagt: „He, Alte, schleuder mal was her!“ aber als Norm wird das sicherlich nicht angesehen.

Auch wenn einer hinter uns „Hallo“ ruft  dann brauchen wir uns noch lange nicht angesprochen zu fühlen. So eine allgemeine Anrede verpflichtet niemand. Es kann natürlich sein, daß der andere unseren Namen nicht weiß; dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als so zu rufen. Aber wenn unser Name gerufen wird, dann werden wir schon reagieren.      

Wenn einer bei irgendetwas erwischt wurde, dann will er meist seinen Namen nicht nennen. Er weiß: Dann kann ich nicht mehr unerkannt bleiben‚ dann kann man mich in Anspruch neh­men und haftbar machen! Der Name ist eben mehr als nur ein Etikett. Er bezeichnet die Person unverwechselbar, wird ist gewissermaßen ein Teil von ihr.

Im Altertum meinte man sogar, über den Namen auch Macht und Einfluß auf eine Person zu haben. Wenn man den Namen wußte, konnte man ihn bei einer Zauberei verwenden und dem anderen dadurch schaden oder nutzen. Schönstes Beispiel dafür ist das Märchen vom „Rum­pel­stilzchen“, wo der Zwerg sieh freut: „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!“ Aber als dann doch einer den Namen erfahren hat, war der Zwerg halt verloren.

Deshalb ist es auch schon viel, wenn Gott dem Mose seiner Samen offenbart. Mose hat sogar den Glanz der göttlichen Herrlichkeit sehen wollen. Aber das ist nicht möglich. Doch Gott nennt ihm seinen Namen und gibt sich ihm damit schon ein ganzes Stück weit in die

Hand.

Gott sagt zunächst: „Ich bin nicht irgendwer. Ich könnte natürlich ganz im Dunkel bleiben. Dann könntet ihr nur mit der Schulter zucken und vielleicht vom „Schicksal“ oder vom „Glück“ reden. Aber ihr habt es nicht mit einer namenlosen Macht zu tun. Ich bin der Gott, der euch aus Ägyptenland herausgeführt hat, der euch am Meer gerettet und sich am Berg Sinai mit euch verbündet hat. Ihr könnt mich nicht sehen. Aber ich bin der Gott, mit dem ihr schon viel erlebt habt und mit dem ihr schon unauslöschliche Erfahrungen gemacht habt, mit dem ihr auch weiter gute Erfahrungen machen könnt.

Mose ist damit in derselben Lage wie wir. Wir können Gott auch nicht sehen, auch wenn wir uns das manchmal sehr wünschen. Das Verlangen nach unmittelbarer Gottesbegegnung ist dabei nicht der Wunsch eines Theoretikers, dem sonst nichts anderes mehr einfällt. Nein, vielfach leiden wir doch darunter, daß Gott nicht so einfach wahrzunehmen ist. Vor allem ist das so, wenn sich Gott unter manchem Leid verbirgt und wir dann selber fragen: „Wo bleibt denn hier Gott?“ Gar nicht zu reden von manchem Spötter, für den gerade ein solcher Fall ein gefundenes Fressen ist‚ über unsren Glauben zu lachen.

Wir können Gott nur hören in seinem Wort. Aber auch da könnte man noch fragen, ob es wirklich Gottes Wort ist. Dafür haben wir keine Garantie. Auch Mose konnte keinen Beweis vorweisen, daß er nicht irgendeine andere Stimme gehört hat. Daß dieses Wort uns trifft, bewirkt immer nur Gott selber mit seinem Geist. Aber dieses geschieht immer wieder, wir können ihn in unserem Leben auf mancherlei Art erfahren.

Das Verlangen, Gott unmittelbar sehen zu wollen, könnte natürlich auch aus einem Sicherheitsdenken herauskommen. Ein Mensch ist nicht bereit, sich auf das Wagnis mit Gott einzulassen. Er sieht den Glauben als eine unsichere Sache an. Deshalb verlangt er von Gott, sich in die handfesten und unmittelbar einsichtigen Tatsachen einzureihen. Dann kann man ihn in die eigene Weltanschauung eingliedern und ihn in seine Berechnungen einbeziehen. Gott stünde dann den Menschen zur Verfügung, daß man nur zuzugreifen braucht - ein Gott ganz ohne Risiko.

Man kann aber von Gott nicht nur so im Allgemeinen reden. Er ist nicht nur eine Kraft oder eine Macht oder eine Hoffnung. Man kann ihn auch nicht zusammen mit anderen vergleichbaren Größen in ein übergreifendes Ganzes einordnen. Man kann ihn  nicht mit einer gleichwertigen Größe vergleichen und zusammenbinden.

Aber Gott wendet sich dem Menschen zu, wenn er selber es möchte. Niemand soll berechnen können, wann es soweit ist. Niemand soll etwas aus eigenen Ansprüchen oder einer vermeintlichen göttlichen Notwendigkeit ableiten können. Gott behält alle Trümpfe in der Hand. Seine gnädige Zuwendung ist jedesmal ein Wunder.

Aber Gott bindet sich selber an die Menschen und schränkt damit seine Freiheit ein. Er bindet sich an die Predigt und die Sakramente. In dem schlichten und oft unbeholfenen Wort von Menschen begegnet er uns. Durch das Wasser wirkt er in der Taufe. Und in einem Stück Brot und in einem Schluck Wein will er in uns einkehren. Gott entzieht sich uns nicht. In Jesus ist er sogar einer der unseren geworden.

Das Verlangen des Mose wird also nicht rundweg abgelehnt, aber es wird eingeschränkt. So wie Mose sich das gedacht hat, gibt Gott sich nicht. Da läßt sich nichts abhandeln und erst recht nichts erzwingen. Mit einem Bild gesprochen: Die Tür zu Gott läßt sich nur von innen öffnen, nur von ihm her!

Aber diese Tür geht auf. Man sollte aus dem Reden Gottes nicht nur das „Nein“ heraushören, sondern vor allem sein „Ja“! Gott wendet sich mit seinem werbenden Wort den Menschen zu. Und jeder sollte wissen, daß er gemeint ist. So kann der Glaube, auch wenn ihm das Sehen versagt ist, die verborgene Herrlichkeit Gottes entdecken.

Das Geheimnis muß bleiben. Aber Gott öffnet sich, soweit er nur kann. Ein Sünder müßte ja zugrundegehen, wenn er das Gesicht Gottes unmittelbar sehen könnte. Wir können uns also nicht dreist an Gott heranmachen, so als sei das unser gutes Recht und der Sündenfall nicht geschehen Das wäre dann, wie wenn ein Ladendieb sich ganz unbekümmert der Kasse nähert und so tut, als sei doch alles in Ordnung. Die Verkäuferinnen haben es da manchmal schwer, wenn sie einen solchen Dieb stellen sollen, der so tut, als sei doch gar nichts dabei.

Gott kann man so nicht kommen. Vor ihm könnte man sich nur verkriechen, wenn er sich uns nicht in Jesus zugewandt hätte. Jesus hatte ein Gesicht, war ein Mensch wie wir. Gott selber können wir nicht sehen. Aber etwas von ihm können wir vertragen: Von seiner unscheinbaren Seite her können wir ihn sehen. Das Leben Jesu war wirklich unscheinbar und unansehnlich. Und doch hatten wir in ihm den ganzen  Gott bei uns. Gott bleibt gerade auch in seiner Offen­barung tief verhüllt, ist unter Ärmlichkeit und Schwachheit verborgen, dem Mißverstehen ausgeliefert, aber dennoch ganz da für den, der glaubt.

Bei Mose ist diese Tatsache mit einem sehr schönen Bild dargestellt. Mose hat sich ja nicht damit zufrieden gegeben, daß er Gottes Namen weiß. Er möchte auch die letzte Grenze zwischen Gott und den Menschen weggeräumt haben und die Herrlichkeit Gottes sehen. Das ist natürlich nicht möglich. Aber Gott stellt ihn in eine Felsspalte, so daß Mose mit dem Gesicht ins Innere der Höhle schaut. Gott geht draußen vorüber. Und der Widerschein seines Glanzes wird an den Wänden der Höhle sichtbar werden. Mit seiner großen Hand hält Gott dabei die tödlichen Strahlen von Mose ab. Aber wenn er vorbei ist, dann wird Gott die Hand wegnehmen und Mose darf noch die Rückseite Gottes sehen. Aber Mose soll sicher sein, daß Gott tatsächlich hinter seinem Rücken hergegangen ist.

Diese gnädige Hand Gottes ist der Ausdruck der Geborgenheit, die Gott schenkt. Er stellt uns in einen schützenden Raum und umhüllt uns mit seinem Schutz. Er verhüllt sich, aber er entzieht sich uns nicht. Das sollten wir wissen, wenn   wir wieder einmal meinen, Gott sei uns fern und habe unser Leid nicht gesehen. Gott ist in unserem Rücken und weiß, was mit uns los ist.

Dieses Wissen macht uns fähig, dann anschließend den Schritt ins Weite zu tun. Oft geht es in einen unsicheren Raum hinaus, in die Wüste wie bei den Israeliten. Aber vor uns ist immer ein verheißenes Ziel. Und wenn wir dort einmal angelangt sind, dann werden wir Gott sehen wie er ist, von Angesicht zu Angesicht.

 

 

3. Sonntag nach Epiphanias: Joh 4, 46 - 54

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sagt man. Manche Leute meinen, der Glaube habe es in erster Linie mit Wundern zu tun. Er entstehe aus Wundern und er bringe Wunder hervor. Ohne Wunder könne man nicht glauben Wenn Gott mehr eindeutige Wunder täte, würden auch mehr Leute glauben.

Ein Engländer schreibt in einem Buch, wie die Menschen reagieren, wenn wirklich ein Wunder geschieht. Da ist ein Priester, der sich über einen Tanzpalast gegenüber seinem Haus ärgert. Dieser ist für ihn der Inbegriff der Verführung und der Sünde. Deshalb bittet er Gott, daß der Tanzpalast auf eine einsame Insel draußen vor der Küste versetzt wird. Das „Wunder“ (in Anführungsstrichen) geschieht auch. Aber nach dem ersten Schreck läuft alles so weiter wie bisher. Die Menschen gehen nach wie vor in den Tanzpalast, nur ist halt jetzt der Weg ein wenig weiter und umständlicher. Keiner hat sein Leben geändert, keiner ist wegen des Wunders zum Glauben gekommen. Am Schluß wird der Tanzpalast wieder an seinen alten Platz versetzt.

Auch Jesus hat bei seinen Zeitgenossen Wundersucht vorgefunden.  Er soll ihnen erst vordemonstrieren, was er kann, dann wollen sie ihn auch als einen Besonderen anerkennen. Das Neue Testament aber macht deutlich: Der Glaube braucht kein Wunder, der Glaube erfährt des Wunder, Christus ist das Wunder.

 

1. Der Glaube braucht kein Wunder:

Wer seinen Glauben auf das Außerordentliche aufbauen will, sucht eine Direktwahrnehmung Gottes. Gott soll nicht in Niedrigkeit und Unscheinbarkeit eingehüllt sein. So etwas wie die Geburt des Gottessohnes in der Krippe ist dann eine unmögliche Zumutung. Man will Gottes Wirken zweifelsfrei feststellen können. Man will sicher gehen. Also nur ein Barzahlungsgeschäft und keine unsicheren Wechsel auf die Zukunft.

Vertrauen aber wagt es mit dem anderen. Wenn man über eine Brücke geht oder fährt, braucht man kein Vertrauen. Man weiß: Die Bauleute haben richtig berechnet, die Brücke ist ordentlich gebaut worden und wird von Zeit zu Zeit überwacht; sie hat sogar noch einen großen zusätzlichen Sicherheitsbereich.

Doch schon bei einem Menschen bedarf es des Vertrauens. Beim Ehegatten wäre Kontrolle geradezu Zerstörung der Gemeinschaft, denn sie wäre ein Zeichen des Mißtrauens. Bei Jesus würde das Verlangen nach Wundern einen Glauben, der sich auf die Person Jesu gründet, unmöglich machen.

In dieser Geschichte von der Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten ist sogar ein Drang nach Steigerung des Wunders zu verspüren. So sieht es jedenfalls auf der ersten Blick aus, wenn es hier sogar zu einer Fernheilung mit einer Reichweite von 26 Kilometern kommt. Jesu Wort, daß der Sohn lebt, und das Weichen des Fiebers sind gleichzeitig zu denken. Daß die Heilung „gestern“ erfolgte brauchte dagegen nicht so wunderbar zu klingen, weil für die

Juden der Tag um 18 Uhr begann und also nur 6 Stunden Unterschied zu sein brauchen.

Aber der Glaube braucht keine Wunder.  Errichtet sich auf die Person und nicht auf das, was bei ihr zu holen ist. Er weiß sich von Jesus angesprochen und geliebt. Da ereignet sich Gemeinschaft auf du und du. Es entsteht Vertrauen. Das, was eigentlich unmöglich sein müßte, geschieht nun: Jesus vertraut mir und ich vertraue ihm. Das Schönste, was zwei Menschen miteinander verbinden kann, ist das Vertrauen zueinander. Dann sagt man: Mit dir wag ich es gerne! Ich brauche dazu keine Beweise und keine Tests, keine Versuchsstrecken und Probebelastungen. Du hast mir einfach das Herz abgewonnen.

Wenn Jesus wirklich ein umwerfendes Zauberkunststück vollbrächte, dann müßte man ihm dann tatsächlich folgen, nachdem man sich vorher dazu verpflichtet hatte. Was aber, wenn unser Herz dann dennoch „Nein“ sagt? Es könnte doch sein, daß ein solches Wunder nachher gar nicht die Wirkung hat, die wir uns von ihm erhofft haben, daß wir dennoch nicht glauben können.

Jesus will uns nur in Freiheit haben. Wenn sich jemand von Sensationen abhängig macht, dann läßt er nicht das Herz und den Willen sprechen. Das Trachten nach Schau-Erfolgen führt auch an der Christuswirklichkeit vorbei. Gott hat nun einmal gewollt, daß alle Machtfülle tief ins Irdische verborgen ist. Wer aber Wunder verlangt‚ versucht‚ diese Verborgenheit wenigstens an dieser oder jener Stelle aufzureißen. Aber von außen her kommt man an das Geheimnis der Person Jesu nicht heran.

Der Glaube bedarf der Zeichen nicht. Er gründet in einer Christuserfahrung, die nicht auf der Ebene der Tatsachen zu gewinnen ist. Glaube ist ein inneres Geschehen. Dabei zieht der Vater, der Sohn ruft und der Heilige Geist beglaubigt. Der Funke springt über von Christus auf uns. Wir brauchen gar keine sensationellen Zauberkunststückchen.

 

2. Der Glaube erfährt das Wunder;

Jesus sagt halb ärgerlich Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht! Aber in diesem Fall könnte das Mißverständnis auch bei Jesus liegen. Vielleicht wollte der Mann das Wunder ja gar nicht, d a m i t  es bei ihm zum Glauben kommt. Vielleicht glaubt er ja schon und er kommt deshalb zu Jesus, weil ihn die Not dazu treibt.

Dabei stellt er nicht so kluge Überlegungen an, wie wir sie vielleicht haben. Hat es denn überhaupt Sinn, im Krankheitsfall von Jesus die Rettung zu erbitten? Krankheit ist doch ein Naturvorgang und unterliegt den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Man kann Krankheit mit Wirkstoffen aus der Natur bekämpfen, mit chemischen oder sonstigen Mitteln oder Methoden. Aber man kann nichts gegen sie tun mit irgendeiner Wunderkraft, sei es aus der Nähe oder gar aus der Ferne.

Oder gibt es etwa Lücken, wo Gott noch Möglichkeiten des Wirkens hat? Nein, Gott wirkt nicht in den Lücken, sondern im Ganzen. Er braucht dazu nicht das natürliche Geschehen zu zerstören‚ sondern er steuert es nur. Gott will seine eigene Ordnung nicht aufheben, sondern er will sie benutzen. Und das tut er eben in großer Freiheit und Überlegenheit. Die Frage ist nicht, ob Gott unser Schicksal wenden k a n n, sondern ob er es w i 1 1.

Aber man darf Jesus um Hilfe angehen. Wagemutiger Glaube traut ihm zu, daß er diesen armen Vater zu Hilfe kommen kann. Jesus läßt sich erbitten, auch wenn der Glaube des Vaters noch nicht die volle Höhe erreicht hat. Der Mann erhofft ja eine Abhilfe in  e i g e n e r  Not und Angst. Er möchte sich diesmal wenigstens noch das Leiden ersparen.

Es gibt aber auch den anderen Glauben, der Jesus auch dann preisen würde, wenn er das Kind sterben ließe. Doch der Mann lernt ja dann das Glauben. Er ist gekommen, um Jesus zu holen. Aber heimkehren muß er ohne Jesus. Er hat nur die Zusage: „Dein Sohn lebt!“ Wenn er diesem Wort vertraut, dann ist das schon ein starker Glaube.

An dieser Stellennüssen wir auch sehen, daß es mit dem Wunderhaften in der Geschichte gar nicht so schlimm steht. Von einer „Fernheilung“ kann man eigentlich nicht reden, denn Gott hat es nach Kana nicht weiter als nach Kapernaum. Und die Zusage Jesu könnte nur auf einem besseren Wissen beruhen. Jesus müßte gar nicht eingegriffen haben, er hat die Veränderung nur eher gewußt als der Vater. Also liegt der Schwerpunkt der Geschichte auf den Glauben. Und der Glaube erfährt hier das Wunder. Zu solchem Glauben aber soll uns Mut gemacht werden.

 

3. Christus ist das Wunder:

Jesus stößt nicht das Vertrauen zu seiner Person zurück. Aber er läßt auch keinen Zweifel darüber, daß dies noch nicht der Glaube ist, den er sucht. Ein Arzt hat dann den größten Erfolg, wenn er sich beim Patienten überflüssig machen kann. Bei Jesus ist das anders. Da entsteht eine Dauerbindung, denn er will nicht nur für Krisenfälle da sein.

Deshalb wird - obwohl die Möglichkeit einer natürlichen Heilung offenbleibt - doch solcher Wert darauf gelegt, daß die Heilung etwas mit Jesus zu tun hat. Wer den Glauben nicht selbst erfahren hat, der wird leicht zu anderen Erklärungen greifen. Er wird lächeln über einen, der ein solches Geschehen mit Jesus in Verbindung bringt, und ihm den Glauben auszureden versuchen. Glaubenserfahrungen sind schon persönliche Erfahrungen, die man nicht so einfach auf andere übertragen kann.

Aber die hier erzählte Begebenheit kommt erst da ans Ziel, wo eine ganze Familie zum Glauben findet. Es geht um die Bindungen, die sich aus einer solchen Jesuserfahrung ergeben. Hier bildet sich eine Hausgemeinde, in der Jesus fortan der Mittelpunkt des Lebens ist. Aus einer punktuellen Beziehung wird eine ganzheitliche.

Das Wort Jesu: „Dein Sohn lebt!“gewinnt nun an Umfang. Es sagt nicht mehr nur:  „Dein Kind muß jetzt noch nicht sterben!“Jetzt geht es vielmehr darum: Das von Gott abgewandte und darum brüchig gewordene Leben wird jetzt erst zum wahren Leben. Es hat sich in dem Mann eine innere Geschichte abgespielt, die das eigentliche Wunder ist. Es ist jetzt ein anderer Glaube als der, mit dem der Vater zuerst zu Jesus kam.

Jetzt ist Jesus nicht mehr nur Mittel zum Zweck. Jetzt ist die Heilung des Sohnes zum Mittel geworden, diesen Mann mit seiner ganzen Familie zur persönlichen Glaubensbindung an Jesus zu bringen. Uns heutigen aber stellt diese Geschichte die Prüfungsfrage, inwieweit unser Glaube noch von sichtbaren Bestätigungen abhängt.

Die Verheißung Jesu lautet nicht, daß wir alle die gleiche Erfahrung machen werden wie dieser betrübte Vater. Aber wenn wir auf Jesu Wort vertrauen, dann wird das in keinem Fall umsonst sein. Keiner, der auf Jesu Gnade baut, hat eine Enttäuschung zu erwarten. Es kommt nur darauf an, daß wir unsre Sachen ganz in seine Hand geben.

 

 

4. Sonntag nach Epiphanias: Mt 14, 22 - 33

In einer buddhistischen Legende wird von einem Mönch erzählt, der auf dem Wasser gehen konnte. Er war ganz in Gedanken an Buddha versunken, daß er gar nicht merkte, wie er an einen Fluß kam und auf das Wasser trat. Er geht unbekümmert über das Wasser. Aber auf einmal läßt er in seiner Konzentration nach, denkt nicht mehr so angespannt an Buddha, da beginnt er auch schon zu sinken. Als er aber seine Konzentration wieder erhöht, kann er auch wieder auf dem Wasser gehen.

Wir sehen also: Für die Menschen des Altertums war es gar nichts so Besonderes, daß einer auf dem Wasser gehen konnte. Allerdings besteht doch ein himmelweiter Unterschied zwischen jener buddhistischen Legende und der Geschichte vom Sinkenden Petrus. Der Mönch wird von seiner eigenen inneren Kraft getragen, es liegt nur an seiner Anstrengung, ob das Wunder gelingt. Die Jünger und Petrus dagegen sind ganz von ihrem Herrn abhängig, wenn er sie nicht hält, sind sie verloren.

Denn och macht eine solche Geschichte uns Schwierigkeiten.' Wir wissen doch alle, daß niemand tatsächlich auf dem Wasser gehen kann. Das wird auch nicht anders, wenn man sagt: „Bei Gott sind alle Dinge möglich!“ Es gibt ja Christen, die sagen: Glauben muß man sowieso, der Verstand macht da nichts leichter. Das stimmt natürlich auch. Unser Verstand kann uns nicht zum Glauben helfen, sondern nur der Geist Gottes.

Aber die Folgerungen sind nun  unterschiedlich. Der eine sagt: „Wenn du sowieso glauben must, dann kannst du auch alles glauben‚ wie es in der Bibel steht, selbst wenn es gegen den gesunder Menschenverstand ist. Alles oder nichts!“ Die anderen sagen: „Wir brauchen keine unnötigen Barrieren aufzurichten vor dem Glauben. Über den Wassergraben muß jeder springen, wenn er glauben will. Aber es braucht vor dem Graben nicht noch eine Hürde zu sein, so daß mancher sagt: „Das schaffe ich sowieso nicht, da mache ich erst gar nicht einen Versuch!"

Die falschen Hindernisse können wir mit Hilfe unsres Verstandes wegräumen. Sie sind nicht wichtig für den Glauben, sondern können uns nur den Zugang zu dem Eigentlichen verstellen. Es wäre schade, wenn jemand diese Geschichte hört und nur mit dem Kopf schüttelt und sagt: „Das gibt es doch nicht, daß einer auf dem Wasser gehen kann!“ Er wendet sich uninteressiert ab, ohne mit der eigentlichen Geschichte, mit ihrer Absicht und ihrem Sinn, in Berührung gekommen zu sein.

Fangen wir einmal mit dem Zusammenhang an. Vorher steht die Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Auch so eine unwahrscheinliche und unglaubliche Sache, wird mancher sagen. Aber dort ging es darum, daß Jesus die lebensfeindliche Wüste überwindet, indem er den hungernden Menschen etwas zu essen gibt. Und anschließend zeigt er sich als Retter auf dem lebensfeindlichen Wasser. Jesus ist der Herr auch über die Naturmächte, das ist der Sinn dieser Geschichten.

Die Natur kann ja nicht gegen den stehen, der sie geschaffen hat. Gott kann auf dem von ihm konstruierten Instrument doch spielen, wie er will. Wenn diese Macht Gottes nur auch auf Jesus übertragen wird, dann ist damit nur deutlich geworden, daß Jesus Gottes Sohn ist, mit gleicher Macht und gleicher Ehren wie Gott selbst.

Matthäus aber geht über die bei Markus geschilderte Wundergeschichte hinaus. Für ihn ist das Boot auf den Wellen ein Symbol für die bedrängte Gemeinde. Jesus betet mit seinem Vater. Seine Jüngergemeinde hat er allein gelassen, sie sollen auch ohne ihn auskommen können. Aber es dauert nicht lange, da kommen sie in  schwere Bedrängnis und haben mit widrigen Gewalten zu kämpfen.

Eben noch hatten die Jünger erfahren, wieviel sie mit wenigen Mitteln ausrichten können: Das bißchen Brot hat für Viele gereicht. Das hat ihnen Mut und Hoffnung gegeben, auch ohne Jesus weiterkommen zu können, wenn sie nur von seinem Vertrauen getragen wird. Und auf einmal ist die Angst wieder da. Da bläst ihnen ein Gegenwind ins Gesicht, der alle Mühe aussichtslos macht. Verschwunden sind alle Gewißheit und aller Mut, zu spüren ist gar nichts als Wasser und Dunkel und Angst, als Verlassenheit und Verzweiflung.

Es kommt gar nicht so sehr auf die Frage an, die sich viele stellen: „Ist er denn wirklich auf dem Wasser gegangen?“ Es kommt nicht darauf an, welches tatsächliche Ereignis aus den Erdetagen Jesu hinter dem hier Erzählten stehen mag. Die Gemeinde drückt mit dieser Geschichte  aus, was immer gilt: worauf sie sich gefaßt machen muß und woher sie Hilfe zu erwarten hat. Das ist aber auch unsre Selbsterfahrung und Welterfahrung. So geht es auch uns als der Gemeinde Christi in der Welt. Auch wir haben mit Wind und Wellen zu kämpfen. Und Jesus scheint dann unerreichbar fern bei Gott zu sein.      

Das Symbol der ökumenischen Bewegung, der Vereinigung aller Christen in der Welt, ist das Schiff mit einem Kreuz, das auf den Wellen fährt. Aber nun ist es interessant, daß man diese Wellen manchmal höher, manchmal flacher gezeichnet hat, je nachdem, wie man die Lage der Kirche in der Welt eingeschätzt hat.

In jeder Gemeinde gibt es einmal Tiefpunkte und Enttäuschungen. Da hat man mit großem Aufwand eine ganze Menge Neuzugezogener eigeladen, große Vorbereitungen getroffen und alles für die Gäste getan. Und dann kommen nur etwa 20 Leute‚ die dann auch selber spüren, wie mißlungen der Versuch war. Da wird dann etwas deutlich von den Schwierigkeiten, mit denen auch heute die Gemeinde Jesu zu kämpfen hat.

Aber diese biblische Geschichte versichert uns: „Christus kommt zu seiner bedrängten Kirche! Das Schlimme an so einer Situation ist ja, daß man zur völligen Passivität verurteilt ist. Man kann nur warten, bis alles sich von selber löst. Man hofft bis zum letztes Augenblick, aber das rettende Tor scheint immer enger zu werden. Und je länger es dauert, desto wehrloser fühlt mag sich. Es geht dabei ja nicht um eine Nothilfe, wenn einer einmal ins Wasser gefallen ist, sondern um die ganze Existenz.

Dabei haben die Jünger gar nicht einmal wissen können, was auf sie zukommt. Nur weil sie Jesus nachgefolgt sind, ist eine solche Bedrängnis über sie gekommen. Ohne Jesus wäre ihren diese  Not erspart geblieben. Ja, Jesus scheint diese Geschichte sogar bewußt gewollt und eingefädelt zu haben: Er hat sie genötigt, in das Boot zu treten und ohne ihn hinüberzufahren. Es ist das erste Mal, daß er sie allein losschickt. Weshalb will er denn allein beten? Warum tut er nichts, daß solche Sturmnächte gar nicht erst aufkommen? Er sucht das Heil bei Gott, während es bei seinen Jüngern ums nackte Überleben geht. So etwa mögen die Jünger gedacht haben.

Aber Jesus ist auch bei ihnen, wenn er räumlich von ihren getrennt ist. Die Gefahr kann lange andauern, aber Jesus kommt bestimmt. Wenn die Not am größten, da ist er am nächsten! Es ist nur nicht immer so leicht, in der Katastrophensituation den Helfer auszumachen und beim Namen zu nennen. Wer Christus nicht kennt, sucht ihn leicht nur unter dem klarblauen Himmel am sonnenhellen Tage. Aber er kann' uns auch in Sturmnächten begegnen. Auch dorthin reicht das Kraftfeld seiner Macht, ja, dort ist es besonders stark.

Nicht immer ist das so leicht zu erkennen. Die Jünger halten Jesus ja zuerst für eine Spukgestalt. Die Situation klärt sich erst, als sich Jesus selbst zu erkennen gibt und sagt: „Seid getrost, ich bin es, fürchtet euch nicht!“ Sie sollen wissen: Wir sind nicht allein. Selbst wenn das Boot unterginge, gibt es immer doch eine Macht, die sie aus seinen guten Händen reißen körnte.

Am Einzelbeispiel des Petrus wird das noch einmal deutlich gemacht. Aber Petrus ist natürlich auch wieder Vertreter der ganzen Jüngerschar und das Boot steht für die ganze Kirche. Petrus war ja der Anführer des Jüngerkreises. Er war auch offenbar immer schnell bei der Hand, schnell mitzureißen und immer aktiv. So kann er auch hier die Trennung von Jesus nicht mehr aushalten, sondern will sie sogleich ganz überwinden. Er hat im Nu vergessen, daß er eben noch vor Angst geschrien hat. Mit der Gegenwart Jesu ist die Situation sofort verändert, auch wenn der Sturm noch tobt.

Man könnte einen Rest von Unsicherheit verspüren, wenn Petrus sagt: „Bist du es, so befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!“ Aber der Satz kann auch so gemeint sein: „Weil du es bist, kann ich im Vertrauen auf dich das Unmögliche wagen!“ Petrus hat nur den einen Wunsch, bei Jesus zu sein. Er bittet ja nicht darum, über das Wasser gehen zu können, sondern er möchte zu seinem Herrn kommen dürfen. Dafür wagt er sein Leben. Aber wenn Jesus ihm den Befehl dazugibt, dann übernimmt er auch die Verantwortung dafür, daß alles gut geht. So macht uns diese Geschichte deutlich: Das Vertrauen auf Jesus gibt uns Kraft für Dinge, die wir sonst nicht unternommen hätten.

Aber sie zeigt auch gleichzeitig: Der Begeisterung wachsen keine Flügel. Es gibt immer noch dem Widerstreit zwischen Vertrauen und Furcht. Als Petrus einmal einen Augenblink von Jesus wegsieht, bemerkt er wieder die Wellen und beginnt zu sinken. Er kann nur noch angstvoll schreien: „Herr, rette mich!“

Und jetzt erst geschieht das eigentliche Wunder: Jesus ergreift seinen Jünger und sie steigen beide ins Boot. Petrus macht nicht nur die Erfahrung des Versinkens, sondern auch die Erfahrung des Gehaltenwerdens. So muß auch Jesus immer wieder unsren Glauben tragen. Allein müßten wir versagen so wie Petrus. Christsein lebt nicht von dem, was wir selbst aufzuweisen haben, sondern von der Hand des Herrn, die nach uns greift.

Auch Petrus war durchaus kein Glaubensheld.  Im Zusammenhang mit dem Leiden Jesu hat er da so seine eigenen Erfahrungen gemacht. Da ist er auch abgesackt, da stand ihm das Wasser bis zum Hals, als er nämlich Jesus verleugnete.

Aber an Ostern hat ihn Jesus erneut beauftragt und zum Leiter der ersten Gemeinde gemacht. Die Jünger und Petrus an ihrer Spitze haben die Erfahrung des Todes gemacht.  In dem nächtlichen Kampf mit den Wellen waren sie allein und mußten um ihr Leben bangen. Aber dann durften sie die Ostererfahrung machen, daß der Herr doch bei ihnen ist.

So haben wir es hier im Grunde mit einer Passions- und Ostergeschichte zu tun. Oder anders gesagt: Die Geschichte wurde ja erst nach Ostern aufgeschrieben und dabei im Licht der Oster­erfahrungen gesehen. Auch wir dürfen in allem Leiden auf diese Auferstehungserfahrung hoffen, wenn wir uns nur an dem Auferstandenen halten und seine ausgestreckte Hand ergreifen.

 

 

Letzter Sonntag noch Epiphanias: 2. Mose 3, 1 - 10 (11 - 14)

Manche Leute wundern sich, daß auch die Kirche eine Hausnummer hat. Das zeigt aber doch, daß sie zunächst einmal ein Haus wie jedes andere ist: sie hat Fenster und Türen, ein Dach und sogar einen Turm. Vor allem die Türen sind wichtig, denn sie bedeuten doch: In  dieses Haus kann man hineingehen, hier kann man sich versammeln, auch andere Leute treffen, etwas gemeinsam tun. Ganz allgemein kann man sagen: Mit diesem Haus kann man etwas anfangen!

Allerdings ist die Kirche auch wieder ein anderes Haus als die anderen. Wir sagen, sie ist das „Haus Gottes“. Aber natürlich wohnt Gott hier nicht, jedenfalls in dem Sinne‚ wie wir in einem Haus wohnen. Gott läßt sich überhaupt nicht auf einen Ort festlegen und schon gar nicht in Mauern aus Stein und Holz einschließen.

Und doch wohnt Gott hier. Er ist hier, wenn Menschen sich in seinem Namen versammeln, auf sein Wort hören und zu ihm beten. Wenn hier Gottesdienst ist oder Taufe oder Trauung, dann wohnt er hier. Ja er ist sogar da, wenn nur ein Mensch sich still in die Bank setzt und an ihn denkt. Ohne die Menschen ist dieses hier ein totes und nutzloses Gebäude. Mit den Menschen aber ist es eine Wohnung Gottes.

Das Entscheidende ist also nicht das Gebäude, sondern  daß Menschen mit Gott in Verbindung treten wollen. Oder sagen wir es richtiger: Wo und wann sich Gott einem Menschen offenbaren will, das liegt bei ihm. Aber wenn er es will, dann ist jeder Platz und jede Zeit

recht dafür. Das mußte auch Mose erfahren, bei dem sich der unbekannte Gott meldete und ihm zeigte, wo er zu finden ist, wie er an den Menschen interessiert ist und wie er sich von ihnen rufen läßt.

Wo ist Gott zu finden?

Gott meldet sich nicht irgendwo, sondern an einem ganz bestimmten Ort. Dieser kann zum ganz Alltäglichen gehören. Als Mose mit den Schafen zu den höher gelegenen Weideplätzen zieht, denkt er nur an das bessere Futter. Als er dem brennenden Dornbusch sieht, denkt er nur an ein Naturschauspiel. Er will es untersuchen. Aber auf einmal dreht sich die Blickrichtung um: Gott spricht ihn an und will ihn auch gleich als Werkzeug haben.

Vor einigen Jahrzehnten sprach man noch davon, daß wir auf ein „religionsloses Zeitalter“ zugingen. Dessen sind wir uns heute nicht mehr so sicher. Es hat bei manchen Leuten doch ein neues Fragen  nach der Kirche eingesetzt. Und manche Marxisten und Atheisten geben schon zu, daß man ohne den Beitrag der Christen die Fragen des Lebens und der Welt nicht bewältigen kann.

Aber euch wenn wir auf ein religionsloses Zeitalter hinsteuerten, dann würde Gott vor dieser Lage nicht kapitulieren. Der Graf von Zinzendorf hatte eine ganz weltliche Laufbahn vor sich. Aber bei der Bettachtung eines Bildes wurde er zu Christus geführt. Es war nicht einmal in einer Kirche, sondern in einer Bildergalerie. Dort sah er das Bild des gekreuzigten Jesus mit der Unterschrift: „Das tat ich für dich - was tust du für mich?“Von da an wollte er auch etwas für Christus tun. Auf seinem Gut nahm er die vertriebenen Böhmischen Brüder auf und es entstand daraus die Brüdergemeine, deren Losungen wir gern benutzen.

Ich hoffe, daß es auch manchen Schulkindern so geht, wenn sie ihr Geschichtsbuch aufschlagen. Es gibt nämlich Bücher mit dem berühmten Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald aus dem Isenheimer Altar. Früher stand darunter nur „Gekreuzigter“ heute heißt es zutreffender:  „Kreuzigung Christi“. Ob da nicht doch einmal einer mehr über diesen Jesus erfahren will? Das nationale Kulturerbe kann man nicht nur als eine Leistung der Vergangenheit betrachten. Es gibt ja auch noch heute Christen, die sich zu diesem Christus bekennen. Gottes Wege sind manchmal wunderbar. Auch durch die Kunst kann er auf sich aufmerksam machen.

Wenn aber vielleicht mancher von uns meint, er habe noch keine Gotteserfahrung gemacht, dann muß man ihm sagen: Es kann jeden Augenblick geschehen, wo und wann Gott es will. Mose hat dieses Erlebnis nicht gesucht. Aber auf einmal stellte er fest: Gott kennt mich!

Das war einerseits erschreckend für ihn, denn er hatte ja einen Menschen totgeschlagen. Andererseits aber war es auch beglückend für ihn, denn nun wurde ihm wieder eine Zukunft eröffnet.

Wir brauchen nicht mehr zum Sinai oder zum Tempel in Jerusalem zu pilgern, wenn wir Gott treffen wollen. Gott hat für uns in der Krippe von Bethlehem und in Nazareth. in Galiläa gewohnt. Und heute begegnet er uns in Wort und Sakrament. Wir haben ihn zwar noch nicht mit unsren Augen gesehen (das konnte Mose auch nicht), aber wir haben seine Stimme gehört, und sei es hier und heute zum ersten Mal.

 

Gott ist auch heute noch unter uns.

Gott ist an den Menschen interessiert: Die Arbeit als Schafhirte hat dem Mose gar nicht in den  Plan gepaßt. Unten am Nil schreit die Not zum Himmel und es wäre so viel zu tun. Er aber hütet in den Bergen die Schafe. Eigenmächtig hatte er das Eingreifen Gottes erzwingen wollen: Er hatte einen Ägypter erschlagen, um damit ein Zeichen zum Aufruhr zu geben. Doch dann mußte er fliehen. All seine Hoffnungen schienen zunichte zu sein.

Doch Gott handelt oftmals anders, als wir es für wünschenswert halten. Er geht Umwege und Seitenwege. Aber gerade wenn wir meinen, es sei alles verloren, dann kann bei ihm alles zum Besten stehen. Den eigenmächtigen Befreier hat er mattgesetzt. Aber natürlich kennt er die Not seines Volkes. Gott hat sein Volk lieb und ist an ihm interessiert. Gott leidet mit, wenn Menschen von anderen Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden. Schon hat er sich aufgemacht, um zu retten. Er weiß schon, wie es weitergehen wird. Aber nicht Mose wird der Retter sein, sondern Gott rettet durch Mose.

Im Neuen Testament geht es um eine noch größere Befreiung. Da will Gott uns durch Christus befreien aus der furchtbaren Umklammerung, in die wir durch unsre Schuld geraten sind und die unser Leben hoffnungslos gemacht hat. Aber das ist alles schon Vergangenheit, denn durch Christus leben wir in der Gottesliebe.

Auch heute will Gott möglich machen, was uns unmöglich erscheint: die Lösung unsrer Umweltprobleme, den Frieden, die Beseitigung des Hungers, die Bewältigung von Krankheit und Abhängigkeit. Dazu gehört auch das gestörte Verhältnis zu einem Menschen, eine Bindung oder eine Sucht, die einen immer wieder aufs Neue gefangennimmt. Da gibt es Ängste und Hoffnungslosigkeit. Das ist unsre ägyptische Gefangenschaft, aus der uns Gott herausholen will.

 

Gott läßt sich von uns rufen:

Es ist eine Ausrede, wenn einer sagt: „Wenn Gott mir so erschiene wie dem Mose, dann könnte ich auch an ihn glauben!“ Gott hat auch heute Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Wer sich davon nicht ansprechen läßt, dem hilft auch keine Gotteserscheinung.

Andererseits wären wir ja auch gar nicht darauf gefaßt, plötzlich in unserer Wohnung oder im Wald oder sonstwo die Stimme Gottes zu hören. Uns kommt es doch immer so vor, als lebte Gott in einem anderen Raum. Im Gottesdienst hören wir die christlichen Begriffe. Aber im Alltag kommt das Wort umso weniger vor. Deshalb könnten wir nur noch mehr erschrecken als Mose, wenn plötzlich tatsächlich Gottes Stimme zu hören wäre.

Deshalb mildert Gott die Wirkung seiner Heiligkeit ab, für unser Erfahren und Erleben jedenfalls: Er äußert sich durch den Mund eines anderen Menschen oder durch ein Buch oder durch ein Erlebnis, das uns erst nachher als ein Handeln Gottes deutlich wird. Wenn er sich aber zu erkennen gibt, dann bedeutet das, daß wir ihn auch anrufen können.

Gott gibt uns die Möglichkeit, ihn immer wieder anzurufen, weil er seinen Namen bekanntgegeben hat. Das Märchen vom Rumpelstilzchen macht uns deutlich, welche Bedeutung der Name hat: Erst als die Königstochter den Namen des kleinen Kobolds kennt, verliert er

seine Macht und sie hat ihn in der Hand. Wer seinen Namen offenbart, gibt sich in gewisser Weise dem anderen preis.

Bei Gott allerdings ist es noch etwas anders: Wo er seinen Namen kundtut, da tritt er seine Macht erst an. Niemand kann Gott in seine Gewalt kriegen, weil er einen Namen hat, der über alle Namen ist. Er läßt sich aber soweit herab, daß er Mose seinen Namen nennt, damit er es bei seinem Volk nicht so schwer hat.

Der Name Gottes bedeutet soviel wie „Ich werde für euch da sein“. Es geht also gar nicht um einen Eigennamen oder die Beschreibung des höchsten Wesens. Im Namen drückt sich aus, wer Gott für uns ist. Er will nicht für sich allein sein oder in irgendeinem finsteren Gemäuer hocken, sondern will bei den Menschen sein, will mit ihnen reden und von ihnen angerufen werden.

Mose kann allerdings keinen anderen Gott nennen als den, den sie schon kennen, eben den Gott der Väter. Wer ein Schwärmer ist, der achtet die Glaubensüberlieferung der Väter gering, weil er eine unmittelbare Gotteserfahrung möchte. Aber wir fangen im Glauben nicht neu an, sondern wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns geglaubt haben. Gerade wenn wir an Gottes guten Absichten zweifeln, weil uns ein schweres Geschick betrifft, sollten wir auf die lange Geschichte sehen, die Gott schon mit uns gegangen ist. Dieser Blick nach rückwärts beseitigt zwar noch nicht die Not des Augenblicks. Aber unter Umständen können wir dann doch einen Sinn in dem allen finden und werden neu zum Glauben ermutigt.

Letztlich haben wir es ja doch leichter als Mose: Wir kennen den Namen Jesu und können ihn anrufen. Er trägt den Namen, der über alle Namen ist, und ist uns doch ganz nahe. Seit seinem Kommen ist noch einmal ein heilsgeschichtlicher Sprung geschehen. Wir wissen nicht nur von der Befreiung aus Ägypten, sondern von der Befreiung von allem Bösen und von allen Mächten dieser Welt.

 

 

Septuagesimä: Lk 17, 7 - 10

Wer von uns käme wohl auf die Idee, einem Busfahrer oder Lokführer für seine Tätigkeit zu danken? Welcher Konfirmand würde sich wohl beim Pfarrer für den Konfirmandenunterricht bedanken? Welcher Lehrer käme wohl auf die Idee, sich bei den Schülern dafür zu bedanken, daß sie den Unterricht besuchen und die Hausaufgaben machen? Es wird als selbstverständlich angesehen, daß jeder seine Pflicht tut.

Dennoch ist jeder empfindlich, wenn seine Leistung nicht gewürdigt wird. Zu einem Dienstjubiläum erwartet man eine Aufmerksamkeit. Wenn einer in Rente geht und aus dem Betrieb ausscheidet, dann soll eine Feier gemacht werden. Eine Gemeindeschwester hat sich einmal bitter darüber beklagt, daß sie nach 30-jährigem Dienst in der Gemeinde nicht einmal zum Mitarbeiterausflug eingeladen wurde.

In unsrem Alltagsleben haben wir es gelernt, sehr genau nach unsrem Lohn und der Anerkennung zu fragen. Wir überschlagen erst einmal, ob es sich lohnt, ehe wir eine Sache anpacken. Und wenn für uns nichts dabei herausspringt, lassen wir es von vornherein sein. Aber bei Gott haben wir diese Möglichkeit nicht. Da wird uns ganz hart gesagt: Unsre Pflicht ist unendlich unser Anspruch ist gleich null und aller Lohn ist nur Gottes Geschenk.

 

Unsre Pflicht ist unendlich:

Da kommt ein Kirchenältester von einem Wochenende mit Konfirmanden heim. Es war schön, aber anstrengend. Doch der Pfarrer sagt nicht: „Sie sind müde, wir wollen erst einmal eine Tasse Kaffee trinken!“ Nein, er verlangt: „Machen Sie erst einmal die Abrechnung fier die Rüstzeit. Dann räumen Sie noch die Spiele weg und dann können Sie mir noch beim Terminplan für die nächste Woche helfen!“

Wir sagen: So etwas ist doch unmöglich, das läßt sich keiner gefallen! Aber wie mancher Mutter geht es so, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt und noch einmal eine zweite Schicht für sie beginnt. Auch . Gott verlangt von uns, daß wir unsre Arbeit nicht begrenzen. Jesus verwendet dafür den Vergleich mit einem Sklaven, der tagsüber auf dem Feld bis aufs äußerste gearbeitet hat und abends dann noch seinen Herrn bedienen muß, ehe er sich selbst zur Ruhe setzen kann. Ein Sklave war ein totales Eigentum seines Herrn, nur ein Stück seines Besitzes. Er hatte nichts zu melden und mußte seinem Herrn die Wünsche noch von den Augen ablesen. Darüber gab es keine Diskussion: Das war eben sein Los, da hatte er sich zu fügen.

Uns paßt es nicht so besonders, daß wir Gott gegenüber Sklaven sein sollen. Wir meinen, er mußte schon froh sein, wenn wir ein bestimmtes Soll erfüllt haben: Gottesdienstbesuch, Sonntagsheiligung, Kinder im Religionsunterricht und Kirchensteuer. Das können wir alles am Sonntag erledigen, da gehört es auch hin. Aber dann ist auch Feierabend, dann will man Privatmann sein und in Ruhe gelassen werden. Die Kirche kann doch froh sein, wenn ich gewissenhaft meinen Mindestpflichten nachkomme. Doch wir können nicht am Sonntagabend unser christliches Mäntelchen an den Haken hängen und sagen „:Liebe Seele, nun hast du wieder für sechs Tage Ruhe!“ Montagmorgen geht der Dienst erst wieder richtig los. Erst im Alltag zeigt sich, was der Glaube wert ist und ob wir mit ihm leben können.

Jetzt erscheint es uns maßlos schwer, zu Jesus zu gehören. Wir haben vielleicht sogar den Eindruck, wir kämen in eine solche Lage erst dadurch, daß wir Christen werden. Doch wir sind von vornherein in der Lage, Gott alles schuldig zu sein, auch wenn wir keine Christen wären. Es gibt zwischen Gott und den Menschen kein Vertragsverhältnis, in dem die Rechte und Pflichten nach beiden Seiten hin genau abgegrenzt sind. Es ist kein Handel möglich nach dem Prinzip: Gibst du mir, geb ich dir! Dann könnten wir sagen: Soweit darfst du mit deinen- Ansprächen an mich gehen, weiter aber nicht.

So dachten die Vertreter der jüdischen Gesetzlichkeit zur Zeit Jesu. Sie haben die Verpflichtungen sehr hoch angesetzt. Aber sie meinten: Wenn man sein Soll erfüllt hat, dann kann man vor Gott hintreten und ihm melden, daß man seine Pflicht getan hat. Doch Jesus sagt: Wir schulden Gott nicht nur dies und das, sondern wir schulden ihm uns selbst. In der Liebe bleibt

man immer Schuldner. Gott gegenüber sind wir nie fertig. Doch wir fragen vielleicht: Sind wir wirklich nicht mehr als Sklaven? Wenn Gott der Vater sein will, dann sollte er doch mit gutem Beispiel vorangehen! Warum hat Jesus nicht für die Befreiung der Sklaven gekämpft? Doch Jesus ging es hier nicht um die soziale Frage, das ist die Aufgabe anderer. Er nahm die Rechtsstellung des Sklaven nur als Veranschaulichungsmittel. In erster Linie geht es ihm um den Frieden zwischen  Gott und den Menschen. Da muß erst alles in Ordnung sein, dann kommt auch das andere ganz von selbst in Ordnung. Und was Jesus gesagt und getan hat, das hat ja dann auch viel zur Sklavenbefreiung beigetragen.

Aber im Vordergrund steht die Aussage: Wir kommen niemals an den Punkt, wo wir sagen könnten: Jetzt hat Gott nichts mehr von mir zu fordern!  Es wird auch nicht gesagt: Nehmt es mit Gott nicht so wichtig, er verlangt ja gar nicht so viel, wie ihr denkt! Gott verlangt alles von uns - und er darf das auch! Wir sind am meisten auf ihn angewiesen, deshalb sind wir ihm auch am meisten verpflichtet.

Ihm gehört deshalb unser Denken und Reden, Wollen und Tun. Ihm gehört unsre Zeit und unsre Kraft, unsre Gaben und Fähigkeiten, auch unser Eigentum und Geld. Selbst unser Leiden gehört ihm. Der Alltag gehört Gott genauso wie der Sonntag, unser Arbeiten nicht weniger als unser Beten.

Unser Anspruch ist gleich null: Im Alltag dürfen wir unsren Lohnanspruch geltend machen. Der ungerecht Entlohnte wird sogar um sein Recht kämpfen. Und wer sich bemüht hat, sollte auch Dank erfahren. Aber vor Gott ist alles Lohn- und Verdienstdenken unangebracht. Gott könne wir nicht wie ein Taxi herbeirufen und dann mit einem „Dankeschön“ verabschieden und wieder unsre eigenen Wege gehen.

Wir gehören Gott völlig und können keine Ansprüche stellen. Anspräche wirken vielmehr zerstörend. Wenn eine Mutter Anspruch auf den Dank ihrer Kinder erhebt, zerstört sie ihr Verhältnis zu ihnen. Wer Gott gegenüber Ansprüche erhebt, fällt aus dem Verhältnis „Vater-Kind“ oder „Herr-Knecht“ heraus. Gott ist kein Arbeitgeber, und wir sind keine Tagelöhner, die mit der Auszahlung des Lohns das Dienstverhältnis beenden. Schon ein Lohnanspruch wäre absurd.

Selbst wenn wir alles getan hätten, was wir tun konnten, sind wir immer noch in der Lage des Schuldners. Gott hat immer schon die Vorleistungen erbracht und wir sind ihm gegen über immer im Rückstand. Und wer hätte schon wirklich alles getan, was er zu tun schuldig war? Auch eine außerordentliche Leistung ist nur das, was sowieso erwartet werden mußte.

Wenn ein Kind viele Einsen aus der Schule mit nach Hause bringt, so wird man es zwar loben  und sich mitfreuen. Aber es kann keine Ansprüche anmelden und nun etwa eine Belohnung haben wollen und sagen: „Für jede Eins will ich fünf Mark!“Wer Einsen erzielt hat, der hat bewiesen, daß er es konnte. Und wer es konnte, der ist auch dazu verpflichtet. Wenn die Eltern trotzdem ein Geschenk machen, dann tun sie es aus freien Stücken. Martin Luther hat am Ende eines erfüllte und segensreichen Lebens gesagt: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Das war der letzte Satz, den er geschrieben hat.

 

Unser Lohn ist Gottes Geschenk:

Ein Theologe wurde bei einer schweren Krankheit einmal von einer Krankenschwester vorbildlich betreut. Seit zwanzig Jahren hatte sie nur Nachtschichten übernommen. Der Mann fragte sie, ob das nicht sehr anstrengend wäre. Da meinte sie strahlend „Jede durchwachte Nacht ergibt einen Edelstein an meiner himmlischen Krone, ich habe jetzt schon 7.175 beieinander!“ Seit der Zeit konnte er an ihre Liebe nicht glauben, denn sie meinte nicht den Patienten, sondern sie schielte heimlich nach der angeblichen himmlischen Krone.

Auch Konfirmanden könnten die Teilnahme am Unterricht und Gottesdienst als Leistung verstehen, die den Anspruch auf die Konfirmation sichert. Aber nachdem die Leistung erbracht ist, setzt man sich zur Ruhe. Und dahinter steht dann die Meinung: „Gibst du mir, geb ich dir!“ Doch so geht es sicher nicht.

Wir können Gott keine Rechnung schreiben, sondern er bezahlt unsre Schulden. Hier liegt das Evangelium in dieser Geschichte. Das Gleichnis schildert nur die Voraussetzung, seine Pointe liegt außerhalb seiner vordergründigen Aussage. Die Lohngesinnung des natürlichen Menschen muß erst abgebaut werden, damit man erkennt: Gott will nur schenken.

Wir können nur aufatmen, wenn wir von dem Denken in „Pflicht“ und „Anspruch“ erlöst sind. Wir zerreiben uns oft und werden unfrei, weil wir ja nicht gelten lassen wollen, daß wir nicht alles getan haben. Aller Krampf könnte sich lösen, wenn wir begreifen, was uns hier doch angeboten wird. Der Satz: „Ein Christ ist immer im Dienst“ ist eine fromme Übertreibung. Wir sollen uns nicht ständig selbst aufopfern, aber wir bleiben immer im Dienst unsres Herrn.

Doch das Aufgetragene ist nicht mehr als das Menschenmögliche. Wir haben auch nur eine begrenzte Verantwortung: Wir können nicht alle Weltprobleme lösen. Aber wir dürfen das Problem nicht abwälzen, das uns zu lösen aufgetragen ist. Uns wird nicht zugemutet, die Welt in Ordnung zu bringen. Aber wir sollen doch dort Ordnung schaffen, wo wir hingestellt wurden.

Gerade wenn wir nicht mehr auf Lohn spekulieren‚ werden wir belohnt. Da kann es dann sein, daß der Herr u n s bedient, wie es Jesus einmal bei seinen Jüngern getan hat. Gott braucht uns

nicht. Aber er bindet sich freiwillig an uns. Aus Sklaven werden wir zu Kindern, die nun ganz für Gott leben. Dieses zunächst abstoßende Gleichnis zeigt doch die verborgene Absicht Gottes. Es ist alles nur Gnade! Hier wird den Sklaven die Freiheit verkündet. Da ist es doch ganz gut, so ein Sklave zu sein, denn bei Gott haben es sogar die Sklaven gut.

 

 

Sexagesimä: Mk 4, 26 - 29

Wie beurteilen wir wohl die Zukunftsaussichten? Erwarten wir Gutes von der Jugend oder betrachten wir sie mit ängstlichem Zweifel? Wie begleiten wir die politische Entwicklung? Sind wir der Meinung, daß doch immer nur das Böse wiederkehrt oder haben wir einen wa­chen Blick für eine sich anbahnende Versöhnung? Wie beurteilen wir eine Ehe, deren erstes großes Kapital an Liebe schon verbraucht ist? Erwarten wir noch andere, bisher nicht erkannte Möglichkeiten einer tieferen Beziehung?

Wie sehen wir die Arbeit unsrer Kirche? Mit Sorge und Resignation oder mit Zuversicht und Hoffnung? Aber Hoffnung kann man sich nicht „machen“. Es lohnt sich, Ausschau zu halten nach Leuten‚ die uns Hoffnung machen können. Jesus selbst bietet sich uns an. Wir müßten ihn nur genügend zu Wort kommen lassen.

Es gibt manche Beispiele, die uns hoffen lassen. In der katholischen Kirche Südamerikas sind überall kleine Basisgemeinden entstanden, in denen die Bibel gelesen wird, das Abendmahl gefeiert und praktische Solidarität geübt wird. Auch bei uns gibt es solche Gruppen,  in denen ein anderer Lebensstil versucht wird. Es gibt Christen, die mit hohem persönlichem Einsatz versuchen, mit den Randsiedlern unsrer Gesellschaft zu leben, mit Behinderten, mit nicht angepaßten Jugendlichen, mit den alten und einsamen Leuten. Es gibt Kranke, die die Hoffnung nicht fahren lassen, und Menschen, die ihnen liebevoll nahe sind.

Wir brauchen unser Leben und unsre Welt und auch unsre Kirche nicht nur Schwarz in Schwarz zu sehen. Gott wird schon machen‚ daß aus einem kleinen Anfang ein großes Ende wird. Das macht uns das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat deutlich. Das Bezeichnende daran ist: Die Zwischenzeit ist unserem Zugriff entzogen. Wir können nur warten, solange Gott am Werk ist. Das Provozierende an dem Gleichnis ist ja, daß auf das Säen nicht das Sorgen folgt, sondern das Schlafengehen.

Das aber ist gerade der Trost dieses Gleichnisses. Wir brauchen uns nicht in pausenloser Arbeit für die Gemeinde zu zerreiben, Gott allein ist es, der alles macht. So hat Luther gesagt: „Während ich geschlafen habe, hat Gott die Reformation gemacht!“ Wir wissen, daß Luther dennoch sehr tätig gewesen ist für seine Kirche. Aber letztlich hat Gott doch das Entscheidende getan. So dürfen auch wir darauf vertrauen, daß die Herrschaft Gottes gewiß kommt. Aber sie ist nicht zu beobachten, sie ist nicht zu machen und sie ist auch nicht aufzuhalten.

 

(1.) Die Gottesherrschaft ist nicht zu beobachten:

Offenbar waren auch schon die Jünger Jesu und manche seiner Zuhörer ungewiß, ob das jemals eintreten wird, was Jesus gepredigt hat. Sie hatten ihr Leben mit dem Leben Jesu verbunden. Aber dann hat er in der Welt doch ziemlich wenig Widerhall gefunden. Bei allem Zulauf, den Jesus gefunden hat, so wurden doch auch allerhand Gegenkräfte deutlich spürbar. Jesus geht auf die Passion zu.

Das Evangelium des Sonntags vom viererlei Acker hat zwar einen stark positiven Ausgang. Aber es muß doch auch erhebliche Verlustquoten registrieren. Die Menschen verschließen sich. Gott kommt mit dem. ganzen Aufgebot seiner Liebe nicht an diese verschlossene Welt heran. Sie geht ihre eigenen Wege und sucht ihr Heil ohne ihn. So leidet Gott an den Enttäuschungen, die er von uns her erfährt und erleidet.

Dennoch will dieses Gleichnis von seinem Ende her verstanden sein. Es macht deutlich: Die Herrschaft Gottes kommt gewiß, mit derselben Naturnotwendigkeit und Unwiderstehlichkeit, die in dem Wachstum eines Saatkorns innewohnt. Allerdings bleibt das ein Wunder, das wir nicht beobachten können. Was zwischen Saat und Ernte geschieht, war für die Menschen früherer Zeiten ein Wunder. Und für uns ist es das im Grunde ja auch so, auch wenn wir über einige biologische Zusammenhänge heute besser Bescheid wissen.

Daß es wächst, weiß und sieht man natürlich. Aber wie das zugeht, das weiß man nicht. Es wächst, auch wenn der Bauer nichts davon versteht und gar nicht einmal daran denkt. So wächst auch die Herrschaft Gottes, auch wenn sie in unserem Bewußtsein keinen Platz hat. Gottes Tun ist nicht davon abhängig, ob wir von ihm Notiz nehmen. Gott wird nicht dadurch lahmgelegt, daß wir ihn nicht beachten.

So bleibt Gottes Tun ein Geheimnis: Man sieht es nicht, man weiß es nicht, der Alltag des Menschen geht darüber hin. Deshalb brauchen wir auch gar nicht um das Kommen der Herrschaft Gottes zu bangen, weil wir nichts vor ihr wissen und begreifen. Vor allem können wir nicht nachrechnen, wann sie kommen wird. Aber Jesus meint: Selbst wenn alles dagegen spräche, so wird sie doch Wirklichkeit werden, weil Gott weiß, wie es gemacht werden muß.

 

(2.) Die Gottesherrschaft ist nicht zu machen:

Absichtlich wird gesagt, der Bauer habe den Samen nur so hingeworfen auf das Land. Es soll ja nicht der Eindruck entstehen‚ als läge es am menschlichen Tun und Können. Nicht der Bauer bringt die Ernte hervor, sondern die Erde tut es, ohne ihn. So kann auch das Reich Gottes nicht erzwungen werden, weder durch Revolution noch durch Berechnung, noch durch Gesetzesgehorsam noch durch technischen Fortschritt. Nach dem kommunistischen Manifest sollen die dem Reich Gottes ähnlichen gesellschaftlichen Verhältnisse durch Revolution und Leistung erreicht werden. In der Bibel aber heißt es: Das Reich Gottes kommt ohne unser Tun!

Wenn der Bauer gesät hat, kann er es nur wachsen lassen. Er kann nichts beschleunigen, aber auch nichts bremsen und verzögern, er muß den Dingen ihren Lauf lassen. Zwar kann man heute durch Düngung und Bewässerung schon etwas für das Wachstum tun. Der Bauer von heute tut schon etwas in der Zwischenzeit. Aber die Natur braucht dennoch ihre Zeit und nimmt sie sich.

Aber auch wenn der Mensch im Bereich seiner Welt alles fertigbrächte: Die Herrschaft Gottes ist nicht machbar. Sie kommt nicht durch menschliches Schaffen und Bemühen, sie kommt nicht unter menschlicher Hilfe und Mitwirkung zustande. Der Bauer geht seinen anderen Pflichten nach, die der Alltag ihm aufgibt. Er arbeitet und schläft im Rhythmus der Tage. Aber draußen auf dem Feld, da keimt es und treibt es und blüht es inzwischen. Soll er sich danebenstellen und zusehen? Das wäre sinnlos. Ebenso können wir auch dem lieben Gott nicht nachhelfen.

Doch sind wir dadurch ganz zum Nichtstun verurteilt? Manche kritisieren das ja: Hier werde der Mensch entgegen seiner Natur die Tatenlosigkeit gedrängt. Dahinter steht die irrige Meinung, Gott und Mensch seien in gewissem Sinne Partner. Und wenn einer von ihnen aktiv ist, braucht der andere nichts mehr zu machen. Aber es wäre falsch, wenn der Mensch alles allein bewältigen wollte. Es wäre aber genauso falsch, wenn er alles Gott überließe.

Auf unsrer menschlichen Ebene müssen wir schon alles tun, was wir tun können. Natürlich soll die Kirche tätig sein: hingehen und verkündigen, wo sie nur kann, zupacken und mithelfen im weiten  Bereich der Diakonie, Zeugnis geben. Aber die Kirche handelt nicht, damit Gottes Herrschaft kommt, sondern weil sie kommt. Sie kann Gottes Handeln nicht teilweise ersetzen,  aber sie läßt sich von ihm in Dienst nehmen.

Alles Drängen und Treiben, alle Nervosität, sind ganz unnötig. Wir brauchen Gott keine Termine zu stellen, er hat Zeit. Was er angefangen hat, das bringt er auch zum Erde. Hier i s t nichts zu machen. Aber hier b r a u c h t  auch nichts gemacht zu werden.

Das kann uns ein Trost sein, wenn wir manchmal mutlos werden, weil es mit dem Reich Gottes, mit seiner Herrschaft, nicht so recht voranzugehen scheint. Wir haben doch oft den Eindruck: Mit der Ernte für das Reich Gottes wird es von Jahr zu Jahr geringer. Es werden immer weniger Leute, die sich zur Kirche halten und im Glauben an Gott ihren Halt im Leben finden.

Falsch sind billiger Optimismus, Gleichgültigkeit, Pessimismus oder Hektik. Wir sehen da vielleicht den Typ des betriebsamen Mitarbeiters vor uns, der alles schaffen will, aber doch ein schlechtes Gewissen hat. Wir dürfen Erwartungen haben. Aber wir dürfen nicht nervös werden, wenn nicht gleich etwas kommt. Es werden uns doch auch gute Erfahrungen geschenkt!

Mancher wird auch sagen: Ich habe schon viele Jahre versucht, das Wort Gottes dort auszusäen, wo der Pfarrer nicht hinkommt. Ich habe in der Firma oder in der Schule oder im Büro oder im Laden für Gottes Sache gewirkt. Ich habe mit Männern und Frauen, Alten und Jungen gesprochen, aber ich habe keinen Erfolg gehabt! Das könnte sicher auch mancher Pfarrer sagen: Er sät das Wort, aber er sieht nichts wachsen. Hier kann das Gleichnis eine Hilfe sein.

 

(3.) Die Herrschaft Gottes ist nicht aufzuhalten:

Daß „nicht“ wächst, ist sicher übertrieben. Gott läßt es ja wachsen. Er allein weiß auch, wo etwas wächst. Aber manchmal wünscht halt jeder einen sichtbaren Erfolg seiner Arbeit. Da macht uns das Gleichnis deutlich: Keine Arbeit ist vergeblich! Wir können nur keinen Erfolg herbeizwingen. Aber eines Tages werden die Früchte reif und die Ernte ist da.

„Ernte“ ist in der Bibel immer Bild für das Gericht Gottes. Löst aber die Aussicht auf das Kommen der Gottesherrschaft bei uns Freude oder Furcht aus? Gott hat die Welt doch lieb und wird mit seiner Liebe auch nicht lockerlassen. Deshalb können wir auch mit Freude auf den Tag der frohen Ernte warten und Gott heute schon dafür danken.

Dann brauchen wir uns aber auch nicht mehr vor lauter Selbsterhaltungstrieb zu verkrampfen, sondern auch das Lebensrecht des Mitmenschen anerkennen. Wir werden die Möglichkeiten zu einem wirklichen Miteinander nutzen zu einer guten Gemeinschaft in Haus und Beruf. Wir werden dazu beitragen, die großen Lebensprobleme unsrer Zeit zu bewältigen.

Dann werden wir auch für die Schaffung gerechter Verhältnisse eintreten und unsre Mitver­antwortung für die Hungernden einsehen. Wir werden ans für die Verbesserung des Umweltschutzes einsetzen und mit zupacken bei ihrer Lösung. An all das kann man denken, wenn man an einem Feld vorbeigeht. Das sind die Dinge, die in unserem irdisch-menschlichen Bereich nötig und möglich sind.

Man kann aber auch daran denken, was Jesus am Beispiel von Saat und Ernte und deutlich machen wollte über das Kommen der Herrschaft Gottes. Dieses liegt nicht in unsrer Hand. Aber es kommt gewiß. Und das kann uns mit Zuversicht und Freude erfüllen.

 

 

Estomihi: Lk 10 , 38 - 42

Wenn der Pfarrer zu alten Leuten kommt, um ihnen zum Geburtstag zu gratulieren, dann haben diese oft nichts Eiligeres zu tun, als etwas zu essen herbeizuschaffen. Kaum hat der Pfarrer einen Satz gesagt, da sitzt er auch schon wieder allein und die Oma hantiert draußen in der Küche herum. Sicherlich ist das gut gemeint, aber nicht der Sinn des Besuchs. Wenn ein Arzt kommt, dann setzt man ihm doch auch nicht erst Kaffee und Kuchen vor!

Würden wir uns denn in Maria oder in Martha wiedererkennnen? Viele würden sofort sagen: „In Maria!“ Denn sie kennen ja das Urteil Jesu. Aber im Alltag ist Martha unsre Idealgestalt. Wir wollen doch alle tätige und schaffende Menschen sein und auch von anderen als solche angesehen werden. Wer nichts oder wenig tut, das ist doch ein Gammler - und das ist fast das Schlimmste, was man von einem Menschen sagen kann. Ein Christ ist arbeitsam und fleißig, er tut seine Pflicht und weiß, was sich gehört.

Gegen Martha ist doch eigentlich nichts zu sagen. Ihr gehört das Haus. Als Gastgeberin ist sie verpflichtet, den Gast fürsorglich und nobel zu bewirten. Jesus soll sich erst bei ihr wohlfühlen. Man soll ihr nicht nachsagen können, sie gäbe sich nicht alle Mühe.

Jesus hat natürlich mit seinem unangemeldeter Besuch nicht die Hausfrau in Verlegenheit brin­gen wollen. Und doch beginnt Martha eilig mit einer lärmenden Geschäftigkeit, die einem auf die Nerven gehen kann. Man meint richtig das Klappern mit den Töpfen und Küchengeräten zu hören, man sieht das eilige Hantieren und Hasten. Vielleicht übertreibt Martha auch noch ein wenig, um ihre Kritik am Verhalten Marias noch deutlicher zu machen.

Martha will Jesus dazu bringen, Maria zu tadeln, die sich nicht um ihre Pflichten kümmert, jedenfalls nicht heute, wo doch so hoher Besuch da ist. Sie regt sich darüber auf, daß Jesus eine Frau als Zuhörerin duldet und mit am Tisch sitzt, anstatt mit zu bedienen. Religion ist bis heute bei den Juden eine Männersache. Jesus aber durchbricht die Sitte, weil auch die Frau die Verkündigung nötig hat.

Heute ist es ja eher umgekehrt. Bei uns scheint es Sitte zu sein, daß vorwiegend nur die Frauen in die Kirche kommen. Die Männer halten den Kontakt mit Christus für unter ihrer Würde und entwerten sich damit selbst. Angeblich hat ein Mann andere Aufgaben und Religion sei angeblich Weibersache.

Eines der Kennzeichen unsrer Zeit ist die Betriebsamkeit. Ein betriebsamer Mensch ist einer, der nicht aufhören kann, immer etwas zu tun. Unrast aber zerstört die Ordnung des Lebens, die im Wechsel von Ruhe und Arbeit besteht. Man hat dann keine Zeit mehr für andere und auch keine Zeit für Gott. Das erste Opfer der Unrast ist der Feiertag, weil der Mensch ja nicht mehr hört, daß Gott ihm sein Leben gibt und erhält. Er will deshalb sein Leben durch beständiges Schaffen selbst sichern und weiß doch nie, ob er genug getan hat.

Alle Geschäftigkeit ist ja nur äußerer Ausdruck für die Lebenshaltung, die sich dahinter verbirgt. Danach drückt sich Liebe aus in der Fürsorge für andere. Wer als Vater oder als Pate große Geschenke macht, der hat seine Kinder lieb. Auch Martha sorgt ja nicht für sich selbst, sondern für den Gast. Sie serviert, sie übt „Diakonie“ in dem  ursprünglichen Sinn des Wortes. Gerade durch diese niedrige Arbeit will sie ihre Verehrung zeigen. Die Hauswirtschaft ist ihr Spezialgebiet, da kann sie am besten ihre Verehrung zeigen.

Jesus hat ja kurz vorher selber zu dem Pharisäer gesagt: „Gehe hin und tue desgleichen. Hilf dem, der unter die Räuber gefallen ist, so wie der barmherzige Samariter ihm geholfen hat!“ Wäre ein Bettler gekommen und Martha hätte ihm auch so aufwendig bewirtet, dann hätte sie Jesus sicher gelobt. Jesus erwartet die praktische Liebe. Er erkennt auch die Mühe der Martha an, sie hat schon etwas Richtiges aus der Verkündigung Jesu begriffen.

Und dennoch sagt Jesus zu Martha: „Du gehst ganz auf in der Sorge um die Erhaltung des leiblichen Lebens. Dabei braucht der Mensch so wenig zum Leben. Genaugenommen braucht er nur eins: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so wird euch das andere alles zufallen!“ Man darf über dem Hören das Tun nicht vergessen, aber über dem Tun auch nicht das Hören („Bete und arbeite!“sagten die Mönche).

Martha meint, sie müßte Jesus bedienen. Aber dadurch gibt sie ihm keine Gelegenheit, ihm Gutes zu tun. In  Wirklichkeit will J e s u s doch den Menschen dienen. Er ist auf dem Weg nach Jerusalem, dem Kreuz entgegen. Er wird nur kurz bleiben können; da kommt es darauf an, ihm zuzuhören und sich durch nichts ablenken zu lassen.

Auch wir meinen, wir müßten so viele Dinge besorgen, die nach unsrer Meinung unverzichtbar zum Leben dazugehören Notfalls müssen auch noch der Feierabend und der Feiertag dazu herhalten, nur damit wir verdienen und beschaffen können. Aber am eigentlichen im Leben geht man dabei leicht vorbei. Das Leben ist kurz. Und wenn es nur Mühe und Arbeit gewesen ist, dann ist das doch eigentlich schade.

Wir müssen auch einmal eine Ruhepause einlegen, nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Sonst werden wir trotz aller Arbeit nicht fertig, sondern machen uns fertig. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen. Gerade die verkürzte Arbeitszeit gibt uns da doch neue Möglichkeiten. Doch unsre Arbeit nimmt uns oft noch so in Anspruch, daß wir damit zwar vielleicht die ganze Welt gewinnen, aber dabei am Leben Schaden nehmen. Vor lauter Sorge, wir könnten etwas verlieren oder zu kurz kommen, werden wir dann zu Sklaven unsrer Umwelt und können uns gar nicht mehr so still hinsetzen wie Maria.

Auch in der Kirche machen wir uns sicher manche unnötige Sorge. Manche möchten in der sich wandelnden Zeit möglichst viel von den alten Traditionen retten. Andere fürchten, daß mit dem wissenschaftlichen Denken der Glaube an Gott verblassen könnte. Und wieder andere zerbrechen sich den Kopf darüber, wie die Botschaft vom Heil Gottes bei möglichst Vielen an den Mann gebracht werden kann. Aber all das sind falsche Sorgen.

Bei allen Sorgen um unsre Kirche, um unsre Familie und unsre Zukunft brauchen wir nur die eine Sorge zu haben: daß Jesus dabei ist! Wenn er im Mittelpunkt ist, wird sich das andere schon ergeben. Daran hat sich Maria gehalten. Deshalb hat sie dann beim Zulangen auch die bessere Portion erwischt, wie Jesus nicht ohne Schmunzeln sagt. Wer könnte ihr dieses Stück wohl wieder wegnehmen?

Es ist ja Jesus, der das alles gegeben hat. Nicht er ist unser Gast, sondern wir sind bei ihm zu. Gast. Das ist der Unterschied zwischen den Religionen und dem christlichen Glauben: In den Religionen geht es darum, daß die Menschen Gott einen Dienst erweisen. Aber bei uns geht es darum, daß Gott etwas für uns leistet. Das e i n e, das not tut, ist eben Gottes Werk an uns.

Wir können menschliche Konflikte z.B. in einer Ehe nicht aus uns selber überwinden. Da muß ich Gott schon an die Sache heranlassen, damit er sie ihn die Hand nimmt. Eine Frau, die nicht der Kirche angehört und von ihrem Mann geschieden war, fragte einmal: „Gibt es das

bei den Christen denn auch so oft, daß man nachher wieder auseinanderläuft?“ Wir kennen keine Statistik darüber. Aber man kann sich vorstellen, daß eine Ehe unter bewußten Christen trotz aller Spannungen doch besser zurechtkommt!

Natürlich ist auch der Glaube kein Allheilmittel. Und es ist auch nichts damit gewonnen, wenn man Jesus mißversteht und sich faul hinsetzt und zusieht, wie andere sich abmühen. Es genügt nicht, sich fromm berieseln zu lassen‚ ohne eine Folgerung aus dem Hören zu ziehen. Maria war keine „Kanzelschwalbe“, die nur dem Prediger zuliebe zuhört.

Maria will wirklich zuhören, nicht nur hören. Sie fragt wirklich echt: „Was willst du, das ich jetzt tun soll?“ Sie ist nicht nur irgendwo organisiert als passives Mitglied, sondern sie ist wirklich engagiert. Vor allen Dingen läßt sie sich nicht durch Äußerlichkeiten ablenken. Das geschieht ja meist, wenn man nur den Radio- oder Fernsehgottesdienst zuhört.

Er ist ein guter Notbehelf für Kranke, aber nur ein schwacher Ersatz für Gesunde. Denn in der Praxis kommt man doch nur selten zum Zuhören: Da kommt jemand zu Besuch, da fällt einem noch etwas Wichtiges ein, da muß noch Hausarbeit gemacht werden. Da gibt es so viele Nebengeräusche, die nicht zu einem gesammelten Hören kommen lassen.

Es dringt ja auch in der Tat viel zu viel auf uns ein. Vor lauter Geräuschen hören wir nur schwer die Stimme heraus, die mit uns reden will. Hier brauchen wir einfach eine Art von Askese, indem wir uns von dem Allzuvielerlei befreien und die Stunden des Offenseins erkämpfen.

Der Gottesdienst in der Kirche ist sicher eine Hilfe dazu. Hier ist wirklich einmal alles abgeschaltet, hier gibt es nur noch das eine, das wirklich not tut. Gerade für Menschen, die sich nicht ablenken lassen, wird der äußere Rahmen sehr gut tun.

Wenn am Anfang der Woche das Wort Gottes steht, dann werden wir mit all unsrer Mühe und Arbeit getragen und werden davor bewahrt, der Sorge zu verfallen. Es gibt viele Frauen, die haben wirklich die Woche über von morgens bis abends zu tun: Beruf, Haushalt, Kinder.  Manchmal werden sie nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Aber sonntags geht es zum Gottesdienst. Diese eine Stunde will man sich nicht nehmen lassen. Nachher ist dann auch wieder Zeit zum Arbeiten, zum Kochen und Servieren.

Jesus wäre sicherlich auch enttäuscht, wenn wir untätig blieben und uns nur auf die faule Haut legten. Wir sollen nicht passiv sein wie in einer Narkose, sondern aufnahmebereit und mit der ganzen Person offen für das, was auf uns zukommt. Aber wenn Jesus mit uns reden möchte, dann hat alles andere zu schweigen und in den Hintergrund zu treten.

Arbeit gibt es immer. Es wird auch immer genug Menschen geben, denen wir Gutes tun können. Wenn wir ihnen Gutes tun, haben wir es Jesus getan. Aber nicht immer haben wir Gelegenheit, Gottes Wort zu hören. Deshalb sollten wir die wenigen Gelegenheiten nutzen. Wir sind alle so wie Martha zum Zuhören eingeladen. Wenn Jesus uns anspricht, will er uns auch in ein Gespräch verwickeln. Deshalb gilt es, die Ohren offen zu halten und bereit zu sein für seine Stunde.

 

 

Invokavit: 1. Mose 3, 1 -19  (Variante 1)

Wenn ein junger Mann ein Mädchen verführen will, dann sagt er: „Es wird schon nichts passieren!“ Aber in Wirklichkeit meint er: „Mir wird schon nichts passieren!“ Und außerdem will er natürlich auch dem Mädchen einreden: „Du mußt das kennenlernen, damit du nicht rückständig bleibst, das gehört zum Menschsein einfach mit dazu!“

Ein solches Beispiel kann deutlich machen, was bis heute mit der Erzählung von der Verführung Adams und Evas gemeint ist. Allerdings ist „Sünde“ nicht nur das, was mit dem Sex zu tun hat. Alle Gebote Gottes sind gleichwertig, das zehnte so wie das erste. Und wenn man nur eins von ihnen übertreten hat, dann hat man alle übertreten. Man kann nicht sagen: eine üble Nachrede tut nicht weh, die ist nicht so schlimm wie eine Körperverletzung oder gar ein

Mord!

Heute sind vielleicht das zweite und dritte Gebot, aber auch das fünfte und achte besonders aktuell. Das wird besonders deutlich, wenn man aus Luthers Erklärungen zu den Geboten einmal die positiven Forderungen heranzieht: Den Namen Gottes in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken! Die Predigt und Gottes Wort heilig halten, gerne hören und lernen! Unsrem Nächsten an seinem Leib helfen und ihn fördern in allen Leibesnöten! Unsren Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren!

Wenn wir es so betrachten, dann sind die Gebote wie ein Spiegel, der uns zeigt, wer wir sind und wo wir stehen. Dabei ist gar nicht einmal so entscheidend, welches Gebot uns im Einzelnen gegeben ist. Gott hätte Adam und Eva durchaus auch ein anderes Gebot geben können: Das Gebot, nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens zu essen, ist völlig willkürlich. Aber Gott will an diesem Gebot prüfen, ob die Menschen gehorsam sind und wie sie sich zu ihm verhalten, es geht um die ganze Beziehung zu Gott.

Der Mensch kann dabei „Ja“ oder „Nein“ sagen. Die Freiheit zu einer solchen Entscheidung wird ihm zugetraut. Friedrich Schiller hat diese Stunde als die glücklichste der Menschheit gepriesen, weil hier der Mensch zu sich selbst und zu seiner Freiheit gefunden habe. Nur wenn der Mensch auch die Möglichkeit zur Zerstörung hat, kann er auch schöpferisch und frei sein. Wir sind keine Tiere und keine Puppen, aber wir müssen natürlich auch mit dieser Freiheit dann fertig werden.

Diese Erzählung aber macht deutlich, wie sehr der Mensch ins Elend gerät, wenn er Gottes Gebot mißachtet. Hier sagt der Mensch „Nein“ zu einem Leben mit Gott und vernichtet damit sich selbst. Es sage nur keiner es handele sich da um so eine alte Geschichte, die heute keine Bedeutung mehr habe. Es geht nicht um einen Adam, der vor so und so viel tausend Jahren lebte. Adam und Eva sind nur Typen, die zeigen, wie die Menschen bis heute sind. Jeder von uns ist Adam und Eva. Und die Sünde ist nicht nur dieses eine Mal in die Welt hereingebrochen, sondern wir tragen täglich neu mit dazu bei. Wir vollziehen den Abfall Adams auch heute.

Auch die Methoden der Verführung sind bis heute die gleichen geblieben. Zunächst wird gesagt, die Schlange sei besonders listig gewesen. Eine List muß nichts Schlimmes sein, denn eine Mutter ist auch listig, wenn sie ihrem kranken Kind die bitterschmeckende Medizin mit einem Trick einflößt. Aber die Schlange ist auch noch falsch dazu.

Zunächst gibt sie sich ganz harmlos und friedlieh. Es ist ja noch nicht die Schlange, die kriecht und sich windet, die einen stechenden Blick und einen Giftzahn hat. Nein, mit dieser Schlange kann man sich durchaus gut unterhalten.

So ist es auch in der Geschichte von             Versuchung Jesu, die ja das Evangelium dieses Sonntag ist. Da kommt der Teufel auch mit Vorschlägen, die manches für sich haben. Er zitiert sogar die Heilige Schrift, um seine Zwecke zu erreichen. Das ist bis heute so geblieben: Man verspricht sehr vieles, wenn man einen Menschen von Gott abbringen will. Man sagt ihm: Es dient deinem Fortkommen und dem Wohl deiner Familie, wenn du dich von der Kirche etwas absetzt; wir wollen ja nur dein Bestes.

Das Gespräch mit der Schlange fängt auch ganz harmlos an, nicht bei dem verbotenen Baum, sondern erst einmal ganz allgemein. Die Schlange ruft auch nicht zur Übertretung des Gebots auf, sondern diskutiert über den Wortlaut. „Gott hat euch doch verboten, von allen Früchten des Gartens zu essen!“ Dadurch wird die Frau herausgefordert, für Gott einzutreten und die Sache richtigzustellen.

Es tut ihr gut, Gott zu verteidigen - und schon hat sie sich auf ein Gespräch eingelassen. Die „Reizfrage“ hat gezündet, eine Vertrauensbasis zwischen Schlange und Mensch ist geschaffen. Die Frau übertreibt nun ihrerseits und verschärft das Gebot: „Nicht einmal anrühren dürfen wir die Frucht dieses Baumes!“ Schon ist die erste Selbstverständlichkeit des Gehorsams dahin. Man spürt eine leichte gesetzliche Schärfe, weil die Frau doch irgendwie schon eine Gefahr wittert.

Nun genügen wenige Worte, um das Vertrauen zu Gott völlig zu untergraben. Die Schlange sagt:  „Es ist genau umgedreht, wie Gott es euch gesagt hat. Wenn Gott euch so einen großen Spielraum gegeben hat, dann ist es doch umso auffälliger, wenn er euch ausgerechnet dieses eine verbietet. Aber wenn ihr davon eßt, dann werdet ihr sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist!“

 So werden die Menschen Bekanntschaft machen mit Gut und Böse, sie werden alles kennen und alles können, und sie werden einen ersten Blick tun in die Abgründe der Welt und des eigenen Herzens. Aber dann wird auch die unbeschwerte kindliche Fröhlichkeit dahin sein.  Es liegt eben doch ein prickelnder Reiz darin, mit dem Bösen eigene Erfahrungen zu machen. Gerade was verboten ist, erscheint doppelt reizvoll. Die Sünde ist nicht unbedingt etwas Schmutziges, sondern durchaus etwas Faszinierendes und auch Erhebendes.

Es wird den Menschen sogar versprochen: „Ihr werdet alles wissen! Ihr werdet von Gottes Thron aus die ganze Welt mit übersehen können. Dann braucht ihr euch nicht mehr unterzuordnen und zu beugen!“ So hat es schon der Philosoph Nietzsche gesagt: „Gäbe es einen Gott, ich würde es nicht ertragen, nicht Gott zu sein!“

Dem Menschen wird versprochen, er könne seine Möglichkeiten ausweiten über die Schranken hinaus, die ihm von Gott in der Schöpfung gesetzt worden sind. Es wird dem Menschen weis gemacht, er könne eine Lebenssteigerung erfahren, die jenseits des Menschen liegt. Da denken wir doch gleich an die Möglichkeiten, die der Mensch heute hat oder zu haben meint: Er kann zum Mond fliegen, er kann in die letzten Geheimnisse der Schöpfung eindringen, er will sogar das Leben selber in die Hand nehmen, will es schaffen oder vernichten, je nachdem. Vielleicht wäre es besser, wir wüßten nicht so viel auf den Gebieten der Biologie oder der Atomphysik. Jeder Fortschritt ist ja auch mit Nachteilen erkauft, denn nachher wissen wir nicht, was daraus wird und wohin wir mit dem Abfall sollen und wie wir die Geister bändigen, die wir riefen.

Der Mensch scheint tatsächlich wie Gott geworden zu sein: Er urteilt über Gottes Wort, er hält Gottes Gebot für mehr oder weniger nötig und verbindlich, er fällt Entscheidungen, die nur Gott zustehen, und denkt noch, das bliebe für ihn ohne Folgen und das stehe ihm alles zu.

Aber in Wirklichkeit schaufelt er sich damit nur das eigene Grab. Die Augen werden ihm aufgetan - in diesem Punkt ist er wirklich geworden wie Gott. Doch jetzt sieht der Mensch auch, daß er nicht verführt wurde oder eingefallen ist, sondern daß er selber eingewilligt hat und selber schuld ist.

Die Verführung kommt zwar von außen, aber der Mensch wird von seiner Verantwortung für die Sünde nicht entlastet. Nicht äußere Zwänge haben ihn zum Sünder gemacht (seine Natur, die Welt, das Schicksal), sondern die Sünde ist seine freie Tat. Die ganze Erbärmlichkeit der Menschheit wird offenbar, als nun einer die Schuld auf den anderen abwälzt. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe, um selber möglichst gut abzuschneiden. Sie schämen sich voreinander,  aber das liegt nicht nur an ihrer äußeren Nacktheit, sondern weil sie sich nicht mehr in die Augen sehen können und erst recht nicht Gott in die Augen sehen können. Der Mensch, der Gott gleich werden wollte, wird ärmer als ein Tier.

Äußeres Zeichen des gestörten Verhältnisses sind auch die Dinge, die dem Menschen das Leben so schwer machen: Die Mutter muß sich die Freude an ihrem Kind mit vielen Schmerzen erkaufen, der Vater muß hart arbeiten und doch viele Fehlschläge hinnehmen und Enttäuschungen verkraften. Wir wollen zwar arbeiten, aber die Arbeit ist auch eine Last. Wir wollen die Strapazen des Arbeitslebens mildern, aber das Paradies werden wir nicht zurückerobern. Wir träumen manchmal von der guten alten Zeit, ohne Hetze und ohne Autos,  oder auch von jener schöneren Zukunft, in der es Frieden gibt und keine Angst mehr da ist.

An diesem Bild können wir ermessen, was Adam verspielt hat. Nicht daß Adam an allem Leid der Welt Schuld wäre, denn so wie Adam sind wir ja alle. An Adam wird nur anschaulich, was wir alle heute und immer wieder tun. Das macht aber auch deutlich, warum Gott sich unsrer erbarmen mußte, daß er sogar seinen Sohn dafür opferte. Am Beginn der Passionszeit werden wir auf Jesus hingewiesen, der für unsre Sünde gebüßt hat, obwohl er ohne Sünde war.

Diesem Jesus müssen wir uns stellen mit unsrer Schuld. Deshalb ist die Passionszeit eine Zeit der Buße, der Umkehr und Erneuerung. Aber wir dürfen auch wissen: Jesus, der zweite Adam, ist der Versuchung nicht erlegen‚ der Teufel mußte weichen und die Engel dienten ihm. Der Versucher ist nicht unbesiegbar und jeder falsche Respekt ihm gegenüber wäre unangebracht. Wir müssen uns nur an den halten, der mit ihm fertiggeworden ist.

Weil dieser zweite Adam kommen sollte, hatte auch der erste Adam noch eine Chance. Er mußte nicht sterben‚ sondern durfte sein Leben an kommende Generationen weitergeben. So haben wir auch noch eine Chance, weil Jesus für uns gestorben ist. Wir müssen nicht zwangs­läufig der Versuchung erliegen, sondern wir haben einen, der uns beisteht, daß wir Gottes Gebot und Willen erfüllen und so gerettet werden können.

 

Invokavit. 1. Mose 3, 8b - 10 (Variante 2)

Leben mit Maske - vor Gott unmöglich

Haben Sie schon eine Idee, als was Sie sich verkleiden, welche Rolle Sie spielen, welche Maske Sie aufsetzen? Das Kostüm vom vergangenen Jahr hängt noch im Schrank - der Torero, die Zigeunerin, der Seemann müssen nur ein bißchen aufgebügelt werden, ein neuer Hut muß gekauft werden. Aber es kann doch nicht Aufgabe der Kirche sein, an das Besorgen von Fastnachtsmasken zu erinnern? Nein - ich meine ja auch, daß gar niemand Masken zu besorgen braucht, denn jeder hat schon eine ganze Menge. Eine davon haben wir alle mit hierher in diesen Gottesdienst gebracht. Denn ich behaupte:

 

(1.) Jeder von uns ist ein Maskenträger! Und unser Leben ist ein Leben mit Maske! Oder will einer behaupten, daß er immer sein wahres Gesicht zeigt - überall? Wir alle machen uns und anderen immer etwas vor - da wollen wir uns doch gar nichts vormachen. Es geht also heute nicht um die Masken, die wir zum Fasching oder bei bunten Abenden tragen und die uns Spaß machen (dieser Spaß soll hier gar nicht vermiest werden), sondern es geht uns um die Masken, die wir im Alltag tragen.

Wir hätten diese Kirche mit Bildern dekorieren können: Das Bild eines Pfarrers mit dem berufsmäßigen Lächeln auf dem Gesicht, denn ein Pfarrer sollte immer freundlich sein. Das Bild eines amerikanischen Soldaten, der zu Hause Frau und Kinder hat und ein guter Familienvater ist - und eine ausländische Familie erschießt. Am besten wäre aber ein riesengroßer Spiegel hier vorn, in dem jeder sich selbst sehen könnte.

 

(2.) Ohne eine Maske können wir überhaupt nicht leben! Masken sind lebensnotwendig. Manchmal ist eine Maske praktisch und nützlich - manchmal ist sie sogar gesetzlich vorgeschrieben: Der Torwart beim Eishockey oder der Fechter wird dadurch geschützt, medizinisches Personal muß gelegentlich eine Maske vor dem Mund tragen, und die Werkzeugmacher müssen bei Schweiß- oder Schleifarbeiten auch Schutzmasken vor das Gesicht halten. Wer die bei der Arbeit nicht aufsetzt, riskiert, daß es ins Auge geht.

Wir müssen aber auch im übertragenen Sinne oft so eine Maske aufsetzen, zu unserem eigenen Schutz, denn es könnte ziemlich ins Auge gehen, wenn wir zum Beispiel immer offen sagen würden, was wir denken.

Daß unsere Gedanken verborgen sind - ist das nicht eine vortreffliche Schutzmaske? Sie können ja am Montagfrüh mal Ihrem Chef ins Gesicht sagen, was Sie von ihm halten. Oder dem Lehrer sagen, wie langweilig er ist. Aber weil jeder jetzt schon weiß, wie der reagiert, werden wir das alle am Montagfrüh hübsch bleibenlassen. Wir werden am Montagfrüh dem Chef, dem Lehrer, dem Kollegen oder auch Nachbarn brav einen recht freundlichen „Guten Morgen“ wünschen - auch wenn wir dem in Wirklichkeit alles andere wünschen als ausgerechnet einen guten Morgen.

Man nennt das Höflichkeit. Oft ist die Höflichkeit weiter nichts als eine Maske, ein bißchen verlogen, aber unentbehrlich. Und wenn die Maske der Höflichkeit fällt, dann wird die Situation ungemütlich. Höflichkeit ist manchmal ziemlich schmierig - aber diese Schmiere brauchen wir, damit die Maschinerie unseres zwischenmenschlichen Zusammenlebens einigermaßen glatt läuft. In einem Satz: Wir brauchen die Höflichkeit - und das heißt: Wir brauchen die Maske! Deshalb bleibe ich dabei: Manchmal muß Maske sein.

Das mit der Höflichkeit ist natürlich ein harmloses Beispiel. Denn wenn wir unsrer Nachbarin mal ungeschminkt die wahre Meinung sagen, da bricht die Welt noch nicht zusammen. Vielleicht für die Nachbarin n aber nicht für uns. Das sieht aber ganz anders aus, wenn es sich nicht um die Nachbarin, sondern um den Chef, Abteilungsleiter, Lehrer oder sonstwen handelt, von dem wir abhängig sind. Sobald wir nämlich mit jemandem zu tun haben, der uns eins auswischen könnte, setzen wir die Maske auf: die untertänige, die gehorsame, die fröhliche, die harmlose, die fromme - ganz wie es beliebt und verlangt wird. Hauptsache ist, der andere kriegt nicht raus, was wir wirklich denken, sondern der kriegt nur das zu sehen, wovon wir denken, daß er denkt, daß wir das denken.

Die modernste Maske aber ist die Gesichtslosigkeit: Manche können gar kein Gesicht verlieren, weil sie keines haben. Gesichtslosigkeit - das ist eine Standardmaske, sie paßt überall hin, sie ist unauffällig, profillos, keine besonderen Kennzeichen! Warum ist das eigentlich so? Warum setzen wir immer die Maske auf?

 

(3.) Es ist allein die Angst, die uns zur Maske greifen läßt. Besonders deutlich wird das an der Geschichte von Adam und Eva im Paradies. Das ist übrigens nicht die Geschichte von einem Ehepaar in fernen Zeiten, sondern die Geschichte vom Menschen überhaupt, unser aller Geschichte. Denn Adam ist kein Eigenname wie Paul oder Fritz, sondern heißt ganz einfach „Mensch“.

In der biblischen Geschichte ist es nun so, daß die beiden Gott ungehorsam waren. Und weil sie wegen ihrer Abweichung vor Gott Angst haben, weichen sie ihm aus und verstecken sich. Adam hat also Angst: Angst vor einer Strafe, Angst vor harten Maßnahmen des Gartenbesitzers, Angst, daß er rausfliegen könnte.

Und so wird das Gebüsch die erste Maske des Menschen. Aber andere Masken kommen dazu: Der Konfirmationsschein weist uns als guten Christen aus, ein Parteiabzeichen als gutes Parteimitglied, die weiße Weste als guten Bürger. Es gibt tausend Schilde, hinter denen wir braven Schildbürger uns verstecken. Immer ist es die Angst, die uns ins Maskenversteck treibt: Die Angst rauszufliegen, auf keinen grünen Zweig zu kommen, den Posten zu verlieren, das Wohlwollen, den guten Ruf, die Aufstiegschancen, den schwer erkämpften Platz an der Sonne.

Die einen sagen: So ist das nun mal, da kann man nichts machen. Das Leben ist so. Hauptsache mit dem Rücken an die Wand und den Hintern fest im Sattel, ansonsten Schnauze. Sie machen alles so, wie es gewünscht wird. Die fühlen sich hinter ihren Masken wohl. Wichtig ist nur, daß die Kohlen stimmen und man gut leben kann. Diese Menschen haben ihr eigenes Gesicht vollkommen verloren und leiden gar nicht darunter, daß sie dauernd maskiert sind. Sie halten das für völlig normal.

Aber es fehlt etwas Entscheidendes, was zum gesunden Menschen unbedingt dazugehört: nämlich das Gewissen. Diese Leute gehören zu den ärmsten Menschen, weil sie sogar vor sich selber eine Maske tragen. Diese Leute sind, noch während sie vielleicht ganz gut leben, eigentlich schon tot.

Aber auch Bibelsprüche können als Maske benutzt werden - und die fromme Phrase ist die Lieblingsmaske des Pfarrers. Die Maske des glaubensstarken Mannes aufsetzen - das ist die Pfarrermaske Nr. 2. Dieser sagt dann:  „Seid wahrhaftig um jeden Preis, sagt jedermann die volle Wahrheit bei jeder Gelegenheit glatt ins Gesicht - runter mit den Masken, werft alle Masken weg!“  Aber das wäre unbarmherzig. Und Gott ist barmherziger als seine fanatischen Diener.

Noch einmal zurück zu der biblischen Geschichte von vorhin. Da wird erzählt, daß Gott, nachdem er Adam in seinem Versteck aufgestöbert hat, ihn zwar zur Rede gestellt hat und er hat ihn auch die Konsequenzen seines Ungehorsams spüren lassen. Aber er hat ihn nicht fix und fertig gemacht, er hat ihn nicht entlarvt und demaskiert und dann fallen lassen - sondern er hat dem Menschen, der nackt vor ihm stand und sich in seiner maskenlosen Nacktheit schämte, höchstpersönlich und eigenhändig eine Maske gegeben.

Gott ist barmherzig, er geht auf die Schwächen seiner Geschöpfe ein. Gott weiß, daß die Welt nach dem Sündenfall für den Menschen ohne Schutzmaske unerträglich wäre - und deshalb gibt er ihm eine. Ganz gleich, wann und wo wir auf dieser Erde leben, immer und überall wird es ein Leben mit Maske sein. All jenen, die sich unter dieser Lebensart quälen, aufreiben und dieses Leben unerträglich finden, denen ist nun dreierlei zu sagen:

 

1. Wir können zwar ohne Maske nicht leben - wir werden also immer wieder handeln, täuschen und schuldig werden. Aber Gott verdammt uns nicht deswegen, sondern er ist bereit, uns zu vergeben, wenn wir ihn in unserem Maskenelend um Vergebung bitten. Und deshalb können wir gar nicht ohne Gott leben - wenn wir wirklich und glücklich leben wollen. Die Vergebung im Namen Jesu Christi - unter dem Zeichen des Kreuzes, an dem die Vergebung Gültigkeit erlangt hat - diese Vergebung ist das großartige Angebot Gottes an alle, die sich hinter ihrer Maske nicht wohl fühlen.

Dieses Angebot Gottes wird in der Kirche weitergegeben. Gehen Sie doch einmal zu einem Pfarrer oder zu irgendeinem Mitchristen und sprechen Sie vor Gott alles aus, was Sie belastet und hinter der Maske drückt. Wenn wir allerdings auch vor Gott die Maske aufbehalten und den starken Mann mit dem reinen Gewissen markieren, dann ist uns auch nicht zu helfen.

 

2. Sich einem anderen Menschen anvertrauen, um sich die Vergebung Gottes zusprechen zu lassen - dazu gehört eben Vertrauen. Angst ist es, die uns immer wieder hinter die Masken treibt. Wenn kein Anlaß zur Angst besteht, dann nehmen wir auch unsere Masken ab. Was wir brauchen, das sind Menschen, vor denen man keine Angst zu haben braucht. Umgedreht werden wir anderen Menschen eine ganz notwendige Lebenshilfe, wenn wir am Abbau von Angst arbeiten, und den anderen spüren lassen, daß keine Gefahr besteht, wenn er die Maske fallen läßt und wir nicht mißbrauchen, was wir hinter der Maske gehört und gesehen haben.

 

3. Die Maske ist zwar ein notwendiges Übel. Aber wir haben die Chance, wenigstens streckenweise ohne Maske leben zu können. Keiner wird sein ganzes Leben ohne Heuchelei, ohne Versteckspielen, ohne Schuld hinzukriegen. Aber streckenweise ist das möglich für den, der an Gott glaubt. Denn wenn ich an Gott glaube, dann weiß ich, daß ich mich als Mensch gar nicht selber schützen kann, sondern daß Gott mich schützt.

Wie oft geht es mit unseren selbstgebastelten Schutzmasken schief? Eine hundertprozentige Angelegenheit sind sie ja nie. Aus lauter Angst tragen wir Masken - und weil wir Masken tragen, haben wir Angst. Das ist der verfluchte Kreislauf, der uns solche Herzbeschwerden macht. Und da kommen wir nur heraus, wenn wir alle Masken sausen lassen und uns Gott restlos ausliefern in dem Vertrauen, daß  e r uns schützt.

Noch einmal ist zu sagen: Nicht immer werden wir das fertigbringen, aber in der Orientierung auf Gott werden wir frei vom Rollenzwang. Im Vertrauen auf Gott überwinden wir dann und wann alle Angst und werden einmal wir selbst. Das sind vielleicht nur Momente in unserem Leben, wo wir so viel Glauben haben, daß wir die Maske fallenlassen. Da sind die großen Momente der Freiheit von der Angst, des guten Gewissens, das sind die eigentlichen Höhepunkte des Lebens, das ist das eigentliche Leben. Das sind die Gelegenheiten, für die es sich lohnt, gelebt zu haben. Und dann bekennt man glücklich: Das Leben hatte einen Sinn! Solche Momente der Wahrheit kommen uns vielleicht teuer zu stehen - aber lieber 300 Mark weniger in der Lohntüte, aber dafür frei von Angst und Maskenzwang. Ich kann nur sagen: Das lohnt sich! Und das müssen Sie auch einmal probieren!

 

 

Reminiszere: Mt 12, 38 - 4 2

Wenn wir an eine Grenze kommen, müssen wir uns durch einen Paß ausweisen, daß wir zum Überschreiten der Grenze berechtigt sind. Wenn einer in eine Jugendbande aufgenommen werden will, dann muß er oft erst eine Probe ablegen, ehe er dazugehören darf. Oft ist das eine Schandtat, die ihn als würdigen Bewerber ausweisen soll. Überall muß man sich erst durch etwas ausweisen.

Auch in Glaubensdingen werden solche Zeichenforderungen erhoben. Eine Frau blieb nach dem Krieg vom Gottesdienst fern, weil sie sagte:  „Solange ich noch kein Lebenszeichen von meinem Sohn habe, der aus der Gefangenschaft noch nicht heimgekehrt ist, kann ich nur weinen und trauern. Wenn er heimkommt, will ich Gott aber gerne wieder dienen!“ Hier soll Gott erpreßt werden, das zu tun, was wir für richtig halten.

Wir denken  auch sicher manchmal: Hätten wir doch nur einen Beweis dafür, daß unser Glaube der allein richtige ist und daß Jesus Christus wirklich Gottes Sohn ist - wenn doch einmal allen klar würde, daß wir recht haben. Doch die meisten sagen: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Für sie ist nur das vorhanden, was man greifen, messen und zählen kann.

Auch wenn wir selber noch nicht in Amerika gewesen sind, so waren doch andere dort und können bezeugen, daß es diesen Kontinent gibt. Auch wenn wir Martin Luther nicht gekannt haben, so bezeugen doch sein Werk und die Berichte über ihn eindeutig, daß es diesen Mann gab. Warum haben wir nicht auch bei Gott eine annähernd gleiche Sicherheit? Warum heißt es da immer: „Das mußt du halt glauben?“ In der Bibel heißt es ja selber: „Niemand hat Gott je gesehen!“ Mancher möchte ja vielleicht gerne glauben. Aber warum macht es ihm Gott da so schwer?

Wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir wohl zugeben, daß in uns allen schon einmal der Zweifel an der göttlichen Botschaft gesteckt hat. Es gab und gibt ja auch falsche Propheten. Da haben wir schon die Aufgabe des Prüfens und Unterscheidens. Die Juden hatten so ihre

Erfahrungen mit Betrügern. Jahrhunderte hatten sie schon gewartet auf dem Messias, da wollten sie sich nicht durch ein paar Wunder hinreißen lassen. Insofern gibt es schon eine berechtigte Zeichenforderung.  Nur sollten wir einsehen: Zeichen können nicht begehrt werden, sondern sie werden gewährt.

Wir sollten aber auch nicht vergessen: Auch die anderen zweifeln daran, ob es nicht vielleicht doch einen Gott gibt. Ein Schüler war in der Schulzeit ganz gegen Gott und die Kirche, er nahm nicht am Religionsunterricht teil und trat dann auch aus der Kirche aus. Zwei Jahre später auf der Universität war seine grundsätzliche Haltung zwar geblieben. Aber er hatte jetzt doch Fragen und nicht mehr Spott. Man konnte sich oft stundenlang mit ihm unterhalten, und man merkte: Mit dem Problem Gott war er nicht so einfach fertiggeworden.

Noch deutlicher geschah es bei einem Lehrer: Der hatte auch nur Spott für Gott und die Kirche übrig. Aber dann heiratete er mit 35 Jahren eine Frau und ging mit ihr sogar zum Gottesdienst. Vielleicht ging er nur der Frau zuliebe mit. Aber wenn er ganz dagegen gewesen wäre, hätte er sich sicher nicht dazu bereitgefunden.

Man kann manchmal den Verdacht haben: Je wilder atheistisch sich einer gebärdet, desto unsicherer ist er. Wenn er nichts davon hält, kann ihm doch die Sache mit Gott gleichgültig sein, dann kann er doch das alles links liegenlassen und braucht nicht dagegen zu wettern und zu kämpfen. Mancher war in jungen Jahren einfach sorglos und schnodderig. Aber nachher wurde ihm doch anders zumute. So leicht wird man eben mit Gott nicht fertig.

Nur können wir Gott nicht auf die Probe stellen wollen. Jesus bejaht ausdrücklich, daß seine Sache vor der Welt nicht bewiesen werden kann. Wer an Gott glaubt, der begreift ganz einfach, wer Gott ist und braucht gar keine Beweise mehr. Sicherlieh hätte es Jesus zunächst

leichter gehabt mit einem eindeutigen Zeichen vom Himmel. Es ist keine Frage, daß er so ein Zeichen tun könnte. Aber es ist doch fraglich, ob er damit in den Menschen eine Überzeugung geschaffen hätte, die bleibt.

Sie müßten sich vielleicht beugen, wenn sie es mit Jesus zu tun bekämen. Aber auch die zehn ägyptischen Plagen haben den Pharao nicht zu einem gläubigen Menschen gemacht. Die Sprache der harten Tatsachen kann Menschen nötigen, klein beizugeben, aber Liebe erzeugen sie nicht.

In dem Buch: „Das Wunder des Malachias“ tut Gott das große Wunder und versetzt einen Tanzpalast auf eine einsame Insel. Aber nun ist er erst recht eine Sensation und die Menschen ziehen erst recht dorthin. Die ungläubige Menge hat gerade nichts von Gott gemerkt und das Wunder war keine Hilfe zum Glauben.

Die Leute haben nur gesehen und gestaunt - und dann haben sie weitergemacht. Aber sie haben kein Vertrauen zu Christus gewonnen. Wer damit nicht ernst macht, der soll auch nichts sehen. Gott läßt sich nicht mustern und anstaunen von solchen, die mit ihrem Herzen ganz woanders sind. Aber er fragt nach  u n s e r e m Glauben und öffnet sich dem, der auf ihn vertraut.

Glauben ist eine Vertrauenssache. Da kann man nicht mit Beweisen und Überwachung arbeiten. Wenn eine Frau ihren Mann verdächtigt, er sei ihr untreu geworden, dann unternimmt sie vielleicht alles, um sich Gewißheit zu verschaffen. Vielleicht fragt sie ihn aus oder kontrolliert seine Post oder stöbert in seinen Taschen. Vielleicht stellt sich ihr Verdacht als völlig unbegründet heraus. Aber alle Beweise haben doch kein neues Vertrauen zwischen ihnen gestiftet, die Unruhe ist größer als vorher,

Deshalb spricht Jesus von dem „ehebrecherischen Geschlecht“: weil sie lieblos sind, zerbricht das Verhältnis zwischen Gott und ihnen. Man kann niemanden auf die Probe stellen, den man liebt. Vertrauen wächst nicht, indem man sich ausweist. Jesus geht einen anderen Weg. Er gibt kein anderes Zeichen als sein Leben und Sterben. Die Absage an ein besonders Zeichen ist Ausdruck dafür, daß er die Menschen liebt und nicht verlieren möchte.

Jesus spricht hier vom „Zeichen des Jona“. Damit erinnert er an den Propheten aus dem Alten Testament, der nicht nach Ninive gehen wollte und deshalb von einem Wal verschluckt wurde und am Strand von Ninive wieder ausgespuckt wurde. Auf einmal war der totgeglaubte Jona wieder da und forderte die Leute zur Umkehr auf.

Auch mit den Tode Jesu schien alles aus zu sein. Es kam ja gerade k e i n  Zeichen Gottes, als Jesus starb. Aber der Tod beweist noch nichts. Jesus mußte nur erst sterben, damit Gott ein Zeichen tun konnte. Nach drei Tagen war der gekreuzigte Jesus wieder zur Stelle. Er ist das Zeichen, das uns gegeben wird, er und sonst nichts anderes. Wer nicht glaubt, kann nur das Kreuz sehen und sich nur wundern, weshalb die Sache Jesu noch weitergeht.

Allerdings kann Gott auch einmal den Gottesleugnern ein Zeichen geben, obwohl sie es gar nicht haben wollten. Die Heiden in Ninive und die Königin von Saba haben schließlich auch geglaubt. Sie werden sogar noch als Vorbild hingestellt, weil sie schließlich doch noch umgekehrt sind. Die erst ein Zeichen wollten und eine Beglaubigung verlangten, werden jetzt zur Umkehr aufgefordert.

Damit ist nicht gereut, daß wir mehr oder weniger klein beigeben. Aber er will unseren falschen Stolz überwinden. Wir müßten doch noch am ehesten dazu bereit sein, denn wir haben ja genügend von Gott gehört. Wir haben doch Jesus, der mehr ist als Jona und Salomo. Wir haben es doch letztlich leichter, zum Glauben zu kommen, als die Ungläubigen von damals und heute.

An sich müßte es so sein, daß die Fernstehenden Lust bekämen, durch die Christen an Gott zu glauben. Aber das Gegenteil ist oft der Fall: Gerade die Christen machen Christus Schande. Er wird vielleicht einmal sagen: „Die dem Glauben ganz fern standen, sind umgekehrt, ihr dagegen seid nicht umgekehrt.

Doch Jesus hat es darauf abgesehen, auch uns zu retten. Er mußte dafür sein Leben einsetzen, wenn er uns wirklich helfen wollte. Aber billiger wer es nicht zu machen. Deshalb ist es nicht recht, wenn wir Gott Vorwürfe machen, weil er seinen eigenen Willen hat und im Hintergrund bleibt und wir den Eindruck haben, die Zeichen bleiben aus, wo wir sie besonders nötig hätten.

Natürlich sieht es manchmal so aus, als herrschten in der Welt andere Mächte und als könnte man sich nur an das halten, was man sieht. Aber all das soll uns nicht irre machen an Gott. Selbst der Gedanke an den Tod soll uns nicht unnötig zu schaffen machen. Manchmal wünschen wir uns, daß einer von den Toten zurückkäme und uns erzählen könnte.  Das wäre doch einmal ein Zeichen, das alle überwältigen würde; so denken wir dann.

Aber Gott tut uns den Gefallen nicht. E i n e r ist auferstanden, Jesus Christus, und das muß uns genügen. Wer dem Wort Jesu nicht glaubt‚ der würde auch nicht glauben, wenn einer von den Toten wiederkäme. Er hätte ja dann doch immer noch tausend neue Einwände, nur um nicht glauben zu müssen.

Gott aber will, daß wir im Glauben wirklich gewiß sind: Wir werden von Gott geliebt, wir dürfen bei ihm sein. Daß wir das glauben können, dafür ist einer gestorben. Sein Opfer sollten wir annehmen und ihm ganz vertrauen.

 

 

Okuli: Mk 12, 41 - 44

Als ein Mann um eine Spende für die Kirche bat, erhielt er die spöttische Antwort: „Na, da will ich auch mein Scherflein geben!“' Doch der Sammler antwortete schlagfertig: „So viel wollen Sie geben? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein“ Doch der andere sagte von oben herab: „Sie wissen doch gar nicht, wieviel ich geben will!“ Da sagte der Sammler: „Des Scherflein der Witwe war alles, was sie hatte!“

Wir machen uns das meist auch nicht klar, wenn wir sagen, wir hätten ein „Opfer“ gegeben. Jesus hat ein Opfer gebracht, als er ans Kreuz ging. Daran denken wir jetzt in der Passionszeit besonders. Aber eine Gabe in Geld sollten wir nicht als Opfer bezeichnen. Es sei denn, wir machten es wirklich so wie die Witwe, die mit ihrem letzten Geld auch sich selber hingegeben hat. Jesus beobachtet, wie sich die Leute am Ausgang  Tempels verhalten. Er stellt fest: Einige geben viel. Eine Witwe gibt zahlenmäßig wenig, aber sie hat sich selbst geopfert.

 

(1.) Einige Leute geben viel:

Wenn ein Ehepaar zusammen 4.000 Euro verdient und davon 100 Euro im Monat für die Kirche gibt, dann tut das noch nicht weh. Da muß Gott immer noch mit dem zufrieden sein, was nach Befriedigung aller menschlichen Bedürfnisse noch für ihn abfällt. Natürlich kann man auch für große Spenden dankbar sein, man i s t dankbar. Wer einen kirchlichen Haushaltsplan aufzustellen hat oder die laufenden Unkosten und Rechnungen zu bezahlen hat, der weiß große Beträge zu schätzen.

Die Kirche braucht Geld. Aber sie darf nicht reich sein wollen. Nur als arme Kirche wird sie viele Menschen reich machen können, allerdings in einem anderen Sinne. Geld sollte nicht dazu dienen, eine Macht aufzubauen. Es ist ein böser Satz, wenn gesagt wird: „Wer zahlt, der hat auch das Sagen!“ So etwas dürfte es in der Kirche nicht geben. Denn es zahlen ja nicht diejenigen, die das Geld verwalten, sondern die vielen kleinen Spender.

Man sollte in der Kirche aber nicht immer wieder um Geld betteln, vielleicht abgesehen von der Aktion „Brot für die Welt“. Oft wird der Erfolg eines Gottesdienstes oder einer Gemeindeveranstaltung nur nach der Höhe der Kollekte bemessen. Manchmal sagt man in der Kirche: „Es kommt nicht auf die Zahl an!“ Aber am liebsten möchte man hinzufügen: „Aber auf die Kollekte!“

Manchmal hat man den Eindruck, eine Gemeindeveranstaltung wird nur noch durchgeführt

wegen der Kollekte. Am Ende beruhigt man sich doch immer wieder mit der Finanzstatistik und meint: „Du hast doch einiges geleistet, so schlecht ist es nun auch wieder nicht, zumindest ist es bei den anderen noch schlechter!“

Wem viel gegeben wurde, der kann auch mehr weggeben. Doch oft ist es so: Wer viel hat, der hat auch viel Angst darum und will zur Sicherheit immer noch mehr haben. Wer aber wenig hat, der gibt oft noch etwas davon ab. Er vertraut einfach darauf, daß es andere dann auch tun werden‚ wenn er sie einmal braucht.

Vielleicht ist alles auch nur eine Frage der Einteilung. Für so viele Dinge ist Geld da. Die Frage ist nur, ob wir es recht einsetzen und was uns wichtig ist. Vielleicht sollten wir mehr auf das sehen, was wir haben, und nicht auf das starren, was uns noch fehlt. Wenn wir dankbar sind für das, was wir schaffen durften, dann fällt uns ein Geschenk an andere doch gleich viel leichter.

Wer etwas gibt,  sollte es ohne Hintergedanken tun. Der Reiche im Tempel wollte sich sicher auch mit seinem Geld ein wenig den Himmel verdienen. Und er hatte auch einen politischen Grund, weshalb er den Tempel unterstützte: Damit leistete er stillschweigenden Widerstand gegen die Römer, deren Besatzung seinen Stolz nicht hatte brechen können. Er mußte sich ihnen beugen, aber hier konnte er noch Opposition machen. Für die Witwe konnte das alles nichts bedeuten.

 

(2.) Die Witwe gibt zahlenmäßig wenig:

Die Reichen gaben aus ihrem Überfluß. Es tat ihnen nicht weh, und es durfte auch nicht weh tun. Wer die Macht des Geldes einmal erfahren hat, der will darauf nicht mehr verzichten. Die Witwe dagegen kannte die Macht des Geldes nicht. Es hatte bei ihr immer nur so eben gereicht. Aber sie hatte gelernt, sich auf Gott zu verlassen, da konnte sie dann auch anderes loslassen.

Eine fast 90 Jahre alte Frau gab dem Pfarrer 30 Mark in die Hand. Zehn Prozent ihrer Rente waren das damals, die sie über Kirchensteuer und Kollekte hinaus gegeben hat. Oder ein Schulkind, das für heutige Verhältnisse wenig Taschengeld erhält und doch einen ziemlichen Betrag für „Brot für die Welt“ gibt. Das sollte uns davor bewahren, mit dem Geld selbstherrlich umzugehen. Alles Geld der Kirche ist gespendet, auch die Zinsen vom Rücklagenkonto, auch Pachten und Mieten, auch das Geld, das wir als Kirche von außerhalb erhalten. Deshalb ist bei jeder Ausgabe zu überlegen: Ist sie nötig? Geht es nicht auch billiger?

Die  Witwe hatte nur wenig zu geben. Wahrscheinlich hat sie sich geschämt, als sie sich den Opferstöcken im Vorhof des Tempels näherte und ihre Gabe dem Priester übergab. Der sah mit geübtem Blick, daß es nur zwei Pfennige waren und legte sie wortlos in den Kasten. Da brauchte er nicht den Posaunenbläsern Bescheid zu sagen, denn die bliesen nur bei einer ansehnlichen Spende. Diese Frau würde auch nie einen, Ehrensitz im Gotteshaus erhalten, wie das später in der Synagoge üblich war.

Aber bei Gott gelten eben andere Maßstäbe. Da ist man auch noch anerkannt, wenn man nichts oder fast nichts zu bringen hat. Bei ihm gelten nicht das Leistungsprinzip und die ins Auge springenden Taten. Er läßt auch noch die Schwachen zum Zug kommen. Er achtet

gar nicht so sehr auf das, wofür die Menschen Preise erhalten oder bei Jubiläen geehrt werden. Ihm kommt es vielleicht mehr auf das an, was in der Stille geschehen ist, aber mit großer Hingabe und Treue. Wir halten vielleicht einen Menschen und sein Lebenswerk für unbedeutend, aber Gott hebt ihn heraus.

In der Schule ist eine mühsam errungene „Drei“ vielleicht mehr wert als eine „Eins“, die dem Betreffenden nur zugefallen ist. Gott weiß, daß es manche Menschen eben schwerer haben im Leben. Sie können zum Beispiel nicht so leicht andere Menschen für sich gewinnen oder sie hatten eine schwere Jugend oder sie befinden sich in einer schwierigen gesellschaftlichen Lage.

Auch in der Kirche haben wir uns gerade um die zu kümmern, die im Leben zu kurz gekommen sind. Deshalb werden zum Beispiel die Sonderschüler mit in die übliche Konfirmandengruppe  hineingenommen, da werden die geistig Behinderten als volle Menschen angesehen

und die körperlich Behinderten in die Abendmahlsgemeinschaft mit hineingenommen, da werden die alten Rentner genauso besucht wie die Gutverdienenden, da zählen die Frauen wie die Männer. Bei Gott gelten eben andere Maßstäbe.

 

(3.) Die Witwe hat sich selbst geopfert:

Was die Witwe tut, ist an sich nicht unbedenklich. Leicht kann es ja zur Übertreibung und Übersteigerung kommen, bis hin zum Menschenopfer. Was wird die Frau wohl gemacht haben‚ wenn sie am anderen Morgen Brot holen wollte und es war kein Geld da? Kann man denn alles wegschenken und dann anderen zur Last fallen? Wäre es nicht unverantwortlich, wenn ein Rentner 14 Tage vor der nächsten Rentenzahlung all sein Geld weggäbe und dann

Mittellos dastünde?

Für die Witwe geht es nicht um die Geldfrage, sondern um die Gott-Frage: Verläßt sie sich auf den Besitz oder hat sie Vertrauen zu Gott? Jesus will uns mit diesem Beispiel Mut machen, uns ganz auf Gott zu verlassen. Auch was uns sonst noch so Sicherheit geben könnte, kommt ja letztlich auch nur von Gott: Gesundheit und Verdienstmöglichkeiten, friedliche Zeiten und ausreichende Rohstoffe. Aber all das kann sich auch zwischen uns und den Glauben stellen und eine vertrauende Hingabe ausschließen. Besonders gefährlich ist aber das Geld.

Doch ein Opfer kann auch in  anderer Form nötig sein. In vielen Konflikten kommt man nur dann weiter, wenn man zum Verzicht und zum Nachgeben bereit ist. Da gilt es, den eigenen Standpunkt zu opfern. Wir müssen uns auch fragen lassen: Setzen wir uns wirklich ganz ein für körperlich und geistig schwache Menschen oder für einen schwierigen Kollegen. Wir wissen doch nicht, ob wir genügend Zeit dafür haben. Wir fürchten, der andere würde sich vielleicht an uns hängen wie eine Klette. Vielleicht werden wir selber Nachteile haben! Und wer wird uns den Einsatz danken?

Gott verlangt nicht immer alles, wie bei Jesus, dessen Tod ein wirkliches Opfer war. Aber Gott kann natürlich auch fordern. Wir können auch einmal hart gefragt werden, ob wir Gott wirklich lieber haben als irgendetwas anderes. Vielleicht merken wir das erst, wenn wir einmal eine unheilbare Krankheit haben und unser Leben ganz Gott übergeben sollen.

Jesus verbürgt sich für einen Menschen, der alles von Gott erhofft. Die Witwe hat keine Sicherheiten in der Hand. Doch das braucht sie auch nicht. Sie hat ihr ganzes Leben Gott ausgeliefert und alles weitere ihm überlassen. Sie weiß, daß für sie gesorgt wird. Deshalb braucht sie nicht ängstlich darauf bedacht zu sein, ob sie nicht irgendwo zu kurz kommt.

Wer sich Sorgen macht, der betrachtet alles nur unter dem Gesichtspunkt, ob es zum Ausbau der eigenen Position nutzbar ist. Er kann sich nicht an eine große Sache verlieren, erst recht nicht an Gott.

Der Witwe aber hat Gott ein Vertrauen geschenkt, das sie frei macht zur ganzen Hingabe. Sie wollte Gott über alle Dinge ehren und lieben, als sie sagte: „Hier hast du mich!“ Dadurch wird ihre Einstellung deutlich zum Geld, zum Mitmenschen und zu Gott. Gott hat aber ein Recht auf unser ganzes Vertrauen. Dieses Vertrauen ist in der Tat ein Sprung ins Dunkle. Aber wenn man Gott kennt, da weiß man ja, wem man sich überläßt.         

 

 

Lätare: Joh 6, 55 - 65

Wenn man auf dem Schulhof die Papierkörbe nachsieht, dann kann man dort manches Brot und manches Brötchen finden. In den Hungerjahren war das anders, da wurde alles nur irgendwie Eßbare verwertet. Genauso machen es aber Viele, wenn es um Christus geht, der das Brot des Lebens ist: als sie in Not waren und nicht mehr ein noch aus wußten, da haben sie gern nach ihm gegriffen. Aber dann traten andere Dinge in den Vordergrund, man mußte sich eine Existenz aufbauen und nachher dann sichern; da konnte man sich dann nicht mehr so um Gott und die Kirche kümmern, das sollte dann Zeit haben bis zum Alter.

Sicherlich gehören die Anschaffungen und all das, was wir so zum Leben brauchen, einfach mit zum Leben dazu. Das Wort „Brot“ meint ja nicht nur das Brot, das wir beim Bäcker kaufen können. Es steht an sich für das Wort „Lebensmittel“, und dieses wiederum steht für

alles, was wir zum Leben brauchen. Dazu gehören neben Essen und Trinken auch Wohnung und Kleidung, das gute Zusammenleben mit anderen und der Urlaub, das Auto und der Fernsehapparat und noch vieles andere mehr.

In der schlechten Zeit ging es wirklich nur um den  Grundbedarf. Da hat man eine Mindestmenge Kalorien festgelegt und die Zuteilungen entsprechend vorgenommen. Man braucht eine gewisse Menge Kalorien, dazu Vitamine und Spurenelemente, sonst kann man auf die Dauer nicht leben. Doch die Frage ist: Gehört auch Jesus mit zu diesem Existenzminimum dazu? Ist er wirklich ein Grundnahrungsmittel, ein Mittel zu einem wirklichen Leben mit Gott? Das Johannesevangelium sagt dazu: Leben haben wir nur in Christus, Christus gibt sich uns in seinem Mahl, wir empfangen sein Mahl nur im Glauben.

 

(1.) Leben haben wir nur in Christus: Aller Überfluß nützt allein nichts, wenn man nicht das „Leben“ hat. Jesus meint damit nicht die Erhaltung des äußeren Bestandes und den Fortgang der biologischen Vorgänge.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, nicht von dem, was wir erarbeiten und gestalten, erfinden und konstruieren. Wir sind immer „Menschen vor Gott“ und haben darin unsre Würde und Bestimmung.

Gott ist wie das Brot, auf das wir talgtäglich angewiesen sind. Doch viele sehen ihn nur wie einen Kuchen oder eine Torte an, die man sich einmal an Son- und Feiertagen leistet, mehr so eine Zutat. Aber wenn einer nur Kuchen essen wollte, dann wird er bald überfüttert. Von Zutaten allein kann man nicht leben. Brot aber kann man jeden Tag wieder neu essen, ohne es überdrüssig zu werden.

So ist Christus für einen Christen eine Speise, die er  täglich braucht. Es wird ihm auch nicht zuviel, jeden Sonntag zum Gottesdienst zu gehen, weil er dort etwas Lebensnotwendiges erhält. Für ihn ist der Glaube nicht nur so eine Weltanschauung am Rande, auf die man zur Not auch noch verzichten kann. Er weiß vielmehr: Zum wahren Leben genügt es nicht, wenn man mit Frau und Kindern zufrieden in seinem Häuschen wohnt. Das Leben läuft leer, wenn es sich nur in der Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse erschöpft. Wenn man Christus nicht hat, dann verhungert man.

Die Zeitgenossen Jesu forderten irdisches Brot von ihm. Am Anfang des Kapitels wird ja die Speisung der Fünftausend beschrieben. Sie verlangten Hilfe in den äußeren Nöten des Lebens, aber nicht die Vergebung ihrer Sünden und die Erneuerung ihres Wesens. Sie suchten Heilung von diesem oder jenem Gebrechen, nicht aber das Heil Gottes. Vor allem suchten sie nicht das ewige Leben in Jesus Christus.

Außer der Frage nach dem täglichen Brot gibt es eben auch die Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Das ist eine Urfrage der Menschheit. Im Alten Testament wird erzählt von dem Manna, das vom Himmel fiel und von dem die Israeliten sich bei ihrer Wüstenwanderung ernährt haben. Aber Jesus stellt nüchtern fest:“Auch sie starben!“. Irdische Nahrungsmittel sichern nur das irdische Leben, nicht das himmlische.

Das liegt vor allem auch daran, daß wir Gott oft schneiden und mißachten und dabei unser Menschsein verfehlen. Deshalb brauchen wir nicht nur das Brot vom Bäcker und auch nicht nur das Manna vom Himmel, sondern ein Leben von Gott, das den Tod überdauert. Dieses Leben empfangen wir nur in Christus. Eines Tages werden die Bedingungen für die Erhaltung unsres Lebens mehr und mehr schwinden: vielleicht wird der Atem knapp oder der Magen nimmt nichts mehr  oder die Sinne schwinden oder es wird uns all das genommen‚ wofür wir uns ein Leben lang abgestrampelt haben - aber es bleibt das Leben, das in der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott besteht und wo wir uns unbesorgt in seine Liebe hineinfallen lassen können.

 

(2.) Christus gibt sich uns in seinem Mahl: Die Menschen haben Sehnsucht nach der Verlängerung ihres irdischen Lebens ins Unendliche hinein. Was dem Menschen gut tut, das soll immer so bleiben. Und wenn hier etwas schlecht und unzulänglich bleibt, dann möchte man wenigstens auf eine bessere Zukunft vertröstet werden. Mancher will sich auch selber helfen: er wendet Kosmetik und Kuren an, schließt eine Lebensversicherung ab und fühlt sich mit 60 Jahren noch auf der Höhe seiner Kraft.

Beim ewigen Leben aber geht es weder um unsre Wünsche und Sehnsüchte noch um eine möglichst lange Dauer des Lebens. Vielmehr geht es um die enge Verbindung und die Gemeinschaft mit Gott. Diesen Zugang zu Gott finden wir über Jesus, der zu uns kommt in seinem Mahl. „Die Liebe geht durch den Magen!“ sagt man. So geht auch Jesus in uns ein und macht uns so die ganze Liebe Gottes deutlich. Er gibt sich uns und will sich mit uns vereinigen. Er gibt uns nicht etwas, sondern sich selbst.

Deshalb kommt es nicht auf das Brotwunder an, sondern auf den Geber der Gaben. Der hat nicht andere für sich arbeiten lassen, die er dann mit Gold und Silber bezahlt hätte, wie das andere Brotherren tun. Das neue Leben kommt nicht wie die Luft des Frühlings, sondern Jesus hat sich als Priester als Opfer hingegeben. Dadurch wurde der neue Bund zwischen Gott und den Menschen geschlossen.

Mit seinem Fleisch hat Jesus dafür bezahlt. Dieses Fleisch dürfen wir heute noch essen im Abendmahl. Sicherlich dürfen wir das nicht wörtlich verstehen, so als hätten wir wirkliches Fleisch zwischen den Zähnen. Aber wir empfangen den ganzen Christus im Abendmahl. Es ist ein wahrhaftes, aber übernatürliches Essen, in dem Jesus sich uns zuwendet und sich hingibt. Wie das möglich ist, das ist Gottes Geheimnis. Aber Christus bindet sich an Brot und Wein, so daß wir ihn in uns aufnehmen können.

Es genügt also nicht, nur die Predigt zu hören, obwohl sich Christus natürlich auch im Wort gibt. Es ist nicht genug, zu ihm zu kommen und an ihn zu glauben. Das Brot des Lebens will euch gegessen werden. Christus weiß, daß wir ihn leibhaft nötig haben. Wirkliche Gemeinschaft gibt es schon unter uns Menschen nur durch leibliche Nähe. Menschen, die sich liebhaben, wollen einander sichtbar und greifbar nahe sein.

So schwebt auch Christus nicht geistlich über uns, sondern er geht in uns ein. Wir nehmen ihn in uns auf und er nimmt uns in sich auf. Er ist ganz im Irdischen und wir sind ganz im Himmlischen. Dieses Wissen verändert auch schon jetzt das Leben. Wer seine Zukunft durch Gott gesichert weiß, der will täglich mit Gottes Wort umgehen und sehnt sich nach Gottesdienst und Abendmahl.

Wir haben Grund zur Freude: Jesus kam als Brot des Lebens zu uns. .Jetzt gilt es, diese großartige Gabe Gottes im Glauben anzunehmen. Aber dann kommen viele Dinge, die man mit dem Willen nicht bewältigen kann, von innen heraus ganz neu in Ordnung: ein vorschneller Streit in der Familie, lautes Geschrei mit den Nachbarn und noch vieles andere.

 

(3.) Wir empfangen das Abendmahl nur im Glauben: Die harte Rede Jesu löst unter Vielen eine Abfallbewegung aus, sogar unter denen,  die sich bisher als seine Jünger verstanden. Sie sagen: Der will uns weismachen, er sei vom Himmel gekommen und bringe uns himmlisches Leben? Er will das Brot des Lebens sein und uns mehr bieten als unsren Lebensstandard? So lassen sie sich lieber durch andere Angebote weglocken und verführen. Sie bleiben nicht, sondern sie gehen weg und verraten ihn damals wie heute.

Jesus fragt: „Wollt ihr auch weggehen?“ Und Petrus antwortet ihm mit dem berühmten Worten: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, das sich lohnt und das froh macht!“ Doch dieses Plus an Wirklichkeit nimmt nur der Glaube wahr. Daß Jesus vom Himmel gekommen ist und heute in seinem Mahl gegenwärtig ist, kann nur der Glaube erkennen.

Man kann Jesus die ganze Zeit leibhaftig vor sich gehabt haben wie Judas und doch an ihm irre werden und ihn verraten. Der Unglaube darf niemanden verwundern, weil er an sich das Normale ist, auch unter Jüngern und unter uns. Erst der Geist deckt uns in Christus und in seinem Mahl die göttliche Wirklichkeit auf.

Der Glaube kann ja nichts hervorbringen, sondern entdeckt nur das Vorhandene und nimmt es an. Wir haben die Christuswirklichkeit nicht geschaffen, sie kann auch nicht durch uns annulliert werden. Unsre Untreue hebt Gottes Treue nicht auf. Sein Mahl bleibt, auch wenn der Glaube aussetzt. Er wartet geduldig vor der Tür, bis wir aufmachen.

 

 

Joh 6, 47 - 51 (ähnlicher Text, aber nicht mehr in den Predigtreihen)

In der Jakobstraße in Paris gab es einen Bäcker, bei dem die Leute gern einkauften. Er war ein menschenfreundlicher und weiser Mann. Einmal kam der Busfahrer Gerard in den Laden Der Bäcker fragte ihn, weshalb er so bedrückt aussieht. „Ich habe Angst um meine kleine Tochter“, sagte der Busfahrer. „Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom zweiten Stock!“

Da nahm der Bäcker ein Stück vom Brot, das auf dem Ladentisch lag, brach zwei Bissen ab und gab das eine Stück dem Busfahrer. „Essen Sie mit mir!“ sagte er. „Ich will an Sie und ihre kleine Tochter denken!“"So aßen sie beide ihr Brotstück und dachten an das Kind im Krankenhaus.

Dann kam eine Frau dazu. Doch ehe sie ihren Wunsch sagen konnte, gab ihr der Bäcker ein Stück Weißbrot in die Hand und sagte: „Kommen Sie, essen sie mit uns: die Tochter dieses Herrn liegt schwerverletzt im Krankenhaus, sie ist aus dem. Fenster gestürzt, vier Jahre ist sie alt. Der Vater soll wissen, daß wir ihn nicht allein lassen!“ Da nahm die Frau das Brot und aß mit den beiden. So kam das öfter vor. Der Bäcker wußte eben, daß das Brot nicht nur zum Sattessen da ist.

Auch Jesus hat das den Menschen klarmachen wollen. Da waren Fünftausend satt geworden. nun interessieren sich die Leute für diesen Jesus, den sie als Brotspender erlebt haben. Nur zu gern hätten sie ihn zu ihrem König gemacht, der ihnen auch in Zukunft immer solches Brot liefert. Jesus sagt: „Ja, ich bin das Brot des Lebens. Aber wahres Leben habt ihr nur von mir, durch mein Opfer und in meinem Abendmahl.

 

(1.) Wahres Leben haben wir nur von Christus selbst: Jesus hat das Begehren der Menschen nach Brot ganz ernst genommen. Aber Schritt für Schritt will Jesus sie dahin führen, wo man Leben im Vollsinn des Wortes gewinnen kann. Er sagt: „Verschafft euch doch nicht solche Nahrung, die immer wieder verdirbt, sondern die Nahrung, die ins ewige Leben hinein bleibt. Diese kann nur ich euch geben!“ Natürlich ist das eine Rede, die der Einsicht und dem Willen sehr viel zumutet. Zunächst einmal geht es doch den Menschen darum, den Bauch zu füllen. Alles, was irgendwo vorhanden ist, muß man haben: zum Schulanfang der Kasettenrecor­der, zur Konfirmation das Moped, mit 18 Jahren eine voreheliches Verhältnis. Auch wir heute

leben in einer Anspruchsgesellschaft, in der man nicht bereit ist, einmal auf etwas zu verzichten oder nach höheren Werten zu fragen.

Auffälligerweise sind wir an dem Leben im qualifizierten Sinn wenig interessiert. Vielleicht haben wir sogar den Verdacht, das ewige Leben werde uns nur deshalb angeboten, weil wir um das zeitliche Leben betrogen werden sollen.

Aber Jesus will nicht, daß wir weniger Leben haben, sondern mehr. Allerdings genügt es nicht, daß wir das natürliche Leben nur immer mehr steigern. Es geht um ein ganz anderes Leben. So nach und nach erkennen die Menschen auch, daß man das haben müßte, wovon Jesus redet. Ob sie es wissen oder nicht: Die Menschen sind darauf angewiesen, was Gott ihnen zusagen und geben will. Nur besteht Gottes Gabe nicht unbedingt in dem, worauf w i r aus sind.

Wir brauchen etwas, was uns von Hause aus gar nicht in den Sinn kommt. Wir brauchen Gott, wir brauchen Christus! Doch das ist erst recht eine „harte Rede“: Jesus soll das von Gott gekommene Brot sein. Jesus schätzt sich doch zu „himmlisch“ ein, aber er gibt sich zu „irdisch“. Und er mutet uns zu, ihn selbst zu essen und zu trinken. Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln. Und ein Jude gar durfte gar kein Blut trinken und empfand den Genuß von Blut als ekelhaft.

Aber Jesus meint Folgendes: Wer Brot vom Bäcker ißt, wird immer wieder Hunger bekommen. Das Brot bringt das Leben nicht aus sich selbst hervor, sondern bedarf selber des Lebens, der Zufuhr von außen.

Man müßte aber Brot „vom Himmel“ haben, das heute schon das ewige Leben sichert. Dazu gehört aber, daß man mit Gott in eine personale Gemeinschaft kommt. Wir sind doch dazu geschaffen, sein Gegenüber zu sein. Das ist viel wichtiger, als uns immer nur mit der Fristung und Bereicherung unsres äußeren Lebens zu beschäftigen. Unser Leben beruht nicht

auf dem, was Jesus uns g i b t, sondern auf dem, was er uns i s t. In seiner persönlichen Zuwendung gibt Gott uns das ewige Leben. Dieses ist kein Luxusartikel, etwas, das auch ohne wesentlichen Schaden wegfallen könnte. Brot ist das Nötigste des Nötigen, vergleichbar nur mit Wasser und Atemluft. Es wäre ein Irrtum, ohne Jesus das  „Leben“ haben zu wollen.

 

(2.) Das wahre Leben haben wir nur durch das Opfer Jesu: Das Brot, das Jesus ist, erlangt seine lebensspendende Kraft durch die Hingabe in den Tod. In dem großen Kreislauf der Natur muß ja auch das Weizenkorn erst in die Erde gelegt werden und sterben, damit Frucht daraus entsteht. Daraus kann man Brot machen, von dem wiederum andere leben können. Immer muß etwas hingegeben werden, damit anderes leben kann.

So ist auch Jesus das Brot, das für uns gegeben wurde. Er hat sich selber aufgegeben, damit wir leben können. Dabei war nicht erst sein Tod die Hingabe des Lebens, sondern seine ganze Zuwendung zu uns. Aber wird machen ihm oft das Herstellen der Gemeinschaft sehr schwer. Wir wollen ja eigentlich gar nicht i h n, sondern nur das, was er zu bieten hat. Zuletzt steht Jesus ja ganz allein da, nur die zwölf Jünger sind noch dabei, aber auch unter ihnen ist ein Verräter.

Jesus teilt nicht nur Brot aus, sondern er gibt sein menschliches Leben hin: „Das Wort ward Fleisch!“ heißt es am Anfang des Johannesevangeliums. Dabei hat er es auf die ganze Welt abgesehen. Aber das Leben aus Gott hat man nicht automatisch, sondern man muß es im Glauben annehmen. Das ewige Leben kann man nicht anders haben, als daß man zu Jesus kommt. Aber zum Glauben gerufen sind alle. Und für alle in der Welt hat er sein Leben gegeben.

 

(3.) Das wahre Leben haben wir nur durch das Mahl Jesu: Die Gedanken nehmen noch einmal eine scharfe Wendung. Jetzt ist das Geben des Brotes ein Sakrament, eine heilige Handlung. Jetzt ist nicht mehr Jesus als Person das Brot, sondern man muß wirklich das Brot essen und das Blut trinken. Die Formulierungen am Schluß des Abschnittes deuten ganz klar auf das Abendmahl: „Das Brot ist mein Fleisch, dahingegeben für das Leben der Welt!“

Doch natürlich darf man nicht meinen, nun brauche man sich nur noch an Brot und Wein zu halten, dann habe man schon das Leben. Von Jesus, dem Herrn, kann man dabei nicht absehen. Er gibt die Speise zum ewigen Leben. Doch er sucht Verbindung zu uns auf verschiedene Art. Er tut es mit seinem Wort, er tut es aber auch mit Brot und Wein. Er bindet seine Gegenwart und sein unzerstörbares Leben an Brot und Wein. Dadurch will er uns zum Glauben helfen‚ damit wir nicht immer nur das Wort haben, sondern auch etwas zum Anfassen.

 

Das hat auch der Bäcker begriffen, von dem am Anfang die Rede war. Natürlich hätte er seine Kunden auch mit einigen tröstenden Worten abspeisen können. Das wäre ein Akt der Höflichkeit gewesen, vielleicht auch nur Ausdruck seiner Geschäftstüchtigkeit. Aber dem Menschen wäre nicht geholfen gewesen. Durch die Handlung, durch das gemeinsame Essen aber hat er sich auf die gleiche Stufe gestellt mit dem Mann, der Kummer hatte.  Ohne viele Worte zu machen hat er ihn getröstet, hat ihm wieder Hoffnung gegeben, hat ihm wieder das Leben ermöglicht, ein zufriedenes und erfülltes Leben. So hat Jesus auch gehandelt, so handelt er noch heute an uns.

 

 

Judika: 1. Mose 22, 1 - 13

Es gibt Burgen und Stadtmauern, von denen wird erzählt, ein Kind sei dort lebendig eingemauert worden. Als der Bau schon fast vollendet war, kam der Baumeister zum Bauherrn und sagte: „Wenn die Mauern der Burg wirklich unüberwindlich sein sollen, dann muß etwas Lebendiges mit eingemauert werden. Ich brauche ein kleines Mädchen, das mit in das Tor eingemauert wird!“ Man machte ein Fest für die Kinder des Dorfes und der Umgebung und loste dann aus, wer das Opfer sein sollte. Und siehe da, das Los fiel auf die siebenjährige Tochter des Baumeisters.

Der Vater raufte sich die Haare, weil er einen solchen Vorschlag gemacht hatte. Aber nun war nichts mehr dran zu ändern. Im Torturm war eine Nische freigelassen worden, dahinein stellte man das Kind. Der Vater selber mauerte das Loch zu. Das Kind kaute an einem Brötchen und dachte zunächst nichts Böses. Aber als nur noch e i n Stein einzusetzen war, da rief es: „Aber Vater, es wird ja so dunkel!“ Doch der Vater setzte auch noch den letzten Stein hinein. Noch tagelang habe man das Wimmern des Kindes gehört.

Es handelt sich hierbei nur um eine Sage. Aber man sage nicht, so etwas sei nicht vorgekommen. Man hat früher tatsächlich Menschen in Türme, Brücken oder Deiche eingemauert, in dem Wahn‚ sie würden dadurch unüberwindlich. In Saalfeld zum Beispiel hat man in einem Brückenpfeiler die Skelettreste eines Kindes gefunden.

Wir schütteln darüber den Kopf vor Abscheu. Aber der ganze Ernst der Lage des Abraham wird uns hier deutlich. Gewiß, bei der Geschichte von Isaaks Opferung handelt es sich auch um eine Sage. Wir müssen nicht annehmen, daß das alles bis in die Einzelheiten so stattgefunden hat. Es geht vielmehr darum, die Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer zu begründen.

In Israel hat man lange Zeit auch Kinder geopfert. Noch zur Zeit der Propheten gingen Einzelne zu heidnischen Göttern und opferten ihnen ihre Kinder. Die Geschichte von Abraham und Isaak macht deutlich: Gott will keine Menschenopfer, sondern Tieropfer. Man meint direkt ein Aufatmen zu hören, wenn der Schluß der Geschichte kommt.

Aber Isaaks Opferung ist wiederum auch mehr als eine Sage. Sie ist eine Geschichte vom unerschütterlichen Glauben Abrahams und vom Dulden Isaaks. Machen wir uns die Lage des Vaters einmal deutlich: Gott hatte ihm versprochen, er werde ihn zum großen Volk machen und seine Nachkommen würden zum Segen für alle Welt. Doch jahrzehntelang blieb er ohne Kinder. Wie oft hat er Gott gebeten, seine Verheißung doch nun endlich wahr zu machen. Als es nicht mehr menschenmöglich erschien, wurde der Sohn geboren.

Und nun soll er diesen einzigen Sohn wieder opfern? Dann hat er ja vergeblich gehofft und gewartet, dann hat er sich umsonst gefreut und Gottes wunderbare Macht gepriesen? Mit eigener Hand soll er nicht nur die eigene Zukunft, sondern auch die Hoffnung der Welt in ewige Qual verwandeln? Wie kann Gott denn sich selbst widersprechen und das Geschenk wieder zurückfordern? Kann Gott denn sich selbst widersprechen? Haßt er den Abraham nun auf einmal? Wenn er Gott gegen sich hat, dann ist ihm nicht mehr zu helfen, dann sind er und die ganze Welt verloren.

Was soll man dem Abraham raten? Soll man sagen: „Laß Gott fahren und behalte deinen Jungen!?“ Das ist der Weg, den doch heute viele gehen. Sie haben ihre Kinder lieb, so wie Abraham seinen Sohn liebhatte. Sie wollen doch nur das Beste für die Kinder, die sollen einmal  das erreichen, was ihnen verwehrt war.

Wenn Hindernisse auftauchen, umgeht man sie ohne Diskussion. Oder man biegt gleich ab auf einen erträglicheren Weg. Zu einem Opfer ist keiner bereit‚  und sei es noch so gering im Vergleich zu Abraham. Gott zu opfern und den Glauben, das ist einfacher als dem Kind

einen Stein in den Weg zu legen.

In der Praxis der früheren DDR sah das dann so aus: Aus Angst, das Kind könnte einer bestimmten Beruf nicht ergreifen, lassen die Eltern ihr Kind nicht zur Konfirmation. „Sie ist doch gut in der Schule und will einmal Lehrerin werden!“ Zwei Jahre später wird es ernst mit der Berufswahl. Und da stellt sich heraus: Aus gesundheitlichen Gründen ist die Erlernung des Berufs nicht möglich. Man war zu jedem Opfer bereit, und doch hatte es Gott anders beschlossen.

Aber es gab auch den umgedrehten. Fall: Wie hat man doch einem Mädchen vor der Konfirmation gedroht. Der Vater wurde im Betrieb hergenommen, der Parteisekretär wurde eingeschaltet. Das Mädchen wurde wankend, kam einigemale nicht zum kirchlichen Unterricht. Dann kam sie wieder, sagte aber, sie wolle nicht konfirmiert werden. Und schließlich kurz vor der Vorstellung der Konfirmanden sagte sie: „Ich möchte doch konfirmiert werden, so wie die anderen auch!“ Sie war eher bereit, ihre Berufsaussichten zu opfern als Ihren Glauben. Aber den gewünschten Beruf hat sie doch gekriegt. Manchmal muß man auch Gott etwas zutrauen, so wie Abraham das tat.

Heute gibt es solche Probleme nicht mehr. Da haben wir eher zu kämpfen mit einem mehr oder weniger offenen Atheismus, einer Gleichgültigkeit gegenüber Glaubensdingen. Man will erst einmal abwarten. Oder das Kind soll selbst entscheiden. Das klingt sehr pädagogisch und verständnisvoll. Aber wenn es um die Schule geht, dann wird das Kind auch nicht gefragt, da wird es durchaus gezwungen.

Als der Junge nach dem Opfertier fragt, da sagt der Vater: „Gott wird sich schon ein Schaf zum Brandopfer aussuchen!“ Das ist keine billige Ausrede oder eine Notlüge. Wenn wir einem Menschen in hoffnungsloser Lage begegnen und selber keinen Rat wissen, dann sagen wir schnell einmal: „Gott wird schon helfen!“ Gott weiß aber wirklich Rat. Ihm sind alle Dinge möglich, denn er hat aus dem Nichts alles geschaffen. So wie er für den Abraham einen Ausweg wußte, so kennt er auch für uns eine Lösung.

Das gilt auch und gerade in dem Problemen, die uns heute bedrängen. Wir empfinden Abscheu vor der Erzählung von Isaaks Opferung. Aber wir haben uns daran gewöhnt, daß in unsrer Welt Menschen in großer Zahl geopfert werden, angeblich alle für „höhere Notwendigkeiten“. Die Opfer im Straßenverkehr werden ganz selbstverständlich hingenommen. Wenn eine große Eisenbahnlinie oder ein Tunnel gebaut werden soll, dann muß man mit Unfallopfern rechnen. Für ein bißchen Bequemlichkeit lassen wir Menschen in den Entwicklungsländern verhungern.

Unsere Kinder werden zum Haß und zur gewaltsamen Lösung von Konflikten erzogen. Eltern sind bereit, ihre Kinder in den Krieg zu schicken, weil eben der Befehl so lautete, obwohl wir den Schwur noch im Ohr haben, daß nie wieder eine Mutter ihren Sohn beweinen soll. Selbst in Friedenszeiten kommen Menschen bei der Armee um. Und dann sagt man: „Sein Opfer war notwendig zur Erhaltung des Friedens!“ So werden auch heute noch Menschenopfer verlangt, senn auch in anderer Form.

Aber verlangt Gott nicht auch Opfer von uns? Müssen wir nicht vielleicht auf unsre Lebenschancen und unsre Ruhe verzichten, wenn wir zu Gott gehören wollen? Die Geschichte von Abraham und Isaak macht deutlich, daß er in der Tat  a l l e s  fordern kann.

Er ist nicht nur ein „lieber Gott“, wie wir ihn gern haben möchten, sondern auch einer, der zu ehren und zu fürchten ist. Keiner kann sagen: „Jetzt verlangst du zu viel von mir!“ Wenn Gott uns das Leben und alle unsre Möglichkeiten gegeben hat, dann kann er auch wieder etwas zurückfordern.

Weil der Mensch aber nur selten dazu bereit ist, hat man früher Tiere geopfert als eine Ersatzleistung für das, was man eigentlich Gott schuldig geblieben ist. Heute tun wir es noch billiger, da bezeichnen wir schon ein Eurostück in der Kollekte als ein, Opfer.  Aber das macht uns nicht frei von der Forderung Gottes, daß er uns ganz haben will.

Doch wir dürfen auch das Opfer nicht vergessen‚ das Gott gegeben hat. Er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, den er so lieb gehabt hat, wie man nur einen, Menschen liebhaben kann. Hier war wirklich ein Menschenopfer notwendig, ein Opfer von vollem Wert und nicht als Ersatzleistung wie bei dem Widder.

Was Gott dem Abraham im letzten Augenblick erlassen hat, das hat er sich selbst nicht erlassen. Was er den Menschen seit Abraham nicht mehr zugemutet hat, das mutet er sich in Christus selbst zu. So geht es hier letztlich gar nicht um die Bindung des Menschen Abraham an Gott, sondern um die Bindung Gottes an den Menschen. Nicht wir opfern uns, wir müssen auch nicht andere opfern, sondern Gott opfert sich für uns. Seitdem ist jedes weitere Menschenopfer überflüssig und wäre eine Beleidigung Gottes.

Wenn man Isaaks Opferung und Jesu Opfertod einmal gegenüberstellt, merkt man den Unterschied: Issak geht den schweren Weg mit dem Vater - Jesus geht den Weg allein und fühlt sich vom Vater verlassen. Auf dem Berg Morija stand später der Tempel in Jerusalem - auf dem Hügel Golgatha aber ganz in der .Nähe stand das Kreuz. Isaak blieb am Leben - Jesus aber mußte wirklich sterben. Abraham sagte: „Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer aussuchen!“ Johannes der Täufer sagte über Jesus: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Aus dem Weg Abrahams mit Isaak wird der Weg Jesu für uns, aus dem Weg miteinander wird der Weg füreinander.

Aber Abraham wie Jesus merkten, wie schwer es ist, an Gott zu glauben. Die Anfechtung liegt ja nicht allein darin, daß man menschliche Sicherheiten aufgeben soll, sondern daß man Gott gegen sich zu haben scheint. Hier wird Gott dunkeln, wenn man so in die Gottverlassenheit gestellt wird, da man an seiner Verheißung irre wird. Es gibt eben solche Stunden, in denen wir meinen, wir hätten Gott gegen uns.

Wenn man in einem dunklen Tunnel ist und die Hand nicht vor den Augen sieht, dann hat man Angst. Aber wenn man erst wieder heraus ist, dann versteht man, weshalb das sein mußte. Aber solange man noch drin ist, da ist es schwer.

Und doch wußte Abraham: Gott kann seine Verheißungen nicht zurücknehmen. In seinem Befehl wird noch irgendwie auch seine Verheißung drinstecken, denn Gott kann nicht lügen. Gott fängt uns in seinen guten Händen auf, wenn wir nur bereit sind zum Loslassen und Hingeben.

An Abraham lesen wir ab, was das Opfer des einzigen Sohns bedeutet hat. Aber Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben, haben. Im Vergleich zu diesem Opfer kann

keins unsrer menschlichen, Opfer zu groß sein.

 

 

Palmarum: Mk 14, 3 - 9

Bei einer Kirchenführung zeigt der Pfarrer stolz die renovierte Kirche. Er weist hin auf die farbigen Glasfenster und auf den vergoldeten Turmknopf. Und er nennt traumhafte Summen, die gespendet und ausgegeben worden sind. Da fragt ein Gast aus der Runde: „Ist denn eine solche Renovierung angesichts der zahllosen Hungernden in der Welt zu verantworten!“ Da antwortet der Pfarrer unter Hinweis auf die Salbung in Bethanien: „Für das Haus Gottes ist keine Ausgabe zu hoch!

Natürlich ist auch die helfende Tat der Liebe notwendig. Jesus selber hat ja gesagt: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ Aber hier

wird auch einmal die andere Seite gezeigt. Im  Evangelium des heutigen Palmsonntags wird die Huldigung Jesu durch das Volk beim Einzug in Jerusalem beschrieben. Bei der Salbung in Bethanien geht es auch um eine Huldigung, diesmal durch eine ungenannte, aber unvergessene Frau. Beide Male aber werden Erhöhung und Erniedrigung ineinander gesehen. Wir erleben eine aufwendige Huldigung, ein stummes Bekenntnis und einen letzten Liebesdienst.

 

(1.) Eine aufwendige Huldigung: Was sich in Bethanien zugetragen hat, ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Eine. Frau nahm in der Regel nicht am Mahl der Männer teil, sie hatte höchs­tens zu bedienen. Hier kommt sogar noch eine Frau von außerhalb und drängt sich in die Männergesellschaft. Kein Wunder, daß die Jünger das verhindern wollen, wo sie ja schon einmal die Kinder abgewehrt haben, so daß Jesus ihnen sagen mußte: „Laßt die Kinder zu mir kommen!“"     

Ungewöhnlich ist auch die Verwendung des kostbaren Salböls, eine Importware aus Indien. Besonders aufregend ist die verschwenderische Menge dieses kostbaren Stoffes. Von dem Geld für das Öl mußte eine einfach lebende Familie in Israel ein ganzes Jahr ihren Lebens= unterhalt bestreiten.

So konnte man bestenfalls einmal Könige ehren. Aber wann hätte Jesus jemals Ehre und Luxus für sich in Anspruch genommen? Hatte er nicht immer abgewehrt, wenn an ihm nur „guter Meister“ nennen wollte? Aber diesmal sagt er nicht „Nein“, sondern er nimmt die Frau sogar noch in Schutz. Hier wird doch unser Jesusbild gestört.

Jesus sagt: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan! Die Juden unterschieden zwischen Almosen, die jederzeit möglich sind, und dem „guten Werk“, das spontan aus einer bestimmten Situation heraus erwächst. Sie hat sogar unbewußt etwas getan, was schon auf das künftige Schicksal Jesu hinweist. Wenn die Frau ein solches Werk tut, dann erfüllt sie damit den Willen Gottes, sagt Jesus. Die Frau hat noch nicht das Ergebnis im Blick, aber Jesus sagt: „Das war der letzte Liebesdienst!“

Wo jemand glaubt, wird offene und ungeheuchtelte Liebe nicht fehlen. Die Liebe hängt an dem, den sie liebt. Sie will mit ihm verbunden sein und bleiben! Sie weiß sich dem Geliebten zugehörig und zeigt es ihm auch, so gut sie es kann. Gewiß zeigt sich so eine Verehrung oft genug unbeholfen und ungeschminkt, manchmal sogar über dem guten Geschmack hinaus. Aber besser so ein paar gefühlvolle Nebentöne als so ein kaltes Herz, das Jesu Wohltaten kassiert, ohne ihm Dank und Liebe zu erweisen.

Die Umstehenden protestieren gegen die Tat der Frau. Damit wenden sie sich auch indirekt gegen Jesus, der sich die Tat gefallen läßt. Sie haben gut bei Jesus gelernt, der ja immer kultischen. Aufwand und religiöse Pracht abgelehnt hat. Auch heute sagt man: Aufgebe der Kirche ist die praktische Hilfe und Diakonie an der Gesellschaft. Sie soll eintreten für die Ausgebeuteten und Verfolgten, um den Frieden in der Welt ringen und die rassisch Benachteiligten

befreien.

Das stimmt natürlich auch alles. Und dennoch nimmt Jesus in dem Konflikt deutlich Partei für die Frau. Das körnte daran liegen, daß Jesus eben immer für den eintritt, der am schlechtesten dran ist. Aber Jesus stimmt der Frau auch in der Sache zu, sein Wort hat grundsätzliche Bedeutung.

Jesus sagt dem Kritikern: „Was ihr denkt, wird richtig sein, wenn ich nicht mehr da bin. Jetzt aber ist die Frau im Recht!“ Jesus gibt also keine allgemeingültigen Verhaltensnormen, sondern es soll entsprechend der Situation gehandelt werden. Die Frau hat das Gebot der Stunde verstanden, während die Protestierenden durch ihre Worte zeigen, daß sie die Situation nicht erfaßt haben.

Man kann aber nicht sagen: „Solange Jesus noch da ist, sind die Armen nicht dran!“ Es ist ja nicht alles falsch, was die Protestierenden sagen. Es ist ja jetzt die Passahzeit. Da wäre schon ein Almosen angebracht, damit auch die Armen sich ein Passahlamm leisten können. Man kann die Nächstenliebe nicht aufschieben, bis Jesus tot ist.

Aber das andere gilt eben auch: Wann und wo es angebracht ist, hat neben der Nächstenliebe

auch die Jesus unmittelbar dargebrachte Liebe ihr Recht. Es ist also nicht so, daß man Jesus ausschließlich im Mitmenschen lieben kann. Es gibt auch die unmittelbare Liebe zu Jesus, die sich auch in einer aufwendigen Liebesgebärde ausdrücken kann. Er hat es sich auch gefallen lassen, als das Volk beim Einzug ihm zujubelte. Es ist nichts gesagt gegen unsren Dienst an den Armen, aber auch unsre feiernde Liebe gehört Jesus. Er ist ja selber in die Reihe der Armen gerückt.

Heute können wir Jesus nicht mehr salben. Aber wir huldigen ihm in Anbetung, Lob und Bekenntnis. Wir singen und spielen für ihn. Wir ehren Jesus in der Kunst und in der Architektur. Das ist keine Verschwendung, wenn wir auch unsren anderen Aufgaben nachkommen und darüber die Armen nicht vergessen. Es geht ja nicht nur um einen formalen Prunk, sondern hier soll ja auch inhaltlich etwas ausgesagt werden.

(2.) Ein stummes Bekenntnis: Die Frau tut auch ein Werk der Barmherzigkeit, nämlich das Werk der Totensalbung. Dazu wird es ja bei Jesus nicht kommen können. Wenn er gesalbt werden soll, dann muß es sofort gemacht werden. An sich hätte das jeder Mensch verdient. Aber in der Salbung kann man auch eine besondere Auszeichnung sehen, die im Ausnahmefall einem besonders zu verehrenden Rabbi zuteil werden konnte.

Aber mit dieser stummen Gebärde ist das Gleiche gemeint wie beim Einzug Jesu in Jerusalem. Dort hat man laut und für alle sichtbar gerufen: „Jesus ist der Christus! Wir als seine Anhänger wissen es schon!“ So bringt auch diese Frau stumm zum Ausdruck, daß Jesus ihr „König“ ist. Sie kann es ihm nur auf ihre Weise sagen. Was sie glaubt, das drängt danach, zum Ausdruck zu kommen. Und da fand sie nur das Mittel der Salbung. Jesus hat das erkannt und hat sich deshalb dieses stumme Bekenntnis gefallen lassen.

Auch wenn das damals in Bethanien niemand begriffen hätte, so muß es doch die nachösterliche Christenheit begriffen haben. Sie huldigt  Jesus ja in jedem ihrer Gottesdienste. Man kann den Gottesdienst nicht nur nach der Predigt beurteilen. Nicht nur das Wort sagt etwas aus, sondern auch die Gebärde. Die Liturgie, also die Lieder und Gebete, die Lesungen und das Bekenntnis, sind nicht langweilige Zutat, sondern echter Gottesdienst, ein beredetes Bekenntnis zu dem, der die Mitte des Gottesdienstes ist.

 

(3.) Ein  letzter Liebesdienst: Die Frau hat getan, was sie konnte. Aber erst durch das Wort Jesu hat sie erfaßt, was sie da getan hat: Sie wollte Jesus ehren, wollte dem kommenden  König huldigen. Aber er versteht das alles als Totensalbung. Vielleicht haben seine Jünger gehofft: Wenn er jetzt gesalbt ist, dann wird er auch die Macht ergreifen. Salbung ist ja die Weihe für eine besondere Aufgabe! Aber Jesus sagt  ihnen: Jetzt gehe ich in den Tod! Die Frau war nicht im Irrtum, als sie ihn salbte. Aber sie hat keinen König gesalbt, sondern einen Todgeweihten; es war ein letzter Liebesdienst, den man ihm noch tun tonnte.

Jesus muß sich auf das Schlimmste gefaßt machen: Er wird sterben wie ein Verbrecher, verlassen und verachtet, verabscheut und mißhandelt. Aber es tut ihm wohl, daß es auch solche gibt, die anders von ihm denken und anders mit ihm umgehen. Da ist zum Beispiel diese Frau: Was seine Feinde und Mörder ihm huldig bleiben, das empfängt er von dieser Frau! Das ist eine große Wohltat und ein starker Trost für einen Angefochtenen. Man muß Verständnis haben für die, die mit Jesus anders umgehen als man selber, die eine andere Frömmigkeit haben und ihn anders verehren wollen.

Jesus macht auch deutlich: Die Königswürde wird nicht anders gewonnen als durch das Kreuz. Am Palmsonntag zog der in Jerusalem ein  der in den nächsten Tagen einen ganz schrecklichen Tod erleiden wird. Doch der Tod kann sein Königtum nicht zunichtemachen.

Im Gegenteil: erst durch den Tod kann er König werden. Sein Reich entsteht nicht durch Unterwerfung und Machteinsatz, sondern weil Jesus sich selbst hingegeben hat und dadurch Menschen im Innersten gewinnt.

In diesem Sinne haben auch die Anhänger Martin Luther Kings versucht, ihre Umwelt zu verändern. Man spuckte sie an, bewarf sie mit Schmutz, man schlug auf sie ein. Aber keiner von ihnen gab die Schläge zurück. Natürlich litten sie darunter, aber sie ließen sich nicht zur Gewalt hinreißen. Martin Luther King bezeichnete sogar die weißen Fanatiker als seine „armem weißen Brüder“. Er war ganz und gar ohne Haß.

Die Kraft zu einer solchen Haltung kam von Jesus. Er hat durch seine Teilnahme am Leiden der Menschen unser Leiden erträglich gemacht. So hat Jesus Menschen dafür gewonnen, in seinem Sinne zu leben und zu handeln. Es war eine kostspielige Weise, die ihn das Leben gekostet hat. Aber Jesus wußte, warum er diesen Weg ging und gehen mußte.

 

Gründonnerstag:  Mk 14, 17 - 26

Viele Christen empfinden das Abendmahl immer noch als etwas Ernstes und Trauriges. Sie meinen, man müsse unbedingt schwarze Kleidung dazu tragen und ein feierliches Gesicht dazu aufsetzen. Ein Pfarrer hatte ich einmal vergessen, das Abendmahl schon am Sonntag vorher anzukündigen. Da sagten die Kirchenvorsteher: „Jetzt können wir nicht zum Abendmahl gehen, wir sind nicht schwarz angezogen!“ Der Pfarrer hat dann extra etwas dazu gesagt, denn auf die Kleidung kommt es ja wirklich nicht an, sondern auf die innere Haltung, mit der man zum Mahl des Herrn geht. Die Gemeinde hat das dann akzeptiert.

Andererseits ist es auch wieder nicht richtig, wenn junge Leute zum Abendmahl ihre ältesten Kleider hervorsuchen und dann mit angerissenem Jeans-Anzug zum Abendmahl kommen. Viel­leicht wollen sie damit die älteren Leute ärgern, die es noch anders gewohnt sind.

Oder sie wollen zeigen, wie fortschrittlich sie sind, nicht an überliefertes Herkommen gebunden. Wenn sie aber ins Theater gehen, dann ziehen sie sich ja auch besser an.  Es hat schon etwas für sich, wenn man die Ehrerbietung gegenüber dem Herrn auch im Äußeren zum Ausdruck bringt.

Aber nicht urbedingt erforderlich ist ein sauertöpfisches Gesicht. Das mag damit zusammenhängen, daß früher das Abendmahl immer mit der Beichte verbunden war. Es mag aber auch seinen Grund darin haben, daß das Abendmahl ja auf das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern zurückgeht- und dieses war ja ein Abschiedsmahl.

Ein Abschied ist ja meist etwas Trauriges, denn man weiß ja nie, ob man sich wiedersehen wird. Bei Jesus kommt zusätzlich hinzu, daß ausgerechnet einer seiner Jünger ihn an seine Feinde verraten hat. Jesus hat Sünder an seinen Tisch gezogen, und sie haben auch in seiner Gemeinschaft nicht aufgehört, Sünder zu sein. Seine Gemeinde besteht nicht aus vollkommenen Heiligen. Jeder könnte treulos und abtrünnig werden, jeder hat das Zeug dazu, ein Judas zu sein. Aber mit gerade solchen Leuten hält Jesus Gemeinschaft - bis heute.

Nach Gottes Heilsplan war der Verrat natürlich nötig. Einer mußte es eben sein, der Jesus verriet. Es ging alles nach Gottes Plan. Aber ein Mensch mußte darüber schuldig werden Jesus bedauert diesen Menschen. Aber seine Verantwortlichkeit war nicht dadurch aufgehoben, daß Gott ja den Tod seines Sohnes gewollt hat.

Jesus weiß genau: Er muß jetzt fortgehen, er wird dem Seinen genommen. Damit werden sie alles entbehren, was sie an ihm hatten: das neue Leben, die Vergebung, die Hoffnung, die Gemeinschaft mit ihm und auch untereinander. Mit Jesus verlieren sie alles.

Auf diesem Hintergrund geschieht nun die Einsetzung des Abendmahls. Als durch Verrat die Gemeinschaft der Jünger zerbricht, begründet Jesus eine neue Art der Gemeinschaft, die auch in Zukunft mit ihm möglich sein soll. Er schenkt nicht nur die Vergebung und ein neues Miteinander seiner Leute, sondern er schenkt vor allem sich selbst. Wenn er jetzt auch von ihnen genommen wird, so wird er ihnen doch auf eine neue Weise gegeben. Und das nicht nur den Jüngern und der erste Gemeinde, sondern seiner Gemeinde zu allen Zeiten.

Jesus hat die Menschen immer schon in ihrer Leibhaftigkeit ernst genommen. So gibt er sich ihnen auch mit etwas Leibhaftem: Im Brot und im Wein. W i e  er sich mit diesen Gegenständen verbindet, das bleibt sein Geheimnis, das wir auf sich beruhen lassen können. Aber  d a ß er sich mit Brot und Wein verbindet, dafür können wir ihm nur danken.

Wenn Menschen einander liebhaben, dann genügt es ihren auch nicht, wenn sie durch Briefe oder Telefongespräche miteinander verbunden sind. Sie wollen sich sehen, die Hände fassen und einander in die Arme schließen können. So kann es auch heute immer wieder zu neuer Begegnung mit Jesus kommen. Wir müssen uns nicht mit Erinnerungen  zufriedengeben, die zudem noch die Erinnerungen anderer Leute sind.  Jesus kommt auf neue Weise zu uns und gibt sich uns.

Deshalb sagen wir beim Abendmahl: „Das ist mein Leib!“ und nicht: „Das bedeutet mein Leib!“ Natürlich sehen wir nur Brot und Wein vor uns, und beides verwandelt sich auch nicht in etwas anderes. Aber indem wir essen und trinken, erhalten wir Anteil an seinem Opfer. Es ist ja stellvertretend für uns erfolgt, aber auch in Parteinahme für uns. Er ist unser Anwalt und Fürsprecher. Er vergibt uns die Sünden, schenkt uns Gemeinschaft untereinander und die Freiheit zum Handeln und Wirken in der Welt.

Vor allem aber gibt er uns auch eine Hoffnung für die Zukunft. Die Jünger haben nach dem Tod Jesu nicht einfach mit der gewohnten Tischgemeinschaft weitergemacht. Nach Ostern war das Abendmahl etwas anderes geworden. Es blickt über unsre Zeit und  Welt hinaus: Es weist auf die Tischgemeinschalt im Reich Gottes. Das ist ja ein bekanntes Bild für die Ewigkeit Gottes: ein fröhliches Mahl, bei dem alle willkommen sind.

Mitten in der Dunkelheit des Verrats und der Stunde der ohnmächtigen Verlassenheit leuchtet etwas auf von der Freude  und dem Jubel des Auferstehungstags. Das Mahl wird seine Fortsetzung finden im Reich Gottes, aber ohne Leid und Tränen. Der Tisch des himmlischen Vaterhauses steht an Gründonnerstag aber gewissermaßen schon auf der Erde und an ihm sammelt sich die Familie Gottes.

Sehr schön ist dieser Zusammenhang dargestellt auf einem Bild, das an der Stirnseite der Kirche im Diakonissenmutterhaus Dresden gemalt ist. Im Mutterhaus wird das Abendmahlsbrot hergestellt, das wir im Gottesdienst verwenden; deshalb paßt ein Abendmahlsbild gut dort hin. Man sieht Jesus im Kreise seiner Jünger am Tisch sitzen. Im Hintergrund sind Engel zu sehen als Sinnbilder der Gemeinde vergangener Zeiten, die im Himmeln am Abendmahl Jesu teilnimmt. Die eine Seite des Tisches aber ist freigelassen. Dort steht der Altar der Kirche. Wer an diesen Altar tritt, der kommt damit also gewissermaßen zum Tisch Jesu und ist Teilnehmer an seiner Mahlzeit. Der Altar in der Kirche ist im Grunde ein Stück Himmel, er bringt uns in Verbindung mit dem erhöhten Christus und mit seiner Gemeinde aller Zeiten.

Es gibt heute allerdings auch ein etwas anderes Verständnis des Abendmahls. Da betont man mehr die Tischgemeinschaft untereinander. Unsre Abendmahlsfeiern sind ja meist zu sehr auf der Einzelnen bezogen: Man geht im verkrampfter Andacht versunken zum Altar und würdigt den Mitchristen keines Blickes, so als kenne man ihr nicht. Deswegen will man  in manchen Gemeinden wieder mehr menschliche Tuchfühlung schaffen.

Aber die Gefahr besteht doch, daß man dann nicht mehr auf den gegenwärtigen Herrn aus ist, sondern auf die anwesenden Brüder und Schwestern. Man sieht dann nicht mehr die Senkrechte, sondern die Waagrechte. Und je mehr man sich die Art des Umgangs Jesu mit den Menschen selber aneignet, desto mehr meint man dann auf den Herrn selber verzichten zu können.

Doch in Wahrheit ist Jesus ja der Gastgeber. Er lädt ein, bewirtet auch. Er nimmt die Sünder an, wir empfangen seine unverdiente Güte. Nur weil wir mit Jesus Verbindung haben, können wir auch eine Verbindung zu den Mitmenschen finden. In dem anderen ist ja auch der auferstandene Christus. Das verbindet uns letztlich, trotz aller unguten Erfahrungen mit­einander gemacht haben, trotz aller Enttäuschungen, die wir einander bereitet haben.

Es ist sicher gut, wenn wir den Gemeinschaftscharakter des Abendmahls mehr herausstellen. Auch könnte es durchaus etwas lockerer und fröhlicher dabei zugehen. Unsre älteren Gemeindeglieder werden sich vielleicht etwas dabei umstellen müssen, denn sie haben es ja

noch anders gelernt und erlebt. Aber vergessen dürfen wir nie‚ daß es ja das Mahl des Herrn ist, der sich auf ewige Zeiten mit diesem Mail verbunden hat, in der Nacht, da er verraten ward.

 

Karfreitag : Lk 23, 33 - 49

Wenn sich irgendwo ein Unfall ereignet hat, dann strömen die Leute zusammen. Man ist in­teressiert, man diskutiert, man weiß alles besser. Oftmals wird dabei noch der Krankenwagen behindert. Aber bald hat sich wieder alles beruhigt und man geht wieder an sein Tagewerk. Man bleibt nicht ungerührt von dem furchtbaren Geschehen. Aber man geht eben doch zurück in den Alltag und schirmt sich ab von allem Zeichen des Unglücks.

So taten es auch die Leute, die zur Kreuzigung Jesu gekommen waren. Sie schlugen sich zwar an die Brust, als sie sahen, was da geschah. Aber dann gingen sie wieder heim, und alles war für sie so wie vorher. So werden auch wir wieder heimkehren, wenn dieser Karfreitagsgottes­dienst zu Ende ist. Wir haben uns wieder einmal daran erinnern lassen, wie unmenschlich es damals in Jerusalem zuging.  Aber bestimmt dieses Ereignis auch noch unser Leben‚ lassen wir uns davon auch heute noch bestimmen? Wird dadurch etwas anders bei uns?

Diese Chance aber will uns der Gekreuzigte geben. Er schenkt die Vergebung, er gibt Hoffnung, er erringt den Sieg. Das kann uns besonders deutlich werden, an den drei Worten Jesu am Kreuz, die Lukas uns überliefert. Lukas hat ja die Schilderung etwas abgemildert. Zum Beispiel hat er den Satz aus dem 22. Psalm weggelassen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Stattdessen bringt Lukas ein Gebet: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Aber dadurch wird der Heilscharakter des Kreuzes umso deutlicher. Hier können wir sehen, was am Kreuz für uns geschehen ist. Aber es entsteht der Eindruck, als wäre Jesus zu sehr Gott und zu wenig Mensch.           

 

(1.) Die Größe des Verbrechens:

Auch bei Lukas wird erschütternd deutlich, was Jesus angetan worden ist. Das sind zunächst die Soldaten. Sie wissen offenbar wirklich nicht, was sie tun und an wem sie sich vergreifen. Sie können sich auch nicht mit der Ausrede entschuldigen: „Befehl ist Befehl! Wir haben unsre Anweisungen und können uns nicht auf unser Gewissen berufen!“

Was sie tun, enthüllt nur die unmenschliche Art aller Menschen. Jeder will doch immer recht behalten, auch wenn er notfalls dazu den anderen ausschalten muß. Auch wir ärgern uns schnell darüber, wenn ein Mensch anders ist als wir; und wir würden uns wohl auch über die Andersartigkeit Jesu ärgern. Wenn man die Kinder fragt, dann sagen sie voller Überzeugung: „Wir hätten Jesus doch nicht gekreuzigt!“ Aber es hätte sicher anders ausgesehen, wenn wir damals an der Stelle der Soldaten gewesen wären.       

Wir hätten vielleicht auch gesagt: „Wir konnten doch nichts ändern, das hätten höchstens die Oberen gekonnt!“ Aber damit hat sich selbst ein Adolf  Eichmann verteidigen wollen. Aber hätten wir denn den Mut gehabt, selbständig zu entscheiden und auch einmal auszuscheren?

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

Wußten die Verantwortlichen des jüdischen Volkes wirklich nicht, was sie taten? Gewiß war ihnen nicht deutlich, wen sie da wirklich vor sich hatten. Er hatte sich zwar zu seiner göttlichen Herkunft bekannt, aber gerade das erschien ihnen ja als Zeichen seiner Lüg und Hochstapelei. Mit ihrem Spott treffen sie gerade die schwache Stelle bei Jesus: er  i s t  ja der Sohn Gottes, er  k ö n n t e sich ja tatsächlich dem Zugriff seiner Feinde entziehen. Aber er muß still halten, weil er Gottes Willen tun will.

Die Kreuzigung war auf jeden Fall ein Verbrechen. Auch wenn sie damals nicht erkannten, wer Jesus wirklich war: Gott will nicht, daß ein Mensch so geschändet wird wie durch eine Kreuzigung. Auch bei den anderen, die ja tatsächlich Verbrecher waren, war die Kreuzigung eine Urmenschlichkeit. Seit Gott in Jesus Mensch geworden ist, trifft ihn ja alles mit, was Menschen zugefügt wird.

Das gilt auch für den Spott der Vorübergehenden. Sie taten es ja aus freien Stücken, sie wurden nicht gezwungen; sie hätten ja gar nicht zu kommen brauchen. Manche waren wohl enttäuscht, weil Jesus nicht seinem Volk wieder zu Macht und Ansehen verholfen hatte. Andere hatten sich wohl in die Irre führen lassen, gerade auch durch solche Leute, die um ihr Amt bangen mußten, wenn die Jesus-Bewegung sich durchsetzen sollte. Manche waren wohl auch

nur Mitläufer, die sich bei den Herrschenden lieb Kind machen wollten. Manche werden auch gemeint haben, im Leben zu kurz gekommen zu sein und Gott deshalb verklagen zu dürfen.

Vielleicht haben einige mit dem Nachbarn getuschelt und auch hinter vorgehaltener Hand geschimpft. Vielleicht waren sie auch nicht genügend informiert. Ganz gefühllos waren sie wohl nicht, aber sie haben zugeschaut und nichts unternommen. Jesus weiß: Sie haben alle die Vergebung nötig. Sie haben alle zum Leiden Jesu beigetragen und haben deshalb den Kreuzestod Jesu erforderlich gemacht.

Auch heute geht dieses Leiden Jesu noch weiter, wenn wir nicht auf ihn hören und ungerührt das Leiden in der Welt betrachten oder selber zu diesem Leiden beitragen. Aber haben wir nicht auch schon untätig dabeigestanden, wo wir reden oder eingreifen hätten sollen? Wir sehen zu, wie Jesus aus der Welt unsrer Kinder verschwindet, wir schütteln mit dem Kopf, aber tun den Mund nicht auf.

Jesus steigt nicht vom Kreuz, wie es ihm die Spötter raten Er hilft nicht sich selber, sondern er hilft uns. Er steigt nicht vom Kreuz, um sein Amt als Weltenrichter anzutreten, sondern er macht sich zum Fürsprecher seiner Peiniger. Gerade in dem Augenblick, in dem die Welt untergehen müßte, bittet Jesus um Vergebung. Wenn wir das doch auch könnten! Die Kreuzigung wäre schon dann nicht vergeblich gewesen‚ wenn wir dem Vorbild Jesu nachfolgen könnten: nicht die Welt verurteilen, sondern ihr die Vergebung Jesu anbieten und selber zur Vergebung bereit zu sein.

 

(2.) Es ist nicht zu spät für eine Umkehr zu Gott:

Das wird uns leichter sein, wenn wir die Hoffnung bedenken, die Jesus uns gibt. Sie wird deutlich in dem Gespräch mit den beiden Verbrechern. Der eine spricht so wie die Führer des Volkes. Er fühlte sich wohl als Freiheitskämpfer gegen die Römer und forderte Jesus heraus: Sei doch das, worum du verurteilt worden bist!

Darin sieht er noch eine kleine Hoffnung für sich selbst. Daß Jesus nicht auf dieses Ansinnen eingeht, wird ihm eine große Enttäuschung geworden sein. Dabei hätte Jesus eine Hoffnung für ihn, wenn auch in ganz anderer Art. Das wird an dem zweiten Verbrecher deutlich. Er hat erkannt: Schuldig sind wir beide! Wir sollten uns vor Gott fürchten! Nur Jesus könnte noch helfen. Denn er ist wirklich der Messias, nicht ein politischer Herrscher, sondern der leidende Retter aller Menschen. Dieser Mann hat genau erkannt: Es gibt keinen Weg an Gottes Gericht vorbei. Es gibt höchstens einen Weg durch dieses Gericht hindurch, wenn man sich an Jesus wendet.

Das Beispiel dieses Mannes zeigt: Es ist nie zu spät für eine Umkehr zu Gott. Noch über den Tod hinaus dürfen wir auf die Gemeinschaft mit Gott rechnen. Wer im Herrn stirbt, der darf gewiß sein: Im Augenblick nach seinem letzter Seufzer wird er bei Gott erwachen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Das ist die Hoffnung, die wir auch heute alle haben dürfen,

Im Jahre 1566 haben Bilderstürmer in Flandern aus einer Kreuzigungsgruppe das Bild des gekreuzigten Christus herausgeschlagen. Sie haben damit ein schreckliches Symbol hinterlassen: Den beider Verbrechern ist der Herr genommen‚ der sie vor der Sinnlosigkeit bewahrt. Das Bild hatte seine Mitte verloren. Wenn Jesus nicht mehr den Leidtragenden und Ausgestoßenen nahe ist, dann bleibt nur das Nichts. Das aber dürfen wir ja genau wissen: Jesus bleibt in der Mitte und wird so zu unserem Retter.

 

(3.) Jesus bleibt der Sieger:

So bleibt Jesus doch am Kreuz der Sieger. Bei Lukas stirbt er nicht mit einem lauten  Schrei, sondern mit dem Gebet, das man in ganz Israel um diese Stunde betete „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Entweder hat er die Not schon hinter sich gelassen und atmet erleichtert auf. Oder er flüchtet sich mit diesem Gebet zu seinem Vater, um die Anfechtung zu überwinden.

In jedem Fall aber erscheint er als der Sieger: als Sieger über sich selbst und als Sieger über seine Feinde. Noch im Sterben beeindruckt er einige unter denen, die das alles miterleben. Man wollte ihn umbringen, um seine Sache ein für allemal zu erledigen. Aber nun werden erst recht Menschen für Gottes Sache gewonnen.

Der eine ist der zweite Verbrecher, der die Stunde nutzt zu einem Schuldbekenntnis und der daraufhin die Vergebung Jesu erfahren darf. Ein anderer ist der römische Hauptmann. Es wird zwar nicht ausdrücklich gesagt, daß er ein Christ geworden ist. Er spricht nicht einmal wie bei Markus und Matthäus davon, daß Jesus Gottes Sohn gewesen sei. Aber im Grunde will er das Gleiche ausdrücken, wenn er sagt: „Dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“

Der Hauptmann erkennt: Hier ist einer unschuldig gestorben! Er ist auch für den Hauptmann gestorben. Er ist auch gestorben für alle, die sich unter sein Kreuz stellen oder unter sein Kreuz gestellt werden. Für die Spötter wird es natürlich schwer sein, in Gemeinschaft mit Jesus zu kommen. Er aber ist dazu bereit, er will jeden gewinnen.

Wer den gekreuzigten Jesus ansieht, kann im Grunde nicht ungerührt wieder weggehen. Hier ist einer, der uns die Hand geben will. Er sagt: „Deine Schuld wird dir vergeben. Geh nur mit mir, dann hast du eine Hoffnung und hast Anteil an meinem Sieg. Du wirst nicht für alle Ewigkeit sterben müssen, sondern du wirst mit mir im Reiche Gottes leben können!“

 

 

Ostersonntag: Mt 28, 1 - 10

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“ heißt es in  Goethes „Faust“ .Das dürfte auch die Einstellung vieler Menschen gegenüber den Ostererzählungen sein. Gerade Matthäus geht ja sehr weit, wenn es bei ihm heißt: Die Frauen umfassen die Knie des auf= erstandenen Jesus. Da wundern sich doch viele unsrer Mitmenschen, wie die Kirche in unserem. aufgeklärten Zeitalter immer noch diese Botschaft von der Auferstehung verkünden kann.

Sie stellen sich das ja noch immer so vor, als sei damals ein Toter wieder aus dem Grab her­ausgekommen, als habe hier der seltene Fall eines Scheintodes vorgelegen. Für die Meisten wäre so etwas aber doch etwas Schreckliches, wenn sie es wirklich erleben würden. .Aber es wä.re natürlich nur die Rückkehr in das Leben der alten Welt, das mit einem erneuten Sterben endet.

Vielleicht haben die Frauen auch zunächst an so etwas gedacht, als sie sich am Ostermorgen zum Grab aufwachten. Ihre Lage war trostlos. Sie kommen lediglich, um das Grab noch einmal zu besehen. So gehen wir ja vielleicht heute Nachmittag noch einmal hinaus auf den Friedhof, um die Gräber der Angehörigen zu besuchen. Irgendwie hat man doch das Gefühl, dem Verstorbenen dort näher zu sein. Wir hängen oft an einem Grab, weil es manchmal fast die letzte Erinnerung an einen lieben Menschen ist.

In den Augen der Frauen hatte das Kapitel „Jesus von Nazareth“ am Karfreitag unrühmlich geendet. Es war, wie wenn der Führer einer Bewegung ermordet worden ist. Dann droht doch alles auseinander zu fallen. Was sollte denn aus den Menschen werden, die Jesus in seine Ge­meinschaft aufgenommen hatte, denen er seine Vergebung geschenkt hatte und deren Hoffnung nun dahin war? Was sie geglaubt hatten, war lächerlich gemacht worden, denn in den Augen der Menschen mußte Jesus wie ein Verbrecher erscheinen und auch Gott schien ihn bloßgestellt zu haben.

Doch es kam alles ganz anders, als sie es sich gedacht habe .Wir spüren heute noch deutlich heraus‚ wie wenig man mit dieser unerwarteten Überraschung gerechnet hatte. Ostern ist das Fest der Überraschungen. Deshalb ist es Unsinn, wenn man behauptet: Ostern hat sich nur in der Einbildung der Frauen und der Jünger ereignet. Sie hatten alles erwartet, nur nicht das, was dann tatsächlich an Ostern geschah. Hier muß Gott an ihnen gehandelt haben‚ hier muß etwas von außen über sie hereingebrochen sein, daß sie doch noch zum Osterglauben finden konnten.

Zunächst einmal begann alles mit Furcht und Zittern. Viermal wird ausdrücklich von der Furcht geredet. Erst als den Frauen gesagt wird: „Fürchtet euch nicht!“ kann sich nach und nach bei ihnen die große Freude einstellen. Die harte Wirklichkeit der Welt wird damit noch nicht übersprungen, Kreuz und Niederlage werden nicht geleugnet, die Gewalt des Bösen entfaltet sich weiter in unserem persönlichen Alltag und im Leben der Völker. Unrecht schafft Unfriede, Haß vergiftet die Beziehungen der Menschen untereinander, Schuld und Tod machen uns weiterhin zu schaffen.

Aber seit Ostern erscheint das alles in einem neuen Licht. Gott hat sich vorbehaltlos auf die Seite Jesu und auch auf die Seite der Sünder gestellt. Alles fing noch einmal von vorne an, ja es ging erst richtig los, weil Jesus auferstanden war. Ohne diesen Osterglauben gäbe es heute keine Gemeinde Christi mehr, hätte sich die Gemeinde nicht immer wieder in ihren Anfechtungen behaupten können. Von daher empfangen wir auch heute noch Kraft, nicht weil wir einen Menschen namens Jesus noch verehren, sondern weil er auch heute noch unser lebendiger Herr ist.

Die Auferstehung Jesu war die Wende der Zeiten und der Sieg des Lebens über den Tod. Hier wurde nicht irgendein Toter noch einmal schnell ins Leben zurückgerufen, sondern hier hat Gott eine neue Welt begonnen. Die Grabeswächter wollten Jesus noch im Tode mit Gewalt im Grab festhalten, sie wollten ihn endgültig für tot erklären. Die Jünger sollten den Leichnam nicht stehlen können, um dann zu behaupten, Jesus sei auferstanden. Doch siehe da: Gott läßt sich durch die Grabplatte und Wächter nicht hindern.

Überhaupt ist das Grab Jesu nicht wichtig. Nur in den Evangelien wird es erwähnt. Bei Paulus und in den alten Bekenntnissen der Christenheit wird es nicht erwähnt. Paulus hat auch an den Auferstandenen geglaubt, ohne das leere Grab gesehen zu haben. Nirgendwo wird das leere Grab als Beweis für die Auferstehung Jesu angeführt. Den Frauen wird zwar gesagt, daß das Grab leer sei, aber sie prüfen es nicht selber nach. Sie glauben auch so den Worten des Engels, ihr Glaube wird durch das Wort hervorgerufen.

Das ist im Grunde auch unsere Lage: Wir können nichts nachprüfen, wir können nur auf das Wort Gottes vertrauen. Wer über die Geschichte vom leeren Grab den Kopf schüttelt, der hat noch längst nicht begriffen, worum es geht. Gott konnte den Gekreuzigten im Grab lassen, konnte seinen Leichnam sogar dort vermodern lassen, und doch seinen Sohn ganz neu ins Leben rufen.

Gottes Möglichkeiten sind doch nicht so beschränkt, daß er unbedingt den Leib des gekreuzigten Jesus für seine Auferstehung gebraucht hätte. Es handelt sich bei der Auferstehung ja nicht um die Wiederherstellung des natürlichen und verweslichen Leibes, sondern Gott schafft etwas neues, er überkleidet mit einem neuen Leib. So wie er in der Geburt den Menschen erschafft, so wird er ihn auch nach dem Tode neu schaffen.

Das leere Grab ist eigentlich nur der Hintergrund für das, worauf es ankommt. Die große Freude entsteht nicht aus der Fehlmeldung: „Er ist nicht hier!“ sondern aus der Botschaft des Engels: „Er ist auferstanden!“ Ostern bedeutet nicht Totengedächtnis und Grabpflege, sondern Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Das leere Grab nützte uns nichts, wenn wir es nicht mit Jesus selbst zu tun bekämen.

Wir glauben nicht an die allgemein Möglichkeit, daß so etwas wie eine Auferstehung möglich ist, sondern wir glauben an den auferstandenen Jesus Christus. Es geht nicht um die Überzeugung, daß ein Mann namens Jesus erstaunlicherweise wieder zum Leben kam. Vielmehr erfahren wir an Ostern, daß Jesus uns noch heute immer wieder in den Weg treten will und mit uns auf eine ganz persönliche Art und Weise mit uns Verbindung aufnehmen will. Er nimmt wieder aufs Neue die Gemeinschaft mit uns auf und will das auch in Zukunft so halten. Es geht nicht um die Nachwirkung seines Redens und  Tuns von einst, sondern um das Geschehen von heute. Uns ist Jesus nicht weniger nahe als dem Frauen und den Jüngern von damals. Auch uns kann er plötzlich in den Weg treten, nicht leibhaftig, aber doch so, daß wir seine Gegenwart deutlich spüren. Er schafft schon von sich aus die Möglichkeiten, um sich mitzuteilen.

Aber man kann diesem Herrn nicht begegnen, ohne gleich wieder vor ihm ausgesandt zu werden. Er ruft auch uns, die Osterbotschaft weiterzusagen und danach zu handeln. Wir sind keine Christen, wenn wir mit unserem Glauben wie ein Schiff im Hafen vor Anker liegenbleiben oder nur gelegentlich eine unverbindliche Küstenschiffahrt treiben. Jesus schickt uns hinaus auf das hohe Meer. Unser Glaube wird dann vielleicht in den Stürmen des Lebens in Gefahr geraten. Aber Jesus wird uns dann schon beistehen, denn er hat ja die gleichen Gefahren durchgemacht, ehe er sie überwunden hat.

Ein Wagnis ist es allemal, sich auf diesen Jesus einzulassen. Man soll ja glauben und vertrauen, daß das Leben stärker ist als der Tod, die Hoffnung stärker als die Verzweiflung, die Liebe stärker als der Haß, die Freude stärker als die Furcht. Wir sind eingeladen, in den Osterjubel einzustimmen und alle Furcht fortblasen zu lassen und unsere Freude den Menschen rings um uns herum mitzuteilen.

Wo Menschen dem auferstandenen Herrn begegnen, da verändert sich etwas in ihrem Leben. Da sind zunächst die Jünger Jesu. Die Kreuzigung haben sie bestenfalls aus der Ferne miterlebt, sie hatten Angst um ihr Leben und gaben die Sache Jesu verloren. Aber als sie erfahren, daß Jesus mit ihnen lebt, da beweisen sie einen erstaunlichen Mut. Sie erzählen frei und öffentlich von Jesus und tragen den Glauben  weiter, auch wenn sie dafür verachtet und ins Gefängnis gebracht werden. Sie können sogar von ihren Schwäche reden, weil sie gerade dabei merken, wie der auferstandene Herr bei ihnen ist. Wir können die Auferstehung Jesu nicht beweisen. Aber wir sehen, wie Menschen sich verändern, wenn sie mit dem Vertrauen leben, daß Jesus lebt.

Da kommt es vor, daß sich in Nordirland protestantische und katholische Kinder beim Spielen umarmen, auch wenn die umstehenden Erwachsenen entsetzt sind. Da kommt es vor, daß man sich auf der Autobahn gegenseitig hilft und den Fahrfehler des anderen entschuldigt. Bei Beerdigungen lassen sich die Hinterbliebenen trösten und denken voll Dank und neuer Hoffnung zurück an das Leben des Verstorbenen. Da versöhnen sich wieder Menschen miteinander, die schon auseinandergelaufen waren; sie beginnen neu und lassen sich verwandeln und machen so deutlich: Christ ist erstanden? Das ist der Geist des Lebens mitten im Tod, die Hoffnung inmitten aller Niedergeschlagenheit. Das ist Ostern heute, das öffnet die Zukunft.

 

 

Ostermontag: Lk 24, 36 - 49

Wenn Jesus uns heute erschiene, so wie er den Jüngern erschienen ist, würden wir ihn da nicht auch für ein Gespenst halten? Nicht nur für einen „Geist", wie es in unsrer heutigen Bibelübersetzung heißt, sondern nach einer alten Lesart richtiggehend ein Gespenst. Wir wissen zwar, daß es keine Gespenster gibt. Aber wenn wir plötzlich einem Totgeglaubten begegnen, dann werden wir doch zunächst einmal nicht wissen, was wir sagen sollen.

Ein Pfarrer wurde einmal in ein Haus gerufen wegen eines Trauerfalls. Eine junge Frau war im Pfarrhaus gewesen. Der Pfarrer war nicht da. Die Frau hat nur hinterlassen, der Vater sei gestorben und der Pfarrer möchte doch zuhause vorbeikommen. Er klingelt, und der Gestorbene macht die Tür auf. Da hatte sich die Frau nur unklar ausgedrückt: Der Großvater war gestorben, der aber nicht einmal dort im Haus wohnte. Man kann sich vorstellen, daß der Pfarrer erst einmal Luft holte, gewiß aus Erleichterung, aber auch um mit der neuen Situation fertig zu werden.

Genauso aber mag es auch den Jüngern ergangen sein, als Jesus plötzlich vor ihnen stand. Mit keiner Silbe hatten sie doch an so etwas gedacht. Sie wußten: Die Mitte unsres Kreises ist leer, Jesus ist nicht mehr da. Sie hatten gerade begonnen, sich bei ihrem Herrn geborgen zu fühlen. Ohne Jesus aber ist ihnen die Welt wieder furchtbar. Das geht so weit, daß sie Jesus im ersten Augenblick nicht einmal erkennen.

Jesus aber hat Geduld mit ihnen. Das Tor zum Glauben war eben noch verriegelt durch die harten Tatsachen des Karfreitag. So muß er den Zweifel der Jünger schon ernst nehmen. Wir dürfen ihm bis heute dankbar sein, daß er auf diesen Zweifel eingegangen ist, denn das ist ja auch unser Zweifel. Wir denken doch auch oft: Ich glaube nur, was ich sehe! Heute singen wir ,,des wollen wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! Oder „Jesus lebt, mit ihm auch ich“. Aber schon wenig später treiben uns die Notfälle des Lebens in die Enge und nehmen uns die Freude und den Trost. Doch Jesus überzeugt von der Wirklichkeit seiner Gegenwart, von der Notwendigkeit seines Weges und von der Verbindlichkeit seines Auftrags.

 

(1.) Die Wirklichkeit seiner Gegenwart: Der Glaube an die Auferstehung wird niemals ein fester Besitz sein können. Wir werden immer wieder den Durchbruch schaffen müssen zur Glaubensgewißheit. Es kommt nur darauf an, nicht in der Anfechtung steckenzubleiben wie ein Wagen, der sich im ungünstigen Gelände festgefahren hat. Einen Wagen würde niemand dort steckenlassen, man wird alles versuchen, um ihn wieder flott zu kriegen. Allein wird man das selten können. Man braucht und sucht Hilfe.

Das gilt auch und erst recht von einem festgefahrenen Glauben. Da muß die Hilfe von außen kommen, von Jesus selbst. Deshalb zeigt Jesus nach dieser Geschichte seine Hände und Füße vor, er fordert die Jünger auf, ihn zu betasten und er ißt vor ihren Augen den Fisch.

Man könnte sagen: Drastischer geht es nicht mehr. Hier werden dem Zweifel einfach massive Tatsachen entgegengesetzt, an denen niemand mehr vorbei kann. Da braucht er sich im Grunde auch nicht mehr zu entscheiden, entweder du läßt dich überzeugen oder du läßt es eben sein. Wer es nicht glaubt, wird eben nicht selig.

Doch so einfach ist die Sache nun auch wieder nicht. Der Auferstandene ist doch nicht so da wie die Erde unter unsren Füßen oder die Wolken am Himmel. Die Jünger können nicht hingehen und ihn irgendwo suchen, sondern er zeigt sich, wo und wann er es will. Seine Erscheinung ruft oft Erschrecken hervor und sie ist auch nicht sicher zu deuten.

Jesu Gegenwart kann nur bezeugt, nicht bewiesen werden. Was Jesus zu den Jüngern sagt, überzeugt sie noch nicht. Und selbst wenn er etwas ißt, dann ist das noch kein Beweis. Lukas spricht ja gerade vom Zweifel der Jünger, um deutlich zu machen: Das waren keine Spinner, die haben sich nicht etwas vormachen lassen, sondern die haben gezweifelt wie ihr auch, sich aber dann doch überzeugen lassen. Und das ist nicht nur die Auffassung eines Einzelnen, der vielleicht einer Sinnestäuschung erlegen sein könnte, sondern hier gibt es viele Zeugen, die das auch erfahren haben.

Außerdem geht es hier gegen eine Irrlehre, nach der Gottes Sohn niemals Mensch geworden ist, sondern nur einen Scheinleib hatte. Der Auferstandene wäre dann nur ein leibloses Himmelswesen gewesen. Diese Irrlehre will Lukas abwehren. Er will zeigen, daß Jesus ein wahrhaftiger Mensch war und auch nach seinem Tode noch weiterexistierte. Deshalb legt er so Wert auf die Nägelmale, die ja besagen: Der Gekreuzigte und der Auferstandene sind die gleiche Person. Er gebraucht absichtlich die Ausdrücke „Fleisch“ und „Knochen“, um jene Irrlehrer zu ärgern und sie total zu widerlegen.

Daß Jesus nicht so wie vorher unter den Jüngern war, das weiß er auch. Das wird etwa daran

deutlich, daß Jesus plötzlich erscheint und wieder verschwindet. Wir werden heute sahen: In dieser Geschichte hat Lukas nach der anderen Seite übertrieben. Wir wissen ja, daß Fleisch und Blut das Himmelreich nicht erben können. In unserem Glaubensbekenntnis sagen wir ja heute nicht mehr „Auferstehung des Fleisches“, sondern etwas neutraler „Auferstehung der Toten“.

Dennoch dürfen wir Lukas dankbar sein, daß er uns deutlich macht: Jesus war kein Gespenst, kein Schein-Mensch, keine Einbildung. Man kann ihn zwar nicht sehen. Aber er ist doch die lebendige Mitte der Gemeinde. Obwohl er verborgen ist für unsere Augen, ist er doch auch heute am Werk. Allerdings ist das eine Sache der Erfahrung und nicht des Wissens. Doch in jedem Gottesdienst tritt Jesus unsichtbar mitten unter uns, geändert hat sich nur die Art der Gegenwart, nicht die Wirklichkeit dieser Gegenwart.

 

(2.) Die Notwendigkeit seines Weges: Jesus gibt aber noch eine Hilfe zum Osterglauben: Er öffnet das Verständnis für die Bibel wie wir es im Evangelium des Tages gehört haben. Er erzählt nicht, wie es in der Welt der Toten aussieht. Das hätte zwar die Jünger sehr interessiert und uns würde es auch interessieren. Aber Jesus lenkt den Blick auf die Wege Gottes mit den Menschen, erläutert ihnen die Heilige Schrift.

Mehr haben wir heute auch nicht, aber das genügt. So wie Jesus seinen Jüngern damals gepredigt hat, so wird uns heute gepredigt und das Verständnis für alles geweckt. In jedem Gottesdienst kommt Jesus im gepredigten Wort zu uns, oft sehr ungöttlich und mit allen Schwächen des Menschlichen behaftet. Noch ist Jesu Reich nicht direkt anschaulich, aber es ist schon mitten unter uns da.

Im Alten Testament wurde schon aus der Ferne auf den kommenden Christus hingewiesen. Es wurde auch angedeutet, daß Christus viel leiden und sterben muß. Wenn man die Heilige

Schrift recht liest, wird man das auch verstehen. Dann wird man auch erkennen, daß Jesus

hier seine Lebensaufgabe hatte und sie auch erfüllte.

Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen Kniff. Man könnte ja auch sagen: „Weil das mit Jesus so geschehen war, hat man das nachträglich aus der Bibel herauslesen wollen. Wenn es anders gekommen wäre, hätte man die entsprechenden Stellen nicht auf Jesus gedeutet!“ Aber so ist es nicht: Das Leiden Jesu lag ganz im Plan Gottes.

Noch mehr aber war die Auferstehung geplant, das Überraschende an dem ganzen Geschehen, womit kein Mensch gerechnet hatte. Weil Jesus von den Toten auferweckt wurde, unterscheidet sich sein Tod von dem gewaltsamen Ende eines Martin Luther King zum Beispiel. Deshalb spricht man auch heute noch von diesem Jesus, weil er auch heute noch eine Realität ist. Damit sind wir beim dritten Punkt: beim Missionsbefehl.

 

(3.) Die Verbindlichkeit des Auftrags: Unter allen Völkern soll von Jesus erzählt werden, soll seine Auferstehung gepredigt und zur Hinwendung zu ihm aufgefordert werden. Besser kann man nicht zum Ausdruck bringen, daß Ostern nicht ein Ereignis der Vergangenheit ist, sondern in die Zukunft weist.

Eben noch waren die Jünger die Empfangenden. Doch plötzlich springt die Redeweise um. Und nun heißt es, daß das Wort Gottes gepredigt werden muß. Wenn der Auferstandene nicht mehr selber da ist, so braucht er doch seine Boten. Sie sollen den Menschen sagen: „Kehrt heim zu Gott, er wird euch wieder annehmen!“ Mission ist nicht eine Liebhaberei einiger Weniger, Werbung für den Glauben und die Kirche ist nicht nur die Aufgabe der hauptamtlichen Angestellten in der Kirche, sondern die Aufgabe aller, die dazu gehören. Sie ist so wichtig wie der Gottesdienst oder die Diakonie.

Das Heil Gottes kommt nicht so über die Menschen, wie um Ostern herum der Frühling kommt, sondern es fordert eine Entscheidung und eine Stellungnahme. Nur in einem bewußten Entschluß können wir anders werden und immer wieder zu Gott zurückkehren. Dazu aufzufordern ist auch an diesem Osterfest unsre Aufgabe.

Wir dürfen aus dieser Erzählung am Schluß des Lukasevangeliums heraushören, daß wir weder als Geist auferstehen noch mit einem Körper, wie wir ihn jetzt haben. Aber wir dürfen doch wissen, daß mit der Auferstehung ein wirkliches Geschehen verbunden ist, daß mehr von uns übrigbleibt als nur ein Gedanke. Aber das bringt auch die Verpflichtung mit sich, auch anderen Menschen diese frohe Botschaft weiter zu sagen.

Wenn die Jünger damals stumm geblieben wären, wüßten wir heute nichts von Jesus. Und wenn wir heute nicht reden, erfahren die Menschen von heute nichts von ihm. Wir sollen es ja nicht aus eigenen Kräften tun: Die Kraft des Heiligen Geistes und der Beistand Gottes sind uns ja sicher. Aber wenn wir Zeugen sind für den lebendigen Christus, dann war auch dieses Osterfest nicht vergebens für uns.

 

 

Quasimodogeniti: Joh 21, 1 - 14

Unser Leben verläuft doch meist im gleichen Trott: Morgens aufstehen, zur Arbeit, die Kinder in die Schule. Abends Hausarbeit und Fernsehen. Samstag und Sonntag langes Ausschlafen. Einmal im Jahr Urlaub. Aber im Grunde ist doch alles ziemlich gleichmäßig und es geschieht kaum einmal etwas Außergewöhnliches und Aufregendes. An dieses Gleichmaß haben wir uns so sehr gewöhnt, daß wir es gar nicht mehr missen möchten.

Solch ein Leben hatten auch die Jünger Jesu geführt: Arbeit, Essen, Schlafen - Tag für Tag. Bis dann Jesus sie eines Tages aus diesem altgewohnten Trott herausgerufen hat und sie zu seinen Jüngern gemacht hat. Sie waren auch anstandslos mitgegangen und hatten ein neues Leben begonnen.

Aber nun war Jesus tot, und alles war für sie zusammengebrochen. Es ist Petrus, der sich als Erster wieder ein Herz faßt: „Ich will fischen gehen!“ Er will den Faden wieder dort aufnehmen, wo er in der Berufung durch Jesus abgerissen war. Er will wieder so leben  wie in der Zeit, als er Jesus noch nicht kannte. Das monatelange Zusammensein mit Jesus wäre dann nur eine kleine Unterbrechung auf seinem Lebensweg gewesen, ein Irrtum und ein Abweichen von der geraden Linie. 

Die anderen Jünger scheinen erleichtert zu sein über diesen Vorschlag ihres Anführers. Sie haben der Stadt Jerusalem den Rücken gekehrt, wo all diese aufregender Ereignisse geschehen sind. Sie sind wieder in ihrer alten Heimat am See Genezareth. Hier wollen sie nun in der alten Weise wieder weitermachen und alle ihre Erwartungen mit dem Tod Jesu begraben seinlassen.

So wird es denen gehen, die vom Kirchentag zurückkommen. Dort war alles einfach: Da wurden Reden und Gottesdienste gehalten, da wurde geklatscht, da war eine prächtige Stimmung, man war unter sich. Aber zu Hause ist man dann wieder auf dem Boden der Wirklichkeit und muß die Alltagsprobleme bewältigen.

Aber manchmal wird eben auch unser Alltagstrott unterbrochen. Dann ereignet sich ein Todesfall in unsrer Umgebung oder es kommt ein wichtiger Besuch oder es ergibt sich eine einschneidende Veränderung im Beruf. Es kann auch durch ein besonderes Ereignis zu einer tieferen Begegnung mit Jesus kommen. Dann befassen wir uns eine Zeitlang mit ihm, gehen öfter zum Gottesdienst und lesen wieder einmal in der Bibel. Aber dann läßt der Schwung wieder nach und es beginnt wieder der alte Trott.

Ist Jesus nur eine Störung in unserem Leben, so wie wenn einmal der Strom ausfällt? Oder ist er der Strom, der unser Leben in Gang hält und voranbringt? Welches ist der Normalfall in unserem Leben: Ein Leben auf der Seite Jesu oder ein Leben meist ohne ihn? Selten wird einer seinen Weg ganz gradlinig gehen. Jeder glaubende Mensch wird auch einmal in Krisen kommen. Doch die Jünger sahen die ganze Zeit mit Jesus als eine Unterbrechung an, während für Jesus nur der Karfreitag eine Unterbrechung war. Er möchte die Jünger wieder in das alte Verhältnis zu ihm zurückbringen.

Im Morgengrauen sehen die Jünger vom Boot aus einen Mann am Ufer stehen. Nur undeutlich können sie die Umrisse sehen. Das soll auch so sein. Der Auferstandene soll ein Geheimnis bleiben. Er gehört nicht zu dieser Welt, so daß man nur genauer hinsehen und ihn notfalls anzuleuchten brauchte, um ihn zu erkennen. Er ist nur zu erkennen, wenn er selbst den Anfang macht und sich zu erkennen gibt. Aber das ist dann jedesmal wie ein Wunder für den betreffenden Menschen.

In diesem Augenblick der Begegnung erkennt Petrus, daß er ja seinem eigentlichen Beruf untreu geworden ist. Er sollte ja Menschen fischen, sollte die Botschaft von Jesus weiter­sagen. Der Herr will nicht, daß seine Jünger hier am See Genezareth Fische fangen als sei nichts gewesen. Als Petrus das erkennt, schwenkt er sofort wieder um: Er springt aus dem Boot und watet durchs Wasser ans Ufer. Er packt mit zu, als die Fische an Land gezogen werden müssen. Das ist wieder der alte Petrus, den wir kennen.

Die anderen Jünger aber bleiben merkwürdig still. Sie wissen im Grunde alle, daß der Herr wieder bei ihnen ist. Aber sie können sich das doch nicht erklären. Jesus bleibt ihnen letztlich fremd und unnahbar. Auch Petrus‚ der auf seinen Herrn zustürzt, kommt ihm eigentlich noch nicht innerlich näher. Es ist mit dem Auferstandenen doch anders als früher. Sie können das alte Leben mit ihm nicht wiederaufnehmen, können nicht an die Zeit vor dem Karfreitag wieder anknüpfen.

Uns geht es nicht anders. Manchmal sind wir enttäuscht darüber. Wir möchten doch gern alles begreifen und in den Griff kriegen. Aber der Herr kommt und geht, wann er will. Er hilft uns, wenn er es für richtig hält und wenn es für uns gut ist. Er zeigt sich uns und er entzieht sich uns auch wieder. Er bleibt der Herr, wir sind ganz auf ihn angewiesen.

Jesus sagt nicht zu Petrus: „Du bist für mich erledigt“ oder „Schwamm drüber“. Er spricht ihn auf die Verfehlung in der Nacht der Verhaftung an. Aber mit der Frage: „Hast du mich lieb?“ Und er vergibt ihm

Jesus fragt seine Jünger: „Kinder, habt ihr denn nichts zu essen?“ Damit werden sie völlig bloßgestellt. Denn diese fleißigen und gut ausgebildeten Fischer haben nichts, das sie ihm anbieten könnten, nicht einmal einen Fisch. Sie hatten ihre Existenz aus eigener Kraft sichern wollen. Aber sie müssen gerade auf einem Gebiet ihre Schwäche erleben, auf dem sie doch eigentlich Fachleute sind. Der Leerlauf ihres alten Lebens wird ihnen dadurch erst so richtig  deutlich.

Erst hielten sie ihren Herrn für machtlos und tot. Jetzt müssen sie selber ihre Machtlosigkeit erkennen. Sie müssen erst wieder lernen, was es heißt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Nur der Befehl Jesu wird sie wieder aus der Verlegenheit herausbringen. Sie sollen noch einmal fischen gehen, jetzt aber im Auftrag ihres Herrn. Er braucht sie auch weiter in seiner Nachfolge, auch wenn sie in Jerusalem versagt haben. Wer erst einmal mit Jesus zu tun hatte‚ der kann nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren.

Aber dann braucht Jesus den großen Fischzug gar nicht. Ehe die Jünger dafür sorgen können,  ist alles zubereitet. Alles eigene Könner und Vermögen nutzt nichts, wenn Jesus nicht seine Zustimmung dazu gibt. Wir können nichts erhalten oder behalten‚ was der Herr nicht gibt. Und das bezieht sich nicht nur auf das tägliche Brot auf dem Tisch, auf die äußerliche Sicherung des Daseins.

Die Eingeweihten wissen längst: Hier handelt es sich um das Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feiert. Bis jetzt waren die Jünger immer noch unsicher. Aber nun wissen sie: Jesus ist bei uns! Das Abendmahl ist das Erkennungszeichen. Hier wird die Mahlgemeinschaft erneuert, die sie schon vor Karfreitag und Ostern hatten. Miteinander am Tisch zu sitzen und aus einem Topf zu essen ist Kennzeichen tiefster Verbundenheit. Jesus verbindet sich mit dem Seinen zu enger Lebens- und Dienstgemeinschaft.

Aber er verbindet sie damit auch untereinander. Das wird deutlich am Verhältnis des Petrus zu dem Lieblingsjünger. Hinter diesem dürfen wir Johannes vernuten. Er erkennt Jesus zuerst; aber er ist der stille Typ, der nicht gleich Entschlüsse faßt. Petrus aber ist resoluter, kämpft sich gleich durch das Wasser hindurch, will gleich Gewißheit haben. Petrus wird einmal den Märtyrertod sterben, Johannes aber viel später ganz undramatisch den Tod finden. Doch beide sind uneingeschränkt Jesu Jünger. Die Kirche des Johannes hat ihr Recht neben der Kirche des Petrus, denn sie sind beide durch den gleichen Herrn zusammengehalten. Die Verschiedenheit in  der Kirche widerspricht nicht ihrer Einheit.

Das Verbindende ist das Abendmahl. Vielleicht war der eine oder andere bei der Konfirmation zum letzten Mal beim Abendmahl gewesen. Es kam eine lange Zeit des Fernbleibens, alle Verbindungen schienen abgerissen. Aber es ist sehr einfach‚ den Herrn wiederzufinden: Man kann ihr immer wieder erkennen an den Worten: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut!“ Dadurch wird die Gemeinschaft immer wieder hergestellt.

Aber wer in einer solchen Gemeinschaft lebt‚ wird auch immer wieder so wie die Jünger Jesu in seinen Dienst berufen. Die Gemeinschaft hat das Ziel der Mission. Auf eigene Faust zu fischen, das wäre allerdings vergeblich. Aber im Auftrag Jesu das Netz auswerfen, da kann man es bald nicht mehr ziehen vor der Menge der Fische. Im Altertum zählte man 153 Arten von Fischen. Bei der Menschenfischerei wird man Menschen aus allen Völkern gewinnen können. Die Gemeinde wird sehr farbenprächtig sein.

Wir werden vielleicht sagen: „Bei uns merkt man aber nichts davon, von den großen Fischen, die der Kirche ins Netz gehen!“ Nun, der Kirche sollen sie auch nicht ins Netz gehen, sondern der auferstandene Christus will sie ja zu sich holen. Es gibt aber Gebiete in der Welt, wo man die nach Christus Fragenden nur mit Mühe fassen und eingliedern kann. Aus Tansania wird zum Beispiel berichtet, daß man dort gar nicht genug Lehrer hat, um in den Schulen den gewünschter Religionsunterricht zu erteilen, und daß in zehn Jahren die Zahl der Gemeindeglie­der sich fast verdoppelt hat.

Auch heute noch wirft der Herr sein Netz aus und fängt einen reichen Fang. Auch wir könnten ihm ins Netz\ gehen und noch andere dabei mitziehen. Das wird nicht ohne Enttäuschungen und Rückschläge abgehen. Wenn wir jemanden zum Gottesdienst oder sonst einem Ereignis in der Kirche einladen, dann wird der Einladung nicht immer willig Folge geleistet. Und doch wird das Netz voll. Christus sorgt dafür, daß es voll wird und daß es auch zusammenhält. Immer wieder neu wird sein Netz voll. Darauf weist auch der Name dieses Sonntags: „Wie die Neugeborenen!“ Jesus wird auch uns neu machen, wenn wir uns in seine Gemeinschaft rufen lassen und uns in seiner Dienst stellen lassen.

 

 

Misericordias Domini: Hesekiel 34, 1- 2 und 10 -16 und 31

Nach den Feldzügen Napoleons und den Freiheitskriegen herrschten überall Not und Verwahrlosung. Viele Kinder trieben sich elternlos auf den Landstraßen Thüringens herum. Da holte sie Johannes Falk in Weimar sie in sein Haus. Anfangs waren es 30 Kinder, nach zehn Jahren waren es über 400 Jugendliche aus ganz Deutschland, die er buchstäblich auf der Straße aufgelesen hatte. Die Wohnung Falks wurde für sie zum Kinderheim. Er schenkte ihnen eine Heimat und war für sie durch sein selbstloses Christentum zu einem Vater im Glauben. Er sorgte aber auch dafür, daß sie in handwerklichen Berufen ausgebildet wurden und zu wertvollen und selbständigen Menschen erzogen wurden. So wurde Johannes Falk zu einem guten Hirten für diese Kinder. Er erlebte in Weimar allerdings auch das Gegenteil: Da gab der Großherzog für die Festbeleuchtung an einem einzigen Abend 800 Thaler aus, aber das Werk Falks förderte er nur mit 135 Thalern.

Der Prophet Hesekiel wendet sich scharf gegen Nutznießer und Ausbeuter, gegen Tyrannen und üble Bosse, die ihr Leitungsamt als Vorzugsstellung verstehen und ausnutzen. Hier wird also Gesellschaftskritik von Gott her getrieben und gesagt: „Die Hirten‚ die Inhaber staatlicher Ämter, haben die Herde nicht richtig geweidet, sie haben nicht richtig regiert!“ Vor allem den Königen wird dieser Vorwurf gemacht. Nirgends wird ein regierender König als Hirte bezeichnet. Nur Gott ist der Hirte. Und so wird dann hier ein Bild des wahren Hirten entworfen und gesagt:“Er ist uneigennützig und fürsorglich und barmherzig!“ Wir wollen aber immer zugleich daran denken, daß dieser Hirte in Jesus Christus für uns Gestalt angenommen hat.

 

(1. ) Der wahre Hirte ist uneigennützig: Der Prophet Hesekiel spricht in der Zeit nach dem Jahr 586, als die Babylonier Jerusalem erobert haben und einen Teil der Judäer in die Gefangenschaft nach Babylon fortgeführt haben. Und er sagt nun: „An all dem Unglück der Verbannten und der im Lande Gebliebenen sind allein die Hirten des Volkes schuld. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, das Volk auf einen guten Weg zu führen. Stattdessen haben sie ihre Machtstellung eigensüchtig ausgenutzt und haben sich auf Kosten des Volkes bereichert!“ Das ist ja immer so: Der kleine Mann hat die Folgen zu tragen, er ist der eigentlich Betrogene.

Der Fehler liegt nicht darin, daß es überhaupt Hirten gibt. Es geht in der Welt nicht ab ohne daß Menschen leitende Funktionen haben: Eine Firma muß einen Leiter haben, eine Abteilung einen Hauptverantwortlichen, in der Schulklasse gibt es einen Lehrer und im Krankenhaus einen Chefarzt. Vater und Mutter haben für die Familie zu sorgen. Kirchenvorsteher nehmen teil an der Fürsorge Gottes für die Menschen. Wenn diese Leitungsaufgabe  fehlte, wäre die Tyrannei sicher noch größer; dann machte jeder, was er wollte und alle würden sich gegenseitig schaden.

Wer aber in leitender Position klug ist, der wird nach dem Rat der von ihm Geleiteten fragen und sich ihr Mitgehen und ihr Verständnis sichern. Man kann heute nicht mehr autoritär bestimmen und die anderen haben zu gehorchen. Unsre Welt ist viel zu kompliziert, als daß einer alles überblicken könnte. Er muß einfach Verantwortung an die anderen abgeben und ihnen Freiheit zur eigenen Entscheidung lassen.

Bei jedem wird das wieder anders aussehen, je nach dem Ort, an dem einer steht: der Polier auf dem Bauplatz, der Fahrdienstleiter auf dem Bahnsteig, der Präsident eines Parlaments, der Dirigent eines Orchesters, der Trainer eines Fußballvereins. Überall muß eine Leitung sein. Aber sie darf nicht auf einer angemaßten Macht beruhen. Heinz Ehrhardt hat einmal gesagt: „Jeder soll ein guter Hirte sein, aber jeder soll sich auch hüten!“

Bloße Macht, ohne daß Wissen und Können und Leistung dahinter stehen, wird gerade von Jugendlichen sehr scharf erkannt; und deshalb sind sie in vielen Fällen so aufsässig. Vielleicht könnten die Erwachsenen sogar noch von ihnen lernen. Bei vielen erlebt man doch nur eine Untertanengesinnung und die Meinung: „Wir ändern ja doch nichts dran!“ Die Jugendlichen sind da zum Glück manchmal anders.

Vielleicht wird aber mancher nun sagen: „Wir sind doch keine Großgrundbesitzer oder Industriebosse!“ Und doch haben die meisten von uns an irgendeiner Stelle auch über andere zu sagen. An einer Stelle hat jeder eine Hirtenfunktion! Wir können uns nicht damit herausreden, daß es dafür  in der Welt zu viele Politiker gibt. Wir haben uns selber zu fragen: „Was bin ich für ein Hirte? Ich habe doch eine Aufgabe in der Firma, in der Familie oder in der Schule. Die Frage ist nur: Kommen wir uns in dieser Stellung wichtig vor? Sonnen wir uns im Glanz unsrer Geltung und Vollmacht? Nutzen wir es gelegentlich aus, daß wir am längeren Hebel sitzen? Lassen wir die anderen ihre Ohnmacht und unsere Macht fühlen?

Denken wir vielleicht an einen Handwerker, auf dessen Hilfe wir angewiesen sind und der uns trotzdem warten läßt. Sehr schnell kommt es doch zum Mißbrauch der Macht, die man über andere hat. Wo der Geist des Profits herrscht, wird jeder nur nach seiner Brauchbarkeit und Verwertbarkeit eingeschätzt, also nach dem, was an ihm zu verdienen ist.

Daß er aber ein Herz hat und sich mit Problemen und mit unvergebener Schuld herumschlägt, das sieht nur Jesus. Er ist der gute Hirte für uns. Ihn jammert des Volks, denn er sieht, daß sie zerstreut sind wie Schafe, die keinen Hirten haben. Wo wir alle versagen, da greift er ein und hilft uns. Er dient uns sogar und gibt sich selber für uns hin und ist gerade darin unser guter Hirte.

Etwas von dem Hirtendienst Jesu sollte in uns allen drinstecken. Der Oberhirte braucht nämlich seine Mitarbeiter. Er kann uns nicht gebrauchen, wenn wir nur das Unsre suchen. Er will aber jeden von uns zum „Pastor“ haben, zum Hirten, an dem man seine eigene Art wiedererkennen kann. Denn „Pastor“ heißt nichts anderes als „Hirte“.

 

(2.)  Der wahre Hirte tut seinen Dienst in Fürsorge: Die Aufgabe des Hirten ist es, das Schwache zu stärken, das Verwundete zu verbinden und das Kranke zu heilen. Er hilft den Untergebenen, wo es nötig und möglich ist. Jesus hat ja auch immer wieder auf der Seite der Minderberechtigten und Unterdrückten gestanden; er hat Partei ergriffen für die Schwachen und Benachteiligten. Jesus weiß, wo ein Einzelner versagt. Er kümmert sich aber auch um den Zustand der Gesellschaft im Ganzen. Deshalb ist es eine Schande, daß uns erst nichtchristliche Staaten haben deutlich manchen müssen: „Alle haben das gleiche Recht auf einen Anteil an den Gütern dieser Erde, an den Weiden, die er uns gegeben hat.“

Hesekiel sagt uns nun: „Wo wir versagt haben, da packt Gott zu. Er wendet seine Liebe sogar noch den Versagern zu und nimmt sich der Herde selber an!“ Damals für das Volk Israel bedeutete das die Heimkehr der Verbannten; da hat der Hirte seine Herde wieder auf eine gute Weide geführt.

So hat auch Jesus den Armen das Evangelium gepredigt. Man findet ihn vor allem bei denen, mit denen die gesellschaftliche und religiöse Oberschicht nichts zu tun haben will. Er kümmert sich um den einzelnen Menschen mit seinem verpfuschten und mit Schuld belasteten Leben. Er stellt keine Bedingungen und fragt nicht: „Bist du es wert?“ Er fragt nur: „Hast du es nötig?“

Allerdings weiß der Hirte besser, was das Tier braucht, wo es zum Wasser geht und wo Gefahren lauern. Oft sind wir gerade an der Stelle am törichsten und kurzsichtigsten, wo es mit uns am bedenklichsten steht. Wir müssen Jesus auch an die schwachen und dunklen Stellen unsres Lebens heranlassen, sonst können wir auch seine Hilfe nicht spüren. Und wer sich im Augenblick verraten und verkauft vorkommt, der möge nur warten: Was er im Augenblick noch nicht begreift, wird er vielleicht doch noch einmal als ein Stück der Fürsorge des guten Hirten verstehen. „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“

 

(3.) Der wahre Hirte ist barmherzig: Das Wort „Barmherzigkeit“ kommt zwar in dem Predigttext nicht vor, ist aber der Sache nach da. Gott hätte allen Grund, mit uns Schluß zu machen. Aber er tut es nicht - das ist Barmherzigkeit. An Jesus Christus wird uns deutlich, wie Gott das Verlorene sucht. Er hat sich in das Elend der Heimatlosen und Ausgestoßenen aufgemacht und hat es zu seinem eigenen Elend gemacht. Er wurde selbst zu einem Verlorenen und konnte so die anderen wieder zurückholen. Jeder einzelne ist ihm so wichtig, daß er ihm nachgeht. Er findet sich nicht mit dem Schicksal der anderen ab, sondern will sie bei sich haben,

Die ganze christliche Gemeinde besteht aus solchen Gesuchten und Wiedergefundenen. Jesus braucht uns, damit wir nun unsererseits die anderen suchen, die verlorengegangen sind, die abgehängt und aufgegeben wurden. Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Pfarrer. Die können die Verantwortung gar nicht tragen, für alle in der Gemeinde da zu sein. Wir sind alle zur Für­sorge und Hilfe für die anderen verpflichtet.

Natürlich haben wir da viel Arbeit an den Alten und Jungen, an den Einsamen und Verlorenen. Manchem steht die Hilfsbedürftigkeit auf der Stirn geschrieben; bei einem anderen ist sie so tief versteckt, daß keiner etwas merkt. Mancher weiß, daß er seinen Weg verfehlt hat, und der andere geht in die Irre, ohne es zu ahnen. Für alle diese Menschen sollen wir da sein. Entscheidend wird dabei sein, daß wir nicht selbst wieder versuchen, auf unsre Weise Hirten und Herrscher zu sein. Wir haben schon die Aufgabe, ein uneigennütziger, fürsorglicher und barm­herziger Hirte wie Jesus zu sein. Aber er bleibt dabei immer der große Hirte, auf dessen Hilfe wir selber angewiesen sind.

 

Ergänzung:

Das Wort „Autorität“ wollen wir nicht gerne hören. Vor allem junge Leute lehnen jede Art von übergeordneter Gewalt ab: ob das nun die Eltern sind oder die Lehrer oder die Polizei oder sonst irgendwelche Erwachsene. Die gehören heute alle zum „Establishment“, wie man so schön sagt „zu der herrschenden Klasse“ die ein ganzes Netz von Gewaltherrschaft über die Gesellschaft gelegt hat und vor allem die Jugend damit in Schach halten will und sie in ihre Welt einfügen will.

Aber auch die Erwachsenen sind mißtrauisch gegenüber jeder Art von Autorität, wenn sie auch eher bereit sind, sich anzupassen. Aber wir haben ja nun erlebt, wie das Wort „Führertum“ in abscheulicher Weise mißbraucht wurde; da will man natürlich keinen neuen „Führer“ haben, der dann unter Umständen wieder ein Verführer sein kann.

Natürlich gibt es auch heute Autorität. Es gibt auch heute Manschen, die über andere etwas zu sagen haben. Aber diese Autorität ergibt sich aus dem Augenblick und ist nicht von vornherein mit der Amtsstellung gegeben. Außerdem wechselt das Verhältnis von Übergeordneten und Untergeordnetsein ständig: Der leitende Angestellte hat im Betrieb allerhand zu sagen; aber draußen auf der Straße hat er sich den Anordnungen des Verkehrspolizisten zu fügen und zuhause bestimmt vielleicht seine Frau über ihn.

Schließlich sind wir doch alle dem Leitbild der Demokratie verpflichtet und wittern Gefahr, wenn von dem Hirten die Rede ist, der über die Herde herrscht. Vertritt denn die Bibel auch

„autoritäre Strukturen“, wie man heute sagt, tritt sie denn auch für Befehlsgewalt und Untertanengesinnung ein?

Nein, das ist nicht so. Dieses 34.Kapitel beim Propheten Hesekiel geht ja gerade aufs schärfste gegen den Machtmißbrauch vor. Es wendet sich gegen die Nutznießer und Ausbeuter gegen Tyrannen und üble Bosse, die ihr Leitungsamt als Vorzugsstellung verstehen und ausnutzen.

Hier wird also Gesellschaftskritik von Gott her getrieben und gesagt: Die Hirten, die Inhaber der staatlichen Ämter, haben die Herde nicht richtig geweidet, sie haben nicht richtig regiert.

 

 

Jubilate: Joh 16, 16 (17 - 19) 20 - 23a

Wir haben alle schon einmal eine Prüfung zu überstehen gehabt, und wenn es nur eine Klassenarbeit in der Schule war. Das ist dann immer etwas Aufregendes. Man hat Angst, schon ehe es losgeht. Aber es dauert dann doch nur eine kurze Zeit und alles ist überstanden, man kann wieder aufatmen und sich freuen. Auch wenn man nicht so ganz zufrieden mit sich selbst ist, kann man doch erleichtert sein. Mancher freut sich und jubelt, weil es wieder einmal gut gelaufen ist.

Von der Freude soll auch am heutigen Sonntag die Rede sein. Wir können den Namen dieses Sonntags leicht übersetzen: „Jubilate“ - jubelt, freut euch! Warum sollte man sich auch nicht freuen, wenn draußen die Sonne scheint und die Vögel zwitschern und wenn alles auf den Frühling hinausläuft. Aber Jesus hat seine Jünger auch zur Freude aufgefordert, als es auf seinen Tod zuging.

Kann man das überhaupt? Freude kann man doch nicht befehlen. Wenn wir wüßten, daß wir nur noch zwei Tage zu leben hätten‚ dann würden wir eher heulen und klagen. Wenn wir stark sind, würden wir vielleicht noch unsre Angehörigen trösten. Aber zur Freude auffordern? Das

ist doch zuviel verlangt. Es ist ja auch nicht eine künstlich zur Schau gestellte Freude gemeint, die sich christlich gebärdet und immer nur lächelt, aber dem Leben nicht standhält. Aber Jesus sagt: „Eure Traurigkeit wird zur Freude werden!“

 

(1.) Wir können uns oft nicht freuen! Es gibt so vieles, was uns traurig macht: Die Frau hat ihren Mann verloren, die Kinder sind weggezogen. Oder der einzige Sohn ist aus dem Krieg nicht wiedergekommen und zu Hause ist keiner, der einmal nach dem Rechten sieht. Viele haben ihre Heimat verlassen müssen und fühlen sich anderswo gar nicht wohl. Es gibt Dinge, die stehen einem immer wieder vor Augen, so als seien sie eben erst geschehen. Oft ist auch eine geheime Schuld damit verbunden‚ die uns nicht zur Ruhe kommen läßt.

Jesus sagt auch ganz nüchtern: „Ihr habt jetzt Trauer!“ Er weiß: Die Jünger fühlen sich jetzt wie Kinder, die von den Eltern allein gelassen wurden. Sie waren doch ganz von ihm abhängig, ohne ihn konnten sie kaum weiterleben. Seine Ankündigung traf sie wie ein Faustschlag. Sie müssen es erst noch lernen‚ selbständig weiterzugeben, was sie von Jesus erfahren haben. Er kann ja jetzt nicht mehr nur für die Jünger da sein, sondern er will der Helfer für alle Menschen werden.

 

(2.) Es muß so sein, daß wir auch einmal traurig sind! So sagt es auch Jesus, denn das gehört mit zum Leben dazu. Wer niemals traurig war, der weiß gar nicht, was Freude ist. Wer nie beim Spiel verloren hat, der weiß nicht, wie schön der Sieg ist. Wer nie gezweifelt hat, weiß nicht, was ein fester und Starker Glaube ist.

Jeder muß einmal durch Trauer und Unglauben hindurch. Es hat jeder schon einmal erlebt, daß er bestimmte Pläne aufgeben mußte. Oder er hat einen lieben Menschen verloren, an dem er sehr gehängt hat. Vielleicht hat er auch darum gebetet, daß das alles nicht eintrifft und es ist doch so gekommen.

Aber im Grunde sind das alles Prüfungen, die Gott uns schickt. Die müssen einfach sein, wenn wir innerlich vorankommen wollen. Durch die Prüfung lernen wir ja erst. Und wenn es schwer für uns war, dann kann es nachher nur umso schöner werden. Jesus räumt nicht alle Konflikte aus dem Weg. Aber wenn Jesus die Lebensgrundlage und das Lebensziel ist, verlieren sie an Lebensbedrohung.

Es wird immer so bleiben, daß es Leid und Not in der Welt gibt. Manche wollen ein Paradies auf Erden schaffen, wo Krankheit und Not ausgeschaltet sind, wo es keine Verbrechen und Streitigkeiten gibt und wo jeder nur zum Wohle der Gemeinschaft handelt. Die Verkündigung der Kirche wird von ihnen als Störung des optimistischen Menschenbildes hingestellt. In der damaligen DDR zum Beispiel haben die Zeitungen in Todesanzeigen den letzten Vers dieses Kapitels einfach nicht mit abgedruckt, wo es heißt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ Die Begründung war: Im Sozialismus brauche keiner Angst zu haben. Und schon gar nicht könne Jesus die Angst überwinden. Jesus ist da nüchterner. Aber er sagt:

 

(3.) „Alles zu seiner Zeit!“ Schrecken und Entsetzen sind kein Dauerzustand. Wenn Grund zur Trauer ist, dann dürfen wir ruhig trauern; das ist ganz natürlich und Jesus hat Verständnis dafür. Aber wenn dann Grund zur Freude ist, dann sollen wir uns auch freuen. Dann dürfen wir vergessen, was vorher war und uns darüber freuen, was jetzt ist. Es kann immer nur besser werden.

Jesus bringt hier den Vergleich mit einer Frau, die Mutter werden soll. Zunächst kommt sie auch in große Bedrängnis und Angst. Sie muß erst durch ihre Stunde hindurch. Schwer Erworbenes liebt man besonders. Das Ziel, einem Menschen das Leben zu schenken, ist unendlich größer als die Beschwerden der Geburt. Diese verblassen angesichts der Freude und werden von ihr überboten. So gibt es auch sonst im Leben noch manche Ziele der Freude, die wir ansteuern können.

Letztlich können wir die Traurigkeit nur ertragen um der Freude willen, die nachher kommt. Wenn wir nicht wüßten, daß auch wieder einmal bessere Zeiten kommen, könnten wir es gar nicht aushalten. Jeder Mensch braucht diese Hoffnung. Durch die Auferstehung Jesu ist dieser Wandel der Traurigkeit in Freude aber möglich geworden. Seitdem ist eine neue Zeit heraufgezogen, die uns immer wieder Hoffnung schöpfen läßt für die Zukunft.

a.) Es gibt zwar immer noch Krieg und Haß zwischen den Völkern und zwischen einzelnen Menschen. Aber man kann auch bei immer mehr Menschen den Willen zum Frieden finden. Sie wollen Spannungen und Zwischenfälle auf friedliche Weise bewältigen. Vielleicht ernten wir heute schon manche Früchte solcher Bemühungen und Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft.

b.) Es gibt immer wieder Krankheit in unserem Leben. Aber vielleicht lernen wir dadurch, daß es auf ein gutes und offenes Miteinander ankommt und nicht auf die Erreichung persönlicher Ziele und daß es auf Menschlichkeit und Wärme ankommt und nicht auf Ehrgeiz und Gewinnsucht.

 

(4.) Die Traurigkeit dauert nur kurz! Jesus sagt ganz betont „über ein Kleines“. Die Zeit der Trennung wird nur kurz sein. Zunächst scheint die Welt recht zu behalten, und sie werden am Kreuz nicht vorbeikommen. Aber das Leiden ist nichts Endgültiges. Das Letzte wird Gottes Reich sein. Wenn wir diese Hoffnung haben, dann werden wir auch in jeder Notlage schon ein Stück dieses Reiches für uns in Anspruch nehmen können.

Oft nehmen wir nur den alten Menschen noch viel zu ernst. Deshalb nimmt in uns die Traurigkeit überhand. Doch sie soll überwunden werden, nur noch einen Randplatz haben. Christen leben in einer Freude, die ihnen niemand nehmen kann. Das haben die Jünger gespürt, als Jesus nach zwei Tagen wieder bei ihnen war.

Sie konnten ihn sogar wieder sehen. Allerdings war es ein anderes Sehen als vorher. In der griechischen Sprache gibt es sogar zwei verschiedene Wörter für diese unterschiedlichen Weisen des Sehens: einmal das leibliche Sehen, wie es vor Ostern möglich war, zum anderen das geistliche Sehen, das ihnen an Ostern wiederfuhr. Da wurden den Jüngern erst in einem umfassenden Sinn die Augen geöffnet und sie konnten mehr sehen, als sie erwartet hatten. Das gab ihnen auch die Kraft, auf die Wiederkunft Christi zu warten.

Uns mag es lang vorkommen, daß es jetzt schon Jahrtausende dauert mit der Wiederkunft. Aber für Gott ist das sicher nur eine kleine Zeitspanne. Entscheidend aber für uns ist auch:  J e t z t ist für uns die Zeit zum Glauben. Wir dürfen weder in der Vergangenheit verweilen noch von der Zukunft träumen. Jetzt ist die Zeit zum Glauben und die Zeit zur Freude. Wenn  e r uns das sagt, dann wird es wohl stimmen: Er garantiert uns, daß wir jubeln dürfen, auch wenn einmal etwas dazwischen kommt. Wir können diese Freude zwar von uns aus preisgeben. Aber keiner kann sie uns wegnehmen, weil sie von Gott kommt. Kein Mensch kann uns mit Gewalt daran hindern, froh zu sein. Aber auch kein Leid und keine Gefahr kann uns von der Freude Gottes abbringen.

Es gibt ein Spiel, das heißt das „Ruferspiel“. Einem Spieler werden die Augen verbunden und im Zimmerwerden allerhand Hindernisse aufgebaut. Ein anderer Spieler, der „Rufer“, sagt nun, wie der „Blinde“ gehen soll, entweder rechts oder links, damit er nicht an ein Hindernis aneckt.

Nun wäre das an sich einfach, wenn nicht noch zwei Störer da wären, die immer falsche Ratschläge geben. Auf wen soll man hören? Auf die Stimme des einen Rufers oder auf die Störer? Diese Frage stellt sich in unserem Leben immer wieder. Da gibt es auch manchen „Störsender“, Menschen, die uns von Gott abbringen wollen, oder schwere Schicksalsschläge, die uns entmutigen wollen.

Hier kommt es darauf an, ob wir mitten im Haß der Welt dennoch auf Gott vertrauen und glauben können, daß  i h m die Zukunft gehört. Und es kommt immer darauf an‚ daß wir das Ziel vor Augen haben und nicht aus den Augen verlieren. Die Reiter sagen: „Wirf dein Herz erst über die Hürde, dann kommst du auch darüber!“ Wenn wir unser Herz in Gottes Hand legen, dann kommen wir auch über alles Leid hinweg und dürfen uns mit Christus und den anderen Christen freuen.

 

 

Kantate: Mt 21, (12) 14 - 17  (Variante 1)

In Marburg gibt es eine Blindenschule. Viele der Blinden gehen nachher auch auf die Universität und studieren. So gab es auch in den theologischen Vorlesungen und in der Studentengemeinde einige Blinde. Es ist manchmal beschämend für die Sehenden, wie sehr diese Menschen einen ganz anderen Blick haben für die Fragen, die uns wirklich angehen.

Ein Blinder schaut nach innen. Er wird nicht abgelenkt durch die vielen bildhaften Eindrücke, die heute auf uns einstürzen. Oft kann er eine Stunde dasitzen und dem Gespräch nur zuhören. Aber plötzlich findet er das entscheidende Wort, das alle erleuchtet. Manchmal könnte es nötig sein, daß w i r blind werden, damit wir Jesus sehen.

Vielleicht kennen Sie auch jemanden, der von Geburt oder durch einen Unglücksfall gelähmt ist und nun vielleicht ständig im Bett liegen muß. Viele werden da verbittert und wenden sich von Gott ab. Aber man kann auch durch das Leid nur noch näher zu Gott geführt werden. Die Blinden und Lahmen im Tempel gingen sofort zu Jesus, weil sie wissen, daß es nur dort für sie Hilfe gibt.

Von ihnen können wir viel lernen, auch wenn wir zur Zeit gesund sind. Unsre Gesundheit ist ein Geschenk für das wir nur immer wieder danken können. Wenn einer krank im Bett liegt, vielleicht sogar im Krankenhaus, dann macht er sich so seine Sorgen: „Was wird aus der Familie, wenn ich nicht bald wieder heimkomme? Kommen die Kollegen am Arbeitsplatz zurecht?“ Aber dann ist man gesund geworden und hat wieder Kraft für die Arbeit gewonnen. Ist das kein Grund zum Danken? Vergessen wir das nicht zu oft?

Die Blinden und Zahmen in Jerusalem haben es jedenfalls nicht vergessen. Sie hatten draußen vor der Tempeltür sitzen müssen. Weiter als bis zum Vorhof der Heiden durften Menschen mit solchen Gebrechen nicht kommen. Ihr Leiden galt als Strafe Gottes, sie waren Sünder in den Augen der Frommen. Deshalb durften sie nicht ins Heiligtum kommen.

Jesus aber nimmt den religiösen Makel von ihnen. Vor Gott gibt es keine Gebrandmarkten. Indem Jesus die Blinden und lahmen heilt, macht er sie tempelfähig und fügt sie in die neue Gemeinde ein.

Nachdem er den Tempel von Verkäufern und Geldwechslern gereinigt hat, zeigt er, wem der Tempel wirklich gehört und welchen Zwecken er zu dienen hat: „Mein Haus soll ein Bethaus sein!“ sagt Jesus. Da soll auch jeder dort beten dürfen, der es möchte.

Noch schöner wäre es gewesen, Jesus wäre mit den Blinden in den Tempel gegangen und hätte auch die Lahmen hineinschaffen lassen. Dann wäre deutlich geworden: Alle dürfen kommen, so wie sie sind! So aber paßt sich Jesus immer noch dem Schema des jüdischen Gesetzes an und schafft die Voraussetzungen, daß diese Menschen nach den geltenden Vorschriften das Recht zum Eintritt in den Tempel erhielten.

Doch für Jesus stehen noch andere Beweggründe im Vordergrund: Er möchte die Menschen von ihren Leiden und Gebrechen befreien. Damit möchte er nicht einen Tag länger warten. Die Heilungen sollen Vorzeichen der künftigen Zeit sein, in der Krankheit und Tod überwunden sein werden. Diese Menschen haben doch die Heilung nötig und sie haben auch Gott besonders nötig. Vor allem soll auch ihre Schuld von ihnen genommen werden, die sie ja auch hätten, wenn sie nicht krank wären. All diese Dinge machen das Handeln Jesu so dringend nötig.

Für die Geheilten kommt es auch nicht so sehr darauf an, daß sie nun auch einmal in den Tempel dürfen. Gottes Gegenwart war für sie nicht mehr an den Tempel und seine Einrichtungsgegenstände gebunden. Sie gingen nicht in den Tempel, sondern sie gingen zu Jesus, der

jetzt für sie die Gegenwart Gottes bedeutete. Sie haben gelernt: Trotz allem, was uns von Jesus fernhalten will: Wir dürfen zu ihm kommen und dürfen ihn loben!

Das gilt auch für die Kinder, die plötzlich im Tempel sind und laut rußen: „Hosianna, dem Sohne Davids!“ Kinder sind nicht immer wohlgelitten im Gotteshaus. Wenn sie zu klein sind kann man nicht erwarten, daß sie die ganze Zeit still sind, da sind sie einfach überfordert. Von einem Konfirmanden allerdings soll man das erwarten können. Aber wenn einmal ein Kind im Gottesdienst laut dazwischen spricht, ist das kein Unglück.

Kinder sollen frühzeitig an das Gotteshaus und den Gottesdienst gewähnt werden. Sie haben oft eine viel unmittelbarere Beziehung zum Glauben, als es die Erwachsenen haben können. Da können wir oft sogar noch von ihnen lernen. Auch im Bekenntnis sind sie oft mutiger. Da wollte doch eine Lehrerin eine außerschulische Veranstaltung auf die Zeit legen, in der eine kirchliche Veranstaltung ist. Kinder sagten: „Das geht nicht, da haben wir was bei der Kirche!“ Daraufhin fragt die Lehrerin: „Glaubt ihr da etwa dran?“ Ein Mädchen meldet sich: „Ich glaube dran und meine Eltern auch!“

Es ist doch schön, wie die Kinder hier ihren Mann gestanden haben. Auch in der Familie kann es so gehen, daß das zweijährige Töchterchen beim Mittagstisch sagt: „Erst beten!“ weil sie das bei den Nachbarn gesehen und gelernt hat.

Das Bitten und Danken gehört aber nicht nur zu dem sogenannten Kinderglauben, den man spätestens mit der Konfirmation abtut. Wenn wir verständiger geworden sind, können wir doch die Werke und Gaben Gottes besser verstehen und achten. Was die Kinder unbewußt tun, das sollten wir in Mündigkeit vollziehen.

Sicher haben die Kinder im Tempel nur etwas nachgeahmt, was sie gehört hatten. Wahrscheinlich haben sie nicht verstanden, was sie gerufen haben, konnten es noch gar nicht verstehen, sie waren ja noch Unmündige. Aber der Glaube hat immer die Gestalt, die dem persönlichen Reifegrad entspricht. Der Glaube des erwachsenen Menschen will im Glauben und Denken verankert sein.

Kinder glauben anders. Aber auch sie g l a u b e n natürlich. Jesus mißt das Kind nicht am Erwachsenen. Im Gegenteil meint er: Die Erwachsenen müßten werden wie die Kinder, wenn sie ins Reich Gottes gelangen wollen. Das Schreien der Kinder muß nicht nur aus Lust am Schreien geschehen. Das griechische Wort für „schreien“ wird sonst verwendet, wenn Kranke nach Heilung rufen oder die Jünger Jesu in Seenot sind. Hier aber kann es auch ein Rufen im Heiligen Geist sein, denn die Kinder sagen ja die Wahrheit.

Sie haben den „Hosianna-Ruf“ beim Einzug Jesu in Jerusalem gehört. Nun machen sie es im Tempel nach, als sie Jesus wieder sehen. Ist das nun Spiel oder Ernst? Aber wer so fragt, versteht nichts von Kindern: Ihr Spiel i s t Ernst. Im Spiel setzen sich die Kinder auf ihre Weise mit der Welt auseinander und eignen sie sich an. Aber wer weiß, wieviel Glaubenserkenntnis auch schon hinter diesen nur übernommenen Worten steckt?!

Wir sollten wieder entdecken, daß unser Christsein nicht nur durch das bewußte Durchdenken und Annehmen entsteht. Auch die Gewöhnung, Einübung und Nachahmung spielt eine große Rolle. Brauchtum und Sitte haben prägende Kraft. Das ganze Atmosphärische gehört mit dazu. Vielleicht hat mancher vom Religionsunterricht und vom Konfirmandenunterricht kaum Einzelheiten behalten. Aber er erinnert sich daran: „Da wurde etwas Wichtiges besprochen. Da wurde ich ernst genommen. Da wurde mir ein ganz anderer Weg fürs Leben gezeigt, der mir bis heute eine Hilfe geblieben ist!“

Die Vertreter der jüdischen Frömmigkeit können sich über das Verhalten Jesu nur ärgern. Nur ein paar Krüppel und ein paar Kinder laufen ihm nach. Sie rufen ihn zum Messias aus. Dazu haben sie kein Recht, das steht doch nur ihnen zu, den geistlichen Behörden. Wie kann man so einen Volksverführer „Messias“ nennen? Warum läßt sich Jesus das widerspruchslos gefallen?

Im Grunde ärgern sie sich nur, daß dieser Jesus mehr Anklang findet als sie. Sie versuchen ihn lächerlich zu machen: „Seht mal, nur Gesindel läuft ihm nach! Daß man auf ihr Urteil nichts geben kann, daß sieht man ja daran, daß sie auf ihn hereingefallen sind!“ Doch Jesus läßt sich nicht auf große Streitereien ein, er bleibt der Sanftmütige und geht hinaus nach Bethanien.

Jesus weiß, daß die Wahrheit so oder so an den Tag kommen wird. Er verweist auf den Psalm 8, der damals noch als messianischer Psalm galt: „Aus dem Munde der Unmündigen hast du dir Lob zugerichtet!“ Er als der unstudierte Zimmermannssohn beweist den Schriftgelehrten aus der Heiligen Schrift, daß die Kinder die Wahrheit gesagt haben. Die nach der allgemeinen Überzeugung noch nichts gelten, die rufen das Lob Gottes.

Auch wenn man jahrelang Theologie studiert hat, so ist man doch bei jeder Verkündigung auf den Beistand Gottes angewiesen. Doch wenn Gott sogar durch den Mund der Kinder sein Lob verkündigen läßt, dann wird er auch durch die Predigt jedem einzelnen von uns etwas zu sagen haben. Jede Predigt ist nur menschliches Wort. Aber Gott gibt uns die Verheißung, daß darin auch sein Wort enthalten ist.

Manche sagen: „In die Kirche gehen doch nur Kinder und alte Leute!“ Oft sieht es tatsächlich so aus. Solche Reden können wir nur widerlegen, wenn auch die mittlere Generation in großer Zahl zum Gottesdienst kommt. Nur wenn wir zahlenmäßig und innerlich stark sind, gelten wir auch etwas bei den anderen.

Aber gerade auch die Kleinen und Schwachen dürfen sich zu Gott bekennen. Jesus nimmt auch den Lobgesang der Unmündigen an. Es soll nicht Ersatz sein für Besseres, das man leider entbehrt. Alles ist vollgültiges Lob und Bekenntnis. Jesus erteilt uns die Erlaubnis, heute schon zu singen und zu loben, ohne Rücksicht auf Erfahrung und Stimmung und ohne Rücksicht auf die, die nicht mitsingen wollen. Vor Gott sind wir im Grunde alle unmündig. Aber gerade den Unmündigen gilt die frohe Botschaft Jesu. Wer das verstanden hat, dem dürfte

es schwer werden, daraufhin n i c h t zu singen.

 

 

Kantate: Mit 21, 14 -17  (Variante 2)

Was rettet eigentlich unsere Kirche? Die einen versuchen, den Gottesdienst schön liturgisch auszugestalten, nach einer festen Ordnung und mit feierlichen Gewändern, um einen sicheren Raum in der Welt zu haben. Die anderen meinen, sie müßten gerade dort sein, wo die Welt ist: Sie mühen sich um die Gleichgültigen und Atheisten und merken dabei gar nicht, daß sie n u r noch bei der Welt sind, anstatt erst einmal die Gemeinde zu stärken. Wieder andere wollen die theologische Wissenschaft in die Gemeinde bringen, andere wollen ihre kirchenpolitische Richtung unbedingt zum Siege führen. Aber kann das alles die Kirche retten?

Die Hohepriester und Schriftgelehrten in Jerusalem standen vor einer ähnlichen Frage. Da war dieser Jesus von Nazareth unter Jubelrufen in die Stadt eingezogen. Er hatte die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel verjagt und eine große Unruhe hervorgerufen. Wenn er konsequent sein wollte - so wie es das Gesetz vorschrieb - dann mußte er auch die Blinden und Lahmen vertreiben, die ja in jener Zeit nur Bettler in Lumpen waren und nichts in dem schönen Tempel zu suchen hatten. Die Hohepriester glaubten, ihre Gottesgemeinde nur retten zu können, indem sie die alte Ordnung aufrecht erhielten.

Geht es uns nicht auch oft so, daß wir die gewohnte Ordnung in der Kirche beibehalten wollen? Von einem Konfirmanden kann  man erwarten, daß er nicht während des Vaterunser­gebets mit seinem Nachbarn spricht.  Aber was gibt das für einen Aufruhr, wenn ein Klein­kind einmal den Gottesdienst stört oder etwa bei einer Taufe oder Trauung im Altarraum herumläuft. Ordnung muß sein, aber sie darf nicht kleinlich ausgelegt werden.

Wir müssen nicht fragen: „Was rettet die Kirche?“ sondern: „wer rettet die Kirche?“ Und darauf gibt es nur eine Antwort: „Nicht wir retten die Kirche, auch nicht die Kirchenleitung oder ein Pfarrer, sondern allein Gott!“

Daß nur Jesus retten kann, das wissen auch die Blinden und Lahmen.  Es ist manchmal beschämend für die Sehenden, wie sehr diese Menschen einen ganz anderen Blick haben für die Fragen, die uns wirklich angehen. Ein Bildner schaut nach innen, er wird nicht abgelenkt durch die vielen bildhaften Eindrücke, die heute auf uns einstürzen. Oft kann ein Blinder im Gespräch über Glaubensfragen eine Stunde dasitzen und dem Gespräch nur zuhören. Und plötzlich findet er das entscheidende Wort, das alle erleuchtet - weil er eben bei Jesus ist. Manchmal wäre es vielleicht nötig, daß wir blind werden, damit wir auch Jesus „ sehen“ können.

Wir kennen vielleicht auch einen Menschen, der von Geburt an oder durch einen Unglücksfall gelähmt ist und nun ständig im Bett liegen muß. Viele werden dann verbittert und wenden sich von Gott ab und murren über ihr Schicksal. Aber man kann auch durch Leid  nur noch näher an Gott geführt werden. Die Blinden und Lahmen gehen sofort zu Jesus, weil es nur dort Hilfe gibt. Von ihnen können wir viel lernen, auch wenn wir zur Zeit gesund sind. Unsere Gesundheit ist ein Geschenk, für das wir nur immer wieder danken können. Aber auch die Blinden und Lahmen sollen gesund werden: Jesus hat sie gesund gemacht. In Mt 11 steht ein Wort Jesu, das noch deutlicher die Heilszeit beschreibt, die mit Jesus gekommen ist: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt!“

Noch eine zweite Gruppe von Menschen wird hier erwähnt: die Kinder. Man lächelt ja manchmal über das, was so ein Kindermund plappert. Aber Vater und Mutter sehen sich betroffen an, wenn das zweijährige Töchterchen bei Tisch „Erst beten sagt:“ weil sie das bei den Nachbarn so gesehen und gelernt hat. Das Bitten und Danken gehört nicht nur zu unserem sogenannten Kinderglauben, den man spätestens mit der Konfirmation abtut. Gerade wenn wir verständiger geworden sind, können wir die Werke und Gaben Gottes besser verstehen und achten.

Das heißt aber nicht, daß der Kinderglaube nur ein halber Glauben ist. Matthäus will uns hier ja gerade sagen: Nur die Kinder haben gespürt, wer Jesus ist. Vielleicht haben sie nicht alles verstanden, was da beim Einzug in Jerusalem und bei der Tempelreinigung vor sich ging, aber sie rufen „Hosianna - Hilf uns“, weil dort der Davidsohn kommt, der verheißene Messias, der diese Welt heilen kann und wird. Bei Matthäus sind die Kinder häufiger ein Vorbild gegenüber den Erwachsenen, weil sie einfach und schlicht vertrauen. Die haben alles empfangen, deshalb loben sie Gott. Im Religionsunterricht kann man nur immer wieder staunen, welch tiefe Antworten von Kindern kommen. Sie können auch einmal unbesehen etwas hinnehmen, ohne gleich nach Beweisen zu fragen. Das  ist oft eine Gefahr, weil sie allen Einflüssen hilflos ausgeliefert sind. Aber wir wissen auch, daß die Jugend heute kritischer geworden ist. Sie ruft nicht immer gleich „Hosianna“. Sie fragt, damit sie das, was sie glaubt, immer besser versteht.

Wir Erwachsenen können unseren Herzen nicht so schnell einen Stoß geben. Wir verlangen erst Beweise, so wie die Schriftgelehrten erst einen eindeutigen Beweis wollten, daß Jesus der Messias ist. Unsere heutige Zeit fragt nun einmal nach Beweisen. In der  Naturwissenschaft gilt bei manchen nur, was immer wieder im Experiment bewiesen werden kann. Matthäus aber sagt: „Werdet wie die Kinder!“ Wir sollen deshalb nicht kindlich oder gar kindisch werden, aber vor Gott sind wir ja alle Kinder.

Den Hohepriestern und Schriftgelehrten ist das jedoch ein Dorn im Auge. Als die offiziellen Theologen des jüdischen Volkes wissen sie nach ihrer Lehre genau, daß die Krüppel und Kinder in Glaubensdingen nicht mitreden können. Sonst würden sie ja auch nicht so einen seltsamen Heiligen, der eher ein Aufrührer ist, wie einen König begrüßen.

Wir finden das auch bei den heutigen Theologen. Die wissen gleich über alles Bescheid: „So war das und so ist das zu verstehen!“ Aber im Laufe eines Theologiestudiums kann man lernen, wie sehr man sich um die Wahrheit der Heiligen Schrift mühen muß, ehe man vorsichtig ein Urteil fällen kann. Ein unstudiertes Gemeindeglied hat da oft Gedanken, die besser helfen als alle Bücher. Ein Theologe wird vielleicht manches anders formulieren, vorsichtiger und theologischer, aber wir haben doch den gleichen Herrn

Der Evangelist Matthäus will in diesen vier Versen einen typischen Zustand im Wirken Jesu schildern. Es wird ja nicht von einem besonderen Ereignis berichtet, sondern nur ganz allgemein gesagt: „Die einen rufen Hosianna, die anderen sind entrüstet.“ So ist das immer, wenn ein Bote Gottes das Evangelium verkündet. Hier muß eine Entscheidung gefällt werden, ob wir dem Wort Jesu aus vollem Herzen zustimmen oder schroff ablehnen.

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten ärgern sich vielleicht nur, weil dieser Jesus mehr Anklang findet als sie, die sich doch für so fromm halten. Damit muß man auch rechnen, daß sehr selbstsüchtige Gründe hinter einer solchen Kritik stehen. Aber das wird natürlich getarnt durch die Frage. „Hörst du, was die sagen? Die bringen dich ja in Verruf, weil sie dich zum Messias machen wollen!“

Mit dem Hosiannaruf konnte man in Israel nur noch den verheißenen Messias aus dem Geschlecht Davids begrüßen. Sollte dieser Jesus von Nazareth, dem nur die Krüppel und Lahmen nachliefen, der erwartete neue König oder gar der Gottessohn sein? Wir wissen, daß dieser  Anspruch zum Tode Jesus führte. Auch hier bleibt er ganz ruhig und antwortet: „Natürlich höre ich alles. Aber warum sollte ich es  ihnen verwehren, sie haben doch recht!“  Der letzte Vers unseres Textes sagt wieder ganz schlicht: „Er ging hinaus nach Bethanien!“ Jesus läßt sich nicht auf große Streitereien ein, er bleibt der Sanftmütige. Er weiß, daß sein Weg in den Tod führt, aber er verzichtet auf seine Macht.

Man kann sich so richtig das Gesicht dieser klugen Männer vorstellen. Schriftgelehrte sind sie. Aber der unstudierte Zimmermannssohn beweist ihnen aus der Schrift, daß gerade aus dem Munde der Säuglinge und Kleinkinder das Lob Gottes ertönt. Natürlich können Säuglinge noch nicht sprechen, aber es ist klar, was gemeint ist: „Gerade die,  die nach der allgemeinen Überzeugung nichts gelten, dienen dem Lob Gottes!“

Diese Aussage ist der Höhepunkt unseres Textes und eine große Verheißung für uns. Hier wird uns nämlich ein Geschenk gemacht: Trotz all unserer Schwachheit und Unwürdigkeit dürfen wir Gott loben, weil Gott es so will.

Geht es uns nicht immer wieder so, daß wir uns schwach und hilflos vorkommen wie ein Kind?  Auch wenn einer fünf Jahre lang Theologie studiert hat, dann wird ihm doch beklommen zumute, wenn es heißt: „Am nächsten Sonntag hältst du den Gottesdienst!“ Aber  wenn Gott sogar durch Kinder sein Lob verkünden läßt, da wird er durch eine übliche Predigt im Gottesdienst jedem Einzelnen etwas zu sagen haben. Jede Predigt ist nur menschliches Wort, aber Gott gibt uns die Verheißung, daß darin auch sein Wort enthalten ist.

Genauso ist es, wenn wir im Alltag Gott loben sollen. Wie schwer fällt es uns, einem Außenstehenden zu erklären, was wir denn eigentlich glauben. Der Katechismus und einige Bibelsprüche sind wohl eine Hilfe, aber es wird heute ja mehr von uns verlangt. Man hat immer noch  unausrottbare Vorurteile, die uns in Verlegenheit bringen. Da wird etwa gesagt: „In die Kirche gehen halt so ein paar alte Leute, die kann man gewähren lassen!“

Wir können solche Reden in der Tat nur widerlegen, wenn auch die mittlere Generation in großer Zahl zum Gottesdienst kommt. Nur wenn wir zahlenmäßig und innerlich stark sind, gelten wir auch etwas bei den anderen. Aber die kleine Zahl gilt auch etwas bei Gott. Gerade die Kleinen und Schwachen dürfen hier die Verheißung heraushören: „Aus dem Munde der Unmündigen wird Gott sich ein Lob bereiten!“ Die Erwachsenen in der Gemeinde müssen für die Unmündigen da sein. Welch segensreiche Kräfte können von einer Oma ausgehen, die für ihr Enkelkind betet und ihm von Jesus erzählt. Deshalb sollte man nicht abfällig über unsere Großmütter  sprechen

Weil wir aber alle unmündige Kinder Gottes sind, wollen wir nur bei ihm in die Lehre gehen im Vertrauen auf seine Verheißung. Gottes Lob soll nun auch wieder in unseren Liedern ertönen, besonders am Sonntag Kantate. Wir haben allen Grund, Gott zu loben und ihm zu danken mit unseren Liedern.

 

 

Rogate: Lk 11 , 5 - 13           

Die Gegenwart ist immer die beste aller Zeiten. Früher war alles schlechter: Es gab regelrechte Notstandsgebiete, viele Kinder starben‚ die Arbeit war hart und gesundheitsschädigend, es gab keine Kranken- und Rentenversicherung, das Schulwesen war unterentwickelt und die Menschen lebten in einem Obrigkeits- und Polizeistaat ohne Entfaltungsmöglich­keiten.

Heute dagegen ist alles besser, es geht immer noch bergauf und wir gehen herrlichen Zeiten entgegen. Das ist das Lebensgefühl, das uns immer wieder vermittelt werden soll, vor allem von den Politikern. Wir sollen uns in der Gegenwart wohlfühlen und die bestehenden Verhältnisse bejahen und unterstützen. Die Menschen haben ja in der Tat auch viel geleistet und leisten es noch. Die Menschen können heute Vieles und sind mit Recht stolz darauf. Und sie arbeiten alle daran, das Leben immer weiter zu verbessern.

Da hat es die Kirche schwer mit ihrer Aufforderung zum Beten. Der heutige Sonntag heißt „Rogate“, zu deutsch: „Betet“! Aber mancher wird denken: Durch Beten werden die Probleme in der Welt nicht gelöst. Wir müssen arbeiten, um etwas essen zu können; nur wenn wir etwas leisten, können wir uns etwas leisten. Doch Arbeit ist nur das halbe Leben. Und es wäre gut, wenn wir die andere Hälfte nicht aus dem Blick verlören: der Glaube-, die Kirche, das Gebet.

Der Mensch als das Ebenbild Gottes ist zum Gespräch mit Gott bestimmt. Arbeiten kann auch die Maschine; die elektronischen Geräte können das sogar schneller und genauer als die Menschen. Aber niemals kann eine Maschine zum persönlichen Gegenüber werden, so wie das bei Menschen möglich ist und bei Gott der Fall ist. Das Besondere des Menschen liegt darin, daß er zur Gemeinschaft fähig ist, zu einer Gemeinschaft, die mehr ist als ein elektrischer Schaltvorgang. Hier kann der Mensch seine Würde finden, hier zeigt sich, daß er Gottes Ebenbild ist.

Wenn das Gebetsleben abstirbt, dann ist das nicht ein Schaden am Rande unsres Lebens, sondern ein Schaden in der Mitte. Wenn aber dort etwas faul wird, dann ist bald alles hinüber. Deshalb ist es so wichtig, daß unser Inneres in Ordnung ist. Gott will uns durch das Gebet zu innerer Gesundheit helfen.

Wenn zwei Menschen nicht mehr miteinander reden, dann ist das eine schlimme Sache. Gott aber ist unser Freund, der ständig mit uns im Gespräch sein will. Er ist nicht ein weltanschauliches Museumsstück, das man nur zu besonderen Anlässen wieder einmal hervorholt. Er ist vielmehr ein lebendiger Gott, der ums jeden Tag unsres Lebens nahe sein will.

Manchem fällt er allerdings erst in einer äußersten Notsituation ein. Nur wenn keine andere Hilfe möglich ist, dann erinnert man sich an Gott. Er möchte uns aber gerade in der Mitte unsres Lebens begegnen, wo wir uns stark fühlen und glücklich sind. In jeder Lage finden wir Gehör bei Gott. Deshalb sollen wir es auch immer wieder wagen, ihn zu bitten.

Die Geschichte vom bittenden Freund will uns ja gerade deutlich machen‚ daß wir zu jeder Zeit und mit jeder Sache zu Gott kommen dürfen. Schon unter den Menschen gilt es als selbstverständlich, daß man sich untereinander aushilft. Man muß dem Nachbarn helfen, der unerwartet noch Besuch bekommen hat, auch wenn es Nacht ist und die ganze Familie aufwachen könnte. Schon unter den Menschen ist es unvorstellbar, daß man in einem solchen Fall nicht hilft. Da will Gott erst recht und in einem viel höheren Sinn helfen.

Aber er will ausdrücklich gebeten sein. Wenn ein Kind heimkommt und brüllt: „Hunger“,  dann werden die Eltern nicht gleich reagieren und etwas zum Essen herbeischaffen. Sie volle erst höflich und ausführlich angeredet sein, ehe sie etwas tun. Manchmal halten sie sich auch absichtlich zurück, damit das Kind bitten muß. Sie könnten ja auch alles wortlos auf den Tisch stellen. Aber sie wollen gebeten werden und auch die Dankbarkeit der Kinder spüren können.

So ist das auch bei Gott: Wer etwas erbittet, erweist sich damit als Kind Gottes.  Und Gott gibt uns dann Brot und nicht Steine, er gibt uns Fisch und nicht eine Giftschlange. Von Gott ist das doch noch eher zu erwarten als vor einem Menschen‚ der vielleicht seine Kinder liebhat, aber doch in seinem Wesen böse und schlecht ist.

Unser Gebet kann auch ein absichtsloses Gespräch mit Gott sein. Wir können ihm die uns bewegenden Fragen und Entscheidungen vorlegen, können unsre Vorhaben und Aufgaben mit ihm besprechen oder uns unter seinen Augen über den einzuschlagenden Weg besinnen. Aber Jesus ermutigt uns auch ausdrücklich zum Bittgebet. Bei Gott ist das Bitten ganz besonders angebracht, weil er ja auf unsre Bitten wartet! Er hat immer Sprechstunde. Man wird bei ihm nicht schon im Vorzimmer abgefertigt. Deshalb die Aufforderung: Wagt es doch, ihn zu bitten!

Und dazu gehört als Zweites die Zusage: Gott gibt euch, was ihr bittet! Oft meinen wir, hier seien nur „innere“ Gaben gemeint: Klarheit und Mut, Bereitschaft zur Verständigung mit einem schwierigen Kollegen, Freiheit von Angst und Sorge, Überwindung von Zweifel und Niedergeschlagenheit. Aber wie wird es sein, wenn er erst allerlei Hebel in Bewegung setzen muß, vielleicht sogar Naturgesetze außer Kraft setzen soll? Können wir auch bitten: Mache mein Kind gesund, erhalte uns den Frieden in der Welt, bewahre uns vor Katastrophen? Darf man so etwas auch erbitten?

Das ist gerade das Erstaunliche, daß Gott alle unsre Bitten erhören will. Wir beten ja nicht, weil das unser gutes Recht wäre, das uns von vornherein und selbstverständlich zusteht. Wir sind nicht Gottes gleichberechtigte Partner. Schon gar nicht können wir ihn unter Druck setzen. Wir haben keine Macht über ihn und er ist uns in keiner Weise verpflichtet. Aber Jesus ermächtigt uns zum Gebet, obwohl wir doch so oft ohne Gott haben leben wollen. Und er sagt: „Gott erwartet das sogar von euch. Und wenn ihr euch da zurückhaltet, dann habt ihr ihn noch nicht begriffen und er ist mit euch noch nicht zum Ziel gekommen!“

Allerdings gibt Gott nur das Notwendige, also das, was die Not wendet, was wieder Lebensmut und Kraft schenkt. In dem Beispiel aus dem Evangelium taten es ein paar Scheiben Brot, ein reiches Mahl mit vielen Gängen war ja gar nicht nötig. Aber niemand sollte deshalb meinen, er dürfte Gott nicht mit seinem täglichen Kleinkram auf den Wecker fallen. Freunde können sich alles sagen, auch wenn manchmal dummes Zeug dabei ist. Oder Kinder kommen mit allen möglichen Wünschen zu den Eltern. Sie dürfen das, aber die Eltern entscheiden dann, was not tut und was nützlich ist oder Freude macht.

Auch Gott dürfen wir zunächst einmal alle Bitten vortragen. Doch dann sollten wir schon dazusagen: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!" Doch dies nicht gleich am Anfang, sondern erst am Ende. Gott ist nicht der Lieferant all dessen‚ was wir nötig haben, als Person aber uninteressant und unwichtig. In jeder Gabe steckt der Geber mit drin. Und wenn er einmal nicht sofort auf unsre Bitten eingeht, dann könnte das ein Anreiz sein, noch beharrlicher auf ihn zuzugehen und dabei nicht nur die Gabe, sondern auf den Geber selbst im Blick zu haben.

Gott gibt uns sogar mehr, als wir bitten. Angeblich hat der eine oder andere die Erfahrung gemacht: Gott erhört meine Bitten nicht! Aber hängt das nicht auch mit unsrer Angewohnheit zusammen, nur die Fälle im Gedächtnis zu behalten, in denen Gott anders entschieden hat, als wir es wollten? Und wie ist es mit all den Dingen‚ die er uns wortlos gewährt hat, ohne daß es uns auch nur eingefallen wäre, ihn darum zu bitten? Wir müssen in der  Tat damit rechnen, daß Gott uns etwas anderes gibt‚ als wir erbeten haben. Aber liegt das nicht meist daran, daß wir ihn um etwas Dummes oder gar Schädliches gebeten haben? So wie die Menschen ihren Kindern nichts Gefährliches oder Schädliches geben‚ so dürfen wir erst recht Gott zutrauen, daß er uns nur das Gute oder sogar das Beste geben will.

Mit dem Gebet ist es halt nicht so wie mit einem Automaten. Dort können wir über das Warenangebot frei verfügen. Wenn wir Geld einwerfen, kommt auch prompt die gewünschte Ware heraus. Aber beim Gebet geht es nicht so: Das Gebet aufsagen wie einen Zauberspruch

und dann „Sesam öffne dich“ und das Erbetene ist da. So einfach ist das nicht. Gott erwartet vielmehr von uns, daß wir ihm auch dann vertrauen, wenn er etwas anderes gibt als das Erbetene.

Nicht vergessen darf man dabei auch, daß Beten nicht das eigene Tun ersetzt. Niemand soll sagen dürfen: „Die Christen haben immer nur die Hände gefaltet und das Kämpfen den anderen überlassen!“ In dem  Schauspiel „Mutter Courage“ von Bertolt Brecht wird das etwa gesagt: Im Dreißigjährigen Krieg haben die kaiserlichen Truppen die Stadt Magdeburg eingeschlossen. Die Bewohner liegen in tiefem Schlaf, und wenn sie nicht jemand warnt, sind sie verloren. Einige Bauern draußen vor der Stadt jammern nur und beten für die Stadt. Die stumme Kattrin aber, die Tochter der Mutter Courage, nimmt eine Trommel und macht damit solchen Krach, daß die Leute in der Stadt geweckt werden. Brecht will damit doch wohl sagen: Beten hilft nichts, es kommt allein auf  die Tat an.

Auch Erich Kästner macht in einem Gedicht den Vorwurf:

„Die Menschen wurden nicht gescheit.

Am wenigsten die Christenheit, trotz allem Händefalten.

Du hattest sie vergeblich lieb. Du starbst umsonst.

Und alles blieb beim Alten!“

Ganz anders klingt dagegen  das Lied aus unsren Tagen von Kaus Biehl:

„Um Frieden haben wir schon oft gebetet, viele schöne Worte schon gemacht.

Es wär auch schlimm, wenn man nicht davon redet, doch wer hat schon an die Tat gedacht?

Es wär gut, wenn wir nicht nur die Hände falten, sondern sie auch rührten für die Welt,

denn den Menschen helfen, Leben zu erhalten, fordert unser aller Zeit und Geld!“

Die Christen wissen heute sehr wohl, daß es mit Beten allein nicht getan ist, sondern auch auf die Tat ankommt. Das wiederum heißt aber nicht, daß wir nur arbeiten sollen. Wir verstehen uns sowieso viel zu sehr vor der Arbeit her und bemessen nach ihr den Wert des einzelnen Menschen. Von der Arbeit erwarten wir die Besserung unseres Lebens und vielleicht sogar die Erlösung der Welt.

Das ist das, was unseren Weg bestimmen soll: Wir haben einen Gott, der uns hört. Wir dürfen es wagen, ihn zu bitten. Er will sogar gebeten sein und uns das geben, was wir erbitten und manchmal sogar noch darüber hinaus. Wer durch das Gebet mit Gott in Verbindung bleibt, der hat einen starker Halt im Leben.

Zum Schluß dieses Abschnitts heißt es dann: „Gott wird den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.  Für manchen mag das enttäuschend sein: Ihm geht es um Urlaubsplatz, Eheglück, Gesundheit, Lottogewinn. Aber Gott spricht „nur“ vom Heiligen Geist. Da will er uns wohl mit etwas trösten, das nichts kostet?

Aber ob es ihn nichts kostet, wäre noch zu prüfen. Immerhin hat er seinen Sohn hingeben müssen, damit die Verbindung mit den Menschen bestehenbleiben konnte. Und der Heilige Geist setzt nach Jesus den Kontakt fort. Wenn wir die Kraft des Heiligen Geistes in uns verspüren, dann wird sich das auszahlen bis zu unsrer letzten Stunde. Vielleicht werden wir dann auch zunächst den Eindruck haben: Jetzt schlägt er mir auch noch meine letzte Bitte ab! Aber in Wirklichkeit gibt er doch das Beste, das er zu vergeben hat: die unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm! Der Heilige Geist - wie er uns zum Beispiel in der Konfirmation zugesprochen wird -  ist eine Anzahlung darauf. Er wird sich wirksam erweisen, heute und alle Tage unsres Lebens.

 

 

Himmelfahrt: 1. Kön 8, 22 - 30

Das Wohnungsproblem ist bei uns weitgehend gelöst. Aber Gott ist in unsrer Zeit in Wohnungsnot geraten, jedenfalls dann, wenn man kurzsichtig in den alten Vorstellungen denkt.

Wer noch dem Drei-Stockwerk-Weltbild anhängt-  Himmel, Erde, Hölle - der wird dort nur noch schwer eine Wohnung für Gott finden können.

Heute ist es doch schon Alltag geworden, daß Raketen in den Himmel fliegen, in dem man sich früher die Wohnung Gottes vorstellte. Heute richten sich dort Menschen für ein halbes Jahr häuslich ein. Start und Rückkehr geschehen mit großer Präzision und anscheinend unkompliziert. In diesem Weltbild scheint es keinen Platz mehr für Gott zu geben.

Ganz Kluge wollen allerdings doch noch ein Plätzchen für ihn gefunden haben. Die Astronomen vermuten, daß der Weltraum nicht nur dreidimensional ist (also aus Lage, Breite und Höhe besteht), sondern vierdimensional gekrümmt. Außer Länge, Breite und Höhe gäbe es also noch eine vierte Dimension, die wir aber mit unsren menschlichen Mitteln nicht erkennen kören. Man kann sie unter Umständen mathematisch berechnen, sich aber nicht vorstellen. Ganz schnelle Weltraumflieger könnten diese Dimension vielleicht durchqueren, ohne es zu bemerken; und wenn sie dann auf die Erde zurückkämen, sähen sie alles seitenverkehrt.

Für unsre Vorstellung klingt das etwas verrückt. Aber für manchen wissenschaftlich beschlagenen Christen wäre das doch eine elegante Lösung für das Wohnungsproblem Gottes. Man könnte doch sagen: „Dieser vierdimensionale Raum ist der Ort Gottes. Dieser Raum muß irgendwie da sein, aber er ist für uns unzugänglich und deshalb als Wohnung Gottes gut geeignet!“

Aber solche Überlegungen sind an sich alle überflüssig. Uns nutzt ja kein Gott, der sich in irgendwelchen fernen Weltenräumen aufhielte. Wir brauchen doch einen Gott, der uns nahe ist, der unter uns Menschen ist und nicht über den Sternen. Natürlich muß er auch irgendwie „außen“ sein. Er ist zwar in der Welt, aber nicht selber ein Stück Welt. Gott ist in den Menschen und Dingen, aber auch wieder von ihnen unterschieden. Doch wichtig wird für uns vor allem sein, daß er der Gott für uns ist.

Zur Zeit des Königs Salomo meinte man, Gott durch den Bau eines Tempels an sich binden zu können. Seinem Vater David war der Bau eines Tempels noch verwehrt worden. Zu groß war die Gefahr, daß man in heidnische Denkformen zurückfiel. Die Heiden machten einfach ein Schnitzbild ihrer Gottheit und bauten einen Tempel drumherum; damit hatten sie ihren Gott sichtbar und greifbar vor Augen.

Israel aber hatte einen unsichtbaren Gott und hätte an sich keine Wohnung gebraucht. Salomo bringt das auch durchaus in seinem Tempelweihegebet zum Ausdruck. Zunächst stellt er heraus, daß kein Gott mit dem Gott Israels zu vergleichen ist. Das Vorhandensein anderer Götter wird noch nicht geleugnet. Aber es wird gesagt: „Unser Gott ist ihren überlegen. Er hat den Bund gehalten, den er mit seinem Volk geschlossen hat. Er wird seinem Volk auch weiter treu bleiben, wenn nur die Könige auf dem Thron Davids so leben, wie es Gott gefällt!“

Und dann kommt in dem Gebet diese wunderbare Formulierung „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen!“ Gott ist in keinen der uns vorstellbaren Räume einzupassen. Er ist nicht auf die Räume des Weltalls beschränkt und erst recht nicht auf das Allerheiligste im Tempel von Jerusalem. Er hat zwar die Sonne an der Himmel gesetzt, will aber selber im Wolkendunkel wohnen: Gott bleibt für uns weiterhin unerkennbar und unberechenbar.

So ist Gott fern und nah zugleich. Nahe gekommen ist er uns Manchen vor allem durch Jesus Christus. Was wir bisher von Gott gesagt haben, das gilt in gleicher Weise von Jesus Christus, denn Gott hat ihn zu sich emporgehoben und ihn zu seiner Rechten gesetzt. Wer rechts vom König oder Staatspräsidenten sitzt, der ist sein engster Ratgeber und derjenige, der seine Befehle in die Tat umzusetzen hat, also seine „rechte Hand“, wie man sagt.

Wenn Jesus also zu Gott aufgenommen wurde, dann regiert er jetzt die Welt so wie es Gottes Art ist. An Himmelfahrt ging es nicht um eine Ortsveränderung, sondern um eine Funktionsveränderung. Jesus ist jetzt in einer anderen Funktion tätig, er ist die Treppe hinaufgestiegen und hat jetzt einen höheren Posten. Der Mann von Nazareth hatte noch ein begrenztes Tätigkeitsfeld und sollte es auch haben. Der erhöhte Christus aber gelangte zu weltweiter Wirkung. Bei Matthäus schließt die Himmelfahrt mit der Aufforderung zur Mission. Dadurch soll die verlorengegangene Welt wieder zurückgewonnen werden, weil sie die von Gott geliebte

Welt ist.

Es ist nicht einer über uns, der uns nach seinem Gutdünken regiert und wir müssen erst einmal sehen, wie er sich zu uns stellen wird. Wir haben einen Herrn Jesus Christus, der priesterlich für die ganze Welt eintritt und sich für sie stark gemacht hat bis zur Selbstaufgabe. Gott hätte die Welt längst vernichten können. Aber er erhält sie von Tag zu Tag, weil er sie aufheben will für den Tag der Wiederkunft Christi.

Jesus ist nicht nur zu seinem himmlischen Vater zurückgekehrt, sondern er wirkt von dort aus weiter auf die Welt ein und wird einst auf neue Art und Weise in sie zurückkehren, um dort seine Herrschaft aufzurichten. Doch einiges von dieser Zukunft ist auch heute schon wirksam. Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns, aber wir können es nicht mit Händen greifen oder auf eine andere Art für unsre Sinne erfahrbar machen.

Es ist auch nicht möglich, daß wir in einer langsamen Entwicklung selber dieses Reich herbeiführen oder auch nur dazu beitragen könnten. Es wird kein Parlament ein Gesetz erlassen  können, von dem wir sagen knörten: Dadurch wird ein Stück der Herrschaft Christi verwirklicht.

Wir haben als verantwortliche Menschen in d en weltlichen Dingen unser Bestes zu tun und dafür zu sorgen, daß es besser wird in der Welt. Zusammen mit Nichtchristen sollten wir dafür sogar kämpfen, daß alles Menschenmögliche für die Verbesserung der Verhältnisse getan wird. Aber die Herrschaft Christi ist mehr. Vor allem wird sie erst am Ende aller Zeit voll zur Auswirkung kommen. Aber bis dahin wendet sich Gott uns doch in Liebe zu und will unsrer Schwachheit und unsrem menschlichen Verlangen entgegenkommen.

Salomo hat den Tempel errichten lassen im vollen Wissen um die Unfaßbarkeit Gottes. Aber er hat ihn immerhin bauen dürfen und die Billigung Gottes erfahren. Gott weiß: Den Menschen kann nur geholfen werden, wenn er sich an einem bestimmten Ort zu erkennen gibt und sich an diesem Ort finden läßt.

Gott ist zwar überall gegenwärtig. Aber er ist nicht überall für uns offenbar. Dieser Gedanke wird uns manchmal bedrücken und quälen. Wir möchten wissen, ob Gott für oder gegen uns ist. Deshalb hat Gott sich zu uns herabgelassen und sich zu erkennen gegeben. Aber er behält sich vor, den Ort seiner Selbstkundgabe zu wählen. Wir können ihn nicht zwingen‚ an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu erscheinen, dann wenn wir ihn gerade einmal brauchen.

Aber wenn Gott sich einmal an etwas gebunden hat, da möchte er auch, daß wir uns dort an ihn wenden. Für das Volk Israel gab es nur den einen Ort: den Tempel in Jerusalem. Aber sie waren sich auch ganz sicher, daß Gott da zu finden ist. Ihre feste Überzeugung könnten wir manchmal beneiden.

Aber auch wir haben Gotteshäuser und haben vor allem den Gottesdienst, in dem wir Gott anrufen können und wo er sich auch finden lassen will .Vor allem haben wir auch das Abendmahl, in dem er in einem gewissen Sinne leibhaft unter uns ist. Wir haben keinen Grund, uns arm zu fühlen. Gott ist für uns anrufbar, auch wenn wir Jesus nicht mehr persönlich für haben.

 

 

Exaudi:  Joh 7 , 37 - 39

Von uns hat wohl noch niemand richtigen Durst gehabt. Wenn wir einmal einen halben Tag nichts zu trinken hatten, dann ist das ja noch kein Durst. Eine Frau  hat einmal nach einer Operation sechs Wochen lang nichts trinken dürfen und erhielt nur über einen Tropf die notwendige Flüssigkeit. Erst dann hat man ihr eine Kanne Tee hingestellt. Die hat sie dann in einem Zug ausgetrunken. So etwas ist Durst, wirklicher Durst.

Aber eine andere Art des Durstes kennen wir wohl alle: den Lebensdurst. Wir wollen etwas erleben, wollen etwas vom Leben haben‚ wollen das Leben genießen. Wir haben Sehnsucht nach dem, was wir haben müßten, aber eben nicht haben. Und wir merken, daß eine Lücke klafft zwischen unsrer Bestimmung von Gott her und dem tatsächlichen Zustand unsres Lebens.

Da sind wir gespannt auf ein Familienfest, an dem wir uns wieder einmal so richtig freuen wollen und wo es wirklich gemütlich sein soll. Aber dann klappt es doch nicht, es ist alles nur Krampf, schließlich ist man froh, wenn die Arbeit wieder beginnt. Lebensdurst gibt es bei jungen Menschen‚ die sich von dem großen Kuchen ein möglichst großes Stück sichern wollen. Ihnen stehen ja noch alle Möglichkeiten offen, sie können sich noch viel leisten, sie wollen erst ihren Weg durchs Leben finden.

Lebensdurst haben aber auch alte Menschen. Wenn einer nicht mehr arbeiten kann, fühlt er sich abgeschoben. Er möchte noch am Leben der anderen teilnehmen, aber er kann niemandem mehr helfen und fühlt sich überflüssig. Einsamkeit ist dann wie der Tod.

„Durst“ kann man hier im weitesten Sinne verstehen. Für uns persönlich suchen wir Lebenssinn und Geborgenheit, wir wollen angenommen sein und Freude am Leben haben. Und für die Welt suchen wir nach Frieden und Gerechtigkeit. Im Grunde wissen wir alle, wie es sein müßte und daß es nicht so ist. Das ist Zeichen für den Lebensdurst, den wir doch alle irgendwie haben.

Jeder Mensch kennt in seinem Leben aber auch Durststrecken. Dann hat er keinen Schwung, die Gedanken drehen sich im Kreise, man erkennt nicht einmal den nächsten Schritt und Erfolge bleiben aus. Jesus kennt dieses Defizit an Leben und ruft: „Wen da dürstet, der komme zu mir!“ Und das sagt er ausgerechnet am Schlußtag und Höhepunkt des Laubhüttenfestes. Das war ein Tag der Freude und der Ausgelassenheit, wo alle Sorgen vergessen waren und wo man eine Art Karneval mit Wein, Weib, Gesang feierte.

Jesus will bewußt den Höhepunkt des Festes bilden. Aber es war vielleicht der unpassendste Augenblick für den Ruf des Glaubens. Wo Menschen fröhlich und ausgelassen sind, haben sie kein Ohr für die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sicher hat Jesus der Ablauf des Festes empfindlich gestört.

An sich war es das Fest der Weinernte. Aber man erinnerte sich auch an die Wüstenzeit, in der Gott dem Volk immer wieder Wasser gegeben hat. Da ging er Priester zur Siloahquelle und bringt das Wasser zum Altar Gottes hinauf. Dort schüttet er es aus und erfleht von Gott reichen Regen für das kommende Jahr und darüber hinaus den ganzen Fruchtbarkeitssegen der Heilszeit.

In diesem feierlichen Augenblick, wenn es totenstill in der Menge ist und nur der Priester das Gebet spricht, muß Jesu Zwischenruf wie ein Protest empfunden werden. Aber Jesus wollte wohl auch protestieren. Er ruft: „Was macht ihr da? Ihr seid im Irrtum mit all eurer frommen Betriebsamkeit. Wasser gibt es nirgendwo anders als bei mir!“

Die Empörung ist groß, besonders bei den Priestern. Man singt: „Brunn alles Heils dich ehren wir!“ oder sonst so ein Lied. Und man weiß: Gott ist der Brunnquell aller Gnaden! Und nun will dieser Hergelaufene das Volk zu sich locken und sagt: „Bei mir allein erhaltet ihr das Wasser des Lebens!“

Aber Jesus erkennt: Diese Menschen haben trotz aller schönen Gottesdienste immer noch einen ungestillten Lebensdurst. Das ausgelassene Treiben ist vielleicht gerade Zeichen eines gar nicht bewußt wahrgenommenen Mangels: Man ist in Unruhe und Hast, hat Angst etwas zu verpassen, will sich etwas leisten können, man hat ein unersättliches Glücksbegehren, flieht aber oft in den Rausch und sucht dort das Entbehrte.

Diese Menschen kommen nicht los von sich selbst, sie sind immer noch im Trott ihrer ererbten Gewohnheiten. Gottesdienst gehört eben mit zum Leben dazu. Aber er kann den eigentlichen Durst nicht stillen. Er ist nur wie das abgestandene Wasser eines schmutzigen Dorfteiches und nicht wie das lebendige Wasser einer frischen Quelle.

Jesus will ihnen nicht beweisen, daß sie doch im Grunde auch Durst haben müßten. Wenn einer wirklich Durst hat, braucht man ihm das nicht umständlich klarzumachen. Aber Jesus deutet das ausgelassene Treiben dieser Tage als Zeichen eines Durstes, den sie aber nicht bewußt wahrnehmen. Er will nicht nur fragen, wenn es ihnen schlecht geht. Vielmehr fragt er gerade auf dem Höhepunkt der Freude und Fülle und will wissen, ob ihnen nicht doch etwas fehlt.

Jeder Mensch tut zwar vor sich und vor anderen so, als sei alles in Ordnung bei ihm. Er versucht die. Differenz zwischen Sollen und Sein zu verdecken und auszugleichen. Aber wenn er dann den Ruf hört: „Wen da dürstet..!“ dann merkt er doch, daß er Durst hat. Das ist wie bei den Kindern: Solange sie spielen‚ fehlt ihnen nichts. Aber wenn man sie fragt: „Habt ihr Durst? Kommt, ihr könnt Sprudel haben!“ dann sagen sie bestimmt nicht „Nein“.

Das Schöne bei Jesus ist nur: Er hat tatsächlich etwas zu bieten. Wer sich an Leib und Seele seinem Einfluß öffnet, auf den werden Ströme des lebendigen Wassers fließen. Gottes Wille steht für jeden bereit; er muß sich nur für Gott öffnen.

Das bedeutet: Er muß andere Quellen verlassen. Er kann nicht noch einmal hier und da noch schnell einmal nippen, sondern er muß sich ganz auf Gott einstellen und auf ihn verlassen. Ein Arzt möchte ja auch, daß wir allein seinen Maßnahmen vertrauen und nicht noch alles mögliche Andere nebenher probieren.

In geistlicher Hinsicht aber ist Gott unser Arzt. Er sorgt dafür, daß wir leben und glauben können. Sonst gilt ja die Regel: „Aus nichts wird nichts!“ Nur wer etwas hineinsteckt, kann auch etwas ernten. Aber beim Christwerden und Christsein sind solche Überlegungen falsch.

Man muß nicht „religiös veranlagt“ sein, um Christ zu werden. Und wenn man solche Anlagen mitbrächte, würden sie doch im Augenblick der Begegnung mit Christus zunichte. Den geistlich Armen gehört das Reich Gottes zuerst. Der Christ lebt nicht von dem, was er hat, sondern von dem, was er empfängt.

Am heutigen Sonntag denken wir daran‚ daß die Kirche vor Gott arm ist aus eigener Schuld und nichts bieten kann. Aber es kann der Kirche gar nichts Besseres widerfahren, als daß sie sich ihrer Armut bewußt wird. Sie kann immer nur um den Heiligen Geist bitten, der ihr an Pfingsten gegeben wurde.

Wer an Jesus glaubt, wird mit der Fülle Gottes überströmt werden. Er muß sich nicht mehr selber stark machen, um alles selbst zustandezubringen. Er braucht nicht mehr in der Sorge zu leben, er könnte im Leben zu kurz kommen und er müßte verbissen um sein gutes Recht kämpfen.

Wer an Jesus glaubt, der vertraut ihm. Er sagt sich: Was er mir gibt, wird das Beste sein. Ich kann unbefangen ja sagen zu der Situation, in die er mich stellt. Ich werde meine Kräfte nicht vergeuden, indem ich zu erzwingen suche, was mir doch versagt wird. Ich brauche nicht mit Gewalt und List mein vermeintliches Recht zu holen. Und ich brauche auch nichts für mein Ansehen zu tun.

Mein Ansehen besteht darin, daß Jesus sich meiner annimmt. Weil Jesus da ist, hat Gott trotz allem ungetrübte Freude an mir. Und Jesus ist da: Er ist nicht seit Himmelfahrt verschwunden, sondern hat an Pfingsten neu angefangen.

Wer an Jesus glaubt, empfängt nicht nur für sich selber Erquickung, sondern gibt sie auch an andere weiter, von ihm werden Ströme des lebendigen Wassers auf andere Menschen überfließen. Im Kloster Maulbronn im Schwarzwald gibt es einen Brunnen, der uns dieses Überfließen deutlich machen kann: Er besteht aus mehreren Schalen, die übereinander geordnet sind; nach unten zu werden die Schalen immer größer. Das Wasser fließt von der oberen Schale in die anderer hinein: keine Schale wird leer, aber jede gibt auch das empfangene Wasser weiter.

Wenn Gott uns den Heiligen Geist gibt, dann will er, daß wir ihn an andere überströmen lassen. Es gibt solche erquickenden Menschen, von denen Gottes Art auf andere Menschen übergeht. Man ist gern in ihrer Nähe. Sie verbreiten Fröhlichkeit um sich her. Sie strahlen Güte aus, sie wirken verbindend und versöhnend. In ihrer Nähe kann man schwer Böses denken, geschweige denn tun.

Man kann das für eine natürliche Veranlagung halten, die mit dem Christsein nichts zu tun hat. Und umgedreht gibt es auch viele Christen, die gerade nicht solche herzerquickenden Menschen sind. Aber wir dürfen auch nicht resignieren und sagen: „Ich bin nun einmal wie ich bin!“

Wir  h a b e n den Heiligen Geist doch von Jesus empfangen. Wenn wir ihn nicht hindern oder ableiten, wird er auf andere Menschen überströmen. Und wenn das alle tun, kann einer den anderen tragen und halten. Dann werden wir auch unsre eigenen Durststrecken am ehesten überwinden können.

Wir können sogar anderen helfen, auch wenn wir meinen, selber verdurstet zu sein. Gott betreibt seine Sache ja gerade mit unvermögenden Leuten. Es gibt natürlich auch die anderen Menschen, die „aus dem Vollen schöpfen“. Die meistern mit Eleganz, woran wir uns die Zähne ausbeißen. Solche Menschen können wir nur bewundern und vielleicht auch beneiden. Doch solche Menschen können nicht helfen und anspornen.

Da kann uns im Grunde nichts Besseres widerfahren, als daß wir uns unsrer Armut bewußt werden. Wer aus sich selber nichts vermag, der steht unter der Verheißung Gottes, daß er den Segen Gottes in die Welt hinein verströmen darf. Wir sind Arme, die aber doch viele reich machen!       

 

 

Pfingsten I:  Joh 16, 5 - 15

Einer der bekanntesten Prediger seiner Zeit war Billy Graham. Man nannte ihn das „Maschinengewehr Gottes“, weil er in einer Minute  einschlich Übersetzung 13 Sätze sagen konnte, so schnell und abgehackt sprach er. Aber offenbar hatte dieser Mann etwas an sich, das viele Menschen anspricht und mitreißt.

Der Höhepunkt seiner Auftritte war jedesmal, wenn er am Schluß jedesmal diejenigen nach vorne ruft, die sich jetzt für Christus entschieden haben. Da wird sicher auch manches Echte mit dabei sein. Aber das meiste ist einfach Massenpsychologie: Überall im Publikum hatte er seine Leute verteilt, die dann aufstanden und nach vorne kamen. Und wenn einige gehen,

dann ziehen sie adere mit. Und wenn er noch einmal zum Kommen auffordert, dann stehen wieder zuerst die eingeteilten Helfer auf.

Am Schluß sieht es so aus, als sei eine ungeheure Bekehrung erfolgt. Aber in aller Regel kommen nur die, die sowieso schon Christen sind und eben für diese Art der Predigt empfänglich sind. Auch solche Großveranstaltungen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die natürliche Veranlagung des Menschen nicht auf das Christentum hinläuft. Der Unglaube liegt uns immer mehr als der Glaube.

Selbst die Jünger Jesu wissen nicht, was werden soll, wenn er nicht mehr da ist. Ohne ihn geht es nicht. Sie werden wieder auf sich selbst angewiesen sein. Es besteht die Gefahr, daß sie nur wehmütig zurückschauen auf die gute alte Zeit. Jetzt stehen sie allein in einer gottlosen Welt. Doch sie sollten lieber nach vorne fragen: Wohin gehst du? Aber wenn sie auf ihre bloße Menschlichkeit zurückgeworfen sind, dann wagen sie nicht einmal zu fragen, wo Jesus denn hin­geht. Daran sieht man wieder: Gott bleibt uns verschlossen, wenn ­er sich nicht selber erschließt.

Die Traurigkeit der Jünger ist mehr als der Schmerz, den wir empfinden, wenn uns ein geliebter Mensch genommen ist. Wenn Jesus geht, sind sie von Gott abgeschnitten. Jesus hatte ihnen den Vater verständlich gemacht, in Jesus waren sie Gott selber begegnet und hatten Gemeinschaft mit ihm. Aber nun waren sie wieder aus der Gemeinschaft mit Gott herausgerissen und auf sich selber gestellt.

So mag es auch uns manchmal vorkommen. Wir waren zum Gemeindetag oder sonst einer kirchlichen Großveranstaltung, und das hat unsren Glaube gestärkt und uns neuen Schwung gegeben. Aber schon am Montag ist der Alltag wieder da mit all seinen Problemen; da läßt sich das Erlebte dann wieder nur schwer umsetzen. Wir haben die Konfirmation ernst genommen und waren fest entschlossen, mit der Kirche zu leben. Aber mit der Zeit traten andere Dinge in den Vordergrund und alle Vorsätze waren vergessen.

Aber es kommen Krisen im Leben‚ wo man sich ganz von Gott verlassen fühlt: ein Mensch stirbt, an dem wir sehr gehangen haben, wir haben uns mit einem Menschen zerstritten, an dem uns sehr gelegen hat, wir spüren unser eigenes Versagen. Und manchmal ist es so: wenn es schon sowieso knüppeldick kommt, dann erfolgt gleich noch ein Schlag.

Doch Jesus sagt im Johannesevangelium: Es ist euch gut, daß ich hingehe! Es besteht kein Grund zur Betrübnis. Es erfolgt keine Trennung, sondern eine neue Gemeinschaft entsteht, nun sogar auf einer höheren Ebene. Wir haben nicht weniger, seit Jesus weggegangen ist, sondern mehr.

An Pfingsten dürfen wir hören: Gott ist selbst mitten unter uns, kraftvoll wirkend und Glauben schaffend; er hilft dem Schwachen und begründet neue Hoffnung.

An Pfingsten dürfen wir hören: Gott ist gegenwärtig, er wirkt weiter durch seinen Geist. Er ist nicht zu sehen. Aber er ist in uns wie ein elektrischer Strom, der Kraft gibt und alles in Gang hält. Die natürlichen Kräfte unsrer Person werden dabei nicht ausgeschaltet, sondern Gott bedient sich ihrer und ruft dadurch neue Wirkungen bei uns hervor.

Vor allem holt er uns aus dem Zustand der Unentschiedenheit, ja der Entscheidungslosigkeit heraus. Mancher möchte gern in der Finsternis verharren. Aber damit spricht er über sich selber das Urteil und gelangt in eine selbstverschuldete Hölle. Wer mit Gott nichts zu tun haben will, wer sich gegen ihn sperrt, der ist fern von Gott und das ist eben die Hölle.

Jesus aber hatte davor retten wollen, indem er zur Glaubensentscheidung aufrief. Genau dasselbe tut aber nun der Heilige Geist. Er nötigt weltweit zur Entscheidung für oder auch gegen Gott. Insofern geht der Prozeß Jesu - das was beim Prozeß Jesu zu verhandeln und zu entscheiden war -  immer noch weiter. Er wird nicht am Ende der Tage entschieden, sondern schon heute in jedem einzelnen. Wenn er von der Wirkung des Geistes getroffen wird, dann ist er aller seiner Taten überführt, dann gibt es kein Leugnen mehr.

Der Heilige Geist wirkt von innen her. Und dann kommt wirklich heraus, was Sünde ist. Wenn wir uns ein polizeiliches Führungszeugnis besorgen, dann steht da drin: er hat keine Vorstrafen, über seine Lebensführung ist nichts Nachteiliges bekannt geworden. Aber das heißt ja noch

lange nicht, daß wir ohne Sünde wären. Der Heilige Geist schürft tiefer. Nicht umsonst ist im dritten Glaubensartikel, der vom Heiligen Geist handelt‚ auch von der Vergebung der Sünden die Rede. Unter uns Menschen läßt sich mancher Fehltritt noch wieder ausbügeln. Ein Punkt in Flensburg wird nach einiger Zeit wieder gelöscht, wenn nichts Weiteres dazukam.

Aber die schlimmste Sünde ist, „daß sie nicht glauben an mich“ (V. 9), das ist die Süde gegen den Heiliges Geist, die nicht vergeben werden kann. Wir erleben diesen Unglauben in unserer Umgebung und sind auch selber gefährdet davon. So richtige kämpferische und fanatische Atheisten gibt es ja nicht unter uns. Aber dafür umso mehr Gleichgültige und solche, die halt auch gern einmal der Kirche eins auswischen wollen oder einen Sündenbock brauchen für ihr eigenes Versagen. Am schlimmsten sind noch die, die selber einmal der Kirche angehört haben und nun lautstark in  sich selber etwas tot machen müssen.

Wir sind manchmal durch diese Haltung verwirrt, die uns entgegenschlägt. Aber andererseits sind wir eine ständige Anklage gegen diejenigen, die nicht glauben. Sie müssen sich immer wieder entscheiden und werden mit der Sache nicht so leicht fertig. Manche wollen zwar nach der Regel leben; Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Aber das liegt ja auch mit an uns, ob sie davon erfahren, und vor die Entscheidung gestellt werden.

Als die Jünger Jesu bei jenem ersten Pfingstfest von der Kraft des Heiligen Geistes erfaßt wurden, da konnten sie auch frei und offen von Jesus reden. Da war die Angst verflogen, es könnte ihnen genau so ergehen wie Jesus. Da schämten sie sich nicht mehr, zu einem Mann sich zu bekennen‚ der wie ein Verbrecher gestorben war. Da waren sie auf einmal wie umgewandelt.

Das lag aber daran, daß Gott seine Sache unter den Menschen selber vertritt. Er deckt auf‚ wie es mit den Menschen bestellt ist. Und er läßt nicht locker: An ihm kommt keiner vorbei! Er sorgt dafür, daß sein Wort verkündet wird. Und deshalb kann es im Grunde kein unbefangenes Heidentum oder eire Unentschiedenheit mehr geben. Gott ist überall da in seinem Geist. Doch er will die Menschen nicht richten, sondern sie dem Gericht entreißen. Er will sie von innen her überwinden und zu neuen Menschen machen. Aber das ist dann etwas anderes, als es der Evangelist Billy Graham erreichen konnte.

Es ist auch nicht so, daß man den Geist Gottes nur zu sich zu nehmen brauchte und dann hat man ihn für alle Zeit. Christsein ist ein Wagnis, ein Gehen ins Unbekannte. Selbst Jesus kann nicht sagen, was alles auf seine Jünger zukommt. Aber was auch kommen mag: Wir sind nicht allein gelassen, der Geist der Wahrheit ist bei uns. Er vertritt Jesus unter uns, er ist die Form, in der Jesus uns heute noch begegnet.

Doch es ist nicht so, daß der Heilige Geist über Jesus hinausführen könnte. Wir brauchen unser Glaubensbekenntnis nicht durch neue Lehren zu ergänzen und den Sakramenten weitere hinzufüge. Der Heilige Geist will Jesus nicht überbieten, sondern nur ins richtige Licht rücken. Der biblische Ausdruck dafür lautet: „verherrlichen“. Gemeint ist damit, daß Jesus von oben her beleuchtet wird, so wie im Theater die Schlüsselfigur von den Scheinwerfern hervorgehoben wird. So bringt der Geist zum Vorschein, was an Jesus selbst leuchtet. Man muß nur Augen haben, es richtig wahrzunehmen.

Es geht auch nicht darum, nur etwas zur Kenntnis zu nehmen und geistig zu verarbeiten. Hier ist vielmehr ein Weg zu gehen. Glaube hat zwar auch mit Lehre zu tun. Es ist gut zu wissen, wer dieser Jesus ist, was er getan hat und was er tun wird. Aber wichtiger ist, daß man ihn hat bzw. sich von ihm haben läßt und sich in die Gemeinschaft Gottes hineinstellt. Gott ermöglicht uns solche Gemeinschaft, indem er immer wieder seinen Geist zu uns sendet. Wir können ihn nicht herbeizwingen, aber wir haben um Christi willen das Recht, uns an die Zusagen Gottes zu halten.

 

 

Pfingsten II: 1. Mose 11, 1 - 9

Unsere Welt ist heute in verschiedene Machtblöcke eingeteilt. Und auch innerhalb dieser Blöcke gibt es noch Unterschiede und Machtkämpfe. Ja, selbst innerhalb eines Volkes gibt es Abneigungen zwischen den einzelnen Stämmen. Täglich hören und lesen wir von kriegerischen Auseinan­der­setzungen in der Welt. Das kann uns nicht gleichgültig lassen, denn vielleicht kann uns das selber auch sehr bald betreffen. Denken wir nur daran, wie die europäischen Völker unter ihrer Uneinigkeit zu leiden hatten.

Auch dem Volk Israel ging es so. Sie waren in zwei Staaten aufgeteilt und zum Spielball der umliegenden Großmächte geworden. Wenn es Krieg zwischen Ägypten und Babylon geb, dann war das Gebiet Israels das Schlachtfeld. Deshalb fragte man sich dort: Woher kommt denn die Uneinigkeit der Völker? Warum gibt es soviel Vorurteile? Hinter diesen Fragen steht die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geborgenheit. Das Nichtverstehen ist doch das Anzeichen für eine sehr tiefliegende Krankheit. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel versucht eine Antwort darauf zu geben.

Eigentlich handelt es sich um zwei Geschichten: Einmal sind es Menschen, die eine große Stadt bauen zu ihrem eigenen Ruhm. Zum anderen sind es Menschen, die einen hohen Turm bauen, damit sie sich nicht in der weiten Ebene verlaufen. Jedesmal aber geht es um die Einheit der Menschheit, die dann zerfällt. Und jedesmal geht es um eine großartige technische und zivilisatorische Leistung, die diese Einheit sichern soll.

Wenn  man Angst hat, das Volk könnte auseinanderlaufen, muß man es mit einer Mauer einschließen. Dann läßt man nur den ein, der angenehm ist. Und heraus darf nur, wer die nötigen Papiere hat. Aber man tut auch noch mehr, um die Leute bei der Stange zu halten: Man stellt große Bauwerke hin, damit die Leute an die unbegrenzten Möglichkeiten in dem Staat glauben und deshalb gern bleiben [Hier wird natürlich auf die Situation in der damaligen DDR angespielt].

Gott sagt zu der Menschen: Macht euch die Erde untertan! Die Menschen sollen ja in festen und modernen Häusern leben. Und ein Turm aus gebrannten Ziegeln war damals ein höchst nützlicher technischer Fortschritt. Wir alle nehmen heute teil an den Errungenschaften der Technik und wir dürfen es mit ruhigem Gewissen tun.

Es gibt ja heute Wolkenkratzer, die sind wesentlich höher sind als die 90 Meter des Turms von Babylon. Auch manche Kirche ist da noch höher. Vor hundert Jahren mußte der Turm des Berliner Rathauses noch niedriger bleiben als der Turm der Marienkirche. Aber heute findet niemand mehr etwas dabei, wenn der Fernsehturm gleich daneben dreimal so hoch ist. Und mit den heutigen Raketen reichen wir sogar bis an den Himmel, jedenfalls bis an den Himmel, den man so sieht. Die Menschheit hat schon imponierende Leistungen errungen.

Manche Christen meinen nun, das sei alles Teufelswerk und Gott werde diese Frevler schon zerschmettern. Doch was sachlich notwendig ist, verfällt nicht der Kritik Gottes. Wir können uns freuen, wenn dem Kosmos ein Geheimnis nach dem anderen entrissen wird. Wir können froh sein, wenn unser Alltagsleben durch die Technik ein wenig bequemer wird. Dadurch erfüllen wir den Schöpfungsauftrag Gottes.

Die Bibel will nichts schlecht machen, wo die Menschen voller Optimismus sagen: „Wohlauf, laßt uns etwas schaffen!“ Aber sie weist sehr deutlich auf die Gefahren hin, die aus solchem Tun entstehen können. Diese Menschen in Babylon handeln ja nicht mehr im Auftrag Gottes, sondern sie wollen sich selber einen Namen machen. Aber letztlich haben sie Angst, sie könnten sonst in alle Winde zerstreut werden. Um diese Angst zu überdecken, verfallen sie in den Hochmut, sie könnten bis an den Himmel bauen und der Menschheit damit das göttliche Heil bringen.

Auch bei Adolf Hitler war vom Heil die Rede. Wie bei allen Gewaltherrschern hat er versucht, mit großen Prachtbauten sich einen Namen zu machen. Es ging nicht um den Nutzen der Allgemeinheit, sondern notfalls mußten dann die Häuschen der kleinen Leute weichen. Wie in Babylon wollte Hitler quer durch Berlin eine Prachtstraße bauen, mit einer riesigen Kongreßhalle als Abschluß. Später verlief an dieser Stelle die Mauer, als Mahnzeichen dessen, was Hitler mit seinem „tausendjährigen Reich“ verspielt hat. Gleichzeitig eine Grenze, die Menschen voneinander trennte, wie in der Geschichte vom Turmbau in Babylon,

Auch die moderne Weltraumfahrt unterliegt nicht unbedingt dem Verdammungsurteil Gottes. Nur muß man eben bedenken, daß Gott nicht dort ist, wohin die Raketen reichen. Als die ersten (russischen) Kosmonauten zurückkehrten, da erzählten sie: einen Gott hätten sie dort oben nicht getroffen! Das hätten sie aber auch schon vorher wissen können: Gott lebt nicht hinter dem Mond! Er ist ein Gott für uns, hier auf dieser Erde, wo er uns von allen Seiten umgibt, wie es im 139. Psalm heißt. Andere Kosmonauten haben im Weltraum zu Gott gebetet, haben ihm gedankt für die Schönheit der Schöpfung und dafür, daß ein solcher Flug möglich war. So kann  man jede technische Leistung von zwei Seiten sehen und zum Guten oder Bösen gebrauchen.

Das gilt besonders von der Atomkraft.  Welche segensreiche Wirkungen gehen von ihr aus, in der Energiewirtschaft, Landwirtschaft, Medizin und Technik. Aber welche verheerenden Kräfte stecken in einer Atombombe! Werden die in der Hand der Menschheit liegenden Kräfte wohl immer friedlich und aufbauend eingesetzt werden? Schon allein das Wissen um die Herstellung solcher Bomben wird uns für alle Zeit vor die Frage stellen, wie wir diese Möglichkeiten unter Kontrolle halten können.

Es geht hier einfach um die ethische Frage, ob wir uns verantwortlich wissen vor Gott. Der technische Fortschritt kann einer großer Segen für uns bedeuten. Aber ob es wirklich besser wird, hängt zu einem großen Teil von uns ab. Aller Fortschritt sollte  m i t  Gott vollbracht werden und nicht gegen ihn. Wir dürfen ihn loben, weil er uns solche Macht gegeben hat; aber wir dürfen nicht zu Himmelstürmern werden, die meinen, sie hätten Gott nicht nötig.

Vielleicht hält Gott noch große technische Fortschritte und Errungenschaften für uns bereit. Aber er lacht über die Menschen, die meinen, sie könnten das alles ohne ihn tun. Die Technik und ihre Erfolge sind nur dazu da, um Gottes Macht zu verherrlichen. Und sie sollen dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Wenn sich einer einen Namen machen will, dann durch den Dienst am Nächsten.

Nur so kann unsre Welt wieder heil werden. Die große Machtkonzentration Babels hat die Einheit der Menschheit gerade nicht gesichert. Aller Imperialismus wirkt letztlich nur auflösend. Ehrgeiz zerstört die moralische Basis der Gemeinschaft. Es ist bezeichnend, daß in dieser Geschichte die Zerstörung des menschheitlichen Miteinanders gerade an der Sprache deutlich wird: Wenn man nicht mehr miteinander sprechen kann, ist die Gemeinschaft zerstört.

Aber die Gemeinschaft wird nicht dadurch neu, daß man einfachere Übersetzungsmöglichkeiten schafft oder eine einheitliche Weltsprache durchsetzt. Die Entfremdung liegt ja tiefer. Nicht am Wipfel des Baumes muß man ansetzen, sondern an der Wurzel. Das Vertrauen unter den Menschen muß wiederhergestellt werden.

Das aber ist nur möglich, wenn wir uns alle unter Gott stellen. Wenn jeder sich selbst Gesetz sein will, dann ist er unberechenbar. Wenn wir uns aber an Gott halten, der uns zusammenbindet, werden wir keine unliebsamen Überraschungen zu fürchten haben. Aber solange man in Ost und West das erste Gebot noch herumdreht: „Ich bin der Herr, mein Gott, ich dulde keinen anderen Gott neben mir oder gar über mir!“ wird die Welt noch nicht heil werden können.

Auch die Kirche ist von dieser babylonischen Sünde noch nicht frei. Auch in ihr will man über Menschen herrschen, anstatt ihnen zu dienen. Man will sich einen Namen machen, anstatt sachlich und demütig den Auftrag Christi zu erfüllen. Man will menschlichen Ehrgeiz befriedigen, statt die Schande Christi zu tragen.

Dennoch hat inmitten der Kirche schon das Neue begonnen. Nach der babylonischen Sprachverwirrung hat Gott den Abraham erwählt und mit ihm einen Bund geschlossen. Dieser Bund hat sich erfüllt, als Jesus per Heiland für alle Menschen wurde. Aus seinem Wirken heraus entstand die Kirche, in der wieder alle Menschen zu einer Einheit zusammenwachsen können.

Wo heute Christen zusammenkommen, da mag es zwar noch äußere Sprachschwierigkeiten geben, aber das innere Verstehen ist doch da. Zwar gibt es auf weltweiten, kirchlichen Konferenzen auch harte Auseinandersetzungen über Sachfragen, aber im Gottesdienst kommen dann doch alle wieder zusammen. So soll es auch in unsrer Gemeinde sein. Wir dürfen verschiedene Meinungen haben, wenn wir uns alle unter der gleichen Herrn stellen. Und uns ist die große Aufgabe gestellt, mit der Welt dafür zu sorgen, daß Menschen sich besser verstehen können.

Aber wir bringen die besten Voraussetzungen dafür mit, daß Spannungen abgebaut werden, wenn wir uns unter das Kreuz Christi stellen, das das einigende Zeichen für uns ist. Wir brauchen keinen Turm und keine Stadt, weil Christus das einigende Zeichen ist.

 

Trinitatis: Jes 6, 1 - 8

Zum Gottesdienst finden sich immer Christen ganz unterschiedlicher Schattierung in der Kirche ein. Da sind einige kirchlich sehr engagierte Menschen dabei, Kirchenvorsteher und kirchlich aktive Leute. Da sind andere, die gelegentlich zum Gottesdienst kommen und wieder andere, die sicher lange nicht ein Gotteshaus von innen gesehen haben.

Wir wollen uns davor hüten, einen abzuqualifizieren‚ weil er nicht dem Idealbild eines Christen entspricht. Es gibt ja andere, die überhaupt nicht zu diesem Gottesdienst gekommen sind und nicht nur verhindert sind, sondern auch das ablehnen, was hier geschieht. Wer aber hier mit uns feiert‚ der hat recht getan. Wir haben nicht das Recht‚ hier Unterschiede zu machen. A l l e haben wir die Möglichkeit, heute hier im Gottesdienst dem heiligen und dreieinigen Gott zu begegnen.

Wir haben ja heute das Trinitatisfest. Es will uns deutlich machen, daß Gott uns auf drei verschiedenen Weisen begegnet: als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. In einem Predigttext aus dem Alten Testament kann das natürlich noch nicht so deutlich werden, denn damals wußte man ja noch nichts von Jesus Christus, dem Sohn Gottes und nichts vom Heiligen Geist.

Aber schon im Alten Testament hat man nach und nach das Wesen Gottes entdeckt. Zunächst hat man ihn nur als Gott in der Geschichte erfahren, der dem Volk beim Durchzug durchs Meer geholfen hat. Dann hat er ihnen das versprochene Land gegeben und ihnen gegen die Feinde geholfen. Er hat am Sinai einen Bund mit ihnen geschlossen und ihnen seine Gebote mitgeteilt. Dann haben sie erkannt, daß nicht die angestammten Götter die Fruchtbarkeit des Landes geben, sondern allein ihr Gott. Und daraus entwickelte sich dann die Erkenntnis, daß er auch der Schöpfer der ganzen Welt ist. Natürlich war Gott schon immer der Schöpfer. Aber erkannt hat man das erst nach und nach.

 So ist der Gott des Alten Testaments noch unerkannt der dreieinige Gott des Neuen Testaments ist. Uns heute ist die Decke vor den Augen weggezogen und wir sehen die ganze Herrlichkeit Gottes. Gott hat in Jesus Christus ein Gesicht bekommen und leitet uns auch heute durch seinen Geist. Deswegen wollen wir auch heute alle drei Artikel des Glaubensbekenntnisses durchgehen und uns deutlich machen: Gott ist zwar unnahbar, aber er hat uns doch frei gemacht von unserer Sünde und sendet uns heute zu den Menschen.

 

(1.) Gott ist unnahbar: Für viele von uns mag Gott auch groß und unnahbar erscheinen. Und die Welt Gottes sowie die Welt des Gottesdienstes mag ihm fremd und sonderbar erscheinen. Die alltägliche Welt ist ihm völlig anders. Die Sprache, die am Sonntag innerhalb der Kirchenmauern gesprochen wird, ist anders als die Sprache, die am Montag draußen gesprochen wird.

Dennoch darf Jesaja einen kleinen Blick in die Welt Gottes tun. Allerdings kann er Gott nicht selber sehen. Er muß den Blick senken. Er sieht nur ein großes Licht und der Vorhang im Tempel kommt ihm vor wie der Saum des Gewandes Gottes. Gott aber bleibt fremd und übermächtig, in Rauch eingehüllt und nur durch das Rufen der Engel noch angedeutet. Gott wird nur erkennbar, wenn er sich selbst erschließt. Auch für Jesaja ist die Gotteserfahrung im Tempel einmalig gewesen. Gott bleibt der Heilige. Hier ist eine Grenze gezogen, die der Mensch nicht ungestraft übertreten darf. Gott ist halt anders. Aber er ist nicht weit weg hinterm Sternenzelt, sondern er ist ständig gegenwärtig in seiner ganzen Schöpfung. wohin wir auch gehen, stoßen wir auf Gott. Der unsichtbare Gott gibt sich zu erkennen, auch in unserer Zeit und auch für uns.

 

(2.) Gott macht uns frei: Der unnahbare Gott sich uns gezeigt in Jesus Christus. Weil wir dafür oft blind sind, muß es uns gesagt werden. Jesaja empfindet das sehr stark, daß er unrein und sündig ist. Seine Angst und sein Schuldgefühl werden ihm nicht ausgeredet. Er muß erst entsündigt werden, ehe er sein Amt antreten kann. Jesaja empfindet besonders, daß er unreine Lippen hat. Mit den Lippen sprechen wir und stellen die Verbindung zu anderen Menschen her. Die Lippen und die Sprache sind so das eigentlich Menschliche. Aber gerade hier kann sich deshalb eine Verderbnis besonders auswirken. Deshalb muß auch Jesaja mit der Feuerglut von Gottes Altar gereinigt werden. Aber Gott (!) muß es machen. Er tut das aber immer „durch etwas“, also durch seine Engel und durch ein Stück glühende Kohle.

Der Reinigungsakt bei Jesaja ist dabei nicht nur eine symbolische Handlung. Wenn Gott handelt, dann hat das auch Hand und Fuß. Diese Reinigung geschieht auch schon im Blick auf Christus. Er hat ja erst dafür gesorgt, daß wir voll und ganz frei gemacht werden von der Sünde. Gottes Gericht fällt zwar nicht aus, aber es wird nicht an uns vollstreckt, sondern an seinem Sohn Jesus.

Als er Gott erkennt, merkt Jesaja, daß seine Beziehung zu Gott gestört ist. So ist auch heute jeder Gottesdienst eine Gelegenheit, das eigene Versagen zu erkennen und sich vor Gott entsündigen zu lassen. Alles, was sich im Laufe des Lebens so angelagert hat, kann jetzt wieder abgewaschen werden. Besonders das Abendmahl will uns das ja deutlich machen und uns wieder in die Gemeinschaft mit Gott hinein ­holen.

Nicht nur zwischen Gott und den Menschen gibt es da Grenzen, sondern auch auf unserer Erde gibt es Welten, die streng voneinander getrennt sind. Da gibt es Nachbarn, die zwischen sich keine Brücke kennen. Alte und junge Menschen leben unverstanden nebeneinander. Und auch von manchem Kirchenmitglied kann man hören: „Ich gehe nicht in die Kirche, weil der oder jener mich geärgert hat!“

Gott aber will das nicht. Seine Welt sieht anders aus. Und deshalb sendet er seine Botschaft hinein in unsere Welt, damit es auch dort anders wird. Er kommt in unsre Welt hinein, damit auch wir es lernen, nur gute Worte zueinander zu sagen. Gerade am Abendmahl kann uns das deutlich werden. Denn wenn Gott sich mit uns versöhnt, dann werden wir auch untereinander Versöhnte sein.

 

(3.) Gott sendet uns: Aber eine solche Entsündigung ist auch notwendig, wenn man ein Sprecher Gottes sein will. Und Boten Gottes sollen wir ja alle sein. Deswegen ist uns ja schon in der Taufe der Heilige Geist mitgegeben worden. Nicht jeder von uns ist ein Jesaja. Aber sein Auftrag könnte für jeden von uns gelten. Wer vor uns will mithelfen, daß Gleichgültigkeit und Feindschaft, Selbstsucht und Schweigen aufhören und in Gemeinschaft und Austausch verwandelt werden?

Gott hat den Jesaja doch deswegen entsündigt, damit er Gottes Stimme hören kann. Gott fragt: „Wen soll ich senden?“ Jesaja soll es hören und sich freiwillig zum Dienst melden. Eben war er noch ein Verlorener, nun ist er Bote Gottes. Eben war er noch zu Boden geworfen im Bewußtsein seiner Schuld jetzt wird er ermächtigt zum Botendienst.

Aber wir alle haben die gleiche Chance. Wenn am Anfang der Predigt deutlich gemacht wurde, daß wir unter Umständen von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten her hier zusam­men­gekommen sind, so ist jetzt jedoch zu sagen: „Das muß nicht so bleiben!“ Jeder von uns hat die Möglichkeit, in den Dienst Gottes zu treten.

Gott ist nicht nur der große und heilige Gott. Er ist auch in Jesus Christus hineingekommen in unsere Welt, damit sie anders wird. In dieser Welt hat er sich eine Gemeinde gesammelt, die

er hin aussendet als seine Boten. Sie soll die Gotteswelt hineintragen in die Menschenwelt.

Dafür ist keiner zu alt und zu schwach. Den Kindern und Enkeln die eigenen Glaubenserfahrungen mitzuteilen, das ist doch eine lohnende Aufgabe. Dadurch wird man auch selber im Glauben fester und merkt, daß alles ja gar nicht so schwer ist. Gottes Frage: „Wen soll ich senden?“ gilt heute auch uns. Diese Frage dürfen wir nicht überhören. Aber wenn wir darauf antworten: „Hier bin ich, sende mich!“ dann wird er uns auch dazu ausrichten und uns die Kraft geben, seine Boten zu sein.

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis: Joh 5, 39 - 47

Bei der einen Konfirmandengruppe kam ein Mädchen mit, das nicht getauft ist. Es ging um die Taufe, und der Pfarrer versuchte deutlich zu machen, worauf uns das Wasser hinweisen könnte. Er sagte: „Das Wasser brauchen wir zum Leben. Das Wasser bei der Taufe brauchen wir zum Christsein!“ Und dann die Frage: „Kann man denn auch ohne Taufe leben?“ Die Konfirmanden sahen den Pfarrer erst etwas ratlos an, wußten nicht, was die Frage sollte: So etwas fragt man sich halt nicht, wenn man getauft ist. Der Pfarrer sagte: „Na, eure Kollegin hier lebt doch zweifellos, auch wenn sie nicht getauft ist. Ohne die Taufe  kann man zwar als Mensch leben, aber nicht als Christ. Auf das Wasser kann niemand verzichten, der leben will. Aber auf das Wasser der Taufe meinen manche verzichten zu können!“

Diese Leute werden natürlich sagen: Warum soll ich gerade an Christus glauben? Es gibt so viele Religionen in der Welt. Und wer von Religion nichts hält, der kann zu einer Weltanschauung greifen. Entweder zum Marxismus-Leninismus, der sich in vielen Schattierungen über die ganze Welt ausbreitet, gerade so wie eine Religion. Oder er macht sich eine eigene Weltanschauung zurecht, so eine Art Allerweltsphilosophie, praktisch und für den Alltagsbedarf durchaus ausreichend.

Wieso soll da gerade in Christus das Heil liegen? Es ist nicht so einfach, das sachkundig und verständlich ausdrücken zu können. Da sagte neulich eine Frau, deren Mann Schwierigkeiten hat mit der Lehre der Kirche:“Ich kann auch nicht so richtig diskutieren mit ihm. Mein großer Bruder könnte das viel besser, der hat eher Argumente zur Hand!“ Das wird den meisten so gehen, daß sie nur schwer umschreiben können, was sie glauben.

Ein Ausweg könnte da sein, innerweltliche Argumente und Umschreibungen für Jesus zu verwenden.  Man könnte Jesus darstellen als das große Vorbild, als ein Mensch, der immer für andere da war. Ein Kandidat für das Parlament wäre er wohl nicht geworden, weil er zu sehr von der  Anschauungen der Herrschenden abwich. Aber vielleicht Gewerkschaftsführer oder Mannschaftskapitän der Olympiamannschaft. Solche Vergleiche sind sicher ein berechtigter Versuch, für das Gespräch über Christus eine gemeinsame Plattform zu finden. Auch Paulus hat ja gesagt, er sei den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche geworden, nur um sie für Christus zu gewinnen

Aber wir merken auch, wie unangemessen diese Vergleiche sind. Sie dürfen immer nur ein erster kleiner Schritt zum Verständnis sein. Jesus jedenfalls verzichtet auf solche Hilfestellungen: „Ich nehme nicht Ehre von Menschen!“ Er verläßt sich auf Gott und nicht auf das, was Menschen leisten. Natürlich ist unser Zeugnis und Bekenntnis nötig, unsre Übersetzung und Auslegung. Aber nicht erlaubt sind Zutaten und Auslassungen. Unsre Bemühungen um Übertragung in unsre heutige Umwelt sind immer wieder neu an der Heiligen Schrift zu prüfen. Gott ist zwar Mensch geworden in Jesus Christus; aber er ist doch immer Gott geblieben.

Deshalb kann auch nur Gott die Frage beantworten, wer Jesus ist und warum man nur ihn als seinen Herrn anerkennen soll. Mit menschlicher Einsicht und menschlichen Beweisgründen ist hier nichts zu gewinnen .Jesus sagt: „Ich bin gekommen in meines Vaters Namen!“ Auf das Zeugnis des Vaters kommt es an.

Wenn heute eine Frau zur Schwangerenberatung geht, dann wird zunächst einmal nur ihr Name festgehalten, nach dem Vater des Kindes wird noch nicht gefragt. Erst wenn das Kind geboren ist, wird auch der Vater interessant, weil er zahlen soll. Wenn die Eltern nicht oder noch nicht verheiratet sind, dann muß der Vater beim Jugendamt erscheinen und die Vaterschaft anerkennen.

Das war schon bei den alten Germanen so: Wenn ein Kind geboren war, dann hat man es dem Vater vor die Füße gelegt. Und wenn er es von der Erde aufhob, dann hat er es als sein Kind anerkannt. So hat auch Gott den Jesus von Nazareth als seinen Sohn anerkannt und ihm die gleichen Rechte eingeräumt, wie er sie selber hat. Deshalb hat er es gar nicht nötig, sich seine göttliche Würde von den Menschen bescheinigen zu lassen. Er weiß, daß Gott seine Aussagen schon beglaubigen wird. Göttliches kann sich immer nur selbst bezeugen und so seine Wahrheit erweisen.

Vielleicht bedauern wir das. Manche Menschen können mit der Lehre der Kirche über Jesus Christus, daß er nämlich Gottes Sohn sein soll, nichts anfangen oder lehnen sie direkt ab. Sie sind aber gern bereit, dem Mann aus Nazareth großen Respekt entgegenzubringen. Sie sagen: Das war einer, der es mit den Menschen gut gemeint hat, er hat sich für die in mancherlei Weise Benachteiligten eingesetzt, er war wahrhaftig und ehrlich bis ins Mark und hat sich nicht von der Meinung der Herrschenden abhängig gemacht. So war er ein Vorbild für viele. Und man könnte wünschen, er wäre es für alle Menschen.

Dann wäre Jesus also einer der Großen der Menschheitsgeschichte. An ihm könnte man ablesen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie die in ihnen liegenden guten Kräfte mobilisieren. Eine solche Einschätzung Jesu könnte zwar bei dem einen oder anderen die Vorstufe zur eigentlichen Christuserkenntnis sein. Aber ehe es zum Glauben an ihn kommen kann, wird erst doch noch ein Bruch mit solchen Vorstellungen nötig sein.

Jesus vertraut darauf: Der Vater arbeitet schon an den Menschen, daß sie zu einer solchen Erkenntnis gelangen. Er wird schon seine Botschaft selber an den Mann bringen. Aber um Jesus zu erkennen, müßte die Liebe Gottes in den Menschen sein. Jesus zweifelt daran, daß das schon so ist. Aber er will die Menschen deswegen doch nicht verklagen. Es ist längst ein anderer da, der dem Menschen ihr Versagen wie einen Spiegel vorhält: das ist Mose bzw. die Heilige Schrift, in der Gottes Willen zu finden ist.

In dem ganzem Abschnitt wird die Frage diskutiert, wer für Jesus zeugen könnte, die Wahrheit seines Anspruchs bestätigen könnte. In Frage käme Johannes der Täufer; aber er hat natürlich Jesus nicht zu dem gemacht was er ist. Dann könnte man die Taten heranziehen, die Jesus vollbracht hat; aber an den Wundertaten kann man noch nicht ohne weiteres ablesen, daß sie von Gott ausgehen.

Bleibt schließlich noch die Heilige Schrift als Zeuge. Doch auch die kann man lesen, und doch das Wort Gottes überhören. Auch ein Atheist liest vielleicht die Bibel, um Argumente gegen die Religion zu finden. Da wird er aber wohl kaum dem begegnen, auf dessen Zeugnis alles ankommt.

In den Worten menschlicher Zeugen gilt es aber, den größeren Zeugen zu erkennen, den man je gesehen und dessen Stimme man nie gehört hat. Im Menschenzeugnis soll uns das Gotteszeugnis deutlich werden. Wir brauchen also nicht auf irgendwelche Eingebungen zu warten, die doch nur aus unserem eigenen Unbewußten kommen könnten. Jesus verweist an die Schrift, in der von  ihm zu lesen ist.

Für Jesus war die Schrift das Alte Testament. Es soll auf Jesus hin gelesen werden. Natürlich haben die verschiedenen Schreiber der alttestamentlichen Schriften noch nichts von Jesus gewußt und konnten noch nicht bewußt auf ihn hindeuten. Und doch haben sie Christus bezeugt, obwohl sie ihn nicht kannten. Das ganze Alte Testament durchzieht eine ins Ungeheure angewachsene Erwartung. So erweckt das Alte Testament den Eindruck von etwas Ruhelosem, das rätselhaft über sich hinaus weist.

Das Land war dem Volk Israel verheißen, aber sie waren nicht zur Ruhe gekommen. Man wartete auf den Messias, aber jeder König war wieder eine Enttäuschung. Man brachte Opfer, wußte aber, daß sie nicht ausreichen. Einmal würde Frieden sein zwischen Gott und dem Menschen, wenn der Sünde ein für allemal ein Ende gesetzt ist. So laufen alle Linien in der Schrift auf Jesus zu. In Jesus setzt Gott sein Bemühen um sein Volk fort und will alles zum allerbesten Ende führen.

Jesu Gesprächspartner wollten das nicht begreifen. Wir aber sollten immer wieder neu die Schrift erforschen und jedesmal damit rechnen, noch Neues zu erfahren von Gott. Wir können zwar nicht unser Leben und das der Gemeinde sichern und bewahren. Aber wenn wir uns in die Schrift hineinbegeben, sind wir auf dem Weg zu Christus.

Doch wir sollten in der Bibel vor allem die frohe Botschaft erkennen. Die Gesprächspartner Jesu finden in ihr nur das Gesetz des Mose. Aber Jesus sagt: Mose hat schon auf mich hingewiesen. Als Fürbitter seines Volkes hat er schon auf dem Platz hingedeutet, auf dem Jesus jetzt steht. Durch fromme Leistungen und ein korrektes Leber kann man das Ansehen bei Gott noch nicht gewinnen. Das Gesetz kann nie bestätigen, daß man gut liegt. Es zeigt immer wieder, daß man sein Soll noch nicht erfüllt hat; und selbst wenn man  99 Prozent erreicht hat, dann werden im nächsten Jahr 103 Prozent draufgeschlagen. Wenn man das immer weiter steigern will, was in einem selber liegt, dann» wird man scheitern.

Der neue Anfang muß uns von oben her geschenkt werden. Auch wir als abgestempelte Christen denken, immer noch viel zu sehr von unten her und haben eine gesetzliche Einstellung und Lebensart. Aber Jesus spricht selbst denen das Evangelium zu, die nicht an ihn glauben. Er wirbt immer wieder um sie, aber auch um uns: Glaubet der Schrift und glaubet meinen Worten!

 

 

2. Sonntag nach Trinitatis: Mt 22, 1 - 14

Wenn ein Kind getauft werden soll, braucht man dazu Paten. Die Eltern überlegen sich sorgfältig, wen sie für dieses Amt bitten körnen. Meist sagt der Betreffende auch gerne zu. Aber manchmal erhält man auch eine Ablehnung, oft mit einer ganz fadenscheinigen Begründung.  Da müssen dann die Eitern einen anderen bitten In manchen Gemeinden ist auch schon vom Pfarrer ein Pate aus der Gemeine vermittelt worden.

Aber es ist doch furchtbar, wenn man zu so einer wichtigen Sache einlädt und erhält eine Ablehnung. Doch wir erleben das immer wieder einmal, auch wenn es sich um eine weniger wichtige Einladung handelt. Meist freuen sich ja die Verwandten und Freunde über eine Einladung. Manche werden auch stöhnen, weil ihnen der Zeitpunkt ungelegen ist, aber sie kommen doch, um den Gastgeber nicht zu beileidigen. Wieder andere entschuldigen sich wegen dringender Verpflichtungen. Wer aber eine Einladung ausschlägt, ist selber schuld daran, er versäumt etwas, das das Leben schön macht.

Natürlich  ist auch anderes wichtig. Es gibt Pflichten, an denen kommt keiner vorbei. Man kann nicht immer nur Feste feiern, man muß auch seine übliche Arbeit machen. Ud wenn die Mutter im Krankenhaus liegt und man sie nur am Sonntag besuchen darf, da wird man nicht lieber zur Hochzeit gehen, dort kann man auch noch später hingehen.

Wenn Jesus von einer Hochzeit erzählt, die ein König für seinen Sohn ausrichtet, dann geht es ihm um mehr als eine Familienfeier. Er spricht ja in Gleichnissen und will dabei etwas deutlich machen vom Reich Gottes. Hochzeit ist ein Sich-finden in engster und bleibender Gemeinschaft. Da will keins mehr ohne das andere sein. So könnte aber auch die Gemeinschaft sein, die wir mit Gott haben.

Wir gehören alle zur großen Familie Gottes. Wir haben unsren Stammplatz nicht nur in der Kirche, sondern auch bei Gott. Hier wieder werden wir eingeladen, nun auch tatsächlich zu kommen und mitzufeiern. Schon die Propheten haben grundsätzlich eingeladen, zur Zeit des Neuen Testaments war es dann soweit. Und schließlich ging man hinaus in die ganze Welt, um einzuladen, wen man findet. So ist das Evangelium auch zu uns gekommen. Aber wir stehen vielfach immer noch am Rand, obwohl wir getauft sind. Keiner kann sagen, ihn brauche Gott nicht einzuladen und zu rufen. Gottes Einladung wird immer dringlicher. Er läßt auch uns ausrichten: „Aus der Küche riecht es schon nach Bratenduft, das Essen steht schon auf dem Tisch, nun kommt doch auch!“

Aber schon immer gab es Menschen, die verachteten die Einladung Gottes. Sie dachten sich wohl: „Was der da auf den Tisch bringt, das können wir uns alle Tage leisten. Wir stellen doch selber etwas dar und sind nicht auf die Gnade und Barmherzigkeit eines anderen angewiesen!“ Sie wollen es sich leisten können, die Einladung abzulehnen. Sie sehen aber nicht, welchen Wert diese Einladung für sie hat. Sie meinen, sie brauchten Gott und sein Heil nicht.

Aber auch wenn viele nicht wollen, dann gibt Gott es trotzdem nicht gleich auf. Die Ablehnung steigert nur noch seinen Eifer und seine Güte. Auch wenn die Eingeladenen demonstrativ auf den Acker gehen oder zu ihrer Hantierung: die Einladung wird weiter ausgesprochen, Gottes Ruf gilt allen. Gottes Liebe läßt nicht nach. Er müht sich auch um die Menschen, die sich von ihm lossagen.

Vor allem müht er sich auf um uns. Wenn die Glocken läuten‚ dann wissen wir genau, was gemeint ist: Diese Einladung gilt jedem von uns persönlich. Ein Pfarrer ließ sich einmal am Sonntag vertreten und ging dann zur Gottesdienstzeit in die Häuser, um zu sehen, was die Leute so treiben. Sie waren erst verdutzt, dann entschuldigten sie sich: Wir haben große Wäsche, wir haben die Handwerker, wir wollen doch wenigstens einmal in der Woche alle zusammen essen, und so weiter.

Es sind die ehrenwerten Verrichtungen des täglichen Lebens in Beruf und Familie, die am Besuch des Gottesdienstes hindern. Aber es sind auch manche Betätigungen in Staat und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, Sport und Hobby. Dort will man Gutes tun und sich nützlich erweisen, aber dann bleibt keine Zeit für Gott. Man sagt auch Ich bin doch bisher auch ohne Gott ganz gut hingekommen. Ein anständiger Mensch kann ich auch so sein, und darauf kommt es doch letztlich an. Wenn sie alle so wären wie ich, dann brauchte sich Gott um die Welt keine Sorgen zu machen!“

Ja man meint sogar: „Für die anderen mußte Christus sterben. Aber wäre es nur um mich gegangen, dann wäre das nicht nötig gewesen. Ich habe mit niemand Streit angefangen, ich habe lieber auf mein Recht verzichtet. So brauche ich mir nichts vorzuwerfen. Fehler macht jeder einmal‚ kleine Patzer passieren jedem. Aber im Großen und Ganzen habe ich mir nichts vorzuwerfen, da kommt Gott schon bei mir zu seinem Recht!“

Aber wer so denkt, der läßt Gott vor lauter Korrektheit nicht an sich heran. Er meint im Grunde auch, die Einladung Gottes gehe ihr nichts an. Die Sünde der Selbstgerechtigkeit ist aber die Sünde aller Sünden, weil sie uns vom Gott lostrennt. Und Gott wollte uns doch bei seinem Fest dabei haben!

Wir wären doch auch beleidigt, wenn wir zu einem Fest einlüden und die Einladung würde abgelehnt. Nach damaliger Sitte wurde beim ersten Mal nur allgemein zur Hochzeit eingeladen und noch kein genauer Termin genannt. Aber jeder wußte, daß er sich bereithalten sollte. Da mußte er nicht ausgerechnet für diesen Tag des Festes sich noch Arbeit aufheben.

Wenn aber eine Absage nach der anderen kommt, überlegt man sich schnell, wenn man sich schnell, wen man noch einladen kann; es soll doch kein Stuhl an der Tafel frei bleiben. So macht Gott es aber auch: Wenn  w i r  nicht wollen, dann lädt er andere ein. Gott findet schon seine Leute und ist nicht angewiesen auf die, die er zuerst eingeladen hat.

Wenn fließendes Wasser auf Widerstand stößt, sucht es sich einen neuen Weg. So hat sich Gott den Heiden zugewandt, als Israel nicht wollte. Das war keine Verlegenheit, weil er mit Israel kein Glück hatte. Gott hat von vornerein alle Menschen geliebt. Er ist auch an denen brennend interessiert, die dies nicht für möglich halten, die meinen, in ihrem Leben und Denken sei für Gott kein Platz.

Mancher meint eben, das Frommsein setzte einen bestimmten Grad an Rechtschaffenheit und christlicher Lebensart voraus. Und vielleicht sind wir Kirchenleute auch der Meinung und haben manchen zurückgestoßen, den Gott wollte. Vielleicht haben wir anderen den Zugang verwehrt‚ weil wir ihnen deutlich machten: „So einer wie du kommt gar nicht in Frage, es fehlt dir an der Kinderstube und dein Leben ist zu ungeordnet, du sprichst eine unmögliche Sprache und du hast viel zu lange Haare!“

Aber täuschen wir uns nicht: Vielleicht verschließen wir uns gerade dadurch der Einladung Gottes. Und wenn wir in Deutschland nicht mehr auf ihn hören wollen, dann lädt er vielleicht die Menschen in Afrika und Asien ein. Und wenn niemand mehr zum Gotteshaus kommt, dann gehen die Boten vielleicht auf die Straßen oder in die Gaststätten oder in die Krankenhäuser. Es gibt bei uns zum Beispiel einen Pfarrer, der kümmert sich nur um die Landfahrer und Zirkusleute. Und ein bayrischer Bischof ging sogar in die Nachtbars von München, um Gottes Wort weiterzusagen. Go.tt hat viele Wege, die Menschen zu erreichen.           

Deshalb erreicht er auch uns ganz bestimmt. Für jeden von uns hält er einen  Stuhl an seinem Tisch bereit. Sein Tisch, das ist auch der Altar in unserer Kirche, an dem wir das Abendmahl feiern. Dorthin lädt Gott uns ein, daß wir sein Wort hören und mit ihm an seinem Tisch ein Fest feiern.

Doch wir stehen auch in der Versuchung, die Einladung Gottes abzulehnen. Es sind ja so viele, die auch nicht  hingehen. Aber Gott macht uns frei von allen falschen Bindungen. Wir brauchen uns nicht nach der Menge zu richten und nach unserem Vorteil zu schielen. Gott sucht sich seine Leute nicht aus, er ist nicht wählerisch. Gott nimmt uns so, wie wir sind.

Aber es sollte keiner meinen: „Wenn Gott mich auf alle Fälle nimmt, dann kann ich auch so bleiben, wie ich bin!“ Wir gehen ja auch nicht in unserer Arbeitskleidung zur Hochzeit, das wäre eine Beleidigung für den Gastgeber. Es gibt auch heute wieder Gaststätten, in die man nur mit gutem Anzug hineinkommt. Und zum Tanzstundenball wird festliche Kleidung erbeten. Auch zum Gottesdienst ziehen wir uns sonntagsmäßig an.

Wenn wir zu Gott kommen wollen, gehört schon eine entsprechende Vorbereitung dazu. Wir dürfen zwar zu Gott kommen, wie wir sind; aber: „Wir dürfen nicht so bleiben, wie wir waren!“ „Wir dürfen zwar zu Gott kommen, wie wir sind; aber wir dürfen nicht so bleiben, wie wir waren!“ [absichtlich wiederholt!]. Gott will veränderte Menschen und verzichtet nicht auf den Gehorsam und die Umkehr seiner Menschen

Doch zuerst erfolgt immer die Einladung. Der .Ernst der Forderung Gottes ist nur der Hintergrund für seine Einladung. Und wer diese Einladung ernst nimmt, der sorgt ganz von selber dafür, daß bei ihm alles in Ordnung kommt. Dann kann er auch wohl vorbereitet zum Festmahl des Herrn gehen. Dort steht die Tür weit offen, der Tisch ist gedeckt. Alles ist bereit für die Gäste. Wir  sind die Gäste, ja sogar die Familie Gottes. Es kommt nur darauf an, ob wir uns einladen lassen und dann auch wirklich hingehen.

3. Sonntag nach Trinitatis: Lk 15, 11 - 32

Ein Vater ging einmal mit seinem Sohn in die Kirche, nicht zum Gottesdienst, sondern um sich das Gebäude einmal anzusehen. Vorne am Altar bleiben sie stehen. Der Junge betrachtet eingehend das Kruzifix und fragt dann „Vater, was macht denn der Mann da?“ Der Vater weiß im ersten Augenblick nicht, was er sagen soll. Wie will er auch einem kleinen Jungen klarmachen, was die Kreuzigung bedeutet. Aber der Junge hat inzwischen schon selber die Antwort gefunden. Er sagt:“Jetzt weiß ich es: der macht: ‚Komm in meine Arme‘!“

Das ist doch eine schöne Antwort. Besser hätte man es einem Kind nicht erklären können. Das Kind hat den eigenen Vater vor Augen, wie der die Arme ausbreitet und sein Kind in die Arme nimmt. Auch wenn es einmal böse war, sagt der Vater dann doch: „Komm in meine Arme!“

So ist es auch in der Geschichte von dem gütigen Vater und den verlorenen Söhnen, die Jesus erzählt. Sie handelt von einem Vater, der seinen Sohn wieder in die Arme nimmt und den anderen auffordert, auch in seine Arme zu kommen.

Betrachten wir zunächst den jüngeren Sohn.

An sich ist nichts Unrechtes an dem Verhalten des jüngeren Sohnes. Eine vorzeitige Teilung des Erbes war möglich. , Bei dem älteren Sohn behielt der Vater noch das Verfügungsrecht. Der Jüngere allerdings läßt sich seinen Anteil in Geld auszahlen, weil er nur so sich vom Vater unabhängig machen kann.

Ähnliches wird es auch heute noch in vielen Familien geben: Der Vater hat die Firma und das Haus und der Sohn arbeitet mit und wohnt mit im Haus. Der Vater sagt zwar: „Wenn du etwas brauchst, kannst du es immer kriegen!“ Aber der Sohn muß deswegen immer fragen, und zu bestimmen hat immer nur der Alte. Der Sohn aber hat neue Ideen, möchte vorankommen und sein eigener Herr sein. Aber immer bekommt er nur zu hören: „Du hast doch alles. Es geht dir doch gut. Warum beschwerst du dich nur?“

Die Söhne von heute gehen in die Lehre oder zum Studium. Zunächst denken sie: „Endlich bist du den Verboten und Vorschriften der Eltern entronnen, jetzt erst kannst du erwachsen werden. Aber dieser Wahn währt nicht langer, dann hat man gemerkt: Hier muß man sich ja noch mehr einordnen‚ da gibt es noch mehr Vorschriften, da ist man erst recht nicht sein eigener Herr. Am meisten galt das, wenn sie früher noch zur Bundeswehr mußten.

So erging es auch dem Sohn im Gleichnis bei der Hungersnot: Er muß bei einem Heiden die geringste Arbeit tun und die als unrein geltenden Schweine hüten, aber er darf nicht einmal von ihrem Futter essen. Erst wollte er zeigen, was in ihm steckt, nun sind gleich beim ersten  Versuch alle Illusionen zerbrochen. Aber diese Erfahrung muß wohl jeder erst einmal machen, sonst sieht er nicht ein, wie gut er es eigentlich zu Hause gehabt hat.

Mit Gott geht es uns manchmal doch auch so. Da kommt uns der Gedanke: Du könntest es doch bequemer haben. Immer diese Verbote: Das darf ein Christ nicht und jenes auch nicht. Dazu sonntags immer in die Kirche gehen und immer hilfsbereit und freundlich sein und dazu auch noch Kirchensteuern zahlen. Warum kann man es nicht auch einmal so einfach haben wie die, die nicht an Gott glauben?

Mancher möchte einfach einmal eine Zeitlang tun und lassen, was er will. Wenn man alt und ausgelebt ist, dann kann man ja immer noch zurückkommen und fromm werden. Aber vorerst ist man ja zum Glück noch weit entfernt vom ersten Schlaganfall und allen frommen Anwandlungen. Der Sohn im Gleichnis wird einen anderen Weg geführt. Zum Glück erinnert er sich am tiefsten Punkt seines Lebens an den Vater. Daß er das tut, ist schon der erste Schritt zur Änderung seines Lebens.

Dabei geht es nicht so sehr um eine Abkehr von etwas, sondern um die Heimkehr zum Vater. Nicht der Ekel vor sich selber bewegt den Sohn zur Umkehr, sondern das Heimweh nach dem Vater. Plötzlich tritt ihm das Bild des Vaters vor Augen, der auf ihn wartet und jeden Tag Ausschau nach ihm hält. Er will auch zu seiner Schuld stehen. Er kann sich nicht einfach zur Arbeit melden und so tun, als sei nichts gewesen. Er kann nicht auf die Gnade seines Vaters rechnen, denn sein Erbteil und damit das Sohnesrecht sind nun einmal vertan. Hier wird streng rechtlich gedacht: Strafe muß sein! Aber wenigstens Tagelöhner könnte er noch sein.

Doch nun kommt die große Wende: Der Vater hat den heimkehrenden Sohn schon in der Ferne gesehen. Da geht es ihm durch und durch. Er vergißt all seine Würde und läuft dem Sohn entgegen und nimmt ihn in die Arme. So ist auch Gott: Er hat den Sünder zu keiner Stunde aufgegeben, sondern er schaut nach ihm aus, ob er denn endlich heimkehrt. Kein Wort des Vorwurfs ist zu hören. Keine Frage: Wo bist du gewesen? Was hast du mir angetan? Es wird nicht einmal die Forderung erhoben: Ich will erst prüfen, ob du dich besserst, dann hast du noch einmal eine Chance.

Der Sohn gesteht seine Schuld gegenüber dem Vater ein. Das muß schon sein. Aber seine schöne Rede, die er sich sicher auf dem Weg immer wieder vorgesagt hat, kann er nicht beenden: Schon erteilt der Vater die Befehle, damit der Sohn mit allen Zeichen eines freien Mannes geschmückt und das Fest gefeiert werden kann. Nicht weil der Sohn reifer geworden ist und seine Fehler eingesehen hat wird er wieder angenommen, sondern weil der Vater ihn immer noch liebt. Nicht die Zerknirschung des Sohnes hat den Vater umgestimmt, sondern er holt ihn aus freien Stücken ins Haus.

Die Reue ist zwar Voraussetzung, aber es kommt nicht auf sie an. Wenn Jesus diese Geschichte erzählt, dann will er Mut machen zur Heimkehr. Er lädt ins Vaterhaus ein und sagt: Ihr braucht keine Vorleistungen zu bringen, das Haus steht offen, ihr braucht euch nur liebhaben zu lassen.

Doch wir sollten hier nicht eine rührende Geschichte sehen von einem jungen Mann, der wieder heimfindet. Sie widerspricht ja allem, was wir normalerweise für recht und billig halten. Wenn wir so einem heruntergekommenen Nichtsnutz im Leben begegneten‚ dann würden wir ihn sicher auch verachten. Der ältere Sohn steht uns innerlich doch viel näher.

Wir sind doch alle brave Bürger, die ruhig und fleißig ihrer Arbeit nachgehen wie der ältere Sohn. Es ist kein Zufall, daß er gerade vom Feld kommt, denn sein Leben war Arbeit. Er hat wenigstens Verantwortungsgefühl und der Vater konnte sich immer auf ihn verlassen. Wo kämen wir denn hin, wenn alle so wären wie der jüngere Sohn, dieser Schandfleck für die Familie! Wir verstehen den Unmut des Daheimgebliebenen und hätten sicherlich auch gedacht: Daß der sich überhaupt noch hierher wagt!

Jetzt wird sich vielleicht der Ältere sagen: Hättest du es nur auch so gemacht. Dann hättest du vielleicht auch einmal in solcher Weise die Liebe des Vaters spüren können. Aber du warst ja dumm und wolltest immer der Anständige bleiben, der Musterknabe. Wer weiß, was dir alles entgangen ist, während der andere sein Leben genossen hat.

Er sagt zum Vater: „So muß man es wohl machen wie dieser  d e i n  Sohn!“und denkt im Stillen: Dieser Hieb hat aber gesessen! Daß sein Bruder aber eine große Not durchgemacht hat und seine Strafe eigentlich schon weg hat, sieht er nicht. Der Vater aber weiß, was hinter seinem Sohn liegt. Seinem Ältesten hätte er das Gleiche nicht gewünscht. Bei dem ist alles seinen geregelten Gang gelaufen, ihm ist Gerechtigkeit widerfahren. Jetzt aber steht er in der Gefahr, nicht nur den Bruder, sondern auch den Vater zu verlieren.

Sie sind doch beide seine Söhne, die er gleich liebhat. Zärtlich spricht er den älteren Sohn an: „Mein Junge! Du bist doch alle Zeit bei mir gewesen. Dir hat doch nie etwas gefehlt. Merkst du nicht, wie dein Vater dich liebt?“

In dem älteren Sohn können wir den guten Christen von heute wiedererkennen. Sie regen sich darüber auf, weil der oder jener es wagt,  zum Gottesdienst zu kommen. Ein besonders deutliches Beispiel waren diejenigen, die in der Nazizeit die Kirche verlassen haben und nachher plötzlich wieder auftauchten, um ihre demokratische Gesinnung zu beweisen.

Der Vater aber sieht nicht die verpraßten Güter, sondern den wiedergewonnenen Menschen. So mögen auch wir in unserem Leben verwirtschaftet haben, was wir wollen: unsren guten Ruf, unsre Ehe, unsren Körper oder unsre Phantasie. Vielleicht haben wir unsren Kinderglauben in die Gosse gezogen und sind zum Menschenverächter geworden. Aber Gott gibt uns deshalb nicht auf, er kann uns nicht vergessen.

So geht es hier nicht so sehr um die Untreue der Menschen, sondern um die Treue Gottes, es geht nicht um die Söhne, sondern um den Vater, es geht um das Handeln Gottes an den Menschen. Wo aber bleibt Jesus in dieser Geschichte? Er ist der Einzige, der diese Geschichte erzählen kann. Er steckt im Grunde in dem Herauskommen und Entgegenlaufen des Vaters, denn in ihm ist ja Gott den Menschen nahegekommen und hat sie ins Vaterhaus zurückholen wollen.

Während Jesus die Geschichte erzählt, geschieht das ja alles in seiner Umgebung: Er hat die Verlorenen wieder in die Gemeinschaft Gottes gerufen. Dabei hat er es riskiert, die Tüchtigen vor den Kopf zu stoßen, weil er den Nichtsnutz an sein Herz zieht. Aber er wollte auch die Frommen einladen und ruft sie zur Mitfreude auf. Sie sollen endlich das annehmen, was im Vaterhaus gilt: auch die Sünder sind gerufen und dürfen kommen.

Die Geschichte hat ja eigentlich keinen Schluß. Wir erfahren nicht, ob der ältere Sohn nun ins Haus gegangen ist oder nicht. Aber die Erzählung mündet in die Wirklichkeit ein: Jetzt werden die Angeredeten gefragt, ob sie hineingehen wollen, ob sie Gottes Liebe anerkennen. Auch wir werden eingeladen, ins Vaterhaus zu kommen. Ob wir uns nun in dem jüngeren oder dem älteren Sohn wiedererkennen: Gott lädt uns alle ein, in sein Haus zu kommen und uns mit ihm zu freuen.

 

 

4. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 50, 15 - 22a

Als Pfarrer ist man für alle Gemeindeglieder zuständig und muß alle gleich behandeln. Knifflig wird es, wenn nun Gemeindeglieder Streit miteinander haben. Meist handelt es sich dabei ja um Verwandte oder um Menschen, die im gleichen Haus wohnen. Der Pfarrer besucht sie aber alle miteinander. Die einen erzählen ihm, wie schlecht die anderen sind. Und wenn er bei den anderen ist, dann bekommt er zu hören, was jene aber Schlimmes getan haben. Partei ergreifen ist schlecht, weil man es dann mit dem anderen verdirbt. Jedem nach dem Munde reden, ist unehrlich. Da ist es schwer, eine Lösung zu finden, ohne anzuecken.

Dieser Konflikt macht deutlich, daß wir eine Gemeinde der Sünder sind. Oft hört man ja den Vorwurf: „Unter Christen dürfte es so etwas nicht geben!“ Das wird von Außenstehenden gesagt, die damit ihr Fernbleiben von der Gemeinde rechtfertigen wollen. Das wird aber auch von kirchlichen Leuten gesagt, die eine sehr ideale Vorstellung haben und die tatsächlich vorfindliche Gemeinde daran messen.

Manche haben sich dann ja auch schon von der landeskirchliehen Gemeinde getrennt und sich einer freikirchlichen Gemeinde angeschlossen. Sie hofften, dort ginge es strenger zu und da käme so etwas nicht vor. Aber machen wir uns keine Illusionen: Es wird überall nur mit Wasser gekocht. Eine ideale Gemeinde gibt es nirgends, wird sind immer eine Gemeinde von Sündern. Auch in der christlichen Gemeinde gibt einer dem anderen zu tragen, macht einer dem anderen zu schaffen, gibt es Enttäuschungen und Versagen.

Da hat jeder sicher schon seine Erfahrungen gemacht. Und wo einmal Böses geschehen ist, da heilt die Zeit keine Wunden. Da wird vielmehr gewartet auf die Zeit, in der einmal eine Vergeltung möglich sein wird. Mancher findet der Halt für sein Leben darin, daß er es eines Tages denen wird heimzahlen können, die ihm Böses angetan haben. So sind wir doch alle. Aber wir dürfen unser Sündersein nicht als etwas Normales ansehen. Gott muß uns vergeben und auch anderen, sonst ist das Zusammenleben überhaupt nicht mehr möglich.

Josephs Brüder haben deshalb nichts Gutes zu erwarten. Einst haben sie den Bruder in die Sklaverei verkauft. Nun ist er ein mächtiger Mann geworden. Durch seine Unterschrift und sein Siegel entscheidet er über Leben und Tod. Solange der alte Vater noch lebte, brauchten sie nichts zu befürchten. Damals achtete man den Vater noch und sein Wort galt; man wagte nichts zu tun, was ihn betrüben könnte. Aber jetzt war der Vater tot und Joseph würde sich sicher rächen für die Schmach, die sie ihm angetan haben. All das Gute, das er inzwischen in der Zeit der Hungersnot für sie getan hat, zählt nicht für sie.

Im Grunde sind diese Brüder immer noch die gleichen geblieben. Sie haben alle Wohltaten still entgegengenommen. Das entscheidende Wort sind sie bisher schuldig geblieben: Sie haben nicht ihre Schuld bereut und um Vergebung gebeten. Schon das ist peinlich, daß sie ihre Schuld solange haben anstehen lassen. Unbefriedigend ist aber auch die Art, wie sie ihre Bitte vorbringen. Sie kommen nicht, weil sie ihre Schuld eingesehen haben, sondern weil sie die Rache Josephs fürchten. Sie wissen, daß alle Schuld immer wieder ausgegraben werden kann und bei einem aktuellen Konflikt wieder hochkommt. Unser Gedächtnis ist da sehr leistungsfähig. Sie kommen nicht selber, sondern schicken erst einmal einen Unterhändler, der die Lage vorsichtig erkunden soll. Und sie verstecken hinter dem Wort des Vaters, das Joseph gleich in seinem Verhalten festlegen soll.

Das sind keine bußfertigen Sünder, sondern sie wollen nur möglichst billig davonkommen. Zuletzt erinnern sie noch wie zum Hohn an den gemeinsamen Gott. Aber das muß sie ja eher belasten, denn Joseph war ja auch ein Diener Gottes, als sie ihn damals verkauften. Hier ist also tatsächlich eine „Gemeinde der Sünder“ beschrieben, die es sich mit ihrem Schuldkonto noch leicht macht und auch in dieser Stunde noch den ganzen Ernst der Lage zu verschleiern sucht.

Das ist aber die Art der Menschen bis heute. Daß wir schwach sind und versagen, ist noch nicht einmal das Schlimmste. Viel zerstörender ist es, daß wir auf unsren Sünden beharrlich sitzen bleiben und unsre unmögliche Situation noch verteidigen. Das Wort will eben nicht heraus, das nun doch einmal gesprochen werden muß. Aber lieber beharren wir erst einmal auf unsrem „Recht“, anstatt gleich zu kapitulieren, wir versuchen erst einmal eine Art Kuhhandel anstatt mit einer halt schmerzhaften Buße alles zu bereinigen.

Aber Joseph ist anders. Er fühlt sich als Mensch unter Gott wie alle anderen Menschen. Und er denkt  m i t  Gott. Deshalb ist er frei von dem Zwang, die böse Tat immer wieder zu vergelten. Er steht über den Dingen und kann ehrlich und nüchtern sein.

Dabei hätte er allen Grund, erbost und entrüstet zu sein. Aber er weint zunächst nur. Das gibt seinen Brüdern Mut, nun selbst zu ihm zu kommen. Dadurch ist ein wichtiger Schritt getan, daß alles wieder in Ordnung kommen kann.

Zunächst sagt Joseph: Ich bin ja gar nicht zuständig für die Vergebung eurer Schuld. Gott allein kann Vergeben. Und er  h a t  euch vergeben. Ich kann nur gelten lassen, was Gott in dieser Sache längst an euch getan hat, ich kann e  nicht verdrängen oder durchkreuzen. Das Böse, das die Menschen anrichten, kann letztlich nur von Gott aus der Welt geschafft werden. Selbst wenn jemand seine Schuld vor den Menschen gesühnt hat, indem er zum Beispiel im Gefängnis gesessen hat‚ so muß die Schuld bei Gott noch längst nicht beglichen sein. Wenn in einer Ehe oder Familie ein Vertrauensbruch oder sonst eine Verfehlung unaufgedeckt geblieben ist, dann besagt das noch nicht, daß die Luft rein ist und das Unausgeräumte nicht wieder Macht gewinnen kann.

Aber Gott will ja vergeben und er hat auch er Brüdern Josephs vergeben. Ihre Schuld wird nicht beschönigt, aber in einem überraschend neuen Zusammenhang gesehen. Joseph dankt Gott dafür, daß er Böses in Gutes verwandelte: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen!“ Dem kann Joseph nur zustimmen. Er ist ja längst zu seinem Recht gekommen, ihm geht es ja viel besser als den Brüdern. Er hat ja längst seinen Halt im Leben gefunden und braucht sich nicht mehr an die Rache zu halten.

Was Joseph hier zu der Brüdern sagt, ist Gottes Wort. Sie brauchen nun keine Angst mehr zu haben, dieses Wort könnte wieder umgestoßen werden. Joseph ist bei all seinem Aufstieg nicht hochmütig geworden, sondern er bleibt u n t e r  Gott, weil er ja soviel Gnade von Gott erfahren hat.

Allerdings bleibt Gott in der ganzen Josephsgeschichte ganz im Hintergrund. Es handelt sich fast um eine rein weltliche Geschichte (Deshalb konnte sie Thomas Mann auch in einem umfangreichen Roman verarbeiten). Und doch gehört diese Geschichte in die Bibel. Sie macht nämlich deutlich, wie im menschlichen Handeln Gott am Werk ist. Gott wirkt nicht nur im Sonderbaren und Wunderhaften, sondern zuerst einmal im gewöhnlichen Ablauf der Dinge. Gott wirkt nicht in den Lücken, sondern im Ganzen. Gott hat ja keine Hände und Füße wie wir. Er handelt immer durch Menschen. Und dabei kann er sogar die menschlichen Untaten für seine Zwecke nutzen.

An zwei Stellen der Josephsgeschichte wird das gesagt, sie sind der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Erzählung. Eine Stelle ist unser heutiger Predigttext. Wegen dieser beiden Verse hat die Geschichte auch uns heute noch etwas zu sagen.

Auch wir Christen sind und bleiben Sünder. Wir tun die gleiche Sünde wie die Brüder Josephs: Neid, Eifersucht, Haß. Gerade in einer Zeit, in der der Wohlstand immer größer wird, wird diese Sünde immer aktueller: Warum hat der Bruder eine so große Lohntüte und ich noch nicht‚ warum hat der Kollege schon einen Wagen und ich noch nicht? Da wird man leicht gereizt und knurrt sich nur noch an, anstatt sich einmal auszusprechen. Schließlich wollen wir den anderen an seinem Erfolg gar noch hindern oder ihn abbremsen. Daraus entsteht Schuld, die wiederum schlechtes Gewissen und Angst erzeugt.

Doch Stolz und Ratlosigkeit hindern uns, den einzig möglichen Weg zu beschreiten, hin zum anderen Menschen zu gehen und ihn um Vergebung zu bitten Wir wollen unser Gesicht nicht verlieren und verlieren dabei uns selbst. Daraus entstehen ja gerade die seelischen Krankheiten, die sich nachher auch körperlich auswirken.

Dabei ist es mit der Vergebung doch gar nicht so schwer, gerade wenn der andere auch ein Christ ist. Er wird ja dann wissen, daß er auch ein Sünder ist, der die Vergebung Gottes nötig hat. Er wird die Vergebung Gottes gelten lassen, er wird Gott handeln lassen, ehe noch wir Menschen etwas dazu haben beisteuern können. Letztlich ist es allein Gottes Güte, die uns zur Umkehr treibt.

Das ist uns Christen ja noch deutlicher als den Menschen des Alten Testaments. Was Joseph sagt, ist erst wahr in Jesus Christus. Jesus Christus ist ja für die Sünden aller Menschen gestorben, für meine und für die meines Mitmenschen. Er gedachte „alles gut zu machen“ und hat mit seinem Leben dafür bezahlt.

Nun dürfen wir auf Vergebung hoffen und dürfen sie auch empfangen. Wir brauchen uns nicht mehr im Gestrüpp unserer Schuld zu verlieren und zu verzweifeln. Jeder Gottesdienst ist eine Gelegenheit, sich auf die Gnade und Geduld Gottes zu besinnen.

Aber wir sind auch diejenigen, die um Vergebung angegangen werden, so wie Joseph. Die Schuld der anderen ist nicht ein Faustpfand, ein Machtmittel in unsrer Hand, mit dem wir den anderen ängsten und quälen können. Schuld ist immer zuerst Schuld vor Gott. Und wenn er

bereit ist zur Vergebung, dann können wir diese Vergebung nicht hinauszögern oder gar vorenthalten. Dann dürfen wir uns nicht mehr mit dem Bösen des anderen (!) beschäftigen und zum eigenen Vorteil aufrechnen. Wenn wir uns unter Gott stellen, dann geben wir dem Guten eine Chance so wie Joseph.

Gott will ja auch uns halten, trotz des Bösen, das unter uns geschieht. Er bedient sich sogar einer Gemeinde von Sündern, um sein Reich in unsre Welt kommen zu lassen. Oft scheinen wir lange Zeit nichts von der Hand des allmächtigen Gottes zu spüren. Joseph mußte auch lange warten, bis sich sein Geschick wendete. Aber Gott handelt auch dann, wenn er anscheinend nichts tut. Er hilft uns immer wieder weiter, auch wenn wir es nicht verdient haben.

(Gerade weil wir unter Gott stehen, lassen wir der Welt nicht ihren Lauf .Wir sind nicht willenloses Rädchen im Getriebe, sondern treibende Kraft. Allerdings stammt diese Kraft nicht von uns selber, sondern wir müssen sie täglich neu erbitten. Aber so können wir mit dazu beitragen, daß die Furcht in Kirche und Welt abnimmt. Keiner kommt zu kurz‚ keinem widerfährt nur Böses - Gott wird alles gut machen).

 

 

5 . Sonntag nach Trinitatis: Joh 1, 35 - 42

Ein regionaler Kirchentag hat auch etwas für sich. In die Nachbarschaft kommt man eher einmal als in die Großstädte. Es ist alles übersichtlicher, man trifft eher einmal Bekannte, es können örtliche Dinge besprochen werden. Aber was der Kirchentag will, das kann man auch bei einem solchen Treffen haben: das gemeinsame Hören auf Gottes Wort, der Austausch, das Singen und Beten.

Man sollte nur nicht meinen hier wäre eine besondere missionarische Gelegenheit. Es kommen doch vor allem diejenigen, die sowieso in der Gemeinde stehen. Aber so können sie die Kirche einmal anders erleben und neue Anstöße empfangen. Beim Kirchentag geht es vor allem um die Stärkung im Glauben.

Wenn dabei auch ein Außenstehender angesprochen werden soll, dann wird das meist über das persönliche Gespräch vor Mensch zu Mensch gehen. Es wird ja vielleicht doch der eine oder andere sich fragen, weshalb an verschiedenen Stellen der Stadt weiße Fahren mit violetten Kreuzen aushängen oder weshalb im Schloßpark eine Bühne und Stände aufgebaut sind oder weshalb Leute mit gelben Abzeichen in der Stadt herumlaufen. Da wird er vielleicht auch einmal jemanden ansprechen und mehr erfahren können.

Dieses persönliche Gespräch ist die „Andreas-Methode“, durch die jemand mit dem christlichen Glauben bekannt gemacht wird. Andreas hat bei Jesus zugehört. Er erzählt es gleich seinem Bruder weiter und führt den auch zu Jesus. Zu einem solchen Andreas können wir auch alle werden in der Familie, unter Freunden, in der Nachbarschaft. Dazu hat jeder den Auftrag. Doch gehen wir einmal der Reihe nach.

 

(1.) Die Nachfolge Jesu beginnt mit dem Hören: Die beider Jünger sind von Johannes auf Jesus hingewiesen worden. Es wurde ihnen gesagt, wer er ist und welche Bedeutung er für die Welt hat. So wurden sie nicht nur auf ihr aufmerksam, sondern wurden auch ermutigt, sich ihm anzuschließen. Es muß einem gesagt werden‚ was sich hinter so einem schlichten Menschen wie Jesus verbirgt; man würde ihn sonst übersehen oder falsch einschätzen.

Johannes legt Jesus aber nicht irgendeine Würde bei, sondern er entdeckt nur, was in Jesus drinliegt. Es ehrt ihn‚ daß er den Blick von sich selber wegwendet auf Jesus hin. Es geht nicht um die Person des Zeugen, die Schüler sollen in der Sache nicht von dem Lehrer abhängig bleiben, sondern zu eigenen Schritten auf Jesus hin ermutigt werden.

Es ist nicht gut, wenn im kirchlichen Unterricht die Kinder sich zu sehr an die Person des Unterrichtenden binden. Ein Gleiches gilt für die Erwachsenen etwa im Gottesdienst. Die Pfarrer und Lehrer im Glauben kommen und gehen. Der Glaube aber soll bleiben. Es soll nicht so sein, daß die Kinder wegbleiben, wenn sie einen anderen Religionslehrer kriegen oder dann zum Pfarrer in den Konfirmandenunterricht sollen. Und ebenso kann man doch seinen Glauben nicht über Bord werfen, wenn man sich einmal mächtig über den Pfarrer geärgert hat.

Alle Lehrer im Glauben können nur so sein wie Johannes: Sie haben nicht ihre Person herauszustellen, sondern Christus. Johannes wußte: Gott hat mir die unvergleichliche Bedeutung Jesu gewiß gemacht. Jetzt muß ich selber den anderen predigen und sie allein zu Jesus hinleiten.

Der ausdrückliche Hinweis ist eine große Hilfe. Es gibt auch Sachverhalte, wo ein solcher Hinweis nicht nötig ist, aber man beachtet sie doch. Das gilt für Naturereignisse, aber auch für kraftvolle geschichtliche Bewegungen oder weltverändernde Entscheidungen. Da verfolgt jeder aufmerksam den Fortgang an Radio und Fernsehen, da braucht man nicht erst darauf hingewiesen werden.

Bei Jesus ist das anders. Es gibt etwas an Jesus‚ das Menschen veranlaßt, ihm nachzufolgen. Aber das ist so in das Unauffällige hinein verborgen, daß schon ein Hinweis nötig ist. Doch wenn es dann gezündet hat, dann fragt sich der Betreffende, weshalb er nicht von selber drauf gekommen ist. Manchem Schüler läuft man jahrelang nach: einmal dagewesen, zweimal gefehlt, so ist oft der Rhythmus. Aber dann kommt der Junge oder das Mädchen in die fünfte Klasse und die Sache klappt: fast jedesmal da, mit Interesse bei der Sache, durch die unermüdliche Einladung doch noch eine Beziehung zu der Sache gewonnen.

 

(2.) Die zweite Stufe ist dann das Sehen: Es soll nicht auf Dauer bei der Abhängigkeit von der Christuserfahrung eines anderen bleiben. Alle Verkündigung der Kirche hat ja der Sinn, daß ein Kontakt mit Jesus selbst entsteht. Der Anstoß dazu geht von  Jesus aus: Er wendet sich um und spricht die Nachfolgenden an. Das erste Wort, das wir im Johannesevangelium aus Jesu eigenem Munde hören, lautet: „Wen sucht ihr?“ Sie suchen nicht  e t w a s, sondern sie suchen eine Person, den Messias, obwohl sie bisher nicht viel wissen von ihm. In diesem Suchen liegt eine bestimmte Erwartung. Sie fragen: „Wo hast du dein Quartier?“ Es liegt ihren nicht nur an einer flüchtigen Begegnung, sondern sie suchen den dauernden Kontakt mit ihm, sie wollen Erfahrung mit Jesus.

Wo Jesus ist, da wird Gott faßbar. Dort gilt es, den festen Kontakt mit ihm zu halten. Das gilt auch noch nach der Auferstehung Jesu. Wir sind nicht verbunden mit irgendeinem Christusgeist, der die ganze Welt durchweht. Noch immer begegnet uns der Herr an einem bestimmten Ort, wo sein Wort gepredigt wird und wo Brot und Wein im Abendmahl ausgeteilt werden.

„Kommt und seht!“ sagt Jesus zu der beiden. Kein Programm, keine Versprechungen, keine fertige Lehre. Die Jesusnachfolge besteht zunächst darin, daß man mit Jesus zusammen. Bei einem Kirchentag sagte ein junger Mann in einer Arbeitsgruppe: „Bei uns ist das kirchliche Leben noch nicht so entwickelt wie anderswo. Aber uns tut es gut, einmal in einer größerer Gemeinschaft zu stehen!“

Dabei fällt auf, daß er sagte: „Das kirchliche Leben ist noch nicht so entwickelt!“ Er weiß natürlich nicht, daß es früher viel stärker entwickelt war und anderswo auch nicht mehr los ist als bei ihm. Aber wir sagen doch sonst immer: „Gehört der denn noch zur Kirche?“bzw. als Aussage: „Der gehört noch zur Kirche!“Wir sehen immer alles unter dem Gesichtswinkel des Rückgangs. Jener junge Mann aber hoffte auf die Zukunft, meinte zu Recht, es werde noch bergauf gehen.

Ob die Kirche eine solche Zukunft haben wird, das liegt auch mit an uns. Wenn wir es so machen wie Andreas, daß wir andere herbeiholen, dann werden auch andere Jesus hören und sehen können und zu immer tieferer Erkenntnis des Geheimnisses Jesu kommen. Dann wissen wir: Es ist noch immer nicht das erreicht, was Jesus noch mit uns vorhat; es soll nicht zurückgehen, sondern aufwärts. Damit wären wir aber auch bei einem dritten Punkt der Nachfolge Jesu:

 

(3.) Nachfolge heißt: Andere rufen: Wenn man Jesus gefunden hat, kann man das nicht für sich behalten. Es hört sich so an, als habe Andreas nur zufällig seinen Bruder getroffen. Aber hin­ter solchem menschlichem Finden steht eine göttliche Regie. Und wenn Andreas sagt: „Wir haben den Messias gefunden, dann klingt das so als wollte er sagen: Wir haben ihr nicht bewußt gesucht, aber wir haben ihn durch höhere Lenkung gefunden. Gott behält die Dinge in der Hand. Wir können nicht Jagd machen auf Menschen, die möglicherweise Christus nachfolgen wollen, ihnen vielleicht sogar lästig werden und sie am Ende noch abstoßen. Es geht nur darum: das, was man weiß, auch anderen kund machen.

Aber Andreas teilt nicht nur seine Entdeckung mit, sondern führt Simon auch hin zu Jesus. Man kann nicht zu Jesus gehören, ohne auch anderen in die Nachfolge zu helfen. Wenn man die Verbundenheit mit Jesus als ein Glück empfindet‚ dann will man dieses Glück auch anderen mitteilen und sie daran teilhaben lassen. Woran man sich selbst freut, das will man auch anderen zeigen, denn der andere er soll doch ebenso reich beschenkt werden wie man selbst beschenkt wurde.

Manchmal gehört auch noch eine vierte Stufe zur Nachfolge, über Hören, Sehen und andere Rufen hinaus. Es kann auch sein, daß ein Mensch auf eine ganz andere Bahn gestellt wird durch Jesus:

 

(4.) Nachfolge heißt‚ ein anderer werden! Simon erhält von Jesus den Namen Petrus. Wer den Namen gibt, ist der Herr. Er kann aus einem unbeschriebenen Blatt einen Träger einer ganz besonderen Aufgabe machen. Simon hat ja von Natur aus nichts mitgebracht, das ihr zu seinem Amt besonders befähigen würde. Er wird ja gerade zu etwas gemacht, das er von Hause aus nicht ist.

Jesus wählt und begabt eben, wen er will. Er nimmt sogar versagende Werkzeuge und formt sie um. Dadurch wird deutlich, daß er es ist, der sein Volk sammelt und ihm vorangeht. Und wer in  seinem Dienst steht, der wird auch entsprechend ausgerüstet.

Das heißt aber doch für uns: Auch wir können diese höchste Stufe der Nachfolge erreichen. Wir können alle so ein Johannes oder ein Andreas sein, der Menschen auf Jesus aufmerksam macht und zu ihm hinführt. Ich hörte einmal, wie jemand sagte: „Mein Leben hat dann einen Sinn gehabt, wenn ich nur  e i n e n  Menschen zu Jesus geführt habe!“  Er hat allerdings auch gewußt, daß nicht er selber das vollbringen kann, sondern der Herr wendet sich dem Menschen zu und sagt: „Kommt und seht!“

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis: 5. Mose 7, 6 - 12

Eine Liebeserklärung ist etwas sehr Schönes und etwas sehr Auf regendes .Sie kann das Leben eines Menschen sehr verändern, ob er sie nun selber ausspricht oder von einem anderen hört. Liebe will zum Ausdruck gebracht werden, durch Bewegungen und Worte. Eine stumme Liebe ist bedroht, sie welkt leicht. Lebendig ist eine Liebe nur, die sich auch ausspricht.

Der heutige Predigttext ist eine Liebeserklärung Gottes an sein Volk. Stichworte wie Erwählung, Liebe, Erlösung, Treue, Bund, Barmherzigkeit machen das deutlich. Gott hat sich dem Volk Israel freundlich und liebevoll zugewendet und sich selber wie durch einen Vertrag

an dieses Volk gebunden. Diese Erwählung ist immer wieder bestätigt worden. Abraham, Isaak und Jakob waren die von Gott erwählten Väter des Volkes. In der Befreiung aus Ägypten und durch den Bundesschluß am Sinai wurden sie zu einem Volk. Auch an Jerusalem und die Familie Davids hat Gott sich gebunden.

Daran erinnerte man sich, als das 5. Buch Mose geschrieben wurde. Es war in der späteren Königszeit, als die Stämme im Norden schon von den Assyrern vernichtet worden waren. Auch im Süden gab es allerlei Anfechtungen innerer Art, vor allem die Versuchung, sich

den Göttern der Assyrer oder der Kanaanäer zuzuwenden. In einer Zeit äußerer und innerer Wirren wußte man doch noch, daß man an dem allein wahren Gott verankert war.

Dieser Glaube war mehr als die Vermutung, es müsse irgendwo ein höheres Weser geben. Man wußte vielmehr: Wir haben einen Gott, der auf uns zugegangen ist und von sich aus die Verbindung zu uns aufgenommen hat, der uns seine Liebe erklärt hat und sich sogar vertraglich verpflichtet hat, unser Gott sein zu wollen. Er war nicht durch irgendeine göttliche Dienst­vorschrift dazu verpflichtet, sondern er hat frei gewählt und seine Gemeinschaft angeboten. Im Grunde ist das ein Wunder, das nicht voraussehbar war und auch nicht einzuklagen war.

Gott richtet sich bei seiner Wahl nicht danach, ob der Mensch es wert ist oder nicht. Israel war das kleinste unter den Völkern. Darauf hätte Gott nicht verfallen können, wenn er nur nach dem Wert des Partners gegangen wäre. Aber in seiner grundlosen Liebe hat Gott dieses Volk erwählt, auch wenn menschlich gesehen kein Grund dafür vorlag. Jedes Volk hat Schwächen, und jeder Mensch hat Schwächen: Aber Gott kann ihn dennoch erwählen.

Das können wir uns deutlich machen an unsrer eigenen Taufe. Der heutige Sonntag will uns an unsre Taufe erinnern. Daran sollten wir zwar immer denken. Aber es ist doch hilfreich, wenn einmal im Jahr besonders darauf hingewiesen wird. Die Taufe ist das Mittel‚ mit

dem Gott uns an den Stromkreis seines Wirkens angeschlossen hat. Da ist aus der Liebeserklärung ein fester Bund geworden‚ ähnlich wie dem Ehebund. Sie ist das äußere Erkennungszeichen für diejenigen, die zusammengehören, so wie der Ehering einen Menschen kenntlich macht, der sich schon an einen anderen gebunden hat.

Das Entscheidende am Ring ist nicht der Wertstempel, sondern der Namenszug. Er sagt erst, wer zusammengehört. Das öffentliche Tragen zeigt es dann nach außen. Das ganze Verhalten wir dann anders. Bei allem ist der Partner dabei, man wird nichts gegen ihn tun.

Hier wird sogar das Stichwort „Eigentum“ dafür gebraucht. Wir werden vielleicht denken: Ein Besitzanspruch verträgt sich doch nicht mit der Liebe. Diese läßt auch dem Partner seine Freiheit, so wie es in einem Lied aus Schweden heißt, das jetzt auch im Gesangbuch steht: „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhause. Frei sind wir da, zu wohnen und zu gehen. Frei sind wir, ja zu sagen oder nein!“

Aber hat Liebe nicht auch etwas mit Bindung zu tun? Das Wort „Eigentum“ deutet etwas davon an. Man liebt sein Eigentum und hegt und pflegt es. Man möchte es sichern und erhalten und man verteidigt es gegen alle Armgriffe. Was man sich hart hat erwerben müssen, das ist einem ans Herz gewachsen, das gibt man nicht so leicht wieder her.

Nun ist die Welt sowieso das Eigentum Gottes und von ihm abhängig. Er hätte sie nicht erst erwerben müssen, weil sie ihm von vornherein gehört. Auch jeder einzelne Mensch ist Geschöpf Gottes und gehört ihm. Wenn man es nur so sähe, dann wäre an sich eine Taufe überflüssig. Aber Gott genügt nicht unsre Abhängigkeit von ihm, sondern er möchte mehr, möchte eine echte Verbundenheit. Er möchte uns nicht in ein festes Bündnissystem hineinzwingen, in dem jederzeit die sogenannte „brüderliche Hilfe“ droht. Gott möchte eine partnerschaftliche Beziehung, in der jeder den anderen  mag und sich sein Leben gar nicht mehr ohne den anderen vorstellen kann.

Das Neue Testament spricht aber noch kräftiger als das Alte von einer Knechtschaft unter das Böse, der wir alle verfallen sind. Gott mußte uns wieder davon loskaufen, so wie er das Volk Israel aus der Knechtschaft unter den ägyptischen Pharaonen befreit hat. Durch Christus hat er sein Eigentum wieder zurückgewonnen, um den Preis des Todes seines Sohnes. Durch die Taufe kennzeichnet er alle, die zu diesem seinem Eigentum gehören. Da teilt er das Recht aus, sich auf Gott berufen zu dürfen.

Bei der Taufe wird ja heute gesagt: „Ich taufe dich auf den Namen“. Mancher wird das so verstehen, als erhalte der Mensch erst seinen Namen. Aber er wird nicht auf seinen menschlichen Namen getauft, sondern auf den Namen Gottes. Der Ausdruck stammt aus der Banksprache. Da überweist man zum Beispiel Geld von einem Konto auf ein anderes, es wird also ein Eigentumswechsel vollzogen. So wird man durch die Taufe auf das Konto Gottes eingezahlt und ist somit sein Eigentum für alle Zeit.

Beachten sollte man dabei aber, daß man durch die Taufe auch in das Volk Gottes hineingestellt wird. Viele sehen die Taufe als ein Familienfest an. Es gefällt ihnen schon nicht so besonders, wenn noch ein zweites Kind mit getauft werden soll. Dabei ist die Taufe doch die Aufnahme in die Gemeinde Gottes. Da ist es doch schön, wenn noch ein paar mehr Leute aus der Gemeinde dabei sind als nur die unmittelbare Familie. Noch schöner wäre es sogar, wenn die Taufe im üblichen Sonntagsgottesdienst  stattfinden könnte, dann würde das „Hinein­getauftwerden“ in die Gemeinde noch deutlicher. Bei einer Trauung sind oft Zuschauer dabei, bei der Taufe kaum; aber umgedreht wäre es richtiger.

Wer aber zu dieser Gemeinde gehört, der wird auch in die Pflicht genommen. Er ist ja in das „heilige“ Volk eingegliedert worden. Heilig aber bedeutet: von Gott in Anspruch genommen sein und nur ihm gehören. Aber wir wissen natürlich auch, daß wir durch die Taufe nicht schlagartig neue Menschen werden. Doch es ist schon ein Unterschied, ob man zu Gottes heiligem Volk gehört oder nicht.

Zur Zeit des 5. Mosebuches galt es, sich vor allem gegen das Heidentum abzugrenzen. Für viele Israeliten stellte es eine große Versuchung dar, so wie für uns heute die Abkehr von Gott und ein Leben in Gleichgültigkeit die Versuchung ist. Je anziehender die widergöttliche

Macht für die Menschen ist, desto wachsamer und kompromißloser muß man sein. Der Bischof Remigius von Reims hat 496 dem Frankenkönig Choldwig bei seiner Taufe gesagt: „Verbrenne, was du angebetet hast, und bete an, was du vorher verbrannt hast!“ So wäre sicher auch bei uns Manches zu verbrennen, wenn wir Heilige sein wollen.

Gott ist eine Selbstverpflichtung gegenüber uns eingegangen. Aber er nimmt uns auch in Pflicht. Man kann nicht immer nur von Freiheit sprechen und einfach tun, was einem so einfällt. Wer sich selbst kennt, der weiß, daß das nicht gut gehen kann. Eine gute Ordnung hält uns heilsam in Grenzen und bewahrt uns vor Fehltritten unsres launischen Herzens. Unser neuer Standort heißt Christus. Keinen Augenblick sollten wir jedenfalls vergessen, wo wir stehen.

Gott aber hat sich uns in unbeirrbarer Treue verbunden. Keine Enttäuschung, die er mit uns erleben muß, veranlaßt ihn, uns aufzugeben. Deshalb ruft er uns immer wieder beschwörend auf, ihn zu lieben und ihm zu gehorchen, von ganzem Herzen und vor ganzer Seele. Wenn wir auch den Bund brechen, so wird  e r  es doch niemals tun. Nur wenn sich einer selbst aus dem Kraftfeld der Liebe Gottes entfernt, dann endet auch Gottes Macht.

Aber auch wenn wir den Kontakt mit Gott verloren haben, so bleibt doch in Kraft, was Gott uns in der Taufe zugewendet hat. Ich habe losgelassen, aber er hat umso fester zugefaßt. Er hat mich immer wieder schwach werden sehen, aber er hat seine Einstellung zu mir nicht geändert. Ich geriet in  Zweifel, aber er stand umso fester zu mir. Er hat ja einen Eid geschworen, er bleibt sich selber treu. Es kann sich einer selbst vom Heil ausschließen. Aber Gott wird es nicht tun.

Wir brauchen an Gott nicht irre zu werden: Wir sind ja getauft. Martin Luther hatte auch Zeiten, in denen er an Gott irre zu werden drohte. Dann hat er sich in sein Zimmer eingeschlossen und niemand sprechen wollen. Und mit einem Stück Kreide hat er auf den Tisch oder die

Wand geschrieben: „Ich bin getauft! Das hat ihn gestärkt. Da hatte er vor Augen, was allein Halt sein  konnte.

Wenn man begreift, daß man so von Gott geliebt wird, dann trägt man. dem Kopf schon etwas höher. Am Anfang wagt man es gar nicht zu glauben, daß man geliebt wird. Aber Gottes Liebeserklärung gilt uns ganz persönlich. In der Taufe ist sie ausgesprochen worden. Seitdem haben wir eine unsichtbare Krone auf, die uns zu seinen Kindern macht. Deshalb dürfen wir den Kopf schon etwas höher tragen als vorher.

Aber das darf uns nicht zur Überheblichkeit verführen. Wir tragen die Krone ja nicht wegen unsrer eigenen Überlegenheit und Größe. Vielmehr ist das ein Anlaß zur Dankbarkeit gegenüber dem, der uns krönt mit seiner Liebe und Treue, der uns immer wieder deutlich macht: Du bist geliebt!

 

 

7.  Sonntag nach Trinitatis: Joh 6, 30 - 35

Mittelalterliche Maler haben gern geträumt von einem Schlaraffenland. Dort fliegen einem die gebratenem Tauben in den Mund und die Spanferkel laufen schon mit Messer und Gabel im Rücken herum. Die Dächer sind mit Kuchen belegt und aus dem Brummen fließt Wein oder Most. Alle Hunger- und Durstwünsche können dort erfüllt werden. Aber vielfach wird auch deutlich, daß dieser Traum im Grunde ein Alptraum ist: An die Stelle der Sättigung tritt das sinnlose Sichvollstopfen, an die Stelle des gelöschten Durstes tritt die Trunkenheit. Zum Schluß erlebt man nicht ein fröhliches Fest in der Gemeinschaft mit Anderen, sondern döst benommen als Einzelner vor sich hin.

Die Wünsche vom Schlaraffenland können wir uns vielfach heute erfüllen, jedenfalls was Essen und Trinken angeht. Es ist zwar nicht immer alles am Ort zu haben. Aber wenn etwa eine Hochzeit ist, dann fährt man auch einmal ein Stückchen weiter oder wendet sich an einen Spezialisten. Und doch sind manche Menschen unsicher: Sie haben einen wahren Lebenshunger und einen Lebensdurst, aber doch wieder die Angst, etwas zu verpassen

Jesus hat die Notwendigkeit des Essens und Trinkens keineswegs übersehen. Sonst hätte er sich ja nicht um die Speisung der Fünftausend zu kümmern brauchen, von der Johannes im 6. Kapitel erzählt und aus der unser Predigttext genommen ist. Die Bibel spricht überhaupt unbefangen lebensfroh vom Essen und Trinken. Jesus wurde vom seinen Gegnern sogar einmal als „Fresser und Weinsäufer“ bezeichnet; und eine Mahlzeit hat er mehrfach zur Gegenstand eines Gleichnisses gemacht.

 

(1.) Wir brauchen das tägliche Brot: Wir wissen aber auch, daß viele Menschen in der weiten Welt es nicht haben. Trotz aller menschlichen Intelligenz werden wir mit diesem Problem nicht fertig. Uns läßt es ja auch ziemlich kalt, solange es uns nicht betrifft. Aber es gibt genug Beispiele wie schnell sich das Ruder wenden kann. Viele bei uns sagen: „Die sollen erst einmal arbeiten, dann haben sie auch etwas!“  Aber sie übersehen dabei, daß zunächst einmal außenwirtschaftliche Gründe zur Störung der Wirtschaft geführt haben. Für das immer teurer werdende Erdöl mußte man immer mehr an Nahrungsmitteln verkaufen. Das Gleiche kann auch uns passieren, auch wenn wir einstweilen noch einen etwas längeren Atem haben. Dann würde aber noch auf eine ganz andere Art und Weise deutlich, wie wichtig die Brotfrage für uns ist.

Hunger ist Hinweis auf den Tod. Wir haben das Leben nicht in uns, so daß wir es selbst produzieren könnten. Ohne Nachschub würden wir die vorhandenen Lebensgrundlagen verbrauchen und verzehren. Wir brauchen das Brot. Aber damit zehren wir auch wiederum vom fremden Leben, von Pflanzen und Tieren. Damit wir leben können, geschieht immer wieder Sterben, indem wir die nichtmenschliche Kreatur uns einverleiben.

Das Brot fristet unser vergängliches Leben. Mit dem täglichen Brot gibt der Schöpfer uns jedesmal wieder einen Tag unsres Lebens dazu. Der Schmerz macht uns darauf aufmerksam, daß in unserem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Der Hunger erinnert uns daran, daß wir auf anderes Leben angewiesen sind, das uns erst das Leben ermöglicht. Wir haben unsre Lebendigkeit nicht in uns selbst.

Doch wir wollen darüber nicht klagen. Gewiß ist unser Leben begrenzt. Aber innerhalb der uns zugemessenen Zeit werden' wir auch bejaht. Gott hat uns gewollt und will uns noch. Was er geschaffen hat, das will er auch erhalten. Unser Leben soll uns sogar Freude machen.

Aber dazu brauchen wir das tägliche Brot.

 

(2.) Doch wir brauchen mehr als nur Brot: Die Menschen, von denen wir in diesem Kapitel hören, begreifen dies nicht. Sie sind völlig mit der Frage beschäftigt, wie sie ihre äußere Existenz sichern können. Weil Jesus ihnen Brot verschafft hat, wollten sie ihn zum König machen. Ihr Unverständnis scheint hoffnungslos zu sein. Aber Jesus läßt sich dennoch auf ein Gespräch mit ihnen ein.

Jesus sagt seinen Kritikern: „Verschafft euch Speise, die vorhält bis ins ewige Leben!“ Doch zunächst einmal schafft sich der Mensch eine Heimstatt so wie der Vogel ein Nest; und drumherum schafft er die Bedingungen für ein auskömmliches und gesichertes Leben. Das soll auch Niemandem verleidet werden. Viele Dinge erleichtern uns ja auch tatsächlich das Leben, verschönern es und machen es glücklicher und reicher.

Aber auch der perfekteste Wohlstand ist noch nicht Leben im Sinne Jesu. Das Menschliche am Menschen ist ja nicht, daß sein Bau etwas komfortabler ist als ein Fuchsbau. Man kann alles haben, was dem Wohlstandsbürger erstrebenswert scheint, und doch das wirklich  Mensch­liche verfehlen. Man kann sich alles leisten können und doch mit dem nicht zurechtkommen, was eigentlich das Leben, ist. Das eigentliche Leben ist da, wo wir das Nichtseinsollende verwerfen und das Seinsollende bejahen und uns zu eigen machen, so daß wir im Dienen und Wirken einen Ertrag bringen können.

Aber meist verwenden wir all unser Können und unsre Kräfte darauf, die äußeren Daseins­bedingungen zu verbessern. Aber das bringt einmal den Haushalt unsrer Welt in Unordnung. Je mehr wir produzieren, desto mehr Abfälle gibt es, darunter gefährliche Gifte und nicht wieder verwendbare Rückstände.  Zum anderen verfehlen wir aber auch unser Menschsein, denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Menschsein ist mehr als Essen und Trinken und Verbrauchen.

Das Tier lebt‚ um zu essen, und es ißt, um zu leben; das ist ein ewiger Kreislauf, darüber hinaus gibt es nichts. Der Mensch aber ist das Gegenüber Gottes. Er wird von Gott angeredet und soll darauf Antwort geben. Das eigentlich Menschliche unsres Lebens ist die Gemeinschaft mit Gott.

Dabei haben die Gegner Jesu immerhin begriffen, daß das Brot vom Himmel nicht aus der Welt kommt. Sie wollen schon mehr haben als das irdische Brot. Aber Jesus sagt ihnen: Was ihr sucht, das habt ihr in dem „Mehr als Brot“. Das Brotwunder geschieht ja jetzt, wo ihr mich vor euch habt. Ihr braucht tatsächlich Brot, ihr braucht das Christusbrot. Es geht nicht um Brot, das ich euch geben könnte, sondern es geht um das Brot, das ich bin. Worauf ihr aus seid, das habt ihr in mir!

Das Geben ist Sache des Vaters im Himmel. Und das Gegebene ist Jesus selbst. Die Menschen sind auf etwas aus, das Jesus bringen soll. Aber er sagt: Ich bringe mich selbst! Ich zeige nicht den Weg, ich bin der Weg! Ich gebe nicht Auferstehung und Leben, sondern ich bin die Auferstehung und das Leben! Ich zeige nicht nur mit der Hand ans andere Ufer, sondern ich bin auch der Kahn, der an dieses Ufer bringt.

Man kann natürlich auch versuchen, ohne Jesus dem äußeren Bestand seines Lebens zu erhalten. Dann müht man sich eben nur um die tausend kleinen Dinge und die tausend großen Dinge des Lebens und findet doch keine Ruhe. In Jesus aber geht uns das Herz Gottes auf. Da wird uns deutlich: Wir haben das Leben zwar nicht in uns selbst‚ wir empfangen es aber täglich wieder neu von Gott.

Jeder Bissen Brot könnte uns daran erinnern, daß wir der Zufuhr von Leben  bedürfen. Aber darunter fällt nicht nur das Brot im wörtlichen Sinne, sondern zum Beispiel auch das Wort Gottes. Das Johannesevangelium entwirft das Hoffnungsbild einer Zukunft, in der wir das Wort Gottes essen wie Brot, in der wir die Liebe Jesu Christi trinken wie Wein.

Dazu gehört auch, daß wir Brot und Wein in unsrer Gemeinschaft kreisen lassen. Brot und Wein sind nicht zum Anschauen da, sie nähren nur,  indem man sie zu sich nimmt. Jesus will nicht nur mit uns sprechen im Gebet, sondern er will in uns eingehen und in uns aufgehen. Besonders für eine Kranken und Sterbenden kann das Abendmahl zum Brot des Lebens und zum Segen werden. Wer aber Christus im Abendmahl in sich aufgenommen hat, der hat das Leben in Gottes Gemeinschaft schon jetzt.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 2, 1 - 5

Wo etwas los ist, strömen die Menschenmassen zusammen. Wenn eine deutsche Fußballmannschaft Weltmeister geworden ist, geht es zum Empfang auf den Frankfurter Römerberg,  da kann kein Arbeitgeber mehr die Fans halten. Wie von magischen Kräften gezogen eilen sie alle dorthin, wo die Stars sich einmal kurz dem Volk zeigen. Man kann sie aus der Ferne zwar kaum sehen, aber man ist dabeigewesen.

Warum geschieht das nicht auch, wenn in der Kirche etwas los ist? Dort ist immer etwas los, wenn sich Menschen versammeln. Wenn Gott einlädt, dann kann man doch nicht einfach so vorübergehen. Aber irgendwie löst der Ruf der Glocken nicht die Reaktionen aus wie bei den Fußballbegeisterten.

Ich habe einmal jemand zum Zahlen der Kirchensteuer bewegen wollen mit dem Argument: „Der Betrag ist geringer als die Fernsehgebühr!“ Da war die Antwort: „Aber das Fernsehen ist zehnmal interessanter als die Kirche!“ Warum ist die Kirche für so viele Menschen so wenig attraktiv?

Bei einer Untersuchung haben der öffentliche Dienst und die Kirchen sehr schlecht abge­schnit­ten bei der Beurteilung ihrer Kundenfreundlichkeit. Man mag das bedauern, daß die Kirche als Dienstleistungsbetrieb angesehen wird und die Gemeindeglieder als Kunden. Aber In der heutigen Gesellschaft gelten nun einmal diese Maßstäbe.

Da wird gefragt nach günstigen Öffnungszeiten, nach hellen und warmen Räumen, nach einem abwechslungsreichen Programm. Die Angestellten sollen Animateure sein, die das zahlende Publikum zur Kreativität anregen. Die Kirche wäre dann so eine Art Reiseveranstalter! Nur soll die Reise nicht ins Jenseits gehen, sondern schön in unseren irdischen Gefilden bleiben.

Oder man sieht die Kirche wie eine Versicherung an: Man zahlt etwas ein für den Notfall. So ganz ohne Absicherung möchte man nicht sein, das hat man schon begriffen. Aber wenn dann der Versicherungsfall eintritt, dann soll auch alles klappen bei dem Dienstleistungsunternehmen Kirche. Dann hat man ein Recht auf prompte Bedienung, einen angemessenen äußeren Rahmen und zum Beispiel eine witzig bis tiefschürfende Rede. Nur so kann man das eingezahlte Geld wieder herausholen.

Es ist schwer, sich diesem Anspruchsdenken zu entziehen, denn es steckt in uns allen drin. Dabei hat die Kirche in der Tat etwas zu bieten. Nur ist das nicht unbedingt das, was man so vordergründig in ihr sucht. Aber hier ist das zu finden, was wirklich unser Leben erhält und uns Zukunft gibt.

Bei den Israeliten war das noch anders. Sie hatten eine tiefe Sehnsucht nach der Herrschaft Gottes, nach dem Offenbarwerden seiner Herrlichkeit. Sie meinten: Einst kommt der Tag, an dem alle Menschen erkennen, wer Gott ist und wie er zu uns ist. Dann werden sie zum Berg Zion in Jerusalem kommen und den Gott Israels anbeten. Jerusalem also der Nabel der Welt, das Ziel für die ganze Menschheit, der Beginn einer neuen Welt.

Aber hat es das nicht auch in unserem Volk gegeben? „Am deutschen Wesen soll

die Welt genesen!“ hieß es im 19. Jahrhundert bei dem vielfach verehrten Dichter Emanuel Geibel. Heute heißt es: „Deutschland muß Weltmeister werden, alles andere zählt nicht!“ Oder der einzelne sagt: „Ich will es zu Reichtum bringen, sonst war mein Leben vergeblich. Die anderen sollen kommen und mich bewundern, dann bin ich der Größte!“

Das liegt einfach ins uns drin, daß wir nicht den unteren Weg gehen wollen, sondern über die anderen erhaben sein wollen. Dabei ist doch Gott der Höchste. In der Bibel wird das so ausgedrückt, daß Gott auf einem Berg wohnen soll. Nun ist der Berg Zion innerhalb der Stadt Jerusalem nicht besonders hoch. Aber es geht ja auch nicht um die tatsächliche Höhe, sondern es sollte damit zum Ausdruck kommen: Dieser Gott ist mehr als alle anderen Götter! Und wir heute sagen sogar: Dieser Gott ist der einzige, konkurrenzlos in der Welt! Nicht Israel ist allein das erwählte Volk, nicht wir sind seine Lieblingskinder: Gott allein ist der Größte und Höchste.

Aber es ist doch ein schönes Bild, wie die Völker da nach Jerusalem kommen, um sich Weisung für ihr Zusammenleben zu holen. Sie wollen den Priester befragen, der das Gesetz Gottes verwaltet. Sie brauchen eine Art Schiedsstelle in Konfliktsituationen, für die großen Fragen der Welt. Und dazu gehen sie nicht zu dem Orakel von Delphi, sondern zu dem Gott Israels.

Heute müßte die Kirche an diese Stelle treten. Dabei ist aber die Gefahr groß, daß nicht Gottes Wort verkündet wird, sondern Menschen ihre Herrschaft aufrichten. Diese Gefahr ist immer beim Papst gegeben, der eine Art Oberaufsicht über die Welt durchführen will und sich als Stellvertreter Gottes versteht. Aber er predigt nicht die Liebe Gottes, wie sie im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, sondern eine enge menschliche Moral einer vergangenen Zeit.

Die evangelische Kirche ist da anpassungsfreudiger und aufgeschlossener. Aber ihre Denkschriften werden von Professoren und Oberkirchenräten verfaßt, die weitab vom wirklichen Leben der meisten Menschen sind. Schon ihre Sprache ist so abgehoben, daß man ihre klugen Gedanken gar nicht versteht. Und die Ratschläge zielen so sehr auf eine heile Welt hin, daß man von vornherein entmutigt wird. Auch von den evangelischen Kirchen geht heute nur wenig Weisung aus.

Selbstverständlich ist: Wenn die Völker der Welt nach dem Willen Gottes fragen, dann ist unser Volk, dann sind wir alle aufgefordert, zu Gott zu gehen und uns beraten zu lassen. Wir kommen alle nicht mit den Fragen des Rechts zurecht. Immer wieder muß es geändert werden, weil sich die Verhältnisse geändert haben.

Aber es muß leider auch geändert werden, weil die Menschen so wenig auf Gott hören und sich nicht nach den Geboten richten. Weil es zu viele Übertretungen gibt, wird die Schwelle einfach heraufgesetzt, damit die Zahl der Fälle niedrig bleibt.

Wir brauchen aber eine höchste Autorität in der Welt, wenn es gerechter und friedlicher zugehen soll. Unser Gewissen ist da zu unzuverlässig. Es wird überlagert und fehlgesteuert durch landläufige Auffassungen und Gewohnheiten. Wenn Unternehmer andere Menschen für einen Hungerlohn arbeiten lassen, dann muß man mithalten, wenn man nicht pleite gehen will. Der Kriegsverbrecher und Mauerschütze beruft sich auf den Befehlsnotstand. Der Terrorist meint, mit Gewalt die Welt verbessern zu können.

Wenn es um das eigene Interesse geht, dann denken wir doch immer an uns selbst. Nicht nur die anderen verbiegen Wahrheit und Recht zu ihren Gunsten, sondern auch bei uns selbst ist das so. Wie gut wäre es doch, wenn wir uns mit unserem Gegner an einem dritten Ort treffen könnten, wenn wir gemeinsam vor Gott treten könnten und ihn entscheiden ließen, so daß wir aus Feinden und Gegnern zu Partnern oder gar Freunden werden.

Letztlich ist das Recht doch eine Wohltat für alle Seiten. Das merkt man besonders bei Rechts­brüchen, wenn man Opfer eines Einbruchs oder einer Gewalttat wurde, wenn Faustrecht und Krieg herrscht.

Der wichtigste Ratschlag Gottes ist: Haltet Frieden! Vor dem UNO-Gebäude in New York steht die Plastik eines Mannes, der sein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Sie wurde in Ungarn geschaffen und dort auch auf einer Briefmarke verewigt. Die Sowjetunion hat sie dann gekauft und der UNO geschenkt und ein Duplikat in Moskau aufgestellt.

So hat die Botschaft des Jesaja die Runde um die Welt gemacht. Sie steht anschaulich vor dem Gebäude der UNO, die doch geschaffen wurde, um den Frieden in der Welt zu erhalten. Doch wir wissen alle, wie ohnmächtig sie ist. In Bosnien hat sie 1992 Schutzzonen geschaffen. Aber ihre Soldaten haben tatenlos dabeigestanden, wie Tausende von Menschen hingemordet wurden.

Helfen kann die UNO nur, wenn die Großmächte einverstanden sind und die Betreffenden zustimmen. Die UNO ist nur e i n e Stimme im Konzert der Standpunkte. Sie ist nur die Summe dessen, was die Völker von sich aus leisten können. Aber sie ist leider nicht die Schiedsstelle außerhalb oder oberhalb der Streitenden.

Frieden gibt es nur mit Gott. Er fordert die Vernichtung der Waffen und die Abschaffung des Krieges als Mittel der Politik. Der Krieg darf nicht mehr länger als Handwerk gelten, das man erlernen kann. Doch das ist leichter gesagt als getan.

In den letzten Jahren wurde ja abgerüstet. Aber gleich ging das Geschrei der Gemeinden los: Wir brauchen die Bundeswehr als Arbeitgeber und Kunde. Bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage werden sich viele Männer und in zunehmendem Maße auch Frauen sagen: „Ehe du arbeitslos wirst, gehst du lieber zur Bundeswehr. Da wirst du Beamter und bist in Sicherheit!“ So wird der Krieg zum ganz normalen Beruf, nicht mehr das letzte Mittel der Politik, wenn auch nicht ein besonders gutes.

Die Menschheit hat immer sehr viel besser gewußt, wie man Kriege vorbereitet und führt, als wie man Frieden schafft. Drücken Sie einem Jungen eine Wasserpistole in die Hand, und er weiß, wie er damit umgehen muß. Der russische Kinderbuchautor Marschak sagte einst vorwurfsvoll zu den Kindern am Straßenrand: „Wie kann man nur Krieg spielen. Ihr wißt doch sicher, wie schlimm Krieg ist. Ihr solltet lieber Frieden spielen!“ Die Kinder antworten: „Das ist eine gute Idee!“ Sie beraten und tuscheln. Schließlich tritt ein Kind vor und fragt: „Großväterchen, wie spielt man Frieden?“

Das haben wir alle nicht gelernt. Nein einziges Friedensforschungsinstitut  gibt es, nämlich in Stockholm. Wir brauchen aber viel mehr Phantasie, damit Patronen zu Schrauben und Panzer zu landwirtschaftlichen Maschinen werden. In zwei Kriegen haben wir es umgedreht erlebt: Da wurden die Glocken von den Kirchtürmen geholt und zu Kanonen umgegossen. Man mußte schon vorher, daß man auch damit den Krieg nicht gewinnen konnte. Aber man wollte den Leuten vor Augen führen: Ihr müßt jetzt die letzten Reserven mobilisieren!

Aber wenn jetzt wieder Kanonen zu Glocken werden, dann ist das noch nicht der Frieden. Abrüstung und Friedenssicherung haben nur auf der Grundlage des Vertrauens eine Aussicht. Interessenkonflikte wird es immer geben. Es gibt sie auch in unserem kleinformatigen Alltag. Bereinigen lassen sie sich nur, wenn Gott der Schiedsrichter ist.

Dann sähen die Konflikte von vornherein anders aus: Das Land wäre uns nur von Gott geschenkt. Seine Früchte und Bodenschätze wären Gottes Gaben. Die Menschen und Tiere wären unsre Mitgeschöpfe. Und die Politiker und Wirtschaftsbosse würden die Erde als Gottes Beauftragte regieren. Keiner hätte mehr Angst, zu kurz zu kommen, weil er alles von Gott erwarten darf. Schließlich wüßte überhaupt keiner mehr, wie man Waffen herstellt. Totaler Frieden auch im zwischenmenschlichen Bereich!

Ist das zu idealistisch gesehen? Ist das nicht ein Traum, der sich nie verwirklichen läßt? In der Tat wird dazu erst die Herrschaft Gottes aufgerichtet werden müssen. Allerdings wird sie anders sein als die Machtausübung unter Menschen. Gott setzt sich nur durch mit Liebe und Hingabe seiner selbst. Was Jesaja nur als Bild geschaut hat, ist in Jesus Wirklichkeit geworden. Er hat gezeigt, daß man Haß überwinden und Frieden halten kann. Symbol des Friedens ist nicht nur die harmlose Taube, sondern auch der kräftige Schmied, der Waffen zu Werkzeugen macht. Frieden wir nicht nur passiv erlitten, sondern auch aktiv erstritten.

Wir müssen schon etwas dafür tun, aber wir k ö n n e n auch etwas dafür tun. Wir können keine Abrüstungsverhandlungen führen. Aber wir können als Eheleute einander zu verstehen versuchen, als Nachbarn alles zum Besten kehren, als Feinde wieder ins Gespräch kommen und als Ichmenschen auf das Wohl anderer bedacht sein. Weil wir selber zu Gott gefunden haben, können wir tatsächlich etwas ändern in der Welt. Oder besser gesagt: Weil Gott sich in uns durchsetzt, kommen wir voran auf dem Weg zu der großen Zukunft schau des Propheten. Wer diese Zukunft vor Augen hat, kann nicht mehr leben, als gäbe es sie nicht oder als käme sie nicht: Diese neue Welt Gottes kommt!

 

 

9.  Sonntag nach Trinitatis: Mt 7, 24 - 29 (Erste Variante)

Wenn ein altes Haus abgerissen wird, dann wundert man sich oft über die Fundamente: Einige große Steine in den Sand gesetzt, das sollte halten und hat auch meist gehalten. Früher hat man halt auch kleiner und leichter gebaut und vielleicht auch nicht so auf Dauer. Viele werden auch heute denken: Hochwasser brauchen wir nicht zu fürchten, das gibt es erst in den Niederungen. Man muß eben auch mit einem Jahrhunderthochwasser rechnen, wie es eben in hundert Jahren nur einmal vorkommt.

Jesus hat von der Sache etwas verstanden, denn er war von Beruf Bauarbeiter. Ein Beispiel aus seinem alltäglichen Leben wurde ihm zu einem Gleichnis für das Leben des Christen. Wenn man baut, dann baut man gleich richtig, da kann man nicht sparen, da muß vom Grund auf alles stimmen. Und wenn man sein Leben einrichtet, dann muß man auch wissen, worauf man es aufbauen will.

Man kann natürlich auch einfach drauf los bauen, Hauptsache die Fassade stimmt und erregt die Bewunderung der Nachbarn. Äußerlich mögen die beiden Häuser sehr ähnlich aussehen, wenn sie fertig dastehen. Es besteht nur  e i n  Unterschied: Der eine Hausbauer hat mit einem möglichen Regenguß und einer daraus entstehenden Hochwasserkatastrophe gerechnet und sein Haus darum von vornherein auf den Felsen gegründet. Der adere sieht kein Wölkchen am Himmel und meint, es müsse immer so bleiben, und macht sich deshalb nicht so viel Mühe mit dem Fundament seines Hauses.

Ohne Bild gesprochen will Jesus uns damit sagen: Der Glaube wird früher oder später schweren Belastungsproben ausgesetzt sein. Dieser Wirklichkeit wird derjenige am besten gerecht, der beizeiten damit rechnet. Das sollte man etwa jungen Eheleuten sagen: Wenn man heiratet ist natürlich alles in Ordnung. Da denkt man nicht daran, daß auch einmal Krankheit und Sorgen kommen können, aber auch Meinungsverschiedenheiten und Spannungen. Nüchtern darauf gefaßt zu sein, das ist Klugheit. Wenn man ein gutes Fundament für die Ehe gelegt hat, dann kann es auch einmal Erschütterungen und unvorhergesehene Dinge aushalten.

Wir versuchen auch, uns durch eine bestimmte Vorsorge zu sichern. „Versichert - gesichert“ heißt der Wahlspruch der Versicherungen. Aber die Bibel sagt: „Niemand kann seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen. Auch eine sogenannte Lebensversicherung hilft uns da nicht mehr weiter.

Vielleicht leben wir heute noch sorglos und unangefochten. Für diese Lage würde das auf den Sand gebaute Haus ja genügen. Aber wir können schnell in Konflikte und Verlegenheiten, in Schmerzen und Leiden geraten. Es braucht gar nicht erst bei der Röntgenuntersuchung ein Schatten auf der Platte zu sehen sein. Es braucht gar nicht erst ein Erdbeben zu kommen. Es kommen aber bestimmt Augenblicke, in denen unser Glauben auf Biegen und Brechen erprobt wird.

Wir wollen jetzt nicht in gruselige Schwarzmalerei verfallen. Aber wir würden die Wahrheit verschweigen, wenn wir nichts sagten von dem „Wetter Gottes“‚ von Regengüssen und Stürmen in unserem leben, die unser Lebenshaus bis in die Fundamente erschüttern. Da denkt einer: Jetzt hast du es geschafft, im Beruf läuft alles, du hast dir alles Nötige und auch manches Unnötige anschaffen können, mit den Kindern ist alles geregelt. Aber wenn man denkt: Jetzt hast du endlich Ruhe, da kommt eine Krankheit oder ein Streit oder ein Mißgeschick und schon geht der Sturm wieder los.

Wir bauen alle am Hause unsres Lebens. Wir haben auch festgefugte Grundsätze und Anschauungen‚ Wünsche und Hoffnungen. Aber irgendwann kommt einmal die Abnahme des Baues, und dann soll doch alles stimmen. Wer klug ist, der kalkuliert das ein. Alle Stürme unsres Lebens sind ja nur Vorspiel für das große Wetter Gottes, dem wir einmal ausgesetzt sein werden. Jede Entscheidung von heute werden wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes verantworten müssen. Deshalb darf sich keiner in Illusionen wiegen, sondern sollte Ordnung machen und Ordnung halten in seinem Leben.

Wer klug ist, fragt nach den Folgen, fragt auf weite Sicht. Man könnte natürlich auch sagen: Wenn es um Gewissenfragen geht, dann kann man nicht nach der Folgen fragen. Wenn man etwas einmal als richtig erkannt hat, dann muß man es durchsetzen, koste es, was es wolle.

Da ist schon etwas Wahres dran, denn sonst spricht man vielleicht von Gewissensentscheidungen und läßt sich praktisch doch von dem leiten‚ was gerade günstig erscheint. Wer aber nach den Folgen fragt, der nimmt gerade die Gewissensfragen ernst.

Wie bekommt aber nun unser Lebenshaus die erforderliche Stabilität? Die Antwort Jesu klingt denkbar einfach: Gottes Wort hören und tun! Sicher hat derjenige Jesus noch nicht recht verstanden, der über dem Hören seiner Botschaft unbewegt und schläfrig geblieben ist.

Es muß etwas nicht stimmen, wenn es uns nicht packt. Die Zeitgenossen Jesu jedenfalls haben der Unterschied zwischen ihm und der Schriftgelehrten stark empfunden.

Die Schriftgelehrten hatten Gottes Gesetz und die von ihnen drangehängte Auslegung bestens gelernt. Sie konnten auf alle Fragen korrekt Antwort geben. Aber man spürte bei ihnen doch nicht die Vollmacht, wie das bei Jesus ganz selbstverständlich der Fall war. Man wußte noch nicht so recht, daß es mit Gott zu tun haben könnte. Aber Jesus hat die Menschen mehr überzeugt und gefangengenommen als die Schriftgelehrten.

Aber es geht nicht allein um das Hören und darüber Diskutieren und sich daran erbauen. Als Goethes „Faust“ im Johannesevangelium liest:“Am Anfang war das Wort!“ da stellt er dem gegenüber: „Am Anfang war die Tat!“ Doch man kann das auch nicht so schroff entgegensetzen. Das eine ist nicht ohne das andere. Man kann im Grunde auch nichts tun, ohne vorher gehört zu haben.

Ohne das Hören käme es gar nicht zu neuem Tun‚ wir müssen immer wieder auch einmal einen Anstoß bekommen. Vom Wort Gottes her wird unser Tun immer wieder gespeist. Im Grunde können wir ja nur deshalb etwas tun, weil wir durch Jesus immer wieder neu anfangen können. Unsre Schuld muß uns nicht immer wieder lähmen, sondern Jesus holt uns durch sein vergebendes Wort immer wieder aus allem Leerlauf heraus und ermöglicht uns einen neuen Anfang.

Wir brauchen da gar nicht nur an Grenzfälle zu denken, an die besonders Belasteten und die mit einem verpfuschten Leben  die wir jedenfalls so einschätzen würden. Vor Gott hat keiner etwas vor dem anderen voraus. Und wenn wir darauf vertrauen dürfen, den rechten Grund für unser Leben gefunden zu haben‚ dann brauchen wir deswegen nicht stolz zu sein. Nicht wir haben gefunden, sondern er hat uns gefunden und den rechten Grund für uns gelegt.

Man sieht es den verschiedenen Häusern nicht an, wie es mit ihrem Fundament bestellt ist. Es ist nicht gesagt, daß das Verhalten der Christen dem der Nichtchristen überlegen sein müßte. Das wirft man uns ja zu recht oder zu unrecht immer wieder einmal vor. Das sieht dann etwa so aus, daß völlig unkirchliche Leute, die Jahr und Tag nicht in die Kirche gehen, vom Pfarrer verlangen „Den und den müßten Sie vom Gottesdienst ausschließen...!“und dann wird erzählt, was er angeblich gemacht hat.

Leider geben wir in der Tat immer wieder Anlaß zu Vorwürfen. Was uns die Stürme überstehen läßt ist dies, daß wir auf einen  a n d e r e n  Grund bauen: Wir bauen unser Leben auf Christus, der uns immer wieder vergibt und uns in seine Nachfolge ruft und uns ein neues

Leben schenkt.          

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: Mt 7, 24 - 29 (Zweite Variante)

Worauf kann man im Leben bauen? Man muß doch irgendetwas Festes haben, auf dem man steht und auf das man sich verlassen kann. Was soll man denn jungen Leuten von heute raten, die noch nach einer festen Grundlage suchen? Früher war das keine Frage. Da wuchs die junge Generation einfach in die überlieferte Welt der Erwachsenen hinein, und es hatte kaum einer die Möglichkeit, aus diesem System auszubrechen. Staat, Schule und Kirche und Familie waren alle auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam aufgebaut, und wehe wenn einer aus der Reihe tanzte. Man muß natürlich dazu sagen: Was man damals als Grundlage anzubieten hatte, war wenigstens seit Jahrhunderten erprobt und paßte in die Umwelt, die sich ja praktisch kaum veränderte.

Heute ist das anders: Wir wissen ja nicht einmal, ob das, was wir heute unsren Kindern mitgeben, in zwanzig Jahren noch gefragt ist. So schnell ändert sich doch unsre Welt. Und was heute noch richtig war, kann morgen schon falsch sein. Denken wir nur daran, wie oft ein um die Jahrhundertwende geborener Mensch umlernen mußte. Und wer weiß, wie oft wir noch werden umlernen müssen.

Die jungen Menschen spüren das wohl auch. Sie spüren die Unsicherheit der Erwachsenen und sind selber auch unsicher. In vielen Fällen merken sie aber auch, daß die Autorität der Erwachsenen brüchig ist und oft nichts mehr dahinter steckt. Deshalb werden sie aufsässig, weil sie nicht einfach in ein fertiges Gehäuse hineinkriechen wollen, das ihnen später einmal zu eng wird. Da wollen sie sich lieber selber ein Haus bauen, auch wenn es zunächst nicht so großartig ist wie die Häuser der Erwachsenen.

Vielleicht muß das einfach auch so sein. Es muß jeder seine eigenen Erfahrungen machen. vielleicht wird er auch erst durch Schaden klug. Aber dann sieht er es eher ein, als wenn es ihm nur befohlen wird ohne eine Begründung und er nur widerwillig und gezwungen mitmacht. Nur durch solche eigenen Erfahrungen gibt es einen Fortschritt und Menschen, die mit ihrem Los zufrieden sind.

Wir sollten dann auch nicht traurig sein, wenn die jungen Menschen sich ein anderes Haus bauen, als wir es uns vorgestellt haben. Sie müssen ja darin leben und nicht wir. Auch wenn uns vielleicht manches als verrückt erscheint, so fühlen sie sich vielleicht ganz wohl darin. Es ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Und sicher wird auf diese Art und Weise manches besser als früher. Unsre Art zu leben ist nicht die allein seligmachende.

Jesus rechnet hier ja mit den Pharisäern ab. Die boten ihren Leuten ja ein an festes Haus an: Wer korrekt nach dem Gesetz und seinen Ausführungsbestimmungen lebte, konnte sicher sein. Er konnte sagen: Ich habe keinen getötet, die Ehe nicht gebrochen, keinen falschen Eid geschworen, auf Recht und Vergeltung gehalten, die Besitzverhältnisse respektiert, den Nächsten geliebt und den Feind gehaßt n was soll mir schon geschehen.

In diesem Haus einer bürgerlichen Wohlanständigkeit und Rechtschaffenheit konnte man sich geborgen wissen. Und nun kommt Jesus und unterminiert eben dieses Haus und sagt: Eure Gerechtigkeit muß noch besser sein als die der Pharisäer. Es geht gar nicht um Moral und anständig sein, sondern um den Glauben und damit um Gott. Ihr habt noch nicht euer Soll erfüllt, wenn ihr die Gebote haltet, sondern nur wenn ihr nach Gottes Willen fragt.

Konkret sieht das so aus, daß etwa ein Vater seinen Sohn mit zum Gottesdienst nimmt und auch in seinem Alltag nicht im Widerspruch zu dem lebt, was er dort gehört hat. Darüber müssen wir uns ganz im Klaren sein: Auf dem Gebiet des Glaubens werden die Kinder nur das übernehmen, was sie bei den Eltern gesehen haben. Die Eltern sollten deshalb nicht auf die schimpfen, die ihre Kinder vielleicht vom Glauben abbringen wollen, sondern sie sollten ihnen selber ein Vorbild sein. Dann werden sie nämlich widerstandsfähig gegen alle Angriffe und bleiben bei dem Grund, der einmal gelegt ist. Erziehung geschieht nur durch Beispiel und Liebe.

So sieht man es den äußerlich verschiedenen Häusern nicht an, wie es mit ihrem Fundament bestellt ist. Ähnlich mag es auch manchem Christen gehen, dessen Verhalten und Erfolg im Leben vielleicht gar nicht dem überlegen ist, was man bei Nichtchristen sieht. Der Unterschied liegt im Fundament. Auch ein Nichtchrist kann moralisch und humanistisch handeln. Wie es aber mit dem Grund bestellt ist, zeigt sich erst, wenn einmal Belastungen kommen, und letztlich zeig es sich erst ganz am Ende. Beinahe könnte man sagen: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Wer also wirklich nach einer tragfähigen Grundlage im Leben sucht und auch seinen Kindern und Enkeln etwas davon vermitteln möchte, den kann man nur auf Jesus verweisen. Auf ihn gilt es zu hören und danach zu tun. Er ist gekommen, um auch die Sünder selig zu machen. Auch wenn wir vielleicht an unsrem Haus manches falsch bauen, dann haben wir doch wenigstens den richtigen Untergrund und können uns unser Leben von Gott ausbessern lassen. Er weiß schon, was das Richtige für uns ist.

Aber auf  e i n e n  entscheidenden Unterschied kommt es an: Der eine Hausherr hat sein Haus von vornherein auf Felsen gegründet, weil er mit Gewitter, Überschwemmung und Sturm rechnet. Der andere aber sieht kein Wölkchen am Himmel und meint, es müsse immer so bleiben und man brauche sich mit der Gründung des neuen Hauses nicht allzuviel Arbeit machen.

Dieses Gleichnis will uns ja nun zwei unterschiedliche Weisen des Glaubens vorführen. Wer klug ist, der weiß: Mein Glaube wird früher oder später schweren Belastungsproben ausgesetzt sein. Man wird dieser Wirklichkeit am besten gerecht, wenn man beizeiten mit ihr rechnet. Vielleicht lebe ich heute noch sorglos und unangefochten. Für diese Lage würde das auf Sand gebaute Sommerhaus durchaus genügen. Ich weiß aber nicht, in welche Verle­gen­heiten, Konflikte, Schmerzen und Leiden ich morgen schon kommen kann.

Da werde ich dann einen fest gegründeten Glauben brauchen, wenn ich nicht ins Schwanken kommen will. Ich kann mich nicht selber damit beruhigen, es werde schon nicht so schlimm kommen. Beim Hausbau würde das keiner tun; aber wenn es um den Glauben geht, kann man das bei manchem beobachten.

Wir wollen noch einmal der Frage nachgehen: Was können Eltern und Großeltern für ihre Kinder und Enkel tun, damit sie eine feste Grundlage erhalten? Dabei wird dann auch sicher deutlich werden, wie es mit unsrem eigenen Glauben bestellt ist. Viel  Erzieher haben doch diese Fragen, weil sie selber unsicher geworden sind oder nicht den Mut haben, gegen den Einfluß anderer Erziehungsträger vorzugehen.

Man kann ja gar manches zur Grundlage seines Lebens machen. Viele wollen ihren Kindern eine gesicherte materielle Existenz mitgeben, ein Haus und ein gutes Bankkonto. Oder es soll ein umfangreiches Wissen und eine gute Ausbildung da sein, weil einem das niemand nehmen kann. Vielleicht lernen die Kinder auch nur, sich in ihre eigenen vier Wände zurückzuziehen und ansonsten das Leben zu genießen und gegen alles andere gleichgültig zu bleiben…..

 

 

10.  Sonntag nach Trinitatis: Joh 2, 13 - 22

Jesus mit einer Peitsche, Jesus mit drohend erhobener Hand, Jesus mit abweisenden Worten - dieser Jesus ist uns ziemlich fremd. Stellen wir uns Jesus nicht sanftmütig und barmherzig vor, ein einladender und entgegenkommender Jesus? Bei der Tempelaustreibung aber erscheint er unnachgiebig und hart. Darf Jesus denn zornig sein, darf ein Christ zornig sein?

Es gibt verschiedene Arten von Zorn. Da ist der selbstsüchtige Zorn, der dann entbrennt, wenn es nicht so läuft‚ wie man es sich wünscht. Da trampelt etwa ein Kind auf den Spielsachen anderer Kinder herum, weil die nicht mit ihm spielen wollten. Oder da schlitzen Jugendliche im Bus die Sitze auf, weil ihre Mannschaft nicht gewonnen hat. Oder Eltern ändern ihr Testament, weil sie mit einer Entscheidung ihrer Kinder nicht einverstanden sind.

Solche Zorneshandlungen sind Angriffshandlungen, die gefährlich und zerstörerisch sind. Sie kommen aus unverarbeiteter Erfahrung und übertragen das aufgerührte Innere nach außen. Es gibt aber auch einen Zorn, der sachlich und menschlich berechtigt ist. Er entsteht dort, wo Menschen ungerecht behandelt werden. So haben jahrhundertelang gedemütigte Menschen ihren Zorn in Revolutionen entladen .Solcher Zorn vermag zu reinigen.

Solcher Zorn war auch angebracht im Tempel von Jerusalem. Dort hatte sich ein richtiger Wallfahrtsbetrieb entwickelt. Man brauchte Opfertiere, die man nicht von weither mitbringen konnte. Man brauchte das althebräische Geld ohne das Bildnis des römischen Kaisers, wenn man eine Kollekte geben wollte. All das konnte man im Vorhof erledigen, der eigentliche Gottesdienst wurde davon angeblich nicht berührt.

Aber das fromme Treiben war auch mit unfrommem vermischt, Glaube und Aberglaube wohnen immer nahe beieinander. Die primitive Frömmigkeit ist oft sehr betriebsam. Sie meint: Viel hilft viel.  Deshalb war der Tempel immer mehr zur Markthalle und zum Bankhaus geworden.

Jesus jedenfalls hat es nicht für gleichgültig gehalten, ob im Vorhof des Tempels noch alles Mögliche geschieht. Wo Geschäfte gemacht werden, da wird auch gefeilscht und betrogen, da steht der Mensch mit seiner Leistung und seinen Werken im Mittelpunkt und der Tempel ist nur so ein Anhängsel. Wer nur ans Kaufen denkt und wie er möglichst einfach zu einer billigen Opfergabe kommt, der hat keine Kraft mehr zur wahren Anbetung.

So kommt Gott nicht zu Worte. Wenn er sprechen wollte, würde seine Stimme im Lärm untergehen. Er würde gar nicht zu den Menschen durchdringen, weil sie viel zu beschäftigt sind. Aber Gott darf nicht in den menschlichen Handel hineingezogen werden. Um das klarzustellen, treibt Jesus die Händler und Kaufleute und Geldwechsler aus dem Tempelbezirk hinaus.

Er hat damit nicht den Tempel beseitigen wollen. Er wollte ihn nur seiner ursprünglichen Bestimmung übergeben, nämlich Ort der Anbetung Gottes zu sein. Es geht Jesus um die Ehre Gottes, die nicht durch menschliche Geschäfte angetastet werden darf. Deshalb versucht er hier nicht ein wohltemperiertes Ordnung machen, sondern er greift hart und zornig ein. Seine Reinigung erstreckt sich keineswegs nur auf Nebensächliches. Hier wird im Grunde der ganze Opferkult der Juden angetastet.

Wenn etwa ein Schlachtopfer dargebracht wurde, dann erhielt Gott das Blut und die Opfernden erhielten das Fleisch. Das heißt: das Opfer wurde fortgesetzt mit einem fröhlichen Schmausen, bei dem es mehr aufs Genießen ankam als auf den lieben Gott. So könnte manchem Kind das Eis am Himmelsfahrtstag wichtiger sein als der Kindergottesdienst, in dem Eis ausgegeben wird. Vor allem besteht die Gefahr, daß man so eine Zugabe selbstverständlich erwartet und sie auch im nächsten Jahr verlangt.

Nun gehören die äußeren Formen mit zum Gottesdienst dazu. Und wenn ein Gottesdienst einmal mit einem Essen oder sonst einem gesellschaftlichen Ereignis verbunden ist, dann kann das eine gute Sache sein. Nur muß man alles daran messen, ob Gott auch wirklich zum

Zuge kommt. Man kann Gott auch verdrängen durch laute Musik oder Anspiele und Aktionen.

Dennoch kommt Gott immer leibhaft zu uns, nicht ohne das Wort und nicht ohne die Sakramente. Wie man den Gottesdienst gestaltet, liegt immer auch an der jeweiligen Zeit und der Eigenart der Menschen‚ die sich zum Gottesdienst zusammenfinden. Aber unmerklich schleichen sich oft auch Mißbräuche ein. Keiner bemerkt es, die nächste Generation übernimmt es als selbstverständlich, niemand findet mehr etwas dabei.

Wir können uns nicht darauf verlassen, daß ja das Gotteshaus noch in unserem Ort steht und damit alles in Ordnung ist. Gott wohnt sowieso nicht in einem Gebäude aus Holz und Stein. Er wohnt nur dort, wo Menschen in seinem Namen zusammenkommen. Wir können uns nicht damit beruhigen, daß ja Sonntag für Sonntag bei uns Gottesdienst ist, wenn wir selber nicht hingehen.

Wir sollten uns schon auch ernsthaft fragen‚ was bei uns und in unsrer Kirche anders werden müßte. Eigentlich brauchten wir dazu den gleichen Kampfgeist wie Jesus. Sein Zorn entbrannte aus Liebe, weil er sah, wie der religiöse Betrieb an die Stelle des Glaubens getreten war. Aber wir heute haben nicht gegen die katholische Kirche oder gegen eine zweifelhafte Theologie oder gegen irgendeine Weltanschauung zu kämpfen, sondern zuerst gegen uns selbst. Wenn wir schon etwas hinausfegen wollen, dann zuerst in der eigenen Stube und vor der eigenen Haustür.

Natürlich kann man nicht alles ausfegen, was einem vor den Besen kommt. Manchmal liegen noch wertvolle Dinge mit unter dem Unrat. Wir können deshalb nicht alles Alte einfach über Bord werfen,  nur weil es uns nicht paßt. Jesus hat ja auch nicht den ganzen Tempel umgerissen, sondern ihn gereinigt.

Aber es wäre auch falsch, nun ganz auf eine Reinigung zu verzichten, nur weil unter dem Alten auch noch etwas Wertvolles sein könnte. Manche Leute sind da zu ängstlich. Sie sagen: „Das Alte war gar nicht so schlecht!“ Und das nehmen sie dann als Begründung dafür,             a 1 1 e s  beim Alten zu lassen. Jesus war da nicht so empfindlich, er hat auch etwas gewagt. Es gilt, die wertvollen Bestandteile der alten Ordnung weiterzuentwickeln, damit sie ihren ursprünglichen Sinn auch in der neuen Zeit behalten.

Ein Beispiel dafür ist der Gottesdienst. Nach jüdischer Lehre mußten jeden Tag Tieropfer dargebracht werden, um Gott mit den Menschen zu versöhnen. Seit Jesus aber sind diese Opfer nicht mehr nötig, weil Jesus das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt. Er ist der neue Tempel Gottes, in ihm ist Gott leibhaft gegenwärtig. Doch haben wir das schon begriffen, daß Jesus sich für uns geopfert hat? Sehen wir ein, daß wir dieses Opfer nötig haben? Lassen wir uns beschenken durch das Abendmahl, in dem Jesu Opfer uns angeboten wird?

Wir sollten Gott auch darum bitten‚ daß er uns die falschen Gottesbilder austreibt. Allzu gerne machen wir uns doch einen Gott nach unseren Bedürfnissen zurecht. Wir meinen zu wissen, wie er sein muß und was er für uns zu tun hat; und wenn es anders kommt, kündigen wir ihm. Dagegen wendet sich Jesus. Er zeigt uns den Gott, der uns entgegenkommt, der aber nicht auf Knopfdruck funktioniert wie ein Automat.

Die Juden haben auch ein Zeichen von Jesus gefordert. Sie behaupten sogar, sie würden Jesus anerkennen, wenn er ein Wunder vollbrächte. Doch das Tempelwort Jesu verstehen sie falsch. Sie meinen, er wolle den Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen. Doch Jesus meint den Tempel seines Leibes, meint sich selbst: Nicht er wird den Tempel in Jerusalem einreißen, sondern die Juden werden Jesus, den eigentlichen Tempel Gottes, vernichten. Denn wo Jesus ist, da wohnt Gott in der Welt. Wenn man ihn finden will und sich ihm nahen will, dann nur über Jesus.

Der allein gültige Gottesdienst ist deshalb, sich an Jesus halten und sich auf ihn berufen und der Zugang zu Gott durch ihn gewinnen. Die Wiederaufrichtung des Tempels ist dann nichts anderes als die Auferstehung Jesu. Er ist dann aber heute unser Fürsprecher bei Gott. Frieden mit Gott haben wir nur dadurch, daß sich Jesus zu unserem Anwalt macht. Es gibt nur    e i n e n heiligen Ort, an dem wir mit Gott verbunden sein können, nämlich Christus. An ihn müssen wir uns halten, wenn wir gerettet werden sollen.

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis: Mt 21, 28 - 31

(1.) Einleitung: Ärger mit Handwerkern

Wenn man einen Handwerker braucht, gibt es manchmal Ärger. Er sagt: „Ich komme die nächsten Tage einmal vorbei!“ Aber es geschieht nichts. Ganz extrem ist folgender Fall: Ein Klempner sagt einer alten Frau: „Morgen komme ich ganz bestimmt!“ Und als sie wieder gegangen ist, fragt er seinen Gesellen: „Wer war denn das überhaupt?“ Natürlich muß man auch die Handwerker verstehen: Sie brauchen ein gewisses Auftragspolster; und da machen sie schon einmal eine Zusage, um den möglichen Kunden nicht zu verlieren Aber für den Kunden ist es ärgerlich. Wenn der Handwerker wenigstens sagte „Ich kann es nicht machen, ich bin ausgelastet!“ Dann würde man es gleich anderswo versuchen.

Aber es gibt auch den umgedrehten Fall. Der Handwerker sagt: „Ich kann jetzt noch nichts versprechen. Frag doch noch einmal in vier Wochen nach!“ Und nach drei Wochen kommt er dann und sagt: „Da ist etwas ausfallen, ich kann deine Sache jetzt gleich machen!“ Da freut man sich und ist zufrieden.

Doch meist ist es umgedreht: Da wird leichtfertig Ja gesagt, aber nichts erfolgt. So erlebt man es in der Familie, im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz und auch in der Politik. Doch in dem Gleichnis Jesu geht es nicht so sehr um unsre schlechten Erfahrungen. Vielmehr schildert er Gottes schlechte Erfahrungen mit uns. „Arbeit im Weinberg“ ist im Neuen Testament ein fester Ausdruck für den Einsatz für die Sache Gottes.

 

(2.) Wer macht es richtiger: Der Jasager oder der Neinsager? An sich gibt es in diesem Beispiel ja vier Möglichkeiten. Keine Frage ist, daß es das Beste wäre, gleich „Ja“ zu sagen und dann auch entsprechend zu handeln. Aber auch wenn einer nein sagt und auch konsequent dabei bleibt, dann ist er wenigstens ehrlich und man kann ihn nicht unbedingt tadeln. Jesus greift nur die beiden anderen Möglichkeiten heraus, bei denen Reden und Tun überkreuz gehen. Welches Verhalten würden wir denn für das beste halten?    (Die Gottesdienstbesucher an dieser Stelle abstimmen lassen!)

Jesus zieht den vor, der zunächst „Nein“ gesagt hat, dann aber doch wieder anderen Sinnes wurde und doch die geforderte Arbeit gemacht hat. Aber er hat sicherlich auch seinem Vater weh getan. Wer „Nein“ sagt, belastet das Leben der Gemeinschaft auch. Vielleicht hat er befürchtet, daß es nicht bei der einmaligen Bitte bleibt. Wenn er erst einmal zögert, wird er vielleicht nicht so bald wieder gefragt. Man kann diesen Sohn schon verstehen.

Auch den anderen darf man nicht gleich verurteilen. Vielleicht hat er sich nur überreden lassen. Oder er hat Angst vor dem Vater gehabt, den er ja als „Herrn“ anredet (Hier war er nicht der Sohn, sondern der Untergebene seines Chefs). Wenn der Druck und die Angst wegfallen, dann läßt man es wieder laufen.

Diese beiden Söhne sind keine Musterschüler, sondern unvollkommene Menschen. Das bringt sie uns so nahe. Beide Möglichkeiten stecken auch in einem jeden von uns. Die Bibel drückt das so aus: Alle Menschen sind Sünder. Sie leben aber davon, daß Gott als der Vater auf sie zugeht, mit ihnen redet und etwas von ihnen erwartet. Welchem Sohn gleichen wir? (Wieder die Gottesdienstbesucher fragen)

Als Christen, die heute zum Gottesdienst gekommen sind, werden wir uns wohl zu dem Jasager rechnen. Wir haben immer wieder „Ja“ gesagt: Bei der Taufe haben es noch die Eltern und Paten versprochen, das Kind christlich zu erziehen. Bei der Konfirmation haben wir

als junge Menschen sowohl Gott als auch der Kirche die Treue versprochen (Konfirmanden ansprechen). Damals ging das Jasagen allerdings im Chor. Das ist viel leichter als nachher, wenn die vielen Entscheidungen des Alltags zu fällen sind. Da ist man allein, da muß jeder einzeln beweisen, ob er mit Gott leben will oder nicht.

Mancher sagt dann: „Da drinnen habe ich schon meinen Glauben, den kann mir niemand nehmen!“ Auch wenn ich nach außen „Nein“ sage, so sage ich doch innerlich „Ja“! Aber da drinnen vertrocknet der Glaube unheimlich schnell. Da geht es ihm wie einer Blume im Topf, die nicht mehr gegossen wird: Sie ist sehr bald hin und kann nur noch weggeworfen werden.

 

(3.) Wir sind keine Profi-Christen!

Mancher wird denken: Im „Weinberg Gottes“ sollen vor allem erst einmal die Pfarrer und die anderen hauptamtlichen Mitarbeiter der Kirche arbeiten. Dafür sind sie ja von allen anderen Verpflichtungen freigestellt worden. Sie werden dafür bezahlt, daß sie „Ja“ sagen und dann auch entsprechend handeln.

Man erwartet auch, daß dann gleich in der Öffentlichkeit etwas bewegt wird. In Privatsachen soll die Kirche sich nicht hineinhängen, siehe Abtreibungsfrage oder Sterbehilfe. Aber wenn die gleichen Privatleute etwas für sich erreichen wollen, dann soll die Kirche sie in der Öffentlichkeit unterstützen, siehe Sicherung der Arbeitsplätze oder Erhalt der Sozialleistungen. Daß die Kirche in 2.000 Jahren nichts erreicht habe, ist sicher nicht wahr. Der christliche Glaube hat in der Welt viel verändert. Und selbst wenn die Christenheit aus dieser Welt verschwände, würde die Menschheit noch lange davon zehren, was Gott durch seine Gemeinde bewirkt hat.

Die Christen waren immer eine Minderheit in der Welt. So lang war der Arm der Kirche nie, daß sie unsre Gesellschaft in die heile Welt Gottes hätte umgestalten können. Es kann auch nicht Aufgabe der Kirche sein, alles Unrecht in der Welt abzuschaffen, das wird allein Gottes Werk sein. Daß unsre Kraft nicht ausreicht, ist kein Neinsagen oder Nichtstun im Sinne des Gleichnisses.

 

(4.) Was wird hier getadelt, wer wird hier getadelt?

Jesus tadelt, daß man fromm redet und behauptet, damit schon den Willen Gottes getan zu haben. Dabei hat er die Pharisäer im Blick, die sich verpflichtet haben, besonders genau nach den Geboten Gottes zu leben. Sie wollen Gott wirklich gehorsam sein und sind der festen Überzeugung, freudig und ehrlich „Ja“ gesagt zu haben. Persönlich meinen sie es durchaus ehrlich. Aber dann werden sie doch zu Heuchlern. Vor allem wollen sie nichts mit Jesus zu tun haben. Das ist letztlich das entscheidende „Nein“ gegenüber Gott. Äußerlich stimmt alles. Aber in Wirklichkeit ist die Frömmigkeit nur Fassade, durch die man sich Gott entzieht. Aber sind wir nicht selber auch solche Pharisäer? „Ja“ gesagt hat man schnell, aber das Tun ist dann schwieriger, da werden wir wieder schwach: Wir sind nicht nur Versager, sondern auch Verlorene

Jesus hütet sich vor einem schnellen Verurteilen. Er sieht schon, wenn über den Menschen ein verhängnisvolles Schicksal kommt. Der einzelne Mensch ist immer auch in gesellschaftliche Zwänge eingebunden. In Notzeiten wird mancher zum Dieb, der sonst den Gedanken an Diebstahl weit von sich gewiesen hat. Wer ein unerträgliches Elternhaus hatte, wird leicht zum Schläger oder gar zum Terroristen.

Und wenn in einem Unternehmen Entlassungen angekündigt werden, dann ist sich jeder selbst der Nächste, dann will sich jeder selbst ins rechte Licht setzen und den anderen herabsetzen. Doch auch gegen diesen äußeren Zwang der Verhältnisse kann man angehen. Zur Zeit Jesu waren es die Zöllner und Huren. Die einen wollten Geld machen durch Betrug im wirtschaftlichen Bereich, die anderen durch Hinwegsetzen über moralische Normen. Doch auch sie haben eine Chance, zu Gott zu gehören, vielleicht sogar mehr als die äußerlich Frommen.

 

(5.) Wir haben alle ein Chance bei Gott!

Jesus hat nicht nur „Ja“ gesagt, sondern auch danach gehandelt. Sein Verhalten ist sozusagen der Rahmen für seine Gleichnisse. Durch sein Verhalten hat er anschaulich gemacht, was er in den Gleichnissen meinte. Deshalb hat er sich auch der Außenseiter angenommen, hat sie nicht abgeschrieben, sondern ernstgenommen.

Dadurch hat er eine Wendung bei ihnen herbeigeführt und Macht über ihre Herzen gewonnen.

Die Geschichte hat - wie fast immer bei Jesus - einen offenen Schluß. Offen bleiben die Einladung und das Angebot an die Hörer. Selbst um seine Gegner bemüht sich Jesus noch. Dadurch sollen ihnen neue Erkenntnisse möglich werden. So kann sich ein „Nein“ immer noch

in ein „Ja“ verkehren.

Diese Möglichkeit steht auch uns immer noch offen. Es muß nicht alles so weitergehen, wie es angefangen hat. Wer „Ja“ gesagt hat, sollte seine Zusage auch einhalten. Und wer zunächst „Nein“ gesagt hat, kann doch immer noch das Geforderte tun. Jesus hofft, daß wir es uns noch anders überlegen und nicht allein Jasager sind, sondern auch Täter werden.

 

 

12. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 29, 17 -  24

Im Grunde geht es uns doch allen gut. Es ist zwar üblich, über Alles und Jedes zu klagen. Aber in Ruhe betrachtet ist das meiste doch unerheblich. Da wird gestöhnt über den hohen Benzinpreis, der angeblich nicht mehr erträglich ist. Doch anderswo ist er noch höher, oder es ist gar kein Benzin zu haben. Und dabei muß man immer wieder im Hinterkopf haben, daß ja die Mehrheit der Menschheit nur die Füße hat, um sich von einem Ort zum anderen fortzubewegen.

Es gibt aber natürlich auch Dinge, die schon schwer sind: Wenn einer blind oder taub ist oder gar beides, dann ist das schon ein schweres Schicksal. Als Gesunde können wir diese körperlichen Gebrechen nicht unterschätzen. Und doch wissen wir, daß derart behinderte Menschen nicht auch unbedingt „arme Menschen“ sein müssen. Da wollte eine Gruppe aus einer Gemeinde alten Leuten eine Freude machen mit einem Lied und einem Bibelwort. Doch bei einer blinden Familie setzt sich der Mann sofort ans Klavier und begleitet das Lied mit sicherer Hand und vollen Akkorden und macht so den Besuchern eine Freude.

Ein Blinder kann vielleicht doch mehr nach innen schauen. Er ist dadurch oft reicher als wir, die wir so oft an der Außenseite der Dinge hängenbleiben. Gott aber will beides: Er will, daß die äußeren Schwierigkeiten unsres Lebens beseitigt werden, aber er will auch, daß die Menschen in einem umfassenden Sinn heil werden. Gott will die Welt fruchtbar und gesund, er will sie frei und gerecht und er will sie auch verständig und fromm.

 

(1.) Gott will die Welt fruchtbar und gesund: Es gibt Landstriche, die früher Wüste waren, nun aber durch den Menschen bewässert und fruchtbar gemacht worden sind. Aber es gibt auch das Gegenteil: Das bei Jesaja erwähnte Libanongebirge, aus dem doch einst die kostbaren Zedern kamen, trägt heute nur noch wenige Baumgruppen. Die Art, wie der Mensch mit der Erde umgeht, läuft den Absichten Gottes stracks entgegen. Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, werden ihre Überlebenschancen mehr und mehr abgebaut. Wenn es einmal kein Erdöl mehr geben wird, dann werden die überleben, die heute noch wie in der Steinzeit oder doch wenigstens wie im Mittelalter leben.

Wenn wir zu den Überlebenden gehören wollen, dann müssen wir uns unsren unüberlegten Gepflogenheiten widersetzen: dem Raubbau an den Gütern der Erde, der gewaltsamen Veränderung der natürlichen Gesetzmäßigkeiten, der Verschmutzung und Vergiftung. Doch mit dem Flugzeug in alle Welt fliegen wollen wir alle. Aber der Fluglärm über unsren Köpfen soll aufhören. Irgendwie paßt das doch nicht zusammen.

Als Christen lieben wir die Welt, weil Gott sie liebt. Die Welt ist Gottes gute Schöpfung. Das uns von Gott zugedachte Heil schließt die ganze Welt mit ein. Dazu gehört auch, daß die Welt wieder fruchtbarer wird, daß sie nicht mehr unter der Dürre leiden muß, daß die Menschen der Erde nicht mehr das Nötigste mühsam abringen müssen, wie es in den meisten Gebieten der Welt der Fall ist.

Das Alte Testament ist so erfrischend lebensnah, weil es nicht nur das mehr himmlische Heil im Blick hat, sondern auch auf das mehr irdische Wohl der Welt bedacht ist. Wir sind geneigt. zu unterscheiden zwischen dem, was allein Gottes Sache ist, und dem, was die Sache der Menschen ist. Menschen können nicht von Gott erwarten, was sie selbst in Angriff nehmen sollen. Man muß Heil und Wohl schon unterscheiden, aber man muß es auch zusammen sehen. Es kann ja sein, daß einer sich im perfekten Wohl befindet und dennoch heillos ist. Heil und Wohl wollen in der Ganzheit unsres neuen Menschseins eins werden. Deshalb spricht der Prophet von der großen Hoffnung, die wir haben dürfen.

Die Tauben und Blinden sind dabei einerseits die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und ohne Freude und Trost ein Schattendasein führen. Wir brauchen ja nur die Zeitung aufzuschlagen, dann wissen wir, wer diese Menschen heute sind und wem wir als Christen helfen sollen. Das kann irgendwo in der Welt sein, wo Menschen leiden unter Hunger und Krieg.

Aber auch bei uns gibt es Menschen, die arm dran sind. Es gibt bei uns im Weltmaßstab gesehen keine wirklich Armen: Das Existenzminimum wird jedem durch die Sozialhilfe gesichert. Aber es gibt eine relative Armut, die schon dort anfängt, wo Menschen nur die Hälfte haben von dem, was der Durchschnitt der Bevölkerung hat. Und es gibt vor allem auch körperlich

und geistig Behinderte, es gibt chronisch Kranke und Menschen, die nicht mehr in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden können, selbst wenn sie noch leistungsfähig sind.

Die Tauben und Blinden sind aber zum Teil auch nur ein Bild für Menschen, die im übertragenen Sinne das Wort Gottes nicht mehr hören oder seine Schöpfung nicht mehr sehen. Gott will nicht nur die Heilung, sondern auch das Heil. Wir haben inzwischen zumindest theoretisch die Einsicht gewonnen, daß wir die Natur erhalten, bewahren und recht gebrauchen müssen. Aber all das kann uns nicht befreien aus der Umklammerung des Todes. Das ist doch unser eigentliches Problem. Aber wir gehören mit der ganzen Welt dem Gott, der den Tod besiegt hat. In all unserem Bemühen um eine bessere Welt ist Gott schon verborgen drin, der an seinem Tag seinen Heilswillen durchsetzen wird.

 

(2.) Gott will die Welt frei und gerecht: Dieser Abschnitt aus dem Jesajabuch ist vielleicht erst in einer späteren Zeit eingeschoben worden. Er würde dann in die Zeit passen, in der das ganze Volk Israel von den Syrern hart unterdrückt wurde. Der Tempel in Jerusalem war zu einem heidnischen Gotteshaus umgewandelt worden. Aber einige aus dem Volk haben sich auf die Seite der Unterdrücker gestellt und spotten nun über die, die noch am alten Glauben festhalten. Weil sie die Macht haben, sind sie auch ungewöhnlich reich geworden. Sie bestechen die Richter; wenn sich einer aber weigert, wird er einfach umgebracht. Und wer an der Wahrheit festhält, wird durch irgendwelche Tricks aufs Kreuz gelegt.

Der Prophet aber sagt: Gott ergreift für die Partei, die am meisten gestoßen, beraubt und verachtet werden. Er interessiert sich am meisten für die, die ihn am nötigsten haben. Er wird keinen allein lassen. Gott wird dem eine Ende machen, daß Menschen Unheil anrichten wollen, die Menschen verführen, die die Rechtspflege durcheinander bringen, die andere erblassen lassen oder auch die nur im Irrtum gefangen sind.

Ein genauer Zeitpunkt für die Wende ist nicht angegeben. Er hängt ja auch ganz von Gott ab. Doch hier soll nicht vertröstet werden. Es wird schon alles gut werden! Hier ist nicht der Wunsch der Vater des Gedankens. Hier gilt tatsächlich: Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten!

Vielleicht ist das nicht jedem gleich deutlich. Es geht ihm dann wir einem Menschen, der bei Nebel einen Aussichtsturm besteigt. Da kann ein anderer ruhig erklären: Dort liegt diese Stadt und dort jener Berg! Das nutzt dem Betreffenden gar nichts. Der Prophet Gottes aber sieht das Handeln Gottes schon klar vor sich. Er schildert den anderen, was er sieht, um ihnen dadurch wieder Mut zu machen.

Gott will keinen quälen. Er will keinen in die Klemme bringen, um ihn dadurch geneigter zu

machen für sein Wort. Man kann den Menschen nicht dadurch bekehren, daß man ihm erst seine Schlechtigkeit und sein Verlorensein einredet und dann sagt: „Nur Gott kann dich retten!“ Man kann auch nicht sagen: „Laßt die Menschen nur arm bleiben, dann sind sie geneigter für die Religion!“

Hier geht es eher um die Erfahrung: Die Verachteten und Benachteiligten öffnen sich eher für Gott als diejenigen, denen es gut geht. Weil sie nur noch auf Gott hoffen können, wird er ihnen auch helfen. Das wird eine Befreiung sein wie sie diejenigen erlebt haben, die 1945 die Konzentrationslager verlassen konnten oder die nach monatelanger Geiselhaft wieder heimkehren konnten. Gott macht - früher oder später - der Tyrannei ein Ende.

Befreiung ist aber mehr als eine Sache der Macht. Es geht auch um eine ganz neue Gesinnung. Es geht darum, daß dem Recht Gottes Genüge getan wird. Es geht nicht, daß Menschen beschwatzt werden zur Sünde, daß der Richter in seinem Amt nicht mehr frei ist, daß das Recht durch Lügen gebeugt wird. Das Recht darf nicht zum Instrument in der Hand der Mächtigen werden.

Alle Diktaturen haben einen Hang danach. Selbst der SS-Mann, der am 9. April 1945 Dietrich Bonhoeffer und andere hat umbringen lassen, hat noch vor der Hinrichtung ein sogenanntes

„ordentliches“ Gerichtsverfahren veranstaltet. Das hat ihn später vor einer Verurteilung bewahrt. Auch die SED-Verbrecher wurden nur nach DDR-Recht verurteilt und kamen meist mit einer Bewährung davon, die ihnen nicht weh tut, weil sie ja gar keine Gelegenheit mehr zu ihrem früheren Tun haben. Doch immerhin erfahren sie jetzt, was ein Rechtsstaat ist, und erkennen so, was sie vorher den Menschen verwehrt haben. Für das Volk Israel war Gott der Hüter des Rechts. Am Ende wird er seine Gerechtigkeit durchsetzen, denn es gibt kein Heil ohne Gerechtigkeit.

 

(3.) Gott will die Welt verständig und fromm: Durch die Heilung der Kranken und die Befreiung der Entrechteten darf der Glaube nicht vernachlässigt und vergessen werden. Wir sind als Menschen zwar aufgefordert, das zu tun, was wir tun können. Doch für die Bibel kann es kein Heil im vollen Sinne geben, ohne daß Gott in unserem Denken und Tun zu seinem Recht kommt. Wenn wir Gottes Partner sind (oder besser: er unser Partner ist), dann wird unser Leben im vollen Sinne erst heil, wenn wir es im Vollzug auch wirklich sind.

Es heißt nicht: Es wird alles schon anders werden! Vielmehr heißt es: I h r sollt anders werden! Nicht nur die äußeren Lebensumstände werden verändert - dafür wird Gott schon sorgen. Es wird aber auch zu einer inneren Erneuerung kommen müssen. Eine Heilung kann nicht geschehen, ohne daß das Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung kommt. Das haben noch

die gewußt, die nach dem Krieg in die Kirche strömten: Die Rettung aus der äußeren Gefahr ist, nicht alles, sondern die Seele muß auch in Ordnung kommen.

Für uns als Christen bekommt das alles Gestalt und Farbe durch das Kommen Christi. Er ist gekommen, um zu verwirklichen, was auch uns in dem Verheißungswort aus Jesaja zugesagt. Er ist nicht so gekommen, wie es der Prophet ausgemalt hat. Er kam nicht als triumphierender Sieger, sondern mit der Krippe und dem Kreuz.

Aber das war der richtige Anfang. Denn jetzt können Kranke und Arme fröhlich sein, weil Gott ihnen hilft. Mit den Tyrannen hat es ein Ende, weil der Gekreuzigte stärker ist als der Tod. Die Unruhestifter können nichts ausrichten, weil Gottes Recht wieder in Kraft gesetzt wird. Etwas vom ewigen Leben ist schon jetzt in dieser Welt zu spüren. Aber wir trauen Gott nicht zuviel zu, wenn wir noch sehr viel mehr von ihm erwarten. Gott hat schon immer gehandelt. Er wird auch weiter handeln und noch größere Dinge tun.

13.  Sonntag nach Trinitatis: Mk 3, 31 - 35

Ein  Pfarrer ist erst mit 16 Jahren getauft worden. Er ist als Pflegekind in einer Familie mit langer Tradition aufgewachsen. Ihre Firma wurde dann zwar ein staatlicher Betrieb. Dieser aber ist auf das Geheimwissen der Familie angewiesen, auf jahrhundertelange Erfahrung, die immer nur vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurde. Als freier Mitarbeiter des Betriebs hätte der Sohn eine schöne und einträgliche Arbeit gehabt. Aber er hat sich für den Beruf des Pfarrers entschieden.

Schon Jesus stand in diesem Konflikt zwischen dem Auftrag Gottes und den Anforderungen seiner leiblichen Familie. Zu Jesus gehören, das kann trennen, das will aber auch verbinden und das muß verpflichten.

 

(1.) Zu Jesus gehören, das kann trennen: Die Arbeit für die Kirche entzieht den Menschen seiner Familie. Wenn ein Mann immer und immer wieder zu Sitzungen und Besprechungen geht, dann wird die Frau schon einmal Einhalt gebieten wollen. Wenn die Kinder an verschiedenen Stellen in der Kirche mitarbeiten, stehen sie vielleicht für die Hausarbeit nicht zur Verfügung. Es ist nicht so einfach, das alles in Einklang zu bringen.

Schon bei Jesus gab es da Schwierigkeiten. Er wurde von seiner Familie nicht verstanden, ja er wurde sogar direkt von ihr abgelehnt. Nun war aber wahrscheinlich eine neue Lage eingetreten: Josef war gestorben und Jesus als der Älteste sollte nun das Familienoberhaupt werden, die Verantwortung übernehmen und alle versorgen. Bis jetzt haben sie seine Verrücktheiten noch hingenommen. Aber nun erinnern sie ihn an seine Pflicht und wollen ihn wieder ins normale Leben zurückführen.

Die Mutter und die Brüder stehen draußen auf der Straße und schicken einen Boten hinein, der Jesus sagt, er solle doch hinauskommen. Die draußen stehen, haben sich aber auch innerlich weit von Jesus entfernt, obwohl sie doch durch Blutsbande mit ihm verbunden sind.

Aber es gibt offenbar etwas, das mehr ist als leibliche Verwandtschaft. Die drinnen bei Jesus im Haus sitzen, die sind das neue Gottesvolk und Jesu wahre Verwandte. Weil sie seine Nähe suchen, schenkt er ihnen seine Gemeinschaft.

So mag es auch vielleicht manchem in der damaligen DDR ergangen sein, der seine Verwandten im Westen wieder ausgegraben hat, um einen Grund für eine Reise in den Westen zu haben: Mit ihnen hat er sich vielleicht nicht so gut verstanden wie mit den Bekannten, die er vielleicht über die Kirche kennengelernt hat und mit denen er viel schneller auf einer Wellenlänge war.

Man darf die Haltung Jesu natürlich auch nicht mißverstehen. Hier geht es nicht um den üblichen Generationenkonflikt, um die Auflehnung der Söhne gegen die Eltern. Wenn ein junger Mann mit seiner Familie nicht mehr zurechtkommt, dann kann er nicht die Familie verlassen und sagen: „Ich suche mir bei der Kirche eine neue Heimat!“ Unsre Aufgabe kann gerade auch in der eigenen Familie liegen.

Aber diese Familie darf uns nicht am Glauben hindern. Wenn das so ist, dann ist es besser, man verläßt die Familie. Aber eher ist es so, daß man das gute Klima in der Familie nicht gefährden will und lieber beim Glauben Abstriche macht. Da wird eine Mutter nicht kirchlich bestattet, obwohl sie das ganze Leben Kirchenmitglied war.

Jesus hat sich auch nicht mit den Seinen gezankt. Aber er muß deutlich machen, daß Gott einen radikalen Neuanfang setzt, um das Neue zu signalisieren, muß Jesus hier „Nein“ sagen. Dabei zerstört er geläufige Vorstellungen von Religion, Sitte und Familie. Wenn er als der älteste Sohn brav zu Hause geblieben wäre und als Bauhandwerker sein Brot verdient hätte und streng nach den Gesetzen und Überlieferungen Israels gelebt hätte, dann wäre er mit der Familie und den führenden Kreisen in Israel nicht in Konflikt geraten. Aber damit hätte er den leidenden Menschen nicht geholfen und das Kommen des Reiches Gottes verpaßt. Dann wäre alles in einer durchschnittlichen Religiosität geblieben, wo man sagt: „Religion muß sein“, so wie Beruf und Familie sein müssen. Wer aber zur Gottesfamilie Jesu gehören will, der muß mit Trennung rechnen.

 

(2.) Zu Jesus gehören, das will verbinden: Bei Jesus kann man aber auch etwas gewinnen. Die um Jesus herumsitzen, sind noch keine Kirche im Sinne einer ortsfesten und organisierten Gemeinschaft. Aber sie sind von ihm gerufen und ausgewählt, er hat sie in seine Gemeinschaft gezogen und sich bleibend mit ihnen verbunden. Das waren die ersten keimhaften Anfänge der Kirche: Da sind einige versammelt in seinem Namen und er ist mitten unter ihnen. Er zieht sie in die anbruchsweise sich ereignende Gottesherrschaft hinein, indem er sich mit ihnen verbindet.

Wenn die Gemeinde nun Jesu Familie ist, dann müssen wir auch umgedreht fragen: Ist die Gemeinde auch eine Familie? Keiner kann sich seine Familie aussuchen. Wir werden in sie hineingeboren, ganz unabhängig davon, ob und das später leicht oder unendlich schwer wird. Einen Freundeskreis aber kann man sieh frei wählen, kann ihn auch ändern. Oft fühlen wir uns von Freunden viel tiefer verstanden als von der eigenen Familie. Deshalb sollte die christliche Gemeinde schon etwas wie eine Familie sein.

Wenn heute junge Menschen zum Glauben kommen und sich taufen lassen, dann kann das oftmals die Trennung von der Familie bedeuten. Wenn es nur einer in der Familie ist, wird er oft einsam und unverstanden sein. Da lassen die jungen Leute dann auch ihr Kind taufen; aber

die Oma kommt nicht mit, weil sie anderer  nicht ist. So etwas wirkt sich aber auch automatisch auf das sonstige Verhältnis von Alt  und Jung aus.

Solche Menschen, die ohne eine Prägung durch die Familie zur Gemeinde kamen, dürfen wir nicht enttäuschen. Die Gefahr ist groß, daß sie sich viel zu viel von der Gemeinde versprechen. Sie haben gehört, wie es nach der Bibel in der Gemeinde zugehen müßte. Aber wir sind halt alle nur Menschen, mit vielen Fehlern  und Schwächen. Doch es darf nicht soweit kommen, daß sie dann abgestoßen werden von dem, was sie dann dort erleben.

Es gibt ja auch in der Tat viele positive Beispiele. Menschen aus ganz verschiedenen Nationen und Kirchen, unterschiedlicher Bildung und Erziehung, können in der Hingabe an Gott tief innerlich verbunden sein. Auf Gottes Wort hören, zu ihm beten und seinen Willen tun, das verbindet untereinander, über alle Grenzen hinweg. Das dürfen wir beglückend immer wieder in der Kirche erleben.

Die Kirche hat lange schon Partnerschaften über die Grenzen hinweg gesucht, sie bringt ja auch die besten Voraussetzungen dafür mit. Die Politik zieht da jetzt erst langsam nach und spricht nun auch von einer Verantwortungsgemeinschaft und einer Sicherheitspartnerschaft.

Wir werden natürlich immer darauf achten müssen, daß wir andere Menschen nicht ausgrenzen.

Es kann einem leicht so gehen, daß man gleich die Menschen einteilt in Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder. Besonders schwer fällt es dann, ein unbefangenes Verhältnis zu denen zu haben, die erst in letzter Zeit aus der Kirche ausgetreten sind. Andere haben vielleicht eher Schwierigkeiten mit der Einteilung in Einheimische und Zugezogene (oder gar „Fremden“).

Mit seinem schroffen Verhalten hat Jesus nicht ausschließen und abstoßen wollen, sondern das Kommende verkündigen wollen. Seine Familie hat ja dann auch später zur Gemeinde gefunden: Unter dem Kreuz steht seine Mutter und er vertraut sie dem Lieblingsjünger an. Und seinem Bruder Jakobus ist er als der Auferstandene erschienen und dieser wurde zu einer der Säulen der Gemeinde und zu ihrem ersten Leiter.

 

(3.) Zu Jesus gehören, das muß verpflichten: Jesus war nicht der, der alle Ordnungen. aufgelöst hat. Er hat nicht das Gesetz gebrochen und andere noch dazu verführt. Er übt nur deshalb Kritik an den Menschengeboten, weil Gottes eigentliches Gebot zu Ehren kommen soll. Wer Jesus entdeckt hat, der begreift, daß er nicht bleiben kann, wie er ist. Gott greift ja gerade nach denen und zieht die an sich, die es nicht geschafft haben .Gott weiß, wer die Gesunden sind. Wir können es ihm überlassen, sie auszusortieren. Aber alle anderen sollte Jesus an sich her­anlassen. Wir hätten Jesus mißverstanden, wenn wir herausläsen: „Erst einmal den Willen Gottes tun, und dann dürft ihr kommen!

Aber wer Kontakt mit Jesus hat, der wird schon merken, was ihm noch fehlt, um Gottes Willen zu tun. Das bedeutet: Jeder darf kommen, wenn Jesus einlädt. Aus dem Kontakt mit ihm wird sich einiges ergeben. Dieser Kontakt ist wichtiger als all unsre Vorsätze und Anstrengungen, Krafttaten und Opfer. Wo aus dem Glauben an Jesus gelebt wird, da geschieht Gottes Wille. Da betet man auch täglich, daß dieser Gotteswille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

 

 

14 . Sontag nach Trinitatis: Mk 1 ‚ 40 - 45

Die schlimmste Krankheit unsrer Zeit und unsres Kontinents ist der Krebs. Früher sah man ihn mehr als eine Alterskrankheit an. Aber heute sind in zunehmendem Maße auch schon Kinder davon befallen. Blindlings schlägt diese Krankheit zu, man kann nicht durch eine gesunde Lebensweise vorbeugen, wen es eben trifft, den trifft es. Und bis man etwas merkt, ist es meist zu spät.

Ähnlich muß man im Altertum den Aussatz empfunden haben. Er kommt heute auch noch vor, aber hat nicht mehr die Schrecken, die er einst verbreitete. Wir kennen heute den Erreger und haben die Krankheit unter Kontrolle. Eine Isolierung des Kranken ist nur noch notwendig, wenn die Krankheit offen und ansteckend ist. Früher aber konnte man sich nicht anders dagegen wehren, als daß man die Kranken einfach aus der Gemeinschaft der Menschen ausstieß.

Schlimm war auch, daß man die Krankheit als eine Strafe Gottes ansah. Ein Aussätziger war nach damaliger Anschauung von Gott geschlagen. Der Ausbruch der Krankheit war Zeichen für das Vernichtungsurteil Gottes, ein Kranker hatte Gott gelten sich. Wir dagegen wissen: Ein Christ, der an einem urheilbaren Leiden stirbt, kann sich getröstet in Gottes Hände geben, weil Gott ihn dadurch erlöst aus dem Leib des Todes.

Allerdings ist auch das nicht immer leicht. Krankheit hat auch für uns etwas Unheimliches. Das gilt sowohl für die eigene Krankheit als auch für die Krankheiten, die wir in unserer Umgebung erleben. Wir fragen doch manchmal: „Warum muß es denn überhaupt Krankheit geben? Wäre das Leben nicht viel schöner, wenn man ohne diese Plage auskäme? Warum läßt Gott immer wieder solche besonders schlimmen Fälle zu?

Allerdings leben wir auch in einer Zeit, in der man möglichst alles Leid beseitigt bekommen möchte. Man will das Leiden vermeiden und möglichst sogar ganz ausschalten, koste es, was es wolle. Und jeder ist willkommen, der sich diesem Ziel zur Verfügung stellt. Wer aber ein solches Ziel in Frage stellt, vielleicht sogar dem Leiden noch einen Sinn abgewinnen will, der muß mit scharfer Kritik und Verwunderung rechnen.

Wie können wir mit der Krankheit leben? Wie ordnen wir sie in unser Leben ein und wie werden wir mit ihr fertig? Wie können wir der Krankheit begegnen? Wie können wir sie seelisch bewältigen? Das sind Fragen, auf die wir durch das Verhalten Jesu eine Antwort finden können.

Die Reaktion Jesu auf den Anblick des Kranken wird in dieser Geschieht von der Heilung des Aussätzigen verschieden beschrieben. Nach der einen Lesart wurde er „von Erbarmen erfaßt“, in der anderer heißt es: „Er wurde von Zorn erfaßt“ .Der Bibeltext ist hier in den verschiedenen Handschriften unterschiedlich überliefert. Ursprünglicher scheint der Zorn zu sein, denn eine solche Reaktion ist ungewöhnlicher und rätselhafter bei Jesus. Ein späterer Abschreiber hat da mildern wollen und nach dem Vorbild anderer Heilungsgeschichten vom Erbarmen Jesu geschrieben.

Warum aber gerät Jesus in Zorn? Er müßte sich doch über das Vertrauen des Kranken freuen! Bei ihm steht der Glaube nicht am Ende, sondern am Anfang: „Wenn du nur willst, da kannst du mich rein machen!“ Am Verhalten des Kranken konnte es nicht liegen, daß Jesus in Zorn

gerät.

Es ist die Krankheit, die den Zorn hervorruft. Jesus sieht diesen von Aussatz zerfressenen und entstellten Menschen. Seine Lage ist hoffnungslos. Er ist noch lebendig, und doch schon tot. Sein Schicksal ist unweigerlich vorgezeichnet. Und Jesus erkennt: Dies ist wieder ein Opfer des Bösen, das hier seine zerstörerische Macht über die Welt ausübt.

Jesus weiß genau, wer hinter dieser Krankheit steht. Deshalb gerät er auch nicht in Verzweiflung wie gegenüber einer unbekannten Macht, sondern sein Zorn richtet sich gelten eine bestimmte personale Macht, die wir meist als Teufel bezeichnen. Auf der Bühne stehen zwei Menschen: Jesus und der Kranke. Aber im Hintergrund spielt sich unsichtbar ein Kampf ab, der seit Anbeginn der Menschheit tobt. Seit dieser Zeit lebt die Welt im Widerspruch zu Gott, geschieht Böses und gibt es auch Krankheit. Am Schicksal dieses armen Menschen wird es wieder einmal in  besonders krasser Weise deutlich.

Es geht also nicht so sehr um die konkreten Sünden dieses bestimmten Menschen. Die Juden glaubten ja zu wissen, welche Sünden es sind, die den Aussatz hervorrufen: Stolz, Lüge, Mord, heillose Gedanken und Streit zwischen Brüdern. Wer Aussatz hatte, mußte nach ihrer Meinung eine dieser Sünden begangen haben. Die Frage wäre dann nur: Wer würde dann überhaupt von dieser Krankheit verschont bleiben? Man kann sicher nicht Sünden und Krankheit im Einzelfall gegeneinander aufrechnen. Aber daß es Krankheit gibt, ist mit ein Zeichen für das Böse in der Welt, an dem wir Menschen alle mitbeteiligt sind.

Wie sollen wir aber diesen Übel begegnen, der Krankheit und dem Bösen? Ein Arzt wird angesichts einer unheilbaren Krankheit vielleicht auch in Wut geraten. Er muß sich sagen: Du möchtest diesem Menschen gern helfen, aber du kannst es im Grunde nicht. Du kannst ihn nur zu Tode behandeln. Vielleicht wirst du seine Qual nur noch verlängern. Unter Umständen kannst du ihm noch sein Leiden ein wenig lindern. Aber im Grunde bist du völlig machtlos. Da bleibt nur ohnmächtige Wut oder aber auch Gleichgültigkeit.

Jesus dagegen tritt seinem Feind entschlossen entgegen. Normal wäre gewesen, wenn er vor dem Kraken zurückgewichen wäre, der da so stracks auf ihn zukam. Die jüdischen Gesetzeslehrer achteten peinlich genau auf die vorgeschriebenen Abstände. Jesus aber läßt der Aussätzigen so nahe herankommen, daß er ihm anfassen kann. Er streckt die Hand aus zum Heilen und Retten, ohne Angst vor Ansteckung und Sünde. Da kehrt der Kranke schon ins Leben zurück, so wie ein Rollstuhlfahrer schon etwas am Leben teilhaben kann, wenn er ausgefahren wird.

Der Widersacher soll gleich wissen, wen er vor sich hat. Jesus macht deutlich: Wir wollen doch sehen‚ wer hier der Stärkere ist! Der andere wollte Jesus durch den Aussatz erschrecken. .Aber Jesus rührt der Kranken an und hat keine Angst. Dadurch ist im Grunde schon die

Wende herbeigeführt. Jetzt kann man schon wieder Hoffnung schöpfen, jetzt ist es nicht mehr aussichtslos.

Doch im spannenden Augenblick heißt die Frage nicht: „Wird Jesus auch können?“ sondern: „Wird Jesus wollen?“ Jesus müßte nicht. Wir Menschen sind alle Sünder und haben keine vor Gott einklagbaren Rechte. Es muß nicht jeder gesund werden, der zu Jesus gehört. Auch Jesu Leute sterben früher oder später, sanfter oder schmerzhafter. Er selbst ist ja gestorben. Sein Evangelium lautet nicht: „Das Kreuz wird abgeschafft!“ sondern gerade durch das Kreuz Jesu wird dem Bösen die Macht entrissen.

Doch dann ist wieder überraschend, daß dieser Sieg im Verborgenen bleiben soll. Da ist einem Menschen das Leben und das längst verloren gegebene Glück wieder geschenkt worden. Aber im nächsten Augenblick wird er angefaucht und es wird ihm verboten, seine Erfahrung jemandem mitzuteilen. In die Alltagssprache übersetzt sagt Jesus „Hau bloß ab und halt die Klappe! Erledige die nötigen Formalitäten, damit du keinen Ärger mit den Behörden bekommst. Aber dann laß mich in Ruhe mit dieser Art von Hilfe. Ich will nicht nur aus irgendeiner Krankheit heraushelfen, sondern Hilfe zum ganzen Leben geben. Mach keine Sensation daraus, sondern überleg einmal, was ich dir noch über die Gesundheit hinaus geben kann!“

Jesus widersetzt sich der Wundersucht der Menschen. Natürlich geschehen Wunder. Gott ist der Herr der Welt und spielt auch auf diesem Instrument. Er will unser Bestes und kann dazu auch das Wunder benutzen. Wir haben ihn für uns und nicht gegen uns. Aber wenn das Wunder ausbleibt, dann ist Gott nicht weniger am Werk. Wir sollen nicht um seiner Wunder willen an ihn glauben.

Jesus ist auf die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen aus. Dazu kann das Wunder helfen‚ es kann aber auch hinderlich sein. Es könnten ja die erstaunlichsten Wunder geschehen und die Menschen suchen doch keine Vergebung und halten Gott nur wegen seiner Machttaten für interessant. Jesus weiß natürlich, daß wir Menschen gern etwas Handfestes hätten und am liebsten schon jetzt den Himmel auf Erden haben möchten. Aber er möchte auch, daß wir ihm vertrauen, ohne etwas in  der Hand zu haben.

Die Geschichte endet damit, daß der Geheilte zu predigen beginnt. Der Inhalt seiner Predigt war aber sicher nicht: „Leute, ich bin wieder gesund!“ Vielmehr will er auch die anderen zur Entscheidung für oder gegen Jesus bringen. Zumindest hätten doch die Priester erkennen müssen, wer an dem Aussätzigen am Werk war.

Aber bis heute könnten natürlich die Kranken klagen: „Jesus kann zwar, aber er will doch nicht!“ Es wäre doch besser gewesen, er hätte als der große Wunderarzt gehandelt und nicht als der Anfänger einer neuen Menschheit. Die Heilungswunder Jesu fallen doch überhaupt nicht ins Gewicht gegenüber dem Krankheitselend der Menschheit  Aber sie sind Zeichen, daß der Fürst dieser Welt grundsätzlich schon entmachtet ist.

Dadurch werden auch die schwersten Leiden zu dem, was man in der kirchlichen Sprache „das Kreuz“ nennt: Sie sind nicht mehr Merkmal der Verlorenheit, sondern wir werden zum Weg in das Heil. Jesus möchte, daß wir nicht nur zeitlich, sondern ewig gesund werden. Er hat mehr zu bieten als nur die Gesundheit des Leibes; er möchte auch unsre Seele gesund machen und uns zum ewigen Heil verhelfen.

 

 

15 . Sonntag nach Trinitatis: Lk 18, 28 - 30

Vor 20 Jahren dachte ich noch anders über die hier angeschnittene Frage: „Wir sind dir nachgefolgt, welcher Lohn wird uns dafür?“ Ich dachte mir: „Wenn du Theologie studierst und Pfarrer wirst, dann hast du Gott doch einen großen Gefallen getan. Da wird er gar nicht umhinkönnen, dich in seine Reihen aufzunehmen. So ein Beruf ist die beste Versicherung, um in dem Himmel zu kommen, der ist dir dann wenigstens sicher!“

Wenn wir ehrlich sind, dann werden wir zugeben, daß wir vielfach alle so denken. So ganz im Geheimen ist bei jedem die Meinung da: Wenn du nur fleißig zum Gottesdienst gehst, dann wird nach deinem Tod schon alles in Ordnung gehen! Mancher spricht es auch offen aus:

„Ich habe mir nichts im Leben zuschulden kommen lassen. Da denke ich doch, daß Gott mich einmal in sein Reich aufnehmen wird!“ Das sind durchaus fromme Menschen, die so reden, aber sie denken doch in einem wichtigen Punkt falsch.

Allerdings: Schon der Jünger Petrus hat so gedacht. Jesus hatte dem reichen Jüngling gesagt: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach!“Aber dazu war er nicht bereit. Daß so etwas geschieht, dazu muß Gott im Grunde jedesmal erst ein Wunder tun. Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher sich von seinem Besitz löst. 4Aber im Fall der Jünger hatte Gott dieses Wunder getan. Sie hatten alles verlassen: Beruf, Besitz, Familie. Sie sind Jesus ja nachgefolgt.

Aber nun taucht die allzumenschliche Frage auf: „Was bringt das Christsein ein? Was nützt es mir? Bei Lukas ist diese Frage nicht direkt ausgesprochen. Sie findet sich aber in der Parallelstelle bei Matthäus und steht sicher auch bei Lukas im Hintergrund. Dann wäre also das Christsein ein Geschäft mit dem Himmel. Zumindest ginge es dann nach dem Prinzip: Wie du mir, so ich dir. Gibst du mir etwas, dann gebe ich dir auch etwas! Es muß sich doch auszahlen, es muß doch Vorteile bringen, wenn ich mich zu Gott halte.

Aber körte nicht auch Gott  u n s fragen: „Was wird mir dafür?“ Er hat doch wohl noch ein größeres Recht dazu. Doch Jesus weist die Frage des Petrus nicht als ungehörig zurück. Er ist so gütig, daß er auch auf eine solche Frage eingeht. Gott will ja durchaus lohnen; aber niemand sollte auf Lohn aus sein, da würde er doch seine Lage vor Gott in fataler Weise mißdeuten.

Es ist gut, wenn man wirklich zu einer Freiheit des Loslassens gelangen kann. Die Jünger Jesu haben ja das auf sich genommen‚ was der reiche Jüngling nicht übers Herz brachte. Wir dagegen haben uns daran gewöhnt, in bürgerlicher Ruhe und Bequemlichkeit zu leben. Wir möchten uns in unserem weltlichen Leben nicht stören lassen. Und wenn von uns nur ein kleines Opfer in Form der Kirchensteuer verlangt wird, dann klagen wir schon über die unzumutbare Höhe. Man schämt sich ja fast, diesen Satz aus dem Munde des Petrus zu verlesen: „Wir haben alles verlassen!“

Jesus hat allerdings nicht den Besitz verboten. Aber sein Dienst verlangt eine gewisse Beweglichkeit und auch eine innere Freiheit. Wer aber immerzu für seinen Besitz zu sorgen  hat, ihn mindestens erhalten und möglichst noch vermehren will, der ist nicht frei zu einem solchen Dienst. Bei der kleinen Schar der Jünger von damals war es freilich leichter, nirgendwo zu Hause zu sein und im Land herumzuziehen. Heute sind wir eine Kirche mit festen Gemeinden, mit einer Verantwortung für die Menschen und Gebäude, für die üblichen Lebens- und Arbeitsformen.

Wir wollen auch nicht unbarmherzig sein  und uns bei unseren Vorsätzen übernehmen. Nicht jedem ist in gleicher Weise deutlich, daß er zum Bekenntnis des Glaubens verpflichtet ist. Nicht jeder hat auch die nötigen Kräfte zum Durchhalten. Aber es ist doch beschämend, daß

wir uns daran gewöhnt haben, das Christsein so zu verbilligen und unverbindlich zu machen. Doch wem es nicht gegeben ist, hier strengere Maßstäbe an sich selber anzulegen, den wird man auch licht dazu zwingen können. Niemand kann zum Loslassen gezwungen werden. Jesus erwartet eine Freiheit des Loslassens.

Doch dazu kann man die Menschen auch nicht bringen, indem mag sich von der Kirche abwendet und eine eigene Kirche gründet. Das haben immer wieder einmal Pfarrer versucht. Sie warfen der Kirche vor, sie gäbe sich mit der kleinen Zahl zufrieden und wolle nicht mehr ins Volk hinein wirken. Vor allem sei man in Glaubenddingen nicht entschieden genug. So haben sie dann eine eigene „freie“ Gemeinde gegründet.

.Aber auch in einem solchen Kreis der Erlesenen wird es bald wieder die gleichen Probleme geben, mit denen sich die Kirche überall herumschlägt. Wir haben alle nicht die Freiheit des Loslassens und den Glaubensmut, wie wir ihn eigentlich haben müßten.

Im Frühjahr 1945 fand man in Dresden in einer Hausruine eine Kranz mit einem Pappschild mit der Nummer des Gesangbuchliedes: „Warum sollt ich mich den grämen, hab ich doch Christum noch‚ wer will mir den nehmen!“ So etwas ist ein Bekenntnis der Freiheit von irdischen Dingen. Wir müssen nicht alles verlieren, um Christus zu gewinnen. Wirklich frei von den Dingen dieser Welt kann man nur sein, wenn man auch frei ist loszulassen.

Solches Loslassen müssen wir vielleicht auch üben. Das gilt schon  im natürlichen Leben, wenn es etwa um die Energie-Einsparung geht. Aber für das Glaubensleben gilt das erst recht. Doch gerade da sollte es keine finstere Angelegenheit sein. fröhlich und festlich kann man auf die Güter dieser Welt verzichten.

Die Diakonissen leben es uns vor. Missionare haben ein Leben ohne die Bequemlichkeiten der europäischen Zivilisation gewagt. Albert Schweitzer hat eine glänzende Laufbahn fahren lassen und viele Unbekannte haben auf ihre Weise ähnliches auf sich genommen. Und dabei konnten sie die Erfahrung machen: Man wird nicht ärmer dabei, wenn bereit ist zum Verzicht und Weggeben.

Jesus stellt dem Verlust den Gewinn gegenüber. Die Spitze seiner Antwort liegt nicht in der

Forderung auf Verzicht, sondern in der Zusage: Ihr werdet es vielfältig wiedererlangen, und zwar nicht erst jenseits der Lebensgrenze, sondern schon hier in dieser Zeit. Doch für diesen Gewinn sind wir oft blind. Wir erschrecken nur vor der Forderung und sehen nicht, was uns geschenkt wird.

Gemeint ist allerdings nicht, daß das Gleiche in vielfacher Anzahl erstattet wird: Wer ein Haus geopfert hat, kriegt nicht viele Häuser. Und wer auf die Ehe verzichtet hat, braucht nicht auf einmal viele Frauen. Jesus gibt nicht dasselbe, sondern anderes, das aber einen vielfältigen Wert darstellt.

In Indien schickte eine vornehme und reiche Hindufamilie den Sohn auf eine englische Missionsschule, weil diese Schule die beste war. Dort kam er natürlich auch in Berührung mit dem Neuen Testament und äußerte mit 14 Jahren den Wunsch, Christ zu werden. Seine Familie fiel aus allen Wolken. Sein Onkel zeigte ihm die Schatzkammer der Familie und sagte: „Das alles wird dir auch gehören, wenn du beim Glauben deiner Vorfahren bleibst. Wenn aber nicht, dann stoßen wir doch aus der Familie aus!“ Schließlich hat man sogar versucht, den Jungen zu vergiften. Aber Sundar Singh blieb dabei und ließ sich taufen. Er hat seinen Weg dann in der Kirche gemacht. Er wurde der bedeutendste Theologe der frühen indischen Kirche. Seine Bücher wurden auch in Europa gedruckt und gelesen. So hat er zwar seine leibliche Familie verloren, aber eine viel größere  geistliche Familie gewonnen.

Wer Christ ist, dem werden neue Lebensmöglichkeiten erschlossen. Wer fremd an einen Ort kommt, zum Beispiel in ein Neubaugebiet, der findet sofort in der christlichen Gemeinde Freunde und Verbündete. Türen öffnen sich, die zuvor versperrt waren. Es entsteht Lust zum Gespräch, wo man sich hat abkapseln wollen. Man wird auch selber bereit, zugunsten anderer zu verzichten. Man wird zwar nicht nur auf Gleichgesinnte treffen, aber doch auf Menschen, die Jesus liebt und angenommen hat, so wie er uns selbst geliebt und angenommen hat.

Bei Jesus gewinnen wir sogar den freien Zugang zu Gott und eine ungetrübte Gemeinschaft mit ihm, trotz allem, was gegen uns spricht. Gott hält an uns fest, obwohl wir ihn immer wieder loslassen. Er bleibt uns zugewandt, obwohl wir uns immer wieder von  ihm wegwenden.   Er übersieht sogar die Frage nach dem Lohn und antwortet mit dem großen Angebot: Ich gebe euch viel mehr, als ihr eingesetzt habt!

Vielleicht gelangen wir auch durch Jesus zu den Menschen einen ganz neuem Zugang, die wir schon lange gelernt haben. Mancher öffnet sich erst in der Stunde des Sterbens für Gott und damit auch für die ihm nahestehenden Menschen. Oder wieviel ist für eine Familie gewonnen, wenn einer auf einmal sagt: „Wir wollen gemeinsam ein Tischgebet sprechen!“ Dadurch kann eine ganz neue Gemeinschaft geschenkt werden.

Erzwingen kann man hier nichts. Aber es hilft doch sehr, wenn ich mir klar mache: Ich habe zwar unter dem anderen zu leiden und manches auszustehen; aber Jesus nimmt ihn an. Er hat ja auch mich angenommen, was im Grunde noch erstaunlicher ist. So sind wir jetzt zwei Menschen, die an sich verspielt hatten, aber jetzt durch Jesus gewonnen haben.

Gewonnen haben wir vor allem das ewige Leben. Und dieses ist nicht ein ewiges Halleluja, zu dem Keiner echt Lust hat. Es wird uns nicht über werden, den Herrn zu sehen, wie er ist. Dann werden wir immer mehr in sein Bild verwandelt werden, werden wir endlich das, was wir sein sollten. Jesus steht dafür ein, daß eine solche Hoffnung nicht trügt.

 

 

16. Sontag nach Trinitatis: Klagelieder 3, 22 - 26 und 31 - 32

In Jerusalem gibt es die Klagemauer, 19 Meter hoch und aus riesigen Steinquadern gefügt. Sie stammt noch von dem Tempel zur Zeit Jesu und die untersten Schichten sollen sogar noch vom ersten Tempel aus der Zeit Salomos stammen. Sie ist bis heute der Wallfahrtsort für viele fromme Juden, die dort über die Zerstörung Jerusalems und des Tempels weinen, aber sicher auch manche persönliche Klage vorbringen. Wenn die Steine hören könnten, dann hätten sie sicher von viel Elend und Schmerz, von Bitten und Hoffnungen etwas vernommen.

Wo sind unsre Klagemauern? Mancher klagt nur innerhalb seiner vier Wände und trägt nach außen ein unbekümmertes Gesicht zur Schau. In den Wartezimmern der Ärzte oder Behörden kann man auch manche Klage hören. Und Tränen und Schmerz sind an Friedhofsmauern üblich. Aber noch besser ist es, wenn man einen Menschen als Klagemauer hat. Vielleicht ist es einer, der uns als Verwandter oder Nachbar besonders nahe steht. Aber vielleicht ist es auch ein entfernterer Freund, der versteht, was uns bewegt, und der uns zuhört.

Natürlich können wir auch Gott unser Herz ausschütten. Der Gottesdienst ist eine besondere Gelegenheit auch zur Klage. Wenn die Glocken noch läuten und wir still in der Bank sitzen, ist dazu Gelegenheit. Aber auch wenn im Schlußgebet Gelegenheit zum stillen Gebet gegeben wird. Aber natürlich können auch sonst einmal die Gedanken abschweifen und sich mit persönlichen Problemen mehr oder weniger beschäftigen.

Besonders bei Trauerfeiern werden viele Menschen besonders angerührt. Sie hören manchmal etwas heraus, was der Prediger gar nicht im Blick gehabt hat. Aber weil man innerlich aufgewühlt war, hat man ganz anders hingehört und mitgedacht und ist angesprochen worden. Die Klage anderer Menschen ist einem selber Hilfe und Trost geworden.

Unser Bibelabschnitt ist umgeben von vielen Klageausbrüchen. Das Buch spiegelt die Schrecknisse der Belagerung und Eroberung Jerusalems. Der Dichter hat vielleicht dem Königshof angehört und noch bis zuletzt auf Rettung gehofft, mußte dann aber mit dem König aus der Stadt fliehen. Alle Leiden und Drangsale dieser schweren, Zeit, die mit der Verschleppung eines großen Teils des Volkes nach Babylon endeten, hat er selber mitgemacht.

Der glaubende Mensch soll hinter all diesem Geschehen sogar Gott am Werk sehen. Das ist eine schreckliche Erfahrung, wenn man erkennt: Gott selber war es ja. Daß so etwas in der Bibel steht‚ wird manches Kopfschütteln bei uns hervorrufen. Gott ist nicht nur ein harmloser „lieber“ Gott. Wer so etwas meint, der wird der Erfahrung des unbequemen und ängstigenden Gottes schutzlos ausgesetzt sein. So hat es Wolfgang Borchers in seinem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ beschrieben: Da kommt ein Soldat aus dem Krieg heim, das Haus ist zerstört, die Frau .ist bei einem anderen, und er fragt: „Wo bist du lieber Gott?“ Wenn man immer nur von dem lieben Gott gehört hat, dann kann man solche schmerzlichen Erfahrungen nicht aushalten, dann zerbricht der Glaube.

Die Klagelieder machen deutlich, daß zum Glauben auch die Anfechtung gehört. Man kann zuweilen auch an Gott irre werden und ihn aus den Augen verlieren. Man kann dem schrecklichen Gott begegnen, dem richten Gott des Gesetzes. Das ist sozusagen die Rückseite des Glaubens, die auch mit dazu gehört. Auch ein Christ hat nicht ein für allemal einen Stand­punkt gefunden, an dem er dem Zorn Gottes nicht ausgesetzt wäre.

Und dennoch hat dieser Bibelabschnitt einen anderen Grundton, es gibt noch eine Hoffnung. Auch wenn es schlecht um mich oder mein Volk steht, sagt der Verfasser: Ich hoffe noch! „Die Güte des Herrn ist es, daß wir rieht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß!“

Damit nimmt alles eine unerhörte Wende: Mitten in der Finsternis, in der der Verfasser die Hand nicht mehr .vor den Augen sieht, staunt er, daß er noch atmen und leben kann und ihm noch die Sonne scheint. Er weiß sich jeden Morgen neu umgeben vor der Treue Gottes, die Unverbrüchlichkeit der Gnade Gottes wird ihm zum Halt. Gott ist immer voll Güte und Erbarmen‚ wie verzweifelt die Lage auch im Augenblick zu sein scheint.

Das ist kein billiges Rezept, um sorglos in die Zukunft hinein zu leben. Aber hier zeigt sich die Hoffnung eines Menschen‚ der sich in auswegloser Lage an seinen Herrn wendet und etwas von ihm erwartet. Gott meint es ja gut mit den Menschen. Es geht ihm nahe, wenn die Seinen leiden müssen‚ auch wenn sie selbst daran schuld sind und zu Recht leiden müssen.

Der Glaube vernimmt das „Ja“ hinter dem „Nein“ Gottes. Er weiß, daß Gott verborgen ist. Er ist unseren Sinnen und unserem Verstand nicht erreichbar; und sein Handeln läuft oft dem zuwider, was wir uns vorstellen und ausrechnen.

Wir haben nicht die Formel, nach der Gott die Welt regiert, so daß wir ihm sein Tun nachrechnen könnten. Wir können ihn nicht immer verstehen. Aber hinterher entdecken wir dann manchmal, wie er mit uns verfahren ist und daß es im Grunde ganz recht so war. Jedenfalls können wir aus Glück oder Not, Gesundheit oder Krankheit, Erfolg oder Scheitern nicht schließen, wie Gott gegen uns gesinnt ist.

Woher hat denn der Dichter der Klagelieder mit einem Male diese Gottesgewißheit? Er hat sie aus der Glaubenstraditionseines Volkes. Diese Sätze hat er sicher schon oft im Gottesdienst gehört. Aber jetzt gehen sie auf einmal zu Herzen und gewinnen ihre Leuchtkraft als Zusagen auch für die Gegenwart. Dahinter steht die Erfahrung vieler gläubiger Menschen, die leiden und klagen mußten und doch auf Gott hofften. Sie haben ihre letzte Zuflucht bei Gott gesucht. So wurde ihre Klage gewendet und die Freundlichkeit Gottes wurde ihnen wieder deutlich gemacht.

In den Katastrophen unsres Lebens sollten wir nicht alles um uns herum vergessen, sondern frühere Erfahrungen festzuhalten versuchen. Es könnte einem einfallen, was man einmal an Katechismusstücken und Liedern gelernt hat oder was einem aus dem Ablauf des Gottesdienstes vertraut ist. Wir brauchen unsre Krisensituationen nicht nur mit unsren eigene Erfahrungen zu bestreiten, sondern wir können zehren von den Erfahrungen anderer Christen und der ganzen Kirche.

Wir können auch an die Zuwendung Gottes in Jesus Christus denken. In der Auferstehung Jesu wurde ein Neuanfang gesetzt, der alle Morgen neu ein Angebot der Güte und Barmherzigkeit unsres Gottes ist. An Jesus Christus können wir ablesen‚ wie Gott zu uns steht, und nicht am Lauf der Welt oder an unsrem persönlichen Schicksal.

So können wir immer wieder vom Gott des Gerichts zum Gott der Gnade fliehe. Natürlich haben wir es hier wie dort mit dem gleichen Gott zu tun. Aber er steht in einer zweifachen Beziehung zu uns. Gott kann uns das Gericht nicht ersparen. Aber sein eigentliches Werk sieht er im Begnadigen. Er hält an uns fest, auch wenn wir loslassen und versagen. Er hat sich selbst an uns gebunden und steht in Liebe zu uns, komme was da wolle.

Deshalb wäre es falsch, in stumpfer Sprachlosigkeit mit seinem Schicksal allein zu bleiben, enttäuscht und gelähmt. Man kann sich in einer solchen Lage auch bewußt gegen Gott verriegeln und einfach behaupten‚ mit Gott sei doch rieht mehr zu rechnen. Dieser Bibelabschnitt aber macht uns deutlich: Ein solches Verstummen entspricht in keiner Weise dem, was Gott selber will und denkt. Gott ist dem, der ihn sucht, freundlich zugewandt, er ist empfangsbereit für den, der sich zu ihm auf den Weg macht. Nur gehören eben Geduld und Ausdauer auch dazu, man muß den Weg auch bis zum Ende gehen und nicht schon vorher im Kummer steckenbleiben.

Der Verfasser hofft auf den Wandel der äußeren Situation. Doch er meint das nicht im Sinne: Es kommen auch einmal wieder andere Zeiten? Er hofft vielmehr auf Gott, den es ja selbst zu den Menschen drängt. Nach der Zeit der Betrübnis führt Gott nur zu gern glücklichere Zeiten herauf. Er brennt geradezu darauf‚ nach den Unwettern wieder die Sonne scheinen zu lassen. Im Himmel ist Jubel, wenn ein Verlorener heimkehrt.

An manchen Häusern gibt es noch eine Sonnenuhr. Wenn die Sonne scheint, fällt der Schatten des Stabes auf die Skala und zeigt die Uhrzeit an. Bei trübem Wetter allerdings funktioniert dieses System nicht. Deshalb steht an einer Sonnenuhr in Latein der hintergründige Spruch: „Wenn die Sonne nicht scheint, ist Geduld nötig!“ Die Sonne existiert auch hinter den Wolken. Man kann mit Bestimmtheit sagen, daß sie wieder durch die Wolken brechen wird. So dürfen wir auch immer wieder auf die Liebe Gottes hoffen. Er hat uns tief in sein Herz sehen lassen, als er Mensch wurde. Er hätte nicht zu uns zu kommen brauchen. Aber es hat ihn zu uns gezogen, weil er uns zu sich ziehen wollte. Deshalb wissen wir immer, wohin wir fliehen können.

 

 

17.  Sonntag nach Trinitatis: Mk 9, 14 - 27

In den USA wurde eine Sekte zu 9 Millionen Dollar Strafe und 5,2 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt. Sie wurde für schuldig befunden am Tod eines zuckerkranken Jungen, dem die Matter und der Stiefvater das lebensrettende Insulin vorenthalten haben. Die Sekte hatte behauptet, der Junge brauche nur heilende Gebete. Als der Junge daraufhin starb, erhob der leibliche Vater Anklage.

Man sage nicht, das sei eben Amerika und bei uns nicht möglich. Schon vor Jahrzehnten starb in Marburg eine 21-jährige Frau an der gleichen Krankheit und aus den gleichen Gründen. Und sie war noch eine Medizinstudentin, die es hätte wissen müssen. Aber ihre religiöse Über­zeugung war stärker als ihr naturwissenschaftlicher Sachverstand.

Aber gibt die eben gehörte Geschichte aus der Bibel von dem kranken Jungen diesen Menschen nicht recht? Jesus sagt doch selber, daß man Glauben haben müsse, um heilen zu können. Also doch eher das Gebet als die Medizin, wenn man ein richtiger Christ sein will?

 

(1.) Die Macht der Menschen kommt an eine Grenze:

Das Altertum hatte noch andere Anschauungen von der Krankheit als wir. Man meinte, alle Krankheit sei verursacht von bösen Geistern, die das Menschenleben stören und zerstören. Und man meinte auch, Krankheit sei die Strafe für eine ganz bestimmte Schuld. Wir sagen ja heute auch noch: Wer viel raucht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er dann Lungenkrebs kriegt.

 Aber damals ging man viel weiter und meinte: Egal, welche Sünde man begangen hat, man wird mit einer körperlichen Krankheit dafür bestraft. Deshalb wollte man das Grundübel anpacken und nicht nur an dem äußeren Erscheinungsbild herumdoktern.

Da ist in der Tat etwas Wahres dran. Nur kann man nicht sagen: Diese bestimmte Krankheit hat ihre Ursache in einer ganz bestimmten Schuld, die du verborgen mit dir herumträgst. Man kann höchstens sagen: Weil jeder Mensch vor Gott ein Sünder ist, deshalb gibt es auch noch Krankheit und Schmerz in der Welt. Krankheit ist ein Zeichen dafür, daß die Welt sich von der guten Schöpfung Gottes entfernt hat und nun die Folgen zu tragen hat.

Neben der Krankheit gibt es noch andere zerstörerische Kräfte im Leben des einzelnen Menschen und im Zusammenleben der ganzen Menschheit: Da ist das Mißtrauen, mit dem wir einander begegnen. Da ist die Hetze unsrer Arbeit, die uns kaputtmacht. Da sind Alkohol und andere Mittel, die das Leben eines Menschen vernichten können.

Im Weltmaßstab sind Hunger und Krieg die Geißel der Menschheit. Kaum gelingt einmal ein Waffenstillstand. Nur an wenigen Stellen können wir etwas gegen Hunger und Krankheit tun oder zur Versöhnung der Völker beitragen. Lieber machen wir die Augen zu und wollen nicht daran erinnert werden.

Wenn es uns selber betrifft, dann können wir dem Unheil nicht so leicht ausweichen. Wenn die Ärzte nach der Operation sagen: „Wir haben getan, was in unsrer Macht lag!“ dann wollen sie damit sagen: „Die Operation ist fehlgeschlagen, wir sind am Ende!“ Auch für sie ist es bitter, das einsehen zu müssen. Sie sind ja keine „Halbgötter in Weiß“, wie man das bezeichnet hat, sondern auch nur schwache Menschen.

Und unsre Schwäche und Ohnmacht spüren wir besonders, wenn wir bei einem Kranken ausharren müssen und können nicht helfen. Da kommt man leicht an einen Punkt, wo man weglaufen möchte und aufgeben will. Man weiß, daß man das nicht darf, um des betreffenden Menschen und um Gottes willen; aber man ist doch oft völlig kopflos.

Das ist die Situation, in der Jesus seine Jünger wiederfindet, als er von dem Berg zurückkehrt. Einen Augenblick ist er einmal nicht da, und schon sind sie völlig hilflos und ohnmächtig, untätig und niedergeschlagen. Sie sollten wissen, was zu tun ist. Aber sie lassen den kranken Jungen auf der Straße liegen und schauen tatenlos zu.

Das ist aber genau die Lage, in der wir uns als Einzelne und als Kirche befinden. Zumindest meinen wir, wir könnten nichts machen, das Schicksal müsse seinen Lauf nehmen. Wir sollten Jesu Elitetruppe im Kampf gegen das Böse sein. Aber wir ergreifen oft als Erste die Flucht und überlassen das Opfer seinem Schicksal.

Da ist es schon verständlich, wenn Jesus sagt: „Wenn ich euch doch schon wieder los wäre?“

Doch was ist nun in so einer Lage zu tun?  Sind wir wirklich so ohnmächtig? Drei Schritte sind nötig:

 

(2.) Uns helfen Medizin, Lebenswille und Glaube:

Jesus ist völlig mißverstanden, wenn man sagt: „Ich brauche keine Medizin, wenn Gott helfen will, dann kann er das auch so, dann genügt mein Gebet!“ Gott will zunächst immer einmal auf natürlichem Wege helfen. Dazu hat er uns die Medizin und die Ärzte und die Geräte gegeben, damit geholfen werden kann. Hier darf man die Wissenschaft nicht gegen den Glauben ausspielen.

In einem Umzug fiel einmal ein junger Mann um, weil er einen epileptischen Anfall hatte - also genau der Fall wie in der biblischen Geschichte. Die anderen Leute waren entsetzt und wußten nicht, was sie tun sollten. Ein junger Mann hat aber etwas Besseres gewußt als nur zu beten. Schließlich war er einmal ein Jahr in einem Pflegeheim tätig und war zeitweise auch im Rettungswagen mitgefahren. So hat er den Kranken auf die Seite gelegt, ihm etwas zwischen die Zähne geschoben, damit er sich im Krampf nicht auf die Zunge beißt, und die Umstehenden beruhigt, daß nach einer Viertelstunde alles vorbei sein werde. Und so kam es dann ja auch, ein Arzt war gar nicht nötig.

Man muß also zunächst einmal ganz sachlich und fachmännisch wissen, was zu tun ist. Dafür muß man sich vielleicht ausbilden lassen, um die nötige Ruhe zu bewahren und nichts Falsches zu machen. So handelt ja auch Jesus zunächst einmal wie ein Arzt seiner Zeit. Zunächst sieht es so aus wie „Operation gelungen, Patient tot“. Die Umstehenden haben nichts anderes erwartet: Als nichts mehr hilft, wollen sie es einmal mit dem Wunderheiler versuchen. Es wird schon nicht schaden, wenn es auch nichts nützt.

Doch es stellt sich heraus, daß Jesus doch helfen kann. Die Leute meinen, hier habe nur ein besonders fähiger Arzt geholfen. Aber Jesus weiß, daß etwas mehr als Wissenschaft dazugehört. Auch die heutigen Ärzte wissen, daß ihre Fähigkeiten unterstützt werden müssen durch den Lebenswillen des Patienten. Wenn einer sich schon innerlich aufgegeben hat, dann ist ihm wirklich schwer zu helfen. Oder man kann es auch umgedreht sagen: „Man muß daran glauben, wenn die Medizin wirken soll.“ Man sagt das manchmal so im Spaß. Man hat ja auch schon Versuche gemacht und den Menschen ein völlig wirkungsloses Mittel gegeben. Aber es hat doch geholfen, weil die Versuchsperson an die Wirkung glaubte. Da ist schon etwas Wahres dran.

Aber Jesus sagt: Zu diesem zweiten Schritt der Hilfe muß noch ein dritter kommen. Ohne einen festen Glauben nützt alle Medizin und alle Psychologie nichts. Jesus macht deutlich: „Um wirklich voll und ganz gesund zu werden, braucht ihr auch einen festen Glauben!“ Der Vater des Jungen erkennt das auch nach und nach. Zunächst zweifelt er noch: „Wenn du etwas kannst, dann hilf uns!“ Aber schließlich sagt er: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Er weiß, daß er jetzt und in Zukunft einen starken Glauben braucht. Ihn quält die Sorge, ob sein Glaube auch weiteren Belastungsproben standhalten wird.

Not lehrt a nicht nur beten, sondern auch fluchen. Glaube und Unglaube liegen oft nahe beieinander. Doch Gott erkennt nicht nur den perfekten Glauben an. Es gibt sogar einen Glauben für den anderen. Geheilt wird hier ja der Sohn, für den der Vater glaubt. Gerade wer es ernst meint mit der Aussage dieser Geschichte, daß nur der Glaube umfassend hilft, soll nicht in Verzweiflung gestürzt werden.

Zwar muß jeder selbst zum Glauben an Gott und an Jesus finden. Doch Glaube ist vielleicht dort am echtesten, wo man nur noch so schreien kann wie der Vater dieses Jungen, wo man alle Glaubensbekenntnisse vergißt und nicht mehr weiter weiß.

So wie es die Fürbitte gibt, so gibt es auch den Glauben für den anderen. Man kann sich keinen Stellvertreter im Glauben bestellen. Aber man kann sich den Glauben des anderen zum Vorbild nehmen. Jeder wird im Glauben von anderen getragen und zieht andere mit. Entscheidend wird aber immer sein der Glaube an Jesus, der für uns alle geglaubt hat und uns mitziehen will zu einem starken, echten Glauben.

 

 

Erntedankfest: Jes 58, 7 – 12 (vergleiche auch Reihe VI, Estomihi, Vers 1 - 9)

Im Juni 1732 wurde in Leipzig die Bachkantate  Nr. 39 aufgeführt: „Brich dem Hungrigen dein Brot“. Damals waren fast 2000 evangelische Christen in Leipzig angekommen, die ihre Salzburger Heimat verlassen mußten, weil sie nicht katholisch werden wollten. Der Rat der Stadt hat sie verpflegt und die Einwohner haben sie vorübergehend aufgenommen, In so einer Notsituation spricht solch ein Bibeltext ganz besonders.

Wir aber haben solche schlimmen Notfälle nicht vor Augen. Wir hören manchmal davon, daß es anderswo so etwas gibt‚ aber letztlich geht es uns doch nichts an, meinen wir. Die Kollekte heute ist für Kindergärten und Schwesternstationen bestimmt‚ also auch wieder nur für unsere eigenen Bedürfnisse. Sicher werden das Geld und die Naturalien dort nötig gebraucht. Aber letztlich denken wir dabei doch daran, daß wir ja selber auch einmal einen Kindergarten nötig haben könnten.

Die zweite Hälfte des Erntedankfestes haben wir deshalb erst am Jahresende, wenn wieder für „Brot für die Welt“ gesammelt wird. Wenn es Weihnachtsgeld gibt wird es höchste Zeit, auch einmal an die Menschen in anderen Ländern zu denken, die in bitterer Not leben. Die Älteren werden sich noch an die Nachkriegszeit erinnern, als es uns auch ganz schlecht ging und wir für jede Hilfe von außen dankbar waren. An Nahrungsmitteln haben wir zum Glück keine Not. Da wären doch Überlegungen angebracht, wie wir unsrerseits anderen helfen könnten, die es nötiger haben als wir.

Der Prophet Jesaja III. mute seine Landsleute auch dazu auffordern. Sie waren aus der Gefangenschaft in Babylon zurückgekehrt in ein verwüstetes Land. Sie mußten erst wieder beim Nullpunkt anfangen. Da liegt es nahe, daß jeder nur seine Probleme sieht und nur seinen Vorteil sucht und die Nächstenliebe dabei auf der Strecke bleibt. Wie soll man denn dem Hungernden Brot geben, wenn es für einen selber kaum reicht? Da sieht dann doch jeder, wo er bleibt.

Bei den Israeliten aber kamen noch zusätzliche Mißstände hinzu. Der Prophet geißelt die Zweigleisigkeit der Leute; Fasten und Geschäftemacherei, Gottesdienstbesuch und Zank,  Schwar­zer Markt, Antreiben zur Arbeit, unbarmherzige Rückzahlungsforderungen, Unbarmherzigkeit gegenüber den Heimatlosen - das paßt doch nicht zusammen. Sie ließen zwar den Kopf hängen als Ausdruck der Verzweiflung. Aber das war noch keine Demut und schon gar nicht Gottes Wille. Fasten heißt nicht, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, sondern es kommt auf den Einsatz und das Opfer für andere an.

Das ist auch bei vielen bis heute nicht anders geworden. Da leben Menschen auf vielen Quadratmetern allein im Haus oder da wird ein Zimmer für eine Enkelin in Berlin freigehalten, die gar nicht hierher will. Aber auf der anderen Seite ist dort ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, die in einigen dunklen und feuchten Räumen ohne Bad und WG hausen müssen, weil sie sich eine teurere Wohnung nicht leisten können.

In einer solchen Situation hat der Prophet sein Volk zum Fasten aufgefordert. Dabei haben  die Angehörigen dieses Volkes durchaus aus Tradition zu bestimmten Gedenktagen nichts gegessen und getrunken, um sich vergangener Unglückstage zu erinnern und um wieder einmal zum Nachdenken über den Alltag zu kommen. Aber dieses Fasten führte nicht zu einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Gegenwart. Da gab es manches, was zu der frommen Übung nicht paßte. Man flüchtete sich ins fromme Werk, um nicht mit den Hungrigen und Heimatlosen teilen zu müssen.

Der Prophet aber macht deutlich: Der andere Mensch ist nicht ein Fremder, sondern ein Artgenosse und Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte es dort tun, wo der Mitmensch ihn braucht. Er sollte so für ihn sorgen, wie er für sein eigen Fleisch und Blut sorgt.

Aber bei uns klingelt kein Bettler an der Tür. Die Hungrigen wohnen weit weg. Man sieht sie nur auf dem Bildschirm‚ wo man sie sich noch vom Leibe halten kann, Was „Brot für die Welt“ tun kann, ist herzlich wenig, aber immerhin ein Zeichen unsres Bemühens. Doch das was wir tun können, sollten wir tatsächlich tun.

Unser wichtigster Beitrag zum weltweiten Brotbrechen ist vielleicht noch unsre Einwirkung auf die öffentliche Meinung. Wir haben Gott gegen uns, wenn wir nicht uneigennützig und ohne machtpolitische Hintergedanken allen Menschen der Welt zu Hilfe kommen, nicht nur den vermeintlichen Freunden und nicht nur mit unserem ausgedienten Kriegsgerät.

Eins können wir nur haben: entweder Rüstung oder Entwicklungshilfe. Es ist keine Frage, wofür Christen sein sollten. Sie sollten führend sein in einer Friedensbewegung, die natürlich auch bei uns nötig ist. Hier ist der Punkt‚ wo wir im Sinne des Evangeliums auf die öffentliche Meinung und vor allem die offizielle Meinung einwirken können.

Das Erntedankfest ist nicht für uns damit erledigt, daß wir uns sagen: für das nächste Jahr und darüber hinaus ist wieder einmal für uns gesorgt, sollen doch die anderen sehen‚ wo sie bleiben. Es gibt viele Dinge - auch über das Ernährungsproblem hinaus - wo unser Einsatz gebraucht wird. Wir dürfen uns heute freuen, daß Gott wieder unser Leben für ein Jahr erhalten hat. Aber wir haben es mit allem Drum und Dran nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitmenschen erhalten.

Insofern hat das Fasten auch heute noch einen guten Sinn, aber es soll seinen Sinn und seine Richtung ändern: Es soll nicht um des Fastens Willen geschehen, sondern auf den Menschen bezogen sein, dem es dient. Aller Verzicht von unsrer Seite hat nur einen Sinn, wenn er anderen Menschen zugutekommt. Der Gammler, der nur gerade so viel tut, daß er sich noch selber über Wasser halten kann, hat noch nicht gefastet im Sinne des Propheten Jesaja.

Das Fasten, also der zeitweilige Verzicht auf Essen und Trinken, kann auch eine Hilfe sein. Wenn man sich einmal nicht so sehr auf die leiblichen Bedürfnisse konzentriert, kann man Gottes Sache mehr im Sinn haben. Das ist an sich der Sinn des Fastens. Aber wer nimmt so etwas schon ernst? werden wir denken. Ein Bischof, der gerne Marmelade aß, hat in der Fastenzeit darauf verzichtet. Wenigstens an einem Punkt wollte er sich noch an der altkirchliche Übung des Fastens beteiligen. Und richtig daran ist natürlich, daß man etwas nehmen sollte, wo es einem schwer fällt.

Fasten gibt es in manchen Religionen. Die Mohammedaner haben einen ganzen Fastenmonat, in dem sie den ganzen Tag über nichts essen und trinken und erst nach Sonnenuntergang wieder etwas zu sich nehmen. Andere religiöse Gruppen verzichten generell auf bestimmte Speisen, und sei es das Schweinefleisch oder auch nur die berühmte Blutwurst.

Bei uns aber ist nur die Fastnacht populär, nicht aber die Fastenzeit. Aber wir sollten uns schon einmal überlegen, ob nicht doch etwas dran ist. Vor allem geht es auch darum, den positiven Sinn des Fastens zu sehen, denn es geht ja nicht darum, einige Pfunde zu verlieren, sondern auch etwas für andere zu tun.

Bei der Aktion „Mobil ohne Auto“ am ersten Sonntag im Juni geht es nicht nur darum, daß man einmal einen Tag ohne Auto auskommt. Vielmehr soll der Tag genutzt werden zum Wandern und Spiel, zum Erleben und Bewahren der Natur. Und das nicht nur allein oder in der Familie, sondern zusammen mit anderen aus der Gemeinde. Dabei könnte man überraschende Entdeckungen machen, zum Beispiel daß ein Sonntag ohne Auto viel schöner sein kann als einer mit.

Große Aktionen sind vielleicht gar nicht nötig. Der Prophet dachte wohl eher an eine Nachbarschaftshilfe. Es ging ihm darum, ein offenes Haus zu haben, Zeit für den anderen und das nicht nur für den Volksgenossen. Der andere Mensch ist nie ein Fremder, sondern ein Artgenosse, ein Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte so für den Mitmenschen sorgen, wie er für sein eigen Fleisch und Blut sorgt.

Das Fasten ist zwar einerseits auf die Vergangenheit bezogen; es hilft uns, mit dem Vergangenen aufzuräumen. Aber die Fehler der Vergangenheit sollen uns ja helfen, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen. Vor allem soll das gestörte Gottesverhältnis wieder in Ordnung kommen. Im Dienst am Menschen kann unsre Gottesbeziehung wieder heil werden. Gottesliebe und Nächstenliebe gehören eben zusammen.

Doch solche Liebe wird oft mit einem Opfer verbunden sein. Wer etwas hergibt‚ wird vielleicht bei nächster Gelegenheit Mangel leiden (deshalb wollen wir ja so ungern hergeben). Wer zu einem hält, auf dem sie alle mit dem Finger zeigen‚ der wird sich selber vielleicht unmöglich machen: Wer einen Gefangenen oder einen Sklaven befreite, störte die öffentliche Ordnung oder erlitt wirtschaftliche Einbuße.

Doch auch bei uns gibt es Probleme genug. Bei uns hungern die Menschen nicht nach Brot, aber nach Zeit und der Möglichkeit zum Gespräch. Die Menschen sind gut gekleidet und haben doch oft nichts, was sie wärmt. Die Menschen sind nicht Sklaven im arbeitsrechtlichen Sinn, aber oft Sklaven anderer Meinungen und Verhaltensweisen. Aber gerade bei diesen Menschen ist Gott zu finden, hier können wir ihm unsre Dankbarkeit erweisen.

Damit soll nicht gesagt sein, daß bei Gott nur das als Liebe gilt, was man sich schmerzhaft abgerungen hat. Und durch übertriebenes Fasten kann man sogar krank werden. Aber die Liebe wird oft mit einer schmerzhafte Selbstbeschränkung und dem Aufgeben eigener Vorteile einhergehen.

Doch mancher wird jetzt schon gedacht haben: Jetzt kommen wir in festlicher und freudiger Stimmung zum Erntedankfest und der redet immerzu vom Fasten. Aber zunächst einmal ist es der Bibeltext und damit Gott, der so zu uns redet. Und schließlich soll natürlich auch der Dank nicht zu kurz kommen.

Auch die diesjährige Ernte war ein Liebeserweis des Schöpfers. Aus dem großen Haushalt der Natur führt er uns zu, was wir nötig haben. Gott selbst bejaht unser Leben. Er hat die Früchte wachsen lassen. Wir sammeln sie nur ein. Auch wenn die Ernte von den Arbeitsvorgängen her ein Stück Produktion ist, so ist sie für den Glauben doch ein Geschenk Gottes.

Es ist doch gar nicht so schwer, uns für den Mitmenschen einzusetzen. Wir haben doch genug und brauchen kaum etwas zu entbehren. Unsre Ausgaben machen uns nicht arm, weil wir den schenkenden Gott im Rücken und vor uns haben. Es ist nicht Gottes Art, uns kurz zu halten. Unsre Hinwendung zum Mitmenschen ist die glaubwürdigste und erfreulichste Weise, Gott Dank zu sagen. Er selbst sorgt dafür, daß wir dabei nicht zu kurz kommen.

 

 

18.  Sonntag nach Trinitatis: Mk 10, 17-27

Im Jahre 1913 fuhr ein Mann mit dem Schiff nach Afrika, den man in Europa auch gut hätte gebrauchen können. Er war zunächst Theologe, sogar Professor und hatte ein Buch über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung geschrieben, das heute noch ein Standardwerk ist.

Nebenbei war er ein bekannter Orgelspieler und hatte ein bedeutendes Buch über Johann Sebastian Bach herausgegeben. Und schließlich hatte er noch Medizin studiert, um als Arzt nach Afrika gehen zu  können, damit die Menschen dort Hilfe erfuhren.

Sie werden wohl gemerkt haben, daß hier Albert Schweitzer gemeint ist. Er war so etwas wie der reiche Jüngling, dem Jesus begegnet ist. Albert Schweitzer hatte es schon zu etwas gebracht, war ein berühmter Mann und hatte durchaus genügend nützliche Aufgaben. Doch das genügte ihm noch nicht, darin sah er nicht den Sinn seines Lebens. So verließ er alles, was er hatte, um Jesus nachfolgen zu können, indem er zum Helfer der Ärmsten wurde.

Unter uns wäre wohl kaum einer, der zu Ähnlichem bereit wäre. .Ja, wenn es sein müßte, sowie bei den Flüchtlingen, da würde man sich schon damit abfinden. Aber freiwillig alles aufgeben, das wäre doch wohl etwas viel. Dabei geht es gar nicht nur um Geld und Besitz. Diese sind nur ein Beispiel für das, was Jesus meint.

Viele werden sogar an ihrer Familie hängen, an Frau und Mann und Kindern, aber vielleicht auch an den Eltern und sonstigen Verwandten. Von ihnen erhält man viel .Unterstützung, für sie möchte man da sein. Da hat man einfach einte Verantwortung, die man nicht so schnell wegschieben kann.

Dann hat jeder einen Arbeitsplatz und wird dort gebraucht. Das ist leicht gesagt: Mit Jesus mitgehen! Aber was ist, wenn man es wirklich tut? Wenn man seinen Arbeitsplatz aufgibt und zum Beispiel einen kirchlichen Beruf ergreift, da ergibt sich vielleicht doch eine Lücke,

die andere nicht schließen können.

Man hat Bindungen an die Heimat, an die Menschen dort. Man hat Erinnerungen und vielleicht ein Grab, das gepflegt werden muß. Man hat vielleicht Macht und Einfluß, auf jeden Fall aber eine geachtete Stellung, es ist einem alles vertraut. Soll man das nun aufgeben,

wo man sich wohlfühlt und zu Hause ist, all die Menschen und Dinge, die unser Leben ausmachen? Wir rechnen sie selbstverständlich zum Bestand unsres Lebens.

Aber es wä.re doch schwer, wenn wir sie ohne mit der Wimper zu zucken hergeben sollten, weil Jesus es so haben will oder weil Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß sie uns nimmt.  Wir verstehen uns so schlecht aufs Loslassen. Und die Frage nach der Armut um Christi willen erwägen wir gar nicht erst. Das ist ein bedenkliches Zeichen für den Stand uns­res Glaubens.

Der reiche Jüngling dagegen hat .mit Gottes Gebot ganz ernst gemacht. Er fragt, wie er zum ewigen Leben kommen kann. Für uns ist das eine von vielen Fragen. Aber für diesen Mann ist es die wichtigste Frage, die ihn nachts nicht schlafen läßt Immer wieder fragt er sich: „Habe ich auch genug getan? Ist mir das Leben bei Gott schon sicher? Was muß ich noch tun, damit es auch hundertprozentig ist?“

Jesus antwortet ihm zunächst, wie jeder jüdische Lehrer wohl geantwortet hätte: „Halte die Gebote!“ Jesus redet niemandem sein Pflichtbewußtsein aus. Er treibt es damit sogar so weit, daß der Frager nur erschrecken kann über die Höhe der Forderung. Aber jener Mann ist bereit, etwas zu tun. Er weiß, daß über die Ewigkeit hier und heute in dieser Zeit entschieden wird. Deshalb ist es ihm so ernst und dringend mit seiner Frage.

Wir können uns an sich nur schämen, weil wir nicht so sind wie der reiche Jüngling. Wir singen zwar zum Reformationsfest: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin!“ Aber was wäre, wenn das tatsächlich einträte? Wir brauchen doch bestimmtet Dinge und Bindungen, um überhaupt leben zu können. Was wir zu Geburtstagen oder ähnlichen Anlässen wünschen, macht etwas von dem deutlich, woran unser Leben hängt. In dieser Hinsicht sind wir nicht anders als der reiche Jüngling auch.

Aber dieser fragt immerhin nach dem Guten. Offenbar ist er der Meinung, man könne es in gesetzliche Vorschriften einfangen und das auch in die Tat umsetzen, wenn man nur diese Gebote hält. Als ob das mit dem Guten so einfach wäre! Als ob man nur zu wissen und zu tun brauchte!

Doch Jesus verschärft die Gebote im Grunde. Er sagt: „Du kannst niemals wissen, wann du genug getan hast, wann das Erforderliche geschafft ist. Gott will dich ganz haben, dein ganzes Herz. Er will nicht mit dir über die Anwendung der Gebote diskutieren, sondern er möchte, daß du dein ganzes Leben nur von ihm bestimmt sein läßt. Deshalb weist Jesus ja auch die Anrede „Guter Meister“ so schroff ab. Jesus ist nicht deshalb gut, weil er alle Gebote eingehalten hat, sondern weil er mit Gott ganz eng verbunden ist und seinen Willen tut.

Der reiche Jüngling dagegen ist ein wenig naiv: Er sagt: „Das alles habe ich beachtet von meiner Jugend an!“ Jesus bestreitet ihm das nicht. Er legt auch zunächst den Finger auf die Alltagspflichten in einem ganz  normalen Leben. Noch eine Kleinigkeit fügt er hinzu: „niemanden berauben“. .Aber auch hier hat der junge Mann sich nichts vorzuwerfen - selbst­verständlich.

Doch die eigentliche Bewährungsprobe für ihn kommt noch. Jesus fordert ihn auf: „Verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen!“ Dadurch soll aber den Zehn Geboten nicht noch ein elftes hinzugefügt werden, das der reiche Mann dann auch noch halten könnte. Im Grunde geht es hier um das erste Gebot: Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Der Prüfstein dafür war in diesem Fall die Frage des Besitzes. Bei einem anderen könnte es wiederum ein ganz anderer Punkt sein Nicht von jedem hat Jesus einen solchen Verzicht gefordert. Aber es entscheidet sich alles dort, wo es weh tut. Und da kann der reiche Jüngling ja auch tatsächlich nicht mehr mit, da ist ihm die Forderung Jesu zu hoch. Doch Jesus sieht ihn an und liebt ihn. Er weiß, wie sauer dieser Mann es sich mit den Geboten hat werden lassen. Aber es geht gar nicht um ein System von Forderungen und Verpflichtungen, sondern um das lebendige Geschehen zwischen Jesus und jedem Einzelnen.

Der Anspruch läßt sich nicht vorausberechnen, sondern er ergeht jetzt im Augenblick. Jesus sagt: „Jetzt spring! Jetzt kommt es drauf an! Jetzt will Gottes Reich zu dir kommen!“ Aber hier hat der reiche Mann doch Bedenken. Er will sich nicht fallenlassen und ganz auf Jesus vertrauen. Und damit wird deutlich, daß er die Gebote gar nicht gehalten hat. Keiner von uns hat sie gehalten. Bei uns hat es Gott nur nicht auf solche schweren Proben ankommen lassen, sonst wüßten wir es genau.

Wir sind auch nicht fein heraus, wenn wir sagen können: „Ich bin ja nicht reich, für mich ist der Besitz keine Gefahr, ich könnte gut und gern alles hergeben!“ Der Reichtum ist nur ein Beispiel. Aber wir haben andere Bereiche, in die wir uns von Jesus nicht hineinreden wollen. Da verstehen wir keinen Spaß, wenn wir unser Leben wirklich ganz Jesus übergeben sollen. Wir haben alle unsre Bindungen. Dem reichen  Jüngling hat Jesus die Chance gegeben, am Reich Gottes beteiligt zu werden. Aber am Ende hat er ihn doch nicht frei bekommen aus seinen Bindungen

Die Reichen werden wohl tatsächlich nur schwer zu Gott kommen. Bei den Armen hat Jesus mehr Widerhall gefunden. Die nichts zu verlieren hatten, ließen sich eben leichter auf das Abenteuer mit Jesus ein. Und ein Abenteuer war es bestimmt. Stellen wir uns nur vor, heute käme ein Prediger in unseren Ort und sagte: „Geht mit mir auf Missionsreise, aber nicht nur für 14 Tage, sondern fürs ganze Leben!“ Da würde doch wohl kaum einer von uns mitmachen.

Wenn man alles hat, kann man es nur schwer aufgeben. Dann fragt man auch nicht so sehr nach Gott. Das Bankguthaben ist dann greifbarer und verfügbarer als der liebe Gott. Ja wenn man beides haben könnte - G e l d  u n d  G o t t - das wäre etwas. Wenn es aber nicht möglich ist, dann zieht man das Verfügbare vor. Gott hat es schon schwer mit dem Reichen.

Es hat natürlich auch Begüterte gegeben, die sehr wohl zu Jesus gefunden haben. Einer von ihren war der Graf Zinzendorf, der seine Güter in der Lausitz zur Verfügung stellte, als die böhmisch-mährischen Brüder eine Bleibe suchten. Daraus entstand die Herrnhuter Brüdergemeinde, von der wir vor allem die täglichen Losungen kennen.

Doch die Jünger fragen mit Recht: „Wer kann denn dann überhaupt gerettet werden?“ Offenbar ist nicht nur der Reichtum das Problem. Bei manchem ist es seine Bequemlichkeit. Oder er will seine Karriere nicht aufs Spiel setzen. Oder er meint, er müsse auf andere Menschen noch Rücksicht nehmen. Oder er fürchtet, als Christ würde er für die anderer zur lächerlichen Figur. Die schwachen Punkte können an sehr verschiedenen Stellen sitzen.

In der Tat ist es menschenunmöglich, das ewige Leben zu erlagen. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Und so können wir alle Hoffnung nur auf Gottes Wunder setzen. Jesus will uns nicht mit Forderungen bedrücken, die wir doch nicht erfüllen können. Jesus stellt das „unmöglich“ fest, damit wir uns um so eher zu dem Gott rufen lassen, dem alle Dinge möglich sind.

So kommt Gott zu seinem Recht, indem er die Verlorenen rettet und das den Menschen Unmögliche verwirklicht. Die Sünder dürfen zu ihm kommen, mit allen Mißerfolgen und Unzulänglichkeiten. Das erste Gebot wird nicht durch Leistung erfüllt, sondern dadurch, daß man sich Gott ganz ausliefert. Dann wird man auch frei, das hinzugeben‚ was man bisher krampfhaft festhalten wollte. Dazu bedarf es dann keines Anlaufs und keiner Anstrengung mehr, sondern man tut es aus Freude an der Sache Gottes.

 

 

19.  Sonntag nach Trinitatis: Mk 1, 32 - 39 (Variante 1)

Zu den meistbeschäftigten Leuten unsrer Zeit gehören die praktischen Ärzte. Es ist schon vorgekommen, daß einer an einem Tag 150 Patienten in der Praxis „behandelt“ hat, wenn man da noch von „behandeln“ sprechen kann. Mancher versorgt drei Leute auf einmal: Einer wird tatsächlich behandelt, einer kriegt nebenan Bestrahlung und ein dritter wird telefonisch zwischendrin mit guten Ratschlägen versorgt. Dazu kommen die Hausbesuche und bei manchen noch der Bereitschaftsdienst. Und zu allem dann noch zwischendrin ein Notfall, da kann so ein Arzt am Ende eines Tages schon ganz schön fertig sein.

Jesus wird es manchmal auch so ergangen sein wie einem Arzt. Er hätte in Kapernaum durchaus ein Ärztehaus aufmachen können. Es hatte sich herumgesprochen: „Da ist einer, der den Kranken helfen kann.“ Jesus war der Mann der Stunde. Auf ihn richteten sich alle Hoffnungen und Wünsche. Sie können kaum den Einbruch der Dunkelheit erwarten, wenn der Feiertag zünde ist und sie endlich ihre Kranken zu Jesus bringen können. Wir können sagen:

 

(1.) Es ist gut, wenn Jesus uns heilt! Sicherlich wird auch etwas Sensation und Neugier dabei gewesen sein, wenn die ganze Stadt sich vor dem  Hause Jesu versammelte. Aber wer wird denn nicht zufassen, wenn sich die Möglichkeit bietet, die Kranken dem zuzuführen, der allein helfen kann? Es sind schwache und behinderte Menschen, die vom Schmerz gequält werden, deren geistiges und seelisches Leben so in Unordnung ist, daß sie gar keine Menschen mehr zu sein scheinen. Wie sollte man da nicht jede Chance nutzen, diesen Menschen zu helfen?

Offenbar sehen sie in Jesus zunächst nur den Arzt. Es ist ihnen selbstverständlich, daß er helfen kann. Die Frage ist nur, ob er auch will. Jesus könnte ja sagen: „Ihr leidet nur, was ihr verdient habt!“ Aber Jesus hat Mitleid mit den Kranken. Er will nicht nur der Sünde ein Ende machen, sondern auch der Krankheit und äußeren Not der Menschen.

Aber für Jesus hängen innere und äußere Krankheit miteinander zusammen. Wir sind der Meinung, daß jede Krankheit natürliche Ursachen hat: Ansteckung, Wildwuchs von Zellen, Abnutzung und Alter. Wir denken: Wenn nur die Ursache festgestellt ist, dann gibt es auch ein Mittel dagegen. Und man braucht nur die Tablette zu nehmen, und dann ist wieder alles gut. Die Medizin macht‘s möglich, wenn nicht heute, dann in der Zukunft.

Doch heute wissen die Ärzte wieder mehr von dem Zusammenhang zwischen seelischem und körperlichem Leiden. Wir verwenden ja auch Redewendungen, die das andeuten: die Angst steht einem Menschen „im Gesicht geschrieben“, der Schreck kann einem „den Atem verschlagen“,  Ärger kann „an die Nieren gehen“.  Damals führte man seelische Krankheiten auf die Einwirkung von Dämonen zurück. Deshalb mußte erst der böse Geist vertrieben werden, ehe der Mensch auch äußerlich gesunden konnte. Jesus hatte sicherlich eine solche Gabe, seelische Nöte aufzudecken und zu überwinden.

Auch heute hilft er sicher bei vielen Krankheiten, besonders auch bei den seelisch bedingten. Wie viele Gebete um Heilung wird er bereits erhört haben, ohne daß gleich wunderhafte Er­eignisse sich eingestellt haben. Aber er läßt auch Menschen ihr Leiden weiter tragen und läßt sie sogar sterben. Dennoch gilt: Jesus ist der Heiland auch in leiblicher Not. Wir dürfen ihn auch um Gesundheit bitten. Aber darin liegt nicht seine eigentliche Aufgabe. Wer nur Ge­sundheit von ihm will und sonst nichts weiter, der versteht ihn völlig falsch, der wird davon erst richtig krank. Jesus kann heilen, aber:

 

(2.) Dringlicher ist, daß Jesus für uns betet! Jesus hätte in der Stadt bleiben und seinen Triumph auskosten können. Die Menschen wären begeistert gewesen und wären immer wieder in  die Sprechstunde gekommen. Von hier aus hätte er seine Herrschaft antreten und sein Programm entfalten können. Seine Klinik wäre weltberühmt geworden. Er hätte wirklich etwas Praktisches für die Menschen tun können, hätte die Welt wirklich vorangebracht.

Doch in Kapernaum ist sein Auftrag erfüllt. Jesus flieht in die Einsamkeit. Die Jünger machen ihm deswegen Vorwürfe: „Jedermann sucht dich! Du kannst doch nicht einfach weglaufen, wo es soviel Not in der Welt gibt. Wie soll man das verstehen: Du könntest helfen und tust es nicht?! Weißt du denn nicht, daß man gerade im Alltag Gott einen Dienst tun kann? Du hast doch selber eine reine Frömmigkeit ohne entsprechende Taten bekämpft!“

Doch Jesus mußte in dauernder Verbindung bleiben mit dem, der ihn gesandt hat. Gott hatte ihm den Auftrag gegeben, da muß er sich immer wieder neu dieses Auftrags vergewissern. Nur wenn er mit Gott in Verbindung bleibt‚ werden auch die heilenden Kräfte in ihm bleiben, damit er den Menschen helfen kann. Deshalb braucht er nach der aktiven Zuwendung zu den Menschen wieder die besinnliche Hinwendung zu Gott.

Das Gleiche gilt auch für uns: Wenn wir eine Aufgabe vor uns sehen, können wir uns gleich an die Arbeit machen, einen großen Betrieb entfalten und alles nur auf die Praxis abstellen. Aber dann besteht die Gefahr, daß alles nur Leerlauf bleibt, zwar viel Betrieb, aber nichts dahinter. Das gilt besonders auch für unseren Umgang mit Kranken, aber auch so für die Arbeit der Kirche ganz allgemein, damals wie heute.

Doch die Liebe zum Mitmenschen kann nicht ohne die liebevolle Verbundenheit mit Gott sein. Auch Jesus hat der Stille und Sammlung bedurft. Er war so sehr Mensch, daß der Wechsel von Einatmen und Ausatmen für ihn nötig war, auch im geistlichen Leben. Er brauchte das Gespräch mit dem Vater. In Kapernaum wollten die Menschen nur Heilung und nicht seine Predigt. Jesus aber braucht jeden Tag das Gebet, nicht nur am Sonntag, es ist für ihn lebenswichtig.

Wenn man die Menschen liebt, dann liebt man noch nicht automatisch  auch Gott. Und Gott erwartet nicht, daß wir mit den Menschen reden, er erwartet auch unser Gebet. Alles Gerede von Mitmenschlichkeit ist unvollständig, wenn es nicht aus einem Reden mit Gott kommt. Jesus jedenfalls hat mit dem Vater ständig Kontakt gehalten und in der Stille mit den Mächten der Finsternis gekämpft, damit er die Heilungen vollbringen konnte. Als Arzt wäre er kraftlos gewesen, wenn er als Beter versagt hätte und die rückwärtige Verbindung abgeschnitten, gewesen wäre.

Die Heilung ist nur  e i n  Punkt im Wirken Jesu. Er möchte, daß wir im umfassenden Sinn gerettet werden. Viele von uns sagen: „Hauptsache Gesundheit!“ Aber was nützt uns die Gesundheit, wenn wir mit Gott auf Kriegsfuß stehen, wenn das Wohl zwar „o.k.“ ist, aber das Heil „k.o.“ geht. Dringlicher als das Heilen ist, daß Jesus für uns betet.

 

(3.) Doch der eigentliche Auftrag Jesu ist, daß er zu uns spricht: Jesus geht auch in die anderen Städte, um dort auf andere Art und Weise zu wirken, nicht durch Heilungen, sondern durch das gepredigte Heil. Nicht an den Wundern will er erkannt werden, sondern an seinem Wort. Gott wendet sich den Menschen zu, die seine Liebe eigentlich verscherzt haben. Das kann nicht anders unter die Leute kommen, als daß Jesus es ausruft.

Erst im Wort verwirklicht sich die Gemeinschaft zwischen den Menschen. Man kann im Eisenbahnabteil stundenlang stumm nebeneinander sitzen. Man fährt in die gleiche Richtung, sieht die gleiche Landschaft, aber Gemeinschaft entsteht nicht. Die ergibt sich erst, wenn man miteinander redet.

Indem Jesus zu uns spricht, öffnet Gott uns sein Herz. Jesus redet nicht  ü b e r  Gott und sein  Reich. Aber indem er im Wort mit uns Verbindung aufnimmt, entsteht der Kontakt, den Gott mit uns sucht. Deshalb ist ja auch der Gottesdienst so wichtig. Wir können nicht alle ins Kloster gehen, um uns Gott ganz zuwenden zu können. Allerdings hat man im Kloster nicht nur gebetet. Der Wahlspruch der Mönche war ja: „Bete und arbeite!“ Uns ist vielfach nur noch das Arbeiten geblieben.

Deshalb ist der Gottesdienst als die Stunde der Besinnung so wichtig. Hier können wir abseits von den Verpflichtungen des Alltags unser Leben und unser Verhältnis zu Gott überdenken. So manche geplagte Hausfrau und Mutter hat hier die einzige Gelegenheit, zur Besinnung zu kommen. Ihren Alltag mit seinen Problemen und Fragen soll sie ruhig mitbringen und in  ihr  Gebet aufnehmen. Und sie wird Kraft erhalten, nachher wieder mit neuer Zuversicht ihre Aufgaben anzupacken.

Dazu ist Jesus gekommen, daß er Gott zu uns bringt. Die Predigt ist deshalb nicht ein Referat über Gott, sondern hier redet Gott selber mit uns, wenn auch unter schwachem Menschenwort verborgen. Aber wir können sicher doch vernehmen, wie lieb Gott uns hat, wie er uns helfen will mit dem Wort und mit der Tat, wie er Kontakt  mit uns sucht und uns helfen will zum ewigen Heil.

 

 

19.  Sonntag nach Trinitatis: Mk 1, 32 - 39 (Variante 2)

Auf einer Straßenkreuzung in Saloniki in Griechenland stand ein Polizist. Er hatte den Verkehr zu regeln mit einer etwas altmodischen. Ampel, die noch von Hand bedient wurde. Es war Urlaubszeit und viel Verkehr. Plötzlich passiert es ihm, daß er alle Ampeln auf einmal

Auf „Rot“ schaltet. Alle Autos stehen still. Sofort setzt ein ohrenbetäubendes Hupkonzert ein.

Was soll der Polizist machen? Er ist so aufgeregt, daß er fürchtet, nun alles falsch zu machen. Da bekreuzigt er sich, spricht ein kurzes Gebet und schaltet die Ampel ruhig nach zwei Seiten auf  „Grün“.

Das Gebet hat ihm Kraft gegeben, in dieser Situation nicht die Nerven zu verlieren. Als ein Urlauber ihn am Abend fragt, wieso er da litten auf der Kreuzung gebetet habe, da antwortet er nur: „Was hätt ich denn sonst machen sollen?“ Für ihn war es einfach selbstverständlich, daß man in einer schwierigen Lage nur beten kann. Das Gebet gibt die Ruhe, um nachher dann das Nötige tun zu können.

Wäre diese Einstellung zum Leben und zu Gott nicht auch ein gutes Vorbild für uns? Wir hätten doch durchaus auch einmal einen Augenblick der Besinnung nötig. Wir werden von unsrer Arbeit und unsren Pflichten doch nur so vorangetrieben. Unsre Tage laufen einer nach dem anderer davon.  Nur ganz selten gibt es einmal einen Ruhepunkt.

Man kann aber nicht immer nur geben, man muß auch einmal etwas empfangen, sonst geht man kaputt. Aber wir leiden ja alle an dieser Krankheit unsrer schnellebigen Zeit. Das ist beim Arbeiter so wie beim Pfarrer, beim Angestellten so wie bei der Hausfrau. Selbst die Kinder sind davon betroffen, sowie sie einmal zur Schule gehen.

Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft und stehen alle unter einem Leistungsdruck. Das läßt sich auch nicht mehr ändern, jedenfalls auf absehbare Zeit nicht, wir können das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Aber wir müssen fragen, wie wir mit diesen Belastungen fertig werden können und ob uns da unser Glaube nicht eine Hilfe sein kann.

In diesem Bibelabschnitt schildert uns Markus, wie nach seiner Meinung der Tageslauf Jesu in Kapernaum ausgesehen hat. Wir würden heute sagen: Es geht Jesus wie einem vielbeschäftigten Arzt. Die Leute können es gar nicht abwarten, bis die Feiertagsruhe wieder vorüber ist, schon bringen sie wieder die Kranken an.

Jesus war höchst aktiv in seinem Wirken für die Menschen. Aber er fand auch Zeit, einmal ganz allein zu sein und mit Gott zu reden. Er löst sich aus allen irdisch-menschlichen Bindungen. Er läßt alle Aufgaben, die doch sicher auch wichtig sind, einfach einmal sein und hat Zeit für Gott.

Ist das in unsrer Zeit unmöglich geworden, dieser Wechsel zwischen Tätigsein und Ruhe? Wir leben ja nun einmal in einer anderen Zeit, wo jeder behauptet, keine Zeit zu haben. Unter Umständen ist es tatsächlich gar nicht mehr möglich, für ein paar Minuten oder Stunden von allem abzuschalten.

Wenn man das wollte, dann müßte man ins Kloster gehen, werden sicher viele meinen. Aber in den Klöstern des Mittelalters hat man nicht nur gefaulenzt oder sich höchstens der Anbetung Gottes gewidmet. Eine der Klosterregeln hieß: „Bete und arbeite!“ Und danach haben die meisten Mönchsorden auch gehandelt. Sie haben als Bauer und als Handwerker, als Künstler und Gelehrte, als Lehrer und als Priester gearbeitet. Aber sie haben sich bei all ihrer täglichen Arbeit doch auch Zeit genommen für das Gebet. Und sie haben erst gesagt: „Beten“ und dann erst „Arbeite!“ Sie wußten eben davon, daß man die Arbeit mit einem Gebet beginnt und auch beendet.

Sie dachten auch nicht: Durch das Gebet verlieren wir wertvolle Minuten, die uns nachher bei der Arbeit fehlen. Ein Tag hat 24 Stunden in denen auch manches Unnütze getan wird. Da dürfte auch Zeit sein für ein Gebet, das eine äußerst nützliche Sache ist.

Nun halten wir heute allerdings nicht mehr so viel von einem lebenslänglichen Klosterleben. Aber für eine begrenzte Zeit würden wir vielleicht doch gern einmal Einkehr halten, um über unser Leben vor Gott nachzudenken. Da gibt es zum Beispiel in der Landeskirche Hannover das Kloster Amelungsborn. Dort treffen sich sechsmal im Jahr für jeweils 4 Tage die 24 Mönche.

Das Wort „Mönche“ kann man hier allerdings nur in Anführungsstriche setzen, denn es handelt sich fast ausschließlich um führende Männer aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung.

Die bringen die Probleme ihres Alltags mit. Sie suchen Stärkung im Gebet und gemeinsamem Gespräch; und sie sind übereinstimmend der Meinung: "Ohne diese Tage der Einkehr würden wir die großen Belastungen unsres Berufs gar nicht aushalten!" Hier entsteht also eine Wechselwirkung zwischen Arbeit und Gebet n und zwar nach beiden Seiten, und so soll es ja auch sein.

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 8,18-22

Unser Leben gelingt nicht, ohne daß wir bestimmte Ordnungen einhalten. Im Straßenverkehr ist es hilfreich, wenn es Regeln gibt und Verkehrsschilder aufgestellt werden. Es gibt ja in einigen Städten immer wieder  Versuche, auf Verkehrsschilder zu verzichten und die Ampeln abzuschalten. Dann sollen die Autofahrer an der Kreuzung sich einigen, wer zuerst fahren darf. Das führt doch einfach dazu, daß der Dreiste immer vorne ist und der Bescheidene und Vorsichtige das Nachsehen hat. Man behauptet, ohne Regeln und Verkehrszeichen würden die Verkehrsteilnehmer viel mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Aber das ist wohl Wunschdenken. Da ist die Bibel realistischer, wenn sie sagt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“

 Das bedeutet nicht, daß man sich mit der Bosheit der Menschen abfinden muß und nichts dagegen tun kann. Sie muß nur kanalisiert und in ihre Schranken gewiesen werden. Deshalb befassen wir uns wie in jedem Jahr am 20. Sonntag nach Trinitatis mit dem Thema „Ordnungen“, dieses Jahr besonders mit der Ordnung Gottes in der Natur. Und da wird herausgestellt: Es gibt eine heilsame Gesetzmäßigkeit, die auf Gottes Ordnungswillen beruht. Es gibt also Naturgesetze, die letztlich die Gesetze Gottes sind. Er will es so, seine Freiheit wird dadurch nicht begrenzt.

Und so leben wir heute zwischen Sintflut und Wiederkunft des Herrn nach den Ordnungen Gottes - wir sollten es jedenfalls. Das Leben wird uns immer wieder neu geschenkt, so wie nach der Sintflut. Es soll bewahrt werden durch die Ordnungen Gottes.  Nur so können wir Ja sagen zu dieser Welt.

 

1. Das neugeschenkte Leben:

Das Leben ist eigentlich ein Wunder: Mit zwei kleinen Zellen fängt es an, es wächst heran und plötzlich ist es auf der Welt. Denken wir an eine Frühgeburt, ein Kind, so groß wie eine Hand, aber doch Leben. Es  w i l l  leben, und wir haben ihm den Weg zu bereiten, so gut wir können. Mit einem Jahr kann so ein Kind schon „Mama“ sagen und vielleicht auch schon erste Schritte machen. Dann kommt es in die Schule, dann wird es konfirmiert.

Das Leben  ist nicht langweilig. Man kann aber einfach nicht stumpf und leer dahinleben, wenn man weiß, daß alles Leben nur Geschenk Gottes ist. Wir dürfen uns am Leben freuen, es bietet uns viele Möglichkeiten und wir können sie wahrnehmen. Wir können glücklich sein und immer wieder nur dankbar.

Aber es ist auch eine untergründige Angst da. In unseren Breiten rechnen wir zwar nicht mit einer Sintflut, obwohl die Überschwemmungen eines Flußsystems für die Betroffenen auch so etwas wie eine Sintflut sind. In der Zeit der Entstehung der Bibel kannte man die großen Überschwemmungen von Euphrat und Tigris. Und manche meinen auch, das Schwarze Meer sei plötzlich vollgelaufen und habe eine blühende Landschaft vernichtet.

Aber es geht gar nicht um die Frage, ob es so eine Sintflut gegeben hat oder nicht. Die Sintflut ist ein Bild für alles, was in unserem Leben auf uns hereinstürzt. Im persönlichen Leben sind Arbeitslosigkeit oder Krankheit, Trennungen oder Streit.

Das kann einem dann auch so vorkommen wie den Menschen des Altertums. Ihnen kam die Erde ja so vor wie eine Luftblase, die rundherum vom Wasser umgeben war und wo nun  das Wasser von allen Seiten auf die Erde stürzte. Sie hatten den Eindruck, die Hände Gottes hätten sie losgelassen  und er habe sein Schöpfungswort widerrufen.

In unserer Zeit haben Weltraumflieger ähnlich empfunden. Sie sahen die Erde plötzlich als eine kleine blaue Kugel, von einer dünnen Lufthülle umgeben. Für uns ist diese dichte Lufthülle zehn Kilometer stark. Aber vom Weltraum aus gesehen ist das gar nichts. Und doch sind wir drauf und dran,  durch unsere Abgase diese Lufthülle zu zerstören. Zunächst sieht es nicht viel aus: zwei Grad Durchschnittstemperatur mehr in hundert Jahren! Aber wenn dann die Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel  vielleicht um 80 Zentimeter steigt, dann sieht es schon anders aus. Wir produzieren unsere Sintflut heute selber. Da wird deutlich, daß wir auch eine eigene  Verantwortung haben und nicht alles Gott überlassen können.

Aber die Bibel erzählt uns doch: Eines Tages ist die Erde wieder trocken. Gott will ihr und unser Leben, und zwar auf Dauer. Diesen Glauben an die Treue Gottes muß man erst einmal haben. Aber Noah hat ihn. Deshalb baut er nicht zuerst ein Dach über dem Kopf, sondern er errichtet einen Altar, um Gott zu danken, der ihn erhalten hat. Noah hat erkannt: Gott sagt Ja zu unserem Leben. Er sichert unser Leben, auch wenn es manchmal zu wackeln scheint.

Wir haben jetzt Herbst und es geht auf den Winter zu. Aber wir vertrauen darauf, daß es auch wieder Frühling und Sommer wird. Das dürfen wir auch. Gott will, daß es mit der Welt weiter geht und daß auch seine Menschen erhalten werden.

 

2. Die lebensbewahrenden Ordnungen:

Nun könnte man natürlich denken: „Ach, dann ist ja alles gut, da kann mir nichts passieren!“ Gott ist aber nicht so eine Art Lebensversicherung für den Einzelfall.  Gottes Welterhaltungswille darf uns aber nicht zu falschen Sicherheiten verleiten. Das legt ja der Werbespruch der Versicherungen nahe „Versichert, gesichert!“ Aber das stimmt nur bedingt. Eine Versicherung verteilt das Risiko. Aber dazu legt sie das Geld der Versicherten an - nachdem sie selber einen guten Teil davon eingesteckt hat. Aber die Finanz­krise hat ja gezeigt, wie leicht die Manager sich verzocken können. Der Minister Norbert Blüm hat einmal gesagt: „Die Rente ist sicher!“ Viele haben in falsch verstanden. Er hat das gesagt im Vergleich zu den Lebensversicherungen, weil die Rente von denen aufgebracht wird, die heute arbeiten. Aber er konnte natürlich nicht sagen, wie hoch die Rente einmal sein wird.

Verstehen wir das nicht falsch: Versicherungen müssen sein, manche sind sogar gesetzlich vorgeschrieben. Und wer schon einmal einen Autounfall hatte, der weiß das zu schätzen. Und natürlich braucht man eine Krankenversicherung. Das gilt auch für  die USA, wo einige sogenannte „Liberale“ in einer solchen Zwangsversicherung einen Eingriff in die persönliche Freiheit sehen. Manchmal muß man vielleicht auch einmal Druck ausüben, damit die Menschen nicht aus Leichtsinn sich selber Schaden zufügen.

Aber Versicherungen sind nicht alles, sie machen den Beistand Gottes nicht überflüssig. Wenn wir einerseits von Gottes Welterhaltungswillen wissen, dann dürfen wir uns andererseits  nicht zu falschen Sicherheiten verleiten lassen. Der Satz gilt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ Aber das heißt nicht, daß eine Atomkata­strophe oder ein Giftgasangriff  ausgeschlossen sind.

Gott will zwar den Fortbestand der Welt. Aber er hat den Menschen auch als freies Wesen erschaffen. Der Mensch kann sich seinem Willen widersetzen und damit Gottes Welt in Gefahr bringen. Die Bibel formuliert das so: „Das  Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“ Deshalb wird in der Erzählung von der Sintflut gesagt, Gott habe die Menschheit in seinem  Zorn vernichtet. Gott wird hier sehr menschlich gesehen. Aber das hat auch zur Folge, daß er seinen Sinn ändert und trotz der Bosheit der Menschen die Welt nicht mehr vernichten will. Bei den Menschen hat sich nichts geändert durch die Sintflut. Aber bei Gott ist etwas anders geworden. Er mußte einsehen: Wenn er die Schöpfung will, dann muß er sie wollen trotz der Sünde der Menschen.

Gott zerbricht die Verkettung von Schuld und Strafe, obwohl die Menschen es nicht verdient haben.

Es war ja nicht nur eine Schaden am Rande, sondern das Herz der Menschen ist böse, und zwar von Jugend an. Aber diese Bosheit von der Wurzel her hebt das Schöpferwort Gottes nicht auf: Wir werden täglich neu geschaffen und erhalten täglich neu unser Lebensrecht.

Um das zu sichern, hat Gott in die Schöpfung seine Ordnungen eingebaut und läßt sie auch in der sündigen Welt wirksam sein. Die Ordnungen des Jahreslaufs und des Tageslaufs sind dabei nur die eine Seite. Doch wie die Natur ihr Gleichgewicht braucht, so müssen auch die Beziehungen der Menschen untereinander stimmen. Wir dürfen nicht alles, was wir können. Wir dürfen als Christen nicht einmal alles, was erlaubt ist: Dem Spitzenmanager steht ein Millionengehalt zu, aber kann er das auch mit gutem Gewissen annehmen? Politiker erhalten manchmal noch Geld aus einer früheren Tätigkeit, verdienen aber am anderen Ort auch ganz gut. Man kann es ihnen nicht verwehren, ihr Recht wahrzunehmen. Aber dürfen sie das auch guten Gewissens? Die Gesetze sind halt falsch. Aber das heißt ja nicht, daß der Einzelne nicht aus höheren Gesichtspunkten  auf sein „Recht“ verzichten könntet,  um „Gerechtigkeit“ üben zu können. Verstoßen wir aber gegen Gottes Gesetz, haben wir die Folgen zu tragen bis zur Selbstvernichtung. Wenn Gott sich geändert hat, dann ist das doch auch für uns Ansporn, uns zu ändern und uns mehr dem Wollen Gottes anzugleichen.

 

3. Das Ja zu dieser Welt:

Nun wird hier aber gesagt: „Solange die Erde besteht!“ Ist das nicht eine Einschränkung des Heilswillens Gottes? Hier wird deutlich: Alle Ordnung dieser Welt ist eine Notordnung! Die Welt ist zwar heil, aber die Bosheit des menschlichen Herzens bleibt bestehen. Die Worte am Ende der Erzählung von der Sintflut sind nicht das Ende der Wege Gottes, sondern nur eine Zwischenstation. Hier wird der Fortbestand der Welt ermöglicht.

Aber in dieser Zeit brauchen wir Ordnungen. So wie die Natur ihre Ordnung hat, so sollen auch wir Menschen unter uns Ordnung halten.  Wir brauchen Ordnungen für Kinder und Alte, für Arme und Zugereiste. Wir brauchen Ordnung in Gesellschaft, Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft. Es ist keine Ordnung, wenn ein Mensch ohne Grund niedergeschlagen wird - auch wenn man einen Grund hat, darf man ihn nicht schlagen. Früher war es eine gute Regel, wenn einer am Boden lag,  dann hatte man entschieden, wer der Stärkere ist und dann ließ man ihn in Ruhe.  Aber heute wird vielfach noch nachgetreten, gegen die Rippen und gegen den Kopf. Und mancher ist dabei zu Tode gekommen, vor allem auch diejenigen, die einen Streit unter anderen schlichten wollten oder einem Bedrängten zu Hilfe kommen wollten.

Man kann aber einen Menschen auch fertigmachen, ohne daß man ihn körperlich schlägt. Was gab es doch in der Presse und in den anderen Medien ein Kesseltreiben gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. immer neue Einzelheiten aus der Zeit vor seinem Amtsantritt wurden hervorgeholt. Am Ende blieb von all den Vorwürfen ein geringer Strafbefehl. Aber das Opfer ist heute ein gebrochener Mann, ohne Frau und Freunde.

Und dann gab es das Kesseltreiben gegen den Limburger Bischof. Gewiß, der Mann hat Fehler gemacht. Aber haben das nicht vielleicht seine Kollegen ebenso gemacht? Was hat mancher Politiker doch die Millionen in den Sand gesetzt. Aber einer wird als Opfer bestimmt und es bleibt am Ende nichts anderes mehr, als das Amt aufzugeben. Was einmal das Lebensziel war, woran man sein Herz gehängt hat, das ist alles dahin, der Einzelne wird niedergemacht. Aber die Handwerker und Baufirmen, die ihn betrogen haben, sind fein raus. Und manch anderer ist froh, daß er jetzt einen angeblichen Grund hat, aus der Kirche auszutreten. So etwas muß nicht sein. Aber während wir bei der Natur nicht viel beeinflussen können, so können wir das bei unseren menschlichen Ordnungen sehr wohl, jeder in seinem persönlichen Umfeld.

Aber wenn die Zeit erfüllt sein wird, dann wird man neue Wege beschreiten müssen. Gott wird sich auf Dauer mit dem Zustand des menschlichen Herzens nicht zufrieden geben. Wir tun es vielleicht. Wir finden den gegenwärtigen Zustand vielleicht ganz normal oder doch wenigstens erträglich. Aber Gott will nicht nur Ordnungen, sondern er will unser Herz. Deshalb wird er noch einmal mit Jesus Christus eine neue Menschheit beginnen. Sein Opfer ist besser als das Opfer des Noah. Alle äußere Ordnung in der Welt hat die Aufgabe: Raum zu schaffen für das, was durch Christus an uns geschehen soll. Gott verbürgt sich dafür, daß wir uns auf ihn verlassen können. Die Frage ist immer nur, ob er sich auch auf uns verlassen kann.

 

 

21. Sonntag nach Trinitatis: Mt 10, 14 - 39

Die Evangelische Kirche in Deutschland ruft jedes Jahr am Sonntag Reminiszere die Gemeinden dazu auf, an die weltweit verfolgten Christen zu denken. In diesem Jahr stehen die Staaten Tunesien, Algerien und Marokko im Mittelpunkt. Dort hat es zwar im Rahmen des „Arabischen Frühlings“ eine Verbesserung bei den Menschenrechten gegeben. Aber den Minderheiten und damit auch den Christen droht vielfach ein „menschenrechtlicher Winter“. Auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es deshalb extra eine Abschnitt „Fürbitte“.

In allen drei Ländern ist der Übertritt von Muslimen zur christlichen Religion verboten. Jedoch häufen sich in den letzten Jahren die Übertritte, vor allen Dingen zu evangelikalen oder charismatischen Gruppen. In manchen Fällen kam es zur Ausweisung von ausländischen

„Missionaren“ und zur Verurteilung von Personen, weil sie Vorschriften zur Kultausübung

nicht beachtet hatten. Unabdingbare Voraussetzung für jede kirchliche Präsenz ist eine offizielle Registrierung, die aber nicht transparent erfolgt und von behördlicher Willkür geprägt ist.

Ein weiterer Bereich, in dem Angehörige der christlichen Minderheit diskriminiert werden,

ist das Familienstandrecht nach den Vorgaben der Scharia. Zwar ist eine Eheschließung zwischen einer Nicht-Muslimin und einem Muslim in allen drei Ländern möglich, doch wird bei

einer Ehe zwischen einer Muslimin und einem Nicht-Muslim von der Familie zuerst der Übertritt des Mannes zum Islam gefordert. Entsprechend werden Kinder aus religionsverschiedenen Ehen ausnahmslos als Muslime betrachtet. Die Lage bleibt angespannt und ist weiterhin vom Wohlwollen der Behörden abhängig.

Aber es gibt durchaus auch andere Länder, in denen die Christen verfolgt werden. Früher hatten wir da meist die Christen im damaligen Ostblock im Blick, von Eisenach bis Peking. Heute machen wir uns eher Sorgen um die wenigen Christen in islamischen Ländern. Meist ist uns nicht bewußt, daß eine ganze Reihe von Palästinensern Christen sind. In Syrien gehört der Machthaber einer moslemischen Minderheit an und läßt deshalb auch die Christen gewähren. Aus dem Irak, den doch die Amerikaner von der Diktatur befreien wollten, fliehen chaldä­ische Christen bis zu uns. Verfolgung auch im Iran und in Pakistan. Im Sudan konnten zwar die Christen einen eigenen Staat bilden, aber im Nordsudan werden sie weiter vertrieben. Und dann hören wir neuerdings von Übergriffen einer moslemischen Sekte in Nigeria auf die Christen im Norden des Landes.

So hart kann es kommen, wenn man sich zu Jesus Christus hält. Das will Jesus sagen mit dem harten und überraschenden Wort: „Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Es bedeutet also nicht, daß Jesus selber das Schwert in die Hand nehmen will. Vielmehr bereitet er darauf vor, daß man mit der Feindschaft selbst der nächsten Verwandten rechnen muß, wenn man sich für Jesus entscheidet.

Da fragten sich einmal Eltern ratlos, ob sie ihre vierzehnjährige Tochter zum Nervenarzt schicken müßten, weil sie eine Bibel auf deren Nachttisch haben liegen sehen. Es gibt viele Beispiele dafür, wie gerade junge Menschen aus einem gottlosen oder gleichgültigen Elternhaus zum Glauben an Gott fanden. Vielleicht war eine Freundin der Auslöser oder das Internet oder der Besuch einer Filmvorführung. In der Fernsehserie „Um Himmels willen“ wird die Hauptrolle von Janina Hartwig gespielt. Sie bezeichnet sich selbst als nicht gläubig. Aber irgendwie wird diese Rolle doch auf sie abfärben. Es gibt viele Wege, wie Gott auf Menschen einwirken kann.

Aber wenn er dann einen Menschen gepackt hat, dann muß der auch mit Widerständen rechnen, auch in der eigenen Familie. Und das gilt erst recht, wenn man dann aktiv an die Verbreitung des Glaubens gehen will. Das schließt Verzicht, Strapazen und Selbstverleugnung ein. Schon die ersten Apostel haben ihren Glauben mit dem Tod bezahlt. Es wird nicht jedem das Gleiche auferlegt. Gott gewährt seiner Kirche auch Zeiten, in denen sie Ruhe hat. Wir können nur dankbar sein, wenn wir in einer solchen Zeit leben.

Aber jenes harte Wort Jesu hat auch schon den naheliegenden Sinn: Jesus führt das Schwert auch aktiv. Jesus ist ein unbequemer Mann, der eine unbequeme Botschaft bringt. Er will ja gerade nicht, daß alles beim Alten bleibt und wir mit unserer frommen Gottlosigkeit so weiter machen dürfen. Wir kennen uns doch: Der alte Adam ist ein Spießer, der sich nicht aus der Ruhe bringen lassen will. Einen Jesus, der nichts fordert, sondern nur lobt und ihn bestätigt, würde er gern gelten lassen. Aber einen Jesus, der uns für Gott in Anspruch nimmt und mit dem bisherigen Leben aufräumt, wehrt er ab.

Es geht nicht nur um diese oder jene leichte Korrektur an unserem gewohnten Leben. Das Haus, in dem man sich in dieser Welt gemütlich eingerichtet hat, muß abgerissen und durch eine neues ersetzt werden. Jesus will eine heilsame Unruhe in unser Leben und unsere Welt bringen. Daß er dabei auf Widerstand stößt, sollte niemanden wundern.

Aber der streitbare Jesus tut uns nichts zuleide, sondern uns zuliebe. Er schlägt niemandem Wunden, sondern ihm werden Wunden geschlagen und er wird ans Kreuz genagelt. Das ist ein harter Konflikt. Die Welt ist gegen Gott, aber Gott ist  f ü r  die Welt. Jesus sagt es seinen Leuten voraus: Sie werden das Kreuz auf sich nehmen müssen, wenn sie ihm nachfolgen wollen. Aber sie stehen im Dienst einer herrlichen Sache: Sie werden mit niemandem tauschen wollen, denn sie verlieren bei Jesus nichts, ohne das Eigentliche und Beste durch ihn zu gewinnen.

Der Christ gerät also in Konflikte und Spannungen zu seiner Umwelt, gerade auch zu seinen allernächsten Mitmenschen. Die Zugehörigkeit zu Jesus kann uns den Menschen entfremden, die uns lieb sind. Wie soll man sich verhalten, wenn die Familie der Tochter an Weihnachten zu Besuch kommt und die Tochter schon vorher signalisiert hat, daß der Schwiegersohn keine Weihnachtslieder will. Ist das dann ein  Punkt, wo man seinen Glauben bekennen soll, oder ist es nicht so wichtig, weil es dem Schwiegersohn gar nicht gegen den Glauben geht, sondern er nur gegen das Rührselige ist.

Wie soll man sich verhalten, wenn man Besuch aus Israel hat? Wir wissen ja, daß fromme Juden bestimmte Regeln bei den Speisen einhalten, die wir gar nicht einhalten können - wie sie meinen. Man fragt also vorsichtig an. Die Antwort: „Wir sind nicht religiös!“ Also das Problem wäre damit schon einmal gelöst. Aber wie hält man es jetzt mit dem Tischgebet, das man sonst jeden Tag übt? Hier ist schon ein Bekenntnis gefragt. Nur wird man vielleicht überrascht sein, daß die Gäste gar nichts dabei finden, auch brav die Hände falten und danach sogar die Worte zitieren, mit denen sie zu Hause die Mahlzeit beginnen- auch ein religiöser Spruch - der aber inzwischen völlig verweltlicht ist.

 

Wer nur das tut, was in der Familie oder Gruppe üblich ist, der riskiert nichts. Wer aber aus Gehorsam gegenüber Gott aus solchen Gewohnheiten ausbricht, muß mit Entfremdung  und Nichtverstehen rechnen. Wie schwer haben es doch die Menschen, die aus dem gewohnten Gesetz ihrer Sippe oder ihres Volkes ausbrechen wollen. Was in vielen Familien mit einer Frau moslemischen Glaubens geschieht, die sich einem Deutschen zuwendet, wissen wir alle. Der Mann muß gar nicht einmal ein überzeugter Christ sein. Die moslemische Familie geht vielleicht genausowenig in die Moschee wie er in die Kirche - aber die „Kultur“ muß hochgehalten werden, im Gastland noch mehr als in der Heimat. Und ganz schlimm wird es, wenn so eine Frau auch noch die angestammte Religion verlassen will und sich dem Christentum zuwendet.

Jesu Gefolgsleute werden solche Konflikte nicht suchen. Niemand darf sich zum Märtyrertod drängen, wie das manche Moslems tun. Für uns kann es auch keinen „Heiligen Krieg“ geben. Unsre Aufgabe ist ein Frieden, bei dem nicht die Gegensätze verschleiert werden, sondern bei dem wir auch bei der Wahrheit bleiben können und nicht auf Kosten eines anderen handeln wollen. Aber Jesu Gefolgsleute werden Konflikte auf sich nehmen, wenn es nötig ist. Aber Jesus will nicht zertrennen, sondern zusammenführen, was zusammen gehört. Wir können uns nicht nach außen abkapseln und die Beziehungen unsererseits zu anderen belasten. Mit einem farblosen Allerweltschristentum und einem verwaschenen Glauben käme es natürlich nicht zu Spannungen und Auseinandersetzungen. Dann würde man vielleicht sagen: „Ich bin der Herr dein Gott, aber du kannst getrost auch noch andere Götter haben neben mir!“ Das geht gerade nicht.

Wenn wir von unseren Mitmenschen nicht verstanden werden, dann müssen wir uns bemühen, uns verständlich zu machen. Wir werden vielleicht auch zu verdeutlichen versuchen, daß es kein Begreifen von außen her gibt, sondern daß man im Grunde überwunden werden muß und daß man beim Glauben mehr gewinnt, als man hingibt.

Natürlich weiß Jesus, daß jeder Mensch sein Leben erhalten will und soviel wie möglich dabei gewinnen will. Das Verlangen nach Leben steckt zu Recht in uns allen drin. Aber indem wir uns selbst ganz wichtig machen, verspielen wir unser eigentliches Leben. Der gesunde Selbsterhaltungstrieb kann auch zu einem feigen Sicherheitsbedürfnis ausarten und zu dem Bestreben, sich selber zu schonen. Es kommt zu Ehrgeiz und Geltungssucht, zu Gier und zur krankhaften Unruhe, die immer mehr haben  will.

In der Schule Jesu rechnet man anders: Da kann man nicht immer nur auf die Einnahmeseite seines Lebenskontos schauen, sondern da muß man auch einmal etwas investieren und reich werden durch Ausgaben. In der Ehe zum Beispiel kann man nicht „auf seine Rechnung kommen“ wollen, sondern man muß sich hineinopfern in die Gemeinschaft. Glücklich werden ist Nebensache, auf das Glücklich machen kommt es an. Und indem man glücklich machen will, wird man es auch selber.

Wenn die Menschheit nicht die Verantwortung für den Frieden mit höchster Aktivität wahrnimmt, verspielt sie die Chance ihres Überlebens. Die Menschheit wird von der Hingabe solcher Menschen leben, die sich selbst nicht schonen und anderen vorangehen, wenn es um die Gemeinschaft unter den Völkern und um das gerechte Miteinanderleben innerhalb eines Staates geht. Aber letztlich haben wir das Leben nicht in dem, was wir uns geschaffen und erkämpft haben, sondern in dem, was Gott uns gibt. Wie er uns auch führt, es läuft nicht darauf hinaus, daß wir verlieren und einbüßen, sondern daß wir finden.

 

 

22. Sonntag nach Trinitatis: Mt 18, 15-20

Die Kirche hat ein Angebot zu machen, von dem viele nicht so recht zu wissen scheinen: Sie darf den Menschen die Vergebung Gottes zusprechen! So hat es jedenfalls die frühe christliche Gemeinde verstanden, als sie ein Wort Jesu festhielt, das er vielleicht gar nicht selber so gesprochen hat, das aber ganz in seinem Sinne ist: „Was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein!“

Das gilt auch heute noch. Es wird vor allem gesprochen in besonderen Beichtgottesdiensten wie am Buß- und Bettag. Selbst wenn nicht der Pfarrer, sondern ein Lektor den Gottesdienst hält, darf er sagen: “…spreche ich als ein verordneter Diener Gottes euch von allen Sünden los, daß sie euch sollen vergeben und vergessen sein, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

Früher hat man solche Beichten vor jedem Abendmahl gehalten, zum Teil sogar am Vortag. Und wer nicht zur Beichte war, der durfte auch nicht zum Abendmahl. Davon ist man aber abgekommen, weil das Abendmahl mehr ein Freudenmahl ist, das zwar die Vergebung voraussetzt, aber nicht durch die ernste Stimmung bei der Beichte überdeckt werden soll. Damit hat aber die Beichte einen eigenen Stellenwert erhalten, sowohl die Einzelbeichte wie auch der Beichtgottesdienst.

Die Beichte hat ihren eigenen Sinn. Die römisch-katholische Kirche übt einen gewissen Druck auf ihre Gemeindeglieder aus, daß sie wenigstens einmal im Jahr zur Einzelbeichte gehen. Und dabei kann es vorkommen, daß ein Mann auf den Priester schimpft: „Meine Frau hatte gar nicht so viel zu beichten, aber er hat sie als Lügnerin niedergemacht, weil er sie einer anderen Frau verwechselte!“

Fragen muß man sich allerdings: „Woher weiß die Frau, daß sie gar nicht viel zu beichten hat?“ An sich gibt es bei jedem viel zu beichten, es muß ihm auch das vergeben werden, wo-­ ran er im Augenblick gar nicht denkt oder was er vergessen hat. Bei einer allgemeinen Beichte ist das alles eingeschlossen. Aber wir sollten nicht meinen: Wir sind keine Katholiken, wir brauchen nicht zu beichten!“ Beichte tut not. Aber sie ist – wie gesagt – ein großartiges Angebot an jeden, der glaubt.

 Zum einen müssen wir uns selber von der Sünde scheiden, aber wir haben uns auch um unsere Mitchristen zu bemühen und gemeinsam eine Verbindung zu dem Vater zu suchen.

 

1.  Von der Sünde scheiden:

Es könnte unter uns welche geben, die nicht anerkennen, daß sie auch Sünder sind. Aber christliches Leben ist immer ein Verlassen des Vergangenen und das Streben nach dem, was vor uns liegt. Wer das aber nicht einsehen will, für den gibt es seit Anfang der Kirche das Instrument der sogenannten „Kirchenzucht“. Modell dafür war die Art Jesu. Wie er der Sünde im Kreis der Seinen widerstand und wie er mit dem Schuldiggewordenen umging. Er hat die Verirrten nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern wollte sie wiedergewinnen unter dem Vorzeichen der Vergebung Gottes. Dieses ist auch das Ziel der Kirchenzucht.

Aber ihre Aufgabe kann es nicht sein, eine perfekt heilige Gemeinde zu schaffen. Das haben radikal-christliche Gruppen versucht, die dann abgeglitten sind in die Alleinherrschaft eines angeblich allwissenden Gemeindeleiters. Schon Martin Luther aber hat gesagt: „Ich hätte auch gern eine vollkommene Gemeinde ernster Christen gehabt, aber ich habe nicht die Leute dazu!“

Bei uns allerdings besteht kaum die Gefahr, es mit der Kirchenzucht zu weit zu treiben. Sie gilt eher als etwas Veraltetes, das noch aus der Zeit herkommt, als die Kirche von den Herr­schenden auch zur Disziplinierung der Untertanen benutzt wurde. Außerdem fürchten wir natürlich auch, daß die Menschen wegbleiben, wenn wir uns nicht scheuen, gegen eine offensichtliche Sünde vorzugehen. Gerade heute kommt es doch auf jeden Einzelnen an, der „noch“ zur Gemeinde gehört. Doch andererseits wird die Gemeinde uninteressant, wenn sie jedes in ihrer Mitte gelten und bestehen läßt.

Doch Ziel der Kirchenzucht kann es nicht sein, durch gesetzliche Maßnahmen den Willen Gottes durchzusetzen. Noch viel weniger kann sie dem letzten Gericht Gottes vorgreifen und nur Vollendete schaffen wollen. Es geht aber darum, daß die Gemeinde sich nicht mit der Sünde abfindet, sondern nach Kräften von der Sünde scheidet.

Das Evangelium macht uns frei, in unserem eigenen Leben und in dem der Gemeinde so weit wie möglich mit der Sünde aufzuräumen. Wenn Christus unter uns ist, dann reimt sich dazu vieles nicht, was leider unter uns anzutreffen ist. Gott darf aber nicht vor der Welt blamiert werden. Deshalb muß es ein Anliegen der ganzen Gemeinde sein, gegen die Sünde vorzugehen. Der Kampf gegen die Sünde darf nicht einem jeden selbst überlassen bleiben, sondern es geht die Gemeinde an, wie in ihr gelebt und gedient wird.

 

2. Um den Mitmenschen bemühen:

Jesus macht es uns zur Pflicht, sich um den Mitmenschen zu bemühen. Doch Mancher könnte das als Einmischung in seine höchst persönlichen Angelegenheiten ansehen. Er will vielleicht auch das Schwierigste in seinem Leben mit sich allein abmachen. Man muß aber auch bereit sein, Kirchenzucht anzunehmen – oder sagen wir lieber besser: Seelsorge anzunehmen.

Nur muß dieses Bemühen „auf Jesu Weise“ geschehen. Der andere ist ja vielleicht nur verunglückt, vielleicht ist er nur gefährdet. Und der Seelsorger ist als Mitmensch und Mitchrist natürlich auch ein Sünder, das darf man nicht vergessen.

Die frühe christliche Gemeinde hat dazu ein Modell gefunden: Schon ein ernstes Gespräch unter vier Augen kann etwas fruchten. Wenn das nicht reicht, zieht man noch einen oder zwei aus der Gemeinde hinzu. Notfalls muß man es aber auch der Gemeinde sagen. Hört er aber auch auf die nicht, dann muß man sich von ihm trennen. Aber immer geht es darum, daß man nicht auf Kosten des in Sünde Gefallenen handelt, sondern zu seinem Besten.

Maßnahmen kirchlicher Zucht können nur getroffen werden in der Absicht, dem anderen die Gefahr deutlich zu machen und ihn zur Kursberichtigung zu bewegen, damit die Maßnahmen möglichst bald aufgehoben werden können. Vielleicht muß man dabei aber auch einmal rigoros vorgehen wie jener Pfarrer, der einem Sterbenden, der sich nicht mit seinem Bruder aussöhnen wollte, einfach sagte: „Ich werde am Grab nicht das Vaterunser beten, denn die fünfte Bitte wäre ja wie ein Hohn!“ Man kann ja nicht bitten „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, wenn man nicht bereit ist, nicht einmal dem leiblichen Bruder zu vergeben. Da begriff der Sterbende, was zu tun sei.

 

3. Gemeinsam eine Verbindung mit dem Vater suchen:

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!“ Jetzt geht es um das gemeinsame Gebert in der Gemeinde. Wenn diese sich einig ist, dann wird ihr viel gelingen. Und was auf Erden geschieht ist deshalb wichtig, weil es auch im Himmel gilt. Aber Gott beugt sich nicht etwa dem Spruch eines Menschen, sondern dieser Mensch ist sein Werkzeug, wenn er einen anderen von der Schuld freispricht.

Das Beten steht unter der Verheißung, daß das Erbetene uns auch widerfahren soll. Aber das Gebet kann nur in Jesu Namen geschehen, es ist immer von ihm umschlossen. Das bewahrt uns vor törichten Bitten. Aber wenn wir am Sonntag im Gottesdienst das Fürbittengebet sprechen, dann nehmen wir an der Fürbitte Jesu teil.

So ist dieser Bibeltext, der sich zunächst sehr nüchtern anhört, eine große Einladung. Angeboten wird uns unendlich viel mehr, als wir je in Anspruch genommen haben. Aber vielleicht greifen wir in Zukunft entschlossener zu. 

 

 

23. Sonntag nach Trinitatis: Joh 15, 18-21 

„Die christliche Gemeinde wird vom Haß der Welt getroffen. Der Haß gegen den Sohn ist aber der Haß gegen den Vater!“ So könnte man den Inhalt dieser Verse umschreiben. Als sie aufgeschrieben wurden, war der Haß gegen die Gemeinde schon eine Tatsache, der Haß ist zum Dauerzustand geworden. 

Weshalb werden Christen gehaßt? Die Kommunisten bekämpfen die Kirche, weil sie früher auf der Seite der Herrschenden stand und bemerken gar nicht, daß sie sich längst gewandelt hat. Es wäre sinnvoller, Seite an Seite mit der Kirche an der Verbesserung der Welt zu arbeiten. Aber die unrühmliche Vergangenheit der Kirche ist ja auch gar nicht der wirkliche Grund der Ablehnung der Kirche.

Viel wichtiger ist den Kommunisten, daß sie den Menschen mit Haut und Haar beherrschen wollen, er soll nur die kommunistische Ideologie im Kopf und vor allem auch im Herzen haben. Und da stört der Glaube an Gott natürlich. Dieser Glaube ist umgedreht die beste Versicherung dafür, daß man nicht einer verführerischen Ideologie erliegt. Deshalb verweist Johannes auch darauf, daß es Menschen gibt, die das Wort Jesu halten. Sie sind nicht mehr „aus der Welt“, sondern sind in das „Sein von oben“ gerufen.

Die Kirche wird auch von den Moslems gehaßt. Sie erkennen zwar Jesus als einen Propheten an, aber natürlich nicht als Sohn Gottes. Allerdings gibt es auch Unterschiede unter den Moslems. Die große Mehrheit ist gemäßigt und kommt gut mit anderen Überzeugungen aus. Aber auffällig sind die Radikalen. Die verfolgen sogar ihre Glaubensbrüder. Und dabei geht es nicht nur um den Gegensatz der beiden großen Konfessionen, der Schiiten und Sunniten, sondern es gibt auch die Ultraradikalen, die jeden köpfen, der sich nicht zu ihrer Auslegung des Glaubens bekennt. Christen haben da erst recht keine Chance.

Es ist also durchaus nicht so, daß die Christen nur durch den Staat verfolgt werden, wie das zur Zeit des Johannes war, als der römische Staat sie grausam unterdrückte. Wer dem römischen Kaiser opferte, der hatte nichts zu befürchten. Wer sich aber weigerte, wurde getötet, damit es nicht mehr so viele Verweigerer gab.

Aber die christliche Gemeinde erfuhr auch Nachstellungen von den Juden. Diese schlossen die Jesusanhänger aus der Synagogengemeinde aus oder töten sie sogar. Und dabei meinten sie, Gott noch einen Dienst zu tun. Verfolgung gibt es also nicht nur von Ungläubigen, sondern auch von denen, die auch einen Gott über sich wissen. Daß Christen verfolgt werden, scheint ihr Schicksal zu sein, weil sie sich nicht in allgemein menschliche Überzeugungen einordnen, sondern einen Herrn über sich haben, der größer ist als alle Herren dieser menschlichen Welt.

Die Welt ist ihrem Wesen nach aber nicht widergöttlich, so daß man sie möglichst bald hinter sich lassen müßte. Die Welt ist ja Gottes Schöpfung, zwar von ihm unterschieden, aber doch von ihm gewollt. Erst die negative Entscheidung gegenüber Christus macht sie zu einer widergöttlichen Größe. Deshalb haben sich die Jünger darauf gefaßt zu machen, daß die Welt auf dem Plan ist, wenn einer sie angreift und bedrängt. Sie sollen nicht überrascht sein, wenn ihre Predigt sie in harte Auseinandersetzungen mit der widerstrebenden Welt bringt.

Das Johannesevangelium gibt drei Gründe für diesen Haß an: Weil ihr zum Himmel gehört, der ihnen fremd ist. Weil ihr zu mir gehört, den sie hassen. Weil ihr zu Gott gehört, den sie nicht kennen.

 

1. Weil ihr zum Himmel gehört, der ihnen fremd ist:

Die Jünger ziehen mit einer erfreulichen Kunde durch die Welt: „Gott liebt die Welt!“ Aber diese Welt läßt sich nicht liebhaben. Sie lehnt gerade das Befreiende und Beglückende ab. Die Christen bringen der Welt das Beste, was sie empfangen kann. Aber sie erfahren nur Haß dafür. Es kann nicht anders sein: die Begegnung ist ein Zusammenprall.

Aber es hat auch immer wieder Menschen gegeben, die Gottes Wort gehalten haben. So hat das Evangelium Geschichte gemacht. Wie ein Sauerteig hat es die Welt durchdrungen und vor allem das sogenannte „christliche Abendland“ geformt und hat von da aus die ganze Welt beeinflußt. Was in den Menschenrechten aufgeschrieben wurde, was in den Papieren der Vereinten Nationen steht, was auch unser Grundgesetz ausmacht - das ist alles die weltliche Seite des christlichen Glaubens.

Diese Wirkung wird sich aber nur fortsetzen, wenn es nicht nur heißt. „Man ist eben Christ!“ sondern wenn ich sage: „ I c h  bin Christ!“ Eine Gewohnheitsreligiosität, die ihren Wurzelgrund im Menschenherzen hat, ist noch kein Christsein, denn dieses kann immer nur „von oben“ sein. Und das Reich Gottes vereinigt sich auch nicht mit der Welt zu einer Art Legierung, bei der sich beides gleichmäßig durchdringt. Die Spannungen werden sich nicht mit der Zeit ausgleichen, indem die sittlichen Kräfte des Evangeliums die Welt durchdringen.

Jesus hat seine Jünger aus der Welt heraus erwählt. Sie werden aber nicht der Welt entnommen, sondern sie werden vor dem Bösen bewahrt. Aber die Christengemeinde bleibt mitten in der Welt ein Fremdkörper, weil sie ihren Ursprung bei Gott hat. Sie hört auf ein Wort, das die Welt nicht vernommen hat oder nicht vernehmen wollte.

Christen hoffen auf das, was Gott tut und noch tun wird. Sie urteilen nach Maßstäben, die der Welt nicht geläufig sind. Christen leben in der Welt, aber sie leben nicht von der Welt. Doch die Welt wird schnell herausfinden, wo wir doch noch in Wirklichkeit auf ihrer Seite sind. Achten wir deshalb drauf, auf wessen Stimme wir hören.

 

2. Weil ihr zu mir gehört, den sie hassen:

Das Jüngerleben ist dem Leben des Herrn parallel. Als Jünger kann man nicht in Glanz und Glorie leben wollen und der Gekreuzigte ist ganz unten. Jesus ist aber nicht mit verbundenen Augen in sein Kreuzesschicksal hineingelaufen, so meine es manche, die auch sagen: Erst die Gemeinde hat die unvorhergesehene Katastrophe sich verständlich gemacht und die „Theologie des Kreuzes“ sich zurechtgelegt, daß dies nämlich alles so von Gott gewollt war. Dann wäre der Haß der Welt auch etwas ähnlich Zufälliges wie der Kreuzestod Jesu selbst. Jesu ganzes Reden und Tun schließt die Notwendigkeit des Konflikts mit der Welt ein. Wir müßten eine andere Sache predigen als Jesus, wenn es nicht auch bei uns den Konflikt mit der Welt gäbe.

Jesus schont die Welt, indem er ihr wehrlos gegenüber tritt. Jesus kämpft nur mit Waffen des Friedens, mit seinem Wort, mit Dienst, Hingabe und Leiden. Dadurch setzt er die Welt ins Unrecht bzw. er macht das Unrecht offenbar, in das sie sich selbst gesetzt hat. Aber Jesus liebt die Welt. Doch diese lehnt die Liebe ab und versteift sich im Widerstand.

Im Kreuz Jesu hat dieser Konflikt seine größte Schärfe erreicht. Hier hat die Welt sich wissend an Gott vergriffen. Ihr Widerstand ist nicht nur Schwachheit und Verwirrung. Dieser Widerstand wehrt sich gegen die Liebe, mit der Gott in Christus seine verlorengegangene Welt zurückholen und zurückgewinnen will. Wenn sie aber in der Verlorenheit verharrt, ist ihr nicht mehr zu helfen. Geholfen werden kann ihr nur, wenn sie die eigene Verkehrtheit und Verlorenheit, das Losgelöstsein von Gott und das Verfangensein in das Böse sich eingesteht und das „Sein von unten her“ aufgibt.

Doch was wir hier von der „Welt“ gesagt haben, gilt auch für uns, denn wir stehen immer in der Gefahr, auch „Welt“ zu sein. Für die Jünger liegt darin die große Versuchung, nun doch größer sein zu wollen als der Herr und der Auseinandersetzung auszuweichen. Die Jünger können ja nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen, sondern sie werden mit ihrem Herrn ins Leiden gehen müssen. Wenn die Welt uns nicht haßt, kann das seinen Grund darin haben, daß sie jetzt auf Gott hört. Es kann aber auch darauf zurückzuführen sein, daß wir ein Evangelium predigen, das niemanden aus der Ruhe bringt, weil wir selber „Welt“ geworden sind.

 

3. Weil ihr zu Gott gehört, den sie nicht kennen:

Das klingt ja fast wie eine Entschuldigung der Welt. Aber vielleicht kann sie gar nicht anders als hassen. Sie hat sich als Kreatur dem Schöpfer gegenüber selbständig gemacht. Ist das Schicksal oder Schuld? Die Jünger Jesu sollten für die Denkweise der Welt einiges Verständnis aufbringen. Hier sind Menschen angeredet, deren Gottblindheit nicht eine naive, sondern eine bewußte und von ihnen gewählte ist. Aber jeder Jude würde protestieren und sagen: Wenn jemand Gott kennt, dann der Jude! Doch gerade diese Selbstgewißheit kann ja Verblendung sein. Sie meinen Gott zu kennen und kennen ihn doch nicht. Doch diese Gefahr besteht auch für uns.

Gott ist uns in der Tat von Hause aus verschlossen und unbekannt. Erst indem Jesu uns die Möglichkeit der Gotteserkenntnis erschließt, können wir ihn finden und mit ihm Gemeinschaft haben. Die Wirklichkeit Gottes kann sich nur selbst erschließen. Dies geschieht, indem Christus uns begegnet. Gotteserkenntnis besteht nicht in der Übernahme von Lehrsätzen, sondern darin, daß man sich ergreifen und auf den neuen Boden stellen läßt. Begreifen kann man nur, wenn man sich ergreifen läßt.

 

24. Sonntag nach Trinitatis: Pred 3, 1-14

„Alles hat seine Zeit!“ Das gilt für uns vielleicht nur im Urlaub. Wenn man diese rhythmischen Aufzählungen hört, kann man sich fühlen wie am Strand, wo die Wellen heranrollen, ans Ufer klatschen, den Sand hinauflaufen und mit leichtem Schäumen auslaufen. Das Wasser strömt zurück, die nächste Welle kommt, jede zu ihrer Zeit. Irgendwie wird man in diesen Rhythmus hineingenommen, man wird ruhig und gelöst. Es ist gut, daß alles seine Zeit hat und zu seinem Recht kommt.

Doch dieses Gefühl ruhiger Gelassenheit erledigt sich im Alltag leicht als vergängliche Urlaubsstimmung. Denn täglich erleben wir, daß alles keine Zeit hat. Da gibt es nur Rast­losigkeit und Unruhe - und wir mitten drin. Das belastet uns. Aber wir können uns nur schwer davon freimachen. Mit der Uhr in der Hand meinen wir, der Herr der Zeit zu sein. Aber in Wirklichkeit hat die Zeit uns in der Hand. Mehr oberflächlich sagen wir: „Zeit ist Geld!“ Aber wir wissen auch: „Wer Zeit hat, der hat Leben!“ Die Zeit ist keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, sondern Platz zum Parken in der Sonne.

Am Anfang und am Ende unseres Lebens stehen zwei Daten, die offiziell beurkundet werden müssen. Die dokumentieren die Begrenztheit und Vergänglichkeit unserer Zeit: Wir sind begrenzt in unserer Zeit! Was dazwischen liegt, das zählt der Prediger in seinen Gegensatzpaaren auf. Immer wieder erfahren und erleiden wir dabei unsere Begrenztheit. Mit zunehmen­dem Alter tauchen auch Krankheiten auf und kündigt sich allmählich das Nachlassen unserer Kräfte an.

Man könnte Pessimist werden oder in Depression verfallen. Das ist heute eine verbreitete Krankheit. Aber was der Prediger da sagt, ist zwar wahr, aber er sieht die Welt zu dunkel. Seine niederschmetternden Klagen sind zugleich überholt und überwunden: Wir können Besseres zum gleichen Thema sagen. Denn Gott hat sich des vergänglichen Menschen angenommen, der die Wege Gottes nicht begreift. Er hat sich des Menschen angenommen, indem er selbst Mensch wurde.

Wenn Christus nicht wäre, dann müßte uns in der Tat so Manches beschweren. Drei Dinge greifen wir einmal heraus: Der zeitliche Mensch, das vergebliche Werk und der unbegreifliche Gott.

 

1. Der zeitliche Mensch:

Es ist, als ahmte der Prediger den Pendelschlag einer Turmuhr nach: Die Zeit bleibt nicht stehen. Was gestern war, ist heute nicht mehr. Was heute ist, wird bald nicht mehr sein. Was noch nicht ist, erwarten wir einerseits mit Hoffnung, aber andererseits auch mit Angst. Aber es ist nie zu früh, wir müssen schon mit Ernst an unsere Aufgaben gehen. Es ist aber auch nie zu spät und wir brauchen uns nicht abzuhetzen. Jede Minute, jede Stunde ist kostbar. Aber sie sind auch wiederum nicht so kostbar, daß wir sie nicht verlieren dürften. Wenn wir auf der eine Seite Zeit verlieren, so können wir sie dennoch auf der anderen Seite gewinnen.

Manchmal warten wir lange auf etwas – und dann ist es auch sofort wieder vorbei. Vielleicht sind wir auch froh, wenn es vorüber ist. Vielleicht aber möchten wir auch wie Goethe zum Augenblick sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Aber den Fluß der Zeiten halten wir nicht auf. Wir können uns an Manches erinnern, aber es gehört uns nicht mehr.

Die Zeit ist wie ein Pfeil, sie kommt von irgendwo her und geht irgendwo hin. Sie ist unumkehrbar. Wir können nicht noch einmal von vorne anfangen und unser Leben neu leben, was wir versäumt haben, läßt sich nicht wieder einholen.  Das ist der Unterschied zwischen dem jüdisch-christlichen Denken und den asiatischen Religionen. Dort stellt man sich die Zeit eher wie einen Kreis vor, in dem alles wiederkehrt. Selbst das Leben der Menschen soll nach einer Wiedergeburt noch einmal neu anfangen. Wir sagen zwar auch manchmal: „Es ist alles schon einmal dagewesen!“ Aber es sind dann immer nur Ähnlichkeiten, nicht noch einmal das Gleiche. Die Welt steht nicht still. Wir können nicht den Film unsres Lebens anhalten und bei einem Standbild verharren.

Das heißt nicht, daß es nicht auch Bleibendes und Unverlierbares gäbe. Aber das Neue gewinnen ich nur, indem ich das Alte vergangen sein lassen. Aber man kann sich auch freuen, daß es so ist, denn die Zeit des Weinens wird von einer Zeit des Lachens abgelöst. Nach Krieg kommt auch wieder Frieden. Regiert heute der Haß, so wird es morgen die Liebe sein. Man muß nicht immer klagen, sondern man wird auch wieder einmal tanzen. Auf die Trauerzeit folgt auch wieder einmal eine mehr freudigere Zeit. Dies zu wissen, kann doch sehr tröstlich sein.

Der Prediger aber sagt es umgedreht: Was mich jetzt freut, kann wieder abgelöst werden durch das andere, das mich schmerzt und quält. Alles kann einmal von seinem Gegenteil abgelöst werden. Er sieht nicht das heilsame Miteinander von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter Tag und Nacht, wie es in der Bibel von Gott in dem Bund mit Noah verheißen wird, sondern er sieht nur den für ihn sinnlosen Wechsel der Dinge. Er ist wie Till Eulenspiegel, der sich freut, wenn es bergauf geht, weil es dann bald wieder bergab geht, und der beim Anstieg traurig ist, weil es bald wieder bergauf gehen wird.

Vor allem daß das Leben einmal endet, macht ihm zu schaffen. Alles andere ist wie ein Karussell, bei dem jede Runde wieder an die gleiche Stelle bringt. Der Tod aber ist endgültig, jeden­falls was unser irdisches Leben angeht. Das ist auch gut so, daß wir kein ewiges Leben haben, denn ein Unfalltod wäre eine noch größere Katastrophe, als sie sowieso schon ist.
Aber für uns Christen ist der irdische Tod natürlich nicht das Letze. Christus ist die Auferstehung und das Leben. Ein ewiger Leerlauf wäre nichts, was man erstreben könnte. Ein lebenswertes Leben haben wir nur von Christus her.

 

2. Das vergebliche Werk:

Der Glaube an den Fortschritt regt unser Tun an. Das Leben hat nur einen Sinn, wenn wir dazu beitragen können, daß die Welt friedlicher und gerechter wird. Man setzt sich gerne ein, wenn man weiß, wofür es ist. Der Prediger aber sieht keinen Gewinn, kein Vorankommen und Reifen. Er sieht keine Aufwärtsbewegung, sondern nur den Pendelschlag, den Auf­schwung und das Zurückfallen.

Es entsteht bei ihm das Gefühl der Zwecklosigkeit: Man pflanzt und reißt es wieder heraus. Man bricht ab, um etwas Neues aufzubauen, aber auch das, was wir jetzt bauen, wird irgendwann einmal abgerissen werden. Man sucht etwas, aber bald wird man es wieder verlegt haben, denken wir nur an die Lesebrille. Man hebt Dinge auf, weil man sie ja vielleicht doch noch einmal gebrauchen könnte, und dann wirft man sie doch weg. Das Geschirr wird gespült und wird doch bald wieder gebraucht. Die Straße wird geteert und doch bald wieder aufgerissen oder vom Frost zerstört. Es wird Krieg geführt, um angeblich den Frieden zu gewinnen, aber auch im Frieden ist man schon wieder auf Krieg eingestellt.

Dennoch hat unsre Arbeit einen Sinn. Sie erhält unser Leben. Arbeit ist Dienst an der Welt und Dienst am Menschen Auch wenn einen die Arbeit anödet, dann sollte man sich doch immer klarmachen, für wen man es tut. Man tut es zunächst einmal für sich selbst. Aber man tut es auch für die Familie. Und schließlich tut man es auch für die ganze Gesellschaft, denn nur indem jeder das Seine tut, kann das Zusammenspiel gelingen.

Es wäre unredlich, die Annehmlichkeiten des Fortschritts zu genießen und gleichzeitig ein trübsinniges Bild vom Leben zu entwerfen. Wir wissen zwar, daß wir viele der Annehmlichkeiten teuer bezahlen durch Zerstörung der Natur und Verbrauch der Reserven. Aber das wird nichts daran ändern, daß wir alle ganz gern daran teilnehmen und erfreut feststellen, daß unsre Mühe sich lohnt.

Unsre eigenen Anstrengungen und Erfolge bringen uns allerdings vor Gott nicht weiter: die guten Vorsätze, der Kampf gegen die Bequemlichkeit und die Abhängigkeit von anderen, die Neigung, alles an sich selbst zu messen. Christus nimmt uns ans der Hand, womit wir uns vergeblich abplagen und macht unsere Sache zu der seinen. Wir brauchen keine Erfolge und Gewinne aufzuweisen. Er hat sich auf die Seite der Gescheiterten gestellt und hilft ihnen heraus.

 

3. Der unbegreifliche Gott:

Der Prediger weiß aber trotz allem: Zwar ist alles Irdische ist dem Gesetz des Vergehens und Wechsel unterworfen, aber was Gott tut, das besteht für immer. Deshalb sagt er: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß  der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende!“ Es ist schon ein widerspruchsvoller Gott, denn auch die Mühsal hat er in das Herz der Menschen gegeben. Wer aber auf einen Gott aus ist, dessen Handeln in der Welt begreifbar und nachrechenbar ist, der darf nicht die Bibel fragen. Sie verkündet uns den Gott, den wir nur respektieren und vor dem wir uns nur beugen können.

Doch die letzte Auskunft des Predigers überrascht dann wieder. Er fordert dazu auf, fröhlich zu sein und sich im Leben wohl sein lassen. Doch das ist nur ein Ausweg, kein wirklicher Weg ins Freie. Vielleicht wüßten wir auch nichts Besseres, wenn Christus nicht wäre. Man versucht doch nur mit Rummel und Rausch sich zu erheitern, wenn man nicht wirklich fröhlich ist. Jesus will nicht humorlose Mucker. Wir dürfen uns an Gottes guten Gaben mit einem guten Gewissen freuen – er gönnt uns das alles.

Es wird alles anders, wenn in Jesus Christus der unbegreifliche Gott uns anschaulich und greifbar geworden ist. Zwar bleibt er unter dem Kreuz verborgen. Aber er ist unser Gott geworden. Er ist herausgetreten aus dem bedrückenden Schweigen. Die verhängnisvollen Zirkelbewegungen sind aufgebogen zu einer Geraden, die in die Zukunft weist. Ziel ist das Heil Gottes, das uns in Christus angeboten und geschenkt wird.

 

 

Reformationstag: Mt 10, 26b-33 

Auf dem Reichstag in Worms im Jahre 1521 hat der kleine Mönch Martin Luther vor den Großen des Reichs seine Verteidigungsrede damit beendet, daß er sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen!“ Man hat das als eine Wende der Geschichte gewertet: Ein einzelner Mensch pocht auf seine freie Meinung. Er will sie nur ändern, wenn er durch Vernunft und stichhaltige Beweise eines besseren belehrt wird. Damit war das Mittelalter beendet und die Zeit der Aufklärung und der Vernunft brach an. In Zukunft sollte der einzelne Mensch etwas gelten und sich nicht mehr dem Staat oder dem Volk unterordnen müssen.

Diese mutige Äußerung Luthers hat bis heute Menschen dazu verführt, sich auf Luther zu berufen, auch wenn ihr Anliegen gar keine Gewissensfrage ist. Da beruft sich der Vorsitzende einer kleinen Gewerkschaft auf seine Grundrechte, aber in Wirklichkeit geht es ihm nur um mehr Geld. Da sagt ein Regierungschef, seine Entscheidung sei „alternativlos“, obwohl es so gut wie immer noch andere Möglichkeiten gibt. Da beruft sich ein Bürgermeister auf Gesetze und Gerichtsentscheidungen, obwohl diese ihm durchaus Spielraum lassen. Alle diese Menschen fühlen sich wie ein kleiner Luther, obwohl dieser doch wegen seiner Haltung sein Leben riskierte.

Luther aber zeigt, wie man als Christ unerschrocken die Botschaft Jesu verkündet. Was Jesus noch im Dunklen sprach, sollen die Jünger öffentlich machen. Aber Gott selber sorgt dafür, daß das Verborgene erkennbar wird. Den Jüngern wird aufgegeben, für die Ausbreitung des Wortes zu sorgen. Aber auch wenn es die Jünger tun, bleibt es Gottes Werk.

Aber die Verkündigung ist Aufgabe der ganzen Christenheit, wie auch die Reformation immer wieder eine Aufgabe aller Kirchen ist, seien sie nun evangelisch oder römisch-katholisch oder orthodox oder sonst etwas. Je klarer sie alle das Evangelium verkünden und je breiter es angenommen wird, desto näher sind wir bei der  e i n e n  Kirche, die der Herr will. Die Reformation ist noch lange nicht abgeschlossen.

Wiederholt werden die Jünger aufgerufen, sich nicht zu fürchten. Es muß Anlässe gegeben haben, sich zu fürchten. Aber die Furcht vor den Widerständen von außen verringert sich in dem Maße, indem sie die Furcht auf den richtet, der allein fürchtenswert ist, nämlich auf Gott: Wer Gott fürchtet, der hat vor keinem Menschen mehr Angst!

Allerdings darf man das nicht so verstehen wie Kaiser Wilhelm, der gesagt hat: „Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“ Das war Zeichen einer Großmannssucht, bei dem Gott nur pflichtgemäß zitiert wird, aber im Grunde nur die eigene Macht beweih­räuchert wird. Luther dagegen hat sein Wort „mit Furcht und Zittern“ gesagt und nicht gewußt, wie alles ausgehen wird. Vielleicht war er hinterher selbst darüber erschrocken, was er da gesagt hatte. Aber er wußte Gottes Wahrheit hinter sich, das gab ihm Kraft und Mut.

Man sagt manchmal redensartlich „Der Vorsitzende hat sich hinter ihn gestellt!“ Aber besser wäre es, er würde sich vor den Angegriffenen stellen, das würde ihm noch mehr helfen, denn dann erhielte er nicht nur Unterstützung, sondern die Gefahr würde von vornherein abgehalten. Weil Gott sich aber vor uns stellt, haben wir keine Furcht.

 

1. Wir predigen in Gottes Auftrag:

Luther hat gesagt: „Das Wort muß es tun!“ Aber damit ist keineswegs ausgeschlossen, daß Christen viel tun. Aber man darf da keinen Gegensatz aufmachen zwischen Reden und Tun. Manche sagen. Die nichtchristliche Welt nimmt uns das Wort der Predigt nicht ab, wenn wir nicht auch etwas Praktisches tun. Wenn sie auch das Wort nicht annehme, so lasse sie sich doch das Tun gern gefallen. Daran ist schon etwas Richtiges, der Glaube soll auch Früchte bringen. Aber geholfen wird der verlorenen Welt nicht durch das, was wir tun, sondern durch das, was Gott redet und tut.

Predigt wird oft verstanden als Selbstdarstellung des religiösen Menschen, als Erörterung von Fragen um Gott und die Welt, als Mitteilung von Erkenntnissen, die man über Gott gewonnen hat. Dafür aber brauchte man keinen Auftrag und keinen sendenden Herrn. Aber Gott schickt sein Wort auf den Plan, durch Christen, die Botschafter an seiner Statt sind. „Was ich sage, das redet auf den Dächern!“ Vom Dach aus drängt man über die eigenen vier Wände hinaus in die Weite der Welt.

Die Reformation ist nicht müde geworden zu betonen: Was die Kirche predigt, hat sie von Christus. Sie hört auf keine andere Stimme, auch nicht auf die eigene, die irgendwo in der Tiefe des Herzens spricht. Das machten ja die Schwärmer zur Zeit Luthers, das machten Thomas Müntzer und die Wiedertäufer. Sie wollten eine religiöse Unmittelbarkeit und lehnten deshalb den überlieferten Glauben ab.

Wir dagegen sind aufgefordert, auf die Bibel zu hören, auf das Wort der neutestamentlichen Apostel und der alttestamentlichen Propheten. Nur ist ihre Rede nicht ausnahmslos Gottes Wort, sondern nur soweit es in der Fluchtlinie der Christusoffenbarung steht. Und wir sollen auch nicht nur weitersagen, was die Propheten und Apostel gesagt haben, sondern Christus selbst soll durch uns sprechen. Er sucht im Wort mit uns Verbindung, er stellt im Wort mit uns Gemeinschaft her, er sucht Kontakt mit uns gewissermaßen Auge in Auge. In der Predigt geht es darum - um es mit den Worten Luthers zu sagen - um nichts anderes, als daß unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir dann wiederum mit ihm reden in Gebet und Lobgesang.

 

2. Wir stehen unter seinem Schutz:

Kein Jünger macht sich auf den Weg, ohne daß ihm die Augen Gottes folgen. Niemand geht in eine ihm unbekannte und unheimliche Welt hinaus, ohne daß er von dem unsichtbaren Gott begleitet würde. Dieser Herr blickt nicht nur flüchtig auf uns, er weiß besser um uns Bescheid als wir.

Aber Gottvertrauen und Gottesfurcht sind eng miteinander verbunden. Menschenfurcht wird durch Gottesfurcht überwunden. So wurde es einem Pfarrer bewußt, der von einem Behördenvertreter bedrängt wurde, der Abtretung eines Teils des Pfarrgartens für öffentliche Zwecke zuzustimmen. Der Mann sagte zu ihm: „Wir haben administrative Mittel, sie zu zwingen!“ Der Pfarrer antwortete ohne lange zu überlegen: „Das weiß ich, aber deshalb habe ich doch keine Angst vor Ihnen!“

Der Gedenktag der Reformation legt es nahe, diese Freiheit von Menschenfrucht an Martin Luther aufzuzeigen. Aber sein Mut war kein natürliches Heldentum. Luther konnte auch sehr zaghaft sein, schon weil ihm das im Kloster so anerzogen worden war. Aber er hatte gelernt, Gott über alle Dinge zu fürchten, zu lieben und zu vertrauen, er nahm Gott ernst. Die Rede von Gottes Zorn war für ihn keine Falschmeldung, sondern er flüchtete sich von dem zornigen Gott zu dem gnädigen Gott.

Er wußte sich von Gott persönlich festgehalten. Dadurch haben sich sogleich die Gewichte verschoben. Dann geht es nicht mehr darum, daß ich in mein tägliches Tun und Treiben mit etwas Glück und ohne Zusammenstoß über die Runden komme. Ich werde zwar erschüttert, aber das führt auch zu einer ganz neuen Festigkeit. Da hört das ängstliche Hindurchwursteln auf, da ist man nicht mehr mit taktischen Erwägungen beschäftigt, sondern man fragt nur noch nach der inneren Verpflichtung vor Gott und überläßt alles weitere seiner Leitung und Sorge.

 

3. Wir leben von seiner Fürsprache:

Zunächst ist vom Bekennen der Jünger die Rede: Sie sind in die Welt hinausgesandt, um dort ihren Herrn zu bekennen und zu bezeugen. Aber er will sich auch zu ihnen bekennen. Beides gehört eng zusammen.

Unsere Mitmenschen sollen merken, daß wir zu Jesus gehören. Wir sind es ihm schuldig, vor niemandem daran einen Zweifel zu lassen. Deshalb dürfen wir unsre Umwelt aber nicht mit Glaubensdingen bedrängen und belästigen. Aber es gibt auch Situationen, in denen Schweigen ein Verrat wäre. Jesus will, daß wir ihn vor den Menschen bekennen, daß wir uns nicht scheuen und schämen oder den Anschein erwecken, als hätten wir mit Jesus nichts zu tun. Wir haben unseren Glauben vor unseren Mitmenschen zu verantworten. Jesus will Jünger, die das nicht anderen überlassen.

Jesu Haltung zu uns wird davon abhängig sein, ob wir uns vor der Welt auf seine Seite stellen oder nicht. Das Verleugnen wird dabei ernst ins Auge gefaßt. Aber Jesus will uns aufwecken und spricht deshalb in aller Schärfe. Wir empfangen das Heil nicht wie im Schlaf, sondern in der bewußten Entscheidung des Glaubens an Christus. Mitzubringen brauchen wir nichts, aber

das Heil ist in seinem Namen.

Umso leuchtender gilt deshalb die Verheißung: Jesus will sich vor dem Vater zu seinen Leuten bekennen. Er wird zugleich Richter und Anwalt sein. Auf dem Höhepunkt der Hauptverhandlung verläßt der vorsitzende Richter seinen Platz, geht zu dem Angeklagten und erklärt:

„Die Sache ist erledigt, dieser ist mein Freund, ich hafte für ihn!“

Daß der Herr so für uns eintritt, beruht nicht darauf, daß wir Besonderes vollbracht hätten oder gar so wären, wie er uns haben will. Aber wir haben uns zu ihm bekannt, mehr braucht es nicht. Jesus ist der Fürsprecher. Weil wir ihn auf unserer Seite haben, gibt es für uns keinen Grund, uns zu fürchten. Das ist der Kern der reformatorischen Lehre.

 

 

Drittletzter Sonntag: Lk 11, 14-23 (Variante 1)

Wenn einer nach seinem Ergehen gefragt wird, dann sagt er gelegentlich: „Danke, es geht mir ganz gut, unberufen, toi, toi, toi!“ Man will das Glück nicht zu sehr loben, damit es .sich nicht wendet. Deshalb sagt man. „unberufen“. Man will das Unglück nicht herbeirufen. Und zur Hilfe ruft man dreimal den Teufel an, denn nichts anderes ist gemeint mit dem Wort, das man nicht mit „ob“ schreiben sollte, sondern mit „ei“, weil es eine Abkürzung für „Teufel“ ist. Besonders soll noch helfen, wenn man dabei dreimal auf Holz klopft; aber das ist auch nur so ein Aberglaube.

Das alles geschieht aber in einer Zeit, in der man einen Predigttext wie den heutigen als eine Zumutung für den modernen und aufgeklärten Menschen ansieht. Werden wir hier nicht in eine finstere, vielleicht vorchristliehe Zeit versetzt? Es befremdet uns, daß Jesus selber von einer Teufelsaustreibung spricht und sie als Zeichen des Anbruchs der Gottesherrschaft wertet. Und doch kommen wir hier gerade in das Zentrum der Botschaft Jesu.

Allerdings wendet Jesus hier nicht einen Zauber an, sondern er sagt: Mit dem Finger Gottes treibe ich die Teufel aus. Diese Vorstellung taucht zum ersten Mal im Alten Testament auf, als die ägyptischen Zauberer ihrem König sagen: „Was da durch Mose geschieht, all die schlimmen Plagen, das ist der Finger Gottes. Damals hat Gott seine Macht den Mächtigen in der Welt deutlich gezeigt.

Wenn Gott doch auch heute eingreifen würde in einer Welt, in der wir täglich von neuen Schrecken hören, denken wir. Trotz des materiellen Fortschritts kommen Menschen in immer mehr in Abhängigkeiten, äußerer und innerer Art. Ist Gott ohnmächtig in der Welt, in der die Gewalttaten sich mehren? Ist der Teufel los? Oder gibt es eine Hoffnung, daß wir menschlicheren Zeiten entgegengehen?

Doch woran soll man erkennen, daß mit Jesus schon das Reich Gottes gegenwärtig ist, daß schon hier bei uns etwas angefangen hat von der neuen Welt Gottes? Wir werden erst entdecken müssen, wer Jesus ist, denn mit dem Verstand des natürlichen Menschen werden wir

es nicht erkennen können.

Offenbar war das Heilungswunder doch nicht eindeutig. Man deutet Jesu Heilstat als Zauberei, meint einfach, daß sein Erfolg ein teuflisches Blendwerk sein  könnte. Man will erst noch ein neues Zeichen vom Himmel, etwa .eine Sonnenfinsternis oder das Fallen eines Sterns, schön auf Kommando.

Aber was Jesus da in dem Streitgespräch sagt, ist nicht gerade überzeugend: Mit einer Un­einigkeit im Lager des Teufels kann man noch nicht seine eigene Sendung durch Gott beweisen. Ebensowenig kann das die Tatsache, daß auch die Gegner böse Geister austreiben wollen und deshalb auch an der Zweideutigkeit solches Tuns einen Anteil haben.

Jesus sollte lieber aus der Verborgenheit heraustreten, schon heute zeigen‚ wer er ist. Aber noch will er, daß die Menschen im Glauben zu ihm finden und nicht durch Schauen. Sicher hätte man es einfacher, wenn man alles klar und deutlich vor Augen sehen könnte. Ganz gewiß wirkt sich die Herrschaft Gottes auch in Krafttaten aus. Aber es geht nicht um vorder­gründige Erfolge auf der Ebene des Sichtbaren, um billige Augenblickserfolge.

Gott möchte sich in unseren Herzen durchsetzen. Er will die Welt nicht durch Machteinsatz erobern, sondern durch den persönlichen  Einsatz seiner rettenden Liebe. Natürlich könnte sich Gott mit jeder Macht messen und würde dabei sicherlich nicht unterliegen. Aber es gibt schon genug Gewalt in der Welt. Wenn auch Gott noch dreinschlagen wollte, dann bliebe nur eine verwüstete Welt zurück oder vielleicht auch gar keine Welt mehr.

Es leiden schon genug Menschen, ganze Völker und Staaten darunter, daß sie beherrscht werden. Sie sind .nicht nur in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt, sondern auch in ihren Gedanken gefesselt. Gedankensysteme sollen ihnen übergestülpt werden, Rollen werden ihnen aufgezwungen und Gefühle aufgenötigt. Es wird ihnen vorgeschrieben, wer ihre Freunde zu sein haben und wo der Feind steht. So wird das eigene Leben erstickt und gehemmt und die  mensch­liche Eigenentwicklung hat nur noch wenig Raum.

Man will Macht über den anderen haben, ein Mensch über andere Menschen und ein Volk über andere Völker. Das ist das Wesen des Imperialismus, daß er sich nicht mit dem eigenen Besitzstand zufrieden gibt, sondern auch von anderen Besitz ergreifen will, von Dingen und vor Menschen. So erleben wir es alle Tage wieder.

Gott aber ist kein Imperialist. Er möchte, daß wir ihr auf seine Weise erkennen: Er will uns nicht mit Gewalt zwingen, sondern wir sollen selber erkennen, daß er die wahre Kraft von oben ist. Wenn man ihn, erkannt hat, dann wird man schon zwischen ihm und bösen Mächten unterscheiden können. Dann wird man merken, daß er nicht unterdrücken will, sondern freie Menschen wünscht, die so leben können, wie er es bei der Schöpfung gewollt hat.

Wo Gott ist, wo Jesus ist, da ist Freiheit. Jesus hat einen gebundenen Menschen frei gemacht, indem er klar stellte, wem dieser Mensch gehört. Jesus kam nicht in ein Niemandsland. Er mußte die Welt erst einer unsichtbaren Gegenmacht entreißen. Der kranke Mensch war für ihn wie ein Haus, in dem ein böser Wächter dafür sorgt, daß niemand eindringen kann. Solange er das Haus belagert, ist dort Ruhe, wenn auch eine mit Gewalt erzwungene .Ruhe. Aber dann kommt ein Stärkerer und nimmt dem Wächter die Rüstung ab. Jetzt ist er machtlos und das Haus kann ausgeraubt werden.

Das ist die frohe Botschaft Jesu: Der Starke ist nicht so stark, als daß er nicht überwältigt werden könnte. Der Teufel ist der Schwächere, der vom Finger Gottes gefesselt wird. Damit aber ist der Mensch befreit. Der Teufel hatte nur so lange Macht, als er  den Manchen erpressen konnte mit seiner Angst vor der Aufdeckeng der Schuld. Vorher konnte er immer sagen: Bei dem, was ihr auf dem Kerbholz habt, habt ihr sowieso verspielt? Doch so etwas verfängt nur solange die belastende Strafakte nicht vernichtet ist bzw. ein anderer die Strafe auf sich nimmt. Das aber hatte Jesus getan. Nun können wir wieder als entlastete Menschen unbefangen vor Gott treten.

Somit leben wir in einer neuen Freiheit. Womit der Böse uns gefangen hat, das braucht uns nicht mehr zu beeindrucken: Die Schuld, die wir einander vorgerechnet und nachgetragen haben, die Argumente, mit denen wir den anderen herabgesetzt und unmöglich gemacht haben; das Mißtrauen, mit dem wir menschliche Gemeinschaft zerstören.

Wo Jesus ist, fahren die bösen Mächte aus. Aber auch als Christen haben wir natürlich diese Teufelsaustreibung nicht ein für allemal hinter uns. Wir haben unsre Freiheit nur, indem wir sie Stunde für Stunde von Gott erbitten.

Praktisch heißt das aber auch, daß wir uns immer wieder für Gott entscheiden müssen. Ein Stummsein aus Furcht vor der Verantwortung oder aus Gleichgültigkeit ist keine Lösung. Wir können der Stellungnahme nicht ausweichen; ein Abseitsstehen ist auch eine Entscheidung, wenn auch eine schlechte. Wenn ich stumm bleibe, wenn andere über einen Kollegen herziehen, dann werde ich mitschuldig; Angst, sich unbeliebt zu machen, ist da keine Ausrede. Wer in der Nachfolge Jesu leben will, darf das Böse nicht achselzuckend oder furchtsam beobachten, sondern muß aktiv werden und es besiegen helfen. Dann geschieht etwas Ähnliches wie bei der Dämonenaustreibung. Dann muß das Böse weichen und ein Stück heile Welt wird sichtbar.

Luther vergleicht den menschlichen Willen mit einem Reittier, um das sich Gott und der Satan streiten. Hat Gott sich darauf gesetzt, so geht es dorthin, wo Gott es will. Hat  aber der Satan sich darauf gesetzt, so geht es dorthin, wo der Satan will. Das sieht so aus, als sei der Mensch nur Spielball der Mächte und könne sich gar nicht entscheiden. Aber in Wirklichkeit werden wir aufgerufen, Partei zu ergreifen. Weil Jesus da ist, ist eine wahre Entscheidung erst möglich geworden: Wir brauchen nicht sofort dem Bösen zu verfallen, sondern haben endlich auch die Möglichkeit, auf die Seite Gottes zu treten. Weil wir diese Möglichkeit haben, sind wir aber auch dazu verpflichtet, alles andere wäre Sünde.

Bei diesem Gedanken könnte uns bange werden: Ganz im Dienst Jesu, kein Rückfall und keine Schwäche mehr! Haben wir nicht oft selber dem Teufel in die Hände gearbeitet? In den Dracula-Filmen ist das der schlimmste Augenblick, wenn der Freund, dem man vertraut hat und der als Retter in der Not erschien, sich plötzlich auch als Vampir entpuppt. Solche Doppelagenten aber sind wir alle, wenn wir einerseits Gott dienen wollen, andererseits aber auch dem Satan und seinem Reich.

Aber wir haben den Nichtchristen etwas voraus. Das ist der Friede mit Gott, der es uns ermöglicht, mitten aus unserem Versagen heraus neu anzufangen. Wenn wir uns Christus überlassen, dann kann uns kein Teufel von heute etwas anhaben.

 

 

Drittletzer Sonntag: Lk 11, 14 - 23 (Variante 2)

Im Krieg und auch noch danach hatten in vielen Orten die Kartenlegerinnen einen ganz schönen Hochbetrieb. Viele Frauen und Mütter gingen hin, um etwas über das Schicksal ihrer Männer und Söhne zu erfahren. Aber natürlich war das ein Versuch am untauglichen Objekt. Die Karten lügen nicht, das stimmt schor. Aber sehr wohl lügen die Leute, die aus ihnen die Zukunft lesen wollen oder sonst etwas.

In einem Dorf bei Arnstadt lebte eine Frau, die fest an ihre übernatürlichen Kräfte glaubte. Das Pikante daran ist, daß sie alles als ein Geschenk Gottes ansah. Sie verteilte Amulette mit christlichen Zeichen und erweckte so der Eindruck, eine gläubige Frau zu sein. Sie hatte auch großen Zulauf, während der Gottesdienstbesuch in dem Ort mager ist.

Offenbar besteht hier eine Wechselwirkung. Emanuel Geibel hat gedichtet: „Glaube, dem die Tür versagt, kommt als Aberglaub' durchs Fenster. Wenn die Gottheit ihr verjagt, kommen die Gespenster!“ Wo kein wahrer Glaube ist, da wird der Aberglaube groß. Irgendetwas muß der Mensch ja haben, woran er sich halten soll.

Auch bei uns gibt es noch Restbestände des Aberglaubens. Aber schwerwiegender sind wahrscheinlich die Erscheinungen des modernen Aberglaubens. Da kommt etwa einer und klopft dreimal an den Kinderwagen und sagt: „Ihr Kind sieht aber gut aus! Unberufen toi, toi, toi!“

Hier wird eine Beschwörungsformel gesagt, um den Teufel fernzuhalten.

Dabei wäre es viel sinnvoller, Gott herbeizurufen. Denn wo Gott ist, da hat die widergöttliche Macht nichts zu bestellen, da löst sich das Problem von selber. Das machen uns ja die Geschichten des Neuen Testaments von den Dämonenaustreibungen Jesu deutlich. Sie mögen uns heute fremd vorkommen. Aber das eine ist doch klar: Wo Jesus ist, da hat der Teufel nichts zu bestellen! Man kann auch nicht einen Aberglauben durch den anderen austreiben. Jesus wird ja hier verdächtigt, er sei ein Teufelskerl, er sei also mit dem Teufel im Bunde und habe nur einen kleinen Teufel durch den Oberteufel vertrieben. Doch in Wirklichkeit steht ja Jesus mit Gott im Bunde und will die Werke des Teufels zerstören. Nur Gott kann hier etwas ausrichten und nicht irgendeine Zauberei oder ein Aberglaube.

Jesus sagt: „Wenn ich mit dem Finger Gottes die böser Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“ Nur der Finger Gottes kann hier helfen. Deshalb sollten wir doch nicht meinen, wir könnten durch ein Klopfen unsrer Finger den Teufel vertreiben. Hier müssen wir nüchtern die Grenzen unsrer Macht erkennen.

Hier kann uns auch nicht eine falsch verstandene Wissenschaftsgläubigkeit helfen. Wenn einer krank ist, dann geht er zum Arzt und läßt sich eine Medizin verschreiben. Die Wissenschaft soll ihm helfen gegen die Störung seines Wohlbefindens. Aber kaum einer kommt darauf, daß das auch etwas mit Gott zu tun haben könnte.

Früher glaubte man an die abergläubischen Praktiken des Medizinmannes. Heute aber erhofft man sich allein Hilfe von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des Arztes. Natürlich wäre es falsch, bei einer Krankheit nicht zum Arzt zu gehen. Aber die Ärzte wissen selber nur zu genau, wie machtlos sie oft sind. Es wäre nicht falsch, auch Gott um Hilfe zu bitten.

Für viele zählt heute nur noch die Wissenschaft. Sie soll alle Mängel beseitigen und man erwartet wahre Wunder von ihr. Oft kann man den Eindruck haben, sie sei in der Wertschätzung an die Stelle des früheren Aberglaubens getreten: Früher trieb man die Krankheit durch Zauberei aus, heute holt man den modernen Medizinmann für solche Dinge. Aber vielleicht ist eine Krankheit auch dazu da, uns mit Gott in Verbindung zu bringen. Der Arzt müht sich um die äußerer Erscheinungen, Gott aber greift die tieferen, Wurzeln der Krankheit in unserem Inneren an.

So hat auch Jesus seine Aufgabe verstanden: Er will dem Menschen von innen heraus zu einem neuen Leben mit Gott verhelfen. Es geht hier um einen Machtkampf, in dem Jesus unerschrocken die Herrschaft Gottes mit ins Spiel bringt.

Wir erleben hier einer ganz anderen Jesus als gewohnt. Er ist nicht der große Lehrer und vorbildliche Fromme, der zwar schöne Ideen vertritt, aber ansonsten keine Macht hat. Er ist auch nicht das leidende Lamm Gottes, das auf dem Weg zum Kreuz ist. Nein, hier erfahren wir Jesus als einen, der sich nichts gefallen läßt. Er schlägt drein und geht in Gottes Namen gegen den Satan an. An  e i n e m Beispiel wird uns hier gezeigt, was dann an Ostern offenbar wird: Die Welt ist Herrschaftsgebiet Gottes und alle Machenschaften des Bösen vergehen bald wieder. Und der stumme Mann hier darf Ostern schon erleben, als Jesus ihn von der Krankheit befreit.

So kennen wir Jesus eigentlich gar nicht. Er geht dabei ja auch gegen das Böse in  u n s  an. Er sagt ja auch zu uns: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich!“ Er will damit deutlich machen: „Wer nur so mitläuft, der bringt meiner Sache nur Schaden. Ihr müßt euch jetzt entscheiden: ganz oder gar nicht! Ihr könnt nicht dazugehören wollen und das gar niemals in eurem Leben zeigen. Man muß doch auch sehen, daß etwas anders geworden ist und das Böse schon besiegt ist!“

Man kann auch nicht so im Geheimen ein Christ sein. Da sagt doch einer, der aus der Kirche ausgetreten ist: „Ich glaube aber trotzdem an die Existenz einer höheren Macht!“ Aber zur Kirche will er nicht gehören bzw. er kann es sich angeblich nicht leisten. Aber Jesus macht deutlich: „Wer nicht ganz dafür ist, der ist in Wahrheit dagegen!“

Martin Luther King hat gesagt: „Die größte Schwierigkeit der Bürgerrechtsbewegung hat stets darin bestanden, daß die guten Menschen stumm und gleichgültig blieben!“ Mancher sagt sich eben: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Aber Stummsein aus Gleichgültigkeit und Scheu vor dem eigenen Einsatz schadet immer nur der eigenen Sache. So ist das auch bei der Kirche. Viele bringen ihr offenbar manche Sympathie entgegen, aber sie scheuen sich, sich offen dazu zu bekennen.

Hier ist heute eine Dämonenaustreibung nötig. Der Dämon unsrer Zeit heißt „Angst vor einem eindeutigen Bekenntnis“. Erst wenn er vertrieben ist, wird wieder Vertrauen möglich und öffnet Herzen und löst die Zungen. Nur so kann auch Gott in unserem Leben zum Zuge kommen.

Wo Gott nicht herrscht, da herrscht der Satan uneingeschränkt. Eine neutrale, entmilitarisierte Zone zwischen diesen beiden Herrschaftsbereichen gibt es nicht. Was nicht im Besitz Gottes ist, das fällt unweigerlich dem Satan zum Opfer. Und so wogt der Kampf ständig zwischen diesen beiden kriegführenden Mächten hin und her.

Wir aber stehen immer mittendrin. Wir stehen auf der Grenze und werden gefragt, zu welcher Seite wir nur überlaufen wollen.

Wir entscheiden mit darüber, wie die Front verlaufen wird und ob wir eine schwache Stelle sind oder ein Eckpfeiler in der Festung Gottes. Selbst wenn wir einmal widerstanden haben, sind wir nicht sicher vor neuen Angriffen. E i n  Sieg ist noch  k e i n  Sieg. Ein Rückfall aber würde alles nur noch ärger machen.

Wir stöhnen manchmal, daß die anderen uns den Glauben und die Beteiligung am kirchlichen Leben so schwer machen. Dabei ist es doch so leicht: Wenn wir uns klar und eindeutig auf die Seite Gottes stellen, kann uns schon niemand mehr etwas anhaben. Nur die Unentschiedenen, die Zweifler, die unsicheren Kandidaten, die stehen unter Beschuß und werden belästigt. Wer aber ganz fest auf Gott vertraut und fest im Verband der Gemeinde steht, dem kann nichts passieren. Da ist nichts zu holen und da erledigt sich vieles von selbst. Denn wo das Reich Gottes ist, da kann das Böse nicht mehr herrschen.

Es gibt aber auch die anderen: Sie bleiben stumm wie die Fische, was auch Gott zu ihnen sagen mag. Wenn sie singen sollen, sind sie heiser. Wenn sie beten sollen, sind sie vornehm und verlegen. Wenn Gottesdienstzeit ist, haben sie alles mögliche andere vor. Sie greifen nicht zu, wo einer in Not ist. Sie kriegen den Geldbeutel nicht auf‚ wenn sie eine Sammelbüchse sehen. Sie sind stumm für alles Schöne und das Lob Gottes. Bei Beerdigungen kann man es manchmal erleben: Nicht mal zum Vaterunser werden die Fände gefaltet.

Wer so denkt und handelt, ist natürlich eine leichte Beute. Wer aber den Ruf des Stärkeren gehört hat, muß nicht mehr wie unter einem bösen Zwang handeln: Wer nervös und gereizt war, findet in Christus Ruhe. Wer gedrückt war von seinen Alltagssorgen, findet in Christus seinen Befreier. Wer überwältigt war von Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit, der hat nun Anteil am Sieg Christi.

Allerdings liegt der Sieg Christi heute noch nicht für alle Menschen sichtbar zutage, weil er noch mit dem Kreuz verbunden ist. Noch werden wir zur Entscheidung aufgerufen, weil man alles auch anders deuten kann und weil mancher nur das Kreuz sieht und nicht auch die Auferstehung.

Wir sind noch längst nicht mit dem Teufel fertig. Das eine Mal haben wir ihn vertrieben. Das andere Mal machen wir ihm die Tür weit auf und laden ihr noch herzlich ein. Jesus erspart uns nicht das Wachsamsein, sondern er macht es uns gerade zur Pflicht. Er hat schon grundsätzlich den Sieg errungen. Wir aber müssen darauf achten, daß er auch bei uns den Sieg erringt.

 

 

Drittletzter Sonntag: Lk 11, 14 - 23 (Variante 3)

Im Neuen Testament wird Jesus manchmal als das Lamm Gottes bezeichnet. Für uns heute ist dieses Symbol nicht mehr gleich verständlich oder sogar mißverständlich: Wenn wir Lamm hören, denken wir gleich an Schaf! Und wer von uns möchte schon ein Schaf sein oder Jesus als ein Schaf bezeichnen. In der Bibel meint „Lamm“ jedoch die wehrlose Kreatur, die geschlachtet wird,  weil es ihre Bestimmung ist. Ein Lamm ist schwach und muß das alles erdulden, es ist das Sinnbild des stummen Leidens in der Welt.

Hier jedoch in dieser Erzählung wird uns ein anderer Christus vorgestellt: der Herr über die Dämonen und die widergöttlichen Mächte. Hier ist einer, der sich nichts gefallen läßt, sondern der dreinschlägt. Er ist nicht nur ein großer Lehrer oder ein vorbildlicher Frommer, der zwar schöne Ideen vertritt, aber ansonsten keine Macht hat, sie durchzusetzen. Nein: in Gottes Namen geht er gegen den Satan an.

So kennen wir ihn eigentlich gar nicht: Er geht ja auch gegen das Böse in  u n s  an, wir bekommen ja auch seine Macht zu spüren. Er sagt auch zu uns: „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich!“ Wer nur so mitläuft, der bringt meiner Sache nur Schaden. Ihr müßt euch jetzt entscheiden: Entweder ganz oder gar nicht! Ihr könnt nicht dazu gehören wollen und das gar niemals in eurem Leben zeigen. Man muß es euch doch ansehen, daß etwas anders geworden ist in eurem Leben und daß das Böse in euch besiegt ist.

Die Auferstehung Jesu an Ostern war schon der Sieg. Wir wissen heute, daß Jesus damals gesiegt hat. Doch schon in der Zeit seines irdischen Lebens hat Jesus den Satan besiegt: Der stumme Mensch in dieser Geschichte hat Ostern schon erlebt, als Jesus ihn von der Krankheit befreite.

An diesem e i n e n Beispiel wird hier gezeigt, was dann an Ostern offenbar wird: Jesus hat durch den Sieg über den Satan die Welt neu gemacht. Sie ist wieder Herrschaftsgebiet Gottes, alle Machenschaften des Bösen haben nur noch den Rang einer Episode, die bald vergeht.

Voraussetzung ist jedoch, daß wir die Herrschaft Gottes bei uns Wirklichkeit werden lassen. Wo Gott nicht herrscht, da herrscht der Satan uneingeschränkt. Eine neutrale entmilitarisierte Zone gibt es nicht. Was nicht im Besitz Gottes ist, fällt unweigerlich dem Satan zum Opfer. Nicht umsonst heißt er: der  „Fürst dieser Welt“.

Das ist ein andauernder Kampf zwischen zwei kriegführenden Mächten. Wir aber stehen immer auf der Grenze und sind gefragt, zu welcher Seite wir überlaufen wollen. Wir entscheiden darüber, wie die Front verlaufen wird: ob wir auf der Seite Jesu bleiben wollen oder ob wir uns auf die Seite des Fürsten dieser Welt stellen wollen. Wir selber entscheiden darüber, ob wir eine schwache Stelle sind oder ein Eckpfeiler in der Festung Gottes.

Emanuel Geibel hat gedichtet: „Glaube, dem die Tür versagt, kommt als Aberglaub' durchs Fenster; wenn die Gottheit ihr verjagt, kommen die Gespenster!“ Wenn ihr Gott nicht durch die Tür laßt, kommen die Gespenster durchs Fenster. Wenn ihr krampfhaft die Tür zuhalten wollt, kommt das Böse durch die Hintertür herein. Wo der lebendige Glaube aufhört, sucht man sich falsche Götter; da blüht dann auch der Aberglaube.

Im Krieg und auch noch danach hatten die Kartenlegerinnen Hochbetrieb. Anstatt das Schicksal der vermißten Männer und Söhne in die Hand Gottes zu legen, begab man sich in die Hand seltsamer Frauen, die die Karten legten.

In unsrem aufgeklärten Land ist es mit dem Aberglauben wohl nicht so wild. Aber das gibt es doch auch, daß einer dreimal auf den Tisch klopft und sagt: „Toi, toi, toi!“ Oder er klopft an den Kinderwagen und sagt „Ihr Sohn sieht ja gut aus, unberufen toi, toi, toi!“ Hier wird der Teufel angerufen bzw. beschworen, daß er nicht kommen möge. Man will den Teufel fernhalten anstatt Gott herbeizurufen, der den Teufel gar nicht erst rankommen läßt. Wo Gott ist, hat die widergöttliche Macht nichts zu bestellen.

Jesus sagt: „Wenn ich durch den Finger Gottes die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“ Und da bilden wir uns ein, wir könnten mit dem Klopfen unsres Fingers den Teufel vertreiben. Wir wollen so vieles mit unsrer Macht erreichen.

Was macht man, wenn man krank ist? Man geht zum Arzt und läßt sich eine Medizin verschreiben. Daß aber erst einmal Gott damit zu tun hat, daß er uns durch die Krankheit vielleicht etwas sagen will, darauf kommt keiner. Früher glaubte man an die abergläubischen Praktiken des Medizinmannes, heute erhofft man sich allein Hilfe von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eines Arztes. Dabei wissen die Ärzte selbst nur zu genau, wie machtlos sie oft sind.

Aber dann fragen die Kranken: „Wie steht es denn mit mir? Werde ich wieder gesund?“ Der Arzt weiß aber genau, daß der der andere gar nicht die Wahrheit hören will. Er will sie ja nur hören, wenn es gut mit ihm steht. Aber wenn der Arzt ihm das bestätigt hat, läuft er zum nächsten und will sehen, ob der dasselbe sagt. Keiner traut mehr dem anderen und keiner findet Ruhe. Eine junge Ärztin sagte einmal: „Ich würde keinem Arzt trauen. Da wird so viel gelogen!“ So weit ist das Böse schon in unsre Welt eingedrungen, daß keiner mehr dem anderen trauen will. So weit kommt es also, wenn man sich auf menschliche Hilfe verläßt.

Dabei wäre es so einfach, wenn wir nur Gott zu Hilfe riefen. Wir stöhnen manchmal, daß die anderen uns das Glauben und die Beteiligung am kirchlichen Leben so schwer machen. Dabei ist es doch so leicht: Wenn wir uns klar und eindeutig auf die Seite Gottes stellen, kann uns schon niemand mehr etwas anhaben. Nur die Unentschiedenen, die Zweifler, die unsicheren Kandidaten, wo noch etwas zu holen ist für die gegnerische Seite, die stehen auch unter Beschuß und werden belästigt. Wer aber ganz fest auf Gott vertraut und ganz fest im Verband der Gemeinde steht, dem kann nichts passieren. Dann erledigt sich das andere ganz von selbst. Denn wo Gottes Reich ist, da kann das Böse nicht mehr herrschen. „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muß er behalten!“

Doch in vielen von uns sitzt so ein stummer Geist, ein kleiner Teufel. Dieser läßt den Menschen auf nichts reagieren. Sie können auf Gottes „Ja“ kein Amen sprechen, sondern bleiben stumm wie die Fische, was Gott auch zu ihnen sagen mag: Wenn sie singen sollen, sind sie heiser, wenn sie beten sollen, sind sie vornehm und verlegen. Wenn Gottesdienstzeit ist, haben sie alles mögliche andere vor. Sie greifen nicht zu, wo einer in Not ist. Sie kriegen den Geldbeutel nicht auf, wenn sie eine Sammelbüchse sehen. Sie sind stumm für alles Schöne und stumm für das Lob Gottes. Bei Beerdigungen kann man es manchmal erleben: Nicht einmal zum Vaterunser werden die Hände gefaltet.

Wer aber den Ruf des Stärkeren gehört hat, muß nicht mehr wie unter einem bösen Zwang handeln. Wir sind nervös und gereizt, aber Christus gibt uns Ruhe. Wir sind gedrückt von unsren   Alltagssorgen, aber Christus ist unser Befreier. Wer wissen darf, daß Christus schon den Sieg errungen hat, der läßt sich nicht überwältigen von der Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit.

Es braucht sich keiner zu schämen, der einmal schwach geworden ist. Schämen muß sich nur der, der sein Leben dahintreiben läßt, weil es doch keinen Wert mehr habe. Schämen muß sich nur der, der mürrisch und verzagt ist und stumm und leer bleiben will.

Allerdings liegt der Sieg Christi heute noch nicht für alle Menschen sichtbar zutage, weil er noch mit dem Kreuz verbunden ist. Noch werden wir zur Entscheidung aufgerufen, weil man alles auch anders deuten kann, weil mancher nur das Kreuz sieht und nicht auch die Auferstehung.

Wir sind noch längst nicht mit den Teufeln fertig. Das eine Mal haben wir ihn vertrieben, das andere Mal machen wir ihm die Tür weit auf und machen alles einladend für ihn, so daß es nachher noch schlimmer wird.

Jesus erspart uns nicht das Wachsamsein, sondern macht es uns gerade zur Pflicht. Er hat schon grundsätzlich den Sieg errungen. Wir aber müssen aufpassen, damit er euch bei uns den Sieg erringt.

 

 

Vorletzter Sonntag: Lk 16, 1 - 9

Einen Banküberfall zu machen, lohnt sich heute nicht mehr. Heute  haben sie nur noch das Kleingeld am Schalter. Wenn man eine Bank berauben will, dann muß man hineingehen und sich anstellen lassen. Die heutigen Computer machen es da leicht. Da haben schon manche Millionenbeträge auf ein privates Konto in der Schweiz abgezweigt,  um einen ruhiger und gesicherten Lebensabend zu haben.

Wir sind empört, wenn wir so etwas hören. Zum Glück kommt ja auch hin und wieder etwas heraus. Wahrscheinlich sind wir aber auch schockiert, wenn wir das Gleichnis Jesu so lesen. Wie kann Jesus so einen Betrüger loben? Gar noch sagen, daß er klüger war als die frommen und anständigen Christen!

Doch bei so einem Gleichnis gibt es immer nur  e i n e n  Vergleichspunkt. Jesus lobt nur die

Klugheit dieses Mannes, nicht sein gesamtes Verhalten. Solche Klugheit wünscht er auch den Christen, wenn es um das ewige Leben geht.

 

(1.) Von weltlicher Klugheit kann man etwas für das Ewige lernen: Die Situation der Schlußabrechnung deutet schon an, daß Jesus um mehr geht als um einen Kriminalfall. Er will uns anleitet zu einem verantwortlichen Leben. Wir dürfen den Gedanken an das Gericht Gottes nicht wegschieben. Dem Haushalter war die Abrechnung ja angekündigt worden; daß er sich darauf einstellt, ist noch nicht seine Klugheit.

Aber er erkennt seine Lage und weiß sich zu helfen. Es bleibt allerdings nur wenig Zeit. Aber in Sekundenschnelle weiß er, was er zu tun hat. Geistesgegenwart gehört mit zu seiner Klugheit, eine nüchterne Beurteilung der Lage, ein rettender Einfall und ein unverzügliches Handeln.

Dennoch ist er in unseren Augen ein unangenehmer Zeitgenosse. Besser wäre doch, er ränge sich zu einer sauberen Lösung durch. Wenn er schon nicht betteln will, dann könnte er sich doch eine andere Arbeit suchen, selbst wenn es eine dreckige Handarbeit sein sollte. Irgendetwas findet sich schon. Denen, die heute aus dem Gefängnis kommen, wird ja auch geholfen.

Aber dieser Haushalter ist auf einen unbeschwerten Ruhestand aus. Deshalb richtet er es so ein, daß verschiedene Leute ihm verpflichtet sind. I Grunde erpreßt er sie sogar, denn wenn sie sich an dem Betrug beteiligen, werden sie nicht zum Gericht gehen können, wenn er bei ihnen anklopft und aufgenommen werden will. Dieser Mann war ein Schmarotzer und wird es bleiben.

Vielleicht handelt der Mann zum Schaden für seinen Herrn, wenn er sich die alten Schuldscheine geben läßt und sie durch erheblich niedrigere Beträge ersetzt. Bei dem Ölhändler und dem Getreidehändler erläßt er jeweils 500 Silberstücke, das ist soviel wie der Verdienst eines Tagelöhners in zwei Jahren. Er könnte aber auch sein, daß er damit nur seinen eigenen Gewinn schmälert, denn oft mußte der Verwalter die ganze Pacht dem Grundherrn vorstrecken und versuchte dann, aus den Pächtern möglichst viel herauszuholen. Wenn er nun den Pachtpreis wieder etwas herabsetzt, hätte er nur den Schaden wieder gutgemacht.

Auf jeden Fall hat er sein Leben noch rechtzeitig geändert und die Zeit genutzt, die ihm noch bleibt. Der biblische Ausdruck dafür: Er hat Buße getan! Davon handeln die beiden Kapitel Lukas 15 -16. Sie beginnen mit den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und verlorenen Sohn und enden mit der Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus, wo ja noch einmal eingeschärft wird: „Mit dem Tode hört die Möglichkeit zur Umkehr auf!“

Jesus denkt: „Wenn meine Leute doch nur auch etwas von diesem Mann hätten. Wenn sie doch von weltlicher Klugheit etwas für das Ewige lernten!“ Es gibt unter Christen viel Verschlafenheit und Entschlußlosigkeit. Doch man sollte wissen, was die Stunde geschlagen hat. Niemand kann so leben, als hätte er unbeschränkte Zeit und könnte notwendige Beschlüsse immer wieder verschieben.

Als Lukas die Geschichte aufschrieb, war das Ende der Welt ja noch nicht gekommen. Die ersten Christen rechneten ja mit dem baldigen Abbruch der Herrschaft Gottes. Aber die Welt bestand noch immer und das Leben ging weiter in der alten Weise. Kaiser und Könige und ihre Stellvertreter hatten immer noch die Macht nutzen sie kräftig aus. Das Recht des Stärkeren galt noch immer. Wenn man nicht untergehen wollte, mußte man den anderen übervorteilen und durfte keine moralischen Bedenken haben.

Doch der Evangelist macht mit der Aufnahme dieser Erzählung Jesu in sein Evangelium deutlich: Die Gottesherrschaft steht noch immer vor der Tür, und ihr müßt euch darauf einstellen. Jener Mann hatte schon alles verspielt und konnte nur noch gewinnen. Aber wir als Christen haben alles zu verlieren: war können wir uns das ewige Leben nicht verdienen, aber wir können es uns täglich und stündlich verscherzen. Doch mit dem Haushalter haben wir gemeinsam: Die Zeit ist auszukaufen! Es gilt, sich schnell für Jesus zu entscheiden, um noch gerettet zu werden.

Zur Wachheit gehört auch eine gewisse Kaltblütigkeit und Zielsicherheit. Man wird sich nicht treiben lassen, sondern faßt selber Entschlüsse. Man wird manches sein lassen, um für Gottes Zukunft frei zu sein. Und man wird manches in die Hand nehmen, was mit der Zukunft zu tun hat. Jesus meint, bei alledem könne man bei den „Kindern der Welt“ in die Schule gehen. Doch die Klugheit gilt nur in ihrem Lebenszusammenhang, den Unterschied der Ebenen muß man schon beachten.

Doch dann gilt eben: Wie bei den Kindern der Welt in ihren dunklen Geschäften, so müßte auch bei den Jüngern in ihrer göttlichen Aufgabe alle Trägheit und Unschlüssigkeit verschwinden und an ihre Stelle Nüchternheit und rasches Handeln treten. Nur so ist diese anstößige Geschichte zu verstehen.

 

(2.) Mit irdischem Besitz kann man etwas fürs Ewige tun: Den letzten Vers hat Lukas wahrscheinlich selber hinzugefügt und damit das Gleichnis weitergedacht: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf daß sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten!“ Der Gewinn von Geld ist oftmals mit Unrecht verbunden. Aber das läßt sich nie ganz vermeiden. Geld wird leicht zum Götzen, der als etwas Faszinierendes verehrt wird, dem man dient und von dem man etwas erhofft, auf den man sein Ansehen gründet. Ein freundlicher Götze ist es nicht, denn es hält den Menschen in Unruhe und nimmt all seine Gedanken gefangen.  Aber schon die Kinder werden so erzogen, daß Geld alles ist: Nur wer etwas anschaffen kann, wird geachtet. Man braucht einen gewissen Lebensstil und schließt deshalb Kompromisse.

Jesus sagt aber nun nicht: „Wirf alles weg und flieg davon, stürze den Götzen!“ Vielmehr sagt er: „Macht euch Freunde damit, benutzt das Geld für etwas Sinnvolles. Da wird aus der schrecklichen Macht, die die Welt regiert, einfach ein Zahlungsmittel, das dem Menschen dienen muß und über das man in Freiheit verfügen kann. Wenn man Geld hat, so setzt man es für Heilsames und Hilfreiches ein. Und hat man keins, so wird man deshalb noch lange nicht nervös.

Die Umkehr („Buße“) kann sich also auch zeigen im rechten Umgang mit dem Geld. Die Dämonie des Geldes kann gebändigt werden, wenn wir uns bereithalten, es wieder wegzugeben. Geld ist nicht einfach böse, sondern Jesus zeigt ja gerade, daß es zu etwas gut ist. Allerdings ist es nicht dazu da, den Himmel zu öffnen. Gott läßt sich nicht bestechen, auch nicht durch den gewitztesten Haushalter. Freunde wird man sich nur schaffen, wenn es absichtslos geschieht, weil es schön ist, den Menschen etwas zuliebe zu tun und sie zu Freunden zu haben.

An der Frage des Besitzes kann deutlich werden, ob wir schon zu der Freiheit der Kinder Gottes gefunden haben. Wenn wir weggeben können, kann uns das Geld nicht zum Götzen werden. Dann wird damit nicht nur einem armen Menschen geholfen, sondern es wird deutlich, daß wir über dem Besitz stehen und ungezwungen darüber verfügen können.

Der ungerechte Haushalter war schon zu einem Knecht des Geldes geworden. Aber als er es weggeben konnte, war er wieder Herr über das Geld. Er war nicht mehr geplagt von der Gier, das Leben genießen zu wollen und diesen Genuß durch Geld sichern zu müssen. Richtig schön wurde das Leben erst für ihn, als er frei war von der Sucht des Habenwollens.

Auch für uns lohnt es sich, daß wir unser Leben ändern. Umkehr ist nicht leicht, weil wir in der Regel etwas aufgeben müssen, an dem wir sehr hängen. Umkehr zu Gott muß nicht immer mit Geld zusammenhängen. Aber am Geld wird manches deutlich, wenn auch die eigentlichen Ursachen manchmal tiefer liegen.

Früher gab man den Zehnten für Gott und zur Unterstützung der Mitmenschen. Heute bleibt meist sehr viel weniger übrig. Aber wir sollten bedenken: Unsre Gaben werden nicht gemessen an dem, was wir zu in einer Sache beitragen, sondern nach dem, was wir zurückbehalten. Unser Reichtum wird nicht gemessen an dem, was wir in den Klingelbeutel tun, sondern nach dem, was wir auf dem Bankkonto haben.

Bedenken wir auch: Unser Geld gilt nur in dieser Welt. Bei Gott gibt es eine andere Währung. Aber diese Währung kann man sich unter Umständen schon jetzt beschaffen, indem man mit seinem jetzigen Geld richtig umgeht. Davon handelt auch eine Erzählung von Leo Tolstoi „Ist Geld alles?“:

Ein Mann, der viele Reichtümer erworben hatte, pflegte zu sagen: „Im Leben ist Geld alles!“.Als er auf dem Sterbebette lag, dachte er: „Sicher ist auch in der anderen Welt Geld alles!“ Deshalb befahl er seinen Kindern, ihm in seinen Sarg einen Beutel mit Geld zu geben. In der anderen Welt erblickte er ein Büfett voll Speisen und Getränken. Na, denkt er, ich habe gut daran getan, Geld mitzunehmen. „Geben Sie mir rasch zu essen, ich bin schrecklich hungrig!“ und er hält dem Verkäufer eine Handvoll Kopeken hin. Der sieht sich das  Geld an und lächelt: „Wie ich sehe haben Sie da unten auf der Erde wenig gelernt. Wir nehmen nicht das Geld an, das Sie besitzen, sondern das Sie verschenkt haben. Denken Sie nach, vielleicht haben Sie jemals einem Bettler eine Gabe gegeben?“ Der Reiche senkt die Augen und dachte nach. Nie hatte er eine Kopeke verschenkt, niemals in seinem Leben einem Armen geholfen. Da führten ihn zwei handfeste Kerle wieder hinaus.

 

 

Bußtag : Mt 12 , 33 - 35 (Variante 1)

Jeder Mensch macht Fehler bei seiner Arbeit. Dafür sind wir Menschen und können gar nicht vollkommen sein. Doch wie gehen wir mit Fehlern um, mit den eigenen und erst recht mit denen der anderen? Und wie wird mit uns umgegangen, wenn wir einen Fehler gemacht haben?

In einem Büro war eine Mitarbeiterin besonders eifrig und hatte an der Maschine schon das Datum für den übernächsten Tag eingestellt, an dem sie mit der Maschine weiterarbeiten wollte. Am nächsten Tag aber benutzte eine Vorgesetzte die Maschine und schimpfte nun mächtig, weil das Datum nicht stimmte. Im Grunde hat sie sich ja nur über sich selbst geärgert, denn sie hätte das Datum selber korrigieren müssen, denn auch das Datum des Vortages wäre ja auch falsch gewesen. So aber kehrte sie alles gegen die Untergebene, die so überrascht war, daß sie nicht antworten konnte, aber sich hinterher noch eine ganze Zeit aufregte. Inzwischen kam aber ein anderer Vorgesetzter, der auch einen Fehler bemerkt hatte. Aber er sagte nur:  „Hier muß noch etwas ergänzt werden. Ich habe schon unterschrieben, aber machen Sie das bitte noch!“ Damit war die Sache ohne großes Aufheben erledigt, niemand war innerlich verletzt worden.

Mit Worten kann man so schnell verletzten - gewollt oder ungewollt. Der Buß- und Bettag wird uns nicht gleich zu ganz neuen Menschen machen. Aber über diesen einen Punkt sollten wir heute einmal genauer nachdenken. Diese Verse aus dem Matthäusevangelium geben uns da folgende Hinweise: Wir müssen verantworten, was wir reden. Wir können nur so reden, wie wir sind. Wir dürfen sein, was Jesus aus uns macht.

 

(1.) Wir müssen verantworten, was wir reden: Es berührt uns tief, wenn ein Kind anfängt zu sprechen. Aus einem Lebewesen ist es zu einem Mitmenschen geworden. Kinder reden noch so unbekümmert und offen, daß es eine Freude ist. Aber dann kommt einmal der Zeitpunkt, wo es merkt: „Es ist nicht gut, alles zu sagen. Es kann sogar Nachteile bringen, wenn man die Wahrheit sagt. Und es kann vorteilhaft sein, das zu sagen, was gewünscht wird!“ Mit der Sprache können wir uns äußern und uns verstecken. Besonders schlimm ist, wenn in einer Gesellschaft schon die Kinder dazu gebracht werden, doppelzüngig zu reden.

So war es über Jahrzehnte im Osten unsres Landes. Das Zwiespältige ist so in die Menschen übergegangen, daß sie auch dann in der Freiheit nur schwer davon loskamen. Der Bußtag wäre ein Anlaß, in sich zu gehen und wirklich neu anzufangen.

Viele wollen auch gern neu anfangen, es soll ein Strich unter die Vergangenheit gemacht werden, aber sie wollen nicht bekennen und bereuen. Wenn einer sagte: „Ja, ich bin ein Spitzel der Stasi gewesen. Es tut mir leid, ich will alles daransetzen, das wieder gut zu machen!“ würde er damit auf Verständnis stoßen, weil ja alle wissen, wie man in so etwas hineingekommen ist. Aber nur wenige haben den Mut dazu. Stattdessen leugnen sie standhaft und hoffen darauf, daß gerade ihre Akte verschwunden ist. Und wahrscheinlich hoffen sie auch darauf, daß Gott bis zum Jüngsten Tag alles vergessen hat oder zumindest nicht darauf zurückkommt.

Im Grunde aber ist heute schon jeder Tag ein Gerichtstag, an dem wir Rechenschaft geben müssen. Gott wacht in seiner Welt über Recht und Unrecht. Deshalb sollte unser Gewissen immer mit ihm im Gespräch sein. Nicht nur unsre Taten, sondern auch unsre Worte spielen hier eine große Rolle. Das  Wort ist ja das Besondere am Menschen. Es schlägt Brücken, aber es reißt auch Abgründe auf, es stiftet Liebe und Feindschaft, Haß und Vergebung, Freude und Leid.

Das Gericht Gottes könnte darin bestehen, daß er uns alles noch einmal vom Band vorspielt, was wir so im Laufe eines Lebens gesagt haben. Ein Höllenfeuer von einigen tausend Grad würde sich dann wohl erübrigen. Bei einer Abendgesellschaft hat einmal der Gastgeber heimlich ein Tonband mitlaufen lassen. Als die Gäste schon gehen wollten, spielte er ihnen einige Stellen vor. Zunächst lachten sie über manchen Witz. Dann aber wurden sie stiller und stiller. Auf einmal merkten sie, wie nichtig ihre Gespräche waren, aber auch, wie oft sie den anderen verletzt hatten.

Zwar wissen wir von Gottes Vergebung und sind alle auf sie angewiesen. Aber Rechtfertigung bedeutet nicht, daß wir um das Gericht herumkommen. Auch wenn wir an Jesus glauben, werden wir nicht vor dem Gericht bewahrt. Aber wir werden aus ihm gerettet. Unsre Sünde wird nicht entschuldigt, sondern vergeben. Das schließt aber ein, daß sie aufgedeckt wird. Das ist der erste Schritt der Buße. Die Vergebung Gottes kommt dann dazu. Durch sie sieht man erst die Sünde richtig und lernt sie hassen. Dann erkennt man auch erst: Der ganze Mensch ist verdorben, nicht nur seine Worte und Taten.

 

(2.) Wir können nur so reden, wie wir sind: Was wir tun und reden, kommt aus unsrem Inneren heraus, es quillt aus unserem Herzen hervor. Ich kann nicht sagen: „Ich habe nicht gesündigt, das waren ja meine Hände oder meine Lippen!“ Die Zentrale ist das Entscheidende. Und die Sünde muß bis zu den Wurzeln verfolgt und dann mit der Wurzel ausgerottet werden. Es geht also nicht darum, einzelne kleine Schäden und Mangel zu beheben. Zwar kann man durch Erziehung und Gewöhnung manches verbessern. Aber das ist noch keine Erneuerung aus dem inneren heraus.

Jesus vergleicht den Menschen mit einem Baum. Dieser kann schön oder faul sein. Absichtlich sind diese neutralen Ausdrücke gewählt, denn ein Baum kann nichts dafür, wie er ist: Ein fauler Baum kann nur faule Früchte hervorbringen. Doch beim Menschen ist es nicht so. Er kann etwas dafür, ob er gut oder böse ist, und er wird dafür zur Verantwortung gezogen. Er tut keine Sünde, in die er nicht eingewilligt hätte.

Allerdings gilt auch: Wenn er in seinem Herzen böse ist, kann auch nichts Gutes nach außen dringen. Deshalb ist es so wichtig, die Zentrale in Ordnung zu haben. Es kann auch keiner sagen: „Ich habe ja das Gute gewollt, aber die Verhältnisse sind nicht so!“ Sicherlich darf man den Menschen nicht vereinzelt sehen, sondern die Wirtschaftsordnung, die Bürokratie und das ganze Umfeld mit dazu. Aber kein Mensch m u ß sündigen, letztlich kommt es doch wieder auf den einzelnen und sein Inneres an.

Jesus sagt: „Wovon das Herz voll ist, das muß der Mund ausplaudern!“ Es gibt zwar auch die Menschen, die ihre Worte klug berechnen und alles durch das enge Sieb einer eiskalten Kontrolle gehenlassen. Aber das sind nicht immer die angenehmsten Menschen; und in einer schwachen Stunde kommt dann doch einmal die ganze Jämmerlichkeit heraus.

Jesus kommt es mehr auf das andere an: Der gute Mensch schleudert aus seinem guten Schatz nur Gutes heraus, so wie eben ein guter Baum zwangsläufig gute Früchte bringt. Die Frage ist nur: „Wie kommt es zu einem neuen Herzen?“ Darauf gibt es nur eine Antwort: „Jesus macht uns von innen heraus neu!“ Und dann gilt:

 

(3.) Wir dürfen sein, was Jesus aus uns macht: Jesus macht aus dem, den er an sich bindet, einen neuen Menschen. Dann hat unser Herz einen neuen Haftpunkt bekommen, dann ist es nur noch von Jesus erfüllt. Dann findet es auch das richtige Verhältnis zum Mitmenschen, dann wird auch das richtige Wort gesagt.

Im Grunde kann ein Mensch sich nur ändern, wenn die anderen ihm eine Chance dazu geben. Wenn die anderen aber in Lauerstellung dastehen, abwartend oder fordernd, dann kann es nichts werden. Es ist furchtbar, wenn sich einer über den Fehler des anderen freut, weil er dadurch den von eigenen Fehlern ablenken kann.

Die Fehler eines anderen sollte man entweder stillschweigend verbessern oder ihm nur unter vier Augen sagen. Auf keinen Fall sollte man ihn aber voranderen heruntermachen oder gar noch gleich zum Vorgesetzten rennen, um ihm brühwarm alles aufzutischen. Das verhärtet nur unnötig und führt niemals zur Umkehr.

Nur der kann umkehren, der selber Vergebung erfahren hat. Nur wenn ich bereit bin, einem anderen zu vergeben, wird er neu werden können. Deshalb sollten wir immer fragen: „Wie schaffe ich dem anderen Luft und Freiraum, anders zu werden?“ Vorwürfe und Forderungen sind kein Mittel, um eine Wende im Leben einzuleiten. Wir brauchen gegenseitig helfende Geduld. Dadurch  können wir unsre Verkehrtheiten und Undiszipliniertheiten überwinden, diese Kurzschlußhandlungen und die Gleichgültigkeit und oftmals auch noch den Menschenhaß.

Von Jesus können wir dabei lernen. Schonungslos durchschaut er jeden falschen Schein und deckt die Verstecke des Bösen auf. Aber gütig und behutsam geht er mit den Sündern um und vergibt ihnen, auch wenn das die Strengen ärgert. Er bleibt uns sogar gut, wenn wir böse sind.

Aber sagen wir es anders: Im Grunde ist er wie der gute Baum in uns, der nur gute Früchte hervorbringen kann.

Sein Ruf zur Umkehr hat deshalb keinen finsteren Klang. Buße ist nicht Strafe, sondern Chance, ist die Wende zum Guten. Da wird alles durchgestrichen, was uns belastet, und wir können mit aller Kraft das Steuer herumwerfen und neue Menschen werden

Auf diese Möglichkeit weist uns der Bußtag einmal im Jahr besonders hin, obwohl natürlich jeder Tag ein Bußtag ist, ein Tag der Umkehr. Er ist schon ein Tag der ernsten Prüfung und Selbstbesinnung, aber letztlich doch eine Tag der Freude. Doch das liegt nicht an uns, sondern an Jesus.

 

 

Bußtag: Mt 12, 30 - 37 (Variante 2)

Die Eskimos haben früher so um Ostern herum nur einmal im Jahr eine gründliche körperliche Reinigung durchgeführt. Die übrige Zeit erschien ihnen, wohl der Dreck als ein gutes Mittel gegen die Kälte. Eine einmalige „Generalreinigung“ genügte ihnen offenbar.

Es könnte sein, daß wir den Buß- und Bettag auch als eine solche einmalige Generalreinigung verstehen. Früher wurde er von der Obrigkeit angeordnet, weil der Landesfürst seine Schäfchen einmal gehörig „abgekanzelt“ haben wollte. Von den Kanzeln kam dann wohl auch ein gewaltiger Donner, der mit den offensichtlichen Sünden gehörig aufräumte und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ.

Wer an diesem Tag nicht in die Kirche kam, galt als etwas verdächtig. Die Kirchen waren also voll und man ertrug willig alle Donnertöne. So ein wenig Gruseln und kalter Schauer gehörten mit zu den Empfindungen des Tages. Aber zum Glück war ja alles bald vorbei und

man hatte wieder für ein Jahr Ruhe. Die Nachbarn und der Pfarrer hatten einen gesehen, dem Staat war Genüge getan.

Sicherlich werden aber nicht alle nur eine Pflichtübung vollzogen haben. Mancher wird es mit seiner Selbsterforschung und Selbstkritik auch wirklich ernstgemeint haben. Erst recht gilt dies heute, wo am Bußtag nur die zum Gottesdienst kommen, die sonst am Sonntag auch da sind. Der Tag ist zu einer Sache der christlichen Gemeinde geworden, an dem wir uns alle selbst prüfen wollen, ob wir vor Gott recht sind.

Dabei wissen wir, daß das täglich unsre Aufgabe ist. Aber an einem solchen Tag werden wir roch einmal extra darauf hingewiesen. Der Pfarrer betätigt sich nicht mehr als „Hammerwerfer Gottes“ von der Kanzel her. Gemeinsam stehen wir vor Gott und unterziehen uns einer nüchternen Selbstprüfung. Wir wissen: „Wir haben einmal Rechenschaft abzulegen am Tag des Gerichts!“ Wir wissen alle, was das in unserem Alltagsleben bedeutet, wenn wir Rechenschaft ablegen sollen: Wenn Inventur gemacht wird, wenn die Polizei einen Kraftfahrer anhält, in der Betriebsversammlung, in der Schule. Dann muß alles belegbar sein und stimmen.

Das gilt auch für die letzte Rechenschaft‚ die wir einmal vor Gott abzulegen haben. Welche Maßstäbe  werden dann gelten?

Der erste Maßstab lautet: Du wirst gerichtet nach dem, was du sagst und was du tust. Den ganzen Tag über belegen wir ja die Menschen unsrer Umgebung mit Zensuren und Werturteilen. Wir müssen sie ja auch richtig einschätzen, um sie nicht zu überfordern oder zu unterfordern.

Aber wir werden uns selber auch einmal wir unser Tun vor Gott verantworten müssen. Das Gericht nach den Werken erledigt sich ja nicht dadurch, daß Jesus da ist. Auch wenn wir an Jesus glauben, werden wir nicht vor dem Gericht bewahrt. Aber wir werden im Gericht gerettet. Unsre Sünde wird nicht entschuldigt, sondern vergeben. Aber verantworten müssen wir uns, auch wenn wir dabei einsehen müssen, daß es keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung gibt.

Nicht nur unsre Taten, sondern auch unsre Worte spielen hier eine große Rolle. Das ist ja das Besondere am Menschen. Es schlägt Brücken, aber es reißt auch Abgründe auf‚ er stiftet Liebe und auch Feindschaft.

So könnte das Gericht Gottes darin bestehen, daß er uns all das vom Band noch einmal vorspielt, was wir irr Laufe eines Lebens gesagt haben .Ein Höllenfeuer von einigen tausend Grad würde sich dann wohl erübrigen. Bei einer Abendgesellschaft hat einmal einer heimlich ein Mikrophon aufgestellt. Als die Gäste schon gehen wollten, spielte ihnen der Gastgeber einige Stellen aus dem Band vor. Zunächst lachten sie über manchen Witz. Dann aber wurden sie stiller und stiller. Sie merkten auf einmal‚ wie nichtig ihre Gespräche waren, aber auch wieviel Ironie mitschwang, die den anderen verletzen konnten oder auch sollten.

Es kann aber auch sein, daß unsre Worte nur leeres Gerede sind und keine Deckung haben. Wir wollen damit nur etwas vortäuschen, was nicht geschieht. Mit viel Geräusch soll das fehlende Tun verdeckt werden. Aber täuschen wir uns nicht: Im Gericht Gottes werden wir beim Wort genommen. Wir werden  gemessen an dem, was wir so fromm, so grundanständig und so ernsthaft daherreden. Wort und Werk dürfen aber nicht auseinanderklaffen, wenn es uns um die christliche Buße ernst ist.

Was wir tun und reden kommt ja aus unserem Inneren heraus, es quillt aus unserem Herzen hervor. Ich kann nicht sagen: „Ich habe ja nicht gesündigt, das waren die Hände, die Füße, die Lippen!“ Die Zentrale ist das Entscheidende. Die Sünde muß bis zu ihren Wurzeln hin verfolgt werden und dann mit den Wurzeln ausgerottet werden.

Es geht nicht darum, nur einzelne Schäden und Mängel an uns zu beheben. Erziehung und Gewöhnung richten zwar schon manches aus und können auch einiges verbessern. Aber das ist noch keine Buße, keine Erneuerung aus dem Inneren heraus. Gott appelliert deshalb auch nicht an die in uns liegenden besseren Kräfte, sondern er tötet und macht wieder lebendig - er will uns total neu schaffen.

Jesus vergleicht uns da mit einem Baum. Ein Baum kann schön oder faul sein. Mit Absicht sind diese neutralen Ausdrücke gewählt, denn ein Baum kann nichts dafür, wie er ist. Ein fauler Baum wird nur faule Früchte hervorbringen. Nicht so aber mit dem Menschen: Er ist gut oder böse - und er kann etwas dafür, wie er ist. Allerdings: Wenn er ein seinem Herzen böse ist, dann kann auch nichts Gutes nach außen dringen. Deshalb ist es so wichtig, im Person­zentrum  in Ordnung zu sein. Mancher will sein Böses Inneres nur verbergen. Es sind nicht immer die angenehmsten Menschen, die ihre Worte klug berechnen und alles durch das enge Sieb einer eiskalten Kontrolle gehenlassen. Und wenn einer die Rolle des Demütigen spielt, kann er doch mit einem einzigen Satz seinen Hochmut verraten. Der sonst auf Haltung achtet, kann doch in einer schwachen Stunde seine Jämmerlichkeit ausplaudern. Wer auf Selbstzucht achtet, kann doch einmal seinen Unmut herauspoltern.

Ein guter Mensch aber bringt aus dem Schatz seins Guten immer wieder nur Gutes hervor. Nur wer wirklich gut ist, kann auch Gutes tun .Und das wird sich auf die Stellung zum Mitmenschen auswirken. Als evangelische Christen sehen wir oft die Rechtfertigung als den Kern des religiösen Lebens an. Sie soll etwas sein, was wir Gott allein auszumachen haben. Jesus aber verbindet uns mit den Mitmenschen und macht uns deutlich: Dort könnt ihr beweisen, ob ihr Gerechtfertigte seid.

Der zweite Maßstab für den Tag des letzten Gerichts ist unsre Stellung zu Jesus selber. „Wer nicht mir ist, der ist wider mich!“ sagt Jesus. Wer nur Mitläufer ist und nicht sogleich mithilft, die Gemeinde Gottes zu sammeln, der zerstört und zerstreut sie in Wirklichkeit. Bei Jesus gibt es keine abwartende oder wohlwollende Neutralität oder so etwas.

Es kommt darauf an, zur Gemeinde Gottes bewußt dazu zu gehören. Und zwar nicht nur zu der Gemeinde, die aus Eintragungen auf der Kirchensteuerkartei besteht, sondern zu der Gemeinde, die sich sonntäglich und manchmal auch noch in der Woche zusammenfindet.

Es schadet nichts, wenn diese Gemeinde nur einen bescheidenen Umfang und ebenso bescheidene Lebensformen hat. Das Mitmachen in dieser kleinen Schar ist sinnvoller als nur theoretisches Diskutieren außerhalb dieser Schar. Wer sich zu Jesus bekennt, muß die Gemeinschaft anderer Christen suchen, sonst zerstreut er anstatt zu sammeln.

Hierhin gehört auch das ernste Wort von der Sünde gegen den heiligen Geist. Doch dieses Wort hat zunächst einmal einen befreienden und frohmachenden Klang. Schließlich heißt es ja: „Alle Sünde wird den Menschen vergeben!“ Unsre Verfassung ist nicht so trostlos, daß

Jesus kapitulieren müßte. Selbst wenn wir wie die Gegner Jesu ihn verdächtigt und verteufelt hätten, selbst wenn wir Gott gelästert und beleidigt hätten, kann uns das noch vergeben werden. Es kann ja sein, daß wir nicht wissen, was wir tun.

Aber wenn uns Gott den Glauben geschenkt hat, wenn wir im Innersten schon überwunden sind und uns dennoch sträuben und sperren, dann ist das eine Sünde gegen den heiligen Geist. Dieses Wort bezieht sich auf die Menschen‚ die glauben können und nicht glauben wollen. Aber es soll nicht die erschrecken, die gern glauben wollen und meinen, sie könnten es nicht. In Wirklichkeit glauben die ja, auch wenn sie immer noch unsicher sind.

Dieses scheinbar schrecklichste Wort des Neuen Testaments ist in Wirklichkeit ein dringlicher, mit ganzer Liebe ergehender Ruf zum Heil. Nicht daß wir Sünde tun, wird uns zum Verhängnis - das soll uns ja vergeben werden. Zum Vorwurf wird uns aber gemacht‚ wenn wir mit grauenvoller Sturheit immer weiter sündigen. Meist wollen wir das sogar noch rechtfertigen und bezeichnen unsre Verkehrtheit als richtig.

Davon kann uns nur eine totale Umkehr heilen. Hier können wir nicht mehr unbeweglich bleiben und alles auf unsre Erbanlagen oder die Umstände schieben. Hier gilt es, mit aller Kraft das Steuer herumzuwerfen und ein neuer Mensch zu werden. Darauf will uns wieder einmal der Bußtag hinweisen. Wer dazu bereit ist, wer sein Leben in der Verantwortung vor Gott lebt, der lebt intensiver und bewußter. Er lebt mit dem Herrn und sammelt mit ihm, anstatt zu zerstreuen.

 

 

Ewigkeitssonntag: Lk 12, 42 - 48

Viele von denen, die heute zum Gottesdienst gekommen sind, haben im abgelaufenen Kirchenjahr einen lieben Menschen hergeben müssen oder denken an einen Verstorbenen aus den vergangenen Jahren. Am heutigen „Ewigkeitssonntag“, der im Volksmund mehr der „Totensonntag“ heißt, denken wir wieder besonders daran.

Manchem wird die Zeit noch gut in Erinnerung sein, in der er sich besonders bewähren mußte. Das gilt zunächst einmal für die Zeit der Krankheit. Da ist oft ein ungeheurer persönlicher Einsatz notwendig: Jeden Tag heizen, verpflegen, waschen, saubermachen‚ oft auch noch Nachtwache. Dazu der seelische Beistand, der geleistet werden muß, die Not des Kranken und die eigene Ohnmacht. Und schließlich dann auch noch das Stehen am Sarg und das Abschied­nehmen.

Da erweist sich dann, ob man ein treuer und kluger Haushalter ist. Wir werden von Gott nicht dafür verantwortlich gemacht, was wir nicht tun konnten. Aber er fragt nach dem, was wir tun konnten. Und da wäre es doch gut, wenn er zu uns sagen könnte: „Selig bist du, der du meinen Willen getan hast. Ich gratuliere dir - das ist mit dem „selig“ gemeint - so habe ich es mir von dir erhofft. Du hast dich um deine Mitmenschen gekümmert und nicht für dich selbst gelebt. Du hast keinen zu kurz kommen lassen‚ du bist treu gewesen“

Dazu gehört aber auch, daß wir etwas von der christlichen Hoffnung deutlich machen. Zur Pflege eines Kranken gehört nicht nur die medizinische und pflegerische Versorgung, sondern auch der geistliche Beistand. Wer in der Erwartung Gottes lebt, der wird anders von seinen Lieben Abschied nehmen. Er wird hoffen, trotz Tod und Verwesung. Er sieht Land vor sich, auch wenn der Boden unter den Füßen zu schwanken scheint. Diese Hoffnung wird er dann auch einen Sterbenden vermitteln können, und wenn es nur ein Vaterunser ist, das am Sterbebett gebetet wird.

Der treue und kluge Haushalter gibt zur rechten Zeit das Evangelium weiter. Diese Botschaft trifft der Menschen dann, in seinen innersten Lebensbezügen und räumt dort gewaltige Steine weg, die ihm auf den Herzen liegen. Die Erwartung des Herrn kann dann auch seinem Leben einen festen Halt geben. Diesen Dienst sind wir unseren Mitmenschen schuldig, wenn wir treue Haushalter Gottes sein wollen. Ihn, dem kommenden Herrn sind wir verantwortlich, denn ihm gehören unsre Welt, unsre Zeit und unsre Gaben.

 

(1.) Gott gehört unsre Welt, denn er hat sie geschaffen: Doch die Christenheit hat nie die ganze Welt verwalten können. Der einzelne Christ kann es erst recht nicht. Aber wir sind auch nur für das Stück Welt verantwortlich, das uns tatsächlich überantwortet ist: Familie, Beruf, Freun­de, bestimmte Gruppen, auch die Kirche. Überall sind wir nicht Eigentümer, sondern nur Verwalter. Auch mit den Dingen unsrer Welt können wir nicht umgehen‚ wie es uns beliebt. Aber noch schlimmer ist es, wenn Menschen wie Dinge behandelt werden.

Nicht recht ist der Haushalter, der anfängt, „Knechte und Mägde zu schlagen, zu fressen und sich vollzusaufen“. Das kann man nicht ganz wörtlich nehmen, das sind nicht die einzigen Beispiele, wie Menschen unter anderen Menschen zu leiden haben. Wer Macht hat, ist aber in der großen Gefahr, seine äußere Überlegenheit genießen, zum Leid und Schaden der anderen Menschen.

Es kann aber auch sein, daß einer nur schlampig und faul ist, interesselos und dickfellig. Dadurch verkommt das Anvertraute zum Nachteil der Mitmenschen und zuletzt auch zur Schande des Herrn. Aber es gibt auch gute Beispiele von Menschen, die sich um Alte und Kranke kümmern. Das hört man doch gern: „Der Sohn sieht jeden Tag nach der Arbeit nach seinem kranken Vater, obwohl dessen Wohnung nicht am Weg liegt!“

Die verwerflichen Einstellungen eines untreuen Verwalters haben ihren Grund darin, daß der Betreffende die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Er vergißt, daß ihm gar nicht gehört, womit er so eigenmächtig umgeht. Eines Tages wird der Herr ihn zur Rechenschaft ziehen und fragen: „Was hast du aus dem Anvertrauten gemacht? Wie bist du mit den Menschen umgegangen, die alle mir gehören, die mir kostbar sind und für die ich als ihr Heiland mein Leben gegeben habe?“

Mit geliehenen Büchern gehen wir hoffentlich sorgsamer um als mit eigenen. Das Auto des Freundes fahren wir mit noch mehr Vorsicht als das eigene. Wir hätten auch zur Welt ein anderes Verhältnis, wenn wir uns klarmachten‚ wem sie gehört. Wir hätten eine andere Einstellung zu den Menschen‚ wenn wir in ihnen immer Geschöpfe Gottes sähen.

 

(2.) Gott gehört unsre Zeit: Der untreue Knecht leugnet nicht, daß er einen Herrn hat. Aber er sagt sich: „Es dauert noch eine ganze Weile, bis er wiederkommt!“ Das ist sicher sehr unklug gedacht und gehandelt. Ein solcher Mensch will nicht die Dinge an sich herankommen lassen und läßt sich deshalb noch Zeit. Vielmehr rechnet er gar nicht damit, daß sie überhaupt noch herankommen. So denkt der Schüler, der erst am Tag vor der Klassenarbeit zu lernen beginnt. So denkt der Konfirmand, der nicht für die Prüfung lernt, weil er denkt, es werde schon nicht so schlimm kommen. So denkt der Student, der von Semester zu Semester denkt, mit dem Examen habe es ja noch Zeit.

Aber jeder von ihnen muß sich einmal doch klarmachen, daß seine Uhr tickt und unaufhörlich weiterläuft. Auch unsre Lebensuhr wird einmal abgelaufen sein. Wie schnell ist mancher Mensch abgerufen worden, der noch viel vorhatte. Wann Jesus wiederkommen wird, weiß er selber nicht, aber er kann in jedem Augenblick da sein. Dabei ist es gleich, ob er noch in dieser Nacht mein Leben von mir fordern wird oder ob die ganze Welt zu gegebener Stunde die Ankunft ihres Herrn erfahren wird. Auf alle Fälle sollen wir wachen und mit dem für uns oder die ganze Welt eintretender Ende rechnen. Vielleicht sehen wir noch ein, daß die Welt und die Zeit dem Herrn gehört. Aber daß das schon im nächsten Augenblick aktuell werden könnte, das wollen wir nicht wahr haben.

Warum ist uns der letzte Wille eines Verstorbenen so unantastbar? Warum ist er mehr als eine andere Willenskundgebung in Laufe des Lebens? Was in Angesicht des Letzten gesagt wird, hat eben besonderes Gewicht. Jeder Augenblick kann aber diesen Ernstfall bringen. Doch

das ist kein Grund, nun gleichgültig zu werden, sondern wer mit dem Kommen des Herrn rechnet, der geht ihm entgegen. Und der hat jederzeit sein Haus geordnet. Die gespannte Erwartung des Endes ist so ein starker Antrieb zum verantwortlicher Handeln in unsrer Welt.

 

(3.) Dem Herrn gehören unsre Gaben: Jesus weiß, warum er so hart spricht. Wer weiß, was von ihm erwartet wird, sich aber wissentlich weigert, den wird seine Haltung und sein Tun schwer angerechnet. Erkennen und Wissen schärft die Verantwortlichkeit.

Aber es kann auch sein, daß man nicht weiß, was man tut. Man hat vielleicht den besten Willen und macht es doch falsch; man hat etwas übersehen oder ist nachlässig gewesen. Von einen solchen Menschen heißt es: „Er wird wenig Schläge empfangen!“ Hier geht es nicht um mildernde Umstände, sondern Gott erwartet schon, daß wir mit dem ernst machen, was uns im Glauben aufgegangen ist. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden. Von Christen erwartet er mehr als von anderen. Ob wir mehr bringen können, das ist eine andere Frage.

Aber es geht doch barmherziger zu in Gottes Welt, als wir nach diesen harten Worten fürchten mußten. Gott weiß, daß vielen noch nicht der Gedanke gekommen ist, die Welt könnte Gott gehören. Und vor seiner Forderung steht das Geben. Er hat uns etwas gegeben, das wir nun einsetzen sollen. Und wenn wir es eines Tages zurückgeben sollen, dann werden wir ihm nichts zu bringen haben, als was er selbst uns gegeben hat: unsere Besitz, unsere Mitmenschen, unser eigenes Leben.

Aber die Aufgabe bleibt für uns, getreue Haushalter zu sein. Wenn Jesus fragt: „Wer ist denn der treue und kluge Haushalter?“ Da wird es nur wenig Leute geben, die hier die Hand heben und sich melden.  Die „Knechte“ sind nicht nur die Amtsträger der Kirche, die die Sakramente Gottes zu reichen haben, nämlich Taufe und Abendmahl.

Knechte Gottes sind alle Christen! Petrus möchte, daß ein besonderer Vorzug der Jünger festgehalten wird. Aber Jesus macht ihm deutlich: „Man kann nicht vorher festlegen, wer damit gemeint ist. Wenn Jesus einen persönlich anspricht, dann gehört er zu denen, die es angeht. Wenn wir Jesu Frage höre, werden wir schon herausgefordert, treue Haushalter zu werden. Jesus will uns nicht in bestimmte Gruppen einteilen, sondern zum Tun aufrufen.

Wenn wir nun vielleicht merken‚ daß wir da doch manches versäumt haben und noch vieles verbessern können, dann bleibt uns nur die Möglichkeit, auf die Vergebung Jesu zu hoffen, das Alte hinter uns zu lassen und mit Jesus ein Neues zu beginnen.

 

 

 

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