Reihe V

 

 

1.  Advent: Lk 1 , 67 - 79

„Nach menschlichem Ermessen gibt es keine Rettung mehr“, sagt der Arzt am Bett eines Kranken. „Es müßte ein Wunder geschehen, wenn er sich noch einmal von diesem Zustand erholt!“ Aber fünf Wochen später ist das Wunder geschehen: der Mann kann aus der Klinik entlassen werden und muß nur noch von Zeit zu Zeit zur Beobachtung hin. Wir wissen alle, daß so etwas nicht die Regel ist.

Aber wo wir nichts weiter sehen als hoffnungslose Fälle, da ist Gott oft heilend und helfend am Werk. Welcher Römer hätte dem Volk Israel zur Zeit des Johannes noch eine Chance eingeräumt? Die Geschichte dieses Volkes war doch ein einziger Niedergang, aus dem mächtigen Reich Davids war eine klägliche Provinz am Rande des Römerreiches geworden. Aber gerade in diesem Volk fängt Gott etwas Neues an.

Bei einfachen alten Leuten, die sich schon mit ihrer Kinderlosigkeit abgefunden hätten, kommt ein Sohn zur Welt. Er erhält den sonderbaren Namen „Johannes“, was so viel bedeutet wie „Gott ist gnädig“. Hier kündet sich eine Wende an, die mit Jesus dann eintritt. Die große Erweckungsbewegung, die Johannes der Täufer auslöste, war Vorspiel für das Kommen

Gottes in Jesus Christus.

Auch wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott immer wieder einen Neu-Anfang mit uns macht. Das Sprichwort: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ gilt in diesem Fall nicht. Für Gott gibt es keine „hoffnungslosen Fälle“. Wenn er es will, kann es immer wieder von vorne losgehen.

Das will uns auch diese Adventszeit und das neu begonnene Kirchenjahr sagen. Nicht zu Unrecht singen wir: „Alle Jahre wieder!“ Das Weihnachtsgeschehen wird immer wieder neu für uns, ein Neuanfang in unserem Leben ist immer wieder möglich.

Deshalb wird dieser Lobgesang des Zacharias auch in der Morgenandacht verwendet: Nach dem Schweigen der Nacht beginnt wieder ein neuer Tag, und das erste an ihm ist ein Lobgesang. So hatte auch Zacharias monatelang schweigen müssen, weil er dem Wort Gottes nicht glaubte, das ihm einen Sohn verhieß. Als sein Mund sich wieder öffnet, geschieht das für einen Lobgesang.

Doch das Beherrschende darin ist nicht die Freude über den Sohn, wie wir es wohl erwarten würden. Vielmehr freut er sich, daß nun die Zeit anbricht, von der die Propheten Israels seit Jahrhunderten geredet haben: Jetzt beginnt die große Zeitenwende, in der einer geboren wird, der der Sohn Gottes ist.

Wie viele Wünsche verbinden sich doch jedesmal mit einem solchen Neubeginn! Jeder politische Herrscher wird von großen Hoffnungen begleitet. Man bedauert die Genrationen der Wartenden, denen doch etwas entgangen ist. Zu recht haben sie gesagt: „Wir haben nur e i n Leben‚ wir wollen die neue Zeit nicht erst als Rentner erleben, wenn wir sie nicht mehr nutzen können. Gleiches Recht und gleiche Gnade für alle!“

Doch schon in den Beziehungen zwischen den Menschen gibt es verschiedene Stadien. Zum Entstehen einer Liebe zwischen Mann und Frau gehören auch Zeiten des Noch-nicht, des Wartens und Sehnens. Wo das Miteinander nicht ausreift und sich erst einmal bewährt, geschieht meist ein Unglück. So geht auch Gott mit uns einen Weg mit verschiedenen Stationen. Da gibt es Gefahrenstellen und Einengungen, aber dann auch wieder Stellen mit weitem Ausblick.

Auch in unserem persönlichen Leben gibt es viele Hoffnungen: Wir möchten, daß unsre Sorgen aufhören, daß wir von Krankheit befreit werden, daß ein still getragener Kummer aufhört. Wir möchten auch, daß die Spannungen zwischen Alten und Jungen sich lösen. Wir wünschen uns Frieden unter den Völkern der Erde und daß wir selber in Frieden leben dürfen.

Wir haben Träume, und wir dürfen sie auch haben. Kinder träumen in dieser Zeit von einem Fahrrad oder einem MP3-Player. Die Erwachsenen meinen, sie dürfen keine Träume mehr haben, sie dürften sich nicht einer Sehnsucht hingeben. Doch wenn sie ihre Träume verdrängen, dann erregt das Unzufriedenheit und nervöse Hast, wie sie gerade vor Weihnachten immer mehr zu beobachten ist. Doch wenn wir Träume haben, dann wird sich so manches ändern in uns, und das nicht unbedingt zum Schlechteren.

Der Lobgesang des Zacharias sagt uns: „Gott kommt und will uns helfen! Er will uns herausholen aus der Finsternis und dem Schatten des Todes und uns hineinführen in die Gemeinschaft mit ihm!“ Am Anfang und am Ende des Lobgesangs ist die Rede davon, daß wir besucht werden. Das ist die Klammer, die das Lied umschließt und auch das Wesentliche von Advent und Weihnachten wiedergibt.

Das „Besuchen“ ist nicht eine „Heimsuchung“, wie es im Nachwort zu den Zehn Geboten heißt: „Gott wird die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern!“ In Wirklichkeit geht es aber um das genaue Nachprüfen eines Tatbestandes: Der Sache wird nachgegangen und sie wird gründlich in Augenschein genommen. Dieses Nachprüfen kann sich ebenso segensreich wie strafend auswirken.

Hier geht es eindeutig um den segensreichen Anteil. Gott kümmert sich um uns. Er winkt nicht nur aus der Ferne oder er schickt nicht ein Glückwunschtelegramm, sondern er tritt selbst über unsere Schwelle. Gott will gerade hier bei uns sein: in unseren betriebsamen Straßen, an den Stätten unsrer Arbeit, überall wo Menschen sich freuen oder leiden. Auch wenn wir meinen, für ihn keinen Platz zu haben: er besucht uns, er ist einfach da und wartet darauf, gastlich aufgenommen zu werden.

Gottes Verhältnis zu uns ist nicht ein gleichbleibender Zustand, eine Art Naturgesetz oder eine mathematische Formel. Vielmehr wird es immer wieder anschaulich, indem Gott zu uns kommt. Seine Liebe zu uns ändert sich auch nicht je nach unserem Verhalten. Gott kann sich zwar zurückziehen und verbergen. Das ist ja dann so besonders schwer für uns, wenn wir seine Hilfe nicht zu spüren meinen und denken, er hätte uns verlassen.

Aber dann erkennen wir auf einmal, daß wir ja selber heillose Wege gegangen sind, die er nicht beleuchtete. Wenn wir einmal unser Verhältnis zu unseren nächsten Angehörigen - zum Ehepartner, den Kindern, den Eltern - durchleuchten, dann erkennen wir, wie sehr wir außerhalb des Lichtes lebten. Finsternis und Schatten des Todes haben halt doch immer wieder etwas Faszinierendes für uns. Wir verbergen uns gern einmal im Dunkel, um dem Anspruch Gottes ausweichen zu können.

Der Lobgesang des Zacharias aber holt uns aus diesem dunklen Loch heraus. Er holt uns hinein in den Lichtkegel dessen, der das Licht der Welt und der Weg zum Leben ist. Er lenkt unsere Füße auf den rechten Weg und läßt uns wieder von vorn beginnen. Wir dürfen wieder Hoffnung haben.

Schon wenn wir in die Vergangenheit schauen, werden wir dort die Spuren Gottes erkennen. Das Volk Israel hat immer wieder auf den Erlöser gehofft, der es von seinen Feinden erretten sollte. Damals sah man die Feinde nur in den mächtigen Nachbarvölkern. Aber wir wissen heute, daß es viel schlimmere Feinde gibt. Luther spricht vom „altbösen Feind“ und seinen Handlangern,  die uns immer wieder von Gott wegbringen wollen. Unser sündiger Aufstand gegen Gott hat uns ins andere Lager getrieben. Aber wer erst einmal dem Bösen nachgegeben hat, wird unfrei. Erst wollte man Böses tun, dann konnte man nicht mehr anders.

Solange wir in Furcht leben mußten, weil wir bei Gott nichts Gutes mehr zu erhoffen hatten, hatte der Feind leichtes Spiel. Aber Gott hat uns erlöst zur Freiheit der Kinder Gottes. Jetzt sind wir wieder ganz Gottes Eigentum und niemand kann uns mehr von ihm trennen. Was auch in unserem Lebenslauf gegen uns spricht, es spielt keine Rolle mehr. Die Zeit des Konflikts ist vorbei. Gott selber ist gekommen und hat die Situation bereinigt.

Wir glauben nicht ins Blaue hinein, sondern es liegt schon eine lange Geschichte des Gottesvolkes hinter uns. Gott hat sich schon eh und je der Bedrängten angenommen. Er wird auch all unsere Hoffnungen und Erwartungen überbieten. Die Erfahrungen unserer Vorfahren mit Gott gönnen uns zur Glaubensgewißheit helfen. Wenn wir hier den Gottesdienst miteinander feiern, dann sind sie unsichtbar mit dabei. Sie nehmen Anteil an unserem Leben und weisen uns durch ihr Zeugnis auf den richtigen Weg.

Gott hat nämlich auch in Zukunft noch etwas mit uns vor: Nach dem ersten Besuch wird es noch zu einem weiteren kommen. Aber dann geht es nicht mehr um das Kind in der Krippe, sondern um den wiederkommenden Christus, der aller Zeit und Welt ein Ende machen wird. Wie der helle Morgenstern wird er plötzlich da sein und alle mit sich führen, die zu ihm gehören. Während sonst die Gestirne von unten her über die Horizontlinie aufsteigen, wird eines Tages ein Gestirn aus der Höhe aufleuchten und dann wird der zweite Advent Jesu da sein.

Weil wir das wissen, können wir schon heute von dem Licht in der Finsternis erzählen. Hat Christus sich zu uns aufgemacht, dann bedeutet das auch für uns Aufbruch. Gerechtigkeit im Verhalten gegenüber den Menschen und Heiligkeit im Verhalten gegenüber Gott sind uns nun möglich  Unsere Aufgabe wird es sein, Licht in das Zusammenleben der Menschen und Völker zu tragen.

Gott hat ja unsere Füße auf den Weg des Friedens gerichtet. Jetzt können wir Frieden schaffen, wo Unfriede ist. Nun können wir miteinander versöhnen‚ was verfeindet ist. Unser Herr darf doch von uns erwarten, daß wir ihm dienen, nicht mit Worten allein, sondern auch mit der Tat.

Nur so können wir unsrem Herrn den Weg bereiten. Auch wir sind aufgerufen, Wegbereiter unsres Herrn zu sein zu den Herzen unsrer Mitmenschen. Diesen Dienst werden wir aber nur dann tun können, wenn wir selber mit ganzer Treue in seiner Nachfolge stehen und uns zu seiner Gemeinde halten.

 

 

2.  Advent: Jes 35, 3 - 10

Man kann schon verzagt und müde werden in einer Welt, in der sich wenige sich etwas aus Gott machen und alles gegen die Kirche zu sprechen scheint. Manchmal möchten wir doch auch auf die andere Seite umschwenken, weil wir denken: „Es hat ja doch keinen Zweck mehr!“ Schon mancher wird die Flinte innerlich ins Korn geworfen haben. Schon mancher hat sich vielleicht schon heimlich nach hinten  abgesetzt. Wer weiß, wie viele von denen, die heute noch zur Gemeinde gehören, eigentlich schon auf der anderen Seite stehen .

„Wie kommt es, daß es für uns immer wieder irgendwie weitergegangen ist? Die einen lächeln grimmig und meinen:  „Unkraut vergeht nicht“ oder „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ Andere weisen überzeugt auf wissenschaftliche Einsichten und Gesetzmäßigkeiten hin, nach denen sich alles weiterentwickelt. Aber durch alle eigenen Anstrengungen und Einsichten hindurch dürfen wir noch mehr entdecken: Wir haben einen Gott, der so barmherzig ist, daß es kein Trümmerfeld gibt, durch das er nicht noch einen Weg zeigen könnte.

Was uns in Jesaja geschildert wird, ist nur ein Vergleich. Was hier von der heilen Welt gesagt wird, wartet noch auf Verwirklichung. Es ist auch nicht gesagt, daß es in der Ewigkeit wirklich so aussehen wird. Aber einige Grundzüge können wir doch aus dieser Vorstellung für uns entnehmen:

 

1. Die Natur wird verwandelt werden: Sie kennt nicht nur des taufrischen Sommermorgen und den bezaubernden Sonnenuntergang, sondern auch Sturmflut und Erdbeben, Dürre und Hunger. Sie kernt die Arterienverkalkung und den Krebs. Sie kennt den Kampf ums Dasein und das Unterliegen der Schwächeren.

Für die Menschen in Palästina waren Wüste und Dürre die größten Gefahren der Natur. Mittendrin ist der Mensch, der sich auch behaupten will. Er ist von der Erde genommen und lebt von dem, was die Erde hervorbringt. Er stillt seinen Durst aus dem rinnenden Wasser. Er braucht zum Leben das Licht der Sonne und die Luft zum Atmen. Er braucht den Boden, auf dem er gehen und stehen kann.

Auch heute gibt es noch Dürre und Überschwemmungen, Erdbeben und Springfluten, Heuschrecken­schwärme und Pflanzenkrankheiten. Aber es gibt auch Gifte in der Luft, im Wasser, im Erdboden. Es gibt verbrannte Erde und strahlungsverseuchte Landstriche. Dafür ist der Mensch verantwortlich.

Langsam begreifen wir, was wir anrichten. Wir plündern die Erde aus und vernichten durch Raubbau die Lebensgrundlage der künftigen Generationen. Wir verbrauchen mehr Sauerstoff, als die Vegetation der Erde hervorbringt. Wir verändern das Klima, so daß mit der Zeit das Eis an den Polen der Erde abschmilzt und es zu großen Überschwemmungen kommt.

Diese Welt kann aber nur dann unsere Wohnstatt sein, wenn es zu einem gegenseitigen Geben  und Nehmen kommt. Man kann nicht den Menschen retten wollen, während die außer-mensch­liche Schöpfung heillos bleibt. Der Mensch ist ja selber ein Teil der Natur. Und wenn Gott kommt, dann kommt er zum Ganzen seiner Schöpfung. Er ist nicht unser Privatgott, sondern der Gott des Himmels und der Erde.

Bei Jesaja sieht es so aus, als entstehe die heile Welt aus den Bedingungen der alten Welt und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Es sollen Wasser in der Wüste hervorbrechen, es wiederholt sich so etwas wie bei der Schöpfung. Für die Menschen in einem trockenen Land ist das Wasser die Quelle des Lebens. Deshalb stellten sie sich die neue Welt Gottes als einen Gaten mit viel Wasser vor, in dem viel Leben gedeihen kann. Dazu ist allerdings etwas anderes nötig:

 

2. Die Gefahren werden beseitigt: Es drohte damals auch Gefahr von wilden Tieren, von Schakalen und Löwen. Sie stehen aber für alles, was das Leben bedroht. Wir werden heute an andere Gefahren denken, vom Dolch bis zur Atombombe. Jesaja aber erwartet, daß künftig kein Geschöpf mehr vom Tod des anderen lebt und  ihm darum ständig gefährlich sein muß. Die Welt soll wieder zur Welt Gottes werden, sie soll Schöpfung sein, die den Schöpfer verherrlicht. Sie soll nicht mehr gefährdet und gequält sein vom Kampf ums Dasein, von der Angst vor Schakalen jeder Art. Wo alles im Einklang mit Gott steht, da ist heile Welt. Das wird noch an einem weiteren Punkt deutlich:

 

3. Die  Menschen werden heil: Heil bedeutet auch das Ende aller Krankheiten. Daß Blinde sehen und Taube hören, daß Stumme reden und Lahme springen, sollte man nicht nur bildhaft, sondern ganz wörtlich verstehen. Krankheit und körperliche Gebrechen sind Merkmale der unerlösten Welt, die aus der Gemeinschaft mit Gott herausgefallen ist. Sicherlich kann man im Einzelfall nicht Sünde und Leiden gegeneinander aufrechnen. Aber man muß wissen: Wäre unser Gottesverhältnis heil, gäbe es vieles Belastende und Zerstörendes nicht.

Aber wenn Gott das Heil will, dann will er auch die Heilung. Jesus nimmt diese Bibelsteile ja auf, als die Johannesjünger zu ihm kommen und ihn fragen, ob er der verheißene Messias ist. Seine Antwort lautet: „Seht doch, was sich dort abspielt, wo ich bin! Ich mache doch den ganzen Menschen gesund, bis in seine körperlichen Gebrechen hinein.

Doch Gott will nicht nur, daß die Blinden erstmals oder auch erneut die Welt optisch erleben können. Wir  a 1 1 e werden ganz neu sehen lernen, denn wir werden G o t t  schauen. Jesu Machtaten sind Vorzeichen: Sie weisen darauf hin, was noch kommen soll und sagen das Kommen Gottes an. Doch da hören wir schon den Einwand:

 

4. Das gibt es doch gar nicht! Es ist bewegend, aber auch bedrückend und verwirrend, wie die Menschen damals vergeblich auf das Erscheinen Gottes gewartet haben. Mancher könnte daraus die Folgerung ziehen: „Beißt die Zähne zusammen und seht, wie ihr selbst weiterkommt, denn euren Gott bekommt ihr nie zu sehen!“

Mit großer Leidenschaft gehen Menschen an die Umgestaltung der Welt und wollen dadurch auch den neuen Menschen schaffen. Aber wir sollten nicht meinen, von uns aus die Welt Gottes hier auf dieser Erde schaffen zu können. Auch der Weg der Kirche durch die Zeit ist kein Triumphzug. Wir fragen uns schon zu Recht, weshalb Gott nicht eingreift angesichts des Leides in der Welt. Es dauert uns zu lange, bis Gott alles vollendet.

Doch die vollendete Welt wird ausschließlich Gottes Werk sein. Das  W i e können wir getrost ihm überlassen. Wir brauchen nicht von unserem Ufer her eine Mole ins Meer hinauszubauen, mit den Materialien, die wir unserer Welt entnommen haben .Vielmehr baut Gott von drüben her auf uns zu und wir können, nur zusehen.

Jesaja sagt uns: „Sehet, da ist euer Gott!“ Im Augenblick ist seine Kraft noch unter der Schwachheit verdeckt, die Geborgenheit unter den Anfechtungen, das Leben unter dem Sterben. Aber Gott will die heile Welt. Gott wird kommen und die Verhältnisse in der Welt grundlegend verändern. Wir laufen dabei nicht ins Leere. „Seid getrost und fürchtet euch nicht!“ heißt es bei Jesaja. Es gibt den künftigen Advent, das Kommen Jesu Christi in Herrlichkeit. Dann wird alles verwandelt werden.

 

5 . Gott will das heilige Leben: Die neue Welt kann nicht ohne neue Menschen sein. Die Heilung der körperlichen Mängel nutzt nichts, wenn diese Menschen im Kern ihrer Person unverändert bleiben, weiterhin gottfremd und gottfeindlich sind.

Der Prophet sieht‚ wie das versprengte Volk Gottes auf einer Wunderstraße heimkehrt. Das ist ein Gleichnis für den Weg, auf dem wir zur Ewigkeit unterwegs sind. Im Augenblick sind wir noch die Gemeinde der Sünder, noch unterwegs. Gott muß noch viel Geduld mit uns haben. Ober er sieht uns schon heute als seine Kinder und Heiligen an.

Es wird keiner ausgeschlossen, weil er nicht zum Gottesdienst fähig ist („unrein“) oder Gottes Gesetz verachtet („ein Tor“) ist. Vielmehr wird alles Unreine und Törichte abfallen und von uns genommen werden. In Gottes unmittelbarer Gegenwart werden alle verwandelt werden. Nun können sie heimziehen mit jubelnder Freude.

Wer aber eine solche Hoffnung hat, wird die heutige Lage nicht übersehen. Ihn erreicht der Ruf: „Stärket die müden Hände, richtet auf die strauchelnden Knie, redet zu den abgehetzten Herzen!“ Das ist u n s gesagt, auch wenn wir uns vielleicht selbst zu den Müden           rechnen und selber Stärkung erhoffen .Wir dürfen die Flügel nicht hängenlassen, weil Gott uns zu denen rechnet, die andere noch stärken können.

In der Tat ist es auch so: Wenn man sieht, daß es anderen noch schlechter geht, daß sie noch hilfloser sind als man selber, dann hat man auch die Kraft, ihnen zu helfen. Und wenn man merkt, man wird gebraucht, dann vergißt man auch die eigene Schwäche und kann sogar anderen zum Helfer werden.

Die Verheißungen des Jesaja warten noch auf ihre Erfüllung. Jesus hat sie zum Teil der Erfüllung nähergebracht. Auch heute wirkt Gott in unserem Leben: Es gibt Freundschaften und Liebe unter den Menschen, eine Arbeit gelingt oder wir erfahren Freude oder können sie anderen bereiten. Wer Zeichen der Liebe Gottes erfahren hat, der wird auch andere einladen wollen, solche guten Erfahrungen mit Gott zu machen.

Dabei sollen wir dort wirken, wo Gott uns hingestellt hat. Das macht eine alte Legende deutlich: Zwei Mönche lasen in einem Buch, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem Himmel und Erde sich berührten. Sie wollten ihn suchen und nicht eher umkehren, bis sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren und erlitten viele Entbehrungen und Versuchungen. Schließlich fanden sie auch die Tür, an der man nur anklopfen brauchte, um bei Gott zu sein. Bebenden Herzens sahen sie, wie die Tür sich öffnete. Aber als sie eintraten, da standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem wir Gottes Treue erfahren, befindet sich auf der Erde, und zwar an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat.

 

 

3. Advent: Jes 40, 1 -11

In Berlin kann man in einem Museum die Prachtstraße bewundern, die früher durch die Stadt Babylon führte. Deutsche Gelehrte haben sie ausgegraben und dann im Museum fast originalgetreu aufgebaut. Ganz aus gelben, blauen und grünen lasierten Ziegeln hergestellt und mit einem prächtigen Tor versehen, gibt sie uns heute noch ein Zeugnis von dem Reichtum und der  Macht dieser Stadt. Die Prachtstraße war sie auch einmal auf einer Briefmarkenserie zu sehen.

Ganz in der Nähe dieser Straße aber mußten die Israeliten in der Verbannung leben. Die Besten des Volkes hatte man nach hier verschleppt, um sie besser unterdrücken zu können und dieses Volk aus der Weltgeschichte verschwinden zu lassen. Täglich hatten sie die Macht Babylons vor Augen. Sie waren doch nur eine kleine Minderheit. War es da nicht besser, sich einfach anzupassen und das zu tun, was die Mächtigen forderten? An besten gab man auch gleich den Glauben mit auf, denn ihr Gott regte sich ja nicht mehr und die Babylonier würden letztlich doch die Oberhand haben.

Gegen diese Meinung hatte der Prophet Jesaja der Zweite anzukämpfen. Er hatte es selbst erlebt, wie sie das Bild des Gottes Marduk in feierlicher Prozession durch die Straßen Babylons getragen haben. Wege für Götter und Könige spielten im babylonischen Denken und in den Gottesdiensten eine große Rolle. Die Prachtstraße war vielleicht vor 30 Jahren gebaut worden.

Aber der Prophet sagt dennoch: „Unser Gott wird sich eine ganz andere Straße bauen lassen!“ Er hat es selber gehört, wie eine himmlische Stimme der anderen zugerufen hat: „Bereitet dem Herrn der Weg!“ Allerdings schafft sich Gott eine Straße ganz anderer Art. Sie führt durch die Wüste, wo nach Ansicht der damaligen Zeit nur böse Dämonen hausen. Da müssen erst gewaltige Erdmassen bewegt werden: Ganze Hügel werden abgetragen und die Täler damit ausgefüllt. Gott vollbringt ein Wunderwerk, denn er läßt einen Weg bauen‚ wo keiner ist. Er schafft sich Bahn.

Und dann geht nicht mehr der Gott Marduk voran, sondern der Gott Israels. Sein Volk nimmt er mit. Es geht nach Jerusalem, wo der andere Teil des Volkes ist; dann wird alles noch einmal neu anfangen. So kündet sich ein gewaltiges Geschehen an. Gott ist schon in Bewegung. Das darf der Prophet melden, damit sein Volk aushält und bei Gott bleibt.

Denn mit der Ankündigung beginnt schon alles. Das ist anders als bei einem Plakat: Wenn das ein Konzert an kündigt, dann ist musikalisch noch nichts geschehen. Wenn einer aber sagt: „Gott ist nahe!“ dann ist die Wende schon eingetreten. Das ist der Trost für die Israeliten. Sie wissen: „Der Prophet ist nicht ein unverbesserlicher Optimist, sondern hinter seinen Worten steht Gott selber. Jesaja ist wie ein Diplomat, der nicht auf eigene Faust Politik zu machen hat, sondern nur die Interessen seines Staates und seiner Regierung vertritt. Gott wird das bestätigen, was sein Prediger sagt.

Was der Prophet aber zu sagen hat, das ist aufregend: „Alles Fleisch ist wie Gras!“ Wenn der heiße Wüstenwind kommt, dann ist das Gras in wenigen Stunden verbrannt. So wird auch die Macht und Pracht Babylons vor dem Gluthauch Gottes vergehen. Noch steht die militärische Macht und die Pracht der Riesenstadt vor aller Augen. Aber Gott kann im Nu damit Schluß machen (und das hat er dann ja auch gemacht). Gott ist auch dieser Weltmacht überlegen, kein Israelit muß sich mehr vor dem Zwingherrn fürchten.

Es braucht sich aber auch keiner von der Prachtentfaltung gefangennehmen lassen Jede Gewaltherrschaft sucht doch auch irgendwie Anklang bei den Massen zu finden: Da werden Aufmärsche gemacht‚ Spiele veranstaltet‚ anfeuernde Reden gehalten. Dadurch

will man Eindruck machen und die Menschen für sich gewinnen.

Da standen selbst die Israeliten in der Gefahr, sich von ihrem Gott abzuwenden und einer Weltanschauung zuzuwenden. Viele werden sich auch ganz nüchtern gesagt haben: „Die Machtverhältnisse sind nun einmal so, da ist es sinnlos, vom Kommen Gottes zu reden. Paßt

euch doch lieber an!“

Der Prophet aber macht ihnen im Auftrag Gottes deutlich, daß Babylon auch nicht mehr ist als Israel. Den abgestumpften und verbitterten Menschen in der Gefangenschaft wird aber nicht nur liebevoll zugeredet, sondern sie sollen ihre ganze derzeitige Lage anders sehen können. An der äußeren Lage hat sich zwar noch nichts geändert, die Verbannten sind noch nicht heimgekehrt. Aber das Siegeslied kann bereits angestimmt werden. Alle Leiden sind nur noch Nachspiel eines Geschehens, das grundsätzlich schon erledigt ist.

Die frohe Botschaft lautet: „Tröstet mein Volk!“ Wir Menschen trösten einander oft mit den Worten: „Es wird schon wieder gut werden!“ Gott aber vertröstet nicht, sondern sein Trost ist auch stichhaltig. Er erklärt sich wieder für sein Volk und will es retten.

Das bedeutet aber: Die Zeit der Strafe ist vorbei, das Volk hat seine Strafe sogar schon doppelt empfangen. Die Schuld ist vergeben, nun gibt es ein neues Recht auf Leben. Gott wird zwar gerade im Alten Testament als streitbar geschildert; auch im Neuen Testament ist von Kampf und Sieg und Königsherrschaft die Rede. Aber in der Mehrheit treten uns im Neuen Testament ganz andere Töne entgegen. Da hören wir, daß Gott uns liebt und uns vergibt, verzichtet und leidet - und so gewinnt er uns für sich zurück.

Für uns heute hat sich manches geändert seit der Zeit Jesajas. Damals hoffte man noch auf den Auszug aus Babylonien und die Heimkehr nach Jerusalem. Wir aber wissen‚ daß Gott aus seiner Verborgenheit herausgetreten ist in Jesus Christus. Damit man ihn nicht übersieht, ist ein Vorläufer vor ihm hergegangen: Johannes der Täufer, an den wir an diesem Sonntag besonders denken, hat auf Jesus hingewiesen, denn so ohne weiteres war er ja nicht als der von Gott gesandte Retter zu erkennen.

Johannes selber hat sich ja noch falsche Vorstellungen von Jesus gemacht. Zum Beispiel hat er das Trostwort des Jesaja doch wieder in ein Gerichtswort umgedeutet. Nun wußte allerdings auch Jesaja, daß sein eigenes Volk auch nur Gras ist; die Gefangenschaft und die Zwangsarbeit sah er als Strafe für die Sünden des Volkes an. Das menschlich Große und das Sicherheit versprechende sollte zusammenbrechen und vergehen. Es blieb nur, was Gott selbst schafft und tut. Und das ist sein Wort! Wenn alles wie Gras vergeht, dann hätte das Predigen ja gar keinen Sinn mehr.

Aber Gottes Wort bleibt. Und das soll ja gerade gepredigt werden. Im schwachen Menschenwort nimmt Gott Kontakt mit uns auf.  Allein durch sein Reden schafft er schon eine neue Lage. Das ist wie bei zwei Liebenden‚ die lange voneinander getrennt waren: Wenn sie sich wiederhaben, sind sie glücklich, auch wenn es durchs Dach regnet und die Kost bescheiden ist. In Jesus wurde Gottes Wort sogar Fleisch und wohnte unter uns. Durch Taufe und Abend­mahl sind wir auch heute noch mit diesem Gott verbunden.

Natürlich ist es auch für uns noch schwer, in Jesus den Sohn Gottes zu erkennen. Unsere Wüste ist ja die gottlose Welt von heute, in der wir auch fragen: „Wo ist Gott? Wie können wir ihn erkennen? Wie können wir an ihn glauben?“ Wenn wir in dieser „Wüste“ einen Weg für Gott bahnen wollen, dann müssen wir alles abbauen, was sein Kommen hindert: Sowohl das Hohe in Form der Eigenmachtansprüche als auch das Tiefe in Form der Ohnmacht und Nie­der­geschlagenheit.

Doch sagen wir besser mit Jesaja: „Gott selber räumt aus dem Weg, was seinem Kommen widersteht. Nichts kann ihn aufhalten, wenn er kommt!“ Er kann auch zu uns kommen, wenn wir nur Jesus als seinen Sohn erkennen, trotz aller anderslautenden Behauptungen unserer Umgebung. Aber Johannes hat darauf hingewiesen, Jesus selber hat sich dazu bekannt, uns haben es andere Menschen erzählt.

Jetzt haben wir schon wieder die Aufgabe, die Kette nicht abreißen zu lassen und die gute Nachricht weiter zu geben. Noch hat diese Botschaft ja nicht ihre letzte Erfüllung gefunden. Wir warten ja immer noch darauf, daß Jesus wiederkommen wird in all seiner Herrlichkeit. Aber er wird bestimmt wiederkommen. Dieses Bewußtsein kann uns helfen‚ mit der vielfach doch festzustellenden Mutlosigkeit fertigzuwerden.

Die verschleppten Israeliten in Babylonien sahen in ihrer kleinen Zahl ein Zeichen des Rückgangs. Der Zeitpunkt war abzusehen, an dem sie in dem fremden Volk aufgegangen sein würden. Unsere heutige Lage wird vielfach auch so gesehen: eine sterbende Kirche, die keine Zu­kunft mehr hat. Die erste christliche Gemeinde aber hat es anders verstanden: Sie war zwar auch nur eine Minderheit, aber sie wollte wachsen; die geringe Zahl war ihre Ausgangsposition. Dieses Bewußtsein sollten wir zurückgewinnen.

Wenn es nur an uns läge, dann würde sicher alles nur zurückgehen. Aber aus der Sicht des Glaubens ist die Wende schon längst eingetreten. Wir dürfen schon davon weitererzählen, weil die Erfüllung so sicher ist. Jedes Jahr dürfen wir wieder neu ein Kirchenjahr beginnen Wir dürfen uns auf Weihnachten freuen und dem Kommen des Herrn entgegensehen.

Allerdings ist es heute nicht mehr selbstverständlich, ein Christ zu sein. Die kirchlichen Amtsträger haben keine Machtstellung mehr. Vorteile für die Kirche gibt es sowieso nicht mehr; wir kämpfen heute ja darum, wenigstens so behandelt zu werden wie alle anderen auch. Christsein findet keine Stütze mehr in der Heilighaltung von Sitten und Bräuchen, durch die Verankerung im Bildungswesen und in der Bevorzugung gegenüber nichtchristlichen Religionen und atheistischen Überzeugungen.

Heute ist der Glaube allein gestellt auf das Wort unseres Gottes. Doch das ist auch eine Chance. Wir können um so deutlicher von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus reden. Gott schickt uns aber auch zu den Hilflosen, die auf den Wegen des Lebens liegengelassen wurden oder liegenzubleiben drohen. Ihnen wieder Mut zu machen, ihnen von der Liebe Gottes zu erzählen, ihnen die Ankunft Gottes vor Augen zu stellen, das ist doch gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit eine schöne Aufgabe.

 

4. Advent: Joh 1, 19 - 28

Wie können wir Weihnachten gestalten inmitten der üblichen Betriebsamkeit von Kaufen und Verkaufen? Da sind Geschenke vorzubereiten, für die Mahlzeiten muß eingekauft werden, die Stuben und auch die .Kirchen werden geschmückt. Wir .haben berechtigte Erwartungen auf die freien Tage. Wir suchen Festlichkeit, Besinnung und Unterhaltung.

Wie kann man da noch dem Herrn den Weg bereiten, wie des Johannes tue sollte? Das Kind in der Krippe soll Anklang finden unter all dem .anderen. Und mehr noch der erwachsene Jesus, der uns Gott nahebringen will. Man muß sich nicht unbedingt vom Konsum einfangen lassen, sondern sollte sich von der Gewißheit nähren, daß Gott wirklich Mensch ist.

Johannes der Täufer will uns da auf den richtigen Weg führen. Er ist Zeuge des Kommenden. Für ihn ist Christus alles. Er stellt Jesus dar, der unverwechselbar ist, der der Größte und der gegenwärtig sein will.

 

(1.) Jesus ist unverwechselbar: Johannes hat eine nicht zu übersehende Bewegung unter den Menschen ausgelöst. Die geistliche Behörde in Jerusalem muß sich mit ihre befassen. Sie will klären, als wenn der Betreffende sich selber ansieht und was man von ihm zu erwarten hat.

Der Täufer sagt aber zunächst n i c h t, wer er ist, sondern wer er n i c h t ist. Doch er will nicht leugnen, sondern  bekennen. Er sagt: „Über mich zu reden lohnt sich nicht. Ich bin jedenfalls nicht der, über den allein zu reden sich lohnen würde - ich bin nicht der Christus, auf den ihr wartet!“

 

Da bohren sie weiter: „Bist du Elia?“ Der Prophet Elia hat das Denken im Judentum stark beschäftigt. Er war geheimnisvoll entrückt worden und sollte als eine Heilsgestalt wiederkommen: Er würde Frieden stiften zwischen dem Menschen, Gottes Zorn beschwichtigen, die Stämme Israels wiederherstellen und überhaupt ein Nothelfer sein, ein Hoffnungsträger.

Auch die Erwartung eines Propheten entsprach der zeitgenössischen Heilserwartung. Seit dem Propheten Maleachi war die Prophetie in Israel erloschen. Wenn nun in Johannes wieder ein Prophet auftauchte, dann wäre das schon ein Stück des sich ereignenden Heils. Aber Johannes ist auch nicht ein Heilsbringer geringeren Formats, sozusagen ein kleiner Stern neben dem helleuchtenden Stern Jesus Christus.

Johannes leuchtet überhaupt nicht aus eigenem Licht. Wichtig ist nur seine Stimme, mit der er die Menschen ruft.  Und wichtig ist nur seine Hand, mit der er die Menschen tauft. Johannes könnte Jesus auch nicht zeitweise vertreten. Was Jesus tut, das kann wirklich nur er tun'.

Ein guter Prediger läßt die Hörer vergessen‚ wer da predigt, weil ihm allein Jesus Christus wichtig wird. Je größer der Verantwortungsbereich eines Menschen ist - sei er nun Pfarrer oder Bischof oder Papst - desto größer ist die Gefahr, daß die Person des Amtsträgers interessant wird. Man kann nichts dagegen haben, wenn Menschenmassen dem Papst zujubeln, weil sie ihn liebhaben. Aber er sollte immer wieder deutlich machen: „Ich bin es nicht, ich bin nur  der Zeuge für den Kommenden. So lehrt es uns jedenfalls Johannes.

 

(2.) Jesus ist der Größte: Johannes bezeugt, daß einer nach ihm kommt, dem er nicht wert ist, die Schuhriemen aufzulösen. Mit dem Wort „Zeugnis“ wird ein hoher Anspruch erhoben hinsichtlich des Werts seiner Aussage. In der Regel wird es sich um einen Augenzeugen handeln, seine Aussage hat den Charakter des Verbindlichen. Deshalb handelt es sich hier um eine ganz ernstgemeinte Aussage über Jesus Christus.

Der Täufer und der Kommende sind nicht wie zwei Vulkanberge, die aus der gleichen unterirdischen Lavamasse hervor gewachsen sind. Johannes ist nur ein Mensch, der von Gott gesandt ist, wie es am Anfang des Kapitels heißt. Jesus dagegen ist das Wort, das am Anfang bei  Gott war und nun Fleisch wurde. Geholfen werde kann uns nur von dem Unvergleichlichen, der uns zuliebe Mensch wurde (wie man  statt „Fleisch“ übersetzen müßte).

Er allein ist es auch, der die Kirche erhält. Manche denken, sie würden auch mit dazu beitragen: Sie geben Geld, sie lassen die Kinder taufen und schicken sie zum Religionsunterricht,

sie lesen die Kirchenzeitung. Sicher könnte man noch mehr aufzählen, was der Stärkung der Kirche dient und sicher auch unbedingt notwendig ist. Auch der häufige Gottesdienstbesuch und das mutige Bekenntnis zur Kirche gehören unbedingt dazu.

Aber das alles nutzt uns nichts, wenn Gott nicht seine Kirche erhält. Sobald wieder einmal ein heftigerer Wird wehen sollte, wird vielleicht manches einfallen. Oftmals ist die Christlichkeit nur Tünche, unter der es schlimm aussieht.

Da kann man hören: „Wir sind getauft und die Kinder sollen auch getauft werden, damit sie nachher keine Schwierigkeiten haben, wenn sie einmal getraut werden wollen!“  Oder es heißt: „Konfirmiert soll er schon werden. Was er dann nachher macht, das ist seine Sache!“

Oder: „Wir haben alles, was mit der Kirche zu tun hat, auf die Kinder verlagert!“ Es mag noch angehen, wenn einer noch spürt, daß es eigentlich anders sein sollte. Aber meist meint man  damit: „Wir tun doch genug für Gott und die Kirche, die Kinder sind doch getauft und konfirmiert!“ Man meint, schon dadurch würde die Kirche gestützt; man ist noch stolz darauf und pocht auf seine Leistung.

Johannes der Täufer dagegen sagt: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen!“ Wer von uns bringt das schon fertig, sich so zurückzusetzen? Lieber rechnet man sich doch die Verdienste der anderen noch selber an. Dabei könnte man durch ein stilles Vorbild viel besser überzeugen. Johannes hat durch seine ganze Haltung auf den Kommenden hingewiesen und dessen Wesen im voraus abgebildet. Als er gefragt wird, antwortet er auch. Aber er zeigt dabei nicht auf sich, sondern auf den, um den es eigentlich geht, der auch heute unser Herr ist.

 

(3.) Jesus ist gegenwärtig: Es gibt ein Bild des holländischen Malers Frans Masareel: "Unter euch ist einer, den ihr nicht kennt!" Es zeigt eine Menschenmenge zur Weihnachtszeit. Doch alle sind mit sich selbst beschäftigt, haben ihre eigenen Probleme und Wünsche. Aber mitten durch sie -  etwas erhöht - geht Jesus. Man kann ihn deutlich an dem Heiligenschein erkennen. Aber niemand beachtet ihn, alle sehen sie woanders hin.

So befand sich Jesus auch irgendwo unter der Menge, die zu Johannes gekommen war, um ihn zu hören und sich taufen zu lassen. Auch der Täufer hat ihn erst herausfinden müssen. Aber es wird ein beglückendes Gefühl für ihn gewesen sein: Hier irgendwo muß er sein!

Er war schwer zu entdecken, weil er ja unscheinbar war. Sein Besonderes war in der Niedrigkeit eines schlichten Menschenlebens verdeckt. Auch als Johannes ihn entdeckt hatte, war es längst nicht allen deutlich, daß Jesus der Kommende ist. Wenn er nach weltlichen Maßstäben zu messen wäre, dann hätte man gefragt: „Wer ist der Klügste, der Erfahrendste, der Frömm­ste, wer ist das Genie des Jahrhunderts?“ Aber wir haben natürlicherweise kein Organ für

die in Jesus gegenwärtige Gotteswirklichkeit.

Heute ist der Herr nicht mehr auf irdische Weise unter  uns gegenwärtig. Aber auch als der Erhöhte ist er mitten unter uns. Advent ist immer. Es bedarf nur manchmal einiger Zeit und Geduld, bis man ihn so wahrgenommen hat, daß man sagen kann: „Wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Damit es dazu kommt‚ wird gepredigt.

Doch mancher wird auf den Widerspruch zwischen den großen Worten und den kleinen Taten hinweisen. „Wer bist du denn?“ wurde Johannes gefragt. Die gleiche Frage stellen viele Menschen auch der Kirche und jedem Christen: „Ihr redet vom Frieden, aber die Welt ist so friedlos! Ihr predigt vom Heil, aber wir sehen so viel Unheil! Wir brauchen starke Männer - Wissenschaftler, Denker, Staatsmänner - aber ihr steht da mit leeren Händen!“

Sicherlich hat Johannes auch dagestanden mit leeren Händen. Aber eines konnte er tun: Mit den leeren Händen hat er hingewiesen auf Christus! So hat es Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar dargestellt: Johannes zeigt mit einem übergroß dargestellten Zeigefinger auf den gekreuzigten Christus. Das ist die Gebärde des Zeugen.

Insofern hat der Zeuge doch eine Aufgabe. Wir haben zwar einen unmittelbaren Zugang zu Christus und über ihn zum Vater. Aber dieser Zugang wird vermittelt durch Wort und Sakrament‚ die wiederum von Amtsträgern verwaltet werden. Einen Schluck Wein kann man zwar unmittelbar genießen‚ wenn man ihr auf der Zunge spürt; aber ohne Glas könnten wir ihn nicht zu uns nehmen. Aber es ist nicht so, daß wir mit Gott zusammenwirken körnten, sondern Gott wirkt d u r c h uns. Wir bezeugen nicht nur Gottes Wirken, sondern wir sind sein Mund und seine Hand.

So könnten auch wir weitererzählen, was wir über Jesus wissen, den Kindern, den Enkeln ,allen die wir zu Weihnachten sehen werden. Manchem wird es weltfremd vorkommen, was wir da zu sagen haben, so wie die Rede des Täufers den Leuten aus Jerusalem weltfremd vorgekommen ist. Richtig verstanden haben dem Täufer auch nur diejenigen, die seinen ausgestreckten Zeigefinger sahen und diesem Fingerzeig folgten.

 

 

Christvesper: Joh 7, 28 - 29

Vor Weihnachten wird immer sehr geheimnisvoll getan mit den Geschenken. Der Zubeschen­kende soll noch nicht erfahren, welche Überraschung da auf ihn wartet. Natürlich kann man sich auch über ein Geschenk freuen, von dem man schon vorher weiß - manchmal läßt sich das gar nicht vermeiden - aber die Überraschung ist größer, wenn man vorher nichts weiß. Und wer schon vorher die Pakete auspackt oder in allen möglichen Verstecken zu suchen beginnt, der bringt sich selber um etwas.

Diese Heimlichtuerei vor Weihnachten kann ein bescheidenes Gleichnis sein für das, was wir heute aus dem Johannesevangelium gehört haben. Diese Verse führen uns nicht in den Stall von Bethlehem oder auf das Hirtenfeld, sondern vor uns steht der Mann Jesus auf der Höhe seiner irdischen Wirksamkeit. Er spricht und wartet auf unsere Zustimmung. Wir sollen her­ausfinden, wer da eigentlich vor der Menschen steht und zu ihnen spricht.

Doch dieses Geheimnis ist nicht gleich jedem offenbar. Wir erleben hier nicht redliche Hirten, die betend vor dem Kind knien, sondern eher Menschen wie Herodes, der dem Kind nach dem Leben trachtet. Wir sollten es besser machen. Wir sollten erkennen: In Jesus haben wir das Einmalige vor uns, daß in einem Menschen Gott selber begegnet. Seitdem sind die Menschen nicht mehr unter sich, sondern Jesus ist sozusagen das Ursakrament, in dem Gott und Mensch eins geworden sind.

Ein Geburtstag ist immer auch Anlaß, über den Menschen nachzudenken, dessen Geburtstag gefeiert wird: Was bedeutet uns dieser Mensch, welche Rolle spielt er in unserem Leben, was verdanken wir ihm und was wünschen wir ihm? So könnten wir heute auch fragen: „Wer ist Jesus für uns?“

Die Jerusalemer haben sich diese Frage auch gestellt. Aber die Antwort war ihnen auch wiederum verstellt durch die landläufigen Messiasvorstellungen. Sie meinten, die Sache sei an sich klar: Wenn man die Herkunft eines Menschen kennt, dann kann er nicht der sein, in dem Gott sich offenbart. Ist er der Erwartete, dann muß um seine Person ein Geheimnis sein. Er muß wie ein Feuerwerkskörper aus einem unbekannten Dunkel aufrauschen. Bei Jesus aber gibt es kein Dunkel, man kennt seine Herkunft: Er ist Josephs Sohn. Er kommt aus Nazareth und nicht aus Bethlehem, wie es nach der Schrift sein müßte.

Aber es gehört mit zum Gehalt des Evangeliums, daß unser Herr ein ganzer Mensch gewesen ist, dessen Vater und Mutter und dessen Geburtstag und Geburtsort man angeben kann. Er ist geboren wie irgendeiner von uns. Aber er hat - anders als wir - ein Menschenleben in Armut, Unruhelosigkeit und Gefahr geführt. Heute wäre er vielleicht in Kalkutta geboren, einer der elendsten Städte der Welt. Ein Karl-Marx-Denkmal hat man dort errichtet. Aber davon werden die Hungernden nicht satt. Vielleicht kann Karl Marx der Heiland dieser Menschen werden. Wir jedenfalls haben einen anderen.

Doch dieser ist eben aufgewachsen wie irgendeiner. Nichts im Menschenleben wird ihm fremd sein: die Freude nicht, aber auch nicht Hunger und Durst, Schwachheit und Angst. Er wird geliebt und geehrt, aber auch gehaßt und verfolgt. Und zuletzt muß er sterben - grausam sterben. Aber so hat er mit uns geteilt, was das Menschendasein ausmacht.

Wir sollen ihn in seiner ganzen Menschlichkeit kennen. Er will uns in seiner ganzen Menschlichkeit nahe sein. Das macht uns ja Weihnachten so lieb: Wir haben einen Gott, der uns nicht aus unendlicher Entfernung anredet. Das möchten vielleicht viele, daß Gott nur irgendwo weit über dem Sternenzelt wohnt, damit man ihn sich vom Leibe halten kann. Unser Gott ist uns ganz nahe gekommen, indem er einer von uns wurde.

Allerdings setzte er sich damit dem Mißverständnis aus, daß er n u r ein Mensch ist. Man könnte denken, sein ganzes Wollen und Wirken könne aus dem menschlichen Vermögen heraus begriffen werden. Wir würden dann an Weihnachten einen Großen der Weltgeschichte verehren, als einen gütigen und wahrhaftigen Menschen, der sich besonders der Vernachlässigten und Verachteten angenommen hat.

Er wäre aber nur ein Vorbild, der an unser Menschsein appelliert, damit wir die in uns liegenden Anlagen und Kräfte mobilisieren. Gott könnte dabei aus dem Spiel bleiben. An Jesus wäre nichts weiter, als daß er in bester Weise praktiziert‚ was Menschen sein und tun können.

Natürlich wollen wir auch die Ebene des Menschlichen nicht außer acht lassen. Mancher wird den Zugang zu Jesus und dann zu Gott gefunden haben, weil Jesus so menschlich war. Aber es ist um diesen Jesus auch ein Geheimnis, das die Jerusalemer zwar ahnen, aber das sie doch an falscher Stelle suchen: Sie vermuten irgendwo eine Durchbrechung des normalen Laufs der Dinge.

Aber das Geheimnis des Christus ist nicht in einer Lücke des Menschlichen zu finden. Zunächst einmal ist bei Jesus des Menschliche und Irdische in keiner Weise durchbrochen, er ist ganzer Mensch geworden. Und doch ist ein Geheimnis um ihn. Aber es steckt in seiner ganzen Person. Man kann es nicht erkennen, wenn man nur das Äußerliche sieht. Im Grunde muß es uns von Gott selber aufgedeckt werden. Und deshalb haben die Engel gesagt: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Damit kommen wir auf die Frage nach dem Ursprung Jesu. Jesus sagt zunächst: „Ich bin nicht von mir aus gekommen!“ Er ist nicht ein Mensch unter Menschen, und sein Auftreten ist nicht auf eigenes Wollen und Entschließen zurückzuführen. Daß Jesus da ist, beruht auf dem Wollen eines anderen.

Der Name Gottes kommt in diesen zwei Versen nicht vor, er wird nur umschrieben. Dieser Gott ist in Christus in die Welt gekommen. Aber Jesus ist nicht nur sein Prophet und Herold, sein Beauftragter und Sprachrohr, sondern er ist in diesem Jesus selber in die Welt gekommen.

Im Lied heißt es: „Den aller Welt Kreis nie beschloß, der legt in Marien Schoß!“ Seitdem durchdringt die Wirklichkeit Gottes die ganze Welt. Jetzt haben wir es in jedem Augenblick und an allen Orten und in allen Dingen mit Gott zu tun. Besonders finden wir ihn in seinem Wort und in den Sakramenten. Dorthin sollten wir gehen, wenn wir Gott suchen und eine Hoffnung für unser Leben finden wollen.

Es gibt ein Bild von Ernst Barlach mit dem Titel „Der göttliche Bettler“. Es zeigt im Vordergrund groß einen Bettler, der die Füße mit Lumpen umwickelt hat und an Krücken geht. Er hat sich offenbar eine Treppe hinuntergequält, auf der sich viele Menschen Stufe um Stufe aufwärts gequält hatten und doch immer wieder herunter fielen. Sie haben längst aufgehört, mit Gott zu rechnen. Daß er in dem Bettler in ihrer Mitte ist, das erkennen sie nicht. Nach ihrer Meinung müßte er anders aussehen: strahlend, überwältigend, mit segnend erhobenen Armen.

Wir möchten vielleicht auch gern so einen Jesus haben. Im Mittelalter in der Zeit der Romanik hat man ihn als einen König mit einer Krone dargestellt, noch am Kreuz. Aber kann man sich vorstellen, daß man einem König sein böses Gewissen und seine Angst geben könnte? Einem Bettler aber kann man etwas geben, er erwartet ja, daß man ihm was gibt.

Einem göttlichen Bettler aber kann man alles geben. Natürlich nicht nur ein Almosen, sondern dieser Jesus will uns ganz. Deshalb wirbt er um uns mit seiner Niedrigkeit. Deshalb macht er sich so klein, damit wir uns trauen. Ein armseliges Kind ist er gewesen, ein Wanderprediger und ein geschundener Todeskandidat. Aber dadurch ist er uns auch so nahe gekommen, obwohl ein Geheimnis um ihn war und er göttlichen Ursprungs war.

Es ist eigentlich ein starkes Stück, daß Jesus den Jerusalemern und noch dazu im Tempel die Kenntnis Gottes abspricht. Sie sind das klassische Volk der Religion - und sollen Gott nicht kennen? Sie hätten doch alle Voraussetzungen dazu, Gott zu finden. Aber als er dann tatsächlich vor ihnen steht, sind sie drauf und dran, sich an ihm zu vergreifen, und eines Tages werden sie es wirklich tun. Das Kreuz steht dicht bei der Krippe.

Aber haben w i r denn begriffen, daß Gott Gemeinschaft mit uns auf du und du sucht? Er will doch nicht, daß es bei uns bei einem unverbindlichen Gottesbewußtsein bleibt. Mancher sagt ja: „Es ist schon möglich, daß es ein höheres Wesen gibt!“ Aber wer so spricht, der kennt Gott nicht. Gott darf für uns nicht zum im Grunde unbekannten Gegenstand unseres Fragens und Denkens werden.

Gott will uns vielmehr ganz konkret begegnen‚ so daß er vor uns steht: sichtbar, hörbar, zum Anfassen. Gott ist dann nichtmehr Objekt unseres Wissens, sondern das uns anredende und uns ergreifende Subjekt. Vielleicht könnten wir das gerade dieses Jahr zum Christfest erfahren: Das Geheimnis Gottes ist durchbrochen durch Jesus. In ihm ist Gott einer von uns geworden. So kann er uns verstehen und helfen. Das kann uns froh machen und uns eine Zu­kunft eröffnen.

 

 

Christfest I:  Joh 3, 31 - 36

Ein  ungewöhnlicher Predigttext für Weihnachten. Er läßt Vieles vermissen, was uns etwa die Weihnachtsgeschichte des Lukas so vertraut macht. Wir hängen doch sehr an den anschaulichen Bildern von der Volkszählung, der Herbergssuche, dem Nachtquartier im Stall, der Engelerscheinung bei den Hirten und der stillen Anbetung des Kindes.

All das fehlt hier und ist anscheinend einer starren und dogmatischen Aussage gewichen. Auf der ersten Blick kann man nichts Weihnachtliches an diesem Text finden. Aber gerade wenn das Drum und Dran wegfällt‚ könnte das Wesentliche um so besser hervortreten, nämlich

den Einbruch Gottes in diese Welt durch seinen Sohn.

Johannes versucht‚ hinter dem: Vordergründigen das Hintergründige aufzuhellen. Er will uns helfen, nicht bei den äußerlichen Begebenheiten stehenzubleiben, wozu gerade das Weihnachtsfest so leicht verleiten kann. Wir sollen vielmehr der Tat Gottes selbst ein wenig näher kommen, so unfaßbar sie im Grunde auch ist.

Auch bei den anderen Weihnachtstexten merkt man ja, wie sehr die Menschen ins Stammeln kommen, wenn sie das große Geheimnis beschreiben wollen: Dieser Jesus von Nazareth kommt von Gott, er ist ein wirklicher Mensch, und doch ist ihm die Macht über alles gegeben. Wir sind für unser Leben darauf angewiesen, daß Gott in Jesus auch in diese Welt gekommen ist.

Dieser Bibelabschnitt will die Freude darüber wecken, daß Gott zu uns redet und uns errettet.

Deswegen sind die Weihnachtsgeschichten der anderen Evangelisten nicht überflüssig.  Wir haben auch keinen Grund, so wie die „Zeugen Jehovas“ auf die Feier des Weihnachtsfestes zu verzichten. Gewiß steht nicht in der Bibel: Am 24./25. Dezember sollt ihr das Fest der Geburt Jesu begehen! Aber es ist doch recht, daß wir uns einmal im Jahr diese Tatsache vergegenwärtigen, die das ganze Jahr über gilt: Gott wurde Mensch und kam uns in Jesus von Nazareth nahe. Hier ist nicht Irgendeiner in der Geschichte der Menschheit aufgetreten‚ sondern hier ist eine Wende im Leben aller Menschen eingetreten.

Nicht umsonst beginnt man mit Jesus eine neue Zeitzählung. Das Johannesevangelium hat diesen Wandel am stärksten herausgestellt. Insofern ist es das am stärksten weihnachtliche, auch wenn es überhaupt keine Weihnachtsgeschichten überliefert und auch sonst sich auf das Wesentliche beschränkt. Wollen wir deshalb jetzt darauf hören, was dieser Bibelabschnitt uns über Gott, über Jesus und über die Menschen zu sagen hat.

 

(1.) Wir können von uns aus nichts über Gott und den Sinn des Lebens wissen: „Wer von der Erde ist, der redet von der Erde!“sagt Johannes. Der Glaube an dem fleischgewordenen Gott ist eine Zumutung, der Christusglaube ist etwas grundsätzlich Menschenunmögliches. Das sehen wir ja gerade an den Menschen, die das Dasein Gottes leugnen. Ihre Weltanschauung bleibt ganz im Raum des irdischen und auf das irdische Leben beschränkt.

Luther sagte zu diesem Predigttext  „Die Welt ist zweimal blind: sie erkennt ihren Schaden nicht und sie weiß nicht, wo man Hilfe suchen soll!“ Weil sie sich selber stark und gesund fühlt, fragt sie nach keinem Arzt. Aber diese Rechnung geht nicht auf: Der Mensch scheitert am eigenen Versagen, an seiner zu geringen Leistung und am Tod, der alle menschlichen Sinndeutungen zunichte macht.

Der Schaden wird ihm erst voll bewußt, wenn der Arzt von „oben“ kommt und wirkliche Gesundheit anbietet. Alles andere ist „von der Erde her“ und keine Möglichkeit‚ Gott zu finden .Was wir selber erkennen und vollbringen ist immer nur eine Spielart unseres eigenmächtigen‚ von Gott gelösten Lebens. Selbst wenn Philosophen sich einen Gott ausdenken‚ dann ist das nur vom Menschen aus gedacht.

Ludwig Feuerbach hat dieses Denken ja lächerlich gemacht, als er sagte: „Wenn die Ochsen sich einer Gott machen wollten, dann würden sie sagen, Gott sieht aus wie ein Ochse!“ Ebenso aber ist auch der Gott, den wir uns so für den Hausgebrauch zurechtmachen, nicht wirklich Gott. Wer Gott wirklich ist, das können wir nur durch Jesus Christus erfahren.

 

(2.) Gott hat in Jesus zu uns gesprochen, der der Zeuge Gottes bei der Menschen ist: Das Aufregende an Weihnachten ist nun, daß der Glaube doch möglich ist. „Von oben her“ ist einer gekommen und hat der Himmel aufgerissen. Gott ist aus seiner Verborgenheit herausgetreten. Damit hat er aller Diskussionen ein Ende gemacht, ob es einen Gott gibt. Er hat einfach gehandelt und damit bewiesen: Er ist ein Gott für uns.

Wir wollen uns nicht so sehr an den Begriffen wie „oben“ und „unten“ oder „Himmel und Erde“ stoßen. Das entspricht nun einmal dem: damaligen Weltbild und der Art des Johannes. Was gemeint ist, wird jedem deutlich sein: Es gibt die beiden Bereiche des irdischen und des Göttlichen, die von uns aus nicht miteinander zu vereinbaren sind. Aber Gott hat diese Gegensätzlichkeit von sich aus durchbrochen und in Jesus den Himmel auf die Erde gebracht und damit unserem Leben einen Sinn gegeben.

Dabei geht es aber um etwas anderes als in den Göttersagen der Heiden‚ wo die Götter auch dann und wann einmal in Menschengestalt auf der Erde auftreten. Aber wenn sie sich in menschliche Händel verwickelt haben, dann kehren sie wieder heimlich und unversehens in ihren überirdischen Bereich zurück, ohne auf der Erde etwas Grundlegendes verändert zu haben.

Jesus aber mußte auf der Erde ausharren bis zum bitterer Ende. Wie ein Mensch, den man auf dem Mond absetzen würde und erst die nächste Rakete holt ihn wieder. Dadurch blieb aber auch der Himmel aufgetan und unser Erdenweg wird bis heute durch das Licht der Ewigkeit erhellt. Insofern ist Jesus nicht einfach der erfahrenste und bestunter­rich­tetste aller Gottesmänner. Er ist unvergleichlich mehr, denn er allein kommt vom Vater.

Deswegen ist er allein auch ein sachverständiger Zeuge. Er hat selbst etwas gesehen und kann wahrheitsgemäß darüber informieren. Ihm ist Bott nicht fremd. Er denkt Gottes Gedanken. Er redet Gottes Worte. Er will, was Gott will.

Umgedreht sieht der Vater in seinem Kind sein eigen Fleisch und Blut. Jesus ist nicht bloß ein Mensch, auf den im besonderen Maß die Liebe Gottes gefallen wäre, sondern er ist der „eingeborene“ Sohn‚ der einzige. Seine Gottessohnschaft aber besteht nicht allein darin, daß er Gott gehorsam war. Dann wäre er nur ein Ausnahme unter den sündigen Menschen, ein Treffer unter all den Nieten. Zwischen Vater und Sohn besteht vielmehr volle Übereinstimmung und eine ungetrübte Gemeinschaft, das volle innere „Ja“ zueinander. Jesus ist und bleibt der von oben Gekommene.

 

(3.) Es gibt Menschen, die vertrauen und gehorchen Jesus und besiegeln Gottes Wort:

Gott riskiert, daß sein Zeugnis nicht angenommen wird. Er läßt uns diese Freiheit. Aber er gibt uns einen Gewährsmann, der uns sagen kann, wer und was auf uns wartet. Allerdings ist dieser Jesus nicht eine Privatperson, zu der man sich stellen kann, wie man will. Schließlich ist er der Generalbevollmächtigte Gottes. Nach ihm wird nicht noch einmal einer kommen, der ihn ablöst oder überbietet.

Deswegen ist es so wichtig, diesen Jesus als unseren Herrn anzunehmen und unter sein Zeugnis unser Siegel drücken, zum Zeichen dafür,  daß wir dieses anerkennen. Unter einen Vertrag kommen Unterschrift und Siegel, nur so wird er gültig.

Es sind immer nur verhältnismäßig wenige gewesen, die sich seiner Botschaft ganz aufgeschlossen haben. Auch wenn wir uns zu diesen rühmlichen Ausnahmen rechnen, so haben wir uns doch immer wieder ehrlich zu prüfen, ob wir dann nicht viel offenkundiger mit unserem Lebenszeugnis unter Beweis stellen müßten, welchem Herrn wir gehören.

Das ist nicht nur eine Aufgabe für Menschen wie Albert Schweitzer oder Martin Luther King, Jeder von uns kann zum Siegel für die Wahrheit Gottes werden. Dazu tu er uns aber erst einmal sein Siegel aufprägen .

 

(4.) Wer an Jesus glaubt, gewinnt ein erfülltes Leben und wird selber zum Siegel für die Wahrheit Gottes: Wie wir heute uns zu Jesus stellen, das entscheidet darüber, ob und wie wir einst im jüngsten Gericht bestehen werden. Gott will durch Jesus eine dauernde Lebensverbindung mit uns herstellen, die auch durch den Tod nicht abreißt. Ewiges Leben bedeutet aber nicht die Fortsetzung unseres irdischen Daseins bis ins Unendliche hinein; das wäre für mancher sicherlich eine Qual. Es geht vielmehr um die Durchdringung von Zeit und Ewigkeit durch Gottes Gegenwart mitten unter uns. Der Helfer ist doch schon da.

Wir sind in einer Lage wie ein Bergsteiger, der sich verstiegen hatte und in gefährlicher Lage in der Steilwand hing. Aber von oben war bereits ein Seil herabgelassen und hatte die Höhe des Kletterers erreicht. Er könnte auf die Hilfe des Seils verzichten und im Vollgefühl seiner Kräfte sich selber zu retten versuchen. Er könnte sich auch in letzter Verzweiflung der Strick um den Hals legen und sich einreden, daß dann alles aus sei. Aber das Nächstliegende ist doch, daß er das Seil ergreift, es unter den Armen befestigt und darauf vertraut, daß er hochgezogen wird. So kommt es bei uns nur darauf an, die Rettung anzunehmen, die von oben kommt.

 

 

Christfest II: Jes 11 , 1 - 9

Es gibt doch etwas, was es nicht gibt. Es ist zwar bisher noch an keinem Ort der Welt verwirklicht und wird auch nicht voll verwirklicht werden. Es ist noch eine Utopie, etwas, das eben noch keinen Platz bei uns hat. Aber der Prophet Jesaja spricht mit kräftigen Worten von einer neuen Welt, die nicht nur teilerneuert ist, sondern in der der Friede Gottes herrscht.

Wir alle haben diese Sehnsucht nach einer Welt, in der es sich endlich sorglos leben läßt: Kein Mangel, keine Benachteiligung, keine Verletzung der Würde des Menschen, keine Drohung oder Anwendung von Gewalt. Man sollte solche utopischen Träume nicht von vornherein für unangebracht erklären und meinen, darüber lohne es sich nicht zu sprechen.

Viele Völker haben in solchen Träumen ihren Protest gegen das Bestehende zum Ausdruck gebracht. Sie wollten sich nicht abfinden mit dem, was ist, sondern ihre Hoffnung in klarer umrissene Formen bringen. So etwas setzt Kräfte frei, bringt etwas in Bewegung, regt den Willen zur Veränderung an, treibt zur Tat.

Weihnachten ist etwas anderes, als wir es uns in der Regel vorstellen. Wir denken meist an die Weihnachtsfreude in der Kindheit, an das Kind in der Krippe, die Engel und Hirten. Wir singen das Lied: „Es ist ein Ros entsprungen“, indem die Rede ist von der „Wurzel zart“ und dem „Blümelein so kleine“. Die Gefahr ist immer, daß wir Weihnachten verniedlichen und gar nichts mehr von der Kraft der Wende verspüren, die das Kommen Jesu gebracht hat für

uns.

Bei Jesaja ist die „zarte Wurzel“ der Stumpf eines gefällten Baumes und das kleine „Blüme­lein“ ist ein zu großer Kraft sich entfaltender neuer Trieb. Zwar wird an diesem Lied die Un­scheinbarkeit und Verborgenheit der Geburt Jesu deutlich. Aber es gibt auch die andere, ebenso verborgene Seite: Dieses Kind in der Krippe ist ein neugeborener König, der eine totale Verwandlung der Welt heraufführen soll. Das aber kann nur ein „großer Gott und starker König“, wie es in Bachs W9eihnabhtsoratorium heißt. So einen haben wir aber auch heute sehr nötig.

So wollen wir heute versuchen, etwas von der Verpackung des Weihnachtsfestes abzustreifen. Zugegeben: Es ist eine schöne Verpackung, nicht nüchtern und zweckmäßig wie im Alltag, sondern buntes Papier, das mit Goldfäden verschnürt ist. Manchmal möchten wir so etwas

gar nicht auspacken. Aber das wäre lieblos dem Schenkenden gegenüber.

So wollen wir uns von Jesaja anleiten lassen, das Geschenk Gottes richtig zu verstehen. Wir wollen es auspacken und uns darüber freuen und die Liebe des Schenkenden darin erkennen. Aber es geht dabei nicht um Träume, um an den Himmel gemalte Wünsche, sondern um die vom Himmel her gegebenen Zusagen.

Jesaja erwartet die Hilfe nicht vor der Familie des Königs David. Der Baum des Königtums wird gefällt und nur noch ein Stumpf übrigbleiben. Aber aus diesem Stumpf wird ein neuer starker Trieb hervorkommen: entweder wird ein ganz neuer Mann kommen oder ein Nachkomme der Brüder Davids. Mit der „Wurzel Jesse“ ist ja Isai gemeint, der acht Söhne hatte, unter denen zunächst David zum König gewählt wurde. Aber nun wird die Rettung nicht mehr von seiner Familie erwartet, sondern von einem neuen Mann.

Mit einer Wachablösung ist immer auch eine neue Ordnung und ein neues System verbunden. Diese tiefe Veränderung kann der neue Mann aber bewirken, weil er vom Geist Gottes erfüllt ist, weil er das Recht Gottes hütet und weil er den Frieden Gottes bringt. Er wird freilich auch über ein Volk regieren, das nichts Böses und Frevelhaftes tut.

 

(1.) Jesus ist vom Geist erfüllt: Bei solchen Verheißungen denken wir natürlich immer gleich an Jesus. In ihm erkennen wir den Friedensherrscher von Jesaja 11 wieder, auch wenn er entgegen den Erwartungen des Propheten ein Nachkomme Davids war. Wir erkennen ihn, auch wenn nur Niedrigkeit und Schwachheit an Weihnachten zu erkennen sind und nichts von seiner künftigen Herrlichkeit zu sehen ist.

Jedesmal, wenn in Israel ein neuer König den Thron bestieg, dann verbanden sich mit ihm die Hoffnungen des Volkes. Man fragte sich: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Man rief ihm zu: „Auf dir wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn!“

Jesus hat diesen Geist der Weisheit, denn er kennt sich in der Welt und im Menschenleben aus. Er hat den Geist des Verstandes, denn er sieht die großen Zusammenhänge zwischen Gott und Welt und Mensch. Er hat den Geist des Rates, der ihn Wege finden läßt und Entschlüsse fassen läßt. Er hat den Geist der Stärke, denn er weiß sich auch in der Schwachheit durchzusetzen. Er hat den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn, weil er mit seinem Vater

in vollem Einklang ist und ihn so ernst nimmt wie keiner von uns.

Jesus liebt auch seine Feinde und betet für sie. Er ficht nicht wie ein gereiztes Tier um sein Leben, sondern opfert sich für die Sünder aller Zeiten. Er teilt sie Menschen nicht ein in Verbündete und Verlorene, sondern er nimmt sich der Verachtenswerten an und läßt sie seine Brüder sein.

Das alles hat ihn letztlich ans Kreuz gebracht. Er hatte nicht den Ehrgeiz, einen Kaiser Augustus oder einen König Herodes zu verdrängen. Statt eines Heiligenscheins hatte er eine Dornenkrone auf, und statt eines Königs des Himmels war er ein König der Schmerzen. Man kann darin der Zusammenbruch seines ganzen „Konzepts“ sehen. Aber anders war und ist die Welt nicht zu retten.

Doch eine solche Haltung hat ganz konkrete Auswirkungen: Jesus war zwar kein Revolutionär, aber er hat sich auch nicht in die bestehenden Verhältnisse seiner Zeit eingefügt. Er hat die Verachteten um sich versammelt und für die Unterdrückten Partei ergriffen, den Armen und Elenden galt seine Liebe.

 

(2.) Jesus hütet das Recht Gottes: Er ist ein gerechter Richter in einem ganz anderen Sinne, als wir Menschen das könnten: Ein menschlicher Richter muß den Tatbestand erheben, muß beide Seiten hören und dann nach Vernunft und Recht entscheiden. Jesus aber durchschaut die Menschen von vornherein und ist deshalb ein unbestechlicher Richter. Vor ihm kann man höchstens auf einen Gnadenerweis hoffen. Aber weil er uns freispricht, überwindet und gewinnt er uns auch.

Wenn er uns aber so behandelt, dann sollten wir uns auch die Augen öffnen lassen für die Ungerechtigkeiten in der Welt von heute und mit unserem Wort für die Rechtlose  eintreten. Weihnachten ist nicht ein Fest zum Feiern, sondern eine Gelegenheit zur Aktion für die Notleidenden. Gott ermächtigt uns zu einer Hoffnung. Es wäre nicht gut, wenn wir Gott und der Zukunft überließen, was wir heute tun sollen. Wir werden diese Welt nicht zum Paradies machen!

 

(3.) Jesus bringt den Frieden Gottes: Jesaja hat sich den Friedensherrscher der Zukunft anders vorgestellt, als er in Jesus Christus kam. Es bleibt da noch ein Überschuß an Verheißung. Der große Friede steht noch aus, aber er wächst in der Geschichte und überschreitet zugleich alles geschichtlich Erreichbare immer wieder. Morgen holt uns die Wirklichkeit wieder ein,  die Sachzwänge, die Hilflosigkeit. Aber wir sollten uns nicht entmutigen lassen, sondern darauf vertrauen, daß unser Beitrag Wirkung hat: Da hat ein Steinmetz eine wunderbare Rosette für einen Dom gemacht, aber die fertige Kirche hat er nie erlebt. Aber eines Tages gab es sie wirklich. So ist es auch mit dem Frieden: Eines Tages wird er da sein!.

Aber im Rahmen des Menschenmöglichen können wir das tun, was unserer Hoffnung gemäß ist. Sähen wir, was Gottes Augen tagtäglich ansehen müssen, dann würden wir nicht ruhig, da ist zum Träumen keine Zeit. Wir brauchen nur die Rüstungsausgaben der Staaten in aller Welt zu vergleichen und zusammenzurechnen, dann sehen wir, wie weit wir noch von dem Frie­dens­reich Gottes entfernt sind. Im nüchternen Wissen um unsere Grenzen sollten wir alles tun, was uns möglich ist, um Krieg zu verhindern und einen die Welt umfassenden Frieden zu schaffen.

Wenn kein Krieg ist, dann ist noch lange kein Friede. Jesus fordert auf zum Frieden machen.

Dazu gehört die Befreiung der Elenden aus unerträglicher gesellschaftlicher Situation, die Ent­machtung der Gewalttäter und die Beseitigung des Wolfsgesetzes im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und im Zusammenleben der Völker. Wir können aber auch zu unserem Mitmenschen gehen und Frieden mit ihm machen, mit Worten und mit Taten. Haben wir Frieden in Familie, Beruf und Gemeinde, dann tun wir auch etwas für den Frieden im Weltmaßstab. Wenn wir Ja sagen zu dem Menschen, der uns Kummer macht und nicht in unseren Streifen paßt, dann sind wir Träger des Friedens Gottes.

Man muß das Ziel dabei kennen. Die Zukunfts- und Überlebenschancen der Welt hängen nicht von der Höhe der Rüstung ab, sondern von dem Mut und der Bereitschaft zum Leiden, wie es uns Jesus vorgemacht hat. Darüber hinaus wird es einer Kraft des Herzens bedürfen, die aus dem Geist Gottes stammt. Im Alltag werden uns manchmal Auseinandersetzungen aufgezwungen. Aber wer von der Versöhnung mit Gott herkommt, sieht auch im Widersacher den möglichen Bruder. Denn Christus ist für alle gestorben. Und das Kind in der Krippe ist in Wahrheit der Friedenskönig. Ihm sollen wir folgen, wenn unsre Welt vom Frieden erfüllt werden soll.

 

 

1. Sonntag nach dem Christfest: Joh 12, 44- 50

Wenn man von einem Ort in einen anderen kommen will, dann kann man oft verschiedene Wege wählen. Man kam die Straße benutzen, die ja als bequeme Verbindung zwischen den Ortschaften gebaut wurde. Man kann aber seitwärts durch Feld und Flur gehen. Manchem gefällt das ja. Wenn man Zeit und Ruhe hat, kann das sogar ganz schön sein. Schwieriger ist es allerdings bei Nacht. Aber auch das gefällt manchem, in der Dunkelheit auf einsamen Wegen zu gehen. Nur muß er damit rechnen, daß das nicht so einfach ist und auch einmal etwas schief gehen kann.

In unserem Leben müssen wir uns immer wieder überlegen, welchen Weg wir gehen wollen. Wir können versuchen, uns allein durchs Leben zu schlagen. Aber wir können auch den Weg Gottes gehen. Dort finden wir das Licht, dort finden wir Gott und dort finden wir das Leben.

 

(1.) Jesus ist das Licht: Was lichtloses Leben ist, wissen wir kaum noch. Wenn es dunkel wird, gehen Millionen von Lichtern an, die den Fortgang eines normalen Lebens ermöglichen. Notfalls stehen große Scheinwerfer zur Verfügung. Sie tauchen zum Beispiel ein Stadion

ins Flutlicht, so daß dort sogar Farbfernsehkameras ohne Schwierigkeit zum Einsatz kommen können.

Die Alten mußten zu Bett gehen, wenn es dunkel wurde. Oder sie konnten mühsam ein kleines Öllämpchen anzünden. Wir können das nur noch nachempfinden, wenn einmal das elektrische Licht ausfällt und zum Beispiel der Fernsehapparat nicht mehr geht. Dann muß man sich mit einer Kerze oder Taschenlampe begnügen.

Gottes Licht aber scheint immer. Die Sonne scheint für jeden von uns, ohne daß wir etwas dazu tun müßten oder auch nur könnten. Es ist unausdenkbar, wenn die Sonne eines Tages nicht mehr schiene. Und es wäre dumm, wenn wir auf dieses Licht verzichten wollten und uns in einen dunklen Bunker zurückzögen, in dem nur eine 100-Watt-Lampe brennt. Wer  so etwas tun will, ist selber schuld daran.

Mit Gott aber machen wir es oft so. Er hat seinen Sohn Jesus in die Welt gesandt, damit er das Licht der Welt ist. Sie sperren sich gegen dieses Licht und tun so, als ob es Gott nicht gäbe. Aber im Dunkel sieht man den Weg nicht, auch nicht die Abgründe und Hindernisse. Man findet nicht, was man sucht. Man kann nicht unterscheiden. Gefahren nimmt man nicht wahr. Böses und Lichtscheues verbirgt sich im Dunkel.

Licht und Finsternis sind nicht zwei gleichartige Größen.

Die Finsternis kann das Licht nicht verdrängen, so wie ein Giftgas die Atemluft verdrängt Wenn Licht einfällt, ist die Finsternis vernichtet. Aber das Umgedrehte ist nicht möglich. Deshalb beginnt in der Bibel auch die Schöpfung mit der Erschaffung des Lichtes, das die Finsternis überwindet.

Dennoch fühlen sich viele in der Finsternis wohl und meinen, ohne Gott im Leben auskommen zu können. Aber es hätte wenig Sinn, ihnen einreden zu wollen, sie tappten im Dunkel. Einer, der noch nie die Sonne gesehen hat, wird eine 100-Watt-Lampe für ein helles Licht halten und damit zufrieden sein. Wer aber Christus entdeckt hat, der ist gewiß: H i e r  ist das Licht!

Manche fürchten aber auch, der Glaube an Christus führe zu einer Verdunkelung. Leider hat die Kirche auch immer wieder zur Verdunkelung in der Welt beigetragen'. Doch das geht auf unser Konto, nicht auf das des Herrn. Die Finsternis könnte auch öfter auf uns Einfluß gewinnen,  als uns bewußt ist, auch wenn wir meinen, mitten im Gottes Volk zu stehen.

Deshalb sollten wir uns schon fragen: Hat das Licht Gottes bei uns Zutritt oder versuchen wir, es abzublenden? Gibt es lichtlose Ecken bei uns? Gibt es Winkel, in denen Unrat liegengeblieben ist? Dinge, in die wir Jesus nicht hineinleuchten lassen? Bereiche, über denen seine Sonne noch nicht aufgegangen ist?

Wenn es so ist, dann wäre jetzt die Zeit, es in Ordnung zu bringen und nicht mit ins neue Jahr zu schleppen. Wer an Jesus glaubt, kann nun unterscheiden zwischen Gut und Böse. Er hat keine Angst mehr, weil er weiß, daß er hoffen darf. Und er wird sich nicht mehr wild verteidigen, weil er aus der Vergebung lebt. Er hat ja Jesus und Gott auf seiner Seite.

 

(2.) Jesus ist Gott:  Wir brauchen Gott nicht irgendwo zu suchen, weder in der Tiefe noch in der Höhe. Friedrich Schiller konnte noch sagen: „Brüder, über‘m Sternenzelt, muß ein lieber Vater wohnen“. Bis heute stellen sich manche Menschen vor, Gott sei da, wo es keine Sterne mehr gibt, sondern nur noch leerer Raum ist. Viele möchten Gott gern nach dort versetzen, damit er ja recht weit weg ist. Vielen ist auch der „liebe Vater“ zweifelhaft geworden. Sie haben zu viel Schlimmes erlebt, als daß sie noch optimistisch sein könnten.

Dennoch ist Gott ein lieber Vater, der uns in Jesus von Nazareth nahegekommen ist. Er geht uns nach und bangt um uns. Wir können so von ihm predigen, als hätte er selbst unter uns gelebt und als wäre er unter uns gestorben. Er wendet sich nicht nur uns zu, sondern wird selbst ein Stück Welt.

Er wird es so sehr, daß man das Göttliche an ihm übersehen kann. In diesem einfachen Bauhandwerker aus Nazareth kann man das Göttliche normalerweise nicht erkennen. Aber andererseits steht er auch nicht als ein Gespenst vor uns, als ein Wesen, das nicht dieser Welt angehört. Gott hat für uns ein Gesicht bekommen, denn im Sohn sehen und haben wir den Vater.

Jesus gibt sich als der zu erkennen, in dem Gott bei uns ist. Er tut es nur mit seinem Wort, aber nicht belehrend oder anklagend, sondern werbend. Er streckt die Hände aus nach den Menschen, die er nicht aufgeben will, auch wenn sie sich ihm gegenüber reserviert verhalten.

Wir haben Gott nur in Jesus. Aber in Jesus haben wir den ganzen Gott .Wer an Jesus glaubt, schenkt ihm volles Vertrauen. Er sieht sein Wort als gültig und verbindlich an und geht daraufhin jedes Wagnis ein. Das Mitgehen mit Jesus ist überhaupt kein Wagnis, sondern das Gewisseste und Verläßlichste.

Wer an Jesus glaubt, wendet sich gerade nicht von Gott ab. Vielmehr können wir in Jesus gerade Gott finden. Jesus ist nicht nur Prophet und Lehrer, sondern er ist dauernd wesensgleich mit dem Vater. Wenn ein Offizier einen Soldaten losschickt mit einem Befehl, dann müssen alle Soldaten diesem Befehl gehorchen. Der Bote bleibt zwar weiterhin gemeiner Soldat, aber hinter ihm steht die Autorität des Offiziers. Der Befehl gilt, als stünde der Vorgesetze selber da.

So steht auch Jesus für Gott da und verkörpert Gottes Willen, aber auch seine Liebe und Zuneigung.  Gott ist nicht mehr ein unfaßbares Geheimnis, nicht nur der „Ganz andere“. In Jesus wurde er ein Gott zum Anfassen, mit dem man reden kann auf du und du.

 

(3.) Jesus ist das Leben: Indem Jesus in den persönlichen Lebenskreis jedes Glaubenden eintritt, geschieht Rettung und Heil  hat dieser Anteil am ewigen Leben. Indem wir Jesu Wort hören und bewahren, sind wir im Strombett der Gottesgemeinschaft. Aber es genügt dazu nicht ein allgemein christliches Bewußtsein, sondern Jesu Worte sollen schon gehört und bewahrt werden und uns als ständige Anrede begleiten, wie das zum Beispiel die Herrnhuter Losungen tun können.

Jesu Kommen in die Welt erzwingt aber eine Entscheidung. Wer sich nicht retten läßt, bleibt im Gericht. Schiffbrüchige sind wir alle. Aber es kommt einer, der uns retten will. Aber wer sich nicht retten lassen will, wird umkommen; doch das liegt nicht an dem Retter, sondern an dem, der die Rettung ausschlägt.

Das Kommen des Gottessohnes in die Welt bedeutet auch Gericht. Wenn die Sonne scheint, dann deckt sie auch schonungslos alle Schmutzstellen und Unsauberkeiten auf. Da kann man mit großer Ausdauer die Fenster putzen. Aber wenn nachher wieder die Sonne durchscheint, dann entdeckt man immer noch Stellen, wo es geschmiert hat, und in dem Sonnenstrahl tanzen viele hundert Staubkörner.

Wer zu Jesus kommt, muß es sich gefallen lassen, daß ihm die ganze Wahrheit über sein Leben gesagt wird. Wer aber hört die Wahrheit schon gerne, wenn sie kein Lob enthält? Doch nur wenn die Finsternis aufgedeckt wird, kann sie überwunden werden. Gott gibt sich da immer

große Mühe mit uns. Er wirbt um uns und will uns Lust machen. Gottes Geist weht, wo und wann er will, aber wir müssen die Segel setzen, müssen- bereit sein zum Hören und Gehorchen. Wir werden heute schon zur Entscheidung gerufen, die über das Urteil am jüngsten Tag entscheidet. Dann wird nur ins helle Licht treten, was sich hier schon entschieden hat in  unserem Leben. So sagt etwa ein Professor den Studenten, die erst anfangen: „Wie Sie heute studieren, das entscheidet über ihr Examen!“ Examen ist i m m e r ! Wer die Prüfung aber besteht, braucht nicht zu fürchten, daß das Urteil wieder von einer höheren Instanz aufgehoben wird. Wenn Jesus uns freispricht, dann sind wir auch bei Gott freigesprochen.

Auf diesem Hintergrund wird Jesu Rufen um so dringlicher. Er läßt sich durch Ablehnung nicht entmutigen, sondern ruft noch einmal. An Heiligabend hörten wir von Jesu Geburt, am 1..Christtag war er bereits auf der Höhe seiner Wirksamkeit, nun schließt Johannes das öffentliche Wirken Jesu ab. Er gibt seinen Jüngern noch einmal das Vermächtnis mit, den Ernst der Stunde zu erkennen. Er findet sich mit dem Mißerfolg nicht ab, sondern gibt keinen Menschen verloren. Sein Wort wirkt weiter, auch wenn er persönlich nicht mehr da ist. Unsere Aufgabe ist es, Zeugnis abzulegen von diesem Herrn. Wer selbst den Ernst der Entscheidung gespürt hat, dem können die anderen Menschen nicht gleichgültig sein, sondern er wird versuchen, sie auch zu Jesus zu führen. Jesus will ja nicht richten, sondern allein retten.

 

 

2. Sonntag nach dem Christfest: Joh 7,14-18

In der Nazizeit wurde ein praktizierender Christ gefragt: „Woran glaubst du eigentlich?“ Er überlegte einen Augenblick und sagte dann einfach das Glaubensbekenntnis auf. Daraufhin fragt er den mit der anderen „Weltanschauung“: „Und was glaubst du?“ Der andere stotterte etwas verlegen herum und sagte dann: „In Berlin beraten sie noch darüber, aber wenn es dann raus ist, dann glaube ich ganz fest daran!“

Da haben wir es doch wirklich besser mit unsrem jahrtausendealten Glaubensbekenntnis. Nur wäre es vielleicht noch besser, wenn man sich kurz und knapp auf das Wesentliche am Glau­bensbekenntnis beschränk­te. Da ist wieder Luthers Erklärung hilfreich. In Anlehnung daran könnte man sagen: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat. Ich glaube, daß Jesus Christus mich erlöst hat. Ich glaube, daß der Heilige Geist mich heilig macht!“ Und dann müßte man nur noch erläutern: „Heilig machen“ bedeutet „an Gott glauben können“.

Jesus wurde auch gefragt, was er glaubt und woher er seine Lehre hat. Und da sagt er ganz eindeutig: „Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat!“ Er sagt gleich von vornherein, worauf es ankommt und versucht nicht, lange Erklärungen zu geben, um seine Gegner langsam an die Wahrheit heranzuführen.

Man könnte ja auch sagen: „Mach doch erst einmal mit einem anständigen Leben Ernst, dann wirst du mit der Zeit auch Verständnis für die Lehre gewinnen!“ Dahinter steht dann die Vorstellung: Gotteserkenntnis kann man grundsätzlich überall gewinnen. Ein Beispiel dafür könnte die Musik sein, Bach und Beethoven, aber vielleicht auch Abba oder Peter Maffay. Vielleicht bedürfe es doch gar nicht einer ausgeformten Religion mit einer klar umrissenen Bot­schaft und einem formulierten Glaubensbekenntnis.

Eine Kirchengemeinde hatte eine privaten Vereinigung von Senioren einen Raum im Gemeindehaus zur Verfügung gestellt. Die unterhielten sich dort, machten Spiele und tranken Kaffee, einmal im Monat gab es einen Busausflug. In einer Werbung für die Gruppe hieß es dann: „Wir sind konfessionsfrei!“ Doch das ist nicht der richtige Ausdruck. Denn das würde ja bedeuten, daß nur der kommen darf, der frei von jeder Konfession - von jedem religiösen Bekenntnis - ist. Dann hätte die Kirchengemeinde die Gruppe wohl kaum aufgenommen. Richtig muß es heißen: „Wir sind überkonfessionell“. Es spielt also keine Rolle, ob einer evangelisch oder katholisch ist oder sogar gar nichts ist- es kann jeder kommen. Dabei muß man aber bedenken, daß im Grunde jeder Mensch eine Konfession hat, ein Glaubensbekenntnis, auch wenn er gegen jede Religion ist. Wer keiner Religionsgemeinschaft angehört, der bastelt sich selber eine Weltanschauung zurecht, denn ohne das kann kein Mensch leben.

Natürlich sind wir überall auf den Spuren Gottes  und auf irgendeine Weise in Kontakt mit ihm. Keiner kann sich herausreden, er habe von Gott nichts gewußt. Natürlich haben wir ihn nicht persönlich vor uns. Vielleicht wäre es auch gar nicht gut für uns, wenn wir uns als Sünder dem großen Gott nähern wollten. Aber er hat sich ja zu uns aufgemacht und will unsere Rebellion beenden durch Versöhnung  und Vergebung. Nur weil er uns die Hand reicht, können wir zum Glauben kommen.

So ist für den Christen der Himmel seine Hochschule, Gott ist der ihn Berufende und Gottes Ehre sein Berufsziel. Keiner muß erst Theologie studiert haben, um über den Glauben Bescheid zu wissen, sondern jeder von uns hat einen unmittelbaren Zugang zu Gott.

 

 

1. Der Himmel ist die Hochschule:

Jesus redet von Gott, indem er sich auf die Schrift beruft. Offenbar ist er darin zu Hause! Er hat doch nicht studiert, er gehört doch nicht zu der Zunft der Schriftgelehrten? Er ist doch nur ein Laie, wie wir auch heute in der Kirche sagen. Bei den Synoden ist zum Beispiel festgelegt, daß nur ein Drittel der Mitglieder Pfarrer sein dürfen, die anderen sind „Laien“, zumindest auf theologischem Gebiet, denn sie haben nicht studiert. Aber Jesus macht deutlich, daß es nicht auf das Wissen ankommt, sondern auf den Glauben.

Allerdings müssen wir auch die Gefahr sehen, wenn die sogenannten „Laien“ das Zepter allein in die Hand nehmen wollen und sich dabei über die Pfarrer erheben. Das hat schon immer zum Abgleiten in Sondergemeinschaften geführt, sei es nun in der Landeskirchlichen Gemeinschaft oder in den Freikirchen oder in den ausgesprochenen Sekten wie den Neuapostolischen oder den Zeugen Jehovas. Sie wollen sich über alle Überlieferungen der Kirche hin­weg­setzen und wollen den Himmel direkt anzapfen.

Jesus aber stellt sich in die Glaubensgeschichte seines Volkes. Er sucht Gott nur in der Schrift und nicht anderswo. Nur legt er die Schrift anders aus als die Schriftgelehrten. Es ist kein Wunder, daß diese nicht mit ihm einverstanden sind. Auch wir heute wären mißtrauisch, wenn da plötzlich einer ganz anders redete und die Bibel auslegte als wir es gewohnt sind. Er kann damit durchaus recht haben, aber er kann sich auch auf einem Irrweg befinden und nur von der Wahrheit wegführen.

Die Wahrheit ist also der Maßstab und nicht das, was die Juden zum Vorwurf machen: „Du hast ja keine Vorbildung!“ Jesus kann darauf nur antworten: „Mein göttliche Herkunft ermöglicht mir das rechte Verständnis der Schrift!“ Dabei erinnert er sich nicht nur an seine Herkunft, sondern sie ist ihm ständig gegenwärtig.

Er kennt sich im Himmel und im Herzen des Vaters aus. Deshalb legt er nicht die Schrift aus, sondern er legt Gott aus. Er ist nicht ein besonders reich begnadeter religiöser Mensch, sondern er hat eine unmittelbare Gotteserkenntnis. Der Himmel ist also Jesu Hochschule.

Wir haben diesen unmittelbaren Zugang nicht. Aber wir können die Gotteserkenntnis durch Jesus gewinnen. Deshalb ist er uns nahegekommen, ist er Mensch geworden. Gott hat es uns leichter gemacht, an ihn zu glauben, indem wir auf das Wort Jesu hören. Dieses aber ist in der Heiligen Schrift niedergelegt. Er brauchte sie nicht unbedingt, aber w i r brauchen sie. Solange wir Gott nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, ist die Schrift unentbehrlich, auch wenn sie uns manchmal rätselhaft bleibt.

So richtig dahinter kommen wird man wohl erst, wenn man sie ausprobiert. Wenn ich wissen will, was auf einer Kompaktdisk gespeichert ist, dann genügt es nicht, wenn man sich den Aufdruck oder die Speicherschicht ansieht, sondern man muß sie ins Gerät legen und abspielen. So machen wir es, wenn uns in der Weihnachtszeit mit der Werbung solche Platten zugeschickt werden mit Weihnachtsliedern: Nur wenn wir sie abhören wissen wir, ob sie nur solche Lieder enthalten wie „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ oder ob echte Weihnachtslieder drauf sind wie „O du fröhliche“ [Eine CD mit bringen und vorzeigen].

 

2. Gott ist der Berufende:

Wer in der Kirche ein Amt übernimmt, das mit der Verkündigung des Wortes Gottes zu tun hat, der wird dazu berufen. Bei den Pfarrern nennt man diesen Vorgang „Ordination“, die als Voraussetzung unter anderem ein Universitätsstudium hat. Das soll verhindern, daß einer nur von sich selbst redet. Wer nur sein eigenes Sehnen und Ahnungen, seine angeblichen Erfahrungen mit Gott vorbringen will, der braucht keine Beauftragung. Aber der Verwalter der göttlichen Gnadenmittel braucht sie. Und er kann nur darum beten, daß er Gottes Willen erkennt und ihn  richtig auslegt.

Jesus war kein Wichtigtuer, der sich selbst nach vorne spielt. Aber er ließ sich von Gott beauf­tragen, ließ sich von ihm ordinieren. Nur so konnte er Botschafter an Gottes statt werden. Natürlich gibt es keinen Beweis dafür. Auch Jesus ist mit seinem Anspruch schutzlos. Aber was er sagt, das ist von Gott. Man kann sich ihm anvertrauen, im Leben und im Sterben. Und das gibt auch Kraft, selber zum Verkündiger zu werden. Dazu braucht man keine Ordination wie die Pfarrer, sondern jeder Christ ist durch die Taufe ordiniert, ein Verkündiger des Wortes Gottes zu sein.

 

Jesus ist dafür das Vorbild. Er hat nicht Sachverhalte gebracht, die einfach gelehrt werden und die man mit dem Verstand aufnehmen muß. Es geht nicht darum, daß „überm Sternenzelt ein gütiger Vater wohnen muß“, sondern in Christus kommt dieser Gott und will engste Gemeinschaft mit uns aufnehmen. Es geht nicht darum, daß Sünden künftig erlassen werden, sondern es wird gesagt: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ Es geht nicht darum, daß wir Erkennt­nisse über Gott gewinnen, sondern daß er zu uns gekommen ist und heute noch kommt.

 

3. Gottes Ehre ist das Ziel:

Jesus sucht nichts anderes, als daß Gott zu seiner Ehre kommt. Menschlicher Ehrgeiz hat in der Geschichte der Menschheit schon großen Schaden angerichtet. Auch die Kirche ist davon nicht frei. Auch manche Pfarrer haben eine widerliche Geltungssucht und haben vergessen, daß wir alle Sündern sind und nur aus Gnade gerechtfertigt werden. Aber so etwas kann man auch bei Laien finden. Da übernimmt einer den Vorsitz im Kirchenvorstand und meint nun, er  sei der „Herr Kirchenvorsteher“ und könne schalten und walten, wie er will, viel stärker, als der Pfarrer als Vorsitzender es jemals gewagt hätte.

Wenn es so kommt - bei einem Pfarrer oder einem Laien - dann verleugnet man das,  was man predigt oder in der Ordination versprochen hat. Wer groß dastehen will, sich wichtig macht, immer Recht haben will gegenüber Menschen und gegenüber Gott, der rühmt nur sich selber und gibt Gott nicht die Ehre. Er sagt nur: „Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie die anderen Leute!“

Jesus gibt da ein anderes Vorbild ab. Er erniedrigte sich bis zur Sklavenarbeit. Sein ganzes Leben und Wirken war ein Opfer. Alle Trümpfe, die er in der Hand hatte, warf er weg. Aber dadurch hat er es vermieden, sich so vor Gott zu stellen, daß er dessen Ehre verdeckt, auch wenn er an sich auch Ehre verdient hätte. Er beugt sich vor dem Vater, indem er sagt: „Geheiligt werde dein Name“. Aber einem solchen, der nicht auftrumpfte, sondern sich opferte, dem können wir uns gern anvertrauen.

 

 

Altjahrsabend: Joh 8 , 31 - 36

Der Jahreswechsel erinnert uns besonders eindringlich daran, daß wir im Fluß der Zeit leben .Es gibt auch Dinge, die wir mit ins neue Jahr nehmen. Aber es kommt auch immer wieder Neues hinzu durch eigenes oder fremdes Tun. Neues kann nur entstehen‚ weil wir in der Zeit leben. Unser Leben ist nicht wie ein stehendes Bild, sondern ein interessanter und zeitweilig spannender laufender Film. Aber das bedeutet auch ein ständiges Abschiednehmen.

Vielleicht fragen wir uns am heutigen Tag: „Was habe ich im vergangenen Jahr richtig gemacht und was habe ich versäumt? Wie habe ich meine Gaben eingesetzt und meine Chancen genützt? Was habe ich in das Leben eingebracht und was ist mir alles liegengeblieben?“ Aus den vergangenen Monaten können wir nachträglich nicht m e h r machen, als was sie enthielten.

Auch im Verhältnis zu Gott sollten wir an diesem Tag Inventur machen. Haben wir wirklich nach der Jahreslosung der Kirche gelebt? Haben wir es mit dem ersten Gebot ernst genommen: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Aber wenn wir uns so umschauen und uns selber anschauen, dann haben wir dieses Gebot meist so ausgelegt „Ich bin der Herr, dein Gott, aber du brauchst es damit nicht so genau zu nehmen!“ Doch Gott nimmt es genau. Und deshalb wird heute auch manche Schuld vor unserm inneren Auge stehen.

Doch von Jesus wird uns heute auch ein Angebot gemacht. Vielleicht nicht für die, die schon alles zu haben meinen. Aber es ist befreiend für die, die noch vorankommen wollen. Zwei Begriffe werden uns da heute an die Hand gegeben, wenn wir das Angebot Jesu ergreifen

 wollen: Freiheit und Wahrheit.

 

(1.) Freiheit: Fragt man nach den Wunschträumen und geheimen Sehnsüchten der Menschen, dann stößt man mit Sicherheit auf den Wunsch nach Freiheit. Man möchte gern das verwirklichen, was man sich für dieses Leben ausgedacht hat. Man möchte Freiheit ohne Beschränkung, im Kleinen wie im Großen. Oft verstehen wir den Begriff auch rein politisch und stellen dann fest: Die Freiheit, die ich meine, stimmt nicht überein mit der Freiheit, die mir von Staats wegen gewährt wird oder gewährt werden kann.

Der Freiheit sind von außen her Grenzen gesetzt. Wir stecken alle in Abläufen drin, die wir nicht beeinflussen können. Aber wir sollten auch nicht vergessen, daß wir selber manchmal die erste Ursache sind und etwas in Gang setzen, das gar nicht so gut ist. Wir sind nicht nur ein Stück Holz, das im Wasser treibt, sondern wir sind eine Person, die für ihr Verhalten verantwortlich ist.

Wirklich frei sind wir nur, weil Gott „Ja“ zu uns sagt. Doch die Juden wollen das nicht wahr haben. Sie sagen zu Jesus: „Wir haben deine Befreiung nicht nötig. Wir sind Nachkommen Abrahams und haben uns niemals jemandem als Sklaven unterworfen!“ Das ist so, wie wenn

wir sagen wollten: „Wir brauchen die Bibel nicht zu lesen, weil unsre Vorfahren sie schon gelesen haben!“Freiheit muß jedem wieder neu geschenkt werden.

Außerdem sind die Juden - gerade sie - oft fremden Herrschern unterworfen gewesen. Doch äußere Unfreiheit muß nicht auch noch innere Unfreiheit bedeuten. Darin haben die Juden schon recht. Man muß in unwürdigen Verhältnissen nicht würdelos sein. Freiheit ist auch eine Sache der inneren Haltung, des Mutes und des ungebrochenen Willens. Die Freiheit muß man sich nehmen oder (noch besser:) sich schenken lassen.

Die erniedrigenste Sklaverei liegt im Verfallensein an die Sünde. Wir sehen es ja meist anders: „Man kann doch als Sünder ganz gut leben, Hauptsache, man ist äußerlich frei und kann tun und lassen, was man will!“ Wir messen alles nur an uns selber und fragen, ob wir wohl im neuen Jahr Freiheit haben werden. Gott ist dabei nicht so wichtig - und gerade das ist unsere Sünde.

Sünde wäre ein vergleichsweise leicht zu behebender Schaden, wenn sie lediglich ein Versagen  auf moralischem Gebiet wäre. Sünde aber ist theologisch zu sehen. Sie besteht darin, daß wir nicht von Gott her und nicht auf Gott hin leben wollen. Wir wollen auch von Gott frei sein, geraten dadurch aber nur unter die Abhängigkeit des Widergöttlichen.

Es gibt keine neutrale Zone. Wer aus der Abhängigkeit von Gott herausgefallen ist, steht auf der anderen Seite. Entweder wir sind „Sklave“ oder „Sohn“. Jesus möchte natürlich, daß wir freie Söhne sind, die vertrauensvoll ihren Platz in der Familie Gottes finden. In jeder Familie gibt es natürlich auch Maßstäbe und Grenzen. Aber das sind nicht Grenzen, die knechten und einschränken, sondern die helfen wollen. Sie sind Grenzen aus Güte und Liebe, sie stützen und geleiten wie ein Geländer.

Zu einer solchen Freiheit will uns Jesus frei machen. Er will uns in einen Zustand bringen wie nach einer überwundenen Krankheit: Man war lange Zeit bettlägerig, hatte Schmerzen, spürte die Schwäche und wollte fast verzagen. Aber dann kam die erste Nacht eines erquickenden Schlafs, ein frohes Erwachen und ein Wachsen der körperlichen Kräfte. Schließlich kam das erste Aufstehen und die Feststellung: „Ich bin wieder gesund, ich fühle mich wie neugeboren,

das Leben hat wieder begonnen!“

Wir wissen allerdings schon, daß es auch wieder einen Rückfall geben kann. Aber Jesus macht uns immer wieder gesund. Der Mensch ist nicht auf sich selbst gestellt und rundherum das Nichts. Unsere Freiheit haben wir immer nur  m i t  Gott. Freiheit besteht nicht nur darin, daß man sagen kann: „Ich muß nicht!“ Zur Freiheit gehört auch, daß man sagt: „Ich kann, ich darf!“

 

(2.) Wahrheit: Zu dieser Freiheit gehört auch die Wahrheit dazu. Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ Doch diese Wahrheit ist nicht etwas, das unverrückbar feststeht, so wie 2 + 2 = 4 ist. Die Wahrheit Gottes erhebt immer einen Anspruch auf uns: Sie fordert unsere innere Beteiligung und unsere Entscheidung. Nur so werden wir Gottes Kinder, die nicht mehr sagen: „Ich muß Gott über alle Dinge lieben!“ sondern die sagen: „Ich kann ihn über alle Dinge lieben, weil er selber mich zu sich gezogen und überwältigt hat und mich so erst

lebendig gemacht hat!“

Ein Christ will nichts anderes, als was sein himmlischer Vater will. Das ist seine Freiheit. Weil Jesus uns zu seinen Brüdern gemacht hat, dürfen wir im Haus des Vater sein wie der Sohn selbst. Wir haben bei Gott unser Zuhause, weil Jesu Wort in uns wohnt und wir in seiner Rede bleiben.

Was Jesus uns geben will, empfangen wir nicht schon dadurch, daß wir uns in einem äußerlichen Sinn zu ihm rechnen. Zugehörigkeit zur Kirche und mitmachen in dem „Unternehmen“ Kirche tun es noch nicht. Rechte Jünger Jesu „bleiben“ in seiner Rede. Dazu gehört, daß sie regelmäßig mit seinem Wort und Sakrament umgehen.

Mit anderen Worten: „Der Gottesdienst verhilft uns zur Freiheit und zur Wahrheit!“Das Wort Jesu ist nicht ein Studien- oder Lernpensum, sondern in seinem Wort will er für uns da sein, will er uns bergend umschließen wie unser vertrautes Zuhause. Er will persönlich mit uns Kontakt haben.

Wenn das ständig praktiziert wird, bleibt das alte Leben dahinten und es beginnt das neue, ein neues Leben in der Wahrheit und damit in der Freiheit. An sich ist jeder Tag geeignet für einen Neuanfang. Aber am Silvesterabend wird uns besonders dieses Angebot gemacht, daß Alte zurückzulassen und mit Jesus ein Neues zu beginnen. Man kann die rechten Jünger nur beglückwünschen, daß sie eine solche Zukunft haben.

 

 

Neujahr: Sprüche 16, 1 - 9

An Neujahr denken wir nicht an eins der großen Ereignisse der Heilsgeschichte, sondern es beginnt nur ein neues bürgerliches Jahr. Der Umlauf der Erde um die Sonne ist naturgegeben: Nach 365 Tagen sind wir wieder an dem Punkt angekommen, wo wir schon einmal waren. Aber an welchem Punkt der Erdumlaufbahn wir Neujahr begehen, ist nur eine Übereinkunft. Andere Völker haben zum Teil andere Neujahrstermine.

Dennoch nehmen wir als Christen Anteil am großen Weltgeschehen und an dem Geschehen in der Natur. Wir machen auch Pläne, sehen bestimmte Aufgaben auf uns zukommen, werden Termine wahrzunehmen haben. Dabei können uns die Sprichwörter eine Hilfe sein, besonders wenn sie in der Bibel stehen. Ihre Weisheit hat man als eine Steuermannskunst (Kybernetik) bezeichnet, mit deren Hilfe wir uns durch die Wirrnis des Lebens hindurch lotsen können. Dabei wird es nicht so sehr darauf ankommen, fertige Lebensregeln zu übernehmen, sondern Orientierungshilfen für die eigene Erkenntnis zu gewinnen.

Dennoch bleiben wir heute nicht auf dem Boden des Allgemein-Menschlichen. In acht von neun Versen dieses Abschnitts ist von Gott die Rede. Überhaupt heißt es: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang!“ Doch der gesunde Menschenverstand wird durch die Ehrfurcht vor Gott nicht ausgeschaltet, sondern nun erst recht gesund gemacht. Der Glaube an Gott macht die täglichen Erfahrungen nicht unwichtig, sondern bringt sie erst recht zur Geltung. So kann uns deutlich werden: Auf Schritt und Tritt haben wir es mit Gott zu tun‚ der zwar unsre Pläne durchkreuzt, aber doch unser Werk voranbringt.

 

(1.) Gott durchkreuzt unsere Pläne: Am Anfang eines Jahres schließt sich uns ein solcher Satz leichter auf: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt!“ Wir können uns vorkommen wie einer, der vor der Reise Fahrpläne studiert und Zuganschlüsse ausklügelt, aber nachher doch der Eisenbahn ausgeliefert ist, ob sie pünktlich kommt oder gar nicht.

Man hat Wunsche und Hoffnungen. Man sieht Aufgaben und Möglichkeiten ihrer Erfüllung. Man nimmt sich Wichtiges vor. Man erhofft sich Angenehmen und Erfreuliches. Besonders junge Menschen machen viele Pläne; und ein wenig jung ist man in dieser Hinsicht hoffentlich auch noch in den älteren Jahrgängen.

Doch wir wollten bedenken: „Gott hat einen Weg!“ Wege sind lebenswichtige Einrichtungen. Sie verbinden  einen Ort mit dem anderen, machen Begegnung und Austausch möglich. Auf einem Weg hat man festen Boden unter dem Füßen und muß nicht im Schlamm waten und bleibt nicht am Gestrüpp hängen. Menschen benutzen die Wege, Waren werden auf ihnen transportiert, ohne Wege können wir uns das Leben nicht mehr vorstellen.

Der Zeitraum eines neuen Jahres 1äßt sich vergleichen mit einem Netz verschiedener Wege und Straßen. Manche sind bekannt, manche bleiben uns unbekannt. Wir können heute noch nicht wissen, welche Wege wir durch dieses Jahr geführt werden. Es gibt zahllose Möglichkeiten. Wir müssen uns tagtäglich entscheiden. Und manchmal müssen wir umkehren auf unserem Lebensweg. Keiner kann voraussagen, was am Ende herauskommt.

Nur Gott kennt unsren Weg. Er hat schon einen Weg für uns, wo wir ihn noch nicht sehen. Deshalb braucht uns das Unbekannte nicht zu ängstigen. Oft haben wir allerdings nur Einblick in eine kurze Strecke. Kurven und Kreuzungen und der übrige Verkehr sind ein Hindernis. Manchmal fehlt uns der Mut. Aber dann können wir auch wieder erleichtert feststellen, daß uns neue Kräfte zuwachsen. Gott hilft uns, daß wir Kurs halten. Er geht sogar ein gutes Stück mit. Er bringt uns wieder zur Vernunft und gibt uns die Chance, Fehler zu erkennen und zu berichtigen und wieder neu anzufangen.

Das bedeutet aber auch: Unsere Gedanken und Pläne werden oftmals durchkreuzt. Dreimal steht in den neun Versen in der Mitte ein inhaltsschweres „Aber“. Es bedeutet, daß noch etwas übersehen und vergessen ist, daß noch etwas zu berücksichtigen ist oder noch eine andere Möglichkeit vorhanden ist. Es bedeutet, daß es mit unserem Denken und .Handeln um die Ecke gehen muß. Und es macht deutlich: Wir haben es unter allen Umständen mit Gott zu

tun.

Heimlich fordern wir immerzu einen Gott, dessen Gedanken und Vorhaben sich mit den unseren decken müssen. Da wird dann gesagt: „Wenn es einen Gott gäbe, dann müßte er doch...!“ Warum „muß“ er eigentlich? Diese Denkweise kommt zu sehr aus dem Menschlichen. Der so vorgestellte Gott ist nur die Übertragung (Projektion) der eigenen Vorstellungen und Wunsche an den Himmel. Ein Gott, der in unser Schema paßt ,ist nicht der wirkliche und lebendige Gott. „Der Mensch denkt - Gott lenkt!“

Ohne Zusammenstöße zwischen dem Willen Gottes und dem unseren wird es nicht abgehen. Als Sünder können wir von uns aus gar nicht die Gedanken Gottes denken. Wie viele törichte Dinge haben wir uns schon ausgedacht! Wie heillos und zerstörerisch sind oft unsere Gefühle, Träume und Ideen! Gott nimmt uns das Wollen nicht, denn er hat uns ja als freie Menschen geschaffen. Aber er muß sich uns oft in den Weg stellen und dabei unsere Gedanken durchkreuzen.

Der Anfang des Abschnitts führt das mehr im Einzelnen aus: Man legt sich zurecht, was man sagen will, klügelt Gedankengänge aus und sucht schlagkräftige Formulierungen. Aber „vor Ort“ kommt es dann anders heraus, zu unserem Vorteil oder Nachteil.

Aber auch in der Rückschau auf unsere Taten sind wir oft merkwürdig blind. Man sollte meinen, niemand wüßte über uns so gut Bescheid wie wir selbst. Aber uns selbst gegenüber sind wir besonders unsachlich. Der Mensch kann nicht leben, ohne „gerecht“ zu sein. Deshalb muß

er sich immer wieder einreden‚ er sei doch gerecht. Aber wenn einer unsachlich wird, dann befindet er sich in der schwächeren Position. Vor Gott sind wir sowieso in der schwachen Position. Oft sind wir es aber auch gegenüber den Menschen. Einem jeden dünken seine Wege rein. Aber Gott prüft, was im Menschen ist. Das eigene Urteil ist ganz unmaßgeblich. Dennoch gilt:

 

(2.) Gott bringt unser Werk voran: Im Bewußtsein registrieren wir viel deutlicher die Fälle, in denen die Ampeln vor uns auf Rot stehen. Die grüne Wellen lassen wir uns meist unbedacht gefallen. Aber was zunächst als eine Behinderung aussah, kann Bewahrung und Befreiung sein. Die Menschen auf einem Schiff schimpfen vielleicht, wenn der Steuermann sehr schnell das Steuer herumwirft. Aber in Wirklichkeit wollte er nur einer Sandbank ausweichen. Man kann nicht immer geradeaus fahren.  Wo wir uns nicht erhört fühlen, da hat Gott in Wirklichkeit aufmerksam zugehört und weise entschieden. Gott ist unsichtbar zur Stelle und tut sein Bestes für uns. Wenn Gott unsere Pläne durchkreuzt, dann bringt er in Wirklichkeit unser Werk voran.

Ein Mann erzählte seinen Traum: „Ich ging mit Gott am Strand entlang. Vor meinen Augen zogen Bilder aus meinem Leben vorüber. Auf jedem Bild entdeckte ich Fußspuren  im Sand. Manchmal sah ich Abdrücke von zwei Fußpaaren im Sand, dann wieder nur von einem Paar. Immer dann, wenn ich unter Angst, Sorge oder dem Gefühl des Versagens litt, waren nur die Abdrücke von einem Paar Füße zu sehen. Ich fragte Gott: ‚Wenn ich dich am dringendsten brauchte, warst du nicht für mich da!‘ Er aber antwortete: ‚Wenn du nur ein Fußpaar im Sand gesehen hast, mein Kind dann habe ich dich getragen‘!“

Die Aufforderung „Befiehl den Herrn deine Wege“ könnte mißverstanden werden, als sollten wir zur Untätigkeit verführt werden. Es ist schon etwas Wahres an den Sprichwörtern: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ und  „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ Das Glücklichsein ist nicht allein Sache des Schicksals, so als würde ein Los über uns geworfen, sondern auch eine Aufgabe. Es gilt, aus dem Leben etwas zu machen, die Chancen auszuschöpfen, die Aufgaben anzupacken, das Leiden sinnvoll zu verarbeiten und in etwas Fruchtbares und Aufbauendes zu verwandeln .

Aber in der dunkelsten Stunden leben auch wir Christen oft, als gäbe es keinen Gott. Wir wollen uns nicht führen lassen, sondern selbst steuern. Da fragen wir eher nach Gewinn und Erfolg als nach Gehorsam. Da redet man sich ein, in dieser Lage sei es Leichtsinn, sich auf Gott zu verlassen, jetzt können man nur noch sich selber helfen.

Doch in den Sprüchen heißt es: „Wälze dein Tun auf Gott!“ Alle auf uns liegende Last dürfen wir von uns wegwuchten und getrost unserem Gott auflasten. Wir brauchen nicht krampfhaft festzuhalten, was nicht unsere Sache ist. Wer auf selbstgebasteltes Glück aus ist, wird es verfehlen. Wer sich aber Gott in die Hände gibt, wird das Glück finde. Gerade wenn es nach Gott geht, wird es vorangehen.

Es gibt keine Bereiche und Vorgänge im Weltgeschehen, auch im neuen Jahr, in denen  Gott nicht seine Hand hätte. Selbst der „altböse Feind“ muß letztlich Gott in die Hände arbeiten. Gott wird sein letztes Wort noch sprechen. Wer sich nur auf glatte Lösungen einlassen will‚ weiß noch nichts von der Freude des wagenden Vertrauens.

Am Tag des Herrn werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Da wird herauskommen, was Gottes Zweck gewesen ist. Sicher gibt es auch Widrigkeiten, aber ihnen ist der Charakter des Endgültigen genommen. Uns müssen alle Dinge zum Besten dienen.

 

 

Epiphanias: Jes 60 , 1 - 6

Wenn man in der Weihnachtszeit durch das Erzgebirge fährt, sieht man in den Fenstern viele Lichter. Früher waren es Kerzen, heute sind es elektrische Leuchtkörper. Sie stehen in den Fenstern der Häuser und geben den Ortschaften ein festliches Aussehen. Auch die Kirchtürme tragen Lichterschmuck: oft leuchtet an ihnen ein Kreuz oder ein anderes Christuszeichen, die deutlich machen‚ auf wen die vielen Lichter hinweisen sollen.

Auch bei Jesaja dem Dritten heißt es: „Mache dich auf, werde licht, denn  dein Licht kommt!“ In diesem Satz wird das Wort „licht“ das erste Mal wird klein geschrieben, weil wir nicht selber ein Licht sein können, sondern immer nur das Licht Gottes weiterstrahlen. Gott ist ja da, nicht nur im Erzgebirge, sondern überall in der Welt und natürlich auch hier bei uns. Die Gottesfinsternis ist beendet: Gott leuchtet auf, die Völker ziehen heran und die Gemeinde wird beschenkt.

 

1 . Gott leuchtet auf: Ehe man von der Herrlichkeit Gottes sprechen kann, muß man erst einmal als dunklen Hintergrund die Gottesfinsternis sehen, die das Erdreich deckt. Zu allen Zeiten hatten die Menschen den Eindruck, daß der Himmel verschlossen sei und das Angesicht Gottes verborgen, Gott also unzugänglich und nicht ansprechbar ist. Das galt für die Israeliten von damals: Im Jahre 537 waren einige nach Jerusalem zurückgekehrt, aber die Sammlung der Zerstreuten stand noch aus. Im Land wütete Gewalt, die Stadt Jerusalem lag in Trüm­mern und war verwüstet, sie wurde gemieden und war verhaßt. Äußere Not ist aber immer zugleich Glaubensnot und führt die Menschen in manche Fragen.

Solche Klagen aber sind nicht nur im Gottesvolk möglich, sondern in der ganzen Welt. Weil sie sich von Gott abgewandt hat, hat sich auch Gott von ihr abgekehrt. Gottesfinsternis meint nicht: Es gibt keinen Himmel und darum auch keine Hölle. Vielmehr bedeutet sie: Gott ist schon da, aber wir haben es mit ihm verdorben. Zwar ist noch nicht alles zwischen ihm und uns aus, aber es besteht eine von uns nicht zu behebende Fremdheit.

Auch heute gibt es Ereignisse, die wir nicht verstehen und wo Gott uns fremd bleibt. Auch und gerade in diesem Tagen vor Weihnachten haben uns Nachrichten von schrecklichen Katastrophen erreicht. Viele Menschen sehnen sich trotz allem nach Gott. Sie bemühen sich, ihn wieder zu gewinnen und zu versöhnen. Damals plagten sie sich mit heidnischen Kulten und mit Zauberei. Heute hat das Heidentum mehr weltlichere Formen. Aber auch da gibt es Dinge, auf die man mehr vertraut als auf Gott. Gottesfinsternis gibt es nicht nur in der „bösen Welt“, sondern auch in Gottes eigenem Volk.

Doch in genau dieser Situation dürfen auch wir die Rede des Propheten hören: „Über dir geht auf der Herr!“ Wie wenn die Sonne aufgeht, erscheint er über seiner Gemeinde. Dabei fehlt jedes kriegerische Element. Gott kommt nicht mit all seiner Macht. So ist ja auch Jesus ohne Reichtümer und Soldaten in die Welt gekommen. In einem Stall wurde er geboren, und auf einem Esel ist er in Jerusalem eingezogen.

Vielleicht stoßen wir uns noch heute an dem erbärmlichen Äußeren dieses Jesus. Vielleicht hätten wir lieber einen Herrn, der es den anderen einmal zeigt und uns mit Wohltaten überhäuft. Aber das wird uns genauso verwehrt wie früheren Geschlechtern.

Haben wir uns vielleicht getäuscht? Hat vielleicht Gottes Herz schon immer offen gestanden, aber wir haben es nur nicht gemerkt? Daran ist schon etwas Wahres: Gott leidet ja selber daran, daß er zürnen und richten muß. Aber wir können das Heil nicht gewinnen, indem wir uns zu einer neuen Einstellung gegenüber Gott durchringen. Vielmehr reißt Gott selber den verschlossenen Himmel auf und läßt seine Herrlichkeit über den Menschen aufgehen.

Deshalb sollen wir alle Müdigkeit und Trauer ablegen und uns zur Freude rufen zu lassen. Unfrieden und Einsamkeit, Krankheit und Tod sind nicht das letzte Wort Gottes. Vielmehr sollen wir dadurch in Bewegung gesetzt werden. So taten es die Hirten in der Christnacht, die ihre Herden allein ließen, um Gott ganz nahe zu kommen. Aber auch aus der Ferne haben sich die Weisen aufgemacht, auf einem viel weiteren und gefahrvolleren Weg, um mit dabei zu sein. Sie sind aber nur die ersten, die sich aufgemacht haben‚ um dem Kind zu huldigen. Bei ihnen wird anfangsweise schon anschaulich, wie es einmal bei der Wallfahrt der Völker sein wird.

 

2. Die Völker ziehen heran: Jesaja stellt es sich so vor: Über dem Berg Zion in Jerusalem geht das Licht Gottes auf, aber die übrige Welt bleibt im Dunkel. Das ist wie bei einer Bühne im Theater: Sie liegt ganz im Dunkel, nur ein Scheinwerfer ist auf den Punkt gerichtet, wo jetzt etwas geschehen soll. Im Publikum richten sich alle Augen sofort dorthin. So machen sich auch die Völker der Welt mit ihren Königen auf zu jenem aufregenden Lichtfleck auf dem Zionsberg, den sie entdeckt haben.

In großen Zügen werden sich die Völker nach dem Mittelpunkt der Welt aufmachen. Dabei bringen sie freiwillig ihre Reichtümer mit, aber auch die in alle Welt zerstreuten Glieder des Volkes Israel. Auf dem Zionsberg werden alle vereint sein: Gott, das Volk Israel und alle Völker. Man muß gar keine Mission treiben, muß sich gar nicht zu den Heiden in Bewegung setzen, weil sie ganz von selber kommen.

Auch in der heutigen christlichen Gemeinde müßte die Gegenwart Gottes so unübersehbar und überzeugend sein, daß es die Menschen geradezu magnetisch zu Gott zieht. Wenigstens an Weihnachten könnten sie doch einmal kommen. Leider ist das nicht so. Das hat zwei Grunde:

An uns sündigen Menschen kann die verwandelnde Kraft Gottes nicht direkt anschaulich werden. Wir können nicht sagen: „Sieh mich an, und du wirst sehen, wer Christus ist!“ Wir können nur sagen: „Sieh mich an und staune darüber, daß Christus sich mit solchen Menschen wie mir noch abgibt!“ Deshalb wurde Gott ja Mensch, damit auch die Sünder wieder eine Chance haben.

Zum andern ist die Verheißung des Jesaja nicht einfach Erfahrung, sondern Verheißung. Die Weisen aus dem Morgenland machen nur einen ersten Anfang. Der Zustrom der Völker ist aber meist viel mühsamer und hindernisreicher, als Jesaja es sich vorstellte. Heute wird davon geredet, daß Jugendliche verstärkt sich der Kirche zuwenden. Das mag in den großen Städten so sein. Aber bei uns merkt man noch nichts von einem neuen Aufbruch.

Es wäre aber wichtig, daß sie kommen, damit auf dem Heimweg auch etwas mit ihnen mitgeht. Das Heil wird nicht einfach in die Welt hinein versprüht, sondern die Empfänger müssen schon kommen. Sie werden das Heil nur finden‚ wenn sie in die Gemeinde eingehen, in der Christus mit Wort und Sakrament gegenwärtig ist.

 

3. Die Gemeinde wird beschenkt: Die sich bisher an Israel bereichert haben, werden ihre Schätze bringen. Die Weisen aus dem Morgenland stellen das wieder m im Voraus dar. In der Tradition werden sie ja mit Königen gleichgesetzt, die kostbare Gaben bringen, Weihnachtsgeschenke, die sich auch heute sehen lassen könnten.

Doch eher sollte man in ihnen Menschen sehen‚ die auf der Suche nach Wahrheit sind. Heute wären sie vielleicht Wissenschaftler, Schriftsteller oder Liedermacher. Sie versuchen, die Zu­sammenhänge in der Welt zu sehen und die Entwicklungsmechanismen zu erkennen. Neue Erkenntnisse bringen aber neue Probleme, Lösungen und Auswege sind gefragt.

Es gibt viele Angebote zur Lebensbewältigung. Viele „Sterne“ zeigen sich am Himmel, nach denen man trachten kann: Reichtum und Karriere, Gesundheit und Kinder. E i n Stern allerdings hat einen anderen Schein. Er zeigt die Richtung, ohne fertige Lösungen anzubieten. Die Weisen richteten sich nicht nach den feststehenden Sternen, bei denen man weiß, was man hat. Vielmehr machen sie sich auf den Weg, um zu sehen, ob noch etwas anderes möglich ist. Dabei machen sie die Entdeckung, daß die Lösung ihrer Lebensprobleme bereits geschehen ist durch die Geburt des Kindes in der Krippe.

Das ist das eigentliche Geschenk, das der Gemeinde und darüber hinaus der ganzen Welt gemacht wurde. Es geht dabei nicht um die Verherrlichung der Kirche, sondern allein um Gottes Herrlichkeit und Ehre. Nicht für die Kirche werden Menschen gesammelt, sondern für Gott.

Und weil Gott ihr Bestes will, geschieht alles zum Heil der Menschen.

Vielleicht hat Gott mit uns die größten Dinge im Sinn. Das dürfen wir nicht verschlafen. So wie die Weisen aus dem Morgenland sollten wir uns aufmachen zu Gott.

Jesaja sagt:“ „Werde licht!“ Das bedeutet doch wohl: Laß die Herrlichkeit Gottes erst einmal in dich eindringen!“Und dann gilt: „Kopf hoch!“ Oder merkst du nicht, was bei Gott jetzt „dran“ ist? Er will dir Lust und Freude machen, er will dich licht machen und beschenken‚ damit auch andere davon angelockt werden.

 

 

1 . Sonntag nach Epiphanias: Joh 1, 29 - 34

In einem ehemaligen Kloster in Colmar im Elsaß steht der große Flügelaltar von Matthias Grünewald, der als „Isenheimer Altar“ bekannt ist. Zentrales Bild ist die Darstellung der Kreuzigung Jesu. Es ist so berühmt, daß es selbst in der DDR in den Schulbüchern für das Fach Geschichte zu finden ist. Auf diesem Bild ist auch Johannes der Täufer zu sehen, der in Wirklichkeit ja bei der Kreuzigung Jesu schon tot war.

Aber der Maler will ja nicht historisch Richtiges darstellen, sondern mit seinem Bild eine Predigt halten. Zu Füßen des Johannes sieht man ein kleines Lamm mit einem Kreuz und über seinem Arm stehen die Worte: „Dieser trägt die Sünde der Welt!“ Der Arm mit dem übergroß gemalten Zeigefinger deutet auf den gekreuzigten Jesus.

Damit ist etwas in die Kreuzigungsszene verlegt, was Johannes schon bei der Taufe Jesu gesagt haben soll und was die Bedeutung Jesu vortrefflich wiedergibt. Ehe Jesus auch nur ein einziges Wort gesprochen hat, wird sein Auftrag schon so beschrieben: Er ist nicht der zornige Richter, sondern das Lamm - er ist der Geopferte, der sein Leben gab zur Erlösung für viele.

Nun ist die Bezeichnung „Lamm“ oder „Schaf“ heute fast ein Schimpfwort. Meist denkt man an ein „dummes Schaf“ ‚ und das möchte man halt doch nicht sein. Aber in Wirklichkeit können wir doch nur froh sein, wenn da einer kommt, der der Schaden und die Schlechtigkeit der Welt trägt. Da gibt es einen, der will uns helfen, nicht indem er uns auf eine andere Welt vertröstet, sondern indem er jetzt schon den Schaden der Welt trägt.

Es sind schon viele Vorschläge gemacht worden und viele Konferenzen abgehalten worden, aber wir leben immer noch in Angst bzw. unsre Angst wird immer größer: Geht morgen die Welt kaputt? Kommen die furchtbaren Waffen doch einmal zum Einsatz? Auch die Weltwirt­schaftslage wird immer bedrohlicher: Menschen sterben an Unterernährung, die Rohstoffe nehmen ab, Wälder sterben.

Die Welt hat lebensbedrohliche Schäden, und wir schaffen es nicht, wirklich zu helfen. Früher haben wir uns damit getröstet: Es wird schon nicht so heiß gegessen‚ wie es gekocht wird, die Wissenschaft hat noch immer einen Ausweg gefunden. Aber heute brennt uns etwas unter den Nägeln, das uns nicht mehr kalt läßt. Immer öfter zucken auch die Wissenschaftler hilflos mit den Achseln. Wir sehen mit Entsetzen: Eines Tages könnte es nicht mehr weitergehen!

In diese Sorgen und Ängste ruft einer hinein: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Jesus trägt mit, er hilft mit, wo wir es allein nicht schaffen. Vor allem stellt er sich auch als Sündenbock zur Verfügung für alles, was wir „verbockt“ haben. Jesus ist also nicht das zarte Lämmlein, sondern der Sündenbock, der sich schuldig nennen läßt, obwohl er unschuldig ist.

Wir sind wie gelähmt, solange wir mit der Schuldfrage nicht fertigwerden. Viel Zeit und Energie wird verschwendet mit der Suche nach dem Schuldigen. Die Bearbeitung von Eigentumsvergehen und Ordnungswidrigkeiten ist eine Hauptbeschäftigung unserer Polizei. Aber oft bleiben alle Bemühungen ergebnislos. Da kann der Polizist auch nur sagen: „Nennt mir den Täter, dann habe ich ihn gleich!“ Aber auch wenn der Täter gefaßt ist, dann leugnet er oft noch und will seine Schuld nicht einsehen.

Doch wenn wir selber unseren Anteil an Schuld erkannt haben‚ dann dürfen wir ihn diesem Lamm Gottes aufladen. Er braucht uns nicht mehr zu belasten, sondern Jesus Christus befreit uns von unseren Verfehlungen. Und damit weicht die Lähmung, die uns angesichts der Schuld­frage überfällt. Es ist nicht hoffnungslos mit uns und mit der Welt, weil einer mit seinem Blut unterschrieben hat, daß wir neu anfangen können.

Im praktischen Leben scheinen andere Dinge dringlicher zu sein als die Vergebung der Sünden. Doch das ist nur der äußere Anschein. Wenn man die Konfirmanden fragt, was wohl für die meisten Menschen die wichtigste Bitte im Vaterunser sei, dann sagen sie: „Die vierte Bitte, das tägliche Brot!“ Aber als zweites kommt dann meist die fünfte Bitte, in der es um die Vergebung der Sünden geht.

Hier liegt in der Tat ein Bedürfnis des Menschen vor, auch wenn er es vor sich selber nicht wahrhaben will. Es ist gut, wenn in unseren Gottesdienstordnungen hin und wieder die Bitten um Vergebung und der Zuspruch der Sündenvergebung ausführlich zum Ausdruck kommt (und nicht nur bei den Beichtgottesdiensten):  Hier liegt wohl doch ein echtes Bedürfnis auch des heutigen Menschen vor.

Natürlich versuchen wir gern, die eigene Sünde abzustreiten oder zu verdrängen. Beim anderen aber nehmen wir die Sünde sehr schwer und entwickeln einen unheimlichen Scharfblick (Scharfsinn) im Aufdecken fremder Schuld. Aber für uns und für andere gilt: Ob Sünde weggeräumt wird oder im Raume stehen bleibt, daran hängt Sein oder Nichtsein, das ist die Mitte unseres Glaubens.

Der Schriftsteller Heinrich Böll schreibt in seinem Roman „Billard um halb zehn“ von den Sakramenten des Büffels und des Lammes. Mit dem Sakrament des Büffels meint er das Gewaltdenken, den Militarismus und die Unmenschlichkeiten, das Funktionieren des Menschen auf Befehl. Wer dagegen vom Sakrament des Lammes gekostet hat, der ist infiziert von Liebe zum Mitmenschen, zum Frieden und sogar zum Feind: Er ist bereit zu Verzicht, Opfer und Leiden.

Wir wissen, daß nur Jesus in vollem Maße dazu bereit war. In ihm sollen wir den vom Himmel Gekommenen entdecken. Das ist das Thema dieser Epiphaniaszeit nach Weihnachten. Die Ausgangslage wird mit den Worten des Johannes beschrieben: „Ihr kennt ihn nicht, auch ich habe ihn nicht erkannt!“ Gott kann eben nur durch Gott erkannt werden. Dem Täufer aber hat Gott das Zeichen gegeben, daß er Gott in Jesus erkennen kann. Der Täufer wird zum Zeugen, damit Christus offenbar wird in seinem Volk und allen Völkern. Der nach ihm Kommende ist der Eigentliche.

Wir können uns nicht damit beruhigen, daß er uns menschlich zusagt oder daß wir ihn bemerkenswert finden und vielleicht eine Schwäche für ihn haben. Er wäre dann ein großer der Menschheit, ein guter Mensch, ein Auserwählter. Er hätte dann vielleicht die Vergeistigung der Religion gefördert wie kein anderer.

Dabei wäre aber vorausgesetzt, daß jeder Mensch etwas Göttliches in sich hat. Jesus hätte es nur in besonderer Dichte und Fülle. Man würde von einer einzigartigen Deckung von Lehre und Leben in seiner Person reden. Er hätte vorgelebt‚ wie wir handeln sollen.  Er wäre der höchste Gipfel innerhalb des Menschlichen, Gott besonders nahe, darum ein Mittler und großer Lehrer, aber mehr eben auch nicht.

Der Täufer aber sieht es ganz anders. Jesus ist nicht nur ein Zeuge wie Johannes, sondern der Kommende. Er war von Anfang der Welt an und unterliegt nicht der Vergänglichkeit. Er ist nicht ein Mensch, der sich selbst zu Gott macht, sondern er i s t Gott.

Gott selber gibt dem Täufer das Zeichen, daß nun der Richtige vor ihm steht. Der Geist fährt herab auf Jesus und bleibt auch bei ihm. Der Messias ist nicht ein geistbegabter Mensch, er wird auch nicht erst durch die Geistmitteilung zum Sohn Gottes. Jesus wird nicht zum Sohn Gottes, sondern er  i s t  es. Er muß nur entdeckt werden als der, der er ist.

Auf das Zeichen‚ das dem Täufer gegeben wurde, kommt es dabei nicht im Einzelnen an. Gott hätte dem Täufer auch ein anderes Erkennungsmerkmal geben können. In der Weihnachtsgeschichte sind es Krippe und Windeln. In keinem Fall aber könnten Fleisch und Blut es offenbaren. Das uns gegebene Zeichen ist das Wort Gottes, da Jesus der Erwählte ist.

Er räumt die Sünde und ihre Folgen aus unserem Leben weg. Aber er bringt auch das neue Leben aus dem Geist in unser Leben hinein. Die Taufe des Johannes geschah nur mit Wasser. Durch Jesus aber wird sie etwa  anderes. Sie geschieht zwar auch durch Wasser, aber sie gibt dabei den Geist Gottes.

Was für Jesus bei seiner Taufe galt, das wird auch uns zuteil: Der Geist fährt nicht nur herab, sondern er bleibt bei uns, er kommt, um in uns Wohnung zu nehmen. Wir leben ein gottgeschenktes Leben. Darauf dürfen und sollten wir uns verlassen. Gott ist bei uns in unserem Leben‚ seit Jesus Mensch geworden ist und seit wir getauft worden- sind.

 

 

2. Sonntag nach Epiphanias : Mk 2, 18 - 20

Auf dem Predigerseminar war einer dabei, der lebte allein in seinem Pfarrhaus. Er hatte niemanden, der ihm das Essen zubereitete oder sonst seine Sachen versorgte. Mit seiner Haushaltsführung wird es wohl nicht weit her gewesen sein. Er erzählte dann zum Beispiel: „Wenn es auf das Wochenende zugeht und eine Taufe oder Trauung bevorsteht, dann hungere ich immer erst. Aber wenn es dann soweit ist und ich werde zur Feier eingeladen, dann wird aber tüchtig gegessen!“

Er hat also die Gelegenheit genutzt, einmal ordentlich etwas zu kriegen bzw. einmal etwas Ordentliches zu kriegen. Er machte aber genau den Unterschied zwischen den Zeiten: Einmal war die Zeit zum Fasten und einmal war die Zeit zum Feiern. Beides kann nebeneinander bestehen und ist zu seiner Zeit richtig.

Das war auch die Meinung der frühen Gemeinde, als sie sich mit den Jüngern der jüdischen

Gesetzeslehrer und den Jüngern des Johannes über die Frage auseinandersetzte: Soll man noch fasten oder nicht ? Für uns ist das keine Glaubensfrage, sondern allenfalls eine medizinische Frage. Fasten empfiehlt der Arzt, wenn jemand für sein Körpergewicht zu klein ist.

Die frommen Zeitgenossen Jesu aber waren überzeugt, mit frommen Werken die Herrschaft Gottes schneller herbeiführen zu können. Fasten galt dabei als besonders wirkungsvolles Werk der Frömmigkeit. Sie wunderten sich darüber, daß die Jünger Jesu sich nicht daran beteiligten und verdächtigten sie, sich zu sehr den Genüssen der Welt zu ergeben und Gott damit zu verraten.

Die Gemeinde aber beruft sich auf Jesus, der gesagt hat: „Jetzt ist der Bräutigam da!“ Da ist es Zeit, mit dem Fasten aufzuhören und zu feiern. Wer jetzt noch fastet, der tut so, als habe die Feier noch nicht begonnen oder falle aus! Jesus hat aber nicht nur so gesprochen, sondern auch danach gehandelt. Nicht nur bei der Hochzeit zu Kana war er dabei, sondern er hat sich auch mit dem Abschaum der Gesellschaft an einen Tisch gesetzt und mußte sich als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpfen lassen.

Schon im Alten Testament wird die Verbundenheit Gottes mit seinem Volk unter dem Bild der Ehe vorgestellt. Aber man nahm natürlich an, G o t t sei der Bräutigam. Auch Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einer Hochzeit. Doch er sagt: „I c h bin der Bräutigam! In mir verbindet sich Gott erst eigentlich mit euch! Er wurde ein Kind, er wurde ein Mensch! Deshalb ist jetzt die Heilszeit! Und wer jetzt noch fastet, hat nicht erkannt, daß die Herrschaft Gottes längst begonnen hat!“

Doch nicht nur Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, sondern auch Gott und die Gemeinde werden eins. Sie kommen sich so nahe, wie nur Eheleute miteinander verbunden sein können. Sie sind nicht nur telefonisch miteinander verbunden, sie treten nicht nur durch Rede und Antwort in Kontakt, sondern sie begegnen sich wirklich und leibhaftig. Stärker als mit dem Wort „Hochzeit“ kann man gar nicht ausdrücken, wie eng sich Gott mit den Menschen verbindet.

Kurz gesagt könnte man diesen Bibelabschnitt so zusammenfassen: „W o  J e s u s  i s t,  d a     i s t  F r e u d e!“ Doch das ist leichter gesagt als gelebt. Ein Mann sagte einmal zu einem anderen: Sie finden aber in jeder Sache noch etwas Positives!“ Das war diesem gar nicht so bewußt gewesen. Aber es hatte wohl etwas mit dem Glauben zu tun: Man darf sich nicht von Unzufriedenheit und Leid übermannen lassen, sondern darf immer wieder auf Gottes Zukunft und seine Hilfe hoffen.

Allerdings gibt es auch Dinge, da kann man nicht mit einigen frommen Worten darüber hin­weggehen. Wenn ein lieber Mensch gestorben ist, wenn man arbeitslos wird, wenn Krieg ist, dann kann man nur verstummen, dann muß man das einfach aushalten und kann nur auf eine bessere Zukunft hoffen.

Darauf nimmt auch der eine Vers bezug: „Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten an einem Tage!“ Dieser Vers wurde eingefügt, als Jesus nicht mehr leibhaftig da war und die Gemeinde auch wieder mit dem Fasten angefangen hatte.  Da war wieder eine andere Zeit.  Aber solange Jesus noch da war, gab es allein Grund zur Freude.

Freude kann man zwar nicht befehlen. Man kann sich nicht in so eine künstliche Freude hin­einsteigern, daß man ständig wonnetrunken und überschäumend herumläuft. Das wäre überspannt und unecht. Aber wir verleugnen unseren Herrn, wenn wir sauer und verbittert, müde und hoffnungslos sind und überall nur das Negative sehen. Das wäre eine falsche Art des Fastens, wenn wir nur griesgrämig durch die Welt liefen und uns um Gottes willen einschränkten, aber in Wirklichkeit unglücklich dabei wären.

Gefastet wird heute durchaus auch: Um sich ein Auto oder eine Wohnung oder gar ein Haus zu verschaffen, wird oft Tag und Nacht und am Werktag und Sonntag geschuftet, bis es nicht mehr geht. Junge Menschen erbringen oft ungeheure Opfer an Zeit und Einsatz, um etwa ein bestimmtes Diplom zu erreichen. Wie viele Entbehrungen muß man auf sich nehmen, um ein erfolgreicher Sportlehrer oder Tänzer zu werden. Wenn einer erst gesiegt hat, wird er gefeiert. Aber davor stehen viel Schweiß und Tränen und danach oft körperliche Schäden.

Wenn man das alles nur als eine schwere Last auf sich nimmt, verdirbt man damit sein Leben. Wenn man aber locker und freudig dabei bleibt, dann kann es das Leben unheimlich bereichern. Dann wird man die hier gemachten Erfahrungen auch auf andere Gebiete des Lebens übertragen und auch einmal trübe Zeiten überstehen.

Jesus hat ja nicht unbedingt aus einer äußerlich glücklichen Situation so gesprochen. Wenn es einem gut geht, kann man leicht von der Freude reden. Aber Jesus hat ja eher ärmlich gelebt und hat manche Feindschaft aushalten müssen. Er hat alles kennengelernt, was Menschen auch mitmachen müssen. Aber er ist deshalb nicht verzagt.

Er hat es aber auch nicht so gemacht, wie viele das heute machen. Sie flüchten einfach vor den Aufgaben und geben zu früh auf. Die einen stürzen sich ins Vergnügen und meinen, das sei die wahre Freude.

Die anderen ergeben sich dem Alkohol oder dem Rauschgift, um wenigstens für eine gewisse Zeit alles vergessen zu können. Auch in Krankheit kann man sich flüchten, zunächst in die seelische und dann auch in die körperliche. Und Mancher flüchtet sich sogar in eine selbstgemachte Frömmigkeit und meint, das sei ein gottgefälliges Werk.

Aber all das bringt nichts. Jesus ist das Leben viel lockerer angegangen. Sogar zu Hochzeiten ist er gegangen. Und zwar nicht, um den anderen das Fest griesgrämig zu vermiesen und Was­ser in ihren Wein zu gießen.

Im Gegenteil: Es wird erzählt, er habe Wasser in Wein verwandelt und damit dem Gastgeber aus einer großen Verlegenheit geholfen. Er wollte nicht, daß das Fest platzt, sondern die Menschen sollten weiter feiern können, wo Jesus ist. Allerdings sollten sie nicht durch Unmengen an Alkohol in Stimmung kommen, sondern durch eine Freude, die tief von innen heraus kommt.

Die Gesetzestreuen und die Johannesjünger meinten, sie brauchten nur ihre bisherige Haltung etwas zu ergänzen. Also weiter an das Gesetz halten und noch mehr Verpflichtungen erfüllen, dann wird das Vorhandene schon repariert und vor Gott bestehen können. Jesus aber will mehr. Mit einem Schlagwort kann man sagen: „W o  J e s u s  ist, d a  i s t  F r e i h e i t!“

Jesus sagt es wieder mit einem Bild: „Man setzt keinen neuen Flicken auf ein altes Kleid, man tut nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst verliert man beides!“ Wer zur Hochzeit will, muß schon ein völlig neues Kleid anziehen. Und ein altes Kleid bleibt auch dann alt, wenn eine Kunststopferin es so kunstgerecht wieder herstellt, daß man kaum etwas von dem Schaden merkt.

Aber in der Kirche stehen wir immer in der Gefahr, am Alten kleben zu bleiben. Und wenn wir uns schon einmal etwas Neues ausdenken, dann ist es meist ein Gemisch aus Altem und Neuem. Beim Gottesdienst, bei der Ausbildung, bei der Konfirmation, bei der Verwaltung

soll alles so bleiben, wie es ist. Christliche Gemeinden sind immer konservativ, sie wollen

die alten Formen und wollen nicht beunruhigt werden.

Wenn man heute jemanden mit der Kirche bekannt machen möchte, wird man ihn wohl kaum mit zum Gottesdienst nehmen. Zum Einstieg eignet sich ein Gemeindekreis sich besser, wenn dort sichergestellt ist, daß auch die Botschaft von Jesus zum Zug kommt. Die Sache ist nämlich gut. Der Inhalt ist prima, auch wenn er alt ist. Wein wird ja auch immer besser, je älter er wird.

Aber die Schläuche sind halt alt. Es sind immer noch die alten Gefäße, in denen der neue Wein aufbewahrt wird. Der Gottesdienst ist heute im Grunde etwas Unfreies. Da ist alles kanalisiert und vorgeschrieben, es geschieht nichts Aufregendes, es fehlt die Gemeinschaft und die Aktion (oder soll man es englisch aussprechen als „action“?). Freude und Freiheit aber wollen sich ausdrücken und zu Aktivitäten führen.

Nachfolge Jesu heißt nicht, mit neuer Begeisterung alte Wege zu gehen. Unter der Führung Jesu können wir ungewöhnliche und aufregende Wege gehen. Vielleicht sind auch gefährliche Wege dabei. Aber auch das gehört zur Freiheit mit dazu. Wenn wir Jesus als Begleiter dabei haben, dann wird er uns auch zum Ziel bringen. Die Gefahr für uns wird wohl nicht sein, daß wir uns zu viel freuen oder zu freizügig sind. Eher haben wir umgedreht einen Fehlbedarf, eher kann man uns zu wenig Freude und Freiheit vorwerfen.

Jesus sagt: Freiheit! Es gibt keine Verhaltensweise, die man es spezifisch christlich ausgeben könnte. Wenn Hochzeit ist, darf man nicht fasten. Aber wenn der Bräutigam weg ist, wird es sein müssen. Doch nicht allein die Situation bestimmt das Verhalten, denn Maßstab ist allein Christus. Es nutzt nichts, sich den Kopf zu zerbrechen, was jetzt zu tun sein, ob es Zeit zur Freude oder zur Trauer ist.

Seit Ostern gibt es eigentlich nur noch Freude. Der Bräutigam ist zwar nicht mehr sichtbar

unter uns. Aber er sitzt zur Rechten Gottes und feiert dort seine Hochzeit. Aber eines Tages

wird er von dort aufbrechen und zu uns kommen und die Gemeinde als seine Braut zu sich nehmen. Sie darf sich jetzt schon auf das Kommende vorbereiten, aber auch das festlich begehen, was sie heute schon hat.

 

 

3. Sonntag nach Epiphanias: Joh 4, 5 - 14

„Cola, Fanta, Sprite“, das hilft gegen den Durst, will uns die Werbung weismachen. Aber gibt es etwas Besseres als klares Wasser aus einer richtigen Quelle? Wenn man im Sommer in der Hitze einen Berg hinaufgestiegen ist und man findet eine Quelle, dann kann man den Durst stillen. Das Wasser kommt vielleicht aus einem Hochmoor, ist sehr weich und angenehm kühl. Es kühlt die Unterarme und - natürlich vorsichtig genossen wegen der Kälte - löscht es vorzüglich den Durst, viel besser als süße Limonade oder saurer Apfelwein.

Der leibliche Durst nach Wasser ist bei Johannes aber immer gleich Sinnbild für den Durst nach Leben, nach einem erfüllten Leben. Und dieser Durst wird deutlich am Streben nach Geld. Diese Sucht steckt in uns allen drin. Möglichst wenig tun, aber möglichst viel verdienen, das ist so das Ziel. Besonders stark ist dieses Streben offenbar bei denen, die schon allerhand haben.

Das sagt ein Fußballschiedsrichter: „Ich wollte halt leicht nebenher viel Geld verdienen!“ Er sah die dicken Autos vor dem Café und wollte auch gern mit seinen neuen Freunden mithalten. Oder da gibt sich die Chefin einer Krankenkasse selber eine Sondervergütung von 60.000 Euro. Die beiden Stellvertreter mußten zustimmen; was wollten sie auch anders tun, wo sie doch von ihr abhängig waren. Leute, die schon sehr viel verdienen auf Kosten der Beitragszahler, die lassen sich noch zusätzlich so viel geben, wie andere in zwei Jahren verdienen.

Dahinter steht die Angst, das Geld könnte nicht reichen. Der übertriebene Lebensstandard soll ja auch im Alter noch gehalten werden. Das ist wie bei jener Frau, die ihr viel zu großes Anwesen für 1,5 Millionen Mark verkauft hatte und nun jedermann von ihrer Angst erzählt, sie könnte dennoch arm werden.

Eine Frau hatte ihr ganzes Leben über sparsam gelebt, um später einmal als Rentnerin ihr Leben genießen zu können. Aber als sie 59 Jahre alt war, stellte sich heraus, daß sie an einer unheilbaren Krankheit litt. Wenige Tage vor ihrem 60. Geburtstag ist sie gestorben. Pech gehabt, sagen wir vielleicht. Aber es geht auch darum, an welchen Werten wir unser Leben ausrichten.

Wer Geld hat, der hat auch Macht. Und in einem heißen Land wie Palästina ist Wasser eine Kostbarkeit. Wer über Wasser verfügt, hat Macht. Wer über die Quellen verfügt, der läßt das den anderen spüren und setzt seine Macht ein. Das gilt für das Erdöl und die anderen Bodenschätze, aber auch für das Trinkwasser, das weltweit zu einem kostbaren Gut geworden ist und das vielleicht noch einmal zu schrecklichen Kriegen führen wird. Wir achten das Wasser wenig, weil wir bisher noch ausreichend haben.

Aber Jesus bekommt seine Abhängigkeit zu spüren. Da ist eine Frau, die sitzt am längeren Hebel, die kann etwas gewähren oder versagen. Das läßt sie den fremden Mann auch spüren. Er hat einen solchen Durst, daß er sich sogar überwindet, als Mann eine Frau zu bitten. Für die Juden war die Frau den Sklaven und Kindern gleichgestellt, sie gehörte nicht zur Gemeinde und wurde nicht im Glauben unterwiesen.

Und dazu ist sie noch eine Vertreterin der Samaritaner, die zwar auch die gleiche Bibel lesen wie Jesus, aber vom rechten Glauben abgefallen sind. Deshalb haben die Juden keine Gemeinschaft mit den Samaritanern („Samaritern“). Aber in der Not muß der Jude Jesus seinen jüdischen Standpunkt aufgeben.

So denkt die Frau, vielleicht nicht ohne Schadenfreude. Aber Jesus überschreitet bewußt eine Schwelle, um auch gegenüber dieser Frau seinen Auftrag zu erfüllen. Er gibt der Frau ihre Würde als Mensch Gottes, er nimmt sie ernst und spricht mit ihr, auch über Glaubensdinge, gewissermaßen seelsorgerlich. Er stößt sich auch nicht daran, daß die Frau eine bewegte Lebensgeschichte hat, wie später deutlich wird. Und er bietet ihr das Kostbarste an, das er hat: lebendiges Wasser.

Die Frau lobt das frische Quellwasser aus dem Brunnen. Sie betont, daß Jakob der Stammvater ihres Volkes gewesen ist (und nicht der Juden) und diesen Brunnen ihrem Volk gegeben hat. Das Wasser war für ihn gut und sein Vieh und ist auch gut für seine Nachkommen. Was soll es da Besseres geben? Wir erfahren nicht, ob Jesus sich hat satt trinken dürfen.

Viel wichtiger ist das andere, worauf es ihm ankommt: das Lebenswasser, das nur Jesu spenden kann. Der Ausdruck „lebendiges Wasser“ ist doppeldeutig: Es bedeutet zunächst ein fließendes Wasser, aber auch das himmlische Lebenswasser. Jesus will uns nicht einreden, daß wir Speise und Trank nicht nötig hätten, er hat ja seine Jünger fortgeschickt, um Nahrung einzukaufen.

Es gibt aber noch eine andere Bedürftigkeit, die gern unterschätzt oder gar übersehen wird. Das Wasser, das Jesus spendet, stillt den Durst für immer. Aber noch versteht die Frau nicht richtig. Sie sagt: „Herr, gib mir solches Wasser!“ Sie denkt immer noch an das Wasser aus der Quelle.

Aber Jesus meint ein Begehren und Verlangen, das über den äußeren Bestand des Lebens hin­ausgeht. Es geht nicht um ein paar Annehmlichkeiten im täglichen Leben. Wir lassen uns zwar die Erfüllung dieser Bedürfnisse einiges kosten. Aber alles, was wir genießen, will auch erarbeitet sein. Aber vielleicht können wir uns das alles eigentlich längst nicht mehr leisten, was wir genießen und erstreben, weil wir zu sehr auf Kosten der Schöpfung und der nachfolgenden Generationen leben.

Vergessen wir nicht: Das System „Welt“, innerhalb dessen wir an uns reißen, was uns glücklich machen soll, ist abhängig vom Schöpfer. Die Gabe Gottes ist aber nicht nur unser natürliches Dasein. Wir müssen durstig bleiben, wenn wir immer nur mit dem rechnen, was wir selbst fertiggebracht haben. Wann werden wir aber da sein, daß wir sagen können: So, jetzt habe ich es geschafft, jetzt habe ich erfüllt, was Gott von mir erwarten konnte?

Und selbst wenn ich es schaffen könnte, dann bliebe ich auch in meinen Erfolgen nur ein von Gott Beschenkter. Warum pochen wir nur immer so auf die Statistik unserer Erfolge? Warum diese Selbstbespiegelung, dieses Selbstlob und die Gier nach Beifall? Jesus sagt zu der Frau: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes!“ Das wirkliche Leben ist Geschenk, Gabe Gottes. Was für ein Aufatmen gäbe es, wenn uns das wirklich aufginge!

Dann würden sich auch die Rollen vertauschen. Auf einmal ist Jesus der Geber und zugleich die Gabe. Wir brauchen ihn nur zu nehmen. So wie die Frau müssen wir zweierlei entdecken: Es genügt nicht, den Durst im körperlichen Sinn zu löschen, sondern es bedarf eines Lebens aus Gott. Und wir müssen den entdecken, in dem wir dieses Leben aus Gott finden. Wie sehr man Gott braucht, merkt man dann, wenn man ihn findet.

Die Frau erfährt in der Begegnung mit Jesus die Zuwendung der Liebe Gottes. Wir sehnen uns doch alle danach, daß uns jemand liebhat. Wir dürfen uns aber dieses Lebenswasser wünschen - und wir bekommen es auch. Das darf gerade auch der erfahren, der in einer besonderen Not ist, zum Beispiel wer an einer Krankheit leidet oder einen kranken Angehörigen hat. Wir gehen zwar sonst auch zum Gottesdienst. Aber in einer solchen Lage brauchen wir ihn doch ganz besonders als lebendiges Wasser.

Wenn wir Jesu Liebe erfahren und auch die Liebe anderer Menschen annehmen, dann stellt sich etwas Erstaunliches ein: Wer beschenkt ist, der kann selber zur Quelle für andere werden.

Man muß es ja nicht so machen wie die ältere Frau, die von  Studenten in Marburg als „die Heilige Elisabeth“ genannt wurde, weil sie mit Vornamen Elisabeth hieß. Bei jedem Vortrag stellte sie dem Redner ein Glas Wasser hin, bei jedem Ausflug schenkte sie an die Mitreisenden Wasser aus ihrer Feldflasche aus. Die meisten trinken dankbar, wissen aber nicht, daß es sich dabei um so eine Art „Privatsakrament“ der Frau handelte sie: Sie hatte das Wasser aus der Elisabethquelle in der Nähe eines Dorfes bei Marburg  geholt, es zum „heiligen Wasser der Liebe“ erklärt und gemeint, wenn man nur dieses Wasser trinkt, dann wir man automatisch ein guter und gläubiger Mensch.

Aber so ganz falsch ist so eine Handlung nun auch wieder nicht. Es geht aber nicht um das Wasser aus der heiligen Quelle, sondern um das Lebenswasser, das Gott uns gibt. Das kann in der Tat Menschen verwandeln. Wir kennen vielleicht solche Menschen, von denen befreiend und ermutigend Leben ausgeht. Sie erquicken uns, sie muntern uns auf, die bauen uns auf, weil das von Gott gespendete Leben durch sie hindurch weiterströmt.

Dieses Leben sprudelt und mündet sogar ins ewige Leben, es bewirkt eine Lebendigkeit, die bis ins ewige Leben reicht. Was Jesus ist und uns gibt, das reicht weit über das Heute hinaus. Was diese Frau am Jakobsbrunnen erfahren hat, das ist allen zugedacht, auch den Fremden. Was Jesus zu bringen hat, das ist er allen schuldig. Seine Liebe durchbricht alle Schranken des Herkommens und der sozialen und religiösen Stellung.

Wir sind schnell dabei, Unterschiede festzustellen und festzuschreiben, den anderen herabzusetzen und zu verachten, weil er anders denkt und lebt und glaubt. Aber wenn wir Menschen nur an uns selbst messen und in unser Schema pressen wollen, dann wird Gemeinschaft unmöglich gemacht oder zerstört. Keiner hat dem anderen etwas voraus, wir sind alle grundlos geliebt.

 

 

4. Sonntag nach Epiphanias: Jesaja 51, 9 - 16

Hand aufs Herz: Ist Ihnen nicht auch am Neujahrstag des Jahres 2000 ein Stein vom Herzen gefallen, als die vielfach befürchtete Katastrophe ausblieb? Weder stürzten die Computer ab noch machten sich die Atomraketen selbständig. Wer Wasser und Lebensmittel gehortet hatte, war jetzt für längere Zeit versorgt. Und wer sich Kerzen und Taschenlampen hingelegt hatte, wird noch lange erleuchtet gewesen sein.

Aber auch der Weltuntergang ist ausgeblieben. Bei solchen kalendarischen Zeitenwenden gibt es immer wieder Gruppen, die der Meinung sind, Gott richte sich bei seinen Planen mit der Welt nach der Zeiteinteilung der Menschen. Weil in der Bibel von dem tausendjährigen Reich Gottes die Rede ist, meinen diese Menschen, bei einem Jahrtausendwechsel müsse es nun endlich anbrechen, nachdem es schon in den ersten tausend Jahren ausgeblieben ist. Aber wie gesagt: Unsere Zeiteinteilung ist eine rein menschliche Berechnung, von der sich Gott nicht beeindrucken läßt.

Doch die Ängste der Menschen sind uns durchaus verständlich. Wir selber werden ja nicht davon verschont, auch wenn wir Christen sein wollen, die ja eigentlich keine Angst zu haben brauchten. Gerade in so besonderen Situationen wie dem Jahreswechsel kommt diese Angst oft in uns hoch. Inzwischen ist das Jahr schon ein ganzes Stück vorangeschritten und wir stellen fest: „Hurra, wir leben noch!“ Aber ganz los werden wir eine untergründige Angst in unserem Leben nicht.

Diese Angst ist etwas Menschliches. Kein Mensch ist von ihr frei. Auch die Menschen zur Zeit des Alten Testaments kannten solche unbestimmten Ängste. Diese bezogen sich zunächst einmal auf die Natur. Man stellte sich vor, daß Gott zwar das Chaos in der Natur in seine Schranken gewiesen hatte und in das Durcheinander hinein seine Schöpfung gebaut hatte. Aber diese Schöpfung wird weiter bedroht durch dunkle Urmächte, die durch Meeresungeheuer und Drachen verkörpert werden. Gott hat sie zwar damals vernichtet. Aber wer weiß, ob nicht ein gleiche Gefahr einmal wiederkehrt?

Um eine Antwort zu finden auf solche Ängste und Fragen, besann man sich auf die Erzählungen von der Erschaffung der Welt. Und so sagt dann der Prophet seinem Volk als Wort Gottes: Gott hat alle Kreaturen geschaffen, Tiere und Menschen, keiner ist stärker als er. Sie kommen alle nicht von ihm los und bleiben auf ihn angewiesen. Er hält auch in Zeiten der Entfremdung an ihnen fest und will ihr Heil. Der damals die Welt geschaffen hat, der kann sie auch heute wieder neu machen. Auch mit den Menschen kann er immer wieder neu anfangen. Die Welt ist gemacht für das Heil Gottes, und im Glauben wird es allen zuteil.

Die Angst der Menschen bezieht sich aber auch auf die Geschichte. Dieses wird vielfach als Bedrohung empfunden, weil der einzelne Mensch nur ein kleines Rädchen in dem großen Getriebe ist. Auch das Volk Israel war ja in dieses Räderwerk geraten. Sie hatten den Krieg gegen die Großmacht der Babylonier verloren und waren nach Babylon in die Gefangenschaft verschleppt worden.

Aber in dieser Lage erinnern sie sich daran, daß Gott ihr Volk ja schon einmal aus einer großen geschichtlichen Gefährdung errettet hatte: Beim Auszug aus Ägypten trocknete Gott das Meer aus und schaffte dem Volk einen Weg, der ihnen wieder eine Zukunft ermöglichte. So werden die Erlösten des Herrn auch diesmal wieder in ihre Heimat kommen, nach Jerusalem zum Zionsberg. Ihr Leben ist nicht sinnlos geworden, sondern sie haben eine Hoffnung, die Gott einlösen wird.

So wie er zu den Zeiten des Mose sein Volk erlöst hat, so wird er es auch in Zukunft tun mit uns, die wir auch von der Angst um unsre Zukunft gefangen sind. Wir dürfen Gott erinnern an das, was er früher getan hat, und wir dürfen darauf vertrauen, daß er auch in Zukunft entsprechend handeln wird.

Es ist aber nicht damit getan, daß man von Gottes Schöpfertätigkeit weiß. Wissen nützt nur, wenn man es auch abruft. Glaube ist nicht die Zustimmung zu der allgemeinen Wahrheit: Es gibt einen Gott.  Glaube ist das persönliche Vertrauen auf Gottes Zusage, daß er die Welt erhalten wird und daß er auch mich selbst und alle meine Lieben erhalten wird.

Wir als Christen schauen dabei nicht nur auf die Schöpfung und auf das Handeln Gottes in der Geschichte. Wir dürfen außerdem auf Jesus blicken, in dem Gott ein Mensch wurde, der an allen Leiden dieser Weit Anteil hat. Wir wissen etwas von der Erlösung der Welt durch den

Opfertod Jesu. Und wir dürfen ausblicken auf den Tag, an dem Gott die Schöpfung neu machen wird in der Vollendung der Welt zu seinem Reich.

Schöpfung und Handeln Gottes in der Geschichte ist nicht etwas Fernes, was es vielleicht vor Tausenden von Jahren gab. Gott ist vielmehr mit seiner Schöpferkraft ständig am Werk. Er bleibt nicht im Verborgenen, er hält sich nicht zurück, sondern er greift pausenlos in den Lauf der Dinge ein, ja er ist im Lauf der Dinge selbst wirksam.

Doch zunächst einmal hat das Volk Israel den Eindruck, es bleibe still in Gottes Welt. Deshalb klagt es und bittet Gott, doch endlich seine Waffenrüstung anzuziehen und mit seinem Arm kräftig ins Weltgeschehen einzugreifen. Der Prophet beruft sich dabei auf das, was Gott bisher für sein Volk getan hat, und zieht daraus die Schlußfolgerung: Der Gott, der bisher seine Schöpfung und sein Volk erhalten hat, der wird es auch in Zukunft tun.

Heute fühlen wir uns nicht mehr durch Chaosmächte bedroht, sondern zum Beispiel durch die Atomkraft, auch wenn sie friedlich genutzt wird - der Atomunfall in Japan hat es wieder deutlich gemacht. Unsere Bedrohungen sind auch die großen Umwälzungen in der Welt, die Kriege und die wirtschaftlich und religiös bedingten Unruhen, die auch schon ganz nahe vor unsrer Tür stattgefunden haben.

Aber die Angst hat auch ein ganz persönliches Gesicht: Da dauert die Arbeitslosigkeit schon mehrere Monate oder gar Jahre und es ist keine Änderung in Aussicht. Da plagt uns eine Krankheit und wir schlechter statt besser. Das Verhältnis in der Ehe oder Familie ist gespannt und macht uns täglich fertig. In dieser Lage leiden auch wir darunter, daß Gott nicht einzugreifen scheint. Und da ist es dann schwer, Geduld zu haben und immer noch auf Gott zu vertrauen.

Gott will aber allen Menschen Gutes tun. Wir können das nicht immer erkennen. Auch den in

Babylon Gefangenen klangen Gottes Zusagen so unwirklich, während Babylons Macht gera­de­zu körperlich zu spüren war. Gottes Zusagen wollen aber gegen Erfahrung und Augenschein geglaubt werden. Da gibt es auch keine Stützen, die die Zusagen von unten her untermauern könnten. Gott allein ist es, der helfen und trösten kann. Auf ihn müssen wir uns verlassen, sonst sind wir verlassen.

Der Prophet stellt das Bild eines Gefangenen vor Augen. Er ist gefesselt, in einer gekrümmte Haltung gebracht, er hungert. Sein Schicksal ist besiegelt, die Vollstreckung des Todesurteils ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber da wird ihm gesagt: „Du wirst frei, es dauert sogar gar nicht mehr lange!“

Wenn wir uns auch so fühlen wie dieser Gefangene, dann dürfen wir dieses Wort Gottes auch auf uns beziehen. Das muß nicht bedeuten, daß jede Situation unsres Lebens einen glücklichen Ausgang nehmen wird. Die Gefangenen sind damals bald heimgekommen. Aber das muß nicht zwingend so sein. Das kommende Jahr muß nicht alle unsre Probleme lösen, muß nicht all unsre Angst beseitigen.

Aber wir dürfen wissen: Was auch geschieht, niemand und nichts wird Gott und uns wieder auseinanderbringen. Auch wenn wir manchmal seinen starken Arm vermissen, so sind seine schützenden Hände doch immer da. Er läßt sich nicht darin irre machen, daß er unser Heil will. Denn er ist doch unser Gott und wir sind sein Volk!

Der Schluß des Abschnitts „Du bist mein Volk“ erinnert an den Spruch aus der Wende 1989

„Wir sind das Volk!“ Wir sind geneigt, dieses Ereignis für das wichtigste geschichtliche Er­eignis des Jahrhunderts zu halten. Aber an sich ist das Ende des Zweiten Weltkriegs - die Befreiung von der Diktatur - das wichtigere Ereignis.

Damals wurde die Befreiung im Osten Deutschlands noch nicht vollendet, weil die braune Diktatur durch eine rote abgelöst wurde. Erst 1990 wurde die Befreiung für unser ganzes Volk vollendet. Aber stellen wir uns nur einmal vor, Hitler hätte keinen Krieg angefangen und die Nazis waren heute immer noch an der Macht! Da können wir doch nur froh sein, wenn wir in Frieden und Freiheit leben können.

Aber Gott sagt: „Nicht ihr habt euer Leben in der Hand, nicht ihr gestaltet die Geschichte und spielt dabei eure eigene Macht aus. Vielmehr bin ich es, der euch erhält und euch neue Wege eröffnet!“ So war es nicht unser Geschick und unser Können, die uns die Freiheit gebracht haben, sondern Gott allein rettet uns immer wieder.

Dabei geht es nicht nur um die großen geschichtlichen Fragen, sondern auch um die ganz persönlichen Probleme unsres Lebens. Auch da gilt: „Du bist mein Volk!“ Gott hat uns sogar den Auftrag gegeben, daß wir so wie damals sein Prophet sein tröstendes Wort weitergeben. Uns

ist damit etwas anvertraut, das wir den anderen Menschen schulden, die genauso wie wir in Angst um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt leben.

Diese Botschaft sind wir allen schuldig, die an dieser Welt leiden. Gottes Wort ist in unseren Mund gelegt, so wie er es damals dem Propheten in den Mund gelegt hat. Wir haben eine Bot­schaft an die Welt und alle Menschen: Euer Leben steht unter dem Schutz Gottes. Unter seiner Aufsicht habt ihr eine gesicherte Zukunft.

 

etzter Sonntag nach Epiphanias: Joh 12 , 34 - 36

Auf der einer Kunstausstellung in Dresden in der Zeit der DDR wurde eine Bronzeplastik von Professor Fritz Cremer gezeigt: „Das endlose Kreuz!“ Dieser Mann verkörperte auf seinem Gebiet die staatlich anerkennte Kunstrichtung und hat zum Beispiel auch das Denkmal in Buchenwald entworfen. Er hat sich aber auch oft mit der Gestalt des Gekreuzigten auseinandergesetzt. Vielleicht hat er dazu aber nicht so sehr die Bibel gelesen, sondern sich mehr auf solche Vorbilder wie Matthias Grünewald belogen.

Aber Cremers Christus hängt nicht mehr am Kreuz, sondern er hat sich die Dornenkrone vom Kopf gerissen und schwenkt sie in der Luft. Er steigt vom Kreuz herunter und hat die Arme hochgerissen wie der Sieger in einem Wettkampf. Es ist ganz klar, was der

Künstler damit sagen will: „Nicht der Dulder erlöst die Welt von ihrem Leiden, sondern der Revolutionär, der für die Erlösung der Welt kämpft!“

Auch der Evangelist Johannes vermeidet es, vom Leiden Jesu zu erzählen. Vom Kreuz ist nur im Passionsbericht selbst die Rede. Aber wenn Jesus am Kreuz hängt und dieses aufgerichtet wird, dann bedeutet das nach Johannes in Wahrheit seinen Erhöhung und Verherrlichung. Und die Verherrlichung oder „Verklärung“ Jesu ist ja das Thema des heutigen Sonntags.

Doch das Wort „Erhöhung“ hat für Johannes gleich eine Doppelbedeutung: Der den Menschen ausgeliefert ist und umgebracht werden wird, der wird danach auferstehen. Der zwischen Himmel und Erde hängen muß, wird wieder zum Himmel erhöht, aus dem er gekommen ist.

Doch schon damals hat man  gemeint: Jesus dürfte nicht weggehen, nicht irgendwohin entrückt oder erhoben werden und schon gar nicht so einer schrecklichen Tod sterben. Er sollte vielmehr ewig bleiben und in dieser Welt ein stabiles Reich errichten, in dem sich alle Hoffnungen dieser Welt erfüllen: Wohlstand und Glück, Glanz und Ansehen, Freiheit und Friede. Wozu dann dieses schreckliche „Muß“ des Leides?

Viele werden sich gesagt haben: „Was nützt uns, wenn es um die Rettung der Welt geht, ein toter Christus? Was nützt uns dieser tragische Verlierer? Was kann der Elendeste unter den Elenden schon ausrichten, wo es doch schon genug Elend in der Welt gibt!“ So denken wir doch auch im Stillen. Wir brauchen den Mann des Erfolgs und nicht den Scheiternden. Wir brauchen nicht einen am Querbalken des Holzes, sondern einen, der fest auf seinem Thron sitzt. Sieg muß sein und nicht Niederlage, Macht und nicht erbärmliches Sterben.

Und dann noch ein Punkt: Was nützt uns ein König aller Könige, wenn er nicht d a ist, sondern irgendwo „droben“? Wenn man die Herrschaft Christi erst ins Jenseits verlegt, dann gibt man das Diesseits preis. Seine Herrschaft bleibt unanschaulich und kann jedenfalls nicht direkt in Weltliches umgesetzt werden. Wie kann man da gewiß sein, daß der erhöhte Herr ge­gen­wärtig ist und die Seinen ermächtigt, noch größere Werke zu tun?

Wir wissen‚ daß Jesus nicht mehr auf der Erde ist, sondern bei Gott.  Aber das darf nicht bedeuten, daß wir die Dinge der Welt ihren Lauf nehmen lassen. Christsein verpflichtet zum Dienst an den Menschen in den gegebenen Ordnungen dieser Welt. Alle Unordnung muß bekämpft und durch Besseres ersetzt werden. Hier haben wir mit Nichtchristen zusammenzuarbeiten, ohne allerdings unseren Herrn zu verleugnen.

Christen dürfen selbst nicht Unrecht tun. Sie dürfen aber auch nicht zulassen, daß anderen Unrecht geschieht. Dazu werden sie im Einzelfall im Sinne des Rechtes tätig werden müssen und z.B. einen Beschwerdebrief schreiben und dann nachhaken und eine Entscheidung verlangen; ob das in eigener Sache geschieht oder für einen anderen, spielt dabei keine Rolle. Es wird aber auch gut sein, sich generell für die Beseitigung menschenfeindlicher Ordnungen einzusetzen, damit es erst gar nicht zu Verletzungen im Einzelfall kommt.

Doch das alles bedeutet natürlich nicht, daß damit die Königsherrschaft Jesu Christi verwirklicht würde. In dieser Welt leben wir immer noch auf der Ebene des Gesetzes, wo Gott mit seinen Notordnungen das Leben erhält bis zu dem großen Tag Jesu Christi. Die weltliche Ordnung kann nicht allein auf der Einsicht und dem guten Willen der Bürger beruhen. Sie muß auch durch Nacht geschützt und durchgesetzt werden, weil wir noch Sünder sind. Christus aber regiert die Seinen nicht auf solche Weise, das wäre ganz unmöglich. Sein Reich ist ganz auf die Gnade gegründet.

Aber auch dem Staat wäre nicht gedient, wenn man ihm etwas abverlangte, was er gar nicht leisten kann. Der Staat maß sachlich und illusionslos handeln. Er kann nicht religiös überhöht werden und das Heil Gottes herbeiführen. Im Iran versucht man ja so etwas, einen Gottesstaat zu schaffen mit Gewalt und Fanatismus. Aber das dabei herausgekommen ist, das ist vielleicht noch schlimmer als der Fortschrittsglaube des vorhergehenden Systems.

Doch die Herrschaft des Königs Jesus Christus sieht anders aus. Zu ihr gehört eben das Tragen der Sünde der Welt, zu ihr gehört das Kreuz. Sein Reich ist nicht von dieser Welt und kann  auch nicht in das weltliche Geschehen hinabgezogen werden.

Dennoch werden wir mit großem Nachdruck auch immer wieder auf das Heute gewiesen. Jesus maß sich auf ein schweres Ende gefaßt machen. Aber bis dahin bleibt noch eine kleine Zeitspanne, die genutzt werden soll. Doch man darf dabei nicht vergessen: Das Licht, in dem es zu wandeln gilt, ist er selbst. Dem Volk war es mehr um das Reich zu tun und um all die Annehmlichkeiten, die man sich von ihm erhoffte.

Jesus aber lenkt den Blick auf seine Person: Die Menschen sollen nicht irgendetwas erwarten, sondern ihn! Die Möglichkeit der Gemeinschaft mit ihm ist äußerlich gesehen aber nur kurz befristet. Begegnung ist immer die Sache des jeweiligen Augenblicks. Das schließt nicht aus, daß es auch ein „Bleiben in Christus“ gibt. Das Volk wollte Ja gerade etwas Bleibendes. Sie sollten aber auf das aus sein, was immer wieder geschieht:

Der Wandel im Licht! Heute schon sollen wir das haben, was Christus uns geben will. Es ist ja ungewiß, ob wir es morgen noch werden haben können. Sonst sind wir doch auch darauf aus, möglichst alles mitzunehmen und uns hinzulegen, damit wir es haben, wenn wir es brauchen.

Auch beim Glauben gibt es schwerwiegende Versäumnisse. Manch einer denkt: „Ich bin noch jung, mit dem Glauben und mit der Kirche hat es noch Zeit. Wenn ich erst einmal Zeit habe...!“ Aber wer weiß denn, ob er alt wird und vor seinem. Tode sein Leben noch einmal überdenken und sich noch zu Christus hinwenden kann. Wird man sich überhaupt noch an die Worte Jesu erinnern, wenn man sie in der Zeit des Wohlbehagens und der Geschäftigkeit überhört hat.

Aber noch haben wir Gelegenheit, zu diesem Jesus „Ja“ zu sagen. Noch können wir von unseren vielerlei Anforderungen für eine gewisse Zeit loskommen. Manchmal muß man sich diesen Freiraum erkämpfen. Wir brauchen gelegentlich den Abstand vom Alltag und eine stille Zeit, in der wir ungestört auf Gottes Wort hören, wo wir beten und nachdenken können. Da können wir ein besseres Verständnis für unsere Mitmenschen und für die Probleme der Welt geschenkt bekommen. Das sind wertvolle Augenblicke, wo Weichen für unser Leben gestellt werden. Es ist eben entscheidend wichtig, ob wir im Licht leben.

Wer wirklich lebt, wird das Heute nicht verträumen oder verdösen. Er wird die Zeit nutzen, die ihm gegeben ist. Er wird nicht in hastige Geschäftigkeit verfallen, aber er wird sich dem Licht Gottes ausnetzen, das ihn bescheint. Man weiß nie, wie oft Christus noch anklopfen wird, in Wort und Sakrament. Viele Leute besinnen sich erst auf Gottesdienst und Abendmahl, wenn sie krank sind. Aber dann können sie nur am Radio den Gottesdienst verfolgen. Dafür erwacht aber manchmal ganz neu der Wunsch nach dem Abendmahl. Da kann eher geholfen werden, das kann man ja auch im Haus im kleinen Kreis feiern.

Besser ist aber, wenn man die Regel beherzigt: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ oder sagen wir es mit den Worten des Predigttextes: „Wandelt solange ihr das Licht habt!“

Wir  h a b e n also das Licht. Das ewige Leben fängt jetzt schon an. Und es ist entscheidend wichtig, ob wir im Lieht leben oder in der Finsternis. Im Licht gedeiht das Leben, die Wahrheit, das Gute. Wo das Licht ist, da ist Gott. Wer aber in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Er kann Hindernisse nicht unterscheiden, Abgründe nicht erkennen, die Richtung nicht ausmachen. Er merkt nicht, wenn er ins Verhängnis läuft, weil er sich ja für sehend hält. Aber er kann die Helligkeit der bunten und reichen Welt nicht wahrnehmen und weiß letztlich nicht, wohin die Reise wohl gehen wird.

Ganz anders ist es dagegen, wenn wir Jesus begegnen. Da werden wir wach für Gott. Da bereifen wir, daß wir als Gegenüber Gottes geschaffen werden. Da werden wir angestrahlt von dem,  was nicht von dieser Welt ist. Dann leben wir zwar unser Leben wie alle anderen: Wir gehen zur Arbeit und tun, was zum alltäglichen und sonntäglichen Leben gehört. Sicher haben wir auch Leiden zu tragen und mit Problemen zu kämpfen. Aber in allem ist Christus, in dem Gott selbst uns ansprícht. So wissen wir, von wem wir herkommen und zu wem wir gehören-

 

 

Septuagesimä: Mt 9,  9 - 13

Wenn etwas gratis verteilt wird, dann drängelt sich alles danach. Jeder möchte etwas abhaben, und wenn er sich mit Gewalt nach vorne drängeln muß. Wenn nicht alle etwas kriegen können, sucht man meist nach einem Maßstab für die Verteilung. Aber oft geht es auch nach der Stärke der  Ellbogen, wer am schnellsten und gewitztesten ist.

Wenn der Vater aber etwas zu verteilen hat, dann wird er nicht zuerst dem Kind etwas  geben,

das am lautesten schreit oder sich am weitesten vordrängelt. Er wird gerade auf das schwächere und stillere Kind achten und ihm zuerst geben. Dadurch will er die anderen beschämen und zur Rücksichtnahme auf die Schwächeren anleiten.

Genauso hat auch Jesus immer auf die Schwächeren geachtet. Das wird gerade bei der Begegnung mit dem Zöllner Matthäus deutlich. Ein Zöllner hatte es damals schwer, ein ehrlicher Mann zu bleiben. Teilwiese mußte er schon vorher das Geld an die Römer abliefern, d.h.

zunächst einmal aus der eigenen Tasche bezahlen. Und dann mußte er es wieder aus den Leuten herauspressen und sehen, wie er wieder zu seinem Geld kam.

So wird es auch heute in manchen Berufen schwer sein, immer nach dem Gesetz und den Vorschriften  zu handeln. Manche Dinge  muß man sich eben auf krummen Wegen besorgen

oder man muß seine Beziehungen ausnutzen oder auch einmal außerhalb der Arbeitszeit etwas leisten. Man muß ja geradezu sagen: „Ohne solche Dinge außerhalb der Ordnung würde nichts mehr funktionieren. Unsere heutige komplizierte Welt macht einfach solche Grenzüberschreitungen nötig.

Wir finden meist gar nichts mehr dabei - und das ist unser Fehler. Damals aber hat man die Menschen, die so etwas taten, in Grund und Boden verdammt - das war damals der Fehler. Die frommen Pharisäer hatten es zum Teil leichter. Sie haben einfach solche Arbeiten nicht

angenommen. Da konnten sie leicht ihre Gebote halten und das Unangenehme den anderen überlassen.

Jesus aber sieht die Not der anderen, der Ausgestoßenen und Verachteten. Sie wollen auch jemanden als Freund haben, damit sie wieder leichter an Gott glauben können. Irgendwie hängt das doch miteinander zusammen: unser Verhältnis zu den Mitmenschen und unser Verhältnis zu Gott: Wer keinen Menschen zum Freund hat‚ der kann nur schwer daran glauben, daß Gott sein Freund ist.

Jesus aber macht deutlich: Gott kümmert sich auch um euch. Auch ihr seid ihm wichtig. Er will auf keinen verzichten! Weil Gott diesen Menschen liebhat, muß auch Jesus sie liebhaben. Indem er sich um sie kümmert, macht er deutlich, wie Gott zu den Menschen ist.

Wenn bei uns einer einen neuen Aufgabenbereich erhält, dann wird erst seine ganze Vergangenheit aufgearbeitet. Er muß einen Lebenslauf schreiben, Fragebogen ausfüllen. Dunkle Stellen der Vergangenheit müssen dabei ins rechte Licht gerückt werden.

Jesus aber streicht all das durch, was bisher war. Entscheidend ist nur, daß man seinem Ruf folgt und mitgeht. Der Anspruch Jesu trifft jeden Menschen. Es ist gleichgültig, welches Leben er vorher geführt hat und ob er des neuen Auftrags würdig ist.  Wichtig ist allein, wie er sich jetzt und in Zukunft verhält.

Auch unter uns Menschen kommt Entsprechendes manchmal vor. Es geht nicht immer nach der Würdigkeit, dem Können und den Verdiensten. Manchmal wird auch in einer guten Weise einem Menschen etwas übertragen, das er sich selbst gar nicht zugetraut hätte und was ihm vor allem die anderen nicht zugetraut haben. Das sehen wir ja gerade daran, wenn der Vater das schwächste Kind zuerst bedenkt.

Bei Gott aber ist das immer so. Er sieht immer, wer seine Liebe besonders nötig hat und gibt sich deshalb ganz besonders mit ihm ab. Viele Menschen können so etwas nicht verstehen. Sie meinen: „Wenn einer sich ehrlich abgemüht hat, dann muß er auch seinen Lohn dafür haben; da kann doch nicht plötzlich ein anderer vorgezogen werden. Gott aber ist so. Er will schon, daß wir uns abmühen. Aber er hilft auch dem, der zu schwach ist.

Die Frommen im Lande aber sagen: „Wer sich mit Sündern abgibt, der ist selber einer! Der hat auch selber Lust an der Sünde, denn Gleich und Gleich gesellt sich gern!“ So denken wir doch auch: „Wenn einer in schlechter Gesellschaft ist‚ dann muß er selber auch schlecht sein!“

Jesus aber sieht in den Zöllnern nur Kranke, die dringend einen Arzt brauchen. Sie sind an viele Ketten gebunden und sollen doch frei werden. Matthäus ist kein hoffnungsloser Fall. Gott hat ihn noch nicht abgeschrieben und wird ihn noch nicht fallenlassen. Er hat noch etwas mit diesem Mann vor. Vielleicht kann ihm sehr schnell geholfen werden, wenn nur einer da ist, der ihm wieder Vertrauen entgegenbringt. Dieser eine ist Jesus. Er stellt sich schützend vor die, die mit ihrer Schuld nicht allein fertigwerden können.

Unser Verhältnis zu Gott hängt  davon ab, ob wir auch so handeln können wie Jesus. Sind wir wirklich bereit, mit allen Menschen gut zusammenzuleben? Sind wir bereit zur Vergebung und zum Neuanfang? Kümmern wir uns um die, die im Leben immer wieder zu kurz kommen?

Die frommen Pharisäer sagten: „Du darfst dich nicht mit einem Gottlosen abgeben, auch nicht, um ihm den Glauben und die Gebote beizubringen!“ Sie erklärten diese Menschen für Gott verloren, ehe sie sich noch um sie bemüht hatten. Jesus aber weiß, daß es sich hier

nicht um eine ansteckende Krankheit handelt, sondern um eine seelische Krankheit. Und diese kann man heilen, indem man wieder Zutrauen zu dem Gestrauchelten, hat. Dadurch faßt er selber wieder Vertrauen und kann wieder gesund werden.

Der Pharisäer hält sich für gesund. Aber ist er nicht in Wahrheit viel schlimmer krank? Durch seine ablehnende Haltung dem Zöllner gegenüber braucht er ja selber die korrigierende Hand Gottes. Sein Irrtum war, daß er die Heiligung des Lebens kraft eigener menschlicher Anstren­gungen erreichen wollte. Wenn einer dabei nicht mitmachte, war er gesetzlos. Dann mußte man Schranken errichten, um sich von ihm abzugrenzen.

Gott will aber, daß wir auf solche Schranken verzichten oder sie niederreißen. Es liegt natürlich nahe, da wir uns gerade in der heutigen Zeit abkapseln: Dort ist die böse Welt und hier sind wir. Laß die nur machen ‚ was sie wollen, wir leben unser Leben und kümmern uns nicht um die anderen.

Gott liebt aber auch die Ungläubigen. Das macht Jesus durch sein Verhalten deutlich. Er setzt sich mit den Sündern an einen Tisch. Die Tischgemeinschaft hatte damals noch größere Bedeutung als heute. Durch das Tischgebet war man als guter Freund mit allen verbunden, die mit am Tisch sitzen. In der Regel aber suchte man sich nur die aus, mit denen man sowieso gut Freund war. Jesus aber lädt gerade die ein, die keinen Freund haben.

Aber damit nicht genug: Jesus ruft diese Menschen nicht nur an seinen  Tisch, sondern er will sie auch gleich als seine Mitarbeiter und Boten haben. Wem viel geschenkt wurde‚ der ist auch bereit, an andere weiterzuschenken. Wer befreit wurde‚ ist auch bereit, etwas Neues zu beginnen. Er geht mit Jesus dorthin, wohin der ihn führt. Für jeden kann der Weg anders aussehen, leichter oder schwerer sein. Jeder erhält andere Gaben und andere Aufgaben. Aber wer sich rufen läßt, darf mitmachen.

Jesus hat nicht erst vorsichtig den Boden bei Matthäus vorbereitet, er hat ihm nicht erst seinen Zöllnerberuf fragwürdig gemacht; sondern er hat nur gesagt: „Folge mir nach!“ Da gibt es

Großen Diskussionen, sondern nur ein „Ja“ oder „Nein“.

Das ist Glaube. Da gibt es kein langes Hin und Her, kein Abwägen und Nachfragen, sondern sofort die Entscheidung. Hinterher kann  man noch näher in die Einzelheiten eindringen; aber im Augenblick der Entscheidung ist dafür keine Zeit.

Es kommt auch für uns darauf an, unsere Zollstationen zu verlassen, die wir oft lustlos und ohne einen Erfolg zu sehen verwalten. Jesus stellt uns in einen neuen Lebenshorizont. Dann warten wir nicht mehr darauf, daß die anderen uns entgegenkommen, sondern wir tun den er­sten Schritt. Damit kann man unter Umständen eine ganze Kettenreaktion auslösen, wenn man  dem anderen zuerst entgegenkommt.

Sicher würde es in einem Dorf oder in einer Stadt auffallen, wenn eine Handvoll Christen versucht, ihrem Herrn nachzufolgen. Es würde heller und wärmer im Zusammenleben, mit anderen. Wir würden auch dem Barmherzigkeit zeigen, der sich ausgeschlossen hat oder

sich ausgeschlossen fühlt aus der Gemeinschaft der anderen.

Wer aber mit Jesus geht, muß sich auch voll und ganz für ihn einsetzen. Matthäus wird nicht ein Jünger wie viele andere, sondern er wird einer der Zwölf und damit ein Apostel. Er ist nicht nur ein Mitläufer, den man wohl oder            übel mit durchschleppen muß, sondern er

wird zu einer großen Stütze für Jesus und den Jüngerkreis. Offenbar war er so wichtig, daß man in späterer Zeit sogar ein Evangelium nach ihm benannt hat.

Niemand steht zu weit abseits, als daß Jesus ihn nicht gebrauchen könnte. Niemand ist zu schlecht, als man nicht doch etwas mit ihm machen könnte. Gerade wer in den Augen der Menschen ein Versager ist, kann unter Umständen von Jesus sehr gut gebraucht werden. Dort gelten andere Maßstäbe.

Das ist die Chance auch für uns. Es ist keiner zu klein und keiner zu alt, keiner zu schwach und keiner zu dumm, keiner zu gut und keiner zu schlecht, um nicht für Gott tätig zu werden. Er kann uns alle brauchen, so wie er den Matthäus brauchte. Wir müssen nur bereit sein zum Mitmachen; dann werden wir auch die Kräfte erhalten, damit es uns gelingt.

 

 

Sexagesimä: Jes 55 , 6 - 12a

„Meine Gedanken sind nicht Gedanken!“ So wird es oft bei Trauerfeiern gesagt. Und meist geschieht das in der Tonart: Wir haben uns zu beugen, auch wenn Gott es anders verfügt hat, als wir es uns gewünscht hatten. Ja wenn man vorwärts kommt, wenn alles wunschgemäß verläuft, wenn man sein Ziel erreicht, dann ist man glücklieh. Da fällt es leicht, die eigenen Erfolge als ein Zeichen des Segens Gottes anzusehen. Dann kann man auch leicht singen: „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn!“

Aber wie oft müssen wir auch feststellen, daß es ganz anders gekommen ist. Unsere Pläne haben sich nicht verwirklichen lassen. Wir mußten Wege einschlagen, die wir uns bestimmt nicht ausgesucht hatten, wenn wir danach gefragt worden wären. Manchmal läßt sich das noch ertragen. Aber manchmal geht das auch an die Grundlagen unseres Lebens. Darr schreit man schnell voller Anklage: „Gott, warum hast du mir das angetan?"

Der Fehler liegt dann wohl darin, daß wir uns selber eine Gottesvorstellung zurechtgebastelt haben. Doch wir sollen uns ja kein Bildnis von Gott machen, auch in Gedanken nicht. Und doch müssen wir es, damit Gott nicht zu etwas Wesenlosem wird. Wir brauchen Hilfsvorstellungen und müssen menschlich von Gott reden. Aber solche Rede wird immer unangemessen bleiben, wir werden ihn ganz neu entdecken, wenn wir ihn erst sehen werden von Angesicht zu Angesicht. In Wirklichkeit ist Gott ganz anders, vielleicht auch viel menschlicher als ein wissenschaftlich korrekter Gottesbegriff.

Nur müssen wir uns davor hüten, uns einen bequemen und spießigen Gott nach unserem Bilde zurechtzubasteln. Es soll ein Gott sein, der einen nicht aus der Ruhe bringt, der das Gewissen nicht strapaziert und unsere selbstgezogenen Kreise nicht stört. Nur zu gern legen wir uns zurecht, wie Gott sein müßte. Und wenn er sich unseren Vorstellungen nicht fügt, dann erklären wir kurzerhand, es sei nichts mit ihm.

Gott läßt sich aber nicht zum ausführenden Organ unserer eigenen frommen oder unfrommen Einfälle machen. Zwischen unseren Vorstellungen und dem Willen Gottes besteht im wahrster Sinne des Wortes ein „himmelweiter“ Unterschied. Wenn wir in Schwierigkeiten kommen mit unsrem Glauben an Gott, dann zerbricht immer etwas vor dem Gottesbild, das wir uns selbst gemacht haben.

So war das auch mit der Israeliten, die im 6. Jahrhundert vor Christus in der Gefangenschaft saßen in Babylon. Der Prophet Jesaja der Zweite hatte ihnen die bevorstehende Erlösung und

die Rückkehr in die Heimat angekündigt. Aber bisher war das nicht eingetroffen und die Botschaft hatte sich als Täuschung erwiesen. Sie schien nichts weiter zu sein als eine der vielen Parolen, die in Gefangenenlagern umgehen, damit noch ein kleines Flämmchen an Hoffnung bleibt.

Ein Jahrzehnt später war es dann allerdings doch so weit. Aber es war eben doch nur eine bescheidene Karawane, die sich da nach Jerusalem bewegte. Und bei den entbehrungsreichen Märschen war nichts zu sehen von der wunderbarer Nähe des gewaltigen Gottes. Es war alles doch so ganz anders, als man es sich vorgestellt hatte. Doch der Glaube muß immer wieder einmal durch solche Anfechtungen hindurchgehen, damit er korrigiert wird.

Wir denken doch auch manchmal: Warum können sich so viele Menschen ungestraft von Gott abwenden? Müßte Gott es denen nicht zeigen? Warum werden gläubige Menschen oft schwerkrank? Weshalb muß ich leiden und anderen geht es gut? Solche Fragen kommen doch immer wieder, ob man will oder nicht.

Doch wer an Gott glaubt, der läßt sich immer wieder von ihm zurechtbringen. Wenn man etwas lernen will, dann muß man sich immer wieder belehren lassen. Man kann zum Beispiel selbständig mit dem Klavierspielen beginnen. Aber wenn man dann zu einem Klavierlehrer geht, dann wird man ganz neu mit Fingerübungen anfangen müssen. Genauso wird ein Eisläufer manche Überraschung erleben, wenn er sich von einem Trainer planmäßig zum Eiskunstläufer ausbilden läßt.

So müssen wir auch das Glaube immer wieder neu lernen. Wir müssen uns den Irrtum ausreden lassen, als müßten alle Schmerzen und Bedrängnisse aus unserer Welt längst ausgeräumt sein, wenn Gott uns liebt. Zumindest müßte sich die Erde doch der himmlischen Vollendung schon spürbar angenähert haben, denken wir. Aber daß das nicht so ist, davon kann uns schon  ein Zahnschmerz überzeugen.

Der Glaube wagt es aber mit Gott gegen die oft scheinbar erdrückende Macht der Tatsachen. Jesaja fordert sein Volk auf, Gott doch wieder zu suchen. Entweder haben sie ihn gar nicht mehr um Hilfe und Rettung gebeten, weil sie nichts mehr von ihm erwarteten. Oder sie sind Gott in falscher Weise angegangen und ihr anfänglicher Überschwang ist in schmerzhafte Ernüchterung umgeschlagen.

Dennoch macht der Prophet seinen Zuhörern Mut, sich an ihren Gott zu wenden. Die Voraussetzungen sind ja an sich gut, Gott will sich ja finden lassen. Sie haben zwar in der Gefangenschaft kein Heiligtum mehr wie in Jerusalem; aber Gott ist auch so zu finden, er ist zu sprechen und ihnen zugewandt.

Doch es ist nicht so, daß Gott sich durch unser Suchen erweichen ließe und erst auf unser Rufen hin uns nahe käme. Gott selbst hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß wir ihn suchen können. Nur sollen wir ihn da suchen, wo und wie er sich finden läßt, nicht irgendwo, sondern dort, wo er vor allem Suchen uns schon nahe ist.

Für uns Christen ist es keine Frage, wo dieses Sich-Darbieten Gottes konkret wird: in Christus sollen wir den dreieinigen Gott finden, in seinem Wort und seinen Sakramenten. Aber während unsere Wünsche hoch hinausfliegen und wir die Höhenwege des Lebens suchen, geht Gott in die Tiefe. Er steigt zu den Geplagten hinunter, zu den Schuldigen. Aber dadurch läßt er sich auch leichter finden von uns.

Gott ist zwar mit seinen hohen Gedanken weit über uns, aber mit seinem wirksamen Wort ist er doch dicht bei uns. Es sieht zwar oft so aus, als ob das Faßbare und Meßbare und vor allem das Bedrückende und Belastende sich im Lauf der Welt immer mehr wieder durchsetzen würde. In Wirklichkeit aber ist es umgekehrt: Gott wird die Selbstdarstellung des Menschen in den großen Weltreichen und in seinen technischen Leistungen durch seinen Zorneshauch zunichtemachen.

Wir sollen hier nicht in die Innerlichkeit des Herzens verwiesen werden. Zwar schafft das Wort Gottes den Glauben in den Herzen der einzelnen Menschen. Aber die sichtbare Welt darf nicht als gleichgültig angesehen werden zugunsten einer nur vorgestellten idealen Welt. Gott will in unsere greifbare Welt hineinwirken. Sein Wort geht aus seinem Mund, bewegt sich vom Himmel zur Erde, um dort das Aufgetragene zu wirken.

Manchem Menschen gelten Worte nicht viel. Das ist auch kein Wunder. Was wird nicht alles geredet! Viel unnützes Geschwätz ist dabei. Da wird endlos über eine Sache gesprochen, ohne daß die entsprechenden Folgen eintreten (Abrüstungsverhandlungen, Klimaschutz). „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehen!“ möchten wir manchmal sagen.

Gottes Wort ist aber nicht der Gesprächsbeitrag Gottes in einer Gesprächsrunde, in der wir mit ihm als gleichberechtigte Partner sitzen. Wenn der Prophet vom Wort Gottes spricht, dann meint er die Kraft, die die Welt erhält und Menschen und Verhältnisse wandeln. kann. Gott ist in seinem Wirken nicht aufzuhalten, nicht im Lauf der Geschichte und nicht im Lauf der Natur.

Gottes Wort ist wie das Wasser, das vom Himmel kommt und die Erde anfeuchtet und fruchtbar macht. In Palästina geht das manchmal in Stunden, daß die ausgedörrte Erde wieder grün wird. So ist auch das Wort Gottes eine Macht, die etwas bewirkt. Es ist nicht nur die zeichenhafte Abbildung einer Wirklichkeit, sondern es ist selbst schöpferische Tat. Unser Menschenwort entartet leicht in Geschwätz. Aber Gott ist mit seinem schöpferischen Wirken nicht am Ende.

Gottes Wort bewirkt Gemeinschaft. Daß wir hier zusammengekommen sind ist ein Zeichen dafür, daß Gottes Wort an uns arbeitet. Die Kirche lebt unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild. Menschen bedenken unter dem Einfluß des Wortes Gottes ihr Leben neu und verändern es. Etwas geschieht auf jeden Fall, wie unscheinbar die Wirkung des Gotteswortes für unsere Augen auch sein mag. Im Evangelium vom vierfachen Ackerfeld wird sogar gesagt, daß es hundertfache Frucht bringen kann.

Natürlich will dieses Wort vernommen und angenommen sein. Aber wenn das geschieht, dann kann es auch eine vermeintlich tote Gemeinde wieder aufwecken. Es wird nie vergeblich gesagt. Es finden sich immer wieder Menschen, die es hören. Es hilft auch uns, mit unseren

Fragen und Anfechtungen fertig zu werden, auch wenn Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind.

Im Glauben treten wir noch dahin, wo man nicht mehr stehen kann. Man wird sich hüten, auf einen nur dünn zugefrorenen See zu treten. Aber auf den Glauben können wir uns stellen, Gottes Zusagen tragen uns. Es soll uns nicht gehen wie jenem Mann aus einer Legende unserer Zeit, der sich in der Wüste verirrt hatte. Vor sich sieht er eine Oase, mit Wasser, Gras und Palmen. Aber er sagt sich: „Das ist doch nur eine Luftspiegelung, eine Durstphantasie!“ Zwei Beduinen finden ihn tot bei der Oase liegen. Sie sagen: „Er war halt ein moderner Mensch!“ So sind wir oft auch ganz nahe bei Gottes Wort und leben doch von ihm. Dabei können wir doch gerade dort erfahren, wie Gott es mit uns meint und was er mit uns vorhat. Wir erfahren nicht die einzelnen Schritte aber wir kennen Gottes Herz. Deshalb müssen wir uns immer wieder entscheiden, ob wir auf Gottes Wegen mitgehen wollen oder nicht.

 

 

Estomihi: Lk 18, 31 - 43

Auf dem Höhepunkt der Fastnacht hören wir diese furchtbare Ankündigung. „Wir gehen jetzt hinauf nach Jerusalem und es wird jetzt alles geschehen, wie es die Propheten vom Menschensohn vorausgesagt haben. Er wird gegeißelt und getötet werden!“ Jesus zieht mit den Seinen nicht nach Jerusalem, um dort  mit den anderen Leuten ein großes Fest zu feiern, sondern hier beginnt sein Todesweg.

Das paßt doch gar nicht zu einer fröhlichen Zeit. Es ist doch viel schöner, wenn man lustig und ausgelassen sein kann und nicht an das Sterben denken muß, nicht an das Sterben anderer und vor allem nicht an das eigene Sterben.

Deshalb hat man auch im Ablauf des Kirchenjahres vor die ernste Passionszeit die fröhliche Fastnachtszeit gesetzt. Doch Fastnacht ist kein kirchliches Fest. Eher hat es heidnischen Ursprung, denn der Name kommt von „Faselnacht“, weil da auch noch heute manche Leute dummes Zeug „daherfaseln“. Hintergrund sind die Frühlingsfeiern, bei denen man die bösen Geister des Winters vertreiben will. An den Fratzen der süddeutschen Fastnacht wird das besonders deutlich.

In manchen Gegenden spricht man auch von Karneval. Die Bedeutung dieses Wortes kennt man nicht so genau. Vielleicht ist noch am besten die Ableitung vom lateinischen „carne vale“, was so viel heißt wie „Fleisch lebe wohl“: Vor der fleischlosen Fastenzeit würde  man sich dann lautstark vom Fleisch verabschieden und des dem eigenen Fleisch noch einmal wohl gehen lassen.

In der Kirche aber werden wir aber mehr auf die ernsten Seiten des Lebens hingewiesen. Bei aller Feierei können wir die Schattenseiten nicht ausblenden. Aber umgedreht gilt auch: So schlimm es im Augenblick vielleicht auch sein mag: Die Güte Gottes hört nicht auf, es gibt nicht nur Dunkel, sondern auch immer wieder Licht.

Das kann uns an den zwei Themen deutlich werden, die in dem heutigen Predigttext zusam­mengeschlossen sind, aber auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Deshalb wollen wir auch der spannenden Frage nachgehen, wie der Zug nach Jerusalem mit der Heilung eines Blinden zusammenhängt. 

 

1. Der Zug nach Jerusalem:

Es ist in der Forschung umstritten, ob Jesus tatsächlich von seinem Leiden im Voraus gewußt hat. Es könnte ja sein, daß man das tatsächliche Schicksal auch für Jesus überraschend kam und erst seine Gemeinde nachträglich die verschiedenen Leidensankündigungen in die Erdentage Jesu zurückverlegt hat. Dann hätte man den tragischen Ausgang nicht als ein Mißgeschick angesehen, sondern erbaulich gedeutet als eine von Jesus vorausgesehene und bejahte Tat.

Aber es war ja gar kein übernatürliches Wissen notwendig, um den Gang der Ereignisse vorauszusehen. Man wußte doch, wie der Hohe Rat mit Ketzern und Gotteslästerern verfuhr. Und es ist auch klar, daß Jesus durch sein Auftreten und Wirken den Tatbestand der Ketzerei in den Augen dieser Leute voll erfüllt hat.  Und daß er nicht der von ihnen erwartete Messias war, konnte man schon daran sehen, daß er bereit war zum Leiden.

Jesus müßte nicht „hinaufziehen“, aber er tut es. Schon am Anfang seiner Tätigkeit wurde er vom Teufel versucht, einen leichteren Weg zu gehen. Aber so wie er sich damals für den Weg Gottes entschied, so tut er es auch jetzt wieder. Er wußte: Für seine Botschaft mußte er mit seiner Person einstehen, weil Gott nur so seine Macht zeigen konnte.

Die Jünger haben das (zunächst) nicht verstanden, was Jesus ihnen sagte. Auch für sie paßte das alles nicht in die Erwartungen, die sie mit Jesus verbanden. Sie hofften doch, Jesus werde jetzt sein Reich aufrichten und Gott werde die Herrschaft ergreifen und Israel erlösen. Und nun müssen sie hören: Nicht der Sieg steht bevor, sondern die Katastrophe.

Auch wir könnten denken: Es geht doch nicht so sehr um das Heil Gottes, sondern um ein Ordnungmachen in den Strukturen dieser vergänglichen Welt. Es kann doch nicht so bleiben, wie es ist! Und menschliches Recht muß man dann mit menschlichen Mitteln durchsetzen! Jesus aber hat die Sorge um weltliches Recht nicht als seine erste Aufgabe angesehen, eine grundsätzliche Umgestaltung der Welt hat er nicht ins Auge gefaßt. Es geht ihm nicht um das Jerusalem auf dem Berg, sondern um die Gottesstadt auf dem Berg.

Doch er hat die sündige Welt nicht preisgegeben. Wäre das Leiden an ihm vorübergangen, dann wären sie Sünder auf der Strecke geblieben, mit denen er sich doch solidarisiert hat. Aber Jesus hält bei den Sündern aus. Er offenbart das Unrecht der Menschen, indem er ihre Sünde sich an ihm austoben läßt. Indem die jüdischen Behörden ihn an die heidnischen Römer ausliefern, wird speziell die fromme Sünde entlarvt, daß man im Namen Gottes den Retter verdammt. Indem Israel aber seinen Messias preisgibt, gibt es auch sich selber auf.  Aber Jesus bleibt dennoch der Messias, weil er Gott gehorsam bleibt.

 

2. Die Heilung des Blinden:

Auch in zweiten Teil des Predigttextes geht es um die Messianität Jesu. Aber auch hier erweist sie sich anders, als die Menschen denken: Jesus regiert, indem er hilft. Er ist der Heiland derer, die Hilfe brauchen. Jesus geht zum Leiden, aber ein Einzelner darf schon einmal erfahren, wie sein Leiden überwunden wird: Der Blinde darf schon einmal den Anfang des Kom­menden erleben, darf schon ein Stück weit an der vollendeten Welt teilhaben. Die Messianität Jesu besteht nicht in einer Machtausübung, sondern in der hilfreichen Zuwendung zu seiner Gemeinde und zu jedem Einzelnen.

Der Blinde hat ja vom Messias die Wende seines persönlichen Schicksals erwartet. Deshalb läßt er sich nicht abweisen. Deshalb macht er so dringend auf sich aufmerksam, weil das seine einzige Chance ist. Das ist sein Glaube. Und Jesus wendet sich ihm ja auch persönlich zu, indem er fragt: „Was willst du, daß ich dir tun soll?“ Jesus ist hier der Sehende, denn zum richtigen Sehen gehört das genaue Hingucken. Man kann ja für etwas blind sein, obwohl man mit beiden Augen sehen kann. Natürlich steht vor aller Augen, was der Mann sich wünscht. Aber  Jesus sieht das nicht nur, sondern er will, daß der Blinde diese Bitte auch ausspricht und daß er seinen Glauben auch in Worte faßt. 

Jesus ist auf dem Weg zum Kreuz. Aber er überhört den Hilfeschrei des Blinden nicht. Er geht nicht an der Not anderer vorüber, weil er mit sich selber genug zu tun hat. Er beeilt sich nicht, nach Jerusalem zu kommen, weil dort „Wichtigeres“ auf ihn wartet. Wenn ein Mensch in Not ist, dann ist dieser wichtig. 

Doch das bedeutet nun nicht, daß jeder Glaubende  von all seinen leiblichen Gebrechen geheilt wird. Die Machttaten Jesu sind nur Zeichen, eine Vorausschau auf die Auferstehungs­wirklichkeit. Wenn einer am grauen Star leidet, dann wird er sich vom Augenarzt operieren lassen, dafür hat uns Gott ja die Ärzte gegeben.

Nur:  Jesus will mehr! Er will ein neues Leben eröffnen. Er will Gefolgsleute, die in seiner Nachfolge denselben Weg gehen lernen, die mit ihm ihr Leben ganz unter den Gehorsam des Vaters stellen.

Wer glaubt, wird Christus bekennen, auch wenn er noch nicht sieht. Und wenn er sich dem leidenden Christus anschließt, dann wird er auch Gott preisen. Was die Jünger damals nicht verstanden, das kann uns als christliche Gemeinde durchschaubar sein.

Was die Obersten in Jerusalem nicht sehen, das hat der Sehendgewordene entdeckt, noch ehe er gesund wurde (er spricht Jesus als „Davidssohn“ an). Er ist der letzte von Jesus berufene Jünger.  Er wird sehend, während in Jerusalem „Blinde“ Jesus ans Kreuz hängen. Man kann blind für Jesus sein, obwohl man ihn vor Augen hat.

Der Glaube hat ihm nicht nur dazu geholfen, daß er sein Augenlicht zurückerhielt, sondern daß er gerettet wurde in einem umfassenden Sinn. Die Heilung ist für ihn Neuanfang als gesunder Mensch, aber auch Beginn eines Lebens in der Nachfolge Jesu und damit in der Nähe Gottes.

Der Sehendgewordene schließt sich Jesus an. Vielleicht hat er nicht geahnt, worauf  er sich da einläßt. Aber er erkennt: Erst wenn ich jeden Tag mit Jesus lebe, dann bin ich wirklich sehend. Er will das festhalten, was er einmal erkannt hat.

Das wäre auch die Aufgabe für uns: Mehr sehen, als die anderen an Jesus sehen. Andere verspotten ihn vielleicht und halten ihn nur für einen gewöhnlichen Menschen. Sie sind blind für Jesus. Wir aber dürfen uns an ihn wenden und alles von ihm erwarten. Unser Leben ist geprägt von Freude, aber auch von manchem Leid. Doch gerade wenn man im Leid ist, darf man die Freude nicht vergessen, die man schon erfahren hat und die auch wieder kommen wird.

Jesus kann uns dabei helfen, er kennt unsere Not und weiß auch Mittel dagegen. Wenn wir ihm nachfolgen, dann kann uns kein Leid mehr geschehen.

 

 

Estomihi: Lk 13,  31 - 35 (Marginaltext)

Der Fuchs ist die bildliche Bezeichnung für einen unbedeutenden Menschen, das Gegenteil eines Löwen. Außerdem ist er das Symbol der Schläue, weil er mit Verschlagenheit seine Beute und seinen Vorteil sucht. Gemeint sein könnte an dieser Stelle im Lukasevangelium Herodes Antipas, ein Enkel des Königs Herodes aus der Weihnachtsgeschichte und Landesherr Jesu. Er war verantwortlich für den Tod Johannes des Täufers und sieht in Jesus einen von den Toten auferstandenen Propheten oder vielleicht auch den Täufer.

Er schwankt zwischen Verlegenheit, Scheu, Neugier und Verachtung. Diese sich widersprechenden Einzelheiten kennzeichnen ihn plastisch. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus kennzeichnet ihn als einen Menschen, der Ruhe und Bequemlichkeit liebte. Die Unruhe, die von Jesus ausging, war ihm unbequem. Sein Ziel war: „Nur nicht auffallen bei den Römern!“ So ein Aufwiegler wie Jesus sollte ihm keine Unannehmlichkeiten bereiten.

Deshalb läßt er Jesus so hintenherum eine Morddrohung übermitteln, um ihn loszuwerden. Jesus soll abgeschoben werden, des Landes verwiesen, ausgebürgert. Aber es soll ohne Aufhebens geschehen, er soll freiwillig seine Papiere holen und das Land verlassen und anderswo um Asyl bitten.

Es kommen Pharisäer zu Jesus und warnen ihr. Es ist nicht deutlich, ob sie von Herodes geschickt sind. Sie könnten von ihm geschickt sein. Es könnte aber auch sein, daß zumindest einige es tatsächlich gut mit Jesus meinen und ihm gegenüber noch die Haltung einer wohlwollenden Neutralität einnehmen.

Aber nehmen wir einmal an, sie kamen in böser Absicht. Dann hätte Jesus mit seiner Antwort nicht nur den Herodes kritisiert: „Er ist zwar schlau, aber er ist auch ebenso verächtlich!“ Jesus hätte damit auch gleich die Pharisäer kritisiert, die vor ihm stehen. Mit überlegener Ironie sagt er ihnen: „Ihr könntet mal eurem Herodes einer schönen Gruß sagen: Er ist ein Fuchs, auf dessen Schläue ich nicht hereinfalle. Ich mache weiter, darauf kann er sich verlassen - solange mir Zeit gegeben ist!“

Jesus weiß genau: Wenn er das Land verläßt, dann gerät er in den unmittelbaren Machtbereich des Hohen Rates in Jerusalem. Diese Absicht scheint Herodes zu haben: ihn seinen Gegnern in die Hände zu spielen. Jesus aber macht deutlich: Er bezieht seine Direktiven von anderswoher, die Anordnungen des Herodes machen auf ihn keinen Eindruck!

Wir müssen dabei bedenken: Dieses Wort Jesu hat die Gemeinde damals im Gedächtnis aufbewahrt, weil es für sie aktuell war. Die Gemeinde des Lukas trug ihrem Herrn das Kreuz nach, denn auch ihr wurde von Machthabern wie Herodes nachgestellt. Nun waren es der römische Kaiser und seine Statthalter, die die Christen verfolgten. Und „Jerusalem“ war auch für sie der Inbegriff einer den Christen feindlich gesinnten Größe. Die Enkel derer, die einst Jesu Tod gefordert hatten, begegneten den Christen mit dem gleichen Haß

Auch heute gibt es Länder, in denen Christen verfolgt werden, vor allem in islamischen Ländern. Jesu Geschichte ist auch die Geschichte seiner Gemeinde. In irgendeiner Form kommt das Kreuz Jesu auch im Leben jedes einzelnen Christen vor, ja es will und soll da vorkommen. Für Jesus beginnt ein schwerer Weg. Seinen Anhängern wird es nicht besser ergehen. Aber gerade sie will Lukas ermutigen, ihren Glauben nicht aufzugeben, sondern ihrem Herrn die Treue zu halten

Jesus läßt sich nicht einschüchtern, sondern er bleibt bei seinen Leuten. Er bleibt zunächst in Galiläa, weil dort Menschen sind, die verzweifelt sind und Hilfe brauchen. Er geht zu den Kranken, die damals weitgehend vom Leben und der Gemeinschaft der anderen Menschen ausgeschlossen waren, und gibt ihnen wieder eine Hoffnung.

Er tut das nicht, weil sie ihm leid tun. Er wird nicht getrieben von der Not der Zeit, sondern er wird von Gott getrieben in die Not dieser Zeit hinein. Ein göttliches Muß treibt ihn in das Leid und die Schuld dieser Welt.

Wer mit Jesus den Weg geht, der geht nicht nach eigenem Gutdünken.  Er wird vielmehr geleitet von Gottes Willen zur Rettung. Er muß einfach die Hoffnung bringen zu den Verzweifelten, die Heilung zu den Kranken und die Gemeinschaft zu den Ausgestoßenen. Nicht weil es so schön ist zu helfen, sondern weil Gott diesen Weg festgelegt hat. Er hängt nicht von Menschen und Mächten ab, sondern von Gottes „Muß“.

Das wird auch deutlich an Jesu letztlicher Entscheidung, doch nach Jerusalem zu gehen. Er macht sich nicht abhängig vom Wohlgefallen oder Mißfallen einer so windigen Gestalt wie Herodes, ob die Menschen ihn gern wirken sehen oder nicht, ob sie es ihm erlauben oder ihn hindern wollen. Er geht auch nicht aus Angst vor dem Mörder des Johannes seinen Feinden in Jerusalem in die Falle.

Jesus hält sich in allem an Gottes Befehl. Und der will, daß jetzt in Galiläa die Dämonen weichen müssen und Kranke gesund werden. Jesus wirkt trotz der Drohung weiter, als wäre nichts geschehen. Mit diesen Worten hat auch 1933 der Theologieprofessor Karl Barth die evangelischen Christen in Deutschland aufgefordert, sich nicht an die neue Bewegung anzupassen. Und ein Gleiches war 1945 angebracht. Die Kirche ist unabhängig von politischen Systemen, sie hat allein auf ihren himmlischen Herrn zu hören.

Jesus übte weiter sein Amt aus nicht von des Herodes Gnaden, sondern nach Gottes Befehl. Bald aber wird er Galiläa verlassen. Aber nicht, weil Herodes das will, sondern wiederum nach Gottes Befehl.

Jesus geht nach Jerusalem, weil es ihm bestimmt ist, dort zu sterben. „Jerusalem tötet die Propheten“ - das steht fest, nicht nur einmal war das so, sondern immer wieder. Fast sieht es so aus, als zöge Jesus nach Jerusalem, um einer geheimen Gesetzmäßigkeit zu entsprechen und um das Maß der Schuld Jerusalems voll zu machen.

Jerusalem ist ja nicht irgendeine Stadt. Jerusalem ist geradezu ein Symbol. Es ist die Hauptstadt mit dem Tempel. Es ist der Ort, den Gott erwählt hat, die Stadt des großen Königs und die Stadt des Messias. Jerusalem wird auch einmal der Schauplatz der Vollendung aller Dinge sein. Aber genau da, wo man sich doch mit Gott in festem Bunde weiß, tötet man Gottes Propheten.

An sich war das Volk von einer lebendigen Religiosität geprägt. Zu der großen Religionsfesten in Jerusalem strömte die Menge der Gläubigen zusammen. In den Bethäusern der Städte und Dörfer waren die Gottesdienste gut besucht. Ernste Bibelarbeit wurde getrieben. Und das Alltagsleben war bis in kleinste Verrichtungen durch religiöse Vorschriften geregelt.

Aber man kann fromm sein und doch eine Art Herodes. Man kann überzeugt von Gott reden und doch nur seinen Vorteil bei Gott und den Menschen suchen. Jesus stößt auf den härtesten Widerstand gerade an den Stellen, an denen wir fromm sind. Gerade hier geht es dem Menschen doch sehr um die eigene Gerechtigkeit, um sein Ansehen und seine Leistung und den Wert seiner Persönlichkeit. Damit aber erliegt er einer religiösen Selbsttäuschung.

Herzbewegend ist die Klage Jesu über Jerusalem. Während er Herodes als Fuchs bezeichnet, sieht er sich selbst unter dem Bild der Henne. Eine Henne schart die Küken um sich, sie führt sie, sie deckt sie zu und wärmt sie. So wollte auch Jesus die Menschen zurückgewinnen und um sich scharen. Dafür hat er viel Mühe und Geduld aufgewendet und hat sich vieles einfallen lassen.

Aber am Ende muß er feststellen : „Ihr habt nicht gewollt!“ Nun wird für alle Zeiten klar: Am Ort des Tempels wird der Messias sterben. Am „Ort Gottes“ geschieht der „Mord Gottes“. Zur Strafe dafür wird Gott den Tempel verlassen. Lukas hatte die Zerstörung Jerusalems schon handgreiflich vor Augen!

Jesus zwingt niemanden. Er braucht Jünger, die ihm freiwillig folgen und anhängen. Deshalb lädt er so dringlich ein und wirbt unermüdlich. Aber wenn wir nicht wollen, dann kann es eines Tages dahin kommen, daß wir nicht mehr können. Je mehr Liebe Jesus investiert hat,

desto größer wird unsere Schuld, wenn wir dieses Bemühen nicht beachten.

So wie die Küken unter den bergenden Flügeln der Henne heranwachsen, so können auch wir nur in Jesu Nähe und mit seiner Hilfe zu wahren Menschen heranreifen. Ohre Liebe und Geborgenheit verkümmern wir innerlich. Wahres Menschsein gedeiht nur unter der Liebe.

Und wahres Menschsein besteht in solcher Liebe - im Dasein für den anderen.

Wenn einer in unserer Umgebung von Gott oder der Kirche spricht, dann denkt er doch an einen bestimmten Christen, an dich und mich. Er möchte doch an meinem Verhalten etwas erkennen, was so ist wie Gott: einen Menschen annehmen, ihn heilen, ihm Hoffnung geben. Er will doch bei mir erfahren, wer nun eigentlich Gott ist. Wenn wir hier versagen, steht mehr auf dem Spiel als nur unser eigenes Heil.

Auf dem richtigen Weg aber sind wir, wenn wir mit anderen bekennen: „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“ Sie werden Jesus in Jerusalem ans Kreuz bringen. Aber Kar­freitag ist nicht das Ende, sondern er wird bald wieder da sein. Der sich jetzt auf seinen schweren Tod vorbereitet, wird noch seinen Triumphzug halten. Das wird noch dauern bis zum Ende der Zeit, aber es ist gewiß.

 

 

Invokavit: Lk 22, 31 - 34

„Du kannst dich felsenfest auf mich verlassen!“ Das ist ein Satz, den man gern hört. Man muß sich verlassen können auf seinen Ehepartner, auf seine Freunde und Mitarbeiter. Aber leider wird man da auch enttäuscht. Und so entstand das Sprichwort: „Wer sich auf andere verläßt, der ist verlassen!“

Besonders erschüttert hat die Menschen schon immer die Geschichte von der Verleugnung des Petrus. So etwas hätte nicht passieren dürfen! Erst wollte Petrus besonders stark sein, hat sogar zum Schwert gegriffen, als Jesus verhaftet werden sollte. Aber dann im Hof des Ho­hen­priesters, da wurde er schwach. Als man ihn fragte, ob er denn nicht auch zu diesem Jesus gehöre, da sagte er dreimal: „Ich kenne den nicht!“

Petrus ist dabei nur das Modell dafür, was mit jedem vor uns passieren kann bzw. was der Herr an jedem von uns tut. Er nimmt aus dem größerer Kreis eine Figur heraus und zeigt in Großaufnahme, was allen widerfährt. Petrus wird versucht werden wie jeder von uns. Aber die Geschichte seines Glaubens wird weitergehen. Den Versagenden trägt die Fürbitte Jesu, so daß der Glaube auch dem Schwachgeworderen bleibt . er Herr steht für den Jünger ein.

Dieser ist zwar versucht, aber dennoch gehalten, er ist eingebrochen, wird aber dennoch bleibend beauftragt.

 

1.Versucht, aber gehalten: Jesus weiß was Versuchungen sind, wenn Menschen in der Gefahr stehen, sich von Gott loszusagen und dem Bösen zu dienen. Jesus selbst war solcher Versuchungen ausgesetzt, schon ganz zu Beginn seines Wirkens, als ihn der Teufel zum Wundertäter machen will; aber im Grunde war sein ganzes Leben und besonders sein Leiden und Tod eine einzige Gehorsamsprobe.

Jesus möchte so etwas seinen Brüdern ersparen. Er weiß, wie zerbrechlich ihr Glaube ist. Es muß nicht einmal zu solchen Belastungen kommen wie in der Nacht der Verhaftung Jesu: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Zuerst sieht es so aus, als würde Petrus nicht zu den Treulosen gehören, weil Jesus für ihn gebetet hat, daß sein Glaube nicht aufhört. Aber dann heißt es doch: „Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, daß du mich kennst!“

Wie steht es denn damit bei uns? Könnten wir behaupten: „Mir wäre so etwas nicht passiert, ich hätte mich zu Jesus bekannt!?! Könnten wir uns auf uns selbst verlassen? Unser Glaube hat vielleicht schon bei geringeren Belastungen versagt. Eigener Wille oder fremde Einflüsterung haben uns zum Unrechten verleitet. Wir fühlten uns um unser Glück betrogen, weil Gott uns Schweres auferlegt hat. Wir hatten Angst und meinten, da sei keiner, der uns auffängt. Wasser hat keine Balken, der Glaube aber ebensowenig.

Da war einer entrüstet, als sein Freund Frau und Kinder verließ. Aber jetzt hat er selbst ein heimliches Verhältnis, schämt sich vor seiner Frau und vor sich selbst und findet doch nicht die Kraft, es zu beenden oder mit seiner Frau offen darüber zu reden. Da war ein Jugendlicher aktiv in der Jungen Gemeinde. Die anderen nahmen ihn zum Vorbild, sein Wort galt etwas. Aber jetzt ist er im Beruf und hat noch nicht den Mut, seinen Kollegen zu sagen, daß er zur Kirche gehört. Da hat sich ein Pfarrer aufgeopfert im Dienst, hat oft Trost zugesprochen an Krankenbetten und gegenüber Leidtragenden. Aber jetzt liegt er gelähmt im Pflegeheim und fragt: „Womit habe ich das verdient?! Er kann nicht mehr an die Liebe Gottes glauben.

Durch solche Dinge werden wir gesiebt wie der Weizen. Hinter allem ist der Böse am Werk. Er hat viele Macht. Wenn er uns einreden will, daß eine solche Prüfung sich nicht lohnt, heißt er „der Versucher“. Wenn er uns einflüstert, daß wir selbst entscheiden könnten, was gut und böse ist, dann heißt er wie in der Erzählung vom Sündenfall „die Schlange“. Wenn er unsre guten Vorsätze zur Versöhnung durcheinanderwirft, heißt er „Teufel“, denn dieser ist der „Durcheinanderwerfer“.

Zwischen Jesus und seinen Jüngern ist nicht einfach ein zwischenmenschliches Verhältnis zu Bruch gegangen. Gottes Herrschaft muß vielmehr immer wieder gegen die Mächte des Bösen durchgesetzt werden. Gott hat den Engeln und den Menschen die Freiheit gewährt, die auch die Möglichkeit des Abfalls einschließt. Diese Möglichkeit ist der teure Preis, den Gott bezahlt, damit Liebe möglich wird.

Doch Jesus steht für seinen Jünger ein. Er ruft Petrus nicht auf zur eigenen Leistung. Der Glaube ist nicht ein Werk, das der Jünger vollbringt. Wir hätten gern einen starken Glaubensmut  und eine unerschütterliche Zuversicht. Aber wenn es uns daran fehlt, brauchen wir nicht nervös zu werden.

Christus ist nicht nur für die Leute mit starkem Glauben da, sondern erst recht für solche, wie ich es bin. Der Satan will mich an Jesus irremachen und mich in Sünde und Verzweiflung stürzen. Aber da ist Jesus, der an mir keinesfalls weniger interessiert ist als der Widersacher: Er betet für mich, daß die Linie des Glaubens nicht abreißt, sondern durchläuft.

Da liegt einer krank, ist sehr schwach und verzweifelt am Leben, er kann nicht mehr glauben und beten. Da soll er sich daran erinnern, daß sein Herr sowohl unsichtbar an seinem Bett und vor Gottes Thron steht und bittet: „Laß ihm der Glauben nicht ausgehen!“ An sich wäre es um unseren Glauben längst geschehen. Aber so sind wir gehalten wie an einem Seil. Wer nur noch auf den schaut, der ihn hält, das ist eben der, der glaubt.

 

2. Eingebrochen, und doch bleibend beauftragt: Es ist bewegend, wie Petrus im Überschwang der Liebe zu seinem Herrn sich übernimmt. Er tut es in ehrlicher Absicht und im besten Glauben an sein Durchstehvermögen. Aber er sieht die Glaubenstreue als etwas an, was er selbst aufzubringen hat. Er scheut nicht Gefangenschaft und Tod, sondern will so tapfer sein, wie mancher andere auch, der das einmal Versprochene gehalten hat.

Aber in dem Konfliktfeld zwischen Gott und dem Satan kann der gute Wille allein nicht bestehen. Bei den listigen Anläufen des Teufels kann man sich nicht so viel Durchhaltevermögen und Leidensbereitschaft zutrauen. Glaube ist nicht zu bestreiten mit der Aufschwüngen und Anstrengungen des eigenen Herzens. Glaube ist nicht die Haltung des innerlich starken Menschen, der sich alles zutraut.

Wer glaubt, wird sich leichtfertiger Zusagen und Gelübde enthalten. Er wird wissen, daß er heute stehen und morgen schon fallen kann. Er wird seinen Glauben ganz in der Aktivität seines Herrn begründet wissen. Jesus sieht voraus, daß auch der einbrechen wird, für den er einsteht. Auch die Wiedergeborenen sind in der Gefahr abzufallen und sündigen mehr oder weniger massiv. Manche meinen, in der Kirche müsse es anders zugehen als beim Staat. Oder sie hoffen, daß es in einer anderen Kirche besser ist und wechseln zu dieser. Aber da ist es auch nicht anders.

Da hat Jesus eben das Abendmahl eingesetzt, und im nächsten Augenblick muß Jesus zu Petrus sagen: „Du wirst mich verleugnen!“ Da wurde eben in der Kirche das Abendmahl gefeiert und schon streiten sich die Christen schon wieder wie die Jünger.

Aber auch Petrus wird wieder umkehren dürfen, nicht nur dieses eine Mal, sondern immer wieder. Der Auftrag bleibt ihm ohne Wenn und Aber: „Stärke deine Brüder!“ Gerade der sich als schwach erwiesen hat, wird die anderen stärken. Jesus will gerade den, der eingebrochen ist, zuerst für seine Zwecke benutzen.

Hier wird tatsächlich dem Petrus ein besonderer Auftrag zuteil. Er war nun einmal der Erste, der der Auferstandenen gesehen hat. So konnte er auch als erster seine Brüder stärken und das Wort von Christus in die Öffentlichkeit bringen. Man muß nichts gegen einen „Ersten“ in der Gemeinde haben.

Sicherlich kamen man sich auch gegenseitig zum Glauben Mut machen. Aber das geht nicht so, daß jeder dem anderen etwas von dem Seinen gibt. Es ist immer der Herr, der durch seine Diener wirkt. Auch der Amtsträger gibt nichts aus dem Eigenen, sondern er ist ein Armer, der viele reich macht.

Gott hat seine Kirche gebaut mit fehlerhaften und schwachen Menschen. Er hat sie gebaut mit Menschen, denen er wieder auf die Beine geholfen hat. Seither ist keiner zu schlecht und un­begabt, daß er nicht in Gottes Bau seinen Platz finden könnte. Und wer gerade fest im Glauben und mit beiden Beinen im Leben steht, der soll seine Brüder stärken, deren Glauben zu schwinden droht und die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Aber ehe man andere stärken kann, muß man sich erst selbst gestärkt haben. Das aber geschieht für uns im Abendmahl.

 

 

Reminiszere: Joh 8,  21 - 30

Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, dann ist das ein schreckliches Geschehen. Was muß alles geschehen sein, ehe ein Mensch zu diesem letzten Mittel greift? Was muß er alles unternommen haben, um doch noch einen Ausweg zu finden? Hat es denn gar keine andere Lösung gegeben, denn Selbstmord ist ja keine Lösung?

Aber auch die Menschen in der Umgebung - die Verwandten und Freunde - fragen sich: Was haben wir versäumt? Hätten wir uns nicht doch mehr einsetzen müssen, um diesen Schritt zu verhindern? Warum haben wir nichts gemerkt. warum haben wir die Warnzeichen nicht wahr­genommen? Sind wir vielleicht mit daran schuld?

Kommt uns Jesus von Nazareth nicht manchmal auch wie ein Selbstmörder vor? Er wußte

doch, was ihn in Jerusalem erwartete. Schon auf dem Weg nach dort belästigen ihn seine Gegner. Sie wissen nichts von dem Auftrag Jesu, sie können in ihm nur den fehlgeleiteten Spinner sehen, der sein Leben unnötig gefährdet, wenn er nach Jerusalem geht. Er kann dabei nur scheitern, er ist ein Selbstmörder.

Selbstmord galt bei den Juden als die schwerste Sünde. Höchstens aus patriotischen Gründen durfte man das tun, etwa als sich jüdische Kämpfer in der Festung Massada selbst töteten, weil ihr Kampf gegen die Römer aussichtslos war. Aber ansonsten war Selbstmord die Verbannung in die Hölle, ewiger Tod. Jesu Gang nach Jerusalem muß seinen Gegnern so vorgekommen sein wie der letzte verzweifelte Schritt eines Irren, der sich selbst festgefahren hat und nun keinen Ausweg mehr sieht.

Die „Juden“ sind im Johannesevangelium natürlich nur Beispiel für die Menschen, die nicht

an Gott glauben. Dazu können auch wir gehören - zumindest teilweise. Schütteln wir nicht auch manchmal den Kopf über den Tod Jesu? Fragen wir nicht auch: „Mußte das sein?“ Wäre er nicht besser in Galiläa geblieben, bei den einfachen Menschen vom Land. wo viele an ihn glaubten und ihn sogar verehrten, anstatt in das feindliche Jerusalem zu gehen. wo die Gebildeten ihr eigenes Gottesbild hatten und einen Konkurrenten vernichten wollten?

Wird hier nicht wieder einmal einer das Opfer von Unmenschlichkeit? Wir sehen in ihm einen unglücklichen Menschen, der das Opfer menschlicher Sünde wurde. Und besonders tragisch daran ist, daß dieser Jesus dabei noch der Meinung war, er vertrete die Sache Gottes und handle in Gottes Auftrag. Das Kreuz, das am Ende des Weges Jesu steht, kann uns eigentlich nicht zum Glauben an Gott ermutigen, sondern uns nur an Gott und an Jesus irre werden lassen. Etwas von diesen verständlichen Zweifeln und von diesem Unglauben steckt wohl in uns allen drin.

Das Johannesevangelium aber will uns sagen: Das Leiden kommt nicht so einfach über ihn, so daß er dabei nur willenloser Spielball dunkler Mächte wäre, sondern Jesus ist selber aktiv und geht bewußt in sein Leiden und Sterben. Er sagt nicht: „Ich werde jetzt nach Jerusalem getrieben!“- sondern er sagt: „Ich gehe hinweg!“ Er kommt nicht unter die Räder, sondern er ist selbst der Handelnde. Jesu Passion ist Aktion!

Das Johannesevangelium spricht etwas doppeldeutig von „Erhöhung“: Vordergründig ist damit gemeint, daß Jesus ans Kreuz geheftet wird und dieses dann aufgerichtet wird. Aber in Wirklichkeit wird Jesus dabei zu Gott erhöht, wird er der Himmlische.

Das soll nicht heißen, daß er erst durch seinen Gehorsamstod zu etwas würde, das er vorher nicht war. Als der Gottessohn ein Mensch wurde, hat er nicht aufgehört, Gott zu sein. Sein Menschsein wird dadurch nicht entwertet. Doch bei der Kreuzigung war Jesus nicht bloß ein

Mensch. Und er wurde nicht erst durch seine „Erhöhung“ zum Himmlischen, das Gottsein ist nicht etwas, das Jesus erst nachträglich beigelegt wurde: Jesus war auch auf Erden dem Bereich Gottes zugehörig.

Wenn er den irdischen Schauplatz verläßt, dann wird er kein anderer, als der, der er von Anfang an war. Er hat nie aufgehört, der Himmlische zu sein, aber er hat sich tief mit dem Irdischen verbunden. Doch er geht unangefochten durch den Tod, sieghaft und jubelnd. Am Ende geht er nur dorthin, von woher er gekommen ist. Passion ist Heimkehr!

Das alles haben die „Juden“ nicht verstanden. Damit haben sie die nie wiederkehrende Gelegenheit zur eigenen Rettung verpaßt. Wer „von unten her“ ist, kann das nicht erkennen. Nur wer „von oben her“ ist, sieht in dem Kreuz Jesu nicht mehr einen Unsinn, sondern einen Akt göttlicher Weisheit. Der Evangelist will diese Sicht seinen Zuhörern vermitteln, weil er hofft,

daß sie ihren inneren Widerstand aufgeben und doch noch an Jesus glauben. Sie sollen endlich merken, mit wem sie es zu tun haben!

Diese Aufforderung gilt aber auch uns. Wir wünschen uns auch manchmal einen siegreichen Christus, einen, der es endlich einmal allen zeigt, der die Wahrheit des christlichen Glaubens allen vor Augen stellt. Der Jesus des Johannesevangeliums scheint dieser Vorstellung ent­gegenzukommen: Er ist nicht der Verlierer, wie er oft bei den anderen Evangelisten und bei

Paulus erscheint, sondern er ist der Sieger.

Doch hier geht es jeweils nur um eine andere Sicht derselben Wirklichkeit, wie bei einem Teppich, der zwei Seiten hat. Die einen betonen nur die unansehnliche Rückseite, Johannes aber sieht das eindrucksvolle schöne Muster auf der Vorderseite.

Im Gespräch mit seinen Gegnern betont er nur die von diesen geleugnete Seite der Sache, daß er nämlich in den Bereich Gottes gehört. In Jesu Leiden wird ja nur der Plan Gottes verwirklicht, mit dem sich Jesus eins weiß.

Die Juden haben gar nichts vereitelt, sie wußten gar nicht, was sie taten. Sie haben nur geholfen, das Gottsein Jesu durchzusetzen. Nicht Jesus mußte sterben, sondern sie sind gestorben, weil sie in der Sünde verharrten, nicht an Jesus zu glauben.

Die Aussage Jesu ist hart: Ausgerechnet die Vertreter des klassischen Volkes der Religion und der Erwählung wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. Aber auch wir stehen sicher manchmal in dieser Gefahr: Auch wer gut kirchlich ist und in der frommen Tradition zu Hause, vielleicht sogar aktiv in kirchlichen Kreisen oder im Kirchenvorstand, kann einen „weißen Fleck“ haben, wenn es um den wirklichen Gott geht. Der ist nämlich nicht so, wie wir ihn uns

vorstellen und gern haben möchten, sondern er ist wie er ist.

Doch Jesus macht uns deutlich: Gott ist den Menschen zugewandt. Er geht in Jesus auf die abtrünnige Welt zu. Wir haben keinen „Lehrbuchgott“, sondern einen „Gott-in-Aktion“, einen lebendigen und tätigen Gott, der uns auch jetzt in diesem Gottesdienst begegnet. Deshalb gibt es für uns überhaupt keinen Grund, am Leben zu verzweifeln oder gar sich selbst das Leben zu nehmen.

Wir gehen zwar manchmal auch zu unserem „Jerusalem“, müssen auch manches Leiden durchmachen. Aber am Ende wartet nicht das Kreuz auf uns, weil da schon ein anderer dran hängt. Das Kreuz ist zwar nach wie vor das Zeichen des unbegreiflichen Handelns Gottes. Es ist aber auch der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, wo das „Oben“ und „Unten“ nicht mehr getrennt sind. Es ist die Brücke, auf der man zu Gott gelangen kann, wo alles Leid auf-

hört.

Es gibt auch ein „zu spät“, wird am Schluß dieses Bibelabschnitts gesagt. Wenn Jesus sagt „Ihr werdet erkennen, daß ich es bin“, dann muß man auch tatsächlich erkennen wollen. Mit dem Gleichnis von den bösen Weingärtnern wird der Ernst der Predigt Jesu ja auch unterstrichen. Die Ablehnung des Wortes Jesu bedeutet die Selbstausschließung vom Heil. Doch diese Entscheidung fällt nicht erst am Jüngsten Tag, sondern hier geht es um Entscheidungen, die heute zu fällen sind. Wenn wir in Glauben oder Unglauben heute Jesus gegenüber Stellung beziehen, dann geschieht schon heute das Gericht. Was sich heute noch im Verborgenen ereignet, wird aber am Ende vor aller Augen offenkundig werden. Aber nach der Erhöhung Jesu wird es ein Erkennen geben, in dem Jesu Sendung durch den Vater allen deutlich werden wird.

Es gibt manches in unserem Leben, was die Nachfolge erschwert. Da ist die eigene Bequemlichkeit, die uns manchmal schon vom Besuch des Gottesdienstes abhält. Da sind unsere Bindungen und Verpflichtungen, die uns ablenken von dem, was wirklich wichtig ist in unserem Leben. Wir wissen nicht, welchen Weg Gott heute mit uns vorhat oder erkennen ihn nicht. Wir leben ja auch in einer völlig anderen Situation als die Menschen damals.

Doch helfen kann uns der Besuch des Gottesdienstes, das Befassen mit Glaubensfragen, Bibellese und Gebet. Auch in unserer Zeit und in unserem Leben können wir erkennen, daß er es ist, der unsere Rettung ist. Und wenn das geschieht, dann werden wir auch seinen Weg mit uns verstehen.

Am Schluß des Bibelabschnitts heißt es deshalb ja auch tröstlich: „Es glaubten viele an ihn!“ Jesu Ziel ist nicht das Gericht, sondern die Rettung. Trotz aller falschen Entscheidungen gibt

es noch das Angebot des Friedens mit Gott.

 

 

Okuli: Jer 20, 7 - 11 a

Wenn wir hören, was manche Menschen alles zu ertragen haben, dann machen wir uns doch darüber unsere Gedanken. Besonders bei Christen kann man der Kopf schütteln und fragen: Womit hat denn dieser Mensch das verdient? Er hat sich doch immer zur Gemeinde gehalten und seinen Glauben ganz ernst genommen. Und nun muß er so etwas Schweres durchmachen!

Da kämpft einer gegen die Macht des Kapitals, setzt viel Zeit dafür ein, sieht das Kopfschütteln der Passanten, wenn er mit einem Plakat demonstriert. Wenn das öffentlich bekannt wird, hat er vielleicht Nachteile beim Arbeitgeber.

Gar mancher sagt dann: Das müßte man eigentlich auch auf sich nehmen,  denn wenn viele das so machten, dann würde sich manches ändern! Aber letztlich sind es immer nur Einzelne, die so radikal sind. Die anderen suchen doch eher den Kompromiß, und die Entschiedenen sind dann doch wieder allein auf weiter Flur. Im Grunde legen wir damit doch stillschweigend fest, daß ein Nachfolger Jesu auch Anspruch auf ein einigermaßen gutes Leben hat. Es soll ein Leben ohne Last und Anfechtung sein auf dem Weg des geringsten Widerstandes

Der Prophet Jeremia war einer von den anderen, die im Gehorsam gegen Gott ihren Weg gehen, komme was wolle. Er hatte sich gegen die falsche Sicherheit ausgesprochen, die aus einem mißverstandenen Vertrauen auf der Tempel erwuchs. Er hatte die Übertretung der Gebote Gottes und den Götzendienst gebrandmarkt. Er hatte gewarnt vor dem Gericht Gottes, das von Norden her kommen würde.

Dafür hatte ihn die Tempelpolizei mißhandelt, gefangengesetzt und Hausverbot gegeben. Der König hatte die Prophetensprüche demonstrativ am offenen Feuer verbrannt. Dann hatte man ihn bei einem Fluchtversuch erwischt, als er zu den Feinden überlaufen wöllte. Man warf ihn in eine verschlammte Zisterne im Schloßhof, wo er umgekommen wäre, wenn nicht ein Ausländer ihn gerettet hätte.

Warum muß ein frommer Mann wie Jeremia so etwas aushalten? Warum hat er auf einmal alle gegen sich, auch die, auch die angeblich seine Freunde waren. Er hat nicht nur Schlimmes für Leib und Leben zu befürchtet, sondern sie begegnen ihm auch mit nicht endendem Spott und Gelächter, um ihn moralisch zu verrichten.

Dabei war Jeremia ein hochempfindlicher Mensch. Gott wollte ihn zwar zur eisernen Säule und ehernen Mauer machen. Aber das hieß offenbar doch nicht, daß er damit hart im Nehmen gewesen wäre und alle Feindseligkeiten unerschüttert ertragen hätte. Er leidet an Gott und dem von Gott erteilten Auftrag, er ist der Sache Gottes nicht problemlos gewiß gewesen.

Damit ist es ihm ähnlich ergangen wie Jesus. Auch Jesus ist fast an diesem Konflikt zwischen Gott und der Welt zerbrochen. An dem Vorläufer Jeremia wird etwas von dem Geschick Jesu sichtbar. Jeremia ist in der Spur des angefeindeten und leidenden Christus gegangen, auch wenn er ihn noch nicht gekannt hat.

So wie Jesus hat Jeremia unter dem Druck der Verfolgung leiden müssen. Doch das ist nicht sein persönliches Pech, sondern das hängt tief mit seinem Auftrag zusammen: Er soll die Sünde der Menschen ans Licht ziehen, den Abfall von Gott und die lästerliche Selbstsicherheit.

Das waren ganz andere Töne, als sie von den sogenannten Heilspropheten zu hören waren. Die sagten, was man gerne hören wollte: Auch der Scharfmachern in Jerusalem wäre es lieb gewesen, wenn Jeremia ihre Kriegspläne unterstützt hätte, ihnen im Namen Gottes die Unbesiegbarkeit Jerusalems verkündet hätte. Genauso wäre es den Kapitalisten von heute lieber, wenn Ruhe vor ihrer Bank wäre.

Wer aber von Gottes Wort her zu einer anderer Entscheidung kommt, der macht sich verhaßt und wird als Gegner abgestempelt. Oder man sagt: „Laß den doch, der ist nicht ganz richtig im Kopf, der kann sich doch nicht mit allen anlegen wollen!“ So wurde auch Jesus belauert und herausgefordert, angezeigt und verklagt, weil er störte.

Aber er hat dennoch eine sich als Frömmigkeit ausgebende Selbstgerechtigkeit entlarvt und ist der Unbarmherzigkeit entgegengetreten, die den Ausgestoßenen verkommen läßt. Er hat die falsche Gottverbundenheit gebrandmarkt, die den wirklicher Gott gar nicht an sich heranläßt.

Aber einer mußte dabei auf der Strecke bleiben. Jeremia konnte noch sagen: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen!“ Bei Jesus aber war es anders: Er blieb auf der Strecke, weil er nicht wollte, daß wir an unserer Verkehrtheit zugrunde gehen. Was uns zukäme, das hat ihn getroffen. Soviel Jeremia auch leiden mußte und vielleicht auch wir leiden müssen: Jesus hat mehr aushalten müssen.

Diese Erkenntnis kann auch helfen zum Durchhalten. Jeremia hat das Gotteswort ja zunächst wie eine Speise empfangen, es war seines Herzens Freude und Trost. Aber nach seiner bedrückenden Erfahrungen hat er zu seinem Amt kein Verhältnis mehr. Er sagt: „Du hast meine Dummheit ausgenutzt und mich verführt, so wie man ein Mädchen verführt!“

Jeremia ist an der Punkt gekommen, wo man Gott den Auftrag wieder vor die Füße wirft. Er möchte sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen an ein Fleckchen, wo einen niemand mehr findet. Dann wäre endlich Ruhe. Aber dann müßte man auch alles auslöschen, was bisher gewesen ist. Irgendeinen Job kann man auf diese Weise aufgeben , die Sendung durch Gott jedoch nicht.

Das empfindet auch Jeremia: Wenn er Gott den Gehorsam aufsagen wollte, dann müßte er Gott selbst aus seinem Denken und Gewissen ausradieren. Ein solches Davonlaufen aber ist ihm unmöglich, da würde ein inneres Feuer ihn verbrennen. So muß er sein Leiden bis zur Neige dann auskosten.

Auch Jesus ist seinen Weg gegangen aus der Einsicht in das göttliche „Muß“. Nur so bleibt er im Einklang mit dem Vater. Jesus hätte natürlich auch nur schöne Tage und ein glattes Leben haben können. Wir wünschen das für uns sicher auch oft. Aber Gott hat Jesus das nicht erspart, was er schon dem Jeremia nicht erspart hatte: Er mußte eben auch alle Angst und alles Ausgeliefertsein mit durchschreiten.

Aber gerade diese Tiefen bringen ihn ganz in unsere Nähe. Gerade seine Ohnmacht ist eine Ermutigung für uns. Seine Einsamkeit schafft die Nähe, die wir brauchen. Sein Sterben ist der Grund für unsere Hoffnung auf das Leben. So gewinnen wir wieder Lust zur Nachfolge. Frommsein ist kein Höhenflug, den nur wenige Auserwählte fertigbringen. Es ist vielmehr die Erfahrung, daß man Kraft kriegt, wo man keine mehr hat; daß man die Hoffnung behält, wo nicht mehr viel zu hoffen ist; daß man die Herrlichkeit Gottes erfährt, wo sich die Niedrigkeit des Alltags auftut.

Am Ende hat auch Jeremia noch die Bewahrung Gottes erfahren. Weil Gott ihn nicht losläßt, nimmt er diesen Gott auch seinerseits wieder in Anspruch. Er erinnert sich an die Zusagen, die ihn seit der Stunde der Berufung begleitet haben. Als Jerusalem schließlich erobert wird, da schonen ihn auch die Babylonier und stellen ihm frei, was er nun tun will, während die Gegner des Jeremia in die Gefangenschaft müssen. Zuletzt ist der Prophet doch noch gerechtfertigt worden.

Das muß nicht immer so sein. Aber für uns könnte es vielleicht doch gut sein, wenn wir an solchen Erfahrungen festhalten. Ein Beispiel dafür sind auch die Psalmen. Sie beginnen oft mit einer Klage und enden mit dem Dank für die Errettung. Doch der Grund dafür ist nicht ein Stimmungsumschwung in dem Betenden. Vielmehr wird hier die Stimme des Klagenden abgelöst durch die Stimme der betenden Kirche, die die Gedanken auf den Weg lenkt, der durch die Glaubenserfahrung des Volkes Gottes schon gebahnt ist.

So hört man auf, nur auf seine eigenen Nöte und Verlegenheiten zu starren. Ja man kann dann sogar in einer ausweglosen Situation sein und doch schon die Rettung voraussehen und sogar das Lob Gottes schon vorauszunehmen. Man kann mitten im Gedränge sein und in einer Lage, die Jeremia mit „Grauen ringsum“ bezeichnet, und doch in der Gewißheit der Bewahrung leben.

Man kann dann traurig sein und doch allzeit fröhlich, man kann wie ein Sterbender sein und doch leben. So geht es denen, die sich in der Nachfolge des Gekreuzigten befinden. Die Passionszeit könnte uns dazu anleiten, diese Gewißheit immer wieder zu üben.

 

 

Lätare: 5. Mose 8, 2-3

In fast allen Gegenden unseres Landes hat man Bodenfunde gemacht, die aus einer Zeit vor 4.000 Jahren oder noch mehr stammen. Das war die Zeit in der eine Gruppe von Hebräern, die später das Volk Israel bildeten, aus Ägypten flohen. In den Geschichtsbüchern wird geschrieben von den Assyrern und Ägyptern, von Griechen und Römern. Aber auch kleine Völker wie die Israeliten haben Geschichte geschrieben, denn ihre Religion bildet ja die Wurzeln unseres Glaubens und damit auch unsrer Kultur.

Aber auch in unserer Gegend war damals schon etwas los. Vielleicht waren es nur kleine Gruppen von Menschen. Vielleicht lebten sie nur eine kurze Zeit hier und zogen dann weiter. Nur durch einige Scherben und Metallgegenstände wissen wir noch von ihnen. Aber sie gehören doch mit zu unseren Vorfahren. Wir haben eine lange Geschichte, die weiter als 1200 Jahre zurückreicht.

Es ist gut, wenn wir uns an unsere Geschichte erinnern, an die Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche. Wer seine Gegenwart verstehen und seine Zukunft ergreifen will, muß in seiner Vergangenheit zu Hause sein. Wer geschichtlich denkt, sieht die Dinge im Zusammenhang und versucht zu begreifen.

Deshalb wird auch das Volk Israel schon in den 40 Jahren der Wüstenzeit ermahnt, seiner Geschichte zu gedenken: „Gedenke des ganzen Weges, den dein Gott dich in der Wüste hat gehen lassen!“ Das Wort „gedenke“ heißt dabei: „Halte das Wissen um die Geschichte wach. Sieh dir den ganzen Weg an. Sei dir darüber klar, daß Gott die Geschichte macht und daß du immer mit ihm zu tun hast, in allem, was geschieht!“

Der Blick ging aber auch schon damals nach vorn. Zwei Kapitel vorher steht: „Wenn dich Gott in das Land bringen wird, so halte die Gebote!“ Nur wenn man daran denkt, woher man kommt, kann man auch wissen, wohin es gehen soll. Es ist unbesonnen, nur der jeweiligen Stunde leben zu wollen. Das gilt gerade auch dann, wenn sich Gegenwart und Zukunft erheblich von der Vergangenheit unterscheiden. Vor allem kommt es auch darauf an, daß die ältere Generation ihren Erfahrungen an die Jugend weitergibt.

Doch viele jungen Leute stöhnen dann, wenn man ihnen sagt: „Früher war das so!“ sie meinen: „Ich lebe heute und will nicht hören, was früher war!“ Zum Teil haben sie damit schon recht: Man kann sich nicht in die Vergangenheit flüchten und die Gegenwart darüber vergessen. Und es ist sicher auch das Vorrecht der Jugend, mehr in die Zukunft zu schauen als die Vergangenheit zu betrachten. Erst mit zunehmendem Alter kommt auch wieder mehr die Vergangenheit in den Blick.

Das 5. Buch Mose ist erst 700 Jahre nach der Zeit in der Wüste entstanden. Aber dieses Buch versetzt das Volk Israel gewissermaßen noch einmal in diese Anfangszeit, so als könnte es sich noch einmal neu entscheiden und alles besser machen. Inzwischen sind nämlich Jahrhunderte vergangen, in denen das Volk seinem Gott sehr weh getan hat. Sie haben die erste Liebe vergessen und haben sich der Welt und ihren Verhältnissen angepaßt. Jetzt aber werden sie noch einmal in die Situation der Wüste gestellt. Gott wird sie erneut erziehen und prüfen und es wird zu einer neuen Begegnung mit ihm kommen.

Auch in der Geschichte der Kirche gibt es viele dunkle Kapitel. Zu sehr hat sie sich mit den jeweils Herrschenden eingelassen und geschwiegen, wo sie reden sollte. Das war so in der Zeit der Naziherrschaft und unter dem SED-Regime. Nur Einzelne sind aufgestanden und haben Widerstand geleistet. Daß ihr Einsatz nicht erstickt worden ist, verdanken wir dem gnädigen Gott. Er hat die Verhältnisse so gewandelt, daß uns wieder ein Neubeginn möglich wurde.

Das gilt auch für unser persönliches Leben. Wir tragen aber nicht nur die Last der Vergangenheit mit uns herum. Wir haben auch viel Segen empfangen und Erfahrungen gewonnen. Menschen haben unser Leben innerlich reich gemacht und unser Können ist gewachsen.

Die Vergangenheit ist nicht nur eine bedrückende Last, sondern wir haben auch viel Gutes in ihr erfahren und können uns dankbar an sie erinnern.

Dabei könnte uns auch aufgehen, daß die aufzuarbeitende Geschichte ein Geschehen zwischen Gott und uns ist. Er leitet uns auf seinem Weg und ist Mitspieler in unserem Leben. Er bewahrt uns davor, geschichtslos zu werden und die Vergangenheit zu vergessen.

Oft vergessen wir zu schnell, was gewesen ist, weil die Gegenwart so schnellebig ist. Bücher erinnern vielleicht noch an eine schwere Zeit. Aber wenn es dem Menschen gut geht, dann vergißt er leicht die Härten der Vergangenheit. Er vergißt, welchen Segen er doch erfahren hat und welche Erfahrungen er gewonnen hat, gerade in den harten Zeiten. Wir sehen die glücklichen und problemlosen Zeiten als das Normale an. Wir meinen sogar, Gott gegenüber darauf einen Anspruch zu haben, so als gäbe es kein Christuskreuz und kein Christenkreuz.

Die Bibel will uns kein schlechtes Gewissen machen, wenn es uns gut geht. Und es geht uns doch wirklich gut. Es müssen doch nicht unbedingt jedes Jahr 2 oder 3 Prozent mehr Reichtum sein. Und selbst wenn wir auf den Stand von 1980 zurückfielen, ginge es uns doch noch immer sehr gut. Wir können nur dankbar sein, daß wir ein Leben ohne Not und Mangel führen können. Aber wir dürfen darüber nicht die andere Seite des menschlichen Daseins vergessen. Und wir dürfen die nicht vergessen, die inmitten einer Wohlstandsgesellschaft auf den untersten Stufen stehen.

Wer selber „Wüstenzeiten“ in seinem Leben erfahren hat, sollte sie nicht vergessen. Nichts war umsonst, was wir ausgestanden haben. Auch die uns widerfahrenen Demütigungen waren nicht vergeblich. Denn an all dem kann uns aufgehen, wie nötig wir Gott haben, der uns erzieht und prüft, der aber auch in Treue und Erbarmen zu uns steht.

Noch aber leben wir in einer Zeit der Prüfung und Bewährung. Gott läßt uns die Freiheit, ver­antwortungsbewußt zu handeln. Dazu gehört auch die Möglichkeit des Versagens und Ungehorsams. Gott führt uns auch schon einmal in Spitzenbelastungszeiten mit besonderen Widerständen und Gegenkräften, auch in Zeiten äußeren Wohlstandes. Vielleicht ist es ein Mensch, der uns schwer zu schaffen macht. Oder die Angst vor einer Krankheit oder die schon ausgebrochene Krankheit. Vielfach ist die Sorge um den Arbeitsplatz und die Wohnung dazugekommen. Nur wer selber einmal in einer solchen Lage gestanden hat, wird wissen, was gemeint ist. Aber er wird vielleicht auch wissen, wie gnädig Gottes Hilfe gerade       dieser Zeit gewesen ist.

Bei den Israeliten in der Wüste ging es um das Finden des richtigen Weges, um die Abwehr kriegerischer Bedrohung und vor allem um Essen und Trinken. Als die Not am größten ist, da ist Gottes Hilfe auch schon da. Wir wissen heute, daß das göttliche Manna nicht vom Himmel gefallen ist, sondern eine Art Harz von einem bestimmten Strauch ist. Gott bedient sich der Natur und der in ihr herrschenden Regeln, wenn er helfen will. Aber daß er gerade zur rechten Zeit geholfen hat, das zeigt seine Güte und Treue.

Doch das 5. Buch Mose schaut schon voraus auf die Zeit, in der das Nahrungsproblem gelöst ist, wo das Volk in einem vergleichsweise reichen Land lebt, in dem Milch und Honig fließt. Es blickt voraus auf eine Wohlstandsgesellschaft, in der man kein Manna mehr braucht.

Aber das 5. Buch Mose weiß schon: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht in schlechten und in guten Zeiten das Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht. Er braucht die Gemeinschaft mit Gott und die Begegnung mit ihm. Darauf weist uns dieser Sonntag Lätare hin, der mitten in der Passionszeit auf Jesus als das Brot des Lebens hinweist. Bei der fröhlichen Speisung der Fünftausend konnten Menschen wieder Mut für ihr Leben gewinnen und Glauben an Jesus finden. Auch und gerade in unsrer Zeit ist der Glaube an Gott ein unverzichtbares Lebensmittel.

 

Er ist es schon seit vielen Jahrhunderten. Schon im 8.Jahrhundert gab die von Bonifatius organisierte katholische Kirche. Es gab aber auch noch andere Mönche aus Irland und Schottland, die das Evangelium in etwas anderer Form predigten und deshalb vom Papst und seinem Gefolgsmann Bonifatius bekämpft wurden. Aber wenn man dann zum Beispiel eine Taufschale aus dieser Zeit im Boden findet, dann ist das doch ein wunderbares Zeugnis dafür, daß der Glaube schon lange in unserem Land heimisch ist und Menschen bis heute geführt und getragen hat. Aber wenn wir uns so erinnern zu lassen an die eigene Geschichte, an die Geschichte des Heimatortes und der Kirchengemeinde, so dürfen wir natürlich auch wissen: Gottes Geschichte mit uns geht weiter!

 

 

Judika: Joh 11,  47- 53

In Südfrankreich ist es beim Eisenbahnbau passiert: Das Warnsignal für die Arbeiter war ziemlich spät gekommen, der Zug war schon nahe heran. Schnell springen sie vom Bahndamm. Da bemerkt einer, daß noch eine Betonschwelle auf den Schienen liegt. Der Zug wird unweigerlich entgleisen. Der Arbeiter hastet wieder die Böschung hoch und wirft sich mit aller Gewalt gegen die Schwelle. Sie rutscht auf der anderen Seite hinunter. Aber der Arbeiter wird überfahren. Er hat sein Leben geopfert, damit viele Menschen in dem Zug gerettet wurden.

So etwas kommt unter uns Menschen gelegentlich einmal vor. Man kann nur mit Hochachtung von solchen Menschen reden. Mancher wird aber auch sagen: „Das ist doch dumm, sein Leben für andere einzusetzen. Wenn es die erwischt, dann haben sie eben Pech gehabt. Und wenn es mich nicht trifft, dann habe ich Glück gehabt. Warum sollte ich das leichtsinnig verspielen?“

Genauso könnte man fragen: Mußte Jesus unbedingt sterben? Das Schicksal der Menschen hätte ihm doch gleichgültig sein können. Hauptsache: Er selber war fein raus! Er hätte doch auch so genug Gutes für die Menschheit getan: Die Botschaft von dem lieben Gott und dem neuen Gebot, das er selbst vorgelebt hat, das war doch schon genug!

Doch ein gutes Vorbild allein macht es noch nicht. Es mußte erst noch bestätigt werden durch die Tat. Licht der Welt und Bringer des Lebens konnte er nicht sein ohne das Kreuz. Gott hatte es so beschlossen: Einer sollte für alle sterben. So will es schon das Gesetz der Menschen, so entspricht es aber auch dem Willen Gottes.

Der Hohepriester spricht unbewußt die Wahrheit. Er hat sogar nach Meinung des Johannes eine prophetische Gabe. Nur meint der Hohepriester politisches Unheil, das durch den Tod des einen abgewendet werden soll. Doch Gott selbst will es ja so, wenn auch in einem ganz anderen Sinn: Das ewige Verderben soll von der Menschheit abgewendet werden. So will der irdische Hohepriester dem himmlischen Hohenpriester das Urteil sprechen und dient doch letztlich dem Heilsplan Gottes. Hier waltet eine höhere Notwendigkeit.

Der Hoherat ist fast in einer Zwangslage: „Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben!“ erkennen sie ganz richtig. Der Beschluß des Hohenrats ist nicht einfach ein Akt der Bosheit und Willkür, der Konflikt liegt tiefer. Der Hauptgrund liegt darin: Jesus paßt nicht in diese Welt. Alles, was er ist und tut, ist ein Angriff auf die sündige Welt, auch gegen das, was im Namen der „Religion“ geschieht. Die oberste jüdische Behörde gibt vor, die Sache Gottes zu vertreten; aber als er in Gestalt Jesu wirklich auf den Plan tritt, kommt es zum Zusammenprall und tödlichen Konflikt.

Man kann nicht dulden, daß dieser Jesus noch mehr Anhänger findet. Schon die Gründe der politischen Vernunft fordern die Beseitigung dieses gefährlichen Mannes. Kaiphas hatte schon eine ganze Reihe von Jahren die äußere Ruhe und Ordnung zu wahren verstanden und sich auch damit selbst die Macht erhalten. Eine immer stärker werdende Jesusbewegeng würde aber das Eingreifen der Römer hervorrufen und den Juden den bescheidenen Rest nationaler Selbständigkeit nehmen.

So entschließt sich der Hoherat, die Drecksarbeit selber zu machen und dem Oberherrn keinen Grund zum massiven Eingreifen zu geben. Unterdrückt werden muß die Sache sowieso. Dann besser noch von den eigenen Leuten als von den Fremden. Und den Römern wird es auch recht gewesen sein, wenn die Juden in ihrem Bereich die Ruhe und Ordnung sorgten, da brauchten sie sich nicht die Finger schmutzig zu machen und vor der Weltöffentlichkeit als Unterdrücker erscheinen. Die Handlanger machen das oft besser.

So lautet die Frage für den Hoherat: „Er oder wir?“ Aus Gründen der Selbsterhaltung muß Jesus aus dem Weg geräumt werden. Weshalb soll man sich da noch Gedanken machen, weil das Recht mit Füßen getreten wird. Recht ist, was nützt. An sich soll das Recht die Welt erhalten, einen Damm bilden gegen Willkür und Unordnung. Es soll nicht zu einem leicht handhabbaren Instrument der Durchsetzung eigener Interessen werden.

Aber schon der Kaiser Ferdinand (1556-64) sagte: „Das Recht muß seinen Gang haben, und soll die Welt darüber zugrunde gehen!“ (Fiat  iustitia, pereat mundi). Und bei den Nazis hieß es dann: „Recht ist, was dem Volke nützt!“ Doch umgedreht ist es richtig: Das Recht soll dem Volke nützen, auch wenn es dem Einzelnen einmal Schwierigkeiten bereitet: dient es der Rechtsgemeinschaft als ganzer, dann dient es zuletzt auch dem Einzelnen.

Nur sagen die Regierenden immer: „Wir wissen ja besser als der Einzelne, was dem Ganzen nützt!“ So läßt Dostojewski den Großinquisitor Spaniens zu dem wiedergekommenen Christus sagen: „Du hast den Menschen die Freiheit gebracht. Fünfzehn Jahrhunderte haben wir unsere Not gehabt mit dieser Freiheit. Du hättest auf den Versucher in der Wüste hören sollen: Brot, Wunder, Macht - das brauchen wir, damit hättest du die Menschen unterworfen. Du wolltest die freiwillige Liebe der Menschen, aber du hast zu viel von ihnen gefordert, sie sind nun einmal Unfreie und wollen gern unterworfen werden. Wenn man ihnen sagt, was sie tun sollen, dann sind sie im Grunde glücklich!“

So hat auch schon Kaiphas gedacht: Man muß die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Dieser Jesus paßt nicht in die Welt, er weckt und schärft die Gewissen und stellt die Menschen unmittelbar vor Gott und er liebt die Sünder. Damit das Ganze im Lot bleibt, muß der Einzelne geopfert werden. Von seinen Voraussetzungen her kann Kaiphas gar nicht anders handeln. Er war nicht ein gehässiger Mensch, sondern Jesus stirbt, weil die Welt so ist, wie sie ist. Wenn die Welt in ihrer Verfassung bleiben will, dann muß sie den Gott umbringen, der sie stört. Und sie hat dabei noch ein gutes Gewissen, wenn er als Ketzer und Gotteslästerer verurteilt werden kann.

Doch Kaiphas sagt in einem tieferen Sinn die Wahrheit, als er es selber weiß: Daß einer für alle stirbt, entspricht auch dem Plan Gottes. Kaiphas meint zwar, er würde das Rad der Geschichte seines Volkes drehen. Aber in Wirklichkeit ist es wie bei einen Windrad,  an dessen Achse eine Kurbel befestigt ist, die von einer Figur in den Händen gehalten wird. Die Figur scheint das Rad zu drehen, aber in Wirklichkeit wird sie vom Wind bewegt.

So wollte auch der Hoherat allem Einhalt gebieten, was durch Jesus in Bewegung geraten war: Die Hoffnung auf die nahe Gottesherrschaft, die Gewißheit des neuen Lebens, die Gottes- und Menschenliebe, die ausgeteilt wird an Freund und Feind. Diesen neuen Anfang der Geschichte wollte man wieder zurückdrehen. Aber statt v o r Jesus werden sie durch Jesus gerettet, auch seine Feinde.

Der Hohepriester sollte sich an sich von Amts wegen mit der Frage der Ausräumung der menschlichen Schuld gegenüber Gott befassen. Statt dessen denkt er aber an die Stabilität weltlicher Ordnung. Diese Frage sollte man zwar euch nicht gering achten. Aber es wäre verhängnisvoll, darüber die Lösung des Schuldproblems zu vergessen.

Auch der Großinquisitor sah in der Beseitigung der Schuld offenbar nicht das Hauptproblem. Mit der Schuld kann man offenbar ganz gut leben. Hauptsache, man ist sonst gesund, wohlversorgt, glücklich und sicher. Dafür soll Gott zuerst einmal sorgen. So denken wir doch vielfach auch: Erst einmal das tägliche Brot, dann die Vergebung der Sünden (so im Vaterunser).

Doch die Frage nach der Vergebung der Sünden können wir nicht ohne Schaden übergehen. Schon in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen spielt sie eine entscheidende Rolle. Keiner sagt: „Du bist nun einmal so, wie du bist!“ Sondern wir bewerten einander, erheben Vorwürfe und machen einander verantwortlich. Das zeigt, daß wir ein Gewissen haben und Verantwortung tragen.

An sich müßten wir aber sagen: „Lieber hungrig und elend, aber ein mit Gott versöhntes Gewissen!“ Das läßt sich gut sagen, solange es einem gut geht. Aber es müßte natürlich auch in mißlicher Lage gelten. Doch im Konfliktfall entscheiden wir meist wie Kaiphas. Doch er hat sich dabei verschätzt: Er hat Jesus geopfert, weil er die Römer fürchtete. Aber eines Tages sind sie doch gekommen und haben Staat und Stadt vernichtet. Durch eine Schaukelpolitik, durch ein Gutstellen mit den Mächtigen, kann man sich nicht endgültig retten. Mit Gott sollten wir uns gut stellen, das hat mehr Verheißung.

Gott hat mit dem Tod seines Sohnes teuer dafür bezahlen müssen. Hätte er nicht auch ohne ein solches Opfer die zerstörte Gemeinschaft mit den Menschen wiederherstellen können? Man sollte jedoch nicht Gottes Liebe und Jesu Opfergang gegeneinander ausspielen. Die Liebe Gottes besteht gerade darin, daß Gott den Sohn opfert. Er kann nichts unter den Teppich kehren, er kann die Sünde nicht einfach übersehen. Deshalb muß das Lamm Gottes die Sünde der Welt wegtragen.

So wird die Welt gerettet. So entsteht eine neue Gemeinschaft, zu der Gottes Kinder in der ganzen Welt gehören. Durch das Kreuzesopfer hat Gott die Tür zu sich selber weit aufgemacht. Kaiphas hat davon nichts geahnt. Aber uns wird es verkündet, und wir leben davon.

 

 

Palmarum: Joh 17, 1 - 8 (Variante 1)

Wenn ein Mensch älter wird, überdenkt er sein Leben. Er zieht so etwas wie eine Bilanz und überlegt: Was ist gelungen in meinem Leben? Was habe ich geleistet? Was werde ich hinterlassen? Was habe ich falsch gemacht? Was werde ich oder was könnte ich der Nachwelt überlassen, vor allem den eigenen Nachkommen?

Wer recht handelt, der macht auch ein Testament, damit alles geregelt ist. Und dabei kann man über die Regelung der Vermögensverhältnisse hinaus so eine Art „persönliches Testament“ machen. Da kann man dann die Erfahrungen seines Lebens niederlegen und Wünsche und Empfehlungen an die nachkommenden Generationen weitergeben.

So bedenkt auch Jesus bei der Ankunft in Jerusalem sein Leben. Zu Beginn der Passionszeit

haben wir gehört, daß er sagte: „Siehe, wir gehen jetzt hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was vom Menschensohn geschrieben ist!“ Nun ist es also so weit, er steht vor Jerusalem und weiß, daß seine Tage gezählt sind. Er wird zwar noch einmal unter dem Jubel seiner Anhänger in die Stadt einziehen, aber seine Gegner werden ihn dort umbringen. Er ist noch jung, aber er muß dennoch Bilanz über sein Leben ziehen.

Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, als habe der wirkliche Jesus dieses sogenannte „hohe­priesterliche Gebet“ wirklich so gesprochen und als habe jemand daneben gestanden, der es wörtlich aufgeschrieben hat. Hier sprechen vielmehr die Gemeinde des Johannes und der Evangelist selber. Sie haben sich vorgestellt, was Jesus gebetet haben könnte, als er das Ende seines Lebens fühlte. So wie jeder andere Mensch sein Leben in so einer Lage zu überdenken versucht, so wird es wohl auch Jesus gemacht haben.

Und doch geht dieses Gebet auf Jesus zurück. So könnte Jesus der Sache nach gebetet haben, ja so h a t  er gebetet. Er ist darin auch ein Vorbild für unser Gebet. Einerseits spricht hier der erhöhte Christus zu uns, aber er ist kein anderer als der, der im Kreise seiner Jünger gelebt hat. Hier erinnert sich die Gemeinde nur an das, was Jesus selbst gesagt hat. Thema ist dabei: Die Verherrlichung Gottes und die Verherrlichung Jesu

Jesus schaut auf sein abgeschlossenes Lebenswerk zurück. Er sagt zu Gott: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir aufgetragen hast!“ Nun soll der Vater ihm den himmlischen Lichtglanz zurückgeben, den er vor seinem Erdenleben hatte. Aber das bedeutet nicht, daß sein Erdenleben nun uninteressant geworden wäre. Es war auch nicht ein Zwischenspiel, sondern es gehört notwendig zum Werk Jesu. Wir haben den großen Vorteil, daß wir nicht einen unanschaulichen Gott haben, einen unsichtbaren Gott über den Wolken, sondern er wurde Mensch wie wir.

Wir brauchen nicht theoretisch über Gott zu philosophieren, sondern wir haben einen Gott, vom dem Geschichten aus dem wahren Leben erzählt werden können. Natürlich sind diese Geschichten von Menschen aus dem Orient abgefaßt, die gern etwas blumig reden und für unsere Begriffe auch etwas übertreiben. Sie stellen nicht nur einfach einen Glaubenssatz auf, sondern verpacken ihn in eine Geschichte. Unsere Aufgabe ist es dann, diese Geschichte in unser westliches Denken zu übersetzen, um ihren Kern und die eigentliche Aussage herauszufinden.

Die Geschichte von Jesu Leiden und Sterben ist aber sehr klar und für alle verständlich, sie entspringt nicht orientalischer Fabulierkunst, sondern sie ist wirklich so geschehen. Diese mit Karfreitag zu Ende gehende Zeit, in der Christus als Mensch gegenwärtig war, ist wichtig um der Menschen willen, weil sie so wissen können, daß ihr Herr nicht ein gestaltloses Gespenst

ist.

Sie ist aber auch wichtig für Gott, denn nun meldet der Sohn die Erfüllung seines Auftrags. Durch Jesu Kommen in die Welt ist das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen grundlegend verändert worden. Und nun kommt er zum Vater als der, der das ihm aufgegebene Werk vollbracht hat. Er war gehorsam und ist damit berechtigt, nun auch vor Gott für die Seinen einzutreten.

Indem Jesus da war und da ist, indem er gehört wird und Glauben findet, wird Gott wieder Herr seiner verlorenen Schöpfung. Da wird sein Name geheiligt, da kommt sein Reich, da geschieht sein Wille. Was im Himmel schon Wirklichkeit ist, das geschieht nun auch auf Erden.

Indem Menschen glauben, daß Jesus vom Vater ausgegangen ist und der Vater ihn gesandt hat, setzt Gott sich in diesen Menschen durch. Indem sie sich der Liebe Gottes anvertrauen, kommt Gott zu seiner Ehre und er wird ihnen erst richtig zum Gott. So erst haben sie das wahre Leben. Wir könnten tausend schöne und wichtige Dinge haben, die wir für das Leben so wichtig halten. Aber das, was „Leben“ genannt zu werden verdient, haben wir letztlich nur in Gott.

Jesus hat in der wirklichen Welt der Menschen - unter Alltagsbedingungen - vorgelebt, daß man an Gott glauben kann. Aber nun bittet er um seine eigene Verherrlichung, aber im gleichen Atemzug auch um die Verherrlichung des Vaters. Allerdings konnte man diese Verherrlichung nicht unbedingt am Leben des irdischen Jesus ablesen. Dazu war ein rein äußerlich zu arm und gering und hat sein Leiden geduldig getragen. Wer von der Welt her denkt, kann das Gottsein Jesu gar nicht erkennen. Der Unglaube nimmt nichts von Jesu Herrlichkeit wahr. Die wahre Gottheit ist so tief in die Menschlichkeit eingehüllt, daß allein der Glaube sie noch entdeckt.

Verherrlichung meint ja nicht, daß Jesus sein Menschsein abstreift wie ein lästiges Kleid. Hat er als Mensch nicht aufgehört, Gott zu sein, so hört er in der Verherrlichung nicht auf, ein Mensch zu sein. Nur die Niedrigkeit legt er ab, nicht sein Menschsein. Jesus hat auch nicht etwas für sich beansprucht, was er nicht ist. Nur die Gegner Jesu haben nicht gemerkt, daß Gott nicht anderswo handelt als in Jesus. Gott ist nur in diesem Jesus zu finden und nicht anderswo.

Für Jesus kommt es zur Verherrlichung aber schon vor Ostern. Jesus wird nicht erst durch die Auferstehung zum Sohn Gottes. Er wird nur, das er bisher schon in aller Niedrigkeit gewesen ist, nunmehr „in Kraft“. Jesus bittet den Vater, er möchte ihn in die Herrlichkeit zurückkehren lassen, die er schon bei ihm hatte, ehe die Welt wurde.

Bisher war seine Wirksamkeit auf die engen Grenzen eines Menschenlebens beschränkt: soweit die Füße gehen können und soweit der Schall der Stimme reicht. Nun aber beginnt die

Zeit seiner weltweiten Wirksamkeit. Der Gekreuzigte wird erhöht und der Herr der Welt, sowohl der gläubigen Menschen wie der ungläubigen. Die Christen glauben nicht an einen vergangenen und räumlich weit entfernten Christus, sondern an den Herrn, der bei ihnen alle Tage war, bis an der Welt Ende. Von jedem Punkt der Erde aus ist erreichbar, weil er als der Himmlische überall gegenwärtig ist.

In unserer Zeit gibt es dafür ein schönes Anschauungsmittel aus der Technik. Da ist einmal die E-Mail, mit der wir in Sekundenschnelle einem anderen Menschen eine Botschaft schicken können, und er kann ebenso schnell wieder antworten. Wenn zum Beispiel die Tochter nach Kanada geht, kann man ganz schnell mit ihr Verbindung haben. Sogar Bilder kann man schicken oder sich am Bildtelefon unterhalten. Was früher nur der Polizei oder Firmen zur Verfügung stand, das kann heute jedermann zu niedrigen Preisen haben.

Noch einfacher ist es mit dem Handy. Manchmal ist diese moderne Errungenschaft auch ein Fluch, weil wir damit jederzeit erreichbar sind und der Anruf oft dann kommt, wenn er stört. Aber Gott dürfen wir auf die Nerven gehen, er will jederzeit erreichbar sein und ist es auch. Er schaltet das Handy nicht ab oder stellt den Anrufbeantworter ein. „Gott ist gerade ein Gebet weit entfernt“, heißt es in einem Lied.

Jesus bittet aber auch um das himmlische Leben für die Kirche. Ihr gilt die Fürsorge und Fürbitte des Herrn. In seinen Erdentagen war Jesus bei den Seinen und konnte sie in der Gemeinschaft mit Gott halten. Jetzt will er auf andere Weise für sie einstehen. Die Christen werden ja dem Haß der Welt ausgesetzt sein.

Aber sie sollen nicht aus der Welt herausgeholt werden, sondern sie werden ja gerade in sie hineingesandt. Sie könnten dabei allerdings den Mut verlieren und aufgeben. Da aber steht Jesus für sie ein, für ihren Glauben und ihr Bewahrtwerden in Gott.

Die Welt wird aber nun nicht total vereinnahmt. Die Mitteilung des Lebens wird ja nur auf die beschränkt, die der Vater Jesus gegeben hat. Er hat die Menschen nicht eigenmächtig genom­men, sondern der Vater hat sie ihm gegeben. Die Welt wird nicht pauschal verändert, sondern Menschen werden durch Christus in die neue Gemeinschaft mit Gott gezogen. So entsteht die Kirche.

Hier sind die Menschen, die gemerkt haben, woher sie kommen und die Jesu Wort angenommen haben. Hier wird ihnen der Name Gottes gesagt. Dadurch können sie ihn anreden und dürfen „Vater“ zu ihm sagen. Ihre Zukunft als Gemeinde Gottes wird davon abhängen, daß sie sein Wort festhalten. Die Gemeinde ist zwar in die Zugluft der feindlichen Welt gestellt. Aber sie wird durch Jesu Gebet so gehalten, so daß keiner verlorengeht. Dafür steht Jesus beim Vater ein.

An uns ist es, diese frohe Botschaft den anderen Menschen weiter zu sagen. Es wäre doch gut, wenn wir als grundlegende Erkenntnis unseres Lebens von unserem Glauben reden könnten. Unser Testament hat nicht nur mit unserem Haus und unserem Geld zu tun. Wir haben etwas viel Wertvolleres zu vererben: Den Glauben an Gott. Ein junger Mann sagte einmal: „Das Ziel meines Lebens ist es, wenigstens einen Menschen zum Glauben an Gott geführt zu haben!“

 

           

Palmarum: Johannes 17, 1. (2-5), 6-8 Variante 2)

(Nach Möglichkeit läßt man nach der Verlesung des Predigttextes ein Handy klingeln, unter Umständen mit Hilfe eines zweiten Handys).

Ehe ich mit der Predigt beginne, will ich erst einmal mein Handy ausschalten. Ich bitte Sie, auch Ihr Handy auszuschalten, damit wir nicht im Gottesdienst gestört werden. Ach so, Sie haben gar kein Handy? Wie kommen Sie denn da zurecht? Man muß doch jederzeit erreichbar sein, an jedem Ort und von überall her! Ohne Handy ist man doch gar kein Mensch! So ist doch heute vielfach die Ansicht.

Was soll Gott da nur machen, wenn er uns erreichen will. Muß er uns da auch ein Handy in die Hand drücken? Möchten wir es überhaupt haben? Vielleicht wollen wir doch gar nicht

immer erreichbar sein, vielleicht ist uns die göttliche Aufsicht lästig. Da wäre der umgedrehte Kontakt schon eher etwas: Wenn wir Gott brauchen, dann soll er zur Verfügung sein. So etwas wie ein Handy wäre da schon praktisch: Man muß es nicht benutzen, aber wenn man es schnell einmal braucht, dann ist es zur Hand.

Als Jesus auf seine Kreuzigung zuging, da mußte er sich schon überlegen, wie er in Zukunft den Kontakt mit den Seinen aufrechterhalten wollte und wie die Verbindung zwischen ihnen und Gott aussehen sollte. In einem Gebet blickt er noch einmal auf sein abgeschlossenes Lebenswerk zurück. Er bittet aber auch den Vater, ihm den himmlischen Lichtglanz wieder zurückzugeben, den er vor seinem Erdenleben schon hatte. So muß Jesus im Angesicht des Karfreitag seine Verhältnisse ordnen und sich Gedanken darüber machen, wie es weitergehen soll.

Wir müssen dabei nicht annehmen, hier ein originales Gebet Jesu vor uns zu haben, wie das zum Beispiel beim Vaterunser der Fall ist. . In diesem sogenannten „hohenpriesterlichen Gebet“ spricht nicht der wirkliche Jesus, sondern der Evangelist Johannes und seine Gemeinde. Aber Jesus könnte so gebetet haben. Und der erhöhte und verherrlichte Jesus ist kein anderer als der, der im Kreise seiner Jünger gelebt hat. Auch wenn er nicht mehr persönlich da sein kann, so ist der Kontakt zu ihm nicht abgebrochen.

Wenn wir Kontakt mit Jesus halten wollen, dann müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Das Erste ist der Blick in die Vergangenheit, das Sich-Erinnern an das, was gewesen ist. Wir haben es zwar heute mit dem erhöhten und damit gegenwärtigen Christus zu tun. Aber das bedeutet nicht, daß sein Erdenleben damit uninteressant geworden wäre. Die mit Karfreitag zu Ende gehende Zeit war kein Zwischenspiel. Jesus ist nicht ein gestaltlose Erscheinung, die zeitlose Wahrheiten abgebildet hat.

Jesus hat sich den Menschen gleich gemacht, hat mit ihnen Hunger und Durst getragen, er hat Freunde gewonnen und den Haß seiner Gegner ausgehalten. Er ergriff die Partei derer, die nichts zu melden haben, aber er mußte sein Leben für seine Freunde lassen. Er wollte die Menschen zu Gott führen, aber sie schalteten ihn aus. In seiner letzten Fürbitte steckt dieses ganze Erdenwirken mit drin.

Jesus bringt sein ganzes Leben mit, wenn er vor dem Vater erscheint. Ihm meldet er die Erfüllung seines Auftrags, daß das Werk jetzt vollbracht ist. Durch Jesus hat Gott wieder Macht über seine verlorene Schöpfung gewonnen. Da wird dann Gottes Name wieder geheiligt, da kommt sein Reich mitten unter uns und da geschieht sein Wille hier auf Erden.

Jesus hat den Menschen wieder das Leben gegeben. Der Mensch erkennt jetzt wieder, daß er einen Gott über sich hat. Er weiß von seinem Ursprung und von dem Ziel seines Lebens. Er

weiß sich ständig mit diesem Gott verbunden. Wir könnten tausend schöne und wichtige Dinge haben - aber ein richtiges und wahres Leben haben wir nur durch Gott. Deshalb brauchen wir die ständige Verbindung zu Gott.

Es bringt auch nichts, wenn wir uns einen anderen Anbieter suchen wollen, wie wir das beim Handy ja durchaus können. Gott handelt nur in diesem Jesus, er ist nirgendwo anders zu finden als in ihm. Äußerlich mag Jesus dabei ganz unscheinbar aussehen. Nur im Glauben kann man seine Herrlichkeit sehen. Die wahre Gottheit ist so tief in die Menschlichkeit eingehüllt, daß nur der Glaube sie entdeckt.

Es ist schon schwer, daß wir an einen Jesus glauben sollen, der den Weg der Niedrigkeit gegangen ist. Uns selber ist auch nichts anderes verheißen, wenn wir wahre Christen sein wollen. Unser Lebensziel kann es nicht sein, eine besondere Stellung und einen besonderen Glanz zu erarbeiten.

Wenn wir oft unzufrieden sind mit unserem Leben, dann brauchen wir uns darüber nicht zu wundern. Das ist die Regel für den Christen. daß er nur einen geringen Weg gehen kann. Wir sind nicht die Stars dieser Welt, sondern ganz einfach Gottes zuverlässige Mitarbeiter. So wie Jesus können wir nur darum bitten, daß wir eines Tages an der Herrlichkeit Gottes Anteil bekommen.

Jesus wird aber nicht erst durch die Auferstehung zum Sohn Gottes. Er war es auch schon vorher, allerdings nur in Niedrigkeit und im Verborgenen. Nach Ostern aber ist er es „in Kraft“, wie es am Anfang des Römerbriefs heißt. Bisher war Jesu Wirken beschränkt auf die engen Grenzen seines Menschenlebens, soweit die Füße gehen können und soweit der Schall seiner Stimme reicht.

Nun aber steht eine weltweite Wirksamkeit vor ihm. Jetzt hat er Anteil an Gottes weltweiter Macht: Für den Glauben ist er der Retter, für den Unglauben der Richter. Als Christen glauben wir nicht an einen vergangenen und räumlich weit entfernten Christus, sondern an einen Herrn, der jederzeit von jedem Punkt der Erde aus erreichbar ist, weil er als der Himmlische erhöht und überall gegenwärtig ist. Vor allem ist er auch gegenwärtig in seiner Kirche.

Man hat gesagt, das Johannesevangelium habe gar keine ausgeprägte Lehre von der Kirche zu bieten. Solange Jesus bei den Seinen war, da konnte er sie vor dem Verlorengehen bewahren. Aber nach seinem Tod muß er auf andere Weise für sie einstehen. Deshalb hat Jesus auch eine bleibende Gemeinschaft im Blick, die seine Leute nach seinem Tod zusammenschließen soll. Ob er aber damit die Kirche gewollt hat, so wie sie sich heute darstellt, ist allerdings eine andere Frage.

Doch die Fürsorge und die Fürbitte des Herrn gilt der Gemeinde. Jesus weiß genau: Seine Gemeinde wird dem Haß der Welt ausgesetzt sein. Sie wird aber nicht aus der Welt herausgenommen, sondern im Gegenteil gerade in diese Welt hineingesandt. Diese Sendung ist schon riskant, denn es besteht keine Aussicht, daß sich der Unterschied zwischen Kirche und Welt mehr und mehr verringert.

Aber so sehr auch Anlaß ist, den Mut zu verlieren und aufzugeben: Jesus steht für uns ein und bewahrt uns im Namen Gottes. Noch stehen wir im Kirchenjahr vor dem Karfreitag. Aber danach kommt Ostern - das wissen wir schon. Das gibt uns Kraft, auch mit den ganz persönlichen Problemen unsres Lebens fertig zu werden.

Es gibt Menschen, die können bei jeder Sache noch etwas Positives finden. Sicherlich haben sie auch allerhand Schweres im Leben mitmachen müssen und Enttäuschungen erlebt. Doch so schnell haben sie sich nicht unterkriegen lassen. Das ist nicht einfach eine Charaktereigenschaft ist, sondern hat mit dem Glauben zu tun.

Wenn man sein Leben von Gott gehalten weiß, dann läßt man sich nicht so leicht umwerfen. Sicherlich wird man dadurch nicht gleich zum Helden. Jeder Mensch hat seine Schwächen, hat Angst und geht auch einmal durch ein tiefes Tal der Verzweiflung. Aber letztlich kommt er doch wieder da heraus, weil er Gott auf seiner Seite hat.

Selbst der Tod kann dann keine letzte Gewalt über uns haben. Jesu Art, wie er die letzte schwere Krise seines Lebens bewältigte, kann uns dabei ein Vorbild sein. Er wußte, daß er sterben mußte. Aber das hat ihn nicht erschreckt, nicht in die Verzweiflung getrieben, hat ihn ruhig bleiben lassen.

Nur vergessen wir nicht: Jesus wird nicht der Herr über alles und jeden, sondern nur über die, der der Vater ihm gegeben hat. Er hat sie sich nicht eigenmächtig genommen. Sie haben sich ihm auch nicht spontan zugewandt. Es geht nicht um eine pauschale Veränderung der ganzen Welt, sondern Menschen müssen einzeln durch Christus in die neue Gemeinschaft mit Gott

hineingezogen werden.

Nur hat jeder dazu eine Chance. Jesus hat jedem ein Handy mitgegeben, der es haben wollte. Er hat nämlich den Seinen den Namen des Vater offenbart, hat ihnen sozusagen die Handynummer Gottes mitgegeben. Wessen Namen wir kennen, den können wir anreden. Zu Gott dürfen wir sogar „Vater“ sagen.

Jesus hat uns auch das Wort Gottes mitgegeben. Jetzt gilt es, dieses Wort zu bewahren. Unsere Zukunft wird davon abhängen, dieses Wort festzuhalten. Aber es wird darauf ankommen, nicht nur eine alte Tradition zu übernehmen. Sie ist notwenig, um auf Jesus aufmerksam zu machen. Aber es nutzt gar nichts, wenn man versteht, was damals mit so einem Bibeltext gemeint war. Die Botschaft bleibt aber unverstanden, wenn sie nicht zum eigenen Glauben anleitet, wenn sie mir nicht etwas für mein heutiges Leben sagt. Die Bibel oder das Gesangbuch im Regal nutzt uns gar nichts, wenn wir nicht damit umgehen, wenn sie nicht lebendige Anrede werden. Deshalb mühen wir uns ja auch in diesem Gottesdienst mit so einem schweren Predigttext ab. Man kann schon etwas stöhnen, wenn man diese Verse das erste Mal liest. Aber wenn man sich etwas mit Gottes Wort beschäftigt, dann kann es doch sein., daß es zu einem redet.

Hier noch einmal die wichtigsten Gedanken zusammengefaßt: Jesus hat das Leben der Menschen bis zum Letzten kennengelernt und Gottes Auftrag erfüllt. Nach seinem Tod übernimmt er die neue Aufgabe, der Ansprechpartner für alle Menschen zu sein. Er hilft uns in jeder Hinsicht zur Bewältigung unsres Lebens und verspricht uns das ewige Leben bei Gott.

Aber vielleicht bleibt Ihnen doch mehr im Gedächtnis, was am Anfang und zwischendrin immer wieder über das Handy gesagt wurde. Und wenn sie zu Hause vielleicht doch ein Handy haben und es gelegentlich in die Hand nehmen, dann denken Sie doch daran: Auch mit Gott kann man ganz leicht Kontakt aufnehmen, an jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit!

 

 

Gründonnerstag: 2. Mose 12, 1.3-4. 6-7. 11-14

Wenn einer auf eine lange Reise geht, dann liegt über dem letzten Abend eine besondere Stimmung: Man sitzt noch einmal in aller Ruhe zusammen, erinnert sich noch einmal an das Gewesene und spricht von der Zukunft. Man verspricht, auch weiterhin in Verbindung zu bleiben, man freut sich auf ein Wiedersehen. Man ißt und trinkt miteinander, man ist fröhlich, aber vielleicht auch ein wenig wehmütig.

So mag es auch gewesen sein, als Jesus am letzten Abend mit seinen Jüngern zusammengesessen hat. Er hat mehrfach festliche Mahlzeiten mit ihnen gehalten; aber diesmal war es wohl doch etwas besonderes. Jesus gestaltet alles wie zum Passafest: Es wird alles zugerichtet wie beim Passa, Jesus spricht die Danksagung, einer der Becher wird für den Nachtisch aufgehoben. Jesus weiß: Morgen am eigentlichen Passatag wird er nicht mehr bei seinen Jüngern sein, deshalb nimmt er das Fest schon vorweg.

Gesprochen haben wird er über unseren Predigttext, über das Geschehen beim Auszug aus Ägypten: Der Pharao wollte das Volk nicht gehen lassen. Die ägyptischen Plagen zwangen ihn immer wieder zum Einlenken. Doch kaum hatte sich der Druck gemildert, da zog er all

seine Versprechungen zurück. Erst die letzte und schwerste Plage sollte schließlich die Freigabe des Volkes bringen.

Jetzt soll alle Erstgeburt in Ägypten verrichtet werden, bei Mensch und Vieh. Nur die Israeliten sollen verschont werden: Wenn sie ihre Türen mit Tierblut kennzeichnen, dann wird der „Würger“ bei ihnen vorübergehen. Sie werden verschont bleiben, sie werden noch einmal

das Passahlamm miteinander feiern können in der Gemeinschaft der Familie und dann in die Freiheit aufbrechen.

Etwas von diesen drei Elementen findet sich auch bei unsrem Abendmahl. Jesus hat es nicht in den völlig leeren Raum hineingesetzt, sondern schon Bekanntes fortgeführt und neu gedeutet. Die neue Pflanze wurde in den alten Boden eingesetzt; sie wird etwas anderes als der Boden, aber sie lebt doch aus diesem Boden. So schafft Jesus ein neues Passafest durch das Abendmahl. Aber auch in ihm gibt es Verschonung, Zusammenschluß und Aufbruch.

 

1.Verschonung: Wir werden uns vielleicht wundern über allerhand Allzumenschliches bei den Israeliten: Ihre Schadenfreude über die Schicksalsschläge gegenüber dem Zwingherrn, dem sie dann sogar noch kostbare Gegenstände ablisten können. Sie aber werden aus dem grausigen Gerichtsgeschehen auf wunderbare Weise ausgespart.

Aber kommt nicht in einem Winkel. unseres Herzens auch solche Schadenfreude auf, wenn wir feststellen: So verfährt Gott mit der bösen Welt, und so sorgsam ist er auf das Wohl seiner lieben Kinder bedacht. Selbstverständlich rechnen wir uns dabei zu den Kindern Gottes und nehmen ganz selbstverständlich an, daß uns nichts passieren wird.

Aber ein Strafgericht Gottes können wir nur mit Herzklopfen wahrnehmen, auch wenn wir wissen, uns trifft es nicht. Gott will doch, daß alle Menschen gerettet werden. Und wenn ein ganzer Teil bestraft werden muß, dann kann uns das nur leid tun. Und wenn wir selber verschont werden, dann kann uns das nur mit Dankbarkeit erfüllen, immer wieder.

Es ist ja nicht so, als könne dem Volk Gottes und dem einzelner Christen nichts Arges widerfahren. Christusnachfolge ist keine Lebensversicherung und auch keine Methode, Schadensfälle von vornherein unmöglich zu machen. Andererseits könnte einer im vordergründigen Sinne ein Glückskind sein, gesund und erfolgreich und ohne Probleme, aber am Ende doch Strafe erfahren, weil er mit Gott nicht im Reinen ist.

Verschonung ist ein wunderbares Geschehen. An sich hätten alle Strafe verdient und hätte es jeden treffen können. Und doch können einige das Gericht überstehen und werden durch Gottes Gnade verschont. Auf einmal mußte auch das Volk Israel erkennen: gefährlicher als der Pharao ist im Grunde der „Würger“, der vor Tür zu Tür geht und der im Grunde doch mit Gott gleichzusetzen ist.

Wir fragen vielleicht: Weiß Gott denn nicht, wer in den Häusern wohnt? Müssen sie extra für ihn gekennzeichnet werden? Kann er denn nicht verschonen, ohne daß Blut vergossen wird? Warum brauchte er auch das Blut Jesu, um sich mit der Welt zu versöhnen?

Gott ist eben keine Idee, seine Liebe wird nicht nur proklamiert (verkündet), sondern auch gelebt. Er ist ein geschichtlich wirkender Gott, der sich sichtbarer Zeichen bedient. Deshalb mußten im Volk Israel die Lämmer geschlachtet werden und das Blut an die Türpfosten gestrichen werden. Und deshalb mußte auch Jesus seinen schwerer Gang gehen, damit sein Blut Verschonung bewirken kann. Das hat nichts mit Magie und Zauberei zu tun, sondern mit dem in der Geschichte handelnden wirklichen Gott.

 

2. Zusammenschluß: Durch das gemeinsame Essen entsteht aber auch eine Gemeinschaft, die mit jeder Mahlzeit tiefer wird. Man hat nicht nur Anteil an dem, was es zu essen und zu trinken gibt, sondern man wird auch mit denen verbunden, die an der Mahlzeit teilnehmen. Man ist verbunden mit dem, was „oben“ ist; aber über dies Gemeinsame ist man auch untereinander verbunden. Es gibt also sozusagen eine Gemeinschaft in der Senkrechten und in der Waagrechten.

Wenn ein Lamm für eine Familie zu viel war, dann mußte sie sich mit einer anderer nachbarschaftlich zusammenschließen. Gemeinschaft entstand also nicht durch die natürliche Gegebenheit der Familie, sondern durch das Beteiligtsein an demselben Passalamm. Auch die Urgemeinde in Jerusalem hat das Abendmahl in den Häusern gehalten, also in kleinen überschaubaren Gruppen.

Auch heute entspricht es offenbar einem verbreitetem Bedürfnis, daß man sich in kleinen Kreisen zusammenfinden will. Bis zu 15 Leuten etwa, das ist eine gesprächsfähige Gruppe, da ist persönliches Vertrautsein und Lebensgemeinschaft möglich. Die üblichen Kirchengemeinden und der Gottesdienst sind vielfach zu unpersönlich und förmlich, auch wenn die Zahlen im Vergleich zu früher wesentlich kleiner geworden sind.

Das Unverbindliche muß es in der Kirche auch geben, daß man auch einmal kommen kann, ohne gleich vereinnahmt zu werden. Aber gerade heute muß es auch die Familienfeier und Nachbarschaftsveranstaltung geben. Wir brauchen die Gruppe mit ihren wirksamen sozialen Beziehungen, die Überschaubarkeit und das Vertrautsein.

Unser Ort und unsere Gemeinde ist zwar auch noch weitgehend überschaubar, man kennt sich von Angesicht und dem Namen nach. Aber was weiß man wirklich vom anderen? Was wissen die Älteren von den Jüngeren? Und wie ist es mit den Gästen von außerhalb, die manchmal auch mit zum Abendmahl kommen?

Manche Gemeinden versuchen da neue Wege. Sie verbinden etwa das Abendmahl mit einem richtigen Essen, bei dem man sich erst einmal kennenlernen kann und die Steifheit überwinden kann. Eingebürgerte Sitten müssen nicht für alle Ewigkeit konserviert werden. Man kann zum Beispiel Abendmahl im Hauskreis feiern. Alte Gemeindeglieder, die weit von der Kirche entfernt wohnen, können noch einige Nachbarn zu sich einladen und dann den Pfarrer dazu bitten. Nach  dem Abendmahl kann man dann noch etwas zusammensitzen und die be­ste­hen­de Gemeinschaft neu stärken und vom Sakrament her zugleich vertiefen.

Nur muß man dabei beachten, daß das Abendmahl natürlich auf die ganze Gemeinde angelegt ist. Jesus hat sein Leben gegeben zu einer Erlösung für viele, aus dem Kelch sollen alle trinken. Schloß das Passalamm der Juden die Familie und Nachbarschaft zusammen, so vereinigt das Abendmahl die ganze Kirche. Man darf also auch bei häuslichen Abendmahlsfeiern den Blick auf das Ganze nicht verlieren. Es ist nicht gut, wenn in einer Gemeinde Abendmahlsfeiern stattfinden, von denen die Gesamtgemeinde und der zuständige Pfarrer nichts wissen. Das führt dann  leicht zum Sektenwesen und zur Spaltung, das ist nicht im Sinne des Abendmahls.

 

3. Aufbruch: Aber im Abendmahl richtet sich der Blick auch in die Zukunft. Das Passafest der Juden wird in einer Stimmung des Aufbruchs gefeiert, so als müßte man heute noch aus Ägypten ausziehen in eine Zukunft hinein, die Gott seinem Volk bereiten wird. Auch das Abendmahl Jesu steht im Zeichen des Kommenden. Wir haben den Herrn nicht mehr leibhaft vor Augen, sondern nur noch verhüllt in Brot und Wein gegenwärtig. Doch wir warten darauf, daß diese Verhüllung einmal fällt und wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht.

Andererseits nimmt aber das Abendmahl auch wieder voraus, daß wir einmal Jesu Tischgäste im Himmel sein werden. So wie Jesus in der Stunde vor der Verhaftung schon die Verherrlichung vorweggenommen hat, so dürfen wir im Abendmahl ein Stück Himmel auf Erden erleben. Wir haben zwar auch dringliche Aufgaben in der Welt. Aber es gibt auch ein lohnendes Ziel im Himmel.

Menschen im Aufbruch kleben nicht an dem, was sie; sie hängen ihr Herz nicht an das, was es zu verlassen gilt; sie verwenden nicht unnötige Mühe an das, was sie zurücklassen wollen. Vielmehr beginnen sie ihre Zukunft und leben für das Neue. Christen haben das Beste immer v o r sich.

 

 

Karfreitag:  Mt 27,31 - 66 (Andacht)

Wir haben genug vom Tod.  Immer wieder neue Kreuze werden aufgerichtet auf unzähligen Friedhöfen. Angehörige weinen und trauern. Kriege treiben wehrlose Kinder und Alte in den Tod. Aber auch wenn die für den Krieg Ausgebildeten dabei umkommen, dann ist das genauso schlimm. Bestialisch setzen sich Machthaber durch und lassen im Bürgerkrieg ihre Landsleute ermorden. Täglich wird mit dem Hinweis auf die Kernwaffen jedem Menschen sein eigenes Friedhofskreuz vor Augen gehalten. Massengräber erinnern uns an das Sterben Tausender. Wir können das Kreuz und den Tod nicht mehr ertragen.

Und da kommt auch noch der Karfreitag, an dem wir unter dem Kreuz stehen und das Sterben und den Tod Jesu bedenken. Gott sei Dank gibt es nur einen Karfreitag im Jahr. Dennoch haben wir den Karfreitag Sonntag für Sonntag vor Augen: Auf dem Altar steht eine Darstellung

des Gekreuzigten. Das ist auch gut so, denn dadurch sollen wir ja daran erinnert werden, daß er für uns gestorben ist.

Aber es besteht auch die Gefahr, daß wir uns dann in der Nähe des Altars verhalten, wie es angemessen ist in der Nähe eines Leidenden und Sterbenden. Es erfaßt uns mehr die Macht des Todes als das Licht des gekreuzigten Auferstandenen. Im Blick auf Jesus sind wir mehr vom  Tod bestimmt als von seinem Tod für uns. Uns graut mehr vor dem Tod, als daß wir mit Freuden entdecken, daß dieser Tod zur Quelle unseres Lebens wird.

Deshalb hat die Art der Kreuze in den reformierten Kirchen durchaus etwas für sich. Man hat dort das bloße Kreuz, ohne den Körper Jesu dran. Das hängt mit der Bilderfeindlichkeit der Reformierten zusammen, die keine Darstellung Gottes und auch keine Darstellung Jesu wollen. Aber man kann das auch anders deuten: Das leere Kreuz ist gleichzeitig ein Symbol der Auferstehung. Jesus ist nicht mehr am Kreuz, er ist auferstanden. So wird das Kreuz von einem Zeichen der Niederlage zu einem Zeichen des Sieges.

Solche Gedanken sind jedenfalls besser als die Flucht vor dem Gedanken an die Niederlage Jesu und an seinen Tod. Wir wollen den Karfreitag leicht überspringen. Die jetzige Feiertagsregelung macht es ja auch möglich: Der Karfreitag ist der erste der freien Tage. Da kann man gut noch Eier färben oder Kuchen backen oder Auto putzen. Auch Sportveranstaltungen wickelt man gern an diesem Tag ab. Und manche Leute haben ein Karte für eine große musikalische Aufführung, zum Beispiel für eine Passion von Bach. Sie ersetzen dann die Nachfolge durch Kultur. Aber Karfreitag ist etwas anderes.

Jesus erleidet Spott: Wir wissen alle, wie weh uns Spott tut. Dabei müßte man eher Mitleid mit einem Gekreuzigten haben, der einen furchtbaren Tod stirbt. Aber die Hinrichtung Jesu weckt nicht Mitleid, sondern Hohn und Spott. So wird Jesus am Kreuz noch tiefer in die abgrundtiefe Verlassenheit hineingestoßen.

Verspottet wird er von einem der beiden Verbrecher. Er kennt Jesus nicht oder nur vom Hörensagen. Jesus wird verspottet von den Schaulustigen, denen es nicht genügt, einen Menschen leiden zu sehen, sondern die ihn auch noch verhöhnen. Verspottet wird er auch von den Priestern und Einflußreichen. Sie kennen den, der am Kreuz hängt‚ aber sie wollen ihn nicht anerkennen.

In ihrem Spott ist jedoch die Wahrheit verkleidet. Sie erkennen an, daß Jesus anderen geholfen hat. Noch als Ohnmächtiger hilft Jesus. Die Priester jedoch wollen in eigensüchtiger Selbsthilfe ein Zeichen der Nähe Gottes sehen. Sie glauben, ihn gut zu kennen; aber gerade so verschließen sie sich der Wahrheit.

Jesus betet in seiner Notlage: Unzählige Menschen haben in Todesnot geschrien. Was unterscheidet ihr Schreien und Sterben vom Schrei Jesu? Hier schreit einer, der unschuldig stirbt, unschuldig vor Menschen und vor Gott. Jesus hat nicht nur für eine gute Sache, er hat auch im Einklang mit Gott gelebt. Er kam von Gott und wollte für Gott wirken.

Aber nun scheint seine Sendung gescheitert zu sein. Alle lehnen ihn ab. Und auch den himmlischen Vater scheint er nicht mehr zu verstehen. Doch Jesus lehnt den Betäubungstrank ab. Er will die Tiefe menschlichen Leidens auskosten, damit er die Menschen verstehen kann. Er

will nicht berauscht sein und dem Tod wach ins Auge sehen.

Er ist auch nicht en Gott verzweifelt. Er spricht nur den Anfang des 22. Psalms, der aber insgesamt ein Vertrauenspsalm ist. Immer noch sagt er „mein Gott“. Und dieses „mein“ ist auch unser Halt und Trost. In aller Verzweiflung ruft Jesus dennoch Gott an, er wirft sich dem Vater in die Arme.

In Jesu Sterben erfahren wir Gott: Es gibt keinen Ort in der Welt, an dem Gott nicht ist. Es gibt keine Stunde in unserem Leben, die Gott nicht gehört. Wir dürfen immer rufen: „Mein Gott“, nicht so gedankenlos hingesprochen, sondern wirklich als Hilfeschrei. Im Namen Gottes werden wir auch protestieren und tätig werden für andere Menschen, die es nötig haben. Unser Beten geht nicht ins Leere. Wenn wir unter dem Kreuz bleiben, dann können wir uns auch am Kreuz halten. Jesus selbst hält uns. Selbst der römische Hauptmann bekennt ja am Ende: „Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn!“

 

 

Ostern I:  Joh 20, 11 - 18 (Vers 1 mitlesen)

Wiedersehen macht Freude. Das ist die frohe Botschaft, die wir an diesem Ostertag hören wollen. An Karfreitag hatten Menschen nicht irgendeinen ersetzbaren Gegenstand, sondern ihr Haupt verloren. Sie waren hoffnungsvolle Wege mit diesem Jesus gegangen. Die Begegnung mit Jesus hatte eine neue Welt eröffnet. Es war etwas in Bewegung geraten, sie hatten Vergebung und Gemeinschaft untereinander erfahren. Aber nun war Jesus tot, sie waren kopflos.

Wenn wir die Kreuzigung Jesu persönlich miterlebt hätten, dann hätten wir uns wohl kaum anders verhalten als Maria Magdalena auch. Wir erfahren den Tod doch auch als das endgültige Ende des Lebens. Wenn man nichts von Ostern weiß, dann kann man doch nur alle Hoffnung fahren lassen; dann gibt es eben auch keine Hoffnung über den Tod hinaus.

Der Mensch braucht allerdings eine Hoffnung, ohne sie kann er nicht leben. Und wenn er keinen echten Grund zur Hoffnung hat, dann bildet er sich eine ein: Er redet dann vom Weiterleben in den Kindern oder im Gedächtnis der Überlebenden oder von den übergreifenden Ideen, die nun in den anderen fortwirken. Aber das sind alles nur Auswege.

Als Christen aber haben wir eine reale Hoffnung. Sie bezieht sich auf etwas, das schon geschehen ist. Hier liegen schon Tatsachen vor, nicht nur ein Hirngespinst für die ferne Zukunft. Doch wir erinnern uns nicht nur an ein Ereignis, das sich vor vielen Jahrhunderten in einem fernen Land zugetragen hat. Ostern wirkt weiter und, greift um sich. Es will auch uns hineinziehen in das Tun unsres Gottes. Wir dürfen wissen: So wie Jesus dürfen wir auch einmal in einem neuen Leben wandeln.

Über lacht kann das Leben wieder neu vor uns liegen. Jesus ging aus der Grausamkeit der Menschen neu und lebendig hervor, er tauchte wieder auf aus dem Tod. Wer einen Blick dafür hat, wird ihn neu wahrnehmen und voller Freude über das Wiedersehen sein, heute wie damals.

Die Ostererfahrung von heute ist nicht anders als die von damals. In drei Punkten wollen wir ihr einmal nachspüren anhand unsres Textes: Wir erfahren den auferstandenen Herrn....

1. uns persönlich zugewandt

2. unsrem Zugriff entzogen

3. auch bei Gott mit uns verbunden.

 

1. Der auferstandene Herr ist uns persönlich zugewandt:

Ostern hat zwar eine Bedeutung für die ganze Kirche, ja für die ganze Welt. Man darf sie nicht verengen oder gar privatisieren, so als wäre es etwas für das stille Kämmerlein. Aber die frohe Botschaft hat es auf die ganz persönliche Begegnung zwischen Christus und dem einzelnen Menschen abgesehen.

Es ist nicht zu übersehen, daß bei Johannes eine Frau die erste Zeugin des Auferstandenen ist. Die Jünger haben nur das leere Grab gesehen und sind wieder heimgegangen. Maria Magdalena aber darf den auferstandenen Jesus selber sehen. Frauen zählten damals nichts, ihre Zeugenaussage galt nichts vor Gericht. Aber diese Frau darf nachher eine Meisterin und Lehrerin der Apostel sein, wie Luther das gesagt hat.

Aber auch für Maria war es schwer, hinter die Sache zu kommen.           Sie steht vor dem Grab und weint, sie ist immer noch nicht weiter als vorher. Ostern ist zwar schon geschehen, aber sie weiß es noch nicht. Ostern kann eben spurlos an einem Menschen vorübergeben, wenn er die Auferstehung noch nicht wahrgenommen hat.

Ihr größter Schmerz scheint gar nicht einmal der Tod Jesu zu sein. Sie ist so fassungslos, weil das Grab leer ist. Jeder Gedanke an eine Auferstehung liegt ihr fern. Der Lieblingsjünger hat gesehen und geglaubt. Aber man kann auch ganz andere Schlüsse ziehen. Maria kann sich das Verschwinden des Leichnams nur auf ganz natürliche Weise erklären: Man hat ihn fortgebracht, um ihr an einer anderen Stelle zu bestatten. Verbrecherische Menschen haben nicht einmal dem Toten die Ruhe gegönnt. Sie wollten  nicht dulden, daß er ein so ehrenvolles Grab erhält, daß man ihm noch über den Tod hinaus Liebe und Dankbarkeit bewahrt. Deshalb haben sie ihn anderswo verscharrt. Nur so kann sich Maria alles erklären.

In dieser Ratlosigkeit ist uns Maria gar nicht so fern. Wie oft stehen doch Menschen an einem offenen Grab und sind ratlos. Nicht weil das Grab leer wäre, sondern im Gegenteil: weil in dem Grab einer liegt, über dem sieh bald die Erde schließen wird. Gerade weil einer im Grab liegt, ist es so schwer, an seine Auferstehung zu glauben. Dieses Gefühl der Ratlosigkeit können wir nicht so schnell mit frommen Sprüchen und theologischer Formeln überspielen.

Das leere Grab ist für Maria noch längst kein Beweis für die Auferstehung. Es macht aber deutlich: Der Auferstandene ist kein anderer als der Gekreuzigte und Begrabene. Gott hat den wirklichen Jesus von Nazareth in ein neues Leben hinein erweckt.

Aber zunächst einmal ist das leere Grab etwas Negatives, denn es zeigt nur an: Der Tote ist weg! Bei den anderen Evangelisten klärt das Wort der Engel die Situation. Johannes aber will von der Engeln möglichst bald wegkommen. Immerhin ist es hilfreich, daß sie sich für den Kummer der Maria interessieren. Aber das Entscheidende ist erst, daß der Auferstandene selber sich ganz persönlich der Maria zuwendet.

Doch sie erkennt ihn zunächst nicht. Sie klagt ihm ihr Leid: „Sie haben meinen Herrn weggenommen!“ Man möchte rufen: „Heiß, du bist ganz nah dran!“ Mit dem „sie“ hat man damals nämlich den Namen Gottes umschrieben. Wenn Maria statt ihrer Anklage gegen „Unbekannt“ d a r a n dächte. Ganz dicht ist sie an der Wahrheit dran. Das wird auch deutlich, als sie den Gärtner mit „Herr“ anredet. Sie vermutet, daß er mit der Sache etwas zu tun hat. Wieder ist sie ganz nah dran.

Die Anrede des vermeintlicher Gärtners macht die Lage dann deutlich: Maria erkennt ihn nicht an der Stimme, sondern weil er ihren Namen in vertrauter Weise sagt. Der Name macht die Person unverwechselbar, durch den Namen erhält eine allgemeine Rede ihre Adresse. Maria merkt, daß gerade sie gemeint ist. Vor ihr steht nicht irgendein Fremder, sondern sie kennt den, der hier redet. Und sie antwortet so, wie sie Jesus immer angeredet hat: „Rabbuni! Mein Herr!“

In diesen beiden Anreden „Maria“ und „Herr“ liegt alles drin. Das ist der ganze Dialog. Aber er sagt alles. Genauso spricht der auferstandene Herr auch uns an und wir dürfen ihn so persönlich anreden. Ostern heißt nicht: Es ist einer von den Toten auferstanden, es geht „etwas“ weiter. Vielmehr besagt es: Wir dürfen zum auferstandenen Jesus „Du“ sagen. Er ist kein Gespenst, das uns staunen oder zittern macht. Er ist auch nicht bloß ein Wort, sondern es geht um den, der das Wort spricht und der sich uns ganz persönlich zuwendet.

 

2. Der auferstandene Herr ist unserem Zugriff entzogen:

Maria hat aber noch nicht ausgelernt. Sie meint, nun sei alles wieder so wies es vorher war. Sie ist immer noch beschäftigt mit ihrer Treue zu einem Toten. Sie blickt in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft. Dabei läßt das Niederschmetternde sie die Auferstehung verpassen. Aber Jesus kann es ihr auch nicht erlauben, sie leibhaft anzufassen oder festzuhalten. Er sagt: „Rühre mich nicht an!“ oder auch: „Halte mich nicht auf! Ich bin nicht mehr so wie früher. Ich bin nur noch nicht zu meinem Vater aufgefahren, aber ich gehöre bereits jetzt dorthin!“

Daß mit Jesus etwas anders geworden ist, sehen wir in allen Ostererzählungen: Er kommt und geht, wie er will, selbst durch verschlossene Türen und dicke Wände. Er ist bald hier und bald dort, sogar an zwei Orten gleichzeitig. Das ist keinem Menschen möglich. Er gehört schon nicht mehr in die alte Welt hinein, er ist schon auf dem Weg zum Vater.

Maria soll nicht bei ihrer Wiedersehensfreude stehenbleiben, sondern soll seinen weiteren Weg verfolgen. Erst wenn seine Erhöhung abgeschlossen ist, wird auch das Heil endgültig sein, wird erst der volle Osterglaube da sein. So werden auch wir lernen müssen: Jesus entzieht sich unserem Zugriff. Aber gerade indem er das tut, ist er uns ganz nahe. Jetzt erst kann er ganz gegenwärtig sein in Predigt, Taufe und Abendmahl.

Maria konnte Jesus noch sehen, wir sehen ihn nicht mehr. Heute gibt es Gemeinschaft nur noch mit dem Erhöhten. Aber dieser ist kein anderer als der, der auf Erden war. Aber er ist de-noch der heute Lebendige und Gegenwärtige. Wir erinnern uns nicht an einen Mann von ehedem, sondern wir begegnen dem heute Lebenden, in dem wir den irdischen Jesus wiedererkennen.

3. Der Auferstandene Herr ist bei Gott mit uns verbunden:

Maria hätte enttäuscht sein können, weil sie den Herrn nach zwei oder drei Augenblicken schon wieder verloren hat. Was man liebt, will man nicht gern verlieren. Aber wenn Jesus sich von den Menschen entfernt, dann fährt er ja auf zu dem Gott, der zugleich unser Vater ist. Nirgendwo im Neuen Testament sagt Jesus „unser Vater“ , nie schließt er sich in diesem Punkt mit seinen Jüngern zusammen. Er sagt „mein Vater“ und „euer Vater“, im Gebet sollen die Jünger „Vater unser“ sagen ,aber er rechnet sich selber nicht mit dazu.

Doch sein Gott ist auch der Gott der Jünger. Deshalb sind diese seine Brüder. Zu Maria sagt er: „Gehe hin und sage meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem und zu eurem Vater!“ Darin steckt das ganze Evangelium. Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen. Durch ihn ist sein Vater auch unser Vater geworden.

Das kann uns froh machen. Wir haben einen Vater und einen Bruder im Himmel. Sie sind uns nahe bei allem, was wir tun. Der Auferstandene ist nicht weit weg. Wir können ihn nicht sehen und greifen, aber er ist da. Und sie werden uns erst recht nahe sein, wenn dieses Leben einmal ein Ende hat .Deshalb dürfen wir Ostern und jeden Tag im Jahr so begehen wie Maria Magdalena: Eben noch hat sie geweint - aber nun überbringt sie die frohe Nachricht mit dem Jubelruf: „Ich habe den Herrn gesehen!“

 

 

Ostern II: Jes 25,  8 - 9

An Ostern ist es leicht zu predigen. Da sind die Menschen froh gestimmt. auch wenn es nur deswegen ist, weil man einige zusätzliche Feiertage hat. Aber auch wer als Christ die Passionszeit bewußt erlebt hat, atmet erleichtert auf, weil jetzt wieder freundlichere Predigttexte dran sind und andere Lieder gesungen werden.

Wenn ein junger Mensch sich entschließt, Pfarrer zu werden, dann hat er wohl mehr solche Feste wie Ostern im Blick. Er denkt: Da gehst du auf die Kanzel und erzählst den Leuten etwas von dem, was du gelernt hast und was dich gerade so bewegt. Aber die Wirklichkeit ist ganz anders. Einen großen Teil der pfarramtlichen Tätigkeit macht die Begegnung mit Leiden und Tod aus.

Ganz schwer ist es, wenn junge Menschen sterben. Da wird zum Beispiel das einzige Kind im

Alter von 17 Jahren durch eine Gehirnhautentzündung innerhalb eines Tages hinweggerafft.  Oder zwei junge Männer fahren sich nach der Disco mit dem Motorrad zu Tode. Da weiß man als Pfarrer auch nicht, was man den Eltern als Trost sagen soll.

Zumindest weiß man nicht, was man als Mensch sagen soll, denn rein aus menschlicher Anteilnahme heraus kann man keinen Trost geben. Da ist es gut, wenn man als Christ noch auf einen Höheren verweisen kann, wenn man den Trost Gottes weitergeben kann. Einem Pfarrer geht trotzdem jede Trauerfeier noch nahe - auch wenn es sich um einen ganz alten Menschen gehandelt hat. Aber manche Pfarrer machen Trauerfeiern auch ganz gern. weil man hier in besonderer Weise den Menschen helfen kann.

Wie ganz anders ist es da doch bei einer sogenannten „weltlichen“ Trauerfeier. Da spricht der Redner etwa folgendermaßen - ich gebe es verkürzt und mit meinen eigenen Worten wieder: „Lieber Hugo, nun bist du tot. Wir sind traurig darüber, aber wir können es nicht ändern, das ist nun einmal unser Schicksal. Aber morgen gehen wir wieder an die Arbeit, und dann schaffen wir für dich mit und erfüllen den Plan trotzdem!“

Man merkt natürlich gleich, daß das noch zu DDR-Zeiten war, als die Partei den Fehler machte, jeden nichtkirchlichen Menschen gleich zum Sozialisten oder gar Atheisten zu machen. Aber als Trost hatte sie nichts zu bieten als einige belanglose Worte. Da hat man es als Pfarrer wirklich besser, weil man die Auferstehung verkündigen darf. Das macht Ostern so schön, und etwas von dieser Freude fällt auch auf jede Trauerfeier.

Unser heutiger Predigttext hat allerdings ursprünglich gar nichts mit der Überwindung des Todes zu tun. Er dachte zunächst nur an die Überwindung alles Leids der Menschen: an Krieg und Plünderung, an Hunger und Verödung der Erde.

Erst später hat ein Abschreiber den Satz „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig“ vorangestellt, der heute für uns der Schwerpunkt unsrer Überlegungen sein soll. Damit wird der Gedanke erweitert auf das, was letztlich alles menschliche Leben bedroht. Gefährlich ist nicht das einzelne Leiden, das erduldet werden muß oder unter Umständen auch abgewendet werden kann, sondern der Tod. Auf ihn läuft das Leben hin, so wie das Wasser eines Stromes unaufhaltsam dem Meer entgegenläuft. Man kann einzelner Leiden vielleicht Herr werden. Aber jeder Einzelsieg ist nur ein Aufschub, wenn der Tod nicht besiegt werden kann. Der Tod

streicht alles Gewonnene wieder durch, es sei denn, Gott verschlingt ihn.

Im Alten Testament mußte man noch davon reden, als sei das alles noch Zukunft, auch wenn man sich dieser Zukunft schon so gewiß war, als sei sie schon Wirklichkeit. Als christliche Gemeinde aber blicken wir wie in einem Rückspiegel auf das, was in der Auferstehung Jesu

Christi allen Glaubenden zuteil geworden ist: Der Tod ist für immer verschlungen! So hat es Paulus gesehen, als er in 1. Korinther schreibt: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus (Vers 54)!“ Das ist doch ein schönes Bild, wie selbst der Tod von einem Untier verschlungen werden kann. Und so nimmt es auch die Offenbarung des Johannes auf: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein (7,17 und 21,4)!“

Dennoch bleibt unsre Sehnsucht nach der Überwindung des Todes. Der Wille zum Leben ist uns schon vom Schöpfer mitgegeben. Den Tod empfinden wir als bedrohlich, denn wir hängen alle am Leben. Einem Menschen, der mit dem Gedanken spielt, sein Leben selber zu beenden, muß man nur sagen: Wenn der Tod einmal von selber kommt, dann wird man erst merken, wie sehr man am Leben hängt, dann würde man alles dafür geben, ihn abwehren zu können!“

Das gleiche Problem zeigt sich bei der Sterbehilfe. Eine „aktive Euthanasie“, also ein bewußtes Töten, ist natürlich abzulehnen. Aber schwieriger ist es schon bei der „passiven Euthanasie“: Soll man das Leben eines Todkranken mit allen Mitteln verlängern oder darf man es abkürzen durch Unterlassen? Da gibt es Vorschriften für Ärzte, da haben sie den Staatsanwalt zu fürchten, wenn sie etwas falsch machen.

Wir schieben den Gedanken an den Tod hinaus. Ja, wenn wir alt und gebrechlich sind, dann werden wir ihn vielleicht noch hinnehmen. Aber ihn als einen natürlichen Vorgang hinzunehmen, der einfach zu unserem Leben dazu gehört, das fällt uns doch schwer. Doch wir sind ein Stück Natur. Und die Bibel sagt uns: „Von Erde sind wir genommen, zu Erde werden wir wieder werden!“

Doch das ist nicht die einzige Wahrheit. Der Mensch hat ein anderes Verhältnis zum Tod als die übrige Natur. Er w e i ß um sein Sterbenmüssen. Daß er nur ein einziges Leben hat, macht ihm zu schaffen. Er erkennt, daß er Möglichkeiten ungenutzt hat verstreichen lassen und seine Kraft an Nutzloses verschwendet hat. Er sieht, daß er vieles getan hat, was er vor Gott und den Menschen nicht vertreten kann. Im Tiefsten wissen wir das alles - und das macht uns so unruhig. Der Tod brauchte uns wenig zu erregen, wenn wir einfach dahingingen wie ein vom Baume fallendes Blatt.

Aber wir vergehen eben nicht! Wir haben ein unentrinnbares Verhältnis zu Gott. Wir wurden von Gott angesprochen und haben uns vor Gott zu verantworten. Das macht uns im Grunde so unruhig. Von der Natur her gesehen sterben wir an Herzversagen oder Krebs. Aber in Wirklichkeit sterben wir an Gott, weil wir im Konflikt mit ihm gelebt haben. Unser Sündersein macht den Tod so beunruhigend.

In den tiefsten Schichten unsres Herzens wissen wir, daß wir nicht so sind, wie wir eigentlich sein sollten. Von der Schöpfung her waren wir zu etwas anderem bestimmt. Was wir sind, haben wir aber zu verantworten. Aber ob Tod oder Leben am Ende stehen, entscheidet sich nicht daran, ob das Blut noch kreist, sondern daran, was sich zwischen Gott und uns so abspielt.

Aber als Menschen Gottes können wir uns nicht mit dem Tod abfinden, denn wir sind nicht für den Tod bestimmt. Gott hat uns die ewige, unzerstörbare Gemeinschaft mit uns zugedacht.

Wer glaubt, findet sich mit dem Tod nicht ab. Er spricht von dem Kommenden schon so, als wäre es schon da.

Doch wir haben eine Hoffnung, ja sogar eine Gewißheit über den Tod hinaus. Der Mensch ist darauf angelegt, über den Tod hinaus zu fragen und sich nach dem Leben zu sehnen. Aber darin ist die Überwindung, des Todes noch lange nicht garantiert. Das Leben ist für uns kein einklagbares Recht. Wir sind zwar zum Bilde Gottes geschaffen und zwar Geschöpfe, aber auch Partner Gottes. Doch was wir faktisch sind, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Hoffnung ist kein Greifen ins Leere, sie ist schon begründet. Für die Menschen des Alten Testaments gehörte schon Mut dazu, vom Verschlingen des Todes zu reden. Man redete in Einzelfällen von Entrückung und in der Spätzeit auch von der Auferstehung der Toten. Aber man war noch karg und sparsam in seiner Hoffnung.

Es bleibt dabei: Jesus Christus ist der

Erste unter den Auferstandenen. Die Hoffnung auf die Überwindung des Todes hat ihren Halt allein an ihm. Der Tod mußte durch Gottes Tun tatsächlich überwunden werden. Das trennt uns von der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Man meint ja, die Seele könne sowieso nicht vom Tod berührt oder gar vernichtet werden, denn sie sei unsterblich. Dann brauchte man natürlich das Wunder der Auferstehung nicht und der Tod brauchte durch das besondere Handeln Gottes nicht vernichtet zu werden. Es wäre belanglos, wenn wir von Gott weggehen und er uns wieder zurückholen muß. Das Ewige läge dann in unserem menschlichen Wesen und der Übergang ins Ewige vollzöge sich automatisch. Aber der Mensch ist immer eine Einheit von Leib und Seele. Der Tod trifft die Seele nicht weniger als den Leib. Auch die Seele muß erlöst werden.

Gott aber tröstet den Menschen. In väterlicher Liebe wischt er ihnen die Tränen ab. Er wendet sein Herz denen zu, die Trost brauche: Er ist der Gott für uns. Wir brauchen die Hoffnung, um über den gegenwärtigen Zustand hinauszugreifen.

Aber wir können auch nicht nur auf die Zukunft verweisen. Wer hungert, der braucht die Steigerung der Erträge, den gerechten Handeln, die gute Organisation, auch den Verzicht zugunsten anderer. Und wer gegen den Tod kämpft, darf das nicht vernachlässigen, was den Menschen möglich ist. Nur muß man sehen: Es geht nicht nur um die Verlängerung des menschlichen Lebens. Diese würde nur neue Probleme schaffen. Gott wird uns aber aus der Enge unsres an Raum und Zeit begrenzen Lebens herausholen. Wir dürfen hoffen, „denn der Herr hat es gesagt“, wie Jesaja schon versichert hat.

Gott ist noch einen Schritt weiter gegangen: Er hat Jesus Christus von den Toten auferweckt.

Es ist nicht so, daß wir nicht mehr hoffen müßten, weil wir Gewißheit haben. Noch immer strecken wir uns nach der Zukunft, noch immer heißt es: „Gott wird abwischen alle Tränen!“ Wir haben den Tod noch vor uns. Und ein Christ nimmt ihn ernster als ein Nichtchrist. Der Körper des Menschen vergeht, und dieses Sterben kann auch beim Christen nicht ohne Erschütterung abgehen.

Aber der Tod hat auch noch eine personale Mitte und Tiefe. Der Stachel des Todes ist nicht der Herzinfarkt oder der Krebs, sondern die Sünde. Aber die ist weg. Es steht nichts mehr zwischen uns und Gott. Aber das neue Leben, das Christus an Ostern ans Licht gebracht ist, kann nicht ein wiederhergestelltes physisches Leben sein, sondern ein neues Leben.

Das ist auch Anlaß, immer wieder dankbar zu sein. In einem Interview beschrieb der Komiker Bernd Stelter, wie er es mit seinen Kindern hält. Beim Abendgebet überlegen sie immer, was denn am Tag schön war und wofür man danken könnte. Manchmal muß man sie dabei anregen, sagte Stelter, aber wenn sie erst einmal begonnen haben. dann kann das auch schon einmal eine halbe Stunde dauern. Soviel Grund zum Danken haben wir tatsächlich.

Das Osterwunder ist aber nicht, daß Gott das Neue schaffen kann, sondern daß er es tatsächlich will und tut. Was Gott liebt, das lebt auch. Nichts kann uns mehr von der Liebe Gottes scheiden. Damit ist auch der Tod ein für allemal vernichtet.

 

 

Quasimodogeniti: Mk 16, 9 - 20 (Variante 1)

Der heutige Sonntag will uns an die Taufe erinnern. Er spricht mit seinem komplizierten Namen von den Neugeborenen, von denen also, die durch die Taufe neue Menschen geworden sind, erst richtige Menschen geworden sind. Er heißt auch „weißer Sonntag“, weil an diesem Tag in der alten Kirche die zu Ostern Getauften noch einmal ihre weißen Kleider im Gottesdienst anzogen.

Auch für uns ist es immer gut, an die Taufe erinnert zu werden. Wer von uns weiß wohl seinen Tauftag und seinen Taufspruch? Den Konfirmationsspruch weiß man eher, weil man das alles bewußt miterlebt hat.

Es gibt auch Paten, die schenken ihrem Patenkind zum Geburtstag nur eine Glückwunschkarte, aber am Tauftag ein richtiges Geschenk. Das ist eine prima Idee, weil so der Tauftag das gleiche Gewicht erhält wie der Geburtstag und besser im Gedächtnis bleibt. Dem gleichen Zweck dient auch der Brauch, dem Täufling eine Taufkerze am Tauftag zu schenken, die dann jeweils am Tauftag wieder angezündet werden soll.

Aber die Verkündigung der frohen Botschaft und die Taufe von Menschen kenn es nur geben, weil Christus auferstanden ist. Nur weil er auch heute Menschen durch seine Gegenwart erfaßt und verwandelt, können Menschen neu werden. Ohne Ostern gäbe es kein Pfingsten und auch kein Weihnachten und natürlich auch keine Kirche. Anfangs waren die Jünger ungläubig, verloren und unfähig. Aber Jesus hat sie in seinen Dienst gestellt und hat sie zu seinen Boten gemacht, hat sie gerettet und beglaubigt.

 

1.Ungläubige werden zu Boten: Den ersten Zeugen der Auferstehung haben selbst die Jünger nicht geglaubt. Wie sollten sie auch! Sie waren mit keiner Silbe auf so eine Wende gefaßt. Und selbst wir, die wir die Botschaft von der Auferstehung schon gehört haben, schütteln im Grunde ungläubig mit dem Kopf.

Die Konfirmanden natürlich wissen die richtige Antwort, wenn man sie danach fragt. Sie wissen halt, was der Pfarrer hören will, und tun ihm den Gefallen. Das ist ja heute so üblich, daß man jedem nach dem Munde redet, um allen Diskussionen und Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen. Aber ist dieses Wissen wirklich unser Halt, wenn wir den Tod in unsrer Umgebung erleben oder wenn wir gar an unsren eigenen Tod denken?

Eine alte Frau, die geistig nicht mehr so ganz klar war und nicht mitkriegte, daß ich der Pfarrer sie besuchte: „Was nachher kommt, das wissen wir nicht!“ So hat sie in ihrem Inneren gedacht. Aber das hätte sie sicher nicht gesagt, wenn sie bei klarem Verstand gewesen wäre. Oder da hat der Pfarrer mit einer Familie aus Anlaß eines Trauerfalles gesprochen. Vor allem bei der Trauerfeier wurde von der christlichen Auferstehungshoffnung gesprochen. Aber dann hört er von Nachbarn, daß die Leute von dem allen überhaupt nichts halten.

Unglaube gibt es auch bei uns, auch bei denen, die sich zur Gemeinde zählen. Es mag tröstlich sein, daß selbst die Jünger nicht davon frei waren. Ihr eigener Unglaube mußte erst einmal überwunden werden, ehe Ostern werden konnte. Aber Apostel, die nicht zweifelten, könnten uns nur entmutigen. Es ist gut, daß dieser Unglaube nicht verschwiegen wird. Das ist übrigens ein Zeichen dafür, daß die biblischer Geschichten nicht erfunden sind, sondern auf wirkliche Begebenheiten zurückgehen.

Das ist gerade die frohe Botschaft: Menschliches Versagen und Unvermögen sind für Christus kein Anlaß, die Menschen aufzugeben. Der Herr kann trotz allen Tadels mit solchen Ungläubigen etwas anfangen..Er macht sogar gerade aus ihnen seine Boten. Also kann er auch uns gebrauchen.

Alle Erscheinungen des Auferstandener vor den Aposteln laufen auf die Beauftragung und Sendung hinaus. Wer Christus als den himmlischen Herrn erfahren hat, der ist auch vor ihm in die Welt geschickt. Das Wort „Apostel“ bedeutet ja „Abgesandter, Losgeschickter, In-Marsch-Gesetzter". Er ist nicht nur ein Bote, der eine Botschaft unauffällig überbringt, sondern mehr ein Herold, der etwas in die Öffentlichkeit hinein proklamiert, den Willen eines Regierenden kundtut und damit in Kraft setzt. Nicht die Lautstärke macht es dabei, sondern die Gültigkeit und Verbindlickeit des Bekanntgegebenen.

Deshalb hat die Kirche auch bis heute eine moralische Autorität. Das gilt in besonderer Weise für den Papst, aber auch für  unsere Kirche. Im Grundgesetz steht , daß die Kirche zu den Lebensfragen der Nation Stellung nehmen darf. Und auch wenn nicht mehr drinstünde - selbst in der ersten DDR-Verfassung stand es noch - würde sie sich doch das Recht dazu nehmen, zu diesem Wächteramt ist sie von Gott beauftragt.

Doch was die Kirche zu sagen hat ,ist nicht ein unverbindlicher Beitrag zu irgendeinem Gespräch, nicht eine private Meinungsäußerung eines an religiösen und moralischen Fragen Interessierten, auch nicht die Mitteilung von Erfahrungen und Stimmungen. Die Kirche ist nicht eine Bewegung, die für eine Idee kämpft, keine Sammlung von Menschen zur Anregung eines neuen Wollens unter den Menschen, sie will nicht ein vielversprechendes Weltprogramm durchsetzen. Es geht nicht einmal um die bessere und „höhere“ Religion - es geht allein um den auferstandenen Herrn.

Es ist gut, daß die große Sendungsszene am Schluß des Markusevangeliums mit dem peinlichen Eingeständnis des Unglaubens der Jünger eingeleitet wird. Dieser Schluß stammt ja nicht von Markus selbst, stimmt aber mit seinem Evangelium überein. Der Verfasser hat sehr gut verstanden: Jede Predigt wäre des Allzumenschlichen verdächtig, wenn sie nur aus der Glaubensstärke, aus Unerschütterlichkeit und Überzeugtheit heraus käme. Unsere Vollmacht beruht in guten Zeiten nicht auf der Stärke unseres eigenen Herzens und kann deshalb auch in schlechten Zeiten durch eine Schwäche und Verirrtheit nicht gestört werden.

 

2. Verlorene werden zu Geretteten: Die Kirche wird in die Welt gesandt. Das fordert der auferstandene Herr von ihr. Dem entspricht auf der irdischen Seite die Rettungsbedürftigkeit der Menschen. Das Christwerden dient den Menschen nicht nur zur seelischen Befriedigung oder religiösen Überhöhung oder frommen -Ausschmückung des Lebens oder zur geistigen Bereicherung. Wenn es so wäre, könnte man es bald vergessen.

Es geht vielmehr um Rettung. Den Passagieren eines in Seenot geratenen Schiffes oder den Bewohnern eines brennenden Hauses geht es nicht um die Steigerung ihrer seelischen Kapazitäten, sondern sie wollen aus ihrer verzweifelten Lage herausgeholt werden. Sie haben so etwas wie Herzkranzverengung und brauchen die Weite der Möglichkeiten Gottes, die uns durch den Auferstandenen entgegentreten.

Es gibt auch heute genug Leute, die Leid tragen und weinen, vielleicht auch unter uns. Wer sollte ihnen Trost geben und die Tränen abwischen, wenn nicht wir. Und wenn wir selber Ermutigung brauchen, wer könnte uns da besseren Trost schenken als der, der durch Leiden und Sterben alle Not der Menschen durchlitten hat. Das kann uns auch helfen gegen die anderen Plagegeister unseres Lebens, die uns das Herz abdrücken: Streitsucht, Neid, Habgier, Hetze, Unruhe, Sorgen.

Die Welt soll aber wieder ihrem Schöpfer gehören. Die Menschen sollen wieder unbefangen vor ihrem Gott und für ihn leben können. Das wird möglich, weil das in die Welt hineingerufene Wort Gottes Glauben weckt. Es will uns Lust zum Glauben machen, aber auch zur Stellungnahme nötigen. Zwar wird keinem die Pistole auf die Brust gesetzt, aber es wird doch vor einem gedankenlosen Aufschub gewarnt.

Jesus erwartet Nachfolge. Wer an ihn glaubt, hört auf ihn und vertraut sich ihm an, verläßt sich auf seine Barmherzigkeit und gewährt anderen Barmherzigkeit. Wer Glaube sagt, der sagt aber auch sofort Taufe, das gehört zusammen. Aus der Reihenfolge „glauben und getauft werden“ muß man nicht unbedingt schließen, erst müsse ein bewußter und entschiedener Glaube da sein, ehe es zur Taufe kommen kann. Die Taufe ist ja nicht ein Bekenntnisakt des Menschen, sondern sie ist Tat Gottes.

Christus ist vor uns geboren und auferstanden. Er hat sich uns auch zugewendet und ist unserem Begreifen und Glauben zuvorgekommen. Man kann das ablehnen, was Gott in der Teufe an uns getan hat. Man kann von dem rettenden Schiff wieder abspringen, aber zum eigenen Verderben. Doch daß ich auf dem Schiff bin, das hat Gott gemacht. Zwar nehmen Menschen die Taufe vor, aber der eigentliche Täufer ist Gott. Unser Glaube ist ein Leben lang damit beschäftigt, das anzunehmen, was Gott an uns getan hat und dem entgegenzuwachsen, was Gott schon für uns bereitgelegt hat. So werden wir aus Verlorenen zu Geretteten.

 

3. Aus Unfähigen werden Beglaubigte: Wohin die Boten mit dem Wort und der Taufe kommen, da geschieht etwas. Zwar gibt es auch viel Versagen in der Kirche, aber auch die „mit­folgenden Zeichen“, wie es hier bei Markus heißt. Zwar schaffen die Zeichen nicht den Glauben; aber sie machen ihn fest, jedenfalls für den, der schon zum Glauben gekommen ist. Da lehrt der Geist Gottes die Menschen, in himmlischer Sprache zu reden. Auf wunderbare Weise werden sie geschützt vor Gift und Schlangen, durch Handauflegung werden Kranke heil.

Wir registrieren schnell die Fälle ,in denen Gottes Hilfe scheinbar ausblieb. Aber wir bemerken oft nicht, was er täglich abwendet und in Ordnung bringt. Es gibt viel Behütung und Durchhilfe, auch wenn viele der hier Ausgesandten nachher den Tod für Christus gestorben sind. Wir müßten nur bereiter sein, auf das zu achten, was Christus tut, vor allem durch andere Menschen wirkt in seinen Boten. Was schwach ist, das macht Christus erst brauchbar. Anders könnte sich die Kirche nicht in die Welt hineinwagen.

 

 

Quasimodogeniti: Mk 16, 9 - 20 (Variante 2, von Markus Heckert))

Letzte Woche hatte ich wieder so einen Anruf: Es klingelt, ich hebe ab und es flötet eine an-

 genehme Stimme: „Hallo, Herr Heckert, ich gratuliere Ihnen, daß  Sie abgehoben haben. Nun wird alles gut. Ich werde ihnen helfen, ich will nur Ihr Bestes!“ Ich weiß bis heute nicht, was die Dame genau gemeint hat, denn reflexmäßig hatte ich sofort nach dem letzten Satz aufgelegt.

Eigentliche eine unklare Reaktion. Da sagt jemand zu mir: „Ich will Ihr Bestes“ und ich lege panikartig den Hörer auf. Es wäre schwierig, das jemanden zu erklären, der keine Ahnung hat. Aber Sie werden wohl alle meine Handlungsweise verstehen und hätten es vermutlich genauso gemacht.

„Ich will doch nur ihr Bestes“, heutzutage ein gefährlicher Satz. Weil die, die das sagen, natürlich etwas ganz Bestimmtes meinen. Natürlich wollen sie in der Regel unser Bestes, und zwar für sich, und wir müssen aufpassen, daß sie es nicht bekommen. „Ich will dein Bestes“,  das hat heute meist zu tun mit Geld, das uns aus der Tasche gezogen werden soll. Mich wundert es immer, daß dieser Spruch nicht auch auf dem Finanzamt hängt.

Vor hundert oder zweihundert Jahren wäre meine Reaktion wohl noch eine andere gewesen: Auf das Angebot: „Ich will dein Bestes“ hätte ich vermutlich erfreut gesagt: „Das ist aber schön, da freue ich mich, komm, wir reden gleich weiter. damit ich schnell an mein Bestes komme!“ Eigentlich schade, wie Begriffe sich ändern. weil sie mißbraucht werden. Eine ganze Industrie lebt davon, Begriffe zu mißbrauchen: die Werbung. Da werden positive Begriffe in Zusammenhang mit irgendwelchen Produkten gebracht, so daß wir dann diese Produkte automatisch auch positiv sehen.

Leider gibt es da für die Werbung ein Problem: Wenn man das ganze übertreibt, dann funktioniert das nicht mehr. Vor 25 Jahren, da gab es noch die Klementine, das reichte, um von der Qualität eines Waschmittels zu überzeugen. Heute, da sind die Tricks und Kniffe viel ausgefeilter und raffinierter. Und wie schützt man sich davor? Es geht uns doch allen so, man hört nicht mehr genau hin, schaltet ab, will seine Ruhe.

Das Ganze hat nur einen großen Nachteil: Was wäre denn, wenn es ausnahmsweise mal wirklich jemand ehrlich meinen wurde. Was wäre denn, wenn es an der Haustür klingelt und jemand mal wirklich unser Bestes wollte, uns etwas Gutes tun wollte und nicht nur wieder einen Staubsauger oder etwas anderes verkaufen wollte. Das können wir uns doch schon gar nicht mehr vorstellen. Ich denke jeder von uns würde nur einen neuen Vertreterkniff vermuten und erst recht nicht aufmachen.

Eigentlich tragisch, so eine Entwicklung, aber nicht mehr zu ändern. Immerhin, wir haben gerade im Predigttext gehört, das auch die Jünger vor 2000 Jahren erst mal ordentlich mißtrauisch waren. Immerhin, nachdem was sie da Karfreitag erlebt hatten, was sollte das Gerede. der Jesus wäre auferstanden. Da war eine Portion Mißtrauen sicher angebracht. Die Jünger sind skeptisch und erst als sie Jesus selber sehen, können sie sich nach und nach mit dem Gedanken anfreunden, es könne stimmen mit der Auferstehung.

Für mich ist das eine tröstliche Vorstellung, daß die Jünger auch erst einmal skeptisch waren. Sie haben genau nachgeschaut, waren nicht bereit, gleich alles zu glauben, sondern wollten es schon ganz genau wissen. Dadurch bekommt das, was sie uns berichten, seinen Wert. Hier geht es nicht zu wie auf der Werbe-Verkaufsveranstaltung, wo ausnahmslos alles bestens ist und nirgendwo der kleinste Makel zu finden ist.

Nein, hier, an dieser Stelle der Bibel, da werden zwei Dinge beschreiben: Das ist eine Niederlage. Die, die es eigentlich wissen müßten, die Jünger, die besten Freunde dieses Jesus, glauben es nicht, sind skeptisch. Ich bin froh, daß diese Niederlage nicht beschönigt wird, sondern daß sie dazugehört.

Und das andere, was hier beschrieben wird, ist ein Sieg, nicht irgendein Sieg, sondern der Sieg. Der Tod ist besiegt, diese Grenze ist gefallen. Aber wer würde es glauben, wenn er es auf Glanzpapier gedruckt und mit schönen Farben untermalt lesen könnte. Beides gehört zusammen: Zuversicht und Zweifel, Gewißheit und Unsicherheit. Nur wer weiß, was Zweifel ist, wer diesen zuläßt, der kann letzte Gewißheit haben.

Wenn Sie Ihr Leben betrachten, werden Sie Zeiten des Zweifels finden und Zeiten der Gewißheit. Beides gehört dazu zum Leben. Wohlgemerkt. beides. Wer nur zweifelt, an allem,

der ist ein armer Mensch ohne Halt. Wer aber sagt, daß er nie an etwas zweifelt, ist auch arm und allein.

Die Jünger damals haben gezweifelt, waren mißtrauisch, sind den Dingen auf den Grund gegangen. Das sollten wir heute auch. Nicht immer gleich abschalten oder auflegen, wie ich es gemacht habe bei dem Telefonanruf, denn das eine oder andere Angebot ist wirklich gut, hilft wirklich weiter. Anschauen und prüfen, das hilft und schützt davor, jeden Blödsinn mitzumachen, nur weil er gerade modern ist oder eine gute Werbung hat.

Christen haben da ein ganz besonders gutes Angebot, eines, das man wirklich weiter geben kann. Keines vom Wühltisch, keines aus dem Schlußverkauf. sondern das Angebot des Lebens. Die anderen versprechen manches über die Dinge, die sie verkaufen wollen. Christen haben nichts zu verkaufen. Christen haben etwas zu verschenken. Und das ist der Unter-

schied.

So wie Jesus uns gesagt hat: „Ich hab dich lieb - so wie du bist, ohne Gegenleistung, ohne Rechnung und ohne Trick!“ So dürfen wir es weitersagen, jedem Menschen, jeden Tag: Auch dich hat Jesus lieb, ohne Gegenleistung, ohne Trick und ohne Rechnung, die irgendwann kommt.

Das ist der große Unterschied zu jedem Vertreter: Christen müssen keinen anschmieren, denn sie haben nichts davon. Christen können das weitersagen, was sie erfahren haben, sie können abgeben. von dem, was ihnen geschenkt wurde. Zum Glück haben die Jünger dieses damals gemacht. trotz aller Zweifel, die am Anfang dabei waren. Sie haben Jesus gesehen, mit ihren eigenen Augen.

Wir können das heute nicht mehr. Aber wir können diesen Zeugen vertrauen, dem, was sie uns berichtet haben, denn sie haben die Wahrheit berichtet, eine Wahrheit, von der sie keinen

Nutzen hatten. Im Gegenteil, viele von ihnen wurden verurteilt, wurden hingerichtet oder ins Gefängnis geworfen. Und doch haben sie weiter berichtet von dem, was geschehen ist. Sie haben berichtet, was die Wahrheit ist: Die Frohe Botschaft, daß uns unsere Sünden vergeben werden und daß auch wir auferstehen werden von den Toten.

Jesus hat es uns vorgemacht, wir werden ihm folgen - dann einmal, wenn unsere Zeit hier abgelaufen ist. Und dies ist kein Sonderangebot, sondern es gilt immer, ohne wenn und aber -  bis ans Ende der Welt.

 

 

Miserikordias Domini: Joh 21, 15 - 19       

Es kommt vor, daß ein Klassefußballer einen schlechten Tag erwischt hat. Es gibt ja so Tage, wo nichts gelingt, wo man zwei linke Füße hat und alles daneben geht. Das Publikum pfeift und schimpft dann und ruft: „Laß dir dein Lehrgeld wiedergeben!“ Aber dann klappt erst recht nichts mehr. Dann ist all das vergessen, was der Mann sonst geleistet hat. Gestern noch der Liebling der Massen, heute schon in Grund und Boden verdammt.

Auch der Spielführer kann versagen. Vorher hat er noch dem Trainer versprochen: „Dieses wichtige Spiel gewinnen wir!“  Aber nun ist er selber eine Niete und verunsichert die ganze Mannschaft. Wenn schon der Anführer versagt, dann wird es mit den anderen nicht viel anders ergehen.

So war das im Grunde auch mit Petrus: Erst war er Jesu bester Mann. Man konnte sich hundertprozentig auf ihn verlassen, wenn er auch manchmal ein wenig ein Feuerkopf war. Aber was er als Sprecher der Zwölf tat, das taten die anderen auch. Aber nun hatte dieser Petrus kläglich versagt. Erst hatte er seinem Herrn Gefolgschaft bis in den Tod versprochen, obwohl ihn doch niemand dazu gedrängt hat. Er war ihm ja auch bis in den Hof des Hohenpriesters gefolgt. Aber dann hatte ihn die Angst gepackt und er hatte dreimal gesagt: „Ich kenne diesen Jesus nicht!“ Damit hatte er alles ausgelöscht, was vorher war. Petrus war ein gebrochener Mann.

Vielleicht haben wir auch schon einmal in ähnlicher Weise unseren Herrn verleugnet. Es wird doch immer einmal auf Gott und die Kirche geschimpft. Aber viele unserer Gemeindeglieder sind dann still und sagen keinen Ton. Und die kirchlich engagiert sind, haben dann einen schweren Stand, seien sie nun Kirchenvorsteher oder sonst wer. Nur gut, daß unser Herr dann keinen allein läßt und die wieder beauftragt, die versagt haben. Doch vorausgehen muß erst die Lossprechung.

Petrus wird losgesprochen: Petrus hatte sein inneres Konto überzogen, als er seine großspurigen Versprechungen machte. Doch nun ist er vor Jesus bloßgestellt. Er wird nicht mehr als Petrus, „der Fels“, angesprochen, sondern nur als „Simon, Sohn des Johannes“. Petrus wagt auch nicht, das Wort Jesu zu gebrauchen: „Hast du mich lieb?“ Jesus verwendet hier das Wort, das die Liebe zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn bezeichnet. Petrus dagegen verwendet nur ein Wort, das man mit „gernhaben“ wiedergeben könnte.

Die zweite Frage Jesu fragt nach weniger und läßt den Vergleich mit den anderen Jüngern weg. Aber sie fragt wieder nach der Liebe und nicht nur nach dem Gernhaben. Da fragt Jesus, ob Petrus ihn wenigstens gern hat. Auch dies stellt er wohl in Frage. Dreimal muß Petrus gefragt werden, weil er den Herrn ja auch dreimal verleugnet hat: Dem Petrus wird nichts erlassen.

Petrus spürt die Sinnlosigkeit jeder Beteuerung. Vor ihm steht ja der Herr, vor dem niemand etwas verbergen kann. Es findet sich keine Spur von Selbstrechtfertigung, sondern nur die völlige Kapitulation: „Herr, du weißt alles!“Künftig wird er nicht mehr der alte Petrus sein. Aber weil er seine Schuld nicht abstreitet, sondern sie bereut, wird sie ihm auch vergeben.

Natürlich hatte Petrus seinen Herrn immer liebgehabt. Aber es muß doch noch etwas gefehlt haben, sonst hätte es nicht zu einem solchen Versagen kommen können..

Petrus hatte gemeint, dies Fehlende aus eigener Kraft mit erzwingen zu können. Aber nun hat er lernen müssen: Die ganze Aktivität liegt bei Gott. Unsere Liebe empfängt ihre Kraft nur von der Liebe Gottes. Und was wir tun, ist nur Antwort auf das, was durch Gott schon geschehen ist.

Im Grunde erleben wir hier ein Beichtgespräch, auch wenn keine ausdrückliche Lossprechung von Sünden vorkommt. Doch es geht nicht nur darum, daß der Auferstandene sich seelsorgerlich um einen einzelnen Sünder müht. Es handelt sich ja um Petrus, und in ihm um die ganze

Kirche. Es wird deutlich: Ein Amtsträger der Kirche braucht für sein Christsein und für sein Amt nicht die Tadellosigkeit und Zuverlässigkeit eines Menschen, der nirgends aneckt und einbricht.

Es geht nur darum, daß er mit ganzem Herzen an ihm hängt und bereit ist zum Empfangen. Daß hier aber wirklich Vergebung geschehen ist, zeigt sich darin, daß auch ein Petrus wieder in sein altes Amt eingesetzt wird und einen neuen Auftrag erhält.

Petrus wird neu beauftragt: Wenn ein Fußballspieler versagt hat, wird der Trainer im ersten Augenblick enttäuscht sein. Aber er wird seinen besten Mann am nächsten Sonntag doch wieder aufstellen. Und dann wird er auch das wieder leisten, was man von ihm erwartet. So wird auch Petrus nach Ostern wieder von seinem Herrn in den Dienst gerufen. Damit wird nichts beschönigt, das Verhältnis zwischen Jesus und seinem Jünger war schon ernsthaft gestört. Aber Jesus macht aus diesem einmaligen Versagen keine Staatsaktion, sondern er hat dem Petrus schon längst vergeben, ehe er es ahnte.

Petrus hat ja dann auch nach Ostern viel im Sinne Jesu gewirkt: Er war der zweite Leiter der Gemeinde in Jerusalem und später Missionar in vielen Gemeinden. Und schließlich hat er doch noch den Tod gefunden, dem er erst aus dem Weg hatte gehen wollen. Wahrscheinlich ist er im Jahre 64 bei der Christenverfolgung durch Kaiser Nero in Rom gekreuzigt worden. In dem Buch und Film „Quo vadis“ wird das ja weiter ausgesponnen: Petrus will die Stadt verlassen, aber da begegnet ihm Jesus und fragt ihn: „Wohin gehst du?“ Da kehrt Petrus wieder um und nimmt das Kreuz auf sich.

Die Gemeinde weiß: Diesmal ist Petrus fest geblieben. Als junger Mann hat er noch über sich selbst verfügen wollen. Nun aber wird über ihn verfügt: Ein anderer hat ihn gegürtet und geführt, wo er nicht hin wollte. Wer selbst Pläne macht, mag nicht gern vom Gehorsam hören. Aber wer sich von Christus in Dienst stellen läßt, der wird     von Station zu Station geführt. Das heißt nicht, daß man sich treiben lassen soll. Aber den allzumenschlichen Eigenwillen und die eigensüchtigen Wünsche muß man drangeben. Aber der uns führt, wird auf jeden Fall ein guter Hirte sein.

Man kann leicht fordern, ein jeder Christ müsse sein Kreuz auf sich nehmen und notfalls auch für seinen Glauben in den Tod gehen. So kann man reden, solange man noch mit der Möglichkeit rechnet, am Leiden vorbeizukommen. Aber keiner von uns muß wohl den Märtyrertod erwarten. Aber es könnte schon sein, daß man gerade durch schwere Ereignisse besondere Erfahrungen mit Gott macht und sogar zum Lob Gottes geführt wird.

Petrus jedenfalls darf die Erfahrung machen: Wenn Jesus ihn wieder in sein Amt einsetzt, dann macht er ihn auch dazu fähig. Er läßt seinen Helfer nicht allein, sondern steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Jesus ist der gute Hirte, der für die Gemeindeglieder und auch für die Leiter der Gemeinde da ist.  E r  ist es, der jedem an seinem Ort die Kraft gibt für den Auftrag.

Wenn man Konfirmanden fragt: „Wer ist denn das Haupt der Gemeinde?“dann kommt oft die Antwort: „Der Pfarrer!“ Aber Jesus versteht es hier anders. Er sagt zu Petrus: „Weide meine Lämmer!“ Sie gehören also ihm, und Petrus ist nur ein Angestellter des Oberhirten Jesus. Sein Auftrag geht nur solange, wie Jesus ihn in diesem Amt haben will. Die Gemeinde gehört nicht dem Pfarrer oder sonst einem Gemeindeleiter, sondern Christus. Es geht nicht um das Leiten, sondern um das Weiden, d.h. um Fürsorge und Schutz vor äußeren Gefahren und innerer Zersetzung.

Der Herr regiert die Gemeinde  - durch das Amt in der Gemeinde. Das „Weiden“ aber geschieht allein durch die Gnadenmittel, durch die Predigt, die Darbietung der Sakramente und die Lossprechung von Sünden. Das gepredigte Wort bindet auch den Prediger. Geistlich regiert werden kann die Kirche nur im völligen Gehorsam gegenüber dem Herrn der Kirche, der auf alle Eigenmächtigkeiten verzichtet.

Der mit der Leitung Beauftragte ist dennoch immer ein Sünder. Oft wird es immer noch anders gesehen: Wer in der Kirche eine Funktion hat, muß etwas anderes sein als die üblichen Christen; wenn er sich dann etwas zuschulden kommen läßt, wiegt das weit schwerer als bei anderen. Dabei ist er auch nichts anderes als ein begnadigter Sünder. Christus baut seine ganze Kirche aus lauter Sündern und Versagern. Auch die Pfarrer und sonstigen Gemeindeleiter sind davon nicht ausgenommen.

Der Pfarrer ist nicht der Trainer, sondern bestenfalls der Spielführer der Mannschaft.  Er spielt selber mit und ist nicht mehr als die anderen Spieler auch. Vielleicht hat er eine besonders wichtige Aufgabe. Aber er ist dabei doch voll und ganz auf die anderen Mitspieler angewiesen. Wenn einer alles allein schaffen will, rennt er sich meist in der gegnerischen Abwehr fest. Nur gemeinsam kann man die anderen ausspielen und dann auch gemeinsam zum Erfolg kommen.

Auch ein Pfarrer macht natürlich einmal Fehler. Und je länger er in einer Gemeinde ist, desto mehr Leute werden vielleicht auf ihn schimpfen. Vielleicht hat er ihnen im Gehorsam gegen den Herrn der Kirche einen Wunsch nicht erfüllt, zum Beispiel eine Patenbescheinigung

versagt. Vielleicht hat er sich auch wirklich einmal geirrt und die Schuld liegt bei ihm. Wer nichts macht, der macht auch keine Fehler. Aber wenn etwas passiert ist, geht die Welt noch nicht unter.

Es kann doch einmal eine Predigt oder ein Gottesdienst schlecht gewesen sein. Aber deswegen muß man doch am nächsten Sonntag wieder auf die Kanzel steigen und Gottes Wort verkünden. Was ein echter Fußballanhänger ist, der geht jeden Sonntag auf den Sportplatz,

bei Wind und Wetter, und auch wenn ein Spiel einmal schlecht war. Und was ein echter Christ ist, der läßt sich auch nicht abhalten, wenn er einmal enttäuscht wurde oder sonst einen Ärger hatte. Alle zusammen, Pfarrer und die anderen Gemeindeglieder, kämpfen um den Sieg. Die Mannschaft soll gut abschneiden und der Trainer hinterher zufrieden sein. Er braucht alle für den Dienst in der Gemeinde!

 

 

Jubilate: 1. Mose 1,1 - 4a und 26-31 und 2,1-4a

Manche Leute sprechen vom „Kindermachen“. Als ob das so leicht wäre! Wir wissen, daß vielen Ehepaaren der Kinderwunsch versagt bleibt. Die Medizin macht zwar heute vieles möglich, aber erzwingen kann sie nichts. Eher kann sie Kinder „wegmachen“ - auch so ein fürchterliches Wort, das einen schwerwiegenden Eingriff in den Ablauf der Natur darstellt. Doch nicht einmal das bringt der Mensch fertig, zu entscheiden, ob das Kind ein Junge

oder ein Mädchen wird.

Meiner Ansicht nach ist das ein Zeichen dafür, daß der Mensch sich nicht selbst verdankt. Er ist nicht der große „Macher“, der alles kann. Er verdankt sein Leben einem Höheren. Er ist nicht selbst der Schöpfer, sondern ein Geschöpf Gottes.

Wie ganz anders als jene respektlose Rede vom „Kindermachen“ klingt doch, was Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Glaubensartikel sagt: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat!“ Er geht nicht von dem allgemeinen Problem der Erschaffung der Welt aus, sondern er bekennt schlicht und einfach: „Ich verdanke mein Leben Gott dem Schöpfer!“ Erst von dieser persönlichen Erkenntnis her schließt er dann darauf, daß auch andere Lebewesen von Gott geschaffen sind und daß schließlich auch die ganze Welt von ihm geschaffen sein muß.

Natürlich wissen wir heute darüber mehr als die Erzähler der biblischen Geschichten. Gott hat den Menschen nicht so gemacht wie ein Steinmetz, der aus einem Stein eine Gestalt herausholt. Auch am Anfang der Menschheit war es nicht so, daß der Mensch schon fix und fertig mit einem Schlag da war. Wir wissen heute, daß das alles sehr viel kleiner angefangen hat und sich sehr viel langsamer entwickelt hat.

Aber je mehr wir heute hinter die Geheimnisse des Schöpfers kommen, desto großartiger und wunderbarer wird alles. Gott braucht nur selten Wunder, die die Naturgesetze durchbrechen. In der Regel stellt er die Natur in seinen Dienst und treibt so seine Sache voran. Und bis heute nimmt er auch Menschen in seinen Dienst, die seine Schöpfung vorantreiben.

Gott gibt dem Menschen den Selbsterhaltungstrieb, so daß er sich um Essen und Trinken küm­mert und sich fortpflanzen will. Darin steht der Mensch mit den Tieren auf der gleichen Stufe. Was ihn aber zum Menschen macht ist die Gottebenbildlichkeit. Der Mensch sieht nicht nur aus wie Gott, sondern er hat eine besonderen Auftrag und eine besondere Verantwortung.

 

Hier wird gesagt, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Dazu gehören Kultur und Zivilisation, aber auch die Beherrschung der Welt mit den Mitteln der Technik. Aber bei all dem sollen wir in der Art Gottes vorgehen: also nicht ausbeuten, sondern schenken, nicht verderben, sondern erhalten, sich nicht bereichern, sondern Gottes Geschöpfe zu einem guten Leben verhelfen.

Der Mensch ist durch Gott verpflichtet, sorgsam und schonend, pflegend und fürsorglich mit der Welt umzugehen. Es ist eben nicht alles „machbar“. Nicht unsere Bedürfnisse und Gelüste sind der Maßstab für unseren Umgang mit der Welt, sondern unsere Verantwortung für die Schöpfung Gottes.

Gott war nicht vor langen Zeiten einmal der Schöpfer der Welt und der Menschen, sondern er ist es auch heute noch. Von unserer Gegenwart her, von unseren höchst persönlichen Erfahrungen mit Gott, können wir auf den Anfang schließen (nicht umgedreht).

So hat es auch das Volk Israel gemacht: Beim Auszug aus Ägypten haben sie gemerkt, daß da ein Gott ist, der ihnen hilft. Von dieser Erfahrung der Zuwendung aus haben sie dann darauf geschlossen, daß dieser Gott der Schöpfer aller Menschen und der ganzen Welt sein muß.

Trotz ihrer geringen Kenntnis von der Welt kamen sie nicht aus dem Staunen heraus: Die Schöpfung war nicht einfach da, sondern sie wurde durch Gottes befehlendes Wort ins Dasein gerufen. Gott hat nicht improvisiert, sondern die Welt klug geordnet, das Chaos beseitigt und jedem seinen Platz angewiesen. Auch der Mensch hat da seinen Platz, und zwar als Mann und als Frau und als Kind.

Jetzt sind bestimmte Strukturen und Gesetze da, die man respektieren und sich dienstbar machen kann. Aber man darf sie nicht verändern. Und wo das doch versucht wird, geschieht es zum eigenen Schaden. Die Nutzung der Atomkraft ist eine prima Erfindung: eine saubere Energie, die viele Jahrzehnte reicht und die wir mit unserer hochentwickelten Technik beherrschen können. So sagen es jedenfalls die Verantwortlichen der Stromkonzerne. Aber da

bleibt dann ein Abfall, der sehr viel giftiger ist als das Ausgangsprodukt, auch ohne Explosion. Und dann wird das Zeug von Frankfurt nach England geflogen und könnte im Falle eines Unglücks weite Teile des Landes dem Tode preisgeben.

Hier ist dann auch von der Kehrseite der Welt zu reden. Gott schied das Licht von der Finsternis. Aber die Finsternis ist immer noch da. Sie ist auch im Menschen da, als dessen dunkle Seite, die immer wieder hervorbrechen kann. Doch wir müssen dem Bösen ins uns nicht erliegen. Gott hilft uns in unserem Kampf um ein Leben im Sinne Gottes. Er hat Jesus Christus gesandt, sein wahres Geschöpf und der Mittler des neuen Bundes. In Christus hat sich Gott noch einmal der Welt und der Menschen angenommen und hat gezeigt, daß ein Leben im Gehorsam gegen Gott auch uns Menschen möglich ist.

Und so sollten wir nicht in Trauer und Niedergeschlagensein über den Zustand der Welt verfallen. Die Welt ist oft erschreckend schlimm. Aber sie ist dennoch die Welt Gottes. Im Abendmahl stellt sich Jesus Christus an unsere Seite und stärkt uns in unserem Kampf für eine gute Schöpfung und für ein Leben ohne Haß und Gewalt.

Doch der Schluß der biblischen Erzählung macht deutlich, daß ein Menschenleben nicht nur aus Aktivitäten und Unternehmungen besteht. Wir können nicht immer nur geben, wir müssen auch einmal empfangen; wir können nicht nur ausatmen, sondern wir müssen auch einmal einatmen. Deshalb heißt es: Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, indem er ruhte von allen seinen Werken. Auch der Mensch braucht Zeiten der Ruhe.

Man will immer wieder einmal einen Feiertag abzuschaffen, vorzugsweise einen kirchlichen:

Doch bedenken wir auch: Ruhe besteht nicht nur im Nichtstun oder langem Schlafen. Die Ruhe dient dem Bereitsein für Gott und er Hinwendung zu ihm. Dazu brauchen wir den Sonntag und auch den Feiertag. Er läßt uns nachdenken über den Sinn unseres Lebens. Wenden wir uns doch wieder einmal besonders unseren Kindern oder unseren Eltern zu; dann werden wir etwas vom Sinn des Lebens spüren. Oder kümmern wir uns um einen Teil der Schöpfung Gottes, um ein Tier oder eine Pflanze. Wir können einen Baum pflanzen, zuhause oder

in der freien Natur. Wir müssen ihn pflegen, damit er wachsen kann. Wir müssen Geduld haben und ihm Zeit lassen, bis er Frucht bringt. Aber dann können wir auch etwas erahnen von der Schöpfung Gottes, die heute noch mitten unter uns geschieht und von der wir selber auch ein Teil sind.

 

 

Kantate: Jes 12

Eigentlich wird heute nur noch in der Kirche gesungen. Natürlich gibt es die Profis: junge Frauen wie Lena und Sarah, und alte Männern wie Udo Jürgens und Jürgen Drews. Es gibt die Chöre und Musikgruppen. Aber wo singen Menschen heute noch spontan gemeinsam? Manch­mal singen noch die Fußballfans, wenn sie genug Alkohol getankt haben. Und die Parteien versuchen es manchmal: die CDU singt die Nationalhymne und die SPD die Internationale (aber nicht mehr die zweite Strophe, in der es heißt: „ Uns rettet kein höheres Wesen, nicht Gott nicht Kaiser und Tribun“).

Ist die Kirche altmodisch, wenn sie bei jedem Gottesdienst und auch bei anderen Gelegenheiten mehrere Lieder singt? Manchmal sogar noch der einstimmige gregorianische Gesang aus dem Mittelalter ohne Instrumentalbegleitung. Und auch das Strophenlied in unserem Gesangbuch ist vielfach noch aus der Reformationszeit.

Aber seit 1994 haben wir ja auch wieder ein neues Gesangbuch mit neuen Liedern. Ich habe mich damals dafür eingesetzt, daß noch mehr neue Lieder hineinkommen, die Lieder für die Jugend aus den siebziger und  Jahren. Aber die Theologen und Kirchenmusiker, die dann entscheiden, nehmen immer noch das reformatorische Lied als Maßstab. Nichts gegen die Lieder von Martin Luther und Paul Gerhardt, die müssen auch in unserem Gesangbuch sein. Aber die Gemeinde von heute singt auch das neue Lied.

Es wäre etwas am Glauben verkümmert oder vielleicht sogar gestorben, wenn wir nicht mehr sängen. Wenn der Glaube aus der Begegnung mit Gott entsteht, dann wird es zum Singen kommen. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die wirklich nicht singen können. In unserer Ausbildung mußte jeder im Angesicht seiner Kollegen und des Landeskirchenmusikdirekt das liturgische Singen üben. In unserer von der reformierten Tradition geprägten Kirche gibt es das ja leider nicht, daß zum Beispiel die Abendmahlsliturgie gesungen wird. Aber das Gemeindelied üben wir natürlich auch aus.

Gottes Wort ruft Antwort hervor. Diese wird selbstverständlich auch in Taten bestehen. Aber eine reine Geschäftigkeit entspräche auch nicht dem, was Gott an uns getan hat. Wenn wir Gott richtig verstanden haben, dann wollen wir ihm Antwort geben, mit allem was wir sind und haben. Dazu gehören auch unsre Stimme, unsre Gefühle und manchmal auch unsre Bewegung.

Wenn einer weithin dem Singen entwöhnten Generation der Grund zum Singen gezeigt wird, werden die in ihr schlummernden Kräfte wach gerufen. Man muß es nicht unbedingt gut können. Gott läßt sich auch die falschen Töne und eine kurzen Atem gefallen. Er ist nicht der Dieter Bohlen, der jeden falschen Ton merkt, sondern er freut sich über alles.

In erster Linie geht es darum, daß wir uns an Gottes Rufen und Handeln erfreuen und  daß wir glücklich sind über die mit ihm hergestellte Gemeinschaft. Dann verfallen wir nicht in Rührseligkeit. Aber dann verlassen wir uns auch nicht auf das Gegenteil, den reinen Verstand.  Dann verfallen wir auch nicht dem Rausch oder dem elektronisch verstärkten Lärm. Ein Lied kommt aus dem Staunen, dem Empfangen und dem Rühmen Gottes. Das kann man an dem Psalm in Jesaja 12 studieren. Er steht am Ende vieler Mahnungen und Gerichtsworte, schließt aber diesen ersten Teil wieder positiv ab. Er macht deutlich: Das Lob Gottes geht über den gegenwärtigen Augenblick hinaus, es geht über mich selbst hinaus und es geht über die Grenzen der Kirche hinaus.

 

1. Das Lob Gottes geht über den gegenwärtigen Augenblick hinaus: Fachleute merken natürlich, daß der Verfasser dieses Liedes abgeschrieben hat, ohne die Herkunft zu kennzeichnen.

Aber man kann ihm deshalb nicht Betrug oder mangelnde eigene Ideen vorwerfen. Der Glaube lebt aus den Erfahrungen der Vorfahren mit Gott. Das ist anders als bei der heutigen Werbung. Da wird der Eindruck erweckt, daß das Neue dem Alten überlegen ist. Beim Glauben ist das anders: Da wird erinnert an das Altbewährte. Der Glaube hat es zwar in diesem Augenblick mit Gott zu tun, aber er denkt dabei auch an Gottes Tun in der vergangenen Zeit. Dabei nimmt er gern die Formulierungen früherer Sängergenerationen auf und kleidet sie in sein eigenes Lob und Bekenntnis. Er wird Gott auch mit einem "neuen" Lied loben wollen. Aber er wird sich auch des Liedes der Kirche bedienen.

Man kann nicht immer alles neu erfinden. Und wenn man das Altbewährte übernimmt, dann verläßt man sich auf die Kirche mit ihren sehr viel größeren Erfahrungen, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wurden. Es liegt nicht jedem, ein eigenes Gebet zu formulieren oder gar ein Lied zu schreiben. Da ist er dankbar, wenn er in der Kirche in die Gebete einstimmen kann, die andere aufgeschrieben haben, in denen man sich aber wiederfinden kann.

Natürlich muß man sich diese Glaubenserfahrung erst noch selber aneignen und für das eigene Leben fruchtbar machen. Aber es gibt viele andere vor mir und neben mir, die viel größere Glaubenserfahrungen haben. So leiht die Kirche uns ihre Sprache. Und wir können uns von ihrer Glaubenserfahrung tragen lassen.

In Jesaja 12 wird sogar auf das vorausgeschaut, was erst noch sein wird. An sich wäre eher Zeit für ein Klagelied, denn dem Volk ging es schlecht. Aber aus der Rückschau auf die herrlichen Taten Gottes nimmt man die Gewißheit, daß Gottes Zusagen auch in Zukunft in Kraft bleiben werden. Man weiß nur noch nicht, wann diese Zukunft anfängt.

So ist  die Gegenwart keineswegs lichtlos, sondern voller Hoffnung. Und deshalb spricht man heute schon den Dank aus, der einmal fällig sein wird, wenn der Gotteszorn vorbei ist.  Wer eine solche Hoffnung hat, für den ist eine Situation wie zu Jesajas Zeiten schon überwunden. So können auch wir in unserem Leben gewisse Durststrecken durchstehen, wenn wir wissen: Gott ist immer und überall mein Heil!

 

2. Das Lob Gottes geht über mich selbst hinaus: Indem die Gemeinde Gott lobt, gewinnt das Denken und Hoffen einen ganz anderen Mittelpunkt. Man fragt nicht mehr, was bei Gott zu holen ist. Gott wird um seiner selbst willen gepriesen, nicht um unsertwillen. Loben und Rühmen ist immer zweckfrei. Mit Gott kann man keine Geschäfte machen oder ihn für uns in Pflicht nehmen.

Wir können Gottes Herrlichkeit nicht durch unser Lob vergrößern. Wenn wir eine Ware loben, dann dient das dem Geschäft. Wenn ein Kind vor der Klasse gelobt wird, dann soll es dadurch selber und auch die anderen angespornt werden. Wenn einer einen Preis erhält, dann werden seine Verdienste herausgestrichen. Aber Gott können wir nichts geben, was er nicht schon hätte. Im Gegenteil, wir bleiben immer die Empfangenden.

Nicht ich singe einen Lobgesang für Gott, sondern er erweckt in mir den Lobgesang. Wenn es überhaupt ein angemessenes Reden über Gott geben kann, dann ist das Singen das beste Mittel, das Ganze unsres Herzens auszudrücken. Das echte Gotteslob ist Gott selbst, wie er sich in uns spiegelt und in uns tönt.

So lernen wir, von uns selber abzusehen. Es geht nicht um unsere Erfolge oder Mißerfolge, unseren Übermut und unsere Einbrüche. Wir können von unserer Verzagtheit absehen und nur noch auf den Punkt außerhalb von uns schauen, der Gott heißt. Wir können von unseren äußeren und inneren Zuständen absehen, und können wissen: Was ich brauche, das habe ich von Gott.

 

3. Das Lob Gottes geht über die Grenzen der Kirche hinaus: Gott ist in der Kirche. Das bedeutet zwar eine Konzentration. Man kann sicher sein, daß er hier zu finden ist. Aber das verpflichtet auch zur Ausbreitung im missionarischen Sinn. „In allen Landen“ soll von Gott die Rede sein, allen Völkern soll sein Tun bekanntgemacht werden.

Die Kirche nutzt in diesem Sinne auch manche Möglichkeiten. Da gibt es zum Beispiel in unserer Kirche die Kirchenkonzerte. Dazu kommen auch Leute, die nicht oder nur selten von der Predigt der Kirche erreicht werden. Nur handelt es sich dabei nicht um Kirchenkonzerte, sondern um „Konzerte in der Kirche“. Die Kirchengemeinde stellt nur den Raum und die Organisation zur Verfügung, aber ansonsten unterscheiden sich diese Veranstaltungen nicht von denen in großen Konzerthäusern.

Ich habe das anders kennengelernt, weil damals der Staat die Kirche gezwungen hat, sich auf ihr eigenes Thema zu besinnen. Kultur war allein Sache des Staates. Die Kirche durfte nur kulturell tätig werden im Rahmen ihrer Verkündigungsaufgabe.  Eine Veranstaltung wurde aber nicht allein dadurch zu einer kirchlichen Veranstaltung, daß man am Schluß sagte: „So jetzt stehen wir noch auf und sprechen ein Vaterunser!“ - wie man das tatsächlich erleben konnte. Da muß man sich schon mehr einfallen lassen, damit nicht die Konzertbesucher mit einer Predigt überfallen werden. Aber da gibt es schon Möglichkeiten, mit Poesie und Dichtung eine christliche Verkündigung zu treiben, die aber doch durchaus in Einklang mit der Kunst steht.

Aber machen wir uns nichts vor: Kunst ist zwar auch eine Lebensäußerung der Kirche, sie ist aber nicht das, was die Predigt ist. Durch die Kunst wird abgeschwächt, was sonst in die Tiefe des Menschen dringen könnte. Es mag sein, daß viele Menschen einen solchen Umgang mit den Dingen des Glaubens lieber haben als die direkte Anrede. Es kann aber auch sein, daß diese Menschen nur fliehen vor der wenig überzeugenden Weise, Gottes Wort auszurichten? Vielleicht sagt auch die Musik besser und verständlicher, was eigentlich in der Kirche zu sagen ist.

Wir heute haben jedenfalls beides gehabt: Die direkte Anrede in den Lesungen und der Predigt, aber auch das gesungene Lob Gottes. So war es schon in der Reformationszeit, als das Lied der neuen Sichtweise des Glaubens sehr gut Bahn gemacht hat. Auch heute gehört beides zusammen. Am Sonntag „Kantate“ - „Singet“ haben wir uns bewußt gemacht, daß auch das Lied nicht vernachlässigt werden darf.

 

 

Rogate: Mt 6, 5 - 13

Dreimal am Tag läuten bei uns die  Glocken. Nicht um die richtige Zeit anzugeben, sondern um an die Zeit zum Gebet zu erinnern. Zumindest einige Gemeindeglieder darauf achten und sprechen dann tatsächlich ein Gebet, zumindest zum Abendgebet.

Eine Frage ist allerdings, ob man das unbedingt so in aller  Öffentlichkeit machen muß, so daß es auch die anderen mitkriegen. Die frommen Juden gingen extra zur Gebetszeit hinaus auf die Straße. Dort ließen sie sich dann von dem Posaunenruf überraschen, der die Gebetszeit ankündigte. Dann stellten sie sich an die Straßenecke, hoben die Hände zum Himmel und sprachen laut ein Gebet.

Gewiß, sie hatten dabei eine gute Absicht: Sie wollten den anderen ein gutes Vorbild geben und sie auch zum Gebet anregen. Aber Jesus tadelt an ihnen, daß sie daraus ein Schauspiel machen und gar nicht echt beten, sondern nur die Leute im Blick haben.

Von daher sind auch die sogenannten „Gebetsgemeinschaften“ vorsichtig zu sehen, also ein Gottesdienst, in dem auch jeder einzelne laut vor den anderen beten kann. Bei einem Kirchentag hatte es noch gar nicht richtig begonnen, da sprang schon ein Mann auf und schrie mit wohlgesetzter Worten ein Gebet in die Halle. Es lief alles wie am Schnürchen, es war so eingelernt und gewohnheitsmäßig. Hier wollte sich einfach einer vor den anderen zeigen und selber groß erscheinen, anstatt Gott zu preisen.

Damit will ich nichts gegen das Gebet sagen, auch nicht gegen das Gebet in der Öffentlichkeit. Warum sollten wir nicht zusammen mit anderen beten, auch laut beten, so daß es die anderen hören können? Aber es geht gegen die Gebetsprotzerei, wenn einer zeigen will, daß er beten kann und sich mit anderen vergleichen will und dabei selber bestätigen will. Dazu gehört auch, wenn einer im Gebet Gott erzählen will, wie Gott ist bzw. zu sein hat. Das weiß Gott doch selber, das brauchen wir ihm nicht erst zu sagen.

Die Betreffenden wollen es ja auch gar nicht Gott sagen, sondern denn, die mit zuhören. Ein Gebet ist aber dazu da, eine Bitte oder einen Dank an Gott auszusprechen, und nicht, um eine Predigt zu halten oder eine Predigt noch einmal zusammenzufassen. Das kann sehr leicht auch

zur Heuchelei führen, weil man dabei gar nicht Gott im Blick hat, sondern nur die eigenen wohlgesetzten Worte.

Damit sind wir bei einer weiteren Gefahr unseres Betens: das Plappern. Gerade beim Vater­unser kommt es leicht vor, daß wir die Gedanken woanders haben. Zwei Mönche haben einmal miteinander gewettet. Der eine sagte: „Ich kann ein Vaterunser beten, ohne dabei an etwas anderes zu denken!“ Der andere aber behauptet: „Das kannst du nicht!“ Sie wetten um ein Pferd. Der eine fängt siegesgewiß an, leise vor sich hin zu beten. Doch plötzlich ruft er: „Wir haben ja vergessen auszumachen, ob es ein Pferd mit oder ohne Sattel sein soll!“ Und schon hat er die Wette verloren.

Nun wird es uns Gott wohl nicht so besonders krumm  nehmen, wenn wir etwa bei einer einzelnen Bitte des Vaterunser in Gedanken hängenbleiben. Aber es ist eben ein Leiden, daß das Vaterunser so ein Allerweltsgebet ist, das einem so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß man sich gar nichts mehr dabei denkt.

Das Gleiche gilt auch oft für die Gebete,  die hier im Gottesdienst gesprochen werden. Man kann zwar sagen, daß in unserer Gottesdienstordnung schon große Fortschritte in dieser Hinsicht gemacht worden sind. Aber diese wohlklingenden Worte sind eben doch nicht unsre Alltagssprache.

Natürlich können wir mit Gott auch nicht so reden wie mit einem guten Kumpel. Gott ist immerhin unser Vater. Und deshalb reden wir so zu ihm wie zu einem Vater: nicht mit frechen und forschen Ausdrücken, sondern mit Ehrfurcht.

Vielleicht kann man die Sprache des Gebets mit einem persönlichen Brief vergleichen: Da quatschen wir auch nicht so wie alle Tage, aber der Ausdruck ist auch nicht steif und feierlich, sondern herzlich und ungezwungen. Zu Gott können wir frei von der Leber weg reden, zu jeder Zeit. Ja, Jesus sagt sogar: „Euer Vater weiß, was ihr nötig habt, ehe ihr ihn bittet!“

Das heißt aber nur nicht, daß wir gar nicht zu bitten brauchen, weil Gott ja sowieso schon alles weiß. Eltern wissen manchmal ja auch schon Bescheid, wenn ihre Kinder etwas wollen. Aber sie möchten doch, daß die Kinder darum bitten, sie erfüllen die Bitte nicht stillschweigend. Und die Kinder bitten ja auch tatsächlich ihre Eltern, damit die ihnen den Wunsch erfüllen, soweit sie es können und soweit es sinnvoll ist.

Wir dürfen Gott auch mit unseren kleinen Dingen  kommen. Wer von vornherein sagt: „Dein Wille geschehe!“ der traut Gott gar nichts mehr zu, sondern denkt: „Das Schicksal nimmt eben seinen Lauf!“

Es gibt ja heute Christen, die möchten das Gebet nur als ein  Selbstgespräch gelten lassen, durch das man mit sich selber ins Reine kommt. Man vergleicht das Gebet dabei mit einem Telefongespräch: Der Hörer sei zwar auf beiden Seiten abgenommen, aber am anderen Ende habe niemand sein Ohr an der Hörmuschel; deshalb müsse man sich alle Fragen selber beantworten und mit allem schließlich allein fertig werden.

Doch Jesus hat es uns anders gelehrt. Er hat klipp und klar gesagt: „Vater unser!“ Und er hat uns Mut gemacht, Gott so anzureden, „wie die lieben Kinder Ihren lieben Vater“. An dieser persönlichen Anrede müssen und dürfen wir einfach festhalten, sonst sind wir keine Christen mehr.

Ein Gebet will Gott ganz entschieden bewegen, etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde. Dazu müssen wir aber unsre Wünsche erst einmal mitteilen, auch wenn sie uns als zu groß erscheinen. Unser Vater weiß darr schon, was wir wirklich notwendig haben. Erst nachdem Gebet sollen wir einen Schlußstrich ziehen und sagen: „Dein Wille geschehe!“

Doch an dieser Stelle müssen wir einmal innehalten und uns fragen: „Wird denn überhaupt noch - so oder so - gebetet?“ Zur Zeit Jesu wurde von Juden und Heiden viel gebetet. Aber wir leben heute in einer Welt, in der nur relativ wenig gebetet wird. Heute ist die Gefahr nicht mehr so groß, daß sich einer auf einer belebten Großstadtstraße vom Mittagsläuten überraschen läßt. Bei uns liegt die Gefahr nicht darin, daß einer demonstrativ auf der Straße betet, sondern daß wir überhaupt nicht mehr beten.

Auch im „stillen Kämmerlein“ wird nur noch selten gebetet. Viele sagen: „Ich habe keine Zeit!“ oder auch: „Ich habe keine Kraft mehr nach einem aufreibender Arbeitstag!“ Mancher hat auch gar kein stilles Kämmerlein mehr, das ihm einigermaßen Ruhe garantieren könnte. Da könnte es wieder bedeutungsvoll werden, ein Gotteshaus zu haben, in dem man zum stillen Gebet einkehren kann, auch die Woche über.

Aber auch zu Hause wird man einmal eine stille Minute und ein ruhiges Plätzchen finden, und wenn es abends vor dem Einschlafen ist. Und das muß man nun wohl doch sagen: Es gibt auch heute viele Menschen, die zu Gott beten, auch junge Menschen. Beten ist nicht altmodisch, sondern hilft mit, die Probleme unserer Welt zu bewältigen.

Es wird nicht nur gebetet, wenn man in Not ist. Viele wissen eben doch, daß sie ihr Leben allein Gott verdanken. Deshalb danken sie Gott für die vielen täglichen Hilfen. Und wer dankt, der wird dann auch den Mut zum Bitten haben.

Gerade weil unsere Zeit so modern ist und so viel von uns fordert, brauchen wir den lebendigen Kontakt mit Gott. Das Gebet gehört unbedingt zu unsrer Welt mit dazu. Einem Pfarrer ist es einmal passiert, daß er schon nach dem Fürbittengebet zur Kirchentür ging und die Gemeinde verabschieden wollte. Doch die Leute blieben alle in ihren Bänken. Da fiel ihm ein, daß er ja das Vaterunser und den Segen vergessen hatte. Schnell kehrte er um und holte das Versäumte nach. Vielleicht hat die Gemeinde nur an der üblichen Gewohnheit festgehalten. Oder hat sie eben doch gewußt, daß das Vaterunser und der Segen zum Gottesdienst und zu unserem Leben unbedingt mit dazugehören?

Gerade das Vaterunser ist ein Gebet, das fest im Leben vieler Christen verwurzelt ist. Es wird in jedem Gottesdienst und bei jeder Taufe, Trauung und Beerdigung gesprochen; es wird an Krankenbetten und im Radio gebetet. Viele beschließen den Tag mit einem laut gebeteten Vaterunser.

Dieses Gebet umschließt ja so Vieles: In den ersten drei Bitten macht es Gottes Sache zu unserem Anliegen. Und in den anderen Bitten werden dann unsere Anliegen zu Gottes Sache gemacht. Gott will uns nicht zu kurz kommen lassen; da sollten wir ihn auch nicht zu kurz kommen lassen.

Vor zwei Gefahren im Zusammenhang mit dem Gebet sind wir heute gewarnt worden: vor der Heuchelei und dem Plappern. Aber es sind uns auch Hinweise gegeben worden zum rechten Beten: Wir dürfen zu Gott wie zu einem Vater reden, ein stilles Kämmerlein und eine feste Gebetszeit sind dabei ganz hilfreich, als Beispiel für ein Gebet wurde das Vaterunser genannt.

Wichtiger ist allerdings, daß wir wirklich das Gebet üben, denn nur so können wir zur Erfahrung der Macht des Gebets kommen. Wir könnten zum Beispiel das Vaterunser am Schluß des Gottesdienstes ganz bewußt und konzentriert beten. Wenn wir mit Gott reden wie mit

einem uns nahestehenden Menschen, dann wird er genauer und liebevoller zuhören, als ein Mensch das könnte.

 

 

 

Himmelfahrt: Joh 17, 20 - 26

Auf der erster Blick scheint dieser Bibelabschnitt gar nichts mit Himmelfahrt zu tun zu haben. Bei diesem Wort stellen wir uns doch meist immer noch so ein Bild vor, wie es viele Maler dargestellt haben: Jesus entschwebt nach oben, seine Beine sind noch zu sehen, auf dem Boden noch die Abdrücke seiner Füße; die Jünger sehen ihm sprachlos und staunend nach.

So hat man sich Himmelfahrt im Mittelalter vorgestellt.

Aber im Zeitalter der interkosmischen Raketen kann man dabei nicht mehr bleiben. Wir müssen uns fragen, wie wir auch heute an dem Himmelfahrtsfest festhalten können. Denn der Sache nach handelt es sich hier schon um einen wichtigen Punkt unseres Glaubers. Man muß nur wissen, was damit an sich gemeint war.

Schon für die Menschen des Alten Testaments war der sichtbare Himmel wegen seiner beeindruckenden Größe ein Sinnbild für Gottes unfaßbare Herrlichkeit. Und weil sie eine Scheu hatten, den heiligen Namen Gottes auszusprechen, sprachen sie dann vom „Himmel“. Aber

sie meinten damit Gott, der nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist, sondern überall gegenwärtig ist.

Wenn wir von der Himmelfahrt Christi reden, dann meinen wir eben: Jesus ist wieder bei seinem himmlischen Vater. Er ist nicht mehr ein Mensch wie wir, gebunden an Raum und Zeit, sondern er sitzt jetzt zur Rechten Gottes und ist mitbeteiligt an der Regierung Gottes. Aber es müssen sich nicht alle seinem befehlenden Wort beugen, sondern sein Herrsein besteht im priesterlichen Eintreten für die Welt. Er ist bei uns alle Tage und redet uns an durch sein Wort und ist uns besonders nahe in Taufe und Abendmahl.

Und dann sagt dieser Abschnitt aus den sogenannten „Abschiedsreden Jesu“ noch: Er steht im dauernden Gespräch mit seinem Vater und betet für die Jünger. Er will sie nicht aus der Welt herausnehmen, sie haben noch eine Aufgabe in der Welt, denn ihr Wort soll andere das Glauben lehren.

Vor allem aber betet er darum, daß alle Christen eins sein möchten. Dieses Gebet ist auch wirklich nötig, denn wie oft erleben wir doch gerade die Zersplitterung der Christenheit. Das aber ist dem Vordringen des Evangeliums hinderlich. Leicht kriegt man zu hören: „Ihr seid euch ja selbst nicht einmal einig über euren Glauben, wie wollt ihr ihn da anderen verkündigen? Ihr redet von dem einen Herrn und seid selber untereinander uneinig. Wenn euer Christus nicht einmal euch zusammenbringen kann, dann wird es mit seinem Herrsein nicht weit her sein!“ Jesus weiß das. Und deshalb bittet er der Vater: „Laß sie doch so eins untereinander sein, wie wir beide uns einig sind!“ Das Thema des Himmelfahrtsfestes ist also: die Einheit der Christen!

Wie sieht es damit in der Regel an einem Ort aus? Es gibt nicht nur eine Christengemeinde, sondern gleich mehrere kirchliche Gruppen. Die Evangelischen und die Katholiken sowieso, aber auch Methodisten und Baptisten, ganz zu schweigen von den verschiedenen christlichen Sekten. Nun hat sich allerdings schon einiges getan. Manche Zäune und Schranken wurden schon abgebaut. Das Verständnis für die anderen und deren Eigenarten wächst und die gegenseitige Achtung nimmt zu.

Besonders gilt das für das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche. Da stehen nicht mehr die Streitgespräche im Vordergrund, sondern das gemeinsame Bemühen um die Wahrheit.

Heute aber sagen manche Katholiken, das  Augsburgische Bekenntnis, in dem1555 die Evangelischen Länder und Städte gegenüber Kaiser und Reich ihren Glauben zusammengefaßt haben, auch Ausdruck ihres Glaubens sein könnte.

Wir haben jetzt einen gemeinsamen Text des Vaterunser und des Glaubensbekenntnisses und auch einiger anderer gottesdienstlicher Stücke. Es gibt eine gemeinsame Bibelübersetzung und gemeinsame Benutzung vor Kirchen. Bei einem Rundfunkgottesdienst kann man kaum noch unterscheiden, ob er vor einem Evangelischen oder vor einem Katholischen gehalten wird. Aber es bleibt natürlich immer noch viel zu tun.

Vielfach müssen wir ja auch innerhalb der evangelischen Kirchen zu einer Einheit finden. Die Kirchen richten sich ja immer noch nach der Grenzen der früherer deutscher Länder. Etwas Höheres als eine Landeskirche mit einem Bischof an der Spitze gibt es im Grunde nicht. Aber natürlich arbeiten die Kirchen innerhalb eines Staates und auch über die Staatsgrenzen hinaus zusammen. Christen sind zwar in einzelnen Kirchen organisiert, gehören aber auch zu der einen weltweiten Kirche Jesu Christi. Deshalb muß es ihnen auch möglich sein, mit Christen aus anderen Ländern zusammenzukommen und sich auszutauschen. Für Christen gibt es keine Abgrenzung, sondern nur die Offenheit nach außen hin, und zwar nach allen Seiten.

Wir brauchen dabei gar nicht nur an die Gemeinschaft mit Christen in Asien und Afrika zu denken. In der Zeit der damaligen DDR ging es um die besondere Gemeinschaft der Christen in ganz Deutschland. Sie hatten von 1948 bis 1968 eine gemeinsame Dachorganisation in Form der „Evangelischen Kirche in Deutschland“. Als es zur Gründung des „Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR“ kam, hat gar mancher das Auseinanderbrechen der EKD bedauert. Aber die einheitliche Organisation war eben nicht mehr aufrechtzuerhalten, da kaum persönliche Kontakte möglich waren und die Organe nicht mehr arbeitsfähig waren. Um den Dienst der Kirche besonders im Osten besser wahrnehmen zu können, hat man den Kirchenbund gegründet.

Doch die Einheit mit den Christen in der Bundesrepublik bestand weiter. In der Ordnung des Kirchenbundes war sogar von einer „besonderen Gemeinschaft“ die Rede. Diese ergab sich aus der gemeinsamen Geschichte, der gemeinsamen Bibelübersetzungen und Gesangbücher und auch der gemeinsamer Sprache. Dazu kam noch, daß man von der besonderen Verantwortung für den Frieden an der Nahtstelle der beiden Weltsysteme sprach. Man hatte eben nicht nur ökumenische Beziehungen wie etwa nach Polen oder Finnland oder Holland, sondern die Gemeinschaft war und blieb enger.

Die Einheit der Kirche hängt nicht vor der Organisation ab. Einig kann man sich auch sein, wenn man keine gemeinsamen Synoden und keine gemeinsame Kirchenleitung hat. Eine gemeinsame kirchliche Organisation ist uns nicht verheißen. Heute spricht man von der „Einheit in der Verschiedenheit“ und von der „versöhnten Verschiedenheit“. Die Frage der Einheit entscheidet sich daran, ob man der gleichen Herrn und den gleichen Glauben hat und der Herr für die Einheit betet. Einheit kann man nicht „machen“. Es kommt auf den Geist an, der in einer Gemeinschaft herrscht.

Aber es gibt weiter drei Gruppierungen der Kirchen in Deutschland: Die lutherischen Kirchen wie Sachsen und Bayern, die unierten Kirchen in den ehemals preußischen Gebieten und schließlich noch die vermittelnden Kirchen, die sich zu der „Arnoldshainer Konferenz“ zusammengeschlossen haben und zu denen zum Beispiel die beiden hessischen Kirchen gehören..Jede Seite hält nun ihre Art von Kirche für die richtige und möchte, daß die anderen sich ihr anschließen. 

Immerhin sind wir so weit, daß die Pfarrer in jeder Kirche predigen und das Abendmahl austeilen dürfen [Hier etwas einfügen über den konfessionellen Stand in der eigenen Gemeinde].

Wir können nur all die Schritte begrüßen, die zu einer engerer Gemeinschaft der Christer führen.

Das Gebet Jesu um die Einheit deiner Gemeinde ist also nicht vergeblich gewesen und wird auch in Zukunft nicht vergeblich sein. Auch wenn die Gemeinde manches versäumt hat und unter sich uneins ist - durch die Fürbitte Jesu wird sie doch erhalten und sogar brauchbar und tüchtig gemacht. Christus sieht die Einheit der Gemeinde schon vor sich, so wie der Baumeister eines Domes das Werk schon fix und fertig vor sich gesehen hat, auch wenn er die Vollendung nicht mehr erlebte.

Die Einheit der Kirche besteht also nicht in einer ursprünglichen Verwandtschaft oder Zu­sammengehörigkeit. Sie wird auch nicht auf organisatorischem Wege, nicht durch geschickte Verhandlung  und Verständigung, Gedankengleichheit und Vereinbarungen,  und erst recht nicht durch eine Gleichschaltung von oben erreicht. Und „Einheit“ bedeutet nicht „Einheitlichkeit“ oder Gleichschritt.

Unser Einssein besteht darin, daß Christus in uns ist und wir in ihm. Die Einheit der Kirche ist uns von Christus schon vorgegeben. Sie braucht nicht hergestellt, sondern nur entdeckt und gelebt zu werden. Unser Vorbild dabei soll die Einheit zwischen Vater und Sohn sein. Diese wird uns auch heute durch der Sohn vermittelt. Durch die Himmelfahrt wurde er ja nicht in einen himmlischen Raum eingesperrt, sondern er ist auch heute allgegenwärtig und zieht uns in die himmlische Gemeinschaft mit hinein.

Wenn wir uns das einmal vor Augen halten, dann müßten doch all unsere kleinlichen menschlichen Streitereien vergessen sein. Die Gemeinde hat nämlich noch eine Zukunft. Jesus ist nämlich nicht nur jetzt bei uns und gibt uns die Kraft, unser Leben zu bewältigen. Er will auch alle zu sich holen, die der Vater ihm gegeben hat.

Die Fragen nach unserem Leben und nach unserem Tod, ob wir bei Gott sind und er bei uns - das sind die Fragen, die uns heute in der Christenheit beschäftigen sollten. Die Fragen der

kirchlichen Organisation sind demgegenüber nur zweitrangig. Unsere Einheit liegt in unserem Herrn begründet. Und dieser Herr ist überall derselbe, denn er ist seit der Himmelfahrt der Herr über die ganze Welt.

 

 

Exaudi: Joh 14, 15 - 19

In den Bildungsplänen für Kinder bis zu zehn Jahren fehlt oft eine religiöse Bildung.  Dabei ist Religion längst in jedem Kinderzimmer vorhanden, wenn die Kinder Videos mit All­machts­phantasien sehen oder in die Geisterwelt von Harry Potter eintauchen. „Wir dürfen Kinder mit Religion nicht allein lassen!“ sagte einmal ein Professor. Und eine Psychologie­professorin sagte: „Es gibt zunehmend Menschen, die darunter leiden, daß ihnen das Religiöse fehlt!“ Doch es genüge nicht, daß jemand etwas glaubt, sondern man muß auch konkret wissen, welches die Inhalte sind. Darüber müsse man sich auch in einem Bildungsplan verständigen, und zwar nicht, weil die Kirche davon Vorteile hat, sondern weil die Kinder das für ihr Leben brauchen.

Auch nichtchristliche Kinder brauchen religiöse Bildung, damit sie einen Plan von unserer Kultur und von ihrem Leben haben und sich mit anderen verständigen können. Religion ist aber nicht eine bestimmte Geisteshaltung, die man hat und pflegt, sozusagen eine Sache der Kultur. Der christliche Glaube ist allerdings auch Kultur, denn der Glaube ist auch in das Denken der Menschen, in die Literatur, die Musik und die bildende Kunst eingedrungen. Was soll zum Beispiel ein Besuch im Museum, wenn man gar keine Beziehung zu den dort ausgestellten Altarbildern hat?

Es ist interessant, daß solche Fragen gerade in Thüringen gestellt wurden, wo man doch 40 Jahre im Sinne des Atheismus beeinflußt werden sollte und alles von da her lösen wollte.

So sagte eine Psychologin im Krankenhaus sagte: „Damit ihr Sohn keine unerklärlichen Bauchschmerzen hat,  sollte er mehr Marx und Lenin lesen, damit er nicht im Widerspruch zu seiner Umwelt steht und davon Bauchschmerzen bekommt!“ Aber nicht Marx und Lenin haben dann geholfen, sondern eine Blinddarmoperation.

Richtig ist an der Äußerung der Psychologin allerdings, daß Leib und Seele zusammengehören und daß wir nicht nur etwas für den Leib tun dürfen, sondern auch für die Seele. Nur haben die Kommunisten es damals mit dem Gegenteil von Religion versucht. So sagte es einmal ein Musiker, der oft auf Tournee war und dann ein bescheidenes Leben mit den wenigen Sachen aus seinem Koffer auskommen mußte: „Jetzt noch kein Geld und keine Religion, das wäre die Lösung für viele Probleme!“

Genau das wollten die Kommunisten: Das Geld und die Religion abschaffen, dann werden die Menschen glücklich, meinten sie. Aber der Atheismus kann nicht die Seele ernähren, wie umgekehrt auch nur „Religion“ nicht ernährt.

Es ist auch nicht so, wie es die Philosophie des 19. Jahrhunderts wollte, daß sich der Weltgeist in den einzelnen Menschen einnistet und dieser damit „religiös“ wird. Menschengeist und Gottesgeist fließen in ganz unterschiedlichen Stromkreisen und können nicht zusammengeschaltet werden. Der Mensch kann sich höchstens in den Stromkreis Gottes einschalten und dadurch Kraft erhalten für sein Leben.

Der Mensch braucht mehr, als was aus ihm selber heraus kommt. Was sich an Hilfreichem in der Kirche ereignet, ist nicht das eigene Tun der Kirche, sondern das Wirken des Geistes Gottes. Alle Krankenpflege und Beratung und Altenbetreuung geschieht nicht aus eigener Machtvollkommenheit. Das wäre „Religion“.

Wir haben „Religion“ als Schulfach. Das ist nicht unbedingt eine Einweisung in den christlichen Glauben. Dieser ist vielmehr nur ein Beispiel für Religion, der allerdings bei uns durchaus einen großen Raum einnehmen könnte. Aber was wird in der Praxis gemacht? Da geht es um Toleranz und Zivilcourage, um allgemein ethische Lebensfragen und immer wieder um die sogenannten „Fremdreligionen“. Es geht um Information, um Lernstoff, um Kultur. Es liegt allein am Lehrer, ob er persönlich auch seinen Glauben bezeugt

Es ist nicht damit getan, daß wir uns mit einem „Christentum“ begnügen und sagen: „Ich habe ja die Religion, ich bin reich, ich brauche nichts!“ Dann brauchten wir die wunderbare Zuwendung Christi und die Gemeinschaft mit ihm gar nicht mehr - es ginge auch ohne ihn. Doch wir sind immer auf seine Treue angewiesen, brauchen ständig den Kontakt mit ihm im

Gottesdienst und im Gebet. Das Leben aus dem Geist ist nicht ein ruhender Besitz, sondern die Kirche hat nur, indem sie empfängt.

Es gibt kein Frommsein des natürlichen Menschen, das sich dann in guten Taten zeigen würde. Was mich mit Gott verbindet, kann ich mir nicht selber sagen oder aus Büchern erarbeiten, sondern ich muß es mir sagen lassen und es hören. Ich kann nicht über Gottes Wort verfügen.

Aber ich darf fröhlich bekennen: „Ich bin gewiß, ich bin mir sicher!“ Aber das heißt nicht, daß wir für uns selbst die Hand ins Feuer legen könnten: Nicht i c h halte durch, sondern e r ! Eine nur auf sich selbst gestellte Kirche, die nur aus der Jesuserinnerung lebte, wäre übel

dran. Ohne Christus ist sie eine arme Kirche, aber mit ihm ist sie reich! Deshalb gilt es, sich darauf zu besinnen, woher das kommt, was uns zur Kirche macht.

Wir wären und blieben eine arme Kirche, wenn wir eine Versammlung von solchen wären, die sich die religiösen und ethischen Ziele des Mannes von Nazareth zu eigen gemacht hätten, ihn aber doch bei den Toten suchten. Arm wären wir auch, wenn wir nur das Wort hätten, nicht aber den, der es spricht. Wir versammeln uns nicht, um eine bestimmte „Sache“ zu bedenken und wenn es gut geht, diese auch voranzubringen. Wir versammeln uns um eine Person, die uns auch heute Rat und Wegweisung gibt.

Es geht vor allem um die Glaubensstärkung für die Jünger und ihre Aufgaben in der Welt. Der zum Vater heimgekehrte Jesus unterstützt sie vom Himmel her, der Geist der Wahrheit ist ihr dauernder Beistand und eine beständige innere Kraft. Während die Jünger ihre Verbundenheit mit Jesus im Tun seiner Gebote bewähren, setzt Jesus sich für sie beim Vater ein, indem er den Vater bittet, ihnen einen Beistand und Helfer zu geben.

Jesus hatte seine Jünger entlastet durch seine Nähe, durch seine Wegweisung und das Gespräch. Aber nun sollen sie erwachsen werden, ohne daß die Angst von ihnen Besitz ergreift. Jesus trennt er sich von ihnen und belastet er sie mit neuen Aufgaben und Verantwortungen. Er weiß, daß das zu Angst und Verzweiflung führt. Aber er sagt nicht: „Nehmt euch zusammen!“

Vielmehr sagt er ihnen, was er tun wird, um ihnen in ihrer Situation beizustehen. Er wird die Bitten erfüllen, die sie in seinem Namen vorbringen. Und sie wiederum werden ihn lieben und seine Gebote halten. So werden die Lebenskräfte Gottes in die Welt der Menschen einströmen.

Wir fühlen uns auch oft hilflos und allein gelassen. In einer solchen Situation brauchen wir keine Beschwichtigung, sondern konkrete Hilfe. Jesus gibt seinen Jüngern zuerst einmal Auf-

gaben, denn das hilft, die Trauer auszuhalten und zu überwinden. Sie werden die gleichen Werke tun wie Jesus, sogar noch größere. Aber er stellt auch einen Helfer in Aussicht gegen Angst und Hilflosigkeit.

Wenn ein Beschuldigter in eine Vernehmung geht, dann nimmt er sich vielleicht die Telefonnummer eines Rechtsanwalts mit. Auch wenn er sie nicht braucht, ist es doch beruhigend, wenn man so einen Beistand in der Hinterhand hat. Nur bei Gott ist es immer so, daß wir ihn immer brauchen und nicht aus uns selber tätig werden können.

Der Herr ist erhöht, aber die Kirche ist nicht verwaist. Das Leben ihres Herrn pulsiert in ihr. Und dadurch ereignet sich anbruchsweise auch schon das künftige Leben in ihr. Das Leben des Auferstandenen ist nicht bloß eine zukünftige Gabe, sondern jetzt schon ein Stück Wirklichkeit.

Gott ist bei uns da. Die katholische Kirche will das verdeutlichen, indem sie das ewige Licht in der Kirche brennen läßt. Aber das brauchen wir gar nicht. Wir begrüßen ihn im Gottesdienst mit „Herre Gott erbarme dich“ und „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. In Taufe und Abendmahl ist er uns besonders nahe.

Wir brauchen den Geist Gottes unbedingt in unserer Welt. Das kann uns zum Beispiel deutlich werden an der Rechtsprechung: Wenn der Bundespräsident über die Begnadigung eines terroristischen Mörders befinden muß, dann kann er nicht nur danach fragen, ob dieser sich wohl in Zukunft auch friedlich verhalten wird. Er wird seine Entscheidung auch davon abhängig machen, ob rückhaltlos das Geschehen aufgeklärt wird und ob echte Reue vorhanden ist.

Zwei junge Männer, die ein Ehepaar erschlagen und beraubt haben, haben natürlich eine

schwere Schuld auf sich geladen, wenn wir dies von den Zehn Geboten her betrachten. Etwas

anderes ist allerdings der juristische Begriff der „besonderen Schwere der Schuld“, die frühestens nach 15 Jahren einen Antrag auf Aussetzung der Strafe zur Bewährung zuläßt. Ein Richter muß da nach dem Gesetzbuch entscheiden, nicht nach den Zehn Geboten. Aber selbst wenn die besondere Schwere der Schuld nicht festgestellt wird, so sieht das vor dem Gericht Gottes anders aus als vor einem menschlichen Gericht.

Zum Schluß noch ein Beispiel, das man in dem Ort Gleiberg bei Gießen sehen konnte: Zwischen zwei Häusern war ein roter Klebestreifen auf das Pflaster geklebt und an dem Haus hing ein Schild: „Besucher des Hauses bitte nur links des roten Striches gehen!“ Ein Passant erläuterte und die näheren Umstände: Eine Familie war neu in das Haus gezogen und fuhr mit dem Auto über die gemeinsame Einfahrt in den Hof hinter dem Haus. Das wollte der

Nachbar aber nicht dulden, und so kam es zum Streit und zur Trennung. Dabei hätte man alles doch gut regeln können, wenn man sich vom Geist Gottes hätte leiten lassen. Dazu dann noch ein juristischer Vertrag, daß man die möglichen Unterhaltskosten gemeinsam tragen wird, und der Friede wäre hergestellt.

Auch in unseren Ortskernen, wo man so eng zusammenwohnt, gibt es entsprechende Beispiele. Aber das Leben wird leichter, wenn man sich vom Geist Gottes leiten läßt und im Sinne Jesu mit den Mitmenschen auskommt. Dann ist er auch unter uns lebendig!

 

 

Pfingstsonntag: Jesaja 44, 1 - 5 (Variante 1)

Wenn unsre Vorfahren wieder einmal hier in unsere Kirche kämen, würden sie sich doch sehr wundern. Vor allem könnten sie gar nicht verstehen, daß nur so relativ wenige Einwohner das Angebot der Kirche wahrnehmen. Früher gab es Streit um die Plätze in der Kirche. Die Emporen waren bis zum letzten Platz mit Männern gefüllt. Sicherlich war auch etwas gesellschaftlicher Zwang dabei - man mußte sich sehen lassen, sonst wurde man von den Nachbarn schief angesehen - aber sicherlich gab es auch echten Glauben und echte Überzeugung.

Andererseits werden wir uns fragen: Was soll erst nach uns werden? Wir sind doch wirklich in Bezug auf den Gottesdienstbesuch ein Vorbild für unsre Kinder. Es wird doch immer wieder gesagt: „Nur das Vorbild regt zum Nachahmen an!“ Aber warum folgen sie so wenig, warum bedeutet ihnen das alles nichts? Den einen Sonntag ist Konfirmation, da sind sie alle da. Aber am nächsten Sonntag soll es nicht mehr gehen - das ist doch irgendwie nicht so recht zu verstehen.

Da muntert uns so ein Bibelwort aus dem Alten Testament auf. Man kann sich vorstellen, daß einer mit einem Klagelied zum Gottesdienst kam und der Priester im Namen Gottes mit so einem Heilsorakel antwortete: „Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen!"

Doch die Kirche wird nur leben und sich erneuern durch den Geist Gottes. Wir können uns darauf verlassen: Wir sind von Gott erwählt, wir sind vom Geist Gottes erfüllt und wir dürfen uns zu Gott bekennen.

 

1. Von Gott erwählt: Die Gemeinde im Gottesdienst ist nicht nur mit etwas anderem beschäftigt als das Publikum im Theater oder Konzert, sie i s t auch tatsächlich etwas anderes. Hier kommt der Mensch zu seiner wahren Bestimmung, mit dem Schöpfer verbunden und sein Ge­genüber zu sein. Jesus hat es möglich gemacht, daß der Geist Gottes über uns ausgegossen

wird und wir immer wieder aufs neue mit Gott verbunden werden.

Doch in Wirklichkeit stellt sich die Kirche meist recht schäbig und unansehnlich dar. Es gibt in ihr auch Auseinandersetzungen, Lahmheit, Rückständigkeit, Versagen vor den Herausforderungen unsrer Zeit. Wir leiden daran. Und wir wundern uns nicht, daß Außenstehende die Kirche erst recht verachten.

Doch vielleicht wird in Glanzzeiten gar nicht so deutlich, was die Kirche ist. Gerade in einer kümmerlichen und bedrängten Situation besinnt sich die Kirche auf das Eigentliche. Wenn sie nichts mehr hat als Gott, dann wird deutlich, woraus sie lebt. Und dann wird sie letztlich auch für andere interessant.

So war das auch schon im Volk Israel. Der Prophet Jesaja II. spricht zu der Gemeinde in der Gefangenschaft. Ihr ist alles genommen, was ihr wichtig war: Ihr Staat war untergegangen, das Land verloren. Im Zweistromland saßen sie in der Gefangenschaft. Gott wohnte nach ihrer Meinung im Tempel in Jerusalem. Ferner von Gott konnte man gar nicht sein. Das war nicht nur äußerlich gemeint, sondern der äußeren Lage entsprach auch die innere: Man fühlte sich von Gott verlassen und vergessen und hatte alle Hoffnung begraben.

Der Prophet versucht nicht, seinem Volk diese Sicht der Dinge auszureden. Wem es schlecht geht, der muß erst einmal ernst genommen werden. Da kann man sich nicht in der Kirche hinstellen und sagen: „Wir dürfen froh sein, daß wir nicht arbeitslos sind!" Nun ja, das wurde in einem guten Wohngebiet gesagt, wo es vielleicht wirklich keine Arbeitslosen gibt. Aber nimmt man etwa an, daß Arbeitslose nicht in die Kirche kommen? Was ist, wenn doch einer dabei ist. Es muß ja nur einer sein, der nicht den gewünschten Beruf hat und nur irgend etwas macht, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Was einer erlebt und erleidet, ist eine harte Last für ihn und muß ernst genommen werden.

Aber das im Gottesdienst verlesene und ausgelegte Wort Gottes sagt die große Wende an. Gottes Volk soll nicht vergessen, wem es sein Leben verdankt und welche guten Erfahrungen es schon mit Gott gemacht hat. Gott hat seine früher gegebenen Zusagen nicht zurückgenommen, sondern sie gelten auch für die Zukunft.

Gott hat sein Volk erwählt. Wir haben nichts dazu getan. Daß es bis heute die Kirche gibt, beruht allein auf seinem Willen. Gott läßt uns nicht fallen oder unbeachtet liegen, obwohl er allen Grund dazu hätte. Aus freiem Entschluß hat er sich Menschen erwählt, die seine Kirche sein sollen. Wer von seinem Wort getroffen wird, der gehört dazu.

Dabei spielt es gar keine Rolle, welche Voraussetzungen einer mitbringt und welche Vergangenheit einer hatte. Man kann auch Programme zur Rettung der Kirche verfassen, Denkschriften verfassen und eine Unternehmensberatung heranziehen. Aber vorausgehen muß das Hinhören auf das Wort Gottes. Erst durch das wählende und schaffende Wort Gottes werden Menschen auf die Beine gebracht. Auch wenn sie vorher noch so verkehrt waren, so werden sie durch Gott liebenswert gemacht. Gott liebt uns aber nicht, weil wir uns für wertvoll halten, sondern wir sind wertvoll, weil Gott uns liebt.

 

2. Mit Gott erfüllt: Zunächst sieht es bei Jesaja so aus, als ginge es nur um eine Verwandlung der Welt: Wenn es plötzlich Ströme von Wasser regnet, dann wird die Wüste zum fruchtbaren Land. Die Bibel denkt halt so leibhaft, daß sie sich das Heil Gottes nicht anders vorstellen kann als daß auch die Menschen die guten Gaben des Schöpfers im reichen Maß genießen können. Die äußere Verwandlung wird aber immer mehr im übertragenen Sinn verstanden.

Es könnte ja auch sein, daß die Kirche ganz ausgetrocknet ist, sich nur noch mühsam dahin- quält. Im günstigsten Fall wird sie noch lechzen nach dem kostbaren Naß. Im ungünstigen Fall ist sie schon so ermattet und kraftlos, daß sie nicht einmal mehr Durst empfindet.

Das kann durchaus auch der Fall sein, wenn in der Kirche viel los ist. Es kann sein, daß in der Kirche emsig und hastig gearbeitet wird, daß die Statistik beeindruckende Zahlen ausweist, eine rege Bautätigkeit vorhanden ist und die Matthäuspassion gekonnt aufgeführt wird. Aber Gott kommt nicht zum Zug, seine Anrede wird nicht mehr gehört. Glaube, Hoffnung, Liebe wachsen nicht mehr.

Natürlich wünschen wir uns auch keine Kirche, in der es mies und kleinkariert zugeht. Es kann auch einmal einen poppigen Jugendgottesdienst geben. Überhaupt wäre es gut, wenn im Gottesdienst mehr äußerlich Sichtbares geschähe. Dazu nur ein kleines Beispiel: In einem Gottesdienst wurde  ein Kind des Ortspfarrers getauft. Die Taufe vollzog aber ein Pfarrer von außerhalb. Der sagte dann: „In Ihrer Gemeinde ist es üblich, daß der Täufling erst einmal der Gemeinde gezeigt wird. Das will ich jetzt auch tun!“ Und dann nahm er das Kind auf den Arm, ging damit durch die Kirche und zeigte es allen, so als wollte er sagen. Dieses Kind gehört jetzt dazu, dieses Kind sollt ihr in eure Mitte aufnehmen, denn Gott hat es so erwählt wie euch!

Aber alle unsren menschlichen Aktivitäten sind nur Gefäße und Instrumente für Gottes eigenes Wirken. All unser Tun wäre vergeblich, wenn Gott nicht seinen Geist dazu gäbe. Dadurch kommt eigenes Leben in die Kirche, wird die Kirche aus dem Geist erneuert und mit Gott erfüllt. Dann können Menschen zum Glauben kommen, dann können sie diakonisch tätig werden, dann werden auch die Fernen herangeholt.

Deshalb brauchen wir auch keine Angst um die Zukunft der Kirche zu haben. Gott will seinen Geist auf unsre Kinder gießen und seinen Segen auf unsere Nachkommen. Die Kirche pflanzt sich fort und mehrt sich, so wie das in dieser Jahreszeit auch in der Natur geschieht. Dabei geht es nicht nur um die zahlenmäßige Ausbreitung, sondern auch um das innere Wachstum und die Entfaltung des einzelnen Glaubenden.

An unsrer Aktivität allein liegt es dabei nicht. Luther hat gesagt: „Während ich mein gutes Wittenbergisches Bier getrunken habe, hat Gott die Reformation gemacht!“ Das sagt er in aller Bescheidenheit, obwohl er in Wirklichkeit ja doch allerhand getan hat. Doch er weiß, daß er alle Kraft und alles Gelingen nur Gott zu verdanken hat. Wenn er seinen Segen nicht dazugibt, ist alles vergeblich.

 

3. Zu Gott bekennen: Der Glaube drängt zum Bekennen. Jesaja spricht von Menschen, die offen bekennen: „Ich bin des Herrn!“ oder die in ihre Hand schreiben „Dem Herrn eigen“. Das mit der Hand ist eigentlich ein schönes Bild: Man schreibt es sich hinein, damit man es nicht vergißt uns es sich immer vor Augen halten kann. Und es ist auch ein Hinweis auf den Besitzer und eine Werbung für ihn. Jede Firma schreibt ihren Namen an ihr Auto oder an die Produkte, die sie herstellt. Ehe ein Haus gebaut wird, steht schon das Schild da, wer es bauen will. Und selbst wenn es fertig ist, steht es zu Werbezwecken noch lange da.

Auch der Kirche schadet die Werbung nicht. Sie gehört nicht zu einem verachteten Volk, sondern sie darf stolz auf ihre Vergangenheit und Gegenwart sein. Natürlich ist äußerlich nicht alles so, wie es sein könnte und sein sollte. Es ist durchaus nicht so, wie Paulus es beschreibt: Da kommt einer zufällig in die Gemeindeversammlung und wird dabei in seinem Gewissen getroffen und gewinnt die Überzeugung, daß Gott hier wahrhaftig gegenwärtig ist (1. Kor 14, 24f). Nicht jeder erkennt gleich das Leben, das in der Kirche ist.

Deshalb ist es gut, wenn man als Christ sagt, wohin man gehört. Dazu gehört doch gar nicht viel: Die Mitbewohner im Haus oder die Nachbarn können doch ruhig wissen, wohin man am Sonntagmorgen geht. Wenn man am Montag den Kollegen in der Firma erzählt, wie man das Wochenende verbracht hat, braucht man die Kirche nicht auszusparen.

Vielleicht haben wir aber Hemmungen, zum Gottesdienst einzuladen. So besonders anziehend ist er für Außenstehende nicht. Aber auch wenn wir an der Kirche leiden, so können wir sie doch lieben. Wir lieben sie dennoch, weil Gott sie auch dennoch liebt. Wir können ruhig eingestehen, daß wir geistlich arm sind. Wir brauchen nichts zu überspielen und zu vertuschen, nicht alles vereinheitlichen. Wer so handelt, der ist glaubwürdiger. Aber in Wirklichkeit sind

wir ja gar nicht arm, weil Gott uns seinen Geist gibt, weil er die Kirche macht und nicht wir.

 

 

Pfingsten I: Jes 44, 1 - 5 (6-8) (Variante 2)

Wenn wieder ein Gottesdienst oder eine Gemeindeveranstaltung herannaht, dann fragt man sich als Pfarrer unter anderem auch: Wie viele werden diesmal kommen? Du hast dir viel  Mü­he gemacht mit der Vorbereitung. Aber ist dein Dienst überhaupt so sehr begehrt, liegt den anderen in der Gemeinde wirklich auch so viel daran wie dir?

Manchmal wird uns die Kirche auch vorkommen wie ausgetrocknetes Land. Junge Leute sagen: In der Kirche ist nichts los, da ist kein Leben, keine Begeisterung. Sie strömen dann dorthin, wo es nach ihrer Meinung so etwas geben könnte. Aber das Einzige, was da in Frage kommt, sind Disco und andere Tanzveranstaltungen. Aber ob man dort ganz automatisch das Leben finden kann, ist doch wohl fraglich.

Alte Menschen aber sagen: Wir werden immer weniger in der Kirche. Unsere Kinder und Enkel gehen ihre eigenen Wege. Wenn mal Christ sein will, dann hat man es in manchen Din­gen  schwerer. Es bringt keine gesellschaftliche Geltung. Das wiederum führt zur Unentschiedenheit: Man will zwar dazugehören, aber nicht mitmachen. Man will seinen Glaube haben, ihn aber nicht mit seinem Leben bekennen..

Ein Pfarrer kriegt öfter zu hören: „Herr Pfarrer, in der Kirche werden Sie mich nicht sehen, aber ich habe auch meinen Glauben!“ Doch wenn man dann näher hinsieht, dann geht es um ein „höheres Wesen“ oder die „Vorsehung“, um irgend so ein unbestimmtes Gefühl, daß da etwas sein müsse - aber nicht um der lebendigen Gott, der die Welt und die Menschen geschaffen hat und der Vater Jesu Christi ist. Das allein wäre der wahre Glaube. Und wer den hat, der hält sich auch zu Gottes Gemeinde.

Mit unserer bedenklichen Einschätzung der Lage der Kirche sind wir wohl der innerer Verfassung des alten Gottesvolkes sehr nahe. Der Prophet Jesaja II. wandte sich ja an die Gefangenen in Babylon. Sie waren eine verschwindende Minderheit in einem großen Weltreich. Die nächste Generation wuchs heran. Und die Alten fragten sich: „Wird sie dem Gott der Väter treu bleiben oder sich den neuen Göttern zuwenden? Würde sie nicht durch die enge Berührung mit den Andersgläubigen in Versuchung geraten und schließlich aufgeben? Ihnen sagt der Prophet: „Ihr seid nicht von Gott verlassen! Erst wenn das käme, wäre eure Lage wirklich hoffnungslos!“

Ja, wenn es nur um unsere eigenen Möglichkeiten ginge, dann hätten wir in der Tat wenig zu erwarten. Auf Nichtchristen werden wir oft einen nur kläglichen Eindruck machen: Wir setzen ein saures Gesiecht auf, wenn hier oder da Schwierigkeiten auftauchen, wir neigen zum Klagen, wenn etwas nicht so geht, wie wir uns das ausgedacht haben! Welchen Eindruck machen wir wohl auf die Christen aus den Kirchen in den sogenannten „Entwicklungsländern“, die bei uns statt einer Freude im Glauben nur einen verzagter Kleinglauben vorfinden?

Haben wir denn wirklich immer vor Augen, daß Gott die Geschicke seiner Gemeinde lenkt? Mit allem Möglichen rechnen wir - aber so wenig mit ihm! Da wird vieles versucht, um die Gemeinde zu beleben. Es hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Und darunter sind erfreuliche Versuche, nicht nur der Tradition, sondern auch der heutigen Situation gerecht zu werden. In der Verkündigung bemüht man sich immer wieder, eine Brücke zur heutigen Welt zu schlagen.

Aber neue Formen können sich auch schnell wieder verbrauchen und hinterlassen nicht immer Lebendigkeit. Der Mangel sitzt offenbar tiefer. Andere Verhältnisse machen noch nicht andere Menschen und schon gar nicht neue Menschen. Uns helfen nicht neue Ordnungen, nicht Aufrufe  und Beschlüsse. Uns hilft nur eins: Gottes Geist, der von innen heraus neues Leben wachsen läßt, so daß ganz von selber neue Menschen hinzukommen.

Bei Jesaja wird dieses Neuwerden zunächst mit einem Bild aus der Natur deutlich gemacht. In den heißen Ländern gibt es oft lange Trockenzeiten. Dann dörrt das Land unter der unbarmherzigen Sonne aus, der Boden wird rissig und zerklüftet, Wiesen und Bäume werden saftlos und grau. Aber dann fällt vielleicht nach drei Jahren zum ersten Mal wieder Reger. In Stunden verwandelt sich das Land. Ein anderes Lebensgefühl kommt über Mensch und Tier und die Pflanzen richten sich auf und straffen sich.

Nach der Bibel sind es aber zwei Dinge, die das Leben schaffen: Wasser und Geist! Zuerst schwebte der Geist Gottes über dem Wasser, damit fing die Schöpfung an. Gott aber will uns täglich neu schaffen, gerade auch dann, wenn wir innerlich ganz darniederliegen. Um unseren Körper zu erquicken, da genügt vielfach schon einfaches Wasser. Aber um unsren Geist wieder aufzurichten, da brauchen wir den Geist Gottes.

An Pfingsten geht es ja nun um den Geist Gottes, den Heiligen Geist. Die Ausgießung des Wassers bei Jesaja erinnert uns doch gleich an die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Bild aus der Natur hilft uns, einen Vorgang des Glaubens zu verstehen. Gott gießt seinen Geist nämlich auch aus wie einen Regen, ja wie einen Strom.

Im Alten Testament sah man da vieles noch naturhaft. Der Prophet verstand zwar die Verwandlung der Welt im Laufe der Zeit immer mehr im übertragenen Sinne. Aber er sah den Segen vorwiegend in der Neubelebung des Volkes. Es sollte blühen und gedeihen, sich vermehren und zu einem großen Volk werden.

Aber dann wird auch deutlich, daß Gottes Handeln nicht auf sein Volk beschränkt ist: Nicht-Israeliten stoßen zum Volk Gottes und lassen sich mit dem Ehrennamen Jakob und Israel nennen, ja sie schreiben sogar den Namen Gottes in ihre Hände. Hier werden wir über das Alte Testament hinausgewiesen auf jenes erste Pfingstfest in Jerusalem, an dem eine Kirche aus allen Völkern der Welt entstand.

Damit wurde auch deutlich, daß es nur einen Gott für alle Menschen gibt. Im zweiten Teil unseres Bibelabschnittes führt Gott einen Rechtsstreit gegen die anderen vermeintlichen Götter. Sie werden aufgefordert, sich zu melden und zu äußern. Aber der Prophet ist sich sicher, daß sich da niemand zu Worte melden wird. Es gibt nur den einen Gott. Und der ist schon gewesen, als noch keiner war. Und er wird auch bleiben, sollte einmal keiner mehr da sein.

Dieser Gott bestimmt auch heute das Leben der Menschen und besonders der Christen. Er gibt ihnen seinen Heiligen Geist und hilft ihnen so, sich als Christen zu bewähren. Und er macht immer wieder deutlich: Ich bin noch lange nicht am Ende, und deswegen seid ihr es auch

nicht! Es wird zwar manche Durststrecke geben in der Geschichte der :Kirche oder in eurem eigenen Leben. Aber ich bin noch da und kann wieder neues Leben aus dem dürren Land erwecken. Allerdings ist nichts getan mit eigener Tüchtigkeit und einem hektischen Aktivismus. Aber Gott sagt ja seinen Geist zu, der begeistert und lebendig macht. Damit können wir mehr rechnen als mit den sogenannten „Realitäten“ des Gemeindelebens.

Allerdings hat Gott seinen eigenen Zeitplan. Auf der Insel Nias, die zu Indonesien gehört, hatte die christliche Kirche einen schweren Anfang. Die beiden ersten Prediger mußten unverrichtete Dinge wieder abziehen. Auch der dritte traf zunächst auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Erst nach sieben Jahren wurden einige getauft. Sie beteten nun für die Bekehrung ihres Volkes. Eines Tages wurde das Gebet erhört. Plötzlich stellten sich Leute in Scharen zu den Bibelstunden ein und begannen ein neues Leben; gestohlenes Gut wurde zurückgegeben, alte Feindschaften hörten auf, Schulden wurden getilgt. Es sammelte sich eine große Gemeinde von Menschen, die mit der Nachfolge Christi Ernst machten. Man hat auf mancherlei Weise versucht, dieses Wunder zu erklären. Es gibt nur eine Erklärung dafür: Gott hatte seinen Geist ausgegossen!

Auch bei uns kann es zu einer solchen Begeisterung kommen. Wir brauchen doch auch Wasser und Geist, denn unsere leibliche und unsere geistliche Not liegen doch ganz nahe beieinander. Gott kann nicht nur, er w i 1 1 auch Gemeinden lebendig machen, daß es in ihnen pfingstlich zugeht. Mission und Evangelisation geschieht heute nach draußen und nach drinnen. Menschen werden wach, von denen man es nie gedacht hätte. Chronisch gewordene Sünden werden abgetan. Zerstörte Gemeinschaft wird wieder heil.

Wir können uns in diesen Prozeß hineinstellen. Aber wer Wasser sucht, kann um die Quelle keinen Bogen machen. Die Quelle aber ist für uns Gottes Wort, an das Gott seinen Geist gebunden hat. Wenn wir dieses Wort hören, dann werden wir aufleben wie trockenes Land nach dem Regen. Gottes Geist wird uns zu einem neuen Leben verhelfen.

 

 

Pfingsten II : Joh 4 , 19 - 26

Brauchen wir unser Kirchengebäude noch? Es macht sehr viel Mühe und kostet viel Geld, es zu erhalten. Viele in unserem Ort würden sicher sagen: Wir brauchen sie noch, denn hin und wieder kommen doch einmal einige hundert Leute hier zusammen, so daß die Kirche einigermaßen voll erscheint. Aber es gibt auch Orte, wo von den 800 Sitzplätzen in der Kirche an einem gewöhnlichen Sonntag nur 20 besetzt sind.

Könnte man da nicht manche Kirche verkleinern oder gar ganz abreißen? So wie im Mittelalter manche Kirche zur Ruine wurde, so könnte es auch Kirchenruinen aus dem 20. Jahrhundert geben.

Man überlegt sich jedenfalls schon ernsthaft, die eine oder andere Kirche aufzugeben. Heute feiern wir den Geburtstag der Kirche. Aber müssen wir uns nicht vielleicht eher überlegen, wie wir sie möglichst elegant beerdigen?

Aber was sollen wir machen, wenn wir kein Kirchengebäude mehr haben? Gibt es dann auch keine Gemeinde mehr? Nun, das muß nicht unbedingt so sein. Eine Gemeinde Jesu Christi ist nicht an eine bestimmte Form des Gotteshauses gebunden. Man kann auch in einem gewöhnlicher Zimmer zusammenkommen und Gottes Wort hören und zu Gott beten, die Äußerlich­keiten machen es nicht.

Aber vielleicht wird dann auch der Gottesdienst etwas anders aussehen als sonst üblich. Dann wird nicht mehr einer allein reden können, sondern dann wird man gemeinsam die Fragen des Glaubens besprechen. Dann kann keiner mehr nur Zuschauer sein, sondern jeder wird beteiligt sein mit Gesang, Gebet und Auslegung. Und man wird sich auch überlegen müssen, wie man nach dem Gottesdienst als Christ leben will, wo die Aufgaben und Probleme sind, die die christliche Gemeinde etwas angehen.

Man kann jedenfalls fragen, ob unsre jetzige Art des Gottesdienstes nicht ergänzungsbedürftig ist. Es ist eine Form des Mittelalters, die damals sicher richtig war. Aber erfordert unsere Zeit nicht auch andere Wege? Vielleicht wird auch ein Zusammenrücken der verschiedenen Kirchen notwendig werden. Wir stehen doch weitgehend den gleichen Problemen gegenüber. Was soll denn da noch der Streit, wer den wahrer Glauben hat und in welche Kirche die Christen gehen sollen?

Jesus jedenfalls sagt: Vielleicht werden die heiligen Stätten und die Gotteshäuser einmal zerstört. Dann ist doch der ganze Streit, wer das richtige Gotteshaus hat, gegenstandslos. Die Samariter hatten sich mit Heiden vermischt, die Juden ließen sie deshalb nicht am Tempel mitbauen. Da bauten sich die Samariter einen eigenen Tempel auf dem Berg Garizim bei Sichem. Und von dem Tag an ging der Streit, wo denn nun der rechte Art der Anbetung Gottes sei: In der Stadt Davids oder in Sichem, wo Abraham, Jakob, Joseph und Josua waren. In Sichem kann man auf die älteren Traditionen verweisen. Deshalb gib es bis heute Leute in Israel, die dort wieder siedeln wollen. Der Berg war damals das Symbol für der Ort, wo Gott sich offenbart, die Stelle, wo man mit Gott in Verbindung kommt, wo man ihn verehren und anbeten kann.

Für Jesus aber ist dieser Streit zwischen den Konfessionen überholt. Er sagt: „Es kommt die Zeit, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist der Wahrheit!“ Das Heil kommt zwar von den Juden, aber nicht durch der Tempel in Jerusalem, sondern durch Jesus, der ein Jude war und der neue Tempel Gottes ist. Wer also Gott anbeten will, der braucht dazu nicht einen heiligen Ort, sondern  er braucht sich nur an Jesus zu halten. Dort ist der wahre Ort der Anbetung.

Das ist die Erkenntnis, zu der die Frau am Brunnen durchstoßen soll. Jesus hat ihr auf den Kopf zugesagt, wie das mit ihrer fünf Männern war, und mit dem sechster, mit dem sie nun zusammenlebt. Im Grunde war es ein ziemlich sinnentleertes Leben. Die Frau staunt über das wunderbare Wissen Jesu, aber sehr tief geht ihre Erkenntnis noch nicht. Sie versucht, von den kritischen Punkten ihres Lebens abzulenken und die Sprache auf ein religiöses Sachthema zu bringen. Doch Jesus will sie ganz woandershin führen: Sie soll Gott verstehen und natürlich auch den, der vor ihr steht.

„Gott ist Geist, und die ihr anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“ Das ist Jesu Antwort auf die Streitfrage zwischen Juden und Samaritern. Das heißt aber nun nicht, daß Gott auf rein „geistige“ Weise verehrt werden sollte, ohne Gemeinde und Sakramente, ohne Sichtbares und Greifbares.

Die geistigen Schichten des Menschen, selbst seine höchsten Gedanken und seine Religion bleiben immer noch im Bereich des Menschlichen. Da bleibt man immer noch im eigenen Lebenskreis. „Im Geist anbeten“ heißt aber: an der göttlichen Stromkreis angeschlossen sein. Gott bleibt immer der ganz andere, er muß sich von sich aus zeigen. Aber in Jesus ist er uns ganz nahe gekommen.

Durch Jesus ist Gott in die Geschichte der Menschen eingegangen, er ist ein konkreter Mensch in einem ganz bestimmter Volk geworden. Also nicht Geist, sondern Fleisch und Blut, wie es im Abendmahl bis heute Mittelpunkt des Gottesdienstes ist. Heute ist er allerdings nicht mehr lokal gebunden. Durch seine Erhöhung ist er vielmehr weltweit einschränkt und kann mit seinem Wort und in den Sakramenten überall hinkommen. Aber dadurch kommt erst recht keiner mehr an Jesus vorbei. Hatte Jakob in Bethel die Kontaktstelle zwischen Him­mel und Erde entdeckt, dann ist für uns nur Jesus die Kontaktstelle zu Gott.

Natürlich soll hier nicht aufgefordert werden, die Kirchen abzureißen und die bisher üblichen Gottesdienste abzuschaffen. Natürlich wohnt Gott nicht in Gebäuden aus Stein und natürlich ist unsre Form des Gottesdienstes nicht die allein seligmachende. Aber wir nehmen das doch dankbar hin als eine Möglichkeit, mit unserer Mitteln, Antwort zu geben auf das Wort Gottes.

Es ist sicher doch ein Unterschied, ob man zu Hause bei der Hausarbeit einen Radiogottesdienst mithört oder ob man alles andere abschaltet und hier ins Gotteshaus kommt, um nichts anderes zu tun als Gott anzubeten und auf ihn zu hören. Diese äußeren Umstände sind nicht gleichgültig, sondern sie sind eine Hilfe für die innere Sammlung und Aufmerksamkeit. „Anbetung im Geist“ heißt nicht, daß man Sonntags ausschlafen kann. Gott erschließt sich uns mittels irdischer Dinge; dazu gehören auch die entsprechender Gebäude und so etwas wie „heilige Orte“.

„Gott ist Geist“ bedeutet aber: Gott gehört nicht zum Bereich der Welt und wird von der Welt aus nie erreicht. Natürlich ist er in der Welt, aber man kann seiner nicht mit menschlichen Mitteln habhaft werden. Aller menschlicher Gottesdienst steht in der Gefahr, vom Menschen und von seiner Leistung her zu denken und nicht vom Geist und von der Wahrheit her.

Wenn man Gott nur ein schönes Haus baut, um ihn daran zu binden und um über ihn verfügen zu können, dann bleibt das doch alles im Menschlichen stecken. Nicht wir tun Gott einen Dienst, sondern zuerst tut Gott uns einen Dienst. Das ist die wahre Bedeutung des Wortes „Gottesdienst“.

Gott handelt also zuerst. Gerade an Pfingsten wird das ja deutlich. Gottes Geist ist wie ein Wind, der uns durch die Luft trägt und bei der Wahrheit niedersetzt. Wie der Wind entsteht, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, woher er kommt und wir können ihn nicht selber machen. Aber er ist da und wir spüren ihn deutlich.

So ist uns auch der Geist Gottes zunächst unbegreiflich..Nur das eine müssen wir wissen: Er kommt von Gott! Aber ist uns das wirklich so wichtig? Brauchen wir das unbedingt zu wissen, wo wir Gott finden, mit ihm reden und ihn anbeten können? Ist das für uns nur eine Sache unter anderen oder ist das d i e Sache unsres Lebens, ohne die unser Leben keinen Sinn hat? Wirkt sich nicht die Gleichgültigkeit gegenüber Gott und Gottesdienst um uns herum doch auch lähmend bei uns aus? Ist der Gottesdienst wirklich eine lebenswichtige Angelegenheit? Kann man Gott nicht auch suchen und finden ohne Gottesdienst? Können Wir Gott nicht auch finden im Herzen oder im stillen Kämmerlein oder in der Natur?

Die Frau am Brunnen wartet wie ihr ganzes Volk sehnlichst auf den Messias, und dabei steht er vor ihr. Aber ohne diesen Jesus kann man Gott nicht finden. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen diese Frau die beiden Worte: „Ich bin es!“ Aber so kann es auch uns leicht ergehen: Wir meinen, wenn wir zum Gottesdienst gehen, dann hätten wir Christus. Aber wir können kurz vor ihm stehen und ihn doch nicht erkennen. Das viele Kirchengehen macht es sicherlich noch nicht. Aber es hilft sicherlich doch, Jesus nahe zu kommen und nach seinem Willen zu leben. Die Chancen, ihm zu begegnen, sind jedenfalls groß. Zumindest aber können wir darum beten, daß er zu uns kommen möge.

Gott läßt sich nicht in einen bestimmten Raum einschließen, nicht in den Tempel in Jerusalem, nicht in den Petersdom in Rom, nicht in eine Lutherkirche und nicht in unsere Kirche. Aber er ist da, wo sich zwei oder drei in seiner Namen versammeln. Wenn wir sein Wort

hören und die Sakramente feiern, da greift Gott nach unsrem Herzen und schließt es auf. Jeder Gottesdienst kann immer nur der Freude über das Wunder seiner Gegenwart Ausdruck geben. Hier können wir vorwegnehmend hören und sehen, schmecken und fühlen, daß Gottes Zeit schon angebrochen ist.

Und unsre Antwort ist Anbetung im Geist und in der Wahrheit, ist Lob und Dank. Doch diese Anbetung ist nicht mit dem Gottesdienst zu Ende. In der Fürbitte nehmen wir die            mit hinein in den Gottesdienst, aber wir nehmen den Gottesdienst auch mit hinein in die Welt, so wie Jesus hier mit einer „Außerstehenden“ spricht; für ihn gibt es kein drinnen und draußen. Bewährung in der Welt ist nicht die Alternative zum Gottesdienst, sondern seine Fortsetzung. Deshalb können wir nur darum bitten: Gottes Geist möge wie ein frischer Wind in unsere Gottesdienste einbrechen und von dort kräftig in die Welt hinein wehen.

 

 

Trinitatis: 4. Mose 6 , 22- 27            (Konfirmation)

Wenn wir jeden Gottesdienst mit dem Segen beschließen, dann ist das nicht, wie wenn man nach einer Feier seine Gäste mit ein paar freundlichen Wünschen entläßt. Und schon gar nicht ist die Konfirmation eine Entlassung in ein Leben, in dem man sich die Freiheit nimmt, sich am kirchlichen Leben zu beteiligen oder nicht.

Manche haben Martin Luther so mißverstanden. Sie sagen: Luther hat uns endlich die Freiheit gebracht. Die Katholiken müssen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Wir brauchen nur, wenn wir einmal das Bedürfnis danach haben. Da wir das aber nur ganz selten haben, nehmen wir uns auch die Freiheit, am Sonntag etwas anderes zu treiben. Bei den Konfirmanden wird der Gottesdienstbesuch kontrolliert. Aber mit der Konfirmation sind sie endlich den Erwachsenen gleichgestellt und können den Erwachsenen folgen.

Es wäre schade, wenn wir die Konfirmation so verstehen wollten. Die Konfirmation ist ja in erster Linie Einsegnung, durch die Gott sein Gutes vermitteln will. Dieser Segen wird jeden Sonntag aufgefrischt, wenn wir mit dem Segen Gottes wieder in den Alltag gehen. Das ist wie bei einer Impfung gegen Wundstarrkrampf: Am Anfang gibt es eine starke Dosis, und dann alle zehn Jahre eine Auffrischung.

Nur kann man mit dem Segen Gottes keine zehn Jahre warten, etwa bis zur Trauung und dann wieder, wenn die eigenen Kinder Konfirmation haben. Glaube ist nicht etwas für besondere Gelegenheiten in unserem Leben, sondern etwas für jeden Tag. Und das konfirmierende Handeln erstreckt sich nicht nur auf diesen einen Tag, sondern beginnt mit der Taufe und geht bis ans Lebensende. Ein Christ lernt nämlich nie aus, er darf sich immer noch auf Neues gefaßt machen.

Die Konfirmation ist zwar ein besonderer Höhepunkt. Aber sie ist nur das Ende eines Grundkurses. Die Qualifizierung geht jetzt erst los. Und da sollte man sich nicht an negativen Vorbildern orientieren, an den Gleichgültigen und Verächtern, sondern an denen, die fast jeden Sonntag im Gottesdienst sind, die sich an den Gemeindeveranstaltungen beteiligen und sich zum Beispiel zu so etwas wie dem Kirchentag aufgemacht haben. Wer mit Gott leben will, der wird immer wieder seine Nähe spüren können. Er wird mit dem Segen Gottes durchs Leben gehen und viel Hilfe und Bewahrung erfahren.

Im Segen wirkt Gott. Der Segen ist mehr als eine fromme Form des Glückwunsches, er ist sogar mehr als ein Gebet. Er ist kein leeres Wort, sondern wenn Gott spricht, so geschieht es. Wir wünschen uns zwar gegenseitig Gottes Segen. Aber wir könnten ihn nicht herbeiziehen, wenn Gott nicht selbst segnen wollte. Wir können ihm den Segen nicht abnötigen oder Gott unter Druck setzen. Es ist keine Zauberei dabei, wenn wir die Konfirmanden hier einsegnen.

Aber es ist auch nicht so, daß wir nur um den Segen bitten könnten und es dann darauf ankommen lassen müßten, ob er wirklich segnen will. Gott w i 1 1 es tun, er hat es sogar geboten, daß in seinem Namen gesegnet wird.

Doch es braucht keiner Angst zu haben, daß jetzt eine Lawine auf ihn zukommt, von der er überrollt wird. Zwar ist der Segen ein wirkliches und machtvolles Geschehen, aber es geschieht nichts gegen unseren Willen. Wir werden aber zur Entscheidung herausgefordert, ob wir das Angebot Gottes annehmen oder nicht.

Im  Segen streckt Gott uns die Hand hin. Wir können diese Hand ausschlagen. Es wird niemand zur Konfirmation gezwungen; es hat keiner Nachteile, wenn er nicht an der Konfirmation teilnimmt. Aber wer hier ist, der muß es mit Gott ernst nehmen, sonst lädt er größere Schuld auf sich als der, der von vornherein nichts von Gott wissen wollte. Wer es aber mit Gott wagt, der hat auf die richtige Karte gesetzt  und eine starke Hilfe im Leben.

Gott will im Segen seinen Namen auf uns legen. Das ist ein schönes Bild für die Art und Weise, in der Gott uns begegnet. Er ist nicht irgendeine unbestimmte Macht, denn an so etwas kann man nicht glauben, weil man es nicht anrufen kann. Aber Gott hat uns seinen Namen anvertraut und sich damit anrufbar gemacht. Im Gebet wenden wir uns an einen Gott, den man kennen kann. Gott ist zwar nicht körperlich da, er existiert aber auch nicht nur in unseren Gedanken, sondern wir dürfen auf seine Nähe vertrauen, auch wenn wir ihn nicht sehen, und wir werden seine Kraft spüren, wenn wir seinen Segen annehmen.

Im Segen schafft Gott uns sein Gutes. Verlassen wir den Gottesdienst mit dem Segen Gottes, dann liegt Gottes Name auf uns. Was im Gottesdienst geschehen ist, hat uns nicht nur wohl getan und uns weitergebracht, sondern nun will Gott in unserem Leben Gutes wirken. Dieses Wort beschreibt gut die vielfältige und umfassende Wirkung des Segens.

Im Alten Testament äußert sich der Segen in Wohlstand und großer Nachkommenschaft, die aber weniger Belobung für Wohlverhalten sind, sondern unverdientes Glück und eine Überraschung. Es geht um Glück und Gedeihen, Gesundheit und Wohlbefinden, also sehr weltoffene

und weltfreudige Dinge. Gott möchte doch, daß seine Menschenkinder glücklich sind, besonders auch die, die sich erst anschicken, ins Leben hinauszugehen.

Wir können ihm darauf nur antworten, indem wir ihm danken. Dadurch geben wir zu erkennen, daß wir das Gute in unserem Leben wahrgenommen haben und wissen, wem wir es verdanken. Wer aber gesegnet worden ist, der darf von vornherein wissen, daß er nachher Grund zum Danken haben wird. Gott will gutes und Erfreuliches wirken. Deshalb dürfen wir mit entsprechenden Erwartungen in die Zukunft hineingehen. Wenn wir sauer sehen, dann widerspricht das dem Segen, den Gott uns mitgegeben hat. Wir haben doch einen freigiebigen und

auf unser Wohl bedachten Gott.

Gott will uns auch behüten. Er will Störendes und Gefahrbringendes ausschalten. So brauchen wir nicht mit Angst in den Tag zu gehen. Meist nehmen wir nur die Fälle wahr, wo uns oder anderen etwas zugestoßen ist. Aber daß Gott immerzu Leben erhält und in seine schützenden Hände nimmt, das halten wir für normal, das halten wir für nicht der Rede wert.

Er möchte auch Heil und Frieden bei uns schaffen, also geordnete Verhältnisse und ein unversehrtes Miteinander. Er tut alles, damit wir uns nicht untereinander das Leben zur Hölle machen. Gott möchte die Freundschaft der Völker, Gruppen und Familien. Wo sein Name geehrt wird, da ist man nicht gegeneinander, da sät man nicht Mißtrauen und Haß, sondern hat Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem, was es erhält und gedeihen läßt. Aus dem Empfang des Segens ergibt sich folgerichtig das Eintreten für den Frieden in der Welt.

Nur macht es uns zu schaffen, daß unsere Erfahrungen in der Welt nicht mit dem übereinstimmen. Wir denken sicher manchmal: Wenn Gott uns so gut gesinnt ist, dann müßte er doch von seinem himmlischen Stellwerk aus die Weichen sorgfältiger betätigen. Als oberster Knopfdrücker ist er doch für die störungsfreie Funktion aller Weltvorgänge verantwortlich. Doch wir können nicht Gott in die Schuhe schieben, was menschliche Schuld ist. Gott hat den Menschen die Freiheit gegebene mit allem Risiko. Nun rennt er an gegen eine Welt der Sünde. Der Friede zum Beispiel muß gegen Haß und Friedlosigkeit erstritten werden. Aber Gott kämpft gegen das Vernichten, indem er - segnet.

Sein Segen würde uns auch dann begleiten, wenn sich herausstellt, daß wir eine unheilbare Krankheit haben. Er würde auch dann kräftig sein, wenn Gott uns auf den letzten Weg in dieser Welt führt. Was auch immer kommt: Gott schafft uns mit seinem Segen sein Gutes. Gott läßt sein Angesicht leuchten über uns und ist uns gnädig. Ja, Gott hat ein Gesicht, spätestens seit Jesus unter den Menschen war. Gott ist nicht das Unbestimmte und Nebelhafte, sondern er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Wir können uns vorstellen, wie Gott ist, und deshalb Gemeinschaft mit ihm haben.

Einen Menschen erkennen wir meist nicht an seiner Körpergestalt, sondern an seinem Gesicht. Dazu gehört aber auch die Art, wie er uns anschaut: offen und aufnahmebereit, oder verbissen und stumpf. Strahlt ein Mensch uns an, dann erkennen wir daraus, wie er es mit uns meint.

Wir haben einen Gott, der uns nicht wie aus einer versteinerten Maske anstarrt, sondern unser Gott hat ein gütiges und väterliches Angesicht. Er neigt sich herab zu uns und blickt uns freundlich an. Dadurch macht er deutlich: Du bist mir wichtig, ich suche die Verbindung mit dir, ich lasse dich nicht aus den Augen. Als Gesegnete gehen wir anders weg, als wir gekommen sind.

Im kirchlichen Unterricht könnte das den Konfirmanden deutlich geworden sein: Gott schenkt uns seine Güte! Aber es wird uns spätestens jeden Sonntag wieder neu verdeutlicht im Gottesdienst. Dort sollten wir immer neu die Gemeinschaft mit Gott suchen und uns dann mit seinem Segen hinaus senden lassen in die Welt. Ein schönes Zeichen der Bereitschaft, mit dem Segen Gottes zu gehen, sind auch die Lederkreuze, die es einmal auf einem Kirchentag gegeben hat. Auf ihnen steht als Losung: „Vertrauen wagen!“ Das ist eine freundliche Einladung an jeden, der es sieht: „Ich habe Vertrauen zu dir, ich möchte dir freundlich und hilfsbereit begegnen, weil ich einen Gott habe, von dem ich auch Liebe und Freundlichkeit erfahren habe!“ Aber auch ohne ein solches Kreuz sollte man uns Christen immer wieder abspüren: Wir gehen mit dem Segen unseres Gottes und tragen seine Liebe und seinen Frieden in die Welt.

 

 

1. Sonntag nach Trinitatis: Mt 9, 35 - 38 und 10, 1 und 5 - 7

Gelegentlich lassen sich die evangelischen Kirchen eine große Werbeaktion einfallen. Und wie sich das so gehört, wird dann dazu eine Werbeagentur geholt. Die Leute, die sonst für Waschmittel oder Autos werben, tun das jetzt für die Kirche oder für die Bibel. Da erscheinen dann Anzeigen in den Zeitungen oder auf Plakatwänden oder es werden Prospekte verteilt. Ein gewisser Teil der Empfänger läßt sich auch ansprechen. Aber entweder sind diese sowieso schon christlich oder von der Begeisterung bleibt mit der Zeit nicht viel.

Der erste Schritt auf die Menschen zu ist das Sehen: Jesus sieht vor allem auch die innere Not der Menschen. Sie sind verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Sie sehen keinen Sinn mehr im Leben und keinen Weg in die Zukunft. Das ist nicht unbedingt eine Frage des Lebensstandards. Man kann auch gut verdienen und dennoch unglücklich sein.

Gerade weil wir uns etwas leisten wollen, müssen wir auch etwas leisten. Und die Hast bei der Arbeit nehmen wir dann mit in die Freizeit hinein. Wir wollen auf unsre Kosten kommen, aber wir werden darüber arm.

Jesus sieht nicht nur, wenn Menschen hungern und darben, in Lumpen gehen oder in Elendsquartieren hausen. Er sieht auch, wenn das Verhältnis zu Gott gestört ist und die Sünde im Leben der Menschen sich heillos auswirkt. Es kann ja sein, daß sich einer in angesehener Stellung befindet und alles zum Leben hat und vieles darüber hinaus - aber wenn Jesus ihn sieht, dann geht es ihm doch durch und durch, dann geht es ihm an die Nieren, wie man der Sinn des Wortes wiedergeben müßte.

Jesus sieht nämlich, was hinter der ansehnlichen Fassade nicht in Ordnung ist. Er kann nicht mehr mit ansehen, wie Menschen sich zugrunde richten oder zugrunde gerichtet werden. In ihm ist Gottes Liebe zu Fleisch und Blut geworden.

Und so sollten wir auch versuchen, mit den Augen unsres Herrn zu sehen dann sind uns die anderen Menschen nicht mehr gleichgültig, sondern wir nehmen ihre äußere und innere Not auf unser Herz. Dann wissen wir uns für sie verantwortlich und lassen sie nicht mehr nur am

Rande stehen, sondern rücken sie in die Mitte.

Wir leben heute in einer besseren Zeit und in einer Gegend der Welt, wo es die Menschen besser haben als im größten Teil der Erde. Zwar wird auch bei uns die Zahl der Sozialhilfeempfänger immer größer. Viele sind arbeitslos geworden oder fürchten um ihren Arbeitsplatz. Zu den Krankheitskosten müssen wir immer mehr hinzuzahlen. Aber wir haben doch wenigstens Ärzte und Psychologen und die Einrichtungen der Diakonie. Wir haben doch wenigstens ein soziales Netz, auch wenn dessen Maschen immer größer werden und viele dann leider doch hindurch fallen.

Aber vergessen wir nicht: In anderen Gegenden der Welt ist die Not viel größer. Davon ist dann auf den sogenannten G-8-Gipfeln die Rede. Man muß das  nicht so negativ sehen wie viele Menschen: Zumindest wird dort miteinander geredet, bestimmte Themen stehen auf einmal im Licht der Weltöffentlichkeit und die sogenannte „Globalisierung“ der Welt hat auch vielen Menschen Vorteile gebracht, nicht zuletzt auch dem Exportweltmeister Deutschland.

Natürlich dürfen wir auch nicht die Verlierer vergessen. Es ist schon so, daß die Mächtigen dieser Welt ihre Vorrechte verteidigen wollen. Aber so ganz kommen sie doch um die Probleme der Welt nicht herum. Und auch wenn es oft nur bei Absichtserklärungen bleibt, irgendwann muß doch einmal etwas getan werden.

Aber auch bei uns gibt es genug Aufgaben für einen, der sehen will. Sicher ist das nicht immer leicht. Mancher ist wirklich wenig anziehend. Eine Schnapsfahne ist ja auch in der Tat nicht gerade angenehm. Aber wer mit den Augen Jesu sieht, der erkennt vielleicht auch, daß bei einem Alkoholkranken der Schaden nicht in einer schlechten Moral oder in übler Gewöhnung liegt, sondern viel tiefere Gründe hat: Da steht eine Enttäuschung, das Versagen eines

Menschen oder ein Unrecht im Hintergrund, und dieses Übel gilt es an der Wurzel zu packen. Wenn man einen Menschen so sieht, dann erkennt man hinter der äußeren Fassade das Geschöpf Gottes. Da spielt Harry Rowolth in der „Lindenstraße“ einen Penner. Aber in Wirklichkeit ist er ein bekannter Übersetzer von Büchern. So könnte es uns mit manchem Menschen gehen, den wir vorschnell als wertlos und verloren abstempeln

Der erste Schritt ist also das Sehen der Not. Der zweite Schritt ist das Gehen, das Hingehen zu den Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Gerade die Not ist ein Zeichen dafür, daß Gottes Ernte beginnt. Aber das Erntefeld ist ein Arbeitsfeld. Wenn Erntezeit ist, dann gilt es, alle

Kräfte einzusetzen und jede Stunde zu nutzen. So will auch Jesus retten und einbringen. Er gibt keinen Menschen auf. Er will, daß allen Menschen geholfen werde, gerade auch wenn ihr Leben durch Not und Krankheit, Gebrechen und Sünde gezeichnet ist.

Doch wie soll da geholfen werden? Jesus sagt: „Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!“ Er sagt nicht: „Nun packt zu, macht euch an die Arbeit, damit die reife Ernte geborgen werden kann!“ Gerade wenn es Zeit wäre zum Arbeiten, fordert Jesus uns zum Beten und Bitten auf!

Dadurch wird deutlich: Alles was wir tun, bleibt Gottes Werk. Natürlich möchten wir viel lieber selber die Schalthebel bedienen und das Geschehen selbst steuern. Wir möchten aus eigener Vollmacht den einen dahin stellen und den anderen dort einsetzen. Aber Gott allein ist der Herr der Ernte und holt sich seine Arbeiter. Das ist das Eigentümliche bei aller Arbeit in der Kirche: Gott allein hat es in der Hand, was geschieht.

Es ist nicht damit getan, irgendwelchen Betrieb zu machen. Gott muß zuerst die Mitarbeiter schenken. Und er muß machen, daß der kirchliche Betrieb nicht Leerlauf wird. An Gottes Segen ist alles gelegen.

Zuerst waren es nur die Zwölf, die von Jüngern zu Aposteln werden, zu Abgesandten. Sie werden zu den zwölf Stämmen Israels gesandt, zum ganzen Volk und zur ganzen Welt. Sie waren die Augenzeugen, jetzt sind sie beauftragt, das Wirken Jesu in Wort und Tat zu vervielfältigen.

Sie sind zu zweit losgegangen - eine Übung, die sich auch heute noch empfiehlt. Ihnen standen nicht die Massenmedien von heute zur Verfügung. Sie konnten nur von Mensch zu Mensch reden. Aber sie hatten eine Botschaft, die in die Zeit paßte und die die Menschen notwendig brauchten.

Es waren einfache Leute. Jesus hat sich damals keine Professoren zu Mitarbeitern ausgesucht: ein Fischer und ein Zöllner waren ihm gerade richtig; und sogar den Judas hat er ausge­schickt. Sie waren keine Idealmenschen, aber sie sind mit ihm gegangen und haben ihm geholfen und nachher dann sein Werk fortgeführt.

Das heißt aber doch: Hier sind nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiter der Kirchen angesprochen, sondern alle Christen. Gott braucht Menschen. Die kleinen Leute vor Ort solle man einmal befragen. Da hat jeder Ideen, wie man es besser machen könnte und wie man Geld sparen könnte. Aber dazu muß man sie erst einmal ernst nehmen und auf sie hören und mit ihnen diskutieren.

Gott braucht dazu gute und motivierte Mitarbeiter. Aber jeder hat eine Gabe empfangen, die er für das Ganze der Gemeinde einsetzen soll. Es gibt so viele Aufgaben in der Gemeinde, da ist für jeden etwas dabei. Denken wir dabei nicht nur an das Bierausschenken beim Gemeindefest oder das Geld zählen. Denken wir auch an Aufgaben, die man früher nur dem Pfarrer zutraute, bis hin zum Halten eines Gottesdienstes.

An sich müßte es in jeder Gemeinde wenigstens einen Lektor geben, besser noch einen Prädikanten, der auch selber Predigten ausarbeiten darf. Die Gemeinde darf nicht mit dem Pfarrer stehen und fallen; es muß auch weitergehen, wenn einmal kein Pfarrer da ist. Eine Hauptaufgabe in der Kirche sind die Besuche, vor allem bei Zugezogenen und Kranken.

Ein Mann klagte einmal: „Fünfzehn Jahre wohne ich jetzt hier, aber ein Pfarrer hat mich nie besucht!“ Nun, vielleicht hätte er selber auch einmal in die Kirche gehen sollen. Es muß aber nicht immer der Pfarrer sein. Hätte vielleicht einmal einer aus der Gemeinde diesen Mann eingeladen, wäre er vielleicht mit zum Gottesdienst gegangen.

Werbung ist auch in der Kirche nötig. Aber an sich gibt es da nur eine Möglichkeit: das Gespräch von Mensch zu Mensch. So gewinnt man zum Beispiel den Klassenkameraden oder den künftigen Ehepartner für Christus. Das sind heute fast die einzigen Möglichkeiten, wie noch einmal einer zur Kirche stößt. Dazu brauchen wir aber keine Profis, sondern da können wir alle mittun.

Noch ein Beispiel aus der Frankfurter Gutleutstraße: Da gibt es eine ganze Menge Läden, die gut gehen: Metzgerei, Gemüseladen, Bäckerei und Zeitungsladen. Aber es gibt auch den Laden mit teurem Wein und den Inhaber eines Textilgeschäfts, der den ganzen Tag in der Tür steht und auf Kundschaft wartet. In diesem Wohngebiet mit vielen sozial Schwachen muß man etwas anderes anbieten. Übrigens ist dort auch eine Kirche in dieser Häuserzeile vertreten. Sie hat nur einen kleinen Turm. Dafür gibt es dort aber billiges Mittagessen und eine

Teestube für Alte. Diese Gemeinde tut etwas für ihr Viertel.

Eine Kirche, die untätig auf Kundschaft wartet, wird am Auftrag ihres Herrn schuldig. Gottes Reich ist in die Welt hinein auszurufen. Gott will, daß die Welt wieder sein eigen wird. Aber

er setzt nicht seine Allmacht ein, um alles zu überrollen. Er setzt nur sein Wort ein, das aus dem Mund schlichter Boten in die Welt geht.

Auch heute sind Arbeiter in der Kirche nötig. Früher war das Pfarramt ein Ein-Mann-Betrieb. Und wenn dann der Karren der Gemeinde festgefahren war, mußte ihn auch der Pfarrer allein wieder herausziehen. Viele Gemeindeglieder denken auch heute noch so: Wenn auf der Kirchentreppe Dreck liegt, dann sagen sie es dem Pfarrer, anstatt selber den Besen zu holen! Sicher wäre es auch nicht richtig, wenn einer eigenmächtig tätig würde. Man muß sich da

schon mit anderen beraten und zum Beispiel den Kirchenvorstand fragen, zu dem ja auch der Pfarrer gehört. Es wäre auch nicht gut, wenn eire Ein-Mann-Herrschaft durch eine andere abgelöst würde. Aber in jedem Verein läuft das doch auch: Da gibt es einen Vorstand mit

verschiedenen Aufgaben, da gibt es eine Satzung und Kassenprüfer

Auch in der christlichen Gemeinde gibt es für jeden eine Aufgabe. Überlegen Sie doch einmal, ob Sie nicht auch in der Gemeinde gebraucht werden und eine Aufgabe übernehmen könnten. Viele machen schon ohne viel Aufhebens Besuche bei Kranken. Manche sagen sogar dem Pfarrer, wo es brennt und er einmal selber kommen müßte.

Wenn eine christliche Gemeinde wie eine große Familie ist, sich gegenseitig besucht, Kranke pflegt, Feste feiert usw., dann nimmt sie Jesu Auftrag wahr; dann wird sie auch sehen und gehen. Gott hat auch heute sein Erntefeld und erwartet, daß sich Arbeiter in seine Ernte senden lassen.

 

 

2. Sonntag nach Trinitatis: Jes 55, 1 - 5

Wenn es in der Kirche Speise-Eis oder Bier gäbe, und noch dazu ohne Geld, dann gäbe es hier sicher bald einen Volksauflauf. So etwas spräche sich in Windeseile herum. Nun gibt es zwar in der Kirche kein Bier oder sonst etwas von all den schönen Sachen in dieser Welt. Aber es gibt die frohmachende Botschaft Gottes zu hören, es gibt Taufe und Abend­mahl. Warum drängt man sich nicht nach diesem ebenso wichtigen Angebot?

Der heutige Sonntag spricht von Gottes Einladung, vor allem an die Mühseligen und Beladenen. Das Evangelium des Sonntags spricht vom großen Abendmahl, zu dem die Einladung ergangen war, aber viele haben sie nicht angenommen, bis dann schnell noch andere herbeigeholt wurden.

Damals galt die Einladung den Israeliten, die in Babylon in der Gefangenschaft waren. Sie mußten ihre Untreue gegenüber Gott büßen. Fern vom Land der Verheißung mußten sie sich abgehängt und preisgegeben fühlen. Wir lesen diesen Abschnitt natürlich als neutestamentliche Gemeinde. Wir wissen, daß, er sein Evangelium schon zuvor verheißen hat durch seine Propheten. Aber erst seit Jesus ist voll und ganz deutlich: Der Gott, der auf unsere Abkehr mit Härte reagieren müßte, bemüht sich um seine mißratenen Menschenkinder mit Liebe.

Es wird uns vielleicht befremden, daß Gott hier mit einem Marktschreier verglichen wird. Er preist seine Ware an und will damit zugleich die Konkurrenz ausstechen. Gott steht vor seinem Verkaufsstand und wendet sich mit nicht geringem Stimmaufwand an die vorüberströmende Menge. Werbend, dringend, fast beschwörend, so lädt Gott ein - eine echt orientalische Szene, die der Prophet da vor unsere Augen malen will.

Die Worte des Propheten müßte man etwa so wiedergeben: „Hallo Leute! Ihr habt doch Durst! Kommt alle hierher! Hier gibt es zu trinken! Ihr habt kein Geld? Das macht nichts. Kommt her, kauft und laßt es euch schmecken. Kommt und kauft ohne Geld! Kostenlos bekommt ihr Wein, Brot und Milch!“

Für die Verbannten in Babylon bedeutete das: Sie sollten als Volk fortbestehen und nicht untergehen. Auch als Gemeinde Gottes sollten sie weiterleben. Sie sollten ein Leben haben, das es verdient, so genannt zu werden, nicht etwas, das doch kein Leben mehr ist.

Offenbar haben die Verbannten Mangel gelitten in leiblicher und geistlicher Hinsicht. Zunächst einmal hatten sie ein hartes Leben. Sie mußten schuften, um auf dem Schwarzmarkt Brot kaufen zu können. Aber was sie für ihr schwer erarbeitetet Geld kriegten, verdiente den Namen Brot nicht; außerdem wurden sie nicht satt.

Aber Leben ist mehr, als nur das äußere Dasein zu fristen. Es geht um ein gehaltvolles und sinnvolles Leben, um ein Leben mit und aus Gott. Die Stadt Babylon hat sicher da auch etwas geboten, in mancher Hinsicht sogar verlockend und reichhaltig: Die Feste, die Prozessionen, die wirtschaftliche Macht, die wissenschaftlichen Leistungen - das konnte ein schwaches Volk schon beeindrucken.

Goethe hat in seinem „Doktor Faust“ auf klassische Weise diesen sehnsüchtig und verlangenden Menschen anschaulich gemacht, der immer nach Besserem sucht und doch keine Erfüllung findet. Mit Hilfe des Teufels stürzt er sich in allerhand Abenteuer. Er setzt vieles ein, opfert manches, aber für Dinge, die nicht satt machen. Daß wir uns nicht falsch verstehen: Gott gönnt uns natürlich alles, was das Leben schön macht, er will es uns ja selber geben. Aber oft kann man sich nur an die Stirn greifen, wenn man sieht, auf wie erbärmliche Weise die Menschen sich Freude suchen wollen. Und weil sie das Echte, das Wertvolle, das wirkliche Beglückende nicht haben, greifen sie zum Ersatz.

Gott ergeht es da oft wie den Ausrufern auf dem Markt: Trotz aller Werbung und eines hervorragenden Angebots laufen die meisten vorbei und kaufen anderswo ein. So etwas ist immer schmerzlich. Nicht nur, weil der Verkäufer auf seinen Waren sitzen bleibt, sondern weil er mit ansehen muß, wie die Menschen dann Wertloses erwerben. Dabei hätte man es doch bei Gott gratis bekommen. Man muß bei ihm gar keine Bedingungen erfüllen, ehe man wieder mit ihm ins Einvernehmen kommt, er bietet sich selbst an ohne Wenn und Aber. Man muß nicht erst anklopfen und es dann darauf ankommen lassen, ob er öffnet; Gott hat seine Freigiebigkeit zugesagt und wirbt sogar um uns.

Er hat etwas anzubieten, womit niemand und nichts konkurrieren kann. Er ist von der Hoffnung erfüllt, seine Sache an den Mann zu bringen. Aber er fürchtet zugleich, die Angesprochenen könnten die Chance verpassen, das Angebotene zu ergreifen.

Warum wird Gottes Angebot so oft übersehen? Es mag daran liegen, daß dieser so freigiebige Gott erst entdeckt werden muß; er gehört ja nicht zur Welt des Sichtbaren und Beweisbaren. Es kann aber auch daran liegen, daß wir uns nicht so gern etwas schenken lassen bzw. fürchten, dann  müßten wir den anderen wiederum beschenken.

So ein großzügiges Angebot macht mißtrauisch. Deshalb läßt man sich gar nicht erst rufen, weil man ja doch nichts zu bieten hat und man sich auf einen nachträglichen Handel nicht einlassen will. Doch Gott meint es wirklich ernst mit seiner Einladung.

Gott nimmt uns immer wieder in seinen Bund auf. Er bietet ihn uns an, wir können ihm nur dankbar dafür sein. Der ewige Bund war zunächst nur dem König David und seiner Familie zugesagt.  nachher bei Jesaja aber wird er auf das ganze Volk ausgeweitet und durch Jesus gehören auch wir dazu. Gott hat zwar die Strafe an Jesus vollziehen müssen, aber sein Volk bleibt dadurch unversehrt. Die Tatsachen scheinen oft eine andere Sprache zu sprechen. Aber Gottes Zusagen sind gültiger und stichhaltiger als die ihren oft entgegenstehenden Tatsachen. Es wird sicher noch viele Situationen des Angefochtenseins geben, aber man darf sich doch glaubend zu den Verheißungen Gottes hin flüchten.

Damit wir das besser glauben können, begibt Gott sich sozusagen auf den Markt. Er läßt sich nicht in einen heiligen Bezirk einsperren, sondern er geht in den Alltag hinein, der sich auf Märkten und Straßen, bei der Arbeit und beim Geldverdienen abspielt. Gott begegnet uns auch in einer weltlichen Welt, wo wir vielleicht nur eine kleine Minderheit sind. Gott ist nicht nur in der Kirche, sondern auch im Rathaus; er ist nicht nur bei den Psalmsängern, sondern  auch bei der Schlagersängern; er ist nicht nur bei Kirchentagen, sondern auch an Messeständen.

Die Probleme der Welt schreien uns ja auch an. Heute geht es nicht nur um das Überleben Israels oder der Christenheit, sondern um die ganze Erde. Gott möchte Friede und Freude anbieten, Sättigung und Überleben. Es wäre schade, wenn dieses Angebot „umsonst“ ergangen wäre. Es ist in einem anderer Sinne „umsonst“, nämlich ohne Bezahlung und Gegenleistung.

Das gilt auch, wenn die Beschenkten dann Zeuge für die Völker sein sollen. Die alte Hoffnung Israels, zum Fürst und Befehlshaber der Völker zu werden, Mittelpunkt der Welt und obenauf zu sein, ist zwar mit Jesus abgetan. Aber was ein Christ bei Gott gesehen, erlebt und erfahren hat, das ist er auch anderen schuldig. Gebieter kann man auch nur noch sein, indem man dient. Jesus hat uns da eine andere Sicht gelehrt.

Gottes Volk ruft in die Welt hinaus. Aber dieser Ruf soll nicht nur die Völker treffen, mit deren man schon Kontakt hat, sondern auch die, die man noch nicht kennt. Aber dann werden die anderen Völker auch zur Gemeinde Gottes hinlaufen, in Richtung auf das Zentrum. Die Gemeinde wird für ferne Menschen attraktiv sein mit dem, was sie weiß und glaubt, was sie hofft und tut und vielleicht auch leidet.

Hoffentlich kommen die Menschen nicht aus sachfremden Gründen zu uns, etwa weil sie politische Opposition machen wollen. Wenn die Kirche darauf spekuliert, dann hat sie verspielt. Je mehr aber Gott sich bei uns durchsetzt, desto mehr werden die Menschen auf uns aufmerksam und dadurch vor allem auf ihn, der unser Herr und Gott ist. Er jedenfalls will alle bei sich haben und keinen ausschließen. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“

 

 

3.  Sonntag nach Trinitatis: Lk 19, 1 - 10

Es gibt Kinder, die stehen bei allem hintenan: In der Pause stehen sie auf dem Schulhof allein, im Laden werden sie zur Seite gedrängelt und unter den Geschwistern sind sie auch immer die letzten. Oft bleibt das dann auch so, wenn sie erwachsen sind.

Der Zachäus hier in unserer Erzählung hatte gleich zwei Mängel, die ihn immer zu kurz kommen lassen: Er ist an Körpergröße nur ein kleiner Mann. Und er ist ein Zöllner. Das bedeutete damals aber: Er ist ein Vaterlandsverräter. Er war Chef der vielbenutzten Grenzstelle in Jericho. Er hatte den Römern eine bestimmte Summe im voraus an Zoll gezahlt. Nun preßte er den Leuten ihr schwerverdientes Geld wieder heraus, so viel eben zu holen war.

Ein unheimlicher Mensch, dieser Zachäus. Jeder konnte nur froh sein, wenn er es nicht mit ihm zu tun bekam. Dabei durfte es aber keiner mit ihm verderben, denn sie waren ja alle auf ihn angewiesen. Er war der bestgehaßte Mann in Jericho. Aber jetzt können sie es ihm einmal zeigen: Wie eine Mauer stehen sie vor ihm. Sie tun so, als hätten sie den kleinen Mann nicht bemerkt, aber in Wirklichkeit haben sie natürlich alles mitgekriegt. Wenn sie schon mit ihm leben müssen, soll er wenigstens fühlen, daß er nicht zu ihnen gehört.

Es gibt auch bei uns solche Menschen, die wegen ihrer Stellung von allen anderen geschnitten werden. Oftmals sind es noch Zugezogene, die nicht einmal einer Rückhalt in der Verwandt­schaft haben, die keinen geselligen Kontakt mit Freunden haben, denen kein Nachbar hilft. Mancher wird denken: Das ist ihre Sache, das haben sie sich selber zuzuschreiben. Und alle werden sie meinen: Für Gott und die Kirche sind solche Leute doch von vornherein verloren!

Das war auch die Meinung über Zachäus: Er ist für das Gottesvolk verloren, er hält es mit den Unterdrückern, er ist ein Betrüger. Er ist wie ein Bergsteiger, der an einer steilen Wand vom Schneesturm überrascht und in einbrechender Nacht und Kälte dem Verderben ausgeliefert ist. So ist auch Zachäus abgeschrieben. Das Heil bleibt nur für die anderen.

Vielleicht hat er selber das gar nicht einmal so sehr empfunden. Daß er gesellschaftlich gesehen aufs Abstellgleis geschoben wurde, wird ihm wehgetan haben. Aber daß er auch von Gott getrennt ist, wird ihn nicht so sehr gekümmert haben. Zumindest war er nicht im Gewissen beunruhigt und innerlich verzweifelt. Man muß ja auch nicht immer erst am Boden liegen, ehe man Gott begegnen kann. Hier trifft Jesus auf einen, der sich stark fühlt, weil er weiß, daß auch dem geholfen werden muß.

Vielleicht war Zachäus nur neugierig in dem täglichen Einerlei der Kontrollen und Abrechnungen wollte er sich die kleine Sensation nicht entgehen lassen. Er will auch einmal sehen, wie das mit diesem Jesus ist, von dem er schon oft gehört hat. Aber gerade bei ihm macht Jesus halt und sagt: „Ich muß heute in deinem Hause einkehren!“ Dem Zachäus mag das Herz in die Hose gerutscht sein, als er sich in dem dichten Laub des Baumes ertappt fühlt. Unverse­hens ist er aus einem Statisten in die Titelrolle gerutscht.

Das mag manchem so gehen, der nur einmal mehr zufällig in den Gottesdienst geraten ist. Wenn in der Kirche Konfirmation ist oder sonst eine besondere Veranstaltung, dann sieht man dort ja auch manchen, den man sonst nicht antreffen kann. Wir sollten nicht schlecht von diesen Menschen denken und auf sie herabsehen. Auch ihm kann das passieren, was dem Zachäus passiert ist: Jesus hat es gerade auf ihn abgesehen und spricht ihn an.

Jesus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Die Zachäusgeschichte ist ein Beispiel dafür, wie er das macht. Er meint nicht irgendein beliebiges Exemplar der Gattung Mensch, sondern er meint einen, den er mit Namen kennt, er meint immer m i c h! Der Jesus von damals ist der gleiche Jesus, der mich heute anspricht.

An dieser Geschichte sehen wir, wie Jesus mit uns umgeht und was geschieht, wenn wir es mit ihm zu tun bekommen. Wir sollen damit gelockt werden, an den Gott zu glauben, der das tut, was Jesus tat. Wir sollen mit dem Gott rechnen, der auch die Kirchenfremden und Unreli­giösen sucht. Wir sollen alte Maßstäbe fallenlassen und das nötige Umdenken lernen.

Jesus hat ja so gehandelt wie ein Neuer, der in eine Schulklasse, einen Betrieb oder eine Ortschaft kommt und ausgerechnet mit d e m Freundschaft schließt, der von allen anderen ver­achtet und gemieden wird. Er kommt als ein Fremder, der keine altgewohnten Vorurteile hat. Er nimmt gerade diesen Zachäus wichtig und sagt: Gerade dich brauche ich! Damit hat er aber den Panzer der Ablehnung um diesen Zachäus aufgebrochen und ihn wieder zu einem Menschen gemacht.

Was Vorurteile sind, kennen wir ja auch von unserem Ort her: Da gibt es Familien, die schon seit Jahrhunderten geehrte und geachtete Bauern und Handwerker gewesen sind. Und andere sind schon immer verachtetet und verlacht, man hat nicht viel mit ihnen zu tun und sieht auch die Kinder etwas schief an. In so einem kleinen Ort hat ja jeder seinen festen Platz. Man kennt sich von Jugend auf und meint zu wissen, wie man den anderen einzuschätzen hat. Das hat seine Vorteile, aber auch Nachteile.

Mancher war in der Schule ein Tunichtgut und Schlendrian und ist nachher doch noch ein tüchtiger Familienvater geworden. Ein anderer hat vielleicht schon einmal wegen krimineller Vergehen im Gefängnis gesessen; er ist dort  ein anderer geworden und möchte wieder anerkannt werden. Da sind wir als christliche Gemeinde aufgefordert, noch viel mehr als die anderen unsere Vorurteile über Bord zu werfen.

Jesus hat ja auch versucht, den Menschen so zu sehen, wie er wirklich ist: Nicht das große Haus, das hohe Einkommen, die berufliche Tüchtigkeit, sondern den ganzen Menschen mit all seinen guten und schlechten Seiten. Jesus will die Schuld nicht verharmlosen und vertuschen.

Aber er redet auch von der Schuld derer, die dem Zachäus das Himmelreich zuschließen wollen. Wir ärgern uns, wenn viel Geld für Trinker und Strafentlassene ausgegeben wird. Oder wenn sich der Pfarrer mehr für schwierige Menschen Zeit nimmt als für treue Gemeindeglieder. 

Wir sind unter Umständen mitschuldig, wenn einer nicht mehr den Weg in die menschliche Gesellschaft zurückfindet. Gerade ein Gescheiterter oder Benachteiligter braucht viel Verständnis. Wir sollen ihn ernst nehmen und in unsre Gemeinschaft annehmen. Schließlich sind wir ja auch alle solche Verlorenen, die Jesus bei sich aufgenommen hat.

Solches Denken und Handeln wird nicht ohne Folgen bleiben. Wenn wir einen Menschen ernst nehmen, wird er seine Haltung auch ändern. Jesus äußert kein einziges Wort der Zurechtweisung, er vergibt dem Zöllner bedingungslos. Aber Zachäus sieht dann ganz von selber, was bei ihm anders werden muß.

Damit aber kommt eine Umkehr in Gang, die Lukas in dem von ihm selber extra eingefügten Satz Vers 8 so eindrucksvoll beschreibt: Zachäus geht in Jericho von Haus zu Haus, Listen unter dem Arm und die Geldtasche in der Hand. Er gibt die zuviel gezahlten Beträge zurück. Sicherlich wird er nicht mehr alle Geschädigten erreichen. Aber er tut, was er kann, um alles wiedergutzumachen.

Vielleicht wird er dadurch selber arm. Zumindest wird er sehr genau in Zukunft rechnen müssen. Aber die Umkehr vollzieht sich bei ihm genau an dem Punkt, der kritisch für ihn war: bei den Finanzen. Gerade dort, wo es ihm schwerfällt, muß er sich ändern. Das hat er durch das Handeln Jesu begriffen.

Aber er hängt nicht seinen Zöllnerberuf an den Nagel. Das haben die frommen Pharisäer von einem verlangt, der zum Gottesvolk gehören wollte. Aber Jesus sagt: „Du mußt in den Verhältnissen gehorsam sein, in denen du nun einmal lebst. Du kannst nicht warten, bis die Welt anders geworden ist, sondern du mußt dich in ihr ändern!“

Wir alle leben in einem Beruf, in dem wir uns ab und zu schmutzige Finger machen, nicht nur äußerlich, sondern auch so, daß unser Herz beschmutzt wird. Wir können allerdings viel dazu tun, daß wir vor dem Verbrechen bewahrt werden. Auch wenn alle anderen auf der Baustelle Material mitnehmen, da brauchen wir noch lange nicht mitzuhalten.

Aber es wird uns nie möglich sein, völlig schuldlos und rein durch dieses Leben zu gehen.

Wir können nicht wie manche buddhistischen Mönche uns mit Benzin übergießen und anstecken, um der Welt zu entgehen. Wir müssen diese Welt so nehmen, wie sie ist. Aber wir haben uns in ihr zu bewähren. Der Beruf bleibt dem Zachäus erhalten. Auch seine Familie, für die er sorgen muß. Aber sein Leben wird anders.

Jesus sagt nicht: Erst mußt du dich vom Besitz lösen und dann will ich dir vergeben. Nein, erst  vergibt er ihm und ermöglicht ihm damit einen Neuanfang. Und das gibt dem Zachäus Kraft, nun auch tatsächlich neu anzufangen. Er wird frei, sich von dem zu trennen, was ihm bisher Lebensinhalt war. Wenn Jesus sagt: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren!“ dann meint er damit auch: Durch die Begegnung mit mir bist du frei geworden von alten Bindungen.

Viele Menschen können heute sicher mit dem Wort „Heil“ nicht viel anfangen. Sie wollen alle Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Glück. Aber nach dem Heil sehnt sich kaum jemand. Aber letztlich kann nur die Rettung durch Gott uns all das geben, was wir ersehnen. Zachäus erfährt das Heil durch die Begegnung durch Jesus. Und dadurch erfährt er das, wonach er sich so gesehnt hat: Er kann wieder froh werden und ist wieder ein richtiger Mensch.

Auch wir können froh sein,  wenn wir uns zu Gott halten. Er ist uns in der Taufe begegnet und hat sich mit uns verbunden. Wir gehören nicht zu den Verlorenen, sondern sind Gottes Kinder. Das soll heute jeder wissen, der meint, er sei so weit weg von Gott wie einst Zachäus. Christus findet uns schon, auch wenn uns die anderen beiseitedrängen, auch wenn wir uns verstecken wollen, auch wenn wir keine Hoffnung mehr haben.

Wir können uns nicht von uns aus zu Gott aufmachen. Der Anstoß geht immer von ihm aus: „Ihr habt mich nicht erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, haben wir neulich aus dem Johannesevangelium gehört. Aber um Christi willen und durch unseren Glauben an ihn gehören wir nicht zu den Verlorenen, sondern zu den Geretteten, denen das Heil Gottes widerfahren ist.

Und doch hat Jesus von Matthäus dem Zöllner verlangt: „Folge mir!“ Wenn Jesus uns ruft, dann müssen wir bereit sein, alles stehen und liegen zu lassen und ihm zu folgen. Aber Nachfolge ist nicht nur möglich, indem wir im wörtlichen Sinne hinter Jesus hergehen. Zachäus bleibt in seiner Familie, gegenüber der er auch seine Verpflichtungen hat, aber er kann hier doch zum Jünger werden, weil sich sein Leben grundsätzlich wandelt. Jesus verlangt nicht - wie die Pharisäer - daß er sich erst vom Besitz löst und dann will er ihm vergeben. Nein, erst vergibt er ihm und gibt ihm damit einen Neuanfang.

Als Jude war Zachäus ja auch zum Heil berufen; aber er hatte sich aus seiner Religion, aus seiner Zugehörigkeit zum auserwählten Volk nie viel gemacht.  Doch nun sagt Jesus zu ihm: „Du warst schon immer ein Sohn Abrahams, aber heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Und das macht diesen Zachäus, der seines Lebens nicht mehr hatte froh werden können, so froh, daß er nun sogar die anderen beschenkt. 

Wir wollen in diesem Gottesdienst wieder das Herrenmahl miteinander feiern. Das ist auch so ein Geschenk an uns! Gott hat uns schon in der Taufe beschenkt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Doch wir verachten dieses Geschenk so oft und entfernen uns aus der Gemeinschaft Gottes, indem wir seine Gebote übertreten und meinen, wir hätten das Herrenmahl nicht nötig. Doch heute bietet uns Gott im Herrenmahl wieder seine Gemeinschaft an, er schließt einen neuen Bund mit uns, ein neues Testament.

Zachäus war auch ein Sünder, aber Jesus sagt zu ihm: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren!“ Heute soll auch jedem von uns Heil widerfahren, indem Jesus Christus jedem von uns seinen Leib und sein Blut reicht, das für uns gegeben wurde zur Vergebung der Sünden. Jedem von uns ist dieses Angebot gemacht: „Du bist mein, du darfst wieder zu mir gehören“ Jesus zieht einen Schlußstrich unter all das, was bis zu diesem Augenblick war, und sagt uns: „Jetzt kannst du wieder einen neuen, besseren Anfang machen!“Jesus stellt uns keine Bedingungen: erst mußt du ganz rein sein, dann darfst du auch kommen. Nein, er beschenkt uns aus freien Stücken und ohne uns Vorschriften zu machen. Wer aber so von ihm beschenkt ist, der wird sich auch den Gebet gegenüber freundlich verhalten und seinen Willen tun. Und er wird auch von dem, was Gott ihm geschenkt hat, etwas weitergeben.

Das Herrenmahl ist nicht nur eine Sache für den Sonntagmorgen, sondern wirkt in unseren Alltag weiter. Wer nicht zum Tisch des Herrn kommen möchte, der kann ja andächtig auf seinem Platz sitzenbleiben und beten. Aber jeder ist eingeladen, seine Sorgen und seine Schuld hier am Altar abzuladen und getröstet und gestärkt wieder davonzugehen.

Das Herrenmahl ist eine ernste Sache, wir können es nicht leichtfertig nehmen. Aber es ist keine traurige Angelegenheit, sondern soll uns getrost und fröhlich machen, weil Gott uns wieder gut ist durch die Versöhnungstat Christi. Deshalb kommt, denn es ist alles bereit. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 

4. Sonntag nach Trinitatis: Joh 8, 3- 11

Wie stehen wir zu Menschen, die die bestehenden Normen ablehnen und aus ihnen ausbrechen wollen? Wir wollen dieses biblische Beispiel nicht gleich verengen auf den Bereich des sechsten Gebots. Es gibt auch andere, mit denen wir nichts zu tun haben wollen. Für machen genügen schon die langen Haare, um einen abzulehnen. Gammler oder gar Punker ein wahrer Bürgerschreck und haben jedenfalls in der Kirche nichts zu suchen. Aber wir haben sicher auch unsre Vorurteile gegenüber Nicht-Getauften oder Nichtkonfirmierten.

Es gibt eben Menschen, die eine andere Lebensauffassung haben als die offizielle gewünschte oder als die von den Menschen wirklich vertreten wird. Damit müssen wir rechnen, das müssen wir aushalten, da müssen wir uns überlegen, wie wir uns dazu stellen wollen. Es ist nicht immer leicht, einen anderen anzunehmen, wie er ist, vor allem wenn er den eigenen Vorstellungen widerspricht. Geben wir wirklich jedem die Freiheit und die Möglichkeit, als ein Mensch zu leben?

Oder haben wir Vorurteile und versuchen jeden in ein bestimmtes Schema zu pressen? Vielfach wird das ja in unserer Gesellschaft versucht, die Menschen nach dem bestimmten Bild zu formen. Sollten wir als Christen da nicht mehr Freiheit geben und dem Anderen den Lebensraum einräumen, den er halt braucht?

In einem Buch steht zu dieser Erzählung, der Leser würde doch sofort Partei ergreifen für diese Frau. Die Strafe ist doch zu grausam, daß sie eine Stunde des wirklichen oder vermeintlichen Glücks mit dem Leben bezahlen soll. Sie hat vielleicht nur einmal eine Stunde des Versagens und der Schwachheit erlebt, und nun soll sie so hart dafür büßen? So etwas fordere doch unser Mitleid heraus, weil wir da heute großzügiger denken.

Aber vielleicht denkt man doch strenger und unbarmherziger. Gerade wenn man - zumindest nach außen - einen hohen Maßstab an sich selber legt, der wird ihn auch dem anderen auferlegen wollen. Wenn ich schon nicht darf, dann soll der andere auch nicht dürfen! Und wenn er es doch tut, dann muß ihn die ganze Härte des Gesetzes und die Verachtung der Menschen treffen. Warum soll anderen erlaubt sein, was mir selber verboten ist? So denken wir doch im Grunde alle.

Diese Geschichte wurde interessant in einer Zeit, als man sich in der Kirche fragte: „Soll man sich etwa mit der Sünde abfinden?“ Offenbar hatte auch ein Umschwung stattgefunden von der Vergebung zur Verurteilung des anderen. Da fragte man danach, wie denn Jesus mit dem sündigen Menschen umgegangen ist. Da fügte man eine solche Geschichte ins Johannesevangelium ein, um zu schildern, wie in der Gemeinde Jesu die Sünde zu ahnden sei.

Die Ankläger stellen allerdings keine echte Frage. Für sie ist das Urteil ja klar: „So steht im Gesetz des Mose geschrieben und so wird verfahren!“ Aber sie wollen Jesus eine Falle stelle - und wollen ihr unmöglich machen: Widerspricht er ihrem Urteil, dann kann man ihn als Verächter des Gesetzes festnageln, dann kann man ihm vorwerfen, ein Beschützer der Sünde zu sein. Stimmt Jesus aber ihrem Urteil zu, dann ist er nicht mehr der Heiland der Sünder und vor seinen Anhängern bloßgestellt, dann könnte man sagen: Im Ernstfall steht er doch nicht zu seiner Barmherzigkeit.

Jesus gibt ihnen die Antwort, auf die sie warten, aber er macht ihre Falle zunichte. Er bestätigt die Schuld der Frau. Er stellt ihnen sogar frei, den Urteilsspruch selber auszuführen. Aber er sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Die Ankläger müssen sich auch selber dem Urteilsspruch des Gesetzes unterwerfen. Vielleicht haben sie nicht auf die gleiche offene Art und Weise gesündigt. Aber Gott verdammt auch Begierde und schlimme Gedanken, Grausamkeit und Lieblosigkeit gegenüber dem anderen.

Die theoretische Streitfrage wird so unter der Hand zu einer Existenzfrage. Meinten die Ankläger eben noch, sich die Sache vom Leib halte zu können, so werden sie nur gewissermaßen selber davon angesprungen. Jesus, den sie eben noch aus dem Sattel heben wollten, wird nun selber zum Angreifer.

Und da wird deutlich Nach dem Gesetz ist keiner in Ordnung. Wir sind alle Sünder und dürfen einander nicht verurteilen. Am heutigen Sonntag geht es um die Gemeinde der Sünder, die nur von Gott freigesprochen werden kann. Denn das wollen wir ja auch sagen: Gerade in Ehesachen sind unsre oft freizügigen Auffassungen vom Glauben her nicht vertretbar. Wir können vielleicht Verständnis dafür haben, daß ein Mensch einmal eine schwache Stunde hat. Vielleicht ist ihm in der Ehe das erhoffte Glück versagt geblieben, vielleicht hat er sich in den Menschen getäuscht. Wir müssen die Macht der Versuchung mit einkalkulieren.

Aber sollen wir die Normen ändern, nur weil es alle so machen? Soll man über die eheliche Treue anders denken, nur weil es so viele Ausbrüche aus der Ehe gibt? Wenn viele etwas falsch machen, wird es noch nicht richtig, und es ist auch kein Grund, es zu dulden. Jesus ermäßigt die Forderungen Gottes nicht und gibt nicht für die Sünde grünes Licht. Aber er entzieht den Anklägern das Recht, einem Menschen im Namen Gottes das Leben abzusprechen oder auch nur ihn von den anderen zu isolieren, weil er schuldig geworden ist.

Die Sünde der Frau wird nicht geschmälert. Jesus verharmlost die Sache nicht und sagt nicht: Das ist nicht so schlimm, die anderen tun das ja auch! Die Schuld wird nicht vertuscht, sondern offen genannt. Aber es geht nicht darum, daß einem Gesetz Genüge getan wird, sondern daß einem Menschen in auswegloser Situation eine Hilfe angeboten wird. Das Leben dieser Frau wird nicht zerstört, sondern Jesus ermöglicht ihr einen neuen Anfang und gibt ihr neue Möglichkeiten zum Leben.

Wir wollen die Ankläger nicht abwerten. Sie sind wirklich Hüter der Ordnung. Wie anders sollte in einer Gemeinschaft das Leben geschützt werden als durch Ordnung? Nur ist Ordnung nicht Selbstzweck, sie darf nicht zur Vernichtung des Lebens führen. Es mag sein, daß diese Ankläger wirklich eine bessere Gerechtigkeit haben, nach bürgerlichen Moralbegriffen bessere Menschen sind. Aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht, lieblos über andere zu urteilen. Vielleicht haben sie es nur leicht gehabt, ohne Strafpunkte über die Runden zu kommen. Vielleicht waren sie nicht solchen Versuchungen ausgesetzt und haben nicht unter so ungünstigen Bedingungen laufen müssen wie diese Frau.

Jesus hebt diesen ganzen Zusammenhang zwischen Sünde und Gesetz, Urteil und Strafvollzug aus den Angeln. Er ist an all diesen Fragen und Maßnahmen nicht interessiert, weil er in ganz anderen Zusammenhängen denkt. Für ihn ist wichtig, daß das Reich Gottes kommt. Da entsteht eine neue Welt. Was will man da noch eine arme Schuldiggewordene zu 'Tode steinigen und über das Recht diskutieren? Jetzt schlägt doch eine ganz andere Stunde!

Jesus blickt einfach nach unten und schreibt mit dem Finger in den Sand. Er beachtet die Ankläger nicht mehr und gibt ihnen damit die Möglichkeit, unauffällig fortzugehen. Schweigend nehmen auch sie Jesu Verzeihen in Anspruch. Und so kann auch Jesus dieser Frau dasselbe Verzeihen gewähren. Er tat das nicht, damit sie weiter sündigen konnte, sondern um ihr einen neuen Anfang zu ermöglichen.

Jesus ist der einzige, der tatsächlich ohne Sünde ist und deshalb der ersten Stein werfen dürfte. Aber er sagt nur ganz schlicht: „So verurteile ich dich auch nicht!“ Die anderen Richter waren nicht zuständig. Sie sind selber Sünder und dem Gericht Gottes verfallen und können deshalb keine Richter sein. Sie können es aber auch nicht sein, weil mit dem Kommen Gottes sowieso das Ganz - Andere anbricht.

In Gottes Reich aber werden die Sünder angenommen und freigesprochen. Dabei spielt keine Rolle, gegen welches Gebot man verstoßen hat.

Jedes wiegt gleich schwer. Urd wir sollten nicht nur das sehen, was man allgemein als erste Sünde ansieht, nämlich was mit Ehe und Ehebruch zu tun hat. Vor allen Dingen macht Jesus auch deutlich, daß Männer und Frauen hier in gleicher Verantwortung stehen. Denn seit den Juden bis heute hat sich bei vieler doch so die Meinung erhalten, daß sich Männer auf sexuellem Gebiet mehr erlauben können als Frauen. Das aber geht seit Jesus nicht mehr. Jesus verzeiht bedingungslos.  Welche Vorleistung hätte die Frau auch erbringen können? Es ist allein die große Barmherzigkeit und Sünderliebe Gottes, die eine Verlorene rettet.  Aber sie wird auch gleichzeitig verpflichtet: Sie soll in Zukunft nicht mehr sündigen. Das ist nur nicht eine noch nachträglich zu erfüllende Bedingung für den Freispruch. Sie soll vielmehr sagen: „Der hat mir das Leben gerettet und mich von meiner Schuld entlastet, jetzt will ich auch für ihr leben!“

Die große Barmherzigkeit Gottes, wie Jesus sie praktiziert, verändert das Leben, auch unser Leben. Wir dürfen erfahren, daß Gott uns angenommen hat. Aber wir sollten auch bereit sein, den anzunehmen, der ein Sünder ist wie wir.

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis: Lk 14, 25 - 33 (Variante 1)

Es gibt auch noch heute katholische Mönchs- und Nonnenorden, die von ihren Gliedern die völlige Trennung von der Familie verlangen. Sie erhalten einen neuen Namen und dürfen Besuch der Familie nur in äußersten Notfällen empfangen. Und selbst wenn einmal ein Treffen stattfindet, dann sind die Gesprächspartner durch ein Gitter voneinander getrennt. Wer Mönch wird, hat sein bisheriges Leben hinter sich gelassen und auch die Bindungen an die Familie aufgegeben, weil allein Christus im Vordergrund stehen soll.

Es gibt auch evangelische Klöster mit ähnlich strengen Regeln. Und in den  Diakonissenmutterhäusern darf man während der Ausbildung auch kaum heimfahren. Manchmal stehen dann Eltern und Geschwister der Entscheidung für so eine Sache verständnislos gegenüber. Man kann ja selbst Martin Luther als Kronzeugen anrufen gegen das Mönchtum. Er hat ja eine entlaufene Nonne geheiratet und damit vor aller Welt mit dieser Ordnung der alten Kirche gebrochen.

Die heutigen klosterähnlichen Gemeinschaften tun ihren Dienst meist in der Welt. Die Mitglieder sind Lehrer oder Landwirte oder Kinderdiakoninnen. Aber die alten Ideale von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam halten sie aufrecht. Und auch die radikale Trennung von der Familie gehört dazu.

 

1. Wer Jesus nachfolgen will, riskiert die Seinen: Schreckt Jesus nicht diejenigen unnötig ab, die doch bereit sind, ihm zu folgen? Müßte man die Menschen nicht allmählich und behutsam an das Verständnis des Evangeliums und an die Folgen des Christseins heranführen? Müßte man die Härte der Forderung nicht in kleine Dosen verpacken, um nur ja niemanden zu verprellen?

Jesus hat es jedenfalls anders gemacht. Natürlich hat er weitherzig gedacht und gerade die Gescheiterten und Verachteten mit Güte aufgenommen. Nur macht er eben auch deutlich: Schleuderware ist das Evangelium nicht. Er konnte nicht nur das sagen, was sie alle gern hörten. Und er wollte nicht nur das verlangen, was sowieso keinen stört und auf der bisher eingehaltenen Linie liegt.

Damals bedeutete der Anschluß an Jesus unter allen Umständen einen harten Bruch mit dem bisherigen Leben. Wer mit Jesus ging, der mußte Haus und Familie, Beruf und Freunde sein lassen und sich auf eine ungewisse Zukunft einlassen. Sie mußten wählen zwischen Jesus und seiner Sache und den Menschen, zu denen sie bisher gehörten. Jesus wollte den Konflikt mit den Mitmenschen nicht. Aber er wußte, daß er nicht ausbleiben würde.

Er hat sich auch bei keinem angebiedert. Es gab ja damals Gruppen, die die Römerherrschaft beenden wollten. Andere wollten die Ausbeutung der Armen überwinden. Jesus hätte sich nur den Wortschatz dieser Leute aneignen brauchen, dann hätte er eine große Schar von Mitläufern gewonnen. Aber das entsprach nicht dem Auftrag seines himmlischen Vaters. Er wollte nicht Mitläufer, sondern Menschen, die ihm auf Grund einer freien und wohlüberlegten Entscheidung folgen wollten.

Wenn junge Leute einen kirchlichen Beruf ergreifen wollen, dann trifft das oftmals bei den Eltern auf keine Gegenliebe. Sie gehen vielleicht zu Weihnachten oder zu besonderen Anlässen in die Kirche, sie sorgen auch dafür, daß die Kinder getauft und konfirmiert werden, aber das soll dann auch genügen. Wenn einer die Sache so ernst nimmt, daß er sogar selber ein Zeuge Jesu Christi sein will, dann ist das doch überspannt.

Und dann muß man sich eben entscheiden. Dann zeigt sich, was stärker ist: die Liebe zu Jesus oder ein konfliktloses Verhältnis zu den Eltern! Je lieber man die Eltern hat, desto schwerer wird die Entscheidung. Aber sie dürfen uns nicht hindern, an Jesus zu glauben oder mit ihm zu gehen. Manche Eltern haben es schon bereut, daß sie so großzügig waren und ihr Kind beim Krippenspiel oder beim Kindergottesdienst haben mitmachen lassen. Da ist dann oft eine feste Bindung an Jesus draus geworden, die den Eltern dann gar nicht mehr recht war und zu Konflikten führte.

Das Wort „hassen“ ist in diesem Zusammenhang beschwerlich. Jesus hat doch selber gefordert, wir sollten Vater und Mutter ehren! Aber es geht natürlich nicht um Vergeltung oder geringschätzige Abwertung. Gemeint ist das Zurücktreten der persönlichen Beziehungen, weil man eine neue Bindung eingegangen ist. Jesus möchte, daß wir wissen, was wir tun, wenn wir Christen werden. Für solche, die nichts einzusetzen bereit sind, ist das Christsein nichts. Dazu kommt noch ein Zweites:

 

2. Wer Jesus nachfolgen will, riskiert das Seine: Wenn man Jesus nachfolgt, dann kommt man in Konflikte, die man nicht absichtlich gesucht hat. Aber man wird auch etwas zurücklassen müssen, das einfach um des neuen Auftrags willen nötig ist. Weil Gott den einen oder anderen anderswo braucht, muß er das Seine verlassen. Und dabei kann es sein, daß nicht nur um der Aufgabe willen, sondern auch um unsrer selbst willen, manches über Bord gehen muß. Nachfolge ist kein Zuckerlecken, sondern eine harte Sache.

Es wird nicht erwartet, daß wir alles Gute und Schöne von uns weisen. Es ist uns ja von Gott gegeben und niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er es gebraucht. Der ewigreiche Gott hat kein Interesse daran, uns zu armen Leuten zu machen. Aber es darf nicht sein, daß die Dinge uns besitzen, die wir eigentlich besitzen sollten. Das wäre aber der Fall, wenn wir von ihnen abhängig würden.

Täuschen wir uns nicht: Wir sind in hohem Maße schon abhängig! Wo haben wir noch die Freiheit zum einfachen Leben. Vielleicht bringen wir es noch einmal während des Urlaubs zustande. Aber hinterher sind wir wieder froh, elektrisches Licht und Kühlschrank und Fernsehapparat zu haben. Das wirtschaftliche Ziel heißt „Wachstum“: Wenn immer mehr produziert wird, werden die Arbeitsplätze gesichert und die Bedürfnisse der Bevölkerung immer besser befriedigt.

Doch je besser es uns geht, desto größer wird die Sorge, es könnte uns etwas entgehen, was wir auch noch haben könnten. Je mehr wir aber haben, desto mehr Energie verbrauchen wir und desto mehr Abfall produzieren wir. Damit tragen wir selbst zu den Weltproblemen der Zukunft bei. Wo sind denn die Menschen, die an sich selbst trainieren und es anderen vorleben: Es geht auch „ohne“.

Verzichten heißt nicht nur, etwas verlieren, sondern es bedeutet auch ein gewinnen. Am Ende einer Sparperiode steht eben das Auto in der Garage oder der Farbfernseher in der Stube. Und der Leistungssportler, der lange und hart trainiert hat, wird am Ende Sieger in einem Länderkampf oder gar bei den  Olympischen Spielen. Wenn wir uns für Christus einsetzen, werden wir vielleicht auf einiges verzichten müssen. Aber wir gewinnen auch einiges, und das wiegt meist schwerer als das, worauf wir verzichtet haben.

Unser Opfer an Geld sollte mehr sein als ein Trinkgeld. Es könnte uns aber Freude machen, wenn wir hören, welche Not mit unserem Geld gelindert werden konnte oder welche wichtige Arbeit die notwendige Unterstützung erhielt.

Mit dem Opfer an Zeit ist es schon schwieriger. Jeder ist heute stark ausgelastet. Und doch kann es froh stimmen, wenn wir bei Krankenbesuchen in der Gemeinde helfen und dabei erleben, wie Leid im Glauben getragen wird. Da könnten wir aus der Haltung des Hörers und Verbrauchers herauskommen, der nichts aus seinem Glauben heraus tut.

Das Opfer des Berufs will besonders genau überlegt sein. Und doch haben Menschen schon gutbezahlten Stellungen aufgegeben und einen Dienst in der Gemeinde übernommen. Aber wer vorher nur an der Maschine stand oder auf dem Büro Zahlenkolonnen schrieb, empfindet nun große Befriedigung bei der Arbeit mit Menschen. Auch wenn man vielleicht eine kleine finanzielle Einbuße erleidet oder Aufstiegsmöglichkeiten ausgeschlagen hat, viel wichtiger ist doch, was man selbst dabei gewonnen hat.

Natürlich genügt ein einmaliges geistliches Strohfeuer nicht. Das muß man denen sagen, die vielleicht bei einer Evangelisation „entflammt“ wurden und nun meinen, jetzt sei alles gelaufen. Man darf die eigenes geistliche Kraft nicht überschätzen und auch die äußeren Schwierigkeiten nicht unterschätzen. Jesu Vergleiche mit dem Bauherrn und dem König, der Krieg führt, machen das deutlich. Enttäuschungen bleiben nicht erspart.

Die einmalige Entscheidung ist noch nicht eine Entscheidung ein für allemal, bestenfalls eine erstmalige Entscheidung. Gott kann seiner Gemeinde auch Ruhe und Frieden geben. Aber wenn er uns braucht, dürfen wir nicht hinter dem Ofen hocken. Vielleicht müssen wir nicht nur andere Menschen oder bestimmte Sachen aufgeben, sondern auch uns selbst.

Wir brauchen keine Angst zu haben, die ganze Wahrheit werde von den Menschen nicht angenommen und man täte gut daran, nur die halbe Wahrheit zu sagen und leiser zu treten. Eher sollten wir Angst haben, wir könnten ihnen verschweigen, wie lohnend der Start nach vorn ist. Jesus will uns nichts nehmen, sondern in Wirklichkeit will er geben. Es besteht kein Grund zur Sorge, wir könnten bei ihm zu kurz kommen.

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis: Lk 14 , 25 - 33  (Variante 2)

Auch in der Kirche von heute gibt es das, daß die Leute zusammenlaufen, aus Neugier oder um sich begeistern zu lassen. So eine Fahrt ins Ausland oder ein Jugendsonntag oder ein Spiel in der Kirche, das ist schon etwas, an dem man sich begeistern kann. So etwas erlebt man

nicht alle Tage, da lernt man einmal Menschen von außerhalb kennen, man spürt den Duft der großen weiten Welt, da ist es sogar einmal in der Kirche interessant und man denkt: „Wenn das doch immer so wäre, da würde ich viel lieber mitmachen!“ Aber dann kommt wieder der gewohnte Alltag, wo uns der ganze kirchliche Betrieb wieder zum Halse raus hängt: „Warum geht es denn bei den anderen?“denkt man, „und nicht auch so bei uns?“

Jesus hat das vielleicht auch gespürt, wie schnell sich die Menschen begeistern lassen. „Brot und Spiele,“ sagten damals die Römer, „die stellen die Menschen schon zufrieden!“ Auch Jesus hatte oft eine große Zuhörerschar, über Kilometer weit sind sie ihm nachgelaufen, um den berühmten Mann zu hören. Doch dadurch sind sie noch nicht zu Jüngern geworden. Jesus schlägt ihnen einen nassen Lappen ins Gesicht mit dem knallharten Satz: „Wer nicht Vater und Mutter, Frau und Kind, Bruder und Schwester und sein Leben haßt, der kann nicht mein Jünger sein!“

Das ist doch eindeutig gegen das vierte Gebot der Elternliebe und gegen das Liebesgebot. Sogar die Feinde sollen wir lieben, und nun heißt es: Frau und Kind sollen wir hassen! Das sage man einmal einem Jungverheirateten, der eben erfahren hat, daß seine Frau ihm einen Sohn geboren hat. Es steht auch eindeutig „hassen“ hier und nicht etwa nur „links liegenlassen“ oder „verachten“. Wir müssen also bereit sein, auch die Menschen zu hassen, die uns am liebsten sind.

So ganz aus der Luft gegriffen ist diese Aufforderung aber nicht, wenn wir uns einmal überlegen, wie es manchen Kindern in ihren Familien geht: Sie möchten gern zur Kirche gehen, weil sie nun einmal getauft sind, doch die Eltern sind der Kirche inzwischen entfremdet,

vielleicht sogar aus der Kirche ausgetreten. Und nun kämpft dieses Kind ständig zwischen der Achtung vor den Eltern und dem Wunsch, mehr über das zu hören, was da in der Taufe an ihm geschehen ist. Die Eltern kaufen ihm keine Bibel, die muß es sich selber verdienen durch Gelegenheitsarbeiten. Es möchte sich nicht verkrachen mit den Eltern, von denen es doch noch abhängig ist, aber es möchte sich auch nicht abbringen lassen von der Nachfolge Jesu. Soll es da nicht beginnen, die Eltern nicht mehr zu lieben?

Oder denken wir umgekehrt an die Frau, deren Mann gegen die Kirche ist. Er mag sich sonst noch so gut mit seiner Frau verstehen, aber wegen des Religionsunterrichts der Kinder gibt es Krach, weil Mann und Frau eine verschiedene „Weltanschauung“ haben, wie das dann so heißt, weil die Frau noch nicht auf dem richtigen „ideologischen Bewußtsein“ ist. Kommt da nicht - ohne daß sie es wollen - ein Bruch in das Verhältnis zwischen beiden?

Jesus sagt: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der kann nicht mein Jünger sein!“ Begeistern lassen kann man sich schnell. Als vor vielen Jahren der amerikanische Evangelist Billy Graham in Berlin sprach, da kamen die Leute sogar bis aus Dresden, um ihn zu hören. Er forderte dann alle auf, die in diesem Augenblick in Jesus ihren Heiland gefunden haben, die sollten nach vorne zum Rednerpult kommen. Und dann kam auch immer eine ganze Reihe. Aber eine einmalige Entscheidung ist noch keine Entscheidung ein für allemal. Es konnte sich da - meist von der ganzen Stimmung angesteckt - nur um eine erstmalige Entscheidung handeln.

Aber zu Hause in Dresden, wo der Regen durchs Kirchendach tropft, wo die Leute so kirchenmüde und resigniert sind, wo man auf keine Gleichgesinnten trifft, da muß man sich immer wieder neu entscheiden, ob man dabeibleiben will. Und dann kann es auch sein, daß man dafür leiden muß.

Manche Leuten fordern ja, man müsse Tag und Stunde seiner Bekehrung wissen. Sie denken dann, damit sei alles erledigt. Bekehrung und Nachfolge sind schwerer. Dazu gehört eben auch, daß man notfalls seine nächsten Angehörigen haßt und dafür dann auch die Folgen trägt.

Damit ist aber nicht blinder und boshafter Haß gemeint. Wir sagen nicht: „Tragt den Haß in jedes Herz!“ sondern: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen!“ Wir säen nicht Haß in die Welt, weil uns das Spaß macht, aber um der Wahrheit des Evangeliums willen müssen wir auch einmal hart sein und uns abwenden von denen, die uns von Gott abhalten wollen.

Wie weit die Nachfolge gehen muß, zeigt etwa Rolf Hochhuths Schauspiel „Der Stellvertreter“, das in der Zeit der Naziherrschaft spielt. Dort gibt der Pater Ricardo seine mögliche Karriere als Diplomat des Vatikan auf, heftet sich den Davidsstern an und wird nach Ausschwitz verschleppt, wo er einen scheinbar sinnlosen Tod stirbt. Es ging ihm nicht um ein eilfertiges Heldentum oder eine gedankenlose Begeisterung. Aber er wußte, daß sein Platz bei den Verfolgten war, auf der Seite der Erniedrigten und Beleidigten. Gegen den Willen seiner kirchlichen Obrigkeit und seines Vaters stellt er sich zu den zu schimpflichem Tod Verurteilten. Damit wird er zum wahren Stellvertreter, der der Papst nicht hatte sein wollen.

Doch Jesus fordert uns immer wieder auf: „Überleg es dir genau! Ein halber Anfang ist schlimmer als überhaupt kein Anfang!“ Wer nur das Fundament legt und hat dann kein Geld mehr für den Turm, den lachen die Leute aus. Und wer Krieg anfängt, der überlegt sich,

ob er sich dann nicht selber dem Gegner auf Gnade und Ungnade unterwerfen muß. Wir müssen uns das schon genau überlegen, ob wir durchhalten werden, wenn wir uns zur Kirche halten, im Chor mitsingen, konfirmiert werden oder im Alltag ein echter Christ sein wollen. Wer „A“ sagt, der muß auch „B“ sagen, wer einmal dazu gehört, muß auch dabei bleiben. Die Nachfolge bringt nicht eitel Wonne und Freude, sondern auch Blut und Tränen und Schmerz: Mitläufer sind noch keine Nachfolger ! Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir, der kann nicht mein Jünger sein!

Wer einmal dazu gehört, der muß auch konkrete Verpflichtungen übernehmen. Wir müssen uns nüchtern einstellen auf den nicht leichten Weg mit Jesus und müssen auch schon vorausdenken. Und wir müssen bedenken, wie die Nachfolge im einzelnen in unserem Leben aussehen könnte. Wer einmal dazu gehört, muß sich auch in seinem ganzen Leben danach verhalten.

Allerdings sollten wir uns auch nicht so viel Sorgen machen, ob wir denn wirklich werden durchhalten können. Luther hat sicher nicht geahnt, was er mit dem Thesenanschlag in Wittenberg anzettelte. Aber er hat es um der Wahrheit des Evangeliums willen gewagt und

ist auch dabei geblieben, obwohl ihm die Todesstrafe drohte. Wer einmal angefangen hat und dabei bleibt, der steht unter dem besonderen Schutz Gottes, der uns alle als seine Nachfolger beschützt und erhält.     

 

 

6. Sonntag nach Trinitatis: Jes 43, 1 - 7

Vom ersten Tag unsres Lebens an kennen wir die Furcht. Bei einem kleinen Kind ist das noch unbewußt;  aber nachher wissen wir sehr genau, was für uns gefährlich werden könnte. Auch erwachsene Menschen haben oft Furcht vor bestimmten Dingen. Das mag tröstlich sein für Kinder, die besonders leicht von Furcht befallen werden, weil sie die Gefahren noch nicht so richtig abschätzen können. Und wer als Erwachsener furchtsam ist, der sollte sich sagen: „Die anderen, die immer so überlegen und sicher tun, die kennen auch die Furcht!“

Es gibt kein Menschenleben ohne Furcht. Viele fürchten um den Arbeitsplatz, die Gesundheit oder das Vorankommen ihrer Kinder. Auch bei dem Gedanken an Krieg und Massenvernichtungsmitteln wird uns beklommen ums Herz. Vielfach gibt es auch nur eine unbestimmte Angst vor einer unbekannten Gefahr, von der wir nicht wissen, ob und wann sie auf uns zukommt und wie sie aussieht.

Aber nun sind wir doch Christen und haben einen Herrn, der über allem steht. Er sagt doch ausdrücklich: „Fürchte dich nicht!“ Da dürften wir doch Furcht gar nicht kennen. Leider ist das nicht so. Auch wir fürchten, einmal etwas Unrechtes zu sagen oder unangenehm aufzufallen. Wir kommen in das Kreuzfeuer unangenehmer Fragen, gerade wenn es um Glaubensdinge geht. Oder wir werden aufgefordert, zu einem heiklen Problem öffentlich Stellung zu nehmen. Da kann es schon sein, daß uns das Wasser bis zum Hals zu stehen scheint.

Feuer und Wasser sind die Elemente, die unser Leben am meisten gefährden. Im Wasser kann man ertrinken, so wie nach der Bibel am Anfang der Welt die ganze Schöpfung wieder im Wasser zu versinken drohte, als die Schleusen des Himmels sich öffneten. Und das Feuer verbrennt alles, was nicht widerstandsfähig genug ist und wird auch am Ende der Welt alles Widergöttliche verrichten.

Es gehört zum Menschenleben mit dazu, daß man durch Wasser und Feuer hindurch muß. Es gibt eben äußere Schwierigkeiten und Hindernisse, alles was uns gefährlich werden kann und unser Wohl mindert und uns Angst einflößt. Es gibt Ärger und Feindschaft, es gibt Krankheit und Tod. Da wird man an das Krankenbett eines Verwandten oder Bekannten geführt. Ein Mensch der Erfolg hatte, der es zu etwas gebracht hat, der ein unbeschwertes und begehrenswertes Leben hatte. Aber nun ist die Erfolgskurve plötzlich und unerwartet abgebrochen und ein Mensch muß leiden und sterben und wir können nicht helfen.

Hier kann auch ein Christ nicht unberührt bleiben. Hier kann ihn auch das kalte Grauen befallen, weil Krankheit und Tod so unbarmherzig und wahllos dreinschlagen. Wer meint, er käme ohne Belastunger und Gefährdungen durchs Leben, der ist ein Träumer. Und wer nur allem

aus dem Weg gehen und sich schonen will, der verpaßt sein Leben. Es ist uns nicht versprochen, daß wir vor gefährlichen Situationen bewahrt werden. Wir müssen auch als Christen die Begebenheiten unseres Lebens realistisch sehen. Aber wir sollten doch nicht zu der Folgerung kommen: „Von Gott keine Spur!“

Wir dürfen gerade in dieser Welt auch ein Wort des Trostes hören. Der Prophet Jesaja deckt allerdings auch den Hintergrund für die Klage des Volkes auf. Er sagt: „Nicht Gott ist taub, so daß er eure Klagen nicht hört, sondern ihr wart taub für ihn und ihr seid es noch. Deshalb kam das Gericht Gottes über euch. Aber nun hat Gott beschlossen, euch wieder herauszuhelfen aus der Not; denn ihr habt erkannt, wie ihr da hineingekommen seid.

Nur auf diesem Hintergrund kann man die Heilszusage des 43. Kapitels recht verstehen. Hier wird kein billiger Trost und keine billige Gnade verteilt, sondern hier steckt ein Volk noch mitten im Unheil. Aber der Prophet darf schor mit großer Gewißheit das kommende Heil ansagen. Das „Fürchte dich nicht!“ ist keine Formel, mit der man den Mut eines Verzagten wieder wecken will. Hier kommt vielmehr der Wille Gottes zur Rettung zum Ausdruck, der das Unglück nicht mehr länger mit ansehen kann.

Gott hat sein Volk losgekauft und erlöst. Wenn ein Israelit wegen Schulden ins Gefängnis kam, dann war seine Verwandtschaft verpflichtet, ihn wieder auszulösen. Diese Rolle übernimmt Gott in Bezug auf sein Volk Israel. Der Perserkönig wird Israel freigeben und dafür seine Hand auf die Länder am Nil legen.

Als Christen wissen wir allerdings noch von einem ganz anderen Lösegeld. Gott hält an dem Gesetz der Stellvertretung fest. Aber er gibt nicht mehr andere Völker hin, sondern seinen eigenen Sohn. Für unsre Freiheit wurde ein hoher Preis gezahlt. Aber damit sind auch alle Mächte besiegt, die uns nach dem Leben trachten, bis hin zu dem letzten Feind, dem Tod. Gott legt die letzte Hand auf uns.

Deswegen gibt es auch keine hoffnungslose Situation für uns. Weil wir zu Gott gehören und er uns durch das Blut seines Sohnes erlöst hat, sind wir unverletzlich. In der Nibelungensage wird von Siegfried erzählt, der sich im Blut des Drachen gebadet hat und dadurch unverwundbar wurde. Nur auf eine Stelle war ein Lindenblatt gefallen. Das war seine schwache Stelle, hier war er gefährdet, hier wurde er letztlich dann doch getroffen und büßte sein Leben ein.

Ist Gott aber bei uns, dann gibt es nicht einmal dieses winzige Loch im Panzer. Der Grund für dieses Handeln Gottes ist auch genannt. Er sagt: „Weil ich dich liebhabe!“ Liebhaben ist etwas für beide Teile. Es geht nicht nur darum, daß wir erlöst werden und es uns wieder gut geht. Gott geht es auch um seine Ehre und um seinen Namen, wenn er uns aus der Gefangenschaft freikauft. Und er verstößt uns deshalb nicht in unserer Schuld, weil er hofft, daß wir ihn nun wiederlieben werden.

Mit den Worten: „Ich habe dich lieb! Du giltst viel in meinen Augen, deshalb bist du so herrlich!“ hat Gott auch uns zu seinen Kindern erwählt. Allerdings sind wir nicht deshalb Gottes Kinder, weil wir zu einem auserwählten Volk gehören, sondern weil Jesus Christus für jeden von uns gestorben ist und ihn erlöst hat. Zur Zeit des Alten Testaments fielen Volk und Gemeinde Gottes noch zusammen. Im Neuen Testament dagegen ist die Kirche das auserwählte Volk, die Gemeinde aus allen Völkern. Der Prophet konnte nur sagen: „Herrlicher als die Herausführung aus Ägypten wird die aus Babylon sein!“

Aber auch diese wurde überboten durch die Befreiung stät Jesu. Vor ihm gilt erst recht: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ Man spricht hier von einem prophetischen Perfekt: Die äußerer Umstände haben sich noch nicht geändert, aber die Befreiung ist schon perfekt und kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. Aber Gott hat sogar noch Größeres vor. Daran denken wir, wenn wir beten: „Dein Reich komme!“ Das Ziel und das Lösegeld wird immer höher und wertvoller. Aber Gott treibt diesen Aufwand um unsertwillen.

Allerdings gilt dieses Prophetenwort ursprünglich dem Volk Israel. Aber es gilt auch sicher einem Einzelnen, sofern er zum Volk Gottes gehört. Deswegen paßt es auch gut zu einem Sonntag wie dem heutigen, an dem wir an unsere Taufe erinnert werden sollen.

Wer von uns weiß denn Tauftag und Taufspruch? Namen, Geburtstag, Hochzeitstag vergessen wir nicht. Warum nicht auch  an den Tag der Taufe denken, das ist mindestens ebenso wichtig. An sich können wir an jedem Tag des Jahres an unsere Taufe denken, aber einmal im Jahr ausdrücklich den Tauftag begehen (in aller Stille), das wäre nicht schlecht.

Damals hat uns Gott ja auch bei unserem Namen gerufen und gesagt: „Du bist mein!“ Doch wir dürfen das nicht so auffassen, als stünde Gott allein über meinem Einzelleben, als sei ich nur als Einzelner mit Christus verbunden und dadurch in das Auferstehungsgeschehen mit hineingezogen. Er hat uns ja beim Namen gerufen, damit wir zu seinem Volk gehören.

Für viele ist die Taufe die Garantie für unfallfreies gesundes Leben, reibungsloses Schicksal, behütete Kindheit, erfolgreicher Aufbau der Existenz, Glück in Familie und Freundschaft. Aber es geht nicht nur um uns, sondern um die Eingliederung in das Volk Gottes.

Aber halten wir uns denn wirklich zu seiner Gemeinde? Gott hat uns doch deshalb beim Namen gerufen, damit wir auch kommen. Wenn Eltern ihr Kind von der Straße hereinrufen, dann rufen sie das Kind beim Namen, damit es auch genau weiß: Jetzt bin ich gemeint!

Deswegen wird ja bei der Taufe ausdrücklich der Name des Täuflings genannt, damit klar ist: Dieser Mensch, der so und so heißt, wird jetzt mit Gott verbunden und in seine Gemeinde aufgenommen. Die Taufe ist nicht dazu da, damit einer einen Namen erhalten kann, wie man das immer noch hören kann. Gott gibt keinen Namen und die Taufe ist keine Namensgebung. Schon am Anfang der Bibel gibt der Mensch seinen Kindern den Namen. Und so suchen auch heute die Eltern der Namen für das Kind aus. Es wird auch bei der Taufe nicht mehr gefragt: „Wie soll das Kind heißen?“ sondern Eltern und Paten werden aufgefordert: „Nennt den Namen des Kindes!“ Gott gibt keine Namen, aber er ruft uns beim Namen.

In unserer Massengesellschaft ist es wohltuend, wenn man weiß: Gott spricht mich mit meinem Namen an. Gott gibt sich Mühe mit jedem von uns und macht ihr nicht zu einer bloßen Nummer. Deshalb wird auch bei jeder kirchlichen Handlung an einem Einzelnen der Betref­fende mit seinem Namen angeredet. Dadurch sollen er selber und die Anwesenden merken: „Gerade dich meint Gott jetzt in diesem Augenblick!“ Du bist ihm in deiner Eigenart wichtig, dich findet er liebenswert.

Gott hat uns ja geschaffen, damit er auch nachher mit uns in Verbindung bleiben kann. Und um einen rufen zu können und mit ihm sprechen zu können, muß man seinen Namen wissen. Der Name macht auch unverwechselbar und zeigt an, wohin und zu wem wir gehören.

Viele zweifele schon an, daß Gott uns geschaffen hat. Sie sagen: „Wie Kinder gemacht werden, das wissen wir doch genau! Wie kann da Gott seine Hand mit im Spiel haben?“ Aber viele haben auch keine Kinder, obwohl sie sich welche wünschen. Und andere verlieren sie

wieder in jungen Jahren an den Tod. Kinder sind schon ein Geschenk Gottes. Er hat sie erschaffen, wenn auch mit menschlicher Hilfe. Und dann nimmt er sie in der Taufe zu seinen Kindern an. Wir sind zwar alle Geschöpfe Gottes, aber Kinder in diesem Sinne nur durch die Taufe.

Er ruft auch heute nach aller vier Himmelsrichtungen: „Kommt doch her, die ich geschaffen und mit meinem Namen genannt habe!“ Gott vergißt keinen Einzigen. Er will sie alle bei sich haben, selbst die,  die noch nicht dazu gehören, aber schon von ihm geliebt werden.

Gott hat uns in der Taufe seinen Namen gegeben, hat gesagt: „Du bist ein Christ!“ Darauf können wir uns ein Leben lang verlassen und können furchtlos der Welt und ihren Argriffen gegenübertreten. Niemand kann uns die Gabe der Taufe wieder nehmen. Wir brauchen

uns nicht zu fürchten vor dem, was kommen mag - heute nicht und bis in alle Ewigkeit. Denn Gott hat über uns gesagt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

 

 

7. Sonntag nach Trinitatis: Lk 9, 10 - 17

Wenn man fragt, welches wohl für die meisten Menschen die wichtigste Bitte im Vaterunser ist, dann wird die Antwort wohl sein: „Die Bitte um das tägliche Brot!“ Das ist eine ehrliche Antwort, die sicher auch der Wirklichkeit entspricht. Unter dem täglichen Brot ist ja nicht nur das Brot zu verstehen, das es beim Bäcker gibt, sondern das ist ja weit umfassenderes gemeint: Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung, Arbeit und Urlaub, Glück und Zufriedenheit, bis hin zum Frieden in der Welt.

Der heutige Predigttext stellt Jesus vor als den Heiland der Seele  u n d des Leibes. Die Jünger sind gerade von einer großen missionarischen Aktion zurückgekommen, eine Verschnaufpause wäre ihnen eigentlich zu gönnen gewesen. Doch Jesus beginnt sein Handeln an den Menschen damit, daß er ihnen auch wieder predigt. Er beschäftigt sie mit der Frege, wie Gott in der Welt und in ihrem Leben endlich zur Herrschaft kommt.

Die Dringlichkeitsskala der Menschen sieht meist anders aus, auch die Praxis der Frommen. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“sagt Brecht. Und wir denken: Erst einmal unsere Pflicht, dann das mit Gott. Zuerst muß man einmal leben können. Und wenn das gesichert ist, dann kann man auch einmal an den lieben Gott denken, wenn man will.

Natürlich wäre es grausam, die hungernden Menschen in den unterentwickelten Ländern nur geistlich trösten zu wollen. Wenn in so elementarer Weise die Sorge um das tägliche Brot drängt, dann kann man nicht aufnahmebereit sein für die Botschaft Gottes. Aber bei aller Entwicklungshilfe sollten wir ihnen auch nicht das geistliche Brot schuldig bleiben. Waffen allein tun es nicht, auch nicht Maschinen oder Weizen, sondern zu einem erfüllten Leben gehört auch das Wort Gottes.

Umgedreht kann man aber auch sagen: Wenn wir wirklich immer nach Gottes Reich trachteten, dann wäre es erst gar nicht zu dieser Not gekommen. Und wir hätten in der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht zu hungern brauchen ,wenn wir dem Verführer Hitler widerstanden hätten. Daß es Not in der Welt gibt, ist weitgehend Schuld der Menschen. Und wenn wir mehr auf Gott hörten, wäre vielleicht manches Problem in der Welt schon gelöst.

Nun gibt es aber Christen, die meinen ,die alltäglichen Dinge hätten in der Kirche nichts zu suchen. Jesus sei für den Himmel zuständig, nicht für die irdischen Angelegenheiten, es ginge um das ewige Heil und nicht um das tägliche Wohl. Die Kirche habe sich nicht um Rassismus und Hunger zu kümmern, der irdische Frieden sei Aufgabe der Politiker, die Weltereignisse gehörten nicht in die Predigt, seien sie beklagenswert oder lobenswert: Gottesdienst sei etwas anderes als eine Nachrichtensendung oder eine Pressekonferenz.

Diese Christen begrüßen es auch, wenn die Abkündigungen am Anfang des Gottesdienstes stehen, ehe es so richtig losgeht. Ebenso soll die Kollekte nur am Ausgang stehen, damit der eigentliche Gottesdienst getrennt wird von den Dingen, die zwar nötig sind, aber nicht zur Hauptsache gehören.

Doch immer wo wir vom Eigentlichen reden, von den „zentralen“ Anliegen des Glaubens, stehen wir in der Gefahr, die Zuständigkeit Jesu einzugrenzen. Da will man den Himmel säuberlich von der Erde trennen. Doch Jesus macht deutlich, daß er nicht nur für die „höheren Dinge“ zuständig ist. Seine Botschaft betrifft den ganzen Menschen, er nimmt auch die leiblichen Bedürfnisse und Nöte ernst. Zur Verkündigung tritt die Diakonie, zur Seelsorge die Leibsorge, zur Heilung der Beziehung zwischen Gott und Mensch tritt die Erneuerung der Beziehung der Menschen untereinander, zum religiösen Bereich kommt der soziale.

Die Geschichte ist aus der Sicht der Zeit nach Ostern erzählt. Da wirkt Christus zunächst nur im Wort. Der Vollzug dessen aber, was er gebietet, ist Sache der Jünger. Die Versuchung der Kirche ist aber schon immer gewesen, die Menschen zu entlassen und wegzuschicken. Jesus aber sagt: „Gebt i h r ihnen zu essen!“ Sie dürfen nicht abschieben, wo sie selber gefordert sind.

Natürlich gilt immer: E r macht es, aber er will es durch u n s tun! Seine Leute sind die Werkzeuge für sein Wirken. Sie sollen beispielhaft und zukunftweisend zu erkennen geben, was Gott mit allen Menschen vorhat. Im Handeln der Kirche ragt das Kommende schon anbruchsweise in unsere Welt hinein.

Doch die Ausrede der Jünger lautet wie so oft: „Wie sollen wir geben, wir haben ja selber fast nichts!“ Wenn Jesus nicht da wä.re, dann spräche die Wirklichkeit eindeutig für die Jünger, dann würden sie die Lage nur aufgrund der Tatsachen nüchtern einschätzen. Aber wo Jesus ist und wirkt, ist kein Grund, daß man aufgibt.

August Hermann Francke fand in einer bisher nur kärglich gefüllten Sammelbüchse eines Tages 4 Taler und 16 Groschen. Das war ein Kapital, von dem er etwas Rechtes stiften wollte. Er fing eine Armenschule damit an, aber daraus geworden sind die Francke‘schen Stiftungen in Halle, die heute noch bestehen.

Der Holländerin Corrie ten Boom war es gelungen, eine Flasche mit Vitamintropfen ins Konzentrationslager zu schmuggeln. Wochenlang gab sie den Frauen in ihrer Baracke ein paar Tropfen ab. Sie hatten alle den Eindruck, der Flascheninhalt würde kaum weniger. Als es dann den Häftlingen gelang, aus der Krankenstation Vitamintabletten herauszuschmuggeln, waren auch die Tropfen aufgebraucht.

Man muß erst einmal mit dem beginnen, was vorhanden ist. Jesus kann dafür sorgen, daß das bißchen doch weiter reicht, als man zunächst dachte.  Es kann sich doch noch ein Ausweg zeigen, wo zunächst nichts in Sicht war. Wir wissen nicht, wie es bei der Speisung zugegangen ist. Jesus sucht nur Verbindung zu seinem Vater, er spricht das Dankgebet für das Brot und die Fische, er reicht weiter. Denen, die er satt gemacht hat, ist nichts aufgefallen, so daß sie in Staunen oder Jubel hätten ausbrechen müssen. Hier gibt es nichts Sensationelles.

Wir sollten auch nicht vergessen, daß Jesu lebenserhaltenes Wirken auch in dem geschieht, was wir für normal halten. Natürlich geschieht auch viel menschliches Bemühen in der landwirtschaftlichen Produktion. Aber hinter allem und in allem vollzieht sich das Wirken

des Schöpferwillens Gottes, den wir an Jesu Tun ablesen können. Wenn es auf den Feldern wächst, dann teilen sich die Zellen im Korn, wie wenn Jesus von dem Brot abbricht und austeilt.

Aber noch wichtiger als die Gabe ist der Geber. Die Szene ist verständlicher in der nachösterlichen Zeit. Die Aufteilung in Gruppen zu je 50 Leuten wäre in der Wüste nicht sinnvoll gewesen. Aber in einer Gemeinde von 5.000 Menschen ist es gut, wenn man überschaubare Gruppen bildet, damit menschliche Verbundenheit untereinander entstehen kann. Wenn man bei Jesus bleiben will, kann man den Nebenmann zur Rechten und zur Linken nicht mehr

aus dem Spiel lassen. Für das Schicksal des anderen kann man sich aber nur interessieren im überschaubaren Kreis. Hier läßt sich der Hunger nach Liebe und Anerkennung und nach einem Sinn im Leben besser aussprechen und dann auch stillen.

Die Jünger sind dann für das Ganze verantwortlich. Sie teilen die Speise aus, die Jesus als der Gastgeber geschenkt hat. Wiederum ist hier vor Augen, wie der lebendige Herr auch heute in seiner Gemeinde gegenwärtig ist. Zu der Predigt kommt noch das Mahl, in dem man ihn selbst aufnimmt. Wir haben ihn in uns wie das Brot, das wir aufnehmen und das sich in Lebenskraft umsetzt.

Es geht dabei um einen Prozeß Nehmens und Gebens, von dem keiner ausgeschlossen ist. Wenn man immer nur geben müßte, ohne selber etwas zu empfangen, wäre das eine Überforderung. Ohne das  Weiterreichen aber bliebe das Abendmahl im Unverbindlichen. Die tätige Liebe braucht die Kraft vom Abendmahl her, sonst versandet sie.

Wenn geholfen werden soll, muß ein Helfer da sein, der selber durchhalten kann. Es wäre sicher gut, wenn wir bei jedem Abendmahl (vor allem bei dem heute zu feiernden) das Bild der Speisung der 5.000 vor Augen hätten: der Herr, der das Brot bricht - die Jünger, die austeilen - die Gemeinde, die empfängt und dabei von Jesus nicht nur das Irdische, sondern auch das Himmlische geschenkt bekommt.

 

 

8. Sonntag nach Trinitatis: Joh 9, 1 -7 (13-17 und 32-39)

Jedes Jahr kommen Tausende von Menschen bei uns durch Verkehrs- oder Arbeitsunfälle ums Leben. Wir erschrecken besonders, wenn es sich um einen Menschen handelt, den wir gekannt haben oder mit dem wir gar gut Freund waren. Meist handelt es sich ja nicht um alte Menschen, die ihr Leben schon gelebt haben, sondern um junge, lebensfrohe Menschen.

Wir fragen uns dann wohl auch: „Warum mußte es wohl gerade den treffen? Was hat er getan, daß er so hart gestraft wurde?“ Schon im Altertum hat man so gefragt. Und damals war man noch mehr der Überzeugung: Jedes Leiden deutet auf eine verborgene Schuld hin!. Und wenn einer von Geburt an blind war, dann ist das eine Strafe für eine Tat der Eltern, dann liegt die Schuld bei ihnen.

So denken jedenfalls auch die Jünger Jesu. Ihr Urteil über den kranken Menschen ist schon fertig, ehe sie sich noch näher mit ihm befaßt haben. Von Jesus erwarten sie, daß er den Blinden durchschaut und seine geheime Schuld ans Tageslicht bringt. Damit reagieren sie so wie wir alle. Sagen wir nicht auch, wenn einer verunglückt ist: „Warum mußte er auch so rasen!“ Wir legen den Finger auf die Fehler des anderen, um von dem ewigeren Versagen abzulenken.

Jesus aber lehrt - zumindest für dieser blinden Menschen - den Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde ab. Er wandelt die Warum-Frage in die Wozu-Frage: Der Mann ist nur deshalb krank, damit die Werke Gottes an ihm offenbar werden. An ihm soll beispielhaft deutlich werden, daß Jesus das Licht der Welt ist, besonders auch für diesen Blinden.

Das ist aber auch die Antwort auf unsere Warum-Frage. Das Leiden gehört mit zu unserem Leben. Aber es kommt darauf an, aus welchem Blickrichtung wir es betrachten. Das Leiden kann auch zur Gelegenheit werden, Gottes Herrlichkeit zu erfahren. Das will uns ja gerade die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen zeigen.

Wenn Johannes eine solche Geschichte in sein Evangelium aufnimmt, dann will er damit ja nicht eine interessante Begebenheit aus dem Leben Jesu schildern. Gerade bei ihm wird eine sogenannte „Wundergeschichte“ ja immer gleich zur Glaubensgeschichte. Und die körperliche Blindheit ist ihm nur Sinnbild für die geistliche Blindheit, in der viele Menschen vom Anfang ihres Lebens an tappen.

Frager wir uns doch gleich einmal: Wer sind denn bei uns die Blinden in diesem übertragenen Sinne? Wer sind denn bei uns die Menschen, die in der Finsternis sitzen, weil sie nichts von Jesus wissen wollen und deshalb auch nichts erfahren können.

Wir werden sofort an die sogenannten „Atheisten“ denken, Menschen, die von Kind an „blind“ für Jesus sind. Von Jesus und der Kirche wissen sie nur, was sie bei Marx oder Lenin gelesen haben oder was ihnen irgendwelche Dummköpfe eingeredet haben. Anstatt selber hinzusehen und sich selber ein Urteil zu bilden, lassen sie sich eine Brille aufsetzen, durch die man alles nur einseitig sehen kann. Sie reden wie ein Blinder von der Farbe und wollen doch alles besser wissen als einer, der Jesus als das Licht für sein Leben erkannt hat.

Aber gehören nicht auch die zu den Blinden, die gleichgültig an Jesus vorübergehen? So wie manche Menschen achtlos an den Schönheiten der Natur vorübergehen und nur in die Gast­stätte streben, so kommt es diesen Menschen nur auf ein angenehmes Leben, aber irgendwelche weitergehenden Bedürfnisse haben sie nicht. Auch Jesus liegt völlig außerhalb ihres Horizontes.

Schließlich kann man noch die Menschen erwähnen, die zwar etwas von Jesus wissen, aber doch nur das herauslesen, was ihnen paßt. Jesus soll ihnen nur ihre eigenen Anschauungen bestätigen. Und wehe, wenn er einmal etwas anderes verlangt. Dann hat er es aber mit diesen Leuten verdorben.

In unserer Geschichte könnte man die Pharisäer zu dieser Gruppe rechnen. Sie sind zwar sonst sehende Leute. Aber für das Geheimnis Jesu sind sie blind. Gerade weil sie die Gebote Gottes so peinlich genau einhalten wollen, begreifen sie nicht, was Jesus an diesem Menschen tut. Sie wenden viel Mühe auf, um das Gesetz zu erforschen. Aber an Jesus gehen sie vorbei, der doch gekommen ist, das Gesetz zu erfüllen.

Allerdings versteht er unter „Erfüllung des Gesetzes“ etwas anderes als seine frommen Geg­ner. Jesus weiß, daß seine Zeit begrenzt ist. Er muß sie ausnutzen, denn Gott fordert unaus­weichlich Taten von ihm. Deshalb kann auch der Feiertag keine Grenze für ihn bedeuten. Er

kann doch nicht wegen des jüdischer Feiertagsgebots diesen Menschen in seiner Nacht lassen!

Schließlich ist er doch gekommen, um das Licht in der Welt durchzusetzen. Dazu gehört auch dieser demonstrative Akt einer Blindenheilung.

Der Blinde hat ja gar nicht um Hilfe gebeten. Er hat Jesus sicher so etwas nicht zugetraut, denn er hat ja keinen Glauben an Jesus. Aber Jesus greift - fast willkürlich- aus der Menge der Mühselig und Beladenen einen heraus, um ihm zu helfen. An diesem Mann soll ein Zeichen aufgerichtet werden. Hier soll schon etwas deutlich werden von der zukünftigen Herrlichkeit Gottes. Denn bei Gott wird ja die Blindheit aufhören, sowohl die körperliche als auch die geistliche.

Die Jünger stellen die Sinnfrage. Wer nicht an Gott glaubt, der wird sich vielleicht zuerst mit dem sozialen Schicksal des behinderten Menschen befassen und einen Platz in der Gesellschaft für ihn suchen, wo er sich als vollwertiger Mensch nützlich machen kann. Auch ein Christ wird erst einmal alle diese Möglichkeiten nutzen. Er darf sich nicht in sein Schicksal ergeben und in einen Schmollwinkel zurückziehen und aufgeben und immer nur sagen: „Für die Behinderten wird doch nichts getan!“

Aber ein Christ wird auch sein Leben so annehmen, wie es ist. Es wäre lähmend, wenn man immer nur darüber grübelte: „Was wäre, wenn...?“ Gott hat mir Zeit und Ort meines Lebens angewiesen. Er hat mir Menschen geschickt, Gaben gegeben, Wege geöffnet. Er hat mir Lasten auferlegt, aber auch viele Freuden geschenkt. Auch ein behinderter :Mensen kann ein sinnvolles Leben führen. Man sollte ihn nicht bedauern oder in falscher Hilfsbereitschaft gängeln. Sie haben ein Recht auf unsere Hilfe, wo sie nötig ist, ganz sachlich und ohne den Unterton der großen Barmherzigkeit, die man ihnen tun will.

Aber dennoch stellt sich immer auch die Sinnfrage. Auch der Gesunde macht sich bei Abweichungen von der Norm seine Gedanken über Gott. Er fragt sich: „Was ist das für ein Gott, der es den einen so leicht macht und den anderen so schwer?“ Dahinter steht die Vorstellung, Gott sei den Menschen Glück und Gesundheit schuldig und habe alle Dinge in der Welt störungsfrei und gerecht zu fügen und zu lenken.

Aber dient wirklich nur das zu unserem Besten, was wir für erfreulich und förderlich halten? Jesus lehnt diese ganze Denkweise von Schuld und Strafe ab. Es geht um das, was Jesus mit dem Menschen noch vor hat. Was in dieser Erzählung an dem einen Blinden geschieht, das wird allen Blinden widerfahren, wenn Gott alles ans Ziel bringt: Gott wird sie sehend machen!

Gerade ein Christ darf deshalb nicht einem behinderten Menschen gegenüber auf Distanz gehen. Eine Vogelmutter wirft ihr mißgebildetes Junges aus dem Nest. Und viele bei uns denken auch noch so, wenn es um Menschen geht. Doch wenn wir von einem Unglück erfahren,

dann sollten wir nicht fragen: „Womit hat dieser Mensch das verdient?“ sondern wir sollten uns fragen: „Was kann ich tun mit meinen Gaben und Kräften, mit Worten und Werken, daß an ihm die Werke Gottes offenbar werden können?“

Ein Betroffener könnte natürlich einwenden: „Was ist das für ein Gott, der Menschen leiden läßt, um einst an ihm seine Herrlichkeit zu offenbaren?“ Diese Stunde kann aber noch weit weg sein, wahrscheinlich mindestens ein Menschenleben weit. Da können wir nicht so tun, als seien wir darüber hinweg. Wir dürfen nicht so tun, als könnten wir Gott über die Schulter sehen und hinter seine Geheimnisse kommen. Rechtsansprüche kann keiner von uns Sündern anmelden. Gott wird es niemanden übelnehmen, wenn er in Glaubensnöte und Anfechtungen gerät. Aber es steht uns nicht zu, ihm vorzuhalten, er müsse es besser machen.

Gott gibt uns die heile Welt und das heile Leben nicht automatisch. Wir würden es ja doch nur gedankenlos und stumpf kassieren, so als müßte das alles so sein. Heil werden wir nur, wenn Gott zur Mitte unseres Lebens wird. Der Sinn unseres Lebens liegt vorn, dort wo Gott ist. Da kann es auch Leiden geben, wenn Gott nur bei uns zum Zuge kommt.

Der Blinde konnte wieder sehen. Aber konnte er wirklich sehen? Man kann das Augenlicht haben und doch auf andere Weise blind sein, indem man Jesus übersieht, der das Licht der Welt ist. Unser Leben hat nur dann einen Sinn, wenn Jesus mit dabei ist.

Wenn ein Mensch mir etwas liefert, dann kann er danach wieder seiner Wege gehen, bis ich wieder etwas nötig habe; ich bin ja nicht an ihm interessiert, sondern an seiner Ware. Bei Gott aber ist das ganz anders: Er ist mein Ursprung und mein Gegenüber. Gott ist in mir und ich in ihm: das erst macht mich zum Menschen, wie Gott ihn sich gedacht hat.

Selbst Jesus sagt: „Ich muß wirken, solange es Tag ist!“ Sein Wirken hat immer Entscheidungscharakter. Zu allgemeinen Wahrheiten hat man immer Zugang. Der Satz des Thales wartet auf mich, bis ich ihn zur Kenntnis nehme und begriffen habe. Christuszeit aber ist Entscheidungszeit. Das Licht kann man nicht einfangen, wie das die Schildbürger wollten. Das Licht muß man nutzen, wenn es scheint. Jesus nimmt die günstige Gelegenheit wahr: Er gibt dem Blinden nicht nur das Augenlicht, sondern er erhellt ihm sein ganzes Menschsein. Das ist das, was Jesus auch uns geben will: den Sinn unseres Lebens, unabhängig von den Fragen nach Gesundheit und Krankheit.

 

Spucke und Dreck heilen einen Blinden!

Verblüffende Tat des berühmten Wundermannes Jesus Christus!

Experten ratlos - Der Geheilte erklärt: „Das hat Gott getan!“

(von Adolf Vollbracht, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung)

kann man mit etwas Speichel, vermengt mit Straßenstaub, einen bisher unheilbar Blinden plötzlich sehend machen? Das fragen sich seit vergangenen Sonnabend die Einwohner von Jerusalem. Diese Frage stellen sich vor allem aber die Mitglieder der Expertenkommission, die den Fall dieser Spontanheilung des blindgeborenen Bettlers B. überprüfte, sich jedoch bis heute auf kein verbindliches Kommuniqué einigen konnte.

Der Vorfall spielte sich am Sonnabendmorgen in der Innenstadt von Jerusalem ab. Jesus Christus - inzwischen in ganz Palästina als Prophet und Wundermann ebenso geachtet wie angefeindet - befand sich mit seinen Freunden auf einem Spaziergang. Auf dem alten Markt entdeckte er plötzlich den blinden Bettler. „Warum ist der Mann eigentlich blind?“wurde Jesus von seinen Freunden gefragt. „Bestimmt durch eigene Schuld oder durch die Schuld seiner Eltern!“

Die merkwürdige Antwort: „Falsch! Weder - noch! Er ist nur aus einem einzigen Grund blind: Damit Gott zeigen kann, w a s er vermag! Und ich, ich muß sein Werkzeug sein, dazu bin ich ausgeschickt worden. Und ich muß handeln, solange ich noch Gelegenheit dazu habe, jetzt und hier, später wird es zu spät sein, dann wird niemand mehr etwas tun können! Solange ich noch hier bin, bin ich das Licht der Welt!“

Damit spuckte Jesus auf die Erde, vermengte den Speichel mit dem Straßenschmutz und schmierte dem Blinden diesen Brei auf die Augenlider. „Geh hin zum Teich Siloah und wasch dir das Zeug gab!“ Mit diesen Worten schickte er den Blinden weg. Wenige Minuten später kam er wieder zurück. Der Mann war überglücklich: Er konnte sehen....

Er verscherzte sich allerdings die Sympathien aller, als er Jesus als Propheten bezeichnete. „Das hat es noch niemals gegeben“, beschworen die Fachleute, „daß jemand einen Blindgeborenen sehend gemacht hätte! Dieser Jesus muß doch irgendwie göttlich Kräfte haben!“

Damit kam er aber bei den gelehrten Herrn an die falsche Adresse. Sie warfen ihn kurzerhand hinaus.

Gegen Mittag traf B. seinen Wohltäter wieder und klagte ihm, was ihm wiederfahren sei. Jesus stellte ihm nur eine Frage: „Glaubst du an den Sohn Gottes?“ Der verwirrte Bettler fragte ahnungslos, wer denn das sei - er wolle gern an ihn glauben, nachdem er auf so wunderbare Weise sehend geworden sei. Zu seiner Verblüffung erfuhr er, J e s u s selbst sei dieser Gottessohn. B. zögerte nicht einen Herzschlag lang. Er sagte nur dies: „Herr, ich glaube!“ und betete ihn an.

Jesus sah seinen neuen Freund gedankenvoll an. „Weißt du“, sagte er, „ich bin zum Gericht auf diese Welt gekommen. Urd nur aus einem Grunde: Die Blinden sollen sehend werden, die Sehenden aber blind“

 

 

9. Sonntag nach Trinitatis: Mt 13, 44 -  46

Eine reiche und vornehme indische Familie schickte ihren Sohn auf eine englische Missionsschule. Sie war die beste Schule weit und breit, dort konnte man ein gutes Sachwissen erwerben. Allerdings gab es dort auch das Fach „Religion“, das heißt: die Schüler wurden auch mit dem christlichen Glauben bekanntgemacht.

Doch als Sundar Singh, der Sohn jener Familie, 14 Jahre alt war, wollte er getauft werden. Seine Familie war entsetzt. Der Junge sollte sich zwar alles Wissen aneignen, nicht aber die europäische Religion. Mit Verlockungen und Drohungen versuchte man, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sein Onkel zeigte ihm die Schatzkammer der Familie und sagte : „Das alles wird auch dir gehören, wenn du bei uns bleibst. Wenn du aber Christ wirst, dann wirst du aus der Familie ausgestoßen, dann wirst du bettelarm und ohne Freund dastehen !“

Doch Sundar Singh ließ sich davon nicht beeindrucken.

Er ließ sich taufen und wurde von seiner Familie verstoßen. Er blieb im Internat der Schule und wurde zum bedeutendsten Theologen der indischen Kirchen in jener Zeit. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Er hat seine leibliche Familie verloren, aber er hat in der Kirche eine neue Familie gefunden, der er mit seinen Gaben dienen konnte.

In etwas abgewandelter Form gibt es das auch heute und bei uns. Da läßt ein Vater seinen Sohn studieren, Chemie und Physik, so wie er selber es getan hat. Er besorgt ihm in seiner Firma sogar eine gute Stelle, wo man heute doch froh sein muß, überhaupt eine Stelle zu bekommen. Aber der Sohn hört nach zwei Wochen wieder auf und erklärt, er wolle Medizin studieren und sich um Menschen kümmern und ihnen helfen.

Es hat auch junge Menschen gegeben, die dann kirchlicher Mitarbeiter wurden und sich der Pflege behinderter Menschen widmeten. Den Eltern ist das in der Regel nicht recht. Die erste Berufsausbildung sehen sie als verlorene Zeit an, von den Kosten gar nicht zu reden. Selten geht das ohne Auseinandersetzungen und Vorwürfe ab. Aber wer Christus gefunden hat, der nimmt nicht mehr falsche Rücksicht auf seine Familie, sondern gibt alles auf, um der neuen Aufgabe willen.

Schon Jesus hat mit seinen beiden Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle zu einer solchen Entscheidung ermutigen wollen. Er selber hat ja auch seine Familie verlassen, um Gott zu dienen und den Menschen zu helfen. Er hat in seinem Leben den Schatz und die Perle gefunden, die ihm wertvoller waren als alles.

Wenn man ins einem Leben etwas aufgibt, ist das nicht so einfach. Man kann es nur tun, wenn man sich auf der anderen Seite einen Gewinn erhofft. Aber das alles ist längst nicht das gewesen, was Jesus meint. Wörtlich verstanden würde es bedeuten, daß man sich von allem löst, was so den Sinn des Lebens auszumachen scheint: Haus und Garten, das Auto, die Lebensversicherung, der Bausparvertrag, der Schmuck, die Möbel, die Bücher. Jeder hat auch etwas, woran er besonders hängt - auch das müßte zu Geld gemacht werden, um damit einen ganz besonders großen Schlag landen zu können.

Die Gleichnisse meinen allerdings viel mehr als eine gelungene Finanzaktion. Sie wollen ja herausstellen, daß neben Gott alles verblaßt und es sich lohnt, für ihn alles aufzugeben.

Doch wieder muß man sagen: „So ganz einfach ist das nicht. Man kann sich dabei mit der Familie überwerfen, man muß vielleicht den Wohnort wechseln, man wird unfreiwillig in Auseinandersetzungen hineingezogen und seine Ruhe verlieren. Auch vor inneren Zweifeln wird man nicht sicher sein, ob man denn das Richtige gewählt hat!“

Die Gleichnisse geben uns noch einige Hinweise, wie man eine solche Entscheidung angehen muß. Sie sagen : Man muß erst einmal entdecken, dann muß man erwerben, schließlich wird man gewinnen.

 

Entdecken: Der Mann, der mit seinem Pflug an ein Hindernis stößt, wird vielleicht zunächst fluchen. Aber dann stößt er unvermutet auf das, was der Reichtum seines Lebens sein wird. Der Perlenkaufmann sucht zwar bewußt etwas. Aber es ist dann doch Zufall, daß er auf eine besonders wertvolle Perle stößt. Vor allem hat er es nicht herbeizwingen können.

So kann auch Gott nur entdeckt werden. Er gehört nicht zu den Realitäten, die jeder ohne Weiteres wahrnimmt. Gott gibt uns nichts Handfestes. Aber es wäre falsch, deshalb zu sagen : er gibt überhaupt nichts. Es hat Sinn, nach Gott und seinem Reich zu suchen.

Doch nicht nur die echten Gottsucher werden ihn finden. Manchmal läßt er sich auch von einem finden, der nicht darauf aus war, der anderswo nach dem Sinn seines Lebens suchte. Gott kann auf einmal da sein - das ist die verblüffende Erfahrung, die wir machen können.

 

Erwerben: In den Gleichnissen müssen die Männer alles andere hergeben, um den besonderen Schatz erwerben zu können. Sie müssen alles auf diese eine Karte setzen. Abgesehen von dem neuen Besitz sind sie jetzt mittellos. Aber sie wissen, weshalb sie sich nicht beklagen.

Es kann sein, daß der Eintritt in den Dienst Gottes tatsächlich erfordert, alles andere preiszugeben. Gesetz ist das nicht. Aber von manchem Menschen wird dieses besondere Opfer verlangt, damit er für Gott tätig sein kann: Ein Albert Schweitzer opferte seine Universitätslaufbahn, ein Martin Luther King verzichtete auf einen ruhigen Lebensstil, eine Diakonisse besitzt kaum mehr als einen Koffer voll (deshalb gibt es ja auch kaum noch Diakonissen).

Natürlich darf sich hier kein Lohngedanke einschleichen: Gottes Welt wird nicht durch einen heroischen Verzicht erlangt. Aber wenn die Lage es erfordert, darf man den Verzicht nicht scheuen.

Das sagt Matthäus den Leuten, die zwar Gott entdeckt haben, aber noch zögern, in die unmittelbare Nachfolge Jesu einzutreten. Er will ihnen sagen: „Mit diesem Jesus bist du auf einen Schatz gestoßen. Wenn du dich ihm hingibst, dann bist du reicher als alle Reichen in dieser Welt!“

Eine kleine Bemerkung dürfen wir nicht übersehen: „aus seiner Freude heraus!“ Hier wird nicht zähneknirschend ein Opfer gebracht und verbissen auf einen Besitz verzichtet, sondern hier wird frei gewollt und ganz selbstverständlich entschieden.

Wer sich alles erst mühsam abringen muß, der soll es lieber sein lassen. Wer nicht gern zum Gottesdienst kommt, der soll bleiben wo er ist. In den Gleichnissen geht es nicht um ein Opfer, sondern es wird ja ein Kaufpreis gezahlt und dafür ein Gegenwert zur Verfügung gestellt. Die Freude über diesen Erwerb macht die Entscheidung leicht. Ein zweites Mal wird sich eine solche Gelegenheit nicht wieder bieten.

 

Gewinnen: An sich denken die Gleichnisse sehr kapitalistisch. Hier wird doch richtiggehend spekuliert, weil man alles in die Waagschale wirft und dabei auch          pleite gehen kann. Nur durch Risiko kann man immer noch mehr dazugewinnen, das ist das kapitalistische Prinzip.

Nur darf man sich dann von dem Gewinn nicht gefangennehmen lassen. Oft kann man aber beobachten, daß gerade die Reichen Angst haben, sie könnten wieder etwas verlieren. Und dann leiten sie eben einen großen Teil ihres Geldes an der Steuer vorbei und meinen, zehn Prozent Steuern seien auch genug. Wenn es soweit kommt, ist etwas schief gelaufen.

Aber wenn es um Gottes neue Welt geht, dann kann man schon einmal ein handfester Kapitalist sein und alles aufgeben, nur um beim Gewinn dabei zu sein. Allerdings kann man das Leben bei Gott nicht erkaufen, indem man alles verkauft. Wir brauchen mit Gott gar nicht zu handeln, weil e r längst an uns gehandelt hat. Wir brauchen ihn nicht zu suchen, weil er längst sucht und jeden von uns finden wird.

Wer Gott als seinen größten Schatz gefunden hat, wird nicht mehr arm werden. Er hat keine Angst mehr vor den Menschen, sondern sagt frei und offen, was gesagt werden muß. Er ist gelassen und fröhlich trotz aller Sticheleien und Alltagsprobleme. Er behält den Kopf hoch, obgleich alles schief ging, und kann sogar noch andere Versager zu einem neuen Anfang ermutigen.

Am Schluß soll noch einmal das Beispiel eines Menschen stehen, der nicht nur den rechten Glauben gefunden hat, sondern auch in tätiger Liebe die richtigen Folgerungen daraus gezogen hat: die Heilige Elisabeth, die im Alter von vier Jahren auf die Wartburg kam, um einmal den Landgrafen von Thüringen zu heiraten. Die Eltern haben ihr unzählige goldene und silberne Trinkgefäße mitgegeben, Kronen, Ringe und Spangen, außerdem noch tausend Mark in Silbergeld. Doch der größere Schatz, der auf die Burg einzog, war der Mensch Elisabeth.

Als sie erwachsen ist, dauert ihr Eheglück nur kurz. Ihr Mann kommt auf einem Kreuzzug um, den er ja auch um jenes höchsten Zieles willen unternommen hatte. Elisabeth verschenkt ihren Reichtum an die Armen. Sie geht selber in die Stadt und pflegt die Armen. Noch mehr tut sie das in Marburg, wohin sie vor dem neuen Landgrafen fliehen muß. Sie hat dabei sogar übertrieben und ihre Gesundheit ruiniert. Im Alter von nur 24 Jahren ist sie gestorben. So muß es nicht immer sein. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir wenigstens ein bißchen von der Liebe der Heiligen Elisabeth hätten, von der Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Dazu wollen uns diese Gleichnisse ermutigen.

 

Ergänzungen:

Aber wenn wirklich dieser totale Einsatz das Beispiel für christliches Leben ist, dann sind diese Gleichnisse doch ziemlich unerträglich. Unsere persönliche und kirchliche Wirklichkeit sieht doch anders aus. Wir tragen zwar goldene oder silberne Kreuze um der Hals. Aber sind wir denn wirklich bereit, irgendwo im persönlichen oder kirchlichen Leben etwas um Christi willen aufzugeben?

Natürlich müssen wir selber etwas einsetzen: Nicht nur Zeit und Geld, sondern auch Hingabebereitschaft, Begeisterungsfähigkeit und die Liebe zu den Mitmenschen. Aber wer sich das alles erst mühsam abringen müßte, der soll es lieber sein lassen.

Die Finder in den Gleichnissen opfern ja nichts, sondern sie zahlen den Kaufpreis und erhalten einen Gegenwert. Sicher müssen sie dafür etwas aufgeben. Aber sie verzichten selbstverständlich ,weil dadurch ein Mehrwert gewonnen werden kann. Da gibt es nichts mehr zu entscheiden, die Freude über den Fund hat ihnen die Entscheidung abgenommen. Ein zweites Mal wird sich eine solche Gelegenheit nicht wieder bieten. Jeder vernünftige Mensch würde da zugreifen und nicht so ein  Narr sein, dem selbst wenn es Brei regnet noch der Löffel fehlt.

Allerdings läßt sich hier nichts durch ein frommes Tauschgeschäft einhandeln. Wir können die Gottesherrschaft nicht   e r kaufen, indem wir alles v e r kaufen!  Wir brauchen mit Gott nicht zu handeln, weil er längst an uns gehandelt hat. Wir brauchen ihn nicht zu suchen, weil er uns längst gesucht hat und jeden von uns finden wird.

Schätze und Juwelen spielen in Krimis eine bevorzugte Holle. Aber mancher ist schon unglücklich geworden  mit solchem Besitz. Bei Jesus aber ist es anders.- Wenn wir am ersten nach den Reich Gottes trachten und seiner Gerechtigkeit, das läßt uns auf keinen Fall arm werden. Die Auswirkungen der Begegnung mit Jesus lassen vielleicht etwas deutlich werden von der Größe des Schatzes:

Da hat einer keine Angst mehr vor den Menschen, sondern sagt frei und offen, was gesagt werden muß. Da ist einer fröhlich trotz aller Sticheleien und aller täglichen Probleme. Da behält einer den Kopf oben, obgleich alles schiefging, und kann sogar noch andere Versager zu einem neuen Anfang ermutigen. Da überwindet sich einer und macht den ersten Schritt auf den zu, der mit ihm feind ist. Und da gibt es solche, die sich verausgaben bis an die Grenze ihrer Kräfte, um Einzelne oder ganzen Gruppen zu ihrem Menschsein zu verhelfen.

Wer diese Gleichnisse Jesu recht begriffen hat, der läßt das hinter sich, was war, und er streckt sich

 

 

10. Sonntag nach Trinitatis: Jer 7, 1 - 15

Es gibt Länder, die hatten früher eine blühende Kirche. Aber heute findet man dort so gut wie gar keine Christen mehr. Das beste Beispiel dafür ist Nordafrika. Dort war in den ersten sechs Jahrhunderten ein Zentrum der Kirche, das viele bedeutende Theologen hervorgebracht. Aber dann kamen die Mohammedaner nach Nordafrika und haben die christliche Kirche in Nordafrika ausgerottet. Das Zentrum des christlichen Glaubens hat sich dann nach Europa und später nach Nordamerika verlagert.

Doch heute müssen wir uns fragen: Bilden wir noch ein Zentrum der Kirche? Oder wird sich der Schwerpunkt in Zukunft mehr anderswohin verlagern? Wir erleben doch ständig, wie bei uns alles abnimmt. Der äußere Einfluß der Kirche wird immer mehr beschränkt: Die Sonntagsruhe wird immer mehr aufgeweicht, in einer Trauerkapelle wurde das Kreuz abgehängt,

bei einem Johann-Sebastian-Bach-Fest wurde ein Lied über Jesus von der Schulleiterin für nicht zumutbar gehalten, in Leipzig wird zum Teil die Verbindung von Thomaschor und Thomaskirche in Frage gestellt.

Man muß natürlich auch fragen, wo die Christen sind, die sich gegen solche Erscheinungen Sturm laufen. Wenn niemand am Sonntag erkaufen geht, wird auch nicht geöffnet. In Berlin hätten sie es in der Hand gehabt, Religion als ordentliches Lehrfach in der Schule einzuführen, aber bei der Volksabstimmung gab es nicht genug Stimmen. Das zeigt, daß es auch an der inneren Substanz fehlt. Der Besuch der Gottesdienste, des Religionsunterrichts, der Gemeindeveranstaltungen wird weniger. Wir können uns da nicht darauf verlassen, daß wir eine alte Tradition haben, sondern es kommt ja auf die Bewährung des Glaubens in der heutigen Zeit an.

Könnte es da nicht sein, daß auch unsere Kirche einmal zerstört wird bis auf kümmerliche Reste, der Glaube in anderen Ländern aber sprunghaft anwächst? Die Kirche in Tansania hatte anfangs etwa 4.000 Mitglieder. Nach zehn Jahren waren es 22 - 24.000 Gemeindeglieder. Man fährt dort auf die Dörfer, zeigt Lichtbilder zu biblischen Geschichten, hält eine Predigt, und schon kommen Leute, um sich taufen zu lassen. Jetzt hat diese Kirche ein großes Problem: Wie kann sie all diese vielen Menschen in ihrer Mitte fest verwurzeln?

Es fehlen ihr Pfarrer und Katecheten und Gemeindehelferinnen, weil sie zu schnell gewachsen ist. Der Staat hat dort zwar 1971 die kirchlichen Schulen verstaatlicht. Aber er hat der Kirche angeboten, sie könnte jeder Tag eine Stunde Religionsunterricht in der Schule erteilen! Leider hat die Kirche wieder nicht genug Leute. Es ist doch schön, wenn wir hören, daß es mit der Kirche auch aufwärtsgeht, wenn auch an einem anderen Ort.

Der Blick in die Vergangenheit sollte uns jedoch Anlaß zu ernsthafter Selbstprüfung sein. Nicht nur das Beispiel Nordafrikas kann uns dabei vor Augen stehen, sondern auch das Schicksal des Tempels in Jerusalem. Der Prophet Jesaja hatte zwar gesagt: „Ihr könnt euch auf Gott verlassen und die Feinde werden den Tempel nicht erobern können!“ Die Assyrer hatten damals tatsächlich abziehen müssen. Aber inzwischen zog im Osten in Gestalt der Babylonier eine neue Großmacht herauf

Der geschickte König Josia hatte dem Volk zwar noch einmal Luft verschafft. Er hatte auch den Tempel von allem heidnischen Beiwerk gereinigt und durch ein neues Gesetzbuch die alten Gebote wieder in Kraft gesetzt. Damit hatte er eine Periode des Glücks und des Wohlstands eingeleitet. Die „Sicheren“ hatten die Erwartung, daß jetzt kein Absturz erfolgen könne und der Prophet Jeremia mit seiner Unheilsweissagung im Unrecht sei.

Wie schnell sich aber alles ändern kann, zeigt sich immer wieder in den verschiedenen Wirtschaftskrisen unserer Zeit. Auch der Prophet Jeremia stand der damaligen Reform mehr abwartend gegenüber. Er sieht nur, daß sich das Selbstbewußtsein der Menschen sehr gesteigert hat, aber daß sie sich nicht in der Tiefe geändert haben. Sie verlassen sich blindlings darauf: „Wir haben ja den Tempel in unserer Mitte, Gott ist bei uns, da kann uns ja nichts passieren!“ Daß die Nähe Gottes auch irgendwelche Folgerungen für ihr Alltagsleben haben könnte, das sehen sie nicht bzw. wollen es nicht sehen.

Der Prophet Jeremia aber erinnert sie an das Beispiel des Tempels in Silo. Der war ja auch Gottes Haus gewesen und in ihm stand ja auch die Bundeslade zum Zeichen des Schutzes Gottes für sein Volk. Aber er war doch von Feinden zerstört worden. Genauso ist ja auch dann der Tempel in Jerusalem durch die Babylonier und später noch einmal durch die Römer

zerstört worden.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist der Erinnerung an dieses Ereignis gewidmet. Er soll uns aber nicht zur Schadenfreude über die ungläubigen Juden verleiten. Wir müssen uns ja selber fragen, ob wir nicht auch unsere eigene Schuld verdrängt oder gar gerechtfertigt haben. Und wir müssen uns fragen, ob wir selber uns noch zum Volk Gottes rechnen dürfen, ob unser Gottesdienst und unser Leben dem entsprechen. Und es tut uns sicher ganz gut, wenn wir uns überlegen: Wozu sind unsere Kirchen da, was bedeutet es, wenn wir unsere Kirche als „das Haus Gottes“ bezeichnen:

1. Die Kirche ist nicht Wohnstube, sondern Gastzimmer: Die Kirche ist schon der Ort, wo Gott mit uns reden will durch sein Wort. Und wir können dort mit i h m reden durch Gebet und Lobgesang. Aber Gott sitzt nicht in der Kirche unter Hausarrest. Keine Liturgie und keine Andacht können ihn dort festnageln.

Gott ist nur dort, wenn er will und wir es ernst meinen. Er kommt dorthin als Gast, wenn er auf unsere ehrliche Bereitschaft zum Hören hoffen darf. Man kann Gott also in der Kirche begegnen. Aber der Segen Gottes klebt nicht an dem Gebäude. Vor allen Dingen kann man nicht eine Spaltung vornehmen: „Gott ist in der Kirche, wir aber sind überall sonst. Soll Gott nur schön in der Kirche bleiben. Aber in unserem Alltag hat er nichts zu suchen, da wollen wir allein schalten und walten!“

Zur Zeit Jeremias wurden die sozial Schwachen unterdrückt: Man ließ die Fremden, die Witwen und Waisen spüren, wer der Herr im Hause ist. Man brachte Gott etwas zum Opfer und die alten Eltern gingen leer aus. Vor hundert Jahren gab es auch bei uns Fabrikherren, die zur Kirche gingen, vielleicht Mitglied im Kirchenvorstand waren und eine offene Hand hatten, wenn der Pfarrer sie um eine Spende bat. Aber das hinderte sie nicht, ihre Arbeiter nieder zu

halten und sie als Mittel zu benutzen, um den eigenen Wohlstand zu steigern. Das kennen wir auch von denen, die heute ihre Firma schließen und eine neue gründen, wo aber nur halb so viel Lohn gezahlt wird. Es gab natürlich auch Gegenbeispiele, damals wie heute, wo Glaube und Lebenshaltung nicht so auseinanderfielen.

Dieses Leben in zwei Ebenen, einer öffentlichen und einer privaten, die nicht mehr in Deckung zu bringen sind, wird vom Propheten als der eigentliche Krebsschaden bezeichnet.

Gott ist dann nicht mehr der Herr, sondern der Sklave, der gefälligst zu sichern und zu schützen hat, die sich im Herzen längst von ihm losgesagt haben. Aber man hat sich an diesen Selbstwiderspruch gewöhnt. Vor Menschen mag das fromme Gehabe Eindruck machen und ein heiles Leben vortäuschen, Gott aber sieht die doppelte Wahrheit dieses Frommseins.

 

2. Die Kirche ist nicht ein Ort der Bestätigung, sondern der Begegnung: Man kann in die Kirche gehen und dennoch Götzendienst treiben. Gewiß sind unsere Gottesdienstbesucher keine Diebe, Mörder, Ehebrecher. Es gibt auch bei uns genug Götzendienst: Das ist einmal der Glaube an die erlösende Macht des Geldes und des Reichtums. Man muß immer mehr haben, sonst kann man sich nicht sicher fühlen. Und dann wird zusammengerafft, was nur geht, auf Kosten der anderen.

Oder nach Jesu Urteil ist schon die üble Nachrede ein Rufmord. Wie schnell sind wir aber dabei, andere abzuklassifizieren! Auch die Halbwahrheit ist Lüge, weil sie Wesentliches verschweigt und so Gemeinschaft zerstört und den Frieden gefährdet. Und daß auf dem Gebiet der Sexualethik alle Maßstäbe ins Wanken geraten sind - bis in die Pfarrhäuser hinein - ist kein Geheimnis mehr. Man versinkt in den Rausch der Hingabe an den Sex. Der Sex wird zum Götzen, wenn man an sich im Herzen leer ist, aber alles Glück im Sex sucht und hier auf seine Kosten kommen will.

Der Abfall vom wahren Gott wirkt sich immer sofort auch auf dem Gebiet der anderen Gebote aus: Wer dem Geld verfallen ist, bereichert sich an dem, was anderen gehört. Wer der Gewalt vertraut, bedroht den anderen an Leib und Leben: Er wird im Großen zum Aggressor und im Kleinen zum Terroristen, der angeblich für das Recht streitet, in Wirklichkeit aber das Recht zerstört.

Man kann die Gebote kennen und sie doch mißachten. Entweder man legt sie im eigenen Sinne aus, wie es gerade paßt. Oder man übertritt sie ganz unbekümmert und kommt dann ins Gotteshaus und tut so, als sei nichts gewesen. Der Gottesdienst ist dann nur eine kurze Unterbrechung des schändlichen Lebens, der Versuch, sich dem Anspruch Gottes auf eine ansehnliche und achtbare Art und Weise zu entziehen. Man läßt sich die Sünden vergeben und macht dann im alten Stil weiter.

Aber so macht man das Gotteshaus zur Räuberhöhle. Wie ein Räuber in seiner Höhle sich dem Zugriff des Richters entziehen will, so will sich dann der Mensch vor Gott in Sicherheit bringen. Vom Propheten können wir dabei lernen, Dinge beim Namen zu nennen, statt im Unverbindlichen zu bleiben. Wir können Gott schon in der Kirche begegnen. Aber er wird nicht unsere Meinung bestätigen, sondern seinen Willen zur Geltung bringen.

 

3. Die Kirche ist nicht Luftschutzbunker, sondern Rüststätte: Gottes Güte ist kein sanftes Ruhekissen, sondern will durch uns weiterwirken in die Welt hinein. Wir können im Gottesdienst nicht nur unter uns bleiben und Gott für uns allein behalten wollen, denn dann wäre Gott so etwas wie ein Talisman für uns. Unseren Mangel an Liebe können wir nicht ausgleichen durch regelmäßigen Gottesdienstbesuch, durch Beichte und Abendmahl.

Es gilt, die Türen der Kirche weit offen zu halten. Durch sie gehen wir hinaus zu den Menschen und versuchen ihnen etwas von der Güte Gottes deutlich zu machen. Besonders werden uns die Menschen ans Herz gelegt, die sich in einer bedrängten Lage befinden. Also die Menschen, auf denen alle herumhacken und die sich nicht wehren können. Wir haben zuerst nach denen zu sehen, die die Hilfe und Freundlichkeit eines Mitmenschen brauchen. Solange Menschen in Angst und Verzweiflung sind und ihrem Schicksal überlassen bleiben, können wir noch nicht fröhlich singen und gesammelt beten.

Ein harter Text, auf den ersten Blick kein Evangelium. Aber wir können von Jeremia doch noch etwas Tröstliches hören. Wir könnten es so formulieren: „Verlaßt euch nicht auf euren Kirchgang, verlaßt euch lieber auf Gott selber! Gott vergibt die Fehler der Vergangenheit, damit wir ihm in Zukunft besser dienen können!“ Trotz unserer Fehler dürfen wir es wagen, Gottes Güte so gut wie möglich an andere weiterzugeben. Und wenn wir trotz bester Absicht einem anderen nicht gerecht werden, dann dürfen wir auf Gottes Vergebung hoffen.

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis: Lk 7, 36 -50

Peinlich ist diese Geschichte, in die Jesus da hineingezogen wird. Stellen wir uns nur vor, uns würde so etwas passieren. Es brauchte nur jemand hier in den Gottesdienst zu kommen, der sich selbst außerhalb der Gesellschaft gestellt hat oder von ihr an der Rand gedrängt worden ist. Vielleicht war er im Gefängnis wegen krimineller Sachen. Nun ist er entlassen und kommt in die Kirche. So etwas gibt es ja tatsächlich.  Wir würden doch zumindest erwarten, daß er sich still und bescheiden irgendwo in eine Ecke setzt und brav zuhört. Wir würden denken: „Das ist sein Platz, dort gehört er hin. Daß er zurückhaltend ist und aufmerksam zuhört, das gehört sich, sofern sich einer an diese Regeln hält, dann könnten wir einen solchen Menschen schon ertragen!“

Aber wenn er durch irgend etwas die Aufmerksamkeit auf sich zieht und sich in den Vordergrund spielen will, dann gehen wir doch sofort in eine Abwehrstellung. Wer Dreck am Stecken hat, der muß sich erst einmal bessern, muß erst einmal unter Beweis stellen, daß er ein anderer geworden ist, ehe er vor der Gemeinschaft wiederaufgenommen werden kann. Wenn aber so einer herausfordernd auftritt, dann fänden wir uns sicher bald auf der Seite des frommen Pharisäers, der Jesus kritisiert.

Dieser Mann handelt gesetzlich völlig korrekt. Er hat den durchreisenden Prediger und Lehrer bei sich eingeladen. Er redet ihn sogar als „Rabbi“ an, obwohl er das vor Amtswegen gar nicht ist, denn er ist nicht zum Predigtamt ordiniert. Aber man soll ihm eben nichts nachsagen können.

Doch der Pharisäer tut nur, was das Mindeste an Anstand von ihm verlangt. Wenn man einen Gast besonders herzlich begrüßen wollte, dann ließ man ihm durch einen Sklaven die Füße waschen oder stellte zumindest Wasser für ihn hin. Man begrüßte ihn mit einem Kuß oder salbte sein Haupt mit Öl, wie es im 23. Psalm heißt. Doch Pflicht war das alles nicht. Man war auch anständig, wenn man all das nicht tat.

Daß dann diese Frau hereinkommt, war nicht vorgesehen. Ihr Erscheinen läßt das Gespräch ersterben. Der Pharisäer Simon geht sofort in Abwehrstellung: „Sie ist eine Sünderin!“ So drückt er seinen Abscheu aus. Bei ihm ist im Unterschied zu ihr alles wohlgeordnet. Er kennt Gott und Gottes Gesetz. Er hat sich darin eingeübt, Gottes Gesetz sorgfältig zu halten. Also sind seine Beziehungen zu Gott durchaus normal. Hier ist nichts zu bereinigen und nichts zu befürchten. Die ewige Seligkeit ist für ihn eine ausgemachte Sache!

Andererseits aber ist es ausgemachte Sache, daß Gott sich von einer solchen Frau nur trennen kann. Simon kennt einigermaßen ihre Lebensgeschichte. Das reicht, um darüber Klarheit zu gewinnen , wie man sich ihr gegenüber zu verhalten hat; von so einer kann man sich nur sorgfältig fern halten. Und auch für Gott muß es klar sein: Die Frau hat verspielt.

Simon hat Jesus zunächst für einen Propheten gehalten. Aber wenn er das wäre, dann müßte er wissen, wie es um diese Frau steht. Aber er weiß es offenbar nicht, sondern läßt sich alles gefallen. Also kann er auch kein Prophet sein. Für den Pharisäer ist nun alles klar: Er hat sich in Jesus getäuscht!

Dieser Simon ist ein Beispiel dafür, wie man trotz aller Kraftanstrengung dem Herrsein Gottes nicht gerecht wird. Er erfüllt das Gesetz bis zum I-Tüpfelchen. Aber er verhärtet sich immer mehr und lehnt schließlich Jesus ab und wird zum Feind Gottes. So erreicht er gerade das Gegenteil vor dem, was er wollte.

Aber so geht es denen immer, die aus eigener Kraft ein vollkommener Marsh werden wollen. Es ist nun mal die Überzeugung des natürlichen Menschen, daß man sich anstrengen und an sich selber arbeiten  muß, um sittlich zu reifen und eine ethische Persönlichkeit zu werden. Gutsein ist dann eine Leistung des eigenen Willens. Und wer Böses tut, der hat nur nicht genug Willenskraft gehabt und ist deswegen zu verachten.

Auf der menschlichen Ebene ist so ein Denken durchaus berechtigt. Sonst brauchte man sich nicht um Erziehung zu bemühen und nicht versuchen, Menschen zu formen nach seinen eigenen Vorstellung bzw. denen der Gesellschaft. Nur: Vor Gott liegen die Dinge anders. Da versagt das Gesetz, da wird das Selbsterarbeitete sogar zur Gefahr und zum Hindernis, weil es zur Lieblosigkeit gegenüber denen führt, die es noch nicht so weit gebracht haben.

Simon wird etwas unsanft aus seiner Überlegungen herausgerissen, als Jesus ihn anspricht: Er versucht schnell, Haltung zu gewinnen, denn innerlich kocht es in ihm. Korrekt spricht er Jesus sogar mit „Meister“ an. Aber es ist der einzige Satz, den er in der ganzen Szene spricht. Er muß antworten, weil ihm eine Frage gestellt worden ist, aber sonst bleibt er stumm.

Das Gleichnis von den beiden Schuldnern ist so einleuchtend, daß es kein Ausweichen mehr gibt. Auch Simon muß zugestehen, daß der mehr lieben wird, dem viel vergeben worden ist. Jesus sagt ihm darauf: „Du hast das richtige Urteil gefällt, auch über dich selbst!“ Simon ist derjenige, dem wenig erlassen wurde und der darum auch wenig liebt.

 

Wenn man nur gesetzlich denkt und sich den Himmel selber verdienen wi1, braucht man Gott gegenüber nicht dankbar zu sein. Es entsteht keine Liebe, sondern Gott wird zum Vertragspartner, dem man etwas bringt und der einem darum auch etwas schuldet. Dann beweist man Gott nicht nur seine Unschuld, sondern auch seine Erfolge und Vorzüge und braucht sich nichts schenken zu lassen. Da gibt es kein Zeichen der Freude und Dankbarkeit, keine Liebe und Zuneigung. Korrektheit erzeugt Kälte.

Aus der Vergebung leben aber läßt Liebe entstehen. Das kann man an der Frau erkennen. Man kennt sie als Sünderin. Worin ihre Sünde besteht, wird nicht gesagt. Man hat immer auslegen wollen, daß es sich um Ehebruch gehandelt habe. Verstöße gegen das sechste Gebot werden immer wieder als „die“ Sünde angesehen, als gäbe es keine anderen. Doch eine Ehebrecherin hätte ein Pharisäer nicht nur verachtet, sondern gesteinigt.

Aber es ist an sich ganz gleichgültig, um welche Schuld es sich handelt, jedes Gebot wiegt gleich schwer.

Nun aber durchbricht die Frau zusätzlich gesellschaftliche Normen. Sie dringt in eine Männergesellschaft ein und beschäftigt sich mit Jesu Füßen. Als besonders schamlos galt dabei, vor Männern das Haar zu lösen. Aber ihr Handeln weist auf eine bewußte Selbstdemütigung hin.

Jesus versteht, was die Frau damit sagen will. Er hört daraus die Liebe und Verehrung, aber auch die Reue und die Dankbarkeit. Vor Jesus braucht sich keiner zu schämen, der über seine Sünde weint. Denn er hat sich von der Sünde losgesagt, nicht nur mit Worten, sondern aus tiefstem Herzen.

In dem von Jesus erzählten Gleichnis ist die Liebe die Folge des Erlasses der Schuld. In der Salbungsgeschichte dagegen ist die Liebestat die Voraussetzung der Vergebung. Doch man muß hier nicht unbedingt einen Widerspruch sehen. Die Sündenvergebung könnte auch schon vor der Handlung der Frau geschehen sein auch wenn sie erst ganz am Schluß mit Worten ausgesagt wird. Allgemein kann man sagen: „Die Liebe ist sowohl eine Voraussetzung wie eine Folge der Vergebung!“

Von der Liebe der Frau kann man zurückschließen auf die Größe der Vergebung, die ihr widerfahren ist. Wem am meisten erlassen ist, der liebt am meisten. Aber gerade so gewinnt Gott seine verlorenen Menschenkinder zurück. Menschen Gottes sind gerade nicht die, die

sich zutrauen es zu sein. Sondern gerade die sind Gottes Kinder, die es zunächst nicht waren, aber Gottes vergebende Gnade empfingen.

Sollen wir uns nun nicht nur in dem Pharisäer, sondern auch in der Sünderin wiedererkennen? Auch das wird uns schwerfallen. Denn wir sagen uns doch immer wieder: Ich bin ja nicht so!“ Der Pfarrer sagt es zwar immer wieder, daß wir Sünder sind, aber es stimmt ja nicht, jedenfalls nicht bei mir..

Doch die Schuld der beiden Menschen im Gleichnis verhält sich nicht wie 10 zu 0, sondern immerhin wie 10 zu 1. Also auch der „kleine Sünder“ ist ein Sünder. Wir können die Sünder nicht in Gruppen einteilen. Jeder ist Sünder auf seine Weise, der eine mehr grob und auffällig, der andere mehr verdeckter und vornehmer.

Doch Jesus redet mit einem jeden über seine Sünde, nicht über die der anderen. Wenn einer sich zu den weniger Verschuldeten rechnet und sich seines Vorteils freut, so verunsichert Jesus ihr sofort wieder. Seine Sünde liegt ja gerade darin, daß er der Frau etwas vorauszuhaben meint und überheblich wird.

Jesus aber möchte, daß wir durch seine Vergebung zu großer Freude und Dankbarkeit gelangen. Aus dem Überwältigtsein von der vergebenden Güte Gottes entsteht neues Leben, das sich dann in unserer Liebe zu Jesus und der von ihm geliebten Menschen Ausdruck verschafft. Das letzte Wort hat nicht die Schuldfrage, sondern der Zuspruch der Vergebung. Dieser macht es möglich, Jesu Freiheit in Liebe umzusetzen, die keine Grenzen kennt.

 

 

12. Sonntag nach Trinitatis: Apg. 14, 8 - 18

Die Götter sind nicht mehr unter uns, wohl aber die Halbgötter. Gemeint sind damit die Ärzte, die gern als „Halbgötter in Weiß" bezeichnet werden. Sie stehen bei der Wertschätzung der Berufe an oberster Stelle. Jeder ist ja auch auf sie angewiesen, jeder braucht einmal einen Arzt. Und in der Regel können sie ja auch helfen. Sie bringen unter Umständen auch so etwas fertig, was Paulus in Lystra schafft, nämlich die Heilung eines Gelähmten. Eine solche Krankheit kann nämlich einfach seelische Ursachen haben. Ein Seelenarzt, der die wahre Ursache erkennt, ein Seelsorger, der etwas von dem Zusammenhang zwischen Leib und Seele weiß, kann durchaus einmal ein solches Wunder vollbringen. Denn wenn die Seele geheilt wird, kommt auch der Körper wieder in Ordnung.

Jesus hatte wahrscheinlich eine Gabe zu solchen Heilungen. Seine Kraft geht dann auf seine Boten über, die in der Vollmacht und im Auftrag Jesu auch Heilungen vollbringen können. Glaube muß natürlich da sein. Auch der Gelähmte in Lystra glaubt erst einmal, ehe Paulus ihn anspricht. Aber nicht die körperliche Heilung ist das Entscheidende. So etwas kann immer wieder einmal vorkommen (Selbst bei Doktor Dreßler in der Lindenstraße ist noch nicht raus, ob er nicht doch eines Tages wieder laufen kann).

Die entscheidende Frage ist: Bringen wir eine solche Heilung mit Gott in Verbindung? Lassen wir uns umfassend heilen, nicht nur am Körper, sondern auch an Geist und Seele? Die Ärzte kommen sich sicher manchmal wie eine Reparaturwerkstatt vor: Da wird etwas geölt, etwas ausgewechselt, durch eine Maschine wieder auf Trab gebracht - schon ist der Fall gelöst. Und wenn es nicht klappt, dann hat der Arzt nichts getaugt.

Ob man es dann vielleicht doch einmal mit dem Pfarrer versucht  Ich glaube jedoch, daran denkt kaum einer. „Pfarrer sind auch nur Menschen“, sagen so die Leute. Sie sagen das entweder tadelnd, weil sie mit irgendetwas nicht einverstanden sind. Oder sie sagen es auch wohlwollend, weil sie nicht zu viel verlangen wollen und wissen, daß Pfarrer auch nur Menschen sind.

Paulus und Barnabas hatten das Wunder allerdings schon vollbracht, ehe man die falschen Folgerungen daraus zieht. Die Leute wollen sich die Sensation nicht mehr nehmen lassen. Für sie wiederholt sich, was in den alten Geschichten erzählt wird: „Die Götter kommen in Menschengestalt zu den Sterblichen und wollen bei ihnen einkehren!“ So sehr weit sind sie damit gar nicht von der Wahrheit entfernt. Nur sind Paulus und Barnabas nicht selber die Götter, sondern sie bringen den richtigen Gott. Auf diesen muß jetzt nur noch alles ausgerichtet werden.

Die Heilung ist nur ein Vorspiel, an dem man nicht hängenbleiben darf. Sie ist Vorausschau auf das, was am Ende der Zeit allen Kranken widerfahren wird. Und sie ist Hinweis auf den lebendigen Gott, der auch heute schon Krankheiten überwinden kann.

Nur sollte man eine Heilung nicht allein von der Natur her erklären und sie nicht nur auf die Kunst des Arztes und den Fortschritt der Medizin zurückführen, sondern auch mit Gott in Verbindung bringen. Heilung und Heil gehören zusammen.

Deshalb dürfen Menschen nicht zu Göttern hinaufgesteigert werden, auch wenn Menschen das gerne tun. Je absoluter einer herrscht, desto mehr besteht die Gefahr des Personenkults. Vor allem die Untergebenen meinen dann, etwas für das Ansehen des Chefs tun zu müssen. Dann werden seine Bilder in die Schaufenster gestellt, das Unkraut gemäht und die Bord­steinkanten gestrichen, nur weil hoher Besuch kommen soll. Aber der Herrscher läßt alles wieder zurückdrehen, weil er gar nicht so verehrt werden will.

Für viele gilt doch nur noch das Höchste, das Extremste, das Sensationellste, sonst hören oder sehen sie gar nicht mehr hin. Da muß dann schon einmal eine berühmte Schwimmerin betonen, daß sie kein Supermensch ist, sondern auch einmal Fehler machen kann oder einmal einen schlechten Tag hat.

Auch Dinge können den Rang des Göttlichen bekommen. Man spricht dann von „Zwängen“, denen man nicht entgehen kann: Wenn die Politik versagt, dann muß eben der Krieg entscheiden, sagt man. Und wenn dann noch Öl mit im Spiel ist, muß man auch von außen her eingreifen, ansonsten kann man die Gegner sich selbst überlassen. So sind heute die Regeln, so wird Menschliches absolut gesetzt.

Dabei gibt es tatsächlich Wunder unter uns. Allerdings sind sie keine tägliche Erfahrung, sondern sie kommen nur in besonderen Fällen. Man braucht dazu gar nicht nach Lourdes oder Tschenstochau zu gehen, Wunder gibt es auch bei uns. Aber Gott wird schon wissen, weshalb er uns damit kurz hält. Vor allem darf nicht vergessen gehen, daß e r der Handelnde ist und nicht mit seinen Boten verwechselt werden darf.

Deshalb zerreißen Paulus und Barnabas ihre Kleider und springen unter die Menge. Sie verhalten sich ganz ungöttlich, um ja nicht mißverstanden zu werden. Sie belassen es aber nicht nur bei dem Protest, sondern sie gehen gleich dazu über, ihren Gott positiv zu bezeugen.

Wie macht man das, Menschen erstmals mit Gott bekannt zu machen? Das Beste ist sicher, von den Menschen auszugehen. Ihnen darf nichts übergestülpt werden, sondern man geht von dem aus, was sie schon kennen.

In diesem Fall ist es der Glaube an den Schöpfergott, den diese Menschen schon kennen, der längst schon ihr Gott ist, auch wenn sie es noch nicht wissen. Deshalb ist der Streit auch müßig, ob man den Menschen erst Gott oder erst Jesus Christus predigen soll. Wer schon mit Jesus in Berührung gekommen ist, denn wird man über Jesus zu Gott zu führen versuchen. Und wer eher etwas mit dem Glauben an Gott anfangen kann, den wird man erst daraufhin ansprechen und dann vorsichtig versuchen, ihm auch Jesus nahezubringen.

Auch für uns ist es nicht falsch, uns über den Schöpfer klar zu werden: Unsere Erde dreht sich nicht ohne ihn, in allen Kräften der Natur ist er am Werk. Er ist da im Schlagen unserer Herzen, im Zufassen unserer Hände, in jedem Schritt, den wir tun. Sein Wohlwollen haben wir schon immer spüren können, bei jeder Schnitte Brot, bei jeder Arbeit, bei jeder Begegnung mit einem Menschen. Wer das bejaht, liegt nicht völlig falsch.

Paulus erläutert: Gott hat in den vergangenen Zeiten die Heiden ihre eigenen Wege gehen lassen. Dabei haben sie auch schon Zeichen seiner väterlichen Fürsorge erfahren. Das gilt auch für solche Menschen wie jene junge Frau, die sagte : „Ich bin nicht getauft, ich halte auch nichts davon, was soll ich da mit einem Kreuz in der Schule?“

Aber es kommt dann auch einmal eine neue Zeit. Dann gilt es, vom Unglauben oder vom Glauben an irgendeinen Gott oder nur an den Schöpfergott voranzuschreiten zu dem lebendigen Gott, der der Vater Jesu Christi ist. Man kann nicht ohne Christus mit Gott im Reinen sein, weil man dabei die Sünde und ihre verheerenden Folgen abblendet.

Eine Jüdin sagte einmal: „Die Deutschen sind so verbittert und so trübsinnig. Sie nehmen alles so ernst und arbeiten wie unter einer Last. Sie wissen gar nichts von der Freude im Leben, wie das bei den Juden der Fall ist!“ Sie ist eine Ausländerin, deshalb sprach sie von den Deutschen, nicht von den Christen. Aber sie meinte auch unsere christliche Tradition.

Sie kritisierte besonders die Erzählung von Adam und Eva, durch die alle Sünde in die Welt gekommen sein soll. Doch Adam und Eva kommen ja bekanntlich aus dem Buch der Juden, aus dem, was wir „Altes Testament“ nennen. Doch diese jüdische Frau meinte, erst durch Jesus sei das Sündenbewußtsein in die Welt gekommen, weil er von der Notwendigkeit sprach, die Sünde zu überwinden. Er habe die Sünde erst zum Problem gemacht und deshalb den Menschen die Freude genommen.

Mit Jesus ist tatsächlich eine neue Zeit gekommen. Jetzt glauben wir nicht mehr an irgendein „höheres Wesen“ oder an eine „Vorsehung“. Jetzt hat der unerkannte Gott ein Gesicht bekommen in Jesus Christus.

Jetzt sucht Gott Gemeinschaft mit uns und kommt uns in Jesus nahe. Heute spricht er uns an in seinem Wort. Dieses macht uns in der Tat deutlich, daß wir sündige Menschen sind und manches in unserem Leben falsch läuft. Aber es zeigt uns ja auch den Ausweg. Durch Jesu Opfer kann uns die Sünde nichts mehr anhaben. Gott will, daß uns geholfen wird und wir gerettet werden, in Wirklichkeit sind wir ja schon gerettet.

Nahegebracht wird uns das von den Pfarrern und anderen Mitarbeitern der Kirche, auch von manch anderem Mitmenschen. Aber vergessen wir nicht: Sie sind wirklich nur Menschen. Ihre Fehler und Schwächen dürfen uns den Blick für die Sache nicht verstellen.

Es kann einem nur leid tun, wenn einer davon spricht, daß er mit der Kirche gebrochen habe. Dabei macht er eine prima Arbeit, sogar als kirchlicher Beauftragter. Doch er klagt: „Wenn ich es dann zu ernst nahm und mich zu sehr für die Menschen einsetzte, wurde ich von der Kirche zurückgepfiffen, weil die Verantwortlichen es nicht mit staatlichen Stellen verderben wollen!“

Man kann ihm da nur sagen: „Aber die Sache darf man doch nicht aufgeben, trotz aller schlechten Erfahrungen mit der Kirche als Organisation!“ Dem stimmte er zu, aber zum Gottesdienst geht er nicht mehr und in der Gemeinde engagiert er sich nicht mehr.

Wenn der heutige Sonntag unter dem Stichwort „Die große Krankenheilung“ steht, dann geht es nicht nur um unsere persönliche Heilung an Leib und Seele. Diese ist auch wichtig. Aber sie ist nicht allein die Sache der Ärzte, jener „Halbgötter in Weiß“, sondern Sache des wahren Gottes. Es geht aber auch um die Heilung der Kirche. So wie wir persönlich für uns hoffen dürfen, so ist auch die Kirche noch nicht verloren, weil Gott in ihr trotz allem lebendig ist.

 

 

13. Sonntag nach Trinitatis: Mt 6, 1 - 4

Eine Krankenschwester, die immer nur Nachtwachen machte, wurde einmal gefragt, ob das auf die Dauer nicht zu anstrengend und aufreibend sei. „Das schon“, antwortete sie, „aber jede Nachtwache ist wie ein Edelstein in meiner himmlischen Krone. Ich habe schon viele davon!“

In der Bergpredigt geht es um die „bessere Gerechtigkeit“, um eine Frömmigkeit, die sich auch in der Tat erweist. Die „Almosen“, also barmherzige Gaben für den notleidender Mitmenschen, sind dabei nur ein Beispiel. Es geht auch um das Opfern und Sich-Plagen, um Geduld und Vergeben, um gediegene Arbeit im Betrieb und gern getragene Verantwortung, um absolute Ehrlichkeit.

Ist jene Krankenschwester da nicht ein gutes Vorbild? Warum soll sie nicht auch von ihren Auffassungen sprechen? Wir erfahren täglich so viel Entmutigendes und Liebloses. Da erscheint doch jedes Zeichen des Guten wie ein Lichtblick. Sollte man da das Gute nicht als ein nachahmenswertes Beispiel bekannt machen? Warum fordert Jesus so radikal, daß es im Verborgenen getan werden soll?

Es wäre in der Tat bedenklich, wenn gute Taten nicht geschähen. Sicher täte es uns gut, wenn wir allenthalben ein wenig frömmer würden. Wer Gott liebhaben will und ihm zuliebe viel tun will, der wird ihn auch in den Mitmenschen ernst nehmen und ihn ehren. In dieser Beziehung sollten wir weiterkommen und das auch im praktischen Vollzug des Lebens einüben.

Aber es treten dabei auch Gefahren auf. Man kann dabei nämlich nur sich selber im Blick habe und nicht den anderen oder gar Gott. Geredet wird nicht zu denen, die nichts Gutes tun, sondern zu denen, die gute Werke tun. Ihnen wird gesagt: „Eure Taten sollen ungesehen, absichtslos und unbewußt geschehen!“

Man weiß es nicht ganz genau, aber es ist sehr wahrscheinlich: Wenn im Jerusalemer Tempel einer eine besonders hohe Gabe gespendet hatte, dann ließ man es im Tempel und auf den Straßen „ausposaunen“, das heißt, es wurde tatsächlich die Posaune geblasen und dann der Name des Spenders und Höhe des Betrages bekannt gemacht.

Da war natürlich die Gefahr groß, daß man alles nur tat im Blick darauf, daß die Leute es auch zur Notiz nehmen. Wenn man aber den Blick möglichst vieler auf sich ziehen will, dann dient man nur sich selbst und wird zum Schauspieler, der für das Publikum spielt und die Stärke des Beifalls beachtet.

Man muß sich klar machen, daß es damals ja keine offizielle Sozialfürsorge gab. Viele mußten betteln gehen, wenn sie ihrer Familie nicht ganz zur Last fallen wollten. Sie konnten dabei nur auf eine private Wohltätigkeit hoffen. Menschenkenner wußten aber, daß es dazu eines besonderen Anreizes bedürfte. Deshalb lobte man diese angeblichen Wohltäter in der Öffentlichkeit. Den Bettler verachtete man, er konnte angeblich nicht einmal in den Himmel kommen. Aber ein anderer konnte sich einen guten Namen mit ihm machen.

Bei uns wird die Pflege und der Unterhalt für Kranke und Geschädigte vom Staat sichergestellt. Aber das Wohltun des Einzelnen im Augenblick ist dadurch nicht überflüssig geworden. Gerade wenn die Notlage nicht vorherzusehen war, ist der Einzelne immer noch gefordert. Auch die Diakonie der Kirche, die Heime und Anstalten sind durchaus nicht überflüssig geworden. Es gibt doch noch manche Felder, die der Staat nicht abdecken kann oder wo man vom christlichen Menschbild her nach neuen Wegen suchen muß.

Andererseits besteht die Gefahr, daß man die diakonische Arbeit als Leistungsnachweis der Kirche ansieht, etwas das ihr noch eine Daseinsberechtigung gibt. Gesellschaftspolitisch hat man mit der Kirche ja nicht so viel im Sinn. Aber auf dem Feld der Diakonie kann sie sich immer noch als notwendig finden. Jede staatliche Anerkennung wird freudig in den kirchlichen Blättern zitiert, auf diesem Gebiet gibt es viel Unterstützung und da gibt es auch noch mehr Nachwuchs als nötig.

Man kann allerdings auch nicht verschweigen, daß mit staatlicher Hilfe ein tiefgreifender Wandel sich in der Diakonie der Kirche vollzogen hat. Seit die kirchliche Krankenpflegeausbildung staatlich anerkannt ist, muß die Kirche die gleichen Löhne zahlen wie der Staat, sonst laufen die Krankenschwestern weg. Sie kann das auch im Bereich des Gesundheitswesens, weil sie vom Staat die Pflegesätze ersetzt kriegt.

So sind zwei Klassen kirchlicher Mitarbeiter entstanden, wobei eine eben gerade fertig ausgebildete Krankenschwester sofort bei den Spitzenverdienern ist. Man muß nicht unbedingt einen Unterschied machen zwischen den eigentlichen Aufgaben der Kirche und den weniger wichtigen. Selbstverständlich ist auch die Diakonie eine lebenswichtige Aufgabe der Kirche. Aber es ist vielleicht doch bedenklich, daß gerade der Zweig der kirchlichen Arbeit einen Aufschwung genommen hat, der heute auch vom Staat wahrgenommen wird.

Täuschen wir uns nicht  Über den Geist eines kirchlichen Krankenhauses entscheiden nicht die Theologen und Diakonissen, sondern die Ärzte und Krankenschwestern, die vielfach nicht einmal der Kirche angehören. Man kann den Eindruck haben, dieser Zweig der kirchlichen Arbeit werde nicht um der Menschen willen getan, sondern weil der Staat hierfür Zuschüsse gibt. Vielleicht wäre es ehrlicher, man konzentrierte sich mehr auf die Bereiche, wo es keine großen Gelder zu erben gibt, zum Beispiel die Eheseelsorge, die Suchtgefährdetenarbeit, Altenbetreuung.

Mit spezifisch christlichen Werken macht man heute vor den Menschen meist keinen Eindruck mehr. Die Gefahr des Rühmens ist allerdings dieselbe. Nur sind die frommen Werke von einst heute ersetzt durch Anstand und Tüchtigkeit, Gemeinschaftssinn und Pflichterfüllung. Unser Christsein ist weltlich geworden, die Geltungssucht aber ist geblieben.

Die muß nicht aufdringlich und geschmacklos zur Schau gestellt werden. Manchmal geschieht es auch ungewollt. Da hat man mal etwas getan, woran selbst Gott seine Freude haben könnte. Aber sofort schielt man, ob nicht jemand bemerkt hat, welch vorbildlicher Christ man doch ist. Nach ein wenig Beifall juckt es uns immer wieder.

Wer sich das Ansehen bei Gott durch Leistung und Pflichterfüllung verdienen will, der muß sich immer wieder der guten Zensuren vergewissern. Da Gottes Stimme im Augenblick aber noch nicht vernehmbar ist, muß man sich ans Beifallklatschen der Menschen halten. Wie sollen sie aber klatschen, wenn sie nicht beobachten konnten, was wir Verdienstliches getan haben?

Würde man etwa keinen Finger rühren, wenn keiner dabei ist? Bliebe der Mann auf der Straße liegen, den die Räuber überfallen hatten? Lassen wir es uns nur etwas kosten, wenn Leute dabei sind, die zuschauen? Wir werden nicht immer entscheiden können, ob die Frömmigkeit eines Menschen echt ist oder nicht. Aber wir dürfen wissen, daß Gott alles sieht, und das ist doch wohl viel entscheidender.

Doch mit dem „absichtslos“ ist es nicht so einfach. Es gehört mit zum Menschsein, daß wir auf unser Ansehen bedacht sind: Ein Dienstjubiläum soll schon mit einer entsprechenden Rede gewürdigt werden, der Schüler will Zensuren als Lohn, der alte Mensch will noch etwas leisten. Wo Leistung ist, muß auch Lohn sein, nicht nur als Anreiz zu neuem Schaffen, sondern weil es gerecht ist.

Doch so geht es sicher nicht wie bei jenem Kaufmann aus Stralsund während der Hansezeit. Er hatte in seiner Lebensweise und seinem Geschäftsgebaren manches auf dem Kerbholz. Aber kurz vor seinem Tode stiftete er noch ein Aussätzigenasyl für heimkehrende Kreuzfahrer, um sich vor allen möglichen Folgen in der Ewigkeit freikaufen zu können. Gott läßt sich aber durch den äußeren Schein nicht betrügen. Er will den ganzen Menschen, der Gutes darum tut, weil sein Herz bewegt worden ist von der Not der Mitmenschen.

Wer sich den Lohn schon von den Menschen eigenmächtig vorausnimmt, hat von Gott her nicht mehr mit Lohn zu rechnen. Dann will man sich nur selber in Szene setzen, Punkte sammeln und es genießen, daß man so edel und menschenfreundlich, so sauber und opferbereit und halt eben auch so uneigennützig ist. Immer wieder meldet sich das eitle Ich, das sich selbst bewundert und Beifall klatscht: Es tut ja so gut, ein edler  Mensch zu sein!

Doch damit wird gegenüber den Menschen und vor allem gegenüber Gott alles faul. Luther hat sich in den Gewissensqual in seiner Klosterzeit damit plagt. Er wollte Gott aus reinem Herzen lieben, ohne alle Nebengeräusche. Aber er erwischte sich immer wieder dabei, daß es ihm doch nur um sein eigenes Seligwerden ging.

Zweimal Lohn gibt es nicht. Aber mit größter innerer Freiheit dürfen wir darauf hoffen, daß der himmlische Vater alles vergelten wird, nicht weil wir ein Recht darauf hätten, sondern weil er so gütig ist. Was kein Mensch gesehen hat und wofür wir von niemanden Dank empfangen haben, das hat Gott gesehen und wird es nicht vergessen.

Sicher ist es etwas viel verlangt, wenn die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut. Aber das Schöne ist: Sie braucht es nicht zu wissen! Alle Statistik ist gegenstandslos geworden‚ denn Gott braucht sie nicht. Unsere Plus- und Minuspunkte fallen nicht ins Gewicht. Deshalb können wir in unserem Handeln ganz unbefangen sein. Das macht uns frei und gelöst, das ist die bessere Gerechtigkeit, die Jesus uns lehren will.

 

 

14. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 28, 10 - 19a (Variante 1)

Einer der höchsten Berge im Bayerischen Wald ist der Lusen. An seinem Fuß weist ein Wegweiser nach links auf den „Sommerweg“. Er führt erst auf einem bequemen Weg um den Berg herum. Aber dann geht es im rechten Winkel steil den Berg hinan. Und jetzt ist es nicht mehr ein schöner Waldweg, sondern es geht über ein Geröllfeld hoch. Freundliche Menschen haben die vorhandenen Steine so geschichtet, daß eine Treppe entstanden ist, die sogenannte „Himmelsleiter“. Man muß fast auf allen Vieren hinaufkriechen. Aber wenn man nach oben schaut, sieht es so aus, als stiege man in den Himmel hinauf. Die Wanderer klettern nur nach oben, denn abwärts kann man auf dem bequemen „Winterweg“ gehen.

In der Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter geht die Richtung aber andersherum: Nicht Menschen steigen auf zu Gott, sondern er kommt zu ihnen herunter. Gott wohnt im Himmel, aber er erscheint auf der Erde. Die große Treppe schafft die Verbindung, die Engel als die Boten Gottes vermitteln zwischen Gott und Menschen.

Es ist erstaunlich, daß schon das Alte Testament diese Sicht hat, die uns doch erst im Neuen Testament so deutlich wird, als Gott seinen Sohn auf die Erde schickt. Aber schon in der Erzählung vom Turmbau zu Babel, als die Menschen einen Turm bis in den Himmel bauen wollen, muß Gott erst einmal herunterkommen, um das kleine Türmchen überhaupt sehen zu können.

Dennoch haben immer wieder Menschen versucht, sich selber einen Weg zu Gott zu bahnen. Und wenn ihnen der christliche Glaube nicht mehr zusagte, dann haben sie sich fernöstlichen Religionen zugewandt. Nachher waren es die Scientology und andere Psycho-Sekten. Und heute ist es für manche der Islam, der die angeblich bessere Religion ist. In einem Jahr sollen 4.000 Deutsche zum Islam übergetreten sein. Aber immer geht es dabei um den Weg der Selbsterlösung, um die Leistung des Menschen, der seinem Gott etwas anbieten will, damit er

gnädig gestimmt ist.

Auch Martin Luther hat in seinen jungen Jahren so gedacht. Auf seinen Knien ist er in Rom die Treppenstufen der Laterankirche hinaufgerutscht, weil er dachte, das sei ein gottgefälliges Werk. Erst nach langer Vorbereitung und einem ausgiebigen Studium der Bibel kam ihm blitzartig zu der Erkenntnis, daß allein den Glaube retten kann und Gott alles tut.

Die Geschichte von der Himmelsleiter macht uns das in erzählerischer Form deutlich: Es gibt eine Kontaktstelle zwischen der Wirklichkeit Gottes und der Erdenwelt, einen Platz der Gegenwart Gottes in der Welt. Damals war es der Tempel in Bethel, den der König Jerobeam nach der Teilung des Landes im Nordreich errichtet hatte, damit seine Bürger nicht mehr nach Jerusalem in den Tempel gehen mußten. Um dieses neue Heiligtum zu rechtfertigen, griff er auf die alte Erzählung von Jakob zurück, der an dieser Stelle ein Heiligtum errichtete.

Jetzt baute der König dort einen Tempel, in dem er zwei goldene Stierbilder aufstellte. Offiziell war das so gedacht, daß Gott unsichtbar auf diesen zwei Stieren steht. Aber in der Praxis haben die Menschen wohl eher zu den sichtbaren Stieren gebetet und nicht zu dem unsichtbaren Gott. Auch sie haben sich ihren Gott zurechtgemacht und dabei auf Vorbilder ihrer heidnischen Umwelt zurückgegriffen. Irgendwie scheint das im Menschen drin zu liegen, daß er mit dem Angebotenen und Naheliegenden nicht zufrieden ist, sondern nach dem Ausgefallenen und Fremdartigen sucht.

Was einst in Bethel geschehen ist, ereignet sich heute überall dort, wo Christus ist. Er ist die Stelle in der Welt, an der allein die Verbindung zwischen „Oben“ und „Unten“ hergestellt ist. Hier hat der Himmel ein Tor, das nicht nur die Engel benutzen, sondern das auch für uns die Kontaktstelle ist. Jesus Christus ist unsere „Himmelsleiter“, die Kontaktperson zwischen Gott

und den Menschen

Der Tempel in Bethel mit seinem Stein ist längst vergangen. Aber wir haben die Kirche als unseren Durchlaß zu Gott. Gott ist zwar überall, aber er zeigt sich nicht an jedem Platz in der Welt. Aber damit wir ihn besser finden, haben wir das Kirchengebäude, haben wir Taufe und Abendmahl, haben wir die Predigt.

Allerdings kann man Gott auch an anderen Ort treffen und mit ihm reden. Deshalb machen sich ja viele ein gutes Gewissen, wenn sie dem Gottesdienst fernbleiben. Sie sagen: Die Welt ist voller „Himmelsleitern“, jeder kann mit Gott verbunden sein im Erleben der Natur, in der Kunst und Geschichte, in den Regungen des eigenen Herzens. Dann meint man, man brauche die Predigt („Offenbarung“) mehr, sondern man sei gottunmittelbar.

Nun ist zwar Gott überall gegenwärtig, aber der glaubende Mensch kann ihn nicht herbeiholen - er zeigt sich, wo er will. Aber die besten Chancen hat man in der Kirche. Im Gottesdienst können wir uns ganz auf ihn konzentrieren. Dort werden wir nicht durch andere Dinge abgelenkt, sogar das Handy haben wir abgeschaltet. Es ist schön, wenn man einmal einen Ort der Ruhe finden kann, um sich auf sich und auf Gott zu konzentrieren.

Aber diese Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter hat noch einen anderen Gesichts­punkt in sich. Die Gründung des Heiligtums in Bethel wird einbezogen in die Geschichte der Väter Israels, in die Erzählungen von Abraham, Isaak und Jakob. Es wird erzählt von Jakob, der seinen älteren Bruder Esau um den Segen seines Vaters gebracht hat. Er hat sicher gedacht, jetzt sei er ein gemachter Mann. Ging es nicht mit List und Tücke besser als mit Gott? Er würde schon seinen Mann stehen - komme, das da wolle. Jakob beginnt zu träumen und kommt ins Schwärmen.

Aber dann steht Gott plötzlich auf dem Plan. Es gibt keine Bereiche, in denen er nicht ist. Und das ist gar nicht so harmlos, Gott in die Hände zu fallen. Jetzt hat Jakob erst einmal alles verspielt: Er muß in die Fremde fliehen, er weiß nicht, ob er je zurückkehren wird. Zwanzig Jahre seines Lebens kostet ihn das. Wie ist es nun mit dem Segen Gottes, der ihm das Land, viele Nachkommen und den Vorrang vor seinen Brüdern versprochen hat?

Jakob erfährt aber doch die Zusage Gottes, daß er behütet und geführt sein soll. Er darf den Gottesdienst in Bethel begründen. Er wird das Land wieder sehen, das er jetzt verlassen muß. Ihm, dem Unwürdigen und Zukunftslosen (neudeutsch: dem „Looser“) wird doch noch durch Gottes Gnade der Segen zuteil. Er hat ihn sich ergaunert, aber er soll dennoch gelten. Er zieht nicht ins Ungewisse, sondern in eine von Gott vorausgedachte Zukunft.

Jakob wird keineswegs auf wunderbare Weise aus der reichlich verfahrenen Situation heraus-

geführt. Kein Engel nimmt ihn an der Hand und bringt ihn nach Hause, wo ihm vielleicht schon der Bruder die Hand zur Versöhnung entgegenstreckt. Die Zuwendung Gottes hat zunächst keinerlei Einfluß auf die äußeren Umstände. Gott erspart das Leid nicht, aber er hilft hindurch, wenn es nötig ist.

Jakob ist nicht ein musterhafter Frommer. Seine unrühmliche Vergangenheit wird durchaus nicht verschwiegen. Und was für ihn gilt, das gilt auch für das ganze Volk, damals wie heute: Die es nicht verdient haben, werden dennoch gesegnet und zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt. Auch die Kirche heute besteht nur aus begnadigten Sündern. Die Gegenwart Gottes in Jesus Christus widerfährt denen, die es nicht wert sind. Den Hoffnungslosen steht das Tor zum Himmel offen. Gottes Zuwendung ist nicht von unserer Würdigkeit abhängig. Wir brauchen uns nicht bemühen, „Himmelsleitern“ zu bauen

Wir haben aber auch kein Recht, uns über Jakob zu erheben. Sind wir etwa auf dem Weg der Heiligung schon weiter als er? Haben wir auf Gottes Gnadenerweise wirklich immer bedingungslos geantwortet und uns bei ihm bedankt? Und wenn wir ein Versprechen gegeben haben, sind wir ihm stets nachgekommen?

Jakob ist ein Beispiel für uns: Wir alle sind unterwegs durch unser Leben. Wir begehen Fehler und Dummheiten, für die wir bezahlen müssen. Wir sind umstellt von Gegebenheiten und Zwängen, die unser Leben nicht immer schöner und sicherer machen. Wir alle haben keine weiße Weste, sind nicht ohne Schuld. Manchmal sind wir auch auf der Flucht vor unseren Unüberlegtheiten und Verfehlungen.

Auch als Kirche sind wird unterwegs, und manchmal gehen wir sicher den falschen Weg, drehen uns im Kreis, machen Fehler. Und wenn die Kirche einen Fehler berichtigt, macht sie neue und kommt oft nur im Schneckentempo voran.

Wir sind Kirche im Alltag, verstrickt in Meinungsverschiedenheiten und verfilzt in Kompromisse: eine Kirche, in der es menschlich-allzumenschlich zugeht. Die Kirche macht Fehler, weil sie von Menschen verwaltet wird (geleitet wird sie von Gott!). Und doch steht diese Kirche unter Gottes maßloser Verheißung. Gott selber will mit dieser Kirche zu seinem Ziel kommen.

Aber genau an dieser Stelle macht uns Gott durch Jesus Christus handgreiflich und persönlich klar, daß wir bei ihm nicht vergessen sind. Er sagt uns die Verheißung zu, die unsere Angst, unsere Zweifel und unsere quälenden Fragen überschreitet. Mitten in der Angst richtet Gott uns wieder auf. Wir dürfen uns wieder der Zukunft zuwenden. Gott gibt keinen von uns auf, er läßt uns nicht los.

Am Anfang des Gottesdienstes wurde gesagt: Das Thema des Sonntags lautet „Ein dankbarer Mensch verwandelt sich an Leib und Seele“. Davon war noch gar nicht die Rede. Aber es ist doch klar, daß Jakob nur dankbar sein konnte, den Zugang zu Gott gefunden zu haben trotz seiner Verfehlungen. Dazu noch ein Satz zum Nachdenken für den Nachhauseweg, nämlich das Gebet: „Lieber Gott ich danke dir, daß nicht jeden Tag so schlechtes Wetter ist wie heute!“

 

 

14.  Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 28, 10 - 22 (Variante 2)

Das ist wieder so ein Text, bei dem wir denken können: „Ja, der Jakob, der hat es leicht gehabt. Der sah den Himmel offen, eine Treppe, die hinaufführt, und die Boten Gottes, die darauf auf und nieder steigen!“ Nach antiker Vorstellung, die wir heute nicht mehr übernehmen können, waren Himmel und Erde scharf voneinander getrennt, der Himmel war „oben“ und die Erde tief drunten. Nur an einer ganz kleinen Stelle gab es einen Berührungspunkt, ein Himmelstor. Diese Stelle darf Jakob sehen. Aber er darf nicht diese Treppe hinaufsteigen, er bleibt immer ein nichtswürdiger Mensch. Auch bringen die Gottesboten nicht die Gebete der Menschen zu Gott, sondern die Befehle Gottes zu den Menschen.

Man kann erschrecken vor diesem Weltbild und Menschenbild: Gott irgendwo in der Ferne, nur ab und zu einem Menschen erscheinend, aber dann in der Regel auch mehr als ein drohender Richter, als der Gebieter und Weltherrscher.

Doch geht es uns heute nicht auch ebenso: Nur an einer einzigen Stelle haben wir Berührung mit Gott. Der eine hat nur eine Berührung mit der Kirche und ihrer äußerlichen Organisation. Ein Anderer begehrt auch die Amtshandlungen der Kirche, also etwa die Taufe der Kinder. Ein Dritter gar kommt zum Sonntagsgottesdienst oder zum Abendmahl. Und bei Manchem spürt man auch in seinem ganzen Alltagsleben, daß Gott ihn den ganzen Tag begleitet, daß Gott nicht nur punktweise etwas mit ihm zu tun hat, sondern auf breiter Front das Leben dieses Menschen bestimmt.

Das kommt ja immer wieder einmal vor, daß einer seinem Arbeitskollegen beispringt, dem etwas schiefgegangen ist, auch wenn dabei das eigene Arbeitspensum nicht erreicht wird. Oder junge Menschen widmen sich ein Jahr lang der Krankenpflege oder anderen diakonischen Aufgaben. Oder einer hält eine ganze Arbeitsgruppe zusammen und übernimmt eine Verantwortung, die keiner haben will, die aber auf einem ruhen muß, wenn unsere Welt als Gottes Welt bewältigt werden soll.

Vielleicht fordern auch die Menschen eine solche Haltung von uns. Aber entscheidend ist doch, daß unser Glaube von uns fordert: In der Verantwortung vor Gott und den Menschen seinen Mann im Leben stehen, unbeirrt von Quertreibereien, aber getragen von dem Vertrauen auf Gott und von dem Befehl Gottes: Macht euch die Erde untertan! Löst doch die Probleme der Welt in Wirtschaft und Technik, bei der Ausbildung und im Zusammenleben der Menschen!

Es gibt unter uns viele, die schon erkannt haben: Gott will unser ganzes Leben bestimmen und kann uns auch überall helfen. Er ist keine Sache für eine Stunde am Sonntag oder für festliche Angelegenheiten.

Allerdings verläuft unser Leben auch nicht immer so gradlinig. Manchmal entfernen wir uns weiter von Gott und haben dann nicht mehr den Mut, auf Gott zu hoffen. Der Jakob war ja auch auf der Flucht. Er hatte seinen Bruder durch eine List um den Erstgeburts-Segen gebracht, nun ist er heimatlos und muß das Land der Verheißung verlassen. Als alles vertan und verspielt scheint, fällt Gott nun nicht das Urteil über dieses allzumenschliche Verhalten. Gott

mißt nicht mit menschlichen Maßstäben, sondern gibt auch dem Betrüger erneut seine Zusage. Aber gerade dadurch ist Jakob dann ein anderer geworden. Die alte Schuld ist nicht vergessen, aber Gott führt sein Vorhaben unbeirrt mit ihm aus, auch wenn er menschlich gesehen ein Versager ist.

Manches in unserem Leben ist schon gefährlich. Und ein Sprichwort sagt: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ Es ist schon gefährlich, wenn man nur auf Gott vertraut und Gottes Willen in seinem ganzen Leben ausführen will. Aber welch wunderbare Worte darf Jakob hören: „Ich bin mit dir und werde dich behüten, wohin du auch gehst, und ich will dich dann zu diesem Fleckchen Erde zurückbringen. Ich werde dich nicht verlassen, bis ich alle meine Verheißungen ausgeführt habe!“

Eine große Nachkommenschaft soll er haben. Aber noch ist er nicht einmal verheiratet. Er scheint verflucht zu sein. Aber gerade da wird ihm der göttliche Segen bestätigt. So geht es uns doch auch oft: Wenn wir ganz am Boden liegen und keine Hoffnung mehr haben, dann sind wir erst richtig bereit für die Anrede Gottes. Dann ersehnen wir seine Hilfe und hören auch auf ihn. Vielleicht redet Gott aber schon immer zu uns, nicht nur am Sonntag, sondern in jeder Stunde. Wir müssen ihn nur hören und ihm auch antworten.

Allerdings brauchen wir nicht so mißtrauisch zu sein wie Jakob, der sagt: „Wenn Gott das und das für mich tut, dann soll er auch mein Gott sein!“ Unser Bekenntnis lautet umgekehrt: „Gott ist mein Gott und deshalb hilft er mir auch!“ An Jakob hat sich der Segen ganz sichtbar ausgewirkt. Mit zwei Frauen, mit Kindern, Knechten, Mägden und großen Viehherden ist er aus der Fremde heimgekehrt. Wir stellen uns den Segen Gottes hoffentlich nicht nur so handgreiflich vor.

Für uns offenbart sich Gott auch nicht nur an so einem einzigen Fleck wie dem Stein von Bethel. Um die Offenbarung und Erscheinung Gottes geht es ja bei diesem Text für den 1.Sonntag nach dem Erscheinungsfest am 6.Januar. Aber wir begegnen Gott nicht an einem bestimmten heiligen Ort, sondern in unserem ganzen Leben, Handeln und Tun.

Da könnte man nun allerdings sagen: „Ist ja fein, wenn Gott nicht nur im Kirchgebäude wohnt und man ihn auch anderswo finden kann als im üblichen Gottesdienst, dann genügt es ja auch, wenn ich sonntags beim Kartoffelschälen den Radiogottesdienst höre!“ Ob man dabei aber wie Jakob den Himmel offen sehen kann, ist fraglich. Wir dürfen eben den Himmel offen sehen, wenn wir auf Jesus Christus sehen und auf das, was er uns von Gott erzählt hat. Hier offenbart sich uns Gott, und von hier können wir auch Kraft empfangen für unsere Wanderung durch den Alltag.

 

 

15. Sonntag nach Trinitatis: Lk 17, 5 - 6    

Wenn ich einen Menschen fotografiere, ist er zunächst nur Objekt meines Sehens, mit dem Objektiv der Kamera eingefangen. Ich könnte auch noch eine Wärmebildkamera oder ein Infrarotkamera oder eine Nachtsichtkamera oder gar eine Filmkamera mit Ton - es blieb immer bei einem technischen Vorgang. Wenn ich einem anderen von Mensch zu Mensch begegnen will, dann muß ich ihm viel näher kommen als mit der Kamera. Ich muß wenigstens mit ihm sprechen. Und der Höhepunkt der Begegnung ist dann das Verhältnis von Mann und Frau oder von Eltern zu Kindern.

Auch beim Glauben kann man nichts abzubilden wie bei einer Kamera, sondern hier findet Begegnung statt zwischen Gott und Mensch. Es geht nicht um Gegenstände und Sachverhalte, sondern um die „Person“ Gottes. Zwar höre ich das Wort Gottes, ich schmecke Brot und Wein im Abendmahl. Aber dabei muß der Funke persönlicher Zuwendung überspringen. Gottes Wort ist nie nur eine Aussage, sondern Anrede an mich. Die Menschwerdung seines Sohnes, sein Tod und seine Auferstehung muß mitgeteilt werden. Aber die Mitteilung bleibt wirkungslos, wenn sie sich nicht unterderhand auch in Anrede, Zuspruch, Ermutigung eingefaßt wird.

Keiner der Götter der religiösen Umwelt der Bibel erwartete von seinen Verehrern Glauben. Gott ist zum Beispiel für die Griechen dem Erkennen und Denken zugänglich, denn er ist die religiöse Tiefe der Welt. Es bedarf nicht des Glaubens, sondern der Einsicht und des Begreifens.

Ganz anders ist es in der Welt der Bibel. Glaube ist hier das wagende und vertrauende „Sich-Fest machen“ an Gott und seinen Zusagen. Aber vorher hat Gott sich dem Menschen zugewendet und ihn zu solchem Zutrauen ermutigt.

Der Mensch mit seinem naturwissenschaftlich-technischen Denken hat es nicht immer leicht, das Wesen des Glaubens zu begreifen. Naturgesetze werden nicht geglaubt, sondern erforscht, experimentell nachgewiesen und mathematisch formuliert. Die Tragfähigkeit eines Treppenaufgangs ist nicht Gegenstand des Glaubens, sondern statischer Berechnungen. Wer so zu denken gelernt hat, der hat leicht den Verdacht, er werde beim Glauben aufs Unzuverlässige verwiesen: aufs bloße Meinen, aufs Vermuten, wenn nicht gar aufs Phantastische und Gesponnene.

Der Glaube ist aber nicht ein Nicht-genau-Wissen, er ist überhaupt kein Wissen. Er bewegt sich in einer ganz anderen Welt. Er gehört ins Personale und beschreibt das Verhältnis zwischen zwei Personen. Das Vertrauen zwischen zwei Menschen beruht ja auch nicht auf Experimenten oder Messungen, sondern ist Wagnis, Zutrauen ohne Beweis, Entschluß.

Glaube kommt aus der Begegnung mit Gott. Er ist das verwegene Zutrauen zu diesem Gott, der verspricht, uns festzuhalten. Glaube heißt nicht: „etwas über Gott denken“, sondern: „etwas von Gott erwarten“. Der Glaubende glaubt nicht an das Vorhandensein Gottes, sondern an das Kommen Gottes. Er ist Gewißheit - gegen Furcht und Zweifel. Wenn einer sagt:„Mit dir wag ich es!“der nimmt den anderen als Person ernst und ehrt ihn mit seinem Vertrauen. Der Versuch eines Beweises könnte dieses spezifisch Menschliche nur kaputt machen, so wie das Heranziehen eines Detektivs schon ein Zeichen dafür ist, daß die Ehe kaputt ist.

Denken wir noch etwas über den Glauben nach unter den Stichworten: Großer Glaube, kleiner Glaube und wachsender Glaube.

 

1. Großer Glaube: Niemand wird es wagen, den eigenen Glauben einzuschätzen. Aber vom Glauben überhaupt können und müssen wir reden, denn Christ sein heißt: Glauben haben. Die Jünger bitten: „Stärke uns den Glauben!“ Sie brauchen mehr Glauben. Er ist zwar schon vorhanden, wird aber nicht als ausreichend angesehen. Und hinter der Bitte steht die Überzeugung, daß man sich den Glauben nicht selber geben kann, sondern man empfängt ihn von Jesus.

Es gibt also auch einen kleinen Glauben. Man weiß, daß Gott zur Stelle sein will, aber man traut sich nicht, es mit ihm zu wagen. Man könnte Großes vollbringen, aber das Herz ist zaghaft und fürchtet, Gott könnte sein Wort nicht halten. Auf Gottes Seite fehlt es an nichts, aber wir trauen ihm nicht genug zu.

Die „Apostel“ stehen hier stellvertretend für die ganze Kirche. Sie bitten um Mehrung des Glaubens nicht nur, weil ihr persönliches Christsein davon abhängt. Sie brauchen den großen Glauben für ihr Wirken in Kirche und Welt. Die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeiten muß Jesus immer um Vermehrung ihres Glaubens bitten. In verschiedenen Heilungsgeschichten wird gesagt, daß die Jünger auch Menschen heilen wollten, aber sie konnten es nicht.

Immer wieder entdecken auch wir uns als die Kirche, die ihrem Gott und Herrn nichts zutraut. Als Kleingläubige können wir uns nur an den Herrn wenden mit der Bitte um Vermehrung des Glaubens. Es ist in Ordnung, daß die Jünger so bitten.

 

2. Kleiner Glaube: Daß Jesus in seiner Antwort auf das Begehren der Jünger dem Glauben eine so unwahrscheinliche Macht zuschreibt, könnte alles andere als ein Trost sein. Nur ein ganz klein wenig Glaube, und es müssen die größten Wunder geschehen. Was ist aber, wenn sie bei mir nicht geschehen?

Hier wird uns aber nicht etwas abverlangt, sondern etwas zugesprochen. Unser Glaube wird nicht mit Auflagen belastet, als müßte er bestimmte Wirkungen und Erfolge hervorbringen. „Was, du hast noch keinen Berg versetzt? Dann bist du kein Christ!“ Man könnte nicht falscher mit Jesu Wort umgehen. Das Gegenteil ist richtig.

Hier ist nicht eine auf eigenen Füßen stehende Gläubigkeit gemeint, die den Bezug auf Gott gar nicht nötig hat. Der Glaube ist nicht die auf Gott einwirkende Kraft meines eigenen Herzens, die nur genug Energie entwickeln muß, um das Gewünschte hervorzubringen. Der Glaube glaubt nicht an sich selbst, er glaubt an Gott. Der Glaube sagt nicht: „Ich traue mir das und das zu“,  er sagt: „Ich traue es Gott zu!“

Deshalb kann man nicht das eigene Bekehrtsein und die am eigenen inneren Zustand abgelesene Hinwendung zu Christus zum Maßstab für den Glauben machen. Das ist ja kritisch gegenüber denen zu sagen, die allein die Erwachsenentaufe wollen. Wann bin ich denn wirklich reif, daß ich mich taufen lassen kann? Da muß ich doch selber eine Leistung erbringen. Wieviel schöner ist es doch, wenn man schon als Kind getauft wurde. Da weiß man: Man gehört dazu, man erfährt die Hinwendung Gottes, man braucht nicht selber etwas zu leisten. Der Glaube ist dann so mit dem beschäftigt, an den er glaubt, daß er sich selbst ganz darüber vergißt.

„Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn“, sagt Jesus. Das Senfkorn gilt als geradezu sprichwörtlich klein: Beim „schwarzen Senf“ gehen auf ein Gramm mehr als 700 Stück. Es war im Altertum der kleinste dem menschlichen Auge wahrnehmbare Gegenstand. Aber so ein kleiner Glaube langt. Er ist gewiß, daß er nicht enttäuscht wird, weil er sich auf Christus verlassen kann.

Es ist wie beim Beten: Wer im Namen Jesu betet, der empfängt alles, was er bittet. Aber er ist mit seinem Beten von vornherein in Jesu Willen eingebunden und empfängt von daher die Gewißheit, daß er erhört wird. In Afrika wollte einmal eine Gemeinde einen Bittgottesdienst um Regen abhalten. Der Pfarrer aber schickte die Leute wieder heim und sagte: „Keiner von euch hat einen Regenschirm mitgebracht. Was wollt ihr denn machen, wenn Gott unsre Bitte sofort erhört? Geht erst heim und holt Regenschirme. Denn nur wenn man ganz fest daran glaubt, kann etwas daraus werden!“

 

3. Wachsender Glaube: Es könnte sein, der Glaube erscheint uns jetzt als etwas geradezu Unwirkliches. Aber es besteht zwischen dem „großen“ und dem „kleinen“ Glauben ein Zusam­menhang. Es geht nicht darum, daß der Glaube sich durch eine vielfältige Erfahrung allmählich in eine andere Form von Gewißheit verwandelte. Glaube bleibt immer „ein Sichere-Schritte-Tun, obwohl kein Weg zu sehen ist, ein Hoffen, obwohl es aussichtslos ist, ein Nichtverzweifeln, obwohl es verzweifelt steht, ein Grundhaben, obwohl man ins Bodenlose tritt“.

Bei zwischenmenschlichen Beziehungen ist es nicht anders: Das Vertrauen, das zwei Menschen sich schenken, bleibt wagendes Vertrauen. Es würde auch seinen Glanz verlieren, wenn es zur langweiligen Gewohnheit entartete. Dann tritt das ein, was man mit den Worten umschreibt: „Ich liebe dich nicht mehr!“ Das ist immer die Ausrede, wenn man sich bereits einem anderen Partner zugewandt hat. Doch die Liebe kann nicht aufhören, sonst war sie von Anfang an keine Liebe gewesen. Man muß manchmal um sie kämpfen, aber sie kann nicht einfach verschwinden.

So ist es auch mit dem Glauben. Er ist ein Loslassen der menschlichen Sicherungen und ein wagendes Mitgehen mit Christus. Deshalb kann man den Glauben auch nicht demonstrieren wie in einem Zauberkunststück. In der evangelischen Akademie Arnoldshain lehrte einmal ein Dr. Ruppel, ein pensionierter Jurist, der aber auch auf dem Gebiet der Theologie etwas drauf hatte. Junge Leute haben ihn sehr verehrt, auch wenn sie später beim Theologiestudium feststellen mußten, daß er doch tief in eine nichtchristliche Weltanschauung abgetaucht war. Zu diesem Dr. Ruppel sagte einmal einer: „Gehen Sie doch einmal morgen früh um zehn Uhr mit vor den Frankfurter Hauptbahnhof und versetzen sie diesen woandershin. Wenn man glaubt, kann man das doch“ Herr Ruppel bekräftigte: „Wenn man glaubt, kann man das. Aber wenn man es demonstrieren wollte, geht es nicht!“

Nach einer Predigt über diesen Bibeltextversuchte  ein Gemeindeglied, einen Baum in seinem Garten auf diese Art zu versetzen. Am nächsten Sonntag berichtete er dem Pfarrer, daß der Baum sich nicht fortbewegt habe. Da sagte der Pfarrer natürlich: „Da haben Sie nicht genug Glauben gehabt!“ Da lachten beide, weil es ihnen natürlich klar war, daß man mit so etwas keine Späße machen kann. Jesus ist er nicht in die Welt gekommen, damit bei seinen zahlreichen Nachfolgern ein allgemeines Bäume-Ausreißen beginne. Das Wort ist wahr, auch wenn kein Baum je einen Standort verändert hat.

Bei jedem Schritt aber macht der Glaube Erfahrungen: Zwar immer neue Anfechtungen - aber auch immer neue Durchhilfen. Man macht die Erfahrung: „Es geht! Gott enttäuscht uns nicht. Von einer Gotteserfahrung zur andern kann man neuen Mut gewinnen!“ Aber mein Glaube wächst nicht, indem ich mir ein Pensum auferlege, sondern indem ich mich an Jesus halte. Er weckt den Glauben, fordert ihn heraus. Im Umgang mit ihm bekommt man Mut, sich ihm anzuvertrauen. Jesus ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.

 

 

16. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 7, 11 - 16        

Die schwerste Aufgabe, die einem Pfarrer in seinem Amt gestellt werden kann, ist die Beerdigung eines Kindes. Die eigentliche Trauerfeier ist dabei nicht einmal das Schlimmste, weil da alles nach einer vorgegebenen Ordnung abläuft und der Pfarrer nur Haltung bewahren muß; er darf nicht weinen, auch wenn ihm danach zumute ist, so wie den anderen auch.

Aber viel

schwieriger ist das Gespräch mit den Angehörigen: Was soll man sagen, das ihnen eine Hilfe sein könnte? Was soll man den Eltern eines ermordeten Kindes sagen? Was den Eltern, deren Kind bei der Trennung der siamesischen Zwillinge gestorben ist?

Man kann das sagen, was alle sagen: Worte der menschlichen Anteilnahme, die meist nur ein wenig hinwegtrösten können. Man kann die biblischen Aussagen wiederholen, die zwar richtig sind, aber doch in dieser Situation zunächst einmal etwas weltfremd erscheinen. Gerade vom Pfarrer erwartet man in dieser Situation mehr als nur die Wiederholung von Bibelworten oder von allgemeinen Wahrheiten.

Wenn man Theologie studiert, um Pfarrer zu werden, dann denkt man noch nicht an solche Fälle. Aber dann erlebt er den Tod eines 17jährigen jungen Mannes. Er war das einzige Kind, ein netter Junge, wie er im Buch steht. Er kümmerte sich um einen Schulkameraden aus der Nachbarschaft, der durch ein Arzneimittel, das die Mutter während der Schwangerschaft genommen hatte, nur unvollständige Arme hatte. In der Schule war er gut. Er war in der kirchlichen Jugendgruppe, wo er einen sehr positiven Einfluß hatte. Und dann starb er von einem Tag auf den anderen an den Folgen einer Gehirnerkrankung in den Armen seines Vaters. Der Familie war die Zukunft genommen, denn er war der einzige Nachkomme.

In der Geschichte mit dem Jüngling von Nain ist die Situation noch einmal verschärft, weil eine Witwe ihr einziges Kind verliert und nun ganz allein dasteht. Witwen waren schon damals in einer schweren Lage. Deswegen nahm sich die Gesetzgebung schon damals ihrer besonders an, genauso wie der Fremden, der Armen oder der Tagelöhner. Aber dennoch hat eine Witwe es schwer, ihr Recht zu erkämpfen. Das zeigt sich auch darin, daß diese Frau ja ihren Ernährer verloren hat. Sie hat keinen mehr, der ihr einmal handwerkliche Arbeiten erledigt oder zu den Behörden geht. Sie hat niemanden mehr, mit dem sie einmal über ihre Probleme sprechen kann. Ihre Zukunft war so dunkel, daß sie am liebsten auch gleich mit gestorben wäre.

Wie kann es in dieser Lage noch eine Hilfe geben? Unsere Erfahrungen sind doch andere. Wenn so etwas bei uns passierte wie eine Totenauferweckung, dann wäre das doch das Sensationellste des Sensationellen. Aber bei Lukas steht diese Geschichte völlig unbetont in einer Reihe mit den anderen Werken Jesu. Überhaupt machen die Totenerweckungen im Neuen Testament wenig von sich her.

Das Wunder von Nain scheint sich nicht besonders herumgesprochen zu haben. Es geht ja auch nicht um eine Sensation. Es geht nicht einmal um die Überwindung des Todes durch Jesus, denn der junge Mann ist ja längst ein zweites Mal gestorben. und nunmehr endgültig. Wenn der Tod besiegt werden soll, dann muß mehr geschehen als das Zurückrollen des alten Lebens in die alte Welt hinein. Vielleicht hat Jesus den jungen Mann ja nur davor bewahrt, als Scheintoter lebendig begraben zu werden.

Das Wunder Jesu ist aber ein Zeichen. Wir sollen nicht staunen, daß Jesus einen Toten auferwecken konnte. Vielmehr geht es hier darum, daß im Wirken Jesu die helfende Nähe Gottes gepriesen wird. Mit einem Schlagwort könnte man den Sinn dieser Geschichte so zusammenfassen: Schach dem Tod!  

1 . Mattgesetzt ist er noch nicht: Paulus schreibt, er sei der letze Feind, der vernichtet werden

wird. Was sich da in Nain abgespielt hat, ist doch nur ein Vorspiel der eigentlichen Auferweckung. Aber ansonsten ist unsere Welt zwar in erster Linie geprägt durch das Leben, aber dann auch durch den Tod. Dieser ist das Zeichen dafür, daß unsre Welt noch zerfallen ist mit Gott.

Wir lehnen uns deshalb gegen das Sterben auf, weil wir den Zorn Gottes fürchten. Die Überwindung des Todes kann sich nämlich nur in einem Ganzen vollziehen, da muß mehr geschehen als ein Sprung in die Unvergänglichkeit. Vor allem geht es ja auch darum, daß nicht w i r handeln, sondern Gott. An sich sind wir weit weg von ihm. Aber er hat sich aufgemacht und ist zu uns gekommen.

Die Geschichte erinnert stark an eine Geschichte aus dem Alten Testament, in der der Prophet Elia auch den Sohn einer Witwe wieder zum Leben erweckt. Wenn Jesus nun das Gleiche tut, dann soll damit gesagt werden: Die Prophetie ist wieder erwacht. Seit langem beklagte man sich darüber, daß man sich in einer prophetenlosen Zeit befand. Man wartete darauf, daß ein glaubhafter Prophet erstehen würde. Schon in Johannes dem Täufer sah man den wiedergekommenen Elia. Dann wurde Jesus als der neue Prophet angesehen. Daß er mehr ist als das, das hat man in Nain damals noch nicht erkannt.

Aber man jubelte: „Es gibt wieder unter uns Prophetie! Der Himmel ist nicht mehr für uns abgeriegelt. Gott wendet sich uns wieder zu. Die Sünde kann Gott nicht mehr von seinem Volk fernhalten. Die Zeit des Schweigens Gottes hat ein Ende!“ Daß Gott wirklich da ist, kann man daran sehen, daß er dieses Machttat vollbracht hat. Tote erwecken kann nur Gott, aber er tat es durch Jesus. Zum Kommen Gottes gehört auch die Überwindung des Todes.

 

2. Jesus wirkt konkret: Doch es wir hier nicht nur eine neue Weltstunde ausgerufen, sondern es wird hier konkret gehandelt an einem jungen Mann und seiner Mutter. Jesus wirkt durch das Wort, aber dieses hat auch wirkende Kraft, besonders an hilfsbedürftigen Menschen. Jetzt gibt es einen Großeinsatz der erbarmenden Liebe Gottes. Er könnte seine Schöpfung fallenlassen. Aber er kann es nicht ansehen, daß sie an ihrer Sünde kaputt geht. Aber er bringt sich nicht mit Macht zur Vernunft, sondern er liebt sie über alle Maßen.

Liebe und Erbarmen fangen an mit dem Sehen: Jesus sieht die Not dieser Witwe. Der Evangelist Lukas verwendet hier ein Wort, das er sonst nicht im Zusammenhang mit Jesus gebraucht: Es ging ihm an die Nieren, es drehte ihm die Eingeweide um! Die sogenannten „Wunder“ Jesu sind Liebestaten. Sein tätiges Eintreten für Rechtlose, Arme und Verlassene ist aber nicht nur ein Zeichen seiner menschenfreundlichen Gesinnung, die in seiner Persönlichkeit begründet liegt. Es geht nicht nur um den Menschenfreund, sondern um einen Angriff der Liebe Gottes auf das ganze Geflecht von unsichtbaren Mächten und Zwängen, der die Welt wegen ihrer Sünde unterworfen ist.

Diese Witwe empfängt beispielhaft die Liebe Gottes, so daß sich ihr Geschick wendet. Nicht umsonst heißt es: „Er gab ihn seiner Mutter!“ Es geht nicht nur um den Sohn, sondern die ganze Tat war eine Tat des Erbarmens an dieser Frau. Damit fängt überraschend im Haus der Frau ein neues Leben an.

Man kann natürlich fragen: Warum sorgt Gott nicht von vornherein dafür, daß solche Fälle sich überhaupt nicht mehr ereignen? Doch Glaube ist eben immer ein Wagnis: Er soll auch bestehen bleiben, wenn es einmal nicht so läuft, wie wir es uns gewünscht haben. Es wird uns zugemutet, daß wir uns durch die Anfechtungen durchkämpfen. Ein schweres Schicksal läßt

uns nach Gott fragen.

Wir sind nicht Jesus, wir können nicht erreichen, daß ein Toter sich wieder aufrichtet und zu reden anfängt. Aber eins können wir tun: Wir können traurigen Menschen, die verlassen und ohne Hoffnung dastehen, beistehen. Jesus tut heute seinen Dienst durch die Kirche und durch jeden einzelnen in ihr. Und deshalb sind wir aufgefordert, das zu tun, was wir können. Und wenn wir etwas in dieser Richtung tun, dann ist das ein Zeichen, das auf Kommendes hinweist. Dadurch steht der Tod schon im Schach: Noch ein oder zwei Züge, dann ist er mattgesetzt.

 

3. Der Tod von Nain ist noch nicht der große Tag der Auferstehung: Aber das Machtzeiten Jesus deutet auf diesen Tag hin. Jesus wir mit dem Tode fertig. In Nain wird der verhangene Horizont ein Stück aufgerissen. Dieses Zeichen soll man wahrnehmen.

Aber die Wiederherstellung des sterblichen Lebens ist nicht die Überwindung des Todes. Unvergängliches Leben gibt es nur in der neuen Welt, die den Begrenzungen des irdischen Lebens entnommen ist. Wir dürfen uns freuen über die Fortschritte der Medizin, über die gestiegene Lebenserwartung. Aber eine Auferweckung in die alte Welt hinein kann doch nicht das Ziel sein.

Deshalb steht auch die Figur des Todes noch auf dem Schachbrett unsres Lebens. Aber Jesus weiß schon die nächsten Züge. Der Ausgang des Spiels ist nicht zweifelhaft. Wir können uns ruhig schlafen legen. An unseren Sarg wird Jesus treten und uns auferwecken.

Das ist die Botschaft, die wir denen sagen können, die in großer Trauer sind. Wenn wir die Frage vom Anfang „Was können wir einem trauernden Menschen sagen?“ noch einmal aufnehmen, dann können wir schon etwas tun. Letztlich ist es doch nur Gottes Wort, das uns im

Angesicht des Todes (eines anderen oder des eigenen) weiterhelfen kann. Joachim Fuchsberger sagte einmal im Fernsehen: „Ich beneide die Menschen, die glauben können!“ Wir brauchen niemanden zu beneiden, weil wir selber glauben und dadurch auch anderen helfen können.

 

           

17. Sonntag nach Trinitatis: Joh 9, 35 - 41

In den letzten Jahren ist es zu einer steigenden Zahl von Nachkonfirmationen gekommen. Manche der Bewerber sind für kürzere oder längere Zeit im kirchlichen Unterricht gewesen, haben aber nicht an der Konfirmation teilgenommen. Andere sind zwar als Kind getauft worden, haben aber nie weiter Berührung mit der Kirche gehabt. Und dann gibt es auch noch die Taufbewerber, die erst noch als Erwachsene getauft werden wollen und dazu auch erst entsprechend unterrichtet werden müssen.

Da ist es nicht so ganz einfach, in aller Kürze und doch mit dem nötigen Tiefgang etwas zu vermitteln. Besser ist immer der mehrjährige Weg über den kirchlichen Unterricht, da kriegt man eher ein Gespür für die Sache und kann leichter zum Glauben kommen. Wenn man in einem Vierteljahr alles nachholen will, dann kann man sich zwar informieren lassen, aber ob es wirklich zündet, das hat man nicht in der Hand. Das hat man nie in der Hand, so oder so nicht; aber die Chancen sind größer, wenn es nicht nur zu einer flüchtigen Begegnung kommt.

Bei dem Blindgeborenen geht es auch um diese zwei Stufen. Zunächst begegnet er dem Arzt Jesus. Blindsein war für ihn zunächst eine Sache der Sehorgane. Und das ist tatsächlich ein schwerwiegendes Problem. Im Wartezimmer eines Augenarztes kann man viel von schweren Schicksalen, Nöten und Hoffnungen vernehmen. Wenn hier geholfen werden kann, dann ist das schon eine großartige Sache.

Aber der Evangelist Johannes meint, mit dem Geschenk des Augenlichts wäre diesem Menschen noch nicht geholfen. Der Geheilte muß noch den Blick dafür bekommen, wer es ist, der ihn gesund gemacht hat: Er muß noch seinen Herrn und Gott finden. Das ist genauso wie bei einem Nachkonfirmanden, der oft noch eine ganze Zeit erst einmal mit der Kirche leben muß, ehe er eine innere Beziehung dazu findet.

Mancher wird diese Erleuchtung für nicht so dringlich halten. Erst einmal ist die Gesundheit für ihn wichtig. Und dann kommt noch die berufliche Karriere, das wirtschaftliche Auskommen, noch verschiedene erfreuliche Zutaten zum Leben - dann aber lange nichts - und ganz am Ende der liebe Gott. Er könnte durchaus der krönende Abschluß sein, aber doch zur Not entbehrlich.

Die Bibel sieht es ganz anders. Gott ist nicht Überhöhung und Zierat, etwas, das man sich auch noch leisten kann, wenn man will. Er muß vielmehr bei uns zu jeder Zeit zu seinem Recht kommen. Er ist der Gott, der in Christus für uns anschaubar wurde, der das ganze Leben bestimmt. Ihn muß der Blindgeborene noch sehen lernen, wenn er wirklich geheilt sein soll. Ihn müssen wir sehen lernen, wenn wir gerettet werden wollen.

Ein Blinder wird sehend. In dieser Geschichte wird er es sogar zweimal: einmal, als er das Augenlicht empfing, das andere Mal, als er entdeckte, wer Jesus für ihn und für alle Welt ist. Mit unsrer Augen können wir nur die Gegenstände dieser Welt wahrnehmen; das ist auch nötig, damit wir uns zurechtfinden können. Es soll aber auch unser ganzes Dasein erhellt werden, von seinem Ursprung und Ziel her sinnerfüllt sein. Wir sind blind, solange wir nur die Gegenstände der Welt sehen, nicht aber Gott in unser Leben hineinnehmen.

Leben ist nur, wo „Licht“ im übertragenen Sinne ist, gewissermaßen ein geistliches Licht. In der Bibel ist „Licht“ oft die Bezeichnung für Glück und Heil, vor allem auch für den göttlichen Bereich. Dieses Licht hat der Blindgeborene gefunden. Nun kann er nicht mehr nur ein normaler und unscheinbarer Mensch sein. Er wird jetzt auch reden müssen von dem, der der Grund seines Lebens geworden ist.

Man wird ihm auszureden versuchen, daß Gott hinter allem stehe. Da wird er sich entscheiden müssen zwischen zwei Weisen zu leben: Leugnet er, daß Gott hinter Jesus steht, dann werden ihn die Menschen anerkennen und er wird allmählich einer der ihren werden. Keiner wird mehr fragen, ob er ein Sünder ist, er wird seine Ruhe haben. Bekennt er sich aber zu Jesus, dann werden sie mit ihm nichts zu tun haben wollen und ihn erneut verstoßen. Weil

die anderen ihm mit neuen Vorurteilen begegnen, wird er vielleicht wieder auf eine neue Weise einsam werden.

Aber er weiß auch, daß sein Vertrauen zu Jesus nur wachsen kann, wenn er den Mut aufbringt, sich zu seinem Retter zu bekennen. Gerade durch den Widerspruch der Gegner Jesu wird er zu weiterem Nachdenken angeregt. Sie fragen: „Wie kann ein sündiger Mensch ein solches Zeichen tun?“ Sie ziehen die Tatsache der Heilung in Zweifel. Aber der Geheilte kann darüber nur lachen: „Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Aber das weiß ich: Ich war blind und sehe jetzt!“

So kommt es, daß unter dem Widerspruch der Gegner sich die Christuserkenntnis des Geheilten immer mehr herauskristallisiert. Die Erfahrung eines Wunders macht die Christuserkenntnis noch nicht eindeutig, nicht einmal für den, der es selbst erfahren hat. Deshalb tritt Jesus noch einmal auf und macht seinen Schützling sehend für das Geheimnis seiner Person. Er sagt: „Du wartest auf den Richter, der vom Himmel kommt und über die Welt das letzte Wort spricht. Du hast ihn eben jetzt vor Augen: der mit dir redet, der ist es!“ Wo Jesus einem Menschen begegnet, da fällt schon die Entscheidung für die Ewigkeit. Der Geheilte kann ihm nur noch zu Füßen fallen: Er hat seinen Gott gefunden. Ohne umständliche Belehrung hat er an sich recht mühelos zur richtigen Erkenntnis gefunden. Da gab es keine Vergewaltigung menschlichen Denkens, sondern hier wurde einer überwunden und überwältigt.

Aber: Sehende werden blind. Man kann Jesus auch mit ganz anderen Augen ansehen. Dazu muß man gar nicht einmal den feindseligen Blinkwinkel haben wie die Pharisäer. Man kann Jesus auch durchaus wohlwollend einfach in den Bereich des Menschlichen einordnen. Viele haben ihm den Respekt nicht versagt, selbst moderne Juden. Daß er auch Gott sein soll, wird den Zugang zu ihm doch nur versperren! Jesus steht zwar auch mit den Menschen auf einer Stufe. Aber er ist zugleich ganz anderen Ursprungs.

Aber dafür sind die Pharisäer blind. Sie müßten ihn eigentlich „sehen“ können. Sie leugnen Gott ja nicht wie einer, der für das Ganz-andere kein Organ hat. Aber sie sagen: Wer das Feiertagsgebot nicht einhält, kann nicht von Gott kommen. Und außerdem halten sie es für eine Gotteslästerung, daß Gott ein Mensch geworden sein soll und unter den Menschen wirken soll.

Diese Juden sind aber nur Vertreter des Allgemein-Menschlichen. Jesus ist nicht allein an der Blindheit der Juden gestorben, sondern an der Gottentfremdung und Verblendung der ganzen Welt. Mancher sperrt sich gegen diesen Jesus von innen her und kann deshalb auch nichts Zwingendes an ihm entdecken .Aber wer es mit Jesus wagt, der wird merken, wer und woher er ist.

Ein solcher Mensch wird sich auch durch Verdächtigungen nicht beirren lassen und die Kraft haben, allen Angriffen zu widerstehen: Da übernimmt ein Pfarrer besondere Verantwortung für das Wohl der Gesellschaft, kümmert sich um eine bessere Versorgung und Probleme des Umweltschutzes. Dabei arbeitet er auch mit Unkirchlichen zusammen. Aber in der Gemeinde gibt es Mißtrauen, er soll auf der Kanzel bleiben und sich nicht um weltliche Dinge kümmern, so murmelt man.

Da spricht ein ehemals Alkoholkranker, wie er die Sucht überwunden hat. Er kann andere wieder auf den rechten Weg und auch wieder zur Kirche bringen. Aber Pfarrer und Gemeindekirchenrat fragen sich: Ob sie überhaupt geheilt sind? Wir müssen abwarten und sie kritisch betrachten.

Da sind junge Menschen, die man zwar kaum im Gottesdienst sieht, die aber einen eigenen Wag zu Gott suchen, mit ihrer Sprache und ihren Ausdrucksmitteln. Doch manche sagen: Was die da treiben, ist kein anständiger Gottesdienst. Wir wollen nichts mit ihnen zu tun haben.

In Jesu Kommen in die Welt vollzieht sich das Gericht. An ihm scheiden sich die Menschen. Er spricht als der Weltenrichter das letzte Wort: entweder am Ende der Zeit oder auch schon heute als das letztgültige Wort, das am Ende dann bestätigt werden wird. Heute entscheidet sich, was morgen sein wird. Jesu Wort fordert unsere Entscheidung heraus und bewirkt damit die Scheidung. So kann es sein, daß die bisher Blinden sich über das Sehen freuen dürfen und die Lebenden immer blinder werden müssen.

Die Blindheit ist dabei nicht vorherbestimmtes Schicksal, sondern Schuld. Die Pharisäer hätten Jesu Wort auf dem Hintergrund der überlieferten Glaubenserfahrung Israels verstehen können. Zumindest haben sie soviel verstanden, daß sie wußten, was sie ablehnten. Insofern ist es geradezu gefährlich, das Wort Jesu zu hören, denn dann muß man sich entscheiden, und wenn man ihn ablehnt, macht man sich schuldig.

Aber das Hören des Wortes Jesu ist auch etwas höchst Erfreuliches. Denn so kommt es dazu, daß wir aus unserer Unentschiedenheit herausgeholt werden. Jesus möchte, daß wir uns für ihn entscheiden, eine Entscheidung zu unserem Besten fällen. Dabei gilt es aber, nicht dabei stehen zu bleiben, daß wir einmal zum Glauben gekommen sind. Es gilt auch, den Weg des Glaubens weiterzugehen und das empfangene Licht im täglichen Miteinander auszustrahlen. Jesus ist nicht nur das Licht für mein eigenes Leben, sondern das Licht der Welt!

 

 

18. Sonntag nach Trinitatis: 2. Mose 20, 1 - 17

Als ein Großvater einmal seine Enkel von der Bahn abholte zu einem längeren Besuch, da , sagte der Große zum Kleinen: „Jetzt kommen wir zur Großmutter, da darfst du das Wort mit dem Sch….nicht mehr sagen!“ Sie werden sich denken können, daß das Wort nicht so ganz stubenrein war. Aber das hatte der Siebenjährige schon begriffen: Es gibt Regeln im Leben, an die muß man sich halten. Die Eltern stellen Regeln auf, die Großeltern, die Schule, der Staat - überall sind wir von Regeln umstellt.

Gottes Regeln sind die Zehn Gebote. Nicht genug, daß Menschen uns Vorschriften machen. Jetzt kommt auch noch Gott als der Übervater und will uns Gebote geben, die noch über allen anderen Regeln stehen. So denken doch gern Menschen, die sich in ihrer Freiheit nicht einen-

gen lassen wollen, die Spaß haben wollen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen, die sich im Kampf um die besten Futterplätze durchsetzen wollen und nur ihren eigenen Vorteil gehen lassen. Aber wenn ich sage „Die Menschen denken so“, dann müssen wir alle uns auch darin einschließen.

Wir sehen Gottes Gebote immer noch als eine schwere Last an. Das wird auch mit daran liegen, daß die Kirche immer als Wächterin über die Moral der Menschen angesehen wurde. Den Konfirmanden sollten vor allem die Zehn Gebote eingebleut werden einschließlich der Erklärungen Martin Luthers. Der Vater sagte: „Geh nur dort hin, da lernst du nichts Schlechtes!“  Und wenn die Konfirmanden dann bei der sogenannten „Prüfung“ die Gebote aufsagen konnten, dann war der Unterricht erfolgreich.

Doch dabei kommt gar nicht in den Blick, daß die Gebote nicht vom Himmel gefallen sind,

um wie eine fremde Macht über die Menschen gestülpt zu werden. Vielmehr sind sie Folge des Bundes, den Gott mit dem Volk Israel und in einem weiteren Sinne mit allen Menschen geschlossen hat. Erst hat er ihnen geholfen beim Auszug aus Ägypten und sie durch das Meer gebracht. Erst einmal hat er deutlich gemacht, daß er sich aus freien Stücken für dieses Volk interessiert und ihm beistehen will.

Doch bei dieser einmaligen Hilfe soll es nicht bleiben. Am Berg Sinai schließt Gott einen Bund mit dem Volk Israel, bei dem zuerst einmal e r bestimmte Verpflichtungen eingeht: Er will ihr Gott sein, will sie führen und beschützen, will ihr Leben erhalten und gestalten, will ihnen Hoffnung und Zukunft geben. Erst daraus ergibt sich dann, daß natürlich auch der andere Partner bestimmte Verpflichtungen übernehmen muß. Doch Gottes Gebote sind kein hartes Gesetz, sondern sie sind als Hilfe gedacht, zum Wohl der Menschen, als Leitfaden und Geländer für das Leben.

Gottes Gebote sind wie ein Tafelberg: An den Rändern gibt es steile Abstürze, aber oben ist eine große ebene Fläche, auf der man sich frei bewegt. Der Mensch hat viel Spielraum für die eigene sittliche Entscheidung. Nur ganz am Rand der Fläche, da stehen noch einmal die Gebote als letzte Warnung, ja sogar als ein Geländer, das den Menschen unmißverständlich zurückhalten will. Wer das Geländer dennoch übersteigt oder es sogar wegräumt, der stürzt unweigerlich ab.

Doch zunächst einmal sind die Gebote der Ausdruck dafür, daß Gott dem Menschen Freiheit lassen will. Nur haben die Menschen dann doch wieder aus den „Zehn Freiheiten Gottes“ - wie Jörg Zink das genannt hat - ein engmaschiges Gitter an kleinlichen Vorschriften gemacht. Das war so bei den Juden zur Zeit Jesu, die den Gläubigen rund tausend Verbote und Gebote auferlegten, zum Beispiel daß Fleischspeisen nicht mit Milch in Berührung kommen dürfen oder daß man am Feiertag kein Feuer anzünden darf

Im Islam ist es nicht anders gelaufen. Der Koran ist an sich einfach und menschenfreundlich. Aber die Mullahs haben daraus die Scharia entwickelt, das islamische Gesetz, nach dem die Frauen zum Beispiel das Kopftuch, den Schleier oder sogar den Mantel mit Gitter vor den Augen tragen müssen. So hat man über die freie Welt der Menschen ein Gitter gestülpt, sie eingeteilt in kleine Räume, in denen man immer irgendwo aneckt.

Aber auch beim Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland war es nicht anders. Ursprünglich war es kurz und einfach, aus einem Guß. Bis heute hat es über 100 Änderungen erfahren. Und immer wo das Grundgesetz heute ausführlich wird, da hat man später etwas „verbessern“ wollen. Das ist die Regelungswut der Menschen, das Bestreben, alles perfekt zu machen und ja keinen Sonderfall zu übersehen.

Auch in der Familie gibt es die Tendenz zum Aufstellen von Regeln, zwischen den Eheleuten und zwischen den Generationen. Regeln müssen sein (s.o.). Aber es besteht auch die Gefahr der Willkür. Das fängt ja schon bei der Frage an: Wer stellt die Regel auf? Ist es nur der Vater oder nur die Mutter? Oder wird demokratisch abgesprochen, wie man es in Zukunft halten will? Wer wacht über die Einhaltung der Regeln und wer spricht Strafen aus bei möglichen Übertretungen?

Regeln, Gesetze und Gebote sind in erster Linie eine Hilfe. Sie halten die Erfahrungen von Generationen fest, so daß nicht jeder wieder bei Null anfangen muß. Wenn man etwas entscheiden muß, dann sollte man sich zuerst einmal danach umsehen, ob es schon eine Regelung dazu gibt und diese dann auch zuversichtlich und froh übernehmen. Natürlich kann ein Gesetz nicht alles regeln. Das Leben ist vielfältiger, als Gesetze es einfangen könnten. Es bleibt immer noch genug, worüber man sich absprechen muß.

Aber über den Regelfall sollte es doch keine Diskussion mehr geben. Das gemeinsame Leben gelingt besser, wenn alle bereit sind, sich an die Regeln zu halten, die andere vor ihnen aufgestellt haben oder über die sie sich selber einmal mit anderen verständigt haben. Es geht nicht so, wie es mir einmal Kirchenvorsteher gesagt haben. Sie meinten, Gesetze seien doch nur Vorschläge, an die man sich halten könne, die man aber auch außer acht lassen könne. Es gibt ja schließlich staatliche und kirchliche Gesetze. Tarifverträge zum Beispiel müssen eingehalten werden. Erst wenn man sich bemüht hat, das Gesetz ins wirkliche Leben umzusetzen, kann man vielleicht auch einmal im Einzelfall von der Regel abweichen, um das umzusetzen, was das Gesetz sinngemäß wollte.

Doch dagegen wird dann eingewandt: „Kein Gesetz ohne Ausnahme!“ Doch wer das sagt, will natürlich selber allein bestimmen, was gemacht wird. Das ist nämlich die Gefahr, wenn man kein Gesetz und Gebot über sich gelten lassen will. Sehr schnell ist man dann bei Anarchie und Terrorismus. Der Anarchist sagt: „Es darf gar keine Gesetze geben, nur ich selber bin mir Gesetz!“ Und der Terrorist sagt: „Ich allein weiß, was für die Menschen gut ist: und wenn sie das nicht einsehen wollen. dann muß ich sie zu ihrem Glück zwingen!“

Natürlich sind auch die Gebote Gottes hart. Dieses „du sollst/du sollst nicht“ ist schon eine Zumutung für einen Menschen, der sich nicht diskussionslos einem anderen Willen beugen will und Entscheidungen nicht an einen anderen delegieren will, weil er alles selbst bestimmen will. Gottes Gebote wollen aber nicht einfach hingenommen, sondern begriffen werden. Sie sind unverrückbare Grenzsteine, die angeben, wie weit sich der menschliche Spielraum erstreckt.

Aber wie so ein Gebot konkret zu erfüllen ist, das haben wir selbst ausfindig zu machen. Insofern mußten die Gebote auch schöpferisch weiter entwickelt werden: Das Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ bezog sich ursprünglich nur auf erwachsene Menschen, die ihre alt gewordenen Eltern nicht abschieben sollten, heute beziehen wir es auf alle Generationen und eine Fülle von Fällen (zum Beispiel auch auf jenes ominöse Wort, das die Großmutter nicht hören will).

Das fünfte Gebot verstehen wir nicht so, daß man zwar nicht morden darf, das Töten im Krieg oder bei einer Abtreibung aber erlaubt ist. Und stehlen meint nicht nur, daß man dem anderen etwas aus der Tasche zieht, sondern hier geht es um den ganzen Bereich der sozialen Ordnung, um gerechten Lohn und um Hilfe für die Zukurzgekommenen. Und schon gar nicht tut man einen Ladendiebstahl als Kavaliersdelikt ah. Wer sein Leben in der Verantwortung vor Gott führt, der überholt auf der Autobahn nicht rechts, usw. usf.

Aber das alles ist keine Fessel für den Menschen. Das Tier muß seinen Instinkten folgen. Der Mensch aber darf sich entscheiden. Natürlich hofft Gott, daß er sich an den Zehn Geboten ausrichtet, ohne darüber zu stöhnen.

Machen wir es uns deutlich am Beispiel der Ehe. Gottes Gebot sagt: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Das ist doch eine viel bessere Grundlage für eine Ehe als alles Verliebtsein und die Stimmung des eigenen unzuverlässigen Herzens. Daß zwei Eheleute ihren Halt im Gebot Gottes suchen, das bindet sie fester aneinander als das wetterwendische Wollen des eigenen Herzens. Und in ihren Enttäuschungen glauben sie nicht sich selbst mehr als dem Gott, der ihr Bestes will.

Überhaupt ist die Ehe ein Beispiel dafür, wie auch Gott uns Menschen begegnet. Auch in seinen Geboten kommt er als Person auf uns zu und schließt uns sein Herz auf. Er schwebt nicht

unnahbar über den Menschen, sondern ist so nahe wie Eltern ihren Kindern. Deshalb sagt er:

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Denn nur wenn du ungeteilt dein Vertrauen auf mich setzt, kann das auch etwas mit uns werden. Deshalb gilt es, Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen, wie es Luther im Katechismus sagt.

Aber umgedreht gilt dann auch: Wir haben einen Gott, der lieber segnet als straft. Er macht die Einhaltung der Gebote nicht zur Bedingung für das Fortbestehen seines Bundes mit den Menschen. Dieser Bund gilt ja auch uns, die wir nicht mit aus Ägypten gezogen sind. Aber durch die Taufe sind wir in diesen Bund mit hineingezogen worden. Gott hat sich schon für uns erklärt, ehe wir von Gut und Böse wußten, ehe wir Gehorsam oder Ungehorsam kannten. Das gibt uns die Kraft, nach seinen Geboten zu leben.

Wer glaubt, wird die Gebote halten, in Freiheit, ohne damit etwas gewinnen oder verdienen zu

müssen. Er wird sogar sagen können: „Seine Gebote sind nicht schwer!“ (1. Joh 5,3). Wir dürfen den Gehorsam in der Freiheit praktizieren, zu der Gott uns befreit hat.

Probieren Sie doch einmal in der kommenden Woche aus, was ich heute hier behauptet habe: Gottes Gebote sind leicht zu halten! Wenn Sie nächste Woche wieder hierher kommen und der Gottesdienst noch nicht begonnen hat, dann halten Sie doch einmal Rückschau und fragen sich: War es wirklich so schwer?

 

 

19. Sonntag nach Trinitatis: Joh 5, 1 - 16 (Variante 1)

Ärzte und Apotheker führen sie als Wappen und Erkennungszeichen: eine Schlange, die sich um eine Stab windet. Vorbild dafür ist die Äskulapnatter, die es auch bei uns gibt, zum Beispiel im Taunus bei dem Ort Schlangenbad. Der Name kommt von dem griechischen Gott Asklepios oder Äskulap, der angeblich ein Heilgott war. In Epidauros gab es schon im fünften Jahrhundert vor Christus ein berühmtes und elegantes Modebad, wo ausgedehnte Liegehallen denen Raum boten, die hier durch einen Heilschlaf oder durch ein Bad in den Wasseranlagen gesund werden wollten.

Die Bibel verachtet das Streben nach Gesundheit nicht. Schließlich ist Gesundheit ja ein hohes Gut, Krankheit ist ja eines der bedrückendsten Merkmale der unerlösten Welt. Der Gott Asklepios wurde bei den Griechen als Heiland bezeichnet. Das Johannesevangelium aber sagt: „Der wahre Heiland ist Christus, sucht Heilung nicht bei Asklepios, sondern bei Jesus Christus!“

Auch in Jerusalem gab es so ein Heilbad am Teich Bethesda. Es hatte zwei 40 mal 50 Meter große aus dem Fels herausgehauene Becken, die durch ein 6,5 Meter breites Felsband voneinander getrennt waren. Durch unterirdische Rohre waren die Becken mit dem Teich Siloah verbunden. Dort ab gab es eine Quelle, die ihr Wasser unterschiedlich stark ausschüttete. Wenn dort viel Wasser kam, lief es auch in die Anlage von Bethesda. Nach dem Volksglauben aber wurde nur derjenige Kranke wieder gesund, der als Erster dann in dieses Wasser stieg.

Bethesda war also so etwas wie der Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich am Fuß der Pyrenäen. Dorthin kommen täglich viele Hunderte Kranke und erhoffen sich Heilung durch das dortige Wasser. Die Kirche verspricht den Besuchern keine Heilung. Aber ein Geschäft läßt sich mit den Hilfesuchenden allemal machen, und wenn es nur mit den Kerzen ist, die wahrscheinlich mehrfach verkauft werden. Rund einhundert Ärzte sind dort tätig, auch viele Priester, denn der Kirche geht es auch um das Seelenheil der Menschen. Aber solchen Heilorten muß man dennoch wohl sehr kritisch gegenüber stehen.

Das Gleiche gilt für sogenannte „Naturheilverfahren“. Diese sind in mancher Hinsicht nützlich. Mancher Anhänger der Naturheilkunde will fast alle Krankheiten mit Naturheilmitteln bekämpfen. Nur eine Ausnahme soll es geben: Bei Blinddarmentzündung sofort zum Arzt! Heute müssen wir sagen: Auch bei Krebs hilft nur die Schulmedizin.

Das mußte eine Frau erfahren, die alle Möglichkeiten der alternativen Medizin mitgemacht hatte, weil sie sich vor der Chemotherapie und deren Nebenwirkungen fürchtete. Als es schließ­lich 5 vor 12 war, ging sie doch ins Krankenhaus und unterzog sich der Chemotherapie. Daraufhin gingen die Geschwulste zurück. Geheilt war sie damit noch nicht. Das Problem war damit aber nicht gelöst, weder medizinisch noch seelisch. Schulmedizin, Naturheilkunde und seelische Betreuung müssen oft zusammenwirken, wenn Heilung gelingen soll.

Wir heute gehen zum Arzt, wenn wir krank sind. Oder wir gehen in eins der Heilbäder in Hessen, wenn wir das entsprechende Geld haben. Das ist auch gut so und nicht Zeichen eines mangelnden Glaubens an Gott. Wir können auch selber allerhand für die eigene Gesundheit tun. Das widerspricht alles nicht dem, was diese Geschichte aus dem Johannesevangelium aussagen will. Aber sie will nicht sagen, nur ein Wunder könne uns helfen: Zuerst einmal hilft Gott auf ganz natürlich Art und Weise durch andere Menschen. Doch er will mehr für uns tun: Er will, daß wir auch innerlich gesund werden, in Glaubensdingen. Deshalb wird uns gesagt: Jesus macht gesund, aber auch frei und gehorsam.

 

1. Jesus macht gesund: Bethesda heißt „Haus der Barmherzigkeit“. Aber wie geht es diesem Menschen, der fast schon sein ganzes Leben krank ist? Ohnmächtig und hilflos muß er immer wieder Geduld aufbringen und darf die Hoffnung nicht aufgeben. Er darf nicht irre werden an den Menschen, die verständlicherweise immer nur nach sich selber fragen. Jeder hat mit seiner Not genug zu tun und kann sich nicht auch noch um andere kümmern. Elend macht einsam. Jesus aber nimmt den Einzelnen in den Blick. Dabei muß man nicht unterscheiden zwischen leichten und schweren Fällen. Alle Fälle sind Gottes Fälle, für ihn ist kein Fall zu schwer.

Heilung hängt nach biblischem Denken aber mit dem Heil zusammen. Sicher kann man nicht sagen, durch Krankheit werde einem Menschen das Böse heimgezahlt, das er getan hat. Aber es besteht schon ein Zusammenhang zwischen Schuld und Krankheit. Nur kann man das nicht beim einzelnen Menschen gegeneinander aufrechnen. Krankheit ist vielmehr Zeichen der Heillosigkeit der von Gott abgefallenen Welt.

Jesus arbeitet der Not des Einzelnen und der Not der ganzen Menschheit entgegen, indem der von allen anderen übersehene und im Stich gelassene Mensch seine Anteilnahme findet. Jesus läßt sich das Schicksal des Kranken schildern. Dann versucht er, mit dem Kranken über dessen Glauben zu sprechen. Und schließlich gibt er ihm einen Befehl, so daß sich an diesem Menschen ein Herrschaftswechsel vollziehen kann. Das ist weit mehr, als der griechische Gott Asklepios bieten konnte.

Auch wir brauchen mehr als die körperliche Heilung. Als Patient sind wir froh über jede menschliche Zuwendung des Arztes, der Pfleger und der Besucher. Vielleicht müssen sich Ärzte innerlich abschirmen gegen das tägliche Leid, das sie umgibt. Aber für den Patienten ist es schwer, wenn er angeherrscht wird: „Sie müssen diese Untersuchung mit sich machen lassen. Sie haben Krebs. Und wenn wir das nicht machen, müssen Sie sterben!“

Manchmal ist die Formulierung auch nur ungeschickt. Wenn die Stations-Ärztin sagt: „Wir in der Inneren Abteilung können nichts mehr für Sie tun, ich schicke Sie zu den Chirurgen!“ dann denkt der Patient doch wer weiß was. Besser hätte sie nämlich gesagt: „Wir haben nichts Schlim­mes festgestellt. Aber die Gallenblase muß Ihnen dennoch herausgenommen werden!“ Aber in der täglichen Routine eines Krankenhauses gehen die Ängste der Patienten oft sehr schnell unter.

Auch das Pflegepersonal ist oft überfordert. Die vollständige Versorgung eines bettlägerigen Kranken darf aus Kostengründen gerade einmal 40 Minuten dauern. Da ist keine Zeit mehr für ein eingehendes Gespräch über Nöte und Ängste. Und dennoch schaffen es Schwestern immer wieder, auch einmal ein aufmunterndes Wort zu sagen, das dem Patienten über vieles hinweghilft.

Die Kirche versucht hier zu helfen, indem sie Krankenhauspfarrer abstellt. Aber auch da ist Manches im Argen. Da geht in einem Krankenhaus ein großer Teil der Kopfhörer nicht, die den Gottesdienst an die Betten übertragen sollen. Es dauert 14 Tage, bis ein Pfarrer einmal vorbeikommt, obwohl jeder doch nur rund 100 Patienten zu betreuen hat. Nun gut: Wenn ein Patient einen Pfarrer bestellt, geht es sicher schneller. Aber die Geschichte am Teich Bethesda zeigt ja gerade, daß Jesus von selber die Not des Kranken sieht und ihn anspricht.

Hier können auch wir alle helfen: Besuche sind wichtig für Patienten. Der Kranke braucht täglich Besuch, er wartet darauf! Ganz schlimm ist es, wenn wegen einer Epidemie ein Besuchsverbot über das Krankenhaus verhängt wird. Dann haben die Patienten keine Möglichkeit, ihre Ängste und Sorgen loszuwerden, sie werden nicht mehr informiert über das, was draußen vor sich geht, alles staut sich an.

Es darf nicht heißen: „Ich habe keinen Menschen!“ Sicherlich gibt es viele gute Hilfen von Seiten der Gesellschaft, es gibt Beratungsstellen und die Pflegedienste. Auch die Kirche stellt viele Einrichtungen gerade auf diesem Gebiet bereit. Aber der Einsatz des Einzelnen ist deshalb nicht überflüssig, wir alle sind hier gefragt. Wir sind zwar keine Ärzte, keine Psychologen und keine ausgebildeten Krankenpfleger. Aber wir können dem anderen im rechten Augenblick das helfende Wort sagen. Und wir können still zuhören, wenn er beginnt, sich die Nöte vom Herzen abzuräumen. Das ist unser Teil der Hilfe. Jesus aber will noch mehr geben, als wir Menschen leisten können.

 

2. Jesus macht frei, aber auch gehorsam: Daß die Heilung am Sabbat geschehen ist, geht erst mehr am Ende hervor. Im zweiten Teil der Heilungsgeschichte fordert Jesus den Konflikt geradezu heraus, wenn er den Kranken auffordert, seine Matratze wegzutragen. Aber dadurch will er dem Geheilten mehr geben als nur die körperliche Gesundheit: Richtig befreit ist der Mann erst, als er den Worten Jesu folgt und es wagt, sich aus falschen religiösen Bindungen zu befreien und das Sabbatgebot zu übertreten. Nicht durch das Halten des Gesetzes wird die verlorene Welt wieder zur Welt Gottes, sondern durch das Wirken der Liebe Gottes.

Die zweite Begegnung mit Jesus läßt den Geheilten erkennen, daß bei dieser Heilung mehr im Spiel war und die entscheidende Hilfe über das Gesundwerden der Glieder hinausging: In der Begegnung mit Jesus war es zu einer umfassenden Heilung gekommen, nämlich zur Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde und zur Verheißung des ewigen Lebens. Wie frei der Geheilte ist, erkennt man daran, daß er unmittelbar gehorcht. Er gehorcht, obwohl er nicht einmal weiß, wer ihm da geholfen hat. Er will es nicht anders, er kann nicht anders - das ist seine Freiheit.

Jesus entläßt aber nicht in eine unverbindliche Freiheit: Der Geheilte erhält den Befehl, in Zukunft nicht mehr zu sündigen. Damit wird ihm nicht ein neues Gesetz auferlegt. Aber man kann nicht gesund werden wollen und dabei Sünder bleiben wollen. In der Bindung an Christus erledigt sich die Sünde, ohne Anstrengung, einfach aus der wunderbaren Erfahrung des Helfens und Heilens. Gesundheit ist eben mehr als die körperliche Heilung, durch die Befreiung vom Zwang zur Sünde werden wir erst richtig frei. Schulmedizin allein macht es nicht, es geht auch um menschliche Zuwendung und Heilwerden im umfassenden Sinn.

 

 

19. Sonntag nach Trinitatis: Joh 5, 1-16  (Variante 2)           

Wilma Rudolph wuchs in einer Familie mit sieben Geschwistern und elf Halbgeschwistern auf. In ihrer Kindheit erlitt Wilma eine Reihe schwerer Krankheiten. Eine Kinderlähmung setzte ihr linkes Bein außer Gefecht, und erst nach jahrelanger Physiotherapie und spezifischen Massagen konnte sie wieder ohne Hilfsmittel gehen. Von elf an konnte sie endlich mit ihren Brüdern Basketball spielen. Bald erzielte sie an der Höheren Schule große Erfolge in dieser Sportart. Ein Leichtathletiktrainer an der Tennessee-Universität entdeckte sie 1955 als Schiedsrichter bei einem Basketballmatch, erkannte ihr Talent und vermittelte ihr ein Sportstipendium an seiner Hochschule.

Schon im Jahr darauf qualifizierte sie sich für die Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne, bei denen sie Bronze im 4-mal-100-Meter-Staffel gewann. Nach einer Schwangerschaftspause 1958 gehörte sie zu den weltbesten Sprinterinnen und stellte 1960 zwei Weltrekorde auf. Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom siegte sie in allen drei Kurzstreckendisziplinen: In den Einzeldisziplinen 100 und 200 Meter siegte sie in allen Läufen mit mindestens 0,3 Sekunden Vorsprung; die Fabelzeit von 11,0 Sekunden im 100-Meter-Finale konnte jedoch wegen zu starken Rückenwinds nicht als Weltrekord gewertet werden. In der 4 × 100 Meter Staffel lief sie zusammen mit Martha Hudson, Lucinda Williams und Barbara Jones im Vorlauf einen Weltrekord (44,4 Sekunden); im Finale sicherte Rudolph als Schlußläuferin das Gold vor der deutschen Staffel, die eingangs der Zielgeraden noch gleichauf lag. Am 19. August 1961 stellte sie über 100 Meter mit 11,2 Sekunden in Stuttgart einen weiteren Weltrekord auf. Wegen ihres eleganten Laufstils wurde sie „die Gazelle“ genannt.

Es gibt also sogenannte „Wunderheilungen“ - zum Beispiel daß ein Gelähmter wieder gehen kann - auch wenn gar kein Glaube im Spiel war. Aber oft geht es dabei auch um einen seelischen Vorgang, daß erst eine innere Blockade gebrochen werden mußte, ehe der Körper wieder funktionierte. Jesus hatte wohl so eine Gabe, Menschen zu heilen, vor allem wenn seelische Ursachen zu der Krankheit geführt hatte. Das hat man dann später ausgeweitet auf andere Heilungsgeschichten. Es sind also nicht alle so geschehen, wie sie später erzählt wurden, aber ganz aus der Luft gegriffen  sind diese Erzählungen nicht. Aber hier geht es nicht allein um die körperliche Heilung, sondern auch um Befreiung und Verpflichtung.

Schon in der Antike gab es ein elegantes Modebad in Epidauros in Griechenland, ein „Gnadenort“ des Gottes Asklepios, dessen Zeichen mit der Schlange heute noch das Erkennungszeichen der Ärzte ist. Auch heute geht man gern in einen der bekannten Badeorte und läßt sich dort verarzten und verwöhnen.

Manche fahren auch in den Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich und erhoffen sich Heilung von der dortigen Madonna. Es gibt auch immer wieder solche spontanen Heilungen, besonders auch wieder, wenn eine seelische Erkrankung die Ursache war. Aber oft verpufft dieser Effekt auch wieder.

Und man muß sich natürlich fragen: „Und was ist mit denen, die keine Heilung erfahren haben? Haben die nur nicht den richtigen Glauben gehabt!“ Da kann man doch in schwere Kon­flikte kommen. Denken wir an Samuel Koch, der in der Fernsehsendung so verunglückte, daß er jetzt vom Hals ab querschnittsgelähmt ist. Er ist ein gläubiger Mensch, wie seine ganze Familie. Man kann natürlich sagen: „Weshalb ist er auch so leichtsinnig oder zu risikobereit gewesen?“ Aber es bleibt die Frage: „Weshalb hat ihn Gott nicht bewahrt?“

Denken wir an die Menschen, die im Wachkoma liegen: Viele sind wieder aufgewacht, oft erst nach Monaten oder gar Jahren, aber andere auch nicht. Die Sportmoderatorin Monika Lierhaus hat nach einer Gehirnblutung monatelang im Koma gelegen. Aber dann hat sie sich mit großer Anstrengung wieder ins Leben zurückgearbeitet. Schließlich stellte das Fernsehen sie an, um Sonntagabend die Lottozahlen zu verkünden. Das ist ganz hervorragend vom Fernsehen, daß sie an so einer hervorragenden Stelle einen Menschen mit einer Einschränkung eingesetzt haben. Dadurch kann jeder sehen, daß auch Menschen, die wir als „Behinderte“ bezeichnen, in die Mitte unsrer Gesellschaft gehören

Daß da ein Mann 38 Jahre krank gewesen ist, zeigt die ganze Ohnmacht der Menschen. Aber es ist doch auch ein schwerer Vorwurf, wenn der Mann sagt: „Ich habe keinen Menschen, der mir hilft!“ Das kann doch nur eine Aufforderung an uns sein, es besser zu machen. Jeder Kranke braucht nicht nur eine optimale medizinische Versorgung, auch wenn diese teuer ist. Er braucht auch die liebende Zuwendung seiner Familie und die Aufmerksamkeit der Ärzte und des Pflegepersonals.

 Den Wundergläubigen muß man sagen: „Gott hilft auch durch Ärzte! Ihr könnt nicht nur auf ein besonderes Wunder hoffen!“ Es ist unverantwortlich, wenn Eltern ihre Kinder nicht gegen Kinderlähmung impfen lassen mit dem Argument: Wenn Gott will, dann kann er auch ohne Impfung mein Kind vor Krankheit bewahren!

Den Ärzten aber muß man sagen: „Ihr braucht auch den Beistand Gottes, ihr braucht das Gebet!“ Als ein Mann vor einer schweren Operation an der Wirbelsäule stand, da bot ihm sein Zimmerkollege an, vorher mit ihm zu beten. Er war ein Katholik aus dem Eichsfeld und sagte, er könne aber nur den Rosenkranz beten. Was er aber vorher nicht sagte: Während der Operation ging er in die Kapelle des Krankenhauses und betete die ganze Zeit den Rosenkranz.

Als die Ärzte im Operationssaal das mitkriegten, schickten sie alle halbe Stunde eine Schwester in die Kapelle, um zu sehen, ob der Mann noch für sie betet. Statt zweieinhalb Stunden dauerte alles dann sechs Stunden. Aber mit vereinten Kräften des medizinischen Personals und der Fürbitte des Mannes und anderer Personen, gelang das Werk.

Der operierende Arzt sagte nachher zu dem Patienten: „Man hat gemerkt, daß viele Leute für Sie gebetet haben!“  Er gab zu, daß er vorher nicht so viel vom Gebet gehalten hat, aber nachher hat er sich zu einem Glaubenskurs bei der Kirche angemeldet.

Für Gott ist kein „Fall“ zu schwer. Aber man darf auch nicht vergessen, daß die meisten Menschen ja gesund sind. Doch es geht nicht  nur um Heilung, sondern auch um das Heil. Man kann nicht sagen, daß eine bestimmte Krankheit die Strafe Gottes für eine bestimmte Schuld ist. Aber daß es Krankheit in der Welt gibt, ist ein Zeichen dafür, daß alle Menschen gegenüber Gott schuldig geworden sind.

Was kann man dagegen tun? Jesus zeigt es uns. Zunächst einmal nimmt er den Menschen wahr, der seit Jahrzehnten da liegt und immer wieder im Stich gelassen wurde. Er läßt sich das Schicksal des Kranken schildern. Er fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Man könnte meinen: Was für eine dumme Frage, natürlich will er gesund werden. Aber Jesus ruft den Mann damit zum Glauben auf, will ihn dazu reizen, sich ganz auf Jesus zu verlassen. Jesus überläßt den Mann nicht der Zerstörung, sondern tritt der Krankheit als Herrscher und Gebietender entgegen.

So ganz nebenbei befreit er den Kranken und auch alle anderen Menschen von überholten Zwängen. Die Juden freuen sich nicht mit über die Heilung, sondern weisen den Geheilten zurecht, weil er am Feiertag die Matte trägt, auf der er Jahrzehnte gelegen hat. Jesus aber macht deutlich: Nicht durch das Halten des jüdischen Gesetzes wird die Welt wieder zur Welt Gottes, sondern durch das Wirken der Liebe Gottes. Jesus befreit die Menschen von Zwängen, die andere sich ausgedacht haben. Und es macht ihm auch gar nichts aus, daß die Juden ihm vorwerfen, er habe sich Gott gleich gemacht.

Das will diese Geschichte ja gerade sagen: „In Jesus ist Gott am Werk!“ Er gibt der Welt ein neues Leben, die sich gegen Gott verschlossen hatte. Die Heilung der Krankheit ist ein Zeichen dafür. Jetzt steht keine Vorschrift mehr zwischen Gott und uns. Wir brauchen keine Leistung zu erbringen, wie das die Juden fordern, sondern Jesus hat alles für uns geleistet durch seinen Tod am Kreuz. Wenn einer mit Leistung etwas erreichen will, dann meint er, auch einen Anspruch auf Belohnung zu haben. Wir können Gott aber nicht zu unserem Schuldner machen, so daß er uns Heilung geben müßte, weil wir doch ach so fromm sind. Von solchem Denken und von solchen Zwängen macht uns Jesus frei.

Der Geheilte wird frei, weil er problemlos gehorcht. Er weiß ja nicht einmal, wer sein Erretter ist. Man könnte zwar vermuten, daß er es nur noch einmal mit diesem letzten Strohhalm versucht, daß ihm jedes Mittel recht ist, nur um doch noch gesund zu werden. Aber bei diesem Mann ist es mehr: Er vertraut dem Wort Jesu voll und ganz, er kann nicht anders und er will nicht anders - aber gerade dadurch wird er ein freier Mensch, frei von der Krankheit, aber auch frei von auferlegten oder eigenen Zwängen.

Freiheit ist also doch Gehorsam, und zwar Gehorsam gegenüber einem höheren Befehl. Doch dieser ist von ganz anderer Art als das Gesetz des Mose. Jesus sagt: „Sündige künftig nicht mehr!“ Damit macht er deutlich: Die ganze Heilung nutzt nichts, wenn man innerlich doch der alte Mensch bleibt. Nur mit Christus kann man frei sein, kann man sich frei machen von Sünde und kann dann auch frei bleiben. Man kann nicht gesund werden wollen  und dabei ein Sünder bleiben wollen.

Aber in der Bindung an Christus erledigt sich die Sünde sowieso, ohne jede Anstrengung, einfach aus der Erfahrung seines Helfens und Heilens. Freiheit ist dann aber Gebundensein  an diesen Helfer. Dann würden wir als Sklaverei empfinden, wenn wir etwas anderes tun müßten als das, was ihm gefällt. Aber dann würden wir nur in ein hoffnungsloses Leben zurückfallen.

Wir dürfen aber Hoffnung haben, auch wenn die körperliche Gesundheit zu wünschen übrig läßt. Auch die innere Gesundheit ist ein wichtiges Ziel. Auch wenn wir unter Krankheit leiden, hat das Leben Sinn und macht Freude.

Eine Frau hat einmal zu ihrem Sohn gesagt. „Ich werde das Jahr 2000 nicht mehr erreichen, aber du hast gute Chancen!“ Im Jahre 2012 sagte der Sohn: „Was bleibt da anders, als für jeden Tag dankbar zu sein. Jeder Tag ist neu ein Geschenk. Auch wenn das Leben vielleicht etwas eingeschränkt wird durch körperliche Gebrechen -  er ist doch jeder Tag und jede Stunde ein Geschenk!“

 

 

Erntedankfest: Mt 6, 19 - 24

Die Ernte eines Jahres ist im wesentlichen geborgen und unter Dach und Fach gebracht. In der Landwirtschaft wurden mit viel Fleiß die Felder bestellt und versorgt, die Früchte abgeerntet und gesammelt. Auch mancher Städter hat in seinem Garten Obst und Gemüse geerntet und bunte Blumen gepflückt. Wir waren mit daran interessiert, daß genug wuchs für alle und daß genügend Vorräte angelegt werden konnten, die Mensch und Tier ein Jahr lang ernähren können.

Und dennoch sind wir dem Vorgang des Säens und Erntens weitgehend entfremdet. Die meiste Zeit des Jahres denken wir nicht daran. Wenn es früh regnet, schauen wir nicht sorgenvoll zum Himmel, weil wir ja ein Dach über dem Kopf haben. Wenn die Kinder einmal das Wachsen der Halme beobachten wollen, dann müssen sie einige Körner in den Blumentopf stecken Und zum Erntedankfest haben wir es schwer, einen Strauß von Ähren aufzutreiben, weil ja keine Garben mehr in die Scheunen gefahren werden.

Die heutige Landwirtschaft ist „Produktion“. Der Mensch schafft mit seiner Arbeit Werte. Daß die Erde auch etwas dazutut, steht nicht mehr so im Vordergrund der Überlegungen. Der moderne Mensch geht übers Ackerfeld und blickt nach unten und sieht die biologische Entwicklung. Die Leute der Bibel dagegen gingen über das gleiche Ackerfeld und blickten nach oben und sahen ein Gotteswunder nach dem anderen: das neue Leben, das unter ihren Füßen wuchs, schrieben sie Gott dem Schöpfer zu.

Uns heute fällt das Danken schwerer, weil wir nicht mehr so direkt mit der Ernte zu tun haben und weil uns vieles machbar erscheint. Wir sind nüchterner geworden, für verträumte Romantik auf dem Lande ist kein Platz mehr. Und dennoch hängt der Erfolg der Ernte nicht allein vom wissenschaftlichen und technologischen Sachverstand, nicht allein vom Schweiß und Fleiß der Menschen ab, sondern von etwas, das unsrem Einfluß entzogen ist. Ohne die Treue Gottes hätten wir nichts zu ernten und zu sammeln. „Doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand!“ Deshalb sind wir als Christen dankbar gegenüber Gott, der uns all diese Schätze gegeben hat.

Jesus aber warnt uns davor, uns zu sehr auf unsre irdischen Schätze zu verlassen: Motten können die kostbaren Kleider fressen, Rost zerfrißt Metall und Diebe können alles stehlen. Das Obst verfault, das Eingemachte geht wieder auf, die Schallplatten bekommen Kratzer, die teure Kleidung wird durch die veränderte Figur unbrauchbar, das Auto erschreckt uns bald durch Roststellen. Selbst ein Bankkonto gibt keine Sicherheit. Das Geld, das vor 15 Jahren noch für einen Mittelklassewagen reichte, langt heute nur noch für einen Kleinwagen. Und die Älteren haben sogar erlebt, daß das Geld ganz seinen Wert verloren hat.

Unsere irdischen Schätze sind bedroht. Schon aus diesem Grunde lohnt es nicht, sich darauf zu verlassen. Aber Jesus fragt noch nach mehr: „Woran hängst du dein Herz, was siehst du als das Tragende in deinem Leben an, worauf verwendest du all deine Kraft und Mühe, worauf setzt du deine Hoffnung?“ Hängt sich unser Herz an irdische Schätze, so werden wir erleben, wie unsicher sie sind. Sicher können wir auf die Dinge, die uns zum Leben dienen, nicht verzichten. Aber wir müssen wissen, wie wir sie einzuschätzen haben.

Es soll nicht entwertet werden, woran wir täglich unsre Arbeitskraft wenden und was unser alltägliches Leben ausmacht. Wenn Jesus vom Nicht-Sorgen spricht, dann meint er nicht das Nichtstun. Deshalb gilt es auch an diesem Tag, die Arbeit der Menschen zu würdigen. Wir könnten denen einen besonderen Dank sagen, die das ganze Jahr über für das tägliche Brot sorgen, die es säen, ernten und verarbeiten, oft mit besonderem Aufwand an Kraft und Ausdauer. Bei unserem täglichen Werk und Dienst darf unser Herz durchaus schon sein.

Aber die Dankbarkeit gegenüber den Menschen und der Stolz auf die eigenen Leistung darf die Dankbarkeit gegenüber Gott nicht mindern. Als Christen bejahen wir die Welt. Aber wir bejahen sie als Schöpfung Gottes und im Wissen um ihre Vergänglichkeit. Unsre Welt ist begrenzt durch das, was die Bibel „Himmel“ nennt.

Dabei ist das Himmlische aber nicht eine Art Notausgang in ein Traumreich, weil man mit dem Leben nicht fertig geworden ist. Es ist schon recht, wenn wir sachlich und nüchtern die Vergänglichkeit der Welt erkennen und mit Enttäuschungen rechnen. Wir können auch für alle Fälle eine Versicherung abschließen, mit der wir das (finanzielle) Risiko umverteilen können.

Aber der wahre Schatz ist der in Christus offenbare Gott. Sein Reich und seine Gerechtigkeit ist unsere ewige Existenzgrundlage. Das tägliche Brot wird dadurch nicht entwertet. Aber der Glaube weiß die Dinge richtig einzuordnen. Er wird nicht sagen: „Ich brauche Gott ja gar nicht, weil ich alles zum Leben habe. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“

Die Rechnung des reichen Kornbauern hätte auch dann nicht gestimmt, wenn er keinen Herzinfarkt erlitten hätte. Auch wenn er weiter gelebt hätte, wäre er Gott Liebe und Vertrauen schuldig gewesen. Gott hat ein Recht auf unseren Dank und unsere Ehrerbietung. Wer

sein Herz an das Irdische hängt, wird von ihm versklavt. Deshalb gilt es, sich von jeder Umklammerung loszureißen und sich nur von Gott abhängig zu machen.

Geld und wirtschaftliche Macht bringt immer wieder Menschen und Staaten unter Zwänge, aus denen sie nicht mehr herausfinden. Ziel ist das Wirtschaftswachstum. Dieses führt aber zu immer weitergehender Ausbeutung unseres Planeten, zu immer wachsender Verunstaltung und Vergiftung unserer Welt. Alle Mahnungen, den Gürtel enger zu schnallen oder einfach mit dem Erreichten zufrieden zu sein, stoßen auf allgemeine Ablehnung.

Bei uns ist die Hauptaufgabe die Steigerung des materiellen und technischen Lebensniveaus. Dabei jagen wir immer hinter dem Lebensstandard her, koste es, was es wolle. Aber das ist auch der Wille der weitaus größten Mehrheit des Volkes. Zurückstecken und Verzichten, das will der begehrliche Mensch nicht, und der Götze Mammon erlaubt es nicht. Wenn wir etwas Kreatürliches zum Letztwert und zur höchsten Instanz erheben, dann ist das ein Götze.

Doch wir sind alle mehr oder weniger solchem Denken verfallen, auch wenn wir nicht kapitalistisch denken und leben wollen. Man muß eben noch dies und das haben (zum Beispiel die Hollywoodschaukel oder das neueste I-Phone), sonst ist das Leben noch nicht vollendet, sonst hat man es noch nicht zu etwas gebracht. Man kann aber auch die Meinung vertreten: Die Produktion sollte nicht immer weiter gesteigert werden. Man kann doch zufrieden sein  mit dem Erreichten und braucht im Grunde gar nicht mehr.

Im Krieg hieß es: „Erst müssen die wirtschaftlichen Fragen gelöst sein, dann kann man auch an das Menschliche denken!“ Heute heißt es: „Erst kommt die Produktion, die Hauptaufgabe, dann der Umweltschutz!“ Die verantwortlichen Leute wissen zwar inzwischen auch, daß es ohne Umweltschutz nicht geht. Aber im Konfliktfall kommt doch immer zuerst der Gewinn. Und wir alle mit unseren Ansprüchen sind daran mit schuld.

Dabei hat unser Besitz durchaus sogar noch eine andere Aufgabe: Nur was wir für andere einsetzen und gebrauchen, das ist das Bleibende. Nicht der gehortete, sondern der für andere verwendete Besitz bleibt, der hat Bestand vor Gott und auch vor uns selbst.

Nicht das wöchentlich gepflegte Auto, das wir zur eigenen Wochenendausfahrt benutzen, ist von Dauer. Es hält vielleicht ein paar Jahre länger als ein oft benutztes Auto. Was aber letzten Endes bleibt und zählt, das ist, ob ich mit diesem Wagen meine behinderte Nachbarin häufig an das Grab ihres verstorbenen Mannes gefahren habe.

Jesus macht deutlich, daß ein friedliches Nebeneinander von Gott und Götze unmöglich ist. Das Gleichnis vom Auge macht es auch deutlich: Der Mensch ist ein Ganzes, entweder ist er eine Dunkelkammer oder ein lichtdurchfluteter Raum. Jesus ruft dazu auf, am ersten nach dem Reich Gottes zu trachten, das heißt. zu glauben. Indem ich aber glaube, wird es in mir hell.

Jesus will das Kreatürliche nicht überhaupt durchstreichen. Er sagt nicht: „Verzichte auf deinen Arbeitslohn und vertrau auf Gott!“ Aber das Kreatürliche hat für ihn seinen Platz nicht neben Gott, sondern unter Gott. Deshalb dürfen wir nicht sagen: „Wir haben ja die Ernte, deshalb brauchen wir keinen Gott. Gottes Gaben machen ihn nicht überflüssig. Jesus hätte gern, daß es in uns hell wird, weil uns aufgegangen ist, was Gott uns auch diesmal wieder zuliebe getan hat.

 

 

Kirchweihtag: Jes 66, 1 -2

Nicht bearbeitet

 

 

20. Sonntag nach Trinitatis: Mk 2, 23 - 28

„Sie können nicht acht Arbeitsstunden aufschreiben, wenn Sie nur fünf Stunden da waren“, hielt der Pfarrer den kirchlichen Angestellten in der Küche des Kindergartens vor. „Und die Mittagspause dauert 30 Minuten und nicht eineinhalb Stunden!“ Über eine kleine Kaffeepause während der Arbeitszeit könnte man noch hinwegzusehen. Wenn die Angestellten zufrieden sind und ihre Arbeit ordentlich leisten, ist das ja auch etwas wert. Aber sie verlangten, daß mehr Leute angestellt werden und daß sie höher bezahlt werden. Dem standen jedoch die kirchlichen Vorschriften entgegen, die eine einheitliche Bezahlung aller Angestellten sichern sollten.

Sie werden merken, daß ich hier nicht von heutigen Verhältnissen spreche, sondern vom Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR, wo die Arbeitnehmer mehr zu sagen hatten als die Arbeitgeber. Die Angelegenheit wurde im Kirchenvorstand verhandelt. Doch da warf einer der Kirchenvorsteher dem Pfarrer vor, ich sei gesetzlich. Der Kirchenvorsteher vertrat die Meinung: „Gesetze sind doch nur Vorschläge, wie man eine Sache regeln könnte, aber man muß sich nicht unbedingt daran halten, wenn man etwas anderes Besseres findet!“

Das war eine verbreitete Vorstellung in der DDR, die doch grundsätzlich eine Diktatur war. Aber weil man sich vom Staat unterdrückt fühlte, versuchte man ihm, auf einer unteren Ebene eins auszuwischen, wo es nur möglich war. Erst recht galt das für die Kirche: Weil man sonst unterdrückt wurde, wollte man wenigstens in diesem Bereich seine Freiheit haben. Aber die Erziehung ist an sich anders: daß man ehrlich und ordentlich ist und Gesetze achtet und nicht der eigenen Willkür folgt.

Gesetze, Ordnungen und Sitten stellen so etwas wie die gesammelten Erfahrungen der

Mensch­heit dar. Was unsere Vorfahren oft erst nach bitteren Umwegen als richtig erkannt haben, das haben sie in Gesetze gegossen. Diese sollen eine Hilfe für uns sein, damit wir nicht die gleichen Fehler machen. Natürlich müssen Gesetze den veränderten Verhältnissen angepaßt werden, damit sie nicht veraltete Verhältnisse zementieren, sondern ihr Sinn auch in einer neuen Zeit erhalten bleibt. Doch wenn einer meint, er müsse im Einzelfall von einer bestehenden Regelung abweichen, dann sollte er sich schon sehr genau überlegen, ob nicht doch die bestehende Regelung sinnvoll ist und ob er nicht in Wirklichkeit nur seiner eigenen Willkür folgen will.

Wenn ich einmal begriffen habe, was Ordnung ist, dann werde ich mein eigenes Wünschen in das Ganze hineingeben. Meine eigenen Interessen werden dann von den Interessen der Gesamtheit bestimmt sein, von der Familie, der Gesellschaft und letztlich auch von den Interessen der gesamten Menschheit.

Werner Bergengruen schildert in seiner Novelle „Das Feuerzeichen“, wie einer im Widerspruch zur geltenden Ordnung ein Leuchtfeuer anzündet und dadurch Schiffbrüchige rettet. Doch er fragt auch: Was wird aus dem Recht, wenn es nicht elastisch und situationsgerecht gehandhabt wird, sondern nach den persönlichen Bedürfnissen verbogen und gebrochen wird? Wo liegt die Grenze zwischen der gebotenen Elastizität und der Willkür, die zum Verderben führt? Wie ist auf weite Sicht den Menschen wirklich gedient: Durch Anpassung an die Situation oder durch Festhalten an dem, was „Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung“ ist, wie es der Philosoph Kant formuliert hat?

Der heutige Predigttext macht uns diese Problematik deutlich am Beispiel der Sonntagsheiligung. Das ist ein Gebot, das heute als nicht mehr so wichtig angesehen wird. Daß wir nicht töten, ist in der Christenheit und auch in ihrer Umwelt anerkannt. Beim Ehebruch und beim

Diebstahl machen wir da schon Abstriche. Aber daß wir den Feiertag heiligen, das wird nicht mehr als Gebot empfunden. Weshalb muß sonst ein Bauer im Februar, wo sonst Schnee auf den Feldern liegt, ausgerechnet am Sonntagmorgen das Feld umpflügen? Daß der Sonntag Gott gehört - das ist ja mit „heiligen“ gemeint - wird heute zumeist vergessen.

Doch nun könnte man ja gerade aus der Geschichte vom Ährenausraufen schließen, daß Jesus den Anspruch Gottes auf die Heiligung des Feiertags abbauen wollte. Er beruft sich dabei auf einen Vorfall mit dem König David, dem sogar der Hohepriester die Schaubrote aus dem Gotteshaus gab, die Gott zum Schauen hingelegt wurden und die nachher nur der Priester essen durfte. Aber Not kennt kein Gebot. Und wenn der König kommt, dann muß man erst recht einmal großzügig sein.

Das Zupfen von Ähren galt als Erntearbeit. Und Arbeit war am Sabbat verboten. Aber wenn

die Jünger eben Hunger hatten, dann mußte man ihnen so ein kleines Vergehen schon einmal zugestehen. In unserem Recht gibt es ja bis heute den Tatbestand des „Mundraubs“, da darf man doch nicht so kleinlich sein.

Aber ganz so leicht wurde das damals nicht genommen. Auch wir sollten ganz genau hinhören. Für den frommen Juden hatte der Sabbat ein unvergleichliche Bedeutung. Mit dem Sabbat hatte Gott sein Schöpfungswerk gekrönt: Weil Gott ruhte, sollte auch der Mensch ruhen. Deshalb war die Frage der Sonntagsheiligung die Frage nach dem Sinn von Ordnungen überhaupt. Wer den Sabbat antastet, der vergreift sich am ganzen jüdischen Glauben. Die Meinung war ja: „Wenn einmal alle Juden nur einen einzigen Sabbat halten, dann kommt der Messias!“

Deshalb war die spannende Frage: „Läßt Jesus Gesetz und Ordnung gelten oder durchbricht er sie kühn durch demonstratives Verhalten? Er riskierte ja einiges: Wenn man ein Gebot unwissend übertrat, wurde man nur verwarnt. Wenn man es aber erneut tat, wurde man gesteinigt. Deshalb wird ganz klar gesagt: „Jesus ist nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen!“ Er kritisiert das Bestehende, aber er will nicht alle Gesetze über Bord werfen, sondern überbieten. Zunächst einmal will er, daß wir verantwortlich leben in Gottes guter Ordnung. Aber er weiß auch: In der Not kann man die Ordnung durchbrechen, sie soll dem Menschen dienen und Gott will sie noch überbieten.

Gottes Gebote werden nicht erfüllt durch einen sklavischen Buchstabengehorsam und eine enge Gesetzlichkeit. Das war ja der Weg der jüdischen Schriftgelehrten zur Zeit Jesu: Um nur ja nicht das Sabbatgebot zu übertreten, hatten sie 39 Hauptarbeiten verboten und diese noch

einmal in Unterarbeiten eingeteilt. So durfte man zwar Holz und Kohlen in den Herd legen, aber nicht anzünden, das mußte dann ein Nachbar tun.

Aber die Juden waren wiederum auch geschickt, wenn man solche kleinlichen Gebote umgehen wollte: So durfte man nicht Gegenstände von einem Zimmer in das andere tragen. Aber wenn an eine Schnur um mehrere Zimmer spannte, dann galten diese als e i n Bereich und man durfte doch die Möbel rücken.

Gegen solche Lächerlichkeiten wendet sich Jesus. Gottes Gebot muß gelten, aber man muß es sinngemäß und situationsgerecht anwenden, sonst verkehrt man es ins Gegenteil. Ein Gebot soll helfen und nicht den Menschen knechten. Die Liebe soll unser Tun und Lassen bestimmen. Deshalb muß die sittliche Entscheidung nach dem Gebot der Stunde getroffen werden. Das gilt nicht nur bei der Sonntagsheiligung, sondern bei allen Geboten. Deshalb auch das Beispiel aus unsrem Alltagsbereich am Anfang der Predigt.

Wir können also nicht die allzu braven oder gar ängstlichen Christen loben, die keine eigenen Entscheidungen mehr riskieren wollen und andere verachten, weil sie ihr Leben nicht mehr nach den Sitten aus Großmutters Zeiten führen. Wir können aber auch die nicht loben, die in mißverstandener christlicher Freiheit alles rechtfertigen wollen, was sie in einer angeblichen Notsituation zum eigenen Nutzen tun. Unser Zusammenleben bedarf der Ordnung, damit der andere weiß, was er von uns zu erwarten hat. Im Straßenverkehr kann man nicht originell oder schöpferisch handeln, sondern da geht es nach dem, was man in der Fahrtschule gelernt hat, sonst kracht es.

Doch wo es die Situation erfordert oder wo sogar Not am Mann ist, da muß Freiheit sein. Das gilt selbst im Straßenverkehr: Wenn vier Autos gleichzeitig an einer Kreuzung ankommen, an der die Regel „rechts vor links“ gilt, dann muß einer auf seine Vorfahrt verzichten, damit das Knäuel wieder entwirrt werden kann.

Und so kann es auch einmal einen Sonntag geben, an dem man auf den Kontakt mit Gott im Gottesdienst verzichtet, weil man zum Beispiel bei einer Hochwasserkatastrophe hilft. Das Gebot soll nicht abgeschafft werden, aber es kann durchbrochen werden, dazu gibt uns Jesus die Freiheit.

Doch hier sollte dann wirklich eine Notlage vorliegen und um der Menschen willen gehandelt werden. Im Konfliktsfall geht das Menschliche vor. Jede Ordnung - auch abgesehen vom Ausnahmefall - ist daran zu messen, ob sie dem Menschen dient. Das gilt für die Verfassung des Staates, für seine von der Volksvertretung beschlossenen Gesetze und für die Sitten und Regeln des Alltags.

Unmenschlich und das Gegenteil einer guten Ordnung ist es, wenn irgendwelche Prinzipien durchgehalten werden auf Kosten der Menschen und wenn Macht um der Macht willen verteidigt wird - oft unter großen Opfern.

Beim Beispiel der Sonntagsheiligung heißt das: Dient unsere Art, den Sonntag zu begehen, unserem Wohl? Nutzen wir ihn zur Entspannung, haben wir Zeit für Familie und Freundschaft, geben wir uns dem hin, was uns Freude macht? Und vor allem: Kommt Gott an diesem Tag zu seinem Recht? Wir haben einen Gott, dem unser Wohl am Herzen liegt. Er will nicht, daß wir mühselig und beladen sind an so einem Tag oder überhaupt in unserem Leben, er will nicht, daß wir unter unsinnigen Gesetzen stöhnen und ächzen, sondern er will uns einen Tag

geben zur Erquickung und zum Freuen.

Gott will sogar die Ordnungen dieser Welt überbieten: „Des Menschen Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat!“ Wenn Ordnungen durchbrochen werden sollen, so sollen sie einen neuen Sinn bekommen bzw. ihren ursprünglich gemeinten Sinn wieder erhalten. Sie sollen den menschenfreundlichen Erhalterwillen Gottes zum Ausdruck bringen. Deshalb kann nie der Mensch der Herr über die Ordnungen sein, denn sie gelten vor ihm und über ihm. Herr ist allein Gott. In Jesus beginnt Gottes Herrschaft. An dieser Herrschaft finden die irdischen Ordnungen eine Grenze.

 

 

21. Sonntag nach Trinitatis: Joh 15, 9 - 17

In den ersten Jahrhunderten besaßen die Christen noch keine eindrucksvollen Kirchen mit hohen Türmen. Es gab keine Kirchenzeitungen und keine Sendungen in Rundfunk und Fernsehen. Es fehlte alles, was die Kirche heute in der Öffentlichkeit bekannt macht. Aber dennoch waren die Christen bekannt: Man erkannte sie daran, wie sie miteinander umgingen. Ein Menschenleben galt damals nicht viel; Ausländer und Sklaven wurden verachtet. Menschen, die sich liebten, fielen auf. Liebe zueinander - das war damals das besondere Kennzeichen der Christen.

Können wir das heute auch noch sagen? Da sagt ein junger Mann: „Ich habe gedacht, ich käme in eine christliche Familie. Schließlich ist der Vater meiner Freundin ein Kirchenältester. Sie gehen zwar ab und zu sonntags in den Gottesdienst. Aber darüber hinaus gibt es in der Familie keinen Zusammenhalt. Keiner gönnt dem anderen etwas, oft gibt es Streit. Ich bin sehr enttäuscht!“

Wenn Mann und Frau abends müde von der Arbeit heimkommen und er sich vor das Fernsehgerät setzt und sie die Hausarbeit machen soll, dann gehen sie sich auf die Nerven. Wenn den Eltern der Freund der Tochter nicht paßt, sie ihn aber für einen feinen Kerl hält, dann können sie sich nicht verstehen. Geschwister mögen sonst ein Herz und eine Seele sein, aber wenn es Nachtisch gibt, dann wird jede Kirsche einzeln gezählt, damit nur ja keiner mehr kriegt als der andere.

Aber es gibt auch erfreuliche Erfahrungen mit Christen. Da berichtet eine Mutter: „Ich hatte zuerst keinen Mut, die Einladung zu einer Familienrüstzeit der Kirche anzunehmen. Meine Tochter ist ja behindert, vieles kann sie nicht mitmachen, manchmal bekommt sie Anfälle. Viele reagieren verständnislos darauf, deshalb waren wir lange nicht fortgefahren. Aber dann gab es überhaupt keine Probleme bei der Rüstzeit. Alle kümmerten sich so nett um uns. Es war, als ob wir schon immer dazugehörten!“

Vor diesem Bibelabschnitt steht das Gleichnis vom Weinstock. Da sagt Jesus:" „Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben!“ Er will damit sagen: „Ihr hängt doch alle irgendwie untereinander zusammen in der Familie, weil ihr verwandt seid. Ihr hängt zusammen bei der Arbeit, weil ihr den gleichen Arbeitsplatz habt. Und ihr hängt zusammen in der Kirche, weil ihr den gleichen Herrn habt. Gerade mit diesem Herrn aber sollt ihr eng und innig verbunden sein.

Viele Menschen handeln nach dem Grundsatz: „Du sollst deinen Freund lieben und deinen Feind hassen!“ Wir teilen die Menschen gern ein in solche, die zu uns gehören, und solche, die „die anderen“ sind. Und vielleicht machen wir auch einen Unterschied zwischen denen, die zum Gottesdienst kommen und denen, die nur die Kirchensteuer bezahlen, um einmal kirchlich beerdigt zu werden.

Jesus sagt es anders: „Wie mich mein Vater geliebt hat, so liebe ich euch. Liebet einander, wie ich euch geliebt habe!“ Wenn wir die Liebe als ein Kennzeichen der Christen bezeichneten, dann heißt das zunächst: „Gott hat uns lieb!“ Aber daraus ergibt sich: „Wir sollen lieben!“ Der Vater liebt den Sohn, der Sohn liebt die Gemeinde und diese wiederum liebt alle anderen Menschen, nicht nur die eigenen Anhänger.

Gott hat uns lieb! Wer nie Liebe erfahren hat, wird nur schwer zur Liebe fähig sein. Wer dagegen von Kindheit an von Liebe umgeben war, der wird später Liebe weitergeben können. So läßt sich Liebe nicht befehlen, sondern sie ist uns von Gott vorgelebt worden. Jesus hat sich mit den Sündern zusammengesetzt, weil gerade die Schwachen den Arzt nötig haben.

Wenn wir uns Freunde aussuchen, dann suchen wir die liebenswerten und geschickten. Aber Jesus liebt sie nicht, weil sie seine Freunde sind, sondern erst weil er sie liebt, werden sie zu seinen Freunden

Wenn man angesehen ist, viel Geld hat und eine angesehene Person ist, dann kann man schnell Freunde gewinnen. Jesus aber sieht das Herz an und liebt den, der gar nicht mehr auf Liebe gehofft hatte. Und er bleibt bei seiner Wahl, auch wenn Enttäuschungen kommen.

Jesus wählt nicht, wie man aus einem Warensortiment das aussucht, was einem gefällt oder was man brauchen kann. Sein Wählen ist immer liebevolle Zuwendung, weil er uns retten will. Nur dadurch werden wir zu Christen. Wir können uns nicht von uns aus zu Gott aufmachen. Wir können uns nicht eine Religion wählen, so wie man einen Beruf, einen Wohnort oder eine Sportart wählt. Nicht wir können uns auf Christus zubewegen, sondern e r bewegt sich auf uns zu.

Dabei hat er es auf Leute abgesehen, wie wir sind: für Gott nicht zu  sprechen, undankbar, selbstherrlich, stolz. Einfache Leute, die in den Augen der anderen nichts gelten, sogar gemieden und verachtet werden. Es geht zum Glück nicht um unsre Würdigkeit und Brauchbarkeit, sondern Jesus liebt, wo eigentlich nichts zu lieben ist. Das hat ihm Haß und Verfolgung eingetragen. Aber nach dem Glücklichsein hat er nie gefragt, sondern Freude gefunden in der Hingabe für die anderen.

„Jede Liebe ist soviel wert, wie sie Opfer zu bringen vermag“, hat Bodelschwingh einmal gesagt. Nun gibt es solche Liebe natürlich auch im nichtchristlichen Bereich. Da gibt es aufopferungsvollen Dienst für die Menschen bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens in Notsituationen. Aber Gottes Heil ist nicht splitterartig über die ganze Welt verstreut, sondern es ist an den Sohn gebunden, der Mensch wurde. An ihm gilt es zu bleiben, wenn man im Strahlenbündel der Liebe Gottes bleiben will.

Wir Menschen machen uns gern selber zum Mittelpunkt: Wir wollen auf unsere Kosten kommen, die anderen sollen uns zur Verfügung stehen. Wir wollen die ganze Welt gewinnen oder doch wenigstens so viel wie möglich von den Annehmlichkeiten des Lebens. „Hauptsache glücklich“ ist das Schlagwort.

Jesu Liebe aber hat ihren Schwerpunkt in den Menschen, denen er dient.  Er wollte nicht seine Interessen wahrnehmen und sich in Sicherheit bringen, sondern er hat sein Leben hingelegt für seine Freunde. So wurden wir aus Sklaven zu Freunden und Vertrauten , die in alles eingeweiht sind, was der Vater will. Aber das hat Folgen für uns: Wir sollen lieben!

„In d er Liebe Jesu bleiben“, das geht am besten, wenn wir die Liebe Gottes weitergeben. So heißt es in einem Lied: „Das will ich mir schreiben in Herz und in Sinn, daß ich nicht allein auf der Erde bin, daß ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weitergeb!“ Wer so mit Liebe beschenkt ist, der kann er nicht anders, als sie weitergeben.

Dadurch entsteht ein Kreislauf der Liebe, in den wir gar nicht hineinzukommen brauchen, sondern in dem wir schon drin sind. Wir brauchen nur dort bleiben, wohin Jesus uns gebracht hat. Er gebraucht dafür den Vergleich mit dem Weinstock. Er ist vor den Reben da. Aber die Reben müssen am Weinstock bleiben, dann werden sie reif und bringen Frucht.

So hat es „Mutter Teresa“ verstanden, die 1979 den Friedensnobelpreis erhielt. Ihr Einsatz für die Hungernden, Aussätzigen und Sterbenden in Indien ist begründet mit der Liebe, die weiterschenkt, was sie selber empfangen hat. In ihrer Arbeit sieht sie ein Mittel, ihre Liebe zu Jesus in die Tat umzusetzen. „Ich sehe Christus in jedem Menschen, den ich anrühre“, hat sie gesagt.

Doch wir werden vielleicht sagen: „Zu so einer Liebe werde ich nie fähig sein, so etwas werde ich nie leisten können!“ Wir brauchen ja auch gar nichts zu leisten, weil Gott schon gehandelt hat. Jesus spricht sogar von der Freude, in der man seine Liebe weitergibt.

Johannes spricht Verehrer des Weingottes Dionysos an, die Freude im Wein suchen. Er sagt ihnen: „An dem Weinstock Jesus wächst und reift sie!“ Früchte wachsen ohne jeden Zwang und ohne jede Anstrengung.

Man müßte dem Weinstock Gewalt antun, wenn man ihm verbieten wollte, Trauben hervorzubringen. Freude entsteht vor allem da, wo man ausgibt, wo man zu dem anderen geht, dem man Freude und Glück bringen kann. Was man da investiert, kommt vielfältig zurück, ohne daß man es darauf abgesehen hätte.

Dann kann man auch den Menschen lieben, der unsren Zorn bis zur Weißglut reizt, so daß man am liebsten mit bloßen Fäusten gegen ihn vorgehen möchte. Natürlich ist das nicht leicht, wenn einer zum Beispiel nur gehässige Dinge über uns verbreitet. Oder wenn einer

Werkzeug gestohlen hat, für das ich bei der Materialausgabe haftbar gemacht werde. Oder wenn mir der Nachbar Steine über den Zaun wirft, so daß ich meine, sie ihm wieder zurückwerfen zu müssen.

Natürlich können wir uns die Liebe nicht befehlen. Wir können nicht sagen: „Na, da wollen wir mal lieben. Das soll doch sein. Drum: Seid umschlungen Millionen...!“ Wir sind eben doch schwache und sündige Menschen. Aber da reicht Gott uns die Hand und sagt: „Deine Kraft reicht nicht. Aber bei mir ist die Fülle der Liebe. Ich habe dich geliebt, jetzt kannst du auch andere lieben!“

Deshalb können wir uns gerade derjenigen annehmen, die uns Sorgen machen und die uns nicht gefallen. Wo wir gehaßt werden, da sollen wir mit doppelter Liebe antworten. Eine Hilfe dazu könnte uns das Wort Jesu sein: „Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner

Liebe!“ Gebote haben wir nicht so gern, weil sie uns überall einengen: das Kraftfahrzeug muß überprüft werden,  jeder Haushalt muß eine Mülltonne haben, Schutt darf nur an bestimmten Stellen abgelagert werden. Aber solche Vorschriften können auch hilfreiche Hinweise sein.

So könnte es doch möglich sein, daß wir zum Vorbild für andere werden. Wie wir als Christen miteinander und mit anderen umgehen, ist ein Zeichen der Liebe Gottes in der Welt. Liebloses Verhalten, abfällige Reden, Gleichgültigkeit machen die Gemeinde unglaubwürdig. Aber die Gemeinde kann für andere interessant und anziehend werden, wo Christen noch Verständnis füreinander und für andere aufbringen, wo sie Gemeinschaft halten und sich gegenseitig helfen. So wird die Liebe Gottes unter uns lebendig.

 

 

22. Sonntag nach Trinitatis: Micha 6, 6- 8

Wenn man fragt, welches das größte Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte ist, dann wird meist gesagt: Der Fall der Mauer und die Vereinigung Deutschlands. Die friedliche Revolution im Osten Deutschlands und die günstige politische Großwetterlage haben es möglich gemacht. Und als Christen sagen wir natürlich auch:  Nicht zuletzt war da auch Gottes Werk. Es hat auch Verlierer der Wende gegeben, aber den meisten geht es doch wesentlich besser. Und das befürchtete Übergewicht des vereinten Deutschlands ist eher von Vorteil als von Nachteil.

Das Großereignis in der Geschichte Israels war die Rettung am Meer und der Bundesschluß mit Gott am Sinai. Aber im Laufe der Zeit ist das auch wieder verblaßt, obwohl immer wieder im Gottesdienst daran erinnert wurde. Schließlich hat das Volk seinen Gott auch angeklagt und war sehr unzufrieden. Man fühlte sich von Gott überfordert, angeblich hat er immer noch mehr gefordert.

Gott hat sich dieser an sich unzumutbaren Anklage gestellt und auf die dem Volk gewährten Wohltaten in der Mosezeit und bei der Landnahme verwiesen. Da hat es doch viel Durchhilfe und Bewahrung gegeben, so wie in der Geschichte des vereinten Deutschlands auch. Der große Gott hat sich dann sogar dem kleinen Volk zugewandt und ihm einen Bund gewährt, der das besondere Verhältnis für die Zukunft fortschrieb.

Doch das Volk hat darauf nicht geantwortet. Der Prophet Micha aber berichtet von einem Einzelnen, der in aller Form nachfragt, was er dann jetzt tun soll. Er geht zum Priester in den Tempel und will wissen, ob seine Vorschläge denn angemessen sind. Zunächst bietet er alles Mögliche aus seinem Besitz an. Das Ger­ingste war noch das Speisopfer, bei dem der Opfernde das Fleisch nachher selber essen durfte. Beim Brandopfer war das schon anders, da war alles weg. Und schließlich ist die Rede von tausenden von Widdern und Strömen von Öl. Das war halt die Religion des Volkes Israel, die zu einem großen Teil aus Tieropfern bestand.

Hier bei Micha geht der Fragende sogar noch weiter und fragt, ob er vielleicht seinen erstgeborenen Sohn opfern soll. Das ging ja gar nicht, das war ein heidnischer Brauch, der an sich längst überwunden sein sollte. Die Geschichte von Isaaks Opferung macht deutlich, daß Gott nicht Menschenopfer will, sondern höchstens als Ersatz ein Tieropfer. Doch offenbar war das eine weltweit verbreitete Unsitte, in Theodor Storms „Schimmelreiter“ soll auch etwas Lebendiges in den Deich eingebaut werden, damit er besser hält. Und beim Abbruch von Brücken hat man schon Skelette von Kindern gefunden, die wahrscheinlich lebendig mit eingemauert wurden. Aber mit der Zeit hat man erkannt, daß auch das Tieropfer nicht das ist, was Gott erwartet.

In der heutigen Synagogengemeinde gibt es das nicht mehr, obwohl es nach der Eroberung des Tempelbergs in Jerusalem konservative Juden gegeben hat, die wieder Tieropfer einführen wollten. Doch schon beim Propheten Micha setzt der Wandel ein. Jetzt hat man erkannt, daß Gott etwas spezifisch Menschliches erwartet: Die Selbsthingabe des ganzen Menschen! Man darf nicht vergessen, daß es nur eines gibt, was man Gott anbieten könnte, nämlich sich selbst.

Bei uns ist die Frage nicht mehr so häufig, was wir denn für Gott tun können. Luthers Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ ist abgelöst von der Frage-. „Gibt es Gott überhaupt?“

Man darf auch nicht fragen: „Was erhalten wir für Lohn für das, was wir getan haben?“ Aber auch bei uns könnte der Vorwurf gegen Gott lauten: „Du hast uns müde gemacht, du hast mehr verlangt, als man leisten kann. Was soll ich denn noch alles leisten?“

Doch Gott antwortet auf diese Fragen durch den Mund des Priesters: „Ihr wißt es doch längst. Euch sind die Gebote mitgegeben. Ich erwarte doch nur etwas ganz Einfaches, nämlich das „Gute“. Und dieses wird dann entfaltet in drei Begriffen, die man aber dicht beieinander denken sollte: Recht tun durch Halten von Gottes Wort, Liebe üben mit aller Freundlichkeit und Demut vor Gott.

(1.) Vielfach wird gesagt, Gebote und Ordnungen seien an die Zeit und die Situation gebunden und deshalb veränderlich. Was einmal einem Nomadenstamm gesagt wurde, muß nicht unbedingt für die Industriegesellschaft richtig sein. Das gilt, soweit es sich um die Einzelbestimmungen handelt, die immer wieder angepaßt werden müssen. Aber es bleibt ein Kern an Ordnungen, über die nicht verhandelt werden kann. Sie sind heute niedergelegt in den Menschenrechten, im Grundgesetz des Bundesrepublik Deutschland und für uns natürlich in den Geboten Gottes. Was der Pfarrer im Konfirmandenunterricht bespricht, kann der Dozent am Verwaltungsseminar zum großen Teil auch anhand des Grundgesetzes erläutern. Hier zeigt sich eben, wie sehr die Menschenrechte vom christlichen Glauben geprägt sind. Deshalb geht es nicht darum, immer neue Regeln zu erfinden, sondern die altbewährten müssen nur immer wieder durchkonjugiert werden, also auf den jeweiligen Fall angewendet werden.

Das Recht schreibt die übergreifenden Ordnungen fest, in denen das Gemeinschaftsleben sich abspielt, die den Alltag bestimmenden Grundsätze unseres Zusammenlebens. Es wird verletzt, wenn einer Nutznießer der Arbeit der anderen wird, wo einer die Rechte des anderen zu seinen Gunsten schmälert, ihm den Lebensraum streitig macht und seine Sicherheit und sein Glück gefährdet.

Nehmen wir als Beispiel die Ehe. Sie wandelt sich, es geht nicht mehr so zu wie vor 200 Jahren. Aber sie ist nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern ist immer durchdrungen von der personalen Beziehung. Die gegenseitige Hingabe ist auf Dauer und Verantwortung füreinander angelegt.

(2.) Das Recht aber wird ergänzt durch die Güte. Liebe üben ist mehr als nur im Rechtlichen korrekt zu sein. Es geht nicht um festgelegte Pflichten, sondern daß man das Herz sprechen läßt. Zum zwischenmenschlichen Leben gehören auch gegenseitiges Verstehen, Herzlichkeit und sogar auch Fröhlichkeit. Aber wir Menschen sind verschieden geartet: Manchen fällt es leich­ter als anderen, Güte auszustrahlen oder einen traurigen Menschen wieder aufzumuntern. Und es ist auch besser, wenn man nicht wie ein Detektiv die dunklen Stellen und Schwachpunkte in der Lebensführung aufzudecken versucht, sondern jedem mit Güte begegnet, Gutes von ihm redet und alles zum Besten kehrt, wie es Luther im Katechismus gesagt hat. Dazu sind wir alle fähig.

(3.) Schließlich wird noch aufgefordert. „Demütig sein vor Gott“. Damit ist gemeint:  Aufmerksam ihm gegenüber sein, ansprechbar, bereit ihn zu ehren. Aber es gehört auch dazu, daß man sorgfältig bedenkt, was jetzt ansteht und wie sich alles in Zukunft auswirken wird. Alle Dinge sind vor Gott offenzulegen und mit ihm im Gebet zusammen zu überlegen und man muß sich auch sich seinen Rat gefallen lassen.

Wir können also wissen, was Gott von uns fordert. Ein Stichwort dafür ist auch die „Wertegemeinschaft“, aufgefächert in „christliche Wertegemeinchaft“ und „europäische Wertegemeinschaft“. Die das Christentum gegen den Islam verteidigen wollen, wissen zum großen Teil gar nicht, was das ist und gehören gar nicht der Kirche an. Aber es ist unverkennbar, daß es diese Wertegemeinschaft gibt, auch wenn sie vom Christentum losgelöst ist.

Das ist doch gut, wenn man die europäische Einigung nicht über die Verteidigungsgemeinschaft angegangen ist - wie man das zunächst versucht hat - sondern über die Wirtschaftsgemeinschaft. Dann hat man die Grenzen durchlässig gemacht und das Geld zum Teil vereinheitlicht. Aber heute sehen wir, daß das auch Probleme mit sich bringt. Und da ist es gut, wenn die Wertegemeinschaft mit ins Spiel kommt.

Als man in Deutschland unter dem Eindruck der Verfolgung in der Nazizeit das Asylrecht in das Grundgesetz hineinschrieb, da dachte man nur an Flüchtlinge aus den europäischen Nachbarländern. Aber heute hat man erkannt, daß das Asylrecht unteilbar ist und daß es auch keine Grenze nach oben geben kann. Doch die Probleme damit sehen wir jetzt auch. Wir müssen auch damit rechnen, daß unser gewohntes Leben dadurch eingeschränkt wird, wenn etwa die Sportvereine nicht mehr die Turnhalle benutzen können oder die staatliche Wohnungsbauförderung weitgehend für Asylbewerberunterkünfte verwendet wird.

 

Hier wird sich dann erst bewähren müssen, wie das mit dem Halten des Wortes Gottes und mit dem Liebe üben und der Demut vor Gott konkret aussieht. Wenn wir nur unsere abgelegten Kleider abgeben, dann ist das kein Opfer. Ans „Eingemachte“ wird es erst noch herangehen. Die Hingabe unsrer selbst ist nicht so leicht dingfest zu machen. Ein Tier zu opfern ist leicht, sichtbare religiöse Verpflichtungen wie eine Wallfahrt kann man erfüllen.

Die deutsche Einheit hat ein starkes Deutschland hervorgebracht, das auch stark ist im Helfen. Doch die Kritik anderer Europäer ist nicht ausgeblieben. Einige haben gesagt: „Jetzt will Deutschland nicht nur Fußballweltmeister sein, sondern auch Weltmeister in der Moral. Durch die Aufnahme der Flüchtlinge wollen sie uns schlecht machen und selber als Gutmenschen erscheinen!“ Doch man muß umgedreht fragen: Sollten wir diese Flüchtlinge denn ohne Essen und Trinken auf dem Acker in Ungarn liegenlassen? Sollten wir sie auch in einen Zug setzen und nach Paris oder Madrid fahren? Einer muß doch helfen, wenn die Leute schon einmal da sind. Das ist nicht nur Menschenpflicht, sondern vor allem auch Christenpflicht. Aber leicht wird das nicht werden.

Doch die wirkliche Hingabe wird uns dadurch erleichtert, daß wir wissen, er ist „mein“ Gott. Darin liegt die ganze frohe Botschaft: Gott hat gerade die angenommen, deren Leben nicht gelungen ist. Alle alttestamentlichen Opfer sind aufgehoben in dem Opfer Christi. Wenn der alttestament­liche Beter seinen erstgeborenen Sohn anbietet, so wissen wir, daß Gott tatsächlich seinen einzigen Sohn geopfert hat. So ernst nimmt Gott sich selbst und uns.

 

 

23. Sonntag nach Trinitatis: Mt 5, 33- 37

Wenn ein ehrenamtlicher Richter sein Amt als Schöffe antritt, dann wird er für diese Aufgabe vereidigt. Er verspricht, sein Amt unparteiisch und nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben und die Verschwiegenheit zu wahren. Und dann bekräftigt er sein Versprechen mit einer Eidesleistung, entweder mit den Worten „Ja“ oder „Ja, mit Gottes Hilfe“. Dabei bleibt es freigestellt, ob man die religiöse Beteuerung verwendet oder nicht, es gilt beides gleich gut und verpflichtend.

Auch wenn ein Minister seinen Amtseid ablegt, dann hat er diese zwei Möglichkeiten. Eine Ministerin in Niedersachen, die der CDU an gehörte, aber eine Anhängerin des Islam ist, bekräftigte ihren Eid auch mit den Worten „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Hinterher fragte man sich: „Bei welchem Gott hat sie denn nun beschworen? War das Allah?“ Die Antwort ist an sich ganz einfach. „Sie hat geschworen bei dem CDU-Gott, denn als Mitglied der CDU muß man keiner religiösen Vereinigung angehören, sondern man muß nur das Parteiprogramm anerkennen.“

Eine Wahrheit wird nicht wahrer, wenn man die beschwört. Und eine Lüge wird nicht zur Wahrheit, wenn man sie unter Eid wiederholt. Der frühere schleswig-holsteinsche Ministerpräsident Rainer Barschel hat auch den Bürgerinnen und Bürgern Schleswig-Holsteins sein

Ehrenwort gegeben und hat doch gelogen und wurde abgewählt.

Wir sollten uns daran gewöhnen, wieder mehr dem klaren „Ja“ oder „Nein“ zu vertrauen. Ein „Ja“ ist ein „Ja“ und ein „Nein“ ist ein „Nein“. Das kommt auch in der jüngsten Änderung des Sexualstrafrechts zum Ausdruck. Früher sagte man noch: „Wenn eine Frau Nein sagt, dann meint die Vielleicht, wenn sie Vielleicht sagt, dann meint sie Ja, und wenn sie Ja sagt, dann ist sie keine Dame!“ Heute aber wird durch das Gesetz unterstrichen: „Ein Nein ist ein Nein“.

Die Sprache ist das Besondere am Menschen. Tiere können nicht lügen. Wenn der Mensch die Wahrheit verdirbt, dann versündigt er sich an dem Besten in ihm selber und vergeht sich damit zugleich am Mitmenschen. Lüge untergräbt die Gemeinschaft und zerstört sie.

Dabei geht es nicht nur darum, daß man etwas behauptet, was nicht ist. Dazu gehört auch: Richtiges nur halb sagen, Wahrheit frisieren, einen falschen Schein erwecken. Es gibt so viele Möglichkeiten, von der reinen Wahrheit abzuweichen.

Dabei haben Lügen kurze Beine. Niemand gewinnt etwas auf die Dauer durch Unwahrhaftigkeit. Einmal kommt es heraus, und dann hat der Lügner das Vertrauen verspielt, das andere ihm bisher entgegengebracht haben, das „Klima“ zwischen den Menschen wird verdorben.

 

 

Das Wesen des Eides:

Es gibt den Eid, der ein Versprechen unterstreicht, wie der Amtseid oder der Fahneneid. Es gibt aber auch den Eid zur Bekräftigung einer Aussage über einen Sachverhalt. Der Eid soll dann die Wahrheit einer Aussage sichern. Beim Eid mit einer religiösen Formel verflucht man sich selbst für den Fall, daß die Aussage unwahr ist und man ruft Gott als Zeugen an und erwartet dessen Gericht, wenn man meineidig ist. Der weltliche Eid bekräftigt die Aussage nur dadurch, daß man mit einer verschärften strafrechtlichen Verfolgung der falschen Aussage rechnen muß. Und dann gab es früher noch den „Reinigungseid“, wenn Zeugen fehlten und man so seine Unschuld beschwören konnte.

Jeder Schwur, der verlangt oder geleistet wird, bedeutet aber das Eingeständnis: Normalerweise kann man der Wahrhaftigkeit des Redenden nicht sicher sein. Aber bei einer Beteuerungsformel will man ausdrücken: Diesmal kannst du mir glauben!

 

Der Eid zur Zeit Jesu:

Das geltende Recht setzt auch bei uns voraus, daß das Böse in der Welt als grundsätzliche Gegebenheit vorhanden ist. Lebten wir nicht in einer von Sünde gezeichneten Welt, wäre das Schwören vor Gericht nicht nötig. Wer einen Eid fordert oder ihn leistet, gesteht damit ein, daß wir in einer Welt leben, in der man das unbekräftigte Wort nicht zur Grundlage von schwerwiegenden Entscheidungen machen darf. Geschworen wird eben, weil die Lüge eine Gegebenheit ist.

Deshalb hat es schon immer in der Menschheit den Brauch des Eidschwörens gegeben. Die Juden hatten dabei schon immer ein Gespür dafür, daß Gottes Name nicht durch gedankenlosen oder frevelhaften Gebrauch entwertet werden darf. Deshalb wurde bei ihnen geschworen beim Himmel oder der Erde, aber auch „beim Gold des Tempels“. Aber wenn einer „bei Jerusalem“ schwor, dann galt der Eid nichts, dann war das so, wie wenn jemand bei uns bei einer Beteuerung die Finger hinter dem Rücken kreuzt.  

Aber Jesus sagt: Solches Ausweichen bringt überhaupt nichts. Man ist auch mit diesen Umschreibungen an Gott dran, man will auch damit Gott zwingen, tätig zu werden. Man will über ihn verfügen, wenn man ihn herbeiruft zum Zeugen für das, was man bekräftigen will.

Er soll dann zu Diensten sein und wird genötigt, einen Menschen zu verteidigen und zu bekräftigen. Dann ist man sich des Einverständnisses Gottes meist restlos sicher und hält es für selbstverständlich, daß er der Bundesgenosse ist. Man will selber im Recht sein und Recht erhalten und Gott soll der Helfershelfer dabei sein.

Wenn ein Mensch sich in einem Eid selbst verflucht, dann muß er wissen, daß damit Gott sein Herrenrecht genommen wird. So wie er seine Haare nicht weiß oder schwarz machen kann, so kann er nicht über das Ende seines Lebens verfügen. Aber wir leben nicht davon, daß wir recht tun und recht haben, sondern davon, daß wir von Gott angenommen sind.

 

Das neue Verständnis der Wahrheit bei Jesus:

Man muß sich aber einmal klarmachen, was es damals bedeutete, sich in der jüdisch geprägten Umwelt vom Überlieferten abzusetzen. Es ist wohl immer und überall schwer, etwas Neues zu vertreten, denn die Mächtigen sagen dann: „Da könnte ja jeder kommen und es anders machen wollen!“ Dazu kommt zur Zeit Jesu noch: Wenn etwas „zu den Alten“ gesagt ist, dann hat es ja nach der Auffassung vieler Menschen letztlich Gott gesagt.

Es ging Jesus ja nicht darum, an die Stelle der religiösen Vorschriften der Juden eine bessere Regelung für Christen aufzustellen, also eine bessere Moral als sie die Juden hatten. Hier geht es nicht um ein neues Gesetz für Christen. Es gibt sogar einen Fall, wo auch ein Christ einen Eid leisten sollte: Wenn ein anderer vor Gericht einen Meineid schwört, dann muß auch der Christ einen Eid dagegensetzen, sonst wäre das Gericht gezwungen, dem Meineidigen zu glauben. Jesus selbst hat ja in dem Prozeß gegen ihn unter Eid ausgesagt.

Jesus hat auch nicht den Mißbrauch des Eids angegriffen, sondern den Eid überhaupt verneint. Diese radikale Einstellung erklärt sich aus seiner Reich-Gottes-Predigt: Jesus findet sich nicht mit dem sündigen und heillosen Zustand der Welt ab. Er verkündigt das kommende Reich Gottes, auch wenn es noch verborgen ist unter der alten Welt. Einstweilen ist noch eine Kompromißhaltung nötig, denn die alte Welt ist noch nicht aufgehoben. Aber das Bestehende ist dennoch demonstrativ zu durchbrechen dadurch, daß Menschen in der Nachfolge Jesu nicht mehr schwören.

Jesus will sagen: Auch ohne die Bekräftigung durch einen Eid soll das Wort des Christen verbindlich sein wie ein Schwur. Wenn jemand doch die Bekräftigung mit einem Eid nötig zu haben meint, dann ist das ein Zugeständnis an die sündige Welt. Aber natürlich dürfen und sollen wir sonst Gott „in allen Nöten“ anrufen, wie es Luther in seiner Erklärung zum zweiten Gebot sagt, nur nicht beim Schwören.

Man braucht nichts weniger als einen neuen Menschen, so wie es Jesus gewesen ist. In ihm wird das Reich Gottes zur Wirklichkeit. Die Bergpredigt ist die Predigt vom Reich Gottes, das in Jesus zur Wirklichkeit wurde. Dadurch wurde die Welt nicht nur einfach verbessert, sondern da ist ein Durchbruch geschaffen zur neuen Welt Gottes.

 

Es geht Jesus hier in der Bergpredigt nicht so sehr um das achte Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“, sondern um die Heiligung des Namens Gottes. Es geht um die Absage an allen Mißbrauch des Namens Gottes. Der Eid ist nämlich nicht nur eine peinliche Selbstbezichtigung des sündigen Menschen, sondern vor allem ein Sich-Vergreifen am Namen Gottes.

Wenn man darauf verzichtet, dann bedeutet das aber auch:

Auf das Wort des Christen sollte man sich auf jeden Fall verlassen dürfen. Ein Christ kann nichts anderes sagen, als was er meint. Gott aber darf dabei mithören. Doch das ist keine Last, sondern wir werden von ihm ernst genommen und verstanden. Wir werden von niemandem so in Schutz genommen und verteidigt wie von ihm. Wenn wir nur immer an ihn dächten, dann wären uns auch die rechten Worte gegeben. Und selbst wenn wir ihn übersehen, dann ist er doch bereit, an uns festzuhalten.

Wir brauchen ihn, wenn wir reden, nicht als Zeugen herbeizurufen. Aber er ist von sich aus der Zeuge und steht für uns ein. Je fester man sich von diesem Christus ergriffen weiß, desto leichter hat man es, wahrhaftig zu sein.

 

 

Reformationsfest: Jes 62, 1 - 12

[Diese Predigt wurde ursprünglich für den vierten Advent entworfen, bietet aber auch genug Ansatzpunkt für das Reformationsfest, zum Beispiel das Stichwort „Wächter“]

 

Für viele Menschen sind die Wochen und Tage vor dem Christfest eine Zeit der Anspannung und der Hetze. Viele Aufgaben müssen vor dem Jahresschluß noch erledigt werden. Aber auch den Hausfrauen geht es ähnlich: da wird gebackt und geputzt, da sind Geschenke zu packen und  Briefe zu schreiben. Zwischendurch geht es wieder zu sogenannten „Weihnachtsfeier“, bei denen von allem Möglichen die Rede ist, nur nicht von Jesus Christus. Und am Erde ist man völlig fertig von all dem Rummel und hat von dem eigentlichen Fest überhaupt nichts mehr.

Sollte man da nicht lieber mit allem Schluß machen? Lieber überhaupt kein Fest begehen, aber dafür umso mehr sich mit dem eigentlichen Sinn dieses Festes befassen. Vor lauter Drumherum ist doch vielen Menschen nicht mehr deutlich, worum es eigentlich geht. Auch die Kirchengänger und gut unterrichteten Christen lassen sich ja davon bestimmen. Und selbst wenn sie versuchen, wieder eine andere Linie in den äußeren Betrieb des  Weihnachtsfestes hineinzubringen, müssen es doch bald wieder aufgeben.

Ist das aber nicht typisch für uns, daß wir oftmals viel zu schnell aufgeben? Es ist eine Hauptgefahr unserer Zeit darin, daß wir uns viel zu viel mit dem Strom der anderen mittreiben lassen und nicht auch einmal den Mut zu einer eigenen Haltung  haben. Viele wagen            es einfach nicht mehr, sich für Veränderungen einzusetzen und sagen: „Es hat ja doch alles keinen Zweck!“ Aber das ist genauso Unglaube wie der Satz, den man damals zur Zeit des Propheten Jesaja des Dritten sagte: „Wir sind von Gott verlassen!“

Wir sind tatsächlich von Gott verlassen, wenn wir es nicht wagen,  ihn in unsrer Welt zur Sprache zu bringen. Aber für viele geht es doch auch ohne Gott und die Kirche. In der Familie wird die „Religion“ (wie man sagt) immer mehr auf die Kinder verlagert: Sie sollen schon in  den evangelischen Kindergarten und zum christlichen Unterricht, weil sie dort nichts Schlechtes lernen. Aber im Stillen denken doch viele Eltern: „Als Kinderglaube mag es ja ganz gut sein. Aber wir haben das doch nicht nötig, wir brauchen nicht zu beten, wir schaffen auch alles alleine!“

Vielleicht hindert Gott uns gar im Alltag unseres Berufs. Da muß man manche krumme Sache drehen, muß manchmal zur sogenannten „Notlüge“ greifen und muß mit den Wölfen heulen.

Und wenn es dann um das Verhältnis zu den Auszubildenden geht, dann ist das doch eine

Privatsache oder geht bestenfalls die Gewerkschaft etwas an - aber was sollte das denn mit Gott zu tun haben?!

Im Altertum war alles Geschehen mit „Religion“ durchtränkt. Da sah man in jedem Baum und Strauch einen bösen oder guten Geist. Von solchen Göttern hat das Christentum die Welt weitgehend frei gemacht. Aber ist wirklich ein lebendiger Glaube an ihre Stelle getreten? Heute ist unsere Welt doch total entgöttlicht und hätte etwas Religion durchaus nötig oder sagen wir besser: hätte den christlicher Glauben bitter nötig.

In der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaftes Volkes Israel, in der der dritte Jesaja zu seinem Volk sprach, da hat man auch wenig vom Wirken Gottes in der Welt zu verspüren gemeint. Sie waren zwar wieder nach Jerusalem gekommen und waren an den Wiederaufbau ihrer Häuser und des Tempels gegangen. Aber es war eben doch ein kläglicher Anfang und sie hatten alle das Gefühl, als hätte Gott seine Verheißungen noch nicht wahr gemacht.

In dieser Lage nun versucht der Prophet, die Müdigkeit seiner Gemeinde zu überwinden. Vielleicht kann uns das auch heute noch helfen, wenn wir persönliche Enttäuschungen hinter uns haben oder in der Gemeinde den Mut sinken lassen wollen. Nur werden wir eben nicht aus eigener Kraft zu einer neuen Haltung finden, sondern nur die entschlossene Hinwendung zu Gott wird etwas ändern. Gott ist noch längst nicht am Ende mit seinen Möglichkeiten. Wir dürfen immer noch hoffen. Daran erinnert uns die Adventszeit. Der Prophet aber versucht in fünf Punkten, seiner Gemeinde wieder neue Hoffnung zu machen:

1. Gott wendet sich seinem Volk immer wieder neu zu: Deutlich wird das am Bild der Ehe. Die von den Menschen verkannte und anscheinend von Gott verlassene Gemeinde ist in Wirklichkeit seine geliebte Braut. Gott freut sich an seiner Kirche, wie ein Bräutigam sich über die Braut freut. Sie mag zwar im Augenblick allerhand Runzeln und Flecken haben. Aber Gott wird das wieder glätten und wird seine Braut so herrichten‚ wie er sie haben will.

Urbild für diese Kirche ist die Gestalt der Maria, an die immer am vierten Advent gedacht wird.

Sie war bereit, Gott bei sich zu empfangen und sein Werkzeug zu werden. Und wenn wir bereit sind, mit diesem Gott gemeinsame Sache zu machen, dann werden wir auch eine Zukunft haben. Er hat sich in Jesus mit uns verbunden. Er wird für immer bei uns bleiben, wenn wir ihr nur wollen.

2. Gott stellt Wächter auf, die seine Gemeinde bewachen: Zwar ist die Lage äußerlich gesehen unsicher (die Stadt hat noch keine richtige Mauer).  Aber ihr wird geholfen sein, wenn sie sich an Gott hält. Dann wird er selber seine Wächter auf die Mauer stellen, damit sie die Stadt behüten, aber auch gleichzeitig wieder zu Gott schreien, damit er sein Volk nicht vergißt.

Gott will also gebeten sein. Wir dürfen ihn bestürmen und bedrängen. Wir sollen ihm keine Ruhe  lassen, bis das geschieht, was wir so sehr wünschen. Gott soll uns helfen beim Aufbau der Gemeinde; er soll die Hindernisse wegräumen und willige Helfer für sein Reich gewinnen, damit die Christenheit nicht ein Schandfleck, sondern eine Zierde für die Welt ist.

Gott ist uns nicht böse, wenn wir ihn immer wieder erinnern, er hat es ja selbst so angeordnet.

Er sorgt schon dafür, daß die Sache seiner Gemeinde nicht einschläft und in Vergessenheit gerät. Er sorgt auch dafür, daß sein Wort in die Welt hinein gesagt wird.

Aber das bedeutet für uns, daß wir ebenso Tag und Nacht nicht schweigen dürfen. Wir sin alle solche Wächter, die auf der Mauer stehen und die Menschen aus ihrer Sicherheit aufschrecken sollen. Ein Christ darf sich keine Schlafmütze aufsetzen. Jeder muß sich überlegen, wie er

die Versöhnung unter den Menschen wirken kann und wie die Verhältnisse gebessert werden können. Auf diesem Gebiet ist sicher noch viel zu tun.

(3) Gott will keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr zulassen .Das müssen  damals offenbar besonders die nach Jerusalem Zurückgekehrter empfunden haben. Man hat wohl den Schwachen den  Ertrag ihrer Arbeit vorenthalten. Gott will aber nicht, daß die einen auf Kosten der anderen schwelgen. Was einer erarbeitet, soll er auch genießen.

Es geht auch heute nicht darum, daß den armen Völkern ein Zeichen unserer  Wohltätigkeit überreichen. Vielmehr muß überall eine gute Ordnung des gesellschaftlicher und wirtschaftlichen Lebens herrschen, damit keiner zu kurz kommt. Gott hilft immer den Schwachen und sorgt auch für ihre äußere Existenz. Sicherlich wird nicht alles Böse gleich aus der Welt verschwinden.  Dennoch dürfen wir nicht mutlos sein in Bezug auf die Zukunft der Menschheit und der Christenheit auf Erden. Gott will allen Menschen Frieden und einen Lebensraum schaffen. Nur geht das eben nicht von heute auf morgen.

4. Aber es könnte schneller gehen, wenn Gott genügend Mitarbeiter unter den Menschen fände. Christen dürfen deshalb nicht die Hände in der Schoß legen, sondern müssen mit anpacken bei den Aufgaben für die Zunft: „Machtet Bahn, räumt die Steine weg!“ heißt es bei Jesaja. Wir heute werden eine Straße zu anderen Menschen hin bauen, indem wir offen sind für die Begegnung und das Gespräch. Wir arbeiten an der Erneuerung der Kirche und de der Erneuerung der Welt. Dann wird es auch wieder eine Hoffnung geben für alle Menschen.

Hoffnung bleibt nur lebendig, wenn sie zu Taten der Hoffnung führt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, alle Hindernisse zu beseitigen, die andere am Zugang zur Hoffnung auf Gott hindern könnten. Vielleicht wird hier eine Hauptaufgabe für die Christen liegen: Daß wir verzweifelten Menschen wieder Hoffnung machen und selber Hoffnung haben. Wir dürfen einfach nicht sagen: „Es hat ja doch alles keinen Zweck!“ sondern kleine Schritte in die Zukunft zu tun, die voller Hoffnung sind.

Eine Hoffnung haben bedeutet letztlich das Entscheidende von Gott und nicht vom eigenen Tun zu erwarten. Nicht da wir mehr tun sollen, als wir können und sollen. Daß wir aber das, was wir können, auch wirklich tun, im Gebet, im Gottesdienst und in unserem Leben. Es

liegt kein Grund vor, den Mut sinken zu lassen, sondern wir dürfen immer noch alles von Gott erwarten.

5. Schließlich macht der Prophet uns Hoffnung, indem er alte Verheißungen wiederholt. Natürlich kann man sagen: Das ist ja alles bis heute noch nicht verwirklicht. Es gibt auch heute noch Urgerechtigkeit und Unterdrückung. Aber seit Jesus ist doch einiges anders geworden. Es gibt Menschen, die haben begriffen, worauf es im Bereich Jesu Christi ankommt. Hoffentlich sind wir auch dabei.

Dennoch gilt auch für uns noch: „Siehe, dein Heil kommt!“Die Vollendung steht auch für uns noch aus. Wir müssen noch ganz schöne Steine wegräumen, wenn wir zu Jesus Christus kommen wollen.

Auch die modernste Küchenmaschine, die der Mann seiner Frau schenkt, kann nicht darüber  hinwegtäuschen, daß sie zutiefst von ihm enttäuscht ist. Deshalb können wir uns auch so selten wirklich freuen. Würden unsere Augen aber tatschlich leuchten, wenn wirklich des Heil Gottes zu uns käme?

Gott will sein Heil in der Welt verwirklichen. Auf diese Zusage hin dürfen wir ihr immer wieder ansprechen und um die  Einlösung seines Versprechens bitten. Heute dürfen wir hören: Gott bereitet sein Heil vor, es geht jetzt schon an. Wir müssen nur auf seine Ankündigung hören und es dann annehmen.

 

 

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr: Lk 18, 1 - 8

Beten n das ist doch nur etwas für Leute, die nicht fertigwerden mit ihrem Schicksal. Selbst wenn Gott alle Bitten der Menschen hören sollte, so tut er ja doch das, was er will. Das haben wir ja im Krieg gesehen, als viele Frauen darum gebetet haben, daß ihr Mann wieder kommt. Aber andere sind wiedergekommen, die nur gelacht hätten, wenn jemand für sie gebetet hätte.

Wer so denkt, hat Gott noch nicht begriffen.

Es klingt unter Umständen ja ganz fromm, wenn man so redet: Es kommt ja doch, wie es kommen muß. Wir selber haben darauf doch gar keiner Einfluß. Alles ruht doch in Gottes Hand. Er allein überwindet das Böse und setzt seine Herrschaft in der Welt durch. Aber das kommt alles von alleine. Wir können den  allmächtigen Gott nicht beeinflussen. Wir können uns nur im Gebet seinem Willen beugen.

So denken und sagen wir doch oft. Aber in Wirklichkeit lassen wir uns nur von solchen Gedanken lähmen. Da steckt der Teufel dahinter, der nur vom Gebet zu Gott abhalten will. Jesus hat es uns anders gelehrt. Das zeigt dieses Gleichnis.

Da ist ein Witwe, von  jeher der Inbegriff der Schutzlosigkeit. Wer macht sich schon für sie stark? Und an welchen Richter gerät sie?! Er will nichts vor Gott wissen und es fehlt ihm die Gewissensbindung. Er weiß nicht, daß auch er einmal vor dem himmlischen Richter stehen wird und dann einmal für seine Rechtsprechung auf Erden wird Rechenschaft ablegen müssen. Er läßt den lieben Gott einen frommen Mann sein. Und was die Menschen von ihm reden, das läßt ihn völlig kalt.

Und doch weiß die Witwe: Es kann mir niemand helfen als dieser eine alte Mann. Deshalb setzt sie alles auf eine Karte. Sie hat nur eine einzige Waffe, das ist ihre Zähigkeit. Es ist sinnlos, an das Rechtsgefühl dieses Mannes zu appellieren. Aber man kann ihm auf die Nerven fallen. So wird sie ihm lästig. Er will sie wieder loswerden. Er hat Angst, daß sie ihm am Ende noch gar ein blaues Auge schlägt. Da hilft er ihr zu ihrem Recht.

Die Moral von der Geschicht' wäre dann also: Auch im ungünstigsten Fall kann man noch sein Recht finden, wenn man nur entsprechend beharrlich ist. Selbst Gott gegenrüber kommt man mit Unverschämtheit ans Ziel. Jesus aber will uns durch dieses Gleichnis noch mehr deutlich machen. Gott ist anders, als wir zunächst denken.

Gott ist ja ganz anders als dieser Richter. Gott müssen wir ja nicht mit Gewalt willig machen. Ihm liegt ja vielmehr daran, von uns angesprochen zu werden. Wir sind bei Gott jederzeit willkommen. Aber er will eben drum gebeten sein.

Wenn Kinder etwas von ihren Eltern wollen, dann  müssen sie auch darum bitten. Wenn ein Kind abends heimkommt und brüllt: „Hab Hunger!“ dann werden die Eltern noch lange nicht reagieren. Sie wissen zwar genau, was das Kind will. Aber es soll höflich und freundlich darum bitten, sonst kriegt es eben nichts. Denn eine solche Hilfe ist nicht selbstverständlich. Nur wenn man vorher „bitte“ sagen muß, wird man hinterher das „danke“ nicht so leicht vergessen.

Das Gebet ist kein Automat, wo nur oben das Geld hineinwerfen muß und unten kommt prompt die gewünschte Ware heraus. Es ist euch nicht wie bei einem Feuermelder, wo man nur aufs Knöpfchen drückt und dann kommt die Feuerwehr auf dem schnellsten Weg. Zum Beten gehört Demut und Ausdauer. Die Mutter des Kirchenvaters Augustin hat 16 Jahre lang jeden Tag um die Bekehrung ihres Sohnes gebetet. Aber er wollte von der Kirche und dem Glauben seiner Mutter nichts wissen. Bis es ihn dann eines Tages packte. An Ostern des Jahres 387 wurde er als einer der berühmtesten Männer seiner Zeit getauft. Nun stellte er seine Fähigkeiten in den Dienst der Kirche und wurde ein bedeutender Lehrer der Kirche.

Wir können also nicht sagen: „Beten hat ja doch keinen Zweck!“ Das Gebet ist kein psychologischer Trick, um mit unseren inneren Schwierigkeiten fertig zu werden. Es soll nicht dazu führen‚ daß wir uns schließlich doch in unser Schicksal ergeben. Es will vielmehr Gott ganz entschieden bewegen, etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde.

Dazu müssen wir unsre Wünsche aber erst einmal mitteilen. Gott weiß dann schon, was wir wirklich nötig haben und was gut für uns ist. Sagen dürfen wir ihm erst einmal alles, auch wenn uns der Wunsch zu klein oder zu groß vorkommt. Erst danach ziehen wir den Schlußstrich und sagen: „Dein Wille geschehe!“

Bei Gott brauchen wir nur offene Türen einzurennen. Der Richter im Gleichnis hilft nur ungern, aber er hilft .Wieviel mehr wird da Gott helfen, der doch helfen w i 1 1 !  Wenn wir Gott in den Ohren liegen, dann nehmen wir ihn ernst und vertrauen seinen Versprechungen. Gott hört genauer und liebevoller zu, als ein Mensch das könnte. Wir brauchen ihn nicht umzustimmen oder müde zu beten. Er wird schon beistehen, weil er uns liebt.

Wir sind ja in einer ganz anderen Lage als die Witwe. Sie ist ohne Recht und muß gegen einen ekelhaften Richter ankämpfen. Wir aber gehören zu den „Auserwählten Gottes“. Und Gott ist von vornherein geneigt, sich seiner Erwählten, anzunehmen. Gewiß sollte uns das nicht stolz und eingebildet machen.

Auf das Gleichnis folgt gleich die Geschichte vom  Pharisäer zu Zöllner. Wir haben kein Recht, uns auf unsre Erwählung etwas einzubilden wie der Pharisäer. Wir sind eher wie die Witwe und der Zöllner: Wir haben nichts als das Gebet. Aber beten dürfen wir, das ist unsere Erwählung.

Durch das Gebet haben wir eine Leitung, durch die all unsere Fragen und Zweifel, unsere Mutlosigkeiten und Kraftmängel zu Gott gelangen können. Andererseits kommt uns auf diesem Weg die ganze Kraft Gottes entgegen. Wir müssen diese Leitung offenhalten durch unser Gebet. Sonst wird der Kraftstrom unterbrochen und die Fragen und Zweifel häufen sich zu einem Berg, über den wir nicht mehr hinwegkommen.

Deshalb Lukas recht, wenn er gleich im ersten Vers mahnt: „Laßt nicht nach! Betet ohne Unterlaß!“ Das Gleichnis selber spricht ja davon, daß Gott auf Gebete hört und daß wir Chancen bei Gott haben. Daß Gott sich auch Zeit lassen könnte mit der Erfüllung unserer Bitten, das ist im Gleichnis nicht im Blick. Lukas spricht offenbar in eine andere

Situation hinein. Er hat eine Gemeinde vor sich, die immer wieder bittet: „Dein Reich komme!“ Das sprechen wir zwar auch immer wieder mit dem Vaterunser. Aber so ernst wie die Christen der ersten und zweiten Generation der Christen nehmen wir das ja wohl nicht mehr. Die rechneten fest damit‚ daß das Reich Gottes noch zu ihren Lebzeiten kommen werde. Diese Gemeinde ist offenbar in einer Bedrängnis und Anfechtung.

Das zeigen auch die letzten Verse, in denen es heißt: „Gott wird seinen Auserwählten ihr Recht schaffen in Kürze!“ Hier geht es nicht mehr darum, daß Gott in dieser oder jener Einzelheit hilft. Hier geht es vielmehr um eine Gemeinde, die nicht mehr ein noch aus weiß. Sie hat nahezu alle gegen sich: die verschiedenen jüdischen Gruppen, die Führer des Volkes, die ausländische Besetzungsmacht, die von den Christen fordert, sie sollten den Kaiser wie einen Gott verehren. Hier kann nur noch die große endzeitliche Wende der Dinge helfen. Gott muß sein Reich herbeiführen, sonst sind seine Auserwählten verloren. Sie sind verzweifelt und fragen sich‚ weshalb Gott nicht endlich eingreift und sie immer noch leiden läßt.

Natürlich gibt es auch Zeiten, wo die Gemeinde durchaus ein ruhiges Leben führen konnte. Aber ihre Glieder mußten immer auch durch Krankheit, Nöte und Anfeindungen hindurch. Es wird gehöhnt: Wo ist euer Gott? Ihr seid doch nur ein aussterbender Rest, die letzten Dummen!

Erkennen wir uns in dieser Gemeinde wieder? Wir stehen ja am Schluß des Kirchenjahres und richten unseren Blick auf die Endzeit.  Wir sehen nicht nur die persönlichen Nöte, sondern auch die vielen vielfältigen Bedürfnisse der Welt: Frieden, die Stillung des Hungers, Gerechtigkeit für alle Menschen. Wann wird Gott dem allen ein Ende bereiten? Deuten nicht alle Anzeichen darauf hin, daß es bald so weit sein muß?

Wir sehen auch, wie man die Kirche an den Rand drücken will. Man will ihr das von Gott verliehene Recht streitig machen. Sie ist ohnmächtig und schutzlos. Die Mächte der Welt wollen sie vor ihren Karren spannen. Ihre Verkündigung ist wirkungslos, ihre Botschaft unbeweisbar. Ja, wir sind eine Gemeinde, die verachtet und getreten wird von der Welt.

Aber wir haben eine Waffe, die uns helfen kann, nämlich das Gebet zu Gott. Wir sind eine leidende Kirche, aber auch eine siegende Kirche.

Das können wir von der frühen christlichen Kirche lernen. Sie hat das Gleichnis Jesu ergänzt durch das Bekenntnis: Gott erhört auch die Gebete unserer Zeit. Er ist nicht untätig, sondern er wird schon seine Herrlichkeit offenbaren.

Beten ist also nicht nur eine Privatsache. Wenn wir beten, dann gehören die Probleme der Welt und der Kirche mit in das Gebet hinein. Das tägliche Gebetsläuten will uns ja daran erinnern, daß andere mit uns beten. Die ganze Kirche betet zu Gott. Und unser persönliches Gebet ist da mit hineingenommen. Unser privates Gebet wird denn überdeckt von der Bitte: „Dein Reich komme!“ Für Gott ist der Zeitraum bis dahin nur unbedeutend kurz. Wir aber dürfen die Gewißheit haben: Die Herren der Welt gehen, aber unser Herr kommt! Glauben wir das auch wirklich?

Ein späterer Leser hat an das Gleichnis noch die Frage angefügt: Wird der Menschensohn, wenn er kommt, Glauben finden auf Erden? Wir fragen immer: „Wo ist denn ein Gott, der mich hört?“ Aber Gott fragt seinerseits: „Wo ist denn ein Mensch, der mich bittet?“ Gott wartet seinerseits besorgt auf uns! Würde er Glauben bei uns finden, wenn er heute käme? Bei Gott stehen die Türen offen. Die Frage ist, ob er Zugang bei u n s findet. An Gott scheitert unser Heil nicht. Aber es könnte an uns scheitern. Wenn Gott also noch zögert, dann ist das die Möglichkeit für uns, noch alles recht vorzubereiten. Wenn es noch an Glauben fehlt, dann hilft nur Beten. Das Gebet ist die Leitung, die zu Gott und zum Glauben führt. Wenn wir es üben, werden wir das  erfahren, wie es in einem Lied heißt: „Gott weiß, daß du kommst. Er ist gerade ein Gebet weit entfernt!“

 

 

Vorletzter Sonntag: Jer 8, 4- 7

Der Mensch hat einen aufrechten Gang. Das unterscheidet ihn wesentlich von den Tieren. Der Mensch soll aufrecht gehen und nicht auf dem Boden herumkriechen, weil er betrunken ist oder weil er niedergeschlagen wurde. Aber es kann natürlich auch sein, daß  er gestrauchelt ist, weil er unachtsam war oder schwach. Schnell ist man auch einmal hingefallen, ohne daß man es wollte.

Doch dann ist jeder bestrebt, möglichst schnell wieder hochzukommen. Man kann das auch üben, wie man mit möglichst wenig Kraftaufwand wieder aufsteht.  Kleine Kinder und alte Menschen haben da oft ihre Schwierigkeiten. Gut ist es dann, wenn jemand anders da ist, der dabei helfen kann. Aber wieder hochkommen soll der Mensch.  Das will auch Gott. Deshalb hat er dem Menschen auch so etwas wie den Instinkt bei den Tieren mitgegeben, nämlich die Vernunft und den Verstand. An sich könnten sie  wissen, wie ihr Leben verlaufen sollte. Der Prophet Jeremia aber klagt. Der Mensch lebt ohne  Instinkt, sich selbst zum Schaden und zum Kummer Gottes.

 

1. Der Mensch lebt ohne  Instinkt:

Der Prophet sieht den Zug  der Vögel und stellt fest, daß sie blindlings wissen, wohin die Reise  gehen soll. Die jungen Störche fliegen vor ihren Eltern in den Süden auf einem Weg, den sie  nicht wissen können. Und alle Störche westlich der Elbe fliegen über Gibraltar nach  Afrika und die östlich der Elbe  über die Türkei. Selbst wenn man die Eier in den anderen Bereich bringt, dann nehmen die ausgeschlüpften Störche doch den  ihnen in die Wiege gelegten Weg.

Wenn der Mensch doch auch so einen Instinkt hätte, wenn es um den Glauben an Gott geht. Doch das soll ja gerade nicht sein, daß der Mensch nur zwangsweise an Gott glaubt. Der Mensch soll frei sein, geschaffen nach dem Bilde Gottes und deshalb nur wenig niedriger als Gott. Doch gerade das legt ihm eine besondere Verantwortung auf, daß er sich richtig entscheidet. Es geht nicht, daß man sagt: „Der wird sich nicht mehr ändern!“

Der Mensch ist zwar auch in einem gewissen Sinn festgelegt durch seine Erbanlagen, seine

Erziehung, seine Fähigkeiten und seine Umwelt.  Aber wie er damit umgeht, das  hat allein er zu verantworten: Er wird Rechenschaft ablegen müssen vor Gott über das, was er  ist und was er tut.

Doch im Unterschied zu den Tieren scheinen wir entwurzelt zu sein  und aus der Ordnung gefallen, krank an Seele und Herz. Und das Schlimme dabei ist nicht, daß man nur abgeirrt ist, sondern daß man auf dem einmal eingeschlagenen Weg mit einer unbeirrbaren Selbstverständlichkeit weiter geht.

Jeder sündigt dabei auf seine Weise. Wenn es die in diesem Bibeltext erwähnten Sünden nicht bei uns gäbe, so gibt es doch andere Sünden. Wir brauchen uns gar nicht über die „schlechte Welt“ aufzuregen, so als ob die anderen nur böse wären.

Aber was wäre denn dabei, wenn man sich und anderen eingestehen würde: „Ich habe mich geirrt, es darf mit mir nicht so weiter gehen?“ Doch es ist ganz schwer, einen  Fehler einzugestehen. Oft rechtfertigen wir unsre Schwäche noch damit, daß wir trotzig darauf beharren: „Das habe ich mir wohl überlegt  und mit voller Absicht getan!“  Wir sind erfinderisch darin,  Erklärungen für unsere Zusammenbrüche zu finden und sie damit nachträglich zu legalisieren. Um keinen Preis wollen wir das Gesicht verlieren und rennen auf unserem Irrweg weiter  wie ein Pferd, das durchgegangen ist.

Gott sucht Menschen, die bereit sind umzukehren. Gemeint ist eine Rückkehr zu den Ordnungen Gottes. Doch der Begriff „Ordnung“ ist verdächtig  geworden, weil man daraus den  Unterton des Zwanghaften  und der Unterdrückung heraushört. Doch Ordnung ist auch eine Hilfe.  Das gilt vor allem von Gottes Ordnungen. Die Tiere kennen ihre Ordnung und halten sich daran. Aber die Zweibeiner, die doch Vernunft haben und nicht nur Instinkt, verharren in ihrem Eigensinn. Gott hat es schwer mit uns.

 

2. Der Mensch schadet sich selbst:

Das Thema dieses Sonntags ist das Weltgericht. Der Philosoph Hegel hat gemeint, die Weltgeschichte sei das Weltgericht, also in der Geschichte der Menschheit vollziehe sich das Gericht Gottes. Aber nicht alle Schuld rächt sich auf Erden. Es ist immer eine Anfechtung für die Frommen, wenn es den Bösen gut geht und sie selber müssen leiden.

Aber Gottes Gericht an der Welt ist  jetzt schon im Gange. Das merkt man schon daran, daß wir ja wissen, daß wir letztlich unser Leben vor Gott zu verantworten haben.  Auch durch Wegsehen werden wir diese  Verantwortung nicht los. Früher oder später wird er uns alle stellen  und Sünde wird mit Sünde bestraft.

Konkret heißt das: Der Lügner hat bald das Vertrauen der anderen Menschen verloren. Wer die Arbeit nur als Mittel zum Geldverdienen ansieht, wird bald keine Freude mehr an ihr haben. Wer oberflächlich ist und immer nur auf die erst besten Vergnügungen aus ist, den wird das Leben bald „anstinken“.

Aber das einzig Vernünftige tut der  Sünder nicht: Wenn er hingefallen ist wieder aufzustehen.  Aber dadurch verfällt er einem  furchtbaren Zwang zum Weitersündigen. Am Ende glaubt er selber nicht mehr daran, daß er wieder normal werden kann.

Das sieht man besonders an den Suchtkranken, den Trinkern und Rauschgiftsüchtigen, die sich nicht mehr am eigenen Schopf herausziehen können. Das ist ja das beste Argument des Bösen gegenüber dem schwachen  Menschen: „Du schaffst es sowieso nicht mehr, da kannst du auch weitermachen wie bisher!“

Andererseits gilt aber auch: Wenn uns  etwas gelungen ist, dann ist das noch nicht der Freispruch Gottes.  Und Schaden oder  Niederlage bedeuten noch nicht die Verurteilung durch Gott. Aber es gilt, sich vor dem zu beugen, der das letzte Wort spricht. Unsere private Lage und auch die große Weltlage haben wir selbst mit geschaffen.  Das, worunter wir seufzen, geht auch auf unser  Konto.  So schwer hat es Gott mit uns: Wir leben uns selbst zum Schaden!

Denken wir nur an die Kriege, die es ständig in der Welt gibt. Früher war es wenigstens so, daß sich Berufssoldaten unter  Führung ihres Königs draußen auf dem Feld trafen und gegenseitig umbrachten. Heute  aber werden Hilfskonvois und Kramkenhäuser bewußt bombardiert und Selbstmordattentäter suchen eine große Menge, um möglichst viele Menschen  mit umzubringen oder sie ziehen mit automatischen Gewehren durch die Straßen der Stadt oder in Säle , um wahllos Menschen zu erschießen.

Der Zugattentäter von Würzburg  hat vorher mit seinem Chef  telefoniert. Dieser fragte ihn nach Waffen.  Er sagte, er  habe ein  Messer und eine Axt.  Daraufhin  der Vorschlag: „Fahr doch lieber in eine Menschenmenge!“ Doch d er Siebzehn jährige muß kleinlaut bekennen: „Ich habe noch keinen Führerschein! Ich will aber heute noch im Paradies sein!“

So viel Verblendung  würde man im christlichen Raum nie hören. Da würde eher die härteste Strafe Gottes angedroht für so ein Handeln. Außerdem sind das Feiglinge und Verbrecher, die so handeln, weil sie nur aus dem Hinterhalt  aktiv werden.  Damit soll nicht gesagt sein, daß  das übliche Kriegshandwerk wenigstens ehrlich und erlaubt sei  - nur zur Selbstverteidigung natürlich. Es ist auch nicht richtig, immer wieder von  „unschuldigen  Opfern“ zu reden , in  der Regel von Frauen und  Kindern. Sind die Solaten  dann  etwa schuldig, sozusagen selber  schuld daran? Nein, Soldaten sind genauso Opfer der Machtinteressen anderer wie die Zivilisten.

Der heutige Sonntag ist im  öffentlichen Leben der Volkstrauertag. Früher war das sogar der „Heldengedenktag“. Aber  Soldaten sind nie Helden – und in  der Regel sind Helden ja auch tot. Soldaten sind ganz arme Kerle, die von  anderen  nach vorne geschickt werden,  während die  Drahtzieher weit hinter der Front im  sicheren Bunker sitzen. Soldaten sollen etwas tun, was gegen ihr Gewissen und gegen Gottes Gebot ist. Und doch bleibt ihnen  nichts anderes übrig, wenn sie nicht selber erschossen werden wollen, entweder von den anderen oder von den  eigenen  Kriegsgerichten.

Die  öffentlichen Reden  heute sind anders als früher. Sie  beziehen nicht nur die Soldaten ein, sondern auch alle zivilen Opfer, ja sogar alle Opfer von Gewalttaten von Attentätern und Terroristen. Leider ist unsre Welt so. Aber das beste Mittel, um Kriegsverbrechen zu verhindern, ist doch immer noch, gar nicht erst einen Krieg oder eine  Gewalttat zu beginnen.

 

3. Der Mensch lebt Gott zum Kummer:

Dieser Bibeltext scheint keinerlei Evangelium zu enthalten, sondern nur Anklage und Enthüllung und Aufdeckung.  Doch die frohe Botschaft darf in keiner Predigt fehlen, auch wenn man sie mit der Laterne suchen muß. Und so erkennen wir, daß Gott hier nicht so sehr droht, sondern eher den Kopf schüttelt über das, was er bei den Menschen feststellen muß. Er ist nicht der Aufpasser, der alles in die Akten  bringt. Und die Fakten aus den Nachrichtensendungen kennt er sowieso. Vieles, was er hört und sieht, tut ihm weh.

Aber Gott nimmt am Leiden der  Welt teil durch  seine Menschwerdung.  Jesus fängt die Zerstörung der Welt  auf  und  zieht sie auf sich. Wir brauchen unsre Sünde nicht zu verteidigen, weil sie nicht mehr unser Konto belastet. Diese Entschuldung macht er zu seiner eigenen Last, an Karfreitag hat das  Gericht ihn selber getroffen. Wer an Christus glaubt,  den belastet nun nichts mehr und er kann getrost neu anfangen.

Auch von unserem Mitmenschen können wir ruhig hoch denken. Aber  das liegt nicht an sei­nem eigenen Gutsein, sondern an Gottes Vergebung. Gott hat den Mitmenschen angenommen so wie auch uns selbst. Deshalb können wir ihn nicht weiter verklagen, wo ihn doch Gott freigesprochen hat.

Gott will nicht, daß wir uns quälen in unserer Selbstzerstörung. Er will unser Leben  erhalten. Er sieht gerne glückliche Menschen. Er leidet mit am Leid der Menschen, er freut sich mit an ihrer  Freude.

 

 

Bußtag: Lk 13, 22-27.(28-30)

Auf einem Bild hat ein Maler sehr eindrücklich dargestellt, wie das mit dem schmalen Weg und der engen Pforte ist: Menschen strömen auf einem breiten Weg einen Berg hinan und gehen dann bequem durch ein breites Tor - aber dahinter ist das Nichts. Am linken Bildrand aber gehen einige Wenige auf einem schmalen Weg auf eine ganz enge Tür zu. Aber dahinter ist dann die Welt Gottes, das Reich Gottes, der Himmel, wie wir auch sagen.

Dieses Bild ist gemalt zur Illustration eines Jesuswortes in der Bergpredigt: „Gehet ein durch die enge Pforte“ (Mt 7, 13-14, kein Predigttext). Hier bei Lukas geht es nicht um zwei Wege, sondern nur um eine enge Pforte. Und es geht um die an Jesus gerichtete Frage: „Herr, sind es wenige, die gerettet werden?“ Doch Jesus tut, als wäre ganz anders gefragt worden und will sich nicht festlegen lassen.

Auch wir könnten den Buß- und Bettag falsch verstehen. Früher wurde so ein Tag von der Regierung angeordnet und in Gefahren- und Notzeiten das ganze Land aufgerufen, vor Gott zu treten und seine Schuld zu bekennen und Besserung zu geloben. So könnten wir das heute auch noch sehen und uns als diejenigen verstehen, die diesen Dienst stellvertretend wahrnehmen für diejenigen, die sich nicht zu solcher Buße bewogen fühlen.

Doch unabhängig von einem solchen öffentlichen Bußtag soll unser ganzes Leben eine Buße sein, wie Luther im Kleinen Katechismus sagt. Und da wird uns heute gesagt: Die Sache ist ernst, Gott wird nicht alle Menschen unterschiedslos selig machen. Das gilt für alle in der Vergangenheit, aber auch in der Zukunft und vor allem für uns. Aber auf die Frage. „Werden nur wenige gerettet?“ antwortet Jesus: (1) Frag nicht so falsch, (2) Sei nicht so sicher, (3) Denk nicht so eng!

 

1. Frag nicht so falsch!

Gern denken wir beim Thema „Buße“ nicht an uns selbst, sondern an die anderen, die angeblich allein eine Umkehr nötig haben. aber da wird uns hier gesagt: Es ist noch alle soffen. Keiner kann sich sicher sein, daß die angeblich reservierten Plätze in der Welt Gottes nicht noch streitig gemacht werden können. Jeder wird noch um den Zugang zum Haus Gottes kämpfen müssen.

Deshalb ist die Frage falsch gestellt. Es gibt Fragen, die kann man objektiv beantworten, weil es da um Tatsachen geht, die immer und überall gleich sind, die man nachvollziehen kann und die für jeden einsichtig sind. Das Wort Gottes aber wendet sich immer direkt an den Einzelnen und fordert seine Stellungnahme und seine Umkehr.

Jesus sagt: „Da ist eine Tür, die Frage ist nur, ob du hindurchgehen willst!“ Er sagt: „Da ist ein Haus, die Frage ist nur, ob du darin Platz nehmen willst!“ Aber das wird vielleicht manche alte Gewohnheit und manchen neuen Plan kosten. Wir werden vielleicht unser anspruchsvolles Ich aufgeben müssen, das immer recht haben will.

Da ist es verständlich, wenn wir gern ausweichen möchten. Wir tun das nicht, indem wir uns ganz von Gott lossagen. Aber wir verschanzen uns da gern hinter frommen Problemen wie der Frage, wie viele denn gerettet werden können. Aber im Grunde ist das nur eine Zuschauerfrage. Jesus hätte darauf antworten können: „Alle“ oder „Niemand“ oder „Nur 75 Prozent“. Aber so eine Antwort würde beim Fragenden keine Entscheidung hervorrufen, e r würde sie zur Kenntnis nehmen, aber nicht auf sich selber beziehen.

Es gibt Dinge, die sind objektiv: Das Rentenalter kommt problemlos auf den Menschen zu. Er kann sich darauf freuen, aber er muß nicht darum kämpfen. Das Gerettetwerden aber verwirklicht sich nicht sowieso. Das Seligwerden ist ein Geschehen, da fallen Entscheidungen. Natürlich ist das letztlich die Sorge Jesu, was mit uns geschehen wird. Aber er sagt dennoch: Ringt darum, daß ihr durch die enge Pforte geht. Und diskutiert nicht über die anderen, sondern geht hin und verkündet ihnen das Reich Gottes. Das wird auch eurem Seligwerden zugutekommen.

 

2. Seid nicht so sicher!

Jesus wird dann aber doch noch etwas konkreter. Er sagt: „Wundert euch nicht, wenn viel weniger Menschen gerettet werden. Sie werden versuchen, hinein zu kommen, aber sie werden es nicht können!“ Jesus stellt das dar in einem Zwiegespräch zwischen dem Hausherrn  und den Draußenstehenden. Diese machen - unter Berufung auf Jesus – ihr Ansprüche geltend: „Warum willst du uns denn nicht kennen? Wir waren doch deine Gäste, du hast doch mit uns gegessen und getrunken. Als du auf den Straßen gelehrt hast, da waren wir doch in der großen Traube von Menschen, die sich um dich sammelte und dir zuhörte. Wir waren doch nicht ohne Interesse. Und unseren Konfirmationsschein haben wir doch auch gut in der Do­kumentenmappe aufgehoben. Wir waren doch in deine Gemeinde die Treuesten, wir waren doch langjährige Mitarbeiter oder sogar hauptamtliche Angestellte!“

Doch Jesus könnte ihnen sagen: „Ihr seid euch so sicher. Aber ich kenne euch nicht und weiß nicht, wo ihr her seid!“ Das Wort „kennen“ meint in der Bibel nicht eine Bekanntschaft, sondern die innerste Gemeinschaft, wie sie zum Beispiel Eheleute haben. Aber diese Verbundenheit haben die Draußenstehenden nicht gesucht, ihre perfekte Kirchlichkeit war nur ein äußerlicher Kontakt.

Mit dieser Warnung an die Sicheren sollen nun aber nicht die um den Trost gebracht werden, die wirklich gern hinein wollen, aber fälschlicherweise überzeugt sind, daß sie kein Recht dazu haben. Diesen würde es nicht einfallen, mit Forderungen aufzutreten oder gar den Herrn der Ungerechtigkeit zu beschuldigen. Diese machen sich auch keine Gedanken darüber, daß sie mehr hätten leisten müssen, um dann vor der Tür stärkere Trümpfe ausspielen zu können.

Sie überlassen alles dem Herrn.

Beim Kontakt mit Jesus soll nicht unser Frommsein zum Zuge kommen, sondern er soll mit seiner retten den Liebe zum Zug kommen. Es geht nicht um das, was wir getan haben, sondern, was er für uns getan hat. Die Tür ist zwar eng, aber weit genug, um hindurchzukommen, wenn man aus Jesu Gnade lebt.

 

3. Denkt nicht so eng:

Der Himmel ist nicht nur etwas für die Superchristen, etwa für Asketen (die um Gottes willen auf alles verzichtet haben) und Märtyrer (die für ihren Glauben gestorben sind). Jesus sagt: „Wundert euch nicht, wenn mehr gerettet werden als ihr meint oder die Betreffenden selber meinen. Sie werden kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden und mit am Tisch sitzen in Gottes Reich!“ Die aber meinen, besondere Anrechte zu haben, finden sich ausgestoßen und sich immer dazu gerechnet haben.

Schon die Juden pochten auf ein Vorrecht gegenüber den Heiden und hätten sich gewundert über diese Menschen, die von fernher kommen und an Gottes Freudenmahl teilnehmen dürfen. Aber die Evangelien schildern uns immer wieder, wie Jesus die Ausgestoßenen und Ver­achteten an seinen Tisch geholt hat. Jeder kann den entdecken, ohne den niemand zum Vater kommt, ohne Vorbedingungen und Vorleistungen. Es gibt seit Jesus keinen hoffnungsvollen Fall mehr.

Auf eine theoretisch gemeinte Frage antwortet Jesus so, daß er uns anredet und aufruft. Er gibt nicht Auskünfte, sondern bringt uns in Bewegung. Er greift nach uns, wie er nach allen Menschen greift. Buße kann bedeuten, daß wir uns rufen lassen, aber auch daß wir umlernen und erkennen, daß Jesus keinen verlorengehen lassen will.

Zusammenfassend kann man nur sagen: Wenn wir zu Gott kommen, dann werden wir uns wundern, wer alles da ist. Wir werden uns aber auch wundern, wer nicht da ist. Und wir werden uns am meisten darüber wundern, daß wir selber da sind!

 

 

Ewigkeitssonntag: Mk 13, 31 - 37

Wir spüren alle, daß wir älter werden. Mit dem ersten Tag unseres Lebens beginnt das Alter. Gewiß: der kleine Junge ist stolz darauf, daß er schon sechs Jahre alt ist. Zunächst will man groß und klug werden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß jeder Tag und jedes Jahr uns näher an unseren Tod heranbringt. Und man sagt sicher nicht zu unrecht, daß die Jahre immer schneller vergehen, je älter man wird.

An Menschen unserer Umgebung erleben wir den körperlichen und geistigen Verfall. Und wir müssen uns sagen: „Eines Tages bin ich auch dran!“ Gesunder Lebenswille setzt sich natürlich gegen den näherrückenden Tod zur Wehr. Aber eines Tages werden wir unterliegen. Doch was das Sicherste in unserem Leben ist n was uns „todsicher“ ist n das nehmen wir so wenig in unser Denken auf und machen uns zu wenig vertraut damit. Die letzten Sonntage im Kirchenjahr und besonders der heutige Ewigkeitssonntag wollen uns wieder einmal darauf hinweisen.

Aber es wäre auch nicht recht, wenn wir immerzu mit Todesgedanken herumlaufen würden. Gerade unser heutiger Predigttext macht unerfreuliche und unser Hoffen beflügelnde Ankündigungen. In die Hoffnung auf Gott sollen wir uns einüben. So gedenken wir auch in richtiger Weise unserer Toten und unseres einmal fälligen Todes. Wir stehen immer an der Schwelle des Kommenden. Da sollen wir an den Worten Jesu festhalten, auf den Tag Jesu warten und im Dienste Jesu wachen.

1. An den Worten Jesu festhalten: Vom Kommen sprechen wir auch im innerweltlichen Sinne. Auch auf christlichem Boden denkt man heute gern „weltlich“. Man befragt das Evangelium danach, was es für die Gestaltung und Bewältigung dieses Lebens austrägt und einbringt. Es soll besser werden in unserer Welt: friedlicher und gerechter, weniger mühselig und störanfällig, fröhlicher und menschlicher. Die Zukunftsschau des Evangeliums will uns das nicht ausreden.

Aber sie geht davon aus, daß alles Leben zuletzt vom Vergehen bestimmt ist und von der Zukunft überboten wird. Es sollen nicht unbedingt Jenseitsträume genährt werden, sondern gerade Diesseitsentscheidungen angeregt werden. Aber gerade das heute Fällige bekommt seinen Charakter durch das morgen Kommende.

Der Satz „Himmel und Erde werden vergehen“  ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar, denn wir nehmen doch an, daß wenigstens die Materie bestehen bleibt, wenn auch vielleicht in anderer Form. Doch die Menschheit wird einmal aussterben. Im großen erdgeschichtlichen Prozeß ist ihr Auftauchen und Vergehen nur eine kurze Episode. Wenn man das Erdzeitalter einmal auf den Ablauf eines Tages überträgt, dann macht die Dauer der Menschheit nur Sekunden aus. Wir sollten uns das schon einmal durch den Kopf gehen lassen, daß diese unsere Welt mit all ihren Gegenständen und Menschen einmal nicht mehr sein wird.

Wir erkennen heute sogar immer mehr die Gefahr, daß die Menschheit auch schon vorzeitig aussterben könnte. In unsrer Zeit sind endzeitliche Befürchtungen und Ängste durchaus verbreitet. Den stärksten Anlaß dafür gibt die Atomrüstung der Großmächte, aber auch immer mehr mancher Mittelmächte. Man geht von dem Wahn aus: Immer mehr Raketen ergäben immer

mehr Sicherheit. Wir fürchten einen Schlußkatastrophe der Menschheit, weil ein Weltkrieg immer atomar werden würde und es keinen begrenzten Atomkrieg geben kann. Gegen solche Aussichten wehren sich die Völker mit Recht.

Aber auch sonst ist uns die Brüchigkeit unserer Welt durchaus bewußt geworden. Wir sehen, daß durch den technischen Fortschritt die Luft, das Wasser und der Boden immer mehr vergiftet werden. Wir pflanzen Bäume und wissen nicht, ob wir einmal einen Ertrag an ihnen sehen werden. Selbst die friedliche Nutzung der Atomenergie ist heute fraglich geworden.

Die Bibel spricht vom neuen Himmel und der neuen Erde. Aber das Kommende wird nicht ausgemalt. Sicher wäre es uns ganz lieb, wenn wir den „Himmel“ in Einzelheiten beschreiben könnten, weil wir uns dort doch unsre Toten vorstellen und selber einmal hinkommen wollen. Aber hier ist uns Zurückhaltung auferlegt. Wir predigen ja nicht, um irgendwelche Neugier zu befriedigen, sondern um zum Glauben zu rufen.

Christliche Hoffnung ist dennoch nicht ein weißer Fleck, sondern geht von unsrer Christuserfahrung aus und hält an seinen Worten fest. Jesu Worte sind nicht Auskünfte über irgendwelche Tatsachen, sondern Anrede. Jesus malt uns nicht ein Bild vor Augen, sondern er redet mit uns. Dadurch stellt Gott die Verbindung zu uns her und schafft Gemeinschaft. Dadurch wird klar: Wir gehören nun zusammen.

Jesu Worte aber werden nicht vergehen. Daß Jesus mit uns redet , das hört nicht auf. Die von Jesus hergestellte Gemeinschaft geht nicht mit der Welt unter, sondern überdauert das Zeitliche.  Was er uns heute zuspricht, das wird in der großen Zukunft erst recht unser sein. Wer heute schon etwas von der ewigen Zukunft erleben will, der braucht nur Jesu Wort anzunehmen: dieses aufrichtende und befreiende Wort, das uns annimmt und wert achtet, das uns wohltuende und in Liebe einhüllende Wort. Stehen wir Jesus auch noch nicht Auge in Auge gegenüber, so haben wir doch in seinem Worte die uns suchende Anrede Gottes. In dem Maße, in dem wir mit Christus verbunden sind, haben wir schon jetzt Anteil am Himmel.

 

2. Auf den Tag Jesu warten: Aber wir haben auch noch auf etwas zu warten, das alles Irdische übersteigt. Jesus spricht von dem „Tag“, an dem er aus seiner Verborgenheit heraustreten wird und allen offenbar werden wird in seiner göttlichen Herrlichkeit. Allerdings ist nicht bekennt, wann das sein wird. Das Ausbleiben der Wiederkunft Christi hat die Gemeinde immer wieder beirrt. Aber man kann sich sicher nicht so helfen, daß man sagt: Jesus hatte eine ausgesprochene Naherwartung, die dann in der urchristlichen Gemeinde aus Enttäuschung in eine Fernerwartung verwandelt wurde.

Jesus hat selber den Zeitpunkt nicht gewußt. Das mag erstaunlich für uns sein und Verwunderung hervorrufen, aber es bewahrt vor Enttäuschungen. Nicht Berechnung eines endzeitlichen Fahrplans ist unsere Aufgabe, sondern eine freudige Erwartung. Es wäre    nämlich ganz unsach­gemäß, den genauen Tag wissen zu wollen.

Auf den Tag Christi sollen wir i m m e r warten. Im Glauben erwarten wir etwas von Gott und leben von dem, was kommen soll. Was noch nicht ist, wird kommen! Glaubend nehmen wir den Freispruch Gottes schon voraus. Man sieht uns die Zugehörigkeit zu Gott noch so wenig an, aber wir sind schon die Schar der Erlösten, die einst alles Belastende und  Niederschmetternde hinter sich gelassen haben wird.

Der Tag Christi soll nicht wie eine Drohung über uns hängen, als ein Anreiz zu gottgemäßem Verhalten. Er ist nicht ein Trick, mit dem Gott uns bei der Stange halten will. Der Tag Christi kommt. Entweder überrascht er die ganze Welt in einem großen Ereignis. Oder er kommt zu dem einzelnen Menschen, indem er ihn in seinem letzten Augenblick über die Grenze in die Ewigkeit zieht; dann erlebt der Mensch ihn auf diese Weise.

 

3. Im Dienste Jesu wachen: Die beste Vorbereitung auf das Kommen des Herrn ist, daß wir sein Haus gut versorgen und verwalten. Die Gemeinde, in der wir leben und dienen, ist Eigentum des Herrn. Aber auch die ganze Welt gehört zum „Haus“ unseres Gottes. Wir sind in diesem Haus die Türhüter, die jederzeit bereit sein sollen, den heimkehrenden Herrn würdig zu empfangen.

Erwartet wird eine nüchterne Bereitschaft und ein verantwortlicher Einsatz für die Erhaltung und Bewahrung der Welt und der Gemeinde in ihr. Wir brauchen unser tägliches Werk nicht auf Abbruch und unter dem Vorzeichen des Provisorischen zu tun. Ein nervöses und überspanntes Christenleben wäre auch nicht das Nichtige.

Eine sachliche Arbeit sollen wir tun, dem Herrn schon heute dienen, auch und gerade weil wir noch auf das Warten angewiesen sind. Die Möglichkeiten des Lebens unter den Bedingungen der alten Welt sind dabei möglichst weitgehend auszuschöpfen. Illusionen und Träume passen nicht zur Wachsamkeit. Wenn morgen der jüngste Tag anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, aber vorher nicht. Unser Herr kann einen solchen Einsatz in Treue und Zuverlässigkeit von uns erwarten.

Vielleicht würden wir ja lieber ungestört unsere Dinge in dieser Welt treiben. Mancher wäre sicher froh, wenn er nicht immer denken müßte, daß er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Aber es könnte doch auch sein, daß man auf Christus wartet wie auf den freundlichen und väterlichen Eigentümer des Hauses, den man schon lange vermißt hat und den man lieber heute als morgen wiederhaben möchte.

Es kann uns nichts Besseres widerfahren, als daß er kommt. Aber wenn er kommt, dann sollte er es schön  bei uns finden, wann immer er auch hereintritt. Und er sollte etwas merken können von der Vorfreude, die schon immer bei uns dagewesen ist.

 

 

 

 

 

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