Aus der Geschichte Frankfurts

 

um 4000 vCh

Steinzeitsiedlungen (Osthafen, Praunheim)

um 500 vCh

Kelten besiedeln das Gebiet

um 83 nCh

Eroberung durch die Römer (Kaiser Domitian)

um 260 nCh

Die Römer geben das Gebiet (Nida) wieder auf

bis 500 nCh

Völkerwanderung und Besiedlung durch die Alemannen

ab 500

Eingliederung in das Frankenreich (Merowinger)

754     

Der Leichenzug des Bonifatius

794

Der Name Frankfurt „Franconovurd „wird zum ersten Mal erwähnt: König (Kaiser) Karl beruft ein Konzil in seine Pfalz

um 850

Bau der Salvatorkirche, der Vorläuferin des Doms

855

Die erste Königswahl findet in Frankfurt statt: Lothar II. wird König von Lothringen. Bis 1792 werden 36 Herrscher in Frankfurt gewählt, 10 davon auch gekrönt

941

Versöhnung Ottos des Großen mit seinem Bruder Heinrich

Um 1150

Bau der Staufenmauer

1152   

Erste Frankfurter Kaiserwahl in Frankfurt: Friedrich Barbarossa

1240

Kaiser Friedrich II. stellt mit dem „Messeschutzbrief“ Reisende zur Frankfurter Messe unter seinen Schutz

1330

Kaiser Ludwig der Baier gewährt Frankfurt neben der Herbstmesse eine zweite Messe im Frühjahr. Frankfurt entwickelt sich zur Reichsmessestadt

1333

Die große Stadterweiterung

1349

Gegenkönig Günther von Schwarzburg stirbt in Frankfurt

1356

Kaiser Karl IV. erläßt die Goldene Bulle und bestimmt Frankfurt zur Wahlstätte deutscher Könige.

1372

Kaiser Karl IV. verkauft der Stadt das kaiserliche Schultheißenamt. Frankfurt als „Freie Reichsstadt“ ist nur noch dem König untertan. Erwerb des Stadtwaldes

1389

Niederlage in der Schlacht bei Kronberg

1402

Das Bankgeschäft beginnt in Frankfurt. mit der ersten Wechselstube

1400 – 1425

Bau des Eschenheimer Turmes

1405

Die Stadt kauft die Häuser „Römer“ und „Goldener Schwan“ und läßt sie zum Rathaus umbauen. Im Obergeschoß werden Festräume für die Königswahlen (Kaisersaal) geschaffen

1415 – 1514

Bau des Domturmes

1462

Die Juden beziehen die Judengasse

1480

Die erste Frankfurter Buchmesse findet - wie alle Messen zu dieser Zeit - auf dem Römerberg statt

1530

Der Buchdruck wird in Frankfurt heimisch. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelt sich Frankfurt zur wichtigsten Druckerstadt Deutschlands und zu einem der größten Buchzentren Europa

1552

Belagerung durch protestantische Fürsten

1554

Niederländische Reformierte ziehen ein

1562   

Kaiser Maximilian II. wird zum König gewählt und zum Kaiser gekrönt. Damit ist nicht mehr Aachen, sondern Frankfurt (Kaiserdom) Krönungsstätte deutscher Kaiser

1585

Die Geburtsstunde der Frankfurter Börse: Handelsleute vergleichen bei der Herbstmesse den Wert von Münzen. Eine erste amtliche Kursnotierung findet statt

1614

Der „Fettmilch-Aufstand“: Die Willkürherrschaft der Patrizier im Rat provoziert den Aufstand von Handwerkern und Zünften. Anführer ist Lebküchner Vincenz Fettmilch

1749

Johann Wolfgang Goethe wird in Frankfurt geboren

1759

Die Stadt wird in ihrer Geschichte zum ersten Mal eingenommen: Französische Truppen besetzen Frankfurt während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763)

1806

Franz II. - letzter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation - legt die Kaiserkrone nieder. Napoleon macht Fürst Karl von Dalberg zum Bevollmächtigten und Frankfurt zum Großherzogtum. Die Stadt verliert ihre Reichsfreiheit

1815/16

Seit der Niederlage Napoleons bei der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) ist Frankfurt wieder „Freie Stadt“. Auf dem Wiener Kongreß wird der Deutsche Bund beschlossen, dem Frankfurt beitritt. Dessen oberstes Gremium, der Bundestag, erhält seinen Sitz in Frankfurt.

1820

Die erste Aktie wird an der Frankfurter Börse gehandelt

1833

Aus Protest gegen die Politik des Deutschen Bundestages stürmen Studenten die Frankfurter Wachen

1848

Die erste deutsche Nationalversammlung tagt in der Paulskirche. Das erste gesamtdeutsche Parlament erarbeitet und verabschiedet die deutschen Grundrechte und die Reichsverfassung, die aber am Widerstand der Fürsten scheitert

1871

Der „Friede von Frankfurt“: Nach dem Krieg gegen Frankreich wird der Vorfrieden von Versailles im Hotel „Zum Schwan“ besiegelt

1877

Mit der Eingemeindung von Bornheim (32 Eingemeindungen folgen bis 1977) beginnt Frankfurts Stadterweiterung im 19. Jahrhundert. Durch den Bau des Palmengartens, der Oper, des Bahnhofs und Westhafens sowie verschiedener kommunaler Versorgungsbetriebe entwickelt sich Frankfurt zu einer modernen Industrie- und Handelsstadt

1909

„Ein völlig neues und nie geschautes Kunstwerk wird eröffnet: Die Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung (ILA

1914

Bemühungen von Oberbürgermeister Dr. Franz Adickes und Wilhelm Merton (Gründer der Metallgesellschaft und Sozialpolitiker) führen zur Eröffnung der ersten deutschen Stiftungsuniversität in Frankfurt. Diese erhält 1932 den Namen Johann Wolfgang Goethes

1927/29

Der gebürtige Frankfurter Architekt Ernst May erbaut die erste deutsche Großsiedlung, die „Römerstadt“. Sie ging als „Frankfurter Beispiel“ in die Architekturgeschichte ein

1933

Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht im „Römer“

1936

Anstelle des nichterweiterungsfähigen Flugplatzes Rebstock wird ein neuer Flughafen - der Rhein-Main-Flughafen - gebaut. Dieser entwickelt sich im Laufe der Jahre zur Drehscheibe internationalen Luftverkehrs.

1938

In der „Reichspogromnacht“ brennen die Frankfurter Synagogen.

1943/44

Die Innenstadt und der mittelalterliche Stadtkern Frankfurts werden durch Luftangriffe fast völlig zerstört

1945

Ende März besetzen amerikanische Truppen Frankfurt

1946

Die SPD gewinnt die erste Kommunalwahl nach dem Krieg. Walter Kolb wird Oberbürgermeister

1948

Im Auftrag der Militärregierung bereitet die „Bank deutscher Länder“die Währungsreform vo

1949

Frankfurt verliert gegen Bonn die Wahl zum Regierungssitz. Die Buchmesse wird wieder eröffnet. - Frankfurt, traditionelle Handels- und Wirtschaftsstadt, enzwickelt sich in der Nachkriegszeit zur europäischen Wirtschaftsmetropole

1957

Die Deutsche Bundesbank nimmt in Frankfurt ihre Geschäfte auf. Sie geht aus der Bank deutscher Länder hervor, die 1948 als provisorische Notenbank entstanden ist. Frankfurt übernimmt Deutschlands Führungsrolle als internationaler Banken- und Börsenplatz

1960

Lyon wird zur ersten Partnerschaftsstadt Frankfurts

1972

Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann eröffnet das neue Terminal Mitte des Frankfurter Flughafens und damit die größte Fluggastempfangshalle Europas

1977

Mit Oberbürgermeister Walter Wallmann wird der Bau des Frankfurter Museumsufers realisiert. Zwischen Eisernem Steg und Friedensbrücke entstehen in den 80er Jahren allein acht bedeutende Museen

1988

Ein neues Symbol der Wirtschaftskraft ist der 256 Meter hohe Messeturm. Zusammen mit den postmodernen Hochhäusern der Banken und Konzerne prägt er das Stadtbild Frankfurts

1991

Der Bundestag beschließt per Gesetz, den Sitz der Deutschen Bundesbank in Frankfurt zu belassen

1994

Das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank, siedelt sich in Frankfurt an. Ein weiterer Flughafenterminal, der Terminal II, wird eröffnet, um Millionen von Passagieren (1997 insgesamt über 40 Millionen) abzufertigen

1995

Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) wird abgewählt. Die erstmals durchgeführte Direktwahl für das Oberbürgermeisteramt gewinnt Petra Roth (CDU). Ihre Amtszeit dauert bis ins Jahr 2001

1997

Europa wählt in Frankfurt: Deutsche und ausländische Bürgerinnen und Bürger aus den EU-Staaten gehen zum ersten Mal gemeinsam zur Kommunalwahl.

1997

Das neue Commerzbankhochhaus wird fertiggestellt. Mit rund 300 Meter ist der neue Himmelstürmer das höchste europäische Bürogebäude

1998

Mit der Festlegung der Teilnehmerstaaten zur Europäischen Währungsunion im Mai wird die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main gegründet

1998

Die Europäische Zentralbank nimmt am 1. Juli ihre Arbeit auf; Vorbereitung für den Beginn der neuen Währung für elf Länder, die am 1. Januar 1999 den bargeldlosen Zahlungsverkehr einführen.

 

Eine Umgestaltung und Modernisierung des Frankfurter Bahnhofs sieht die Deutsche Bundesbahn AG vor.  „Vision 21“ nennt sich das Vorhaben, bei dem unter anderem durch eine unterirdische Verlegung von Bahngleisen, große Flächen in der City für den Städtebau zurückgewonnen werden. Diese und andere Aktivitäten garantieren auch in Zukunft das Wachstum und den Wohlstand der traditionsreichen, europäischen Metropole

                                              

 

 

 

 

 

 

Vorgeschichte

 

Um 6000 vor Christus

Schon um 6000 vor Christus, das läßt sich herauslesen, sind die ersten Vor-Frankfurter in Weilern entlang der Bäche seßhaft geworden. In Bergen-Enkheim, Bornheim, Fechenheim, Harheim, Kalbach, Nieder-Erlenbach, Niederursel, Nieder-Eschbach und Preungesheim war schon in der Jungsteinzeit ab dem 6. Jahrtausend vor Christus gut wohnen: In bis zu 50 Metern langen Häusern aus Holz und Lehm. Wohnbereich und Staulungen waren unter einem Dach. Haus für Haus wurden locker zu Weilern gruppiert.

Es gab hier keinen Urwald, als die Franken kamen. Ein Beispiel dafür ist Nieder-Eschbach: Dort gelang den amtlichen Archäologen 1987 auf dem Gelände der Kleingartenanlage „Am Bügel“ der größte Treffer. Man konnte die Grundrisse von 21 Häusern jener ersten Siedler dokumentieren, die hierzulande Äcker bestellt, Gärten angelegt und Haustiere gehalten haben.

Im Frankfurter Boden hinterlassen haben sie neben Pfosten ihrer Häuser und Zäune auffällige, mit komplizierten Mustern verzierte Keramik aus glimmerhaltigem Ton, Reste von Mahl- und Feuersteinen, jede Art Werkzeug - außer der Säge. Und man fand ihre Gräber, welche der Nachwelt überliefern: Schon die Ur-Frankfurter lebten mutmaßlich im Familienverband. Man schließt es aus anatomischen Ähnlichkeiten der Knochen, aus  der Tatsache gemeinsamer Bestattungen.

So verdichten sich die historischen Details: Aus allen Epochen der besiedelten Flußlandschaft: Von der Steinzeit zur Bronzezeit (2000 vCh) zur Eisenzeit (bis fast zur Zeitenwende). Über die Jahrhunderte der römischen Besiedlung (80 vor bis 260 nach Christus) - hin zu Alemannen und schließlich den Franken und weiter durch das Mittelalter in die Neuzeit. Mit Hilfe von Scherben und Lehm-Abdrücken unter der Straße An der Pfarrwiese 11 in Harheim wurde ein Holz-Lehmbau der Spät-Bronzezeit nachgewiesen.

Die Eisenzeit kam am südwestlichen Ortsrand von Kalbach zutage: Man sammelte eine innen verzierte Schale und eine mit Fingertupfen gestaltete Keramik auf. Die Römerzeit ist nicht zuletzt mit dem Fund einer Münze unter dem Moderne-Kunst-Museum, vier Meter tief am Ufer der ehemaligen Braubach, in die Stadtgeschichte zurückgekehrt. Aufsehenerregend war der Fund eines fränkischen Friedhofs „Am Mühlberg“ in Nieder-Erlenbach: Dort hatte man um das 8. Jahrhundert mit den Menschen nicht nur Lanzen, Ringe und Gefäße, sondern auch Hunde, eine gesteinigte Katze und mehrere Pferde begraben.

Alles zusammen belegt „hochstehende Personen, richtig reiche Franken“ waren es. Hunde und Pferde sollten die Herrschaft begleiten. Wobei noch offen ist, wie die Pferde, die man mit angezogenen Beinen und ohne Kopf fand, in den. Boden kamen: Offensichtlich stellte man sie bis zum Hals in die Grube und schlug ihnen den Kopf ab, - worauf die Tiere mit dem Anziehen der Beine reagierten.

 

Zehn Militärlager in Heddernheim und Praunheim

Im Norden von Frankfurt, rund 6 Kilometer nördlich des Mains, zwischen den Vororten Heddernheim und Praunheim, erstreckt sich das römische Gebiet mit seinen vielfältigen militärischen Lagern, dem später ummauerten „vicus Nida“ und den Gräberfeldern. Bei dem Gelände handelt es sich um eine Zunge der Mittelterrasse, die sich nördlich der ehemals windungsreichen Nidda um 10 bis 15 Meter über dem Fluß erhebt, jedoch keine ebenmäßige Fläche bietet. Der höchste Punkt liegt in der Nähe des W-Tores des Alenkastells (A). Die Gesamtlänge des von den Römern in Anspruch genommenen Platzes beträgt in der Richtung Südwest-Nordost rund 2,6 Kilometer. Heute ist das Gebiet vor allem durch die Nordweststadt nahezu vollkommen überbaut und die Nidda begradigt, so daß man Pläne in der älteren Literatur (Wolff 1915) ansehen muß, um von der antiken Topographie eine Vorstellung zu bekommen.

Mindestens zehn Lager im Areal von Heddernheim und Praunheim bezeugen, daß dieser Platz ein strategisch wichtiger Punkt für die Eroberung der Wetterau war. Die meisten der Lager waren nur kurzfristig belegt und hinterließen kaum Scherbenmaterial, so daß die genaue Aufschlüsselung ihres Neben- und Nacheinanders nicht möglich ist. Die Ausgrabungen der älteren wie der neueren Forscher waren zudem aus verschiedenen Gründen eingeschränkt, und es konnten nur wenige Lager ihrem Umfang nach, keines davon in seiner gesamten Fläche, untersucht werden. Bis auf das Lager B dürften jedoch alle in die Okkupationszeit gehören und sich auf die Kriegszüge in vespasianischer und domitianischer Zeit beziehen, zumal die meisten ein Areal einnehmen, durch das später römische Straßen liefen. Anhaltspunkte für ein Marschlager aus augusteischer Zeit gibt es nicht.

Georg Wolff war vor dem Ersten Weltkrieg der maßgebende Forscher für die militärischen Bauten in Heddernheim und Praunheim. Das Lager B wurde 1933-1936 ausgegraben. Es ist ein symmetrischer Annex (Anbau) an der Ostseite des Alenkastells (A). Ein Spitzgraben umschloß ein Areal von 80 mal 292 Meter; beide Graben-Enden im Norden und Süden knickten beim Einlaufen in den äußeren Kastellgraben des Alenkastells stumpfwinklig ab, so daß ihre Rücksichtnahme auf das bestehende Alenkastell außer Zweifel steht. An der Ost-Seite, am Ende der Straße, die als Verlängerung der via principalis des Alenkastells angelegt war, befand sich das einzige Tor: ein Holzbau mit zwei Durchgängen. Von den Innenbauten wurden im Nord-Teil mehrere Reihen großer Pfosten festgestellt, die als 45 - 50 Meter langer Magazinbau interpretiert werden. Der Süd-Teil wurde nicht untersucht. Die von Wolff erwähnten Funde zeigen an, daß dieses Lager wahrscheinlich parallel zur letzten Phase des Alenkastells bestanden hat und jedenfalls gleichzeitig mit diesem (nach 103 nCh) aufgegeben wurde. Demnach ist das Lager B das jüngste aller Lager ohne steinerne Umwehrung von Heddernheim-Praunheim.

 

Untersuchungen von 1901 - 1908 förderten das Lager C nördlich des Alenkastells (A) zutage. An eine 420 Meter lange Südseite schloß sich rechtwinklig die 280 Meter lange West-Seite mit einem Tor bei 180 Meter nördlich der Südwest-Ecke. Die Merkwürdigkeit dieser Anlage besteht darin, daß sich an der Innenseite des West-Tores ein weiterer, kleinerer Spitzgraben anschloß und durch seinen schrägen Verlauf zur Südost-Ecke nunmehr ein dreieckiges Lager von etwa 4 Hektar bildete. Die erfolglose Suche nach dem ursprünglichen Rechteck und die unsymmetrische West-Seite gaben bald zu der Vermutung Anlaß, daß hier ein provisorisches bzw. reduziertes Lager vorliege, in dem eine Truppe nur kurzfristig untergebracht war. Die Befestigung selbst war nicht besonders stark. Das 8,60 Meter B-Tor im Westen hatte einen vorgelegten Spitzgraben (tutulus) von 16,50 Meter Länge. Da dieses dreieckige (oder auch ursprünglich rechteckige?) Lager auf die Trassenführung der römische Straßen nach Okarben, zur Saalburg und nach Nordwesten noch gar keinen Bezug nimmt, diese vielmehr alle drei durch sein Areal hindurchgeführt hätten, dürfte es in der frühesten Zeit der Okkupation entstanden sein. Seine Südwest-Ecke wurde denn auch vom Straßenbett der Saalburgstraße und sein West-Tor vom flavisch-trajanischen Gräberfeld an der Feldbergstraße überlagert. Der auch in neuerer Zeit mehrfach geschnittene südliche Spitzgraben enthielt keine Funde.

 

Das seit 1910 erforschte Lager D zeigte sich infolge seiner Unregelmäßigkeiten nicht weniger problematisch als das soeben besprochene, und wahrscheinlich besteht sogar ein Zusammenhang zwischen beiden. Westlich des Alenkastells (A) wurden vom Lager D die West-Seite, die Südwest-Ecke und ein Stück der Südseite mit Tor ermittelt. Während der südliche Graben (Länge 130 Meter) dann im äußeren Kastellgraben des Alenkastells verschwand, wurde die West-Seite (Länge fast 500 Meter) mit Unterbrechungen bis zu ihrer Einmündung in den westlichen Graben der Anlage C verfolgt. Die Unregelmäßigkeiten bestehen in einem richtungsändernden leichten Knick der West-Seite und in der Einmündung in ein anderes Grabensystem. Wolff zog die Schlußfolgerung, daß das Lager D zum Zwecke der Erbauung des Alenkastells und gewissermaßen um dieses herum errichtet war. Jedenfalls muß Lager D einerseits zeitlich vor dem Alenkastell bestanden haben, dessen erster Ausbau schon unter Kaiser Vespasian erfolgte, und andererseits etwas später als Lager C angelegt worden sein, in dessen West-Graben es einmündet. An dieser Stelle ist eine schnelle Abfolge der Lager augenscheinlich. Von Wallpalisade oder Torbau wurden keine Spuren gefunden. Die Toröffnung an der Süd-Seite war 6,50 Meter breit.

Im Zusammenhang mit dem Lager C hat Wolff zwei Spitzgrabenprofile erwähnt, die er ein Stück nordöstlich von diesem in zwei Ziegeleien beobachtet hatte (E), vielleicht ein weiteres Lager.

Gündel fand 1925-1926 die Nordwest-Ecke des kleinen Lagers F auf dem Gelände des christlichen Friedhofs in Heddernheim. Nach Gündels Berechnung handelt es sich um eine fast quadratische Umwehrung von 100 - 110 Meter Seitenlänge. Die Scherben aus Spitzgraben und Palisadengräbchen wurden bei ihrer Auffindung als domitianisch angesprochen; die Errichtung des Lagers ist jedenfalls in flavische Zeit zu setzen.

Während der Baumaßnahmen in der Nordwest-Stadt in den sechziger Jahren konnte ein west-ost fluchtender Spitzgraben über 260 Meter verfolgt werden; wahrscheinlich die Nord-Seite eines großen Lagers G. Er quert die heutige Ernst-Kahn-Straße in ihrem nördlichen Teil und verläuft fast parallel zur späteren nördlichen Vicus-Umwehrung in etwa 80 Meter Entfernung von dieser. Die westliche Begrenzung ist mutmaßlich ein Spitzgraben, der in der Baugrube Ernst-Kahn-Straße 16 beobachtet wurde. Der zugehörige Spitzgraben im Süden könnte der sein, der 1961 gefunden wurde: In 160 Meter Entfernung zum nördlichen Graben verläuft er in gleicher West-Ost-Richtung durch den nördlichen Teil des Hauses Ernst-Kahn-Straße 118. Die Begrenzung der Ost-Seite ist unbekannt. Das so umrissene Lager hätte, wenn die Rekonstruktion stimmt, mehr als 4 Hektar Fläche umfaßt. Es könnte nur in frühflavischer Zeit bestanden haben, nämlich noch ehe das Lagerdorf, die ältere Straße nach Mainz und die Saalburgstraße errichtet wurden. Auch die Überschneidung mit dem Erdlager D spricht für kurzfristiges Bestehen. Tor-Anlagen oder sonstige Spuren der Umwehrung wurden nicht bekannt.

 

Die Profile von zwei zusammengehörigen Spitzgräben wurden 1929 in einem Wasserleitungsgraben des Grünen Weges (heute Bernadottestraße) gefunden; die Stelle befindet sich etwas östlich der Straßenflucht „Am Alten Schloß“ und rund 200 Meter entfernt von der Nordwest-Ecke der Vicusbefestigung (H). Wahrscheinlich dehnte sich das Lager noch nördlich der Bernadottestraße aus. Hierzu ist unter Vorbehalt ein wahrscheinlich in gleicher Richtung (Nordwest-Südost) laufender Graben zu zählen, der Im Weimel 14 beobachtet wurde. Er lag so dicht neben der Vicusbefestigung, daß ein zweiter Spitzgraben in dieser untergegangen wäre. Die Entfernung beider Fluchten beträgt rund 140 Meter. In beiden Fällen wurden Scherben des 1. Jahrhunderts notiert.

In der Baugrube der Häuser In der Römerstadt 182–188, etwa 102 Meter westlich der Vicus­befestigung, wurde 1963 ein Nord-Süd verlaufender Spitzgraben über 14 Meter verfolgt (J).

Im Jahre 1929 wurde in der Baugrube des Hauses Alt-Praunheim 53 die Süd-Ecke eines Spitzgrabens registriert (K), der keinerlei Funde enthielt.

Das Praunheimer Lager L konnte 1905 in Ziegeleigruben nördlich der Heerstraße (früher Elisabethenstraße) - heute der Bereich zwischen Schönberger Weg und Stierstädter Straße und westlich etwas darüber hinaus wenigstens in seinen Ausmaßen (270 mal 340 m) vollständig erfaßt werden. Da das Lager dem Straßenzug der römischen Straße nach Hofheim und Mainz parallel angelegt war, konnte es nur gleichzeitig mit dieser Straße oder später errichtet worden sein. Wahrscheinlich ist diese wichtige Straße von den Römern schon in flavischer Zeit benutzt worden. Aus dem Praunheimer Lager gibt es keine datierenden Funde.

 

Alenkastell

Wohl als einziges der römischen Militärlager von Heddernheim-Praunheim wurde das Alenkastell A von vornherein als langfristiges Standquartier für eine Truppe erbaut. Wegen seines späteren Ausbaus in Stein wird in den Publikationen allgemein die Bezeichnung „Steinkastell“ verwendet. Wolff entdeckte das Kastell 1896 und hat in den folgenden Jahren vor allem seinen Umfang, die Umwehrung und einen Teil des Stabsgebäudes (principia) untersucht. Ausgrabungen von Gündel in den zwanziger Jahren betrafen Bauten der späteren Vicuszeit innerhalb des Kastellgeländes. Erst U. Fischer führte 1957-1959 und 1963 im nördlichen Teil des Alenkastells systematische Flächengrabungen durch. Inzwischen ist das gesamte Areal überbaut und im Gelände nicht mehr kenntlich.

Offenbar genauso wie bei dem Steinkastell in Hofheim haben nacheinander drei Kastellbauten bzw. -umbauten an der Stelle des Heddernheimer Alenkastells gestanden. Nach Umfang und Grundriß wahrscheinlich übereinstimmend mit dem späteren Steinkastell hatten die beiden früheren an Toren und Umwehrung Holztürme (ausgegraben quadratische Ecktürme von sieben Meter Seitenlänge) und eine Mauer aus Rasensoden. Beide Holz-Erde-Kastelle waren schon von den zwei Spitzgräben geschützt, die später auch zum Steinkastell gehörten. Der innere der Wallgräben mußte vor den Toren mittels Brücken überquert werden.

Das erste der Holz-Erde-Kastelle wurde noch unter Kaiser Vespasian (etwa 75-79 nCh) errichtet, das zweite wahrscheinlich zwischen dem Chattenkrieg Domitians (83-85 nCh) und dem Saturninusaufstand (88-89 nCh) und das Steinkastell daran anschließend; dessen Ende hängt mit der Verlegung der Garnison an den Limes zusammen und ist in die Jahre zwischen 103-111 nCh zu setzen. Diese Abfolge war aus den übereinander gelagerten Spuren der Mannschaftsbaracken abzulesen, die klar drei Bauphasen erkennen ließen. Die Baracken des zweiten Kastells sind durch Feuer zugrundegegangen.

Das Steinkastell ist in seinem Grundriß am besten ermittelt worden. Es bildete ein abgerundetes Rechteck (186 mal 282 Meter) mit 30 Türmen und vier von Türmen flankierten Toren, das Ausfallstor (porta praetoria) nach Süden zur Nidda hin orientiert. Das Nord-Tor hatte nur einen Durchgang, die übrigen waren durch Pfeiler in zwei Durchgänge geteilt. Die Kastellmauer aus Basaltbruchsteinen war nach außen mit Sandsteinquadern verblendet.

Die Kenntnis von der Innenbebauung ist unvollständig. In älterer Zeit wurde der westliche Teil des Stabsgebäudes (principia) ausgegraben, das sich im Zentrum des Kastells nördlich der Ost-West-Achse (via principalis) wie üblich um einen Hof gruppierte; auch hier existierte ein Vorgängerbau in Holz. Die Grabungsschnitte von Fischer waren im rückwärtigen Teil des Lagers (retentura), zwischen Nord-Tor und Stabsgebäude, angelegt und erfaßten außer den erwarteten Mannschaftsbaracken hinter der Umwehrung Teile von Werkstätten (wahrscheinlich einer Schmiede) und Teile einer Anlage, die wohl als Barackenhof mit großem Wasserbecken (Tiefe 1,50 Meter in römischer Zeit) zu ergänzen ist. Bronzebeschläge von Pferdegeschirr aus den Schichten des Wasserbeckens deuten auf die Verwendung desselben als Tränke bzw. auf die Reiterbesatzung des Kastells. Der Barackenhof überlagerte nördlich des Stabsgebäudes die Hauptstraße zum Nord-Tor (via decumana) und ist in die letzte Phase des Kastells datiert.

Als Besatzung des rund 5 Hektar umfassenden Alenkastells kommt in erster Linie die Ala I Flavia gemina, also eine Reitereinheit, in Betracht, von der eine Weih- und eine Grabinschrift sowie weitere Fragmente von Reitergrabsteinen gefunden wurden. Ferner sind vor allem durch Grabinschriften die Cohors IV Vindelicorum und die Cohors XXXII voluntariorum civium Romanorum für Heddernheim belegt. Da die neuere Forschung der Meinung ist, daß die genannte Reitereinheit nicht 1.000, sondern 500 Mann umfaßte, werden wohl zwei der Truppenkörper gemeinsam im Kastell untergebracht worden sein. Außerdem kann während der Kastellzeit ein Truppenwechsel stattgefunden haben. Es ist im Übrigen nicht erwiesen, daß im östlich anschließenden Lager B auch Truppen untergebracht waren; möglicherweise diente dieser Annex nur als Schutz für Magazinbauten.

Die Verbindungen der Heddernheimer Garnison zu ihren Nachbarkastellen waren selbstverständlich durch die vom römischen Militär angelegten Straßen gewährleistet. In den Richtungen nach Mainz und Okarben gab es hierbei Straßenverlegungen gegenüber den anfangs benutzten Straßen, und allmählich entwickelte sich der Platz unmittelbar vor dem West-Tor des Alenkastells (porta principalis dextra) zum wichtigsten Verkehrsknotenpunkt. Von hier aus liefen erstens die Straße nach Westen über Hofheim und Kastel nach Mainz (wobei es auf Heddernheimer und Praunheimer Boden eine ältere, dem Gelände angepaßte nördliche Straßenführung und eine jüngere, das Gefälle in Kauf nehmende gab) und zweitens die Straßen nach Norden, die – nach und nach entstanden – schließlich eine dreifache Gabelung vor dem Nord-Tor der späteren Vicus-Umwehrung bildeten; geradeaus führte eine zum Saalburgkastell, in Nord-Ost-Richtung eine über Okarben zur Mitte der Wetterau und in Nord-West-Richtung eine, deren Endziel noch unsicher ist. Einen Weg zur Wetterau gab es auch zum Ost-Tor des Alenkastells bzw. des Lagers B hinaus und einen weiteren zum Süd-Tor hinaus über die Nidda nach Frankfurt. Daneben wurde sicher die schiffbare Nidda genutzt, allerdings vornehmlich für Warentransporte.

Dem Alenkastell zuzurechnen sind zwei steinerne Kastellbäder, das ältere etwa 100 Meter westlich des Kastells und 70 Meter südlich der älteren Straße nach Mainz (heute West-Teil des christlichen Friedhofs), das jüngere 60 Meter südlich des Kastells und etwa 30 Meter östlich der nach Süden führenden Kastellstraße (heute die Grundstücke der Häuser An der Ringmauer 108–118). Die Datierung beider Anlagen beruht auf Ziegelstempeln, von denen im westlichen Kastellbad nur solche der 14. Legion, im Süden solche der 14. und 22. Legion gefunden wurden; danach muß das westliche Bad um 90 nCh vom südlichen Bad abgelöst worden sein. Ursächlich mag dies mit einer Zerstörung während der 2. Chattenkriege 89/90 zusammenhängen, da am westlichen Bad Brandschutt wie bei den zweiten Mannschaftsbaracken beobachtet wurde. Von beiden Kastellbädern ist die Gesamtanlage nicht mehr zu rekonstruieren.

 

Nida, Hauptort der Civitas Taunensium

Im heutigen Gelände sind nur noch an zwei Stellen die Überreste der römischen Siedlung zu sehen:

1. ein Stück des Walles der Ost-Umwehrung vor dem Haus Am Forum 29

2. zwei Töpferöfen von der Töpfersiedlung vor dem Nord-Tor (sie wurden 1972 gefunden und an Ort und Stelle konserviert; das einsehbare Schutzhaus steht am Erich-Ollenhauer-Ring, südlich der Titusstraße, Führungen nur nach Vereinbarung).

Zur Geschichte: Westlich des Alenkastells, entlang den beiden Straßen nach Mainz und der Saalburgstraße, entwickelte sich zunächst ein Lagerdorf. Seine Fachwerkhäuser erstreckten sich nach Westen über die Grenze der späteren Vicus-Umwehrung hinaus, an der älteren Straße sogar bis zur Fundstelle der römische Villa in Praunheim – 350 Meter entfernt von der Stadtmauer – und dem dort beginnenden älteren Praunheimer Gräberfeld.

Novus vicus hieß der Teil der Siedlung, der an der späteren, südlichen Straße nach Mainz (platea novi via.) noch vor dem Abzug des Militärs erbaut wurde. Von der älteren Straße nach Westen ist der antike Name platea praetoria überliefert, der sich allerdings auf das spätere Unterkunftshaus (praetorium) der Stadt Nida bezieht. Für die Ausdehnung des Lagerdorfes behielt die ältere Straße ihre Bedeutung, obwohl dort Brandschichten aus der Kastellzeit die Vernichtung auch von Lagerdorfbauten anzeigen.

Ein exakter Plan mit allen Bauten des Lagerdorfes wird sich nicht rekonstruieren lassen. Einmal haben die nachfolgenden Bauten des Vicus vielfach die Spuren der älteren zerstört, zum anderen ist die Unvollkommenheit der Berichterstattung - auch für den Vicus Nida - hauptsächlich durch die hektische Bebauung des Geländes in den sechziger Jahren (Bau der neuen Nordwest-Stadt) begründet.

Wahrscheinlich recht früh begannen Töpfer ihr Handwerk im Lagerdorf auszuüben. Öfen aus dem letzten Viertel des 1. Jahrhundert nCh sind vor allem im südlichen Teil des Vicus festgestellt worden. Besonderes Interesse verdient hierbei die Wetterauer Ware, deren rotüberzogene und rotgefleckte oder marmorierte Gefäße anfangs speziell für das Militär angefertigt wurden.

Mit dem Abzug der Garnison um 110 nCh änderte sich die Situation des Lagerdorfes gravierend. Offenbar Hand in Hand mit der Verlegung der Truppen an den Limes richteten die Römer nun auch die Zivilverwaltung ein. Bei der Aufteilung der nordmainischen Region in zwei Civitates wurde der Vicus von Heddernheim zum Hauptort des Ostens, der Civitas Taunen­sium, bestimmt. Hauptort der westlich angrenzenden Civitas mattiacorum wurde Wiesbaden (Aquae mattiacorum).

Das genaue Jahr für die Erhebung der Hauptorte kennen wir nicht, doch dürfte es in den letzten Regierungsjahren des Kaisers Trajan (vor 117 nCh) oder in den ersten des Kaisers Hadrian (117–120 nCh) gelegen haben. Wahrscheinlich hatte sich zu dieser Zeit auch schon der Ortsname Nida herausgebildet, der sich vom alten Flußnamen der Nidda herleitete. Belegt ist dieser Name auf einem Meilenstein in Friedberg („10 Leugen von Nida“), auf zwei Weihe-­Inschriften aus Kastel und seit 1961 auch durch eine Bauinschrift am Ort, eine Dendrophoren-Inschrift. Auf dieser werden der Vicus Nida und die Vicani Nidenses ausdrücklich genannt, außerdem die Dendrophoren des Ortes MED ... (Dieburg), Hauptort der südlich angrenzenden Civitas Auderiensium.

Die gänzlich neuen Funktionen, die nun dem Vicus Nida zufielen, veränderten ihn vor allem in baulicher Hinsicht: Nida wurde praktisch eine Stadt. Während die Hauptstraßen mit ihrem Treffpunkt vor dem ehemaligen Kastelltor beibehalten wurden und das spitzwinklige Dreieck zwischen den beiden westlichen Straßen als Marktplatz (forum) seine Bedeutung erhielt, fügte man nun weitere Straßen hinzu, um der wachsenden Bevölkerung Platz zu bieten, und bemühte sich um die Errichtung der notwendigen öffentlichen Gebäude.

Auch das Gelände des Alenkastells wurde allmählich bebaut. Die Straßen waren mit Kies befestigt und haben im Laufe der Zeit eine mehrfache Erneuerung erfahren (bei der platea praetoria waren die Kieslagen bis zu 0,70 Meter und bei der Saalburgstraße bis zu 1,50 Meter mächtig). Innerhalb der Stadt an den Hauptstraßen, die bis zu 10 Meter Breite hatten, gab es begleitende Abflußgräbchen, die jüngeren Nebenstraßen waren mit 4 Meter Breite ohne Abflußgräbchen angelegt.

Als Verwaltungszentrum der Civitas war Nida Sitz der Behörden. Auch hier war die oberste Behörde ein Ratsherrenkollegium (ordo decurionum), eine Art „kleiner Senat“, aus dessen Mitte jährlich zwei Bürgermeister (duoviri) gewählt wurden. Von Inschriften kennen wir den Namen eines duumvir aus Nida, Licinius Tugnatius Publius, und die Namen von sieben Decurionen: Dativius Victor, Caius Paternius Postuminus, Quietius Amandus, Caius Sedatius Stephanus, Stephanius Maximus, Tertinius Catullinus und ein gewisser Firmus. Außerdem wird ein Aedil genannt, der die Gewerbeaufsicht führte: Murius Victor.

Leider sind die vorauszusetzenden Verwaltungsgebäude (Rathaus usw.) nicht bekannt. Die Nord-Seite des dreieckigen Marktplatzes, die auf dem Plan von 1938 noch frei erscheint, ist nach der Mitte des 2. Jahrhunderts wahrscheinlich nur mit privaten Häusern bebaut gewesen. So kommt eigentlich nur das Gelände des Alenkastells in Frage, um derartige Bauten zu lokalisieren. In der Tat gab es an der Stelle der ehemaligen Principia ein späteres Gebäude, und nordwestlich davon wurden beim Straßenbau 1973 Reste von starken Mauern mit Apsiden beobachtet, möglicherweise sind auch einige Gebäude, die F. Gündel 1927 im Süd-West-Teil des Alenkastells ausgegraben und nicht mehr publiziert hat, hier hinzuzurechnen.

Eines der gut ausgegrabenen öffentlichen Gebäude ist das große Unterkunftshaus (praeto­rium), dem im Osten ein Hof mit Wandelhalle (palaestra) und die östlichen Thermen angeschlossen waren. Die Bedeutung, die diesem Komplex beigemessen wurde, erweist allein schon seine Lage direkt südlich der zentralen Straßenkreuzung (das ist heute West-Teil des christlichen Friedhofes und die Rosa-Luxemburg-Straße).

Hier konnten vor allem Bürger der Civitas oder Soldaten aus den Limeskastellen, die in Nida Geschäfte erledigen oder eines der vielen Heiligtümer besuchen wollten, bequem untergebracht werden. Das Hotel (43 x 70 Meter) hatte im Erdgeschoß einschließlich Eingangshalle und Flure 62 Räume, die um einen langgestreckten Säulenhof gruppiert waren; es war mutmaßlich zweigeschossig. Im Süden schloß sich ein großer Hof von trapezförmigem Grundriß an, der der Unterbringung von Wagen und Zugtieren diente (Stall in der Südwest-Ecke). Zur Straße hin war Praetorium und Palaestra ein einheitlicher überdachter Säulengang (porticus) vorgelagert.

Die östlichen Thermen von Nida (36 Meter Breite, 64 Meter Länge) waren großzügig ausgestattet. Schon die Eingangssituation im Norden fällt durch ihre säulengeschmückte Fassade - gefunden wurde der obere Teil einer 5 bis 6 Meter langen Rotsandsteinsäule mit einem Schaft von 49 Zentimetern Durchmesser - und eine geräumige Vorhalle (6 mal 24 Meter). Quadratische Ziegelplättchen, farbiger Wandverputz, Gesimsfragmente und profilierte Sandsteinstücke zeugen von der ehemaligen Einrichtung. Die üblichen Baderäume richten sich nach einem streng axial angelegten Mitteltrakt, der nacheinander einen Teil der Eingangshalle, einen Hof, das Kaltbad (frigidarium), den Warmluftraum (tepidarium) und das Warmbad (caldarium) enthält; es schließen sich an den Seiten die Umkleideräume, das Kaltwasserbecken, Latrinen mit Wasserspülung, das Schwitzbad (sudatorium) und die Warmwasserbecken an.

Diese Thermen waren allerdings so sehr auf das Praetorium bezogen, daß die Nidenser sich eine zweite und größere Badeanlage unmittelbar an der West-Seite des Marktplatzes erbauten, die W-Thermen. Hier war die Palaestra ein Innenhof (13,6 mal 20,4 Meter), und es gab neben dem Frigidarium jeweils zwei Räume für Tepidarium, Caldarium und Sudatorium. Insgesamt hatte die Anlage eine Ausdehnung von 45 mal 68 Meter und steht daher hinter den Thermen anderer Provinzstädte nicht zurück.

Von der einstigen Ausstattung waren nur wenige Einzelheiten erhalten: roter Außenputz – jedenfalls in der Sockelzone – und bemalter Verputz innen, profilierte Verputzleisten, weißtonige Bodenfliesen, Sandsteinsäulen. Der Boden der Palaestra bestand aus weißem Kalk‑ Estrich, in einer Ecke des Hofes fand sich der gemauerte Unterbau für einen runden Sockel (Durchmesser 1,35 Meter) bzw. eine Statue. Verschiedentlich wurde an- und umgebaut, doch bestanden die Thermen bis zum Ende von Nida.

Ein hölzernes Szenentheater im südlichen Areal von Nida ist in seiner Größenordnung das einzige seiner Art, das auf rechtsrheinischem Boden gefunden wurde. Es bot etwa 1.000 bis 1.500 Personen Platz. Sein gemauerter Zugang lag im Westen, die 16 Meter breite, halbrunde Zuschauerrampe (cacea) umschloß einen Zuschauerraum (orchestra) von 54 Meter Durchmesser; die hölzerne Bühne, von der noch 5 Schwellenbalken gefunden wurden, hatte eine Ausdehnung von 10 mal 26 Meter und eine Versenkung in ihrem Unterteil.

Einige Funde aus Heddernheim, wie zum Beispiel Fragmente von tönernen Masken oder die Terrakottafigur eines Soldaten mit Schauspielermaske im Arm, lassen sich leicht mit Aufführungen im Theater verbinden. Die Ausgräber datierten 1929 den Bau pauschal in die Kastellzeit von Nida. Da die Forschung aber heute den Abzug des Militärs früher ansetzt als damals, ist zu erwägen, ob das Holztheater nicht auch in die Frühzeit des neu errichteten Hauptortes der Civitas gehören könnte.

Sicher scheint nur, daß es nach der Mitte des 2. Jahrhunderts nicht mehr bestanden hat. Ob es für die Bewohner der Civitas Taunensium in ihrem Hauptort ein Amphitheater gab, ist nach wie vor ungeklärt. Im Nordwesten des Vicus hat sich bei den Beobachtungen der sechziger Jahre kein Hinweis darauf ergeben. Möglicherweise gab es aber eine Arena außerhalb der Stadtmauer, zum Beispiel in Praunheim, wo 1962 nahe dem alten Nidda-Ufer Strukturen gefunden wurden, die damit zusammenhängen könnten.

Die Stadthäuser von Nida waren von unter schiedlicher Form. Woelcke registrierte an der Süd-Seite der platea novi vici mindestens vier langgestreckte Hausbauten mit der schmalen Front zur Straße, die jedoch keineswegs streng in einer Flucht ausgerichtet waren. Ähnliche Beobachtungen machte Fischer auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes, wo die Steinkeller der städtischen Periode nördlich der platea praetoria ziemlich dicht gereiht, aber nicht immer exakt parallel zueinander lagen.

Vereinzelt gab es recht ansehnliche Hauskomplexe, von denen auf dem Plan von 1938 nur das Peristylhaus des Praetoriums eingetragen ist. Ähnliche Häuser wurden zum Beispiel am Ostrand der Stadt und im Norden des Vicus gefunden, von dem nördlichen war noch der Steinkeller mit seinem Bogeneingang recht gut erhalten.

Den kompletten Grundriß eines kleineren Hauses kennt man seit den Flächengrabungen von Fischer: Es lag nördlich des Alenkastells und war erbaut über den ehemaligen Spitzgräben des Kastells und mit seiner Vorhalle nach Norden zu einem Kiesweg geöffnet. Außer der wahrscheinlich geteilten Vorhalle besaß es sechs gleichmäßige Räume von je 16 Quadratmetern und einen Steinkeller im hintersten Teil. Der Keller enthielt überwiegend Schutt des 3. Jahrhunderts, doch dürfte das Haus (9,50 mal 17 Meter) schon im Laufe des 2. Jahrhundert entstanden sein.

Ein sehr interessantes städtisches Anwesen wurde um 1910 ausgegraben: Es handelt sich um die Bebauung der Straßenecke südlich der platea praetoria und westlich der kurzen Nord-Süd-Straße, die am West-Rand des Forums die beiden Hauptstraßen verbindet. Deutlich sind drei verschiedene Trakte zu unterscheiden: ein schmaler Bauteil (54 Meter Länge, 8 Meter Breite) entlang der platea praetoria enthielt wahrscheinlich verschiedene Läden, daran schlossen sich nach Süden ein Haus mit Eingang von der Seitenstraße bzw. mit Blick zum Forum und ein größerer Hof hinter diesem.

Der Hof (18 mal 23 Meter) enthielt unterkellerte Gebäude und gewerbliche Anlagen (Eisenverarbeitung) und stand wahrscheinlich in Beziehung zu den Läden an der Hauptstraße. Das Wohnhaus an der Ost-Seite (10 mal 20 Meter) zeichnet sich vor allem durch eine pfeiler- und säulengeschmückte Fassade und eine Toreinfahrt mit zwei verschiedenen Durchgängen (1,4 und 2 Meter Breite) aus. In einem seiner beiden Keller wurden Massen von Terra-Sigillata-Gefäßen gefunden. Starke Mauern lassen beim Wohnhaus wie beim Ladentrakt auf obere Stockwerke schließen; der Zusammenhang aller Bauteile und die exponierte Lage am Forum deuten auf einen vermögenden Besitzer.

Fraglos entwickelte sich Nida auch zum Handels- bzw. Einkaufszentrum der Civitas. Hafenanlagen an der Nidda mit Anlegerampen auf beiden Ufern und mehreren Lagerhallen auf der Stadtseite bezeugen dies ebenso wie Funde der verschiedensten Waren, die entweder durch Handel oder durch Eigenproduktion den Nidensern zum Verdienst verhalfen.

Welcher Wirtschaftszweig der Stadt am meisten einbrachte - möglich wäre zum Beispiel Handel mit Getreide, Wein, Öl, Parfümerien, Textilien oder Sklaven - wissen wir nicht. Für den Archäologen drängen sich drei Erwerbszweige durch gehäufte Bodenfunde ins Blickfeld: Töpfereien, Beinschnitzereien und metallverarbeitende Betriebe. Dies ist jedoch eine mehr zufällige Auswahl der einstigen Handelsgüter, da Keramik, Horn und Metalle im Boden am längsten überdauern.

Getöpfert wurde in Nida vom Bestehen des Lagerdorfes bis zum Ende der Stadt. Trotz unsystematischer Ausgrabungen sind mehr als 90 Töpferöfen bekannt geworden, schätzungsweise gab es mindestens 150. Ihre Verteilung läßt zwei Zentren erkennen: das frühere lag im Süden des Vicus, südlich einer Häuserzeile an der platea novi rici (Gebiet der heutigen Mithras­straße), und das spätere im Norden zu beiden Seiten der Saalburgstraße, außerhalb der Stadtumwehrung (heute südöstlich des Nordwest-Zentrums und der Rosa-Luxemburg-Straße). Daneben gab es vereinzelte Töpferöfen im Stadtgebiet, die zu verschiedenen Zeiten aufgegeben wurden.

Außer den einfachen Gefäßen aller Art sind es vor allem Tafelgeschirre, die in der gesamten Wetterau gekauft wurden. Die rotbemalte Wetterauer Ware mit ihren vielfältigen Zierelementen - darunter figürliche Bemalung! - wurde seit flavischer Zeit produziert und erreicht in der 1. Hälfte des 2. Jahrhundert ihren technischen Höhepunkt. Ihre hierzulande exotischen Gefäßformen verraten die Herkunft aus Ländern mit griechisch beeinflußter Kultur oder aus Italien selbst. Während jedoch ganz ähnliche Erzeugnisse auch von Fundstellen in anderen Provinzen - überwiegend von solchen, wo römisches Militär stationiert war - bekannt wurden, gibt es zum Beispiel die rotbemalten Lampen mit ihren Griffaufsätzen in Form von Weinblättern oder Büsten nur im Rheinmain-Gebiet. Ein Teil der Wetterauer Ware stammt aus den Töpfereien von Frankfurt-Nied, doch belegen Fehlbrände und Model, daß sie auch in Nida hergestellt wurde.

Nicht nur Töpfer, auch Bronze- und Silberschmiede haben sich in Nida Konkurrenz gemacht; wahrscheinlich waren die Werkstätten, deren Schmelztiegel, Gußformen und Werkzeuge gefunden wurden, jeweils mit Läden verbunden. Analysen zufolge handelte es sich meistens um Altmetall, das wieder eingeschmolzen wurde. Halbfabrikate und Gußformen belegen nur die Produktion kleinteiliger Bronzen wie Fibeln, Fingerringe, Armreifen u. ä.

Als Mittelpunkt religiöser Kulte hatte Nida mit Sicherheit eine stattliche Reihe von Tempeln aufzuweisen, jedoch sind nur vier der unterirdisch angelegten Mithräen und das Versammlungshaus der Dendrophoren im römischen Stadtplan festgelegt. Die Mithräen I und II, entdeckt im Jahre 1826, lagen im Nordwesten des Vicus an einer der später erbauten Ost-West verlaufenden Nebenstraßen. Das Mithräum III lag ebenfalls an einer Ost-West-laufenden Nebenstraße, aber im Süden des Vicus, westlich des Hofes des Praetoriums; es wurde vor 1894 ausgegraben. Von allen drei Heiligtümern sind die meisten Funde heute in den Museen von Wiesbaden und Frankfurt. Das Mithräum IV, das 1928 leer aufgefunden wurde, hatte seinen Platz südwestlich des ehemaligen Holztheaters, also noch weiter vom Stadtzentrum entfernt, und mußte dann sichtlich wegen des Baues der südlichen Stadtmauer aufgegeben werden. Ein fünftes Mithräum ist aufgrund weiterer Funde vorauszusetzen. Ebenso dürfen wir annehmen, daß ein Heiligtum für Jupiter Dolichenus existiert hat.

Das Versammlungshaus der Kultdiener der großen Göttermutter lag im Westen des Vicus, wahrscheinlich direkt an der platea praetoria. Ob hier auch ein Tempel für den Kult der Göttin Kybele gestanden hat, ist nicht bekannt, es ist aber wahrscheinlich. Gefunden wurde 1961 ein kleiner Keller (1,70 mal 2,40 Meter), von dem nur zwei Seiten gemauert waren. Die Füllung des Kellers enthielt außer der zerbrochenen Inschrifttafel einen einfachen Sandsteinaltar und eine Reihe von Kleinfunden, darunter eine Münze des Kaisers Gallienus mit dem Prägejahr 258 nCh.

Die Dendrophoreninschrift lautet in der Übersetzung wie folgt: „Zum Heil des Kaisers. Die Dendrophoren und Priester des Kaiserkultes mit Sitz in Med . . . und Nida haben das Versammlungshaus aus eigenen Mitteln errichtet. Das Grundstück wurde ihnen von den Bürgern von Nida zugewiesen.“ Die Dendrophoren von Nida, die zugleich den Kaiserkult betreuten, haben sich also mit ihren Kollegen von Med . . . (Dieburg) zusammengetan, um sich ein Versammlungshaus zu bauen. Die Bürger von Nida jedoch hatten das Recht, die Grundstücke zuzuweisen. So zeigt uns die Bauinschrift mehrere Aspekte des römischen Alltags einer kleinen Provinzstadt.

Der Friede in der obergermanischen Provinz war nicht von Dauer. Aus dem Jahr 162 nCh wird ein Überfall der Chatten gemeldet, und zwei Münzschätze von Nida, die um 139 nCh bzw. etwas später enden, mögen hiermit oder mit einem ähnlichen Ereignis aus diesen Jahren in Zusammenhang stehen. Kaiser Marc Aurel (161 – 180 nCh) hatte übrigens angeordnet, daß Städte, die eine Umwehrung bauen wollten, hierfür um Erlaubnis nachsuchen müßten. Gewiß war dies eine Maßnahme, um während der Markomannenkriege eine Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Nida bekam also erst zu Beginn des 3. Jahrhundert, als die Bedrohung durch Germaneneinfälle sehr viel akuter geworden war, eine Stadtbefestigung. Dieser fielen im Westen, Osten und Süden ganze Wohnviertel oder einzelne Bauten zum Opfer. Die ursprünglich weitgestreute Besiedlung des Vicus wird hierdurch noch augenfälliger. Nur die Töpfereien vor dem Nord-Tor blieben außerhalb der Umwehrung bestehen.

Die Befestigung bestand aus einem einheitlichen System: Von außen nach innen folgten ein Graben (etwa 7 Meter breit), ein Wallabsatz (1,10 Meter breit), eine Steinmauer (2 Meter breit), ein Wall (etwa 7 Meter Breite) und eine breite Grabenmulde, die als Materialgraben anzusehen ist. Außerdem wissen wir seit den Ausgrabungen von Fischer, daß zumindest an der Nord-Seite dem Ganzen noch ein breites Annäherungshindernis vorgesetzt war: in einem Streifen, 11bis 35 Meter von der Mauer entfernt, ordneten sich große Pfähle in 11 Reihen, abwechselnd längs- und quergestellt.

Die Stadtmauer selbst zeigte sich bei Ausgrabungen ausgeplündert von Steinen wie die meisten Bauten von Nida; sie bestand ursprünglich im Kern aus Basaltbruch und hatte nach außen eine Verblendung durch rotverfugte Sandsteinquader. Von ihren mächtigen Zinnendecksteinen wurden einige im Spitzgraben gefunden. Der Umriß der Befestigung war ein unregelmäßiges Vieleck mit mindestens sieben turmbewehrten Toren (fraglich ist ein zweites Tor an der Nord-Seite), außerdem waren Ecken mit Türmen verstärkt. Die Maße des ummauerten Areals betragen etwa 600 mal 900 Meter. In jedem Fall konnte das befestigte Nida noch Schutzsuchende aus dem Umland aufnehmen.

Im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Sicherung der Stadt steht wahrscheinlich ein Bau des 3. Jahrhundert, der den Archäologen noch einige Rätsel aufgibt: der vierschiffige Hallenbau südlich des Forums. Zwischen fünf etwa 60 Meter langen Mauern lagen 4 große Hallen (9,50 m bzw. 10,50 Meter breit), die in ihrem vorderen Teil Holzeinbauten und Holzkeller, in ihrem rückwärtigen Teil wahrscheinlich überwiegend Ställe enthielten. Da viele Funde eindeutig militärischen Charakter haben – u. a. wurden hier drei der berühmten Helme aus Nida-Heddernheim geborgen – ist es naheliegend, hier die Kaserne einer berittenen Truppe zu vermuten. Dem widersprechen allerdings Form und Größe des Gebäudes, das zumindest in seinem vorderen Teil ein Obergeschoß besaß. Möglicherweise wurden aber auch die ursprünglich für andere Zwecke erbauten Hallen in einer Notsitua­tion als Truppenunterkunft benutzt. Nida wurde jedenfalls erst 259/260 nCh aufgegeben, dies beweist nicht zuletzt die umfangreiche Reihe der Münzfunde (rund 3500 Stück), die mit 14 ausgegrabenen Münzen des Kaisers Gallienus endet.

Die Gräberfelder von Nida verteilen sich hauptsächlich entlang den fünf Ausfallstraßen im Westen und im Norden des Vicus; ein kleineres Gräberfeld ist außerdem nördlich der Nordwest-Ecke der Stadtmauer beobachtet worden. Entsprechend der Reihenfolge im Straßenbau lagen die ältesten Gräber und die Soldatenbestattungen an der älteren Wegführung nach Mainz (älteres Praunheimer Gräberfeld). Aber auch die Belegung des Gräberfeldes an der Straße in Nord-West-Richtung begann schon im 1. Jahrhundert. An der römischen Straße nach Okarben gab es außer Bestattungen nahe der Straßengabelung ein ummauertes Gräberfeld, das ein Stück entfernt angelegt war (heute Bereich der Tiberiusstraße) und Gräber des 2. und 3. Jahrhundert enthielt. Am schlechtesten informiert sind wir über die Gräber entlang der römischen Saalburgstraße. An Grabsteinen sind insgesamt nur zwei Dutzend bekannt geworden, darunter Familiengrabsteine und Teile von Pfeilergrabmälern. Ein besonderer Fund wurde 1965 im Gräberfeld an der Okarbener Straße geborgen: das Grab eines Malers. Neben der üblichen Grabkeramik war hier eine Malerausstattung (großer Doppelhenkelkrug und 29 Farbtöpfe) mitgegeben worden; Analysen der noch erhaltenen Farben (Pigmente) ergaben, daß dem Maler vier künstliche Grundfarben (Eisenrot, Kupferblau, Blei-weiß und Bleirot) zur Verfügung standen.

 

Zentren des Handels, Handwerks und vielfältigen Gewerbes waren die stadt- und dorfartigen Siedlungen, die vici; die landwirtschaftliche Produktion war dagegen den Gutshöfen (villae rusticae) vorbehalten. Neben den vom Militär geprägten Kastelldörfern und kleinen, dorfartigen Ansiedlungen kam in unserer Region vor allem dem römischen Nida große Bedeutung zu. Als Hauptort der Civitas Taunensium war der Ort seit Beginn des zweiten Jahrhunderts nCh Mittelpunkt des kommunalpolitischen, kulturellen und religiösen Lebens. Wie in ähnlichen Fällen entwickelte sich auch Nida aus einem Kastellvicus und wuchs nach Abkommandierung der Garnison um 110 nCh zu einer blühenden Kleinstadt heran. Nida wurde so zum Verwaltungszentrum der Wetterau. Die öffentlichen Ämter waren meist mit einem hohen privaten finanziellen Aufwand verbunden, so daß sie in der Regel von der Oberschicht der Civitas besetzt waren.

Die Stadthäuser in Nida waren weitgehend nach dem gleichen Schema wie die der Kastellvici gebaut. Einige Parzellen mit Wohnbebauung konnten ausgegraben werden. Im Vorderteil der langgestreckten Gebäude befanden sich Tavernen, verschiedenste Läden und kleine Werkstätten. Darunter lagen meist Keller mit dem Lichtschacht zur Straße hin, die genügend Lagermöglichkeit boten. Im hinteren Gebäudeteil und in der ersten Etage wohnten die Geschäftsinhaber; sicherlich gab es auch eine große Zahl an Mietwohnungen.

In den römischen Siedlungen lebte ein vielschichtiges Völkergemisch ganz unterschiedlicher Kultur und Religion. Wie sich die Bevölkerung zusammensetzte, wissen wir nicht genau. Aus Nida sind Einwohner italischer, gallischer, germanischer und sogar nordafrikanischer Abstammung durch Inschriften bekannt.

Durch ihre Lage an der Nidda mit dem wichtigen Hafen erlebte die Stadt im Verlauf des 2. Jahrhunderts nCh eine wirtschaftliche Blüte. Anziehungspunkte waren vor allem die regelmäßig abgehaltenen Märkte und Jahrmärkte, zu denen aus der Umgebung Kaufleute, Handwerker, Landwirte und sicher auch Soldaten in die Stadt strömten.

 

Ein Bauopfer aus einem Keller im römischen NIDA im Haus Römerstadt 133

(Hessenarchäologie 2013,Seite 97 -100)

Im Bereich der 1927/1928 errichteten Frankfurter Siedlung „Römerstadt“, die den südlichen Teil des römischen Civitas-Hauptortes NIDA überdeckt, sind seither kaum Baumaßnahmen zu verzeichnen. Dies liegt einerseits an der dichten Bebauung, andererseits hauptsächlich an der Tatsache, daß das gesamte Areal einschließlich der Freiflächen denkmalgeschützt und damit im Bestand zu erhalten ist. Im Vorfeld der Bauplanungen „Römerstadt“ war es zu archäologischen Aufnahmen durch Georg Wolff gekommen, die nach den damals gängigen wissenschaftlichen Standards durchgeführt wurden. Aus diesem Grund ist für das gesamte Areal eine Dokumentation der römischen Befunde vorhanden. Im Unterschied dazu konnten die wenigen Wiederaufbauarbeiten und besonders die Baumaßnahmen zur Errichtung der „Nordweststadt“ in den sechziger und siebziger Jahren kaum archäologisch betreut werden.

Im April 2013 kam es zu einer Erweiterung des nach dem Krieg wiedererrichteten Hauses „In der Römerstadt 133“. Das Eckgrundstück stößt nach Norden und Osten an die Straßen „In der Römerstadt“ und „Hadrianstraße“. Der geplante Anbau von rund 30 Quadratmetern sollte direkt östlich an das bestehende Gebäude anschließen.

Entlang der heutigen Straße „In der Römerstadt“, die weitgehend dem Verlauf der römischen Straße folgt, hatte Wolff zahlreiche römische Parzellen mit Streifenhäusern und Kellern nachweisen können, die alle zur Straße hin ausgerichtet waren. Im Bereich des freistehenden Gebäudes Hausnummer 133 hatte Wolff zwei Parzellen mit Kelleranlagen dokumentiert, die beide vom neu errichteten Wohnhaus teilweise überdeckt wurden.

Da der geplante Anbau auch eine Kellererweiterung vorsah, war zu erwarten, daß die östliche Kelleranlage erfaßt werden würde. Aufgrund des Umstandes, daß die Baugruben zu Beginn  des 20. Jahrhunderts erfahrungsgemäß nur wenig über die Kellerwände hinausgeragt hatten, war mit weiteren Befunden zu rechnen. Die Baugrube war sowohl durch eine Zisterne als auch durch einen Öltank gestört, weiterhin mußte ein Sicherheitsabstand zu Grenzmauern nach Norden und Osten eingehalten werden, und schließlich standen in der Nordost- und in der Südostecke größere Bäume, die erhalten bleiben sollten. Trotzdem konnten unter der örtlichen Grabungsleitung von H.-J. Semmler und R. herausragende Befunde und Funde gesichert werden.

Aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen gingen die Erdarbeiten nur langsam voran. Zunächst zeigte sich, daß der nördliche Abschnitt der Baugrube fundleer war, wodurch ein willkommener Arbeitsraum entstand. Im südlichen Teil konnte der von Wolff erkannte Steinkeller dokumentiert werden. Hier zeigte sich einerseits der damalige Erdeingriff von Wolff, der mit einem Teilabbruch der Kellermauern einhergegangen war, andererseits waren Reste der Kellerwände in situ erhalten. Aus dem Kellerraum konnten neben wenigen Scherben zahlreiche Metallreste geborgen werden. Es handelt sich um Metallschrott aus Blei, Bronze und Messing. Möglicherweise sind die Metalle die Abfälle eines metallverarbeitenden Handwerksbetriebs. Dazu gehören auch acht Münzen des 3. Jahrhunderts nCh, von denen zwei im Bereich der Eingrabung von Wolff zum Vorschein kamen und sechs in der Kellerfüllung. Aus der Eingrabung stammen ein Denar des Severus Alexander für lulia Mammaea (RIC 331) der Jahre 222 / 235 nCh und ein Antoninian des Trebonianus Gallus (RIC 42 [Pietas]) der Jahre 251 / 253 nCh. In der Füllung geborgen wurden ein Sesterz von 220 / 260 nCh, vier Denare (drei des Elagabal: RIC 138 [Salus], 218 / 219 nCh; RIC 21 [Pax], Ende 219 nCh; 218/  219, Rs.: Roma sitzend 1., und einer des Severus Alexander, RIC 133 [Annona], 226 / 227 nCh).

Es zeigt sich, daß Kellermauern und Innenraum hinsichtlich Ausdehnung und Grabungstiefe, d.h. bis zum Kellerboden, der Grabungstätigkeit Wolffs eine Grenze gesetzt hatten. Außerhalb und darunter konnten keine Grabungsaktivitäten festgestellt werden, die Befunde waren ungestört. Daher waren auch die nach Norden im Profil dokumentierten ebenerdigen Befunde  seinerzeit nicht erfaßt worden, da sie südlich des Wolffschen Kellers lagen. Es handelte sich um die Ausbrüche zweier N- S ausgerichteter, unterschiedliche fundamentierte  Mauern, die ausschließlich im Profil unter einer flächigen römischen Kulturschicht dokumentiert werden konnten. In der Südostecke der Baugrube zeigte sich eine weitere Eingrabung, die deutlich tiefer als die Mauerzüge reichte und die bis dahin ebenfalls unbekannt gewesen war.

Der bereits 1912 nachgewiesene Steinkeller wurde exakt in der von Wolff dokumentierten Form wieder angetroffen. Dies mag erneut den für seine Zeit hohen Grabungs- und Dokumentationsstandard von Georg Wolff belegen; allerdings wich die Eintragung im modernen Katasterplan um rund 1,50 Meter nach Nordosten ab, was nunmehr auch korrigiert werden konnte. Durch die bestehende Bebauung wurden der Westteil des Kellerhalses sowie die Nordwest- und die Südwestecke des Kellers verdeckt oder zerstört. In der Auffüllung kamen große Mengen verbrannten Dachschiefers zutage, was auf einen Brandschaden auch im Bereich des Wohnhauses hinweist. Im Keller verlief eine schmale verkohlte Spur rund 0,60 Meter parallel zur Wand. Hierbei dürfte es sich um einen Holzeinbau gehandelt haben. Zwischen Holzspur und Kellerwand befand sich ein feines Sandbett, das vermutlich als Standfläche für Amphoren gedient hatte.

Unter dem Kellerboden und dem Sandbett kamen verschiedene Befunde zum Vorschein. Zu nennen sind einmal drei Stakenlöcher mit Durchmessern von 4 - 6 Zentimeter, die in winkliger Anordnung genau im Verlauf der Holzwand beobachtet wurden und die eine Verbretterung gehalten haben dürften.

Es zeigte sich, daß der Steinkeller einen älteren Holzkeller teilweise überlagerte. Unter der östlichen Kellerwand und teilweise unter dem Sandbett befanden sich zwei Pfostengruben, außerdem eine kleine Grube mit Bruchsteinen und eine weitere, dazu leicht versetzte  kleine Pfostengrube. Dabei wahren die beiden Pfostengruben  einen Abstand von 2,60 Meter, eine rechteckige Pfostenstandspur war teilweise erkennbar. Die Pfosten begrenzten außen die Westwand eines älteren Holzkellers, der bis dahin nicht erfaßt worden war.

Als herausragendes Fundstück wurde in Befund St. 1 9 eine kopfüber deponierte plattierte Silberschale angetroffen (Abb. 3). Es handelt sich um eine glatte halbkugelige Schale mit abgeflachtem Boden und breitem Horizontalrand; ihr maximaler Durchmesser beträgt 12,4 cm (Abb. 4-5). Erst während der Restaurierung stellte sich heraus, daß es sich um ein Bronzegefäß handelt, dessen Vorder- und Rückseite mit Silberblech überzogen worden war. Analysen, die freundlicherweise Frau S. Hartmann (Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz) anfertigte, ergaben für das Blech einen Silbergehalt von über 96%. Den Gefäßkörper bildet eine Legierung, die zu 91 % aus Kupfer und 7% aus Zinn besteht. Die Spuren der Plattierung sind auf der Unterseite des Randbereiches zu erkennen. Dort umbördelt das Silberblech der Vorderseite das der Unterseite. Drehrillen und Drückspuren sind weitere Merkmale dafür, daß das Silberblech sehr genau auf die Bronzeoberfläche angepaßt wurde. Nicht jede Gefäßform eignet sich für dieses Veredelungsverfahren. Zu bevorzugen sind solche mit glatten Oberflächen, ohne Henkel und Standringe. Die Schale kann in das 1. Jahrhundert nCh datiert werden.

 

Zurück zum Befund: Der Holzkeller war 4,40 Meter lang und mindestens 2 Meter breit; leider konnte seine Ostwand aufgrund der besonderen Grabungssituation nicht freigelegt werden. Der Keller war offensichtlich von einem Feuer zerstört worden. Die verbrannten Holzwände und die zugehörigen Baugruben zeichneten sich deutlich im Planum ab. Im Innenraum lagen verbrannte Deckenbalken auf dem durchgeglühten Kellerboden, die offenbar die Einrichtung zertrümmert hatten. Die vier zerstörten Amphoren mit ihren Unterteilen wurden in situ vorgefunden, außerdem waren als Vorratsgefäße mehr als zehn zerscherbte Krüge sowie des Weiteren Eisenwerkzeuge vorhanden.

Trotz des Zustandes der verbrannten Hölzer konnten anhand der betreffenden Deckenbalkenreste zwei dendrochronologische Daten von Th. Westphal (Labor-Nr. DLWF 7257-7260) ermittelt werden:  70 und 122 nCh. Möglicherweise handelt es zum einen um ein älteres wiederverwendetes Ho1z sowie zum anderen um eine jüngere Reparatur die beiden zusammenkorrodierten Asse (Trajan 98 / 102 nCh, und Domitian, 86 nCh) aus der nördlichen Baugrube des Kellers auf ein Bau­datum am Ende des 1. Jahrhunderts hinweisen. Aus dem Keller selbst stammen zwei Münzen aus dem 2. Jahrhundert, so ein Sesterz (Rs: Jupiter sitzend links) und ein As des Marc Aurel für Faustina II der Jahre 161 / 171 nCh. Daraus läßt sich eine Nutzung des Kellers bis mindestens in das letzte Drittel des 2. Jahrhunderts ableiten.

Nach den gewonnenen Ergebnissen sich folgende Baugeschichte ab. Am Ende des 1. Jahrhunderts nCh wurde auf der Parzelle an der Hauptstraße ein Haus mit Holzkeller errichtet und die Silberschale als Bauopfer niedergelegt. Am Ende des zweiten oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts fielen der Keller und vermutlich auch das Haus einem Brand zum Opfer. Auf derselben Parzelle - etwas nach Westen verlagert - errichtete man im 3. Jahrhundert nun ein Haus mit Schieferdeckung und einen Steinkeller, die ebenfalls durch einen Brand zerstört wurden. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Funde der Münzen des 3. Jahrhunderts bis 253 nCh So dürfte der betreffende Keller wohl bis zum Rückzug, der Römer aus dem rechtsrheinischen Raum bestanden haben.

 

Gräberfeld „Heilmannstraße“:

Die Friedhöfe der Römerstädte wurden entlang der Ausfallstraßen angelegt, im Fall der Römerstadt Nida im Norden und Westen. Der Bestattungsplatz an der Heilmannstraße liegt nicht an einer Fernstraße, sondern an einer jüngeren Straße entlang der Stadtmauer im Westen der Römerstadt Nida. Das Gräberfeld erstreckte sich 80 Mete r entlang de r Heilmannamnns traße sowie über die gleioche Länge auf dmedem abzwneizwiegenden Kransberge r Weg. Im Oktober 2017 wurde unter den Häusern Heilmannstraße 10 und Kransberger Weg 10 gegraben.  Hier war ein dichtbelegter und ausgedehnter Bestattungsplatz aus der Zeit von 150 bis 200 (Hessenarchäologie 2017, Seite 132 -135).eilamannstrßae 10 n d Kranskberger Weg 10 gegraben.

 

Im Bereich der „Römerstadtschule“ fand man 2017 einen 3.000 Quadratmeter großen Tempelbezirk im Zentrum der römischen Stadt. Hier waren mindestens neun unterschiedlich großen Steingebäude und mindestens zwei große ältere Holzkonstruktionen. Man fand min­destens 60 Öfen und ebenso viele „Kultgruben“. Eine Sonderstellung nehmen die einzigen Brunnen auf der Fläche ein. Auf dem Grund des Steinbrunnens lag das Bruchstück  einer figürlichen Lampe aus Ton, einer Stierkopflampe aus einer Produktionsstätte in Nied. Der holzverschalte Brunnenschacht unweit der südlichen Begrenzungsmauer enthielt eine Vielzahl von Funden, unter anderem zwei Götterstatuen aus Bronze und deren Sockel, die der Diana und dem Merkur gewidmet waren, mit einer Weiheinschrift vom 9. September 246. Neben den Weihefunden lag ein vollständiges menschliches Skelett. In diesem Jahr kam es wohl zu einem brutalen Übergriff auf das Zentrum der Stadt, es kam zu Zerstörungen und Bränden, aber es war mehr ein lokales Ereignis (Hessenarchäologie 2017, Seite 127 -131).

 

Gigantensäule

Im Dezember 2003 konnte das Frank­furter Denkmalamt in einem Brun­nen gleich zwei vollständige Jupiter-Giganten­säulen bergen. Die­ser Befund kann als Sensation bezeichnet werden, da nicht nur die einzelnen Elemente der Säulen voll­ständig vorhanden sind, sondern auch die Qualität der Stein­metz­­ar­beiten herausragend ist. Gleichzeitig wirft der Fund ein bezeichnendes Licht auf die Vorgänge in der römi­schen Stadt im 3. Jahrhundert nach Christus.

Als öffentlicher religiöser und auch durchaus kostspieliger Ausdruck einer in der Regel privaten Stiftung belegen die Inschriften neben dem Namen des Stifters häu­fig auch seine soziale Stellung und das Datum der Auf­stellung, was diesen Steindenkmälern besonderen Wert verleiht. Während auf einer der Säulen lediglich die Weiheformeln für Jupiter und seine Frau Juno eingemeißelt wur­den, kann aufgrund der umfangreicheren Inschrift der anderen Säule hier das Aufstellungsjahr 228 nach Christus genannt werden. Die Restaurierung und die wissen­schaftliche Aufarbeitung der Neufunde stehen jetzt an erster Stelle

 

Weitere Funde:

Güntersburgpark: Etwa 100 Meter westlich des Güntersburgparks, wo die Böttgerstraße in die Hartmann-Ibach-Straße mündet, lag ein römischer Gutshof.

Praunheim: Im Ort gab es ein römisches Gräberfeld aus der Niederlassung Nida (nördlich und südlich der früheren Elisabethenstraße, heute Heerstraße). An der Stelle des Dorfes Praunheim entwickelte sich auch an der Römerstraße nach Westen das vicus canabarum, des Weinkellerdorf. Eine villa rustica mit großem Wirtschaftsgebäude und Weinkeller wurde auf der Praunheimer Seite gegenüber dem nördlichen Westtor von Nida aufgedeckt.

Zwischen Ludwig-Landmann-Straße und der Nidda, südlich der Praunheimer Hohl (in Höhe der Ebelfeldschule) war eine römische Ansiedlung, die im 4. Jahrhundert von den Alamannen genutzt wurde.

Höchst: Beim Haus Bolongaro-Straße 152 wurden zwei Verteidigungsgräben gefunden, auch westlich der Justinuskirche. Kurz vor der Niddabrücke, in der Straße „Im Ziegelfeld“, war eine römische Ziegelei, von der man die Produkte gut über die Nidda transportieren konnte.

 

 

Mittealter

Domhügel mit archäologischem Garten

Das Gebiet zwischen Römer (Rathaus) und Dom im Zentrum der Altstadt Frankfurts bildete die Keimzelle der heutigen Stadt. Wer vor dem Turm des Dorns steht, wird unschwer erkennen, daß das Gelände sowohl nach Süden um Main als auch nach Norden zur Braubachstraße hin abfällt. Der Dom steht auf dem Rücken eines flachen Hügels, der im Osten an der Fahrgasse beginnt und im Westen ungefähr bis zum Gerechtigkeitsbrunnen vor dem Römer reicht. Im Altertum bildete die Anhöhe eine Insel, die im Süden vom Main, im Norden durch einen bis zu 90 Meter breiten Altarm des Flusses, die Braubach („Bruchbach“), begrenzt war. Im Osten (jenseits der Fahrgasse) dehnte sich das sumpfige Fischerfeld aus. Ein schmaler Seitenarm der Braubach zog zwischen Römer und Gerechtigkeitsbrunnen nach Süden zum Fahrtor und mündete dort in den Main. Er grenzte die kleine Insel im Westen ab.

Die heutige Oberfläche des Römerbergs läßt den Verlauf des ehemaligen Gewässers noch ein wenig erkennen. Auf der Höhe der Dominsel lagen breite Kalkfelsen dicht unter dem Wasserspiegel des Mains. Sie erlaubten das Überschreiten des Flusses und bildeten die Furt, nach der die Stadt im frühen Mittelalter ihren Namen erhielt. Diese Furt und der Schutz, den die Insellage bot, schufen günstige Voraussetzungen für die Besiedlung des Domhügels in mehreren Epochen der vorgeschichtlichen Zeit. Sie haben auch die Römer veranlaßt, hier schon im 1. Jahrhundert nCh einen Militärposten zu errichten. Die ersten Spuren römische Bautätigkeit fand A. Hammeran 1889. Weitere Funde machte Ch. L. Thomas 1895–1897. Sie bildeten die Grundlage für die Annahme eines Kastells Frankfurt a. M. und die Veröffentlichung der Ausgrabungen und Funde durch G. Wolff im Limeswerk ORL (1915).

Drei Jahrzehnte später wurde die Altstadt durch den furchtbaren Bombenangriff im März 1944 vollständig zerstört. Das aber bot die Möglichkeit neuer archäologischer Ausgrabungen. Sie wurden mit Unterbrechungen in den Jahren 1953–1973 vom Museum für Vor- und Frühgeschichte ausgeführt (H. J. Hundt, U. Fischer, O. Stamm). Diese Untersuchungen waren technisch äußerst schwierig, weil die Menschen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Stadt die antiken Baureste und Bodenschichten durch unzählige Eingriffe - Fundamente, Keller, Ver- und Entsorgungsleitungen - gestört, ja geradezu zerfetzt hatten. So brachten die Ergebnisse der neuen Ausgrabungen zwar außerordentliche Fortschritte unserer Kenntnis der Anfänge Frankfurts im frühen Mittelalter durch die Entdeckung der karolingischen Pfalz. Für die römische Epoche blieben indessen manche Fragen offen, sie werden sich vielleicht nie beantworten lassen.

Die gründliche Bearbeitung der römischen Ausgrabungsfunde ergab, daß einige Keramik­scherben aus der Spätzeit der Regierung des Kaisers Augustus stammen dürften. Obgleich keine Baureste aus dieser Zeit entdeckt worden sind, könnte der Fund von einem kleinen Militärposten aus der Zeit der ersten römischen Okkupation unter Augustus herrühren. Im Jahre 16 nCh räumten die Römer das Untermaingebiet. Auf dem Domhügel siedelten sich nun Germanen an. Dort kam germanische Keramik des 1. Jahrhundert nCh zutage, die dem rhein-weser-­germanischen Formenkreis angehört. Man nimmt an, daß sie in den Händen einer chattischen Bevölkerung war.

In den siebziger Jahren des 1. Jahrhundert nCh kam der Frankfurter Raum während der Regierung Kaiser Vespasians wieder in den römischen Machtbereich. Auf dem Domhügel wurde eine römische Truppenabteilung stationiert. Sie errichtete einen kleinen Thermenbau, von dem aber nur der runde Schwitzraum und der Abwasserkanal 2 erhalten blieben. Der Boden des Kanals war mit Ziegeln der 14. Legion ausgelegt. Von den übrigen Bauwerken der Einheit – etwa den Unterkünften – wurde nichts gefunden.

Wahrscheinlich ist das Kastell, das man voraussetzen möchte, während des Saturninusauf­stan­des im Winter 88 / 89 zerstört worden, ebenso der Thermenbau 3. Jedenfalls entstand bald nach dem Aufstand ein neues Badegebäude 4. Die sieben Ziegel mit Truppenstempeln aus dem Bad zeigen, daß es ein militärisches Bauwerk war. Es hatte ungefähr die gleiche Größe wie die Kastellbäder der kleinen Numeruskastelle im Odenwald. Die Besatzung des Domhügels war daher eine kleine Einheit, deren Stärke wie bei den Numeri am Odenwaldlimes etwa 150 Mann betragen haben wird.

Das zugehörige Kastell kann 0,6 Hektar Fläche besessen haben; es wurde im Bereich des Doms auf der Ost-Hälfte des Domhügels vermutet, konnte dort aber nicht nachgewiesen werden. Aus der Zeit nach 89 stammt auch Bau 5, der unvollständig erhalten war und daher schwer zu deuten ist. Außerdem wird Bau 6 in die Jahre bald nach 89 datiert. Er wird als Wasserverteilungsbecken gedeutet; solche Bauwerke bildeten die Endpunkte von Wasserleitungen. Oft waren die Verteilungsbecken mit architektonischem Zierat versehen und den Nymphen geweiht, so daß man Bau 6 auch als Nymphäum bezeichnet hat.

Nach der Gründung der Civitas Taunensium unter Kaiser Trajan ging der Frankfurter Raum in die Zivilverwaltung der Civitas über. Der Militärstützpunkt auf der Dominsel verlor seine Be­deutung und wurde aufgegeben. Immerhin hatten die römischen Militärs den Stützpunkt mehrere Jahrzehnte lang zur Sicherung der Furt und zur Überwachung der germanischen Bevölkerung aufrechterhalten. Die geringe Stärke der Besatzung weist allerdings darauf hin, daß der spätere Stadtkern von Frankfurt damals nicht zu den bedeutenderen Plätzen wie etwa Frankfurt-Heddernheim oder Friedberg gezählt wurde.

Auf den Militärstützpunkt folgte eine zivile Besiedlung. Zu ihr gehören die Baureste 7–10. Die Umfassungsmauer 9–10 entspricht den üblichen Hofmauern der römischen Gutshöfe. Bau 8 war ein Wohnhaus und kann das Herrenhaus eines römischen Gutshofs (villa rustica) gewesen sein. Seine Mauern enthielten Abbruchschutt aus den Militärbauten, darunter zahlreiche gestempelte Ziegel. Der Nord-Ost-Teil war als Badetrakt ausgebaut. Die kurzen Mauerstümpfe, die erhalten blieben, geben jedoch kein klares Bild der ursprünglichen Raumaufteilung. Einige Mauerfugen und übereinanderliegende Fußbodenestriche rühren von einem Umbau her, der gegen Ende des 2. Jahrhundert stattgefunden haben könnte. Bei dieser Gelegenheit ist die Süd-Front des Gebäudes zurückgesetzt worden. Bei Bau 7 war der westlichen Teil mit Hypokausten versehen, er war demnach wohl auch ein Wohnhaus. Die Deutung der Baureste als römischer Gutshof ist naheliegend, sie ist wegen der starken Zerstörung aber nicht letztlich beweisbar. Die Nähe des Flusses und der Furt können der Niederlassung besondere Funktionen gebracht haben, etwa als Stapelplatz für die nähere Umgebung.

 

Der Fall des Limes 259/60 hat der römischen Niederlassung auf dem Domhügel ein Ende bereitet. Die Römer zogen sich auf den Rhein zurück. Auf dem Domhügel tritt etwa einige Jahrzehnte nach dem Limesfall handgemachte Keramik alamannischen Charakters auf. Zusammen mit den alamannischen Gefäßscherben kamen Funde römische Herkunft zutage, Scherben von spätrömischen Terra Sigillata, anderer Keramik und Glasgefäßen, aber auch Münzen, deren späteste unter Constantius II. zwischen 351 und 361 geprägt worden ist. Sie deuten auf wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Alamannen und dem nahen Römerreich hin. Wie auf dem Ebel sind auch auf dem Domhügel die noch aufrechtstehenden römischen Ruinen weiterbenutzt worden. In Gebäude 8 beobachtete man nachträglich eingezogene, aber schmale Grundmauern, die in gleicher Technik wie auf dem Ebel ausgeführt waren. In der ehemaligen Wobelinsgasse wurde eine kleine Grubenhütte ausgegraben (Bau 11), deren Wände aus lehmgebundenen Bruchsteinen bestanden.

Im Gegensatz zu den meisten alamannischen Siedlungsplätzen des Umlandes läßt sich auf dem Frankfurter Domhügel eine kontinuierliche Besiedlung bis in die Zeit der fränkischen Landnahme um 500 nachweisen. Teile der Gebäude 7 und 8 scheinen noch in die baulichen Strukturen des merowingischen Königshofs einbezogen worden zu sein. Dieser war der Vorgänger der karolingischen Pfalz, von der die Entwicklung zur mittelalterlichen Stadt Frankfurt ihren Ausgang nahm.

Unmittelbar vor dem Dom liegen im „Historischen Garten“ einige römische Gebäudereste frei und können besichtigt werden. Deutlich erkennbar ist vor allem der runde Schwitzraum des ersten Militärbades Bau 3. Vom anderen Thermengebäude 4 sind kurze Mauerstümpfe zu sehen. Die übersichtlichen Erläuterungstafeln erleichtern das Verständnis der zunächst verwirrend anmutenden Mauerreste.     

 

Franken nutzen die Furt am Main: um 300 nCh

Im 3. Jahrhundert nimmt der Einfluß der Römer in Obergermanien ab. Nach den Alemannen sind es die Franken, die um 500 nach Christus das Gebiet am Untermain beherrschen. Auch auf dem Dom- und dem westlich gelegenen Karmeliterhügel entstehen fränkische Siedlungen. Grund für die zunehmende Besiedlung dürfte die Mainfurt gewesen sein. Sie eignete sich als Verkehrsweg, denn zu fränkischer Zeit konnte man den Main bei Frankfurt noch bequem durchwaten. – Was einst wohl nur den Flußübergang bezeichnete, wird später durch Karl den Großen zum Namen des Ortes: „Franconovurd“ .

 

Domhügel

Noch vor der Zeitenwende baut man auf dem sogenannten „Domhügel“, dem heute vom Römer und Dom begrenzten Areal, Getreide an. Wenig später ist das Gebiet besiedelt, wie Überreste von Holzbauten belegen. Bis zum Ausgang des 8. Jahrhunderts ist der Domhügel eine kleine durch Wasser, Sumpf und Moor geschützte Insel. Um die Zeitenwende erobern die Römer große Teile Germaniens. Zu den besetzten Gebieten gehört auch ab 83 nach Christus das Rhein-Main-Gebiet. Unweit von Frankfurt, in Nida westlich von Heddernheim, und Friedberg, entstehen römische Kastelle. Auf dem Frankfurter Domhügel wird eine Art militärische Nachschubbasis eingerichtet. Diese verliert - wie die Kastelle - ihre Funktion, als 110 nach Christus die römischen Garnisonen an den Limes verlegt werden. Nach dem Abzug der Legionäre und dem Abriß der Militärbauten entsteht auf der Anhöhe wieder eine zivile Siedlung.

 

Grab Adelstochter: um 650

Bis vor kurzem nahm die Geschichtsschreibung an, Frankfurt sei vor diesem denkwürdigen Datum nur ein unbedeutendes, kleines Provinznest mit ein paar Holzbauten und einer Holzkirche gewesen. Doch der jüngste, spektakuläre Fund im Kaiserdom, korrigiert diese Vorstellungen. Im Jahre 1992 entdeckten Archäologen im Boden des St. Bartholomäus-Doms das Holzkammergrab einer kleinen Adelstochter und die Mauern einer Steinkirche aus der Merowingerzeit, den Jahren 650-720 nach Christus.Die Ursprungsgeschichte der Stadt Frankfurt am Main muß möglicherweise neu geschrieben, mit Sicherheit aber korrigiert werden muß. Die kostbaren Grabbeigaben, der Gold- und Silber schmuck des kleinen Mädchens sowie die Kirche aus Stein dokumentieren: Frankfurt muß schon viel früher ein bedeutender Platz mit Macht- und Geldpotential gewesen sein.

Bei Grabungsarbeiten im Boden des St. Bartholomäus Doms nämlich legten Archäologen des städtischen Denkmalamtes die Grabstätte eines etwa vier- bis fünfjährigen Kindes frei, dessen Ausstattung es ganz offensichtlich als Sprößling einer reichen und bedeutenden Familie ausweist. Die eigentliche Sensation besteht darin, daß sich mit Hilfe der Kostbarkeiten, Gold- und Silberschmuck, welche die Eltern einst ihrer so früh verstorbenen kleinen Tochter mit in ihre letzte Ruhestätte legten, das Alter dieses Fundes bestimmen ließ.

Wie die Wissenschaftler erklären, handelt es sich bei dem Kindergrab im Kaiserdom ziemlich eindeutig um ein klassisches Holzkammergrab aus der späten Merowingerzeit zwischen etwa 650 und 720. Demnach muß man im Gegensatz zu früheren Erkenntnissen davon ausgehen, daß also schon um das Jahr 700 eine Steinkirche an diesem geschichtsträchtigen Ort gestanden hat .

Kirchenbauten i der Zeit um 700 sind grundsätzlich selten nachgewiesen und dokumentieren besonders als Steinbauten stets ein entsprechendes Macht- und Geldpotential vor Ort, mit dem zugehörigen Umfeld an Untergebenen und Einrichtungen. Fort also mit der irrigen Ansicht, Frankfurt sei nur ein unbedeutendes, kleines Provinznest mit ein paar Holzbauten gewesen! Nicht nur älter muß Frankfurt sein, sondern offenbar auch viel früher schon ein wichtiger Platz.

Vom Skelett des kleinen Mädchens hat der aggressive Mainsand des Bodens nicht viel unzerstört gelassen. In der in vier Metern Tiefe ausgehobenen Grube an der Westmauer der nun entdeckten ältesten Steinkirche ließ sich lediglich anhand des Schädels und Resten von Armknochen seine Lage an der nördlichen Kammerwand mit Blick nach Osten rekonstruieren. Eine unter dem Kopf des Kindes gelegene Amulettkapsel bildete offenbar einigen Schutz gegen die zersetzenden Einflüsse von Zeit und Erde.

Im Dommuseum hatte man für die erste öffentliche Vorstellung des unverhofft aufgetauchten „Schatzes“ auf Karton die Silhouette eines Mädchens in der Tracht jener Zeit skizziert und an den entsprechenden Stellen mit dem aufgefundenen Schmuck belegt. Wenn man wohl auch niemals den Namen des Kindes oder die Ursache für seinen frühen Tod erfahren wird, so läßt sich aber sicherlich davon ausgehen, daß es zur Adelsschicht gehörte, möglicherweise zu der Familie, die an diesem Ort einst die Kirche stiftete.

Reich geschmückt wie ein Fürstenkind haben die Eltern ihre offenbar tief betrauerte kleine Tochter auf den Weg in die Ewigkeit geschickt. Goldene, granulierte Ohrringe, in denen wahrscheinlich Perlen saßen und eine diademartige Stirnkette mit goldenen und gläsernen Perlen und verschieden geformten Goldplättchen lagen noch in der Nähe des Kopfes. Silber- und Bronzearmreifen zierten die schmalen Handgelenke, an den Fingern trug die Kleine goldene Ringe, auch auf der Brust Gold in Form einer kleinen Scheibenfibel. An einer eisernen Gürtelkette hingen wohl kleine Gegenstände des täglichen Bedarfs, ein beinerner Kamm oder ein eisernes Messer. Vorn auf dem Kleid war mit Goldbrokatfäden ein ziemlich großes Kreuz aufgenäht oder aufgestickt.

Das Denkmalamt nutzte die günstige Gelegenheit des Baus einer Heizungsanlage zu Untersuchungen über die frühe Baugeschichte des Gotteshauses, das eigentlich gar kein Dom im Sinne eines Bischofssitzes ist, sondern erst seit den Krönungen deutscher Kaiser und Könige in Frankfurt den Namen „Kaiserdom“ trägt. Mehrere Bauphasen konnten seither ergraben werden, bis man nun die wohl ältesten Kirchenfundamente unter dem Langhaus fand.

Bei der Reichssysnode von 794, zu der Karl der Große Erzbischöfe, Bischöfe und andere Würdenträger aus ganz Westeuropa geladen hatte, stand dem Frankenherrscher also offensichtlich mehr als nur eine bescheidene Holzkirche auf dem Hügel am Main zur Verfügung. Eigentlich wäre es ja auch verwunderlich gewesen, wenn er zu einer so glänzenden Versammlung, bei der es um bedeutende Reichs- und Kirchenbeschlüsse ging, ausgerechnet an einen völlig unbekannten Platz gerufen hätte. Zumal er noch im selben Jahr 794 in einer anderen Urkunde vom „loco celebri, qui dicitur Franconfurd“ (in den berühmten Ort, Frankfurt genannt) spricht. Überdies standen dem Kaiser in seinem weitläufigen Reich prächtige Pfalzen zur Verfügung, während in Frankfurt vermutlich nur ein Haus mit Wirtschaftshöfen gestanden haben soll. Ob Karl besondere Beziehungen zu der Stadt hatte, die ihn bis heute als ihren Schutzheiligen verehrt, steht dahin. Immerhin starb hier - ebenfalls 794 - seine vierte Frau, die „stolze, hochmütige und grausame Fastrada“.

 

Karl der Große kommt nach Franconovurd: 794

In einer Schenkungsurkunde Karls des Großen aus dem Jahre 794 findet sich die erste namentliche Erwähnung von „Franconovurd“. Im selben Jahr lädt der Frankenherrscher geistliche Würdenträger zu einer Reichssynode nach Frankfurt ein. Daß Frankfurt ein bedeutender Platz mit Macht- und Geldpotential war erklärt vielleicht auch, warum Karl der Große ausgerechnet diesen Ort für seine glänzende Versammlung auswählte. Eine repräsentative Pfalzanlage, ein „palatium“, wird hier erst nach seinem Tod durch Ludwig den Frommen errichtet.

Er erteilt auch den Auftrag zum Bau der Frankfurter Pfalzkirche St. Salvator. Diese wird auf den Mauern der alten merowingischen Steinkirche errichtet und später zur gotischen Hallenkirche St. Bartholomäus, dem Dom umgebaut.

 

Erste Königswahl:  855

Im Jahre 855 erlebt Frankfurt seine erste Königswahl. Lothar II. wird auf fränkischem Boden zum deutschen Herrscher bestimmt. Von diesem Zeitpunkt an bleibt Frankfurt jahrhundertelang Schauplatz für Reichspolitik und Königswahl. Zwischen den Jahren 855 und 1792 werden hier 36 Könige gewählt, zehn davon zum deutschen Kaiser gekrönt. Vor allem in der Stauferzeit, im 12. Jahrhundert, steigt Frankfurt zum ständigen Wahlort für deutsche Könige auf. 1356 wird dies durch die „Goldene Bulle“ Karls IV., dem Reichsgrundgesetz, schriftlich fixiert. Die Stadt wird offiziell zum Ort der Königswahlen erklärt. Die Bartholomäuskirche gilt von nun an als feierliche Zeremonienstätte. Hier wird dann auch die erste Krönung eines Kaisers, Maximilian II. 1562 abgehalten.

Auch gibt es in diesem Jahrhundert. Vor allem die letzten Kaiserkrönungen von 1711, 1742, 1745, 1764 und 1790 sind große gesellschaftliche Anlässe sowie die damit verbundenen Feierlichkeiten im Kaisersaal des Römers und auf dem Römerberg gehören dazu. Das Kapitel „Kaiserstadt Frankfurt am Main“ schließt mit der Krönung Kaiser Franz II. am 14. Juli 1792. Denn mit der Errichtung des Rheinbundes unter dem „Vorsitz“ Napoleons und dem Verzicht Kaiser Franz II. auf die Kaiserkrone endet 1806 das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Frankfurt verliert seinen Status als Reichs-, Wahl- und Krönungsstadt.

 

Jahrtausendwende

Die Frankfurter haben die Jahrtausendwende einfach nicht zur Kenntnis genommen. Das war kein Ereignis. Die meisten dürften ohnehin nicht gewusst haben, in welchem Jahr sie lebten und welchen Tag man schrieb. Frankfurt war damals „ein Nest mit ein paar Steingebäuden, einem Wirtschaftshof und ein paar Hütten drumherum“ (Bernhard Reichel).

Gemeint ist der Domhügel, eine damals 325 Meter lange und 125 Meter breite Halbinsel, die im Süden vom Main begrenzt ward, im Osten vom Sumpf des Fischerfelds und im Norden von der Braubach, einem völlig vermoorten Mainarm. Auf dieser 40.000 Quadratmeter großen Kalksteinbank, die mit Kies und angeschwemmtem Auenlehm bedeckt war, standen anno 999 auf einer Front von 125 Meter Länge in einer Reihe zwei durch eine Verbindungsgalerie zusammengekoppelte Gebäudekomplexe: im Westen die Pfalz, ein mehrgeschossiger Wohn- und Verwaltungsbau für den deutschen König mit einer 26,5 mal 12,2 Meter großen Halle; im Osten die 852 geweihte Salvatorkirche ( Salvator = Erlöser), eine 29,8 mal 22,2 Meter fassende dreischiffige Basilika mit zwei Rundtürmen.

Vom Main her, der hier seit Jahrhunderten den Menschen eine seichte Übergangsstelle von Ufer zu Ufer bot, ohne Steilhänge und Morast - die berühmte Furt der Franken eben - vom Fluss aus also, dürfte sich diese Skyline doch schon recht repräsentativ ausgenommen haben. Das war wohl auch Absicht, denn diesen Hügel, wo einst die Römer einen Militärstützpunkt und die Alamannen eine Siedlung unterhielten, hatten sich die fränkisch-karolingischen Könige und Kaiser als eines ihrer zentralen deutschen Domizile ausgedeutet. Die Nachfolger Karls des Großen machten hier immer wieder Station, gingen auf die Jagd, hielten Reichsversammlungen und Synoden ab, feierten Ostern und Weihnachten und kontrollierten Ernte und Inkasso ihres Wirtschaftshofs, der über 450 Morgen Ländereien gebot.

Manchmal indes blieben der Verwalter des „Fiskus“genannten Kronguts mit seinen „Königsleuten“ - Fischer, Förster, Acker- und Wiesenbauern, Viehhalter, Aufsichtsbeamte - und der Abt des Salvatorstifts mit seinen elf Mönchsbrüdern über Jahre hinweg allein. Da ließ sich kein Kaiser blicken, und die „vielleicht 100 Leute auf dem Domhügel"“blieben unter sich (Schätzung von Egon Wamers)

Der ominöse Jahreswechsel 999/1000 lag wieder Mal in solch einer Warteperiode. „Es gibt keine Urkunden und Aufzeichnungen über die Jahre 999 und 1000 in Frankfurt“, faßt Archivar Bernhard Reichel. Das letzte Schriftstück, das ein König hier vor dem Millenniums-Sprung unterzeichnete, datiert aus dem Dezember 995: Otto III. beurkundete einige Grundstücks-Tauschgeschäfte zwischen Kirchenfürsten aus Meißen, Worms und Einsiedeln. Erst nach dem Jahrtausendwechsel kam ein Regent wieder nach Frankfurt: Ottos Nachfolger Heinrich II. feierte 1002 hier Weihnachten und empfing zahlreiche Gesandtschaften aus dem gesamten Reichsgebiet. Die Anlegestellen im provisorischen Mainhafen - es konnten dort 40 Wohnschiffe parken - dürften voll besetzt gewesen sein.

Es gibt also keine Dokumente aus den Jahren 999/1000 über Frankfurt. Das nimmt Wunder, geht doch die gängige Fama, dass just zu diesem Zeitpunkt in deutschen Landen und dem gesamten Kaiserreich millennare Ängste grassierten. Erdbeben, Blutregen, Kometen, Seuchen, Missernten, Selbstmordwelle und weitere „Schrecken des Jahres 1000“ - die Menschen hätten geglaubt, so der französische Historiker Michelet gut 900 Jahre später, „das tausendste Jahr nach Christi Geburt werde das Ende der Welt sein"“

Die Darstellungen dieses angeblich verbürgten apokalyptischen Wahns sind Legion. Städte wurden aufgegeben - die Menschen sammelten sich zu Pilgerzügen gen Osten und sangen Psalmen. Jeden Augenblick erwarteten sie, dass der Himmel sich öffne und der Messias herabsteige. Die Reichen gaben um Christi willen ihre Juwelen her und erließen Schuldnern die Schulden, man stellte sämtliche Bau- und Reparaturarbeiten ein, ließ Gefangene frei.

Aus Frankfurt fehlen dergleichen Nachrichten - und das, obwohl im Salvatorstift ein Dutzend hochgestellter und wohlhabender Kleriker schaltete und waltete, die vom Kaiser mit Dörfern, Kirchspielen und Ländereien aus ganz Süddeutschland dotiert waren. Wenigstens sie - und natürlich die zehn des Lesens und Schreibens kundigen Fiskalbeamten von Krongut und Pfalz - hätten doch solch erschröckliche Horror-Begebenheiten mitbekommen und melden müssen. Chronistenpflicht!

Dass sie nichts dergleichen aufzeichneten und überhaupt das Millennium übergingen, kann jedoch neuere Wissenschaft gut erklären. Zum einen - so belegen es Experten - gab es die apokalyptische Hysterie und Todesangst des Jahres 1000 nicht. Die sei eine Legende, durch keinerlei Quellen belegt - schlicht eine Erfindung von fantasiebegabten „Historikern“ aus dem 18. Jahrhundert, die dann die Nachkommenden getreulich abkupferten und noch etwas ausschmückten.

Zum anderen: Die überwältigende Mehrheit der Menschen damals - und das gilt auch für die auf dem Domhügel - hat nicht einmal gewußt, in welchem Jahr sie gerade lebten. Das änderte sich erst durchgreifend von 1760 an. Die Kenntnis des Lesens und Schreibens - und damit der aktuellen Jahreszahl!- nahm zu, der Gebrauch von Kalendern, Tages- und Notizbüchern bürgerte sich ein. Erstmals in der Geschichte der Menschheit notierten sich. die meisten Menschen regelmäßig Daten „auf den Tag genau“.

 

Frankfurt wird zum Kaufhaus der Deutschen: Messe  1160

Die Stadtwerdung Frankfurts ist eng verknüpft mit der Entwicklung der Frankfurter Messe. Diese wird 1160 in einer jüdischen Schrift zum ersten Mal erwähnt. Im 13. und 14. Jahrhundert fördern vor allem Friedrich II., Ludwig der Baier und Karl IV. Frankfurts Aufstieg zu einem europäischen Handelszentrum. Sie gewähren der Stadt zahlreiche Privilegien, die unter anderem auch zur Absicherung der Frankfurter Messen dienen.

Infolge entwickeln sich die alte Herbstmesse und die neue, 1330 von Kaiser Ludwig dem Baiern reichsrechtlich sanktionierte Fasten- oder Frühjahrsmesse, zu einer Drehscheibe des Fernhandels. Während die alte Herbstmesse in erster Linie frisch geerntete Naturalien aus der Region anbietet, dient die neue Messe im Frühjahr der Vermarktung von Weinen, Rohstoffen und gewerblichen Produkten. Frankfurt gilt zu dieser Zeit als das „Kaufhaus der Deutschen“. Die Stadt und Bevölkerung (8.000-10.000 Einwohner) wachsen unter dem wirtschaftlichen Aufschwung.

Um 1480 wird die Buchmesse fester Bestandteil der Frankfurter Messe. Sie findet wie alle anderen Messen zur damaligen Zeit auf dem Römerberg statt. Mit der Niederlassung des Buchdrucks um 1530 wird Frankfurt zur wichtigsten Druckerstadt Deutschlands und zu einem der größten Buchzentren Europas. Daß Frankfurt sich zu einem so bedeutenden Messeplatz entwickeln konnte, liegt hauptsächlich an den wichtigen Handelsrouten, die durch die Mainstadt führten

 

Stadtentwicklung: 1220

Frankfurt war in der fast tausendjährigen Epoche der Kaiserkrönungen ein beliebter Aufenthaltsort für weltliche Würdenträger. Die Regierungssitze der Oberhäupter liegen jedoch stets außerhalb des Rhein-Main- Gebietes. Unter den karolingischen, sächsischen und fränkischen Kaisern ist Frankfurt noch keine Stadt, sondern eine befestigte Königspfalz. Diese wird zunächst von einem Vogt, ab 1220 von einem Schultheißen verwaltet. Sowohl der Vogt als auch der Schultheiß haben die Aufgabe, den König in seiner Abwesenheit zu vertreten.

Unter den Staufern (1138-1254) entwickelt sich Frankfurt dann zur Stadt. „Fernverkehr“ und Handel blühen auf, die Bevölkerung wächst und der Ort weitet sich aus. Eine neue Stadtummauerung wird notwendig, was zum Bau der heute noch sichtbaren Staufenmauer führt. Unmittelbar am Main läßt Konrad III. den Saalhof mit der noch heute erhaltenen Saalhofkapelle errichten.      .

In dieser Zeit tauchen zum ersten Mal die Bezeichnungen „oppidum“ (Stadt) und „cives“ (Bürger) auf. Im Jahr 1254, am Ende der staufischen Dynastie, wird Frankfurt zunehmend selbständig. Die Stadt tritt dem zur Sicherung des Reichsfriedens gegründeten Rheinischen Städtebund bei. Im Jahre 1266 entwickelt sich neben den Schultheißen und den rechtsprechenden Schöffen der Rat als neues Verwaltungsorgan. Im Jahr 1311 erhält Frankfurt - wenn auch eingeschränkt - seine erste Selbstverwaltung. Zwei Bürgermeister lösen den Schultheißen ab und übernehmen dessen administrativen Funktionen.

Im Jahre 1372 gelingt es dem Rat, das von dem Kaiser verpfändete Schultheißenamt sowie verpfändete Steuern und Reichsgüter zu erwerben. Damit sichert sich die Stadt weitere Autonomie. Von nun an hat sie nur noch den Kaiser als Reichsoberhaupt über sich. Frankfurt wird zur unabhängigen, reichsunmittelbaren Stadt.

 

Urkunden staufischer Herrscher

Zur Römerzeit war Frankfurt eine Ansied­lung, zur Zeit der Karolinger ein Königshof. In den Jahren nach 1138 aber, als die staufischen Herrscher regierten, entwickel­te sich die Bürgerstadt. Sehen kann man von damals nur noch Urkunden. Als Buch erschienen sind 35 und spannend zu lesen. Tief unter der Berliner Straße, im Herzen der Stadt, la­gert Frankfurts älteste Überlieferung. Die wertvollsten Dokumente bewahren die Archiva­re oben drüber, weggeschlos­sen in der so genannten Pri­vilegienkammer des Karme­literklosters.

Von der Bedeu­tung her auf dem ersten Rang, graphisch auf das Feins­te verziert ist das Messe‑Privi­leg, ganze viereinhalb Zeilen lang. Friedrich, von Gottes Gnade der Römer Kaiser hat es im Juli 1240 gegeben: „Es ist Unser Wunsch ( ... ) daß Wir alle, die zur Messe nach Frankfurt kommen, auch Einzelpersonen, in Unseren und des Reiches beson­deren Schutz nehmen (... ).“. Das Originalper­gament ist nur achteinhalb Zentimeter hoch und 21,5 Zentimeter breit. Und unten dran hängt das Siegel des Kaisers aus Wachs.

Es handele sich bei derlei Dokumenten im Original um mehrfach verschlüs­selte Botschaften. Zum Einen handgeschrie­ben, zum Zweiten in einem umgangssprach­lichen Lateinisch abgefaßt. Erstmals sind sie jetzt ins Deutsche übersetzt, kommen­tiert und politisch eingeordnet ‑ das Ver­dienst der Historikerin Ingrid Bartholomäi, die seit 1994 ehrenamtlich für die „Gesellschaft für Frankfurter Geschichte“ an der Arbeit ist.

So wird nun zum Hausge­brauch überliefert, in welchen Worten Friedrich II. durch die Gunst göttlicher Gnade der Rö­mer König 1219 am Platz der heutigen St. Leonhardskirche auf Ersuchen aller Unserer treuen Bürger von Frankfurt und auch für Unser Seelenheil diesen Bürgern ein Grundstück zum Bau­en schenkte und bestimmte: Auf dieser Hofstatt soll eine Kapelle gebaut werden. Es läßt sich nach­vollziehen, wie die Bürger sich Recht für Recht erkauft, erstritten, erkämpft haben. Auch der Autorin war es ein Anliegen, zu zeigen, was alles nötig war, um die Stadt eine Stadt werden zu lassen. Denn die Verlei­hung eines Stadtrechtes hat es hier nicht ge­geben.

 

Aufstieg, Blüte und Niedergang des Frankfurter Patriziertums:  1219  

Holzhausen, Fichard, Humbracht, Lersner, Günderrode, Stalburg, Glauburg, Cronstetten, Hynsperg, Hamman . Die Auswahl Frankfurter Straßennamen ließe sich noch fortsetzen. Nur: Für was sie stehen, ist nicht so recht in den Blickpunkt gerückt.

Den Beginn der Epoche des Frankfurter „Stadtadels“ wie die Patrizier auch genannt wurden, datieren Historiker auf das Jahr 1219. In diesem Jahr geschah für die Stadt Bedeutendes: Der damalige König und spätere Kaiser Friedrich II. gewährte den Bewohnern der Krönungsstadt in einer Urkunde mit dem Titel „universorum civium de frankinfort“ die Bürgerrechte. Die Stadt war mithin frei in der Gestaltung ihres Gemeinwesens. Im Stadtarchiv firmiert die Urkunde unter der Signatur „Privileg Nr. 1“.

Bis Ende des 14. Jahrhunderts entwickelte sich die Emanzipation .Frankfurts fort. Im Jahre 1372 war eine Verfassung fertig, die einen  Stadtschultheiß als Vertreter des Königs vorsah. Nur in Krisenzeiten mischte sich der König in die Geschäfte der Stadt ein. Es wurde ein Rat mit 43 Sitzen als Vertretung der Bürgerschaft gebildet. Die Sitzordnung sah drei Reihen vor, wobei die wichtigsten die ersten zwei waren. Und dort saßen ausnahmslos Mitglieder der Patrizierfamilien. Die dritte Reihe war den Handwerkern vorbehalten.

Wie die Patrizier zu ihrer herausragenden Stellung in der Stadtpolitik kamen, wo also ihr  Ursprung zu finden ist, haben die Historiker noch nicht zweifelsfrei klären können. Angenommen wird, dass Mitglieder aus Familien, die schon vor der Zeit des Stadtbürgertums über Einfluss verfügten, die Macht an sich zogen. Die Patrizier waren gebildete  Leute, vermögende Grundbesitzer und  Kaufleute. Adlige waren sie nicht. Einige wie die Holzhausens aus Burgholzhausen kamen aus dem Umland nach Frankfurt.

Wie die Konzepte des Machterhalts den heutigen ähneln, macht das Beispiel der ,,Trinkstuben“ deutlich. In diesen Treffpunkten der Patrizier - vergleichbar heutigen Parteizirkeln - wurde die Besetzung der ersten beiden Ratsbänke ausgehandelt. Die wichtigsten „Trinkstuben“ waren die nach den Orten der Treffs benannten Alten-Limpurger und die Frauensteiner. Wer dort nicht mittun durfte, hatte keine Chance auf einen Platz im Rat.

Zwar gab es nie ein schriftlich niedergelegtes  Erbrecht, an der Macht teilzuhaben, doch sorgten die Patrizier dafür, dass stets die eigenen Söhne (Frauen durften nur in den Stiftungen aktiv werden) nach dem Tod eines Familienmitglieds in den Rat einzogen. Die Familien bestimmten jeweils die Nachfahren anderer Familien und umgekehrt. Ein klassisches Beispiel zeigt die Ausstellung: der Stammbaum der Familie von Holzhausen, die vom 13. bis 18. Jahrhundert 16 Generationen hintereinander in den Rat brachte. Die Ratsmitgliedschaft galt auf Lebenszeit.

Die Herrschaften residierten in prächtiger  Stadthäusern, deren Namen sich unter anderem im Steinernen Haus in der Braubachstraße und dem Haus Grimmvogel am Liebfrauenberg erhalten haben. Bei der Einrichtung war das Beste geradegut genug, wie der wertvolle Glauburg-Pokal beweist. Und auch beim leiblichen Wohl  fehlte es an nichts. Davon zeugen das „Augsburger Monatsbild“ aus dem 16. Jahrhundert, das ein Patrizier-Gelage zeigt.  

Flexibilität im politischen Handeln bewiesen die Herrschenden während der Reformation. Wie man zunächst dem Katholizismus treu ergeben war, huldigte man später dem Reformator Martin Luther. Auf seiner Durchreise nach Worms wurde Luther in Frankfurt begeistert empfangen.

Prompt fand auch das umfangreichen Kultur- und Kunstmäzenatentum ein Ende. So waren die Patrizier noch Anfang des16. Jahrhunderts bei der Ausmalung des Karmeliterklosters durch Jörg Ratgeb als Stifter in Erscheinung getreten. Auch der Dominikanerorden wurde mit Stiftungs-geldern bedacht. Auf den gesellschaftlichen Weitblick der Patrizier gehen die

Gründung der Stadtbibliothek, der heutigen Uni-Bibliothek, des städtischen Gymnasiums, Ursprung von Lessing- und Goethe-Gymnasium, sowie des Almosenkastens zurück.

In der späten Blütezeit des Patriziertums im 16. Jahrhundert wurden erste Anzeichen des Niedergangs sichtbar. Wie in allen Epochen kam Hochmut vor dem Fall. Die ehrenwerte Gesellschaft verwehrte erfolgreichen Kaufleuten, die sich in der Stadt niedergelassen hatten, die Aufnahme in den Rat. So spaltete sich die Bürgerschaft. Die Wut über die Arroganz der Pa-

trizier führte 1612 bis 1614 zum Aufstand, den der Lebkuchenbäcker Vinzenz Fett-

milch anführte. Ergebnis des Konflikts war der Bürgervertrag von 1612/13, der die Zahl der Patrizier-Sitze im Rat begrenzte und ein Ende mit der Erbmitgliedschaft machte. Fortan sollten die Ratsmitglieder nach „eigenen meriten“ gewählt. werden. Dennoch verlangten die Ratsherren noch 1743, als „Wohl und Hoch-Edelgeborene, Gestrenge, Hoch-Edle, Veste und Hochgelehrte, Wohlfürsichtige, Hoch- und Wohlweise, Großgünstige und Hochgebietende Herren“ angeredet zu werden.

Am Ende setzte sich dann die leistungsorientierte Juristen- und Medizinerzunft - die „Graduierten“ - gegen den alten Stadtadel durch. Das Aus der Patrizier-Vorherrschaft besiegelte am 18. Juli 1816 die Constitutions-Ergänzungsakte, das neue Stadtgrundgesetz: „Die Geburt gibt kein Vorrecht und keinen Anspruch auf Rathsstellen“. Geblieben sind neben den Nachkommen der Geschlechter und den alten Patrizierhäusern eine Reihe von Stiftungen, unter anderem die Cronstett- und Hynspergische Evangelische Stiftung.

 

Der patrizische Rat provoziert Bürgerunruhen: 1350  1

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wird Frankfurt immer wieder von Auseinandersetzungen zwischen dem patrizischen Rat und den nach Teilhabe an der Macht strebenden Zünften bzw. dem Bürgertum erschüttert.

Seit Beginn des 14. Jahrhunderts besteht der Rat aus drei Bänken. Von diesen beanspruchen die Schöffen und die „Gemeinde“ (Adelige, Akademiker und reiche Kaufleute) die ersten beiden Bänke. Die Zünfte - allerdings nur die „ratsfähigen“ - besetzen die dritte Bank. Somit hat die breite Bevölkerungsschicht keinen Einfluß auf politische Entscheidungen der Stadtregierung.

Die Unzufriedenheit der Bürger macht sich in ersten Unruhen 1350 und 1366 Luft. Doch ohne Erfolg - die Zünfte spielen weiterhin eine untergeordnete Rolle. In den Jahren 1613 und 1614 kommt es dann erneut zu einem Aufruhr. Dieser nach dem Lebküchler Vincenz Fettmilch benannte „Fettmilch-Aufstand“ endet mit der Hinrichtung der Aufständischen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnet sich ein weiterer Konflikt zwischen dem Rat und Teilen der Bürgerschaft ab. Dieser endet 1708 bis 1732 als Verfassungsstreit „Frankfurt gegen Frankfurt“ vor dem Kaiser. Wiederum bleiben grundlegende Änderungen aus. Erst mit der freistädtischen Verfassung 1816 werden die Privilegien der Patrizier abgeschafft. Von nun an kann jeder, der das Frankfurter Bürgerrecht besitzt - Voraussetzung ist ein Mindestvermögen von 5.000 Gulden - in den Rat gewählt werden.

 

Schlacht bei Kronberg: 1389

Wenn  die alten Reifenberger am Stammtisch so richtig gut drauf sind, dann erzählen sie die Geschichte der Schlacht von Cronberg., wie sie damals1389 den Frankfurtern so richtig eins auf die Mütze gegeben hat, hei, war das ein Spaß! Genützt hat es langfristig allerdings nix, denn jetzt sind sie wieder im Hochtaunus, die Frankfurter, und kaufen die Baugrundstücke auf

Bei jenem historischen Ereignis waren die Reifenberger freilich nicht alleine zugange, sondern nur Teil einer Meute. Aber Hauptsache - gewonnen!

Das Ende des 14. Jahrhundert, das war noch finsteres Mittelalter vom Feinsten. Der schwache Kaiser Wenzel, Sohn des bedeutenden Karl IV, stieß auf den Widerstand der Kurfürsten und konnte der Freien Reichsstadt Frankfurt kaum Schutz gewähren. Das nützten die Duodez- und Landesfürsten ebenso aus wie die vielen Rittersleut, die da überall im Reich auf ihren Burgen saßen. Nicht umsonst nannte man sie Raubritter. Sie stahlen den Städten das Vieh von der Weide und machten Jagd auf reiche Kaufleute.

Die Städte schlossen sich zu Bündnissen zusammen, Frankfurt gehörte bald dem Rheinischen Bund an. Ohne viel Erfolg. Mächtige Herren nämlich, so etwa Ulrich III. von Hanau oder Kurfürst Ruprecht von der Pfalz, befehdeten die Städte.

Ruprecht übrigens sollte es 1400 gar zum Deutschen König bringen, ließ sich aber -

Goldene Bulle hin, Goldene Bulle her  vorsichtshalber nicht in Frankfurt wählen. Der Pfälzer hatte 1388 bei Pfeddersheim dem Städtebund eine schlimme Niederlage beigebracht: Frankfurt stellte dabei 270 Berittene, von denen nur wenige zurückkamen.

Dieser Sieg ermutigte die Raubritter. Ein Geschlecht nach dem anderen, die Kronberger, die Reifenberger, die Königsteiner, die Eppsteiner, sagte der Freien Reichsstadt die Fehde an. Der Rat der Stadt beschloss zurückzuschlagen. Am 12. Mai 1389 zog ein Heer von 2.000 Mann 200 Patrizier und Söldner zu Pferde, der Rest Vertreter der Handwerks-Zünfte zu Fuß - gegen Cronberg, waren die dortigen Ritter doch die Frechsten von allen.

Die Frankfurter zerstörten Äcker und Weinberge, schälten die Stämme der Bäume - Cronbergs Reichtum war der Wald -  nahmen Bewohner umliegender Dörfer gefangen. Aber es kam: Überheblichkeit in der ersten. Halbzeit, dann der Katzenjammer. Inzwischen hatten die Belagerten nämlich nicht nur die Unterstützung ihrer verbündeten Ritter erhalten, sondern auch Ruprecht von der Pfalz eilte aus seinem Heerlager bei Oppenheim am Rhein mit 600 Berittenen herbei. Unterwegs stießen auch noch 300 Mann des Ulrich von Hanau dazu. Die  Frankfurter zogen es vor zu fliehen - wobei sie wohl den taktischen Fehler begingen, ihre Streitmacht aufzuteilen. Denn das Gefecht vom 14. Mai wird in den Annalen als „Schlacht von Cronberg“ wie als „Schlacht von Eschborn“ geführt. Auch Kampfhandlungen bei Praunheim und Steinbach sind überliefert.

Widersprüche gibt es auch über die Zahl der Frankfurter Toten: Die Angaben schwanken zwischen 40 und 100. Eine vergleichsweise geringe Zahl, die darauf schließen lässt, dass die Reichsstädter sich schnell ergeben haben.

Der Preis war hoch: 613 Frankfurter wurden gefangen genommen, darunter Stadtschultheiß Winter von Wasen, die Hauptleute Rule von Sweinheim und Philipp Breder und fast das ganze Handwerk, Bäcker, Fleischer, Schlosser, Schmiede, Schuster... Für ihre Freilassung musste die Stadt im Laufe der nächsten sechs Jahre 73.000 Goldgulden zahlen, nach heutigen Maßstäben ein Millionenvermögen. Mit der Wiedergutmachung für die angerichteten Schäden belief sich die Summe auf stolze 125.000 Gulden.

Ein Gutes hatte das Ganze: Die Sieger verzichteten darauf, Frankfurt zu besetzen und begnügten sich mit dem Lösegeld. Sonst wäre Frankfurt heute vielleicht ein Stadtteil von Hanau.....

 

Religiöse Auseinandersetzungen im Mittelalter: Juden  13. Jahrhundert

Im 13. und 14. Jahrhundert führt religiöser Fanatismus seitens der Christen zur Vernichtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Zwischen 1461 und 1463 errichtete die Stadt ein abgeschlossenes Ghetto vor der Staufenmauer, in das die Frankfurter Juden auf Drängen der Kirche und Befehl Kaiser Friedrichs III. umgesiedelt werden.

 

Ab 1520 gewinnt die Reformation zunehmend Anhänger in der Stadt. Im Jahre 1521 übernachtet Martin Luther auf dem Weg zum Wormser Reichstag in Frankfurt. Reformatorische Predigten werden zum ersten Mal zwischen 1522 und 1524 abgehalten. Der Frankfurter Rat hegt zwar Sympathien für diese neue Lehre, versucht sie aber auf Druck des Mainzer Erdbischofs einzudämmen. Dies resultiert 1525 in einem religiös, sozial und politisch motivierten Aufstand der Zünfte gegen das patrizische Stadtregiment und den altgläubigen Klerus. Im Jahre 1533 führt der Rat nach einer Bürgerbefragung die Reformation offiziell in Frankfurt ein und verbietet die öffentliche Ausübung der katholischen Religion. Um den katholischen Gegnern standzuhalten, tritt die Stadt 1536 dem Schmalkaldischen Bund, dem antikaiserlichen Glaubensverteidigungsbündnis bei.

Nach dessen Niederlage im Krieg gegen Kaiser Karl V. wechselt Frankfurt wieder ins kaiserliche Lager über. Die Stadt wird gemischtkonfessionell, was 1555 durch den Augsburger Religionsfrieden reichsrechtlich fixiert wird. Von nun an strömen Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden an den Main. Sie machen bald ein Fünftel der Bevölkerung aus und prägen in den folgenden Jahren entscheidend Frankfurts Wirtschaft.

 

 

 

Neuzeit

 

Reformation in Frankfurt:

Die Kirche war nicht gut gelitten im Frankfurt des 16. Jahrhunderts. „Wer nicht geliebt wird, dem wird nicht geglaubt“, hielten die Sachsenhäuser dem Klerus 1524 entgegen. Sie waren unzufrieden mit der Versorgung durch Geistliche. Ein Jahr zuvor waren die Bornheimer aus dem gleichen Grund aufmüpfig geworden und hatten den Zehnten nicht mehr zahlen wollen. Im Jahre 1525 kam es gar zu einem Aufruhr der Zünfte mit klaren Forderungen an die Kirche, doch auch er scheiterte. Gleichwohl: Reformatorisches Gedankengut hatte Wurzeln geschlagen in der Stadt, einen Weg zurück gab es nicht mehr. Im Jahre 1533 wurde der katholische Kultus im Dom verboten und erst 1548 wieder erlaubt. Die Katholiken waren zu einer Minderheit geworden.

Jürgen Telschow, der frühere Verwaltungsleiter des Evangelischen Regionalverbands, hat in zwei Bänden die Geschichte der Reformation in Frankfurt niedergeschrieben. Er hat sich intensiv mit der Reformation in Frankfurt befasst, zu der auch die aufrührerischen Sachsenhäuser, Bornheimer und Zünfte gehören. Der Beginn der Reformation allerdings war eher leise. Keine flammende Rede des Reformators Martin Luther, der in der Stadt im April 1521 weilte - auf dem Weg nach Worms, wo er mit der Reichsacht belegt wurde. Kein großer Gelehrten-Disput, keine klare politisch verordnete Marschrichtung.

Die Reformation kam nach Frankfurt gewissermaßen durch die Hintertür: durch eine 1520 von humanistisch gesinnten, reichen Patriziern gegründete Schule, die für eine bessere Bildung stehen sollte, als die kirchlichen Schulen sie boten. Maßgeblich für das Projekt war unter anderer Claus Stalburg: Er hatte als Schulleiter den Pädagogen und Humanisten Wilhelm Nesen empfohlen. Dieser war von Luther begeistert, und durch Nesens Einfluss wuchs das Interesse führender Frankfurter Persönlichkeiten am Reformator.

So stieß Luther bei seinem Besuch 1521 auf Mitstreiter. Er stattete auch der Schule einen Besuch ab, bevor er weiter nach Worms fuhr. Hinzu kam die Buchmesse, auf der Luthers Schriften Verbreitung fanden. Es handelte sich meist um Flugblätter, sie waren Bestseller und wurden weit über Frankfurt hinaus verteilt. So sehr Luther auf die Handelsmetropole schimpfte, so sehr profitierte er auch von ihr.

Der Luther-Schüler Hartmann Ibach hielt 1522 in der Katharinenkirche die erste evangelische Predigt, fünf Jahre nachdem Luther in Wittenberg seine ablass- und kirchenkritischen Thesen veröffentlicht hatte. Hauptkirche der Reformation wurde in der Stadt aber die Barfüßerkirche, in der 1528 die erste evangelische Abendmahlsfeier stattfand.

Der Rat der Stadt handelte insgesamt erfolgreich, indem er die Reformation nicht aufs Spiel und sie letztlich durchsetzte. Die Balance zu halten, war nicht einfach: Einerseits war der Rat offen für reformatorisches Gedankengut und sprach sich zum Beispiel gegen eine vom Kaiser verlangte Zensur von Luthers Schriften auf der Messe aus. Andererseits wollte der Rat das Privileg Frankfurts als Messe- und Wahlstadt nicht gefährden. Schließlich waren das katholische Bartholomäusstift am Dom und der Mainzer Erzbischof gewichtige Gegner.

So gab es auch einige ziemlich kritische Situationen: Für das Verbot des katholischen Kultus im Dom im Jahr 1533 hatte der Rat eigentlich keine rechtliche Handhabe. Luther und Melanchthon empfahlen, diesen Streit nicht auf die Spitze zu treiben. Immerhin prozessierte der Erzbischof vor dem Reichskammergericht gegen die Stadt Frankfurt. Die Lage war höchst gefährlich, es drohte die Reichsacht.

Frankfurt schaffte es, den Prozess hinauszuzögern, und trat 1536 dem evangelischen Schmalkaldischen Bund bei, um sich im immer heftiger werdenden Konfessionsstreit abzusichern. Zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam es in der Stadt nicht. Erst im Schmalkaldischen Krieg zwischen dem Kaiser und den protestantischen Landesherren und Städten zwischen 1546 und 1547 besetzten kaiserliche Truppen die Stadt mehrere Monate lang. Im Jahre 1548 wurde der katholische Gottesdienst wieder gestattet.

Luther lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Er war 1546 gestorben. Von seinem Aufenthalt in Frankfurt zeugt nur noch eine Inschrift an der heutigen Bethmann-Bank, wo 1521 das Gasthaus „Zum Strauß“ stand, in dem Luther nächtigte. Nach ihm sind im Nordend eine Straße, ein Platz und eine Kirche benannt, im gleichen Stadtteil erinnert eine Straße an den ersten evangelischen Prediger Hartmann Ibach. Evangelische Hauptkirche ist die Katha­ri­nen­kirche. Insgesamt leben derzeit rund 130.500 Protestanten in Frankfurt, das entspricht 18 Prozent der Stadtbevölkerung. Im Jahr 2000 waren es noch 25 Prozent.

 

Der Reformator Martin Luther war stets nur kurz zu Gast 1521:

Zweimal in seinem Leben hat sich Luther in Frankfurt aufgehalten, ansonsten verkehrte er mit der hiesigen Bürgerschaft nur über Mahnbriefe, zornige Episteln und Gesandte. Die als liberal und aufgeschlossen geltende Messe- und Handelsstadt, die aus realpolitischen Gründen kein Hauptort der Reformation wurde, behagte ihm nicht.

Auf dem Weg zum Reichstag nach Worms ging es Martin Luther schlecht. Erst beim Zwischenstopp in Frankfurt fühlte er sich besser. Endlich sei man hier angekommen, schrieb er einem Freund, „obwohl mich der Satan durch mehr als eine Krankheit zu verhindern gesucht, denn den ganzen Weg von Eisenach bis hierher bin ich immer schwach gewesen und bin es noch, auf solche Art, die ich vorhero gar nicht erfahren“.

Wir wissen nicht, welche Symptome genau den damals 36jährigen Mönch und Theologieprofessor in seiner Reisekutsche heimsuchten. Grund für Angstanfälle und nervöse Streßreaktionen gab es indes genug.

Luther war nach Worms zitiert worden, um sich vor der erzkatholischen Majestät Kaiser Karl V. und den Fürsten des Reichs für seine reformatorischen Schriften, Predigten und öffentlichen Auftritte zu rechtfertigen. Er sollte - das war klar - vor der Obrigkeit abschwören und widerrufen. Standfestigkeit gegenüber diesem Tribunal bedeutete Lebensgefahr. Mit Ketzern, so war es der katholische Brauch, machte man kurzen Prozeß.

Doch auf dem Weg nach Worms hatte Luther freies Geleit. Vor seinem Troß, der am Sonntag, 14. April 1521, gegen Mittag von Friedberg her kommend, in Frankfurt eintraf, trabte hoch zu Roß der kaiserliche Herold Caspar Sturm. Das allein war schon Sensation und Blickfang genug.

Einen Platz im „Haus zum Strauß“ am Kornmarkt, Ecke Schüppengasse /Buchgasse, hatten Sympathisanten gebucht: die humanistisch gebildeten und von Luthers papstkritischer und antiklerikaler Theologie eingenommenen Patrizier Philipp Fürstenberger, Arnold von Glauburg und Hammann von Holzhausen. Einen vierten aus diesem Zirkel, den 26 Jahre alten Wilhelm Nesen, lernte Luther tags drauf kurz vor seiner Weiterfahrt kennen. Nesen, ein Schüler des Humanisten Erasmus von Rotterdam-

 Er leitete die vor zwei Jahren gegründete städtische Lateinschule für Bürgersöhne, eine Lehr- und Lernanstalt, in der erstmals nicht die katholische Geistlichkeit das Sagen hatte. Die Frankfurter Stadtpolitiker hatten das auch „Junkerschule“ genannte Gymnasium eingerichtet, weil sie eine Alternative zu den von Priestern geführten örtlichen Stiftsschulen anbieten wollten. Diese vom katholischen Klerus heftig angefeindete Bildungsreform gefiel dem Reformator. Er spendete den Eleven seinen Segen.

Luther besuchte die kommunale „Gelehrtenschule“ noch ein zweites Mal - am 27. April 1521. Da war er, wie er sagte, „hindurch“, hatte das turbulente Verhör vor dem Reichstag ohne Widerruf gemeistert, jedoch vom Kaiser Predigtverbot erhalten und nur für drei weitere Wochen freies Geleit zugesagt bekommen. Nach dieser Frist galt Luther als „vogelfrei“ -  es drohten Acht, Bann, Haft, Folter, Scheiterhaufen.

Wieder machte er in Frankfurt Station, beriet sich mit seinen Gönnern im „Straußen“. Ob seine später fingierte „Entführung" und die sich anschließende „Schutzhaft“ auf der Wartburg da schon Thema waren? Ein Brief, den er von Frankfurt aus an einen Freund in Wittenberg, den Maler Lucas Cranach, abschickte, scheint das zu belegen. „Ich laß mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht, wo“, schreibt er.

Frankfurt hat Luther danach nie wieder betreten, obwohl er dem Ort als Messestadt einiges schuldete. Die Stadt war damals nämlich Zentrum der deutschen Buchproduktion und des europäischen Buchhandels, zu Messezeiten auch „die“ nationale Nachrichtenbörse und „der“ Umschlagplatz für Ideen und Theologien. Luthers Schriften wurden hier zu Bestsellern gemacht und in hohen Auflagen in Umlauf gebracht.

 

Doch gerade dieses Messewesen war dem streitbaren Protestanten ein Dorn im Auge. Im Jahre 1525 denunziert er Frankfurt in seiner Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ als das „Silber- und Goldloch, da durch aus deutschem Land fleusst, was nur quillet und wechst, gemuntzt oder geschlagen wird“. Das ging gegen den international operierenden Finanzkapitalismus in der Handelsmetropole - Luther verdammte Frankfurt als die Abflußstelle, wo das im eigenen Lande so dringend benötigte Geld ins Ausland transferiert werde.

Auch auf die die Kirchen- und Religionspolitik der Frankfurter Stadtregierung war Luther nicht gut zu sprechen. Mehrmals schaltete er sich mit Briefen und Sendschreiben in den Zank und Streit um die lokale evangelische Bewegung ein. Er schickte Prediger seines Vertrauens zur Neuordnung des Kirchenwesens an den Main - einige wurden regelrecht aus der Stadt geekelt. Er warnte in Episteln vor „Frankfurter Radikalen“, die in den Kirchen Zwinglis Abendmahlslehre predigten - also die Theologie des ungeliebten Schweizer Konkurrenten im protestantischen Lager propagierten. Die Reaktionen auf diese Mahnbriefe blieben zögerlich und lau.

Der Reformator zahlte in gleicher rhetorischer Münze zurück. Als ihn der Rat der Stadt 1535 offiziell darum bat, eine der vielen kirchlichen Streitigkeiten zu schlichten und dafür. einen Emissär zu entsenden, hielt sich Luther bedeckt. Er wolle sich da nicht vorschnell einmischen, beschied er die Anfrage, „zumal ich die Hoffnung für mein Evangelium nicht auf Euer Frankfurt gesetzt habe“. Dazu hatte Luther in der Tat einigen Anlaß. Die von ihm in Gang gebrachte Reformation fand hier - im Vergleich zu anderen Städten und Provinzen - keinen guten Boden und kam nur schleppend voran.

 

Die 1786 abgerissene Barfüßerkirche an der Neuen Kräme, von deren Äußerem nur noch ein Merian-Stich zeugt, war das zentrale Gotteshaus der Frankfurter Reformatoren. Hier predigten Luthers Gesandte und Gesinnungsgenossen, hier wurde 1528 das erste evangelische Abendmahl in der Stadt gefeiert. Im Jahr darauf wurde sie zur lutherischen Hauptkirche proklamiert, das ehemalige Barfüßerkloster zu einem evangelischen Gemeindekomplex erweitert: mit humanistischem Gymnasium, Stadtbibliothek und „Almosenkasten“ die evangelische Fürsorgezentrale für Arme und Kranke in der Stadt. Das ging gegen Pfarrer, Ordensleute, Bischöfe, Kardinäle, den Vatikan und zielte vor allem auf deren üppige Pfründe und irdischen Besitz. So besaß die katholische Kirche in Frankfurt im Jahr der Luther-Aufenthalte, 1521, ein Drittel des gesamten Grund und Bodens. Der Klerus kümmerte sich nur wenig um das ihm anvertraute Schul- und Sozialwesen, sondern widmete sich eher dem Geldverleih und dem Zins-Inkasso. Die Kirche war damals Hauptgläubiger bei der hochverschuldeten Bürgerschaft.     

Es existiert keine Zeichnung, kein Holzschnitt, keine noch so kleine Abbildung vom Triumphzug des Reformators. Diejenige, die ein Gemälde „Luther in Frankfurt“ hätten in Auftrag geben können, hatten indes guten Grund, das Ereignis nicht an die große Glocke zu hängen und ihr Bekenntnis zur Reformation nicht auch noch mittels reprofähiger Bildchen aller Welt kundzutun. Es galt darauf zu achten, daß einige hohe Herren nicht durch solch publizistischen Wirbel vergrätzt wurden.

Allen voran der Kaiser, dem die reichsunmittelbare Stadt direkt unterstand. Der damalige Titelträger Karl V. war stramm katholisch, und er hatte die Macht, den Frankfurtern die von ihm gewährten Privilegien zu entziehen: das des Wahlorts der deutschen Könige und das des Abhaltens der großen Handelsmessen. Auf das Messegeschäft, den Groß- und Fernhandel und den Finanzumschlag aber waren die Frankfurter angewiesen. Der Profit daraus war die ökonomische Existenzgrundlage ihrer Stadt.

Auch mit einem zweiten katholischen Hardliner durfte es sich der Rat der Stadt im Römer nicht verderben: dem Mainzer Kurfürsten und Erzbischof Albrecht von Brandenburg. Er war formell der geistliche Oberhirte der Frankfurter, und das weltlich von ihm regierte Territorium umschloß die Stadt im Osten und im Westen. Albrecht konnte, falls ihm die Kirchenpolitik der Frankfurter mißfiel, Druck machen: Embargo, Militäraktionen, Aushungern. Er hat mit diesen Repressionen und Sanktionen nicht nur gedroht - so schnitt er Frankfurt einige Male von der Holzzufuhr ab.

Die katholische Sache - in der 10 000-Einwohnerstadt von 300 Priestern, Mönchen und Nonnen vertreten - hatte also mächtigen außenpolitischen Flankenschutz. Es hat denn auch gut zwei Jahrzehnte gedauert, bis Frankfurt evangelisch wurde. Erst 1536, als die Stadt nach langem Hin und Her dem Schmalkaldischen Bund beitrat - einer militärischen antikaiserlichen Allianz protestantischer Fürsten und Städte - konnte sich die evangelische Bewegung stabilisieren, konsolidieren und institutionalisieren. Zuvor trieben die im Römer amtierenden Patrizier, die ja klammheimlich mit Luther sympathisierten, in Glaubensdingen eine Politik des neutralistischen Lavierens und diplomatisch-zweigleisigen Paktierens.

Und selbst die Fusion mit den „Schmalkalden“ geschah keinesfalls aus freien Stücken. Da gab es mächtig Druck von unten, von Bürgern, Handwerkerzünften und den Armen, den sogenannten „Nichthäbigen“, die die Hälfte der Stadtbevölkerung stellten. Bei denen schlugen die Reden der lutherischen Prediger Hartmann Ibach (1522) und Dietrich Sartorius (1523) ein.

Sie revoltierten in Bornheim und Sachsenhausen, als bei der Erst- und Wiederbesetzung von Pfarren nur wieder die „altgläubigen Katholiken“ zum Zuge kommen sollten. Und sie waren es, die den Rat 1533 per Bürgerentscheid zwangen, die katholische Messe zu verbieten und den evangelischen Gottesdienst als alleinige Liturgie zuzulassen.

 

Frankfurter Ratsherren dankten Melanchthon mit einem Faß Wein: 1533

Am 16. Februar 1497 wurde Philipp Melanchthon  im Badischen geboren. Er trägt bis heute wegen seiner universalen Bildung den Beinamen „Praeceptor Germaniae“ („Lehrer Deutschlands“). Der Philipp Schwarzerdt - so sein eigentlicher bürgerlicher Name - galt als Wunderkind: Als Zwölfjähriger begann er sein Studium an der Universität Heidelberg, mit 21 hielt er seine philosophische Antrittsvorlesung an der Hochschule Wittenberg. Hier lernte er, der von Hause aus Humanist war und sich schon früh mit Erasmus von Rotterdam anfreundete, den Martin Luther kennen.

Mit ihm zusammen betrieb er protestantische Universitäts- und Bildungsreform auch in Leip-zig und Tübingen. Und: Melanchthon avancierte zum Sprachrohr der Evangelischen, verfaßte Flugschriften, aber auch die theologischen Standardlehrbücher („Loci communes“), die für Generationen maßgebend waren und es passagenweise auch heute noch sind. Aus seiner Feder stammt zudem die „Confessio Augustana“, das grundlegende reformatorische Bekenntnis.

Melanchthon, der 63 Jahre alt wurde, war der Chefdiplomat der Lutheraner. Kompromißbereit, kühl und rational führte er die theologischen Streitgespräche und Verhandlungen mit der römisch-katholischen Partei.  

Daß Luther stets den Melanchthon an den Main vorschickte, war wohl auch gut so, denn der kleinwüchsige und zartgliedrige Philosoph und Humanist mit dem stets gezausten Struppi-Bart war der weitaus bessere Diplomat als der massige, poltrige und manchmal saugrobe Luther. Und Verbindlichkeit, Verhandlungsgeschick und Umgangsformen waren gefragt bei den heiklen Missionen, die Melanchthon für die protestantische Sache in Frankfurt zu erledigen suchte.

Fatale Ausgangslage dabei: Die meisten Bürger sympathisierten zwar mit den „Evangelischen“, doch durfte man die Katholiken nicht vergrätzen. Vor allem nicht den stramm katholischen Kaiser Karl V., dem die reichsunmittelbare Stadt direkt unterstand. Der Regent hätte ihr nämlich zwei lukrative Privilegien entziehen können: das des Wahlorts der deutschen Könige und. das des Abhaltens der großen Handelsmessen. Auf das Messegeschäft, den Groß- und Fernhandel und den Finanzumschlag aber war man angewiesen.

Auch mit einem zweiten katholischen Hardliner durfte es sich der Rat der Stadt nicht verderben: dem Mainzer Kurfürsten und Erzbischof Albrecht von Brandenburg. Er war formell der geistliche Oberhirte der Frankfurter, und das weltlich von ihm regierte Territorium umschloß die Stadt im Osten und im Westen. Sein Drohpotential war beträchtlich: Embargo, Militäraktionen, Aushungern. Einige Male machte er ernst und schnitt Frankfurt von der Holzzufuhr ab.

Die im Römer amtierenden Patrizier, fast alle klammheimliche Lutheraner, mußten von daher in Glaubensdingen meist neutralistisch-zweigleisig lavieren und paktieren. Melanchthon war da der richtige Mittelsmann: Er predigte stets friedliche, maßvolle Reformen und verdammte alles gewaltsam Revolutionäre.

Zum Beispiel in der „Dom-Affäre“. Die Frankfurter Protestanten hatten 1533 den Bartholomäusdom besetzt und den Katholiken Hausverbot erteilt. Gegen diese rüde Beschlagnahme, die der Rat der Stadt offiziell sanktionierte, wehrten sich die Vertriebenen mit Beschwerden bei Kaiser und Reichskammergericht. Die Reichsacht drohte. Melanchthon wurde vom Stadtrat um ein Gutachten gebeten - und der schlug sich auf die katholische Seite. Der Dom sei keine kommunale Angelegenheit der Frankfurter, argumentierte er, sondern auch Wahlstätte der Kaiser und stehe darüber hinaus unter dem Patronat des Mainzer Erzbischofs.

Folglich sei die Beschlagnahme ein Rechtsbruch, der zu einem „großen und gemeinen Krieg“ führen könne. Man müsse den Katholiken diese Kirche zurückgeben und dürfe ihnen den Zugang nicht weiter „tätlich verwehren“. Die Ratsherren folgten Melanchthons Rat und bedankten sich mit einem Faß Wein.

Auch ein Denkmal ist dem Melanchthon in Frankfurt gesetzt worden — im Jahre 1967 auf dem Schulhof des Lessing-Gymnasiums. Das kam nicht von ungefähr, denn die Lehr- und Lernstätte leitet ihre „Abkunft“ von der alten, 1520 gegründeten Lateinschule her. Und die war nach den Prinzipien des bildungspolitischen Pioniers Melanchthon aus der Taufe gehoben worden. Mehr noch: Melanchthon selbst kümmerte sich bei seiner. sechs, oft mehrwöchigen Aufenthalten in der Stadt zwischen 1524 und 1557 höchstpersönlich um die Schule.

Ansonsten traf er sich in Frankfurt mit Calvin und anderen prominenten Reformatoren. Er schlichtete Streit in punkto Tauf- und Ehezeremonien und disputierte über die protestantische Abendmahls- und Rechtfertigungslehre. Herberge nahm er dabei meist bei seinen Freunden. den humanistisch interessierten Patriziern um die Holzhausens, Glauburgs. Stalburgs, Nesens und Bromms.

Mit einem anderen städtischen Adligen. dem Hartmann Beyer, geriet Melanchthon jedoch bei seinem letzten Frankfurt Besuch 1557 über Kreuz. Der Streit drehte sich um die englischen und niederländischen Glaubensflüchtlinge, die in Frankfurt Exil suchten und denen Beyer sowohl das Asyl als auch den Zutritt zum deutsch-protestantischen Gottesdienst verwehren wollte - wegen einiger Differenzen beim Abendmahlsritual. Melanchthon, der tags zuvor hier in Frankfurt die Nachricht vom Tod seiner Frau erhalten hatte, geriet zum wohl ersten und einzigen Mal in Frankfurt in undiplomatische Rage: Wer so wie Beyer die heimat- und mittellosen Glaubensflüchtlinge behandele, sei eine „Bestie“ und verdiene nicht, als Mensch und Christ respektiert zu werden. Das Plädoyer für Toleranz fruchtete nichts: I  Jahr 1561, ein Jahr nach Melanchthons Tod, wurden die ausländischen Protestanten aus Frankfurt vertrieben.

 

Wie der „böse Kulmbacher“ wochenlang Frankfurt belagerte: 1552

Um es vorweg zu sagen: Dem Markgraf gefiel es in Frankfurt lausig. Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach, von den Frankfurtern meist „der böse Kulmbacher“ gerufen, biss sich an den Frankfurtern die Zähne aus.

Im Jahre 1552 wurde Frankfurt erst- und letztmals in seiner Geschichte belagert. Warum dieses? Darum: Bereits 1531 hatten sich die protestantischen Fürsten des Reiches im „Christlichen Verständnis“ - besser bekannt als Schmalkaldischer Bund - gegen den katholischen Kaiser Karl V. zusammengeschlossen. Frankfurt tat 1536 mit, was Karl ziemlich erboste. Seine Truppen besetzten die Stadt, die Frankfurter sahen ihr geliebtes Messeprivileg den Main hinuntergehen und schworen 1547 dem Karl die Treue.

Die hielten sie denn auch, als sich 1552 die Schmalkaldener gegen den Kaiser erhoben. Treue Seelen, die Frankfurter: Die Stadt, beschieden sie ihren einstigen Kampfgefährten, „sei dem Kaiser und Reich mit Eid und Pflicht verbunden; sie hätte auch bis jetzt an der Religion keinen Zwang erfahren; man möge sie daher mit Zumutungen verschonen, die gegen Ehre und Gewissen laufen“. Rund 7.000 Reiter und 25.000 Landsknechte machten sich daraufhin auf den Weg, die störrischen Hessen doch noch zu überreden. Angeführt wurde das protestantische Heer von Kurfürst Moritz von Sachsen, Landgraf Philipp von Hessen, Herzog Georg von Mecklenburg, Herzog Christoph von Bayern, Pfalzgraf Otto Heinrich, dem Graf von Oldenburg und eben jenem „bösen Kulmbacher“.

Dieser Markgraf Albrecht war vermutlich ein eher unangenehmer Zeitgenosse. Religiöse Ideale kann man ihm wohl nicht vorwerfen. Eigentlich protestantischer Landesherr, schlug er sich auf die Seite des altgläubigen Kaisers und kämpfte mit Karl gegen Franz I. von Frankreich und auch gegen den Schmalkaldischen Bund seine ehemaligen und zukünftigen Weggefährten. Um seinem kaiserlichen Brötchengeber zu gefallen, bestritt Albrecht sogar, jemals den Lutherischen Irrlehren angehangen zu haben - entsagte ihnen zur Sicherheit aber auch öffentlich. Dennoch zeigte sich der Kaiser seinem neuen, ungemein ehrgeizigen Lehensmann gegenüber knickerig - bis der chronisch klamme Albrecht sich erst für die Engländer verding-

te und schließlich erkannte, dass man bei den Protestanten auch ganz gut verdienen kann.

Im Schmalkaldischen Bund führte Albrecht sich wie ein Raubritter auf - was er letztlich auch war. Er erpresste Nürnberg, quetschte die Bistümer Bamberg und Würzburg aus und bewies sich auch ansonsten als ein rechter Meister des Marodierens, Brandschatzens und Niedermetzelns. Von seinen fränkischen Nachbarn wurde er „der wilde Markgraf“ genannt.

Jener wilde Graf also versammelte sich 1552 mit seinen Spießgesellen vor den Frankfurter Stadttoren, um die Kaisertreuen Mores zu lehren. Einen zwingenden militärischen Grund gab es nicht, denn zur selben Zeit verhandelten bereits in Passau die verfeindeten Konfessionen über einen Friedensschluss. Die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Hessen verrammelten die Stadt: Tore wurden zugeschüttet, der Main durch Ketten gesperrt, Häuser außerhalb der Stadtbefestigung niedergebrannt, auf dass der Feind sie nicht nutzen könne. Die Zeit schien stillzustehen - um den Feind besser hören zu kennen, wurden die Kirchturmuhren nebst Glocken stillgelegt Die Straßen wurden zur Schalldämmung mit Stroh und Mist bedeckt.

Alles schien auf ein großes Gemetzel hinauszulaufen.

Die Schmalkaldener begannen, das Frankfurter Vieh von den Weiden wegzustehlen und die Stadt mürbe zu schießen. Die Not machte die Frankfurter erfinderisch: Ein unbewohntes Haus in Sachsenhausen wurde mit Wimpeln, Flaggen und Fackeln herausgeputzt - die aus sicherer Entfernung mit Seilen bewegt wurden. Die Protestanten feuerten wie wild auf das vermeintliche Hauptquartier. Zur Revanche bliesen die Belagerten mit ihren Kanonen Herzog Georg von Mecklenburg das Lebenslicht aus. Markgraf Albrecht, der zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich wider das schwach befestigte Sachsenhausen anrannte, verdross das alles sehr. „Ich werde den Saustall nehmen nicht mit Schießen, sondern mit Spießen“, schwor der böse Kulmbacher.

Wochenlang standen die feindlichen Truppen vor der Stadt und lieferten sich mit ihren Gegnern solch unerfreuliche Scharmützel - da platzte am 2. August die Nachricht vom Passauer Friedensschluss in die streitende Runde. Die reformierten Fürsten rückten ab - bis auf den bösen Kulmbacher und seine Truppen. Albrecht hatte seinen Schnitt noch nicht gemacht, und es widersprach wohl auch seiner Gaunerehre, ohne Beute vom Tatort abzuziehen. Auch das Fußvolk der restlichen Fürsten murrte - Moritz von Sachsen ließ sogar sein eigenes Lager abfackeln, um seinen Truppen einen weiteren Aufenthalt vor Frankfurts Toren zu verleiden. Etliche Unzufriedene desertierten zum kampfbereiten Kulmbacher.

Es reichte nicht, um die Stadt zu erobern. Als Albrecht rund eine Woche später seinen Abzug anbot, wenn man ihm seine Unkosten erstatte, lachten ihm die Hessen ins Gesicht, und sie lachten noch lauter, als ein Heer des Kaisers zur Hilfe eilte. Albrecht hatte keine Lust mehr, auf dieses Heer zu warten, zog sich zurück, machte nebenbei Ober- und Niederrad, Sulzbach und Soden dem Erdboden gleich und legte Mainz in Schutt und Asche.

Frankfurt war mit dem Schrecken davongekommen - zumindest beinahe. Aber 40 Soldaten waren im Kampf auf der Strecke geblieben, gut 100 Zivilisten Seuchen zum Opfer gefallen. Die Kanonen hatten in der Stadt - außer in Sachsenhausen - keinen nennenswerten Schaden angerichtet, doch das Umland war weidlich verwüstet und die Stadtkasse relativ leer. Doch die Stadt erholte sich von der Belagerung.

Dem bösen Kulmbacher aber brachten seine Schandtaten keinen Frommen. Heillos zerstritten mit seinen ehemaligen Verbündeten und offenkundig völlig außer Rand und Band wurde die Reichsacht über ihn verhängt. Im Jahre 1553 besiegte ihn ein Zusammenschluss deutscher Fürsten unter Führung seines alten Spezis Moritz von Sachsen. Albrecht verlor seine Besitztümer und musste nach Frankreich fliehen. Er kehrte zwar wieder nach Deutschland zurück - doch nur, um ganz kleine Brötchen zu backen. Im Jahre 1557 starb er in einem Bauernhaus bei Pforzheim in bitterer Armut. Das hat man davon, wenn man den Frankfurter Saustall mit der Hellebarde ausmisten will.

 

Hugenotten, Wallonen:  1554

Seit 1554 wanderten Reformierte aus den spanischen Niederlanden in großer Zahl in Frankfurt ein und gründeten zwei selbständige Gemeinden, die Französisch-Reformierte Gemeinde und die Niederländisch-Reformierte Gemeinde. Der Reformator Johannes Calvin hat 1556 in Frankfurt gepredigt. Die steigenden Flüchtlingszahlen nach 1685 führten dazu, daß Frankfurt zur „Drehscheibe des Refuge“ wurde. Die Glaubensflüchtlinge durften nicht mehr in der Stadt bleiben, viele Calvinisten wichen daher „ins Ausland“, nach Offenbach, Hanau und Neu-Isenburg aus. Aus diesem Grunde haben die Calvinisten kaum Spuren in Frankfurt hinterlassen. Über den Eisernen Steg kommt man nach Sachsenhausen. Von Alt-Sachsenhausen verläuft der Hugenotten- und Waldenserpfad parallel zum Goetheweg zum Goetheturm (abgebrannt 2017).
 

Frankfurt steigt zum europäischen Finanzplatz auf: 1585 und 19.Jahrhundert

Eine wichtigere Rolle als Handel und Gewerbe spielt in der freistädtischen Zeit das Bankwesen. Schon 1402 gibt es in Frankfurt die erste Wechselstube. Ab 1546 werden in der Mainstadt Münzen geprägt und eine erste amtliche Kursnotierung - die Geburtsstunde der Frankfurter Börse - ist für das Jahr 1585 datiert. Im 19. Jahrhundert steigt Frankfurt dann zum führenden europäischen Finanzplatz auf. Die Söhne des 1812 gestorbenen Meyer Amschel Rothschild, der seine Karriere als Münzhändler und Geldwechsler begann, gründen Filialen in London, Paris, Wien und Neapel. In Frankfurt konkurriert die Familie mit dem Bankhaus Bethmann. Doch nicht nur Banken im Familienbesitz beherrschen Frankfurts Finanzwelt zu dieser Zeit. 1854 entsteht mit der „Frankfurter Bank“ die erste Gesellschaftsbank. 1820 wird an der Frankfurter Börse die erste Aktie gehandelt. 1879 bezieht die Börse ihr neues Domizil am Börsenplatz, wo sie auch heute noch zu finden ist. Ihre Führungsrolle als zentraler Bank- und Börsenplatz muß Frankfurt nur einmal - nämlich im Zweiten Weltkrieg - an die Reichshauptstadt Berlin abgeben, um sie nach 1945 bis in unsere Zeit wieder zu übernehmen

 

Bundesversammlung

Wenn auch liberale Tendenzen zu dieser Zeit politisch einen Rückschritt erfahren, erlebt die Stadt gesellschaftlich ihre Blütezeit. Die Bundesversammlung bringt Glanz in die Stadt. Bundestagsdiplomatie und städtische Oberschicht zeigen ein ausgeprägtes Repräsentationsbedürfnis.

 

Wirtschaft

Die wirtschaftliche Lage Frankfurts im 19. Jahrhundert wird zum Teil durch die Gründung des Preußisch-Deutschen Zollvereins und der restriktiven Gewerbepolitik der Stadt beeinträchtigt. Die Frankfurter Messen sinken um 1830 zu reinen Jahrmärkten herab. Im Jahre 1836 hofft man durch den Beitritt zum Zollverein wenigstens den Handel wieder anzukurbeln. Die Gewerbefreiheit führt der Senat allerdings erst 1864 ein

 

 

Fettmilchaufstand 1614:

Die Unruhen nahmen ihren Anfang am 9. Juni 1612, als Bürger und Zunftmeister vor der Wahl des neuen Kaisers Matthias vom Rat die früher bei solchen Gelegenheiten übliche öffentliche Verlesung der Privilegien der Stadt verlangten. Zuletzt war dies 36 Jahre zuvor, anläßlich der Wahl Rudolfs II. geschehen. Der Rat lehnte das Verlangen der Bürger ab, so daß Gerüchte aufkamen, er wolle ihnen das Wissen um kaiserlich verbriefte Abgabenbefreiungen vorenthalten.

Darüber hinaus forderten die Bürger ein verstärktes Mitspracherecht der Zünfte im Stadtregiment. Außer einer stärkeren Repräsentation verlangten die Zunftmeister 1612 die Einrichtung eines öffentlichen Kornmarkts in Frankfurt, um niedrigere Getreidepreise durchsetzen zu können, sowie eine Senkung der von den Frankfurter Juden angeblich geforderten Wucherzinsen von 12 auf 8 oder 6 Prozent (tatsächlich nahmen jüdische und nichtjüdische Bankiers in Frankfurt etwa die gleichen Zinssätze). Auch die Zahl der Bewohner der Judengasse sollte begrenzt werden. Alle Juden, die nicht mindestens 15.000 Taler Vermögen besaßen, sollten vertrieben werden.

Als die enorme Verschuldung Frankfurts (9½ Tonnen Goldgulden) öffentlich wurde, stürmte eine Menge am 6. Mai 1613 den Römer, das Frankfurter Rathaus, und erzwang die Herausgabe der Schlüssel zur Stadtkasse an den Neuner-Ausschuß der Zünfte. In den folgenden Monaten konnte der Rat nur so viel Geld ausgeben, wie der Ausschuß ihm bewilligte. Da der Rat aber weiterhin keine Belege für den Verbleib der 9½ Tonnen Goldgulden beibringen konnte, setzte sich unter den Zünften der radikale Flügel unter Vinzenz Fettmilch durch.

Am 5. Mai 1614 ließ er die Stadttore von seinen Anhängern besetzen, den alten Rat für abgesetzt erklären und seine Mitglieder im Römer verhaften und auf der Zunftstube festsetzen.

Alle Ratsherren wurden ihrer Ämter enthoben und ein neuer Rat eingesetzt.

Am 26. Juli erschien ein kaiserlicher Herold in der Stadt, der die Wiedereinsetzung des Rats forderte. Als dem nicht Folge geleistet wurde, ließ der Kaiser am 22. August jedem Frankfurter die Reichsacht androhen, der nicht bereit war, sich durch Eid seinem Befehl zu unterwerfen.

Die Aufständischen, die sich lange der Unterstützung des Kaisers sicher gewähnt hatten, richteten ihre Wut nun gegen das schwächste Glied in der Kette ihrer vermeintlichen Gegner. Am 22. August 1614 zog eine Menge von Handwerksgesellen mit dem Ruf „Gebt uns Arbeit und Brot“ durch die Stadt. Fettmilch führte die Plünderung der Judengasse an. Vinzenz Fettmilch selbst scheint an der Plünderung nicht beteiligt gewesen zu sein. In seinem späteren Prozeß behauptete er, diese sei gegen seinen Willen erfolgt. Möglicherweise hatte er kurzfristig die Kontrolle über seine Anhänger verloren. Für Versuche Fettmilchs, die Ausschreitungen zu unterbinden, konnten aber keine überzeugenden Beweise beigebracht werden. Tatsache ist dagegen, daß er am nächsten Tag, dem 23. August, die Vertreibung aller Juden aus Frankfurt erzwang.

Die meisten von ihnen suchten in den kurmainzischen und hessischen Nachbarstädten Höchst und Hanau Zuflucht. Doch haben sich einige Juden noch etliche Tage in der Stadt aufgehalten, um zu sehen, wie sich alles entwickeln würde. Die Plünderung hat gedauert bin zum letzen August. Da ist den übriggebliebenen Juden der Befehl gegeben worden, daß sich überhaupt keiner mehr in der Stadt finden lassen soll. Ihr Hab und Gut ist zum größten Teil in den städtischen Brückenhof gekommen, aber auch anderswohin. Im August und September 1615 haben eine ganze Anzahl Juden angefangen, wieder nach Frankfurt in die angestammte Judengasse zu ziehen.

Am 28. Oktober 1614 verkündete ein kaiserlicher Herold am Römer, daß die Reichsacht über Fettmilch sowie über den Schreiner Konrad Gerngroß und den Schneider Konrad Schopp verhängt worden sei, die als Rädelsführer der Rebellion galten. In der Folge wurden noch vier weitere Frankfurter in die Acht erklärt, darunter der Sachsenhäuser Seidenfärber Georg Ebel.

Der Aufstand wurde schließlich mit Hilfe des Kaisers, der Landgrafschaft Hessen-Kassel und des Kurfürstentums Mainz niedergeschlagen.

Der Ratsherr Mattias Müller beantragte am 24. November 1614, Fettmilch zu verhaften. Erst am 27. November wagte es ein Frankfurter Schöffe, den bis dahin mächtigsten Mann der Stadt zu verhaften. Drei Tage später wurde er vom Schöffen Hans Martin Bauer nach einem Handgemenge festgenommen. Empörte Handwerksgesellen, darunter der Frankfurter Bürger und Buchdruckergeselle Hans Schlegel, befreiten ihn noch am selben Tag aus dem Bornheimer Turm.

Am 2. Dezember 1614 wurde Fettmilch beim Gutleuthof an den Schultheißen von Mainz ausgeliefert und nach Aschaffenburg gebracht. In einem langwierigen Prozeß, der sich fast das ganze Jahr 1615 hinzog, wurden Fettmilch und insgesamt 38 Mitangeklagte nicht direkt wegen der Ausschreitungen gegen die Juden verurteilt, sondern wegen Majestätsverbrechen, da sie die Befehle des Kaisers mißachtet hatten. In Aschaffenburg wurden sie festgehalten bis zum 28. Februar 1616.

An diesem Mittwoch sind die sieben Rädelsführer auf dem Frankfurter Roßmarkt mit dem Schwert vom Leben zum Tod hingerichtet worden, nämlich Vincenz Fettmilch, Konrad Gerngroß und Konrad Schopp samt ihren vier Mittätern, nämlich der Schwabe Georg Ebelt (ein Färber), Adolf Kanter (ein Wollherr), Hermann Geiß (ein Schneider) und Meister Stefan Wolf (ein Seiler).

Als dem Vincenz und seinen Kumpanen das Urteil vorgelesen wurde, hat auch Gott sein Gericht sehen lassen, denn als dem Gerngroß sein Urteil vorgelesen wurde, ist alsbald ein Ratsherr am Ort des Geschehens tot niedergefallen und am anderen Tag ist noch ein anderer gestorben. Die sieben erwähnten wurden auf dem Roßmarkt auf einer extra dazu gemachten Brücke gerichtet und die Ursache ihres Todes ist in öffentlichen Plakaten in der Stadt angeschlagen worden.

Vor der Enthauptung schlug man den vier Ersten zunächst zwei Finger von der rechten Hand

ab (die Schwurfinger). Fettmilch wurde darüber hinaus nach seiner Hinrichtung gevierteilt. Seine Leiche wurde gemeinsam mit denen der anderen Verurteilten am Galgen aufgehängt und die Köpfe an Eisenstangen auf der Südseite des rechtsmainischen Brückenturms ausgestellt. Die Köpfe von Fettmilch, Gerngroß, Schopp und Ebel wurden am Frankfurter Brückenturm aufgespießt, wo zur Zeit Goethes wenigstens noch einer von ihnen zu sehen war (Nach anderer Angabe wurde der Leib Fettmilchs gevierteilt und an vier Straßen aufgehängt). Fettmilchs Kumpane wurden unter dem Galgen begraben. Und es sind auch neun Bürger mit Ruthen aus der Stadt geprügelt und weitere acht aus der Stadt und des Landes verwiesen worden.

Um die Erinnerung auszulöschen wurde sein Haus „Zum Hasen“ dem Erdboden gleichgemacht. Frau, Kinder und Bruder mußten die Stadt verlassen. Im Jahre 1617 wurde an der Stelle des ehemaligen Hauses „Zum Hasen“ eine Schandsäule zum Gedächtnis an den Aufstand errichtet, die in deutscher und lateinischer Sprache seine Verbrechen festhielt.

Nach den Hinrichtungen, die sich mit dem Verlesen der Urteile über mehrere Stunden hinzogen, wurde ein kaiserliches Mandat bekannt gemacht, das die Wiedereinsetzung der im August 1614 verjagten Juden in ihre alten Rechte gebot. Noch am selben Tag wurden die Juden, die bis dahin überwiegend in Höchst und Hanau Zuflucht gefunden hatten, in einer feierlichen Prozession in die Judengasse zurückgeführt. An deren Tor wurde ein Reichsadler angebracht mit der Umschrift „Römisch kaiserlicher Majestät und des heiligen Reiches Schutz“.

Der Fettmilch-Aufstand des Jahres 1614 war eine von dem Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch angeführte judenfeindliche Revolte in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main. Der Aufstand der Zünfte richtete sich ursprünglich gegen die Mißwirtschaft des von Patriziern dominierten Rats der Stadt, artete aber in die Plünderung der Judengasse und die Vertreibung aller Frankfurter Juden aus (aus der Chronik von Konrad Appel, Hochstadt).

 

Schlacht bei Höchst: Die Höchster Straßenkarte vereint die blutigen Gegner von einst: 1622

Der bekannte und wegen seiner ständigen Händel mit Geistlichen, Apothekern und Patienten berüchtigte Kaiserliche Rat und Medicus Professor Dr. med. et phil. et jur. Ludwig von Hörnigk schrieb im Sommer 1622: „Eine der Ursachen der Pest sind die Garnisonen und Lagerstätten der Soldaten, bevorab der Kranken, die allerlei Unrat um und neben sich sammeln. Inmaßen wir allhie zu Frankfurt am Main nach der Schlacht bei Höchst genugsam erfahren, da der verwundeten und kranken Soldaten so viel waren, daß sie auch hin und wieder in den Gassen, vor den Häusern auf dem Stroh lagen, dann auch weil es um Pfingsten und heißes Wetter, ein großer Gestank und darauf eine Pest entstand.“.

Die Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622: Eines der vielen „Treffen“ des Dreißigjährigen Krieges. Auch hier spielte der kaiserliche Feldherr Tilly eine entscheidende Rolle. Der aus Brabant stammende Johann Tserclaes (ab 1623 Graf von) Tilly war seit 1620 Generalleutnant der katholischen Liga. Auf die Nachricht, dass einer der protestantischen Feinde, Herzog Christian von Braunschweig, sich mit 20.000 Mann Fußvolk und 6.000 Berittenen auf Höchst zu bewegte, um sich hier mit anderen protestantischen Truppen zur Eroberung der Pfalz zu vereinen, setzte sich der bei Würzburg liegende Tilly sofort mit seinem Heer in Marsch. Am 18. Juni stand er bereits zwischen Hanau und Frankfurt.

Eine Vorhut des Braunschweigers unter Oberst von Kniephausen hatte das katholische Höchst nach mehreren vergeblichen Versuchen durch den Beschuss mit zwei Kanonen zur Übergabe gezwungen - nachdem ein Teil der Höchster Verteidiger und Bevölkerung nach Frankfurt geflohen war. Woraufhin sich seine Soldaten ihrer Lieblingsbeschäftigung hingegeben hatten: dem Plündern.

Nun war auch die Hauptmacht der Braunschweiger aufmarschiert und hatte eine notdürftig befestigte Verteidigungsstellung von Höchst über Sossenheim bis Sulzbach errichtet. Zuvor ließ Herzog Christian die Dörfer Oberursel, Eschborn, Nied und Sulzbach anzünden, um den Kaiserlichen dort keine Stellungen zu bieten. Nicht dumm gedacht, so sollte sich herausstellen, war auch der Bau einer Notbrücke über den Main oberhalb von Höchst - als Rückzugsmöglichkeit. Das Material dafür hatte übrigens, nach einigem Bedenken, das neutrale Frankfurt geliefert.

Um 10 Uhr des Morgens an jenem 20. Juni 1622 begann die Schlacht bei Höchst - die nicht mehr als drei Stunden dauern sollte. Dann nämlich zog Christian, der sich bald auf eine verkleinerte Stellung direkt vor Höchst hatte zurückziehen müssen, endgültig die Konsequenz aus der zahlenmäßigen Unterlegenheit seiner Truppen; zudem konnte er den 18 kaiserlichen Kanonen nur drei eigene entgegenstellen. So befahl er den Rückzug über die  Brücke, was freilich in eine Massenflucht mündete. Die Folge: Das Provisorium brach zusammen. Nach zeitgenössischen Schilderungen sollen an diesem Tag mehr braunschweigische Soldaten ertrunken als gefallen sein.

Zurück blieb ein braunschweigisches Kontingent von rund 300 (anderen Quellen zufolge 400) Mann, das sich im Höchster Schloss verschanzt hatte. Tilly versprach ihnen freien Abzug, worauf sie sich ergaben. Doch selbst auf das Wort eines katholischen Generals konnte man sich damals offenbar nicht verlassen: Tilly hat gewissen, freilich nicht belegten Überlieferungen zufolge die Braunschweiger auf einem bald als „Blutacker“ bekannten Feld „niedermachen“ lassen. Konsequenterweise wurde hier später der Höchster Schlachthof gebaut. Höchst war eine politisch nicht unbedeutende Schlacht, aber keines der ganz großen Treffen des Dreißigjährigen Krieges.

Für die Höchster bedeutete es nicht das Ende der Entbehrungen dieser furchtbaren Zeit. Protestanten und Katholische wechselten sich noch mehrfach als Besatzer ab. So sollte denn im November 1631 auch ein gewisser König Gustav II. Adolf von Schweden mit 20.000 Mann vor der Tür stehen - worauf man ihn kampflos einließ. Er hatte den inzwischen zum Generalissimus beförderten gichtbrüchigen, 72-jährigen Tilly am 17. September bei Breitenfeld in Sachsen geschlagen. Am 15. April 1632 wurde Tilly in der Schlacht bei Rain am Lech tödlich verwundet.

Nach dem „Befreier“ Tilly hat man im heutigen Stadtteil Nied ein Sträßchen genannt, das bösartigerweise zum Schwedenpfad führt. Eine größere, zentrale Straße aber haben die Höchster einem jungen Hauptmann im Dienste Christian von Braunschweigs gewidmet. Dem nämlich hatte dieser angeblich den Befehl gegeben, vor dem Rückzug das Höchster Schloss niederzubrennen, auf dass es den Kaiserlichen nicht in die Hände falle. Der mitfühlende Offizier freilich führte den Befehl nicht aus - was ihn bei seinem Boss ziemlich in Verschiss gebracht haben soll. Die Höchster freilich feierten ihn als Helden und verliehen ihm das Bürgerrecht. Er heiratete, wenn auch nicht das Königstöchterlein, so doch die Tochter eines angesehenen Bürgers und lebte dort glücklich bis an sein Lebensende.

 

Frankfurt ging noch im Dreißigjährigen Krieg wieder auf Wachstumskurs: 1648

Die Protestanten in der Stadt mußten während des langen Religionskriegs den Spagat zwischen „evangelisch und kaisertreu-katholisch“ machen - und blieben dabei ihrem protestantischen Bekenntnis treu. Als Ende Oktober 1648 auch in Frankfurt die Nachricht vom Westfälischen Frieden eintrifft und nun endlich klar scheint: 30 Jahre Krieg in Deutschland und Mitteleuropa sind beendet - da verfügen der protestantisch dominierte Rat der Stadt und die lutherische geistliche Obrigkeit einen Buß- und Bettag. Das Volk, so die Order, möge „Gott für die Verleihung des so erwünschten Friedens inniglich danken“.

Vieles deutet. jedoch darauf hin, daß sich die meisten Bürger nicht an das Dekret zu reuevoller Zerknirschung und andächtigem Christuslob gehalten haben. Der Anlaß war ja auch eher danach, ein Faß auf- und einen draufzumachen, Zechgelage zu veranstalten und zum Tanze aufzuspielen. „Frankfurt war vor dem 30jährigen Krieg, der ja auch ein Religionskrieg war, evangelisch, und ist es auch danach geblieben. Und im Vergleich zu seinem Umland und dem Rest des Reiches ist es dann auch. noch mehr als glimpflich davongekommen“.

In der Tat: Während in allen hessischen Territorien mehr als die. Hälfte- der Bevölkerung. zwischen 1618 und 1648 umkam, ja in vielen Ortschaften die Verluste 70 bis 90 Prozent betrugen, kam Frankfurt mit 16 Prozent Rückgang an Einwohnern. davon. In absoluten Zahlen: Vor dem großen Krieg zählte man 20.000 Köpfe, danach waren es nur noch 17.000. Ein weiterer Beleg dafür, daß das große Morden und die grassierende Pest der Reichsstadt nicht so übel mitspielten wie anderswo, ist die augenfällige Bevölkerungsexpansion nach dem Friedensschluß in Münster. Während im Reich als Ganzem erst 100 Jahre nach dem 30jährigen Krieg die Bevölkerungszahl der Vorkriegszeit wieder erreicht war, hatte Frankfurt bereits um 1675 wieder die Einwohnerzahl von 1618/1620.

Die Stadt war ja auch nicht zerstört worden. Keine verbrannte Erde und keine Leichenberge wie drumherum in Wetterau, Odenwald, dem Rodgau, der Kinzig-Region und dem Ländchen Dreieich, wo sich schlimme Kriegsgreuel abspielten. „Sie haben den Leuten die Zungen, Nasen und Ohren abgeschnitten“, liest man da in einer hessischen Chronik, „Nägel in die Köpfe und Füße geschlagen; heiß Pech, Zinn, Öl und allerlei Unflat durch die Ohren, Nasen und Mund in den Leib gegossen ( ...) wie die wilden Thiere zwischen die Kinder gefallen, sie gesäbelt, gespießt und in den Backofen gebraten“.

Daß den Frankfurtern dergleichen erspart blieb, nimmt sich in der Rückschau immer noch wie ein kleines Wunder aus. Gerade ihre Stadt schien nämlich geradezu prädestiniert dafür, in den Kriegswirren unterzugehen. Sie war von der Konfession her erklärt evangelisch, andererseits aber aufgrund ihres Status' - Wahl- und Krönungsort der Kaiser, die Messe- und Finanzmetropole im Reich - zur Kaisertreue verpflichtet und verdammt. Das bedeutete deshalb auch: unbedingte und strikte Loyalität gegenüber einem Herrscher, der massiv die katholische Sache vertrat.

Mit diplomatischem Lavieren und viel Geld haben Rats- und Handelsherren, Patrizier und Prediger über drei Jahrzehnte verhindert, daß ihr Gemeinwesen zwischen den Fronten aufgerieben wurde. Ein Beispiel dafür, wie man da die Balance zu halten suchte, ist die Schlacht im benachbarten Höchst anno 1622, als die Soldaten des katholischen Feldherrn Tilly die Einheiten des Protestanten Christian von Braunschweig besiegten. Die Frankfurter versorgten einerseits die verwundeten Braunschweiger und gaben andererseits dem Tilly viele Taler für seine Kriegskasse und Lebensmittel für die Landsknechte.

Proviantzufuhr und freien Durchzug versprachen und lieferten die Oberen im Römer so ziemlich jeder Armee, die sich dem Frankfurter Territorium näherte. Nur einmal mußte man Farbe bekennen und die so hochgehaltene Neutralität doch aufgeben - aber das erst nach massivem Druck. Der, der das er reichte, war ein Verfechter der protestantischen Sache: König Gustav Adolf von Schweden.

Der Regent rückte 1631 mit seinen Truppen von Osten vor, die Frankfurter Ratsherren (und Glaubensgenossen!) eilten ihm entgegen und suchten im Schloß zu Offenbach einen wie auch immer gearteten Kompromiß- und Kuhhandel zu schließen. Doch das Frankfurter Argument, man sei ja nun leider aus den bekannten Gründen zur Kaisertreue verpflichtet, zog nicht. Gustav Adolf brauste auf und schnauzte die Gesandten an: „Ich bitt' Euch um Gottes - Blut willen, nehmt das evangelische Wesen besser in Acht, sonst frag' ich nicht danach, wie ihr zu

Frankfurt seid, schwedisch oder kaiserlich!“

Die Drohung wirkte: Die schwedische Armee zog zwei Tage lang durch Frankfurt nach Höchst, und 600 Mann blieben als Garnison in Sachsenhausen zurück, um die Mainbrücke in Schach zu halten. Der Rat der Stadt mußte zudem dem König schwören, „kein schweden-feindliches Volk aufzunehmen“ und Frankfurt „zusammen mit dem schwedischen Volk“ notfalls „bis auf den äußersten Blutstropfen zu verteidigen“.

Der Bündnispakt hatte indes nur einige Jahre Bestand. Gustav Adolf kam 1632 in der Schlacht bei Lützen zu Tode. die Sachsenhäuser Garnison verschwand im August 1635: Rund 5.000 Mann unter dem kaiserlichen Oberst Lamboy sowie die kommunalen Söldner hatten den Schweden einen Kampf um die Brücke geliefert und gesiegt. Die Brückenmühle ging in Flammen auf, einige Häuser wurden zerstört. Der Krieg war in der Stadt.

Und auch die Pest: 3.241 Männer und Frauen in Frankfurt starben in eben diesem Jahr 1635 an der Seuche, im darauf folgenden Jahr waren es 6.943. Die Epidemie verbreitete sich auch und gerade deshalb so rasch, weil viele unterernährte Menschen aus den umliegenden Dörfern wegen der Hungers-, Teuerungs- und Kriegsnöte in die Stadt geflüchtet waren und hier unter den miserabelsten Bedingungen dahinvegetierten. Sie fingen Hunde und Katzen ein, um sie zu essen; andere holten sich aus den am Main liegenden Schindkauten und Kloaken das Aas und verzehrten es.

Doch das lag ja nun auch schon zwölf Jahre zurück, als 1648 der Westfälische Friede zustande kam. Da hatte sich die Stadt längst wieder aufgerappelt und ging - noch zu Kriegszeiten! - auf Boomtown-Kurs. Das Messegeschäft lief an, Handel und Wandel prosperierten, und Bevölkerung nahm zu: Flämisch-wallonische und hugenottische Zentrum des europäischen Buch-, Seiden- und Juwelenhandels.

 

Franzosen besetzten die Stadt: 1711-1713

Brände und schwere Epidemien zählen zu den verheerenden Ereignissen des 18. Jahrhunderts. Im Jahre 1713 rollt die dritte Pestwelle über Frankfurt hinweg. Der „Judenbrand“ in der Judengasse von 1711 und 1721 sowie der „Christenbrand“ im Jahre 1719 zerstören große Teile der Stadt. Beim Wiederaufbau entstehen neue Baustrukturen. Sie verleihen der Stadt ein anderes, dem Zeitgeschmack angepaßtes Gesicht. Hausnummern und Straßenlaternen werden eingeführt, die Straßenpflasterung verbessert. Dies geschieht auf Anregung von französischen Besatzern, die Frankfurt zum ersten Mal im Siebenjährigen Krieg (1759-1763) einnehmen. Weitere französische Besetzungen folgen 1792, 1796, 1800 und 1806.

 

Der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. setzte in Frankfurt den eigenen Sohn  fest: 1730

Das Maß war voll. Er wollte sich von seinem Vater nicht mehr in der Öffentlichkeit anbrüllen, verprügeln und an den Haaren ziehen lassen. Er war es leid, wie ein kleiner Bub angeschnauzt zu werden, wenn er ein Messer fallen ließ. Sein Entschluss stand fest: Er würde sich dem Regiment des Vaters entziehen, der ihn wie einen „Sklaven“ behandelte, und über Frankreich nach England fliehen. Hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. nicht selbst oft zu ihm gesagt: „Hätte mein Vater mich behandelt, wie ich Sie behandle, ich wäre mehr wie einmal geflohen, aber Sie sind nur ein feiger Patron.“.

Die diplomatischen Vorkehrungen waren getroffen. Die Höfe in Paris und London, zu denen der 18-jährige preußische Kronprinz Friedrich heimlich Kontakt hielt, hatten signalisiert, dass er auf „Gastfreundschaft“ rechnen könne. Eine Reise durch Süddeutschland mit seinem Vater im Sommer 1730 bot die willkommene Gelegenheit. Der Soldatenkönig hatte sich ein umfangreiches Verwandten-Besuchsprogramm vorgenommen, das die wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten auf der Route mit einschloss. Von Berlin sollte die Fahrt nach Leipzig gehen, von dort über Bamberg, Nürnberg, Ansbach, Augsburg, Ludwigsburg, Mannheim, Darmstadt nach Frankfurt, wo die Gesellschaft ein Schiff besteigen wollte, um den preußischen Besitzungen am Oberrhein einen Besuch abzustatten.

Friedrich war überzeugt, dass ihm auf dieser Reise die Flucht gelingen würde. An seine Schwester Wilhelmine schrieb er: „Ich habe Pässe und Wechsel und habe alles so gut eingerichtet, daß ich nicht die geringste Gefahr laufe“. Der Kronprinz irrte. Die Offiziere des Königs, die mit im Tross reisten, waren dank ihrer Spitzel über den jeweiligen Stand der Fluchtpläne ziemlich genau unterrichtet. Sie hatten selbst das größte Interesse, ein scharfes Auge auf den jungen Mann zu haben, denn sie konnten sich lebhaft ausmalen, was der cholerische Friedrich Wilhelm mit ihnen anstellen würde, sollte es dem Kronprinzen tatsächlich gelingen, sich ins Ausland abzusetzen.

Für den König wäre die Flucht eine enorme diplomatische Blamage gewesen. In den Augen Europas hätte er einmal mehr als der unverbesserliche Despot dagestanden, bei dem es nicht einmal der eigene Sohn aushält. Der Fluchtversuch, den der verzweifelte Friedrich dann in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1730 in Steinsfurth nahe Heidelberg wagte, scheiterte also. Der Page Friedrichs hatte seinen Bewachern den entscheidenden Tipp gegeben.

Der Besuch in Frankfurt am 8. August 1730 stand noch ganz unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse. Der König hatte natürlich von dem nächtlichen Vorfall erfahren. In seinen Augen war Friedrich ein Deserteur. Statt ihn aber wie üblich vor aller Augen zu verprügeln, verhöhnte er ihn: „Ich dachte, er sei schon in Paris?“ Friedrich antworte zerknirscht, dass er hätte dort sein können, wenn er gewollt hätte. Seine Bewacher hatten vom König unterdessen den Befehl bekommen, den jungen Mann „tot oder lebendig“ ins preußische Wesel zu bringen. Dem König war klar, dass der Fluchtversuch keiner Laune entsprungen war. Einer der engsten Vertrauten seines Sohnes, der Page Keith, war spurlos aus seiner Garnison verschwunden. Der Vater vermutete Mitwisser und einen ausgeklügelten Plan.

Glaubt man seinem Biografen Reinhold Koser, brachten die Bewacher Friedrich unmittelbar nach seiner Ankunft am Morgen in Frankfurt auf ein Schiff Der König sei unterdessen durch die Stadt „geeilt“ und habe sich den Römer und eine Frankfurter Kostbarkeit zeigen lassen, die ihn als Kurfürst von Brandenburg schließlich auch direkt betraf. Um 9 Uhr (unklar ist, ob abends oder morgens) habe sich die Reisegesellschaft eingeschifft und sei über Bonn nach Wesel gefahren.

Friedrichs Schwester Wilhelmine, die Markgräfin von Bayreuth, schildert in ihren Memoiren ebenfalls den Besuch ihres Bruders in der alten Reichsstadt. Ihrer Darstellung zufolge stellt die Stippvisite sogar eine Art Wendepunkt dar, was die Behandlung des Bruders durch den Vater betrifft. Wilhelmine schreibt, dass Friedrich in Frankfurt „geradewegs auf eine Jacht“ gebracht worden sei, während der König den Tag in der Stadt verbrachte. Auf dem Schiff soll es später wieder zu einem der gefürchteten Wutausbrüche des Vaters gekommen sein. „Sobald er meinen Bruder erblickte, stürzte er auf ihn los und hätte ihn erdrosselt, wäre General Waldow nicht herzugeeilt. Er riß ihn an den Haaren und richtete ihn so zu, dass die Herren aus Furcht vor den Konsequenzen den König baten, daß der Kronprinz nach einem anderen Schiff geführt werden dürfe, was endlich gestattet wurde“.

Friedrichs Reise endete vier Tage später mit seiner Verhaftung in Wesel. Der König führte eines der Verhöre und hätte auf den selbstbewusst antwortenden Sohn fast mit dem Degen eingestochen, wäre nicht sein Gefolge dazwischen gegangen. Friedrich wurde zu Festungshaft verurteilt.

 

Wie Frankfurt von der französischen Besatzung profitierte 1759:

Es ist der Neujahrstag 1759, als französische Truppen Frankfurt besetzen. Bereits seit 1756 währte die Auseinandersetzung zwischen Preußen und dem Reich, die später als der „Siebenjährige Krieg“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Frankfurts Loyalität als Freie Reichsstadt galt selbstverständlich dem Kaiser, und so kam sie ihren militärischen Verpflichtungen ihm gegenüber auch nach - freilich ohne sich dabei durch übergroßen Enthusiasmus auszuzeichnen.

Ein Großteil der Bevölkerung war nämlich preußisch gesinnt, weswegen die Franzosen als kaiserliche Verbündete schon länger erwogen hatten, sich der strategisch bedeutenden Stadt am Main lieber vorsorglich zu bemächtigen. Und so geschah es. In der Empörung über diese Annexion - und als nichts anderes empfand man diesen „Freundschaftsbesuch“ - waren sich in Frankfurt alle vollkommen einig.

Schließlich mußte man nicht nur kostenlose Quartiere für die Soldaten bereitstellen: Nach der Schlacht bei Bergen vom 13. April 1759, in der die französischen Truppen die preußischen zurückschlugen, wurde Frankfurt zudem in ein riesiges Lazarett verwandelt - mit nicht unbeträchtlichen gesundheitlichen Folgen für die Einwohner.

Goethes Vater Johann Caspar, ein großer Bewunderer des Preußenkönigs Friedrich des Großen, traf die französische Besatzung ins Mark: Er mußte für zwei Jahre einige Zimmer seines Hauses ausgerechnet für den ranghöchsten französischen Offizier räumen, den Stadtkommandanten Graf Francois de Thoranc. Sohn Johann Wolfgang Goethe wußte die Kunstsinnigkeit Thorancs zu schätzen, nachzulesen in „Dichtung und Wahrheit“. Johann Wolfgang Goethe verdankte ihm die erste eindringliche Begegnung mit französischer Kultur. Durch die im Troß der Soldateska mitgereiste Schauspieltruppe lernte er die Tragödien von Corneille und Racine sowie die Komödien von Molière kennen.

Überhaupt hatte die bis zum Ende des Kriegs dauernde Okkupation für die Frankfurter nicht nur negative Auswirkungen - ganz im Gegenteil. Angeregt durch die oftmals deutlich weltläufigeren Besatzer wurde die städtische Infrastruktur enorm verbessert: So wurde etwa die Numerierung der Häuser eingeführt. Frankfurts Häuser waren vorher nur durch ihre Namen zu unterscheiden gewesen. Bei gleichen oder ähnlichen Bezeichnungen hatte das häufig zu Verwechslungen geführt und die Zustellung der Post massiv behindert. Aus dem gleichen

Grund wurden auch die Straßen beschildert.

Vor der französischen Besetzung waren zudem nur wenige Hauptstraßen befestigt gewesen: Nun intensivierte man nun auch die Bepflasterung der Wege, die zuvor den überwiegenden Teil des Jahres bessere Schlammlöcher gewesen waren und ein Vorwärtskommen sehr erschwert hatten. Die wichtigste Neuerung war allerdings die Installation der ersten Stadtbeleuchtung in den Jahren 1761 und 1762.

 

Johann Wolfgang Goethe erblickt in Frankfurt a. M. das Licht der Welt:

[Siehe auch Datei  „Goethe“]

Im 1. Band seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit (1811) beschreibt Goethe seine Geburt: „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt - im Hause am Großen Hirschgraben, an einem Donnerstag“. Es war die erste Entbindung der 19jährigen Catharina Elisabeth, geborene Textor, die seit einem Jahr mit dem 21 Jahre älteren Johann Caspar Goethe verheiratet war. Von den fünf weiteren Kindern erreichte nur die 1750 geborene Schwester Cornelia das Erwachsenenalter.

Die Geburt des Stammhalters des Juristen, Kaiserlichen Raths und reichen Privatiers J. C. Goethe gestaltete sich schwierig: „Durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte“, schrieb Goethe in Dichtung und Wahrheit. Da Ärzte zu der (wie üblich) Hausgeburt nicht hinzugezogen wurden, wußte die unkundige Hebamme mit dem durch Kreislaufstörungen und Atemnot blau angelaufenen Säugling mit geschlossenen Augen nichts anzufangen.

Die beherzte Großmutter Kornelia Göthe, die ihrer Schwiegertochter bei der schweren Geburt beistand, wusch das Kind in warmem Wasser und soll ihm sogar dabei die Herzgrube mit Wein eingerieben haben - später Goethes liebstem Getränk. Schließlich schlug das Kind seine danach oft bewunderten großen Augen auf und die wirkliche Geburtshelferin Kornelia rief zu ihrer Schwiegertochter: „Rätin, er lebt!“. Johann Wolfgang hatte doch das Licht der Welt erblickt.

Bereits mit seiner Geburt hatte aber der „immer tätig, nach innen und außen fortwirkende“ Lebenspraktiker schon eine kleine Weltverbesserung bewirkt; denn für seinen Paten und Großvater, den Stadtschultheißen J. W. Textor, der seit zwei Jahren das höchste Amt der Freien Reichsstadt bekleidete, war die fast mißglückte Geburt Anlaß genug, daß fortan in Frankfurt am Main „ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammenunterricht eingeführt oder erneuert wurde“, wie der Dichter mit unverkennbarem Stolz in seiner Autobiographie berichtet.

Der Großvater des Dichters, Friedrich Georg Göthe stammte aus dem Thüringischen. Er hatte lange in Frankreich gelebt und war dann als Schneider wohlhabender Damen in Frankfurt reich geworden und reicher noch, als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Witwe Schellhorn heiratete, der das vornehme Gasthaus „Weidenhof“ gehörte. Fortan als Gastronom tätig, hinterließ er, aufgrund eines florierenden Weinhandels (!) seinem Sohn Johann Caspar ein Erbe von rund 90.000 Gulden und einen Spitzenwein-Keller, aus dem noch sein Enkel sich bedienen konnte, und dessen Mutter auch. -

Mütterlicherseits stammte die Gelehrten- & Juristenfamilie Textor aus dem Fränkischen und war seit Mitte des 17. Jahrhunderts in. Frankfurt ansässig und hoch angesehen. „Vom Vater häa ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Vom Mütterchen die Frohnatur / Und Lust am Fabulieren“, bedichtete J. W. Goethe seine Eltern. Der Vater stellte mit seiner 1700 Bände umfassenden Bibliothek und seiner Umfangreichen Sammlung von Gemälden; Skulpturen und Naturalien dem Sohn reiche Bildungsvoraussetzungen bereit und ließ seine Kinder von Hauslehrern unterrichten.

Die lebensfreudige Mutter war voller Stolz auf ihren berühmten Sohn. Sie brachte ihre 26jährige Witwenschaft, nach dem Tode des pedantischen Gatten, „vergnügt und zufrieden“ zu. Ihr „Hätschelhans“, den sie in Weimar mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten aus Frankfurt jahrelang verwöhnte, hat sie seit seiner Übersiedlung nach Weimar nur noch viermal besucht. Sie starb 1808.

All dies geht nun offensichtlich auf ein Mißverhältnis zwischen. Denken und gesellschaftlicher Praxis zugunsten der Theorie zurück. „Könnte man nur den Deutschen - nach dem Vorbilde der Engländer - weniger Philosophie und mehr Thatkraft, weniger Theorie und mehr Praxis beibringen, so würde uns schon ein gutes Stück Erlösung zu Theil Werden, ohne daß wir auf das Erscheinen der persönlichen Hoheit eines zweiten Christus zu warten brauchen“, zeichnet Eckermann 1828 auf.

Die Quelle für diesen Vergleich wurde Goethe frei Haus geliefert, denn in den zwanziger Jahren besuchten eine ganze Reihe junger Engländer sein Weimar. Sie fühlten sich zu Goethes Erstaunen „in dieser deutschen Fremde keineswegs fremd und verlegen“. Das ,Auftreten dieser jungen Leute und ihr Benehmen in der Gesellschaft sei „so voller Zuversicht und so bequem, als wären sie überall die Herren und als gehöre. die Welt überall ihnen“.

Dagegen schnitten junge Gelehrte schlecht ab; „Kurzsichtig, blaß, mit eingefallner Brust, jung ohne Jugend, das ist das Bild der Meisten, wie sie sich mir darstellen. Und wie ich mit ihnen mich in ein Gespräch einlasse, habe ich sogleich zu bemerken, daß ihnen dasjenige woran unsereiner Freude hat, nichtig und .trivial erscheint, daß sie ganz in der Idee stecken und nur die höchsten Probleme der Speculation sie zu interessiren geeignet sind. - Von gesunden Sinnen und Freude am Sinnlichen ist bei ihnen keine Spur, alles Jugendgefühl und alle Jugendlust ist bei ihnen ausgetrieben 'und zwar unwiederbringlich; denn wenn einer in seinem zwanzigsten Jahr nicht. jung ist, wie soll er es in seinem vierzigsten seyn“.  „Goethe seufzte und schwieg“, wie Eckermann hinzusetzt.

 

Das Abenteuer der Judengasse lockte Goethe an

Das Abenteuer begann für den jungen Goethe fast vor der Haustür, die exotische Fremde war kaum mehr als einen Steinwurf entfernt. Voller Faszination und auch Scheu näherte sich das Kind Johann Wolfgang dem mysteriösen Bezirk der Judengasse.

Dichtes Gewimmel in der Straße. Armut, Schmutz und drängende Enge. Aber auch hektische Basaratmosphäre, Marktschreier und pralles Leben. Das bunte Treiben in der Judengasse machte starken Eindruck auf das Bürgersöhnchen Wolfgang. Wenn er zwischen Griechisch- und Klavierlektionen durch das verwinkelte Frankfurt streunte, machte er bei dem Getto, in das die Juden seit 1462 gepfercht waren, gerne einen langen Hals. Um etwas von dem schaurig-schönen Brodeln dort mitzubekommen, „welche in frühen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einen Zwinger mochte eingeklemmt worden sein“.

Was sich dort auf nicht einmal 300 Metern abspielte, mußte dem behüteten Buben wie eine Sündenmeile erscheinen verboten und verlockend, erschreckend und erregend. Denn von zu Hause hatte der junge Goethe Vorurteile und Ängste mitbekommen. Aus christlichen Mythen genährte antijüdische Ressentiments bestimmten auch beim gehobenen Bürgertum das Bild vom Juden. Entsprechend schwankt der kleine Wolfgang zwischen Furcht und Verlockung, Ablehnung und Neugier, Scheu und Versuchung, wenn er in Dichtung und Wahrheit zurückblickt.

Die Enge der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbiedernder Menschen entgangen war.

Tatsächlich herrschte ein munterer Handel in der Gasse. Zu fast jedem der rund 200 Wohnhäuser gehörten Geschäfte und Warenlager im Erdgeschoß, in denen es praktisch alles zu kaufen gab, was nicht unter das Monopol der Zünfte fiel. Trödel, Secondhand-Kleidung und Kolonialwaren lockten die Frankfurter zur Schnäppchenjagd hierher. Aber auch bitteres Elend bestimmte dort das Bild. Erst wenige Jahre zuvor hatten Brände gewütet und die Zahl der Einwohner grausam dezimiert.

Gleichwohl hausten die Frankfurter Juden immer noch dicht an dicht in der schmalen Gasse zwischen der heutigen Konstablerwache und dem Fischerfeld, da Raum zur Erweiterung fehlte. In den verwinkelten Häusern lebten rund 3.000 Menschen in den nur handtuchbreiten Wohnhäusern. Entsprechend waren die hygienischen Zustände. Ein russischer Reisender beschrieb die Gasse als „so unreinlich, daß man sie kaum passieren kann, ohne sich die Nase zuzuhalten“. Viele Menschen hüllten sich in Lumpen, und sie mußten sich wie in einem Kerker fühlen. Nachts, sonntags und an den christlichen Feiertagen verriegelten die städtischen Wachen die Tore zur Judengasse, und die Menschen „sitzen wie Gefangene in ihrem Käfig“, schilderte Nikolai Michailowitsch Karamsin seine Eindrücke.

 

Als „gar sehr befremdliche und unverständliche Erscheinungen“ empfand auch Goethe die „Gestalten der engen und finstern Judenstadt“. Dabei befand sich Goethe mit seinen :Ängsten ganz im Einklang mit dem Zeitgeist. Julius Bab, der in den zwanziger Jahren das Verhältnis von Goethe zu den Juden untersuchte, erkennt in den Ansichten des Jünglings schlicht die „Konvention des Jahres 1750. Aus allem, was er hört und sieht, dringt auf den werdenden Goethe gut mittelalterliche Tradition in Fülle ein und bemächtigt sich seiner Vorstellung vom Juden“.

Dabei schwebten die alten Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds Chronik gräßlich abgebildet gesehen, düster vor dem jungen Gemüt. Und ob man gleich in der neuem Zeit besser von ihnen dachte, so „zeugte doch das große Spott- und Schandgemälde, welches unter dem Brückenturm (..) zu ihrem Unglimpf noch ziemlich zu sehen war, außerordentlich gegen sie; denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus öffentlicher Anstalt verfertigt worden“. Tatsächlich war auf dem Gemälde aus dem 15. Jahrhundert an der Alten Brücke die Marterung eines holden Christenknaben durch finstere Juden zu sehen.

Der starke Eindruck, den dieses Machwerk hinterließ, verschränkte sich mit Alltagsgebaren. Trotz reger geschäftlicher Kontakte hielten die Frankfurter Bürger die Juden auf Distanz. Ihre Sphären blieben in der Gesellschaft strikt getrennt, sagt Fritz Backhaus, der Leiter des Museums Judengasse. In der sonst so liberalen Bürgerstadt Frankfurt herrschten noch mittelalterliche Vorurteile und mehr düstere Abwehr gegen die Juden als andernorts. Das Bürgertum achtete auch darauf, seine Privilegien zu sichern. Goethe selbst sah seine „Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte“, vor allem auch als einen „Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen“.

Dabei tat sich Jung-Goethe trotz aller „Scheu vor dem Rätselhaften“ immerhin durch Neugier und gewisse Offenheit hervor. Er zeigte sich bemüht, sich selbst ein Urteil zu bilden und bei Bedarf auch tatkräftige Hilfe zu leisten. Ohne Rücksicht auf „meine reinlichen Kleider“ packte er mit an, als „in der sehr eng ineinander gebauten Judengasse ein heftiger Brand entstanden war“. Mitten in hektischer Aktion und Panik der Umherlaufenden bewahrte der Jüngling kühlen Kopf, organisierte eine Trägerkette, um die Wassereimer schnell an den Brandherd zu schaffen. Dabei mußte er mitansehen und anhören, wie christliche Burschen die Elenden noch mit Spott traktierten. Was er durch „rednerische Strafworte“ zu unterbinden suchte. Ein Einsatz, der ihn zur „Stadtgeschichte des Tages“ machte, wie Goethe in altersmilder Ironie in Dichtung und Wahrheit bemerkt.

Ungeachtet solcher Heldentaten hatte Goethe bereits frühzeitig ein fast forschendes Interesse an den Juden gezeigt. Bei seinem. Vater drängte er darauf, neben Hebräisch auch das Frankfurter Judendeutsch zu erlernen und ließ sich entsprechende Unterrichtsstunden bezahlen. Er bemühte sich möglichst viel von den Juden kennenzulernen, nicht nur weil sie „das auserwählte Volks Gottes“ seien.

„Außerdem waren sie auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Überdies waren die Mädchen hübsch und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, ihnen am Sabbat auf dem Fischerfeld begegnend, sich freundlich und aufmerksam bewies. Äußerst neugierig

war ich daher, ihre Zeremonien kennen zu lernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Lauberhüttenfest mir ein Bild gemacht hatte. Überall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederhehr eingeladen.“

 

Werther vor dem Gesetz

Goethe entzog sich der kafkaesken Szenerie des Reichskammergerichts

Am 10. Mai 1772 kam Goethe nach Wetzlar an die Lahn. Die Stadt hatte damals zwischen 4.000 und 5.000 Einwohner und war im übereinstimmenden Urteil von Zeitgenossen eng, schmutzig, unwegsam und voller schlecht gebauter Häuser, lag aber immerhin in einer landschaftlich reizvollen Umgebung.

Goethe war Lizentiat der Rechte, seit dem 31. August 1771 Advokat in Frankfurt und sollte in Wetzlar vor allem auf Wunsch des Vaters als Rechtspraktikant den Reichsprozeß studieren. Denn Wetzlar beherbergte seit 1693 das Kaiserliche und des Heiligen Römischen Reiches Kammergericht. Es vergingen allerdings gut zwei Wochen, bis Goethe sich unter der Nummer 956 in die Matrikel der Rechtspraktikanten eintrug, und dieser Eintrag ist die einzige definitive Spur seiner Anwesenheit in einem der Räume des Reichskammergerichts.

Rückblickend entschuldigt er sich in Dichtung und Wahrheit für sein Fernbleiben aus dieser ehrwürdigen Institution. „Für einen frohen, vorwärtsschreitenden Jüngling war hier kein Heil zu finden. Die Förmlichkeiten dieses Prozesses an sich gingen alle auf ein Verschleifen; wollte man einigermaßen wirken und etwas bedeuten, so mußte man nur immer demjenigen dienen, der Unrecht hatte, stets dem Beklagten, und in der Fechtkunst der verdrehenden und ausweichenden Streiche recht gewandt sein.“.

Mit dieser vernichtenden Einschätzung stand Goethe nicht allein, und es scheint, als sei die Chance, in einem auch nur andeutungsweise emphatischen Sinne recht zu bekommen, beim Reichskammergericht gering gewesen. Dies ist umso beeindruckender, als das Gericht über Jahrhunderte die einzige von einzelnen Landesherren unabhängige Institution der zivilen Rechtspflege im Reiche war. Hoffnungslos überlastet schon mit Streitigkeiten der Reichsglieder untereinander, konnte es den anderen Teil seines Zuständigkeitsbereiches, den Schutz der Untertanen vor Übergriffen der Landesherren, überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Zwar wurden die in der Regel dem Adel angehörigen Richter und Assessoren nicht schlecht und auch meist pünktlich bezahlt, aber der beschlossene Personalbestand wurde nur für wenige Jahre gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreicht. Die Verfahrensordnung war umständlich, der Transport der Akten langwierig, und so wuchs im Lauf der Jahrhunderte ein unvorstellbarer Berg unerledigter Prozesse. Es kam vor, daß Prozeßakten bis zur ersten Einsichtnahme hundert Jahre lang unberührt lagerten.

Rekordverdächtig ist ein Rechtsstreit zwischen Nürnberg und Brandenburg, der 1526 seinen Anfang nahm und noch nicht erledigt war, als das Reichskammergericht im Jahre 1806 aufgelöst wurde. Für das Jahr 1772 wurde eine Halde von 16.223 unerledigten Prozessen ermittelt. Als ab 1782 alle 25 Assessorenstellen vorübergehend besetzt waren, konnten pro Jahr 75 bis 100 Richtsprüche gefällt werden, während zwischen 300 und 400 neue Prozesse pro Jahr hinzukamen.

Auch mit der Kontrolle des Gerichts haperte es. Im 18. Jahrhundert gab es zwischen 1707 und 1713 eine sogenannte Visitation, dann konnte das Reichskammergericht 54 Jahre unbehelligt Recht sprechen und beugen. So war um 1770 das Reichskammergericht Gegenstand eines langwierigen und äußerst komplexen Justizskandals. Ab 1767 hatte sich in Wetzlar nämlich in dem zeittypischen gravitätischen Tempo und unter Berücksichtigung der großen Konfliktlinien und intriganten Taktiereien unter den Reichsgliedern eine Visitationsbehörde etabliert, die neun Jahre lang den Korruptionsvorwürfen gegen das Reichskammergericht nachgehen sowie einige der übelsten Mißstände beheben sollte.

Fast schien es, als sollte der spätere preußische Staatskanzler von Hardenberg recht behalten, der 1772 ebenfalls in Wetzlar weilte und in sein Reisetagebuch notierte, daß das Kammergericht nicht zu restaurieren sei, da in den Versuch der Reformation der Mißbrauch, der sie nötig mache, ebenso wirksam wieder eindringe.

Am Ende wurden immerhin einige der korruptesten Gerichtsmitglieder bestraft. Einer davon, der Assessor Freiherr von Pape, genannt Papius, taucht bei Goethe in einer etwas späteren Bearbeitung des Götz als korrupter Richter Sapupi auf. Papius war in Wetzlar bekannt als prachtliebender und bauwütiger Immobilienbesitzer und Eigentümer eines Landschlößchens. Seine beiden Stadtpalais sind heute Museum, eines davon beherbergt seit 1987 das Reichskammergerichtsmuseum.

Zwei Jahre nach seiner Wetzlarer Zeit vertrat der Frankfurter Advokat Johann Wolfgang Goethe die Ehefrau des Frankfurter Juden Nathan Aron Wetzlar. Wetzlar war nämlich am Reichskammergericht ein einflußreicher Mann, dem die Visitation mehrfach aktive Bestechung nachweisen konnte, unter anderem hatte er an Papius in neun Fällen mindestens 40 000 fl gezahlt. • Er wurde zu sechs Jahren Haft und einer ruinösen Vermögensstrafe verurteilt. Goethe trug mit etlichen Eingaben dazu bei, daß wenigstens ein Teil des Vermögens für Rachel Wetzlar und die Familie vorm Zugriff der Staatskasse gerettet werden konnte. Sonst waren Goethes Kontakte zum Reichskammergericht - einer . Behörde, die man im literaturhistorischen Vorgriff nur als kafkaesk bezeichnen kann - von nachvollziehbar geringer Intensität. Niemand kontrollierte die Praktikanten, ihre Lernbemühungen und -erfolge.

Andererseits war die Stadt vollständig abhängig vom Reichskammergericht in ökonomischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Der Personalbestand des Reichskammergerichts, angefangen von den Richtern über die Assessoren, über Subalternbeamte, Advokaten, Boten, Diener und die in Wetzlar lebenden Familien, belief sich auf etwa 900 Menschen. Mit der Visitationsbehörde kamen im Laufe einiger Jahre weitere 300 hinzu. So bildete das Gericht mit seinem Umfeld eine Stadt in der Stadt. Genauer: ein edles, gebildetes und dünkelhaftes Nest in einer häßliche, provinziellen und verachteten Stadt.

Goethes privates Umfeld war selbst Teil des Reichskammergerichts. Johann Christian Kestner, dessen Tagebuch die Nachwelt vieles über Goethes Wetzlarer Zeit verdankt, und der am 4. April 1773 die auch von Goethe sehr verehrte Charlotte Buff heiratete, war als Bremischer Gesandtschaftssekretär Mitglied der Visitationsbehörde. Karl Wilhelm Jerusalem, der sich mit dem von Kestner geliehenen Terzerol eine Kugel in den Kopf schoß und damit zum Vorbild von Goethes Werther wurde, war Legationssekretär der Braunschweiger Gesandtschaft. Und Goethes Wetzlarer „Peer Group“, die sich unter dem launigen Namen „Orden des Übergangs“" im „Kronprinzen“ am Domplatz traf, bestand fast ausschließlich aus Juristen.

Hätte es nicht am 9. Juni 1772 diesen kleinen Ball in Volpertshausen gegeben, bei dem Goethe Charlotte Buff beziehungsweise der junge Werther seiner Lotte begegnete, dann hätte Wetzlar seinen Platz in der Geschichte als die Stadt des trostlosen Reichskammergerichts und nicht als der Ursprungsort der Werther-Stimmung, als Chiffre eines der ersten Beispiele von Weltliteratur.

 

Wie das Frankfurter Gretchen zur Kindsmörderin wurde: 1772

Es gibt weder ein zeitgenössisches Porträt noch ein postum gefertigtes Konterfei von Susanna Margaretha Brandt. Dabei war die Kindsmörderin zu Lebzeiten und auch noch in ihrer Todesstunde - die Hinrichtung erfolgte 1772 auf dem Paradeplatz vor der Hauptwache - eine in Frankfurt berühmt-berüchtigte Person. Sie brachte es auch zu weltweitem literarischen Nachruhm. Kein Geringerer nämlich als Johann Wolfgang Goethe nahm sich die Delinquentin als Vorbild für die Figur des Gretchen in der Faust-Tragödie.

Goethe ist 22 Jahre alt, als ein Fall von Kindstötung das damals 35.000 Seelen zählende Frankfurt erschüttert. Der Stoff zu dem Prozeß, den er als gerade frischgebackener Anwalt mit besonderem Interesse verfolgt, wird später als „Gretchen-Tragödie“ im „Faust" in die Weltliteratur eingehen.

Dichtung und Wahrheit: Das Frankfurter Gretchen kommt nicht nur in Goethes literarischer Fiktion vor, sondern als leibhaftige Kriminelle und Angeklagte auch auf 334 dichtbeschriebenen, großformatigen Folio-Blättern einer Prozessakte. Die wird im Stadtarchiv gehütet. Man hat es transkribiert und ein Buch daraus gemacht. Die Verhör-Protokolle mit Fragen und Antworten, Zeugenaussagen, Gutachten von Ärzten und Juristen, die Verteidigungsschrift und der detaillierte Exekutions-Report - das alles hat die damit beauftragte Rebekka Habermas erstmals komplett in eine lesbare Form gebracht. Den Umschlag zum Buch sollte nun eine historische Gretchen-Abbildung zieren - aber selbst vom Aussehen des echten Gretchen ist nur Schriftliches überliefert.

Susanna Margaretha Brandt arbeitet, armer Leute Kind, das nie eine Schule besucht hat und weder lesen noch schreiben kann. Kurz vor Weihnachten 1770 läßt sie sich mit einem namentlich unbekannt gebliebenen Gast aus Holland ein, der sie mit etlichen Gläsern Wein betrunken macht und verführt. Susanna Margaretha wird schwanger - was sie aber nicht wahrhaben will: weder vor sich selber noch vor ihren Schwestern, die sie danach fragen.

„Von Statur lang und schmal“ sei sie, so hieß es beispielsweise im Steckbrief, den die Obrigkeit zur Fahndung herausgab und. Herolde riefen ihn am 3. August 1771 unter Trommelwirbeln an Frankfurts Straßen und Plätzen aus. Die „Brandtin“, eine 24jährige Magd im Gasthaus „Zum Einhorn“ (nahe des jetzigen Börneplatzes), war dringend verdächtig, am Vortag in der Waschküche des Lokals heimlich ein „Knäblein“ geboren, danach getötet und die Leiche im Pferdestall „unter dem Mist“ versteckt zu haben. Für die Täterschaft sprach, dass sich die junge Frau nach Höchst abgesetzt hatte und „mit dem Marckt-Schiff nach Mayntz abgefahren“ war.

Dass sich die unverheiratete Margarethe, eine der vier Töchter eines armen Frankfurter Stadtsoldaten, wohl doch ganz offensichtlich in anderen Umständen befand - darüber hatten sich Verwandte und Bekannte schon seit Wochen die Mäuler zerrissen. Margarethe widersprach jedes Mal, und auch die Ärzte, die man konsultierte, konnten keine Schwangerschaft feststellen.

Wunschdenken und Fehldiagnose: Neun Monate zuvor, kurz vor Weihnachten 1770, hatte im „Einhorn“ ein „holländischen Kaufmanns Diener logiret“. Der hätte ihr, so gestand die nach Frankfurt zurückgekehrte und dort am Bockenheimer Tor geschnappte Margarethe, etliche Gläser Wein zu trinken gegeben, wodurch sie dergestalten in die Hitze gekommen, daß sie seinen Einfällen nicht wider stehen können, so daß er sie auf das Bett gezerret, und daselbsten die Unzucht mit ihr getrieben. Und das dreimal. Der Mann blieb noch sechs Tage und reiste dann gen Rußland ab.

Die Brandtin, die weder lesen noch schreiben konnte, wusste noch nicht einmal den Namen des Vergewaltigers. Klar war ihr nur: Ihre Ehre und die ihrer drei Schwestern, die aus dem niederen Stand in bessere Kreise hineingeheiratet hatten, stand auf dem Spiel, wenn sie einen Bankert zur Welt brachte. Andererseits sei das „zwar eine schwierige, aber keine ungewöhnliche Position“ gewesen. Mit der Hilfe der Familie hätten sie und ihr unehelicher Bub im damaligen Frankfurt durchaus ein Auskommen finden können.

Zugedeckt mit Streu und Heu, wird ein Neugeborenes am 3. August 1771 tot unter der Krippe im Pferdestall des Gasthauses aufgefunden. Zahlreiche Verletzungen am Kopf, Würgemale am Hals. Im Sektionsbericht kommen die Ärzte zum ,Ergebnis, „daß dieses Kind völlig Atem geschöpft, mithin vollkommen gelebt hat und in diesem Zustand durch Zerschmetterung der Schädeldecke notwendigerweise sein Leben sogleich verlieren mußte“. Von der Kindesmutter fehlt jede Spur.

Vorübergehend in Mainz untergetaucht, kehrt Susanna Margaretha, physisch und psychisch völlig erschöpft, am 4. August 1771 zurück nach Frankfurt und wird am Bockenheimer Tor verhaftet. Erstes Verhör in der Hauptwache. Was da bei herauskommt, kann allenfalls als Teilgeständnis gewertet werden - worauf die mit den Ermittlungen beauftragten Schöffen nicht lange fackeln. Tags darauf lassen sie die sezierte Kindesleiche wieder ausgraben, präsentieren sie der Mutter als Beweis:

Susanna Margaretha gesteht : Daß sie das Neugeborene in der Waschküche des Gasthauses mit den Händen erstickt und mit dem Kopf ans Faß geschlagen habe; daß sie als Mutter eines unehelichen Kindes „der Schande und dem Vorwurf der Leute habe entgehen wollen"“ daß sie sich in der Schwangerschaft niemand anvertraute, „weil der Satan sie verblendet und ihr gleichsam den Mund zugehalten habe“, daß sie „ihre Tat zutiefst bereue und Gott Tag und Nacht um Vergebung bitte“.

Bezeichnenderweise gibt Gretchen denn auch in den Verhören niemals die dräuende Schmach und Schande als Motiv dafür an, dass sie ihr Baby gewürgt, mit Scherenstichen traktiert und schließlich dessen Schädel an einem Fass zertrümmert habe. Das alles lastet sie dem Teufel an. Der Satan habe sie verblendet, und ihr gleichsam das Maul zugehalten (..) der Satan ihr in den Sinn gegeben habe, daß sie in dem großen Hauß leicht heimlich gebähren, das Kind umbringen und verbergen könne.

Weitere Verhöre folgen, Spuren werden untersucht, Zeugen vernommen, ein Pflichtverteidiger bestellt. Es ist der „hochgelahrte juris Doctorem et advocatum ordinarium“ Schaaf, ein

engagierter Verteidiger, der alles daran setzt, die „Inquisitin“ vor der nach Artikel 131 C.C.C. (Constitutio Criminalis Carolina) drohenden Todesstrafe durch Ertränken zu bewahren. Die Kriminalgerichtsbarkeit liegt zu dieser Zeit beim Rat der Stadt, die - kriminalpolitisch ein eher zweifelhafter Fortschritt - verfügt hat, daß auf ihrem 'Gebiet Todesstrafe bei mildernden Umständen mit dem Schwert vollzogen wird.

„Defensor“ Schaaf meldet erhebliche Zweifel an: Ob das Kind nachweislich lebend geboren wurde; ob Susanna Margaretha - „mehr unglücklich als lasterhaft“ - nicht aus Furcht vor Folter ein falsches Geständnis abgelegt habe. Offensichtlich hat die „Inquisitin“ mehr gesagt als sie getan hat: etwa daß sie, das Kind mit einer Schere verletzt habe - was objektiv unwahr ist. Absurd findet der Verteidiger auch, daß sie das wieder ausgegrabene Kind „als eigenes wiedererkannt“ haben soll. „Möchte sie die letzte seyn, welche, um dem Verlust ihrer Ehre zu entgehen, sich der Gefahr eines größeren Verlust ausgesezzet“, wünscht Schaaf in seinem Schriftsatz und bittet um „eine gnädige Strafe“.

Obgleich der Prozess geheim, nach Aktenlage und in weiten Teilen ohne die Anwesenheit der Angeklagten im Römer über die Bühne ging, war ein junger Frankfurter Bürger über die Teufels-Beschwörung der Brandtin ausgesprochen gut informiert: der frischgebackene Advokat Johann Wolfgang Goethe. Es zirkulieren in der Stadt die Akten. Wohl nicht nur unter den Prozeßbeteiligten, sondern in Kopie und Ausschnitt auch in interessierten Kreisen, darunter die Familie Goethe, in deren Haus Unterlagen gesichtet werden.

Goethe lagen Kopien der Akten vor. Sein guter Freund Peter Schlosser war an den Ermittlungen beteiligt, und er kannte auch die ärztlichen Gutachter: Die Herren Doctores waren zugleich Hausärzte bei Goethens. Die durchgängige Berufung auf Satans Verführungskünste durch die „Brandtin“ hat Goethe päter dazu inspiriert, das Gretchen im Faust-Drama mit Mephisto zu konfrontieren.

Öffentlich dagegen ist die Hinrichtung an der Hauptwache, wo am 14. Januar 1772 unter den Tausenden von Zuschauern auch Goethe gewesen sein dürfte. Vom Scharfrichter „durch einen Hieb glücklich und wohl vollzogen“, erfährt Susanna Margaretha Brandt die - dem Urteil zufolge - „wohlverdiente Strafe und anderen zum abscheulichen Exempel“.

Aufsehen in Frankfurt erregte das Urteil und dessen Exekution am 14. Januar 1772 doch bereits lange vor der Faust-Uraufführung. Die Stadt war voll von Menschen. Soldaten patrouillierten allüberall. Die Mannschaften waren verdoppelt worden, um bei eventuellen Tumulten gerüstet zu sein. Doch Unruhen blieben aus.

Nur bei der Beerdigung von Brandts kopfloser Leiche auf dem Gutleuthof draußen vor der Stadt drängten Menschen zum Sarg, öffneten ihn und versuchten, die Leiche zu berühren. In der Vorstellung vieler Menschen jener Zeit besaß das Blut der Hingerichteten magische Heilkräfte.

Amtierende Juristen unserer Tage wie Roland Kern vom Hessischen Staatsgerichtshof, Leitender Oberstaatsanwalt Hubert Harth und Rechtsanwalt Rüdiger Volhard haben sich letztes Jahr die Akten vorgenommen und den Gretchen-Fall nach modernem Recht durchleuchtet. Ihr Urteil: Kindstötung in einem minder schweren Fall - zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung.

 

Tischbeins „Goethe in der Campagna“ malt dem Dichter seine Zukunft voraus: 1786

Was auf den ersten Blick nur das Ausruhen eines müden Wanderers: zu sein scheint, ist insgeheim das pathetische Auferstehungsbild der nordischen Poesie. Die Moderne entscheidet den uralten Wettkampf mit der Antike um den höheren Rang in Kunst und Dichtung mit der Erscheinung Goethes in Italien für sich. Ein Ostern der Poesie stellt daher Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtes Goethebildnis dar: der Dichter, auf einem zerbrochenen Obelisken sitzend, scheint die antiken Gräber aufgebrochen zu haben. Er wohnt als moderner Geist in den Ruinen der Vergangenheit, die ihm Zitat und Anregung zu seinem Werk ist. Der Bezug zur Vergangenheit verleiht dem Dichter, den die Aura des Hutes umschattet, heldische Größe und rückt ihn an die Seite der Götter.

Goethe, der Olympier, der die Antike im Norden wiederbelebt, der die nordische, die deutsche Poesie auf die Höhe der alten bringt, ist durch den Maler zuerst entworfen worden. Tischheinis Gemälde aber nimmt, den Geburtstagsbrief Schillers vorweg, der wenig später das

Freundschaftsverhältnis der beiden Weimarer Dichter begründet. Schiller beschreibt Goethes Dichtung als Heldentat; Goethe habe in einer heroischen geistigen Anstrengung dem finsteren Gemüt des Nordens die südliche Heiterkeit  abgerungen: „Wären Sie als Grieche (...) geboren worden und hätte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden…) .Nun da Sie ein Deutscher geboren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen Künstler zu werden oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Weg ein Griechenland zu gebären“.

 

Goethe und seine Deutschen: „Ich bin Weltenbewohner, bin Weimaraner“: 1790

Am 28. Februar 1790 schreibt Goethe an den Komponisten Johann Friedrich Reichardt: „Die Deutschen sind im Durchschnitt rechtliche, biedere Menschen aber von Originalität, Erfindung, Charackter, Einheit, und Ausführung eines Kunstwercks haben sie nicht den mindesten Begriff. Das heißt mit einem Worte sie haben keinen Geschmack“. Goethes Verärgerung hatte mit praktischen Dingen zu tun, mit Publikum, Theater und Buchdruck, aber dahinter stand eine tiefere Enttäuschung. Daß ,,seine Sachen […..] nicht popular“ sein konnten, weil sie „nicht für die Masse geschrieben“ waren, „sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen, und die ähnliche Richtungen begriffen haben“, hat Goethe drei Jahrzehnte später Eckermann gegenüber bekannt. Groll und verletzte Eitelkeit haben seine Ansichten beeinflußt, und kein unabhängiger Richter spricht aus seinen Beobachtungen über die Deutschen, sondern ein höchst befangener, aber ein kluger, weitsichtiger, scharfer trotzdem.

Begonnen hatte der Prozeß innerer Entfernung von den Deutschen in Italien, das ihm das Bild von einer grundsätzlich anderen, großzügigeren, offeneren Lebenseinstellung vorführte. ..Aus Rom schrieb Herder Ende 1788 an Goethe: „Ich fürchte, ich fürchte, Du taugst nicht mehr für Deutschland“, nannte ihn einen „Artifex“ und erklärte dann von sich selbst: „Ich aber bin nach Rom gereist, um ein echter Deutscher zu werden“. Die Alternative, entweder Deutscher oder aber Weltbürger und Künstler zu sein, wird hier Goethe geradezu unterstellt; es ist eine Vorstellung, die er sich selbst gern aneignete und die dann auch in dem Bild, das sich die Welt von ihm machte, eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Das Maß für das Urteil über seine Deutschen nahm Goethe freilich fortan nur von ihnen selbst. Denn auf große Reisen durch Europa ist er nicht mehr gegangen. Goethe war nicht in London, Paris, Kopenhagen, Amsterdam, Brüssel, Budapest, Warschau oder St. Petersburg, Athen oder Madrid. Aber er war auch weder in Hamburg noch in Wien oder Prag. Nur mehr auf imaginäre Reisen begab er sich, zum Beispiel in den Orient des West-östlichen Diwans oder in das Amerika der Pionierzeit, wohin er die Auswanderer des Bundes um Wilhelm Meister schickte. Dergleichen bildete allerdings eine charakteristische Art deutscher Fremd-erfahrung, denn man besaß eben keine Kolonien, in denen man die Wirklichkeit der Exotik in Augenschein nehmen konnte.

In Wilhelm Meisters Lehrjahren läßt Goethe Aurelie über sich selbst meditieren: „Ich muß es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin: es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß alles über ihnen schwer wird.“. Die Frage nach einem spezifischen „Nationalcharakter“ der Deutschen nahm an Beliebtheit zu, je stärker die Diskrepanz zwischen politischer Realität und kulturellen Leistungen wurde.

Im April 1795 hatte der Berliner Geistliche Daniel Jenisch einen polemischen Aufsatz veröffentlicht, in dem er die „entschiedenste Dürftigkeit oder vielmehr Armseligkeit der Deutschen an vortreflichen classischprosaischen Werken“ beklagte. Das rief Goethe auf den Plan, denn Anfang des Jahres war der erste Band der Lehrjahre erschienen, so daß er sich von der Klage Jenischs unmittelbar getroffene fühlen konnte. In einem Aufsatz über Literarischen Sansculottismus, über Jenischs Guillotinieren der jungen deutschen Literatur - Robespierre war gerade gestürzt  und die Enthauptungsmaschine auf der Place de la Concorde hatte eben erst ihre Tätigkeit eingestellt - protestierte er entschieden gegen eine solche Pauschalattacke.

Die Deutschen hätten es schwerer. als die anderen großen europäischen Nationen, hieß es da: „Nirgends in Deutschland ist ein Mittelpunkt gesellschaftlicher Lebensbildung, wo sich Schriftsteller zusammenfänden und nach einer Art, in einem Sinne, jeder in seinem Fache sich ausbilden können.“. Verständlich der Zusatz, daß es der deutschen Nation jedoch „nicht zum Vorwurf gereichen“ dürfe, „daß ihre geographische Lage sie eng zusammenhält, indem ihre politische sie zerstükkelt“.

Aus der gemeinsamen Sprache jedoch wuchs eine neue Gemeinsamkeit hervor: eine junge deutsche Literatur. Goethes Antwort auf Jenisch lautete deshalb: „Der Tag ist angebrochen, und wir werden die Läden nicht wieder zumachen“. Es waren Worte, die beträchtlichen Stolz auf Geleistetes ausdrückten, Stolz darauf, daß sich die Deutschen als Deutsche auf den Weg zu einer ganz eigenen, aber „allgemeinen Nationalkultur“ begeben hatten, wie es an gleicher Stelle heißt. Das Problem voller Widersprüche lag nur eben in der Bestimmung und dem Verständnis dieses ganz Eigenen.

Dem Wilhelm Meister folgte bald, als Gemeinschaftsproduktion mit Schiller, der große Gerichtstag der Xenien. Dort steht das „Deutscher Nationalcharakter“ überschriebene, von Goethe herrührende und immer wieder zitierte Epigramm: „Zur Nation Euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus!“ Definitionen von sogenannten Nationaleigenschaften und Nationalcharakteren bleiben fragwürdig, wenn sie absolut gesetzt werden; ihr Wert liegt bestenfalls in der Provokation. Aber Goethes Ableitung deutscher Eigenheiten aus Geschichte und politischer Geographie ist da eine kaum gewürdigte Pionierleistung, denn geschichtliches Denken, das Bewußtsein von der Zeitlichkeit des Daseins war etwas ausgesprochen Neues in diesen Jahren.

Goethe war bei alledem deutscher Partikularist. Zu den „Quintessenzen“ der Auswanderer in Wilhelm Meisters Wanderjahren gehört der Satz „Wir fürchten uns vor einer Hauptstadt“. Souffleur war hier trotz des Spiels mit Fiktionen in diesem verwickelten Roman zweifellos der Autor, denn dafür gibt es die Bestätigung durch den getreuen Gesprächspartner Eckermann, dem er erklärte: „Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese große Residenz, wie zum Wohl der Entwickelung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volkes gereiche, so ist man im Irrthum“. Und unter den Zahmen Xenien findet sich schließlich Goethes gern und oft zitierte Behauptung „Ich bin Weltbewohner, / Bin Weimaraner“ - die anzudeuten scheint, daß man sich über das Deutsche, da es in einem erwünschten Zustand nicht existierte, hinwegsetzen könne.

Aber Epigramm wie Xenion lassen vieles offen. Zwischen Weimar und der Welt lag eben dieses Deutschland der Sprache und der Kultur, nicht nur als Lesergemeinde, sondern auch als lebendige Tradition, und Goethes Verhältnis zu ihm blieb so ambivalent, wie die Aussage, die er in der klassischen Form des Distichons darüber machte, undeutlich war.

Skepsis war von nun an in den Gedanken Goethes über seine Landsleute ein dominanter Ton. Aber Goethe gehörte zu ihnen, und sie waren sein widerspenstiges oder bereitwilliges Publikum, das ihm aus Selbstbewußtsein wie persönlichem Ehrgeiz angelegen sein mußte. Seine Reflexionen über die Deutschen kondensierten sich vorwiegend in den vielen Sprüchen der Zahmen Xenien und den Aphorismensammlungen der Wanderjahre, die allesamt, da sie „den Deutschen“ gedruckt vorgelegt wurden, zugleich unmißverständlich ein Stück Nationalerziehung sein sollten. Dabei erwies sich Goethe allerdings als ein recht strenger und zunehmend ungeduldiger Lehrer.

In den Wanderjahren heißt es: „Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen“. Aus der Enttäuschung des Künstlers entspringt unter der Hand ein Kommentar über das, was ihm als eine festgefahrene Eigenschaft des deutschen „Nationalcharakters“ erscheint: der Mangel an ruhiger, besonnener Urteilsfähigkeit, der eine Aggressivität des Urteilens im Gefolge hat, die allzu leicht mit der Meinungsfreiheit verwechselt wird. „Der Deutsche hat die Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt“, heißt es am gleichen Ort. Ähnlich der Gedanke, den Goethe zugleich in einem Reimspruch ausdrückte: „Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen“.

 

Briefverkehr mit seiner Frau Christiane: 1792

Vom Frankreichfeldzug 1792 ist erstmals Goethes Post an Christiane überliefert. Zwölf Briefe. Sie schreibt ihm ebenfalls. „Deine Briefe“, so Goethe, „hab ich nun alle, mein liebes Herz . . . Ich war recht vergnügt so viel von dir zu lesen“. Sie sind nicht erhalten.

„Mein Liebstes, meine liebe Kleine, mein Kind“, nennt er Christiane. Gesteht seine Sehnsucht. „Ich vermisse dich sehr. Mein einziger Wunsch ist Dich und den Kleinen wiederzusehen, man weiß gar nicht was man hat wenn man zusammen ist.“.

„Wärst du nur jetzt bei mir“, wünscht er sich am 10. September aus dem Lager bei Verdun: „Es sind überall große breite Betten, und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! mein Liebchen! es ist nichts besser als beisammen zu sein“.

Goethe wirbt um Christiane. Er ist im vierten Jahr ihrer Liebe keineswegs ein selbstgewisser Überlegener, er bekennt Ängste und Unsicherheiten: „Behalte ' mich nur so lieb wie ich dich“.

Dieser Gedanke kehrt immer wieder: „sey ein treus Kind . . . Du mußt mich aber nur lieb behalten und nicht mit den Äugelchen zu verschwenderisch umgehen . . . Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor: daß Dir ein anderer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt Du aber nicht sehen, sondern Du mußt mich für den besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir ausser Dir nichts gefällt“.

Seine Eifersucht kränkt sie offenbar, denn er entgegnet: „Wenn ich Dir etwas schrieb das Dich betrüben konnte, so mußt Du mir verzeihen. Deine Liebe ist mir so kostbar, daß ich sehr unglücklich seyn würde, sie zu verlieren. Du mußt mir wohl ein bißchen Eifersucht und Sorge vergeben . . . Solang ich Dein Herz nicht hatte, was half mir das Übrige, jetzt da ichs habe, möcht ichs gern behalten. Dafür bin ich auch Dein“.

Eine Liebeserklärung! Welch ungewohnte schutzlose Offenheit. Allein diese wenigen Sätze lassen ahnen, was zwischen beiden in den vier Jahren an Nähe und Vertrautheit entstanden ist.

Das Verhältnis des sechzehn Jahre älteren Mannes zu seiner Geliebten, „liebes Kind, liebe Kleine“. Wiederholt er die Vaterrolle, die einst sein eigener Vater seiner viel jüngeren Frau gegenüber einnahm, gefällt er sich darin? „Wo das Trier in der Welt liegt, kannst Du weder wissen noch Dir vorstellen . . .“. Er ist der Mann, der in die Welt hinauszieht, sie die Frau, die zu Hause bleibt. In ihrer häuslichen Umgebung stellt er sie sich vor: „iß Deine Kohlrabi ,in Frieden“. Wenn er an sie denkt, so auch an alles, was um Dich ist, an unsre gepflanzten Kohlrüben und so weiter“.

Assoziiert dieses „und so weiter“ nicht eine leichte Ungeduld? Im Hinabbeugen zu seiner Liebsten verkleinert de Liebende sich bringt sich auf ihr Maß. Sein Briefton wird ein anderer. Es ist nicht mehr der spitze belehrende, der der aufreizenden Intellektualität seiner frühen Briefe an die Schwester Cornelia. Nicht mehr die faszinierende, mit Liebeswerbungen durchwobene intime Ausbreitung seiner Gedankenwelt, seine spannungsreiche Selbstdarstellung in den Briefen an seine geistige Freundin Charlotte von Stein.

Die Briefe an Christiane Vulpius werden von der Alltäglichkeit bestimmt. Die intellektuelle und künstlerische Selbstmitteilung ist weitgehend ausgeklammert. Auch das für ihn so charakteristische Aufklärerische fehlt, er beschränkt sich Christiane gegenüber auf das, was er sich von seiner „Kleinen“ wünscht: „sey mir ein rechter Hausschatz . . . bereite Dich, eine liebe kleine Köchin zu werden ... bereite mir eine hübsche Wohnung... Mache nur, daß unser Häuschen recht ordentlich. wird . . . Ich dencke immer an Dich und den Kleinen und besuche Dich im Hause und im Garten und denke mir schon, wie hübsch alles sein wird, wenn ich wiederkomme“."

„Wir sind so nah an Champagne“, klagt er, „und finden kein gut Glas Wein. Auf dem Frauenplan solls besser werden, wenn nur erst mein Liebchen Küche und Keller besorgt.“. In Frankfurt habe ihn die Mutter mit Essen verwöhnt. „Es wird mir aber noch besser schmecken, wenn mein lieber Küchenschatz die Speisen zubereiten wird“.

In seiner Lebensmitte bedarf er keiner Frau, der er wie der Schwester Cornelia alles Entstehende mitteilt, er braucht keine Erzieherin wie Charlotte, die ihm durch ihre Anteilnahme zum unverzichtbaren Teil seiner Selbstaufklärung wird. In seiner Lebensmitte ist eine Frau für ihn wichtig, die Bett und Tisch mit ihm teilt. Ihm Behagen, Behaglichkeit in weitestem Sinne schafft: im Bett, am Tisch, im Haus.

Zwei Frauen haben seine Kindheit und Jugend bestimmt und seine Vorstellung von Weiblichkeit geprägt. Mutter und Schwester, die „grundverschieden sind, den denkbar größten Gegensatz bilden. Folgt Goethe zunächst mit Charlotte dem Typ der Schwester, so wählt er als reifer Mann den Typ er Mutter.

Christiane ist seiner Mutter in vielem ähnlich. Auch ist sie keine intellektuelle Frau; mögliche Gefährdungen für das Werk schließen sich somit aus. Wie die Mutter ist sie naiv, heiter, anspruchslos. „Frohnatur“, nennt Goethe seine Mutter, „von lebendiger Heiterkeit“ spricht er, die solche Frauen „um sich her verbreiten, ohne weitere Ansprüche zu machen“.

Die Anspruchslosigkeit bezieht er vor allem auf seine Person. Sie bedeutet „kritiklose“ Zustimmung zu allen seinen Handlungen, somit Freiheit für sein Werk. Viele Jahre besucht er die Mutter nicht, schreibt ihr kaum, dennoch bleibt er unerschütterlich der Mittelpunkt ihres Lebens. Bedingungslose Liebe, die keinerlei Ansprüche stellt, einzig den, ihren „Hätschelhans“ glücklich zu wissen.

Sein Wohlergehen steht über allem. „Ich vor meine Person befinde mich wie gewöhnlich gantz zufrieden - und laße die Dinge, die ich doch nicht ändern kan ,ihren Gang gehen. Nur Weimar ist der einzige Ort in der gantzen weiten Welt, woher mir meine Ruhe gestört werden könte - geht es meinen Lieben dort gut; so mag meinetwegen das rechte und lincke Rheinufer zugehören wenn es will - das stöhrt mich weder im Schlaf noch im Eßen“.

So wünscht Goethe sich auch Christiane. In Zusammenhang mit Kriegsereignissen wird er später von ihrer „glücklichen Art zu sein“ sprechen. Und stets von ihr als guter Mutter und tätiger Gattin. „Belesen, politisch und schreibselig“ dagegen „seien Eigenschaften, die Du Dir nicht anmaßest.“ Christiane beherzigt den Leitspruch seiner Mutter, dem die Schwester nicht zu folgen vermochte: „Sey eine gute Gattin und deutsche Haußfrau, so wird Deine innere Ruhe, den Frieden Deiner Seele nichts stöhren können.“ Christiane hat nicht den „Fehler in der Erziehung“, sich zu wenig um „Küche und Keller“ zu kümmern, den Cornelias Ehemann beklagt. „Hausschatz, Küchenschatz“ soll sie nach Goethes Wunsch sein. „Bettschatz“, fügt die Mutter hinzu. Christianes Rolle ist vorgegeben, festgelegt. Goethe ist dankbar, wenn Christiane sie erfüllt.

 

Das Goethehaus: 1795

Der große Sohn aus Weimar wird erst 1797, vier Jahre. später, wieder mal nach. Frankfurt kommen. Da wird er sein Elternhaus schon ein zweites Mal verkauft antreffen. Die Witwe Anna Catharina Rössing hat sich das Anwesen 1796 für einen Kaufpreis von 28.000 Gulden überschreiben lassen. Diese Familie wird die Liegenschaft bis 1861 behalten. Eine Gelegenheit, die Adresse im Großen Hirschgraben, an der schon zu Frau Ajas Zeiten die Goethe-Touristen läuteten, 1858 zum Preis von 37.000 Gulden als Erinnerungsstätte zu kaufen, verstreicht ungenutzt.

Im Jahre 1861 begann die Geschichte des Goetheschen Hauses als „Goethe-Haus“. Otto Volger verhandelte so lange über das „zu einem abseitigen Mietshaus verkommene“ Gebäude; bis es in das Eigentum des Freien Deutschen Hochstifts kam. Das war 1863. In den Jahrzehnten danach hat man das Haus im Großen Hirschgraben mühsam wieder so eingerichtet, als wären die Goethes noch da: Nach den Versteigerungslisten der Frau Rat.!

So geht das, über die totale Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hinaus, bis heute: „Wir sind immer noch dabei, berichtet Hochstift-Sprecher Ernst, Dietrich Eckhardt, „die Bibliothek zu rekonstruieren. Ob bei Büchern, Möbeln oder Bildern- stets kann man nur das Gleiche erwarten, nicht dasselbe: die Originale sind verloren. Bis auf einen großen, runden Tisch im „Blauen Zimmer“ und bis auf das Puppenspiel, das als Leihgabe wiederkehrte.

Das Goethehaus der Gegenwart: Ein ständiges Ringen. um Annäherung an ein hochverehrtes Leben. Gerade jetzt, berichtet Ernst Dietrich Eckhardt, habe die Kunsthistorikerin des Instituts „wieder einen Kronleuchter aufgetrieben, der ähnlicher ist als das, was man vorher für ähnlich hielt“.

 

Raus aus der alten Stadt, zum Roßmarkt, wo das Leben ist! Drei Jahre reift der Entschluß, im Jahre 1795 verkauft die Frau Rat Goethe nach über 60 Jahren im Familienbesitz das Haus am Großen Hirschgraben. Samt Inventar - es sei denn, der „liebe Sohn“ in Weimar zeigte Interesse: „Alsdann schicke ich dir den gantzen ausgesuchten Plunder auf einmahl“.

„In meinem Leben habe ich noch nie so heis und inbrünstig gewünscht - Weine - Hauß - Bibliothe u.s.w. loß zu werden wie jetzt“, schreibt die 63jährige Katharina Elisabeth, geborene Textor, an ihren „Hätschelhans“, der vor Jahren das Frankfurter Zuhause verlassen hat. Französischen Sansculotten, von ihr frei heraus als „Ohnehoßen“ verunglimpft, haben Frankfurt besetzt, beschießen die Stadt, erzwingen Truppen-Einquartierung.

Der als „treue Mutter Goethe“ oder „Frau Aja wohlgemuth“ Unterzeichnenden wird „in denen Trublen“ das Haus zu groß. Doch: „Wie kann ich weg, da mir das alles noch auf dem Rücken liegt?“ Die Flucht der 20 Zimmer, die riesige Bibliothek, die wohlbestückte Gemäldesammlung des vor zwölf Jahren verstorbenen Gemahls Johann Caspar. Letztlich der tiefe Keller mit den gelagerten Weinen, über deren „Specivication und Taxation“ sie halbe Tage unter der Erde verbringt. „Der Kellersitzerrey müde und satt“, resümiert sie am Ende: „Hätten die Ohnehoßen so viel Wein getrunkken als mann ihnen Schuld gibt; so wäre jetzt nicht möglig so eine enorme menge Weine noch vorzufinden.“.

1795: Bald 200 Jahre gab es die Adresse auf dem Großen Hirschgraben, an die ein niederländischer Goldschmied um 1600 zwei Fachwerkhäuser gestellt hatte. Von 1705 datiert für das Grundstück am Platz der abgebrochenen Stadtmauer die älteste Haus-Urkunde: Der „Herr Schöff Fleckhammer von Eychstätten und dessen Frau Eheliebste von Erben“ wurden für 5500 „Gulden Franckfurter Währung zu Eigentümern.

1733 dann hatte Großmutter „Cornelia Göthin“ gekauft: für 6.000 Gulden, als Witwensitz. Zu ihr in die beiden notdürftig miteinander verbundenen Fachwerkhäuser zogen Goethes Eltern 1748 nach der Hochzeit. „So lange die Großmutter lebte,“ schrieb Sohn Johann Wolfgang, „hatte mein Vater sich gehütet, nur das Mindeste im Hause zu verändern oder zu erneuern; aber man wußte wohl, daß er sich zu einem Hauptbau vorbereitete“.

1754 starb Großmutter Cornelia. Im gleichen Jahr rückten die Handwerker zu einem Radikal-Umbau an, wie es auch heute noch in Frankfurt seine Art hat: Das Nebenhaus fiel, vom Haupthaus blieben nur mehr die Außenmauern.

Der Vater, dem ein Neubau im alten Maß nicht genehmigt worden wäre, bediente sich nach der Schilderung des Sohnes „der Ausflucht, die oberen Teile des Hauses zu unterstützen und von unten herauf einen nach dem anderen wegzunehmen, und das Neue gleichsam einzuschalten“. So daß, „wenn zuletzt gewissermaßen nichts von dem Alten übrig blieb, der ganze neue Bau noch immer für eine Reparatur gelten konnte“.

Auf 13 .00 Gulden hatte sich die Schlußrechnung addiert, als das Neue im Alten fertig und alles Winkelige und Dunkle der überkommenen Häuser „in eine herrschaftliche Einheit gebracht“ war, wie einer der vielen späteren Haus-Chronisten im Jahr 1932 urteilte. Johann Wolfgang Goethe hat das Ergebnis der Bauerei als „durchaus hell und heiter“ überliefert: Ein Rokokohaus mit bauchigen Gittern vor den Erdgeschoßfenstern war entstanden, das die Chronisten fortan als Zeichen des „unleugbaren Geschmacks“ des Bauherrn Johann Caspar nahmen.

Die große, „eigenmächtig durch vier Stockwerke gehende“ Freitreppe im umgebauten Haus war von Anfang an ein Aufregerthema. Das Treppenhaus, fand der Sohn, hätte, „nach Leipziger Art an die Seite gedrängt“ gehört. Auf daß „jedem Stockwerk eine abgeschlossene Türe zugeteilt gewesen wäre“. Doch als er dem Vater „die Möglichkeit zeigte, auch seine Treppe zu verlegen“, geriet dieser „in unglaublichen Zorn“.

Die vielen Stufen machen 25 Jahre später seiner allein zurückgebliebenen Frau Katharina Elisabeth zu schaffen: Mit jedem Interessenten, der das zum Verkauf stehende Haus sehen will, muß sie „wie natürlich vom Boden biß in den Keller hinauf und herab steigen“. Was „meinen ofte von Schmerz beschwerten Beinen eben kein Labsal war“.

Umso mehr, als viele der Wege treppauf, treppab vergeblich sind: „Ein panischer Schrecken hat sich über ganz Franckfurth verbreitet“, schreibt Mutter Goethe im Januar 1794 - die Bedrohung durch die französischen Soldaten hebt nicht gerade die Kauflust. Auch im darauffolgenden September ist es „mit unserm Hauß noch immer stille“. Was sie eher trotzig als traurig macht: „An Kopf schmeiße ich ihnen das schöne, gut unterhaltende Hauß gewiß nicht“." Auch, wenn der große Sohn in Weimar sie seit 1792 drängelt. Er möchte „eine Summe Geldes“ aus dem Haus ziehen und „in Weimar anlegen: Schon lange habe ich Lust zu einem Gütchen ...“

Bevor im August 1794 für die bewegliche Habe „die Auktion vor sich geht“, wird eine Auswahl von 400 Büchern nach Weimar expediert: „Ich habe dir 10 Centner Bücher geschickt.“. Ein Kauf-Interessent nach dem anderen probiert die Weine im Keller des Hirschgrabens - was den Sohn auf eine Finanzspritze hoffen läßt. „Die versprochene 1000 r (= Florin = Gulden) „bekommst du auf allerspästte anfang Mertz"“ versucht die Mutter seine Ungeduld zu parieren, „solte es mit den Weinen voran gehen, so bekomst dus den Augenblick“. Schon seit Juli 1794 sitzt sie auf Umzugskisten: „All mein gutes Weißzeug gemacht und ungemacht - Silber und Geschmeide ist aufs Beste gepackt.“.

Doch der Haus-Verkauf zieht sich, auch die Einquartierung eines französischen Capitain samt Gattin kommt dazwischen: „Ach Herr jemine! Wahrhaftig die Frau Aja wird recht getrillt!“ Im Oktober schließlich sieht sie ein, „daß ich eben der Zeitläufte wegen unser Hauß noch eine weile werde behalten müßen“.

Endlich dann, am 2. Mai 1795, gelingt es der alten Frau Rat, mit dem Weinhändler Johann Gerhard Blum, der „seine Hauptspekulation auf den Keller mach“ einen Kaufvertrag über  22.000 Gulden für das Goethesche Haus abzuschließen. Nur einen Tag später erfüllt sich ein alter Wunsch. Da „kommt ein Mackler und bietet mir ein logis an - auf dem Roßmarkt im Goldenen Brunnen“. Von dieser Aussicht hat sie die ganze Zeit geträumt: „da ists ohne allen streit das erste Hauß in Franckfurth - die Hauptwache gantz nahe, die Zeil, da sehe ich biß an Darmstädter Hof“.

Nach dem Verkauf ging das Haus durch mehrere private Hände. Der letzte Besitzer ließ im Dachgeschoss einen kleinen Goethe-Gedenkraum einrichten. Als es 1863 durch einen größeren Umbau verändert werden sollte, gelang es dem 1859 von Otto Volger gegründeten Freien Deutschen Hochstift, einem wissenschaftlichen Bürgerverein, das Haus zu erwerben. Es wurde sukzessive nach dem Vorbild von historischen Quellen und Goethes Lebenserinnerungen wieder eingerichtet und als eine der ersten Dichtergedenkstätten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Der Bergbau in Ilmenau eingestellt: ein Verlustgeschäft: 1796

Nach einem Stollenbruch mit nachfolgendem Wassereinbruch ist am 25.Oktober 1796  der Bergbau in der Ilmenauer Grube völlig zum Stillstand gekommen. Im Jahre 1777 war unter dem Vorsitz von Geheimrat Goethe (damals noch nicht geadelt) die Bergwerkskommission gegründet worden, die in den folgenden Jahren vor allem in unzähligen Denkschriften und mit dem Ziel, Geldgeber für eine Reaktivierung der seit 1739 stillgelegten Grube aufzutreiben, aktiv gewesen war. Die Besitz- und technischen Verhältnisse waren zeitweise so verworren, daß im Mai 1781 eine 20seitige „Geschichte des Ilmenauer Bergbaus“ verfaßt werden mußte, damit der Landesherr sich durch die Angelegenheit überhaupt noch durchfand.

Am 24. Februar 1784 wurde der Bergbau wiedereröffnet, doch bei der Suche nach und Förderung von silberhaltigem Kupferschiefer wurden keine Gewinne erzielt; der Mineralgehalt des Erzes war niedrig, nur der Bleigehalt des Geförderten gab zu schwachen ökonomischen Hoffnungen. Anlaß. In den folgenden Jahren sprangen viele der Anteilseigner - darunter auch Freifrau Charlotte von Stein und der Weimarer Fabrikant und Verleger Bertuch - ab, und obwohl das Bergwerk technisch auf dem neuesten Stand zu sein scheint (insbesondere was Belüftung und Beleuchtung angeht), ist es doch bisher nicht gelungen, genügend Erz zu einer schmelzfähigen Masse anzureichern. In letzter Zeit arbeiteten nur noch 6 Mann im Bergwerk; der Rest der Belegschaft hielt nur die Zeche instand und verhinderte ihr Verrosten. Fachleute schätzen, daß das ganzen Unternehmen in den letzten 20 Jahren einen Verlust von insgesamt etwa 76.000 Talern verursacht hat.

„Das Lehrgeld war nicht umsonst mit diesen Worten soll Kommissar von Goethe auf den neuen Wassereinbruch und die sich abzeichnende völlige Schließung des Bergwerks reagiert haben. Es ist fraglich, was er damit meint, wenn er gleichzeitig zu Protokoll gibt, man müsse nächstes Jahr eine weitere „Befahrung“ und „Bereisung“ der Grube ansetzen, um zu sehen, wie es weitergehen könnte. Das kann ja nur zur Beruhigung - um nicht zu sagen: zur Täuschung - der enttäuschten Anteilseigner gesagt worden sein, und vermehrt nur die unzähligen Akten, die bei dieser unglücklichen Unternehmung das einzige Produkt darstellen.

Sicher waren die Bemühungen um die Aktivierung des Bergbaus in Ilmenau auch inspiriert von dem löblichen Wunsch, die Wirtschaft unseres mit Bodenschätzen und Industrie nicht gesegneten, auch mit fruchtbaren Böden nicht reich ausgestatteten Fürstentums zu verbessern, aber die Bergwerkspläne erlauben wir uns doch submissest als etwas romantische Unternehmungen eines Amateur-Geologen zu bezeichnen, dem es an der Fähigkeit, die Chancen der Sache realistisch einzuschätzen, gebrach, und der auch den Übergang vom alten Handwerk zu moderner Manufaktur und Maschinenwesen nicht verständig zu leiten wußte.

Sein persönliches Interesse soll überdies auch nachgelassen haben; wie aus Kreisen der Anteilseigner verlautet, war er bei einer von deren entscheidenden Sitzung nicht anwesend, weil er in Weimar sich die Sprechprobe einer neuen Schauspielerin anhören mußte. Wenn man immer wieder hörte, er interessiere sich intensiv für alle Details bis zu Fragen der Gewinnung von Koks als Feuerungsmittel für die Verhüttung, so waren doch auf die Dauer seine dichterisch-schöngeistigen und vor allem seine Theaterinteressen stärker.

Er dachte wohl in Begriffen eines industriellen Arkadien, in dem sich Technik und ländliches Handwerkertum verbinden könnten, doch der „Mensch der Dichtung“ behielt die Oberhand, und das Resultat ist min nicht wirtschaftlicher Erfolg, sondern nur Poesie: Ein Gedicht auf Ilmenau vom September 1783 (mehr Fürstenlob als echte Poesie), die Rede zur Eröffnung des Bergwerks vom Februar 1784, an deren Sprache man die Pranke des Löwen merkt, die aber ansonsten eher zu hochgemuter Rhetorik tendiert, und schließlich hat der kläglich gescheiterte Bergbau das zweifelhafte Verdienst, dem Herrn Bergwerkskommissar den Anstoß zu geologisch-mineralogischen Studien gegeben zu haben.

 

Späte Heirat mit der Mutter seines Sohnes: 1806

In der derzeit als Hofkirche fungierenden Jakobskirche wurden Geheimrat von Goethe (57) und Christiane Vulpius (41) kirchlich getraut. Für Goethe stellt die Schließung des Ehebundes, wie er bekennt, einen Akt der Dankbarkeit gegenüber seiner langjährigen Lebensgefährtin und der Mutter des gemeinsamen Sohnes (16) dar. Er hatte seine Frau als Blumenmädchen 1788 kennen- und lieben gelernt. Sie hatte damals um Protektion ihres Bruders bei Minister Goethe nachgesucht.

Die Trauringe ließ Goethe auf den 14. Oktober 1806 datieren, den Tag der Schlacht bei Jena und Auerstedt, in deren Folge Weimar von napoleonischen Truppen besetzt und geplündert wurde. Goethes Besitz und Leben konnten durch das mutige Dazwischentreten von Frau Vulpius geschützt werden.

Aus Hofkreisen verlautet jedoch auch, daß Herzog Carl August seinen Freund und Minister seit längerem bedrängt haben soll, den Zustand der wilden Ehe zu beenden. Er soll dies sogar zur Bedingung dafür gemacht haben, die 1794 erfolgte Schenkung des Hauses am Frauenplan auch urkundlich zu bestätigen.

 

Kaiser Napoleon empfängt Goethe und umwirbt ihn: 1808

Während des Erfurter Fürstentags, auf dem Kaiser Napoleon Bonaparte sein Bündnis mit der Großmacht Rußland in Gegenwart von Zar Alexander I. und zahlreicher europäischer Könige und Fürsten bekräftigte, wurde Johann Wolfgang von Goethe vom derzeit mächtigsten Mami der Welt zu einer Audienz empfangen. Goethe war dort als Minister in Begleitung des Weimarer Herzogs Carl-August.

Der Kaiser, gegen 11 Uhr noch beim Frühstück im Saal der Statthalterei, soll nach Goethes Bericht ihn aufmerksam einige Zeit lang angeblickt und dann gesagt haben „Vous etes un homme“, was Goethe als Ausdruck persönlicher Hochachtung verstand. Zugleich habe sich Napoleon ihm als siebenmaliger(!) Leser' des Werther vorgestellt und einige literaturkritische Bemerkungen über den Roman gemacht, die des Dichters Respekt fanden. Nach Goethes Erinnerung, die er 1822/25 niederschrieb, habe sich Napoleon unter vier Augen auch nach Persönlichem und dem Weimarer Fürstenhaus erkundigt.

Die Aufzeichnungen, die Kanzler von Müller aufgrund von Goethes Bericht unmittelbar nach der Audienz verfaßt hat, sind detaillierter: Nach dem Gespräch über den Werther soll der Kaiser, als Kenner der Tragödie, sich abfällig über die da malige Mode der „Schicksalsdramen“ geäußert haben: „Was will man jetzt mit dem Schicksal? Die Politik ist das Schicksal!“ Anspielend auf Voltaires „Mort de César“, den die Comedie francaise in Erfurt (mit Talma als Brutus) aufführte, habe der Kaiser den deutschen Dichter aufgefordert, „den Tod Cäsars auf eine vollwürdige Weise, großartiger als Voltaire; zu. schreiben. Man müßte der Welt zeigen“, verlangte Napoleon wohl auch im Hinblick. auf seine eigene geschichtliche Rolle, „Wie Cäsar sie beglückt haben würde. Kommen Sie nach Paris“, habe der Kaiser den Weimarer Minister eingeladen, denn dort „gibt es größere Weltanschauung, dort werden sie überreichen Stoff für ihre Dichtungen finden“.

Möglicherweise sollte die Verleihung des „Kreuzes der Ehrenlegion“ an Goethe am 14. 10. diesen kaiserlichen Wunsch unterstreichen; der einen Tag darauf ihm aus der Hand des Zaren verliehene russische „Annenorden“ könnte als diplomatische Gegenoffensive verstanden werden. Goethe, der in „seinem Kaiser“ das „Dämonische“ und zugleich „den größten Verstand, den je die Welt gesehen“ leibhaftig erblickt hatte, trug beide Orden bis an sein Lebensende. Er hat Napoleon nur noch einmal gesehen: am 13. 8. 1813 in Dresden, zwei Monate bevor die Völkerschlacht bei Leipzig die napoleonische Hegemonie über Europa endgültig beendete.

 

Marianne Willemer: 1814

In aller Stille und unter Umgehung von Aufgebot und öffentlicher Trauung haben sich am 27. September 1814 der 54jährige Bankier Johann Jakob Willemer und die 25 Lenze jüngere Marianne Jung das Jawort gegeben. Daß das so rasch und ohne Öffentlichkeit über die Bühne ging, verdanken die Eheleute einer Ausnahmegenehmigung des Konsistorialdirektors und Stadtschultheißen Friedrich Maximilian von Günderrode.

Der für normale Sterbliche selten erteilte Dispens ist „wegen Dringlichkeit“ und gegen 50 Reichstaler erteilt worden und das obwohl die Braut wichtige Dokumente nicht beibringen konnte: Taufschein, Sterbeurkunde des Vaters, schriftliches „Ja“ der Mutter zur Eheschließung.

Das Gerücht von der Schnelltrauung hatte sich in wenigen Stunden verbreitet, und ganz  Frankfurt rätselte: Was zum Kuckuck gab den Ausschlag für die Dringlichkeit? Was machte die Sache so eilig, daß die ansonsten strikt vorgeschriebene mehrwöchige Aufgebotsfrist gestrichen wurde und man auf die übliche öffentliche Trauung verzichtete?

In der Tat läßt sich die Hast kaum erklären. Seit 14 Jahren nämlich lebten die Österreicherin Marianne Jung und der erfolgreiche Bankier und dilettierende Hobby-Schriftsteller Willemer unter einem Dach. Er, damals 40, hatte im Jahre  1800 das damals 16jährige Mädchen für 2.000 Gulden gekauft. Aufgefallen war .sie ihm im Theater: Marianne gastierte dort mit ihrer Mutter als Tänzerin und machte Furore als Harlekin, der aus einem überdimensionierten Ei schlüpft. Der zweimal verwitwete Willemer nahm Marianne als „Pflegetochter“ in seinem Haushalt auf, in dem bereits fünf unmündige Halbwaisen groß wurden. An die Mutter zahlte er den Kaufbetrag und schickte sie dann gegen eine Rente zurück nach Wien.

Die zurückgelassene Tochter diente, so hieß es in Frankfurt, dem Hausherrn als Mätresse. In der Stadt kursierte der Spruch, Willemer hege „eine pädagogische Vorliebe für schöne Gegenstände“. Andere, wie der Dichter Clemens Brentano, sagten es der Betroffenen ins Gesicht. Der Poet, der Marianne Gitarrenunterricht gab, kommentierte beispielsweise einen Saiten-Fehlgriff der Schülerin mit dem Hinweis, ihr Spiel sei „so falsch wie ihre Stellung in Willemers Haus schief'“

Brentanos Boshaftigkeit gründete gewiß auch auf von Eitelkeit gespeister Eifersucht. Man darf getrost davon ausgehen, daß er, der damals auf die 25 zuging, schon ein Auge auf Willemers „Pflegetochter“ geworfen hatte. Zeitgenossen beschrieben die junge Frau nämlich als charmant, musisch und von „träger Laszivität“: „Dunkle Haare, dunkle Augen, weicher, fließender Körper“.

Diese Charakteristika sind auch geblieben bis in das Jahr 1814 - und sie sind gewißlich auch einem Willemerschen Hausgast aufgefallen: dem Dichter und Politiker Johann Wolfgang Goethe, der seiner Heimatstadt wieder mal die Ehre gab und auch bei den Willemers Visite machte. Augenzeugen schwören Stein und Bein, daß der 65jährige auf den ersten Blick von den Reizen der Willemer angetan war und daraus auch keinen Hehl machte.

Goethe unterbrach dann seinen Frankfurt-Aufenthalt für einen Abstecher nach Heidelberg — und just in dieser Spanne ging die Hopplahopp-Trauung der Willemers über die Bühne. Nach Goethes Rückkehr waren die beiden verheiratet.

Ob und aus welchen Gründen Goethe auch immer die Hochzeit forciert haben mag - oder ob das gar ein eifersüchtelnder Willemer getan hat: Nicht nur in Frankfurt ist offenbar geworden, daß der Dichter und die einstige Schauspielerin auffallend oft ihre Tage und auch manche Abende in trauter Zweisamkeit verbringen. Und sie sollen auch das miteinander tun, was Goethe bislang nur mit einem einzigen, dem Friedrich Schiller, getrieben hat: gemeinsames Verseschmieden. Dem Vernehmen nach arbeiten beide an einem Gedichtzyklus  Arbeitstitel: Westöstlicher Divan.

Eine Liaison mit Marianne hätte Bankier Willemer Kopf und Kragen kosten können - nach heutigem Recht. Mit Freiheitsentzug nicht unter einem Jahr wird bestraft, „wer eine andere Person (...) unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist (...) nötigt, sexuelle Handlungen des Täters (...) an sich zu dulden oder an dem Täter (...) vorzunehmen" (§ 177, Abs.1, Nr. 3, Strafgesetzbuch). Daß ein Sexualstraftäter sein Opfer später heiratet, macht die Tat rechtlich nicht ungeschehen. Zehn Jahre beträgt die Verjährungsfrist, wobei erst die Volljährigkeit des Opfers den Fristbeginn markiert.

Ebenfalls nicht ungeschoren wäre bei der Strafjustiz heute die aus Wien stammende Mutter davongekommen, die Marianne für 2.000 Gulden an Willemer verkaufte. Wegen Menschenhandels wird mit Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren bestraft, „wer auf eine andere Person seines Vermögensvorteils wegen einwirkt, um sie in Kenntnis der Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, zu sexuellen Handlungen zu bringen, die sie an oder vor einer dritten Person vornehmen oder von einer dritten Person an sich vornehmen lassen" (§ 180 b, Stgb).

Andere Zeiten, andere Gesetze. Orientiert man sich an den damaligen Rechtsgrundlagen, hatte Willemer nichts zu befürchten. „Anrüchig ja und unanständig unter moralisch-gesellschaftlichen Gesichtspunkten, aber rechtlich nicht zu beanstanden“, so die Rechtshistorikerin Elisabeth Koch (Jena). Da „Pflegetochter“ kein juristischer Terminus war, wäre Marianne faktisch als Dienstmagd zu betrachten, die mit 16 Jahren ehemündig war. Daß ihre Mutter sie für Geld abgab, sei nicht als Verkauf anzusehen, sondern als „Mietgeld“, das auf den Lohn angerechnet wurde.          

 

Der getreue Eckermann: Goethes Freund und Mythenstifter: 1823

Als der nach mehrtägigem Fußmarsch in Weimar eingetroffene „Sohn der Haide“ am 10. Juni 1823 endlich neben Goethe auf dem Sofa saß und in sprachlosem Anschauen („ich konnte mich an ihm nicht sattsehen“) die Knie seines Idols drückte, schien eine jahrelange Sehnsucht nach dem Hohen zur Ruhe gekommen zu sein. Aber die zu Beginn seines Lebenswerks - den Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - geschilderte Idylle gehört bereits zu jenen trügerischen Manipulationen Eckermanns, zu denen „der Meister“ selbst ihn in einer Traumerscheinung am 13./14. 11. 1836 ermuntert haben soll.

Dabei hat er ihm das Manuskript zurückgegeben und ihm empfohlen habe, „die angedeuteten (Gesprächs-) Gegenstände ausführlicher zu behandeln, damit sowohl das Überzeugende hineinkomme als auch einige Anmuth. Ein abgerissenes Factum, eine nackte Äußerung, sagte er, will nicht viel heißen; führen Sie aber den Leser in das Detail der Situation, in die näheren Umstände hinein, so ziehen Sie ihn in das Interesse des Gegenstandes und er erfährt die Täuschung als sey das geläuterte Wahre ein Wirkliches das er in solcher Spiegelung zum zweyten Male mit zu erleben glaubt“.

Also rücken im Spiegelkabinett der Eckermannschen Prosa Wunsch und Erfüllung auf dem Kanapé eng zusammen, ja berühren einander: Eckermann wird auf einen Schlag der Initiation vor dem Leserpublikum Goethes privilegierter Freund, sein Sohn und Schüler, der sich von den Subalternen scharf abgrenzt, auch „Sekretär“ genannt zu werden, sich verbittet.

Dabei lagen die Dinge doch etwas anders. Zwar hatte der am 21. September 1792 zu Winsen an der Luhe als später Sohn eines Hausierers geborene, -nach Entdeckung seiner Begabung als ,selfmademan“ - sich zum Studenten hinaufkämpfende Eckermann nach anfänglicher Schillerbegeisterung nunmehr Goethe zu seinem literarischen Hausgott gemacht, aber seine Nähe doch zunächst nur erstrebt, um von ihm in seinen literarischen Projekten bestätigt und nebenbei soweit gefördert zu werden, daß er nach Berlin weiterziehen und dort als Schriftsteller in höheren Kreisen hätte Erfolg haben können.

Daraus wurde nun nichts, denn Goethe erspürte die Leerstelle in dem sich selber Unbekannten, mit schwächlichen Gedichten und einem abgebrochenen Schicksalsdrama Belasteten, und nutzte sie, indem er den Halbproduktiven (auch als Jurastudent und Maler Gescheiterten) durch die Beförderung seiner aphoristischen Beyträge zur Poesie mit besonderer Hinweisung auf Goethe zur Drucklegung bei Cotta, dann aber auch gleich durch die Aufgabe, einige seiner, Goethes, älterer Schriften zu ordnen und zu redigieren, an sich band und nicht mehr losließ.

Dennoch stellt sich diese Geschichte einer scheinbar immer freiwilligeren Abhängigkeit auch als die eines langen Kampfes dar. Denn Eckermann, durchaus auch mit elementaren Kräften versehen, die er in der freien Natur in leidenschaftlicher Vogeljagd und Übungen im Bogenschießen, aber auch in unbegrenzter Schaulust als Theatergänger, nicht zuletzt im energischen, bisweilen auch magischen Festhalten an seinen. Frauenbeziehungen, an der in der Ferne bis zur Heirat 1831 zurückgehaltenen Braut Johanne Bertram und an der Geliebten, der Weimarer Schauspielerin Auguste Kladzig, auslebte, trennte sich lebenslang nicht von der schon als Kind mit Macht ergriffenen Vorstellung, zum „Autor“ berufen zu sein.

Vielleicht kann man sagen, daß er umgedreht zum Anwachsen seiner (durch Fluchtversuche immer wieder auf die Probe gestellten) Abhängigkeit von Goethe unentbehrlich wurde. Goethe machte ihn zum Redaktor an der Ausgabe. letzter Hand und zum Förderer manchen Spätwerks („Eckermann versteht am besten literarische Productionen mir zu extorquieren ... So ist er vorzüglich die Ursache, daß ich den Faust fortsetzte ..."; 6. 12. 1826, Goethes Tagebuch), Dabei übertrug Eckermann seinen Willen zum eigenen Werk auf die Arbeit an den Gesprächen mit Goethe.

 

Goethe, der schon Eckermanns Anläufe zur Mitarbeit an literarischen Zeitschriften gekappt hatte, mag diese verborgene Inbesitznahme seiner geistigen Gestalt und Eckermanns Profilierungsstreben gespürt haben; er zögerte die Lizenz einer Publikation von „Gesprächen“ bis zu seinem Tod immer wieder hinaus. Und in der Tat: Eckermanns 1836 erschienenes Werk (dem 1848 ein letzter Teil folgte) bekannte sich zum Bild eines Helden, den es galt, „nicht sinken“ zu lassen, zur Veredelung, die sein, des „Herausgebers“ als Autors Anteil war, unausgesprochen zu einer Überwindung des großen Schattens durch übergroße Bejahung, kulminierend in der Enthüllungsszene am Lager des toten Heros.

Und noch kurz vor seinem frühen Tod 1854, geschwächt durch Not und Krankheit, hat Eckermann auf dem Privileg einer schmalen Autorschaft bestanden, indem er den Verlegern „Gespräche mit Goethe über Faust“ ankündigte, zu denen er exklusive Aufzeichnungen besessen haben wollte; wie sich zeigte, eine Fiktion. Daß Eckermann neben seinem (was meist übersehen wurde) eher unglücklich ambitionierten, finanziell kläglichen (hier verließ sich Goethe ganz auf den Begriff der unentgeltlichen Freundschaft) Leben im Weichbild des Dichters auch noch ein vollgültiges, wenn auch von skurrilen Zügen nicht freies Leben geführt hat, lehren seine reichhaltigen (leider erst zum Teil veröffentlichten und lang vergriffenen) Tagebücher: die schon erwähnte elementare Nähe zur Natur, die immer wieder als Beglückung empfundenen Reisen in seine norddeutsche Heimat, die Durchdringung und eigenständige Reproduktion von Goethes Farbenlehre gehören dazu, als größtes, wenn auch spätes Glück aber, nach dem jähen Tod seiner Frau, das Heranwachsen seines Sohnes Karl, in dessen sich entfaltender malerischen Begabung er die Erfüllung ihm versagt gebliebener Originalität und „Autorschaft“ empfunden haben mag.

So endete sein Leben vielleicht doch nicht derart resignativ, wie es die Verse aus dem in seiner zweiten Gedichtsammlung 1838 veröffentlichten Gedicht Wunsch und Erfüllung ausmalten: „Wonach ich strebte, ward mir nicht zu Teil, - / Mir aufgedrungen ward, was nicht zum Heil, / Und was mit aller Macht ich wollte meiden. / So schloß verdrießlich Jahr dem Jahr sich an, / Mich schleppend fort auf unwillkommner Bahn, / Bei wen'gem Glück und einem Heer von Leiden.“.

 

Sohn und Vater - ein schwieriges Verhältnis im Leben und im Tod: 1830

Seinem Sohn setzte Goethe ein Denkmal, das ganz in seinem Sinne war - die Nachwelt hat diesen Sinn mißverstanden und in sein gerades Gegenteil verkehrt. Der Grabstein auf dem römischen Friedhof lautet: GOETHE FILIUS PATRI ANTEVERTENS OBIIT ANNOR XL („Goethe, der Sohn, dem Vater vorausgehend, verschied in seinem vierzigsten Jahr“). Das Bürgertum, dem der Vorname Inbegriff inniger Vertrautheit und liebender Zuwendung ist, hat es seinem größten Dichter übelgenommen, daß er den Namen des Sohnes verschwieg und seinen eigenen, den berühmt gewordenen Dichternamen, auf dem Grabstein erscheinen ließ. Die Überlieferung, die von der Ungerührtheit erzählt, die Goethe bei der Nachricht vom Tod Augusts zeigte, tat ein Übriges, um am Vater die arrogante Herzlosigkeit der Größe zu diagnostizieren.

Unbestreitbar ist mittlerweile Goethe als der Künstler der zarten Winke erkannt. Wer außerdem Wilhelm Meisters Wanderjahre nicht nur als einen steifen pädagogischen Entwurf, sondern als ergriffene Beschreibung der Liebe zwischen Vater und Sohn zu lesen weiß, wird auch die enge Nachbarschaft von „filius patri“ in den Majuskeln der Grabinschrift mit anderen Augen sehen. Der Familienname Goethe vereint Vater und Sohn, ihr Schicksal ist voneinander nicht zu trennen, der eine kann nur Bote, Vorgänger des andern sein.

Der Zufall, daß August von Goethe in Rom starb, an jenem Ort, an dem Johann Wolfgang Goethe seine erfülltesten Jahre verlebte, wird von dem zweiten Zufall überboten, daß der Sohn auf dem Friedhof an der Cestius-Pyramide begraben wurde, wo sich gut vierzig Jahre zuvor der Vater seine eigene Begräbnisstätte imaginiert hat. Poetisch fängt Goethe seine sterbenswehe Stimmung in den Römischen Elegien ein: „Vergib mir, der hohe / Capitolinische Berg ist dir ein zweiter Olymp. / Dulde mich Jupiter hier und Hermes führe mich später / Cestius Denkmal vorbei, leise zum Orcus hinab“.

Ganz im antikischen Sinne wird hier der Tod als ein von Hermes geleiteter Spaziergang in den Orkus gedeutet und, da es sich um einen Dichterheroen handeln soll, als Aufstieg auf den Olymp. Das „antevertens“ der Grabinschrift erklärt sich nun: Im wörtlichen Sinne geht dem Vater der Sohn auf diesem Weg voraus, ja er wird als Vorausgehender selbst zu Hermes, dem Psychopompos, dem Seelengeleiter des Vaters - und zwei Jahre später sollte dieser ihm wirklich folgen.

Die schicksalhafte Parallele ist Goethe, der zu ominösen Deutungen geneigt war, nicht entgangen, wie ein Brief an Zelter zeigt: August sei aufgebrochen „an der Pyramide des Cestius auszuruhen, an der Stelle, wohin sein Vater, vor seiner Geburt, sich dichterisch zu sehnen geneigt war“. Die Grabinschrift betont gerade die Verbundenheit der beiden Goethe in einem Namen, auf einem Weg zu einem Ort des gemeinsamen Verweilens, „fest umschlungen, wie Kastor und Pollux, Brüder, die sich auf dem Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen“. (Wanderjahre)

Augusts Reisetagebücher, nun von Andreas Beyer zum ersten Mal publiziert (der im Nachwort auch auf den Zusammenhang der Todessehnsucht des Vaters mit dem Begräbnis des Sohnes hinweist), beleuchten, mitsamt dem Anhang aus Briefen und Dokumenten, die familiären Verhältnisse neu und veranlassen dazu, Goethes oft gerügte Kälte aus Heroismus gegen die Vergänglichkeit zu akzeptieren.

Wer die Tagebücher aufschlägt, vermeint im ersten Moment, in denen Goethes zu blättern. Erstaunlich, wie sich die Stile gleichen! Freilich haben die Herausgeber die durch Legasthenie geschehenen Wortverstümmelungen revidieren müssen, und freilich können zum Vergleich nur des Dichters späte Tagebücher, diese luftlosen Notate seiner täglichen Verrichtungen, herangezogen werden. August von Goethe ist aber in Rom, genauso wie in Weimar, nichts als ein „Sohn“. Für den großen Vater verfaßt er das Tagebuch, für den großen Vater sammelt er Münzen und Medaillen, über den großen Vater liest er Bemerkungen auf, die ihn rühmen, mit dem Namen des großen Vaters schmückt er schließlich mäzenatisch eine neue Ausgrabung in Pompeji.

Die Disziplin der Lebensführung, die sich hier dokumentiert, die Strenge der Ordnung, die Pflicht des Verschweigens, die Härte der Verdrängung aller Gefühle ist bei Vater und Sohn dieselbe. Wenn August von Goethe Charakter hatte, dann lag er in der Fähigkeit zur Imitation und zur Dienstbarkeit dem Vater gegenüber. Größe freilich pflegt man solchen Eigenschaften nicht zuzusprechen. Und doch stellen sie sich hier in einem Ausmaß dar, das, zumal sich August von Goethe seiner Abhängigkeit vom Vater ganz bewußt ist, geradezu Respekt erheischt. Sofern es Vernunft ist, sich der Größe zu beugen, besaß August sie in hohem Maße - und doch schließlich nicht genug, daß sein Schicksal hätte glücklich enden dürfen.

Die lakonische Gelassenheit des Tagebuchs ist der Vorhang, der nie gehoben werden darf, da sonst das traurige Spiel dahinter sichtbar würde. Der Tod Augusts von Goethe war nicht die Folge einer Erkältung und eines schwachen Fiebers, wie man es von Weimar aus der Welt glauben machen wollte. Todkrank war er in Rom angelangt, und todkrank war er schon von Weimar aufgebrochen. Die größte Unterwürfigkeit überhaupt, die er dem Vater gegenüber zeigt, ist das Schweigen über sein Leiden. Kein Sterbenswörtchen verlautet je darüber im Tagebuch und in den Briefen an ihn. Wohlbekannt ist und nicht verwerflich, daß Goethe der Devise folgte, das Leben sei lebenswert nur, wenn es vom Glück verfolgt sei. Auch diesen Grundsatz hat August von Goethe übernommen und den Schein gewahrt.

Nun aber rücken die edierten Tagebücher und Briefe den tragischen Hintergrund der Reise ins Licht. Ottilie gegenüber, deren leichtsinniges Wesen der eigentliche Grund für die Zerrüttung Augusts von Goethe gewesen sein dürfte, bekennt er in einem seiner wenigen Briefe die Krankheit, die ihn von Weimar forttrieb: „Ich ging wirklich so krank aus Weimar, daß ich nicht glaubte, Frankfurt lebendig zu erreichen. (. . .) Es wurde mir sehr sauer, nur eine Treppe zu steigen“; und er zieht den Schluß: „Wie ich von Weimar abging, kannte ich meinen Zustand genau, und es war die Wahl zwischen einer Partie durch das Frauentor in die Nähe des von Prosekschen Hauses (also auf den Friedhof) oder in die Weite Welt. (. . .) Nicht Üppigkeit oder Neugier konnten mich aus meiner Familie reißen, die äußerste Not trieb mich, um den letzten Versuch zu meiner Erhaltung zu machen. Manche, die mich in Weimar zuletzt gesehen, mögen das nicht begreifen, aber mein damaliges Benehmen war eine verzweifelte Maske“."

Diese Sätze gestehen ein, daß August und seine Familie den nahen Tod ahnten. Zwar wird man Augusts übermäßigen Alkoholgenuß in einem Haus, in dem sich keiner sonst durch die Trinkgelage geschädigt sah, nicht als Ursache seiner Leiden angesehen haben. Die Symptome einer zerstörten Leber und eines zerrütteten Hirns mögen damals noch nicht eindeutig mit der Sucht in Verbindung gebracht worden sein, zumal, wie ein Brief seines Freundes Kestner bestätigt, August von Goethe niemals betrunken gesehen wurde. Die Sektion der Leiche stellte aber eindeutig die Symptome der Trunksucht fest.

Kennt man die Stummheit, die Goethe wahrte bei jedem Übel, das ihn traf, so ist es in der Tat deutlich genug, wenn er in einem einzigen der erhaltenen Briefe an den reisenden Sohn mit der Formel grüßt: „und bis Du dieses erhältst, hoff ich, erfahren wir mehr von Euch, und ich wünsche das mäßig Gute wie bisher“. Das „mäßig Gute“ bedeutet im Stil Goethes schon einen beträchtlichen Abschlag am Glück. Mehr als dies ist auch v on ihm nicht über den Zustand des Sohnes zu erfahren, keine Nachfrage nach dem Befinden, keine Angst um den Sohn, diesen wirklich geliebten, keine Klagen über das Schicksal. Bedenkt man die tatsächlichen Gründe der Reise  eine Flucht des Sohnes, der die Empfindlichkeit des Vaters schonte -, so sind die trockenen Tagebuchberichte nach Hause zu Tränen rührend.

 

J. W. von Goethe erlag einem Herzinfarkt: 1832

Fast zur gleichen Zeit, wie er in Frankfurt a. M. zur Welt gekommen war, und am gleichen Tag, einem Donnerstag, respektive Jupiterstag, ist heute gegen 12 Uhr „der große Heide“ (Heinrich Heine) Johann Wolfgang von Goethe in seinem Haus am Frauenplan in Weimar im Alter von 82 Jahren gestorben. Nach einem grippalen Infekt am 14. März, der zu einer Lungenentzündung geführt hat, ist Goethe nach schmerzhaften Kreislaufstörungen sanft an einem Herzinfarkt gestorben.

Über seine letzten Stunden und Worte gibt es widersprüchliche Aussagen. Zum einen soll er in den Armen seiner Schwiegertochter Ottilie, zum anderen „bequem in die linke Ecke des Lehnstuhl gedrückt" verschieden sein; einmal soll er den Kanzler von Müller um Wasser mit Wein und Ottilie („Nun Frauenzimmerchen, gib mir mal dein gutes Pfötchen“ um ihre Hand gebeten, ein andermal soll er erlahmend „mit der rechten Hand Zeichen in die Luft gemalt haben (den Buchstäben W und Interpunctionszeichen)“.

Am bekanntesten wurden seine symbolischen Worte „Mehr Licht“, gerichtet an den Diener Krause, „aber nicht, um den Fensterladen aufzumachen“, sondern um seinen „Leibspenzer“, eine kurze Jacke, von Krause zu bekommen, mit der im Arm er verstarb, heißt es; oder anders.

 

Den die respektvoll erschütterte Welt an diesem Mittag anfing zu betrauern, war eine mitunter mißtrauisch beäugte, aber immerhin: Weimarer Institution, ein Nationaldichter, eine Sehenswürdigkeit. Was von ihm blieb, stiftete er selbst, sofern es zwischen zwei Buchdeckel paßte, der Rest ist schnell aufgezählt: an Immobilien das Wohnhaus und ein weiteres Haus am Frauenplan, dazu ein Haus mit zwei Hinterhäusern in der Seifengasse sowie das Gartenhaus, ein Kapitalvermögen (63.500 Taler), Pretiosen im Wert von 1.300 Talern, das Übliche an Mobiliar, Geschirr und Silber.        

Als Eckermann es am Todesfolgetag über sich brachte, vom geliebten Leichnam Abschied zu nehmen, tat er das sorgfältig. „Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllet, große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn frisch zu erhalten so lange als möglich. (Der Bediente) Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form; und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir“.

Der göttlich-prächtige Eisgekühlte sollte dem Volk öffentlich präsentiert werden, und das geriet dann auch alles ganz ergreifend mit Paradebett, Atlasgewand, Lorbeerkranz, schwarz-goldener Dekoration und mengenhaft Wachslichtern ringsum. Als man das Heiligtum schließlich neben Schillern in der Fürstengruft untergebracht hatte, konnte man sich dem administrativen Krimskrams widmen, der Goethe sei Dank in zwei Testamenten zur Zufriedenheit geregelt war. Der vollstreckende Kanzler Müller verteilte also nach Weisung inskünftig jährlich 50 Taler an den ehemaligen Sekretär und neu eingesetzten Kollektaneen-Verwalter Friedrich Theodor Kräuter, 2.000 Taler an die Schwiegertochter Ottilie Goethe, von denen 1.500 als Erziehungsgeld für die Enkel Wolfgang, Walther und Alma bis zu deren Volljährigkeit gedacht waren. Dazu kamen an einmaligen Erbteilen 200 Taler für Rinaldo Vulpius, 200 für Johann John, 150 für Friedrich Krause (der, welcher für Eckermann das Leichentuch zurückschlagen sollte). Ottilie Goethe durfte Wohn-  und Mobiliarnutzungsrecht bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder behalten. Das Krautland war reserviert für Krause

 

Eckermann sollte für die Redaktion der posthum bei Cotta herauszugebenden Tagebücher und Briefe ein „billiges Honorar“ übermacht werden, desgleichen Riemer für die Revision der Korrespondenz mit Schiller und Zelter.

Goethe konnte sich dieses Testament leisten, gehörte er doch zu den reichsten Weimarer Bürgern. Das kam nicht von ungefähr, sondern von Arbeit, Fleiß und Verhandlungsgeschick, auf solider Grundlage versteht sich. Ohne die Zuwendungen aus dem elterlichen Hause, ohne die Schenkungen seines Fürsten (Gartenhaus, Wohnhaus, Italienreise) und ohne die amtlichen Gehälter wäre der hohe Lebensstandard am Frauenplan nicht zu halten gewesen. An die     120.000 Reichstaler staatliches Salär, dazu 11.000 Taler väterliches Erbe, 8.000 Taler der Mutter und 23.000 Taler Zinserträge kamen im Laufe des Lebens zusammen. Schließlich war Goethe der erste deutsche „freie Schriftsteller“, der von seinen literarischen Einnahmen leben, ja etwas zurücklegen konnte.

Zwischen 20 Talern für Stella und 65.000 Talern für die Ausgabe letzter Hand hatten seine Honorare geschwankt. Ewig mißtrauisch gegen das „Packteug“ der Verleger, wechselte er schon beim zweiten Werk vom Leipziger Unternehmen Breitkopf zum Selbstverlag über, nach dessen Scheitern zu Weygand. Als er Georg Joachim Göschen 1787 eine achtbändige Ausgabe in einer Auflage von 3.000 Stück anbot, erhielt der inzwischen berühmte Werther-Dichter bereits eine Zahlung dafür, deren Kaufkraft ungefähr heutigen 100.000 DM entspricht.

Je älter und bekannter er wurde, desto geschäftstüchtiger wurde er auch und scheute sich nicht, die Ware Goethe unter den finanzkräftigsten Verlegern zu versteigern. Schließlich landete er durch Schillers Vermittlung beim besten, dem seitdem als „Klassiker-Verlag“ gerühmten Unternehmen. Ab 1800 erschienen bei Cotta in Stuttgart sämtliche Goetheschen Ausgaben bis hin zu derjenigen letzter Hand, für die zum ersten Mal ein Privileg aller deutschen Staaten gewährt wurde. Man schätzt, der großzügige Johann Friedrich von Cotta habe bis zu Goethes Tod an die 5 Millionen Mark heutigen Werts an seinen Autor gewendet.

Das hätte eigentlich bedeuten müssen, diese einmalige Synthese von Genie und Geld auch nach außen sichtbar zu machen. Wer je Goethes Wohnhaus besichtigt hat, weiß vom Gegenteil zu berichten. Gewiß, die Repräsentationsräume sind großzügig und geschmackvoll, und unten ist Platz für Kutsche und Weinkeller. Doch die Zimmer, in denen Goethe die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, sind alles andere als Salons - es sind Wohn-, Arbeits-, Schlafräume von bürgerlichem Zuschnitt.

Trotzdem wurde die geheimrätliche Börse fleißig in Anspruch genommen. Allein die Kosten für die Haushaltsführung - mit stets exquisitem Essen au! reichlich Wein, auch für die täglicher Gäste - konnten sich auf 1.100 bis 4.406 Taler jährlich belaufen, 1830 sogar auf 12.000. Sehr viel Geld floß in die zahlreichen Sammlungen, ob anatomische Präparate, Kupferstiche oder Münzen, in Materialien für die unzähligen Forscherinteressen und natürlich in die. Reisekasse. Dazu kamen die Gehälter für das Personal. Sämtliche Arbeiten, für die heute Hausmann und -frau selbst zu Säge, Schraubenzieher, Spülbürste, Staubtuch greifen, wurden selbstverständlich in Auftrag gegeben.

Goethe verfügte über die in seinen Kreisen übliche Anzahl von Bedienten. Im Jahre 1816 lebten in seinem Haushalt ein Kammerdiener, eine Köchin, ein Hausmädchen, eine „Jungfer“ (Mädchen für alles) sowie ein Kutscher und ein Schreiber. Je nach Arbeitsanfall kamen die Waschfrau und der Laufbursche ins Haus, den Gärtner lieh man sich aus. Einer jener bezahlten Lakaien war es dann auch, in dessen Armen Goethe starb: Friedrich Krause (der später für Eckermann das Leichentuch . . .). Über den Tod seines Herrn hinaus sorgte er dafür, daß aus der Legende Goethe keine Heiligenlegende wurde.

Schenkt man den Erinnerungen an Goethes Hinscheiden Glauben, so war es von stiller Größe: „. . um 11 Uhr hatte sein hoher Geist das Irdische verlassen indem der geliebte sichtliche Körper vor unseren Augen in edler Haltung fortzuschlummern schien“ (äußert Eckermann) Auch die letzten Worte wurden der Nachwelt treu bewahrt und also von Kanzler Müller schriftlich überliefert, daß der Sterbende dem Diener Friedrich (Krause) zugerufen habe: „Macht doch den zweiter Fensterladen in der Stube auch auf, damit mehr Licht hereinkomme“.

Manchmal erscheint es opportun, in Prozeß der Literaturgeschichte einen Zeitzeugen zu befragen. Schließlich muß der gute Friedrich ja selbst gehört haben, was ihm der matte Greis auftrug: „Es ist wahr, daß er meinen Namen zuletzt gesagt hat, aber nicht um die Fensterladen auf zu machen, sondern er verlangte zuletzt den Botschanper (pot de chambre, Nachttopf), und den nahm er noch selbst und hielt denselben so fest an sich, bis er verschied“.

 

Mäzenatentum: 1763

Wachsender Bürgersinn führt um 1750 zu einem ausgeprägten Mäzenatentum in der Stadt. Ein herausragendes Beispiel ist die Stiftung des Arztes Johann Christian Senckenberg, der 1763 sein gesamtes Vermögen für naturwissenschaftlich-medizinische Institute und ein Bürgerhospital zur Verfügung stellt. Im Jahre 1816 verfügt der Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel, seine Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ein Kunstinstitut zu eröffnen.

 

Letzte Kaiserwahl in Frankfurt: 1792

Daß es die letzte Vorstellung dieser Art sein würde, die im Sommer 1792 in Frankfurt am Main über die Bühne geht, konnte kaum jemand voraussehen. Als am 5. Juli 1792 der Habsburger Franz II. Im Dom zu Frankfurt zum Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ gewählt und gut eine Woche darauf am selben Ort gekrönt wird, läuft das Staatsschauspiel ab wie all die anderen Kaisererhebungen am traditionellen Wahl- und Krönungsort Frankfurt. Bei der Frankfurter Wahl Anno 1792 herrscht über die Kandidaten sogar eine seltene Einmütigkeit unter den Kurfürsten. Kaum anderthalb Jahrzehnte später, noch zur Amtszeit von Kaiser Franz II., bricht das Deutsche Reich zusammen. Frankfurt hat seine Rolle als Wahl- und Krönungsstadt ausgespielt.

Europa stand in jenen Tagen der letzten Frankfurter Kaiserwahl am Beginn einer Umwälzung, in deren Verlauf die gesamte politische Landkarte umgekrempelt werden sollte. Im benachbarten Frankreich war mit dem Auftakt zur Revolution im Sommer 1789 die Monarchie ins Wanken geraten, und zunehmend fühlten sich die deutschen Fürsten durch die Vorgänge im Nachbarland in ihrer Interessensphäre tangiert. Im April 1792 erklärt Frankreich der deutschen Kaisermacht den Krieg, und nun rüstet man sich östlich des Rheins für den ersten militärischen Schlagabtausch - das Vorspiel eines politischen Umbruchs, in dessen Sog schließlich ganz Europa gerät.

In dieser gespannten Atmosphäre wird plötzlich der deutsche Kaiserthron vakant: Unerwartet stirbt am 1. März Kaiser Leopold II. Nur zwei Jahre zuvor war Leopold in Frankfurt gewählt und gekrönt worden, und nun steht sein Ältester, der 24jährige Franz, als Nachfolger zur Wahl. Frankfurt, seit jeher Schauplatz der Kaiserwahlen und Kaiserkrönungen, bereitet sich also wieder einmal auf einen Staatsakt vor.

In Frankfurt hatten die meisten der deutschen Majestäten ihre königlich-kaiserliche Laufbahn begonnen: Seit dem 12. Jahrhundert wurden die Oberhäupter des Reichs in Frankfurt gewählt, und Karl IV. hatte die Rolle Frankfurts als Wahlstadt 1356 mit seiner „Goldenen Bulle“ auch reichsgesetzlich verankert. Die Wahlzeremonie wurde im Frankfurter Dom vollzogen. Seit dem 16. Jahrhundert ließen sich die Reichsoberhäupter im Dom zu Frankfurt auch zum Kaiser krönen; seitdem waren - mit Ausnahme von dreien - alle Kaiserwahlen und -krönungen in Frankfurt am Main vollzogen worden - bis 1792.

Wie bei allen Kaiserfeierlichkeiten zuvor hält denn auch 1792 das Spektakel die Stadt wochenlang in Atem. In Frankfurt herrscht allgemeine Hektik und geschäftiger Trubel. Der Fremdenverkehr hat Hochsaison: jeder Winkel in den Bürgerhäusern wird an auswärtige Besucher vermietet, die zu Tausenden in die Stadt strömen. In den Tagen vor dem angesetzten Wahltermin reisen dann auch die „Kaisermacher“, die Kurfürsten, an. Auch der Kandidat selbst, Franz von Habsburg, läßt sich noch nicht in Frankfurt blicken. Sein Wahlerfolg steht dennoch außer Zweifel: Schon vor der offiziellen Zeremonie im Dom wird seine Wahl im Frankfurter Rathaus, im Römer, endgültig ausgehandelt.

Am frühen Morgen des 5. Juli läuten zur Feier des Wahltages die Glocken Sturm. Gegen neun Uhr lassen sich Kurfürsten und Wahlbotschafter in sechsspännigen Kutschen zum Römer fahren. In feierlicher Prozession geht es hoch zum Dom. Dort schwören die Kurfürsten vor bereits versammeltem Prominentenpublikum auf das Evangelienbuch und ziehen sich zum formellen Wahlakt in die „Wahlkapelle“ zurück.

Anschließend wird die neue Majestät Franz von Habsburg mit Pauken und Trompeten in der Kirchenhalle proklamiert. „So tief und feyerlich inzwischen die Stille war, womit die zahlreiche Versammlung in der Kirche diese frohe Verkündigung anhörte, so lebhaft brach auf einmal der allgemeine Jubel, das Brausen der Kanonen, und das Vivatrufen aus, als die Kirchtür geöffnet, und diese Nachricht dem gesamten Publikum mitgetheilt ward“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.

Nun rüstet man sich in Frankfurt zum zweiten Akt, der Krönungsfeier. Die Regie setzt den Termin hierfür just auf den 14. Juli, den Jahrestag des spektakulären Sturms auf die Bastille in Paris. Der Frankfurter Rat ermahnt seine Bürgerschaft, sich während dieser turbulenten Tage still, sittsam, bescheiden und respektvoll zu verhalten. Die in Frankfurt weilende Politprominenz hingegen überbrückt die Tage bis zur Krönung mit Festen und Banketten. Endlich hält auch der gewählte Kaiser Franz seinen Einzug in die Stadt, allerdings ohne den sonst üblichen Prunk. Am Tag darauf betritt er erstmals den Dom. Dort beschwört er die Wahlkapitulation, seine Regierungserklärung.

Dann endlich ist der Krönungstag gekommen, schon früh um sechs Uhr eröffnet durch das Sturmgeläut der Glocken. Der Krönungskandidat wird von Kurfürsten und Wahlbotschaftern in seinem Domizil abgeholt und zum Dom eskortiert. Dort folgt das althergebrachte Zeremoniell: Nach den Präliminarien - dem Eid des Kandidaten, seiner Salbung, dem Anlegen der Krönungsgewänder, der Übergabe der Reichsinsignien - wird unter der Vierung die eigentliche Krönung vollzogen.

Als erste Amtshandlung schlägt Kaiser Franz einige Adelssprößlinge zum Ritter. Dann folgt, unter Glockengeläute und Salutschüssen, die Prozession hinunter zum Römer, in dessen großem Saal - dem heutigen Kaisersaal - das Krönungsmahl zelebriert wird, eingeleitet mit der Verrichtung der Erzämter durch die Kurfürsten auf dem Römerberg.

Dort, auf dem großen Platz, verlustiert sich eine unüberschaubare Volksmenge beim obligatorischen Krönungsfest. Drei Tage nach der Krönung und nach der Huldigung durch die Frankfurter Untertanen reist Franz nach Mainz ab, zu Verhandlungen über den Operationsplan gegen Frankreich mit Preußens König Friedrich Wilhelm II. Der Krieg mit Frankreich wird Franz II. während seiner gesamten vierzehnjährigen Regierungszeit beschäftigen, bis 1806 schließlich das deutsche Kaiserreich daran endgültig scheitern und Franz die Kaiserkrone niederlegen wird.

 

Als Hessen und Preußen am Friedberger Tor die Franzosen schlugen: 1792

Dass es einmal eine (grüne) Stadtverordnete namens Jutta Ditfurth geben sollte, ist nur der Qualität eines Ringkragens zu danken. Dieses militärische Dekor nämlich bestand nicht allein aus massivem Silber, sondern wurde auch geziert von einem vergoldeten Wappen mit Bronzekern. Das gute Stück lag einst  um den Hals des Fähnrichs Karl Freiherr von Ditfurth. Für Jutta Ditfurths Vorvater, Offiziersanwärter im 1. Bataillon des preußischen Garde-Regiments, war der 2. Dezember 1792 in Frankfurt die „Feuertaufe“ - und beinahe auch das Lebensende. Wäre da nicht eben jener besagte Ringkragen gewesen.

Nachdem Fähnrich von Ditfurth nämlich als einer der ersten durch das Friedberger Tor in die von französischen Revolutionstruppen besetzte Reichsstadt gestürmt war, kam es zu blutigen Scharmützeln in den Straßen. Wobei die Franzosen teils in Richtung Bockenheimer Tor flohen, teils sich aber auch heftig zur Wehr setzten, so dass die hessischen und preußischen Truppen „Alles, was Widerstand zu leisten versuchte, mit dem Bajonett nieder(machten)“. Geradezu durchsiebt von den Seitengewehren wurde jener französische Musketier, dessen Kugel den beliebten Fähnrich so getroffen hatte, dass ihm „das Blut zu Maul und Nasen“ heraustrat. So hat es 30 Jahre später ein Veteran, Johannes Albert aus Ziegenhain, dem Sohn des Fähnrichs, Maximilian, geschildert.

Die Sache sah freilich schlimmer aus, als sie war, hatte doch besagter Ringkragen die Kugel abgefangen. In der Militär-Biografie seines Vaters, eines späteren Königlich Bayerischen Obristen, erinnerte sich Maximilian von Ditfurth 1864, dass am Ringkragen eine tiefe Einkerbung zu sehen war. Und: der „Getroffene hatte in Folge der Quetschung Zeit seines Lebens oft an Asthma zu leiden“. Weiteres hat der Veteran dem Sohn seines Fähnrichs überliefert: „Die Frankfurter Bürger schleppten uns aus Dankbarkeit, daß wir sie von den lausigen Franzosen befreit hatten, an Wein, Bier, Schnaps und Essensspeisen zu, was wir nur immer herunter zwingen konnten und des Herzens, Küssens und Händedrückens war kein Ende“.

 

Rückblende: Im Jahre 1792 ist der Versuch der Verbündeten Preußen und Österreich missglückt, das revolutionäre Frankreich zu unterwerfen. Nach der „Kanonade von Valmy“ am 20. September (Augenzeuge Goethe: „...Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen“) müssen sich die deutschen Angreifer zurückziehen; der französische General Custine überschreitet den Rhein, erobert Speyer und die Pfalz und rückt nach Norden vor. Mainz und auch das neutrale Frankfurt ergeben sich, letzteres am 22. Oktober, kampflos.

Die „Neutralität“ nützt den Frankfurtern freilich nichts, haben die Franzosen doch ein gieriges Auge auf die reiche Stadt geworfen. Unter der fadenscheinigen Beschuldigung, sie habe französischen (adeligen) Flüchtlingen Unterschlupf gewährt, fordert Custine eine „Brandschatzung“ von stolzen zwei Millionen Gulden - nur 300.000 können die Frankfurter sofort aufbringen.

Custine schlägt sein Hauptquartier in Mainz auf und lässt ein Kontingent von 2.500 Mann unter General van Helden zurück: drei Infanteriebataillone, eine kleine Abteilung Reiterei und lediglich zwei leichte Kanonen. Die „trotzige Haltung der Frankfurter“ verhindert, dass die Besatzer sich der Artillerie aus dem Frankfurter Arsenal bemächtigt. Custines Hauptstreitmacht wird außerhalb der damaligen Stadtgrenzen, entlang der Nidda zwischen Höchst und Rödelheim postiert.

Inzwischen haben sich die Preußen bei Koblenz wieder formiert und rücken auf Frankfurt vor. König Friedrich Wilhelm II. gibt höchstderoselbst den Befehl, dass bei Bergen und Seckbach liegende verbündete hessen-kasselsche und hessendarmstädtische Truppen den Angriff einleiten sollen.

Warum die an Kavallerie wie an militärischer Führung und Disziplin überlegenen Deutschen die befestigte Stadt angreifen statt die Truppen an der Nidda, ist ungeklärt. Vielleicht vertraut man darauf, dass es im Falle eines Angriffes einen Aufstand in Frankfurt geben und ein Stadttor geöffnet wird.

Und tatsächlich, während die Hessen am Sonntag, 2. Dezember, gegen 7.30 Uhr, just als die Glocken des Dorns zum Gottesdienst läuten, aufs Friedberger Tor vorrücken, öffnet sich dieses und ein Wagen fährt heraus. Die Franzosen bemerken ihre Unvorsichtigkeit jedoch sogleich und schließen Tor und Zugbrücke wieder. In Unkenntnis dieser Tatsache sind die Hessen unter dem Ruf „das Tor ist auf!“ vorwärts gestürmt - ins Verderben. Bald stauen sich in der von Gartenmauern und Häusern gesäumten Straße vor dem Tor an die 3.000 Mann - ideale Zielscheiben für die Besatzer auf den Zinnen. Erst als ein Sechstel der Angreifer tot oder schwer verwundet ist, kommt der Befehl zum Rückzug. Unter den tödlich Verwundeten ist auch der 35jährige Bataillonskommandeur Oberst Prinz Carl von Hessen-Philippsthal. Er hat einen Durchschuss des rechten Oberschenkels erlitten, dem er vier Wochen später im Senckenbergischen Bürgerhospital erliegt.

Nun aber tritt das Erhoffte ein: Als die Franzosen ihre beiden Geschütze am Friedberger Tor in Stellung bringen wollen, überfallen Frankfurter Handwerksburschen die Mannschaft und machen die Kanonen unbrauchbar, indem sie die Räder von den Lafetten reißen. Französische Verstärkung wird von ihrem Kommandeur aus unerklärlichem Grunde zurückgehalten, so dass die Handwerker das Tor öffnen können. Herein stürmt die preußische Garde - mit an der Spitze der besagte Fähnrich von Ditfurth. Nach zwei Stunden ist alles vorbei, die Franzosen fliehen über Höchst in Richtung linkes Rheinufer (Ein paar Jahre später sind sie wieder da, unter dem Kommando eines gewissen Generals Napoleon...).

Zum Gedenken an die 82 toten und 112 schwer verwundeten Hessen (die Franzosen beklagen 41 Tote und 139 Verwundete) stiftet König Friedrich Wilhelm das Hessen-Denkmal, das noch heute an der Friedberger Anlage steht. Auf dem Sockel stehen die Namen der gefallenen Hessen. Eines der Opfer der französischen Besetzung freilich fehlt: Zur Durchsetzung seiner Geldforderung hatte General Custine sieben Ratsherren als Geiseln genommen, darunter den Geheimrat Johann Jakob von Willemer. Dessen junge Frau regte sich dabei laut zeitgenössischem Zeitungsbericht so auf, dass sie tot umfiel. Jahre später heiratete Willemer seine „Pflegetochter“, die Schauspielerin Marianne Jung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Baggerfahrer, der einen Graben für neue Leitungen der Mainova zog, hat am Dienstag in der Bornheimer Landstraße menschliche Überreste der Schlacht auf der Bornheimer Heide im Jahre 1792 ans Licht befördert. Bis das klar war, rotierten Mordkommission und Gerichtsmedizin. Drei tote Soldaten jener kriegerischen Zeiten, da Frankfurt von französischen Truppen besetzt, sechs Wochen später aber von den vereint schlagenden Hessen und Preußen wieder befreit worden war.

In den Annalen der Stadt ist eine nämliche Fundstelle von „Skelett-Resten unter dem Trottoir“ an der Kreuzung Bornheimer Landstraße/ Berger Straße für das Jahr 1910 festgehalten. Damals war eine Telefonleitung verlegt worden. Und wie schon 1907, als man an der Ecke Heidestraße/Berger Straße auf Menschenknochen gestoßen war, hatte der damalige Direktor des Historischen Museums geurteilt, dass es sich bei den Toten um Opfer jener Schlacht im Dezember 1792 auf der Bornheimer Heide handeln müsse.

Mit einer weiteren Ausgrabung, die aus dem Jahr 1954 aus dem Musikantenweg 77-79 .(heute Berger Straße 86-88) überliefert ist, sind nach der Zählung von Andrea Hampel mit den neuen Skelettresten insgesamt rund 20 nach der Schlacht bestattete Personen aufgefunden worden. Man habe die Soldaten meist beim Schlachtfeld dicht übereinander, oder auch Seit' an Seit' unter die Erde gebracht.

 

Die Angst der Vilbeler vor der Rache der französischen Soldaten: 1796

Bis heute Unbekannte zerstörten einen Heißluftballon, mit dem die napoleonischen Truppen die Lufthoheit rund um Frankfurt sichern wollten

Das Jahr 1796 ist für Bad Vilbel in vieler Hinsicht von Bedeutung. Französische Truppen unter Führung des General Kidber hatten beim Marsch auf Frankfurt die Vilbeler Wasserburg in Brand gesetzt. Wenige Tage später, in der Nacht zum 13. August 1796, wurde ein Heißluftballon der Truppen auf einer Vilbeler Wiese durch Schüsse zerstört. Als Folge hatten die Vilbeler Repressalien  der Soldaten zu befürchten, zu denen es aber nicht kam.

Nach dem großen Erfolg des Franzosen Blanchard mit zwei Schau-Aufstiegen von Heißluftballons in Frankfurt im Herbst 1785 war lange Zeit von weiteren Aufstiegen nicht mehr die Rede. Der Redakteur der „Hanauer Neuen Europäischen Zeitung“ hatte in seinem Artikel gleich auf den Schwachpunkt dieser Luftschiffe hingewiesen. Sie seien im Grunde genommen unbrauchbar, weil sie sich nicht lenken ließen und daher vom Wind in eine beliebige Richtung getrieben würden. „Sobald die Neugierde, die hier hei Niemand am unrechten Ort ist, wird gesättigt seyn. bleibt es eine brodt- und nutzlose. und immer auch halsbrechende Kunst. die den Ruhm des Waghalses mit sich vergräbt“.

Dann machten die Zeiten der Revolutionskriege den Besuch von französischen Luftschiffern ohnehin erst einmal unmöglich. Im Sommer 1796 - mehr als zehn Jahre nach Blanchards Aufstieg - erreichte aber doch wieder ein Luftballon Frankfurt und Vilbel. Dieser Ballon kam aber nun nicht mehr zu Vergnügungszwecken, sondern war ein ernsthaftes militärisches Objekt.

Denn während der Revolutionskriege hatten die französischen Militärs damit begonnen. die neuen Luftschiffe auf militärischem Gebiet einzusetzen. Dies war allerdings nur in bescheidenem Umfang möglich. Denn um einen Ballon auf Kurs zu halten, hatte man damals kein anderes Mittel, als ihn von unten von einer größeren Anzahl Menschen an Seilen lenken zu lassen. Die Sambre-Maas-Armee setzte bei ihren Feldzügen Ballons ein. Als sie 1795 zum ersten Mal über den Rhein ging, wurde sie gleich von mehreren begleitet. Und als sie 1796 über Frankfurt nach Franken vorgerückt war, folgte ihr nach einiger Zeit von Köln aus wieder ein schwebender Ballon.

Weil er in diesem Zustand nur auf der vorgesehenen Route gehalten werden konnte, indem ihn eine Mannschaft von über 30 Mann an Seilen lenkte, kam er nur im Fußgängertempo voran. Nach Zeitungsberichten war er in Meudon gefertigt worden und wurde am 5. August in Vallendar bei Koblenz gesichtet und war am 11. August in der Gegend von Frankfurt „gegen Höchst und den Main hin“ angekommen, wo man mit ihm Experimente gemacht habe. Am 12. August wurde er nach Vilbel dirigiert.

Aus Frankfurt berichtete am 13. August ein Zeitungskorrespondent. der Ballon sei „vorerst dazu bestimmt, das Innere der damals noch von den Österreichern gehaltenen Festung Mainz zu recogniscieren. Jedenfalls will man bald damit einen Versuch machen“. Daraus wurde aber vorerst nichts. Denn auf den Ballon wurde in Vilbel geschossen.

Bislang war über diese Episode nur bekannt, was Amtmann Usener in seiner Chronik eingetragen hat: „Noch muß ich anmercken, daß da die französische Armee im Juli 1796 bis in Francken eingerückt war, sie von Cölln aus einen gefüllten Lufft Ballon mit einer Mann-schafft von 30 Mann schwebend bis Vilbel brachten. In der Nacht wurde er aber von wem weis man nicht - durchschoßen, und man brachte ihn zurück nach Frankfurt“.

Ausführlichere Angaben enthält der jetzt aufgefundene Bericht Amtmann Useners aus Bergen vom 13. August 1796 an die Regierung der hessen-kasselschen Grafschaft Hanau in Hanau. Er beginnt mit der umständlichen Anrede. Dann kommt der Amtmann zur Sache: „Ein Commando von 40 Mann Franzosen brachte gestern einen zu 2/3 gefüllten Luftballon nach Vilbel und setzten solchen vor dem Orth auf eine Wiese nieder. Heute Nacht um 12 Uhr wurde von dem jenseitigen Nidda Ufer nach ihm geschossen und er bekam 4 Löcher. Aus Besorgnis, daß der Orth Vilbel durch dieses Bubenstück in das größte Ungemacht kommen mögte, eilte ich sogleich hin, (um) die Untersuchung in Beyseyn des commandirenden Officiers, der mir seinen bereits aufgenommenen proces verbal (=Protokoll) ad acta communicirte, anzustellen. ( Ich machte die Sache so weitläuftig als möglich war, lies in Vilbel, Massenheim und Harheim alle Feuer-Gewehre visitiren, ob etwa an einem ein frischer Schuß zu bemerken seye, und versprach demjenigen, welcher den Thäter endecken würde, eine Belohnung von 100 Gulden und Verschweigung seines Namens. Bey Untersuchung kam nichts heraus. Der Officir war aber mit meinem Eifer äußerst zufrieden, nahm Abschrift des Protocoils und ging noch späth damit

nach Frankfurth. Ich werde morgen auch dahin, gehen, den französischen Secretär Simon sprechen, und ich hoffe, diese unangenehme Sache soll damit abgethän seyn“.

Wie sich aus diesem Schreiben ergibt. hat der Amtmann den Schuß auf den Ballon für so brisant gehalten, daß er persönlich den Sekretär der französischen Gesandtschaft in Kassel, Simon, der sich damals in Frankfurt aufhielt, einschaltete. Hessen-Kassel befand sich seit August 1795 in Frieden mit Frankreich und konnte sich daher aus dem Krieg von 1796 heraushalten. Dies hatte zur Folge, daß Useners Amt im Sommer 1796, als die Sambre-Maas-Armee bis Franken vorgerückt war, zwischen lauter besetzten Gebieten so etwas wie eine Insel der Seligen war.

Sowohl auf hessischer als auch auf französischer Seite legte man Wert darauf, daß diese Neutralität ungestört blieb. Das Personal sowohl des Landgrafen als der Republik hatte daher Anweisung, sie strikt zu beachten. Da galt es, Weiterungen, die letztlich beiden Seiten ungelegen sein mußten, von Anfang an vorzubeugen. Und dies galt besonders, wenn es sich um einen Ort handelte. der nur zur Hälfte Hessen-Kassel unterstand. Bereits der Brand der Vilbeler Burg im Juli (auch wenn sie im Gegensatz zur „ungeteilten Gemeinschaft“ ausschließlich dem nicht neutralen Kurstaat Mainz gehörte) kam daher politisch beiden Seiten ungelegen und wurde nach Kräften heruntergespielt.

Nun hatte man es mit einem viel gefährlicheren Auslöser, einem Übergriff gegen eine französische Militäreinrichtung, zu tun. Usener wußte, wie ungelegen jede Störung des Neutralitätsverhältnisses seinem Landgrafen kommen würde. Der Landgraf stellte einen Monat später beim Rückzug der Sambre-Maas-Armee Übergriffe gegen französische Soldaten sogar unter Todesstrafe. Und es war ihm bekannt, daß Gesandtschaftssekretär Simon seinerseits den Auftrag hatte, auf französischer Seite jeder Störung vorzubeugen. Er tat daher, was er konnte, um abzuwiegeln. Und er hatte damit Erfolg. Es gab jedenfalls keine Weiterungen, so daß Simon den Vorfall in seinen Berichten nach Paris nicht erwähnt hat. Für die schnelle Kriegsführung von Napoleon hatten die viel zu langsamen Militärballons dann kaum noch Bedeutung. Napoleon löste daher die Aeronautenschule von Meudon auf.

Wieder waren Luftballons hauptsächlich eine Sache von Schauveranstaltungen. Bis in Frankfurt im Jahre 1805 eine zweite dieser Veranstaltungen stattfand, waren seit Blanchards Aufstieg allerdings volle zwanzig Jahre vergangen. Wieder war der Luftschiffer ein Franzose, der Professor Garnerin aus Paris, und wieder erfolgte der Aufstieg während der Frankfurter Herbstmesse.

Diesmal hob der Ballon von der Pfingstweide ab, wurde von dort erst nach Osten und dann nach Süden in die Gegend von Neu-Isenburg getrieben und ging dort nach zwei Stunden nieder.

Amtmann Usener hat auch dies Ereignis in seiner Chronik festgehalten: „Er stieg hoch und lies sich bey Heusenstamm nieder“. Danach hat es während der Herbstmesse von 1810, zu Zeiten des kurzlebigen Frankfurter Großherzogtums, noch einen dritten Aufstieg, den der Madame Blanchard vom Klapperfeld aus gegeben. Sie wurde in ein Waldstück im Taunus getrieben, aus dem sie erst nach Stunden mit erfrorenen Händen herausfand. Später, 1819, stürzte sie in Paris tödlich ab. Im Übrigen hat man danach für Jahrzehnte in Frankfurt nichts mehr von einem Ballonaufstieg gehör

 

Frankfurt wird Großherzogtum und Fürstenstadt: 1806

Mit der Auflösung des Alten Reiches durch Napoleon verliert Frankfurt seine Reichsunmittelbarkeit. Im Rheinbundvertrag von 1806 wird Frankfurt dem letzten Mainzer Erzbischof Karl von Dalberg zugesprochen und 1810 zum Großherzogtum erhoben. Fürstprimas Dalberg regiert die Stadt, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa 35.000 Einwohner zählt, mit Hilfe einer fürstlichen Behörde. Er erweist sich als aufgeklärt-fortschrittlicher Herrscher, der in seiner kurzen Regierungszeit unter anderem die Leibeigenschaft und Frondienste abschafft, die städtische Verwaltung ebenso wie das Schul- und Bildungssystem reformiert, staatliche Volksschulen einrichtet und eine medizinische Hochschule gründet. Doch mit der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 ist auch Dalbergs Herrschaft beendet. Das Großherzogtum Frankfurt wird wieder abgeschafft.

 

Frankfurt wird Freie Stadt: 1815

1815 wird Frankfurt gemäß den Beschlüssen des Wiener Kongresses Freie Stadt. Als solche schließt sie sich mit den drei anderen Freien Städten sowie 35 deutschen Staaten zum Deutschen Bund zusammen. Dessen oberstes Gremium, der Bundestag, erhält seinen Sitz in Frankfurt. Ein Jahr später, 1816, wird die neue, freistädtische Verfassung, die  „Konstitutionsergänzungsakte“, erlassen. Mit ihr werden die Vorrechte der alten Geschlechter abgeschafft. Doch am Einfluß des Bürgertums auf die Stadtpolitik ändert sich wenig. Anstelle der Patrizier sitzen nun reiche Bürger im Rat.

 

Sturm auf die Hauptwache: 1833

Wieder führen politische Benachteiligungen zu Spannungen und Unruhen. 1833 versuchen freiheitlich gesinnte Studenten unter dem Ruf „Es lebe die Freiheit! Freiheit und Gleichheit! Revolution!“ die Haupt- und Konstablerwache in Frankfurt zu stürmen. Doch das Linienregiment schlägt die Aufständischen nieder. Der Versuch, eine allgemeine Revolution zu entfachen und den Bundestag zu stürzen, ist somit gescheitert.

Die erste Nationalversammlung tagt in der Paulskirche: 1848

Am 22. Februar 1848 wird in Frankreich die Republik ausgerufen. Die Revolution erfaßt ganz Europa. Deutsche Demokraten fordern eine Nationalversammlung. In Frankfurt hört man den Aufruf „Das Volk ist reif zur Deutschen Republik“. Am 5. März beruft man die Abgeordneten aller deutschen Lande nach Frankfurt. Vom 31. März bis 3. April 1848 tritt hier ein Vorparlament zusammen, um die Grundlagen einer deutschen Parlamentsverfassung zu beraten.

Am 18. Mai eröffnen die Abgeordneten in der Paulskirche die erste deutsche Nationalversammlung. Das Parlament wählt ein provisorisches Reichsoberhaupt und erarbeitet eine Reichsverfassung mit den "“rundrechten für das deutsche Volk“. Im März 1849 wird diese Verfassung verabschiedet. Sie scheitert jedoch an den deutschen Großmächten, den Fürsten, denen an einem Einheitlichen Nationalstaat nicht gelegen ist.

 

Frankfurt wandelt sich zur Stadt mit weltstädtischem Flair: 1866  1891

Nach dem Krieg und Sieg Preußens über Österreich 1866 kommt es zur Auflösung des Deutschen Bundes. Frankfurt verliert seine Selbständigkeit, wird von den Preußen annektiert und in die Provinz Hessen-Nassau eingegliedert. Als Stadtgemeinde ist Frankfurt der königlichen Regierung in Wiesbaden unterstellt. An der Spitze der Stadt stehen von nun an zwei Bürgermeister, die von den Stadtverordneten gewählt und vom König bestätigt werden. Magistrat und Stadtverordnetenversammlung vertreten die Stadt nach außen.

Nach dem Friedensschluß mit Frankreich 1871 im Gasthof „zum Schwan" gibt Fürst Otto von Bismarck seiner Hoffnung Ausdruck, daß der „Friede von Frankfurt“ auch ein Friede Preußens mit Frankfurt sein würde. Und in der Tat - Frankfurt steigt schon bald zur Großstadt auf. Insbesondere unter Oberbürgermeister Franz Adickes1891-1912 entwickelte sich die Stadt zu einem modernen Industrie- und Handelsplatz mit weltstädtischem Flair. Erste Eingemeindungen umliegender Ortschaften führen zu einer Ausdehnung des Stadtgebietes. Es entstehen Wohn- und Industriegebiete, Grüngürtel und Volksparks, Ring- und Radialstraßen. Bedeutende Projekte wie der Palmen-garten, die Frankfurter Oper, der Bahnhof, der Westhafen sowie kommunale Versorgungsbetriebe werden eröffnet.

Getragen vom allgemeinen Aufschwung der Gründerjahre erlebt die Stadt eine Blütezeit mit zahlreichen Ausstellungen und Großveranstaltungen. Im Jahre 1909 findet die Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung (ILA) in Frankfurt statt. Auch die Industrialisierung kommt nach Einführung der Gewerbefreiheit in Gang. Die 1880 gegründeten Adlerwerke entwickeln sich zu einem der führenden Fahrrad-, Schreibmaschinen- und Autohersteller. Auch andere Unternehmen profitieren von der wirtschaftlichen Lage.

Frankfurt geht es gut, die Bevölkerung wächst von 78.000 (1867) auf 437.000 Einwohner (1917). Auch kulturell und wissenschaftlich kann sich die Stadt sehen lassen. Wieder rufen reiche Frankfurter Bürgerfamilien wichtige Institutionen ins Leben. Ihre Spendenfreudigkeit gipfelt 1914 in der Eröffnung der Frankfurter Universität, der ersten Stiftungsuniversität Deutschlands. Sie trägt seit 1932 den Namen Johann Wolfgang Goethes

 

Frankfurt um den Ersten Weltkrieg; 1914

Im Ersten Weltkrieg wird Frankfurt zum Ziel von elf Fliegerangriffen. Vor allem aber leidet die Bevölkerung unter Lebensmittel- und Brennstoffknappheit. Der Winter 1916/17 geht als „Kohlrübenwinter“ in Frankfurts Geschichte ein. Die Novemberrevolution von 1918 führt auch in Frankfurt zur Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates. Dieser hat allerdings nur begrenzten Einfluß auf die Stadtregierung und wird 1919 nach Unruhen wieder entmachtet.

 

Vom 6. April bis zum 17. Mai 1920 wird die Stadt dann infolge von Aufständen im Ruhrgebiet als militärisches Faustpfand von französischen Truppen besetzt. Die unsichere politische und wirtschaftliche Lage sowie die immer rascher voranschreitende Inflation fördern die politische Radikalisierung. Auch in Frankfurt formieren sich rechtsradikale und völkische Gruppierungen. Mit der Einführung der Rentenmark beginnt 1924 eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung.

Im Jahre 1925 wird der Frankfurter Architekt Ernst May zum Stadtbaumeister. Unter seiner Federführung entsteht zwischen 1927 und 1929 die erste deutsche Großsiedlung „die Römerstadt“ am Nidda-Ufer, welche als „Frankfurter Beispiel“ in die Architekturgeschichte eingeht. Das Waldstadion wird als größte deutsche Sportstätte errichtet.

Doch dieser Aufschwung hält nicht lange an. Ab 1929 macht sich die Weltwirtschaftskrise auch in Frankfurt bemerkbar, renommierte Frankfurter Unternehmen brechen zusammen. Anfang 1933 gibt es in der Stadt rund 70.000 Arbeitslose. Die Zahl der Einwohner beträgt im gleichen Jahr rund 550.000.

 

 

Der Weg in den NS-Staat: 1933

Die katastrophale Wirtschaftslage puscht die rechtsradikalen Parteien. Die NSDAP wird innerhalb kürzester Zeit zur stärksten Partei in Frankfurt. Zwischen 1929 und 1933 steigt ihr Stimmenanteil bei den Kommunal- und Reichstagswahlen von knapp 5 Prozent auf 47,9 Prozent. Nach den Kommunalwahlen am 12. März 1933 übernehmen die Nationalsozialisten die Macht im Römer und beginnen mit der Gleichschaltung. Am 1. April boykottieren SA-Trupps jüdische Geschäfte. Auch die Universität und ihre Institute werden von NS-Studenten und SA-Männern besetzt. Der jüdische Oberbürgermeister Landmann flieht. Zahlreiche jüdische und nichtjüdische Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes müssen ihren Dienst quittieren.

 

Im Jahre 1936 entsteht anstelle des nicht erweiterungsfähigen Flugplatzes Rebstock der RheinMain-Flughafen. Im Jahre 1938 wird die zeitgenössische Abteilung der Städtischen Kunst- Galerie im Städel geschlossen. Werke „entarteter“ Künstler werden beschlagnahmt und im Ausland versteigert.

Im selben Jahr 1938 treten die antijüdischen Terroraktionen in ein neues Stadium. Synagogen, Wohnungen und Geschäfte brennen in der Reichspogromnacht auch in Frankfurt. Mit Beginn des Krieges spitzen sich die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung weiter zu. Im Jahre 1941 beginnen die Deportationen der Frankfurter Juden. Bis 1944 werden insgesamt 10.000 Menschen in das Ghetto von Lodz transportiert und umgebracht.

Zum Ziel von Großangriffen durch die Alliierten wird Frankfurt erst im Herbst 1943. Die schwersten Luftangriffe erlebt die Bevölkerung 1944. Am 18., 22. und24. März versinken die historische Altstadt und die Innenstadt in Schutt und Asche. 90.000 Wohnungen werden zerstört, 1.870 Menschen sterben, 180.000 werden obdachlos. Der Einmarsch amerikanischer Soldaten am 26. März 1945 beendet die nationalsozialistische Diktatur und den Zweiten Weltkrieg in Frankfurt.

 

Frankfurt am Main gehörte nicht zu jenen von der NS-Führung bevorzugten Städten wie etwa Berlin, München oder Nürnberg. Diese Geringschätzung war keineswegs etwa darin begründet, daß die Nationalsozialisten in Frankfurt auf nur geringe Resonanz gestoßen wären: Bei den Märzwahlen 1933 hatte fast jeder zweite Frankfurter für die NSDAP gestimmt. Vielmehr war es die mit der Stadt verbundene liberale Tradition und ihr hoher Bevölkerungsanteil jüdischer Bürger, besonders auch das Bild der Stadt als Handels- und Finanzmetropole, das ja zu erheblichen Teilen von jüdischen Bankiers mitgeprägt worden war.

Zwar zeigten sich die lokalen Parteigrößen bemüht, den Ruf der Stadt zeitgemäß aufzupolieren und der „Stadt der Frankfurter Zeitung und Mayer Amschel Rothschilds“ einen neuen Leumund zu verschaffen, der sich in das völkisch-rassistische Weltbild des Nationalsozialismus einpassen ließ; so wurde Frankfurt etwa zur Hauptstadt des Gaues Hessen-Nassau erklärt. Dennoch blieb Frankfurt während des „Dritten Reiches“ doch eher eine zweitrangige Provinzstadt.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler hatte der Präsident der Republik den Weg in den NS-Staat geebnet. Nun begann die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten auf allen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, begleitet vom offenen Terror durch die SA, die Parteiarmee der NSDAP. Die neue Reichsregierung löste sofort den Reichstag auf, und in Preußen - zu dem auch Frankfurt gehörte - verfügte der Kommissarische Innenminister Hermann Göring die Auflösung der Gemeindevertretungen. Durch Neuwahlen erhoffte sich die NSDAP eine absolute Mehrheit der Sitze im Reichstag und in den Kommunalparlamenten, die der Diktatur einen legalen Anstrich gegeben hätte.

Ein Protest der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gegen ihre Auflösung blieb wirkungslos. Mit der Absetzung des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Ludwig Steinberg hatte sich die NSDAP die Frankfurter Polizei - sie galt als republiktreu - gefügig gemacht; SA-Männer fungierten nun zudem als Hilfspolizei. Im Wahlkampf wurden vor allem die Arbeiterparteien SPD und KPD massiv behindert. Dennoch erbrachten weder die Reichstagswahlen am 5. März 1933 noch die Kommunalwahlen am Sonntag darauf der NSDAP die erwartete absolute Mehrheit.

Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielten die Nationalsozialisten in Frankfurt 44,1 Prozent der Wählerstimmen, 0,2 Prozent mehr als im Reichsdurchschnitt. Knapp einhundertsiebzigtausend Frankfurter hatten der NSDAP ihre Stimme gegeben. Bei der Wahl. zur Stadtverordnetenversammlung erhielt die NSDAP sogar 47,9 Prozent der Stimmen; ein einziger Sitz fehlte ihr zur absoluten Mehrheit im Stadtparlament.

Am Tag nach der Kommunalwahl setzte der Wiesbadener Regierungspräsident den Nationalsozialisten Friedrich Krebs als Oberbürgermeister in Frankfurt ein. Der noch amtierende Oberbürgermeister Ludwig Landmann trat zurück und verließ die Stadt, gerade noch rechtzeitig, um seiner Verhaftung zu entgehen. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Stadträte wurden „beurlaubt“, der sozialdemokratische Bürgermeister Karl Schlosser verhaftet. Am Römer wurde die Hakenkreuzfahne aufgezogen - die ersten Schritte zur „Machtergreifung“ in Frankfurt waren vollzogen.

Der öffentliche Dienst wird „gleichgeschaltet“. In der Frankfurter Stadtverwaltung werden Beamte, Angestellte und Arbeiter entlassen mit der Begründung, sie böten „nach ihrer

bisherigen Betätigung nicht die Gewähr dafür jederzeit „rückhaltlos für den nationalen Staat“

einzustehen. Gehen müssen die Mitglieder der Arbeiterparteien, aber auch Liberale und Parteilose, ebenso alle jüdischen Mitarbeiter, vom Amtsleiter bis zum Straßenkehrer. An ihrer Stelle zogen rund eintausend „alte Kämpfer“ der NSDAP und der SA in die Frankfurter Stadtverwaltung ein.

Drei Tage nach der Reichstagswahl, vier Tage vor der Kommunalwahl: die NSDAP inszeniert einen pompösen Aufmarsch, beginnend mit einer Flaggenparade am Frankfurter Polizeipräsidium. Die Straßen werden von „Hilfspolizisten“ der SA abgesperrt; am Straßenrand drängen sich die Zuschauer, die beim Vorbeimarsch der SA und „Stahlhelm“-Kolonnen den Arm zum Hitler-Gruß heben. Wenig später wird am Römer die Hakenkreuzfahne gehißt.

Der organisierte Terror gegen die jüdische Bevölkerung begann mit einer Boykottkampagne gegen jüdische Geschäftsleute, Ärzte und Anwälte. Am Vormittag des 1. April 1933 zogen in der Frankfurter Innenstadt und in den Außenbezirken uniformierte SA-Kommandos auf. Sie postierten sich vor den Eingängen der jüdischen Geschäfte, um die Kunden am Betreten zu hindern. „Kauft nicht bei Juden“, lautete die Parole. Einige nichtjüdische Geschäftsleute nutzten diese Situation aus und warben mit Zetteln für ihr eigenes Geschäft. Ziel des Boykotts war es, die jüdischen Firmen in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben. Allein im Jahre 1933 mußten in Frankfurt über fünfhundert jüdische Geschäfte abgemeldet werden.

 

Der Kampftag der Arbeiterbewegung, der 1. Mai, wurde als „Tag der nationalen Arbeit“ für die nationalsozialistische „Volksgemeinschafts“-Ideologie vereinnahmt. So wurde denn am 1. Mai 1933 der „Willen zur Volksgemeinschaft“ demonstriert, wie es die Frankfurter NSDAP in ihren „Richtlinien für den 1. Mai in Groß-Frankfurt“ propagiert hatte: durch Vereine, Verbände, Organisationen, vom Sportverein bis hin zu den studentischen Verbindungen.

Am Tag darauf besetzte die SA das neue Gewerkschaftshaus in der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße und das „alte Gewerkschaftshaus“ in der Allerheiligenstraße, verhaftete Funktionäre und Mitglieder. Die Organisation der Arbeiter wurde zerschlagen und durch eine staatliche Zwangsorganisation, die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF), ersetzt. Nunmehr gebot der Unternehmer als „Führer des Betriebes“ über Arbeiter und Angestellte als seiner „Gefolgschaft“. Die Arbeiterparteien KPD und SPD wurden verboten; die anderen Parteien lösten sich selbst auf. Der Schritt zum Einparteienstaat war vollzogen. Die NSDAP hatte die Macht übernommen.

Ani 10. Mai 1933 demonstrierten Studenten und Professoren, unterstützt von der SA, öffentlich das Kulturverständnis des Nationalsozialismus. „Die akademische Jugend errichtete auf dem Römerberg einen Scheiterhaufen und verbrannte marxistische und undeutsche Literatur. Ein flammendes Symbol!“ bejubelten die „Frankfurter Nachrichten“ diesen Akt kultureller Barbarei. Zur „undeutschen Literatur“ zählten die Werke von Heinrich und Thomas Mann, von Stefan Zweig, Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger, von Kurt Tucholsky, Bertold Brecht und von Sigmund Freud, dem Träger des Frankfurter Goethepreises. „Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, hatte einer der verbrannten Dichter, Heinrich Heine, dereinst geschrieben.

 

Alltagsleben:

Binnen weniger Monate hatten die Nationalsozialisten den Staat und seine Institutionen, die Presse, den Rundfunk, das Bildungswesen „gleichgeschaltet“; zugleich setzten sie alles daran, auch das alltägliche Leben in Schule und Beruf, in Freizeit und Familie zu durchdringen und zu reglementieren, wobei die Nazi-Ideologie mit ihrem autoritären Führerprinzip und ihrem übersteigerten Nationalismus vor allem im konservativ gesinnten Bürgertum bereitwillige Aufnahme fand.

Nunmehr grüßte man nicht mehr mit einem „Guten Tag“, sondern mit „Heil Hitler“; wer den Hitler-Gruß verweigerte, setzte sich dem Verdacht aus, dem „nationalen Staat“, dem NS-Regime ablehnend gegenüberzustehen. Die Uniformen der verschiedenen Parteigliederungen, vom „Jungvolk“ bis zur SS, gehörten ebenso zum Bild des Alltags wie die allgegenwärtige Hakenkreuzsymbolik: nicht nur auf den Fahnen und amtlichen Drucksachen, sondern auch auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs - etwa auf Tassen, Tellern und Krügen, auf Ringen, Manschettenknöpfen oder Krawattennadeln, was hinter vorgehaltender Hand als „nationaler Kitsch“ bezeichnet wurde.

Der Kult um den „Führer“ wurde schon den Schulkindern eingetrichtert; die Unterrichtsstunde begann und schloß mit einem lauten „Heil Hitler“, in den Schulbüchern wurde unverhüllt Propaganda betrieben, und der Unterricht selbst hatte sich an der „völkischen“ Ideologie, an ihrem Nationalismus und Rassismus auszurichten. An Frankfurter Schulen begann oder endete die Unterrichtswoche mit Morgenappell und Flaggenhissung auf dem Schulhof, und an „nationalen“ Feiertagen hatten die Schüler in HJ-Uniform zu erscheinen. Auch im häuslichen Milieu hatte der Nationalsozialismus Einzug gehalten. In vielen Wohnzimmern hing das „Führer“-Bild an der Wand, in manchem Bücherregal stand Hitlers Buch „Mein Kampf“ - meist ungelesen. über das Rundfunkgerät - den „Volksempfänger“ - erreichte die Nazi-Propaganda nahezu jede Familie.

Die NSDAP hatte die Bevölkerung mit einem dichten Netz von Organisationen überzogen, mit dem sie verachte, die verschiedenen Berufs- und Altersgruppen in all ihren Lebensbereichen zu „erfassen“ und für die nationalsozialistische Politik gefügig zu machen. Die sechs- bis zehnjährigen Kinder kamen in die Kindergruppen der „NS-Frauenschaft“, die Zehn- bis Vierzehnjährigen zum „Jungvolk“. Daran schloß dann die „Hitlerjugend“ (HJ) und der „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) an, schließlich der „Reichsarbeitsdienst“ und, für Männer, der Wehrdienst. Hatten sich in den NS-Jugendorganisationen anfänglich noch Reste der ungezwungeneren Lagerromantik aus der Zeit der „Wandervogel“-Bewegung und der „Bündischen Jugend“ erhalten, so wurden Jungvolk und HJ bald zu staatlichen Zwangsorganisationen für die Zehn- bis Achtzehnjährigen erklärt, in der die Jugendlichen mit straffer Disziplin und militärischem Drill auf den kommenden Krieg vorbereitet wurden.

Im Berufsleben wurden Männer und Frauen von der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) „erfaßt“. Hinzu kamen die Verbände einzelner Berufsgruppen wie etwa der „NS-Ärztebund“ oder der „NS-Lehrerbund“; nicht berufstätige Frauen waren in der „NS-Frauenschaft“ zusammengeschlossen. Im öffentlichen Dienst, in den kulturellen Einrichtungen, im Bildungswesen hatten sich nicht nur in den leitenden Positionen „Parteigenossen“ („Pgs“) - etabliert; manch einer war auch aus Opportunismus der NSDAP beigetreten, weil die Parteimitgliedschaft die Aussicht auf beruflichen Aufstieg verbesserte.

 

Der kulturelle Kahlschlag:

Die nationalsozialistische Stadtführung holt zum kulturellen Kahlschlag aus. Wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrem künstlerischen oder wissenschaftlichen Verständnis oder einfach wegen ihrer jüdischen Abstammung wird ein großer Teil der Mitarbeiter in den kulturellen Einrichtungen der Stadt - in den Theatern, den Museen und Stiftungen, in den Kunstgalerien - entlassen, ebenso an den Schulen und an der Universität. Viele von ihnen, wie etwa die

Mitarbeiter des „Instituts für Sozialforschung“, emigrieren ins Ausland.

Die Entlassungen an den Frankfurter Theatern etwa werden begründet: beim Intendanten der Oper, Josef Turnau, sei dessen „undeutsche Spielplangestaltung und seine Personalpolitik“ maßgebend, Oberspielleiter Graf wurde wegen seiner „undeutschen künstlerischen Gestaltung der Opernaufführungen“ entlassen, außerdem sei er jüdischer Abstammung. Zu den Entlassungen am Schauspielhaus heißt es: „Intendant Dr. Kronacher ist Jude. Schauspielregisseur Dr. Buch ist wegen seiner Neigung zur kommunistischen Weltanschauung beurlaubt worden“. Der Schauspieler Katsch sei „Jude (polnischer Staatsangehörigkeit) mit kommunistischer Denkungsweise“, und bei „Schauspieler Rewalt (Jude), der zwar Kriegsteilnehmer an der Front war, bildet seine internationale Denkungsweise ein Hindernis für die Weiterbeschäftigung“. Der Generaldirektor der städtischen Museen, Professor Dr. Georg Swarzenski, war entlassen worden, weil er den „guten Galeriebesitz des Städels mit einer Menge fremdrassiger und kulturbolschewistischer Machwerke“ durch den Erwerb von Bildern Beckmanns, Baumeisters und Klees „zersetzt“ und es versäumt habe, „zeitgenössische Werke, die das Herauswachsen aus dem Frankfurter Mutterboden bekunden, im Städel einzufügen“. Später wird die zeitgenössische Abteilung der Städel-Galerie geschlossen, ihre Sammlung expressionistischer Maler, aber auch die Werke von Corinth, Gaugin, van Gogh, Munch, Matisse werden beschlagnahmt und für Devisen ins Ausland verkauft.

Max Beckmanns Bild: „Die Synagoge in Frankfurt“ wurde von den nationalsozialistischen Blut- und Boden-Ideologen als „entartete Kunst“ verfemt. Beckmann, der lange Jahre als Lehrer der Städelschule in Frankfurt gelebt hatte, mußte ins Ausland fliehen. Das Bild ist heute im Besitz des Frankfurter Städel.Auch so mancher Frankfurter Bürger fühlte sich bemüßigt, seinen Beitrag zur Ausmerzung der Juden aus dem öffentlichen Bewußtsein zu leisten. Ein Frankfurter fragte beim Oberbürgermeister an, warum es noch eine Emil-Claar-Straße gebe. „Daß der Indentant (!) unserer Theater nur mit seinem Theater-Namen Emil Claar hieß, wußte ich schon vor 40 Jahren. Sein richtiger Familien-Namen (!) war Rappaport, war Jude aus Lemberg. Also, weg damit!“

In der Stadt wurde jede Erinnerung an die demokratischen und liberalen Traditionen und an die kulturellen Leistungen jüdischer Frankfurter „ausgemerzt“. Das Denkmal für Friedrich Eben an der Paulskirche wurde beseitigt, ebenso das Denkmal Heinrich Heines. Im Bauamt durchforstete der Straßenbenennungsausschuß das Frankfurter Straßenverzeichnis nach jüdischen, liberalen, demokratischen und sozialistischen Namensgebern. Namen wie Ludwig Börne, Leopold Sonnemann oder Käthe Kollwitz verschwanden - der eine, weil er Jude war und sich „in Wort und Schrift gegen das Deutschtum vergangen“ habe, der andere, weil er ein „scharfer Verfechter des Liberalismus“ gewesen sei; die Künstlerin Käthe Kollwitz schließlich habe sich „in kommunistischem Sinne“ betätigt.

Die Namen von jüdischen, liberalen, demokratischen und sozialistischen Persönlichkeiten waren von den Straßenschildern entfernt worden. Auf neuen Straßenschildern erschienen nunmehr die Namen der NS-Prominenz: „Adolf Hitler Anlage“ (die heutige Gallusanlage), „Adolf Hitler Brücke“ (die Untermainbrücke), „Hermann Göring Ufer“ (das Untermainkai); der Börsenplatz wurde in „Platz der SA“, der Rathenauplatz in „Horst Wessel Platz“ umbenannt.

 

Die Römerbergfestspiele zählten zu den kulturellen Attraktionen im Frankfurt der Dreißiger Jahre; sie lockten jeden Sommer Tausende von Touristen in die Stadt. Das nationalsozialistische Frankfurt schmückte sich gerne mit den „Freilicht-Aufführungen .. . auf dem Römerberg, Frankfurts unvergleichlich schönem Rathausplatz“. Freilich waren die Römerbergfestspiele bereits 1932 erstmals abgehalten worden. Ihre Begründer, Schauspielintendant Alwin Kronacher und Stadtrat Max F. Michel, waren von den Nationalsozialisten in die Emigration getrieben worden.

 

Autobahnbau:

„Auch aus dem ersten Jahre des neuen Reiches besitzt Frankfurt eine Gedenkstätte, die an den Beginn eines gewaltigen Werkes des Dritten Reiches erinnert. Am südlichen Mainufer zwischen Niederrad und Schwanheim, wo die Reichsautobahn Frankfurt- Darmstadt den Main überquert, ist ein Gedenkstein errichtet an der Stelle, wo der „Führer und Reichskanzler Adolf Hitler“ am 23. September 1933 den ersten Spatenstich zum Bau der Reichsautobahn tat und den Befehl gab: ,Deutsche Arbeiter fanget an!'“

Das Projekt eines ganz Deutschland überdeckenden Netzes von Autostraßen, das sich die Nationalsozialisten an die eigenen Fahnen hefteten, war schon in den Zwanziger Jahren geboren und in Frankfurt maßgeblich mitgestaltet worden. Der 1926 in Frankfurt gegründete „Verein zur Vorbereitung der Autostraße Hamburg-Frankfurt-Basel" – kurz „Hafraba“- hatte die Nord-Süd-Strecke bereits bis zur Baureife ausgearbeitet - die „Straßen des Führers" lagen weitgehend konstruktionsfertig in den Schubladen der „Hafraba“.

Die Randständigkeit Frankfurts im NS-Staat bereitete der nationalsozialistischen Stadtführung einigen Kummer. Sie versuchte, der als „Neu-Jerusalem am fränkischen Jordan“ diffamierten Stadt ein neues Image durch einen offiziellen Beinamen zu . verschaffen. Die Benennung als „Messestadt“ mußte verworfen werden; Frankfurt hatte seine Spitzenposition als Handelsmetropole eingebüßt. Die Bezeichnung „Stadt der Römerbergfestspiele“ wurde gleichfalls verworfen - die Initiatoren der Freilichtaufführungen waren Juden gewesen. So verfiel man auf die Benennung „Stadt des deutschen Handwerks“. Von höchster Stelle genehmigt besaß Frankfurt nunmehr also eine offizielle „Tradition“, die freilich kaum geschichtliche Referenzen aufzuweisen hatte: in Frankfurt hatte das Handwerk nie eine so bedeutende Rolle gespielt, daß es die Stadt in besonderer Weise geprägt hätte.

 

Judenverfolgung in Frankfurt:

Aus der demagogisch propagierten „Volksgemeinschaft“ war die jüdische Bevölkerung - in Frankfurt etwa 26.000 Menschen - von vornherein ausgeschlossen; Schritt für Schritt wurden die Juden nun aus dem öffentlichen und beruflichen Leben gedrängt. Jüdische Ärzte, Richter, Anwälte, Lehrer erhielten Berufsverbot, in nichtjüdischen Geschäften durften jüdische Bürger nicht einkaufen, aus Vereinen und Organisationen wurden sie ausgeschlossen. Juden durften keine der kulturellen Veranstaltungen besuchen, ihre eigenen Vereine wurden aufgelöst. In den Schulen wurden die jüdischen Kinder von ihren Mitschülern getrennt, und „arische“ Eltern verboten ihren Kindern, mit „Judenkindern“ zu spielen. Jeder Schritt aus der Wohnung bedeutete für die jüdischen Bürger die Konfrontation mit Verboten, bedeutete Diskriminierung und Anfeindung - sie lebten in einem Ghetto ohne Mauern.

„Dann aber kamen, sich überstürzend, die grausigen Geschehnisse des 9. November 1938. Die Feuerbrände der Synagogen Deutschlands, die zum Himmel lohten, die Konzentrationslager..., die Beschlagnahmung fast aller jüdischen Vermögen, die Enteignung jüdischen Besitzes, auch des Besitzes der Gemeinden, wiesen nur einen Weg, den Weg fort aus diesem mit Grauen und Entsetzen erfüllten Lande“, schrieb Caesar Seligmann, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt, nach seiner Emigration nach England.

In der Nacht zum 9. November 1938 hatte die NSDAP in ganz Deutschland ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung inszeniert. In der „Reichskristallnacht“ - wie der Terrorakt mit bitterem Sarkasmus genannt wurde - zogen Schlägertrupps der NSDAP und der SA durch Frankfurt und demolierten jüdische Geschäfte, brannten die Frankfurter Synagogen nieder, mißhandelten und verschleppten jüdische Bürger.

Propagandaminister Joseph Goebbels, der Hauptdrahtzieher des Pogroms, hatte erwartet, daß sich die „arische“ Bevölkerung spontan am Terror der Partei- und SA-Kommandos gegen die Juden beteiligen würde. Jedoch verhielt sich die Bevölkerung sowohl in Frankfurt als auch in anderen Städten eher passiv und reagierte zum Teil sogar mit verhaltenem Widerwillen - der Versuch der NSDAP, in der Bevölkerung „kochende Volksseele“ anzuzetteln, war fehlgeschlagen. Dennoch hieß es im „NS-Gaudienst Hessen-Nassau“ in demagogischer Verdrehung: „Sämtliche Frankfurter Synagogen fielen der allgemeinen und von allen Bevölkerungsschichten getragenen, mitreißenden Demonstration zum Opfer!“ Man beschuldigte sogar die Juden selbst der Brandstiftung an ihren Gebäuden.

Weitere Schikanen folgten und schnürten das Leben der jüdischen Bürger immer weiter ein. Es wurden Ausgehverbote verhängt, Juden durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, keine Handelsgeschäfte mehr betreiben, keinen Handwerksberuf mehr ausüben; sogar Lebensmittel wurden ihnen vorenthalten - Eier, Milch, Fleisch. Die Frankfurter Jüdische Gemeinde wurde zum Verkauf ihrer Liegenschaften gezwungen; das Gelände der niedergebrannten Synagogen, das Jüdische Krankenhaus, das Philanthropin, die jüdischen Schulen, die vier Friedhöfe der Gemeinde gingen auf diese Weise in städtischen Besitz über. Tausende von Juden wanderten aus, viele wurden in den Selbstmord getrieben. Im Frankfurter Bauamt hinterließ die Vertreibung der jüdischen Bürger die Sorge, daß „die freiwerdenden Judenwohnungen“ in den nächsten Jahren „auf den Wohnungsmarkt drücken“ könnten.

Es gab aber auch Proteste. Der Botaniker Professor Dr. Martin Möbius schrieb an den Frankfurter NS-Oberbürgermeister Krebs: „…Wir Frankfurter müssen uns ja vor den die Stadt besuchenden Fremden schämen, daß hier die Judenhetze in einer so gehässigen und geschmacklosen Weise betrieben wird, während gerade Frankfurt seinen jüdischen Mitbürgern für eine Fülle von Schenkungen und Stiftungen zum Wohl der Stadt dankbar sein müßte . . .“ (Aus einem Brief)

 

Sammelaktionen:

Mit ständigen, meist sozial verbrämten Sammelaktionen, zu denen vor allem die Jugendorganisationen der NSDAP herangezogen wurden, nötigte das NS-Regime fortwährend zur Loyalitätsbekundung, etwa mit den Sammlungen für das Winterhilfswerk (WHW) oder mit Brotsammlungen des Jungvolks. In dieselbe Richtung zielte das verordnete Eintopfessen. Beim öffentlich veranstalteten Eintopfessen präsentierte sich vorzugsweise auch die örtliche Parteiprominenz- um sich volkstümlich zu geben. Das in den Familien mit den billigeren Eintopfgerichten „eingesparte“ Geld wurde von Hitlerjungen oder BDMlerinnen, die mit ihren Sammelbüchsen von Tür zu Tür zogen, eingesammelt. Der Zwang zur öffentlichen Loyalitätsbezeugung zeigte sich auch unverhüllter

 

Terror und Widerstand:

Hinter der Fassade der „Volksgemeinschaft“ stand das Terrorsystem des NS-Regimes: die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo), die SS, Gefängnisse, Konzentrationslager, eine Justiz, die sich willfährig in den Dienst des NS-Staates gestellt hatte. Die Gestapo überwachte das öffentliche Leben ebenso wie die private Meinungsäußerung - schon Witzereißen war gefährlich. Die Frankfurter Gestapo hatte ihren Sitz zunächst im Polizeigefängnis, dann im

Dachgeschoß  Siemenshauses in der Gutleutstraße. Im Frühjahr 1941 zog sie in die Lindenstraße 27 um. Im Keller des Gebäudes befanden sich die Haftzellen; dort wurden die Gefangenen verhört und gefoltert. SA und SS hatten sich eigene Folterkeller: eingerichtet: in der „Perlenfabrik“ in der Ginnheimer Landstraße, in der Mörfelder Landstraße 166, in der Gabels-. bergerstraße, im alten Bockenheimer Krankenhaus, in der Klingerschule. Berüchtigt war auch das Untersuchungsgefängnis in der Hammelsasse, ebenso das Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße. Das Preungesheimer Gefängnis war eine der zentralen Hinrichtungsstätten der nationalsozialistischen Terrorjustiz.

In Diensten der Frankfurter Gestapo standen etwa 120 Angestellte, achtzig Schreibkräfte und einhundert Mann Wachpersonal. Außerdem standen auf ihren Lohnlisten mehr als hundert Spitzel, die die Bevölkerung bis in die Lebensmittelgeschäfte hinein zu überwachen hatten. Sie bezogen im Monat zwischen 25 und 500 Reichsmark; hinzu kamen Sonderzuteilungen von Lebensmitteln und Schnaps. Jeder der Gestapospitzel hatte monatlich mindestens einen Bericht über ein getarntes Postfach in der Hauptpost auf der Zeil an den Leiter der Gestapo-Abteilung II N, zuständig für „Nachrichten (Spitzel)“, abzuliefern.

In der Haftanstalt Preungesheim wurden die Todesurteile der Sondergerichte aus den Oberlandesgerichtsbezirken Frankfurt, Kassel und Darmstadt, zeitweise auch aus den Bezirken Köln, Düsseldorf, Hamm, Bamberg, Bayreuth, Würzburg und Aachen vollstreckt, ebenso Urteile des „Volksgerichtshofes“ und der Kriegsgerichte. Zahlreiche Frankfurter Widerstandskämpfer wurden in Preungesheim hingerichtet. Die Zahl der Hinrichtungen in Preungesheim ist nicht bekannt; bei Kriegsende waren die Akten von der- NS-Justiz verbrannt worden.

Der faschistische Terror richtete sich vor allem gegen die erklärten Gegner des Regimes: gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, gegen Gewerkschafter, gegen bürgerliche Liberale, gegen Christen. Parteien, Gewerkschaften, Organisationen wurden verboten, ihre Gebäude, ihre Druckereien und ihr Vermögen beschlagnahmt, viele ihrer Mitglieder in den Gefängnissen und den Konzentrationslagern eingesperrt oder umgebracht. Allein im ersten Jahr der NS-Herrschaft wurden über zweihundert Frankfurter wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt:

In großen Teilen de  Bevölkerung war die Politik des NS-Regimes mit seine propagandistisch lautstark ausgemünzten „Erfolgen“ auf Zustimmung gestoßen; viele, obschon nicht überzeugte Anhänger des Nationalsozialismus, hatten sich den politischen Machtverhältnissen angepaßt, hatten sich mit dem NS-System arrangiert.

Dennoch stieß der Nationalsozialismus auch auf Widerstand, der den Schein allgemeiner Zustimmung durchbrach. In Fabriken, Behörden und Ämtern, in Wohnvierteln bildeten sich Gruppen von Widerstandskämpfern, die trotz größter Gefahr hinter der tönenden Propaganda und dem zur Schau gestellten Glanz des „Dritten Reiches" die Wirklichkeit der „Volksgemeinschafts"-Ideologie, ihre alltägliche Gewalt, ihren systematischen Terror gegen Andersdenkende, sichtbar zu machen suchten: mit Flugblättern und Zeitschriften, die entweder in Frankfurt selbst auf Druckmaschinen oder Vervielfältigungsapparaten hergestellt oder durch Kuriere aus dem Ausland herbeigebracht wurden. Wohnungen, Geschäfte oder Gaststätten dienten als konspirative Treffpunkte, größere Zusammenkünfte mußten als Ausflug ins Grüne als „geselliger Abend" getarnt werden. So gab es neben individuellem Widerstand und persönlicher Hilfe für Verfolgte auch in Frankfurt den organisierten Widerstand aus den verschiedensten politischen Richtungen, insbesondere von Seiten der Arbeiterbewegung her. Die Gestapo versuchte mit Hilfe ihrer Spitzel, die organisierte Opposition zu zerschlagen; immer wieder wurden Widerstandskämpfer verhaftet, gefoltert und verurteilt. Während des Krieges verschärfte sich der Terror durch Polizei und Justiz noch weiter; in Frankfurt wurden in den Kriegsjahren mindestens 308 Menschen wegen ihrer Widerstandstätigkeit verhaftet; vierundzwanzig von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dennoch gelang es auch in Frankfurt nicht, den organisierten Widerstand ganz zu ersticken. Viele Frankfurter, die aus Deutschland flüchten konnten, unterstützten den Widerstand vom Ausland her.

 

Trotz ständiger Siegesmeldungen, mit denen der Propagandaapparat alltäglich auf die Bevölkerung einpeitschte, schwand bei vielen Menschen mehr und mehr der Glauben an einen militärischen „Endsieg“. Die Justiz versuchte mit allen Mitteln, die Zweifel am „Endsieg mit Terrorurteilen zu ersticken. So wurden Arbeiter der Frankfurter Adlerwerke verurteilt, weil sie im Gespräch mit Kollegen die „Kriegsanordnungen und Kriegsereignisse diskutiert, die Siegesaussichten des nationalsozialistischen Deutschlands, vor allem im Kampfe gegen das bolschewistische Rußland, in Zweifel gestellt und auch sonst gehetzt haben“

 

Von der Kriegsvorbereitung zum Kriegsbeginn:

Bis 1936 lag Frankfurt in der entmilitarisierten Zone; im März des Jahres wurde Frankfurt wieder Garnisonsstadt. Die neuen Garnisonstruppen der Wehrmacht zogen „durch das dichte Spalier der Bevölkerung“ in die Stadt ein. „Schlagartig hallt in die Parademusik des Trompeterkorps das ‚Sieg Heil' der Menschenmenge auf den Führer, der nun auch Frankfurt wieder seine Soldaten zurückgegeben hat“, schrieb das „Frankfurter Volksblatt“. Eine Woche später: „Zum erstenmale... hatten die Frankfurter seit dem Weltkriege Gelegenheit, Soldaten im Paradeschritt auf den Straßen ihrer Stadt zu sehen“ Bei jeder Gelegenheit präsentierte sich die Wehrmacht in der Öffentlichkeit: bei den Paraden am „Heldengedenktag“, an „Führers

Geburtstag“, am 1. Mai, bei Wehrmachtskonzerten, bei Sammlungen für das Winterhilfswerk.

Zweitausendfünfhundert Rekruten der Frankfurter Garnison leisten auf dem Römerberg dem Führer den Treueid im Angesicht Tausender von Volksgenossen, die an dem Verpflichtungsakt. teilnahmen. Vor dem Römer ist die Kriegsflagge aufgezogen worden.

Die Kriegsvorbereitungen griffen spürbar in den Alltag ein. Im Jahre 1934 waren erste Luftschutzkeller eingerichtet worden, im Jahr darauf waren es bereits 780. Mit Sammlungen von Altstoffen und öffentlichen Eintopfessen sollte die Bevölkerung an Kriegsbedingungen gewöhnt werden. Im Jahre 1937 konnte die Obermainbrücke nicht mehr renoviert werden, weil alles verfügbare Eisen in die Rüstungsindustrie ging. Auch für den Bau von Luftschutzbunkern wurde gesammelt; der . Spender erhielt eine Plakette.

 

 

Erste Kriegsjahre:

Am 1. September 1939 überschritt die deutsche Wehrmacht die polnische Grenze; mit dem Überfall auf Polen hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Wie überall in Deutschland trat nunmehr auch in Frankfurt die Verdunkelungsverordnung in Kraft: alle Fenster mußten lichtundurchlässig abgedeckt werden. Nachts blieb die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, zugleich wurde die Überwachung der Straßen verschärft. In den Kellern wurden Notausgänge durchgebrochen, die „Hausgemeinschaft“ mußte Löschwasserbehälter, Schaufeln, Äxte und Sandkisten bereitstellen, Löschübungen wurden abgehalten. Lebensmittel gab es nur noch auf Bezugskarten, und für die Rüstungsindustrie wurde zu Metallspenden aufgerufen.

Frankfurt gehörte zu den Luftschutzorten der I. Ordnung. Ende 1940 wurde in Frankfurt. mit dem Bau von öffentlichen Luftschutzräumen begonnen. Es entstanden insgesamt 38 Schutzbunker; hinzu kamen acht Bunker der Reichsbahn sowie je ein Bunker im Krankenhaus Höchst und im Städtischen Krankenhaus Frankfurt Main-Süd, außerdem 24 unterirdische Verbandsräume. Im Juni 1940 fielen erstmals Bomben auf Frankfurt; noch war die Zahl der Opfer verhältnismäßig gering.

 

Verboten war das Hören ausländischer Radiosender, der Umgang mit Kriegsgefangenen, Urteile ergingen wegen „Feindbegünstigung“  „Wehrkraftzersetzung“, „Hochverrat“ - die Mordjustiz lief auf vollen Touren. In einem Lagebericht des Generalstaatsanwalts vom September 1942 heißt es: „Anläßlich der letzten in Frankfurt am Main vollzogenen Todesurteile

läßt sich feststellen, daß die öffentlichen roten Anschläge über den Vollzug….bei der Bevölkerung so gut wie keine Beachtung finden. Die Erscheinung mag vielleicht damit begründet sein, daß die Bevölkerung im Kriege mit ihren Gedanken anders beschäftigt ist, womöglich ist aber die Ursache darin zu suchen, daß bei der auch im hiesigen Bezirk sich mehrenden Zahl von Todesurteilen dem einzelnen Fall nicht mehr die Bedeutung wie früher beigemessen wird“.

Immer härter schlug der Krieg auf die „Heimat“ zurück, die zur zweiten „Front“ erklärt wurde. Lebensmittel wurden immer knapper, alle verfügbaren Kräfte wurden für die Rüstungsproduktion eingesetzt. Nach und nach wurde der männliche Teil der Bevölkerung zur Wehrmacht eingezogen, und so mußten Frauen und selbst Kinder - etwa als Flakhelfer oder bei der Trümmerbeseitigung - an ihre Stelle treten.

Die Hetzpropaganda überschlug sich; mit allen Mitteln wurde versucht, die Bevölkerung über die immer schwerer zu ertragenden Mängel hinwegzutäuschen und für den „totalen Krieg“ zu mobilisieren. Der Regierungspräsident in Wiesbaden etwa ordnete an, „daß das Wort ‚Katastrophe' beseitigt wird, da es sich psychologisch und politisch unerfreulich auswirkt. Ich ersuche dafür Sorge zu tragen, daß das Wort ‚Katastrophe' sofort aus dem Sprachgebrauch ausgemerzt wird“. Der „Kohlen-klau“ - in Zeitungen und Zeitschriften in mannigfaltigen Variationen als Ermahnung zur Sparsamkeit mit Brennstoffen abgedruckt.

Trotz ständiger Siegesmeldungen, mit denen der Propagandaapparat alltäglich auf die Bevölkerung einpeitschte, schwand bei vielen Menschen mehr und mehr der Glauben an einen militärischen „Endsieg“. Die Justiz versuchte mit allen Mitteln, die Zweifel am „Endsieg“ mit Terrorurteilen zu ersticken. So wurden Arbeiter der Frankfurter Adlerwerke verurteilt, weil sie im Gespräch mit Kollegen die „Kriegsanordnungen und Kriegsereignisse diskutiert, die Siegesaussichten des nationalsozialistischen Deutschlands, vor allem im Kampfe gegen

bolschewistische Rußland, in Zweifel gestellt und auch sonst gehetzt haben.

 

Die Deportation der Frankfurter Juden:

Auf allen Gebieten des täglichen Lebens rief der Krieg Beschränkungen hervor; die jüdische Bevölkerung war davon jedoch am härtesten betroffen. Ihr wurde selbst das wenige vorenthalten, das man der „arischen“ Bevölkerung noch zugestand. Zwar unterstützten manche Frankfurter ihre jüdischen Nachbarn so gut es ging und wurden deshalb verurteilt; doch diese Ausnahmen konnten die Not der Frankfurter Juden kaum lindern. Ab Herbst 1941 mußten die Juden in der Öffentlichkeit den gelben Stern auf der linken Brustseite tragen; zugleich begannen die Deportationen in die Ghettos und in die Vernichtungslager.

Aus der Aktennotiz des Frankfurter SA-Standortführers: „Abtransport von 1000 Juden am Sonntag, den 19. Oktober 1941, von Frankfurt/M. nach Ghetto Litzmannstadt. Hierzu stellt die SA 250 ordentliche, handfeste SA-Männer... Antreten: Sonntag, den 19.10. 1941, vormittags 5.30 Uhr vor dem Haupteingang Palmengarten, Bockenheimer Landstraße….Nach bestimmten Bestandsaufnahmen in den Wohnungen usw. werden die Juden zum Sammelplatz, Keller Markthalle, transportiert. Mitnehmen dürfen selbige 100 RM in bar und einen Zentner Sachwerte; Lebensmittel usw. werden dem WHW übergeben“.

Die Züge der Opfer, von der SA zusammengetrieben, führten am hellen Tage durch die Straßen der Stadt, vorbei an den Passanten, entweder zur Großmarkthalle oder zur Festhalle; dort wurden die Juden oft noch mißhandelt, bevor sie in Eisenbahnwaggons abtransportiert wurden.

Im März 1943 schrieb ein Gestapo-Beamter in einem Bericht: durch die „in kurzen Zeitabständen folgenden Abtransporte“ sei die „planmäßige Weiterführung“ der Kartei der Frankfurter Juden unterblieben, daher habe er rückblickend die „Abwanderung der Juden“ - so lautete die Sprachregelung für die Deportationen - in Frankfurt festgestellt. Er zählte noch 572 Juden, die in Frankfurt lebten. Wenige Monate später verkündete Gauleiter Sprenger, Frankfurt sei nun „judenfrei“; diejenigen, die sich bei der Ausrottung eines ganzen Bevölkerungsteils besonders hervorgetan hatten, wurden dafür mit dem Kriegsverdienstkreuz dekoriert.

Die Zahl der deportierten und in den Konzentrationslagern ermordeten Frankfurter Juden ist kaum zu ermitteln; viele Frankfurter wurden von anderen Orten aus deportiert. Rekonstruiert nach den Listen der Frankfurter Gestapo, ergänzt aus den Akten des Polizeipräsidenten, ergibt sich eine ungefähre Übersicht über die Transporte, die von Frankfurt aus abgingen:

                                                                                                                                             

Datum

Ziel

Anzahl

19.10.1941

Litzmannstadt

1.125

            11.11.1941

Minks

1.052

22.11.1941

Riga

   992

08.05.1942

nach dem Osten

   938

24.05.1942

nach dem Osten

   930

11.06.1942

nach dem Osten

1.016

18.08.1942

Theresienstadt

1.020

01.09.1942

Theresienstadt

   554

15.09.1942

Theresienstadt

1.378

24.09.1942

nach dem Osten

   234

01.03.1943

nach dem Osten

     11

16.031943

Theresienstadt

     41

12.04. 1943

Theresienstadt

     12

19.04. 943

nach dem Osten

     17

16.06.1943

Theresienstadt

     19

28./29. 10. 1943

Auschwitz

       5

 

Theresienstadt

       3

 

Ravensbrück

       7

 

Buchenwald

       5

08.01.1944

Theresienstadt

     56

 

 

Zerstörung und Befreiung:

Den ersten Großangriff erlebte Frankfurt im Herbst 1943; über fünfhundert Menschen kamen dabei ums Leben. Noch waren die Zerstörungen auf einzelne Teile der Stadt beschränkt. Dann wurden die Luftangriffe immer heftiger, und im März 1944 verwandelten zwei Großangriffe im Abstand nur weniger Tage ganz Frankfurt in eine riesige Trümmerwüste. Im Hagel der Spreng- und Brandbomben kamen in den Nächten des 18. und des 22. März eintausendfünfhundert Menschen um, hunderte wurden verletzt. Tausende von Wohngebäuden waren zerstört, ihre Bewohner obdachlos. Die gesamte Altstadt lag in Schutt und Asche, darunter die meisten der zum Teil jahrhundertealten historischen Bauwerke. Frankfurt war ein einziges Ruinenfeld.

In den letzten Märztagen des Jahres 1945 ging für Frankfurt der Krieg zu Ende, amerikanische Truppen besetzten die Stadt. Bis zuletzt wollte die Wehrmacht Frankfurt „verteidigen“ und „um jedes Haus kämpfen. Am 29. März 1945, um 16 Uhr, meldete der amerikanische Sender die Einnahme Frankfurts. Die Parteigrößen der Stadt und der Gauleitung waren geflohen, nicht ohne vorher noch Berge von Akten, aber auch große Mengen von Lebensmitteln zu vernichten. Das Gauhaus wurde niedergebrannt, ebenso das Gebäude der SA-Gruppe Hessen.

 

Wie ein Zufallstreffer den Endkampf um Frankfurt verkürzte:

In den letzten Märztagen des Jahres 1945 ging der Zweite Weltkrieg für Frankfurt zu Ende. Den in der durch die Bombenangriffe vom März des Vorjahres zerstörten Stadt ausharrenden rund 269.000 Zivilisten blieben schwere Kämpfe erspart. Es ist ein „ewiges“ Ehrengrab, die Nummer 7 in der Reihe 120 im Gewann VII des Frankfurter Hauptfriedhofs. Der da drinnen liegt, ist kein gebürtiger Frankfurter. Ihn verbinden nur wenige Stunden mit dieser Stadt. Und seine Todesstunde. „Erich Löffler" steht auf dem Grabstein, „* 22. März 1908, t 27. März 1945“.

Eine amerikanische Granate traf an jenem Dienstag, den 27. März, gegen 14.30 Uhr, den Gefechtsstand im ersten Stock der Taunusanlage 12 und tötete den Kampfkommandanten von Frankfurt, Oberstleutnant Löffler zusammen mit allen  neun Offizieren seines Stabes. Auch sein Vorgänger, Generalmajor F. R. Stemmermann, wurde so schwer verwundet, dass er später in Gefangenschaft seinen Verletzungen erliegen sollte.

Eine heutige Spurensuche nach Löffler verläuft ins Leere. Auch in der für Wehrmachtsangelegenheiten zuständigen Abteilung des Bundesarchivs in Freiburg gibt es keine Akte über den hochdekorierten Infanterieoffizier. In seiner Heimatstadt Eisenach findet sich der Familienname ein gutes halbes Dutzend Mal im Telefonbuch, aber keiner davon ist verwandt.

In der Fotosammlung des Bundesarchivs in Koblenz immerhin gibt es vier Bilder von Erich Löffler, die einen bemerkenswerten Wandel aufzeigen: Aus dem milchbärtigen Oberleutnant mit schmuckloser Uniform wird in wenigen Kriegsjahren ein höherer Offizier, den man bei Gewitter besser nicht auf die Straße gelassen hätte mit seinem ganzen Blech: Eisernes Kreuz II. Klasse, Eisernes Kreuz I. Klasse, „Deutsches Kreuz“ (beim Landser allgemein als „Spiegelei“ bekannt), Ritterkreuz, Verwundetenabzeichen, Infanterie-Sturmabzeichen und auf dem rechten Oberarm vier „Panzervernichtungsabzeichen“, soll heißen: Vier Stahlkolosse hat er eigenhändig mit Panzerfaust oder Haftladung „geknackt“.

Dass dieser hochdekorierte Haudegen der noch bis in die achtziger Jahre fälschlicherweise als „Obersturmbannführer der Waffen-SS“ durch Archive geisterte - Frankfurt verbissener verteidigen würde als der „zu lasche“ General Stemmermann, hatte der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Kesselring, vorausgesetzt. Am frühen Morgen des 27. März ernannte er den mit seinem Regiment im Raum Gießen stehenden Löffler kurzfristig zum neuen Frankfurter Kampfkommandanten, wenige Tage nach seinem 37. Geburtstag. Da standen amerikanische Einheiten, die am 24. März Frankfurts Südgrenze erreicht hatten, schon auf dem nördlichen Mainufer, im Hauptbahnhofbereich nur noch 300 Meter von der Kampfkommandantur entfernt. Außer Flak-Einheiten, einem durch „Volkssturm“ verstärkten Landesschützen-

Bataillon und einer Ausbildungskompanie mit jungen, völlig unerfahrenen Soldaten, stand Löffler nichts mehr zur Verfügung, um die kampferprobten Einheiten der 5. und 6. US-Armee aufzuhalten.

Ob der Oberstleutnant versucht hätte, sich ohne Rücksicht auf Verluste zu seinem Ritterkreuz noch das Eichenlaub zu verdienen oder ob es seine Absicht war, den Blutzoll in Frankfurt möglichst gering zu halten, wird ein Geheimnis bleiben, das er mit ins Grab genommen hat; zumal ja auch keiner seiner Stabsoffiziere mehr Zeugnis ablegen konnte über die Taktik des Kommandanten.

Der „Zufallstreffer“ der amerikanischen Granate jedenfalls hat den Endkampf um Frankfurt sicher erheblich verkürzt. Nach dem Totalausfall der Kommandantur war eine organisierte Verteidigung der Mainstadt nicht mehr möglich; die letzten deutschen Einheiten kapitulierten. Am 29. März erklärte der US-Army-Rundfunksender in Luxemburg Frankfurt für besetzt. Am selben Tag bettete man Löffler und seine Kameraden neben den tausenden von anderen Frankfurter Kriegsopfern zur letzten Ruhe.

 

Leserbrief: Scheinheilig

Es ist mir unbegreiflich, was die Frankfurter Rundschau dazu bewogen haben mag, in solch großartiger Weise über den hoch dekorierten Nazi-Offizier  Erich Löffler zu berichten. Entgegen der Überschrift geht es in diesem Artikel nämlich mitnichten um den Zufallstreffer und verkürzten Endkampf, sondern fast ausschließlich um Löffler, dessen ewiges Ehrengrab gleich zu Beginn fast ehrfürchtig erwähnt wird. Die scheinheilige Frage, dass nicht mehr zu klären sei, ob Löffler die Stadt wohl bis zum letzten Blutstropfen verteidigt oder geschont hätte, wirkt lächerlich, da doch im Absatz zuvor vermeldet wird, dass Löffler nur deswegen vom Oberbefehlshaber West als neuer Kampfkommandant eingesetzt wurde, weil sein Vorgänger als zu lasch galt.

Daraus lässt sich ja wohl schließen, dass es sich bei dem „hoch dekorierten Haudegen“ Löffler um einen befehlstreuen Nazi gehandelt haben muss; sonst wäre ihm kaum eine solche Aufgabe übertragen worden. Rüdiger Behschnitt, Frankfurt

 

 

Trümmerstadt ohne Widerstandswillen: 1945

Am 26. März 1945, erreichten die ersten Einheiten der US-Army die Frankfurter Stadtgrenze. Schon drei. Tage später, am 29. März, war die ganze Stadt in amerikanischer Hand.

ganze

Für Frankfurt zeichnet sich das Ende  des Zweiten Weltkrieges am 22. März auf einer Pontonbrücke über den Rhein bei Oppenheim ab. Die nämlich haben Pioniere von Generalleutnant Pattons 3. US-Armee-errichtet, nachdem Infanterie-Einheiten überraschend einen Brückenkopf auf dem östlichen Ufer geschlagen hatten, ohne auf nennenswerten deutschen Widerstand zu stoßen. Patton, ebenso genial wie wegen seiner Eskapaden umstritten, feiert das Ereignis auf eine für ihn typische Weise: Der Drei- Sterne-General, umgürtet mit seinen beiden elfenbeinbeschlagenen Colt-Revolvern, schreitet würdevoll bis zur Brückenmitte und pinkelt in den Rhein.

Mit „Deutschlands Schicksalsstrom“ ist für die Alliierten die letzte große natürliche Barriere auf dem Weg tief ins Deutsche Reich überwunden. Die Einnahme von Südhessen und von Frankfurt ist nur noch eine Frage der Zeit. Am 26. März, - nach einem Vorstoß durch Neu-Isenburg, den Stadtwald und Sachsenhausen, -überschreiten Einheiten der 6. US-Panzerdivision den Main und bilden auf dem nördlichen Ufer einen Brückenkopf. Erleichtert wird ihre Aufgabe dadurch, daß die Verteidiger zwar am Vortag die Mainbrücken gesprengt haben, aber die Wilhelmsbrücke (heute „Friedensbrücke“) und Untermainbrücke dabei heil geblieben sind.          

Die deutschen Verteidiger haben dem Feind nicht mehr viel entgegenzustellen. Dem Kampfkommandanten, Generalmajor Stemmermann,  unterstehen gerade einmal rund 1.000 Soldaten, deren Kampfwert gering ist. „Frontverwendungsfähig“ ist lediglich eine Luftwaffengruppe, deren Kern die 21. Flakdivision bildet.

Die übrigen Einheiten sind entweder blutjunge, kaum ausgebildete Rekruten oder Angehörige eines Landesschützenbataillons, meist ältere Männer ohne Fronterfahrung. Auch bei den Soldaten einer „Panzervernichtungsabteilung“ handelt es sich weitgehend um Genesende, die zwar verhältnismäßig gut ausgerüstet, aber mangelhaft geschult sind. Versprengte Grüppchen von durchhaltewilligen Waffen-SS-Einheiten spielen keine Rolle mehr; und schon gar nicht das letzte Aufgebot, der „Volkssturm“, zum Teil mit Schrotflinten bewaffnete Männer, die zum Wehrdienst schon zu alt oder noch zu jung sind.

Aufgrund dieser Situation bleibt Frankfurt der Kampf Haus um Haus - besser wohl: Ruine um Ruine - erspart. Verluste gibt es dennoch auf beiden Seiten, denn ganz kampflos ergibt sich die Stadt nicht. Bei Artillerie-Duellen zwischen deutschen und amerikanischen Batterien sterben auch Zivilisten, andere geraten zwischen die Fronten der Infanterie. Einige Zivilisten verhalten sich auch geradezu selbstmörderisch: Sie dirigieren, versteckt hinter Fensterhöhlen, mit Feldstechern das Feuer von Scharfschützen auf US-Soldaten. Nachdem die Amerikaner die illegalen Kombattanten entdeckt haben, machen sie kurzen Prozeß - durchaus im Einklang mit dem Kriegsvölkerrecht.

Stadtkommandant Stemmermann steht auf verlorenem Posten. Sein nächsthöherer Vorgesetzter, der Kommandierende General des LXXXV. Korps, Generalmajor Kniess, hat sich mit seinem Stab nach Bad Homburg abgesetzt. Die zivile „Führung“, Gauleiter Sprenger, hat die Villa in der Zeppelinallee mitsamt den übrigen „Goldfasanen“ in Richtung Bad Nauheim verlassen. Dort wird er wenige Tage später Selbstmord begehen.

Die Götterdämmerung der Parteibonzen hat sich auch in Frankfurt nicht ohne possenhafte Einlagen vollzogen: Vor seiner Flucht hat Sprenger noch einen Parteigenossen, Oberbürger-meister Dr. Krebs, zur Verhaftung ausschreiben lassen, weil der eigenmächtig den Umzug der Stadtverwaltung nach Schlitz (Oberhessen )befahl. Krebs entgeht der Festnahme durch die Flucht nach Schmitten im Taunus.

Nach Ansicht des Oberbefehlshabers West, Generalfeldmarschall Kesselring, zeigt Stemmermann zu wenig Widerstandswillen. Folglich taucht am Morgen des 27. März in der Kommandantur, Taunusanlage 12, ein Infanterie-Offizier auf und übernimmt das Kommando: Oberstleutnant Löffler, hochdekoriert mit Ritterkreuz und Deutschem Kreuz in Gold. Er ist wenige Tage zuvor, am 22. März, 37 Jahre alt geworden.

In der Kommandantur entbrennt tags darauf ein Streit unter den verbliebenen Stabsoffizieren. Während die jüngeren weiterkämpfen wollen, raten die älteren; die letzten 1.000 Mann nicht sinnlos zu opfern. Der Disput wird auf einen Schlag entschieden: Eine Granate einer amerikanischen Artilleriesalve trifft die Taunusanlage 12. Mehrere Offiziere sind sofort tot, General Stemmermann wird schwer verwundet; er gerät wenige Tage später in Gefangenschaft. Löffler erliegt im Bürgerhospital seinen Verwundungen (Auf den Kriegsgräberfeld des Hauptfriedhofs liegt er neben Offizieren seines Stabes begraben. In den Annalen des Stadtarchiv: wird er weiter fälschlicherweise als SS Obersturmbannführer geführt.

Als ranghöchster Offizier findet sich Major Umbach, stellvertretender Kommandeur des Landesschützenbataillon 81, wieder. Er sieht die Aussichtslosigkeit der Lage und befiehlt den Truppen, die e:rnoch erreichen kann, den Rückzug in Richtung Bad Vilbel; dort wird auch er in Gefangenschaft geraten.

An Gründonnerstag, 29. März 1945, um 16 Uhr, verkündet der US-Array-Sender in Luxemburg die Einnahme Frankfurts.  Schon am 27. März hat der US-Stadtkommandant, Lieutenant Colonel Criswell, den ehemaligen Chefredakteur der Frankfurter Zeitung, Hollbach, zum vorläufigen Bürgermeister von Frankfurt ernannt.

Dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht ist der Fall der Stadt am Main keine Erwähnung wert. Hitler ist anderweitig beansprucht: Am 28. Mär hat er wieder einmal ein Schrei-Duell mi seinem amtierenden Generalstabschef Guderian ausgetragen. Der Generaloberst, einer der wenigen Offiziere, die es wagen, dem „Führer“ zu widersprechen wird, durch General Krebs ersetzt.

 

Die Alte Oper, wie die Frankfurter sie vom März 1944 an für mehr als drei Jahrzehnte kannten: Die Außenmauern sind stehen geblieben, auch Treppen und Ränge haben den Bombenhagel weitgehend überstanden. Als es zum Wiederaufbau kam, spielte längst woanders die Musik: in den Städtischen Bühnen am Theaterplatz. Zum Wiederaufbau wurden zum Teil Originalteile verwandt. Nicht mehr tragfähige Steine wurden Stück für Stück ausgewechselt. Die Panther-Quadriga war vom FR-Fotografen Kurt Rempfer 1972 auf einem Schrottplatz entdeckt worden. Seit dem Richtfest 1976 schmückt sie wieder das Südportal. Der Wiederaufbau ist einer Bürgerinitiative zu verdanken, wie sie Frankfurt bisher nicht gesehen hatte. Sie trug 14,5 Millionen Mark zusammen und kochte fünf widerstrebende SPD-Oberbürgermeister auf kleiner Flamme weich.

 

Frankfurts Verluste im Zweiten Weltkrieg:

Ganze 4.822 Frankfurter starben im Bombenkrieg, über 22.000 erlitten Verletzungen. 12.701 fielen als Soldaten. Die geschätzte Zahl der Einwohner zur Zeit der Einnahme schwankt zwischen 230 .00 und 250 .00; die Hälfte davon war obdachlos. Von etwa 177.000 Wohnungen waren 90.000 zerstört. ... 12,5 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt und zehn zerstörte Brücken hinterließ das vergangene Regime als Konkursmasse."

 

 

 

Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg:

Mit dem Beginn des Bürgereinsatzes zur „Enttrümmerung der Stadt“ setzt die Wiederaufbauphase Frankfurts ein. Zwischen 1945 und 1964 werden über 150.000 Wohnungen erstellt. Im Nordwesten Frankfurts entsteht eine Trabantenstadt in der Größe von Bad Homburg. Die Errichtung von Verwaltungs-Hochhäusern und Industrie-Bauten verändern grundlegend das Erscheinungsbild der Stadt.

Aus der ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg geht die SPD als stärkste Fraktion hervor. Am 21. Juni 1946 tritt seit Beginn des Naziregimes die erste frei und demokratische gewählte Stadtverordnetenversammlung zusammen. Sie wählt Walter Kolb zum Oberbürgermeister. Im Jahre 1947 wird Frankfurt Sitz des vereinigten Wirtschaftsgebiets der amerikanischen, britischen und französischen Zone. über die von der „Trizone“ in Frankfurt geschaffene „Bank deutscher Länder“ wird die Währungsreform abgewickelt. Aus ihr geht die „Deutsche Bundesbank“ hervor, die am 25. Juli 1957 ihre Geschäfte aufnimmt.

Die Stationierung amerikanischer Truppen in Siedlungen und Kasernen Frankfurts sowie die Anwesenheit höchster Kommandogruppen in dem ehemaligen Bürogebäude des Chemieriesen IG-Farben prägen das Stadtbild der Nachkriegszeit.

Am 18. Mai 1948 findet in der wiederaufgebauten Paulskirche - Symbol für Demokratie und Freiheit sowie Traditionsstätte des deutschen Parlamentarismus - die Jahrhundertfeier der Nationalversammlung statt. Hier wird dann auch 1949 die erste Buchmesse nach dem Krieg abgehalten. Im selben Jahr erscheint die erste Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nachdem es bereits ab August 1945 die Frankfurter Rundschau als erste deutsche Tageszeitung zu kaufen gibt.

Im Jahre 1949 verliert Frankfurt im Wettbewerb mit Bonn die Wahl zur Bundeshauptstadt. Die Stadt, in der 1955 über 600.000 Einwohner leben, entwickelt sich in den kommenden Jahren zur internationalen Wirtschaftsmetropole.

 

Frankfurt heute - die europäische Metropole mit Tradition:

Frankfurt am Main hat sich im Laufe seiner Geschichte zu einer vielfältigen und zugleich kontrastreichen europäischen Metropole entwickelt. Mit über 400 in- und ausländischen Kreditinstituten, der Deutschen Bundesbank, dem Sitz der Europäischen Zentralbank, sowie der Börse zählt Frankfurt heute zu den bedeutendsten internationalen Börsen- und Finanzplätzen.

Die Frankfurter Messe, inzwischen ein Unternehmen mit 290.000 Quadratmetern Hallenfläche, 44.000 Ausstellern jährlich und in Spitzenjahren über 2,7 Millionen Besuchern, veranstaltet weltbekannte Messen wie die Buchmesse oder die Internationale Automobilausstellung (IAA). Hinzu kommen rund 50.000 Tagungen und Kongresse pro Jahr, die Frankfurt zu einem europäischen Businesstreffpunkt und Zentrum internationaler Begegnungen machen.

 

Mit dem größten kontinental-europäischen Flughafen, dem „Gateway to Europe“, sowie einem der meistgenutzten Personenbahnhöfe Europas ist Frankfurt heutzutage auch Drehscheibe für den internationalen Verkehr.

Über 100 Verlagshäuser sowie mehr als 200 Werbe- und PR-Agenturen und nahezu 170 Versicherungen sind verantwortlich für Frankfurts Ruf einer Kommunikations- und Dienstleistungsstadt.

Doch die Mainmetropole ist nicht nur Wirtschaftsstadt und europäische Verkehrsdrehscheibe allein. In Frankfurt ist ebenso eine einzigartige Kultur- und Museumslandschaft zu Hause. In den achtziger Jahren entstand das Museumsufer mit insgesamt acht attraktiven Ausstellungsorten wie dem Museum für Kunsthandwerk, dem Deutschen Film- oder dem Deutschen Architekturmuseum.

Heutzutage prägen insgesamt 37 Museen mit 109 Galerien, 33 Theatern sowie 56 Kinos und zahlreichen Sehenswürdigkeiten das kulturelle Leben der Stadt. Zu den Freizeiteinrichtungen gehören unzählige Bars, Cafés und Restaurants in den Stadtteilen. Beliebte Ausflugsziele und Oasen in der Großstadt sind vor allem der Zoo, der Palmengarten sowie andere städtische Park- und Grünanlagen. Lokaltypische und internationale Fachgeschäfte in Einkaufsstraßen wie der Frankfurter Zeil und der Goethestraße lassen einen Stadtbummel zum Erlebnis werden. So vielfältig wie die Stadt so vielfältig sind auch die Menschen, die in ihr leben. Heute sind das rund 650.000 Einwohner. Ein Drittel von ihnen besitzt keinen deutschen Paß. Hinzu kommen rund 290.000 Pendler, die werktags Frankfurt bevölkern, um an einem der 560.000 Arbeitsplätze ihrem Job nachzugehen. Und trotzdem: Die Arbeitslosigkeit in Frankfurt ist hoch und seit Beginn der neunziger Jahre steckt die Stadt in einer kräftigen Finanzkrise. Im Jahre 1997 betrug der Schuldenberg 5,65 Milliarden Mark.

 

 

 

 

 

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