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Wetterau  West

 

 

Inhalt:

Bad Vilbel (Heiligenstock, Massenheim Dortelweil, Dottenfelderhof, Gronau),

Karben (Kleinkarben, Kloppenheim, Petterwei),

Ilbenstadt. Kaichen, Assenheim, Wickstadt, Bönstadt, 

Friedberg (Ockstadt, , Rosbach, Rodheim, Bruchen­brücken, Ossenheim, Bauernheim), 

Bad Nauheim (Obermörlen, Rödgen, Steinfurth).

Butzbach, Rockenberg, Grüningen, Pohlheim.

 

 

Bad Vilbel

 

Südbahnhof:

Im Jahre 1876 faßte der berühmte Gartenarchitekt Heinrich Siesmayer den Entschluß, in Vilbel eine große Baumschule zu errichten. An diese Baumschule in der Siedlung zwischen Berkersheimer Weg, Siesmayerstraße und Elisabethenstraße erinnern heute noch das geräumige „Gartenhaus“ am Südbahnhof an der Ecke Frankfurter Straße/Am Südbahnhof (gelb gestrichen) und viele Bäume im Kurpark

Eine größere Baumanlage zu besitzen, war eh und je der Wunschtraum des berühmten Gärtners. An einem Samstag des Jahres 1876 fuhr Siesmayer  - wie es seit 34 Jahren seine Gewohnheit war - von Frankfurt nach Bad Nauheim. Wie so häufig wurde er von einem Vilbeler namens Simon begleitet. Man plauderte, redete über den Ankauf von Grundstücken und als man an Vilbel vorüberkam, meinte jener Simon, hier vor dem Südbahnhof sei wohl ein Gelände, das den Wünschen seines Gegenübers entsprechen könnte.

Wie der Zufall wollte, traf Siesmayer in Bad Nauheim den Finanzrat Lindeck „an der Tafel“ und dieser setzte sich sogleich als Siesmayers Bevollmächtigter mit dem Gräflichen Waldorff’schen Fideikommiss in Molsberg in Verbindung, dem das Grundstück gehörte. An den enormen Preisen scheiterten die Verhandlungen. Mehr als ein Jahr später nahm Siesmayer einen neuen Anlauf und kam diesmal mit dem Oberverwalter Stahl in Kloppenheim, einem „sehr praktischen gräflichen Beamten“, zu Rande. Es wurden Preise genannt, Siesmayer stöhnte erfolgreich über diese Riesensumme, der Preis wurde gemindert.

Am 7. April 1877 gehörten die ersten 43 Morgen in Vilbel ihm. Im Laufe der Zeit kaufte der geschäftstüchtige Kunstgärtner weitere Parzellen hinzu und verhehlte der Nachwelt nicht, daß er diese Flurstücke „auf Interimsscheine durch andere erwerben ließ“. Als er kurz zuvor nämlich ohne Strohmann „eine kleine Parzelle mit Wohnhaus und Ökonomiegebäude für eine Ein- und Ausfahrt nahe dem Südbahnhof kaufen wollte, war ihn dies teuer zu stehen gekommen. Der Besitzer erkannte sein Vorhaben „vor der Zeit“ und stellte hohe Forderungen. Das sollte Siesmayer nicht zweimal passieren.

Schließlich galt es noch mit dem Gemeindevorstand von Vilbel klarzukommen, und zwar über einen seit Jahrhunderten bestehenden Vizinalweg, den Gemeindeweg nach Berkersheim. Dieser teilte das Grundstück in zwei Hälften und stellte das Projekt vollständig in Frage. Hartnäckig appellierte Siesmayer sechs bis acht Monate lang, rang mit verschiedenen Behörden in Friedberg und Kassel, sprach in Darmstadt gar beim Großherzog vor, und erlangte die Verlegung des Wegs gegen einen anderen, breiteren, auf seine Kosten chaussierten Fahrweg außerhalb des Grundstücks unter schweren Opfern.

Der Memoirenschreiber verrät den Lesern auch, woher er das Geld hatte, um die 60 Morgen in Vilbel zu kaufen. Die kleine Mitgift seiner Frau Elise geborene Klees aus Offenbach (1837-1872), deren Name bis heute im Namen der Vilbeler Elisabethenstraße fortlebt, hatte er für drei Kreuzer pro Quadratfuß an der Hauptstraße Bockenheims in Grundstücken investiert. Nach dem Krieg 1866 machte er mit 18 Bauplätzen stolze Gewinne, indem er für sechs Mark weiterverkaufte. Er erwarb österreichische Nationalpapiere und stieß diese nach einigen Jahren mit 33 Prozent Kursgewinn wieder ab. „Glücksgelder“, meint Siesmayer, „sie setzten mich in dein Stand, meine Lieblingsidee zur Ausführung zu bringen“, weshalb auch im Andenken an die so glücklich vermehrte schmale Mitgift seiner Frau der Name „Elisabethenhain“ für das künftige Baumschul-Areal gewählt wurde.

Heinrich Siesmayer hatte schnell erkannt, daß die schöne Lage des Grundbesitzes auch gut für den Handel sei, „da hunderttausende von Menschen hier mit der Bahn an dem Grundstück vorüberfahren und durch einen in der Mitte angebrachten torartigen Bogen, der die Firma mit den Wappenschildern trägt, darauf aufmerksam gemacht werden“ (der Bogen ist heute verschwunden, nur die Säulen stehen noch).

Am 29. August 1883 war das ganze Areal eingefriedet, große Fahr- und Fußwege nach englischem Muster wurden angelegt. Noch vor dem Jahr 1890 besaß das Anwesen 200 verschiedene Sorten Koniferen, mehr als 500 Bäume aller Gattungen, 1500 verschiedene Ziergehölze, 100 Sorten Tafelobst, Äpfel und Birnen, 30 Sorten Mastfutterbäume (Eichen, Buchen und andere), 30 verschiedene Steinobstsorten, 100 Beerenobstarten wie Stachelbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren und Mispeln, ferner 100 Sorten hoch- und niederstämmige Rosen und 20 Sorten kriechende und Schling-Rosen.

Der zentrale Gedenkstein in dem nach englischen Muster strahlenförmig angelegten Areal befindet sich heute, wenige Meter vom ursprünglichen Standplatz entfernt, auf dem Grundstück Siesmayer Straße 43. Er ist heute total überwachsen, aber vom Nachbargrundstück Nummer 41 aus zu sehen.

Die Erstlinge des Elisabethenhains, 150 verschiedene Bäume und Sträucher, wurden von dem katholischen Siesmayer seiner Heiligkeit Papst Leo XIII. zur Erinnerung an sein 50. Priesterjubiläum geschenkt und wurden in die vatikanischen Gärten verpflanzt. Dort kann man sie heute noch besichtigen.

 

Die bevorstehenden Arbeiten für die Erweiterung der Gleisanlage ermöglichen rund um den Bad Vilbeler Südbahnhof historische Forschungen. Hat sich hier vielleicht ein römischer Prachtbau befunden, von dem die 1849 ausgegrabene römische Badeanlage nur ein Teil war?

Als am 24. April 1849 am Südbahnhof kleine farbige Steinwürfelchen gefunden wurden, die sich schließlich als Bestandteil einer bedeutenden römischen Badeanlage entpuppten, mußte alles schnell gehen. Es herrschten unruhige Zeiten. Für geduldige archäologische Forschungen war wenig Zeit. Zwar wurde das Mosaik, das den Boden der großen Badeanlage bildete, fachgerecht gesichert und dann in das alte Schloß von Darmstadt gebracht, doch die Umgebung des Fundes blieb unerforscht.

Der Südbahnhof von Vilbel war Teil der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt und Karlshafen bei Kassel, deren Bau 1845 vertraglich beschlossen wurde. Als man schließlich mit der eingleisigen Strecke von Frankfurt nach Friedberg beginnen wollte, störten die politischen Unruhen den Baufortschritt. Die Stadt Frankfurt drängte, es sollte endlich vorangehen mit dem Eisenbahnbau.

Am 24. April 1849 dann das: Baurat Laubenheimer inspiziert den Fortschritt der Bauarbeiten für den Südbahnhof und wird mit den kleinen Steinchen konfrontiert. Wenige Tage später kümmerten sich historische Vereine und das Museum Darmstadt um die Bergung des als kostbar erkannten Fundes.

Aber unter dem Zeitdruck unterblieben genauere Untersuchungen der Umgebung des Fundes. Die Frage liegt auf der Hand, ob eine solche künstlerisch hochstehende und für die Entstehungszeit im Jahr 1 nach Christus sehr große Anlage „mitten in der Pampa“ gestanden haben könnte. Ist sie der acht Kilometer entfernten römischen Stadt Nida (heute Heddernheim)  zuordnen oder ist die Badeanlage Bestandteil einer „villa urbana“ gewesen? Das wäre ein römischer Prachtbau für öffentliche Zwecke, gelegen an der wichtigen Strecke zwischen Nida und dem Kastell Okarben.

Kreisarchäologin Vera Rupp, die in Richtung Prachtbau forscht, steht im Grunde vor dem Nichts. Außer den Mosaikteil hat sich nichts erhalten, das auf den Bau hinweisen würde - bis auf einige Schriftstücke.

So gibt es in einem Bericht des rühmten Geschichtsforschers Philipp Dieffenbach aus dem Jahr 1845 Anhaltspunkte, daß sich in der Nähe des jetzigen Südbahnhofs zwischen Berkersheimer Weg und dem alten Amtsgericht Mauersteine gefunden hätten. Die Stelle heiße „An der Mauer“, obwohl sich hier Äcker befanden. Vilbeler habe Dieffenbach versichert, daß man den Verlauf alter Fundamente am Klee und an den Sommerfrüchten genau erkennen könne.

Dieffenbach war auch der Quelle auf der Spur, die die bald darauf entdeckte römische Anlage gespeist haben könnte. Im Hexenloch, also oben auf dem Schöllberg östlich der Frankfurter Straße, habe es einmal eine Quelle gegeben, die aber 1783 nach einem Erdsturz verschüttet worden sei.

Nach einem Bericht von Wilhelm Belz von 1964 war bei Bodenuntersuchungen für die Eisenbahn  - also noch kurz vor dem Fund des Mosaiks - altes Mauerwerk zutage gefördert worden. „Im Volksmund ging die Sage, an dieser Stelle hätten früher sieben Bauernhöfe gestanden“, berichtet Belz, deshalb sei das Mauerwerk nicht näher untersucht worden. Herausgebrochene Steine seien klafterweise verkauft worden.  Die Fundstelle ist teilweise durch die Gleisverlegung und den Bau des Südbahnhofs überdeckt. Jenseits der Bahn dürfte sich nicht viel finden, weil die Nidda früher unmittelbar neben den jetzigen Gleisanlagen entlang floß.

In absehbarer Zeit bietet sich eine geradezu historische Chance, einer großen römischen Anlage in Vilbel auf die Spur zu kommen. Das werden die Bauarbeiten für das dritte und vierte Eisenbahngleis sein. In diesem Zusammenhang wird es eine Unterführung unter die Gleise geben. Bauarbeiten sind nötig - und erneut könnte altes Mauerwerk zutage treten.

In enger Verbindung mit Vera Rupp hat der Bad Vilbeler Verein für Geschichte und Heimatpflege deshalb dem Magistrat einen Brief geschrieben mit der Bitte, die Bauarbeiten für die Gleiserweiterung von einem fachkundigen Archäologen überwachen zu lassen. Darüber hinaus hat der Verein angeregt, eine schon lange ausstehende Würdigung der römischen Badeanlage vorzunehmen. Vorsitzender Claus Kunzmann kann sich vorstellen, daß sich eine Reproduktion des Mosaikbodens an geeigneter Stelle auslegen ließe.

 

Apotheke:

Reiner Jugendstil stand Pate bei der Geburt der Sprudelapotheke auf dem Grundstück Friedberger Straße 13, und purer Jugendstil ist erhalten geblieben, nachdem Apotheker Norbert Hohl das Vilbeler Kleinod in vielen Monaten hat renovieren lassen. Mit den Bauarbeiten hat Hohl - der das Haus seit 1994 sein eigen nennt - die Firma KL. Schmidt beauftragt und dies nicht von ungefähr. „Die Schmidt“ hatte nämlich schon den Neubau 1906 errichtet, und der Apotheker meint schmunzelnd: „Es ist doch gut, wenn eine Firma das macht, die das Gebäude kennt“.

Mit dem Bau war damals der Gießener Architekt Meyer betraut, der schon zwei Jahre zuvor die Gießener Universitätsapotheke errichtet hatte. Der Jugendstil zeigt sich in den geschwungenen Verzierungen der Fensterbögen aus rötlichem Sandstein und den Aufteilungen der Fenster. Ein besonderes Merkmal sind die steinerne Loggia mit dem Walmdächelchen und die abwechslungsreiche Dachlandschaft. Ein belebender Kontrast ist mit dem dunklen Vogelsberger Basalt am Sockel zum roten Sandstein der Fensterrahmen und der Säulen gegeben. Auch der helle Verputz der übrigen Fassade ist charakteristisch.

Das als Postkartenansicht dienende Haus hat schon gleich nach seiner Erbauung die Sprudel-Apotheke beherbergte. Es ist eines der wenigen noch vorhandenen reinen stilkundlichen Bauwerke der Stadt, das markanteste Haus in kunstgeschichtlicher und städtebaulicher Hinsicht.

Erbauer war Wilhelm Mettenheimer, der aus einer alten Apothekerfamilie stammte. Das vorherige Gebäude wurde restlos abgerissen. Besitzer der die Apotheke waren Otto Kraft, Josef Sebald und danach dessen Sohn Kurt Sebald, der die Apotheke bis 1994 führte.

 

Burg:

In alten Zeiten umgaben ein Wall und Graben die Burg. Aus dem Grundrißplan von 1851 hat der Autor des Kunstdenkmälerbandes des Kreises Friedberg von 1895, Rudolf Adamy, den „Wallgraben“ in einen Wassergraben umgedeutet. Dies war ein Fehler, doch niemand hat offenbar die Behauptungen dieser Autorität in Frage gestellt. Doch ein Graben, der dauernd Wasser führt, ist erst im Jahr 1958 geschaffen worden, drei Jahre nachdem die Stadt Bad Vilbel die Burg gekauft hatte.

Die Burg war der nördlichste Grenzpunkt des großen Reichsforstes Dreieich. Im Jahre 774 wurde sie erstmals erwähnt. Sie war anfangs ein gesicherter Gutshof von königlichen Beamten („Amtskeller“). Sie waren mit Schutz und Pflege des Waldes betraut. Aus diesen Waldhufenern des Reichsgutes Dreieich gehen später Edelknechte und Ritter hervor. Mit der Zeit siedelten sich dann Handwerker und später eine Gemeinde an. Die einstige Wasserburg der Ritter von Vilbel, die hier von 1128 bis 1540 das Sagen hatten. Sie wurde - nach Zerstörung einer älteren Burg - im Jahre 1414 wieder erbaut durch Erzbischof von Trier, Wernherr von Falkenstein.

Grausame Historie rankt sich um den ehemaligen Raubritterpalast. Das Vilbeler Rittergeschlecht zählt zu den ältesten der Wetterau: Walter von Velewile wird als Zeuge erstmals 1128 urkundlich erwähnt. Bis ins 16. Jahrhundert finden sich in alten Schriften immer wieder Hinweise auf die Vilbeler Adelsfamilie. Als bekanntester Vertreter tut sich Ritter Bechtram hervor, der als Wegelagerer oft verwarnt und schließlich 1420 in Frankfurt geköpft wird. Das schwarze Schaf der Sippschaft überfällt zahlreiche Kaufmannszüge und raubt sie aus. Zwischenzeitlich tritt der Ritter in die Dienste der Stadt Frankfurt ein, beginnt wegen seines „unsteten Blutes“ dann aber wieder erneut zu rauben und zu plündern

Um die ständige Bedrohung des Handels und der Straßen abzuwenden, beschließen der Rat von Frankfurt, Ulrich von Hanau und Philipp von Falkenstein, die Vilbeler Burg zu zerstören. Sie wird am 17. Juli (oder: 19. Juli) 1399 in Brand gesetzt. Bechtram kann jedoch entkommen. Und Friede kehrt durch das Feuer nicht ein. Auf der Schütt am Bockenheimer Tor ward Bechtram mit seinen zwei Knechten, die an seinen Raubüberfällen mit beteiligt waren, am 27. August 1420 hingerichtet. An der Richtstätte waren zwei Kerzen mit einem Kreuz und ein Sarg auf der Totenbahre aufgestellt. Bechtram betrachtete sich dies und wurde mit nicht verbundenen Augen gerichtet; so fiel das Haupt des größten Vilbeler Raubritters.

Im Jahre 1796 forderte der französische General Kleber von den Mainzer Beamten den sofortigen Wiederaufbau der Brücke über die Nidda, den die Österreicher unter General von Wartensleben bei ihrem Rückzug abgebrochen hatten. Weil aber der Beamte floh, befahl Kleber, das „Schloß“ in Vilbel als feindliches Eigentum niederzubrennen. Torturm, Ringmauer mit Wassergraben erhalten, vom Palas nur Keller und teilweise Erdgeschoß.

Der romanische Torbogen in dem massiven Turmviereck ist heute zugemauert, doch die Steine- des Rundbogens sind im Mauerwerk heute noch zu erkennen. Der heutige, über die Brücke erreichbare Eingang ist gotischen Ursprungs, ebenso wie die Außenseite des heutigen Museumstraktes. Die heutige Anlage stammt aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts.

Bei der Verlegung einer Gasleitung in die Burg im Bereich der Brücke wurden Hinweise auf ein Schäferhaus gefunden wurden. Im Burghof selbst fanden sich die Reste einer Mauer parallel zum heutigen Heimatmuseum, dem früheren Pferdestall. Stadtarchivar Fleck ist der Überzeugung, daß an der nördlichen Mauer, dort, wo sich heute die geräumige Terrasse befindet, erst im Jahr 1579 ein Wohnhaus errichtet worden ist. Wo die Bewohner der Burg vorher gewohnt haben, könne nicht gesagt werden. Vielleicht habe sich im Burghof ein Gebäude befunden. Jeder, der sich das Gemäuer genauer ansieht, erkennt, daß sehr oft um-, an- und neu gebaut wurde. Fleck hat eine Rekonstruktion versucht und ist der Höhe der Abflußrohre und der Bauweise der Schießscharten nachgegangen. Das Niveau des Erdgeschosses muß im Laufe der Jahrhunderte um mehrere Meter verändert worden sein. Mal war es höher als heute, mal noch zwei Meter tiefer.

Die Mauern der heutigen Ruine sind zum - Teil unter Verwendung der alten Steine - wieder aufgebaut worden. Steine der Burg, die zum Teil vom Abriß der ursprünglichen St. Nikolauskirche stammen, sind weitergewandert. Als vor mehreren hundert Jahren mal ein Teil der Burg auf Abbruch verkauft worden war, wurden die in der Romanik behauenen Basaltsteine zum Aufbau des Hauses Frankfurter Straße 1 verwendet.

Wer heute über den neu gestalteten Platz zwischen Burg, Zehntscheuer und Nikolaus-Kirche geht, kann sich kaum vorstellen, daß vor rund 100 Jahren Carl Brod die Burgruine abreißen wollte, um dort einen Kurbetrieb zu errichten. Heute ist den Verantwortlichen offenbar die Bedeutung historischer Gebäude im Kern Bad Vilbels bewußt. Damit auch die Möglichkeit, Burg, Zehntscheuer, Altes Rathaus und Alte Mühle als reizvolle Anlauf- und Identifikationsorte im Zentrum der wachsenden Kommune zu nutzen. Seit 1987 nutzt die Stadt die Burg als Freilichtspielstätte für Theater. Später kommen Literatur- und Musikveranstaltungen hinzu. Im Burghof ist für etwa 620 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz.

Seit Anfang Februar 2002 wurde der Burghof gepflastert. Der 750, Quadratmeter große Burghof erhält ein Basaltstein-Pflaster; kreisförmig um den Brunnen im Zentrum verlegt. Auf Wunsch des Denkmalamtes wird gebrauchter Basalt benutzt, passend zum alten Gemäuer. Ungepflastert bleibt der Boden im Wurzelbereich der zwei Burghof-Bäume. Um Pfützen zu vermeiden, werden Rinnen sternförmig Richtung Brunnen gezogen und in einer Kreisrinne verbunden, die das Regenwasser hinaus in den Burggraben leitet. Zudem wird eine Treppe an der Nordostmauer gebaut, die hinab zur dort geplanten Künstler-Toilette führen soll.

Den Wiederaufbau der Bad Vilbeler Burg hat der Lions Club „Bad Vilbel-Wasserburg“ angeregt und damit eine Diskussion über Rekonstruktion oder Neubau angestoßen. Eine Wasserburg nämlich ist der alte Vilbeler Rittersitz nie gewesen. So jedenfalls lautet die allgemein akzeptierte These von Peter Fleck, der in Heft 46 der Bad Vilbeler Heimatblätter nachgewiesen hat, daß die Burg, auch in ihren aus dem 14. Jahrhundert stammenden Teilen, auf festem Grund und Boden errichtet wurde. Ein Graben rund um das Gemäuer war allenfalls bei Nidda-Hochwasser naß. Rundherum im Wasser steht das Schloß erst seit dem Jahr 1958.

Den amtierenden Lions-Präsidenten Volker Hartung ficht das Mißverhältnis zwischen dem Namen seines Clubs und der historischen Realität nicht an. Das Wort Wasserburg sei den Bad Vilbelern geläufig. Bei Stadtbaurat Dieter Peters haben die Lions bislang keine offenen Türen eingerannt: Peters möchte erst eine historische Ansicht der Burg sehen, bevor er ein Nutzungskonzept in Auftrag gibt. Die historische Ansicht gibt es nicht. Es existieren zwar wunderschöne, romantisch angehauchte Zeichnungen, aber keine Pläne oder Skizzen nach der Realität. Auch die Annahme von Peter Fleck, die Vilbeler Burg könnte so ausgesehen haben wie die Festung Rüsselsheim, geht in die Irre. Eine Zeichnung, die die Rüsselsheimer Burg im Jahre 1400 zeigt, ist ein Fantasieprodukt.

 

Museum:

Das Museum ist in dem einzigen noch vorhandenen Gebäude der alten Wasserburg Vilbel eingerichtet. Die römischen Funde sind im Eingangsraum (Erdgeschoß) ausgestellt. Dort findet man in einer Vitrine Beispiele römische Keramik und einige eiserne Werkzeuge. Sie stammen zum Teil aus dem Stadtgebiet von Bad Vilbel, in dem sich auch die Thermen mit dem bekannten Mosaikboden des Pervincus befanden. Ein anderer Teil der Funde kam aus einigen römischen Gutshöfen (villae rusticae) der Umgebung. Eine zweite Vitrine enthält Informationen über die Vilbeler Thermen und Mosaikreste. Eine kleine Steinkiste mit den Gefäßbeigaben einer Brandbestattung ist südlich von der Auferstehungskirche in Bad Vilbel gefunden worden; vielleicht gehörte die Bestattung zu dem Gräberfeld eines römischen Gutshofs.

Die Attraktivität des Heimat- und Brunnenmuseums in der Bad Vilbeler Burg macht die Tatsache aus, daß es sich sozusagen um ein „begehbares“ Geschichtsbuch handelt, in dem kaum eine Seite fehlt. Das Brunnen- und Heimatmuseum in der Wasserburg ist nach Ende der Festspiele geöffnet samstags und sonntags, jeweils von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr.

Die ersten archäologischen Funde datieren aus der Bad Vilbeler Gegend aus der Jungsteinzeit.

Neben der Eingangstür finden sich Exponate aus Stein, Holz, Knochen, Leder und Harzen, dem Hausrat eines Vilbelers in der Steinzeit.

Im Museum gibt es eine Vitrine mit Fundstücken aus der Römerzeit. Obwohl sie schlicht und bescheiden sind, verbinden sie doch rasant zwei Jahrtausende. Dort liegen zwei Öllämpchen, braun und hutzelig. Dazwischen hat sich eine Glühbirne geschmuggelt. Ein paar Zentimeter weiter konkurriert ein rostiges Messer mit einem blitzenden Kneipchen direkt vom Fließband weg in der Vitrine gelandet ist. Zu den beiden gesellt sich eine Sichel, so eine, wie sie „Miraculix“ im Asterix-Comic benutzt. Die des Galliers glänzte allerdings golden, während die hinter der Glasscheibe vor sich hin bröckelt.

 

Mosaik:

Im Winter 1848 1849 wurde in der ehemaligen Flur „Auf der Mauer“ südlich des Bahnhof Vilbel-Süd errichtet. Als man beim Auffüllen von Erde für die Station auf römisches Mauerwerk stieß, wurden die alten Mauern zunächst wenig beachtet. Am 24. April 1849 erkannte der zur Inspektion der Arbeiten anwesende Baurat Laubenheimer einige kleine Steinwürfel als Mosaiksteine. Nun wurde die Erde vorsichtig entfernt, und es zeigte sich das schöne Pervincus-Mosaik. Auf einem römischen Fußboden mit einer Fläche von rund fünf auf sieben Meter fand man das aus etwa 225.000 Steinen zusammengesetzte Mosaik. Es wird heute im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt wird. Es gehört zu den bedeutendsten Mosaiken des römischen Deutschland. Den Bad Vilbelern bleibt eine nicht vollständige Kopie des Mosaiks. Fünf Ausschnitte des Gesamtwerkes hängen im Brunnen- und Heimatmuseum in der mittelalterlichen Wasserburg.

Das Mosaik bildete den Hauptschmuck in einem Badesaal, der 11,75 Meter lang und 10 Meter breit war; an seiner Südseite befand sich ein marmorverkleidetes Becken von über sieben Meter Länge, in das man über seitliche Stufen hineinsteigen konnte. Davor lag das Mosaik. Es wurde von einem Marmorboden eingefaßt, der wenige Zentimeter höher lag. So konnte das Mosaik mit Wasser überspült werden, und man darf sich vorstellen, wie dadurch seine Figuren Leben gewannen. Es gehört in das ausgehende zweite Jahrhundert und ist nachträglich bei einer Renovierung in die Thermen gekommen. Aber leider weiß man nicht sicher, wann die Thermen erbaut worden sind.

Nur wenige Räume des Bades sind seinerzeit sachgemäß freigelegt und aufgemessen worden. Es ist daher schwierig, den überlieferten Grundriß genauer zu beurteilen und einzuordnen. Nur so viel ist sicher, daß der Plan nicht der einer gewöhnlichen Thermenanlage ist; er gleicht nicht den immer wiederkehrenden, standardisierten Grundrissen. Die Anordnung und Bauweise der bekanntgewordenen Räume ist anderer Art und spricht entschieden für ihre Bestimmung als Heilthermen. Vielleicht verwendeten die Römer eine warme Mineralquelle. Tatsächlich soll bis zu einem Erdrutsch im Jahre 1783 eine warme Quelle oberhalb der Thermen im Vilbeler Wald ausgetreten sein; ihr Wasser könnte durch eine Leitung in das Bad geführt worden sein.

Während der Mosaiksaal kein Hypokaustum besaß, konnte Raum S, dessen Fußboden auf Hypokaustpfeilern ruhte, durch eine Heizanlage (praefurnium) von Norden her geheizt werden. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Schwitzraum (sudatorium). Eine Tür verband den Raum mit dem kleinen, ungeheizten Vorraum M 1 des Mosaiksaals, und auch dieser Raum besaß ein allerdings unverziertes Fußbodenmosaik. Seitlich war das Kaltwasserbecken Q angebaut, so daß die Anlage ein kleines Kaltbad (frigidarium) bildete.

Die drei erwähnten Räume waren vermutlich für die spezifische medizinische Anwendung des damaligen Vilbeler Wassers vorgesehen. Raum D war wohl nur ein Korridor, der zu einer Flucht weiterer Baderäume führte. Möglicherweise bildeten diese ein Bad mit „normaler“ Aufreihung der Räume, so daß Raum A ein Frigidarium, B ein Laubad (tepidarium) und C ein Warmbad (caldarium) war. Auch bei anderen römischen Heilthermen ist den eigentlichen Mineralbädern oft noch ein Trakt mit „normal“ angeordneten Baderäumen angefügt. Neben der Flucht der Räume A, B und C befand sich ein offener Hof, auf dem ein Badebassin P 1 den Überlauf aus dem Becken P aufnahm, so daß man im Sommer das Mineralwasser auch im Freien gebrauchen konnte. Sicherlich war der Hof architektonisch eingefaßt.

Diese verhältnismäßig großen und recht komplizierten Thermen gehörten bestimmt nicht zu einem römischen Gutshof. Sie können mit einem Heiligtum verbunden gewesen sein, und auch mit einem Gästehaus ähnlich dem Prätorium zu Nida ist zu rechnen; dazu kommen vielleicht noch die Häuser einer kleinen Siedlung. Doch dies wie manches andere bleibt bei den Vilbeler Thermen unsicher.

Das Mosaik von Bad Vilbel belegt den exklusiven Kunstgeschmack der Römer in der Wetterauer Provinz. Im Jahr 100 nach Christus ließen sich die im Gebiet des heutigen Bad Vilbel lebenden „Barbaren“ von den  handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten ihrer Besatzung  nicht beeindrucken. Doch die Römer geben nicht bei. Stolz trotzen sie der Szenerie und holen sich ein „Kleinod römischer Prachtentfaltung“, wie es der Wissenschaftler Dr. Wilhelm Belz knapp 2000 Jahre später nennen wird, in die öde Heimat der Kunstbanausen. Dieses Kleinod wird von nun an den gestreßten Vertretern Roms beim Badevergnügen in einer großzügig angelegten Villa die Füße umschmeicheln: Die Bodendekoration ist ein knapp 28 Quadratmeter großes Mosaik unter anderem aus weißen, schwarzen und violetten, etwa ein Quadratzentimeter großen Marmorwürfeln - für den üblichen provinziellen Kunstgeschmack außergewöhnlich wertvoll.

Die Steine lassen einen kraftvollen Neptun aus dem Wasser auftauchen. Den ganzen Raum scheint er mit seinem stählernen Blick zu beherrschen. In den Locken tummeln sich Fische, Aale und Hummer. Seewölfe drohen dem Bild zu entspringen. Rundherum treiben Fantasiewesen durch das Wasser, beflügelte Kinder planschen mit Delphinen. Jedes dieser Motive ist einzigartig. Die Bilder wirken, ohne sie in die Mythologie einordnen zu können, ohne sie untereinander in Bezug zu setzen. Auf den ersten Blick scheinen die Figuren, die sich dunkel von einem hellgelben Grund abheben, nebeneinander zu stehen. Doch Dr. Wilhelm Belz (Broschüre des Kur- und Verkehrsvereins Bad Vilbel „Das Mosaik von Bad Vilbel“)erkennt, daß sie nicht allein durch den aufwendigen Rahmen zu einer „höheren Einheit“ zusammengefaßt sind.

Die halb menschlichen Fantasiegestalten haben jeweils Gegenspieler. Zwischen ihnen schwimmen realistische Tiere, wie Aale und Käfer um den Kopf Neptuns, der den Mittelpunkt des Ganzen ausmacht. So bringt „eine verdeckte Symmetrie Ordnung und Festigkeit in die Komposition“. Belz lobt: „Die Fantasie des Künstlers, auf ausgezeichnete Naturbeobachtungen gegründet, scheint unerschöpflich.“

Freilich wies Neptun Alterserscheinungen auf. Er hatte Teile seines Gesichts verloren, außerdem war er völlig verkalkt. Andere Ablagerungen ließen darauf schließen, daß über dem anspruchsvollen Kunstwerk lange Zeit bäuerliche Stallungen standen - Tierdung hatte sich in die Steinchen hineingefressen. Für die Bergung holte man sich Experten aus Darmstadt, die den hohen Wert des Fundes bestätigten.

 

Siedlungsgeschichte:

In modern gestalteten Räumen wird die Geschichte des Mineralwassers erzählt. Der zeitliche Bogen gipfelt in einer riesigen Pyramide von Wasserflaschen, die den Verbrauch einer Familie während eines, Jahres symbolisieren soll. Der Ursprung des Stadtwappens wird dargestellt. Auch Gerätschaften von Apothekern, das Geschirr verschiedener Stilepochen und alte Ansichten Bad Vilbels sind im Museum zu sehen. Die Entwicklung der Brunnen vom Ziehbrunnen zur Füllmaschine ist in einem eigenen Bereich nachzuvollziehen. Eine Bauernstube und eine Handwerkerstube mit entsprechenden Utensilien machen den kleinen Streifzug durch die Geschichte Bad Vilbels komplett.

 

Landkarte:

Im Marburger Staatsarchiv befindet sich eine Landkarte von Frankfurt und Umgebung aus dem Jahre 1583 auf, wo auch das damals nur rund 300 Einwohner zählende Dorf Vilbel abgebildet ist. Reproduktionen sollen eventuell im Turmzimmer des Vilbeler Museums ausgestellt werden. Das einmalige Zeitzeugnis wurde von Elias Hoffmann im Auftrag der Grafschaft von Hanau angefertigt. Zusammen mit Wilhelm Dilich der Alte, genannt Schäfer, gilt Hoffmann als der Begründer der Kartographie im Rhein-Main-Gebiet. Mehr als 20 Jahre seines Lebens widmete er dem Zeichnen von Landkarten aller hessischen Lande.

Für eine Karte mußte Hoffmann zunächst einmal das darzustellende Gebiet, mit Meßlatte und Zirkel im Gepäck, durchwandern, was oft mehrere Jahre in Anspruch nahm. Die Grafschaften, für die der Kartograph arbeitete, wollten damit ihre Besitzstände besser dokumentieren, um Streitigkeiten vorzubeugen. Die 93 mal 119 Zentimeter große Karte malte Hoffmann in einem Maßstab von etwa 1:25.000 auf einem Untergrund von Kreide und Papier mit Ölfarbe, unter die Leinöl und Ochsengalle gemischt war, um das ganze haltbar zu machen.

Im Gegensatz zu einer heutigen Karte ist Hoffmanns Darstellung seitenverkehrt. Frankfurt ist am oberen Ende der Karte eingezeichnet, die Ortschaften der heutigen Wetterau am unteren, was bedeutet, daß die Himmelsrichtungen Norden und Süden vertauscht sind. Auf dem Kartenausschnitt, auf dem Vilbel abgebildet ist, sind zwei Wappen zu sehen. Ein Sechstel der Einkünfte und Rechte hatte die Grafschaft Hanau inne, fünf Sechstel waren Eigentum der Stollberger  Grafen von Eppstein.

Dennoch war das Dorf damals nicht durch eine Grenze geteilt, es bildete eine Gemeinschaft. Es war von Weinbergen, Äckern und Wald umgeben. Hoffmann ist bei seiner Arbeit immer mit höchster Genauigkeit vorgegangen und hat viele Details mit in seine Karten eingezeichnet. So sind Brücken und Kirchen, aber auch einzelne Häuser zu erkennen. Markante Gebäude wie die Burg und die Auferstehungskirche sind zu sehen. Neben der Nidda ist auch die Mühle dargestellt. Von Hoffmanns Karte wurden immer wieder Kopien erstellt, zunähst wurden sie abgemalt, dann in Kupfer übertragen. Dennoch geriet das Werk des Kartographen lange in Vergessenheit. Erst 1868 wurde die Karte in Marburg wiederentdeckt, als die Preußen das dortige Staatsarchiv umstrukturierten und sämtliche Dokumente katalogisierten. 

 

Grenzsteine:

Mehr als einhundert Jahre haben die Markierungen dieser Grenzsteine auf dem Buckel. Zehn alte Grenzsteine sind jetzt im Bad Vilbeler Burgpark zwischen Nidda und Zehntscheuer aufgestellt worden. Sie sind die Grundsteine eines Skulpturenparks. „Steinwelten“ sind im Burgpark die Vorboten des seit langem diskutierten Bad Vilbeler Skulpturenparks. Da stehen sie, die Wacker - nicht am angestammten Platz an der Grenze zwischen zwei Staaten, sondern am Kiesweg an der Westseite der Burgruine, buchstäblich „festgemauert in der Erden“, wie Schillers Glockenform.

Vielleicht ist es der letzte Standort nach einer Odyssee, die die mit Grenzmarken gezierten Granitbrocken hinter sich haben. Einst, irgendwann vor Hunderten von Jahren, sollten sie Herrschaftsbereiche abmarken. Dann, irgendwann, landeten sie im Hof der Burg. Heimatforscher wollten sie als Denkmale retten, in Erinnerung an längst vergangene Herrschaftszeiten. Dort lagen sie kreuz und quer und warteten auf die ordnende Hand.

Die Aufpflasterung des Burghofs zugunsten der Besucher der alljährlichen Burgfestspiele gab den Anstoß. Die Steine, die störten, bekamen einen neuen Standplatz und erfreuen sich nun besonderer Aufmerksamkeit. Kein Passant kann einfach so vorüber schreiten. Jeder guckt und rätselt dann. Was mag wohl das Adlerbild auf dem einen, oder was mögen die ringförmigen oder dreieckigen Wappen bedeuten?

Die ersten beiden Steine, von der Nidda her gesehen, standen seit 1785 an der Gemarkungsgrenze zwischen Vilbel und Dortelweil. Dieses  war nämlich bis 1866 Frankfurterisch und daher stammt auch das Adler-Abbild. Richtung Vilbel gab es gleich zwei Wappen, das von Kurmainz und das von Kurhessen. Diese beiden Herrschaften hatten sich zeitweise Vilbel geteilt.

Dann kommt als Dritter der älteste Grenzstein, der schon vor 1769 an der Grenze zu Bergen aufgestellt wurde. Das „B“ zeugt für Bergen, der runde Ring war das Grenzzeichen des alten Vilbel.

Das Kürzel „CC“ auf dem fünften Stein steht für den Deutschen Orden, einen zeitweise bedeutenden Landbesitzer in der „Commende Cloppenheim“. Das „F“ auf der anderen Seite steht für Frankfurt, in diesem Fall für den damaligen Stadtteil Nieder-Erlenbach.                   

 

Altstadt:

Ein Rundgang durch Vilbels Altstadt  kann beginnen beim alten Rathaus.

 

Altes Rathaus:

Im Jahre 1498 wurde das Wahrzeichen der Stadt erstmals urkundlich erwähnt. Das heutige Fachwerk-Rathaus im fränkischen Baustil ist von 1747 (andere Angabe: 1573), davor ist ein Brunnen, der die frühere Wassergewinnung zeigt. Es war Gerichtsort und der Mittelpunkt beim traditionellen Vilbeler Viehmarkt. Später war hier die Stadtschule.  Das Haus hat den Dreißigjährigen und den Siebenjährigen Krieg schadlos überstanden. Selbst von den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges auf die Brunnenstadt blieb das historische Rathaus an der einstigen Wegscheide in die Wetterau, den Taunus und nach Frankfurt, weitgehend unversehrt.

Zum Ärger vieler alter Vilbeler, die das denkmalgeschützte Rathaus noch von ihrer eigenen Trauung oder früheren Behördengängen in Erinnerung haben, ließ sich die Kommune einige Jahre Zeit, um das Gebäude mit seinem massiven Erdgeschoß und dem fränkischen Fachwerk neu herzurichten. Die Baukosten betrugen rund 785.000 Euro, hinzu kamen 45.000 Euro für neues Mobiliar.

Unter der Regie von Hochbauamtsleiter Werner Hilbert wurde mit Hilfe von Stahlträgern im Obergeschoß die Statik verbessert. Diverse Dachbalken wurden saniert oder ausgewechselt und das Dach mit Biberschwanz-Ziegeln neu gedeckt, die jetzt in verschiedenen Farbtönen schimmern. Außerdem wurden Sandsteinfassungen saniert, Hausschwamm-Schäden beseitigt, Sprossenfenster im Obergeschoß erneuert und zwei Fundamente im Kellergewölbe, das Heizung und Technik beherbergt, erneuert. Die Eichenholzkonstruktion des Uhrturms wurde überarbeitet und das Schlagwerk repariert. Nach Farbschicht-Untersuchungen wurde die Fassade des Hauses in einem hellen Grau-Weiß getüncht.

Nach aufwendiger Sanierung bietet das Gebäude nun Räume für Vereine und ein Empfangszimmer. Nicht nur Dach und Fassade sind neu, auch im Inneren hat sich einiges geändert. So soll ein Empfangsraum neben dem Trauzimmer das Heiraten im Alten Rathaus noch feierlicher machen. Erd- und Obergeschoß sind überwiegend den Heiratswilligen vorbehalten. Vor dem Freitreppenaufgang werden Hochzeitspaare künftig auf einer Bank aus Sandstein, über die sich ein Rosenspalier wölbt, ein romantisches Fotomotiv finden.

Das Trauzimmer im Erdgeschoß links blieb unverändert. Neu ist, daß der gegenüberliegende Raum für Empfänge nach der Trauung, aber auch für kleinere Vortragsveranstaltungen gemietet werden kann. Die erste Hochzeitsgesellschaft hat das schlicht aber einfallsreich ge­staltete Zimmer mit Parkettboden und in die Decke eingelassenem Dimmerlicht bereits gebucht. Eine pfiffig konstruierter Einbauschrank beherbergt eine kleine Küchenzeile, ein Lager für klappbare Stehtische und eine Garderobe. In die Wand ist eine Stereo-Anlage eingelassen, die den Raum über Deckenlautsprecher mit Musik von der CD versorgen kann. Aus der Decke läßt sich eine Leinwand für Projektionen hervorziehen. An den ansonsten schmucklosen Wänden prangt Willy Menners Bild „Spanische Gärten”.

Früher befand sich in dem Raum das Standesamtbüro. Es hat dafür mehrere Räume im ersten Stock bekommen. Das Treppenhaus, neu gestrichen und kontrastreich mit modernen Leuchten versehen, wirkt jetzt viel heller als früher. Dank einer herausgenommenen Wand entläßt es die Standesamtbesucher im Obergeschoß in ein offenes Foyer mit blauem Teppichboden, Stühlen und einer Vitrine, in der zum Teil alte Stammbücher ausgestellt sind.

Das ehemalige Bürgermeisterzimmer daneben können Vereine für kleine Sitzungen von bis zu 15 Personen nutzen. Auch das Dachgeschoß kann von Vereinen kostenlos genutzt werden, andere Gruppen können es mieten. Das Tragwerk wurde frei gelegt, die Decke ist nun höher, der Fußboden mit Dielen verlegt.

Allerdings verlaufen massive Balken durch die Mitte des größeren der beiden Versammlungsräume. Damit sich niemand den Kopf stößt, wurde der Boden darunter etwas abgesenkt. Die Freifläche in der Mitte wird nun von einem podestförmigen Kranz umgeben. Auch in einem zweiten, kleineren Versammlungsraum mit Eichendielen und blau gepolsterten Stühlen können die unter-schiedlichen Nutzer eigene Fächer in Einbauschränken reservieren (03.11.05).

 

Ehemalige Synagoge:

Auf die ehemalige Synagoge in der Frankfurter Straße 95 läßt Rafael Zur nichts kommen und wenn der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bad Vilbel Unrecht wittert, dann macht er sich lautstark bemerkbar. Bei der Renovierung einer Wohnung in dem denkmalgeschützten Gebäude sei eine Tür zugemauert und stattdessen ein Fenster eingebaut worden. Das war Zurs Botschaft, die er der lokalen Presse, dem städtischen Bauamt, dem Kreisbauamt und wohl auch der Denkmalbehörde nahebrachte.

Zur hat auch erste Erfolge erzielt. Ende dieser Woche war Baukontrolleur Robert Huch vor Ort. Er hat festgestellt, daß sich in der ehemaligen Synagoge zwei Wohnungen befinden. Die im Erdgeschoß sei renoviert worden, weil dort ein neuer Mieter einziehen wollte. Der Baukontrolleur bestätigte die Beobachtung Zur, daß eine Tür zugemauert worden sei. Dort gebe es jetzt ein Fenster. Der Baukontrolleur laut Kreis-Pressestelle: „Das darf nicht sein“. Er fordert das nachträgliche Einreichen eines Bauantrags. Entweder werde vom Kreisbauamt dann eine mit dem Denkmalschutz vertragliche Gestaltung der Baulichkeit verlangt oder der Zurückbau.

Der private Eigentümer der ehemaligen Synagoge weist Rafael Zurs Behauptungen nachdrücklich zurück. Er habe einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der Zur in die Schranken weisen und ihm erneut verbieten solle, das hinter einem Frontgebäude liegende Fachwerkhaus und den Hof zu betreten. Renoviert worden sei in einem Anbau, der nicht zum Originalzustand der alten Synagoge gehöre und in den sechziger Jahren errichtet wurde, als der ehemalige jüdische Gebetsraum noch nicht unter Denkmalschutz stand. Rafael Zur solle endlich seine Unterstellungen lassen und mich nicht als „Arier beschimpfen“ und außerdem habe Zur jederzeit die Möglichkeit, das Gebäude zu kaufen.

Die ehemalige Synagoge auf dem Hinterhof des Grundstücks Frankfurter Straße 95 ist nach Angaben der Historikerin Berta Ritscher Ende des 18. Jahrhunderts errichtet und Anfang des 19. Jahrhunderts zur Synagoge umgebaut und eingerichtet worden. Hinter dem Gebäude befand sich ein Badehaus.  In der Pogromnacht blieb das Synagogengebäude verschont, da es in christlichen Besitz übergegangen war. Die Inneneinrichtung wurde dennoch zerstört. Unter starkem politischem Druck hatte Notar Eisenhardt kurz vor dem 10. November 1938 den Kaufvertrag protokolliert, der von jüdischer Seite vom Julius Strauß unterschrieben wurde.

Um den Ankauf des Gebäudes gibt es immer wieder Streit zwischen der jüdischen Gemeinde und der Stadt. Zuletzt wurde Anfang der neunziger Jahre eine Drittelfinanzierung des Ankaufs durch Stadt, Land und Bund ohne positives Ergebnis diskutiert.

 

Alte Brü>Viele historische Bauwerke im Kern der Sprudel-Metropole sind in den 60er Jahren der Modernisierungswut zum Opfer gefallen: Die alte katholische Nikolauskirche etwa und die eindrucksvolle Sandsteinbrücke über die Nidda. Die Grenze dieses Reichsgebietes verlief in der Mitte der alten Nidda-Brücke. Sie war durch ein Steinkreuz markiert, sagt ein Schriftstück von 1334. Beim heutigen Verlauf der Nidda und der Brücke hätte die Burg damit außerhalb des Gebietes gelegen, das sie schützen sollte. Eckpfeiler der alten Brücke standen etwa in Höhe der Schulstraße. Vermutlich hatte die Nidda ursprünglich mehrere Arme und die alte Brücke war deutlich länger als die heutige.

 

Badebetrieb

Die Heilkraft der zahlreichen Quellen in den Nidda-Auen war schon früh bekannt. „über di mahs wol” bescheinigte Tabernae Montanus den artesischen Wässern im 16. Jahrhundert. Haben später chemische Analysen diese Empfindung auch wissenschaftlich gestützt, entstand dennoch nie ein Kurbetrieb von Rang wie im nahen Bad Homburg. Stattdessen ist Bad Vilbel zu einem der bedeutendsten Abfüller von Mineralwasser in Deutschland geworden. Im Brunnenmuseum in der Burg wird die Entwicklung dokumentiert von den ersten Quellbohrungen über die Zeiten, als die Tonkrüge noch per Hand geschöpft und von „Wasserjungen” nach Frankfurt gekarrt worden sind, bis zu den heutigen vollautomatischen Abfüllstraßen.

In der Familie Grosholz ist nicht nur jener Brunnen‑Onkel mit seiner Hochschätzung für das Vilbeler Wasser bemerkenswert. Sohn Adolf, 1845 in Vilbel geboren und 1918 in München gestorben, war Mitgründer und Direktor der „Orientalischen Eisenbahnen“ mit Sitz in Istanbul. Dessen Sohn Osman wiederum, geboren 1886 in Istanbul und 1955 gestorben, war Polizeidirektor in Bad Nauheim und 1932 Fahnenträger bei der Olympiade in Los Angeles. Damit nicht genug: Die berühmte Madame Tussaud (1760 ‑ 1850) war auch eine gebürtige Groszholz.

Der alte Friedrich Karl Grosholz 1810 im Hunsrück geboren und 1888 Vilbel gestorben. Er wuchs ohne seine Eltern auf und galt als ein ernster schwermütiger Mensch. Er war ein tüchtiger Mann, einer der Vilbeler Honoratioren und im Grunde langweilig. Grosholz war Landvermesser. Von ihm stammt unter anderem die Urvermessung von Vilbel aus dem Jahr 1836.

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Grosholz 1848 Auguste Simon, die der Gastwirtsfamilie des „Goldenen Engel“ (Frankfurter Straße 4) entstammte. Auf dem Anwesen Marktplatz 4, das ihm 1855 gehörte und das im Zuge des BVB-Neubaus vor einigen Jahren abgerissen wurde, hat der Geometer zeitweise nicht nur mit Wasser gehandelt, sondern auch Zigarren hergestellt, sowie Messer, Scheren und Zwirn vertrieben.

Ziemlich gut getroffen ist Friedrich Grosholz (1810 bis 1888) in dieser Skulptur eines polnischen Künstlers, die vor der BVB‑Volksbank aufgestellt ist. Nur ein paar Meter von dieser Stelle entfernt hat der gelernte Landvermesser und Gatte der Wirtstochter vom „Goldenen Engel“ vielfältige Geschäftsaktivitäten entwickelt und zeitweise auch das Wasser der Bad Vilbeler Urquelle vermarktet. Die Geschichte der Familie läßt sich bis in das Jahr 1473 verfolgen. Sie hat mehrere Geometer hervorgebracht.

 

Der Ursprung des Heilbades der Arbeiterwohnsitzgemeinde Vilbel läßt sich auf den Tag genau datieren. Am 21. Juli 1900 entsprang auf dem Grundstück Marktplatz 11 in unmittelbarer Nachbarschaft des gotischen Rathauses ein mächtiger Mineralsprudel. Zwei Jahre lang hatte der Vilbeler Carl Brod gebohrt, und nun schoß, von Kohlensäure getrieben, ein armdicker Mineralwasserstrahl bis zu 14 Metern in die Höhe. Das „Naturwunder“ wurde sogar von Kaiser und König Wilhelm II. bestaunt.

Viktoria Melita, Großherzogin von Hessen-Darmstadt, war so gnädig, dem Wasserstrahl ihren Namen zu leihen. Rund  14.000 Liter Wasser kamen stündlich aus eigener Kraft aus 74 Meter Tiefe empor. Der Viktoria- Melita-Sprudel wurde ein Jahr später als Heilquelle anerkannt. Als sich Viktoria 1905 vom Hessen-Herzog scheiden ließ, um sich ins Bett des russischen Großfürsten Kyrill in Petersburg zu legen, wurde die Quelle dann  in „Brod’scher Sprudel“ umbenannt.

 

Brod richtete auf dem engen Grundstück sieben Badezellen ein, in dem jeweils eine mit Kupferbändern beschlagene Badewanne aus Mahagoniholz stand und eine Schwarzwälder Pendeluhr anzeigte, wann des Badens genug sein sollte. Brod wollte ein großes Badehaus bauen und kaufte die historische Burgruine auf Abriß, doch diese Pläne scheiterten. Im Jahre 1924 wurden auch ohne großes Badehaus 6.000 Bäder verabreicht. Das erste Kurhaus war die „Sonne“ auf dem Heilsberg.

Der Vilbeler Lust wurde das Mineralwasserbaden, nachdem Carl Brod im Jahr 1900 in der Innenstadt einen Brunnen erbohrt hatte, der bis 14 Meter in die Höhe sprang. Der Sprudel wurde eingefaßt und analysiert. Flugs wurden auf dem Grundstück am historischen Rathaus kleine Kabinen gebaut und kupferne Badewannen aufgestellt. Zwei Jahre später sprudelten auch die Pläne für ein großes Badehaus. Ein Kur- und Verschönerungsverein wurde gegründet. Doch Brod sollte tragisch enden. Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre bohrten 22 Bäuerlein auf ihren Hofreiten in Brod’s Nachbarschaft eigene Brunnen und gruben ihm das Wasser ab. Sein Sprudel versiegte  am 12. November 1935. Ende der zwanziger Jahre bauten Vilbeler Arbeiter mit eigener Hand ein Volkshaus, das die Nationalsozialisten in Kurhaus umbenannten. Im Jahre 1931 wurden in einem Anbau zwölf Badezellen geschaffen. In den Jahren der Diktatur wurde das Freibad gebaut, auch schon mit Blick auf den Ausbau einer Bade-Infrastruktur.

Der Grundstein für ein kommunales Heilbad wurde durch die Vilbeler Sozialdemokraten gelegt. Treibende Kräfte waren die Arbeiterparteien und -vereine, allen voran die SPD. Viele freiwillige Helfer zogen unentgeltlich Mauern oder deckten das Dach.  „Lediglich der Beschluß zur Umbenennung von Volkshaus in Kurhaus wurde durch die Nationalsozialisten getroffen.“ So fiel etwa immer wieder der Name Albert Chambré. Dieser war als Rektor der Höheren Bürgerschule bei der Grundsteinlegung des Kurhauses am 29. Mai 1927 dabei gewesen. Einige Jahre später wurde er von den Nazis in Dachau ermordet.

Bei der Neueröffnung des Heilbades im Jahre 1948 unter Bürgermeister Kurt Moosdorf überreichte der hessische Ministerpräsident Stock dem Magistrat die Urkunde, in welcher der Stadt der Namenszusatz „Bad“ offiziell genehmigt wurde.

Der eigentliche Aufschwung von Bad Vilbel kam erst nach dem Krieg. Von 1948 bis 1962 erlebte das kommunale Bad seine Blütezeit. Im Jahre  1962 wurden fast 40.000 Bäder verabreicht. Das Kurmittelhaus am Kurhaus wurde 1955 und 1959 um Badezellen und Massageräume erweitert. Die Kurgäste wurden mit Konzerten, Tanztee und einer Kurzeitung erfreut und in Pensionen wie dem „Prinz Karl“, der „Schönen Aussicht“, der Villa Fleisch und der Pension Kraft (später Polizeistation) untergebracht.

Der städtische Kurbetrieb endete im Jahr 1970, als die Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz die Kurgäste nicht mehr nach Bad Vilbel, sondern nach Bad Soden schickte. Doch auf private Initiative ging der Kurbetrieb weiter. Das Haus „Margarete“ in der Parkstraße war 1960 als Pension eröffnet und 1969 zu einem Sanatorium ausgebaut worden. Margarete und Richard Kaufhold geboten nach Erweiterung und Umbau über 54 Betten. Das Sanatorium eröffnete am 14. Oktober 1969 eine eigene Badeabteilung. Es wurde ein Mineralwasserbewegungsbad mit dem Heilwasser der Astra-Quelle gebaut. Im Jahre  1979 waren die fränkischen Landesversicherungsanstalten als wichtigste Beschicker gezwungen, ihre eigenen Immobilien zu nutzen, und die Kaufholds standen ohne Kurgäste da. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Sanatorium wurde 1980 das Bad Vilbeler Rathaus.

 

Mineralwasser:

Es sprudelt in der Quellenstadt Bad Vilbel. Unter Bad Vilbel fließen Wässer zusammen, die in den Tiefen von Taunus und Vogelsberg wertvolle Mineralien aufgenommen haben. Diese Quellen entdeckten bereits die Römer im 2. Jahrhundert. Der Brunnen am Rande des Kurparks ist 1938 erbaut worden und heute eines der Wahrzeichen der Stadt. Das Wasser kommt allerdings nicht von alleine nach oben, sondern wird gepumpt und bleibt unter einer „Käseglocke“. Erfrischen kann man sich wenige Meter weiter am Nidda-Uferweg, vor der ehemaligen Hauptpost. Besonders an heißen Sommertagen treffen sich viele durstige Radwanderer zur Rast unter der mit Rosen berankten Pergola.

Was wäre der Bad Vilbeler ohne sein Mineralwasser? Er trinkt es, er badet darin, vor allem aber, er verkauft es. Es dauert sicher nicht mehr lange, bis die noch verbliebenen Unternehmen Astra-Quelle, Kronia-Quelle und der Branchenriese Hassia- und Luisen mit mehreren Produktionsstätten in Ost und West, eine Milliarde mit Mineralwasser oder Limonaden gefüllte Flaschen absetzen. Bad Vilbeler Wasser ist in aller Munde.

Mit der industriellen Fertigung ist allerdings die enge Beziehung der Bürger zu ihrem Wasser lockerer geworden. Vorbei die Zeiten, als dem Vilbeler im Hochsommer das Herz höher schlug, wenn Tag und Nacht aus den Betriebsgebäuden in der Innenstadt aus, geöffneten Fenstern das laute Flaschengeklapper dröhnte. Wenn der Laden lief, klapperte es auch in der Kasse und ein bescheidener kleinbürgerlicher Wohlstand war gesichert. Heute sind diese Betriebe ausgesiedelt. Auf den verlassenen Grundstücken stehen mehrgeschossige Gebäude mit Eigentumswohnungen. Produziert wird draußen vor der Stadt.

Gänzlich vorbei ist wohl die Zeiten, als das Mineralwasser sogar bedichtet wurde. Der Schriftstellerin Elisabeth Menzel aus der Nachbarstadt Frankfurt ist das hohe Lied auf den Sprudel zu Vilbel zu danken: „Zwischen Mauern und Gefächern springt empor des Sprudels Strahl. Seine Heldenpulse hämmern, in der Rohren enger Haft...“.

Prosaischer war die Förderung des Sprudels noch im 19. Jahrhundert. Tonkrüge wurden in einem Weidenkorb per Seilwinde in dem Brunnen versenkt. Waren sie gefüllt, wurden sie wieder hochgezogen. Ein Hammerschlag und der Korken saß fest. Kräftige Knaben schleppten die Krüge nach Frankfurt und Umgebung. Sie banden je einen Krug mit einem Sandsack zusammen und schulterten bis zu vier solcher Gebinde für den langen Marsch in die Großstadt. Der feine Vilbeler Sand wurde zum Scheuern von Holzdielen in den Bürgerhäusern verwendet. Der „Vilbeler Wasserbub“ und die „Vilbeler Sandhasen“ sind manch alten Leuten noch ein Begriff.

Im Jahre 1936 wurde jenseits der Nidda von der Sprudelfirma Hassia ein neuer Brunnen erbohrt, der zwei Jahre später bis 321 Meter abgeteuft und Grundstock für den Aufstieg des Hassia-Unternehmens zu Hessens Branchenprimus wurde. Nun bereitet Hassia weniger mit Flaschengeklapper denn als Arbeitgeberin und Steuerzahlerin den Bad Vilbelern eitel Freude.

 

Mit Grafitti beschmiert steht das Häuschen unscheinbar am Nidda-Ufer in der Nähe der Büdinger Straße. Doch dahinter verbirgt sich ein Zeitzeugnis von 1936. Was auf den ersten Blick wie ein Elektrohäuschen daher kommt, ist eine Kohlensäure-Scheideanlage. Hier tritt der Friedrich-Karl-Sprudel ans Tageslicht und hinterläßt rote Spuren aus Eisen auf der Uferböschung der Nidda. Was bisher nur aufmerksame Spaziergänger sahen, soll jetzt auffällig ins Stadtbild gerückt werden. Das kleine Industriedenkmal ist das erste Projekt für einen Mineralwasserlehrpfad im Rahmen des Regionalparkwegs.

Die „Stadt der Quellen“ wolle den Weg des Mineralwassers nachvollziehbar machen. Ziel des Regionalparkwegs ist es, für neu Zugezogenen etwas von ihrer Heimat erlebbar zu machen.

Eine doppelte Panzerglasscheibe zum Nidda-Uferweg hin läßt Vorübergehende dann Einblick in die Technik nehmen. Durch die Scheibe sollen Erläuterungen und die Originalpläne von 1936 leuchten, die auf einer Folie zwischen den Scheiben aufgedruckt werden. Politik hat es hier zu einem Kuriosum gebracht: Die eigentliche Quelle wurde auf dem gegenüberliegenden Ufer gebohrt, denn da war damals noch Preußen und das Bohren erlaubt. In Hessen war es dagegen verboten. Über eine kleine Brücke führen die Rohre in den gelben Kessel. Die artesische Quelle stößt in regelmäßigen Abständen Wasser nach oben und läßt den Kessel auf einem Holzgerüst herzhaft wanken. Die Kohlensäure wird oben im Kessel abgeleitet. Das Wasser fällt durch Rohre nach unten und läuft in die Nidda ab - nicht ohne das Ufer in helles rostrot zu tauchen.

Diesen Kreislauf soll in Zukunft verdeutlicht werden. Neben der Anlage wird ein Platz mit Bänken errichtet. Darüber wird sichtbar das Sprudelrohr verlaufen und über eine Stahlplatte und anfänglich gelbe Sandsteine in die Nidda rinnen. Stahl und Stein wird das eisenhaltige Wasser dann rosten lassen und rostrot einfärben. Wer diesem Schauspiel länger zusehen will, findet dazu Sitzstufen in der Uferböschung. Genutzt werden Wasser und Säure nicht mehr. Dieser Sprudel hat den zwei- bis vierfachen Gehalt an Mineralien. Für die Vermarktung als Wasser ist das zu viel. Über eine Abfüllung als Heilwasser wird noch nachgedacht. Dann dürften die derzeitigen Arbeitsschutzmaßnahmen in Form eines Kerzenstummels in den rostigen Resten einer vorsintflutlichen Lampe auch nicht mehr ausreichen. Damit hat man auf Gase getestet, Kohlensäure kann tödlich sein.

Ein Regionalparkweg soll von Frankfurt durch Bad Vilbel bis in den Taunus hinauf reichen, aber auch kleine Rundwege anbieten. Thema des Weges sind Geologie und Mineralwasser. Damit werde die Regionalparkroute zwischen der Hohen Straße, historische Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig, und dem Taunushang geschlossen.

 

Alte Mühle:

Durch den Kurpark kommt man zum Restaurant  „Alte Mühle“. Es ist heute Kulturzentrum, in dem sich alles um Musik, Kleinkunst und Kino dreht.

 

Gefängnis:

Das Haus an der Bergstraße 35 / Ecke Am Felsenkeller zieht Blicke an: Torbogen mit Rosen, Partyzelt im Hof und ein schöner Altbau mit antiker Holztür lassen nicht ahnen, welche Tränen, welches Leid das Sandsteingemäuer einst beherbergte - als Vilbeler Ortsgefängnis, erbaut 1853.  Eingekerkert waren dort „W. Meuchner  aus  Rödelheim“ und „Adam Seip aus Rüdesheim“; beide ritzten ihre Namen samt der Jahreszahl 1857 ins Holz. Drei Zellengenossen beschrieben ihr Leid: „Der erste fangt die Leis (Läuse), der zweite fangt die Flö, dem Dritten wird es weh.“ Einige beschriftete Gefängnis-Bretter hat Matthias Weck für den Gewölbekeller restaurieren lassen.

Ohne Zierrat, den Zweck fest im Blick, war das Vilbeler Ortsgefängnis im Jahre 1853 erbaut worden. Eine gewisse Nachlässigkeit ist sogar abzuleiten aus dem fehlenden Fenster im ersten Stock. Diese unschöne Asymmetrie - als hätten die Maurer beim Hausbau schlicht einen Durchbruch vergessen - ist beseitigt. Das neue Fenster in der Südfassade wurde ebenfalls in alten Sandstein gefaßt.

Als Heim für Obdachlose diente es bis zum Eigentümerwechsel. Im 19. Jahrhundert war es das „Armenhaus“, nachdem bereits 1858 ein neues Gefängnis in der Landgrabenstraße das alte in der Bergstraße überflüssig machte. Das Haus hat eine wuchtige, historisch genarbte Haustür, darin Spuren einer abgefeuerten Schrotflinte. Und mit Eisen, die nicht mehr Menschen Ketten, sondern Steine, als originelles Schachspiel, als Tischplatte, als Skulptur vor dem Konferenzraum.

Von der bedrückenden Gefängnis-, später Armenhaus-Geschichte des alten Gebäudes ist oberirdisch erst recht keine Spur mehr übrig. Im August 2001 eröffnete Weck dort sein „Haus der Beratung“, konkret als Regional-Direktion der „Deutschen Vermögensberatung“. Deren Verwaltungsapparat kann Weck nutzen, und er brauchte kein Grundkapital, um als ansonsten freier Geschäftsmann die eigene Firma aufzubauen. Begonnen hat er damit 1990: Als der 24 Jahre alte Bankkaufmann damals den sicheren Banker-Job aufgab, sahen manche Freunde und Verwandte schwarz. Die Skeptiker sind längst verstummt. Und von mieser Konjunktur spürt Weck auch nichts.

Neu seit einem Jahr ist der Veranstaltungsservice, den seine Frau Nina anbietet. Für Seminare, Betriebsfeste, Geburtstage wird der Gewölbekeller vermietet, 40 Leute haben Platz. Der Keller war über Jahrhunderte ein dunkles, rauhes Loch für Kohlen und Kartoffeln. Nun ist er ein feines Gewölbe namens „Da Luca“, gastlich möbliert einschließlich Bar.

Mit Kindern hat eine andere Weck- Idee zu tun, die bereits in den Sommerferien real wird: „Eine Fußball-Schule in Bad Vilbel“, sagt der zweifache Vater. Luca (4) bolzt noch im Kindergarten. Niklas (7) besuchte bereits die Ferien-Schule der Eintracht Frankfurt. Die weite Fahrerei hin und her mißfiel Weck. Außerdem hat Bad Vilbel fünf Fußballvereine  warum also nicht den Fußball-Lehrer her holen? Gesagt, getan: Weck hat die Fußball-Schule, finanziert als „vereinsübergreifendes Projekt“, für zwei Ferienwochen organisiert: Vom 8. bis 12. sowie 5. bis 19. August, steigt die erste Vilbeler Fußball-Schule.

Wo Wände durchbrochen wurden, hob Eigentümer Weck jeden Sandstein für Tor und Mauer auf. Auch alte Türzargen fanden außen Verwendung, als Sockelleiste rundum. So fein hat das Haus wohl vorher nie ausgesehen.

 

Auferstehungskirche:

Von der Mühle kommt man zum Jüdischen Friedhof  im Gronauer Weg. Wenn man wieder etwas zurückgeht und zum Lohweg hinauf kommt man zur Kirche. Die ältesten Bauelemente der Auferstehungs-Kirche sind aus dem 13. Jahrhundert (andere Angabe: im 11. oder 12. Jahrhundert). Ursprünglich war sie St. Alban geweiht und ging wohl auf eine Eigenkirche der Münzenberger Patronatsherren zurück. Urkundlich erwähnt wird sie erstmals 1298 Wehrkirche. Seit 1548 war die Kirche evangelisch. Nach einem Brand wurde sie 1640 wieder aufgebaut.

Ende des 17. Jahrhunderts war sie so baufällig gewesen, daß sie bis auf einen Teil der Süd­mauer und den mächtigen Turm mit seinem Eingangsportal, dem spätgotischen Kreuzrippengewölbe und den bis in die frühe Romanik zurück datierenden Fenstern verschiedener Stilepochen abgebrochen wurde. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde  sie erweitert. Noch bis ins 18. Jahrhundert stand sie außerhalb des Ortes.

Jahrhunderte lang war jeweils im zeitgenössischen Stil immer wieder an dem Kirchbau gearbeitet worden. Für das 19. Jahrhundert sind diese Eingriffe detailliert belegt. So erhielt das nach seinem Abbruch um 1700 vergrößerte Langhaus mit seiner hängenden Flachdecke, den später im Norden erweiterten Emporen, der barocken Kanzel und Orgel im 19. Jahrhundert ein neues Gestühl und zusätzliche Fenster, um die düsteren Frauenstühle zu erhellen. Ein separater Fraueneingang im Norden wurde abgebrochen. Ebenfalls das Dachwerk wurde erneuert.

Zuletzt war in größerem Maße 1963 Hand an die Auferstehungskirche gelegt worden. Nun soll mit einer aufwendigen Sanierung begonnen werden. Die Fundamente sind naß und müssen freigelegt werden, um eine Drainage zu legen. Die Feuchtigkeit ist bereits die Wände hochgestiegen und ins Innere des Hauses gedrungen. Das Dach über dem Chor ist undicht und muß neu gedeckt werden. Das Dachgebälk ist noch gut erhalten. Dennoch müssen einige Balken ausgewechselt werden. Ebenfalls den Schornstein, an dem entlang immer wieder Regenwasser ins Kirchenschiff drang, gilt es auszutauschen. Die ölbetriebene Heizung entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Bei der Innensanierung wurden im ältesten Gebäude Bad Vilbels Fragmente eines Wandbildes aus dem 16. Jahrhundert entdeckt - mit ungewöhnlich weltlichen Motiven.  Beim Ablösen der alten Anstriche entdeckten die Arbeiter Seltsames: An der Nordwand tauchten in prächtig erhaltenen, leuchtenden Erdfarben springende Hunde auf, die Läufe eines Reittiers, eines Pferdes oder auch eines Kamels, kamen zum Vorschein. Dazu neben diesem früher offenbar eingefaßten Bild noch kleinere Fragmente, ein Hundekopf und ein Steigbügel, und die Jahreszahl 1561.

Ein Fresko, im ausgehenden Mittelalter in aufwendiger Technik auf den noch feuchten Kalkverputz aufgetragen und beim Trocknen mit diesem unlösbar verbunden und deshalb auch hervorragend konserviert. Wie und warum das weltliche Jagdszenenmotiv in den auf das 11. /  12. Jahrhundert zurückgehende, um 1700 barockisierten Sakralbau gelangte, gibt noch Rätsel auf Sicher ist nur: Schon fünf Jahre später im Jahre 1566 wurde es durch die im Norden erweiterten Emporen und den Einbau der sie tragenden Konsolsteine zerstört - warum auch immer.

Die Reste, auf die vor zwei Jahren schon hinter dem Emporengestühl entdeckte, kleine Gemäldeteile hinwiesen, werden jetzt restauriert. Das Wandbild, das offensichtlich nicht Bestandteil eines Freskenzyklus war, soll in der nach der Barockfassung von 1697 rekonstruierten Farbgebung des Innenraums mit weißen und lichten Grautönen als eine Art Zeitfenster erhalten bleiben und den Blick auf ein Stück Bauhistorie ermöglichen.

Die kleineren Fragmente werden dokumentiert und wieder unter eine weiße Kalkschicht gelegt, um das Gesamterscheinungsbild des Innenraums im schlichten Barockstil nicht zu sehr zu beeinträchtigen. Farblich abheben von den seinerzeit mit Hilfe von Ruß günstig herzustellenden Grautönen werden sich sonst lediglich noch die neuen rötlichen Sandsteinplatten. Sie werden den Travertinboden ersetzen und im Altarbereich der neuen Heizung einen zusätzlichen Warmluftaustritt ermöglichen.

Ein wenig stiehlt das höfische Jagd-Fresko einem weiteren Fund die Schau. Es handelt sich um ein barockes, bislang von einer Holztafel verdecktes Wandbild hinter der ebenfalls barocken Kanzel. Die Tafel war um 1900 an die Südwand gedübelt worden. Das Bild zeigt ein Rankengehänge, farblich im damals modernen schwarz-marmorierten Farbton gefaßt, mit der auch der Kanzelkorb korrespondierte. Ein Gang durch die alte Wehrkirche - einst in Nachbarschaft zu einer keltischen Kulturstätte erbaut - ist wie eine kunsthistorische Exkursion durch die Geschichte der Baustile: von der Romanik(Turmfenster) über die Spätgotik (Kreuzrippengewölbe im Turm) bis zum Barock (Schiff). Gemeinde und Bauexperten verständigten sich darauf, die für die Zeit um 1700 nachgewiesene Barockfassung zur Grundlage der Sanierung zu machen.

Generationen von Vilbelern sind hier getauft, konfirmiert oder getraut worden. Das schlichte Gotteshaus auf dem Kirchen- und Friedhofshügel über der Nidda war bis zur Einweihung der Christuskirche 1962 die Kirche schlechthin des überwiegend protestantischen Brunnenstädt­chens. Die alte Auferstehungskirche noch für Wochenschlußgottesdienste, Trauungen, Taufgottesdienste oder die Christmette nutzt.

Auch wenn inzwischen Bäume die Sicht auf das Gotteshaus verdecken: Die Kirche ist noch immer ein Wahrzeichen der Stadt. In exponierter Lage, noch bis in die achtziger Jahre weit sichtbar, thront sie im Nordwesten Bad Vilbels auf einem rund 140 Meter hohen, schon zur Jungsteinzeit besiedelten Plateau eines Höhenzuges.

Hinter der Kirche sind alte Grabsteine in Form von Särgen zu sehen. Man geht um die Kirche herum und durch den westlichen Ausgang wieder aus dem Friedhof hinaus.

 

Ehemaliger Steinbruch:

Vom Rathaus geht nach Südosten die Hanauer Straße ab. Oberhalb dieser Straße liegt der ehemalige Dickhardtsche Steinbruch. Aus einem verwilderten Niederwald soll bald ein lichtdurchflutetes Biotop werden. Auf Anregung der Bad Vilbeler Agenda-Gruppe Ökologie wird die Stadt deshalb im Jahr 2008 damit beginnen, Bäume und Sträucher zu entfernen. Seit 30 bis 40 Jahren sei dort ein Niederwald entstanden. Das fördert Allerweltsarten. Dabei ist der Steinbruch mit seinen Steilwänden ein „Sonderstandort“, der gerade immer seltener werde.

Es sei nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, sprächen sich Naturschützer für das Fällen von Bäumen aus. An der Nidda etwa hätten nicht standortgerechte Pappeln gestanden. Im Steinbruch beeinträchtigten die Bäume die Biotopstruktur-.  Ein altes Foto aus dem Jahr 1930 zeigt, daß der Steinbruch lichtdurchflutet war. Dennoch sollen nicht alle Bäume verschwinden, sondern zunächst erst einmal zehn. Außerdem sollen die wertvolleren Bäume, wie Eichen oder Buchen, erhalten bleiben. Weniger wertvolle Gehölze, Ahorn, Weiden und Eschen, sollen weichen. Gewächse wie die Waldhasel sollen zurückgeschnitten, „auf den Stock gesetzt“ werden und maximal zwei Meter hoch wachsen.

 

Der gesamte Steinbruch ist 4000 Quadratmeter groß, renaturiert werden soll eine Fläche von knapp 1000 Quadratmetern. Zunächst sollten in den nächsten zwei Jahren Bäume entfernt werden, damit die Nord‑ und Südostwand des Steinbruchs wieder besonnt werde. In fünf Jahren könne man das Biotop deutlich erkennen. Bis dahin soll der Steinbruch neuen Lebensraum für den Ziegenmelker, eine Nachtschwalbenart, den Hausrotschwanz, eine Dohle, sowie Turmwandfalken, Mauersegler oder Hohltauben bieten.

In der Abrißkante des Steinbruchs können Insekten wie die Wildbiene, die Grabwespe oder die Ameisenmöve ihr Refugium finden.  Auf dem dann erwärmten Boden könnten sich auch Reptilien wie Eidechsen und Blindschleichentummeln. So kann der Steinbruch auch wieder zu einem wohnortnahen Erholungsraum werden, kaum 250 Meter vom Alten Rathaus entfernt.

Der Dickhardsche Steinbruch verweist auf eine alte Vilbeler Tradition. Seit Jahrhunderten wurde dort das Rotliegende aus den Steinbrüchen des Berger Rückens gebrochen. Noch heute sieht man das Baumaterial, etwa an der Wasserburg, der Stadtschule oder zahlreichen Hauskellern. Erst durch das Aufkommen von Beton und Hohllblocksteinen wurde das Material abgelöst. Die früher in Bad Vilbel zahlreich vorhandenen Steinbrüche, Sand- und Lehmgruben wurden mit Bauschutt und Müll verfüllt, zum Teil überbaut. Übrig blieben nur der Dickhardt’sche Steinbrauch und ein weiter südlich gelegener, wo sich heute das Pfadfinderheim befindet. Vor allem unterhalb der Rudi-Velten-Hütte befinden sich aber auch am Dickhardt’schen Steinbruch Glasscherben und Müll.

 

 

 

 

Heilsberg

Läusbaum:

Auf dem aktuellen Stadtplan von Bad Vilbel ist er noch ein­getragen, der Flurname „Unterm Läus­baum“, der den Bereich unweit der katho­lischen Kirche „Verklärung Christi“ be­schreibt. Der Platz bei den „Läusbäumen“ verdankt seinen Na­men einer verkehrsstrategisch günstigen Lage.

Einem im Stadtarchiv aufbewahrten Zeitungsausschnitt zufolge hätten an der Stelle vor den Toren Frank­furts in der Nähe der Grenzen der Herr­schaftsgebiete Hessen-Darmstadt und Hessen‑Homburg sowie der Grafschaft Hanau gerne durchziehende Zigeuner unter einer mächtigen Linde gelagert, die einst Wahrzeichen auf der Anhöhe gewesen sei. Sie wurde später durch einige Neu-­Pflanzungen ersetzt, nachdem sie einem Blitzschlag zum Opfer gefallen war. Die Zigeuner hätten sich dort auch „gelaust“. So sei der Name „Läusbäumchen“ aus dem Volksmund schließlich sogar in Karten übernommen worden, wo die Stelle neben der früheren Frankfurter Straße „Am Läusbäumchen“ bezeichnet sei.

Willi Giegerich zieht die Verbindung von „Läus“ zum mittelhochdeutschen „Läs“, was soviel wie Versteck, Hinterhalt oder auch Raststelle meint. Stadtarchivar Peter Fleck  weist auf eine weitere Möglichkeit hin: Kaufleute, die aus Richtung Friedberg zur Frankfurter Messe unterwegs waren, be­kamen bei den „Läusbäumen“ neues Ge­leit. Der Dialekt machte aus „Leit“ dann „Läus“.

Womöglich geht der Name aber auch auf die simple Beobachtung zurück, daß die Linden im Sommer gerne von Heer­scharen von Blattläusen heimgesucht werden, deren klebrige Absonderungen den Aufenthalt verleiden können.

 

Heili­genstock:

Das Gelände nördlich des Eselswegs heißt „Heili­genstock“.

Der Name „Heiligenstock“ kommt von dem Andachtsstein, der früher neben  dem Zollhaus stand. Der Heiligenstock aus dem Spätmittelalter im Hof des Anwesens wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Er entstand aber wieder neu und steht wieder rechts neben der Gaststätte, die Kopie ist allerdings nur schlecht. Hier  verläuft der Eselsweg, eine Verbindung zwischen Heddernheim und Bergen, die von den Salzhändlern im Mittelalter genutzt wurde.

 

Zollhaus:

Das Zollhaus steht an der Straße von Bad Vilbel nach Frankfurt auf der rechten Seite noch vor der Friedberger Warte. An dem stattlichen Fachwerkhaus steht „Altes Zollhaus“, der offizielle Name aber ist „Heiligen­stock“. Die Inschrift in dem umlaufenden Balken erzählt von der Erbauung des Hauses im Jahre 1775. Das Gebäude steht auf historischem Boden. Drei Landesgrenzen verliefen einst in seiner Nähe. Im Jahre 1790 empfing Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel im Zollhaus den Kaiser Leopold II. zum Manöver und Festmahl nach dessen Wahl und Krönung zum Kaiser in Frankfurt.

Das Haus heißt auch „Kanonen­häuschen“. In der Hauswand steckte früher eine Kanonenkugel, die am 13. April 1759 bei der Schlacht von Bergen von der Berger Warte abgefeuert worden sein soll, denn die Warte ist genau in der Reichweite einer damals abge­feuerten Kanonenkugel. Die Kugel ist aber heute entfernt, weil das Haus erst 1775 erbaut wurde.

Das Restaurant „Altes Zollhaus“ wird seit dem 1. Juli 1981 geführt von Jasmin und Hugo Hell (Friedberger Landstraße 531 in Frankfurt-Seckbach). In den 30 Jahren ihres Schaffens konnte das sympathische Ehepaar viele Stammgäste gewinnen. Unter den zahlreichen Besuchern waren auch viele prominente Persönlichkeiten aus Sport, Wirtschaft, Funk und Fernsehen. So finden sich im Gästebuch beispielsweise Namen wie Franz Grothe, Helmut Zacharias, Ilse Werner, Franz Klammer, Lia Wöhr, Heinz Schenk, Franz Beckenbauer, Armin Clauss und Klaus Havenstein. Thomas Gottschalk schrieb lobend in das Buch hinein: „Der Spargel sah toll aus, bravo, altes Zollhaus“. Ferry Ahrlé, der bekannte Maler, Autor und Entertainer, zeichnete der Familie Hell sogar das Logo für ihr schmuckes Restaurant.

Die Beliebtheit von Jasmin und Hugo Hell kommt nicht von ungefähr. Beide sind Meister ihres Fachs und haben ihr Metier von der Pike auf gelernt. Der aus Tirol stammende Hugo Hell absolvierte seine Lehrjahre als Koch und Kellner im Hotel Europa Tirol in Innsbruck. Weitere Stationen seines 54-jährigen Berufslebens waren das „Baur au Lac“ in Zürich, der „Frankfurter Hof“ und das Parkhotel Frankfurt. Dort arbeitete er bereits gemeinsam mit seiner Frau Jasmin, die als Hotelfachfrau, Bankettsekretärin und Demichef tätig war.

Im „Alten Zollhaus“ ist seit 20 Jahren hauptsächlich die Küche das Reich von Jasmin Hell, nachdem sich Küchenchef und einstiger Mitinhaber Manfred Knödler selbständig machte. Vier Kinder haben Jasmin und Hugo Hell bekommen - zwei Mädchen und zwei Jungen. Tochter Sybille Weinmann arbeitet als Restaurantfachfrau an der Seite ihrer Eltern im Service mit. Trotz der „Großfamilie“ waren die beiden stets für jeden Gast immer greifbar, hatten alles - von Anfang bis Ende - in ihren Händen. Dies trug maßgeblich zum guten Gelingen beispielsweise von Feierlichkeiten bei.

Geöffnet ist das Restaurant „Altes Zollhaus“ dienstags bis samstags von 18 bis 24 Uhr, sonn- und feiertags von 12 bis 15 Uhr sowie von 18 bis 24 Uhr. Montag ist Ruhetag. Ab 20 Personen ist es auf Anfrage möglich, auch mittags dort zu essen. Reservierungen und Informationen gibt es unter der Rufnummer (0 69) 47 27 07.

 

Ruhebank:

Die Grüngürtel-Projektgruppe hat gleich neben dem Zollhaus eine Kopie der alten Kiepensteine aufstellen lassen, auf denen die Bäuerinnen ihre schwer belade­nen Körbe zur Rast abstellten. Im Frankfurter Raum begegnen uns noch heute mehrere solcher uralten „Ruhebänke“, also historische Rast­plätze für alle die, die einst schwere Lasten zu tragen hatten: Markt­frauen, Wäscheträgerinnen, Wein­bergsarbeiter.

 

Streuobstwiese:

Zwischen Lohrberg und Preungesheimer Beuge gibt es auf dem Heiligenstock eine Streuobstwiese mit mindestens 80 Jahre alten Kirschbäumen. Der Münchner Parkplaner Professor Peter Latz wollte  mit sanften Eingriffen einen Park für die Frankfurter daraus machen. Sein Motto: Verwandlung ohne Zerstö­rung. Damals hatte sich schließlich Um­weltdezernent Tom Koenigs (Grüne) ge­gen die Bedenkenträger in den Ämtern durchgesetzt. Koenigs hatte beschlossen: Auch Frank­furter Kinder müssen das Recht haben, von einem Kirschbaum fallen zu dürfen. Und die Bäume blieben, wie sie waren. Mächtig, schrundig, mit ihrem eigenarti­gen Beschnitt, der geradezu zum Klettern einlädt. Wer runterfällt, landet vermutlich relativ weich im hohen Gras, das Fachleu­te Glatthaferrasen nennen.

Es wurden 120.000 Mark in die Sanierung der Streuobstwiese investiert und 250 Bäume gepflanzt. Dabei achteten die Land­schaftsgärtner darauf, die Struktur der Baumreihen zu erhalten. Weil niemand die leckeren Kirschen erntet, die schwarz und prall förmlich zum Reinbeißen einla­den, wurden wenig pflegeintensive Wild­obstarten und Walnußbäume nachge­pflanzt und die Apfelbäume verpachtet. Es sollte kei­nen Rundweg geben, wie in einem inner­städtischen Park, sondern die Besucher sollten sternförmig zu verschiedenen Aus­sichten in die Landschaft gelockt werden.

 

Rundfunk:

Es gibt immer noch Überreste der jahrzehntelangen Nutzung des Hügels am Heiligenstock durch den Hessischen Rundfunk: Trümmer des 1926 hier gebauten Radiosenders, rie­sige Steinbrocken mit Eisenankern, die den metallenen Sendeturm aufrecht gehal­ten haben. Ein verfallenes, von Brombeer­ranken überwuchertes Gebäude, das der Hessische Rundfunkhinterlassen hat, fand Planer Latz so romantisch, daß er es „Dornröschenhof“ taufte.

Seit der Rundfunk 1965 den Heiligenstock ver­ließ, liegen in den Schubladen der städtischen Ämter Pläne für einen neuen Stadtteil nach dem Vorbild der Nordweststadt. Übrig geblieben ist davon nur noch das Bauge­biet in der Preungesheimer Beuge, wo die ersten Bewohner schon eingezogen sind und künftig 6.500 Menschen ein Zuhause finden sollen.

Profitiert hat davon das ganze Biotop. Da gibt es die in ihrem Bestand gefährdete Gras‑ Platterbse, die auf dem Magerrasen einen der wenig­en verbliebenen Standorte in Hessen fand. Die Gras‑Platt­‑Erbse kann man allerdings kaum finden, denn jenseits er Blütezeit sieht sie aus wie gew­öhnliches Gras. Doch eine Reihe anderer Arten finden auf der Fläche, die kein richti­ger Magerrasen mehr ist, einen Lebens­raum. Wo die Brombeeren sich nicht zu breit machen, kommen Heckenrosen hoch, nach Äpfeln duftende Weinrosen, Hundsrosen ­und die selten gewordene Kleinblütige Rose.

 

Dortelweil

Der Dortelweiler Walt­her‑Greiff‑Platz liegt in der alten Ortsmitte, vom Haus Obergasse 18 bis zum Haus Berggasse 1a. Es wurden 1.500 Quadratmeter Pflaster verlegt. Es entstand ein einfacher Sandsteinbrunnen und Platz für eine Lin­de. Sandsteinmauern trennen den Dortel­weiler Ruheplatz von parkenden Autos.

Die Firma Dillmann aus Nidderau hat das vom Büro Kirschenlohr geplante Werk für eine halbe Million Mark vollendet. Der Platz wurde nach Dekan Walther Greiff benannt, der 39 Jahre lang, vom 1. April 1935 bis 30. April 1974, in Dortelweil wirkte. Die Namensgebung geht auf eine Idee des FDP‑Landespoliti­kers Jörg‑Uwe Hahn zurück. Hahn war Anfang der siebziger Jahre mit sei­nen Eltern in die Dortelweiler Kornsiedlung eingezogen und kurz darauf von Greiff konfirmiert worden. Er ergriff die Initiative, einen Platz nach dem Pfarrer zu benennen, als der pensionierte Dekan am 16. Februar 1997 im Alter von 87 Jahren starb. Hahn meinte, wenn in Dortelweil voll­kommen zu Recht das Wirken des katholi­schen Pfarrers Walter Ender mit einer Platzbenennung gewürdigt wurde, dann sei es auch ein Akt der Gleichbehandlung, den evangelischen Dekan als Namenspatron zu ehren.          

 

 

Massenheim

Massenheim kommt 792 erstmals vor, weil Egina ihre Güter am Kloster Lorsch schenkt.

Am Ende der Straße „Mühlengrund“ fährt man nach rechts auf die Kirche zu. Doch es geht erst einmal wieder nach links in die Breite Straße zu einem kleinen Platz mit Brunnen und Ruhebänken. Hinauf geht es in die Straße „An der Kirche“. Rechts steht in der Ortsmitte die evangelische Kirche.

Das Rat­haus ist ein Fachwerkbau vom Beginn des 18. Jahrhunderts (Inschrift 1731). Es ist eines der schönsten Fachwerkhäuser in Massenheim und beherbergt heute das Heimatmuseum. Zu diesem gehören noch die ausgebaute Scheune und das Hirtenhaus, der Museumsgarten sowie der Platz, der im Sommer als Museumscafé genutzt wird. Das Museum informiert über die Handwerksberufe Schmied, Schuster und Metzger sowie über die Flachsbearbeitung, es dokumentiert das dörfliche Leben (Kirche, Schule, Gesundheit. Feuerwehr, Vereine, Auswanderungen). Es berichtet über die Geschichte der Ziegelherstellung und über die örtliche Ziegelei.

Es gibt auch Kunst im Dorf (Apfel-Kreisel, Gänse am Dorfplatz, Weggesteine) und am Bach („Massenheimer Auen-Kunst“).

Man fährt dann die Hainstraße weiter, rechts in die Breite Straße und nach links in die Mühlenstraße. Man kommt wieder über den Erlenbach und fährt nach rechts den Bach entlang. Man kommt zum Römerbrunnen, der seit dem 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Die Bewohner von Massenheim und Nieder-Erlenbach besaßen hier Schöpfrechte. Am Brunnenrand sind noch alte Inschriften zu erkennen. Die Neugestaltung des Brunnens erfolgte 1973. Links geht es weiter zunächst am Erlenbach entlang. Der Weg knickt aber dann links ab und führt dann rechts durch die Felder (am Luisenbrunnen kommt man also auf diesem Weg nicht vorbei).

Am Damm der Homberger Landstraße fährt man nach rechts und dann nach links unter der Straße hindurch.

 

Dottenfelderhof

 

Geschichte des Hofs:

 

976

Erste urkundliche Erwähnung des Hofes Dudtunfeld durch Kaiser Otto II

ab 1122

Im Besitz des Klosters Ilbenstadt

1618- 1648

Im dreißigjährigen Krieg brennt der Hof bis auf den alten Saal ab

1803

Säkularisation des Hofes, Besitz der Landgrafen von Hessen

1968

Familien bewirtschaften den Hof erstmalig biologisch-dynamisch

1975

Gründung der Landbauschule e. V. Dottenfelderhof,

Ausbildungs- und Forschungsstätte für biologisch-dynamischen Landbau

1977   

Gründung der Dottenfelderhof-Zweigstelle des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung, Darmstadt

1981

Die Landbauschule e. V. erwirbt die Gebäude und 20 Hektar Land.

1982

Städter beteiligen sich an der Bewirtschaftung Gründung der Landwirtschaftsgemeinschaft Dottenfelderhof

2005

Die Landbauschule e.V. ist mit Ausbildung. Forschung und Züchtung in einen umfangreichen biologisch-dynamischen Betrieb von 150 Hektar eingebettet. Eine große Hofgemeinschaft trägt Landwirtschaft, Hofkäserei, Bäckerei, Ab-Hof-Vermarktung und Marktbeschickung

 

 

Im Jahre 1980 wurde die Landwirtschaftsgemeinschaft (LWG) gegründet, um den Dotten­felderhof mit seiner Betriebsgemeinschaft auf eine neue gesellschaftliche und ökonomische Basis zu stellen. Sie ist der Zusammenschluß von Vollerwerbslandwirten und Menschen anderer Berufe, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Erde bewußt sind. Durch regelmäßige Treffen, gemeinschaftliche Beratungen über Strukturen und Investitionen sowie die tatkräftige Mithilfe im Betrieb entsteht eine fruchtbare Zusammenarbeit. Aus dem ökologischen Bewußtsein unserer Zeit heraus und der Sorge um die globale Gesunderhaltung der Erde ist lokales Handeln wichtig.

Menschen und Tiere leben von dem, was ihnen die Pflanzen mit Hilfe kosmischer Kräfte und irdischer Stoffe als Nahrung zur Verfügung stellen. Ureigenste Aufgabe des Landwirtes ist es, Pflanzen zu kultivieren, den Boden zu pflegen und Haustiere zu halten. Der landwirtschaftliche Betrieb wird als Organismus betrachtet, welcher nach Gesichtspunkten der Fruchtbarkeit, Gesundheit und Nachhaltigkeit gestaltet wird.

Die Mitarbeiter des Dottenfelderhofs fühlen sich ganz dem anthroposophischen Leitbild Rudolf Steiners verpflichtet. Angeregt von Steiners Ideen und an Goethes Methode der Naturerkenntnis anknüpfend bedeutet dies, daß sie neben der Tierhaltung - die dank der guten Böden nicht notwendig wäre - auch das Saatgut selbst produzieren, wie der Leiter der Landbauschule, Martin von Mackensen, erläuterte.

 

Eigentümerin des Hofes ist die Landbauschule Dottenfelder Hof e..V. ist. Ihre Aufgabe ist die Sicherung der biologisch-dynamischen Bewirtschaftung des Hofes, die Züchtungs- und Forschungsarbeit und die Ausbildung im biologisch-dynamischen Landbau. Neben der beruflichen Ausbildung in den verschiedenen Arbeitsbereichen des Hofes bietet die Landbauschule seit 1975 Weiterbildungskurse, Fachtagungen und Seminare für Landwirte, Gärtner und interessierte Laien an. Seither haben nahezu 2.000 Schüler aus aller Welt hier ihre Ausbildung absolviert und sich die Grundlagen für einen anschließenden Einstieg in die biologisch-dynamische Praxis im eigenen Betrieb geschaffen.

 

Im neuen Käsereigebäude kann nach modernsten Hygienestandards produziert werden. Alle Käse werden schonend auf handwerkliche Weise hergestellt und reifen in unseren mehrere hundert Jahre alten Gewölbekellern. Im Käseladen und den Marktfahrzeugen findet man neben unseren eigenen Produkten Käse von biologisch wirtschaftenden Höfen oder kleinen handwerklichen Käsereien aus der Region und Deutschland, aber auch Spezialitäten aus anderen Ländern. Für die Vermarktung auf lokalen Erzeuger- und Wochenmärkten hat man sich  mit vier hessischen Hofkäsereien unter der Bezeichnung „Fuchshöfe” zusammengeschlossen. Unsere weit über die Region hinaus bekannten Käsespezialitäten, zum Beispiel das Möhrenlaibchen - alle in Demeter-Qualität - erhielten zahlreiche Preise und Prämierungen.

Auf dem Hof erfunden wurde das „Hühnermobil“. Weil der Stall für 700 Hennen ohne großen Aufwand mit einem Traktor umgesetzt werden kann, ist es möglich, Hühner im Freiland zu halten, ohne das Gras im Auslauf dauerhaft zu schädigen.

Der Dottenfelderhof genießt mittlerweile bei der Bevölkerung in der Umgebung hohe Akzeptanz. Auch wenn es gelegentlich zu kleineren Reibereien kommt, wie mit jenen Neu-Dortel­weilern, die den Mitarbeitern gerne das frühmorgendliche Fahren mit dem Traktor verbieten würde. Andererseits sei der Hofladen eine Erfolgsgeschichte und auch das jährliche Hoffest mit 5.000 Besuchern demonstriert den großen Zuspruch.

Besucher bekommen einen Einblick in die Situation der biologisch-dynamischen Höfe, die ohne die Einnahmen aus den Hofläden nicht mehr existieren könnten. Sie können sich selbst überzeugen, daß die biologisch-dynamische Produktionsweise und die so erzeugten Nahrungsmittel die Bezeichnung „Bio“ zu Recht tragen.

Die Schwerpunkte der Biologisch-dynamischen Landwirtschaft, wie sie auf diesem Hof seit über 35 Jahren praktiziert wird, werden auf Tafeln dargestellt. Während der Ladenöffnungszeiten sind Besucher herzlich eingeladen, den Hof und seine Stallungen zu besichtigen und die Atmosphäre bei einer Tasse Kaffee zu genießen.

 

Gronau                 

 

Gronauer Hof:

Der Gronauer Hof ist eine ge­schichtsträchtige Hofreite mit rund 110 Hektar Ackern, Wiesen und Wald, eine von 13 hessischen Staatsdomänen (insgesamt nennt das Land Hessen 54 Domänen sein eigen). Er liegt nur einen Stein­wurf entfernt von Bad Vilbels zweitem gro­ßen historischen Landwirtschaftsbetrieb, dem biologisch‑dynamisch bewirtschafte­ten Dottenfelder Hof.

Der Gronauer Hof ist eines der ältesten Landguter der Wetterau. Wie der Dotten­felder Hof war er bis 1803 Klosterbesitz der Ilbenstädter Prämonstratenser. Dann wurde es Feudaleigentum. Seit 1928 ist der Hof Staatsdomäne und seit 1952 be­wirtschaftet ihn die Familie Schwarz - mittlerwei­le in der zweiten Generation. Die im Krieg durch eine Luftmine verur­sachten Schäden hatte sie beseitigt und den heruntergekommene Landwirtschaftsbetrieb unter großen Mühen und Investi­tionen zu einem ertragreichen Unterneh­men mit flächenintensiver Saatgutvermeh­rung, Viehzucht und Pferdepension ausge­baut. Die beiden Söhne von Pächter Ferdi­nand Schwarz möchten den Hof gerne wei­terführen.

Der Dortelweiler Golfclub‑Präsident Hansgeorg Jehner möchte den Hof gern haben.  Er ist zu­gleich Vorsitzender einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Frankfurt, die für eine großzügige Renaturierung der Nidda zwi­schen Karben und Bad Vilbel bereits eine fertige Vorplanung in der Schublade lie­gen hat. Für das Projekt müßte das Land und damit der Gronauer Hof Land abtreten. Nur so könnten weitere Landwirte dazu gewon­nen werden, ihrerseits Flächen abzuge­ben. Beim Gronauer Hof würde es sich al­lerdings um eine zweistellige Hektargröße handeln, die für den Betrieb in seiner jetzi­gen Form das Aus bedeuten wurde.

Das Land ist nicht abgeneigt, seine Im­mobilie der Kommune zu überlassen, und hat ihr ein Vorkaufsrecht eingeräumt, heißt es seitens des zuständigen Landwirt­schaftsministeriums. Die Hessische Land­gesellschaft (HLG) hat dazu ein Verkehrswertgutachten beauftragt. Auch die die Dottenfelder Landbauge­meingesellschaft hat  schon mal Bedarf angemeldet. Sie nennt ihre Hofreite sowie 20 Hektar Land ihr eigen und hat weitere 130 Hektar Domänenstreubesitz bis 2018 gepach­tet. Für die extensiv wirtschaftenden An­throposophen reicht diese Fläche auf Dau­er nicht aus. Um nach den gestrengen De­meter‑Grundsätzen künftig alle Futtermit­tel für die Viehzucht selbst produzieren zu können, hat der Dottenfelder Hof zur Si­cherung seiner Zukunft weiteren Flächen­bedarf.

 

Störche:

Noch schnäbeln die Jungstörche auf den Gronauer Wiesen - doch schon bald kehren sie dem Elternhaus auf dem Horst in den Feuchtwiesen zwi­schen Rendel und Karben den Rücken. Drei Junge hat das Gronauer Storchenpaar Frie­da und Fritz in diesem Jahr erfolgreich großgezogen und seit drei Wochen sind sie flüg­ge. „Sie fliegen wunderbar und sind gut ge­nährt”, erzählt der Gronauer Storchenpate Klaus Hermann von seinen Schützlingen. Daß sich Störche nur von Fröschen ernähr­ten, sei falsch. Die Gronauer Familie jedenfalls nimmt gerne auch Mäuse, Würmer, Kä­fer und sonstiges Kleingetier.

Jetzt warten die von einer Schulklasse Ru­di, Willi und Max getauften jungen Adebare auf Sonnenschein und die richtige Ther­mik. Wenn diese aufsteigende Luftströme dann Wind unter die jungen Fittiche brin­gen, werden die drei gen Süden aufbrechen. Hermann rechnet in den nächsten acht bis vierzehn Tagen damit.

Geruhsamere Tage brechen dann für Ma­dame Frieda und Fritz an. Seit 2002 brüten die Pariserin und der Hesse aus Wiesba­den-Schierstein gemeinsam im Natur­schutzgebiet „Altensee”. Inzwischen haben sie 14 Jungtiere erfolgreich aufgezogen, vier erlitten den frühen Tod. In den Süden werden sie später fliegen als die Jungtiere   - und bisher verbringen sie den Winterurlaub auch getrennt. Frieda hat sogar schon einmal hier überwintert.

Seit die Jungtiere, die nicht an den Ort der Geburt zurückkehren, beringt werden, lassen sich einige Spuren zurückverfolgen. Der 2003 geborene Christoph hat sich mit eigener Familie in Leimbach im Wartburgkreis niedergelassen. Andere hat man auf Müllkippen im spanischen Cadiz gesichtet.

Rudi, Willi und Max haben von der Helgo­länder Vogelwarte die Nummern DEW 321, 322, 323 zugeteilt bekommen. Angebracht hat die Ringe Richard Mohr aus Oberursel mit Hilfe der Vilbeler Feuerwehr. „Wenn ich anrufe, sind die sofort dabei”, freut sich Hermann über die freiwilligen Helfer mit der großen Drehleiter. Das Prozedere ken­nen Frieda und Fritz schon. Ihr Nest halten Frieda und Fritz selbst in Schuß. Leider wächst es dabei stetig, so daß Hermann in zwei Jahren im Winter ei­niges abtragen will. „Sonst wird es zu kopf­lastig und wir wollen ja nicht, daß der Mast umfällt.

 

 

 

 

 

Kleinkarben

 

Geibelhaus:

Am 7. Januar des Jahres 2002 war das fast 200 Jahre alte Geburtshaus des Klein‑Karbener Mundart‑Dichters Peter Geibel durch die Selbstentzün­dung eines mit Möbelpolitur getränkten Lappens in Brand geraten. Die vordere Giebelseite der histo­rischen Hofreite brannte völlig aus. Treppenaufgang und Dachstuhl wurden ein Raub der Flam­men, der hintere Teil des Wohnhauses wur­de stark verrußt und durch Löschwasser beeinträchtigt.

Ein schwerer Schlag für Maus und Ka­rin von Frieling mit ihren Kindern Fabian, Ahna und Nora. Das 1998 erworbene und Ende 1999 bezogene Gehöft hatten sie ge­rade erst mit viel Liebe und Engagement aufwendig saniert. Zur Freude vieler Kar­bener, die sich mit Peter Geibel und seiner alten, den Ortskern prägenden Hofreite verbunden fühlen.

Ein Teil des alten Parketts blieb ver­schont, doch viele Möbel des stilvoll einge­richteten Hauses waren nicht mehr zu ge­brauchen. Betten, Sofas, alles landete im Abfallcontainer. Neue Wände und neue Balken mußten eingezogen, Gefache neu verfüllt und fast sämtliche Fenster ausge­tauscht werden. Gesamtschaden, ohne Hausrat: rund 400.000 Euro. Nachbarn und andere Bürger spendeten spontan Geld für den Wiederaufbau. Kein riesiger Betrag, aber eben doch 5.000 Euro, die der Bür­germeister der Familie übergab, kamen so zusammen ‑ 1800 Euro allein bei der Geburtstagsfeier von Rapp‑Geschäftsführer Kneip. Diese Solidarität war es denn auch, die die Ei­gentümer bestärkte, noch einmal von vor­ne anzufangen. Engel dankte ihnen für die­se Kraft und ihren Mut, doch noch ihren Traum zu verwirklichen. Ihre Verbunden­heit mit den Karbenern will die Familie be­kunden, indem sie die zum 100. Todestag Geibels im August 2001 begonnene Tradi­tion jährlicher Hoffeste mit Musik und Le­sungen fortsetzen will.

Ein kleineres Nebengebäude ist bereits weitgehend komplett eingerichtet. Hier soll eine Weinprobierstube entstehen. Die guten Tropfen wollen die von Frielings im Gewölbekeller unter ihrem Wohnhaus la­gern. Dort sollen auch Weinproben statt­finden. Klaus von Frieling, Direktor der Deutschlandvertretung der Allied Irish Bank, dem größten Kreditinstitut auf der Grünen Insel, und zugleich Vorsitzender der Deutsch‑Irischen Gesellschaft, ist frisch er­nannter Honorarkonsul.

 

Rosengarten:

Unterhalb des Friedhofs in Klein-Karben sind an einem Rosenhang über 700 Sorten von Rosen zu sehen. Der Garten ist frei zugänglich. Er wurde bekannt durch eine Fernsehsendung mit Ralf Berster. Künftig wird es Berster kaum mehr möglich sein, unerkannt in „seinem“ Ro­senhang zu arbeiten. Ein etwas mehr als fünfminütiger Beitrag, ausgestrahlt am Vorabend des dritten Rosenkäferfestes im Fernsehen, hat dem 67‑Jährigen zu einer Bekanntheit verholfen.

Auch auf das Rosenkäferfest hat die neue Bekanntheit Einfluß. Schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn um 14 Uhr sind so viele Besucher da, daß Bers­ters Lebensgefährtin Irmela Richter und ihre Freundinnen vom Stammtisch Voll­wertkost mit dem Verkauf von Speisen und Getränken beginnen. Um 14 Uhr schließlich erlebt Berster eine echte Über­raschung: Stadtrat Roland Schulz überreicht ihm den Ehrenbrief der Stadt Karben und erinnert an die Anfänge des Rosenhangs.

Schon 1990 hatte Ralf Berster der Stadt seine Idee von einem naturbelassenen Ro­sengarten vorgetragen. Seine Idee, den Garten auf eigene Kosten und in eigener Regie auf dem damals ungenutzten städti­schen Grundstück anzulegen war zu­nächst zu neuartig. „Was würden ord­nungsliebende Nachbarn und Mitmen­schen davon halten“, erinnert Schulz an anfängliche Bedenken der Stadt. Heute ist der Magistrat Berster auch dankbar, daß er nicht nur die Rosen pflegt, sondern den Rosenhang unermüdlich überregional be­kannt macht. Ganze Gruppen von Rosen­liebhabern sind schon von weither nach Karben gepilgert. Etliche Fachzeitschrif­ten haben bereits über die Sammlung al­ter Rosensorten berichtet.

 

 

Karben                                                                                             

Karben mit derzeit knapp 22.000 Einwohnern liegt direkt an der Nidda, an der der Hessische Fernradweg R 4 entlang führt. Zahlreiche Radwege verknüpfen die Ortsteile, die zahlreichen Naherholungsgebiete und Freizeiteinrichtungen miteinander. Das Gebiet von Karben enthält eine Fülle von Zeugnissen der Geschichte. Im gesamten Stadtgebiet wurden Spuren aus der Frühgeschichte gefunden. Zeugnisse dieser Vergangenheit sind im Landwirtschafts- und Heimatmuseum in Groß-Karben ausgestellt. Es ist an jedem ersten Sonntag im Monat von 14.00 - 17.00 Uhr geöffnet.

 

Geschichte:

Am Schloß betritt man historischen Boden, gewissermaßen die Ausgangszelle von Carben, wo schon Merowinger unter diesem Namen siedelten. Hier erbaute die ritterliche Familie von Carben um 1229 ihre Burg. „Aus dem Dunkel der Geschichte trat um 1184 eine Familie in das Licht des Geschehens, die im Laufe ihrer jahrhundertelangen Existenz viele bedeutende Söhne hervorbrachte“  ‑ so beginnt der Heimatforscher Wilfried Rausch das Kapitel über die Herren von Carben in seinem Burg‑Gräfenröder Heimatbuch. Ein Rittergeschlecht der Dugel von Carben ist von 1225 bis 1525 urkundlich erwähnt. Die Familie hat ein festes Haus in Kleinkarben - wahrscheinlich in der Rittergasse - besessen, das um 1405 von König Ruprecht zerstört wurde

In dem Buch „Karben, Geschichte und Gegenwart“ (1. Auflage 1973, Seite 251) steht geschrieben: König Ruprecht gab im Februar 1405 den vier wetterauischen Reichsstädten Friedberg, Frankfurt, Wetzlar und Gelnhaus und en Herren von Falkenstein und Haunau den Befehl, die „Schlösser“ Rückingen, Mömbris (vei Aschaffenburg), Hüttengesäß, Höchst and der Nidder, Carben und etliche andere „von Nahme und Raubes wegen“ (weil sie Raubnester waren) zu zerstören.

Daraus ergibt sich, daß Henn Dugel von Carben, teilweiser Besitzer von Höchst und Burgherr in (Klein-) Karben, Raubritter war. In den 1468 - 1470 von der Familie gestellten Entschädigungsansprüchen an dem angeblich nicht beteiligten Frankfurt ist von einem „sloss Cleinen-Carben“ die Rede. Daß die Reichsstadt Frankfurt aber nur sehr unwillig an dem Angriff auf diese Burg teilnahm, zeigt der Dialog, der bis heute überliefert ist.

Die Familie von Carben gelangte als Lehnsleute der Herren von Münzenberg im Süden der Wetterau zu beachtlichem Wohlstand. Viele männliche Mitglieder hatten Zugang zu hohen Ämtern und Positionen in der damaligen Verwaltungs- und Regierungsstruktur gehabt. Sie waren Reichsschultheißen in Frankfurt und Burggrafen in Friedberg, Vögte in Hanau und waren auch Domherren in Mainz. Die erste Nennung eines Mitgliedes derer von Carben findet sich auf einer Urkunde des Stifts Ober‑Ilbenstadt vom 25. März 1184, in der ein Ernestus de Carben als Zeuge erscheint. Der Besitz der Familie von Carben läßt sich noch in den Jahren 1505, 1587 und 1718 nachweisen.

Eine, allerdings umstrittene, Ahnentafel der Familie von Carben stammt von Humpbracht „des höchsten deutschen Adels Zier“ und eine Abhandlung über die Familie findet sich in den Friedberger Geschichtsblättern Band 25 von Friederun Hardt‑Friederichs.

 

Die Familie Carben:

Die Familie Carben ist weit verzweigt und sucht ihre Wurzeln in Karben. Ist die Ritterfamilie von Carben ausgestorben, oder gibt es Nachfahren? Ein Mann mit Namen Carben glaubt an seine Abstammung von den Kärbener Rittern. Rudolf Carben ist ein offenkundig kontaktfreudiger und humorvoller Mensch und ein Tüftler noch dazu. Der 55‑Jährige lebt in Kyllburg, einer 1200‑Einwohnergemeinde in der Eifel und ihm ist seine Herkunft nicht gleichgültig.

Als die Mütter von Rudolf Carben und seinem Vetter Ernst Rieck (60) noch lebten, da pflegten sie bei den Teegesprächen am Sonntagnachmittag zu erzählen, daß die Familie ihren Namen von der Stadt Karben in Hessen habe und einzelne direkte Vorfahren in der Reichsstadt Frankfurt am Main lebten und daß sogar eine Anna von Carben zu den Vorfahren des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe gehörte.

Tüftler Rudolf Carben als Archivführer und Vetter Ernst Rieck begannen vor ein paar Jahren die Geschichte ihrer Familie nachzuzeichnen. Immerhin gibt es im aktuellen Telefonverzeichnis der Telekom 29 Frauen oder Männer mit dem Namen „Carben“, in Frankfurt auch mit dem vorangestellten Adelsprädikat „von“ . Rudolf Carben gesteht im Telefongespräch zu, daß seine Familienforschung noch eine große Baustelle sei. Immerhin aber hat er in dem verzweigten Geschlecht bis zu einem Hans von Carben zurückgefunden, der 1543 in Frankfurt am Main geboren wurde.

Ein solches Datum ist nicht ohne Brisanz, denn in der offiziellen Karbener Geschichtsforschung gilt die ritterliche Familie von Carben mit dem Jahr 1729 im Mannesstamm als ausgestorben. Die beiden Stammhalter seien am „englischen Schweiß“ (das ist eine Grippeepidemie oder Tuberkulose) gestorben.

Die beiden Kyllburger sind zu der Erkenntnis gelangt, daß sechs Linien den Familiennamen Carben bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts tragen. Drei Linien mit dem Namen „von Carben“ lebten in Frankfurt am Main und in Süddeutschland, darunter die Freiburgerin Herta Hampel geborene Carben, die vor ein paar Jahren dem Geschichtsverein Portraitbilder, Siegelring und Stempel ihrer Vorfahren überlassen hat. Drei weitere Linien mit Rainer Carben und seiner Familie leben in Süddeutschland. Es gibt noch eine Linie in Brandenburg und schließlich die im Rheinland mit Rudolf Carben und seinem Vetter.

Bei allen bleibt die Ahnenforschung eine Baustelle. Das vertrackte „missing link“, die lückenlose Verbindung zwischen den 1729 gestorbenen Rittern von Carben und jenen Carbens, die in Gestalt des Dietrich von Carben 1695 von Frankfurt nach Stuttgart übersiedelten, ist noch nicht gefunden. Rudolf Carben findet man im Internet unter www.carben.eu.com.

 

E-Mail Peter Heckert am 15.  Janaur 2008 an Rudolf Carben:

Sehr geehrter Herr Carben: Das mit den Teegesprächen habe ich sicher aus einem Zeitungsartikel, aber ich schreibe mir da die Quelle nicht auf. Mit Herrn Heide hatte ich noch nichts zu tun. Aber ich bin  schon der Meinung, daß Ihr Familienzweig mit der adeligen Familie in Karben eine Verbindung hat. Aber wie so oft in der Geschichtsforschung wird man erkennen müssen, daß man an eine Grenze kommt, falls nicht doch noch unvermutet eine Urkunde auftaucht. Manchmal denke ich, man müßte die Leute von damals noch fragen können, dann wäre alle Forschung überflüssig. Aber man will ja auch etwas zum Forschen haben. Und wenn es dann nicht weiter geht, so darf man doch wenigstens Vermutungen aufstellen.

Die Herren von Carben haben übrigens auch mit meinem Heimatort Hochstadt zu tun. Sie waren als Lehnsträger des Mariagredenstifts die Patrone der Kirche. Als der Karbener Zweig 1729 ausstarb, hatte wieder Mainz das Patronat. Dieses bestand jedoch vor allem darin, daß das Erzbistum Mainz den Ertrag bestimmter Grundstücke einkassierte, aber für die Erhaltung der Kirche wenig tat. Bei der Säkularisierung 1803 fielen die Grundstücke dann an den Staat, der erst im vorigen Jahr durch eine Ablösungszahlung sich von seiner Verpflichtung freikaufte. Ich sende Ihnen einmal mit, was hier über die Herren von Carben bekannt ist.

 

Rundgang:

Am nördlichen Ende von Klein-Karben (links Aral-Tankstelle, rechts Gaststätte „Gehspitz“) geht es rechts nach Groß-Karben. Mit dem Fahrrad fährt man am Kreisel geradeaus in den Karbener Weg (der ausgeschilderte Radweg durch die Schulstraße bringt nichts). Von der Bahnhofstraße zweigt nach links die Straße „Am Park“ ab. Das Haus Parkstraße 8 ist die ehemalige Schule. Das Haus Nummer 10 ist das Gärtnerhaus des Schloßparks. Im Park gibt es eine Kapelle und Taufbecken. Am Ende geht es nach links zum „Degenfeld’schen Schloß“ mit dem Museum.

 

Degenfeldsches Schloß:

Beim Degenfeld'schen Schloss handelt es sich um eine aus dem 18. Jahrhundert stammende, hufeisenförmige, eingeschossige Anlage mit Mansardendach, bei der später der mittlere und nordwestliche Seitenflügel auf der Hofseite aufgestockt wurde.

Das Schloß wurde von Anna Maria von Hutten-Stolzenberg um 1730 erbaute. Um 1800 wurde es hoffähig aufgestockt und ging in den Besitz des Österreichers General Graf Friedrich von Degenfeld‑Schomburg über. Er nahm auch die Veränderungen an einigen Gebäuden im klassizistischen Stil vor. Nach ihm ist das Schloß noch heute benannt

Im Jahr 1868 wurde das Schloß für 18.000 Gulden an die Gemeinde Groß‑Karben verkauft. Seither hatte das Gebäude unterschiedliche Funktionen erfällt: Es war Bürgermeisterei, Dorfschule, Polizeistation. Bücherei und Sitzungszimmer des Magistrates. Sogar eine Apotheke befand sich zeitweise in dem teilweise vermieteten Gemäuer.

Die Stadt Karben richtete dort ein Museum ein. Aber am 2. Juni 1986 schickte der damalige Museumsbeauftragte Edmund Felber einen Brief an Detlev Engel, derseit vier Wochen Erster Stadtrat und Baudezernent war und wies auf die schweren Schäden am Holz hin. Die Nutzung als Museum und Mietshaus behinderte genauere Untersuchungen. Die Stadt entschloss sich aber, im Rahmen ihres jährlichen finanziellen Spielraums, die Sanierung in enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Denkmalpfleger Gustav Jung durchzuziehen, und wenn es Jahre dauern sollte.

Holzwurm und Hausschwamm waren aber so tief in das alte Gebälk der weitläufigen Barockanlage eingedrungen, daß eine umfassende Restaurierung notwendig war. Die Rohbau‑ Arbeiten am Degenfeldschen Schloß in Groß‑Karben haben das Gebäude auf den ersten Blick nicht verändert. Die rund vier Millionen Mark, die die Stadt hier in nicht weniger als 14 Jahren verbaut hat, sind auf den ersten Blick gar nicht zu sehen.

Die Restauratoren‑ und Zimmermannsfirma Harald Schwalm hat wohl bedacht das Ältere nicht kaputt gemache ‑ wie der Firmenehef beim Richtfest reimte und: „Die Zimmerleute schaffen hier grad wie in alten Tagen, mit Beil und Säge hart und schwer“. Der Giebel wurde komplett aus‑ und wieder eingebaut. Der Innenputz wurde in der historischen Form erneuert, die Heizung ebenfalls. Auch die Elektroinstallation wurde im Südflügel technisch auf den neuen Stand gebracht. Die Bodenbeläge wurden saniert. Im Trauzimmer, dem ehemaligen Sitzungsraum der Gemeindevertretung, wurde die Holzimitation in so genannter Bierlasur wieder hergestellt. Das Verfahren mußte die restaurierende Firma erst mal kennen und dann auch noch anwenden können. Das Nächste ist der Innenausbau einschließlich der Sanitär‑ und Elektroinstallation im gesamten Nordflügel. Schließlich ist noch die Fassade komplett zu sanieren.

Jetzt können sich Brautpaare und 25 Hochzeitsgäste dort nahezu „fürstlich“ das Ja-Wort geben. Das stilvoll eingerichtete Trauzimmer im Flügel des herrschaftlichen Schlosses aus dem 17. Jahrhundert bildet einen anspruchsvollen Rahmen für einen unvergeßlichen Tag: Edle Holztäfelung an den Wänden, antikes Mobiliar und silberne Kerzenständer, dazu glänzendes Satin und üppiger Blumenschmuck, verleihen dem Hochzeitszimmer nicht nur fürstlichen Glanz. Rund 11.000 Mark hat sich die Stadt Mobiliar und Ausstattung kosten lassen. Das gesamte Gebäude versetzt Hochzeitspaare und Gäste in eine romantische Stimmung. Als zusätzliches „Bonbon“ kann die Festgesellschaft im Anschluß an die Trauung eine Führung durch die Räume des Schlosses und des Museums buchen.

 

Landwirtschafts‑ und Heimatmuseum:

Die Idee, in dem Gebäudekomplex ein Heimat- und Landwirtschaftsmuseum einzurichten, reifte erst nach dem Zusammenschluß von sieben Gemeinden zur Stadt Karben, um späteren Generationen das frühere Brauchtum der alten Wetteraudörfer zu erhalten. Zehn Jahre mußten die Karbener warten, ehe ihr Landschafts- und Heimatmuseum im Degenfeldschen Schloss wieder eröffnet werden konnte. Ende 1970 war es soweit, dank dem unermüdlichen Einsatz des ehrenamtlichen Museumsleiters Edmund Felber, der Stück um Stück aus den letzten hundert Jahren zusammengetragen hat, insgesamt 3.500 Exponate, ohne die landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen für die verschiedenen Arbeitsgänge.

Das Museum ist zweigeteilt, in die größere landwirtschaftliche Geräte- und Maschinenschau sowie den Lebensbereich der Menschen von der Geburt und Kindheit bis zum meist mühevollen Tagesablauf des Erwachsenendaseins. Dargestellt in Räumen des Wohnbereichs und der Arbeitswelt, ergänzt durch Videos zu verschiedenen Themen wie Getreideaussaat oder Bäuerinnen beim Brotbacken.

Die Hausschlachtung war noch bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein im ländlichen Raum eine ganz alltägliche und weit verbreitete Art der Selbstversorgung insbesondere mit Schweinefleisch und ‑wurst. Ärmere Haushalte, schlachteten meist einmal im Jahr, die etwas wohlhabenderen Groß‑Kärber zweimal. Und dies überwiegend in den kälteren Monaten. Nicht nur, weil die Sau dann meist im besten Futter stand, sondern auch wegen der mangels moderner Gefriertechnik noch herrschenden Kühlproblematik.

Die Bevorratung der leicht verderblichen Lebensmittel war lange ein Problem. Fleisch und Wurst mußten schnell verarbeitet und durch Trocknen, Pökeln und Räuchern haltbar gemacht werden. Die Groß‑Kärberin Lia Fink: „Schinken und Haspel kamen ins Pökelfaß und hielten sich im Winter sechs Wochen lang. Die frische Wurst wurde getrocknet oder eingekocht.“ Im 20. Jahrhundert ließ sie sich in Einmachgläsern etwa der Firma Weck und später auch in Dosen konservieren.

Die Hausschlachtung, der im Degenfeldsehen Schloß nun wieder ein eigener Themenraum gewidmet ist, war ein gesellschaftliches Ereignis für die Familie, ihre Nachbarn und Freunde.

Die Kinder hatten an einem solchen Tag schulfrei. Und sie bekamen kleine Würstchen geschenkt.

Die teils über 150 Jahre alten Exponate reichen von der Schlachtbank bis zum Spaltwerkzeug, vom Wurstfüller bis zum Räucherschrank. Der Besucher des Ausstellungsraumes mag ein wenig schaudern vor der Ansammlung martialischer Gerätschaften, mit der die Tiere betäubt und zu Tode gebracht wurden. Das geschah seit Urzeiten mit einem Schlag auf den Schädel, sei es mit dem stumpfen Ende einer mächtigen Axt, mit einer Schlagkugel aus Holz oder Eisen oder später mit Bolzenschußgeräten. Und auch die Utensilien zum Brühen, Ausweiden und Spalten muten heute eher wie Folterinstrumente an, waren früher aber selbst den Kindern gut vertraut

Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren all diese Techniken auf Drängen von Tierschützern genau reglementiert. Und seit 1900 gibt es strenge Vorschriften für die Fleischbeschau. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die kräftezehrende Fleisch‑ und Wurstverarbeitung dank zunehmender Mechanisierung etwa in Form von Speckschneide‑ oder Dosenverschluß- Maschinen etwas leichter. Auch diese Fortentwicklung wird im Museum durch mehrere Exponate eindrucksvoll dokumentiert.

Wer sich naher mit dem Thema befassen möchte, dem sei der detailreiche Führer von Edmund Felber empfohlen. Er gibt nicht nur einen historischen Abriß der Hausschlachtung, sondern bietet auch eine kleine Kulturgeschichte des Schweines als Nutztier mit humorvollen An ekdoten.

Ein junger Mann hat sich gefunden, der der Museumsarbeit wirksame Impulse gibt. Gemeint ist der 20jährige Stefan Kunz, ein gebürtiger Bad Vilbeler, der nach einer Lehrzeit nunmehr an der Fachoberschule Friedberg das Fach Elektrotechnik belegt hat und den seit zehn Jahren alles interessiert, was mit der Mineralbrunnenwirtschaft zu tun hat. Kunz aber sammelt nicht nur in Bad Vilbel, sondern sucht seit zwei Jahren auch Reste der Mineralwasserproduktion in Karben. Kunz hat vor allem in Groß-Karben die Hausgärten „abgeklappert“ auf der Suche nach alten Mineralwasserflaschen und den zuvor verwendeten Tonkrügen. Oft wurden solche Krüge und Flaschen, obwohl sie schon vor einhundert Jahren Pfand gekostet hatten,dazu benutzt, Gartenwege von den Beeten abzugrenzen. Kunz war fündig geworden und hat seine umfangreiche Sammlung ergänzen können.

Er hat nur 130 Krüge zusammengetragen, von denen jeder eine andere Aufschrift oder ein besonderes Merkmal trägt, sondern er hat auch 600 Krüge übrig, die doppelt sind. Neun Tonkrüge und sechs Glasflaschen hat er dem Karbener Museum vermacht, um  die dortige Sammlu ng zu ergänzen. Nicht nur Krüge und Flaschen aus der früheren Mineralbrunnenwirtschaft in Karben haben sich gefunden, sondern auch noch Etiketten und Porzellanverschlüsse. Das Karbener Museum sucht weitere Zeugen dieser Vergangenheit, in der das Wasser eine wichtige Einkommensquelle vieler Karbener Bürger waren.

Vieles können solche Krüge und Flaschen erzählen. Da sind etwa Krüge des „Neuen Selserbrunnen“ aus Groß-Karben aufgetaucht, die von dem 1872 erbohrten Taunusbrunnen abgefüllt wurden und dem etablierten Selzerbrunnen Konkurrenz machten. Erst nach einem zwei Jahre andauernden Pozeß durfte der Ludwigsbrunnen sein Wasser nicht mehr als „Selserbrunnen“ anbieten. Daß er sein Produkt mit „s“ und nicht mit „z“ schrieb, vermochte nach dem Urteil der Richter Verwechslungen nicht ausschließen. Deshalb sind Krüge mit der Aufschrift „Selserbrunnen“ mit „s“ geschrieben, zu einer Sammlerrarität geworden.

Eine Rarität wären auch weitere Krüge deren Aufschrift den Groß-Karbener Selzerbrunnen als „Okarbener Sauerbrunnen“ bezeichnet, was im vorigen Jahr hundert noch bis etwa 1880 vorkam. Nur wenige Krüge gibt es auch von der „Bismarck-Quelle“, die eine relativ kurze Zeit lang existiert hat und neben den schon von den Römern geschätzten Selzerbrunnen, dem Ludwigs- und Taunusbrunnen zu den traditionellen Karbener Mineralwasservorkommen zählte.

Die Glasflaschen, die zur Jahrhundertwende die Tonkrüge abgelöst haben, gehörten bislang noch nicht zu Sammelstücken des Karbener Museums. Die sechs von Stefan Kunz gestifteten Flaschen sind ein Anfang. Auffallend bei den Sammlerstücken, die Felber und Kunz der Presse vorstellten, sind deren Kennzeichnungen. Nicht nur wurden die Krüge selbst gekennzeichnet, sondern vereinzelt fanden sich in den Krügen auch noch Korken, in die das Siegel des Abfüllbetriebs hineingebrannt war. Das hatte den Sinn, das Brunnenwasser fälschungssicher zu machen. Das begehrte und für damalige Zeit teure Mineralwasser, hatte auch Betrüger auf den Plan gerufen, die ganz normales Wasser oder minderwertiges Sauerwasser in die Pfandkrüge der Markenbrunnen gefüllt und verkauft hatten (FR).

 

Leonardischen Schloß:

Nach dem Museumsbesuch geht man nach rechts weiter, durch die westliche Ringstraße.

Das Gebäude in Westlichen Ringstraße 13 ist das ehemalige Gebäude der Familie Jeschke.

Man kommt zum rechts liegenden Leonardischen Schloß samt Wappen und allen Nebengebäuden und mit dem schönen etwa 400jährigen Ziehbrunnen im Hof. Über der Tür des Hauptbaues von 1695 steht: „modo freiherrlich von Leonhardi anno 1802“ (Andere Angabe: Das heute sichtbare Herrenhaus ist von 1775 und teilweise neugotisch verändert) .

Die flächenmäßige Abgrenzung des alten Ortskerns von Groß-Karben orientiert sich an der alten Dorfbefestigung, die sich im Straßenverlauf und der Bebauung von Westlicher und Östlicher Ringstraße nachvollziehen läßt. Der Ortskern von Groß-Karben ist als Ensemble geschützt und enthält zahlreiche Einzeldenkmäler.

 

Pfarrkirche:

Man geht dann nach links, dann rechts auf die Kirchgasse und an der Kirchenmauer den Treppenweg hinunter.  Die Evangelische Pfarrkirche (Burg-Gräfenröder-Straße 4) ist aus dem 14 ./ 15. Jahrhundert (Ersterwähnung 1378). Der spätgotische Saalbau wurde 1702 mit Dachreitern umgestaltet.

An der Südseite wurde um 1800 eine Herrschaftsloge angebaut. Der verglaste „Hochsitz“ war an der dem Schloß zugewandten Kirchenwand erbaut worden. Er bot der Adelsfamilie Freiherr von Leonhardi und seiner Familie. auf einem guten Dutzend Plätzen Gelegenheit, den Gottesdienst über die Köpfe der übrigen Gläubigen hinweg zu verfolgen und gewährte einen freien Blick nach rechts auf den Altar des mittelalterlichen Gotteshauses. In n euerer Zeit gab die Patronatsfamilie die Nutzung der Loge auf und stellte sie der Allgemeinheit zur Verfügung. Die von Leonhardis nehmen seither inmitten des Kirchenvolks Platz.

Für die 1543 reformierte und damals nur wenig zahlungskräftige Gemeinde, in der der Pfarrer anfangs noch Landwirtschaft betreiben mußte, um seine Familie zu ernähren, erwies sich die spätere Patronatsherrschaft als finanzieller Segen. Wiederholt leisteten die von Leonhardis erkleckliche Beiträge zur Unterhaltung und Ausstattung der Kirche, vom Altarbehang bis zum Hostienteller. Auch die Kirchturmuhr geht auf eine Spende der freiherrlichen Familie zurück. Für eine 1684 von der Gemeinde angeschaffte Sanduhr für die Kanzel ist dies allerdings nicht historisch verbürgt. Die Kirchenchronik geht davon aus, daß der Pfarrer damals zu lange predigte. Die Bürgy-Orgel ist von 1805. Ein Fresco zeigt die Leidensgeschichte Jesu.

                       

Vor der Kirche sind noch Reste der Kirchenbefestigung zu sehen, eine hohe Mauer mit Flankenturm (15. / 16. Jahrhundert). Auf dem Kirchhof steht ein Gedenkstein, in der nördlich gelegenen Burggräfenrodaer Straße 8 steht das 1883 erbaute Pfarrhaus, das einen Vorgänger an selber Stelle ersetzt.

In der Heldenberger Straße (Hauptdurchgangsstraße) stehen die beiden Gebäude Heldenberger Straße 11 und 13.

Es gibt einen jüdischen Friedhof (eventuell am östlichen Ortsausgang).

Das heutige Jukuz-Gelände war der Selzerbrunnen, dort gab es auch einmal eine Gaststätte „Am Selzerbrunnen“  Der Taunusbrunnen befindet sich auf Kloppenheimer Gebiet, der Ludwigsbrunnen liegt nördlich von Karben.

 

Selzerbrunnen:

Die Firma Rapp’s hätte das Betriebsgebäude über dem Selzerbrunnen am liebsten am liebsten abgerissen. Der Denkmalschutz verhinderte das. Jetzt macht man aus der Not eine Tugend und aus dem maroden Schuppen ein attraktives Besucherzentrum, das seine historischen Wurzeln herzeigt. Jahrhundertelang war das Mineralwasser aus dem Selzerbrunnen eine begehrte Handelsware und der Brunnenbetrieb Arbeitgeber für viele Menschen aus dem Umgebung. Als die Abfüllung vor Ort 1993 endgültig eingestellt wurde, schien auch das Schicksal des historischen Brunnengebäudes besiegelt. Die Bad Vilbeler Kelterei Rapp’s, die sich nach einem Grundstückstausch mit dem späteren Eigner Hassia-Mineralien 1996 auf dem Gelände ansiedelte, wollte das Gebäude abreißen, um hier moderne Produktionsanlagen zu errichten. Was seinerzeit am Denkmalschutz scheiterte, könnte sich nun als Glücksfall für Betrieb und Kommune herausstellen. Rapp’s gestaltet das Betriebsgebäude für die Flaschenabfüllung und Anwesen zu einem Besucherzentrum um, während Stadt und Bürger künftig einen repräsentativen Veranstaltungsraum mieten können.

Handwerker haben den 1878 errichteten Fachwerkbau entkernt und ihn nach den Plänen des Bad Vilbeler Architektenbüros Kölling umgestaltet. Der zentrale Raum im Erdgeschoss misst 120 Quadratmeter. Rechnet man die 60 Quadratmeter große Empore dazu, bekommt man einen veritablen Veranstaltungsraum. Im Keller, wo im Selzerbrunnen immer noch Mineralwasser sprudelt, soll künftig eine Ausstellung die Besucher an die jahrhundertelange Geschichte des Sauerbrunnens hinweisen.

Das Innere des Fachwerkgebäudes soll seinen  rustikalen  Charme behalten, technisch aber auf den neuesten Stand gebracht werden. Erreichen kann man es über eine kleine Brücke, die über einen kleinen Wassergraben führt - eine Erinnerung an den historischen Brunnenbetrieb. Im Gebäude ist ein Dielenboden aus Douglasienholz vorgesehen, unter dem sich eine Fußbodenheizung verbirgt. Über eine frei stehende Wendeltreppe auf der Empore können Besucher und Gäste künftig zum Turmzimmer gelangen, von wo aus man einen schönen Rundblick auf das Betriebsgelände im Grünen hat. Auch das Außengelände in Richtung Jukuz  soll neu  angelegt und nur durch einen niedrigen Zaun zur Straße hin abgetrennt werden.

Genutzt werden soll das Gebäude nicht nur von der Firma, sondern auch die Bevölkerung könne die Räume anmieten. Außerdem wolle Rapp’s dann mehr Betriebsführungen Betriebsführungen anbieten.

„Natur mit allen Sinnen erfahr-bar machen” wollen Kelterei und Stadt Karben in ihrem Natur-Erlebnis-Garten. Der im Umweltschutz engagierte Rapp's-Marketing-Chef Michael Schneider hat die Idee bereits vor einigen Jahren gemeinsam mit der Kommune ins Rollen gebracht. Angrenzend an die Jukuz-Fußballwiese hat die Stadt dafür 4.000 Quadratmeter Freifläche zur Verfügung gestellt. Die Kelterei gibt für den Umbau 25.000 Euro dazu. Das Areal sollte schrittweise bepflanzt werden. Es ist von der Brunnenstraße her zugänglich. Die Stadt wird es pflegen, zwischen April und Oktober zu festen Öffnungszeiten zugänglich machen und für Besuchergruppen Führungen organisieren.

Vor allem Kinder sollen für den Natur-Erlebnis-Garten interessiert werden. Für Rapp’s-Geschäftsführer Kneip ist das Projekt eine ideale Ergänzung der Marketing-Strategie, die den Standort im Grünen und die Verarbeitung natürlicher Rohstoffe herausstelle (02.11.05).

 

 

Kloppenheim

Am Westrand des Dorfes steht ein sehenswertes Schloß mit einem Wappenstein über dem Tor. Es wurde gebaut vom Deutschen Orden. Dann war es im Besitz des Staates. Schließlich hat ein Frankfurter es gekauft. Jetzt ist dort eine Tierarztpraxis für Pferde, die Frau ist Rechtanwältin.

 

Petterweil

Geschichte

Petterweil wurde erstmals 801 urkundlich in einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch erwähnt. Ein gewisser Berenger seinen Besitz in dem wohl schon zur Steinzeit besiedelten „Phetterenheim“ dem Kloster Lorsch vermachte. Woher der Name des  Fleckens stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Der Anhang  „‑weil“ kündet wohl von dem römischen Gutshof (villa), der Ende des 19. Jahrhun­dert im Nordwesten freigelegt wurde. Ein Hauspatron der villa rustica, ein als Relief mit Füllhorn und Opferschale abgebil­deter Schutzgott, wurde lange als Namens­geber vermutet (petter = Pater, Patron). Sicher aber ist das nicht.

Die kleine Petterweiler Siedlung in der geschützten Talhang­lage war im frühen Mittelalter aber hauptsächlich Eigentum der Fuldaer Mönche. Aus ihrem alten Wirtschaftshof erwuchs später der Solmser Hof in der Martinskirchgasse neben der ursprüng­lich romanischen Kirche. Im Jahre 1992 wurden die alten Scheunen  - wie zuvor schon manch anderes Baudenkmal - abgerissen. An ihrer Stelle wurden Eigentumswohnungen gebaut. Nur das alte Wohngebäude des Gutshofs blieb erhalten.

Im 15. Jahr­hundert gab es ein Scharmützel der Reifenberger mit den Herren von Petterweil.

Erst unter der Feudalherrschaft der Falkensteiner im späten Mittelalter wurde der schon 1545 reformierte Flecken an der viel bereisten Handels- und Heeresstraße nach Frankfurt wie eine kleine Stadt aufwendig mit Wall und Graben, Mauer, Toren und Turm befestigt. Die Herrschaften wechselten, mal teilten sich die Solmser mit den Ysenburgern, mal mit den Hessen‑Darmstädtern das auf Grund seiner Verkehrslage wohlhabende Dorf.

So lassen sich von zwei Herrschaften gleichzeitig Rechnungen finden: Aus dem späten 15. und frühen 16. Jahr­hundert sind nicht nur Rechnungen der solmsischen Kellerei Petterweil, sondern auch der ysenburgisch‑büdingischen Kelle­rei überliefert. So ermöglichen diese Rech­nungen - je nach Schreib‑ und Erzählbe­dürfnis des Rechnungsführers - Ein­blicke in die Wohn‑, Lebens‑ und Wirt­schaftsverhältnisse des Amtssitzes. Während der Bauernkriege im 16. Jahrhundert zeigten die Dorf­bewohner Widerstandsgeist gegen die feudale Obrigkeit. Die rächte sich und entzog dem Dorf die für die Bewirtung der vielen durchreisenden wichtige Wein­schankerlaubnis. Im 17. Jahrhundert gab es auch die Türkenkriege.

Über Jahrhun­derte verlief aus Richtung Norden der Handelsverkehr über das seit dem Mittel­alter stark befestigte Dorf zur Messestadt Frankfurt. Petterweil, über das wechselnd der Falkensteiner, Ysenburger und Solms-­Rödelheimer Adel herrschte, bot seinen Be­wohnern wie den Reisenden Schutz hinter Graben, Wall und turmbewehrter Mauer. Ab Petterweil wurde den Kaufleuten mili­tärisches Geleit gewährt. Noch heute führt die „Alte Heerstraße“ durch den Ort.

Das Dorf ist für Frankfurt immer von besonderer Bedeutung gewesen ‑ we­gen seiner Burg und seiner Lage an einer der wichtigsten Handelsstraßen Europas vorbei an dieser Burg. Daß es Frankfurt nicht gelungen sei, Petterweil nach Frankfurt einzugemeinden, habe an dem speziellen Interesse der Frankfurter an dem Ort nichts geändert. Ungleich war das Verhältnis. Dort die große mit 8.000 bis 10.000 Einwohnern auf 200 Hekt­ar, hier die kleine mit 350 Dörflern auf 6,3 Hektar:

Gleichwohl gehörte Petterweil in der schon damals engen Symbiose zwischen Stadt und Umland „zum primären Kreis“. Beginnend bei den vielen Festen der rei­chen Frankfurter Bürger. Da wurde herge­schafft, was auf dem Land kreuchte und fleuchte. Als Beispiel sei genannt ei­ne Pfalzgrafen‑Hochzeit im September 1498: Verbraucht  wurden 400 Ochsen, 250 Bratschweine, 300000 Eier und vieles mehr, von Wein und Bier ganz zu schweigen.

 

Die Einwanderung schuf weitere Bande. Nicht nur ar­me Bauernsöhne, auch Wohlhabende zog es in die Stadt. Das städtische Patriziat und der ländliche Nie­deradel pflegte lange Zeit das Konnubium ‑ das heißt, man heiratete untereinander. Die Ritter etwa waren Ministeriale. Das waren Un­freie, die dank hoher Aufgaben im Verwal­tungs‑ oder Waffendienst zu Privilegien, Besitz und Einfluß gekommen waren. Nur weni­gen gelang der Aufstieg in den Hochadel oder nur an den Rand des Fürstenadels, zu dem die für Petterweil bedeutenden Herren von Falkenstein gehörten.

Da Petterweil eine Burg besaß (in der Schloßstraße ist noch ein burgähnliches Gebäude), gab es mit großer Sicherheit eine ritterliche Fa­milie „von Petterweil“. Eine Familie dessel­ben Namens sei um die Mitte des 14. Jahr­hunderts auch in Frank­furt nachzuwei­sen. Vorrangiger Exponent: Baldemar von Petterweil, manchmal mit dem Beina­men „Knoblauch“. Dieser Baldemar, er leb­te im 14. Jahrhundert, war Kustos im Bar­tholomäus‑Stift und hat ein genaues Stra­ßenverzeichnis, eine Art erstes Frankfurter Kataster, verfaßt. Der Name „Knoblauch“ wiederum zierte eine in Petterweil begüterte und schon früher in Frankfurt nachgewiesene Patrizierfamilie. Waren die von Petter­weils mit den Knoblauchs verwandt? Und wenn ja, wer stammte von wem ab? Etwa die Städter von den Dörflern?

Auch anderweitig war Petterweil für Frankfurt wichtig, wie eine Geleit‑Kar­te aus dem 15. Jahrhundert zeigte. Der Handels‑ und Messeweg zwischen Frankfurt und Butzbach führte über Bona­mes und „Petterwyle“. Frankfurt erwarb 1376 alle Burgen in Bonames. Die Nidda­brücke war der wich­tigste Grund für den Erwerb. Auch nach Petterweil streckte die Stadt ihre Finger aus  und behauptete, Philipp von Falkenstein habe anno 1394 sein Gut an Frankfurt ver­pfändet. Der Adlige bestritt das. Und weil weder die Gerichtsbarkeit noch das Buch­haltungswesen so eindeutig waren wie heute, blieb die Sache unentschieden. Erst mit dem Aussterben der Sippe von Falken­stein bahnte sich der Wechsel an: Die Gra­fen von Sein erbten den Petterweiler Be­sitz und verkauften ihn 1447 an die Gra­fen zu Solms.

Und die Solmser tauschten ihre Nieder­-Erlenbacher Güter anno 1662 mit denen der Knoblauchs: Damit endete die Knob­lauch‑Ära in Petterweil. Insgesamt  waren Dörfer wie Petter­weil nur ein Spielball.

Andreas Lohrfinck aus Petterweil brachte es Ende des 18. Jahrhunderts als Auswande­rer in Galizien zu Wohlstand und Achtung. Die Fa­milie besaß nach dem Dreißigährigen Krieg ei­nen Hof auf dem Gelände des heutigen Ro­ten Platzes. Ein Nachfahre dieses Peter Lohrfinek, jener 1748 geborene Andreas, zog mit der Familie noch in jungen Jahren nach Rodheim. Er wurde Strumpfstricker und heiratete 1772 eine Anna Elisabetha Schäfer. Das Leben war hart und brachte den Lohrfincks gerade mal das Nötigste. Im Jahre 1782 folgte Andreas Lohrfinck mit Familie dem Lockruf von Kaiser Josef II. von Öster­reich, der Zuwanderern ins polnische Gali­zien eine Reihe Anreize und Privilegien an­bot. Die etwa 70‑tägige Reise führte die sechsköpfige Familie nach Steinau an der San. Daß Andreas Lohrfinck in der neuen Heimat bald ein gemachter Mann war, zeigt seine gesellschaftliche Reputation. Im ersten Gemeinderat Steinaus war er Vorsteher, Schult­heiß war übrigens Phi­lipp Schäfer aus Rodheim.

Zu Beginn des 19. Jahr­hunderts wurde ganz Petterweil großherzoglich‑hessisch. Um den Jahreswechsel 1825/1826 -  also noch im Zuge der sich stabilisierenden poli­tischen Ordnung, die Oberhessen im Ver­band des Groß‑Herzogtums Hessen‑Darm­stadt nach den napoleonischen Kriegen ge­wonnen hatte - unternahm der Großherzogliche Staats­minister Karl Ludwig von Grolmann eine Visitation Hessens.

„Übersicht über den Zustand der Ge­meinde Petterweil“ ist als Überschrift auf handschriftlich ausgefüllten Formularen der Jahre 1834, 1838 und 1842 zu lesen Das waren Jahre, in denen das kleine Dorf im Süden der Wetterau vermutlich von dem Landrat von Friedberg aufgesucht wurde oder der Landrat zumindest von dem bekannten Bürgermeister Johann Georg Holzmann regelmäßig über den Zustand des Dorfes informiert wurde.

Dessen Sekretär, Wilhelm von Harnier, hatte in einen Tagebuch, das in gedruck­ter Form vorliegt, über diese Art der Wahlkampfreise (schließlich hatten im Frühsommer 1826 Neuwahlen zur Zwei­ten Kammer der Landräte angestanden) geschrieben. Der Vilbeler Landrat zeige sich höchst zufrieden „sowohl mit dem Stand der Gemeinden ... als auch seiner ei­genen Verwaltung“. Eine einzige Klage war die über den tiefen Verfall der Gemeinden Petterweil und Ober‑Erlenbach.

Nicht alles in der Geschichte des Dorfes ist ruhmvoll. Im 17. und 18. Jahrhundert erlangte der Ort traurige Berühmtheit durch seine exzessive „Hexenverfolgung“. Mehrere Frauen wurden hingerichtet. Zeitweise wurden zehn Prozent der rund 250‑köpfigen Bevölkerung von den religiö­sen Eiferern verfolgt.

Historisch verbürgt sind der Wi­derstandsgeist der Petterweiler und ihr Drang nach Unabhängigkeit und Demo­kratie. In der deutschen Revolutionszeit des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Dorf unter der Führung von Pfarrer Christian Heinrich Flick und Bürgermeister Georg Holtz­mann zur Wetterauer Hochburg demokratischer Freiheitsbewegung. Und nur zögernd löschten die Petterweiler damals die lichterloh bren­nende herrschaftliche Zehntscheune im Ort.

Nicht umsonst war es das Dorf im Norden Frankfurts gewesen, in dem 1848 der wenig später in Wien hingerichtete Pauls­kirchen‑Abgeordnete Robert Blum eine flammende Rede hielt. Ein Petterweiler Denkmal, das einzige der Republik, erin­nert bis heute an den Freiheitskämpfer. Es steht am Ortsausgang Richtung Rodheim westlich des Friedhofs. Ein einfacher Stein erinnert daran, daß Robert Blum hier eine Rede an das Volk hielt.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Frankfurt aus über Dortelweil, Kloppen­heim und Okarben eine neue Chaussee nach Norden gezogen wurde, geriet das Dorf mit seinen Handwerkern und Gastwirten ins wirt­schaftliche Abseits und entwickelte sich zum kleinen Bauerndorf zurück.

In der Nazizeit liefen viele Menschen, al­len voran der einst demokratisch gewählte Bürgermeister, zu den braunen Machtha­bern über. Viele Jugendliche begeisterten sich für deren Nachwuchsorganisationen HJ und BDM. Auch auf Petterweiler Höfen wurden Zwangsarbeiter eingesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das 700 Einwohner zäh­lende Petterweil mehr als 300 Flüchtlinge auf. Galizier mußten seit dem 18. Jahrhundert eine Odyssee erle­ben, bis einige von ihnen schließ­lich in Petterweil nach dem zweiten Welt­krieg aufgenommen wurden. Mit dem Bau von Reihenhaussiedlun­gen wuchs die Einwohnerzahl rasant auf 3.500 an. Aus dem Dorf wurde eine moder­ne, trotzdem idyllisch und noch weitge­hend ruhig gelegene Wohngemeinde, die sich 1972 zwar zögerlich, darin aber doch der zwei Jahre zuvor gegründeten Stadt Karben anschloß und sogar drei Jahre lang deren Bürgermeister stellte.

Und nochmals, ein Jahrhundert später, lehnten sich die Petterweiler auf gegen einen in den siebziger Jahren geplanten Hubschrau­berlandeplatz der US‑Armee westlich des Ortes Richtung Burgholzhausen. Das Projekt scheiterte, ebenso wie ein Militär­depot, das die Amerikaner auf dem heutigen Gelände des Berufsbildungs­werks bauen wollten ‑ nicht zuletzt am ge­schlossenen Widerstand der Petterweiler.

Kirche:

Ihrem Kern nach romanisch, zählt die ehemals flache Saalkirche mit ihrem mar­kanten Dachreiter zu den ältesten Gottes­häusern der Wetterau. Ihre Fundamente und einige andere Bauteile wie das sand­steinerne Rundportal im Westen datieren auf die frühmittelalterlichen Ursprünge als Fuldische Patronatskirche zurück. Ty­pisch für das 9. Jahrhundert, war sie dem Bischof Martin von Tours sowie dem früh verehrten Missionar Bonifatius geweiht worden. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Gotteshaus gebrandschatzt. Die Grund­mauern blieben wohl weitgehend stehen, waren aber einige Zeit ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Beim Wiederauf­bau vermauerten die Petterweiler große runde Kieselsteine, so genannte „Bachkat­zen“. Insgesamt ist das Mauerwerk recht maro­de und porös.

Die Kirche hat hinten und links eine Empore. An der Mittelseite im vorderen Bereich (unter dem Turm) ist ein Chronodistichon angebracht, ebenso an der rechten Seitenwand. An dem rechten vorderen Fenster ist das Gewände ornamentartig ausgemalt.

Für die schwere Dachlast samt aufge­setztem Glockenturm, der im 19. Jahrhun­dert ein noch wuchtigeres Aus­maß erhielt, waren diese Wände ohnehin nie gedacht gewesen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Kirchengemeinde durch den Anbau von Stützpfeilern zu hel­fen gesucht. Besonders kritisch ist, daß nur noch eine einzige Stützsäule im Innenraum die Umfassungsmauern von ihrer schweren Last ent­lastet.

Deshalb war es vordringliches Ziel, die Mau­erkrone zu stabilisieren, notfalls mit ei­nem Ringanker aus Stahlbeton.

Feuchtes Mauerwerk mußte ersetzt werden. Die unzureichende Statik galt ebenfalls als Ursache dafür, daß an der Nord‑ und an der Südwand Risse auftraten. Die Wände waren nie für ein so schweres Dach konzipiert worden. Seit spätestens 1999 war Ge­fahr in Verzug. Zwei tiefe, fingerbreite Ris­se in der Nord‑ und Südwand drohten den gesamten Chorbereich vom Kir­chenschiff abzuspalten. Besonders auf der Westseite bröckelte mächtig der Verputz. Zwei große Bäume, de­ren Wurzelwerk dem Boden Feuchtigkeit entzogen, wurden gefällt, die Risse breiteten sich nicht wei­ter aus. Aber die Außenmauern schienen dem Ge­wicht der Dachkonstruktion nicht länger gewachsen. Seit Juni 2001 wird das denkmalge­schützte Gotteshaus aufwendig grundsa­niert.

Nach aufwendiger Grundsa­nierung des Tragwerks von Dach und Glo­ckenturm glänzt der auf eine fuldische Pa­tronatskirche im frühen Mittelalter zu­rückgehende Sakralbau der St. Martinskirche nach mehrmonati­ger Innenrestaurierung in frischen, Grau‑, Weiß‑ und Rottönen. Das alte dunkle Grün der Türen, Bänke und der erst nach der Reformation eingezo­genen Emporen ist jetzt einem hellen Grau gewichen. Nachdem der alte Lehm­putz fachgerecht ausgebessert war, erhiel­ten die Wände einen neuen Anstrich in ge­decktem Weiß. Die Fensterfassungen in rötlichen Sandsteinfarben heben sich da­von ab und korrespondieren mit den farb­gleichen Säulen des Kirchenschiffs.

An den Wänden stieß der Restaurator auf eine Reihe von Farbschichten. Stück für Stück wurden sie abgetragen und doku­mentiert. Es fand sich freilich keine beson­ders erhaltenswerte Urfassung. Früher einmal war die Petterweiler Kirche mit rei­cher Ornamentik verziert. Davon zeugt beispielhaft noch ein Rest in einem der Chorfenster, der nun aufgefrischt wurde.

Im Chor und Altarbereich selbst wurde mehr Platz geschaffen und damit Raum für Begegnungen nach dem Gottesdienst geschaffen.

Brüs­tungen wurden entfernt, alte Dielen durch Sandsteinplatten ersetzt und die kleine Sa­kristei nach hinten unter die Orgel Empo­re verlegt. Nun haben seitlich des Altars auch Chor und Bläser genügend Raum.

Die statischen Probleme des Gotteshauses, das wegen Setzrissen auseinander zu rei­ßen drohte, wurden mit Hilfe eines Stahl­beton‑Korsetts (Ringanker) auf der Mauerkrone gelost, Deckenbalken und Mauern saniert. Nachdem nun auch das Innere des Kir­chenschiffs fein herausgeputzt und die Elektroinstallation erneuert ist, kommt im Jahr 2003 die Außenfassade an die Rei­he. Im Frühjahr werden die Fundamente freigelegt, um die Feuchtigkeit zu beseiti­gen. Dann erhält die St. Martinskirche ei­nen neuen Putz und wird ein weiteres Mal ein­ge­rüstet. Die Farbgebung ist noch of­fen.

 

Ortszentrum:

Der Berger Amtmann Usener zeichnete 1812 mit Tusche eine Ansicht des Ortszentrums:

Hinter dem Rat‑ und Gerichtshaus (links) lugt die St. Martinskirche hervor. In der Mitte der Solmser Hof in der Martinskirchstraße, rechts die Gerichtslinde. Heute markiert ein kleines Schild die Stelle, an der das Gerichtshaus stand. Es war geziert von einer Eisernen Hand und dem Schwert als Zeichen der Gerichtsbarkeit. Vor dem Haus war der Gerichtsplatz und etwas weiter rechts die Gerichtslinde. Später wurde das Haus als Rathaus und Schule genutzt und wurde 1910 abgerissen.

 

Bei einer Ausstellung im Jahr 2002 ging es um das Schwerpunktthema „Burg und Schloß einst und jetzt“. Im Mit­telpunkt steht die um 1400 erbaute Burg­- und Schloßanlage in der heutigen Schloßstraße (am Nordende). Der Butzbacher Historiker Dieter Wolf stellte seine Befunde zum Thema „Die Burg als landesherrlicher Amtssitz und Wirtschaftsbetrieb“ vor. Im zweiten Vor­trag geht der heutige Inhaber und Ortshis­toriker Michael Frase auf das Thema „Burg und Schloß in privater Hand“ (etwa seit 1840) ein.

Am Ortseingang in Richtung  Rodheim liegt der Friedhof. Westlich davon steht ein einfacher Gedenkstein für Robert Blum, Mitglied der Paulskirchenversammlung, der an dieser Stelle eine Rede an das Volk hielt.

 

 

 

Ilbenstadt

„Dom der Wetterau” nennt der Volksmund die Basilika St. Petrus und Paulus, die sich seit mehr als acht Jahrhunderten auf einer Anhöhe über Ilbenstadt erhebt, eine der großen romanischen Kirchen Hessens. Mit ihren beiden mächtigen Türmen beherrscht sie das Landschaftsbild um die Großgemeinde Niddatal, zu der Ilbenstadt seit der Gebietsreform gehört. Die Kirche ist ein katholisches Gotteshaus, das als Insel in der weitgehend protestantischen Wetterau bis heute Bestand hat.

Dieser Teil der Wetterau wurde bereits in vorgeschichtlicher Zeit, vermutlich wegen ihrer verkehrsgünstigen Lage, von den damaligen Bewohnern gerne besiedelt. Dieses beweisen Bodenfunde aus den verschiedensten Perioden der Prähistorik. Im Jahre 838 erscheint der Name der Siedlung Ilbenstadt in den Urkunden des Klosters Lorsch zum erstenmal. Im Jahre 1123 erfolgt die Gründung des Klosters. Damals stiftete der begüterte, mit den Saliern und Staufern verwandte Graf Gottfried von Kappenberg, ein Prämonstratenser-Kloster.

Er hatte bislang ein ziemlich, bewegtes und kriegerisches Leben geführt hatte, traf im Jahre 1121 mit dem heiligen Norbert, dem Gründer des Prämonstratenserordens, in Köln zusammen. Diese Begegnung hatte zur Folge, daß Gottfried beschloß 1122, seine Stammburg in ein Kloster zu verwandeln und selbst Mönch zu werden. Dieser Plan erregte in der damaligen Zeit großes Aufsehen und erregte den Widerstand der Angehörigen Gottfrieds von Kappenberg, die wesentlich andere politische Pläne verfolgten. Ilbenstadt war eines der frühesten Klöster dieser Regel überhaupt.

Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten gelang es ihm jedoch, sogar seine junge Frau und seinen Bruder Otto zu bewegen, in den Orden einzutreten. Neben der Burg Kappenberg verwandelte Gottfried noch zwei weitere Besitzungen, Ilbenstadt und Varla, in Klöster. Nach einem Aufenthalt in Premontré berief Norbert, der inzwischen Erzbischof von Magdeburg geworden war, Gottfried zu sich.

Der Entschluß des jungen Edlen, seine gesamten Besitztümer dem jungen Prämonstratenser-Orden zu überschreiben, hatte sowohl religiöse als auch politische Gründe in einer Zeit, die vom Investiturstreit, dem Ringen zwischen Papst und Kaiser, bestimmt war. Gottfrieds Stiftung hatte nicht unerheblich zur Beruhigung der Fronten und zum Ausgleich im Wormser Konkordat geführt. Erst jetzt konnte das Geschlecht der Staufer ungehindert zur Reichsspitze aufsteigen.

Gottfried hat die Fertigstellung der Klosterkirche nicht mehr erlebt. Er starb 1127 auf der Rückreise im Alter von nur 30 Jahren in Ilbenstadt und wurde im Mittelschiff der Kirche beigesetzt. Schon bald nach seinem Tode wurde er als Heiliger verehrt. An der Kirche ist auch noch ein Standbild von ihm zu sehen (?). Der Kappenberg-Kult setzte erst später ein. Im gläubigen Volk gilt der Ritter und Laienmönch als Heiliger.

Die Klosterkirche ist als einziges Bauwerk aus der Gründungszeit noch heutig erhalten. Im zwölften Jahrhundert wurde eine romanische Kirche mit zwei charakteristischen Türmen gebaut. An die beiden mächtigen Türme, die das Westwerk und den ehemaligen Haupteingang der Kirche bildeten, schließt sich eine spätromanische, dreischiffige Pfeilerbasilika mit einem Querschiff in der Vierung und einem langgestreckten Chor an.

Das Mittelschiff hat gotische Gewölbe, im Chor sind Wandmalereien aus der Mitte 14. Jahrhunderts,  feine Steinmetzarbeiten. Die Basilika ist bis auf einige bauliche Eingriffe um 1500 in ihrer ursprünglichen Gestalt aus dem 12. Jahrhundert fast unverändert geblieben. Im Inneren sind aus dem Mittelalter einige beachtliche Kunstwerke erhalten, wie die mit Ranken und Tiermotiven verzierten Kapitelle. Ein Fresko an der südlichen Chorwand zeigt den Stifter noch als Ritter, während plastische Darstellungen in ihm den Mönch sehen wie auf seinem Hochgrab

Wie für die Ewigkeit scheinen Rundbögen und Rosetten reliefartig in die Steinfassade gemeißelt zu sein. Bis 1500 war das Innere durch eine flache Holzdecke abgeschlossen. Um diese Zeit wurden die Gewölbe eingezogen, die den ehemaligen Raumeindruck wesentlich beeinträchtigen.

In der künstlerischen Ausgestaltung der Kirche lassen sich Parallelen zu dem Ostteil des Mainzer Domes ziehen. Wahrscheinlich haben hier die gleichen Steinmetze gearbeitet. Von der Ausstattung sind einige frühe Grabdenkmäler von Äbten und Pröbsten und ehemals in der Kirche tätigen Künstlern, einige sehr gute barocke Heiligenfiguren an den Langhauspfeilern, eine thronende gotische Madonna, die Wandfresken aus der Mitte des 14. Jahrhunderts an der Chorwand und die mit Ranken und Tieren reichverzierten Kapitelle in Chor und Vierung, Gemälde mit Szenen aus dem Leben Jesu Christi und vieler Heiliger. Die Barockorgel ist exakt in das Kirchengewölbe hineinkomponiert.

Mittelpunkt der Kirche ist aber das Hochgrab im Hochchor vor dem Hauptaltar, das Grab  Gottfrieds von Kappenberg, des Stifters der Basilika (über die Seitenkapellen der Vierung zu erreichen). Es enthält die Gebeine und das Haupt Gottfried von Kappenbergs. Das Relief der Grabplatte ist aus dem 13. Jahrhundert und zeigt den als Heiligen Verehrten als Ritter mit einem Schwert auf der Brust. Mit der Zahl der Reliquien wuchs das Ansehen des Klosters. Mittlerweile verfügt die Basilika über eine Sammlung von einhundert Überresten verschiedener Heiliger. Die Relikte sind auch heute noch in einem Glasschrein in der Kirchenmauer zu besichtigen.

Die Hauptblütezeit des Klosters liegt um 1200. Im 14. Jahrhundert entwickelte sich in Ilbenstadt eine besonders reiche Tätigkeit auf allen Gebieten der Kunst. Auch an Anfeindungen fehlte es im Laufe der Jahrhunderte nicht. So versucht die Burg Friedberg immer wieder, sich des Dorfes und des Klosters mit Gewalt zu bemächtigen. Diese Zwistigkeiten verschärften sich besonders während der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges. Die Reformation konnte der Abtei nichts anhaben, sie wurde zur katholischen Insel in der evangelisch werdenden Wetterau und ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges war es der baulustige Abt Andreas Brand, der den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude in großzügiger Weise betrieb und namhafte Künstler beschäftigte. Nach zahlreichen Bedrängnissen auch in der Folgezeit hörte das Kloster Ilbenstadt nach dem Reichsdeputationshauptschluß im Jahre 1803 auf zu bestehen. Erst die Säkularisation setzte dem segensreichen Wirken der Abtei ein Ende. Die nachmaligen Besitzer verschleuderten und zerstörten fast das gesamte wertvolle Kunstgut, das in Kloster und Kirche aufbewahrt und gehegt worden war, so daß der Besucher heute nur noch einige wenige künstlerische Werke aus der früheren Zeit findet.

Die Ilbenstädter haben aber ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Kirche, in der regelmäßig katholische Gottesdienste und Konzerte stattfinden. Eine Besonderheit ist die Reliquienverehrung. An Fronleichnam und dem St. Gottfrieds‑Fest am ersten Sonntag im September wird die Kopfreliquie des Klostergründers in einer feierlichen Prozession durch die Straßen des Ortes getragen.

Von den ersten Domizilen der Mönche ist nur noch die Ilbenstädter Basilika erhalten. Heute noch treffen sich dort weißgekleidete Ordensbrüder aus ganz Deutschland sporadisch zu besonderen Anlässen. Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1966 wurde die Grabstätte des Stifters Gottfried von Kappenberg entdeckt. Eine Neugestaltung des Chorraumes erfolgte in den Jahren 1995 und 1996. Führungen durch die Basilika vermittelt das katholischen Pfarramt Ilbenstadt (Tel. 06034/2285), aber die Kirche ist auch sonst geöffnet.

Die Barockorgel ist Liebhabern der Kirchenmusik über die Ortsgrenze hinaus bekannt. Die Onymus‑Orgel, gebaut 1735, gilt zwar im weiten Umkreis als eine der bedeutendsten Barockorgeln. Ihr prächtiger Prospekt ist noch im Original erhalten. Aber sie ist aber leider fast nicht mehr bespielbar. Orgeliebhaber rund um Ilbenstadt haben sich zusammengeschlossen, um  etwa 350 000 Euro für eine Restaurierung zu beschaffen.

Von 1733 bis 1735 baute der Mainzer Johann Onymus - einer der bekanntesten Orgelbauer des Barock - an dem Instrument, das zwar nur zwei Manuale, dafür aber etwa 30 Register hatte. In den folgenden Jahrhunderten wurden immer wieder Teile mit schlechteren Materialien erneuert oder komplett ausgebaut. Die Zahl der Register wurde reduziert. Nur noch die Hälfte aller Pfeifen sind die Originale aus der Erbauungszeit, alle anderen wurden nachträglich eingefügt und passen eigentlich nicht zum Charakter einer Barockorgel. Die häufigen Reparaturen erschweren dem Organisten das Spielen. Nur zäh entwickelt sich ein Ton und es bleiben wegen der hohen Kraftanstrengung kaum Möglichkeiten zur musikalischen Entfaltung. Nun soll Onymus-Werk seinen ursprünglichen Zustand wieder erhalten. Die Ilbenstädter wollen mit historischen Materialien die alte Technik wieder in Gang bringen. Die Luft soll auf den gleichen Wegen wie früher durch das Instrument strömen und nur barocke Pfeifen zum Klingen bringen.

Heute ist im Schloß das Haus St. Gottfried, Jugendwerk Ilbenstadt des Bistums Mainz, untergebracht. Rechts an dem Gebäude ist eine Gedenktafel angebracht: „Graf Karl Leiningen-Westerburg, General der ungarischen Freiheitsarmee, am 11. April 1819 hier geboren. Am 6. Oktober 1949 mit 12 weiteren Generälen in Arad hingerichtet“.

 

Radtour: Karben - Ilbenstadt - Assenheim - Maria Sternbach - Kaichen

Die Strecke eignet sich am besten für eine Kombination mit Auto und Fahrrad, weil weite Strecken nur über Landstraßen führen und keine Alternativen vorhanden sind. Deshalb werden beide Möglichkeiten dargestellt. Ausgegangen wird aber von einer Radtour ab Hochstadt, die Autostrecke kann man sich leicht selber zusammenstellen.

Von Hochstadt über die Kleine Lohe zur Großen Lohe. Am östliche Rand der Großen Lohe entlang und hinunter nach Niederdorfelden (das letzte Stück über die Kreisstraße Wachenbuchen-Niederdorfel­den). Die Kreisstraße Bad Vilbel-Oberdorfelden queren, rechts an der Hecke vorbei und in den Ort hinein. Dort die zweite Straße links und immer gerade aus bis zum Gasthaus „Zur Grünen Linde“. Dort links-rechts versetzt nach Gronau.

 

Gronau:

Am Gronauer Fußballfeld nistete seit Mitte März 2001 zum zweiten Mal ein Storchen­paar auf dem von Hans Hermann herge­richteten Hochsitz. Das Futter reichte, um drei junge Störche aufzuziehen. Sie mach­ten schon am 25. Juli den Abflug nach Sü­den. Der Storchenvater flog am 28. August los, sein Weib am 10. September. Offenbar verbringen sie den Winter nicht gemein­sam.

In Gronau an der Gaststätte „Zur Rose“ rechts, an der Kirche vorbei, über die Nidder, an der Scharmühle vorbei nach Rendel. Dort geradeaus den Berg hoch durch die Straße „Am Hain“ (mit dem Auto den Bogen durch das Dorf machen).

 

Karben:

Dann links nach Klein-Karben (ab Orts­ausgang Radweg, ab Klein-Karben links eine Parallelstraße). Nach dem Friedhof biegt man links in die Kirchgasse und kommt an Kirche und Klein-Karbener Rathaus (rechts) vorbei. Am Kreisel geht es links. Am Ende von Klein-Karben (links Aral-Tankstelle, rechts Gaststätte „Gehspitz“) geht es rechts nach Groß-Karben.

Mit dem Fahrrad fährt man am Kreisel geradeaus in den Karbener Weg (der ausgeschilderte Radweg durch die Schulstraße bringt nichts). Von der Bahnhofstraße zweigt nach links die Straße „Am Park“ ab. Auf ihr kommt man zur Parkmauer, an der man entlang fährt. Am Ende geht es nach links zum „Degenfeld’schen Schloß“ mit dem Museum.

Vom Degenfeld’schen Schloß geht man wieder zurück und nun weiter durch die Ringstraße bis zu dem rechts liegenden Karbener Schloß mit dem schönen Brunnen im Hof. Über der Tür des Hauptbaues von 1695 steht: „modo freiherrlich von Leonhardi anno 1802“.

 

Mit dem Auto kann man nun zurückfahren durch die Bahnhofstraße und nach rechts Richtung Kloppenheim (Schloß), dann rechts auf der B 3 nach Okarben und von dort auf die Straße Karben-Burggräfenrode. Man kann aber auch gleich von der Bahnhofstraße zunächst in Richtung Heldenbergen fahren. Dort liegt rechts der Brückmann’sche Hof. Kurz danach geht es links ab in die Straße nach Burggräfenrode (dann verzichtet man auf den Weg über Okarben).

 

Mit dem Fahrrad fährt man vom Schloß nach Norden an der Kirche (links) vorbei (Fahrradstraße) und dann die zweite Straße nach links in die Mühlgasse. Am Gewerbegebiet Dögel­mühle fährt man rechts bis zur Nidda (dort kann man rechts direkt nach Okarben fahren). Weiter geht es nach links und wieder nach rechts über die Nidda. Man kommt zum Selzerbrunnen, der heutigen Firma Rapps, und dem Hotel „Quellenhof“.

Der Selzerbrunnen ist eine der zahlreichen Mineralquellen, die in dichter Folge am südlichen Rand der Wetterausenke an geologischen Verwerfungen und Spalten zutage treten. Die Nutzung des Selzerbrunnens geht bis in die Römerzeit zurück. Ausgrabungen typischer Wasserkrüge in riesigen Mengen an dieser Stelle und Gebäudefundamente lassen einen römischen Abfüllbetrieb vermuten.

 

Okarben:

Hat man den Selzerbrunnen umrundet, kann man auf einem bequemen Radweg neben der Straße herfahren. Man kann aber auch gleich hinter dem Brunnen rechts abbiegen und auf einem Feldweg nach Okarben fahren. Man kommt in die Untergasse und biegt halb links in die Borngasse ein und erreicht die Hauptstraße. Links liegen der Ritterhof und die Kirche.

Okarben wurde über einem römischen Limeskastell erbaut. Die Kir­che steht an der Stelle des Prätoriums.

Man fährt wieder ein Stück zurück und nach Osten in die Großgasse. Diese führt als Klingelwiesenweg über die Nidda bis zur Kreisstraße Groß-Karben nach Burg-Gräfenrode. Auf ihr fährt man nach links bis zum Ludwigsbrunnen, der in einer kleinen Anlage am Rande eines Naturschutzgebietes liegt.

Der Ludwigsbrunnen sprudelt großzügig gefaßt, für jedermann zur freien Bedienung. Er ist in die Orts­chroniken eingegangen wegen der ausgelassenen Brunnen­feste, die hier alljährlich bis ins vorige Jahrhundert an Pfingsten gefeiert wurden. Anlaß war jeweils die Reinigung, zu der man einen Spaßvogel in den Schacht abseilte und mit ent­sprechenden Mengen Alkohols den „Scheintoten“ immer wieder „ins Leben“ zurückrief.

 

Burg-Gräfenrode:

Auf einem Radweg neben der Kreisstraße kommt man nach Burg-Gräfenrode. Man geht nach links in die „Freihofstraße“ und dann nach rechts in die „Weißenburgstraße“. Links steht die Kirche, die seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar ist. Der jetzige Bau ist von 1727. An den Emporen finden sich Bilder von Aposteln und Evangelisten, gemalt von Burkhardt von Staden. Neben der Kirche steht ein neuerer Sandsteinbrunnen.

Ein Stück weiter geht rechts eine Straße ab. In ihr sieht man links einen Turm der ehemaligen Burg. In Burg-Gräfenrode stan­den drei Burgen der Herren von Karben. Die Oberburg ist in veränderter Form als Pfarrhaus noch vorhanden. Die ehemalige Burg (rechts) be­herbergt heute einen Kindergarten.

 

Ilbenstadt:

Wieder geht es nur über die Kreisstraße nach Ilbenstadt. Dort trifft man auf die Mauer des Klosterbezirks. Man fährt links und dann rechts wieder hoch in die Schloßgasse. Durch das Tor von 1603 kommt man in den Bezirk des Klosters, der später zu einem Schloß umgebaut wurde (sieh Datei „Ilbenstadt“). Man geht links entlang der hohen Umfassungsmauer. Durch das barocke Obere Tor (das etwas an das Frankfurter Tor in Hanau erinnert) geht man um die Klostermauer herum. Hohe Mauern und zwei Tore begrenzen die ehemalige, zwei Hektar große Kloster­anlage und schützen vor störendem Durchgangsverkehr. An der Südostecke an der Schule kann man einen Blick hinunter werfen auf den Nonnenhof (siehe unten). An der Nordostecke des Klosters steht die evangelische Kirche.

Man fährt die Mühlgasse hinunter und dann recht herum. Man kommt über einen alten Nidda-Arm mit einer Heiligenfigur an der Hausecke. Unmittelbar hinter der Niddabrücke geht rechts der Radweg nach Assenheim ab. Es empfiehlt sich, wenn man mit dem Auto gekommen ist, jetzt das Fahrrad zu nehmen und nach Assenheim und auf einem anderen Weg zurück nach Ilbenstadt zu fahren.

 

Assenheim:

Auch in Assenheim dort fährt man immer weiter an der Nidda entlang (nicht auf dem Radweg 4, der durch ein langweiliges Neubaugebiet führt), auch wenn es unter der Brücke eng wird. Aber dann geht es nach rechts über den Steg, wieder an der Nidda entlang und dann rechts-links in die Straße „Am Hain“ und wieder rechts-links in die Mühlgasse. Die Mühle mit dem hohen Turm liegt links. Man fährt vorbei an Kirche, Rathaus, Fronhof und Schloß (siehe eigene Datei). Wer abkürzen will, fährt recht am Fronhof vorbei direkt zu der Brücke über die Nidda und dann rechts.

Andernfalls geht es die Hauptstraße in nördlicher Richtung hinunter. Hinter der Brücke biegt man nach rechts auf den Radweg (nicht in die Straße) und fährt an der Nidda entlang. Man sieht noch einmal den Fronhof und das Schloß von hinten. An der Brücke über die Nidda, die zum Fronhof führt, kann man links abbiegen zum Amalienhof und ein Stück die Straße rechts entlang fahren, um wieder zur Nidda zurückzukehren. An der al­ten Eisenbahnbrücke wechselt man auf die andere (rechte) Seite der Nidda (die Straße auf der linken Seite endet im Feld).

 

Wickstadt:

Weiter geht es an der Nidda entlang zum Hofgut Wickstadt. Es besteht aus einem stattlichen ba­rocken Herrenhaus und alten Wirtschaftsgebäu­den. Das Gut ist fast schon ein kleines Dorf. Im Norden stehen ein Pfarrkirchlein und der Pforten­turm, der um 1400 erbaut wurde und einst Fruchtspei­cher und Wehrturm war. Wenn man auf der Straße an der Westseite zurückfährt, kommt man zu einem Gedenkstein an das „Weltpflügen“ 1978 (Leistungspflügen in der Wetterau). Am Ende der Mauer unmittelbar an der Nidda ist ein Gedenkstein für die Nidda-Regulierung.

Wenn man vom Hofgut wieder über die Niddabrücke fährt geht es gerade aus weiter auf einer Fahrstraße zum Wald. Am Wald steht ein Kreuz, das zur Erinnerung an 1200-Jahre-Maria-Sternbach errichtet wurde. Dort geht es links weiter, zunächst am Waldrand entlag, dann noch einmal nach links in den Wald. Auf einer kleinen Anhöhe steht die kleine Wallfahrtskir­che mitten im Wald. Zu dieser Kir­che gehörte einst das im 16. Jahrhundert unterge­gangene Dorf Sternbach. Düster ist es im Inneren des Kirchleins, durch kleine Fenster fällt spärlich Licht. Am 21. Juli 778 wurde die von schottischen Mönchen ge­gründete Kirche erstmals erwähnt. Das Langhaus stammt noch aus dem 12. Jahr­hundert, eine der ältesten Kirchen Hes­sens. Die Kirche hat einen Außenaltar und eine Außenkanzel. Daneben steht noch eine kleine Kapelle. Reste einer Ringmauer sind noch zu sehen. Unterhalb der Kirche ist ein Teich. (Besichtigung der Wallfahrtskirche Maria Sternbach nach vorheriger Anmeldung unter Telefon 06034/4506).

 

Rückfahrt:

Von Maria Sternbach kann man den gleichen Weg zurückfahren nach Wickstadt. Aber an dem Kreuz am Waldrand nach links weiter zu fahren empfiehlt sich nicht, weil man dann weit nach Osten kommt und nur auf der Landstraße nach Bönstadt und Assenheim fahren kann. Abwechslungsreicher ist der Fußweg, der westlich von der Kirche abgeht (teilweise über einen Forstweg), der allerdings teilweise sehr matschig ist. Er führt auf eine Straße aus dem Wald, die wieder nach links auf die Straße zum Hofgut Wickstadt führt (eventuell kommt man auch auf dem Forstweg, der oberhalb von Maria Sternbach in den Wald führt, auf diesen Forstweg).

An der Nidda entlang geht es wieder bis zur Eisenbahnbrücke. Dort geht es links hoch zur Straße nach Bönstadt. Ein wenig rechts und dann links in Richtung der Schilder „Friedhof, Bauhof“. Man kommt geradeaus in den Steinweg und an einer Muster-Streuobstwiese (links) vorbei. Hinunter geht es bis zum Staatswald und in diesem hinein. Wo ein größerer Weg kreuzt, an einer lichten Kreu­zung unter einer Hochspannungsleitung, geht es rechts wieder nach Ilbenstadt. Diesen Weg nimmt man, wenn man das Fahrrad in Ilbenstadt hat stehen lassen. Auf einen landwirtschaftlich genutzten Weg geht es weiter am Rand ausgedehnter Felder, die zur Staatsdomäne Nonnenhof gehören.

Unvermittelt steht man vor dem Gebäudekomplex inmitten eines weitläufigen Mauergevierts. Es ist das ehemalige Prämonstratenserinnenkloster Nieder‑Ilbenstadt, 1166 erstmals genannt. Die Hofanlage besteht größtenteils noch aus dieser Zeit. Ein altes Gebäude trägt über der Eingangstür die Buchstaben „IHS“. Ein neueres Wohnhaus im Barockstil ist wohl das Herrenhaus der späteren Staatsdomäne. Links vom westlichen Tor ist noch eine zugemauerte Zufahrt mit der Jahreszahl 1699.

Heute ist der Hof ein landwirtschaftliches Anwesen. Karl‑Heinrich und Silvia Bickel sind 1999 vom unteren Gutshof nahe der Basilika hierher gezo­gen. Die Bickels sind beide Agrar‑In­genieure. An ihrer alten Wirkungsstätte konnte man mit größeren landwirtschaftli­chen Geräten kaum das Eingangstor pas­sieren. Der Nonnenhof wird als Kommandit‑Ge­sellschaft geführt. Von dort aus bewirt­schaften die Bickels insgesamt rund 200 Hektar Land der beiden Höfe, die 10 Hekt­ar des Nonnenhofes allerdings nach den Kriterien der Naturland‑ Vereinigung.

Schon vor der Übernahme war der Non­nenhof in Umstellung auf Naturland‑Be­dingungen. Im Jahr 2001 sind die erstmals erreicht. Man bau­t Getreide und Kartoffeln ohne minera­lisch her­gestellten Dünger und ohne Herbi­zide an. Weizen, Roggen und Dinkel sowie Som­mergerste, Kartoffeln und Erbsen werden vorwiegend für die Saatgut‑Vermehrung im biologischen Land­bau angebaut. Die Ernte geht also an Großabnehmer über die Naturland‑ Handelsorganisation. Daher gibt es auch keinen Hofladen auf dem Nonnenhof. Die Arbeit wird mit Hilfe eines ange­stellten Landwirts und mehreren Aushil­fen übers Jahr verteilt bewältigt.

Da das Paar auch zwei kleine Söhne von einem und drei Jahren hat, waren die Bi­ckels froh, in dem Fachmann für Island-­Pferde Adalstein Reynisson und seiner Partnerin Eva Fischer Mitstreiter gefun­den zu haben. Sie betreiben zusammen mit Bruder Gunnar als Reitlehrer die Reit­schule und Pension für Island‑Pferde. Va­ter Reynar Adalsteinsson ist in Fachkrei­sen bekannter und geschätzter Kenner die­ser Pferderasse und Buchautor, ausgebildeter Trainer für Islandpferde. Bickels haben den Reitstall an sie ver­pachtet.

Viele Leute aus der Umgebung haben hier ihre Pferde untergestellt. Die Boxen sind so groß, daß zwei bis drei Island‑Pferde bequem in einer von ihnen Platz haben. So ist gleich­zeitig auch der so­ziale Kontakt der Tiere gewährleistet. Auf den Weiden und Wiesen um den Nonnen­hof finden die Pferde Futter und Auslauf in Hülle und Fülle.

An Wochenenden oder während der Se­minare geht es dann lebhafter zu in der Reiterstube des Nonnenhofes mit angren­zendem großem Seminarraum. Dieser wird auch für private Feiern vermietet. Die Pferdefreunde übernachten dann oft in der Ferienwohnung des Hofes mit neun Betten. Sie kann auch von Ausflüglern ge­mietet werden. Die Reiterstube soll eine Schoppewirt­schaft erhalten. Zu bestimmten Feierta­gen können die Besucher künftig Apfel­wein kosten, der aus dem Obst der Kloster­gärten hergestellt wurde. Biologischer Landbau, Pferdebetrieb, Übernachtungs­möglichkeit und Schoppenwirtschaft sind hier eine gelungene Verbindung eingegan­gen sind die Beteiligten gewiß.

 

Wenn man die ganze Strecke mit dem Fahrrad fährt, fährt man vom Staatswald rechts-links versetzt weiter in den Jungfernwald. Ab der Kreisstraße ist die Weiterfahrt schwierig. Wenn man ein Stück rechts und dann gleich wieder links zum Wald hoch fährt, kommt man auf eine sehr schlechte Wegstrecke. Am besten ist noch, wenn man innen im Wald nach rechts läuft. Der kaum erkennbare Trampelpfad biegt aber dann nach links vom Waldrand ab und wird zu einem Forstweg, der letztlich auf eine von links kommende gute Forststraße trifft. Besser ist es aber, auf der Kreisstraße erst ein Stück nach links den Berg hoch zu fahren und unmittelbar hinter der Kompostierungsanlage nach rechts in den Wald zu biegen. Dann kommt man auch auf die gute Forststraße, die schließlich auf die Kreisstraße Ilbenstadt-Kaichen führt.

 

Diese fährt man nach links hinunter nach Kaichen. Im Ort macht man nach rechts einen Bogen. Dort steht die „Alt Schul“, die gleichzeitig als Rathaus gedient hat, ein Fachwerkbau von 1782. Davor steht die Weed, ein Sandsteinbrunnen mit großer Viehtränke, die 1871 erneuert wurde. Das Schiff der evangelischen Kirche mit spät­gotischem Westturm ist von 1737, der Tauf­stein ist um das Jahr 1200 entstanden. Man kommt aber wieder auf die Durchgangstraße.

Man fährt ortsauswärts bis zur leicht erhöht stehenden Baumgruppe von Linde, Eiche und Kastanien und zum „Steinernen Tisch“ mit dem Sitz des Richters und der hufeisenförmig darum aufgestellten Bank. Hier an diesem Freisitz der Rechtsprechung unter alten Bäumen

fällten Richter und Schöffen das Urteil über den Angeklag­ten, das „Freigericht“. Das „Freigericht“ bei Kaichen in der Wet­terau gilt als eines der besten Beispiele für diese alten Gerichtsorte.

Das „Blutgericht“ kannte bei einem Schuldspruch nur die Todesstrafe. Bagatellfälle ließen sich auf örtlicher Ebene regeln. Nur wenn es dort zu keiner Einigung kam, konnte das „Freie Gericht“ als Berufungsinstanz eingeschal­tet werden. Den Namen Freigericht trägt der 1295 urkund­lich erwähnte Sitz, zu dem 20 Dörfer und drei Burgen gehört haben insofern, als kein Territorialherr dessen Unabhängig­keit antasten konnte.

Die uralte Richtstätte liegt von großen Bäumen umgeben auf einer klei­nen Anhöhe (einer der Bäume ist im Jahre 2001 umgebrochen). Heute erinnert nichts mehr an die Qualen der Gehängten, die hier durch das Blutge­richt verurteilt wurden. Es muß makaber gewesen sein, auf einer Anhöhe, auf der man noch einmal rundum die Umgebung überblicken konnte, gehängt zu werden. Die damaligen Galgen sind längst durch Ruhebänke er­setzt.

 

Wenn man nach Heldenbergen weiterfahren will, fährt man auf dem Wirtschaftsweg, der unterhalb des Steinernen Tisches beginnt (aus der ur­sprünglichen Fahrtrichtung gesehen: 20 Meter vor der Bundesstraße rechts): Einfach dem Asphaltband folgen, und man landet automatisch in Heldenbergen in der Bü­desheimer Straße, dort links zur B 45. Auf der gegenüberliegenden Seite steht die Oberburg Helden­bergen. Ein Bretterzaun versperrt die Sicht auf das historische Gebäude. Der Schloßkomplex wird in einem Linksbogen umrundet, anfangs auf der B 45 am Zaun entlang. Bei der Volksbank rechts in die Sackgasse biegen. Im Tal weist ein Rad­wegschild durch die Nidderaue nach Windecken.

Wenn man einen kürzeren Weg wählen will, fährt man am Gerichtsplatz den Weg weiter in Richtung Westen, biegt am Wasserwerk links ab und kommt zur Kreisstraße Karben-Helden­bergen. Dieser quert man und fährt vorbei am Ponyhof hinunter nach Büdesheim. Von dort geht es weiter auf dem üblichen Weg über Kilianstädten, Abzweig nach Oberdorfelden, Hühnerberg nach Hochstadt. Mit dem Auto muß man natürlich über Heldenbergen und Windecken fahren.

 

 

 

Kaichen

Der schönste Platz in Kaichen ist an der Kirche mit Brunnen und vielen Fachwerkhäusern. Die evangelische  Pfarrkirche hat einen spätgotischen Turm, das Schiff ist von 1737, der Taufstein um 1233 entstanden.  Die „Alt Schul” von 1782 ist ein Fachwerkbau, der gleichzeitig als Rathaus (oder Amtshaus) gedient. hat

Oberhalb von Kaichen in Richtung Hanau steht der Steinerne Tisch oder das Freigericht. Unter der leicht erhöht stehenden Baumgruppe von Linde, Eiche und Kastanien (die Linde als typi­scher Versammlungsbaum) steht ein steinerner Tisch, um den sich auf drei Seiten eine Sitz­bank zieht. An der freien Westseite steht ein einzelner runder Steinsitz.

Hier saß bis zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts alljährlich am Mittwoch nach Pfingsten der Friedberger Burggraf als Gerichtsherr und auf der Bank die Schöffen der Grafschaft Kaichen. Diese war ein selbstständiges Freigericht, dessen Unabhängigkeit kein Territorialherr antasten konnte.

Es bestand aus 18 (andere Angabe 20) umliegenden Dörfern und drei Burgen, wurde 1295 urkundlich erwähnt und unterstand seit 1376 der juristischen Schirmherrschaft der Burgmannen von Friedberg. Das „Blutgericht” kannte bei einem Schuldspruch nur die Todesstrafe. Bagatellfälle ließen sich auf örtlicher Ebene regeln. Nur wenn es dort zu keiner Einigung kam, konnte das „Freie Gericht” als Berufungsinstanz eingeschaltet werden. Die Freigerichtsstätte wurde 1871 erneuert.

Die Strafverfolgung vergangener Jahrhunderte, sei es aus politischen oder religiösen Gründen, die selbst bei kleinsten, alltäglichen Vergehen wie Diebstahl als Urteil häufig die Exekution vorsah, entzieht sich unserer heutigen, vom rechtsstaatlichen Denken geprägten Vorstellungskraft. Außer im Museum stößt man auch im Freien noch hin und wieder auf Relikte der Rechtsprechung jener „finsteren Zeit”, sei es auf den Galgen als Hinrichtungsstätte oder den Freisitz der Rechtsprechung unter alten Bäumen. Als eines der besten Beispiele dafür gilt das „Freigericht” bei Kaichen in der Wetterau.

Ende August 2001 stürzte die rund 500 Jahre alte Linde am Kaiche­ner Freigericht zu Boden. Mitten in der Nacht, ohne Fremdeinwirkung, ohne Scha­den anzurichten und ohne, daß es gleich jemand bemerkt hätte. Ein alter Baum ist gestorben. Ein mäch­tiger Riese, der zusammen mit einer weite­ren Linde, einer Eiche und einer aufwen­dig mit Stahlstreben gestützten Kastanie die jahrhundertealte Gerichtsstätte am Kaichener Ortseingang umringte. Innen schon reichlich morsch, ein Großteil der Wurzeln längst abgestorben. Die steinerne Bank‑ und Tischanlage des historischen Gerichtsplat­zes blieb ebenso verschont wie die drei et­was weniger betagten Nachbarn und der vor einem Jahr neu gepflanzte Baum. Vor allem aber wurden keine Menschen ver­letzt.

Wenn man von  Süden  nach Kaichen hineinfährt geht es rechts in den Hainmühlenweg.

 

In der Gemarkung Kaichen liegt ein römischer Brunnen. Man findet ihn, wenn man von Heldenbergen auf der alten Römerstraße nach Karben fährt. Am höchsten Punkt der Straße, wo links der Wald beginnt, geht rechts ein befestigter Feldweg nach Norden. Wenn man dann den nächsten Weg links und dann wieder den Weg nach rechts geht, kommt man zu dem Brunnen. Etwas kürzer ist der Fußweg, wenn man bis zum zweiten Weg nach links fährt und dann ein Stück zurückläuft.

Der Brunnen ist relativ tief erhalten. Auf ihm stehen zwei Säulen tuskischer Ordnung, die wohl die Fassade des Herrenhauses schmückten. Darüber ist ein kleines Dach. Eine Inschrift am Brunnenrand lautet: „Brunnen und Säulen eines 1902 aufgedeckten römischen Hauses“.

Hier lag also ein römischer Gutshof.

 Luftbildaufnahmen zeigen: Das Herrenhaus lag auf der Grünfläche daneben, im Winkel von etwas 45 Grad zum Feldweg, die Längsseiten Richtung Nordwesten. Die Wirtschaftsgebäude lagen etwas weiter oben am Weg, etwa zwei schmale Felder weiter, auch wieder im Winkel von etwa 45 Grad, aber die Längsseiten in nordöstliche Richtung. Die Aussicht von dieser Stelle ist wunderbar: Zum Spessart, zum Vogelsberg und sogar ein Stück zum Taunus.

 

Assenheim:

Geschichte:

Der Ort wurde schon 1270 zur Stadt erhoben. Assenheim ist der größte der vier als Niddatal zusammengehörigen Stadtteile, ein Ort, in dem bereits Kuno I. von Münzenberg mehrere Besitzungen erworben hatte.

Zwei Stiche von Meissner (oder: Daniel Meister) und Merian zeigen Assenheim zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Wenn auch längst nicht mehr der mächti­ge Burgturm über die Ländereien vieler kleinflächiger Herrschaftsgebiete ragt, so existieren doch im Ortskern noch genü­gend bauliche Reste, die Aufschluß über das Leben in der Zeit um 1620 geben. Damals lebten rund 400 Men­schen in den Stadtmauern: Die meisten da­von waren protestantisch, es gab aber auch etliche Bewohner jüdischen Glau­bens. Nur 112 Assenheimer waren aller­dings sogenannte „Vollbürger“.

Sie wurden von gleich drei Herrschaften regiert. Stadt­herren waren die Grafen zu Solms, die spä­teren Fürsten zu Ysenburg‑Büdingen und die Grafen von Hanau. Die wiederum be­schäf­tigten gleich zwei Bürgermeister (ei­nen älteren und einen jüngeren) sowie ei­ne Vielzahl von Bediensteten. Dazu zähl­ten ein Stadtknecht und ein Stadtschrei­ber, ein Schulmeister, je ein Pförtner an der Unter‑ und der Oberpforte, in der sich das Gefängnis auch für das Kaichener Hochgericht befand, sowie zwei Wächter, die in den Gassen patrouillierten, einen „Wechter, so uff dem hohen Thurm wacht“ und wahrscheinlich neben Kuh‑ und Schweinehirten auch noch einen Feld‑ und einen Waldschütz.

Die Bewohner gingen verschiedenen Handwerken und dem Handel nach, wa­ren überwiegend aber in der Landwirt­schaft tätig („Ackerbürger“): 196 Kühe und 214 Schweine wurden laut der Steuerliste von 1621 gehalten. Letztere wurden zur Eichelmast in die drei städtischen Wald­gebiete, den Hanauwald, die Au und den Langhardt, getrieben. Seit dem Mittelalter wurde Wein an gebaut, hauptsächlich in den Gebieten Wingert, Eicheloh und Lützelgärten. Im Jahre 1608 wurden die Weinberge von 105 Hofhaltungen bewirtschaftet. Entsprechend der großen Anbaufläche war der Konsum des Rebensaftes groß. Im Wirtschaftsjahr 1591 / 1592 verbrauchten die Assenheimer 10.834 Liter Wein.

Im Jahre 1607 ist von einem städtischen Brauhaus die Rede, das nahe dem heutigen Bürgerhaus stand und in dem ein städtischer Braumeister seine Arbeit verrichtete.

Bevor die Auswirkungen des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges mit den Truppen des kaiserlichen Feldherr Tilly auch Assenheim erreichten, war das Leben in diesem Ackerbürgerstädtchen sicher geruhsam und für die meisten Bewohner nicht ohne einen gewissen Komfort. Man besaß schließlich schon ein städtisches Badehaus ‑ „aber auch nicht frei von Not und Gefahren.“

 

Kirche:

Die evangelische Kir­che von Assenheim wurde 1782 aus Abbruchsteinen des Münzenberger Burg­turms an der Stelle einer etwas kleineren, noch von einem Friedhof umgebenen Vor­gän­ger­kirche aus dem Mittelalter erbaut und 1785 vollendet. Zusammen mit dem solmsischen Schloß, den herrschaftlichen Ökonomiehöfen und den umliegenden Bau­erngehöften prägt sie das überwiegend ba­rocke Erscheinungsbild des schon im Mit­telalter zur Stadt erhobenen Assenheim. Die Vorgängerkirche mit ihren herr­schaftlichen Begräbnisstätten war schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu klein für den damals kaum 500 Einwohner zäh­lenden Ort geworden. Trotz zunehmenden Verfalls und Einsturzgefährdung dauerte es mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sich Solmser, Ysenburger und Hanauer Grafen auf einen Abbruch und Neubau ver­ständigen konnten.

Die Kirchengemeinde entschied sich da­mals, den alten Standort beizubehalten und beauftragte den Nauheimer Baumeis­ter Johann Philipp Wörrishöfer mit der Er­richtung des neuen Gotteshauses. Auf rund 300 Quadtratmetern Grundfläche entstand eine Saalkirche mit flacher De­cke. Eine sogenannte Querkirche, auf de­ren Mittelachse sich an der östlichen Längsseite der Eingangsvorbau und auf der westlichen Längsseite der Turm befin­den.

Vom Eingang - den eine 1827 gepflanzte mächtige Linde überschattet -fährt eine doppelläufige Treppe hinauf zu der alle vier Seiten umlaufenden Empore und zur abgetrennten Fürstenloge über dem Haupteingang. Eine weitere Besonder­heit: Direkt gegenüber der Loge sind mit­tig auf der westlichen Längsseite der Al­tar, die Kanzel und der Orgelprospekt in vertikaler Staffelung angeordnet.

Farbgebung und eine gewisse barocke Verspieltheit des Innenraum lassen heu­te noch erkennen, daß die Gemeinde auf­grund feudaler Unterstützung über genü­gend finanziellen Spielraum bei der Aus­stattung des Gebäudes verfügt haben muß. Das Gestühl ist in Türkis gehalten, die einst hellen Wände sind heute weitge­hend verblaßt. Über allem wacht das in die schöne Stuckdecke eingelassene Got­tesauge.

Korrespondierend mit dem Verlauf der Empore ist eine vom übrigen Gestühl mit hölzernen Spalieren abgetrennte Kirchen­bankreihe rings um alle vier Wände ge­führt. Diese Plätze sind Traditionsfamili­en und den Mitgliedern des Kirchenvor­standes und ihren Angehörigen vorbehal­ten. In der Gemeinde hat diese Anordnung seit langem ihren Spitznamen weg: „Der Kirchenvorstand sitzt im Käskorb“, wird gespottet.

Unge­wöhnlich aufgeteilt ist der Innenraum mit umlaufenden hellen Emporen und einer Loge, in der einst die gräfliche Familie be­quem auf weiß‑goldenen Sesseln saß. Die gräfliche Loge ist längst verwaist. Und auch einer besonderen Adelsgruft, über die die Vorgängerkirche wohl noch verfügte, bedarf es nicht mehr. Als letzter Graf derer zu Solms‑ Rödelheim und Assen­heim wurde 1790 Johann Ernst Carl in dem damals frisch errichteten Gotteshaus beigesetzt. Sein Grab befindet sich unter dem Altar (Besichtigung: Schlüssel für die Kirche im Fachwerk‑Pfarrhaus schräg gegenüber).

Im Herbst 2001 wurde für 30.000 Mark die „mittlere Glocke“ repariert, ein 630 Kilo schweres und denkmalgeschütz­tes Teil, das noch für die mittelalterliche Vorgängerkirche gegossen wor­­den war. Ebenfalls wurde das Treppen­haus des Kirchturms restauriert. Zum Advent wurde die für 60.000 Mark generalüberholte ba­rocke Link‑Orgel wieder in Betrieb genom­men. Fast 100.000 Mark müssen in die Sanie­rung des 1710 erbauten Pfarrhauses in der Mühlstraße investiert werden. An dem historischen Fachwerkbau gilt es vor al­lem, Feuchtigkeitsschäden zu beseitigen. Die Gefache weisen Risse auf, Nässe ist hinter den Putz gedrungen und sprengt ihn auf.

Der größte Brocken der Bauvorhaben aber ist die 1785 erbaute Barock‑Kirche. Die mit 330.000 Mark veran­schlagte Außensanierung wurde durch das Steinmetz‑Unternehmen „Sanieren und Bauen“ aus Butzbach vorgenommen unter der Bauregie des Ober‑Mörler Archi­tektinnen‑Duos Krimmel und Hartmann.

 

Die teils noch vom Abbruch der Assenhei­mer Burg stammenden Natursteine wurden neu ausgefugt und die Sandsteinsockel und ‑Fassungen ausgebessert oder ersetzt. Anschließend begannen Voruntersuchun­gen für eine Innensanierung der unter Solmser Herrschaft erbauten Querkirche mit ihrer mittig angeordneten Kanzel und Orgel und der gegenüberliegenden Grafen­loge. Behindertengerechte Sanitäranlagen wurden im Bereich der Sakristei eingebaut. Vor der Kirche steht die Linde, die aus Anlaß der Kirchenunion 1827 gepflanzt wurde.

 

Rathaus:

Nach rechts kommt man zur Hauptstraße, auf der links das alte Fachwerk‑Rathaus von 1731 steht, dem ein putziger Glockenturm aufsitzt. Das Alte Rathaus ist ein vermutlich et­wa um 1600 im hessisch‑fränkischen Fach­werkstil errichtetes, zweigeschossiges Ge­bäude mit zwei großen, ehemals womög­lich offenen Toren, einem repräsentativen Schmuckgiebel und einem markanten höl­zernen Turmreiter auf dem bislang unge­nutzten Dachstuhl. Das Innere ist in drei Zonen aufgeteilt: In der Mitte der Eingang mit Treppen­haus, rechts und links davon die Räume. Ein Wappen der ehemaligen Stadt Assen­heim auf der östlichen Giebelseite datiert das Gebäude auf das Jahr 1744, eine älte­re Gemeinderechnung weist es jedoch schon für das Jahr 1610 nach.

Im Jahre 1822 wurde es umgestaltet und erhielt sein heutiges Aussehen. Es folgten verschiedene Um­bau‑ und gutmeinende Renovierungsaktio­nen, in denen nach Einschätzung von Öko­plan‑Bauingenieur Klaus Riederer aber manches an Originalsubstanz, etwa durch den falschen Holzanstrich, beschädigt wur­de. Ziel der Sanierung soll nun sein, das Ge­bäude wieder in seinen ursprünglichen historischen Zustand zu versetzen und dabei möglichst viel an alter Bausubstanz zu be­wahren. Ab 2004 wurde das Rathaus saniert. Aufwendi­ge Voruntersuchungen an dem denkmal­geschützten Fachwerkbau machte das Architekturbüro Ökoplan aus Karben.

Das Alte Rathaus, in dem bislang die Umweltwerkstatt Wetterau sowie der örtli­che Geschichtsverein mietfrei „wohnen“ dürfen, wird einer neuen Nutzung zugeführt. Gedacht ist unter anderem an eine Gast­stätte oder eine Verpachtung an Vereine. Mit den erwarteten Einnahmen sollen die Investitionskosten refinanziert und die Unterhaltungskosten begrenzt werden. Umweltwerkstatt, Geschichtsverein und der Verein Kultur und Kommunales (KUK) wollen dazu ein eigenes Konzept entwickeln.

Im spitzen Winkel geht es nach rechts in Richtung Schloß. Links steht aber erst noch der Fronhof.

 

Fronhof:

Der Frankfur­ter Architekt und Projektentwickler, Bau­meister Josef Link, fand im Jahr 2000 Gefallen am Assenheimer Fronhof. Mit einer Investition von rund zehn Millionen Mark soll der denkmalge­schützte Hof mit dem 3500 Quadratmeter messenden Grundstück saniert und überwie­gend zu Wohnzwecken ausgebaut werden.

Das älteste Bauwerk des einstmals gräfli­chen Wirtschaftshofes derer zu Solms‑Rö­delheim und die staufische Befestigungsmau­er an der Grundstücksgrenze zur Nidda hin datiert bis ins 12. Jahrhundert zu­rück. Der älteste Gebäudeteil (an der Straße links) stammt aus dem 18. Jahr­hundert. Nach hinten schließt sich der „Kuhstall“ an. Sechs durch neue Schallwände abgetrenn­te Reihenhäuser werden in den Fachwerkbau integriert: jeweils mit Autostell­platz und Treppenaufgang im ehemaligen Stallbereich und dem Wohntrakt mit an­gehängtem Stahl‑ Balkon sowie den Schlafräumen im Dachgeschoß darüber.

Nur noch die Umfassungsmauern sind für den hinteren Gebäudeteil (in der U­-Wölbung) verwendbar. Im neu zu errich­tenden und dem Niveau des „Kuhstalls“ anzupassenden Obergeschoß sind vier Maisonettewohnungen geplant. Darunter befinden sich neun Stellplätze. Das Obergeschoß des Neubaus wie das des angrenzenden „Pferdestalls“ auf der rechten Grundstücksseite (mit vier Maiso­nettewohnungen) ist über eine gemeinsame Außentreppe erreichbar. Der einstige Pferdestall, mit seinem Kreuzgewölbe, einer der schönsten Teile der Anlage, wird in eine Großwohnung mit Garage verwan­delt. Die historischen Sandsteinsäulen müssen ausgetauscht werden. Ein Laubengang führt von den Stell­plätzen im Parterre hinauf zu den vier Wohnungen im ersten und zweiten Stock­werk des in Richtung Straße angrenzen­den Gebäudes mit dem markanten Uhr­türmchen darauf. Eine weitere Wohnung mit Garage befindet sich im straßenseiti­gen Gebäude rechts vom Portal.

Hinter diesem Hufeisen - in Rich­tung Nidda - entstehen linker Hand im ehemaligen Schweinestall zwei Wohnun­gen auf zwei Etagen mit Carports und kleinem Garten davor. Nur zwei Außen­mauern des alten Stalls können für den Wohnbau genutzt werden. Die noch aus dem Mittelalter stammende Abschlußmauer bleibt erhalten, der Zugang zur Niddabrücke wird etwas verkleinert.

Ebenfalls in diesem hinteren Grund­stücksteil, zu dem eine Durchfahrt durch den obenerwähnten Neubau führt, ent­stehen weitere Stellflächen. Die Parkplät­ze sind damit alle in das Anwesen inte­griert. Besucher können ihre Karossen in­mitten des mit alten Steinen gepflaster­ten und begrünten Hofes abstellen. Hier nimmt auch eine Zisterne etwa 40 Kubik­meter Regenwasser auf. In die Gebäude­trakte integriert sind zwei miteinander gekoppelte Öl-Zentral­heizungen.

Die Stadt Niddatal versucht die finanzielle Unwägbarkeit des Projektes etwas abzu­federn, indem sie dem Bauherrn anbot, rund 10.000 Quadratmeter Wiesenfläche im Nidda‑ Auenbereich des verlängerten Silzweges in Bauland umzuwidmen vorausgesetzt, der Fronhofsanierer erwirbt das Privatgrundstück. Untere Naturschutzbehörde und Kreisbauaufsicht haben ihre Zustimmung signalisiert, wenn zum Fluß rund 20 Meter Abstand gehalten werden. Auf die Streifen könnte auch der Landschaftseingriff ausgeglichen werden: mit einer parkähnlichen Anlage und womöglich einer von der Dachentwässerung gespeisten kleinen Teich.

 

Schloß:

Von der mittelalterlichen Burg blieb nur ein Mauerstück mit Buckelquadern im heutigen Schloßpark. Diese „Park­burg“ ist eine Besonderheit in der weiträumigen Anlage. Sie ist im 19. Jahrhundert durch Um­bau aus der neben dem Schloß gelegenen Ruine der mittelalterlichen Burg entstanden. Das Schloß wurde um 1788 als Dreiflügelanlage gebaut. Es wurden jedoch nur der östliche Seitenflügel und zwei Achsen des Hauptflügels ausgeführt. Das Schloß gehört dem Erbgrafen zu Solms-Rödelheim-Assenheim und wird zu Wohnzwecken vermietet. Das Museum im Schloß beherbergt eine Kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung, unter anderem eine Votivhand für Jupiter Dolichenus, ein Altar für Jupiter Dolichenuis und Jupiter Olbius (Stadtgott von Olbia am Schwarzen Meer), alle aus Heddernheim.

Im spitzen Winkel zwischen Wirtgasse und Hauptstraße westlich des Schlosses steht der Kloster- und Vogteihof. Gleich neben dem Fronhof ist das Schloß in einem großen Schloßpark. Er wurde angelegt im 19. Jahrhun­dert von Heinrich Siesmeyer, der auch die Parkanlagen des Frankfurter Palmengar­tens (1872 ‑ 1874) und den Bad Nauheimer Kurpark (1855 / 1856) schuf.

 

Historische Stadtplanung:

Dieter Schä­fer, der zweite Vorsitzende der Gesellschaft für Ge­schichte, Denkmal­pflege und Land­schaftsschutz hat in Assenheim eine bewußte Planung finden wollen. Die Endpunkte der Hauptstraße zwischen der Ober‑ und der Unterpforte liegen 1000 Fuß auseinander. Der nördli­che Straßenverlauf wurde anschließend durch einen Bogen mit dem Radius von 238 Metern sehr exakt überformt. Der Ver­lauf von der Unterpforte bis zum Fronhof ist also geschwungen. In der dritten Pla­nungsstufe wurden dann noch vor dem al­ten Rathaus Abweichungen eingebaut. Auffallend viele dieser Radien in Abweichung von der geraden Flucht wei­sen genau 100 Fuß auf, das sind rund 33 Meter.

Auch die Stadtplanung folgte sehr genauen geometrischen Mustern und Maßen. Allerdings spielten die mittelalterlichen Städtebauer mit ihrer Kunst. Nach Schä­fer legten sie über das rein geometrische Grundmuster eine oder zwei Ebenen, in de­nen sich die Formen verzweigen und diffe­renzieren, so daß schließlich für das unge­übte Auge das ursprüngliche Maß kaum mehr zu erkennen ist. Zudem folgten die Stadtbaumeister unter Kuno I. von Münzenberg im zwölften Jahrhundert noch stärker als heute den Gegebenheiten der Topographie. Zum Beispiel schmiegt sich eine Straße an einen Höhenzug an, an­statt ihn zu zerschneiden.

Die Fronten der Gebäude Hauptstraße 20 bis 26 weichen deutlich vom Grundmus­ter ab. Aber auch sie ord­nen sich in einen Zirkelschlag gleicher Grö­ße ein, der von einem festen Punkt im Ras­ter von 100 Fuß ausgeht. Dort zeigt sich ge­nau: „Die Überformung einer großen Grund­struktur durch kleinteilige Zirkelungen“. Dem gleichen Muster folgt die Gestaltung den Marktflächen. Nach Schäfer legte ein Zirkelschlag von 500 Fuß von der Ober­pforte aus die Lage der Rathaus‑Nordseite fest. Alle Teilflächen des Marktes haben das Grundmaß von 100 Fuß Länge und 33 Eindrittel Fuß Breite. Von der Hauptstra­ße her schneidet eine Fläche bis in das hal­be Rathaus hinein. Die Erklärung: „Die Fläche des östlichen Untergeschosses diente ebenfalls Markt­zwecken.“

Auf die Idee, die Planungsgrundlinien Assenheims zu vermessen, hat Schäfer nach eigenem Bekunden ein Buch gebracht, das auf der Buchmesse 2001 erst­mals vorgestellt worden war: „Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung“ ha­ben die Autoren Klaus Humpert und Mar­tin Schenk die Ergebnisse ihrer akribi­schen Nachmessungen in Süddeutschland genannt.

 

Synagoge:

Die ehemalige Synagoge steht hinter dem Al­ten Rathaus in der Nieder-Wöllstädter Straße. Mitten im alten Ortskern ist die Frauenempore in der ehemaligen Synagoge „ein stilles, aber nicht stummes Zeichen für die Trennung von Männern und Frauen. Der alte jüdische Friedhof ist nahe dem Schulgelände. Schon 1567 ist es in As­senheim zu Plünderungen jüdischer Häu­ser gekommen. Und als die Juden Ende des 17. Jahrhunderts ihren eigenen Fried­hof zugeteilt bekamen, mußten sie mit ei­nem Grundstück vorlieb nehmen, in des­sen Nähe es unsäglich gestunken hat, weil dort Tierkadaver ver­scharrt wurden.

Ein Blick in die Chronik des vor 725 Jah­ren erstmals urkundlich als Stadt erwähn­ten Assen­heims macht deutlich, daß Men­schen jüdischen Glaubens schon im Mittel­alter, zur Stadtgründung 1277, in Assen­heim lebten. Zu Beginn der Neuzeit, im 16. Jahrhundert, handelten jüdische Kauf­leute in Assenheim mit Glasprodukten, Tierhäuten und Wein und waren im Kre­ditwesen tätig.

Der bis heute erhaltene jü­dische Friedhof von 1695 / 1696 wurde als  „Juden Kirch­hofplatz am Speckeberg“ angelegt. Zu Be­ginn des 19. Jahrhunderts schließen sich die jüdischen Gemeinden von Assenheim und Bruchenbrücken zusammen. Im  Jahre 1868 wird in Assenheim das heutige Synago­gen‑Gebäude errichtet und unter Mitwir­kung der Assenheimer Vereine feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde Assenheim 63 Mit­glieder. Geburtenrückgang und Abwande­rung junger Menschen in den Weimarer Krisenjahren dezimierten sie bis 1933 auf 21 Personen. Vertreibung, Verfolgung und Ermordung durch die Nazis löschen die Gemeinde vollständig aus. Am 9. Novem­ber 1938 kam es auch in Assenheim zu heftigen Ausschreitungen gegen jüdische Bürger. Die Synagoge, nach dem Krieg Spritzen­haus und erst in den Achtzigern saniert und als öffentliches Gebäude für Kulturveranstaltungen nutzbar gemacht, wird damals verwüstet. Ein Ehepaar nimmt sich das Leben. Die meisten der noch ver­bliebenen jüdischen Mitbürger werden 1942 vom Platz vor dem Alten Rathaus de­portiert. Holocaustopfer, die das KZ überle­ben, kehren nicht wieder nach Assenheim zurück. Assenheim hat damit seine jüdische Gegenwart bis heute verloren.

Zurück blieben steinerne Zeugen, die an jenes Stück gemeinsamer Ortsgeschichte, aber auch an deren gewaltsames Ende er­innern. Es handelt sich neben der ehemali­gen Synagoge um die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof, der auch von den Bru­chenbrückern genutzt wurde. Die älteste der noch erhaltenen Ruhestätten stammt aus dem Jahre 1856, die jüngste und da­mit letzte von 1938. Am Grabstein von Leo­pold Schmitz weist eine Gedenkinschrift auf den gewaltsamen Tod seiner Frau hin: Clara Schmitz, geborene Liebmann, war im KZ ermordet worden.

Wie viele jüdische Friedhöfe war auch der Assenheimer fernab des Ortes ange­legt worden. Alles Jüdische sollte ver­drängt oder unterdrückt werden. Am Speckeberg, nahe dem Ab­raum nicht verwertbaren Schotters, der aus einem bis 1900 hier betriebenen Ba­saltsteinbruchs aufgehäuft wurde, wurden die jüdischen Assenheimer begraben. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhun­derts, befand sich am Hang zur Niddabrücke hin eine Lagerstät­te für verendetes Vieh sowie ein Sinti und Roma zugewiesener Rastplatz.

Wie diese letzte Ruhestätte ursprüng­lich einmal aussah, ist heute nicht mehr zu sagen. Weder bei den Juden noch bei ih­ren christlichen Nachbarn waren im 17. und 18. Jahrhundert steinerne Grabmonu­mente üblich. Für Kinder und für ärmere Gemeindemitglieder wurden meist nur hölzerne Grabstelen verwendet. Manche Grabstellen blieben auch ohne besondere Kennzeichnung. Erst das Bürgertum des 19. Jahrhunderts machte größere Indivi­dualrechte geltend und drückte seinen Ge­staltungswillen wie auch sein wirtschaftliches Vermögen auf den Friedhöfen in Form nunmehr linear angeordneter Gräber und vielfältiger Grabmonumente aus, vom Obelisk bis zur Säule,. Die in Assenheim er­kennbare Vielfalt der Werkstoffe für Stei­ne und Stelen reicht vom traditionellen Sandstein über Marmor bis zum Zement.

Anders als in der christlichen Bestat­tungstradition verbindet sich die jüdische Hoffnung auf Auferstehung mit dem Ge­bot der Totenruhe, die nicht von Menschen­hand gestört werden darf Grabräumung oder ‑auflassung sind für die jüdische Glaubenswelt deshalb nicht akzeptabel. Eine besondere Grabstättenpflege war des­halb lange Zeit ebenfalls unüblich. Erst jüngere Gräber sind wie bei den Christen mit Beeten und Steinen eingefaßt.

 

Rundgang:

Das „Weiße Ross“ war die Wirkungsstätte der „Rie“ ‑ Wir­tin einer traditionsreichen Gaststätte. Für die Einheimischen ist sie noch heute Schmidt‑Schorschs Rie, auch wenn auf ih­m Grabstein „Roth“ steht. Der Weg führt weiter an der Nidda ent­lang bis zum Fronhof und dem Reif’schen Hof, dem ältesten Bauernhof Assenheims. Auch hier haben Frauen Spuren hinterlassen, denn ohne Dienstmägde, ohne Fremdarbeiterinnen wäre manche Ernte nicht ins Trockene gekommen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Nidda wohnten in jener Zeit Gräfinnen und Prinzessinnen, eine darunter war Amalie (1795 ‑ 1875), nach der das Schlößchen benannt wurde, das gar nicht wie ein Schloß aussieht.

 

Wickstadt / Maria Sternbach

Das Hofgut Wickstadt war ursprünglich eine Dorfsiedlung: Ritter Heinrich von Wickstadt schenkt 1231 seine Güter dem Kloster Arnsburg. Im Jahre 1803 ging der Besitz an die Grafen Solms-Rödelheim-Assenheim, die ihn heute noch bewirtschaften. Die Anlage ist ein vorzügliches Beispiel eines großen geschlossenen Klosterhofes.

Das Hofgut Wickstadt besteht aus einem stattlichen ba­rocken Herrenhaus von 1752 und alten Wirtschaftsgebäu­den. Der stattliche Barockbau mit Mansarddach und die vier gerundeten Eckpavillons des Herrenhauses ergeben einen H-förmigen Grundriß. Davor sind hufeisenförmig die Wirtschaftbauten angeordnet. Das Gut ist fast schon ein kleines Dorf. Im Norden steht ein Pfarrkirchlein und der Pforten­turm, der um 1400 erbaut wurde und einst Fruchtspei­cher und Wehrturm war (das älteste Beispiel eines Wehrspeichers in Hessen). In den Gebäuden wohnt jetzt eine alternative Kommune.

Wenn man auf der Straße an der Westseite zurückfährt, kommt man zu einem Gedenkstein an das „Weltpflügen“ 1978 (Leistungspflügen in der Wetterau). Am Ende der Mauer unmittelbar an der Nidda ist ein Gedenkstein für die Niddaregulierung.

 

Wenn man vom Hofgut wieder über die Niddabrücke fährt geht es gerade aus weiter auf einer Fahrstraße zum Wald. Am Wald steht ein Kreuz, das zur Erinnerung an 1200-Jahre-Maria-Sternbach errichtet wurde. Dort geht es links weiter, zunächst am Waldrand entlang, dann noch einmal nach links in den Wald. Auf einer kleinen Anhöhe steht die kleine Wallfahrtskir­che mitten im Wald. Zu dieser Kir­che gehörte einst das im 16. Jahrhundert unterge­gangene Dorf Sternbach. Düster ist es im Inneren des Kirchleins, durch kleine Fenster fällt spärlich Licht. Am 21. Juli.778 wurde die von schottischen Mönchen ge­gründete Kirche erstmals erwähnt. Das Langhaus stammt noch aus dem 12. Jahr­hundert, eine der ältesten Kirchen Hes­sens. Die Kirche hat einen Außenaltar und eine Außenkanzel. Daneben steht noch eine kleine Kapelle. Reste einer Ringmauer sind noch zu sehen. Unterhalb der Kirche ist ein Teich. (Besichtigung der Wallfahrtskirche Maria Sternbach nach vorheriger Anmeldung unter Telefon 06034/4506).

 

Bönstadt

Das römische Gebäude „Raubschloß“ liegt 2,5 Kilometer östlich Bönstadt im Wald, etwa 150 Meter südöstlich der Straße Bönstadt-Stammheim. Sichtbar ist nur ein flacher Schutthügel.

Das römische Gebäude „Steinernes Haus“ liegt 2,5 Kilometer nordöstlich von Bönstadt im Walddistrikt „Steinerne Wand“ am nordöstlichen Hang des Dachsbergs nördlich der Straße nach Stammheim. Aber auch hiervon gibt es nur noch geringe Spuren. Beide Gebäude waren wohl Vorwerk eines Gutshofs.

 

Friedberg

Friedberg gehört zu den wenigen Städten, deren  Gesamtbild sich ohne weiteres einprägt.  Der trutzige Bergfried im Norden und der wuchtige Wasserturm auf dem Wartberg im Süden sind beredte Marksteine einer denkwürdigen Vergan­genheit und schaffensfrohen Gegenwart. Und die altehr­würdige Liebfrauenkirche grüßt hoch über die bunten Dächern und Giebeln der Altstadt hinweg, mit feierlichem Glockenklang die goldene Wetterau, die nahen Taunuswälder und den blauen Vogelsberg.

Friedberg ist der geschichtliche, kulturelle und wirts­chaftliche Knotenpunkt der „goldenen“ Wetterau, jener zum Mainzer Tertiärbecken gehörigen, von der „Wetter“ durchflossenen Verzahnungslandschaft zwischen der Schie­fermauer des Taunus - und der Basaltkuppe des Vogelsbergs. Als Bindeglied zwischen dem Oberrheinischen Gra­ben und dem Gießener Becken beziehungsweise der Niederhessischen Senke war die sanft gewellte, nur von spärlichen Waldinseln durchsetzte, gottgesegnete Wetterau schon in vorgeschicht­licher Zeit ein wichtiges Durchgangsgebiet und wegen ihrer Fruchtbarkeit und klimatischen Vorzüge von jeher eine Locklandschaft, wie die Überreste des Limes (= Pfahlgrabens), römischer Kastelle und die Ruinen mittelalterlicher Klöster und Burgen bezeugen.

 

Geschichte:

Frühkaiserzeitliches Militärlager

Den ersten Hinweis auf eine frühkaiserzeitliche Wehranlage gab ein 1840/1842 am Nordhang des Burgberges gefundener Töpferstempel, der jedoch erst erheblich später richtig gedeutet wurde. In der Folgezeit kamen noch verschiedentlich Einzelfunde gleicher Zeitstellung fast durchweg aus dem Bereich der Burg zutage. Dort wurden 1894 im Auftrag der Reichslimeskommission Ausgrabungen durchgeführt, die in erster Linie der Erforschung des an dieser Stelle gelegenen Kastells der mittleren Kaiserzeit dienten.

Das dabei geborgene Fundmaterial der frühen Kaiserzeit bestätigte die Annahme, daß sich hier auch ein frühkaiserzeitliches Lager befunden habe. Bei Grabungen im Jahr 1936 gelang die Aufdeckung dreier Gruben dieser Zeit und einer Pfostenspur, die nach Meinung des Ausgräbers H. Roth in die Spätlatènezeit gehört. Er glaubte, zwei Perioden trennen zu können und brachte eine der Gruben mit einem Lager aus der Zeit der Feldzüge des Germanicus in Zusammenhang; zwei weitere Gruben hielt er für älter, wobei er zunächst annahm, daß es sich hier um die Hinterlassenschaft eines Militärlagers aus der Zeit der Feldzüge des Drusus (12 - 9 vCh) handele. Später sprach er sich für eine spätaugusteische Zeitstellung aus.

Im Jahre 1963 wurde bei weiteren Untersuchungen auf der Burg die frühkaiserzeitliche Kulturschicht mehrfach nachgewiesen. Einige Gruben und Pfostenlöcher, ein Gräbchen und ein Straßenstück konnten dieser Periode zugewiesen werden. Die Ausgrabung ergab, daß alle Gruben bei größeren Planierungsarbeiten gleichzeitig verfüllt worden waren und im Einfüllmaterial untereinander große Obereinstimmung aufwiesen.

Das gleiche gilt auch für zwei der Gruben der Grabung 1936. Die Funde, darunter eine frühestens 10 nCh geschlagene Münze, sprechen eindeutig für eine Datierung in den Beginn der Regierungszeit des Tiberius. Es kann als sicher angesehen werden, daß das älteste Militärlager in Friedberg im Zusammenhang mit den Feldzügen des Germanicus in den Jahren 14 - 16 nCh entstanden ist. Sehr wahrscheinlich wurde es beim Abbruch der Offensive aufgegeben und durch Brand niedergelegt. Seine Besatzung ist unbekannt; einige Funde, vor allem einige zum Pferdegeschirr gehörende Zieranhänger, sprechen dafür, daß eine berittene Truppe dort stationiert war.

Unbekannt ist auch die Größe des Lagers: Zwar bildet der nach Westen, Norden und Osten steil abfallende Burgberg eine natürliche Begrenzung, doch ist die Ausdehnung nach Süden nicht feststellbar. Ein Verteidigungsgraben, der 120 Meter südlich der Burg den Stadthügel an seiner engsten Stelle von Westen nach Osten durchschnitt, ist zeitlich bisher nicht einzuordnen.

Die Kaiserstraße war schon in römi­schen Zeiten die Hauptachse Friedbergs. Seit dem Jahr 15 nach Christus entstand an der Stelle der späteren Burg das „castellum in monte Tauno“ mit Lagerdorf. Südlich der Burg lebten bis in die Höhe der Haagstraße etwa tausend Handwer­ker und Händler. Es gab einen Mithras‑Tempel an der Stel­le des heutigen Parkdecks Alte Bahnhof­straße, ein Forum an der Stelle des Biblio­thekszentrums und einen 2001 aufgedeck­ten Friedhof an der Ockstädter Straße.

Die öfters vertretene Hypothese, Friedberg sei mit dem bei Tacitus  (Ann. 1, 56) erwähnten „castellum in monte Tauno“ identisch, das sowohl bei den Feldzügen des Drusus wie denen des Germanicus als Stützpunkt diente, läßt sich aus den antiken Quellen nicht beweisen und mit dem archäologischen Befund nicht in Einklang bringen. Das Lager auf der Friedberger Burg wurde an dem von Mainz ausgehenden Vormarschweg nach Norden in dem gleichen Etappenraum errichtet, zu dem auch die benachbarten älteren Lager von Rödgen und Bad Nauheim gehören.        

 

Limeskastell, Bad und Vicus

Seit dem Ende der Germanenfeldzüge 16 nCh war Friedberg jahrzehntelang ohne römische Besatzung. Erst zur Zeit Kaiser Vespasians (69 - 79) ist der Burgberg wieder von einer römischen Truppe besetzt worden. Damals wie heute war Friedberg Mittelpunkt der Wetterau und daher ein geeigneter Platz, von dem aus der umliegende Raum unter Kontrolle gehalten werden konnte. Bis zum Chattenkrieg Kaiser Domitians (83 - 85) blieb das Friedberger Lager auf dem Burgberg der nördlichste Vorposten Roms in der Wetterau. Bis um 89 nCh bildeten die 1. und 4. Aquitanerkohorte die Besatzung des Kastells. Jede der beiden Einheiten war 500 Mann stark und teilweise beritten (equitata), so daß für Patrouillen und Streifzüge über die weiten, offenen Flächen der Wetterau eine beachtliche Anzahl von Reitern zur Verfügung stand, insgesamt rund 240 Mann.

Als nach dem Chattenkrieg der Ausbau des Limes begann, geriet das Kastell Friedberg weit hinter die Grenzlinie. Im Gegensatz zu den übrigen älteren Kastellen wie Okarben oder Heddernheim blieb es jedoch bis zum Ende der Römerzeit um 260 nCh mit Militär besetzt. Als Besatzung ist seit etwa 89 die Cohors 1 Flavia Damascenorum milliaria equitata sagittario­rum bezeugt, eine 1.000 Mann starke, teilweise berittene Truppe aus damaszenischen Bogenschützen. Diese Spezialeinheit von ungewöhnlicher Stärke besaß die gleiche Anzahl von Mannschaften wie die beiden Einheiten, die vorher die Besatzung gebildet hatten. Die neue Truppe benötigte daher genausoviel Platz wie die zwei Vorgängereinheiten zusammen, so daß eine Veränderung der Kastellgröße nicht notwendig war.

Leider sind die Reste des römischen Kastells durch den Bau der mittelalterlichen Burg zum größten Teil beseitigt worden. Doch dürfte die Kastellmauer ungefähr dort gelegen haben, wo später die Wehrmauer der Burg entstanden ist. Das Kastell hätte dann vier Hektar Fläche besessen, was für eine 1.000 Mann starke, teilweise berittene Kohorte passend erscheint. Als einziges Bauwerk des Kastells kennt man ein kleines, römisches Bad, das im Kellergeschoß des Gymnasiums in der Burg konserviert worden ist und besichtigt werden kann. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Teil des Kommandantenhauses (praetorium).

In Friedberg liefen Römerstraßen von allen wichtigen Kastellen der nördlichen Wetterau zusammen und mündeten hier in die Straße ein, die über die Römerstadt Nida zur Provinzhauptstadt Mainz führte. Die Friedberger Kohorte konnte daher rasch als Reserve an viele Punkte des Limes geworfen werden, falls das nötig war. Außerdem deckte sie den wichtigen Friedberger Straßenknoten und sperrte so den Zugang von der nördlichen Wetterau zur Provinzhauptstadt.

Vor dem Kastell bildete sich im Gebiet der heutigen Altstadt von Friedberg ein ausgedehnter Vicus an der schon erwähnten Römerstraße, die in südlicher Richtung nach Nida führte. Die heutige Kaiserstraße deckt sich ungefähr mit der ehemaligen Hauptstraße des Vicus.

Der römische Vicus verhielt sich daher ungefähr so zu dem Limeskastell, wie die mittelalterliche Stadt zur Burg. Zwar hat sich der Friedberger Vicus nicht so stark entwickelt wie die Civitashauptorte  Nida und Aquae Mattiacorum. Seine günstige Lage und die hier zusammenlaufenden Straßen haben aber einen Kastellvicus von überdurchschnittlicher Größe entstehen lassen. Aus ihm sind Spuren gewerblicher Tätigkeit bekannt, vor allem mehrere Töpfereien. Neben Nida war Friedberg ein Produktionsort der bemalten „Wetterauer Ware“. Auch das Militär hat Gewerbeanlagen betrieben; mehrere der verschiedenen Kastellbesatzungen haben Ziegel gebrannt.

Wie üblich, gab es in dem Vicus auch Heiligtümer. Eine Weihung für Mars und Victoria stammt von einem Soemus Severus aus Syrien, einem Verwaltungsunteroffizier der Damaszenerkohorte (CIL XIII 7395). Sie gehört noch in die Zeit um 100 nCh. In einer späteren Epoche sind Mithrasheiligtümer entstanden, von denen eines in der Großen Klostergasse entdeckt worden ist. Hier hat ein beneficiarius consularis zwei Altäre gestiftet (CIL XIII 7399.7400). Daraus geht hervor, daß sich auch an dem wichtigen Friedberger Straßenknoten – wie an solchen Stellen üblich – ein Benefiziarierposten befand. An einer Straßenkreuzung ist ein Weihestein der keltischen deae Quadruviae aufgestellt worden, der „Vierwegegöttinnen“ (CIL XIII 7398).

Ein weiterer Hinweis auf die Verkehrsbedeutung Friedbergs ist der Fund eines Meilensteins, der im Jahre 249 gesetzt worden ist. Er ist der nördlichste römische Meilenstein, den man in der Wetterau kennt; zugleich stellt er die späteste römische Inschrift aus diesem Raum dar. Aus dieser Inschrift geht hervor, daß der Meilenstein von der civitas Taunensium gesetzt wurde, und daß die Entfernung von Nida 10 Leugen (22 km) betrug (CIL XIII 9123). Die civitas Taunensium umfaßte demnach auch die Gegend um Friedberg, wohl einschließlich des Kastellvicus.  

 

Gutshof  und Tempel südlich von Friedberg

Römischer Gutshof Pfingstweide:

Der Gutshof liegt in der Flur „Auf der Pfingstweide“ am südlichen Ortsrand, etwa 500 Meter östlich der B 3. Der Fundplatz, bekannt seit dem 19. Jahrhundert, wurde 1980 / 1981 im Zuge der Überbauung durch ein Industriegebiet untersucht. Sichtbare Reste sind nicht erhalten. Die Umfassungsmauer schloß ein annähernd rechteckiges Areal von etwa 180 mal 190 Meter ein, das am Nord-Hang des Straßbachtales liegt. Der Bachlauf selbst sowie eine Quelle liegen etwa Meter vor der nördlichen Umfassungsmauer. Die Bauwerke waren meist bis auf das Fundament abgetragen.

 

Gallo-römischer Tempel:

An der Stelle der Straßenmeisterei im Süden der Stadt lag ein gallo-römischer Tempel. Der innere Bereich (die cella) war ein rechteckiges turmartiges Bauwerk. Es enthielt die Kultstatue der Gottheit, die hier verehrt wurde. Die Cella wurde von einem achteckigen Umgang umsäumt, der ein niedrigeres Dach besaß als die Cella. Das ist ungewöhnlich, denn so einen Umgang gibt es nicht bei den klassischen Tempeln Griechenlands und Italiens.

 

 

Römisches Marschlager am „Steinernen Kreuz“:                                

Im Jahr 2016 wurde eine Grabung im Neubaugebiet Steinernes Kreuz am westlichen Stadtrand vorgenommen. Archäologen hatten vor der Erschließung des Baugebiets den Grundriß eines römischen Marschlagers entdeckt. Dabei handelt es sich um ein vorübergehendes Lager, das die römischen Truppen anlegten, um gegen Überraschungsangriffe geschützt zu sein. Dabei wurden rundum Gräben gezogen, die eine Schutzzone markierten, in der die Soldaten ihre Zelte aufbauten.

Man stieß auf den bemerkenswert gut erhaltenen Teil eines für solche Lager charakteristischen Spitzgrabens. Dabei handelt es sich um zwei bis drei Meter breite Vertiefungen, die    v-förmig anderthalb bis zwei Meter ins Erdreich gegraben wurden. Zudem legten die Archäologen auf dem weitläufigen Terrain Reste von fast drei Dutzend in den Boden eingelassenen Backöfen frei. Sie wurden zumeist von unteren Rängen der Soldaten angelegt, die sich um ihr Essen selbst kümmern mußten.

Für die Entstehung  kommt  in Frage die Zeit der Germanenfeldzüge unter Augustus, aber auch die weiteren Kriege gegen germanische Stämme unter den Flaviern bis zur endgültigen Besetzung der Wetterau, die gegen Ende des ersten Jahrhunderts vollzogen war. Über die ersten Ergebnisse der Grabungen zum römischen Marschlager von Friedberg findet sich ein Beitrag im Jahrbuch Hessenarchäologie 2014 (FNP   15.04.2016).

 

Mittelalter  bis  Heute

Zwei Jahreszahlen werden in der Geschichte Friedbergs am häufigsten genannt: 1216 und 1219. Die eine steht für die Erstnennung der Burg, die andere für die der Stadt. Eine eher zufällige Festlegung, wenn man davon ausgeht, daß Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Burg zwischen 1170 und 1190 auf dem markanten Höhenrücken zwischen Vogelsberg und Tau­nus in der fruchtbaren Wetterau anlegen ließ, ebenso die Stadt „Wridburg“ davor an der großen Nord-Süd-Handelsstraße. Wenn auch zahlreiche römische Ausgrabungs­funde gemacht wurden, ist es die schriftliche Urkunde aus der Staufer­zeit, die zählt. Damit begann zugleich der glanzvolle Aufstieg von Burg und Freier Reichs- und Messestadt Friedberg.

Dank der günstigen Schutz- und Verkehrslage stand die Freie Reichsstadt Friedberg bald wehrhaft und stolz da, wurde 1265 Mitglied des Wet­terauer Städtebundes und erfreute sich weltbekannter Messen. Es ist in der Goldenen Bulle von 1356 ausdrücklich genannt und sah außer 14 deutschen Kaisern und Königen zahllose Fürstlichkeiten, Geisteshelden und berühmte Heerführer in ihren Mauern.

Obwohl nur durch einen Graben getrennt, bildeten Burg und Stadt, beide reichsunmittelbar, zwei völlig autonome Gemeinwesen, ein­malig in der Rechtsgeschichte des Alten Reiches. In der Pra­xis: Kleinkrieg um Geld und Privilegien der beiden sich mißtrauisch beäugenden Nachbarn über Jahrhunderte.

Der ewige Hader mit der mißgünstigen Burg, die Verpfändung durch König Karl IV. 1349, große Brände in den Jahren 1383 und 1447, der Zusammenbruch des Städtebundes 1389, die Aufsaugung der Friedberger Messen durch Frankfurt Ende des 14. Jahrhunderts, endlose Fehden, schwere Seuchen und Kriegswirren  brachten die Stadt schließlich zu Fall. Es gab Plünderungen und Drangsale durch Frankreich 1673, 1757, 1792 und 1796.

Im Jahre 1802 ging die Freie Reichsstadt, im Jahre 1806 die Burg in Hessen-Darmstadt auf. Burg und Stadt Friedberg verschmolzen freilich erst 1834 zu einer in sich geschlossenen politischen Gemeinde. Der Bau neuzeitlicher Straßen in der Provinz Oberhessen seit den 1820er Jahren und die Eröffnung der Main-Weser-Bahn 1850 wiesen Friedberg vollends zu neuer Kraftentfaltung.

Friedberg hat nie gefeiert, daß es Teil von Hessen wurde. Im Jahre 1802 wurde die Stadt Hessen­-Darmstadt zugeschlagen, die Burg folgte 1806. Die Bürger hatten auch keinen Grund zum Feiern. Friedberg war damit keine freie Reichsstadt mehr, sondern wur­de zur schlichten Landgemeinde. Erst 1901 bekam Friedberg wieder Stadtrech­te. Und „die Hessen gingen gut ran“, be­richtet der studierte Historiker Michael Keller, heute Stadtrat. Sie ließen an man­chen Stellen Friedbergs keinen Stein mehr auf dem anderen. Zwischen Burg und den Dicken Turm etwa, die bis dahin verbunden waren, schlugen sie eine Schneise. Sie hatten sogar vor, die gesam­te Burg zu schleifen, sagt Keller. Von diesen Plänen ließen sie glücklicherweise wie­der ab. Der späteren Wetterauer Kreisstadt blieb eine der ausgedehntesten Burganlagen Deutschlands erhalten.

 

Alte Stadtansicht:

Die einzige West‑Ansicht Friedbergs im 16. Jahrhundert aquarellier­te anno 1553 der Lucas‑Cranach‑Schüler Hans Döring. Das genau 450 Jahre alte Bild ruht heute im Tresor des Wetterau­-Museums. Der Maler Döring hat allerdings viel weggelassen. So­wohl die Häuser der Reichsstadt Fried­berg hinter der Stadtmauer, als auch die komplette Vorstadt zum Garten. Sie er­scheint links unten nur als leerer Fleck zwischen einem Wäldchen und dem Burg­garten ‑ wo heute die Gießener Straße ver­läuft. Die Vorstadt zum Garten bestand aus einer Gasse mit zwei Häuserreihen, die schon 1388 ein eigenes Stadtrecht be­saß. In diesem wohl schon zu römischen Zeiten besiedelten Quartier lebten die Dienstleute der Reichsburg Friedberg.

Die Seemühle rechts unterhalb des Di­cken Turms im Zentrum besteht noch heu­te. Die tief gelegene Häuserzeile am See­bach gehörte der Burg und diente als Pumpwerk. Von dort gelangte das See­bach‑Wasser in eine Zisterne am Burgtor in Richtung Kaiserstraße. Das Wasser ver­sorgte die Burgbewohner und den St. Ge­orgsbrunnen, der heute noch vor dem Schloß im Burggelände steht.

Der heute nicht mehr vorhandene Kirch­turm in der Mitte der Burg war die St. Ge­orgskirche. Sie wurde im 18. Jahrhundert baufällig und abgebrochen. Auf der Stra­ßenseite gegenüber entstand aus ihren Bruchsteinen die jetzige, viel niedrigere Burgkirche. Spätestens 1816 wurden die Renaissance‑Baumquadrate rechts unten auf der Seewiese abgeholzt. Das Areal diente dann bis 1871 als Exerzierplatz. Es gehörte dem Darmstäd­ter Großherzog, bis es 1891 die Stadt Fried­berg kaufte.

Ungefähr an dem Standort, wo Hans Dö­ring 1553 dieses Aquarell malte, begann damals der Bau der Georgskapelle vor dem jetzigen Altenheim St. Bardo. Der Herr von Franckenstein, Besitzer von Ock­stadt, ließ die Kapelle für die Katholiken Friedbergs bauen. Sie hatten kein eigenes Gotteshaus mehr, seitdem die Reichsstadt 1541 lutherisch geworden war.

Am Süd‑Ende der Seewiese (Außerhalb d es Bildes) steht heute das prächtige Haus einer Stu­dentenverbindung an der Neutorgasse und der ehemaligen Stadtmauer. Es war die Direktoren‑Villa der später vereinten Brauereien Steinhäuser und Windecker, deren hohe Schornsteine bis in die sechzi­ger Jahre des 20. Jahrhunderts das Fried­berger Stadtbild von Westen her prägten. Und dort, wo heute die Dieffenbach‑Schu­le steht, lag ein großer Teich. Im Winter schnitt man dort große Eisblöcke und schaffte sie in die mehrstöckigen Keller der Brauerei. Bis in den Sommer kühlte das Eis das Friedberger Bier.

 

Rundgang:

 

Viadukt:

Nach Friedberg kommt man über die Frankfurter Straße (Frankfurt II, Seite77, mit Stadtplan). Am Eingang der Stadt sieht man als erstes den Viadukt. Am 5. April 1845 wurde ein Staatsvertrag zwischen dem Großherzogtum Hessen, dem Kurfürstentum Hessen-Kassel und der Stadt Frankfurt zum Bau der Bahnstrecke zwischen Frankfurt und Kassel geschlossen. Die aufwendigste Bauaufgabe war dabei die Überbrückung des Flüßchens Usa unmittelbar unterhalb der Burg des zum Großherzogtum Hessen gehörenden Friedberg über eine Länge von nahezu 300 Metern und in einer Höhe von 16 Metern. Getragen wird die Bahntrasse von 24 Pfeilern, die mit Halbkreisbögen im Stile eines römischen Viadukts verbunden sind. Jeweils vier polygonale Turmbauten beiderseits gliedern die Pfeiler-/Bogenreihung. Erkennbar wird mit den Turmbauten, ganz in romantisierendem Sinne, auch Bezug genommen zur mittelalterlichen Architektur von Burg und Stadtkirche.

Aber wer hat dieses Bauwerk entworfen? Vor Ort tätig war als leitender Bahningenieur der aus Mainz stammende Peter Hochgesand. Er hatte 1842 in Darmstadt seine Studien im Baufach erfolgreich absolviert, aber das Fehlen jeder Erfahrung bei einem bautechnisch so schwierigen und anspruchsvollen Vorhaben wie  einer Eisenbahnbrücke, läßt doch Zweifel an seiner Autorschaft aufkommen.

Nicht belegbar ist bisher, ob mit dem Rosentalviadukt nicht einer der ganz bedeutenden Bau -

meister jener Zeit in Verbindung gebracht werden kann – Georg Moller. Er war zu dieser Zeit leitender großherzoglicher Baurat in Darmstadt und es ist kaum vorstellbar, daß in seinem Zuständigkeitsbereich eine technische und ästhetische Aufgabe dieser Dimension ohne sein Mitwirken errichtet werden konnte – zumal Moller bereits durch den Bau des Eisenbahn­viadukts über das Goehltal bei Aachen, einem in seiner Zeit gerühmtem Brückenbauwerk, über Erfahrung verfügte.

Die Genehmigung für die Entwürfe durch die Großherzogliche Hessische Direktion der

Main-Weser-Bahn in Gießen erfolgte am 20. September 1847. Der Baubeginn fällt also in die Phase schwerer politischer Auseinandersetzungen im Lande. So wurde die Fertigstellung

und die Freigabe für den Bahnverkehr am 1. Dezember 1850 auch als ein Symbol verstanden: „Gleichsam als versöhnenden Abschluß der aufregenden Epoche hat der Chronist die Beendigung des größten Kulturwerks des damaligen Hessenlands zu berichten: Der Main-Weser-Bahn. Wie ein Regenbogen schwingt sich über unsere Heimat die gewaltige Bogenreihe

des Rosenthalviadukts, ...“ (Waas‘sche Chronik). Das 1847 bis 1850 errichtete monumentale Bauwerk heißt im Volksmund wegen der Zahl seiner Bögen „24 Hallen“. Es gehört ne­ben Adolfsturm und Stadtkirche zu den Wahrzeichen der Kreisstadt.

 

Der Rosentalviadukt hat seine Funktion auch unter den erheblich größeren Belastungen des modernen Personen- und Güterverkehrs bis 1982 erfüllt. Diese wäre auch weiterhin problemlos möglich gewesen, aber die Forderung nach höherer Fahrgeschwindigkeit führte zum Bau

einer unmittelbar daneben liegenden Brücke mit günstigerem Kurvenradius.

Seit dieser Zeit ist der Rosentalviadukt funktionslos und immer wieder Anlaß für mehr oder weniger realistische Nutzungskonzepte geworden. Den Friedbergern gilt er als ein unverzichtbares Wahrzeichen und das Land Hessen hat ihn „aus kulturgeschichtlichen, künst­lerischen, technischen und ortsbildprägenden Gründen“ als schützenswertes Kulturdenkmal

gewürdigt. Vielleicht liegt darin die Chance, seine Verschandelung oder gar seine Beseitigung zu verhindern (Peter Schubert).

Die Bahn wollte die Brücke nach der Stillegung 1982 abreißen ‑ und erntete heftige Protes­te. Nachdem 1982 durch eine Bürgerinitiative der Abriß verhindert werden konnte, ist die Brücke dann Gegenstand von Auseinandersetzungen wegen einer Solaranlage, die private Investoren auf ihr errichten wollen.

Lange waren seither die Besitzverhält­nisse unklar. Dann wurden die Brüder Steffens als Eigentümer ins Grundbuch eingetra­gen. Und schon gab es Ärger: Der Raiffei­senmarkt mußte das Areal unter der Brü­cke räumen. Auch der Firma Reifen Seher wurde der Mietvertrag gekündigt. Die Mietforderungen waren utopisch: Für das 550 Quadratmeter große Areal unter den Brückenbögen haben die Brüder Steffens 1.000 Euro im Monat verlangt.

Das liege weit über den ortsüblichen Mieten. Zim­mer berichtet von „heftigen Gesprächen“ mit den Eignern. Weil es zu keiner Eini­gung kam, mußte Raiffeisen das Areal kurzfristig räumen. Dazu hat Wolfgang Steffens das Handelsunternehmen wegen illegaler Inbesitznahme des Geländes und wegen Beschädigung eines Zaunes ange­zeigt. Zimmer hinge­gen beruft sich auf eine mündliche Verein­barung mit der Bahn, weil die Besitzver­hältnisse an der Brücke nicht klar gewe­sen seien.

Es hat nie einen Zweifel daran gegeben, daß die Bahn der Eigentümer ist. Die Brüder hatten die denkmalgeschützte Brücke 1993 für 10.000 Mark von der Bahn erworben ‑ al­lerdings mit einem Rücktrittsrecht bis En­de 1999. Danach war offenbar auch der Bahn AG nicht so recht klar, wer nun der Eigentümer ist. Mitte vergangenen Jahres stand noch kein neuer Eigentümer im Grundbuch. Ein Bahn‑Sprecher führte das damals auf wohl laufende notarielle Vereinbarungen zurück. Der Verkauf der Brücke ist inzwischen rechtskräftig gewor­den, weil die neuen Besitzer nicht von ih­rem Rücktrittsrecht Gebrauch gemacht haben

 

Galgen:

Von dem drei­schläfrigen Galgen weiß man noch nicht viel mehr als daß er dort gestanden hat, wo heute die Zufahrt zum Industriegebiet Süd von der B 3 her. Dreischläfrig wurde die Tötungsmaschine ge­nannt, weil dort drei Menschen zugleich dran „schlafen“ konnten - den ewigen „Schlaf“.

 

Bergkaserne:

Auf der Anhöhe am südlichen Ortsrand von Friedberg thronte noch bis vor weni­gen Jahren die Bergkaserne, ein früherer Gutshof, der zeitweise Kaserne war und später zur Obdachlosensiedlung wurde, die in Hoch-Zeiten bis zu 800 Menschen beherbergte. Die ganz Armen bereicherten die Stadt fußballerisch. Es waren nicht wenige aus der Bergkaserne, die beim VfB Friedberg kickten, als der 1957/1958 Süddeutscher Meister wurde, die „spitzenfußballerische Leistung, die diese Stadt gesehen hat“. Etliche Bergkasernen-Bewohner konnten besser Ki­cken als Lesen und Schreiben. Einer ihrer Stars war die Friedberger Torwart-Legen­de „Vatter Kunz“, ein ,,Tore Töter“.

 

Wartberg:

Der Wartberg diente am 10. Juli 1796 den von Jourdan geschlagenen Österrei­chern unter Wartensleben als Aufnahmestellung diente. An der Warte stand die 1802 niedergelegte, nach der adligen Familie Waise von Fauerbach benannte ,,Weiße“ oder ,,Fauerbacher“ Warte, im Jahre 1394 aus Holz und 1535 aus Stein errichtet.

Heute steht dort der 1927 nach den Plänen des Regierungsbaurates August Metzger von der Firma Heinrich Reuß (Friedberg) errichtete Wasserturm. Als das 1882 - 1883 an der 1913 gebauten Kreisstraße nach Bad-Nauheim erbaute Pumpwerk und der gleichaltrige Blendstein-Wasserturm in der Burg nicht mehr genügten, bezog die Stadt seit 1907 auch Wasser von Lauter bei Grünberg und seit 1926 von dem großen Wasserwerk Inheiden.

Im Mittelpunkt steht der gewaltige, 38 Meter hohe Hochdruckbehälter. Er dient gleichzeitig als Aussichtsturm. Ihm vorgelagert und von einer Terrasse mit seitlichen Treppenauf­gängen überdeckt, liegen die drei Erdbehälter von je zehn Meter Durchmesser. Der 45 Quadratmeter (9 mal 5 Meter) umfas­sende, von Kunstbildhauer Hugo Siegler (Friedberg) geformte Adler (= Stadtwappen) läßt das Größen­verhältnis der einzelnen Teile erraten.

Den Wartturm ziert ein gigantisches Wappen der Stadt Friedberg. Das Wap­pen mit dem doppelköpfigen Reichsadler mit Brustschild ist 45 Quadrat­meter groß und gehört damit zu den größ­ten Stadtwappen der Republik. Das monumentale Friedberg‑Wappen auf dem Wartturm hat der Friedberger Kunstbildhauer Hugo Siedler geschaf­fen. Von ihm stammen laut Steinhauer auch die beiden mächtigen Adler aus Weiberner Tuffstein, die den Gedenk­stein in der Ehrenhalle des Turmes zieren. 

Der Wartturm  ist unter den Wahrzeichen der Stadt mit sei­ner Doppelfunktion das skurrilste: Er ist Wasserturm und Gedenkstätte für die Gefallenen der Kriege zugleich. Der dop­pelte Zweck hat Symbolkraft: Das gespei­cherte Wasser könnte für das Meer der Tränen stehen, das für die Toten der Völ­kerschlächtereien vergossen wurde. Der mächtige Turm wurde von 1923 bis 1928 auf dem Wartberg errichtet. Das Erdgeschoß war von Anfang an als Eh­renhalle für die Gefallenen des 1. Welt­krieges vorgesehen. Im Jahre 1932 wurde die Halle eingeweiht. Sie ist heute nur noch einmal im Jahr, am Volkstrauertag, ge­öffnet.

Gegen seinen Turmkollegen im Norden, den filigranen Adolfsturm der Burg, wirkt der Stahlbetonbau auf dem Wartberg monumental. Die Denkmaltopographie für den Wetteraukreis sieht Ähnlichkeiten. „Der kräftige Turmschaft mit einem schlanke­ren Aufsatz verweist auch auf die so ge­nannte Butterfaßform des Adolf­sturms in der Friedberger Burg und stellt damit einen örtlichen Bezug her. Im Friedberger Stadtbild wirken der Wasserturm und der Adolfsturm zusam­men mit dem Nordturm der Stadtkirche als Landmarken von besonderer Gestal­tungskraft“, steht dort zu lesen. Architekt des Wartturmes war August Metzger, der als Regierungsbaurat des Friedberger Hochbauamtes vornehm­lich für öffentliche Bauten der Stadt Bad Nauheim verantwortlich zeichnete.

 

Kaserne:

Die Kaserne wurde 1913 – 1914 erbaut und war ursprünglich für das III. Bataillon des 5. Großherzog-Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 168 bestimmt und 1914 - 1918 Offiziersgefangenenlager. Westlich der Straße ist die Alte Bergkaserne und die Gehörlosenschule, östlich der Straße die Kaserne der Hessischen Schutzpolizei, die dann von den Amerikanern genutzt wurde. Hier leistete Elvis Presley seinen Wehrdienst ab.

 

Landwirtschaftliche Schule:

Vom Wartberg führt die Kaiserstraße in die Stadt hinein. An ihr lag früher links, gleich nach dem Wartberg, der sehenswerte Garten für Obstkunde der Lehranstalt für Obstbau und Land­wirtschaft. Heue ist davon nur eine landwirtschaftliche Schule in der Homburger Straße im früheren Landwirtschaftsamt (Homburger Straße Nr. 9) vorhanden.

An der Anlage am Mainzer  Tor (Wegweiser Bahnhof) biegt man nach rechts ab, dann aber gleich wieder links (Wegweiser Post) und parkt zum Beispiel in Höhe der Post, aber in Gegen­richtung (werktags 2 Stunden).

 

Augustinerschule:

Richtung Westen geht man in die Schützenrainstraße und kommt zur Augustinerschule. Die Anstalt wurde 1545 gegründet, und zwar stand Philipp Melanchthon, der Lehrer Germaniens, an ihrer Wiege Pate. Das heutige Gymnasium wurde 1899 - 1901 von dem Meister Franz Thyriot (Köln) im Früh-Renaissancestil erbaut.

Das Haus Alte Bahnhofstraße 15 wurde 1889 als Reichspost errichtet und steht seit 1989 unter Denkmalschutz. In diesem Haus soll die Kraftfahrzeug‑Zulassungsstelle eingerichtet werden. Die Anwohner befürchten, daß die Zulas­sungsstelle werde noch mehr Verkehr in die Altstadt lenkt.

Nach rechts geht es in die Ludwigstraße, über die Bismarckstraße bis zur Hanauer Straße, diese links entlang bis zur Haagstraße. Dort steht (rechts an der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt vorbei) der schon 1396 urkundlich erwähnte „Rote Turm“, ein Überrest des inneren Befestigungsringes der Freien Reichsstadt.

 

Klostergasse:

Nach rechts geht es in die Kleine Klostergasse. Dort steht nahe dem Parkhaus Alte Bahnhofstraße in der Kleinen Klostergasse die einstige Faktorei des Zisterzienserklos­ters Arnsburg. Das mächtige, denkmalgeschützte Gelände ist 1233 Quadratmeter groß. Das Gebäude nimmt davon 368 Qua­dratmeter ein. Als es 1737 errichtet wurde, wurden Teile eines gotischen Vorgängerbaues ein­bezogen. Schon seit 1285 hatte das Kloster Arnsburg in Friedberg eine Wirtschaftsnie­derlassung gehabt. Das heutige Gebäude wurde 1737 gebaut und diente zunächst als Rechnungshof des Klosters Arnsburg. Im Zug der Säkularisation 1803 ging es in den Besitz des Hauses Solms über.

Im Ok­tober 1811 kaufte das Großherzogtum Hes­sen die frühere Faktorei. Pläne, es als Lan­des‑Schullehrerseminar zu nutzen, gab die Verwaltung aus Platzmangel auf. Statt der Lehrer zogen am 2. November 181 Soldaten des 1. Bataillons „Groß‑ und Erb­prinz“ ein. Seither heißt das frühere Wirt­schaftsgebäude „Klosterkaserne“.

Als Anfang des 19. Jahrhunderts das Volk sich gegen die Obrigkeit erhob, wur­den in der Kaserne flugs Gefängniszellen eingerichtet. Unter den vielen Eingeker­kerten waren unter anderem der Friedber­ger Apotheker Theodor Trapp, der dort neun Monate saß. Auch der Butzbacher Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig gehörte zu den prominenten politischen Häftlin­gen. Sein Name soll in einem Dachbalken eine Mansardenzelle eingeritzt gewesen sein. Am 30. Juni 1835 wurde der Revolu­tionär ins Darmstädter Gefängnis verlegt. Nach monatelanger Folter nahm Weidig sich dort am 23. Februar 1837 das Leben.

Bis 2000 be­herbergte das Haus das Staatliche Schul­amt, das jetzt im ehemaligen Postamt in der Mainzer‑Tor‑Anlage untergebracht ist. Das Land Hessen verkaufte das historische Gebäude Ende 2002 an den Friedberger Rechtsanwalt Knud Stenzel und den Wöll­städter Geschäftsmann Helmuth Weische­del.

Stenzels Herz hängt an dem Baudenk­mal auch deshalb, weil er dem Quartier emotional verbunden ist, in dem sein Groß­vater Paul Stenzel 1896 eine Drechslerei eröffnete. Das war in der Köhlergasse. Die rund 40 Zimmer sollen als Büro­räume vermietet werden. Das Gebäude ist in gutem Zustand, aller­dings muß das Innere modernisiert wer­den. Mit seiner Grundfläche von 365 Qua­dratmetern weist das Haus auf drei Vollge­schossen und dem Dachgeschoß eine ver­mietbare Nutzfläche von 987 Quadratme­tern an. Dazu kommt das rund 1200 Qua­dratmeter, von Mauern umschlossene Grundstück mit 30 Parkplätzen.

Links steht in der Haagstraße die neugotische, katholische Marienkirche (1881 -  1882).

 

Schwimmbad:

Ein großes Sorgenkind des Denkmal­schutzes in Friedberg ist das leerstehende und verfällende Jugendstil‑Hallenbad, für das verzweifelt eine Nutzung gesucht wird. Es wurde 1909 im Neo‑Barock errich­tet und steht seit 1980 leer. Im Schwimmbad herrschte in Bädern anfangs noch Geschlechtertren­nung; das Obergeschoß war für die Frauen, das Untergeschoß für die Männer gedacht. Neben dem großen Schwimmbe­cken hat es in dem Gebäude in der Haag­straße in kleinen Nebenräumen noch Brau­se‑ und Wannenbäder gegeben. Von der Idee der „Lebensreform“ war geprägt ge­wesen die Luftterrasse im Obergeschoß, wo die Badegäste sich freizügig im „Adams­kostüm“ hätten sonnen können. Viele der Jugendstilelemente sind beim Umbau in den sechziger Jahren verschwunden: Umkleidekabinen entstanden, wo einst ein Wandgemälde des Lehrers Ludwig Roth prangte. Glasbausteine ersetzten die alten Sparren­fenster, der ursprüngliche Bodenbelag wur­de zum Teil durch graue Fliesen erneuert.

 

Wetterau-Museum:

Man geht etwas nach rechts in Richtung Stadtkirche. Hier befindet man sich schon auf dem historischen Rundgang, der die Hauptsehenswürdig­keiten aufzeigt. Am Kirchplatz liegt links das Wetterau-Museum nebst Stadtarchiv und Stadt­bibliothek (Eingang Pfarrgäßchen). Es wurde 1882 als Gewerbeschule und Zollamt errichtet und 1912 - 1913 für das Museum herge­richtet. Im sechstorigen Erdgeschoß standen früher die Fahrzeuge der Feuerwehr, während das lange erste Stockwerk dem Stadtarchiv und der Stadtbibliothek gehört. Das Museum bietet in zehn Räumen allen erreichbaren Boden­funden und beweglichen Altertümern aus Friedberg und der Wetterau gesicherte Unterkunft.

Aus der Römerzeit wurden gefunden ein Mithrasheiligtum und ein Schatz von 1.136 Silbermünzen aus dem Limeskastell Florstadt, den Soldaten rund um die Ger­maneneinfälle um 233 nCh versteck­ten. Ausgesuchte Objekte und Rekon­struktionszeichnungen, vor allem aus dem zivilen Leben im römischen Fried­berg, vermitteln Einblicke in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung. Hier kann man die „Groma“, das Gerät der römi­schen Landvermesser, ausprobieren und sich auf Wachstäfelchen in lateinischer Schrift üben.

Das Modell der Burg Friedberg und die Ansichten von Burg und Stadt von 1565 leiten über zu Alt-Friedberg und der Adelsland­schaft Wetterau. Aus der Glanzzeit im späten Mittelalter prangt das Schwert des Reichsherolds Kaspar Sturm, der Martin Luther von Worms zur   Wart­­burg bis Friedberg begleitet hat. Zu den besonderen Sammlungen des Wetterau‑  Museums zählen die Meßkelche aus der Stadtkirche, das Modell des jüdischen Ritualbades sowie die Stadtan­sichten. Öffnungszeiten des Wetterau‑Museums: Dienstag bis Freitag, 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr.

Stadtarchiv und Stadtbibliothek  (6 Räume) suchen alle handschriftlichen Aufzeichnun­gen (Urkunden, Ratsprotokolle, Gerichtsbücher, Chroniken u.v.m.) sowie Druckwerke jeder Art zu erwerben, die irgendwie über Friedberg oder Umgebung Auf­schluß geben. Der 1896 gegründete Friedberger Ge­schichts­verein hat das Museum 1901 ins Leben geru­fen.

Die älteste Gesamtan­sicht Friedbergs hat der Maler mit dem  Mono­gramm „N. S.“ im Jahr 1565 mit Pinsel und Farbe geschaffen. Die mit den Titeln „Des Heiligen Rei­ches Statt Frydbergk“ und „Burgk Fryd­bergk“ überschriebene, 1,06 mal 3,11 Meter große, so genannte „Tüch­leinmalerei“ (auf Leinwand gemalt) zeigt eine Gesamtansicht der Stadt mitsamt der näheren Umgebung. Friedberg war bis ins 14. Jahrhundert für seine Tuchproduktion und Messen bekannt. Das Panorama reicht von dem Dorf Fau­erbach bis hinüber zum Johannisberg, da­zwischen erheben sich Burganlage und Stadt. Bewußt hat der unbekannte Chro­nist die exponierte Lage von Stadt und Burg betont. In vielen Details hat er Befestigungsan­lage, Häuser und Bauwerke der Stadt ab­gebildet: Türme, Burgmauern, Tore sowie Burgkirche bis hin zu den Bauten der Stadt im 16. Jahrhundert. Einzelne Häu­ser sind zu sehen, die Stadtkirche und die des Augustiner‑Klosters. Sogar die Usa‑Vorstadt mit ihrem namengebenden Flüß­chen sind abgebildet. Der Betrachter erkennt Mühlen und Warten, Straßen und Wege, Gärten, Bäu­me und Hecken. Das drei Meter breite Ge­mälde ist eines der Glanzstücke des Wetterau‑Museums. In der Ausstellung ist es älteren Ansichten von Hans Döring gegenübergestellt.

 

Stadtkirche:

Der kunsthistorische Höhepunkt des Rundgangs durch Friedberg ist aber die frühgotische (1250 - 1410) Stadtkirche „Unserer Lieben Frau“, eine sogenannte „hessische Hallenkirche“ („das letzte und reifste Glied der von Marburg ausgehenden hessischen Gotik“). Eine Perle frühgotischer Kunst ist das Brautportal am süd­lichen Querhaus, vor 1306 entstanden, mit Maria und Johannes dem Täufer als Fürbitter beim Weltgericht. Die Madonna jedoch außen über dem Westportal stellt eine etwas grobe Nachbildung der Mailänder Madonna (um 1320) im Kölner Dom dar. Bemerkenswert sind auch die Wasserspeier am Dach.

Ab 1260 war die Kirche auf Fundamenten einer romanischen Basilika worden, die um 1210 erbaut wurde. Mitte des 13. Jahrhunderts reifte in der Gemeinde der Gedanke zu einem Neubau. Alle Teile wurden entweder kerzengerade oder in der Biegung einer Zirkelschnur gebaut. Im Jahre 1306 wurde der Chorteil eingebaut. Im 15. Jahrhundert präsentierte sich die Stadtkirche mit prächtiger Ausstattung uns insgesamt 17 reich bemalten Altären (später wieder verkauft).

Leider durften die beiden westlichen Türme 1410 auf Betreiben der Burg nicht weiter ausgebaut werden. Bis zur Kreuzblume des beschieferten Glockenturms zählt man 62 Meter über dem Erdboden. Knapp 65 Meter über dem Erdboden be­findet sich die mit acht Glocken ausgestattete Glockenstube, deren ältestes Exem­plar, die Zuckerhutglocke, aus dem Jahr 1210 und damit noch von der romanischen Kirche stammt. Im Westturm der Stadtkirche hängt die 1711 gegossene Sonntagsglocke. In der winzigen Wohn- und Schlafstube im Turm hausten bis 1882 die Turmwächter mit ihren Familien.

Innen hat die Kirche 70 Meter Länge, 24 Meter Breite und 17,80 Meter Höhe. Zwölf Pfeiler scheiden das Langhaus von den gleich hohen Seitenschiffen. Durch 21 Fenster flutet das Licht. Die unteren Teile des Quer­schiffs, der Ciborienaltar vor dem spätgotischen Lettner und sechs verschiedenartige Steinmetzzeichen (1250 -1275) an dem 1306 geweihten Chor rühren von denselben Bauleuten her, die auch am Friedberger Judenbad gearbeitet haben. Der Ciborienaltar steht auf dem Estrich einer älteren (1180) romanischen Anlage.

Die um 1280 geschaffenen Madonna am Lettner gehört zu den feinsten gotischen Skulpturen des Mittelrheins Die Lettner-Madonna auf der um einige Jahrzehnte jüngeren Konsole erinnert in Haltung und Gewandfaltung an die Mutter Gottes im Chor der Stiftskirche zu Wim­pfen im Tal. Beide stehen unter dem Einfluß der Madonna von Reims.

Als auserlesene Kunstwerke gelten die drei mittleren Chorfenster: die Teppichmuster gehören dem 14., die Figuren darüber dem 15. Jahrhundert an. Die Glasfenster sind eine weit und breit einzigartige Abfolge hochgotischer, spätgotischer, neugotischer und moderner Glasfensterkunst. Die äl­testen Fenster stammen aus dem späten Mittelalter. Sie sind als Chorfenster im Mittelschiff ein Blickfang. Uralte Akten verraten, daß sie im Jahrzehnt nach 1472 unter der Leitung des Malers Henritz Heyl in der Glaswerkstatt von Konrad Ru­le in Friedberg entstanden sind. Sie wer­den der mittelrheinischen Spätgotik zuge­ordnet, gelten sogar als hervorragendes Beispiel dieser Kunstgattung.

Die anderen verzierten Fenster sind weit jüngeren Datums. Stiftungen Fried­berger Bürger und die letzte russische Za­rin ermöglichten zwischen 1900 und 1902 die Ausschmückung der meisten Quer- ­und Langhausfenster. Die farbenprächtigen Szenen aus dem Neuen Testament hat Alexander Linnemann aus Frankfurt am Main geschaffen, ein damals sehr angese­hener Künstler. Sein Sohn Otto fügte 1918 ein schlichteres Farbfenster hinzu. Im Zweiten Weltkrieg gingen zwei der Linnemann‑Fenster zu Bruch. In den sechziger Jah­ren beseitigte Charles Crodel die Schäden und fügte im Orgelneubau ein Fenster hin­zu.

Drei Fenster mit der hellen Bleivergla­sung aus dem frühen 19. Jahrhundert waren übriggeblieben. Die wurden als Fremdkörper empfunden und in den achtziger und neunziger Jahren durch Buntverglasungen der aktuellen Künstler Hans G. Stockhau­sen, Blasius Spreng und Helmut Lander ersetzt.                      

Das 14 Meter hohe Sakramentshäuschen von 1484 des Meisters Hans von Düren, aus zartem Eifel-Tuff erschaffen, ist überhaupt das schönste seiner Art im Bereiche des Mittelrheins.

Tief ins Mauerwerk eingelassen und mit dicken, schweren Holztüren verschlossen sind die kleinen Tresore, in denen die Stadtväter einst ihre Reichtümer und Ur­kunden vor fremden Zugriff versteckten.

Eine der zehn Gebotstafeln, die in Friedberg am Chorgestühl ange­bracht sind, zeigt einen  Bauer, der gerade ei­nen Weinstock einsetzt, ein anderer schwingt lustvoll eine Hacke ‑ und das am heiligen Sabbath. Somit haben die zwei Gesellen gegen das dritte Gebot aus dem Buch Mo­se verstoßen. Doch die göttliche Strafe für die lästerlichen Landwirte steht fest: „Wis­se daß vergelen dyr stechmucken dein boßheyt“, warnen gotische Buchstaben. Die Drohung wird durch die Darstellung eines ganzen Schwarms der Plagegeister unterstrichen.

Die Gebotstafeln werden mit der Zeit komplett restauriert. Die Arbeiten an dreien dieser Tafeln wurden gerade in einer Würzburger Werkstatt abgeschlossen. Ins­besondere wurden die Malereien ergänzt, die Beschriftung wurde vom Friedberger Maler Ulrich Grochowski rekonstruiert. Man vermutet, daß der Bilderzy­klus aus der Zeit kurz nach 1400 stammt. Damals war die Stadtkirche gerade zu En­de gebaut worden. Auf den Bildern wer­den die Gebote und die biblischen Plagen in Ägypten in Beziehung zueinander ge­setzt: Wird ein Gebot nicht befolgt, dann drohen wahlweise neben den Stechmü­cken auch Heuschrecken‑ oder Froschpla­gen. Lästert jemand Gott, dann fließt Blut durch die Bäche.

Für unsere Vorstellun­gen vergleichsweise moderat werden Mörder bestraft: Ihr gesamtes Vieh wird dahin siechen und sterben ‑ Ausdruck der mittel­alterlichen landwirtschaftlichen Gesell­schaft, bei denen Vieh und gute Ernten überlebenswichtig waren. Allen Darstel­lungen gemeinsam ist Moses, der die Ge­setzestafeln vom Berg Sinai festhält und mit dem Finger auf die entsprechenden Stellen verweist. Die Tafeln - zu denen es Parallelen in Dinkelsbühl gibt - spiegeln die ländliche Vorstellungswelt des 15. Jahrhunderts wider. Der Stil ist farbig und naiv gehalten. Recht humorvoll wirkt die Darstellung eines Diebes, der Halbso­cken trägt, um auf „leisen Sohlen“ einem schlafenden Händler Schmuckstücke aus seiner Schatztruhe zu entwenden.

Die Tafeln sind nicht auf lateinisch, son­dern bereits in Deutsch beschriftet. Dazu wird  vermutet: Das könnte ein Bibel­text sein, den vor Martin Luther irgend jemand übersetzt hat. Wer, das weiß man  nicht. Teilweise hat sich die Schrift nicht mehr erhalten, weil die aufs Holz aufgetra­gene Farbschicht langsam abblätterte. Da sie im 19. Jahrhundert von Experten als von geringerer Qualität eingeschätzt wurden, verblieben sie im Gegensatz zu anderen Kostbarkeiten wie dem „Friedber­ger Altar“ ‑ heute in Darmstadt ‑ in der Stadtkirche. Das Holz der Tafeln hat sich über sechs Jahrhunderte gut erhalten‑, da­gegen mußten die Maler vom Bestand auf den Bildern selbst Vieles ergänzen. Für rund drei Millionen Mark mußte das Gotteshaus in den Jahren 1996 bis 2001 erneut aufpoliert werden. Sie ist von 15 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr.

 

Augustinerkloster:

An der Nordseite der Kirche geht man weiter durch die teilweise fachwerkgesäumte Augustinergasse. Rechts in Hausnummer 8 war das ehemalige Augustinerkloster, in dem das Poly­technikum untergebracht war und in dem heute das Bibliothekszentrum ist. Die Straße führt zu einem kleinen Platz mit einem Brunnen und dem Gasthaus „Goldener Engel“ (Usagasse Nummer 9).

 

Judengasse:

Nach Norden geht es weiter in die Judengasse. Das rechte Eckhaus heißt „Zum roden Juden“ (1386 - 1966). Nummer 20 auf der rechten Seite ist das „Judenbad“. Wie ein Turm in die Erde getrieben, gilt dieses mittelalterliche Bauwerk - das viertälteste Judenbad Deutschlands - als ar­chitek­to­nische Meisterleistung. Es eine der wenigen und bedeutendsten Monumental­mikwen Europas.

Im Jahre 1260 beginnt der Bau der Mikwe. Die Treppen werden von Rundsäulen getragen, die in ihrer Verzierung fast gleich sind denen am Ciborienaltar (1250 - 1275) der Liebfrauenkirche Die „Mikwe“ wurde also von denselben Baumeistern erbaut und später renoviert wie die Friedberger Stadtkirche. So ist das historische Denkmal nicht nur wichtiges Zeugnis jüdischen Kulturlebens, sondern auch im Hinblick auf das Miteinander von Christen und Juden in Friedberg bemerkenswert. Als Geldgeber für das Bauprojekt gilt Isaac Coblenz wegen einer hebräischen Inschrift mit seinem Namen im Sockel der Mikwe.

Im Jahre 1350 wird die Mikwe erstmalig durch Ulrich III. von Hanau urkundlich erwähnt.

Im 19. Jahrhundert wird die Mikwe jahrzehntelang nicht mehr als Ritualbad benutzt und zweckentfremdet. Im Jahre 1820 ließ die hessische Regierung das Judenbad wegen gesundheitlicher Gefahr schließen. Im Jahre 1875 wird die Mikwe reaktiviert. Baumeister Hubert Kratz hat das Judenbad 1902 / 1903 erneuert. Wie durch ein Wunder hat dieses frühgotische Bauwerk - anders als die Synagoge - die Nazibarbarei unbeschadet überstanden. Im Jahre 1939 erfolgt die Zwangsabtretung der Mikwe an die Stadt Friedberg. Heute ist die Mikwe im Besitz der Stadt Friedberg und für Besichtigungen geöffnet.

Der Zugang erfolgt über den Innenhof eines Wohngebäudes von 1903. Von diesem Hof blickt man durch eine Glaskuppel hinunter in den Schacht der Mikwe.  Fünf Treppen zu je 11 Stufen führen in einem  5,50 Meter breiten Schacht  23,5 Meter tief hinab zum „lebendigen“ Grundwasser-Spiegel von +7 Grad Wärme. Unten ist eine kleine Tür. Die Stufen führen aber noch weiter in das Wasser hinein, je nach dem Grundwasserstand. Geöffnet von 9 bis 12 Uhr, Eintritt 1,50 €.

Die Mikwe war nicht etwa Reinigungsbad für den äußeren Men­schen, sondern rituelles Tauchbad, vor allem für Frauen. Nach dem jü­dischen Religionsgesetz diente sie Män­nern und Frauen als rituelles Tauchbad­. Vor Hochzeiten, nach einer Geburt oder nach rituellen Schächtungen (Opfer­schlachtungen) wurde unter gläubigen Ju­den eine Reinigung des ganzen Körpers verlangt. Das verwendete Wasser mußte frisches, „jungfräuliches“ Wasser aus ei­ner Quelle sein. Die Friedberger Juden nutzten daher das Grundwasser vor Ort und errichteten ihre Mikwe inmitten der Altstadt.

 

Bedeutung und Funktion: Das Friedberger Judenbad ist nicht nur die größte unter den erhaltenen mittelalterlichen Mikwen in Deutschland, es darf auch aufgrund seiner architektonischen Gestalt einen herausragenden Rang beanspruchen.  Da fließendes Wasser im jüdischen Ghetto der Friedberger Altstadt nicht verfügbar war, mußte der Grundwasserspiegel erreicht werden, um zu dem für die Ritualbäder notwendigen natürlichen Wasser zu gelangen. Dafür wurde ein Schacht 25 Meter vertikal durch das Felsgestein (Basalt) geschlagen und in quadratischem Querschnitt von etwa 5,50 Meter mal 5,50 Meter aufgemauert. Das sich stetig selbst erneuernde Wasser steht bis zu fünf Meter tief. Die Wassertemperatur beträgt 7 – 10 Grad..

Der Schacht ist nach oben geschlossen durch ein Tonnengewölbe, in dem eine kreisrunde Öffnung mit achteckigem Aufbau als Lichtquelle ausgespart wurde. Den einzigen Zugang bildet ein Portal mit seitlich reichem Profil und einer Kombination aus Schulterbogen und gotischem dreiblättrigem Blendbogen oben. Von dort ist der Tiefenraum begehbar über eine der äußeren Schachtwand nach innen vorgesetzte konstruktiv und ästhetisch höchst bemerkenswerte steinerne Treppenkonstruktion. Sie besteht aus sieben Abschnitten, die  - unterbrochen von Absätzen in den Ecken  - über insgesamt mehr als siebzig Stufen bis zum sichtbaren felsigen Grund unter dem Wasserspiegel führen.

Diese Treppenläufe werden von weiten Halbbögen überspannt, die zugleich das über ihnen als innere Schachtwand aufgeführte Mauerwerk tragen. Dessen Last ist durch spitzbogige Nischen gemindert, die zugleich ästhetisch wirksam die Wandflächen gliedern und die vertikale Ausrichtung des Baus unterstreichen. Die Halbbögen werden zum Rauminneren hin an ihren Fußpunkten von Säulen getragen, die auf den freien Ecken der Treppenabsätze stehen. Zur äußeren Schachtwand hin lasten die Bögen auf Konsolen und Eckdiensten.

Die Kapitelle der Säulen zeigen unterschiedlich differenziertes Blattwerk, das auf die Kapitelle des Ciborienaltars der Friedberger Stadtkirche verweist. Gleichartige Steinmetzzeichen wie in dem um 1260 begonnenen Chor der Stadtkirche und die Verwendung des gleichen Bellmuther Sandsteins sind ein Indiz dafür, daß an beiden Bauten dieselben Handwerker tätig waren. Eine Inschrift in einer Wandnische der Mikwe zeigt die Jahreszahl 1260, durch die der stilistische und materielle Zusammenhang zum gotischen Sakralbau der Stadt eine Bestätigung findet.           

 

Seit 1241 ist eine jüdische Gemeinde in Friedberg nachgewiesen. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert gab es in Friedberg eine jüdische Gemeinde, die in der Judengasse angesiedelt war. „Kehillah Kedoschah“ wurde seit altersher im Hebräischen die jüdische Gemeinde Friedbergs ge­nannt. Hans‑Helmut Loos hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Kehillah Kedo­scha - Spurensuche“. Darin wird vermutet, daß bei der Gründung von Burg und Stadt zugleich die bewußte Ansiedlung der Juden vor Ort im 13. und 14. Jahrhundert erfolgte. Die Schutzherrschaft der kaiserlichen Burgherren ha­be den Friedberger Juden von Beginn an „eine bedingte politische Manövrierfähig­keit verliehen“. Friedberg sei so über die Jahrhunderte zum Schmelztiegel der Wetterauer Juden geworden. Ausführlich be­schreibt Loos die Emanzipation der Fried­berger Juden, die Gegenströmungen sowie die verschiedenen Formen der Judenfeind­schaft.

In einer Schrift, die im Dreißigjährigen Krieg verfaßt wurde, heißt es, „wimmelte es nur so von Juden“. Fremd waren den Bürgern aber vor allem ihre Bräuche, wie das „Beschneiden der Knäblein“, die während der Zeremonie un­säglich geschrien haben mußten, oder die Hochzeitsrituale in der Mikwe, dem Juden­bad.

Die jüdische Gemeinde (Kehilat) Friedbergs genoß im Mittelalter hohes Ansehen und war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der aufstrebenden Stadt. In dieser Zeit lebten die Friedberger Juden aber noch streng ghettoisiert im Juden­viertel (Judengasse und Judenplacken) nach strikten Vorschriften, die im so ge­nannten „Statutenbuch“ niedergeschrie­ben wurden. Dinge des täglichen Lebens waren darin festgehalten, ebenso Regeln zum religiösen Leben, zu Erziehung und Bildung, Synagoge und Festen sowie Steu­ern und Rechtsprechung.

Gelitten waren die Juden von Anfang an nicht so recht. Äußere Abgrenzung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Gemeinde bildete seit dem späten 15. Jahrhundert die Mauer der Judengasse. Der städtische Rat arbei­tete jedoch daran, darüber hinaus gehen­de Trennungslinien zu schaffen, beispiels­weise indem er den Juden im Jahre 1530 untersagte, das gemeine Bad zu benut­zen; sie sollten sich nach einer eigenen Ba­destube umsehen. Eigentlich ging es der Stadt zu diesem Zeitpunkt allerdings um die grundsätzliche Ausgrenzung oder gar Vertreibung der Juden. Da sie dies auf­grund der kaiserlichen Privilegien nicht er­reichen konnte, versuchte sie zumindest den weiteren Zuzug von Juden zu unter­binden und die Friedberger Juden zu iso­lieren.

Die Geschichte des ersten namentlich bekannten Friedberger Rabbiners, Elasar Lipmann ben Jizehak Mise’a, ist aller­dings eine dramatische: Im  Jahre 1557 ist er in einer Steuerliste mit ei­nem bescheidenen Vermögen genannt. Er stammte aus einer reichen Rabbinerfami­lie, deren Mitglieder an verschiedenen Or­ten im Reich amtierten. Elasar Lipmann wurde 1562 vor der Friedberger Synagoge getötet. Sein Mörder, ein Christ, militä­risch engagiert, wurde gefaßt und vor dem Eingang der Friedberger Judengasse noch im selben Jahr hingerichtet.

Einer der wichtigsten Vertreter der Gemeinde war der Rabbiner Chaym Ben Bezalel (1569 in Posen geboren), der kein öffentliches Amt inne hatte, in Friedberg aber als Thora‑Gelehrter forschte und un­terrichtete. Auch der Rabbiner wurde ermor­det

Die Friedberger Rabbiner hatten in die­ser Zeit bereits einen guten Ruf. Sie wur­den als Schlichter in andere jüdische Gemeinden beordert. Im Jahre 1603, im Jahr der Frankfurter Rabbinerver­sammlungen, wurde das Friedberger Rabbinat  als eines der fünf für das Reich zuständigen jüdischen Ge­richte bestimmt.

Erst im Zuge der Emanzipation im 19. Jahrhun­dert konnten sie sich außerhalb der Juden­gasse niederlassen. Einige errichteten an der Kaiserstraße Geschäfts‑ und Kaufhäu­ser. Die Nationalsozialisten beendeten die Jahrhunderte alte Tradition jüdischen Le­bens in Friedberg. Die Akzeptanz der Gemeinde hat sich bis ins 20. Jahrhundert er­halten. In zahlreichen Schriftstü­cken wird sie als „altehrwürdige Gemein­de“ bezeichnet. Ein weiterer Beleg dafür sei die Thora‑Schule, an der Rabbiner ausge­bildet worden seien.

Ihren traurigen Höhepunkt erlebte die traditionsbewußte Gemeinde 1942 mit der gewaltsamen Deportation ihrer Mitglieder in die Vernichtungslager der Nazi‑Scher­gen. Loos läßt in einem Anhang abschlie­ßend die überlebenden Friedberger Juden zu den Ereignissen in den Jahren 1920 bis 1942 zu Wort kommen.

 

Es gibt aber auch noch weitere Bücher: Andreas Gotzmann, der einen der wenigen Lehrstühle für jüdische Geschich­te in Deutschland hat, ist der Herausgeber der Bände „Kehilat Friedberg“, die das jü­dische Leben vom 16. bis zum 18. Jahrhun­dert beschreiben.

Stefan Litt hat das Protokollbuch („Kehilat Friedberg II“) und die Statuten der jüdischen Gemeinde Friedbergs übersetzt und ausgewertet“. Beide Schriften sind Kostbarkeiten im großen Korpus innerjüdischer Quellen. In dem gut 460 Seiten di­cken Buch ist der Originaltext des Proto­kollbuches in hebräischer Sprache abge­druckt. Kein einfaches Unterfangen, denn es gibt in Europa kein Satzprogramm für heb­räische Sprache.

Der andere Band, „Kehilat Friedberg I“, gibt auf gut 450 Seiten einen detaillierten Einblick in den Alltag der Juden in Fried­berg im 16. und 18. Jahrhundert. Die jüdi­sche Gemeinde erlebte um 1600 ihre Hoch‑Zeit und machte mit 400 bis 500 Mit­gliedern fast 50 Prozent der Bevölkerung Friedbergs aus.

Um Aufschluß über die Bezie­hung zwischen Juden und Christen in Friedberg zu erhalten, hat Cilfi Kasper-Holtkotte Gerichtsakten ausgewertet, wohl wissend, daß diese Akten eher die negative Seite dieser Beziehung spiegeln. Aber sie geben auch Einblick ins Alltagsle­ben. Etwa der Prozeß gegen den Abraham von Friedberg, dem 1682 in Frankfurt, eine Beziehung zu einer Nichtjüdin angelastet wurde. Abraham wurde untersagt, die Stadt Frankfurt für die Dauer von drei Jahren zu betreten. Vor dem Urteil hatte er vier Wochen im „Narrenhaus“ gefangen geses­sen. Seine Freundin Johannata Weidkam­merin mußte eine Zeit im Arbeitshaus ar­beiten, die letzten acht Tage nur bei Was­ser und Brot.

In der Verhandlung sagte der Musque­tier Caspar Schlesinger aus, in dessen Haus sich Abraham mit seiner Freundin getroffen hatte. Schlesinger hatte regelmäßigen Kontakt mit Abraham, der ihm Briefe von seinem in Friedberg lebenden Bruder brachte. An dem fraglichen Tag sei Abraham deshalb bei ihm aufgetaucht, doch habe er ihm das sonst übliche Trink­geld von einem Batzen nicht geben kön­nen. Stattdessen habe Abraham, wie auch sonst, stundenlang bei ihm gesessen, ge­gessen und getrunken. Kasper‑Holtkotte: „Weder die Behörde noch die auftretenden Zeugen nahmen Anstoß daran, daß der Jude Abraham im Haus eines Nichtjuden regelmäßig ein und aus ging.“

Am Ende der Gasse (Nummer) stand die Syna­goge. Ihre Umrisse sind  durch Mauern noch angedeutet. Rechts geht die Straße „Judenplacken“ ab. Der kleine jüdische Fried­hof an der Bundesstraße 3 zwischen Fried­berg und Ober‑Wöllstadt  weit außerhalb der Stadt wurde den Fried­berger Juden während des Nazi‑Regimes zugewiesen. Er steht für das Ende jüdi­schen Lebens und jüdischer Kultur in Friedberg.

 

Ehemaliges Predigerseminar:

Nach Westen geht es auf die Kaiserstraße und dort rechts herum in Richtung Burg. Rechts in der Kaiserstraße Nr. 2 steht das Evange­lische Predigerseminar von 1837. Das einstige Theologische Se­minar an der Kaiserstraße in Friedberg ist für 1,8 Millionen Euro umgebaut worden. In Friedberg waren seit 1837 Pfarrer ausgebildet worden. Im Jahr 1848 hatten sie ihr schmuckes Seminargebäude an der Kaiser­straße bekommen. Ab 1999 konzentrierte die Evangelische Kir­che in Hessen und Nassau ihre beiden Theologischen Seminare in Herborn. Das in Friedberg ist nun Zentrum für Seelsorge und Bera­tung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau,  in dem Seelsorger für den Krankenhaus, Gefängnis‑ oder Schul­dienst aus‑ und weiterbildet werden. Dazu kommen das Zentrum für Organisationsentwicklung und Supervision, das den Gemeinden Tips für ihre Arbeitsstrukturen gibt und bei Konflikten berät und das Zentrum für kirchliche Personalberatung, das Mitarbei­tern der Kirche bei ihrer beruflichen Lauf­bahn und Karriere zur Seite steht. Es sind 25 Büros ent­standen, 15 Gästezimmer mit 17 Über­nachtungsplätzen und zehn Besprechungs­zimmer und Seminarräume, von denen der größte 50 Plätze hat. Im Hof wurden durch eine Stapelparkplatzanlage acht zu­sätzliche Stellplätze geschaffen. Der Semi­narbetrieb soll auch anderen Gruppen zur Verfügung stehen, auch nichtkirchlichen.

 

Burg:

Eine steinerne Brücke von 1775 führt über den tiefen Hirschgraben durch das mit dem Wappen der Burg Friedberg geschmückte Südtor. Die Burg Friedberg um faßt 39.000 Quadratmeter  und erhebt sich auf einer bastionsartigen, in der Tertiärzeit vom Vogelsberg herabgeströmten Basaltlava-Decke und ist - von dem Seebach und der Usa umarmt -  leicht nach Nordosten und Westen zu verteidigen und diente gewiß schon den Urmenschen als Zufluchtsort bei Über­schwemmungen oder Verfolgungen.

Von dem früher hier thronenden Römer-Kastell liefen wie Radspeichen 13 Straßen nach allen Seiten des Wetterauer Limes und an den Main. In der Hohenstaufenzeit vor 1216 wurde der „umfriedete Berg“ (= „Friedberg“) Reichsburg, d. h. Paßsperre zwischen Taunus und Vogelsberg. Teilweise lebten hier bis zu 100 Mitglie­der eines Adelskollegiums, das sich unter einem selbstge­wähl­ten Burggrafen verwaltete, bis es 1806 aufgelöst wurde.

Im riesigen Rechteck der Burg findet man einen Querschnitt durch alle Stile, von der Gotik über Renaissance, Barock und Klassizismus bis zu den Zweck­bauten unserer Tage. Gleich hinter dem Südtor steht links das Wachthaus von 1772 und daneben die einstige Burgkanzlei von 1705 (Haus Nummer 4). Sie und ihre Nachbargebäude gehören seit 1817 zum früheren Lehrerseminar und heutigen Burggymnasium. Rechts steht die Burg-Rentei neben der inneren Burgmauer, die auf einem römischen Kastell errichtet wurde.

Auf dem freien Platz weiter nördlich steht der St. Georgsbrunnen  von 1738 und die 1808 im Empirestil fertiggestellte Burgkirche. Rechts steht ein schloßähnliches Gebäude, das bis 1806 das ursprüngliche Burgmannenhaus war („Burggrafiat“, ehemaligen Residenz der Burggrafen) und von 1817 - 1918 Schloß der Großherzöge von Hessen-Darmstadt, danach war es Kreisamt.

Daneben steht das Deutschordenshaus. Zur Krankenversorgung der Kreuzfahrer und der Pilger waren der Johanniterorden und der Deutsche Ritter­orden während der Kreuzzüge im Heiligen Land gegründet worden. Die Johanniter kümmerten sich mehr um die romanisch sprechenden Gotteskrie­ger, der deutsche Ritterorden um die deutschstämmigen. Adlige, die die Pflege der Ordensbruder genossen hatten, unter stützten ihre Wohltäter durch Stiftungen aus ihrem heimischen Besitz, so die Gra­fen von Nidda in Nidda oder die Münzenberger in Nieder‑Weisel. Die Gewinne aus diesem agrarisch genutzten Grundbesitz mußten zum größten Teil an die Ordens­zentrale abgeführt werden. Der Johanniterorden wurde durch die Zentrale auf der Insel Rhodos und später in Malta kräftig zur Kasse gebeten. Des­halb blieben die Johanniter arm.

Für den Krankendienst in Deutschland gibt es kaum Belege. Die Kirche in Nieder‑Weisel ist mit ihren beiden Geschossen zwar eine typische Hospitalkirche. Es gibt aber keine schrift­lichen Zeugnisse für die Krankenpflege, et­wa Dankesstiftungen von Geheilten. Nach den Kreuzzügen waren die Johan­niter nicht mehr attraktiv, erhielten keine Stiftungen mehr und auch keinen Nach­wuchs, weil der Orden keine Karriere versprach.

Der Deutsche Ritterorden war erfolgrei­cher. In Friedberg und Gelnhausen unter­hielt er Wirtschaftshöfe, die sehr effektiv Naturaleinnahmen aus ihrer Grundherrschaft nach Marburg abführten. Der Or­den hatte eine sehr gute schriftliche Fi­nanzverwaltung mit geschultem Personal. Der von den Münzenbergern gestiftete Hof in Sachsenhausen vor den Toren der Messe‑ und Krönungsstadt Frankfurt war ein besonders wichtiger Umschlagplatz.

Dieser Hof unterhielt in Friedberg ein Haus. Auch bei den Friedberger Burgman­nen war der Orden präsent. Das Deutsch­ordenshaus neben dem Schloß in der Friedberger Burg zeugt davon. Weil der Orden besser florierte als die Johanniter, erhielt er länger Zuwendun­gen. Dadurch war er für nachgeborene Adelige attraktiver. Deutschordensritter waren oft als Diplomaten aktiv. Beiden Or­den ist gemeinsam, daß ihre Mitglieder zwar mönchische Tugenden pflegten, aber keine Mönche waren. Sie verstanden sich als sozial engagierte Streiter für das Chris­tentum, pflegten aber einen hohen Lebens­standard. Die Spuren der Orden sind auch im Haus Breitenfelder und im benachbarten Haus Fertsch heute noch erhalten.

Bei den anderen Gebäuden im Burgbezirk handelt es sich meist um Burgmannhäuser. Das Haus Nummer 23 heißt „Bünauischer Hof“. Das Haus Nummer 34 gehörte Brendel von Homburg und war später Schillerschule und ist heute Teil des Burggymnasiums. Das Haus Nummer 33 ist das Haus Riedesel, das alte Burgmannenhaus von 1553. An der Westseite der Burg auf dem Gelände des Burggymnasiums befand sich ein Römerbad, das in unserer Zeit ausgegraben wurde.

Das Friedberger Wahrzeichen ist der 58 Meter hohe, besteigbare Adolfsturm von 1347, ein Kleinod mittelalterlicher Befestigungskunst. Wer die enge Wendeltreppe hinaufgeklettert ist, dem liegt die von Taunus und Vogelsberg umrahmte Wetterau zu Füßen, wie einst den Adelsherren, die hier residiert haben. Aus dem Lösegeld eines Grafen Adolf von Nassau konnte der Turm 1347 erbaut werden (Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr, Kosten. 1 €).

 

Dicker Turm:

Der Burgweg senkt sich allmählich und stößt auf die 1841 /  1843 erbaute Nauheimer Landstraße. Links ist der um 1500  erbaute Dicke Turm zu sehen, das mächtigste Boll­werk der Burg.

Noch vor dem Turm geht man nach rechts in die Straße „Vorstadt zum Garten“ (mit dem Auto ist eine Zufahrt nur durch die Burg durch die Burgfeldstraße und am Ende der Neubauten nach links möglich, jedoch nicht rechts hoch, sondern wieder links und durch die Weiherstraße).

 

St. Georgskapelle:

In Richtung Westen geht es weiter durch die Mörler Straße und nach links zur St. Georgs­kapelle von 1734 oberhalb der Seewiese. Das Armsünderpförtchen liegt in der Stadtmauer zur Seewiese hin, weil es die Pforte der Minoriten war, des Ordens der „armen Brüder“, eines Ablegers der Franziskaner. Die Mi­noriten hatten ein Kloster an der Kaiser­straße und Besitzungen an der Seewiese.

 

Seewiese:

Die Seewiese war einst ein See. Er wird 1293 erstmals erwähnt. Unter den Staufer‑Kaisern bot die Freie Reichsstadt Friedberg mit dem See vor ih­ren Mauern, in dem sich die spitzen Giebel der mehrgeschossigen Bürgerhäuser spie­gelten, einen erhabenen Anblick. Der See umgab Friedberg vom Westen her und im Winter fror sein Wasser zu Eis.

Am 7. (oder 8. ) Dezember 1414 wollte König Sig­mund ei­gentlich nach Gelnhausen weiter reiten. Aber zu köstlich muß der Anblick gewesen sein, als Burg­soldaten oder Bedienstete der Burgman­nen sich am 8. Dezember mit Eisenstan­gen auf dem zugefrorenen See zu schaffen machten und eine Scholle herausbrachen, um Fische zu fangen. Der Monarch schick­te seine Diener vor, das Gewässer vom Eis zu befreien, und holte daraufhin knapp ein Dutzend Fische an die frostige Luft. Die Burgkanzlei berichtete seiner­zeit: „Es ward uns sauer zu fischen. Doch fingen wir 14 Stück, klein und groß.“ Diese brachte Sigmund seinem Gastgeber, dem Burggrafen Eberhard Löw von Stein­furth, mit.

Der See wurde 1457 trockengelegt. Die ihm fol­gende Wiese mit einer Gartenanlage im Zeitgeist der Renaissance, wie sie uns der Cranach‑Schüler Hans Döring in einer Stadtansicht von 1553 vermittelt, war bis zum Ende der Reichsfreiheit territoriales Gebiet der kaiserlichen Burg Friedberg. Erst 1816 ging die Seewiese in den Be­sitz des Großherzogtums Hessen über. Die hessischen Großherzöge wandelten die parkähnliche Anlage mit ihrem quadra­tisch angelegten Baumbestand in einen Exerzierplatz um. Bis zum Ende des deutsch‑französischen Krieges 1871 blieb sie es. Dann wurde das 11. Jäger‑Bataillon verlegt und Friedberg war über vier Jahr­zehnte frei von jeglicher Militärpräsenz.

Die Feuchtwiese moderte zwei Jahrzehn­te vor sich hin. Erst 1891 kam die Wende. Der Großherzog von Hessen verkaufte im Jahre 1891 das Gelände, auf dem zuvor jahrzehn­telang seine Soldaten exerziert hatten, an die Stadt Friedberg. Allerdings mit Bedingungen: „Die ver­kauften Grundstücke dürfen in Zu­kunft nur für öffentliche Zwecke, insbesondere zur Abhaltung von öffentlichen Festlichkeiten, benutzt werden“, lautet eine Passage des Kaufvertrags. Für den Fall, daß die Wiese doch bebaut würde, hatte sich das Großherzogtum das Rückkaufsrecht gesichert. Davon mußte der Großherzog allerdings nie Gebrauch machen: Bis heute dient die See­wiese als reizvol­le Grünanlage für die Bürger der Stadt und „zur Abhaltung von öffentlichen Festlichkei­ten“ ‑ wie dem Friedberger Herbstmarkt. Die Seewiese wurde zum Naher­holungsgebiet und Festplatz.

Die erste gro­ße Veranstaltung war das Jugendfest am 2. September 1892. Danach wurden auf ihr regelmäßig Reitturniere ausgetragen. Seit 1892 wird eine Fläche im Norden der Wiese im Spätherbst für Schlittschuh­läufer geflutet. Es entstand eine beliebte Schlittschuhbahn, über die die Friedberger si­cher kurven konnten und die wegen der großen Popularität sogar mit einer elektri­schen Beleuchtung versehen wurde.  Der „Eislaufverein“, ge­gründet 1890, Vorläufer des Friedberger Skiclubs, betreute die Fläche. Er formierte sich ursprünglich nur zu diesem Zweck, da 1890 auf dem zugefrorenen Bad Nauhei­mer Teich mehrere Friedberger eingebro­chen und ums Leben gekommen waren. Am 27. Dezember 1892 war ein großes Eis­fest mit Musik und Feuerwerk. Schon 1893 stand den Wintersportlern am Rande des Eises ein Holzhaus zur Ver­fügung, elf Jahre später ein Fachwerk‑Ver­einsheim. 1913 bekam die Eisbahn eine elektrische Beleuchtung. Feste und Musik gab es darauf schon immer. Live gespielt wird allerdings schon lange nicht mehr. Auch der Eislaufverein ist Vergangenheit. Nach 80 Jahren des Bestehens ging er 1971 im Skiclub auf.  Der übernahm auch das Vereinsheim der Eisläufer sowie die Eisbahn im Nordteil der Seewiese.

Seit rund 50 Jahren ist jährlich Herbstmarkt auf der Seewiese. Das Frühlingsfest ist gottlob gestorben. Das Altstadtfest trat 1979 an seine Stelle. Am 9. Juli 1893 wurde eine Radrenn­bahn eröffnet, eine der ersten im deut­schen Reich überhaupt. Sie ist spurlos ver­schwunden. Auch wurden im Zuge des Krankenhausneubaus riesige Erdmassen bewegt, die der Seewiese im südöstlichen Bereich ein völlig neues Aussehen gaben.

Außerdem diente die Seewiese, ganz wie vom Großherzog gewünscht, stets als Treffpunkt im Grünen für die Bürgerinnen und Bürger Friedbergs. Im Bleichhäuschen trafen sich die Hausfrauen zum Bleichen der Wäsche ‑ und zum Schwätzchen halten. Unbekannt ist die Zahl der Liebespärchen, die sich auf der Seewiese den ersten Kuß gaben. Daß der Bach, der einst den See speiste, zeitweise reichlich Wasser führt, merken die Friedberger bei jedem Hochwasser. Auch bei starkem Regen füllt sich die Wiese zum See (zuletzt 1998, als der beliebte Flohmarkt zum Herbstmarkt wegen des durchnäßten Bodens abgesagt werden mußte).

Der einzige echte See im Bereich der Seewiese brei­tete sich bis in die fünfziger Jahre auf dem heutigen Gelände der Philipp‑Dieffen­bach‑Schule aus. Das war wohl die idyllischste Seite Friedbergs, ein großer Weiher mit einer baumbestandenen Insel. Der knapp 8.000 Qua­dratmeter große, anderthalb Meter tiefe Eis‑Teich war im vergangenen Jahrhun­dert vom Friedberger Bierbrau‑Unterneh­mer Philipp Heinrich Windecker angelegt worden. Das Gewässer mit einer kleinen Insel in der Mitte war ‑ der Name sagt es ‑ als Eis‑Reservoir für die Windecker’schen Brauereikeller gedacht. Das blieb es auch bis etwa 1870, als eine Eismaschine das mühsame Eisblock‑Schneiden überflüssig machte.

Das flache Wasser des Eis‑Teiches zog schon immer Scharen abenteuerlustiger „böser Buben“, heimliche Pärchen und in den dreißiger Jahren sogar einen Selbstmör­der an. Von der Brauerei an die Stadt ver­kauft, beendete der Eis‑Teich seine Exis­tenz zusammen mit einigen anderen Tei­len der Seewiese unter einer dicken Schicht Bauschutt bei der Umgestaltung des Geländes im Jahre 1957.

Bis etwa 1949 stand im Süden der Seewiese das Bleichhäuschen. Der überdachte offene Rundbau war ein beliebter Treffpunkt für Hausfrauen, die ihre Wäsche zum Blei­chen auf dem Gras ausbreiteten. Und nicht nur sie arbeiteten damals auf dem städtischen Freizeitgelände. Am nördli­chen Rande der Fläche drehte Seilermeis­ter Dietrich Schnüre und Seile. Ein Ar­beitsplatz in schöner Umgebung, denn da­mals säumten alte Weidenbäume den See­bach, standen hier und da Apfelbäume.

Heute vom Norden, Osten und Süden von Häusern, vom Westen von einem Se­niorenheim und privaten Kleingärten um­schlossen, ist die Seewiese dennoch ein großzügiges Erholungsareal im Sinne des Großherzogs geblieben. Das weitläufige freie Gelände vor dem Panorama der Stadt ist zugleich Treffpunkt als auch Ver­anstaltungsfläche, Marktort, Zirkus­grund, Sportplatz, Spielplatz und bei Frost Eislaufbahn.

Nach der Renaturie­rung des bisher stark kanalisierten See­bachs entwickelte sich der westliche Teil der Seewiese zum wertvollen Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Und als ob der namengebende See nicht vergessen werden wollte, holt sich das Wasser ab und zu die Wiese zurück. Von unten, durch Fluten aus dem See­bach. Oder von oben, aus den Wolken, wie 1998, als der Herbstmarkt‑Flohmarkt we­gen des durch Regen vernäßten Grundes abgesagt werden mußte.

Der Weiher der Burg Fried­berg nördlich der Mörler Straße nahe der Straße „Vorstadt zum Garten“ (nach ihm ist die Weiherstraße benannt)  wurde 1370 zum Schutz der Burg angelegt und im Jahre 1824 trocken gelegt. Er dien­te für die Bewohner der Vorstadt zum Gar­ten als Bleiche, so wie die südliche Seewie­se den Bewohnern der Kernstadt viele Jahrzehnte als Bleiche diente.

 

Steinernes Kreuz:

Wenn man von Friedberg auf die Straße nach Bad Nauheim fährt, geht links der „Städter Weg“ ab. Man fährt aber gleich wieder rechts in die  Heinrich-Busold-Straße und auf dieser immer weiter, bis links die kleine Straße „Steinernes Kreuz“ abgeht.  Dort geht man auf der gegenüberliegenden Seite in Richtung  Feld und kommt am Ortsrand zu einem steinernen Kreuz, das auf dem Titelblatt eines Informationsblattes zur Kulturlandschaft des Planungsverbandes zu sehen ist.  Dort  erscheint es sehr groß, es ist aber in Wirklichkeit nur halbhoch.

 

Kaiserstraße

Dann geht es wieder zurück zum Eingang der Burg. Dort beginnt die Kaiserstraße. Zwei Flächen an der Kaiserstraße wer­den „Freiheit“ genannt, die große Fläche vor der Burg und die kleine dort, wo die Gaststätte „Schillerlinde“ war. Nur eine trägt laut Keller den Namen zu Recht: Es gibt nur eine Freiheit, die ist vor der Burg. Dort galten nämlich die Gesetze und Rech­te der Burg. Was die Bürger dazu brachte, die kleine Fläche vor der Schillerlinde ebenfalls Freiheit zu nennen, ist ein weiteres der vielen Rätsel Friedbergs.

Die Kaiserstraße ist nicht nur Le­bens‑ und Verkehrstheater: Sie bietet auch heute noch mit ihren geschlossenen Häuserreihen auf der West‑ und Ostseite eine reizvolle, abwechslungsreiche Silhou­ette mit Baustilen aus der Zeit der Roman­tik und Gotik bis in unsere Zeit. Die indivi­duell unterschied­lichen, meist spitzgiebli­gen Fachwerkhäuser zeigen dem Vorüber­wandernden, wenn er sein Auge öffnet, die Vielfalt, Eleganz und Schönheit alter Häuser ‑ manchmal aber auch die Stilbrüche und baulichen Verfehlungen. Nicht nur die Architektur bestimmt das Aussehen der Häuser auf der Friedberger Hauptstraße, sondern zu allen Zeiten auch Handel und Wandel. Schon sehr früh wurden die Häuser verändert. Als die Märkte und Messen des Mittelalters ge­gen Ende des 14. Jahrhunderts endeten, verlegten die Friedberger Händler ihre Ge­schäfte in die Erdgeschosse, die folglich vergrößert und oft nicht stilgerecht umge­baut wurden. Die Gesichter der Häuser wurden durch die Veränderung der Mund­partie, sprich des Erdgeschosses, erheb­lich entstellt (W. Jordis).

Diese Entwicklung hat sich bis zum heu­tigen Tag fortgesetzt. Wenn man die hell­grelle Re­klame, besonders die der Filialen, an den altehrwürdigen Häusern der Kai­serstraße sieht, so sollte hier mehr Rück­sicht auf die traditionsreiche Marktstraße genommen werden.

Die „alte“ oder „Breite Straße“ des Mit­telalters mit ihren etwa 130 Gebäuden von der Burg bis zum südlichen Ausgang, dem „Mainzer Tor“, war etwa 600 Meter lang, auf der 25 bis 45 Meter breiten Mes­se‑ und Marktstraße hatten Händler und Besucher ausreichend Platz zum Feil­schen und Geschäftemachen.  Durch Friedbergs zentrale Lage war be­reits im späten Mittelalter die Marktstraße zu einer Durchgangsstraße von Süd nach Nord und umgekehrt für Händler, Kaufleute, Wegelagerer und Spielleute ge­worden, denen später zum Leidwesen der Bevölkerung auch zahlreiche Soldaten aus ganz Europa folgten.

Dem Verkehr mußten die schmucken Brunnen der Kaiserstraße schon recht früh weichen. Heute ist das Verkehrspro­blem für die Kaiserstraße die schlimmste Krankheit, an der sie hoffentlich nicht sterben wird. Eine Autokarawane von 22.000 Fahrzeu­gen mit viel Lärm und Abgasen schleicht täglich durch Friedberg. Die Autoparkplät­ze sind tagsüber und abends alle belegt. Es fällt schwer, in diesem Auto‑Chaos die historisch wertvollen Häuser in Ruhe anzuschauen. Zu einer einigermaßen lärm­freien Betrachtung der historischen Stra­ßen sollte man schon auf einen Sonntag­morgen ausweichen.

Das Enggäßchen ist eine Eigenheit Friedbergs. Es ist ein enger versteckter Durchgang von der Kaiserstraße zur Schulstraße, so eng, daß kaum zwei Menschen aneinander vor­bei kommen. Der Durchgang ist erstmals Ende des 14. Jahrhunderts erwähnt. Man vermutet, daß hier ursprünglich eine Straße bis zur Kaiserstraße durchgeführt war. Weil sie nur wenig genutzt wurde und Bauplatz an der Kaiserstraße begehrt war, wurde sie überbaut, mit der Auflage, ei­nen Durchgang zu lassen.

 

Folgende Bauten fallen auf (rechts die ungeraden Nummern):

Nr. 1: Die „Barfüßerei“. Der Name soll daran erinnern, daß hier das 1249 gegründete Franziskaner-, Minoriten- oder Barfüßer-Kloster stand.

Nr. 21: Rathaus. Über dem spät­barocken Eingang von 1738 sieht man das farbige Stadtwappen. Im stimmungsvollen Ratssaal halten an dessen seidenen Wänden die Bilder deutscher Kaiser und Friedberger Bürgermeister Zwiesprache.

Nr. 32: „Zum Grünberg“. Von hier sandte Dr. Martin Luther am 28. April 1521, auf der Rückkehr vom Wormser Reichstag, seine zwei denkwürdigen Schreiben an Kaiser Karl V. und an die Kurfürsten und Reichsstände ab. Das Geleitsschwert des Reichsheroldes Kaspar Sturm, unter dessen Schutz Luther von Worms abgereist war, ist im Museum ausge­stellt Heute ist i n dem Haus Betten Decher).

Nr. 33: Fachwerk-Erker von 1610.

Nr. 35: „Reichskrone“: In der bereits 1613 von alten Chroniken genannten „Krone“ übernachtete 1718 König Friedrich Wilhelm I. von Preußen.

Nr. 49: „Haus Windecker“: Hier war von 1368 bis 1738 das Rathaus. Die Inschrift befindet sich oben am Giebel. Links am Eck hing früher noch ein Rest der Pranger-Kette, des Halseisens.

Nr. 56-60: Doppelhaus Scriba-Deutsch: Die 1927 instandgesetzten Häuser trugen damals wieder ihre alten Namen. Nummer 56 ist das Haus „Zum roten Löwen“. Das „Malunenhaus“ (1527) heißt wohl so nach dem einstigen Hauszeichen, nämlich einem Bildnis der „schönen Magelone“ (Malune = Magdalene), der Heldin eines Volksromans. Das Haus Weber (Nr. 62) war das „Steinernes Haus“. Doch heute sind diese Häuser unscheinbar.

Nr. 59: „Haus Lind“: Das Haus ist ein Vertreter unverfälschter Gotik. Im Jahre 1333 ist es erstmals urkundlich als „Rosenecke“ belegt, wegen des Hauszeichens der „Rose“ an der Ecke zur Badgasse, die durch das Armsünder­pförtchen (vor 1293) zur Seewiese führt. Das Haus „Roseneck“ (in der Kaiser­straße 59 ‑ 61) ist seit 1333 überliefert. Die Zahl fand Eingang in das Wappenzeichen der Gaststätte „Die Dunkel“. Das Fach­werkhaus stammt nach Ansicht der Histo­riker aus der Spätgotik. Eine Rose findet sich noch immer am Konsolstein des nörd­lichsten von drei Bögen, die das vorra­gende Fachwerk-Obergeschoß tragen. Ur­sprünglich diente das Haus vermutlich als Kaufmannsniederlassung. Oft wurde es im Lauf der Jahrhunderte umgebaut. Vor etwa 120 bis 130 Jahren zog erstmals eine Biergaststätte in das Erdgeschoß. Somit ist „Die Dunkel“ zu Recht als älteste Bier­gaststätte Friedbergs zu bezeichnen. Nach­dem die „Schillerlinde“ vor zwei Jahren ge­schlossen wurde, ist sie zudem die einzige Kneipe ihrer Art. Den ungewöhnlichen Namen, den die Harths übernommen haben, erklärt der Wirt durch den Mangel an lichtstarken Glühbirnen in vergangenen Tagen: „Weil es nur am Eingang ein Fenster gibt, haben die Leute wahrscheinlich einfach gesagt, ‚gehen mer in die Dunkel’, weils dunkel war.“

Nr. 67: „Haus Reuss“: Der 1819 völlig umgebaute „Schwan“ war im 17. und 18. Jahrhundert eines der berühmtesten Gasthäuser von Friedberg. Seine Fremdenliste ist mit den Namen zahlloser Fürstlichkeiten angefüllt. von 1710 bis 1892 befand sich dort die kaiserliche Post, davon kündet noch das Bild oben am Giebel.

Nr. 82 (siehe auch Nummer 67 und 114): Einst „Zur Reusen“ genannt, heute unter anderem auch Domi­zil der Lokalredaktion Wetterau der Frank­furter Rundschau. Schon im Jahre 1314 wird das gotische Vorgängergebäude erst­mals urkundlich erwähnt. Das Haus gehörte von 1455 bis 1520 der Familie Alber. Die hat den Humanisten und Fabeldichter Erasmus Alberus hervorgebracht. Sein Großvater Kuno Alber war Friedberger Bürgermeister. Seit 1908 gehört das Haus der Familie Steinhauer. Burkhard Steinhauer ist ein rühriger Heimatforscher, der wacker um eine Art Wohnrecht an Melanchthon strei­tet. Müller schreibt: Ob Philipp Melanch­thon, bekannter Humanist, Gefährte und Übersetzer Martin Luthers, im Jahre 1557 auf seiner Reise zum Wormser Collo­quium nun in diesem Haus oder im Gast­haus „Zur Reusen“ heute Kaiserstraße 82, eingekehrt ist, diese Frage ist müßig und hier nicht zu klären. Die Auseinanderset­zung darüber zwischen dem Friedberger Hobbyhistoriker Burkhard Steinhauer und dem Inhaber der Firma Maschinen­-Reuß, Helmut Rank, dauert an: Steinhauer erklärt, diese Frage sei entschieden im Sinne eines Aufenthalts Melanchthons.

Im Giebel des Hauses Kaiserstraße 82 unmittelbar an der Stadt­kirche (Anwesen Steinhauer) hängt eine hölzerne Scheibe, uralt und zauberhaft. Es ist eine Sator­-Arepo‑Scheibe. Die einzelnen Wörter sind untereinander geschrieben. Der Text kann vor‑ und rückwärts, von oben nach unten und umgekehrt gelesen werden. Er lautet: „SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS“. Das ist Latein und bedeutet etwa: „Sä­mann Arepo hält mit Mühe die Räder“. Die Sator‑Arepo‑Formel ist erstmals aus Pompeji überliefert, jener antiken Stadt, die im Jahr 62 unserer Zeitrechnung durch ein Erdbeben zerstört wurde.

Bis ins 17. Jahrhundert wurden Schei­ben mit dem mystischen Spruch in die Gie­bel von Scheunen neben das Eulenloch ge­hängt. Sie sollten vor Blitzschlag und Feu­er schützen. Der hin und her, auf und ab gleich zu lesende Satz galt als Zauberfor­mel. Noch 1743 hatte Herzog Ernst Au­gust von Sachsen‑Weimar verfügt, Teller mit dem Spruch als Löschmittel anzu­schaf­fen. Das Feuer sollte gedämpft werden, wenn die Scheibe in die Flammen gewor­fen wurde. Der Zauber dürfte kaum ge­wirkt haben: Die Scheiben waren aus Holz.

Die zauberhafte Scheibe kam auf der Innenseite des Giebels zutage, als das Dach jetzt neu gedeckt wurde. Es gehört zu einer ehemaligen Scheune, die im 15. Jahrhundert gebaut wurde. Vermutlich kam eine solche Scheibe schon beim Bau der Scheune an den Giebel. Sie wurde später aber immer wieder durch neue ersetzt. Die jetzige stammt vermutlich aus dem vergangenen Jahrhundert. Auch bei Krankheit vertraute man dereinst auf die Zauberkraft der Sator‑ Formel. Bei Tollwut bekamen Menschen oder Tiere, die gebissen worden waren, Teigabdrücke mit den Satorbuchstaben zu essen. Der Aberglaube ist ausgestorben.

Nr. 85: „Zum Goldenen Rad“.

Nr. 78 war früher der „Rote Ochse“ und Nummer 80 die „Leipziger“ Post, aber davon ist nichts mehr zu sehen. Nach links blickt man durch die Wolfengasse zur Liebfrauenkirche hin. Auf der Kaiserstraße steht hier die Schiller-Linde, rechts das Eckhaus ist das Gasthaus „Schillerlinde“.  An der Ecke Haagstraße-Bismarckstraße sieht man das  mit viel Sand­stein profilierte heutige Rathaus.

Nr. 114: „Zur Reusen“, so benannt nach dem einstigen Hauszeichen, einer Reuse zum Fischfang. Im Jahre 1545 abgebrannt. Über der Toreinfahrt steht 1598. Vom Volksmund wird das Haus „Sanssouci“ geheißen.

Nr. 116: „Leintuchhaus“. Es diente wäh­rend der Friedberger Messen und Märkte als Stapelplatz für die Tuchhalle. Im Jahre 1683 „stand es in den bloßen Mauern und hatte weder Dach noch Gefach“ mehr.

Nr. 118: Das „steinerne Haus“ wurde 1461 von der Deutsch Ordens-Kommende Sachsenhausen  käuf­lich erworben. Es trug das schwarze Kreuz auf weißem Grund über dem Lungstein-Portal.

Nr. 120: „Haus Fertsch“: Im Jahre 1767 kam es in den Besitz des St. Albanstiftes zu Mainz, dessen Patron, St. Alban, den Schlußstein des Torbogens ziert.  

Zwischen Nr. 141 und Nr. 120 machte sich das ansehnliche „Innere Mainzer Tor“ breit. Am 28. Januar 1828 kam es „auf den Abbruch meistbietend“ zur Ver­steigerung. Mauerreste deuten die alte Stadtmauer noch an.

Nr. 141: Die Stichstraße führt zum ehemaligen „Bürgerhospital“ Das 1910 erstellte Krankenhaus mußte 1927 erweitert werden und ist heute das Kreiskrankenhaus.

Schon 2001 fand man bei Probe­grabungen auf dem Gelände der zukünfti­gen Sparkassen‑ Hauptstelle drei Brand­gräber. Mit drei Bodenschnitten in der Nähe der Ock­städter Straße wollte man die Aus­dehnung des römischen Friedhofs er­kunden. Er erstreck­te sich etwa von der Lutheranlage bis unter das jetzige Landratsamt. Die meisten Gräber dürften verschwun­den sein, weil früher eine Hofreite in der Ecke zwischen Ockstädter und Kaiserstra­ße lag und weil in jenem Areal im 19. Jahrhundert große Bodenbewegungen stattfanden: Die Erde an der südlichen Kaiserstraße wurde abgetragen und am Burgberg wieder aufgeschüttet, so daß darauf 1842 die Gießener Straße entstand.  An der Ockstädter Straße wurde im Garten zwischen der Vil­la Trapp und dem Krankenhaus wurde ein Kindergrab aus der Zeit um das Jahr 200 aufge­deckt. Irgendwann ist hier ein Kleinkind auf einem Mini‑Scheiterhaufen verbrannt worden, die Asche fiel in eine kleine Grube. Einen Meter neben dem Kindergrab ist eine zweite Feuerbestattung in der etwa zehn Quadratmeter großen Schürfgrube sichtbar.

An der Ockstädter Straße im Bereich der Martin-Luther-Anlage gab es auch einen jüdischen   Friedhof, von dem aber nur noch einige Steine an der Nordseite erhalten sind. Einen weiteren jüdischen Friedhof gab es an der Bundesstraße 3 zwischen Friedberg und Oberwöllstadt.

Nr. 136: Ehemaliges Kulturbauamt

Nr. 167: Das Evangelische Gemeinde-Haus

Nr. 144: Die ehemalige Taubstummenanstalt, im Jahre 1837 gegründet und 1863 erbaut.

 

Europaplatz:

Am Europaplatz stehen das Hochhaus der Sparkasse und das Kreishaus. Auf dem 9.886 Quadratmeter großen Areal zwischen Kaiserstraße, Ockstädter Straße, Lutheranlage und Holzpförtchen baut demnächst die Sparkasse Wetterau ihre neue Hauptstelle mit Büros für rund 300 Angestellte. Bis zu vier Häuser müssen ihm weichen, darun­ter der etwa 60 Jahre alte „Mathild­chen“‑Bau gegenüber dem Sparkassen­-Hochhaus.

Das vor dem Abriß stehende alte Spar­kassengebäude ist 1935 errichtet worden. „Das Stadtbild Friedbergs werde durch ein schönes neues Bauwerk gehoben“ schwärmte der Oberhessische Anzeiger am 6. August 1935, als der Rohbau fast fertig war. Geplant hatte den recht nüchtern gehaltenen Bau der Frankfurter Architekt G. Schaupp. Mit der Bauausführung war der Friedberger Architekt H. Hohmann be­auftragt. Das Gebäude ist 28 mal 26 Meter groß und hat ein mächtiges Mansarddach.

Die Kriegsvorbereitungen der Nazis flos­sen in die Gebäude‑­Planung ein. „Zur Be­lüftung der Kassenhalle dient die für den Luftschutzkeller bestimmte Frischluft, die durch zwei Nema‑Lüftungsgeräte in die Halle gepumpt wird“ berichtete die Zeit­schrift Bauwelt im Jahre 1937. Probleme mit dem Kaiserstraßen‑Verkehr gab es schon damals: Da der Verkehr auf der Kai­serstraße sehr stark ist, wurde beim Bau eine Erschütterungs­däm­mung vorgese­hen, die sich gut bewährt hat.

Denkmalschützer hatten sich vor allem um das Emblem gesorgt, das das Portal ziert. Wenn das Gebäude schon abgerissen werden müsse, dann solle wenigstens das markante Sandsteinemblem erhalten blei­ben. Die Plastik stellt einen Löwen dar, der mit einem Schwert bewaffnet über einer eisenbeschlagenen Truhe wacht. Diese Tru­he soll dem ersten Kassierer des Mathil­denstifts zur Aufbewahrung des Geldes ge­dient haben. Entworfen wurde das Em­blem von dem Frankfurter Bildhauer Karl Stock. Ausgeführt wurde die Arbeit von „Hugo Spiegler, Bildhauerei hier“, wie die Rechnung vom 30. September 1935 belegt. Die „Bezirkssparkasse Mathildenstift“, wie die Vorgän­gerin der Sparkasse Wetterau hieß, ließ sich das Kunstwerk damals 319,62 Reichsmark kosten.

Der Bildhauer Karl Stock, der das Friedberger Mathildenstift­-Emblem entworfen hat, war offenbar ein fleißiger Mensch. Er hat zahlreiche Denk­mäler, Brunnen und Grabmale vor allem in Frankfurt entworfen, unter anderem das Körner‑Denkmal und das Denkmal für die Opfer des Luftschiffs Hindenburg, aber auch in Bitterfeld, Leverkusen und Worms stehen Werke von ihm. Darüber hi­naus hat er Medaillen und Plaketten ent­worfen. IG‑Farben‑ Gründer Carl Duisberg war sein Mäzen und die Nazis waren be­geistert von seinem Schaffen.

Karl Stock wurde am 10. März 1876 in Hanau‑Kesselstadt geboren. Er absolvier­te eine Ausbildung zum Goldschmied an der Akademie Hanau bei Max Wiese. Um 1900 arbeitete er in München. Er gehörte zu dem Künstlerkreis um den Dichter und Redakteur des Simpli­cissi­mus, Ludwig Thoma, den Kunstgewerbler Ignatius Ta­schner und den Maler Heinrich Eick­mann. Zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen, dem Kleinplastiker Adolf Amberg, fertigte Karl Stock zahlreiche Ar­beiten in Edelmetall an. Stock war dann noch einige Zeit in Berlin aktiv, bevor er sich in Frankfurt niederließ.

In der Main‑Metropole realisierte er zahlreiche Denkmäler, Hochreliefs und Monumentalgruppen. Unter anderem ein Denkmal für den Kriegs‑ und Freiheitslie­derdichter Theodor Körner, der 1813 dem Lützowschen Freikorps beigetreten war und im Kampf gegen Napoleon als 22‑Jäh­riger gefallen war. Stocks Mäzen war Carl Duisberg, der Vorsitzender des Vorstandes der Farbenfabriken Bayer und maßgeblich an der Gründung der IG Farben beteiligt war.

 

Staatsbauamt:

Das Großherzogliche Bau­amt in Friedberg wurde am 7. November 1894 gegründet. Das mit seinen vielen Gie­beln schlößchenhaft wirkende Gebäude des Staatsbauamts im Friedberger Schützenrain 5 ‑ 7 vereinigte zunächst eher Gegensätzliches: die groß­herzogliche Oberförsterei und das Hoch­bauamt. Aber nicht lange. Aus dem 1902 errichteten Haus zog die Oberförsterei 1927 wieder aus. Seither residiert die Baubehör­de, die inzwischen Staatsbauamt heißt, al­leine in dem Gebäude. Das Amt mag sein denkmalgeschützte Domizil so sehr, daß es dessen 100‑jähriges Bestehen mit Kuchenbuffet, Gitarren­konzert und künstlerischer Illumination des Hauses feierte.

Das Gebäude war wohlüberlegt für sei­ne beiden Funktionen in der neu entwi­ckelten Mainzer‑Vorstadt errichtet wor­den. Der längs des Schützenrains ge­streckte Bau vereinigt das Hochbauamt im Westen mit der etwas kleineren Ober­försterei im Osten. „Die Selbständigkeit der beiden Ämter wird jeweils durch einen Querbau unterstrichen“, hält die Denkmal­topo­grahie fest. Im Erdgeschoß waren die Büros. Jedes Amt hatte einen eigenen Zu­gang vom Schützenrain aus. Im Obergeschoß waren die Wohnungen der Amtsvor­stände. Zu jeder Wohnung führte ein reprä­sentatives Treppenhaus. Jede Wohnung hatte einen Garten.

Zwei reichverzierte Fachwerkgiebel zeu­gen auf der Seite zum Schützenrain von den beiden Ämtern. Ein geschnitzter Hase ziert den Giebel der Försterei, eine geflü­gelte Eule und zwei Männerköpfe schmü­cken die Erkerfenster des Hochbauamtes. Bei den Männerköpfen handelt sich um den damaligen Dienststellenleiter und um den jungen Regierungsbaumeister Wil­helm Jost, vermutet Rosemarie Kärcher­-Schack, Baudirektorin beim Friedberger Staatsbauamt.

Wilhelm Jost schrieb später als bedeu­tender Jugendstilarchitekt Baugeschichte. Im Jahre  1901 war er als junger Baubeamter nach einem Staatsexamen mit Auszeichnung zum Hochbauamt nach Friedberg gekom­men. Er wurde gleich damit beauftragt, den Neubau des Hochbauamtes auszufüh­ren. Es lag bereits ein fertiger, vom Fi­nanzministerium genehmigter Entwurf vor, der ihm allerdings nicht besonders gut gefiel. Abge­stimmt mit den vorgesetzten Behörden nahm Jost einige Änderungen vor.

In seinem Tagebuch hat Jost eine Episo­de festgehalten, eine Art Treppenwitz in die Baugeschichte des Hauses. Mit dem Amtsvorstand lag er im Streit um die An­zahl der Zimmer von dessen Amtswoh­nung. Der Plan sah fünf vor, der Vorstand wollte sechs. Jost: „Ich fand einen Ausweg und sah eine Art Eigentreppe innerhalb der Wohnung vor, über die man noch zwei bewohnbare Kammern erreichen konnte. Das paßte ihm aber auch nicht. Er schimpfte ständig über das Ministerium - wo er ohnedies keinen Freund hatte - be­handelte auch die Referenten bei ihren Be­suchen ausgesucht unfreundlich und reich­te schließlich in seinem Ärger eines Tages ‑ die Amtsräume waren schon bezogen ‑ sein Pensionsgesuch ein, in der Annahme, man würde ihm nun vielleicht nachgeben, da er sonst ein tüchtiger Beamter war und besonders in Bad Nauheim schwierige Ar­beiten ausgeführt hatte. Als Antwort er­schien eines Tages ein junger Kollege und stellte sich als sein Nachfolger vor; erst ei­ne Stunde später kam mit der Post die Ge­nehmigung seines Pensionsgesuches. Das war hart für den alten Mann.“

Das Staatsbauamt nutzt die Jost’sche Treppe heute noch, um zu den Büros im Dachgeschoß zu kommen. Das gesamt Gebäude ist inzwischen Büro. Nachdem 1927 die Oberförsterei ausgezogen war, wurde der Mittelflur im Erdgeschoß durchgezo­gen. Der Zugang vom Schützenrain zur einstigen Oberförsterei wurde zugemau­ert. Zunächst blieb noch eine Wohnung für den Amtsvorstand. Die wurde 1964 eben­falls in Büros umgewandelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Hausmeister­wohnung im Dachgeschoß eingerichtet worden. Auch die verschwand 1976. Mittlerweile wird das Gebäude vom Keller bis zum Dach als Bü­rogebäude für das Staatsbauamt genutzt. Die Nutzgärten des Hochbauamtes wur­den in Parkplätze umgewandelt. Der letz­te Birnbaum aus dem ehemaligen Obstgar­ten wurde vor wenigen Jahren gefällt.

Inzwischen heißt die Behörde Staats­bauamt und hat 78 Beschäftigte (44 arbei­ten in dem historischen Gebäude im Schüt­zenrain 5‑7 und 34 in der Schwalheimer Stra­ße in Bad Nauheim). Sie erledigen Bauauf­gaben für den Bund einschließlich der Bun­deswehr, das Land und die Kreise Wetter­au und Hochtaunus. Außerdem werden 1206 vorhandene Gebäude instand gehal­ten. Für alles das greift das Staatsbauamt auch auf freiberufliche Architekten und In­genieure zurück.

 

Erasmus Alberus:

Es gibt Neues über einen der bedeutendsten Söhne Friedbergs zu be­richten, über Erasmus Alberus, obwohl ‑ oder besser weil ‑ der fast ein halbes Jahr­tausend tot ist. Am 5. Mai 2003 jährt sich der To­destag des Theologen und Dichters zum 450. Mal. Der hartnäckige Alberus‑Forscher Burk­hard Steinhauer hat ein Portrait des Fa­bel‑Autoren aufgetrieben. Es wurde von Lukas Cranach dem jüngeren gemalt, ei­nem zeitgenössischen Künstler, mindes­tens so bekannt wie Erasmus Alberus selbst. Cranach hatte im 16. Jahrhundert die berühmte Werkstatt seines Vaters übernommen, der mit Luther und Melan­chthon befreundet war.

Das Alberus‑Portrait ist seit 1832 im Privatbesitz einer Hamburger Familie. Die hat Steinhauer zum Schweigen ver­donnert: Den Namen der Familie darf er nicht verraten. In ihrem Besitz sind noch weitere Gemälde und Skizzen aus der Hand Cranachs. Die sind ein Vermögen wert, sagt Steinhauer. Die Besitzer des Al­berus‑Portraits, ein farbkräftiges Ölgemäl­de, ließen keine fototechnische Reprodukti­on des Bildes zu, erlaubten Steinhauer aber, es von einem Maler kopieren zu las­sen. Ursprünglicher Eigentümer war der Hamburger Ratsherr Joachim Holzhusen.

Das Bild trägt in der unteren rechten Ecke Alberus’ Wappen, ein Lamm, das die Kreuzfahne trägt und aus dessen Brust Blut in einen Kelch fließt. Alberus Freund Martin Luther hatte ein ähnliches Wap­pen. Alberus verwendete es laut Steinhau­er nur während seiner Zeit in Hamburg. Um das Wappen steht Alberus’ Motto „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Johannes, Kapitel 14, Vers 19).

Steinhauers Alberus‑Forschung ist zwar keine Ahnen‑Forschung, aber es gibt eine Art Haus‑Verwandtschaft: Steinhau­sers Haus an der Kaiserstraße 82 - einst „Zur Reusen“ genannt - gehörte von 1455 bis 1545 der Familie Alber, aus der der Fa­beldichter hervorging.

Steinhauer hat entdeckt, daß der Dichter in einer Fabel Friedberg erwähnt. Das  wußte in Fried­berg niemand.  In der Fa­bel „Von den Eseln und reisigen Pferden“ steht: „Wir Esel han die beste tag/des sin­gen wir und dantzen sehr/Seck tragen, das ist uns ein ehr/Sie sungen also mech­tig sterck,/Das man es hort zu Friden­berck“.

Walter Killy schreibt in seinem Litera­turlexikon über Erasmus Alberus: Am 19. Juni 1519 (nicht 1520) immatrikulierte sich Alberus als Theologiestudent in Wittenberg, er wurde dort zum Überzeugten Anhänger der Reformation Luthers. Über die frühe­ren Jahre erfährt man nur Ungesichertes (unter anderem Schulbesuch in Nidda und Weilburg.) Steinhauer hat darüber eine ganze Menge in Erfahrung gebracht. Gera­dezu minutiös hat er den Lebensweg des Theologen und Dichters von der Wiege an nachgezeichnet. In Heft 3 der Niddaer Geschichtsblätter und in der Broschüre „Erasmus Alberus ‑ Leben und Werk des großen Reformators“ hat er ihn dokumen­tiert. Erasmus Alber wird um 1500 im Pfarrhaus in Bruchenbrücken als Kind des Pfarrers Dietrich Alber mit seiner Magd Greth geboren. Ein Pfaffenkind war nicht mehr wert ein Hurenkind. Die Sittenstrenge in allen Schichten der Bevölkerung machte im 15. Jahrhundert keinen Unterschied. Das Baby mußte weg, unschuldig untertauchen. Erasmus kam zu Ver­wandtschaft der Magd Greth in Staden, wo er es gut hatte.

Weniger gut ergeht es dem künftigen Dichter in Nidda, wo er ab 1508 seine ersten Schuljahre erlebt. Es sind Schreckensjahre in seinem jungen Leben. Sein Schulmeister ist meist betrunken. Nachts stößt er den kleinen Erasmus vom Strohsack und zieht ihn wie einen Pflug im Zimmer hin und her. Im Jahre 1514 schicken seine Eltern ihn auf die Lateinschule in Weilburg. Hier beginnt er mit seinen Fabeldichtungen. Eine widmet er seinem Geburtsort Bruchenbrücken die Fabel „Von den Tauben und vom Ha­bicht“. Später immatrikuliert er sich in Wittenberg und wird kämpferischer Mit­streiter Luthers. Am 5. Mai 1553 stirbt Erasmus Alberus an einem Schlaganfall. Walter Killy urteilt in seinem Literaturlexikon: „Obwohl Alberus im theologischen Amt der Verteidigung der Lehre Luthers, seine eigentliche Berufung sah, lag seine besondere Begabung jedoch eher auf pädagogischem Gebiet. Er schreibt ei­ne gute, klar und pointiert formulierte bildhafte deutsche Prosa und legt zugleich großen Wert auf eine solide Latinität. Literaturhistorische Beachtung erlangte er ­vornehmlich als Fabeldichter, doch ist seine literarische Hinterlassenschaft wesentlich umfangreicher und vielgestaltiger.

 

„Babba Hesselbach“ war ein Friedberger:

Wolf Schmidt sollte Jurist werden. Doch das wollte der Friedberger Bub nicht. Wolf Schmidt, Jahrgang 1913, büxte aus, reiste nach Paris und beschloß, Journalist zu werden. Das Zeitungsprojekt, das Wolf Schmidt gerne realisiert hätte, scheiterte. Geschrieben hat er dennoch weiter. Texte fürs Kabarett, für den Funk und schließlich auch Drehbucher fürs Fernse­hen. Als Wolf Schmidt kennt ihn dennoch kaum einer, als „Babba Hesselbach“, der kauzige Kleinstadtverleger mit Goldrandbrille und Karojackett, ist der Professoren­sohn einem Millionenpublikum bekannt geworden.

Von 1949 an war der Friedberger in rund 70 Radiofolgen zu hören und in 51 Fernsehproduktionen zu sehen. Im Jahr 1963 fiel die Klappe für die erfolgreiche Serie, bei der ihm in unzähligen Folgen Liesel Christ als „Mamma“ zur Seite stand. Unvergessen ist  ihr „Kall, mei Drobbe“. Seitdem wird sie in zahlreichen Wieder­holungen ausgestrahlt, bis heu­te. Geschichten wie „Das Dreckrändche“ haben nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.

Der Autor, Schauspieler und Re­gisseur starb 1977 nach langer Krankheit im Alter von 64 Jah­ren. Im Jahre  1996 würdigte die Stadt ihren prominenten Sohn, der wie kaum ein anderer die Fernsehlandschaft der fünfziger Jahre geprägt hatte und benannte einen Platz nach ihm. Seitdem erinnert eine kleine Gedenktafel am Ende der Lutheranlage unweit vom Haus „Am Tauben Rain“, in dem Wolf Schmidt geboren wurde und in dem er die ersten Folgen der Serie produzierte, an den Liebling eines Millionenpublikums.

 

Elvis Presley:

Mit Elvis Presley und dem Fried­berg der fünfziger Jahre wird ein weite­res Kapitel in der Wet­ter­auer Kul­turgeschichte aufgeschlagen. Das Wetter­au‑Museum in Friedberg widmet der Kult­figur und seiner Zeit die Sonderausstel­lung „A late Date“. Eine Dauerausstellung soll folgen. Zeitzeugen haben sich erinnert, das Stadtarchiv einen längst vergessen geglaubten Film wieder zu Tage gebracht. Tatkräftige Unterstützung kam zudem von Ruth Metzner, Karin Inder­wies und Elvira Spohn, die allesamt dem Friedberger Elvis‑Presley‑Stammtisch an­gehören. Schnell wird deutlich: Hier soll nicht nur die Rockn-Roll‑Ikone zur Schau gestellt werden“, „es geht eben auch um ein Stück Generationsgeschichte“, wie Lischewsky beschreibt.

Die promovierte Volkskundlerin, die seit etwa drei Jahren am Wetterau‑Mu­seum arbeitet und die Ausstellung konzi­piert hat, möchte die fünfziger Jahre vor allem „in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit“ dar­stellen. Für sie nimmt diese Zeit im Deutschland der Nachkriegsjahre eine he­rausragende Stellung ein. Vieles von dem, was für uns heute alltäglich und selbstverständlich ist, nahm bereits da­mals seinen Lauf. Während sich die Gene­ration der Eltern nach den Entbehrungen der Kriegsjahre ein häusliches Refugium geschaffen habe, rebellierte die Jugend ge­gen die Kleinbürgerlichkeit.

In schillernden Figuren wie Elvis Presley fand man altersgerechte Idole. Als der US-­Soldat im Jahre 1958 in den Friedberger Ray Bar­racks stationiert wurde, zählte das klein­städtische Friedberg gerade einmal 15.000 Einwohner. Und die kamen über ihren pro­minenten Gast hautnah mit der US‑ameri­kanischen Kultur in Berührung. „Wenn wir daher überwiegend ganz alltägliche Gegenstände zeigen, die viele noch aus eigenem Erleben kennen, macht das viel­leicht den besonderen Reiz unserer Aus­stellung aus“, hofft Lischewsky auf ein möglichst breites Publikum.

Viel Platz haben die Ausstellungsma­cher allerdings für ihren Ausflug in die jüngere Zeit­geschichte allerdings nicht. Doch den wol­len sie vor allem für kleinere Inszenierun­gen nutzen: Eine Milchbar mit ihren mar­kanten roten Hockern wird aufgebaut, die Musikbox „Fanfare 100 Stereo“ läßt sich für 20 Pfennig einen Hit der Fünfziger entlo­cken. Die Wohnzimmereinrichtung mit Tü­tenlampe und Nierentisch soll genauso zu den präsentierten Kernstücken gehören wie ein Kaufhausschaufenster, das mit sei­nen Auslagen von der wiedererstarkten Wirtschaftskraft zeugt.

„Wenn es klappt, dann findet sich so mancher Besucher bei dem ein oder ande­ren Ausstellungsobjekt wieder“, hofft Lischewsky. Den Film „Friedberg ‑ das Herz der Wetterau“, den seinerzeit der Fo­toclub drehte, hat sie im Stadtarchiv ge­funden. Ein Zusammenschnitt, der Klein­stadtidyll und Arbeitsleben zeigt, gehört ebenfalls zur Sonderausstellung. Bestückt werden soll die Schau außerdem mit El­vis‑Fotografien und Devotionalien. Einen breiten Spannungsbogen für Fans und Nichtfans will man bieten. Zum Rahmen­programm der Ausstellung gehört eine Rei­he von Sonderveranstaltungen etwa mit Live‑Musik, einer fünfziger‑Jahre‑  Moden­schau und einer Elvis‑Show.

Viele Klischees und Anekdoten ran­ken sich um dieses Jahrzehnt, die Zeit der 50er Jahre, das nicht immer so romantisch war, wie so manch einer heute verklärend gerne weis­machen möchte. Doch eines ist klar. Es war vor allem eine Zeit, in der es prickel­te in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Vieles von dem, was unseren Alltag heute wie selbstverständlich prägt, nahm da­mals seinen Lau£

Die noch junge Demokratie übte sich in Entbehrung und Improvisation. Der Krieg hatte häßliche und schmerzvolle Spuren hinterlassen. Und dennoch, die Menschen stellten sich den Herausforde­rungen ihrer Zeit und krempelten die Är­mel hoch. Ein zartes Pflänzchen mit Na­men „Wirtschaftswunder“ blühte, und ge­dieh von Jahr zu Jahr in rasantem Tem­po. Die harte Arbeit lohnte sich, allmäh­lich ging es bergauf.

„Sonntags kam dann schon einmal ein Braten auf den Tisch“, erinnert sich Hans Ulrich Halwe, Vorsitzender des Elvis Presley Vereins Bad Nauheim/Friedberg, an die kargen Höhepunkte an der gedeckten Tafel. Fleischeslust herrschte auch unter den Bettdecken. Doch die Pille gab es noch nicht, Kondome wurden nur unter dem Ladentisch gehandelt. Über allem schwebte der Kuppelei‑Paragraf. So man­ches Mal teilte man(n) die Matratze mit der Furcht vor den Sittenwächtern.

Mit Hildegard Knefs Sekunden‑Entblö­ßung in dem Leinwand‑Epos „Die Sünde­rin“ ging 1951 ein entsetzter Aufschrei durch die Republik. Und doch werden alle ganz genau hingeschaut haben. Die Dop­pelmoral der kleinbürgerlichen Beschau­lichkeit erlebt spätestens mit dem Tod der Frankfurter Edel‑Dirne Rosemarie Nitri­bitt 1957 ein kleines Erdbeben.

Romy Schneider und Nadja Tiller, James Dean und Peter van Eyck lächelten von den Filmplakaten. Die „Halbstarken“ mit Karin Baal und Horst Buchholz wur­den zu den heimlichen Anführern einer sanften Rebellion der Jugend gegen die muffige Spießbürgerlichkeit ihrer Eltern. Im Wohnzimmer standen Salzstangenhal­ter auf den Nierentischen, Tütenlampen setzten das eigenwillige Design des Melit­ta‑Kaffee‑Geschirrs ins rechte Licht.

Derweil hockten die Sprößlinge im Kel­ler drunter, lauschten gespannt den fetzi­gen Rhythmen Elvis Presleys und Peter Kraus. Erstmals finden die jungen Leute al­tersgerechte Idole, beschreibt Ulrike Lischewsky vom Wetterau‑Museum, wie in den Fünfzigern aus einem Aufbruch ein Um­bruch wurde.

Vor allem die Alltagskultur wurde mit einer Neuheit nach der anderen berei­chert. Die meisten schwappten über den „Großen Teich“ auf den europäischen Kontinent: Nylons, Cola und Kaugummi, Petticoat und Jeans eroberten eine Zeit und mit ihr ein ganzes Volk. Dabei wa­ren dem Erfindungswitz der an Spar­samkeit gewohnten Macher keine Grenzen gesetzt.

So erzählt Walter Arbeiter, Leiter des Fünfziger‑Jahre‑Museums in Büdingen, von ei­nem Haushaltsgerät, das nur den Gehirnwindungen eines Daniel Düsentrieb ent­sprungen sein kann. Während der Motor einer Küchenmaschine eifrig den Kuchenteig knetet, dient dieselbe Maschine dem Antrieb der Trockenhaube. Und natürlich kann das kleine mechanische Wunderwerk auch Löcher in die Wände bohren. Nur Zeitreisen kann man damit nicht unternehmen. Dafür muß man schon den Weg nach Friedberg finden.

 

Den Besuch Friedbergs kann man verbinden mit einem Besuch Ockstadts, Petterweils und Kloppenheims („Schloß“). Dabei muß man in Niederwöllstadt in Richtung Frankfurt abbiegen.

 

 

Ockstadt (westlich von Friedberg)

Ockstadt muß man zur Zeit der Baumblüte besuchen, denn Ockstadt betreibt Obstan­bau, großflächig und professionell und das seit über 200 Jah­ren. Eingeführt wurde er gemeinsam mit der Kartoffelzucht durch den weisen Landesvater Gottfried von Franckenstein.

Dieses Geschlecht regierte unabhängig von Burg und Stadt Friedberg in näch­ster Nähe die Herrschaft Ockstadt seit 1521, nachdem er die ehemalige Wasserburg der Herren von Cleen geerbt hatte. Diese hatten sie schon 1490 zu einem Schloß umgestal­tet, behielten die vier runden Ecktürme bei, von denen einer noch gut erhalten ist, ebenso ein Rundturm, der wahrschein­lich der Bergfried war. Der Verfall der Schloßanlage. begann seit dem Wegzug der Franckensteiner von Ockstadt 1765.

Das Schloß und seine Haupt­gebäude verfielen immer stärker und wur­den schließlich 1805 abgerissen. Nur noch das im 18. Jahrhundert erbaute Rentamt und heutige Hauptgebäude, die alte Braue­rei an der Nordmauer und der zentrale „Große Turm“, blieben stehen. Dieser Turm mit einem Verließ sowie die Außen­mauern mit ihren gedrungenen Türmen sind die einzigen Original‑Elemente des einstmals burgähnlich befestigten Schlos­ses.

Nachdem ihre Familie über Jahrhunderte nicht mehr im Ockstädter Schloß gelebt hat, kehren Georg Freiherr von und zu Franckenstein und seine Frau Katharina in das Anwesen zurück. Im Jahre 1998 hatten sie das Schloß dem inzwischen verstorbenen Wolf­gang Eberlein abgekauft und das ehemali­ge Rentamt in vier attraktive Wohneinhei­ten umgebaut.

Katharina Freifrau von und zu Franckenstein beseitigt die letzten Spuren des Open‑Air‑­Gottesdienstes im Schloßhof. Die junge Frau und ihr Mann Georg haben eine alte Familientradition wiederbelebt: Sie schmückten den Altar, vor dem sich am Fronleichnamstag ge­schätzte 500 Gläubige versammelten, um von dort aus zur traditionellen Prozession durch den Ort loszuziehen.

In einem schlimmen Zustand haben er und seine Familie das Schloß vorgefun­den. Schon 1995 war ein Zwangsversteige­rungsverfahren eingeleitet worden, weil die Pläne des damaligen Schloßeigentümers Wolfgang Eberlein gescheitert waren und der Mann hochverschuldet war. Eber­lein hatte das Schloß 1975 gekauft, um ein ambitioniertes Sozialprojekt für Kin­der aufzubauen. Während seiner mehr als 20 Jahre währenden Ära verfiel das Ge­bäude weiter. Den größten Schaden dürfte im Januar 1998 jedoch ein Brand im Dachgeschoß des ehemaligen Rentamtes ange­richtet haben.

Das Rentamt, das heutige Hauptgebäude, wurde bis 2000 renoviert. In dem schmucken Hauptgebäude sind vier elegante Wohneinheiten entstanden, die vermietet sind.  Auch die Schloßtürme an den Außen­mauern haben die Franckensteins renovie­ren lassen. Demnächst soll ein weite­res Türmchen renoviert werden, damit die Kinder der Mieter und der Franckensteins beim Spielen und Herumtollen auf dem weitläufigen Hof nicht gefährdet werden. Das nächste größeres Problem ist dann die alte Brauerei .Das Gebäude an der Außenmauer zur Straße steht unter Denkmalschutz, ist aber sichtbar verfallen. Tiefe Risse gehen durch die Grundmauern.

Den geräumigen Gewölbekeller unter dem langgestreckten Rentamt würde der Schloßherr  gern der Öffentlichkeit als stimmungsvollen Veranstaltungsort zur Verfügung stellen­. Voraussetzung dafür wäre jedoch ein sepa­rater Eingang ‑ dem die Denkmalschützer zustimmen müßten.

Georg Freiherr von und zu Francken­stein war als Junge mit seinen Eltern öf­ters im Ockstädter Schloß. An die 23 Jah­re, von 1975 bis 1998, in denen das Schloß nicht im Besitz der Familie war, hat er schmerzliche Erinnerungen. Ein paar Mal habe er versucht, das Schloß zu besichti­gen und sich als Angehöriger der ehemali­gen Besitzer ausgewiesen. „Ich sollte wie jeder andere 20 Mark zahlen, wenn ich in den Schloßhof wollte, um mir einfach mal die Anlage anzusehen“, sagt er mit Bedau­ern. Er möchte das Schloß und den Gar­ten der Öffentlichkeit bei besonderen An­lässen wie dem Fronleichnamsgottes­dienst wieder zugänglich machen.             

Umgebung:

Die Friedberger Straße führt direkt zur Kirche mit dem historischen Rathaus davor. Über die Nauheimer Straße kommt man zum Friedhof. Dort geht man links in die Straße „In den Wendelgärten“ und immer gerade aus (nicht links). Nach einem Linksbogen geht es geradeaus, zuletzt auf einer betonierten Straße zur Hollerkapelle, die an das im Dreißigjährigen Krieg untergegangene Dorf Hollar in dieser Gemarkung mahnt.

Man fährt den betonierten Weg weiter bis zum Wald und biegt dann links ab („militäri­sches Gelände, auf der Höhe der grünen Gebäude zweigt an der Pappelgruppe ein Weg ab“).

Am Waldrand entlang kommt man zur Usinger Straße.

Hier oben soll auch der „Ockstädter Riese“ stehen, ein großer Speierlingsbaum. Wahrscheinlich muß man dazu erst einmal nach rechts abbiegen und dann vor der Fabrik nach links zu dem Gelände westlich des alten Sportplatzes. Diesen kann man auch erreichen über den Weg, der östlich des Behindertenwerkes nach rechts abbiegt zum Golfplatz. Am Waldrand biegt man gleich wieder rechts ab und kommt vorbei and er Vogelschutzhütte zum Naherholungszentrum Alter Sportplatz. Über die Usinger Straße fährt man dann durch die Neubausiedlung wieder hinein in den Ort in die Bachstraße, in der rechts das Schloß steht (Frankfurt I, Seite 97-99).

 

St. Jakobus

„Es ist bekannt, wie mise­rabel und elend die Kirche zu Ockstadt aussehe, daß so zu sagen ohne Lebensge­fahr darinnen niemand seinen Gottes­dienst verrichten kann.“ Diese Zeilen schrieb Freiherr Gottfried von Francken­stein im Jahre 1708 über eine baufällige Vorläuferin der St. Jakobus‑Kirche. Die heutige Gemeinde bemüht sich dagegen, daß ihre Kirche ein Schmuckstuck für den Ort darstellt. Für 320.000 Euro wurde jetzt der Innenraum der Kirche renoviert. Die Wände des Gebäudes waren nach Jahr­zehnten dunkel und schmutzig geworden. Nach einer Konzeption des Mainzer Diöze­san‑Konservators Hans‑Jürgen Kotzur wurde der gesamte hochragende Innenraum inklusive des Deckengewölbes neu gestrichen. Kurz nach Ostern wurde mit den Arbeiten begonnen; schon Ende Au­gust sahen die Wände wieder wie neu aus. Zwei weiße Farbschattierungen wurden verwendet, um das Gotteshaus neu zu tün­chen.

Eine davon nennt man auch „Caput Mor­tuum“ ‑ auf deutsch „Haupt der Toten“. Mit einem Hauch von Rosa schimmert die­ser Farbton, wenn die Sonne ins helle Kir­chenschiff einstrahlt. „Die Architektur der St. Jakobus‑Kirche arbeitet mit dem Licht­einfall“, erklärt Walter Appel, Vertreter des Mainzer Diözesan‑Konservators. Vom Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker wurde die späthistoristische Kirche 1910 erbaut. Das Innere mit seiner Stuckdecke vermittelt einen barocken Eindruck, der aber täuscht. Aus jener Epoche stammen nur zentrale Einrichtungsgegenstände wie Kanzel oder Altar, die geschickt in das eigentlich modernere Gebäude einbezogen wurden. Kleinere Renovierungsarbeiten ergänzten die Malerarbeiten. Ein rundes Glasfenster mit dem Porträt von Maria Magdalena wurde neu eingesetzt; einige der alten Glasmalereien wurden restau­riert.

 

 

Rosbach vor der  Höhe

 

Oberrosbach:

Wenn man von Süden kommt, kann man gleich am ersten Hinweisschild nach Oberrosbach hineinfahren über die lange Homburger Straße, dann kommt man zum Marktplatz. Man kann aber auch bis zur ampelgesteuerten Kreuzung Niederrosbacher Straße fahren und dort links einbiegen. In beiden Fällen kommt man zum Marktplatz.

Das Eckhaus an der Südostecke  (Homburger Straße 2) war der 1550 erbaute Gemeindegasthof „Zur Rose“. Im unteren Stockwerk befanden sich die Küche und der Gasthof, oben residierten der Bür­germeister und das Ortsgericht, so daß das Gebäude auch Rathaus war. Vor 150 Jahren mußte der Pächter Obdachlosen auf Kosten der Stadt eine Suppe mit Brot verabreichen.

Nicht nur die Geleitzüge profitier­ten von den Gefahren und Risiken auf den unsicheren Wegen und Pfaden durch ver­schiedene Herrschaftsbereiche, die auf Karten genau eingezeichnet waren. Auch die Gasthäuser boomten angesichts der Schutzbedürftigkeit der Händler und Rei­senden. Innerhalb der Stadtmauer von Ober-Rosbach gab es elf Gastwirtschaf­ten. Der Ort diente Händlern aus der nördlichen Wetterau auf dem Weg zu Markten und Messen als letz­ter Übernachtungsstopp vor Frankfurt. Innerhalb der Stadtmauer waren sie und ihre Waren sicher, draußen wären sie geplündert wor­den. Die Gasthöfe mußten genügend Platz für Händler Pferde, schwer beladene Plan­wagen und die Mannschaften der Geleitzü­ge bieten. Die „Rose“ war das größte Gasthaus am Ort.

 

Eine urige Hessen‑Kneipe schwebt Bürgermeister Detlef Brechtel für das Untergeschoß des historischen Rathauses vor. Das um 1550 errichtete und zuletzt im Jahr 1976 gründlich renovierte Gebäude war in seiner Geschichte schon einmal Gasthaus gewesen. Ein guter historischer Bezug, um an diesem Ort mit ei­ner Kneipe den alten Ortskern von Ober-­Rosbach zu beleben.

Die Räume im Erdgeschoß sind mit 168 Quadratmetern großzügig. Da sich hier früher eine offene Halle befand, stören auch heute keine statisch notwendigen Stützen. Der Raum reicht allerdings nicht aus für eine große Küche. Aber für die Zu­bereitung kleiner Speisen wird die mit 15 Quadratmetern veranschlagte Küche ausreichen. Der Umbauplan sieht eine Ent­ker­nung des Erdgeschosses vor und im Oberschoß Umbauten mit dem Ziel, einen Veranstaltungsraum und Sanitäranlagen zu schaffen. Unterm Dach ist eine Pächter­wohnung geplant. Das Hinterhaus mit dem Trauzimmer bleibt unverändert.

Auch in dem schräg gegenüber liegenden Haus Kirchstraße 1, dem der Stadt gehörenden ehemaligen Pfarrhaus, tut sich etwas. Das Obergeschoß ist vermietet. Im Erdgeschoß will die Stadt einen 30 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum mit Küche und Vorraum schaffen. Hier könnten Ausschußsitzungen und kleine Familienfeiern stattfinden.

Schwerpunkt des kleinen Brunnen-­Museums ist die Dar­stellung der Gewinnung von Mineralwas­ser und seine Bedeutung in verschiedenen Kulturepochen. Aus der Römerzeit zeigt es Funde der näheren Umgebung, sie bringen mit Krügen, Schalen und Ge­schirr römisches Alltagsleben näher.

 

Steinbruch:

Der hoch gelegene Steinbruch darf aus guten Gründen nicht mit dem Auto oder Motorrad angefahren werden. Man fährt auf der B 455 zur südlichen Einfahrt nach Ober-Rosbach

 (Ab­zweigung gegenüber der Shell‑Tankstelle in Richtung Tennis‑Center). Die Straße „Die Sang“  biegt gleich links ab und führt zu einem Parkplatz noch vor der Autobahn. Man geht unter der Autobahn hindurch und dann immer den geschotterten Weg weiter, dem Wanderzeichen „Wildschwein“ folgend (also an der Gabelung rechts). Wo der Weg den ersten stärkeren Linksknick macht ist eine Sitzgruppe und eine Wildschweinsuhle. Dort geht der Weg ab zu einem ersten kleineren Quarzitsteinbruch. Der Weg geht aber weiter gleichmäßig nach oben, macht einen stärkeren Linksknick und führt dann zu dem eigentlichen Quarzitsteinbruch.

Hier muß man sich allerdings entscheiden, weil zwei Schilder zu einem Aussichtspunkt auf den Steinbruch weisen. Nach rechts kommt man auf dem mit dem „Wildschwein“ gekennzeichneten Weg zu dem oberen Aussichtspunkt bzw.  der Dicken eiche. Dieser Weg  führt rund um den Salzberg, der  von hier aus östlich liegt.  Es wird aber empfohlen, auch geradeaus zu dem unteren Aussichtspunkt zu gehen, der ganz am nordwestlichen Ende des Steinbruchs ist, von einem Geländer eingerahmt.

Das immer­hin fast zwölf Hektar große Gelände wird bestimmt durch ein sechs Hektar (also 60.000 Quadratmeter) großes Loch und große Abraumhalden. Je nach Wasser­stand ist die Feuchtfläche 2,5 Hektar groß. Jahrelang wurde hier bis 1988 (1989) Quarzit für den Straßen‑ und Hausbau gebrochen. Zwi­schen Stadt, Bergbau­amt und Steinbruch­pächter war ursprünglich schon die völlige Verfüllung des Lochs mit Bauaushub vereinbart. Eine halbe Million Kubikmeter Erde wären herange­karrt worden. Über ihr sollte wieder Wald gedeihen. Das Quarzitwerk hätte in die­sem Fall ein weiteres Mal fette Beute ma­chen können, schätzungsweise fünf Millio­nen Mark Deponiegebühren. In die Kasse der Stadt Rosbach wären 2,5 Millionen Mark geflossen.

Die Politiker der Stadt aber erlagen nicht der Versuchung des großen Geldes. Sie folgten statt dessen der Empfeh­lung des Revierförsters Heinz Sill und der örtlichen Naturschutzgruppen, den Stein­bruch der Natur zu überlassen. Allerdings nicht ganz. Das Forstamt und der städtische Bauhof entfernten die Bauwerke des Steinbruch‑ Betriebes, bau­ten eine Ablaufrinne für das Wasser, das über einen „Mönch“ seitdem eine beständi­ge Höhe hat, schufen durch Aufschüttun­gen kleine Inseln und Flachwasserzonen und formten die riesigen Abraumhalden zu einer vielgestaltigen Ebene für Pflan­zengesellschaften, die nur auf mageren Bö­den gedeihen können.

Die Na­tur sollte sich selbst unter den neuen Be­dingungen regenerieren. Manchmal ist der beste Na­turschutz das Nichtstun, schlicht: die Un­terlassung menschlicher Einwirkung. Die Tier‑ und Pflanzenwelt im einstigen Steinbruch ist förmlich explodiert. Wie durch ein Wunder, tatsächlich aber mit Hilfe des Windes, gedeihen die Samen von Pflanzen, die auf der Roten Liste stehen.

Es  wachsen Fische aus dem Laich heran, der von Wasservö­geln importiert wurde. Flora und Fauna eroberten in einem sich selbst beschleuni­gendem Tempo die Feuchtzonen, die Tro­ckenplätze, die Steilabbrüche, die hohl­raumreichen Berge aus großen Steinen. Heute ist dort ein Reich der Feuersalamander und Erdkröten, Bergmolche und Gelbbauchunken. Heckenbraunelle, Rotkehl­chen, Goldhähnchen und Zilpzalp und noch viele andere Vögel singen zur Begrüßung. Man sollte ein Fernglas dabei haben, dann kann man den Fischreiher sehen, der am Wasser Nahrung sucht oder hoch über dem Loch seine Runden dreht.

Ornithologen und Botaniker notierten fast 30 Vogelarten. Nicht nur die Fauna vervielfältigte sich dort im Quadrat, wo einst nichts als grauer Quar­zit war. 80 Pflanzen, darunter viele mit der traurigen Berühmtheit eines Ver­merks in der Roten Liste bedrohter Arten, waren sind vor in dieses Gelände eingewandert.

Heute ist der Steinbruch ein Naturschutzge­biet. Man kann ihn nur von den zwei Aussichtspunkten aus einsehen. Wenn aber das Biotop als „Arche Noah“ für den Rosbacher Stadtwald dauerhaft sein soll, muß der Mensch künftig wieder stär­ker eingreifen. Denn schon heute machen sich Pionierbäume wie Birken und Weiden breit und rauben anderen Pflanzen Lebensraum, wuchert Gras am Ufer mit der Folge, daß sich der Flußre­genpfeifer wieder verabschiedet, denn er mag nämlich nur vegetationsarme Uferzonen. Ein Mitglied der BUND Bad Vilbel regte an, die vom Aussterben bedrohte europäische Sumpfschildkröte in den Tiefwasserzonen auszusetzen.

 

Eventuell könnte man auch westlich um den Steinbruch herumgehen, aber der Weg ist nicht sehr gut. Deshalb wird empfohlen, vom Steinbruch wieder ein Stück zurück an das südöstliche Ende des Steinbruchs zu gehen. Dort beim  Waldbezirk „Alter Heegwald 114“ geht ein Grasweg nach Norden (also nicht bis zu der Stelle hinunter laufen, wo die Hinweisschilder „Aussichtspunkt“ stehen). Nachdem der Weg einen starken Rechtsknick gemacht hat, trifft er auf einen geschotterten Weg. Dort geht es im spitzen Winkel links hoch (Wanderzeichen „Zelt“) und dann noch einmal  links auf dem geschotterten Weg zu dem oberen Aussichtspunkt (Blick bis Frankfurt). Von dort geht man wieder ein Stück zurück, aber nichts rechts hinunter, sondern jetzt geradeaus nach Norden bis zur „Dicken Eiche“.

 

Diese ist ein rund 300 Jahre alter Hutebaum. Früher, als Schweine, Rinder und Pferde in die Hutewälder zur Weide geführt wurden, war sie ein Rastpunkt für die Viehhirten. Das Vieh ließ keinen Jungwuchs aufkommen, deshalb sind heute große Bäume an markanten Punkten Überreste dieser bis ins 19. Jahrhundert üblichen Art der Weidewirtschaft. Heute ist die „Dicke Eiche“ ein beliebtes Ausflugsziel bei Wanderern.

Von der Eiche geht es auf dem Fichtweg nah Südosten (also nicht nach Osten, sondern an der Abzweigung hinunter, die man schon kurz vor der Dicken Eiche passiert hat. Unten trifft man auf die Autobahn (auf dem letzten Stück nciht der geschotterten Straße folgen, sondern die Abkürzungennehmen). An der Autobahn entlang geht man dann in südwestlicher Richtung zum Ausgangsort. Dieser Weg ist nur unwesentlich länger, als wenn man auf dem mit einem Wildschwein gekennzeichenten Weg und dem Aufstiegsweg wieder absteigt.

 

 

 

Nieder-Rosbach: Wasserburg

Von der Durchgangsstraße geht es ein kleines Stück nach Norden in die Frankenstraße,  dann gleich wieder rechts in die enge Straße „Haingraben“. Diese führt zur Wasserburg, die links liegt.  Man geht durch die Grünanlage mit dem Rest des Wasser­grabens zu einem runden Platz, ab den auch die Kirche und die ehemalige Grundschule stehen.

Die Wasserburg wurde 1356 erstmals erwähnt. Ab 1503 war sie fürstliches Burggut und 252

Jahre im Besitz der Reichsfreiherren von Greifenclau zu Vollrads. Im Jahre 1710 wurde sie

umgebaut und 1816 verkauft mit öfters wechselnden Besitzern. Das ganze Gut war mit einer Schutzmauer umgeben.  Im Jahre 1907 erfolgte der Abriß der Wirtschaftsgebäude.  Im Jahre

1913 wurde die Burg von der Gemeinde Nieder- Rosbach erworben und als Bürgermeisterei und Lehrerwohnung genutzt.

Für die Sanierung der Nieder‑Rosbacher Wasserburg und die Gestaltung ihrer Umgebung gibt es den Förderverein zur „Erhaltung, Sanierung und Nutzung“. Bürgermeister Detlef Brechtel strebte eine Lösung aus einem Guß an, bei der auch das Schicksal der ehemaligen Grundschule und die Nutzung des umgebenden Gebiets mit einbezogen werden. Die Schule ist ein reiner Zweckbau in mittlerweile schlechtem Zustand. Deshalb wurde bereits über einen Abriß des fast 50 Jahre alten Gebäudes nachgedacht. 

Schwamm und Pilze im Mauerwerk der Burg machen schon seit längerer Zeit Sorge. Die Statik des Gebäudes ist alarmierend. Bodenuntersuchungen sollen aufzeigen, wodurch die festgestellten Risse im Mauerwerk entstanden sind. Eine Auftragsvergabe an die Wetterauer Beschäftigungsgesellschaft zwecks Entkernung von Ober‑ und Dachgeschoß soll helfen, Kosten zu sparen. Bezüglich der Erdgeschoßräume, in denen derzeit die Sozialstation ihr Domizil hat, müssen besondere Überlegungen angestellt werden.

 

Allerdings hat der Förderverein großartige Vorarbeit geleistet. Alle Grundrißpläne sind vorhanden.  Deshalb ist man zuversichtlich, einen Investor im Blick auf die künftige Nutzung der Burg zu finden. Die beiden beauftragten Architekten aus dem hessischen Brandoberndorf beurteilen das Schicksal der Wasserburg zuversichtlich. „Wir haben hier keine Bauruine, sondern eine erhaltenswerte Substanz“, meinen sie. Nicht jede Sanierung heiße zwangsläufig: „Alles wird teuer!“ (Februar 2008).

 

 

Nieder-Rosbach: Speierling:

Einige Anwohner im Speier­lingsweg (südlich parallel der Rodheimer Straße) in Nieder‑ Rosbach trauern seit kurzem einem etwa 100 Jahre alten Spei­erlingsbaum nach, den die Mieter eines Wohnhauses im Einvernehmen mit dem Grundstückei­gentümer gefällt ha­ben. Der Vorsitzen de des BUND‑Orts­verbandes Rosbach, Gerd Joachim, hat dafür gesorgt, daß der Vorfall öffent­lich geworden ist. Joachim bemän­gelt, daß es in Ros­bach keine Baumschutz‑ Verordnung gibt, die seltene und vor allem alte Bäume wie den gefällten Speierling unter Schutz stellt.

Laut Joachim nahm der Baum nach dem Geschmack der Hausbewohner zuviel Sonnenlicht weg und produzierte im Herbst zuviel lästiges Laub. Bürgermeis­ter Detlef Brechtel bedauert, daß der Spei­erlingsweg nun ohne seinen namensgeben­den alten Baum auskommen muß.

„Der Baum stand nicht unter Schutz, das ist allein eine eigentumsrechtliche Sa­che. Wir haben versucht, möglichst viele Bäume unter Schutz zu stellen, bei diesem ist uns das nicht gelungen“, sagte Brechtel auf Anfrage.

Der Bürgermeister bezweifelt, daß der Baum durch eine wirksame Baumschutz­verordnung stärkeren Schutz erfahren hät­te. Wenn ein Eigentümer partout etwas gegen einen Baum auf seinem Grundstück hat, dann kann man ihn nur schwer dazu zwingen, ihn zu erhalten. Möglicherweise würden Eigentümer gar zu unlauteren, aber schwer nachweisbaren Tricks grei­fen, um den ungeliebten Baum zum Einge­hen zu bringen.

Bei dem bekennenden Speierlingsschüt­zer, Heger und Pfleger Peter Gwiasda löst die Nieder‑Ros­bacher Fällaktion Verärgerung aus. Gwias­da hat ein sehr intensives Interesse am Erhalt der seltenen Speierlingsbäume mit dem botanischen Namen Sorbus domesti­ca. Er gehört dem 1993 gegründeten För­derkreis Speierling an, der sich dafür ein­gesetzt hat, daß seit Anfang der 90er Jah­re mehrere zehntausend Speierlinge ge­setzt worden sind.

„Wenn die Leute mehr über die vielen wichtigen Funktionen dieses Baumes gewußt und geahnt hätten, wie wertvoll ein hundert Jahre alter Speierlingbaum ist, hätten sie das vielleicht nicht getan“, sagt Gwisda mit Bedauern. Heute sei der Spei­erling zu den extrem seltenen Bäumen zu zählen. Die nördliche Verbreitungsgrenze markiere der Verlauf des Mains. Der Speierling verträgt die Kälte der nördlicheren Regionen nicht so gut und ist daher besonders im Mittelmeer­raum zu finden. Aber auch dort kommt er heute schon selten vor, sagt Gwiasda.

Grün und unreif geerntet enthält der Saft der kleinen Speierlingfrüchte viele Bitter‑ und Säurestoffe. Früher wurde der Speierlingssaft zum Wein und Apfelwein gegeben, um ihn zu konservieren und auch heute noch setzen passionierte Apfel­weinkelterer den Saft zu diesem Zweck ein.

Auch das Aroma der Weine kann durch Zugabe der richtigen Speierlings­saft­menge gewinnen. Auch in der Medizin wird der Saft der unreifen Fruchte ge­nutzt, um mit Hilfe der Bitterstoffe Ma­gen‑ und Darmkrankheiten zu behandeln. Die ausgereiften, zucker­­süßen Früchte, können zu Kompott verar­beitet werden.

Das Holz dieser bis zu 20 Meter hohen Bäume ist besonders wertvoll und wird von Kennern nach Kilogramm bezahlt. Früher ist es wegen seiner Härte und Robustheit zur Herstel­lung von Werkzeugen wie etwa Hobeln ver­wendet worden. Der Gedanke, daß der Stamm und die Äste des in Rosbach gefäll­te hundertjährigen Speierlings möglicher­weise durch den Schred­der gewandert sind, läßt Gwiasdas Herz nachträglich bluten.

 

Rodheim

Ein Feuer zerstörte vor hun­dert Jahren die neue Kirche und umliegen­de Gebäude in Rodheim. Um ein Haar wä­re das Schicksal des ganzen Ortes besie­gelt gewesen. In der Nacht zum 14. September fiel der gesamte Innenraum mit der hölzernen Einrichtung den Flam­men zum Opfer. Nur die äußeren Umfas­sungsmauern waren erhalten geblieben. Gerettet werden konnten der Kronleuchter und die Altarbekleidung, die Pfarrer Au­gust Dieckmann aus der brennenden Kir­che trug. Nur zwei Jahre später war die Kirche originalgetreu wieder aufgebaut und wurde neu geweiht.

Neu heißt die Kirche, weil sie nach der gro­ßen reformierten Kirche ursprünglich 1736 für die lutherische Gemeinde erbaut wurde. Als die Lutheraner noch mit der refor­mierten Kirche in Konkurrenz standen durfte sich Rodheim als Teil der Graf­schaft Hanau‑Münzenberg einer Besonder­heit rühmen: Hier galt keine Staatsreligi­on und beide evangelischen Konfessionen waren gleichberechtigt. So durften die Lu­theraner ihre neue Kirche einen Stein­wurf von der alten bauen. Dennoch gab es Anlaß zu wilden Diskussionen: Der in die Straße vorspringende Glockenturm war den Reformierten lange ein Dorn in Auge. Man diskutierte mit dem Bauherren er­bost um 43 Zentimeter, obwohl die Straße keineswegs den Reformierten gehörte, son­dern öffentlicher Boden war. Erst nach lan­gem Streit konnte der Glockenturm in der heutigen Form gebaut werden.

Innerlich hat sich die Kirche in den letz­ten 100 Jahren nicht mehr verändert. Nur der große Sandsteinaltar wurde durch ei­nen leichteren Altartisch ersetzt. Und der von Dieckmann glücklich gerettete Kron­leuchter verschwand auf unerklärliche Weise in den sechziger Jahren, als eine neue Beleuchtung installiert wurde.

Rechtzeitig fertig geworden ist die infor­mative Festschrift mit Fakten und Anekdo­ten rund um die Kirche und Rodheim. Sie erzählt auch vom Rodheimer Bäckergesel­len, der für Kaiserin Sissi gebacken hat.

 

Bruchenbrücken (südöstlich von Friedberg)

Erdverfärbungen, Stein­werkzeuge und viele Scherben: das ist al­les, was von den ersten Bauern der Wetter­au übriggeblieben ist. Ein Archäologen­-Team der Universität Frankfurt gräbt derzeit er­neut an dem jungsteinzeitlichen Fund­platz südlich von Bruchenbrücken. Schon in den achtziger Jahren wurden hier eini­ge Häuser ausgegraben, die aus der Zeit um 5300 vor Christus stammen. Bei einer geophysikalischen Untersuchung des Ge­ländes deuteten sich weitere Hausgrund­risse und Gruben an.

Im 6. Jahr­tausend vor Christus lebten hier Bandkeramiker. So wird die Kultur der ersten Bauern in Deutschland von Archäo­logen bezeichnet ‑ wegen der Verzierung auf ihrer Keramik. Ausgehend von Meso­potamien, verbreitete sich der Ackerbau über den Balkan bis in unsere Region.

Ins­gesamt befanden sich hier gleichzeitig stets drei bis fünf Bauernhäuser. Pfostenlöcher  von Häusern sind die letzten Spuren einer sol­chen Siedlung. Außerdem sucht man Abfall‑, Lehm‑ und Speichergruben, sichtbar in Form von Erdverfärbun­gen. Die Hütten aus einer Holz‑ Lehm‑Kon­struktion waren meist 40 Meter lang. Die Dachpfosten hatten eine Höhe von bis zu acht Metern. Vielleicht acht bis zehn Perso­nen lebten in einem dieser Bauernhöfe. Die Hütten waren sehr vergänglich und mußten alle 25 bis 30 Jahre neu angelegt werden. Dabei wurde der Neubau paral­lel zum alten Haus angelegt. Insgesamt existierte die jungsteinzeitliche Siedlung um die 175 Jahre.

Jedes Haus gehörte einer anderen Gruppe. Jede Familie bewirtschaftete ein 1,8 Hektar großes Feld. Angebaut wurden Weizen, Gerste, Emmer und Einkorn. Knochenfunde zeigen zu­dem, daß Schweine, Schafe und Ziegen ge­halten wurden. Die Siedler jagten aber auch noch viel.

An Fundmaterial fanden sich einige Steinwerkzeuge. Das Beil war das wich­tigste Werkzeug des Mannes.

Die Fun­de deuten darauf hin, daß es sich bei den Siedlern um Einheimische handelte. Was hatte sie bewogen, die vor­herige nomadische Lebensweise aufzuge­ben? Vielleicht wurden sie regelrecht zum Ackerbau mis­sioniert wurden und nicht nur fortschritt­liche, sondern auch religiöse Motive spielten eine Rolle.

Auch in Bruchenbrücken fand sich ein Hinweis auf kultische Handlungen: der Rest eines kleinen Idols, einer jungstein­zeitlichen Tonstatuette mit meist weiblichen Attributen, wie sie auch von anderen Plätzen der Wetterau bekannt sind. Die Fi­gur hält offenbar ein Schälchen über dem Schoß; sicher war es ein Fruchtbarkeits­symbol.

 

Friedberg-Ossenheim (östlich von Friedberg)

Die Evangelische Kirche (Hirtengasse) wurde 1608 erbaut als Nachfolgebau einer Kapelle von 734, das Holzwerk der Emporbühne ist  von 1615, die letzte Renovierung war 1991 - 1994.

 

Bauernheim (nordöstlich von Friedberg)

Urkundlich zum ersten Mal erwähnt wird Bauernheim 778. Am 21. Juni schenk­te Abt Beatus von Honau (ein iro­schottisches Kloster nahe Straßburg) sei­nem Kloster die ihm gehörenden acht Kirchen in Mainz und Oberhessen. Darunter ist die Kirche in „Buramhaim“. Doch ver­mutlich ist das heutige Bauernheim be­reits um 700 nach Christus entstanden. Et­wa 100 Jahre später gibt das Kloster Ho­nau seine Kirche in dem nun „Burenheim“ genannten Flecken auf. Im Mittelalter ist mit dem Namen Bauernheim eine Vielzahl von Adelsgeschlechtern mit dazu gehörenden Erbschaften verbunden.

Einen tiefen Einschnitt erlebte das Dorf 1546. Der Graf zu Solms‑Laubach verord­net Bauernheim die Reformation. Das Dörfchen leidet wie die gesamte Wetterau im Dreißigjährigen Krieg unter den Ver­wüstungen marodierender Soldaten. Im Jahre 1627 rafft die Ruhr viele Bewohner dahin. Erst allmählich beginnt nach dem Westfäli­schen Frieden der Aufbau Bauernheims. Die Kirche wird renoviert, ist aber erst im Jahre 1729 wieder vollständig hergestellt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt Bauernheim einen kurzen Aufschwung durch das Braun­kohlenbergwerk. Dort wird unter Tage das braune „Gold der Wet­terau“ abgebaut.

Die engere Verbindung zum nahen Friedberg wird 1829 geknüpft, als Bauern­heim dem Regierungsbezirk Friedberg zu­geschlagen wird. Zu jener Zeit ist das Dorf vom Ossenheimer Bürgermeister mitver­waltet. Erst 1848 wird Bauernheim wie­der selbstständig.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein be­wahrt das Dörfchen seine Selbstständig­keit. Dann kommt der 23. November 1971. Friedbergs Bürgermeister Karl Raute und sein Bauernheimer Kollege Reinhold Hö­res unterzeichnen den Grenzänderungs­vertrag, Bauernheim mit seinen 444 Ein­wohnern wird Stadtteil Friedbergs.

 

Bad Nauheim

Die Grafen von Hanau und das Salz:

Schon die Kelten nutzten ab dem dritten Jahrhundert vor Christus die Solequellen von Nauheim zur Salzgewinnung. Im siebten bis neunten Jahrhundert nach Christus wurde im fränkischen Dorf „Niwiheim“ ebenfalls aus den natürlichen Solequellen im Usatal Salz gewonnen. Um 828 besaß das Kloster Seligenstadt nordwestlich der Salinen einen Fronhof. Der westliche Teil des Fleckens mit dem Johannisberg gehörte damals dem Kloster Fulda, der östliche Teil dem Kloster Seligenstadt an. Im Jahre 1255 fiel Nauheim, nach dem Erlöschen der Münzenberger Grafen, an die Grafen von Hanau. Aber erst ab 1476, nach dem mit 3200 Gulden erfolgten Kauf von Seligenstadt, gehörte der Ort mit allen Rechten und Pflichten zur Graf­schaft Hanau. Anfangs lag die Salzgewinnung in privater Hand, bis 1592 die Grafen von Hanau sie in eigener Regie übernahmen.

Im Dreißigjährigen Krieg kamen die Salinen zum Erliegen. Erst im 18. Jahrhundert erholte sich die Salzgewinnung wieder, als 1736 die Grafen von Hanau ausstarben und der Flecken Nauheim an die Landgrafen von Hessen-Kassel fiel. Im Jahre 1816 erfolgten erste Tiefenbohrungen, aber der Salzgehalt der Sole war nicht viel höher als bei den natürlichen Solequellen. Die erste Badezelle wurde 1823 errichtet und 1835 kam es zum Bau der ersten Solebad-Anstalt. Die Salzproduktion von Nauheim wurde 1959 eingestellt. Nauheim wurden 1854 die Stadtrechte verliehen und ab 1869 durfte sich die Stadt Bad Nauheim nennen.

Seit dem 1. Juni 2005 ist der Betrieb der Kuranla­gen vom Land Hessen auf die Bad Nauheim Stadtmarketing und Tourismus GmbH übergegangen. Mit der Wiederherstellung des Gradierbaus 1 und der Eröffnung des Inhalati­onsraumes am 5. August zeigt sich eine Trendwende

Mit der Übernahme der verbliebenen Ein­richtungen durch die Stadtmarketing und Tourismus GmbH und der Unterstützung des Fördervereins sollen alle Mißstände beendet sein. So werden - soweit sie mit wirt­schaftlichem Aufwand zu retten sind - die Gradierbauten wiederhergestellt. Sie die­nen dazu, den Salzgehalt der Sole von 2,7 Prozent an der Quelle über Verdunstung in den mächtigen Bauten bis auf 18 Prozent im neuen Bau I zu steigern.

Dabei wurden die 700.000 Euro für den Neuaufbau vollständig aus den Mitteln des Fördervereins und einer Spende aus dem Nachlaß von Dr. Hans Erich Hoch, der seine Jugend in Bad Nauheim verbracht hatte, finanziert. In dem 60 Meter langen und 9,5 Meter hohen Holzbauwerk wurde wieder ein 45 Quadratmeter großer Inhalations­raum eingerichtet.

 

Wenn man das Auto in Schwalheim parken will, fährt man von Friedberg auf der B 3 und dann nach rechts erst ein Stück die Straße Richtung Schotten, dann nach einem kurzen Stück wieder links in die Straße „An der Hohl“. An ihrem Ende fährt man erst einmal nach rechts in Richtung Dorheim.

 

Sauerbrunnen:

Außerhalb des Ortes liegt rechts der Sauerbrunnen mit verschiedenen Gebäuden. Es ist kaum vorstellbar, daß das Dörfchen Schwalheim noch vor hundert Jahren ein Mode­bad war, bekannter als Nauheim. Selbst ein Spielkasino hat nicht gefehlt. Geblieben ist nur der Sauerbrunnen, von dem auch schon die Römer gezapft haben.

Dann fährt man wieder die Brunnenstraße zurück und nun aber geradeaus in die Schwal­heimer Hauptstraße und nach der Rechtskurze bis kurz vor den Bach Wetter, wo man rechts parken kann. Von dort fährt man mit dem Rad weiter auf der anderen Seite des Baches.

Wenn man am Südrand Bad Nauheims parken will, fährt man auf der B 3 weiter bis kurz vor Bad Nauheim und dort rechts ab in die Salinenstraße. Dann geht es links ab in die Straße „Am Alzenkoppel“ und nach rechts bis zum Ende der Promenadenstraße. Dort parkt man und geht zu Fuß zum Schwalheimer Rad.

 

Schwalheimer Rad:

Das Schwalheimer Rad ist eine Riesenwasserkunst, die durch die Antriebskraft der Wetter in Umlauf gebracht wird. Knapp zehn Meter mißt es im Durchmesser. Erhalten ist nur das Gestänge, über das in knapp einem Kilometer Entfernung die Wasserpumpe betätigt wurde. Es ha t sich aber auf 123 Meter verringert. Das Rad ist ein Überbleibsel aus der Zeit, in der man in Bad Nauheim noch Speisesalz aus den mineralhaltigen Wassern gewann. Das geschah seit Anfang des 18. Jahrhunderts erstmals durch Verdunstung in mit Schwarzdorn gespickten Gradierbauten. Um die Sole auf die bis elf Meter hohen Gerüste zu beför­dern, fand man in Nauheim zwei Lösungen: mit holländischen Windmühlen und mit Wasserkraft. Die vor über 200 Jahren sensationellen Einrichtun­gen geben heute der Stadt immer noch eine besondere Note.

 

Löwenquelle:

Einst labte sich Saudi-Arabiens König Ibn Saud an der Löwenquelle. Vor 100 Jahren sprudelte erstmals das kohlensäurehaltige Naß. Die vor 100 Jahren erbohrte Löwenquelle ist die jüngste Heilquelle der örtlichen Brunnen. Als „vorzügliches Tafel‑ und Ge­sundheitswasser“ sorgte es 1904 wegen sei­nes hohen Kohlensäuregehaltes auf der Weltausstellung in St. Louis (USA) für Aufse­hen und  mit der Vergabe der Golde­nen Medaille bedacht.

In der Wetterau gebo­ren, aber entstanden aus dem Zusammen­wirken von Taunus und Vogelsberg ‑ so könnte man nicht nur die Naturgeschichte der Löwenquelle und ihrer Verwandten umreißen. Im Naturraum der Wetterau gelangten Mineralwässer in großer Dichte, Vielzahl und großer Unterschied­lichkeit in der Zusammensetzung an die Erdoberfläche. Eine mögliche Ursache da­für sind die unterschiedlichen dabei durch­flossenen Gesteine: Im Bad Nauheimer Sprudelhof sind es karstähnliche, sogenannte Massenkalke aus dem Erdalter­tum, in Schwa­l­heim und Dorheim die erd­neuzeitlichen Basalte des Vogelsbergs.

Als die Schwalheimer Löwenquelle am 14. Mai 1903 bei einer Bohrung entdeckt wurde, sollte ei­gentlich nur der Wasserversand des be­kannten, weitaus älteren Sauerbrunnen­wassers gesteigert werden. Doch bald entpuppte sich das stark kohlensäurehaltige Mineralwasser als Mar­kenzeichen des Abfüllbetriebs. Um die Fördermenge des Sauerbrun­nens zu erhöhen, regte Bergrat Celius Boh­rungen auf dem Brunnengelände an. Mit Erfolg: Bald sprudelte die Quelle „unter lebhafter Entwicklung von Kohlensäure über“. Und weil die Löwenquelle etwas ganz besonders war, sollte sie bald einen ehrwürdigen Überbau bekommen.

Kein anderer als Bauinspektor Wilhelm Jost, Vater der Jugendstilanlage Sprudel­hof in Bad Nauheim, dachte sich einen Tempel für die Quelle aus. Im Frühjahr 1906 wurde der Brunnentempel einge­weiht. Er schloß sich an das 1962 abgeris­sene ehemalige Kurhaus an, umgeben von einem herrlichen Park. Das Gesamtbild der Schwalheimer Brunnen wurde hochge­lobt, Kurgäste pilgerten auf schattigen We­gen aus der Badestadt zur Löwenquelle. Prominente Gäste ‑ darunter die Zarenfa­milie und König Ibn Saud, König von Ara­bien ‑ ließen sich das Wasser schmecken. Woher der Name der Quelle stammt ist allerdings auch ihr nicht bekannt.

 

Mit dem Auto fährt man über die Salinenstraße wieder nach Westen. Man biegt aber nicht scharf rechts ab hinunter zur B 3, sondern fährt im rechten Winkel in die Frankfurter Straße und dann nach links in die Schwalheimer Straße und an den Gradierbauten vorbei. Dort kann man parken, man kann aber auch auf der Schwalheimer Straße noch weiter fahren und nach rechts abbiegen in die Friedberger Straße, wo bei den Stadtwerken ein Parkplatz ist. Von dort fährt man dann mit dem Rad um die Gradierbauten herum.

Mit dem Rad fährt man von Schwalheim auf dem Promenadenweg über die Bundesstraße und unter der Eisenbahn und der Landstraße hindurch zu den Gradierbauten IV und V. mit der Windmühle, die links umfahren werden. Danach folgt ein Parkdeck, das man etwas verdecken könnte durch ei­ne Baumreihe als Verbindung zwischen den Schwarzdornwänden.

 

Gradierbauten:

Der Gradierbau I wurde 1902 errichtet und 1934 umgebaut. Im  Jahre 1984 wurde er das letzte Mal instand gesetzt. Aber  die damaligen Arbeiten hatten nur eine schlechte Qualität: Die Füllung war zu lo­cker und wies teilweise hohle Stellen auf.  Es wurden viel zu dicke Hölzer eingebaut. Die neue Füllung besteht aus 180 Wagen­ladungen feiner Schwarzdorn- und Schle­henreiser, die aus Polen importiert werden mußten. Durch sorgfältigeren Aufbau und regelmäßige Wartung soll die nächste grö­ßere Instandsetzung erst in 40 Jahren nötig sein. Um diese Haltbarkeit zu erreichen, muß der Solefluß über das Reisig regelmä­ßig nachreguliert werden, damit einerseits das Holz nicht austrocknet, andererseits die Fließgeschwindigkeit ausreichend ge­ring bleibt.

Die Sole, die im Inhalationsraum vernebelt wird - wobei die Sichtweite bis auf zwei Me­ter absinkt - stammt aus Gründen der Hygie­ne nicht mehr vom Gradierwerk. Aus täg­lich desinfizierten Flaschen wird sie über eine moderne Kompressoranlage zu derzeit fünf Düsenköpfen gepumpt. So wäre das Gradierwerk aus technischer Sicht heute entbehrlich. Es gehört jedoch zur Geschich­te der Kurstadt und gibt dem Inhalations­raum eine eigene Atmosphäre. Für den Besuch des Raumes wird wie für die Liegewiese mit Kneipp-Anlage ein Eintritt von 1,50 Euro erhoben. Dadurch soll nicht nur der laufende Betrieb finanziert werden, sondern auch im Gegensatz zur Vergangenheit Rücklagen zur Instandhal­tung gebildet werden.

 

Der Gradierbau III wird eingeleitet durch den Ludwigsbrunnen (Natrium‑Calcium‑Chlorid‑ Hydrogencarbonat‑Säuerling, aber mit Arsen) und einem großen Wasserrad. Dieses wurde um 1740 erbaut durch den Obersalzgrafen Waitz, den späteren Minister Waitz von Eschen, und 1936 erneuert. Außerdem befindet sich an dieser Stelle ein Café in einem kleinen schmucken Fachwerkhaus.

Die hohen, mächtigen Holzgestelle der Gradierwerke mit ihrer Schwarzdornfüllung, über die die Sole tröpfelt, sind das Wahrzeichen Bad Nauheims und stehen unter Denkmalschutz. Die ersten Gradierwerke sind vermut­lich im 16. Jahrhundert entstanden. Die hohen Holzgerüste waren ursprünglich mit Stroh und Schilf, später mit Schwarzdorn ausgefüllt. Die schwachprozentige Nauheimer Sole wurde über das dichte Ge­strüpp geleitet. Wasser verdunstete und die Sole erreichte einen zum Sieden besser geeigneten Sättigungsgrad. Später beka­men die Gradierwerke neben ihrer Funkti­on für die Salzgewinnung auch eine für den Kurbetrieb: Sie wurden zur Inhalati­onsstätte salzhaltiger Luft.

Gradierwerke entstanden in ihrer heutigen Form im 18. Jahrhundert. Sie dienten der Höher­gradierung schwacher Sole, da das Verkochen von Sole zu viel Holz verbraucht hatte. Die Wälder in der Umgebung waren abgeholzt und der Transport des Brennstoffes über große Entfer­nungen erwies sich als unwirtschaft­lich. Mit dem Einsatz von Gradier­werken konnte dieses Problem gelöst werden.

In Bad Nauheim sind Gradier­werke von bedeutender städtebauli­cher Prägnanz erhalten geblieben. Die nach außen gestell­te Strebenkonstrukti­on, die rein technisch bedingte Monumenta­lität und die sich dar­aus ergebende stadtge­stalterische Wirkung übertrifft noch heute alle anderen Bauwerke in der Umgebung.

In Verbindung mit den Gradierwerken wurden Kraftmaschi­nen benötigt, die die Sole auf die Gradier­werke heben konnten. Insgesamt wurden in Bad Nauheim sieben Wasserräder für Pum­pen betrieben. Außerdem  wurden zwei Windräder  gebaut, deren Kraft aber nicht ausreichte, die Sole auf die Gradierwerke zu heben. Die beiden Windmühlentürme sind bis heute erhal­ten, und ein Wasserrad am Ludwigsbrunnen ist noch in Betrieb. Am spektakulärsten ist aber die teilweise erhaltene Stangenkunst, die die Pumpen an den Gra­dierwerken 4 und 5 betrieb.

Mit dem Rückgang der Salzgewinnung aus schwachgradiger Sole verloren auch die großen Gradier­werke ihre Bedeutung. Ihre Erhal­tung verdanken sie vor allem ihrer geänderten Nutzung als Kureinrich­tung. Die „Freilichtinhalatorien“ waren lange ein wesentlicher Bestandteil des Kurbetriebs, da der „frischen Meeresbrise“ in der Umge­bung der Gradierwerke eine beacht­liche medizinische Wirkung zugeschrieben wurde.

Mit dem Erlöschen des baulichen Gebrauchswertes durch den Rückgang des Kurwesens waren die Gra­dierwerke dann endgültig dem Ver­fall preisgegeben. Unabhängig vom Bedeutungsverlust ihrer ursprüngli­chen Zweckbestimmung sind die verbliebenen Gradierwerke aber bedeutende technikgeschichtliche Denkmale.

Von den fünf noch verbliebenen Gradier­werken gehören drei zur so genannten „Langen Wand“, einer mehrere hundert Meter langen Reihe hintereinander ge­schalteter Gradierwerke am Südrand Bad Nauheims. Zwischen den beiden östlichen der von der „Langen Wand“ übriggebliebenen Gradierwerke steht der Turm einer Windmühle aus dem 18. Jahrhundert. Die­se Windmühle hatte zusammen mit dem Wasserrad beim Ludwigsbrunnen die Aufgabe, die Sole auf die Gradierwerke zu heben.

Aber es ist nicht gut um die mächtigen Holzkonstruktionen bestellt. Ein Teil des Gradier­baues V. an der Schwalheimer Straße ist eingestürzt und droht weiter zusammenzubrechen. Der Förderverein hat eine Million Euro geerbt für den Erhalt der Gradierbauten von einem verstorbenen Geologen aus Hannover, der aus Bad Nau­heim stammt. Der Verein fordert aber ein

schlüssiges Konzept für den Erhalt, damit die Bauwerke nicht unter nicht fachgerechter Nutzung leiden. Ein ordnungsgemäß betriebe­ner Gradierbau funktioniert mindestens 25 bis 30 Jahre. In Bad Nauheim aber wurden der Solegraben und das Vor­klärbecken stillgelegt und die Sole wird un­geklärt auf die Gradierbauten gepumpt. Durch die riesigen Schlamm-Mengen werden die neu hergestellten Gradierwerke schon nach fünf bis sechs Jahren unbrauchbar. Der Verein schlägt vor, die Gradierbau­ten IV und V zu verkürzen. Dafür könnte dann die einstige Windmühle wieder in Betrieb genommen werden.

Neue Nutzungskonzepte können aber das Bewußtsein für die Bedeu­tung der Gradierwerke schärfen. Anfänge sind gemacht. Der Gradier­bau 1 wird vom Förderverein der Kurstadt Bad Nauheim instand gesetzt. Der Gradierbau 3 wird im Sommer als Kulisse für die Aufführung „AIDA“ dienen, und an den Gra­dierwerken 4 und 5 fand schon einmal die zentrale Veranstaltung zum hessischen Mühlentag statt.

 

Synagoge:

Am Ende der „Langen Wand“ fährt man nach rechts durch den Kurpark und kommt in die Blücherstraße. Dort geht es rechts ab über den Friedrich-Ebert-Platz in die Karlstraße, in der rechts die Synagoge steht.  Die jüdische Gemeinde Bad Nauheim zählte 1933 etwa dreihundert Mitglieder. Am 9. November 1938 wurde die 1867 errichtete und 1929 von Richard Kaufmann aus Frankfurt am Main umgebaute und erweiterte Synago­ge in der Karlstraße 34 im Innern verwüstet. Nach diesem barbari­schen Zugriff diente sie als Lager für Schrott und Schwermetalle. Im Jahre 1945, nach dem Einmarsch der amerika­nischen Truppen, beschloß der Stadtrat eilfertig die „Räumung und Reinigung“ der Synagoge.

Am 27. April 1945 ‑ also noch vor der offiziellen Kapitulation des Dritten Reiches ‑ fand in der Synagoge erst­mals seit 1938 wieder ein Gottes­dienst statt, der vorwiegend von amerikanischen Soldaten jüdischer Konfession besucht wurde. Von den Juden, die früher in der Stadt gelebt hatten und 1942 in verschiedene Konzentrationslager deportiert wor­den waren, konnten nur fünf am Gottesdienst teilnehmen ‑ keiner von ihnen hat sich mehr in der Stadt niedergelassen.

Im Innern umfaßt das Gebäude einen Betsaal mit dreiseitiger Frauenempore, eine Mikwe, eine Wohnung und einige Räume für das jüdische Gemeindeleben. Der notdürftigen Renovierung der Syna­goge folgte 1960 ein durchgreifen­der Neuausbau, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sodann eine Wiederherstellung der ursprüng­lichen Ausstattung.

 

Nach links geht es in den Ernst-Ludwig-Ring. Links steht die Stadtschule, rechts die Wilhelmskirche. Dort geht es rechts ab in die Wilhelmsstraße und weiter in die Reinhardstraße.

 

Reinhardskirche:

Dort ist links das Reinhardsschlößchen und rechts die ehemalige lutherische im Barockstil erbaute Reinhardskirche, die heute als russisch-orthodoxe Kirche genutzt wird und vor der ein eiserner Brunnen steht. Im Jahre 1733 fand in Anwesenheit des namensgebenden Bauherrn Graf Johann‑Reinhard von Hanau‑Lich­tenberg die Einweihung der Kirche in Bad Nauheim statt. Der gräfliche Baumeister, Christian Ludwig Herr­mann, war damals weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Ab 1868 wurde sie als katholisches Gotteshaus genutzt bis zum Jahre 1905.

Im gleichen Jahr mietete der Wohltätigkeitsverein des Heiligen Fürs­ten Wladimir Bratswo die Reinhardskirche an, um in den Sommermonaten für russische Kurgäste Gottesdienste abzuhalten. Die Zarenfamilie weilte einst in der weltberühmten Badestadt und Zarin Alexandra von Rußland (1910) suchte vor Ort Genesung, ebenso der russische Schriftsteller Paul Wassilijewitsch Amenkow, der 1886 in Bad Nauheim kurte. Im Jahre 1913 sollen mehr als 4200 russische Gäste in Bad Nauheim geweilt haben.

Der barocke Innenraum wurde dem andersartigen Ritus angepaßt: Die Kirche schmückte jetzt eine elf Meter breite lkonen­wand, eine lkonostase im reinen Empirestil. Diese war in der Zeit zwischen 1805 und 1810 entstan­den und stammte aus dem Kloster Sarow in Zentralrußland, in dem der Heilige Seraphim als Mönch lebte. Sie zeigt das Bildnis des Heiligen Seraphim, Mönch des Klosters Sarow und Schutzpatron der Reinhardskirche. Die Brüdergemeinschaft von Sarow schenkte die lkonostase der russisch‑orthodoxen Gemeinde, als man erfuhr, daß Seraphim als der Schutzpatron der Bad Nauheimer Kirche erwählt worden war. Der Kronleuchter - aus Bronze und Emaille gefertigt - ist ein Geschenk von Zar Nikolaus II. Seine Gemahlin, Zarin Alexandra Feodorowana, Schwester des hessischen Großherzog Ernst‑Ludwig und Prinzessin von Hessen‑Darmstadt und bei Rhein, blieb fünf Wochen in Bad Nauheim zur Kur. In dieser Zeit wohnte die Zarenfamilie in der Friedberger Burg.

Ein schleichend wachsendes, sich ständig vergrößerndes Problem des Bauwerks sind die Unterhaltungsrückstände: die wechselvol­le Geschichte hat an dem Gebäude und an der bedeutenden Ausstattung gravierende Schäden hinterlassen. Bereits in den achtziger Jahren wurde als erste Maßnahme eine Heizung eingebaut, um eine konstante Temperatur für die seinerzeit stark geschädigte Ikonostase zu ermöglichen. Außerdem wurde eine erste Sicherung der Malerei durchgeführt. Die Stadt Bad Nauheim und das Landesamt für Denkmalpflege haben diese Eingriffe umfassend gefördert. Im Jahr 2001 wurde das Architekturbüro Gustav Jung beauf­tragt, angesichts der prekären wirtschaftlichen Situation der Bruderschaft, die Eigentümerin des Gebäudes ist, mit dem Gemeindevor­stand und einem zu gründenden Kuratori­um ein Sanierungs­konzept zu erarbeiten.

Behutsam in klei­nen überschaubaren und finanzierbaren Schritten wird das Gotteshaus nun wieder hergestellt: der obere Turmbereich mit dem Turmkreuz wird restauriert, Sandstein­arbeiten an den Gesimsen und Gewänden werden durchgeführt, das Dach des Kirchenschiffs wird saniert, der Dachstuhl instandgesetzt und manches mehr. Indes: Die auf­wendige Innenrenovierung und die Restaurierung der lkonostase sind  wegen des mangelnden Geldes einstweilen nicht planbar.

 

Dann geht man wieder zurück bis zur Hauptstraße und in Richtung Westen. Links ist der „Pfälzer Hof“. Man kommt zum Marktplatz, auf dem das Alte Rathaus steht mit dem Standesamt. Von hier könnte man weiter fahren über die Hauptstraße in die Steingasse und nach deren Ende (ehe es in die Winterstein Straße geht) nach Süden zum  Waldhaus. Auf der Roßbacher Straße könnte man weiter fahren und nach rechts in den Elisabethenring fahren, der sich nach Norden wendet und schließlich auf den Weg zum Johannisberg trifft. Doch dieser Weg gewinnt nur allmählich an Höhe und man kommt nicht an den Sehenswürdigkeiten in Nordwestteil Bad Nauheims vorbei. Deshalb wird eine andere Strecke empfohlen.

 

Dorfkern von Nauheim:

Man umrundet das alte Rathaus wird, um nach rechts in die Bornstraße zu fahren. Hier befindet man sich im alten Dorfkern von Nauheim. Links ist das „Fritze Gängelche“ und etwas weiter eine große Durchfahrt, die Burgpforte. Rechts führt die Friedrichstraße weiter zum Neuen Rathaus, das früher eine Volksschule war. Sie wurde 1891 von dem späteren amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt besucht wurde, dessen Eltern in Nauheim zur Kur waren.

 

Johanniskirche:

Nach links geht es dann in die Parkstraße und nach rechts in die Mondorfstraße. Von dieser zweigt nach links die Auffahrt zum Johannisberg über den Höhen weg ab. An ihrem Ende steht rechts die evangelische Johanniskirche. Sie wurde eingeweiht von einer Prinzessin, die Ende des 19. Jahr­hunderts zur Kur in Bad Nauheim weilte. Hier kurte die „Königliche Hoheit Frau Prinzessin Christian von Schleswig‑Holstein“, wie es in einer damaligen Kurliste hieß. Prinzessin Christian alias Helena Augus­ta Victoria von Großbritannien und Irland wurde am 25. Mai 1846 in London geboren. Ihre Eltern waren Queen Victoria und der Deutsche Albert von Sachsen Coburg‑Go­tha. Die englisch‑deutschen Beziehungen waren vorhanden und wurden durch Hele­nas Heirat mit Christian von Schleswig‑Hol­stein‑Sonderburg‑Augustenburg vertieft. Den Namen ihres Mannes hätte sie nach des­sen frühen Tod angenommen, um ihn zu eh­ren. Helena reiste häufig nach Deutschland und besuchte ihre Schwester Alice in Darm­stadt. Von dort ging es nach Bad Nauheim zur Kur. Hier betrieb die englische Kolonie den Bau einer eigenen Kirche. Die anglikani­sche Kirche - die heutige Johanniskirche in der Auguste‑ Viktoria‑Straße - wurde 1899 von Prinzessin Helena eingeweiht. Auch die US‑amerikanische Kolonie sowie eigens aus England angereiste Adlige waren dabei.

 

Skulpturenpark:

Man biegt aber nach links ab in die Auguste-Viktoria-Straße. Diese führt über den Steinweg bergauf. Links ist eine Streuobstwiese, rechts das Forsthaus. Etwas weiter oben beginnt links der Skulpturenpark links und rechts einer Villa. Noch etwas weiter oben steht am Rande einer großen Wiese der Kirchnerstein, der an Oberforstmeister Kirchner erinnert, den Schöpfer der Anlagen am Johannisberg.

Von dort fährt man noch einmal zurück zum Steinweg, jetzt aber am Rand der Bebauung entlang in zunächst südlicher Richtung steil bergauf zum Johannisberg (Achtung: Die Einbahn­straße verläuft umgekehrt)(vielleicht gibt es auch noch einen Waldweg vom Kirchnerstein oder Forstamt direkt zum Johannisberg).

Auf der Fahrstraße zum Johannisberg kommt man zuerst zu der Gaststätte, von deren Terrasse man einen prachtvollen Blick auf die Stadt hat. Von der Terrasse des Cafés ist der Blick in Stadt und Usatal jedermann zugänglich (dort kann man allerdings nicht mit dem Auto parken, ein Parkplatz ist aber jenseits des Turms). Dann steigt man noch etwas höher zum Turm auf dem Johannisberg.

 

Johannisberg:

Der Johannisberg - der Taunusausläufer, der sich am weites­ten in die Wetterau schiebt - ist bekannt als Hausberg von Bad Nauheim, den all­jährlich Tausende Kurgäste und Touristen erwandern, durch die seit 1998 frisch angelegten Weingärten hinauf zum Café und zur Sternwarte.

Der Johannisberg war schon in der Steinzeit besiedelt. Seither war die so hervorragend über dem Tal der Wetter gelegene Anhöhe ständig besie­delt und Kultplatz. Daß an dieser markanten Stelle die Römer einen Wachtturm unterhielten, wundert nicht. Er ist wenige Schritte nordwestlich des Turms zu sehen, zusammen mit einer Brunnenkammer.

Im frühen Mittelalter thronte eine Burg oder Höhensiedlung auf dem Berg. Von der Befestigung sind im „Wolfsgraben“ noch Reste erhalten. Spätmerowingische und karolingische Keramik vom 7. bis An­fang des 9. Jahrhunderts wurde hier gefun­den.

Die erste Kirche auf dem Johannisberg wurde um 700 erbaut, mindestens vor 779, denn da erscheint sie in einer Fuldaer Schenkungsurkunde. In der Urkunde steht zu lesen: „As­colf aus der Wetterau übergibt alles, was er als Eigentum in Mör­len besitzt, an Johan­nes den Täufer.“ Die Johanniskirche war Missions­- und Mutterkirche für die gesamte nördli­che Wetterau, vielleicht sogar für eine grö­ßere Region.

Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, als die Staufer in der Wetterau fleißig bauen ließen, wurde die Kirche erweitert: um einen Chor an der Ostseite, einen Glockenturm an der Südostecke und eventuell eine Krypta entwe­der unter dem Chor oder im Westteil. Viel­leicht entstand noch ein kleiner Torbau an der Südseite. Wieweit bei den Umbau‑ und Erweiterungsarbeiten die Vorgängerbau­ten genutzt wurden, liegt im Dunkeln.

Es waren vermutlich die Herren von Münzenberg, die die Kirche um 1250 neu errichten ließen. In einer Urkunde des Klosters Fulda vom 7. Dezember 1254 wird diese Bergkirche erst­mals erwähnt. Bald wurde heftig um das Gotteshaus gestritten. Nach dem Tod des letzten Münzenbergers im Jahre 1255 brach ein erbitterter Streit um die Johanniskirche aus, der bis in die Anfangszeit des 14. Jahrhunderts währte. Im Jahre 1319 ging sie an das Domstift zu Mainz.

Mainz, Fulda und Hanau und andere Erben der Münzenber­ger machten sich Besitz und Rechte strei­tig. Sogar die Schlichtung des Papstes wur­de angerufen. Im 14. Jahrhundert war sie das Haupt der Filialkirchen in Steinfurth, Dorheim und Ossenheim und der Kapelle in Nieder­mörlen. Neben der Kirche standen noch die Kapelle St. Michael und eine Glöcknerwohnung. Der Friedhof diente vor allem der Gemeinde Niedermörlen.

Den Ga­raus macht der Kirche die Reformation, denn das Gotteshaus war zwi­schen Katholiken und Protestanten um­stritten. Ein Teil der Nebengebäude be­gann zu verfallen, weil auf dem Johannis­berg nur noch zeitweise ein Pfarrer wohn­te, ab 1580 gar keiner mehr. Schon 1537 war die Glöcknerwohnung abgebrochen worden. Von 1555 bis 1558 wurde zwar das Kirchendach erneuert, aber schon 1596 wurde das Innere der Kirche verwüs­tet, Altar und Taufstein zerschlagen. Da­nach zerfiel die Kirche endgültig. Im Jahre 1606 wurden die Glocken nach Hanau gebracht. Während des 30jährigen Krieges wurde die Kirche vollends zur Ruine. Das mittelalterliche Mauerwerk reicht noch bis zum Gurtgesims.

Während des Siebenjährigen Krieges kam es am 20. August 1762 zur Schlacht am Johannisberg, bei der die Preußen den Franzosen unterlagen. Der Turm erhielt 1822 ein kegelförmiges Dach für die hessische Landvermessung. Im Jahre 1866 wurde er zum Aussichtsturm umgebaut und erhielt den jetzigen Zugang. Die Spazierwege waren 1850 angelegt worden, die Gastwirtschaft 1856 (das heutige Gebäude ist von 1933). Heute ist in dem Turm eine Volkssternwarte untergebracht.

Seit 1999 gedeihen auf dem Johannisberg wieder Riesling und Spätbur­gunder. Der edle Rebsaft beflügelt die Mit­glieder des Freundeskreises „Weinanbau“ nicht nur beim Genuß ihrer alljährlichen Ernte. Neben der Pflege der Weins hat sich inzwischen ein reges Veranstal­tungs­programm entwickelt. Rund 1.400 Weinstöcke, aufgeteilt in 20 Parzellen, stehen auf dem Nauheimer Hausberg in Reih und Glied. Dazwischen tummeln sich immer wieder die Freundes­kreis­mitglieder, hegen und pflegen in ih­rer freien Zeit die Reben und Stöcke.

Rund 1.700 Liter Wein brachte die vergangene Ernte ein. Die erste Weinlese nach Beginn der Rekultivierung auf dem Johannisberg schaffte im Jahr 2000 gerade einmal 300 Liter. Auch die Zahl der Weinanbau­freunde hat sich vervielfacht. Von 90 Grün­dungsmitgliedern im November 1998 ist sie auf 150 Aktive und etwa 35 Pas­sive gestiegen. Die Älteste bringt 83 Jahre, die Jüngste noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Bis zu zehn Rebstöcke kann jedes Mitglied stolz sein Eigen nen­nen, ist für das Wachstum und Gedeihen seiner Pflanzen persönlich verantwortlich.

Mindestens zehn Arbeitsstunden pro Jahr muß jedes Mitglied leisten. Aber die aller­meisten machen deutlich mehr. Hinzu kommen Gemeinschaftsaufgaben wie das Mähen der umliegenden Wiese. So wird auf der östlichen Hanglange zwischen Februar und November regelmäßig geschnit­ten, gebogen und gelesen. Faule Beeren halten dem fachkundigen Blick der Wein­liebhaber nicht stand, Parzellenbeauf­tragte achten auf den optimalen Anbau.

Wer die (halb‑) trockenen Tropfen ein­mal trinken möchte, muß über gute Bezie­hungen zu den Nauheimer Weinanbau­freunden verfügen und darauf hoffen, daß einer die Pforten seines Weinkellers und dort die Flaschen öffnet. Die stren­gen Regelungen des deutschen wie euro­pä­i­schen Weinanbaurechts verbieten den Verkauf des Johannisberger, der von ei­nem Winzer im Rheingau gekeltert und ab­gefüllt wird. So wird nur unter Freunden gesüffelt, geschmeckt und geschluckt.

Der Bad Nauheimer Wein hält seine Freunde auch außerhalb des Anbauge­biets in Schwung. Bis zu zwölf Veranstal­tungen im Jahr stellen wir auf die Beine. Dazu gehören das Weinblüten‑ und Bacchus‑Fest, Aus‑ und Fortbildungsvorträge, Fahrten in die Weinanbaugebiete und kulturelle Events. Das „Johannisberger Weingeflüster“, eine Art Vereinszeitung, informiert die Mitglieder über die Vorhaben, liefert wertvolle Tips zum Anbau. In naher Zukunft wünschen sie sich ein Vereinsheim möglichst nah bei ihren Reben.

Nicht erst der Freundeskreis Weinanbau weiß Güte und Lage des Johannis­bergs zu schätzen. Alten Chroniken zu folge ließen sich bereits im Jahr 1590 durch die Wetterau ziehende Truppen den Johannisberger schmecken. Schon rund 230 Jahre zuvor findet der Weinanbau am Johannisberg erstmals urkundliche Er­wähnung. Demzufolge wußte man zu be­richten, daß „auf einem Berg bei Fried­berg viel und guter Wein wachse“. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hielt sich der Weinanbau auf der markan­ten Hanglage.

Der Bremer Kaufmann Heinrich Uffler sorgte 1882 schließlich für die erste kommerzielle Vermarktung, trat mit dem Bad Nauheimer Johannisber­ger nach einer Erweiterung des Anbauge­biets in Konkurrenz zu seinem Rhein­gauer Namensvetter. Mit dem Tod des Kaufmanns Ende des 19. Jahrhunderts stirbt auch der Weinanbau auf dem Johan­nisberg Die Fläche fiel der Stadt zu. Stille Zeugen der vergangenen Nauhei­mer Weinära sind das frühere Weinan­bauhaus, in dem sich heute die Jugendher­berge befindet, und ein von der Mondorf­straße einsehbarer Weinkeller. Die Wiederbelebung des historischen Weinanbaus übernahm etwa 100 Jahre später der Freundeskreis.

 

Auf der anderen Seite fährt man dann den Berg hinunter. Rechts ist die Weberhütte, links der Parkplatz. Aber vor der Linkskurve biegt man rechts ab auf der geteerten Straße bis zum Waldrand. Dort geht es links in den Elisabethenring. Man fährt aber nach rechts am Waldrand entlang auf der „Rundfahrt“. Links steht ein Gedenkstein für einen Förster, recht ist die Eichberghütte. Nach einem Linksbogen kommt man an der rechts stehenden Kirchnerhütte vorbei. In weiteren Serpentinen geht es abwärts.

 

Nieder-Mörlen:

Wo links ein Steingebäude steht, verläßt man die „Rundfahrt“ und fährt links hinunter nach Nieder-Mörlen. Man fährt über die Usa und nach links auf das Gelände der Mehrzweckhalle. Hinter der Halle befindet sich der Geologische Lehrgarten. Die kreisrunde, in 24 Segmente unterteilte Anordnung ermöglicht es nach Art einer Erd­zeit­uhr, die 4,5 Milliarden Jahre seit Entstehen der Welt abzugehen: 20 Stunden zeigt der fiktive Zeiger „nichts“ an, erst die letzten vier sind analog dem sich entfaltenden Leben aufgefächert. Jeweils typische Gesteine stehen für die elf großen Erdzeitalter vom 600 Millionen Jahre zurücklie­genden Kambrium bis zum jetzigen Quartär. Teilweise sind in den Felsen sogar fossile Einschlüsse erkennbar. Das Auf­treten des Homo habilis ist im Maßstab des geologischen „Tages“ nur eine Randerscheinung: Seit genau 40 Sekunden bevölkert er den blauen Planeten.

Nieder-Mörlen ist bekannt wegen mehrerer Ausgrabungen. Zum Beispiel wurde dort ein Dorf der Bandkeramiker gefunden (siehe „Wetterau, Allgemein“). Außerdem fand man ein Körpergrab, in dem der Tote un­verbrannt begraben wurde. Diese Bestat­tungstechnik wurde bei den Römern erst ab 300 nach Christus üblich, der Limes und die Wetterau jedoch bereits 260 nach Christus von ihnen aufgegeben. Da war wohl einer seiner Zeit voraus.

Eine kleine Rundfahrt durch das Dorf lohnt sich noch: Über „Am Erlensteg“ und „Am Haingraben“ kommt man auf der anderen Seite der Usa zu einer Kapelle. Man fährt aber am Obertor rechts herum zur Kirche und einem barocken Haus von 1767 nördlich der Kirche. Auch die Dorfstraße ist sehenswert.

Über die Siedlung der  Bandkeramiker: siehe „Wetterau allgemein“.

 

Teichhaus:

Über die Frauenwaldstraße kommt man wieder zur Mehrzweckhalle, fährt über die Usa, aber gleich hinter ihr links ab in Richtung Bad Nauheim. Zwischen Golfplatz und Bach geht es vorbei am Eisstadion und durch die Gaststätte „Teichhaus“. Hier vergnügten sich die Kurparkflaneure bis in die sechziger Jahre im alten Teich­haus‑Café. Nach seinem Abriß wurde an gleicher Stelle das jetzige Teichhaus‑Café neu gebaut. Der Biergar­ten ist im Sommer beliebter Treffpunkt für Gäste aus der gesamten Region.

Zum Kauf angeboten wurde auch das oberhalb ge­legene Teichhaus-Schlöß­chen, in dem frü­her das Salzmuseum untergebracht war. Auch dafür gibt es bereits Interessenten. Um 1780 ließ der spätere Landgraf Wil­helm IX von Hessen‑Kassel das herrschaft­liche Anwesen mit den vorgelagerten Frei­treppen für Frau von Heilau errichten. Doch nicht die Adelsdame bezog das inzwi­schen unter Denkmalschutz stehende Schlößchen, sondern zunächst der Teich­meister.

Bis Ende des 20. Jahrhunderts war im Teichhaus das Salzmuseum unterge­bracht. In fünf Abteilungen wurden die Entstehung und Gewinnung des Salzes, anhand von Modellen, Fotografien und ausführlichen Erläuterungen nacherzählt. Am Rand erfuhr man auch von einer kleinen geologisch-biologischen Sensati­on: In hiesigen Salzstöcken eingeschlossene Mikroben einer bestimmten Bakterienart konnten nach Jahrmillionen durch eine Nährlösung wieder aktiviert werden - die ältesten be­kannten Lebewesen. Wer das heilsame Wasser Bad Nauheims trinkt, hält 250 Mil­lionen Jahre Erdgeschichte im Glas. So alt werden die Mine­ralien geschätzt, die vom Grundwasser aus den permischen Zechsteinsalzen gelöst und - durch Eigendruck oder erbohrt - an die Oberfläche befördert werden. Außerdem wurden im Museum wertvolle Zeugnisse der Ju­gendstilmalerei gezeigt.

 

Kurpark:

Rechts am großen Teich entlang kommt man zum Kurpark, der seit 1854 vorhanden ist und nach den Plänen der Frankfurter Gärtner Gebrüder Siesmayer angelegt wurde als Kernstück des etwa 200 Hektar großen Gesamtareals. Man biegt nach rechts ab zum 1862 erbauten Kurhaus mit seinem Jugendstiltheater und den Veranstaltungsräumen wie Spiegel‑ und Terrassensaal. Es ist im Besitz der  US‑amerikanischen „Dolce International Holdings“, der auch seit 2002 das danebenliegende Parkhotel mit 159 komfortabel ausgestatteten Zimmern, 22 Tagungsräumen, Schwimmbad und Suiten gehört.

 

Sprudelhof;

Im Linksbogen geht man dann hinunter zum Sprudelhof. Zunächst kommt man an technischen Gebäuden vorbei und geht dann direkt auf den von mehreren Schalen gefaßten Hauptbrunnen des Sprudelhofs zu. Nach der Darmstädter Mathildenhöhe gehört die Badeanlage Bad Nauheims zu den geschlossensten Jugendstilensembles in Europa. Kein Wun­der; hatten beide Anlagen doch mit dem Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt denselben Auftraggeber. Im Jahre 1866 war Bad Nauheim an das Groß­herzogtum Hessen‑Darmstadt gefallen. Der in der Welt einzigartige „Jugendstil‑Sprudelhof“ wurde von den Darmstädter Künstlern und Ar­chitekten Jost, Jobst und Kleukens in der Zeit zwischen 1904 und 1912 gestattet und errich­tet.

Die seit dem Mittelalter in Bad Nauheim zur Salzgewinnung genutzte schwachpro­zentige Sole wurde 1823 zum ersten Male für Solebäder eingesetzt. Brunnen zur Gewinnung reichhaltiger Sole wurden künstlich erbohrt. Damit schuf man die Grundlage für genügend ergiebige Quellen zur Verabreichung von Heilbä­dern. Im Jahre 1835 wurde das erste Badehaus eröffnet. Durch Erfolge ermutigt setzte man besonders im folgenden Jahrzehnt die Bohrungen fort und gewann schließlich 1846 eine genügend ergiebi­ge Sole und mineralhaltige, 32 Grad C warme Quelle, die dann zur Erbauung eines weiteren Badehauses führ­te, in dem 32 Badezellen eingerichtet wurden. Im freien Gelände entstanden rund um die neuen Sprudel in rascher Folge zahlreiche ein- bis zweigeschossi­ge Badehäuser, in denen um 1900 knapp 300 Wannen für den Kurbetrieb zur Ver­fügung standen. Nach 1896 wurde die­sen ein zweigeschossiges Holzgebäude zugefügt, das als „altdeutscher Fach­werkbau“ mit Erkern und Türmchen bekrönt war.

Die steigenden Besucherzahlen der Kureinrichtungen um 1900 zwangen zu Überlegungen einer Erweiterung der bestehenden Bauten. Hinzu kam die Entdeckung eines neuen Sprudels, was einen weiteren Aufschwung erwarten ließ. Die vorhandenen Badeanlagen reichten nicht mehr aus, um die ver­schiedenen Bedürfnisse und die Anfor­derungen medizinischer, gesellschaftli­cher und sozialer Art zu befriedigen. Aus bademedizinischen Gründen wur­de neben dem 1902 errichteten Inhalatorium ein weiteres Gebäude für Moor­bäder und ein Schwimmbad gefordert. Das zunehmend wachsende, internatio­nale, großbürgerliche und adelige Badepublikum stellte neue Forderungen an den Badebetrieb.

Man entwickelte das Bedürfnis nach einem Funktionswandel in den Badehäusern. Diese sollten nicht mehr nur der Verabreichung von Heilbädern dienen, sondern auch soziale Funktionen übernehmen. Die Badegäste möchten sich hier zur Unter­haltung, zum Lesen und zum Spielen treffen. Nicht nur die heilenden Wasser allein werden zur Gesundung der Pa­tienten eingesetzt, auch geistige und ästhetische Bedürfnisse sollten befriedigt werden.

Um ein solches, den hygie­nischen und technischen Ansprüchen der damaligen Zeit genügendes Haus zu erbauen, beauftragte das zuständige Fi­nanzministerium in Darmstadt Wilhelm Jost (1874 - 1944) und den Badedirektor von Bad Nauheim, Badeanlagen in Ber­lin, Bad Elster und Karlsbad zu studieren. Während dieser Studienreisen entstand 1903 aufgrund eines Vorschlags von Jost die Überlegung, anstelle eines wei­teren Badehauses die gesamte Anlage der Bäder neu zu erstellen und die städ­tebaulich, wirtschaftlich und funktional unbefriedigende Situation grundlegend zu verbessern.

Diese Idee fand bei dem künstlerisch aufgeschlossenen und baufreudigen Großherzog Ernst Ludwig Unterstützung. Man entschloß sich sogar, neben der neuen Badeanlage mit etwa 300 Badezellen weitere repräsentative Bauten für den Kurbetrieb (Trinkkur­anlage, Erweiterung des Kurhauses, Kur-Cafe mit Ladenstraßen) zu bauen. Im Jahre 1904 wurden die Mittel in  Höhe von 6,5 Millionen Mark zur Verfügung gestellt  und ein eigenes hierfür bestimmtes Bauamt unter Lei­tung von Wilhelm Jost gegründet.

Es ist nicht verwunderlich, daß die Nauhei­mer Neubauten, die 1903 entworfen und zwischen 1904 und 1911 errichtet wur­den, zunächst unter dem Einfluß des historistischen Architekturstils standen. Die symmetrische Verteilung der Bau­ten und ihre Ausrichtung auf die beiden Sprudel standen zur Zeit des Entwurfs (1903) nicht im Einklang mit dem Jugendstil und seiner Vorliebe für Asy­metrie. Jost bevorzugte für die Bade­hausanlage eine axial ausgerichtete, neubarocke Architektursprache und plante in der Verlängerung der Bahnhof­straße eine fast dreiseitige geschlossene Hofanlage, die sich zur Parkseite hin öff­nete.

Städtebau­lich wurde die Anlage axial dem Bahnhof, dem damaligen Eingang der Stadt, zugeordnet. Nach Durchschreiten der breit angelegten Bahnhofsallee erblickte der Ankommende die imposante Anlage, die in eine bogenförmige Villen-Sied­lung eingebettet war. Bewußt hat man eine axiale Verbindung zwischen den parallel entstandenen Gebäuden an beiden Enden der Bahn­hofsallee geschaffen. Als Torhäuser wurden zwei Verwaltungsgebäude plaziert, zwi­schen denen der Zugang zu den Badehäusern liegt und die die zum tiefergele­genen Badebezirk führende Freitreppe einrahmen.

Es wurden sechs Badehäuser zur Hofsei­te, in dessen Mitte der große Sprudel lag, durch einen Wandelgang verbunden, womit eine äußere Einheit geschaffen wurde. Die einzelnen Badehäuser selbst stellen einen vierteiligen Gebäudekom­plex dar, der sich aus einem vorn gelege­nen, reich dekorierten Wartesaal, zwei seitlichen eingeschossigen Badetrakten und einem rückwärtigen zweigeschossi­gen Flügel, der die Personalräume, Wä­scherei und Trockenräume aufnimmt, zusammensetzt. Das Herzstück bildet der atriumartige Schmuckhof, der in Verbindung mit der Wartehalle steht und den wartenden Kurgästen ein ent­sprechendes Ambiente gibt.

Die zeitliche Abfolge der Bauten macht sich in dem Dekorationsstil der Fassa­den bemerkbar. Während bei den 1905 -1906 erstellten Verwaltungsbauten und den beiden Eingangsbadehäuser 4 und 5 die Dekorationen an den Putzflächen, den Portalen, Glastüren und Fenstern ausgesprochen aufwendig waren, die Dachaufbauten und Schornsteinbekrö­nungen, die Balkongitter geschmiedet und vergoldet waren, werden die Deko­rationen an den folgenden Bauten (1907-1908, nördliche Badehäuser 2 und 3, 1909 - 1910 südliche Badehäuser 6 und 7) deutlich bescheidenere. Offensichtlich spielte die finanzielle Situation eine Rolle.

Während die baulichen Anlagen im neo­barocken Stil gehalten sind, zeigt sich in der Innen- und Außendekoration der Wartehallen, der Schmuckhöfe und der Badezellen ein eigenständiger Dekora­tionsstil, der Barock- und Renaissance-Elemente mit denen des Jugendstils aus der Spätphase der Darmstädter Schule verbindet. Wilhelm Jost kam es auf eine einheitliche Raumwir­kung im Inneren wie im Äußeren an, was er auch trotz der verwendeten Stilviel­falt und unter Einschaltung ganz unter­schiedlicher Künstler erreichte. Die Keramikmanufaktur des Großherzogs Ernst‑Ludwig lieferte für die Bade‑ und Trink­anlagen stilgerechte Ton‑ und Porzellanplasti­ken, Kacheln, Säulen, Pfeiler usw., die für die Ausgestaltung der Schmuckhöfe, Empfangshal­len, Fürsten‑ und Salon‑Badezellen in den Ba­dehäusern sowie im Brunnenhaus verwendet wurden.

Während bei den ersten fertig­gestellten Badehäusern 4 und 5 die Innenhöfe und Wartesäle noch relativ einfach gestaltet waren -  zweigeschossi­ge Wartehallen mit umlaufenden Empo­ren, rechteckige Innenhöfe mit rückwär­tiger Brunnenanlage an der Schmalfront - zeigt die Ausgestaltung der Ba­dehäuser 2 und 3 sowohl in der architek­tonischen wie auch in der dekorativen Art eine weitaus stärkere Ausprägung.

Das reich ausdekorierte Badehaus 3 fällt mit seinem runden Wartesaal mit Kup­pel und ornamentalen Ausschmückun­gen aus dem Rahmen des Üblichen. Be­sonders bemerkenswert ist das Mosaik mit Uhr über dem Eingangsportal von Josef Hegenbarth aus Darmstadt. Der dazugehörige Gartenhof erinnert mit seinem rechteckigen Wasserbecken an das römische Atriumhaus. In der Fürstenzelle ist das bunte, bleiverglaste Fen­ster, eines der schönsten Fenster von hervorragender Qualität.

Für die Ausschmückung des Wartesaa­les im Haus 2 malte der Darmstädter Künstler Friedrich Wilhelm Kleuckens (1878 - 1956) sieben Wandbilder, die sich heute bedauerlicherweise im Kur­hausfoyer befin­den. Der Innenhof erhielt von Jost eine Pfeilerstruktur. Am Haupthaus waren die Säulen ursprünglich über die Traufe gezogen. Die Dekoration erhält ihren Reiz durch den Wechsel der dunklen glasierten Klinker mit Terrakottafliesen. Das Badehaus 2 ist seit vielen Jahren seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt gewesen.

Es wird jetzt von einer Theatergruppe genutzt, die ihr altes Domizil in der alten Feuerwache verläßt und künftig im Badehaus 2 nicht nur auftritt, sondern auch probt. Die „Theatergruppe alte Feuerwehr“ (TAF) betreibt im Badehaus 2 außerdem ein Café. Hier kann sich das Publikum vor und nach der Vorstellung mit Erfrischungen und Knab­bereien versorgen. Im Sommer können außerdem  auch  Aufführungen  im Schmuckhof, dem Innenhof des Gebäudes, veranstaltet werden.

Die Badehäuser 6 und 7 zeigten die wohl reichhaltigste Ausschmückung. Die War­tehalle 6 hat mittlerweile ihre ursprüng­liche figürliche Ausmalerei völlig verlo­ren. Der Innenhof mußte durch den Verlust der Ausstattung ebenfalls Einbußen hinnehmen. Anders ist beim Badehaus 7, das als Höhepunkt der Nauheimer Bade-Architektur bezeichnet wird. Der reich ausdekorierte Wartesaal und der Terrakotta-Gartenhof waren zunächst für die hessische Landesausstellung in Darmstadt 1908 geschaffen worden, wo sie auch ausgestellt waren. Terrakotten und Fliesen stammen aus der großher­zoglichen Manufaktur unter Leitung von Johannes Julius Scharvogel. Relief und Ornamente wurden von dem Offen­bacher Künstler Karl Georg Huber ent­worfen.

Zum Abschluß wurden die sogenannten „Fürstenzellen“ und die Sprudelbecken in den Jahren 1910 - 1911 künstlerisch gestaltet. Die Fürstenzellen in den Badehäusern 2, 3 und 7 wurden von Wilhelm Jost, die des Badehauses 4 von Alwin Müller ge­schaffen. An langen Fluren lagen die Badezellen aufgereiht. Sie waren sowohl architektonisch als auch dekorativ reich­haltig ausgestattet. Die Normbadezelle war bis zu einer Höhe von 1,70 Meter geka­chelt, verziert mit einem Ornamentflie­senband in Augenhöhe, und hatte ein Buntglasfenster, unter dem sich der ver­kleidete Heizkörper befand. Die Ein­richtung, eine Badewanne aus australi­schem Moaholz mit mehreren Wassereinläufen, die weiß lackierten Möbel, wie Toilettentisch, Garderobe und Stüh­le, waren allesamt von Jost entworfen.

Für die Energieversorgung und die tech­nische Abwicklung des Badebetriebes war eine für die damalige Zeit enorme Ingenieurleistung zu erbringen. Ein ver­zweigtes Leitungsnetz mußte mit den unterschiedlichen Solewassern, Warmwasser und Heizwasser gespeist wer­den. In einem großen, etwa ein Kilometer langen, unterirdischen Kanal fand die Anbin­dung an die etwas abseits, oberhalb des Bahnhofs gelegenen Wirtschaftsgebäu­de statt.

Aus technischen Gründen wur­de der Gesamtbereich der Badeeinrich­tungen dreieinhalb Meter unter dem Niveau der Ludwigstraße angelegt, etwa 1,40 bis 1,70 Meter über dem Grundwasserspie­gel. Damit war es möglich, das Sprudel­wasser unter Einhaltung der natürlichen Kohlesäuremengen und ohne Pumpen in die Wannen laufen zu lassen. Das Maschinenhaus von 1906 mit seiner tech­nischen Ausrüstung stellte für seine Zeit etwas Besonderes dar und wurde zur Attraktion. Jost plante für die anreisen­den Besucher extra eine Besuchergalerie. Von der ursprünglichen technischen Einrichtung sind noch erhebliche Teile vorhanden, die es als Zeugnisse der Technikgeschichte zu schützen gilt.

Bei der  Re­staurierung der Jugendstilfassaden sollte das Erscheinungsbil­d hergestellt werden, das dem künstlerischen Wesen des Jugendstils gerecht wird, der ein Gesamtkunstwerk schaf­fen wollte. So waren die Vergoldungen an den Sprudelblasen in der Putzstruktur und an den Balkongeländern verlorengegangen. Die Gestaltung der Ortgänge und Dachgesimse mit Schablonenmalerei war in Vergessenheit geraten.  Verlorengegangen waren auch die wellenförmigen Bänder­verzierungen an den konisch geschwungenen Schornsteinköpfen, die ovalen Fenster neben den Eingängen der Verwaltungsgebäude und vieles mehr. Aber auch Details wie die ursprüng­lich rechteckig geformten Kupferdachrinnen und Fallrohre waren nicht mehr bekannt. Auch besonders gestaltete Schneefanggitter waren bis auf klei­ne Teile verschwunden.

Ein besonderes denkmalpflegerisches Problem stellte die Erhaltung der etwa 470 Buntglasfenster dar. Die Aggressivität des Soledampfes hatte die Verbleiung und die Windeisen verrotten lassen. Einige Scheiben waren zwischenzeitlich zu Bruch gegangen und durch teilweise falsche wieder er­gänzt worden. Erfreulicherweise waren die Eichenholzrahmen noch gut erhalten. Die Me­chanik konnte zum Teil wieder funktionsfähig ge­macht werden. Eine neue Verbleiung war aller­dings nicht zu umgehen. Gewissermaßen als materielles Dokument wurde von jedem Fenstertypus das jeweils besterhaltene Fenster im unangetasteten Originalzustand be­lassen.

 

 

Dankeskirche:

Man verläßt den Sprudelhof seitlich in Richtung Süden. Nach rechts biegt man in die Parkstraße und nach links in den Park. Mit ihrem 72 Meter hohen Turm ragt die Dankeskirche als Wahrzeichen der Stadt weit in den Him­mel. Das fast 100 Jahre alte Gotteshaus, von Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann im frühgotischen Stil erbaut, wurde 1906 feierlich eingeweiht und seiner Bestim­mung übergeben. In alten Dokumenten wird die unter der Obhut von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen errichtete Kir­che als „gewaltiges Denkmal für Gottesga­ben unserer Heilquellen“ benannt. Ein Wandteppich in ihrem Innern erinnert an den Ausbruch des Großen Sprudels im Jahr 1846, der in der noch jungen Kur­stadt von Bürgern und Gästen als Weih­nachtswunder angesehen wurde.

Der Bau der Kirche wurde seinerzeit mit Spendengeldern von Gemeindemitglie­dern und „dankbaren Kurgästen“ unter­stützt, heißt es in einer Broschüre zur Ge­schichte des Gotteshauses. Bis in ihre höchste Spitze ist das trutzi­ge Bauwerk aus „oberhessischem Lung­stein“, einem fast tiefschwarzen Basalt, ge­mauert. Der Grundriß entspricht der Form eines lateinischen Kreuzes, an des­sen nördlichem Quer‑Arm sich der Turm mit seiner offenen Halle erhebt.

Im Laufe der fast 100 Jahre wurden die Fugen der Steine des Turmes teilweise er­heblich ausgewaschen. Sie bieten daher dem im Kirchenbau eher seltenen Stein­turm nicht mehr den erforderlichen Halt. Das Wasser sickert zwischen der äußeren Lungstein‑ und inneren Backsteinver­mauerung durch und verursacht an den verschiedensten Stellen ein fast durchgän­gig nasses Mauerwerk.  Nun müssen die maroden Fugen mit­tels Wasserstrahl ausgespült und neu ver­füllt werden.  Die erforderlichen Arbeiten sind aufwendig, da die Fugen über mehre­re Tage feucht gehalten werden müssen, so daß sie nicht zu schnell austrocknen und sich neue Risse bilden.

 

Keltische Saline:

Seit dem 19. Jahrhundert war bekannt, daß auf dem Gelände des ehemaligen Hilberts Parkhotels sich Reste einer keltischen Saline verbergen. Auf rund 4800 Quadratmetern Fläche mitten in der Stadt zwischen Dankeskirche und Trinkkuranlage wurde die kelti­sche Saline untersucht. Zwar wird seit fast 50 Jahren im latènezeitli­chen Bad Nauheim geforscht. Aber erst mit den modernen Grabungen ab 1990 begann eine systematische Erforschung der Salinenanlagen, die sich vor allem in den beiden letzten Jahren als industrieller Großkomplex und ein­malig in der keltischen Welt erwie­sen. Als frühe Produktionsstätte steht die Saline gleichrangig neben der Residenz auf dem Glauberg und bildete vermutlich die materielle Grundlage für den Reichtum der dortigen keltischen Fürsten. Die keltische Saline in der Kurstadt ist ein archäologischer Fund von europäi­schem Rang. Hier kam erstmals zutage, mit welch hochentwickelter Arbeitstei­lung die Kelten das weiße Gold gewannen. Seit dem 2 Jahrhundert vor unserer Zeit­rechnung betrieben die keltischen Salzsie­der hier ihr industrielles Werk, vielleicht schon seit dem 3. Jahrhundert.

Zunächst fand man nur zwei kleine Flächen, die eine 2,70 Meter im Quadrat, die andere 2,80 mal 3,30 Meter groß. Die Flächen sind nicht sonderlich sorgfältig gearbeitet. Die Kelten haben sie vor 2300 Jahren für ihre großangelegte Salzproduktion geschaffen. Die Saline war etwas über einen Kilometer lang und 500 Meter breit ist. Rund 40 solcher gepflasterten Arbeitsplätze hat es auf den 5.000 Quadratmetern gegeben, ordentlich in Reihen angelegt. Ih­re Funktion ist noch nicht völlig geklärt. Die Flächen, die in der Mitte eine Vertie­fung haben, dienten vermutlich dem Verdi­cken der Sole durch Verdunstung. An ei­nem Ende standen hölzerne Behälter, in die wahrscheinlich die verdickte Sole gelei­tet wurde. Es ist allerdings auch möglich, daß aus den Behältern Sole zum Verdi­cken auf das Pflaster geleitet wurde. Die Bereiche stammen aus der Zeit um 300 vor unserer Zeitrechnung.

Je tie­fer gegraben wurde, desto überraschender hat sich die Struktur der Anlage verändert. Die Forscher legten gepflas­terte Steinrondelle frei, die als Untergrund zum Bau von Lehm­bau­wer­ken dienten, entdeckten Reste von Siedeöfen oder aus Höl­zern geflochtene Leitungen für die Sole. Es kamen völlig unerwartete Strukturen ans Tageslicht. In langen Reihen regel­mäßig angeordnet, wurden zahlreiche quadratische Arbeitsplattfor­men freigelegt. Diese 2,50 mal 2,50 Meter großen Felder sind äußerst sorgfältig aus Basaltsteinen gesetzt. Ihre in der Mitte leicht eingetiefte Form und zugehörigen Holzstrukturen lassen vermuten, daß auch sie mit der Solegradierung zusammenhängen. Die Frage, warum zu einer bestimm­ten Zeit diese aufwendigen Quadra­te gebaut wurden, soll in der neuen Grabungskampagne beantwortet werden. Bisher waren nur einfach Konstruktionen der Gradierbecken bekannt.           

Geradezu sensationell ist die Erhaltung der Holzeinbauten wie Zuleitungen und Schöpfbecken. Ebenso sind die Wandgeflechte der Gradierbecken in außerordentlich gutem Zustand. Gut erhaltene Holzbefunde kannte man bislang vor allem aus den Pfahlbausiedlungen in Bodensee und den Schweizer Seen, wo sich im Wasser unter Sauerstoffabschluß organisches Material erhalten konnte.

Es handelt sich um ein In­dustriegebiet aus dem 6. Jahrhundert vor Christus mit einer entsprechenden ar­beitsteiligen Vorgehensweise. Von der Quelle bis zum Fertigprodukt sind extrem verschiedene Arbeitsvorgän­ge notwendig. Die Bereiche, in denen die einzelnen Arbeitsprozesse ablaufen, liegen groß­flächig zueinander angeordnet.  Das ist in diesem Umfang völlig ungewöhnlich und weltweit ziemlich einzigartig. Es gibt aus dieser Zeit nur eine Saline, die ähnliche Elemente auf­weist ‑ in der Provinz Sichuan in China. Andere große Salzgewinnungsanla­gen haben auch arbeitsteilige Produktionsformen, aber in sehr viel klei­nerem Umfang. Auch die Wirtschaftsweise ist anders. Man wird im Bereich der Wirtschafts‑ und Sozialge­schichte neu nachdenken müssen.

Das Salz war ein wichti­ges Handelsgut, besonders für die großen keltischen Siedlungen wie dem Dünsberg bei Gießen oder dem Heidetränk‑ Oppi­dum bei Oberursel. Die Kelten ließen die Sole in kleine Gradierbecken laufen. Durch Umrühren wurde das Verdunsten der Sole gefördert. Dann wurde sie in tö­nerne Gefäße gegeben und in Ofen erhitzt. Die brotlaibförmi­gen Ofen waren oh­ne Metall komplett aus Holz und Lehm errichtet worden. Die Sole wurde er­hitzt, bis sich das Salz auskristallisierte. Dann entnahmen die Kelten die Gefäße dem Ofen, zerschlugen sie und zermahlen das Salz, so daß sie es verkaufen konnten.

Ein typisch keltischer Arbeitstag an der Saline sah so aus: Morgens wurde zunächst das Solewasser im Quellteich gesammelt und über Kanäle abgeleitet in Gradierbe­cken. Dort verdunstet das Wasser, wo­durch sich der Salzgehalt erhöht und einen neu bestimmten Prozentgehalt erhält. Das höher­grädige Solewasser wird von anderen Ar­beitern abgeschöpft und in große Vorrats­gefäße gefüllt, die seitlich an den Öfen an­geordnet stehen. Von dort schöpfen die Sö­der kleine Mengen ab, die sie langsam in die erhitzten Siedegefäße füllen. Das Wasser verdampft, das Salz schlägt sich nieder. Es entsteht ein Salzkuchen.

Sind die Gefäße gefüllt, nehmen Arbeiter sie heraus und zerschlagen sie. Dabei zerbricht auch das Salz zu Bruchstücken, die zur Handelswa­re zermahlen werden. Bis zum Verkauf fanden alle Arbeitsprozesse im Industrie­gebiet statt. Die Händler reisten zum Kauf hierher an und belieferten dann ihre Kundschaft bis hin nach Böhmen und Mähren, wie Fundstücke zeigen. Es ist an­zunehmen, daß zur Sole ein eigenstän­diges Händlernetz gehörte.

Man geht von einer sehr großen Zahl von Arbei­tern aus, die gleichzeitig beispiels­weise an einem Ofen arbeiten. Man denkt in Rich­tung 1.000, vielleicht auch 2.000 Menschen, wenn man die gesamte Infrastruktur zu­sammenrechnet. Zumindest etwa im 2. und 3. Jahrhundert vor Christus (Mittel‑Latène) hat die Anlage ihre größte Aus­dehnung.

Funde, die an eine Verbindung zu den Kelten auf dem Glauberg hinweisen, gibt es nicht.

Aber Bad Nauheim liegt eindeutig im Macht‑ und Einflußbereich des Fürsten. Auch die Roh­stofffrage legt eine Verbindung nahe: Der Glau­bergfürst sitzt am Rand des Vogelsbergs mit dem Rohstoff Holz, der die Grundla­ge der gesamten Saline in den fünf oder sechs Jahrhunderten ist, in denen sie läuft. Über 25 Millionen Kubik­meter Holz haben die Kelten in ihren Salz­öfen verheizt. Die Sole wurde durch höl­zerne Leitungen zur Verarbeitung geleitet. Die Bret­ter, die ausgehöhlten Baumstämme und die ge­flochtenen Wände sind bestens erhalten.

Daß Salz der Grundstock für den Reichtum des Kelten­fürsten war, dafür gibt es derzeit keine Belege. Es kann sein, daß er direkt aus dem Salzhan­del seinen Wohlstand bezogen hat. Es kann aber auch sein, daß der Salzhandel die Grundlage für die Bad Nauheimer Kel­ten ist und der Keltenfürst in Glauberg in­direkt vom Holzhandel profitiert. Aber man geht davon aus, daß der Fürst in außer­ordentlicher Form an der Wertschöpfung der Saline beteiligt ist.

Schallmayer geht davon aus, daß auch Zeugnisse aus der Zeit um 500 vor unserer Zeitrechnung gefunden werden können, aus jener Zeit also, als der Keltenfürst auf dem Glauburg regierte. Dessen Reichtum konnte aus der Bad Nau­heimer Salzgewinnung stammen. „Wenn auch noch nachgewiesen werde, daß die Salzgewinnung bis in die römi­sche Zeit fortgesetzt wurde, dann wäre das eine Sensation“, sagt Schallmayer. Es soll jedenfalls tiefer gegraben wer­den.

Bodenbeschaffenheit und keramische Funde in der Grabungsstätte der keltischen Saline deuten auf ein römisches Thermalbad hin. Auch gibt es Anzeichen für ein zweites Quellgebäude an der Kurstraße. Stand zunächst die keltische Sali­ne im Mittelpunkt der Forschungen, so rückte nun die Entdeckung einer überdach­ten hölzernen Beckenfassung - datiert in die römische Zeit um 80 bis 85 nach Christus -  in den Vordergrund der Betrachtungen. Denn keramische Funde und das rötlich gefärbte Erdprofil in der Nähe des Beckens deuten auf ein weiteres römisches Gebäude ‑ ein Badehaus ‑ hin.

Hinweise lassen auf ein römisches Badehaus schließen. Dazu zählen die vielen Dachziegel mit Stempeldruck der14. Legion (Soldaten, die zu jener Zeit um 80 nach Ch in der Nähe Bad Nauheims stationiert waren und zu einer 6.000 Mann starken Einheit aus Mainz gehörten). Zusätzliche Hilfen für ei­ne recht genaue zeitliche Einordnung geben weitere gebrannte Keramikscherben von Ge­fäßen.

An der Grabungsstelle legten die Forscher einen hölzernen Zulauf frei, der von der Trinkkuranlage kommt und das salzhaltige Wasser vom Quellgebäude in östliche Rich­tung abgeleitet haben könnte. Verfärbungen im Erdreich deuten außerdem auf ein zweites Quellgebäude direkt an der Kurstraße hin.

Ein 5,40 Meter breites und etwa zehn Me­ter langes Holzbecken ist der Fund, der die neue Phase der Salinen‑Ausgrabung eröffne­te. Nach dendrochronologischen Untersuchungen

sind die Eichen in den achtziger Jahren unserer Zeitrechnung gefällt worden.

Die Konstruktion ist aufwendig: In auf­recht stehende, sorgfältig zugerichtete Vier­kantbalken sind waagrecht in Nut-Rillen-Bret­ter eingeschoben und so miteinander ver­bunden, daß sie einen Kasten von großer Stabilität bilden. Die ganze Machart des Be­ckens verrät die hochstehende römische Zimmermannskunst.

In dem Becken fingen die Römer die an dieser Stelle austretende Solequelle auf. Das Becken sammelte das Wasser und kühlte es vermutlich auf Gebrauchstemperaturen ab. Ein Abflußrohr in der Kastenwand ist mit einem Pflock verschlossen, wohl um damit den Wasserstand im Becken und das abflie­ßende Wasser zu regulieren. Vom Abflußrohr führt ein Holz verschalter Kanal zu ei­nem Graben, der zur Trinkkuranlage führt. Die Archäologen vermuten, daß die Sole ein römisches Badehaus mit warmem Bade­wasser versorgte. Sie denken an ein Kur‑ und­ Thermalbad schon zu römischer Zeit.

Fest steht jedenfalls durch die Datierung der Hölzer und durch römisches Keramik­material, das in dem Becken gefunden wur­de, daß die Römer schon in der Zeit, als sie die Wetterau militärisch besetzten - das heißt um 80 unserer Zeitrechnung  - auf die warmen Quellen von Bad Nauheim gesto­ßen sind. Ob sie die Saline der Kelten über­nahmen oder ob sie völlig neue Anlagen er­richteten, das muß noch geklärt werden.

Ein hölzernes, L-förmiges Becken, vollständig im Holz erhalten und umgeben von den Fun­damentbalken eines ebenfalls L-förmigen Gebäudes, überraschte  die  Grabungsmann­schaft.

Nicht genug, daß dieses Becken dank der Hilfe des vorgeschicht­lichen Seminars der Johann Wolf­gang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main dendrochronologisch sofort datiert werden konnte und sich als römerzeitlich erwies. Es ent­hielt auch zahlreiche Funde aus die­ser Zeit, die nicht  - wie zu erwarten - überwiegend aus Scherben von Grobkeramik und „Terra sigillata“ bestanden:  Vollständige  Gefäße, Münzschätze und schmale Joche aus Holz und Metall (wohl für Esel, die hier als Zug- oder Tragtiere ein­gesetzt wurden) belegen an diesem Quellaustritt eine Aktivität im 1. Jahrhundert nach Christus, die nie­mand erahnen konnte. Römer  nutzten ganz offensichtlich die Sole zu einem noch nicht beleg­ten Zweck, denn das Becken selbst stellte sicherlich kein Bad dar, son­dern nur einen Auffang, aus dem die Sole geschöpft und von den Eseln an einen anderen Ort verbracht wurde.

Der Erhalt von Latrinenresten gibt Aus­kunft über Lebensführung und Ernährung wie sonst kaum. Die gefundenen Haselnüsse sind ungewöhn­lich dunkelgrau und ungewöhnlich alt: 2200 Jahre ruhten sie in der Bad Nauhei­mer Erde. Das organische Material ist in einem fantasti­schen Erhaltungszustand. Der feuchte Boden nahe der Usa, die konservierende Wirkung des Salzes und die bis zu vier Meter hohen Asche­schichten haben konserviert, was die Kel­ten hinterließen.

Bei der Suche nach Resten von Getreide, Beeren und Samen in der Bad Nauheimer Saline haben Archäobotaniker Koriander und Steine von Pflaumen nachgewiesen. Beide Pflanzen wurden in der damaligen Eisenzeit nicht in heimischen Gärten ange­baut. Die Funde lassen deshalb einen Schluß auf Handel und Prosperität des Salinenwesens zu.

Die Forscher können auf Grund ihrer Analysen ein Lebensbild der Menschen vergangener Zeiten zeichnen und Aussagen über den Spei­senplan machen.  Während die Ar­chäologen  Töpfereien und Häuser wiederherstellen können, zeigten die Vegetationsgeschichtler, wie der Mensch in die Natur eingriff und wie er von ihr lebte. Die noch junge wissenschaftliche Diszip­lin, die in Deutschland erst seit den fünfziger Jah­ren des vergangenen Jahrhunderts besteht, arbeitet in Hessen seit 1990 und betreibt noch Grundlagenforschung.

In Bad Nauheim, einer 5000 Quadratme­ter großen Grabungsstelle aus dem zweiten und dritten Jahrhundert vor Christi, fanden die Forscher in den luftdichten, feuchten Schichten gut erhaltene Reste von Pflanzen, ob als Brot, Brei oder Same: Letztlich alles, was auf den Boden fiel oder kaputt ging. Die Fülle und der Erhaltungszustand der Nahrung sowie die aus den Funden ziehba­ren Schlüsse sind europaweit einmalig.

So zeigen die ersten archäobotanischen Auswertungen, daß in der Saline praktisch immer jemand „vor Ort war“. Ob an den Ver­dunstungsbecken oder den Siedeöfen: Die Menschen haben die Lebensmittel vor Ort aufbereitet und gekocht. Davon zeugen ver­kohlte Hagebutten und - eine Rarität - auch verbranntes Brot. Gefunden wurden Din­kel, Gerste, Emmer, Rispen‑Hirse und Hül­senfrüchte sowie Sammelfrüchte wie Schle­he, Walderdbeere und Waldhimbeere, Haselnüs­se und Bucheckern. Solche Nahrung werde zwar auch in Siedlungsgrabungen gefun­den, doch nun ist auch klar, daß es sich bei­spielsweise beim Getreide nicht etwa um Viehfutter, sondern eindeutig um Bestand­teile menschlicher Nahrung handelt.

Gerade die Koriandersamen sowie die Steine von Pflaumen geben Hinweise auf den gesellschaftlichen Hintergrund des Ar­beitslebens in der Saline: Da derartige Früch­te in anderen Fundstätten bisher praktisch nicht beobachtet wurden und der Garten­bau erst mit den Römern kam, geht man von Importen aus. Die aber waren si­cher nicht billig. Es gesellen sich zu der nor­malen Alltagsnahrung also Spezialitäten.

Das Zusammenspiel von Biologie und Ar­chäologie wird an einem Ort der Nauheimer Grabung deutlich, an dem die Forscher bisher einen der letzten Arbeitsschritte in der Salzge­winnung vermuteten: Genau an dieser Stelle fanden die Botaniker nun Reste von Sammel­pflanzen, Fäkalien und den Menschen quälen­de Spul‑ und Peitschenwürmer. Wie das zu­sammenhängt? Man weiß es noch nicht.  Verkohlte Spelze der alten Getreidearten Dinkel und Emmer wur­den reichlich gefunden. Die Wissenschaftler schließen daraus, daß die dort ganztags tä­tigen Arbeiter sich offenbar auch vor Ort ih­re Mahlzeiten zubereiteten.

Als geradezu sensatio­nell ist das Auftreten der Import‑ oder Gartenkulturarten Koriander (Coriandrum sati­vum) und Pflaume (Prunus insititia) in Bad Nauheim zu bezeichnen. Die Geschichte des Gartenbaues in Mitteleuropa muß umgeschrieben werden. Bislang waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, daß erst die Römer die Gartenkultur von Obst, Gemüse und Kräutern in Mitteleuropa nördlich der Alpen eingeführt hatten.

 

Trinkkuranlage:

Südlich der Grabungsstelle liegt das Kurzentrum „Trinkkuranlage“, die man zu Fuß durchqueren kann, an der man aber auch links vorbeifahren kann. An der Usa entlang geht man durch die Zanderstraße zum neuen Kurpark. Links liegen Bonifatiuskirche und Gradierbau II. Schließlich kommt man wieder zur „Langen Wand“ und zur Schwalheimer Straße, auf der man mit dem Rad zurückfährt nach Schwalheim oder von wo man mit dem Auto den Rückweg antritt.

 

Lin­denallee:

Auf alle Fälle aber wählt man für die Rückfahrt die alte Friedberger Straße, deren Fußweg eingefaßt ist durch die Lin­denallee, die im Jahr 2002 durch das Landesamt für Denkmalschutz aus städte­baulichen, gestalterischen und künstleri­schen Gründen unter Denkmalschutz ge­stellt wurde. Die Allee wurde 1911 im Zuge der Süder­weiterung der Kurstadt geplant und 1915 entlang des Fußweges von Bad Nauheim nach Friedberg angelegt. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen war persönlich an der Planung der Baumreihe beteiligt.

Die Allee zeichnet sich auch noch dadurch aus, daß die beiden Baumreihen versetzt, also reißverschlußartig angeordnet sind. Da­durch kann der Verlust einzelner Bäume verkraftet werden, denn der Eindruck ei­ner geschlossenen Reihe bleibt. Beinahe wäre es dennoch um die Allee geschehen gewesen, denn der Wetterau­kreis wollte im Jahr 2000 alle 210 Bäu­me abholzen lassen, weil sie angeblich überaltert seien und weil Straße und Rad­weg neu gestaltet werden sollten. Starker Protest der Bürger hinderte den Kreis da­ran, das Todesurteil für die Allee zu voll­strecken. Die Lindenallee beschäftigte so­gar den Petitionsausschuß des Hessi­schen Landtages. Schließlich wurden nur einige Bäume gefällt.

Die übrigen wurden gepflegt: Bei 45 Bäumen wurde totes Holz aus der Kro­ne geschnitten, 62 bekamen Äste heraus­geschnitten, 86 wurde die Krone um ein Drittel gekürzt und 13 verloren den größ­ten Teil ihrer Krone. Die Bürgerinitiative, die sich zur Ret­tung der Allee formiert hat, forderte, sie zum Naturdenkmal zu erklären. Die Unte­re Naturschutzbehörde des Wetterau­krei­ses lehnte das ab, weil Erhaltungszustand und Lebenserwartung der Bäume zu stark beeinträchtigt seien. Nun ist die Allee Kul­turdenkmal. Der Bürgerinitiative verbundene Experten geben den Bäumen eine Lebenserwartung von über 100 Jahren.

 

Der hanauisch-mainzische Grenzstein No. 50 von 1711 am Rande des Frauenwaldes in Bad Nauheim hatte ein spiegelverkehrtes „N“ für Bad Nauheim. Das Mainzer Rad ist auf vielen Grenzsteinen erkennbar. Die Steine stehen an einem bis ein Meter hohen Grenzwall, der zusammen mit ihnen angelegt wurde. Dieser Grenzwall ist ein über ein Kilometer langes kulturhistorisches Landschaftselement.

 

Bei Bad Nauheim stehen mächtige knorrige Kopfweiden an der Wetter. Kopfweiden sind Bäume, die in einer Höhe von ungefähr zwei Metern abgesägt werden, um aus dem Kopf neue dünne Triebe herauswachsen zu lassen. Dabei verdickt sich die Schnittfläche am oberen Ende des Stammes mit jedem Abschneiden weiter zu einem „Kopf“. Die abgeschnittenen dünnen Äste wurden in der Korbflechterei und als Baumaterial für Zäune oder Häuser benutzt. Die Weiden an der Wetter stehen in einem Naturschutzgebiet und haben einen Stammdurchmesser von etwa einem Meter.

 

Kelten­radweg:

Die Strecke führt unter anderem durch Bad Nauheim, Butzbach und Ober‑Mörlen. Es gibt auch einen Radwander­führer. Der innerstädti­sche Fahrradweg ist relativ neu und läßt sich prima fahren. Rote Pflastersteine markieren den Verlauf:  Von der Ludwigstraße in die Zan­derstraße abbiegen, den Keltenpavillon vor der Stadtbücherei lassen wir links lie­gen, ebenso die Gradierbauten.  Ganz in der Nähe haben die Kelten vor 5000 Jahren Salz gesotten. Nach dem Überqueren der Schwalhei­mer Straße stellt die Beschilderung vor eine schwere Entscheidung: Links geht es nach Schwalheim, halbrechts nach Friedberg ‑ und in beide Richtungen weist der Fürst. Auf dem Weg in die Kreisstadt schlängelt man sich so gut es geht zwischen Kurgästen (auf dem Weg zur Usa‑Promenade) und Kindern (auf dem Weg zum Schwimmbad) vorbei. Allmählich kommt der Burgturm in Sicht.  Die Ab­teilung „Kelten“ im Wetterau Museum be­herbergt viele Schätze aus jener sagenhaf­ten Epoche. In der Usa‑ Vorstadt lacht ein auf dem Kopf stehender Keltenfürst entgegen, als Weg­weiser kaum zu übersehen.

Auf Anfrage teilte das Amt für Kreisent­wicklung mit, daß es die Keltenradroute noch gar nicht gibt. Jedenfalls nicht in allen Details. Sie ist im „Jahr der Kelten“ als Teil der Keltenstraße (2002 hessen­weit initiierte Aktion) erdacht und wird voraussichtlich ab Herbst 2003 zu den Schätzen und Kulturdenkmälern der Kelten in der Wetterau führen. Bis dahin soll es auch eine Broschüre über die Sehenswürdigkeiten, eine Streckenbeschreibung sowie eine entspre­chende Beschilderung der Wege geben. Dies sei allerdings Sache der Kommunen und nicht Aufgabe des Kreises, teilt das Amt mit.                  

 

Obermörlen

Am Ortseingang rechts steht eine alte Wegekapelle. Dort fährt man nach rechts auf den landwirtschaftlichen Weg, Nach knapp 1,4 Kilometer (nicht bis zum Bach mit der Baumreihe vorfahren)

Geht es nach links zum Menhir von Ober-Mörlen. Er wurde nach seiner Auffindung in der Nähe der Fundstelle in angemessener Form beherrschend in der Landschaft aufgestellt. Unangemessene Bepflanzung hat heute das Monument verschwinden lassen.

 

Rundgang im Ort: Die Strecke führt vorbei an schön angelegten Gärten, historischen Gebäuden mit den für unsere Region typischen hohen Hoftoren, neu gestalteten Plätzen und dergleichen mehr.

Wenn man auf der Hauptdurchgangsstraße von der Autobahn (der Frankfurter Straße) in den Ort kommt, biegt man nicht rechts ab, sondern fährt erst etwas links in die Elisabethgasse und dann gleich wieder rechts in die Borngasse. Dort steht: ……..

1. Mittelpunktschule mit Schulturnhalle: Die Mittelpunktschule, welche 1962 eingeweiht wurde, war die erste dieser Art im Kreis Friedberg; ein typischer Bau der sechziger Jahre. Die Einweihung der Schulturnhalle erfolgte 1968.

Der „See“: In der Borngasse, gegenüber der Mittelpunktschule, befand sich einst ein Brandweiher, genannt der „See“. Beim Reinigen des Weihers 1902 wurden Gold- und Silbermünzen gefunden. Der See wurde 1932 bei der Flurbereinigung beseitigt. Nach Osten geht es in die Friedberger Straße und nach Norden zur Kreuzung mit der Nauheimer Straße. Dort steht…..

3. Gustav Adolf Kapelle, benannt nach dem ehemaligen Schwedenkönig. Sie wurde in den Jahren 1925 / 1926 erbaut. Die Einweihung der kleinen evangelischen Kirche erfolgte im Mai 1926. Das Ge­bäude wurde 1991/92 außen und innen restauriert und bekam einen neuen Altar sowie eine neue Kanzel. Das angrenzende evangelische Gemeindehaus weihte man 1992 ein. Auf der Nauheimer Straße geht es wieder zur Elisabethenstraße. Dort steht……

4. Transformatorenhaus: Die Transformatorenhäuser, auch Umspannstationen genannt, wurden in der Zeit nach 1911 gebaut, nachdem die Einführung der Elektrizität im April 1911 vom Gemeinderat beschlossen worden war. Beim Verlegen elektrischer Leitungen über die Dächer in der Schulstraße durch die Firma Brown, Boveri u. Co. brach am 6. Januar 1914 eine Leiter. Dabei verunglückte der Ortsbürger Martin Birkenstock - der bei der Firma beschäftigt war - tödlich.

Von der Elisabethenstraße geht links die Ankergasse ab. Dort stand das Rosenbach’sche Gut, von dem aber heute nichts mehr zu sehen ist.

5. Rosenbach'sches Gut (Ankergasse zwischen Haus Nr. 6 und 8): Die Ankergasse war früher eine Sackgasse und trug auch diesen Namen bis etwa 1920. Hier befand sich damals ein schmaler Durch­gang zum Rosenbach'schen Gut, das im südöstlichen Teil von Ober-Mörlen lag. Das Gut besaß mehrere Wirtschaftsgebäude. Den Kern bildete ein turmartiger Bau mit einem quadratischen Grundriß von etwa 6,60 mal 5,40 Metern. Das Gebäude bestand wahrscheinlich aus zwei Etagen und war mit einem Wall und künstlich angelegtem Wassergraben umgeben. Die Eingangstür, die an der nördlichen Seite lag, konnte nur über einen Steg erreicht werden. Professor Dieffenbach, der im Auftrag des Historischen Vereins 1845 Ober-Mörlen besuchte, berichtete unter anderem, daß sich über der Tür das Wetzel’sche / Hees’sche Wappen mit der Jahreszahl 1704 befände. Dieses deutet darauf hin, daß das Gut im Jahre 1704 von Freiherr Eugen Alexander von Wetzel (ehemaliger Besitzer des Schlosses) erworben bzw. baulich verändert wurde. Die Wappentafel dürfte die sein, die jetzt an der hinteren Schloßhof-Einfahrt angebracht ist. Heute sind vom Rosenbach’schen Gut keine Spuren mehr vorhanden.

 6. An der Kreuzung mit der Jahnstraße wurde im September 1936 das Teilstück der Autobahn von Frankfurt a. M. bis zur Abfahrt Ober-Mörlen eingeweiht. Im weiteren Verlauf des Autobahnbaues begann man mit dem Ausbau eines Weges von Ober-Mörlen nach Nieder-Mörlen. Da aber das Wohnhaus der Familie Wes im Wege stand, wurde es abgerissen und als Ersatz das heutige Eckhaus Nr. 18 erbaut. Es geht nach links. Wo die Sandgasse abzweigt, ist ein Parkplatz. Von dort geht es weiter zur Durchgangsstraße, der Frankfurter Straße.

7. Wohnhaus in der Elisabethenstraße Nr. 2: In diesem Wohnhaus lebte der letzte Teil der Familie Simrock. Karl Anton verstarb 1982 und mit ihm verschwand der Name Simrock in Ober-Mörlen. Die Gemeinde erwarb das Anwesen und ließ es 1989/90 gründlich sanieren. Wie man weiß, stammen die Vorfahren des bekannten Germanisten Karl Josef Simrock, der in Bonn auf dem alten Friedhof bestattet wurde, aus Ober-Mörlen. Ob die Vorfahren aus diesem Wohnhaus kommen, konnte noch nicht nachgewiesen werden. 

 

8. Katholische Sankt Remigius Kirche: Die Kirche zählt, wie ihr Name schon sagt, zu den 60 bekannten Kirchen in Deutschland, deren Schutzpatron der Heilige Remigius ist. Die Ersterwähnung stammt aus dem 13. Jahrhundert. In einer Urkunde vom 19. Oktober 1213 bestätigt König Friedrich, daß König Philipp den Deutschordensherren die Hälfte des Patronats der Kirche von (Ober-) Mörlen übertragen hat. Die andere Hälfte erhielt der Deutsche Orden im Jahre 1220 von Heinrich von Ysenburg und Euphemia, Gräfin von Kleeberg, die hier in Ober-Mörlen Besitzungen besaßen.

Am 23. Juni.1255 erlaubte Gwendelin, Probst am Dom und zu Sankt Mariengreden in Mainz, dem Deutschordenshaus Sachsenhausen seine Kirchen in Mörlen und Wöllstadt mit Ordensbrüdern zu besetzen. Danach stellte der Deutsche Orden bis in das Jahr 1814 fast alle Geistlichen.

Im Laufe der Jahre wurde der Ort samt Kirche des Öfteren durch Brände, Plünderungen und dergleichen heimgesucht. So schreibt Johann Baptist Rady in dem Buch „Geschichte der kath. Kirchen in Hessen“ über Ober-Mörlen: „Die alte Kirche wurde 1591 in dem durch die Anhaltischen auf ihrem Zuge nach Frankfurt veranlaßten Brand zerstört und 1607 wieder aufgebaut“. Sicherlich hat man in diesem Jahr mit dem Wiederaufbau der Kirche angefangen, denn an der Westseite des Kirchenschiffes ist ein Stein eingemauert, der die Jahreszahl 1607 trägt und wahrscheinlich wohl als Grundstein angesehen werden kann.

Die wohl wahrscheinlich schlimmste Katastrophe, die Ober-Mörlen je erlebte, war der große Brand am 27. Juli 1716, bei dem der Ort bis auf wenige Häuser eingeäschert wurde und sieben Personen auf die jämmerlichste Weise in den Flammen umkamen. Auch die Kirche blieb dabei nicht unverschont, denn alles Brennbare wurde ein Raub der Flammen. Um 1720 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Am Gedenktag von Peter und Paul im Jahre 1728 weihte der Mainzer Weihbischof Kaspar Adolf Schemauer das neue Gotteshaus ein. Durch den ständigen Zuwachs der Einwohnerschaft wurde der Kirchenraum zu klein. Im April 1929 begann man daher endlich mit dem bereits 18 Jahre zuvor geplanten Erweiterungsbau. Der Umbau ging so zügig voran, daß am Tag des Kirchenpatrons des Sankt Remigius 1929 die Konsekration durch den Bischof Dr. Hugo von Mainz vollzogen wurde. In der sechsmonatigen Umbauzeit wurde der Gottesdienst im Bonifatiussaal abgehalten.

Der Kirchturm, wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 12. und in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts mit Bruchsteinen erbaut, ist das älteste noch erhaltene Bauwerk. Der Turm besteht aus der Eingangshalle, versehen mit einer aus Sandsteinen vermauerten Rundbogenpforte, dem ersten und zweiten Obergeschoß und dem Dachstuhl in Form einer dreifach gestuften „Welschen Haube“. Die Eingangshalle, in der einst mit Handseilen die Glocken geläutet wurden, verfügt über ein Kreuzgratgewölbe, welches auf vier kleinen gotischen Gewölbeaufhängern ruht. Die Glockenseilführungen im Kreuzgratgewölbe weisen darauf hin, daß das Geläut ursprünglich aus drei Glocken bestand. Das erste Obergeschoß ist ausgestattet mit einem Dreipaßfenster auf der Südseite und einer Scharte auf der Westseite. In der Ostseite, in Richtung des Längsschiffes, sind sehr wuchtige Reste eines Torbogens erhalten. In der Nordwand des Raumes sind noch Spuren einer zugemauerten Tür sichtbar.

Der Zugang zum ersten Obergeschoß erfolgte von außen über eine Treppe. Man kann davon ausgehen, daß dieser Raum mit Blick in das Längsschiff und zum Chor einst privilegierten Personen vorbehalten war, die separat von den übrigen Kirchgängern am Gottesdienst teilnahmen. Zudem dürfte der Raum als Kapelle und Aufbewahrungsort wertvoller kirchlicher Gegenstände in kriegerischen Zeiten gedient haben. Im zweiten Obergeschoß, auch Glockenstube genannt, hingen einst die Glocken. Der Dachstuhl, eine dreifach gestufte sogenannte „Welsche Haube“, wurde vom Dorheimer Zimmermann Johann Heinrich Klein im Jahre 1723 errichtet.

Der 1966 aus Stahl gefertigte Glockenstuhl befindet sich in der ersten Stufe der „Welschen Haube“ und ist mit vier Glocken bestückt. Von den vier Glocken wurden zwei im Jahre 1718 gegossen, eine 1805 und eine weitere 1966. Die im Jahre 1877 von der Firma Andreas Hamm in Frankenthal gelieferte Glocke wurde 1917 für Kriegszwecke beschlagnahmt und eingeschmolzen. Eine ausführliche Glockenbeschreibung befindet sich im Buch „ 1200 Jahre Ober-Mörlen“ auf Seite 294 bis 297. Die Kirchturmuhr, einst per Hand aufgezogen, befand sich ursprünglich in der Glockenstube. Sie wurde 1929 in der zweiten Stufe der „Welschen Haube“ untergebracht und auf elektrischen Antrieb umgestellt.

 

9. Die ehemalige Mädchenschule: Westlich der Kirche steht die ehemalige Mädchenschule. Dieser Platz war einst der Mittelpunkt der Mörler Mark. Hier standen früher das Rathaus (5), die Dorflinde (6) mit einem Springbrunnen und eine Weed (7) („Weed“ = Löschwassertrog, Viehtränke und Pferdeschwemme). Die erste Ausschreibung zum Bau einer Schule mit Rathaus erschien am 14. Juli 1847 im „Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen“. Von etwa 1849 bis 1962 wurde in diesem Gebäude (Mäd­chenschule) unterrichtet. Danach nutzte man es bis 1991 als Postgebäude. Seit 1997 ist es in Privatbesitz, aber leerstehend. Der Weg geht nördlich der Kirche vorbei. Links ist ….

 

10. Katholisches Pfarrhaus und Bonifatiussaal: Das katholische Pfarrhaus, welches einst einem Brande zum Opfer fiel, wurde 1803 ganz im Baustil der damaligen Zeit neu aufgebaut. Das Wappen des Deutschordens über der Haustür erinnert noch an dessen Wirken in Ober-Mörlen. Das Nachbargebäude, der Bonifatiussaal wurde für kulturelle Zwecke erbaut und 1908 von dem Mainzer Domkapitular Professor Nake eingeweiht. Vorher standen hier zwei Zehntscheunen.

Rechts am Weg nördlich der Kirche steht….

11. Altes Schulhaus: Dieses Gebäude diente von 1716 bis 1892 als Schulhaus. Ein älteres Gebäude war beim großen Brand 1716 zerstört worden.

 12. Ecke Hintergasse / Sandgasse östlich der Kirche): Hier an der Ecke Hintergasse / Weißgasse - heutige Sandgasse - entstand der große Brand 1716. Aus diesem Anlaß wurde eine bronzene Hinweistafel angebracht: „An dieser Stelle entstand am Montag, dem 27. Juli 1716, verursacht durch spielende Kinder, ein Brand, der innerhalb 4 Stunden fast das ganze Dorf einäscherte: Viele Familien verließen Ober-Mörlen und suchten in den umliegenden Dörfern Zuflucht bis ihre Häuser wieder aufgebaut waren“. Der heutige Platz wurde 1975 errichtet. Vorher standen hier zwei Wohnhäuser mit Nebengebäuden. Durch die Mühlgasse geht es links zum Schloß.

 

13. Das Schloß: Das Schloßgebäude wurde 1589 und der Treppenhausvorbau 1691 erbaut. Das Mansardendach und die Stuckdecken erneuerte man 1717. Das Schild am Schloßeingang trägt folgenden Text: „Die beiden Jahreszahlen im Wappen - 1589 und 1717 - künden die Zeit der Erbauung und der Restaurierung nach dem großen Brand im Jahr 1716. Im Mittelalter stand hier ein Freihof der Ritter von Mörlen“. Der hintere Wirtschaftshof wurde 1704 errichtet.

Ein weiteres Schild berichtet: „Im Jahre 1753 wurde im Schloß aus Anlaß einer erfolgreichen Jagd mit den Jagdgästen eine ausgiebige Feier veranstaltet. Bei dieser wurde beschlossen, zum Abschluß des Winters ein Kostümfest zu veranstalten. Es erging an die Ober-Mörler Bürger ein Aufruf, sich rege an diesem Fest zu beteiligen. Damit wurde die erste Fastnachtsveranstaltung in „Mörlau“ durchgeführt. Diese Veranstaltung hielt ein Maler namens Dieterich in karikaturistischer Weise fest. Das Gemälde „Eine närrische Schlittenfahrt bei Nacht“ ist als Erinnerung im Rittersaal des Schlosses ausgestellt. Zur Erinnerung an die 250.Wiederkehr der närrische Schlittenfahrt.

1. Obermörler Karnevalsgesellschaft „Mörlau“. Mörlauer Carneval Club. Ober-Mörlen, den 11.1.2003.

Das Schloß hatte - bevor es die Gemeinde 1920 kaufte - mehrere Besitzer. Es waren die Geschlechter: von und zu der Hees, von Schlitz genannt von Görtz, von Frankenstein, von Wetzel, von Wetzel genannt von Carben, von Nordeck zur Rabenau und von Fechenbach-Laudenbach. Am 16. April 1966 brannte der Dachstuhl aus. In der Festschrift „400 Jahre Schloß Ober-Mörlen“ wird die Historie des Schlosses ausführlich beschrieben.

Man geht in den Hof und links am Hauptgebäude vorbei. Hinter dem Schloß stehen noch weitere Gebäude. Nach links geht eine weitere Schloßhof-Einfahrt. Hier ist das Wetzel’sche / Hees’sche Wappen mit der Jahreszahl 1704 angebracht, wahrscheinlich vom Rosenbach’schen Gut, denn Freiherr Eugen Alexander von Wetzel war der ehemalige Besitzer des Schlosses und hat das Rosenbach’sche Gut erworben bzw. baulich verändert.

 

14. Die Usabrücke am Schloß: Im Jahre 1842 wurde die Landstraße von Nieder-Mörlen nach Langenhain-Ziegenberg bis zur preußischen Grenze gebaut. Dabei errichtete man diese Brücke über die Usa und eine weitere bei Langenhain-Ziegenberg. Vorher war hier eine Furt.

15. Unterste Pforte: Zwischen der Schloßmauer und der heutigen Apotheke in der Frankfurter Straße war einst die Unterste Pforte. Vor der Pforte floß der Mühlbach, und daher gelangte man nur über eine Zugbrücke in oder aus dem Ort. Zwischen der Schustergasse und der Apotheke war rechter Hand eine Weed. Den Weg zur ehemaligen Knabenschule kann man sich sparen. Man geht besser die Frankfurter Straße entlang.

16. Ecke Taunusstraße / Schulstraße: An dieser Ecke, wo jetzt das 1997 / 1998 erbaute Mehrfamilienwohnhaus steht, stand einst die Knabenschule. Diese war 1892 erbaut worden, hatte vier Schulsäle und eine Hausmeisterwohnung. Zwei der Lehrsäle befanden sich im Erd- und zwei im Obergeschoß. Mit der Fertigstellung der Mittelpunktschule 1962 verlor die Knabenschule an Bedeutung, so daß sie von der Gemeinde verkauft wurde und später der Spitzhacke zum Opfer viel.

Von der Frankfurter Straße biegt man nach Westen in die Usinger Straße. Zwischen Neugasse und Belsgasse stand die Oberste Pforte.

17. Oberste Pforte: Sie riegelte den Ort in der Zwerchgaß nach Westen ab. Die Zwerchgaß verlief von der heutigen Jahnstraße (östlich der Kirche) bis hierher zum Haingraben. Später erfolgte eine Umbenennung in Obergasse (heute östlicher Teil der Usinger Straße). Hier stand das ehemalige Feuerwehrgerätehaus mit einer Weed. Die Weed diente nur noch als Feuerlöschteich, der heute als Wasserspeicher unter dem ehemaligen Feuerwehrgerätehaus liegt. Hier befand sich auch die Gemeindewaage mit dem Wiegehäuschen, die man 1984 / 1985 beseitigte und eine Grünanlage anlegte.

 Der neue Ortsteil ab dem Haingraben in Richtung Langenhain- Ziegenberg hieß „Die Vorstadt“, weil dieser Teil vor dem Haingraben bzw. vor der ehemaligen Ortsbefestigung lag. Um 1920 wurde aus der Obergasse und der Vorstadt die Usinger Straße.

Vor der Pforte verlief der Haingraben. Diesen geht man nun entlang in Richtung Südosten. Ziemlich am Ende der Straße steht rechts …

18. Das Schwesternhaus im Haingraben: Es mit wurde mit Kleinkinderschule (Kindergarten) 1907 erbaut und eingeweiht. Die katholischen Schwestern, die in diesem Hause wohnten, gehörten zur Ordensgemeinschaft der Göttlichen Vorsehung. Am 30. November 1969 wurde der erste Anbau mit drei neuen Gruppenräumen eingeweiht. Im Jahre 1999 erfolgte die Fertigstellung des zweiten Anbaus, in dessen Zuge neue Küchenräume ergänzt wurden. Eine ausführliche Festschrift zum katholischen Kindergarten mit Sankt Josefs Haus ist 1982 erschienen.

An der Kreuzung mit der Borngasse ist auf der Nordostecke eine Hinweistafel angebracht:

19. Neue Pforte, Ecke Borngasse / Nauheimer Straße (Borngasse 14): Die dritte Pforte, die das Dorf nach Süden hin abriegelte, hatte die Bezeichnung „Neue Pfort“. Die Borngasse hieß damals „Neue Pfortengaß“. Wie aus den Namen hervorgeht, wurden Straße und Pforte zu einem späteren Zeitpunkt als die bereits genannten Pforten angelegt. Hier war auch der Haingraben, der das ganze Dorf umfloß.

 

Bad-Nauheim-Rödgen

Von den römischen Militärlagern, die während der Zeit der Drususfeldzüge in der Wetterau entstanden sind, hat man bis jetzt nur ein einziges entdeckt. Es handelt sich um ein Lager bei Rödgen. Im Jahre 1960 wurden bei Bauarbeiten für eine neue Schule zufällig zwei Wehrgräben entdeckt. Daraufhin wurden große Teile des Lagers 1961 - 1966 und 1973 unter Leitung von  Hans Schönberger ausgegraben. Noch niemals hatten sich hier in der Gemarkung römische Funde gezeigt.

Das neu entdeckte Lager nahm den westlichen Teil einer flachen Anhöhe ein, die sich nach Südwesten in das Tal der Wetter vorschiebt. Im Süden lehnte sich seine Umwehrung an eine Schlucht an, die von der Talsohle nach Osten sanft anstieg, und im Westen an einen wohl auch damals verhältnismäßig steilen Hang. Zwei bis zu drei Meter tiefe Spitzgräben und eine dahinter liegende drei Meter  breite Holz-Erde-Mauer mit hölzernen Türmen sicherten den rund  3,3 Hektar großen Wehrbau. Das Haupttor lag im Osten. Insgesamt haute das Lager wohl vier Tore.

Untersucht wurde das Stabs- und Verwaltungsgebäude (principia) sowie drei außergewöhnlich große Getreidespeicher (horrea). Der größte Speicher wies die enorme Grundfläche von  1.400 Quadratmeter auf. Diese Speicher nahmen einen großen Teil der Innenfläche ein und lassen auf eine Nutzung des Lagers als Nachschubbasis schließen. Zahlreiche Pfostengruben und -gräbchen markierten die Bereiche, wo die langrechteckigen Baracken für die Unterbringung der Mannschaft standen. Da sämtliche Innenbauten aus Holz bestanden, waren ihre Grundrisse nur als dunkle Verfärbungen im Boden erkennbar.

Man nimmt an, daß rund 1.000 Mann im Lager Rödgen stationiert waren. Über die Art der Truppe ist jedoch nichts bekannt. Der zeitliche Rahmen ergibt sich aus den Funden, darunter vor allem aus der Keramik und den Münzen. Sie deuten darauf hin, daß das Lager zur Versorgung jener Feldzüge des Drusus diente, die in den Jahren 10 und 9 vCh von Mainz ausgingen. Es kann auch noch im Jahre 8 vChr bestanden haben, als Tiberius das Kommando am Rhein übernommen hatte. Demnach hat das Lager nur zwei oder drei Jahre bestanden. Nach Ausweis archäologischer Funde war die Wetterau zu dieser Zeit schon hauptsächlich von germanischen Siedlern bewohnt. Die keltische Saline in Bad Nauheim war wahrscheinlich schon längere Zeit verlassen.

Umgeben war die Station von zwei Spitzgräben, von denen der innere teilweise rund drei Meter tief war. Dahinter stand eine drei Meter breite Holz-Erde-Mauer, die eine vordere und eine hintere Bohlenwand hatte und mit Hilfe von einzelnen starken Pfosten errichtet worden war. In wahrscheinlich ganz regelmäßigen Abständen trugen die Pfosten hölzerne Türme. Im Osten, wo die Anhöhe ganz allmählich ansteigt, wurde sie von der Umwehrung schnurgerade abgeschnitten. Dort fand sich auch das Haupttor des Lagers. Zwei weitere, aber nur halb so breite Tore möchte man im Norden und Süden vermuten. Im Westen darf schließlich noch ein viertes Tor angenommen werden, durch das der kürzeste Weg zur Wetter führte.

Das Lager umfaßte, an der Innenwand seiner Holz-Erde-Mauer gemessen, ein Areal von rund 3,3 Hektar. Für die Wahl des Platzes war wohl einerseits die für die Wasserversorgung wichtige Wetter entscheidend, andererseits eine vermutlich schon damals begangene Heerstraße, die etwas mehr als 1,5 Kilometer östlich des Lagers über die flachen Höhenrücken von Süden nach Norden verlief. Zu ihr führte das Haupttor.

Im Innern wurden die Grundrisse von drei riesigen Getreidespeichern (A - C) und westlich von A das Stabs- oder Verwaltungsgebäude (principia) freigelegt. Bei sämtlichen Bauwerken handelt es sich um reine Holzkonstruktionen. Den Fußboden der drei Speicher (horrea) muß man sich auf einem Rost aus zahlreichen Pfosten vorstellen; diese waren in zueinander parallellaufende, rund 0,30 Meter breite und 0,50 Meter tiefe Gräbchen gestellt worden. Horreum A war etwa 47,20 mal 29,50 Meter groß, B ungefähr 29,50 mal 33 Meter und C rund 35,50 mal 30,7 Meter. Der Grundriß des Stabsgebäudes (D) war ebenfalls an seinen Pfosten­gräb­chen zu erkennen. Die ganze Baugruppe bestand aus einem 41,00 Meter langen und 9,30 Meter breiten Längstrakt im Süden, der einzelne, verschieden große Räume und Korridore aufwies.

Unmittelbar nördlich von diesem Längstrakt fanden sich im westlichen Teil Spuren eines 14,7 mal 8,4 Meter großen, in sich nochmals gegliederten Bauwerks und östlich davon ein bekiester Hof, der von einem Säulengang umgeben und offenbar nach Norden und Osten geöffnet war. Es scheint ziemlich sicher zu sein, daß der ganze Baukomplex nicht nur Verwaltungsräume enthielt, sondern auch die Wohnräume des Kommandanten. – Rund 30 Meter westlich vom Stabsgebäude stand ein 7,50 mal 5,70 Meter großer, nochmals unterteilter Bau, dessen Bedeutung unklar ist.

Die Mannschaften konnten hauptsächlich in den langgestreckten Baracken südlich vom Stabsgebäude und von Speicher A untergebracht werden. Bei diesen Bauten waren die Pfosten nicht in Gräbchen gestellt worden, sondern in einzeln ausgehobene Gruben. Insgesamt dürften in Rödgen rund 1.000 Mann stationiert gewesen sein, doch wissen wir nichts über die Art der Truppe.

Was die zeitliche Einordnung angeht, so geben uns Münzen und Keramik einen guten Anhaltspunkt. Die Gefäßkeramik entspricht vollkommen der im Legionslager Oberaden geborgenen. Dieses Lager ist zur Zeit der Feldzüge des Drusus in Westfalen an der Lippe entstanden.  Unter den 32 Münzen spielen vor allem 24 in Nimes (Nemausus) geprägte Asse eine wichtige Rolle, die zwischen 28 und 16 bzw. 10 vCh geschlagen wurden. Für das Enddatum des Lagers ist vor allem das Fehlen von Münzen mit dem Altar der Roma und des Augustus entscheidend, die bald nach 12 oder wahrscheinlich 10 vCh in Lyon (Lugudunum) geprägt worden sind.

Da die drei großen Speicher A – C sozusagen im Mittelpunkt der ganzen Anlage standen und viel zu groß waren, als daß sie nur dem Bedarf der hier untergebrachten Einheit gedient haben könnten, besteht kein Zweifel, daß es sich bei dem Lager in Rödgen um eine Nachschubstation handelt, die in erster Linie der Versorgung des weiter nördlich operierenden Heeres dienen sollte. Die Versorgungsstation wurde wohl schon 2 oder 3 Jahre später wieder planmäßig geräumt.

 

Steinfurth

Im Sommer riecht es besonders gut in Steinfurth. Und farbenfroh ist es hier, denn jetzt hat Saison, wofür der Bad Nauheimer Stadtteil bekannt ist: Rosen. Sie ranken pink und rosa an Fachwerkhäusern, duften buschweise und blühen in Schaugärten. Der Ort profitiert davon, daß die Blume eigentlich nie aus der Mode war. Doch das Rosendorf in der Wetterau mußte sich in der Vergangenheit auch neu erfinden.

Im Jahre 1868 sorgte ein Rosenstrauch für die Umwandlung der Getreidefelder in Rosenfelder. Heinrich Schultheis, der Sohn eines Gutspächters, hatte die bewunderte Kulturpflanze aus England mitgebracht, und als sich bestätigte, daß sie auch auf Wetterauboden prächtig gedieh, sogleich die erste deutsche Rosenbaumschule gegründet. Bereits 1880 entstanden Buntkataloge für den Versand der Pflanzen, im Jahre 1889 kam das erste deutsche Rosenbuch  heraus. Heinrich Schultheis zählte inzwischen zu den bedeutendsten Rosenfachleuten seiner Zeit, dem nachzueifern längst die meisten bäuerlichen Betriebe begonnen hatten. Selbst die vier dominierenden Gutshöfe gaben allmählich ihr Land für die Rosenzucht frei.

Mit weltweitem Versand florierten schließlich mehr als 200 Betriebe in Steinfurth und Umgebung. Heute sind es noch um die 20. Die Zahlen sind seit Anfang der 70er Jahre schrittweise zurückgegangen. Die verbliebenen Firmen setzten auf Nischen und insbesondere auf die regionale sowie lokale Vermarktung und den Verkauf an Privatkunden vor Ort.

Denen präsentiert sich Steinfurth denn auch blütenreich: Rosen wachsen entlang der Einfallstraße, in Schaugärten mehrerer Betriebe mitten im Ort, an Mauern, über Toreinfahrten und in Vorgärten. Kinder gehen in die Rosendorfschule, Geschäftsleute bieten Marmelade, Likör und Kuchen mit Rosengeschmack an. Vor dem Ortseingang liegt die Bioland-Rosenschule Ruf. Rund 50.000 Rosen werden hier pro Jahr von Hand veredelt, wachsen dürfen sie ohne synthetischen Dünger und chemischen Pflan­zenschutz. Mitten im Dorf liegt der Rosenhof Schultheis, spezialisiert auf historische Rosen. Die älteste Rosenschule in Deutschland, wie Inhaber Heinrich Schultheis erzählt. Er ist der Nachfahre jenes Mannes, der nach seinem Englandaufenthalt die Rosentradition im Dorf begründete.

Im Ort gibt es eine Ausstellungshalle, den „Rosensaal“, Ort großartiger Rosenschauen, vor allem dann, wenn der vielbeachtete Blumenkorso stattfindet, Prunk- und Motivwagen, jeder bestückt mit etwa 50.000 Blüten. Und auf dem schönsten thront die Rosenkönigin.

Man geht geradeaus bis zur Kreuzung und hat in diesem Bereich schon die herrlichsten Rosenschaugärten einzelner Züchter vor sich, die frei begehbar sind. Polyantha-, Floribunda-, Hybriden-Rosen, Kletter- und Stammrosen, etwa 700 Sorten sind im Angebot.

Die Hauptstraße wird gekreuzt, drüben geht es „Im Steckgarten“ leicht hinan auf die Linde zu, dort links ab in die Södeler Straße mit der Markierung blauer Ring und gleichzeitigem Hinweis „Zum Rosenmuseum“.

 

Das barocke Fachwerkgebäude, in dem sich heute das Rosenmuseum Steinfurth befindet, wurde um 1780 als Rentamt der Saline Wisselsheim gebaut. Fünfzig Jahre später - nach Schließung der Saline - wurde das Gebäude in den alten Ortskern von Steinfurth versetzt. Hier diente es als Standort des freiherrlichen Försters, als Lehrerwohnhaus und später auch als Rat­haus. Ab 1974 zog das „Rosen- und Heimatmuseum” ein. Es wurde Mitte der achtziger Jahre als Spezialmuseum für Rosen neu konzipiert und Ende der neunziger Jahre durch einen Anbau erweitert.

Das Rosenmuseum versteht sich als Fachmuseum, das die Kunst- und Kulturgeschichte der Blume präsentiert. Zudem soll es den Blick über Steinfurth hinaus werfen:  Es soll die Internationalität des Themas zu zeigen. Das Museum zeigt unter anderem Möbel, Geschirr und Textilien mit Rosenmuster. Es informiert über Symbolik und Botanik der Blume oder über die Herstellung verschiedener Produkte wie Rosenöl.

Seit 2003 präsentiert das Rosenmuseum seine Dauerausstellung „Rosige Zeiten”. Besonders sehenswert sind dabei das Rosenwerk des Franzosen Pierre Joseph Redoute mit 160 Farbpunktierstichen aus den Jahren 1824 - 1827, Gemälde von Ottilie Roederstein (1934) und Grafiken von Isidore Grandville (Rose und Eglantine, 1847). Dazu kommen viele Exponate aus Literatur, Musik, Architektur und angewandter Kunst.

Im Museum wird eingeführt in die Welt des Rosenanbaus, des Rosenfestes und in die Welt der Rose. Potpourrivasen, Flakons, Rosenölbehälter aus Metall und Rosenwasserflaschen zeigen, welche Rolle die Rose als Duftpflanze spielte und spielt, während Kataloge und Medaillen für Steinfurther Rosen an die Geschichte der Firma Schultheis erinnern, die den Rosenanbau Mitte des 19. Jahrhunderts in Steinfurth etablierte. Ein Tropfen Rosenöl hält die Erinnerung an den Besuch noch lange wach. 

 

Im Jahre 1998 hatte die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, das Museum aufgrund des Besucherandrangs zu erweitern. In einem langwierigen Prozeß wurden die Entwürfe des Architektenbüros Heitz aus Karben ausgewählt. Ein Jahr später zeigten sich die ersten Probleme. Der Altbau des Rosenmuseums mußte aufwendig unterfangen werden, und bei dem Aushub der Baugrube für den Neubau wurden erhebliche Altlasten in Form von Altölverschmutzung festgestellt.  Nach dem Richtfest im Juni 2000 wurde von Sommer 2000 bis Herbst 2001 der Neubau errichtet. Auch dies blieb nicht ohne Schwierigkeiten, da die Obere Denkmalbehörde zahllose Veränderungen verlangte. Erst im Herbst 2001 konnte die Dauerausstellung des Altbaus im Neubau zwischengelagert werden.

Danach fingen die Probleme erst richtig an. Die Stadt trennte sich aus Kostengründen von dem für den Innenausbau und die Neugestaltung der Dauerausstellung beauftragten Designerbüro. Das Museum, obwohl offiziell fertiggestellt, blieb geschlossen, die Exponate in Kisten verpackt. Alles in allem verteuerte die lange Umbauzeit das Projekt. Aus den ursprünglich 1,4 Millionen Mark wurden schließlich 1,65 Millionen Euro, abzüglich 304.000 Euro an Zuschüssen. Für die Stadt blieben also rund 1,34 Millionen Euro.

Und ein Museum ohne Ausstellung mit verschlossenen Türen konnte sich die Stadt eigentlich nicht leisten: Die Kosten liefen weiter. Erschwerend kam hinzu, daß die Leiterin des Rosenmuseums, Sabine Kübler, schließlich für das gesamte Jahr 2002 ausfiel. Dies sorgte vor allem in Steinfurth für Unmut. Kübler, unter deren Leitung das Rosenmuseum zu einem Anziehungspunkt von überregionalem Interesse wurde, mußte sich den Vorwurf gefallen lassen, sich nicht für das Museum und den Wiederaufbau der Dauerausstellung zu interessieren.

Im Herbst 2002 beauftragte die Stadt schließlich Dr. Jutta Pauli mit der Erstellung einer Museumskonzeption für die Dauerausstellung, Bernd Jansen übernahm die Ausgestaltung der Innenräume. Der Werkvertrag mit Pauli war mit Ausstellungseröffnung beendet. Am Sonntag, 7. September 2003, wurde das renovierte, moderne Museumsgebäude nach 32 Monaten Leerstand wieder eröffnet.

Unter dem vielversprechenden Titel der neu konzipierten Dauerausstellung von Jutta Pauli - „Rosige Zeiten“ ‑ wird dem Besucher des Spezialmuseums eine vergnügliche „Rosen‑Reise“ präsentiert. Im Altbau lädt Josephine de Beauharnais (die langjährige Weggefährtin Napoleon Bonapartes) in ihren privaten Rosengarten ein. Zu sehen sind Ausschnitte „der größten botanischen Liebesaffäre“ aller Zeiten, unterlegt mit einer monumentalen Fotografie aus dem Dortmunder Rosarium.

Daß diese Fotografie, wie übrigens auch zahlreiche farbige Rosenporträts, die im ersten Stock die Vielfalt dieser Kulturpflanze dokumentieren  dürfte die Steinfurther Bürger versöhnlich stimmen: Das bisherige Museumskonzept berücksichtige nach Meinung vieler zu wenig Heimatgeschichtliches. So durfte auch die Würdigung der verdienten Rosenbauern nebst Medaillenschau ‑ im Zentrum der Betrachtung die Brüder Schultheis, die seit 1868 den Anbau und die Vermarktung der Rosenpflanzen vorantrieben und letztlich das kleine Wetterauer Dorf weltbekannt machten ‑ nicht fehlen.

Didaktisch passend dazu die Dokumentation „1 + 1 = Das Jahr der Rose“, die den langen Weg von der wurzelnackten Pflanze bis hin zum versandfertigen Rosenstock aufzeigt. Die Schwarzweißfotografien hat der Wetterauer Fotograf Winfried Eberhard geliefert. Entstanden sind eindrucksvolle Momentaufnahmen aus dem harten Arbeitsalltag der Rosenbauern. Doch neben allen wirtschaftlichen Faktoren verbinden die Menschen mit einer Rose viel mehr. Unzählige Beispiele zusammengetragen aus der Literatur, der Musik und der Malerei sprechen für sich. Die Rose genießt den Ruf, in der Kunst das Salz in der Suppe zu sein.

„Überall blühen Rosen“, sang Gilbert Becaud, wie eine Hörprobe beweist. Rosen blühen auf zartem Porzellan, auf Stoffen. Rosen zieren Grußkarten und Briefpapier, gelten sie doch als das Symbol der Liebe schlechthin. Doch nicht nur Romantiker oder hoffnungslos Verliebte, Liebhaber und Geliebte sehen die Rose als Sinnbild ihrer Gefühle. Auch umgibt sich die Industrie in der Kosmetikbranche gerne mit Rosenduft, wie ein Aspekt der Ausstellung den Duft aus 1001 Nacht deutlich macht.

Rosenmuseum Steinfurth, Schulstraße 1, Telefon 06032/86001, Mai bis Oktober von 10 bis 17 Uhr, montags und dienstags geschlossen, November bis April jeweils von 14 bis 17 Uhr.

 

 

Butzbach

Von der Autobahn kommend biegt man an der Ampel nach links auf die B 3 in Richtung Friedberg (Große Wendelstraße). Dann geht es links ab in die Weiseler Straße und gleich wieder rechts in die Weinstraße. Doch im Parkhaus der Bahn darf man nicht parken. Man fährt nach links weiter in die Weinstraße und parkt rechts vor den Brombeeren (Alternative: Parkdeck im Küchengartenweg am Nordrand der Stadt: an der Ampelkreuzung geradeaus und dann rechts in den Küchengartenweg).

Sonntags kann man auch geradeaus in die Innenstadt fahren und bei der Kirche parken.

 

Es gab ein bereits 773 urkundlich genanntes Dorf Butzbach, dessen Name „am Bache des Bodo“ bedeutet. Im Jahre 1321 erfolgte die Stadtgründung in der Nähe dieses Dorfes. Über 24.000 Menschen leben heute in der 1391 (?) durch König Ludwig begründeten Stadt. Es gibt einen Stadtführer mit einem kleinen einfarbigen Stadtplan, der aus einem Kasten an der Stadt-Information zu entnehmen ist (Die Nummern des Rundgangs beziehen sich auf die Zahlen in dem Stadtplan).

 

Rundgang:

15. Wendeliuskapelle (Weiseler Straße 45):

Über die Weiseler Straße geht man in Richtung Innenstadt. Links steht die Wendelinuskapelle, die älteste Fachwerkkirche Hessens. Sie wurde um 1440 erbaut an der Stelle eines älteren Gebäudes vielleicht des 13. Jahrhunderts. Die Kapelle steht etwas außerhalb der Stadtmauern, weil im 14. Jahrhundert in dem Gebäude Kranke, Arme und Alte aufgenommen und gepflegt wurden. Schon vor 1375 befand sich bei St. Wendelin das städtische Hospital (Kranken-, Armen- und Altersheim), das aus etlichen Gebäuden bestand. Die 1987 wieder eingeweihte restaurierte Kapelle enthält unter anderem den kostbaren Wendelinsschrein (um 1510 gemalt bzw. geschnitzt). Das angebaute Gebäude (im Kern 15. Jahrhundert) beherbergt Arbeitsräume mehrerer Vereine, die Musikschule und die sehenswerte Heimatstube „Tepler Hochland“ (Tepl ist die sudetendeutsche Patenstadt Butzbachs).

Man geht dann weiter in die Stadt hinein in die Fußgängerzone. Rechts steht das Gasthaus „Zum Stern“, wo man schon einmal einen Blick in die Amtsgasse und zu  den Schwibbogenhäusern werfen kann. Man geht aber erst einmal weiter in die Stadt. Links steht ein Fachwerkhaus mit der Darstellung einer Kuh. Daneben ist die Apotheke.

 

16. Joutzsches Barockhaus  (Weiseler Straße 5):

Das Haus ist im 18. Jahrhundert als Privatbau errichtet. Um 1800 ist es im Besitz der Familie Heß. Es ist ein prächtiger dreigeschossiger Barockbau mit wuchtigem, traufseitigem Dachhaus. Das Erdgeschoß wurde leider in diesem Jahrhundert umgebaut. An dem geschweiften Ziergiebel des Dachhauses finden sich reiche Schnitzereien (Delphine). Das repräsentative Fachwerkhaus istls Putzbau mit Schein-Eckquaderung erbaut, wie viele Häuser in dieser Zeit. Heute ist in dem Haus eine Apotheke untergebracht.

Nach links geht es in die Roßbrunnenstraße. Dort steht links das Gasthaus „Zum Roßbrunnen“ und rechts der „Fauerbacher Hof“.

 

17. Sogenannter „Fauerbacher Hof“ (Roßbrunennstraße 1):

Der große repräsentative Fachwerkbau aus dem 16. Jahrhundert mit Vorbau ist das letzte bedeutende Wohngebäude eines ehemaligen „Freihofs“. Er war 1439 im Besitz eines Henne von Fauerbach. Im Jahre 1660 wurde das Gehöft vom Grafen an seinen Kanzler Mylius übertragen.

Wieder auf der Weiseler Straße wirft man noch einen Blick links in die Hirschgasse. Biegt man in die Hirschgasse ab und blickt dann in die Seitenwege, so sieht man sie bröckeln, die Fachwerkhäuschen. Dort, wo der Lehm oder die Ziegel aus den Ausfachungen gebrochen sind, geben sie ihr mageres Skelett preis, aus dem sie bestehen. Die Straßen sind von den Kuhkarren vergangener Zeit zerfurcht und an den gedrungenen Häuserfassaden, die zum Teil verfallen, kann man sehr gut die frühe Bauweise der Fachwerkhäuser studieren. Die so genannte „Verblattung“ kennzeichnet die mittelalterliche Bauweise: Die Hölzer werden dabei in den Ausschnitten gegeneinander angelegt und mit einem Holznagel befestigt.

Schließlich kommt man zum Markt. Die Größe des Marktplatzes deutet auf die Feste, die hier in jeder Jahreszeit gefeiert werden. Gleichzeitig war der Platz in früheren Jahrhunderten die Kreuzung für wichtige Fernstraßen: Die Weiseler Straße verband Frankfurt mit Kassel  und im Westen ging es nach Köln und im Osten über Fulda, Erfurt nach Leipzig.

 

1. Der Butzbacher Marktplatz:

Er ist der Mittelpunkt allen städtischen Lebens seit der Stadtgründung von 1321. Der Marktplatz mit Marktbrunnen, Rathaus sowie zahlreichen bedeutenden Fachwerkhäusern gehört zu den schönsten und bekanntesten Plätzen von Hessen und wurde 1986 / 1987 neuj gestaltet. Der Marktbrunnen (1435 zuerst erwähnt) hatte fließendes Wasser (im Gegensatz zu den anderen Brunnen der Stadt). Mehrere den Platz umstehende Häuser sind sogar noch älter als das Rathaus.

 

4. Haus „Alte Post“  (Marktplatz 7):

An der Westseite des Marktes steht das fünfgeschossiges Doppelhaus mit reichverziertem Fachwerk. Links die ehemalige vornehme Herberge „Zum Roten Kreuz“, erbaut vor 1600. Rechts das 1636 erbaute ehemalige Gasthaus „Zum Goldenen Ritter“, seit 1742 im Besitz der Familie Bender, die hier die Thurn- und Taxi’sche Post einrichtete.  Das Postamt bestand bis 1866. Die Inneneinteilung aus früheren Jahrhunderten ist in diesem Haus in einzigartiger Weise erhalten geblieben. Die Posthalterei befand sich im linken Haus. In der Nordwestecke des Marktplatzes geht es in die Wetzlarer Straße.

 

20. Historisches Gasthaus „Zum goldenen Damhirsch“ (Wetzlarer Straße 3):

In dem um 1400 erbauten Fachwerk-Ständerbau war früher das Salzkelleramt der Stadt. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts  ist es eine  Spezereihandlung und Gasthaus „Zum goldenen Damhirsch“ mit einem Spruch auf dem Fachwerk.

 

(  ) Alte Apotheke (Wetzlarer Straße 5), mit einem Spruch auf dem Fachwerk.

 

19. Häuser Wetzlarer Straße 11 bis 15:

Um 1708 wurde das Haus Nummer 13 vom Instrumentenbauer  Johannes Scherer erbaut, dem Vater des als Instrumentenbauer bekannten Georg Heinrich Scherer (1703 - 1778). Um 1725 erwarb Scherer das Hinterhaus von Nummer 15 und richtete dort vermutlich seine Werkstatt ein. Zwei originale Scherer-Flöten sind im Besitz des Museums.

 

3. Ehemaliges Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“ (Marktplatz 3):

Es ist ein prächtiges Doppelhaus mit Erker und reichen Schnitzereien, erbaut 1709 und 1710:

links das von Hufschmied Johenrich Jung 1710 erbaute, rechts das von Georg Karl Happel errichtete Gebäude. Beide bildeten später das Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“. Es war Treffpunkt der schoppetrinkendnen Bürger  und soll Goethe zu seinem Roman „Hermann und Dorothea“ angeregt haben. Das Erdgeschoß ist seit 1923 stark verändert. Hier wurde am 30. September 1860 ein „Deutscher Sängerbund“ gegründet.

 

2. Das Alte Rathaus (Marktplatz 1):

 Es war bis zum Jahr 2002 Sitz der Stadtverwaltung. Es ist ein stattlicher Fachwerkbau mit Steinunterbau von 1559 / 1560. Es hat einen Treppenturm mit Sonnenuhr,  der alten Stadtuhr von 1630 und einem Gloclenspiel. Der große Erker der Giebelfront und die beiden Spitzbogenportale der Erdgeschoßhalle wurden leider im 19. Jahrhundert beseitigt. Seit 1926 / 1927 ist wieder das stattliche Fachwerk des mächtigen Gebäudes freigelegt. In der Erdgeschoßhalle steht noch der romanische Taufstein (ursprünglich aus der Markuskirche) als Zeuge der mittelalterlichen Vergangenheit der Stadt (aus dem Museumsbesitz). Eine Tafel erinnert daran, daß 1814 auf dem Schrenzer  durch Weidig der erste Turnplatz in Hessen eröffnet wurde und daß 1946 hier der Hessische Turnverband gegründet wurde. Ab 1848 war hier auch der Betsaal der jüdischen Gemeinde, deren 1926 erbaute Synagoge 1938 zerstört wurde.

 

8. Historisches Gasthaus „Zur Eule“ (Korngasse 7):

Neben dem Rathaus geht man durch die Korngasse zum Gasthaus. Das 1981 restaurierte Fachwerkhaus aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts ist eine der ältesten Wirtschaften der Stadt.

 

(  ) Haus am Kirchplatz:

Dieses Fachwerkhaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Musikwissenschaftlerin Angelika Schäfer und Maschinenbau-Ingenieur Dirk Hedde­rich kauften das  Haus für ei nen Euro  von der Stadt. Der erste Eindruck war doch erstaunlich positiv: Die Lehmdecken hingen herunter, einige Fach­werkgefache fehlten, Blauregen und Holunderbüsche an und im Haus. Aber es roch nicht nach Schimmel – das Haus war schließlich mehr als gut belüftet – und das Dach war dicht. Es war verschont geblieben von jeglichen Renovierungen mit schädlichen Baustoffen oder ungeeigneten Dämmmaterialien. Das beim Kauf eingesparte Geld haben haben  sie in gutes Werkzeug, einen Anhänger und historisches Baumaterial investiert, da sie auch einige Arbeiten selbst übernehmen wollten. Nichtsdestotrotz wird die Sanierung teurer sein als der Neubau eines Hauses aus dem Katalog. Von Anfang an wurden sie bei der Sanierung unterstützt durch nette Nachbarn, viele interessierte Butzbacher, wie auch den Experten von der Unteren Denkmalschutzbehörde, dem Landesamt für Denkmalpflege und der Interessengemeinschaft Bauernhaus

 

9. „Weidig-Haus“ (Rektoratshaus, Kirchplatz 11)

Nach rechts kommt man auf den Kirchplatz. Rechts (Nummer 5) steht ein spätgotisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das zum 1468 gegründeten Kugelhaus gehörte. Links steht die Alte Schule, die im Kern 1620 erbaut wurde. Hier wirkte Friedrich Ludwig Weidig 1812 bis 1814 als Konrektor.

Gegenüber steht das Weidighaus von 1709. Es ist das ehemalige Rektoratshaus der Lateinschule. Hier wohnte Dr. Friedrich Ludwig-Weidig (1791 - 1837), Demokrat, Kämpfer und Martyrer für bürgerliche Freiheit, von 1824 bis 1826 ( In den Jahren 1803 - 1808 sowie 1813 und 1815 wohnte Weidig im elterlichen Forstamt, Griedeler Straße 23,   im Jahre 1814 in der alten Stadtschule, Kirchplatz 8 und seit seiner Heirat 1827 - 1834 im Haus Langgasse 20).

Weidig hat besondere Bedeutung erlangt als Mitautor und Herausgeber der berühmten revolutionären Flugschrift „Der Hessische Landbote“ (1834),  die von Georg Büchner verfasst worden war. Weidig gründete um 1814 auf dem „Schrenzer“ bei Butzbach den ersten hessischen Turnplatz.

 

10. Stadtmauer und Hexenturm am Kirchplatz:

An der Nordseite des Kirchplatzes ist noch ein ganzes Stück der Stadtmauer zu sehen. Von etwa 1321 - 1368 wurde in einer gewaltigen Baumaßnahme die neue Stadtgründung Butzbach mit einer starken, insgesamt 1.321 Meter langen und 9,3 Meter hohen Ringmauer (mit ihren typischen Schwibbögen) gesichert. Drei Stadttore und mehrere Türme sicherten zusätzlich die gut befestigte Stadt. Der Hexenturm ist einer der letzten erhaltenen Stadtmauertürme aus dem späten 14. Jahrhundert und wurde als Gefängnis- und Wachtturm errichtet. In ihm wurden auch die der Zauberei angeklagten Hexen bis zu ihrer Aburteilung eingekerkert.

 

7. Markuskirche (Ev. Pfarrkirche, Kirchplatz):

Die heutige Markuskirche geht auf eine frühgotische Basilika mit flacher Decke und schmaleren Seitenschiffen des 14. Jahrhunderts zurück. Zeugen aus dieser Zeit sind Mittelschiff und Mittelchor sowie die Kragsteine des Daches der Seitenschiffe, die man vom Süd-Eingang aus oben über den Bögen des Mittelschiffes sehen kann. Aufgrund dendrochronologischer Untersuchungen des Dachstuhles und anderer Hinweise läßt sich folgern, dass das Mittelschiff zwischen 1330 -  1340 und der Mittelchor 1341 ihr Dach erhielten. Sehr bald schon erfolgte der Ausbau der Seitenschiffe. Auf 1394 lässt sich das Gebälk des Südschiffes datieren, zuletzt wurden der Südchor um 1474 und der Nordchor um 1500 / 1516 errichtet. Aus der frühesten Bauperiode stammt auch ein Gewölbeschlussstein, der jetzt an der Außenwand des Südchores angebracht ist und ein Lamm als Symbol für Christus darstellt, und die Tischplatte des Altars.

Aus der Basilika wurde vermutlich im 13. / 14. Jahrhundert (Bau ab etwa 1321) eine gotische Hallenkirche mit drei etwa gleich hohen und gleich breiten Schiffen und Chören um 1500 entwickelt. Bis um 1520 wurde die Kirche so zur dreischiffigen gotischen Hallenkirche mit drei Chören umgebaut, die bis heute erhalten ist. Das steinerne Taufbecken entstammt dem 14. Jahrhundert. Iim alten Rathaus kann man den romanischem Taufstein besichtigen, der ursprünglich in der Markuskirche stand. Im späten 15. Jahrhundert wurde die Christusfigur am Altar gefertigt.

Von 1468 bis 1555 stand hier das Kugelhaus der „Brüder vom gemeinsamen Leben“. Sie wurden auch „Kugelherren“ genannt nach ihrer kapuzenförmigen, runden Kopfbedeckung, der Gogil. Auf die Kugelherren geht die Gründung der Lateinschule (1470) und der Kugelhausfonds zurück. Der erste Propst war Gabriel Biel (etwa 1410 - 1495), Professor der Universität Tübingen. Er gilt als „der letzte große Theologe vor der Reformation“. Im Jahre 1468 wurde die Kirche den Kugelherren als Kollegiatskirche übertragen.

Der Turm der Markuskirche hat eine Höhe von 47 Metern. Den heutigen barocken Helm bekam er, nachdem am 17. März 1606 der gotische Turmhelm einem Sturm zum Opfer fiel. Die älteste der vier Glocken im Turm wurde am 4. Juli 1372 gegossen und wiegt 1340 kg. Eine weitere Glocke wurde am 9. November.1379 gegossen. Die Datierungen dieser alten Glocken lassen schließen, daß der Turm in den Jahren nach 1370 seinen damals sehr hohen gotischen Turmhelm erhielt. Zusätzlich zu den vier Glocken läuten zwei weitere in den Dachreitern.

Nachdem sich ab 1536 in Butzbach die Reformation durchgesetzte, ließ Landgraf Philipp III. von Hessen-Butzbach (1609 - 1643) erhebliche Veränderungen an der Kirche vornehmen. So stiftete er 1617 die Kanzel. Das Stiftungsjahr ist in den Fächern vermerkt. Für sich und seine Familie ließ Philipp III. 1622 die Fürstengruft erbauen, zu der die Krypta und ein entsprechender Aufbau gehören. Die Krypta ist mit Stuckarbeiten des Frankfurter Meisters Christian Stephan aus der Grünewaldschule reich verziert. Vier Särge sind heute noch dort zu sehen.

Eine große Reihe von Grabplatten in der Kirche bringen in Erinnerung, daß bis 1610 der Friedhof neben der Kirche lag. Der Grabstein Werner von Eppsteins  (gestorben 1462)  ist dabei ebenso beeindruckend wie derjenige von Graf Philipp VH. von Falkenstein  (gestorben 1410). Beide sind an den großen Pfeilern zwischen Chor und Hauptschiff angebracht. Weitere bewundernswerte Grabsteine und Inschriften von Gräbern stammen aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.

Die Solmser Gruft mit den bronzenen Löwenköpfen und den Ehewappen von Solms-Mansfeld ist schon vor längerer Zeit geplündert worden. Zuletzt soll hier 1613 Hermann Adolf Graf zu Solms-Hohensolms-Lich bestattet worden sein.

Der Orgelprospekt wurde von Landgraf Philipp III. im Jahre1614 gestiftet. Er wurde von dem Butzbacher Schreinermeister Hildebrand Harke gefertigt und ist einer der ältesten erhaltenen in Hessen. In diesem alten, kostbaren Gehäuse befindet sich heute ein neues Orgelwerk der Firma Metzler mit 22 Registern, das 1990 eingeweiht werden konnte. Ohne eine kaum angemessene Rekonstruktion des alten Instrumentes zu versuchen, wurde damit eine neue Orgel aus dem Geist des Vorhandenen entwickelt.

Vorne am linken Chor  sieht man eine zweite Orgel. Es handelt sich dabei um eine Orgel der Firma Förster und Nikolaus aus dem Jahre 1904 mit pneumatischer Traktur. Sie stand bis Ende der achtziger Jahre auf der Orgelempore hinter dem Barockprospekt. Diese Anlage wurde weder dem Orgelwerk noch dem wertvollen Gehäuse gerecht. Am jetzigen Ort wird die romantische Orgel, die unter Denkmalschutz steht, vor allem zur Interpretation romantischer Orgelwerke genutzt.

Die Buntglasfenster sind zum größten Teil historistische Fenster aus den Jahren 1903 / 1904. Drei neuere Fenster sind im Süd- und Nordchor sowie im Nordschiff eingebaut. Die Kirche wurde zuletzt in den Jahren 1903 /  1904 und 1965 - 1967 grundlegend renoviert.

 

6. Michaeliskapelle (ehemaliges Gebeinhaus und Museum, Griedeler Straße 18):

An der Ecke Griedeler Straße steht die Michaelis- und Katharinenkapelle, die um 1433 / 1435 erbaut wurde. Sie ist ein bedeutender Steinbau mit spätgotischen Fresken aus der Zeit um 1475, die den Titelheiligen der ehemaligen Kapelle zeigen. Nach der Reformation diente das Haus als Spritzenhaus, Mehlwaage und Heumagazin. Das Erdgeschoß ist das ehemalige Gebeinhaus. Von 1907 bis 1991 befand sich hier das Heimatmuseum, jetzt ist hier das Museumsmagazin.

 

(  ) Gotisches Haus (Griedeler Straße 13):

Das Haus von 1422 hatte ein Freigespärre (überstehende Balken) für den Lastenaufzug. Das Haus Nummer 12 trägt einen Spruch.

 

5. Haus der Fanilie Buff (Griedeler Straße 6):

Das Haus ist ein Beispiel für eines der wenigen spätgotischen, halb in Stein errichteten (Patrizier-) Häuser der Stadt. Die veränderten Fachwerkteile sind wohl aus dem l8. / 19. Jahrhundert. Es ist das so genannte „Stammhaus“ der Familie Buff, die mit Goethes Wetzlarer Bekanntschaft Lotte Buff in „Die Leiden des jungen Werthers“ weltberühmt wurde.

 

(  ) Forstamt (Ecke Griedeler Straße/Färbgasse):

Nach links geht es in die Färbgasse. Hier steht das Alte Großherzogliche Forstamt. Von 1805 bis 1835 war es Amtssitz des Försters Weidig, des Vaters des Konrektors Friedrich Ludwig Weidig. Man geht zunächst ein Stück in die Färbgasse hinein und dann nach links in die Kasernenstraße. Das Haus Nummer 4 von 1706 zeigt Sonne und Mond in Holz geschnitzt. Am Ende der Straße kommt man zum Schloß.

 

11. Landgrafenschloß (seit 2002 Rathaus der Stadt):

Wenn man durch das Tor kommt, steht rechts das Ballhaus und links der ehemalige Marstall, geradeaus steht das Schloß. Hier stand die Stadtburg der Herren von Falkenstein (etwa 1321 - 1418). Um 1390 wurde die Kemenate der Falkensteiner neu erbaut, dann war hier der Sitz der Familie von Eppstein-Königstein, dann des Erzbischofs von Mainz und schließlich war hier das landgräflich-hessische Burgschloß. Um 1500 kam es zum Bau eines weiteren Burgbaues durch die Landgrafen von Hessen. Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach (1609 - 1643) baute das 1603 zum Teil abgebrannte Schloß großzügig als Residenz wieder auf. Später war es dann landgräflicher Witwensitz.

Butzbachs goldenes Zeitalter begann im Jahre 1609. Damals übernahm Philipp von Hessen die Regentschaft des von einer 1320 Meter langen Mauer beschützten Landstädtchens. Er war 27 Jahre alt und hatte eine teure Ausbildung  -(inklusive mehrerer Studienreisen nach Italien - genossen, als ihn die Familie zum Herrscher über Butzbach machte.

Dreißig Jahre zuvor hatten die in Marburg sitzenden Landgrafen zu Hessen das Städtchen vom Geschlecht derer zu Katzeneinbogen geerbt. Ein geldbringendes Schnäppchen, denn auf dem großen Butzbacher Marktplatz sammelten sich häufig Händler-Karawanen, die nur im Konvoi heil auf dem von Raubrittern bedrohten Weg nach Frankfurt gelangen konnten. Bewaffnete aus Butzbach geleiteten die Kaufleute - natürlich gegen Geld.

Der junge Landgraf vergrößerte damit sein Schloss. Rechtwinklig an den heute noch von zwei mächtigen Rundtürmen flankierten Altbau setzte er einen etwa gleichgroßen Flügel mit spitzigen Renaissance-Flügeln, wie sie heute noch am Friedberger Schloss zu sehen sind. Das komplette Schloss mit seinem achteckigen, 58 Meter hohen Uhrenturm war verputzt und weiß gestrichen, die drei Etagen mit roten Linien abgesetzt. Hier hielten der Landgraf und seine Gattin Hof. Die geselligen Abende verschönerte eine eigene Hofkapelle.

 Auf dem Treppenhaus des neuen Flügels ließ der Landgraf eine Sternwarte installieren. Er kaufte die modernsten Astrolabien und Fernrohre und schaffte wissenschaftliche Fachliteratur an. Gelehrte aus ganz Europa waren bei Philipp zu Gast, um in Butzbach mit ihm Sonnenflecken zu beobachten und ihre Größe zu berechnen. Im Juli 1621 und im September 1627 war wochenlang Johannes Kep-ler in Butzbach, der kaiserliche Hofastronom.

Die mit Instrumenten vollgepackte Sternwarte überforderte schließlich die Statik des Treppenhauses: Es stürzte ein. Der Landgraf ließ es neu aufmauern und vom Friedberger Maler Konrad Mathu­sius von innen verschönern. Unter dem Putz findet sich noch heute eine farbige Darstellung gelehrter Herren an einer Tafel vor Segelschiffen, die vielleicht die Weltläufigkeit der Residenz darstellen sollten. Auf das neue Treppenhaus ließ Philipp einen viereckiges Koloß von Sternwarte setzen, das heutzutage kein Bauamt genehmigt hätte.

Landgraf Philipp war ein Sportsmann. In den Jahren 1633 / 1634 ließ er das heute noch bestehende Ballhaus bauen. In dessen 31 Meter langer Arena spielte er mit seinen Höflingen Tennis, sie war sozusagen die älteste „Tennishalle“ Hessens. Trotzdem plagte den Herrscher die Gicht. Sie wurde ihm schließ­lich zum Verhängnis. Der Landgraf ließ sein Rheuma mit heißem Dampf behandeln. Er hing in einem Ledersack, unter dem ein Feuer Wasser erhitzte. Aber 1643 passte der zuständige Bedienstete nicht auf: Das Feuer war zu heftig; der Landgraf erlitt Verbrennungen, an denen er wenig später starb.

Dreißig Jahre später flogen nicht mehr die weißen Bälle hin und her, sondern das Gebäude diente als Stallung. Wilhelm von Humboldt schrieb 1788 in sein Tagebuch: „Neben dem Schloss ist ein grosses Ballhaus, sehr regelmäßig und schön gebaut. Es sah eben wie eine grosse Reitbahn aus, und rund herum gieng eine Gallerie für die Zuschauer.“

Der Tod des kinderlosen Regenten wurde den Butzbachern zum Verhängnis. Die ersten 25 Jahre des Dreißigjährigen Krieges hatte Philipp mit einer klugen, neutralen Politik die marodierenden Söldnerheere von Butzbach fernhalten können. Während die Dörfer ringsum verwüstet wurden, ging es den Städtern gut. Sie verdienten daran, den Kriegsflüchtlingen für hohe Preise Lebensmittel zu verkaufen. Doch der Tod des Landgrafen sprach sich in Windeseile herum. Die Butzbacher wurden gründlich ausgeplündert.

Im Schloss wohnte noch bis zu ihrem Tode 1658 die Witwe des Landgrafen, Sophie von Ostfriesland. Danach brachte man das Mobiliar und die Kunstschätze des Schlosses in die anderen Residenzen des Landgrafen. Der Lustgarten mit dem Planetenbrunnen verfiel. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Gartenhaus abgerissen. Die wertvollen Instrumente der Sternwarte kamen in den Fundus der von Philipp einst geförderten Universität Gießen. Im 19. Jahrhundert verscherbelte sie der Hausmeister an Schrotthändler.

Im Jahre 1818 wurde das Schloss zur Kavallerie-Kaserne gemacht. Gleich zu Beginn rissen die Militärs den hohen Uhrenturm ab. Aus dieser Zeit ist das klassizistische, 1896 aufgestockte Marstallgebäude. Gotische und barocke Bauteile des Schlosses blieben erhalten. Die Kavallerie zog ab 1818 ihre Runden auf der Reitbahn, denn das Schloß war ab dann eine Reiterkaserne. Als die Dragoner 1896 abzogen und die Infanterie die Kaserne belegte, war die Reitbahn überflüssig geworden. Jetzt begannen aufwendige Umbauten, das Erdgeschoss erhielt mehrere kleinere Räume und eine niedrige Decke. Um die Fenster herum verzierten rote Sandsteine die Fassade.

Die Nazis bauten einen weiteren Flügel an den „Neuen Bau”. Im Jahre 1945 internierten die Amerikaner zunächst Kriegsverbrecher im Schloss. Bis 1951 wurden dort heimatvertriebene Zwangsarbeiter untergebracht. Auf dem heute vorhandenen flachen Satteldach waren bis um 1950 noch sieben Zeltdächer mit Dreiecksgiebeln zu sehen. Die US-amerikanischen Truppen, die von 1950 bis 1991 in dem Schloß stationiert waren, entfernten die Dachaufbauten. In dieser Zeit war das Ballhaus erst Lager, dann Casino. Aber das Ballhaus Landgraf Philipps ist in Teilen erhalten. Bis 1991 war das US-Militär Hausherr, dan n  haben   dDie US-Streitkräfte die Kaserne geräumt. Die meisten Kasernengebäude wurden 1998 abgerissen.

Nun diskutierten die Butzbacher Politiker den Einzug der Stadtverwaltung in den ältesten Schloss-Flügel. Der Gewölbesaal des landgräflichen Pferdestalles im Neuen Bau ist zur Gaststätte auserkoren; im Anbau könnten Firmen angesiedelt werden. Die Herrichtung des immer noch riesigen Gebäudekomplexes wird viele Millionen kosten. Nicht zurückkehren wird an diesen Ort das Flair des kleinen, aber berühmten Renaissance-Fürstentums.  Im Jahr 2001 kaufte die Stadt Butzbach das historische Gebäude. Im  Herbst 2002 zog die Stadtverwaltung in zwei modern ausgebaute Flügel des historischen Landgrafenschlosses ein.

Seit Sommer 2003 tummeln sich Kinder im Ballhaus: Insgesamt 75 Kinder in den beiden Kinderhorten und dem Kindergarten. Eine Kinderhortgruppe ist neu gebildet, die andere zog aus der Schloßsporthalle um. Außerdem proben in dem Gebäude die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr und singt der Gesangverein 1838. Die kombinierte Nutzung des Ballhauses soll nach dem mehrheitlichen Willen der Stadtverordnetenversammlung jedoch nur für die kommenden zwei Jahre gelten. Danach wird das Gebäude zu einem reinen „Kulturhaus“ werden und voraussichtlich nur noch Vereine beherbergen. Was dann mit den Kinderhorten und dem Kindergarten geschieht, ist allerdings noch offen. Doch zumindest die Musikschule mit ihren 725 Schülern darf höchstwahrscheinlich auch einziehen, wenn die Räume renoviert sind.

 

Auf der Rückseite des Schlosses hatte Philipp seit seinem Amtsantritt systematisch Wiesen und Gärten gekauft. Von 1611 bis 1615 kaufte der Landesfürst zahlreiche Gärten und Wiesen hinter dem Schloß. Dort legte er einen etwa acht Hektar umfassende Lust- und Baumgartenan, der europaweit gerühmt wurde. Er barg exotische Pflanzen, von Weinreben überdachte Laubengänge und ein zweistöckiges Gartenhaus mit schnit­zerei­verzierten Hölzern.

Durch ein steinernes Portal gelangten die Lustwandler in den Park und zu der größten Attraktion, die zwischen 1619 und 1621 entstand: dem astronomischen Brunnen. Dabei handelte es sich um eine einmalige Springbrunnenanlage mit etwa 180 Wasserrohren und einem programmatisch festgelegten astrologisch-astronomischen Figurenkanon. Der Brunnen ist verschollen. Vermutlich war er auf einem Wandgemälde im Treppenhaus des Schloß-Südflügels abgebildet. Von diesem Gemälde gibt es Fotografien aus dem späten 19. Jahrhundert die im Stadtarchiv liegen.

Eine historische Erinnerung an den im 17. Jahrhundert berühmten landgräflichen Lustgarten stellt das „Zeitfenster“ im Schloßparkgelände dar. Zwischen Marstall und dem Neubaugebiet entlang der Großen Wendelstraße schiebt sich eine 48 Meter lange und 26 Meter breite Grünflache in den neu angelegten Bürgerpark. Sie ist ein kleiner Ausschnitt der ehemals berühmten barocken Gartenanlage am Landgrafenschloß. Es entstanden Rasenflächen mit Kies bedeckten Gehwegen, die kunstvoll durch Hecken eingerahmt sind. Auf den Pflanzbeeten entfaltet sich je nach Jahreszeit ein Blütenteppich. Integriert wird eine Ruhezone mit Bänken. Vom Original des Lustgartens existieren keine Pläne mehr, lediglich Beschreibungen. Also nahmen die Architekten Anleihen bei vergleichbaren Gärten, etwa in Heidelberg.

 

13. „Solmser Schloß“ (Amtsgericht, Färbgasse 24):

Man geht rechts am Schloß vorbei und dann weiter nach rechts wieder zur Färbgasse. Am Eingang steht rechts das Solmser Schloß. Es ist im Kern ein spätgotischer Steinbau, der um 1481 von den Herren von Eppstein als Fruchtspeicher erbaut wurde, wobei die Stadtmauer mit einbezogen wurde.

Ab 1481 wurde das Gebäude zum Wohn- und Verwaltungssitz umgebaut und war bis 1630 Stadtschloß der Grafen von Solms-Hohensolms, die hier zeitweise ihren Sitz hatten, bevor sie nach Lich zogen. Das prächtige Renaissance-Treppenhaus ist von 1588. Seit 1879 ist das Gebäude Sitz des Amtsgerichts.

 

(  ) Museum:

Wenn man weiter in die Straße hineingeht kommt man zum neuen Museum auf der rechten Seite. Es wurde von 1990 bis 1994 neu errichtet und zeigt die Stadtgeschichte und Handwerk und Gewerbe. Es enthält das Weidig-Forschungsarchiv und das Stadtarchiv. Die Sammlungen des Museums beginnen bereits in der Vorgeschichte. Archäologen rechnen im Gebiet der spätmittelalterlichen Stadt zumindest mit einer größeren hallstattzeitlichen Besiedlung. Im Industriegebiet Ost ist durch mehrere Funde eine latènezeitliche Besiedlung belegt.

Aus der römische Fundstätte „Hunburg“ in Butzbach sind immer wieder Fundstücke zutage gekommen, oft auch bei Bauarbeiten in diesem Gebiet. Ein Teil davon gelangte in das Heimatmuseum Butzbach, das dadurch beachtliche Bestände u. a. römischer Keramik hat. Sie sind im Erdgeschoß des Museums in mehreren Vitrinen ausgestellt. Man findet dort Küchen- und Vorratsgefäße, eine ganze Vitrine mit Terra Sigillata, mehrere gut erhaltene eiserne Werkzeuge und auch andere Metallsachen, Mahlsteine und Ziegel mit römischen Truppenstempeln. Ein kleiner Altar aus Stein, der 1913 beim Abbruch der alten Kirche in Griedel gefunden wurde, ist dem Gott Mercurius von einem gewissen Propincus geweiht worden, vielleicht einem Einwohner des römischen Kastell­vicus in Butzbach.      

 

12. Barockhaus Weide (Färbgasse 5):

Das 1725 von Stadtphysikus Dr. Fabricius im Barockstil umgestaltete verputzte Fachwerkhaus mit zahlreichen Stukkaturen und aufwendigem Portal war Wohnhaus des Weidigschülers Christoph Rumpf (1815 - 1899). Nach links geht es durch die Kasernenstraße zum Markt.

 

(  ) „Haus Bauer“ (Marktplatz 18):

Der Kern des Hauses ist um 1379 entstanden. Somit ist es das älteste Haus am Markt. Es besteht aus drei Gebäudeteilen, die im 18. Jahrhundert in der heutigen Form umgebaut wurden.

Nach links geht es weiter durch die Langgasse mit zwei schönen Fachwerkhäusern. In der Amtsgasse geht man nach links und kommt zu den Schwibbogenhäusern.

 

18. Stadtmauer mit Wehrgang und so genannten „Schwibbogenhäusern“ (Mauerstraße):

Die Ringmauer war mit etwa 200 sogenannten Schwibbogen versehen, über die ein Wehrgang verlief. Zum Bau der inneren Ringmauer rollten mindestens 36.000 Ochsenkarren über das holprigen Pflaster der Butzbacher Gäßchen. Man baute die Hinterstellung zur Stabilisierung der relativ dünnen Mauer, andererseits wählte man den Bau der Bögen, um die teuren Steine sparen zu können. Hier wurden seit dem 15. Jahrhundert Schuppen eingerichtet.

Als der Platz innerhalb der mauergesäumten Stadt allmählich knapp wurde, nutzten die Bewohner die Nischen der Schwibbögen, für die sie einen jährlichen Zins an die Stadt zahlen mußten. Der früheste Beleg für die Nutzung als Lagerräume oder Ställe findet sich in der Stadtrechnung vom Dezember 1462: „item 5 s. Concz porthiner vor eyn stalle bie sime huse une schweybbogen“, heißt es dort. Auf Hochdeutsch: „Auch fünf Schilling Pförtner Kunz für einen Stall bei seinem Haus in einem Schwibbogen“.

Im 16. und 17. Jahrhundert waren vermutlich alle Schwibbögen verpachtet und mit Sicherheit bereits viele vermietet - als unter heutigen Verhältnissen betrachtet winzige Wohnungen. Im 18. Jahrhundert wurden knapp 180 vermietete Schwibbögen gezählt. Das geht aus den Mitzinsverzeich­nissen zeitgenössischer Stadtrechnungen hervor. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts gab es 77 Schwib­bogenhäuser und 40 waren bewohnt, dazu gab es  37 Wirtschaftsbauten (Andere Angabe: Im Jahre 1858 gab es insgesamt 178 Schwibbogenhäuser, die eine Hälfte als Wohnung, die andere als Lager und Stall genutzt).

Die drei Häuschen in der Mauerstraße 12, 14 und 16 sind steinerne Zeugen der sozialen Verhältnisse des mittelalterlichen Butzbachs. Die Häuser schmiegten sich früher an die ursprünglich rund 1.320 Meter lange und bis zu neun Meter hohe Stadtmauer  an.

 

14. Ehemaliger  „Frankfurter Hof“ (Weiseler Straße 46):

Man kommt wieder auf die Weiseler Straße und geht nach links .Das Haus Nummer 46 ist 1801 als erstes Privathaus außerhalb der Stadtmauer von Johann Jakob Sarasin, einem reichen Frankfurter Gastwirt und Weinhändler, als Gasthof erbaut worden. Friedrich Ludwig Weidig war hier im Jahre 1833 sieben Wochen inhaftiert. In den Jahren 1998 - 2001 zu einer modernen Wohnanlage umgestaltett und das Wohnhaus grundlegend saniert.

 

Auf die Westseite der Eisenbahn kommt man mit dem Auto nur über die Wetzlarer Straße und die Kleeberger Straße. Nach links geht es in die Gutenbergstraße, wo sich die 1953 erbaute katholische St. Gottfriedskirche befindet, in der heute der spätgotische aus dem späten 15. Jahrhundert stammende ehemalige Marienaltar der Markuskirche seine Aufstellung gefunden hat.

 

 

Archäologischer Wanderweg bei Butzbach

Nach dem Buch „Wanderungen am Wetterauklimes“ , ab Seite 104. Zum Kastell vergleiche auch die Datei „Wetterau allgemein“..

1.) Kastell Hunneburg:

Das Kastell lag an der B3 im Norden der Stadt, zwischen Lachenweg und Ebergönser Weg südlich der Straße „Am Kastell“. Aus der Umgebung des Hunneburg-Kastelles und des Kleinkastelles Degerfeld stammen die meisten der zahlreichen Butzbacher Römerfunde. Ein Teil der archäologischen Funde sowie ein Rekonstruktions-Modell des letzten Ausbauzustands des Hunneburg-Kastells ist in der interessanten Abteilung „Römerzeit“ im Museum. Nur gut 300 Meter südöstlich des Kleinkastells Degerfeld begann das Kastelldorf des großen Kohortenkastells Hunneburg. An seiner Stelle stehen heute drei weithin sichtbare Hochhäuser. In der Mitte der Grünfläche nördlich des Ebergönser Wegs nördlich des Kastells soll ein Menhir stehen, ist aber nicht mehr zu finden. Man fährt den Ebergönser Weg weiter in die Texas Road (ehemalige amerikanische Kasernen) und nach rechts in die Pohlgönser Straße, von der als zweite und dritte Straße die Chatten- und die Limesstraße abgehen.

 

2.) Das Kleinkastell Degerfeld:

Das Kastell lag zwischen Limesstraße und Chattenstraße, ziemlich weit östlich. Es wurde um 100 nCh zunächst in Holz-Erde-Technik errichtet, hatte während seiner späteren Ausbauphase in Stein 3.000 Quadratmeter Grundfläche und war bis Anfang des 3. Jahrhunderts nCh besetzt. Die Umfassungsmauern mit abgerundeten Ecken umschlossen nach Beendigung der letzten Bauphase einen Innenhof mit zwei Mannschaftsbaracken, das einzige Tor lag im Nordosten. Schon im Jahre 1893 erkannte Friedrich Kofler das kleine Kastell, und 1897  /  1898 konnte es erstmals von Wilhelm Soldan untersucht werden.  Umfangreiche neue Grabungen fanden in den Jahren 1964 bis  1966 statt.

 

3.) Wachtturm auf dem Schrenzer:

Man fährt rechts (nördlich) um die Stadt herum, unter der Bahn durch und dann an der Ampel links in die Tepler Straße und rechts in die Kleeberger Straße. Diese fährt man ganz hoch. Wo es noch einmal steil nach rechts geht, zweigt kurz vorher links der Hoffmannsweg ab, der zum Forsthaus nördlich von Hausen führt. Nördlich des Wegs ist nach einigen Metern (südlich der Biegung der Kleeberger Straße nach Norden) der Wachtpunkt 4/33 (alt). Diese etwa 250 Meter östlich des Pfahlgrabens an der älteren Limesstrecke gelegene Holzturmstelle bestand anfangs aus einer 380 Quadratmeter großen Erdschanze, in deren Westhälfte später der Holzturm hineingebaut wurde). Ein Teil des bestehenden Grabensystems wurde für die beiden Ringgräben des Turmes benutzt. Auch das Zaungräbchen und Spuren einer römischen Straße wurden bei den Ausgrabungen von Wilhelm Soldan westlich des Holzturmes gefunden. Dabei wurden auch vorgeschichtliche Hausgrundrisse der Hallstattzeit (frühe Eisenzeit, etwa 7. Jahrhundert vCh) entdeckt, die von einem Graben geschützt waren. Sie haben mit den römischen Bauten auf dem Schrenzer nichts zu tun. Ganz in der Nähe lagen mehrere eisenzeitliche Grabhügel.

Wenn man dann auf der Kleeberger Straße steil nach rechts weiter fährt, trifft man zuerst auf einen Gedenkstein für den ersten hessischen Turnplatz, der um 1814 hier errichtet wurde von Friedrich-Ludwig Weidig (1791 - 1837), dem hessischen Turnvater. Er war Rektor der Butzbacher Schule, Freund und Mitstreiter Georg Büchners und Mitherausgeber der illegalen Flugschrift „Der hessische Landbote”. Er kam nach Kampf und Widerstand gegen die bestehenden politischen Verhältnisse und langer Haftstrafe in seiner Heimat von eigener Hand zu Tode. Am Rande des Turnplatzes an der Straße steht die Weidig-Eiche, einem ausgewiesenen Naturdenkmal, daneben noch eine Eiche. Den Gedenkstein für Weidig findet man auf dem Gelände links unterhalb der Turmstelle (Punkt 1 der Karte).

Dort geht es auch zur Nachbildung des Wachtturms 4/33 „Am Schrenzer“.  Der Name „Schrenzer” wird in mittelalterlichen Urkunden „schranzberg” oder auch „Ahm schrantzenbergk”, manchmal auch „unterm schrenzenberge” genannt, was soviel wie „zerklüfteter Berg” bedeutet oder sich eventuell auch von „Schranke” = Grenze ableitet. Von diesem Ausläufer des Taunus hatte man zur Römerzeit einen ausgezeichneten Rundblick.

Hier stößt man auf Wachtposten Wp 4/33, der aus einer Holzturmstelle und einem etwas jüngeren Steinturm besteht. Beide Türme liegen dicht hinter dem Pfahlgraben und wurden schon um die Jahrhundertwende im Auftrag der Reichs-Limeskommission untersucht. Der ältere Holzturm bildete ein Quadrat von 4 Meter Seitenlänge und war von einem Ringgraben umgeben. Er stand an der Stelle der heutigen Rekonstruktion. Hier wurde bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf Betreiben des Butzbacher Schuldirektors und Gründers des Butzbacher Geschichtsvereins, Hermann Jäger, ein Holzturm rekonstruiert und der Ringgraben mit einer Palisade versehen.

Da diese Nachbildung sich als falsch herausstellte und der Turm schon baufällig geworden war, wurde die Anlage in den 1fünfziger Jahren neu errichtet. Die zur Römerzeit nie vorhandene Palisade entfiel allerdings erst bei einer Renovierung in den siebziger Jahren. Der neue Turm wurde am 10. Juli 1957 feierlich der Öffentlichkeit übergeben. Die Nach­bildung ist jedoch nicht sehr gelungen: Die Holztürme waren im Untergeschoß massiv, es fehlt ein Stockwerk, und außerdem gehört der Eingang ins erste Stockwerk.

In einer jüngeren Ausbauphase des Limes wurden die hölzernen Wachttürme gegen Mitte des 2. Jahrhunderts nCh durch Steintürme ersetzt. Der Steinturm auf dem Schrenzer liegt unmittelbar neben der älteren Holzturmstelle und war bei den Ausgrabungen nur noch anhand des Grabens mit seinen abgerundeten Ecken zu erkennen. Im Jahre 1978 richteten Mitglieder des Butzbacher Geschichtsvereins das Fundament des quadratischen Steinturmes von 6,70 Meter Seitenlänge wieder her. Es ist heute an originaler Stelle zu sehen.

Hinter dem Turm ist wieder ein Stück des nahe vorbeilaufenden Limes rekonstruiert und mit einer Palisade versehen worden. So etwa kann man sich die Grenzanlage im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert nCh vorstellen.

 

(     ) Soldatenfriedhof:

An der Straße von Butzbach nach Hoch-Weisel steht links ein Hinweisschild auf den Soldatenfriedhof („Ehrenfriedhof“). Der Friedhof wurde 1945 von der amerikanischen Armee angelegt. Die letzte Beisetzung wurde am 25. April 1945 vorgenommen. Die amerikanischen Soldaten wurden aber im Mai 1945 auf Friedhöfe außerhalb Deutschlands umgebettet. Deutsche und sowjetische Kriegstote blieben in Butzbach. Die deutschen Soldaten kamen bei Kämpfen in der Gegend von Kassel, Frankfurt und in Thüringen ums Leben. Unter den deutschen Kriegstoten sind die Jahrgänge 1920 bis 1929 besonders häufig vertreten. Sie gehörten zu Ersatz- und Ausbildungskompanien in der Schloßkaserne und der Schrenzerkaserne, die nach vierwöchigem Schnellkurs noch am 25. März 1945 zur Verteidigung Frankfurts aufbrach. Nachträglich wurden auch zivile Bombenopfer und Zwangsarbeiter nach hier umgebettet. Während der fünfziger Jahre wurde der Friedhof durch Einbeziehung des sowjetischen Gräberfeldes  und Überführung von weiteren Kriegstoten aus dem Landkreis Friedberg erweitert. Hier haben 519 Opfer des Zweiten Weltkriegs ihre letzte Ruhe gefunden, darunter 99 aus Polen und der Sowjetunion (42 Personen ließen sich namentlich identifizieren).

 

(    ) Hoch-Weisel:

Im alten Ortskern von Hoch-Weisel finden sich noch zahlreiche Beispiele der für die nördliche Wetterau charakteristischen hohen, hölzernen Hoftore. Die Hauptsehenswürdigkeiten liegen alle bei der Kirche:  Das alte Backhaus wurde 1703 erbaut, im Jahre 1919 das letzte Mal zum Backen genutzt, danach war es Waage und Brunnenhaus. In den Jahren 1995  bis 1999 wurde des Gebäude von der Stadt Butzbach und dem Heimatverein Hoch-Weisel saniert zur Wiedernutzung als Backhaus.      

Das Alte Rathaus von 1584 war bis zur Eingliederung in die Stadt Butzbach 1970 das Rathaus der selbständigen Gemeinde Hoch-Weisel. Es wurde erbaut als Rat- und Gerichtshaus der großen Hoch-Weiseler Mark im Jahre 1584. Im Erdgeschoss ursprünglich die hohe Gerichtshalle, später auch Spritzenhaus, im Obergeschoss waren Rathaussaal und Verwaltungsräume. In den Jahren 200 - 2007 erfolgte einegrundlegende Renovierung durch die Stadt Butzbach im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms. Die Inschrift über dem östlichen Eingang - der offenbar Zugang zur Gerichtsstätte war - stellt eine Mahnung an die Gerichtsschöffen dar, die hier über Jahrhunderte Recht sprachen: 2.Chronic 19: „Ihr haltet das Gericht nit den Menschen, sondern dem Herrn, denn das Gerichtsampt ist Gottes (Deuteronomium 5. Buch Moses).  Die Inschrift über der Giebelpforte lautet übersetzt: „Im Jahre der Gnade 1584. Nach dem Jahr, in dem 200 Leute durch die Pest verstorben sind, hat Justus aus der Schweiz dieses Bauwerk errichtet. Dieser Gerichtshof erhebt sich nahe dem heiligen Gotteshaus, damit man sich der Gebote seines Christus erinnere um des Seelenheils willen“.

Die Kirche hat einen gotischen Chorturm, der unten rund, im Oberbau achteckig und auf seinem Spitzhelm vier Wichhäuschen. Die Malereien im Langschiff sind um 1400 entstanden. Im Hof des Pfarrhauses (hinter der Kirche) befindet sich ein um 1200 gearbeiteter romanischer Taufstein (von außen nicht zu sehen).

 

4.) Hunnenkirchhof:

Wenn man nach Hoch-Weisel kommt, biegt man gleich hinter dem Ortsschild rechts in die Taunusstraße ein. Gegenüber der Hausener Straße geht es rechts in eine Straße, die als Feldweg weiter geführt wird. An der Gabelung fährt man rechts. Bis zum Wald kann man mit dem Auto noch kommen, dann ist gesperrt. Aber bis zum Kastell sind es nur noch gut 200 Meter leicht ansteigend Gegenüber einer großen Waldwiese mit Grillplatz und Schutzhütte liegt der Wachtposten 4/29 (Informationstafel 19).

Zu den Kleinkastellen direkt am Limes gehören auch die beiden Anlagen Hunnenkirchhof. Das ältere Holzkastell (A) liegt an der Ecke, wo nach Osten der Waldweg abzeigt. Es ist entstanden im 1. Jahrhunderts nChr bevor es den Limeswall gab, denn dieser überschneidet das Kastell auf seiner südwestlichen Seite.

Wohl in der Mitte des 2. Jahrhunderts ist es durch das ungefähr doppelt so große (0,12 Hektar) Steinkastell  (B) mit abgerundeten Ecken ersetzt worden. Es liegt direkt hinter der Informationstafel ein wenig weiter vom Pfahlgraben entfernt. Bei den Grabungen der Reichs-Limeskommission unter dem Streckenkommissar Friedrich Kofler traf man die solide gebaute, ein Meter breite Umfassungsmauer noch in einer Höhe von 0,90 Meter an. An die Mauer war von innen ein Wall angeschüttet. Die Ausgräber fanden außerdem Reste der ehemaligen hölzernen Barackenbauten als dunkle Verfärbungen im Boden. Der rund 7 Meter breite Graben ist noch deutlich zu erkennen.

Auf der Ostseite war ein Zugang, der noch deutlich zu sehen ist. Die weiter oberhalb gelegenen Ringwälle des Hausberges aus der älteren Latènezeit hatten ihre Funktion verloren, als die Römer den Limes erbauten.

 

5.) Hausen:

Der Ort Hausen wird 1017 erstmals urkundlich erwähnt. Im 12. Jahrhundert zunächst zur Münzenberger Herrschaft gehörend, fällt er 1255 an die Falkensteiner und 1419 an die Herren zu Eppstein. Von 1479 bis 1806 befindet Hausen sich im Besitz des Solmser Grafenhauses und kommt anschließend zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Am 1. Januar 1834 werden Hausen und Oes (Oes = Odland) dem am 20. August 1832 gegründeten Kreis Friedberg zugeordnet  und 1968 zur Gemeinde Hausen-Oes zusammengeschlossen. Seit 1972 ist die Gemeinde Hausen-Oes Stadtteil von Butzbach.

 

6.) Philippseck:

Nordöstlich von Münster (südlich von Hoch-Weisel) liegt die Ruine Philippseck (am Ortseingang geht es rechts in die Straße „Am Philippseck“, mitten in einem Neubaugebiet, es gibt aber auch die Straße „Am Schloßberg“). Das um das  Jahr 1625 von Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach errichtete Schloss ist inzwischen zerstört. Der Südhang des Brülerberges war ideal für den Weinanbau, man sprach von den Trauben der berühmten „Philippsecker Kulturen“. Alten Akten ist zu entnehmen, dass im „Philippseck“, der Gegend um das Schloss, große Mengen Wein geerntet wurden.

 

7.) Keltenpfad und Hausberg und Brülerberg:

Im Raum Butzbach gibt es etwa 90 Fundstellen aus keltischer Zeit. Zu den interessantesten Fund­stücken aus keltischer Zeit gehört das Fragment eines Armringes aus blauem Glas, das im Industriegebiet Butzbach-Ost gefunden wurde. Der Armring stammt vermutlich aus dem Jahr 120 vor unserer Zeitrechnung.

Auf Hausberg und Brülerberg gibt es einen Kelten-Wanderpfad. Die beiden Kuppen gelten als vor- und frühgeschichtliche Bodendenkmale. Sie heben sie sich deutlich vom Flachland ab. Der archäologische Pfad  zählt zum Projekt „Keltenstraße“. Mit eigens entwickelten Hinweistafeln sollen 18 Stationen die Spaziergänger mit der Geschichte der Kelten in der nördlichen Wetterau vertraut gemacht werden.  Bei der Konzeption des Keltenweges werden archäologische Gesichtspunkte berücksichtigt und historische Bezüge hergestellt. Auch der heutige ökologische Wert der ehemals von Kelten besiedelten Gegend wird herausgestellt (So führt die Strecke am Brülerberg durch ein großes Naturschutzgebiet mit seltenen Pflanzen und Streuobstwiesen).

Dieter Wolf, Leiter des Butzbacher Museums, hat für eine Sonderausstellung „Die Kelten auf Hausberg und Brülerberg“ mit Feder und Pinsel recht anschaulich gemacht: 25 großformatige aquarellierte Tuschezeichnungen fertigte er an, die das Leben der Kelten vor etwa 2500 Jahren darstellen. Eine keltische Sippe baut sich ein Langhaus. Weit im Hintergrund ist der mit Ringwällen befestigte Hausberg zu sehen. Es wird gezeigt, wie ein Opferplatz ausgesehen haben könnte und wie die Sozialordnung der Kelten rund um Hausberg und Brülerberg gewesen sein mag.

In der Ortschaft Hoch-Weisel biegt man rechts in die Taunusstraße ein und fährt auf ihr immer weiter. Außerhalb des Dorfes ist die Wegstrecke sehr schlecht und immer wieder von Querrinnen durch­zogen. Nach 1.200 Metern trifft man auf den Parkplatz „Hausberg“.

Archäologie, Geschichte, und Natur - alles auf einer Stre>Malerisch führt ein Pfad nun zum 424 (oder 486) Meter hohen Berg hinauf, vorbei an einer dichten Mischwaldschonung mit moosbewachsenem Untergrund. Die Strecke ist teilweise mit zwei Rundwanderwegen des Zweckverbandes Naturpark Hochtaunus identisch und mit den Wanderzeichen „Hirschkäfer`” und „Milan” ausgeschildert. Wo der Weg scharf nach rechts ansteigt und links der Wegweiser „Isselgrund“ steht, geht man geradeaus. Rechts steht eine alte Eiche.

Hier ist man schon „im Brülerberg“. Die Eiche stammt wahrscheinlich aus der Spätzeit der „Hoch Weiseler Mark”, einem seit dem Mittelalter bestehenden genossenschaftlichen Zusammenschluss etlicher Nachbardörfer zur gemeinsamen Nutzung der heimischen Waldungen. Die Eiche ist etwa 200 Jahre alt. Trotz ihrer beeindruckenden Größe wäre der Holzwert bei einer Fällung relativ gering, da sie keinen besonders glatten Stamm und außerdem viele Äste hat. Aber aus waldökologischen und waldästhetischen Gründen bleibt sie stehen.

Alte Bäume aus jener Zeit gibt es noch an vielen Stellen im Stadtwald, meist handelt es sich dabei um Eichen und Buchen. Eine Besonderheit stellen die im 300 Meter weiter südlich gelegenen Teil des Brülerberges vorherrschenden mächtigen Eßkastanien dar. Sie sind wahrscheinlich weit über 250 Jahre alt und geben Zeugnis von einer anderen Nutzung dieses Waldteiles. Vor 200 bis 300 Jahren waren Waldweide oder Vieheintrieb („Hute“), Viehfutter sowie  Laub- und Grasstreu aus dem Wald meist wichtiger als die Holzproduktion.

Der Stadtwald Butzbach (mit allen Stadtteilen) hat eine Gesamtgröße von rund 3.000 Hektar. Er reicht von Usingen-Eschbach im Westen des Wetteraukreises bis ins Wettertal nach Gambach im Osten, von Kirchgöns im Norden bis zur Gemarkungsgrenze südlich von Wiesental. Der Stadtwald hat eine wechselvolle Geschichte. Ein Großteil stammt aus der Zeit der „Hoch Weiseler-Mark”, die um 1840 endgültig aufgeteilt wurde.

Regelungen für eine Waldbewirtschaftung gab es im Markwald schon früh; es ging dabei aber um eine einheitliche gleichberechtigte Waldnutzung aller am Gemeinschaftseigentum beteiligten Dörfer. Nach der realen Waldteilung konnte jede Gemeinde ihren Wald nach eigenen Vorstellungen bewirtschaften. Vieheintrieb („Hutung“) und Streunutzung gehörten ebenso dazu wie Holznutzung für Hausbau, Energiegewinnung und Brennholz. Der Wald war lichter und stark übernutzt. Hier setzte die geregelte Forstwirtschaft an, um Freiflächen aufzuforsten und den Holzertrag zu steigern. Nadelholz wurde vorrangig angebaut, da es besser und schneller wuchs. Der ehemals vorherrschende Laubwald verrringerte sich rasch zugunsten von vorwiegend Fichte, gefolgt von Kiefer und Lärche.

Die auftretenden Borkenkäferkalamitäten, zunehmende Wind- und Sturmwurfkatastrophen, aber auch ein allmählich entwickeltes Umweltbewußtsein in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten brachten eine Wendung zur naturgemäßen Forstwirts haft. Der Stadtwald Butzbach wird seit über 25 Jahren erfolgreich in dieser Weise bewirtschaftet: Kahlschläge werden vermieden, Mischwald und natürliche Ansamung werden gefördert, Chemieanwendung findet nicht statt.

Wald und Wild gehören zusammen, eine Überzeugung, die auch heute noch gilt Fauna und Flora bilden eine Gemeinschaft, die beim Überhandnehmen einzelner Arten empfindlich reagiert. Der Mensch als Lebensraumgestalter hat hier heute große Verantwortung. Der Jäger übernimmt die Regulierung der Wildbestände, was früher Bär, Wolf und Luchs taten. Diese „Beutegreifer” sind in unserer Umwelt nur noch auf einige osteuropäische Gebiete beschränkt. Lediglich der Wolf versucht zur Zeit von dort wieder in seinen früheren westlichen Siedlungsraum vorzudringen. Seit einigen Jahren steht er unter absolutem Schutz.

Der letzte Wolf dieser Gegend soll in der Nähe von Butzbach-Münster um das Jahr 1845 bei der Scheune einer abgelegenen Mühle (wohl der Lochmühle im Isseltal) erlegt worden sein. Das seltene Beutestück wurde danach auf einem Wagen selbst in Friedberg zr Schau gestellt. Im Butzbacher Stadtwald ziehen heute neben anderen Tierarten auich Rotwild, Rehwild und Wildschweine ihre Fährten

 

An der Eiche beginnt der Weg zur Ringwallanlage „Brüler Berg”. Er ist mit dem Hirschkäfer markiert (kein Keltenfürstzeichen). Man muß aber aufpassen, daß man nicht den Weg direkt hoch geht (wenn man das tut, kürzt man ab und kann auch links den Äußeren Ringwall sehen), sondern mit dem Hirschkäfer links abbiegt. Die Reste einer Befestigung auf der Bergkuppe des Brülerbergs (Ringwall) könnten im Frühmittelalter entstanden sein. Ein Abschnittswall und ein Trockengraben entstanden nach entsprechenden Funden in keltischer Zeit.

Nach wenigen Metern schon kommt die gut erkennbare Anlage in Sicht. Sie ist seit 1881 wissenschaftlich bekannt, jedoch erst 1973 von Dietwulf Baatz eingehender beschrieben und mit einer Planskizze vorgelegt worden.

Zunächst trifft man auf den äußeren Abschnittswall A (Punkt 5), der mit einer Länge von etwa 600 Meter die Bergkuppe im Norden und Osten einfaßt und im Gelände noch rund 2,50 Meter hoch erhalten ist. Dieser Wallabschnitt, der vermutlich in vorgeschichtliche Zeit gehört, aber nicht näher zu datieren ist, stellte niemals einen geschlossenen Ringwall dar, sondern war als Schutz gegen Angriffe von Nordosten und Osten, vor allem gegen den Bergsattel zum Hausberg hin, erbaut. Etwa in der Mitte des Walles, bei Höhenlinie 410, markiert eine verschobene Streckenführung wahrscheinlich eine Toranlage. An einigen Stellen auf der Westseite dieses Walles - also auf der Innenseite - ist noch die Mulde als Graben zu erkennen, aus der das Material für den Bau der Wehranlage entnommen wurde.

Die heute sichtbaren Wälle vor- und auch frühgeschichtlicher Befestigungsanlagen sind die Überreste verstürzter Mauern von befestigten Siedlungen. Sie waren  - da man gemörtelte Mauern noch nicht kannte - als sogenannte Holz-Stein-Erde-Mauern errichtet. Tragendes Element solcher Mau­ern war ein Holzgerüst, das aus senkrechten Pfosten an Vorder- und Rückfront und verbindenden waagerechten Balken, aber auch aus einem nur waagerecht verlegten Holzkastenwerk bestehen konnte. An den Fronten waren die Zwischenräume der Pfosten mit Steinen ausgesetzt, oder es waren - im Falle eines Holzkastenwerks - Trockenmauern vorgeblendet. Im Innern waren sie, je nach verfügbarem Material, mit Steinen und Erde verfüllt und gefestigt. Die haltgebenden Holzteile vergingen im Laufe der Zeit, die Mauern stürzten zusammen und bilden teilweise noch sehr hohe Wälle.

Vom Abschnittswall A kommend erreicht man nach wenigen Schritten das südliche Ende von Abschnittswall B. Dieser kurze, leicht gebogene Wall von lediglich 100 Meter Länge ist noch hoch erhalten. M an folgert daraus und aus seiner Lage, daß er jünger ist als Wall A.

Auf dem Brülerberg war eine Höhensiedlung aus der jüngeren Keltenzeit. Metallfunde belegen, daß der Berg noch zwischen 100 und 50 vor unserer Zeitrechnung besiedelt war. Und auf dem „flachen Land“ um die beiden Berge gab es zahlreiche keltische Siedlungen. Charakteristisch für die topografische Lage der keltischen Dörfer und Weiler sind sanfte Hänge inmitten fruchtbaren Ackerlandes, meist wenig oberhalb von Bächen und Flüssen. Gelegentlich wurden auch günstige Höhenlagen gewählt. Im Verlauf der mehr als 300 Jahre lauernden Besiedlung entstanden in lockerer Bebauung Weiler mit mehreren kleineren und größeren Häusern.

Nach 50 Metern gelangt man bereits zu Wall C, der als einziger der drei Wälle des Brüler Berges einen geschlossenen Ring von maximal 220 Metern Durchmesser bildet und möglicherweise aus dem frühen Mittelalter stammt (8. / 9. Jahrhundert nCh). Diese Vermutung basiert nicht auf entsprechendem Fundmaterial, sondern auf der ungewöhnlichen Trassierung des Walles mit scharfen Ecken und Vorsprüngen. Wo in vorgechichtlicher und vielleicht auch mittelalterlicher Zeit die Häuser der Bewohner standen, ist ungewiß. Da sie in Holzbauweise errichtet waren, haben sich keine Spuren erhalten; hier können nur archälogische Ausgrabungen Klarheit bringen. Es ist auch durchaus denkbar, wenn auch weniger wahrscheinlich, daß man diese befestigten Plätze nur im Fall einer Gefahr als Zufluchtsstätte nutzte.

Weiter nach nur etwa 120 Meter Wegstrecke ist der Innenbereich durchquert und man trifft auf den westlichen Rand von Wallanlage C, die an dieser Stelle sehr gut auszumachen ist (Punkt 6 der Karte). Der Wall bildet auch hier eine deutliche Markierung im Gelände und ist noch etwa 1,50 bis 2 Meter hoch erhalten. Bei Punkt 7 nimmt der Wanderer den Weg geradeaus (nicht nach links!) und gelangt schon bald an das nördliche Ende von Abschnittswall B, der hier in einer Höhe von 4 bis 5 Metern hervorragend erhalten ist. Diese malerische Ecke ist dicht mit Bäumen, Unterholz und Moos bewachsen.

Ein weiteres Mal wird nun Abschnittswall A überquert, der Materialgraben auf der Innenseite ist auch hier deutlich zu sehen. Wenn man den Berg umrundet hat, trifft man wieder auf den breiten Weg, den man vorher nach links verlassen hat (Punkt 8).Es geht links hinauf durch einen dichten Baumbestand weiter in Richtung Hausberg.

Wo der Weg endet (Punkt 9) geht es rechts ein Stück weiter bis zum Hauptweg zum Hausberg, wo zwei Informationstafeln stehen (Punkt 10 der Karte). Von jetzt an führt links der mit einem roten Milan gekennzeichnete befestigte Waldweg hinauf zum Hausberg. Man muß aber aufpassen, daß man kurz vor der Kuppe nach links abbiegt (geradeaus geht es östlich um den Hausberg herum). Dieser Weg führt direkt auf die Kuppe des Berges.

 

Die eindrucksvolle keltische befestigte Höhensiedlung auf dem Hausberg südlich von Oes ist seit 1730 bekannt. Die Anlage wurde aber erst 1969 von Fritz-Rudolf Herrmann ausführlich beschrieben (siehe Kartenausschnitt B, Abb. 63)(Wanderwege auf demFaltblatt „Wanderwege zum Hausbergturm“ des Zweckverbandes „Naturpark Hochtaunus“).

Vermutlich gab es bereits Siedlung in der späten Urnenfelderzeit (8. Jahrhundert vCh), wie die Funde beweisen. Keramik der Urnenfelderzeit ist der wertvollste Überrest, der auf dem Hausberg gefunden worden ist. Sie läßt darauf schließen, daß bereits am Ende der Bronzezeit eine Befestigungsanlage existiert haben muß. Der Ausgräber Ferdinand Kutsch hat auf seinen Keramik-Zeichnungen von 1911/12 urnenfelderzeitliche Scherben abgebildet.

Auf dem Hausberg wurde auch eine Goldmünze entdeckt, ein Viertelstater der Mediomatriker, ein Keltenstamm, der im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Gebiet des heutigen Elsaß lebte und dessen Stammeszentrum das heutige Metz war.

Die keltischen Anlagen entstanden nach unserer heutigen Kenntnis im 4. / 3. Jahrhundert vCh während der älteren bis mittleren Latènezeit. Um 150 vor unserer Zeitrechnung war der Berg eine Art Kultplatz: Vielleicht hatte auf dem Hausberg ein Häuptling seine Niederlassung, der über die Siedlungen im Flachland herrschte. Zu den jüngeren Anlagen im Taunus, wie dem spätkeltischen Heidetränk-Oppidum, besteht keine zeitliche Verbindung. Es handelt sich auf dem Hausberg nicht um eine städtische Siedlung (oppidum), denn bislang fehlen die entsprechenden Funde. Vielleicht war die Burg zeitweise oder dauerhaft Sitz eines vornehmen Kelten und seiner Familie. Die dazugehörige Bevölkerung lebte „im Tal”, betrieb Ackerbau und Viehzucht und zog sich möglicherweise nur in Krisenzeiten auf den geschützten Berg zurück.

Entwicklung, Dauer und Ende der Siedlungen auf dem „flachen Land” unterlagen - im 5. Jahrhundert  vCh - anderen Rhythmen als die befestigten Burgen der Aristokratie der Späthallstattzeit. In den letzten Jahrzehnten wurden vermehrt dörfliche Anlagen archäologisch erfasst, die bereits in der frühen Hallstattzeit (um 800 vCh) beginnen, sich in die späte Hallstattzeit (5. Jahrhundert vCh) fortsetzen und bis weit in die frühe und mittlere Latènezeit hineinreichen. Charakteristisch für die topographische Lage der keltischen Dörfer und Weiler sind sanfte Hänge inmitten fruchtbaren Ackerlandes, meist wenig oberhalb von Bächen oder Flüssen. Sofern vorhanden, wurden gelegentlich auch günstige Höhenlagen gewählt.

Im Verlauf der mehr als 300 Jahre dauernden Besiedlung entstanden in lockerer Bebauung Weiler mit mehreren kleineren und größeren Häusern. In Butzbach gab es eine keltische Besiedlung östlich der Stadt (Industriegebiet) bis nach Griedel. Bewahrt haben sich nur die in den Löß eingelassenen Gruben mit bis zu 2 Meter Tiefe. Sie dienten primär der Vorratshaltung und wurden später, wenn sie zu verfallen begannen, als Abfallgruben benutzt. Webgewichte und Spinnwirtel belegen die Textilherstellung in Grubenhäusern. Diese besaßen Ausmaße von 2 bis 4 Meter Länge und 2 bis 3 Meter Breite. Die Wohnhäuser waren ebenerdig und in ihren Ausmaßen größer als die Grubenhäuser. Die Fußböden waren oft mit Lehmschollen festgestampft und enthielten stets eine Feuerstelle. Die Wände bestanden aus mit Lehm bestrichenem Flechtwerk. Zwischen den Häusern lagen die Kegelstumpfgruben zur Vorratshaltung wie zum Beispiel auf dem Riedberg

 

Die Wanderstrecke schneidet zunächst den großen Ringwall C (Punkt 12 der Karte, wo man den

Hausberg im Osten auf der markierten Strecke mit dem Milan umwandern kann). Auf dem Weg nach links wird der Ringwall D gekreuzt. Man kann diese Ringwälle heute aber besser auf der Nordseite erkennen. Dort waren noch die zwei Abschnittswälle A und B vorgelagert.

 

Das Gipfelplateau des Hausbergs hat einen Durchmesser von rund 60 - 80 Metern. Es fällt nach allen Seiten steil ab und war offenbar in keltischer Zeit nicht befestigt. Der Hausberg wurde früher im Volksmund der „Hoinkopp” oder „Hoinbornkopp” genannt, was gleichbedeutend mit Bezeichnungen wie Heuneburg, Hunneburg und Hunnenkirchhof (früher „Hoinjerkirchhof”, siehe Wanderstrecke 5) ist. Dabei ist unklar, ob „die Hünen” (Hoinen oder Heunen), die hier angeblich in grauer Vorzeit wohnten, oder die ,,Hunnen“ Pate standen. Ein 1572 erstmals belegter Hoch-Weiseler Jahrmarkt an der Südseite des Bergs heißt bis heute „die Hoyer“

Der Volksmund leitete den Ursprung des Namens fälschlich von einer angeblichen alten Sage ab.

Die Bergwälder mit ihren rätselhaften und verwunschen erscheinenden engen Bergschluchten und einsamen Tälern haben zur Entstehung von allerlei Sagen geführt. Der Volksmund brachte den alten Namen mit einem sonst nicht bekannten heidnischen Gott Hoija in Verbindung, der hier verehrt worden sei. Der Name des benachbarten Isseltals wurde auf Isola zurückgeführt, der sagenhaften Gattin jenes Hoija.

Andererseits wurde der alte Name des römischen Kastellplatzes „Hoinjerkirchhof“ in Zusammenhang mit rituellen Opfern von Hühnern gebracht. Im Jahre 1845 wird berichtet: „Andere erzählen, auf dem Hausberge hätte eine alte Burg gestanden, welche Hoinjerburg geheißen, wovon der Gipfel des Berges noch seinen Namen trage. In einem verschütteten Brunnen befänden sich aber noch die Schätze dieser Burg verbor­gen. Aus der Ferne wären später Leute gekommen und hätten in der nahegelegenen Capelle schwarze Hühner geopfert. Auch der Platz zwischen Hochweisel und Hausen habe dazu gehört und heiße darum noch „Hoinjerkirchhof“. Wohl im 18. Jahrhundert, als aus dem Begriff „Hoin“ die Verballhornung „Hoink” für Honig = Zwetschgenmus wurde, ersetzte man ihn durch den Namen „Hausberg”, der Berg bei Hausen.

 

Ein sehr enges Verhältnis zum Hausberg entwickelten neben den Hochweiselern auch die Butzbacher, die beide seit langem auf und an dem Berg ihre Feste feiern. Im Jahre 1873 wurde ein hölzerner Turm mit großer Aussichtsplattform auf Betreiben der Butzbacher Hausberg-Gesellschaft errichtet und feierlich eingeweiht. Bereits zwei Jahre später wurde er von einem Orkan umgerissen, aber 1876 wieder aufgebaut. Er war ein beliebtes Ausflugsziel der Butzbacher und aller Taunus-Wanderfreunde. Im Jahre 1941 mußte er  wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. Der Taunusklub veranstaltete auf dem Plateau über Jahrzehnte am Himmelfahrtstag, heute am 1. Mai, sein Hausbergfest mit feierlichem Gottesdienst unter freiem Himmel, beschwingter Tanzmusik und üppiger Bewirtung der Ausflügler.

In den Jahren 1966/67 richteten die Amerikaner eine militärische Funkstation auf der Bergkuppe ein. Ohne Kenntnis der Archäologen wurden damals die Bergspitze und der östliche Ringwall durch eine amerikanische Funkeinheit abgetragen. Über Jahre war deshalb der Platz eingezäunt und wurde streng bewacht. Später wurde diese Station abgebaut. Militärisch wird der hochgelegene Punkt bis heute bei Übungen genutzt.

Mitte der achtziger Jahre bemühten sich Hoch-Weiseler und Butzbacher Natur- und Heimatfreunde um die Errichtung eines neuen Hausberg‑Turmes. Das Projekt scheiterte jedoch leider, vor allem  an den strengen Bauauflagen der zuständigen Behörden und der auch daraus resultierenden hohen Baukosten. Heute lädt die Hausberg-Hütte zur Rast ein. Ohne die Bäume, die auf der linken Hangseite den Blick verstellen, hätte man von hier aus eine herrliche Sicht über das Isseltal.

 

Die baumlose Hochfläche verläßt man auf dem Weg nach Norden auf einem steil abfallenden, in gerader Richtung nach Norden führenden Weg. Man kann diesen Weg geradeaus weiter gehen (zu Punkt 16 der Karte), er ist auch eindrucksvoll genug. Aber hier besteht auch die Möglichkeit, nach wenigen Schritten (an Punkt 14) zwischen den Wällen D und C einen nach links abzweigenden Weg zu benutzen der ebenfalls - jedoch auf kleinem Umweg - die drei folgenden Wälle C, B und A kreuzt (und zu Punkt 15 der Karte führt). Aber dann verpaßt man die Informationstafeln, die an dem direkten Weg stehen. Dieser schmale Pfad führt durch eine dichte Schonung mit Nadelwald. Er vermittelt einen guten Eindruck von der Größe der Befestigung. Dieser Weg knickt nach Überquerung aller Wallanlagen nach etwa 200 Metern (bei Punkt 15 der Karte) scharf nach rechts, schneidet Abschnittswall A ein zweites Mal und führt nach wenigen Metern zu einer Wegekreuzung (Punkt 16).

Die Informationstafeln stehen jedoch an dem direkten Weg. Bei Tafel 6 wird wieder der Wall D gekreuzt. Der obere Ringwall des Hausbergs verläuft am Hang unterhalb der Kuppe. Er schließt ein Oval von rund 110 Meter zu 170 Meter ein und passt sich dem Verlauf der Höhenlinien an. Im Nordwesten folgt er einer natürlichen Geländestufe und ist hier am relativ steilen Hang nur noch als Terrasse ausgebildet. Sonst erscheint er als flacher Wall, im Osten und Süden ist er wegen der Planierung des Plateaus fast zerstört, weil Erde und Gestein über die Kuppe hinaus geschoben wurden.

In dieser Schicht findet man heute noch keltenzeitliche Siedlungskeramik.

Ferdinand Kutsch hat an der Nordseite 1911 / 1912 zwei Suchschnitte angelegt und folgende vierBefunde dokumentiert: Die Außenfront der heute im Wall steckenden Mauer war eine etwa 0,5 Meter breite Wand aus Steinen und Lehm mit einem Holzwerk aus senkrechten und waagrechten Balken. Man spricht hierbei von einer  „Pfostenschlitzmauer“, da die aus Holz, Steinen und Erde gebaute Mauer durch miteinander verbundene Holzpfosten zusammen gehalten wurde. Dieser Hausberg-Wall entspricht in seiner Konstruktion den latènezeitlichen Ringmauern auf dem Altkönig im Taunus und Preist (Kreis Bitburg). Die Rückfront des Walls hat Kutsch nicht gefunden. Auch war keine Toranlage zu erkennen. Ihr Standort wird im Osten oberhalb des Tors des zweiten Walls vermutet.

Bei der Informationstafel 5 trifft man auf den Ringwall  C. Er ist der umfangreichste und stärkste der vier Wälle und besonders gut zu erkennen. Im nördlichen Teil ist der Wall am besten erhalten. Der Wall hat heute noch eine Höhe von 1,5 Metern. Vor dem Wall ist eine flache Grabenmulde sichtbar. Wie alle vier Wallanlagen nutzt auch Ringwall C die gegebenen Geländeformen optimal aus, berücksichtigt vorhandene Terrassen und Stufen, die den Schutz durch die Mauern wirksam verstärkten.

Dieser Wall umschließt ein Gebiet von 360 mal 250 Metern Ausdehnung, hatte sowohl auf der West- wie auch auf der Ostseite ein Tor und bildet im Nordosten eine scharfe Ecke, in der eventuell einst eine Wasserstelle geschützt werden mußte. Die starke Feuchtigkeit in der Nordostecke des Ringwalls deutet darauf hin, dass hier während der Besiedlung des Bergs eine Quelle oder eine Zisterne vorhanden war, die die Wasserversorgung sicherte. In diesem Bereich sind auch Keramik­funde gemacht worden.

Ausgrabungen von Ferdinand Kutsch in den Jahren 1911  /1912 erwiesen als ursprüngliche Befestigung in Wall C eine (nur) 3 Meter breite (?) Mauer, deren Vorder- und Rückfront aus Quarziten und Schieferplatten in Trockenmauertechnik aufgeführt waren; sicher zu vermutende Holzeinbauten wurden nicht festgestellt. Mehrere Toranlagen konnten nachgewiesen werden und sind in Abb. 63 als Wallunterbrechungen gekennzeichnet. Am Hang unterhalb der Nordostrundung des inneren Walls liegt das einzige heute noch deutlich erkennbare Tor. Es hat durch das Gelände bedingt gegeneinander versetzte Wallenden, von denen aus kurze abknickende Wallstücke eine Toranlage von etwa 6 Meter Breite erkennen lassen.

Der Ausgräber Kutsch hat zur Klärung der Bauart des Walls die Nordostecke freigelegt und dabei auch die im Wall stehende Mauer geschnitten. Ein weiterer Schnitt durch die Nordseite erbrachte folgenden Befund: Die Mauer war 3 Meter breit. Ihr Vorder- und Rückfront besteht aus Quarzit­steinen und Schieferplatten, die in Trockenmauertechnik mit Lehm etwa 0,25 Meter stark aufgeführt wurden. Der Zwischenraum war teils mit Steinen, teils mit Verwitterüngsschutt des anstehenden Gesteins aufgefüllt. Holzeinbauten wurden nicht festgestellt.

 

Bei der Informationstafel 4 trifft man auf den Abschnittswall B in Form einer hohen Geländestufe.

Auch er nutzt natürliche Geländestufen aus, ist mehrfach geknickt und zieht in einer Länge von etwa 260 Meter in Richtung Südwest-Nordost am Nordwesthang des Hausberges entlang. Heute erkennt man von innen keine Erhöhung des Walls mehr. Eine flache Grabenmulde ist dem Wall durchgehend vorgelagert, von der aus eine Wallhöhe von 3 Meter erreicht wird. Er endet im Südwesten und Nordosten, wo auch die Geländestufe ausläuft. Die Geländekante ist hier nur noch 1,5 Meter hoch. Ungefähr in der Mitte der Wallstrecke befand sich wahrscheinlich ein Durchgang, wohl ein kleines Tor. Der Wall war genau so aufgebaut wie der nächstfolgende Ringwall. Der Ausgräber Ferdinand Kutsch legte hier zwei Wallschnitte an. Er konnte ein 2,5 Meter starke Mauer feststellen. Reste von verwendetem Holzwerk kamen nicht ans Licht. Im Nordosten des Walls und nahe dem Wallende befand sich vermutlich ein weiteres Tor. Dieser Abschnittswall ist im Gelände nur noch schwach erhalten.

Der mit 430 Meter längere Abschnittswall A liegt schon nördlich des Punktes 16 der Karte. Er führt in weitem Bogen im Norden des Berges bereits im flacheren Gelände als äußerste der Befestigungen entlang.

Wenn man hier weiter geht kommt man zum Parkplatz in Oes  (Punkt 17 der Karte). Von dort kann man dann zurückgehen um den Kleinen Hausberg (Karte bei Seite 104). Hier sind die landschaftlich reizvollsten Wanderstrecken. Vor allem der letzte Teil führt am Waldrand entlang mit besonders schöner Aussicht über ausgedehnte Streuobstwiesen hinunter in die Wetterau. Ganz besonders zur Kirschen- und Apfelblüte lohnt hier ein Ausflug. Der Weg wird wie folgt beschrieben: Man folgt man dem mit dem Milan markierten Weg. An einigen Abzweigen ist besondere Vorsicht geboten, um nicht die falsche Richtung einzuschlagen. Nach knapp dreihundert Metern gelangt man zur ersten Wegegabelung (bei Punkt 18 der Karte) und nimmt dort den äußerst rechten/südlichen Pfad. Nach weiteren hundert Metern gabelt sich der Weg wiederum (Punkt 19 der Karte). An dieser Stelle nimmt man den linken Abzweig.

Bei einer weiteren Gabelung (Punkt 20 der Karte) wählt der Wanderer den etwas nach links führenden, unbefestigten und schmalen Pfad, wo hangaufwärts große Felsen am Wegrand liegen. Die aufgestaute Nässe bietet Farngewächsen ausgezeichneten Lebensraum, so daß sie hier besonders prächtig gedeihen. Jetzt läuft man immer an der östlichen Hangkante des Kleinen Hausberges entlang durch die Waldabteilung 41 der Gemarkung Nieder-Weisel.

Hinter einer scharfen Biegung (Punkt 21 der Karte) geht es nach links. Man verläßt nun den Wald, um in kurzem Zick-Zack-Kurs zu Punkt 22 der Karte zu gelangen. Die Wanderroute verläuft ab jetzt zwischen Waldrand und Streuobstwiesen, artenreichen Magerrasen- und Wacholderheiden, die von besonderem Wert für den Naturschutz sind, nach Südwesten, immer begleitet vom roten Milan. Linker Hand befindet sich das Streuobstgebiet von Hoch-Weisel, eines der größten in der Wetterau. Hier brüten unter anderen die stark gefährdeten Vogelarten Wendehals, Steinkauz, Kleinspecht und Gartenrotschwanz. Auf dieser landschaftlich reizvollen Strecke sollte man bei Punkt 23 der Karte eine kurze Rast einlegen und auf einer gemütlichen Ruhebank den phantastischen Blick hinunter in die Wetterau genießen (Abbildung 64).

Unmittelbar vor demWanderer liegt Hoch-Weisel, wo man am westlichen Rand des Sportplatzes den Wachtposten Wp 4/27 vermutet. Eine genaue Identifizierung der Turmstelle ist bisher nicht möglich, da der Verlauf des Limes im offenen Gelände zwischen den Ortschaften Hoch-Weisel und Langenhain auf rund 6 Kilometer völlig ungewiß ist. Bei guter Fernsicht erkennt man in direkter Linie über Hoch-Weisel einen großen Aussiedlerhof und weiter in Verlängerung die Dächer der kleinen Ortschaft Ostheim. Linker Hand kommt Nieder-Weisel ins Blickfeld, eindeutig auszumachen am wuchtigen Westturm der evangelischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Am Ende des Pfades trifft man wieder automatisch auf den Wanderweg. Hier taucht in der Ferne der Feldberg mit seinen Sendetürmen auf, davor liegt der Steinkopf bei Ober-Mörlen mit dem hoch aufragenden Fernmeldeturm. Die letzten Meter bis zum Ziel, dem Parkplatz „Hausberg”, werden wieder im Wald zurückgelegt.

 

Kürzer ist der Weg von Punkt 16 der Karte nach rechts auf einen Grasweg, der östlich um den Hausberg herum führt. Man muß nur aufpassen, wenn dieser Weg wieder auf eine breite Fahrstraße trifft: Dort muß man rechts nach oben gehen, um wieder auf den Hauptweg zu treffen. Diesen Weg  geht man en tlang und an den zwei Informationstafeln jetzt geradeaus östlich am Brüler Berg vorbei und direkt zum Parkplatz.

 

8.) Bei Ober-Hörgern fanden sich Überreste frühkeltischer Salzgewinnung. Die Scherben der entdeckten Salzsiedegefäße sollten bis auf weiteres als Reste einer dezentral organisierten Salzsiedeproduktion für den Eigenbedarf oder den näheren Umkreis gelten, aus der möglicherweise die später vervollkommnete und offensichtlich in Bad Nauheim monopolisierte Salzproduktion hervorgegangen ist.

 

Nieder-Weisel:

Die Johanniter kümmerten sich mehr um die romanisch sprechenden Gotteskrie­ger, der deutsche Ritterorden um die deutschstämmigen. Adlige, die die Pflege der Ordensbruder genossen hatten, unter stützten ihre Wohltäter durch Stiftungen aus ihrem heimischen Besitz, so die Gra­fen von Nidda in Nidda oder die Münzenberger in Nieder‑Weisel. Die Gewinne aus diesem agrarisch genutzten Grundbesitz mußten zum größten Teil an die Ordens­zentrale abgeführt werden. Der Johanniterorden wurde durch die Zentrale auf der Insel Rhodos und später in Malta kräftig zur Kasse gebeten. Des­halb blieben die Johanniter arm.

Für den Krankendienst in Deutschland gibt es kaum Belege. Die Kirche in Nieder‑Weisel ist mit ihren beiden Geschossen zwar eine typische Hospitalkirche. Es gibt aber keine schrift­lichen Zeugnisse für die Krankenpflege, et­wa Dankesstiftungen von Geheilten. Nach den Kreuzzügen waren die Johan­niter nicht mehr attraktiv, erhielten keine Stiftungen mehr und auch keinen Nach­wuchs, weil der Orden keine Karriere versprach.

 

 

Rockenberg  (südöstlich von Münzenberg)

Bei der Durchfahrt durch den Ort sieht man ge­genüber der Rockenberger Gemeindeverwaltung links „Herzers Langgasthof“, ein rotes Gebäude, hinter dem die Burg Rockenberg liegt.

Der heu­te eher unscheinbare Burghof soll in ein regelrech­tes Schmuckstück mit Freilichtbühne ver­wandelt werden. Wo heute provisorisch verteilter Schotter den Hof bedeckt und in den Ecken das Unkraut gedeiht, soll spä­testens im Herbst 2003 ein Pflaster aus echt Rockenberger Buntsandstein das Bild prägen. Farblich abgesetzte Steine in der Pflasterung sollen an die fehlenden beiden Mauern erinnern, die einst den  Burghof in allen vier Himmelsrichtungen abschirmten. Ein filigraner Stahlturm soll den fehlenden vierten Burgturm ersetzen. Das Gesamtpaket „Orts­mittengestaltung“ bein­haltet auch Pläne für den derzeit ebenfalls eher unscheinbaren freien Platz neben der Burg, das Umfeld des Roten Hauses und für einen Kräuter­garten an der Gemeinde‑Apotheke.

Ein Stückchen weiter auf der linken Seite geht es zur Kirche. Und noch ein Stück weiter geht links die Straße zur Jugendstrafanstalt ab.  Die ehemalige Zisterzienserinnenabtei Miteinschloß in Rockenberg wurde 1338 gegründet und es galt den Ordensfrauen über 465 Jahre hindurch als Ort der Einkehr und des Gebetes. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1803 aufgehoben und einige Jahre später durch den Landgrafen von Hessen-Darmstadt ein Zuchthaus eingerichtet. Seit 1939 befindet sich dort ein Jugendgefängnis. Ein Besuch gestaltet sich daher normalerweise sehr schwierig. Am „Tag des offenen Denkmals” steht jedoch allen interessierten Besucherinnen und Besuchern die 1746 – 1749 erbaute Klosterkirche zum Besuch offen. Die Kirche enthält die originale Ausstattung aus der Zeit des Spätbarocks Auch der spätgotische Flügel des Kreuzganges ist zu besichtigen.

Auf der Nonnenempore ist eine kleine Ausstellung der Heiligen Elisabeth gewidmet. Im so genannten Abtei-Zimmer wird die Geschichte des Klosters - vergleichend mit der heute bestehenden Zisterzienserinnenabtei Lichtenthal in Baden-Baden - aufgezeigt.

Ebenfalls zu besichtigen ist das Wilhelm-Leuschner-Gedächtnis-Zimmer, in dem Leben und Werk des ehemaligen hessischen Innenministers aufgezeigt wird. Leuschner verbrachte 1933, in so genannter Schutzhaft, fünf Monate im Zuchthaus Miteinschloß. Er wurde am 29. September 1944 in Berlin hingerichtet.

 

Bodenfunde:

Auf der Ostseite der Wetter sind nördlich von Rockenberg  und östlich der Burg Münzenberg Ablagerungen aus der späten Meereszeit eines großen Senkungsbeckens erhalten, das vor ungefähr 20 Millionen Jahren existierte und überwiegend kiesige, sandige und tonige Absätze aufnahm. Bereits im 19. Jahrhundert sehr bekannt geworden ist die reiche fossile Flora des Steinbergs bei Münzenberg, in der neben vielen subtropischen Arten noch Zimtbäume und Palmen gediehen.

Ein guter Einblick ist nördlich von Rockenberg in diese Schichten möglich, wo abseits eines

aktiven, nicht zu betretenden Abbaubetriebes ein Steinbruchareal goldgelb leuchtende Sande mit dicken Quarzitbänken erschließt.

Im Bereich des Naturschutzgebietes „Hölle von Rockenberg“ wurde im Jahr 2000 der aufsehenerregende Fund des Unterkiefers einer kleinen Höhlenlöwin gemacht.  Weitere Sondierungen ergaben Überreste der Höhlenhyäne, von Pferden, Rentieren, Bison und Mammut. Eine erste Grabung war dort bereits 1976 durchgeführt worden und von ihr sind ergänzend Überreste vom Höhlenbären, vom Wolf und vom Wollnashorn bekannt geworden mitsamt Skelettresten sehr kleiner Tiere wie Zieseln und Wühlmäusen.

Alle diese Funde sind nun aber, geologisch gesehen, sehr jung, denn sie liegen, zusammen

mit eingearbeitetem Quarzitschutt in einer Fließerde, die sich während der Eiszeit sehr langsam von der Höhe talwärts bewegt hat. Kohlenstoff-Isotopen-Datierungen an den Knochen ergeben ein Alter von „nur“ einigen zehntausend Jahren.

Wie kam es zur Entstehung der Kleinhöhlen? Tiefgreifende klimatische Einflüsse während der jüngeren Eiszeit führten dazu, daß sich bei Rockenberg harte, verkieselte Bänke der Rockenberg-Schich­ten hangabwärts in Bewegung setzten. Dabei müssen sich die Gesteinsplatten unter Bildung von Hohlräumen aufgestaut und verkeilt haben.

Die Tierknochen weisen zwar Bißspuren von Hyänen auf, nicht aber Schnitt- oder Bearbeitungsspuren des Menschen. Ein bei der ersten Grabung gewonnenes Inventar urtümlicher Steinwerkzeuge ist sehr viel älter und paßt zeitlich nicht zu den Faunenresten (Thomas Keller).

 

Grüningen und Umgebung

 

Römerzeit:

Betrachtet man den Verlauf des Limes auf seiner ganzen Länge, fällt im hiesigen Raum eine deutliche Abweichung von der geraden Linie auf. Ohne größere Änderungen folgt der römische Grenzwall zwischen Mittelrhein und Donau einer südöstlichen Richtung, nur im Bereich der Wetterau bildet er eine „Delle“. Die Vermutung liegt nahe, daß der fruchtbare Landstrich schon damals eine hohe agrarische Bedeutung hatte. Hätten allein geostrategische Gesichts­punkte beim Limesbau eine Rolle gespielt, wäre die Wetterau entweder gar nicht erst in das Verteidigungssystem der Römer einbezogen worden, oder ihr nördlicher Vorposten, der schon von den Kelten befestigte Dünsberg, hätte integriert gehört - wie schon der bloße Augenschein an der nördlichen Grenze des Wetterau-Limes zeigt.

Von zwei Aussichtspunkten aus gesehen, der Grüninger Warte und dem nachgebauten Wachtturm nördlich von Grüningen, erscheint die Erhebung des Dünsbergs im Nordosten zum Greifen nah, aber eben außerhalb des römischen Germaniens. Die unmittelbare Absicherung der „Kornkammer“ Wetterau genügte offensichtlich, obwohl auf diesem Limesabschnitt durch die germanischen Stämme ein starker Druck lastete. Immerhin, fast 200 Jahre erfüllte der Wall seine Aufgabe, potentielle Angreifer abzuschrecken.

 

Limeshof:

Wenn man vorher in Butzbach war, fährt man nach Osten aus der Stadt heraus in Richtung Lich. In Gambach geht es links nach Holzheim. Man fährt durch den Ort hindurch und folgt den Schildern Gießen und Grüningen. Hinter diesem Dorf kommen links und rechts einige Aussiedlerhöfe. Rechts steht der Limeshof. Etwas weiter steht links ein Gasthaus. Von dort geht es zu den Wochenendhäusern und von dort nach Süden zum Römerturm (geteerte Straße). An dieser Stelle lag in römischer Zeit mit dem Kleinkastell Hainhaus, das als Wachtposten 4/50 gezählt wird. Es ist das nördlichste Kastell am Wetteraulimes, mit 63 mal 46 Meter wesentlich größer als das Kleinkastell Holzheimer Unterwald. Hier befand sich einst das im Mittelalter niedergegangene Dorf Pohlheim, dessen Name von der alten Bezeichnung „Pohl” für „Pfahl” auf den Grenzwall weist. Gleiches gilt für den heute noch existierenden Ort Pohl-Göns im Norden Butzbachs.

Der Limes ist auf dieser Strecke nur an wenigen Stellen kurz sichtbar. Man erkennt aber sehr gut, wie er -, auf der Wasserscheide verlaufend - die Senke der Wetterau gegen das Gießener Becken abschneidet. Der ehemalige Grenzwall hat seine Funktion auch heute nicht ganz verloren und bildet an vielen Stellen seines Verlaufs noch immer die Grenze zwischen einzelnen Gemarkungen.

 

Römerturm:

Man biegt dann unmittelbar hinter dem Marsteinhof nach links ein und parkt hinter dem Hof. Dann geht es zu Fuß weiter (im Sommer kann man noch ein Stück weiter fahren, aber nicht bis zum Römer-Turm). Der nachgebaute Turm steht auf einer Anhöhe am Waldrand, ist aber von der Straße aus nicht zu sehen, es ist auch kein Hinweisschild da. Der ursprüngliche Turm ist erhalten in den Fundamentresten von Wachtposten Wachtposten 4/49 „Am Sandberg”. Er liegt 15 Meter hinter der Wallkrone, ist quadratisch und hat eine Seitenlänge von 5,90 Meter und 0,90 Meter starken Mauern.

Unmittelbar südlich davon erhebt sich die Rekonstruktion eines Römerturms aus Basaltstein, der 1967 von der Heimatvereinigung Schiffenberg errichtet wurde. Sie ist aber nicht ganz ohne Fehler: Da ein Stockwerk fehlt, ist der Bau insgesamt zu niedrig; das vorhandene Ziegeldach kam so auf römischen Wachttürmen nicht vor, auch fehlt der weiße Außenverputz (Abb. 84). Der Turm ist im Innern nicht zu begehen, außen führt eine Leiter zur umlaufenden Galerie, von der man einen herrlichen Fernblick nach Norden auf den Schiffenberg mit seiner mittelalterlichen Klosteranlage hat.

Ein tiefer Graben mit Palisaden davor ist wieder hergerichtet worden. Einige Bänke laden zum Rasten ein. Aber hundert Meter nördlich ist auch noch eine Schutzhütte. Der Limes knickt nur wenige Meter weiter nördlich scharf nach Osten ab und läuft als Feldrain weiter in Richtung Arnsburg.

Unweit des Turmes steht hier mitten auf der Wallkrone ein von Professor Robert Sommer aus Gießen im Jahre 1912 errichteter Gedenkstein mit Inschriften:

Auf der Vorderseite: Memoriae Romanorum Barbarus, anno MDCCCCXII

Auf der Rückseite: Limes Imperii Romani

Auf den Schmalseiten: „Robertus Sommer cum uxore“ und „Cives Gisensis“.

Die Übersetzung lautet: „Zur Erinnerung an die Römer, ein Barbar im Jahre 1912 - Die Grenze des römischen Reiches - Robert Sommer mit Ehefrau - Ein Bürger Gießens.“

 

Das Dorf Grüningen:

Der Ort, eines der charakteristischen Wetterauer Haufendörfer, wird erstmals im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Er besaß vom 15./16. Jahrhundert bis ins Jahr 1874 Markt- und Stadtrechte.

Mitten im engen und unregelmäßig gebauten Ortskern erhebt sich die große, malerische Kirche. 1151 erstmals genannt, wurde der Bau mehrmals erweitert, wiederauf- und umgebaut. Jede Epoche hat ihre Spuren am und im Gebäude hinterlassen, vom romanischen Rundbogenportal über spätgotische Kreuzrippengewölbe bis zu dem Wiederaufbau nach einem Brand von 1634, der den heutigen Zustand, abgesehen von zwischenzeitlichen Restaurierungen, darstellt. In der Südmauer sowie über dem Nordportal sind gotische Schlußsteine der untergegangenen Heiligkreuz-Kapelle der Arnsburg eingemauert.

Eine Besonderheit stellt die Solms-Braunfelsische Burg dar, deren Ruine vom Heimatverein Grüningen mit dem Kreispfleger Manfred Blechschmidt, unterstützt vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, seit mehreren Jahren restauriert wird. Im Jahr 1394 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt und ist vermutlich von Gottfried VIII. von Eppstein (1419-1437) erbaut. Etwa hundert Meter nördlich der Kirche zeigt ein Wegweiser nach rechts den Weg zur Burg. Diese liegt dann links im Dorf, ist aber nicht zugänglich. Wenn man die Burggrabenstraße weiter hoch geht und nach rechts abbiegt, kommt man zu einem weiteren runden Wehrturm.

Am nördlichen Ortseingang ist links die Gaststätte „Zur Grüninger Warte“. Dort geht der Weg hoch zu der Grüninger Warte. Auf dem über 280 Meter hohen Wartberg stand hier wahrscheinlich ein mittelalterlicher Wartturm der Solmser Landhege, an dessen Stelle Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Braunfels im Jahre 1713 eine Windmühle errichten ließ. Der heute existierende runde Turmstumpf wurde von der Gemeinde Grüningen wieder begehbar gemacht; eine Vereinshütte (geschlossen) und ein schön gelegener Grillplatz liegen am Fuß des Turmes. Die Besteigung wird belohnt mit einem unvergleichlichen Rundblick nach allen Seiten auf Vogelsberg, Wetterau, Taunus und die Gießener Senke mit ihren Burgen; zwei an der Brüstung angebrachte Tafeln geben Richtungshinweise auf landschaftliche Besonderheiten. Karl August von Cohausen (1812 – 1894) vermutete an dieser Stelle, die auch „Am Steinernen Haus” genannt wird, als Vorgänger des mittelalterlichen Wartturmes ein römisches Gebäude; für einen Limesturm ist die Entfernung zum Wall allerdings zu groß.

 

Birnkheim:

Südlich der Kirche biegt man rechts ab Richtung Langgöns. In einer Kurve der Landstraße steht rechts eine Buche mit einem Sühnekreuz. Hier steht seit Urzeiten die eindrucksvolle Birnkheimer Linde. Unmittelbar seitlich ist ein gotisches Steinkreuz mit einer Ruhebank aufgestellt, im Ganzen ein schöner Platz zum Verweilen. Jenseits der Straße markiert eine Erhebung den Standort der Kirche und etwa 100 Meter südwestlich findet man in Obstbaumgelände den restaurierten Dorfbrunnen des im Jahre 799 nCh. erstmals erwähnten Ortes Birnkheim (Berincheim, Bernkheim), der bereits am Ende des 15. Jahrhunderts verlassen war.

 

Vor der nächsten Straßengabelung wird der Limes gekreuzt. Dort kann man parken und zu dem Kleinkastell „Holzheimer Unterwaldkastell“ gehen (siehe Pohlheim). Man kann dann über Langgöns auf die gut ausgebaute B 3 fahren und noch einmal abfahren nach Kirchgöns und dort nach links abbiegen zu einem Parkplatz am Limes. Dann fährt man nach Butzbach zurück. Eine Limeswanderung von Kirchgöns aus findet sich in „Frankfurt II“, Seite 108. Sie führt am Schluß zum Wachtposten 4/44. Die ganze Limesstrecke wird beschrieben in „Wanderungen am Wetteraulimes“, Seite 128.

 

 

Pohlheim-Holzheim             

Führungsblatt 133  und „Wanderungen am Wetteraulimes“, Seite 138.

 

An der Straße von Grüningen nach Langgöns ist kurz vor der Straßengabelung ein kleiner Parkplatz (Punkt 1 der Karte). Von hier aus führt der Weg führt etwas bergauf in den Wald.  Er geht entlang dem nach und nach zur Rechten stärker werdenden und dann außergewöhnlich hoch erhaltenen Wall. Nach etwa 200 Metern kommt man zu den im Jahr 1995 rekonstruierten Grundmauern des Kleinkastells Holzheimer Unterwald.

Die älteste Erwähnung des Kastells Holzheimer Unterwald findet sich 1843 in der „Urgeschichte der Wetterau“ von Johann Philipp Dieffenbach. Der zufälligen Wiederentdeckung 1879 folgten erste archäologische Grabungen, die von Carl Gareis durchgeführt wurden.

Einige von Gareis mißverstandene Befunde veranlaßten 1894 Friedrich Kofler als Streckenkommissar der Reichslimeskommission zu Nachuntersuchungen. Er fand bei seinen Grabungen 1894 noch bis zu einem Meter hohe Mauern und einen umlaufenden Spitzgraben.

Ab dieser Zeit war das Kulturdenkmal lokalisiert und zudem bekannt, daß es vortrefflich erhalten war.

Vom noch mächtig erhaltenen Limeswall vor Blicken Dritter geschützt, wurde der Platz seit 1970 von Sondengängern und Raubgräbern immer wieder heimgesucht. Diese allein auf Funde ausgerichteten Zerwühlungen erzwangen das Einschreiten der Archäologischen Denkmalpflege Hessens. Die vollständige Freilegung des Kastellgeländes wurde mit Unterbrechungen von 1988 bis 1991 vorgenommen, die Anlage wurde durch Gabriele Seitz planmäßig ergraben und 1995 von der Archäologischen Gesellschaft in Hessen e.V. konserviert

 

Das fast quadratische kleine Steinkastell von 18,60 mal 19,40 Meter Größe liegt nur 12 Meter hinter dem Wall. Vor seiner Umfassungsmauer hatte es einen 2 Meter breiten und 1 Meter tiefen Spitzgraben. Das 2,50 Meter breite Haupttor mit Torturm befand sich auf der Westseite, dem Limes zugewandt. Im Osten war ein weiterer, nur 1,20 Meter breiter Durchlaß, der während einer jüngeren Bauphase zugemauert wurde. Sehr ähnlich war das Kleinkastell „Dicker Wald“, das 3,50 Kilometer entfernt an der gleichen Strecke im Süden liegt. Man erkennt heute nur  noch schwache Erhöhungen als Spuren des Bauwerks zwischen Pfahlgraben und Straße.

Rechts und links der Lagergasse - deren Pflasterung teilweise erhalten war - fanden sich Mannschaftsbaracken in Fachwerkbauweise für 20 - 30 Auxiliarsoldaten. Ein über 9 Meter tiefer Brunnen, für dessen Bau eine der Mannschaftsbaracken um zwei Räume verkürzt wurde, lag im Südostteil. Bei den Grabungen wurde neben zahlreichem anderem Fundmaterial, vor allem Keramik, auch ein kleiner Münzschatzfund von 35 Münzen der Jahre 69 bis 176 nCh geborgen

Im Gegensatz zu den anderen Kleinkastellen am Obergermanischen Limes hat das Holzheimer Kastell keine abgerundeten, sondern scharfkantige Ecken. Der geringe Abstand zwischen Baracken und Umfassungsmauer schließt einen inneren Wehrgang aus, wie er zum Beispiel im wesentlich größeren Kleinkastell Degerfeld gefunden wurde.

Truppenlager unterschiedlicher Größenordnungen bildeten die Grundelemente der römischen Grenzkontrolleinrichtung. Mit seinen knapp 290 Quadratmetern nutzbarer Innenfläche zählt das Holzheimer Kastell zu den kleinräumigsten Vertretern dieser Denkmälergattung. Dem vergleichsweise seltenen Kastelltyp galten in Deutschland bislang nur wenige planmäßige Untersuchungen. Entsprechend lückenhaft sind unsere Kenntnisse über die Struktur der dort stationierten Truppenteile, die militärische Rangordnung und Stärke der Besatzungen und ihre standartbezogenen Aufgaben.

 

Das Kastell Holzheimer Unterwald nimmt eine annähernd rechteckige Grundfläche von insgesamt 18,60 mal 19,40 Meter ein und war von einer einen Meter starken Zweischalenmauer aus Basaltsteinen umwehrt. Unmittelbar vor der Umfassungsmauer umzog ein zwei Meter breiter und ein Meter tiefer Spitzgraben den Militärstützpunkt. Das Truppenlager war von Westen durch ein 2,50 Meter weites, zentral angelegtes Tor befahrbar. Über den beiden 1,80 Meter langen Torwangen erhob sich ein Turm, von dem aus das Tor geschützt und das Vorfeld überwacht wurde; Sichtverbindung bestand zu den benachbarten Limestürmen. Auf der dem Tor gegenüberliegenden Ostseite des Lagers befand sich zu Zeiten der älteren Bauperiode ein 1,20 Meter breiter, einfacher Durchlaß.

Den Innenbereich gliederte ein befestigter Weg, der die beiden Durchgänge miteinander verband und an dem beiderseits Fachwerkbauten angeordnet war. Diese dienten als Unterkünfte der zur Grenzkontrolle abkommandierten Auxiliarsoldaten. Die beiden freistehenden, parallel zur Längsachse des Kastells errichteten Wohnbaracken besaßen je 13,80 Meter Länge und waren 3,60 Meter tief. Ein überdachter Laubengang von 1,50 Meter Breite war beiden Bauwerken zur Lagergasse vorgestellt. Die Unterkünfte waren jeweils in vier Räume unterteilt.

Einige Standortvorzüge, welche die Platzwahl für das kleine Kastell bestimmt haben mögen, lassen sich aus heutiger Sicht ebenso wie einzelne Arbeitsschritte des Bauvorgangs erschließen: Unmittelbar am römischen Patrouillenweg wurde der Bauplatz ausgesteckt. Die Lagerfläche nahm zusammen mit dem die Anlage umschließenden Graben über 600 Quadratmeter ein. Das angestrebte Grundmaß war demzufolge ½  Actus. Die äußeren Eckpunkte des Mauergevierts der Kastellumfassung maß man vermutlich über die Diagonalen, da diese jeweils genau 90 römische Fuß betrugen (1 römischer Fuß = 29,6 Zentimeter).

Die leichte Schiefwinkligkeit der vier Kastellmauern zueinander wurde nicht nachträglich behoben: Die nach Westen parallel auf den Limes ausgerichtete Hauptfassade war um 0,60 Meter länger als die gegenüberliegende Ostfront. Die im Lagerinneren erstellten Fachwerkbauten wurden hingegen exakt rechtwinklig vermessen: Ihre vier Extrempunkte lagen jeweils 15 auf 15 römische Fuß voneinander entfernt, auch die Inneneinteilung der Mannschaftsbaracken ist sehr gleichmäßig.

Die aus ortsnahem Gestein erstellten Kastellmauern waren freistehend. Der anfallende Aushub des Grabens wurde daher nicht als Wallkörper benötigt, sondern u.a. zur Gefachauskleidung der Barackenwände genutzt. Überschüssiges Grabenmaterial hat man wohl im Umfeld verteilt. Weder bei der Dachdeckung der Unterkünfte noch bei den Herdstellen fanden gebrannte Ziegel Verwendung. Gerade im Fehlen dieses - im römischen Lagerbau üblichen   -Baustoffs zeigt sich die nahe Verwandtschaft zur Bauausführung der Holz- bzw. Steintürme. In diese Richtung deutet wohl auch der einfache Spitzgraben, der vielleicht vorzugsweise der Drainierung diente. Jedenfalls schließt er sich so dicht an die Außenschale der Kastellummauerung an, daß nach Überwindung dieses Annäherungshindernisses Angreifer zu Fuß oder Pferd auf der Berme keine Aufstellung nehmen konnten.

Die verwendeten Materialien - Kastellumwehrung in Zweischalenmauerwerk, Innenbauten in Holzständerbauweise - kennzeichnen grundlegende Bauelemente, die in dieser Ausführungsweise bei Auxiliarlagern der Provinz Obergermanien frühestens in trajanischer Zeit anzutreffen sind.

Das Kastell war an gut gewählter Stelle postiert. Sein Standort gewährleistete weite Sicht nach Nordwesten in einen kleinen Taleinschnitt Richtung Lahn und bot somit die benötigte Voraussetzung für Fernaufklärung. Diese Platzwahl bezeugt die Zweckbestimmung der Anlage: Sie überwachte das Vorfeld an der nördlichen Flanke des westlichen Wetteraubogens. Die Ausrichtung der Hauptfront mit Torturm unterstreicht diesen militärischen Auftrag.  Diesen galt es auch während der jüngeren Periode zu erfüllen. Die baulichen Veränderungen lassen jedoch erschließen, daß sich die für diese Aufgabe vorgesehene Mannschaftsstärke verringerte: Denn die rückwärtige, östliche Schlupfpforte in der Umfassungsmauer wurde zugesetzt und zwei Räume der südlichen Wohnbaracke niedergelegt. Auf dem Areal der so gewonnenen Freifläche grub man einen 9,50 Meter tiefen Brunnen, der die Frischwasserversorgung im Kastellinnern garantierte.

Eine Funktionswandlung wird erst mit der durchlaufenden Trassenführung des Limesgrabens und seines Walls herbeigeführt worden sein. Der unmittelbar vor die Westfront des Lagers aufgeschüttete Wallkörper zieht schräg so nahe vor dem Lagertor vorbei, daß zwischen dem Wallfuß und dem Kastellgraben im Süden nur noch ein Abstand von 4 Metern, im Norden von maximal 8 Metern bestand. Diese Entfernungen reichen zwar aus, um den Stützpunkt auch mit einem Wagen zu befahren, schränken aber das Aktionsfeld der Diensttuenden stark auf die Wallkontrolle ein.

Zwangsläufig stellt sich daher die Frage, ob das Kastell zu dieser Zeit noch in Betrieb war oder infolge der Errichtung von Graben und Wall aufgelassen wurde. Betrachtet man unter diesem Aspekt die - ausschließlich auf keramischer Grundlage gewonnene - Enddatierung der Anlage, so dürften Graben und Wall frühestens zu Beginn des 3. Jahrhunderts angelegt worden sein. Ein Zeitansatz, den bereits W. Jorns im Rahmen seiner Untersuchungen am benachbarten Kastell Degerfeld in Butzbach in Vorschlag gebracht hatte. In noch ausgeprägterer Form als in Holzheim soll dort die Errichtung von Graben und Wall die Schließung eines zu kontrollierenden Limesdurchgangs und damit die Auflassung des kleineren Militärstützpunktes nach sich gezogen haben.

In Ermangelung der antiken Bauinschrift sind Aussagen zur Besatzungsstärke einzig über den ergrabenen Kastellgrundriß zu treffen. Die vorliegende Bauweise: ein steinernes Mauergeviert mit dicht nebeneinander aufgereihten Mannschaftsunterkünften, zeigt bestmögliche Raumnutzung. Bezogen auf die ursächliche Zweckbestimmung handelt es sich um eine in der Grundfläche vergrößerte Turmstelle. Das heißt, dort bestand ein umwehrtes Quartier für eine taktisch unselbständige Wachmannschaft. In Analogie zu zeitgleichen und gleichbeschaffenen Baracken werden maximal vier Mann in einer Stube untergebracht gewesen sein. Die zeitweilig von ihrem Hauptlager abkommandierte Besatzung wird demnach etwa 20 bzw. 30 Auxiliare umfaßt haben, je nachdem, ob auch Pferde unterzubringen waren.

Herdstellen, die teilweise mehrere Erneuerungen erfahren hatten, deuten auf längere Aufenthalte vor Ort. Aufgrund der neuzeitlichen Eingriffe war nicht mehr zu klären, ob in jedem der acht bzw. sechs Contubernien eine Herdstelle vorhanden war, oder ob auch einige dieser Räume zum Unterstellen von Pferden gedient haben mögen.

Wie diese Männer hießen, die zeitweise im Holzheimer Kastell ihren Dienst versahen, läßt sich nur an drei fragmentierten Soßennäpfen ablesen, die Namensgraffiti trugen: MAT [ernus?], VIcT[or] oder VICT[onnus] sowie ein [---] lvs. Erwähnenswert ist ein eiserner Stangenschildbuckel, der in seiner charakteristischen Form den Bestandteil einer germanischen Schutzwaffe darstellt. Germanisches Fundgut, speziell germanische Waffen von römischen Militärplätzen, beleuchten in eindrucksvoller Weise die sich ab dem fortschreitenden 2. Jahrhundert nCh zum Nachteil Roms verändernden politischen Gegebenheiten. Das Holzheimer Exemplar, welches aufgrund seiner Fundlage in das 3. Jahrhundert datiert, sowie etwas Keramik veranschaulichen die zunehmende Anwesenheit von Germanen im römischen Heeresbereich.

Die zeitliche Einordnung der Kastellanlage basiert - aufgrund der sehr kleinen Münzreihe - im Wesentlichen auf der wissenschaftlichen Keramikuntersuchung. Gefäßbruchstücke rot engobierten Tafelgeschirrs aus Südgallien setzen die Errichtung der Primäranlage an den Beginn des 2. Jahrhunderts nCh. Die ferner im Kastell angetroffenen Produkte einiger Töpfer aus Mittel- und Ostgallien, Trier und Rheinzabern deuten auf einen kontinuierlichen Fortbestand bis mindestens in das erste Drittel des 3. Jahrhunderts. Scherben rauhwandigen Küchengeschirrs aus Urmitz belegen auch zweifelsfrei die Zeit nach 230 nCh.

Hervorzuheben sind die erstaunlich großen Keramikmengen, die bei den Grabungen geborgen wurden, sowie die kleinteiligen, des Öfteren weit voneinander entfernt liegenden Scherben einzelner Gefäße. Von Nahrungszubereitung und Verzehr zeugen neben den unvergänglichen Geschirresten auch Mühlsteine und Amphoren ebenso wie Speiserückstände in Form von Tierknochen.

Die zu statistischen Berechnungen nicht ausreichende Münzreihe umfaßt insgesamt 14 Prägungen der Nominale Denar. Sesterz (=1/4 Denar) und As (=1/16 Denar) der Kaiser Vespasian, Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Der Entstehungszeitraum aller in Rom geschlagenen Werte umspannt die Jahre von 69 bis 161 nCh.

Diese im Alltag wohl versehentlich verlorenen Münzen werden um einen kleinen Münzhort von 35 Prägungen angereichert. In einer unscheinbaren Lücke der nördlichen Kastellmauer war dieser - wohl in einem organischen Behältnis (Lederbeutel?) - verborgen worden. Das Versteck war verständlicherweise nur von der Lagerinnenseite her über den schmalen Gang zwischen Mannschaftsbaracke und Lagerumwehrung zugänglich. Der Münzschatz setzt sich aus 34 Denaren und einem Sesterz zusammen und datiert vom Jahr 69 nCh. (Vitellius) bis spätestens 176 nCh (Marc Aurel für seine Gattin Faustina II). Ein numismatisches Datengerüst, wie es ebenso auch vom benachbart gelegenen Kastell von Butzbach-Degerfeld bekannt ist.

Neben diesen grundlegenden Informationen zu Aussehen, Aufgabenstellung und Dauer des kleinen Militärstützpunktes harren derzeit noch manche Fragen einer historischen Beurteilung: Welches Standortkriterium war beispielsweise ausschlaggebend, daß dort noch in Südgallien produziertes Tafelgeschirr benutzt wurde? Mit dem Vorkommen dieser Keramik zeichnet sich Holzheim als eine von insgesamt acht Fundstellen an der gesamten obergermanisch-raetischen Limeslinie aus. 

Die zweckdienliche Enge des Lagers sowie das Fehlen von Abwassergräbchen entlang der Lagergasse lassen vermuten, daß die mit organischem Material gedeckten Dächer der Mannschaftsbaracken so gestaltet waren, daß das Regenwasser über die Umfassungsmauer direkt in den Lagergraben abgeleitet wurde. War dies tatsächlich der Fall, so kann kein Wehrgang an bzw. auf der Mauer verlaufen sein.

Gab es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verbergen des Holzheimer Münzhorts mit dem literarisch überlieferten Maternus-Aufstand gegen Kaiser Commodus im Jahre 180? Hinweise auf offizielle Waffenschenkungen, mit denen Commodus seine Truppen für ihre Treue belohnte, sind aus den benachbarten Standlagern von Butzbach und Arnsburg bezeugt. Diese beiden Lager kommen in Betracht, Auxiliare zeitweilig nach Holzheim abgestellt zu haben.

Die Besetzung des Kastells Holzheimer Unterwald währte auch im zweiten Drittel des 3. Jahrhunderts nCh, wie Küchengefäße aus Urmitzer Ware bezeugen.  Allerdings ist das prozentuale Vorkommen - gemessen an der übrigen Keramikmenge - recht gering. Daher bleibt zu fragen: Wurde dieses Geschirr von stationär dort lebenden Truppenteilen benutzt oder diente dieser Platz nur noch zeitweilig Station machenden Patrouillen als Etappenpunkt?

 

Wanderung vom Kleinkastell zum Römerturm:

Die nächsten 400 Meter läuft der Wanderweg innerhalb des Waldes parallel zum Wall. Dieser weist hier noch eine Höhe bis über einem Meter auf und ist erst im freien Ackergelände mehr oder weniger eingeebnet. Am Waldrand kommen linker Hand jetzt das idyllisch gelegene Gut Ludwigshof ins Blickfeld, in der Ferne die Burgruinen von Vetzberg und Gleiberg. Bei entsprechender Sicht gut zu sehen ist auch der mit einem Fernmeldeturm bekrönte Kegel des 500 Meter hohen Dünsbergs.

Weg und Limes führen von nun an durch offenes Ackergelände, der Pfahlgraben ist auch weiterhin gut zu erkennen, teils als Wall mit flacher Mulde, teils als mit Hecken bewachsener Feldrain. Friedrich Kofler fand 1910 hier eine Stelle, wo der sonst steinfreie Boden eine ungewöhnliche Ansammlung von Steinen aufwies. Dieser Umstand, Funde römischer Scherben sowie eine weite Sicht nach allen Seiten ließen den Schluß zu, hier die Stelle von Wachtposten 4/47 anzunehmen.

Schnurgerade führt der Limes weiter in nordöstlicher Richtung durch das Ackerland. Er überwindet die Geländemulde „Im Krötenpfuhl” und steigt danach etwas an zum 287 Meter hohen Obersteinberg. Die auf dieser Strecke vermuteten Wachtposten 4/48 und 4/48a sind ebenfalls nicht sichtbar, jedoch durch Kleinfunde nachgewiesen.

 

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