Bibelverständnis -

Vom Lesen und Verstehen der Bibel

 

 

 

Einleitung

 

Wenn man die Bibel lesen will, dann sollte man nicht unbedingt bei „Adam und Eva“ anfangen. Nach der Geschichte von Adam und Eva ist man schon versucht, das Buch wieder hinzulegen, weil die Geschichte so naiv und unwahrscheinlich klingt. Deshalb ist es sinnvoller, zu­nächst einmal mit dem Neuen Testament zu beginnen (so wie ich das im Internet unter „Bibel für Einsteiger“ gemacht habe). Aber auch bei Alten Testament fängt man vielleicht besser nicht bei der Entstehung der Welt an, sondern bei der Entstehung des Volkes Israel, also im Buch Josua.

Entsprechendes gilt für den Gottesdienst. Wenn ein Neuling oder ein Ungläubiger in den Gottesdienst kommt, dann wird er sich nicht so einfach zurechtfinden. Da werden Lieder gesungen und Bibelstellen vorgelesen. Der Pfarrer spricht eine Aufforderung und die Gemeinde antwortet wie selbstverständlich, von der Orgel unterstützt. Die Eingeweihten kennen das, es ist ihnen alles ganz in Fleisch und Blut übergegangen.

Aber ein ganz Unwissender wird nichts mit dem Kreuz auf dem Altar anzufangen wissen, auch nicht mit solchen Namen wie „Paulus“ und „Korinther“. Da gibt es viele Fachausdrücke wie zum Beispiel das Wort „Agende“: Das ist das Buch, in dem die Gottesdienstordnung steht und vor allem auch die Gebete. Aber wenn man die Mehrzahl „Agenden“ verwendet, dann hört sich das fast an wie die Agenten des Geheimdienstes.

So ist das eben mit der kirchlichen Sprache. Das gilt auch für die Formulierung der Gebete in den Büchern für den Gottesdienst. Man sagt heute: „An sich müßten diese Bücher alle 20 Jahre neu geschrieben werden, weil die Sprache sich so schnell ändert!“ Auch das Gesangbuch wird ja immer wieder überarbeitet. Aber es geht nicht nur um die Sprache, sondern auch um das sachliche Verständnis.

Die Bibel ist aber kein Sachbuch, sondern ein Glaubensbekenntnis. Deshalb muß man sich ihr anders nähern als nur naiv. Ich bin deshalb froh, daß ich die Gelegenheit hatte, Theologie zu studieren. Unabhängig von dem späteren Beruf hat das Studium mir mehr Einblick gegeben als anderen Christen: In erster Linie hatte ich einen persönlichen Gewinn davon.

Man muß sich schon etwas Mühe machen, um diesem alten Buch gerecht zu werden - damit man erkennen kann, was es damals wollte und was es uns heute noch zu sagen hat. Mit den folgenden Ausführungen soll dazu ein Versuch gemacht werden. Und ich möchte etwas von dem Ertrag meines Studiums weitergeben.

Eigentlich ist es ein ungeheurer Anspruch, wenn wir sagen, im Gottesdienst wird Gottes Wort verkündet. Wir nehmen die Bibel her und lesen daraus vor. Aber die Bibel ist nicht nur reines Gotteswort, sondern „Gotteswort in Menschenwort eingefaßt“, mit menschlichen Gedanken vermischt und mit menschlichen Worten ausgedrückt. Und dann kommt so ein Pfarrer und nimmt diesen Bibeltext noch als Grundlage für eine Predigt. Wieder wird ein Stück­chen mehr Menschenwort daraus. Und der Hörer nimmt es noch einmal etwas anders auf, als es gemeint war. Bleibt denn da überhaupt noch etwas vom göttlichen Wort erhalten, wenn es immer weiter so verdünnt wird?

Und doch wird immer wieder der Anspruch erhoben: „In der Kirche wird Gottes Wort gesprochen!“ Manchmal war es allerdings auch schlimm. Es gab Zeiten, da hat man von der Kanzel herunter über die richtige Düngung gepredigt. So geht es ja auch nicht, da blieb wirklich nur Menschenwort übrig. Aber heute ist das ja nicht mehr so, da kann jeder aus einer Predigt für seinen Glauben etwas entnehmen, auch wenn die Predigt noch so schlecht und noch so langweilig war; es kommt hier auch etwas auf den guten Willen an.

Auf keinen Fall aber kann man sagen, die Bibel sei von Gott „inspiriert“ in dem Sinne, als sei sie gewissermaßen von Gott selber geschrieben worden. Die Bibel ist nicht Gottes Wort, sondern sie enthält Gottes Wort. Es gilt herauszufinden, was in ihr Gotteswort ist und was Menschenwort. Im Islam ist das anders: Da steht Allahs Wort unverrückbar fest, bestenfalls kann man noch die Worte des Propheten daneben setzen. Aber man kann es nicht anwenden auf die jeweilige Zeit und den jeweiligen Raum. Die Lehre ist so starr, daß man aus ihr keinen sogenannten „europäischen Islam“ bilden kann. Und selbst kulturelle Ergänzungen wie die Ganz­körperverschleierung oder die Abwertung der Frau wurden zu Glaubenssätzen. Die Bibel dagegen ruft nach Auslegung, damit ihre ursprüngliche Absicht erhalten bleiben kann.

Natürlich begegnet uns Gott in der Bibel. Aber zuerst einmal ist sie Menschenwort, also von Menschen geschrieben, die damit ihren Glauben zum Ausdruck bringen wollten. Die theologische Forschung kann uns dabei die Zusammenhänge erhellen und zu einem tieferen Verständnis führen. Es gilt, den Übergang zu finden vom „Kinderglauben“ zum gefestigten Glauben des Erwachsenen. Viele bleiben beim Kinderglauben stehen und gehen nicht durch das Feuer der wissenschaftlichen Kritik, um so zu einem Erwachsenenglauben zu finden.

Theologen können sich da keine doppelte Buchführung leisten und etwas anderes predigen, als sie im Studium gehört haben. Die Gemeinde hat sowieso schon Einiges läuten gehört. Zeitschriften und Magazine wie „Der Spiegel“ und Radio und Fernsehen tun ein Übriges. Es wäre schlecht, wenn man aus dem Eindruck „Der Pfarrer weiß mehr als er sagt!“ den Schluß zöge: „Der Pfarrer glaubt nicht, was er sagt!“ Deshalb gilt es, die Frage der historischen Kritik offensiv anzugehen und sich weder von der einen noch von der anderen Seite irre machen zu lassen.

Man kann sich jedenfalls nur darüber ärgern, daß viele Pfarrer alles ausblenden, was sie im Studium gehört haben und so predigen, als sei alles in der Bibel so geschehen, wie es dem Wortlaut nach dasteht. Sie verschweigen der Gemeinde, worauf diese einen Anspruch hat und was der Verkündigung nur zugute käme.

 

Wer als Ungläubiger die Bibel liest, wird den Kopf schütteln und sagen: „Was ist das doch für ein Unsinn?! Das ist doch nur von Menschen zusammengesponnen“. Wer als gläubiger Mensch die Ergebnisse der wissenschaftliche Theologie liest, wird sagen: „Das bringt doch nur vom Glauben ab. Gegen solche Gedanken schotte ich mich ab und glaube nur schlicht das, was wörtlich dasteht!“

Durch die historische Kritik wird aber nicht der Glaube zerstört, sondern nur ein falscher Glaube. Doch die Theologie soll nicht erleichtern, sondern den Glauben verständlich machen aus den Texten heraus. Sie soll herausarbeiten, was damals gemeint war und wie man es damals verstanden hat und möglichst auch noch, wie man es heute verstehen kann, um den ursprünglichen Sinn nicht zu verfehlen. Es geht nicht um das, was man landauf landab für Glauben hält, sondern um die wahre Botschaft.

Sicherlich führt das zu einer gewissen Krise. Aber „Krise“ bedeutet im Ursinn „Unterscheidung“. Also wahr und falsch sind zu trennen, wichtig und unwichtig Was ist Gottes Wort und was ist Menschenwort. Allerdings ist nicht jeder zum Glauben geschaffen - aber jeder kann darum bitten.

 

Hier wird eine Bibelauslegung für Nicht-Theologen versucht. Fremdwörter wurden dabei weitgehend vermieden. Doch ganz ohne Fachausdrücke kommt man nicht aus. Diese sind dann aber möglichst allgemeinverständlich erklärt. Auf Anmerkungen habe ich wegen der besseren Lesbarkeit verzichtet. Dieses ist kein wissenschaftliches Werk, aber ich hoffe, daß die Spe­zia­listen dennoch zufrieden sind. Aber auch in der Theologie gilt: drei Theologen und vier Meinungen.

Ich wünsche den Lesern einen möglichst weitgehenden Gewinn beim Studium meiner Ausführungen. Und wer die Absicht hat, vielleicht Theologie zu studieren, der kann hier eine gewissen Einblick gewinnen von dem, was auf ihn zukommt (Vergleiche auch das Vorwort zu der Datei „Predigt“).

 

 

Inhalt:

Biblizistische Auslegung

Kritische Auslegung

Hermemeutik

Altes Testament

Evangelisten (Synoptiker)

Matthäus

Markus

Lukas

Geburt Jesu

Lehre Jesu

Gleichnisse

Wirken Jesu

Johannesevangelium

Leiden und Auferstehung

Apostelgeschichte

Urgemeinde

Briefe des NT

Zeitschriften

Bibelthemen im Fernsehen

Kleine Glaubenslehre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biblizistische Auslegung

 

Biblizistisches Bibelverständnis

Auch in den evangelischen Kirchen gibt es „Fundamentalisten“, die auch „Evangelikale“ oder „Biblizisten“ genannt werden. Sie finden sich vor allem in den Freikirchen und in der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Diese Christen vertreten allein eine wörtliche Bibelauslegung: „Alles soll so geschehen sein, wie es da steht!“ Und das Argument ist dann auch: „Glauben muß ich sowieso, wenn ich eine Beziehung zu Gott haben will. Da kommt es nicht gar nicht darauf an, wieviel ich glauben muß. Dann glaube ich auch, daß Adam und Eva wirklich gelebt haben und alles so erlebt haben, wie es in der Bibel steht!“

Dahinter steht aber die Angst, man könnte im Glauben wankend werden, wenn man nur an einer Stelle der „modernen Theologie“ nachgibt. Also verteufelt man diese in Bausch und Bogen und ist froh, daß man sich nicht damit auseinanderzusetzen braucht. Doch die Gefahr ist dann, daß man sich von den anderen Christen absetzt und am Ende eine außerkirchliche Gemeinschaft bildet.

Man muß auch bedenken: Diese bestimmte Art frommer Rede stößt heute viele Leute einfach ab. Sie wundern sich über die Leute, die meinen, sie hätten den Heiligen Geist allein gepachtet. Diese sprudeln dann alles Mögliche über andere her und lassen sie gar nicht zu Wort kommen. Sie wollen ein „Zeugnis“ von Jesus ablegen, gebrauchen aber dazu Worte, mit denen nur die Eingeweihten etwas anfangen können. Und das Ergebnis ist dann leider, daß man nur über sie lacht und nicht auf die Sache hört.

Diese Leute meinen auch oft, den Handlangerdienst der Boten Gottes - also der Pfarrer - nicht nötig zu haben. Sie wollen sich selbst bedienen und auf die Überlieferung verzichten. Sie sagen: „Wir sind selber satt und reich, wir haben unsere eigenen geistlichen Erfahrungen, wir brauchen keinen Verwalter und keine Ämter. Wir brauchen nur die Bibel aufzuschlagen, und dann gibt uns der Geist Gottes schon ein, was wir reden sollen. Wir brauchen keine Zufuhr von außen, denn wir haben ja ein reiches Innenleben, wir erfahren den Geist Gottes auf direktem Wege und kommen so zum Glauben!“

Und dann probieren sie so etwas wie das „Zungenreden“, von dem auch das Neue Testament spricht. Sie behaupten. „Jesus hat zu mir gesprochen!“ Aber wenn jemand wirklich eine solche Erfahrung gemacht haben sollte, dann würde er sie lieber für sich behalten, anstatt damit hausieren zu gehen.

Um in der Niedrigkeit Jesu immer wieder seine Herrlichkeit zu entdecken, dazu bedarf es gar keiner spektakulären Erlebnisse, wie das die Gegner des Paulus fordern (2. Kor 12,1-10). Ein nüchterner und sachlicher Glaube, der sich an der Bibel orientiert und nicht auf besondere Erlebnisse wartet, ist das Normale. Paulus hatte auch außergewöhnliche Glaubenserlebnisse aufzuweisen. Aber darauf kommt es nicht an, damit will er sich nicht rühmen.

Die Reformatoren betonten, daß die Schrift einzige und ausschließliche Quelle der Verkündigung des Evangeliums ist. Die Orientierungskraft der Bibel ist allerdings nicht etwas, über das wir verfügen könnten, etwa durch die Behauptung, jedes Wort der Bibel sei von Gott eingegeben („Verbalinspiration“). Sicherlich ist die Bibel von Gott „inspiriert“. Aber er hat dazu Menschen benutzt, die getrieben vom Glauben an ihn diesen Glauben in Worte und Geschichten fassen wollten.

Gottes Geist schaltet jedoch die menschliche Begrenztheit der Zeugen nicht aus. Gott spricht manchmal durch fehlerhafte Grammatik menschlicher Sprache. Das göttliche Wort gibt es nicht pur. Es verbirgt sich im unzulänglichen Menschenwort und läßt sich darin zugleich finden. Wo solche Spannungen geleugnet werden, wird Gewißheit zur falschen Sicherheit.

Die Bibel wird vor allem dann richtig gelesen, wenn sie von ihrer Mitte her verstanden wird, von Gott selbst, der Jesus in die Welt gesandt hat und uns in seinem Heiligen Geist nahekommt. Weil es aber um die Mitte geht, hat man auch die Möglichkeit, Teile von geringerer und größerer Wichtigkeit zu unterscheiden.

Jedes Glaubensbekenntnis ist falsch - und mag es noch so „rechtgläubig“ sein - wenn es nicht in eine wirkliche Antwort für die Nöte von heute übersetzt wird und wenn es nicht etwas einschließt, was unerwartet und alarmierend ist.

Manche versuchen auch, mit dem Begriff „Heilsgeschichte“ kritische Fragen abzubügeln. Sie meinen, Jesu Auferweckung sei innerhalb eines wunderbar einzigartigen Geschichtsverlaufs einzureihen. Aber dann muß man einsichtig machen, wann in diesem Geschichtsverlauf vom Wunder und wann von Geschichte die Rede sein muß.

 

Die Kirche kann es durchaus ertragen, wenn es verschiedene Strömungen in ihr gibt. Manche Menschen werden eben eher von dem streng biblizistischen Bibelverständnis angezogen, andere wiederum sind froh, wenn das alles auch etwas mehr wissenschaftlicher gesehen wird. Wichtig ist nur, daß sich beide Seiten gegenseitig gelten lassen. Doch da fehlt es meist bei den „Biblizisten“: Der Pfarrer wird sie anerkennen und oft als eine Bereicherung seiner Arbeit ansehen, vor allem wenn sie auch aktiv in der Gemeinde mitarbeiten. Aber es gibt auch die anderen, die den Pfarrer als „ungläubig“ ansehen und dann ihr Kind nicht von ihm taufen lassen wollen oder nicht bei ihm zum Abendmahl gehen.

Eine unterschiedliche Theologie muß nicht unbedingt zu einer Spaltung führen. Am Anfang der Kirche gab es auch ganz unterschiedliche Ausprägungsformen des Glaubens. Man muß nur einmal das Neue Testament aufmerksam lesen, dann wird das sehr deutlich. Aber dennoch wußten sich die Christen damals eins im Bekenntnis zu dem gleichen Herrn und im Lob Gottes.

Die Bibel ist nicht nur gemeinsames Fundament der christlichen Kirchen, sie ist auch Zankapfel. Spätestens bei konkreten ethischen oder theologischen Fragen zeigt sich, daß das Bibelverständnis oft höchst unterschiedlich ist: Mit der Bibel wird die Frauenordination begründet und abgelehnt oder eine hierarchisch aufgebaute Verfassung der Kirche gefordert und ebenso als „unbiblisch“ beurteilt.

Es gibt Unterschiede in der Kirche, die kann man tragen und auch überwinden. Entscheidend ist, ob die Einheit des Gottesdienstes gewahrt bleibt. Wenn Christen miteinander beten, dann kann es mit ihren Gegensätzen nicht schlimm sein. Wenn aber jeder für sich betet und dabei den anderen verdammt, dann ist der Riß da. Spaltungen dieser Art aber stehen in offenem Widerspruch gegen das Bekenntnis zu Christus. Vernünftige Christen sagen: „Ich würde diesem bekannten Evangelisten ja zugestehen, daß er ein wahrhaftiger Christ ist. Aber ob er es auch u n s zugesteht?“ Nur wenn wir den anderen gelten lassen in seinem Anderssein, bleibt die Einheit gewahrt.

Aus diesen evangelikalen Kreisen kommen durchaus auch Theologiestudenten, die ein Pfarramt anstreben. Die sitzen dann in den Pausen zwischen den Vorlesungen zu­sammen und kritisieren den Professor wegen seiner wissenschaftlichen Aussagen. Sie verteidigen zum Beispiel den wörtlichen Sinn der Wundergeschichte aus Johannes 2 (Hochzeit zu Kana) oder sagen ganz naiv, sie hätten noch gar nicht über die Geschichtlichkeit dieses Wunders nachgedacht. Sie sagen dann: „Von unserem Verstand her gesehen ist so ein Wunder unmöglich. Aber Jesus konnte so etwas!“ Damit würdigt man Jesus aber herab zu einem bloßen Mirakeltäter und Zauberer. Und man verlegt alles in die Vergangenheit: „Das war damals so, heute hat mir das nichts mehr zu sagen!“

Zwar kommt es nicht auf die einzelnen Geschichten an, sondern allein darauf, daß Jesus Christus der Herr meines Lebens ist. Aber warum soll man es sich denn unnötig schwer machen, wenn man an den Wortsinn so einer Erzählung gar nicht zu glauben braucht?

Wenn man sich nur auf die Tradition der Kirche beruft, hat man natürlich immer festen Boden unter den Füßen, das beweist der Katholizismus. Man ist sich selbst genügsam und unabhängig von den Wegen und Irrwegen der Evangelienkritik und widerstandsfähig gegen die problematischen und gefährlichen Ergebnisse der Jesusforschung. Aber hier haben sich diese kirchlichen Kreise auf den Thron ihres Herrn gesetzt. Da wird dann Paulus zum Richter über die Jesusüberlieferung bestellt. Da wird das fleischgewordene Wort durch das geschriebene Wort verdrängt und die Urbotschaft Jesu durch die Lehrtradition. Nach den Zehn Geboten sollen wir uns kein Bildnis von Gott machen. Sollen wir da wirklich an Stelle des geschichtlichen Jesus von Nazareth ein vom Glauben geformtes Christusbild anbeten?

 

Ein radikaler Atheist, der sich sicher ist, daß es Gott nicht gibt, liegt genauso falsch, wie ein Christ, der behauptet, er habe nie Zweifel. Katholiken sagen gern, daß irgendwo auch ein Geheimnis bleiben muß. Deshalb glauben sie auch an die Jung­frauengeburt im wörtlichen Sinn. Glauben bedeutete ja, daß es etwas Unerklärbares gibt, sonst sei es kein Glaube. Doch es ist die Frage, wo der Glaube beginnt. Er beginnt nicht bei der Jungfrauengeburt oder dem Gehen Jesu auf dem Wasser. Es ist sogar die Frage, ob man einverstanden ist mit der Lehre des Paulus vom Opfertod Christi zur Versöhnung für unsere Sünden, wo Gott doch ein Gott der Liebe ist. Aber das alles kann man nicht mit Vernunft erklären, den Sprung zum Glauben muß man schon tun. Aber wenn man dann glaubt, dann heißt das nicht, daß man jetzt auch an die Wunder im Neuen Testament oder gar an die Jungfrauengeburt glauben muß.

 

Beispiel: Gleichgeschlechtliche Partnerschaft

Die wörtliche oder sinngemäße Auslegung der Bibel spielt eine Rolle in einer ganz aktuellen und praktischen Frage: Sollen gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden? Dürfen lesbische Pfarrerinnen und schwule Pfarrer mit ihren Lebensgefährten zusammen im Pfarrhaus wohnen? Kaum ein Thema ist in der Kirche so umstritten wie das des Umgangs mit Schwulen und Lesben. Nicht nur in Deutschland, auch in der weltweiten Kirche gerät die Frage schnell zur Bekenntnisfrage.

Die Bibel stellt seit Adam und Eva die heterosexuelle Partnerschaft heraus. Die gleichge­­schlechtliche Liebe wird gelegentlich erwähnt, aber verdammt. Wenn der Sinn des Menschseins im Kinderkriegen bestehen soll, dann kann es nur die heterosexuelle Liebe geben. Wenn aber auch die menschliche Zuneigung einen hohen Stellenwert haben soll, dann kann man auch in der gleichgeschlechtlichen Beziehung einen Sinn sehen. Wenn man die Erzählungen von Adam und Eva als Tatsachenberichte sieht, wird man die gleichgeschlechtliche Liebe als widergöttlich sehen.

Bis heute rührt gleichgeschlechtliche Liebe an ein Tabu, weil letztlich davon auch der Grundsatz betroffen ist, wie denn die Bibel zu verstehen sei - wörtlich oder dem Geiste nach. Zudem gibt es neben den theologischen Differenzen auch manche unverständlichen Ängste, die eine sachliche Diskussion erschweren.

Natürlich läßt sich das unterschiedliche Schriftverständnis nicht einfach aus der Welt schaffen. Trotzdem muß es eine Regelung geben, die das Interesse der gleichge­schlecht­lichen Paare aufnimmt - und das ist keine Frage des Zeitgeistes, sondern der geistlichen Begleitung. Grundsätzlich sollte sich die Kirche einem erbetenen Segen nicht verschließen. Wenn ein Pfarrer das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, dies abzulehnen. Das ist nicht nur ein guter Kompromiß, sondern schafft Sicherheit für alle Beteiligten. Schließlich geht es hier um Menschen, die ihren gemeinsamen Weg bewußt unter den Segen Gottes stellen wollen - eigentlich ein Grund zur Freude.

 

Zu wörtliches Verständnis zeitbedingter Aussagen:
Laura Schlessinger ist eine US-Radio-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen, Ratschläge erteilt. Kürzlich sagte sie, als achtsame Christin, daß Homosexualität unter keinen Umständen befürwortet werden kann, da diese nach 3. Mose 3, 18- 22 ein Greuel wäre. Der folgende Text ist ein offener Brief eines US-Bürgers an Dr. Laura, der im Internet verbreitet wurde:
7Liebe Dr. Laura
Vielen Dank, daß Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen. Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebens­wandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, 18-2, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte.
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind.
a) Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (3. Mose 1,9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Ge­ruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
b) Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in 2. Mose 21,7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
c) Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (3. Mose 15,19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
d) 3. Mose 25,44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, daß würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?
e) Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. 2. Mose 35,2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: Bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?
f) Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Greuel darstellt (3. Mose 11,0), sei es ein geringerer Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
g) In 3. Mose 21,20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt es hier ein wenig Spielraum?
h) Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch 3. Mose 19,27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?
i) Ich weiß aus 3. Mose 11,16-8, daß das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?
j) Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen 3. Mose 19,19 weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle / Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (3. Mose 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (3. Mose 20,14)
Ich weiß, daß Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zu­versichtlich, daß Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Sie uns daran erinnern, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich ist. Ihr ergebener Jünger und bewun­dernder Fan   Jake.


 

Beispiel: Kindererziehung:

In Sprüche 19,18 heißt es: „Züchtige deinen Sohn, solange Hoffnung da ist!“ Das wird in biblizistischen Kreisen als Aufforderung ausgelegt, Kinder auch heute zu züchtigen, wenn man das für notwendig hält. Es gab sogar ein Buch, das dafür genaue Anweisungen gab. Es wurde erst Ende April 2013 verboten, weil die körperliche Züchtigung von Kindern seit dem Jahre 2000 im Strafgesetzbuch verboten ist. So ein Bibelwort ist zeitbedingt und für uns heute nicht mehr verbindlich.

Da ist es lohnender, auf die Bibelstellen zu hören, die von der Züchtigung durch Gott reden, zum Beispiel Sprüche 3,11-12: „Mein Sohn, verwirf die Zucht des Herrn nicht und sei nicht ungeduldig, wenn er dich zurechtweist, denn wen der Herr liebhat, den weist er zurecht!“ oder Hebräer 12,6: „Wen der Herr liebhat, den züchtigt er, und er straft einen jeden Sohn, den er aufnimmt!“

 

Zeugen Jehovas:

Die Bibelforscher - auch „Zeugen Jehovas“ genannt - kennen unbestrittenermaßen die Bibel sehr genau, jedenfalls bestimmte Stellen in ihr. Aber sie legen sie ohne den Zusammenhang und in der Regel völlig verdreht aus. Weil das Wort „Weihnachten“ nicht in der Bibel erwähnt ist, feiern sie das Fest nicht. Und natürlich spielt die Endzeiterwartung eine große Rolle. Weil in der Offenbarung des Johannes 144.000 „Versiegelte“ erwähnt werden (Offb 7,4), halten sie sich allein für diese Erwählten. Weil die Zahl ihrer Mitglieder aber inzwischen höher ist, ergibt sich das Problem, daß sich doch nicht alle Mitglieder des ewigen Lebens gewiß sein können. Dabei muß man nur verstehen, daß diese Zahl symbolisch gemeint ist, nämlich zwölfmal die zwölf Stämme des Volkes Israel, also das ganze Volk Gottes ohne Beschränkung auf eine konkrete Zahl. So wissen die „Zeugen Jehovas“ zwar etwas, sind aber doch für das Eigentliche blind und kommen nicht zur Anbetung Jesu.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kritische Auslegung

 

 

Allgemeine Geschichtswissenschaft

Auslegung der Bibel ist ein Teil der Geschichtswissenschaft. Um diesem Anspruch aber gerecht zu werden, ist zunächst einmal ein Blick auf die allgemeine Geschichtswissenschaft nötig.

 

Die Geschichtswissenschaft stellte folgende Regeln auf:

1. Alle geschichtlichen Vorgänge können nur auf geschichtliche Ursachen zurückgeführt werden. Jeder Griff über das Geschichtliche hinaus ist unzulässig, also zum Beispiel die Berufung auf übernatürliche Ursachen

2. Wenn für eine geschichtliche Erscheinung zwei Erklärungsmöglichkeiten bestehen, dann ist jeweils die natürlichere auch die wahrscheinlichere und darum der unwahrscheinlicheren vorzuziehen.

3. Es gilt vor allem, die rechte historische Reihenfolge der Quellen herauszuarbeiten, sich über die allmähliche Trübung der geschichtlichen Erinnerung und das Eindringen fälschender Tendenzen klar zu werden. Die zweckreinste Darstellung wird normalerweise die älteste Quelle sein, aus ihr kann man das tatsächliche Geschehen entnehmen.

4. Das Älteste kann nie unbesehen zur Norm gemacht werden. Glaubensfragen können nicht durch eine Aufklärung ihrer Entstehung entschieden werden.

5. Die geschichtliche Welt ist nur eine, ihre Möglichkeiten sind nicht unendlich. Die Wahrscheinlichkeit, daß sich etwas prinzipiell Neues, Einmaliges und Unwiederholbares in ihr ereignet, ist denkbar gering. Daraus ergibt sich der Zwang, für religiöse Erscheinungen eine religionsgeschichtliche Parallele zu suchen, damit diese nicht mehr mit dem Anspruch der Einmaligkeit auftreten können

 

Für die Bewertung schriftlicher Quellen gelten folgende Grundsätze:

I. Ä u ß e r e K r i t i k

1. Frage, ob eine Quelle als solche verwendet wird wie sie verwendet werden darf.

2. Feststellen der Entstehungszeit:

 a. Äußere Merkmale: Verwendungsart und Bearbeitung des Materials, Fundort der Quelle, sprachliche Form (gibt aber nur Auskunft über den Zeitpunkt der schriftlichen Abfassung).

b. Innere Merkmale:

Zeitangaben in der Quelle selbst: Erwähnungen von Ereignissen, Persönlichkeiten, Entdeckungen, Naturereignissen, politischen Ereignissen, Nichterwähnung bestimmter Ereignisse. Charakteristischer Schreibstil (eventuell zeitlich unterschiedliche Quellen), Aussteller der Quelle, Empfänger, Zeugen.

c. Grenzpunkte der Datierung: Frühester Zeitpunkt - spätester Zeitpunkt.

3. Feststellung des Entstehungsortes:

a. Geschichte der Schicksale zum Beispiel eines Bauwerks, einer Handschrift, usw.

b. Angaben in der Quelle selbst: Prägestempel auf Münzen, Kanzleistil, Tages- und Jahreszählung, Vertrautheit mit örtlichen Verhältnissen, geographische Bestimmung der Ortsnamen, die anderen gleichen.

4. Feststellung des Urhebers:

Der genannte Verfasser hat selbst geschrieben (Autograph): Vergleich mit sicherlich echten Handschriften, Korrekturen, Einschübe, Verbesserungen, Änderungen, Ergänzungen. Viele Schriften sind aber nur diktiert (Hörfehler, Mißverständnisse).

Innere Merkmale: Rechtschreibung (besonders bei Personennamen), Stilvergleichung (Vorliebe für Worte, Wendungen, Satzbau, Redefiguren.

Gerade die unwichtigen Nebensächlichkeiten zeigen die Eigenart (Individualität). Wichtig ist vor allem, was der Autor nicht bemerkt hat.

Wiederholungen deuten auf eine spätere Zusammenstellung mehrerer Quellen hin.

Häufig werden auch Decknamen verwandt („maskierte Literatur).

5. Feststellung der Echtheit:

Fälschung echten Materials und Irrtum erkennt man an Widersprüchen. Deshalb untersucht man die Hilfsmittel, die Schrift (Rechtschreibung, Abkürzungen), allzu große Häufigkeit der Eigenarten. Innere Merkmale sind falsche Zeitangabe (Anachronismus), das zufällige Auffinden usw.

Herausgearbeitet werden müssen die Person des Fälschers und der Zweck der Fälschung. Fast jeder Fälscher macht unvorhergesehene Fehler, die ihn überführen. Bei Einfügungen (Interpolationen) ist es wichtig, das Original zu finden, sonst muß man Stilvergleich und Sachkritik anwenden.

6. Feststellung der gegenseitigen Abhängigkeit der Quellen:

Durch Abwägung des Formelguts und der Individualität kann man Stammbäume aufstellen. Weitere Hinweise geben die lokale Herkunft und die Entstehungszeit, außerdem gedankenlose Übernahmen aus den Quellen.

7. Textvergleichung: Herstellung des möglich besten Textes, eines Stammbaums (mit

      Feststellung des Archetypus).

8. Quellenausgabe (Edition): Abgedruckt wird die „beste“ Handschrift. Textabweichungen

werden im „Apparat“ (Anmerkungen unten auf der Seite) angemerkt. Auch die                         Entstehung des Textes und die Verbesserungen des Verfassers (oder anderer) sind kenntlich zu machen

Eine Faksimileausgabe (Fotografie der Originalseiten) wäre das Beste, ist aber meist nur schwer lesbar. Wichtig ist eine vernünftig Einteilung, die richtigen Satzzeichen und die richtige Rechtschreibung. Die Benutzung wird erleichtert durch Register, Glossar (Stichworterklärung), Konkordanz (Fundstellen bestimmter Worte) und Einleitung.

 

II. I n n e r e K r i t i k

1. Zur Feststellung des Tatsächlichen sind Überreste zuverlässiger als Zeugnisse, die

an sich schon subjektiv sind, während bei den Überresten der Forscher subjektiver ist.

2. War der Verfasser in der Lage, die Wahrheit zu berichten? Eine Rolle spielen:

Zensur, Umwelteinflüsse, Lebensstil, gesellschaftliche Übereinkunft (Konvention), Kulturepoche, Beruf, Charakter, Geschlecht, Alter, Bildung, Beeinflußbarkeit, Gedächtniskraft.

3. Hat der Verfasser die Wahrheit berichten wollen? Es gibt Rechtfertigungsschrif­ten,

Huldigungen, Werbematerial, Predigten. Aber im Kern stecken doch viele Tatsachen.

4. Inhaltliche Vergleichung der Quellen: Zwei voneinander unabhängige Zeugen berichten

den wahren Sachverhalt, wenn sie ungefähr gleichzeitig sind.

Wichtige Ereignisse, die 200 Jahre lang von keinem Schriftsteller erwähnt werden, sind als nicht geschehen zu betrachten, wenn sie nicht absichtlich übergangen wurden oder völlig selbstverständlich waren.

5. Aufbau und Zusammenfassung: Einordnung der Nachricht in den sachlichen (Kulturmilieu) und seelischen (Persönlichkeit) Zusammenhang durch Einfühlung, Kombination und Hypothese.

 

Die historische Methode:

Der Wissenschaftler ist nicht Schüler oder Zuhörer, sondern er will wissen und forschen und er findet Widersprüche. Wissenschaft beginnt mit dem Zweifel. Dieser ist aber nicht verwerflich ist, weil die Wahrheit oft verdeckt ist. Der Zweifel treibt zum Nachdenken, er befreit von Vorurteilen und ist Durchgangsstadium zur Wahrheit. Aber irgendwo muß er auch eine Grenze haben, er darf nur ein „methodischer Zweifel“ sein.

In der Mehrzahl sind uns die geschichtlichen Tatsachen überliefert durch die Sprache, also durch einen Text. Da kommt es eben genau auf Worte an und auf die Frage, welche Sache steht hinter dem Wort. Geschichtskenntnis kann nicht verzichten auf philologische Kleinarbeit.

Außerdem kann man nur vom Urtext her verstehen, man muß auf die Quellen zurückgehen. Im Eingehen auf Texte werden dann Wahrheiten erkannt bis in letzte Tiefen: In den Texten kommt die Wahrheit zum Sprechen.

Der Forscher fragt nach den Quellen, aber das Endziel ist die Erkenntnis der historischen Wirklichkeit, die ausmündet in eine Darstellung durch den Forscher. Der Gang der historischen Forschung ist ein Kreislauf, der vom Forscher ausgeht und bei ihm endet. Die historische Methode versucht, die naturnotwendigen Fehler in diesem Kreislauf einzuschränken, um so der historischen Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen.

Die äußere Kritik fragt danach, ob die Quelle das ist, was sie zu sein behauptet oder wofür wir sie halten. Die innere Kritik richtet sich auf das Verhältnis von Quelle und Tatsache (Faktum), sie stellt die Wahrheitsfrage.

Jeder ist ein Kind seiner Zeit: Wunderglaube, Vernunftglaube, Fortschrittsglaube wirken natürlich auf die Darstellung ein, ebenso politsicher Druck und die allgemeine gesellschaftliche Einstellung (zum Beispiel Puritanismus). Man muß nach dem Ort fragen, wo der Verfasser lebte, welche Gesellschaftsordnung es damals gab und welche Vorkenntnisse und welchen Charakter er hatte.

Ergebnis der inneren Kritik ist allein das Bereitstellen des Materials. Wie es tatsächlich war, können wir nicht mehr erkennen, denn zwischen Wirklichkeit und Quelle steht immer der Verfasser. Dieses persönliche (subjektive) Element muß durch die Kritik gewürdigt und gewertet werden. Nur durch die Vergleichung mehrerer Quellen kann das subjektive Element weitgehend eingeschränkt werden.

Die historische Methode soll die Echtheit der Aussagen feststellen, sie werten und in den Zusammenhang stellen. Es geht dabei um rein theoretische Erkenntnis, nicht um existentielle Einstellung, obwohl natürlich die Auswahl und Wertung des Stoffes ein existentieller Akt ist. Der Geschichtswissenschaftler kann sein eigenes Selbst nicht auslöschen, er hat auch eine Meinung, aber keine Ideologie, er läßt auch andere Standpunkte gelten.

 

Methodische Regeln der Literaturanalyse (nach Bultmann: Geschichte der synoptischen Tradition): Regeln, wie man „echte“ Überlieferungen von späteren Zutaten trennen kann:

  • Der „Sitz im Leben“ bestimmt Umfang und Eigenart der schriftlichen Festschreibung der Überlieferung
  • Als zugleich entstanden anzusehen sind: Einheitliche Zielsetzungen (Konzeptionen) von Worten, die aus einer Situation heraus verständlich sind, und einheitliche Zielsetzung (Konzeption) von Situationen, die in einem Wort ganz aufgeschlossen werden
  • Stets zu unterscheiden ist zwischen Überlieferung (Tradition) und Überarbeitung (Redaktion)
  • Zu unterscheiden ist zwischen den grundlegenden und den schmückenden Motiven
  • Schematisierungen, Harmonisierungen, Differenzierungen und Konkretisierungen weisen auf einen später Zeitraum hin
  • Man muß erst die Gesetze der Überlieferung kennen, ehe man die Echtheit der Überlieferung der Textstücke prüfen kann.
  • Der einzelne Fall der literarischen Gattung darf nicht isoliert für sich betrachtet werden
  • Der literarische Charakter eines Stückes wandelt auch das Überlieferungsgesetz ab
  • Durch Ermittlung der Überlieferungstendenz muß man versuchen, noch vor den bereits festgeschriebenen Text vorzustoßen
  • Die Tradition hat die Tendenz, den Anspruch auf Echtheit auf alle Stücke auszudehnen
  • Stimmen Textteile mit Anschauungen und Einstellungen der Gemeinde überein, so ist zunächst mit einer schöpferischen („produktiven“) Bildung zu rechnen
  • Was aus der rückschauenden Betrachtung verständlich gemacht werden kann, ist Einfü­gung einer Weissagung in einen Text, nachdem der Verfasser davon Kenntnis hatte (vaticinium ex eventu)
  • Der Glaube einer Kultgemeinschaft ist bestimmend für die Legendenbildung

 

 Kennzeichen formelhaften Glaubensguts:

 1. Ausdrucksweise des Rahmens; „überliefern“, „glauben“, „bekennen“ (Röm 10,9)

 2. Randstörungen im umgebenden Text (Kontext) und in der Formel   (1.Tim 3,16)

 3. Keine syntaktische Einfügung in den Rahmentext                           (Apg 1,4)

 4. Andere Sprache, Ausdrucksweise und Stil als der Umgebungstext   (1. Kor 16,22)

 5. Wiederkehr der gleichen Formel (mit leichten Änderungen)        (2. Kor 5,21 und 8,9)

 6. Einfacher Satzbau (keine Partikel und Konjunktionen)                     (Apg 4,10)

 7. Satzmäßige (thetische) Gedankenführung (nicht argumentativ)

 8. Monumentalistischer Aufbau (Antithese)                                         (1.Tim 3,16)

 9. Rhythmische Gestaltung (nach Anzahl der Hebungen)                     (1. Kor 15,3)

10. Gliederung nach Strophen und Stichen                                      (Kol 1,15 folgende)

11. Namensprädikationen und Appositionen                                         (Ign. Eph 7,2)

12. Vorliebe für Partizipien und Relativsätze                                         (Röm 1,3-4)

13. Elementare Wahrheiten und Tatsachen der Heilsgeschichte als Thema, die in

   verbindlicher Weise dargestellt werden                                             (Ign. Trall 9,1-2)

 

 

 

Beachtung des geschichtlichen Hintergrundes

Die Einordnung der biblischen Ereignisse in die Weltgeschichte:

Das Volk Israel in der Antike :                                   (* in der Bibel genannte Ereignisse)

 

um 1800

Erzväter

um 1250

Auszug der Israeliten aus Ägypten

1207

Erstmalige Erwähnung eines Stammes „Israel“ auf einer Sieges-Stele von Pharao Merneptah

um 1200

Moses auf dem Sinai *

um 1200

Semitische Hirtenstämme sickerten von der Wüste aus ins westjordanische Bergland ein

um 1200 bis 1175

„Seevölkerwirren“ führen zum Niedergang des alten Griechenland und des Hethiterreichs: wirtschaftlicher Kollaps und Bevölkerungsschwund

1186

Troja brennt

1004 bis 965

David erobert Jerusalem, schafft sein legendäres ,,Großreich“ *

965 bis 926

Bau des Jahwe-Tempels unter Salomo

950

Jerusalem hat kaum 1000 Einwohner

926

Zerfall des jüdischen Großreichs in zwei Teilstaaten *

800

Polytheismus in Kanaan. Geopfert wird auf Höhenheiligtümern

um 750

Homer schreibt die „Ilias“

722

Assyrische Heere zerschlagen den Teilstaat Israel

um 720

Bau eines 540 Meter langen Wassertunnels in Jerusalem

639

Josia, König von Juda, bekämpft die Vielgötterei und setzt den Monotheismus durch *

664 bis 595

Letzte Blüte Ägyptens. Judäische Gastarbeiter arbeiten am Nil

um 600

Mutmaßliche Geburt Zarathustras

587

Der Babylonier Nebukadnezar zerstört den Tempel von Jerusalem. Beginn der Babylonischen Gefangenschaft  *

um 560

Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel *

538

Der Perserkönig Kyros erlaubt die Rückkehr der Juden aus dem Exil

515

Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem

5. Jahrhundert

Priester der Ziongemeinde verfassen vermutlich große Teile der Bibel

um 430

Herodots Geschichtswerk erwähnt weder die Israeliten noch den Gott Jahwe

4. Jahrhundert

Große jüdische Ghettos in den Metropolen Alexandria und Antiochia

334 bis 323

Feldzüge Alexanders des Großen

um 300

In Ägypten kursieren antisemitische Hetzschriften

3. Jahrhundert

Niederschrift der biblischen Bücher „Prediger“ und „Hoheslied“

ab 240

Älteste Papyrusrollen von Qumran

168

König Antiochos verbietet den Jahwe-Kult und die Beschneidung der Knaben

141

Wiederherstellung eines unabhängigen jüdischen Staates „Judäa“

94 bis 88

Bürgerkrieg zwischen weltlichen und religiösen Parteien in Judäa

63

Roms Feldherr Pompejus erobert die Hauptstadt

37 bis 4

Herodes I. - Statthalter von Roms Gnade

um 4 v. Chr.

Mutmaßliche Geburt Jesu *

66  n. Chr.

Jüdischer Aufstand gegen die römischen Besatzer

70  nCh

Zerstörung Jerusalems durch vier Legionen. Der Tempel wird angezündet und die Schätze werden nach Rom entführt

70  n. Chr.

Markus schreibt das erste Evangelium

 

Zachäus als Beispiel für die Wichtigkeit des geschichtlichen Hintergrundes:

In der Gemeinde des Lukas gab es wohl Geldleute, aber auch viele arme Leute. Die Regierung ist nicht gut auf die Christen zu sprechen und hat den Besitz einiger Christen beschlagrahmt. Deshalb fordert Lukas auch durch eine solche Geschichte auf: „Verteilt Geld, damit jeder genug hat. Verzichtet auf euren Reichtum, denn wir gehören doch alle zur Familie Gottes!“

Lukas hat wahrscheinlich den Vers 8 eingefügt als Illustration zu dem Gemeindebekenntnis Vers 10. Der Vers stört den Gang der Handlung, Vers 9 nimmt das Murren von Vers 7 wieder auf. Der Vers 9 ist ursprünglich ein Wort über Zachäus (er wird in der dritten Person erwähnt) nicht an ihn. Auch der Herrentitel in Vers 8 deutet auf lukanische Verfasserschaft.

Aber es geht Lukas nicht um Moral, sondern um das Neuwerden des Lebens, das sich in einem neuen Wandeln äußert. Die Menschen, die Zachäus bisher erpreßt hat, sind ihm jetzt Brüder geworden. Er erfüllt keine bittere Verpflichtung, sondern er gewinnt ja mehr als er gibt. Er befreit sein Leben von einer schweren Last der Vergangenheit. Er folgt keiner Ermahnung, sondern er handelt aus freiem Entschluß. Das ist der radikale Neuanfang, der allein dem Reich Gottes gemäß ist. Hätte es uns Lukas nicht so berichtet, wir müßten es uns so denken.

 

Bedeutung der Umwelt der Bibel

Die Betrachtung der Umwelt der Bibel wirft manches Licht auf bestimmte Dinge, die in den biblischen Schriften erwähnt werden. Immerhin haben wir einen Abstand von 2000 Jahren zu den neutestamentlichen Schriften. Wir können nicht mehr alles verstehen, was damals den Menschen selbstverständlich war. Vielfach ist eine ganze Wissenschaft nötig, um uns das Umfeld und den Sinn einer Bibelstelle zu erhellen. Beispiele:

(1.) Bei der Taufe Jesu wird eine Taube erwähnt, die den Geist Gottes darstellt. Sie war schon bei den Assyrern der Vogel, der die Wahl eines Königs symbolisierte. Damals wußte man genau, was mit diesem Vergleich gemeint war: Jesus ist so etwas wie ein König. Und für Jesus selber ist die Taube eine Bestätigung seines Auftrags.

(2.) Aus der Kenntnis des Landes weiß man, daß es in Palästina so gut wie kein Holz gibt und man zum Beispiel die Zedern für den Tempel aus dem Libanon holen mußte. Deshalb ist die Übersetzung falsch, Jesus sei ein Zimmermann gewesen wie und sein Vater. Eher war er Maurer oder - wie wir heute sagen würden - ein Baufacharbeiter.

(3.) Das Wort „Du sollst deinen Feind hassen“ (Mt 5,43) findet sich nicht im Alten Testament. Es ist nur in falscher Weise aus dem Gebot der Nächstenliebe gefolgert worden: Wenn man nur den Nächsten lieben soll, liegt darin nicht die Erlaubnis, den Feind zu hassen? So haben es auch die religiösen Eiferer im Qumrankloster am Toten Meer ausgelegt. Das Prinzip „Auge um Auge“ war damals schon ein Fortschritt, es war besser als die doppelte Vergeltung oder die Blutrache. Zur Zeit Jesu überlegte man schon, ob man den Geschädigten nicht mit einer finanziellen Ersatzleistung zufriedenstellen könnte.

(4.) In der sogenannten Geschichte vom „Schalksknecht“ meint Petrus: „Wenn ich in einem solchen Fall siebenmal vergebe, dann habe ich doch eine Engelsgeduld, dann mußt du, Jesus, doch mit mir zufrieden sein!“ (Mt 18, 21). Nach der Lehre der jüdischen Schriftgelehrten sollte man zwei oder dreimal vergeben, und zwar immer wieder im gleichen Fall, also zum Beispiel wenn die gleiche Person mich immer wieder um Geld betrogen hat. Die jüdischen Denker fragten immer nach der Grenze und wollten eine bestimmte Zahl wissen. Aber Jesus sagt: „Unendlich, grenzenlos!“ Es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität.

(5.) Die Erzählung von der Hochzeit zu Kana hat eine Parallele in dem Weinwunder, das auch von dem heidnischen Gott Dionysos erzählt wird: In zwei seiner Tempel soll alljährlich zum Dionysosfest am 5./ 6. Januar Wein statt Wasser aus den Tempelquelle gesprudelt sein. Mit der Geschichte von der Hochzeit zu Kana aber bekennt sich die christliche Gemeinde zu dem, der mehr ist als Dionysos: „Was dieser heidnische Gott angeblich macht, das kann unser Herr schon lange!“ Es geht nicht um den Wein, sondern um Jesus. Er ist der Retter für alle Menschen. Aber seine Hilfe ist nicht eine platte Selbstverständlichkeit. Wir erleben Jesus zwar oft als freigiebigen Spender. Aber einklagen können wir das nicht. Es muß uns schon um ihn selbst zu tun sein.

(6.) Bei der Kreuzigung wird ausdrücklich vermerkt wird, der Rock Jesu sei ungenäht gewesen, dann erinnert das an das Obergewand des Hohenpriesters. Solche Dinge muß man wissen, um die Symbolik einer solchen Angabe feststellen zu können. Nur ist Jesus ein Hoherpriester, der sich sogar für die Seinen zum Opfer weiht.

(7.) Jesus hängt am Kreuz, während im Tempel die Passahlämmer geschlachtet werden. Dort sind es viele Lämmer, hier ist es das eine Lamm, das der Welt Sünde trägt und stellvertretend für die anderen stirbt.

(8.) In Offenbarung 5,9 heißt es: „Dieses Lamm allein ist würdig, die sieben Siegel zu öffnen, denn es hat mit seinem Blut die Menschen aus allen Völkern erkauft!“ Dazu muß man den Hintergrund kennen: Der Kaiser Domitian war nicht würdig. Er ließ sich zwar wie ein Gott verehren und hatte überall Gottesdienste zu seinen Ehren eingerichtet. In der kaisertreuen Stadt Ephesus (in deren Nähe sich Johannes ja aufhielt) wurde er besonders unterwürfig verehrt. Aber aller Macht- und Prachtaufwand des Kaisers war eben nur eine kümmerliche und lächerliche Nachahmung des göttlichen Gottesdienstes. Ein Kaiser ist eben kein Gott!

 

 

Wissenschaftliche Theologie

Als angehender Pfarrer muß man durch ein Theologiestudium, das für viele nicht so ohne ist. Sie kommen vielfach noch mit ihrem Kinderglauben, etwas angereichert durch die Konfirmandenzeit und den Religionsunterricht. Und dann wird ihnen von den Professoren erklärt, daß das „alles“ nicht so gewesen ist, wie es wörtlich da steht und wie man es als naiver Leser erst einmal hinnimmt. Das hat manchen schon in eine Krise geführt.

 

Theologiestudium:

Da gilt es dann, einen Professor zu finden, der auch wieder aufbaut. Er wird nichts abstreichen an den Ergebnissen der historisch-kritischen Bibelauslegung. Aber er wird es dann auch wieder verstehen, die einzelnen Teile zusammenzusetzen zu einem Ganzen. Er wird auf das hinweisen, was wirklich wichtig ist, was schon damals mit den Texten gemeint war und was auch heute noch gilt. Er wird auf das Zeitbe­dingte verzichten, das heißt: Er wird es nur zur Kenntnis nehmen, aber als für nicht wichtig für den Glauben bezeichnen. Dafür wird er umso mehr das herausheben, was auch heute noch eine Hilfe am Glauben ist.

Die Theologen, die sich wissenschaftlich mit der Bibel und dem Glauben beschäftigen, geraten tatsächlich schon etwas in Gefahr. Da kann man leicht vor lauter Einzelheiten das Eigentliche übersehen. Da achtet man nur darauf, was über die Frauenfrage oder über die Dritte Welt aus einem Bibeltext zu entnehmen ist. Man hat seine Lieblingsthemen, die man wiederfinden will. Aber man läßt das Wort Gottes nicht mehr zu sich sprechen.

Es ist gut, wenn wir die Bibel lesen. Und wir können sehr viel aus ihr entnehmen für unseren Glauben und unser Leben. Aber wir sollten auch nicht auf den Dienst der theologischen Wissenschaft verzichten. Sie kann die eigene Erkenntnis sehr weitgehend fördern. Zumindest sollte man sie nicht von vornherein ablehnen, gerade in unserer heutigen Zeit, wo unser Glaube von anderer Seite mit wissenschaftlichen Mitteln angegriffen wird. Da müssen wir gerüstet sein und eben auch mit wissenschaftlichen Mitteln antworten können.

Natürlich schützt auch die Wissenschaft vor Torheit nicht. Die jüdischen Schriftgelehrten waren ja gerade theologische Wissenschaftler, die ihr eigenes Gedankengebäude aufgerichtet hatten und deshalb betriebsblind geworden sind. Man kann aber auch ohne Theologiestudium glauben. Jeder Pfarrer kann nur dankbar sein, daß er die Gelegenheit hatte, Theologie zu studieren. Es bringt in erster Linie einen persönlichen Gewinn, ein Gewinn, für den Studierenden persönlich, aber auch für die Kirche, und auch unabhängig von der Ausbildung für einen Beruf.

Aber wenn man sich erst einmal durch die äußere Hülle eines Theologiestudiums hindurchgearbeitet hat, dann kann man auch auf einen unvergleichlichen Schatz stoßen, den man vorher vielleicht gar nicht so vermutet hat. Das kann zum Beispiel jeder Theologiestudent erleben. Die von der Kindheit her vertrauten biblischen Geschichten erscheinen durch die wissenschaftliche Betrachtung plötzlich in einem ganz anderen Licht. Man merkt auf einmal, worauf es alles zu achten gilt und was die Hauptpunkte in einer Erzählung sind. So nach und nach beginnt man dann, etwas von dem Reichtum der Schrift zu ahnen.

Niemand sollte meinen, er könnte diesen Schatz jemals vollständig haben. Es wird immer noch etwas zu entdecken geben. Auch die Ansichten ändern sich im Laufe der Jahrzehnte. Einmal wird dies und einmal dies wieder mehr betont. So wird niemals einer die Bibel ganz in den Griff bekommen, und sei er noch so ein gelehrter Professor.

 

Schlichter Bibelleser:

Aber auch ein schlichter Bibelleser kann sich mit diesem Wort Gottes befassen und wird einen großen Gewinn davon haben. Zugang zur Bibel kann jeder gewinnen, weil Gott sich in ihr den Menschen zeigen will. Er will nicht verborgen bleiben, sondern seine Herrlichkeit offenbaren. Auch wer kein Theologe ist, ist dennoch ein vollwertiger Christ. Niemand braucht etwas mitzubringen oder vorauszuleisten. Beim Glauben weiß man nie alles, auch wenn man Theologie studiert hat und sogar den Doktor gemacht hat und Professor ist.

Aber auch der „Unwissende“ darf sich nichts einbilden und etwa sagen, ein Gebildeter könne keinen Glauben haben. Verstand gehört durchaus auch dazu. Die Kirche müht sich ja auch um die Gebildeten und lädt sie in die Akademien ein. Aber man muß auch mit ganz einfachen Worten sagen können, was Glaube heute bedeutet. Verklausuliert reden macht noch keinen Professor. Eine Predigt soll kurz und konkret sein, hat einmal ein Prediger gesagt („Man kann über alles predigen, nur nicht über 20 Minuten“).

Petrus hatte das Predigen nicht gelernt, er war ein einfacher Fischer. Aber die Fähigkeit‚ andere Menschen zu Gott zu führen, hängt nicht von der Menge des theologischen Wissens ab. Doch wer sich zur Verfügung stellt, dem gibt es Gott durch seinen Geist schon ein, was er reden soll. Dann kann er auch von Dingen reden, die über den eigenen Horizont hinausgehen und im wahrsten Sinne des Wortes „ergreifend“ wirken.

 

Gefahren:

Die Gefahren eines wissenschaftlichen Theologiestudiums muß man allerdings auch sehen. Theologen wissen oft gleich über alles Bescheid: „So war das und so ist das zu verstehen!“ Aber im Laufe eines Theologiestudiums kann man lernen, wie sehr man sich um die Wahrheit der Heiligen Schrift mühen muß, ehe man vorsichtig ein Urteil fällen kann. Ein unstudier­tes Gemeindeglied hat da oft Gedanken, die besser helfen als alle Bücher. Ein Theologe wird vielleicht manches anders formulieren, vorsichtiger und theologischer, aber alle haben doch den gleichen Herrn.

Jesus war den Hohepriestern und Schriftgelehrten ein Dorn im Auge. Als die offiziellen Theologen des jüdischen Volkes wissen sie nach ihrer Lehre genau, daß die Krüppel und Kinder in Glaubensdingen nicht mitreden können, sonst würden sie ja auch nicht so einen seltsamen Heiligen - der eher ein Aufrührer ist - wie einen König begrüßen. Man kann sich so richtig das Gesicht dieser klugen Männer vorstellen: Schriftgelehrte sind sie. Aber der unstudierte Bauarbeitersohn beweist ihnen aus der Schrift, daß gerade aus dem Munde der Säuglinge und Kleinkinder das Lob Gottes ertönt. Natürlich können Säuglinge noch nicht sprechen, aber es ist klar, was gemeint ist: Gerade die, die nach der allgemeinen Überzeugung nichts gelten, dienen dem Lob Gottes! (Mt 21, 14-17).

Auch wenn einer fünf Jahre lang Theologie studiert hat, kann er sich schwach und hilflos vorkommen wie ein Kind. Dann ist ihm doch beklommen zumute, wenn es heißt: „Am nächsten Sonntag hältst du den Gottesdienst!“ Aber wenn Gott sogar durch Kinder sein Lob verkünden läßt, da wird er durch eine übliche Predigt im Gottesdienst jedem Einzelnen etwas zu sagen haben. Jede Predigt ist nur menschliches Wort, aber Gott gibt uns die Verheißung, daß darin auch sein Wort enthalten ist.

 

Fremdsprachen:

Ein besonderes Kapitel sind die Fremdsprachen, die man als Theologiestudent lernen muß. Englisch und Französisch braucht man sowieso, um fremdsprachliche Literatur lesen zu können. Aber jetzt kommen auch noch Latein, Griechisch und Hebräisch dazu, damit man die Bibel im Urtext lesen kann.

Schon Luther hat die Kenntnis der alten Sprachen für nützlich angesehen, denn zu seiner Zeit war es nicht weit damit her. Man las die lateinische Bibel, aber Luther hat die Bibel aus dem griechischen Urtext übersetzt. Und Hebräisch schließlich hat er sich in mühevoller Arbeit von anderen Professoren der Altertumskunde und von Juden beibringen lassen.

Luther meinte: „Das Streiten gegen die irrigen Ausleger der Schrift läßt sich ohne Sprachen nicht tun. Die Christenheit muß solche Ausleger haben, die die Schrift treiben und auch zum Streit taugen. Darum sind die Sprachen nötig in der Christenheit, aber nicht jeder Christ oder Prediger muß ein solcher Ausleger sein!“ Und weiter: „Aller Mangel liegt aber an den Sprachen. Es wäre nicht anderes je geredet worden als Gottes Wort, wenn man nur die Sprachen gelernt hätte. Man kann sich nicht allein auf den Geist verlassen, wie das auch die Waldenser tun. Ich weiß wohl, wie sehr der Geist alles allein tut. Aber ich wäre einem Verständnis fern geblieben, wenn mir nicht die Sprachen geholfen und mich der Schrift sicher und gewiß gemacht hätten. Ich hätte auch wohl können fromm sein und in der Stille recht predigen, aber den Papst und die Sophisten mit dem ganzen endchristlischen Regiment würde ich wohl habe lassen sein, was sie sind!“ (Luther: „An die Ratsherren“).

 

Wie sehr es auf die Kenntnis der Sprachen ankommt, zeigt die heutige Auslegung einzelner Bibelstellen:

(1.) Das Wort Jesu in Matthäus 4,17 wird übersetzt: „Tut Buße!“ Jesus hat dafür wahrscheinlich das hebräische Wort „schuub“ benutzt, das so viel bedeutet wie „umkehren“. In der griechischen Bibel steht dort „metanoia“, das heißt: „denkt um“. In der lateinischen Übersetzung wurde daraus: „poe­ni­tentiam agite“, das mit „tut Buße“ wiedergegeben wird. Auch in der Lutherübersetzung steht das bis heute. Aber dahinter steht an sich das römisch-katholische Verständnis von Buße, die für die Katholiken ein Sakrament ist und mit bestimmten Buß­übungen verbunden ist (zum Beispiel „Vaterunser“ oder „Ave Maria“ beten). „Poenitentia“ heißt nämlich „Strafe“ - und das ist etwas ganz anderes als „ändert euren Sinn“. Der Einsatz von Strafen ist ein ganz anderer Weg zur Änderung des Lebens als die innere Umkehr. Diese wird jeden Tag wieder neu gefordert, während mit der Ableistung einer Strafe die Sache doch abgegolten ist.

(2.) Das Christuslied in Phil 2, 5-11 hat Luther noch übersetzt: „Jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war!“ Aber das sieht so aus, als werde Jesus hier als das große sittliche Vorbild hingestellt, eine Art Idealmensch, dem seine Anhänger alles nachzumachen versuchen - Jesus also nur als Lehrer im Sinne einer idealistischen Philosophie. Der Anfang dieses Bibelabschnittes wird aber heute so übersetzt: „Verhaltet euch untereinander so, wie es sich im Bereich Jesu Christi gehört!“ oder noch etwas freier „…..wie es sich in der Kirche gehört!“ Es ist nicht falsch, wenn man uns in einem positiven Sinne ansieht, daß wir zur Gemeinde der Christen gehören. Aber wie es in dieser Gemeinde zugeht, das richtet sich wesentlich nach dem Beispiel Jesu.

(3.) Der Taufbefehl Mt 28, 19 wird heute wiedergegeben mit: „Ich taufe dich auf den Namen!“ Früher verstand man hier „Im Namen Jesu“, also „im Auftrag Jesu“. Das ist natürlich nicht falsch. Aber gemeint ist vom griechischen Ursinn her, daß man „in den Namen Jesu hinein­getauft wird“, daß man also in den Bereich hineingenommen wird, wo der Name Jesu Christi gilt. Da man aber im Deutschen sich unter „in den Namen“ nicht recht etwas vorstellen kann, hat man als Kompromiß den Ausdruck „auf den Namen“ gewählt: Man wird also auf den Namen Jesu draufgeheftet, erhält noch einen zusätzlichen Namen!

Man braucht daher fast ein Wörterbuch, um Gott die Möglichkeit zu geben, uns durch sein Wort zu erreichen. Viele Wörter sind in ihrer genauen Bedeutung unbekannt, manche Stellen kann man zweifach übersetzen. Da ist schon eine exakte Forschung nötig.

 

Kopflastigkeit des Studiums:

Das Sprachenstudium führt aber zu einer gewissen Kopflastigkeit des Studiums. Aber die Kirchen sind wohl der Meinung: „Wer dieses Feuer des Sprachenlernens durchstanden hat, der ist auch ein guter Pfarrer!“ So wie man bei den Medizinern meint, wer alle lateinischen Ausdrücke für die Körperteile und Medikamente beherrscht, der ist auch ein guter Arzt. Und die über die Ausbildungsrichtlinien zu bestimmen haben, das sind ja alte Männer, die das selber ja auch haben durchmachen müssen und es nun den jüngeren Studenten nicht ersparen wollen.

Man hat fast den Eindruck, durch das Theologiestudium wolle man nachprüfen, welche intellektuellen Fähigkeiten der Kandidat hat. Wenn er diese durch verschiedene Prüfungen nachgewiesen hat, ist er aber noch lange kein guter Pfarrer. Angeblich soll er die Praxis erst im Predigerseminar und bei der Ausbildung als Vikar im Pfarramt lernen. Aber auch da bleibt vieles noch akademisch.

Das soll nun nicht heißen, daß man im Studium keine wissenschaftliche Ausbildung brauche. Auch eine gewisse Kenntnis der Kirchen- und Dogmengeschichte ist wahrscheinlich nützlich, weil man dann vielleicht davor bewahrt wird, vergangene Irrwege der Kirche noch einmal zu gehen. Auch das Deuten von Texten (Exegese) ist sicher sehr notwendig. Aber ob dazu jeder soviel Hebräisch, Griechisch und Latein lernen muß, wie es im Abitur der altsprachlichen Gymnasien gefordert wird, ist doch fraglich. Man kann schon fragen, ob man die Kenntnis der alten Sprachen von allen Pfarrern verlangen soll oder ob man eher auf eine praktische Berufsausbildung mehr Wert legt, auch schon auf der Universität.

Im Zuge der Universitätsreform haben die Kirchen es abgelehnt, daß auch das Theologiestudium aufgeteilt wird in einen Bachelor-Studiengang und einen Master-Studiengang: Das Theologie­studium könne man nicht mit anderen Studiengängen vergleichen. Angeblich reiche nicht einmal der Master-Abschluß als Ausbildung für das Pfarramt. Die Regelstudienzeit für das Fach Theologie soll auf 13 Semester festgesetzt werden (ich habe einschließlich zweier Sprachen mit zehn Semestern auskommen müssen). Doch man fragt mit Recht: Wie alt sollen da denn die „Berufsanfänger“ noch werden?

Und man muß auch fragen: Bereitet das übliche Theologiestudium wirklich auf den Pfarrer­beruf vor? Da muß man drei alte Sprachen lernen, die selbst im zweiten Examen noch verlangt werden, aber danach sofort vergessen werden. Da wird in der Vorlesung jedes Wort hin und her gewendet, anstatt einen Überblick über das ganze biblische Buch zu geben. Da werden die Dogmenkämpfe des Altertums nachvollzogen, anstatt auf die heutige Situation einzugehen.

Ein Pfarrer braucht heute aber ganz andere Fähigkeiten: Psychologie, Rednerausbil­dung, Gesprächsführung, Konfliktbewältigung, Sterbebegleitung, Veranstaltungslehre, Pädagogik, Erwachsenenbildung, Betriebswirtschaftslehre und Bauwesen - das wird im Beruf gebraucht.

Stattdessen bringen die Pfarrer aber das an, was sie gelernt haben, nämlich Bibelauslegung und Dogmatik. Da wird die biblische Geschichte in der Predigt lang und breit nacherzählt, Parallelen werden gezogen und die Umweltverhältnisse geschildert. Sachliche Fehler sind dabei trotz des langen Studiums nicht ausgeschlossen. Es wird immer nur gesagt, was der Text damals sagen wollte. Und der Schlußsatz lautet dann: „Was das für uns heute bedeutet, das müßt ihr euch nun selber überlegen!“

Doch mein akademischer Lehrer hat schon gesagt: „Wenn man nicht in den ersten drei Minuten die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewinnt, schlafen sie ein!“ Deshalb kommt es auf die geschickte Vermittlung an. Inhaltlich geht es um die grundlegende Aussage und nicht um jede Einzelheit. Was die Botschaft der Bibel ist, kann man auch in weniger als 13 Semestern lernen. Es ist ja nicht eine akademische Laufbahn ins Auge gefaßt, sondern eine ganz gewöhnliche Berufsausbildung. Und dafür braucht man den Rat erfahrener Praktiker und nicht den Elfenbeinturm einer hochgestochenen Theologie.

Pfarrer sind sowieso ein Sonderfall in unserer Gesellschaft: Sie haben ein gutes Einkommen, sie waren nie arbeitslos, sie haben nie eine Wohnung suchen müssen, sie haben meist keine Kollegen und ein Vorgesetzter kann sie auch nur selten mobben. Das führt auch heute immer noch zu einer gewissen Weltfremdheit und zu einer Abschirmung vom wirklichen Leben. Eine Überbetonung der Theologie und ein langes Studium verstärken das nur noch. Ein kürzeres Studium und dafür eine längere praktische Ausbildung würden die Kopflastigkeit der Theologen mindern. So wie in anderen Berufen wäre eine zweigleisige Ausbildung in „Schule“ und „Betrieb“ besser für die Ausbildung der Pfarrer.

 

Historisch-kritische Methode

Die neue Betrachtungsweise der Bibel hing vor allem damit zusammen, daß man auch in der allgemeinen Geschichtswissenschaft die Dinge neu sah. Seit etwa 1800 sind Theologen daran gegangen, die Bibel kritisch zu betrachten nach den Methoden der allgemeinen Literaturwissenschaft. So wie man etwa die Schriften Homers oder das Nibelungenlied untersucht, so betrachtet man auch die Bibel, nämlich als ein Stück Literatur. Man vergleicht dabei die verschiedenen überlieferten Handschriften, stellt Abschreibfehler fest, entdeckt spätere Zusätze und Übernahmen aus anderen Schriften usw. Ergebnisse der Altertumswissenschaft, der Sprachforschung und der Landeskunde wurden dabei einbezogen. Auch die Berichte nicht-biblischer Geschichtsschreiber sind zu vergleichen.

Man erkannte, daß die Bibel nicht ein geschlossenes Werk ist, sondern ein Sammlung von Schriften aus verschiedenen Zeiten. Die Inhalte sind auch ganz unterschiedlich, von ziemlich genauer Geschichtsschreibung über die Dichtung bis hin zu reinen Sagen und Mythen. Man erkannte, daß der schriftlichen Formulierung eine lange mündliche Erzähltradition vorausging. Man stellte mit der Zeit fest, daß ältere Texte später verändert wurden, weil man sie „verbessern“ wollte. Man nennt diese Betrachtungsweise „kritische Auslegung“. Vom Wortsinn her bedeutet das „unterscheidende“ Auslegung.

 

Erläuterung „historisch-kritisch“:

„Kritisch“ meint nicht, daß man Kritik an der Sache üben müßte. Vielmehr ist das „kritisch“ auf das „historisch“ bezogen. Die historischen Angaben unterliegen der Kritik, werden also sorgfältig geprüft. Ein Bibeltext wird nicht blindlings für wahr gehalten, sondern es wird zum Beispiel gefragt, ob er von Paulus stammt oder ob er wirklich nach Rom gerichtet ist. Je nach­dem wie die Antwort ausfällt, wird man den Text auch auslegen. Aber wir können einer Bibelstelle nicht allgemeine zeitlose Wahrheiten entnehmen oder einzelne Sprüche entnehmen als Beweisstücke für bestimmte Glaubenssätze.

„Historisch-kritische“ (d. h. unterscheidende) und „theologische“ Exegese gehören zusammen. Sie dürfen nicht als zwei verschiedene Möglichkeiten der Schriftbehandlung voneinander getrennt werden. Weil die Offenbarung Gottes in der Geschichte geschah, ist dieses Mit­einander notwendig. Dazu gehört auch die dauernde Spannung und Bewegung in der Schriftauslegung.

 „Kritische Auslegung“ bedeutet zunächst, einen gewissen Abstand zu nehmen zu der kirchlichen Tradition, in der man steht. Deshalb muß man diese Tradition noch nicht verlassen. Aber man braucht eine innere Freiheit, die es einem ermöglicht, über die eigene Tradition unbefangene geschichtliche Urteile abzugeben. Es gibt durchaus verschiedene gedankliche Möglichkeiten, die eine beschränkte (relative) Wahrheit haben. Über alle bisherigen Lehren muß man neu nachdenken, ohne sie sofort als fremdartig zu verurteilen.

Es gilt, das jeweils Besondere aus seiner geschichtlichen Verflochtenheit her­aus­zulösen. Am Ende einer solchen geschichtlichen Betrachtung wird man überlieferte Lehrbestände einschränken, umformen oder auch neu zu formulieren. Dabei muß nicht die ursprüngliche Absicht aufgegeben werden. Im Gegenteil kann durch den Dienst der kritischen Theologie die ursprüngliche Absicht der Aussage erst wieder zum Leuchten gebracht werden. Dadurch verliert die Bibel aber nichts von ihrer Wucht, sie ist nur lebendiger geworden.

 

Methoden:

Um zu den Worten vorzudringen, die wirklich von Jesus stammen, kann man verschiedene Methoden anwenden:

  • Textkritik: Vergleich der einzelnen Handschriften und Zusammensetzung eines wahrscheinlichen ursprünglichen Textes
  • Literarkritik: Untersuchung der Einheit des Textes, der Zusätze und Doppelungen. Hier ging es mehr um eine literarisch-ästhetische Betrachtung.
  • Bedürfnisse des Kultus, des Glaubens und der Gemeindedisziplin haben schon vor der Festlegung der Evangelien eingewirkt. Man hatte ja bald die Situation vergessen, in der das Wort von Jesus gesprochen wurde. Aber die Worte hat man gesammelt, ihnen eine Rahmen gegeben und eine Sinndeutung versucht
  • Die Christuspredigt der Gemeinde läßt sich nicht einfach auf das Selbstbewußtsein Jesu und seine Predigt zurückführen. Da haben noch verschiedene Aktionen und Reaktionen der beteiligten Personen mitgespielt. Vor allem ist mit der Zeit manches hinzu­gewachsen, was den Glauben verstärkt hat, aber vielleicht auch verwässert hat.
  • Jesus hat selber auch ausgelegt: Vom Doppelgebot der Liebe her prüfte Jesus die ganze alttestamentliche Gesetzgebung. Er lehnt alles ab, was der Näch­sten­liebe widerspricht, wie zum Beispiel die Reinheitsgebote. In ähnlicher Weise prüfte er Feiertagsgebot, Opfer und Ehescheidung.

 

Die Formgeschichte als entscheidende Methode:

Die Literatur, in der sich das Leben einer Gemeinschaft niederschlägt, entspringt aus ganz bestimmten Lebensäußerungen und Bedürfnissen dieser Gemeinschaft, die einen bestimmten Stil, bestimmte Formen und Gattungen hervortreiben. Jede literarische Gattung hat ihren „Sitz im Leben“, sei es der Kultus in seinen verschiedenen Ausprägungen, sei es die Arbeit, die Jagd oder der Krieg.

So gingen die Theologen Dibelius und Bultmann mit der aus der Literaturwissenschaft bekannten Methode der „Formgeschichte“ an die Evangelien heran: Man wollte die vorliterarischen Verhältnisse feststellen, fragte nach dem „Sitz im Leben“ und legte eine soziologische Betrachtungsweise an.

Schon im Alten Testament hat man erkannt, daß bestimmte Texte aus dem Gottesdienst stammen oder die Entstehung eines bestimmten Heiligtums erklären sollten. Andere Texte wiederum sind reine Hofberichterstattung, die das Königtum verherrlichen soll. So hat jede literarische Form an bestimmter Stelle ihren „Sitz im Leben“. Daraus ergibt sich: Bestimmte geistige Bereiche oder Lebenssituationen des Menschen erzeugen bestimmte Formtypen in der Literatur. Der Mensch sagt nie nur etwas Sachliches aus, sondern gibt immer auch etwas von seiner Situation und Fragestellung mit hinein. Jede Aussage ist damit irgendwo von dem Menschen her bestimmt, der diese Aussage macht.

Beim Neuen Testament fragte man nun: In welchen Formen und bei welcher Gelegenheit hat die Gemeinde diesen einzelnen Text verkündet? Deshalb mußte man etwas über die Gemeinde wissen. Bei manchen entstand der Eindruck, die glaubende Gemeinde habe dieses Wort erst nach Ostern erzeugt. Doch die Gemeinde hat die Worte Jesu nur vom Osterglauben her neu verstanden, aber erzählt wurden sie von vor Karfreitag - und zwar auch in den genannten literarischen Formen.

Bei der formgeschichtlichen Arbeit handelt es sich um einen Zirkel: aus den Formen der literarischen Überlieferung soll auf die Motive des Gemeinschaftslebens zurückgeschlossen werden, und aus dem Gemeinschaftsleben heraus sollen die Formen verständlich gemacht werden.

Die formgeschichtliche Betrachtung ist erst einmal für sich zu sehen und darf nicht gleich mit der „existentialen Interpretation“ im Sinne Bultmanns verbunden werden, weil dann das Eigene der Formgeschichte verlorengeht. Bultmann aber sieht in den literarischen Formen auch bestimmte Inhalte mitgeteilt, zum Beispiel in den Wundergeschichten.

Die Formgeschichte bedeutete das Ende der Leben-Jesu-Theologie des 19. Jahrhunderts, die Albert Schweitzer in einem Buch beschrieben hat. Jetzt konnte man wieder über die Dokumente als Zeugnisse des Glaubens reden und über sie als Zeugnisse des Jesusglaubens predigen. Aber andererseits muß man auch wieder sagen: Bei dieser Methode hat man in der ersten Zeit bei der Suche nach einzelnen Traditionsstücken zu sehr das Ganze aus den Augen verloren.

 

Bei der Nachverfolgung (Rekonstruktion) der Geschichte der synoptischen Tradition ging Rudolf Bultmann von der Analyse der einzelnen Traditionsstücke aus, während Martin Dibelius mit seiner „konstruktiven“ Methode von einer Anschauung von der Gemeinde und ihren Bedürfnissen ausging (Aber beide Methoden ergänzen einander, sagt Bultmann).

Martin Dibelius stellt heraus: Um die Lebensbedingungen und der ersten christlichen Gemeinde zu erschließen, bedarf es einer konstruktiven Methode, damit verständlich wird, warum vier Jahrzehnte nach Jesu Tod die Erinnerung an ihn verbreitet wird und das Traditionsgut schriftlich festgehalten wird. Die Mission bot den Anlaß dafür und ihr Mittel war die Predigt: Man mußte Juden und Heiden etwas in die Hand geben, wenn man Gemeinde bilden wollte.

Es wird dann aber nicht das Leben Jesu erzählt, sondern das in Jesus erschienene Heil wird verkündet, die Heilspredigt wurde durch den Verkündigungsstoff vergegenständlicht und ergänzt. Die Formulierung stammt jedoch jeweils vom Verfasser des Evangeliums.

Älteste Tradition sind feste Formeln wie in 1. Kor 15,3-5 „… „gestorben für unsere Sünden nach der Schrift, begraben, auferweckt am dritten Tag nach der Schrift, erschienen dem Kephas, danach den Zwölfen“. Damit haben die Gemeinden ihrem Missionar die Richtlinien für seine Predigt und den neuen Christen eine Gedächtnisstütze mit auf den Weg gegeben. Jede Gemeinde hatte dann aber ihre eigenen Formeln. Manchmal war Kephas nicht der Erste und vom Begräbnis ist nur Apg 13 die Rede.

Wegen dieser Widersprüche wurden dann die Hörer auf die Geschichte Jesu gelenkt. Besonders die Leidensgeschichte und die Ostergeschichte werden mit ziemlicher Übereinstimmung überall behandelt. Hier trafen sich die Interessen der Erbauung, Theologie und Verteidigungsrede. Man konnte darstellen:

1. warum der Messias von seinem eigenen Volk gekreuzigt wurde

2. daß sich dies nach dem Willen Gottes vollzog (Schriftbeweis)

3. daß Gott sich in der Auferstehung zu Jesus bekannt hat

4. daß er ihn den Seinen hat erscheinen lassen.

Die Darstellung der Taten Jesu hat für die Darstellung des Heils demgegenüber nur begleitende Bedeutung. Deshalb werden nur Beispiele gebracht, die aber auch der Beweis sind, daß Gott mit Jesus ist. Die Erzählungen können also nur in Verbindung mit der Predigt gedacht werden. Der älteste christliche Erzählstil sind deshalb die „Paradigmen“ (Dibelius) oder „Apophthegma“ (Bultmann). Nur die Leidensgeschichte war zu lang, sie wurde im Anschluß an die eigentliche Predigt verkündet.

 

Die freien Einzelworte (Logien) aber mußten anders überliefert werden, denn Geschichtsüber­lieferung und Wortüberlieferung unterstehen nicht dem gleichen Gesetz und haben einen verschiedenen „Sitz im Leben“: Die Sprüche wurden wie die jüdische „Halacha“ überliefert (Sammlung von gesetzlichen Lebens- und Kultregeln im Talmud), die geschichtlichen und theologischen Stoffe jedoch wie die jüdische „Haggada“ (Bearbeitung der hebräischen Bibel nach erbaulichen, ethischen und geschichtlichen Motiven im Talmud).

Die Formulierung erfolgte im griechisch bestimmten Christentum, das aber noch im Kern jüdisch war (Damaskus, Antiochien). Die aramäischen Jesusworte wurden deshalb wörtlich übersetzt, während die umgebenden Geschichten griechisch formuliert wurden. Richtig geformt wurde die Überlieferung dann aber in griechischer Sprache in einer Umgebung, die mit dem griechischen Judentum in engster Beziehung stand.

 

Die einzelnen Formen: (nach Rudolf Bultmann, Geschichte der synoptischen Tradition,

 Martin Dibelius, Formgeschichte, und Ernst Fuchs, Hermeneutik).

  • Logion im engeren Sinne: Reines Jesuswort ohne erzählerischen Rahmen. Die Logien zeigen Jesus als Weisheitslehrer. Es besteht die Neigung, verschiedene ähnliche Logien zu kombinieren (Mk 8,34-37; die Zielpunkte von Vers 36 und 37 gehen auseinander). Zu einem schon vorhandenen Herrenwort besteht die Neigung zur Neubildung (Mk 9,43-47: Der Fuß wurde entsprechend zu Hand und Auge ergänzt).

Weiterbildungen: Neben den Weiterbildungen in der mündlichen Tradition gibt es vor allem Weiterbildungen in der schriftlichen Tradition. Man erkennt sie durch Vergleich der Quellen, so daß Zusätze mit Sicherheit als Erweiterungen zu ursprünglichen Worten festzustellen sind. Ein häufig geübtes Verfahren zur Erweiterung deutet auf Gemeindebildung. In der Regel sind die Erweiterungen durch den Zusammenhang begründet, in den sie gestellt ist. Besonders die Bildworte forderten zu einleitenden und abschließenden Zusätzen heraus.

Umgestaltungen: Besonders Lukas nimmt sprachliche Änderungen vor (Vermeidung von hebräischen Ausdrücken, Umarbeitung der parallelen Glieder). Es gibt aber auch dogmatische Umgestaltungen (Mk 2,17b.19b.20). Und schließlich gibt es Umgestaltungen im christlichen Sinn durch die Einfügung in den Zusammenhang.

 

  • Bildwort, Sprichwort: Das Bildwort erhellt die Sache aus der Bildhälfte und bringt das Bildwort voll zur Geltung, so daß die Anwendung oft fehlen kann, denn das Bild ist in sich schlüssig (Stadt auf dem Berg). Bei der Auslegung muß man sich immer fragen, ob der Evangelist den Zu­sammenhang getroffen hat, den Jesus einem solchen Wort hat geben wollen. Auch der Vergleich (so - wie) gehört hierher. Als Sprichwörter gewinnen die Bildworte ihre volle Schärfe erst durch die konkrete Anwendung (Salz der Erde). Das scheinbar eindeutige Sprichwort läßt an sich jede Anwendung zu. Aber oft nimmt es gleichnishafte Züge an und neigt aus Erzählfreude zur Doppel­gliedrig­keit. Das Bildwort hat aber im Neuen Testament die Neigung zur Metapher.

 

  • Metapher: Die Metapher ist ein uneigentliches Bildwort (Die Metapher des Schimpfworts „Esel“ wird zum Bildwort, weil man nicht mehr den Bezeichneten allein, sondern die Gattung solcher Menschen meint). Die Metapher kürzt den Vergleich ab, zieht die Parallele zur Sache und läßt das Bild nur anklingen, macht also einen Vergleich zwischen Bild und Sache („Ihr seid das Licht der Welt“).

 

  • Allegorie: In der Metapher steckt ein allegorisierender Zug, denn Allegorie setzt einen geheimen Sinn des Ausgesagten aus. Es besteht die Neigung, den Bildworten einen ganz anderen Sinn beizulegen als ursprünglich gemeint. Dabei kommt es aber nicht auf die Sache selbst an, sondern auf die Beziehung: „Verhalte dich nicht so, wie es in der Metapher beschrieben ist!“ Die Metapher steht unterhalb von Bildwort und Sprichwort, weil sie kein ausgeführter Vergleich ist (Fuchs).

 

  • Apophthegma (Bultmann) / Paradigma (Dibelius): In der Gemeinde umlaufende Einzelsprüche wurden zu einer ganzen Szene gestaltet. Manchmal wurden auch mehrere Sprüche mit einem gemeinsamen Rahmen versehen. Das Herrenwort bleibt aber Zielpunkt des kurzen Erzählstücks. Es besteht aber die Neigung, einem situationslosen Herrenwort wenigstens durch eine einleitende Jüngerfrage einen Rahmen zu geben. Es handelt sich um eine „ideale Szene“, die in der frühen christlichen Gemeinde geformt wurde, um ihre eigenen Verhältnisse zu rechtfertigen (aber das spricht nicht gegen die Echtheit dieser Worte).

Das Apophthegma neigte von vorherein dazu, seinen Platz in einer erzählenden Darstellung der Wirksamkeit Jesu zu erhalten. Die Worte waren ja in eine geschichtliche Situation hinein gesprochen worden und ließen sich in eine Geschichtserzählung leicht einfügen, sie dienten der Illustrierung der Predigt. Für den anderen Redenstoff mußte eine Situation im Leben Jesu gefunden werden.

Zum dem Mittel, von sich aus Situationsangaben zu schaffen, mußte aber auch vor allem Lukas greifen, weil er seine Quellen abwechselnd nebeneinander stellte. In den alten Apophthegmen wird der Anlaß zur Äußerung an Jesus herangebracht, in den sekundären Bildungen ergreift Jesus meist selbst die Initiative.

Die biographischen Apophthegma haben ihre Parallelen in der rabbinischen Tradition. Bultmann hält nicht die Predigt für den Anfang der geistigen Produktion des Urchristentums, sondern auch die Verteidigungsreden, die Gemeindedisziplin und schriftgelehrte Arbeit. Die biographischen Apophthegmen sind allerdings am besten als erbauliche Beispiele der Predigt begreiflich. Das entscheidende Wort Jesu in den Apo­phtheg­men wird hervorgerufen durch eine Bitte oder Frage (Mk 3, 20-21.31-35), durch ein Verhalten (Mk 6,1-6) und seltener durch Jesu eigenes Handeln (Mk 1,16-20).

Die Apophthegmen sind nicht alle einheitliche Kompositionen, vor allem wenn sie weniger Jesu Person charakterisieren oder eine bestimmte Situation beleuchten, sondern mehr einen allgemeinen Grundsatz enthalten. Im Allgemeinen geht der ideale oder symbolische Charakter der Szenen aus dem Mißverhältnis zwischen dem Anlaß und dem Pathos der Aussage hervor (Wie konnte Jesus beobachten, wieviel Geld die Leute und wieviel die Witwe in den Opferkasten legten?).

Das Interesse liegt aber ganz auf dem Ausspruch Jesu, wobei das Wort in größter Knappheit wiedergegeben ist. Auch die Situationsangaben sind nur knapp: Die Berufungsgeschichte Mk 1,16-20 spielt an einem See, aber vielleicht stammt sie einfach aus dem Bild von den Menschenfischern. Auch daß Levi am Zoll gesessen habe, muß nicht geschichtlich sein. Daß die Verwerfung Jesu in Nazareth stattgefunden haben soll, ist aus dem Spruch selber geschlossen. Das Wort von der Tempelreinigung erhält im Tempel seinen natürlichen Platz. Aber selbstverständlich kann die Ortsangabe auch den geschichtlichen Tatsachen entsprechen. Doch das ist nicht entscheidend für die Gültigkeit des Wortes.

Die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum ist in Kapernaum lokalisiert. Die Kunde, daß Kapernaum der Mittelpunkt der Wirksamkeit Jesu war, hat sich in der Gemeinde erhalten. Außerdem war dort eine römische Garnison. Aber der Name „Kapernaum“ wurde dann später auch in andere Geschichten eingetragen

Das Auftreten von Personen ist manchmal unmotiviert und unpassend. Sie werden aber gebraucht und müssen deshalb zur Stelle sein (bei Gastmählern erscheinen ungeladene Personen). Auch immer mehr Jünger sind nur Statisten, erhalten aber Sprechrollen (Andreas, Philippus) (laut Bultmann).

Bei Dibelius heißt diese Literaturform „Paradigma“. Rein liegt sie vor in Mk 2,1; 2,18; 2,23; 3,1; 3,31; 10,13; 12,13; 14,3. Kennzeichen ist die äußere Rundung, also eine Begebenheit, die keine Beziehung nach vorne oder hinten zuläßt, sondern einen Höhepunkt als deutlichen Abschluß hat. Um den Hörer nicht von der Predigt abzulenken, mußten die Geschichten kurz sein, ohne Ausarbeitung von Einzelheiten, ohne Charakteristik von Personen, ohne Schilderung der Umwelt aus Freude an der Darstellung. Selbst Heilungen können zu Paradigmen werden, wenn Daten aus der Krankengeschichte, Technik der Heilung und Beweis des Erfolgs weggelassen werden. Je näher so eine Erzählung an der Predigt ist, desto „echter“ und älter ist sie. Bultmann spricht hier von „idealen Szenen“.

 

  • Prophetische und endzeitliche Worte: Jesus hat nicht wie die Propheten des Alten Testaments irgendwelche Visionen (außer vielleicht Lk 10,18) gehabt und ein „Apokalyptiker“ (Verkünder endzeitlicher Ereignisse) ist er auch nicht gewesen. Gemeint sind hier Heilspredigt (zum Beispiel Lk 14,15), Drohworte (Lk 6,24-26), Mahnrede (Mk 1,15-17) und endzeitliche Weissagung (Mt 13,2). Anders als der Prophetenspruch verheißt der Offenbarungsspruch die Zukunft, verweist aber auch auf den dieser Zukunft vorausgehenden Anfang (Fuchs).

 

  • Ich-Bin-Worte: Die Ich-bin-Worte sind zum Teil in Erzählungen verflochten oder der Auferstanden redet von seiner Person. Häufig ist eine Beziehung auf die Person Jesu sekundär in das Spruchgut hineingebracht worden, indem die Worte in einen Zusam­men­hang eingereiht wurden (Mt 13,16-17) oder die Beziehung auf die Person Jesu durch kleine Änderungen oder Zusätze erreicht wird. In Mt 23,34-35 ist ein Wort der Weisheit durch Streichung der Einführungsformel zu einem Ich-bin-Wort Jesu gemacht. Dazu kommen eigene christliche Bildungen (Mk 13,23 und 37).

In den sekundären Bildungen erscheint Jesus als der Messias und Weltenrichter. Auch Beziehungen auf seinen Tod und die Auferstehung dringen schon ein. Aber die Leidens- und Auferstehungsweissagungen sind alle Gemeindebildungen. Die Ich-bin-Worte sind in der späteren Überlieferung immer mehr gewachsen; dadurch wird das Vertrauen zu ihrem Alter erheblich gemindert (Bultmann).

 

  • Einige Menschensohnworte sind aber ursprüngliche Überlieferung. Aber die späteren Bildungen (wie Lk 12,51-53) waren eine starke Hilfe für die Gemeinde, denn so konnte sie sich sagen, daß alles Leiden von Jesus so gewollt war.

 

  • Die Worte, die vom „Kommen“ reden (Lk 4,43 und Mk 1,38) unterliegen den Verdacht, Gemeindebildungen zu sein, weil damit Jesu Erscheinung als Ganzes rückschauend betrachtet wird.

 

  • Schriftbeweis: Der Schriftbeweis will die Geschichte auslegen, indem er die Einheit im Heilsplan Gottes nachzuweisen versucht. Er gehört eng mit der Entwicklung des Glaubensbekenntnisses aus dem mündlichen Wort zur literarischen Gestalt zusammen, so daß es dadurch rasch gewachsen ist. Es war auch Gegenmittel (Korrektiv) gegen die jüdische Endzeiterwartung (Apokalyptik). So konnte das Alte Testament schließlich durch das Neue Testament ersetzt werden, ohne daß das alte verloren ging (Fuchs).

 

  • Analogien: Anekdoten wurden zu „Fällen“ umgeformt und dem rabbinischen Schrifttum (Talmud) angeglichen. Jesus soll bestimmte Fragen beantworten („Wem gehört bei der Auferstehung die Frau?“), aber er wendet nicht das Gesetz an, sondern gibt eine eigene Antwort. Vorbild ist das Feststellen der Beziehung zwischen göttlicher Gerechtigkeit und menschlichem Verhalten, wie es in der Synagoge geübt wurde (Dibelius).

 

  • Parabel: Die Parabel drängt das Bildliche zurück (Metapher), strahlt aber auch Ruhe und Gewißheit aus (wie das Bildwort). Sie erzählt einen Einzelfall und saugt das Bildliche dabei auf und setzt es in Erzählung um. Die Parabel wechselt vom Typischen zum treffenden Einzelfall. Sie macht die Wahrheiten reizvoll, indem sie an drastischen Situationen etwas veranschaulichen will. Doch alles wird von einer entschiedenen Hoffnung getragen. Die Anwendung (Bildhälfte) ist im Stillen mit der Bildhälfte gleichbedeutend (Fuchs).

 

  • Gleichnis: Man unterscheidet Bildhälfte und Sachhälfte. Die Bildhälfte unterstreicht den für die Sachhälfte wichtigen springenden Punkt (Pointe), der aber oft alltäglich klingt (Fuchs). Die Bildhälfte verhilft dem Hörer zur Urteilsbildung (Mk 3,24-26. Fallenmüssen = Satan muß fallen). Die Anwendung des im Bildteil Gesagten muß aber offen bleiben, um zur Stellungnahme zu zwingen, die Bildhälfte nimmt nicht die Sachhälfte vorweg. Das Gleichnis unterstreicht den Grenzfall und wünscht die Anwendung nicht festzulegen, erzwingt aber eine Stellungnahme des Zuhörers. Das Sprichwort setzt das Einverständnis vor­aus, das Gleichnis führt es herbei.

Jesus bildet im Zentrum seiner Verkündigung das Gleichnis bzw. die Parabel, das der Metapher näher steht. Es geht dabei nicht um die Veranschaulichung der Wahrheit, sondern um den Vergleich verschiedener Einstellungen zur Wahrheit, der sich bekannter Anschauungen nur bedient.

Jesus durfte sich seinen Jüngern nicht ganz mitteilen, denn dann hätte er sie um ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre eigene Begegnung mit Gott gebracht (Mk 4,10-12). Besonders die Parabeln vom Sämann, vom Unkraut unter dem Weizen und vom verlorenen Sohn lassen den Jünger auch nach Jesu Tod noch einmal die Möglichkeit der Entscheidung.

Jesus machte sich selbst und seinen Gehorsam zum Maß für die Besinnung der Jünger. Alles andere ist dem Nachdenken und der Auslegung der Gemein­de zuzuschreiben und anderen Anfechtungen zu lassen. Dasselbe gilt für die Allegorien, die nur scheinbar das verbergen, was Jesus ganz unausgesprochen läßt.

Jesu Selbstverkündigung wartet erst auf den Glauben. Ob jemand glaubt, wird immer davon abhängen, ob er mit Jesus ins Einverständnis kommt und den Anstoß überwindet, daß Jesus sich durch nichts ausweist. Er gibt nur das, was er uns als sein Wort hinterlassen hat, und indem der uns zu verstehen gibt, daß die Zeit des Glaubens gekommen ist (Fuchs).

 

  • Streitgespräche: Die „Redenquelle“ hat offenbar überhaupt kein Streitgespräch Jesu mit den Pharisäern und Schriftgelehrten berichtet. Streitgespräche nehmen an sich ihren Anfang bei einer Handlung (Ährenausraufen). Wo aber nur ein allgemeines Verhalten in Frage kommt, wird auch da das Problem in einer konkreten Szene bildhaft zum Ausdruck gebracht. Aber im Grunde hat man alle Streitgespräche zu solchen idealen Konstruktionen umgeformt.

Sie haben ihren „Sitz im Leben“ in den Streitgesprächen der palästinensischen Gemeinde. Diese streitet sich in typisch rabbinischer Art über das Gesetz mit Gegner von außen oder auch aus der eigenen Mitte.

Man muß sich immer fragen, ob das Jesuswort aus sich selbst verständlich ist oder ob es nur aus der umrahmenden Situation heraus verständlich ist und zugleich mit ihr entworfen wurde. Im Allgemeinen haben aber die Worte eine Situation erzeugt und nicht umgekehrt.

Geht das Streitgespräch auf Jesus zurück, so ist natürlich das Herrenwort das vorherrschende Element. Das eine oder andere Herrenwort kann durchaus schon von ihm im Kampf mit den Gegnern verwendet worden sein (Mk 10,2-9), nun nutzt es eben die Gemeinde. Es wirkt in den Streitgesprächen die Tendenz, als Gegner Jesu stets die Pharisäer und Schriftgelehrten auftreten zu lassen. Das ist ein Zeichen dafür, daß dieser Prozeß erst auf helle­nisti­schem Boden eingesetzt hat, weil man die geschichtlichen Verhältnisse nicht mehr kannte, sondern nur noch von typischen Gegnergruppen wußte.

 

  • Novelle: Echte Novellen sind Mk 1,40-45; 4,35-41; 5,1-20;5,21-43; 6,35-52; 7,32-37; 8,22-26; 9,14-29 usw. Die Erzählung geht hier mehr in die Breite, der Erzähler oder der Lehrer erzählen gern. Der Sinn liegt im Vorgang selber, der nur noch durch Einzelheiten „bewiesen“ werden soll. Viele Nebenumstände werden erwähnt und es gibt auch weltliche Motive. Der Inhalt ist nicht erbaulich, es gibt auch keine Jesusworte. Das Interesse an dem Wunderheiler geht zum Beispiel bis in die Technik des Wunders (Krankengeschichte, Jünger erfolglos, Handauflegung, Frage nach dem Namen, wundertätige Formel, bestimmte Geste, Seufzer zur Krafteinholung, Speichel, eine Handlungsanweisung für die Wundertäter in der späteren Gemeinde). Hier geht es nicht mehr so sehr um die Bedürfnisse der Predigt, sondern um die Erwartungen der Menschen. Es besteht eine Verwandtschaft mit nichtchristlichen Wundererzählungen (Dibelius).

Die Überlieferung des Erzählstoffes zeigt allgemein eine novellistische Tendenz (der Jüngling zu Nain ist der einzige Sohn einer Witwe), sie produziert neue Worte der handelnden Personen, sie weitet aus auf zwei Personen (zwei Engel am Grab).

 

  • Legende: Fromme Erzählungen um einen heiligen Mann, an dessen Taten und Schicksalem man Interesse hat (Personal- oder Kultlegende). Die Legende handelt nicht wie Paradigma und Novelle vom menschgewordenen Göttlichen, sondern von einem Menschlichen, das von Gott beständig ausgezeichnet wird. Die Legende ist noch stärker erbaulich. Es besteht ein Interesse an Nebendingen und Nebenpersonen. Alles, was zum Dasein heiliger Menschen gehört, bekommt seine Bedeutung. Eine typische Legende ist die Erzählung vom Zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Legende enthält erzählende Stücke der Überlieferung, die nicht eigentlich Wundergeschichten sind, und auch keinen geschichtlichen Charakter haben, sondern einen religiös-erbaulichen Charakter haben (Leben eines religiösen Helden, Glaubens- und Kultlegende). Beispiele sind die Taufe Jesu, Versuchung, Verklärung (Ursprünglich eine Auferstehungsgeschichte: Der Glaube an die Messianität Jesu wird zurückgeführt auf eine Geschichte von dem ersten Messiasbekenntnis des Petrus) (Dibelius).

 

  • Mythos: Ein Mythos ist Urbild zu einem Ritus oder erklärt in Form einer Göttergeschichte die Schöpfung, den Himmel oder das Todesschicksal. Eine Geschichte vom Wirken der Götter auf die Menschenwelt kommt aber im Neuen Testament nur selten vor. Aber mythische Anklänge gibt es bei Taufe, Versuchung und Verklärung bzw. hier werden Legenden durch mythische Züge bereichert.

Aber ansonsten ist der Mythos im Neuen Testament sehr zurückgedrängt. Die Weisungen Jesu sind nicht Wort und Werk eines Gottes, sondern eines Lehrers (auch bei den Wundern ist der Zielpunkt nicht die Heilung, sondern die Lehre).

Auch Paulus benutzt eine Christus-Mythos: Der Gottessohn nahm zeitweise das Leben „in Knechtsgestalt“ auf sich! Aber das ist wichtiger als das Wie, das Erdenleben ist unwesentlich neben den großen Stationen seiner kosmischen Bahn von Gott zu den Menschen und wieder zurück. Es fehlen aber die Schilderung der Herabkunft auf die Erde und die Auferstehung.

Typisches Kennzeichen des Mythos ist die Verbindung von Selbstempfehlung und Predigtaufruf, wie sich das vor allem im Johannesevangelium findet, in dem alles Mythos ist, weil hier nur noch der Erhöhte redet (Dibelius).

 

  • Ermahnung (Paränese, „Zureden“): Paulus schließt seinen Brief häufig mit einem ermahnenden (paränetischen) Teil in abwei­chendem Stil. Die Mahnungen erscheinen oft in Spruchform, stehen lose nebeneinander und haben keinen Beziehung zur Briefsituation. Ziel war es, den Neubekehrten die Grundsätze des christlichen Lebens einzuprägen, sie aufzufrischen und zu ergänzen. Es handelt sich also um traditionelle Weisungen der gemeinchristlichen Mission. Das Material liefern die Worte Jesu. Auch wenn dann nicht alle von Jesus selbst sind, so sind sie doch „im Herrn“ gesprochen und damit verbindlich. So entstand aus den Debatteworten, Kampfworten, Gesetzesworten und Sammlungen von Gemeinderegeln eine Art Katechismus (Bultmann).

Auch in den Evangelien tritt Ermahnung auf. Weil die Redenquelle aber nicht auf Erzählung aus war, hat man die Bildworte erweitert zur Ermahnung (Mt 5,14), die dann oft die Gleich­nisse falsch gedeutet hat oder sie doch in ihrem Anspruch milderte

An die Missionspredigt und die Taufe schloß sich die Ermahnung an, in der Zusage (Indikativ) Ermahnung (und Imperativ) zusammengeschlossen wird. Die erste Neigung geht zur lehrenden Ermahnung, bei der Paulus mehr den Einzelnen in Anspruch nehmen will. Die zweite Neigung schreckt vor sehr konkreten Vorschriften nicht zurück (zum Beispiel im Blick auf das Eheleben) (Fuchs).

 

  • Sammlung: Der erste Sammler der Überlieferung war Markus, denn man kann noch feststellen, wie er Einzelstücke zu größeren Gebilden bis hin zu Evangelium komponiert hat. Einige Verbindungen sind aber so eng, daß man sie nicht erst dem Markus zuschreiben kann (Jairus-blutflüs­si­ge Frau, Mk 4,35-5,43). Besonders die Spruchtradition weist bestimmte Sammlungstendenzen auf. Verbunden werden die Stück durch die Theorie vom Geheimnis und durch deutende Stücke (Leidensankündigungen). Ein Beispiel für größere Zusammenstellungen bei Matthäus ist Mt 5,39-42.

 

  • Evangelium: Wir haben keine literarischen Werke der Apostel. Sie verblieben beim mündlichen Wort. Paulus aber war ein umstrittener Außenseiter. Er war schon deshalb verdächtig, weil er besser schreiben als predigen konnte. Aber heute wissen wir, daß auch die „echten“ Paulusbriefe überarbeitet sind.

-  Beherrschend ist zunächst die Neigung nach Abrundung, dann nach Verfasserschaft durch einen Apostel (apostolische Autorität).

-  Außerdem wollte man die Texte im Gottesdienst gebrauchen und teilte die Evangelien deshalb in Abschnitte (Perikopen) auf. Eine Gemeinschaft wie die werdende Kirche entwickelte einfach soziologische Bedürfnisse und mußte sich in der Welt organisieren. Aber damit geriet sie in Widerspruch zu ihrer endzeitlichen Bestimmung.

-  Weitere Triebkräfte waren der Einfluß des hellenistischen Judentums, das die palästinensische und die hellenistisch-gnostische Überlieferung literarisch bewältigen konnte.

-  Und schließlich wurde noch bedeutend, daß das Urchristentum so etwas wie die Leidensgeschichte Jesu in die Volkssprache des Alltags übertragen konnte und diese damit zur Literatur erhoben hat (Fuchs).

Die Evangelien sind gerahmte Einzeltradition. Die Rahmung erfolgte nach sachlichen Gesichtspunkten (Sammlung von Streitgesprächen und Gleichnissen). Das Material der Theologie ist also zunächst der Einzelstoff, nicht der Rahmen. Der Einzelstoff wird als nach Formen gruppiert. Dabei erkannte man aber auch, daß manche Traditionen nicht in die Gruppe passen (Mt 18 und Mk 9,1 und Wundergeschichten) und also nicht in die frühe Gemeinde gehören.

 

  • Paulinische Briefe: Der paulinische Brief ist im Rahmen des Urchristentums eine erste originale Leistung. Er legt vor allem das Glaubensbekenntnis aus. Er verbindet Christus mit der Schrift, will aber auch den Leser mit ihr verbinden, so daß jeder jederzeit zum Evangelium Stellung nehmen kann. Der Glaubende wird in die Sprache des Kreuzes Jesu eingeführt und so vor die Entscheidung gestellt.

 

  • Predigt: Wirkliche Taufpredigten liegen erst im Kolosserbrief, Epheserbrief und im 1. Petrusbrief vor. Die Predigt hat sich mit der Missionspraxis in der hellenistische Gemeinde ausgebildet. Sie zielte auf die Taufe, wollte aber auch zum Zusammenbleiben der Hörer (bis hin zum Herrenmahl) aufrufen. Aber es dringt in der hellenistischen Predigt auch das bei Paulus nur mühsam überwundene heilsgeschichtliche Denken ein (Endzeiterwartungen). Zum Zweck der Predigt teilte man die synoptischen Evangelien in Abschnitte ein.

   - Der „Predigtspruch“ ist die Deutung der Gemeinde zum Wort Jesu, etwa zur

   Rechtfertigung eines Brauchs, aber das Wort Jesu wird belassen (Dibelius).

 

  • Lied: Der Glaube versteht zu dichten. Dadurch aber wurde er aus der Öffentlichkeit des Tempels immer mehr in abgeschlossene Räume verlegt. Glaube ist aber nicht nur Dialog mit Jesus, sondern es kommt zu einem Zusammenklang vieler Stimmen, indem Altes aufgenommen wird, aber auch Neues hinzukommt. Vom neuen Menschen wird vor allem im Lied die Rede sein. Dabei kommt auch - anders als im Bekenntnis - eine gewisse Gelöstheit der Existenz zum Ausdruck. Aber man muß darauf achten, daß man sich dabei nicht von der Sprache des Kreuzes Jesu entfernt (Fuchs).

 

In der Formgeschichte spiegelt sich das Schicksal des Urchristentums: von der Weltfremdheit mit ihrer Selbstbeschränkung auf die Gemeindeinteressen zur Einrichtung in der Welt und zur Anpassung an sie, von einer geschichtlichen Person zur kultischen Verehrung, vom kosmischen Christus-Mythos der Gnosisbewegung zur kirchlichen Lehre von Christus (Christologie).

De biblische Überlieferung ist unliterarisch, ohne Eleganz der Rede, denn es geht ja nur um die Aufbewahrung der Jesus-Sprüche im Schülerkreis. Im Grunde ist die Überlieferung von Jesus auch konservativ, denn solange die Augenzeugen lebten, war eine Entstellung nicht möglich. In den ersten 20 Jahren nach Jesu Tod erhielt also der wichtigste Teil der Überlieferung seine Formung. Als Paulus zum Christen wurde, erhielt er schon ein geformtes Glaubensbekenntnis und einen geformten Abendmahlsbericht; später erhielt er dann Sammlungen von Jesusworten.

Aber es hat nie ein „rein“ geschichtliches Zeugnis von Jesus gegeben. Die Darstellung des Heils (Erfüllung des göttlichen Willens) war nur vom Osterglauben her möglich, denn nur wer die Fortsetzung der Leidensgeschichte kannte, konnte die schmachvolle Hinrichtung so darstellen, daß aus ihr der ewige Ratschluß Gottes sichtbar wurde (Martin Dibelius).

 

Die „Echtheitsfrage“:

Bei der Frage, ob ein Wort Jesu in den Evangelien tatsächlich von Jesus stammt (ob es „echt“ ist), muß nicht gefragt werden: „Was ist geschichtlich denkbar?“ Vielmehr muß gefragt werden: „Was ist als christliche Gemeindeüberlieferung verständlich und deshalb nicht von Jesus?“ (Bultmann).

Für die Entscheidung über die Echtheitsfrage gelten folgende Regeln:

Jesus wird man vor allem Worte zuschreiben können,

  • die originelle Prägungen Jesu sind, und das umso mehr, je individueller ihr Gehalt ist und je charakteristischer sie für Jesus als den Prediger der Buße und der kommenden Gottesherrschaft sind.
  • die etwas Charakteristisches und Neues enthalten, was über Volksweisheit und Volksfrömmigkeit hinausgeht und doch nicht schriftgelehrt-rabbinisch oder jüdisch-endzeit­lich ist (Mk 13,5-27 ist (Übernahme jüdischen Guts).
  • die entweder der Form oder dem Inhalt nach die Eigenart Jesu erkennen lassen: Was sonst kaum vorkommt, kann auf Jesus selbst zurückgeführt werden.
  • die sich nicht auf das Geschick und die Interessen der Gemeinde zurückführen lassen und was nicht zur Erbauung und Mahnung überliefert wurde. Wo keine jüdische Tradition und keine christliche Glaubensformulierung vorliegen, hat man am ehesten Urgestein.
  •  die aus dem Hochgefühl der endzeitlichen Stimmung gesprochen sind (Mk 3,27)
  • die erfüllt sind von einem endzeitlichen Kraftgefühl
  • die vom gespaltenen Reich reden (Mk 3,24-26)(wenn die Deutung auf den Satan stimmt)
  • die von der Energie des Bußrufs getragen sind (Mk 8,35)
  • die von den Ersten und Letzten und den vielen Berufenen und wenigen Auserwählten reden
  • die eine neue Gesinnung fordern (Reinheit Mk 7,15, Kinder Mk10, 15, Demut Lk 14,11, Wiedervergeltung Mt 5,39b-41, Feindesliebe Mt 5,44-48).
  • die Gleichnisse sind (in ihrem Grundbestand zumeist als echt anzusehen)

 

Nicht von Jesus dürften solche Worte stammen, die

  • mit der Anwendung auf die Gemeindesituation zu tun haben
  • die aus dem Judentum übernommen wurden (vor allem ermahnende Aussagen)
  • die aus der nichtjüdischen Umwelt stammen
  • einen Vorgang durch Berufung auf ein Zitat aus dem Alten Testament deuten.
  • die nicht bezeichnend für den historischen Jesus sind: Je allgemeingültiger und anwendbarer ein Wort ist, desto weniger wird es ein Jesuswort sein.
  • die mit zweifellos ältester Jesusüberlieferung in einer unausgleichbaren Spannung stehen, also von der Auferstehung und den Formulierungen des Glaubensbekenntnisses geprägt sind oder Lieblingsgedanken der Urgemeinde vertreten: Gebot, Christus, Kreuz, Gnade, Nachfolge, Geist, Kirche und Wiederkunft.
  • die Erzählungen über Jesus sind (meist sekundäre Bildungen).
  • In der Regel ist der geographische Schauplatz für eine Geschichte gleichgültig und hat kaum ursprünglich an ihr gehaftet, auch die Zeitangaben sind vom Bearbeiter.

 

„Die Überlieferung ist nur dann kritisch anzuzweifeln, wenn jüdische Gedanken und urchristliche Vorstellungen mit zweifellos ältester Jesusüberlieferung in unaus­gleich­barer Spannung stehen“ (W.G.Kümmel).

 

Weiterhin gilt aber auch:

  • Wenn ein Spruch Jesu oder ein Geschichte über Jesus nach aramäischer Sprache klingt, sagt das nur etwas über die Heimat dieser Überlieferung, aber noch nichts über ihre Ursprünglichkeit. Fremdsprachliche Texte müssen nach den Regeln der Grammatik ausgelegt werden. Aber diese Auslegung muß ergänzt werden durch die Beobachtung des individuellen Sprachgebrauchs und des Stils eines Verfassers und ebenso des Sprachgebrauchs der jeweiligen Zeit. Da diese aber abhängig ist von der geschichtlichen Entwicklung, ist auch die Kenntnis von Ort und Zeit eine Voraussetzung für die Auslegung.
  • Ein einheitlich gebildetes Wort kann aber nicht ohne weiteres als „echtes“ Jesuswort gelten und eine sekundäre Zusammenstellung ist nicht unbedingt „unecht“. Jesus kann auch schon ein vorhandenes Wort aufgegriffen und von sich aus bereichert haben. Er kann durchaus ein volkstümliches Sprichwort aufgenommen und auch verändert haben oder auch rein weltliche Sprüche selbst geprägt haben.
  • Das Sieb darf auch nicht zu eng gesehen werden: Was die Gemeinde verkündet hat, kann auch schon von Jesus stammen. Jesus kann auch durchaus die Sprache in den Formen und Ausdrücken seiner Umwelt gesprochen haben.
  • Eine an sich jüngere Quelle enthält unter Umständen sehr viel älteres Material.
  • Wenn aber jüdischer Ursprung unwahrscheinlich ist, so heißt das noch nicht, daß es sich um echte Jesusworte handelt. Man muß natürlich auch damit rechnen, daß auch in der ältesten Schicht urchristlicher Verkündigung die Jesuspredigt und deren Spiegelung im Bekenntnis der Gemeinde verschmelzen.
  • Eine mehrfache Bezeugung sagt nichts aus über das Alter der Überlieferung (und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist nicht deshalb nicht von Jesus, weil es nur bei Lukas vorhanden ist).
  • Was an die Theologie der Gemeinde erinnert, kann dennoch auch von Jesus sein. Auch ein Wort der jüdischen Tradition könnte zufällig mit einem echten Jesuswort übereinstimmen. Man muß damit rechnen, daß schon vor der schriftlichen Festlegung wurde die mündliche Tradition umgestaltet, so daß man verschiedene Schichten im synoptischen Überlieferungsgut wird scheiden müssen, um der Verkündigung Jesu möglichst nahe zu kommen
  • Schließlich gilt die Regel: „Im Zweifel für die Tradition“, d.h. im Zweifel ist ein Wort der Tradition doch dem historischen Jesus zuzuschreiben.

 

Einzelworte sind von Fall zu Fall zu untersuchen. Den Übergang aus einer Gemeindebildung zu einem „Herrenwort“ kann man sich vielleicht so vorstellen: Christliche Propheten haben ein Wort formuliert, aus dem der erhöhte Christus sprach und das als Wort des Geistes gegolten hat Off 16,15). Aber allmählich hat man in diesen Worten dann doch Weissagungen des geschichtlichen Jesus gesehen. Aber einen Unterschied zwischen den Worten der christlichen Propheten und den überlieferten Jesusworten empfand die Gemeinde nicht, weil auch die überlieferten Jesusworte für sie Worte des Auferstandenen waren.

Die formgeschichtliche Forschung hat gezeigt: Es gibt eine Schicht der Überlieferung, die sehr alt sind und vielleicht bis ins Leben Jesu zurückreicht. Das heißt nicht, daß die Gemeinde die Überlieferung geschaffen hat. Doch es gibt auch keine glaubensmäßige Überlieferung der Jesusjünger vor Ostern.

 

Kritik an der historisch-kritischen Methode:

  • Gegen das Zeugnis der Evangelien kann niemand mit Bestimmtheit wissen, was bei Jesus möglich oder unmöglich war. Gewisse Jesusworte sind sicher von der Gemeinde ausgestaltet worden. Das schließt aber die Möglichkeit nicht aus, daß Jesus während seines irdischen Lebens etwas Ähnliches geäußert hat. Die heutigen Evangelien sind insgesamt von der Gemeinde gebildet. Sie können ebensogut aus historischen wie aus unhistorischen Elementen bestehen, denn den Absichten der überliefernden Gemeinde können ebenso historische Taten und Worte Jesu entsprechen wie Umbildungen und Neuschöpfungen.
  • Man muß auch damit rechnen, daß schon die Gemeinde den Stoff so ausgewählt hat, wie er ihrer Auffassung entsprach, so daß er gar nicht umgebildet werden mußte. Was also wie Gemeindebildung aussieht, kann auch von Jesus sein.
  • Auch die Bultmannschüler rechnen mit der Überlieferung unbearbeiteter Stoffe, wenn sie mit einem „gesicherten historischen Kern“ rechnen. Aber diesen Kern wollen sie erst finden in dem, was der überliefernden Gemeinde widerspricht. Sehr leicht wird dabei aber stillschweigend das philosophische „Selbstverständnis der wahren Existenz“ mit der Botschaft des historischen Jesus gleichgesetzt.
  • Ein „gesicherter historischer Kern“ darf nicht als Maßstab benutzt werden, um auch in anderen, weniger sicheren Fällen zu bestimmen, was Gemeindebildung ist und was nicht. Die Grundlage der zufällig erhaltenen Stellen, die der Gemeindetheologie widersprechen, ist viel zu eng.
  • Es ist ein Vorurteil, die Gemeinde habe die Jesusüberlieferung wie einen Katechismus ihrem Leben angeglichen.
  • Es könnte auch sein, daß schon Jesus die Hoheitstitel zur Erläuterung seines gottbestimm­ten Weges benutzt hat und deshalb wurden sie dann auch für die Urgemeinde bedeutsam.
  • Die Abend­mahlsworte des Paulus bzw. der Gemeinde können sehr gut das Selbstverständnis Jesu widerspiegeln.
  • Wir kennen halt die geschichtlichen Situationen der urchristlichen Gemeinden nur wenig und auch die Kenntnis der Umwelt ist lückenhaft. Alle Ergebnisse gelten nur bis zur nächsten Entdeckung.
  • Es ist schwer zu erkennen, wo die Auslegung der Urkirche anfängt und wo sie einfach das Verständnis Jesu aufnimmt. Deshalb nimmt man sich vielleicht die Möglichkeit, den historischen Jesus zu verstehen, wenn einem jede Übereinstimmung mit dem der Lehre der Urkirche verdächtig erscheint.
  • Schon im Jüngerkreis hat es eine Überlieferung (Traditionsprinzip) gegeben. Und schon im vorösterlichen Jesusbekenntnis der Jünger hatten die Herrenworte ihren Sitz im Leben. Das Bekenntnis ist der „Sitz im inneren Leben“ einer Gemeinschaft und ermöglicht erst eine Traditionsbildung. Diese würde aber nur schwer in Gang kommen, wenn die äußeren Formen der Literatur nicht auch einen „Sitz im äußeren Leben der Gemeinschaft“ hätten. Erst eine typisch äußere Situation und eine äußere Verhaltensweise setzen einen Überlieferungsvorgang größeren Umfang in Gang.

 

Bibelkritik und Glaube:

Man kann damit rechnen, daß der vorösterliche Jüngerkreis die Worte Jesu zuverlässig an die nachösterliche Gemeinde weitergegeben hat und auch alle späteren Überlieferer dies zuverlässig fortgeführt haben. Dieser menschliche Zusammenhang und die Zuverlässigkeit des Bekenntnisses machen die Überlieferung verläßlich

Wir können die Verfasser der einzelnen Schriften nicht mehr persönlich fragen. Da aber in der Bibel die Botschaft („Offenbarung“) Gottes zu finden ist, müssen die Texte zum Reden gebracht werden. Dabei ist zu beachten, daß die Schriften sowohl Urkunden als auch Glaubenszeugnis sind. Das Wort Gottes erreicht uns aber nur, wenn wir das Wort Gottes historisch-kritisch betrachten. Aber auch die historische Auslegung kommt an ihre Grenzen.

Oft zeigt erst die Evangelienkritik, worum es eigentlich geht. Man kann den Wortsinn der Bibel nicht einfach übernehmen, sondern muß nach dem Sinn dahinter fragen. Denn die Wahrheit hat man nicht dadurch, daß man alles unkritisch über­nimmt, sondern die Wahrheit kommt nur zum Zug, wenn man die ursprüngliche Absicht und das damals Gemeinte herausarbeitet. Dazu braucht man aber die Geschichtswissenschaft. Dadurch wird der Glaube nicht in Gefahr gebracht, sondern die Wissenschaft ist eine Hilfe, auf das Wesentliche zu achten und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Das Ziel ist, durch historisches Fragen die Sache zum Reden zu bringen, sie nicht zu hindern, sondern ihr den Weg zu bereiten. Hauptaufgabe der Erklärung muß immer sein, den Text so zu erklären wie er vorliegt und wie er gemeint war, um dem Leser zu helfen, die gegenwärtige Botschaft zu verstehen. Zur Verkündigung gehört heute die Auslegung dazu. Aber auslegen kann man nur, wenn man die Aussage von damals verstanden hat. Nicht das Recht der Kritik ist zu beweisen, sondern ihre Grenze.

Die Forschung kann den Glauben nur reinigen. Bei der Auslegung geht es nicht nur um Sachkritik, sondern der Text soll so erscheinen, daß wir sogleich unter ihm stehen. Der Glaube hat sich selbst zu entscheiden, ob er glauben will. Die historische Forschung kann dem Glauben zwar die geschichtliche Grundlage entziehen, aber sie vermag ihn nicht zu begründen. Verstehen kann man nur, wenn man erfaßt wird vom Glauben. Glauben schließt ein historisches Interesse nicht aus, sondern ein. Dieses ist mit dem Glaubensanliegen verbunden, aber nicht völlig eins mit ihm, der Glaube geht über das historische Interesse hinaus.

Man darf dem Glauben nicht historische Unsauberkeit vorwerfen können. Wenn zum Beispiel die Quellen einander widersprechen, kann man sie nicht unter Vernachlässigung der Wahrheit einfach durcheinander werfen und dann den späteren, weniger glaubwürdigen Zeugnissen den Vorrang geben, nur weil das so in die eigene Vorstellung paßt.

Die Wundergeschichten sind nicht geschichtlich, und die Geschichtlichkeit kann sowieso den Glauben nicht stützen. Keiner m u ß etwas für wahr halten. Und wieviel man von solchen Geschichten schluckt, ist nicht Maßstab des Glaubens. Wenn jemand an die Wunder der Bibel glaubt, dann muß man ihm das lassen, auch wenn er es nur als Wunder empfindet, weil es ihm in den Kram paßt.

Jede Auslegung ist immer von einer bestimmten Fragestellung geleitet. Jeder Leser geht mit einem gewissen Vorverständnis an die Sache heran. Die Fragestellung erwächst immer aus einem bestimmten Sachinteresse, das ein gewisses Vorverständnis von der Sache voraussetzt. Aber auch die Subjektivität des Geschichtsforschers ist ein notwendiger Faktor objektiver historischer Erkenntnis.

Die echte historische Frage erwächst aus der historischen Bewegtheit des Menschen, der seine Verantwortung fühlt. Historische Forschung schließt die Bereitschaft ein, auf den Anspruch zu hören, der in den historischen Erscheinungen begegnet. Aber von Vorurteilen (etwas anderes als Vorverständnis!) muß man dabei frei sein.

Historische Erkenntnis ist selbst ein historischer Vorgang. Oder sie ist ein Abschnitt des historischen Prozesses, in den der Historiker ebenso wie der Gegenstand seines Erkennens hinein­verwoben ist. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen sind deshalb nicht endgültige Feststellungen.

In Apostelgeschichte 12 wir die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis erzählt. Das Ergebnis ist: Petrus kommt noch einmal davon. Wie seine Befreiung erfolgt, wird nicht im Einzelnen deutlich, vielleicht war es ein Erdbeben, das die Türen aufspringen läßt. An sich wußte man nur: Petrus ist verhaftet worden, aber nachher hat er wieder als Apostel gewirkt. Was dazwischen lag, hat Lukas mit seinen eigenen Vorstellungen ausgeschmückt. Für uns heute geht es nicht darum, diese Geschichte so wörtlich zu glauben, wie sie hier erzählt wird. Wir werden vielmehr gefragt: „Traust du Gott zu, daß er auch heute die Seinen aus auswegsloser Lage erretten kann? Betest du darum, daß er dir hilft?“

Der christliche Glaube ist aber unbedingt gebunden an die Gewißheit, daß hinter den Glaubenserzählungen auch geschichtliche Tatsachen stehen. Diese sind jedoch Ge­genstand der allgemeinen Geschichtsforschung. Durch sie wird dem Glauben und der Theologie schon ein Problem gestellt: Es gibt eine tatsächliche Spannung zwischen den Ergebnissen der kritischen Geschichtsforschung über das Leben Jesu einerseits und dem Bild, das Christen von ihm haben andererseits. Aber weder zerstört die Geschichtsforschung den Offenbarungsglauben noch widerspricht der Offenbarungsglaube der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte. Man kann auch nicht sagen, daß die Geschichtswissenschaft durch den Glauben ergänzt werde oder daß es zwei Formen der Erkenntnis gäbe - es gibt nur eine Wahrheit.

 

Maßstab:

Wenn man zum Zwecke der besseren Verständlichkeit die Bibel kritisch betrachten will, dann muß man dazu Maßstäbe haben. Schon der Apostel Paulus und der Evangelist Johannes setz­­­ten das Evangelium gegen das Gesetz des Mose. Der frühchristliche Theologe Marcion, der dann als Ketzer ausgeschieden wurde, strich den Umfang der neutestamentlichen Schriften stark zusammen und ließ das Alte Testament ganz weg.

Luther hat die Christuspredigt im Sinne der Rechtfertigungslehre zum Maßstab seiner Urteile über einzelne neutestamentliche Schriften gemacht. Auch hat er durch seine Lehre von Gesetz und Evangelium und durch seine Abwertung der veralteten jüdischen Kultvorschriften weitere Maßstäbe angelegt. Luther wollte sogar am liebsten die Offenbarung des Johannes und den Jakobusbrief aus dem Neuen Testament herauswerfen. Er schrieb: „Darin stimmen alle recht­schaffenen heiligen Bücher überein, daß sie allesamt Christus predigen und treiben. Es ist der rechte Prüfstein aller Bücher, wenn man sieht, ob sie Christus treiben oder nicht. Was Christus nicht lehrt, das ist nicht apostolisch, auch wenn es Petrus oder Paulus lehren würden. Jakobus treibt zu dem Gesetz und seinen Werken und wirft eins ins andere. Mir kommt es so vor, als habe irgendein frommer Mann einige Sprüche von den Jüngern der Apostel aufgeschnappt und schnell aufs Papier geworfen. Vielleicht ist auch alles von einem ganz anderen geschrieben worden!“

 

Die Wissenschaft ist eine Hilfe bei der Auslegung: Wenn man zum Beispiel sieht, daß die Zehn Gebote nicht unbedingt schon am Sinai verkündet worden sein müssen, sondern daß sie immer wieder am Bundeserneuerungsfest in Sichem verkündet wurden, dann sieht man, daß sie nicht einmal verkündet wurden und dann war es vorbei, sondern daß sie immer wieder gelten - auch uns Christen.

Die historische Forschung und der Glaube haben unterschiedliche Ziele: Die Forschung sucht ein kritisch gesichertes (Minimum), der Glaube neigt nach einem theologischen Höchstmaß (Maximum). Durch die kritische Betrachtung fehlt dann vielleicht etwas von der Heiligen Schrift, es fehlt aber nichts vom Wort Gottes.

 

 

Rudolf Bultmann

Etwas auf die Spitze getrieben hat die wissenschaftliche Erforschung des Neuen Testaments in den Jahren 1930 bis 1950 der Professor Rudolf Bultmann in Marburg. Er hat in seiner „Geschichte der synoptischen Tradition“ die einzelnen neutestamentlichen Texte analysiert und dabei die „echten“ Jesusworte von den späteren „Gemeindebildungen“ getrennt. Was übrigblieb, hat er dann in seinem Buch „Jesus“ besprochen. Nur ist das Ergebnis doch ziemlich dürftig. Vor allem hat er in diesem Buch weitgehend auch die Erzählungen weggelassen, die ja auch etwas über die Verkündigung Jesu sagen.

Die Verkündigung Jesu hat er wie folgt beschrieben: Vom Leben und der Persönlichkeit Jesu können wir so gut wie nichts mehr wissen, weil die christlichen Überlieferungen sich nicht dafür interessiert haben. Die Verkündigung Jesu gehört nur zu den Voraussetzungen der Theologie des Neuen Testaments und ist nicht ein Teil dieser selbst. Erst mit der Verkündigung und dem Glaubensbekenntnis der Urgemeinde (Kerygma) beginnt das theologische Denken. Zu den geschichtlichen Voraussetzungen gehört freilich das Auftreten und die Verkündigung Jesu. Aber die Befragung der Geschichte führt nicht zur Bereicherung eines zeitlosen Wissens, sondern zu einer Begegnung mit der Geschichte [nicht auch mit Jesus und Gott?].

Das Neue und Eigene bei Jesus ist die feste Gewißheit, daß die Gottesherrschaft  j e t z t kommt (Lk 11,15-18 und 10,23-24), weil diese Weltzeit abgelaufen ist. Er erwartete das Kommen des Menschensohns als des Richters und Heilbringers, die Auferstehung der Toten und das Gericht und das Leben für die Gerechten. Die Gottesherrschaft ist das Regieren (Regiment), das dem bisherigen Weltlauf ein Ende setzt. Sie ist eine wunderbare und übernatürliche Größe, die in einer kosmischen Katastrophe kommt. Aber der Endzustand wird nicht ausgemalt, es gibt kein Vorzeichen. Zeichen der Zeit sind allein Jesu Auftreten und seine Verkündigung Gottes.

Die Predigt richtet sich in erster Linie an den Einzelnen, der in die Entscheidung gerufen wird, das heißt aber: zur Umkehr (Lk 14, 16-24). Jetzt ist die Zeit der Entscheidung, zu der Jesus ruft.

Jesu Verkündigung ist eine Einheit von endzeitlicher und sittlicher Forderung. Jesus steht zwischen einem Propheten (Verkündigung der Gottesherrschaft) und einem jüdischen Lehrer (Ausleger des Gesetzes Gottes). Aber Jesus war kein Sittenlehrer, den die Gemeinde erst die endzeitliche Botschaft hinzugefügt hätte. Die Gemeinde entstand ja erst in der Gewißheit des hereinbrechenden Endes. Erst als die Gemein­de ihren Herrn als Rabbi (Lehrer) herausstellte, kam sie in Konflikt mit den Juden; aber gerade das zeigt, daß auch die sittliche Predigt zu Jesus gehörte.

Jesus richtet sich nicht gegen den Tempelkult und religiöse Bräuche, er bekämpft nicht das Gesetz, sondern erklärt es. Aber er scheidet kritisch zwischen den alt­testamentlichen Forderungen und protestiert dagegen, daß die frommen Bräuche der persönlichen Eitelkeit dienen. Er kämpft gegen äußerliche Korrektheit, die aber mit unreinem Willen verbunden ist.

Jesu Verkündigung ist Auslegung der Forderung Gottes, ein großer prophetischer Protest gegen die jüdische Gesetzlichkeit und gegen die Auffassung des Verhältnisses zu Gott als eines Rechtsverhältnisses. Die kultischen Bestimmungen werden aufgehoben, um das religiöse Verhältnis frei werden zu lassen.

Jesus hat den Gedanken des Gehorsams radikal gemacht (Mt 20 und Lk 17,7-10). Radikaler Gehorsam ist aber nur möglich, wo der Mensch die Forderung versteht und von sich aus bejaht. Im Moment der Entscheidung ist das Zuschauersein aufgehoben. Es gibt keine Maßstäbe aus dem Früher und dem Allgemeinen, keine Autorität und keine Theorie. Gott fordert den ganzen Willen und kennt keine Ermäßigung. Es gibt keine neutralen Situationen, für die in der Schrift kein Gebot da ist (was dann überschüssige Werke möglich machen würde). Jesus sagt: Ein Nichtstun, wo ein Tun der Liebe gefordert ist, wäre ein Böses tun. Jesus befreit damit von der zwecklosen Sorge, sich nach Geboten und Verboten umsehen zu müssen, die man wissen müßte, um korrekt zu handeln. Das bedeutet eine Befreiung aus der Abhängigkeit von einer formalen Autorität und vom Urteil ihrer Ausleger. Gehorsam ist nun leicht, weil er auf der eigenen Verantwortung ruht.

Es wird dem Menschen zugemutet, selbst zu sehen, was von ihm gefordert ist. Aber unmittelbar in der Begegnung mit dem Nächsten erfährt der Mensch, was Gott von ihm will. Liebt der Mensch wirklich, dann weiß er schon, was er zu tun hat (Mt 25,14-30). Für das Verhalten anderen Menschen gegenüber braucht der Mensch keine besonderen Vorschriften, sein Verhalten ist bestimmt durch den Verzicht auf den eigenen Anspruch.

Das Verhalten den anderen gegenüber läßt sich zusammenfassen in dem Gebot der Liebe. Doch das oberste Gebot der Gottesliebe bestimmt den Sinn des Gebots der Menschenliebe: Die Haltung, die ich zum Nächsten einnehme, ist bestimmt durch die Haltung, die ich zu Gott einnehme. Der Gehorsam gegenüber Gott bewährt sich in der konkreten Situation der Begegnung mit dem Nächsten.

Jesus fordert nicht Armut und Fasten, sondern Opfer. Besitz und Ehe werden nicht verworfen. Die Entweltlichung ist nicht Askese, sondern schlichte Bereitschaft für Gottes Forderung. Und dazu bedarf es keiner besonderen Qualitäten. Aber es wird kein Programm für die Weltgestaltung abgeleitet, auf jede Konkretisierung des Liebesgebots wird verzichtet.

Gott ist bei Jesus der nahe und der ferne Gott. Er ist keine höhere Natur, der man sich nähern könnte durch sakramentale Mittel oder ein mystisches Gottesverhältnis. Gott ist entgeschicht­licht, aber nicht im Sinne des Judentums, das Gott in die Ferne rückte. Für Jesus wird auch der Mensch entweltlicht durch den ihn direkt treffenden Anspruch Gottes, und Gott ist ent­weltlicht, indem sein Handeln als endzeitlich verstanden wird .Aber gerade der jenseits der Weltgeschichte stehende Gott begegnet den Menschen im Alltag, in dessen Gabe und Forderung.

Das Wunder ist nicht Beweis für die Existenz und das Walten Gottes, sondern setzt den Gottesglauben voraus. Es wirken keine übernatürlichen Kräfte, aber bestimmte Geschehnisse werden direkt auf Gottes Handeln zurückgeführt.

Das Gebet ist nicht Ergebung in Gottes Willen, sondern es soll Gott bewegen, etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde. Gehorsam aber kann sich nur darin vollziehen, daß ich meine Wünsche vor Gott offenbare. Wer durch die Vergebung neu wird, wird neu zum Gehorsam. Das Ereignis der Vergebung ist Jesu Wort, das den Hörer trifft. Jesus als Träger des Wortes sieht den Menschen unter dem Anspruch Gottes und sichert ihm die Vergebung Gottes zu. Ob sein Wort die Wahrheit ist - das ist die Entscheidung, in die der Hörer gestellt ist (so weit die Ausführungen Bultmanns zur Person Jesu).

 

Bultmanns Methode ist im Prinzip richtig. In Einzelfragen kann man jedoch anderer Meinung sein. Deshalb hat man nach Bultmann doch mehr Bibelworte als „echte“ Jesusworte angesehen. Es kommen immer wieder andere Ausleger, die neue Gesichtspunkte in die Diskussion bringen. So ergibt sich ein hermeneutischer Zirkel (siehe unten), der dann die Erkenntnis vorantreibt.

Bultmann vertrat die Ansicht, man dürfe nicht hinter die Theologie der Evangelien zurückfragen, um dann einen „historischen Jesus“ zu entwerfen. Ihn ging der historische Jesus nichts an, es ging ihm nur um den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Man müsse einsetzen bei der Verkündigung der Urkirche. Dagegen ist aber zu sagen: Jesus und sein Verhalten sind aber Bestandteil des Heilsgeschehens, auch wenn seine Person nicht besonders zur Geltung kommt. Jesus ist der Beginn des neutestamentlichen Glaubens. Verkündigung und Person Jesu sind nicht Voraussetzung, sondern Bestandteil des Glaubens.

Das Neue Testament ist wie ein Mosaik aus vielen Steinen zusammengesetzt. Dabei wurde aber nicht alles in das Bild aufgenommen und nicht alles ist unversehrt geblieben. Die Steine sind von unterschiedlichem Wert. Aber keine Schicht hat sich unversehrt von Theologie der Gemeinde erhalten (höchstens die Kreuzesunterschrift der Römer).

 

Aber letztlich geht es nicht so sehr um „echt“ oder „unecht“: Ein Wort ist nicht verbindlich, weil es von Jesus ist, und ein Wort der Gemeinde ist nicht vernach­lässi­gens­wert, nur weil es erst später gebildet wurde. Vielmehr muß man immer fragen, wo der Glaube der Christenheit zum Ausdruck kommt, unabhängig von der Herkunft und Geschichte des Ausspruchs. Alle Worte Jesu in den Evangelien sind in diesem Sinne „echt“.

Schon Bultmanns Schüler waren da weit weniger radikal und viel realistischer. Vor allem haben sie die theologischen Schlußfolgerungen Bultmanns wieder zurückge­dreht. Bultmann hatte noch gesagt, das Leben des historischen Jesus sei für den Glauben uninteressant. Seine Schüler aber meinten zu recht, für den Glauben sei schon das Leben des historischen Jesus wichtig. Sie beschränkten sich nicht auf die Worte Jesu, sondern untersuchten auch sein Handeln, die Erzählungen von seiner Geburt, von den Wundern und natürlich seine Leidensgeschichte. Ein Ergebnis davon ist zum Beispiel das Jesusbuch von Günter Bornkanmm.

Aber auch die Theologie Bultmanns muß man mit Fragezeichen versehen. Er hat als Professor in der Vorlesung des Philosophen Martin Heidegger gesessen und dessen „Existenzphilosophie“ gelauscht. Und davon war er so begeistert, daß er meinte, diese spiegele die Auffassung des modernen Menschen. Deshalb hat er sie auch auf die Theologie übertragen. Er hat seine Auslegung „existentiale Interpretation“ genannt, weil er auch den Menschen in die Auslegung der Texte einbeziehen wollte.

Die Regel war dann: Nur was der heutige Mensch verstehen kann und was seine Existenz anrührt, das kann man ihm auch zumuten und nur das wird auch von ihm angenommen! Konkret bedeutet das bei Bultmann: Ob Jesu Auferstehung tatsächlich so geschehen ist, das ist uninteressant, Hauptsache, sie wird verkündet und geglaubt. Und dann kommt so ein Satz heraus wie „Jesus ist ins Kerygma auferstanden“, das heißt: Er lebt nur in der Verkündigung der Gemeinde weiter.

Übrigens: Rudolf Bultmann war natürlich ein gläubiger Mensch. Das muß man denen sagen, die ihn als „Ungläubigen“ nahezu verteufeln - ohne je ein Buch von ihm gelesen zu haben. Er war im Kirchenvorstand seiner Kirchengemeinde und hat sonntags am Ausgang der Kirche den Kollektenteller gehalten. Er hatte halt nur - dank seiner Wissenschaft - einen anderen Zugang zum Glauben.

 

Existentiale Interpretation:

Es wäre ein Mißverständnis zu meinen, der schuldige Mensch solle einfach die Bibel aufschlagen und sich aus ihr Rat holen. Vielmehr muß er sich erst selbst als schuldiger Mensch verstehen. Dann soll das Neue Testament daraufhin befragt werden.

Das kann ganz naiv geschehen, aber das wäre dann nur eine „existentielle Interpretation“. Bultmann aber will eine „existentiale Interpretation“, bei der man sich das Problem des Verstehens ausdrücklich klar macht, wenn also über die Existenz über die Möglichkeiten des Verstehens hinaus wissenschaftlich nachgedacht (reflektiert) wird.

Die existentiale Interpretation stellt die Seinsfrage und fordert die Möglichkeit, sich selbst in Frage zu stellen. Ob und wie wir uns angesichts unserer Schuld überhaupt entscheiden können, ist die entscheidende Frage. Die existentiale Interpretation fragt nach dem, was für die Existenz wesentlich und deshalb notwendig ist. Das Neue Testament kennt die Antwort auf diese Frage, denn es kennt die Schuld.

Aber die Auslegung dient nicht dem Einzelnen, sondern der Predigt. Es wird uns zugemutet, daß wir verstehen, warum wir die Predigt nötig haben: Die in der Bibel zur Sprache gekommen Offenbarung erschließt sich uns nur auf dem Weg über die Predigt. Die existentiale Interpretation deckt auf, daß gerade der schuldige Mensch ein angeredeter und anzuredender Mensch ist, daß unsere Existenz nicht in erster Linie auf das Sehen, sondern auf das Hören bezogen ist.

Der Glaube erscheint als neue Möglichkeit des menschlichen Existierens, die zwar im Menschen angelegt ist (er ist Mensch zu Gott), aber dem Menschen verschlossen war, weil er Sünder ist. Erst der Glaube entdeckt die Fraglichkeit der menschlichen Existenz. Wenn er sie aber entdeckt, hat er sie auch schon hinter sich. So weiß er um die Freiheit des Menschen, weil er den Verlust der Freiheit hinter sich hat.

Es gehört zum Wesen der menschlichen Existenz, daß sie in der Anrede durch Gott steht. „Text“ gibt es nur dort, wo wir uns selbst wiederfinden als die in Gottes Rufen zur Sprache gebrachten Menschen der Zukunft. Das Neue Testament ist der Text der Predigt vom Kommen Gottes. Die Möglichkeit zur Predigt aber ist die Voraussetzung der ganzen Theologie Bultmanns.

Gott bringt den Menschen zur Sprache, so daß man predigen darf und muß, weil das über uns Entscheidende nur geschrieben ist. Weil wir durch die Frage nach Gott bewegt sind, sind wir die Wesen, die in Jesus Christus zur Sprache gebracht werden können.

Der Glaube darf nicht auf die Vorstellungswelt des Neuen Testaments verpflichtet werden. Das Weltbild des Neuen Testaments ist „mythisch“. Man könnte es so beschreiben: Die Welt besteht aus drei Stockwerken. In ihr kämpfen überirdische Mächte miteinander und geben der Geschichte ihre Richtung, bis alles in einer weltweiten (kosmischen) Katastrophe endet. Weil aber Gottes Sohn kam, ist auch die Endzeit gekommen. Das schon vorher vorhandene Gottwesen schafft am Kreuz die Sühne für die Menschen, seine Auferstehung ist der Beginn der weltweiten Katastrophe. Aber der Auferstandene wird erhöht werden und wiederkommen zu Totenauferstehung und Gericht, aber der Glaubende ist des Heils sicher.

Doch für den heutigen Menschen ist diese Rede unglaubhaft, weil für ihn das mythische Welt­bild vergangen ist. Das Neue Testament hat aber eine Wahrheit, die vom mythischen Weltbild unabhängig ist. Deshalb ist es Aufgabe der Theologie, diese Verkündigung zu „entmythologisieren“. Dieses war aber das Programm von Rudolf Bultmann.

Bultmann meint: Kein Mensch hält am neutestamentlichen Weltbild fest. Erledigt sind damit „niedergefahren zur Hölle“ (heute: hinabgestiegen in das Reich des Todes), Himmelfahrt, die Erwartung des Menschensohns auf den Wolken, der Geister- und Dämonenglaube, die Wunder und die mythische Wiederkunftshoffnung. Der moderne Mensch ist ein einheitliches Wesen, in das keine fremden Kräfte eingreifen. Der Tod kann nicht als Strafe für Sünden angesehen werden, sondern er ist ein Naturvorgang. Die Lehre von dem stellvertretenden Leiden Christi kann nicht verstanden werden. Die Versetzung in die himmlische Lichtwelt in einem geistlichen Leib ist für den modernen Menschen nichtssagend.

Man kann die Verkündigung des Neuen Testaments nicht dadurch retten, daß man sie durch Auswahl und Abstriche verringert, man kann das mythische Weltbild nur als Ganzes annehmen oder verwerfen. Es will nicht kosmologisch (vom Weltbild her), sondern anthropologisch (vom Menschen her) ausgelegt werden, das heißt aber „existential interpretiert“ werden. Vom Unweltlichen muß weltlich und von den Göttern menschlich geredet werden. Die Mythologie des Neuen Testaments ist nicht auf ihre objektiven Vorstellungen hin zu befragen, sondern auf das in ihnen sich aussprechende Existenzverständnis, das jeden Menschen zur Entscheidung ruft.

Es wäre aber falsch, mit der Mythologie auch die Botschaft auszuscheiden. Heute ist es die Aufgabe, die Mythologie kritisch auszulegen. Der Maßstab dafür darf aber nicht aus der modernen Weltanschauung erhoben werden, sondern nur aus dem Existenzverständnis des Neuen Testaments selber.

Die mythischen Begriffe stammen einmal aus der jüdischen Apokalyptik, den jüdischen Vorstellungen vom Ende der Welt. Diese sind zuerst bei den Propheten Hesekiel, Daniel und Sachar­ja zu finden, ehe sie in vielen anderen nichtbiblischen Schriften immer weiter ausgeweitet wurden. Zum anderen stammen die mythischen Begriffe aus der Gnosis. Diese war eine weltanschauliche Bewegung, die stark mit dem Christentum im Wettbewerb stand. Apokalyptik und Gnosis haben aus der Umwelt auf das Neue Testament eingewirkt. Diese Vorstellungen sind aber zeitbedingt und nicht entscheidend für den christlichen Glauben. Würde man ihnen zu viel Gewicht geben, würde man sich vor der echten Entscheidungsfrage drücken.

Das christliche Verständnis ist aber nicht vollziehbar ohne Christus. Und der Glaube ist eine Haltung echter Menschlichkeit und die Liebe das „natürliche“ Verhalten des Menschen. Die Philosophie meint, man müsse nur die Natur des Menschen aufweisen, dann werde sie sich auch verwirklichen. Das Neue Testament aber behauptet, daß der Mensch sich gar nicht frei manchen kann von seiner falschen Weltver­fallen­heit, sondern nur durch Gottes Tat frei gemacht wird.

Das Christusgeschehen kann natürlich nicht aus dem Neuen Testament ausgeschieden werden. Jesus Christus war ja ein wirklich existierender Mensch, auch wenn Mythologisches bei ihm eigentümlich mit dem Geschichtlichen verschlungen ist (Jung­frauen­geburt, Wunder, Himmelfahrt). Die mythologische Rede soll aber nur die Bedeutung Jesu zum Ausdruck bringen. Das Kreuz Jesu kann dann aber nicht mehr das Opfer für die Sünden der Menschen sein, sondern ist Befreiung von der Macht der Sünde. Man kann es übernehmen in die Gegenwart in den Sakramenten und im Lebensvollzug des Glaubenden.

Kreuz und Auferstehung sind eine Einheit. Aber es geht um die „Erhöhung“, die nicht die Auferstehung als beglaubigendes Wunder braucht. Der Auferstehungsglaube ist der Glaube an das Kreuz als Heilsereignis. Der Glaube an das Wort ist der Osterglaube. Dieser Glaube kann aber nicht begründet werden durch eine geschichtliche Untersuchung, sondern der Mensch wird immer nur gefragt, ob er glauben will oder nicht. Gerade die Nichtausweisbarkeit sichert die christliche Verkündigung vor dem Vorwurf, Mythologie zu sein.

Glaube ist nicht ein System ewiger Wahrheiten. Man muß nicht einen Schatz von Gedanken übernehmen, der für alle Zeiten gilt. Es geht um den Glauben von heute. Wer glauben will, muß nicht lernen, was für alle Zeiten gilt, sondern er muß sich immer wieder neu entscheiden.

 

Kritisch muß man gegen Bultmann sagen: Die mythische Redeform ist manchmal eine unentbehrliche Verkündigungsform. So benutzte Paulus die Vorstellung vom Dasein Jesu vor seiner Geburt (Präexistenz), um vom göttlichen Wesen zu erzählen. Diese Aussage will die Gewißheit geben, daß in Jesus wirklich Gott begegnet. Eine völlige Ausmerzung des Mythos ist nicht möglich, auch wenn dadurch die echte Menschheit Jesu gefährdet wird.

Der Mythos hat auch insofern Berechtigung, als der Mensch durch die Abhängigkeit von jenseitigen Mächten frei wird von diesseitigen Mächten. Aber der Glaube weiß über diese Macht­­verhältnisse radikaler Bescheid. So kennt das Neue Testament neben der kosmischen Abhängigkeit den Ruf der Entscheidung.

Der Mythos kann durchaus auch noch heute einen Tatbestand verständlich machen: Der Mythos vom „Urmenschen“ - von „Adam“, der wir alle sind - macht deutlich: Das Wesen der Sünde ist noch nicht erfaßt, wenn man sie als Tat des freien Menschen versteht. Vielmehr gibt es einen Bereich (Sphäre), der Macht über den Menschen gewinnt, aus der er nicht mehr ausbrechen kann. Paulus stellt in Römer 5 dar: Es gibt eine böse Macht, die dem Menschen immer schon voraus ist. Es begann nicht mit einem „Paradies“, sondern dieses ist nur der Hintergrund (die Folie) des Ver­fallenseins an die Sünde: Adam ist im Mythos derjenige, durch den die Sünde in die Welt kam.

Die Offenbarung Gottes geschieht nicht nur im „Ereignis des Verkündigtwerdens des Heils“ (wie Bultmann sagt), sondern auch in einer richtigen Heilsgeschichte, in der für den Glauben spürbar ist, daß etwas von außen gekommen ist. Es geht nicht nur darum, daß man der Verkündigung glaubt, sondern da ist wirklich etwas geschehen.

Man kann sich nicht damit begnügen, daß es ein unbestimmtes „Daß“ des Lebens Jesu gibt und das „Wie“ so gut wie keine Aufmerksamkeit braucht. Die Urgemeinde wollte ihren Glauben (ihr feierliches Glaubensbekenntnis) gerade mit den wirkliche Daten des Lebens Jesu in Verbindung bringen (zum Beispiel in 1. Korinther 15 mit dem Sterben Jesu).

 

Praktische Beispiele der Bibelauslegung unter vorsichtiger Berücksichtigung theologischer Erkenntnisse finden sich im Internet unter „peter.heckert.de“ in der Abteilung Theologie - Predigten

 

 

 

Glaube und Wissenschaft

Wissenschaftliche Kritik ist nicht ein Herumnörgeln am Text oder gewissenloses Kritisieren am Heiligen. Das griechische Wort für „Kritik“ (krinein) heißt eigentlich „unterscheiden“ und dann „prüfen“, aber nicht „etwas herunterreißen“. Man hat gegen die Methode zum einen eingewandt, hier werde der Leser überfordert und von den Urteilen der Gelehrten abhängig. Aber indem man aufzeigt, wie die Wissenschaft vorgeht, macht man den Einzelnen unabhängig von den Lehrmeinungen einzelner Forscher.

Zum anderen hat man eingewandt, man lasse es an der Ehrfurcht vor dem Heiligen fehlen.

Aber dann verwechselt man die berechtigte methodische Prüfung mit gewissenloser Willkür. Eine methodische Prüfung ist berechtigt, weil wir in einer sich wandelnden Welt leben. Jesus hat eine andere Sprache geredet als wir. Diese Sprache müssen wir studieren, so gut wir können und uns mit der Welt vertraut machen, in der Jesus und seinen Apostel gelebt und gewirkt haben.

Was vor einiger Zeit vielleicht richtige Übersetzung und Auslegung war, kann heute falsch ein, weil unsere Sprache mit dem Kommen und Gehen des Menschen einem Bedeutungswandel unterliegt. Übersetzen heißt nicht, den historischen Jesus zu übersetzen. Das hat Gott selber getan, indem er ihn in den Aposteln und Evangelien Gestalt werden ließ. Übersetzen heißt, sich mit dem Jesusbild der Apostel und Evangelisten auseinanderzusetzen und es darauf ankommen lassen, ob wir in der Auseinandersetzung noch Gemeinde bleiben.

Die Wissenschaft hat viele Christen und auch Prediger in Schrecken versetzt, als sie erfuhren daß das, was sie bisher als Offenbarung angesehen hatten, in Wirklichkeit nur ein versunkenes Weltbild und Weltverständnis war. Die Wissenschaft beraubt uns der Naivität unseres Selbstverständnisses. Indem sie unseren Abstand vom Neuen Testament aufweist, zwingt sie uns auch zur Frage nach unserem eigenen Selbstverständnis. Die Selbstprüfung des Auslegers darf nicht naiv geschehen, sie muß vielmehr schon innerhalb der Methode der Auslegung angesetzt sein.

Deshalb müssen wir zum Beispiel ganz klar zugeben, daß sich der Apostel Paulus mit seiner Naherwartung (1.Thess 4,13-18) geirrt hat. Außerdem denkt er hier ganz im antiken Weltbild, nach dem sich der Himmel noch über der Erde wölbt. Hier muß man einfach unterscheiden zwischen der Hoffnung des Paulus und der vergangenen Vorstellungsweise, in der er sie beschreibt. Die Hoffnung ist festzuhalten, nicht die antiken Vorstellungen.

Heute streicht man nicht mehr an den Aussagen der Bibel herum, sondern legt sie aus (Interpretation). Aber letztlich können Mose, Jeremia, Johannes oder Paulus nicht für uns der Maßstab unseres Glaubens sein. Wir könnten sogar Kritik anzumelden an der Predigt des historischen Jesus. Aber letztlich entscheidend ist nur unser heutiges Verhältnis zu Gott.

Die Frage bleibt: Warum werden die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft kaum der Gemeinde vermittelt? Der englische Bischof Robinson mußte erst krank werden, bis er Zeit hatte, die wissenschaftlichen Bücher noch einmal zu lesen. Und dann schrieb er voller Begeisterung ein Buch, in dem er seine „neue“ Erkenntnis etwas populärwissenschaftlich niederlegte und damit einen Bestseller schrieb.

Auch bei manchen römisch-katholischen Pfarrern hat man manchmal den Eindruck, sie erkennen erst jetzt voller Staunen, was evangelische Theologen schon seit dem Studium wissen.

Aber leider verschweigen auch die auf der Kanzel oft, was sie wissen, und meinen, die Gemeinde sei nicht reif dafür und man würde sie nur verwirren. Dabei ist die Gemeinde dankbar, wenn ihr nicht zugemutet wird, was der gesunde Menschenverstand und die Vernunft ablehnen.

 

Zum Verstehen biblischer Sprache

Der Tatsachenbericht ist nur e i n e Form der Beschreibung von Wirklichkeit. Wirklich ist nicht nur das, was tatsächlich passiert und was ich als Beobachter betrachten kann. Wirklich ist auch das, was mich anspricht und verpflichtet und worauf ich als Betroffener antworte. Um eine solche Wirklichkeit geht es auch bei manchen biblischen Abschnitten.

Große Teile der Bibel sind Bericht von tatsächlich Geschehenem, besonders im Alten Testament, wo uns ja die Geschichte des Volkes Israel überliefert ist, wenn auch unter einem bestimmten Blickwinkel.

Im Neuen Testament stehen die Erzählungen von Jesus. Sie gehen natürlich auch auf ein wirkliches Geschehen zurück. Vor allem die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu ist im Wesentlichen ein Tatsachenbericht. Bei vielen der Erzählungen aber müssen wir uns fragen: Geht es da um einen Bericht von etwas tatsächlich Geschehenem oder haben wir es mit jener anderen Form vor Wirklichkeit zu tun? Soll uns vielleicht noch etwas deutlich werden, was man beim ersten Lesen gar nicht gleich bemerkt?

 

Deutlicher wird uns das, wenn wir einmal ein Märchen heranziehen. Beim Märchen wissen wir, daß es nicht wirklich so passiert ist. Aber wir wissen doch, daß alle Märchen eine tiefe Weisheit enthalten. Sie wollen uns etwas sagen über den Menschen, über sein Wesen und sein Verhalten. Und sie wollen uns anleiten zum Tun des Guten (Märchen sind meist sehr moralisch!).

Im Märchen „Der Arme und der Reiche“ (im Internet zum Beispiel zu finden unter „www. maerchen.­com/grimm2/der-arme-und-der.php“ kann man zwei Spalten gegenüberstellen:

 

Der Reiche     

Der Arme

hat ein schönes großes Haus

hat ein kleines armes Haus

öffnet nur das Fenster

öffnet gleich die Tür

mustert den Fremden

bittet den Fremden einzutreten

weist den Fremden ab

heißt ihn willkommen

ist unfreundlich

freundlich

ist unbarmherzig

barmherzig

ist habgierig

bescheiden

ist unzufrieden

zufrieden

ist lügnerisch

offen

ist heuchlerisch

ehrlich

 

In dem Märchen soll uns nicht ein bestimmtes Ereignis - nämlich die Verwandlung eines Hauses - geschildert werden. Hier werden vielmehr menschliche Verhaltensweisen und Zielvorstellungen entfaltet und kritisch beurteilt. Es werden Erfahrungen mitgeteilt, die den Hörer beanspruchen wollen und ihn auffordern, entsprechend zu leben.

Nun sind die biblischen Geschichten keine Märchen (obwohl es auch einige wenige Märchen in der Bibel gibt). Sie gehen ja auf tatsächliche Ereignisse zurück. Wir müssen nur damit rechnen, daß diese nicht in Form eines Tatsachenberichts uns überliefert wird. Es gibt auch andere Möglichkeiten, die Wirklichkeit erfahrbar zu machen. Es gibt ja auch die Sprachform der Sage, der Parabel, der Gleichnisse, die alle eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck bringen, auch wenn sie keine „Tatsachen“ berichten. Das Gleiche gilt vor einem großen Teil der biblischen Geschichten, die wahr sind, auch wenn sie nicht so passiert sind, wie es wörtlich dasteht. Entsprechendes gilt für den Vergleich des Tatsachenberichts von dem Bergwerksunglück in Falun mit der Erzählung, die Johann Peter Hebel daraus gemacht hat.

 

Glaube und Naturwissenschaft

 Das Prinzip der Naturwissenschaft lautet: „Nur was mit den Sinnen erfahrbar ist, das ist auch wirklich!“ Man muß damit experimentieren können, muß den Versuch jederzeit wieder mit dem gleichen Ergebnis wiederholen können und er muß von jedermann nachvollziehbar sein.

Doch das gilt schon nicht mehr im Bereich der Psychologie und erst recht nicht im Bereich der Kunst. Hier gibt es zwar auch wissenschaftliche Methoden, die zu einer gewissen Annäherung verhelfen. Aber das Eigentliche muß in einem Sprung geschehen, den man nicht in der Hand hat. Das gilt auch für die Liebe: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert, tausend und eine Nacht und es hat Zoom gemacht!“ Wie soll man so etwas mit wissenschaftlichen Methoden erklären?

Wenn eine Frau ein Kind geboren hat, dann macht sie ganz andere Erfahrungen als vorher. Vorher war sie im Labor und am Computer. Jetzt wird sie in einer ganz anderen Weise gefordert! Und ihr Mann, der vielleicht bisher die Entwicklungschancen von Firmen wissenschaftlich berechnet hat, der muß auf einmal die Windeln wechseln. Aber ist das nicht menschlicher, sinnvoller und erfüllender?

Auch Gott können wir uns nur nähern, indem wir eine Beziehung zu ihm aufnehmen. Wenn einer uns auffordert: „Zeigt mir doch euren Gott!“ dann verlangt er etwas, das Nicht-Gott ist. Gott ist nicht mehr Gott, wenn er als Objekt gedacht wird! Er ist nicht Gegenstand der Erkenntnis, so daß ich über ihn verfügen könnte. Chemische Verbindungen ergeben sich von selbst. Massen kann man wiegen. Die Fernrohre kann man auf Gestirne richten, so daß sie Objekt unsres Forschens werden. Gott aber ist Subjekt, er ist der Handelnde, der nur in der Begegnung erkennbar ist.

 

Der Bibel kann man nicht im Wettbewerb sehen zur Naturwissenschaft. Viele Wissenschaftler, die immer mehr in die Geheimnisse der Natur eindringen, erkennen immer mehr die Größe der Schöpfung Gottes und kommen dadurch zur echten Anbetung Gottes. Manche Ärzte begrüßen es, wenn ihre Patienten einen religiösen Halt haben, weil sie dann ruhiger sind und vielleicht sogar eher gesunden.

Andererseits darf man auch nicht alles von der Wissenschaft erwarten. Für viele Menschen zählt heute nur noch die Wissenschaft. Sie soll alle Mängel beseitigen und man erwartet wahre Wunder von ihr. Natürlich wäre es falsch, bei einer Krankheit nicht zum Arzt zu gehen. Oft kann man den Eindruck haben, sie sei in der Wertschätzung an die Stelle des früheren Aber­glaubens getreten: Früher trieb man die Krankheit durch Zauberei aus, heute holt man den modernen Medizinmann für solche Dinge.

Aber vielleicht kann man es auch wie folgt sehen: Eine Krankheit ist auch dazu da, uns mit Gott in Verbindung zu bringen. Und die Ärzte wissen selber nur zu genau, wie machtlos sie oft sind; da wäre es nicht falsch, auch Gott um Hilfe zu bitten. Der Arzt müht sich um die äußerer Erscheinungen, Gott aber greift die tieferen Wurzeln der Krankheit in unserem Inneren an.

 

Schon in der Bibel kommen Wissenschaftler vor: Die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland (Mt 2) will uns sagen: Die (Natur-) Wissenschaftler der damaligen Zeit finden zu Jesus. Aber das alles ist nur eine Erzählung, die sich Christen ausgedacht haben, um ihren Glauben anschaulich zu manchen. Für die Menschen damals war das gleich deutlich, daß es sich hier um eine Erzählung handelt. Aber wir heute haben da Schwierigkeiten im Verständnis.

Vielleicht muß man einmal nachvollziehen, wie so eine Geschichte entstanden ist und welches „Material“ sie verwendet hat: Die Christen hatten wohl von dem astronomischen Ereignis gehört, daß die Planeten Jupiter (der Stern des Königs) und Saturn (der Stern der Juden) so eng beieinander standen, daß sie fast wie ein einziger Stern erschienen. Daraus hätten die Wissenschaftler schließen können, im Volk der Juden müsse ein großer König geboren worden sein.

Das brachte auch die Christen auf die Idee, sich dazu eine Geschichte auszudenken. Diese wurde dann auch im Gottesdienst erzählt und kam nachher in unsere Bibel. In dieser Geschichte wollten sie ausdrücken, wie der jüdische König Herodes, wie die Schriftgelehrten und wie sie selber zu Jesus standen. Wir dürfen also nicht annehmen, da seien tatsächlich Männer aus dem Osten gekommen, um das Kind in der Krippe anzubeten.

Schon gar nicht dürfen wir das vor Augen haben, was die spätere Legende von den „Heiligen drei Königen“ daraus gemacht hat. In der Bibel selber ist nur von „Magiern“ die Rede. Und daß es drei gewesen sein sollen, schließt man nur daraus, daß drei verschiedene Geschenke erwähnt werden. Auch der Stern von Bethlehem kann nicht beweisen, daß es diese Männer tatsächlich gegeben hat. Aber wir müssen uns heute fragen, was hat die christliche Gemeinde mit dieser Geschichte über ihren Glauben aussagen wollen und wie kann das uns helfen, mit unserer Situation heute fertig zu werden.

 

Man kann aber auch nicht mit „wissenschaftlichen Beweisen“ die Richtigkeit der Angaben in der Bibel beweisen. Vor Jahrzehnten erschien das Buch: „Und die Bibel hat doch recht“. Amerikanische Wissenschaftler wollten damit beweisen, daß aufgrund archäologischer Funde doch viele Dinge „bewiesen“ werden können, die in der Bibel erwähnt werden. Das Manna, das vom Himmel fiel (2. Mose 16) sei die harzartige Ausscheidung von Sträuchern in der Wüste gewesen. Natürlich gibt es diese Pflanzen. Die Kunde von ihnen hat auch die biblischen Schriftsteller veranlaßt, diese Einzelheit in ihre Erzählungen aufzunehmen. Damit konnten sie sehr gut zum Ausdruck bringen, daß Gott sein Volk auch in der Wüste am Leben erhalten hat. Aber das muß doch nicht heißen, daß sich an einem bestimmten Tag des Zuges durch die Wüste dieses „Wunder“ ereignet hat. Außerdem kann man mit dieser Erzählung sehr gut die Aussage veranschaulichen, daß Gott immer nur das gibt, was für den nächsten Tag notwendig ist.

In unseren Tagen will man das Grab Jesu gefunden haben: Auf irgendeinem Sarg in Jerusalem waren entsprechende Buchstaben eingeritzt. Aber dabei handelt es sich sicher um ein Grab wie viele andere auch. Jesus ist in Wirklichkeit wie ein Verbrecher irgendwo verscharrt worden. Und ein „Grab Jesu“ wäre doch höchstens ein Beweis, daß es einen Menschen namens Jesus gegeben hat. Aber dem Glauben an seine Auferstehung würde es eher widersprechen. Wenn man das erwiesenermaßen echte Grab Jesu leer finden würde, dann wäre das kein Beweis für die Auferstehung. Die biblischen Geschichten und Glaubensaussagen gelten auch ohne archäologischen Nachweis, dieser kann sie höchstens noch anschaulicher machen

 

Zum Thema noch einige Witze: Bei einer Gesellschaft hatte ein Pfarrer einen Tischnachbarn, der sich in abfälliger Weise über Religion und Kirche äußerte: „Ich habe für den ganzen Zauber, der in der Kirche veranstaltet wird, nicht viel übrig. Ich glaube nur, was ich mit meinem Verstand begreifen kann!“ Daraufhin sagt der Pfarrer trocken: „Sie glauben also an gar nichts!“

Bei einem Empfang im Kreml fragte Chruschtschow den Kosmonauten Juri Gagarin: „Genosse, sag mir ehrlich, hast du Gott da oben im Himmel gesehen?“ Gagarin antwortete: „Ja, ich habe ihn gesehen!“ Daraufhin bedroht in Chruschtschow: „Das habe ich mir schon gedacht. Aber du darfst niemandem ein Sterbenswort davon erzählen!“ Kurz darauf zieht der orthodoxe Patriarch den Kosmonauten zur Seite und fragt ihn: „Sag es mir im Vertrauen: Hast du ihn nicht doch da oben gesehen?“ Gagarin antwortet befehlsgemäß: „Nein, ich habe nichts gesehen. Keine Spur!“ Da seufzt der Patriarch kummervoll: „So halb hab ich mir das schon gedacht. Aber sag es bitte niemandem weiter!“

Albert Einstein unterhielt sich einmal mit einem Bekannten über die Entstehung des Lebens. Schließlich faßt er zusammen: „Daß das Leben durch eine Zufall entstanden sein soll, das ist zu vergleichen mit der Wahrscheinlichkeit, daß ein vollständiges Wörterbuch das Ergebnis einer Explosion in einer Druckerei ist!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auslegekunst („Kunst des Verstehens“)

 (Hermeneutik)

 

Für die Auslegung von literarischen Texten hat man den Begriff „Hermeneutik“ gewählt. Das Wort kommt aus dem Griechischen. „Hermeneuein“ bezeichnet dort ursprünglich die Heb­am­men­kunst. Dann aber bedeutet es „übersetzen“, aber auch „verdeutlichen“ und „verständ­lich­machen“ (wie es in 1. Kor 14 für die Zungenrede gefordert wird). Hermeneutik ist die Kunst der Auslegung und des Verstehens. In der Theologie meint der Begriff „Hermeneutik“, daß man den eigentlichen und ursprünglich gewollten Sinn ans Licht bringen will. Aber es geht nicht nur um die Auslegung von Texten, sondern um die Auslegung der geschichtlichen Lebensumstände und unverständlich gewordener Lebensäußerungen.

Die menschliche Sprache schafft eine mitmenschliche Beziehung, die mit zur Sprache gebracht werden muß. Die Bibel ist nicht in einer zeitlosen Sprache niedergeschrieben worden - es gibt keine Sprache des Heiligen Geistes. Deshalb muß Gottes Wort übersetzt werden in unsere Sprache, um Gottes Wort hören zu können. Verstehen und Glauben gehören zusammen.

In der Hermeneutik geht es darum, Texte von einst zu übersetzen für das Verständnis von heute - aber nicht in erster Linie in die Sprache der Menschen von heute. Heute dringt die Verkündigung schweigend an uns heran, aber umso fordernder. Es gehört aber eine Auslegung (Interpretation) dazu. Aber auslegen kann man nur, wenn man die Stimme von damals verstanden hat.

Es geht nicht um eine Verdeutlichung für den einfachen Verstand, sondern allgemein darum, wie man die Bibel heute verständlich machen kann. Die Hermeneutik berücksichtigt so den Weg der Forschung, stellt aber noch radikaler die Sachfrage: Wie sollen wir verstehen, was hier zur Frage kommt?

Hinter der Sprache steht aber immer ein ganzes Weltbild. Eine erfolgreiche Übersetzung muß deshalb auch die Welt mit erfassen, in der die fremde Sprache gelebt hat. Eine frühere Aussage ist nicht unbedingt auch eine Aussage über unsere Zeit. Wenn Menschen sich vom christlichen Glauben abwenden, dann liegt das auch daran, daß die Botschaft nicht in die Sprache der heutigen Welt übersetzt wurde.

Es geht auch nicht nur um einen Begriffswechsel: Ein Esel ist kein Rasenmäher. Für eine Büroarbeiter ist das Rasenmähen ein entspannende Erholung, man kann ihm nicht sagen, er soll am Sonntag seinen Esel ruhen lassen, wie das in der Bibel gefordert wird. Der Biblizismus (der das wörtliche Verständnis der Bibel festhalten will) behält die Sprache der Bibel bei auf Kosten der Sache der Bibel.

Heute versteht man unter Hermeneutik eher die Theorie der Auslegung, aber eigentlich geht es um die Auslegung selbst. Schon die Übersetzung eines Textes ist eine Auslegung, eine „Hermeneutik“. Die Sprache ist nicht nur Gegenstand der Hermeneutik, sondern der Anfang der Auslegung.

 

Schon in der frühen Kirche tritt bei der Beantwortung einer Glaubens- oder Lebensfrage neben das Alte Testament die neue Norm des irdischen und auferstandenen Herrn. Schon bei Paulus beantwortet ein Herrenwort sofort die strittige Frage. Aber nach dem Aussterben der ersten Generation und ihrer Hörer ergab sich die Notwendigkeit, die Stimme des Herrn und der Apostel in Schriften zu suchen. Dazu mußte aber erst einmal festgelegt werden, welche Schriften verbindlich sind. Die Abgrenzung der Schriften war teilweise zufällig und muß nicht unbedingt als verpflichtend angesehen werden. Dennoch muß man sagen, daß die Kirche weise in dieser Frage entschieden hat.

Nur aus den verbindlich erklärten Schriften (dem „Kanon) kann das apostolische Zeugnis erkannt werden. Die Auslegung muß klären, inwieweit ein Schriftabschnitt eine größere oder geringere Nähe zur grundlegenden Christusverkündigung hat. Aber auch dann ist immer noch nicht über den richtungsweisenden Charakter dieser Schriftstelle entschieden. Es gibt auch noch eine „innere Kanonsgrenze“ oder den „Kanon im Kanon“. Der Leser ist frei zur immer neuen Antwort auf die Frage, was „Christum prediget und treibet“ (Luther)

 

Beginn der Hermeneutik:

Die Kunst der Auslegung hat sich erst entwickelt. Vor allem mußten erst Regeln aufgestellt werden. Aus dem Widerstreit der Regeln ergab sich dann die hermeneutische Wissenschaft, „die Kunstlehre der Auslegung von Schriftdenkmalen“. Es gibt zwei Ströme der hermeneutischen Literatur: Die klassisch-philologische (Winckelmann, Herder, Kant) und die biblische Auslegung; erst von Schleiermacher wurden diese Zweige miteinander verbunden.

Mit dem Buch von Wilhelm Dilthey „Die Entstehung der Hermeneutik“ aus dem Jahre 1900 wird ein neues Gebiet in die theologische Forschung eingeführt. Die Schrift ist nicht „dunkel“, so daß sie durch die Tradition der Kirche gedeutet werden müßte, wie das der römisch-katho­li­schen Kirche ganz recht ist.

Schon Matthias Flacius (1520-1575) sprach von der „Klarheit der Schrift“. In den Kirchen der Reformation herrschte die Überzeugung von der Selbstauslegung der Schrift und daß man einen freien Zugang zu ihr haben müsse, ohne dabei an die kirchliche Tradition gebunden zu sein.

Einen kontrollierbaren Grad von Objektivität erreichen wir nur, wenn eine Lebensäußerung schriftlich festgehalten ist, so daß wir immer wieder zu ihr zurückkehren können. Solches kunstmäßiges Verstehen von festgeschriebenen Lebensäußerungen nennen wir „Auslegung“ oder „Interpretation“.

Das menschliche Innere findet seinen vollständigen und objektiv verständlichen Ausdruck allein in der Sprache. Mittelpunkt der Kunst des Verstehens ist die „Interpretation der in der Schrift enthaltenen Reste menschlichen Daseins“.

 

Rudolf Bultmann:

Der Theologe Rudolf Bultmann fordert zudem eine Auslegung, die den Bezug zur Existenz des Menschen herstellt. Nur wer den Anspruch des Textes auch hört, kann den Text auslegen. Der Ausleger fragt den Text und der Text fragt ihn - das ist der hermeneutische Zirkel (siehe unten). Aber indem er so verfährt, wird auch seine eigene Existenz in Frage gestellt („fraglich“). Es ist kein Opfer des Verstandes gefragt, wohl aber ein Gespräch mit dem Text, der vielleicht das eigene Vorverständnis in Frage stellt.

Jeder Ausleger bringt ein Vorverständnis mit, sonst würde er nicht fragen. Ein Christ könnte vielleicht meinen, die Lehre der Kirche (Dogma) sei für ihn hierbei verbindlich. Doch Wissenschaft ist nie abgeschlossen, sondern steht immer zwischen dem von den Menschen Erdachten und dem nicht begrifflich Faßbaren, andererseits zwischen dem Gelernten und dem wieder Abgestoßenen.

 

Gerhard Ebeling:

Theologische Hermeneutik ist die Lehre vom Wort Gottes und von der Auslegung (Interpretation) theologischer Aussagen. Wenn man sich aber auf die hermeneutische Fragestellung einläßt, muß man das mythische Denken verlassen. Die Predigt verkündigt nicht Worte Gottes, sondern „das Wort Gottes“. Aus der vor langer Zeit geschehenen Verkündigung soll heutige Verkündigung werden, aus dem geschriebenen Wort wieder das mündliche Wort. Die Predigt ist die heute geschehende Verkündigung dessen, was der Text verkündet hat. Der eigentliche Knoten des hermeneutischen Problems ist der Zusammenhang zwischen der Auslegung des alten Textes mit der Ausführung des Textes in heute geschehender Verkündigung. Rudolf Bultmann hat dafür den Begriff „existentiale Interpretation“ geprägt. Er versteht darunter eine Auslegung des Textes in Hinsicht auf das Wortgeschehen, das sich im Menschen ereignet.

 

Ernst Fuchs:

Dieser Bultmannschüler hat 1958 (zweite Auflage) ein eigenes Buch geschrieben mit dem Titel „Hermeneutik“. Er formuliert: Hermeneutik ist im Bereich der Theologie „Sprachlehre des Glaubens“. Sie will zeigen, warum sich der christliche Glaube an Texte gebunden weiß, wie sie uns im Neuen Testament historisch faßbar vorliegen. Sie untersucht die Bedingungen, denen das Verständnis dieser Texte unterworfen ist.

Es ist nicht selbstverständlich, daß wir Gottes Wort in Form von Texten besitzen. Die Bibel ist zwar eine Sammlung menschlicher Dokumente, verfaßt von Menschen in menschlicher Sprache, niedergelegt zu einer bestimmten Zeit menschlicher Geschichte und in einer bestimmten menschlichen Situation (Karl Barth).

Doch die biblischen Zeugen haben auf die Offenbarung Gottes nicht mit ihrem Reden geantwortet. Es kam nicht a u s ihnen, sondern etwas z u ihnen. Sie leben nicht von dem, was sie sehen und erleben konnten, sondern aus der Offenbarung. Niemand kann einen Trick finden, der ihm die Bibel erschließt. Aber die Bibel ist als „heilige Schrift“ die einzige Offenbarungsquelle.

Dürfen wir bei der Antwort der ersten Zeugen stehen bleiben? Aber dann ist sie nur Dokument, also autoritative Nachricht von Gott. Wenn wir aber vom Ja Gottes zum Menschen ausgehen, dann ist der freie Mensch selbst der Text der Offenbarung. Dieser Text spricht zu dem angefochtenen Menschen und ruft den unter sich selbst leidenden Menschen zum Ange­nommen­sein und spricht seine Situation mit ihm durch. Die Verfasser der biblischen Schriften reden nicht von sich, sondern zu uns und gerade für uns von Gottes Offenbarung am Menschen. Gott offenbart, aber der Mensch legt aus.

Die Wirkung, die Jesus hinterlassen hat, ist laut Bibel der Glaube seiner Jünger, die Überzeugung, daß man an ihm den Überwinder von Schuld und Tod habe. Jesus wurde zur Ursache für die Geschichte, in der er wirkte, ist aber nicht in diese Geschichte eingegangen. Jesus gewann seinen Jüngern den Glauben ab. Dieser wurde dann in Bekenntnisse gefaßt. Aber schon eine einzige Aussage des Bekenntnisses zu Jesus Christus (zum Beispiel, daß er für uns gestorben ist, 1.Thess 5,19) enthält das ganze Geheimnis, von dem der Glaube weiß. Es ist nicht festgelegt, wie viele Aussagen zum Bekenntnis zusammenkommen müssen, damit es ein vollgültiges Bekenntnis des Glaubens ist

Der wirkliche Christus ist aber der gepredigte Christus. Es ist nicht das erste Anliegen der Zeugen gewesen, ein maßgebendes Urbild von Jesu Person zu entwerfen und dem Gedächtnis einzuprägen oder einer Handschrift einzuverleiben. Dafür können wir ihnen dankbar sein. Der bruchstückhafte Charakter der Überlieferung über Jesus ist nur von Vorteil.

Will man die Bibel als Zeugnis von Gott lesen, so muß man sie zusammen mit der Gemeinde unter dem Gesichtspunkt der Rechtfertigungslehre lesen. Der rechtfertigende Glaube ist die anthropologische Voraussetzung dafür, daß wir die Bibel historisch unanfechtbar als Gottes Wort haben und behalten.

 

Das hermeneutische Problem:

Das hermeneutische Problem erfährt im Vollzug der Predigt dann seine äußerste Verdichtung (Ger­­hard Ebeling): Entweder trägt der Prediger eine Lehre vor, die er dem Text entnehmen kann, die aber am Leben vorbei geht. Oder er sieht den Text als geschichtliche Erscheinung (Phänomen) an, dann darf die an Heiden und Juden geübte Kritik nicht ohne weiteres auf uns heute übertragen werden. Dann muß man zwar auch nach der Lehre fragen, aber die Lehre muß den geschichtlichen Bezug so wahren, daß sie zum Beispiel zeigt, warum Paulus damals so geschrieben hat. Dann nimmt die Predigt an der Verbindlichkeit (Autorität) des Textes teil, indem sie diese Autorität wiederholt.

Der Theologie erwächst aus der Erforschung der neutestamentlichen Texte eine eigentümliche Aufgabe: Sie ist einerseits historische Wissenschaft und wird genauso rücksichtslos forschen müssen wie jede andere historische Forschung, die vor keiner Frage zurückschrecken darf. Aber sie ist gleichzeitig Theologie, die fragt, inwiefern die im Neuen Testament historisch gegebenen Glaubensaussagen den absoluten Wahrheitsanspruch der Offenbarung Gottes bezeugen.

Theologie heißt diejenige Tätigkeit, die alle auf Gottes Offenbarung bezogene menschliche Rede auf ihr Verständnis prüft, indem sie die Wahrheit der auf die Offenbarung Gottes bezogenen Aussagen und Mitteilungen im Zusammenhang menschlichen Redens begrifflich kontrolliert und diskutiert. Ihre Grenze findet sie dort, wo Gottes Offenbarung die Diskussion verbietet. Sofern die Theologie begrifflich diskutiert, ist sie Wissenschaft, sofern die Theologie an der Ausarbeitung menschlicher Rede von Gott beteiligt ist, ist sie Lehre.

Die Aufgabe der theologischen Lehre ist vor allem kontrollierend. Theologie ist aber nicht Predigt, sondern setzt die Predigt als Mitteilung von Offenbarung voraus. Sie fragt nach der Möglichkeit solcher Mitteilung als einer Tat des Menschen. Wenn es um die Wahrheit der Offenbarung geht, ist die Theologie zwar Lehre, aber im Blick auf die erste Mitteilung von der Offenbarung Gottes im Neuen Testament ist die historische Forschung. Auch die Auslegung muß über die Mittelbarkeit der Offenbarung diskutieren. So bedarf es einer systematischen Einleitung in die Auslegung des Neuen Testaments. Dies ist die Aufgabe der Hermeneutik (Ernst Fuchs).

Die Theologie scheint im strengsten Sinne nicht Forschung zu sein, denn die Wahrheit der Offenbarung Gottes kann nicht erforscht werden. Deshalb heißt alles, was Gott über sich kundtut, „Offenbarung“. Das Neue Testament behauptet, daß sich Gott offenbart habe. Die Predigt beginnt, wo die Auslegung aufhört. Und dafür soll die Hermeneutik die begrifflichen Zurüstungen geben

 

Die Rolle der Sprache: Das Problem der Wirklichkeit und die Sprache:

Wirklichkeit scheint nur in der Natur vorzukommen, nicht aber im Geschichtlichen und in Gott. Das Wirkliche muß aber auf die Gegenwart bezogen sein: Wirklich ist erst, was gegenwärtig ist und zur Sprache gebracht werden kann. Es gibt keine Wirklichkeit ohne Sprache. Wahrheit ist nichts anderes als die Erscheinung der Wirklichkeit in der Möglichkeit zur Aussage eines Wirklichen. Richtige Sätze sind grundsätzlich wahr. Aber die Ichbezogenheit der Gegenstände rangiert vor der Wirklichkeit der Gegenstände. Die Sprache aber rangiert vor dem Wirklichen und vor dem Ich, dem sie gilt. Deshalb ist sie in ihrem eigenen Wesen immer Anruf und Zuruf.

Nur in der Sprache stehen sich die Menschen echt gegenüber. Sie haben die Möglichkeit des Antwortens, das immer auf Einklang zielt. Das Einverständnis ist die durch die Sprache gegebene Vorzeichnung jedes möglichen menschlichen Selbstverständnisses. Alles Verstehen gründet im Einverständnis. Das zeigt sich auch daran, daß uns das Selbstverständliche plötzlich fraglich werden kann. Unser Selbstverständnis ist also „geschichtlich“, weil es zur Voraussetzung hat, daß es Selbstverständliches gibt. Aber das Selbstverständnis wird nicht unmittelbar mitgeteilt, sondern wird nur begriffen, indem Einverständnis zuerst bestritten wird und dann sich doch wieder neu ereignet. Sprache ist also Sprachgewinn.

Die Geschichte will zu der wesentlichen Sprache zurückrufen. Das Neue Testament überliefert uns die neue Sprache, die uns in Wahrheit einigen kann. Jesus bringt eine neue Sprache, die Sünder zu einigen vermag. „Der geschichtliche Vorsprung der im Neuen Testament gehüteten Sprache eröffnet uns das Ausmaß (Dimension) der Fra­­ge nach uns selbst in der Geschichte als die Zeit des Selbstverständnisses. Das Neue Testament unterrichtet uns über die Mittelbarkeit der Offenbarung Gottes, indem es uns mittelt, daß die Zeit des Selbstverständnisses gekommen ist“.

Jesus hat eine neue Sprache in die Welt gebracht. Dadurch können wir zum Beispiel lernen, wie wir Freiheit und Bindung recht unterscheiden, die Auferstehung ist unsere Freiheit. Deshalb ist die Offenbarung Gottes in Jesus Christus mitteilbar.

Wir müssen aber mit den neutestamentlichen Texten ringen und dabei den Anspruch auf die Begründung unserer Existenz aus uns selbst preisgeben. Wir sind immer darauf angewiesen, daß uns die Gnade Gottes mitgeteilt wird, in der Geschichte kann uns nichts einen echten Halt gewähren.

 

Methoden der Hermeneutik:

Das Historische ist Freund und Feind des Glaubens in einem: Feind, weil der Glaube am Werden hängt. Freund ist es, weil das Historische den Anstoß gibt, nach der Wahrheit oder Kraft des Glaubens zu fragen. Der Glaube empfand das Historische schon bei der ersten Begegnung als Anfechtung. Der Glaube kam ja vom Kreuz Jesu her. Die ersten Glaubenszeugnisse waren nicht einfach Erzählungen von österlichen Ereignissen, sondern Zeugnisse gegenüber der Anfechtung durch das Historische (Mk 8,27-30).

Der Glaube verfängt sich deshalb so leicht ins Historische, weil das Evangelium von Jesus Christus selber Zeitansage ist. So entstand ein neues Zeitverständnis, das von der „jüdischen Apokalyptik“ zur christlichen „Eschatologie“ führte (Bultmann: „eschatologische Existenz“).

Aber gerade deshalb ist historische Forschung nötig. Sie deckt auf, daß das Selbstverständnis des Glaubens im Neuen Testament der historischen Entwicklung der werdenden Kirche ent­gegensteht. Die Theologie muß das Selbstverständnis des Glaubens wieder offenlegen. Verständnisbedingung dafür sind nur die Wahrhaftigkeit und der sittliche Ernst des Auslegers. Diese existentielle Voraussetzung ist das hermeneutische Prinzip für die Auslegung des Neuen Testaments.

Die historisch-kritische Methode ist der endgültige Bruch mit dem „ metaphysischen Denken“, mit der „Heiligkeit“ der Schrift. Das Zeitalter der Aufklärung hat aber auch den Unterschied zwischen der Vernunft und dem Glauben aufgezeigt. Man erkannte, daß dem Urchristentum weniger am „historischen“ Sinn gelegen hat und daß sich vergangene Geschichte nicht mehr wiederherstellen läßt. Es entstand das hermeneutische Problem, wie vergangene Lebens­äußerungen zu verstehen sind. Die geschichtliche Forschung verträgt keine vom Glauben her bestimmte (dogmatische) Bevormundung und der Abstand zur damaligen Zeit muß anerkannt und geachtet werden.

Es gab im Urchristentum eine gewisse Geschichtsfremdheit. Aber man entdeckte die Geschichte auch tiefer und wesentlicher. Nebeneinander liefen die Geschichte in unserem Sinn (Völkergeschichte und Geistesgeschichte) und die Heilsgeschichte (Geschich­te der Sprache Gottes mit den Menschen). So ist das Urchristentum eine selb­ständige Erscheinung von Sprache (Sprachphänomen) gewesen.

Das hermeneutische Problem erscheint zunächst in der Bemühung um die Textübersetzung. Jede Übersetzung ist gewaltsam, und deshalb ist auch jede Auslegung gewaltsam. Die „freie Übersetzung“ will nicht wörtlich Wort für Wort übersetzen, sondern nach dem Sinn der Aussage fragen. Es geht um eine Neuformung um der Sache willen. Der Übersetzer steht vor der Wahl, ob er nachahmen oder umschreiben will. Wir können nicht „einfach“ übersetzen. Zur Auslegung gehört auch eine Stimmung (Verzweiflung, Jubel, Klage), die aber der im Text angestimmten Wahrheit entsprechen muß.

Verstehen ist die Annäherung an die Wahrheit, zum Beispiel indem ich mitarbeite oder mit leide. Das hermeneutische Prinzip erklärt nicht das Verstehen selbst, sondern es sagt nur, wie der gewünschte Vorgang des Verstehens beim Menschen in Gang kommt.

Die Hermeneutik kommt vom Ergebnis der Auslegung her und versucht von da aus Klarheit darüber zu schaffen, ob und wie in der Auslegung methodisch vorgegangen wird. Die Auslegung kann nicht mit dem Ergebnis anfangen. Aber die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ist das Ergebnis der Auslegung. Doch das Gesetz allein kann nicht das hermeneutische Prinzip sein. Nur der Glaube hat das Gesetz in der Gewalt. Der Glaube wird mit dem Gesetz fertig, weil er das Evangelium auf seiner Seite hat. Das Evangelium setzt aber keineswegs voraus, daß wir den Glauben dauernd haben, sondern es rechnet gerade damit, daß wir dauernd auf es angewiesen bleiben.

Das Neue Testament führt seinen Leser so in den Text ein, daß er der Wahrheit des Glaubens gegenübergestellt werden kann. Das hermeneutische Prinzip muß gegenüber dem Glauben neutral sein. Aber diese Neutralität schließt den Glauben nicht aus, sie verlangt ihn bloß nicht von vornherein. Wir brauchen nicht zu entscheiden, ob wir im Glauben stehen oder nicht, wenn wir mit der Auslegung beginnen.

Ein hermeneutisches Prinzip Gottes gibt es nicht. Wohl aber gibt es ein hermeneutisches Prinzip für die Aussage „Gott“, so ist die Not das hermeneutische Prinzip des Betens („Not lehrt beten“) und damit die Wahrheit des im Beten beheimateten Wortes „Gott“ zu sein. Das hermeneutische Prinzip nennt das, was dem Verstehen die Macht und die Wahrheit eines Vorgangs verleiht. Es ist die Kraft des Verstehens in der Geburt der die Wahrheit nennenden Sprache. Das hermeneutische Prinzip zeigt den „Ort“ der Wahrheit. Was dem Verstehen die Kraft gibt, ist sein Wissen um den „Ort“ der Wahrheit. Ein hermeneutisches Prinzip ist dann einfach Ortsangabe der Wahrheit.

 

Hermeneutischer Zirkel:

Eine Methode der Hermeneutik ist der „hermeneutische Zirkel“, der auch sonst oft in der Wissenschaft angewendet wird. Im Grunde handelt es sich dabei nicht um einen Zirkel, denn darunter versteht man ja an sich ein Zeichengerät. Gemeint ist mehr, was man mit dem Zirkel herstellen kann, nämlich einen Kreis. Und der kann als Bild dafür dienen, was mit dem „hermeneutischen Zirkel“ gemeint ist.

Noch besser ist vielleicht das Bild der Torte: Man geht von einer kürzeren oder längeren Bibelstelle aus und beleuchtet sie von allen Seiten, so daß man immer mehr Erkenntnis gewinnt und diese sich verbreitert wie die Spitze eines Tortenstücks bis hin zum Rand. Wenn man dann viele Tortenstücke so bearbeitet hat, bilden die Ränder einen Kreis.

Von diesem Kreis her prüft man dann das anfängliche Ergebnis, ob es mit den bisher gewonnenen allgemeinen Erkenntnissen übereinstimmt. Meist wir man es etwas überarbeiten und anpassen müssen. Und so wechselt Bearbeitung immer wieder von der Spitze zum Kreis und wieder zurück. Je öfter man das gemacht hat, desto mehr werden die Ergebnisse verfeinert und umso mehr kommt man der Wahrheit näher (die absolute Wahrheit allerdings bleibt Gott vorbehalten).

Konkrete Anwendung des hermeneutischen Zirkels:

1. Man nimmt sich eine Geschichte aus dem Leben Jesu vor und vergleicht sie mit all dem anderen Wissen (biblisch und außerbiblisch) über Jesus. Oder man nimmt ein Wort Jesu und vergleicht es mit den anderen Worten Jesu und sieht so, ob es aus seinem Munde gekommen sein kann oder ob es erst von der christlichen Gemeinde „ergänzt“ wurde. Sie hat ihr Tun jedenfalls als Ergänzung verstanden, wollte aber durchaus in Jesu Sinn handeln. Dann kann man leichter ein Urteil fällen, ob diese Geschichte sich so zugetragen haben könnte oder das Wort von Jesus stammt.

Oder man sucht zuerst die unbestritten „echten“ Worte Jesu und prüft von da aus, welche anderen Worte so mit diesem „Kern“ übereinstimmen, daß sie auch noch von Jesus sein könnten. Dadurch wird aber der innere Kern wieder verändert und man muß nun wiederum den äußeren Rand mit diesem Maßstab prüfen. Wenn man diesen Vorgang mehrfach ausführt, spricht man von einem „Zirkelschluß“ oder einem „hermeneutischen Zirkel“. Dieser Begriff wird also zunächst positiv gesehen.

Eine einwandfrei gesicherte Mindestmenge an echten (authentischen) Jesusworten ist in jenen Worten zu finden, die weder aus der urchristlichen Verkündigung noch aus den Voraussetzungen des damaligen Judentums herzuleiten sind. Was in der übrigen Jesus-Überlieferung in Übereinstimmung mit diesen zweifelsfrei echten Worten gebracht werden kann, hat ebenfalls einen hohe Wahrscheinlichkeit, daß es „echt“ ist.

Diese Vorgehensweise besitzt allerdings eine grundsätzliche Problematik: Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß sich Jesus auch jüdischer Sprichwörter oder allgemeiner Redewendungen bedient hat. Auch kann er Sätze gesprochen haben, die heute als typisch christlich im Sinne von „Theologie der Urgemeinde“ gelten. Hier kann methodisch nur sehr schwierig über die Echtheit eines Jesuswortes entschieden werden.

2. Einen hermeneutischen Zirkel wendet man an, wenn man biblische Texte verstehen will in ihrem geschichtlichen Zusammenhang. Diesen kann man allerdings nur aus den Schriften selbst erheben. Man muß also auf den Gesamtzusammenhang der Bibel achten und vielleicht von dort manche Aussagen als unbiblisch verwerfen (Sachkritik). Der Maßstab ist das Gesamtzeugnis der Bibel, nicht einfach der Wortlaut des Buchstabens.

Diesen Maßstab können wir aber nur finden, indem wir alle Bibeltexte auf ihren Sinn hin befragen. Danach aber haben wir zu sehen, ob auch alle Einzelexte in dieses Schema passen. Es geht also vom Text zum Gesamtsinn und wieder zum Text. Es kann sich dabei aber auch herausstellen, daß man etwa den Jakobusbrief und die Apokalypse aus der Bibel entfernen muß, wie Luther das wollte.

3. Um die individuellen Unterschiede bei der Auslegung zu verringern, wendet man den hermeneutischen Zirkel an: Aus den einzelnen Worten und Wortverbindungen soll das Ganze verstanden werden, aber das Verständnis des einzelnen Wortes setzt schon das Ganze voraus. Vom Einzelnen schließt man auf das Ganze und von diesem wieder auf das Einzelne, und das immer wieder. Auch das Verhältnis des Werkes zur Geistesart des Urhebers und das Verhältnis des Einzelwerks zu seiner Literaturgattung sind mit einzubeziehen. „Das letzte Ziel des hermeneutischen Verfahrens ist es, den Verfasser besser zu verstehen, als er sich selber verstanden hat!“ (Dilthey).

 

Diese Methode hat aber auch ihre Gefahren, weil man dabei bestimmte Dinge ausblenden kann, weil sie nicht in das eigene Vorverständnis passen. Wer von der Absolutheit des von dem Propheten Amos angekündigten Gerichts Gottes ausgeht, der wird in der Erwartung von der Wiederaufrichtung der zerfallenen Hütte Davids in Amos 9,11 nur einen späteren Anhang sehen. Diese an sich zurückhaltende Weissagung könnte aber durchaus zu dem Judäer Amos passen.

Aus einem Psalm wird eine (oft unwahrscheinlich genau beschriebene) Kulthandlung als „Sitz im Leben“ wiederhergestellt und der Psalm dann als Teil dieser Kulthandlung ausgelegt. Jedoch ist über den Ablauf von Festen und Kulthandlungen aus dem AltenTestament wenig zu erfahren, es sind nur auf indirektem Wege noch Einzelheiten über die kultischen Vorgänge erschließbar. Hier besteht schnell die Gefahr, daß man das eine zu sehr aus dem anderen erklärt, also einen „hermeneutischen Zirkel“ bildet.

 

Der hermeneutische Zirkel drückt auch aus, daß wir uns fremder werden, wenn wir die Frage nach uns selbst stellen und uns von uns selbst distanzieren. Das Neue Testament beansprucht die Person des Auslegers doch aufs schärfste. Die höchste Objektivität ist in dieser Sache die höchste Subjektivität. Der hermeneutische Zirkel sagt die Deckung (Identität) von Objektivität und Subjektivität aus. Deshalb brauchen wir uns nicht durch unangemessene Wahrheitsforderungen beeinflussen lassen, wie sie vor allem in der Mathematik zum Vorschein kommen.

Die Auslegung des Neuen Testaments wird ein Vorgang in uns selbst sein müssen, wenn er uns treffen soll. Das ist allerdings nicht erforderlich bei erzählenden Partien (Apostelgeschich­te) oder gesetzlichen Ausführungen (Pastoralbriefe).

Glaube ist immer auch Selbstpreisgabe. Diese aber hat als Gegenüber den Herrn, dem der natürliche Mensch gegenübergesellt wird, der selbst sein Herr sein will. Hören wir auf den Bibeltext, werden wir uns fremd. Wir empfinden ihn immer als Konkurrenz. Die Auslegung wird sich von der Frage leiten lassen, welchen Weg der Text mit dem Menschen einschlägt, dem die Konkurrenz mit Gott vorgegeben ist. Der Text hat aber gegenüber unserem Selbstverständnis immer einen Vorsprung.

Die Hermeneutik muß fordern, daß die theologische Auslegung zur Geltung bringt:

• Das Kanonische (die ganze Bibel Übergreifende) u n d das Individuelle der Schrift

• „Gleichzeitigkeit“ u n d „Ungleichzeitigkeit“ mit dem neutestamentlichen Zeugnis

• Die Gegenwärtigkeit wie den Abstand der Zeiten mitten in der Gleichzeitigkeit.

 

Hermeneutik und Entmythologisierung:

Die existentiale Interpretation muß immer durch eine Prüfung hindurchgegangen sein. Sie muß sich aber auch immer einem anderen mitteilen wollen. Die Entmythologisierung ist keine Methode, sondern Aufgabe der Auslegung. Es genügt ja nicht, wenn an weiß, was „wörtlich“ dasteht, oder wenn man die Ausdrücke in der Liturgie des Gottesdienstes wie eine Fremdsprache hinnimmt.

Ins Rollen gebracht wurde das hermeneutische Problem durch das wiedererwachte Verständnis für den Mythos (für die Erzählungen über die Götter anderer Völker): Die Kirchen haben den Mythos immer als Bundesgenossen angesehen, er ist aber der Feind des Evangeliums. Der Mythos stellt nur scheinbar Unanschauliches anschaubar dar, aber er erklärt nichts. Er setzt eine kultische Ordnung voraus, an der wegen der damit verbundenen Feste willen nicht gerüttelt werden darf. Von ihm setzte sich die Vernunft („Logos“) ab. Diese erkennt nur eine „sachlich“ begründete Wahrheit an. Damit ist aber auch die Wissenschaft auf dem Plan.

Das Urchristentum hat schon eine Art Entmythologisierung in Gang gesetzt. Gegenstand der Entmythologisierung war aber nicht die Gottheit, sondern die Welt. Das Neue war, daß die Offenbarung Gottes nicht nur metaphysisch oder ethisch, sondern als Ereignis in der Geschichte verkündet wurde

Doch die Geschichte ist so zu vertiefen, daß der Offenbarungscharakter der Verkündigung verständlich bleibt. Um diese „Tiefe“ zu erreichen, in der uns Gott antreffen will, bedient sich Paulus und das ganze Neue Testament dann doch wieder mythologischer Sprache. Es mußte aber auch eine Sprache der Geschichtlichkeit gefunden werden, damit man so etwas wie „Naherwartung“ verstehen konnte. Man muß sich auch von der Welt Abstand nehmen (distanzieren) können. Die Sprache der Geschichtlichkeit ist die Liebe (zum Beispiel: „Das an Israel gegebene Wort Gottes wurde im Kreuz Jesu bestätigt“). So wird wieder ein wahres Verhältnis zur Zeit gewonnen. So bekämpft die neue Sprache den Mythos, sie ist Dienst an der Sprache, weil der Mythos keine Zeit kennt.

Es wird bei der Entmythologisierung darauf ankommen, ob wir die Mitteilung hören und ob wir das, was wir hören, unsererseits in Mitteilung umsetzen können. Der moderne Historismus zwingt uns einfach zu entmythologisieren, um die Sprache des Kreuzes Jesu in unserer Zeit zu wahren.

 „Theologie ist heute als Lehre die existentiale Interpretation des Glaubens aus dem Umgang mit der Zeit selbst“. Sie stellt „ihre Arbeit als Besinnung auf das im Glauben geübte Verstehen zur Diskussion. Denn die Sprache des Glaubens ist die Sprache der sich selbst verstehenden Existenz!“ „Der Sprachgewinn des Glaubens erfordert eine eigene Sprachlehre. Hermeneutik ist im Bereich der Theologie Sprachlehre des Glaubens. Diese Sprachlehre interpretiert die Sprache des Glaubens nicht mehr im Horizont der Wirklichkeit, sondern im Horizont der Zeit selbst, und enthüllt uns die Zeit als den eigentlichen Ort der Existenz vor Gott!“ (Fuchs).

 

 

 

Bibelthemen im Fernsehen

Gelegentlich nimmt das Fernsehen biblische Themen auf, aber meist ist das gar nicht so besonders glücklich. Zunächst sucht man sich meist Geschichten aus, die sich filmisch gut umsetzen lassen (Durchzug durchs Meer, Tanz der Salome, Kreuzigung Jesu). Aber oft bleibt man an Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten hängen. Auch die Hinzuziehung von Theologen hilft da oft nicht, weil sich die Fernsehleute nicht in ihre Arbeit hineinreden lassen und die Pfarrer dann oft vor vollendete Tatsachen gestellt werden und ihre nachträgliche Korrektur erst in der Sendung erfolgen kann, aber gar nicht richtig wahrgenommen wird.

Da werden zum Beispiel die sogenannten „Urgeschichten vom Anfang der Bibel als historische Berichte genommen, aus denen man „Tatsachen“ abfragen kann („Wer waren die Kinder Adams und Evas?“). Hier würde mindestens ein Hinweis hingehören, daß es sich um reine Erzählungen handelt.

Die Frage „Wer ging zuerst aus der Arche Noah“ ist mißverständlich. Im ersten Augenblick denkt man natürlich, daß Noah und seine Familie zuerst aus der Arche gingen. Gemeint war aber, welches Tier laut Erzählung zuerst die Arche verließ (und zwar fliegend und nicht „gehend“). Und da muß man erst einmal wissen, daß es nicht nur die allerseits bekannte „Friedentaube“ war, sondern nach einer anderen Überlieferung ein Rabe.

Ganz gräßlich wird es, wenn man ein Comedy-Duo an die biblischen Geschichten heranläßt. Für die ist die wirkliche Geschichte nur so ein schwacher Hintergrund für ihre vermeintlichen Späße. Aber es geht doch nicht, daß der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn erst zur Vergebung überredet werden muß, wo er doch jeden Tag auf die Rückkehr des Sohns gewartet hat und ihm längst vergeben hatte.

Auch wenn es sich nur um eine Unterhaltungssendung handelt, so müssen die Fakten doch stimmen. Wie sollen wir sonst ein Verständnis der Bibel beim Publikum erreichen, wenn immer wieder die alten Mißverständnisse wiederholt werden, als hätte es 200 Jahre theologische Forschung nicht gegeben.

 

 

Neutestamentliche Apokryphen

In einer ZDF-Sendung am 28. November 2010 wurde dargestellt, was die Bibel angeblich verschweigt. Richtig daran ist, daß Jahrzehnte lang die ersten Christen erbittert stritten um die Überlieferung der Worte und Taten des Jesus von Nazareth. Dabei ging es nicht um historische Wahrheit, sondern um Ziele und Werte der entstehenden neuen Kirche. Aber die Frage bleibt doch, ob durch die damals aus der Bibel verbannten Texte ein anderes Licht auf Christus und seine Jünger geworfen würde.

Das dem Petrus zugeschriebene Evangelienfragment mit seinem Bericht einer Schlacht zwischen guten und bösen Dämonen und Zauberern ist zwar eine hollywoodreife Geschichte mit einem spannenden Showdown im Kolosseum von Rom, die natürlich mit dem Sieg des Guten endet. Aber gerade dieses Spektakuläre ist den echten Evangelien fremd.

Und noch eine Geschichte fehlt in der Bibel: Die von Thekla, der geheimnisvollen Gefährtin des Apostels Paulus aus dem Evangelium des Judas. Sie wurde nicht „aus dem Neuen Testament komplett gestrichen“, sondern sie gehört nicht hinein. Weshalb sollte den Kirchenvätern eine Frau an der Seite des Apostels nicht genehm gewesen sein, wo doch Jesus selber von Frauen umgeben war.

Die Sendung berief sich auf einen amerikanischen Wissenschaftler. Die Amerikaner sind in der Theologie im Gegensatz zur strengen europäischen Theologie schon immer für ausgefallene Ideen zu haben gewesen. Deshalb stürzen die Journalisten bei uns gern auf ihre Werke, weil man diese reißerisch vermarkten kann.

 

Zunächst einmal: Streit in der Kirche ist natürlich und gut. Das ist so wie in jeder Partei oder in jedem Verein. Auch das Neue Testament verschweigt zum Beispiel nicht das Unverständnis der Jünger Jesu oder den Streit zwischen Petrus und Paulus (Apostelgeschichte 16) oder zwischen Paulus und Apollos (1. Korinther 3,4-10). Auch die späteren Kirchenväter haben die Lehren der Ketzer nicht verschwiegen.

Aber natürlich haben sie diese abgelehnt. Das war ein ganz schwerer Selbstreinigungsprozeß der Kirche, bis endlich feststand, welche Schriften in die Bibel aufgenommen werden. Und man muß sagen: Die Synoden haben gut entschieden, sie haben die ursprüngliche Botschaft Jesu frei gehalten von weltanschaulichen und heidnischen Einflüssen. Das war aber keine Willkür, sondern eine Rückbesinnung auf die Wurzeln.

Hätte man sich nämlich zum Beispiel mehr als das Johannesevangelium für die Weltanschauung der Gnosis geöffnet, wäre das Christentum untergegangen wie all diese antiken Sonderlehren und es hätte kein „christliches Abendland“ gegeben.

Was diese anderen sogenannten Evangelien schildern, ist nicht die historische Wahrheit, sondern menschliche Erfindung, die mit der Bibel nichts zu tun hat. Sie dienen heute lediglich dazu, unsere Kenntnis vom Umfeld des Neuen Testaments zu erweitern. Aber sie zeigen auch, was uns erspart worden ist.

Man kann zum Teil sogar noch verfolgen, wie diese Geschichten entstanden sind, denn sie wurden an offiziellen Bibelstellen verankert. Die Geschichte von Petrus und den Zauberern ist herausgesponnen aus der Begegnung des Petrus mit dem Zauberer Simon (Apostelgeschichte 8,18-24). Und die „Heilige“ Thekla war natürlich nicht „die geheimnisvolle Gefährtin des Paulus“, sondern um dieser Geschichte einen seriösen Anstrich zu geben, hat man sie im Leben des Paulus verankert. Sie jetzt als Vorkämpferin für Frauenrechte gegen die Machos in der Kirche hochzustilisieren, ist Wunschdenken eines Journalisten von heute.

Und noch etwas zum sogenannten „Judasevangelium“. Im Johannesevangelium 13,2 und 27 ist zwar die Rede davon, daß der Teufel in Judas gefahren ist. Aber in 17,12 steht, daß durch Judas „die Schrift erfüllt“ werden mußte. Das heißt doch, daß Jesus um den Verrat wußte (Johannes 13,11 und Joh 6,64) und ihn als Erfüllung der Voraussagen der Heiligen Schrift und damit des Willens Gottes verstand

Daß Jesus um sein Leiden wußte und dieses als Erfüllung des Wortes Gottes ansah, steht in allen sogenannten „Leidensankündigungen“. Diese sind zwar nicht unbedingt historisch, zeigen aber, daß die christliche Gemeinde das so gesehen und nichts verschwiegen hat. Übrigens steht in der Bibel ein Judasbrief, der sich aber natürlich auf einen anderen Jünger Jesu bezieht.

 

Karfreitag Fernsehquiz

An Karfreitag 2012 lief im Hessischen Fernsehen ein Bibelquiz, das so typisch war für die Behandlungen theologischer Fragen in den Medien. Das Fernsehen hat natürlich Geschichten herausgegriffen, die sich fernsehmäßig gut machen, aber theologisch nicht sehr wichtig sind, zum Beispiel der Tanz der Salome. Wenn das Fernsehen das aber unbedingt haben will, muß man als Leiter des Bibelmuseums vielleicht auf die Mitwirkung verzichten.

Die sogenannten „Urgeschichten“ wurden als historische Berichte genommen, aus denen man Tatsachen abfragen kann. Hier hätte mindestens ein Hinweis hingehört, daß es sich um reine Erzählungen handelt. Die Frage „Wer ging zuerst aus der Arche Noah“ war mißverständlich, denn da denkt man eher an Noah als an die Taube. Aber als eine Teilnehmerin den Raben erwähnte, hätte der theologische Fachmann schon eingreifen müssen, denn immerhin gibt es da ja eine doppelte Überlieferung von Taube und Rabe.

Ganz schlimm war die Darstellung des Vaters und des verlorenen Sohns: Der Vater mußte doch nicht erst zur Vergebung überredet werden, sondern er hat jeden Tag auf die Rückkehr des Sohns gewartet. Aber wenn man ein Comedy-Duo mit der Gestaltung so einer Szene beauftragt, dann kommt das heraus, das dem oft gequälten Humor des Herrn Bombach entspricht. Auch wenn es sich nur um eine Unterhaltungssendung handelte, so müssen die Fakten doch stimmen. Wie sollen wir sonst ein Verständnis der Bibel beim Publikum erreichen, wenn immer wieder die alten Mißverständnisse wiederholt werden, als hätte es 200 Jahre theologische Forschung nicht gegeben.

Der Leiter des Bibelmuseums hat geantwortet, er sei für die Spielszenen nicht verantwortlich,

seine Mitwirkung an dieser Sendung beschränkte sich auf Antworten zu Fragen, die Herr Bombach stellte. Die Redaktion hat aber behauptet, es sei alles mit dem Leiter vorher abgestimmt worden. So ist das eben beim Fernsehen!  

 

 

Eine Zusammenfassung des christlichen Glaubens finden Sie unter „Glaubensfragen, Gott, „Kleine Glaubenslehre“.

Eine Kurzfassung der Bibel mit Erläuterungen finden Sie unter „Bibel für Einsteiger“.

Praktische Beispiele für die Auslegung der Bibel in der Predigt finden Sie unter „Predigten“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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