Maintal Geschichtliches

 

 

Inhalt: Zeittafel, Erdgeschichte, Herkunft der Maintaler, Bodenfunde, Römer,  Erbfolgekrieg, Siebenjähriger Krieg, Schlacht bei Hanau, Frankreich als „Erbfeind“, Hexen, Osterbräuche, Widerstand gegen die Nazis, Zwangsarbeiter, Krieg und Frieden in Maintal, Kriegsende 1945, Kindheit in Hochstadt,  Naturschutz, Museum, volkstümliche Ausdrücke, Maintaler Geschichten, Literatur.

 

 

Zeittafel Maintal

um 3000 vCh

Jungsteinzeitliche Funde in allen Stadtteilen (Hammer, Beil, Schaber)

um   800 vCh

Gräber aus der Hallstattzeit im Bischofsheimer Wald

83 nCh

Die Römer dehnen ihre Herrschaft aus, Brandgräber und Hofgüter

6. Jahrhundert

Die Franken besiedeln das Land planmäßig (Funde in der Mozartstraße)

793

Wolfbodo schenkt dem Kloster Lorsch Güter und Kirche in Dörnigheim

798

Liubert schenkt dem Kloster Lorsch eine Hufe in Buchen

846

Geroch vermacht seine Güter in Hochstadt dem Kloster Lorsch

880

König Ludwig schenkt die Bischofsheimer Kirche an die Salvatorkapelle

1064

Kaiser Heinrich IV. schenkt Güter in Dörnigheim an das Jakobskloster in Mainz, das seinen  Hof auf dem Gelände des „Herrenhofs“  hat

1168

Die Familie der Herren von Buchen stirbt aus (Nachfolger: Dorfelden)

12. Jahrhundert

Errichtung der Kirchhofsmauer rund um die Kirche in Hochstadt

1283

Die Herren von Falkenstein erwerben Bischofsheim

1270

Erste Erwähnung des Ortes Groschlag (südwestlich von Hochstadt)

13. Jahrhundert

Bau der Ringmauer um Hochstadt mit zwei Toren und Halbtürmen

13. Jahrhundert

Landwehr westlich von Dörnigheim erstmals erwähnt

1333

Die Hanauer Grafen erhalten das Vogteirecht in Dörnigheim

1333

Erste Erwähnung der Ortsbefestigung Bischofsheim mit zwei Toren 

1366

Ein „Weistum“ über die alten Rechte in Dörnigheim wird aufgestellt

1389

Im „Städtekrieg“ entstehen  Schäden in Dörnigheim und Wachenbuchen

1406

Älteste Urkunde im Pfarrarchiv Wachenbuchen (21. Mai)

um 1430

Bau der heutigen Kirche in Hochstadt (Ausmalung 1490)

1434

Reinhard II. von Hanau erhält die Grafschaft Bornheimer Berg

1440

Landwehr zwischen Bischofsheim und Hochstadt  errichtet

1460

Weistum der Gemeinde Bischofsheim (auch 1503 ein Weistum)

1461

Bau des Kirchturms in Wachenbuchen (Kirche 1703 und Umbau 1903)

1500

Hanau erwirbt die niedere Gerichtsbarkeit in Bischofsheim

153,8

Bischofsheim brennt vollständig ab, an der heutigen Stelle neu aufgebaut

1542-1553

Einführung der Reformation (Wachenbuchen 1542, Bischofsheim 1555)

1500-1565

Bau der Kirchtürme Dörnigheim und Bischofsheim

1500-1565

Bau der Tortürme Bischofsheim und  Hochstadt

1555

Bau des alten Rathauses in Wachenbuchen

1609

Erste Erwähnung des „Pflastergeldes“ (Straßenzoll) in Dörnigheim

1615

Der Ort Groschlag südwestlich von Hochstadt geht ein

1615

Markierung der Grenze zwischen Bischofsheim und Hochstadt

1621

Einwohner Bischofsheims fliehen nach Hanau, 1635 die Wachenbucher

1621

Spanische Truppen brandschatzen Dörnigheim 

1622-1627

Hochstadt wird von der Armeen beider Seiten drangsaliert

1631

Die Schweden befreien Hanau von der kaiserlichen Besatzung

1634-1636

Schwerste Notzeit im Dreißigjährigen Krieg 

1642

Geburt siamesischer Zwillinge in Hochstadt, Gedenktafel an der Kirche

1646

Hanauisch-Isenburgischer Vertrag über die Rechte in Bischofsheim

1671

Das Haus Frankfurter Straße 5 wird erbaut, ältestes erhaltenes Haus

1683- 1684

Neubau des Rathauses in Hochstadt (später allerdings noch umgebaut)

1711

Bau des Geibelhauses in Wachenbuchen durch Vorfahren des Dichters

1743

Die Franzosen verwüsten nach der Schlacht bei Dettingen das Land

1743

General von Sommerfeld ist im „Schlößchen“ (Hintergasse) einquartiert

1748

Bau der Wasserleitung von Wachenbuchen nach Hanau

1751   

Bau der Mainmauer mit zwei Mainpforten in Dörnigheim

1759

Die Schlacht bei Bergen fordert auch in Bischofsheim Todesopfer

1777

Wilhelmsbad (damals zu Wachenbuchen) wird zum Kurbad ausgebaut

1779-1798

Gasthäuser Krone (Hochstadt), Grüner Baum und Adler (Dörnigheim)

1780

Schotterung der Chaussee von Hanau zur Mainkur

1800

Gefecht mit den Franzosen in Hochstadt, Bischofsheim und Umgebung

1813

Dörnigheimer Vertrag im Gasthaus „Zum Adler“ geschlossen

1813

Kaiser Napoleon kommt am 31. Oktober nach Wilhelmsbad

1814-1847

Neue Friedhöfe in allen vier Orten (Dörnigheim (1814)

1835

Der Dichter Emanuel Geibel besucht das Stammhaus der Familie

1838

Erste Häuser außerhalb der Ortsmauer in Dörnigheim und Hochstadt

1844-1886

Neue Schulen in Bischofsheim (1844, Alt Bischofsheim 28), Hochstadt (1851, Hauptstraße 4), Dörnigheim (1886, Kirchstraße)

1845

Beginn der Bauarbeiten für die Eisenbahn Frankfurt-Hanau

1860

Gründung des Volkschors, des ältesten Vereins in Dörnigheim

1861

Erstürmung Hochstadts durch auswärtige Turner

1870

Bau der Synagoge in der Straße Alt Wachenbuchen 38

1874

Gründung der „Spar- und Leihkasse Wachenbuchen“ (heute Raiffeisen)

1894

Postagentur in Hochstadt (Hauptstraße 57) und Bischofsheim

1864-1899

Bau der Pfarrhäuser in Hochstadt (1862), Dörnigheim und Bischofsheim

1889-1893

Erste Ärzte in Wachenbuchen und Dörnigheim (eigene Doktorhäuser)

1897

Wasserleitung in Wachenbuchen (vom Auborn)

1906

Erste Autos in Wachenbuchen (Arzt Dr. Weitzel und  Wirt Pflug)

1907

Bau der Waldschule in Bischofsheim, 1929 mit Kindergarten

1910

Beginn der Wachenbucher Landhaussiedlung „Hohe Tanne“

1912

Erste Buslinie von Wachenbuchen über Wilhelmsbad nach Hanau

1911-1926

Bau der Wasserleitung in Bischofsheim (1911) und Hochstadt

1918

Gründung von Arbeiter- und Bauernräten in allen Orten

1920-1923

Elektrifizierung in allen vier Orten

1920

Flußkraftwerk im Main durch Preußen-Elektra errichtet, bis 1989

1926

Der Segelflieger Espenlaub kommt zu Vorführungen an den Kochberg

1938

Zerstörung des jüdischen Schulhauses in Wachenbuchen am 8. 11.

1938

Zerstörung der Synagoge in Hochstadt am 9. November durch Nazis

1944

Eine Brandbombe zerstört am 4.2. Kirche und Häuser in Bischofsheim

1945

Luftangriff am 6. Januar auf  Wachenbuchen (32 Häuser beschädigt)

1945

Die Amerikaner besetzen die Orte nördlich des Mains am 28. März

1945

Explosion im amerikanischen Munitionslager am Bahnhof

1946

Im Juni treffen Flüchtlinge ein, vor allem aus dem Sudetenland

1946-1947

Der Main friert zu, im Frühjahr Überschwemmung ( bes. Bischofsheim)

1948-1949

Siedlungsbau (Klingerborn Wachenbuchen, Waldsiedlung Dörnigheim)

1959   

Moderner Kindergarten in der Gänsseestraße (Dorfgemeinschaftshaus)

1964

Verleihung der Stadtrechte an die Gemeinde Dörnigheim

1974

Gründung der Stadt Maintal mit vier Stadtteilen (Gebietsreform)

1979

Inbetriebnahme der Autobahn A66 quer durch Maintal

1980

Bau der Maintal-Halle

           

Dr. Ludwig Emmel: Die Erdgeschichte im Raum Bergen-Enkheim

 

Allgemeine Einführung:

Die Geologie als „die Wissenschaft von der stofflichen Beschaffenheit, von dem Bau und der Geschichte unserer Erde” hat es mit Zeiträumen zu tun, die wir uns nur schwer vorstellen können. Deshalb werden ihre Ergebnisse von Uneingeweihten oft für fragwürdig oder zumindest für so weit hergeholt gehalten, daß eine Beziehung zwischen unserer heutigen Umgebung und ihrer Vergangenheit kaum herstellbar erscheint. Dabei ist die Geologie alles andere als abstrakt.

Ein Geologe, der die Grundlagen erlernt hat. bleibt nicht am Schreibtisch sitzen; wie ein Detektiv ermittelt er sein Leben lang in der Natur selbst, von ihren stofflichen Gegebenheiten und deren Erscheinungsformen ausgehend, nimmt Messungen vor und beobachtet an der heutigen Erdoberfläche die Bildung von Gesteinen, sei es durch Ablagerung oder durch Vulkantätigkeit. So wird aufgrund vieler Einzelheiten ständig an der Ergänzung des Mosaiks gearbeitet, das den jeweiligen Stand der Forschung anzeigt.

Natürlich bedarf es hier auch der Vorstellungsgabe und des Kombinationsvermögens für ein zielstrebiges und folgerichtiges Vorgehen. Jede anfängliche Vermutung ist aber, wie überall in der Forschung, durch Beweisführung zu belegen, ehe sie Allgemeingut werden kann.

Kenntnisse über die stoffliche Beschaffenheit und den Bau der Erdrinde sind jedoch nicht nur für die Grundlagenforschung, sondern auch für viele Berufe unerläßlich. Man denke nur an den Bergbau, das Steinbrechen. die Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Straßenbau, Tiefbau, z. B. Kanalbau. Brunnenbau und Hochbau.

Letzten Endes gründen wir alle unser Leben auf die Voraussetzungen, welche die Erde für unser Dasein bietet. Es sind aber wohl nicht allzu viele, die sich Gedanken machen um die Bodenteilchen, die der Wind davonträgt, um das Bersten des Felsgesteins im Frost, um das Geröll, das der Bach talab befördert oder um die Sinkstoffe am Boden von Gewässern.

All das verändert das Antlitz der Erde Tag für Tag, heute wie gestern und übermorgen. Nichts bleibt, alles fließt. Gebirge türmen sich auf und werden abgetragen. Täler werden aufgerissen und zugeschüttet. Inseln entsteigen den Meeren, Landmassen senken sich und werden überflutet. Und alles braucht seine Zeit. Die Gesetze für dieses Geschehen lehrt die Natur den. der zu sehen versteht. Diese Gesetze sind eigentlich das einzige, was sich nicht ändert. Sie ermöglichen das Verständnis für Vorgänge in Vergangenheit und Zukunft.

Deshalb ist es nicht nur lehrreich und interessant, etwas mehr zu wissen von dem, was uns täglich umgibt. Es schenkt auch die Erfahrung des Beschlossenseins in ein Geschehen, das folgerichtig und zwingend abläuft.

 

Die geologische Sammlung:

Die geologische Sammlung des Heimatmuseums Bergen-Enkheim ist größtenteils aus Privatsammlungen zusammengetragen. Sie enthält sowohl Fundstücke aus der näheren Umgebung als auch Gesteinsproben aus Erdformationen, die hier nicht vorkommen. Um Irrtümer auszuschließen, sind örtliche Funde rot gekennzeichnet. Warum wir die anderen überhaupt ausstellen? Damit ein Zusammenhang mit den anderen geologischen Formationen entsteht und das Heimatmuseum zugleich breiteres Anschauungsmaterial für unsere Schulen bieten kann. Dieser Gesichtspunkt hat sich bewährt. Jedoch ist die Erdgeschichte keineswegs komplett dargestellt. Die Sammlung enthält:

* Aus dem Erdaltertum neben einigen Fossilien aus dem Kambrium. Silur und Devon beachtenswerte Pflanzenabdrücke aus dem Karbon.

* Gesteinsproben und verkieselte Hölzer aus dem Rotliegenden sowie Abdrücke von Fischen und urtümlichen Schalentieren (Productus) aus dem Zechstein, ferner Salze des Zechsteinmeeres.

* Aus dem Erdmittelalter einige Ammoniten, Seeigel und Muscheln aus dem Jura und der Kreide. Einen Abguß des entwicklungsgeschichtlich interessanten Urvogels Archaeopteryx.

* Aus der Erdneuzeit die heimatlichen Schichtenfolgen mit ihren Fossilien (Muscheln, Schnecken, Haifischzähnen) aus dem Tertiär. Aus der Eiszeit Zähne von Mammut und Urelefant sowie aus der Jetztzeit Gesteinsneubildungen und Säugerreste.

Wer sich einen ganz allgemeinen Begriff verschaffen will, betrachte zunächst die Wandtafel „Die Geschichte der Erde“. Sie verdeutlicht die Erdzeitalter und die Aufeinanderfolge der dazugehörigen Erdformationen mit ihrer ungefähren Datierung. Zugleich ist daraus die Entwicklung der Lebewesen auf der Erde zu ersehen. Jede Epoche ist entweder durch erstmaliges oder auch überwiegendes Auftreten bestimmter Lebewesen - Pflanzen und /oder Tiere - gekennzeichnet.

Skeletteile sowie Körper- und Skelettabdrücke und Blattabdrücke oder auch andere Spuren im Ablagerungsgestein sind uns erhalten geblieben. Der Geologe bezeichnet solche Funde als Fossilien. In bestimmten Schichten gehäuft zu findende Lebewesen der gleichen Art gestatten Rückschlüsse auf den Charakter der damaligen Landschaft, auf die Klimaverhältnisse und die Möglichkeiten für das gleichzeitige Vorkommen vergesellschafteter Pflanzen- oder Tierformen. Diese sog. Leitfossilien sind häufig auch entscheidend für die Erkennung und Benennung der entsprechenden Gesteinsschicht geworden. Beispiele dafür finden sich auch in der Sammlung unserer heimatlichen tertiären Schichtenfolge.

Außer den durch Ablagerung im Meer oder auf dem Lande entstandenen Gesteinen gibt es auch solche, die durch vulkanische Kräfte in der Tiefe oder an der Erdoberfläche gebildet wurden (siehe Anhang: Kleine Gesteinskunde). Auch hierfür befinden sich in unserer Sammlung einige Beispiele.

Eine weitere Wandtafel „Erdgeschichte des engeren Heimatgebietes” und ein „Schematisches geologisches Profil durch den Berger Hang” unterrichten über den Aufbau unserer Gegend und sollen dazu dienen, bei der Betrachtung der ausgestellten Beispielstücke in den Vitrinen die begriffliche Einordnung der zeitlichen und lagemäßigen Aufeinanderfolge zu erleichtern.

Ein Profil der Talaue (im Flur) zeigt die Schichtenfolge der Jetztzeit im Bereich des Enkheimer Riedes.

Beim Studium der Tafeln wird man entdecken, daß bei uns nicht immer alles so ausgesehen hat wie heute. Das Gelände, in dem Bergen auf der Höhe und Enkheim im Tale erbaut wurden, hat im Laufe der Erdgeschichte manche Wandlung erfahren, bis die Landschaft vor etwa 20.000 Jahren im großen und ganzen ihre jetzige, noch stetig sich ändernde Gestalt erhielt. Diese für geschichtliche Begriffe graue Vorzeit datiert der Geologe an das Ende der Eiszeit (Diluvium), welche eine noch junge Formation ist. die zusammen mit der Jetztzeit (Alluvium) in die Neuzeit der Erdgeschichte eingestuft wird.

 

Bergen-Enkheims Lage in geologischer Sicht:

Unsere nahen Gebirge Taunus, Vogelsberg, Spessart, Odenwald, Haardt und Hunsrück umrahmen die Rhein-Mainische Senke und die Wetterau. Nach Süden schließt sich das Oberrheintal an, nach Osten und Westen dringen tiefe Buchten gegen die Randgebirge vor.

Die Versteinerungen ehemaliger Lebewesen beweisen, daß die Schichten des Taunus und Hunsrück im Altertum der Erde, im Meere der Devon-Zeit (Beginn vor 310 Millionen Jahren) abgelagert wurden.

Die Gesteine des Taunus, Spessart, Odenwald und Hunsrück wurden in der Karbonzeit (Beginn vor 263 Millionen Jahren) gefaltet und durch den ungeheuren Druck der gebirgsbildenden Kräfte teilweise umgewandelt. Diese Gebirge sind Reste des ursprünglich zusammenhängenden Variskischen Faltengebirges in Mitteleuropa. das im weiten Bogen vom Hochlande der Auvergne bis an die obere Weichsel verlief.

Das Alter der durch die Gebirgsbildung veränderten Gesteine (Gneise und Glimmerschiefer) des Odenwalds und Spessarts ist noch unbekannt. Sie sind aber „mindestens ebenso alt wie die Gesteine des Taunus und des Hunsrück, da sie mit ihnen gefaltet wurden”.

Die braunroten Gesteine der Rhein-Main-Senke, die bei Vilbel und Hochstadt zutage treten, bestehen aus Trümmern der älteren Gebirge. Sie liegen waagerecht und sind nach der Zeit der variskischen Gebirgsbildung im Saar-Saale-Graben abgelagert worden. Sie bilden das Rotliegende (Beginn vor 210 Millionen Jahren). Mit dieser Formation schließt in unserem engeren Heimatgebiet das Altertum der Erde ab.

Die ungefalteten roten Sandsteine der Haardt, des Ostrandes von Spessart und Odenwald, des oberen Mains, der Gegend von Büdingen und Gelnhausen sind im Erdmittelalter - beginnend mit Trias - entstanden und werden als Buntsandstein bezeichnet (Beginn vor 190 Millionen Jahren). Das weitere Mittelalter der Erde (Muschelkalk und Keuper; Jura, Kreide) ist bei uns nicht vertreten.

Die Erdneuzeit, beginnend mit dem Tertiär (vor 63 Millionen Jahren) wartet dagegen bei uns mit einer Menge von Ablagerungen auf. Tone. Sande. und Kalke im Untergrunde unseres engen Heimatgebietes stammen zum größten Teil aus der Tertiärzeit. Am Ende des Tertiärs erfolgte der Ausbruch des Vulkans Vogelsberg, dessen Lava sich über eine Fläche von 2500 Quadratkilometer ergoß. (Nach Fr. Drevermann)

Einen Überblick über das Ablagerungsgebiet der Tertiärzeit verschafft man sich vom Höhenzug der Hohen Straße, der von WSW nach ONO verläuft. Er hat drei bemerkenswerte Erhebungen:

Die Berger Warte      212 Meter über NN

Die Erzen                    193 Meter über NN

Der Hohe Stein           201 Meter über NN

Steht man bei klarem Wetter auf einer dieser Höhen, so kann man nach Norden in die Wetterau, d. h. in das Wetter-, Nidda- und Niddertal und nach Süden in das zwischen Rumpenheimer Wald und Bischofsheim fünf Kilometer breite Maintal blicken.

Im Südwesten verengt sich das Maintal zwischen Mühlberg und Röderberg auf einen Kilometer, und sein weiterer Verlauf nach Westen mit der Einmündung in das Rheintal bei Mainz läßt sich nur erahnen. Im Osten kann man die Senke erkennen, die sich zwischen Hanau und Seligenstadt erstreckt.

Diese vom Rundblick erfaßten Landschaftsteile gehören zum sogenannten Mainzer Becken, einem ehemals gewaltigen Senkungsgebiet, das sich zu Beginn der Tertiärzeit bildete und ein langsames Eindringen des Südmeeres ermöglichte.

Das Mainzer Becken umfaßt nachstehende Gebietsteile mit heute unterschiedlicher Höhenlage, in die das Tertiärmeer seine Sedimente ablagerte:

* Der Horst der Hohen Straße, auf dessen Südhang Bergen liegt. Dieser Höhenzug findet seine Fortsetzung im Süden über Sprendlingen nach Darmstadt und schließt an den Odenwald an. Er ist also eine nördliche Fortsetzung des den Rheintalgraben im Osten begleitenden Horstes.

* Die Senke, die zwischen parallelen Spaltenzügen abgesunken ist und von Süden kommend bis Mainz und nach Norden am Taunusrand entlang sich in die Wetterau erstreckt. In diese Senke hat der Rhein später sein Bett eingegraben.

* Die Senke zwischen Hanau und Seligenstadt, die im Süden vom Buntsandstein-Odenwald und im Osten vom Hahnenkamm begrenzt wird.

* Das rheinhessische Plateau und der Rheingau, im Süden von der Haardt begrenzt und im Südwesten in das Pfälzer Bergland übergehend. Westgrenze ist die Linie Kreuznach - Bingen, Nordgrenze das Rheinische Schiefergebirge.

Die heutigen Höhenzüge und Plateaus haben sich am Beginn der Diluvialzeit gehoben, wie der Horst der Hohen Straße, andere Gebietsteile haben sich gesenkt, wie der Rheintalgraben, so daß hier die Tertiärschichten einige hundert Meter in der Tiefe liegen.

 

Kurzer Abriß der Erdgeschichte unserer engeren Heimat:

Die obere Grenze des Erdaltertums bilden die Schichten des Rot l i e g e n d e n und darüber die des Zechsteins. In unserer nächsten Nachbarschaft ist aus dem Altertum nur das Rotliegende zu finden (bei Bad Vilbel, Hochstadt, Kilianstädten).

Die Sandsteine und verkitteten Geröllsteine (Konglomerate) des R o t l i e g e n d e n sind auf einem Festland von Bächen und Flüssen, die in die Saar-Saale-Senke mündeten, abgelagert worden. Sie bestehen aus dem Schutt der Gebirge, die diese Senke umgaben und deren Reste noch heute vorhanden sind (Beginn von 210 Millionen Jahren).

Die verkieselten Hölzer (Araucarien, verwandt mit unserer Zimmertanne) wurden in den „Waderner Schichten“ des Ober-Rotliegenden von Vilbel gefunden.

Am Ende des Rotliegenden waren die Gebirge weitgehend abgetragen und die Senke ausgefüllt. Das ganze mitteldeutsche Gebiet begann sich zu senken, und das Zechstein- Meer drang von Nordosten her über Mitteldeutschland bis ganz in die Nähe unserer engeren Heimat vor (Büdingen, Wolfgang-Langendiebach).

Die Abdrücke von Fischen (Palaeoniscus freieslebeni) stammen aus den Kupferschieferschichten des Zechsteins bei Mansfeld. Die Brachiopoden (Armkiemer-Productus horridus) wurden bei Büdingen - Haingründau gefunden.

Die frei aus dem Ober-Rotliegenden austretenden stark kohlensäurehaltigen Quellen waren schon lange bekannt. Ein wundervolles Mosaik aus einem römischen Luxusbad, das beim Bau der Main-Weser-Bahn in der Nähe des Südbahnhofs von Bad Vilbel freigelegt wurde, weist darauf hin. In neuerer Zeit begann man Brunnen zu erbohren. Der Gehalt ihres  Wassers an verschiedenen Salzen, vor allem auch an Natriumchlorid, verrät, daß diese z. T. aus Ablagerungen des Zechsteinmeeres herangeführt werden.

Der hohe Kohlensäuregehalt der Quellen, der diesen meist starken Auftrieb verleiht, ist wohl auf letzte vulkanische Vorgänge im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Basaltmassen des Vogelsberges zurückzuführen. Dieser Ausbruch erfolgte in einer viel jüngeren Zeit, nämlich am Ausgang des Tertiärs. im Unter-Pliozän (Beginn vor 14 Millionen Jahren).

 

Karte: Der tertiäre Meeresarm zur Zeit seiner größten Ausdehnung im Mittel-Oligozän: eingezeichnet in das heutige Flußsystem (verändert nach W. Wenz

 

 

Übersicht zur Erdgeschichte des engeren Heimatgebietes:

 

 

Zeitalter

Formation

Ablagerungsformen

ERDNEUZEIT:  63 Millionen Jahre

 

Alluvium (Beginn vor 20.000 Jahren)

Gehängelehm, Aueschlick, Torf, Kalksinterbildung, Gerölle des Mainbettes

 

Diluvium (Beginn vor 1.000.000 Jahren)

 

Flußablagerungen:

Niederterrasse  97-100 m ü. NN

Mittelterrasse 125-165 m ü. NN

Hauptterrasse 170-200 m ü. NN

Windablagerungen:

Löß und Flugsanddünen

 Erosionsablagerung:

Gehängelehm mit Bruchstücken von Felsgestein

Beginn vor                 

14 Mio Jahren

 

Ober-Pliozän

Tone, Sande, Kiese über dem Trapp(im engeren Heimatgebiet nicht nachgewiesen)

Unter-Pliozän

blaugraue Tone und Braunkohle, rötlich-gelb geflammte Tone, Basalt (Trapp)

 

Beginn vor 29 Mio Jahren

Ober-Miozän 

Plattenkalke, in den Mergel hineinragende Algenkalkpfeiler, Landschneckenmergel und Kalke

Unter-Miozän

Hydrobienschichten: Kalke, Mergel

Corbiculaschichten: Kalke, Mergel

Cerithienschichten: Sande, sandige Kalke, Mergel

Beginn vor 43 Mio Jahren

 

Ober-Oligozän

Quarzschotter, Glimmersande, Cyrenenmergel und Braunkohle

Mittel-Oligozän

Schleichsande (= obere Meeressande), Rupelton und Meeressande

Unter-Oligozän

im Heimatgebiet nicht abgelagert

Eozän 

m Heimatgebiet nicht abgelagert

ERDMITTELALTER (Beginn vor 190 Millionen Jahren)

 

Tertiär

im Heimatgebiet nicht abgelagert

 

Kreide

 

 

Jura

 

 

Trias

 

ERDALTERTUM (Beginn vor 500 Millionen Jahren)

 

Zechstein

nächstes Vorkommen bei Büdingen, Langendiebach, Wolfgang

 

Rotliegendes

Rote Sandsteine, Konglomerate, zum Teil roter Lehm,  Grenzmelaphyr (vulkanisch)

210 Millionen Jahre

Perm

 

 

Karbon

im Heimatgebiet nicht nachgewiesen

 

Devon

 

 

Silur

 

 

Kambrium

 

                       

Die Formationen des Erdmittelalters in der Zeit zwischen 190 und 63 Millionen Jahren sind in unserem engeren Heimatgebiet nicht abgelagert worden. Offenbar sind die Meere dieser Zeit, die viele schöne Reste von Meerestieren hinterlassen haben, unserer Gegend ferngeblieben.

Das Rotliegende war also Festland, als in der Erdneuzeit, im T e r t i ä r (Beginn vor 63 Millionen Jahren), bedingt durch Landsenkungen vom Süden her das Meer eindrang, das sich in der Gegend von Kassel zeitweise mit dem Nordmeer verband.

Die Oberfläche der Schichten des Rotliegenden wird im mittleren Tertiär. im Mittel-Oligozän (Oligozän Beginn vor 43 Millionen Jahren) von den eindringenden Meereswellen schwach aufgearbeitet. Im Küstengebiet werden helle M e e r e s s a n d e und in tieferen Teilen des Meeresbeckens grauer R u p e l t o n abgelagert. Die Meeressande entstammen dem jeweiligen Untergrund, der Rupelton dem aufgearbeiteten Schiefer und sonstigen Gesteinen des Taunus und Spessarts. Das Meerwasser war sehr kalkhaltig. (siehe schematischer Querschnitt).Die dickschaligen Muscheln, Haifischzähne in den Meeressanden von Alzey, winzige Schalen von Einzellern (Foraminiferen) im Rupelton von Vilbel stammen aus diesen Schichten. Die Seeigel aus sandigen Schichten des norddeutschen Tertiärmeeres wurden am Doberg bei Bünde gefunden.

Während der Ablagerung des R u p e l t o n s beginnt bereits die Ausfüllung des Meeresbeckens mit dem von den Flüssen hereingebrachten Material. Besonders flach wird das Meer zur Zeit der S c h l e i c h s a n d e oder Oberen M e e r e s s a n d e. Bei Durchfeuchtung dieser feinen, glimmerreichen Sande besteht am Hang Rutschungsgefahr - daher „Schleichsande”. Durch Verwitterung entstehen Platten und Knollen. Zahlreiche Blattabdrücke von Zimtbaum, Buche, Ahorn, immergrüner Eiche u. a. geben einen Eindruck von der Vegetation am Rande des damaligen Meeresbeckens, die etwa so zusammengesetzt war wie im heutigen Florida.

Mit Beginn des Ober - O l i g o z ä n s wird der Meeresarm abgeschnürt und die Ausübung durch Flüsse beginnt bei gleichzeitiger Abflachung. Allmählich gehen die Schleichsande in die C y r e n e n m e r g e l über. die zunächst durch starke Abschnürung des Meeresarms reine Süßwasserablagerungen sind, sich dann aber in Brackwasserbildungen (Mischung von Salz-und Süßwasser) fortsetzen. Hauptfossil ist die Muschel Cyrena convexa, daher der Name für den dunkelgrauen bis bläulichgrünen Mergel mit gelegentlicher Braunkohlenablagerung.

Auf die Cyrenenmergel folgen als Süßwasserablagerung die Glimmersande, diese sind sehr feinkörnig und gelegentlich mit Kalksteinbänken durchsetzt. Sie enthalten Blattabdrücke von Ahorn, Zimtbaum und Feige. Nun wird unser Gebiet Einmündungszone von aus der heutigen Wetterau sowie aus dem Taunus kommenden Flüssen und verlandet dadurch. Es werden Schotter und Sande abgelagert, die durch Eisen- und Manganlösungen oft braungefärbt und durch Kieselsäure zu Konglomeratquarzit verbacken sind. Früher gab es einen guten Aufschluß am Heilsberg bei Bad Vilbel. woher das Belegstück stammt.

Das U n t e r - M i o z ä n (Beginn vor 29 Millionen Jahren) wird durch Landsenkungen eingeleitet, und das Südmeer erhält wieder Zugang in das nördliche Mainzer Becken. Es werden die C e r i t h i e n s c h i c h t e n abgelagert, deren Ausbildung wechselnd ist, teils sandhaltige Kalke. teils Mergel mit Kalkeinlagerungen. Außer Cerithienschnecken auch Venusmuschel, Miesmuschel, Perna (Perlmuschel), Axinea.

Später wird das Meeresbecken wieder abgeschnürt, und es folgen im Brackwasser die Ablagerungen der C o r b i c u l a s c h i c h t e n mit sehr unterschiedlicher Ausbildung. Leifossil ist die Muschel Corbicula faujasii. Tone mächtige Kalkbänke, welche dicht oder locker oder sandig ausgebildet sein können, zum Beispiel Münzenberger Blättersand = sandige Ausbildung.

Aus den Corbiculakalken sind viele Haussockel und die Umfassungsmauer des alten Bergen gebaut, ebenso die evangelische Kirche in Bergen, die Nikolauskapelle und die alte Schule Enkheim. Beim Turm der evangelischen Kirche wurde hiesiger Corbiculakalk und roter Buntsandstein aus dem Spessart zur barocken Farbgebung gelb-rot verarbeitet. Gedeckt wurde die Kirche mit dunkelgrauem Schiefer aus dem Devon. Das Alter des verwendeten Baumaterials ist also sehr verschieden und entstammt der Neuzeit, dem Mittelalter und dem Altertum der Erde

Die Kalkgesteine dienten auch zur Herstellung von Mörtelkalk. wozu in der Gemarkung Bergen viele Kalköfen errichtet waren. Gewonnen wurden die Kalksteine in Steinbrüchen am Südhang unterhalb Sperber und Mühlbachstraße sowie am Nordhang oberhalb des Vilbeler Waldes.

Während des von der Talsohle allmählich hangaufwärts vorangetriebenen Kanalbaus in den Jahren 1958 bis 1968 war es möglich, zumindest in den oberen Schichten den geologischen Aufbau zu verfolgen und auch Belegstücke zu sammeln. Vor allem wurden Cyrenenmergel. Cerithien-, Corbicula- und Hydrobienschichten angeschnitten sowie besonders im östlichen Teil Bergens pliozäne Tone und stark eisenhaltige rote Mergel. Stellenweises Auftreten harter Hvdrobienschichten), die mit Preßlufthämmern durchstoßen werden mußten, erschwerten den Kanalbau beträchtlich.

 

Die Aussüßung schreitet weiter, und mit dem allmählichen Verschwinden der Schnecken Cerithium spec. und Hydrobia inflata sowie dem Erscheinen von Hydrobia elongata beginnen die H y d r o b i e n s c h i c h t e n. Sie sind als mächtige Kalkablagerungen ausgebildet oder im Inneren des Beckens als mergelige Tone. Die Kalkbänke sind in ihrer Basis zerklüftet und führen oft schwefelwasserstoffhaltiges Wasser.

Das Flachwasserbecken verflacht nun immer mehr und trocknet schließlich aus. Tagwasserkräfte sind auf dem Festland am Werk, die die Hydrobienschichten z. T. abtragen. Zur Zeit des O b e r - M i o z ä n s erfolgen neue Senkungen, und ein größerer Süßwassersee bildet sich, in den Mergel mit Landschnecken eingelagert werden. Pfeilartig stecken in den Mergeln Algenkalke, die sich um Algenstöcke gebildet haben sowie Sinterkalke und Plattenkalke.

Der Süßwassersee verlandet allmählich im U n t e r - P 1 i o z ä n (Beginn vor 14 Millionen Jahren), und dunkelgraue Tone werden abgelagert. Braunkohlen bilden sich, meist Mulm mit einzelnen Holzstückchen. Die Schichten gehen in rötlich-gelb geflammte Tone über - Einschwemmungen vom festen Land, die sich in tonige, weißrötliche Sande fortsetzen. Im engeren Heimatgebiet sind diese Schichten bis auf wenige Reste von Tagwasser abgetragen worden.

Im Unter-Pliozän beginnt die Tätigkeit des Flächenvulkans Vogelsberg. Von Randspalten des Vulkans ausgehend breitet sich eine Lavadecke aus Basalt über unsere Gegend aus (Reste davon bei Steinheim–Dietesheim, Wilhelmsbad, bei Bonames-Berkersheim, nördlich Frankfurt, Basaltstraße in Bockenheim, Eschersheim). Das Gefüge ist hart oder auch porös. Wegen seines besonders hohen Kieselsäuregehaltes wird dieser Basalt als Trapp bezeichnet.

Über dem Trapp finden sich im Westen von Frankfurt oberpliozäne Sande und Kiese abgelagert (Hattersheim), die in unserem engeren Heimatgebiet fehlen. Damit finden die tertiären Ablagerungen in unserer Gegend ihren Abschluß.

Die gemeinhin als Eiszeit, Pleistozän oder Diluvium bezeichnete geologische Periode ist keineswegs nur als ein Zeitraum zu verstehen, in dem Kälte, Schnee und Eis das Bild der Landschaft prägten. Vielmehr lösten Kalt- und Warmzeiten unterschiedlicher Länge einander ab. Die Warmzeiten werden auch Zwischeneiszeiten genannt.

 

1. Kaltzeit (Günz)

vor 600 000 - 543 000 Jahren

1. Warmzeit (Günz)

vor 543 000 - 478 000 Jahren

2. Kaltzeit (Mindel)

vor 478 000 - 429 000 Jahren

2. Warmzeit (Mindel)           

vor 429 000 - 236 000 Jahren

3. Kaltzeit (Riß)

vor 236 000 - 183 000 Jahren

3. Warmzeit (Riß)

vor 183 000 - 118 000 Jahren

4. Kaltzeit (Würm)

vor 188.000 -   10.000 Jahren           

4. Warmzeit Jetztzeit

vor 10.000 Jahren       (nach H. Kühn)

                       

Im Diluvium setzten großräumige Erdhebungen und Erdsenkungen ein. Die Randgebiete des Mainzer Beckens hoben sich, in der engeren Heimat das Gebiet der Hohen Straße. Durch diese Schollenbewegung entstanden große Geländeunterschiede, so daß Nidder und Main mit ihren Zuflüssen einerseits die Schollen zerschnitten und andererseits die mitgeführten Gesteinsmassen als Schotter und Sande in den Flußtälern ablagerten.

Diese Bewegungen waren nicht gleichmäßig sondern rhythmisch, so daß Zeiten der Vertiefung der Flußtäler mit Zeiten der Ablagerung von Sedimenten und der Verbreiterung der Flußtäler abwechselten.

So hat der alte Main folgende Geländestufen hinterlassen:

* Hauptterrasse: Die Einebnungsfläche der Hohen Straße, 170 -— 200 m über NN Material: Abgerollte Quarzschotter

* Mittelterrassen: Auf halber Hanghöhe, 125 - 165 m über NN, Material: Sande mit Spessartgesteinen (Granit, Gneis, Buntsandstein), Muschelkalk aus Franken, Hornstein aus dem Keuper Frankens, Kieselschiefer vom Fichtelgebirge; stellenweise Strudellöcher in Hydrobienschichten

* Niederterrasse: Der größte Teil des Maintales, 97 - 100 m über NN, Material: Dem heutigen Maingeröll gleichend. In dieser Niederterrasse bewegt sich ein Grundwasserstrom über undurchlässigen Rupeltonschichten. Die Brunnen im Enkheimer Wald durchstoßen die Kiese der Niederterrasse bis zur Tonschicht und speisen das Wasserwerk.

In der jüngeren Diluvialzeit (vor 240.000 bis 120.000 Jahren) wurde durch heftige Staubstürme der Löß über unsere Gegend abgelagert. Seine Mächtigkeit ist wechselnd. Vermutlich stammt er aus den feinsten Teilchen älterer Flußterrassen, die vom Wind ausgeblasen und über weite Strecken befördert wurden. Der unverwitterte Löß ist hellgelb und besteht aus feinem Quarzsand mit eingestreuten Partikelchen von Feldspat (Aluminiumsilikat), Eisenerz, Zirkon (seltenes Element), Turmalin (schwarzes Aluminiumsilikat), Muskovit (Kaliumglimmer). Der Kalkgehalt, der oft bis zu 30 Prozent beträgt, geht bei der Verwitterung verloren. Er wandert mit kohlensäurehaltigem Wasser und wird in Form von Lößkindeln oder als bandartige Verdichtung in tieferen Lagen wieder abgeschieden. Bei völliger Verwitterung entsteht wasserundurchlässiger Lehm („Brummelochs“). Wichtige Fossilien sind die Lößschnecken Helix hispida, Pupilla muscorum, Succinea oblonga.

Wegen seines Nährstoffgehaltes und seiner physikalischen Eigenschaften bildet der Löß den besten Ackerboden unserer Gegend, den schon die Menschen der Jüngeren Steinzeit wegen seiner Fruchtbarkeit und seiner Waldarmut genutzt haben (siehe Funde aus dem steinzeitlichen Dorf am Rabenwald).

Bis fast in die Gegenwart und andernorts noch heute wurde der verlehmte Löß zur Herstellung von Ziegeln verwandt. Zum Brennen dieser Ziegel waren an verschiedenen Orten in der Gemarkung, zuletzt an der Baumlohe neben den Lehmgruben, Feldbrandöfen errichtet. Die hier hergestellten »Feldbrandziegel« zeichneten sich durch besondere Härte aus. Außerdem wurde ungebrannter Löß bei der Lehmbauweise zum Füllen der Gefache in den Fachwerkhäusern verwandt. Vermischt mit Häcksel diente der Löß zur Herstellung von Zimmerdecken. Hierfür ist Löß besonders geeignet, da er nicht zerbröckelt, sondern sein Gefüge behält.

Die diluvialen Flugsande sind gleichzeitig mit dem Löß entstanden. Die Windsichtung richtet sich nach der Windstärke und der Feinheit der Partikel. Die Flugsande entstammen wie der Löß den feineren Bestandteilen der Terrassenablagerungen. Während der Löß weithin verweht wurde, lagerten sich die Sande als Dünen im jetzigen Enkheimer Wald an.

Die Sande sind kalkfrei, waren es aber ursprünglich nicht, da der Kalk häufig als Verdichtung an der Grenze zu den darunterliegenden Kiesen aus-geschieden ist. Wo der Wind den Sand aus den Flußtälern herausgeweht hat. sind Gerölle mit glattgeschliffenen Flächen zu finden. Windschliffe an Buntsandsteingeröllen oder Quarzen (sog. „Dreikanter").

Die dem heutigen Menschen in seinem Stammbaum nächstliegenden Individuen sind der Neandertalmensch und der Cro-Magnon-Mensch. Der Neandertaler tritt seit der 3. Warmzeit, der Cro-Magnon erst seit der letzten Kaltzeit auf.

Die Tierwelt, welche diesen Sammlern und Jägern zur Nahrung und Bekleidung diente, war den Wärme- bzw. Kälteperioden angepaßt. In der baumlosen Landschaft, wo nur Kriechweiden. Zwergbirken, Moose und Flechten den Boden bedeckten und die am Rande der Gletscher hocharktisch war, weiter südlich - so in unserem engeren Heimatgebiet - Tundracharakter hatte, lebte als wichtigstes Beutetier des Menschen das Mammut (Elephas primigenius). Es tritt seit der letzten Kälteperiode auf. Reste von Stoßzähnen, Backenzähnen und Beinknochen wurden aus dem Löß geborgen. Seine Vorform ist der Altelefant (Elephas antiquus), der nur in der letzten Zwischeneiszeit lebte.

Das Mammut (Elephas primigenius) lebte in der Tundra der Eiszeit und wurde vom Frühmenschen häufig gejagt.

Weiter ist das Wollige Nashorn (Rhinoceros merckii) zu nennen, das zwei gewaltige Hörner trug und infolge seiner Wehrhaftigkeit ein seltenes Beutetier des eiszeitlichen Menschen war. Sein wolliges Fell ließ es die niedrigen Temperaturen ertragen: Julitemperaturen 5 bis 10 °C, Januartemperaturen -16 bis -20 °C.

Ein häufiges Beutetier war das Wildpferd, von dem drei Typen bekannt sind: das Przewalski-Pferd (Equus ferus Przewalskii Poljak), der Tarpan und das Quartärpferd. Ein besonders wichtiges Beutetier des Eiszeitmenschen war das Rentier (Rangifer tarandus), das die Steppen und Tundren bewohnte. Sehr häufig gejagt wurde der Bison (Bos priscus), der gegen Ende der letzten Kaltzeit vom Urrind (Bos primigenius) abgelöst wurde. Seit der letzten Warmzeit tritt der Riesenhirsch (Cervus megaceros) auf, seltener zu finden sind Rothirsch (Cervus elaphus) und das Reh (Capriolus capriolus), dessen Vorgänger schon im Pliozän lebten. Von den Beutetieren aus der Raubtierordnung steht an erster Stelle der Höhlenbär (Ursus spelaeus), dessen Reste besonders häufig am Beginn der letzten Kaltzeit zu finden sind. Ferner sind der Höhlenlöwe (Felis leo spelaea) und die Höhlenhyäne (Hyaena spelaea) zu nennen. Das Urrind (Bos primigenius) gehörte zu den wichtigsten Jagdtieren des Eiszeitmenschen und ist die Stammform unseres heutigen Hausrindes.

Die Funde von Faustkeilen beweisen, daß der eiszeitliche Mensch auch in unserem engeren Heimatgebiet dem Wild gefolgt ist.

Im Jahre 1970 wurde unter einer unberührten Lößschicht über dem Rest einer mittleren Mainterrasse ein primitiver Faustkeil mit Bearbeitungsspuren gefunden. Zehn Jahre vorher war auf etwa gleicher Höhe ein dem Spät-Acheuléen zugeordneter schöner Faustkeil, aus Fichtelgebirgs-Kieselschiefer (Maingeröll) gefertigt, gefunden worden.

Die Jetztzeit oder Alluvium (Beginn vor 10.000 Jahren) schließt sich mit Sinterkalken und Moorbildungen im Talgrund an. Dort verlief an der Hangbasis von Hochstadt kommend in Richtung Enkheim, Seckbach, Ostbahnhof ein alter Mainarm, der später verlandete.

 

Durch Torfstich, dann Natureisgewinnung und in jüngster Zeit durch Ausbaggerung im Gebiet des Enkheimer Riedes wurden stellenweise freie Wasserflächen erhalten und geschaffen. Bei der Ausbaggerung durch die Stadt Frankfurt in den Jahren 1959/60 und 1964/69 konnte in dem Trockenjahr 1964 ein Profil des Talbodens aufgenommen werden, das die wechselhafte Geschichte des Talgrundes erkennen läßt. Heute steht das Enkheimer Ried mit den östlich angrenzenden Sumpfwiesen bis zur Bischofsheimer Gemarkungsgrenze unter Naturschutz.

Gespeist werden die Enkheimer Riedteiche nicht allein vom Grundwasser, sondern auch von einem Zulauf aus der Gemarkung Bischofsheim. Dieser erhält sein Wasser von Quellen aus dem nördlichen Hanggebiet. Das Quellwasser hat sein Einzugsgebiet vom gesamten Horst der Hohen Straße und tritt an zahlreichen Stellen, die teilweise am Schilfaufwuchs erkennbar sind, auf halber Hanghöhe über undurchlässigen Mergelschichten aus. Das Auftreten von Quellen setzt sich in westlicher Richtung am gesamten Hanggebiet fort. Von den vielen ehemals gefaßten Quellen laufen heute nur noch der Rebenborn, der Pfingstborn und der Wäschbachborn. Alle anderen sind verschüttet oder ins Kanalnetz geleitet. Der ehemalige Schnappborn und die Schelmenquelle, die noch heute den Graben der Schelmenburg speist, treten höher aus als die vorgenannten, vermutlich bedingt durch eine Verwerfung der undurchlässigen Tonschichten.

Außerdem treten Quellen an der Basis des Nordhangs des Horstes der Hohen Straße aus. Der Schalksborn am Vilbeler Wald und der Eselsborn an der Gronauer Weide sind besonders ergiebig. Letzterer versorgt den Buchenhorster Aussiedlerhof. So wie die Aussiedlerhöfe heute noch auf die Quellen angewiesen sind, waren es früher auch die steinzeitlichen Siedlungen und römischen Gutshöfe.

Das befestigte Bergen mußte innerhalb seiner Mauern Brunnen anlegen. die bis zu den undurchlässigen Mergelschichten vorgetrieben wurden. Von zahlreichen Ziehbrunnen sind heute nur noch der Michlersbrunnen in der Pfarrgasse und der Günthersbrunnen in der Günthersgasse erhalten, außerdem ein gemauerter Brunnenschacht Ecke Haingasse/ Marktstraße.

Der Gehängeschutt des Berger Hanges deutet auf eine Nivellierung eines früheren steileren Hanges. Er besteht aus verlagertem Gestein und verlagerten Lößeinschwemmungen durch Tagwasser. Diese mergelig-tonigen. steinigen, z. T. sandigen und immer kalkhaltigen Schichten am Hang begünstigen eine kalkliebende Flora, die auch starke Trockenheit und Besonnung verträgt.

Die z. T. seltenen Pflanzen- und Tierarten sowie die reizvolle Landschaft waren Anlaß, das Hanggebiet unter Landschaftsschutz und im Bereich der Vogelbeobachtungsstation unter Naturschutz zu stellen. Auch der Nordhang steht unter Landschaftsschutz.

Bis zum Jahre 1909 wurde am Hang Weinbau betrieben, der wegen Krankheiten und Unrentabilität aufgegeben werden mußte. Der Nachbau von Obstbäumen ist rückläufig, ebenso die Grasnutzung. Eine Zeitlang erfolgte eine Beweidung durch Schafe, welche später wieder eingestellt wurde. Zur Zeit wird der Graswuchs teilweise als Viehweide genutzt.

 

Kleine Gesteinskunde:

Je nach Entstehungsart unterscheidet man folgende Gesteine:

* Vulkanische Gesteine (Eruptivgesteine)

Vulkanische Gesteine sind als glutiger Schmelzfluß aus dem Erdinnern hervorgebrochen, der unter hohem Druck von Gasen in großer Tiefe (Tiefengestein) oder in Spalten (Ganggestein) langsam erstarrte oder an der Erdoberfläche ausfloß und dort unter geringem Gasdruck rasch fest wurde (Ergußgestein).

Die Tiefengesteine und die Ganggesteine sind vollkristallin und in der Struktur körnig. Die Ergußgesteine haben in der Grundmasse Einsprengsel (porphyrisch) oder sind glasig; besondere Erstarrungsformen sind blasig (Lungenstein) oder schaumig (Bims).

Vulkanische Gesteine treten auf als Stöcke (Granit) oder als Decken und Ströme (Diabas, Basalt, Porphyr). Ihre Entstehung erfolgte zu verschiedenen Zeiten. Das geologische Alter vulkanischer Gesteine ist also keineswegs einheitlich. Je nach Zusammensetzung und Entstehung werden mehrere Formen unterschieden.

* Ablagerungsgesteine (Sedimentgesteine)

Ablagerungsgesteine werden durch Wasser oder Wind im Wasser oder auf dem Lande abgesetzt. Der Herkunft nach unterscheiden wir folgende Ablagerungen:

1. von Organismen gebildet (z. B. Kohle. Muschelkalke, Erdöl)

2. aus Gesteinstrümmern zusammengetragen (z. B. Sandstein, Konglomerate, Tone)

3. chemisch abgeschieden (z. B. Kalke, Gips. Salze. Erze).

 

Aufgrund ihrer Beschaffenheit werden unterschieden:

Kieselige Sedimente:  Sande, Sandsteine, Quarzite, Grauwacke. Kieselschiefer,

                                               Feuerstein, Kieselgur

Kalkige Sedimente:   Kalke. Dolomite, Kreide

Tonige Sedimente:                 Ton, Porzellanerde (weißer Ton), Löß (Tonstaub mit Quarz und Kalk), Schieferton, Tonschiefer

Salze:                                      Kali- und Steinsalz

Gips:                                       Calciumsulfat

Phosphorit:                             Calciumphosphat

Erze:                                       Eisen, Mangan, Kupfer u. a.

Kohlen:                                   Torf, Braun-, Steinkohle Erdöl, Asphalt

 

* Umwandlungsgesteine (Metamorphe Gesteine)

Umwandlungsgesteine sind durch Gebirgsdruck und/oder Hitzeeinflüsse, z. B. bei vulkanischen Ergüssen, umgewandelte Gesteine: Gneise, Glimmerschiefer, Phyllit, Marmor.

Diese Einteilung ist nur als Hilfsmittel anzusehen. Die verschiedenen Vorgänge der Gesteinsbildung treten auch als Übergänge auf, die zeitlich und räumlich nebeneinander ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen können.

 

Bezeichnung

Entstehung

Vorkommen in Deutschland 

Zusammensetzung

Granit 

in der Tiefe

Brocken, Odenwald. Schwarzwald, Vogesen, Fichtelgebirge

 

Feldspat (

 

 

 

Quarzporphyr

Erguß, alt

Saar-Nahetal, Sachsen

Quarz

Liparit

Erguß, jung

 

Glimmer (Silikate,

 Horn­blende (Aluminium- u. a. Silikate), Augit (Calcium-Magnesium-Silikat)

Syenit 

in der Tiefe

Sachsen, Odenwald Vogesen

Feldspat

Feldspatporphyr

Erguß, alt

Drachenfels (Siebengebirge)

ein Quarz

Trachyt

Erguß, jung

Drachenfels (Siebengebirge)

Glimmer (Biotit)

Phonolith

 

Kaiserstuhl, Rhön, Hohentwiel

Augit

Diorit

in der Tiefe

Kyffhäuser, Odenwald

Feldspat

Hornblendeporphyrit

Erguß, alt

Siebengebirge

Plagioklas

Hornblende (Biotit-)

Erguß, jung

Siebengebirge

Glimmer (Biotit)

Andesit

 

Siebengebirge

Augit

Gabbro

in der Tiefe

Harzburg, Schlesien, Schwarzwald

Feldspat

Melaphyr

Erguß, alt

Saar-Nahetal

Glimmer (Biotit)

Diabas

 

Nassau, Harz, Thüringen

Hornblende

Feldspatbasalt           

Erguß, jung

Vogelsberg, Rhön, Westerwald,  Eifel, Meissner, Hegau

 

Andesit

 

Siebengebirge           

Olivin, Chrysolith

         

 

                                                          

                                              

Woher sind die Hochstädter (und Maintaler) gekommen?

Wenn man nach seinen Vorfahren fragt, dann kann man sie vielleicht zurückverfolgen bis zum Dreißigjährigen Krieg. Adlige kommen vielleicht bis zur Zeit Karls des Großen. Und angeblich soll es von da noch eine Linie geben bis zu den Pharaonen in Ägypten. Aber was war davor? Hier hilft die Genforschung weiter, denn sie kann die Entwicklung der Menschheit sozusagen bis „Adam und Eva“ zurückverfolgen, also bis zu den ersten Menschen.


Ein Beispiel dafür ist die Familie Meerbott aus Hochstadt. Im Jahre 1756 wurde Johann Meerbott aus Hochstadt an die Engländer verkauft, um als Soldat gegen die Amerikaner zu kämpfen, die ihre Unabhängigkeit erringen wollten. Er überstand den Krieg und heiratete Sarah Inman und wurde der Stammvater eines weitverzweigten Geschlechts der Marbut, das heute Tausende von Nachkommen in den USA und der ganzen Welt hat.

Einer von ihnen, Jason Marbut aus Covington in Texas, hat nun die DNA seines Sohnes bei der Firma Genbase in Kanada analysieren lassen. Dabei stellte sich heraus: Die Familie gehört zu der Haplogruppe E 3 b. Diese hat ihren Ursprung in Ostafrika und hat dann ihren Weg genommen  durch Ägypten, Palästina, Türkei und vielleicht auch noch durch Polen. Da aber die Familie Meerbott eine alte Hochstädter Familie ist (auch wenn es heute keine Namensträger mehr am Ort gibt) und alle alten Hochstädter Familien miteinander verwandt sind, kann man sagen: Die Hochstädter stammen aus Ostafrika, das ja sowieso die „Wiege der Menschheit“ sein soll.

Der Name Meerbott ist im Gebiet des Frankenreiches bis nach Schlesien verbreitet gewesen

Schon von 30 vCh bis 37 nCh gab es einen markomannischen König Marbod“ oder „Mero­baudes“, von dem der Familienname herkommen könnte.

 

           

 

Bodenfunde  

zu diesem Thema habe ich eine umfangreiche Datei, die bei mir angefordert werden kann.

 

 

Die Römer im unteren Maintal

Endlich entwickelt die Sonne Germaniens einigermaßen Kraft. Den römischen Soldaten Marius hält es nicht länger im Kastell in der Nähe der Mündung der Kinzig in den Main. Es ist nicht das frühere große Steinkastell etwas weiter westlich, das eigentlich nie so recht benutzt wurde. Man mußte rund 500 Schritte gehen, wenn man eine Seite dieser quadratischen Anlage abschreiten wollte. Nach den Kriegen gegen die Chatten, die Vorfahren der späteren Hessen, war unter Kaiser Domitian dieses größte Kastell östlich des Rheins errichtet worden.

Marius aber ist im Kastell auf dem Salisberg stationiert, das östlich der Lache liegt, einem Seitenarm des Mains. Dieses Lager ist kleiner, aber es bietet einen großen Luxus: ein Bad mit einer modernen Fußbodenheizung, so daß man auch im Winter dort barfuß herumlaufen kann. Überhaupt geht es den Soldaten hier nicht schlecht: Sie halten sich Hasen und Hühner, auch einige Katzen werden durchgefüttert. Fast alle haben sich mit wertvollen Lederwaren eingedeckt. Und der Hauptmann hat neulich stolz verkündet, er habe jetzt schon 487 Silbermünzen gespart.

Vergangenen Herbst war Marius aus dem warmen Italien hierher versetzt worden. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Schnee gesehen. Der Dienst im Kastell aber ist langweilig: Wache schieben, den Limes entlang marschieren, Fahnenzeremonie, Würfelspiel im Gasthaus. Aber jetzt erwacht die Natur. Da will er doch gern etwas kennenlernen von diesem fremden Land Germanien. 

Nach der Niederlage gegen die Germanen im Teutoburger Wald hatte man sich entschlossen, nur noch die Gegend an Rhein und Main zu halten. Über den Taunus und durch die Wetterau verläuft der Grenzwall, der Limes, der die Grenzen des römischen Reiches gegenüber den wilden Barbaren absteckt. Wo später das Dorf Großkrotzenburg entsteht, stößt der Limes an den Main. Dort ist erst kürzlich, zur Zeit des Kaisers Hadrian, ein neues Kastell entstanden. Von dort verläuft der Limes schnurgerade nach Norden. Das nächste Kastell ist bei dem späteren Neuwirtshaus. Ein größeres ist beim späteren Rückingen und hat ein gemütliches kleines Bad und das berühmte Mithrasheiligtum. Etwas weiter nördlich ist dann noch ein kleines Kastell, und dann noch weiter nördlich eins, bei dem späteren Dorf Marköbel. Marius hat sie während seines Dienstes alle schon kennengelernt.

Aber jetzt will Marius gern einmal ins Hinterland, auf die Anhöhen nördlich des großen Waldes, wo es Landgüter und Weinberge gibt. Der Hauptmann sieht es allerdings nicht gern, wenn seine Soldaten auf eigenen Faust etwas unternehmen wollen. Man weiß ja nie, was alles in diesem unwirtlichen Germanien passieren kann! Er hat nur zugestimmt, weil Valerius, mitgehen will, ein erfahrener Soldat, auf den man sich verlassen konnte. Valerius ist schon zwanzig Jahre in Germanien und kann viel erzählen.

Schon kurz nach Sonnenaufgang brechen die beiden auf. Zunächst kommen sie gut voran auf der neuen Straße nach Norden in Richtung des Kastells Friedberg. Diese Straße ist erst kürzlich fertiggestellt worden. Zunächst hat man einen Damm aus Bruchsteinen aufgeschüttet und links und rechts einen Graben ausgehoben. Dann kam in einer Breite von 20 Fuß Schotter darüber, so daß man auf dem Pferd oder mit dem Wagen gut vorankam. Aber auch die beiden Soldaten sind ganz froh, daß sie sich in dem sumpfigen Gelände keine nassen Füße holen müssen.

Ihr erstes Ziel sind die Steinbrüche im späteren Wilhelmsbad, die den Schotter geliefert haben für die Straßen, aber auch manchen Baustein zu den von den Römern errichteten Steinbauten. Bald danach treffen sie direkt an der Straße auf einen Grabhügel, etwa mannshoch und mit einem Durch­messer von 30 Schritten. Valerius weiß zu berichten, daß hier ein Germane begraben wurde, der aber teilweise auch römische Kultur übernommen hatte. Seine Totenlampe ist nämlich aus Eisen wie bei den Germanen, nicht aus Ton wie bei den Römern. Aber er hat sich verbrennen lassen wie ein Römer und die Asche in eine runde Sandsteinkiste legen lassen, über der ein Grabhügel errichtet wurde.

Sie machen dann einen kleinen Bogen nach Osten, um ein römisches Haus zu besuchen. Es liegt nicht im freien Feld wie die römischen Landgüter, sondern mitten im Wald. Aber der Eigentümer ist Arbeiter im nahen Steinbruch, seinen Meißel findet man noch Jahrhunderte später. Er ist zufrieden mit seinem Dasein, denn er liebt die Einsamkeit und Ruhe des Waldes.

Das Haus ist freilich nur klein, etwa acht mal sieben Schritte groß. Einen Stall für das Vieh hat er kürzlich angebaut, aber er geht auch auf die Jagd mit der Lanze.

Auf der Römerstraße geht es dann weiter nach Norden. Langsam wird der Wald lichter und der Weg steigt etwas an. Bald ist das freie Feld erreicht. Diese Terrassen über der sumpfigen Niederung sind der bevorzugte Siedlungsort für die Römer. Hier an den geschützten Süd- oder Südwesthängen hat man  einem guten Überblick über das Gelände. Hier treten auch  meist die Quellen ans Tageslicht, denn ohne das lebenswichtige Wasser gibt es keine Ansiedlung.

Die Wanderer treffen auch bald auf einen Bach, der von den Höhen oberhalb des Maintales herunterkommt. Östlich des Baches auf einem kleinen Hügel stehen einige Häuser, in denen Germanen wohnen; daraus wird später das Dorf Wachenbuchen entstehen, das „Buchen an der Bach“.  Westlich dieses Bachs etwas weiter nördlich entspringt der Auborn, wo ein großes Landgut steht, „villa rustica“ sagen die Römer dazu.

Die Behörden hatten das ganze offene Land in Landgüter von über tausend Schritten Seitenlänge eingeteilt. Diese wurden verpachtet, um die Garnisonen in den Kastellen versorgen zu können. Interessenten für die Landgüter gab es genug: eingewanderte Römer aus Gallien und ausgediente Soldaten, aber auch Germanen.

In dem Landgut, auf das Valerius und Marius treffen, wohnt ein früherer römischer Soldat. Er hat einen stattlichen Hof: Er ist umgeben von einer rechteckigen Hofmauer mit etwa 150 Schritt Seitenlänge. Innen liegen das Wohnhaus und die teilweise unterkellerten Wirtschaftsgebäude, die aus Fachwerk oder Stein erbaut sind. Dem Herrenbau ist eine Säulenhalle vorgelagert, an beiden Seiten hat er turmartige Vorsprünge.

Vor dem Hof steht eine Gigantensäule mit einer Figur des Gottes Jupiter an der Spitze. Den Fuß aber bildet ein sogenannter „Viergötterstein“ aus rotem Sandstein, in dessen Nischen die römischen Götter Juno, Mercur, Hercules und Minerva dargestellt sind. Natürlich können die Soldaten nicht ahnen, daß dieser Stein viele Jahrhunderte überdauern würde. Sie konnten nicht ahnen, daß das ganze Land einmal mit christlichen Kirchen überzogen wird und alle Einwohner Anhänger dieses neuen Glaubens aus dem Osten werden, dem angeblich auch schon einige Soldaten anhängen. Als man im Jahre 1903 der christlichen Zeitrechnung die Kirche in Wachenbuchen vergrößern will, bricht man eine Mauer ab und findet dabei den Viergötterstein, der dann in das Büchertalmuseum in Mittelbuchen kommt.

Der Besitzer begrüßt die Wanderer auf seinem Hof. Er führt sie in seine „gute Stube“, die durch Wandmalereien und einen Mosaikfußboden geschmückt ist. Stolz zeigt er ihnen seine neueste Erwerbung: eine Bilderschüssel mit Medaillons aus der Werkstatt des Rheinzaberner Töpfers Comitialis. Der rückläufige Stempel „latinni“ ist Beweis für die Echtheit des Stückes. Solche „terra sigillata“ sind jetzt die neueste Mode, wer etwas auf sich hält, muß wenigstens eine Schüssel aus dem glatten braunroten Material haben.

Sie sieht viel prachtvoller aus als die drei Tonkrüge, die gut zwei Handbreit hoch sind und einen engen Hals und einem Henkel haben. Sie sind auch braun, aber ihre Oberfläche ist stumpf und deshalb nicht so ansehnlich. Dennoch wünscht der Besitzer, daß man ihm die Krüge zusammen mit der kostbaren Schüssel rund um sein Grab mit eingräbt, wenn seine Asche einmal auf seinem Hofgut begraben werden wird. Eine fast eine Schrittlänge messende Kiste aus geldlichem Sandstein hat er schon für sein Begräbnis anfertigen lassen. Doch hoffentlich wird die Kiste noch nicht so bald gebraucht und es bleibt ihm noch ein geruhsamer Lebensabend, meint der Soldat, der jetzt zum Bauern geworden ist.

Die beiden Wanderer verlassen das kleine Bachtal in Richtung Nordwesten und kommen noch an einem kleineren Bauernhof vorbei, der kurz vor dem Scheitel des Höhenzugs liegt. Ihr Ziel ist aber die „Hohe Straße“, die dort oben verläuft. Da es in den Tälern oft Überschwemmungen gibt, haben die Römer ihre Straßen meist auf den Höhen angelegt. Außerdem vermeidet man mühsame Anstiege und Abstiege, wenn man immer auf der Höhe bleibt. Valerius weiß, daß diese Straße vom Main bei Höchst kommt und über das spätere Bergen am Südrand der Großen und der Kleinen Lohe entlang verläuft. Am „Läusbaum“ macht sie einen weiten Bogen nach Süden auf den „Wartbaum“ südlich der späteren Stadt Windecken zu und quert am Kastell beim späteren Ort Marköbel den Limes.

Am südlichen Rand des Weges durch die Kleine Lohe finden die beiden Soldaten römische Gedenksteine mit lateinischen Worten und Bezeichnungen von Legionen und Kohorten. Sie gehen noch weiter bis zur Großen Lohe, wo ein Wachtturm die Kreuzung mit der Nord-Süd-Straße sicherte. Dann wenden sich die Wanderer in Richtung Südwesten. Auf halber Höhe des Hangs besuchen sie wieder ein Landgut, wo man später einmal den „Charlottenhof“ bauen wird. Von hier aus hat man einen weiten Blick auf die Mainebene, zur römischen Siedlung an der Furt über den Main, zum nördlich gelegenen Verwaltungssitz Nida (auf dessen Gelände später der Ort Heddernheim gebaut wird) und zum römischen Höchst. Ganz in der Ferne kann man Mainz erahnen, den Sitz der Legion, und Wiesbaden mit seinen warmen Quellen.  

Jetzt wird es aber Zeit für die Soldaten, sich auf den Heimweg zu machen. Am Bornberg, am Rand des späteren Bischofsheim, steht wieder ein kleiner Hof, einige Gräber sind daneben. Am Hang entlang geht es weiter. Die Straße von den Heilquellen beim späteren Bad Vilbel nach dem Kastell Salisberg wird am Kochberg gekreuzt. Weiter geht der Weg durch die Weinberge, die zwei Römer aus Italien an den Hängen angelegt haben. Ihnen zu Ehren wird später eine Straße im Stadtteil Hochstadt „Römerstraße“ genannt werden, auch wenn die Römer nur durch eine Urne bezeugt sind, die man „in den Weinbergen“ gefunden hat.

Von hier aus gibt es einen einigermaßen befestigten Weg nach Süden, wo auf einer Anhöhe am Main einige Häuser stehen, Beginn des späteren „Dörnigheim“. Doch die beiden Wanderer nehmen den direkten Weg zu ihrem Kastell. Dabei treffen sie wieder auf den Hof eines Steinbrucharbeiters, der auch eine kleine Viehzucht betreibt.

Kurz bevor sie auf die Römerstraße treffen, von der sie ausgegangen sind, kommen sie noch an einem kleinen Friedhof vorbei. Hier wird gerade ein Mann bestattet, der sich nicht hat verbrennen lassen, weil er einer Religion angehört, die ihm das verbietet. Man gibt ihm eine zeitgenössische Münze in den Mund, damit er Geld für den Fährmann hat, der ihn über den Todesfluß in die Unterwelt bringen soll.

So schließt sich der Kreis um einen ereignisreichen Tag. Die beiden Soldaten haben viel gesehen und erfahren, aber sie sind auch erschöpft. Der Vorgesetzte ist froh, als sie sich wieder unversehrt bei ihm melden. Der Tag endet mit einem Besuch im Bad. Marius bedankt sich bei Valerius, der ihm ein guter Führer war.

Jetzt erscheint ihm das „wilde“ Germanien gar nicht mehr so schlimm. Vielleicht läßt es sich hier doch einigermaßen leben. Und wer weiß: Wenn Marius sich einmal zur Ruhe setzen will, dann wird er sich vielleicht doch einen Gutshof im unteren Maintal geben lassen. Vom Weinbau versteht er schließlich auch etwas. Der Wein ist ja die Gabe, die die Römer den Germanen mitbringen wollen. Vielleicht werden sie ihnen noch einmal dankbar dafür sein. Vielleicht ist der eine oder andere der späteren Bewohner des unteren Maintals ein Nachkomme des Soldaten Marius, der zur Zeit des Kaisers Hadrian in das Kastell am Salisberg kam.

Verwendete Literatur:

Norbert Mankel: Die Vor- und Frühgeschichte der Stadt Maintal, Manuskript 1994

Peter Heckert: Liebenswertes Wachenbuchen, Hanau 1997

Archäologische Fundberichte Altkreis Hanau

Hanau Stadt und Land, Ein Heimatbuch für Schule und Haus, Hanau 1954.

 

 

Österreichischer Erbfolgekrieg 1741 - 1748

„Vom Erbfeind zum Partner“ (Manuskript von Peter Heckert)

In der Vergangenheit waren die Begegnungen zwischen Deutschen und Franzosen meist kriegerischer Art. Auch in den Orten der heutigen Stadt Maintal war das nicht anders. Die offizielle Geschichtsschreibung liest sich deshalb oftmals wie eine Geschichte von Kriegen.

In den Jahren 1741 bis 1748 war der österreichische Erbfolgekrieg, in dem die Kaiserin Maria Theresia zusammen mit England, Hannover und den Nieder­lande ihre Ansprüche auf den Kaiserthron verteidigte gegen Preußen, Bayern und Frankreich. In unsrer Gegend kam es 1743 zur Schlacht bei Dettingen.

In Dörnigheim standen österreichische und verbündete Truppen am 8. Mai im Oberfeld, in zwei Linien von den Kesselstädter Weinbergen bis zum Fechenheimer Wald. Sie haben sämtliche Winter- und Sommerfrucht ruiniert und die Wälder niedergehauen und das Holz verbrannt. Der Schaden wurde auf 4200 Gulden geschätzt. Überhaupt wurde in den Jahren 1741 bis 1745 viel Schaden von durchziehenden Truppen angerichtet. Für einen Durchmarsch mußten allein 892 Gulden bezahlt werden. Am 10. September 1743 zogen die Truppen nach der Schlacht bei Dettingen wieder ab.

In Bischofsheim war von Anfang Juni bis 5. September das Lazarett der Hannoveraner, wo auf einmal 1700 Mann versorgt werden mußten. Es waren nicht nur die Wunden aus der Schlacht bei Dettingen zu versorgen, sondern auch viele Soldaten mit „Haupt und Brust Schwachheit“ und der roten Ruhr. Natürlich wurde auch die Bevölkerung davon ergriffen. Im Jahr 1743 starben in Bischofsheim 326 Menschen, davon 63 Bischofsheimer. Sie wurden am oberen Breul begraben (Breulgasse), einmal waren es dreizehn und einmal 19 Menschen an einem Tag.

Hochstadt hatte erst 1745 und 1746 unter dem Krieg zu leiden. Zunächst kamen ungarische Husaren und Panduren und verlangten große Mengen an Rindfleisch und Hafer. Ebenso taten es auch die Franzosen. Die Gemeinde mußte 2858 Gulden aufbringen und mußte sich von 8 Bürgern 1020 Gulden leihen. Die Husaren hatten sich im Feld Wachthütten eingerichtet und viele Säcke mitgehen lassen und nicht zurückgegeben. Auch 1746 kamen noch einmal kaiserliche Soldaten und Husaren mit 16 Pferden.

(Im Stadtmuseum befindet sich eine zeitgenössische Karte mit der Aufstellung der Truppen)

 

Maintal-Dörnigheim

Zweimal im Jahr wurde „Rüge gehalten“, das heißt, Gericht gehalten über Feld‑ und Waldfrevel. Im Jahre 1743 ist es der Dörnigheimer Gerichtsmärker und Ortsbürger Peter Weber, der über entstandene Flurschäden beim Durchzug von Truppen im Ver­lauf der Österreichischen Erbfolgekriege berichtet und die Höhe der Schäden in Gulden feststellt: „Dörnigheim, den 8. Mai sind die österreichischen, hannoverschen und englischen Truppen bei uns ge­standen im Oberfeld. In dem ist alles rujeniert an Sommer‑ und Winterfrucht am Grundborn und an der Äppelallee (Kesselstädter Weg) und die Wälder niedergehauen und verbrannt worden. Im Lager ist der Wald geschätzt worden an 1800 Gulden, und die Frucht auf den Feldern ist auch von Unpartei­ischen erkannt auf ungefähr 2400 Gulden. Sind wieder abmarschiert von. Dörnigheim am 10. Sep­tember.“

 

Nach den vielen Feuersbrünsten, denen fast regelmäßig der größte Teil, wenn nicht gar alle Gebäude, zum Opfer gefallen waren, den Türkenkriegen, Österreichischem Erbfolge­krieg und Siebenjährigem Krieg scheint es in Dörnigheim wieder aufwärts gegangen zu sein. Die Straßen wurden gepflastert und Brunnen angelegt. Die nun entstan­denen Häuser sind zum Teil in ihrer Grundsubstanz noch heute erhalten.

 

 

Napoleonische Zeit: Mit einem Ereignis allerdings trat Dörnigheim in die große Geschichte ein. Als Napoleon 1813 nach seinem mißglückten Rußlandfeldzug und dem Rückzugsgefecht im Hanauer Lamboywäldchen durch Dörnigheim gen Frankfurt hindurchgezogen war, eilten schleunigst der hessische Hofmarschall und Geheime Rath Freiherr du Thil und der österreichische Feldmarschall‑Leutnant Graf Fresnel im Gasthaus „Zum Adler“ zusammen, um den Vertrag zu Dörnigheim zu beschließen. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde. Die Neuverbündeten verfolgten das Napoleonische Restheer und trieben es über den Rhein nach Frankreich. Damit trat auch in Dörnigheim, wie in weiten Teilen unseres Gebietes, für einige Zeit Ruhe nach den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen während der Erbfolgekriege und den Napoleonischen Feldzügen ein.

Hintergasse 23 („Schlößchen“): Heute erscheint uns die vom Volksmund überlieferte Bezeichnung „Schlößchen“ für das Gebäude in der Hintergasse 23 nicht passend, handelt es sich doch augenscheinlich um einen fränkischen Bauernhof mit dem typischen rechteckigen Hofraum aus der erste Hälften des 18. Jahrhunderts, der auf drei Seiten von getrennten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umgeben ist Die Gebäude sind nicht durch eine umlaufende Firstlinie verbunden.

Zur Straße hin wird das Gehöft durch eine Mauer mit Toreinfahrt abgegrenzt, die noch bis in die fünfziger Jahre ein großes und ein kleines Rundbogentor aufwies. Insgesamt unterscheidet sich das noch heute als Bauernhof genutzte Gehöft nur in seiner Größe von den Nachbarn. Aber das allein kann dem Anwesen den Beinamen nicht eingetragen haben. Vielmehr weist er auf einen früheren Verwaltungssitz.

Im Mittelalter wurde Dörnigheim durch einen Vogt (Schirmherr, Richter, Verwalter) verwaltet, Diese Vogtei (Amtsbezirk, Sitz eines Vogtes) erhielten die Hanauer Grafen vom Abt des Klosters St. Jakob in Mainz zum Lehen, die wiederum Verwalter einsetzten. Zwar konnten noch keine schriftlichen Beweise erbracht werden, aber man kann davon ausgehen, daß das sogenannte „Schlößchen“ der Amtssitz jener Vogtei-Verwalter war.

In dem Jahr 1743 begegnen wir dem herrschaftlichen Rat von Spener, bei dem im Verlauf des Österreichischen Erbfolgekrieges der General von Sommerfeld einquartiert ist. In dieser Zeit gehörte Dörnigheim allerdings bereits zu der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Sie alle könnten in einem Vorgängergebäude des heutigen Bauernhofes, dem „Schlößchen“, gelebt haben.

 

Karlstein-Dettingen

Kulturweg „Dettinger Te Deum“ (5 Kilometer):

Der europäische Kulturweg „Dettinger Te Deum“ erschließt die Kulturlandschaft von Det­tingen zwischen Kirche St. Peter und Paul und dem Heißerackerhof. Im Mittelpunkt steht die Schlacht bei Dettingen, die am 27. Juni 1743 im österreichischen Erbfolgekrieg geschlagen wurde. Vor der Schlacht lagen auf dem Mainufer bei Mainflingen 50.000 Franzosen gegenüber der  „Pragmatischen Armee“ mit 16.000 Engländern, 16.000 Hannoveranern, 20.000 Österreichern und 6.000 Hessen unter Führung des englischen Königs Georg II. Zur Feier des Sieges komponierte Georg Friedrich Händel im Auftrag des englischen Königs Georg II. das „Dettinger Te Deum“ und das „Dettinger Anthem“. Darüber hinaus spannt der Kulturweg den Bogen von einer großen archäologischen Grabstätte im Lindigwald über die mittelalterliche Hippolytkirche bis zum Thema „Kriegsleid und Vertreibung“. Somit schließt die Route thematisch wieder an die Dettinger Schlacht an, denn Kriegsfolgen ‑ ob weit in der Vergangenheit oder in der Gegenwart ‑ mahnen uns stets,  immer den Weg der Verständigung zu suchen. Östlich des Wasserwerks gibt es einen Naturlehrpfad von 1974.

 

„Friedensstein“:

In Folge des österreichischen Erbfolgekrieges wurde Dettingen am 27. Juni 1743 zum Schauplatz einer gewaltigen Schlacht zwischen englischen, österreichischen und hannoveranischen Truppen, der „Pragmatischen Armee“, auf der einen Seite und der französischen Armee auf der anderen Seite. Begonnen hatte die Auseinandersetzung mit dem Tod Kaiser Karls VI.  im Jahr 1740, dem seine Tochter nachfolgen sollte, was Preußen, Bayern und Sachsen nicht anerkannten und Gebietsansprüche erhoben. Frankreich, das Bayern unterstütze, stellte im Frühjahr 1743  unter Marschall Herzog von Noailles eine 45.000 Mann starke Armee auf, die zwischen Seligenstadt und Stockstadt ihr Lager aufschlug. Aus Flandern kam eine 50.000 Mann starke Streitmacht unter Georg II. von England (mit dem englischen Truppenführer Lord Stair) der Kaiserin Maria Theresia zu Hilfe.

 

Die „pragmatische Armee“, bestehend aus englischen, österreichischen und hannoveranischen Truppen zog am 27. Juni 1743 von Aschaffenburg zurück nach Hanau. Marschall Noailles reagierte darauf und schlug zwei Schiffsbrücken bei Seligenstadt über den Main, auf denen die französischen Soldaten nach Dettingen vorrückten. Er befahl seiner Artillerietruppe, in einem Sumpfgebet östlich von Dettingen - am Forchbach - Deckung zu suchen, um von der Flanke her angreifen zu können. Gleichzeitig wurde der „,pragmatischen Armee“ der Versorgungsnachschub unterbunden und der Werg nach Süden abgeschnitten, womit sie in der Falle saß. Die Franzosen waren nun  im strategischen Vorteil und konnten in Ruhe den An griff der „pragmatischen Armee“ abwarten.

Der Herzog von Grammont, Neffe des Befehlshabers der französischen Garde, sah den Gegner bei Kleinostheim herannahen. Seine Disziplinlosigkeit führte zu der maßgeblichen Fehlentscheidung.

Die Anweisung seines Feldherrn mißachtend rückte er mit den Garderegimentern über die befohlene Verteidigungsline hinaus. Andere Heereseinheiten folgten ihm. Damit war der strategische Vorteil von Marschall Noailles preisgegeben. Die Schlacht nahm nun einen anderen als den vorhergesehenen Verlauf. Die Franzosen standen jetzt ebenso wie die verbündeten Engländer vor dem Problem, auf engem Raum ohne größere Entfaltungsmöglichkeiten zu kämpfen. Eine erbitterte und verlustreiche Schlacht begann, die sich bis zum Abend hinzog. Dabei drängte ein Gegenstoß der Engländer die französischen Verbände zurück Die geschlagene Armee Noailles floh er Richtung der rettenden Schiffsbrücken bei Seligenstadt.

Die Verluste wurden auf beiden Seiten auf etwa 3.000 Mann beziffert. Die Hannoveraner beklagten 550 Soldaten sowie viele Verwundete. Wegen der fehlenden Transportmöglichkeiten und dem schnellen Rückzug der Engländer mußten diese etwa 600 eigene Verletzte auf dem Schlachtfeld zurücklassen. Ihrer nahmen sich die Franzosen an, die sie in das Lazarett nach Seligenstadt brachten.

Wie aus einem Brief des an der Schlacht beteiligten Grafen Neupperg vorn 3. Juli 1743 hervorgeht, waren die Einwohner von Dettingen und der umliegenden Dörfer mit ihren Fuhrwerken und der wertvollsten Habe schon Tage vor der Schlacht in die Wälder geflüchtet. Das Kampfgeschehen habe die Felder komplett verwüstet und viele Familien mußten wegen des Verlusts der gesamten Ernte hart um ihre Existenz kämpfen.

Durch den Ausgang der Schlacht veränderte sich die politische Lage in Europa erheblich. Die Nachricht vom Sieg gelangte unmittelbar nach England, wo König Georg II. als Held gefeiert wurde. Frankreich zog sich vom Kampf zurück und Osterreich erhielt die so dringend benötigte Ruhepause.

Im Heimatmuseum nahe der Hippolytkirche ist ein Raum der Schlacht von Dettingen gewidmet. Neben Gemälden, Darstellungen und vielen Überresten des Schlachtgeschehens ist dort ein Modell der Schlacht aufgebaut, das den Ablauf übersichtlich vermittelt.

 

 

Sailauf (Kreis Aschaffenburg): Gasthaus Engländer:

Das Forsthaus Engländer (450-500 Meter hoch) steht am Schnittpunkt alter Höhenstraßen mit dem mittelalterlichen Eselsweg zwischen Orb und Miltenberg. Es befindet sich zwischen Jakobsthal und Sommerkahl an der Spessart-Höhenstraße von Sailauf Richtung Heinrichsthal. Fälschlicherweise wird das Gebiet um das Waldhaus am Gipfelgrat des Berges ebenfalls der Engländer genannt.

Lange Zeit glaubte man, daß der Name „Engländer“ vom altdeutschen Wort „Egelter“ abgeleitet wurde. Frei übersetzt bedeutet es „Igelholz“. So wurden früher junge, im Wachstum zurück gebliebene Nadelbäume bezeichnet. Andere glaubten, es wurde an diesem Ort ein Engländer erschlagen. Der Volksmund erzählt aber, ein englischer Soldat sei hier nach der Schlacht von Dettin­gen 1743, in der Engländer und Österreicher vereint die Franzosen schlugen, der nach dem Sieg mit der Kriegskasse geflohen war, aber an dieser Stelle von einem Franzosen erschossen worden. Die vergrabene Kasse ist nie gefunden worden, obgleich selbst Amerikaner nach ihrem Einmarsch 1945 die Suche noch einmal aufgenommen haben sollen. Diese Thesen haben sich jedoch alle als falsch erwiesen.

Bei Nachforschungen in alten Akten und Briefen der Hofkammer in Mainz, fand man ein Schreiben das die Entstehung des Namens exakt zurückverfolgen läßt. Daraus geht folgendes hervor: Für das Waldgebiet der Steigkoppe wurde im 18. Jahrhundert ein neuer Förster aus dem Bayerischen Wald zugeteilt. Der kräftige Mann, der zu seiner Amtszeit in Sailauf wohnte, kehrte nach der Arbeit des Öfteren im Wirtshaus der Knöpphütte (heute Jakobsthal) ein. Dort kam es meist zu Schlägereien mit den Einheimischen. Diese Männer wollten es dem Förster heimzahlen. Zur damaligen Zeit, als auf dem Gipfelgrat von Archäologen Gold und Silbererz abgebaut wurde, mußte zur Sicherheit ein Geländer aus Eichenplanken aufgestellt werden. Dieses wurde als Racheakt von den Einheimischen auf niederste Art besudelt.

Der betrunkene Förster, der aus dem Wirtshaus über den Berg nach Sailauf schwankte, stützte sich nichts ahnend an diesen Planken ab. Zuhause bemerkte er die Übeltat, säuberte seine Kleidung und schrieb einen Brief in seiner bayerischen Sprache an die Hofkammer in Mainz. „Sollt mer am ferschissnen Gländer oom am Berg a Hittn baun, daß mer di Lumpn besser im Aug bhaltn konn“.

Dieser Brief verweilte in Mainz mehrere Jahre, so daß die Schrift zum Teil nicht mehr zu lesen war. Als das Kurfürstentum Mainz aufgelöst wurde und die Ländereien an Bayern übergingen, gelangte das Schreiben an König Ludwig I. Dieser las die Worte: „am enGländer Hüttenbau“. Der König kam in den Spessart, um diese Hütte zu suchen. Als er feststellte, daß sie überhaupt nicht existierte, gab er sofort den Auftrag sie zu bauen.

Die Hütte wurde am 16. August 1846 von Ludwig I. und seiner Frau Therese von Sachsen-Hildburg­hausen als Jagd‑ und Forsthaus eingeweiht. Seitdem steht das Forsthaus am Engländer. Es war aber der heimliche Treffpunkt König Ludwigs I. von Bayern mit der schönen Lola Montez. Dies war einer der Lieblings­plätze König Ludwigs I. von Bayern. Es gab auch zahlreiche königliche Jagdgesellschaften. Um 1900 erhielt ein geschäftstüchtiger Forstmann aus Jakobsthal eine Schankerlaubnis für eine Wirtschaft neben dem Forstbetrieb. Die Stallungen im Untergeschoß wurden zur Schänke umfunktioniert. Das unter Denkmalschutz stehende Haus ist heute ein beliebtes Wander- und Ausflugsziel im Naturspessart. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und später wieder aufgebaut. Seitdem ist der Engländer ein beliebtes Ausflugsziel.

 

Österreichischer Erbfolgekrieg und die Panduren

Die lokalen Auswirkungen eines europäischen Konfliktes, der sogar ein globaler war, wenn man die Kämpfe zwischen Franzosen und Engländern in den Kolonien mitzählt, können nur die Einwohner selbst richtig nachvollziehen, da diese mit den Örtlichkeiten, wo die Aktionen stattgefunden haben, vertraut sind. Auf einen Nenner gebracht trägt aber auch dieser „Konflikt“ -bei genauerer Betrachtung - die Züge eines ausgemachten Familienkrachs, da es im Prinzip nur um's Erben geht. Alle „deutschen“ Parteien, darunter auch der englische König, sind auch irgendwie miteinander verwandt, also ein Krach innerhalb der Mischpoche um das liebe Geld. lind wer hatte darunter zu leiden? Wie üblich!

Maria Theresia war zwar die Tochter eines Kaisers, aber selbst nie Kaiserin, „nur“ Königin von Ungarn und Böhmen. Zwischen 1742 und 1745 war der bayerische Kurfürst als Karl VII. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Erst wiederum nach dessen wurde ihr Mann zum Kaiser gewählt. Eine „Pragmatische Armee“ konnte es daher nur geben, weil mit der

„Pragmatischen Sanktion“ ihres Vaters, Kaiser Karl VI., die weibliche Erbberechtigung

(mangels männlichen Nachfolgers) erst „legalisiert“ wurde, um die „Erbblande“ zusammen zu halten, was die männliche angeheiratete Verwandtschaft - in Bayern und Sachsen - nicht akzeptieren wollte (Karl W. Schubky, 95691 Hohenberg an der Eger).

 

 

Siebenjähriger Krieg -Schlacht von Bergen 1759
 Heilsberg

Auf dem aktuellen Stadtplan von Bad Vilbel ist er noch ein­getragen, der Flurname „Unterm Läus­baum“, der den Bereich unweit der katho­lischen Kirche „Verklärung Christi“ be­schreibt. Der Platz bei den „Läusbäumen“ verdankt seinen Na­men einer verkehrsstrategisch günstigen Lage. Einem im Stadtarchiv aufbewahrten Zeitungsausschnitt zufolge hätten an der Stelle vor den Toren Frank­furts in der Nähe der Grenzen der Herr­schaftsgebiete Hessen Darmstadt und Hessen‑Homburg sowie der Grafschaft Hanau gerne durchziehende Zigeuner unter einer mächtigen Linde gelagert, die einst Wahrzeichen auf der Anhöhe gewesen sei. Sie wurde später durch einige Neu-­Pflanzungen ersetzt, nachdem sie einem Blitzschlag zum Opfer gefallen war. Die Zigeuner hätten sich dort auch „gelaust“. So sei der Name „Läusbäumchen“ aus dem Volksmund schließlich sogar in Karten übernommen worden, wo die Stelle neben der früheren Frankfurter Straße „Am Läusbäumchen“ bezeichnet sei.

Willi Giegerich zieht die Verbindung von „Läus“ zum mittelhochdeutschen „Läs“, was soviel wie Versteck, Hinterhalt oder auch Raststelle meint. Stadtarchivar Peter Fleck  weist auf eine weitere Möglichkeit hin: Kaufleute, die aus Richtung Friedberg zur Frankfurter Messe unterwegs waren, be­kamen bei den „Läusbäumen“ neues Ge­leit. Der Dialekt machte aus „Leit“ dann „Läus“.

Womöglich geht der Name aber auch auf die simple Beobachtung zurück, daß die Linden im Sommer gerne von Heer­scharen von Blattläusen heimgesucht werden, deren klebrige Absonderungen den Aufenthalt verleiden können.

 

Heiligenstock

Das Gelände nördlich des Eselswegs heißt „Heili­genstock“. Der Eselsweg ist eine Verbindung zwischen Heddernheim und Bergen, die von den Salzhändlern im Mittelalter genutzt wurde. Der Name „Heiligenstock“ kommt von dem Andachtsstein, der früher neben  dem Zollhaus stand. Der Heiligenstock aus dem Spätmittelalter im Hof des Anwesens wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. Er entstand aber wieder neu und steht wieder rechts neben der Gaststätte, die Kopie ist allerdings nur schlecht.

Das Zollhaus steht an der Straße von Bad Vilbel nach Frankfurt auf der rechten Seite noch vor der Friedberger Warte. An dem stattlichen Fachwerkhaus steht „Altes Zollhaus“, der offizielle Name aber ist „Heiligen­stock“. Die Inschrift in dem umlaufenden Balken erzählt von der Erbauung des Hauses.

Die Grüngürtel-Projektgruppe hat gleich daneben eine Kopie der alten Kiepensteine aufstellen lassen, auf denen die Bäuerinnen ihre schwer belade­nen Körbe zur Rast abstellten.

 

Das Haus heißt auch „Kanonen­häuschen“. In der Hauswand steckte früher eine Kanonenkugel, die am 13. April 1759 bei der Schlacht von Bergen von der Berger Warte abgefeuert worden sein soll, denn die Warte ist genau in der Reichweite einer damals abge­feuerten Kanonenkugel.

Im Jahre 1790 empfing Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel im Zollhaus den Kaiser Leopold II. zum Manöver und Festmahl nach dessen Wahl und Krönung zum Kaiser in Frankfurt. Nach neueren Forschungen will man die Kugel in der Hauswand in diese Zeit versetzen, weil das Haus erst 1775 erbaut worden sei (nicht 1700). Die Kugel ist aber heute entfernt.

 

Im Frankfurter Raum begegnen uns noch heute mehrere solcher uralten „Ruhebänke“, also historische Rast­plätze für alle die, die einst schwere Lasten zu tragen hatten: Markt­frauen, Wäscheträgerinnen, Wein­bergsarbeiter. Wir finden solche Ruhebänke am Heiligen­stock an der Friedberger Landstraße.

 

Am Zollhaus war die Grenze zwischen der Freien Reichsstadt Frankfurt und dem Gebiet der Burgmann von Friedberg und später des Großherzogtums Hessen (Hauptstadt Darmstadt). Die Friedberger Warte ist die militärische Befestigung, das Zollhaus ist die finanzielle Grenze. Die Grenze nach dem Hanauer Gebiet zu bezeichnet die Berger Warte nördlich von Bergen, die aber von der Grafschaft Hanau gebaut

 

Antwort Beringer   (Schriftverkehr mit Herrn Beringer, der ein Buch über die Schlacht bei Bergen geschrieben hat):

Auf die Schlacht bei Bergen bin ich auf verschlungenen Pfaden gekommen, die mit einer verhängnisvollen Neigung zu tun haben, sich vom Hundertsten auf das Tausendste verlocken zu lassen. Ende der 1970er Jahre grenze ich mein kriegsgeschichtliches Interesse für den Siebenjährigen Krieg auf einen eng begrenzten Zeitraum ein. Ich wollte einen überschaubaren Ablauf nachvollziehen, mit allen technischen und menschlichen Details, die selbst in den besten Darstellungen teils einfach vorausgesetzt, teils übergangen werden. Außerdem wollte ich etwas über die Einwohner erfahren, auf deren Rücken dies alles ausgetragen wurde. Bergen bot sich an, weil der gesamte Feldzug (– ohne die Vorplanungsphase, natürlich –) in 35 Tagen über die Bühne lief. Viele Jahre verbrachte ich die Ferien in Archiven: Vincennes, Braunschweig, Wolfenbüttel, Bückeburg, Marburg u.a. – immer in der Annahme, nun würde ich mich langsam dem völligen Durchblick nähern. In Wirklichkeit warf jede gefundene Antwort weitere offene Fragen auf. Zuletzt war ich vier Wochen in Bad Vilbel, um das Stadtarchiv zu durchforsten. Die Gemeindeprotokolle sind dort nahezu lückenlos erhalten. Interessant war mir, warum die Gemeinde ohne nennenswerte Schäden durch die Tage nach der Schlacht kam: Die wohlhabende Gemeinde hatte sich Soldaten aus dem sächsischen Korps gegen bares Geld verpflichtet, die ihre deutschen, schweizerischen und französischen Kameraden mit Waffengewalt am Plündern und an Gewalttaten hinderten.

Die Stadt Hanau war seit der Besetzung Frankfurts Standort der schweren Artilleriebrigade der französischen Mainarmee. Am Tag der Schlacht und den beiden Tagen danach herrschte eine solche Panik in der (siegreichen!) französischen Armee, daß eine Nachrichtenverbindung von Frankfurt nach Hanau nicht herzustellen war, aus Furcht vor herumstreifenden alliierten Freischaren. Im französischen Generalstab mußte man davon ausgehen, die Stadt sei mit allen Vorräten in gegnerische Hände gefallen. Übrigens fällt mir auf, daß es keine Darstellung der sechsjährigen französischen Besatzungszeit in Hanau gibt (im Gegensatz zu Frankfurt – z.B. Grotefend – und vielen anderen Ortschaften), aber vielleicht wissen Sie das anders.

 

Was die Zollstelle Heiligenstock betrifft, so ist aus den bisher eingesehenen Akten absolut nichts Näheres zu ersehen. Sie lag ja wohl auf der Gemarkung von Seckbach. Irgendwohin müssen die eingenommenen Gelder ja geflossen und verbucht worden sein. Vielleicht sollte ich noch einmal in Marburg anfragen. Deshalb bin ich dankbar für Ihre Belege. An sich hat das ja mit der Schlacht bei Bergen wenig zu tun, weil ich auch glaube, daß die eingeschlagene Kugel aus den Revolutionskriegen stammt. Aber solche Seitenfragen sind ja immer fesselnd.

 

Sie schreiben von „anderen, die auf ihren Sachen sitzen" und sind selbst ein bewundernswertes Gegenbeispiel mit Ihrer prächtigen Website des Hanauer Kreises. Ich habe aber seltsame Erfahrungen gemacht. Vor Jahrzehnten (– es handelt sich schon fast um eine lebensfüllende Manie –) besprach ich meine Forschungen, die sich damals auf die französische Artillerie bezogen, in einer ausgedehnten Korrespondenz mit einem Geschichtsfreund, der alles, was ich ihm schriftlich zukommen ließ, aufs entschiedenste bestritt, und zwar mit so klugen Argumenten, daß ich vorübergehend von meinen Überzeugungen Abstand nahm. Später sah ich einen Artikel, den er in der Folgezeit schrieb, in dem er meine Ansichten voll und ganz übernahm und sie als sie seinigen darstellte. – Vor zwei Jahren schrieb ich für einen Bekannten eine knappe Zusammenfassung über die Schlacht. Sie hatte eine überraschende Nachwirkung. Ein kriegsgeschichtlich interessierter Bundeswehr-Oberst machte daraus (und aus anderen Unterlagen) einen geschickten eigenen Text, mit dem er nun in Vortragsreisen als Experte auftritt. Außerdem gab er den Text an die Teilnehmer einer Schlachtfeldbegehung aus, und einige Zeit später wurde mir mein eigener Text als Arbeit eines Vilbeler Herrn Seeger zugeschickt, die dieser zusammen mit eigenen Illustrationen hatte drucken lassen. Ich sollte mich eigentlich über das Echo freuen.

 

 

Sehr geehrter Herr Beringer, heute sende ich Ihnen erst einmal einige Anlagen mit Texten zum 7jährigen Krieg. Bischofsheim ist aus der Chronik von Herbert Lippert, das andere von mir erarbeitet.

Zu der Besatzung in Hanau zitiere ich aus Hanau Stadt und Land, Ein Heimatbuch für Schule und Haus, 1953:

„Als Wilhelm VIII.  1760 starb, war es der Landgräfin Maria nicht möglich, die Regierung in Hanau anzutreten, weil Hanau noch immer von den Franzosen besetzt war. Schon einige Zeit vor dem Hubertusburger Frieden war am 28.Dezember 1762 Hanau geräumt worden. Ende Dezember 1762 wurden zum Schutze der ungestörten Besitzergreifung seitens Marias Hannöversche Truppen nach Hanau verlegt. Am 1. Januar 1763 traf Maria in Hanau ein. Durch eine Friedensfeier mit Umzug und Illumination wurde das Ende des Krieges festlich in Hanau gefeiert. Aus Goethes „Dichtung und Wahrheit“ erfährt man, daß sein Vater Frau Aja eine goldene, mit Diamanten besetzte Dose bei Friedensschluß versprochen hatte und daß diese in Hanau hergestellt wurde.“

Daß Maria aber die letzte Gräfin von Hanau besucht habe, kann nicht stimmen, denn als Reinhard III. 1736 starb, waren seine Frau und seine Tochter bereits gestorben. Aber ich werde das noch einmal in der großen Chronik von Zimmermann nachsehen. Mit freundlichem Gruß   

 

Im Siebenjährigen Krieg kommt es zur „Schlacht bei Bergen“. Im April 1759 stößt Herzog Ferdinand von Braunschweig mit hessischen, preußischen und braunschweigischen Truppen gegen Frankfurt vor, um die Franzosen aus dem Maingebiet herauszuwerfen. Am 12. April ist er in Windecken, am 13. April (Karfreitag) beginnt der Angriff auf die französischen Stellungen in Bergen und bei der Berger Warte. Die Franzosen und Württemberger können sich aber mit ihren überlegenen Kräften behaupten, der Angriff wird abgeschlagen, der Herzog tritt den Rückzug nach Kassel an.

Der Siebenjährige Krieg wirkt sich auch auf das Leben der Kirchengemeinden aus: Am 1. März 1759 klagt man im Presbyterium darüber, daß die betrübten Zeiten viele Unordnung machen. Johann Peter Heckarth sollte am 30. April 1759 Pate werden. Er ist damals Soldat im Hanauischen Regiment und wird am 13. April verwundet und ist noch nicht völlig kuriert. Deshalb muß sein Vater Valentin die Stelle bei der Taufe vertreten. Das Konsistorium fordert am 10. Juli 1759 auf, vier Gulden als übliche Kirchenkollekte einzusenden zur Reparatur der bei der Schlacht bei Bergen beschädigten Pfarrhäuser, Kirchen und Schulgebäude. Ende September 1759 wird bei der Umfrage gesagt, es gehe zwar nicht so ordentlich zu in allen Fällen und an allen Orten, bei diesem Krieg können man es aber so genau nicht nehmen. Die Pfarrer sollen im Mai 1760 melden, welchen Schäden durch französische Truppen während des Krieges und durch Einquartierungen entstanden sind. Die Aufstellung über die Kriegsschäden an kirchlichen Gebäuden wird im Februar 1762 noch einmal angemahnt mit der Androhung von zehn Gulden Strafe

 

Im Siebenjährigen Krieg kommt es zur „Schlacht bei Bergen“. Im April 1759 stößt Herzog Ferdinand von Braunschweig mit hessischen, preußischen und braunschweigischen Truppen gegen Frankfurt vor, um die Franzosen aus dem Maingebiet herauszuwerfen. Am 12. April ist er in Windecken, am 13. April (Karfreitag) beginnt der Angriff auf die französischen Stellungen in Bergen und bei der Berger Warte. Die Franzosen und Württemberger können sich aber mit ihren überlegenen Kräften behaupten, der Angriff wird abgeschlagen, der Herzog tritt den Rückzug nach Kassel an.

Diese Schlacht wirkt sich auch bis nach Hochstadt aus: Johann Peter Heckarth soll am 30. April 1759 Pate werden. Er ist damals Soldat im Hanauischen Regiment und wird am 13. April verwundet und ist noch nicht völlig kuriert. Deshalb muß sein Vater Valentin die Stelle bei der Taufe vertreten.

Über einen Soldaten heißt es bei der Beerdigung seiner Frau im Jahre 1770: „Sturm Bötz ist in der bösen Kriegszeit von ihr hinweggezogen und hat vielleicht dafür gewisse Ursache gehabt, es weiß aber jetzt niemand, ob er noch lebt oder nicht“. Am 11. Oktober 1795 stirbt das 14 Wochen alte Kind Friedrich Asten, als der Vater mit Familie auf dem Durchmarsch des Kaiserlichen Infanterie-Regiments „Fürst Hohenlohe“ ist.

 

Der Siebenjährige Krieg 1756 – 1763:

Im Siebenjährigen Krieg kamen die Franzosen als Freunde und Befreier. Sie hatten sich mit den Widersachern Friedrichs des Großen verbündet und drangen in Deutschland ein, besetzten Frankfurt und das Hanauer Land und machten dort Quartiere. Sie raubten das Land völlig aus. In Bischofsheim forder­ten sie erst einmal hohe Kontributionen und drohten bei nicht restloser Erfüllung ihrer Forderungen die Plünderung des Ortes an. Von den Kanzeln und durch Anschläge wurden die Nachbarn gewarnt, ein böses Wort über die „Gäste“ fallen zu lassen.

Im Jahre 1758 starben aus der Gemeinde 42 Menschen: 30 Reformierte, zwei Lutheraner, sechs Fremde und vier Juden. Der Pfarrer bemerkt dazu: „Dieses für den hiesigen Ort sehr starke Sterben ist durch die allzu starken Einquartierungen der französischen Truppen verursacht worden, welche im Juni und Juli sieben Wochen gedauert hat, als ein ganzes Bataillon vom Regiment Zwei­brücken 700 Mann stark hier gelegen. Selbst der ärmste Mann hat acht bis zehn Soldaten im Hause ge­habt, wodurch dann teils die Ruhr, teils hitzige Krankheiten verursacht wurden, weil die Einwohner bei der Hitze kein ordentliches und warmes Essen haben konnten“.

Die Bischofsheimer Bauern mußten mit ihren Kuh- und Ochsengespannen unzäh­lige Proviant- und Fouragefahrten machen, besonders nach Friedberg. wo die Franzosen ein großes Magazin angelegt hatten. Das Land litt und stöhnte unter der Besatzung.

Im Jahre 1759 rückte der französische Oberbefehlshaber Herzog von Broglie gegen Hessen-Cassel vor, ebenfalls gegen Thüringen. Nun schickte Friedrich der Große den Fran­zosen und der mit ihnen verbündeten Reichsarmee ein Heer unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig entgegen, der die Franzosen bis in die Mainebene zurücktrieb. Schließlich bezogen die Franzosen mit der hauptsächlich aus Württem­bergern bestehenden Reichsarmee eine feste Stellung bei Bergen. Im Westen von Bergen errichteten sie ein festes Lager. Die Franzosen hatten etwa 35.000 Mann beisammen mit viel Artillerie, der Braunschweiger etwa 27.000 Mann aus Preußen, Braunschweigern, Hessen und Hannoveranern.

Am 13. April 1759 kam es bei Ber­gen zu einer ernsthaften Schlacht, in der beide Seiten schwere Verluste erlitten und die Franzosen schließlich den Platz behaupteten. Über den Verlauf der Schlacht liegen genaue zeitgenössische Berichte aus Bergen vor, aber auch in den Sterbe­registern der Bischofsheimer Kirche befindet sich ein Bericht des Pfarrers Johann Frey, in dem der Ablauf des Geschehens geschildert wird:

„Außer den aufgeführten Sterbefällen sind noch auf unserem Kirchhof dieses Jahr begraben worden ein französischer Soldat, der in des Wirt Kellers Haus den 13. April morgens erschos­sen wurde, und der Tambur von dem Hessischen Regiment Hanau, welcher an seinen in der Schlacht bei Bergen empfangenen Verwundungen die Nacht darauf verstorben ist.

Nachdem die französische Bedrückungen nun schon zwei Jahre gedauert hat und jedermann sich nach der Erlösung sehnte, so hörte man gleich anfangs des Monats März von dem Marsch eines Teils des Verbündeten englischen, preußischen, hessischen und braunschweigischen Kriegsheeres unter dem Befehl des Prinzen Ferdinand von Braunschweig.

Doch der Nachricht schenkte man nicht viel Glauben. Aber Anfang des Aprils wurde es Ernst, die schon gemeldete verbündeten Truppen besetzten das Fuldaer Land und drangen von da und durch den Vogelsberg ziemlich nahe in unsere Gegend.

Am 12. April morgens erhielt das hier zusammengezogene Regiment Ro­gafe Befehl, schleunigst aufzubrechen, weil der Feind anrücke. Die Be­stürzung und Verwirrung war allgemein. Sobald die Reiter gesattelt waren, so ritten sie auch fort und man erfuhr bald, daß es nach Bergen ginge und sich da die ganze französische Armee versammle. Mittags hörte man die Jäger und Husaren der Alliierten, die in Hochstatt und Dorfelden bereits eingetroffen waren, abends hörte man auch wirklich hin und wieder mit kleinem Gewehr schießen, jedermann aber hielt sie für Vorhuten und niemand vermutete die Armee und das den 13. erfolgte blutige Schauspiel so nahe.

Am 13., in der Karfreitagswoche morgens sechs Uhr, erhob sich ein Lärmen, die Schwarzen Husaren seien da und bereits im Dorf. Ich eilte an mein Tor und sah wirklich einen Trupp von ungefähr zehn Franzosen, welche sich hier verspätet hatten, vor den Husaren in des Wirts Kellers Haus fliehen. Dort ist es dann geschehen, daß einer in der Stube durch das Fenster erschossen wurde. Verschiedene wurden zuschanden gehauen und die Übrigen neben anderen in Johannes Bechten Hauß von den Preußischen Schwarzen Husa­ren gefangen wurden, ungefähr 18 an der Zahl, worauf die Husaren weiter gingen.

Man vermutete, nun sei es stille. Allein bald sah man den linken Flügel der verbündeten Armee durch den Kleinen Buchwald hervor und quer durch unser Oberfeld nach Bergen durchbrechen, auch fing das Schießen an. Gegen 10 Uhr nahm die Aktion den richtigen Anfang. sowohl mit den Kanonen als dem kleinen Gewehr, welches letztere recht fürchterlich bis ein Uhr anhielt.

Prinz Casi­mir von Isenburg. Fürstlich Hessischer Generalleutnant, führte die Grenadiere an durch die Baumstücker zum Sturm auf Bergen. Aber weil die feindlichen Posten gar zu sehr im Vorteil waren und der Prinz gleich nach zehn Uhr auf der sogenannten Wurmgasse totgeschossen wurde, so wurde der Posten nicht behauptet. Die linken Flügel zogen sich gegen zwölf bis in das sogenannten Pfaffental zurück. Jedermann wurde dadurch äußerst erschreckt und bildete sich ein, die Armee sei gänzlich geschlagen. Aber auf einmal setzte sich dieselbe in Gang  und rückte von neuem an. Das kleine Feuer ließ um ein Uhr zwar ziemlich nach, aber das Kanonenfeuer blieb desto heftiger bis in die dunkle Nacht stehen.

Hier war alles voller Verletzter und Verwundeter, die zurückgelassen werden mußten, auch zwei Wachen von Infanterie und Kavallerie. Nachts um zwölf Uhr kam ein Befehl, wer fort könnte, der sollte sich fort machen zu dem Tannenbusch zwischen hier und Kilianstädten, weil die Armee sich zurückzöge. Da hat sich dann alles fortgemacht bis auf ungefähr 16 Mann, die zu hart verwundet waren und den Franzosen in die Hände fielen. So endete dieser Tag. an welchem wir unsere Befreiung erhofft hatten.

Den folgenden Morgen kam ein Kommando von den Freiwilligen aus dem Elsaß, auch Schweizer und aus dem Regiment Piemont, um Gefangene zumachen. Sie zogen aber vor den Husaren bald wieder aus. Die Husaren haben noch einen Marqueten­der und einige andere Personen hier gefangen genommen. Als diese sich aber wieder zurückzogen, wurden die Gräben  um das Dorf von den Franzosen mit Infanterie besetzt. So konnten sie nicht mehr ankommen, bis diese gegen Abend auch wieder abgegangen waren.

Am Sonnabend mußte ich, da es schon finster war, einem schwarzen Husaren noch eine Flasche Wein für seinen Rittmeister geben, welcher auch der letzte gewesen ist, der in das Dorf gekommen ist. Den ersten Ostertag haben die Freiwilligen aus dem Elsaß den Ort besetzt. Die Vereinigte Armee aber hat bis zum zweiten Feiertag abends bei Windecken und Kilianstädten gelagert und sich so­dann zurückgezogen.“

Im Jahre 1758 lagen zeitweise ein französischer Leutnant und 35 Gendarmen hier in Quar­tier. Für ihre Pferde mußten 35 Raufen und 35 Krippen geliefert werden, die in den Stallungen des Heidelberger Konsistorialrats Bähr, der hier Besitzungen hatte, eingebaut werden mußten. Rund 30 Positionen von Lieferungen für die immer wieder wechselnden französischen Soldaten sind in diesem Jahr ver­zeichnet. Sämtliche Handwerker waren in Bewegung. um die Wünsche der Herren Soldaten zu erfüllen.

Besonders große Anforderungen stellten die unliebsamen Gäste bei der Unterbringung ihrer Pferde. Die Ställe mußten immer wieder mit neuen Einrichtungen versehen werden, die Wachen brauchten immer wieder Holz und Lichter, die Herren Offiziere besondere Betten, die bei den Einwohnern aus­geliehen wurden, oft verschwanden und von der Gemeinde bezahlt werden muß­ten. Auch Reitsättel wurden ausgeliehen und nicht zurückgebracht. Die Gemeinde zahlte. Oberstleutnant Colony vom Fischer-Corps machte mit zwei Offizieren hier zwei Tage Station und hinterließ der Gemeinde eine Zeche von 8 Gulden 15 Albus.

Ein Soldat vom Zweibrücker Regiment versuchte zu desertieren. Ihm wurde auf der Flucht ein Bein zerschossen. Jud Salmon mußte 8 Ellen Tuch liefern, auf dem der Soldat zum Kriegsgericht getragen wurde. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Er wurde hingerichtet und in dem Tuch begraben. Die Gemeinde be­zahlte es.

Auch 1760 haben die Kriegskosten einen erheblichen Umfang. Die Ställe und Scheunen waren leer, aber die Franzosen verlangen unerbittlich Fouragehafer und Fourageheu. Da nichts gegeben werden konnte, mußten die verzweifelten Bauern 133 Gulden aufbringen, damit das Pferdefutter gekauft werden konnte. Die Baulade (Kirchenkasse) war schon 1757 versiegelt mit allen Schätzen der Kirche nach Hanau in Sicherheit gebracht worden.

In dem Rathaus war ein Lazarett eingerichtet worden, ebenfalls eine Wachstube. Dauernd wurde neues Roggenstroh verlangt, neue Kochtöpfe, neue Kübel, neue Lichter. Französische Kuriere machten kurze Zeit Rast und ließen sich auf Kosten der Gemeinde verpflegen. Bei Michael Kaiser waren ein Jahr lang 42 Franzosen ein­quartiert. Dafür konnte der arme Mann vorerst nur mit 2 Gulden 28 Albus entschädigt wer­den, den Rest erhielt er erst sehr viel später.

Eine besondere Plage waren für die Gespannbesitzer die zahllosen Fouragefahrten. Es mußten Fahrten nach Hanau, nach Ziegenhain und nach Marburg geleistet werden. Da kaum noch Pferde im Ort waren, wurde mit Ochsen- oder Kuhgespannen gefahren. In Seckbach befand sich eine Ambulanz, die aufgelöst und nach Neustadt verlegt wurde. Mit sieben Kuhgespannen mußten die Bischofsheimer Bauern antreten und die Last fahren. Sie waren 24 Tage unterwegs. Sie erhielten an Verpflegungs-, Stall- und Futterkosten 65 Gulden.

Im Jahre 1761 hatte die Gemeinde für Kriegskosten 639 Gulden 5 Albus 5 Heller aufzubringen. Damit kam sie vergleichsweise noch gut weg. denn im Jahre 1758 mußte sie bei der Einnahme von 3.367 Gulden allein 2.009 Gulden für Kriegskosten aufbringen. In den dürren Zahlen der Rechnungsbücher ist nichts enthalten von der Not, der Angst, den Plünderungen und den Vergewaltigungen, die die Einquartierungen mit sich brachten.

Im Jahre 1762 waren in dem Rathaus fünf Wachstuben eingerichtet, für die unter anderem täglich 20 Lichter verlangt wurden. Bei der Überprüfung der Rechnung beanstandete das Amt diesen hohen Verbrauch an Kerzen, aber der Bischofsheimer Zentgraf berichtete, daß die Soldaten diese Mengen verlangten. Sie brauchten diese Kerzen zwar nicht alle zur Beleuchtung. aber die übrigen benötigten sie zum Einschmieren ihrer Haare; Beschwerden bei den zuständigen Offizieren seien erfolglos geblieben.

Am 3. Juli 1763 war ein Kapitän mit 65 Mann kaiserlicher Truppen hier einquar­tiert, am 8. August desselben Jahres kamen zwei Kapitäne mit 115 Soldaten ins Dorf, deren Gunst man sich mit erheblichen Weinlieferungen zu erkaufen versuchte.

 

Kriegslasten in Bischofsheim:

Um einen Einblick in die Kriegslasten der Gemeinde zu erhalten, möge hier ein nicht vollständiger Auszug aus den Rechnungsbüchern des Jahres 1761 beigefügt sein.

Kriegslasten und Einquartierungen in der Gemeinde nach der Gemeinderechnung von 1761:

Dem Johannes Keller dahier, wegen Einquartierung der Kutsche des Generals Maliche und noch anderer Kriegstruppen, ist auf Genehmigung des Amts gezahlt worden     

13 Gulden 16 Albus

Einem Leutnant von den kursächsischen Truppen, welcher hier für 89 Kranke Quartier machen wollte, um ein Lazarett hier einzurichten, ist - um das Lazarett abzuwenden - mit Zustimmung des Amtes gezahlt worden                                        11 Gulden 2 Albus

Dem dahier einquartierten französischen Herrn Kommandanten und zwei Wachtmeistern vom Dragonerregiment Boffermont, welche die Fourage und Frucht aufnotiert hatten, um zu wissen, wie lange sich dieselben mit unserer Verpflegung halten könnten, um abzuwenden, daß sie die Fourage in dem Magazin nehmen, ist gezahlt worden            22 Gulden 4 Albus

Dem Schultheiß Schales zu Hochstadt ist wegen eines Geschenks an einen Offizier, als die      große Kutsche hier gelegen hat, auf Befehl des Amtes gezahlt worden

   3 Gulden 20 Albus

Dem Johannes Becht dahier wegen zwei Exekutionssoldaten, sodann ein Rittmeister, zwei Leutnants und zwei Knechte von den Husaren  Geld für die Zehrung                 7 Gulden

Den 12. Januar haben Michael Kaysser, Johannes. Wilhelm Reuhl und Helfer mit drei Wa­gen Mehl in Hanau geladen und nach Marburg gebracht und ist ihnen das gesetzte Taggeld auf sechs Tage zahlt worden                                                                      24 Gulden

Den 27. Januar haben Michael Kaysser und Johannes Wilhelm Reuhl und Helfer mit 3¼ Wagen Mehl zu Frankfurt geladen und nach Gießen gefahren. Ist denselben auf vier Tage zahlt worden                                                                                                   16 Gulden 10 Albus

Den 6. Februar haben Michael Kaysser und Hieronimus Bauscher mit 3½ Wagen Courage zu Hanau geladen und nach Marburg gefahren, ist für sechs Tage das gesetzte Taggeld zahlt worden                                                                                                 28 Gulden

Den 14. Februar haben Johannes Wilhelm Reuhl, Johannes Becht und Helfer mit 1½ Wa­gen Hospital-Sachen zu Frankfurt geladen und dort sechs Tage auf Befehle warten müs­sen und haben solche danach nach Friedberg gefahren                                            18 Gulden

Den 27. April, den 27. März, den 30. Juli, den 18. September und den 28. Oktober haben die sämtlichen Ackerleute mit 15¾ Wagen 119 Säcke Mehl zu Alsfeld und Ziegenhain und nach Kassel gefahren und ist denselben das Taggeld zahlt worden mit                  252 Gulden

Dem Zentgrafen Kaiser für einen Knecht, der Vorspann für 24 Tage macht hat

                8 Gulden.

Einem Wachtmeister mit 20 Husaren von dem Regiment Turbin, welche hier einquartiert waren und den Ort als Sammelplatz für die kranken und maroden Pferde haben wollten, ist - um dieses abzuwenden und sie von hier weg und nach Bürgel zu bringen - gezahlt worden                                                                                                                          14 Gulden 15 Albus

Dem Johann Friedrich Deines zu Hanau für eine Laterne für die Sächsische Wacht, des Nachts zum patroullieren zu gehen, ist gezahlt worden                                        19 Albus

Dem Gemeindehirten Peter Heil hier, als er die kursächsische Wacht 12 Tage lang auf der Pforten gehabt hat, ist vor Holz zahlt worden                                           2 Gulden

Dem Chursächsischen Armee-Boot, welches zwölf Ordonnanzpferde aus dem Kurmainzischen für den Sächsischen Prinzen hierher gebracht hat, sodann einem Wachtmeister und drei Exekutionssoldaten                                                                                 5 Gulden 4 Albus 4 Heller

Für die Wacht auf dem Rathaus ist zur Wiedergutmachung. für Wasserkrüge und für zwei Kessel für den Sächsischen Prinzen, ist gezahlt worden                          2 Gulden 4 Heller

Dem Johann Heinrich Knoch, der drei Säcke der Gemeinde geliehen, damit die sächsischen Konstabler Munition hinein packen können, da dieselben mitgenom­men wurden, sind zahlt worden                                                                                                 2 Gulden 12 Albus

Dem Wirt Michael Kaysser für die Verköstigung eines Offiziers und 16 Reitern vom Regiment Derihzy, welche Wagen zum Vorspann verlangt haben                     5 Gulden 15 Albus

Dem Gemeindehirt auf der Pforte ist wegen Anschaffungen für 16 Mann Wacht zwölf Tage lang in seiner Wohnung für Salz, Pfeffer, Kochfrücht, Kartoffel und Kraut gezahlt worden                                                                                                                 2 Gulden 20 Albus

Dem Johannes Jockel dahier für Heu, Gras und Hafer für die hier einquartierten Dragoner Royal und Reiter Kommissar                                                              18 Gulden 25 Albus

Dem Johannes Greh für Heu für die hier einquartierten Reiter vom Regiment pur Bonbuhe bei dem Rückzug des Gepäcks geliefert                                                                 8 Gulden 10 Albus

Dem Johannes Jakob See für Hafer, welcher bei dem Rückzug des Gepäcks ist gekauft worden                                                                                                          5 Gulden 10 Albus

Dem Johannes Reich für Hafer, welcher bei dem Rückzug des Gepäcks ist gekauft worden

         5 Gulden 10 Albus

Dem Johannes Reich für Hafer, welcher bei dem Rückzug des Gepäcks ist gekauft und an

die Truppen geliefert worden                                                                                 8 Gulden

Dem Johannes. Ludwig Kaysser vor Hafer, welcher bei der Einquartierung der Sachsen

gekauft und an die Offizier geliefert wurde                                               9 Gulden

Dem Michael Kaysser für Heu, das bei der sächsischen Einquartierung gekauft und an die Ordonnanz-Pferde geliefert wurde                                                                   12 Gulden

Dem Johannes Philipp Borckhard für Hafer, so dem Herrn General Solms hat geliefert werden müssen                                                                                                       15 Gulden 19 Albus

Dem Hyronmus Bauscher für Heu, Gerste und Hafer, so an den Herrn General Dieme hat geliefert werden müssen                                                                                            26 Gulden

Dem Johannes Rebschuck für Heu für die Dragoner Laferone ist gezahlt worden

                                                                                                                   21 Gulden

Dem Engelbert Kappes für 20 Gebund Roggenstroh für die hier einquartierten Sachsen zu backen                                                                                                                1 Gulden 10 Albus

Dem Engelbert Jöckel ist gezahlt für Hafer, der an das hier einquartierte Bataillon Nassau ist geliefert worden                                                                                            6 Gulden 20 Albus

Dem Jud Affrom vor Gutlichter zu der hier einquartierten Grenadier-Wacht

        1 Gulden 22 Albus

Dem Jud Affrom vor Gutlichter zu der hier einquartierten Grenadier-Wacht vom 12. Januar bis 12 März, als der Rückzug des Gepäcks war und als Kursachsen hier war, ist gezahlt worden                                                                                                                 29 Gulden

Dem Schreinermeister Puth zu Bergen vor ein französisches Kavallerie-Hafer Maß ist gezahlt worden                                                                                                              10 Albus

Dem Polizei-Aufseher Murmann für die Feststellung des französischen Hafer-Maßes ist gezahlt worden                                                                                                                        2 Albus

Dem Johannes Peter Ebert vor 317 Gebund Stroh zu schneiden für die hier einquartierte zweite Kompanie Dragoner                                                                         10 Gulden

Dem Johannes Jakob Assmer ist gezahlt worden für einen Kessel und zwei Zuber, welche er der Gemeinde für den Sächsischen Prinzen für zehn Tage in die Küche gegeben hat                                                                                                                                             20 Albus

Dem Ausschuß-Fähnrich Johannes Kaysser für Holz und Dielen zu Brücken über die Gräben, als die neun Bataillone Sachsen hier einquartiert gewesen, ist gezahlt worden                                                                                                                                51 Gulden 18 Albus

Dem Johannes Lauckert von Fechenheim, welcher hier als ein Dolmetsch ist gebraucht

worden                                                                                                                          15 Albus

Demselben für einen Gang ist zahlt worden                                                                        18 Albus

Dem Advokat Heleriegel für eine Schrift wegen des gestohlenen französischen Pferdes ist gezahlt worden                                                                                       20 Albus 4 Heller

Dem Johann Kaysser das Gemeinde Heu zu lagern in seiner Scheune, welches an die französischen Truppen in die Magazine hat geliefert werden müssen       5 Gulden

Dem Jud Affrom desgleichen an Scheuerzins                                  1 Gulden 11 Albus

(Der Auszug ist nicht vollständig, viele Heu- und Haferlieferungen sind nicht er­wähnt).

 

Endlich kamn das Jahr 1763. "Der König und die Kaiserin, des langen Haders müde, erweichten ihren harten Sinn und machten endlich Friede". Man feierte eing großes Lob- und  'Dankfest. Sechs Musikanten spielten in und vor der Kirche zwie Tage lang und erhielten dafür 6 Gulden 6 Albus. Für die Übernachtung und Verpflegung der Musikanten während der zwei Tage mußten 8 Gulden bezahlt werden, unter der Jugemd des Ortes wurden für 4 Gulden Weck verteilt, alles bezahlte die Gemeinde. Was jeder an Bier und Wein. Brot und Wurst brauchte, mußte er selber bezahlen.

Es dauerte noch lange, bis die finanziellen Auswirkungen des Krieges überwunden waren. Noch lange Zeit hatte die Gemeinde zum Beispiel viele hundert Gulden an die Wirte Brecht und Keller zu zahlen. Die Wirte hatten vor allem während der Schlacht bei Bergen den Franzosen umfangreiche Lieferungen an Brot, Wein, Bier, Branntwein, Fleisch, Käse und Fourage machen müssen.

 

Antwort Beringer:

Das ist alles hochinteressant. Ich habe erst gerade meine Emails der letzten Tage angesehen und antworte erst einmal nur, um Ihnen herzlich zu danken. Daß die Gattin des letzten Grafen 1763 noch in Hanau gelebt haben soll, ist allerdings keine Erfindung von mir, sondern aus einem Buch geschöpft, das ich für zuverlässig hielt. Ich nehme an, es handelt sich um Erich Meyers Biographie der Landgräfin Maria von 1894. Ich muß das Buch erst wieder in meiner verstreuten Bibliothek ausfindig machen, dann kann ich Näheres sagen. Aber selbstverständlich kann es sein, daß ich mich einfach geirrt und ein anrührendes Element dazuphantasiert
habe. Ich schicke Ihnen demnächst die Belege (wenn sie existieren). Die Angaben der Preise für Sachleistungen sind sehr interessant. Vielen herzlichen Dank noch einmal, und bis bald!
Ingo

 

Sehr geehrter Herr Heckert, nun habe ich das Buch von Erich Meyer gefunden. Titel: Maria, Landgräfin von Hessen, geborene Prinzessin von England. Ein Beitrag zur Sittengeschichte des achtzehnten Jahrhunderts. Gotha: Perthes, 1894. Ich habe zu vielen meiner Bücher eine inhaltliche Beschreibung in einer Datenbank gemacht; dies ist die hier zugehörende:

Interessante Darstellung des landgräflich hessischen Hofes in Kassel um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Verfasser konnte neben Archivakten auch private Brief- und Dokumentensammlungen auswerten (s. S. 345 ff.).

König Georgs II. Tochter Maria, geboren 1723, wurde mit dem hessischen Erbprinzen Friedrich (als Landgraf: Friedrich II.) verheiratet. Ein wachsendes Zerwürfnis zog die Ehescheidung nach sich. Maria erreichte es, daß die in hessische Hand geratene Grafschaft Hanau dem Erbprinzen abgesprochen und ihrem ältesten Sohn zuerkannt wurde, wobei Maria bis zu dessen Volljährigkeit die Regentschaft erhielt. Der Erbprinz, geschlagen von dem „unseligen Fluch“, daß „ihm sein Willen nicht mehr angehörte“ (S.139), konvertierte zum katholischen Glauben - zum Entsetzen seines Vaters.

Landgraf Wilhelm VIII. reagierte mit erbarmungsloser Härte. Er entzog die Enkel förmlich der Erziehungsgewalt ihres Vaters. Die Zeit des Siebenjährigen Krieges verbrachte Maria mit ihren Söhnen im Exil. Die Söhne lebten in Kopenhagen, Maria in Rinteln, Bremen und Hamburg. Sie starb 1772.  

 

Ich habe mich nicht geirrt. Die Erwähnung des Besuches steht auf den Seiten 307/308. Die Dame wird als hochbetagt geschildert. Und dann wird sie noch einmal erwähnt, auf Seite 325 f., für das Spätjahr 1763. Aber jetzt erst komme ich infolge Ihrer Bemerkung zu einer neuen Vermutung: Es wird sich nicht um die Gattin, sondern eine noch lebende Tochter des letzten Grafen gehandelt haben. Die Landgräfin schreibt von einer Prinzessin, während deren Mutter ja wohl „die Gräfin“ gewesen wäre. Aber das wäre mir nicht aufgefallen, wenn Sie mir nicht den berichtigenden Hinweis gegeben hätten. Die neue Frage ist nun aber: Wer genau war sie? Ist ja eigentlich belanglos. Aber wenn man einiges weiß, möchte man gern alles wissen. Hier sind die beiden Stellen:

 

„Sobald die Pferde sich von den Anstrengungen der Reise ausgeruht hatten, fuhr sie nach Hanau hinein, um der hier noch lebenden letzten Gräfin von Hanau, einer hochbetagten Dame, einen Besuch abzustatten. Launig berichtet sie darüber an ihren Sohn: „Heute Abend habe ich die Prinzessin besucht. Sie ist eine gute alte Frau und sie würde mir noch besser gefallen haben, wenn sie fähig gewesen wäre, etwas zu reden. Aber die arme Frau hat so viele Hofmeister und Hofmeisterinnen, die an ihrer Stelle die Honneurs machen, daß sie selbst kaum ein Wort anzubringen vermochte. Was diesen Besuch sehr komisch machte, war der Umstand, daß die Damen alle in Maskenanzügen waren. Heute Abend ist nämlich der erste Maskenball, den man in den letzten hundert Jahren hier gesehen hat; die Garnison giebt ihn. Die arme alte Frau hatte nun ihre Damen im Kostüm sehen wollen, und ich und meine Staatsvisite kamen mal à propos, wurden aber von all den Damen entsprechend meiner Würde empfangen - sie alle auf dem Hof im hellen Tageslicht in Dominos, was sehr lächerlich war, aber dem Kickel-Kackel aufhalf, denn von wirklicher Unterhaltung war natürlich keine Rede.“ (S. 309 f.)

 

„Eine sehr lustige Figur machte die schon erwähnte alte Gräfin von Hanau, mit der sich Maria sehr angefreundet hatte und bei der sie allsonntäglich in Gesellschaft war. ,, Sie ist so angenehm, wie Du sie verlassen hast, in dem einen Augenblick treibt sie Kindereien, im anderen seufzt sie über ihre Gesundheit. Mit alledem scheint sie ein gutes, harmloses Geschöpf zu sein, und da sie dies Leben liebt, wünsche ich ihr noch einige Jahre mehr. Forstner versichert ihr freilich noch immer, daß sie nicht viel länger leben wird, daß sie zu alt ist, aber ich hoffe, daß sie noch die Genugthuung haben wird, einen Sohn von Dir zu sehen, was, wie sie sagt, alles ist, was sie wünscht. Ich habe aber den Argwohn, wenn er glücklich geboren ist, wird sie wünschen, ihn noch verheiratet zu sehen, und wenn das der Fall ist, werden wir den Vorzug haben, sie noch manches Jahr zu sehen. Forstner speiste gestern mit mir und brachte mir ein wunderliches Kompliment von der ,alten Frau': „qu'elle etait enceinte du désir de me voir“. Ich hoffe, es wird nur eine Fehlgeburt werden, oder alle unsere Verbindlichkeiten ihr gegenüber werden ein jähes Ende nehmen, und ihr kleiner Bube wird Graf von Hanau werden.“ (S. 324 f.).

 

Zimmermann, Hanau Stadt und Land,  ab Seite 756:

Johann Reinhard III. /1712-1736), der letzte Graf von Hanau-Lichtenberg, war verheiratet mit Dorothea Friederike von Brandenburg Ansbach. Deren einzige Tochter heiratet 1717 Landgraf Ludwig VIII von Hessen-Darmstadt, stirbt aber 1726. Ab 1736 war Landesherr in Hanau Landgraf Wilhelm VIII., verheiratet mit der Landgräfin Marie. Er war aber nur Statthalter für Friedrich I. König von Schweden und Landgraf von Hessen-Cassel, der in Schweden residieren mußte.

Wilhelm VIII. nannte sich „Graf von Hanau“ und wohnte ab 30.03.1736 im Schloß Philippsruhe (also nicht mehr im alten Stadtschloß in Hanau). Von 1751 bis 1760 residierte er in Kassel.

Wilhelm VIII. starb 1760 und hatte verfügt, daß nach seinem Tod Wilhelm IX. die wirkliche Herrschaft in Hanau antreten sollte, der Sohn seines Sohnes Friedrich II.  Der Sohn Friedrich II (1760 bis 1785) war verheiratet mit Maria, der Schwester des Königs von England. Er trat aber zum Katholizismus über und dankte zugunsten seines Sohnes Wilhelm IX. ab. Seine Frau Maria übernahm 1754 die Regierung in Hanau namens ihres ältesten Sohnes Wilhelm IX. bis zum Jahre 1764. Sie starb 1772 in Hanau.

Da der Verzicht Friedrichs II. aber durch den englischen und preußischen Hof garantiert wurde, sollten nach dem Tod Wilhelms VIII. (am 31.01.1760) Hannöversche Truppen die Grafschaft Hanau besetzen. Dort waren seit dem Siebenjährigen Krieg aber noch die Franzosen. Erst Ende Dezember 1762 rückten zwei Bataillone Hannöverscher Truppen in Hanau ein und blieben bis 1778, zwei Kompanien blieben sogar bis 1786 zum Schutz des Schlosses (Landgraf Friedrich II. starb 1785). Im Jahre 1764 übernahm Wilhelm IX. als „Erbprinz“ die Herrschaft in Hanau. bis zum Jahre 1785 (Er nannte sich nicht „Graf“).

 

 Anmerkung:

Leider geht aus dem Zitat aus dem Buch von Erich Mayer nicht hervor, in welchem Jahr der Besuch der „Königin“ Maria in  Hanau erfolgte, es war aber wohl 1762/63. Doch die alte Dame, die sich besuchte, wird einmal als „letzte Gräfin von Hanau“ bezeichnet, einmal als „Prinzessin“. Der richtige Titel dürfte „Prinzessin“ gewesen sein, denn ihr Mann war nur Statthalter des Landesherrn. Die „Gräfin“ kann aber nicht eine Tochter des letzten Hanauer Grafen gewesen sein, denn die einzige Tochter ist schon 1726 gestorben. So dürfte es wohl Marie, die Frau Wilhelms VIII. gewesen sein, den Wilhelm nannte sich ja „Graf von Hanau“. Sie wäre dann nach dem Tod ihres Mannes 1760 wieder nach Hanau zurückgekehrt. Im Jahre 1762 wären dann die Hannoveraner gekommnen und der „kleine Bube“, Sohn Marias, wäre „Graf von Hanau“ geworden.

 

Noch eine Nachricht aus dem Schloß Birstein im Vogelsberg: Gezeigt wird auch ein Bild der Schlacht von Bergen, im Vordergrund der Fürst von Birstein, der schwer verwundet wurde und nach zwei Tagen starb. Gezeigt wird noch eine Schärpe mit einem Orden mit Seraphinen darauf und mit dem Blut des Verwundeten. Gezeigt wird das Brautkleid der Prinzessin Charlotte, die auf dem Wiener Kongreß war, um die Selbständigkeit ihres Landes zu erhalten; sie konnte gut Französisch.

 

Goethe in „Dichtung und Wahrheit“: 

„Der Aufenthalt des Königslieutnants Thoranc in unserem Jause verschaffte uns den Vorteil, alle bedeutenden Personen der französischen Armee nach und nach zu sehen und besonders die Ersten, deren Name schon durch den Ruf zu uns gekommen war, in d er Nähe zu betrachten. Vor allem erinnere ich mich des Prinzen Soubise als eines schönen leutseligen Herrn! Am deutlichsten aber des Marschalls von Broglie als eines jüngeren, nicht großen, aber wohlgebauten, lebhaften, geistreich um sich blickenden, gehenden Mannes. Er kam mehrmals zum Königslieutnant, und man merkte wohl, daß von wichtigen Dingen die Rede war.

Wir hatten uns im ersten Vierteljahr der Einquartierung kaum in diesen neuen Zustand gefunden, als schon die Nachricht sich dunkel verbreitete: Die Alliierten seien im Anmarsch, und Herzog Ferdinand von Braunschweig komme, die Franzosen vom Main zu vertreiben. Man hatte von diesen, die sich keines besonderen Kriegsglückes rühmen konnten, nicht die größte Vorstellung, und seit der Schlacht bei Roßbach glaubte man sie verachten zu dürfen; auf den Herzog Ferdinand setzte man das größte Vertrauen, und alle preußisch Gesinnten erwarteten mit Sehnsucht ihre Befreiung von der bisherigen Last.

Mein Vater war etwas heiterer, meine Mutter in Sorgen. Sie war klug genug einzusehen, daß ein gegenwärtiges geringeres Übelleicht mit einem großen Ungemach vertauscht werden könne: denn es zeigte sich nur allzu deutlich, daß man dem Herzog nicht entgegengehen, sondern einen  Angriff in der Nähe der Stadt abwarten werden.

Mehrere Truppen zogen durch die Stadt; man erfuhr, daß sie bei Bergen Halt machten. So kam denn endlich nach einer ruhigen Charwoche 1759 der Charfreitag heran. Eine große Stille verkündete den nahen Sturm. Uns Kindern war verboten, aus dem Haus zu gehen, der Vater hatte keine Ruhe und ging aus. Die Schlacht begann; ich stieg auf den obersten Boden, wo ich zwar die Gegend zu sehen verhindert war, aber den Donner der Kanonen und das Massenfeuer der kleinen Gewehre recht gut vernehmen konnte.

Nach einigen Stunden sahen wir die ersten Zeichen der Schlacht an einer Reihe Wagen, auf welchen Verwundete in mancherlei traurigen Verstümmelungen und Gebärden sachte bei uns vorbeigefahren wurden, um in das zum Lazarett umgewandelte Liebfrauenkloster gebracht zu werden.

Bier, Wein Brot, Geld ward denjenigen hingereicht, die noch was empfangen konnten. Als man aber einige Zeit darauf blessierte und gefangene Deutsche unter diesem Zug gewahr wurde, fand das Mitleid keine Grenze, und es schien, als wollte jeder sich von allem entblößen, was er nur Bewegliches versah, um seine bedrängten Landsleuten beizustehen. Die Gefangenen waren jedoch Anzeichen einer für die Alliierten unglücklichen Schlacht.“

Die siegreichen Franzosen zogen erst nach dem Frieden von Hubertusburg 1763 ab. Die Herzogin von Broglie stellte an den Rat von Frankfurt das Ansinnen, zu Ehren ihres Mannes und zur Erinnerung an seinen Sieg von Bergen ein Denkmal auf der Mainbrücke zu errichten, das die Inschrift tagen sollte: „Pour les mérites militaires“. Der Rat zeigte Rückgrat genug, dem Begehren nicht zu entsprechen

Es gibt eine Liste sämtlicher Einwohner von Vilbel, die eine Hofraite besaßen, in Form einer Steuerliste von 1775. Erhoben wurden - in eigenen Listen mit immer wieder erneuter Auflistung der Einwohner - sechs getrennte Steuer- und Abgabenarten: Contribution, Manngeld, Beethsatz, Dienstgeld, Wachtgeld und Hohemarkschreigenbrotgeld.

In der französischen Besatzungszeit wurden die Rekruten der Grafschaft Hanau an die Franzosen abgeliefert, welche die Soldaten sofort in innerfranzösische Garnisonen abschoben.

 

 

Die Auswirkungen der Schlacht bei Hanau auf die umliegenden Gemeinden

Am 30. und 31. Oktober 1813 wurde Kaiser Napoleon in seine letzte Schlacht auf deutschem Boden verwickelt. Auf dem Rückzug aus Rußland und nach der Schlacht bei Leipzig stellte sich ihm der bayerische General Wrede mit seinen Truppen entgegen. Doch Napoleon siegte ein letztes Mal und der General wurde schwer verwundet.

Wie immer hatte aber die Bevölkerung sehr stark unter den Kriegshandlungen zu leiden. Immer wieder kam es zu Besetzungen durch Freund oder Feind und immer wieder waren Zahlungen zu leisten und Verpflegung bereitzustellen. Weil in diesen Tagen der 200. Gedenktag jener Schlacht ist, hat Norbert Mankel aus Hochstadt in Zusammenarbeit mit dem Verein Heimat-Museum Maintal eine kleine Broschüre zusammengestellt, die die Auswirkungen auf die Orte der heutigen Stadt Maintal beschreibt.

Gleichzeitig hat der Dörnigheimer Geschichtsverrin im Rahmen seiner „Geschichtsblätter“ den Gedenktag aufgegriffen. Dabei liegt das Schwergewicht aber naturgemäß auf dem „Vertrag von Dörnigheim“, der nach der Schlacht geschlossen wurde. Aber während dieses Heft mit vielen Anmerkungen überfrachtet ist, läßt sich das Heft von Norbert Mankel gut lesen und ist doch sehr informativ.

Vor allem greift er immer wieder auf den Augenzeugenbericht von Carl Caesar Leonhard zurück, der Augenzeuge der Schlacht war und vier Wochen später alles aufgeschrieben hat. Dadurch wurde die bisherige Kenntnis stark erweitert. Die großen Linien und die Vorge­schichte werden deswegen nicht ausgeblendet. Vielmehr macht die örtliche Geschichte etwas deutlich von dem, was in der Weltgeschichte vorging und wie sich diese aber auch auf die örtliche Geschichte auswirkte.

Das Heft mit 24 Seiten ist bebildert mit acht hervorragenden Aufnahmen (zum großen Teil von Walter Lenz). Außerdem enthält es einen Kupferstich der Schlacht, den Horace Vernet im Auftrag Napoleons angefertigt hat. Das Heftwurde schon kostenlos an die Vereinsmitglieder ausgeteilt. Es ist für 2,50 Euro zu haben bei Norbert Mankel, AmSelzenborn7, Siegrid Euler Klees, Am Felsenkeller 11 und während der Öffnungszeiten des Museums am ersten Sonntag im Monat von 15-17 Uhr.

 

Vom Erbfeind zum Partner

Lange Jahrhunderte betrachteten sich Deutsche und Franzosen als „Erbfeinde“. Doch im Grunde gibt es gar keine Erbfeinde bzw. es sollte sie nicht geben. Alle Völker sind gleichberechtigt und haben Platz auf dieser Erde. Seit über 50 Jahren können auch Deutsche und Franzosen friedlich miteinander leben. Es sind sogar echte Freundschaften entstanden, weil die Menschen sich begegneten und einander kennenlernen konnten. Ein Beispiel dafür ist die Partnerschaft zwischen Maintal und Luisant, die nunmehr schon mehr als 25 Jahre besteht. Der Besuch der französischen Freunde ist Anlaß, einmal einen Blick in die wechselvolle Geschichte zwischen beiden Völkern in unsrer Stadt zu tun. In der Vergangenheit waren die Begegnungen meist kriegerischer Art. Die offizielle Geschichtsschreibung liest sich deshalb oftmals wie eine Geschichte von Kriegen. Aber heute ist das Verhältnis geprägt von Verständnis, Zusammenarbeit und Freundschaft.

 

Nach der Schlacht bei Höchstädt im Jahre 1704 wurde der französische General Talland als Kriegsgefangener nach Hanau gebracht. Sein Hanauer Hauswirt hatte schöne Weinberge in Hochstadt. Vom Wein hat der Franzose oft mit Vergnügen getrunken. Eines Tages aber fragte er nach dem Herkunfts­ort des Weines. Sein Gastgeber sagte ihm, daß er aus Hochstadt sei. Das lautete aber so wie der Ort der Niederlage des französischen Generals. Seitdem hat er den Hochstädter Wein nicht mehr kosten wollen.

In der Vergangenheit waren die Begegnungen zwischen Deutschen und Franzosen meist kriegerischer Art. Auch in den Orten der heutigen Stadt Maintal war das nicht anders. Die offizielle Geschichtsschreibung liest sich deshalb oftmals wie eine Geschichte von Kriegen.

In den Jahren 1741 bis 1748 war der österreichische Erbfolgekrieg, in dem die Kaiserin Maria Theresia zusammen mit England, Hannover und den Nieder­lande ihre Ansprüche auf den Kaiserthron verteidigte gegen Preußen, Bayern und Frankreich. In unsrer Gegend kam es 1743 zur Schlacht bei Dettingen.

In Dörnigheim standen österreichische und verbündete Truppen am 8. Mai im Oberfeld, in zwei Linien von den Kesselstädter Weinbergen bis zum Fechenheimer Wald. Sie haben sämtliche Winter- und Sommerfrucht ruiniert und die Wälder niedergehauen und das Holz verbrannt. Der Schaden wurde auf 4200 Gulden geschätzt. Überhaupt wurde in den Jahren 1741 bis 1745 viel Schaden von durchziehenden Truppen angerichtet. Für einen Durchmarsch mußten allein 892 Gulden bezahlt werden. Am 10. September 1743 zogen die Truppen nach der Schlacht bei Dettingen wieder ab.

In Bischofsheim war von Anfang Juni bis 5. September das Lazarett der Hannoveraner, wo auf einmal 1700 Mann versorgt werden mußten. Es waren nicht nur die Wunden aus der Schlacht bei Dettingen zu versorgen, sondern auch viele Soldaten mit „Haupt und Brust Schwachheit“ und der roten Ruhr. Natürlich wurde auch die Bevölkerung davon ergriffen. Im Jahr 1743 starben in Bischofsheim 326 Menschen, davon 63 Bischofsheimer. Sie wurden am oberen Breul begraben, einmal waren es dreizehn und einmal 19 Menschen an einem Tag.

Hochstadt hatte erst 1745 und 1746 unter dem Krieg zu leiden. Zunächst kamen ungarische Husaren und Panduren und verlangten große Mengen an Rindfleisch und Hafer. Ebenso taten es auch die Franzosen. Die Gemeinde mußte 2858 Gulden aufbringen und mußte sich von 8 Bürgern 1020 Gulden leihen. Die Husaren hatten sich im Feld Wachthütten eingerichtet und viele Säcke mitgehen lassen und nicht zurückgegeben. Auch 1746 kamen noch einmal kaiserliche Soldaten und Husaren mit 16 Pferden.

Im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 kamen die Franzosen an sich als Freunde und Befreier. Sie hatten sich mit den Widersachern Friedrichs des Großen verbündet, raubten aber das Land völlig aus. In Bischofsheim forderten sie erst einmal hohe Kontributionen und drohten bei nicht restloser Erfüllung ihrer Forderungen die Plünderung des Ortes an. Von den Kanzeln und durch Anschläge wurden die Einwohner gewarnt, kein böses Wort über die „Gäste“ fallen zu lassen.

Auch Hochstadt litt unter dauernden französischen Einquartierungen. Die Franzosen bedienten sich oft auch selbst, brachen Scheunen auf und entwendeten Stroh. Sie stahlen Säcke und ließen sich fahren. Der Dolmetscher mußte bezahlt werden. Weißbrot wurde geliefert. Mehl mußte mit Fuhrwerken bis nach Marburg gebracht werden. Für Schultheiß und Gericht war es oft schwierig, den Schaden festzustellen und zu schätzen.

 

Am 13. April 1759 kam es zur Schlacht bei Bergen. Zunächst waren die Franzosen gegen Hessen-Cassel vorgerückt. Doch Friedrich der Große schickte ein Heer unter dem Herzog von Braunschweig entgegen. Am 12. April vertrieben die preußischen schwarzen Husaren die Franzosen aus Hochstadt und Bischofsheim, so daß sie in wilder Flucht nach Bergen zogen, wo sich die Franzosen sammelten. In Hochstadt hatte der französische Markentender (Verpflegungsbeschaffer) 3 Ohm Wein zurückgelassen, die von den Husaren sofort beschlagnahmt wurden. In Bischofsheim wurden etwa 10 verspätete Franzosen niedergemacht oder gefangengenommen.

Am 13. April kam es zur Schlacht. Die Franzosen hatten etwa 35 000 Mann beisammen und errichteten ein festes Lager westlich von Bergen. Die Alliierten aus Preußen, Braunschweig, Hannover und Hessen hatten etwa 27 000 Mann. Von Bischofsheim aus stürmten die Hessischen Grenadiere durch die Baumstücke nach Bergen. Doch ihr Anführer, Prinz Casimir von Isenburg, wurde bald erschossen. Die Franzosen konnten sich behaupten, nachdem beide Seiten schwere Verluste erlitten hatten.

Als die Franzosen nach Hochstadt zurückkehrten, mußte die Gemeinde 50 Gulden für die drei Ohm Wein bezahlen. Die Franzosen zahlten aber auch einen Teil der Verpflegung. Dennoch entstanden viele Kriegskosten: Hähnchen und Tauben mußten an die Kommandantur in Hanau geliefert werden. Für die französischen Offiziere mußten Servietten gewaschen und Silber geputzt werden. Noch 1762 zahlte Hochstadt 33 Gulden für die Einquartierung: Durchmarschgeld, Quartiergeld, Botengänge, Fouragefahrten, Schlachtkühe, Krämerwaren, Dolmetscherkosten. Sogar ein Sack Kohle mußte geliefert werden. Oft holten sich die Franzosen auch die Verpflegung gleich vom Feld. In Hochstadt mußte auf Anordnung der Franzosen ein Torschreiber eingesetzt werden.

In Bischofsheim waren sämtliche Handwerker in Bewegung, um die Wünsche der französischen Herren zu erfüllen. Besondere Anforderungen stellten sie bei der Unterbringung der Pferde, die Ställe mußten mit immer neuen Einrichtungen versehen werden. Die Wachen brauchten Holz, die Offiziere besondere Betten. Im Rathaus wurden ein Lazarett und eine Wachstube eingerichtet. Oft mußten die Bauern mit ihren Kuhgespannen weite Transporte durchführen. Die Soldaten brauchten Unmengen an Kerzen, weil sie mit dem Wachs auch ihre Haare einschmierten. Als der Krieg 1763 zu Ende ging, feierte man in Bischofsheim ein großes Lob- und Dankfest.

Doch die nächsten Kriege ließen nicht auf sich warten. In Frankreich kam es 1789 zur Revolution und in ihrem Gefolge auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den deutschen Staaten in den sogenannten Koalitionskriegen. Der erste begann 1792. Zunächst wurden die Dörfer von den vereinigten deutschen Armeen besetzt und mußten für sie zahlen.

Der Waffenstillstand von Ende 1795 führte zu keinem Frieden. Im Frühjahr 1796 standen sich in unsrer Gegend die Österreicher unter Erzherzog Karl und die Franzosen unter General Jourdan wieder gegenüber. Am 6. Juli schlug der kaiserliche General von Wartensleben sein Hauptquartier im Hochstädter Rathaus auf, der Ort erhielt 100 Mann Einquartierung, der Stab lag in der Stein‘schen Wirtschaft. Am 9. Juli zogen die Österreicher wieder ab und lieferten sich am 10. und 11. Juli 1796 eine Schlacht mit den Franzosen bei Friedberg und Mehlbach.

Am Mittwoch, den 13. Juli, kamen Teile der geschlagenen österreichischen Armee erneut durch Hochstadt, von den Franzosen verfolgt. Am 15. Juli kamen viele Franzosen zur Einquartierung. Auf dem Hartigfeld wurde ein großes französisches Lager aufgeschlagen. Im Ort entstand ein großer Tumult und alles ging drunter und drüber. Die Franzosen haben in Wald und Feld große Verwüstungen angerichtet. Nach ihrem Abzug hatte eine Kommission von vier Schultheißen vier Tage zu tun, um den Flurschaden festzustellen. Auch die Hartig war schwer verwüstet, denn die Franzosen hatten viele Bäume für ihr Lagerfeuer abgehauen; hier brauchten drei herrschaftliche Forstleute drei Tage den Schaden festzustellen.

Zwei Generäle mit ihrem Stab und einer starken Kavallerieabteilung waren im Ort einquartiert. Die Generäle waren in der Stein‘schen Wirtschaft (jetzt: „Zum Tiger“), wo auch die Offiziere ihre Mahlzeiten einnahmen. Johannes Schales mußte aus Hanau Kalb- und Hammelfleisch herbeischaffen. Ebenso mußten Weck und Weißbrot für die Offiziere besorgt werden. Beim Schmiedemeister Georg Klees wurde eine französische Schmiede eingerichtet; die Franzosen hatten dessen ganzen Vorrat an Hufeisen, Nägeln und Kohlen beschlagnahmt. Johannes Stein war während der sechstätigen Besetzung der Dolmetscher zwischen dem französischen Oberkommando und dem Schultheißen Strohl von Hochstadt. Von den Einwohnern wurden allerdings keine Kriegskosten erhoben, denn die Gemeinde war reich genug.

In Bischofsheim nahmen die Franzosen alles und zahlten nichts. Sie ließen Dreck und Eingeweide von geschlachteten Tieren zurück. Die Gemeinde mußte sofort 2 000 Gulden aufbringen, um die größten Schäden zu beseitigen Im Dörnigheimer Gemeindebuch ist 1796 vermerkt: „Dies ist das schlimmste Kriegsjahr, wo dieser an der Straße liegende Ort zweimal von den Franzosen und zweimal von den Reichstruppen besetzt und viele Exzesse verübt und großer Schaden entstand.“

 

Im zweiten Koalitionskrieg ab 1800 errichteten die Franzosen vom 6. bis 7. Juli ein Lager zwischen Bergen und Bischofsheim. Aus beiden Orten wurden Hafer und Gerste, Heu und Stroh geholt. Man raubte Schafe aus den Ställen und besorgte sich Frauen und Mädchen aus den Häusern und schändete sie. Die Häuser wurden ausgeplündert und jedes gute Kleidungsstück mitgenommen, so daß die armen Menschen nicht einmal sonntags in die Kirche gehen konnten.

Am 10. Juli überschritten starke deutsche Truppen den Main bei Hanau und rückten bis Windecken, Hochstadt und Bischofsheim vor. In den frühen Morgenstunden machten sie einen Angriff nach Bergen hin, auch Kanonen wurden eingesetzt. Abends bezogen beide Teile wieder ihre Stellungen. Die Franzosen hatten etwa 7000 bis 8000 Mann und standen auf der Linie Vilbel-Bergen-Bischofsheim-Offenbach-Isenburg-Sprendlingen. Die Deutschen hatten etwa 9000 bis 10 000 Mann. Am 12. Juli war das Gefecht. Gegen 13 Uhr war zwischen den Höhen und Wäldern von Hochstadt, Bischofsheim und Niederdorfelden die Kanonade und das Kleingewehrfeuer sehr stark. Es gab auf beiden Seiten starke Verluste. Aber beide Teile nahmen ihre vorigen Stellungen wieder ein. Am 13. und 14. Juli wurde nur noch geplündert, am 18. Juli ein Waffenstillstand geschlossen.

Im Französisch-Preußischen Krieg 1806 bis 1807 hatten die Orte zunächst nicht so sehr zu leiden. Hochstadt hatte Wein, Branntwein und Brot für eine französische Patrouille und für einen Mainzer Verwundeten zustellen. Allerdings wurden die Botengänge teuer, wohl wegen der Gefahr durch fremde Truppen. Auch mußten die Bauern tagelang Palisaden fahren. Im Jahre 1807 hatte Hochstadt Einquartierungen, erst Preußen, dann viele Franzosen. Diese kamen in kleineren Gruppen, bleiben aber bis zu 26 Tagen; sie hatten viele Pferde bei sich. Die Kriegskosten beliefen sich auf über 5.000 Gulden, doch es wurde keine besondere Umlage von den Bürgern erhoben.

In Dörnigheim wurde die Hälfte aller Ausgaben durch Kriegslasten verursacht. Menschen und Tiere mußten verpflegt werden, Verwundete gepflegt, Fuhrwerke gestellt (die Transporte gingen bis nach Mainz und Kassel). Kleider, Schuhe und Sättel mußten instandgehalten werden. Die Offiziere wollten Pulver und Blei für die Jagd.

In Dörnigheim hatten die Franzosen gefangene Preußen untergebracht und die Bischofsheimer mußten für diese Brot backen. Für die Versorgung der französischen Soldaten mußten Selterswasser, schwarzes Wachs, Schnupftabak, Farbe und Seile aufgebracht werden. Für die durchmarschierenden Franzosen wurden genaue Verpflegungssätze festgelegt: täglich 2 Pfund Brot, 1 Suppe, ein dreiviertel Pfund Fleisch, eine Portion gekochtes Gemüse, 1 Maß Bier oder Apfelwein oder ein Schoppen Wein.

Im Jahre 1807 mußte Bischofsheim 2140 Gulden aufbringen. Aber dort wurden auch die Anschläge der französischen Regierung bekritzelt, durchgestrichen und abgerissen. Das Amt Bergen bat flehentlich darum, daß dies unterbleibe, sonst würden sie sich Franzosen durch neue kostspielige Einquartierungen rächen. Die Franzosen ließen sich sogar von den Bauern den Mist ihrer einquartierten Pferde bezahlen. Ein durchreisender französischer Arzt ließ sich beim Wirt 30 Flaschen Wein auf Kosten der Gemeinde geben. Die Weinberge waren völlig verwüstet, es gab keine Weinlese.

In den Befreiungskriegen von 1812 bis 1815 war es für die kleinen Leute nicht besser, denn die Befreier verlangten die gleichen Leistungen wie ihre Gegner. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig verlegte am 27. Oktober 1813 der französische Stadtkommandant von Hanau sein Hauptquartier nach Hochstadt. Am 30. Oktober kam es bei Hanau zu einer Schlacht, wo die Bayern unter dem General Wrede dem geschlagenen Napoleon den Weg verlegen wollten, aber von den Franzosen geschlagen wurden.

Am 2. November 1813, drei Tage nach der Schlacht bei Hanau, wurde im Gasthof „Zum Adler“ (Frankfurter Straße/Ecke Schwanengasse) der „Vertrag von Dörnigheim“ geschlossen. Dabei trat Hessen-Nassau aus dem mit Frankreich verbündeten Rheinbund aus und schloß sich Österreich und Bayern an und beteiligte sich nunmehr an der Verfolgung Napoleons.

Bei einem kleinen Gefecht am Schützenhäuschen in Hochstadt sind 18 Franzosen gefallen. Ein Hochstädter in der Bogenstraße hat von seinem Dachgiebel aus den Vorgang beobachtet, ist über die Stadtmauer geklettert und hat sich die Gewehre der 18 der toten Franzosen geholt. Von dem Erlös soll er sich später eine Scheune gebaut haben. Eine Reiterpistole aus der Zeit Napoleons wurde 1960 in der Leithecke gefunden

Napoleon hatte im Ysenburgischen Schloß in Langenselbold übernachtet, dann war die Schlacht von Hanau. Danach zog er über Wilhelmsbad Richtung Frankfurt. Seine Nachhut unter General Mortier hörte in Langenselbold Kanonendonner aus der Stadt Hanau und umgingen diese: über Langendiebach, Bruchköbel und Hochstadt zogen sie nach Bergen.

Im Jahre 1813 waren in Hochstadt 270 Offiziere, 9135 Soldaten und 4633 Pferde einquartiert. Für sie mußten die Bewohner abliefern: 6 Pferde, 14 Ochsen, 28 Kühe, 400 Malter Gerste, 470 Malter Hafer, 520 Fuder Stroh, 2960 Zentner Heu, 66 Klafter Holz, 68 Ohm Wein, über 27 Ohm Branntwein, über 167 Ohm Apfelwein, über 25 Ohm Bier, 15 670 Pfund Fleisch, 21 095 Pfund Brot, insgesamt für 118 000 Gulden. Außerdem wurde der Typhus eingeschleppt, an dem viele Einwohner starben.

 

Der Krieg von 1870 bis 1871 endete siegreich für die Deutschen. Auf dem Bischofsheimer Kirchhof wurde am 2. Mai 1872 ein Stein eingeweiht ,,zum Andenken an die Siege, die Deutschland über Frankreich, den Erbfeind, davontrug“. In Hochstadt steht ein entsprechendes Denkmal noch neben dem Kirchturm. Der frühere Stadtrat Dr. Schreiber war zwar der Meinung, solche Denkmäler seien heute überholt und sollten entfernt werden. Aber als geschichtliche Zeugnisse sollten sie erhalten bleiben, ebenso wie die entsprechenden Denkmäler in Frankreich. Nur können sie keine Siegesdenkmale mehr sein, sondern nur Mahnstätten gegen den Wahnsinn des Krieges.

Auch für die Toten der beiden Weltkriege in unserem Jahrhundert gibt es Gedenktafeln in den Orten: In Hochstadt im Durchgang des Turms, in Bischofsheim auf dem Friedhof (Ehrenmal und Gedenksteine mit Namen), in Dörnigheim auf dem alten Friedhof (1. Weltkrieg) und in Wachenbuchen eine Gedenktafel an der Kirche und ein allgemeines Denkmal auf dem Kirchhof.

Nach dem Ersten Weltkrieg besetzten die Franzosen dem 10. April 1919 das Untermaingebiet, um Wiedergutmachungsleistungen zu erpressen. Von Mainz her besetzten sie auch Frankfurt und Hanau. Hochstadt hatte besonders stark zu leiden: eine Artillerieabteilung mit einigen hundert Pferden wurde einquartiert. Das lag daran, daß Hochstadt seit Napoleons Zeiten als beträchtliche Festung in den französischen Karten eingezeichnet war. In den Zeitungen des Jahres 1920 war zu lesen: „Die Festung Hochstadt wurde ohne Widerstand besetzt!“ Aber man ließ starke Besatzungstruppen dort.

Die mehrfachen Besatzungen haben vielleicht bis in unsre Zeit hinein aber auch noch andere Spuren hinterlassen: Man sagt den Mainhessen eine leichtere Lebensart nach, mehr Freude, und Aufgeschlossenheit als den Oberhessen. Sie seien keine ,,blinden Hessen" mit einem sturen Kopf, sondern eher weltmännisch. Ob das vielleicht auch mit auf den französischen Einfluß zurückzuführen ist? Geschichtliche Ereignisse wirken oft lange nach. Vor allem das 19. Jahrhundert bestimmt noch immer unser Leben mit.

Aber noch ein anderes französisches Erbe war bis vor einiger Zeit vor allem in der älteren Generation lebendig: eine Reihe französischer Ausdrücke, die nicht als allgemeine Lehnwörter in der deutschen Sprache vorkommen, sondern zusätzlich in unsrer Gegend üblich sind bzw. waren. Das mag natürlich auch mit den Einwanderern in die Hanauer Neustadt, nach Neu-Isenburg und nach Friedrichsdorf im Taunus zusammenhängen. Es könnte aber auch in den mehr kriegerischen Kontakten zwischen beiden Völkern zu tun haben.

Einige Beispiele für französische Ausdrü>Auch die Vorliebe für Jean (statt Johannes) und Louis (statt Ludwig) gehört hierher. Und vielleicht ist auch das Wort „Simpel“ über das Französische zu uns gekommen.

Heute aber lernen viele Maintaler die französische Sprache richtig und vollständig. Die Kinder haben Französisch zu einem großen Teil als zweite Fremdsprache. Besonders die Einstein-Schule in Bischofsheim will sich der Partnerschaft mit Frankreich widmen. Seit dem 21. April 1973 gibt es nämlich eine Verschwisterung zwischen Hochstadt und der Stadt Luisant in Frankreich, eine „jumelage“. Diese wurde dann von der Stadt Maintal übernommen und wird heute immer weiter ausgebaut. Schüler aus Luisant waren Gäste in Maintal, Maintal Schüler fahren nach Luisant. Es gibt einen Austausch zwischen Vertretern der Städte, zwischen den Vereinen und unter vielen Privatleuten. Das Stadtmuseum stellt eine Puppe aus Luisant als Symbol der Partnerschaft aus. Nicht mehr Feindschaft bestimmt das Verhältnis zwischen Maintal und den Franzosen, sondern Partnerschaft und sogar Freundschaft in einem größeren Europa.

 

 

„Hexen“ in Maintal

Hochstädter Walpurgisnacht:

In der Walpurgisnacht vom 30. April zum 1. Mai veranstaltet die Jugend aus Hochstadt und den umliegenden Orten ein Fest, das vom Pfarrer „Paliafest“ genannt wird. Es geht zurück auf den Feld- und Waldgott Pan und den Aberglauben vom Hexentanz, den es auch anderswo gibt.

Auf einem Kreuzweg wird ein riesiges Feuer aus gestohlenem Holz oder Stroh angezündet. Man tanzt um das Feuer und springt auch darüber. Dabei stößt man wilde und böse Wörter aus. Es werden sowohl ehrbare als auch verdächtige „Weibspersonen“ mit den schändlichsten Namen belegt, die der Teufel eingibt. Auch werden Schnaps, Bier und Wein getrunken.

Im Jahre 1771 verbietet der Pfarrer Franz Daniel Kühn am vorhergehenden Sonntag in der Predigt den Teufelsdienst so ernstlich, daß kein junger Bursche in der Nacht draußen ist. Er spannt auch Schultheiß, Kirchenälteste und ehrbare Hausväter und Hausmütter ein und führt Privatgespräche. Er macht im Mai einen Bericht an das Konsistorium.

Aber 1773 wird das Paliafest wieder abgehalten, nun aber umso wüster: Der Pförtner hat entgegen dem Verbot die Hochstädter und Dörnigheimer Burschen hinausgelassen. Es wird getanzt bis in den Morgen. Grölende Kilianstädter und Hochstädter verprügeln die Dörnigheimer Jugend und schlagen einen fast zu Tode. Die Funken des Feuers fliegen in den Ort.

Der Feuerwächter in Hanau denkt, Hochstadt stünde in Flammen. Einige Einwohner laufen mit Eimern hinaus, um zu löschen. Der Hochstädter Pförtner läßt die Hochstädter Jungen dann wieder herein. Doch nun trommeln sie mit Knüppeln an die Fensterläden des Pfarrhauses und bewerfen den Pfarrer mit Steinen, so daß er um sein Leben fürchtet. Das ist vor allem die Rache dafür, daß der Pfarrer die Gitter an der Empore hat entfernen lassen, hinter der sich die Burschen versteckten, Unsinn machten oder schliefen. Das Konsistorium weist das Amt Büchertal an, das Paliafest in Zukunft zu verbieten. Im Jahre 1774 lärmt und musiziert die Jugend im Wirtshaus. Dann hört man nichts mehr von dem Fest.

 

Der Bischofsheimer Hexenprozeß vom 9. März 1564:

Etwa vom Jahre 1540 an war das Hanauer Landgericht wegen der großen Über­handnahme des Hexenunwesens in ein peinliches Halsgericht umgewandelt wor­den. Die erste Anklage wegen Hexerei vor diesem neuen Gericht erfolgte am 9. März 1564. Ein Einwohner von Bischofsheim zeigte damals an, daß ihm seine Milch durch eine Frau verzaubert worden, so daß ein seltsamer Käs, „wie ein Kröss“, daraus entstanden sei. Die Frau wurde sofort nach Bergen in Haft gebracht und eine umfangreiche Untersuchung in Bischofsheim angestellt. Man wol­lte gerne erfahren, ob es in Bischofsheim noch mehr solcher zaubrischer Weiber gebe. Ob­wohl man zunächst die Absicht gehabt hatte, den seltsamen verzauberten Käs in die Hanauer Gerichtskanzlei bringen zu lassen, nahm man nachher von dieser An­ordnung doch wieder Abstand.

Aus den Hanauer Regierungsakten geht nun nicht klar hervor, welches Ergebnis diese hoch­notpeinliche Untersuchung gehabt hat, und ob eine Verurteilung erfolgte. In denselben Akten lesen wir aber unter dem 24. Okto­ber desselben Jahres: „Die Aussage der zauberischen Weiber aus Bischofsheim, die hier in Haft liegen, ist der Länge nach verlesen worden. Es wurde gefunden, daß sie ihre Aussagen etwas ungleich machen, eine mehr Personen als die andere anzeigt, obgleich sie doch alle in einem Ort und Tanz beieinander gewesen sind. Da die Sache sehr wohl erwogen werden muß, hat man festgelegt, daß aus ihren Aussagen ordentliche Fragestücke formuliert werden, sie dann danach jeder Frau getrennt vorge­halten werden. Ihr Bericht und Anzeige sollen gehört und dazu aufgezeichnet wer­den. Danach ist zu entscheiden, ob jemand einzuziehen oder was gegen die Ver­hafteten vorzunehmen sei.“

Einige Wochen später, am 7. November, wurde proto­kolliert: „Über die Zauberischen ist entschieden worden, daß dieselbigen alle fünf - nämlich Brieckel Mergk, Liesch Anna, Gotts Else, Gerlachs Anna und Gotts Anna - vor das peinliche Halsgericht gestellt und angeklagt werden sollen. Alle wurden zunächst zum Tode ver­urteilt. Weil Gotts Anna aber noch jung war und durch ihre Mutter und Brieckel Mergk verführt wurde durch Eingebung eines Stückes Brodes, hat die Obrig­keit genehmigt, sie zu begnadigen und eine andere Strafe zu verhängen. Die anderen Zauberischen aber, da sie beständig auf ihre Aussage bleiben, wurden zum Tode verurteilt. Außerdem wurde verfügt, daß die weiter angegebenen Zaubrischen alsbald auch ergriffen und eingezogen werden sollen, um ihnen ihre rechtliche Strafe auch widerfahren zu lassen“.

Am 9. Februar 1565 sollten die genannten fünf Zaubrischen vor das peinliche Halsgericht gestellt werden. Das Urteil über die jüngste Zauberin, Gotts Anna, wurde den Schöffen von den Kammerräten im Namen der hanauischen Vormünder eben­falls vorgeschrieben. Sie sollte drei Sonntage nacheinander in der Kirche zu Hanau vorgestellt werden, „durch den Pfarrherrn der Gemein angezeiget“ und eine „christ­liche Vermahnung" erhalten, hiernach soll sie der Stadt Hanau verwiesen und „doch darauf wiederum in die Grafschaft Hanau verbannt werden“. Der Oberamt­mann solle dem Pfarrherrn und Kaplan befehlen, daß diese fleißig zu den armen Weibern gehen und sie fleißig mit Gottes Wort trösten und unterrichten, damit sie ihres begangenen Übels und ihrer Sünden halben Reue und Leid haben mögen.

Zwei andere der Zauberei verdächtigte Frauen, die Schwaben Barb und die Schweitzerin, sollen befragt und sofort ins Gefängnis gebracht werden, wenn sie verhext befunden und Indizien vor­handen sind. Über das für den 9. Februar fest­gesetzte Halsgericht und über die sofort zu erfolgende Hinrichtung der vier Unglück­lichen ist in den Hanauer Regierungsakten nichts mehr enthalten. Die Hinrichtung hat je­doch sicher zu der festgesetzten Zeit stattgefunden.

Von der jüngsten Zauberin, Gotts Anna, erfahren wir zwei Jahre später, am 1. Juli 1567, noch einiges: „Gotts Anna wurde wegen Zauberei in die Grafschaft verbannt. Sie sollte den Flecken anzeigen, darin sie wohnen wolle. Dem Schultheißen wollte man deswegen Befehl geben.

Darauf hat aber ihr Mann angezeigt, daß er und sein Weib nirgends aufgenommen werden, weil keine Dorfschaft sie in ihre Gemeinschaft annehme. So hätten sie sich auf den Höfen vor der Stadt Hanau nieder­gelassen. Er bittet ihnen zu erlauben, daselbst ein Häuslein zu kaufen und die Wohnung zu gestatten. Das wird ihnen erlaubt, jedoch den Förstern befohlen, ihr Augenmerk auf sie zu richten: Wenn die Personen den Wald be­treten und sich ungebührlich hielten, sind sie anzuzeigen, und aus dem Walde zu weisen“.

 

Der Schullehrer August Lapp aus Bischofsheim:

Im Jahre 1685 ging es dem armen Schuldiener August Lapp sehr schlecht: Drei Bischofsheimer Bürger übernachteten in einem Ort, dessen Name nicht zu entziffern ist. Er muß nicht weit im Nordosten gelegen haben, denn in dem Wirtshaus waren auch Leute aus Issigheim, Ostheim, Bruchköbel und ein Tuchmacher aus Altenstadt. Dieser erkundigte sich bei den Bischofsheimern nach Leinewebern in ihrem Heimatort. Man nannte ihm einige, u.a. den Bischofsheimer Leineweber und Schulmeister Jost Lapp. Der Altenstädter fragte weiter, wer die Muster auf den Halstüchern der Bischofsheimer gemacht habe; sie seien von ihrem Schul­meister Jost Lapp.

Da sagte der Altenstädter, daß er diesen Mann kenne, der sei ein Hexenmeister, ein Teufelsbanner und ein Wehrwolf. Die Bischofsheimer würden in wenigen Wochen ein fürchterliches Unglück erleben, wenn sie diesen Mann behielten. Er rief nach Feder und Papier, schrieb alle Beschuldigungen auf und gab das Papier den Bischofsheimern mit. Am nächsten Tag wußten der Pfarrer und die Presbyter Bescheid, sie machten sofort eine Anzeige vor Ge­richt. In der bald anberaumten Gerichtsverhandlung mußte der Altenstädter alles zurücknehmen. Ihm wurde bescheinigt, daß er ein liederlicher, schmähsüchtiger und verlogener Ehrendieb sei.

Trotz dieses glänzenden Freispruches machte man Lapp das Leben zur Hölle, überall verspürte er Angst, Abneigung und Mißtrauen. Mit Einwilligung des Konsistoriums legte er am 24. Dezember 1685 sein Amt nieder. Er durfte noch bis zum neuen Jahr im Schulhaus bleiben. Pfarrer und Älteste übernahmen den Unterricht im Pfarrhaus, denn kein Kind betrat das Schul­haus, solange der „Hexenmeister“ darin wohnte. Alle durch den Unterricht entstandenen Schäden im Pfarrhaus mußte die Gemeinde ersetzen; das Läuten der Glocken übernahmen vorerst Leute aus der Gemeinde. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir auch, wann damals geläutet wurde: Morgens um 4 Uhr und abends um 8 Uhr.

 

Das Narrenhaus in Hochstadt oder wahlweise der hohe runde Turm etwas weiter östlich wird fälschlicherweise als „Hexenturm“ bezeichnet. Eine Frau sagte dazu: „In Hochstadt gab es doch keine Hexen!“ Antwort. „Es gab und gibt nirgendwo Hexen!“

 

 

 

 

Brauchtum

 

Alte Osterbräuche:

Bettelnde Lehrer, sagenhaftes Osterwasser und ein Junge, der schon samstags den „Hasen holen“ wollte

Im Westen Hochstadts liegt unterhalb des Luisantrings das Riederwäldchen. Wenn man die

Fahrgasse in Richtung Bischofsheim entlanggeht. Am alten Versuchsgarten des Obst- und Gartenbauvereins vorbei kommt man bald zu einer Quelle in dem Wäldchen rechterhand. Vor einigen Jahren hat die Stadt Maintal die Quelle auf Vorschlag von Robert Föry wieder in Ordnung gebracht. Im Volksmund heißt die Quelle „Berlebörnchen“ oder etwas vorneh­mer „Berleborn“.     

Mit dem Wasser hat es eine besondere Bewandtnis; so hat es mir jedenfalls meine Großmutter erzählt, als wir auf der Wiese unterhalb des Riederwäldchens Heu machten. Hier ist nämlich der Brunnen in Hochstadt, aus dem man das „Osterwasser“ holt. Am Ostermorgen muß man sich vor Sonnenaufgang aufmachen. Man darf dabei nicht sprechen. Mit einem Krug schöpft man das Wasser und trägt es heim und hebt es das Jahr über auf. Es sollte bei allerhand Krankheiten und Beschwerden ­helfen. Heute allerdings ist der ­Genuß des Wassers nicht mehr zu empfehlen, denn es ist von Nitrat verseucht.

Gründonnerstag wird von den Lutheranern als ganzer Feiertag begangen. Aber nach der Union der reformierten und lutherischen Kirche wird der gestrichen. Der Karfreitag wird ab 1811 still begangen, aber als gesetzlicher Feiertag. Ab 1828 ist Karfreitag nur noch ein halber Feiertag, während des Gottesdienstes dürfen aber keine Arbeit und kein Verkauf stattfinden.

 

Ostern ist neben Weihnachten und Michaelis ein traditioneller Abendmahlstag. Die Zahl der Abendmahlsteilnehmer ist zunächst nicht sehr hoch: An Ostern 1778 sind es 48 Personen, davon 24 Jugendliche. Palmarum, Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern werden gern als Konfirmationstermin genommen (neben Pfingsten, Advent, Trinitatissonntage).

Mit Ostern sind allerdings nicht so viele Bräuche verbunden wie mit Weihnachten. Aber auch in Hochstadt wird wie in Frankfurt an Gründonnerstag die „Grüne Soße“ gegessen, mit Eiern, Frühlingskräutern und Quark. Man ißt in unseren Breiten auch gern „grüne Pfannkuchen“, die mit Schnittlauch bestreut sind. Natürlich verzichtet man in der Karwoche wie anderswo auch auf den Genuß von Fleisch.

Eine Osterspeise ist auch das ge­backene Osterlamm. Es wird aus Rührkuchenteig hergestellt und mit Puderzucker bestreut. Der Oberbäcker hat noch lange die gußeisernen Formen aufbewahrt. Es gab aber auch flache Osterhasen, aus einfachem Teig gebacken und mit einer Rosine als Auge.

Die Ostereier werden vorzugs­weise mit Zwiebelschalen ge­färbt. Sie werden nicht, wie teilweise in anderen Gegenden, schon am Gründonnerstag ge­sucht, sondern am Ostersonntag. Im Laufe des Sonntags gehen die Kinder mit einem Körbchen zu den Großeltern, Paten oder Be­kannten, um „den Hasen“ zu ho­len.

Ein Junge wollte allerdings wollte nicht so lange warten und ging schon am Samstag zum Oberbäcker und sagte: „Gebt mir nur gleich meinen Has‘, dann geh ich auch wieder!“ Heu­te macht er es noch ähnlich und treibt Geld bei säumigen Schuldnern ein.

In früheren Zeiten war der Bet­telgang zu Ostern eine bittere Notwendigkeit. Da mußte der

Lehrer sich bei jeder Familie ein Eierbetteln - als Teil seiner Besoldung. In Hochstadt allerdings darf der Lehrer an Weihnachten und Ostern je einen Gang um Brot machen: Er darf zu jedem gehen, der einen Acker besitzt und um ein Brot bitten, als Entgelt für das Läuten der Glocken.

Wer keinen Acker hat, gibt sechs Schilling. So wird es 1596 festgelegt. Ab 1743 müssen

auch. die Witwen an Ostern eine Münze geben (einen Albus). Bauern mit Gespann aber müssen den „Läutelaib“ geben.

Im Jahre 1769 bekommt die lutherische Schule die Kaduk-Güter geschenkt. Die reformierten Einwohner meinen, das bei den Umgängen an Ostern und Weihnachten gespendete Brot solle allein der reformierte Lehrer erhalten. Früher hat der Lehrer das Brot ja auch von allen Einwohnern erhalten. Erst als es eine lutherische Lehrerstelle gab, haben die Lutherischen ihr Brot dem lutherischen Lehrer gegeben.

Der Lehrer Zeiss erhält um 1850 noch diesen Teil seines Einkommens, ehe er 1851 abgelöst wird durch über 18 Gulden im Halbjahr. Allerdings war die Lieferung über das ganze Jahr verteilt, denn er kann ja das Brot nicht auf einmal essen. Das wäre auch den Naschmäulern von heute zu empfehlen: nicht alles auf einmal essen, sondern gut verteilen. In diesem Sinne - ein gesegnetes Osterfest!

 

 

Weihnachten:

An vielen Orten wird schon sehr früh mit Weihnachten begonnen. Vor allem die Ge­schäfts­welt konnte nicht warten, fehlt doch dieses Jahr der vierte Advent  als  verkaufsoffener Sonntag. Nur wenn die Kassen klingeln, hat sich das Fest ge­lohnt. Dabei kann sowieso nicht mehr Geld ausgegeben werden, wie da ist. In Hochstadt aller­dings wurde der Christbaum wie alle Jahre erst am Montag nach dem Ewigkeitssonntag an der Kirche aufgestellt. Es ist doch besser, wenn man den Jahreslauf beachtet und alles zu seiner Zeit kommt

 

Zweimal Weihnachten?

Dabei wäre es fast einmal so weit gekommen. daß man zweimal hätte Weihnachten feiern können Papst Gregor XIII.  hatte nämlich schon 1583 den nach ihm  benannten „Gregoriani­schen  Kalender“  eingeführt. Doch zunächst konnte er ihn nur in den katholischen Gebieten durchsetzen. In den protestanti­schen Gebieten und damit auch im Hanauer Land blieb man aber beim julianischen Kalen­der.

Das Erzbistum Mainz aber woll­te den Gregorianischen Kalen­der auch in den mit Hanau ge­meinschaftlichen Orten einfüh­ren. Die Grafen von Hanau woll­ten das aber nicht zulassen, weil sie befürchteten, ihre Unterta­nen würden dann zweimal Weihnachten feiern, nämlich nachdem alten und dem neuen Kalender.

So machen das ja bis heute unsre griechischen Mitbürger. Ihr ei­gentliches Weihnachtsfest ist der Epiphaniastag, der Tag der Erscheinung Christi am 6. Januar, auch Dreikönigstag genannt. Unsere Weihnachten ist ihnen so wenig wichtig wie uns der Epi­phaniastag. Doch wenn sie wol­len, können sie tatsächlich zweimal feiern.

Für uns aber kam der Trick mit dem Kalender nicht durch. Im Jahre 1700 wurde auch in Hochstadt der neue Kalender einge­führt. Am 18. Februar wurden einfach elf Tage übersprungen und es ging gleich mit dem 1. März weiter. Also bleibt es da­bei: „Alle Jahre wieder“, aber nur einmal!

Schon im alten Hochstadt war Weihnachten  ein  besonderes Fest. In der Adventszeit wurden abends die Plätzchen gebacken, wenn die Kinder schon im Bett waren. Sie durften ihre Weih­nachtswünsche auf einen Zettel schreiben und ins Fenster legen. Den Nikolaus kannte man nicht, und Adventskränze kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig auf.

Man ging gern zu den Verwand­ten, die kleine Kinder hatten. Das belieb­teste Weihnachtslied war „Am Weinachtsbaum die  Lichter brennen“.  Auf dem Gabentisch lagen vorwiegend Äpfel, Nüsse und etwas Gebäck. Beliebt wa­ren die kleinen Borsdorfer Äpfel, die zwischen die Plätzchen ge­legt wurden. Für die Kinder gab es meist aufgebessertes Spielzeug, höchstens einmal eine Mundharmonika für die Jungen, oder eine selbstgemachte Puppe mit Porzellankopf für die Mäd­chen. Das waren damals die Ge­schenke, die aber sicher auch große Freude machten.

 

Junge war „Christkindchen“

Gelegentlich kam auch einmal ein „Christkindchen“, das aber von einem Jungen dargestellt wurde. Er klopfte alle Häuser ab, in denen ein Christbaum stand (nicht in allen Familien wurde ein Baum aufgestellt). Knecht und Magd erhielten kleine Geschenke, meist Kleidungsstücke. Am ersten Feiertag holten die Kinder bei den Paten ihre Ga­ben. Meist bestanden sie nur aus einer selbstgebackenen Brezel, dazu Äpfel und Nüsse, gelegent­lich auch einmal ein Kleidungs­stück.

An Heiligabend aß man Kartof­felsalat mit Würstchen. An Sil­vester gab es in den Gaststätten um Mitternacht warme Würst­chen und Brot, die die Wirte ih­ren Stammästen spendierten. An Neujahr aß man Weißkraut und Kümmel, damit im nächsten Jahr das Geld nicht ausgeht.

 

So wie heute, läuteten um Mit­ternacht die Glocken und Feuerwerk wurde abgebrannt. Von Haus zu Haus rief man sich „Prost Neujahr“ zu. Viele kamen auch in die Nähe der Kirche, um sich gegenseitig ein gutes neues Jahr zu wünschen.

Bis heute ist manches so geblie­ben, manches aber auch anders geworden. „Weihnachten  in Hochstadt“ - das bedeutet heute auch: Weihnachtsmarkt in der Hauptstraße. Der diesjährige Weihnachtsmarkt beginnt am heutigen Samstag um 15 Uhr. Heute hat fast jeder Ort seinen Weihnachtsmarkt. Aber wenige sind so stimmungsvoll wie der in der historischen Kulisse des schönsten Maintaler Stadtteils.

Angefangen hat es 1981 mit ei­nem kleinen Markt auf dem „Tanzplacke“, dem Platz am Hi­storischen Rathaus. Die Anregung kam vom Humor- und Musdikverein „Edelweiß“. Unter der Federführung von Helmut Roog wurde der Weihnachtsmarkt zwei Jahre lang von drei bis vier Vereinen bestritten.

Als die Sache aber wieder einzu­schlafen drohte, übernahm Pfar­rer Langheinrich die Initiative, der mit dem Posaunenchor von Anfang an dabei war. Er wollte gern, daß ein eventueller Ge­winn der Aktion „Brot für die Welt“ zur Verfügung gestellt wird.

Nach weiteren zwei Jahren nahm dann der Gewerbeverein die Sache in die Hand. Als die Hauptstraße aufgerissen und umgestaltet wurde, mußte man improvisieren. Zum Teil wich man in die Höfe aus. Aber als dann 1985 die Hauptstraße fer­tiggestellt war, stieg die Beteili­gung immer mehr.

Seit 1990 ist eine Interessenge­meinschaft für den Weihnachtsmarkt zuständig. Sie besteht aus

Georg Kraft und Ernst Schick, die Abrechnung machen Frau Stetzkowski und Frau Krapf. Und Herrn Krafts Sohn hilft mit beim Einteilen und Aufstellung der Stände.

In Hochstadt wird bewußt die Zahl der Verpflegungsstände klein gehalten. Es sind nur 14 in diesem Jahr. Dafür gibt es aber 42 Stände mit Kunstgewerbe. Die Stadt hat dieses Jahr auf eine Gebühr verzichtet. Auch die Einwohner unterstützen  den Markt tatkräftig. Sie freuen sich über ein autofreies Wochenende und die Vorweihnachtsstimmung vor der Haustür. In diesem Jahr feiern sie mit Freunden aus der Partnerstadt Luisant, die mit einem ganzen Bus voll Gästen kommen und auch die Weih­nachtsmärkte in Frankfurt oder Mainz besuchen wollen.

Zu Weihnachten gehört natür­lich auch die Kirche. Am Ersten Advent war schon Abendmahlsgottesdienst zum Beginn des Kirchenjahres. Zum  Weih­nachtsmarkt bläst wieder der Posaunenchor. Am vierten Ad­vent ist Konzertgottesdienst mit dem Kirchenchor und dem Po­saunenchor. An Heiligabend ist um 17 Uhr Gottesdienst unter Mitwirkung der Kinder und um 22.30 Uhr Christmette mit dem Kirchenchor. Die Kinder feiern am Ersten Christtag im Kindergottesdienst und werden be­schert um 10.30 Uhr. Katholischer  Gottes­dienst ist am Heiligabend um 10.30 Uhr, am Ersten Christtag ebenfalls um 10.30 Uhr.

Nur eins fehlt noch zum Weih­nachtsmarkt und zum Weih­nachtsfest: Es könnte wieder einmal etwas Schnee kommen. Kein Schneematsch, das wäre nicht gut, sondern feinkörniger Pulverschnee,  so wie es früher einmal war.

 

 

 

Wiederstand gegen die Naziherrschaft

„Widerstand war vielfältiger“                                                                    

DGB-Abend zur Erinnerung an zehn Dörnigheimer, die gegen das NS-Regime kämpften

Der Maintaler Ortsverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) lud kürzlich zu einer Veranstaltung ein, die sich mit einem fast vergessenen Kapitel der jüngeren örtlichen Geschichte befaßte. Es ging dabei um einen Prozeß, den die Nationalsozialisten vor genau 75 Jahren gegen 88 Antifaschisten aus Hanau und Umgebung vor dem Oberlandesgericht Kassel anstrengten. Unter den damals Verurteilten befanden sich auch eine Frau und neun Männer aus der noch selbständigen Gemeinde Dörnigheim.

Als Referenten des Abends konnten die Gewerkschafter Alwin Borst aus Offenbach gewinnen, dessen Vater selbst vor dem Nazigericht gestanden hat. Der Prozeß gegen die 88 Gegner des NS-Regimes sei ein Beispiel des Widerstands aus der arbeitenden Bevölkerung gewesen, der leider allzuoft verschwiegen werde, so Klaus Seibert vom Maintaler DGB. „Dabei waren zum Beispiel über 90 Prozent der politischen Verfahren vor Nazi-Gerichten gegen diesen Personenkreis gerichtet. In den Schulen und auch in der Öffentlichkeit erfährt man jedoch weitgebend nur vom militärischen Widerstand um den 20. Juli 1944, der erst einsetzte, als klar war, daß der verbrecherische Krieg verloren war“, so der Gewerkschafter . „Manchmal werden auch noch die Geschwister Scholl erwähnt, aber über die aufopferungsvollen Taten der so genannten kleinen Leute herrscht Funkstille“, ist Seibert überzeugt.

„Doch der Widerstand war wesentlich vielfältiger“, wie Alwin Borst nun in Dörnigheim betonte. Neben dem Widerstand von KPD und SPD sowie der Gewerkschaften widersetzten sich aktiv auch viele Christen, Zeugen Jehovas, viele Juden, Jugendliche und andere dem Terrorregime der Nazis“, so Borst. Immer wieder sei es im ganzen Land zu Prozessen gegen Gegner

des Systems gekommen.

„Spektakulär an dem Prozeß gegen die 88 NS-Gegner ist die große Anzahl der Angeklagten,

die ein verzweigtes Widerstandsnetz in den damaligen Landkreisen Hanau und Offenbach aufgebaut hatten. Unter diesen Angeklagten befanden sich 54 Kommunisten, vier SPD-Mitglieder und 30 Parteilose. Unter ständiger Gefahr, entdeckt zu werden, organisierten sie den Druck und die Verteilung von Flugblättern und Tarnbroschüren. Sie sammelten Beiträge für ihre illegale Arbeit und für andere verfolgte Nazi-Gegner. Selbst die gleichgeschaltete Presse berichtete in großer Aufmachung über das Verfahren in Kassel, so daß niemand später sagen konnte, er hätte von den Verfolgungen im Ortnichts gewußt“, so der Referent.

Alwin Borst zeigte auch auf, wie die Nationalsozialisten von einflußreichen Kräften an die Macht geschoben wurden. „Zusammen waren die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD 1932 an Stimmen stärker als die NSDAP. Doch aufgrund von Fehleinschätzungen und auch Fehlern in der Politik beider Parteien und auch der Gewerkschaften konnte ein einheitlicher Widerstand gegen den braunen Terror nicht erreicht werden. So riefen die Gewerkschaften

zum Beispiel dazu auf, sich am 1. Mai 1933 an den von den Nazis organisierten Maifeiern zu beteiligten „Einen Tag später wurden im ganzen Reich die Gewerkschaftshäuser besetzt, die Gewerkschaften verboten und alles Vermögen beschlagnahmt. Viele Tausende Gewerkschafter wurden in die neu errichteten Konzentrationslager verschleppt. Dort trafen sie auf viele kommunistische und sozialdemokratische Kollegen, die die ersten Verfolgten der Nazis gleich nach ihrer Machtübernahme waren“, so Borst weiter.

Eindringlich appellierte der Referent, daraus die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Das bedeute, daß überall und besonders in den Schulen über diese Zeit berichtet werden müsse, was damals tatsächlich passiert sei. Besonders gut lasse sich das anhand der örtlichen Geschichte darlegen. Ausdrücklich lobte Alwin Borst den 1991 erschienenen Bildband „Keiner will es gewesen sein ... Dörnigheim im Nationalsozialismus“, herausgegeben vom damaligen Magistrat unter Dr. Walter Unger (SPD) und Stadträtin Priska Hinz (Grüne). „Heute ist leider auch dieses Zeugnis örtlicher Geschichte weitgehend unbekannt. Gerade deshalb sind solche Veranstaltungen so wichtig“, so DGB-Mitglied Klaus Seibert.

Nach den Ausführungen von Alwin Dorst berichtete Seibert über die zehn verurteilten Dörnigheimer und deren Schicksal. Er erinnerte daran, daß die Gemeinde damals etwa 2800 Einwohner hatte, also mit der heutigen Größe von rund 17.000 schwer vergleichbar sei. Für die Gewerkschafter ist es unbegreiflich, daß es in Maintal so gut wie keine Erinnerung an diese Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime gibt.

„Ihnen zumindest ein Andenken zu geben, war ein Grund für den DGB, diesen Abend

zu organisieren. Besonders gefreut hat uns, daß auch Angehörige der damals Angeklagten den Weg trotz der Fußball-WM und der Hitze in die Maintal-Halle gefunden haben. Nach einer inhaltlich sehr anregenden Diskussion fand der gelungene Abend seinen Abschluß in einem Appell des Referenten, jeglichem Rechtsradikalismus und Rassismus sowie auch Intoleranz und sozialer Ungerechtigkeit energischen Widerstand entgegenzusetzen“, so Seibert

abschließend.

 

Die zehn Dörnigheimer, die 1935 vor dem NS-Gericht standen

Insgesamt zehn Dörnigheimer Gegner des nationalsozialistischen Regimes wurden im Jahr 1935 in Kassel vor Gericht gestellt. Der Maintaler DGB informiert im Folgenden über diese Personen:

.Jakob Heck, geboren am 20. Februar 1880, war als Küfer tätig. Verhaftet wurde. er am 6. Februar 1935, kam dann vier Monate ins Gefängnis. Anschließend saß er.

Ludwig Hertrich jr, geboren am 3. Oktober 1912, ·war Zimmermann und Mitglied der KPD. Er kam am 7. Februar 1935 in Untersuchungshaft und mußte anschließend sechs Monate im Gefängnis verbringen.

Peter Jonas, geboren am 23. Juli 1893, war Invalide. Er saß ab dem 19. Februar1935 in Untersuchungshaft, verbrachte zehn Monate im Gefängnis.

Adam Seng, geboren am 4. November 1899, war Mitglied der KPD und als Milchhändler tätig. Er wurde am 5. Februar 1935 erneut verhaftet und verbrachte dann 14 Monate im

Gefängnis.

Adam Heinrich Kutger, geboren am 28. September 1903, war als Weißbinder tätig und Mitglied der Antifaschistischen Aktion sowie des Kampfbundes gegen den Faschismus. Am 7. Februar 1935 kam er ins Gefängnis nach Hanau. Anschließend saß er ein Jahr in den Gefängnissen von Kassel und Freiendiez bis zum 3. Oktober 1935 im KZ Lichten

Karl Seng, geboren am 19. Juli 1871, war Schreiner und KPD·Mitglied. Er wurde am 6. Februar 1935 verhaftet und verbrachte 4 Monate im Gefängnis.

Franz Wolfstädter, geboren am 19. März 1884, war ebenfalls als Schreiner tätig. Verhaftet wurde er am 6. Februar 1935 Er saß ein Jahr und zwei Monate im Gefängnis.

Alwin Lapp, geboren am 5. September 1905, war tätig als Schreiner und Mitglied von KPD und Antifaschistischer Aktion. Er saß ab 8. September 1933 zwölf Wochen im Konzentrationslager Breitenau ein. Erneut verhaftet wurde er am 5. Februar 1935, er verbrachte dann 14 Monate im Gefängnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er bis 1950 Bürgermeister der Gemeinde Dörnigheim.

Käthe Jonas, geboren am 12. Juli 1902, war Hausfrau und Mitglied der KPD. Sie war auch KPD·Kreistagskandidatin im März 1933. Bereits vor dieser Wabl wurde sie verhaftet und erst nach dem Wahlgang wieder entlassen. Erneut verhaftet wurde sie am 5. Februar 1935. Anschließend saß sie drei Jahre im Zuchthaus. Im Juli 1944 wurde sie in das Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Dort wurde sie im Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Später wurde sie Vorsitzende der „Lagergemeinschaft Ravensbrück“.

Karl Seng jr, geboren am 3. März 1911, war Schreiner und ebenfalls KPD-Mitglied. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er 20 Jahre alt und galt damals noch als Jugendlicher, da die Volljährigkeit damals erst mit 21 Jahren erreicht wurde.

Von Herbst 1933 bis Februar 1934 saß er in „Schutzhaft“ im KZ Breitenau. Erneut verhaftet wurde er am 6. Februar 1935. Er verbrachte zwei Jahre und sechs Monate im Zuchthaus. Danach wurde er sofort in das KZ Buchenwald verschleppt. Am 15. November 1942 kam er in das Strafbataillon 999.

 

Die Liste der Widersprechenden                                                                             21.07.2010

NS-Verfolgte: Viele Angehörige melden sich beim DGB - Wo ist der „Mantel des Schweigens“?

Offenbar hat der Deutsche Gewerkschafts-Bund in Maintal ein Thema angeschnitten, das nach über 65 Jahren immer noch sehr viele Menschen bewegt. Viele Reaktionen erhielt der DGB auf seinen Diskussions-Abend zum „88er-Prozess“ sowie auf den Artikel im Tagesanzeiger. Indes fragt sich DGB-Mitglied Klaus Seibert, was aus dem Denkmal für die politisch Verfolgten in Maintal geworden ist. Der DGB widmete sich mit einem Diskussionsabend den politisch Verfolgten im Nationalsozialismus, die im sogenannten ,.88er-Prozess“ - 88 Personen umfaßte dieser große Prozeß - im Jahr 1935 in Kassel vor Gericht gestellt wurden.

 

In Dutzenden Anrufen und E-Mails äußerten Maintaler überwiegend ihre Unterstützung für die Erinnerungsarbeit. Sie lieferten Hinweise auf weitere politisch verfolgte Menschen, nicht bloß aus Dörnigheim. Dadurch erweiterte sich die Namensliste der betroffenen Personen, die auch im Tagesanzeiger bereits veröffentlicht wurde.

Beispielsweise wurde der Wachenbucher Ludwig Mankel im Dritten Reich in „Schutzhaft“ genommen. Der Grund: Er habe „Brandreden im kommunistischen Sinne“ abgehalten. Genau wie viele Dörnigheimer und Bischofsheimer tendierte er als Arbeiter politisch zu den Linken, was die Machthaber vor Ort nicht dulden wollten. So erging es auch Wilhelm Eschmann aus Bischofsheim. Er war Vorsitzender der Kommunistischen. Partei in Bischofsheim sowie Betriebsratsvorsitzender und Fabrikarbeiter bei der Cassella in Fechenlieim. Im Alter von 40 Jahren wurde er 1937 von der Gestapo verhaftet, als er antifaschistische Flugblätter verteilte. Einige Monate später verurteilte ihn ein NS-Gericht zu einem Jahr und sechs Monaten Haft. Doch auch nach der Entlassung stand er weiter unter Polizeiaufsicht.

Ins Gefängnis kamen politisch Andersdenkende schon wegen Bagatellen: Der Dörnigheimer Weißbinder Paul Strebert landete in Haft wegen der „Bereitung von Schwierigkeiten“ als Gegenstände beschlagnahmt wurden.

„Hochstadt als damals mehr ländlich geprägte Gemeinde spielte im politischen Widerstand gegen die Nazis nicht diese Rolle, während in den drei anderen Gemeinden der Anteil der Arbeiter an der Gesamtbevölkerung schon damals relativ hoch war, auch als Einzugsgebiet der Industrie von Hanau und Frankfurt“, so Seibert. Viele Angehörige begaben sich nicht zuletzt durch die Aktion des DGB wieder auf Spurensuche nach ihren Verwandten. Ihnen war wichtig, daß den politisch Verfolgten ein würdiges Andenken gesetzt wird. An der Stelle kann es Klaus Seibert überhaupt nicht verstehen, daß die Stadt Maintal ein sichtbares Zeichen des Erinnerns hat einfach so verschwinden lassen: den „Mantel des Schweigens“. Der Maintaler Künstler Günter. Hantel hatte dieses Werk gestaltet, das damals im Bischofsheimer Rathaus zu sehen war. „Beim Umzug des Rathauses nach Hochstadt ist der ,Mantel des Schweigens' spurlos verschwunden“, moniert Seibert. Wo das Werk von Günter Hantel abgeblieben ist, kann im Rathaus niemand beantworten. „Das ist auch eine, wenn auch beschämende Art, mit seiner eigenen Geschichte umzugehen“, so Seibert.

Insgesamt nahm Klaus Seibert Hinweise zu weiteren verfolgten Maintalern entgegen, zwölf Personen aus Bischofsheim, elf aus Dörnigheim sowie vier aus Wachenbuchen.

 

27 weitere Namen von politisch verfolgten Maintalern                                         21.07.2010

Klaus Seibert hat binnen weniger Tage noch eine ganze Reihe Hinweise zu politisch Verfolgten aus Maintal erhalten. Seine vorläufige Liste mit zwölf Bischofsheimern, elf Dörnigheimern und vier Wachenbuchern stellte er. dem Tagesanzeiger freundlicherweise zur Verfügung.

Karl Blum, Bischofsheim, wurde Mitte Dezember 1933 bei der „Aktion Vowinkel“ verhaftet, als die SA und die SS auf die Gaststätte Vowinkel, einen beliebten Arbeitertreffpunkt in Hanau am damaligen Paradeplatz (heute Freiheitsplatz), einen Überfall verübte. Die willkürlich Verhafteten schleppte man in das gegenüberliegende Polizeipräsidium (heute Behördenhaus), wo viele gefoltert wurden. Blum wurde anschließend ins Konzentrationslager Breitenau verbracht und mußte noch bis 16. Februar 1934 in Haft bleiben.

Jakob Büchner, Bischofsheim, Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Er. wurde 1934 verhaftet und saß in Frankfurt und Kassel ein.

Karl Dietz, Wachenbuchen, KPD-Mitglied, wurde 1933 als Verkaufsstellenleiter des Konsum­vereins entlassen. Nach dem Krieg amtierte er als Bürgermeister von Wachenbuchen.

Wilhelm Ebert, Wachenbuchen, Spenger, saß wegen „Abhaltung von Brandreden im kommunistischen Sinne“ in Haft.

Wilhelm Engelhardt, Bischofsheim, KPD-Mitglied, wurde 1934 wegen seiner Nein-Stimme bei der Volksabstimmung vom 19. August 1934 über die Zusammenlegung der Ämter des verstorbenen Reichspräsidenten von Hindenburg und des Reichkanzlers Hitler verhaftet und saß in Frankfurt und Kassel ein.

Friedrich Hans Eschmann, Bischofsheim, geboren am 23. Januar 1924, wurde wegen Befehlsverweigerung und unerlaubten Entfernens von der Truppe vom Kriegsgericht zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach einem halben Jahr entließen, ihn die Nazis ,,zur Bewährung an der Front“, am 16. Februar 1945 kam er im Krieg ums Leben.

Wilhelm Eschmann, Bischofsheim, geboren im Juni 1882, KPD-Kreistagsabgeordneter, wurde im März 1933 für sechs Monate in die Haftanstalt Kassel-Wehlheiden verbracht. Im August 1934 verhafteten ihn die Nazis erneut, weil er bei der Volksabstimmung vom 19. August. 1934 über die Ämter-Zusammenlegung mit Nein votiert hätte.

Wilhelm Eschmann, Bischofsheim, geboren am 23. Oktober 1896, KPD-Vorsitzender in Bischofsheim, Fabrikarbeiter und Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Cassella in Frankfurt, wurde am 31. März 1937 von der Gestapo wegen Verteilens antifaschistischer Flugblätter verhaftet. Am 21. September 1937 verurteilte ihn ein Gericht zu einem Jahr und sechs Monaten Haft, nach seiner Entlassung stand er weiter unter Polizeiaufsicht.

Ernst Heck, Dörnigheim, Autoschlosser, wurde wegen antifaschistischer Tätigkeit am 7. Februar 1935 verhaftet und saß bis Juli 1935 im KZ Lichtenburg ein.

Ludwig Hertrich sen., Dörnigheim, geboren am 9. Januar 1885, Eisenbahner, KPD-Mitglied, wurde am 11. April. 1934 bei der Eisenbahndirektion fristlos entlassen. Vom 14. Februar bis 25. März 1935 saß er im Gefängnis Hanau und mußte danach in Kassel in „Schutzhaft“.

Friedrich Hoffmann, Dörnigheim, geboren am 22. März 1871, Schleusenmeister a.D., wurde wegen „Vorbereitungen zum Hochverrat“ vom Oberlandesgericht -Kassel am 4. Dezember 1935 zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.

Ernst Kaiser, Dörnigheim, geboren am 14. November 1901, Schlosser, KPD-Mitglied, saß vom 23. März 1937 bis zum 2. Juni1938 im Gefängnis Frankfurt-Preungesheim in Haft. Sein Siedlungshaus wurde1938 enteignet.

Heinrich Kaiser, Bischofsheim, sozialdemokratischer Bürgermeister, wurde am 23. März 1933 aus dem Amt entlassen.

Friedrich Kegelmann, Dörnigheim, geboren am 11. Mai. 1892, Schreiner, wurde1 935 ein halbes Jahr inhaftiert und saß in Hanau und im KZ Lichtenburg ein wegen illegaler Tätigkeit in Betrieben.     

Friedrich Kröll, Bischofsheim, geboren am 22. Juli 1895, Täschner, KPD-Mitglied,         

saß vom 13. Juli bis zum 22. September 1937 in Untersuchungshaft.

Ludwig Mankel, Wachenbuchen, Arbeiter, saß wegen „Abhaltung von Brandreden im kommunistischen Sinne“ in „Schutzhaft“.

Josef Ott, Wachenbuchen, Lagerhalter beim Konsumverein in Hanau, geboren am 24. Februar 1886, wurde aus politischen Gründen am 31. August1933 entlassen und für die Zeit vom 30. September 1933 bis 22. Dezember 1933 ins KZ Breitenau verschleppt.

Karl Prasch, Dörnigheim, geboren am 3. November 1887, wurde 1933 aus politischen Gründen beim Wasserstraßenbauamt entlassen und erhielt Berufsverbot.

Margarete Rauch, Dörnigheim, geboren am 8. November 1912, Verkäuferin, wurde als „Halbjüdin“ mehrmals entlassen.

Wilhelm Rauch, Dörnigheim, geboren am 9. November 1910, Kaufmann, KPD-  Mitglied, mußte seinen Schreibwarenladen 1937 endgültig schließen nach mehrfachen Schikanen und einem Boykott seit 1935, da seine Frau den Nazis als „Halbjüdin“ galt.

Wilhelm Schächer, Dörnigheim geboren am 18. Dezember 1882, Monteur bei „Messer & Co“ in Frankfurt, kam vom 23. März bis zum 22. September 1937 wegen angeblichen „Hochverrats“ in Haft und wurde anschließend unter Polizeiaufsieht gestellt.

Reinhard Seibel, Bischofsheim, Arbeiter, KPD-Mitglied, wurde vom 16. September bis 22. Dezember 1933 wegen angeblicher tätlicher Angriffe gegen NSDAP-Mitglieder ins KZ Breitenau gesperrt.

Anna Seng, Dörnigheim, geboren 3. Juli 1906, Hausfrau, wurde im Februar 1935 verhört und anschließend unter Polizeiaufsicht gestellt.

Heinrich Sorg, Bischofsheim, Angestellter, SPD-Mitglied, Sekretär im Arbeiter-Turn- und Sportbund Hessen-Mittelrhein, Mitglied der obersten Kampfleitung der „Eisernen Front“ Frankfurt, einer Kampforganisation gegen SA- und SS-Terror, die zu Beginn der 1930er-Jahre

auf Initiative der SPD gegründet wurde. Als das Waffendepot der „Eisernen Front“ Mitte März 1933 durch Spitzel verraten wurde, flüchtete er in die Tschechoslowakei und von dort nach England, wo er sich an den Nachkriegsplanungen sozialistischer Emigrationsgruppen beteiligte.

Paul. Strebert, Dörnigheim, Weißbinder, kam in „Schutzhaft“ wegen „Bereitung von Schwierigkeiten“ bei der Beschlagnahmung von Gegenständen.

Hugo und Paul Urban, Bischofsheim, jeweils KPD-Mitglieder, wurden beide 1934 verhaftet und saßen in Frankfurt und Kassel ein.

 

Geringerer Arbeiter-Widerstand?

Politisch Verfolgte zur NS-Zeit: Fragen zur Vergangenheit in Hochstadt bleiben offen

Die Aufarbeitung dauert an, selbst 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs recherchieren und referieren beispielsweise der Verein Brüder-Schönfeld-Forum oder der DGB Maintal zur Vergangenheit und den Opfern des Nationalsozialismus. Die vielfältigen Reaktionen auf den Diskussionsabend des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) vor gut zwei Wochen zeigen, daß das Thema nach wie vor viele Menschen bewegt. Einige Leser-Nachfragen erreichten gestern die Redaktion zur Vergangenheit in Hochstadt. Doch die lassen sich nicht leicht beantworten.

Wie berichtet, hatte DGB-Mitglied Klaus Seiberti in den vergangenen Tagen eine Reihe

von Anrufen und E-Mails von Personen erhalten, deren Angehörige nach 1933 wegen

ihrer politischen Überzeugung ebenfalls verfolgt wurden. Die Liste wies bis zum späten Montagabend 27 Namen auf, darunter nicht ein einziger Hochstädter.

Warum? Seibert vermutete, daß das mit der stärker ländlich geprägten Struktur im Ortsteil zusammenhängen könnte. Eine solche Struktur begünstigte wohl einen einfacheren Erfolg der Nationalsozialisten in Hochstadt.

Dieser Interpretation folgt auch Herbert Begemann, der Vorsitzende des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum. Hochstadt habe lange über einen geschlossen gehaltenen Ortskern verfügt, in dem die Landwirtschaft bis weit ins 20. Jahrhundert prägend gewesen sei. Die soziale Zusammensetzung in Hochstadt, so ist in Peter Heckerts Chronik „Aus dem Leben der alten Hochstädter“ zu lesen, bestand 1913 zu zwei Dritteln aus Bauern und Handwerkern, nur ein Sechstel sei zu dieser Zeit der Arbeiterschaft zuzurechnen gewesen Dagegen sei Dörnigheim

als traditionell ,,roter“ Ortsteil und Bischofheim mit seiner Nähe zu den Industriebetrieben

in Frankfurt entlang der Hanauer Landstraße stärker von der Arbeiterbewegung geprägt gewesen, so Begemann.

Für die Situation in Wachenbuchen, wo SPD und KPD bei den Reichstags- und Landtagswahlen vom 5. März l933 zusammen immer noch mehr Stimmen erhielten als die Nazis, erinnert Begemann an die Arbeiterschaft, die in Hanaus Fabriken ihr Geld verdiente. ,,In Wachenbuchen wohnten vor allem viele Diamantschleifer“, so der Vorsitzende des Brüder-Schönfeld-Forums.

Bei den Recherchen von Klaus Seibert fanden sich unter den 27 Namen auch vier aus Wachenbuchen, jeweils Arbeiter mit Nähe zur Kommunistischen Partei. ,,Daß es eine KPD in Hochstadt gegeben hätte, ist mir nicht bekannt“, erklärte der Hoch­städter Chronist Peter Heckert gestern. Dagegen hat es Auseinandersetzungen der SPD mit den Nationalsozialisten im Ort gegeben, wie Heckert in seinem Buch beschreibt, und zwar schon in den 1920er Jahren: „So sprengen Sozialdemokraten unter Leitung von Philipp Ziegler zusammen mit dem Reichsbanner aus Langendiebach eine Naziversammlung; anschließend zieht man mit dem Gesang der ,Internationalen' durch das Obertor zur Gaststätte Dorn in der Wachenbucher Straße. Im Jahre 1932 spricht ein Nazi-Redner von den Übeln des demokratischen Deutschland, liest aber nur einen vorbereiteten Text vor: Wilhelm Huhn von der SPD aber unterbricht ihn: „Das hast du falsch vorgelesen. Auf Seite 12 heißt es. . . !“ Starkes Hohnegelächter läßt den Redner erst einmal verstummen."

Am 22. Juni 1933 wird aber auch der SPD-Ortsverein Hochstadt verboten, indizierte

Bücher und Schriften werden eingezogen, vernichtet beziehungsweise sogar eingemauert.

Peter Heckert gibt zu bedenken, daß letzten Endes auch Wachenbuchen nationalsozialistisch

wurde. In seinem Buch zur Geschichte Wachenbuchens schreibt er, daß trotz einer eher knappen ,,braunen“, Mehrheit unter den Gemeindeverordneten und eines Gegenkandidaten - offenbar der SPD - letzten Endes doch Ludwig Schäfer am 10. April1933 mit 7:1 Stimmen zum Bürgermeister gewählt wurde, allerdings „durch Zuruf“.

Die engagierte politische Opposition wurde

in den Maintaler Stadtteilen mundtot gemacht. Die Schikanen gegen die Aktivisten gingen allerdings schon einige Jahre vor 1933 los. Schon vor der Machtübertragung an die NSDAP hatte sich beispielsweise in Bischofsheim eine SA-Trupp gegründet und lieferte sich heftige Auseinandersetzungen mit linken Parteigängern. Nach der Machtübertragung bekamen die Schikanen gegen KPD- und SPD-Mitglieder aber eine zusätzliche Legitimation ,,von oben“

durch das Regime. Hausdurchsuchungen, „Schutzhaft“ und Überwachungen konnten die Nazis im Ort nun mit ausdrücklicher Genehmigung erlassen.

Herbert Lippen schreibt in seiner Chronik über Bischofsheim, daß nach einem Erlaß

vom 4. Mai 1933 bei Kommunisten und Sozialdemokraten die Häuser und Wohnungen

durchsucht wurden; etwa zehn politische Gegner schafften die Nationalsozialisten ins Gefängnis. „Knapp drei Wochen später beschlagnahmten die Nazis vorübergehend die Fahrräder und Motorräder der Linken, um Kurierfahrten zu verhindern“, so Lippert.

Später mußte die SPD ihr Vermögen abgeben. Und so setzte sich die systematische Einschüchterung und Verfolgung politisch Andersdenkender fort.

Äußerstes und - wie die Rückmeldungen beim DGB zeigen - oft gebrauchtes Mittel der Nazis waren schnelle Gerichtsverfahren und Inhaftierungen, mit denen sie die unliebsamen Oppositionellen für eine Zeit aus dem Weg schaffen konnten. Die Aufarbeitung zu deren Verfolgung geht in Maintal weiter. Nicht ausgeschlossen, daß sich die ,,Liste der Widersprechenden“ im Laufe der Jahre noch verlängert.

 

 

Zur Erinnerung an Käthe Jonas                                                                                03.09.2014

- Bereits vor einigen Jahren hatte das Maintaler Ortskartell des Deutschen Gewerkschaftsbunds an den so genannten „88er-Prozess“ erinnert, in dem die Nazi-Justiz 1935 im Altkreis Hanau Gegnern des Regimes den Prozeß machte und zu Gefängnisstrafen verurteilte. Der Tagesanzeiger berichtete darüber und stellte auch die neun Angeklagten aus Dörnigheim vor. Im Jahre 2015 jährt sich dieser alles andere als rechtsstaatliche Prozeß zum 80. Mal. Aus diesem Grund erinnert der DGB mit Klaus Seibert an der Spitze erneut an den „88er-Prozess“ und regt insbesondere eine bleibende Erinnerung für das Dörnigheimer NS-Opfer Käthe Jonas an.

Ihre Initiative zielt darauf ab, dem Platz vor dem Frankfurter Hof an der Kennedystraße den Namen Käthe-Jonas-Platz zu geben. Käthe Jonas soll stellvertretend für alle damaligen Angeklagten stehen, so der DGB. Sie sei die Hauptbeschuldigte und Hauptleidtragende der Nazi-Willkür gewesen, so Seibert. Dazu habe der DGB den Magistrat, alle Fraktionen des Stadtparlaments sowie verschiedene Organisationen und Einzelpersonen angeschrieben - mit der Bitte, diese Initiative zu unterstützen. „Hocherfreut sind wir über die bisherige, sehr positive Resonanz schon nach den ersten Tagen der Initiative. Dies bestärkt uns in dem Vorhaben, eine gemeinsame Würdigung des Arbeiterwiderstands gegen die Nazi-Barbarei auch in unserer Stadt zu erreichen“, teilte der DGB dem Tagesanzeiger mit.

Nach Aussage des DGB hätte es auch bereits ein Gespräch mit Stadt und Fraktionen gegeben, das hoffnungsvoll stimme, so Seibert. Eine Entscheidung über die Platzbenennung solle aber erst nach den bevorstehenden Beratungen und der Verabschiedung von Etatkonsolidierung und Bürgerhaushalt erfolgen.

In einem gesonderten Prozeß erhielt Käthe Jonas sogar die Höchststrafe von drei Jahren Zuchthaus. Unter den anderen 87 Verurteilten waren auch der Ehemann, der Vater und zwei Brüder von Käthe Jonas. Bereits im Februar 1933 war Käthe Jonas als Kandidatin der KPD für die Kommunalwahl und für den Kreistag verhaftet worden, wie der DGB weiter über die Dörnigheimerin informiert. Sie wurde erst nach der Wahl am 5. März 1933 wieder frei gelassen. Ihr von den Wählern verliehenes Mandat durfte sie jedoch nicht antreten.

Im Jahre 1944, nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli, wurde Käthe Jonas erneut verhaftet und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung von der Nazi-Diktatur erlebte die Dörnigheimerin auf einem der berüchtigten „Todesmärsche“. „Nach ihrer Rückkehr engagierte sich Käthe Jonas wieder auf kommunaler Ebene. Sie war bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 Mitglied der Gemeindevertretung von Dörnigheim. Die sozialen Belange der Bevölkerung standen im Mittelpunkt ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Sie war Mitglied des Fürsorgeausschusses und der Wohnungskommission. Auf Kreisebene gehörte sie dem Beirat des Kreiswohlfahrtsausschusses und dem Ausschuß für die Betreuung der politisch, rassisch und religiös Verfolgten im Landkreis Hanau an“, so der DGB weiter zu Käthe Jonas' Lebenslauf nach 1945. Im Jahr 1966 gründete Käthe Jonas mit anderen Kameradinnen die Lagergemeinschaft Ravensbrück, deren langjährige Vorsitzende sie war. Käthe Jonas starb am 25. Januar 1977 in Essen.

Anläßlich ihres 100. Geburtstags im Jahr 2002 veröffentlichte der Historische Kulturkreis Dörnigheim ein ausführliches Portrait von Käthe Jonas, das der Tagesanzeiger unter dem Titel „Starke Frau aus Dörnigheim: Kätchen Jonas wäre heute 100 geworden“ druckte.

Der DGB begründet auch, warum der Platz vor dem Frankfurter Hof der richtige Ort für die Erinnerung an Käthe Jonas und die verfolgten Dörnigheimer Gegner des NS- Regimes sei. „Der Frankfurter Hof war der Versammlungsraum der Arbeiterparteien SPD und KPD und der Arbeitervereine in Dörnigheim bis zu deren Verbot durch die Nazis. Der Platz befindet sich in unmittelbarer Nähe der Anwesen der meisten damaligen Nazi-Gegner in Dörnigheim, das damals nur etwa 3000 Einwohner hatte. Es wäre somit ein geeigneter Ort, um dem Gedenken eine würdige Stätte zuzuweisen. Für die Benennung des Platzes müßten keinerlei Umbenennungen von anderen Örtlichkeiten, Straßen oder Hausnummern vorgenommen werden, da der Platz zur Zeit gar keinen Namen hat“, so der DGB abschließend.

(Näheres in der Datei „Dörnigheim“).

 

KZ Breitenau

Breitenau ist ein Ortsteil von Guxhagen und liegt etwa 15 Kilometer südlich von Kassel. Im Mittelpunkt dieses Ortsteils steht das ehemalige Benediktinerkloster Breitenau, das aus dem zwölften Jahrhundert stammt. Im Jahre 1874 wurde dort ein Arbeitshaus eingerichtet, eine „Besserungsanstalt“ für Menschen, die als „arbeitsscheu“ bezeichnet wurden: Bettler, Landstreicher und Prostituierte. Außerdem wurden dort auch Jugendliche eingewiesen, die als „verwahrlost“ galten.

Nachdem die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen waren, wurden innerhalb von wenigen Monaten Zehntausende von politischen Gegnern festgenommen und in Gefängnisse sowie provisorische Haftstätten eingesperrt, gefoltert und mißhandelt.

Es waren in erster Linie für Sozialdemokraten und Kommunisten, später auch für widerständige Zwangsarbeiter. Inhaftiert waren dort auch fünf Männer aus dem heutigen Stadtgebiet von Maintal, darunter Alwin Lapp, der erste Bürgermeister von Dörnigheim nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Dazu Karl Seng aus Dörnigheim, Karl Blum und Reinhard Seibel aus Bischofsheim sowie Josef Ott aus Wachenbuchen. Die bereits 1933 verhafteten Männer saßen im KZ Breitenau viele Monate ein.

Absurderweise waren die Zellen in das Langschiff der geräumigen Klosterkirche eingebaut worden, wo sie nach dem Krieg noch jahrelang für „schwer erziehbare Mädchen“ weitergenutzt wurden. Erst in den 70er Jahren, als sich öffentlicher Protest regte, gab man diese Art der so genannten „schwarzen Heimerziehung“ auf.

 

 

 

„Ehrenbuch“

Peter Heckert, Hauptstraße 13, 63477 Maintal, Tel.: 06181 / 432297

E-mail: heckert@germanynet.de

 

Herrn

Landrat Karl Eyerkaufer

 

Tagung der Heimatstelle

„Ehrenbuch“

                                                                                              Hochstadt, 20.03.2000

Sehr geehrter Herr Landrat,

Die Heimatstelle des Main-Kinzig-Kreises führt am nächsten Wochenende ihre Frühjahrstagung durch. Dabei soll ein „Ehrenbuch für Stadt und Land“ vorgestellt werden, in dem die „ermordeten“ Soldaten des Ersten Weltkriegs aufgelistet werden. So meldet es jedenfalls die Frankfurter Rundschau am 17.03.2001.

Die Sache ist natürlich sehr lobenswert, gegen eine solche Zusammenstellung ist nichts zu sagen. Doch die hier verwendete Wortwahl kritisiere ich ganz stark. Es kann nie eine „Ehre“ sein, für das „Vaterland“ zu sterben. Vielmehr ist der Tod im Krieg eine bedauernswerte Tatsache, die nach Ansicht vieler Leute leider nicht zu vermeiden ist, die aber Pazifisten als sinnlos und unnötig ansehen.

Auf keinen Fall kann man aber von „ermordeten“ Soldaten sprechen. Bei Mord geht es um eine vorsätzliche Tötung aus niederen Beweggründen. Wenn man dieses Wort verwendet, muß man folgerichtig auch die deutschen Soldaten als „Mörder“ bezeichnen. Das Töten im Krieg wird jedoch allgemein auf einer anderen Ebene gesehen.

Ich schlage deshalb vor, den Namen „Gedenkbuch“ zu verwenden und von „gefallenen“ Soldaten zu sprechen. Beide Ausdrücke sind neutral und geraten nicht in Verdacht, die Wortwahl gewisser rechter Kreise zu übernehmen.

Ich bitte Sie, Ihren Einfluß geltend zu machen, daß hier noch eine Änderung erfolgt. Hoffentlich ist das Buch noch nicht gedruckt.

Mit freundlichen Grüßen

 

Antwort eines Mitverfassers: Das Original- Buch heißt nun einmal so.

 

 

 

 

Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in den Orten der heutigen Stadt Maintal

 

 Allgemeines:

Lange Zeit interessierte sich kaum jemand für das Schicksal der Zwangsarbeiter: Wenn schon Opfer des Dritten Reichs, dann gleich KZ-Opfer. Zwangsarbeiter sind der Öffentlichkeit wahrscheinlich zu unspektakulär. Erst durch die Prozesse ehemaliger Zwangsarbeiter in den USA und die drohende Verurteilung zu Schadensersatz kam das Thema in die deutsche Öffentlichkeit. Die Wirtschaft gründete eine Stiftungsinitiative und suchte einen Vergleich mit den Klägern. Wegen der öffentlichen Diskussion nahm man auch an vielen Orten die Diskussion auf.

 

In Maintal wurde die Erforschung der Zwangsarbeit in den früheren Dörfern der heutigen Stadt Maintal vom Brüder-Schönfeld-Forum angeregt. Schon ehe das Thema mehr oder weniger offiziell aufgegriffen wurde, erreichten Anfragen nach Zwangsarbeitern die Verwaltung der Stadt Maintal. Sie kamen vom Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes, von einer Landesversicherungsanstalt, von dem Donezker Regionalen Departement sowie von Privatpersonen. Leider konnte in allen Fällen keine konkrete Antwort gegeben werden, weil gerade über diese Personen keine Unterlagen im Stadtarchiv vorhanden waren. Die Stadtverwaltung konnte oft nur antworten, daß man zwar keine genauen Unterlagen hat, man aber „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ davon ausgehen kann, daß der Anfragende zu dem fraglichen Personenkreis gehört hat.

  

Der Hauptgrund für die Erforschung der Geschichte der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen war, dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Bad Arolsen die Namen der möglichenanspruchsberechtigten für eine Entschädigung zu übermitteln. Aber es ging natürlich auch um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

Es ging aber nicht um einen Vergleich mit den Untaten der Sieger nach dem Krieg. Daß es auch dort viel Unrecht gegeben hat, ist unbestritten. Aber das war nicht Gegenstand dieser Untersuchung, darüber ist genug andere Literatur vorhanden. Jeder muß auch vor seiner eigenen Haustür kehren. Und dabei darf man nicht vergessen, daß es zuerst die Deutschen waren, die ihre Kriegsgefangenen schlecht behandelt haben und Menschen zur Zwangsarbeit verschleppt haben.

Manche Menschen sind auch der Meinung, Gefangene seien schließlich Gefangene gewesen und man hätte sie nicht zuvorkommend behandeln können, schließlich sei Gefangenschaft nirgendwo auf der Welt so etwas wie eine Sommerfrische. Doch es gibt eine „Genfer Konvention“, die die Behandlung von Kriegsgefangenen regelt und ihnen ein Mindestmaß an Menschenrechten zugesteht. Und schließlich ist es einfach ein Gebot der Menschlichkeit, Menschen auch als Menschen zu behandeln.

 

In Bezug auf die Einwohner der Dörfer der heutigen Stadt Maintal kann man sagen: Von einer Ausnahme abgesehen wurden die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen gut behandelt. Vor allem in der Landwirtschaft war man ja auf Arbeitskräfte angewiesen, weil der Mann oder der Sohn im Krieg waren. Da war man froh, einen „Kollegen“ aus dem Ausland zugeteilt zu erhalten.

Die Vergütung richtete sich dabei nach den Vorschriften des Staates. Niemand konnte es wagen, einem Ausländer ein höheres Taschengeld (mehr war es ja nicht) zu geben als vorgeschrieben. Außerdem war es auch nicht angebracht, denn man stellte die eigenen Arbeitskräfte ja dem Staat zur Verfügung. Deshalb kann auch heute keine Familie individuell haftbar gemacht werden für die damalige Zwangsarbeit und etwa zu dem Entschädigungsfonds herangezogen werden.

Zu diesem Fonds der deutschen Wirtschaft hat übrigens aus Maintal (unseres Wissens) nur die Firma Rasmussen beigetragen, obwohl diese erst nach dem Krieg gegründet wurde. Aber diese Firma hat sich in die Verantwortung des deutschen Volkes für seine Vergangenheit hineingestellt und mitgeholfen, einen Teil des Unrechts wieder gut zu machen.

Auch die deutschen Arbeitgeber von damals konnten einiges tun, um ihren unfreiwilligen „Gästen“ das Leben so erträglich zu machen wie möglich. Das ist auch durchgängig so geschehen, auch wenn man damit Strafen riskierte. Ein Beispiel dafür ist die Überlassung von Fahrrädern, damit die Ausländer Bekannte oder Verwandte in den anderen Dörfern besuchen konnten. Der Vergleich mit der Behandlung deutscher Gefangener in Rußland ist unzulässig

(„Ich persönlich hätte allen Grund dazu, diese Leute zu beneiden“, sagt ein Einwohner, der in russischer Gefangenschaft war). Es geht immer nur darum, ob man sich selber als menschlich erwiesen hat.

So sagt ein Maintaler: „Meine Mutter hatte einen Franzosen, der war bei uns kein Gefangener, sondern ein Mensch - ein Bäcker. Wir waren ja auf ihn angewiesen, da mein Vater seit 1940 durch einen Schlaganfall linksseitig gelähmt war. Hinter diesem Franzosen stand kein Posten, er konnte selbständig arbeiten und ging alleine zum Schlafen ins Gasthaus Schiffchen. Ich weiß sogar daß er etwas mit einer deutschen Frau hatte. Ich habe allen Grund dazu und behaupte fest, daß bei allen, solange sie in Deutschland arbeiten mußten, ihr Leben nicht gefährdet gewesen war. Als vielleicht damals 12-13 jähriger Knabe kann ich bezeugen, daß sich oft Polen oder Russenmädchen bei meiner Mutter im Bäckerladen ausgeweint haben und fast nur wegen Heimweh geklagt haben!“

Ein Zeichen für das gute Verhältnis zwischen deutschen Arbeitsgebern und ausländischen Arbeitskräften ist auch, daß vorwiegend Franzosen nach Jahren noch nach Maintal zu Besuch kamen (Dörnigheim und Hochstadt) und auch oft Gegenbesuche stattfanden. Überhaupt ist ja die ehemalige „Erbfeindschaft“ durch die deutsch-französische Freundschaft abgelöst worden. Die Vergangenheit kann man aber gerade deswegen nicht leugnen, sondern man sollte sich ihrer erinnern, um zu erkennen, was uns heute geschenkt ist.

Als Aufgabe bleibt uns aufgegeben, auch mit unseren östlichen Nachbarn zu einem ähnlich guten Verhältnis zu finden. Die Zwangsarbeiterstiftung kann auf diesem Wege hilfreich sein. Sie kann das Unrecht nicht ungeschehen machen oder irgendwie entschädigen. Aber sie ist ein Zeichen des guten Willens und des Zugehens auf eine gemeinsame Zukunft.

 

 

Verantwortung für die Zwangsarbeiter:

Es kann niemand sagen, er hätte nichts von den Zwangsarbeitern mitgekriegt. An der Art ihrer Kleidung und ihrer Kopftücher fielen sie im Stadtbild auf. Jeder wußte von den Zwangsarbeitern. Das war damals kein Geheimnis, es wurde als ganz normal angesehen, daß es Zwangsarbeiter gab. Auch hat niemand daran gedacht, etwas dagegen zu unternehmen, denn es waren schließlich Kriegsgefangene, also „Feinde“ für die meisten. Hätte man etwas dagegen unternommen, wäre derjenige ebenso von den Nazis bestraft worden. Es hatte damals jeder vor jedem Angst, keinem konnte man trauen, nicht einmal seinem Nachbarn. Die Leute waren froh, wenn sie ungerupft davonkamen.

Die Firmen behaupten alle, sie seien ja dazu „gezwungen“ worden, Zwangsarbeiter anzustellen. Ein Firmensprecher meinte: „Man muß verstehen, in welcher Situation sich die Firma damals befand. Es war ein wirtschaftlicher Zug, auf den wir aufspringen mußten. Zwangsarbeiter wurden uns aufgezwungen, wir hatten keine Wahl. Entweder hat man kooperiert oder man war der Feind.“

Ein Zwang bestand aber nur darin, daß die Firmen Arbeitskräfte brauchten. Aber sie wurden nicht direkt gezwungen, deshalb Zwangsarbeiter anzufordern. Heute sagen sie: Schuld hat allein der Staat, und er muß jetzt auch zahlen. Das klingt so, wie wenn man behauptet, Hitler sei allein schuld an allem, was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 passiert sei. Die Unternehmen hätten ihm höchstens etwas unter die Arme gegriffen. Sie würden dadurch zu Mitleid empfindenden, netten Helfern, ohne daß sie „schuld“ haben. Doch die Unternehmen haben profitiert von den billigen und schlecht versorgten Zwangsarbeitern. Doch bis heute wollen sie nicht zugeben, daß es falsch war.

Richard von Weizsäcker sagte in seiner Rede „Der 8. Mai 1945“: Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.“

Es gilt, daß beide Seiten sich erinnern und beide Seiten einander achten. Sie haben menschlich, sie haben kulturell, sie haben letzten Endes auch geschichtlich allen Grund dazu. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden.

  

Werbung von Zwangsarbeitern:

Arbeitskräfte kamen über eine Sonderkommission des Reichsarbeitsamtes, die Kriegsgefangene vermittelte. Durch die Wehrwirtschaftsinspektion wurden dann französische und belgische Gefangene aus dem Stalag (Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager) herbeigeschafft. Gleichzeitig warb die SS im besetzten Frankreich, in Holland und Belgien mit großen finanziellen Versprechungen „Fremdarbeiter“ an mit dem Versprechen, daß man in Deutschland viel Geld verdienen könne. Da dies jedoch auf keine große Zustimmung traf, wurden die Mädchen und Frauen einfach auf der Straße mitgenommen und verschleppt. Manche waren erst 15 Jahre alt. Im August 1941 wurde der Führererlaß abgeschafft, der die Beschäftigung russischer Kriegsgefangener untersagte.

Gauleiter Fritz Sauckel wurde am 21. März 1942 zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt. Er sollte den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte einschließlich der im Ausland angeworbenen Arbeiter und der Kriegsgefangenen unter eine einheitliche Kontrolle bringen. Am 30. September 1942 bekam er die Vollmacht, in den besetzten Gebieten Kommissare zu ernennen und alle Maßnahmen für die Durchführung seiner Aufgaben zu treffen.

Diese Mobilisierung beinhaltete eine systematische, gezielte Ausbeutung der Arbeiter der besetzten Gebiete. Es wurde eine Arbeitsverpflichtung nach Deutschland eingeführt. Sauckel hatte Agenten für eine „freiwillige Anwerbung“. Aber es kamen bis 1. März 1944 nicht einmal 200.00 der 500.000 ausländischen Arbeiter freiwillig nach Deutschland. Zuletzt bildete er Sonderkommandos, die in den besetzten Ostgebieten Männer und Frauen bei Razzien festnahmen und nach Deutschland deportierten.

Sauckels Forderung war: „Alle diese Menschen müssen so ernährt werde, untergebracht und behandelt werden, daß sie bei denkbar sparsamstem Einsatz die größtmöglichste Leistung hervorbringen!“ Es ging der Regierung also nicht um die Vernichtung der Zwangsarbeiter durch Arbeit, sondern um ihre Arbeitskraft, die für das Reich genutzt und erhalten werden sollte. Insgesamt ist Sauckel verantwortlich für die Verschleppung von rund 5 Millionen Menschen zum Zwecke der Zwangsarbeit. Vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg wurde er zum Tode verurteilt.

 

 Staatsangehörigkeit:

Man teilte die Ausländer in zwei Gruppen ein: Zur Gruppe A gehörten Westeuropäer wie Belgier, Franzosen, Holländer, Italiener usw. Sie wurden anders behandelt als die „Ostarbeiter“. Sie hatten zum Beispiel einen üblichen Reisepaß. Diese Pässe wurden gelegentlich zur Überprüfung eingezogen, aber dann zusammen mit der Arbeitskarte wieder ausgehändigt. Die Aufenthaltserlaubnis war bei Niederländern immer auf einige Monate begrenzt.

Zur Gruppe B gehörten alle Osteuropäer mit Ausnahme der Polen aus den angegliederten Ostgebieten und Russen nur, soweit sie nicht unter den Begriff „Ostarbeiter“ fallen. „Ostarbeiter“ sind diejenigen Arbeitskräfte, die bei Beginn des Krieges am 22. Juni 1941 im ehemals sowjetischen Gebiet wohnten einschließlich der polnischen Ostgebiete, aber mit Ausnahme der baltischen Staaten und der Bezirke Bialystok und Lemberg. Finnen waren nicht mehr als Ostarbeiter zu behandeln. Ärzte trugen nur eine Armbinde mit der Aufschrift „Ostarzt“.

Die Staatsangehörigkeit wurde für die besetzten Ostgebieten angegeben mit „ungeklärte Ostarbeiter“, für die eingegliederten Ostgebiete mit „Schutzangehöriger Pole“, für das Generalgouvernement mit „staatenloser Pole“, für den Generalbezirk Litauen mit „ungeklärt Litauen“, für Galizien mit „ungeklärt Ukraine“ und für Niederlande natürlich mit „Niederlande“.

Alle Angehörigen fremder Völker im ehemaligen Polen, die nicht Polen sind, mußten einen Antrag für eine entsprechende Bescheinigung bei der Ukrainischen Vertrauensstelle in Berlin, Bayrischer Platz, stellen. Wenn sie im Besitz einer Bescheinigung waren, kamen für sie die allgemeinen Polenverordnungen nicht mehr in Frage, sie mußten auch nicht das „P“ tragen und konnten sich auch sonst frei bewegen. Später aber wurden den Ukrainern mit Ausweisen der Ukrainischen Vertrauensstelle oder des Ukrainischen Hauptausschusses diese abgenommen und zwecks Überprüfung eingesandt. Schließlich waren die „Vertrauensstellen“ nicht mehr mit dem Einsatz der Ostarbeiter befaßt.

Polnische und russische Zwangsarbeitern wurden von den Nationalsozialisten als „Untermenschen“ betrachtet und mußten spezielle Kennzeichen auf ihrer Kleidung tragen: Bei den Polen stand auf einem Fetzen Stoff der Buchstabe „P“, bei den Russen der Schriftzug „OST“. Sie wur­den schlechter bezahlt als Ausländer aus Westeuropa und durften ihren Ort, wenn überhaupt, nur mit besonderer Erlaubnis der Ortspolizeibehörde verlas­sen. Bei Kontrollen durfte keine russische oder polnische Arbeitskraft ohne diese Kennzeichen angetroffen werden. Bei Nichtbeachtung wurden 150 Mark Strafe oder sechs Wochen Haft verhängt.

 

 Wirtschaftlicher Status:

Die Verwaltung der „ausländischen Arbeitskräfte“ lief ganz bürokratisch und anscheinend normal ab: Die Bauern werden als „Arbeitgeber“ bezeichnet. Am 1. September 1944 schreibt zum Beispiel der Bürgermeister von Wachenbuchen, daß Petro Melnik seit 29. August 1944 von Butterstadt nach Wachenbuchen zu Bauer Wilhelm Mankel V. verzogen ist. Das klingt alles sehr normal, ist es aber nicht.

Wie die Zwangsarbeiter behandelt werden sollten zeigt, ein „Merkblatt für deutsche Betriebsführer über das Arbeitsverhältnis und die Behandlung von Zivilarbeitern polnischen Volkstums aus dem Generalgouvernement und den eingegliederten Ostgebieten“. Darin heißt es:

Die Beanspruchung der gesamten deutschen Volks­wirtschaft während des Krieges erfordert den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte. Die deutsche Regierung hat daher in großem Umfange Arbeiter und Arbeiterinnen polnischen Volkstums im Reichsgebiet zur Arbeit eingesetzt.

 

A. Allgemeines Verhalten gegenüber Zivilarbeitern polnischen Volkstums:

Jeder deutsche Betriebsführer hat sich stets be­wußt zu sein, daß die ihm unterstellten Zivilarbeiter polnischen Volkstums Angehörige eines Feindvolkes sind, und sein Verhalten danach einzurichten. Jeder gesellige Verkehr zwischen diesen Zivilarbeitern und Deutschen ist verboten. Die Betriebsführer haben darauf zu achten, daß die diesen Arbeitskräften auferlegten Beschränkungen genauestens eingehalten werden. Diese Beschränkungen sind u. a.:

1. der Zwang, ein stets sichtbares, mit der jeweiligen Oberkleidung fest verbundenes Abzeichen (P) auf der rechten Brustseite zu tragen,

2. das Verbot, den Aufenthaltsort ohne besondere Genehmigung der Ortspolizeibehörde zu verlassen,

3. ein Ausgehverbot für die Nachtstunden,

4. das Verbot der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrädern ohne ortspolizeiliche Erlaubnis,

5. das Verbot des Besuchs von Theatern, Kinos, Gaststätten u.a. gemeinsam mit der deutschen Bevölkerung,

6. das Verbot des Fotografierens und der Benutzung fotografischer Apparate,

7. das Verbot des geselligen und insbesondere des intimen Verkehrs mit Deutschen.

Verstöße gegen Ziffer 1 werden gemäß Reichspolizeiverordnung vom 08.03.1940, Reichsgesetzblatt 1, Seite 555, Verstöße gegen die Ziffern 2 bis 6 durch die von den höheren Verwaltungsbehörden erlassenen Polizeiverordnungen über die Lebensführung der polnischen Zivilarbeiter geahndet. Die Ahndung von Fällen des geselligen und insbesondere des intimen Verkehrs zwischen polnischen Zivilarbeitern und Deutschen erfolgt durch schärfste staatspolizeiliche Maßnahmen.

Deutsche Volksgenossen, die den Erfolg der den polnischen Zivilarbeitern gemachten Auflagen dadurch beeinträchtigen, daß sie zu Polen unerlaubte Beziehungen anknüpfen, für sie Briefe vermitteln, Fahrkarten kaufen, Spirituosen und sonstige verknappte Waren besorgen, Fahrräder zur Verfügung stellen, die den Polen offenstehenden Gaststätten während deren Anwesenheit besuchen u.a.m., werden ebenfalls zur Rechenschaft gezogen.

Jeder Betriebsführer ist verpflichtet, alle ihm zur Kenntnis kommenden Zuwiderhandlungen seiner Arbeitskräfte gegen die bestehenden Anordnungen, sonstiges abträgliches Verhalten der Polen und insbesondere jedes unerlaubte Verlassen des Arbeitsplatzes durch die polnischen Zivil­arbeiter unverzüglich der Ortspolizeibehörde zu melden.

Der Betriebsführer hat dafür zu sorgen, daß die seiner Gefolgschaft angehörenden deutschen Volksgenossen eine Berührung mit den Arbeitskräften polnischen Volkstums während der Arbeit auf das unbedingt notwendige Maß beschränken und außerhalb der Arbeit ganz vermeiden.

 

B. Unterbringung der Zivilarbeiter polnischen Volkstums:

Um eine Berührung dieser Arbeitskräfte mit der deutschen Bevölkerung weitgehendst auszuschließen, hat die Unterbringung der polnischen Arbeitskräfte grundsätzlich scharf getrennt von den Unterkünften der deutschen Volksgenossen zu erfolgen. Bei einem Arbeitseinsatz in gewerblichen Betrieben, auf Gütern und größeren Wirtschaften erfolgt die Unterbringung in geschlossenen Sammelunterkünften (Baracken, Schnitterkasernen, usw.). Auch bei Einzelunterbringung polnischer Arbeitskräfte (bei kleineren Bauernwirtschaften) ist eine scharfe Trennung von dem deutschen Gesinde je nach den gegebenen Möglichkeiten durchzuführen. Um keine Gefahrenherde für die Gesundheit des deutschen Volkes zu bilden, haben die Unterkunftsräume den hygienischen Anforderungen zu entsprechen. Die sonst übliche Aufnahme von Gesindekräften in die häusliche Gemeinschaft hat bei den Arbeitskräften polnischen Volks­tums unter allen Umständen zu unterbleiben. Die Mahlzeiten sind ge­trennt einzunehmen und die Arbeitspausen in getrennten Aufenthaltsräumen zu verbringen.

 

C. Beschäftigungsgenehmigung und Arbeitserlaubnis:

Die Beschäftigung polnischer Arbeitskräfte ist nur mit ausdrücklicher vorheriger Genehmigung des zuständigen Arbeitsamtes zulässig. Wer polnische Ar­beitskräfte ohne diese Genehmigung einstellt, ver­stößt gegen die Verordnung des Reichsarbeitsmini­sters über ausländische Arbeitnehmer vom 23.1.1933, die auch für Schutzangehörige gilt. Entlassung und Umsetzungen in andere Betriebe, auch dann, wenn Entlassung oder Umsetzung in beiderseitigem Einver­nehmen erfolgt, sind nur mit Zustimmung des Ar­beitsamtes zulässig. Entsprechend der dem Betriebsführer erteilten Beschäftigungsgenehmigung wird für den polnischen Arbeiter selbst vom Arbeitsamt die Arbeitserlaubnis für die ihm zugewiesene Arbeitsstelle erteilt und darüber eine Arbeitskarte ausgestellt, die dem Arbeiter durch die Ortspolizeibehörde ausgehändigt wird.

 

D. Entlohnung:

Die Entlohnung polnischer landwirtschaft­licher Arbeiter ist grundsätzlich niedriger als die der deutschen Arbeiter. Sie erfolgt nach der ,,Reichstarifordnung für polnische landwirtschaftliche Ar­beitskräfte“ vom 8. Januar 1940 (Reichsarbeitsblatt Nr. 2 vom 15. Januar 1940).

Die Reichstreuhänder der Arbeit haben für ihre Wirtschaftsgebiete Anord­nungen erlassen, nach denen bestimmte Lohnsätze nicht überschritten werden dürfen. Soweit bestehende Arbeitsverträge höhere Löhne vorsehen, als sie die Reichstarifordnung festsetzt, können die vereinbarten Löhne gemäß Anordnung des Reichstreuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Brandenburg als Sondertreuhänder vom 8. 1.1940 mit einer Auf­kündigungsfrist von einer Woche auf die Sätze der Reichstarifordnung zurückgeführt werden. Bürger­liche Rechtsstreitigkeiten aus Arbeitsverhältnissen polnischer Landarbeiter werden unter Ausschluß der Arbeitsgerichtsbarkeit durch ein bei dem zuständigen Arbeitsamt errichtetes Schiedsgericht entschieden.

Die Arbeitsbedingungen für gewerbliche polnische Arbeitskräfte sind die gleichen, wie für entsprechende reichsdeutsche Kräfte, soweit nicht für polnische Arbeitskräfte abweichende Bestimmungen getroffen werden. Im Übrigen richtet sich das Arbeits­recht der polnischen Beschäftigten nach den Anord­nungen über die arbeitsrechtliche Behandlung der Polen, die von den Reichstreuhändern der Arbeit bzw. dem Reichstreuhänder für den Öffentlichen Dienst erlassen worden sind. Die für die private Wirtschaft geltenden Anordnungen werden demnächst durch eine einheitliche Anordnung des Reichsarbeits­ministers ersetzt.

Die Anordnungen enthalten das Verbot der Lohnfortzahlung an Feiertagen, von Familien- und Kinderzulagen, Geburten- und Heirats­beihilfen. Sterbegeldern usw., zusätzlicher Wochenhilfe und Altersversorgung, von Weihnachtszuwendungen und dergl. Hinsichtlich der Familienheimfahrten gilt die Tarifordnung zur Regelung von Familienheimfahrten während der Kriegs­zeit für ausländische Ar­beitskräfte im Deutschen Reich. Der Anspruch auf Urlaub und Familienheimfahrten ruht jedoch einst­weilen auf Grund der Anordnung über den Urlaub der im Reich eingesetzten zivilen Arbeiter und -arbei­terinnen polnischen Volkstums vom 31. 3.1941.

Über die Lohnauszahlung an polnische Zivilarbeiter sowie die Überweisung ihrer Ersparnisse in die Heimat gibt ein besonderes, vom Reichsarbeitsmini­sterium herausgegebenes Merkblatt Auskunft.

 

E. Sozialversicherung:

a) Kranken- und Unfallversicherung: Polnische Arbeitskräfte unterliegen der Pflicht zur Kranken- und Unfallversicherung in gleicher Weise wie deutsche Arbeitskräfte.

b) Die im Reich beschäftigten polnische Arbeiter unterliegen allgemein der Invalidenversicherung. Eine Ausnahme besteht lediglich z. Zt. noch für polnische landwirtschaftliche Arbeiter, die im Generalgouvernement beheimatet sind und keinen Befreiungsschein besitzen.

Die hiernach versicherungsfreien polnischen landwirtschaftlichen Arbeiter hat der Betriebsführer binnen 3 Tagen der Landesversicherungsanstalt anzuzeigen. Er hat für diese Arbeiter Zahlungen in Höhe des halben Invalidenversicherungsbeitrags an die Landesversicherungsanstalt zu leisten (§ 1233, Abs. 2 RVO).

c) Arbeitslosenversicherung

Gewerbliche Arbeitskräfte unterliegen im gleichen Umfange der Beitragspflicht zur Arbeitslosenversicherung wie deutsche Arbeitskräfte. Die Beschäftigung in der Landwirtschaft ist versicherungsfrei (Ende des Merkblatts).

 

Gelegentlich gab es eine Kräftebedarfsüberprüfung, zum Beispiel am 12. August 1944, bei der einzelne Arbeitskräfte ganz oder teilweise auf einen anderen Hof umgesetzt wurden. Auch in den Wintermonaten wurden ausländische Arbeitskräfte freigestellt, um anderswo eingesetzt zu werden. Aber die Bürgermeister wollten die ausländischen Arbeitskräfte nicht hergeben, weil sie für den Holzeinschlag sowie Erstellung eines Feuerlöschbeckens, Luftschutzmaßnahmen und die Instandsetzung von Gräben und Wasserläufen gebraucht werden.

 

Kontakte zu Deutschen:

Am 26. Mai 1942 schrieb der Landrat in einem Rundschreiben: „Immer wieder bringe ich in Erfahrung, daß die Kriegsgefangenen, gleichgültig ob französische Kriegsgefangene, Russen, Polen usw. mit ihren Arbeitgebern machen, was sie wollen. Weiter sind an jedem Sonntag die Wanderungen der Polen von einer Gemeinde zur anderen zur Tagesordnung geworden. Ich erinnere letztmalig an meine verschiedenen Bekanntmachungen und werde für die Zukunft jeden Bürgermeister, der gegen die bestehenden Gesetze und Anordnungen verstößt, zur Rechenschaft ziehen.“

In einem Rundschreiben des Landrats vom 14. Juni 1944 über den Umgang mit Kriegsgefangenen heißt es: „Einem Gastwirt in Bergen-Enkheim wurde die Konzession entzogen, weil er französische Kriegsgefangene bewirtet hat. Es wird angeordnet: Kriegsgefangene gehören nicht zur Haus- und Hofgemeinschaft und also auch nicht zur Familie. Wer sie besser behandelt als die deutschen Arbeitskräfte, wird damit zum Verräter an der deutschen Volksgemeinschaft.

Deutsche Frauen, die in Beziehung zu Kriegsgefangenen treten, schließen sich von selbst aus der Volksgemeinschaft aus und erhalten ihre gerechte Bestrafung. Selbst der Schein einer Annäherung muß vermieden werden. Die Teilnahme an deutschen Feiern und Festen sowie kirchlichen Veranstaltungen ist den Kriegsgefangenen grundsätzlich untersagt. Der Besuch von Gaststätten und Kinos ist verboten, ebenso der Besuch von nicht für Kriegsgefangenen zugelassene Geschäfte.

Kriegsgefangene erhalten alle unbedingt notwendigen Dinge. Geringfügige Zuwendungen als Belohnung für gute Arbeitsleistung sind statthaft. Kriegsgefangene müssen so behandelt werden, daß ihre volle Leistungsfähigkeit der Industrie und Ernährungs­wirtschaft zugute kommt. Voraussetzung hierfür ist eine ausreichende Ernährung; dieser muß eine entsprechende Arbeitswilligkeit gegenüber stehen.“

Am 30. September 1944 heißt es in einem Rundschreiben des Landrats: „Bei kleineren Verfehlungen der ausländischen Arbeitskräfte ist kurzfristige Erziehungshaft bei Wasser und Brot bzw. ohne Verpflegung weitgehendst anzuwenden. Der Tatbestand ist aber gewissenhaft zu prüfen. Berechtigte Klagen wegen Mißhandlung, schlechtem Essen oder mangelhafter Unterbringung ist dem Landrat zu berichten.“ Es folgt ein Bußkatalog (Denkt man schon an das Kriegsende?).

Die Gefangenen sollen also strikt von der Bevölkerung abgeschirmt leben. Doch nicht immer wurde das von der „Bevölkerung“ beachtet. Im November 1940 meldete der Ran­giermeister Wilhelm Ahrens, Bischofsheim, Am Kreuzstein 25, der Gestapo, daß die Ehefrau Lerch, Fechen­heimer Weg 34, mit einem gefangenen Franzosen aus Bad Vilbel gesprochen hat. Der Gefangene war beschäftigt in Bad Vilbel. Seine Arbeitgeberin sagte auch aus, daß Frau Lerch mit dem Gefangenen die Unterhaltung angefangen hat und diesen zu den angegebenen Äußerungen provoziert hat. Der Gefangene darf unter keinen Umständen eine Beschäftigung ausüben, die ihn in ständige Verbindung mit der Zivilbevölkerung bringt.

Am 3. Februar 1942 teilt Frau Katharina Reuhl dem Bürgermeister mit, daß ihr französischer Kriegsgefangener Josse in den letzten Tagen ständig Bemerkungen macht über die Erfolge feindlicher Bombenangriffe auf Deutschland. Eine junge Frau aus Bremen habe davon erzählt; sie ist zu Besuch bei ihrem Mann, einem in Bischofsheim im Quartier liegenden Haupt­wachtmeister der Flak. Ein französischer Kriegsgefangener bei Landwirt Wilhelm See hat das verbreitet. Er und der vorher dort beschäftigte Gefangene haben zugegeben, daß im Haus See eine Tischgemeinschaft vom Morgenkaffee bis zum Abendessen besteht. Der Gefangene erklärte, daß See sich mit ihm ausgiebig über die Folgen dieser Angriffe und die Schäden ausgesprochen habe und ihm noch einmal erklärt habe, was er nicht verstanden hatte. See wird eröffnet, daß sein Verhalten noch Folgen haben werde. Der Bürgermeister macht sogar dem Landrat Mitteilung.

Am 11. September 1943 wird der Landwirt Kasper Reichling, Wachenbuchen, Rübenberg 1, schärfstens verwarnt, weil er einem russischen Kriegsgefangenen bei seinem Weggang mehrere frankierte und mit seiner Anschrift versehene Briefumschläge mitgegeben hat, damit er ihm von seiner neuen Arbeitsstelle mitteilt, wie es ihm geht und wo er sich befindet.

 

 Bewegungsfreiheit:

Nur die Holländer konnten sich relativ frei bewegen: Sie konnten sich in ihrer Freizeit im ge­samten Landkreis aufhalten und mußten nicht in Sammel­unterkünften hausen. Einige von ihnen lebten als Mieter mit Dörnigheimer Familien unter einem Dach.

Die anderen Zwangsarbeiter durften sich nur am Sonntag im Umkreis von 30 Kilometern bewegen. Die Bewegungsfreiheit dieser „Zivilarbeiter“ wurde stark beschränkt. Einige Arbeiter gingen Anfang Dezember 1940 nach Hanau auf das Arbeitsamt, um sich nach den Lohn-Tari­fen zu erkundigen. Als angebliche Ukrainer wollten sie für den bestehenden Tarif nicht mehr arbeiten, weil andere außerhalb beschäftigte Ukrainer monatlich 30 bis 40 Mark bekämen. Die Arbeitgeber hatten ihren Arbeitern keine Erlaubnis erteilt, nach Hanau zu gehen. Die betreffenden polnischen Arbeiter wurden mit fünf Mark bestraft, da sie sich ohne Genehmigung der Ortspolizeibehörde von ihrem Beschäftigungsort entfernt haben.

In einer Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten in Kassel vom 2. Oktober 1940 heißt es: Den Zivilarbeitern und Zivilarbeiterinnen polnischen Volkstums ist der Besitz und die Benutzung von Fahrrädern verboten. Es dürfen ihnen keine Fahrräder überlassen werden. Für Fahrten zur Arbeitsstelle bedarf es einer schriftlichen Erlaubnis, die bei Benutzung des Fahrrades mitzuführen ist. Die Zivilarbeiter haben Fahrräder in ihrem Besitz sofort zu veräußern. Bei Zuwiderhandlungen wird ein Zwangsgeld bis zu 150 Mark verhängt. Bei wiederholten und schweren Verstößen müssen die Zivilarbeiter mit höheren Strafen und polizeilichen Sicherungsmaßnahmen rechnen.

Nach einer Verfügung des Bürgermeisters aus dem Jahre 1943 über den Reiseverkehr der zivilen ausländischen Arbeitskräfte darf eine Reise nur mit einem Erlaubnisschein des Landrats erfolgen. Ausnahmen können nur bei Fahrten zum Besuch schwerkranker Angehöriger genehmigt werden. Glaubwürdige Nach­weise dafür müssen durch Vorlage amtlicher Bescheinigungen erbracht werden. Die Arbeitgeber müssen durch Unterschrift bestätigen, daß sie die Verfügung zur Kenntnis genommen haben. Die Reisescheine wurden nach Abschluß der Reise dem Bürgermeisteramt zurückzugeben. Vorwiegend wurden sie für Bewohner der Krim ausgestellt.

Insbesondere polnische und russische Arbeitskräfte dürfen sonntags nicht in andere Dörfer laufen oder mit Fahrrädern ihre Arbeitgeber dorthin fahren. Der Landrat schreibt am 18. Mai 1943: „Wir stehen im vierten Kriegsjahr und müssen meiner Ansicht nach diese Fremdvölker des Abends derartig müde gearbeitet sein, daß ihnen dabei von selbst der Wandertrieb vergeht. Ich muß also annehmen, daß diese Leute nicht genügend und intensiv genug beschäftigt werden!“

Am 2. Juli 1943 schreibt der Landrat noch einmal über die Behandlung der ausländischen Ar­beitskräfte aus dem Osten: Den Ostarbeitern ist generell eine Aufenthaltsbeschränkung für den Arbeitsort aufzuerlegen. Das Verlassen des Arbeitsortes ist ohne Genehmigung der Orts­polizeibehörde verboten. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel über den Ortsbereich hinaus ist zu verbieten (außer zur Sicherung des Arbeitseinsatzes). Der Aufenthalt außerhalb der Unterkünfte während der Verdunkelungszeiten - mindestens jedoch im Sommer zwischen 21 und 5 Uhr und im Winter zwischen 20 und 6 Uhr - ist zu verbieten. Der Besuch kultureller, kirchlicher, unterhaltender und geselliger Art ist nur erlaubt, wenn diese von der Deutschen Arbeitsfront oder dem Reichs­nährstand durchgeführt werden. Der Besuch von Gaststätten ist verboten.

Am 17. August 1944 verbietet der Landrat den Bürgermeistern, den Ausländern Bescheinigungen für Radfahrten in Nachbardörfer auszustellen. Da die „deutschen Volksgenossen“ große Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Gummi und Ersatzteilen für Fahrräder haben, trägt es sicher nicht zur Hebung des Einsatzwillens bei, wenn Ausländer an Sonntagen Überlandfahrten mit dem Fahrrad unternehmen.

Frau Sofie Grimm wird am 9. August 1943 mitgeteilt, daß ihr russischer Zivilarbeiter ohne Erlaubnis mit dem Fahrrad eine Spazierfahrt nach Hanau gemacht hat. Er ist mit einer erheblichen Geldstrafe bestraft worden. Frau Grimm wird eröffnet, daß im Wiederholungsfall das Fahrrad bis zum Kriegsende sichergestellt wird.

Die Sperrstunde für Ostarbeiter und Polen wird im Dezember 1944 auf 20 Uhr festgesetzt, für die übrigen ausländischen Arbeitskräfte auf 21 Uhr. Das Verbot gilt auch für die in Privatquartieren untergebrachten Arbeitskräfte. Rückkehrfristen nach Verlassen der Ortsunterkunft bei Fliegeralarm setzen die Polizeiverwalter nach eigenem Ermessen fest.

Für den Katastrophenfall (besonders nach Luftangriffen) werden im September 1943 Auffangstellen für ausländische Arbeitskräfte festgelegt: In Bischofsheim ist dies die Feldscheune des Landwirts Josef Wilhelm Reuhl II., in Dörnigheim eine Viehkoppel in der Nähe des Ortes, in Hochstadt die Materialhalle des Bauunternehmers Huhn und in Wachenbuchen die alte Synagoge.

Zur Überwachung des nichtgeschäftlichen Briefverkehrs mit dem Ausland wurden ab Anfang 1944 Kontrollkarten eingeführt, die von den polizeilichen Meldebehörden an über 16 Jahre alte Personen ausgehändigt wurden. Sie durften bis zu zwei Briefe im Monat ins nicht-feind­liche Ausland schicken. Die in Lagern untergebrachten ausländischen Arbeiter erhielten durch die Lagerverwaltung besonders gekennzeichnete Kontrollkarten.

 

 Arbeitsbedingungen:

Ausländische Arbeitskräfte mußten jederzeit im Besitz eines mit Lichtbild versehenen Ausweises sein. Dazu übergab das Arbeitsamt die Arbeitskarten der ausländischen Arbeitskräfte an das Landratsamt, das sie an das Bürgermeisteramt weiterreichte. Dieses besorgte Aufenthaltsanzeigen, Lichtbilder und alle Personalpapiere und reicht sie dem Landratsamt ein. Vor der Aushändigung waren die Arbeitskarten zu unterschreiben, bei Russen und Polen waren auf den Arbeitskarten Fingerabdrücke zu nehmen. Von Zeit zu Zeit übersandte das Landratsamt ein Verzeichnis derjenigen ausländischen Arbeits­kräfte, deren Arbeitskarten zwecks Ausgabe neuer Arbeitskarten einzuziehen sind. Die Arbeitskarten enthielten alle Angaben zur Person und ein Paßbild. Die Kosten in Höhe von je 3,50 Mark wurden von den „Ostarbeitern“ eingezogen und vom Bürgermeisteramt insgesamt bezahlt In die Arbeitskarte wurde noch ein „Grünzettel“ eingeklebt (eine Art „greencard“!).

  

Bezahlung:

Die ausländischen Arbeiter erhielten eine Vergütung. In einem Rundschreiben über den Einsatz polnischer Arbeitskräfte vom 25. April 1940 heißt es: Betriebsinhaber können die Lohn­ersparnisse der polnischen Arbeitskräfte nach deren Heimatort überwiesen, wenn sie im Besitz einer Arbeitskarte sind und eine Bescheinigung zur Überweisung von Lohnersparnissen haben. Selbst die Kriegsgefangenen erhielten Geld, denn als im Juni 1940 ein großer Teil polnischer Kriegsgefangener gegen Verpflichtung zur Arbeitsaufnahme aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, wurden im Lager noch Guthaben verwahrt, die aus Arbeitslöhnen herrührten.

Umgedreht mußten natürlich die Arbeitgeber auch für die Kriegsgefangenen bezahlen. Aber

Gemeinde, Industrie und Landwirtschaft beschäftigten gerne Kriegsgefangene, weil sie billig waren. Ein Bauer zahlte pro Mann am Tag gerade einmal acht Gro­schen an die Gemeindekasse, die die Einnahmen anschließend an das Gefangenenlager überwies. Dazu kamen geringfügige Umlagen für Unterkunft (0,20 Mark) und Verpfle­gung (0,15 Mark) der Wachmannschaft, die von einem Landesschützen-Bataillon abgestellt wurde.

Ein Baugeschäft mußte für die Wachmannschaft noch weniger zahlen: pro Gefangener und pro Tag 15 Pfennig für die Verpflegung der Wachleute, 20 Pfennig für Unterkunft der Gefangenen und 10 Pfennig Heizungszuschlag für Dezember bis März.  

Die Firma Seibel hatte für vier Gefangene pro Gefangener zu zahlen: Lohn monatlich 20,80 Mark, Unterkunft monatlich 6,00 Mark, Verpflegung täglich 2,30 Mark, für die Wachmannschaft monatlich 4,50 Mark Verpflegung und monatlich 6,00 Mark für Unterkunft.

In Bischofsheim war der Höchstbetrag im Monat 38,80 Mark (offenbar ohne Verpflegung), der Durchschnitt lag bei 28 Mark für Vollbeschäftigte. In manchen Fällen zahlte das Gefangenenlager für die Wachmannschaft Unterkunft und Verpflegung.

 

Das Essen der Gefangenen wurde zum Beispiel in Dörnigheim in zwei großen Kes­seln in der Waschküche der Gaststätte zubereitet. Es war streng rationiert. Auf einem noch erhaltenen Küchenzettel dominierten Kartof­feln - als Eintopf, als Gemüse und als Salat. Fleisch gab es nur selten. Für die Gefangenenküche lieferten außer zwei Bäckereien aus Hanau und der Firma Latscha in Frankfurt praktisch alle Lebensmittelhandlungen, Bäckereien, Gärtnereien (Gemüse), Milchverteiler und Kartoffellieferanten in Dörnigheim.

Die Essensrationen der Zwangsarbeiter für eine Person für eine Woche waren natürlich bescheiden: 300 g Fleisch und 200 g Wurst, 125 g Butter, 35 g Schmalz, 40 g Öl oder 50 g Margarine und 125 g Margarine im Monat, 61,5 g Käse oder Quark, 225 g Zucker, 150 g Marmelade

Die Quartiere für die Kriegsgefangenen wurden sehr genau geprüft. Bei einer Kontrolle durch einen Unteroffizier des Arbeitskommandos 740 am 28. Juli 1940 wurde festgestellt: In der Unterkunft für die Wachmannschaft fehlen Waschschüssel, Tisch, zwei Stühle, Bettbezüge, drei Handtücher, ein Handfeger. In der Unterkunft für die Gefangenen fehlen Eimer, Putzlumpen, Schrubber, Handfeger, ein Eimer Chlorkalk. Die Gemeinde soll jedem Gefangenen nach Möglichkeit auch ein Handtuch geben, „weil Sauberkeit zur Erhaltung der Arbeitskraft unbedingt erforderlich ist.“

 

Dörnigheim:

Aus Meldezetteln für die polizeilichen Anmeldungen und Abmeldungen gehen folgende Zahlen von Zwangsarbeitern hervor: 1 Italiener, 7 Franzosen, 7 Belgier, 11 Holländer,

4 Letten, 1 Slowake, 3 Ungarn, 8 Litauer, 18 Polen, 8 Ukrainer, 2 Russen und 2 Personen ungeklärter Herkunft, dazu noch 8 Namen aus einer anderen Liste.

In den Unterlagen findet sich sogar eine Mitteilung über eine Geburt: Ludmila, geboren 15. September 1943 in Hanau. Der Vater ist der russischer Arbeiter Antoli Andreew, die Mutter Warwara Schildchenko. Sie wohnten in Dörnigheim, Frankfurter Straße 15.

Die Zwangsarbeiter wurden in Gewerbebetrieben beschäftigt:

  1.  Firma Josef Mrosek, Leichtbauplattenfabrik im Industriegelände am Bahnübergang Eichenheege („Am Fuchsbau“) (heute Standort der Firma Bock): Viele der 13 Arbeitskräfte waren vorher bei der Firma Jakob Kester (Automechaniker) in Frankfurt, Hanauer Landstraße 417, beschäftigt. Am 21. September 1943 zog die Familie Josef Mrosek mit sieben Personen von Frankfurt, Schwanenstraße 6, in das Eigenheim im Industriegelände 1. Am 1. September 1944 zog auch Jakob Kester mit Familie nach Dörnigheim zu Mrosek.
  2.  Bäckereien und Gärtnereien
  3.  Gemeinde: französische Gefangene als Waldarbeiter (laut Herrn Jung).
  4.  Baufirma Fischer: Die Kriegsgefangenen waren in dem Sägewerk in der heutigen Kantstraße untergebracht. Dort waren im Holzlager Baracken aufgestellt. Jeden Tag fuhren sie durch die heutige Zeppelinstraße zum Werk am Bahnhof. In der Kurve zur Bahnhofstraße sprangen gelegentlich zwei Gefangene vom Lastwagen ab, um zum Beispiel bei den Anwohnern der Bahnhofstraße den Hausbrand in Körben in den Keller zu bringen. Sie trugen blaue (oder andersfarbige) Arbeitskleidung, die oft vielfach durchlöchert war. Die Gefangenen aßen dann mit am Tisch der Familie, der für diesen Zweck extra ausgezogen wurde. Es wurde gutes Essen gemacht und die zwei Leute mit verpflegt. Sie erhielten für ihre Arbeit Lebensmittel und Kleidung. Sie verbachten den ganzen Tag bei den Deutschen und sprangen am Abend wieder auf den Lastwagen auf.
  5.   Firma Seng, Hanauer Landstraße 7 („Schrauben Seng“, heute „Maintal Oase“ in der Ken­nedystraße): 2 Arbeitskräfte. Ein Bericht des Holländers Arthur Kers über das Leben in der Firma Schrauben-Seng wurde im „Maintal Tagesanzeiger“ abgedruckt.

An seinem 19. Geburtstag erhielt Arthur Kees den Befehl, sich am 25. Juni 1943 zwischen 9 und 10 Uhr am Bahnhof von Rotterdam zu melden. Der Grund: Arbeitseinsatz in Deutschland. Über Köln kam er mit ein paar hundert Männern seines Alters nach Frankfurt. Mit einer kleinen Gruppe mußte er weiter nach Hanau. In der Nähe des Hanauer Westbahnhofes steckten Deutsche ihn in ein Barackenlager, eine Unterkunft für aus­ländische Zwangsarbeiter (früher: Brauerei Kaiser). Jeweils 20 bis 25 Männer teil­ten sich die tristen Holzhäusern: Doppelstöckige Betten standen herum, ein klei­ner Holztisch, einige Spinde. Auch am Tag schien die Sonne nicht durch die Fenster in die Baracken hinein: Die Scheiben waren mit schwarzem Papier überklebt.

Nach drei Tagen, am 29. Juni, holte ein Mann Arthur Kers und Ben Dykshoorn, einen wei­teren holländischen Zwangsarbeiter, ab und brachte sie nach Dörnigheim. Dort, in den Fabrikhallen des Unternehmers Friedrich Seng, sollten sie arbei­ten. An ihrem Arbeitsplatz lernten sie. Jan Vermeer und Cor („Conni“) Sonneveld kennen. Die beiden Männer aus s’Graven­zande bei Den Haag hatten ihre Heimat wenige Tage vor ihren Altersgenossen Arthur Kers und Ben Dykshoorn den Rücken kehren müssen.

„Schrauben-Seng“ produzierte Teile für den Flugzeugbau. Daß Krieg war, sah ein jeder, der damals Fabrikhallen betrat. Es fehlten die Männer. Frauen standen an den Werkbänken und Maschinen, und einige Alte. Nur in den Schlüsselpositionen arbeiteten auch jüngere Männer. Zwangsarbeiter sollten die hinterlassenen Lücken stopfen. Für 25 Mark im Monat arbeiteten sie von morgens früh bis abends spät, elfeinhalb Stunden lang. Bis sie ein Zimmer in Dörnigheim fanden, mußten Arthur Kers und Ben Dykshoorn zusätzlich noch zwischen ihrem Arbeitsplatz und dem Barackenlager am Han­auer Westbahnhof hin und her pendeln. Jan Vermeer und Cor Sonneveld hatten es da besser. Sie teilten sich bereits kurz nach ihrer Ankunft eine Unterkunft in der Schwanengasse.

Die ersten Gespräche mit den deutschen Fabrikar­beitern verblüfften die jungen Holländer. Viele im Betrieb konnten oder wollten nicht glauben. daß es sich bei den vier Männern nicht um Kriegsgefangene, sondern um Zivilisten handelte, die nie einen Schuß abgefeuert hatten. „Wir hatten“, erinnert sich Arthur Kers, „allerhand zu tun, um die Wahrheit deutlich zu machen.“

Das galt auch für den Bombenangriff auf Rotterdam. Nicht wenige an den Werkbänken behaupteten, die Engländer seien für diese Tat ver­antwortlich. Doch Arthur Kers konterte: „Das habt ihr gemacht.“ Der junge Holländer nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, auf ein Unrecht aufmerksam zu machen. In Gesprächen war es für den temperament­vollen Neunzehnjährigen oft schwer, die Ruhe zu bewahren.

Bereits wenige Wochen nachdem er ein Zimmer in der Zeppelinstraße in Dörnigheim gefunden hatte, mußte Arthur Kers seine Unterkunft wieder räumen: Er war seiner Vermieterin zu Hilfe gekommen, als ihr Mann, ein Nazi, sie schlagen wollte. Die Frau bedau­erte. daß Arthur Kers auf die Straße gesetzt wurde. Sie fühlte sich sicher, wenn er im Haus war.

Als der Holländer einige Straßen weiter eine Bleibe gefunden hatte und ihr Mann wieder frech wurde, vertraute sie auf seine Hilfe: „Höre auf, sonst sage ich es dem Arthur“.

Nur knapp entging Arthur Kers einer Prügelei im Betrieb. Ein älterer Arbeiter, den alle nur Heinrich George nannten, weil er dem Schauspieler so ähnlich sah, verlangte von dem Holländer an einem Samstag, seine Maschine mitzuputzen. „Niemals“, weigerte sich der Neunzehnjährige, da jeder in dem Unterneh­men sein Gerät selbst reinigen sollte. Erst als ein Meister hinzugekommen sei, erinnerte sich Kers, „legte sich der Streit“.

Die, die dachten wie er, mahnten ihn zur Zurückhal­tung, wenn er seine Meinung über Nazi-Deutschland offen sagte und gegen Hitler polemisierte. Eines Tages warnte ihn Maria Hahn, die im Büro arbeitete und noch heute mit Kers befreundet ist: „Da ist eine neue Frau bei uns im Geschäft. Du kannst allen alles sagen, aber der nicht.“ Arthur Kers brauchte solche Schutz­engel.

Auch an einem Tag im August 1944, als er vor lauter Zorn mit einem Stück Kernseife ein Hitler-Bild im ersten Stock des Betriebes zertrüm­merte - weil er entgegen einem früheren Verspre­chen nicht in Urlaub nach Holland fahren durfte. Der Grund: Wenige Tage zuvor war den Alliierten in Frankreich der Durchbruch gelungen. Als die Scherben des Rahmens auf dem Boden lagen, steckte allen, die es mitangesehen hatten, der Schreck in den Gliedern. „Denn“, erinnert sich Arthur Kers, „das galt damals als Todsünde.“ Doch er hatte Glück, daß kein eingefleischter Nationalso­zialist die Szene beobachtet hatte. Und Firmenchef Friedrich Seng, der es nach den Worten des Hollän­ders sicher besser wußte, nahm dem jungen Mann ab, daß alles nur durch ein Versehen geschehen sei.

Doch nicht nur das verhaßte Hitler-Bild fiel von der Wand. Kers versuchte alles, um die Produktion ins Stocken geraten zu lassen. Er arbeitete nicht nur so langsam, daß er sich Ärger mit dem Meister einhan­delte, sondern warnte als Wachposten mehrfach auch vor Flugzeugangriff, wenn gar keine Flieger in der Nähe waren. Der Holländer befriedigte damit nicht nur seine „Neck­sucht“, er erreichte auch, „daß die Arbeit mal wieder stillgelegt wurde“. Hin und wieder („das konnte man nicht jeden Tag machen“) schreckte der junge Mann selbst vor Sabotageakten nicht zurück. Er steckte einfach irgendwelche Eisenteile in eine Maschine: „Es dauerte Stunden, sie zu reparieren.“

Kers stand während seiner zweijährigen Zeit in Dörnigheim nie alleine. „Viele hatten Mitleid mit uns“, sagt er. Auch Mariechen Gruber zählte dazu. Die Antifaschistin stand hinter der Theke des Bäckermeisters Gross, nahm die Lebensmittelkarten der Zwangsarbeiter entgegen

und verteilte die Rationen. War sie unbeobachtet, nahm sie es nicht so genau und gab mehr heraus, als die Marken auswiesen. Wäre sie nicht gewesen, sagt Arthur Kers, „hätten wir sehr hungern müssen“. Auch eine Arbeitskollegin half dem Holländer, wo sie nur konnte: Luise Rosenberger, eine geborene Boos, brachte ihm häufig Brot, Kuchen und Obst.

Auf den Tellern der Zwangsarbeiter, die mittags und abends in der Gaststätte „Schiffchen“ verköstigt wurden, war nie viel drauf. „Zwei Stück Kartoffeln, ein bißchen Fleisch, etwas Gemüse. Am Samstag gab es Erbsensuppe.“ Um wenigstens annähernd satt zu werden, arbeiteten einige Holländer in ihrer Freizeit zusätzlich in den Gärten von Dörnigheimer Bürgern. Statt Geld bekamen sie dafür etwas Essen.

Anders als Russen und Polen konnten sich die Holländer nach Feierabend und am Wochen­ende relativ frei in der näheren Umgebung von Dörnigheim bewegen. Doch auch für sie gab es Grenzen: Jede Stadt, jedes Dorf außerhalb des Landkreises Hanau war tabu. Arthur Kers und seine Freunde Jan, Ben und Cor machten sich öfter auf den Weg nach Hanau, wo sie Kinos besuchten oder sich in Gaststätten amüsierten. Und manchmal zog es den einen oder anderen auch über die Kreisgrenzen hinaus, trotz des Verbots. Besonders die Großstadt Frankfurt lockte die jungen Männer. Sie spazierten durch die Straßen und besuchten den Zoo oder andere Sehenswürdigkeiten. Einmal traf sich Arthur Kers am Wochenende mit einer Arbeitskollegin in einem Varieté.

Es blieb bei einer harmlosen Begegnung. „Denn schließlich war ich doch Ausländer“, erinnerte sich Arthur Kers daran, daß die Liebe zwischen deutschen Frauen und Zwangsarbeitern verboten war. Beinahe hätte der junge Holländer einmal ernsthafte Schwierigkeiten wegen eines gemeinsamen Kinobe­suchs mit Cor Sonneveld und zwei etwa gleichaltri­gen Dörnigheimer Mädchen bekommen. In Hanau, mitten auf der Straße, drohte ein älterer Mann dem Quartett und forderte es auf sich umgehend zu tren­nen. Die Vier gingen auseinander: „Die Mädchen haben Angst gekriegt.“ An den Gesprächsfetzen, die er aus einigem Abstand mitbekommen hatte, und an der Kleidung hatte der Passant wohl erkannt, daß es sich bei den beiden um Zwangsarbeiter handeln mußte.

„Mit unserer Kleidung war es schlecht bestellt“, bemerkt Arthur Kers. Ihren Sonntagsanzug, den die jungen Männer aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, hatten sie längst aufgetragen. Neue Kleidungsstücke konnten sie nicht kaufen. Werktags trugen sie meist ihre Arbeitskleidung und Holzschuhe, die sie von der Firma gestellt bekamen. Um ihre Socken zu schonen, wickelten sie ihre Füße im Betrieb in Putztücher ein. Löcher in ihren Strümpfen konnten sie nicht stopfen: Es fehlte das Flickzeug.

Neuen Mut bekam Arthur Kers am 6. Juni 1944. An diesem Tag kam Karl Blöcher, der heimlich auslän­dische Rundfunksender hörte, wohlgelaunt in den Betrieb. Aufgeregt flüsterte er dem Holländer zu: „Arthur, es ist vorbei. Sie sind gelandet und gehen nie mehr, nie mehr zurück.“ Sie hatte begonnen: Die von allen Antifaschisten herbeigesehnte Invasion der Alliierten in der Normandie.

Die Zwangsarbeiter rechneten mit ihrer baldigen Befreiung. Öfter und öfter signalisierte lauter Flie­geralarm, daß die deutsche Wehrmacht nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch in der Luft immer mehr ins Hintertreffen geriet. Arthur Kers und Jan Vermeer, der zu seinem besten Freund geworden war, schoben gelegentlich Nachtwache in der Fabrik von Friedrich Seng und verdienten sich damit ein kleines Zubrot. An einem Morgen im Februar 1945 fiel es Kers schwer, von seinem Nachtlager im Betrieb aufzustehen. Es war kalt in jenen Februartagen, und der Holländer hatte sich eine Lungenentzündung eingefangen. Schon Tage zuvor hatte er mit einer Erkältung herumlaboriert.

Sein Chef fuhr ihn nach Hanau ins Krankenhaus. Kers verbrachte dort mehrere Wochen und nahm 30 Pfund ab. Als er am 10. März, einem Samstag, ent­lassen wurde, war er heilfroh: „Ich hatte keine Ruhe mehr, denn immer öfter waren amerikanische und englische Flugzeuge vorbeigekommen.“ Der Luftschutzkeller im Krankenhaus schien ihm unsicher. Neun Tage später, am Nachmittag des 19. März, kehrte er noch einmal nach Hanau zurück. Was er vorfand, war eine zerstörte Stadt.

Von einer Straße las er eine Zeitung der US-amerikanischen Streit­kräfte auf, die Flugzeuge abgeworfen hatten. Sie hieß „Nachrichten für die Truppe“, trug das Datum des 19. März und informierte unter der Schlagzeile „Todeszonen werden geräumt“ über eine „Massen­flucht aus Frankfurt und Mannheim“ und das Vorrücken US-amerikanischer Panzer in der Pfalz. Es dauerte nur noch wenige Tage.

Arthur Kers erinnert sich an die frühen Morgenstunden des 28. März: „Nachts um vier Uhr wurde Dörnigheim von den Amerikanern besetzt. Wir, Jan, Cor und ich, saßen im Keller der Fabrik.

Eigentlich war es ein Befehl, daß sich alle Ausländer für einen Transport melden sollten. Doch Herr Seng hatte vorgeschla­gen. bei ihm in der Fabrik zu bleiben. Er wußte, daß er von uns notfalls Hilfe erwarten konnte. Plötzlich hörten wir über uns in der Fabrik Schritte. Dann waren sie auf einmal auf der Treppe in den Keller. Wir machten die Tür auf und ein Amerika­ner richtete sein Gewehr auf uns. Mit erhobenen Händen mußten wir nach oben gehen. Herr Seng rief noch ‚Nicht schießen, wir sind gute Leute’. So gut ich konnte erzählte ich in englischer Sprache, wer wir waren.“

Der Soldat hatte es verstanden: Kers bekam Zigaretten, echte amerikanische. „So schnell wie möglich“ wollten die holländischen Zwangsarbeiter „wieder nach Hause“. Doch bis das gelang, dauerte es noch lange: Arthur Kers erreichte Rotterdam am 5. Juni 1945.

 

Wie er mit den ausländischen und einheimischen Beschäftigten umsprang, schilderten einige Dörnigheimer wenige Tage nach Kriegsende dem kommissarischen Bür­germeister Alwin Lapp, der sie für die amerikani­sche Militärregierung vernahm. Von Karl Prasch, einem alten Dörnigheimer, der vier Jahre lang bei Seibel beschäftigt war, erhielt Lapp einen Einblick in die menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Russen, die besonders an der mangelhaften Ernährung zu leiden hatten. Als ehemaliger Aufseher und Koch der Zwangsarbeiter konnte Prasch den Bürgermeister aus erster Hand informieren: „Die russischen Arbeiter und Arbeiterinnen führten bei mir öfter Klage über das schlechte und geringe Essen.“

Wie miserabel die Ernährung war, berichtete Gertrud Hertrich, die zehn Jahre Schwerstarbeit in der Seibel­’schen Wäscherei und Färberei geleistet hatte: „Insbe­sondere die Rhabarbermarmelade war sehr schlecht. Die Russen machten mich darauf aufmerksam, daß ich sie nicht versuchen sollte, es seien Würmer drin. Die Würmer habe ich selbst gesehen.“

Angewidert von dem ekelhaften Matsch, der den Zwangsarbei­tern vorgesetzt wurde, stellte sie Sei­bels Ehefrau Anneliese zur Rede. Die war allerdings, wie die Zeugen übereinstimmend aussagten, genauso hartherzig und rücksichtslos wie ihr Mann. „Die Zwangsarbeiter“, schrie Anneliese Seibel Gertrud Hertrich an, „müssen die Marmelade fressen“. Etwas anderes bekämen sie nicht.

Als die russischen Frauen sie baten, ihnen doch wenigstens Zucker für die Kin­der zu überlassen, schüttete die Frau des Wäschereibesitzers den Zucker in die verdorbene Marmelade. Auch Aufseher Prasch setzte sich bei Fritz Seibel für eine bessere Verpflegung ein. Weil es „unmöglich ist, daß die Russen bei einer derartig schlechten Ernährung die ihnen zugemuteten Arbeiten ausführen können“, verlangte er von Fritz Seibel, endlich etwas zu unternehmen. Nach dieser Intervention verbesser­te sich die Lage jedoch nur für wenige Tage. Karl Prasch hatte schon bald wieder den Eindruck, „daß die zugeteilten Rationen nicht hundertprozentig zur Ausgabe kamen“.

Obwohl Polen und Russen mangelhaft ernährt waren, verlangte Fritz Seibel, „daß sie über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus noch Arbeiten ver­richten.“ Wenn die Zwangsarbeiter sich weigerten, schlug Seibel sie brutal zusammen. Gelegentlich benutzte er dabei ein Eisenrohr, das er stets im Büro aufbewahrte.

Seibel nahm nicht einmal Rücksicht auf schwangere Frauen. Die Augenzeugin Gertrud Hertrich schildert: „Eine russische Frau von 20 Jahren, die den Namen ‚Jewa’ trägt und die im siebten Monat schwanger war, trat Fritz Seibel mit dem Fuß in den Leib und schlug auf sie ein. Es war ihr bei der Arbeit schlecht geworden und sie hatte sich einen Augenblick ausgeruht.“

Anneliese Seibel stand ihrem herrschsüchtigen und brutalen Mann nicht nach. Obwohl die schwangere Russin Jewa laut Attest des Dörnigheimer Arztes Rudolf Stahl von der Arbeit freigestellt worden war, wurde sie von der Firmenchefin wenige Tage vor der Entbindung aus der Wohnbaracke gezerrt und zur Arbeit in der Wäscherei gezwungen.

Karl Blöcher, Jahrgang 1913, während der Nazizeit aktiver Kommunist, kann sich noch gut an die Vor­kommnisse erinnern: „Über den Wäschereibesitzer hat sich das ganze Dorf empört, das war ein Men­schenschinder.“ Den Russen und Polen sei es so schlecht gegangen, daß manche Dörnigheimer ihnen gelegentlich Brot über den Zaun geworfen haben“. Die Zwangsarbeiter hätten den Betrieb nicht verlassen dürfen. Blöcher: „Da waren Wachleute dabei, die aufpaßten.“

Immer wieder kam es in der größten Firma am Ort zu Übergriffen des Juniorchefs. Augenzeugen schil­derten kurz nach Kriegsende, wie der Unternehmer eine etwa 50 Jahre alte polnische Arbeiterin an den Haaren packte und sie 100 Meter durch den an das Firmengelände angrenzenden Garten schleifte. Der Sklavenhalter schlug dabei mehrfach auf die wehrlo­se Frau ein.

Einem russischen Arbeiter, der bezichtigt wurde, Stoff gestohlen zu haben, schlug Seibel mit der Faust so heftig ins Gesicht, daß der Mann umfiel, mit dem Hals auf eine Eisenstange schlug und bewußtlos liegen blieb. Oft kam Seibel nachts betrun­ken nach Hause. griff sich eine Pistole, stürzte in die Wohnbaracke der Zwangsarbeiter und drohte: „Ich schieße Euch Hunde noch alle zusammen.“

Auch mit den deutschen Arbeiterinnen und Arbeitern ging der Wäschereibesitzer nicht gerade rücksichts­voll um. So beschimpfte er den Aufseher Karl Prasch, weil der angeblich zu wenig leistete. Während einer lautstarken Auseinandersetzung fühl­te sich Prasch dermaßen gekränkt, daß er, wie er spä­ter in seiner Vernehmung schilderte. „Seibel eine Ohrfeige verabfolgte“. Die Reaktion von Fritz Seibel: Karl Prasch und seine Tochter wurden fristlos entlassen. Außerdem erstattete der Unternehmer Strafanzeige. Prasch mußte eine Geldstrafe von 250 Mark zuzüglich 150 Mark Verfahrenskosten zahlen.

Bei seinen Übergriffen auf die Zwangsarbeiter bediente sich Seibel häufig der Hilfe des Dörnighei­mer Gendarmeriemeisters Heinrich Willhardt. Laut Karl Prasch wurde der Beamte öfter in den Betrieb gerufen. Im Büro des Firmenchefs schlug Willhardt Zeugenberichten zufolge mehrfach Sowjets mit dem Gummiknüppel zusammen. Als der Beamte 1947 zu den Vorfällen vernommen wurde, gab er zwar zu, auch „gegen die Ausländer“ in der Wäscherei vorge­gangen zu sein. Er sei jedoch nicht von Seibel geru­fen worden, sondern von einer Polin, die gegen einen Landsmann Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet habe.

Willhardt schilderte diesen Fall aber so: „Ich begab mich in die Baracke der Firma Seibel, wo die Ausländer untergebracht waren, um Ermittlungen anzustellen. Hier stellte ich folgendes fest: Die dort anwesenden Polen und Russen waren stark betrunken und feierten die Oktoberrevolution. Bei meinem Erscheinen sprang mich ein Pole oder Russe in seiner Trunken­heit an. Ich wehrte den Angriff ab und warf ihn in die Ecke.“

Willhardt produzierte sich in der Vernehmung als wahrer Menschenfreund. In diesem wie in anderen Fällen habe er keine Anzeige erstattet: „Würde ich nach meiner Vorschrift gehandelt haben, so würden von den Ausländern mindestens 30 in ein KZ gekommen sein. Auch die habe ich durch meine Anständigkeit vor dem Schlimmsten bewahrt. Ich bin überzeugt, daß die Ausländer, die an der Feier teilgenommen haben, heute nicht mehr am Leben wären. Von mir aus haben die Ausländer große Vor­teile genossen.“

Der frühere Gemeindeangestellte Fritz Knapp erlebte das ganz anders. Er berichtete kurz nach Kriegsende: „Während meiner Tätigkeit kam es öfter vor, daß Willhardt dienstlich auf dem Bürgermeisteramt (in Hochstadt. Anm. d. Verf.) zu tun hatte. Bei seinen dienstlichen Verrichtungen mit und für die hier täti­gen Ausländer wurden diese von ihm auf das Bürger­meisteramt bestellt. Bei diesen Vernehmungen und Rückfragen durch Willhardt sind diese Leute auch geohrfeigt worden. Ich persönlich habe zwei bis drei Fälle gesehen, in denen er die Ausländer geohrfeigt hat.“

Aber auch in diesen Fällen stilisierte sich Willhardt später geradezu zum Widerstandskämpfer. Nach dem Krieg sagte er aus: „Ich bestreite nicht, daß ich drei ausländische Arbeiter in Hochstadt auf das Bür­germeisteramt bestellt hatte, weil sie Diebstähle begangen hatten. Ei­ner von denen hatte einem ande­ren Ausländer 420 Reichsmark und eine Taschenuhr gestohlen. Auf dem Bürgermeisteramt wies ich ihm den Diebstahl nach und habe ihm die Uhr und das Geld aus dem Rockfutter geholt.“

Schließlich gibt Willhardt zu: „Daraufhin habe ich ihm, weil er so gemein war, seinen Landsmann zu bestehlen, zweimal auf die Backe geschlagen. Eine Anzeige oder Festnahme habe ich nicht vorgenom­men und ließ ihn laufen, obwohl die Anordnung bestand, daß jeder Ausländer, der eine strafbare Handlung begangen hatte, der Staatspolizei vorge­führt werden müßte. Würde ich der bestandenen Anordnung Folge geleistet haben, so wäre die Folge gewesen, daß er in ein KZ eingeliefert worden wäre und elend zu Grunde gegangen wäre. Dies konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren und ließ es bei den Ohrfeigen bewenden.“

 

Zwei andere Ausländer, die angeblich bei einem Bauern Kaninchen gestohlen hatten, will Gendar­meriemeister Willhardt ebenfalls vor dem KZ bewahrt haben, indem er auf eine Anzeige verzich­tete. Damit habe er den Ausländern „den größten Schutz gewährt“. In Willhardts Dienstbezirk waren gegen Kriegsende rund 300 „Fremdarbeiter“ bei Bauern und Handwerkern beschäftigt.

Rabiat ging Willhardt nicht nur mit den Ausländern um. Auch Einheimische hatten unter ihm zu leiden. Im März 1947 schilderte die Hochstädterin Luise Maienschein der Polizei folgende Episode: „Im März 1943 wurde ich durch den SA-Truppenführer August Schmidt aus Hochstadt dauernd bespitzelt und lau­fend durch die Polizei vernommen. So wurde bei mir eine Hausdurchsuchung gemacht, die der Gendar­meriemeister Willhardt aus Dörnigheim ausführte. Bei dieser Durchsuchung wurden mein Hühnerfutter und Traubenzucker, den mein Mann laufend für seine Gesundheitserhaltung dringend benötigte, polizeilich sichergestellt.“ Bei den anschließenden Verhören brüllte Willhardt Luise Maienschein an: „Ihr herge­laufenes Zores, Euch haben wir noch gesucht.“

Dann wollte er sie „mit aller Macht beeinflussen“ einzuge­stehen, sie habe die Sachen gestohlen. Weil sie aber kein Geständnis ablegte, wollte Willhardt sie mit seinem Gummiknüppel schlagen und schrie: „Sie werden die längste Zeit hier herumgelaufen sein, solche Menschen müßten abgegrast werden.“ Erst nachdem sich Gendarmeriemeister Brosämle einschaltete „Tun Sie langsam, es muß erst alles geprüft wer­den“, ließ Willhardt von Luise Maienschein ab.

 

 

Krieg und Frieden in Maintal

 

Der Tag des offenen Denkmals am 11. September 2005 steht in diesem Jahr unter dem Thema „Krieg und Frieden“. Der Verein „Heimat-Museum Maintal“ wird aus diesem Anlaß eine leine Ausstellung im Museum zeigen und eine Führung in Hochstadt durchführen und unter anderem die Inschriften auf den Kriegerdenkmälern und auf dem Friedhof erläutern. Zur Vorbereitung wird im Maintal Tagesanzeiger eine kleine Artikelserie veröffentlicht.

Bei dem Thema „Krieg und Frieden“ ist es sicher leichter, über den Krieg zu schreiben als über den Frieden. Es ist so wie in der Geschichte aus Rußland, wo ein alter Mann die Kinder tadelte, weil sie immer nur Krieg spielten. Doch die Kinder fragten ihn zurück: „Großväterchen, wie spielt man Frieden?“ Der Krieg liegt offenbar in der Natur des Menschen. An sich sollte aber der Frieden das Normale sein. Aber wenn man so den Blick durch die Jahrhunderte streifen läßt, dann werden sie eher von den Kriegen geprägt. Aber unsere Aufgabe ist es, den Frieden zu lernen.

 

Ringmauern und Landwehren sichern den Frieden

Zum Thema „Frieden“ in Maintal fällt auf Anhieb nur der „Vertrag von Dörnigheim“ ein.

Aber es lassen sich auch noch einige andere Beispiele finden. So dienten zum Beispiel die Ringmauern und Landwehren der Abschreckung und damit dem Frieden. Schon 1231 war den Reichsfürsten befohlen worden, die Städte durch feste Mauern zu schützen. Auch Dörfer umgaben sich mit Ringmauern und Gräben. In unserer Gegend sind dies Bergen, Fechenheim, Hochstadt, Wachenbuchen und Dörnigheim; Bischofsheim hatte einen Wall und Graben. Die erste Befestigung in Hochstadt war der befestigte Kirchhof mit einer Mauer aus dem 13. Jahrhundert (oder noch früher) und mit dem Wehrturm als Eingang.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde das Unvermögen der Reichsgewalt immer offen­sichtlicher, den Landfrieden aufrecht zu erhalten. So stellte sich bei den Landesherren mehr und mehr das Bedürfnis ein, ihr Gebiet gegen den Raubadel und beutegierige Standesgenossen zu schützen. Wo die Natur durch Berge, Wälder, Wasserläufe oder sumpfige Niederungen natürliche Schutz­linien bot, wurden diese benutzt. Wo dies nicht der Fall war, half man durch den Bau der Landwehren nach.

Die Bischofsheimer Landwehr zog von der Nidder bei Niederdorfelden über Bischofsheim zum Main bei Dörnigheim. Auf der Höhe an der Südwestecke der Großen Lohe schneidet die Landwehr die Hohe Straße. Dort verzeichnet ein Riß vom Jahre 1599 zwei überbrückte Gräben und eine Warte in viereckigem Hofe. An diesen Schlag erinnern die Flurnamen „Am neuen Schlag“ und „Am Eisernen Schlag“.

Zwischen Bischofsheim und Hochstadt zog am Nordrande des Hochstädter Riedes die Landwehr entlang nach der Hochstädter Grabenbrücke unterhalb der Kreuzung mit der Querspange. Zwischen der Landwehr und dem Ried verlief ein Weg, der in der Bischofsheimer Gemarkung „Hochstädter Riedweg“ in der Hochstädter Gemarkung aber „Landwehr­weg“ hieß. An der Hochstädter Brücke sperrte die Landwehr die dicht südlich an Bischofsheim vorüberziehende Gelnhäuser Poststraße. Auch der erwähnte Landweg sowie die Wege von Rumpenheim und von der Brau­bachbrücke trafen vor der Hochstädter Brücke zusammen.

Von der Hochstädter Brücke an benutzte die Landwehr, die hier Landgraben heißt, ein von Norden kommendes Wasserläufchen bis zu dessen Einmündung in das Braubachknie. Nun übernimmt der Braubach den Schutz bis zur Straße Hochstadt-Dörnigheim. Das letzte Ende bis zum Main ist wieder eine künstliche Landwehr.

 

 

 

 

Kriege belasten auch das Gebiet des heutigen Stadt Maintal

Bekannt ist der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648, unter dem alle Dörfer schwer zu leiden hatten. Obwohl der Krieg 1648 zu Ende geht, dauert die fremde Besatzung noch zwei Jahre. Hochstadt leidet wieder schwer unter dem schwedischen Oberst Benz. Er liegt bei dem Schreinermeister Johann Emmel im Quartier, der Stab ist in Kesselstadt. Als die Gemeinde sich weigert, über 1.753 Gulden „Stabsgelder“ zu zahlen, wird der Hochstädter Schultheiß Diez Hirst vier Tage lang im Wirtshaus „Zum Ochsenkopf“ in Hanau in Arrest gelegt, bis die Gemeinde dann schließlich das Geld doch bezahlt.

 

Weniger bekannt ist der Reunionskrieg, der auch ein dreißigjähriger Krieg war. Dieser Krieg wird von 1667 bis 1697 gegen Ludwig XIV. von Frankreich geführt. Wie er sich auf Hochstadt auswirkt, zeigen die Chronik des Andreas Emmel aus den Jahren 1672 bis 1676 (siehe das Buch „Aus dem Leben der alten Hochstädter“) und das Kirchenbuch:

Als die Hochstädterin Anna Elisabeth Schneider 1678 einen Koch aus Österreich heiratet, der mit den Soldaten in den Ort gekommen ist, muß der Oberstleutnant als Vorgesetzter des Bräutigams und die Hanauer Kanzlei für die Braut die Einwilligung geben. Die Hochzeit findet in Andreas Ecksteins Haus in Dörnigheim statt im Beisein verschiedener Soldaten und Jungfrauen. Auch im Jahre 1697 kommt es noch einmal zu einer Hochzeit, allerdings sind beide Eheleute von außerhalb. Die Kriegshandlungen erschweren also nicht nur die Taufen und führen zu Flüchtlingen aus den Nachbardörfern, sondern sie haben auch einmal ein erfreuliches Ergebnis.

Im Jahre 1689 fliehen wegen Kriegsunruhen nach Hochstadt: Die Familie Hischer aus Niederdorfelden  und die Bischofsheimer Familien Engelbert Schernick, Erhard Kaiser und Johann Peter Rohrbach. „Ein Soldat von fremden Haufen“ mit Namen Johannes Beckmann wird am 22. Dezember 1689 begraben.

 

Direkte Auswirkungen auf unser Gebiet hat auch die Schlacht bei Dettingen. Im Jahre 1743 werden nämlich mehrere Soldatenkinder in Dörnigheim getauft. Einige sind Kinder von Soldaten, die ihre Ehefrauen dabei haben, andere sind uneheliche Kinder von Soldaten mit Dörnigheimer Frauen. In Dörnigheim lagen Regimenter der Hannoveraner und der Schweden. Sie waren dort stationiert für die Schlacht von Dettingen am 27. Juni 1743. Dabei unterlag die Armee Karls V. der von König Georg II. von England geführten „Pragmatischen Armee“. Kaiser Karl VI. hatte in seiner „Pragmatischen Sanktion“ die österreichische Erbfolge auf dem Kaiserthron festlegen wollen. Georg von England setzt sich für diese Erbfolge ein. Auf beiden Seiten kämpften damals hessische Soldaten, weil der hessische Landgraf seine Leute an die Engländer verkauft hatte. Man vermied es aber, die hessischen Soldaten direkt gegenüber zu stellen. In der Folge dieser Schlacht wird im Juli 1743 Johann Philipp Schmöhl im Alter von 30 Jahren erschossen. Er wollte zusammen mit anderen fremde Pferde von der Getreidefrucht wegtreiben, die teils den Engländern, teils den Österreichern gehört haben.

 

Dann gab es den Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 mit der Schlacht bei Bergen. Infolge eines Vertrages von 1755 wird Hessen in den Siebenjährigen Krieg auf der Seite Englands und Preußens hineingezogen. Vergebens bemüht sich der Landgraf, die Neutralität für die Grafschaft Hanau durchzusetzen. Doch sie wird schon 1756 von den Franzosen besetzt. Es werden unerschwingliche Mengen an Geld und Lebensmittel gefordert. Die Franzosen bedienen sich oft auch selbst, brechen Scheunen auf und entwenden Stroh.

Nur einmal scheint die Stunde der Befreiung zu schlagen. Im April 1759 stößt Herzog Ferdinand von Braunschweig mit hessischen, preußischen und braunschweigischen Truppen gegen Frankfurt vor, um die Franzosen aus dem Maingebiet herauszuwerfen. Am 12. April ist er in Windecken, am 13. April (am „blu­tigen Karfreitag“) beginnt der Angriff auf die französischen Stellungen in Bergen und bei der Berger Warte. Der Wegweiser „Bad Vilbel“ an der Hohen Straße zeigt in Richtung auf das Schlachtfeld der „Schlacht bei Bergen“. Die Franzosen und Württemberger können sich aber mit ihren überlegenen Kräften behaupten, der Angriff wird abgeschlagen, der Herzog tritt den Rückzug nach Kassel an.

 

In den Sterbe­registern der Bischofsheimer Kirche befindet sich ein Bericht des Pfarrers Johann Frey, in dem der Ablauf des Geschehens geschildert wird: „Außer den aufgeführten Sterbefällen sind noch auf unserem Kirchhof dieses Jahr begraben worden ein französischer Soldat, der in des Wirt Kellers Haus den 13. April morgens erschos­sen wurde, und der Tambur von dem Hessischen Regiment Hanau, welcher an seinen in der Schlacht bei Bergen empfangenen Verwundungen die Nacht darauf verstorben ist (weitere Einzelheiten in der Chronik von Herbert Lippert........).

Hier war alles voller Verletzter und Verwundeter, die zurückgelassen werden mußten, auch zwei Wachen von Infanterie und Kavallerie. Nachts um zwölf Uhr kam ein Befehl, wer fort könnte, der sollte sich fort machen zu dem Tannenbusch zwischen hier und Kilianstädten, weil die Armee sich zurückzöge. Da hat sich dann alles fortgemacht bis auf ungefähr 16 Mann, die zu hart verwundet waren und den Franzosen in die Hände fielen. So endete dieser Tag, an welchem wir unsere Befreiung erhofft hatten.

Den folgenden Morgen kam ein Kommando von den Freiwilligen aus dem Elsaß, auch Schweizer und aus dem Regiment Piemont, um Gefangene zumachen. Sie zogen aber vor den Husaren bald wieder aus. Die Husaren haben noch einen Marqueten­der und einige andere Personen hier gefangen genommen. Als diese sich aber wieder zurückzogen, wurden die Gräben um das Dorf von den Franzosen mit Infanterie besetzt. So konnten sie nicht mehr ankommen, bis diese gegen Abend auch wieder abgegangen waren.

Am Sonnabend mußte ich, da es schon finster war, einem schwarzen Husaren noch eine Flasche Wein für seinen Rittmeister geben, welcher auch der letzte gewesen ist, der in das Dorf gekommen ist. Den ersten Ostertag haben die Freiwilligen aus dem Elsaß den Ort besetzt. Die Vereinigte Armee aber hat bis zum zweiten Feiertag abends bei Windecken und Kilianstädten gelagert und sich so­dann zurückgezogen.“

Ein Soldat vom Zweibrücker Regiment versuchte zu desertieren. Ihm wurde auf der Flucht ein Bein zerschossen. Der Jude Salmon mußte 8 Ellen Tuch liefern, auf dem der Soldat zum Kriegsgericht getragen wurde. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Er wurde hingerichtet und in dem Tuch begraben. Die Gemeinde be­zahlte es. Die Baulade (Kirchenkasse) war schon 1757 versiegelt mit allen Schätzen der Kirche nach Hanau in Sicherheit gebracht worden.

In dem Rathaus war ein Lazarett eingerichtet worden, ebenfalls eine Wachstube. Dauernd wurde neues Roggenstroh verlangt, neue Kochtöpfe, neue Kübel, neue Lichter. Französische Kuriere machten kurze Zeit Rast und ließen sich auf Kosten der Gemeinde verpflegen. Bei Michael Kaiser waren ein Jahr lang 42 Franzosen ein­quartiert. Dafür konnte der arme Mann vorerst nur mit 2 Gulden 28 Albus entschädigt wer­den, den Rest erhielt er erst sehr viel später.

Im Jahre 1762 waren in dem Rathaus fünf Wachstuben eingerichtet, für die unter anderem täglich 20 Lichter verlangt wurden. Bei der Überprüfung der Rechnung beanstandete das Amt diesen hohen Verbrauch an Kerzen, aber der Bischofsheimer Zentgraf berichtete, daß die Soldaten diese Mengen verlangten. Sie brauchten diese Kerzen zwar nicht alle zur Beleuchtung. aber die übrigen benötigten sie zum Einschmieren ihrer Haare; Beschwerden bei den zuständigen Offizieren seien erfolglos geblieben.

Diese Schlacht wirkt sich auch bis nach Hochstadt aus: Johann Peter Heckarth sollte am 30. April 1759 Pate werden. Er war damals Soldat im Hanauischen Regiment und wurde am 13. April verwundet und war noch nicht völlig kuriert. Deshalb mußte sein Vater Valentin die Stelle bei der Taufe vertreten.

 

Nicht zu vergessen ist auch der Amerikanische Befreiungskrieg von 1776 bis 1783: Erbprinz Wilhelm von Hessen-Hanau schließt am 4. Februar 1776 einen Beistandsvertrag mit König Georg III. von England. Danach werden am 14. März 760 Soldaten des Regiments Erbprinz auf dem Main nach Amerika verschifft, um im Dienste Englands gegen die amerikanischen Freiheitskämpfer zu kämpfen. Der Erbprinz hatte ein stehendes Heer errichtet, zu dem nicht mehr geworben wird, sondern zu dem die jungen Männer mit mehr oder weniger viel Zwang verpflichtet werden, um gegen Bezahlung militärische Dienste zu leisten. Kürzlich hat jemand in der Zeitung geschrieben, die Soldaten seien ja nicht verkauft, sondern nur ausgeliehen worden. Aber den für England gefallenen Soldaten wird dieser kleine Unterschied wohl egal gewesen sein

Unter den Soldaten sind auch acht Hochstädter, die alle nicht wiederkommen: Peter Horn, Jakob Lind, Andreas Ebert, Johannes Schröder und sein Bruder Philipp Schröder, Philipp Wagner, Jakob Stein und Johann Burger. Nur ein neunter Soldat, Philipp Kauß, desertiert schon in Offenbach. Von Beruf ist er Faßbinder (Küfer), sein Geburtshaus steht in der Bogenstraße (vielleicht Nr. 12). Von den insgesamt 2.400 Hanauer Soldaten kommen 900 nicht wieder zurück. Der Feldzug dauert sieben Jahre und endet 1783 mit dem Frieden zu Washington und der Unabhängigkeit der USA.

Erst kürzlich wurde bekannt, daß ein weiterer Hochstädter das englischer Soldat nach Amerika kam, weil seine Nachkommen nach ihren Vorfahren forschen: Johann Meerbott wurde am 24. Juli 1756 in Hochstadt geboren. Er war Soldat im Regiment Erbprinz und blieb in  Amerika. Nach Unterlagen im Staatsarchiv Marburg wurde er zum Diener ausgebildet. Er heiratete in South Carolina eine Sarah Inman. Sie haben heute Tausende von Nachkommen in den USA und in der ganzen Welt und führen den Familiennamen „Marbut“.

 

Nach der französischen Revolution kommt es zu Übergriffen der Franzosen auf Deutschland, den Koalitionskriegen von 1786 bis 1805. Die Kanonade von Valmy im September 1792 hatte die Invasionstruppen der alten Mächte zum Rückzug aus Frankreich gezwungnen. Im Oktober wurden Speyer, Worms und dann Mainz, schließlich Frankfurt von den Revolutionsarmeen besetzt. Hanau war in dieser Zeit zugesperrt, die Tore bleiben geschlossen und die Zugbrücken hochgezogen. Im Kirchengebet wird 1793 erstmals die „französische Unruhe“ erwähnt (und natürlich um den Segen für die Waffen der Alliierten gegen die Franzosen gebetet).

Am 11. Oktober 1795 stirbt in Hochstadt das 14 Wochen alte Kind Friedrich Asten, als der Vater mit Familie auf dem Durchmarsch des Kaiserlichen Infanterie-Regiments „Fürst Hohenlohe“ ist (weitere Einzelheiten in „Aus dem Leben der alten Hochstädter“).

Ein französisches Heer dringt 1800 bis Frankfurt vor. Die Franzosen streifen im Juli bis nach Hochstadt und Dörnigheim. Am 10. Juli überschreiten dann starke deutsche Truppen den Main bei Hanau und rücken bis Windecken, Hochstadt und zu den Baumstücken in Bergen vor. Als ihnen aber die polnische Legion in die Flanke kommt, müssen sie sich wieder zurückziehen.

Am 11. Juli hört man in Hanau eine heftige Kanonade, die von einem Gefecht bei Hochstadt herrührt. Die Österreicher versuchen, vom Wald aus gegen Hochstadt vorzugehen, werden aber von der französischen Artillerie zurückgeschlagen, die ihre Geschütze vom Obertor bis zum „Kerker“ (östlich von Hochstadt) stehen hat. Die Österreicher müssen sich bis zum Neuhof und zum Neuwirtshaus zurückziehen.

Am 12. Juli kommt es dann zur großen Schlacht. Die Franzosen stehen etwa auf der Linie Vilbel - Bergen - Bischofsheim - Offenbach - Isenburg mit 7.000 bis 8.000 Mann. Die Deutschen haben mit 9.000 bis 10.000 Mann ihre Stellungen etwa auf der Linie Windecken - Hochstadt - Rumpenheim - Heusenstamm - Sprendlingen. Gegen 13 Uhr ist das Gefecht bei Hochstadt besonders stark. Die Deutschen können bis zur Sachsenhäuser Warte vordringen, aber am Ende sind alle wieder in den alten Stellungen. Am 18. Juli wird dann ein Waffenstillstand abgeschlossen.

Joseph Anthon Krim aus Walldürn ist am 12. Juli 1800 in dem Gefecht gegen die Franzosen geblieben. Die Leiche hat vier Tage gestanden und ist in einem Weinberg begraben worden (wenn also auf dem neuesten Friedhof in Hochstadt ein Skelett ausgegraben werden sollte, dann weiß man, wer das ist).

Am 9. Mai 1807 muß Philipp Fix Kriegsfrondienst am Schloß Philippsruhe leisten. Beim Auslichten starker Eichbäume wird er von einem nachrollenden Baum ergriffen und am Unterleib ganz zerquetschet. Er wird in das dortige französische Lazarett gebracht und versorgt. Er stirbt aber am 13. August und wird nach Hochstadt gebracht.

Anna Maria Basermann ist 23 Jahre alt  und hat erst 1811 geheiratet. Am 2. November 1813 wird sie von einem „Unglücksfall“ betroffen: Russische Kriegsvölker treiben sie dermaßen in die Enge, daß sie in einen Brunnen springt. Ihr Leben endet, ohne daß man ihr Hilfe leisten kann.

Am 5. November 1813 wird wieder ein Kind beim Durchmarsch geboren: Paul Schibil, Sohn des Joseph Schibil aus Mähren und dessen Frau Katharina. Der Vater gehört zum Regiment Kaiserliche Reiter Nummer 1, Escadron Herr Rittmeister Erben. Pate wird Paul Seypel, ein Reiter aus Kreuznach von diesem Regiment und dieser Escadron.

 

Durch Einquartierungen und Durchmärsche wird eine Krankheit eingeschleppt, bei der es sich wohl um Typhus gehandelt hat (nicht Pest oder Blattern). Jedenfalls hatte Dörnigheim damals schon einen Arzt, und der hat die Krankheit wohl als Typhus diagnostiziert. Von November 1813 bis Februar 1814 sterben 96 Einwohner Hochstadts, die ohne Sang und Klang beerdigt werden, nachdem jede Familie ihre toten Angehörigen selbst auf den Friedhof geschafft hat. Durch Kriegseinwirkungen verlieren außerdem etwa 100 Einwohner ihr Leben.

Andreas Ebert aus der Familie des Schumachermeisters Andreas Seipel stirbt 1814 als Soldat im Lazarett in Koblenz. Der Pfarrer schreibt den ganzen Totenschein ab: „Totenschein über Andreas Ebert, gebürtig aus Hochstadt im Hanauer Amt Büchertal in Hessen, 18 Jahre alt, welcher als Gemeiner bei der dritten Kompanie 2. Bataillon Kurprinz von Hessen gestanden und ein Viertel Jahr gedient hat, ist am 25. April in das Schloßlazarett Nr. 1 zu Koblenz gebracht und daselbst am 13. Juni1814 an den Folgen des Mertenfiebers (?) gestorben, welches hiermit von dem unterzeichneten Dirigenten des Lazaretts, dem Chirurgisch Oberen und dem Ökonomie-Inspektor der Station, sowie von dem Chirurgen und dem Aufseher des Reviers, worin der Verstorbene während seiner Krankheit behandelt ist, bescheinigt wird. Koblenz, am 14. Juni 1814.  Diffenbach als Dirigent des Schloß-Lazaretts und chirurgischer Oberer der Station, Venent als Lazarett-Inspekteur der Station, Mautz als Aufseher des Reviers. Seite 13, Nummer 353 des Totenbuchs bei dem 2. Bataillon Kurprinz.“ Den Totenschein erhalten und eingetragen. Hochstadt, am 1. September 1814 . Hoene. Nachtrag: Der Todesschein ist der Frau des Andreas Seipel, Maria geborene Ebert, gegeben worden (der Mutter des verstorbenen Soldaten).

 

Der Vertrag von Dörnigheim führt zum Frieden

Am 30. und 31. Oktober stellt sich Napoleon noch einmal den nachrückenden bayrischen und österreichi­schen Truppen bei Hanau zum Gefecht ‑ und wehrt sie erfolgreich ab ‑ selbst in diesem heruntergekom­menen Zustand eine schlagkräftige Truppe. Zwei Tage später, am 2. November 1813, kommt es dann zu dem Vertrag, der in Dörnigheim zwischen einem Vertreter des Großherzogs von Hessen und dem Öster­reichischen Feldmarschall‑Leutnant geschlossen wird.

Mit einem Ereignis tritt Dörnigheim in die große Geschichte ein. Als Napoleon 1813 nach seinem mißglückten Rußlandfeldzug und dem Rückzugsgefecht im Hanauer Lamboywäldchen durch Dörnigheim gen Frankfurt hindurchgezogen war, eilen schleunigst der hessische Hofmarschall und Geheime Rath Freiherr du Thil und der österreichische Feldmarschall‑ Leutnant Graf Fresnel im Gasthaus „Zum Adler“ zusammen, um den Vertrag zu Dörnigheim zu beschließen.

Der Großherzog Ludwig I. hat um diese Unterredung gebeten. Du Thil  besitzt vom Großherzog die Vollmacht für uneingeschränkte Ver­handlungen. Ludwig hat die Nase voll von diesem Bündnis mit den Franzosen: Eine  Million Fran­ken mußte allein in Form von Anleihen von den Gemeinden in Hessen aufgebracht werden. Kurz da­rauf war die zweite Zwangsanleihe von 75.000 Gulden für Militärausgaben befohlen worden. Ganz zu schwei­gen von den immerwährenden Quartierlasten für die im Land liegenden französischen Truppen: 16.000 Mann und 2.000 Pferde. Dazu mußte man noch wehrhafte junge Männer stellen, wenn Napoleon irgendwo Krieg machte.

Freiherr du Thil  ist eifrig bestrebt, nicht allzu viele Vorteile an die bereits verbündeten Österreicher und Bayern zu ver­lieren. Die Bedingungen sind hart genug. Auch hier braucht man junge Männer im wehrfähigen Alter. Auch die Truppen der neuen Verbündeten müssen ver­köstigt werden, so lange sie sich auf hessischem Boden befinden. Trotzdem werden auch die einfachen Leute erkennen müssen, daß dies eine Befreiung ist. Man muß sich endlich aus der „Schutzmacht Frankreich“ lösen.

Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löst sich damit aus dem Rheinbund und verbündet sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde“. Die Neuverbündeten verfolgen das Napoleonische Restheer und treiben es über den Rhein nach Frankreich.

 

Zwei kirchliche Ereignisse dienen  dem Frieden

Nach dem Westfälischen Frieden 1648 verschaffen sich die Lutheraner immer mehr Zugeständnisse und bauen auch ein eigenes Gotteshaus, die heutige Johan­niskirche in Hanau. Die Reformierten berufen sich auf den Erbvertrag, jedoch der Graf und sein Hofprediger verschaffen ihrer Religionsrichtung immer weitere Privi­legien. Im Jahre 1670 wird ein Vergleich geschlossen, der den Lutheranern und Refor­mierten gleiche Rechte zugesteht. Einschränkend wird jedoch festgelegt, daß in der Hanauer Neustadt keine lutherische Schule und keine lutherische Kirche gebaut werden dürfen. Zudem wird den lutherischen Gemeinden auferlegt, daß sie ihre Pfarrer und Lehrer aus eigenen Mitteln zu besolden hätten. Ferner wird bestimmt, daß in dem Gericht Bornheimerberg, zu dem auch Bischofsheim gehört, sämtliche herrschaftliche Bediensteten der lutherischen Religion zugetan sein müssen, nur der Amtmann (Keller) und die fünf Zentgrafen in Bergen, Bocken­heim, Preungesheim, Bischofsheim und Vilbel sollen reformiert sein.

In der ersten Zeit halten die sich bildenden lutherischen Landgemeinden ihre Gottesdienste und Versammlungen in Schul- und Privathäusern ab. Die Seelsorge obliegt den Geistlichen aus der Stadt. Bald aber werden eigene Gotteshäuser gebaut. In Hochstadt geschieht das 1668 und es entsteht eine lutherische Gemeinde. Die Bischofsheimer Lutheraner sind dort eingepfarrt, d. h. sie müssen nach Hochstadt zur Kirche, auch ihre Kinder gehen nach Hochstadt in die Schule. Zu dieser Kirche gehören auch die Lutheraner aus Dörnigheim, Wachenbuchen und Kesselstadt. Die Lutheraner, die alle Mittel für Kirche und Schule aus Privatmitteln aufzubringen haben, kommen deshalb bald in schwere finanzielle Bedrängnis, können sich aber halten.

Erst im Laufe des Jahrhunderts kommen sich die protestantischen Konfessionen näher und beschließen im Jahre 1817 die „Hanauer Union“, die einzige echte Vereinigung von Lutheranern und Reformierten bis nach dem Ersten Weltkrieg

Am 28. Mai zieht die Versammlung vom reformierten Konsistorium neben dem Neustädter Rathaus zur Aula der Hohen Landesschule, wo die Vertreter der beiden Konsistorien schon anwesend sind. Die Kirchliche Vereinigung wird beschlossen. Freudentränen fließen bei den Pfarrern der nun vereinigten Kirchen. Am 1. Juni wird die Synode geschlossen. Der Landesfürst bestätigt die Vereinigung am 4. Juli 1818.

Hochstadt wird vertreten durch Pfarrer Hoene, der 28 Gulden Diäten erhält  für die Teilnahme an der Synode. Einen eigenen lutherischen Pfarrer hat Hochstadt seit 1808 ja nicht mehr.

Am 2. März 1819 wird die Vereinigung in Hochstadt vollzogen. Die Sitzung beginnt mit einem Gebet. Pfarrer und Kirchenälteste geben sich die Hände zum Zeichen gegenseitiger Liebe und Treue. Das Presbyterium der nunmehr vereinigten evangelischen Kirche bittet um den Beistand Gottes für Frieden und Glück der Gemeinde mit wahrer Liebe und festem Vertrauen. Der feierliche Akt wird mit einem Gebet beschlossen. Ein Buch über die Union wird angeschafft.

 

Denkmäler erinnern an die letzten großen Kriege

Denkmäler und Gedenktafeln in den Stadtteilen Maintals erinnern an die Toten der beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts: In Hochstadt im Durchgang des Turms, in Bischofsheim auf dem Friedhof (Ehrenmal und Gedenksteine mit Namen), in Dörnigheim auf dem alten Friedhof (1. Weltkrieg) und in Wachenbuchen eine Gedenktafel an der Kirche und ein allgemeines Denkmal auf dem Kirchhof.

Am Hochstädter Kirchturm steht ein Denkmal, das an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnert. Hier sind die Kriegsteilnehmer aufgeführt, aber auch die „Nicht-Kombat­tanten“, die also nicht in Kampfhandlungen einbezogen waren. Es gab zwei Opfer:

Caspar Hensel starb am 8. September 1870 im Lazarett St. Leon in Naury in Frankreich an Typhus mit hinzugetretener Lungenentzündung. Die Familie erhielt ein Schreiben des Oberbergrats Pfadicke aus Breslau als Subdelegierten für St. Leon vom 9. September 1870. Der amtliche Todesschein vom 16.11.1870 wurde ausgestellt vom Depot de Mendicité zu Naury. Nachkommen sind die Familie Hensel (Trinkbrunnenstraße 3) und Hensel/Löffert (Hanauer Straße 8).

Andreas Schales war ein unverheirateter Sohn aus der Hauptstraße 22.  Er starb am 29. Juni 1871 im Garnisonslazarett in Mainz an Lungenentzündung. Die Leiche wurde von den Eltern hierher nach Hochstadt gebracht.

Verwundet wurden Johannes Philipp Bechert (Bischofsheimer Straße 5 ?) am 6. August 1870  in der Schlacht bei Wörth, Johannes Huhn (Hauptstraße 40) am 1. September 1870 bei Sedan und Wilhelm Lind  (Hauptstraße 24) am 1. September 1870.

Nicht am Krieg nehmen teil die Soldaten: J. Schäfer, H. Habermann, W. Weber, C. Kraft, A. Krebs, J. Bauer, B. Goldschmidt, J. Stiebel (die beiden letzten sind Juden).

Offenbar war das „Veteran-Sein“ wichtig für die Kennzeichnung eines Menschen: Daß aus einem Kind später ein Veteran des Krieges von 1870/71 wurde, wird im Zusammenhang mit der Nachtragung des Todesdatums auch bei der Taufe vermerkt. Bei der Beerdigung des Kaspar Lenz im Jahre 1905 geht der Kriegerverein mit Fahne mit, obwohl er kein Veteran des Krieges war. Als letzter Veteran des Krieges 1870/71 stirbt am 15. April 1926 Philipp Schlegel (Am Kirchberg 4) aus dem Pommerschen Füselier-Regi­ment Nr. 34.

Ein weiterer Todesfall, die mit dem Krieg zusammenhängt, betrifft einen Italiener: Daniele Roland war ein italienischer Kriegsgefangener, der schon krank hier ankommt und deshalb die Arbeitsstelle bei Johannes Schröders Witwe nicht antreten kann. Er hat die Nummer 107407 des Gefangenenlagers in Meschede. Von Beruf ist er Bauer, evangelischer Konfession. Er ist Sohn des David Roland und dessen Frau Maria geborene Roland aus Torre Pelice (Torino). Er hat nach Angaben des Kriegsgefangenenlagers Influenza, laut Totenbuch Brustleiden. Er wird am 4. Dezember 1926 ausgegraben und die Gebeine kommen nach Köln zum Sammelfriedhof. Der Sarg wird hier wieder begraben und die Tafel wieder auf das Grab gesetzt.

Der frühere Stadtrat Schreiber wollte dieses Denkmal an der Hochstädter Kirche entfernen lassen, weil es nicht mehr zur deutsch-französischen Freundschaft von heute passe. Den Franzosen würde es nicht einfallen, ihre Denkmäler zu entfernen, obwohl sich dort viel schlimmere Inschriften finden als bei uns. Solche Denkmäler dienen dem Gedenken an die Opfer des Krieges, aber sie mahnen auch zum Frieden und sind deshalb auch heute noch sinnvoll. In einem vereinten Europa wollen wir die Geschichte nicht leugnen, sondern uns freuen über die neu gewonnene Zusammenarbeit aller Völker.

Das zwanzigste Jahrhundert erlebte zwei Weltkriege. Während im Geschichtsunterricht und im Fernsehen meist die großen Schlachten im Vordergrund stehen, ist es vielleicht wichtiger, die Auswirkungen auf die Familien oder zum Beispiel auf die Schule zu betrachten. Wenn im

Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 die Nachricht vom Tod eines Soldaten eintrifft (das kann erst fünf Monate nach dem Tod sein), dann wird eine Gedächtnisrede gehalten und ein Gedenkblatt übergeben.

Von den zwanzig Elsässern, die von der Militärbehörde im Elsaß nach Hochstadt  verpflanzt worden waren, stirbt am 9. Mai 1917 Genovefa Maillard, Tochter des Fabrikarbeiters Augustin Ruetsch und dessen Frau Magdalene geborene Schlaeflin.

In der Schule wird die Erteilung des Unterrichts immer schwieriger, aber dennoch glaubt man auch in den letzten Wochen immer noch an den Sieg. Ab 28. Januar 1918 hält ein Lehrer aus Fechenheim täglich von 8 bis 12 Uhr Schule, so daß wieder vier Klassen mit je zwei Jahrgängen gebildet werden können. Die „Wanderlehrerin“ Hagebald erteilt den Mädchen der ersten Klasse Hauswirtschaftslehre.

Am 11. Februar 1918 ist aus Anlaß des Friedens mit Rußland ab 11. 30 Uhr schulfrei. Pfarrer Reich hält eine Ansprache am Haupteingang des Schulhauses. Man singt „Nun danket alle Gott“, bringt das Kaiserhoch aus, singt die Nationalhymne und läutet mit allen Glocken.

Am 20. April 1918 kommen neue französische Kriegsgefangene und werden in der Schule untergebracht. Die erste Klasse wird im alten Schulhaus unterrichtet.

Im Juni erhalten die Kinder schulfrei zum Sammeln von Laub, Brombeerblättern und Bucheckern. Die Schule sammelt in diesem Jahr 85 Zentner Laubheu für Militärpferde und 5,70 Zentner Bucheckern. Aber am 16. August muß eine Lehrerkonferenz gehalten werden wegen der Diebstähle der Schüler. Nach Kriegsende kann die Schule auch weiterhin oft nicht genutzt werden. Die französischen Kriegsgefangenen sind zwar abgezogen, aber jetzt werden sächsische Jäger einquartiert. Schule wird im alten Schulhaus gehalten.

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 sind auch heute noch nicht überwunden, denn noch leben viele Kriegsopfer - Witwen, Waisen, Halbwaisen, Kriegsbeschädigte, Vertriebene - unter uns.

Alle vier Dörfer der heutigen Stadt Maintal hatten unter Bombenabwürfen zu leiden. In Bischofsheim geraten am 4. und 5. August 1941 infolge Brandbombenangriffes sieben Scheunen und die in der Jahnstraße gelegene Turn­halle in Brand und fallen den Flammen zum Opfer. Am 4. Februar 1944 werden durch einen Fliegerangriff 130 Brandstellen im Dorf ausgelöst und 32 Wirtschafts­gebäude, zwei Wohnhäuser und das Dach des Kirchturmes können  nicht gerettet werden. Bei den Rettungsarbeiten kommt der Bürger Heinrich Lambrecht ums Le­ben. In Hochstadt fallen die Bomben in die Streuobstwiesen und hinterlassen 24 Einschlagstellen. In Dörnigheim fallen die Bomben in den Wald (im Stadtarchiv liegen genaue Aufzeichnungen darüber vor). Am Schlimmsten trifft es Wachenbuchen am 6. Januar 1945, wo eine Spur der Vernichtung durch das Dorf gezogen wird und 32 Häuser und 23 Scheunen zerstört werden. Auch hat der Ort beim Heranrücken der Amerikaner unter Granatbeschuß zu leiden.

Eine Frau aus Hochstadt stirbt am 2. März 1944 in Bad Vilbel durch einen Bombenvolltreffer bei dem „Terrorangriff“ amerikanischer Flieger in der „Adolf-Hitler-Straße“ 143. Viele Hanauer sind in Hochstadt untergebracht. Ein Ehepaar, das Opfer des Bombenangriffs auf Hanau am 19. März 1945 ist, wird in Hochstadt beerdigt, weil der Sohn hier verheiratet ist. Ein Ausgebombter aus Hanau kommt in Hochstadt unter, stirbt aber am 30. März 1945.

Heinz Gustav Sch. stirbt am 12. April 1945 im Lazarett in Dörnigheim. Er ist verunglückt durch leichtfertiges Hantieren eines Kameraden mit einer am Sportplatz aufgefundenen Panzerfaust. Der Sportplatz war damals am späteren Klinggelände, heute Estergomer Straße. Die Panzerfaust lag wahrscheinlich dort seit dem Gefecht der drei in Hochstadt gefallenen Soldaten mit den einrückenden Amerikanern.

Die erste Flüchtlingsfrau stirbt am 8. April 1946 in Hochstadt. Sie stammt aus Neuberg Kreis Asch (Sudentenland) und ist in der Gaststätte „Zum neuen Bau“ untergebracht. Die zweite Flüchtlingsfrau stirbt im November 1946, ihr Mann stirbt einen Tag später.

 

Kriegsgräber auf dem Friedhof in Hochstadt

Im Sommer 2003 werden die Grabsteine der gefallenen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg am Hauptweg des Hochstädter Friedhofs neu hergerichtet. Vor allem wird die Schrift erneuert, die im Laufe der Zeit doch stark verbleicht war. Aus diesem Anlaß wird auf das Schicksal der Soldaten aufmerksam gemacht, denn erst am Einzelbeispiel werden die Schrecken des Krieges deutlich.

Kriegsgräber dürfen nach internationaler Übereinkunft nicht beseitigt werden. Deshalb werden sie auch auf dem Hochstädter Friedhof gepflegt und erhalten. Im Krieg 1870/71 gab es nur einen Gefallenen aus Hochstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Liste schon wesentlich länger und es gab keinen Sieg mehr zu feiern, sondern nur der Tod vieler Bürger war auf einer Gedenktafel zu beklagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Liste noch wesentlich länger. Es gibt Familien, deren Name in Hochstadt verschwunden ist, weil im Ersten Weltkrieg der Vater gestorben ist und im Zweiten Weltkrieg dann der Sohn.

Heute gedenken wir nicht nur der Soldaten, sondern auch der Opfer unter der Zivilbevölkerung und ganz allgemein aller Opfer von Gewalt und Machtherrschaft im Zusammenhang mit Kriegen und politischen Systemen. Diese werden manchmal als „unschuldige Opfer“ bezeichnet. Aber auch Soldaten sind unschuldig, auch sie wollten nicht kämpfen und nicht sterben. Der Tod eines Soldaten ist nicht dadurch gerechtfertigt, daß das Sterben gewissermaßen sein Beruf ist. Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel, weil Krieg nicht sein darf und das Leben eines Menschen unendlich wertvoll ist und nicht mutwillig ausgelöscht werden darf.

Wie unsinnig das Sterben eines Soldaten ist, zeigen auch die Schicksale der in Hochstadt begrabenen Soldaten. Die beiden zuerst beerdigten Soldaten (von links nach rechts) starben im Hilfslazarett in Hochstadt, das sich in der Schule in der heutigen Klosterhofstraße befand.

1. Hans Gerhard Mohn war Sohn des Fleischermeisters Kurt Mohn in Freital-Deuben bei Dresden, An der Weißeritz 5. Er wurde am 15. Januar 1927 in Freital-Deuben geboren. Er war Grenadier und starb in Hochstadt an Nierenentzündung. Bestattet wurde er am 26. März 1945.

2. Ulrich Krüger wurde geboren 25. Mai 1925 als Sohn des Otto Krüger in Grimmen Kreis Stralsund, Zwenendamm 20. Er war Oberreiter im 3. Flieger-Ersatz-Bataillon, Regiment 1121, seine Erkennungsmarke lautete M 4788.  Gestorben ist er am 26. März 1945 in Hochstadt. Bestattet wurde er am 29. März 1945.

 

Drei Soldaten kamen bei Kämpfen südlich von Hochstadt um. Ein Dörnigheimer erzählt, sie hätten an der Straße von Dörnigheim nach Hochstadt die Amerikaner noch aufhalten wollen. An der Waldecke nördlich der Bahnlinie, wo später das Pförtnerhaus der Firma Kling stand, lag ein Betonring, an dem sie sich verschanzten. Eine Granate aus einem Panzer hat ihren Widerstand beendet. Bei einem der Toten ist allerdings im Kirchenbuch vermerkt, er sei durch eine Kopfschuß getötet worden. Die Soldaten starben am 28. März 1945 etwa um vier Uhr in der Nacht. Die Gefallenen wurden ausgeplündert in den Schützenlöchern gefunden. Begraben wurden sie um 17 Uhr ohne Sarg, weil es keine Särge gab. Totengräber war Johannes Fischer, der damals Gemeindearbeiter war.

3. Otto Behrens  wurde am 18. Mai 1920 in Gersterode in Nordthüringen geboren als Sohn des Bahnhofvorstehers Wilhelm Behrens  und seiner verstorbenen Frau Johanna geborene Ebenroth zu Niederorschel im Eichsfeld. Er war verheiratet mit Ingeborg geborene Aßmannn aus Rehrungen Kreis Grafschaft Hohenstein, Karl-Heye-Straße 17. Im Krieg war er Grenadier.

4. Lothar Hermann  wurde am 4. Dezember1919 in Ruhla bei Eisenach geboren als Sohn des Friedrich Herrmann und seiner Frau Anna geborene Stein. Er wohnte in Ruhla in der Bahnhofstraße 3. Seine Erkennungsmarke lautete „2551 O“. Bei ihm wurde noch sein Führerschein gefunden

5. Werner Seeger  wurde am 24. März 1920 in Berlin geboren als Sohn des Edmund Seeger und seiner Frau Elisabeth geborene Mohr. Er war verheiratet mit Ursula geborene Bohn. Zuletzt wohnten sie in Gotha, Eschleber Straße 116. Seine Erkennungsmarke lautete „2636 A“. Bei ihm fand sich ein Briefumschlag mit der Adresse an H. Seeger, Absender war Ursula Seeger.

Der sechste Soldat ist ein Hochstädter, der im Taubertal infolge von Kriegshandlungen umgekommen ist:

6. Ernst Seibel wurde am 24. März 1917 in Hanau geboren. Seine vollständigen Vornamen waren „Friedrich Wilhelm Ernst“. Er war von Beruf Buchdrucker und war seit 1943 verheiratet mit Herta geborene Bilz. Der Sohn Ernst wurde am 3. August 1944 geboren. Bei der Geburt starb die Mutter. Die Familie wohnte damals in der Bischofsheimer Straße 13, der Sohn wohnt heute in Dörnigheim.

Ernst Seibel hatte im Krieg den Rang eines Feldwebels und starb 12. April 1945 um 3 Uhr nachmittags in Waldmannshofen. Im Kirchenbuch ist mit Bleistift vermerkt: „Selbst ohne Waffen und Gegenwehr von Amerikanern feig erschossen“. Er hat sich wohl in Uniform auf die Straße begeben, und die Amerikaner wollten nichts riskieren und haben sofort geschossen. Ernst Seibel wurde auf Wunsch der Angehörigen nach Hochstadt überführt und dort beerdigt, ein genaues Datum ist nicht angegeben.

 

Es ist nichts bekannt über Angehörige der auswärtigen Soldaten. Die Gräber werden aber nicht nur von der Friedhofsverwaltung betreut, sondern auch vom Ehepaar Bauscher aus der Trinkbrunnenstraße, das zum Beispiel auch jedes Jahr zum Volkstrauertag Grablichter auf die Gräber stellt. Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ erkundigt sich jedes Jahr nach den Gräbern und gibt wohl auch Zuschüsse. Im Internet kann man übrigens nachsehen, welche Namen von Gefallenen beim Volksbund erfaßt sind und ob vielleicht ein Grab des Betreffenden bekannt ist.

Vor allem die Einwohner, die kein Grab ihres gefallenen Angehörigen kennen oder es nicht besuchen können, haben auf dem Friedhof Gelegenheit, ihrer Verstorbenen zu gedenken. Dazu ist auf dem Hochstädter Friedhof das große Kreuz aus Basaltstein errichtet. Auf der Gedenktafel steht: „Den Toten der Weltkriege, den Opfern der Vertreibung“.

 

Unsere Verpflichtung zum Frieden

Beim Thema „Krieg und Frieden“ könnte man sich ja einmal überlegen, wo im Gebiet von Maintal Bezeichnungen vorkommen, die an den Frieden erinnern.

 

Das gibt es in Wachenbuchen im Flurstück „An der Pfaffenerle“ außer dem Taubenbrunnen auch einen Friedensbrunnen. Von hier wird seit 1874 das Wasser durch eine Rohrleitung in die schon vorhandene Wasserleitung ins Dorf geleitet. In Dörnigheim gibt es immerhin eine „Friedensstraße“, wenn auch etwas am Rande der Bebauung parallel zur Querspange. Und neuerdings hat die Siemens-Schule einen Friedensbaum gepflanzt.

Der Maintal Tagesanzeiger schreibt am 14. Mai 2005: Zum Gedenken des Kriegsendes vor 60 Jahren setzte sich die Werner-von-Siemens-Schule mit vielfältigen Projekten mit dem 8. Mai 1945 und seinen weitreichenden Fol­gen für das Nachkriegsdeutschland auseinander. Als beispielhafte Projekte seien die Podiumsdiskussion mit dem Zeitzeugen Horst Puhle und die Pflan­zung eines Friedensbaumes näher be­schrieben. Mit freundlicher Un­terstützung der Stadt Maintal wurde eine Stadtlinde als Frie­densbaum im Schul­gelände eingepflanzt. In seiner Rede dazu wies Schulleiter Kühhirt darauf hin, daß nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach 2077 Tagen ei­nerseits Deutschland zerstört und überall Hunger und Leid be­klagt wurde. Ande­rerseits sei die Nie­derlage des national-sozialistischen „Drit­ten  Reichs“ aber auch Voraussetzung für die Entwicklung Deutschlands, einen neuen Aufbruch zu ei­ner neuen Geschichte gewesen. Die Pflicht des Erinnerns betonte Rainer Kühhirt, „denn nur so kann man verste­hen, was heute mit uns, um uns passiert, wie es dazu kam, was alles möglich gewor­den ist, was zu bewahren ist und wofür jeder sich einsetzen muß.“ Er führte dabei Frieden, Wiederaufbau, Leistung, Tole­ranz, das Miteinander von vielen Nationen und Kulturen auf....... Mit der Pflanzung eines Friedensbaumes sollten keine Schlußpunkte unter die Geschichte gesetzt werden, sondern neue Aufgaben beginnen: Den Friedensbaum pflanzen, ihn hegen und pflegen und durch seine Ent­wicklung an das erinnern, was vor 60 Jah­ren angefangen hat und was es zu bewah­ren gilt. Begleitet wurde die Pflanzaktion von den fünften Klassen, die unter Leitung von Hildegard Bauer das Lied „Der Friedensmaler“ von Frederik Vahle vortrugen und mit dem Gedicht „Der kleine Frie­den“ darauf hinwiesen, daß „der es schwer hat in dieser lauten Zeit“.

Wir hatten jetzt 60 Jahre keinen Krieg. Es war nicht immer ein wirklicher Frieden, denn im sogenannten „Kalten Krieg“ gab es gefährliche Spannungen. Aber die Völker haben auch gelernt, gegen Aufrüstung und Krieg zu demonstrieren und vielfältig zu protestieren. Unvergessen sind die Proteste gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, gegen Atomwaffen, gegen die Nachrüstung mit Raketen, gegen den Vietnamkrieg und gegen die Irakkriege.

Wegen des Golfkriegs sagen die Käwern im Jahre 1991 ihre Veranstaltungen ab. In der Kirche findet ein Gebet für Frieden und Gerechtigkeit statt. Die Maintaler Friedensinitiative demonstriert in der Stadtverordnetenversammlung im Hochstädter Bürgerhaus. Am 20. Februar findet dort eine Bürgerversammlung zum Thema „Golfkrieg“ statt. Das Beratungsteam für Kriegsdienstverweigerer hat alle Hände voll zu tun, weil Bundeswehrreservisten den Kriegsdienst verweigern.

Unser Volk ist nicht mehr „kriegslüstern“, sondern seine Soldaten sind weltweit im Einsatz gegen Krieg und für eine friedliche Welt, sie zerstören nicht, sondern bauen auf, sie versöhnen und bilden aus. Unsre Aufgabe ist es weiter, Frieden zu lernen, nicht nur Frieden zu halten, sondern aktiv Frieden zu schaffen.

 

 

 

 

 

 

 

Rundgang zu Gedenkstätten in Hochstadt

 

1. Eine Ausstellung im Museum könnte Bilder zeigen von Soldaten, eine Tafel aller Kriegs­teilnehmer des Ersten Weltkriegs und eine Tafel der Gefallenen und anderes.

2. Vor dem Museum weist man hin auf die verwitterte Inschrift „Luftschutzraum“. Hier könnte dann über die Bombenabwürfe in Maintal berichtet werden.

3. Die gegenüberliegende alte Schule ist Anlaß, auf die frühere Schule in der Klosterhofstraße hinzuweisen, die in beiden Kriegen als Lazarett genutzt wurde.

4. Kriegerdenkmal von 1870/71 (siehe unten)

5. Gedenkstätten gibt es auch in den anderen Orten: In Bischofsheim auf dem Friedhof (Ehrenmal und Gedenksteine mit Namen), in Dörnigheim auf dem alten Friedhof (1. Weltkrieg) und in Wachenbuchen eine Gedenktafel an der Kirche und ein allgemeines Denkmal auf dem Kirchhof.

6. In Hochstadt gibt es Gedenktafeln im Durchgang des Turms Siehe unten).

7. Bomben auf Wachenbuchen, Dörnigheim, Bischofsheim und Hochstadt.

Eine Flakstellung war zum Beispiel vor dem  Wald nach Hanau, eine Radarwarnstation am Hühnerberg.

7. Soldatengräber auf dem Friedhof.

 

 

Denkmal Krieg 1870 / 1871:

Hier kann man zu allen Kriegsteilnehmern etwas sagen. Sie werden vorgestellt (in der Reihenfolge auf dem Denkmal. Nicht alle lassen sich identifizieren, zwei Namen kommen doppelt vor:

Caspar Hensel (Familiennummer 364) starb am 8. September 1870 im Lazarett St. Leon in Naury in Frankreich an Typhus mit hinzugetretener Lungenentzündung. Die Familie erhielt ein Schreiben des Oberbergrats Pfadicke aus Breslau als Subdelegierten für St. Leon vom 9. September 1870. Der amtliche Todesschein vom 16.11.1870 wurde ausgestellt vom Depot de Mendicité zu Naury. Nachkommen sind die Familie Hensel (Trinkbrunenstraße 1) und Hensel/Löffert (Hanauer Straße 8).

M. Fischer (Michael Fischer?).

J. Fischer  (evtl. Johannes Fischer, Hanauer Straße 14).

Johannes Philipp Bechert (Bischofsheimer Straße 5 ?) wurde verwundet am 06.08.1870  in der Schlacht bei Wörth.

Peter Koch (Am Kirchberg 3), Nachkommen sind u.a. die Familien Hensel (Ringstraße 2) und Koch (Weiherstraße 16).

Daniel Koch: Als er beerdigt wurde, spielte zum ersten Mal eine mit Militärmusik bei einer Veteranenbeerdigung. Nachkommen sind die Familien Koch (Klosterhofstraße 1) und Sauermilch (Hauptstraße 1).

Ph. Stein (nicht zu identifizieren).

P. Stumpf (Peter Stumpf, Ringstraße Nord 2).

W. Schäfer (evtl. Wilhelm Schäfer, Hauptstraße 44).

Johannes Huhn (Hauptstraße 40), verwundet bei Sedan am 1. September 1870.

Ph. Burger (evtl. Philipp Burger, Bischofsheimer Straße 13).

Wilhelm Lind  (Hauptstraße 24), verwundet am 1. September 1870, wird am 14. Januar 1891 beerdigt „mit militärischen Ehren als Invalide aus dem Krieg von 1870“

C. Fischer (vielleicht Caspar Fischer, Lutherstraße 1).

Philipp Schlegel (Am Kirchberg 4): Füselier im Pommerschen Füselier-Regiment Nr. 34, 1. Kompanie. Er starb am 15. April 1926 als letzter Veteran des Krieges 1870/71

Johann Carl Weber (Hanauer Straße 7) wird am 31. März 1891 „mit militärischen Ehren“ beigesetzt.

W. Huhn F (er läßt sich nicht identifizieren, in der ganzen Kriegszeit ist kein Todesfall „Huhn“ eingetragen).

Johannes Fischer, Bahnhofstraße 1.

Ph. Lind (Philipp Lind, Am Pfarrhof 1).

Philipp Stein (Bogenstraße 7) nahm als Brigadist am Feldzug teil. Nachkommen sind u.a. die Familien Strohl (Weinbergstraße 2), Schmidt (Bogenstraße 12), Heck (Am Pfarrhof 5), Eibelshäuser (Klosterhofstraße 21), Fischer (Bahnhofstraße 1) und Krapf (Ringstraße 3).

 

Nicht am Krieg nahmen teil die Soldaten: J. Schäfer, H. Habermann, W. Weber F, C. Kraft, A. Krebs, J. Bauer, B. Goldschmidt, J. Stiebel, A. Schales F (unverheirateter Sohn aus Hauptstraße 22, starb am 29. Juni 1871 im Garnisonslazarett in Mainz an Lungenentzündung. Die Leiche wurde von den Eltern hierher nach Hochstadt gebracht),  W. Strohl, J. Bechert. Reservist ist Jacob Bauer.

Karl Hermann Bühling, Füselier in der 8. Kompagnie des Hessischen Füselierregiments Nr. 80, geboren am 31. Januar 1851 in Mühlberg Kreis Liebenwerda, starb am 4. September 1872 während der Herbstmanöver an einem Hitzschlag.

Offenbar war das „Veteran-Sein“ wichtig für die Kennzeichnung eines Menschen: Daß aus einem Kind später ein Veteran des Krieges von 1870/71 wurde, wird im Zusammenhang mit der Nachtragung des Todesdatums auch bei der Taufe vermerkt. Bei der Beerdigung des Kaspar Lenz im Jahre 1905 ging der Kriegerverein mit Fahne mit, obwohl er kein Veteran des Krieges war.

Ein weiterer Todesfall, die mit dem Krieg zusammenhängt: Daniele Roland war ein italienischer Kriegsgefangener, der schon krank hier ankam und deshalb die Arbeitsstelle bei Johannes Schröders Witwe nicht antreten konnte. Er hatte die Nummer 107407 des Gefangenenlagers in Meschede. Von Beruf war er Bauer, evangelischer Konfession. Er war Sohn des David Roland und dessen Frau Maria geborene Roland aus Torre Pelice (Torino). Er hatte nach Angaben des Kriegsgefangenenlagers Influenza, laut Totenbuch Brustleiden. Er wurde am 4. Dezember 1926 ausgegraben. Die Gebeine kamen nach Köln zum Sammelfriedhof. Der Sarg wurde hier wieder begraben und die Tafel wieder auf das Grab gesetzt.

 

 

Gedenktafeln im Kirchturm:

(in der Reihenfolge des Todes der Gefallenen, unter Verwendung der Angaben auf der „Ehrentafel“ und eines „Gedenkblattes“, das als Fotografie noch erhalten ist, zum Beispiel bei der Bildstelle).

Hier kann man nicht jede Person einzeln vorstellen. Aber man sollte auf Wünsche der Teilnehmer eingehen, vielleicht gibt es Verwandte und Bekannte oder Menschen mit dem gleichen Familiennamen, sonst einfach von den Tafeln Namen ablesen lassen.

 

Erster Weltkrieg:

Der erste Gefallene des Ersten Weltkriegs war der Versicherungsangestellte Wilhelm Rocholl geboren am 2. Oktober 1890 aus der Villa am Weg zum Bahnhof. Er war Leutnant im Infanterie-Regiment 99 und starb am 21. August 1914 bei Bieberskirch in Lothringen, in einem Gefecht um 7 Uhr bei Weyerwald. Er wurde in der Nähe von Bieberskirch beerdigt, der Tag ist nicht bekannt. 24 Jahre

 

Jacob Peter Stein, geboren am 18. Mai 1883, Landwirt, Musketier im Infanterie-Regiment Nr. 88, Kompanie 8, verwundet in der Schlacht  von Neuf-Chateau in Belgien. Dort starb er im Lazarett am 23. August 1914. Begraben auf dem Friedhof zu Neuf-Chateau. 31 Jahre.

Jungmann, Johannes: Unteroffizier, Infanterie-Regiment Nr. 80, 12. Kompanie, gefallen am 10. September 1914 in der Marneschlacht. 23 Jahre (nur auf Tafel, nicht im Totenbuch, in den Kirchenbüchern  ist er überhaupt nicht aufgeführt).

 

Wilhelm Weckmann, geboren am 24. Mai 1892, Landwirt und Wagner, Füsilier in der 10. Kompanie des Füselier-Regiments 80, gefallen am 29. September 1914 bei Champien durch Brustschuß. Begraben rechts von der Straße  Solente-Champien an einem Garten, der sich etwa 100 Meter von dem Orte Champien befindet. Massengrab mit Kameraden  der 11. Kompanie des Füselier Regiments  80.

 

Heinrich Koch, Landwirt, im 1. Infanterie-Regiment Nr.  88. 9. Kompanie. Bei der Geburt des zweiten Kindes 1915 „vermißter, jedenfalls gefallener  Krieger in Frankreich“. Durch Urteil des Königlichen Amtsgerichts 5 in Hanau vom 7. März 1918  für tot erklärt worden. Als Zeitpunkt des Todes ist der 30. September 1914 festgestellt. Im Gedenkblatt, das der Pfarrer in der Wohnung am 20. August 1918 abgab, war ebenfalls als Todestag der 30. September 1914 angegeben. 32 Jahre.

 

Philipp August Schales, geboren am 31. August 1892, Arbeiter, Füsilier im Füsilier Regiment Nr. 80, 9. Kompanie, gefallen am 4. Oktober 1914 bei Villers le Roye und dort auch begraben. 22 Jahre.

 

Georg Eibelshäuser, geboren am 18. März 1891, Eisendreher,  Jäger im Jäger-Bataillon  Nr. 11 (laut Gedenkblatt Jägerbataillon 13), 3. Kompanie.  Am 20. September wurde er verwundet in einem Gefecht  bei Nouvron Chevillecourt und ist am 11. Oktober 1914  im Militärhospital in Caen gestorben. 23 Jahre

 

Hermann Bürtel, geboren am 18. Dezember 1890, Arbeiter, Infanterist, Ersatzmann im Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 168, I. Bataillon, 4. Kompanie. Verwundet bei Lille am 1. November 1914 durch Granatschuß. Rückenmarks- und Lungenverletzung, Lähmung des unteren Körpers. Gestorben im Reservelazarett Dreifaltigkeitskrankenhaus in Köln-Braunsfeld am 19. November 1914. Begraben am 23. November in Köln.  24 Jahre.

 

Friedrich Karl Reich, geboren am 22. November 1890, Pfarramtskandidat, Kriegsfreiwilliger Gefreiter in der 9. Armee, 6. Armeekorps. Landwehr-Ersatz-Brigade 1, Regiment 4, Bataillon 4, Kompanie 2. Er erhielt am 3. oder 4. Dezember 1914 eine schwere Verwundung (Leibschuß), die in einem Nachgefecht  am 2./3. Dezember früh 3 Uhr geschah, bei Mogilno bei Lask in Russisch-Polen. Ort und Stunde des Todes sind unbekannt, ebenso Tag und Ort der Beerdigung. Diese Angaben machte der vierte Sohn des Pfarrers Reich, Fritz Reich, der mit seinem Bruder Karl in der gleichen Kompanie diente.  24 Jahre.

 

Heinrich Wandmacher, geboren am 9. Dezember 1894, Diakon, Kriegsfreiwilliger im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 208 Braunschweig. Am Yserkanal schwer verwundet und seinen Wunden erlegen zwischen dem 5. und 23. Dezember 1914. 21 Jahre.

 

Kaspar Schäfer, geboren am 15. August 1892, Knecht bei Philipp Stein, später Bahnarbeiter. Seit Herbst 1913 war er beim 5. Garde-Regiment zu Fuß in Spandau. Er kam an 12. August 1914 nach Namur und am 30. September 1914 nach Rußland, Er  wurde Unteroffizier. Seit dem 12. November 1914 war er im Hauptgarnisonslazarett in Kolberg (nicht Koblenz), dort ist er am 2. Januar 1915 gestorben und in Kolberg beerdigt (nach Angaben seines in Hochstadt wohnenden Bruders).

 

Wilhelm Emmel, geboren am 14. Mai 1886, Landwirt: Wehrmann in der 10. Kompanie (mit Bleistift: 9. Kompanie) des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 88, 21. Reserve-Division. Am 3. Februar 1915 bei der Erstürmung der Höhe 191 bei Massiges in Frankreich gefallen durch Leibschuß. Nach Angaben seines Kameraden Müller aus Hochstadt wurde er am 7. Februar bestattet unweit der Stelle seines Todes bei anderen Gefallenen. 29 Jahre.

 

Johannes Höhn, geboren am 10. November 1893, Knecht: Musketier der 10. Kompanie Ersatz-Regiment 223, 48. Reserve-Division, 24. Armeekorps. Gefallen am 7. Februar 1915 im Gefecht bei Wolosianka (Karpathen) durch Kopfschuß. 22 Jahre.

 

Philipp Rohn, geboren am 20. Januar 1886, Wagner: Reservist im Reserve-Regiment Nr. 88 (Gedenkblatt: Regiment 89), 4. Kompanie. Am 26. Februar 1915 um 0.30 Uhr auf Wache durch Granatsplitter am Kopf verwundet. Er war sofort tot. Von einer Verwundung im Dezember 1914 war er geheilt. Beerdigt wurde er am 26.02., abends 8.15 Uhr, in Bois de Ville-sur-Tourbe im Garten eines Gehöftes im Beisein von zwei Hochstädter Kameraden (Philipp Mankel und Wilhelm Seipel), wobei der Kompanieführer eine Ansprache hielt und das Vaterunser betete. 29 Jahre (Gedenktafel im Kirchturm: Todestag 25.02.).

 

Wilhelm Friedrich Stein, geboren am 21. Februar 1894, Bahnarbeiter: Gardefüselier im Lehr-Infanterie-Regiment, 12. Kompanie, Südarmee. Gefallen am 19. März 1915  in Galizien, am Zwinin II.  21 Jahre.

 

Georg Lotz, geboren am 1. April 1894, gefallen am 15. März 1915 (nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Johannes Karl Koch, geboren am 8. September 1893, Sattler: Diente bei der 4. Kompanie des 3. Garde-Ersatz-Bataillons, 2. Garde-Ersatz-Regiment, Armeeatt. Stranz, Garde-Ersatz-Division. Gefallen am 19. April 1915 beim Unterstandbauen durch Lungenschuß. Starb eine Stunde nach der Verletzung bei Essey. Begraben auf dem Friedhof in Essey bei Thiancourt, Meuse et Moselle, Frankreich.  22 Jahre.

 

Peter Ludwig Stumpf, geboren am 5. Juni 1890, Spengler: Ersatz-Reservist im Infanterie-Regiment Nr. 168, 2. Kompanie, 25. Reserve-Division. Musketier. Anzeige des Ersatz-Ba­taillon des 5. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 168 vom 12. Juni 1915: Er sei gefallen um 4 Uhr nachmittags. Gefallen am 5. Mai 1915, vormittags 10.30 Uhr in den Karpaten auf Höhe 640 bei Erstürmung des Dilec im Wirrawatal durch Gewehrschuß durch den Kopf. Begraben bei Virawa unter einer hohen Buche mit noch anderen Kameraden  auf der Höhe Dielec, Galizien. (Gedenkblatt: bei Viraco?), 25 Jahre.

 

Jakob Emmel, geboren am 21. Dezember 1888, Landwirt: Ersatz-Reservist im Infanterie-Regiment Nr. 172, II. Kompanie, XV. Armeekorps, 39. Division (Oberelsässisches Regiment 172). Gefallen am 9. Mai 1915, mittags 11-12 Uhr, beim Sturm auf einen Graben der Engländer bei Ypern. Sofort tot  durch Kopfschuß mit einem Infanterie-Geschoß. Unweit der Stelle, wo er fiel, in einem kleinen Gehölz vor der Parkmauer des Chateuaux südlich der Straße Ypern-Ghelmer begraben. 27 Jahre.

 

Philipp Heinrich Koch, geboren am 5. Dezember 1898, Lehrer: Musketier Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 222, vermißt im Ersten Weltkrieg, gefallen am 11. Juni 1915 in den Karpathen. 23 Jahre. Laut Gedenktafel im Kirchturm gefallen im Mai 1915. Nicht im Totenbuch.

 

Karl Reuß, geboren am 11. Oktober 1894, Sattler: Musketier im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 83, V. Kompanie, 25. Reserve-Division, 50. Reserve-Infanterie-Brigade. Ausgezogen am 30. März 1915. Gefallen in Galizien am 23. Juni 1915 (Bleistiftvermerk: 22.06.1915 im Gefecht bei Wiesenberg, Gedenkblatt: Am 22.6.1915 bei Wiesenberg, Galizien). Beerdigt in einem Massengrab, dessen Bild das Ersatz-Bataillon, Reserve-Infanterie-Regiment 83, an die Eltern sandte. Das Grab ist von der Fliegerabteilung 63 hergerichtet  und mit einer Eisentafel mit eingemeißelten Namen der Gefallenen versehen, ein doppelter Fichtenzweig aus Schmiedeeisen unten. 21 Jahre.

 

Peter Daubert, geboren am7. Dezember 1879, Weißbinder: Seit 16. August 1903 Wehrmann im Reserve-Regiment Nr. 80, III. Bataillon, 9. Kompanie, 21. Reserve-Division. Am 9. September 1915 zwischen  Cernay-en-Dermois und Massiges durch eine Granate erschlagen, zugleich mit Heinrich Kaufeld, Kopf- und Halsschuß. Beerdigt auf dem Soldatenfriedhof am nördlichen Hang des Kanonenbergs, Höhe 199. 36 Jahre.

 

Andreas Heinrich Kaufeld, geboren am 19. September 1879, Maurer: Wehrmann im Reserve-Regiment Nr. 80 (Gedenkblatt: 88), 9. Kompanie. Am 9. September 1915 zwischen Cernay-en-Dermois und Massiges  mit noch einem Kameraden  (Peter Daubert) durch eine Granate erschlagen. Vormittags 8 Uhr. Rückenschuß. Beerdigt auf dem Soldatenfriedhof des Kanonenbergs, Höhe 199. 36 Jahre.

 

Karl Heinrich Huhn, geboren am 12. Oktober 1883,  Maurer, Dorfelder Straße 20: Ersatz-Reserve- Infanterie-Regiment Nr. 80, 11. Kompanie, vermißt seit 27. September 1915 in den Argonnen (laut Gedenktafel im Kirchturm gestorben am 25.09.15).

 

Max Wenzel : Landwehrmann im Infanterie-Regiment 116, V. Kompanie. Gefallen am 25. September 1915, vormittags zwischen 10 und 12 Uhr in der Gefechtsstellung zwischen Aisne und Argonnai (Dieusonstall ?) im Gefecht. Die Art des Todes ist der Kompanie nicht bekannt. Nicht auf der Gedenktafel im Kirchturm (Er war Dissident, irgendwann einmal verzogen).

 

Philipp Burger, geboren am 9. April 1878, Maurer: Landsturm-Regiment  Nr. 25 (Gedenkblatt: Landsturmmann Reserve-Infanterie-Regiment 25), 2. Kompanie. Am 24. oder 23. Februar 1916, nachmittags 6.30 Uhr an Nierenkrampf gestorben in der Revierstube des Regiments an der Aisne bei Autréches. Beerdigt im Dorf Autriches hinter der deutschen Stellung. 37 Jahre.

 

Wilhelm Ebert, geboren am 20. Februar 1893, Bijoutier: Infanterist im Infanterie-Regiment Nr. 81, 12. Kompanie, 21. Infanterie-Division, 18. Armeekorps (Gedenkblatt: Telefonist 12. Kompanie). Gefallen am 3. März 1916 nachmittags 10 Uhr, nördlich von Verdun durch Granatsplitter in den Kopf. Nach Unteroffizier Bornemann nachmittags 6.15 Uhr unweit des Fort Douaumont. Beerdigt an der Chambrettes Ferme in einem von uns angelegten Friedhof  bei Couvemont. Gedächtnisstein am 9. April 1916. 23 Jahre,

 

Valentin Ziegler, geboren am 24. Januar 1885, Schlosser, Hanauer Straße 7: Ersatz-Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 87, 4. Kompanie. Gefallen laut Gedenkblatt am 25. September 1915 bei Massiges, Höhe 191, 33 Jahre. Nicht im Kirchenbuch, nur auf der Gedenktafel im Kirchturm mit dem Todestag 18. April 1916.

 

Johann Ziegler, geboren am 8. April 1894 in Altengronau, Schuhmacher, Pionierkompanie 241, gefallen am 21. Oktober 1915 bei Villers-sous-Preny. Nicht im Kirchenbuch.

 

Wilhelm Georg Strohl, geboren am 7. September 1884, Landwirt: Gefreiter im Infanterie-Regiment Nr. 149, 7. Kompanie, 4. Infanterie-Division, Westgrenze. Am 4. Mai 1916 gefallen bei Verdun, Höhe 304, durch Granatschuß. 31 Jahre.

 

Konrad Dornemann, geboren am 17. Dezember 1888, Schlosser: Torpedo-Oberheizer der Reserve, 4. Kompanie, II. Torpedo-Division bzw. 18. Halbflotille. In den Dienst eingetreten am 4. August 1914. Gefallen in der Seeschlacht im Skagerag. am 31. Mai 1916 nachmittags 9.35 Uhr  in der Nordsee 56/44 Grad nördlicher Breite, 5/20 Grad Länge. Nach Ermessen der Halbflotille muß der Tod als einwandfrei erwiesen angesehen werden. Das Reichsmarineamt  teilt unter dem 31.10.1916 mit: „Leiche bisher nicht geborgen. Eintrag als ‚tot’ auf Grund militärischer Feststellungen.“ 28 Jahre.

 

Georg Gebelhardt, geboren am  25. Februar 1880: Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 88, gefallen am 2. Juli 1916 an der Somme. 36 Jahre (nur auf  Gedenktafel im Kirchturm, nicht im Totenbuch).

 

Jakob Philipp Bauer, geboren am 8. Juni 1888, Maurer: Ersatzreservist bei der 8. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 88. Am 1. August 1916, vormittags 11 Uhr, nordöstlich des Fort Souville bei Verdun durch einen Granatschuß gefallen. 28 Jahre.

 

Wilhelm Konrad Seipel, geboren am 26. April 1888, Weißbinder: Gefreiter der Reserve bei der 4. Kompanie des Reserve-Regiments Nr. 88. Gefallen bei den Kämpfen um Verdun am 1. August 1916. 28 Jahre.

 

Johannes August Kohlhepp, geboren am 1. August 1891, Knecht: Seit 5. April 1915 Fahrer in der 1. Batterie, Bataillon 76, Fußartillerie im Regiment 9. In der Nacht vom 9. zum 10. April ist er in Roizy bei Arras beim Einsturz eines Hauses zusammen mit zwei Kameraden verschüttet worden und konnte nicht mehr lebend aus den Trümmern herausgeholt werden. Begraben auf dem Militärfriedhof Boult, Grab 159. 26 Jahre.

 

Heinrich Bauer, geboren am 28. Januar 1893, gefallen am 12. Februar 1916 (nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Kaspar Philipp Burger: Soldat im Infanterie-Regiment Nr. 57, 3. Kompanie. Gestorben am 12. Februar 1917 im evangelischen Krankenhaus in Dinslaken an Lungenentzündung (Fieberhafter Luftröhrenkatarrh und Lungentuberkulose). Er wurde in Hochstadt beerdigt am 18. Februar 1917.

 

Andreas Karl Schmidt, geboren am 15. Februar 1889, Landwirt: Seit 18. Mai 1913 war er bei der 3. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 88  Hornist-Gefreiter. Gestorben am 18. April 1917 (Gedenkblatt: 14. August 1914) bei einem Sturmangriff südöstlich des Ortes Juvincort nördlich von Reims durch Kopfschuß. Bleistiftvermerk: Grabstätte in der Stellung südwestlich des Dorfes Juvincort (Gedenkblatt: Fouvincourt). 28 Jahre.

 

Wilhelm Heckert, geboren am 11. Juli 1881, Weißbinder: Soldat im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 88. Ersatz-Bataillon Infanterie-Regiment 116, 2. Kompanie. Am 26. Juli 1917 im Heilig-Geist-Krankenhaus Frankfurt gestorben durch Schuß (Selbstmord). Krankheit: Magengeschwür bzw. Magenkrebs. Als Todestag ist (mit Bleistift) der 25./26. Juli 1917 angegeben.

 

Philipp Schales, geboren am 13. Oktober 1891, Landwirt: Gefreiter der Deutschen Feldpostexpedition Nr. 969. Durch eine Fliegerbombe schwer verwundet in Frankreich an der rechten Hüfte, Schenkel und Rücken am 5./6. Juli 1917. Gestorben am 4. August im bayerischen Feldlazarett Nr. 7. Beerdigt auf dem Soldatenfriedhof in Crecy-sur-Serre am 6. August durch den Feldgeistlichen Hertel. Überführung nach Hochstadt und Beisetzung hier am 1. November 1917 durch Pfarrer Wagner aus Bischofsheim, Leichenpredigt Metropolitan Reich. Eingefügter Zettel: Steckschuß rechte Hüfte mit schwerem Schußbruch des Oberschenkelhalses, Steckschuß rechte Rückenseite durch Fliegerbombe am 6. Juli 1917 bei Laon. 26 Jahre.

 

Wilhelm Strohl, geboren am 17. August 1898,  Landwirt: Grenadier im Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 261. 3. Kompanie. Gefallen in Flandern am 6. August 1917. Bleistiftvermerk: Bei Langemarck durch Erstickung.  Beerdigt auf dem Militärfriedhof Hooglede unweit Roulers, Graben 40, Einzelgrab beim Lazarett. 20 Jahre.

 

Johann Justus Hartmann, geboren am 27. Juni 1873, Fabrikarbeiter: Überzähliger Gefreiter des Landsturms, 8. Kompanie den Infanterie-Regiments Nr. 65. Gefallen am 27. Oktober 1917 in Kortemark in Flandern abends bei Vormarsch in Stellung durch Fliegerbombe. Beerdigt am 31. Oktober auf dem Soldatenfriedhof. 34 Jahre.

 

Hermann Merz, geboren am 31. März 1887, Schreiner: Ersatzreservist im Königs (?)-Infan­terie-Regiment 145, 6. lothringisches, V. Kompanie, Inhaber der Silbernen Verdienstmedaille am Bande der Militärischen Karl-Friedrich-Verdienstmedaille. Gefallen am 30. November 1917 um 9.45 Uhr im siegreichen Angriff bei Villers-Guslain bei Cambrai durch Herzschuß mittels G...geschosses (?). Beerdigt auf dem Schlachtfelde bei dem Dorf Villers-Guislain bei Cambrai. 29 Jahre.

 

Johannes Hensel, geboren am 13. April 1898, Schreiner: Musketier im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 261, Sturmkompanie. Gestorben am 10. Januar 1918 an Lungenschwindsucht als Soldat im Reservelazarett in Düsseldorf-Herd, begraben am 17. Januar 1918 in Hochstadt.

20 Jahre.

 

Johannes Heck, geboren am 27. Mai 1894, Zimmermann: Gefreiter in der Minenwerfer-Kompanie Nr. 121 (Gedenkblatt: Minenwerfer-Regiment), Deutsche Fahrpost Nr. 924. Gefallen am 12. Januar 1918 bei Combres-Höhe durch Minenvolltreffer. Begraben am 15. Januar 1918 auf dem Friedhof in Avillers. Wohnhaft in Hochstadt in der Ringstraße. 25 Jahre.

Johannes Heinrich Seipel, geboren am 1. Juli 1896, Schlosser: U-Boot-Maschinist bei der III. U-Boot-Flotille. Im Namen des Flottenchefs teilte der Kapitänleutnant der U-Flotille III unter dem 23. Januar 1918 mit, daß das U-Boot 87 bei der letzten Unternehmung nicht zurückgekehrt sei. 23 Jahre. Auf der Gedenktafel im Kirchturm Todestag: 12. Januar 1918.

Wilhelm Friedrich Seng, geboren am 6.November 1898, Metzger: Musketier Infanterie-Regiment Nr. 418, 9. Kompanie, gefallen am 13. Mai 1918 bei Albert, Frankreich. 21 Jahre

 

Wilhelm Philipp Burger, 26. April 1890, Maurer: Am 4. Dezember 1914 trat er in den Heeresdienst als Landsturmmann und Rekrut im Leicht-Infanterie-Ersatz-Bataillon Hanau, am 15. Dezember 1917 wegen Tuberkulose entlassen. Gestorben am 14. Mai 1918 in Hochstadt an Auszehrung. 29 Jahre.

 

Andreas Daubert, geboren am 2. Oktober1896, gestorben am 4. November 1918. 22 Jahre (laut Gedenktafel im Kirchturm Oktober 1918,  nicht im Totenbuch).

 

Wilhelm Seipel, geboren am 14. Februar 1880,  Landsturmmann: Landsturmmann des 4. Korps der Armierungsbataillons Nr. 45. Gestorben am 11. Oktober1918 im Ortslazarett Nr. 710 in Baranowitschi bei Dub an Lungenentzündung. Beerdigt am 13. Oktobermittags 12 Uhr auf dem Militär-Friedhof an der Lagerstraße in Baranowitschi (Seite 112. Nummer XXXIX). Heute Soldatenfriedhof Baranowitschi II (laut Kriegsbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge).

 

Zweiter Weltkrieg:

Friedrich Herbert, geboren am 6. Juli 1916, wohnhaft in Kilianstädten, also kein Hochstädter mehr, gefallen in Belgien am 27. Mai 1940 (laut Gedenktafel im Kirchturm).

 

Philipp Seng, geboren am 30. Mai 1906: Gefreiter, Funker in der Luft­nachrichten-Kompanie Langendiebach. Inhaber des EK II. Verwundet durch Bombensplitter am 14. November 1940 in Beaumont, gestorben im Lazarett in Cherbourg, bestattet am 18. November 1940 in Cherbourg. Erster Gefallener aus Hochstadt (Auf der Gedenktafel im Kirchturm Todestag 16. November 1940).

 

Ottomar Gerlach (auch: Otto Gerlach), geboren am 4. Juni 1913: Unteroffizier im Infanterie-Regiment I/279 (169. Division), Bataillon-Nachrichten-Stab (?). Gefallen am 5. Juli 1941 in der Schlacht bei Salla (Russisch-Finnland) durch Granatvolltreffer. Bestattet auf dem Heldenfriedhof bei Salla, am Ort, wo er gefallen war.

 

Philipp Strohl, geboren am 2. August 1920: Schütze in einem Infanterie-Regiment, verunglückt am 24. Juli 1941 in Rußland.

 

Georg Burger, geboren am 13. Mai 1920: Oberschütze im Infanterie-Regiment Nr. 392, 5. Kompanie, gefallen am 25. August 1941 in den Kämpfen bei Salla-Korja durch Kopfschuß, bestattet auf dem Friedhof in der Nähe des Kampfplatzes.

 

Ernst Meggle, geboren am 15. Februar 1914: Unteroffizier im Reserve-Regiment List, gefallen am 22. September 1941.

 

Wilhelm Gebelhardt, geboren am 11. Oktober 1913: Obergefreiter im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 36, gefallen am 24. September 1941 im Gefecht bei Nagornaja in der Ukraine durch Kopfschuß (laut Gedenktafel im Kirchturm gefallen am 14. September 1941).

 

Johannes Philipp Mankel (auch: Hans Mankel), geboren am 24. September 1921: Sanitätsgefreiter, gefallen am 12. Februar 1942 bei Kokoschkino bei Rochew durch Granatvolltreffer.

 

Valentin Burger vermißt seit Dezember 1942 mit einem U-Boot. Eventuell Valentin Burger, geboren am 20. Oktober 1914 (Bleistifteintrag auf Seite 188 des Totenbuchs). Laut Gedenktafel im Kirchturm gestorben am 24. Februar 1942.

 

Johannes Philipp Jung (auch: Hans Jung), geboren am 29. Januar 1915: Oberfeldwebel. Inhaber des EK II und I sowie des Sturmabzeichens, gefallen durch Granatvolltreffer am 22. Februar 1942 bei Belgorod im Raum von Charkow.  Er war nach Mühlheim verheiratet.

 

Philipp Mankel, geboren am 7. Dezember 1920: Verwundet durch Kopfschuß am 8. März 1942, gestorben am 11. März im Lazarett.

 

Johann Karl Bechert, geboren am 9. Februar 1915: Unteroffizier im 5. Eisenbahner-Pionier-Regiment, aus einem überfallenen Stützpunkt im Osten mit Kopfschuß noch sechs Kilometer geflüchtet am 6. März 1942 und gestorben, am 1. April 1942 von einer  anderen Einheit tot aufgefunden.

 

Wilhelm Heckert, geboren am 14. Dezember 1909: Soldat bei der 2. Panzer-Jäger-Abteilung 113, gefallen durch Fliegerbombe am 6. Juni 1942 um 11.30 Uhr in den Kämpfen nordostwärts Charkow, bestattet am gleichen Tag an Ort und Stelle, wo er fiel. Anmerkung: Das Grab ist erhalten laut Auskunft des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

 

Jakob Gießel, geboren am 31. März 1910: Gefreiter im Infanterie-Regiment Nr. 544, 8. Kompanie, erlitt am 30. Juni 1942 eine Verwundung bei Woltschansk bzw. Tichij am Donez, er der am 2. Juli erlag. Beerdigt am gleichen Tag auf dem Heldenfriedhof bei Woltschansk, Gedächtnisgottesdienst  am 6. September 1942 (erstmals Vermerk über so einen Gottesdienst).

 

Wilhelm Pistor, geboren am 11. Juli 1908: Kanonier in einem Infanterie-Regiment, gefallen durch Herzschuß am 27. Juli 1942 bei einem Spähtruppunternehmen, 100 Kilometer süd­ostwärts des Ilmensees.

 

Heinrich Huhn, geboren am 26. Januar 1911: Gefreiter in einem Grenadier-Regiment, gefallen durch Bauchschuß am 15. November 1942 ostwärts der Geschützfabrik Barrikady in Stalingrad.

 

Justus Christ, geboren am 18. Mai 1921, gefallen am 16. Dezember 1942 (nur Bleistifteintrag auf Seite 188. Angaben von der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Wilhelm Huhn, geboren am 15. Dezember 1913: Obergefreiter in einem Grenadier-Regiment, gefallen am 27. Dezember 1942 bei Roschew, durch Granatsplitter am Kopf getroffen, Beerdigt am 29. Dezember auf dem Heldenfriedhof von Dubakino, 8 Kilometer südlich von Rochew.

 

Philipp Strohl, geboren am 5. Dezember 1916: Gefallen am 15. Januar 1943 bei Stalingrad, beerdigt 8 Kilometer nordwestlich Orlowka nördlich von Stalingrad am 16. Januar 1943. Kopfschuß durch einen Scharfschützen auf dem Weg nach einem vorgeschobenen Stützpunkt.

 

Heinrich Schwarz, geboren am 24. Juli 1912, gestorben am  20. Februar 1943 in Bad Nauheim (nur auf Gedenktafel im Kirchturm, im Totenbuch kein Hinweis auf Todesursache).

 

Valentin Weifenbach, geboren am 3. Juni 1904: Oberschütze in einer Nachschubkompanie, gestorben am 7. Mai 1943 durch eine Fliegerbombe. Beerdigt am 10. Mai auf dem Kriegerfriedhof bei Charkow.

 

Wilhelm Krebs, geboren am 7. April 1911: Unteroffizier in einer Panzerdivision, gefallen in der Schlacht bei Samodrowka (laut Gedenktafel im Kirchturm am 8. Juli 1943), 50 Kilometer südlich von Orel durch Herzschuß, beerdigt auf dem Soldatenfriedhof  in Bogerodigkoje.

 

Johann Philipp Hildebrand, geboren am 25.April 1911: Obergefreiter in einer Sanitätskompanie, Inhaber des EK I und II sowie noch fünf anderer Abzeichen. Verunglückt bei Kertsch, Halbinsel Krim am 26. September 1943, beerdigt auf dem Heldenfriedhof in Kertsch.

 

Heinrich Fieres, geboren am 7. August 1909, verheiratet nach Gundhelm, gefallen am 1. September 1943  (Nur Gedenktafel im Kirchturm).

 

Wilhelm Bürthel, geboren am 5. Oktober 1921: Obergefreiter in einer Sanitätskompanie, gefallen bei Tschernobyl in Rußland am 3. Oktober 1943.

 

Wilhelm Schäfer, geboren am 28. Juni 1906: Grenadier im Infanterie-Regiment Nr. 396, 6. Kompanie, gefallen bei Kosaragy (Dnjepr) am 18. Oktober 1943 durch Kopfschuß, beerdigt am Todestag an der Stelle, wo er fiel.


Georg Friedrich August Seibel, geboren am 26. Januar 1906 (laut Gedenktafel im Kirchturm, laut Traubuch am 25. Januar 1906 in Mittelbuchen), gestorben am 21. Oktober 1943 im Reserve-Lazarett Hanau II, war als SS-Panzeroffizier zum Heeresdienst eingezogen, aber an Krebs gestorben. (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Richard Trimbach, am 16. März 1920: Unteroffizier in einem Grenadier-Regiment, gefallen infolge eines Oberschenkelschusses auf der rechten Seite am 26. Oktober 1943, beerdigt mit militärische Ehren im Beisein eines Feldgeistlichen am 27. Oktober 1943 auf dem Heldenfriedhof Grudinowka, 30 Kilometer südöstlich von Mogilew.

 

Johann Philipp Koller, geboren am 23. November 1913: Obergefreiter in einem Grenadier-Regiment, 2. Kompanie, Division Füselier-Bataillon 260, gefallen durch Gewehrgranate am 14. November 1943 bei Kusminitschi, 45 Kilometer südöstlich Mogilew, beerdigt auf dem Soldatenfriedhof am 16. Januar 1943 bei Delgij Mock (Grab 125).

 

Hermann Konstantin Koch, geboren am 14. Juli 1912: Gefreiter in einem Pionierbataillon. gefallen am 9. März 1944 in  Kasanka westlich von Kriwoj-Rog durch Panzergranate-Volltreffer.

 

Peter Andreas Stier, geboren am 28. Mai 1916: Unteroffizier in der Beobachtungsabteilung bei der Artillerie, gefallen am 16. März 1944 am Dnjestr beim Jampol, wahrscheinlich durch Kopfschuß, wodurch er aus dem Kahn fiel und versank.

Ludwig Bernhard Liebler, geboren am 4. November 1914: Gefallen am 31. März 1944 bei Brody infolge Bauchschuß, beerdigt am 1. April 1944 auf dem Heldenfriedhof Brody, 110 Kilometer östlich von Lemberg.

 

Wilhelm Schmidt, geboren am 4. Juli 1916, gefallen am 1. März 1944 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Peter Hohmann, geboren am 3. Mai 1913, gefallen am 3. April 1944 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Wilhelm Peter Weber, geboren am 22. November 1912: Unteroffizier in einem Füsilier-Bataillon, gefallen  auf dem Rückmarsch zwischen Orcha und Minsk am 27. oder 28. Juni 1944 durch Artillerie-Volltreffer.

 

 

Karl Wilhelm Frischkorn, geboren am 12. April 1916: Feldwebel in einer Aufklärungsstaffel, Inhaber des EK I und II, gefallen am 5. Juli 1944 bei Brest-Litowsk im Luftkampf, beerdigt am 6. Juli auf dem Ehrenfriedhof der 45. Division bei Brest-Litowsk.

 

Heinrich Obmann, geboren am 4. September 1908: Gefreiter im 3. Grenadier-Regiment Nr. 251, Inhaber des Verwundeten-Abzeichens, gefallen  am 8. Juli 1944 bei Ostrow, südwestlich des Peipusees, beerdigt am 10. Juli auf dem Heldenfriedhof von Borki, 25 Kilometer südwestlich von Ostrow.

 

Wilhelm Hensel, geboren am 19. Februar 1914: Hauptfeldwebel im Panzer-Jäger-Regiment, gefallen am 29. Juli 1944 durch Granatsplitter, beerdigt in Lizona-Solka Kreis Ozatow.

 

Karl Wenzel, geboren am 29. August 1922: Obergefreiter in einem Panzer-Jäger-Regiment, gefallen bei Vire (Normandie) am 5. August 1944. Die Brust wurde durchbohrt durch einen Granatwerfer, beerdigt an der Hauptstraße Vire - St. Loo am 6. August am Westausgang in einem Garten zusammen mit zwei Kameraden.

 

Andreas Johannes Burger (auch: Hans Burger), geboren am 19. Januar 1925: Gefreiter in einem Grenadier-Regiment (Schwere-Maschinengewehr-Kompanie), gefallen durch Artillerie-Geschoß am 17. September 1944 nördlich Bauske in Lettland, beerdigt am 17. September in Karaukrogs, etwa 20 Kilometer nordöstlich von Bauske.

 

Georg Lotz, geboren am 5. April 1911: Im Krieg Lageraufseher bei der Reichsbahn und Gefreiter  in einem Grenadier-Regiment, gefallen am 7. Oktober 1944 bei Hogerheide bei Berg op Zoon, Holland.

 

Johannes Schales (auch: Jean Schales), geboren am  24. August 1922: Gefreiter im Panzer-Grenadier-Regiment „Großdeutschland“, Inhaber von EK II und Sturmabzeichen, gefallen bei Seda in Litauen am 7. Oktober 1944.

 

Wilhelm Burkhardt, geboren am 12. Mai 1924: Maschinengewehrschütze, gefallen beim Angriff auf Vizuli östlich von Vainode am 13. Oktober 1944, beerdigt mit militärischen Ehren in Dziras, Lettland (Fortsetzung nächste Seite). .

Der Vorgesetze schreibt: „Die Kompanie blieb nach etwa 600 Meter Geländegewinn in schwerem Artillerie- und Infanterie-Feuer liegen. Unsere MG-Schützen schossen wie rasend in die feindliche Stellung. Sofort einsetzendes eigenes Artilleriefeuer brachte den Angriff wieder ins Rollen. Als jetzt Wilhelm mit seinem Maschinengewehr Stellungswechsel vorwärts mach­te, bekam Wilhelm den tödlichen Schuß. Es war ein Kopfschuß und Wilhelm war sofort tot. Möge es Ihnen, lieber Herr Burkhardt, ein Trost sein, daß Wilhelm sein Leben gab für unser herrliches Vaterland und unseren geliebten Führer!“

 

Konrad Friedrich Hensel (auch: Fritz Hensel), geboren am 3. März 1929, gestorben am 14. Oktober 1944 durch Blinddarmentzündung (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Karl Eibelshäuser, geboren am 9. Januar 1904: Gefreiter beim Flugplatzkommando A, Langendiebach. Auf der Umgehungsstraße bei einer Dienstfahrt verunglückt gegen 18 Uhr, gestorben im Reservelazarett Hanau, Teillazarett Gustav-Adolf-Krankenhaus, am 27.11.44 (Schädelbruch mit Hirnstauchung).

 

Wilhelm Seibel, geboren am 6. August 1918: Obergefreiter in einer Gebirgsjäger-Division, gefallen am 1. Januar 1945 in der Nähe von Turin im Kampf mit Partisanen, beerdigt im Januar 1945 auf dem Heldenfriedhof in Turin.

 

Jakob Mankel, geboren am 22. Juni 1921: Obergefreiter in einer Panzerjäger-Division, gefallen am 17. Januar 1945 drei Kilometer südlich von Karolinowo, beerdigt im Januar 1945 auf dem Gemeindefriedhof von Dzialyn, 14 Kilometer südlich von Gollub.

 

Heinrich Müller, geboren am 16. Juni 1911: Unteroffizier in einer Nachrichten-Truppe, gestorben am 19. Januar 1945 im Reservelazarett Sparz bei Traunstein an Herzleiden infolge Gelenkrheumatismus, beerdigt am 22. Januar 1945 in Traunstein. Laut Seite 201, Nummer 967 (Doppeleintrag): Unteroffizier in einem Artillerie-Regiment. Exhumiert am 7. März 1946 und in Hochstadt beigesetzt am 11. März 1946.

 

Rudolf Helmut Rauch , geboren am 6. März 1925, gefallen im Januar 1945 (Keine näheren Angaben im Totenbuch, nicht auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Karl Wilhelm Rohrbach, geboren am 22. Mai 1926: Sturmpionier in einem Pionier-Bataillon, gefallen durch Nierenschuß (Granatsplitter) am 29. Januar 1945 bei Gleba bei Scharfenwiesen an der ostpreußischen Grenze, beerdigt am 29. Januar in einem Einzelgrab bei Gleba neben einem Brunnen.

 

Heinrich Gießel, geboren am 6. März 1910: Gefreiter in der  Volksgrenadier-Division 560, gefallen Anfang 1945 bei Bitburg in der Eifel und tot aufgefunden, beerdigt auf dem Militärfriedhof in Hamm in Luxemburg, Grab 282, Reihe 12. Laut Gedenktafel im Kirchturm gestorben im Februar 1945.

 

Karl Meffert, geboren am 9. August 1908: Grenadier, gefallen am 5. Februar 1945 in Warlubin im Warthegau, beerdigt auf dem Kriegsgräberfriedhof in Warlubin, Grab 38, Reihe 2.

 

Kurt Konrad Zwicker: Leutnant 5./II. Fallschirm-P.-Regiment 21, gefallen am 27. Februar 1945 in Weeze-Kalbeck bei Goch im Rheinland, beerdigt auf dem Soldatenfriedhof in Weeze, Grab Nummer 131.

 

Wilhelm Philipp Stein, geboren am 2. Juni 1908, gefallen im Februar 1945  (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm, war Nazibürgermeister und Ortsgruppenleiter, im Jahre 1942 aus der Kirche ausgetreten, deshalb keine kirchliche Trauerfeier).

 

Wilhelm Damm, geboren am           11. März 1915, gefallen im Februar 1945 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm.

 

Karl Eugen Großmann, geboren am 14. September 1902: Obergefreiter in einem Feldzeug-Bataillon, gefallen in Adscheid bei Uckerath (Siegkreis) am 25. März 1945 durch Kopfschuß, beerdigt am 28. März in Uckrath auf dem Ehrenfriedhof  (umgebettet von Adscheit am 7. Juli 1946).

 

Bernhard Ebert: Gestorben im 34. evakuierten Hospital in Frankfurt infolge Oberschenkel- und Beckenverwundung, beerdigt in Butzbach auf dem deutschen Militärfriedhof am 11. April 1945, Platz B, Reihe 12, Grab 295.

 

Ernst Seibel, geboren am 23. März 1917, gefallen am 12. April 1945, um 3 Uhr nachmittags. („Selbst ohne Waffen und Gegenwehr von Amerikanern feig erschossen)“. Nach Hochstadt überführt und beerdigt (Datum nicht angegeben). Wohnung: Bischofsheimer Straße 13. Soldatengrab auf dem Hochstädter Friedhof, ganz rechts.

 

Heinrich Fischer: Seit 1941 zum Heeresdienst eingezogen, gefallen im Raum Deutsch-Altenburg in Niederösterreich zwischen März und Mai 1945. Begraben in Deutsch-Altenburg auf dem Ortsfriedhof.

 

Hans Gerstung: In einer Instandsetzungsstaffel in Kurland, gefangengenommen am 10. Mai 1945, gestorben im Hospital Petrosawodzk an Gelbsucht bzw. einer Leberkrankheit, im Lagerhospital Nr. 7120.

 

Wilhelm Klöss (oder: Klöß), geboren am 20. September 1907, gefallen im März 1945  (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm).

 

Fritz Drews, geboren am 8. März 1925, gefallen im März 1945 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm, nicht aus Hochstadt stammend).

 

Walter Fritsche, geboren am 15. Februar 1903, gefallen im März 1945 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm, nicht aus Hochstadt stammend).

 

Heinrich Philipp Völker, geboren am 20. August 1910: Bei Mondovi (Piemont) durch Banditen bei Beerdigung eines Kameraden aus dem Hinterhalt erschossen. Laut Gedenktafel im Kirchturm gestorben am 27. April 1945.

 

Johannes Heinrich Mankel, geboren am 6. August 1911: Unteroffizier, als Kraftfahrer in Rumänien, im August 1943 in russische Kriegsgefangenschaft geraten, wurde dann bis zur Wolga verschleppt und ist dort infolge Hunger, Ruhr und Entkräftung in Samara gestorben. Laut Gedenktafel im Kirchturm gestorben am 4.06.45.

 

Kaspar Lenz, geboren am  6. März 1903, gefallen am 23. Juli 1945 (Nur auf der Gedenktafel im Kirchturm. War Nazi-Bürgermeister in Bischofsheim und aus der Kirche ausgetreten, dadurch keine kirchliche Trauerfeier).

 

Johann Heinrich Diehl, geboren am 30. Mai 1915: Er war Sanitätsfeldwebel an der Ostfront und wurde gefangengenommen. Gestorben als Gefangener auf dem Marsch zwischen Thorn und Graudenz in der Zeit zwischen dem 10. und 17. August: Als er aus Hunger, um Tomaten aus dem Garten zu holen, aus dem Fenster seines Quartiers stieg, wurde er von russischen Wachmannschaften erschossen. Beerdigt auf einem Gutshof zwischen Thorn und Graudenz im Zeitraum zwischen dem 10. und 17. August 1945. Auf der Gedenktafel im Kirchturm Todestag 15. August 1945.

 

Philipp Heckert, geboren am 10. Dezember 1903: Seit Oktober 1943 zum Heeresdienst eingezogen, seit Januar 1944 nach Rußland, Februar 1944 in Kurland gefangen. In russischem Kriegsgefangenenlager gestorben.  Am 6. Dezember 1947 kam durch einen heimkehrenden Kameraden (die Nachricht), daß er am 10. Oktober 1945 infolge Hunger und Wassersucht im Lazarett 410 in Baranowitschi verstorben sei.

 

Philipp Eibelshäuser, geboren am 17. August 1911: Stabsgefreiter, gestorben am 22. November 1945 in einem Lazarett in Kowel in Rußland an Wassersucht bzw. Wundstarrkrampf, beerdigt am 24. November 1945 auf dem Friedhof in Kowel.

 

Justus Koch, geboren am 12. Dezember 1913: Aus russischer Kriegsgefangenschaft am 26. November 1945 fast verhungert heimgekehrt, erkrankt an Grippe und Brustfellentzündung, starb am 11. Dezember 1945. Der Körper hatte keine Widerstandskraft mehr.

 

 

 

Chronologie der wichtigsten Ereignisse zum Kriegsende in Hessen

 

5. Februar 1945: Das Oberkommando der Wehrmacht gibt den Befehl zur Verteidigung der Stadt Frankfurt „bis zum letzten Mann“.
21. März 1945:
Eine Widerstandsgruppe verhindert die von Hitler im "Nero-Befehl" angeordnete Zerstörung der Opel-Fabrikanlagen in Rüsselsheim.
22. März 1945: Zwei Bataillone der 3. US-Armee überqueren den Rhein bei Oppenheim. Die Eroberung Hessens beginnt.
25. März 1945: Die US-Truppen nehmen nach der Rheinüberquerung die Stadt Darmstadt ein.
26. März 1945: Eine US-Verwaltungseinheit beginnt in Darmstadt mit dem Aufbau der militärischen und zivilen Verwaltung der Region.
27./28. März 1945: US-Truppen besetzen Frankfurt, Hanau, Wiesbaden, Gießen und Marburg.
4. April 1945: Die Alliierten nehmen auch die von den Nationalsozialisten zur "Festung" erklärte Stadt Kassel ein.
8. Mai 1945: Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches beginnt für die Menschen in Deutschland die Stunde Null.
22. Juni 1945: Rheinhessen und der Bezirk Montabaur werden Teil der französischen Zone.
1. August 1945: Die "Frankfurter Rundschau" erhält als erste deutsche Zeitung eine US-Lizenz und erscheint zweimal pro Woche.
17. September 1945: Die amerikanische und die sowjetische Militärregierung vereinbaren im „Wanfrieder Abkommen" einen Gebietsaustausch an der Zonengrenze.
19. September 1945: US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower verkündet die Gründung des Landes Groß-Hessen.
12. Oktober 1945: Wiesbaden wird Hauptstadt und Sitz der Landesregierung von Groß-Hessen.
16. Oktober 1945: Als erster Ministerpräsident des Landes Groß-Hessen wird der parteilose Wirtschaftsprofessor Karl Hermann Geiler vereidigt.

 

Die Nazi-Bonzen hatten sich längst abgesetzt:

Fast kampflos rückten die Alliierten ins spätere Hessen ein.-

Ein ganzer Güterzug voller Seide, Stoffen und Hüten, geplündert von einer internationalen Meute aus Deutschen und geflohenen Zwangsarbeitern: Es war ein bizarres Bild, was sich der US-amerikanischen Fotografin Magret Bourke-White im März 1945 auf ihrem Weg von Darmstadt nach Frankfurt bot. "Deutschland ist kaputt! Da darf man doch plündern", zitiert die "Time"-Journalistin eine der Frauen. Tatsächlich rückten die US-Soldaten fast kampflos in ein geschlagenes Land ein, als Befreier wurden sie aber nur von den wenigsten empfangen.

Entscheidend für das rasche Kriegsende im späteren Hessen war die schnelle Überwindung des Rheins bei Oppenheim. Unter dem Kommando des Generalleutnants George S. Patton waren am 22. März zwei Bataillone der 3. US-Armee über den Fluß gesetzt und hatten gegen geringen Widerstand einen Brückenkopf errichtet. Staunend, so berichtet die Journalistin Bourke-White, verfolgten die Bürger des rheinhessischen Weinstädtchens Oppenheim in den folgenden Tagen die endlose Phalanx der Fahrzeuge, die über eine mehr als 300 Meter lange Behelfsbrücke ins Ried rollte. Von da aus ging es innerhalb weniger Tage in die Trümmerlandschaften von Darmstadt, Offenbach und Frankfurt. Kurz nach Ostern, am 4. April, und damit einen guten Monat vor der endgültigen Kapitulation des Reichs, nahmen die US-Truppen das völlig zerstörte Kassel ein.

Die Alliierten, so schreibt der Münchner Militärhistoriker John Zimmermann, hatten überhaupt nicht damit gerechnet, Deutschland Meter für Meter erobern zu müssen. Nach der haltlosen Flucht der Wehrmacht aus Frankreich hatte Hitler mit der Ardennen-Offensive einen letzten, sinnlosen Gegenangriff gestartet, der den Schritt der Alliierten über den Rhein um etwa sechs Wochen verzögerte. Der zähe Trip nach "Transsylvanien" (Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower) wurde notwendig, weil sich das deutsche Militär trotz der deutlichen Unterlegenheit einfach nicht ergeben, aber zumindest im Westen auch nicht mit aller Konsequenz verteidigen wollte.

Den Amerikanern ist in der Nachkriegszeit häufig vorgeworfen worden, sie wären nicht schnell genug nach Osten vorgedrungen und hätten damit der Roten Armee weite Landesteile überlassen. Zimmermann zufolge wollten die US-Generäle vor allem unnötige Verluste vermeiden. Sobald sich ernsthafter Widerstand regte, wie etwa in Fulda, wurde mit dem massiven Einsatz von Bombern gedroht. Daß es die Amerikaner nicht bei diesen Drohungen beließen, erlebten die zusammengewürfelten und schlecht ausgerüsteten Truppen der Deutschen etwa an der Allendorfer Werra-Brücke oder in Bensheim.

 

„Verbrannte Erde“: Befehl vereinzelt umgesetzt:

Trotz aller Durchhalteparolen blieb der Widerstand gegen den US- Vormarsch in den hessischen Städten gering, die Nazi-Bonzen und militärischen Befehlshaber hatten sich längst abgesetzt. Der berüchtigte "Nero-Befehl" Hitlers zur Zerstörung sämtlicher Infrastruktur- und Industrieanlagen wurde vereinzelt umgesetzt, etwa bei der Sprengung des Frankfurter Flughafens. Unversehrt blieben hingegen IG-Farben-Hauptverwaltung und Produktionsanlagen in Frankfurt ebenso wie das Rüsselsheimer Opelwerk, wo Arbeiter die komplette Zerstörung verhinderten.

Den Überlebenden in den Trümmerstädten und selbst den politisch Unbelasteten begegneten die Besatzer mit deutlicher Distanz. Zu tief saßen das von Goebbels Werwolf-Propaganda geschürte Mißtrauen und der Schrecken über die Greueltaten der Deutschen in den nun nach und nach befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern. Das Verbrüderungsverbot bekam zum Beispiel der neue Kasseler Oberpräsident Fritz Hoch zu spüren, als ihm der amerikanische Befehlshaber beim Amtsantritt den Handschlag verweigerte.

Die anstehenden Probleme konnten die Militärregierung und die von ihnen eingesetzten Zivilverwaltungen in der Folge nur sehr langsam oder zunächst auch gar nicht bewältigen. In Frankfurt, Kassel und Darmstadt etwa war nur noch jede vierte Wohnung intakt, in Hanau sah es noch schlimmer aus. Schnell wuchs der Strom der Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten, während die Nahrungsmittelversorgung nahezu zusammenbrach. "Es fehlt beinahe an allem", heißt es in einem Bericht der Stadt Kassel aus dem Juni 1945. Die Nachkriegszeit hatte begonnen.


 

 

Kindheit in Hochstadt

[Unterrichtsstunde  in der Kästnerschule in Bischofsheim]

 

Schulen in Bischofsheim:

Die ersten Schulen wurden von der Kirche eingerichtet, in Bischofsheim schon um das Jahr 1600. Der Chorleiter und Orgelspieler hatte die Woche über Schule zu halten. Manchmal nahm man aber auch einen Handwerker, der sich nebenher  noch einige Gulden verdiente. So glich die Schulstube meistens mehr einer Werkstätte als einem Unterrichtsraum.

Für jedes Kind hatten die Eltern einen ge­ringen Geldbetrag an den Lehrer zu zahlen und Brennholzstücke zu liefern, um den Ofen im Klas­senraum zu heizen.

Die erste Schule stand in der Breulgasse (schräg gegenüber dem heutigen Waffenschäft).

Sie brannte am 6. Januar 1776 ab, wurde aber an der alten Stelle wieder aufgebaut und hatte eine Sonnenuhr. Das Grundstück  wurde am 31. Januar 1845 an die Familie des Schmieds Schäfer verkauft. Das Haus stand noch bis 1971.

Die neue Schule in der Straße Alt Bischofsheim 28 (wo später das Maintaler Rathaus stand) war früher ein großer Bauernhof und wurde schon am 10. November 1844 bezogen. Als im Jahre 1899 der Schulraum knapp wurde, richtete man im alten Rathaus an der Einmündung der Straße Alt-Bischofsheim in die Schäfergasse einen Schulsaal ein.

Im Jahre 1902 begann man mit den Planungen für die neue Schule. Gewählt wurde dann ein Platz in der Waldstraße. Schon 1914 sollte ein Erweiterungsbau errichtet werden. Aber erst 1958 wurde ein erster Erweiterungsbau errichtet und später noch ein zweiter.

Mit Beginn des Schuljahres 1969/70 wurde der Förderstufen­trakt der geplanten Gesamtschule in der Albert-Schweitzer-Siedlung eingeweiht. Am 8. Oktober 1971 wurde unter großer Beteiligung der Bevölkerung die Einwei­hung der Räume für die Sekundarstufe I vollzogen. Für das in der Entwicklung begriffene Schulzentrum wurde 1973 eine weitere Grund­schule mit einer Vorschulklasse errichtet.

Im Jahre 1974  hatte die Schule zehn Klassen und 2.334 Schulkinder. Auf die Grundschule I in der Waldstraße entfielen dabei 435 Schüler, auf die Grundschule II in der Albert-Schweit­zer-Siedlung 405 Schüler und auf die Gesamt­schule 1.494 Schüler. Von diesen kommen 676 Schüler aus Hochstadt, Niederdorfel­den und Schöneck. Die Se­kundarstufe II nahm 1975 die Arbeit auf. Heute gibt es im Schulzentrum die Grundschule „Villa Kunterbunt“, die Gesamtschule  „Erich-Kästner-Schule“ und das „Albert-Einstein-Gymnasium“.

 

Kindheit Peter Heckert:

Wenn ich mich an meine früheste Kindheit zu erinnern versuche, dann fallen mir fast nur Dinge ein, die im Zusammenhang mit dem Krieg stehen. Dabei ist unser Ort so gut wie gar nicht vom Krieg berührt worden. Aber geblieben ist ein unbestimmtes Gefühl der Angst, die jedesmal wieder hochkommt, wenn die Feuerwehrsirene heult. Sie hat heute noch den gleichen Ton wie damals. Auch im Kindergarten wurden wir bei Fliegeralarm in den Keller geschickt, gelegentlich wurden wir auch nach Hause geschickt.

Zuhause war ich beim ersten Heulen der Sirene im Keller. Während die Erwachsenen noch ruhig in der Küche saßen und ihr Mittagessen einnahmen, weil nur Vor-Alarm war, stand ich schon hinter der Kellertür. Dort fühlte ich mich ein wenig geschützt. Aber ich hatte auch Angst davor, daß wirklich einmal eine Bombe auf das Haus fallen könnte. Dann wollte ich die Chance haben, noch schnell fortlaufen zu können, um nicht verschüttet zu werden.

Oft sah ich von meinem Versteck aus die Flugzeuge über den Himmel ziehen. Silbrig glänzten sie in der Sonne. Gelegentlich schoß die Flak aus ihren Stellungen am Hühnerberg und auf der Wiese südöstlich des Ortes. Die Luft war vom charakteristischen Brummen der Bomber erfüllt. Gelegentlich setzten sie auch zum Sturzflug an. Dennoch erschienen die Flugzeuge sehr klein und fern zu sein.

Anders war es mit den Tieffliegern. Gelegentlich fuhr meine Mutter auf dem Fahrrad mit mir nach Rumpenheim zu Verwandten. Der Weg übers freie Feld und über den Main war nicht ungefährlich, weil immer wieder plötzlich Tiefflieger auftauchen konnten. Einmal waren wir schon über den Bischofsheimer Bahnhof hinausgekommen, als wieder ein einzelnes Flugzeug aus Richtung Dörnigheim herankam. Sofort lagen wir im Straßengraben und deckten das Fahrrad über uns.

Der gefährlichste Punkt war der Übergang über den Main. Auf beiden Seiten waren Unterstände gebaut. Dort mußten wir oft längere Zeit ausharren, bis die Luft rein zu sein schien. Dann trieb uns der Fährmann zur Eile an und legte vom Ufer ab. Am gefährlichsten war natürlich die Zeit auf dem Wasser, denn dort gab es kein Entrinnen. Vielleicht war die Gefahr objektiv gar nicht so groß. Aber entscheidend war das Gefühl der Angst, das man dabei hatte.

Zuhause schliefen wir auch wochenlang im Keller. Wir hatten dort Betten aufgestellt. Die Kleider hingen an einer Stange an der Decke. Oft lagen wir angezogen in den Betten, je nachdem, wie groß die Gefahr eingeschätzt wurde. Gegen Kriegsende wurden die Wertgegenstände - oder was man dafür hielt - im Keller vergraben. Der Boden war ja nur aus Lehm gestampft. Rechts neben einem Schrank an der Wand zur Straße wurde ein Loch gemacht und Besteck und Fotoapparat dort eingegraben und alles wieder schön festgestampft und noch einige Bretter darüber gelegt. Geholfen hat es letztlich aber doch nichts: Nachher mußte alles auf dem Rathaus abgeliefert werden als Wiedergutmachungsleistungen.

Mehr Glück hatten wir da mit den wertvolleren Lebensmitteln. Die wurden in alte Munitionskisten verpackt, die innen mit Blech ausgeschlagen waren. Dann kamen sie auf den Ackerwagen und es wurde Mist darüber gepackt. Dann ging es ins Feld. Dort wurden die Kisten in Abständen hingestellt und wieder Mist darüber gepackt. So haben Schinken und Würste das Kriegsende überstanden. Wir Kinder durften davon natürlich nichts wissen. Aber mitgekriegt haben wir es doch.

Am 19. März war der große Bombenangriff auf Hanau. Als wir am nächsten Tag ins Feld zur Arbeit fuhren, sahen wir von der Dorfelder Straße aus die Stadt rauchen. Die Frauen fuhren am nächsten Tag mit dem Fahrrad nach Hanau, um in den Trümmern nach nützlichen Sachen zu suchen. Im Hafengebiet wurden sie fündig: halbe Päckchen von Waschpulver brachten sie mit, die Ränder der Verpackung waren angekohlt.

 

Doch alle Angst hörte schlagartig auf mit der Besetzung durch die Amerikaner. Am Morgen des 28. März 1945 bauen die Amerikaner in Höhe der Dörnigheimer Fähre eine Behelfsbrücke über den Main und setzen von Mühlheim her über den Fluß. Sie kamen von Osten und fuhren durch das Obertor die Hauptstraße hinunter und weiter nach Bischofsheim. Es war Nacht und wir saßen im Keller.

Die Sieger wurden mit Angst erwartet. Aber sie brachten auch die Befreiung von Krieg und Naziherrschaft. Die Hitlerbilder waren natürlich längst vernichtet. Aus der Fahne wurde bei der ersten Fastnachtsfeier nach dem Krieg ein Rotkäppchenkostüm für meine Schwester. Die Zinnsoldaten, mit denen ich liebend gern spielte, waren nun verboten. Plötzlich waren auch die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus dem Ausland verschwunden, die bei den Bauern arbeiten mußten und abends oft auf der Straße standen.

Das Verhältnis zur Besatzungsmacht wurde mit der Zeit immer besser. Viele Kinder und auch Jugendliche gingen zu den Amerikanern, die mit ihren Fahrzeugen im Dorf oder im Feld standen und freundeten sich regelrecht mit ihnen an. Die Amerikaner hatten nämlich Schokolade und den unvermeidlichen Kaugummi. Da lohnte es sich schon, gut mit ihnen bekannt zu sein. Einen Kaugummi zu kauen wie die Amerikaner, das war schon etwas.

 

Nachkriegszeit:

Die ersten Nachkriegsjahre blieben kärglich. Eines Tages kam die Wohnungskommission, maß alle Zimmer aus und hielt die Zahl der Familienmitglieder fest. Dementsprechend wurde dann jedem Haus eine Anzahl von Flüchtlingen zugeteilt. Es war schon eng, denn wir hatten ja auch noch die Familie meines Onkels aufgenommen, die in Frankfurt ausgebombt war. Nun wurde noch eine dreiköpfige Familie aus dem Sudetenland eingewiesen. Sie erhielt die Wohnstube der Großeltern. Für uns Kinder war das ein großer Gewinn, denn die Frau erzählte uns immer Märchen und Sagen. Der Mann bastelte uns einen Kaufladen, mit dem dann noch unsere Kinder gespielt haben.

Weil wir eine kleine Landwirtschaft hatten, brauchten wir keinen Mangel zu leiden. Wir hatten zwar ein Ablieferungssoll, aber für den Eigenbedarf blieb genug. Von der Zentrifuge für die Herstellung von Butter mußten wir das entscheidende Teil abgeben. Aber in einem Glas mit einem aufgesetzten Quirl ließ sich auch Butter machen.

Manchmal kamen Leute aus der Stadt, um zu  „hamstern“. Sie boten uns zum Beispiel ein Paar Schuhe an und erhielten dafür Kartoffeln oder Mehl. Oft kamen auch Kinder und bettelten. Manche waren Stammkunden und erhielten jeden Sonntag ihr Stück Kuchen.

Holz mußten wir selber machen. Zum Beispiel wurden die großen Bäume in der Hartig gefällt und selbst die Baumstümpfe noch ausgegraben und verwertet. Im Wald durfte Reisig geholt werden. Aber unter dem Reisig wurden dann auch manche stärkere Holzstücke versteckt. Man durfte sich nur nicht vom Förster erwischen lassen. Jede Bauernfamilie erhielt auch ein Stück Wald zugeteilt, um dort Laubheu gewinnen zu können.

 

Schulbeginn:

Zur Schule kam ich im September 1946. Damals wurde immer ein Geburtsjahrgang eingeschult, so daß ich noch nicht einmal sechs Jahre alt war, als ich zur Schule kam. Zur Schuleinführung gab es eine Zuckertüte, die noch aus der Vorkriegszeit stammte. In der Tüte waren allerdings keine Süßigkeiten, sondern vor allem Äpfel aus eigener Ernte und obendrauf ein paar selbstgebackene Plätzchen. Dazu gab es einen ledernen Ranzen, den schon mein Cousin getragen hatte (mit einer ganzen Klappe über die Rückseite, die Mädchen hatten nur eine halbe Klappe).

Im Sommer ging ich in einer kurzen Hose mit gekreuzten Trägern in die Schule, dazu ein kurzärmliges Hemd, Kniestrümpfe aus Schafwolle oder Baumwolle und Sandalen (aus Kunststoff oder mit einer Sohle aus drei Holzteilen, zwischen die sich die Haut auf der Fußsohle immer einklemmte). Sehr oft gingen wir aber auch barfuß in die Schule (selbst nach Frankfurt wollte ich so gehen). Und als es endlich Lederhosen zu kaufen gab, da trug alle Welt kurze Lederhosen (noch mit 13 Jahren im Schullandheim).

Im Winter waren wir natürlich dicker angezogen. Viele Kleidungsstücke waren aus älteren Kleidungsstücken der Erwachsenen zusammengenäht. Viele Frauen nähten damals selber und hatten auch eine Nähmaschine. Meine Mutter hatte sogar eine Handstrickmaschine und strickte gegen Geld für andere Leute. Es gab also viele wollene Kleidungsstücke, die meist fürch­terlich kratzten (auch die gekauften Bleyle-Sachen). Unvermeidlich war auch die Schirmmütze (ähnlich wie man sie heute auch wieder trägt) mit herunterklappbaren Ohrenschützern.

Bald wurde auch die Schulspeisung eingeführt. Hinter der Schule stand eine Baracke, in der gekocht wurde. Jedes Kind hatte an seinem Ranzen ein kleines Blecheimerchen hängen, um sich in der Pause das Essen abzuholen. Wenn noch etwas übrigblieb, durfte man es nach der Schule mit nach Hause nehmen.

Unsere Lehrerin war schon in Rente gewesen, als man sie wieder zurück an die Schule holte. Schon mein Vater war bei ihr in die Schule gegangen. Aber jetzt brauchte man sie wieder, weil die männlichen Lehrer erst wegen ihrer Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus überprüft werden mußten. Aus den alten Schulbüchern waren einzelne Seiten herausgerissen, die zu sehr die nationalsozialistische Lehre vertraten. Geschrieben wurde natürlich mit einem Griffel auf eine Schiefertafel, die mit einem Schwämmchen wieder abgewischt werden konnte. Wir nahmen jeden Buchstaben einzeln durch. Begonnen wurde mit dem „i“. Drei Reihen oder vier sollten wir schreiben. Aber auf meiner Tafel war kein einziger Buchstabe, der nicht einen Knick nach rechts oder links gehabt hätte. Ich war Linkshänder, mußte damals aber mit der rechten Hand schreiben.

Sehr viel gelernt haben wir in den ersten zwei Jahren nicht. Im Winter gab es oft  „kältefrei“, weil kein Brennmaterial da war. Einmal mußten wir aus einem großen Haufen Schlacke den noch brauchbaren Koks herauslesen, damit wieder zwei Wochen Schule sein konnte. Nach Möglichkeit sollten wir auch Holz oder Briketts mitbringen. Im Sommer mußten wir auch oft Kartoffelkäfer  und Maikäfer auf den Feldern und Wiesen sammeln

Beim Lesen gab es noch nicht die „Ganzwortmethode“, sondern es wurde Buchstabe für Buch­stabe durchgenommen, und erst als alle Buchstaben dran waren, ging es ans Lesen ganzer Wörter. Dazu hatte ich noch einen Setzkasten mit kleinen Holzklötzen, auf denen die Buchstaben standen, da konnte ich dann Wörter zusammensetzen. Es dauerte zwei Jahre, bis wir alle richtig lesen konnten. Auch das Einmaleins wurde so lange geübt, bis es bei allen saß.

In der dritten Klasse hatten wir dann einen Lehrer, der auch Sachkundeunterricht mit uns machte und Wanderungen in die Gemarkung. Er sah auch auf Ordnung und Zucht. Er strafte zwar nicht mehr mit dem Stock. Aber er kontrollierte, ob wir ein sauberes Taschentuch mit in der Schule hatten, und natürlich mußten wir auf der Straße die Lehrer grüßen.

Zwei Wochen war ich auch einmal in einer einklassigen Schule Im Geburtsort meiner Mutter.

Der Lehrer sagte nur: „Hier ist ein Neu­er. Rückt einmal etwas auf der Bank zusammen!“ Ich wurde dazwischen gequetscht und erlebte zum ersten Mal eine einklassige Volksschule, in der der Lehrer immer abwechselnd die einzelnen Jahrgangsstufen unterrichtete.

In dem Ort gefiel als Kind die Freiheit, die man damals an Kind genoß. Wir spielten mit der Dorfjugend im ganzen Dorf herum und durchquerten alle Grundstücke und krochen in Schuppen, ohne daß uns das einer verwehrt hätte. Die großen Jungen nahmen uns mit, wenn sie auf den Stoppelfeldern Mäusenester ausgruben. Da wurden die Gänge freigelegt bis zu den Vorratskammern, deren Inhalt im Sack mit nach Hause genommen wurde.

Eines Tages zog die ganze Dorfjugend (vielleicht 10 bis 12 Jungen) über den Berg zum Nach­barort, um sich dort die Haare schneiden zu lassen. Kurz vor dem Ort war eine Sandgrube, der mir damals als Kind wer weiß wir tief vorkam. Auf einem schmalen Pfad gingen wir an der Wand hinab in die Sandgrube. Von den zwei Gleisen für die Lorenbahn ging das eine mehr waagrecht, das andere nach rechts hinunter. Die großen Jungen hoben dann die zwei Loren von dem einen Gleis auf das andere und ließen sie hinunter sausen.

In Hochstadt gab es auch noch eine jüdische Schule, die ich allerdings nicht mehr erlebt habe. 

Die meisten Einwohner gehörten zur evangelischen Kirche. Aber es gab auch katholische Christen und einige Juden in allen Dörfern der heutigen Stadt Maintal. Die Juden haben auch das Alte Testament als heiliges Buch, aber sie erkennen Jesus nicht als Gottes Sohn an. Die Nationalsozialisten aber verfolgten die Juden, weil sie angeblich an allem Schlechten schuld waren und angeblich die Herrschaft über die ganze Welt anstrebten, die die Nationalsozialisten aber selber haben wollten. Deshalb haben sie am in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall in Deutsch­land die jüdischen Gotteshäuser zerstört und später Millionen von Juden aus Europa in großen Vernichtungslagern umgebracht.

 

Gymnasium:

In den Dörfern der heutigen Stadt Maintal gab es früher keine Gesamtschule und kein Gymnasium. Es waren auch nur wenige Schüler, die den Besuch einer weiterführenden Schule anstrebten. Einige gingen nach Hanau, die Jungen in die Hohe Landesschule, die Mädchen in die Karl-Rehbein-Schule. Damals war es noch so, daß es für Jungen und Mädchen getrennte Schulen gab. So war es auch mit dem Helmholtz-Gymnasium in Frankfurt, das ich besuchte.

Um dort angenommen zu werden, mußte man erst eine Aufnahmeprüfung machen.

Einige reiche Eltern schickten ihre Kinder vorher zu dem Grundschullehrer zu einer besonderen Förderung. Unser Lehrer nahm mich auch mit dazu, obwohl ich nichts bezahlen konnte. Er wollte gern, daß ich auf die „höhere Schule“ komme, wie man damals sagte. Er kam extra in unser Haus und redete auf meinen Großvater ein, der gern wollte, daß ich den Bauernhof weiterführe. Entschieden hat es dann meine Mutter, daß ich zur Prüfung gehen sollte. Eine Woche lang waren wir in Frankfurt, schrieben jeden Tag eine Arbeit und wurden von einem zweiten Lehrer beobachtet, wie wir uns im Unterricht verhielten. Ich habe die Prüfung bestanden, während die meisten Kinder mit reichen Eltern nicht genommen wurden.

Im Alter von zehn Jahren ging ich dann jeden Morgen bei Wind und Wetter zu Fuß zum Bahnhof und in Frankfurt noch einmal einen Kilometer bis zur Schule. Bei den Bischofsheim­ern war es ähnlich. In unserer Klasse waren von 42 Schülern sieben aus Hochstadt und Bischofsheim. Wir fingen mit 64 Schülern in der Klasse an, aber in der fünften Klasse wurden schon wieder 16 an die Grundschule zurückgeschickt. Zuletzt waren wir noch 14 aus zwei Klassen.

Am Anfang war das Schulgebäude noch durch Bombentreffer im Krieg beschädigt. Das Dach war nur notdürftig abgedichtet. Die Wände waren nur grob verputzt, der Fußbodenbelag war schadhaft. Geturnt wurde in einem Kellerraum. Aber wir waren froh, etwas lernen zu können und wollten es in Zukunft besser haben. Erst 1957 wurde die Schule grundlegend saniert.

 

Freizeit:

Da es noch kein Fernsehen gab, haben wir als Kinder uns selbst die Zeit vertreiben müssen. Gern spielte ich mit einem Holzbaukasten, den ich um einige Teile aus anderem Material ergänzt hatte. Die Kinder der Nachbarschaft spielten am Nachmittag oft zusammen. Es gab „Räuber und Gendarm“ um die Häuserecken, aber auch Tanzspiele wie „Laurentia“ oder „Schneewittchen“ oder „Mariechen war ein schönes Kind“ oder „Wir fahren durch die Brücke“.

Im Hof konnte man schön „Versteckelches“ spielen, also Verstecken, bei dem einer mit dem Gesicht zur Wand im Singsang rief: „Eins zwei drei vier Eckstein, alles muß versteckt sein, hinter mir da gilt es nicht, eins zwei drei ich komme jetzt!“ Im Hof und in den Nebengebäuden gab es dafür gute Verstecke.

Auf der Straße wurde auch mit „Klickern“ gespielt, also bunten Murmeln aus Ton, die mit in ein Loch vor der Hauswand „geschneppelt“ wurden, also mit Daumen und Zeigefinger geschnippt wurden. Wer die letzte Kugel im Loch versenkte, der erhielt den ganzen Inhalt. Besonders wertvoll waren die großen bunten Glaskugeln. Ein beliebtes Spiel war auch „Räuber und Gendarm“, das rund um das Wohnviertel gespielt wurde.

Als Puppe hatten wir eine „Hulda“, die aus Strümpfen selbst gefertigt war und mit Sägespänen gefüllt war. Sie fand ihr Ende, als wir sie eines Tages aufschnitten, um zu sehen, was innendrin war.

Im Winter waren die Wiesen zwischen Hochstadt und Bischofsheim oft mit Eisflächen überzogen. Es wurde Hockey gespielt, und auf den Gräben konnte man mit Schlittschuhen nach Dörnigheim fahren. Im Winter 1947 war sogar der Main zugefroren, so daß das Milchauto über den Main fahren konnte und zeitweise sogar ein Karussell auf dem Fluß aufgebaut war. Aber im Frühjahr  führte das Schmelzwassser zu solchen Überschwemmungen, daß die Straße nach Bischofsheim lange unter Wasser stand und völlig aufbrach (sie lag damals noch nicht so hoch wie heute).

Südlich der Straße war noch das Ried, in dem wir uns mit den Bischofsheimern manchen Kampf lieferten. Im Schilf gab es Trampelpfade, auf denen man sich anschlich. In der vordersten Linie standen allerdings die großen Jungs, die mit ihren „Zwackeln“ (Katapulte) kleine Steine und sogar Eisenteile verschossen. Wir Kleinen liefen mehr hinterher und hielten uns aus ernsthaften Kämpfen heraus. In späteren Jahren, als ich schon ein Fahrrad hatte, hielten mich einige Jugendliche in Bischofsheim an und nahmen mir ein kleines Hackbeil ab, das ich auf dem Gepäckträger hatte. Mit den Dörnigheimern gab es kaum Auseinandersetzungen. Und mit Wachenbuchen hatten wir überhaupt keinen Kontakt, das war zu weit weg, die Straße war nur noch geschottert, da kam man nicht hin.

 

Einkaufen:

Es gab damals nur kleine Geschäfte im Dorf. Der Laden bestand nur aus einer Stube, in der man die wichtigsten Nahrungsmittel erhalten konnte. Bei einigen Geschäften mußte man erst durch den Hof gehen und dann eine hohe Treppe hinauf. Die Milch gab es noch lose, das heißt: Man mußte eine Kanne mitbringen, in die die Milch dann abgefüllt wurde. Auch Zucker und Mehl wurden immer einzeln in eine Tüte ausgewogen.

Viele Gegenstände wurden damals repariert, bis es nicht mehr ging. Schuhe wurden geflickt, Töpfe wurden wieder gelötet, viele Gegenstände beim Schmied eigens angefertigt. Es gab so gut wie keinen Müll: Mit der Asche und dem Inhalt der Klärgrube wurden die Felder gedüngt. Altstoffhändler bimmelten auf der Straße und nahmen alles Verwertbare mit.

Es gab eine ganze Reihe von Gaststätten, in denen auch die Kerb gefeiert wurde. Dort holte man Apfelsaft oder Apfelwein im Krug. Manche hatten eine Kegelbahn und einen Garten mit einfachen Tischen und Stühlen, wo man im Sommer schön unter den Bäumen sitzen konnte. Viele Wirte kelterten noch selbst den Apfelwein.

Mein größtes Vergnügen war es, wenn ich beim „Eis-Jakob“ mir ein Eis kaufen konnte. Er stand mit seinem Wagen am unteren Ende der Hauptstraße und füllte für zehn Pfennige mit einem Spachtel eine Tüte oder eine Waffel. Ersatzweise ging ich auch in das eine Lebensmittelgeschäft und kaufte mir - auch für zehn Pfennige - Himbeerbonbons.

In den Haushalten wurde viel von den geernteten Früchten und von dem Gemüse eingekocht.

Aus Weißkraut wurde Sauerkraut gemacht. Zwetschenmarmelade wurde im Waschkessel gekocht und in Gläser angefüllt. Äpfel und Birnen wurden kühl gelagert oder in Scheiben getrocknet. Im Wald wurden Himbeeren und Brombeeren gesammelt. Im Winter wurde ein- oder zweimal ein Schwein im Hof geschlachtet

 

Ernst des Lebens:

Auf dem Bauernhof mußte ich schon früh mithelfen. Wenn ich nach der Schule aus Frankfurt kam, lag meist ein Zettel in der Küche. „Essen steht in der Röhre, Stall ausmisten“. Die ganzen Jahre machte ich Landwirtschaft und ging nebenbei zur Schule. Mit zehn Jahren war ich eine halbe Arbeitskraft. Ich mußte vom Wagen aus die Kühe lenken oder die Mähmaschine mit den Kühen fahren. Ich habe Unkraut ausgehackt oder die Futterrüben gemahlen oder Futter abgeladen. Nur das Melken der Kühe habe ich mir nicht lernen lassen, sonst hätte ich noch mehr tun müssen. Mit vierzehn Jahren war ich eine volle Arbeitskraft und mußte zum Beispiel die vollen Kartoffelsäcke vom Wagen im Hof in den Keller tragen.

Taschengeld habe ich mir selber verdient, indem ich Wochenzeitungen austrug und jedesmal auch gleich das Geld dafür kassierte. So kaufte ich mir mit zwölf Jahren ein Fahrrad und mit 13 Jahren ein Radio. Auch meine Schulsachen oder die Kosten für die Ausflüge konnte ich selber finanzieren

 

Schlußwort:

Ihr habt eine bessere Kindheit, dafür könnt ihr nur dankbar sein. Ihr könnt euren Eltern und Lehrern danken, daß sie sich um euch kümmern und auch die Mittel dafür haben. Wir sind nicht arm in Deutschland, auch wenn es Familien gibt, die wesentlich ärmer sind als andere. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es früher bei uns viel schwieriger war, aber vielen Kindern in der Welt auch heute noch sehr viel schlechter geht.

 

 

 

Entnazifizierung in den Orten der heutigen Stadt Maintal

 

Nach dem Ende der Naziherrschaft war die Frage, wie es denn jetzt politisch, gesellschaftlich und menschlich weitergehen sollte. Man mußte die Vergangenheit aufarbeiten und möglichst bewältigen. Es konnte nicht dabei bleiben, wie es Bernd Salzmann in seinem Buch über die Nazizeit in Dörnigheim treffend formuliert hat: „Keiner will es gewesen sein“. Nach dem Einzug der Amerikaner gab es ja angeblich keine Nazis mehr, nur noch Widerstandskämpfer oder zumindest Neutrale.

Man versuchte zunächst, die schlimme Zeit totzuschweigen  Den Kindern wurde nichts erzählt, weder vom Krieg noch von den Zuständen in der Heimat. Irgendwie hat man sich auch geschämt, denn schließlich hatte man ja mitgekriegt, daß die Juden abtransportiert wurden oder die russischen Kriegsgefangenen mißhandelt wurden.

Vieles weiß man nur aus den Akten, zum Beispiel daß man in Wachenbuchen einen abgeschossenen amerikanischen Flieger auf offener Straße mißhandelt hat. Und es kam auch jahrzehntelang nicht zu Sprache - nicht einmal bei nahen Verwandten - daß die Nazis noch in den letzten Tagen einen Einwohner hinrichteten, weil er den Wachmann eines Lebensmittelllagers bedroht hatte, weil die Sachen unter die Bevölkerung verteilt werden sollte.

 

Nach 1945 griff man zu dem Instrument der „Entnazifizierung“. An sich sollte es darum gehen, die Untaten zu sühnen. Aber mit der Zeit ging es immer mehr darum, die Täter wieder in Amt und Würden zu bringen, so weit sie sich nicht wirklich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten. Aber immerhin hat man sich alle Parteimitglieder vorgenommen. Nach und nach wurden die Nazis enttarnt. Hinweisgeber waren dafür die Kommunisten und zum Teil auch die Sozialdemokraten. Außerdem gab es ja auch Akten, zum Beispiel die Karteien der Parteimitglieder. Die SS-Leute waren außerdem an dem Blutgruppenzeichen in der Achselhöhle  erkennbar.

Es mußte ja weitergehen, und das gerade in einer Dorfgemeinschaft, wo einer den anderen kannte. Außerdem brauchte man die Fachleute, auch wenn sie dem früheren Regime gedient hatten. Das ist immer so, wenn sich das Stasatswesen ändert, da kann man nicht die ganze Verwaltung auswechseln, weil man ja dafür die Leute nicht hat. So kam es in ganz Westdeutschland zu den Entnazifizierungsverfahren vor eigens gebildeten sogenannten „Spruchkammern“.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Frage wie folgt gelöst: Die Ober-Nazis hatten sich angeblich alle in den Westen abgesetzt. Es mußten aber doch welche bestraft werden. Also hielt man sich an  die kleinen Leute, die zum Beispiel nicht mehr gemacht hatten als die Parteibeiträge zu kassieren. Sie kamen zum Beispiel in das Speziallager im ehemaligen KZ-Bu­chen­wald; viele kehrten nicht zurück, bis 1950 das Lager aufgelöst wurde. Aber es gab  auch noch die andere Möglichkeit, daß man sich den neuen Machthabern zur Verfügung stellte und in die neue Staatspartei eintrat, dann wurde man abgeschirmt.

 

 

Kriegsende und demokratischer Neuanfang

In den Wäldern fand man wohl häufig weggeworfene Uniformen von Reservisten, die erkannten, daß dieser Krieg nicht gewonnen werden konnte, und die ihr Heil in der Flucht suchten. Einige Wenige, die dem Befehl folgend, einzeln versuchten, eine ganze Armee aufzuhalten, mußten diesen Irrsinn dann noch mit dem Leben bezahlen.

Die Entnazifizierung beginnt im Grund mit dem Einmarsch der Amerikaner. Die damaligen Amtsträger mußten entfernt werden und neue Verantwortungsträger gefunden werden. Bilder und Fahnen wurden entfernt, Straßen wieder umbenannt, Bibliotheken gereinigt und aus Schulbüchern wurden Seiten herausgeschnitten. Eine freie Presse erschien, herausgegeben allerdings naturgemäß von den Siegermächten. Verordnungen und Gesetze der Besatzungsmacht wurden öffentlich bekanntgemacht.

In hastiger Eile durchsuchten die Amerikaner alle Häuser und nahmen Hakenkreuze, Abzeichen und Fahnen ebenso an sich wie Messer, Äxte, Beile und Waffen. Auch Lebensmittel, die bei Kriegsende und durch die zusätzliche Versorgung der Ausgebombten aus Hanau und Frankfurt  sehr knapp waren, wurden von den Amerikanern in Anspruch genommen. Teilweise haben die Deutschen ihre Heizungen stillgelegt oder Öfen ausgebaut, um dem Verbrauch ihres Heizmaterials vorzubeugen.

Als Bürgermeister setzten die Amerikaner gern Lehrer ein, weil die Englisch konnten. Dann griff man gern auf Kommunisten zurück, weil diese die entschiedensten Gegner der Nazis waren.  Erst mit den Kommunalwahlen und der Gründung des Landes Hessen am 1. Dezember 1946 kam alles in demokratische Bahnen. Zunächst wurden fast alle Lehrer entlassen und Jugendliche mit und ohne Abitur zu Schulhelfern ausgebildet oder pensionierte Lehrer wieder reaktiviert.

 

Dörnigheim:

Daß die Amerikaner auf dem Vormarsch waren, war in Dörnigheim bekannt. Überall wurden weiße Flaggen gehißt und auch am Kirchturm wehten auf allen vier Seiten weiße Flaggen, die aber auf höheren Befehl hin wieder eingeholt werden mußten, da nach Meinung des Befehlsgebers das Dorf Dörnigheim nicht gefährdet war. Nach Auskunft von Pfarrer Kurz wurde Dörnigheim „zur Freude aller Anwohner“ besetzt.

Am 25. März 1945 wurden die Zwangsarbeiter auf Lastwagen aus Dörnigheim gebracht und die Kriegsgefangenenlager vor den anrückenden Amerikanern geräumt. Gleichzeitig wurde das KZ-Außenlager in den Adlerwerken Frankfurt geräumt, um vor den vorrückenden Amerikanern die Spuren der Zwangsarbeit, der schlechten Versorgung und der menschenunwürdigen Unterbringung der Gefangenen zu verwischen. Am Morgen des 25. März 1945 passierte der Todesmarsch den Ort Dörnigheim auf der heutigen Kennedystraße. Nach fünf Tagen erreichte dieser Zug die Stadt Hünfeld. Von dort wurde der Transport ins KZ Dachau mit der Bahn fortgesetzt.

Im Bewußtsein der Dörnigheimer ist der Todesmarsch kaum verankert. Das kann an der ideologischen Prägung der NS-Zeit liegen, an der Unsicherheit aufgrund der anrückenden Besatzer, an einem eventuellen Ausgangsverbot für den Morgen des 25. März an der damaligen Lindenstraße in Dörnigheim oder an dem alles überlagerndem Ereignis der Detonation am Bahnhof.

Der Todesmarsch von Frankfurt nach Hünfeld forderte rund 70 Todesopfer. Für das Gebiet der Gemeinde Dörnigheim sind elf Tote nachgewiesen. Da alle elf tödliche Schußwunden hatten, handelte es sich entweder um entkräftete Häftlinge, die nicht weiter laufen konnten und von den SS-Wachleuten erschossen wurden, oder um gescheiterte Fluchtversuche. Der Bürgermeister beauftragte den Friedhofsarbeiter, die Strecke des Zuges abzusuchen und die Leichen einzusammeln. Sieben Leichen wurden westlich der Ortschaft zwischen Fechenheim und Dörnigheim gefunden, drei weitere im Wald bei der heutigen Waldsiedlung. Diese Leichen wurden eilig in einem Massengrab ohne Särge beigesetzt, da man Strafen der amerikanischen Besatzer fürchtete. Eine weitere Leiche in Häftlingskleidung wurde erst später im Wald gefunden und am 20. November bestattet.

Im Juli 1945 wurden die Amerikaner auf das Massengrab aufmerksam und ordneten eine würdige Trauerfeier an. Diese Trauerfeier fand am 12. August 1945 statt und wurde von dem damaligen Pfarrer Kurz gehalten. Er hat über diese  Trauerfeier und die Umstände, die dazu führten, einen umfangreichen Eintrag im Totenbuch der Kirchengemeinde Dörnigheim verfaßt. Die Beisetzung in Särgen wurde im Bereich der Ehrenmäler an der südwestlichen Ecke des Alten Friedhofs vorgenommen.

Im Jahre 1952 kam es zu großen Umbauarbeiten am Alten Friedhof. Die Gräber der Toten des Todesmarschs wurden aufgelöst und auf ein Ehrenmal auf dem damals geplanten Waldfriedhof verlegt. Dieser Waldfriedhof war etwa im Bereich der heutigen Integrativen Kindertagesstätte an der Hermann-Löns-Straße vorgesehen. Als der Plan für den Waldfriedhof aufgrund des hohen Grundwasserstands in dem Gebiet aufgegeben wurde, wurden die Ermordeten des Todesmarschs erneut (zum vierten Mal!) umgebettet. In Schlüchtern wurde ein Friedhof für die Kriegstoten im Main-Kinzig-Kreis angelegt. Sie wurden am 9. Februar 1962 in den Grabstellen C316 bis 337 beigesetzt unter der Bezeichnung „12 Unbekannte, gestorben 1945 in Dörnigheim, Kreis Hanau.“ Damit waren sie aber auch aus dem Blickfeld der Bevölkerung herausgenommen.

Am 25. März 1202 um 14 Uhr fand ein Gedenken an den Todesmarschs statt. Graue Filzfiguren standen an der Kennedystraße / Ecke Hasengasse, die Ulrike Streck-Plath angefertigt hatte. Diese wurden dann Stück für Stück Richtung Hanau bewegt. Ein Text zum Geschehen am 25. März.1945 wurde gelesen. So zogen die Gestalten des Jammers auf dem Weg des Erinnerns durch die Stadt, das Ungeheuerliche sichtbar zu machen. Der Wunsch war, daß das Geschehene in Erinnerung bleibt, wenn die Figuren im Ort einen festen Platz finden. Aber kein Magistratsmitglied fand es für nötig, trotz Einladung bei der Gedenkver­anstaltung anwesend zu sein.

Auch der „Mantel des Schweigens“, angefertigt von dem Hochstädter Künstler Günther Han­tel, verschwand aus unerklärlichen Gründen (so die Erklärung des damali­gen Bürgermeisters Rohrbach) aus  dem Rathausfoyer in Bischofsheim. Ein Ersatz wurde bezeichnender­weise nie in Erwägung gezogen.

 

Nach dem Kriegsende wurde eine Übergangsregierung eingesetzt. Der Bürger Alwin Lapp wurde als Bürgermeister eingesetzt, da er als Naziverfolgter und Angehöriger der KPD für die Besatzung der richtige Mann war. Er genoß aber auch in der Bürgerschaft so viel Vertrauen, daß er bei späteren Wahlen durch die Dörnigheimer selbst in seinem Amt bestätigt wurde. Es gelang ihm während seiner Amtszeit, oft auch gegen Besatzungsrecht, seine Bürger zu schützen und zu unterstützen. Er war bis 1950 der Bürgermeister.

Langsam pendelte sich die deutsche Verwaltung auch in Dörnigheim, wieder ein. Alle Personen über zwölf Jahre erhielten eine Kennkarte, die sie (mit Unterschrift und Fingerabdruck versehen) jederzeit bei sich zu tragen hatten.

Bereits zu Anfang entstand in Dörnigheim wieder eine Polizeistation mit deutscher Besetzung. Eine be­sondere Aufgabe bestand darin, die Bevölkerung vor bandenartigen Übergriffen zu schützen, auch vor befreiten Zwangsarbeitern, die noch nicht in ihre Heimat zurückgekehrt waren. So sah sich ein Dörnigheimer eines Abends drei Personen gegenüber, die sich bei Dun­kelheit mit einer Schußwaffe Zugang zu seiner Woh­nung verschaffen wollten. Sie schossen dreimal auf den Mann, flüchteten jedoch, als die Patronen nicht losgingen.

 

Mit der Heimkehr der Kriegsteilnehmer erwachte der Wunsch nach dem alten Vereinsleben. Der Alliierte Kontrollrat untersagte jedoch anfangs jede Vereinstätigkeit aus Angst vor getarnten politischen Verbindungen. Die erste eigene Erlaubnis erhielt der Arbeiter‑Rad‑ und Kraftfahrerverein „Solidarität“, als der am wenigsten Verdächtige. Die anderen Vereine schlossen sich nach der geglückten Fürsprache von Bürgermeister Alwin Lapp und mit Unterstützung einer Gruppe der „Freien Turnerschaft 06“ zur einer „Sportgemeinschaft Dörnigheim“ zusammen.

 

Der Arbeitergesangsverein Frohsinn, den Arbeiter Rad- und Fahrverein Solidarität und die Freien Turner Dörnigheim (FTD) hatten sich im Juli 1925 zum „Sport­kartell der freien Arbeitersportvereine“ zusammengetan. Den braunen Machthabern waren besonders die Aktiven des Turnvereins ein Dorn im Auge, da in den Augen der Nazis angeblich der „überwiegende Teil der Freien Turner Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands waren“. Sie warfen ihnen „marxistisches Gedankengut“ und „subversive Betätigung“ vor.

Der Ortslandjäger tauchte am 5. Mai 1933 überraschend beim FTD-Vereinsvorsitzen­den Friedrich Roth, bei Peter Stier und Jakob Roth auf. Dem Vorstand wurde untersagt, „vorerst“ zu Übungsstunden und Versammlungen einzuladen.  Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde beschlagnahmt. Das Vereinsheim, Turngeräte, Musikinstrumente, Briefbögen und Protokollbücher wurden genauso eingezogen wie die Vereinsfahne, drei Scheinwerfer und eine „Closettanlage“. Selbst ein Nikolausbart für die Weihnachtsfeier der Kinder war vor den braunen Häschern nicht sicher

Die Mitglieder wurden auch zu Hause aufgesucht und persönlicher Besitz wie Fahrräder entwendet. Die Begründungen waren haarsträubend. Nöten- und Lehrbücher könnten zur „Schulung der Kommunistischen Partei dienen“. Schränke mußten mitgenommen werden, „weil sie zur Aufbewahrung von Geräten dienten, die im staatsfeindlichen Sinne Verwendung finden könnten“. Ein Tisch sei bei Vereinsveranstaltungen benutzt worden, „welche staatsfeindlichen Charakter hatten“.

Nach dem Krieg kam es - trotz aller Bemühungen - zur Wiedergründung der alten Vereine kam. Aus heutiger Sicht möge das  mit Nachsicht betrachtet werden, die Gegensätze und Vorurteile waren einfach nicht so ohne Weiteres zu überwinden. Daraufhin nahm die FTD ihr aus der Wiedergutmachung zustehendes Recht in Anspruch und erhielt das vereinseigene Grundstück wieder zurück. Viel Unterstützung erhielten die Turner vom Dörnigheimer Bürgermeister Alwin Lapp.

 

Eine andere Haltung zu ihrer Vergangenheit nahm die  Turngemeinde Dörnigheim ein.

Weil im Mai 2013 im Maintal Tagesanzeiger geschildert worden war, wie die Freie Turnerschaft unter den Nazis zu leiden hatte, fragte Herbert Begemann (Vorsitzender des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum) in einem Leserbrief, ob es nicht an der Zeit sei, das Bild des Turngemeinde Vorsitzenden Jakob Dammköhler aus dem Gebäude der Turnerschaft zu entfernen. Der Bürgermeister und Nationalsozialist Jakob Dammköhler ist noch heute als einziger Vorsitzender der Turngemeinde im Vereinshaus mit großem Foto portraitiert und wird als einziger Vorsitzender in der online-Vereinschronik namentlich lobend erwähnt.

Jakob Dammköhler war bereits Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim, als er in die NSDAP eintrat und Ende März 1933 den gewählten Dörnigheimer Bürgermeister Karl Leis ablöste. Er war nicht unfreiwilliges Werkzeug der staatlichen Macht, denn er amtierte zeitweise als Ortsgruppenleiter der NSDAP und ließ sich - nach einer kurzen Unterbrechung - in den vierziger Jahren erneut als nationalsozialistischer Bürgermeister bestellen. Nach dem Krieg wurde Jakob Dammköhler wieder Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim - bei Ausblendung der unguten Vorgeschichte.

An Klaus Seibert gewandt wies Begemann darauf hin, daß sein eigener WAM-Fraktionsvor­sitzen­der Jörg Schuschkow es als derzeitiger Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim zuläßt, daß eben jener Jakob Dammköhler immer noch geehrt wird. In der aktuellen WAM-Information heißt es allerdings, die aktuelle Geschichtsschreibung der Turngemeinde Dörnigheim zu ändern „wäre längst an der Zeit“.

Jörg Schuschkow antwortete darauf: „Das Porträt von Herrn Jakob Dammköhler in der Halle und seine Erwähnung auf der Internetseite ergeben sich daraus, daß er der Erste Vorsitzende war, der diese Halle gebaut hat. Seit ich Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim bin, hat mich die Familie Begemann zweimal auf das Thema „Dammköhler“ angesprochen. Dieses Thema war mir vorher nicht bekannt, aber danach habe ich mich informiert, so gut dies möglich war. Die Information habe ich einerseits aus dem vom Magistrat der Stadt Maintal aufgelegten Buch „Niemand will es gewesen sein“ genommen, das mir dankenswerterweise Herr Begemann zukommen ließ, andererseits aus dem Protokoll des Vorstands, der einmal vor meiner Zeit wegen des Themas mit einem Zeitzeugen, einem Verfolgten des Nationalsozialismus, gesprochen und weitere Informationen eingeholt hatte.

Für mich stellte sich das Bild von Herrn Dammköhler danach so dar, daß er ein Mitläufer (so war er auch bei der Entnazifizierung eingeordnet worden) war, der eine öffentliche Position hatte, in der er regimekonform gehandelt hat. Er hat  aber eben auch eine andere Seite, in der er zumindest einem Verfolgten auch geholfen hat. Wir haben das Thema im Vorstand der TGD besprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß wir keinen Anlaß sehen, den sicherlich leichten Weg zu gehen, wie er heute gerne gegangen wird und das Portrait einfach abzuhängen.

Meine Erkenntnisse sowie den Beschluß des Vorstands habe ich seinerzeit der Familie Begemann mitgeteilt. Ich habe gefragt, ob darüber hinausgehende Erkenntnisse vorlägen, was verneint wurde. Daraufhin habe ich vorgeschlagen, da ein Mitglied der Familie Mitglied der TGD ist, doch einen entsprechenden Antrag in der Mitgliederversammlung zu stellen. Das wollte die Familie Begemann nicht, da man sich durch einen solchen Antrag zu sehr exponieren würde und es meine Aufgabe sei, das Problem zu lösen.

Nun stellt der Vorstand zwar ein Organ dar, in dem mit Mehrheit abgestimmt wird und gibt nicht immer meine Meinung wieder, aber in diesem Fall kann ich den Beschluß ohne Bedenken vertreten, sodaß ich mich nicht in der Lage sah, gegen diesen Vorstandsbeschluß die Mitgliederversammlung anzurufen. Außerdem fordere ich, gerade auch in meiner politischen Arbeit, den mündigen Bürger, weil ich mich als solchen auch verstehe, der sich für seine Überzeugungen einsetzt und auch einmal gegen Widerstände vorgeht, selbst wenn das weh tut. Wer meine politische Entwicklung kennt, kann das nachvollziehen.

Wenn Menschen in unserem demokratischen Staat nicht einmal genug Mut haben, ihre Meinung vor einer Mitgliederversammlung zu vertreten, dort einen Antrag zu stellen und sich der folgenden Diskussion zu stellen, frage ich mich, wie diejenigen sich in der Nazidiktatur verhalten hätten. Ich sehe Menschen nicht schwarz oder weiß. Für mich gehört zu einer Aufarbeitung nicht, daß man Portraits abhängt und ein Thema so erledigt, um sich danach als Gutmensch zu fühlen. Ich habe bei meinen Aktivitäten im Internet zu oft mit Jugendlichen zu tun, die diese ganze Betroffenheitskultur mit quasi-rituellem Charakter ablehnen und die man so gar nicht mehr erreicht.

Mir liegt es völlig fern, ein Thema unter den Teppich zu kehren. Ich bin gerne zu einer offenen öffentlichen Diskussion bereit. Aber die sollte man dann auch offen führen und nicht aus einer Position der Vorverurteilung gegenüber einem Menschen, der sicher kein leuchtendes Beispiel abgab, der aber eben ein Mensch seiner Zeit war!“

 

Rolf Dewet Klar aus Bischofsheim wies darauf hin, daß man schon 1989 eine Diskussion machen wollte, in der die vor dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Vereine vor Ort darlegen sollten, wie sie in einer noch einzuberaumenden öffentlichen Versammlung zu berichten, wie sie die unsägliche Hitler-Zeit durchlebt haben. . Das Thema wurde abgewürgt und „die Leichen blieben im Keller“, wie später jemand frustriert formulierte. Es galt das Motto: „Schla­fende Hunde soll man nicht wecken“.

Fünf Mitglieder der Turngemeinde meinten am 28. Mai 2013: „Zur Änderung besteht überhaupt kein Anlaß“: Wer glaubt, die Geschichtsschreibung der TGD wegen der Tätigkeit einer einzigen Person außerhalb des Vereins unter einmaligen politischen Bedingungen in Frage stellen zu können, der irrt. Die Geschichte der Turngemeinde Dörnigheim beschreibt die sportlichen und kulturellen Leistungen ihrer Mitglieder in den zahlreichen Abteilungen. Daß die herausragende Leistung des Jakob Dammköhler als Initiator und tatkräftiger Organisator des Baus der TGD-Turnhalle mit einem Foto in eben dieser Halle sowie einer einzigen Erwähnung in unserer Chronik gewürdigt wird, ist völlig gerechtfertigt. Außergewöhnliche Taten öffentlich zu honorieren, ist bei vielen Vereinen üblich.

Bisher hat keines der über 1600 Mitglieder der TGD an dem Foto in der Turnhalle Anstoß genommen. Im übrigen wurde in der TGD-Vorstandssitzung am 3. April 2012 bereits entschieden, daß in absehbarer Zeit Fotos sämtlicher ehemaligen Vorsitzenden - soweit verfügbar - im Foyer der Turnhalle veröffentlicht werden. Die TGD ist politisch unabhängig. Voraussetzungen für die Wahl ihres Vorsitzenden sind seine Bereitschaft und seine Führungsqualitäten für die Ziele des Vereins gemäß seiner Satzung. Die politische Unabhängigkeit der TGD zeigen die Parteizugehörigkeiten ihrer Vorsitzenden in den vergangenen Jahrzehnten: CDU, SPD, WAM.

Noch im Winter 1945 / 1946 schlossen sich die Sänger – über alle Trennungslinien hinwegsehend – zu einem großen Männer- und Gemischten Chor, dem Volkschor, zusammen. Für allgemeine geistige Bil­dungsmöglichkeiten sorgten Vortragsabende und musikalische Ver­anstaltungen, die im Rahmen der Volkshochschule durchgeführt wur­den. Sie erfreuten sich durchweg eines regen Zuspruchs.

 

Die politischen Bürger bildeten in Dörnigheim zuerst eine Antifaschistische Gruppe, die am Anfang allein das Sagen hatte. Nach und nach zeigten sich dann wieder die politischen Parteien der Vor-Nazizeit, allen voran die KPD mit dem größten Stimmenanteil, dann die SPD und später die CDU. Alwin Lapp (KPD) wurde von den Amerikanern als Bürgermeister für Dörnigheim eingesetzt. Er wurde in späteren Wahlen von der Bevölkerung in diesem Amt bestätigt und war bis 1950 Bürgermeister

Nach dem Tode von Alwin Lapp begann ein neuer turbulenter Abschnitt des Gemeindelebens. Auf Grund des persönlichen Ansehens, das sich Alwin Lapp in der Bürgerschaft erworben hatte, besaßen seine politischen Freunde in der 1948 ge­wählten Gemeindevertretung 7 von 15 Sitzen, eine im Vergleich zu ­den Landtags und Bundestagswahlen recht hohe Anzahl. Da sie die stärkste Fraktion bildeten, erhoben sie den Anspruch auf Besetzung der Bürgermeisterstelle.

Noch einem mißlungenen Versuch wurde  der bisherige Gemeindevertreter Walter Bley und erste Sprecher der KPD zum Bürgermeister gewählt. Landrat und Innenminister versagten aber ihre Zustimmung und lehnten eine Amtseinführung ab. Mittlerweile war nämlich vom Bundesinnen­minister beim Bundesverfassungsgericht ein Verfahren gegen die KPD eingeleitet worden. So blieb der 1. Beigeordnete vorläufig Lei­ter der Gemeindeverwaltung, die Bürgermeisterstelle blieb unbesetzt. Auch nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot der KPD ausgesprochen hatte, änderte sich der Zustand nicht, weil zuerst gerichtlich festgestellt werden mußte, ob in Anbetracht des inzwi­schen erfolgten Verbots der KPD die Bürgermeisterwahl rechtsgültig war oder nicht. Bley konnte das Amt nicht antreten. Das war Entnazifizierung andersherum, denn jetzt wollte man auch die Kommunisten ausschalten. Von 1950 bis 1952 war Konrad Dierich (SPD) und von  1952 bis 1955 Wilhelm Lapp (FWG) der Bürgermeister.

 

 

Hochstadt:

Nach dem Krieg wurde zunächst der Lehrer Heinrich Textor als kommissarischer Bürgermeister von den Amerikanern eingesetzt, weil er im Bürgermeisteramt wohnte und Englisch konnte. Ab 1. September 1945 wurde  der Sozialdemokrat Fritz Schäfer (Wachenbucher Straße 21) von der US-Militärstelle in Hanau eingesetzt.

Ein „Antifaschistischer Ausschuß“ wird gegründet unter Fritz Schäfer und Philipp Ziegler als Stellvertreter. Mit dabei sind auch zwei CDU-Vertreter und zwei Kommunisten. Im Ausschuß wird über die Zulassung zur Wahl unterschieden, eine Liste der von der Wahl ausgeschlossenen war Dezember 1945 fertig.

Nach der Kommunalwahl 1946 wird Philipp Weber Bürgermeister und Wilhelm Huhn Beigeordneter, sieben von zwölf Gemeindevertretern sind Sozialdemokraten. Doch 1948 gewinnt die CDU die Wahl und stellt mit Wilhelm Mankel den Bürgermeister. Erst 1956 kann die SPD wieder ihren Kandidaten durchbringen und Philipp Ziegler wird Bürgermeister bis zur Gründung der Stadt Maintal.

Die Schulen wurden 1945 wieder geöffnet. Die Hochstädter Lehrer Glinder und Röder wurden aus dem Schuldienst entlassen. Die Lehrerin Lorey wurde wieder aktiviert, um den Kindern etwas Unterricht zu erteilen. Am 9. September 1946 kam der Lehrer Textor wieder in den Schuldienst, weil er als „Mitläufer“ eingestuft wurde, aber 1947 wurde er versetzt. Am 1. November 1948 wurde Fräulein Lorey nach fast 40jähriger Dienstzeit pensioniert und Karl Glinder wieder eingestellt, bis er im März 1960 pensioniert wurde. Lehrer Röder wurde Leiter einer Hauptschule  in Dörnigheim und galt als scharfer Nazi. Am 31. Januar 1958 wurde er nach 39 Jahren in Hochstadt pensioniert und starb 1968.

 

Wachenbuchen:

Kurz vor Kriegsende ereigneten sich noch dramatische Dinge. In der Schule gab es einen Raum, in dem die Nazis ein Vorratslager haben. Einige Anwohner wußten das und drangen auf Verteilung. Besonders hervor tat sich dabei Jean Kappes (Schulstraße 24), der kurz vor Kriegsende desertiert war. Er soll mit seiner Dienstwaffe gedroht haben. Der Leiter des Lagers machte Meldung. Kappes wurde verhaftet und auf dem Gelände der Brauerei Nicolay in Hanau von der Gestapo erhängt. Der Leiter des Lagers wurde auch nach dem Krieg nicht belangt, weil er in Ausübung seiner Pflicht gehandelt habe. Ein weiteres Opfer der Naziherrschaft ist der Spengler Wilhelm Ebert, der wegen „Brandreden im kommunistischen Sinne“ in Haft kam.

Am 28. März ziehen noch vereinzelte deutsche Soldaten durch die Straßen. Gegen 9 Uhr sind die Amerikaner da. Sie kommen von Westen und ziehen nach Mittelbuchen und Niederdorfelden. Einige Häuser müssen geräumt werden.

 

 

Bischofsheim:

Am 27. März 1945 beschossen amerikanische Panzer von Rumpenheim aus den Ort, sie belegten hauptsächlich die Straßenkreuzungen mit Feuer, größere Gebäudeschäden traten nicht auf. Am folgenden Tag kamen die Amerikaner über den Main, die von deutschen Truppen vorher versenkte Fähre benötigten sie dazu nicht.

Kurt Wörner berichtet im Jahr 2014: Am 4. Februar 1944 vormittags: Mein Bruder Walter und ich wollten seinen zwei Tage zuvor, zum neunten Geburtstag geschenkten Schlitten in den kümmerlichen Schnee- und Eisresten an einem kleinen Buckel, der sich am Anfang der Ledergasse gegenüber dem Umspannwerk befand, ausprobieren. Am Morgen des 28. März begann der Durchzug der Amerikaner, die zwei Tage lang von Hochstadt kommend durch die von Panzern aufgerissene Berger Straße nordwärts weiter Richtung Frankfurt zog und Bischofsheim fuhren.“ (danch wären sie nicht von Rumpenheim gekommen).

 

Am 30. April 1945 gab es in der Mittagszeit Alarm. Eine Gruppe Polen, frühere Zwangsarbeiter aus Fechenheim, hatte sich gen Bischofsheim aufgemacht, um hier zu plündern und zu stehlen. Die Männer des Ortes versammelten sich mit ihrem Bürgermeister an der Spitze, bewaffneten sich mit Mistgabeln, Knüppeln und Äxten und traten den Räubern entgegen. Bei dem Versuch, den Felsenkeller der Wirtschaft „Zur Krone“ aufzubrechen, wurden die Polen gestellt und gefangen­genommen. Militärpolizei holte die Übeltäter ab. Bei diesem Vorfall wurde ein Mann aus Hochstadt von einem Polen zusammengestochen.

Anfang Mai kamen die Polen wieder, aber diesmal heimlich bei Nacht. Sie stah­len eine Menge Stallhasen und Geflügel. Es geschahen viele Überfälle und Mor­de in dieser chaotischen Zeit. Polen überfielen eines Nachts einen Gutshof an der Straße von Hanau nach Alzenau, raubten ihn aus und ermordeten 16 Män­ner, Frauen und Kinder. Die späteren polizeilichen Ermittlungen dieser grausi­gen Tat dauerten Jahre und führten bis nach Polen hinein, aber sie verliefen im Sande.

 

Die Amerikaner setzten Philipp Esch­mann als kommissarischen Bürgermeister ein, der früher der SPD, nun aber der KPD angehörte. Da es keine vorgesetzte Dienststelle oder Behörde gab, war Herr Eschmann gleichsam der König von Bischofsheim und mußte mit seinen KPD-Mannen auf dem Rathaus versuchen, mit den örtlichen Problemen fertig zu werden. Esch­mann nahm seine Macht in Anspruch, besonders die im Ort führend gewesenen Nationalsozialisten waren Schikanen ausgesetzt, wofür vielfach in der Bevölkerung Verständnis aufgebracht wurde

Doch sollte man bei objektiver Betrachtung nicht vergessen, daß der kommissarische Bürgermeister sich nach Kräften bemühte, den Hei­matvertriebenen, den Flüchtlingen aus der Sowjetischen Besatzungszone und bedürftigen Alteingesessenen nach Kräften zu helfen bei der Beschaffung von Wohnraum, der Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial zu helfen. Der Gemeindediener Schmidt wurde entlassen, wahrscheinlich war er Parteigenosse gewesen, Jakob Urban (KPD) wurde sein Nachfolger.

Die Verwaltung der Gemeinde lag nach dem Zusammenbruch fest in kommunistischer Hand.

Sie haben nach be­sten Kräften für die Bevölkerung gesorgt, sollen sich aber auch manche Eigenmächtig­keiten erlaubt haben. Es ist erklärlich, daß sie frühere Nationalsozialisten manchmal etwas scharf in die Zange nahmen. Auch der ständige Vertreter des kommissarische Bürgermeisters, Herr Friedrich Kröll, war Kommunist und hat meistens die Gemeinderatsitzungen geleitet, da Herr Eschmann nach Wiesbaden als Referent geholt wurde und sich auch gern als „Herr Ministerialrat“ anreden ließ. Auch die beiden Hilfspolizisten, die Herrn Hans Bachmann und Wilhelm Eschmann, gehörten der KPD an.

 

Man gründete erst einmal einen Gemeindebeirat, der aus vier Angehörigen der SPD, drei Mitgliedern der KPD, einem Vertreter der „Bürger“ und einem Landwirt bestand. Auch eine Reihe von Kommissionen wurde gebildet. Dieser Gemeindebeirat wurde bald von einem achtzehnköpfigen „Antifaschistischen Ausschuß“ abgelöst, der die Aufgaben der Gemeindevertre­tung übernehmen sollte.

Am 14. August 1945 wurde der antifaschistische Ausschuß gebildet, der aus je 6 Personen der SPD, der KPD und der Bürgerlichen bestand und die Aufgabe der früheren Gemeindevertretung übernehmen sollte. Die Namen dieser Mitglieder sollten in der Sitzung vom 20. August 1945 genannt werden, aber von dieser Sitzung liegt kein Protokoll vor. In der Sitzung vom 14. August wurde auch bekanntgegeben1 daß die Grundschule im Orte am 1. September 1945 wieder eröffnet werden sollte. Als mögliche Lehrer schlugen die Verantwortlichen der Gemeinde Frau Schomberg, Herrn Mohn und Herrn Kaiser vor.

Nachdem sich eine kommissarische Kreisverwaltung gebildet hatte, fanden die ersten legalen demokratischen Kommunalwahlen am 27. Januar 1946 statt. Als frühere Nationalsozialisten hatten 135 Männer und 16 Frauen kein Stimmrecht. Die Wahl erbrachte fünf Sitze für die SPD, ebenfalls fünf Sitze für die CDU und zwei Sitze für die KPD. Diese Wahl hatte für die Stellenbesetzung im Rat­haus einschneidende Folgen.

Am 24. März 1946 wählte die neue Gemeindevertretung den SPD-Mann Herrn Heinrich Kappes zum neuen Bürgermeister. Im Jahre 1948 war wieder eine Kommunalwahl. Die SPD war mit den Leistun­gen des amtierenden Bürgermeisters nicht recht zufrieden und schlug als ihren Kan­didaten Herrn Ludwig Sorg vor, doch wurde der bisherige SPD-Bürgermeister mit den fünf Stimmen der CDU und den zwei Stimmen der KPD wieder gewählt. Der neue Gemeindevorstand bestand nun aus dem Bürgermeister, zwei Herren der KPD und einem Herrn der CDU. Man regierte eine geraume Zeit, bis man nicht mehr so recht weiter konnte und die SPD bat, doch wieder mitzuarbeiten. Das tat die SPD aus ihrem Verantwortungsgefühl für die Ge­meinde dann auch.

Im Jahr 1948 war wieder eine neue Kommunalwahl. Die SPD war mit den Leistungen ihres Genossen, dem Bürgermeister Heinrich Kappes, nicht so recht zufrieden und schlug als ihren neuen Kandidaten Herrn Ludwig Sorg vor, doch wurde der bisherige SPD-Bürgermeister Kappes mit den 5 Stimmen der CDU und den 2 Stimmen der KPD wieder gewählt. Die SPD verließ unter Protest das Wahllokal, nachdem die erklärt hatte, daß sie nach diesem Vorfall nicht gewillt sei, im Gemeindevorstand mitzuarbeiten. Der neue Gemeindevorstand bestand nun aus dem Bürgermeister Herrn Heinrich Kappes, Herrn Johann Wilhelm Reuhl (CDU) und aus den beiden KPD-Mitgliedern Herrn Friedrich Kröll und Herrn Wilhelm Engelhardt.

Man regierte nun eine geraume Zeit so vor sich hin, bis man nicht mehr so recht weiter konnte und die SPD bat, doch wieder mitzuarbeiten. Das tat die SPD aus Verantwortungsgefühl für die Gemeinde dann schließlich auch.

 

Die Gemeindegremien hatten nicht nur Sorgen mit dem Holz. Als der Etat für 1946 aufgestellt werden mußte, saß man rat­los vor den Formularen, bis man sich entschloß, den wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP entlassenen früheren Gemeinderechner Gallus Bergmann herbeizuzitieren, der dann die Ange­legenheit zu aller Zufriedenheit erledigte. Ebenso handhabte man die Aufstellung des Etats für 1947.

Nach dem Kriege waren fast alle Geschäfte geschlossen, da ihre Inhaber in der Partei gewesen waren. Die Anträge auf Wiedereröffnung häuften sich, besonders Anträge auf Genehmigung von Obst- und Gemüsegeschäften wurden häufig gestellt. Oft wurden die Anträge abgewiesen, aber als der Landrat auch die Schließung der Schlosserei Kinkel in der Niedergasse verfügte, protestierten alle Gremien der Gemeinde dagegen und setzten durch, daß der Betrieb erhalten blieb.

Schwierig und langwierig war auch die Rückgabe des nun gemeinde-eigenen Landes in der Roten Erde an die früheren Besitzer Der NS-8ürgermeister Lenz hatte geplant, in diese, Gebiet eine neue Siedlung zu errichten und die Besitzer dieses Geländes unter Zwang genötigt, das Areal an die Gemeinde zu verkaufen. Nun erhielten die früheren Eigner ihren Besitz durch einen Beschluß der Gemeindevertretung wieder zurück.

Die Grundschule wurde mit Erlaubnis der Besatzungsbehörde am 1. Sept. 1945 wie­der eröffnet, die Oberstufe erst viel später. Kinder und Lehrer litten stark unter der Winterkälte. Dick eingemummt saß man im Klassenzimmer, mit Händen in Fausthandschuhen wurde geschrieben, als Papier dienten alte Notizbücher oder ab­getrennte Zeitungsränder.

 

Straßennamen:

Die Dörnigheimer und Hochstädter Durchgangsstraße hießen in der Nazi-Zeit „Adolf-Hitler-Straße“.  Sie erhielten wieder ihren alten Namen. Aber bei den Straßennamen gibt es den umgedrehten Fall: In Wachenbuchen zahlte die jüdische Familie Reinhard in den zwanziger Jahren einen Betrag von 3.000 Mark, damit ihre Straße den Namen „Reinhardstraße“ erhielt. Doch der Name blieb nicht lange, sondern die Nazis benannten sie sogleich in „Kleine Hainstraße“ um. Der Name blieb auch. Auch mein Vorschlag, unter das Straßenschild den Hinweis „Früher Reinhardstraße“ anzubringen, wurde von der Stadtverwaltung nicht verfolgt. Auch mit der Gedenktafel an der Synagoge war es ähnlich. Der neue Hauseigentümer zog seine Zusage wieder zurück, die Tafel am Haus anzubringen. So wurde sie auf Extra-Ständern vor dem Haus angebracht. Aber immerhin hat niemand in Wachenbuchen sich daran vergriffen.

 

 

 

 

 

 

 

Verfahren vor den Spruchkammern

Viele führende Nationalsozialisten hatten sich vorerst einmal in Sicherheit gebracht und stille Dörfer im Vogelsberg oder im Spessart aufgesucht. Erst kam einmal die Entlassung aller Personen, die etwas mit der NSDAP zu tun gehabt hatten. Die Lehrer, die Polizeibeamten, die Gemeindeangestellten, der Ortsdiener, der Nachtwächter, der Totengräber, der Fleischbeschauer und viele andere wurden aus ihren Ämtern entfernt und durch Leute ersetzt, die das ei­gentlich nicht gelernt hatten. Richter, Staatsanwälte und Lehrer wurden als Waldarbeiter beschäftigt, obwohl sie mit Säge und Axt nicht gut umgehen konnten.

Mit der Normalisierung der Lage rollte eine Welle der Entnazifizierung über das Land. Ehemalige Angehörige der NSDAP hatten sich durch ein Entnazifizierungsgesetz der deutschen und der Besatzungsbehörden einem Entnazifizierungsverfahren zu stellen. Entnazifizierung im eigentlichen Sinne bezeichnet die Überprüfung aller Parteimitglieder darauf, welche Rolle sie im sogenannten „Dritten Reich“ gespielt haben. Es kommen vor die Stufen I „Kriegsverbrecher“, II „Belasteter, III „Minderbelasteter“, IV. „Mitläufer“ und V „Entlasteter“. Die Belasteten kamen für kurze Zeit in ein Internierungslager in Darmstadt.

Es auch Fälle von Parteimitgliedschaft, die etwas außergewöhnlich zustande gekommen waren: Vor dem Haus Bahnhofstraße 160 war früher (außerhalb der Ringmauer) der Kerbplatz. Dort war das einzige Grundstück an der Ringmauer, das noch der Gemeinde gehörte. Aber der Wagner Hans Fischer wollte den Platz gern haben als Lagerplatz für sein Holz. Er ging 1942 zum amtierenden Bürgermeister Heinrich Bauer und trug seinen Wunsch vor. Dieser aber sagte: „Da mußt du in der Partei sein, sonst kriege ich das in der Gemeindevertretung nicht durch!“ (obwohl er ja Alleinherrscher war und die Abgeordneten alles ohne Aussprache absegneten). So kam er zur Parteimitgliedschaft und mußte nach dem Krieg entnazifiziert werden. Er hat dann sofort mit Kriegskameraden das Grundstück in Besitz genommen, die Hainbuchenhecke gepflanzt und ein Mäuerchen errichtet.

In Hochstadt sprach der amtierende Bürgermeister einen Deutschnationalen an, er solle sich doch auch eine neue Weltanschauung zulegen. Er aber sagte nur, er bleibe, wo er ist. Man mußte also nicht in die Partei eintreten.

Viele Angeklagte besorgten sich sogenannte „Persilscheine“ von Freunden, mit denen man sich rein waschen konnte. Darin wurde geschildert, daß sie doch gar nicht so schlimm waren und auch Widerstandshandlungen vorgenommen hatten. Besonders gut geeignet waren dafür Bescheinigungen des Pfarrers oder solche von Juden, die bis aus Amerika besorgt wurden.

Pfarrer Burhenne schreibt in der Pfarramtschronik im Jahr 1948: „Solange die Menschen die Fragen des Entnazifizierungsantrags zu beantworten hatten, kamen sie wenigstens äußerlich zur Kirche und begehrten die Wiederaufnahme. Wo diese Entnazifizierungsverhandlungen zum Teil beendet sind oder ihre Schärfe verloren haben, hört die Hin­wendung zur Kirche auch wieder auf. Außerdem geht es vielen nach der Währungsreform wieder gut. So kann Gott und sein Gebot wieder in weite Ferne rücken.“

 

Die Spruchkammerbescheide ergehen meist aufgrund der Stellungnahme des Bürgermeisters. Ab September 1947 gehen schon Sühnebescheide beim Bürgermeisteramt ein. Aber noch im November 1950 übersendet der Bürgermeister politische Meldebogen an die Spruchkammer.

Meist wurden die Betreffenden als Mitläufer eingestuft und hatten nur eine Geldbuße zugunsten des Wiedergutmachungsfonds zu zahlen. Die „Weihnachtsamnestie“ wurde angewandt bei Menschen mit geringem Einkommen (unter 3.600 Mark im Jahr).

Letztlich ging es aber darum, die große Masse der Parteimitglieder zu entlasten, weil man sie für den Wideraufbau brauchte. Wenn man nur „Mitläufer“ war, dann war man fein raus, zahlte vielleicht noch eine geringe Geldstrafe und war die Vergangenheit los und hatte wieder eine „weiße Weste“.

 

 

Nur am Rande spielte eine Rolle da Verhalten gegenüber Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Auch die Zwangsarbeit der kriegsgefangenen Deutschen war Unrecht. Aber das gab noch nicht das Recht, anderen Menschen - und noch dazu Zivilisten - die Freiheit zu nehmen und sie unter schwersten Bedingungen arbeiten zu lassen.

In Maintal gab es keine großen Industriebetriebe, die Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene  hätten beschäftigen können. Im Grunde gab es auch nur drei mittelständische Betriebe in Dör­nigheim, die Zwangsarbeiter beschäftigten. Nur die Firma Seibel ragt unrühmlich aus ihnen heraus. Dazu kamen noch einige Handwerksbetriebe. Aber sonst gab es Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene nur bei landwirtschaftlichen Betrieben.

Hierbei muß man bedenken, daß die Betriebsleiter und ihre Söhne zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Die Arbeit mußte aber geleistet werden. Es  blieb den Frauen und Altbauern gar nichts anderes übrig, als auf diese Arbeitskräfte zurückzugreifen. Den Bauern und kleinen Gewerbetreibenden kann man keinen Vorwurf machen, daß sie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter beschäftigten. Ihre Söhne waren ja im Krieg, sie mußten ja sehen, wie sie ihr Abnahmesoll erfüllen konnten. Wer hätte es auch unter einem Gewaltregime wagen können, die angebotene „Hilfe“ abzulehnen! Heute kann man leicht sagen, sie hätten ja auf diese Arbeitskräfte verzichten können. In der Regel haben die Bauern die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen gut behandelt. Zum Teil mußten sie auch für die Arbeitskräfte zahlen (auch wenn diese selber nichts oder kaum etwas erhielten).

Aber man kann die damaligen Arbeitgeber oder ihre Nachkommen heute nicht dafür haftbar machen. Die Wiedergutmachung ist Sache des Staates, denn er hat damals seine Bürger in den Krieg geschickt und dafür zuhause Ersatz geschaffen.

 

Bischofsheim:

Die ehemaligen Parteigenossen wurden hart angefaßt; ihre Wohnungen wurden besonders stark belegt, häufig wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen, auch wurden die Leute wegen Nichtigkeiten auf das Rathaus bestellt, wo man sie stundenlang warten ließ, es soll auch vorgekommen sein, daß frühere Nationalsozialisten geschlagen worden sind.

Die früheren Parteigenossen wurden zu Hilfsdiensten bei der Besatzungsarmee herangezogen. Sonntags hatten sie anzutreten, um im Wald Holz zu schlagen, den Tränkebach zu reinigen oder die unappetitlichen Larven der Kartoffelkäfer auf den Feldern zu vernichten, wozu auch andere Bevölkerungskreise und die Jugend eingesetzt wurden. Die ehemals in prächtigen Uniformen einherstolzierenden früheren Herren der Gemeinde verrichteten ihre Aufgaben mit recht gemischten Gefühlen. Es muß jedoch berichtet werden, daß es bei diesen Arbeitseinsätzen recht menschlich zuging und daß die neuen Herren bei dieser Gelegenheit nie­mals persönliche Rache genommen haben.

Auch die Frau des ehemaligen Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters wagte sich nun wieder nach Bischofsheim zurück. Sie wurde von der Spitze der Bischofs­heimer Behörde sofort auf der Straße verhaftet und vorerst in das Arrestlokal des alten Rathauses gesperrt. Die ehemals führenden NS-Leute mußten zu den Amerikanern nach Vilbel zum Verhör kommen, die meisten kamen zurück, aber drei Personen behielten die Sieger da und brachten sie nach Höchst in das Gefängnis. Später überführte man die Verhafteten in ein Internierungslager nach Darmstadt, sie wurden aber nach und nach wieder entlassen

 

Wachenbuchen:

Am ausführlichsten wird die Methode des Entnazifizierungsverfahrens für Wachenbuchen berichtet. Die Entnazifizierungsakten für Wachenbuchen sind im Stadtarchiv erhalten und geben haarklein Auskunft über die Personen, die Prozesse und die einzelnen Aussagen und Strafen.

Die Aufarbeitung der Nazizeit beginnt gleich nach der Besetzung durch amerikanische Truppen. Am 11. April 1945 macht der von der amerikanischen Militärregierung eingesetzte Bürgermeister eine Aufstellung der Personen, die sich grober Vergehen schuldig gemacht haben. Dabei wird auch Frau Antonie Müller geborene Störtz, Hanauer Landstraße 7, erwähnt. Sie hat sich am 8. Januar 1945 eine schwere Mißhandlung gefangener Flieger zu Schulden kommen lassen: Als Gefangenen die Hanauer Landstraße passierten, hat sie diese wiederholt ins Gesicht geschlagen. Das rief den Protest der dortigen Anwohner hervor, so daß sie von weiteren Mißhandlungen abließ. Aber anderen Nazis gegenüber machte sie die Bemerkung, daß die Gefangenen bald noch mit Kaffee und Kuchen bewirtet worden wären. Sie kennt auch die Namen der noch Beteiligten.

Am 14. August 1945 werden die Mitglieder der NS-Frauenschaft, des Frauenwerks und des BDM gemeldet, die zur Arbeit eingesetzt werden können: Ria Hofmann (Schulstraße 1), Marie Reber (Wilhelmsbader Straße), Marie Stock (Hainstraße 23), Helene Hiller (Hanauer Landstraße 10) und Emma Puth (Erbsenstraße 8).

Am 27. August 1945 wird mitgeteilt, daß auf Verfügung des Landrats das Horst-Wessel-Denkmal und die Hitler-Eiche entfernt wurden und  der Adolf-Hitler-Platz wieder umbenannt wurde in seine frühere Bezeichnung „Am Lindenbaum“. Die Eiche war gepflanzt worden „am Geburtstage des großen Volkskanzlers Adolf  Hitler, der Führer der Nationalsozialisten am 20. April im Jahre des Heils 1933“, eine Urkundenkapsel mit den Namen der SA-Mitglieder war beigegeben worden.

 

Schon im September 1945 hat die Militärregierung den Polizeidirektor beauftragt, einen politischen Bürgerrat zu bilden, der die Frage prüft, inwieweit Nazis in ihren Stellen belassen wer­den sollen, deren politische Vergangenheit eine solche Möglichkeit offen läßt. Dem Bürgermeister wird eine Liste überreicht, die er kommentieren soll.

Alle erwachsenen Einwohner müssen einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie Auskunft geben über ihre Mitgliedschaft in der Nazi-Partei oder eine ihrer Gliederungen und über ihre politischen Aktivitäten in der Nazi-Zeit. Falsche Angaben werden mit schweren Strafen bedroht. Das Aktenstück enthält eine Fülle solcher Aushänge. Manchmal sind es nur kleine Aushänge mit zwei Namen, manchmal seitenlange Listen. Insgesamt sind es weit über 1.000 Namen. Es handelt sich im Grunde um eine alphabetische Aufstellung aller erwachsenen Einwohner deren Namen wurden nach und nach ausgehängt.

Die SA‑Abteilung Wachenbuchen hatte 39 Mitglieder, die SS nur zwei (darunter ein förderndes Mitglied). Die NS-Frauenschaft hatte 88 Mitglieder, das NS-Frauenwerk 66 Mitglieder. In der  Hitler-Jugend waren 15 männliche Jugendliche, der Bund deutscher Mädchen BDM  hatte 51 Mitglieder, das  BDM-Werk hatte  24 Mitglieder. Sie sind alle mit Name und Anschrift festgehalten

 

Die Listen wurden von der Spruchkammer geprüft. Diese schickte dann Listen nach Wachenbuchen von den Personen, die als „unbelastet“ eingestuft werden sollen. Diese Listen werden ausgehängt und jeder Einwohner wurde aufgefordert, gegebenenfalls gegen die Einstufung Widerspruch zu erheben. Wer etwas gegen die betreffenden Personen zu sagen wußte, sollte sich beim öffentlichen Ankläger melden. Auch die Ostflüchtlinge und Evakuierten wurden erfaßt und erhielten einen Fragebogen, in dem sie über ihre politische Vergangenheit Auskunft geben sollten.

 

Gut dreißig Parteimitglieder kommen für die wöchentliche Meldung am Ort in Frage. Sie müssen sich wöchentlich auf dem Bürgermeisteramt melden und dies ab Oktober 1945 durch Unterschrift bestätigen (offenbar sind sie besonders belastet). Die Unterschriftsleistung nimmt allerdings ab. Am 14. Januar 1946 unterschrieben nur noch zwei Mann. Am 7. Dezember 1945 müssen sich frühere Amtsträger der NSDAP in der Polizeiverwaltung in Hanau-Kessel­stadt (Mittelstraße 19) melden. Falls sie in Haft sind, ist zu vermerken, wann und von wem sie in Haft gekommen sind.

Der Gendarmerie-Posten Wachenbuchen meldet am 6. Juni 1946 dem Bürgermeister, welche 14 Personen beschuldigt wurden, das Judenpogrom im November 1938 in Wachenbuchen durch­geführt zu haben. Zwecks Be- oder Entlastung der Einzelnen bittet er um eine Beurteilung. Bei einem steht  „sehr eifrig bei der Mißhandlung“, bei einem Maurer „hervorragend beteiligt am Abbruch der jüdischen Schule und am Dienststahl von Eigentum des jüdischen Lehrers“ und bei dem Haupttäter  „war sehr eifrig bei der Mißhandlung.“


Alle Firmen in Handel, Gewerbe und Industrie haben bis 7. November 1945 eine Bescheinigung unterschrieben einzureichen. Wer unwahre Angaben macht, muß mit Schließung seines Betriebs durch die Militärregierung rechnen. Inhaber eines Betriebes, die im Sinne des Gesetzes Nr. 8 nicht tragbar sind, haben sofort einen einwandfreien Stellvertreter als Betriebsleiter zu ernennen und ihn entsprechend zu bezahlen. Angeschrieben wird zum Beispiel auch die Firma Carl Schneider.

Die Firma Schwarz, Nachfolger Karl Schneider, erhält im Oktober 1945 vom Bürgermeister nicht die gewerbepolizeiliche Genehmigung zur Weiterführung des Betriebs, offenbar weil nicht endgültig darüber entschieden ist, ob sich Herr Carl Schneider nicht in getarnter Form als stiller Gesellschafter in der neugegründeten Kommanditgesellschaft befindet.

Unter der Überschrift „Bereinigung der Wirtschaft vom nationalsozialistischen Einfluß“ reicht der Bürgermeister am 26. November 1945 Anträge auf Zulassung bei der Handwerkskammer ein.

Ende 1945 wird auch der Grundbesitz früherer NS-Organisationen erfaßt. Der Bürgermeister teilt mit, daß die Geschäftsstelle des Sturmbanns II/98 in einem Nebenraum der Gaststätte Fix (Hauptstraße 10) untergebracht war, das Anwesen aber nicht auf diese Formation übergegangen ist.

Laut Gesetz Nr. 52 soll im März 1946 Vermögen unter Kontrolle genommen werden. Bankguthaben  und sonstige hinterlegte Vermögenswerte verschiedener Personen sind zu sperren. Es handelt sich dabei aber nicht nur um Parteimitglieder, sondern offenbar um alle Inhaber eines Bankkontos (zum Beispiel Pfarrer). Kontrolleur wird der Gemeinderechner Johannes Siemon, Hainstraße 2.

Eine Vermögenserklärung muß auch abgegeben werden für gefallenen oder verstorbenen Angehörigen. In der Gemeinde sind aber nach Meldung des Bürgermeisters keine Landwirte, deren Besitz unter das Gesetz 52 fällt. Der frühere Kreisbauernführer ist nicht Inhaber des Hofs, sondern er gehört seinem Vater. Die Witwe des gefallenen Landwirts Ludwig Puth III. (der als Aktivist unter das Gesetz gefallen wäre) hat gegen die Aufforderung zur Vermögensangabe Einspruch erhoben.

Am 29. Juli 1946 erhält Jakob Karl Kaiser, wohnhaft im Steinbruch, vom Bürgermeister den Bescheid, daß er auf Anordnung der Militärregierung sich jeder Tätigkeit innerhalb seines Betriebs zu enthalten hat. Er ist 73 Jahre alt und nicht mehr in gewöhnlicher Arbeit tätig. Für den Betrieb wäre ein Treuhänder einzusetzen.

 

Am 24. November 1947 erhält der Bürgermeister von Wachenbuchen die Listen der nach ihren Angaben im Meldebogen unter Gruppe IV „Mitläufer“ eingestuften Personen. Die Listen sind 14 Tage auszuhängen, damit Einwände beim öffentlichen Ankläger gemacht werden können.

Am 10. Dezember 1947 wird mitgeteilt, daß der öffentliche Ankläger beabsichtigt, bei bestimmten Personen den Erlaß eines Mitläufer-Sühnebescheids zu beantragen. Wer Beweise liefern kann, daß die Betreffenden sich als nationalsozialistische Aktivisten  verhalten haben, hat die Pflicht, dies sofort dem öffentlichen Ankläger mitzuteilen. Anzeigen mit allgemeinen Aussagen wie „Aktivist“ oder „eifriger Nazi“ sind allerdings unbrauchbar. Es müssen vielmehr bestimmte Tatsachen angegeben werden, die den Aktivismus bewiesen. Der Teil der Liste C, der die Einkommensangaben enthält, wird vor dem öffentlichen Aushang abgeschnitten. Ob in der dörflich geprägten Gemeinschaft jedoch wirklich umfassend die Täter angezeigt wurden, ist doch zu fragen.

Auch am 17. Februar 1948 übersendet die Spruchkammer eine Liste mit Personen, die auf Grund ihrer Angaben auf den Meldebogen zum größten Teil in die  Gruppe II der Belasteten fielen. Meist sind es Amtsträger der NSDAP. Es ist genau zu prüfen, ob sie sich außer ihrer Tätigkeit für die Partei auch verbrecherischer Handlungen schuldig machten. Durch die Änderung des Befreiungsgesetzes sollen die Betroffenen im schriftlichen Verfahren in die Gruppe IV der Mitläufer eingereiht werden. Wieder wird die Bevölkerung aufgefordert, entgegenstehende Angaben zu melden.

Im Januar 1948 werden Kriegsteilnehmer, die erst jetzt aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind, die Meldebogen zum Ausfüllen. Am 14. Mai 1948 geht noch nachträglich ein Meldebogen „Nichtbetroffener“ mit 42 Namen ein. Am 17. März 1949 teilt die Spruchkammer mit, daß sie einige Einwohner unter die Minderbelasteten einstufen will. Zur endgültigen Einstufung soll der Bürgermeister angeben, ob sie inzwischen am Wiederaufbau auf friedlicher demokratischer Grundlage mitarbeiten. Der Bürgermeister teilt mit, daß sie sich in den Arbeitsprozeß eingeschaltet haben und durch ihr Gesamtverhalten beweisen haben, daß sie sich nunmehr vom Nationalsozialismus abgewandt haben und bereit sind, am Wiederaufbau Deutschlands auf einer friedlichen demokratischen Grundlage mitzuarbeiten.

 

In Wachenbuchen wurde die Vergangenheit zweimal juristisch aufgearbeitet:

1. Gerichtsverhandlung.

Nach dem Krieg kommt es zur juristischen Aufarbeitung des Pogroms gegen die Juden. Der Gendarmerie-Posten Wachenbuchen bittet am 6. Juni 1946 den Bürgermeister um den Text, der kürzlich an zwei Tagen durch die Ortsschelle ausgerufen wurde und zur „Bearbeitung“ des Judenpogroms führte. Durch die Ortsschelle sollte auch bekannt gemacht werden, daß die Bearbeitung des Judenpogroms bis 16. Juni 1946 abgeschlossen wird. Wer noch Angaben machen kann, soll sich bis zu diesem Tag beim Gendarmeriebeamten melden. Auf die vertrauliche Bearbeitung wird hingewiesen.

Gleichzeitig meldet der Gendarmerie-Posten Wachenbuchen dem Bürgermeister, welche Personen beschuldigt wurden, das Judenpogrom im November 1938 in Wachenbuchen durch­geführt zu haben. Zwecks Be- oder Entlastung der Einzelnen bittet er um eine Beurteilung, Der Polizist nennt 13 Personen. Dazu kommt noch der W. G. senior, den der Bürgermeister schon am 11. April 1945 als einen der übelsten Hetzer, besonders in der Behandlung der Juden, nennt.

Schließlich wird 15 Wachenbuchern der Prozeß gemacht wegen Landfriedensbruchs und in einigen Fällen wegen Körperverletzung. Insgesamt wurden 14 Personen verurteilt. Fast alle (nämlich 13) gehörten der SA an. Zwölf der Angeklagten werden am 17. März 1947 zu Strafen zwischen 4 und 17 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Anführer wird wegen schweren Landfriedensbruchs zu vier Jahren Zuchthaus und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt. Da er aber aus gesundheitlichen Gründen die Strafe nicht antreten kann, bleibt es bei dem Verlust der Ehrenrechte auf Lebenszeit. Der Führer des SA-Trupps wird zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

 

2. Spruchkammer:

Alle vom Gericht Verurteilten kommen aber auch noch einmal vor die Spruchkammer. Als

„politische Leiter der NSDAP“ werden 21 Personen mit ihren Funktionen in der Partei genannt.  Auch die Mitglieder der Partei werden alle aufgeführt. Insgesamt werden 139 Pateimitglieder aufgeführt und der Grad ihrer Bindung an die Partei und ihre Taten festgehalten. Weitere 63 Mitglieder der NSDAP wohnten im Ortsteil „HoheTanne“.

Einige müssen sich nach dem Verfahren nur regelmäßig bei der Polizei melden, andere werden zu Geldstrafen verurteilt, aber auch zu Gefängnisstrafen. Neun Personen durchlaufen das Entnazifizierungsverfahren ohne Belastung Aber längst nicht alle Parteimitglieder kommen vor die Spruchkammer, nicht einmal alle, die sich nach dem Krieg noch regelmäßig bei der Polizei melden mußten.

 

Hier einige Beispiele für die Urteile:

Bei den Verfahren wurden naturgemäß die Aussagen der Bürgermeister stark beachtet. Die Amtszeiten der Bürgermeister waren wie folgt:

Karl Diez           :         April 1945 bis 30. Juni 1948

Heinrich Kaufeld:       1. Juli 1948 bis 1952

Wilhelm Happ    :       1952 – 196.

Wenn im Folgenden vom Bürgermeister die Rede ist, dann wird es sich wohl in den meisten Fällen um Heinrich Kaufeld gehandelt haben, denn in dieser Zeit waren die Spruchkammerverfahren. Einerseits werden (vermeintlich) entlastende Dinge angegeben, aber man hat sich

auch nicht vor einer teilweisen sachlichen Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit gescheut: Auf eine Anfrage der Berufungskammer der Spruchkammer wegen des politischen Verhaltens des L. P. wird im Mai 1949 vom Gemeindevorstand geantwortet, er sei Aktivist ersten Ranges gewesen und mehrere Denunziationen dürften auf sein Konto kommen. Ende 1949 erhält der Bürgermeister den Auftrag, in der Spruchkammerverhandlung über den verstorbenen L. H. P. auszusagen, die schriftliche Aussage wird aufrechterhalten. Und 1952 wird ein Wiedergutmachungsanspruch des Gemeinderechners Siemon in Höhe von 1.480 Mark anerkannt.

 

1. Der verdienstvolle Arzt Dr. Erich Curtze (geb. 26.02.12) war schon 1933 in die Partei eingetreten.  Von der Militär­regie­rung wurde ihm zunächst jede ärztliche Tätigkeit untersagt. Er durfte auch nicht als Assistent in der Praxis seines Vaters tätig sein. Dann wurde er in erster Instanz unter „Minderbelasteter“ eingestuft. Nach Berufung wurde er heruntergestuft, weil aus der Begründung des Urteils nicht ersichtlich war, ob er als Aktivist oder als Mitläufer, der sich wegen seines Verhaltens erst bewähren muß, als Minderbelasteter eingestuft wurde. Er hat keine Handlungen begangen, die einen Aktivisten kennzeichnen. Belastend ist lediglich sein früher Eintritt in die SA am 01.09.1930, der am 01.12.31 zur Übernahme in die Partei führte. Er war damals erst 18 Jahre alt und wurde durch den fanatischen Klassenlehrer und die Klassenkameraden zum Eintritt veranlaßt. Er hat nie einen Nutzen aus seiner Parteizugehörigkeit gezogen, er hat nur für sein Studium und seinen Beruf gelebt. Nach der Machtergreifung hat er sich von der Nazibewegung zurückgezogen, als er sah, wohin der Weg ging. Er war 19343 in Marburg in eine Meuterei der SA verwickelt, der blinde Gehorsam fehlte ihm. Der Rang eines Oberscharführers wurde ihm nur ehrenhalber verliehen, er hat nie eine SA-Einheit geführt. Daß er als Student nicht aus der Partei ausgetreten ist, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Mitläufer 1.000 Mark zugunsten des Wiedergutmachungsfonds.

 

2. Ein  Mauer hat sich am 1. Juli 1933 der SA angeschlossen und ist 1940 in die Partei eingetreten. Er hat sich hervorragend beteiligt am Abbruch der jüdischen Schule und am Dienststahl von Eigentum des jüdischen Lehrers. Er hat selbst beim Einreißen des Hauses mitgewirkt. Wegen der aktiven Teilnahme an einer öffentlichen Zusammenrottung wurde er vom Landgericht Hanau verurteilt zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr drei Monaten. Die Spruchkammer stufte ihn als „Belasteter“ ein, nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Durch die Gefängnisstrafe war die nach dem Gesetz an sich vorgesehene Arbeitslagerhaft abgegolten. Er ist jedoch von der Einflußnahme auf das öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben fernzuhalten (kein öffentliches Amt mehr, Verlust des Rechtes auf eine öffentliche Rente, kein Wahlrecht, für fünf Jahre keine selbständige Tätigkeit, in nicht-selbständiger Stellung  nur in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt, kein Verlassen des Heimatkreises in den nächsten fünf Jahren), 20 Prozent des Vermögens werden eingezogen. Am 2. März 1950 wurde das Spruchkammerverfahren eingestellt.

 

3. Ein Landwirt war Ortsbauernführer und hat an den Judenaktionen von 1938 teilgenommen und sich am Abbruch des Hauses beteiligt.  Er war sehr eifrig bei der Mißhandlung der Juden. Wegen schweren Landfriedensbruchs wurde er zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt (davon 5 ½ Monate erlassen). Abgesehen davon hat er sich während der Gewaltherrschaft gut geführt und niemanden denunziert oder unter Druck gesetzt. Es konnte nicht geklärt werden, ob er die Wegnahme eines Anhängers der Milchsammelstelle Schmidt veranlaßt hat; er gab an, daß die Soldaten der Luftwaffeneinheit auf dem Hühnerberg das Fahrzeug haben wollten und er selber nur mit zu Schmidts gegangen sie. Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei  der Polizei melden. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“ und wurde verurteilt zu einer Bewährungsfrist von neun Monaten, 750 Mark Sühne, 28 Tage Sonderarbeit.

 

4. Ein Diamantschleifer  war am 01.10.41 eingetreten, ein einfaches Parteimitglied, das nur an den üblichen Kundgebungen und Versammlungen teilgenommen hat. Von der Spruchkammer eingestuft als „Mitläufer“ und 500 Mark Geldsühne.

 

5. Ein Architekt war am 1. Mai 1933 eingetreten, aber ohne Funktion in der Partei. Er wurde vom Ortsgruppenleiter gezwungen, in die Partei einzutreten, eine Ablehnung ist ihm im Hinblick auf seine berufliche Tätigkeit nicht möglich gewesen (als Bautechniker wurde er von der Gemeinde in Bauangelegenheiten zu Rate gezogen). Durch eine Reihe eidesstattlicher Erklärungen wurde zum Ausdruck gebracht, daß er ein ganz entschiedener Gegner des Nationalsozialismus gewesen ist und Opfer und Gegner des Nazisystems unterstützt hat. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Mitläufer“ und erhielt 500 Mark Strafe.

 

6. Ein Kaufmann war am 1. Juli 1939 eingetreten, hat sich aber passiv verhalten und Verbindung zu Antifaschisten gehabt. Außer den üblichen Heilrufen auf den Führer bei Vereinsveranstaltungen kann eine aktivistische Tätigkeit nicht nachgewiesen werden. Von der Spruchkammer eingestuft Als „Mitläufer“ und 500 Mark Strafe.

 

7. Ein Kaufmann war am 1.05.1933 eingetreten. Er hat bereits 1928 seine Wohnung zu Zusam­men­künften bei der Gründung der Partei zur Verfügung gestellt. Diese Zusammenkunft wurde von seinem Schwager J. M. geleitet, einem der übelsten Hetzer des Landkreises. Die Gemeinde Wachenbuchen wurde so zum Grundstein der Nazibewegung im Kreis Hanau. Auch Gerlach gehörte zu den übelsten Nazis in der Gemeinde (Bürgermeister Diez: „Einer der übelsten Hetzer, besonders in der Behandlung der Juden“).

Im Jahre 1933 ist er dann auch offiziell beigetreten und war dann stellvertretender Ortsgruppenleiter (obwohl es dieses Amt offiziell nicht gab), Ortsgruppenkassenleiter und Ortsgruppenpropagandaleiter, Obmann für Handel und Gewerbe und Filmstellenleiter. Als konsequenter Nationalsozialist hat er 1943 den Kirchenaustritt vollzogen, trat aber nach dem Krieg gleich wieder ein. Er erweckte vor der Kammer den Eindruck, von der brutalen Anprangerung einer Hannauer Marktfrau nichts gewußt zu haben, obwohl seine nächsten Verwandten an dieser Handlung aktiv beteiligt waren und er selbst damals auf dem Hanauer Markt zugegen war; die Beteiligten will er nicht erkannt haben, wohl aber die Mißhandelte selbst und das ihr angehängte Schild. Mit der Erhängung des Einwohners Kappes kann er nicht in unmittelbaren Zusammenhang gebracht werden, obwohl er damals als Bürgermeisterstellvertreter fungierte.

Zu seiner Entlastung konnte Gerlach nichts Wesentliches beigetragen werden: Er hat an französische Kriegsgefangene Rotwein verkauft (aber mehr aus Geschäftsinteresse) oder die Kirche weiterhin mit Koks beliefern lassen (bis zu seinem Austritt). Die Belieferung der jüdischen Kundschaft als einziger Kaufmann am Ort ließ er sich nur aus Geschäftsinteresse übertragen.

Er gehörte zum Führungsstab der Ortsgruppe und wurde zu Beratungen und Entscheidungen herangezogen. Unter den 80 Parteigenossen gehörte er zu den „Auserwählten“, die die „Führung“ im Ort übernahmen. Er leugnete in der Verhandlung, Inhaber des Geschäfts zu sein, ist aber als solcher eingetragen; eine treuhänderische Verwaltung des Geschäfts wäre also angebracht.

Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden, auch in Hanau. Vom 30. August 1945 bis 11. Oktober 1946 war er bereits in amerikanischer Schutzhaft. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Belasteter“ und erhielt als Strafe ein Jahr Sonderarbeiten, Einzug von 40 Prozent des Vermögens, davon 10 Prozent in Sachwerten (die Gemeinde möchte ein Grundstück in der Nähe des Mühlgrabens für Flüchtlinge haben), kein öffentliches Amt, Verlust des Wahlrechts, fünf Jahre kein selbständiges Unternehmen, in nicht selbständiger Arbeit Beschäftigung nur in gewöhnlicher Arbeit, fünf Jahre Wohnungs- und Aufenthaltsbeschränkung, kein Recht zur Haltung eines Kraftwagens. Nach einem Gnadengesuch werden einige Beschränkungen mit Rücksicht auf seine 13 monatige Inhaftierung aufgehoben bzw. gemildert (nur sechs Monate Sonderarbeit und 500 Mark Strafe).

 

8. Ein Lokführer wurde nach der Machtübernahme er von seinen (sozialdemokratischen) Mitarbeitern ständig als kommunistisch hingestellt. Er ließ sich später überreden und trat in die Nazi-Partei ein. Dennoch wurde er wegen seines politischen Verhaltens mehrmals dem Betriebsobmann gemeldet. Daraufhin mußte er neun Monate unter der Aufsicht des stellvertretenden Betriebsobmanns arbeiten, was ihn dazu veranlaßte, sich pensionieren zu lassen. Von der Spruchkammer eingestuft als „Mitläufer“, 250 Mark Strafe.

 

9. Der Bürgermeister schreibt am 24. Juni 1946 an das Domänen-Rentamt über einen Aktivisten der Partei, der schon 1932 eingetreten ist: „Er ist Betriebsleiter  im Betrieb seiner Pflegemutter. Er kommt aber seiner Ablieferungspflicht nicht nach und läßt den Betrieb verlottern. Eine Weiterverpachtung der domänenfiskalischen Grundstücke an ihn kann nicht mehr in Frage kommen.“

 

10. Ein Arbeiter wird vom politischen Ausschuß als sehr aktiv eingestuft, weil er schon 1932 in die Partei eintrat. Konkrete Belastungen wurden jedoch nicht angeführt. Im Jahre 1933 war er bei der Haussuchung bei J. S. beteiligt, gehörte aber nicht zu den Hauptpersonen. Er hat eine Frau zur Anzeige gebracht. Von der Spruchkammer eingestuft als „Mitläufer“, der unter die Heimkehreramnestie fällt.

 

11. Der Kinobesitzer ist 1934 eingetreten. Er wird von der Spruchkammer als „Entlasteter“ eingestuft, gegen die Berufung des Anklägers, der „Mitläufer“ wollte. Von verschiedenen Widerstandshandlungen werden fünf hervorgehoben:

  • Kauf einer Kuh bei einem Juden mit der Folge der Beschlagnahme der Kinokasse am ersten Weihnachtsfeiertag 1933 durch die NSDAP
  • Verbreitung ausländischer Rundfunksendungen
  • Öffentlicher Empfang ausländische Rundfunksender in der Wirtschaft seines Vaters
  • Bildung eines Widerstandskreises innerhalb der Firma Hartmann & Braun
  • Verhinderung der Zwangsverschleppung von jungen Ausländern nach Deutschland während eines Einsatzes im Ausland.
  • Bei einer Entdeckung wäre das streng bestraft worden, er wußte von der Tätigkeit des Volksgerichtshofs.

 

12. Ein Maurer war seit 1932 Parteimitglied und seit 1934 Mitglied der SA (Oberscharführer). Er war aber damals noch jung und stand unter dem Einfluß seiner älteren Freunde. Der Vorwurf des Zeugen Z., der habe Juden mißhandelt und Z. denunziert, konnte nicht erhärtet werden, weil konkrete Tatsachen fehlten (Zeller bekam schon bei einer Privatklage kein Recht und wollte es jetzt über die Spruchkammer versuchen). Auf Befehl seines Sturmführers hat er an zwei Haussuchungen teilgenommen, hat aber nur darauf geachtet. daß niemand das Haus verläßt. In den Jahren 1933 und 1935 wurde er zum Reichsparteitag delegiert.  Von der Spruchkammer wurde eingestuft als „Mitläufer“, der unter die Weihnachtsamnestie fällt.

13. Ein Metzger ist 1942 eingetreten, um als Geschäftsmann den ewigen Nörgeleien zu entgehen. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Mitläufer“ und erhielt 500 Mark Strafe.

 

14. Der Kreispropagandaleiter für den Kreis Hanau war J. M. und kam aus Wachenbuchen.

Wachenbuchen stellte auch hochkarätige Funktionäre auf Kreisebene und anderswo: J. P. Sohn des Bürgermeisters P., war Bürgermeister in Schlüchtern. Und J. M.  war Kreispropagandaleiter für den Kreis Hanau. J.M. war führend daran beteiligt, daß Frau eine Frau aus Wachenbuchen schweren gesundheitlichen Schaden erlitten hat, weil sie 1933 auf Befehl der NSDAP ihre Gartenerzeugnisse nicht mehr auf dem Hanauer Markt verkaufen durfte. Als sie auf dem Markt erschien, kam der Kreisleiter Mankel mit mehreren Herren der NSDAP mit dem Befehl, den Wochenmarkt sofort zu verlassen und ihn nicht wieder zu betre­ten. Es wurde ihr ein Schild in die Hand gedrückt, das sie unter Geläut einer Handglocke durch die Stadt tragen mußte. Auf dem Schild stand: „M. M., Wachenbuchen. Ich habe nicht gewählt, weil mich der Frieden Deutschlands nicht interessiert“. Das Schild sollte sie in Wachenbuchen auf dem Bürgermeisteramt abgeben. Durch die Schikanen hat sie sich derart aufgeregt, daß ihr Nervensystem vollkommen zerrüttet wurde.

Zur Begründung ihrer Entschädigungsansprüche brauchte sie unbedingt die Schreiben der NSDAP Hanau und des Magistrat der Stadt Hanaus, die sich bei den Akten des M. befinden könnten. Der Bürgermeister bittet am 4. März 1948 darum, die Verhandlung gegen J. M. nicht in Darmstadt durchzuführen, sondern in seinem früheren Wirkungskreis. Zeugen aus der Burgstraße können wegen ihres hohen Alters nicht mit der Bahn nach Darmstadt gelangen. Bei einer Verhandlung in Hanau würden sich wahrscheinlich auch weitere Zeugen melden.

Nach dem Krieg ging J. M. nach Kassel und wurde dort Oberpostdirektor.

Ein übler Nazist aus Hochstadt hat Frau M. ins Gesicht gespuckt. Das Schild ist am 25. Juli 1946 noch vorhanden. Der Bürgermeister möchte, daß Gerlach zu einer nutzbringenden Arbeit angehalten wird und nicht mehr im „Erholungsheim“ in Darmstadt einsitzt, wo er es nach seinen eigenen Worten so schön hat wie noch nie im Leben.

 

15. Ein Schmiedemeister war von 1. April 1936 bis 1. Januar 1937 stellvertretender Ortsgruppenleiter (an seinem Haus war das Hoheitszeichen angebracht). An dem Überfall auf den Dreschmaschinenbesitzer  und dessen Leute, die bei Juden gedroschen hatten, war er hervorragend beteiligt. Er hat sich aber 1937 völlig vom Parteileben zurückgezogen, so daß sein Ausschluß aus der Partei erfolgte. Er hat sich über den Nationalsozialismus abfällig geäußert und einen Einsatz beim Volks­sturm abgelehnt. Von der Spruchkammer wird er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhält nach Berufung 50 Mark Strafe (ursprünglich ein Jahr Bewährung und 1.000 Mark Strafe). Von einer Bewährungsfrist ist abzusehen, weil er sich nach dem Zusammenbruch bereits bewährt hat.

 

16. Ein Landwirt und Wagner trat 1932 ein und war auch seit 1933 Angehöriger der SA. Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Er war am Judenpogrom beteiligt und erhielt dafür ein Jahr Gefängnis (davon vier Monate erlassen). Deshalb wurde er von der Spruchkammer zunächst als „Belasteter“ eingestuft. Aber er ist in der Zeit der Nazidiktatur ein anständiger Mensch gewesen, der keinen Druck auf politisch Andersdenkende ausübte und auch keine politische Haltung ihnen gegenüber annahm. Als SA-Mann hat er nach Aufforderung des Ortsgruppenleiters L. am 10. November 1938 an der Zerstörung des jüdischen Gebäudes teilgenommen. Er hat einen Teil des Daches abgedeckt. Aber sonst hat er den Juden gegenüber immer eine loyale Haltung an den Tag gelegt.

Die Kammer stuft ihn deswegen in die Gruppe III „Minderbelasteter“ ein. Der Bürgermeister teilt mit, daß er sich in den Arbeitsprozeß eingeschaltet habe und durch sein Gesamtverhalten bewiesen habe, daß er sich nunmehr vom Nationalsozialismus abgewandt habe und bereit sei, am Wiederaufbau Deutschlands auf einer friedlichen demokratischen Grundlage mitzuarbeiten. Er erhielt neun Monate Bewährungsfrist. In dieser Zeit durfte er keine selbständige Tätigkeit ausüben und nur in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt sein. Er erhielt 28 Tage Sonderarbeit und 500 Mark Strafe.

                                              

17. Ein Bäckermeister trat 1936 ein. war aber nur nominelles Parteimitglied. Er hat nicht für die Partei geworben oder sich in ihrem Sinne betätigt. Die Gewaltmaßnahmen der Partei lehnte er entscheiden ab. Er schimpfte selber auf die Nazis, hörte laufend die Auslandssender ab und besprach sich dann mit seinen Bekannten. Eingestuft wurde er als „Mitläufer“ und fiel er unter die „Weihnachtsamnestie“.

 

18. Ein Landwirt war schon am 5. April 1945 verstorben. Dennoch wird am 5. Januar 1950 in Frankfurt über ihn verhandelt und seine Frau als Zeugin geladen. Er war Fahnenträger und wird bezeichnet als einer der heimtückischsten Parteigenossen. Ein Andersdenkender durfte es nicht wagen, etwas zu äußern, sonst war er Opfer dieses Mannes. Er war der Rührigste am ganzen Ort. Charakterlosigkeit und keinerlei Rücksicht waren seine markanten Merkmale.

 

19. Ein Einwohner saß vom 18. April 1747 bis 22. Juni 1948 in Internierungs­haft, weitere zwei Jahre alliierte Internierungshaft wurden beim Spruchkammerverfahren angerechnet.

 

20. Ein früherer Bürgermeister gehörte der SPD an und wurde am 1. Oktober 1931 als Bürgermeister pensioniert. Der Eintritt in die Nazipartei erfolgte am  1. Dezember 1933, aber wohl lediglich zur Wahrung seiner Pensionsansprüche. Er unterhielt immer gute Beziehungen zu den jüdischen Bewohnern. Als Bürgermeister beschäftigte er die Jüdin Strauss im Amt. Er hatte einen Teil seines Anwesens an einen Juden vermietet und spielte regelmäßig mit jüdischen Freunden Skat. Er trat in keiner Weise als Nationalsozialist hervor und hat alle Ämter abgelehnt, obwohl man öfter deswegen an ihn herantrat. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Mitläufer“ und erhielt 400 Mark Strafe.

 

21. Ein Diamantschleifer war Scharführer der SA und von 1938-3199 Blockleiter. Aber er war ein anständiger Mensch, der wegen seiner Zugehörigkeit zur SA am Judenpogrom beteiligt war. Dafür hat er neun Monate Gefängnis wegen einfachen Landfriedensbruchs verbüßt. Aber sonst hat er sich keine aktivistischen Handlungen zuschulden kommen lassen. Von der Spruchkammer wird er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhält zwölf Monate Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt) und 500 Mark Strafe sowie ein Monat Sonderarbeit, Verlust des Wahlrechtes und Aufenthaltsbeschränkung auf den Kreis Hanau.

 

22. Ein Schuhmachermeister war als Motorradfahrer aus sportlichen Gründen am 1. Mai 1933 in die allgemeine SS eingetreten und wurde dadurch auch Parteimitglied. Er zog sich aber in die Passivität zurück und provozierte seinen Ausschluß, der 1939 erfolgte. Nach Aussage der Zeugen distanzierte er sich frühzeitig vom Nationalsozialismus. Noch im Jahre 1938 tätigte er Geschäfte mit Juden und bezog Waren von ihnen. Von der Spruchkammer wird er eingestuft als „Mitläufer“, der unter die „Weihnachtsamnestie“ fällt.

 

23. Ein Tierzuchtwart wurde als Minderbelasteter eingestuft und erhielt sechs Monate Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur untergeordnete Arbeit) und 500 Mark Geldstrafe. Seit 1. Dezember 1931 war er Mitglied der NSDAP und vertretungsweise von 01.08. - 15.10.1944 Blockleiter. Er trat in die Partei ein, um an der Beseitigung der sozialen Not der Arbeiterschaft mitzuhelfen. Der Jude Schlesinger aus Santiago de Chile bescheinigt ihm, daß er ihn und andere Juden unterstützt hat. Man konnte sich mit ihm politisch unterhalten, ohne Gefahr zu laufen, denunziert zu werden. Dem Aufruf zum Holzeinschlag ist er nach dem Krieg sofort nachgekommen. Durch sein Gesamtverhalten hat er bewiesen, daß er sich vom Nationalsozialismus abgewendet hat.

 

24. Ein Landwirt trat 1926 aus der Kirche aus, war seit 1930 Parteimitglied und wurde 1933 Kreisbauernführer. Seine Hauptbelastung bestand darin, daß er als Kreisbauernführer im November 1938 Juden in einem nicht gereinigten Viehwagen in das Polizeigefängnis gefahren hat und für die Milchablieferungssperre verantwortlich war. Bei der Erhängung eines Polen soll er als Ortsbonze anwesend gewesen sein. Dem Deutsch-Amerikaner Jung soll er unbegründete Schwierigkeiten bereitet haben.

Ursprünglich wurde er von der Spruchkammer des Lagers Darmstadt in die Gruppe II eingereiht und auf drei Jahre in ein Arbeitslager unter Anrechnung der politischen Haft eingewiesen. Von seinem Vermögen wurden 40 Prozent, mindestens aber 2.500 Mark, eingezogen. Gegen diesen Spruch hat er Berufung eingelegt.

Nun hieß es Auf einmal: Die Vorwürfe sind nicht oder nicht voll bewiesen. Den Abtransport der Juden hat er auf Befehl des Bürgermeisters durchgeführt, in einem Viehwagen, weil sonst kein anderes Fahrzeug zur Verfügung stand; nach Aussagen mehrerer Zeugen war der Wagen aber vorher gereinigt worden. Bei der Erhängung des Polen war er nicht als Parteifunktionär anwesend, sondern als Bauer auf dem Feld, welches neben der Hinrichtungsstelle lag. Das Amt des Ortsbauernführers habe er unvoreingenommen und sachlich ausgeübt. Daraufhin wurde das Verfahren eingestellt.

Sein Sohn beschwerte sich noch 2005, daß in der Zeitung geschrieben stand, sein Vater sei auch dabeigewesen, als ein polnischer Kriegsgefangener an der Kleinen Lohe gehängt wurde. Die Ausrede war: „Er hat in der Nähe einen Acker, und dort hat er gearbeitet!“ Sein Schlußwort war: „Ich bin stolz darauf, daß mein Vater in dieser Zeit politisch tätig war!“ So viel zur Entnazifizierung in Wachenbuchen.

 

25. Der Haupttäter bei der Zerstörung des jüdischen Schulhauses war ein Nachbar, dem der Lehrer nicht seinen Garten hatte abtreten wollen. Dieser Mann war 1932 in die Partei und die SA eingetreten. Er war führend bei der Mißhandlung des jüdischen Lehrers. Bürgermeister Diez urteilt über ihn: Er war „sehr eifrig  bei der Mißhandlung der Juden“. Nach dem Krieg wurde ihm die wöchentliche Meldung bei der Polizei - auch in Hanau – auferlegt. Am 17. März 1947 wurde er wegen schweren Landfriedensbruchs zu vier Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Er war in Haft in der Küche des Internierten-Hospitals in Karls­ruhe. Da er aber nicht haftfähig war, wurde er bald wieder entlassen.

Von der Spruchkammer des Lagers Darmstadt war er zunächst in Gruppe I eingestuft worden, nach seiner Berufung dann in Gruppe II. Er sollte auf drei Jahre in ein Arbeitslager  unter Anrechnung der politischen Haft eingewiesen werden. Doch der Bürgermeister schreibt am 27. April 1951, er habe die Strafe noch nicht angetreten. Er verlor das Wahlrecht, das Recht zur Haltung eines Kraftwagens und es wurden ihm Aufenthalts- und Wohnraumbeschränkungen auferlegt. Von seinem Vermögen wurden 40 Prozent, mindestens aber 2.500 Mark, eingezogen.

Doch gelernt hat er aus den Vorfällen nicht. In seinem Haus wohnte eine Flüchtlingsfamilie, deren Tochter außerdem noch Spätheimkehrerin war. Eigentlich hätte er sich moralisch verpflichtet fühlen, dieser Familie das Leben so erträglich wie möglich zu gestalten. Stattdessen versucht er ständig, diese Familie zu belästigen, die in der ganzen Gemeinde als anständige Familie bekannt ist. Er konnte von Glück sagen, daß er in dieser Familie so ruhige Mieter gefunden hat. Es wäre keine unbillige Härte, wenn er aus seinem Anwesen herausgenommen würde und dasselbe der Flüchtlingsfamilie zugewiesen würde. Der Hauseigentümer bittet das Gericht, eine durchgreifende Entscheidung zu fällen, zumal die Angelegenheit in der ganzen Gemeinde ein großes Aufsehen erregt hat. Aber offenbar ist ihm nichts passiert. Der Verlust des Wahlrechts wird ihn wohl nicht so sehr gestört haben.

 

26. Ein Maurer hat an den Juden-Aktionen teilgenommen und wurde deshalb vom Gericht gestraft. Am 8. November hat er sich am Abbruch eines jüdischen Gebäudes beteiligt und deckte mit anderen SA-Männern das Dach ab. Er kann sich nicht damit entschuldigen, daß er auf Befehl gehandelt habe, er hat wissen müssen, daß er Unrecht begeht. Ansonsten aber war er ein anständiger Mensch und hat niemanden unter Druck gesetzt oder denunziert. Der Bürgermeister teilt mit, daß er sich in den Arbeitsprozeß eingeschaltet habe und durch sein Gesamtverhalten beweisen habe, daß er sich nunmehr vom Nationalsozialismus abgewandt habe und bereit ist am Wiederaufbau Deutschlands auf einer friedlichen demokratischen Grundlage mitzuarbeiten. Von der Spruchkammer wird er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhält neun Monate Bewährung. (keine selbständige Arbeit, nur gewöhnliche Arbeit) und  500 Mark Strafe und  28 Tage Sonderarbeit.

 

27.  Ein Arbeiter hat sich 1933 der SA angeschlossen und hat ihr bis 1945 angehört (daß er 1940 Soldat wurde, hat die Zugehörigkeit nicht beendet). Wegen aktiver Teilnahme an der Zerstörung und gewaltsamen Räumung der Judenschule wurde er zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er legte Berufung ein und die Einstufung in Gruppe II wurde am 23. Februar 1950 aufgehoben. Er gab an, am 8. November bei der Zerstörung der Judenschule nicht beteiligt gewesen zu sein. Er sei erst am nächsten Tag zusammen mit anderen SA-Männern beauftragt worden, die Aufräumungsarbeiten zu leiten. Weil ihm nicht nachgewiesen werden konnte, daß er hetzerisch und gewalttätig gegen die jüdische Religionsgemeinschaft vorzugehen, wurde das Verfahren eingestellt.

Bei der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Belasteter“, die Einweisung in ein Arbeits­lager gilt als abgegolten  durch die wegen Teilnahme an der Juden-Aktion verbüßte Gefäng­nisstrafe von sechs Monaten. Von seinem Vermögen sind 20 Prozent einzuziehen, davon ein Viertel in Sachwerten. Er verlor er das Wahlrechtes, darf fünf Jahre keine selb­ständige Tätig­keit ausüben und darf und nur in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt sein. Er erhält eine Aufent­haltsbeschränkung auf den Kreis Hanau für fünf Jahre.

 

28. Ein Eisenhobler war seit 1933 in der SA und seit 1940 in der Partei. Er erhielt neun Monate Gefängnis wegen einfachen Landfriedensbruchs und mußte sich wöchentlich bei der Polizei melden. Aber der Bürgermeister teilt mit, daß er sich in den Arbeitsprozeß eingeschaltet habe und durch sein Gesamtverhalten beweisen haben, daß er sich nunmehr vom Nationalsozialismus abgewandt habe und bereit sei am Wiederaufbau Deutschlands auf einer friedlichen demokratischen Grundlage mitzuarbeiten. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhielt neun Monate Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt) und  500 Mark Strafe und 28 Tage Sonderarbeit zum Wiederaufbau von Hanau.

 

29.  Ein  gebürtiger Hochstädter war schon vor 1933 Mitglied der NSDAP, 1932 stellvertreten­der Ortsgruppenleiter, 1933 Schulungsleiter, 1934-1935 Schulleiter an der SA-Schule für Pioniersport, 1936 Zellen- oder Organisationsleiter, seit 1. Oktober 1937 Ortsgruppenleiter. Propagandaleiter, Schulungsleiter, Ausbildungsleiter, NS- Berater, Personalamtsleiter, Obmann für Handel und Handwerk Bataillonskommandeur des Volkssturms.

Er hat sich sehr aktiv am Judenpogrom beteiligt und war Veranlasser der Zerstörung der jüdischen Schule und der Synagoge. Des öfteren hat er ausländische Arbeitskräfte mißhandelt.

An Gefangenenmißhandlungen sowie an der Mißhandlung abgesprungener amerikanischer Flieger nahm er persönlich teil. Auf seine Veranlassung wurden die amerikanischen Flieger durchs Dorf geführt, um von der Bevölkerung beschimpft zu werden. Außerdem war er sehr aktiv beteiligt an der Aufhängung eines Polen aus der Gemeinde Oberdorfelden. Auf seine Veranlassung hat ein hiesiger Zimmermann das Galgenholz geliefert. Beim Aufhängen des Polen beauftragte er den Zimmermann Alois Welz, einen Hebel, Klammern und eine Leiter zu stellen. Auf die Frage, wozu diese Dinge benötigt würden, sagte er, daß hieran ein Pole aufgehängt wird. Der Angeklagte war in Begleitung von Landrat Löser am Tatort.

Er war als Schreier in der Gemeinde bekannt und gefürchtet. „F. S. gilt als Aktivist, der mit seiner ganzen Person für die Interessen der NSDAP eingetreten ist und nun für die von ihm geleisteten Mißhandlungen zur Rechenschaft zu ziehen ist.“.

Nach dem Krieg war er im Lager Dachau. Bei der Spruchkammerverhandlung waren Zeugen vorhanden über seine Beteiligung an der Zerstörung der jüdischen Schule und die Mißhandlung abgesprungener amerikanischer Flieger. Es fehlten Zeugen für die Beteiligung an der Zerstörung der Synagoge, der Aufhängung des Polen, der Mißhandlung ausländischer Arbeitskräfte und der Tätigkeit als Bataillonskommandeur des Volkssturms. Der Bürgermeister teilte mit, daß Seng ungefähr im Juni 1941 Franzosen mißhandelt hat, Bäckermeister Busser kann dies bestätigen. Fest steht auch, daß er schon am 8. November mit der „Juden-Aktion“ begann.

 

30. Ein städtischer Beamter war am 1. Mai 1933 in die Partei eingetreten und  von 1934-1938ein förderndes Mitglied der SS. Als Beamter konnte er sich nicht gut dem Eintritt in die Partei entziehen: Anläßlich der Feier der 25jährigenTätigkeit nahmen Angehörige der Partei die Gelegenheit wahr, ihn aufzunehmen.

Dem Amt des Blockwarts entzog er sich durch ein ärztliches Attest. Als Zellenleiter der NSV kassierte er lediglich Beiträge. Er ist nie werbend oder propagandistisch für die Partei eingetreten und hat sich oft gegen die Handlungsweise der Partei ausgesprochen. Von der Spruchkammer wurde eingestuft als „Mitläufer“ und  erhielt 1.000 Mark Strafe.

 

31. Ein  Schlosser trat 1933 der SA bei und hat an deren Märschen teilgenommen. Im Jahre  1937 wurde er in die Partei übergeführt. Bei der Zerstörung der jüdischen Schule hat er mit das Dach abgedeckt. Wegen der Teilnahme an der „Juden-Aktion“ zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden, noch im Januar 1946 mußte er die Liste der wöchentlichen Meldung unterschreiben. Der Bürgermeister befürwortet einen Straferlaß, da Streicher sich als fleißiger, ehrlicher bekannt und  geschätzt ist. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“ und neun Monate Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur gewöhnliche Arbeit) und 500 Mark Strafe.

 

32. Ein  Diamantschleifer nahm als SA-Mann im Alter von 21 Jahren an der Gemeinschaftsaktion der SA  zur Zerstörung des jüdischen Gebäudes teil. Er habe nur Absperrdienste geleistet und die Gegenstände aus dem Haus abtransportiert. Von den neun Monaten Gefängnis hat er acht Monate abgebüßt. Danach  aber hat er nichts mehr begangen und ist politisch nicht hervorgetreten. Der Bürgermeister teilt mit, daß er sich in den Arbeitsprozeß eingeschaltet habe und durch sein Gesamtverhalten beweisen habe, daß er sich nunmehr vom Nationalsozialismus abgewandt habe und bereit ist am Wiederaufbau Deutschlands auf einer friedlichen demokratischen Grundlage mitzuarbeiten. Von der Spruchkammer eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhielt  neun Monate Bewährung keine selbständige Tätigkeit, nur untergeordnete Arbeit) und 500 Mark Strafe.

 

33. Ein Hilfsarbeiter war 1931 in die SA und Partei eingetreten und war von 1934-1937 Scharführe). Aufgrund seiner Parteizugehörigkeit war er Feldhüter geworden. Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Wegen der Teilnahme am Judenpogrom wurde er zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Der Erlaß der Reststrafe auf dem Gnadenwege wird  vom Bürgermeister am 4. Mai 1951 befürwortet. Von der Spruchklammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“. Er erhielt 24 Monate Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur gewöhnliche Arbeit) und  1.000 Mark Strafe, sechs Monate Sonderarbeiten, fünf Jahre Aufenthaltsbeschränkung.

 

34. Ein Facharzt trat 1933 freiwillig in die Partei ein, obwohl eine gewisse Zwangslage an der Universität Heidelberg gegeben war. Durch seinen Umgang mit jüdischen Chirurgen und das Eintreten für einen jüdischen Professor brüskierte er die überwiegend antisemitisch eingestellte Studentenschaft. Um einer noch aggressiveren Stellungnahme gegen ihn die Spitzte abzubrechen, trat er in die Partei ein. Im Jahre 1936 eröffnete er eine Praxis in Hanau. In der HJ wurde er Leiter der Gesundheitsabteilung und damit Bann-Arzt. Er hielt Vorträge an der Gebietsführerschule in Niederwalluf. Er wurde auch vor politische Leiter zitiert. Darauf hat man aber bald wieder verzichtet, weil er die nationalsozialistische Rassenlehre nicht vertreten hat. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhielt zwei Jahre Bewährung (keine selbständige Tätigkeit, nur gewöhnliche Arbeit).

 

35. Ein Landwirt  war seit 1932 in der Partei und SA (Truppführer von 1937-1939). Er beteiligte sich am Judenpogrom und dem Abbruch der jüdischen Schule. Vom politischen Ausschuß wurde er als guter Nationalsozialist bezeichnet, der jedoch anständig gewesen sei. Er trat mit 19 Jahren politisch unreif der SA und NSDAP bei. In den ausländischen Arbeitern hat er keine Arbeitssklaven gesehen, sondern Menschen, die anständig behandelt werden müssen. Er verurteilt den von den Genossen angezettelten Krieg und hatte bereit 1942 den Weitblick, daß der Krieg verlorengehen würde; er bereute schon damals, der NSDAP beigetreten zu sein.

Nach dem Krieg mußte er sich wöchentlich bei der Polizei melden. Er erhielt drei Jahre zwei Monate Gefängnis wegen schwerem Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung und saß im Gefängnis Butzbach. Von der Spruchkammer wurde er eingestuft als „Minderbelasteter“ und erhielt 18 Monate Bewährung und  200 Mark Strafe sowie sechs Wochen Sonderarbeit zum Wiederaufbau in der Gemeinde Wachenbuchen, davon drei Wochen mit Gespann und Wagen. Von Februar bis April 1949 hat er 66 Stunden Fuhrarbeiten geleistet (Schutt abgefahren, Sand angefahren). Jahre später hat er gesagt, er habe damals wohl etwas falsch gemacht“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Juden: Schicksal und Wiedergutmachung

Die Viehmärkte werden von 1935 von der SA (halbmilitärische Naziorganisation) gesprengt, ab Frühjahr 1938 wird der Viehhandel „entjudet“.

Die Verfolgung hängt vielfach davon ab, wie fanatisch und kämpferisch die SA am Ort ist. Und wichtig ist auch, wie der Pfarrer sich verhält.

Ab September 1935 werden die Juden durch die „Nürnberger Gesetze“ zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Wohlhabende Juden versuchen, zu Verwandten ins Ausland zu ziehen. Viele sind aber auch bodenständig und schicken erst einmal ihre Kinder in die USA oder nach Palästina. Andere ziehen nach Frankfurt, weil die Großstadt ein gewisses Untertauchen ermöglicht und weil es dort z.B. jüdische Schulen gibt. Mancher verkauft dabei sein Geschäft an gute Freunde, damit es nicht in die Hände der Nazis fällt.

 

Jüdische Familien:

Zur Entnazifizierung gehört auch der Umgang mit den früheren jüdischen Einwohnern vor und nach dem Krieg. Wenn es um die finanzielle Wiedergutmachung ging, erhob die Jewish Restitution Successor Organization (IRSO) Nachzahlungsansprüche. Diese war gegründet worden, um die Ansprüche ermordeter und verschollener Juden zu vertreten. Diese Organisation übernahm „herrenlosen“ jüdischen Besitz, um von dem Geld überlebende Opfer zu unterstützen. Dabei ist Vieles übertragen worden, weil man damals nicht wußte, daß es noch überlebende Angehörige gab.

Das war dann problematisch, wenn sich später noch Angehörige meldeten, aber schon eine Zahlung an die IRSO geleistet wurde. Wenn die Erben die Rückerstattungsansprüche nicht rechtzeitig gestellt haben, wird die IRSO Rechtsnachfolgerin und kann das Grundstück zurückverlangen und anderweitig verkaufen.

Die Nachkommen sind heute etwas verwundert darüber, daß das Haus ihrer Vorfahren zum Beispiel nur 1.700 Mark wert gewesen sein soll. Wie man aber aus vergleichbaren Unterlagen sehen kann, war das damals durchaus ein üblicher Preis: Ein Haus erzielte höchstens 3.000 Mark, wenn es in gutem Zustand war. Man kann nicht sagen, daß Juden benachteiligt wurden. Und wenn das doch geschah, dann wurden diese Verkäufe alle nach dem Krieg noch einmal nachgeprüft und gegebenenfalls mußten die neuen Eigentümer noch etwas nachzahlen. Nach Beendigung des Krieges und der Wiederherstellung geordneter Verhältnisse sind von den Erwerbern jüdischen Eigentums weitere Zahlungen an die Überlebenden oder

 

 

 

Dörnigheim:

In Dörnigheim gab es zwei jüdische Familien, die Familien „Kahn / Stern“ in der Schwanengasse 4  und „Schönfeld“ in der Frankfurter Straße 9 bzw. 27.

Im Jahre 1936 wurde der damals 63jährige Metzgermeister Josef Stern (Ehemann von Berthe Kahn) vom Hanauer Schöffengericht wegen „öffentlicher Beleidigung“ zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Der „beleidigten“ Frauenschaftsleiterin Erna Kahl wird zugestanden, „die Verurteilung auf Kosten des Angeklagten“ in einer Zeitung bekannt zu machen. Stern hatte sich am 17. Juli 1936 „vor dem Laden eines seiner Rasseangehörigen“ gegenüber der Frauen­schaftsleiterin „deutlich vernehmbar unanständig aufgeführt“. Es half ihm nichts, daß er angab, er leide an krankhaften Blähungen. Joseph Stern starb am 12. August 1942 in Dachau, angeblich an einer Herzattacke. Seine Frau starb am 5. März 1944 in Theresienstadt.

Isaak Schönfeld war 1882 Mitbegründer der Turngemeinde Dörnig­heim. Wenige Monate vor der Machtüber­tragung an die NSDAP 1933 wurde er noch von seinen Vereinskameraden beim 50jährigen Jubiläum gefeiert. Mitte der dreißiger Jahre ging man ihm dagegen aus dem Weg und gab vor, ihn nicht mehr zu ken­nen. Karoline Schönfeld starb 1934 in Dörnigheim, Isaak Schönfeld zog am 31. Juli 1940 nach Frankfurt und starb am 27. April 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Nach den Kindern Horst (geboren 17. Januar 1930)  und Gerhard Jakob (geboren am 11. Juli 1931),  die am 25. November bei Kaunas erschossen wurden, wurde das Schönfeld-Haus in der Ascher Straße genannt, allerdings erst nach langen Diskussionen.

 

Die Grundstücke der Familie gingen für wenig Geld an die Gemeinde nur 15,27 Mark Restkaufgeld verbleiben der Gemeinde. Am 14. Oktober 1950 stellten Frau Rosa Knieling und Frau Berta Beck, die Töchter Isaak Schönfelds, einen Antrag auf Rückerstattung. Der Bürgermeister stellte sich jedoch auf den „Rechtsstandpunkt“ und antwortete am 21.November 1950: Aus dem damaligen Kaufgeschäft sind nur 139,39 Mark geblieben, weil dem Kaufpreis Verbindlichkeiten in Höhe von 12.045,72 Mark gegenüber standen. Er führt jetzt auch Steuern in Höhe von 1.267,66 Mark auf, Verkopplungsgebühren 261,25 Mark, Löschungskosten 140,91 Mark und eine Resthypothek der Firma Dreyer und Grupen in Höhe von 73,17 Mark.

Man muß dabei aber bedenken: Natürlich hat die Familie Hypotheken aufnehmen müssen, weil man ihr Geschäft boykottierte. Das eigentliche Unrecht lag also schon sehr viel früher. Nachher lief alles mit deutscher Gründlichkeit „nach Recht und Gesetz“ ab. Im Grunde war es für die Gemeinde Dörnigheim noch ein Verlustgeschäft, will der Bürgermeister sagen. Aber man fragt sich natürlich, wie er zum Bespiel auf einen so hohen Steuerbetrag gekommen ist,

wo doch der Steuermeßbetrag für die Stückländereien in Größe von 0,55 Hektar im Jahre 1937 nur 3,84 Mark betrug und im Jahr 1938 der Steuermeßbetrag für das Haus auf 126 Mark festgelegt wird (Einheitswert 12.600 Mark) Das Geschäft brachte doch auch kein Einkommen mehr.

 

Im Jahr 1995 stellten die Fraktionen von SPD und Grünen im Maintaler Stadtparlament den Antrag, den Platz vor dem „Frankfurter Hof“, in „Gebrüder­-Schönfeld‑Platz“ umzubenennen (richtig: Brüder Schönfeld).  Weil der Antrag jedoch von „Rot-Grün“ kam, lehnten CDU und Freie Maintaler ihn ab. Irma Schwulera, die Cousine der beiden Brüder, die sich in Hanau erfolgreich versteckt hatte, schaltete sich im Januar 1996 ein und forderte, „Mahnung und Erinnerung nicht verschämt in der Schub­lade oder einer Friedhofecke statt­finden zu lassen, sondern öffentlich zum Nachdenken anzuregen und somit einen Beitrag für ein friedlicheres, zukünftiges Miteinander zu leisten“ ‑ vergeblich.

Man führte an, daß dann Änderungen bei Hausnummern nötig seien (obwohl man eine Freifläche auch umbenennen kann, ohne die Hausnummern zu ändern) und daß Feuerwehr und Krankenwa­gen von der Umbenennung verwirrt wer­den könnten (!).

Als Zeichen des Protes­tes rief „Rot‑Grün“ eigenmächtig am Sonn­tag, 19. November 1995

den „Gebrüder‑Schön­feld‑Platz“ aus. Der damalige Maintaler SPD‑Chef Alexander Kühn verdeutlichte an diesem Tag gegenüber dem Tagesanzei­ger, man wolle „der furchtbaren Geschich­te dort gedenken, wo sie geschah“. Die an­gebrachten Schilder mußten jedoch wie­der entfernt werden.

Wenige Tage darauf wurde das „Atriumgebäude“ der ehemali­gen Dietrich‑Bonhoeffer‑Schule vom Kreis abgekauft. Auf Vorschlag der CDU wurde dieses Atriumgebäude der früheren Bonhoeffer-Schule in „Brüder-Schönfeld-Haus“ umbenannt. Das war eine sehr gute Alternative: Wo sich auch heute noch Kinder und Jugendliche treffen, ist ein guter Ort des Gedenkens an zwei Kinder. Und weil dort häufig Veranstaltungen stattfinden, wird der Name auch oft genannt und ist im Bewußtsein der Bevölkerung.

Im Gebäude selbst erinnert eine Gedenktafel an Horst und Gerhard Schönfeld. Der Text der Tafel lautet: „Brüder-Schönfeld-Haus. Die beiden Brüder Horst und Gerhard Schönfeld wurden im Jahre 1941 im Alter von 11 und 9 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet, weil sie Juden waren. Mit diesem Haus soll ihrer und aller anderen Oper gedacht werden, die aus Dörnigheim und anderen Orten fliehen mußten und ermordet wurden. Die Erinnerung soll uns mahnen, daß sich so etwas niemals wiederholen darf“

 

Aus dem Anlaß der Namensgebung besuchen frühere jüdische Einwohner im Jahre 1997 die Stadt Maintal und sind auch bei der Enthüllung der Gedenktafel dabei und sprachen gemeinsam das jüdische Totengebet. Danach sagt Frau Schwulera: „Gerhard hatte doch recht. Er ist wiedergekommen. Nur auf eine andere Weise!“

Unter den Gästen waren Irma Schwulera, Tochter von Rosa Knieling, Cousine der Brüder Schönfeld, mit ihrer Tochter Ingrid Wettberg aus Garbsen bei Hannover und deren Kinder Gregor und Ralph. Weitere Gäste sind Fred Schönfeld aus Goldbach, jetzt Mineola, N.Y. und sein Cousin Henry F. Schönfeld aus Nürnberg, jetzt Baltimore. Fred Schönfeld hat seit 1997 mehrfach die Stadt Maintal besucht und ist im Jahre 2006 gestorben. Teilnehmer an dem Besuchsprogramm der Stadt im Jahre 1997 ist auch Doris Stein geborene Marx, die Frau von Louis Stein.

Nachdem schon in vielen Städten und Gemeinden frühere jüdische Einwohner zu einem Besuch eingeladen worden waren, kam auch in Maintal der Wunsch nach so einer Einladung auf. Treibende Kraft war dabei Herr Begemann, der Kulturamtsleiter der Stadt. Er brachte den Vorschlag in den Magistrat, der dann die Mittel bereit stellte und die Einladungen aussprach. Auch wenn nachher der Bürgermeister die Idee zur Einladung der früheren Einwohner und zur Gründung eines Forums öffentlich aussprach, so stammt sie doch von Herrn Begemann. Aus dem Besuch der früheren Einwohner im Jahre 1997 ergab sich dann die Gründung der „Brüder-Schönfeld-Arbeitskreises“.

 

Zur Erinnerung an Horst und Gerhard Schönfeld wird auch das „Brüder-Schön­feld-Forum“ gegründet, das sich mit der Geschichte der Juden befaßt und für Toleranz und Menschlichkeit eintritt. Aufarbeitung des jüdischen Lebens in Maintal, Inforationen über das heutige Judentum, Gespräche mit. Jugendlichen und Zeitzeugen, „etwas in Gang setzen”, damit die Bürgerinnen und Bürger in die Aufarbeitung mit eingebunden werden können. Diese und noch viele andere Vorschläge wurden. beim ersten „Brüder-Schönfeld-Forum" von den rund 25 Teilnehmern gemacht, die zur Gründungsveranstaltung am Sonntagvormittag ins Doorm-Hotel gekommen waren. Bürgermeister Rohrbach freute sich dabei besonders, auch wieder Ingrid Wettberg begrüßen zu können, die Tochter von Irma Schwulera, einer Cousine der von den Nazis ermordeten Brüder Horst und Gerhard Schönfeld. Anläßlich der Widmung des Brüder-Schönfeld-Hauses hatte Bürgermeister Rohrbach angeregt, ein sich jährlich wiederholendes Forum einzurichten, das die Erinnerung an die Brüder Schönfeld wach halten solle. Ende 2009 wurde das Schönfeld-Forum in einen Verein umgewandelt, Vorsitzender wurde Herbert Begemann.

 

Bischofsheim:

Nach 1933 kam es durch die künstlich erzeugte und hoheitsrechtlich gesteuerte „Volkswut gegen das internationale Judentum“ in Bischofsheim zu keinen tätlichen Angriffen gegen die jüdischen Bürger, die fast alle den sozial schwachen Volkskreisen angehörten. Die Bischofsheimer Juden mußten freilich auch fort, ihre Anwesen wurden von Bischofsheimer Bürgern erworben, die Kaufpreise wurden auf ein Sperrkonto gezahlt.

Der Bürgermeister berichtet am 4. November 1937: Die wenigen in der hiesigen Gemeinde noch ansässigen Juden haben keinerlei Verbindung mehr zu der Bevölkerung. Der Handel mit Juden kann hier nicht mehr ausgeführt werden, da im Ort keine jüdischen Geschäfte vorhanden sind. Das Verhalten der Juden hat zu polizeilichem Einschreiten keine Veranlassung gegeben. Strafbare Handlungen durch Juden sind hier nicht vorgekommen.

Am 8. Dezember 1938 meldet der Bürgermeister dem Landrat, daß anläßlich der „Protestaktion gegen Juden“ in Bischofsheim keine Sachwerte sichergestellt werden mußten (vor allem ging es auch um Devisen und Kultusgegenstände), auch keine Führerscheine und Zulassungspapiere.

 

 Der Bürgermeister meldet dem Landrat am 11. September 1909.42, daß „am 5. September 1942 die hier noch anwesende Jüdin mit dem vorgesehenen Transport von hier abgereist ist“. Es handelt sich dabei um Berta Blumenthal. Der Bürgermeister stellt fest: „...und hat die Angelegenheit somit für hier ihren Abschluß gefunden“.

 

Nach dem Krieg berichtet der Bürgermeister am 15. November 1946: „Es sind bis heute noch keine Juden zurückgekehrt. Über das weitere Schicksal der Juden ist hier nichts bekannt!“ Er macht bei den Grundstücken immer einen Unterschied, ob ein ordentlicher Kaufvertrag vorliegt oder ob jemand das Grundstück nur in Besitz genommen hat. Der Bürgermeister und betont auch, daß für sämtliche Judenhäuser ordnungsmäßige Kaufverträge vorliegen. Bei den Gartengrundstücken muß man bedenken, daß Grabland für die Sicherung der Ernährung notwendig war. Es ist deshalb verständlich, wenn die Nachbarn das „herrenlose“ Land auch mit nutzten.

 

Auch in Bischofsheim wohnten mehrere jüdische Familien. Nach dem Krieg muß immer der Bürgermeister auch den Wert des Grundstückes angeben und dabei nachprüfen, ob die gezahlten Preise dem Verkehrswert entsprachen oder man die Notlage der Juden ausnutzte. Der Wert scheint nach dem Krieg ziemlich niedrig angegeben zu sein (oft nur 30 oder 40 Pfennig für den Quadratmeter, für Bauland höchstens eine Mark). Die schlechte Qualität des Bodens oder der schlechte Zustand des Hauses wird immer wieder unterstrichen. Hat man hier - den jetzigen Besitzern zuliebe - tiefgestapelt? Es wird aber auch immer wieder darauf hingewiesen, daß der Preis vom Ortsschätzer angegeben wurde.

Am 6. September 1948 wird vom Bürgermeisteramt eine Liste aufgestellt über die vor 1933 in Bischofsheim wohnhaften Juden. Dabei wird wieder bemerkt: „Über umgekommene Juden ist nichts amtlich bekannt geworden, von den verschleppten Juden sind keine zurückgekehrt!“

In der Liste wird auch angegeben, wer „ausgewandert“. Aber es ist nicht klar, ob sie tatsächlich ins Ausland ausgewandert sind.

Selbst Herbert Lippert schreibt in seiner Chronik: Einige der Bischofsheimer Juden sind in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches umgekommen, die meisten konnten sich retten und lebten in England, Amerika, Afrika und Australien. Einige haben ihre alte Heimat nach dem Kriege wieder einmal besucht, aber wieder niedergelassen hat sich niemand von ihnen. „ Doch nur Manfred Blumenthal (Niedergasse 1) und Emma und Rosa Stern (Obergasse 14) sind wirklich in die USA gelangt.    

Seit dem 11. April 1949 fragt die Jewish Restitution Successor Organization (IRSO) an, was aus den Grundstücken der Juden geworden ist, darunter vielen Ackergrundstücken. Die Antwort der Gemeinde läßt bis Mai 1950 auf sich warten. Aber auch dann noch ist die Antwort ausweichend. Gefragt wurde nach dem Grundbesitz von Wolf Kahn, Harry Stern, Sofie Stern, Jakob Grünewald, Moses Michels Sohn und Siegfried Hess. Aber angeblich können die Grundstücke wegen der alten Flurbezeichnungen nicht festgestellt werden und auch die Namen der Eigentümer sind angeblich nicht bekannt.

 

Dabei hätte man das wissen müssen, denn der Name Grünewald kommt unter den Bischofsheimer Juden gleich zweimal vor (Berger Straße 7 und Schäfergasse 10), und als es um die Kiesgrube geht, weiß man ja auch, wer Jakob Grünewald ist. Die Personen lassen sich ja noch heute noch identifizieren: Harry Stern ist Hermann Stern, Obergasse 8. Sofie Stern ist Sophie geborene Rosenthal, verheiratet mit Marcus Stern in Hochstadt. Jakob Grünewald ist verheiratet mit Bettchen Stern und wohnte Schäfergasse 10

Moses Michels Sohn ist der Metzger Moses Kaufmann, Schäfergasse 2. Nur zwei Personen lassen sich nicht mehr sicher identifizieren, vielleicht weil sie von außerhalb sind: Wolf Kahn könnte nach Dörnigheim gehören, Siegfried Hess nach Wachenbuchen. Aber zehn Jahre nach den Ereignissen hätte man bei gutem Willen sehr wohl noch die Eigentümer feststellen können.

Hier seien nur einige Besonderheiten der Enteignung und (Nicht-) Wiedergutmachung aufgeführt:

1. Niedergasse 1 a:

Am 19. November 1938 meldet die Gestapo dem Bürgermeister, daß Hugo Blumenthal Niedergasse 1 a wegen Lager-Unfähigkeit aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen werden muß. Die Angehörigen sollen die Kosten für die Rückfahrt telegrafisch an die Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald absenden. Die Eintragung, daß er am 12. Juni 1906.36 nach Eichholzheim Kreis Mosbach gezogen sei, ist wieder gestrichen worden. Er galt als „ausgewandert“. Noch am 2. Mai 1949 schreibt der Bürgermeister, Hugo Blumenthal habe sich am 15. November 1911.40 nach Frankfurt abgemeldet. Es wird vermutet, daß er dort geheiratet hat. Der Sohn Manfred Blumenthal (geb. 27.10.06 in Bischofsheim), Schäfergasse 2, wandert nach den USA aus und wohnt nach dem Krieg in 517 West, 180th Street, New York.

Am 07. Juli 1941 gibt der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau Frau Berta Blumenthal und ihrem Bruder Hermann Goldschmidt als Miteigentümer (1941 verzogen) auf, sechs landwirtschaftliche Grundstücke mit insgesamt 79,49 Ar zu verkaufen (Das Haus war damals schon im Besitz der Gemeinde). Am 10. Dezember 1942 erfolgt der Verkauf der Einrichtung der Berta Blumenthal an fünf Personen.

Berta Blumenthal war die letzte Jüdin in Bischofsheim starb aber 14 Tage nach der Befreiung. Befreiung von Theresienstadt durch die Russen am 5. Mai 1945. In Bischofsheim nahm man an, daß sie umgekommen ist und hat sie mit Wirkung vom 19. Mai 1945 für tot erklärt. Auch der Bürgermeister antwortet am 27. März 1947 fälschlicherweise an Frau Rosa Levy geborene Stern in St. Louis (USA): „Die Brüder Wolff sowie Berta Blumenthal und Sohn Hugo wurden im Sommer 1942 nach Frankfurt gebracht und wurden von dort nach dem Osten (Polen) verschleppt. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts bekannt geworden. Der jüdische Besitz ist von der amerikanischen Militärregierung blockiert“.

Schon am 13. September 1949 erhebt Manfred Blumenthal Anspruch auf das Haus mit Nebengebäuden und Land. Deshalb übersendet das Bürgermeisteramt am 25. April 1949 dem Amtsgericht Frankfurt eine Geburtsurkunde für Berta Blumenthal geborene Goldschmidt. Am 3. April 1950 wird Manfred Blumenthal als Eigentümer des Hauses Niedergasse 1 (damals noch Niedergasse 3) eingetragen. Verwalter ist Karl Stippler aus Hadamar. Er wird gebeten, beim Verkauf des Hauses den Mieter Josef Schrott bevorzugt zu berücksichtigen, weil er vier Kinder hat und schon große Kosten aufgewandt hat, um das Anwesen instandzusetzen.

 

Niedergasse 22:

Am 8. Januar 1942 starb Simon Stern in Bischofsheim an Herz-Kreislauf-Schwäche. Auf die Anfrage des Finanzamtes vom 14. Juli 1942 wegen des Nachlasses des verstorbenen Althändlers Simon Stern antwortet der Bürgermeister: Er hat mit den drei Söhnen seiner verstorbenen Schwester einen ärmlichen Haushalt geführt. Hermann Wolff (Gartenarbeiter, Niedergasse 22) machte die Anzeige des Todes. Es ist anzunehmen, daß die Brüder Wolff die Krankheits- und Beerdigungskosten selbst bezahlt haben.

Die Genossenschaftliche Treuhand-Gesellschaft war in den Besitz einer Aufwertungshypothek auf dem Grundstück gekommen. Sie wollte im Februar 1939 das Haus zwangsversteigern lassen. Der Bürgermeister antwortet aber: Die Erben wollen sowieso auswandern, so daß das Haus auch ohne Zwangsversteigerung zum Verkauf kommen wird. Das Haus blieb vorerst im Besitz der Gemeinde.

Am 8. Juni 1942 meldet der Bürgermeister, daß das Haus mit vier Räumen und einer Küche von Gendarmeriemeister Brösamle unter Hinzuziehung des Ersten Beigeordneten Fritz verschlossen wurde. In ihm befanden sich nur geringwertige Möbel und Hausgräte (wackelige Stühle, zermürbte Betten, wurmstichige Tischchen, Schränke). Die Gegenstände wurden dann verkauft, zum Beispiel ein Bett für zwei Mark.

Am 15. August 1942 übersendet der Bürgermeister die Nachweisung für die von der Judenfamilie Gebrüder Wolff durch Vermittlung des Finanzamts Hanau übernommenen Möbelstücke. Er behauptet, die Gegenstände wären an minderbemittelte, teilweise kinderreiche Volksgenossen abgegeben (andere Formulierung: „von der Gemeinde die NSV übernommen“).

Der Schätzpreis für alles betrug zusammen 97,50 Reichsmark, erlöst wurden 116 Mark. Aus dem Mehrerlös wurden die entstandenen Unkosten gedeckt, d.h. der Mehrbetrag von 18,50 Mark wurde der Gemeindekasse zugeführt.

Am 27. März 1947 beantwortet der Bürgermeister auf eine Anfrage von Frau Rosa Levy geborene Stern in St. Louis (USA). Es kann sich dabei an sich nur um Rosa Stern handeln, geboren 1916, Tochter von Arnold Stern und Emma Löwenstein, Obergasse 14, die aber nicht verwandt ist. Die Antwort lautet: Berta Blumenthal und Sohn Hugo sowie die Brüder Wolff wurden im Sommer 1942 nach Frankfurt gebracht und wurden von dort nach dem Osten (Polen) verschleppt. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts bekannt geworden. Der jüdische Besitz ist von der amerikanischen Militärregierung blockiert.

Am 1. Juni 1950 wird gesagt, befindet sich das Haus befindet sich in schlechtem Zustand. Es handelt sich um eines der ältesten Häuser der Gemeinde. Aber ein Verkauf des Hauses mit den zwei Gartenparzellen hat bisher nicht stattgefunden.

 

Schäfergasse 21:

Das Haus geht 1938 an Wilhelm Lendel über. Im Jahre 1950 war es sehr verwohnt und von zwei Familien bewohnt. Besitzerin war Katharina Lendel. Am 3. Februar 1951 zahlt Wilhelm Lendel keine Miete an den Treuhänder. Der Bürgermeister bestätigt, daß er kein Einkommen hat, aber noch Grundbesitz hat und von den Kindern durchaus unterstützt werden kann.

 

Zwerchgasse 1:

Die Eheleute und ihr Sohn Richard  ziehen am 5. Juli 1937 nach Frankfurt, Röderbergweg 30. Das Haus wird gekauft von Alfred Niemczyk. Es gibt dann eine Vermögensauseinandersetzung, wodurch die IRSO in den Besitz des Hauses kommt. Am 4. Juli 1951 fordert der Bürgermeister von der IRSO die Zahlung der Grundsteuer für das Haus, da sie Rechtsnachfolger des ehemaligen Besitzers ist. Der Mieter Niemczyk zahlt nicht (mehr), weil er nicht Eigentümer ist.

 

 

 

Wachenbuchen

Von Wachenbuchen wird gesagt; „Nirgendwo ging es den Juden so schlecht wie in Wachenbuchen!“ Schon vor der Pogromnacht 1938 gibt es mindestens zwei Gewalttaten gegen jüdische Bürger, näm­lich gegen den Juden Josef Burg (Kleine Hainstraße 10), der mit dem Kuhgespann unterwegs ist, und dann gegen Herz Appel (Kleine Hainstraße 3) und Josef Reinhardt (Herrenstraße 13), die Vieh von Ortenberg nach Wachenbuchen treiben.

 

Der Sturm auf die jüdischen Geschäfte und Synagogen wird in Kurhessen zunächst einmal erprobt. Kassel, Bad Hersfeld und Wachenbuchen im Kreis Hanau gehen voran. Dabei weiß man nicht so genau, ob nur aus Versehen zu früh losgeschlagen wurde oder ob wirklich eine gezielte Aktion vorlag. Gleichzeitig werden mehr als 30.000 Männer aus dem Bereich Frankfurt und Hanau vorübergehend in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt.

Am 8. November 1938, einen Tag vor dem zentral inszenierten Vandalismus gegen die Juden,

 findet zunächst zwischen 20.30 und 22 Uhr in der Gaststätte Müller eine öffentliche Kundgebung der Nazis statt. Einer der Redner ist der Bürgermeister, der sich gegen die Juden wendet. An der Versammlung nehmen 200 bis 250 Personen teil, darunter 15 bis 20 Mitglieder der SA, die zu dieser Zeit etwa 30 Mann stark ist. Nach der Kundgebung teilt Bürgermeister dem Truppführer der SA mit, daß das jüdische Schulhaus abgerissen und der Lehrer „eine Abreibung“ bekommen solle. Schon vor der Nazizeit will die Gemeinde das Schulhaus gern kaufen, um es abzureißen; aber der jüdische Lehrer läßt es nicht zu. Jetzt sieht man eine günstige Gelegenheit, dieses Ziel endlich zu erreichen.

Um 23 Uhr treffen sich etliche Nazis an Ort und Stelle und sperren die Straße in 80 bis 100 Meter Entfernung ab. Inzwischen ist auch eine größere Menschenmenge gekommen, die von der Aktion erfahren hat, etwa 300 Leute. Das Unrechtmäßige solcher Absicht war nicht nur dem Bürgermeister und Rädelsführer bewußt, er machte vielmehr die auf 23 Uhr zum Zerstörungswerk Einberufenen darauf aufmerksam, daß man vorsichtig sein müsse, um nicht „mit dem Staatsanwalt Bekanntschaft“ zu machen. Wachen wurden aufgestellt, damit man nicht von der Polizei überrascht würde.

Es kann sein, daß hier nur eine Eigenmächtigkeit örtlicher Nazis vorlag. Aber es könnte auch sein, daß die Partei in Wachenbuchen (und übrigens auch in Kassel) testen wollte, wie die Bevölkerung auf die Zerstörung der jüdischen Gebäude reagiert.

Gegen 1 Uhr nachts erschienen der Landrat, der NSDAP-Kreisleiter und der Kreispropagandaleiter. Sie wurden herbeigerufen vom Bürgermeister, der Angst bekommen hatte und jetzt seine Rädelsführerschaft leugnete. Die Aktion sei gegen seinen Willen in Gang gekommen, er habe bereits im Bett gelegen. Der Landrat Löser untersagt weitere Aktionen, weil erst für die nächste Nacht die Pogrome geplant sind.

Gegen weitere Ausschreitungen läßt der Landrat Wachen aufstellen. Nachträglich erklärt er das Haus für baufällig und gibt es damit zum Abbruch frei. Grund der Maßnahmen war ausschließlich das an diesem Abend gültige Verbot von Einzelaktionen gegen Juden. Der Landrat war kein Mann, der den Schaden begrenzen und Schlimmeres verhüten wollte, als er in der ersten Nacht die Ausschreitungen unterband. Er war nur ängstlich gewesen wegen der Folgen. Der Menschenmenge hatte er schon in der ersten Pogromnacht erklärt, sie hätten den jüdischen Lehrer, der entkommen war, totschlagen sollen, anstatt ihn laufen zu lassen.    

Folgerichtig finden sich am folgenden Abend des 9. November sich Pogromtäter und Menschenmenge wieder ein und vollenden - jetzt mit obrigkeitlicher Duldung und Ermunterung - die Zerstörung des jüdischen Schulhauses. Die mehrere hundert Menschen große Menge kommt zum „Tatort“, um das Zerstörungswerk fortzusetzen. Dieses war nicht nur ein Werk der SA, sondern auch vieler anderer Einwohner. Immerhin sagt der damalige Truppführer später, damals „nicht ganz richtig“ gehandelt zu haben.

Das jüdische Schulhaus wird innerhalb von zehn Tagen total abgerissen und später eine Durchfahrt zur Straße Alt Wachenbuchen geschaffen. Laut einem Aktenstück im Stadtarchiv vom 21. Juli 1945 bittet Elise Roß darum, daß ihr der Schaden an ihrem Haus, der bei der Zerstörung des jüdischen Schulhauses entstanden ist - wie versprochen - ersetzt wird.

 

Nach 1945 ist die Synagoge im Eigentum der Gemeinde Wachenbuchen. Am 7. September 1945 wird in den Gemeindeakten eine Notiz angelegt: Die der israelitischen Gemeinde gehörende Synagoge wurde von dem ehemaligen Bürgermeister für die Gemeinde Wachenbuchen beschlagnahmt (Einheitswert: 2.740 Mark). Das Wohnhaus des jüdischen Lehrers einschließlich Schule wurde im Jahre 1938 völlig niedergelegt (Einheitswert 3.300 Mark).

Doch am 13. Mai 1949 meldet sich die IRSO, eine jüdische Organisation, an die aller jüdischer Besitz übergegangen ist. Sie fordert für Synagoge und jüdische Schule zusammen 7.000 Mark. Es ist falsch, wenn Bürgermeister Kaufeld 1949 schreibt, Synagoge und Schulhaus seien nur beschädigt und das Inventar vom Besitzer abgeholt worden. Auch das Fahrrad des jüdischen Lehrers Sonneberg wird noch bei zwei Amtsübergaben der Bürgermeister erwähnt. Das Schächtmesser und ein Regulator gehen 1947 an die jüdische Gemeinde in Bad Nauheim. Die Gemeinde möchte gern den Preis drücken und Erkundigungen bei den Nachbargemeinden einholen. Auch möchte sie die Täter von 1938 regreßpflichtig machen. Der Kaufpreis für die Synagoge beträgt schließlich 6.566 Mark.

Die Gemeinde verpachtet die Synagoge dann an die ausgebombte Autoreparaturwerkstatt Jacobi aus Frankfurt. Am 18. Januar 1950 wird sie zum Kauf oder zur Verpachtung angeboten. Ab Februar nutzen der Fußballverein Kewa und die Turner das Haus für Trainingszwecke. Im September aber erhält die Kirchengemeinde den Vortritt bei der Verpachtung der Synagoge. Sie muß die Instandsetzung und jährlich 300 Mark zahlen. Am 12. November 1950 wird die Synagoge für den Gottesdienst eingeweiht. Der Schrein für die Thorarolle wird zum Aufbewahrungsort für die Bibel. Am 23. Januar 1952 wird ein Vertrag über die Nutzung der ehemaligen Synagoge durch die Kirchengemeinde abgeschlossen. Die Gemeinde legt einen Zaun an. Im Obergeschoß richtet sie eine Notwohnung ein.

Am 29. April 1969 wird die Synagoge für 13.000 Mark an den Schmiedemeister Hans Oswald verkauft. Heute dient das Gebäude als Wohnhaus. Zu diesem gehört auch ein kleiner Garten hinter dem Haus Nr. 32 außerhalb der Ringmauer.

 

Auf Initiative der Stadtverordneten Kornelia Schild-Kreuziger wird 1984 an der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel angebracht. Frau Schild meint: „In Wachenbuchen hat es nie eine kollektive Bereitschaft gegeben, sich mit der braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen“. Der Besitzer hat zunächst nichts gegen eine Gedenktafel an dem Haus. Er sagt: „Ich werfe da keine Knüppel zwischen die Beine!“ Aber später zieht er seine spontane Zusage zurück, weil er nie offiziell von der Stadt gefragt wurde, sondern nur von einem Journalisten, der nachher in der Zeitung behauptet hatte, die Zustimmung sei zurückgezogen worden. So wird die Tafel auf eigenen Ständern auf dem Gehsteig vor dem Haus angebracht.

Im Dorf ist man 1984 der Meinung, die Tafel werde wohl nicht lange hängenbleiben. Es gibt damals 10 bis 15 Jugendliche mit Judenhaß, die auch etwas gegen Ausländer haben. Vielen Einwohnern ist die Sache egal. Einige meinen auch, man solle die Sache ruhen lassen, es werde damit zu viel Kult getrieben. Wichtiger wäre es, den Neo-Nazis das Handwerk zu legen. Dazu reiche eine Gedenktafel nicht. Aber es gibt auch eine ganze Reihe positiver Stimmen.

Im Jahre 1999 wurde eine neue Gedenktafel an dem Gebäude angebracht mit dem folgenden Text: „Dieses Gebäude war Synagoge der Jüdischen Gemeinde Wachenbuchen. Daneben, an der Einmündung der Hainstraße, stand mit der Hausnummer 36 das jüdische Schulhaus mit Lehrerwohnung und Mikwe (heute: Einmündung der Hainstraße). Am 8. und 9. November 1938 wurde die Synagoge von einem Teil der Bevölkerung aus Wachenbuchen verwüstet. Der Lehrer und sein Sohn wurden mit lebensbedrohender Gewalt verjagt. Die Erinnerung an die Opfer ist Mahnung und Auftrag, die Würde des Menschen zu schützen. Zum Gedenken an die während der nationalsozialistischen Zeit vertriebenen und umgebrachten Juden aus Wachenbuchen, Hochstadt, Bischofsheim und Dörnigheim, gewidmet von der Stadt Maintal.“

 

Es ist bedauerlich, daß auch in Wachenbuchen der Bürgermeister den Wert des jüdischen Besitzes herunterspielt. Bürgermeister waren damals Karl Diez von April 1945 bis 30. Juni 1948, Heinrich Kaufeld vom 1. Juli 1948 bis 1952 und Wilhelm Happ  von 1952 – 1964.

Wenn im Folgenden vom Bürgermeister die Rede ist, dann wird es sich wohl in den meisten Fällen um Wilhelm Happ gehandelt haben.

 

 

Rübenberg 11:

Ernst Strauß stellt am 14. Februar 1960 einen Antrag auf Entschädigung mit folgender Begründung: Der Vater ist 1928 gestorben. Seine Mutter Jenny und er haben die gutgehende Metzgerei, die seit 60 Jahren bestand, weiter betrieben. Außerdem haben sie noch ein Häutegeschäft betrieben. Der Umsatz betrug wöchentlich etwa 700 Mark. Wegen der Verfolgungsmaßnahmen ging das Geschäft zurück und mußte abgemeldet werden.

Dem Bürgermeister ist allerdings von einem Häutegeschäft nichts bekannt. Auch die Metzgerei kann man nicht als gutgehendes Geschäft ansprechen. Die Witwe Strauss habe mit den drei unmündigen Kindern einen schweren Existenzkampf zu führen. Es wurde in der Woche aber höchstens ein Stück Großvieh geschlachtet. Jenny Strauß und Minna Strauß sind 1939 nach Frankfurt verzogen. Es kann nach Meinung des Bürgermeisters nicht beurteilt werden, ob ein Verschleuderungsschaden entstanden ist. Von einer Metzgerei-Einrichtung im Wert von 2.500 Mark kann nicht gesprochen werden, da eine solche nicht vorhanden gewesen sein soll. Es war weder ein Schlachthaus noch eine Ladeneinrichtung vorhanden. Schlachtungen wurden in einer Scheunentenne durchgeführt, während der Fleischverkauf in einem Zimmer auf einem Tisch vorgenommen wurde; zum größten Teil wurde das Fleisch jedoch den Kunden ins Haus gebracht.

Geltend gemacht wurde aber von Ernst Strauß gar nicht die „Ladeneinrichtung“, für die beim Verkauf gar nichts gezahlt wurde. Er bezog sich vor allem auf das Wohnzimmer, Eltern-Schlaf­zimmer, Kinder-Schlafzimmer und Küche, die nur etwa mit einem Zehntel des Preises verkauft wurden. Es war nach dem Verbleib dieser Einrichtung gefragt worden und ob ein Teil der Einrichtung an den Käufer des Hauses abgegeben wurde. Auf all diese Dinge geht der Bürgermeister aber nicht ein.

Auch Ludwig Strauß aus New York, stellt am 20. September 1961 einen Antrag auf Entschädigung. Seine Geburtsurkunde wurde schon am 13. Juni 1957 an ihn übersandt. Eine Sterbeurkunde für seinen Vater David Strauß kann aber in Wachenbuchen nicht ausgestellt werden, da er im Sterberegister nicht verzeichnet ist: Er ist in Frankfurt gestorben. Aber der Bürgermeister gibt nicht diesen Hinweis, obwohl er es doch sicher gewußt hat oder leicht erfahren konnte. Ludwig Strauß und sein Bruder besuchen aber 1999 die Stadt Maintal

 

Herrnstraße 13:

Die Eheleute Mett kaufen am 20. Januar 1939 für 3.000 Mark das Haus zusammen mit einem Acker in den Haingärten. Das Geld wird auf ein Sperrkonto eingezahlt. Der bebaute Hofraum wird im Oktober 1950 auf 2.965 Mark geschätzt. Zunächst erhebt die IRSO Wiedergutmachungsansprüche. Am 23. Mai 1962 erhebt aber auch Fanny Wolf geborene Reinhardt Entschädigungsansprüche.

Der Bürgermeister schreibt: Josef Reinhardt hatte sein Viehhandelsgeschäft nicht in Marköbel, sondern in der Herrnstraße 13 in Wachenbuchen. Er war alleiniger Inhaber, seine Frau nur mithelfende Familienangehörige. Über den Ertrag des Geschäftes kann er keine Auskunft geben. Die Viehhandelserlaubnis wurde durch Verfügung des Viehwirtschaftsverbandes Kurhessen vom 3. Dezember 1937 entzogen. Das Hausgrundstück mit Scheune und Hausgarten wurde umgeschrieben auf Heinrich Mett, der aber in russischer Kriegsgefangenschaft verstorben ist. Das Haus gehört danach Frau Mett und ihren zwei Töchtern. Die Erwerber zahlen seit 1952 an das Amt für Wiedergutmachung 2.000 Mark in monatlichen Raten.

Weiterhin wohnte in dem Haus Julius Stern. Am 27. Oktober 1960 stellt der Sohn Leo Stern einen Entschädigungsantrag. Er gibt an, daß der Vater auf den Gütern der Umgebung Schlachtvieh aufgekauft habe und an Frankfurter Metzger weiterverkauft habe. Der Bürgermeister aber schreibt: Über den Geschäftsumfang kann niemand mehr Auskunft geben. Bekannt ist nur, daß Herr Stern einen kleinen Kälberhandel hatte. Es kann nicht bestätigt werden, daß er am Viehhof in Frankfurt Kommissions- oder Maklergeschäfte getätigt hat. Nach der Machtergreifung sei das Geschäft sofort zurückgegangen. In der Zeit davor habe er im Monat etwa 600 bis 700 Mark verdient. Im Jahre 1942 wurde er deportiert.

 

Bachstraße 8:

Folgendes Ladeninventar wurde bei der Flucht zurückgelassen: 2 Kühlkästen, 2 Hackklötze,  1 marmorner Ladentisch, 1 Dezimalwaage, 1 Wurstmaschine, 2 Fleischmühlen und sonstige Geräte (Auskunft vom 19. Juni 1957). Am 4. Juni 1950 anläuft die Rückerstattungssache Strauß an. Dabei wird gesagt, Herr Mieter Schmitt könne nicht nur behaupten, er habe immer die Pacht gezahlt, er muß auch Nachweise beibringen. Am 21. September 1956 erklärt der Schmiedemeister Hans Oswald immerhin, daß Frau Rita van den Brande bis Mai 1933 als Mieterin bei ihm gewohnt hat. Der Bürgermeister meint am 11. Juli 1957, es sei nicht mehr festzustellen, worin das zurückgelassene Eigentum der Familie Strauß bestand. Grundvermögen war nicht mehr vorhanden (es war eine Mietwohnung). Das In­ven­tar dürfte mit etwa 500 Mark zu bewerten sein.

 

Alt Wachenbuchen 37:

Das Haus gehört 1941 noch immer Frau Emma Schönfeld, die inzwischen in Großauheim wohnt. Am 6. Februar 1941 fordert der Landrat den Bürgermeister auf, Frau Schönfeld zu veranlassen, ihr Haus umgehend für 3.400 Mark an einen anderen Einwohner zu verkaufen, weil sie in Großauheim wohnt. Im März erklären beide, daß sie mit dem Preis einverstanden sind. Der Bürgermeister teilt das  am 13. März dem Landrat mit, aber es ist deutlich, daß der Landrat zum Verkauf gedrängt hat. Frau Schönfeld stirbt am 27. Oktober 1942 in Theresien­stadt. Das Wohnhaus mit Stall wird umgeschrieben auf Franz und Katharina Fassel. Ab 3. Mai 1950 erfolgt die Rückerstattung.

 

Alt Wachenbuchen 40:       

Hier wohnte Salomon Strauß, verheiratet mit Mathilde geborene Strauß. Sie haben sieben Kinder. Der Mann stirbt 1924 in Wachenbuchen. Die Frau zieht als letzte jüdische Familie mit den Kindern Arthur und Henny (Hanni) nach Frankfurt. Der spätere Besitzer des Hauses sagt jedoch, sie hätten 1939 nur das Haus verkauft und hätten bis 1941 noch dort gewohnt. Dann sprach Bürgermeister die neuen Hausbesitzer an: „Die wohnen ja immer noch bei dir!“ Da wurden ihnen gekündigt und sie mußten nach Frankfurt gehen.

Der Acker des Jesel Strauß wird zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“ und geht dann an die IRSO, die einen Rückerstattungsantrag stellt. Das Haus wird zeitweise genutzt von Philipp Bläsing. Der Besitz von Mathilde, Arthur und Henny Strauss wird schließlich wie folgt verteilt: Das Grundstück wird umgeschrieben auf Hilde Stein. Ein Acker und eine Wiese werden umgeschrieben auf Hilde Stein. Ein Acker geht an Heinrich Maisch. Ein Acker am Birkenbaum wird umgeschrieben auf Katharina Emmerich.

 

Kleine Hainstraße 3:

Ein Grundstück des Herz Appel und ein Acker seiner Frau Bienchen wurden in der Nazizeit umgeschrieben auf das Deutsche Reich. Die Cousine Anna Geil (Ley Avenue, Derbys in England, Tochter der verstorbenen Paula Appel und Enkelin des Seligmann Appel) fragt am 15. März 1950 nach Haus und Gartenland in der Kleinen Hainstraße. Ihr wird am 20. März 1950 zunächst geantwortet: Seligmann Appel ist etwa 1914 nach Frankfurt verzogen und hat bei dieser Gelegenheit sein Wohnhaus verkauft. Nachher stellt sich der Fall aber anders dar: Wenn die Erben die Rückerstattungsansprüche nicht rechtzeitig gestellt haben, wird die IRSO Rechtsnachfolgerin und kann das Grundstück zurückverlangen und anderweitig verkaufen. Das ist angeblich der Fall bei den Grundstücken von Herz und Bienchen Appel, schreibt die Gemeinde am 5. September 1950. Sie möchte das Grundstück aber selber von der IRSO kaufen.

Kleine Hainstraße 2:

Das Haus war bei seinem Verkauf an die Familie Stock (im Jahre 1933 oder eher 1935) im Besitz von Adolf Strauß, dem Enkel von Jacob Schönfeld und Vetter von Seligmann Stern. Aus den Papieren geht hervor, daß der Verkauf doch nicht ganz ohne Zwang erfolgte. Das Ehepaar Seligmann und Selma Stern ist wahrscheinlich nach der Hochzeit nach Frankfurt gezogen. Sie sollten eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 6.885 Reichsmark entrichten. Wegen ihres Versuchs, ihr Vermögen vor dem Zugriff des Staates zu retten, wurde Selma Stern am 5. Juli 1941 verhaftet. Daraufhin nahm sich ihr pflegebedürftig erkrankter Mann Seligmann Stern das Leben. Er wurde am 7. Juli in der Wohnung tot aufgefunden. Deshalb ist er auch nicht auf dem Namenfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz aufgeführt. Das Grab ist auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, Eckenheimer Landstraße.

In den Prozeßunterlagen der Zollfahndungsstelle Frankfurt heißt es: „Ihr Mann, der schwer leidend und der ständigen Pflege bedurfte und der nach Festnahme der Frau vor seiner Überführung ins jüdische Krankenhaus selbst aus dem Leben schied, hatte von den Verfehlungen seiner Frau keine Kenntnis. Frau Stern ist für ihre Unterlassungen selbst voll verantwortlich!“

Nachdem auch mit Hilfe der in Berlin lebenden Schwester Friedricke Dammann eine Kaution gestellt wurde, wurde Frau Stern am 19. September 1941 aus der Untersuchungshaft entlassen und mit Strafbefehl des Amtsgerichts Frankfurt vom 28. Mai 1942 zu einer Geldstrafe verurteilt.

Im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden sind Akten der Devisenstelle Frankfurt, der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt, eine Gefangenenakte des Gefängnisses Frankfurt-Höchst und der sie beratenden Anwälte vorhanden. Alle diese Unterlagen stammen aus der NS-Zeit. Nach dem Krieg stellte die bereits 1935 nach Palästina ausgewanderte Tochter Elfriede Knopp geborene Stern Wiedergutmachungsanträge nach ihren ums Leben gekommenen Eltern. Diese Verfahrensakten werden ebenfalls dort aufbewahrt (insgesamt 400 Seiten).

 

Kleine Hainstraße 6:

Siegmund und Michael Strauss sollen 1939 oder 1940 nach Amerika ausgewandert sein. Die IRSO gibt jedoch an, sie wohnten in Frankfurt, Sandweg 8. Das Grundstück wurde zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“. Am 4. Mai 1950 und 17. August 1950 geht es um den Rückerstattungsanspruch bebauter Hofraum Kleine Hainstraße 6. Der bebaute Hofraum wird zunächst umgeschrieben auf „Deutsches Reich“, dann auf Peter Heinbuch. Das Wohnhaus war allerdings durch Artilleriebeschuß zerstört, es stand nur noch eine Halle. Im Entschädigungsverfahren Rosalie Strauss werden am 16. Mai 1957 Urkunden benötigt für Ludwig und Erna Strauß.

 

Kleine Hainstraße 10:

Am 17. November 1960 stellt Henny Wachenheimer geborene Burg einen Entschädigungsantrag. Wieder kann der Bürgermeister keine Feststellungen über die Einkommensverhältnisse machen, weil Unterlagen beim Finanzamt nicht vorliegen. Immerhin teilt er der Anfragenden die zuständige Industrie- und Handelskammer mit. Die Familie Burg ist in den Jahren 1938/ 1939 nach „unbekannt“ verzogen (dabei weiß man doch, daß sie nach Frankfurt verzogen sind).

Aber immerhin weiß der spätere Bürgermeister Hack, daß Elsa Burg in der Deportation verstorben ist. Er schreibt am 22. Oktober 1969: Die Genannte hat die Volksschule etwa ein Jahr besucht, danach ging sie in die jüdische Schule am Ort. Es kann nicht bestätigt werden, daß sie in Hanau die Höhere Töchterschule besuchte und diese 1934 wegen ihrer jüdischen Abstammung hat verlassen müssen, da die Höhere Töchterschule nicht mehr existiert (aber die Nachfolgeschule existierte doch noch).

Am 1. Oktober 1951 verkauft die IRSO das Grundstück Kleine Hainstraße 10 (Haus mit Schuppen) für 1.700 Mark an den Gemeindearbeiter Adam Scheidemantel und seine Ehefrau Margarete geborene Heck, die das Haus schon vorher bewohnt haben. Als Frau Scheidemantel starb, kaufte das Ehepaar Baier das stark heruntergekommene Haus und baute es erst einmal richtig aus und erwarb auch das fehlende Stück Garten von den Nachbarn.

 

Hainstraße 10:

Das Haus mit Stall wird auf Wilhelm Schwind umgeschrieben. Am 30. März 1951 bittet Rechtsanwalt Cahn in der Rückerstattungssache Siegfried Cassel und Fanny geborene Strauß um die Personenstands-Urkunden von Sigmund Strauß und seiner Kinder Fanny, Josef und Adolf und dessen Kinder Irene und Margot. Am 2. März 1960 wird eine Geburtsurkunde für Fanny Cassel geborene Strauß (jetzt Johannesburg) übersandt.

Der Bürgermeister meint nach dem Krieg, in den Jahren vor 1933 dürfte das Einkommen 3.000 bis 4.000 Mark betragen haben. Adolf Strauß gibt an, im Jahre 1938 wegen der Auswanderung folgende Möbel verschleudert zu haben: 1 Speisezimmer (schwer Eiche), 1 Schlafzimmer, 1 Wohnzimmer und verschiedene Küchengeräte. Andererseits erklärt er, daß für den Transport des Umzugsguts nach Amerika 1.500 Mark gezahlt wurden. Der Bürgermeister antwortet: Es ist anzunehmen, daß er seinen gesamten Hausrat mitgenommen hat; Herr Strauß war Viehhändler, er lebte in bescheidenen Verhältnissen. Er wohnte mit seiner Frau im Haus seiner Eltern.

Im Jahre 1957 fragt der Regierungspräsident an nach Adolf Strauß. Er soll seit dem 10. November 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen sein. Wichtig ist dabei, ob er über 30 Tage der Freiheit beraubt war. Der Bürgermeister antwortet wieder ausweichend und befragt erst nach Aufforderung Heinrich Giesel, der aber aussagt, daß Strauß nach wenigen Tagen entlassen wurde.

Im Jahre 2007 besuchte das Ehepaar Stern aus Buenos Aires den Herkunftsort ihrer Familie.

Die Eheleute waren etwas verwundert darüber, daß ihr Haus in Wachenbuchen nur 1.700 Mark wert gewesen sein soll. Wie man aber aus vergleichbaren Unterlagen sehen kann, war das damals durchaus ein üblicher Preis: Ein Haus erzielte höchstens 3.000 Mark, wenn es in gutem Zustand war. Die IRSO hat das Haus zum damaligen Schätzwert an die heutigen Eigentümer verkauft.

 

Hainstraße 13:

Leo Stern verzieht im September 1934 nach Kiel. Er stellt am 27. Oktober1960 einen Entschädigungsantrag. Der Bürgermeister gibt an: Über den Umfang des Geschäfts kann aber später angeblich niemand mehr Auskunft geben. Bekannt ist nur, daß Herr Stern einen kleinen Kälberhandel hatte. Es kann nicht bestätigt werden, daß er am Viehhof in Frankfurt Kommissions- oder Maklergeschäfte getätigt hat. Der Sohn hatte angegeben, daß der Vater auf den Gütern der Umgebung Schlachtvieh aufgekauft habe und an Frankfurter Metzger weiterverkauft habe. Nach der „Machtergreifung“ sei das Geschäft sofort zurückgegangen. In der Zeit davor habe er im Monat etwa 600 bis 700 Mark verdient.

 

Hanauer Landstraße 3:

Der neue Hauseigentümer Karl Müller gibt nach dem Krieg an, von einer Plünderung oder Zerstörung des Geschäftes sei ihm nichts bekannt. Auch der Bürgermeister widerspricht den Behauptungen der Familie Schönfeld, sie habe das Haus fluchtartig verlassen müssen. Ida Schönfeld habe ihren Weggang vorbereitet und die Einrichtungsgegenstände mitgenommen. Das Geschäft „Manufakturwaren“, soweit man davon überhaupt noch sprechen konnte, habe sie selber aufgelöst.

Der Bürgermeister teilt immerhin mit, daß als Erben für das Geschäft in Frage kommen: Simon Schönfeld (geboren 1891), der sich schon in jungen Jahren in der Schweiz aufgehalten hat, und Hermann Schönfeld und seine Stiefmutter Ida Schönfeld. Der Bürgermeister kann angeblich keine Angaben darüber machen, wie die familieneigenen Arbeitskräfte des Geschäftes Hermann Schönfeld ausgelastet waren, und windet sich um eine klare Antwort herum: Frau Rosa Schönfeld war in dem Geschäft tätig, hat aber wohl auch den Haushalt geführt. Der Bürgermeister meint: Das Geschäft wurde eventuell von Hermann Schönfeld betrieben, lief aber auf den Namen der (Stief-) Mutter.

Rosa Schönfeld widerspricht der Darstellung des Bürgermeisters, das Geschäft sei auf den Namen der Mutter gelaufen und Hermann Schönfeld habe es nur betrieben. Ihr Mann Hermann war bis kurz nach dem Tod seines Vaters aus beruflichen Gründen in Frankfurt. Nach dem Tod des Vaters siedelte er ins Elternhaus um und gründete ein Geschäft auf seinen Namen. Nur der Grundbesitz stand auf dem Namen des Vaters und wurde nach dem Zwangsverkauf auf die drei Erben verteilt.

Mit der Stiefmutter Ida hatte er keinerlei geschäftliche Verbindung. Hermann Schönfeld hat täglich die Landkundschaft aufgesucht, also ein Reisegeschäft betrieben, während seine Frau in Wachenbuchen das Manufakturgeschäft führte. Sie möchte eine Entschädigung aus eigenem Recht haben, weil sie dem Ladengeschäft vorgestanden hat. Der Bürgermeister windet sich aber auch am 27. Februar 1957 um eine klare Antwort herum: Sie ist in dem Geschäft tätig gewesen, hat aber auch nebenbei ihrem Haushalt vorgestanden. Dabei sei ganz eindeutig, daß allein die Schwiegermutter den Haushalt geführt hat.

 

Hanauer Landstraße 5:

Der heutige Eigentümer hat zweimal unter einem Vorwand den Nachkommen David Strauß und später Steve Sinn den Zutritt zu dem Haus verwehrt.

 

 

Hochstadt:

Die Synagoge, das jüdische Bethaus, stand bis 1938 auf dem Grundstück Hauptstraße Nr. 43. Das heutige Wohnhaus mit einem Gewölbekeller unter dem nördlichen Teil war die jüdische Schule und wurde 1868 erbaut. In der späteren Waschküche befand sich die „Mikwe“, ein Bad für rituelle Waschungen, etwa so groß wie eine Tischplatte und tief wie eine Badewanne; die Mikwe wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg zugeschüttet und mit einem Zementboden überzogen.

 

Doch mit dem Machtantritt Hitlers im Jahre 1933 beginnt die Zeit der schlimmsten Verfolgung der Juden in ganz Deutschland und Europa und auch in Hochstadt. Ab 1. April 1933 kommt es zum Boykott jüdischer Geschäfte. Sehr schnell werden auch jüdische Mitglieder aus den Vereinen ausgeschlossen. Bis September 1935 kommt es aber kaum zu Auswanderungen, meist gehen nur junge Leute. Am 10. November 1938 erfolgt auch in Hochstadt die Zerstörung der Synagoge. Doch hier entlädt sich nicht der „Volkszorn“, sondern es ist die geplante Aktion einiger Fanatiker. Diese kommen jedoch nicht (oder nicht nur) von außerhalb, sondern es sind junge Leute aus Hochstadt dabei. Erst wollen sie die Synagoge anzünden. Doch der Bürgermeister läßt das nicht zu, weil dadurch die unmittelbar angrenzenden Scheunen mit gefährdet würden. So wird das Synagogengrundstück samt dem Anwesen der Schwestern Strauß schwer verwüstet und später werden bis auf die Schule und einen Stall alle Gebäude abgerissen.

Der Einheitswert des Grundstücks wird zunächst auf 4.500 Reichsmark festgesetzt. Aber im Dezember 1939 werden nur noch 2.000 Mark geboten. Am 6. Februar 1940 stimmt der Gemeinderat dem Ankauf des Geländes zu. Die Reichsvereinigung der Juden ermächtigt Herrn Katz zum Verkauf.

Weil ein Teil der Gebäude zerstört ist, wird der Preis aber immer mehr gedrückt. Die Gemeinde verrechnet noch angebliche frühere Forderungen mit dem Kaufpreis, so daß am 29. September 1941 nur 1.078 Mark an das Berliner Bankhaus Wassermann überwiesen werden, und zwar auf ein Sperrkonto, über das nur mit Genehmigung der Devisenstelle verfügt werden darf.

Auch drei Parzellen der Schwestern Strauß hat die Gemeinde gekauft, aber den Preis gleich wieder mit der Unterstützung für die hilfsbedürftigen Schwestern verrechnet.

 

Nach dem Krieg fordert die Militärregierung am 22. Juni 1945 die Erfassung des jüdischen Vermögens, das aufgrund der antijüdischen Gesetze mit Zwang veräußert wurde. Die Gemeinde Hochstadt nennt zunächst nur die Grundstücke im staatlichen Besitz, am 1. August 1945 aber auch die gemeindeeigenen. Man bestätigt, daß die jüdischen Besitzer „durch die Partei ausgewiesen wurden" und „eine Zwangslage in allen Fällen gegeben war".

 

Bogenstraße 6:

Das Haus wird von den Nazis enteignet. Das Haus der Familie Appel kauft der Staat 1940 für 3.000 Mark. Nach dem Krieg soll es 4.000 Mark wert sein. Nach dem Krieg geht es an die IRSO, die es wiederum an das Land Hessen verkauft. Dieses verkauft es dann an Privatleute.

 

Ritterstraße 9:

Als die Synagoge zerstört wird (oder am Tag danach) wird auch das Haus der Familie Katz  verwüstet und geplündert. Manche Einwohner fahren die Kleidungsstücke mit Schubkarren davon, zum Teil in Richtung Ringmauer, um nicht von allen gesehen zu werden. Am nächsten Tag findet man einzelne Kleidungsstücke auf der Straße, die in der Hast verlorengegangen sind.

Der Sohn Leopold wird am 15. Februar 1928 geboren. Am 8. Juli 1936 wird er als der letzte jüdische Schüler in Hochstadt an die jüdische Volksschule in Frankfurt überwiesen. In der Schulchronik heißt es dazu: „Nunmehr besuchen nur noch arische Kinder unsere Volksschule!“ Leopold Katz wird in Holland den ganzen Krieg über versteckt und hat überlebt.

Das Haus der Familie Katz wird auch vom Staat übernommen und nach dem Krieg auf 5.000 Mark geschätzt.

Nach dem alten Katz ist der Weißdornbaum an der Ringmauer benannt, der im Volksmund „Katze-Baum“ heißt und 1997 durch einen Arbeiter des Bauhofs gefällt wurde (Chronik Bild Seite 36). Auch das war eine Art, mit der jüdischen Geschichte umzugehen, wenn auch unwissend. Es gab jedoch Prostest von Bürgern und es wurde ein neuer Baum gepflanzt

 

Hauptstraße 26:

Im Jahre 1933 ist das Erstaunen der Familie groß, als viele Freunde sich als Mitglieder der Nazipartei mit niedrigen Mitgliedsnummern herausstellen. Dennoch kommt im gleichen Jahr ein SA-Mann in Uniform zu der Familie und erklärt, er werde sie begleiten, wenn sie Angst hätten, in die Synagoge zu gehen.

 

Hauptstraße 41:

Die Familie lebt in einem kleinen Haus neben der Synagoge. Das einstöckige Haus stand bis an den Wehrgang, links war ein kleiner Schuppen und davor noch der Kuhstall. Es wurde zusammen mit der Synagoge zerstört. Auch das war eine Art, mit der jüdischen Geschichte umzugehen. Deshalb gibt es auch heute nicht mehr die Hausnummer 43.).

 

Hauptstraße 43:

Theodor Ausäderer, der jüdischer Abstammung  war, erhielt bei seiner Rückkehr aus  dem KZ Theresienstadt 40 Reichsmark Rückkehrerhilfe von der Gemeinde, die auch das Haus für 3.000 Reichsmark instandsetzen ließ. Die Familie hat an sich in der Jägerstraße gewohnt, wird aber 1940 zwangsweise wegen ihrer jüdischen Abstammung in das Haus auf dem Synagogen­grundstück eingewiesen und hat auch weiter dort gewohnt.

Nach dem Krieg das Haus in den Besitz der jüdischen Organisation IRSO über, die das ganze Grundstück samt Garten vor der Mauer 1951 an die Familie Ausäderer verkauft.

 

 

Gar kein Witz: Die ganze Einstellung in den Nachkriegsjahren zeigt folgender Witz:  Ein Landstreicher will im Winter ein warmes Plätzchen, indem er eine kleine Straftat begeht. Er betritt das Bürgermeisteramt und ruft laut: „Heil Hitler!“ Da springt der Bürgermeister auf, nimmt Haltung an und sagt: „Ist es schon wieder soweit!“ Auch in der Bevölkerung hielt sich das Gerücht, Hitler sie gar nicht tot. Das lag aber auch mit daran, daß nicht offiziell der Verbleib seiner Leiche mitgeteilt wurde.

 

Ausblick

Auch nach dem Ende der  DDR mußte man nach deren Ende die Weiterverwendung der Angestellten des öffentlichen Dienstes regeln. Nach jedem Regime kann man nicht alle Staatsdiener in die Wüste schicken, sondern man braucht ja die Fachleute weiter. Im Falle der DDR machte man die Mitgliedschaft bei der Staatssicherheit zum Kriterium. Das Fachwort dafür hieß „Evaluierung“. So kam es aber, daß ein Schulleiter im Amt blieb, weil er nicht bei der Stasi war, obwohl er mindestens genauso fanatisch war wie die Stasileute. Aber die Parteizugehörigkeit an sich spielte in den Verfahren keine Rolle.

 

Auch heute wäre eine Entnazifizierung notwendig. Es ist unverständlich, wie nach nur zwölf Jahren Herrschaft die Nazi-Ideologie bei manchen Menschen immer noch Widerhall findet. Offenbar kommt das Herrenrassetum dem menschlichen Wesen entgegen. Zur Gewalttat ist man eher bereit als zur Sanftmut. Information und Vorbeugung ist deshalb eine wichtige Aufgabe in Schule und anderswo.

 

Auch heute ist die Entnazifizierung in ganz Deutschland noch nicht abgeschlossen. Es gibt immer noch Rechtsradikale bis hin zu Neo-Nazis. Es ist nicht zu begreifen, wie die Ideologie dieser Partei – die doch nur zwölf Jahre in Deutschland herrschte  - so einen Eindruck hinterlassen hat, daß ihr heute junge Leute wieder neu anhängen. Aber irgendwie scheint das Machtstreben und die Verachtung der Schwachen im Wesen des Menschen zu liegen, denn den Faschismus gibt es ja auch in anderen Ländern.

 

 

 

Nachwort:

Das Thema ist meines Wissens noch nicht bearbeitet worden.  Auch in dem Buch von Bernd Salzmann: „Niemand will es gewesen sein“ spielt das Thema nur eine untergeordnete Rolle.

Auch ich habe nur die Unterlagen von Hochstadt und Wachenbuchen ausgewertet. Wegen Dörnigheim und Bischofsheim könnte man noch die  Findbücher auf der Internetseite „Stadtarchiv Maintal“ durchsehen:

Dörnigheim: XVIII Sicherheitspolizei, Konvolut 3, Faszikel 1, Seite 113 im Findbuch

         (mit Beurteilung durch den politischen Ausschuß).

 

Bischofsheim: XVIII Sicherheitspolizei, keine Unterlagen ersichtlich

            Seite 145 (auf der Originalseite, nicht im PDF)

XIII  Israelitische Gemeinde (Behandlung der Juden und Wiedergutmachung), Seite 56

Bei Google steht etwas über „Entnazifizierung Dörnigheim“ (Bischofsheim ist nicht ergiebig).

Mein Vater Philipp Heckert war in jungen Jahren ein Propagandist für die Nazipartei. Aber 1933, als die anderen in die Partei eintraten, trat er aus der Partei aus zw. ließ die Mitgliedschaft ruhen, weil er den Irrweg erkannt hatte. Dennoch wurde 1947 ein Entnazifizierungsbescheid erteilt, obwohl er in russischer Kriegsgefangenschaft im Oktober 1945 gestorben war.

Den Bescheid hat die Familie noch.

 

 

 

 

 

 

 

Volkstümliche Bezeichnungen in Maintal

 

Ortsnamen:

Wenn man wissen will, die die Einwohner eines Ortes im Volksmund genannt werden, dann muß man nur in den Nachbarorten fragen. Und da sind dann die Bischofsheimer die „Freesch“ (Frösche), die Dörnigheimer die „Maahinkel“ („Mainhühner“). Hier sind die Gewässer namensgebend. Bei Hochstadt und Wachenbuchen dagegen geht es um Nahrungsmittel, die dort hergestellt werden. Die Hochstädter sind  die „Käsdipppe“ (Käsetöpfe) und die Wachen­bucher die „Kappesköpfe“ („Weißkrautköpfe“).

 

 

Besondere Orte:

Rabeneck

In der Frankfurter Straße in Dörnigheim ist westlich des Hauses Nummer 15, dem früheren Gasthaus „Zur Krone“ eine platzartige Erweiterung, die „Rabeneck“ genannt wird. Hier wurde allerdings noch nie ein Rabe gesichtet. Woher der Name kommt, ist unbekannt. Hier stand der Brunnen von 1717, der heute zwischen den Häusern 5 und 7 steht und von dem eine Kopie an der Linde errichtet wurde.  Es ist ein Ziehbrunnen mit rundem Schachtoberbau, mit zwei Flutern und Architrav, mit Inschrift und Hanauer Wappen (Die Buchstaben D und H könnten Dörnigheim und Hanau bedeuten).

 

Rußloch

In der Bahnhofstraße in Hochstadt gab es zunächst nur einen schmalen Durchbruch durch die Ringmauer für Fußgänger. Die Leute, die zum Bahnhof wollten, trampelten bald einen Pfad quer durch die Privatgrundstücke bis zur Jägerstraße. Dann wurde eine Scheune in der Nähe der Ringmauer gebaut und der Weg scharf um sie herum gelegt, so daß sich die Leute oft verliefen und in den Grundstücken herumirrten. Da ließ der Gastwirt Wilhelm Rauch mit Genehmigung des Eigentümers eine Laterne an der unübersichtlichen Stelle anbringen. Sie verlöschte von selbst, wenn das Petroleum verbraucht ist. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Durchgang erweitert.

Für die Namensgebung gibt es zwei Theorien: Nach der einen seien die Steine durch die Fackeln der Passanten geschwärzt werden, Nach der anderen soll der Name von den „Russensteinen“ kommen, mit denen die Öffnung ausgemauert war.

 

Tanzplacke

Neben dem alten Rathaus in Hochstadt ist der „Tanzplacke“. Das alte Hochstadt war in sieben Placken eingeteilt, die verpachtet wurden an Interessenten für den Viehdung, der dort verlorenging. Am Rathaus aber wurde das „Gebet“ abgehalten wurde. Das heißt: Hier wurden die öffentlichen Bekanntmachungen verlesen, die Gemeinde „ins Gebet genommen“. Wenn mit der kleinen Glocke geläutet wurde, mußte jeder Einwohner erscheinen. Nach den Bekanntmachungen wurde dann über die Gemeindeangelegenheiten beratschlagt. Auf dem Tanzplacken wurde auch die Kirchweih gehalten, weil man bei schlechtem Wetter auf dem Rathaussaal gehen konnte. Auch die Fastnacht wurde schon auf dem Rathaus gefeiert.

 

Ranzen

Der östliche Teil der Obergasse in Bischofsheim wird „Ranzen“ genannt. Der Abschluß war die Hecke um das Dorf (an der Ostseite des Bauernhofs Nr. 26 und an der Ostseite des Hauses Nr. 25). Im Jahre 1899 wurde in der Kirchgasse (Ranzen) Straßenland erworben und die Straße gepflastert. Woher der Name „Ranzen“ kommt, ist allerdings unklar.

 

Österreichische Grenze

Das Eckgrundstück Schulstraße 17 in Wachenbuchen wird gern „Österreichische Grenze“ genannt. Es war nämlich einmal die westliche Grenze des Ortes, und Besitzer war der Elektroinstallateurs Karl Oestreich.

 

„Schlößchen“:

Die überlieferte Bezeichnung „Schlößchen“ für das Gebäude in der Hintergasse 23 in Dörnigheim scheint nicht passend zu sein. Es handelt es sich ja nur um einen fränkischen Bauernhof mit dem typischen rechteckigen Hofraum aus der erste Hälften des 18. Jahrhunderts, der auf drei Seiten von getrennten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umgeben ist. Zur Straße hin wurde das Gehöft durch eine Mauer mit Toreinfahrt abgegrenzt, die noch bis in die fünfziger Jahre ein großes und ein kleines Rundbogentor aufwies.

Der Name kommt daher, daß hier ein früherer Verwaltungssitz war, nämlich der Sitz des Vog­tes der Hanauer Grafen. Einige der mit der Vogtei in Dörnigheim betrauten Amtspersonen sind durch Grabsteine und

Kirchenbücher belegt. So verstarb am 19. Mai 1673 der „Herr Oberster Ritter Serva Matthieu Dolné“. Ihm folgte sieben Jahre später, am 3. Februar 1860, seine Frau, „des Hr. Obristen Dolné seel. Wittib“. Am 8. Januar 1708 wurde Johann Mathes Dolné begraben und 1712 „Math. Dolné He. Seras”.

 

 

Personen:

Der Dörnigheimer Karl Leis wurde  1917 zum Bürgermeister gewählt und war er der erste sozialdemokratische Bürgermeister des Kreises Hanau. Er wurde „de Löb“ oder auch „des Leebsche“ genannt, mundartlich für „Löwe“ und „kleiner Löwe“. Weil er aber  ursprünglich den Beruf des Korbflechters erlernt hatte, war er auch  „es Korbmacher‑Böbbsche“, mundartlich für „Korbmacher‑Püppchen“.

 

Im Haus Frankfurter Straße 18 befand sich neben einem Zigarren- und Papierladen früher die Post, die seit den zwanziger Jahren von dem gelernten Portefeuiller Wilhelm Ludwig Kegelmann geführt wurde. Er wurde „das Helmsche“ genannt, also „kleiner Wilhelm“. Er war ein Original und trat als Sänger und Gedichteschreiber hervor. Er hatte aber auch noch einen zweiten U-Namen, nämlich „die  Nadel“, weil er bei seinen gelegentlichen Auftritten im Freundeskreis als Komiker eine Krawattennadel trug, was im alten Dörnigheim eine große Seltenheit war, vielleicht war er sogar der einzige.

 

Der „lange Bilz“ war in Dörnigheim der Feldschütz. Die Kinder hatten Respekt vor ihm und paßten immer sehr auf, wenn sie in den Gärten die jungen grünen Erbsen, Karotten und Erd­beeren stahlen. Er hieß wirklich mit Familiennamen „Bilz“, und das „lang“ bezog sich auf seine Körpergröße.

 

Wirte erhielten offenbar gern einen eigenen Namen:

Der „Heckewirt“ wird in Hochstadt war der Eigentümer der Gaststätte „Zum Neuen Bau“, die seit über 100 Jahren im Besitz der Familie Eibelshäuser ist. Der Name kommt nicht etwa daher, weil im Hof vielleicht früher einige Hecken gestanden hätten. Die „Hecker“ oder „Häcker“ waren früher die Weinbauern, die nur im Herbst in ihrem Wohnhaus eine kleine Wirtschaft aufmachten. Um auf sich aufmerksam zu machen, hängten sie einen Busch aus grünen Zweigen oder auch einen Kranz heraus. Das waren dann die „Heckewirte“.

 

„Die Flanke“ in Hochstadt war Andreas Keller, der Wirt in der Gaststätte „Zum Tiger“, weil er als Fußfallfan auf dem Sportplatz  oft „Flanke“ rief.

 

Der „Bomber“ ist in Wachenbuchen Norbert Koch, der Pächter der Gaststätte „Zur Krone“.

Der Name kommt daher, daß  er in seiner Zeit als Leichtathlet einem anderen gegenüber sehr kräftig aufgetreten ist.

 

Der Wirt der Gaststätte „Hessischer Hof“ an der Ecke Alt-Bischofsheim / Schäfergasse (heute Sparkasse) hieß „Bauers Peter“.

 

Aus dem Protokollbuch des Wachenbucher Schiedsmanns:

Das Buch ist eine Fundgrube für Schimpfwörter (vor allem der Mittelbucher Bürgermeister protokolliert sie fein säuberlich, der Wachenbucher ist zurückhaltender): Alter Saustall, Käsekaspar, Spitzbubenischgezeug, Mehlhure, Stinkendmensch, Bettelbub, Keichbbeutel, Fulder, Fuldermensch, Fuldersau, Krachmensch, Gickelfresser, Läusemensch, Wachsfigur, Laushund, Generalsöffer, Schlagsmensch, niederträchtiger Mensch, Plattkopf, Ehemannshure, herzklopfender Mensch und dreckiger Judebub.

 

 

 

Maintaler Geschichten

[War von einem  Autor für ein Buch über das Rhein-Main Gebiet erbeten  worden]

 

Napoleon in Hochstadt

Viele Orte machen auf sich aufmerksam, daß Goethe und Napoleon bei ihnen zu Besuch waren  oder auch nur durchgekommen sind. Auch in Hochstadt soll er gewesen sein. Und bei der Gelegenheit soll ihm die Kriegskasse gestohlen worden sein.

In der Bischofsheimer Straße steht ein weißes Blendsteinhaus, das vor dem Ersten Weltkrieg erbaut wurde und damals einen recht großen Bauernhof darstellte. Die Baukosten beliefen sich auf 120.000 Mark, während sonst ein Wohnhaus 7.000 bis 9.000 Mark kostete. Während der über zweijährigen Bauzeit erhielten die Handwerker ihr Frühstück auf Kosten des Bauherrn beim Wirt Strohl, der auch den Apfelwein auf die Baustelle lieferte. Strohl machte damit einen Umsatz von rund 5.000 Mark. Das Haus wurde 1909 gebaut von der Familie  Schales, der reichsten Familie am Ort. Sie nahm täglich (!) 120 Goldmark an Zinsen ein. Damit hat sie in Offenbach ganze Straßenzüge finanziert. Sie muß ein Barvermögen von rund einer Million besessen haben, dazu noch der Grundbesitz. Die anderen reichen Bauern hatten „nur" 60 Mark tägliches Zinsaufkommen.

Man hat sich gefragt, woher dieser Reichtum gekommen ist. Allein aus Weinbau und Landwirtschaft könne er nicht stammen, denn die Bedingungen waren für alle Bauern gleich. Es fällt aber auf, daß alle reichen Bauern in Hochstadt rund um den Rathausplatz gewohnt haben. Michael Schales hatte seine Hofausfahrt nach dort hin. Auf dem „Tanzplacken" stellten die durchziehenden Soldaten ihre Wagen und Geräte ab. Und so wie die Soldaten die Bauern beraubten und bestahlen, konnte es ja auch einmal umgedreht gewesen sein.

Eine günstige Gelegenheit wäre der Rückzug der Franzosen im Jahre 1813. Dazu paßt dann die Geschichte von einer Truhe, die sich im Besitz der Nachkommen befand und in den 70iger Jahren von einem Antiquitätenhändler gekauft wurde und jetzt in einem Museum in Würzburg stehen soll. Einige Zeit nach dem Kauf hat der Händler nämlich noch einmal bei den Verkäufern vorgesprochen und nach Schlössern zu der Truhe gefragt. Die Truhe muß nämlich ursprünglich mit 36 Schlössern (bzw. einem Schloß mit 36 Riegeln) ausgestattet gewesen sein. Solche Truhen waren vor allem auf Schiffen und zum Transport von Kriegskassen üblich. Eine solche Kasse hat man neuerdings im Wald bei Grävenwiesbach gefunden, auch sie wurde mit Napoleons Kriegskasse in Verbindung gebracht.

In Hochstadt entstand daraus die  Vermutung, die Familie Schales sei durch den Raub einer französischen Kriegskasse zu ihrem Reichtum gekommen. Doch Napoleons Kriegskasse soll auch schon in Rothenbergen gestohlen worden sein. Das ist eine „Sage", die immer wieder an immer anderen Orten erzählt wird, und die etwas erklären soll, was ganz natürliche Ursachen hat.

Der Reichtum der Familie Schales hat wohl eher seine Ursache in Fleiß, Geschick und Sparsamkeit der Familie. Michael Schales lief zum Beispiel fast jedes Jahr einmal oder zweimal zu Fuß nach Bad Nauheim, hielt sich dort einige Stunden auf und kam wieder zu Fuß zurück, obwohl er sich doch eine Kutsche hätte leisten können (Oder hat er dort in der Spielbank sein Glück versucht? Das wäre dann aber eine neue Sage).

Inzwischen ist aber die Sache mit Napoleons Kriegskasse noch ein Stück weitergesponnen worden. Nach dieser Lesart hat Napoleon im Schützenhäuschen oberhalb von Hochstadt gezecht und mußte nach dem achten Schoppen einem dringenden Bedürfnis nachkommen. Als er das Häuschen einen Augenblick verließ, habe man ihm seine Geldkassette entwendet.  Sie habe auf dem Dachboden eines Hauses in der Hauptstraße gestanden und sei durch den Buchstaben  „N“  als Eigentum Napoleons ausgewiesen.

Doch es ist nicht erwiesen, daß Napoleon durch Hochstadt gekommen ist. Und wenn, dann hat er wohl keine Zeit gehabt, das Schützenhäuschen aufzusuchen. Der historische Kern dieser Erzählung liegt in der Tatsache, daß eine französische Nachhut in der Nähe des Schützenhäuschens in ein Gefecht verwickelt wurde.

 

Historische Wasserleitungen

Wenn man auf der Straße von Mittelbuchen nach Kilianstädten fährt, liegt kurz vor der Kuppe rechts im Tal etwas versteckt ein Reiterhof.  Etwa 200 Meter unterhalb stehen rechts drei Ebereschen. Dort befindet sich ein Brunnen aus römischer Zeit. Das Gewölbe  ist etwa zwei Meter lang und ziemlich ein­getieft und nach der Talseite zu mit einem gemauerten Bogen aus Basaltsteinen abgeschlossen.

Die Mittelbücher nennen ihn „Alter Keller“ oder auch „Römerbrunnen“ oder „Heidenborn“.

Mit den „Heiden“ könnten die Römer gemeint sein. Aber wahrscheinlich kommt der Name

von der umgebenden Landschaft: mit Heidekraut und Buschwerk bewachsenes unfruchtbares Land. Das Tal wird im Volksmund aber „Die sieben Gründe“ genannt, nach der entsprechenden Zahl der wohl dort ehemals vorhandenen Börnchen. Die Bezeichnung „Römerbrunnen“ könnte diese Quelle aber auch dadurch erhalten haben, weil sich in der Nähe eine „villa rustica“, also ein römischer Bauernhof,  befunden hat, welcher wohl durch Wasserleitungen mit Quellwasser versorgt wurde.

Die Quelle war zur Trinkwasserversorgung für Mittelbuchen seit Anbeginn der Besiedlung wichtig. Aus ihnen wurde eine der bei Mittelbuchen gefundenen Wasserleitungen gespeist.

Diese hat vielleicht der Versorgung des Kastells in Mittelbuchen, das man vor einigen Jahren

am Ostrand von Mittelbuchen erforscht hat.

Auch von Wachenbuchen aus wurde eine Wasserleitung gebaut, diesmal aber bis Hanau:

Der letzte Graf von Hanau war gestorben, und Hanau fiel an den Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen‑Cassel. Dieser faßte am 13.9.1748 „aus landesväterlicher Sorgfalt“ den Beschluß, von Wachenbuchen nach Hanau eine Frischwasserleitung in Eisenrohren verlegen zu lassen. Ein Drittel wollte er aus der Staatskasse zuzahlen, und zwei Drittel sollten die beiden Hanauer Städte (Altstadt und Neustadt) bezahlen. Diese hatten aber kein Geld, aber der neue Landesfürst wußte Rat: Es wurde eine Vermögenssteuer eingeführt.

Die Quelle war an der Pfingstweide, wo heute noch eine Hecke vorhanden ist. Einen Teil dieser Leitung hat Hans Puth einmal etwas unterhalb der Pfingstweide beim Pflügen angeschnitten. Dabei handelt es sich wohl um einen Schacht aus Backsteinen. Heute führt der Graben nur noch wenig Wasser. Erst weiter unten, wo der Weg vom Tiefzonenbehälter einmündet, kommt eine stärkere Quelle hinzu.

Im Jahre 1749 wurde der Bau begonnen. Rund 1500 Meter nordöstlich von Wachenbuchen, etwa bei der Pfingstweide, wurden vier Quellen angezapft. Die Königsquelle war die größte. Spä­ter kam noch eine fünfte dazu, der Wolfs­brunnen. Etwa 8.300 Meter war die Strecke lang, die westlich an Wa­chenbuchen vorbei ging, über Wilhelmsbad und Fasanerie, unter der Kinzig durch bis zur Bangertstraße 14. Dort war die Altstädter Zapfstelle. Die Leitung ging aber noch weiter bis zum Neustäd­ter Markt, wo auch eine Zapfstelle installiert wurde. Die Rohre waren meistens dreiviertel Zoll dick.

Am 10. Oktober 1750 floß erst­mals das Wasser. Leider stand die­se Leitung unter einem ähnlich schlechten Stern wie die Mittel­bucher Keramikleitung. Mit den ersten Reparaturen bis 1753 hatte sie das 3,7-fache des Kostenvoranschlages, nämlich 32.000 Gulden gekostet. Zehn Jahre später kamen nochmals fast 2.000 Gulden dazu.

Die Wachenbucher waren gar nicht damit einverstanden, daß man ihr kostbares Wasser nach Hanau abzweigen wollte. Die Leitung war westlich des Dorfes allerdings nur in geringer Tiefe verlegt. Sie war also schnell auszugraben und anzubohren. Bald wurden immer mehr Gärten in Wachenbuchen durch das Wasser aus der Hanauer Leitung beregnet. Und damit der Druck besser wurde und das Wasser weiter spritzte, verstopft man das Rohr mit Grasstücken, bis die Hanauer die Ursache der Verstopfung fanden und alles wieder entfernen.

Im Jahre 1806 waren die Franzosen im Land, und die Staatskasse war bankrott. Reparaturen waren nicht mehr drin. Mal gab es Wasser, dann wieder nicht. Bis 1845 wurde sie noch genutzt, und sie mußte durch ein Hochwasser im Alter von 95 Jahren ihren Betrieb ganz einstellen. Die Röhren wurden1853 ausgegraben und als Alteisen verkauft.

 

Literatur zu Maintal: (in Auswahl)

Allgemein:

Wulf, Hans-Dieter: Es kimmt von Herze, Maintaler für Maintaler, 1986

Edeling-Teves, Walburga: Maintal in alten Ansichten, 1990

Umwelt- und Naturschutz in Maintal, 1992

Piesenecker, Alexander: Vom Holzvergaser zum Ruftaxi, 1992

Schulz, Margret: Frauen machen sich auf den Weg, 1994

Heckert, Peter: Maintal – alte neue Stadt, 1998

 

Bischofsheim:

Festschrift 1958:  Evangelische Kirche zu Bischofsheim Kreis Hanau

Lippert, Herbert: Bischofsheim Kreis Hanau, 1975

Festschrift 1979: 1100 Jahre Bischofsheim, Stadtteil von Maintal, 880 - 1980

 

Hochstadt:

Lippert, Herbert:, o. J. Beiträge zur Hochstädter Geschichte

Mankel, Norbert: Beiträge zur  Hochstädter Geschichte, 1985

Mankel, Norbert: Die Vor- und Frühgeschichte der Stadt Maintal, 1994

Heckert, Peter: Aus dem Leben der alten Hochstädter, 1999

Langheirich, Hermann: Die Kirche in Hochstadt,  2003

Pistorius, Günther. Die Bilder jener fernen Jahre, 2008

 

Wachenbuchen:

Heckert, Peter: Liebenswertes Wachenbuchen, 1997

Sauer, Eugen Heinz. Büchertalgeschichten, 1997

Festausschuß: „Bucha marca jubilans“, 798 – 1998, 1998

 

Dörnigheim:

Lapp, Heinrich: Dörnigheim am Main, Die Geschichte eines Dorfes, 1952

Lapp, Heinrich: Dörnigheim in Geschichte und Gegenwart, 1964

Kirchenvorstand: Unsere alte Dörnigheimer ev. Kirche 1981

Salzmann, Bernd/Voigt, Wilfried:

Keiner will es gewesen sein, Dörnigheim im  Nationalsozialismus, 1991

Schall, Ingeborg: Daten der Dörnigheimer Geschichte,1992

Historischer Kulturkreis: Dörnigheim nach 1200 Jahren, 1992

Zeltgemeinschaft (Werner Jung): 1200 Jahre Dörnigheim, 1993

Schall, Ingeborg: Grenzen und Fluren der Dörnigheimer Gemarkung, 1997

Schall, Ingeborg: Dörnigheim in alten Bildern, 1998

Schall, Ingeborg: Dörnigheim, Geschichte für Kinder, 2001.

 

 

Buch: Maintal alte neue Stadt

 

[Unter diesem Titel kam 1999 in Erfurt ein Buch heraus, das anhand bestimmter Themen die Gemeinsamkeiten der Stadtteile Maintals schon in der Vergangenheit zeigen wollte. Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich. Eine digitale Ausgabe – zum Teil mit Farbbildern .- kann aber bei mir bezogen werden. Der folgende Text gibt nur einen Eindruck von dem Inhalt].

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Danksagung                                                                                                              6

Einleitung                                                                                                                 7         

Erste Urkunden                                                                                                        8

1. Befestigungsanlagen, Tore, Kriegszeiten                                                            11

2. Rathäuser und Brunnen                                                                                       23

3. Landwirtschaft                                                                                                     31

4. Pflanzen, Tiere, Wald                                                                                           37

5. Handwerk und Geschäfte                                                                                     41

6. Apfelwein                                                                                                             45

7. Gasthäuser                                                                                                           49

8. Straßenbilder                                                                                                       63

9. Fachwerkhäuser und Höfe                                                                                   71

10. Ortspläne und Luftbilder                                                                                    75

11.Verkehrswesen                                                                                                    81

12. Kirchen                                                                                                               87

14. Schulen                                                                                                               99

15. Vereine                                                                                                               105 

15. Feste, Freizeit und Besucher                                                                              113

16. Auf dem Weg zur Stadt Maintal                                                                        123

Zeittafel                                                                                                                    127

 

Einleitung

Schon 25 Jahre gibt es die Stadt Maintal. Im Zuge der Gebietsreform wurde sie am 1. Juli 1974 aus der damaligen Stadt Dörnigheim und den Gemeinden Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen gebildet. In großen Teilen der Bevölkerung gab es damals Widerstand gegen die mehr oder weniger zwangsweise Vereinigung. Man sah sie nur als das kleinere Übel an, damit man nicht in den Nachbarstädten Frankfurt und Hanau unterging.

Auch heute fühlt man sich eher seinem Stadtteil zugehörig als der Stadt selber. Das ist auch kein Mangel, denn die Einbeziehung in die größeren Einheiten geht nur über die Einbettung in die Nachbarschaft. Noch immer gibt es nur ganz wenig Vereine, die in diesen 25 Jahren neu entstanden sind und Einwohner der ganzen Stadt einbeziehen wollen. Die Parteien haben zwar einen Stadtverband, sind aber weiterhin als Ortsverein organisiert. Die Stadtverordnetenversammlung dagegen vertritt alle Stadtteile, es gibt keine Ortsbeiräte und Ortsvorsteher. Jeder Stadtteil hat aber eine eigene Verwaltungsstelle.

Doch räumlich sind die Stadtteile noch getrennt. Da ist auch so gewollt. In der Mitte Maintals liegt kein modernes Verwaltungs- und Einkaufszentrum, sondern ein Naherholungsgebiet. Maintal hat ein grünes Herz mit Wiesen und Seen, die alten Ortskerne mit den darumgelegten Neubaugebieten sind noch zu erkennen.

So ist Maintal eine Stadt der Gegensätze: Wenn man am (Förster?) Weiher im Bischofsheimer Wald steht oder am Schützenhäuschen in Hochstadt oder an dem alten Grenzstein an der Hohen Straße in der Nähe des Wachenbucher Hühnerbergs, so könnte man meinen, in einer noch unberührten Natur zu sein. Selbst das Dörnigheimer Mainufer ist ein beliebter Spazier- und Radweg für erholungssuchende Menschen.

Dennoch sieht man von Maintal aus die Hochhäuser der Weltstadt Frankfurt, die in dieser Form in Europa fast einzigartig sind. In wenigen Minuten ist man mit der Bahn mitten im pulsierenden Leben der Finanz- und Wirtschaftsmetropole, der Stadt des Flughafens und des Autobahnkreuzes, der Stadt der Museen und Kultur, der Stadt Goethes und der Paulskirche.

Das Maintaler Angebot ist im Vergleich dazu bescheiden. Aber es hat schon etwas für sich, im grünen Maintal zu wohnen und doch an dem Angebot der großen weiten Welt teilzuhaben, Nachbarschaft und Weltoffenheit zu erfahren und sich als „Ureinwohner“ oder als Zugezogener als Maintaler zu verstehen.

Die Bilder aus den letzten hundert Jahren zeigen, daß die ursprünglichen Dörfer Maintals so unterschiedlich auch nicht waren. Sie wurden geprägt von der Landwirtschaft und kleinen Handwerksbetrieben, von Rathäusern, Kirchen und Schulen, von Fachwerkbauten, Befestigungen und Brunnen. Maintal hatte schon viel Gemeinsames, ehe es Stadt wurde.

Die ehemaligen Dörfer haben gemeinsam die Entwicklung in eine andere Zeit erlebt: Hochhäuser sind entstanden, die Autobahn wurde gebaut, Supermärkte wurden errichtet, Industrie wurde angesiedelt. Schulen und Freizeiteinrichtungen werden auch von Menschen außerhalb der Stadtgrenzen genutzt. Und Produkte aus Maintal gehen in die ganze Welt. Dazu gehört nicht nur der altbekannte Apfelwein, sondern es geht bis zu hochmoderner Elektronik.

Maintal besteht nicht mehr aus verträumten Dörfern, wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist. Es steht der Einwohnerzahl nach an 15. Stelle in Hessen. Es ist durchaus nicht so unbekannt, wie oft gesagt wird.

Die Stadt schickt sich an, die nächsten 25 Jahre ihres Daseins zu gestalten. Sicherlich wird die Entwicklung nicht mehr so stürmisch verlaufen wie bisher. In Zeiten knapper finanzieller Mittel gilt es, das Erreichte zu sichern und zu bewahren. Wie es war, das zeigt dieses Buch mit seinen Menschen und Ortsansichten. Wie es einmal werden wird, darüber entscheiden die Einwohner mit, die Alteingesessenen und die „Neuen“, die Deutschen und die Ausländer, die Alten und die Jungen, die Männer und Frauen.

Und in 50 Jahren wird man vielleicht wieder Bilanz ziehen und sagen: „Ach, so ist das damals gewesen. Und so ist es geworden. Wie wird es wohl weitergehen?“

Erste Urkunden

 

Die Urkunden von Dörnigheim, Hochstadt und Wachenbuchen sind überliefert im Lorscher Kodex, einer Abschrift von Urkunden des Klosters Lorsch im Kreis Bergstraße aus dem 12. Jahrhundert. Von der Bischofsheimer Urkunde gibt es vier Ausfertigungen, zwei in Frankfurt und zwei in Paris.

 

Dörnigheim ( 793): Der Name „Turincheim“ steht in der sechsten Zeile ganz rechts      

Bischofsheim ( 882): Der Name „biscofesheim“ steht in der vierten Zeile ziemlich rechts.

Hochstadt (846): Der Name „hohunsteter marca“ findet sich gleich in der ersten Zeile.

Wachenbuchen (798): Der Name „bucha marca“ findet sich in der achten Zeile in der Mitte.

 

Alte Karte des Gebiets des heutigen Maintal:

Die Karte des Kurfürstentums Hessen zeigt das Gebiet im Jahre 1856. Die Orte sind noch ziemlich klein, so gut wie gar nicht über die alten Ortskerne hinausgewachsen. Der Verlauf der Straßen hat sich bis heute erhalten. Nur gab es damals noch eine zusätzliche Straße vom Kochberg bei Hochstadt in Richtung Bahnhof Bischofsheim.

Die Eisenbahn von Frankfurt nach Hanau ist schon vorhanden, nicht aber die Bahnhöfe Hochstadt-Dörnigheim und Bischofsheim-Rumpenheim. Bemerkenswert sind auch die Weinberge, die sich nördlich von Bischofsheim und Hochstadt hinziehen und auch östlich von Dörnigheim am Mainufer zu finden sind.

 

 

1. Befestigungsanlagen / Tore / Kriegszeiten

Hochstadt von Süden um das Jahr 1800

Man erkennt sehr schön die Ringmauer mit den Halbtürmen. Links ist das Untertor mit der Brücke zu erkennen, in der Mitte des Bildes direkt an der Mauer die Lutherische Kirche in der Lutherstraße, rechts die heute noch erhaltene (reformierte) Kirche mit dem hohen Kirchturm, ganz rechts das Obertor, im Hintergrund das Schützenhäuschen inmitten der Weinberge. Die südliche Ringmauer ist heute abgerissen bis auf den Turm ganz links, die nördliche Ringmauer ist noch fast vollständig erhalten.

Die Ringmauer in Hochstadt wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert aus heimischem Kalkstein erbaut. Sie diente dem Schutz gegen herumziehende Räuber und kleinere militärische Trupps. Sie ist etwa 1.100 Meter lang und legt sich einförmig um den alten Ortskern. Sie hatte zwei Tore im Westen und Osten sowie an der Nordseite zwei hohe und drei niedrige Türme, an der Südseite einen hohen Turm und drei niedrige Türme. Die niedrigen Türme werden „Rondell“ genannt.

Der viereckige Turm ist das sogenannte „Narrenhaus“. Hier wurden in früherer Zeit Geisteskranke eingesperrt. Später hat man dort Jugendliche über Nacht eingesperrt, die über die Stränge geschlagen hatten. Vor dem Turm stehen zwei Männer, die das Glas erheben. Die Schuppen rechts neben dem Turm dienten der Unterstellung des Leichenwagens und der Feuerwehrspritze

Der runde Turm wurde 1860 von Amtmann Usener in Bergen-Enkheim gezeichnet. Er hat eine Fülle von Motiven aus Frankfurt und Umgebung in Aquarellen festgehalten. Die Originale befinden sich im Historischen Museum in Frankfurt, die Bände sind allerdings nicht mehr alle erhalten.

Auch am südöstlichen Rand des alten Ortskerns ist die Ringmauer noch im Wesentlichen erhalten, allerdings ist sie dort mit Häusern völlig zugebaut und nicht mehr zugänglich.

Der vorgebaute Turm wurde bei der Errichtung der Häuser völlig abgetragen.

Die Dörnigheimer Ringmauer ist um 1350 entstanden uns hatte ein Tor am westlichen Ausgang der Frankfurter Straße und am nördlichen Ausgang der Schwanengasse. Die Mauer war sechs Meter hoch und bis ins 18. Jahrhundert noch vollständig vorhanden. Dann hat man die Steine zum Bau der Mainmauer verwendet. Die Türme (von denen einer auf dem Bild zu sehen ist) und die Dorflinde wurden 1938 beim Ausbau der Durchgangsstraße (heute Kennedystraße) abgerissen. Nur ein Teil der Mauer ist noch in den dortigen Hauswänden erhalten.

 

Eine Zeichnung aus dem Jahre 1859 zeigt Bischofsheim von Norden. Der Blick fällt vom Bornberg in die Borngasse und die Schäfergasse. Auch das schon 1854 abgerissene Schäfertor ist mit eingezeichnet. Das alte Rathaus allerdings ist ausgelassen. Der Kirchturm ist richtig wiedergegeben. Rechts davon ist die Heß’sche Hofraite, die 1843 von der Gemeinde gekauft und zum Schulhaus ausgebaut wurde. Das Obertor ist deutlich höher als das Untertor. Erkennbar ist auch die Dornenhecke vor dem Ort. Weinberge allerdings sind nicht angedeutet. Im Hintergrund sieht man das Rumpenheimer Schloß

 

Der Verlauf der Wachenbucher Ringmauer ist nur noch schwer zu erkennen. An der Westseite des Ortskerns ist er noch einigermaßen erhalten. An der Nordseite, die hier gezeigt wird, ist sie schon stark abgetragen und auch durch Neubauten zugebaut.

 

Eine Besonderheit in Hochstadt sind die Kalksteinhöhlen nördlich der Ringmauer. Hier wurde das Baumaterial gewonnen. Das Bild aus den dreißiger Jahren zeigt einen Gang, der damals teilweise eingestürzt war.

Heute ist kein Gang mehr zugänglich.

 

Bischofsheim lag ursprünglich im Bereich der heutigen Straße „Alte Dorfstraße“. Doch 1538 ist es vollständig abgebrannt und wurde an der Stelle des heutigen Ortskerns neu aufgebaut. Schon 1555 wird die Unterpforte an der Ecke Schäfergasse / Hintergasse (heute Zwingerstraße) erwähnt. Der neue Ort hatte aber keine Ringmauer, sondern wurde nur gesichert von zwei Gräben mit einem dazwischenliegenden Wall, der mit Dornen bepflanzt war.

Es gab aber neben einigen Pforten zwei größere Tore.

Das Obertor stand in der Breulgasse an der Einmündung der Hochstädter Straße.

Die Zeichnung von Amtmann Usener zeigt das 1693 erbaute Tor.

Das Untertor, auch Schäfertor genannt, stand am Ende der Schäfergasse am früheren Gasthaus „Zum Grünen Baum“ (Schäfergasse). Es wurde auch 1693 erbaut, die Zeichnung ist wieder von Usener.

 

Untertor in Hochstadt: Dieses Tor soll schon 1283 errichtet worden sein, nach anderer Überlieferung aber erst 1589/90. Es stand etwas östlich der Einmündung der heutigen Ringstraße. Zwischen den Häusern Hauptstraße 51 und 53 ist noch ein Teil der Mauer sichtbar. Die Zeichnung von Usener zeigt das Tor von außen. Gut erkennbar ist das „Bäuelin“ über dem steinernen Torbogen, ein Stockwerk aus Holz mit einem Ziegeldach und einer Stube für den Pförtner. Links vom Tor steht innerhalb der Mauer das Gemeindebackhaus, der runde Backofen steht außerhalb der Mauer. Daneben steht an der Brücke noch ein kleines Wachhäuschen. Das Obertor ist auf dem Bild Seite  38  (Kastanienbaum) zu sehen.

Diese Zeichnung zeigt noch einmal den westlichen Zugang nach Hochstadt von außen.

 

Immer wieder wurde das Gebiet zwischen Frankfurt und Hanau von Kriegen heimgesucht, weil es an einer der großen Heerstraßen lag. Aber auch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts forderten viele Opfer. Das Bild zeigt eine Gruppe Wachenbucher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

Im Krieg kamen aber auch jeweils Kriegsgefangene in die Orte, die auf den Bauernhöfen die Arbeit der eingezogenen Männer verrichten mußten. Das Verhältnis von Mensch zu Mensch war aber meistens gut. Der Titel dieser Aufnahme lautet: „Deutsch-französische Freundschaft“. Links ist zu sehen Martin Kunkel, der Knecht bei Gastwirt Wilhelm Rauch, in der Mitte ein einquartierter deutscher Soldat, vorne zwei französische Kriegsgefangene.

 

Der Zweite Weltkrieg wurde von den in Deutschland herrschenden Nazis begonnen. Sie sahen sich selber wie eine aufgehende Sonne über der Hochstädter Hauptstraße,  als Retter Deutschlands.

Und sie verstanden sich als gute Bürger wie der Dörnigheimer Bürgermeister Dammköhler, dessen Verdienste um den Bau der Turnhalle noch heute hochgehalten werden, der aber auch dem verbrecherischen System diente.

Auch in Wachenbuchen fand man nichts dabei, daß zur Feier des Erntedankfestes 1936 auch Nazis in Uniform dabei waren und sich sogar in den Vordergrund drängten.

Die Bilder sind alle aufgenommen vor dem Haus Alt Wachenbuchen

Das Ende war aber Zerstörung und Leid. Durch Luftangriffe wurden noch 1945 in  Wachenbuchen neben 20 Wohnhäusern und vielen Nebengebäuden auch die Kirche zerstört

Ähnlich war es 1941 und 1944 in Bischofsheim. Dort wurden die Turnhalle und die Kirche sowie zweimal Häuser in der Niedergasse zerstört. Das Bild zeigt die Trauerfeier für die beim Angriff am 4. Februar 1944 Getöteten.

 

 

 

2. Rathäuser und Brunnen

Auch das Hochstädter Rathaus ragt weit in die Hauptstraße hinein, konnte aber erhalten werden und stellt einen markanten Punkt in der schönsten Straße Maintals dar. Das Haus wird 1598 als „Spielhaus“ erstmals erwähnt. In den Jahren 1683/84 wird es als Fachwerkbau auf offener Halle neu gebaut und 1739 noch einmal umgebaut. Nach dem Brand von 1964 wird es in der alten Form wiederhergestellt. Das Oberstockwerk dient kulturellen Zwecken, im Unterstockwerk ist eine gebietstypische Apfelweingaststätte.

Das Bischofsheimer Rathaus stand an der Einmündung der Straße Alt Bischofsheim in die Schäfergasse. Es wurde 1668 als repräsentatives Fachwerkhaus errichtet und diente vor allem für Versammlungen der Gemeinde, wenn etwas bekanntzugeben war. Weil es ein „Verkehrshindernis“  war, wurde es 1963 unter Einsatz amerikanischer Pioniere abgebrochen

Das alte Rathaus in Bischofsheim von Norden

Auch das alte Rathaus in Dörnigheim ist heute (1999) eine Gaststätte. Wahrscheinlich ist es bald nach 1700 entstanden. Der Giebel wird von einem Erker geschmückt. Er ruht auf einem Traggebälk, das von vier geschwungenen, nach unten zusammenlaufenden Trägerrippen gestützt wird.

Das Alte Rathaus in Wachenbuchen ist aus dem 16. Jahrhundert, wie ein Wappen über dem inneren Treppenaufgang ausweist. In der jetzigen Form besteht es seit 1705 und ragt noch wie in der Gotik hoch hinauf.. Zeitweise wurde es durch die Schule und die Gemeindeverwaltung genutzt.

In Bischofsheim hat einen sehr großer Brunnen an der Ecke Obergasse-Schäfergasse-Borngasse gestanden. Wie das Bild von 1910 zeigt wurde an diesem Brunnen auch Wäsche gewaschen. Im Hintergrund ist das Ladenschild der Metzgerei Grimm zu sehen.

Blick auf den Brunnen von der  Obergasse aus gesehen

Aber auch dieser Brunnen war im Weg und wurde 1911 nach dem Bau der Wasserleitung abgerissen. Hier läßt sich das Abbruchkommando noch einmal bei der Arbeit ablichten.

Blick in die Borngasse. Im Vordergrund links die Stelle, an der der Brunnen gestanden hat.

Im Hintergrund Scheunen, die bei dem Luftangriff von 1944 zerstört wurden

Nachher stand der Brunnen südlich des Rathauses und östlich der Autobushalle in der Straße Alt Bischofsheim 28. Zeitweise war er auch noch an der Bleiche aufgestellt. Heute steht er nördlich der Kirche, die im Hintergrund des Bildes zu sehen ist.

Früher mußte die ganze Wasserversorgung über solche Dorfbrunnen erfolgen. Oft hat man auch Quellen von außerhalb in Röhren in das Dorf geleitet, wo sie dann gelegentlich mehrere Brunnen speisten. Weil die Brunnen auf der Straße aber meist ein Verkehrshindernis waren, wurden sie nach dem Bau der Wasserleitung beseitigt.

Aber es gab auch gegrabene Brunnen, die meist mehrere Gehöfte versorgten. Als im Krieg die Wasserleitungen ausfielen, erlebten die alten Brunnen noch einmal eine Wiedergeburt und

wurden dankbar genutzt.

In Hochstadt war vor allem der Trinkbrunnen in der Trinkbrunnenstraße sehr attraktiv:

Das erste Bild zeigt Marie Studenroth geborene Heckert aus dem Haus Trinkbrunnenstraße  2 im Alter von 17 Jahren im Jahre 1910 (mit Elisabeth Gebhardt geb. Strohl)

Auch dieses Bild zeigt Marie Studenroth geborene Heckert aus dem Haus Trinkbrunnenstraße 2, rechts die schönen alten Fachwerkhäuser Nummer 4 und 10

An der Straße von Hochstadt nach Wachenbuchen war der „Kinderborn“, aus dem angeblich die Wachenbucher Kinder kamen. Auf dem Brunnen sitzt Bernd Becher im Alter von vier Jahren.

Auch Dörnigheim hat einen schönen alten Brunnen, der in der Frankfurter Straße zwischen der Bäckerei Huf und der Gaststätte „Zur Krone“ stand (im sogenannten „Rabeneck“). In Hintergrund ist ein Teil der Gaststätte „Weißes Roß“ zu sehen. Heute steht der Brunnen neben dem alten Rathaus

 

 

 

3. Landwirtschaft

In der Landwirtschaft unterschied man früher zwischen Pferdebauern und Kuhbauern. Die Grenze lag bei etwa fünf Hektar  pro Hof. Hier biegt das Gespann von Philipp Schmidt in den Hof Hauptstraße 42 ein. Das Wohnhaus dieses Gehöfts ist auf Seite 44 unten zu sehen.

Fleischbeschauer Seibel aus Hochstadt, im

Hintergrund die Pappeln an der Straße zwischen Hochstadt

Hans Fischer, Hochstadt, Bahnhofstraße 160

Der letzte Kuhbauer in Hochstadt, Jakob Stein („Sattler Jakob“), Wachenbucher Straße 2, bei einem Festzug vor dem „Neuen Bau“

Der letzte Kuhbauer in Wachenbuchen, der Bauer Koch, bei der Einfahrt in die Kleine Hainstraße

Heu-Ernte in Bischofsheim

 Schafherde in der verlängerten Bachstraße in Wachenbuchen

 Schweineherde in der Mittelbucher Straße in Wachenbuchen

Trotz harter Arbeit in der Landwirtschaft kam die Freizeit nicht zu kurz: Am Sonntag wurden die Pferde vor die Kutsche gespannt. Das Bild zeigt „Bauers Peter“ mit Frau Klara aus Bischofsheim. Sie hatten eine Gaststätte in der Straße Alt Bischofsheim Nr. 4

Erntedankfest in der Hintergasse in Dörnigheim. Zu sehen sind unter anderem der Milchhändler Rauch und der Schreiner Lapp (Nordstraße)

Junge Bauern vor der Dreschhalle in Hochstadt, die sogenannte „Kippe Spee“

           

 

 

4 . Pflanzen / Tiere / Wald

Das Gebiet der heutigen Stadt Maintal war in früheren Zeiten noch viel „grüner“ als heute. Überall gab es noch kleine Wäldchen und Baumgruppen und immer wieder Feuchtgebiete. Typisch die Korbweiden an der Verlängerung der heutigen Klosterhofstraße zur Bahnhofstraße hin. Dies war die westliche Fahrstraße vom Hochstädter Untertor  nach Dörnigheim. Heute findet  man nur noch einzelne Korbweiden auf dem Gebiet der Stadt Maintal, zum Beispiel in der Weid nördlich von Hochstadt und im Bereich des Surfsees zwischen Dörnigheim und Bischofsheim

Durch die feuchten Wiesen, die Gräben und Teiche war es möglich, daß selbst Störche eine Nahrungsgrundlage fanden und ihre Nester bauten. In Bischofsheim hatten die Störche ihr Heim auf dem Pfarrhaus neben der Kirche. Hier in Bischofsheim hielten sie sich am längsten:

In Hochstadt war das Storchennest auf dem Haus Hauptstraße 33, einem stattlichen fränkischen Bauernhof in Fachwerkbauweise (siehe Seite 106 unten). In Dörnigheim war das Nest auf dem alten Rathaus in der Frankfurter Straße (siehe Seite 25 oben). In Wachenbuchen wohnten die Störche auf der Kirche, das Rad für das Nest ist heute noch vorhanden.

 

Auf dem Platz vor dem Hochstädter Friedhof stand ursprünglich eine Linde, die 1756 von einem Sturm umgeworfen wurde. An ihrer Stelle wurde eine Kastanie gepflanzt, die 200 Jahre lang ein Blickfang für die Besucher aus Richtung Hanau war, besonders wenn der Baum in voller Blüte stand. Im Jahre 1957 wurde an dieser Stelle wieder ein Linde gepflanzt

Das Gebiet des heutigen Maintal ist zu einem großen Teil von Wald bedeckt. Vor allem Wachenbuchen hat einen großen Gemeindewald.  Es hatte auch einen eigenen Förster, der sich im Wald an der Mittelbucher Grenze ein kleines Holzhaus zum Wohnen baute. Das Bild zeigt den Förster Simon mit seiner Familie vor der Waldhütte.

Das andere Bild zeigt den landgräflichen Jagdaufseher Kaspar Philipp Mankel, der am 30. März 1898 von einem Wilderer aus Hanau erschossen wurde. Ein Gedenkstein erinnert noch heute an diesen Mord in der Nähe der Siedlung Hohe Tanne.

Viele alte Bäume finden sich noch in Maintals Wäldern: die Wilhelm-Mankel-Eiche in Hochstadt, eine Eiche bei der „Dicken Buche“ in Dörnigheim und die „Dicke Eiche“ in Wachenbuchen, an deren Fuß sich ein Grab aus römischer Zeit befindet

An der Straße von Hochstadt nach Hanau an der Gemarkungsgrenze zwischen Hochstadt und Wachenbuchen stand die „Ruhbank“, auf der die Frauen auf dem Weg zum Hanauer Markt ihre Körbe abstellen und rasten konnten

 

 

 

5 . Handwerk und Geschäfte

Zunächst war die Landwirtschaft der Haupterwerbszweig. Doch nach und nach gewann auch das Handwerk immer mehr an Boden und entwickelte sich bis hin zur Industrie.

In Wachenbuchen war die Diamantschleiferei stark vertreten. Die erste und größte Firma war die Diamantschleiferei Heinrich Fix in der Feldstraße 11. Ihre Mitarbeiter sind auf diesem Bild zu sehen. Durch die Elektrifizierung konnten aber auch viele kleine Werkstätten aufgemacht werden, so daß zeitweise bis zu 150 Firmen in diesem künstlerischen Handwerk tätig waren.

In Bischofsheim und Dörnigheim spielten die Portefeuiller eine ähnliche Rolle. Sie stellten Lederwaren her und arbeiteten der Offenbacher Lederindustrie zu. Das Bild zeigt die Werkstatt Seibel  im Rumpenheimer Weg im Jahre 1904.

In Hochstadt mit seinem Schwerpunkt in der Wein- und Apfelweinherstellung waren Küfer notwendig, die Fässer herstellten und warteten. Das Bild ist wahrscheinlich aufgenommen vor der Hintertür der Gaststätte „Zur goldenen Krone“, rechts ist der Aufgang zum Saal.

Der rechte Mann ist Johann Sperzel, ein Polsterer, der das Geschirr für die Pferde herstellt.

 

Einige Firmen entwickelten sich zu Industriebetrieben. Die Schreinerei Kling in Hanau ließ sich nach dem Krieg am auf Sportplatz in der Nähe des Bahnhofs nieder und wurde zu einem Weltunternehmen. Aber das Ende war schließlich, daß man die Produktion ganz nach den USA verlegte und das Gelände für den Wohnungsbau auswies:

Dörnigheim hat ein großes Industriegebiet mit der Firma Honeywell und vielen Einkaufsmärkten. In Hochstadt sind die Firmen Rasmussen, Plastik-Seibel und Apfelwein-Höhl die größten. Meist sind sie aus kleinen Handwerksbetrieben herausgewachsen.

Bischofsheim hat ein Industriegebiet am Bahnhof mit der Bundesfachschule für Klimatechnik.

Milchhändlerin Else Studenroth mit Tochter Elisabeth, die in Hochstadt Milch aufkaufte und täglich nach Fechenheim brachte zu Privatleuten und zur Kantine der Casella. Das Bild ist an der Mainkur aufgenommen, das Geschäft war in Bischofsheim, Rumpenheimer Weg 21.

In der Hauptstraße 42 in Hochstadt gab es die Spezereiwaren-Handlung und Metzgerei des Bürgermeisters Philipp Schäfer (1917-34).

Seine Amtsgeschäfte als Bürgermeister wickelte er übrigens in seiner Wohnstube ab

In der Frankfurter Straße in Dörnigheim wurde im Jahre 1900 das Haus der Bäckerei Huf erbaut. Auf dem Bild aus dem Jahre 1920 steht Peter Huf mit einem Sackträger vor der Tür, aus dem Fenster sieht der Sohn Karl, damals Geselle

 

 

6. Apfelwein

Ein starker Erwerbszweig war in allen Orten des heutigen Maintal der Weinbau und später die Herstellung von Apfelwein. Bewacht wurden die Weinberge immer von den Weinbergschützen, die ihre Stützpunkte in den Schützenhäusern hatten. Allein in Hochstadt gab es drei solcher Wachhäuschen, in Wachenbuchen gab es eins bis Mitte des vorigen Jahrhunderts. Erhalten hat sich aber nur das Schützenhäuschen in Hochstadt.

Erster Schritt zur Apfelweinherstellung ist das Einsammeln des Obstes. Die Landwirte liefern es in Säcken oder auf Wagen an. Für viele ist diese Arbeit aber zu mühsam. Deshalb wird von außerhalb zugekauft. Auch die Speierlingfrüchte, die den Apfelwein veredeln, sind nur noch schwer zu beschaffen. Das Bild zeigt den Hof der Kelterei Seibel in der Weinbergstraße 6 in Hochstadt mit einem Arbeiter aus Heubach.

Im Hof werden inzwischen die Bottiche und Fässer bereitgestellt (Kelterei Strohl, Weinbergstraße 2)

Aufzüge erleichtern die Arbeit, aber viel schwere Handarbeit bleibt dennoch.

Inneres eines traditionellen Kelterhauses: Links sind die beiden Pressen zu sehen, davor

Philipp Strohl

Firmengründer war Wilhelm Seibel, hier mit Enkel Rudolf. Der Apfelwein wurde in Holzfässern gelagert und dann an die Gaststätten ausgeliefert. Auch dort standen die Fässer im Keller, der Apfelwein wurde mit Krügen geholt oder mit Pumpen zur Theke gepumpt

Den Übergang zur industriellen Fertigung stellt die Kelterei Seibel in der Weinbergstraße 6 in Hochstadt dar. Hier kamen schon elektrische Mühlen und Tresterschleudern zum Einsatz. Rechts unten ist ein Kasten zu sehen, in dem das Keltergut gepreßt wurde.

Firmengründer war Wilhelm Seibel, hier mit Enkel Rudolf. Der Apfelwein wurde in Holzfässern gelagert und dann an die Gasthäuser ausgeliefert. Auch dort standen die Fässer im Keller, der Apfelwein wurde mit Krügen geholt und mit Pumpen zur Theke gepumpt

Den Übergang zur industriellen Fertigung stellt die Kelterei Seibel in der Weinbergstraße 6 in Hochstadt dar. Hier kamen schon elektrische Mühlen und Tresterschleudern zum Einsatz. Rechts unten ist ein Kasten zu sehen, in dem das Keltergut gepreßt wurde

 

 

 

7. Gasthäuser

Zunächst hatte jeder Ort nur ein Gemeindewirtshaus. In Hochstadt war dies das Haus Hauptstraße 19 mit dem malerischen Brunnen davor. Hier mußten durchziehende Kaufleute das Pflastergeld zahlen, durften aber auch ihre Fuhrwerke auf dem großen Hof unterstellen:

Seit 1779 besteht die Gaststätte „Zur goldenen Krone“ in der Hauptstraße 18. Den Versand von Apfelwein führte der Gastwirt Georg Rauch ein (1833-1906, das Bild ist von 1875). Sein Sohn Philipp Rauch übergibt seinem Schwiegersohn Wilhelm Höhl die Kelterei, die dann in der Hauptstraße 61 neu errichtet wird und heute ihren Sitz östlich des Ortes hat:

Hochzeit von Wilhelm Höhl mit Leni Rauch, aufgenommen im Hof der Gaststätte „Zur goldenen Krone“

Die dritte große Gaststätte in Hochstadt war die Gaststätte Strohl in der Weinbergstraße. Das Bild zeigt einen Motivwagen für den Umzug zum Sängerfest 1954  vor der Gaststätte:

 

Im malerischen Innenhof der Gaststätte „Zum Tiger“ wurde 1920 dieses Bild der Hochzeit von Wilhelm Rauch und Marie geborene Keller aufgenommen. Links vom Brautpaar sitzen Elisabeth  und Wilhelm Rauch sen., rechts sitzt Katharina Keller

[Im Buch ist hier eine Doppelseite eingefügt]

Am Main in Dörnigheim befinden sich die Gaststätten „Zur Mainlust“, „Zum Schiffchen“ und „Mainterrassen“. Besonders der Blick auf das „Schiffchen“ und die Kirche ist ein gern gewähltes Motiv:

Im alten Ortskern von Dörnigheim liegen weitere Gaststätten: Das „Weiße Roß“ in der Frankfurter Straße 6 war eine der großen Gaststätten, in denen Kaufleute ihre Fuhrwerke über Nacht unterstellen konnten, ehe sie zur Frankfurter Messe weiterreisten. Der Hof hatte deshalb zwei Tore, so daß man nicht mit dem Fuhrwerk wenden mußte. Der Torbogen wurde allerdings schon Ende der fünfziger Jahre abgerissen.

Adam und Ferdinand Schäfer 1939 im Hof der Gaststätte „Weißes Roß“, kurz bevor das Pferd für Kriegszwecke beschlagnahmt wurde

Theke im „Weißen  Roß“ mit dem Wirt Adam Schäfer und dem Kellner Heinrich Reuß aus Hochstadt (rechts).

In der Gaststätte „Zum Grünen Baum“ in Dörnigheim. Der Junge ist Walter Heuser, später Wirt in der Gaststätte. Rechts der Feldschütz Bilz („der lange Bilz“)

Saal der Gaststätte „Zum Schwanen“ in der Schulstraße 12 in Wachenbuchen. In diesen Sälen spielte sich das gesamte kulturelle Leben der Vereine ab.

Eine der größten Gaststätten in Bischofsheim war die Gaststätte „Grüner Baum“ in der Schäfergasse, neben dem früheren Untertor     

Eine Gartenwirtschaft in Bischofsheim soll diese Zeichnung wiedergeben, die im Historischen Museum in Frankfurt vorhanden ist.

Stammtischrunde in der Gaststätte „Concordia“ in Wachenbuchen, etwa 1960 aufgenommen. Zu sehen sind unter anderem Wilhelm Wolf, Wilhelm Walter, Theodor Hofmann und Philipp Bommersheim. In den Gaststätten spielte sich früher das ganze kulturelle und gesellschaftliche Leben ab. Hier kamen die Vereine zusammen und übten und feierten. Hier wurden größere Familienfeiern abgehalten und Verträge geschlossen. Seit dem Bau der Eisenbahn waren die ländlichen Gaststätten auch gern gewähltes Ziel städtischer Ausflügler aus Hanau und Frankfurt.

Gaststätte „Zum Schwanen“ in Wachenbuchen, Schulstraße 12, erbaut 190

Eine typische Erscheinung der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg waren in den Gaststätten die Apfelweingesellschaften, Gruppen junger Männer, die das Apfelweintrinken „trainierten“ :

Wahrscheinlich auch so eine Trinkgruppe hat sich hier im Hof der Gaststätte „Zum Schwan“ in Wachenbuchen ablichten lassen.

Zweimal die „Kippe 13“ in Wachenbuchen

Die Wirte veranlaßten auch die Herstellung von Farb-Postkarten, mit denen sie für ihre Gaststätte und für ihren Ort warben: Wachenbuchen: Blick in die Straße Alt Wachenbuchen von Süden, Altes Rathaus, Bachstraße und Gesamtansicht von Süden.

Hochstadt: Gasthaus Strohl mit Gartenansicht. Die Gesamtansicht von Hochstadt zeigt rechts die 1848 in Betrieb genommene Eisenbahn mit dem Bahnhof Hochstadt-Dörnigheim.

Bischofsheim: Kirche, Alter Brunnen, Schäfergasse, Gasthaus „Zum Grünen Baum“.

Dörnigheim: Gesamtansicht vom Main her und Ansichten der Gaststätte „Zur Mainlust“

 

 

 

 

 

 

8. Straßenbilder

Feier bei der Rückkehr der Saar an Deutschland 1935 auf der Hochstädter Hauptstraße

Dörnigheim: Blick vom Main aus, mit dem Nachen der Fähre im Vordergrund

Dörnigheim: Linde Ecke Untergasse/Schwanengasse im Jahre 1952,

Blick in die Schwanengasse

Dörnigheim: Untergasse, Blick zur Kirche

Dörnigheim, Frankfurter Straße 15, ehemals Gasthaus „Zur Krone“, erbaut 1812 ( Der Innenhof ist auf Seite 74 zu sehen).

Obertor in Hochstadt mit Hirtenhaus. Das Tor wurde 1589/90 errichtet und durch ein doppelflügliches Holztor geschlossen. Die Angeln des Tores und die Löcher für Sperrbalken sind noch zu sehen, ebenso eine Öffnung in der Decke des Torbogens, durch die man Steine oder Pech auf die Feinde schütten konnte

Untertor in Hochstadt von innen: Rechts ist das Gemeindebackhaus zu erkennen (heute Hauptstraße Nummer 36), daneben das Haus Nummer 34 und ein Teil des Nebengebäudes von Nummer 32; links die Häuser Nummer 49 und 51

Wachenbuchen: Früheres Haus  Dorfelder Straße 1

Wachenbuchen. Blick von der Schulstraße in die Bachstraße

Bischofsheim: Obergasse Nordseite, rechts Metzgerei Ebert

Bischofsheim: Obergasse Nordseite

Bischofsheim: Obergasse Südseite

Bischofsheim: Schäfergasse Richtung Norden

Bischofsheim: Fechenheimer Weg/Rumpenheimer Weg

Bischofsheim: Hochstädter Weg, die heutige Berger Straße, Westseite.

 

 

 

9. Fachwerkhäuser und Höfe

Hof in der Erbsenstraße 17 in Wachenbuchen mit dem Fuhrwerk des Schuhmachers Koch

Hofgut Alt Wachenbuchen 13: Das Gut gehörte ursprünglich dem Wetterauer Adligen Wilhelm von Stockheim. Dann war es im Besitz der Familie des Freiherrn von Edelsheim. Seit 1951 gehört es der Familie Hanstein, die heute dort eine Hühnerzucht betreibt und die Eier ab Hof verkauft

Hof in der Erbsenstraße 12 im Jahre 1929: Das Haus ist 1771 erbaut, das Nebengebäude ist noch älter. Dort befand sich zeitweise eine Diamantschleiferei.

Bischofsheim: Altes Bauernhaus

Hochstadt: Hauptstraße 39 und 43

 

Dörnigheim: Hintergasse, das  sogenannte „Schlößchen“, ein stattliches Bauernhaus, dessen Torbogen aber in der fünfziger Jahren abgerissen wurde

Dörnigheim: Bauernhof in der Frankfurter Straße 15 (Hofseite), ehemals Gasthaus  „Zur Krone“, erbaut 1812. Aufnahme von 1925 (nach Drogist Schäfer, der aus dem gegenüberliegenden „Weißen Roß“ stammt).

 

 

10. Alte Ortspläne / Luftbilder / Ortsentwicklung:

Hochstadt: Der Plan von 1715 zeigt sehr schön den eiförmigen Grundriß des Ortes, dessen Häuser sich innerhalb der Ringmauer drängen. Die Mittelachse ist die Hauptstraße mit dem Historischen Rathaus in der Mitte und dem Gelände des Kirchhofs im Osten. Obertor und Untertor sind nicht eingezeichnet. Aber für jedes der rund 150 Häuser ist am Rand der Karte der Name des damaligen Besitzers festgehalten

 

Wachenbuchens Straßennetz zur Zeit der Flurbereinigung 1906. Auffällig der Kirchhof mit dem Alten Rathaus. Auch die Ringmauer mit den vorgelagerten Gärten ist noch gut auszumachen. Im Westen erkennt man die planmäßig angelegte Hainstraße und einige Häuser westlich der sogenannten „Pfeiferspforte“ (Hintertor):

 

Wachenbuchen 1936: Links oben ist die Bachstraße, nach rechts verläuft die Schulstraße. Die scharfe Ecke am Anfang der Mittelbucher Straße ist gut zu erkennen. Am rechten Bildrand der alte Friedhof. Die Nordseite der Hainstraße ist noch zugebaut mit der jüdischen Schule, die in der Pogromnacht 1938 zerstört und nachher vollständig abgerissen wurde. Im Feld sind die Obstbäume beiderseits der Feldwege gut zu erkennen:

 

Alter Plan von Dörnigheim:

Im Westen des Ortes befindet sich die Landwehr mit der Hainhecke und mit dem Zollhaus an der Frankfurter Straße (1-4). An der Nordwestecke ist das Frankfurter Tor (8) als Teil der alten Wehrmauer (10). An der Frankfurter Straße stehen die Gasthäuser  „Zum Hirsch“ (9), „Zur Krone“ (14), „Zum Rappen“ (18), „Weißes Roß“ (19), „Zum Löwen“ (20), „Adler“ (21), „Zum Schwanen“ (28), außerdem das alte Rathaus (26). An der Nordostseite befindet sich das Obertor (22) mit dem Backhaus (23) und der Zehntscheuer (24). Im Osten der Ortes ist das sogenannte „Schlößchen“ mit einem Brunnen. Im Süden des Ortes ist die Kirche, daneben das Gasthaus „Zum Schiffchen“ (17). Im Süden sieht man die Mainmauer mit der Böschung und dem Leinpfad.

 

Luftbild Dörnigheim: Links unten ist die Eisenbahnlinie zu sehen. Die  Bebauung reicht im Osten kaum über die Bahnhofstraße hinaus. Aber westlich des Backeswegs sind schon viele Grundstücke bebaut. Im Vordergrund die Häuser zwischen Braubachstraße und August-Bebel-Straße . Im Hintergrund der Main mit der Kirche, dahinter Mühlheim und Dietesheim

 

Alter Plan von Bischofsheim:

Der Ort wurde nach einem großen Brand an der jetzigen Stelle wieder aufgebaut, und zwar anders als die nördlicher gelegenen Orte südlich eines alten Mainarmes und einem ziemlich sumpfigen Gebiet. Eine Besonderheit ist auch, daß Bischofsheim keine Ortsmauer hatte, sondern eine dichte Hecke mit Wall und Graben. Wie die anderen orte hatte es zwei Tore: Das Obertor (Breultor) an der Breulgasse im Nordosten und das Untertor (Schäfertor) im Süden. Aber außerdem gab es noch für den Fußgängerverkehr das „Pförtchen“ am Nordende der Borngasse und die „Katharinenpforte“ am östlichen Ende der Hintergasse. Niedergasse und Obergasse hatten keinen Ausgang. In der Hintergasse (heute: Alt Bischofsheim) ist im Westen das alte Rathaus zu sehen und im Osten nördlich der Straße der Kirchhof und südlich der Friedhof (heute: Rathaus)

 

Bischofsheim 1939: Die Straßenzüge sind sehr deutlich erkennbar. Der Ort ist noch großzügig angelegt und mit vielen Gärten ausgestattet. Beherrschend ist die Achse Fechenheimer Weg- Schäfergasse

 

In Hochstadt bestand die Bahnhofstraße noch vorwiegend aus Gärten. Im Vordergrund führt Frau Heidi Berchner, Klosterhofstraße 16, ihre beiden Töchter aus

 

Aber auch so etwas gab es in der Nachkriegszeit: Die Behelfswohnung „Baron“ in Bischofsheim

 

Alte Luftaufnahme von Hochstadt: Beherrschend ist der Blick auf die Nordseite der Hauptstraße mit der Kirche als Schlußpunkt. Rechts ist die Ringstraße Süd, nur einzelne Häuser stehen südlich von ihr. Gut erkennbar ist die Ecke Hauptstraße/Ringstraße Süd, wo der alte Bauernhof heute durch ein modernes Lebensmittelgeschäft ersetzt ist.

Die erste Siedlung in Hochstadt entstand am Röderberg und auf dem Gelände des ehemaligen Ortes Groschlag. Links von der Mitte die Schule von 1953, heute Teil des städtischen Verwaltungsgebäudes

 

 

11. Verkehrswesen

Die Mobilität beginnt mit dem Automobil. Das erste Auto in Wachenbuchen hatte der Arzt. Das Bild zeigt das zweite Auto Dr. Curtzes mit dem Fahrer Mankel vor dem Brunnentempel in Wilhelmsbad. Es handelt sich um ein Modell der Marke „Adler“ mit der Fabriknummer 26, gekauft im Jahre 1912

Aber eher als das Auto war die Eisenbahn da. Schon 1848 wurde die Strecke von Frankfurt nach Hanau in Betrieb genommen. Allerdings gab es damals noch keine Haltepunkte auf dem Gebiet des heutigen Maintal. Aber heute sind die alten Bahnhöfe und Schienenübergänge auch schon Geschichte

Eine Buslinie richtete die Gemeinde Wachenbuchen schon 1912 ein. Der Bus hatte ein Oberdeck, und bei der ersten Fahrt mußten erst einmal herunterhängende Äste auf der Fahrstrecke nach Hanau abgesägt werden:

Einen neuen Versuch zu einer Buslinie Nach Hanau machte die Gemeinde 1927. Der Mercedes-Bus ist ein Niederflurwagen, bei dem das Fahrgestell schon tiefer gelegt ist, so daß der Einstieg bequemer ist:

Bischofsheim richtet 1949 mit einem Bus aus Wehrmachtsbeständen und mit Holzbänken eine Linie nach der Mainkur ein. Im Jahre 1958 fährt ein Bus der Marke „Mercedes“ mit 39 Sitzplätzen und 7 Stehplätzen. Der Anhänger ist Baujahr 1952 und wurde 1958 gebraucht gekauft; er hatte 27 Sitz- und 6 Stehplätze. Die Strecke führte von der Mainkur (dort ist das Bild aufgenommen) über Bischofsheim und Hochstadt zum  Bahnhof Hanau-West:

Kraftfahrzeuge brauchen aber auch Straßen. Doch früher war das noch harte Handarbeit. Das zeigt diese Aufnahme von Bau der Straße von Bischofsheim nach Rumpenheim von 1927

 

Ein besonderes Verkehrsmittel sind die Fähren, die bis heute Maintal mit dem Kreis Offenbach verbinden. Neben der Fähre nach Rumpenheim ist die Fähre von Dörnigheim nach Mühlheim von großer Bedeutung. Die Fähre besteht seit 1904 und wurde im Auftrag des Landkreises Offenbach von verschiedenen Pächter betrieben, darunter auch die Familie Schäfer. Nachdem die Fähre seit 1921 stillgelegen hatte, ließ sich Heinrich Schäfer von den Bürgermeistern von Dörnigheim und Mühlheim überreden, doch wieder eine Fähre zu übernehmen. Seit vier Generationen ist sie nun im Besitz der Familie Schäfer. Seit 1960 ist Peter Schäfer tätig, seit 1971 mit einer vollautomatischen Diesel-Fähre

Ursprünglich wurde die Fähre an einem Seil geführt. Später wurde sie von einem Straßenbahnmotor getrieben. Das zeigt dieses Bild mit Heinrich Schäfer (dem Großvater Peter Schäfers) und Henri Hohmann. Der Fährmann bedient die Kurbel des Elektromotors. Mit der Pumpe wurde das eingedrungene Wasser abgepumpt. Seit 1971 fährt eine vollautomatische Diesel-Fähre, die vom Seil unabhängig ist.

 

Ein markantes Bauwerk am Main war auch die Schleuse mit dem Kraftwerk der Preußen-Elektra. Sie wurde 1920 erbaut, um die Schiffahrt auf dem Main zu verbessern und um Strom zu gewinnen. In den achtziger Jahren wurde die Schleuse durch einen Neubau ersetzt. Das alte Flußkraftwerk wurde 1988 trotz Protesten der Denkmalschützer gesprengt

 

Ein Fahrzeug im weitesten Sinne war auch die Dampfmaschine. Sie konnte von Bauernhof zu Bauernhof bewegt werden und dort die Dreschmaschine antreiben. Hier sehen wir eine solche dampfbetriebene Dreschmaschine auf dem Grundstück Erbsenstraße 10 in Wachenbuchen

 

 

 

12. Kirchen

Zum Dorf gehört auch die Kirche. Dörnigheim hat schon zur Zeit der Schenkungsurkunde eine eigene Kirche gehabt. Aber betreut wurde es von dem Pfarrer in Kesselstadt und hatte auch ein Drittel zu den Kosten der dortigen Kirche beizutragen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird die Kirche in Dörnigheim neu aufgebaut. Seit 1720 ist die Gemeinde selbständig.

Die heutige Kirche ist eine Erweiterung einer früheren Anlage. Die Nordwand wurde 1705 weiter nach außen versetzt und ein Triumphbogen in Höhe der jetzigen Kanzel abgebrochen. In der Südwand wurden zwei Fenster aus gotischer Zeit gefunden und das Bild einer thronenden Maria aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der Turm wurde erst später angebaut und erst 1877  mit einem richtigen Turmaufsatz versehen.

Der Nordeingang der Kirche in Dörnigheim ist sehr malerisch. Er ist aus spätgotischer Zeit und wurde bei der Erweiterung im Jahre 1705 wieder in die Nordwand eingesetzt.

 

Auch die Wachenbucher Kirche wurde bei einem Luftangriff im Januar 1945 bis auf die Außenmauern zerstört. Der Turm ist aus dem Jahre 1461. Die Kirche wurde 1703 neu errichtet und 1903 erweitert und 1953 neu aufgebaut

 

Die Bischofsheimer Kirche sah früher anders aus, vor allem das Kirchturmdach. Außerdem fehlte natürlich die moderne Erweiterung nach Süden zu. Im Krieg wurde die Kirche von einer Bombe getroffen und hatte nach dem Krieg lange Zeit ein Notdach, ehe der Turm in der jetzigen Form geschaffen wurde

 

Hochstadts Kirchturm war ursprünglich ein Wehrturm und hat unter dem Schieferdach noch die alte Spitze aus Kalkstein. Das Bild zeigt Reparaturarbeiten an der Turmspitze. Links ist das alte Schulhaus von 1851 zu sehen. Hochstadt hatte sogar zeitweise zwei Kirchen, nämlich noch eine lutherische Kirche in der Lutherstraße. Heute gibt es abgesehen von Wachenbuchen auch katholische Kirchen in den Stadtteilen.

Eine Besonderheit an der Hochstädter Kirche ist die Gedenktafel für die Siamesischen Zwillinge von 1642, die bald nach der Geburt nacheinander gestorben sind

 

Keine Kirche ohne Glocken. In den Kriegen mußten die meisten Glocken abgegeben werden, höchstens die älteste und wertvollste Glocke konnte erhalten werden. Nach den Kriegen wurden wieder neue Glocken beschafft: In Hochstadt blieb die Glocke von 1687 erhalten. Dann wurden zunächst zwei Glocken neu beschafft: Hinter dem Anhänger laufen Bürgermeister Wilhelm Mankel (links) und Pfarrer Hugo Gerlach (rechts). Später kam noch eine vierte Glocke hinzu, hier auf dem damaligen Schulgelände in der heutigen Klosterhofstraße 6 zu sehen.

Für Wachenbuchen wurden 1953 wieder neue Glocken beschafft

 

Aus Dörnigheim gibt es ein sehr schönes Gruppenbild von der Ankunft der Glocken nach dem Ersten Weltkrieg. Damals ahnte man noch nicht, daß die Glocken bald wieder abgeliefert werden mußten.

Bischofsheim erhielt 1954 neue Glocken

Glocken rufen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Gelegentlich gibt es aber auch besondere Höhepunkte im kirchlichen Leben wie die Konfirmation. Hier die Konfirmanden von 1922 aus Wachenbuchen mit Pfarrer Blendin. Unvermeidlich die Hüte der „Männer“ und die Kränze der Konfirmandinnen (Aufnahme an der Nordseite der Kirche):

 

Bischofsheim war bei der Konfirmation zeitweise schon fortschrittlicher: Bei manchen Jahrgängen hatten die Mädchen helle Kleider an, so schon im Jahre 1907 (Südseite der Kirche)

Aus Hochstadt ein Konfirmandenjahrgang mit Pfarrer Gerlach

Der Konfirmand Philipp Heckert im Jahre

 

Die nächste kirchliche Amtshandlung im Lebenslauf ist die Trauung. Das Bild zeigt die Hochzeit Stallmann im Jahre 1952 in Wachenbuchen. Der Zug biegt gerade zur ehemaligen Synagoge ein, die wegen der Zerstörung der Kirche für kirchliche Zwecke genutzt wurde

Hochzeit des späteren Bürgermeisters Mankel aus Hochstadt im Jahre 1910 (Doppelhochzeit)

Aber auch die Goldene Konfirmation wird überall gefeiert. Hier der Geburtsjahrgang 1900 aus Wachenbuchen mit Pfarrer Eckerlin:

Am Schluß des Lebens aber stand früher ein solcher Leichenwagen, hier gefahren vom Landwirt Schmidt aus Hochstadt, aufgenommen neben dem Narrenhaus an der Ringmauer:

 

Geleitet werden die Kirchengemeinden vom Kirchenvorstand, hier der Vorstand von 1947 in Hochstadt mit Pfarrer Gerlach (rechts neben ihm Bürgermeister Wilhelm Mankel):

Eine Äußerung der kirchlichen Lebens sind auch die verschiedenen Gruppen, hier der Kirchenchor Hochstadt 1960 bei einem Ausflug nach Bad Münster am Stein:

 

Alle Orte hatten einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil mit jüdischem Glauben. Das gilt vor allem für Wachenbuchen, dessen Synagoge an der Ecke Alt Wachenbuchen/Hainstraße bis heute erhalten blieb, während das danebenliegende jüdische Schulhaus zerstört wurde:

Dörnigheim wurde besonders bewegt durch das Schicksal der Brüder Schönfeld, die im Alter von 9 und 11 Jahren verschleppt und ermordet wurden. Zur Erinnerung an sie benannte die Stadt Maintal ein Jugendzentrum mit Kindergarten im Westend in „Brüder-Schönfeld-Haus“.

Das Bild zeigt die Familie Schönfeld, deren Verwandte in Niedersachsen wohnen.

Die Hochstädter Synagoge in der Hauptstraße 43 wurde in der Pogromnacht 1938 zerstört. Letzter Gemeindeleiter war Salomon Katz, dessen Sohn nach Holland fliehen konnte und dort bis zum Kriegsende versteckt wurde. Hier seine Hochzeit mit seiner Frau aus Hamburg, die auf ähnliche Weise in Belgien überlebt hatte. Erst im Jahr 1997 konnte Leopold Katz in Amsterdam aufgespürt werden, der mit seiner Frau nach Hochstadt kam und dort ein Gebetbuch aus dem Besitz seiner Eltern in Empfang nehmen.

Ein anderer Hochstädter, der der Verfolgung entgehen konnte, ist Walter Appel aus der Bogenstraße 6. Sein Großvater Nathan, der mit Tierfellen und Alteisen handelte, wurde von den Nazis ermordet. Walter lebt heute in den USA und besuchte 1997 seinen Geburtsort. Auf dem Klassenbild von 1931 ist er ganz links in der vorletzten Reihe zu sehen.

 

 

13. Schulen

Auf dem Lande wurde die Schule zunächst vom Kantor und Organisten gehalten. Eine große Zahl von Kindern wurde in nur einer Klasse unterrichtet.  Da mußte der Lehrer schon auf Zucht und Ordnung achten. Die Aufnahmen aus dem Jahr 1892 zeigt eine Klasse in Bischofsheim mit Hauptlehrer Hartmann (1821-1905).

Bischofsheims erste richtige Schule wurde 1776 in der Breulgasse errichtet.  Nach der Schule im Haus Alt Bischofsheim 28 wurde 1907 die Waldschule erbaut und 1958 erweitert. Das Bild zeigt eine Schulklasse  von 1927 in Bischofsheim

Schuleinführung in Hochstadt:

Frau Erdmann geborene Emmel (Hauptstraße 19) und Marie geborene Strohl (Hauptstraße 16)

Schulklasse 1950 mit Lehrer Lippert in einem Klassenzimmer in der Schule Alt Bischofsheim

Bischofsheim: Schulklasse Ostern 1959 mit Rektor Lippert

Bischofsheim. Schulklasse 1961 mit Rektor Lippert

 

Die älteste Schule in Dörnigheim ist die Werner-von-Siemens-Schule, die 1953 in der Siemensallee eingeweiht wird (hier mit Direktor Wenderoth)  und heute in der ehemaligen Bonhoefferschule in der Ascher Straße untergebracht ist:

Hochstadt: Jahrgang 1912 aus Hochstadt mit der Lehrerin Lohrey am linken Bildrand

Frau Lohrey unterrichtete auch noch zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg (hintere Reihe ganz links), hier den Jahrgang 1940. Sie hatte Schüler in ihrer Klasse, deren Eltern sie schon unterrichtet hatte

Hochstadt. Kindertagesstätte am Ahornweg 1968

Bischofsheim: Kindergarten

 

 

 

14. Vereine

Die älteste Tradition unter den Vereinen haben die Feuerwehr und die Schützen. Doch während sie früher mehr oder weniger Pflichtvereinigungen waren, wandelten sie sich um 1900 zu freiwilligen Vereinen im heutigen Sinne. In Wachenbuchen gibt es seit 1907 eine Freiwillige Feuerwehr. Das Bild zeigt die Wehr in den zwanziger Jahren mit Bürgermeister Puth

Feuerwehr in Hochstadt bei einer Übung am Kerbmittwoch in der unteren Hauptstraße.

Aber die Feuerwehr wurde auch im Ernstfall gebraucht: Brand in der Hauptstraße 27 in Hochstadt im Jahre 1931

 

Schützenverein „Tell“ Hochstadt-Dörnigheim bei einem Umzug

Gesangverein „Germania“, Sänger der Turngemeinde Dörnigheim, 1955

Turnverein 1884 Bischofsheim im Jahr 1911

Saal der Turnhalle in der Jahnstraße in Bischofsheim beim 25jährigen Jubiläum des Zitherver­eins Edelweiß im Oktober 1930

Freie Turner Wachenbuchen auf dem Turnplatz bei der Schule im Jahr 1928 bei einem Vorturnerlehrgang

Spielmannszug der Freien Turner Wachenbuchen

Fußballmannschaft von KEWA Wachenbuchen, die in den dreißiger Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse spielte und im Pokalendspiel war

Radfahrverein Dörnigheim

Hausfrauenverein Hochstadt, der sich zum Erntedankfest aufstellt

Geflügelzüchter Hochstadt bei einem Festzug in der Hauptstraße

Obst- und Gartenbauverein Hochstadt bei einem Ausflug vor dem Heidelberger Schloß

„Turnverein Bischofsheim“ vor der Turnhalle in der Jahnstraße

 

 

15. Feste,  Freizeit und Besucher

Ein wichtiges Fest im Jahresablauf ist die Kirchweih, kurz „Kerb“ genannt. Früher wurde sie organisiert von den Wirten und ihren Kerbburschen: Hier die Kerbburschen 1927 in Dörnigheim (von hinten links): Jean Birkenstock, Gustav Lapp, Toni Schneider, Friedel Heck, Karl Bildhäuser, Hans Döll, Karl Seng, Heinrich Kühn, Willi Dietrich, Friedrich Seng, Wilhelm Bilz, Jean Fassing, Jakob Lapp, Fritz Bilz, (auf dem Faß:) Willi Zimmermann, Gustav Stang, Karl Lapp.

 

Bischofsheimer Kerbburschen 1921: Gezeigt wird die „§ 11 Kippe Astheimer“, eine Art Stammtisch in der Gaststätte „Zum Grünen Baum“. Der Kerbbursch in der Mitte wurde traditionsgemäß am Ende der Kerb verbrannt. Gezeigt werden (jeweils von links) in der oberen Reihe: Fritz Robanus, Wilhelm Walzer, Jacob Günther, Willi Jäger, Heinrich Seip und Albert Reuhl; in der  mittleren Reihe: Wirt Keller, Wilhelm Reuhl, Wilhelm Geist, Johann Schneider, Peter Reuhl, WilhelmSee und ein Unbekannter; in der unteren Reihe: HeinrichFilz, Justus Walzer, Edmund Reuhl.

 

Eine Besonderheit in Hochstadt sind die zwei teilweise schon über hundert Jahre  alten Fastnachtsvereine. Nach dem Krieg organisierten sie eigene Umzüge mit Hilfe örtlicher Unternehmer. Das Bild ist vor dem Haus Hauptstraße 11 aufgenommen. Heute gibt es einen Maintaler Karnevalszugverein, der in Dörnigheim einen Umzug macht

 

Ascher Vogelschießen Anfang der fünfziger Jahre in Dörnigheim

Das Bild zeigt nicht den Tanz von Heimatvertriebenen auf dem Rathausplatz in Hochstadt, sondern ist zur Nazizeit entstanden, wahrscheinlich beim Erntedankfest 1936.

 

Eislaufen auf dem Tiefen See in Bischofsheim 1932/33. Im Hintergrund die alte Eishalle, in der das im Winter ausgesägte Eis aufbewahrt wurde. In den dreißiger Jahren wurde sie abgerissen

Zeitweise fror sogar der Main zu. Im Winter 1946/47 konnte das Milchauto über den Main fahren. Das Bild zeigt Georg Rauch und Frau auf dem Main vor dem Rumpenheimer Schloß

Der Main, der der neuen Stadt den Namen gab, stellt ihre südliche Grenze dar. Hier ein Blick auf das Mainufer in Dörnigheim mit der Kirche:

Gefährlich ist auch das immer wiederkehrende Hochwasser. Durch Rückstau wird selbst Bischofsheim davon betroffen:

Aus Anlaß des Hochwassers 1970 besuchte der damalige Innenminister Genscher Dörnigheim:

Aber auch sonst kam gelegentlich hoher Besuch: Hier Landrat Voller mit Frau Schmidt und dem Regierungspräsidenten am 10. Juni 1948 in Dörnigheim

Besuch des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn in Bischofsheim im Jahr 1958

Der berühmteste Besucher aber war der amerikanische Präsident John F. Kennedy, der 1963 auf seinem Deutschlandbesuch auf dem Weg vom Fliegerhorst Langendiebach nach Frankfurt durch Dörnigheim kam. Mit im Auto der Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt und der Ministerpräsident Zinn

 

Aber auch Maintal hat seine Persönlichkeiten gehabt. Dazu zählen auch die Hebammen, die früher  jeder Ort hatte. So eine Frau hat oft während ihrer 40jährigen Tätigkeit  bis zu tausend Kindern zum Leben verholfen. In Bischofsheim war das die Hebamme Reul, hier auf einem Bild von 1952.

Aber auch die Krankenschwestern waren unermüdlich unterwegs. Wachenbuchen hat sogar einen eigenen Krankenpflegeverein, der seit 1951 mit Unterstützung der Stadt eine eigene Krankenschwester anstellt

Valtin Heckert (vorne) mit einem Freund. Nur der älteste Sohn Valtin konnte eine weiterführende Schule besuchen und studieren. Die Eltern brachten die Kosten durch den Verkauf einer Kuh auf. Valtin Heckert hat seine Herkunft aus kleinbäuerlichen Verhältnissen nie vergessen und als Rechtsanwalt außer Hochstädter Unternehmern auch viele kleine Leute vor Gericht verteidigt, die aus dem ganzen Kreis Hanau in seine Kanzlei in Frankfurt kamen

 

„Eis-Jakob“, der Freund der Kinder:

In der Bischofsheimer Straße 9 wohnte Jakob Rohrbach und hatte gleich unter dem Vordach hinter dem Hoftor seine Eismaschine stehen. Wenn gerade einmal das Eis ausgegangen war, dann durften die hungrigen Kinder auch einmal zusehen, wie das Eis in der Zentrifuge entstand. Seinen Eiswagen hatte er vor der Firma Höhl in der Hauptstraße. Für jedes Kind war das eine große Versuchung. Auf dem Bild sind zu sehen der Enkel von Spengler Valtin (Altkönigstraße 2) und Willi Strohl (Bischofsheimer Straße 7). Links und im Hintergrund die Familie Habermann

 

Philipp Weber ist der erste demokratisch gewählte Bürgermeister nach dem Krieg (1946-48) . Er ist hier zu sehen mit Landrat Voller (rechts) und dem späteren Bürgermeister Ziegler (links) bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes. Nach ihm ist heute eine Straße im westlichen Neubaugebiet benannt.

 

Wolfgang Hesse schaut aus einer Tür auf dem Hof Rathausplatz 2. Was er nicht weiß: Aus dem Fenster darüber schaut eine Ziege heraus. Der Hof, den seine Eltern erworben haben, ist einer der größten im alten Hochstadt. Überhaupt wohnten die größten Bauern früher rund um den Rathausplatz. Heute sind fast alle Höfe an den Ortsrand ausgesiedelt

 

 

16. Auf dem Weg zur Stadt Maintal

Das Wappen der Stadt Maintal besteht aus dem Wappen von Bischofsheim, ergänzt durch einen angedeuteten Fluß (Wellenbahn mit verwechselten Farben).

Wappen der Stadtteile

Dörnigheim: Ein Schwan (Wappentier der Grafen von Hanau), der sich aus einem Flußlauf erhebt. Das Zeichen, das wie der Buchstabe E aussieht, ist eine Ortsmarke, die schon auf Grenzsteinen des 17. Jahrhunderts vorkommt

Hochstadt: Eine Weinberghacke (sogenannter Karst) in einem großen H (für den Ortsnamen). Dieses Zeichen kommt auf einem Grenzstein von 1613 und auf der ältesten Glocke von 1687 vor

Bischofsheim: Zwei Zahnräder als Symbol der Industrie, zwei Schilfkolben als Symbol der Landschaft, die früher von vielen Seen und Feuchtgebieten geprägt war

Wachenbuchen Eine stilisierte Buche über einem Bachlauf als Symbol für den Ortsnamen „Buchen an der Bach“. Das Symbol findet sich schon auf einem Gerichtssiegel aus dem 18. Jahrhundert

 

Die letzten vier Bürgermeister der früher selbständigen Stadtteile

Erwin Henkel, Dörnigheim

Philipp Ziegler, Hochstadt

Georg Krieger, Bischofsheim

Günther Hack, Wachenbuchen

 

Letzte Gemeindevertretersitzung in Bischofsheim

Die Bürgermeister bei der Unterschrift unter den Grenzänderungsvertrag von 1974

 

„Zeittafel zur Geschichte Maintals“:  wie am Anfang dieser Datei.

 

Rückseite:

Die Bilder dieses Buches über Maintal aus den letzten hundert Jahren zeigen, daß die ursprünglichen Dörfer Maintals doch nicht so unterschiedlich waren.

Sie wurden geprägt von der Landwirtschaft und kleinen Handwerksbetrieben, von Rathäusern, Kirchen und Schulen, von Fachwerkbauten, Befestigungen und Brunnen. Maintal hatte schon viel Gemeinsames, ehe es zu einer Stadt wurde.

Im Jahre 1999 sind es schon 25 Jahre her, seit diese Stadt im Zuge der Gebietsreform mehr oder weniger freiwillig ins Leben gerufen wurde. Inzwischen sind viele Einwohner dazugekommen, denen die Geschichte der Stadtteile noch unbekannt ist. Ihnen wird hier etwas berichtet von den Wurzeln der Stadt.

Die Alteingesessenen aber werden sich freuen, vieles wiederzuentdecken, was schon dem Gedächtnis entschwunden war. Sie werden sich daran erinnern, wie schwer das Leben früher doch war. Und sie werden bedauern, daß vieles nicht mehr so ist, wie es einmal war.

Allen sei dieses Buch empfohlen für eine ruhige Stunde, in der man sein eigenes Leben und die Geschichte seines Umfeldes überdenkt.

 

 

 

 

 

 

 

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