Gedanken zum Sonntag

 

Diese Sammlung ist entstanden aus den Betrachtungen, die wöchentlich im „Maintal Tagesanzeiger“ erscheinen, die (fast) einzige selbständige Lokalzeitung mit einer eigenen Redaktion. Sie läßt auch Raum für die Mitarbeiter der verschiedenen Kirchen, christliche Themen darzustellen. Diese Mitarbeiter kommen vorwiegend aus der Stadt Maintal, der „größten unbekannten Stadt in Deutschland“, die zwischen Frankfurt und Hanau liegt. Sie sind bei der evangelischen und katholischen Kirche angestellt oder ehrenamtlich in ihr tätig.

Früher hieß die Rubrik „Gedanken zum Wochenende“. Aber auf Wunsch der kirchlichen Mitarbeiter wurden „Gedanken zum Sonntag“ daraus, weil der Sonntag zu sehr in das Wochenende eingefügt wird, obwohl er doch der erste Tag der Woche ist.

Die Kirchenleute wissen nicht, ob ihre „Gedanken“ gelesen werden. Aber manchmal gibt es doch Rückmeldungen. So fragte mich einmal ein Sportskollege, ob ich da so einige Text­bausteine habe, die ich nur immer neu zusammenwürfle. Aber so geht es natürlich nicht. Vielmehr muß man irgendeinen „Aufhänger“ finden, den man dann mit der biblischen Botschaft verbindet. Das kann eine Meldung aus der Zeitung sein oder ein Spruch aus der Talkshow oder der Ausspruch eines Bekannten oder eigene Erlebnisse.

Im Laufe von 20 Jahren ist so ein bunter Bilderbogen von „Gedanken zum Sonntag“ entstanden. Gedacht ist er für Menschen, die am Sonntag nicht zum Gottesdienst gehen wollen oder können, die aber doch an diesem Tag nicht ganz ohne Gottes Wort bleiben wollen. Vielleicht lesen sie eine solche Betrachtung beim Frühstück oder abends vor dem Einschlafen.

Gewünscht hätte ich mir noch, daß sich ein Verlag gefunden hätte, der zu den Texten noch Fotografien gesucht hätte und ein richtiges Buch herausgebracht hätte. Dann hätte man die Texte auch noch mehr dem Thema eines Sonntags zuordnen können. So aber sind die Gedanken jetzt nach fünf großen Themen gegliedert, unter denen man natürlich frei wählen kann.

 

Im Jahre 2011 ist ein Buch herausgekommen mit diesen Betrachtungen unter dem Titel „Gedanken zum Sonntag, Biblische Aussagen für den Alltag“. Es ist geordnet nach den Themen „Christliches Leben“, „Gesellschaft“ und „Kirchenjahr“. Dazu enthält es eine kleine Glaubenslehre unter dem Titel „Mein Konfirmandenbuch“ und praktische Erläuterungen zum Leben in der Kirche mit dem Titel „Das will ich wissen“. Das Buch ist bei mir und im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-8416-0098-1). Die Sammlung ist inzwischen fortgeführt worden. Was nicht im Buch steht, befindet sich am Ende dieser Datei.

 

 

 

 

Nach dem Kirchenjahr geordnet

 

Warten aufs Christkind                                                                                          Advent

„Der Winterdienst wartet auf den ersten Schnee, die Kleinen auf das Christkind und manch einer auf sein Weihnachtsgeld“, so heißt es zur Zeit in Radiowerbung einer Autofirma. Aber das Warten steht nicht hoch im Kurs. „Genuß sofort!“ Das ist eher der Leitspruch. Alles ist darauf angelegt, die Wartezeit zwischen Wunsch und Erfüllung zu verkürzen oder ganz

zum Verschwinden zu bringen. Warum auf die Erfüllung eines Wunsches warten? Es gibt doch die Ratenzahlung! Warum warten auf die Erfüllung in der Liebe? Ist es nicht sinnvoll, „es“ möglichst früh zu probieren?

Die Adventszeit ist längst keine Zeit des Wartens mehr. Eher wird da das Leben besonders hektisch: Geschenke müssen eingekauft werden, der Weihnachtsbaum muß besorgt und auch Speisen und Getränke müssen eingelagert werden. Besonders in den Einzelhandelsgeschäften haben sie jetzt alle Hände voll zu tun. Schließlich wird in den Wochen vor Weihnachten ein Drittel des Jahresumsatzes gemacht. Wenn das Jahr über die Geschäfte eher schleppend waren, dann muß zum Jahresende noch einmal alles rausgeholt werden.

Es wundert mich, daß noch keiner vom Einzelhandelsverband auf die Idee gekommen ist, die Zahl der Adventssonntage auszuweiten. Fünf Advents-Sonntage oder besser gleich sechs, das wäre doch die Lösung. Dann wäre es für den Handel auch nicht so problematisch, wenn der vierte Advent einmal auf den Heiligen Abend fällt. Auch die Kirche hält sich leider nicht mehr an das Kirchenjahr.

Schon am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres finden in kirchlichen Räumen Weihnachtsmärkte statt, etwas verschämt „Künstlermarkt“ genannt. Man muß ja nicht so weit gehen, daß man alle Feiern aus der Adventszeit verbannt und mit kirchlichen Gruppen erst nach Weihnachten feiert. Richtig wäre es an sich schon, denn der Weihnachtsfestkreis beginnt in der Tat erst mit Heiligabend. Aber wie gesagt: So weit muß man nicht gehen, denn nach Weihnachten ist irgendwie die Luft raus.

Aber auch das andere Extrem ist nicht gut, mit den Weihnachtsvorbereitungen schon vor dem Advent zu beginnen. Durch die Unfähigkeit zu warten, ist die Freude der Erfüllung geschwunden. Wenn auf den Wunsch sofort die Erfüllung folgt, wird die Freude geschmälert. Was schnell zur Hand ist, löst keine tiefe Freude aus und wird schnell vergessen. Deshalb wäre es nicht ganz falsch, wenn man das Warten wieder einführte. Von Kindheit an könnte man einüben, den Spannungsbogen zwischen Wunsch und Erfüllung zu ertragen, um der Freude willen, die sich dabei einstellt.

Vor dem allerersten Weihnachtsfest, vor der Geburt Jesu, gab es auch eine gespannte Erwartung. Ein ganzes Volk wartete auf den Messias, der das Volk zu neuer Größe führen und alle menschlichen Beziehungen heilen sollte. Schon Johannes der Täufer war so ein Vorbote. Aber auch er ist sich nicht sicher, ob Jesus die Erfüllung aller Sehnsüchte ist. Deshalb sendet er zwei seiner Jünger und läßt Jesus fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Lukas 7,18-19).

Er darf erfahren, daß nun die Zeit des Wartens ein Ende hat. Aber nur wenn man wartet, kann man sich nachher auch freuen. Es ist gut, wenn es eine Wirklichkeit gibt, die nicht immer da ist, wenn wir es wollen. Auf Gott müssen wir immer wieder warten. Um so größer ist dann die Freude, wenn er auf unser hoffendes und bittendes Warten antwortet.

 

Warten auf das Christfest                                                                           Christfest .2002

Margot Käßmann, die Bischöfin von Hannover, protestierte im Jahr 2002 mit einer Plakataktion gegen den vorzeitigen Weihnachtsrummel. Gebäck und Lebkuchen bereits im Oktober seien „eine gnadenlose Vermarktung dessen, was Christen unter Weihnachten „erstehen“, sagte sie bei der Eröffnung der Aktion „Alles hat seine Zeit - Advent ist im Dezember“.

Aber offenbar sind es nicht nur die Geschäftsleute, die nicht warten können, bis sie die Einnahmeausfälle des Jahres mit dem Weihnachtsgeschäft ausgleichen können.

Es sind auch die Kunden, die das Angebotene schon vorzeitig kaufen, als sei es nachher nicht mehr zu bekommen. Das heißt aber: Wir alle sind es, die den Ablauf der Kirchenjahreszeiten nicht mehr beachten, wenn wir schon vorzeitig kaufen. Vor allem das Ende des Kirchenjahres wird überspielt, das uns an Tod und Ewigkeit erinnern will. Manchem mag das durchaus recht sein, wenn er nach dem Friedhofsbesuch gleich zum „Adventsmarkt“ gehen kann, da kommt er wenigstens wieder auf andere Gedanken in dem doch so traurigen Monat November. Manche sprechen vorsichtig von „Künstlermarkt“, weil sie wissen, daß es eigentlich nicht recht ist. Aber verkauft werden fast nur Weihnachtsartikel, der Name ändert nichts an der Tatsache.

Doch damit wird dem staatlichen Volkstrauertag und dem kirchlichen Ewigkeitssonntag Abbruch getan. Man hat keine Zeit, einen Abschnitt nach dem anderen bewußt zu erleben, weil man vielleicht auch etwas verdrängen will.

Doch schon in den Sprüchen des Alten Testaments steht „Das Warten der Gerechten wird Freude werden!“ (Sprüche 10,28). Warten lohnt sich, denn nur wenn man gewartet hat, kann man auch richtige Freude empfinden. Wenn man alles schon vorwegnimmt, kann man keines mehr richtig empfinden, weder Trauer noch Freude

Die Forderung „Genuß sofort“, „Spaß haben“, „Party machen“ kann nicht unser Leitspruch sein, vor allem wenn sie auf der anderen Seite verbunden ist mit der unberechtigten Klage, daß es uns allen doch so schlecht gehe. Wir können nicht die Wartezeit zwischen Wunsch und Erfüllung einfach verkürzen oder ganz zum Verschwinden bringen.

Dazu gibt es allerhand Möglichkeiten. Wenn man das Geld nicht hat, kann man ja das Konto überziehen oder einen Kredit aufnehmen. Sogar für eine Hochzeitsfeier oder für den Urlaub geht das jetzt. Anstatt daß man mahnt: „Man kann nur das ausgeben, was man hat!“ werden Menschen mit leichtem Geld gelockt und nachher sind sie in der Schuldenfalle“. Sie haben nicht warten können und müssen jetzt erst recht warten, weil nichts mehr geht.

Auch in der Liebe will man oft nicht warten auf die Erfüllung? Nein, man will „es“ vorher ausprobieren, damit man auch sicher ist, daß es nachher „klappt“. Doch der Ernstfall ist anders. So wie die Feuerwehr vorher alles übt und dann doch von Unvorhergesehenem überrascht wird, so ist es auch im Leben der Menschen: Man kann nichts vorwegnehmen, man muß sich bewähren, wenn es soweit ist.

Einer unserer Söhne nimmt es mit Advent und Weihnachten besonders streng. Er will in der Adventszeit keine Weihnachtslieder singen, und Weihnachtsfeiern gehören bei ihm erst in die Zeit nach Weihnachten. Richtig daran ist, daß die Adventszeit eine Bußzeit ist, eine Zeit der ernsten Vorbereitung. Aber in der Praxis muß man doch einsehen, daß nach Weihnachten die Luft raus ist für eine Feier. Man darf bei allem Ernst sich sicher auch vor Weihnachten schon etwas freuen. Aber ob „Im Prater blühn wieder die Bäume“ oder die „fesche Lola“ dazu gehören, ist doch fraglich.

Auch zwischen Advent und dem Christfest ist ein Unterschied. Im Advent werden zwar die Geschenke und der Christbaum gekauft, aber Freude machen sie erst an Weihnachten und danach.

Durch die Unfähigkeit zum Warten ist die Freude der Erfüllung aber bei vielen verschwunden. Wenn auf den Wunsch sofort die Erfüllung folgt, wird die Freude geschmälert. Was schnell zur Hand ist, löst keine tiefe Freude aus und wird schnell vergessen.

Deshalb ist es gut, wenn wir das Warten wieder einführen und uns in Geduld üben, auch wenn es vielleicht gar nicht nötig ist. Von Kindheit an könnte man einüben, den Spannungsbogen zwischen Wunsch und Erfüllung zu ertragen. Das geschieht aber nicht um des Wartens willen, so als sei das Warten an sich eine Tugend, sondern um der Freude willen. Wir nehmen uns selber etwas, wenn wir nicht warten können.

Das soll nicht heißen, daß wir nicht auch die Adventszeit, genießen dürften. Auch das Einkaufen gehört durchaus dazu. Natürlich kann man die Sachen auch alle über das Internet beziehen. Aber wenn man von den Massen durch die Geschäfte auf der Zeil schieben läßt und hinterher noch einmal auf den Weihnachtsmarkt geht, dann hat das schon etwas für sich. Es kann mithelfen zur Vorbereitung auf das Christfest. Aber es ist nur eine Vorfreude, das Eigentliche kommt erst noch.

Es ist gut, wenn es eine Wirklichkeit gibt, die nicht immer da ist, wenn wir es wollen: die Wirklichkeit Gottes. Auf ihn müssen wir immer wieder warten. Aber er kommt von sich aus auf uns zu. Er antwortet von sich aus auf unser hoffendes und bittendes Warten. Wenn es Zeit ist, dann kommt auch die Zeit der Freude. So wie es schon in den Sprüchen heißt: „Das Warten der Gerechten wird Freude werden!“

 

Weihnachten ist das ganze Jahr                                                                   Weihnachten

Wenn man in Zella-Mehlis zum Bahnhof hoch fährt, steht rechts ein großes Schild: „Thüringer Weihnachtsmarkt. Das ganze Jahr Weihnachten“. Da gibt es also ein Geschäft, in dem man das ganze Jahr über Weihnachtsartikel einkaufen kann. Warum auch nicht? Da hat man wenigstens nicht den Festtagsstreß, und vielleicht ist es im Sommer sogar billiger.

Vor vielen Jahren fand in den USA ein Gottesdienst statt unter dem Titel „Christmas in July - Weihnachten im Juli“. Ein deutscher Studentenchor sang: „Es ist ein Ros entsprungen“. Die Besucher waren angerührt von der Weihnachtsfeier im hellen Sommer. „Viel zu schade“, meinten sie nachher, „wenn man die schönen Weihnachtslieder nur in einer Jahreszeit singt!“

Den jungen und kritischen Europäern kam es aber so vor, als wolle man hier das karge Sommerloch mit Weihnachtsstimmung auffüllen, nur um die Besucherzahlen des Gottesdienstes in die Höhe zu treiben.

Aber vielleicht taten sie den Leuten auch Unrecht. Womöglich war es gerade die Absicht, die Weihnachtsbotschaft einmal ohne die im Dezember übliche Stimmungsmache anzubieten. So kann man die Weihnachtsbotschaft befreit von aller Gefühlsseligkeit der Adventszeit einmal ganz unverstellt auf sich wirken lassen.

Den tatsächlichen Geburtstag Jesu wissen wir nicht. Er war auch nicht unbedingt im Winter, der im Orient außerdem immer noch ziemlich warm ist. Während Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten durch die Angaben im Lukasevangelium festgelegt sind, wurde die Geburt Jesu zunächst nicht gefeiert. Erst im vierten Jahrhundert, als das Christentum zur Staatsreligion geworden war, besann man sich darauf, daß auch die Geburt wichtig sei. Und da legte es sich nahe, das alte römische Fest der unbesiegten Sonne im Umfeld der Wintersonnenwende christlich umzudeuten: Mit Jesus ist wieder das Licht in die Welt gekommen, mit seiner Geburt ging es wieder aufwärts. So entstand dann das christliche Weihnachtsfest am 24./25. Dezember.

Es ist nicht das einzige Fest im Lauf des Kirchenjahrs. Aber es hat in der Bevölkerung eine hohe Wertschätzung durch die Weihnachtsspiele, die Feiern in der Familie und die Geschenke. Die volkstümliche Auffassung ist da anders als die theologische Ansicht, für die Ostern und Pfingsten die wichtigen Feste sind. Aber natürlich ist die Geburt Voraussetzung für Tod und Auferstehung und für die Kirche. Deshalb hat auch Weihnachten eine Berechtigung, sogar die Vorstellung, daß an jedem Tag im Jahr Weihnachten ist.

Es ist durchaus angebracht, wenn wir die Geburt Jesu in jede Zeit und in jede Umgebung versetzen. In Afrika ist das Jesuskind schwarz und die Hirten sind so gekleidet, wie dort die Hirten eben gekleidet sind. Aber das zeigt doch: Jesus ist für jede Zeit und für jeden Menschen geboren, auch für dich und mich. Das versuchen auch manche Krippenspiele oder moderne Weihnachtsspiele, die das biblische Geschehen in unsre Welt und unsere Zeit umsetzen wollen.

Wenn wir hören: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehre einziehe!“ dann gilt das nicht nur an Weihnachten. An allen Tagen des Jahres will er der Herr unsres Alltagslebens sein und begehrt auch heute bei uns Einlaß. Lassen wir den König der Ehren jeden Tag neu in unser Herz einziehen. Und helfen wir mit, daß dieser Herr auch in unserer Welt seinen gebührenden Platz erhält.

 

Gott ist nicht gekommen                                                                                       Weihnachten

Eine Frau träumte eines Nachts von Gott. Er versprach ihr: „Morgen will ich zu dir kommen und dich besuchen!“ Am nächsten Morgen klingelte es an der Tür. Aber draußen stand nur ein Bettler und bat um etwas Geld. „Tut mir leid“, sagte die Frau, ich erwarte hohen Besuch und kann Sie nicht hereinlassen!“ Nach einer Weile klingelte es wieder. Mit klopfendem Herzen ging die Frau an die Tür.

Da stand eine Frau mit einem verweinten Gesicht. „Helfen Sie mir! Ich brauche den Rat eines Menschen!“ „Entschuldigen Sie, aber ich habe jetzt keine Zeit“, erwiderte sie und schloß die Tür. Schließlich klingelte es von neuem. Ein kleiner Junge sah die Frau mit ängstlichen Augen an. „Mein Ball ist leider in Ihr Kellerfenster gefallen. Darf ich ihn herausholen?“ „Da bleibt er heute erst einmal liegen!“ antwortete die Frau ärgerlich. „Paßt besser auf, wenn ihr Ball spielt!“

Allmählich wurde, es Abend. Traurig ging die Frau zu Bett. Im Traum aber erschien ihr Gott und sagte: „Dreimal habe ich dich heute aufgesucht, und dreimal hast du mich weggeschickt! Hast du es nicht gemerkt?“

Auch uns könnte es passieren, daß wir Gott begegnen, es aber nicht merken. So wird es ja schon beschrieben in der Weihnachtsgeschichte. Auch wenn sie kein Bericht von einem tatsächlichen Geschehen ist, sondern eine liebevolle orientalische Erzählung, so macht sie doch sehr gut deutlich, wie es oft ist, wenn Gott kommt.

Das Johannesevangelium faßt das wie folgt zusammen (Kapitel 1, Vers 11 und 12, in etwas freier Übersetzung): „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen und an seinen Namen glaubten, die konnten Gottes Kinder werden!“ Hätten sie damals alle gewußt, daß das Kind in der Krippe der Heiland der Welt sein sollte, dann hätten sie ihn anders empfangen.

Aber die Betonung liegt nicht auf der Zurückweisung, sondern man merkt auch die Freude, daß einige Menschen dennoch die Bedeutung dieses Kindes erkannt haben. Und das sind sowohl einfache Leute wie die Hirten als auch Wissenschaftler, sowohl Einheimische als auch Fremde. Und auch die Eltern wissen natürlich Bescheid: Man kann also Gott auch in unserer Welt erkennen, man muß nur durch die äußere Erscheinung hindurchsehen.

Zu uns könnte Gott zum Beispiel kommen durch Asylbewerber, die an unsere Tür klopfen. Die Schöpfer des Grundgesetzes dachten damals nur an Menschen aus Europa - vor allem aus Osteuropa - als sie das Asylrecht verankerten. Und sie dachten auch dankbar daran, daß viele Deutsche im europäischen Ausland und in Amerika vor der Verfolgung Zuflucht gefunden hatten. Heute aber kommen Menschen aus Afrika und Asien und suchen unsere Hilfe. Auch wenn sie längst nicht alle wirkliche Verfolgte sind, so haben sie doch Hilfe nötig. Gott könnte uns heute in solchen Menschen begegnen. ohne daß wir ihn bemerken.

Aber wir brauchen gar nicht so weit auszuholen, Hilfsbedürftige gibt es auch vor unserer Tür. Der hessische Rundfunk macht gerade eine Aktion, bei der einsame Menschen an Weihnachten zusammengebracht werden sollen mit Familien, die gern noch einen Gast aufnehmen möchten. Aber wir haben natürlich auch Nachbarn und Kollegen, für die wir da sein könnten. Und sogar in der eigenen Familie gibt es vielleicht einen Menschen, der nur von uns Hilfe erwarten kann. Verschließen wir uns ihnen nicht, denn vielleicht will Gott durch sie zu uns kommen!

 

Das Leben geht weiter                                                                                            Neujahr

Dragoslav Stepanovic war der Trainer der ersten Mannschaft der Frankfurter Eintracht. Nach seiner aktiven Zeit als Fußballer übernahm er die Vereinskneipe. Dann suchte die Eintracht einen neuen Übungsleiter, und die Trainerkarriere von „Stepi“ begann. Vier Vereine haben ihn wegen Erfolglosigkeit wieder entlassen. Auch die Eintracht konnte er vor dem Abstieg in die zweite Bundesliga nicht bewahren. Als nun ein erneuter Abstieg drohte, zog der Verein die Notbremse und entließ den glücklosen Trainer. Erst wurde er noch als der große Retter begrüßt. Nun wurde er in Grund und Boden verdammt. So hart ist das Geschäft nun einmal.

Aber am Tag seiner Entlassung sagte Stepanovic in seinem originellen Deutsch: „Lebbe geht weider!“ Dieser Ausspruch könnte ein geflügeltes Wort werden.

Die Entlassung wird „Stepi“ nicht so viel ausmachen. Er ist sicher längst finanziell abgesichert. Das unterscheidet ihn von vielen Bürgern unserer Stadt, die auch im vergangenen Jahr entlassen wurden und nicht so sorglos sagen können: „Das Leben geht weiter!“ Sicher geht es weiter - es muß ja. Aber es ist doch schwieriger und sorgenvoller geworden.

Ein Arbeitnehmer muß sich da heute tatsächlich Sorgen machen. Die Unternehmer machen sie sich angeblich auch. Aber sie sind doch in einer ganz anderen Position. Wenn der Gewinn geringer wird, entlassen sie einige Leute und der Gewinn steigt wieder. Oder sie ziehen noch einmal alles aus dem Geschäft heraus, machen Konkurs und gehen ins Ausland. Trotzdem wäre es gut, wenn auch die kleinen Leute sagen könnten: „Das Leben geht weiter!“ Ich halte diesen Ausspruch sogar für einen Ausdruck des christlichen Glaubens, auch wenn er nicht in der Bibel steht. Für einen Christen gibt es keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, weil Gott ihm immer wieder einen Weg zeigt.

Das sagte mir einmal mein damaliger Bischof, der mich zum Gespräch über einen von mir geschriebenen Brief geladen hatte. Ich hatte die Neujahrsglückwünsche des leitenden Politikers des Kreises zurückgewiesen mit dem Argument, die auch von ihm vertretene Politik mache es mir unmöglich, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Der Bischof sagte dazu: „Ein Christ hat immer Grund, zuversichtlich zu sein, weil Gott ihm die Zukunft gibt!“ Ich stimmte ihm da auch voll zu. Diese Aussage war nicht meine wirkliche Überzeugung, sondern ich wollte ja nur in überspitzter Form auf den Widerspruch zwischen den vollmundigen Äußerungen der Politiker und den Empfindungen der Bürger hinweisen.

Zuversichtlich kann man auch sein, wenn man arbeitslos ist. Innerhalb eines Jahres mußte ich gleich dreimal diese Erfahrung machen. Da mußte mir auch sagen: „Das Leben geht weiter!“ Gott hilft weiter. Er gibt die Zuversicht: „Du bist von Gott geliebt, er will dein Leben bewahren, er will dir weiterhelfen, auch wenn du selber keinen Ausweg siehst!“ Diese Zuversicht möchte ich denen weitergeben, die im vergangenen Jahr arbeitslos geworden sind oder die es im neuen Jahr werden. Arbeitslosigkeit bedeutet zwar einen großen Bruch im Leben. Aber das Leben hört damit nicht auf. Man ist nur von der einen Seite auf die andere Seite gerutscht. Leider wird die Kluft zwischen den beiden Seiten immer größer und die Rückkehr auf die Sonnenseite immer schwieriger. Doch man kann auch leben ohne Fernreisen und Zweitwagen. Es gibt Millionen von Menschen auf der Welt, die nicht wissen, wie sie den folgenden Tag überstehen sollen.

Im vergangenen Jahr haben wir auch erleben müssen, daß uns Menschen durch den Tod genommen wurden. Auch im neuen Jahr müssen wir wieder damit rechnen. Doch dann gilt in einem viel tieferen Sinne: „Das Leben geht weiter!“ Es geht weiter für den, der mit einer Lücke an seiner Seite weiterleben muß und nun einen schweren Mangel empfindet. Es geht aber auch weiter für den, dem das irdische Leben genommen wurde. Gott gibt ihm ein neues Leben und eine neue Zukunft. Jesus Christus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben!“ (Joh 11,25). Das ist noch mehr als die rein menschliche Weisheit von dem Leben, das weitergeht. Dahinter stehen die göttliche Zusage und die Zuversicht des Glaubens. Auch wenn dieses Jahr unser letztes sein sollte, so gilt doch: „Das Leben geht weiter, denn bei Gott ist die Auferstehung und das Leben!“

 

Wir feiern 2000 Jahre Christus

Am vergangenen Ersten Advent hat das letzte (Kirchen-) Jahr des Jahrtausends begonnen! Alle reden sie von der Jahrtausendwende am 31. Dezember 1999. Aber Christen rechnen anders, sie haben andere Daten zu feiern. Angesehen davon, daß das Kirchenjahr am Ersten Advent beginnt, stehen wir noch gar nicht so kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends. Die 2000 Jahre sind erst an Silvester 2000 um. Deshalb braucht man auch an das Ende des Jahrtausends keine Ängste oder freudige Hoffnungen zu heften. Es hat mit ihrer Erfüllung noch ein Jahr Zeit!

Für die Bewältigung des Jahrtausendwechsels ist der christliche Glaube aber durchaus nicht so überholt, wie es der Karlsruher Professor Peter Sloterdijk in einem Beitrag meint: „Seit Beginn der Moderne leben wir in einem unendlich offenen Horizont und verstehen den Kalender nicht mehr im christlichen Sinn. Wir zählen doch kaltblütig über das Jahr 2000 hinaus! Nur einige wenige nervöse Geschöpfe projizieren ihre eigenen Krisen in die Zahlenkrise hinein!“

Der Professor weist darauf hin: Auch vor tausend Jahren hat es kein allgemeines Krisenbewußtsein gegeben. Man hat ja die dreifache Null der arabischen Zahlzeichen gar nicht gekannt, sondern die römische Zahl „M“ für Tausend verwendet. Weiterhin meint der Professor: Die Menschen seien heute nicht mehr Gemeindeglieder einer christlichen Lehre und nicht Schüler eines Propheten, sondern Kunden und Käufer, die sich einem individuellen „Mix spiritueller Vitamine“ zusammenstellen.

Religionen werden immer mehr danach beurteilt, ob sie zur seelischen Gesundheit beitragen. Sinnsysteme werden nicht mehr über Schulen und autoritative Belehrung vermittelt, sondern über den weltweiten Markt spiritueller Angebote. Das sei der Grund für die Ablösung des Christentums durch einen überschäumenden Esoterik-Markt. Nach Meinung anderer hat die Esoterik-Welle aber schon ihren Höhepunkt überschritten. Die Richtung gehe jetzt mehr auf die Naturwissenschaften und auf Extremsportarten.

Das zeigt doch: Der Mensch braucht etwas, woran er sich halten kann. Zahlen-Symbolik hilft da an sich nur wenig. Die Festlegung unsres Kalenders ist sowieso einigermaßen willkürlich. Jesus ist nicht am „Tag Eins“ des Jahres „Null“ geboren, sondern man hat erst Jahrhunderte später zurück gerechnet und hat dann das laufende Jahr festgelegt. Jesus könnte durchaus schon vor dem Jahre 0 geboren worden sein. Aber entscheidend ist ja nicht der genaue Zeitpunkt seiner Geburt, sondern die Tatsache seiner Geburt.

Deshalb ist nicht die kalendermäßige Jahreswende der Höhepunkt des Jahres, sondern das Christfest einige Tage früher. Auch dieser Tag ist nicht der tatsächliche Geburtstag Jesu (zumindest ist das sehr unwahrscheinlich), sondern an diesem Tag denken wir nur an das Ereignis seiner Geburt und feiern sie. Man muß ja bedenken, daß die Geburt Jesu ganz unspektakulär vor sich ging. Er war ein Kind wie tausend andere, nichts deutete auf seine spätere Bestimmung hin. Erst als er berühmt geworden war, erst als er in der christlichen Gemeinde eine grundlegende Rolle spielte, fragte man danach, wie denn alles begonnen habe. Und dann erzählte man all die schönen Weihnachtsgeschichten, die das Besondere an diesem Kind her­vorheben wollen. Erst nachträglich hat man erkannt, daß mit der Geburt Jesu etwas Neues in die Welt gekommen ist.

Deshalb erinnern wir uns als Christen an die wirkliche Zeitenwende vor 2000 Jahren, an die Nacht der Nächte, als der christliche Glaube seinen Anfang nahm mit der unscheinbaren Geburt eines Kindes. Deshalb können wir auch den nächsten Wochen gelassen entgegensehen. Der Übergang ins nächste Jahrtausend dagegen wird uns nichts Neues bringen, denn seit Jesu Geburt kommen nur noch Jahre „nach Christi Geburt“. Freuen wir uns also auf das Christfest. Und freuen wir uns auf das neue Jahr und das neue Jahrtausend: Es wird wieder ein Jahr mit Christus werden. Aber der eigentliche Gedenktag ist erst das Christfest des Jahres 2000!

 

Das Lebensbild durchgestrichen                                                                             Neujahr

Der englische Maler Thornbill hatte den Auftrag erhalten, das Innere der Kuppel in der Sankt Pauls Kathedrale in London auszumalen. Nach vielen Monaten voller Arbeit hatte er einen Abschnitt dieses Auftrags beendet. Er stand auf dem Gerüst und wollte sehen, wie die Bilder aus der Entfernung wirken. Während er die Augen auf die Malerei richtete, ging er immer weiter zurück. Dabei bemerkte er gar nicht, daß er immer mehr an den Rand des Gerüsts kam. Noch einen halben Schritt weiter, und er wäre abgestürzt.

Aber einer der Gehilfen des Malers bemerkt die Gefahr. Er ergreift einen Pinsel und zieht über das fast vollendete Gemälde einen breiten Strich. Der Maler ist außer sich vor Zorn und springt nach vorne, um den Frevler zurückzureißen. Sein Zorn verwandelt sich aber schlagartig in tiefste Dankbarkeit, als er den Grund der ungewöhnlichen Handlung erkennt. Der Gehilfe sagt zu ihm: „Meister, indem ich die Malerei verdarb, habe ich Ihr Leben gerettet. Hätte ich nämlich gerufen, so hätten Sie sich vermutlich umgewandt und wären abgestürzt!“

So macht auch Gott manchmal einen Strich durch die schönen Bilder, die wir uns von unserem Leben machen. Denken wir nur an das vergangene Jahr. Was haben wir doch alles erreichen wollen, was hatten wir uns nicht alles vorgenommen! Wir wollten im Beruf vorankommen, wir wollten unsere Wohnverhältnisse verbessern, wir wollten ein neues Auto kaufen, wir wollten endlich die schon lange geplante große Reise unternehmen.

Aber dann wurde uns ein Strich durch die Rechnung gemacht: Wir mußten zu einer Operation, die Firma ging pleite, der Sturm deckte das Dach ab, ein ungeplantes Kind kam dazwi­schen. Es gibt so vieles, was unsre Pläne über den Haufen werfen kann. Das heißt nicht, daß wir keine Pläne machen dürften. Der Mensch lebt davon, daß er Entwürfe für sein Leben macht und sie zu verwirklichen versucht. Aber wir müssen damit rechnen, daß sich nicht alles so verwirklichen läßt, wie wir uns das vorgestellt haben. Wenn Gott etwas durchstreicht, dann löscht er damit nicht nur unsre schönen Pläne, sondern auch unser Versagen und unsre Fehler. So dürfen wir froh sein, weil er die Schuld des vergangenen Jahres ausgestrichen hat. Ohne das hätten wir den verhängnisvollen Schritt nach hinten getan und wären abgestürzt. So aber sind wir nach vorne geschritten und konnten neu beginnen.

Deshalb bringt es nichts mehr, wenn wir den verpaßten Chancen des vergangenen Jahres nachtrauern. Das ist nun vorbei, daran läßt sich nichts mehr ändern. Und wir können wieder zufrieden sein, wenn wir das verinnerlichen, was der Prophet sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Gedanken höher als eure Gedanken!“

Inzwischen hat ein neues Jahr begonnen. Wir dürfen in dieses Jahr hineingehen im Vertrauen auf Gottes Geleit. Wenn früher die Kaufleute von Frankfurt nach Leipzig zogen, dann wurden sie an der Rumpenheimer Fähre von den Dörnigheimern empfangen und durch das Gebiet des Ortes geleitet, damit ihnen Räuber nichts antun konnten. Allerdings geschah das nicht ganz uneigennützig, sondern für den Geleitschutz mußte natürlich Geld gezahlt werden.

Gott aber verlangt keine Gegenleistung für sein Geleit. Er warnt uns vor Gefahren, die wir nicht im geringsten ahnen. Er hält die Hand dazwischen, wenn wir abzustürzen drohen. Wir erkennen das nicht immer gleich, sondern sind im Gegenteil oft unzufrieden mit dem, wie alles gelaufen ist. Aber letztlich werden wir doch auf den richtigen Weg gebracht.

So dürfen wir auch das neue Jahr beginnen mit der Verheißung: „Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden!“ Das ist eines der wunderbarsten Worte der Bibel. Es ermutigt uns, zuversichtlich ins neue Jahr zu gehen. Es wird nicht alles so kommen, wie wir es uns heute wünschen. Aber es wird so kommen, daß wir nicht abstürzen.

Deshalb braucht keiner Angst zu haben, wenn das neue Jahr drohend und dunkel vor ihm steht. Gott malt schon an dem Bild unsres Lebens. Er versteht sein Fach und wird das Beste für uns entwerfen. Auch wenn wir im Augenblick unzufrieden sind, so werden wir am Ende doch erkennen, daß wir letztlich vor vielem bewahrt worden sind.

 

„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“                                                   Neujahr

Die Lage ist trist, die Zukunft katastrophal, schuld sind die anderen - allen voran die Regierung. Es vergeht kein Tag ohne Berichte in Fernsehen, Rundfunk und (Bild-)Zeitung, in denen klagende Wirtschaftsfachleute und Interessenvertreter zu Wort kommen. Die übliche Dauerkritik ist zu einem tosenden Klagelied angeschwollen. Jammern zahlt sich in unserem üppig gebenden Sozialstaat aus, denn wer laut genug schreit, darf auf Erhöhungen der Zu­schüsse hoffen. In einer Umfrage zu Beginn des Jahres wurde nach den wirtschaftlichen und politischen Zukunftsaussichten für das neue Jahr gefragt. Ein Viertel der Bürger erwartet, daß alles so bleibt. Nur wenige - vor allem Jüngere - glauben, daß es im nächsten Jahr endlich wieder aufwärts geht.

Das sieht nach allgemeiner Verzweiflung aus - keine gute Ausgangsbasis für positive Veränderungen. In Befragungen zeigt sich immer wieder, daß die Deutschen zwar große gesellschaftliche Probleme wahrnehmen, mit ihrem eigenen Leben jedoch zufrieden sind. Bleibt die Katastrophe wider Erwarten aus, kommt es zu einem schweren Katzenjammer, der nur von der Aussicht auf das nächste Unheil geheilt wird.

Gerade die Interessenvertreter gehören zu den größten Nörglern der Nation. Jammern ist immer mit der Übertragung der Schuld an andere verbunden. Nicht die eigene Gruppe, sondern die anderen sind stets schuld. Diese Haltung gibt es in anderen europäischen Ländern nicht. Dort werden Probleme angepackt und schneller gelöst. Die Deutschen sind als Volk der Dichter und Denker grüblerischer veranlagt und jammern mehr. Einige Menschen lehnen die ewige Miesmacherei mittlerweile gewaltig ab. Unternehmer und Forscher melden sich zu Wort, um zu verhindern, daß Deutschland im Jammertal versinkt.

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking gehört zu den prominentesten Anti-Jammerern in Deutsch­land. „Einen Standort kann man auch kaputt reden“, sagt er. Erich Sixt, der Chef des Autovermieters Sixt, meint: „Es besteht die Gefahr, daß durch das ständige Jammern über die Konjunkturflaute eine Art selbst erfüllende Prophezeiung entsteht. Wir sollten beginnen, positiv zu denken.“ Diese Handvoll Unternehmer gehören zur kleinen Minderheit, die Optimismus verbreitet. Es hat sogar eine Initiative von Reichen gegeben („Vermögende für die Vermögenssteuer“), die sagt: „Wer mehr hat, kann und sollte auch mehr geben!“ Damit nahmen sie eine Haltung ein, die in Deutschland ungewöhnlich ist. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk, sagt: „Wenn die Deutschen Licht am Ende des Tunnels sehen, neigen sie oft dazu, den Tunnel erst noch zu verlängern!“ Wer ein optimistischer Typ ist, sieht durchaus Licht am Ende des Tunnels. Der Pessimist hält es für die Signale des entgegenkommenden Zuges. Irren tun sich beide sicher genausooft. Nur sind die Optimisten weitaus glücklicher dabei. Nicht, daß es keinen Grund zur Sorge gäbe.

Aber wenn dazu noch Untergangsstimmung kultiviert wird, kann auch aus den vorhandenen guten Ansätzen und hoffnungsvollen Vorgängen nicht viel werden. „Frisch gewagt, ist halb gewonnen"“ haben die Altvorderen ihre Lebenserfahrung zusammengefaßt. Statt mit pessimistischen Prognosen ins neue Jahr zu gehen, kommt es darauf an, das dankenswert Gute in den Blick zu nehmen, positive Erfahrungen laut weiter zu sagen und sich überall dort tatkräftig einzusetzen, wo unserer Meinung nach Zukunftsweisendes geschieht. Da bleibt einfach keine Zeit zur Niedergeschlagenheit.

Ein Bibelwort hat mich in diesem Zusammenhang immer wieder begleitet. Es war auf das Altartuch in einer Kirche gestickt, in der ich Dienst tat: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler!“ (Jesaja 40,31). Wenn wir mit Gott ins neue Jahr gehen, bekommen wir immer wieder Kraft für unser Leben.

 

 „... auffahren mit Flügeln wie Adler”                                           (geschrieben 2006)

Im Tierpark „Alte Fasanerie“ bei Klein-Auheim gibt es einen Adler, der manchmal zu Spielen der Frankfurter Eintracht ins Waldstadion gebracht wird. Es wird erzählt, wenn der Adler

dabei war, habe die Eintracht noch nie verloren. Gegen Mainz haben sie immerhin nicht

verloren. Aber den Klassenerhalt haben sie dann auswärts in Dortmund klargemacht - auch ohne Adler. Hauptsache ist offenbar, daß man an die Kraft eines solchen Symbols glaubt und daß der Glaube auch hochbezahlte Profi-Fußballer beflügelt.

Der Adler hat so scharfe Augen, daß er aus 400 Meter Entfernung eine Zeitung lesen könnte. Mit seinen zwei Meter breiten Flügeln kann er sich in große Höhen hochschrauben. Die Enden seiner Flügel sind etwas hochgebogen, damit dort Verwirbelungen vermindert werden und Kraft gespart wird. Er kann Beute im Flug fangen oder blitzschnell zu Boden stoßen, um ein Beutetier zu fangen. Der Adler ist der Inbegriff der Stärke und des Könnens. Deshalb ist er nicht nur das Wappentier der Frankfurter Eintracht, sondern zum Beispiel auch der Stadt Frankfurt und unseres gesamten Staates.

Auch in der Bibel wird das Beispiel des Adlers immerhin 17 mal gewählt. Mir gefällt am Besten das Wort aus Jesaja 40, Vers 31: „Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und

nicht müde werden!“ Jahrelang habe ich diesen Vers als Schrift auf dem Altarumhang gesehen.

Ich kannte ihn vorher nicht, aber er ist zu einem meiner Lieblingssprüche aus der Bibel geworden. Der seine Schwingen in den Wind haltende Adler, der wie von selbst immer höher getragen wird, kann uns das Bild sein für das Leben eines Christen: Wer immer nur selbst mit den Flügeln schlägt, wird nicht weit kommen und vor allem nicht hoch. Wer aber Gottes Kraft nutzt, gewinnt den Überblick über die Landschaften seines Lebens. Frei wie ein Adler wollen wir alle sein oder werden.

Der Glaube wird dabei aber von manchen Menschen als hinderlich angesehen: Wer nach Gott fragt, mache sich doch abhängig und sei nicht mehr ein freier Mensch über sein Leben. Gott ziehe nach unten und nicht nach oben. Er drücke den Menschen nieder auf den Boden und lasse ihn nicht mehr hochkommen. Gott mache unfrei. Bei Jesaja dagegen heißt es: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft!“

Wenn man gespannt wartet auf das Eingreifen Gottes, dann wird es auch geschehen. Wir können es nicht allein schaffen - wir brauchen es auch nicht allein zu schaffen. Es gibt aber einen, der uns Aufwind und Auftrieb verschafft. Vielleicht muß man nur mehr danach suchen, sich dorthin begeben, wo Gottes Winde wehen.

Vor allem der Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort, die Gemeinschaft mit anderen Christen gibt uns neuen Aufschwung. Aber auch wenn dann der Weg der Kirche und auch der persönliche Weg nicht immer dem Flug des Adlers gleicht, so bleibt doch die Gewißheit, Gott geht mit uns, er hebt und trägt uns.

 

„Wenn der Herr will und wir leben“                                                              Neujahr

Das neue Jahr ist bald schon wieder ein altes. Aber am Ende des ersten Monats ist es Zeit, schon einmal eine kleine Bilanz zu ziehen: Was ist aus den guten Vorsätzen geworden, die wir uns für das neue Jahr gefaßt hatten? Haben sich unsere gutgemeinten Vorhaben und schönen Träume vom besseren Leben verflüchtigt wie ein Rauch? Soll man sich überhaupt etwas vornehmen für ein neues Jahr? Vor allem aber dürfen wir auch nicht außer acht lassen, daß die Verwirklichung unserer Vorhaben nicht allein in unserer Macht steht. Ohne Gott geht gar nichts in unserem Leben.

Das spricht auch die „Bedingung des Jakobus“ aus, die im Jakobusbrief Kapitel 4, Vers 14 bis 15 steht: „Ihr wißt nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen solltet ihr sagen: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun!“

Unser Leben und unsere Vorhaben stehen immer unter dem Vorbehalt, daß wir nicht wissen, ob wir den nächsten Tag noch erleben. Das soll uns nicht erschrecken, aber doch nüchtern bleibenlassen: Man kann planen, man muß planen, aber das Gelingen gibt allein Gott.

Doch man darf auch nicht in das andere Extrem verfallen, daß man alles Gott überlassen will, ohne selbst etwas zu tun. Das erfuhr ein junger Mann, der im Traum in einen Laden ging, um einzukaufen. Hinter dem Tisch stand ein Engel. um ihn zu bedienen. Der junge Mann will die Gelegenheit nutzen und fragt: „Was verkaufen Sie, mein Herr?“ Der Engel antwortete: „Alles, was sie wollen!“ Da sagte der junge Mann: „Ich hätte gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika und Afrika, Arbeit für die Arbeitssuchenden, Ausbildungsplätze für Jugendliche, bessere Maßnahmen gegen Rauschgift und Aids, tatkräftige Hilfe für Straßenkinder und ….und…. und!“ Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: „Entschuldigen Sie, junger Mann. Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen!“

Aber immerhin haben wir den Samen. Er ist uns am Anfang des Jahres anvertraut, damit wir ihn aussäen und zu vermehren versuchen. Allerdings braucht alles seine Zeit, Gott muß das Gedeihen dazu geben. Aber er verspricht uns gute Frucht, wenn wir uns nur auf ihn verlassen und ihm vertrauen. Treffend beschreibt das auch ein irischer Segenswunsch: „Möge die Saat, die du ausgestreut hast, dir und den deinen hundertfältige Frucht bringen, tausendfältige jedoch, wenn du sie teilst! Ein Samen bringt erst dann wahre Frucht, wenn sie mit anderen geteilt wird“". Im neuen Jahr haben wir viel Gelegenheit dazu.

 

Mit Zuversicht ins neue Jahr                                                                                 Neujahr

Bei der Eingangsuntersuchung in einer Klinik drückte man mir auch einen Fragebogen in die Hand, mit dem man testen wollte, ob ich seelische Probleme habe. Sie hatten dort nämlich auch einen Psychologen, der beschäftigt werden sollte. Oder sagen wir es positiver: Sie wollten den Patienten ganzheitlich helfen und auch bei seelischen Problemen helfend eingreifen.

Doch bei allen Fragen hätte ich am liebsten die „Null“ angekreuzt: Keine Angst, keine Schüchternheit, keine Kontaktschwierigkeiten (außer meinem Horror vor dem Telefon, aber danach wurde nicht gefragt).

Ich habe dann bei drei Fragen doch einmal die „eins“ angekreuzt. Aber meine Befürchtung trat nicht ein, der Psychologe blieb mir erspart. Nur ein Arzt sprach den Fragebogen noch einmal kurz an: „Da hat sich ja nichts ergeben!“ Ich sagte: „Es gibt kaum einen Menschen der optimistischer ist als ich. Bekannte haben mir das schon gesagt, daß ich bei jeder Sache doch noch etwas Gutes finde!“

Allerdings muß ich zugeben, daß mein Körper in dieser Zeit eine andere Sprache sprach. Als ich vor dem Operationssaal auf dem Tisch lag, hatte ich einen Blutdruck von 180 zu 100. So ganz spurlos gehen Streß-Situationen an keinem Menschen vorüber. Aber gerade dann braucht man einen Halt, um diese Situation zu überwinden.

Da kann einem helfen, wenn man nicht allein ist. Wie gut ist es, wenn man einen Ehepartner hat: Manchmal ist der Mann positiver, manchmal die Frau. So kann man sich gegenseitig ausgleichen. Wie gut ist es, wenn man Freunde oder Freundinnen hat, mit denen man einmal alles besprechen kann. Auch Fachleute wie Psychologen oder Seelsorger sind da natürlich eine Hilfe.

Aber letztlich kann uns nur Gott helfen, die Angst vor der Zukunft zu überwinden. „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ heißt es in Johannes 16,33. In der DDR wurde dieser Spruch nicht in Todesanzeigen gedruckt, mit dem Argument, im Sozialismus brauche man keine Angst zu haben. Wir wissen es besser. Aber wir wissen auch, wer diese Angst besiegen kann: Gott eröffnet uns eine Zukunft und hilft uns, mit den Schwierigkeiten unsres Lebens fertig zu werden. Deshalb können wir auch mit Zuversicht ins neue Jahr gehen.

 

Auch das neue Jahr beginnen wir mit Dank

In einer Metzgerei: Die freundliche Verkäuferin reicht dem Kind eine Scheibe Wurst. Das Kind nimmt die Wurst und verzehrt sie auf der Stelle. Ein Mann beobachtet die Szene und meint: „Na, willst du nicht Danke sagen?“ Darauf erwidert die Mutter: „Die Danke-Gene­ration ist ausgestorben.“ Die anderen Kunden schauen sich teils betreten, teils empört an. Aber keiner sagt etwas. Jeder denkt sich sein Teil. Sicher auch: „Ja, Undank ist der Welt Lohn, und das nicht erst in unserer Zeit.“

Wo Menschen nicht mehr Danke sagen, da fehlt etwas. Nicht nur dem, der auf den Dank wartet, auch dem, der etwas Gutes einfach so hinnimmt. Denn wer nicht Danke sagen kann und keine Dankbarkeit empfindet, dem ist das Gute allzu selbstverständlich geworden. Und wozu sollte man sich freuen über das, was selbstverständlich ist? Wo Menschen aber Danke sagen können, da gewinnen sie an Lebensfreude. Denn sie erkennen: Das Gute, das mir täglich begegnet, ist ein Geschenk.

Das hat ein indischer Christ erkannt, als er betete:„Ich klage nicht darüber, daß hier keine elektrischen Lampen leuchten. Aber ich danke dir, mein Herr, für die glänzenden Sterne und den Mond. Ich klage nicht darüber, daß wir hier keine Wasserleitungen haben. Aber ich danke dir, mein Herr, für den sprudelnden Wasserquell und den Monsunregen. Ich klage nicht darüber, daß ich nicht in einem Bungalow wohne. Aber ich danke dir, mein Herr, für die Bambuspflanzen, aus denen ich meine Hütte bauen kann. Ich klage nicht darüber, daß wir keine großen Pläne für die Zukunft haben. Aber ich danke dir, mein Herr, daß wir auf dich hoffen dürfen. Ich klage nicht darüber, daß wir ungebildet und arm sind. Aber ich danke dir, mein Herr, daß du uns reich machst, andere zu lieben.“

Danken ist positiv und aufbauend. Der indische Christ entdeckt die Pluspunkte seines Lebens und verkleinert damit die Minuspunkte. Er belügt sich nicht, sondern wird zufriedener. Zu dieser optimistischen Lebenseinstellung können wir uns durch Danken erziehen. Denn auch „positive Augen“, die in allen Lebenslagen zuerst die Sonnenseiten und nicht die Schattenseiten sehen, haben wir nicht geerbt. Christen wissen, daß Gott das Beste mit uns vorhat. Was er geschaffen hat, ist gut (siehe 1. Timotheus 4, 4: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird!“). Was wir dankbar genießen können, verliert seinen unguten Beigeschmack. Dankbarkeit verändert unsere gesamte Lebenseinstellung

 

Das Licht kam in die Finsternis                                           Letzter Sonntag nach Epiphanias

Peter Hahne war von Beruf Pfarrer und wurde dann Nachrichtensprecher beim Fernsehen, heute ist er Korrespondent in Berlin. In einem Interview im Dezember 2003 sagte er:

„Als Nachrichtensprecher beginnt man mit ,Guten Tag', obwohl man weiß, daß die folgenden Meldungen und Berichte gar nicht so gut sind. An Weihnachten ist es umgekehrt. Da gibt es nur die frohe Botschaft, die in eine nicht sehr gute Welt gesprochen wird!“

Unsere Welt ist nicht so, wie wir sie uns wünschen. Viele stöhnen: Überall diese Gewalt, es ist alles teurer geworden, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Krankenversorgung ist nicht gesichert, die Rente reicht nicht! Dabei geht es uns doch gut. Sicherlich, es gibt einige Staaten, in denen es den Menschen noch besser geht, wie zum Beispiel in unserem Nachbarland Luxemburg. Aber wenn wir unter rund 200 Staaten an 15. Stelle liegen, dann haben wir doch keinen Grund zum Klagen.

Auch als Christen haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Seit Jesus in die Welt kam, ist das Licht für alle Menschen aufgegangen. Das Johannesevangelium drückt es so aus-„Das Licht kam in die Finsternis!“ (Johannes 1, Vers 5). Wenn es dunkel ist, haben viele Menschen Angst. Aber sowie es hell wird, ist diese unerklärliche Angst auf einen Schlag verflogen. Wir brauchen das Licht, um ohne Angst leben zu können.

Seit Jesus haben wir diese Möglichkeit. Darüber könnten wir an diesem Sonntag noch einmal nachdenken. Er ist der letzte Sonntag im Weihnachtsfestkreis. Viele haben jetzt eher die Fastnacht im Sinn, in der sie einmal für einige Stunden den Alltag überwinden wollen. Aber theologisch gesehen haben wir immer noch Weihnachten. Dieses Fest beschränkt sich nicht auf einige wenige Tage, sondern es wirkt in die Welt und die Zeit hinein. Jede Zeit ist seitdem Zeit nach Weihnachten.

Im Johannesevangelium hat der Satz noch eine Fortsetzung: „….doch die Finsternis hat‘s nicht begriffen“ oder etwas später: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf!“ Da ist es auch, das Bedauern, daß die Welt nicht so ist, wie sie sein könnte. Aber das Schwergewicht bei Johannes liegt auf solchen Sätzen wie „Die ihn annahmen, konnten Gottes Kinder werden“ oder „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns!“

Seit Weihnachten gibt es eine andere Möglichkeit, wie wir in der Welt leben können. Um uns herum ist nicht nur Dunkelheit, sondern auch Licht. Es gilt nur, dieses Licht auch in unserem Alltag wahrzunehmen. Wenn man mit der U-Bahn von Enkheim in die Innenstadt fährt, kommt man zur Station „Parlamentsplatz“. Dort ist im ganzen Bahnhof an den Wänden eine schwarz-weiß Grafik zu sehen. Man kann sich fragen: Sind die weißen Flächen das Bild oder die schwarzen? Ein Psychologe würde aus der Antwort wohl auf die innere Beschaffenheit des Menschen schließen: Wer Probleme hat, wird alles nur schwarz sehen. So beschreiben es auch Menschen, die unter Depressionen leiden: Sie kommen sich vor, als würden sie mitten in einem völlig dunklen Zimmer sitzen.

Nur wer optimistisch ist, wird die weißen Flächen zu einem Bild zusammensetzen. Christen haben den Schlüssel dafür, die weißen Flächen zu erkennen. Sie nehmen zwar auch das Dunkle wahr. Aber die eigentliche Botschaft kommt aus den hellen Flächen, nur sie ergeben ein sinnvolles Bild, nur sie machen Mut und eröffnen eine Zukunft. Unsre Welt ist nicht nur dunkel, sondern sie wird erhellt durch das Licht der Weihnacht.

Deshalb haben wir das Recht und die Pflicht, einem anderen Menschen einen „Guten Tag“ zu wünschen. Wir sollten es nicht nur als höfliche Floskel dahin sagen, sondern wirklich ernst meinen. Jeder Mensch verdient einen „Guten Tag“, braucht unsre Segenswünsche, braucht unsren menschlichen Beistand und vor allem auch Gottes Zuwendung. Vor allem aber brauchen wir selber das auch jeden Tag. Doch aus Gottes Wort wird uns jeden Tag ein „guter Tag“ zugesagt und damit kommt Licht in unsre Finsternis.

 

Gott schickt die Feuerwehr                                                                                    Fastnacht

Ein Pfarrer gerät auf dem Nachhauseweg in den Sumpf. Aber er macht sich weiter keine Sorgen und denkt: „Mir wird schon nichts passieren, Gott wird mir helfen!“ Ein zufällig vorbeikommender Mann alarmiert die Feuerwehr. Doch als die kommt, sagt der Pfarrer: „Ihr braucht mir nicht zu helfen, der Herr ist mein Hirte!“ Nach einer Stunde fährt die Feuerwehr aber doch noch einmal hin und sieht den Pfarrer bis zum Bauch im Moor stehen. Aber er wehrt wieder ab: „Der Herr hat seinen Engel befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen!“ Als die Feuerwehr zwei Stunden später wieder kommt, steckt der Pfarrer bis zur Unterlippe im Sumpf, ruft aber dennoch: „Gott, von allen Seiten umgibst du mich!“ Dann gluckert er ab. Vor der Himmelstür schimpft der Pfarrer wie ein Rohrspatz: „Über 40 Jahre habe ich dir gedient. Ich habe den Zölibat eingehalten. Bei Wind und Wetter bin ich zu den Kranken gegangen. War das denn nun alles vergebens?“ Da antwortet ihm Gott achselzuckend: „Sollte ich dir denn noch mehr als dreimal die Feuerwehr schicken?“ Die Geschichte macht uns deutlich:

1. Wir können uns nicht in jeder Lage selber helfen: Vieles ist uns möglich. Wir haben Kräfte und Fähigkeiten, die wir einsetzen sollen. Erst einmal sind wir selber gefordert und können uns nicht nur auf Hilfsorganisationen verlassen. Dazu gehört auch, daß man vorsichtig ist und nicht mit den Skiern einen Hang hinunter fährt, der gar nicht dafür freigegeben ist. Zuerst einmal sind wir für uns selber verantwortlich.

2. Gott hilft durch Menschen: Manchmal kommen wir auch an Grenzen unserer Möglichkeiten. Dann sind aber oft andere Menschen da, die uns helfen können. Ihre Hilfe sollten wir nicht stolz ablehnen, sondern gern annehmen. Gott hilft meist nicht durch sogenannte „Wunder“, sondern durch andere Menschen. Diese haben sich in besonderer Weise auf den Notfall vorbereitet, haben die Hilfe in vielen Stunden trainiert. Da darf man auch gern auf sie zurückgreifen, wenn man sich nicht selber helfen kann. Wir leben zum Glück nicht allein auf der Welt, sondern sind dazu da, anderen zu helfen oder uns von ihnen helfen zu lassen.

3. Wenn Gott hilft, muß man seine Hilfe erkennen und zugreifen: Es genügt nicht, wenn wir sagen: „Bisher habe ich immer Glück gehabt, es wird auch jetzt wieder gut gehen!“ Man muß auch erkennen, daß Gott hinter jeder Hilfe steht, die uns zuteil wird. Und dann darf man nicht zu stolz sein, auch Hilfe anzunehmen. Das waren auch nicht die drei katholischen Nonnen, die im Winter in der Rhön mit dem Auto liegengeblieben waren und froh waren, daß ein anderer Autofahrer sie mitnahm. Sie sanken erleichtert auf die Sitze des warmen Autos und eine sagt erleichtert: „Maria hat geholfen!“ Da sagt der Fahrer ganz trocken: „Das war nicht Maria, sondern der evangelische Pfarrer!“

Nun ist aus meinen „Gedanken zum Sonntag“ fast eine Büttenrede geworden. Aber wie bei einer Büttenrede steckt hinter allem doch ein ernster Hintergrund.

 

Nur die Liebe Jesu Christi überwindet die Kälte zwischen den Menschen         Karfreitag

Der englische Schriftsteller Oscar Wilde gilt allgemein als scharfzüngiger Satiriker. Aber er hat auch eine wundervolle, zarte Geschichte geschrieben, in der er auf das Geschehen an Karfreitag Bezug nimmt. Die Geschichte heißt „Der selbstsüchtige Riese“ und ist mit Bildern von Lisbeth Zwerger im Michael Neugebauer Verlag erschienen. In Kurzfassung lautet sie:

Wenn die Kinder aus der Schule kommen, gehen sie in den Garten des Riesen, um darin zu spielen und glücklich zu sein. Doch eines Tages kommt der Riese nach langer Abwesenheit zurück und verjagt die Kinder. Er baut eine hohe Mauer um den Garten und stellt ein Verbotsschild auf: er will den Garten ganz allein nutzen.

Doch als der Frühling kommt, bleibt es im Garten des selbstsüchtigen Riesen immer noch Winter. Weil keine Kinder da sind, wollen auch die Vögel nicht singen und die Bäume nicht blühen, Der Garten bringt keine Frucht. Eines Morgens aber singt ein kleiner Vogel vor dem Fenster des Riesen. Er sieht hinaus in den Garten und entdeckt in den Zweigen der Bäume lauter Kinder. Die Bäume sind voller Blüten, die Vögel zwitschern, die Blumen blühen aus dem grünen Gras. Nur im entferntesten Winkel des Gartens ist noch Winter. Dort steht ein kleiner Junge und weint, weil er nicht zu den Zweigen hinaufreichen kann. Da weiß der Riese, was er zu tun hat: Er setzt den kleinen Jungen in den Wipfel des Baumes, er reißt die Mauer ein und erklärt: „Das ist jetzt euer Garten!“

Als sich die Kinder aber verabschieden, ist der kleine Junge nicht mehr da. Er kommt auch nicht wieder, obwohl der Riese sich so sehr nach seinem kleinen Freund sehnt. Erst als der Riese alt ist, entdeckt er an einem Wintermorgen im entferntesten Winkel des Gartens einen Baum mit lieblich weißen Blüten. Darunter steht der kleine Junge. Der Riese hastet hin. Aber sein Gesicht rötet sich vor Zorn „Wer hat es gewagt, dich zu verwunden?“ ruft er. Denn auf den Handflächen und an den Füßen sieht er die Wundmale von Nägeln. Der Riese greift nach seinem Schwert und will den Übeltäter erschlagen. Der Junge aber sagt: „Laß nur dein Schwert stecken, denn dies sind die Wunden der Liebe!“ Eine fremdartige Scheu überfällt den Riesen. Er kniet nieder vor dem Kind. Dieses lächelt ihm zu und sagt „Du ließest mich einst in deinem Garten spielen. Heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen!“ Als die Kinder am Nachmittag in den Garten kommen, finden sie den Riesen tot unter dem Baum liegen, ganz bedeckt mit weißen Blüten.

So wie der Riese haben wir alle unsre Welt abgeschottet, gegen Kinder, Schwache und andere Hilfsbedürftige. Wir sehen die Welt als unsren Garten an, in dem wir bestimmen können. Wir fühlen uns als Riesen, die tun und lassen können, was sie wollen. Hinter unseren Mauern fühlen wir uns sicher. Wir halten uns für stark und eigenständig, wollen nur unseren Genuß und unsere Ruhe haben. Aber in Wirklichkeit ernten wir nichts als Sturm und Kälte und Einsamkeit. Da muß erst einer von außen kommen und die Mauern wieder aufbrechen und neues Le­ben in unsere Welt bringen, die ja Gottes Garten ist.

So kommt auch Jesus als ein Kind in die Welt. Erst durch ihn kommt Leben in die Welt, Wärme und Liebe. Er allein kann den Zugang zum Paradies wieder öffnen. Wenn er die Mauer der Selbstsucht und des Todes durchbrochen hat, können auch die anderen ihm folgen. Gerade im Winter kommt er und macht alles neu. Durch die Begegnung mit ihm verändern sich die Menschen. Wer ihm oder einem Menschen Gutes tut, der ändert das Klima in der Welt.

Der Riese will zunächst auch erst zur Gewalt greifen. Aber Jesus macht ihm deutlich: Nicht mit Gewalt und Vergeltung lösen wir die Probleme unserer Welt, sondern nur mit Liebe. Aber so leicht ist das nicht: Erst muß einer ans Kreuz genagelt werden, muß verwundet werden und klein werden wie ein Kind. Aber der Gekreuzigte ist ja längst auferstanden. Er nimmt uns mit in seinen Garten, in dem es immer Frühling gibt und die Kinder spielen dürfen und alles gut ist. Das wissen wir schon am Karfreitag.

 

Konfirmation

Früher bestand die Konfirmation aus einer Fülle von Akten: Sie war erster Gang zum Abendmahl, sie war Tauf- und Glaubensbekenntnis, aber im Bewußtsein der Menschen war sie vor allem Schulentlassung und Feier des Übergangs von der Kindheit zur Jugend. Heute ist das mehr entzerrt, vor allem dürfen die Konfirmanden schon während ihrer Konfirmandenzeit zum Abendmahl gehen.

Abendmahl ist nicht - wie die Taufe - ein einmaliger Akt fürs ganze Leben. Es wird öfter angeboten und will immer wieder neu eine Stärkung für die nächste Zeit sein. Dazu muß es aber eingeübt werden. Es kann nicht wie ein Trockenschwimmkurs sein, an dessen Ende man ins

Wasser geworfen wird und es dann können soll.

Gewiß sind die die Vorkonfirmanden noch etwas unsicher, wenn sie die ersten Male zum Abendmahl gehen. Durch ein etwas unterdrücktes Lachen und manche Bemerkung versuchen sie diese Unsicherheit zu überspielen. Aber mit der Zeit gewöhnen sie sich dran. Im Konfirmandenunterricht kann noch einmal darüber gesprochen werden. Der Gang zum Abendmahl wird von mal zu mal selbstverständlicher. Nur was man kennt, kann einem vertraut und lieb werden.

Selbstverständlich gehört auch zum Konfirmationsgottesdienst das Abendmahl. Und auch die anderen Dinge wie Bekenntnis und Beginn eines neuen Lebensabschnittes spielen eine Rolle. Aber Hauptsache. ist die Einsegnung. Da wird dem Konfirmanden und der Konfirmandin erneut der Segen Gottes zugesprochen. Er wird den jungen Menschen begleiten, ihm „Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten“ geben, wie es in der Einsegnungsformel heißt.

Jeder Konfirmand und jede Konfirmandin erhält auch einen Bibelspruch mit auf den Weg. Die Bibel ist so dick, daß kein Mensch behalten kann, was alles in ihr steht. Aber das eine oder andere Wort aus ihr könnte man sich doch merken.

Und so möchte ich die Konfirmanden dieses Jahrgangs auf einen Abschnitt aus einer frühchristlichen Schrift hinweisen, die an Timotheus gerichtet ist: „Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und daß du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus!“ (2. Timotheus 3,14-15)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden! Euch ist ein großer Schatz anvertraut mit der Bibel und dem Glauben an Gott. Menschen haben sich um Euch bemüht, haben versucht, euch den Glauben lieb und wert zu machen. Den Glauben kann man nicht erzwingen, er muß von Gott geschenkt werden. Aber der Mensch kann sich öffnen für das, was Erwachsenen ihnen vermitteln wollen. So können auch Heranwachsende und Erwachsene sich öffnen für das, was Gott ihnen sagen will.

Das Entscheidende dabei ist der Glaube. Aber aus ihm folgt dann, was in den nächsten Versen steht: „Denn alle Schrift, von Gotteingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, daß der Mensch Göttes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt!“ (2. Timotheus 3, 16-17)

Glaube ist nicht das Auswendiglernen der Zehn Gebote mit Erklärungen. Aber die Gebote gehören mit dazu. Wer an Gott glaubt, wird das tun, was sich im Umfeld Gottes gehört. Es werden ja auch andere kommen und Einfluß nehmen wollen. Die Konfirmanden und Konfirmandinnen sind christlich erzogen worden. Das Wort „Erziehung“ erinnert an „ziehen“. Viele wollen den Menschen zu sich ziehen. Und dann zerren sie an ihm, um ihn auf die eigene Seite zu bringen. Wer sich aber von Gott erziehen läßt, braucht auf niemand anderes mehr zu hören. Er weiß, von wem er gelernt hat und was er gelernt hat. Christen wissen, auf welche Seite sie gehören und brauchen nicht mehr an sich zerren zu lassen.

 

Die Herrlichkeit der Gebote                                                                          Konfirmation

In diesen Wochen wird in den evangelischen Gemeinden die Konfirmation gefeiert und danach werden die neuen Konfirmanden eingeführt. Dabei machen die jungen Leute einen sehr

braven Eindruck. Manche Eltern erwarten sogar, daß ihnen in der Kirche Sitte und An-

stand vermittelt und Achtung vor dem Alter und den Werten der Gesellschaft. Sie sagen: „Geh da nur hin, da lernst du nichts Schlechtes!“ Aber so ein wenig fragt man sich am Tag der Konfirmation doch: „Was wird aus diesen jungen Leuten werden? Werden sie immer so brav und anständig bleiben oder werden sie vielleicht in schlechte Gesellschaft kommen?“ Schon bei Kindern geht es mit der Kriminalität los.

Mir fällt da eine besondere Konfirmandenstunde ein, die ein Polizist an meiner Stelle gehalten hat. Er sagte mir vorher: „Wundern Sie sich nicht, wenn heute die Konfirmanden aus dem Außenort nicht kommen. Ich will die einmal abfangen. Denn ich vermute stark, daß sie Ladendiebstähle begehen. Denn diese werden immer festgestellt an dem Tag und in der Zeit, wenn Konfirmandenstunde ist!“ Der Polizist hatte recht vermutet: Die vier Verdächtigen mußten in seinem Dienstzimmer alle ihre Diebstahl-Sünden aufschreiben. Diese Konfirmandenstunde werden sie hoffentlich nie vergessen. Der Polizist sagte zu recht: „Man muß diesen Dingen sofort einen Riegel vorschieben. Bei den Kindern hat das noch Sinn, die sind noch nicht so verdorben!“

Das gilt auch bei den anderen jugendliche Untaten: Da zerkratzen sie Autos, schlagen Scheiben ein, sprühen Wände voll, werfen Grabsteine um. Sie wollen auch einmal Macht ausüben, wollen etwas tun, was die ordentliche Gesellschaft nicht billigt. Es mag damit zusammenhängen, daß sie zu einer anderen Generation gehören, die sich kaum etwas erarbeitet hat und nie Not gekannt hat. Wer sich selber alles erringen mußte, der achtet auch eher das, was andere geschaffen haben. Man kann es den jungen Leuten nicht vorwerfen, wenn sie in eine gute Zeit hinein geboren wurden. Doch man könnte ihnen vielleicht doch vermitteln, daß dies ein Grund zur Dankbarkeit ist.

Doch manche Erwachsene haben ja noch nicht einmal begriffen, daß sie Grund zur Dankbarkeit haben. Viele klagen, obwohl es ihnen doch gut geht. Oder sie wollen immer noch mehr haben, obwohl sie doch genug haben. Vor allem sollen die anderen nicht mehr haben, als man selber hat. Vor einiger Zeit hat man einmal folgendes Experiment gemacht: An Passanten auf der Straße wurde ein Gutschein für eine Musik-CD verschenkt. Doch die Kompaktdisk durften sie nicht für sich behalten, sondern sie sollten sie entweder an eine andere Person weiterverschenken oder aber mit einem Hammer zerschlagen. Doch die meisten Beschenkten haben lieber die CD zerstört, um sie nur nicht einem anderen geben zu müssen.

Mancher schätzt sich durchaus als Umweltschützer ein. Er will sich einsetzen für die Erhaltung der Natur, für Tiere und Pflanzen, für gesunde Lebensmittel, für gute Luft und sauberes Wasser. Zur Bewahrung der Schöpfung gehört aber auch die Achtung vor geschaffenen Ge­genständen. In ihnen stecken ja auch Reserven der Natur und die Arbeit anderer Menschen. Der Diebstahl dieser Dinge oder gar sinnlose Zerstörungswut widerspricht auch dem Schlagwort von der „Bewahrung der Schöpfung“.

Junge Leute hören ermahnende Worte nicht so gern (alte übrigens auch nicht). Aber irgendwie muß es auch Regeln geben für das Zusammenleben der Menschen. Die Zehn Gebote Gottes sind dafür nicht veraltet. Im 119. Psalm - dem längsten Psalm der Bibel - wird geradezu das Lob der Gebote gesungen (Verse 7-10). Diese alten Worte sind heute nicht überholt:

„Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, daß du mich lehrst die Ordnung deiner Gerechtigkeit. Deine Gebote will ich halten; verlaß mich nimmermehr. Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an deine Worte. Ich suche dich von ganzem Herzen; laß mich nicht abirren von deinen Geboten!“

Das Halten der Gebote ist leichter, wenn man weggeben kann. Ein Christ verschenkt und gibt dem anderen gern. Er freut sich über Freude der anderen. Das ist ein Wert, den wir selber verinnerlichen sollten, den wir aber auch den jungen Leuten vermitteln könnten.

 

Schlüsselblumen und der Schlüssel zum Himmel                                     Himmelfahrt

Es gibt sie noch, aber sie sind selten geworden: die Schlüsselblumen, die auch „Himmelsschlüssel“ genannt werden. Sie gehören zu den ersten Blütenpflanzen, die das große Erwachen in der Natur ankünden und uns auf schöne Tage hoffen lassen. Der Name ist auf die schlüsselbundähnliche Gestalt des Blütenstandes zurückzuführen. Der Saft soll gegen Schlaganfall, Gicht, Sommersprossen und Erkrankungen der Atemwege helfen, der Tee aus den Blüten gilt als Beruhigungsmittel.

Die Blume regt dazu an, über das Bild vom „Himmelsschlüssel“ nachzudenken. Der Apostel Petrus wird ja als Himmelspförtner mit einem großen Schlüssel dargestellt. Manche machen Witze über Petrus. Aber vielleicht werden sie noch einmal erbleichen, wenn sie wirklich Petrus gegenüberstehen. Natürlich ist die Vorstellung vom Himmelspförtner auch nur ein Bild. Es will sagen: Der Zugang zu Gott ist nicht ohne weiteres möglich, sondern ist eine Prüfung und Auswahl notwendig. Aber nicht Petrus wird sie vornehmen, sondern Gott selber. Doch dieser Gedanke braucht uns nicht zu schrecken: Gott ist nicht der allmächtige und willkürliche Richter, sondern der Gnädige und Barmherzige. Um die Prüfung bestehen zu können, muß man sein Leben entsprechend führen. Dann hat man auch den Schlüssel zum Himmel.

In einem Fernsehstück heißt es dazu: „Die Bereitschaft zur Vergebung ist der Schlüssel zum Himmel!“ In dem Stück geht es um eine Pfarrerin, die sich Vorwürfe macht, weil sie einen Radfahrer angefahren hat. Sie ist nicht schuld an seinem Tod, aber sie macht sich dennoch deswegen fertig. Doch dann wird ihr in einem Traum vorgeführt, weshalb das alles so kommen mußte: Der Mann hat ihr früher einmal schweres Leid zugefügt und immer darunter gelitten. Eine unvergebene Schuld hat sein Leben schwer belastet. In seiner letzten Stunde jedoch trifft er den Menschen, dem er alles bekennen kann und der ihm vergeben kann, so daß ihm noch der Himmel aufgeschlossen werden konnte.

Von dem Zusammenhang zwischen der eigenen Bereitschaft zur Vergebung und der Vergebung Gottes spricht auch Jesus in der Bergpredigt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben!“ (Lukas 6, 36-37).

Ehe man aber Vergebung erlangen kann, muß man erst einmal seine Schuld erkennen und um Vergebung bitten. Deshalb ist es auch nicht möglich, einfach die Stasi-Akten zu schließen und Gras darüber wachsen zu lassen. Da geben Menschen „Ehrenerklärungen“ ab und beantragen selber ihre Überprüfung, obwohl sie genau wissen, daß sie Täter sind. Sie spekulieren darauf, daß gerade ihre Akte vernichtet ist.

Aber in Wirklichkeit tragen sie eine Schuld mit sich herum, die ihr Leben vergiftet und die sie innerlich fertigmacht. Dabei wären die Opfer ja durchaus bereit zur Vergebung. Aber dazu muß die Schuld erst einmal ausgesprochen werden. Wer sie aber immer tiefer verdrängen will, wird nachher einen um so größeren Ausbruch erleben. Man kann eine Zeitlang den Deckel draufhalten; aber der Ausbruch wird nachher um so schlimmer sein. Deshalb gilt es, den Druck rechtzeitig abzulassen.

Leider sind unter den Stasi-Tätern auch einige kirchliche Mitarbeiter. Sie haben Angst um ihre Arbeitsstelle. Das ist verständlich, denn es ist nicht leicht, plötzlich arbeitslos und ohne Wohnung zu sein. Aber wie können sie eigentlich ihre Arbeit noch ehrlich tun? Wie können sie Vergebung predigen, wenn sie selber die Vergebung nicht annehmen wollen. Ohne Vergebung kann man nicht leben. Jeder lädt Schuld auf sich und ist auf Vergebung angewiesen. Der Schlüssel zum Himmel ist aber da, der Zugang zur Gott ist möglich. Nur können wir uns diesen Schlüssel nicht selber herstellen.

Auch das beste Leben schließt uns den Himmel nicht auf. Wir brauchen ja auch gar keinen Schlüssel, um von außen aufzuschließen. Wenn wir kommen, hat Gott schon von innen aufgeschlossen und die Tür weit geöffnet. Er vergibt uns und lädt uns ein in sein Reich.

 

Josef - ein Mann in der Weihnachtsgeschichte                                                   Maifeiertag

Im neuen Testament und in den Predigten zu Weihnachten kommt Josef immer etwas knapp weg. Beim Krippenspiel ist es schwer, einen Jungen zu finden, der den Josef spielt. Auf Bildern steht Josef immer so etwas hilflos dabei, wie es die Väter im allgemeinen tun, wenn ein Kind geboren ist. In den Evangelien verschwindet er nachher sogar ganz aus dem Blick, so daß man geschlossen hat, er sei schon gestorben und er sei wesentlich älter gewesen als Maria.

Dazu paßt, was in der Vorgeschichte zur Geburt Jesu über ihn gesagt wird. Da wird er als besonnener und verständnisvoller Mann geschildert. Er erkennt sofort die peinliche Lage Marias: Zwar ist sie mit ihm verlobt, aber ein Kind darf sie nach damaliger Auffassung noch nicht kriegen. Und wenn sie doch eins bekommt, dann muß es von einem anderen Mann sein. Deshalb hätte Josef das Recht gehabt, die Verlobung wieder zu lösen und Mariä zu verstoßen.

Josef will im ersten Augenblick so handeln, wie die Männer in solchen Fällen handeln: er will Maria heimlich verlassen. Aber es kommen ihm doch Zweifel, ob das menschlich ist. Er liebt Maria so sehr, daß er nicht das tun kann, was die allgemeine Sitte vorschreibt. Im Traum erlangt er letzte Gewißheit: Er braucht sich nicht davor zu fürchten, Maria zu heiraten, denn Gott hat etwas Besonderes mit ihr vor.

Im Matthäus 1, Vers 18-24, heißt es: „Als Maria dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte. daß sie schwanger war von dem heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist!“

 Josef handelt entsprechend und nimmt Maria mit in sein Haus. So handelt er nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern die Liebe siegt über das Gesetz. Dabei nimmt er eine Schuld auf sich, obwohl er nach der Meinung der Weihnachtsgeschichte doch gar nichts für die Schwangerschaft kann. Er bekennt sich als der leibliche Vater, der er in Wirklichkeit ja auch ist. Damit rettet er Maria vor der „Schande“. So wird ein wenig der Liebe Gottes zu den Menschen, die in Jesus Gestalt annahm, auch am Verhalten des Josef deutlich.

Insofern ist Josef ein echter Mann: nicht hart und unnachgiebig, wie es so oft als männlich angesehen wird. Zum Mann sein gehört nicht nur die Stärke, sondern auch die Liebe und das Verständnis. Deswegen ist Josef aber nicht weltfremd und träumerisch. Er tut das Richtige, als das Kind durch den König Herodes gefährdet wird, und flieht mit der Mutter ins Asyl nach Ägypten. Und als die Gefahr vorüber ist, organisiert er als treusorgender Familienvater die Rückkehr in die Heimat (Matthäus 2, 13-14 und 19-23). Dort geht er wieder ganz normal einem ordentlichen Beruf nach, ist Bauhandwerker und Zimmermann.

So ist Josef in vieler Hinsicht das Vorbild eines echten Mannes. Die katholische Kirche begeht deshalb den 1. Mai, den „Tag der Arbeit“, als den Josefstag. Die Gleichung ist einfach: Josef war ein Arbeiter - Christen sind Arbeiter - die Kirche ist für die Arbeiter da. Aber Josef kann uns auch lehren: Arbeit und Geld sind nicht das Einzige im Leben. Sie sind schon wichtige Voraussetzungen zum Leben. Aber wirklich gelingen kann das Leben nur, wenn auch die Liebe dabei ist. Es darf nicht nur das Gesetz und die Macht herrschen, sondern auch der Schwache muß sein Recht erhalten. Eine Gesellschaft ist so tolerant, wie sie ihre Minderheiten und ihre Schwachen zum Zug kommen läßt. Das ist doch ein Anlaß, wieder etwas mehr Menschlichkeit und etwas mehr von der Liebe Gottes in die Welt zu bringen, so wie das Josef getan hat.

 

Die Mitte der Nacht ist der Beginn eines neuen Tages                                       Karwoche

Wenn ein Zug um Mitternacht an einem Bahnhof ankommt, so steht im Fahrplan 24.00 Uhr. Wenn er aber um Mitternacht abfährt, so lautet die Abfahrtzeit 0.00 Uhr. So kann der gleiche Zeitpunkt ganz unterschiedlich gesehen werden: als das Ende des Alten oder als Beginn eines Neuen.

Wenn die Nacht so dunkel ist, haben wir vielleicht noch Angst. Die Vergangenheit lastet auf uns und lähmt uns. Wir sinken in einen bleiernen Schlaf und wachen doch plötzlich wieder erschreckt auf. Der vergangene Tag ist noch nicht bewältigt, er hängt uns noch an, wir haben ihn mit in die Nacht genommen.

Da können wir es vielleicht so machen wie der Beter des 119. Psalms. Er schwankt auch hin und her zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Gottlosigkeit und Festhalten an Gott. Da steht er um Mitternacht auf, um Gott zu danken (Vers 62). Er dankt ihm für den vergangenen Tag. Irgend etwas gibt es immer, wofür man danken kann. Wenn man das gefunden hat, ist der Tag nicht vergeblich gewesen.

Aber zum Gebet gehört auch die Vorausschau auf den neuen Tag. Da will sich der Beter an Gottes Gebote halten und nicht vergessen, was Gottes Wille ist. Gottes Wort soll ihn begleiten in den neuen Tag hinein. Neue Zuversicht wächst aus dem Gebet.

Die Psalmen sind Gebete tiefgläubiger Menschen, die dennoch hin und wieder einmal schwanken und sich ihres Glaubens erst wieder gewiß werden müssen. Deshalb sind uns diese Gebote ja so menschlich nahe, weil sie nicht eine hohe Forderung aufrichten, sondern unsere menschliche Schwäche kennen und einbeziehen.

So sagt der Psalm 30: „Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude!“ (Vers 6). Man darf also weinen, man darf Sorgen und Probleme haben. Aber dann ist das auch wieder vorbei. Ein neuer Tag zieht herauf. Und man darf wieder neu anfangen. Der Tag darf mit einer neuen Freude begonnen werden.

Oder in Psalm 46 heißt es von der Stadt Gottes: „.Gott hilft ihr früh am Morgen!“ (Vers 6). Der Morgen ist also die Zeit der Hilfe. Es mag sein, daß man sich verloren und vergessen vorkommt und noch in der Finsternis des Vortages steckt. Aber man muß nur warten. Nach der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag und man kann einen neuen Versuch wagen.

Bei der Eisenbahn geht tagsüber auch manches schief. Eine einzige Verspätung kann den ganzen Fahrplan durcheinander bringen. Es wird immer schlimmer, und am Abend herrscht das totale Chaos. Aber über Nacht wird der Verkehr schwächer. Früh um 4 Uhr geht es wieder neu los. Der erste Zug ist bestimmt pünktlich. Man kann erneut versuchen, möglichst pünktlich zu bleiben. Den einen Tag gelingt es besser, den anderen schlechter. So ist halt unser Leben. Auch Gott gibt uns immer wieder die Möglichkeit zu einem Neuanfang.

Im kirchlichen Unterricht sollte man darauf achten, die Kinder nicht mit der Kreuzigung in die Ferien zu entlassen ohne einen Ausblick auf Ostern. Wir leben ja alle in der Zeit nach Ostern, wir wissen ja schon von der Auferstehung, auch wenn wir das Leiden und Sterben Jesu bedenken. Diese Zeilen werden am Sonntag nach Ostern erscheinen. Sie erinnern noch einmal an die Zeit vor Ostern. Aber wichtiger ist wohl, daß wir alle von Ostern her leben und von da her Kraft für unser Leben erhalten.

Nur weil Jesus heute der lebendige Herr ist, können wir jeden Tag neu mit Zuversicht beginnen. Nur weil er uns hilft, kann uns die Last des Tages, die Angst und der Zweifel nicht übermannen. Und so sage ich, während draußen die Schneeflocken tanzen, nicht: „Es muß Frühling werden!“ sondern auch: „Es muß doch Ostern werden!“

Der Ostermorgen ist der schönste Morgen der Weltgeschichte, weil seitdem die Welt wieder Hoffnung und Zukunft hat. Aber etwas vom Glanz dieses Morgens strahlt aus auf jeden Morgen, den wir erleben dürfen. Auch am heutigen Tag und in der kommenden Woche dürfen wir darauf vertrauen, daß wir immer wieder neu anfangen können. Wenn die Nacht am schwärzesten ist, beginnt in Wirklichkeit doch schon wieder der neue Tag. Er kommt bestimmt, solange die Erde besteht.

 

Ostern „ohne oben“                                                                                                  Ostern

Carola starb im Alter von 20 Jahren. Sie hatte sich immer für Raumfahrt interessiert. Im amerikanischen Houston wollte sie eine gute Raumfahrerin werden. Der Tod machte ihre Pläne zunichte. Aber die Eltern gingen auf ihren großen Wunsch ein: ihre Asche wurde zum großen Teil auf See bestattet,           ein Teil aber wurde mit einer Rakete ins Weltall geschossen. Hundert Jahre wird nun die Urne die Erde umkreisen. Ihr Bruder sieht gelegentlich durch das Fernrohr, das seiner Schwester gehörte. Dabei entdeckt er oft auch Satelliten. Er weiß zwar: Ich werde nicht den Behälter mit der Aufschrift „Carola“ sehen, aber ich kann mir doch vorstellen, daß sie dort ist. Die Eltern haben einen Gedenkstein in ihrem Garten aufgestellt. Auch sie sind ihrer Tochter noch nahe.

Gott ist nicht da, wo die Raketen hinfliegen. Und wenn wir von „Auferstehung“ sprechen, von der Welt Gottes, in die wir nach dem Tod gelangen, dann können wir uns dabei nicht den Luftraum über uns vorstellen. Gott ist zwar auch in dem „Himmel“, den wir sehen. Aber er ist nicht ausschließlich dort, weil er überall ist. Wir wissen dabei, daß das in unser heutiges Weltbild nicht hineinpaßt. Aber wir haben auch kaum eine andere Möglichkeit, das auszudrücken, was gemeint ist.

Eine junge Frau kam mit der Gletscherbahn zum Kitzsteinhorn bei Kaprun nicht mehr mit. Susanne rief ihrer Freundin in der Bahn noch zu: „Wir treffen uns oben!“ Doch die Freundin verbrannte mit den anderen im Tunnel. Jenes letzte Wort, hat sich somit in anderer Weise erfüllt: sie werden sich „oben“ treffen, nicht bei der Bergstation der Bergbahn, sondern bei Gott.

Nur ist der nicht „oben“ im räumlichen Sinn. Wo er ist, können wir uns nicht vorstellen. Vielleicht ist er in einer vierten Dimension, die wir nicht wahrnehmen können, die aber da ist. Erfahrbar sind für uns nur die drei Dimensionen unserer Welt: Länge, Breite, Höhe. Alles was darüber hinaus geht, müssen wir in diese Welt einbauen. Deshalb sprechen wir von „oben“, wenn wir die Welt Gottes beschreiben wollen.

Allerdings, gibt es auch einen übertragenen Sinn des Wortes „oben“. Wer „oben“ ist, der hat Macht und Einfluß. Von oben her hat man den besseren Überblick, weiß mehr und sieht mehr. Deshalb will man ja in die Berge, um einmal die kleinen Dinge der Welt unter sich zu lassen und ein befreites Lebensgefühl zu haben.

Im Johannesevangelium spricht Jesus verschiedentlich von seiner „Erhöhung“. Gemeint ist damit zunächst einmal, daß er ans Kreuz geheftet werden wird und dieses dann aufgerichtet wird. Aber damit geschieht eine andere Erhöhung, die viel bedeutender ist. Was aussieht wie eine Niederlage, ist in Wahrheit ein Handeln Gottes an seinem Sohn. Gott zieht ihn damit an seine Seite und stellt ihn neben sich. Jesus hat damit die gleiche Würde und die gleiche Macht wie der Vater. Jetzt hat den rechten Überblick über alles und kann mitregieren.

So heißt es in Johannes 8, Vers 28: „Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich!“ Äußerlich sieht es so aus, als handelten die Menschen, wenn sie Jesus ans Kreuz bringen. Er aber sagt, daß alles nur in Übereinstimmung mit dem Vater geschieht und daß alles nur das gesagt hat, was der Vater ihn gelehrt hat. Und in Johannes 12, Vers 32 heißt es: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen!“ Nicht nur Jesus wurde erhöht, sondern er verspricht, auch alle mit sich zu ziehen, die zu ihm gehören.

Das ist die Botschaft von Ostern: Nicht nur Jesus wurde auferweckt, sondern auch alle Christen werden mit ihm auferweckt. In welchen Raum sie dann kommen werden, ist nur eine neugierige Frage, aber nicht das eigentliche Problem. Darüber sollten sich nicht die Menschen den Kopf zerbrechen, sondern das getrost Gott überlassen. Jedenfalls ist der Raum nicht irgendwo über den Wolken, im Weltraum oder in einem irgendwie gearteten „Paradies“ oder „Himmel“. Vielleicht muß es uns genügen, wenn wir dann sagen: Wir sind „bei Gott“, in der „Welt Gottes“, im „Reich Gottes“, wie die Bibel immer wieder sagt.

 

Himmelfahrt ist ganz anders                                                                                  Himmelfahrt

Für die Religionslehrerin war es zum Verzweifeln: Mit viel Geduld und Mühe hatte sie den Schülern erklärt, daß Jesus nicht wie ein Rakete in die Luft geflogen ist. Aber als sie in der nächsten Stunde dort wieder anknüpfen will, macht ein Junge doch wieder die typische Handbewegung nach oben. Diese Vorstellung ist offenbar lei9chter zu übernehmen als die komplizierten Erklärungen der Theologen.

Die mittelalterlichen Menschen haben den Thron Christi über den Wolken gemalt, um deutlich zu machen, daß Christus der Herr der Welt ist. Aber wir müssen den Menschen unserer Zeit diese Glaubensaussage mit anderen Bildern deutlich machen. Wir fragen zunächst, was Bewegung nach oben bedeutet, wenn wir sie ihrer räumlichen Vorstellung entkleiden. Bewegung nach oben bedeutet Machtzuwachs. Die Menschen streben zu allen Zeiten nach oben. Die oben sitzen, haben mehr zu sagen, als die unten sind. Das Wort eines Staatsoberhauptes gilt mehr als das Wort eines Bürgermeisters. Wenn wir Himmelfahrt feiern, bekennen wir: Christus hat in der Rangordnung der Macht den obersten Platz eingenommen: Ihm ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.

In eigenartiger Weise ist Himmelfahrt Weggehen und Nahekommen zugleich. Himmelfahrt entfernt sich Christus aus dem Gesichtskreis seiner Jünger. Seit Himmelfahrt können sie mit ihren Fragen nicht mehr einfach zu ihm hingehen wie sie das vorher tun konnten, seitdem können sie sich aus dem Schrecklichen, das ihnen widerfährt, nicht mehr einfach in seine körperliche Nähe (in seine Arme) retten, wie sie das vorher taten.

Eigentlich müßten wir erwarten, daß die Jünger über diesen Abschied Trauer und Bestürzung befällt. Wenn das nicht geschieht, sondern im Gegenteil von ihnen berichtet wird, daß sie mit Freude nach Jerusalem zurückkehren, so kann das seine Ursache nur darin haben, daß sie dessen inne werden: „Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt End!“ Seine Nähe ist innerer, nicht äußerer Art. Sie wird mit dem Herzen, nicht mit den Sinnen erfahren, ist aber darum nicht weniger gewiß.

Wie kann man das Ereignis von Himmelfahrt (äußeres Weggehen und inneres Nahekommen) in einem Bild unserer Zeit ausdrücken: Am Beginn der Schlußveranstaltung eines Kirchentages standen Menschen weit hinten und sahen vorn auf der Tribüne einen Pfarrer reden. Sie sahen ihn reden, aber hörten ihn nicht. Wegen des heftigen Windes hatte man die Mikrophone ausschalten müssen. Da erhob sich ein Sprechchor: „Wir hören nichts, wir wollen auch hören!“ Auf dieses Rufen hin verließ der Redner sein Pult und entschwand den Blicken. Bald darauf aber hörten ihn alle. Er war in eine Rundfunkkabine gegangen und von dort aus er­reich­ten seine Worte über die Lautsprecher auch den letzten in der großen Versammlung der Gläubigen. Jetzt war es umgekehrt, jetzt sah man ihn nicht mehr, hörte ihn aber.

So ist Himmelfahrt. Der irdische Jesus wurde von seinen Mitmenschen gesehen, konnte mit seiner Stimme aber nur einen beschränkten Kreis von Menschen im Raume Palästinas erreichen. Zu Himmelfahrt ist er unserem Gesichtskreis entschwunden und in die „Funkkabine“ Gottes gegangen. Von dort aus dringt sein Wort durch alle Völker und Zeiten. Auch die letzten können ihn hören. Wie sehen ihn zwar nicht, aber sein Wort ist uns nahe. Seit Himmelfahrt gilt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!“

 

Hilfe in Trauer: Das Lob Gottes!                                                                 (aus dem Jahr 1997)

In der Woche nach Pfingsten besuchte eine Gruppe ehemaliger Einwohner jüdischen Glaubens die Stadt Maintal. Die Gäste besuchten die Stätten ihrer Kindheit und trafen sich mit Schulkameraden und Nachbarn, die sie zum Teil seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen hatten. Die wenigen überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazizeit waren der Einladung der Stadt Maintal gefolgt.

Es hat lange gedauert bis es zu dieser Begegnung kam. Aber gefreut haben sich die Leute doch über die Möglichkeit, von sich erzählen zu können. Und sie freuten sich über die Anteilnahme, die ihnen entgegenschlug. Vielleicht fühlten sie sich doch etwas heimgeholt in ihre alte Heimat. Der bewegendste Augenblick für mich war, als bei der Gedenkfeier im Brüder-Schönfeld-Haus die Gruppe der Gäste sich von den Plätzen erhob und gemeinsam ein Gebet sprach. Für alle, die nicht dabei waren oder denen es zu schnell ging, sei hier noch einmal der Text wiedergegeben:

 „Sein erhabener Name werde groß und geheiligt in der Welt, die er nach seinem Willen geschaffen hat. Sein Reich erstehe (schon) jetzt in eurem Leben und in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, bald und in naher Zeit, sprechet Amen! Gelobt und gepriesen, verherrlicht und erhoben, erhöht und gefeiert, hoch erhoben und gerühmt sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über allem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostworten, die in der Welt gesprochen werden, sprechet: Amen! Möge die Fülle des Friedens und Leben vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprechet: Amen! Der Frieden stiftet in seinen Höhen, er stifte Frieden für uns und für ganz Israel, sprechet: Amen!“

Man fragt sich natürlich: Was hat dieses Gotteslob mit der Situation der Trauer zu tun? Wir erwarten doch eher eine Klage, wie sie eindrücklich in manchen Psalmen festgehalten ist. Wir erwarten Schmerz und Verzweiflung, Leid und Angst. Statt dessen ein Gebet, das von Gottes Herrschaft in unserem Leben spricht, vom Frieden und vom Leben, das vom Himmel herabkommt.

Das Gebet trägt in der Tat die Überschrift: „Das gewöhnliche Kadisch des Trauernden (für Grab, Trauerzeit und Jahrzeit)“. Es soll für die Trauer sein und ist doch ein Lob Gottes. So mögen die drei Männer im Feuerofen gebetet haben, von denen im Buch Daniel erzählt wird. So mögen die Juden gebetet haben, als sie in die Gaskammern getrieben wurden.

Die Trauer wird auch durch so ein Gebet nicht weggewischt. Aber sie wird bewältigt und verarbeitet durch den Glauben an Gott. Das können wir lernen von diesen Menschen, die so viel Leid erfahren haben. Auf der Gedenktafel im „BrüderSchönfeld-Haus“ heißt es in aller Klarheit: „.....die ermordet wurden, weil sie Juden waren!“ Die Juden hätten allen Grund, dem Staat Deutschland und seinen Bürgern den Rücken zu kehren. Sie sind aber gekommen und haben mit uns geredet, die wir doch zu einem Volk gehören, aus dem die Mörder kommen.

Zu solch innerer Größe kann man wohl nur gelangen, wenn man es gelernt hat, so zu beten wie in diesem Lobgebet im Falle der Trauer. Versuchen wir doch auch einmal so zu beten, wenn wir in Trauer sind!

 

Kaiser Franz und König Fußball                                                Juni (aus dem Jahr 1993)

Jetzt rollt er wieder, der Fußball bei der Weltmeisterschaft. Für einige Wochen regiert wieder der König Fußball. Die Fußballfans in der Familie - und das sind nicht nur die Väter - lassen nicht mit sich reden: wenn im Fernsehen Fußball übertragen wird, dann gucken die anderen in die Röhre. Notfalls wird Urlaub genommen oder die Nacht zum Tage gemacht - Fußball geht vor.

Einen gibt es, den nennen sie den „Kaiser“. Der ist schon Weltmeister und gehörte zu jener Klassemannschaft von 1974, die zum zweiten Mal den Weltmeistertitel nach Deutschland holte. Danach ist er Trainer gewesen und hat erst jetzt wieder „seine Bayern“ zur deutschen Meisterschaft geführt.

Franz Beckenbauer hat aber noch eine andere Seite als die des erfolgreichen Fußballers und weniger erfolgreichen Golfspielers. Als seine Mannschaft an einem Sonntag über ein mageres 0:0 nicht hinauskam, sagte er. „Sonntags geht man in die Kirche zum Beten und nicht zum Fußballspielen!“. Und in einem Interview sagte er. „Vor dem Tod habe ich mit Sicherheit keine Angst. Aber ich weiß nicht, ob ich nicht Angst vor dem Sterben habe. Möglicherweise wenn es soweit ist. Ich wünsche mir, daß ich bewußt sterbe. Also nicht umfallen und tot sein. Ich möchte mit Schmerzen sterben. Ich kann Schmerzen gut ertragen. Ganz sicher glaube ich, daß es ein Weiterleben gibt. Sei es sogar eine Zurückversetzung auf die Erde, wenn du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast!“

Nur sollte er vielleicht mehr auf das hören, was die Bibel zu der Frage nach dem Leben nach dem Tod sagt. Es muß ja nicht unbedingt so sein, wie der Theologe Karl Barth gesagt hat: er freue sich darauf, in der Ewigkeit Mozart zu hören. Vielleicht gibt es auch in der Ewigkeit Fußball zu sehen. Weshalb denn nur immer „Halleluja“ singen? Vielleicht kann man sogar selber mit Fußball spielen! Niemand sollte befürchten, die Welt Gottes biete weniger als diese unsre Welt. Die Herrlichkeit Gottes wird mit mehr als einer spannenden Fußballweltmeisterschaft konkurrieren können.

Übrigens: Wir müssen nicht unbedingt gewinnen! Schließlich haben wir schon oft genug gewonnen und können den anderen ruhig den Vortritt lassen. Und schließlich zeigt sich wahre Größe erst in der Niederlage. Im Rampenlicht stehen nur die Sieger. Die Verlierer verkriechen sich oft in ihre Kabine und vergießen bittere Tränen. Schließlich haben sie auch hart trainiert, ganz auf diesen Tag hingearbeitet, ihr Bestes gegeben - aber andere waren dann doch noch besser.

Als Christen wissen wir, daß wir manche Niederlage einstecken müssen: Wir haben uns zu unbedachten Worten hinreißen lassen, aber wir haben auch geschwiegen, wo wir hätten reden müssen. Wir haben die Zeit unnütz vertan, sind dem Mitmenschen aus dem Weg gegangen. Wir haben es versäumt, sonntags in die Kirche zu gehen und zu beten - da wäre noch manches andere anzuführen. Deshalb heißt es ja in jedem Gottesdienst: „Herr, erbarme dich!“ und „Vergib uns unsere Schuld!“ Gott wartet auch auf die, die nur notiert werden unter „ferner liefen“. Bei ihm gibt es nicht den Unterschied zwischen Siegern und Besiegten, sondern er will sie alle bei sich haben und für sie da sein.

Unser Gott ist ein anderer als der Fußballgott, von dem die Zeitung mit den großen Buchstaben vor einiger Zeit geschrieben hat: „Der Fußballgott ist jetzt ein roter Teufel!“ So lautete die Schlagzeile. Weil Kaiserslautern marschierte, war die Bundesliga „teuflisch spannend“.

Für manchen kann der Fußball schon zum Gott werden - oder auch zum Teufel. Doch wer den wahren Gott kennt, wird die Kaiser und Könige richtig einordnen. Sie sind nur von dieser Welt. Sie bereichern unser Leben, aber sie sind nicht das Leben.

Vor allem das Leben nach dem Tod ist noch etwas anderes, als Franz Beckenbauer sich das vorstellt. Seine Vorstellungen sind mehr den indischen Religionen entlehnt. Aber er hat sich immerhin Gedanken darüber gemacht - das ehrt ihn. Wenn wir uns in den nächsten Wochen am Fußball erfreuen, sollten wir Gott nicht vergessen, der der König aller Könige ist.

 

„Gott ist ein Bayer”

Samuel Kouffur war Fußballspieler bei Bayern München. Er stammt aus Ghana und ist wie viele seiner Landsleute ein Christ. Nachdem seine Mannschaft den Europapokal der Landesmeister nach dramatischem Elfmeterschießen gewonnen hatte, sagte er: „Ich habe immer wieder zu Gott gebetet. Keine weiteren Tränen!“ Nach dem Spiel konnte er sagen: „Gott ist immer für uns!“

Nachdem Schalke am letzten Bundesligaspieltag schon sein Spiel siegreich beendet hatte und sich als Meister fühlte, gelang Bayern in letzter Minute das entscheidende Tor und war erneut Meister. Am nächsten Tag überschlugen sich die Zeitungen mit Schlagzeilen wie „Fußballgott trägt Lederhosen!“ und „Fußballgott macht blau!“ Eine Zeitung schrieb: „Es gibt sogar Menschen, die behaupten, er sei ein Cousin ersten Grades von Franz Beckenbauer. Denn mit Glück hat das schon nichts mehr zu tun, obwohl genau diese Vokabel am Samstagabend die am häufigsten verwendete war... So viel Glück hat in Deutschland nur der FC Bayern München!“ Schalkes Manager Rudi Assauer klagte: „Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott, denn er ist nicht gerecht. Wenn er gerecht wäre, wäre Schalke 04 Deutscher Meister!“ Und Klaus Fischer, der Torjäger früherer Jahre, formulierte: „Die Bayern haben den Papst in der Tasche!“

Der Maintal Tagesanzeiger nach dem Titelgewinn der Bayern schrieb auf der Titelseite: „Im dramatischsten Finale der 38-jährigen Bundesliga-Geschichte ging Bayern München 278 Sekunden durch die Hölle und stieg durch Patrick Andersons ,Last-Second-Tor' doch noch in den Fußball-Himmel empor!“ Der Kommentator einer Zeitung wollte abwarten, mit „welcher Dramaturgie uns der Fußballgott in Mailand überraschen wird!“ Doch nach dem Europapokalsieg am 5. Mai lauteten die Überschriften im Tagesanzeiger wieder: „Gott ist immer für die Bayern“ und „Oli, der Göttliche!“ und Karl-Heinz Rummenigge fühlte sich „wie im Himmel!“

Woher kommt nur diese religiöse Sprache im Zusammenhang mit dem Fußball? Brauchen wir vielleicht eine Ersatzreligion, wenn die echte Religion nicht mehr greift? Genügt es nicht mehr, nur vom Glück zu reden? Sonst ist „Glück“ doch oft das Ersatzwort für „Gott“: Solange man Gott noch braucht, soll er es richten. Aber wenn die Sache dann gut ausgegangen ist, dann hat man wieder einmal Glück gehabt. Aber nun auf einmal verbindet man beides miteinander. Der Tagesanzeiger meinte: „Glück gehört dazu, reicht aber nicht. Vielleicht ist der Fußballgott ja wirklich ein Bayer?“ Nun wurde sogar ein neuer Gott gefunden: „Der Fußballgott trägt einen Namen: Oliver Kahn!“

Es gibt keinen Fußballgott, so wenig wie es einen Wettergott gibt. Rainer Kalb schrieb im Tagesanzeiger: „Dabei hat der Ausgang der Meisterschaft nichts mit dem lieben Gott zu tun, sondern mit Nervenstärke, Abgebrühtheit, Selbstbewußtsein, Erfahrung!“ Rummenigge sprach von „Gerechtigkeit“ und Trainer Hitzfeld davon, daß man das eine Tor noch geschossen habe, „weil wir es verdient hatten!“ Auch Oliver Kahn sagte nach dem Europapokalsieg: „Es gibt keinen Fußballgott. Glück war auch dabei, Intuition“, um dann aber doch wieder hinzuzufügen: „Gott sei Dank!“ Nun, wenn er das ernstgemeint hat, wenn er wirklich Gott danken wollte, ist das in Ordnung. Aber vielleicht war es auch nur unbewußt so dahingesagt.

Sicher kann man Gott auch mit dem Fußball in Verbindung bringen, so wie alles in unserem Leben mit Gott zu tun hat. Aber Gott ist anders als der „Fußballgott“ der Zeitungen. Wir denken zum Beispiel: Gerecht wäre es, wenn nicht immer wieder die Bayern Meister würden, sondern auch die anderen einmal dran kämen. Bei Gott aber kommen tatsächlich alle dran. Im Sport kann immer nur einer Meister werden. Aber bei Gott gewinnen alle.

Und noch ein Unterschied. Als Eintracht Frankfurt abgestiegen war, schrieben Fußballfans auf einem Transparent: „Ihr habt uns verraten und verkauft - Gott vergibt, wir nicht!“ Nun, sicher werden sie auch einmal vergeben. Aber sehr richtig haben sie erkannt: Gott vergibt tatsächlich. Auch wenn man in seinem Leben einmal ein Spiel (oder mehr als ein Spiel) verloren hat, so hilft Gott doch weiter. Er ist immer auf unserer Seite!

 

Gott und die Fußballgötter                                                                            (aus dem Jahr 1998)

Unter den deutschen Fußballreportern gibt es einen, der nach Johannes dem Täufer benannt ist. Die Eingeweihten wissen schon: Johannes Baptist Kerner! Am vergangenen Montag bei dem Spiel Deutschland fegen Mexico entschlüpfte ihm ein Ausspruch, den er nachher gleich wieder verbesserte, der aber doch so unrecht nicht ist. Deutschland hatte wieder einmal mit Mühe einen Torerfolg der Mexikaner vermeiden können. Da rief JBK: „Da hat jemand geholfen, der gar nicht mit auf dem Platz ist!“

Mit anderen Worten: Hier hat nur Gott helfen können, auch wenn er als Spieler gar nicht sichtbar mit auf dem Platz war! Leider hat der Reporter dann in den nächsten Sätzen alles wieder abgeschwächt: „Wenn es Fußballgötter gibt, dann waren sie hier im Spiel!“ Und noch zwei Sätze weiter: „Das Glückspotential ist ausgeschöpft, jetzt müssen wir es selber richten!“ Aus dem wahren Gott waren auf einmal die „Fußballgötter“ geworden. Und schließlich endete er beidem alltäglichen „Noch-einmal-Glück-gehabt“.

Aber so ist es typisch für uns Menschen: In der allergrößten Not rufen wir nach Gott. Aber nachher sind es schon irgendwelche „Götter“ und schließlich nur noch das „Glück“. Dann sagen wir nicht mehr bewußt „Gott sei Dank“, sondern doch lieber: „Noch einmal Glück gehabt!“ Oder wir wollen es doch lieber selber richten, so wie Klinsmann und Bierhoff es dann doch noch gerichtet haben.

Nun wäre es auch nicht gut, wenn der Gott des Himmels und der Erde auf dem Fußballfeld mitspielen müßte. Schließlich hat er seine Verehrer auf beiden Seiten. Da muß er schon wirklich unparteiisch sein. Fußball ist nur ein Spiel. Eine Niederlage ist kein nationales Unglück. Und ein Sieg besagt noch lange nicht, daß in dem betreffenden Land besonders gute Menschen wohnen.

Doch auf dem Spielfeld unseres Lebens, da ist Gott unsichtbar mit dabei. Da wird er schon manches Mal uns eine gute Vorlage geben und uns immer wieder neu ins Spiel bringen. Oder er blockt den Gegner ab oder läßt ihn einen Fehler machen. Nur sehen wir das nicht, daß wir da einen unsichtbaren Mitspieler in unserem Leben haben. In der Kirche wird es uns zwar immer wieder gesagt. Aber so im gelebten Leben denken wir dann doch nicht daran. Dann wäre es einmal ganz gut, an den Ausspruch des Reporters zu denken: „Da hat jemand geholfen, der gar nicht mit auf dem Platz ist!“

Da kann einem doch der Psalm 139 einfallen, in dem es im Vers 5 heißt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ Ich habe diesen Vers nie als eine Drohung verstanden, so als müßten wir immer mit einem unsichtbaren Aufpasser rechnen. Vielmehr ist er eine tröstliche Zusage für den, der sich verloren vorkommt: Gott läßt uns nicht allein, sondern hält seine Hand helfend und schützend über uns.

Von der Hand Gottes hat ja auch einmal Diego Maradona gesprochen: Er hatte im Strafraum einen Ball mit der Hand aus der Luft geholt und ihn sich vor die Füße gelegt, so daß ein Tor daraus wurde. Der Schiedsrichter hatte es nicht richtig gesehen und erkannte das Tor an. Aber im Fernsehen war natürlich alles haarklein zu sehen. Doch als Maradona bei der Pressekonferenz nach dem Vorfall befragt wurde, tat er ganz unschuldig und wollte alles gar nicht bemerkt haben. Schließlich sagte er: „Dann war das die Hand Gottes!“ Doch hat er damit nicht etwas Wahres gesagt? Sicher sollen wir auch die Hände regen und uns bemühen. Aber die Hand Gottes ist entscheidend wichtig. Wenn Gott seinen Segen nicht dazu gibt, wenn er nicht die Hand schützend über unser Leben hält, dann erreichen wir nichts. Nicht das sogenannte „Glück“ brauchen wir, sondern den lebendigen Gott.

Das heißt nicht, daß es nicht auch Niederlagen in unserem Leben geben könnte. Gerade dann brauchen wir den Beistand Gottes besonders. Eine Niederlage im Fußballspiel kann man verschmerzen. Eine Niederlage im Leben macht uns mehr zu schaffen. Mit Niederlagen müssen wir immer wieder einmal rechnen: Gott gibt uns keine Garantie, daß immer alles klar geht. Aber wir dürfen wissen, daß wir auch dann nicht von Gott verlassen sind.

Vielleicht behalten wir diesen etwas zufälligen Ausspruch eines Reporters einmal im Gedächtnis. Vielleicht achten wir einmal darauf, wie oft in unserem Leben einer geholfen hat, der auf dem Spielfeld unseres Lebens gar nicht sichtbar ist. Aber er ist da und hält die Hand schützend über uns. Wir brauchen kein Glück und wir brauchen auch nicht irgendwelche Götter. Aber wir brauchen Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt und auch unseres Lebens.

Das Fußballfieber vergeht wieder. Aber unser normales Leben geht weiter. Und da will Gott dabei sein. Nicht nur mit großen „Wundern“ begleitet er unser Leben, aber mit vielen kleinen Durchhilfen. Die können wir immer wieder spüren, wenn wir nur darauf achten.

 

Die Uhr und die Zeit                                                                                               Sommer

Eine Afrikanerin kam zu einer Konferenz nach Deutschland. Sie wurde nach ihrem ersten Eindruck von Deutschland gefragt. Die antwortete spontan: „Bei euch ist alles so pünktlich. Wenn der Gottesdienst um 10 Uhr angesetzt ist, dann beginnt er auch pünktlich um 10 Uhr. Wir aber können auch noch um 11 oder 12 Uhr kommen, weil dann immer noch Gottesdienst ist und immer ein anderer redet!“ Und abschließend faßt sie ihr Urteil zusammen: „Ihr habt die Uhr - und wir haben die Zeit!“

Wir müssen immer erst einen Termin vereinbaren, wenn wir uns mit Freunden treffen wollen.

Aber dann kommt prompt die Antwort: „Frühestens in vier Wochen. Vorher sind alle Termine besetzt!“ Noch schlimmer ist es, wenn man mehrere Leute unter einen Hut bringen muß. Bis man da einen Zeitpunkt gefunden hat, der allen paßt, ist das Jahr herum und man hat keinen guten Termin für die Hochzeit gefunden. Es hat schon Paare gegeben, die sind wieder auseinander gegangen, ehe sie einen Termin fanden.

Das Jahr stellt 51 Wochen zur Verfügung. Diese Zeit ist schnell verplant. Darum müssen wir behutsam mit ihr umgehen. Eine gute Einteilung hilft uns, nicht ständig unter Zeitdruck zu stehen. Keine Zeit hat nur, wer seine Zeit nicht klug einteilt. Wer mit der Zeit haushält, der hat auch Zeit für sich und seine Hobbys und Zeit für die Familie und für Freunde. Wie wohltuend ist es doch, wenn einer sagt: „Ich habe Zeit für dich!“

Im anderen Fall dürften wir ehrlicherweise aber nicht sagen: „Ich habe keine Zeit!“ Eigentlich müßte es heißen: „Ich habe keine Zeit für dich!“ Denn wir haben ja alle Zeit zur Verfügung. Für jeden sind es 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Nur meinen wir halt, wir müßten sie für alles Mögliche nützen, nur nicht für das, was wirklich notwendig ist.

Vielleicht hilft uns aber zur Entscheidung, wie wir unsere Zeit einteilen wollen, das Bibelwort aus Psalm 31, Vers 16: „Meine Zeit steht in deinen Händen!“ All unsere Zeit ist uns von Gott gegeben. Es ist geschenkte, uns anvertraute Zeit. Und darum ist es nicht gleichgültig, was wir damit anfangen. Sie erhält ihren Wert dadurch, daß wir sie sinnvoll einsetzen.

Die Zeit wird wertvoller, wenn wir sie verschenken und mit anderen teilen. Sie erhält ihren Sinn erst, wenn wir sie als Mosaiksteinchen der Ewigkeit ansehen. Zeit und Ewigkeit verhalten sich wie Fluß und Meer: Unsere Zeit mündet ein in die Ewigkeit Gottes. Das gibt ihr eine bleibende Bedeutung. Erst dieses Wissen läßt uns verantwortlich genug mit „unserer“ Zeit umgehen.

Für viele beginnt jetzt die Urlaubszeit. Das ist eine Gelegenheit, mit der Zeit einmal ganz anders umzugehen als üblich: Kein Wecker mehr in der Frühe. Zeit zum Lesen und zum Wandern, Zeit für neue Eindrücke und das Kennenlernen fremder Gegenden. Zeit aber auch, sich dem Mitmenschen wieder mehr zuzuwenden: Dem Ehepartner, den Kindern, den Freunden aber auch Gott. In jedem Urlaubsort gibt es eine Kirche. gibt es einen Pfarrer, auch in Mallorca. Viel freie Zeit liegt vor uns, an jedem Tag. Denken wir daran: Es ist Gottes Zeit, die er uns schenkt. Aber wenn er sie uns schenkt, dann dürfen wir auch frei mit ihr umgehen, verantwortungsvoll, aber doch so, daß wir uns dabei wohl fühlen.

 

Sommer - Sonne - Urlaubszeit

Wenn diese Betrachtung erscheint, sind wir schon im Urlaub. Zwar auch im Süden, aber nicht so weit südlich, wie die meisten Deutschen. Seit dem Mittelalter zieht es die Menschen über die Alpen. Als der Volkswagen aufkam, ging es an den Lido oder nach Rimini. Und seit es Flugzeuge gibt, gehen manche einfach zum Flughafen und sagen: „Egal wohin, Hauptsache in die Sonne!“ Die Sonne ist Leben, ohne sie könnten wir nicht existieren. Wir müssen sie sogar tanken, damit wir in der dunklen Jahreszeit nicht schwermütig werden.

In Psalm 84, Vers 12, steht aber auch: „Gott der Herr ist Sonne und Schild!“ Die Sonne als Bild für Gott? Der Beter will sagen: So wie die Sonne unentbehrlich ist für die ganze Schöp­fung, so ist Gott es auch. So wie die Sonne Leben schafft und aufblühen läßt, so tut es auch Gott.

Manche Völker haben die Sonne als Gott angebetet. Israels Gott aber ist der Schöpfer des Himmels und der Erde und auch der Sonne. Die Sonne selbst ist daher kein göttliches Wesen. Aber sie ist ein Bild für die Herrlichkeit Gottes. Sie will uns zeigen, daß uns Gott in seiner Güte freundlich zugewandt ist. Denkt man an die Kälte und Leere des unermeßlichen Welt­alls, ist das ein tröstliches Bild. Gott läßt uns nicht nur im Licht und in der Wärme der irdischen Sonne leben, er lädt uns auch ein in die Sonne seiner Güte.

Wir können uns der Sonne verschließen, indem wir einen dunklen Keller aufsuchen, können dann sogar behaupten, es gäbe gar keine Sonne. So können wir uns auch den Strahlen der Liebe Gottes entziehen und das Dasein Gottes leugnen. Aber dann sind wir dumme Leute. Christian Morgenstern hat diese Wahrheit so ausgedrückt: „Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandern.“ Und an einer anderen Stelle sagt er: „Der Mensch ist das Samenkorn. Christus ist die Sonne, die es lebendig macht!“ Wir Menschen sind sonnenhungrige Wesen. Möchten die Menschen doch auch mehr Sehnsucht nach Gott bekommen, nach der ewigen Sonne.

 

Liebe geht durch den Magen                                                         7. Sonntag nach Trinitatis

Bei den sommerlichen Straßenfesten kann man die besten Geschäfte mit Essen und Trinken machen. Ohne Bewirtung geht keine Veranstaltung mehr, die Zuspruch finden soll. Da gibt der Kirchenchor ein Konzert. Aber hinterher will man noch etwas zusammensitzen, da soll es nicht nur etwas gegen den Durst geben. Die Parteien machen es so, und zum Teil sogar die Geschäftsleute: Kein Fest ohne Essen und Trinken!

Das ist auch gut so: Kaum etwas verbindet so sehr wie die gemeinsame Mahlzeit. Man sitzt sich gegenüber, man kommt ins Gespräch, man fühlt sich körperlich und seelisch wohl. Das gilt für Menschen, die sich schon gut kennen, aber auch für solche, die sich erst kennenlernen wollen. Natürlich macht die Vorbereitung eines Essens Mühe. Aber auch dafür finden sich meist willige Leute, die sich begeistert in diese Aufgabe stürzen. Viel Phantasie wird da oft entwickelt. Es wird etwas Neues ausprobiert. Oder ein altbekanntes Rezept wird nach den persönlichen Vorstellungen erweitert. Die Vorbereitung macht Freude, und das Ergebnis soll auch Freude machen.

Dabei muß gar nicht das geboten werden, was man sonst im Fünf-Sterne-Hotel bekommt. Es kommt weniger auf die Speise an sich an als auf die Mahlzeit, auf das gemeinsame Essen und Trinken: Ein paar Würstchen im Garten gegrillt, etwas Salat und Obst, ein paar Nachbarn oder Freunde dazu - das Fest ist fertig. Der Volksmund sagt: „Liebe geht durch den Magen!“ Hinter diesem Spruch steckt viel Weisheit.

In der Bibel gibt es einen ganz ähnlichen Spruch. Er steht in dem Buch der „Sprüche“, das dem König Salomo zugeschrieben wird. Dort heißt es in Kapitel 15, Vers 17: „Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Haß!“ Es leuchtet doch sofort ein: Ein einfaches Gericht, mit Liebe zubereitet und verzehrt, schmeckt besser als ein aufwendiges Mahl, das ohne innere Beteiligung gekocht wurde und vielleicht im Streit aufgegessen wird.

Deshalb sind wohl auch die Gaststätten so beliebt, in denen eine Familie sich um das Wohl der Gäste kümmert. Da erkundigt sich der Kellner, ob es geschmeckt hat; und er gibt den Dank an den Koch oder die Köchin weiter. Da wird nicht nur etwas mit dem Auto an einem Schalter abgeholt, sondern da läßt man sich Zeit und genießt - in der Stille oder mit aufgeräumter Fröhlichkeit.

Zur Ernährung gehören nicht nur Stärke und Fett, Eiweiß und Vitamine. Aus diesen Stoffen setzen sich die Nahrungsmittel zusammen. Aber damit sie zu richtigen Lebensmitteln werden, muß mehr dazu kommen: Das Aroma, der Duft, die ganze Atmosphäre. Essen hat etwas mit Gemeinschaft zu tun!

Auch Jesus hat sich an festlichen Mahlzeiten beteiligt. Er hat mit seinen Freunden zusammen gesessen, aber auch mit ganz Fremden. Er war bei armen Leuten zu Gast und bei ganz reichen. Er. hat sich von angesehenen Leuten einladen lassen, aber er hat auch die Außenseiter um sich gesammelt. Aber ob sie nun aufwendig oder schlicht gegessen haben - ich stelle mir vor, daß es immer gesammelt und in großer Ruhe vor sich ging.

Besonders dürfte das der Fall gewesen sein, als er zum letzten Abendmahl mit seinen Jüngern zusammen saß. Es war ein Abschiedsmahl, das vom Ernst der Stunde geprägt war. Aber es war auch wieder von einer stillen Freude erfüllt, weil man schon ausblickte auf das Reich Gottes, in dem man dieses Mahl wieder neu feiern würde.

In vielen Kirchen wird am siebten Sonntag nach Trinitatis das Abendmahl gefeiert. Dadurch entsteht eine Gemeinschaft oder wird eine Gemeinschaft bestätigt, die noch mehr ist als die Gemeinschaft in den Gaststätten und auf den Volksfesten. Hier werden alle verbunden zu der einen Kirche, die in Jesus ihren Mittelpunkt hat.

Das Abendmahl kann man nicht allein feiern. Es verdeutlicht die Liebe Gottes zu den Menschen. Aber es verbindet auch die Teilnehmer untereinander. Gemeinsames Essen und Trinken ist etwas, das mehr verbindet als alle Worte. Vielleicht hilft in der „Kirche des Worts“ gar nicht so sehr das Reden, sondern das Tun nach dem Vorbild Jesu.

 

Erntedankfest gestern und heute                                                             Erntedankfest 2002

Das Erntedankfest war früher vor allem ein Ereignis für die Bauern. Für diesen Tag spendete jede Familie Naturalien, um die Kirche damit auszuschmücken. Selbstverständlich ging man auch zum Gottesdienst, der als Abendmahlsgottesdienst gestaltet war. Das Erntedankfest war der Abendmahlstag für die Landwirte und ihre Familien. Heute hat die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit an Bedeutung eingebüßt. Sie ist zwar nach wie vor wichtig und wird deshalb von der Gesellschaft kräftig durch Subventionen unterstützt. Sie leistet in der Tat ja auch viel, denn die Landwirte arbeiten nicht nur für ihren eigene Lebensunterhalt, sondern sie halten für die ganze Gesellschaft die Natur in Ordnung und stellen sie den anderen Einwohnern als Erholungsflächen zur Verfügung.

Dennoch muß man ganz nüchtern sehen: Landwirte werden immer seltener. Während früher die ganze Dorfgesellschaft in der Landwirtschaft tätig war - einschließlich Pfarrer und Lehrer - so machen in naher Zukunft die Haupterwerbsbauern in Hochstadt nur noch ein Promille der Bevölkerung aus. Das Landwirtschaftsministerium ist zum Verbraucherministerium geworden, weil es viel mehr Verbraucher als Landwirte gibt. Die Interessenvertreter der Landwirtschaft haben es schwerer als früher, ihre Wünsche durchzusetzen. Dazu die Diskussion um die Ausweitung des ökologischen Anbaus (auch wenn die konventionell wirtschaftenden Landwirte deshalb nicht schlechter gestellt werden) - Verunsicherung ist schon da.

Man kann auch nicht mehr sagen, daß ein Bauer enger mit dem Glauben verbunden sei, weil er doch mit der Schöpfung Gottes umgeht und täglich erlebt, wie er vom Segen Gottes abhängig ist. Bei Schäden gibt es Versicherungen, und bei Katastrophen springt der Staat ein. Die Arbeit auf den Feldern ist zur Produktion geworden, fast wie in der Industrie auch. Ein Landwirt kann heute theoretisch auf dem Hof den Traktor besteigen und abends heim kommen, ohne den Erdboden mit den Füßen berührt zu haben: Er ist der Natur kaum näher als andere Menschen unserer Gesellschaft.

Dennoch haben wir alle am Erntedankfest Grund zur Dankbarkeit. An diesem Tag vereinen sich Landwirte und Verbraucher im Dank gegenüber Gott. Denn so ganz selbstverständlich ist es ja doch nicht, daß wir unser tägliches Brot auf dem Tisch stehen haben. Nach wie vor ist es schwer für einen Landwirt, wenn durch Naturumstände seine Arbeit zunichte gemacht wird. Und jeder Verbraucher sollte seine Nahrungsmittel nicht als selbstverständlich hinnehmen, auch wenn die Orangen aus Spanien kommen und die Kartoffeln aus Ägypten und die Lachse aus Neu-Seeland. Immer stehen dahinter die Gabe Gottes und auch die Leistung von Menschen. Hier besteht ein Unterschied zwischen Landwirt und Verbraucher (Produzent und Konsument): Der Verbraucher hat Grund, nicht nur Gott zu danken, sondern auch den Landwirten und allen in der Nahrungsmittelproduktion Beschäftigten.

So vereinen wir uns am Erntedankfest zum gemeinsamen Dank gegenüber Gott und gegenüber Menschen. Doch vielleicht müßten wir das Erntedankfest etwas umfunktionieren, daß es nicht mehr nur ein Fest für die bäuerliche Gesellschaft ist, sondern für alle Menschen. Deshalb sollten zu den Gaben auf dem Altar auch handwerkliche und industrielle Produkte gehören. Hier in Maintal gehören dazu vielleicht Schlauchschellen (wenn Sie wissen, was das ist), denn sie sind das Hauptprodukt, das in Maintal hergestellt wird. Aber vielleicht gehören auch Spritzgußprodukte für die Autoindustrie dazu oder Kältemaschinen.

Problematisch wird es allerdings bei den Produkten einer erst neuerdings in Maintal angesiedelten Firma, die allerhand nützliche Dinge für die Landwirtschaft herstellt, aber auch mit gentechnisch veränderten Pflanzen experimentiert. Da zeigt sich, wie zweischneidig der Fortschritt ist. Und es tut sich die Frage auf, wie weit man in die Schöpfung Gottes eingreifen darf. Sind die Ertragssteigerungen ein Teil des Schöpfungsauftrags Gottes oder sind sie Ausdruck eines mangelnden Gottvertrauens, weil man Gottes Handeln nachhelfen will?

Im Psalm 145, Vers 15, heißt es: „Du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit!“ Gottvertrauen ist auch in unserer Zeit nicht überholt, Dank an den Schöpfer nicht überflüssig. Gott sei Dank ist unser Leben einigermaßen abgesichert Unser Problem ist nicht die Mangelernährung, sondern allein die Überernährung. Der Kampf gegen den eigenen Appetit führt bei manchen Menschen sogar zur Magersucht.

Doch übersehen wir nicht: Es gibt auch eine geistige Magersucht. Sie meinen, aus sich selbst heraus genügend Nahrung für ihre Seele ziehen zu können. Körper und Seele brauchen aber ständige Energiezufuhr von außen. Ohne diese Nahrung für Geist und Seele verkümmert der Mensch und wird mehr und mehr zu einem Roboter. Doch Gott bietet uns auch die geistliche Nahrung an. Auch auf diesem Gebiet gibt er uns Speise zur rechten Zeit. Wenn wir auf sein Wort hören, wenn wir beten und in seinem Sinn handeln, werden wir auch innerlich satt und unser Leben wird erfüllt. Das Erntedankfest bietet uns auch Anlaß, über unsere innere Ernährung

 

Ehrenplätze in der Kirche                                                                                      Kirchweih

In manchen alten Kirchen findet man die sogenannten „Fürstenlogen“. Hier hatten die Adligen der betreffenden Gegend ihren besonderen Platz, abgetrennt von den gewöhnlichen Leuten. Hinter den abschirmenden Gittern konnte man auch etwas anderes machen als andächtig der Predigt zu lauschen. Dort stand auch oft ein Ofen, damit man im Winter nicht frieren mußte. Und essen und trinken konnte man wahrscheinlich auch.

In Hochstadt hatten die Herren von Karben einen solchen besonderen „Kirchenstuhl“. Den benutzen sie aber nur, wenn sie im Herbst kamen, um den Wein abzuholen, die die Einwohner von ihren Weinbergen für die sogenannten „Patronatsherren“ abgeben mußten. Die Herren von Karben wollten nun, daß dieser Platz in der Kirche das ganze Jahr über freigehalten werde. Aber da machten die Hochstädter nicht mit.

Pikanterweise gab es für den Kirchenvorstand und auch für die Pfarrfamilie eine eigene abgeteilte Bank, hinter deren Gitter man unauffällig sein konnte. Die Gemeinde konnte nicht einmal ausmachen, wer da war und wer an diesem Sonntag fehlte. Bei der Renovierung der Kirche hat man diese besonderen „Kirchenstühle“ in der Regel entfernt. Es gibt keine besonderen Plätze mehr in der Kirche.

Nur die Konfirmanden werden angehalten, in den vorderen Bänken zu sitzen. Wenn allerdings hoher Besuch kommt, müssen die Konfirmanden weichen. Wenn zum Beispiel ein hoher Politiker von außerhalb kommt, dann wird er mit dem Gefolge zu einem Ehrenplatz in der vorderen Reihe geleitet. Wenn vielleicht noch das Fernsehen da ist, richten sich die Kameras auf den berühmten Gast. Vielleicht steht man sogar auf, wenn so eine bedeutende Persönlichkeit die Kirche betritt. Warum können sich diese Leute nicht genauso unauffällig und bescheiden in eine Bank setzen wie andere auch? In der Kirche gilt nicht die gesellschaftliche Stellung oder die wirtschaftliche Macht. In der Kirche sind alle gleichberechtigte Angehörige des Volkes Gottes.

So ist zumindest die Theorie. Dennoch kann man immer wieder bei Trauerfeiern feststellen, daß bei in der Öffentlichkeit stehenden Leuten mehr Drumherum gemacht wird als bei Unbekannten. Wenn einer sich tüchtig am kirchlichen Leben beteiligt hat, das sollte man etwas ausführlicher würdigen, das wäre in dieser Situation angemessen.

So ermahnt auch das dritte Buch Mose in Kapitel 19 Vers 15: „Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen!“ Das Erste wird wohl selten vorkommen, obwohl man auch damit kokettieren kann, wie sehr man sich doch um die Geringeren kümmert Aber näher liegt uns allen, uns um die Großen zu bemühen, um ihre Aufmerksamkeit und vielleicht auch um ihre Zuneigung.

Was einer wirtschaftlich oder gesellschaftlich darstellt, sagt noch nichts über seine menschlichen Qualitäten. Äußerlichkeiten können das Wesen eines Menschen nicht verbergen wie eine Maske das Gesicht. Christen sind allerdings keine unhöflichen Leute, deren gesellschaftliche Regeln gleichgültig wären. Sie werden auch den Großen dieser Welt mit Ehrerbietung begegnen. Aber hier liegt in der Regel nicht das Problem.

Viel wichtiger ist es, auch denen freundlich zu begegnen, die kein besonderes Ansehen genießen und deren gesellschaftliche Stellung bedeutungslos ist. Bei Gott kommt es auf das Herz des Menschen an. Deshalb brauchen sich Christen bei den Begegnungen mit Menschen nicht von Äußerlichkeiten leiten zu lassen. Vor Gott sind alle gleich.

Deshalb verlieren in der christlichen Gemeinde die üblichen Unterscheidungen und Trennungen unter den Menschen ihre Bedeutung. Nächstenliebe duldet keine Abstufungen. In der Kirche ist jeder gleich willkommen, ob er nun gering oder groß ist.

Oder anders gesagt: Weil es in der Kirche keine Ehrenplätze gibt, hat jeder einen Ehrenplatz. In der Kirche wird jeder vorgezogen, weil Gott alle gleich liebhat. Dieses Wissen stellt doch eine starke Einladung dar, Gottes Angebot auch anzunehmen. Deshalb gilt uns allen der Ruf: „Bitte die Plätze einnehmen - bitte die Ehrenplätze einnehmen!“

 

Baustelle Kirche!                                                                                                     Kirchweih

Wenn irgendwo ein neues Haus gebaut wird, werfen die Vorübergehenden einen interessierten Blick auf die Baustelle. Bei Wind und Wetter, bei Sonne und Hitze stehen die Männer da, legen das Fundament und ziehen die Wände hoch. Jeden Tag kann man einen Fortschritt feststellen. Dabei geht alles streng nach Plan. Ein Fachmann hat ihn vorgegeben, die Arbeiter führen in aus.

Auch die Kirche ist so ein Bau, an dem seit nunmehr fast 2000 Jahren gewerkelt wird. Doch die Betrachter hinter dem Bauzaun werden sich vielleicht wundem: Da stehen verschiedene Teilbauten nebeneinander. Jeder ist ganz individuell gestaltet. Einen gemeinsamen Plan kann man nur ahnen. Doch die Unterschiede fallen viel stärker ins Auge. Vor allem aber schütteln die Vorübergehenden den Kopf, weil sich die Bauleute offenbar nicht einig sind: Während auf der einen Seite aufgebaut wird, sind andere an anderer Stelle dabei, wieder einzureißen. Und offenbar wird nicht nur Altes und Überholtes abgerissen, sondern auch durchaus Brauchbares und Bewährtes. Das ist jedenfalls der Eindruck der Außenstehenden. Sie fragen sich: Wie soll jemals etwas aus dem Bau werden?

Doch wenn wir es recht bedenken, muß in der Kirche hin und wieder etwas abgerissen werden. Nur so kann sie sich erneuern und auf der Höhe der Zeit bleiben. So muß sie sich zum Beispiel überlegen, ob sie ihre Serviceleistungen für die Gesellschaft weiterhin aufrechterhalten kann. Natürlich ist es schön, wenn man Krankenhäuser, Beratungsstellen und Modellversuche anbieten kann. Ein Kindergarten ist eine prima Sache. Aber ist er noch eine zentrale kirchliche Angelegenheit, wenn die Hälfte der Erzieherinnen keiner christlichen Kirche angehört und ein Drittel der Kinder islamisch ist? Sollte man diese Aufgabe dann nicht lieber dem Staat überlassen? Es wäre vielleicht auch ehrlicher.

Kirche ist alt. Da hat sich Manches erhalten, was einmal gut war, aber inzwischen überholt ist. So hat man zum Beispiel die Anmeldung zum Abendmahl abgeschafft, die ja nur dazu da war, die vorherige Beichte zu überprüfen - ein Überbleibsel aus der Zeit des Obrigkeitsstaates. Statt dessen hat man das Angebot der Feiern erweitert, man experimentiert mit neuen Formen und gestaltet das Abendmahl zeitgemäß, ohne den Kern zu verändern. Auch wenn die Kirche schon alt ist, so hat sie sich doch immer den veränderten Verhältnissen angepaßt, ohne sich anzubiedern. In manchen Punkten ist sie sogar richtungsweisend. So hat man schon vor Jahren das Höchstalter für eine Kandidatur zum Kirchenvorstand auf 70 Jahre festgesetzt. Das ist keine Disqualifizierung älterer und verdienter Gemeindemitglieder, sondern ein heilsamer Zwang, auch jüngere Leute heranzuziehen.

Neuerdings wurde das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt. Hier ist in der Tat die Kirche einmal fortschrittlicher als die Gesellschaft. Deshalb dürfen wir auch Hoffnung haben für die Zukunft der Kirche. Manchmal sieht sie in der Tat wie eine Ruine aus. Aber das kann alles wieder restauriert oder renoviert werden. Das Fundament ist nämlich gut. Da kann man immer wieder darauf aufbauen.

Doch bei der Kirche ist das Fundament nicht ein menschliches Werk. Paulus schreibt zunächst an die Gemeinde in Korinth: „Ich habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister!“ Doch dann korrigiert er sich sofort und sagt: „Einen anderen Grund kann niemand legen als der, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus!“ (1. Korinther 3, 1011).

Mancher Kirchenmann vergißt nur allzuleicht, daß nicht e r die Kirche ins Leben gerufen hat und daß er sie auch nicht erhalten kann. Sicher braucht man Menschen und Material, wenn man bauen will. Aber erst einmal muß das Fundament da sein und ein guter Plan. Beides aber hat Gott gemacht. Sein Plan ist ausschlaggebend. Nur so können wir sicher sein, daß etwas Sinnvolles daraus wird. Wenn dennoch auf eigene Faust gebaut wurde, muß man sich nicht wundern, wenn etwas nicht mit dem anderen zusammenstimmt. Dann muß eben wieder abgerissen werden. Deshalb entsteht dann für Außenstehende oft der Eindruck, da werde sinnlos und planlos gebaut und wieder eingerissen. Aber mit Gottes Hilfe wird alles zu einem guten Ende kommen.

 

Deutsche Einheit und Einheit im Glauben

Morgen feiern wir den „Tag der deutschen Einheit“. Aber „feiern“ wir ihn wirklich, haben wir Grund zum Feiern? Ist nicht der eine oder andere sogar der Meinung, ohne die Einheit würde es uns besser gehen? Die staatliche Einheit haben wir nun schon seit acht Jahren, an der wirtschaftlichen wird noch gearbeitet. Und wie sieht es mit der kirchlichen Einheit aus?

An sich haben die Kirchen in Deutschland erstaunlich gut auch über die früheren Staatsgrenzen hinweg zusammengearbeitet. Aber es ist auch nicht zu leugnen, daß die unterschiedliche Entwicklung und die unterschiedlichen Erfahrungen im Westen und Osten nach länger nachwirken. Eine Kirche, die fast zwei Generationen unter diktatorischen Verhältnissen hat leben müssen, wird ihr Leben anders gestalten als eine Kirche, die sich mit der Demokratie frei entfalten konnte und nach wie vor eine Reihe von Privilegien hat.

Ein Pfarrer aus Nordhessen kritisierte einmal, daß sein aus Rumänien gekommener Kollege nur Gottesdienste und Hausbesuche macht, nicht aber Gemeindefeste und Ausflüge. In einem totalitären System wird die Kirche einfach gezwungen, sich auf ihre Kernaufgabe zurückzuziehen. Da bleiben ihr nur Gottesdienst, Unterricht, Amtshandlungen und Seelsorge. Selbst Skilaufen bei einer Konfirmandenrüstzeit wird dann zu „Praktischen Übungen zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses“.

Doch wir im Westen dürfen nicht der Meinung sein, im Osten habe es ja kaum noch eine Kirche gegeben und die Konfirmation sei einfach durch die Jugendweihe ersetzt worden. Noch schlimmer ist die Auffassung, der Westen habe den Osten wieder missionieren müssen und habe die Kirche im Osten vor dem völligen Untergang gerettet. Auch im Osten gab es Gemeinden, die all das hatten, was man im Westen an einer Kirchengemeinde rühmt: Jugendarbeit, Jungschar, Frauenhilfe, Altenkreis, Posaunenchor,      Kirchenchor, Kirchenkonzerte, Konfirmandenrüstzeiten, Gemeindefeste, Kreiskirchentage, usw. Es gab sogar Gemeinden mit Kindergarten, Schwesternstation und Rüstzeitenheim. Es gab kirchliche Ausbildungsstätten und Evangelische Akademien.   

Nur stand das alles viel mehr unter dem Gebot der christlichen Verkündigung: neben viel Geselligkeit und Unterhaltung war immer auch eine Andacht des Pfarrers oder eines sonstigen kirchlichen Mitarbeiters dabei. Erst dadurch          wurde eine Veranstaltung zu           einer kirchlichen Lebensäußerung und mußte nicht bei der Polizei angemeldet werden. 

Doch nicht nur der Staat stellte die Kirche unter Zwang. Auch die kirchlichen Mitarbeiter sagten: Ich tue nur etwas in der Gemeinde, wenn ich meinen Verkündigungsauftrag erfüllen kann, die Freizeitgestaltung und die Kultur überlasse ich anderen Organisationen.

Insofern brauchen sich die Kirchen im Osten nicht zu verstecken. Im Osten hat es vielfach eine lebendigere Kirche gegeben als im verweltlichten Westen. Dort will die Kirche immer ihre Existenzberechtigung in der er Gesellschaft beweisen und immer wieder zum Ausdruck

bringen: „So unmodern sind wir ja nun auch wieder nicht!“ Im Osten dagegen wußte jeder, worauf er sich einließ, wenn er in der Kirche aktiv wurde: da erwartete er Verkündigung der christlichen Botschaft und Hilfe auf dem Lebensweg vom Evangelium her.

Die unterschiedliche Geschichte der Kirchen im Westen und Osten kann aber durchaus befruchtend wirken. Wir können voneinander lernen, was für die heutige Zeit das Richtige ist: Für den Osten besteht die Gefahr, daß er im westlichen Kirchenwesen untergeht: Er mußte das Kirchenrecht, das Kirchensteuersystem, die Strukturreform und vieles andere übernehmen. An einigen Stellen versucht man noch hinhaltenden Widerstand zu leisten. So sind zum Beispiel Militärpfarrer und Gefängnispfarrer noch zur Hälfte in einer Gemeinde eingesetzt, aber nach und nach wird das wohl alles platt gemacht werden. Die Gemeinden bedauern das vielfach, wissen sich aber auch nicht zu wehren bzw. müssen einsehen, daß es unter den heutigen Verhältnissen wirklich nicht anders geht.

Die Gemeinden im Westen und Osten haben die gleiche Aufgabe: In der heutigen Zeit - die so ist, wie sie ist - das Wort Gottes zu verkünden. Dabei kann man voneinander lernen:

Keiner darf auf den anderen herabschauen. Was gut ist auf beiden Seiten, sollte weitergegeben werden. Die Kontakte zu den Partnergemeinden können ausgebaut werden. Bei Ausflügen kann man auch im Osten zum Gottesdienst gehen. Als Christen sind wir besonders geeignet, die Einheit Deutschlands zu fördern. Schließlich sind wir als Christen schon eine Einheit im Glauben, ein Leib und ein Geist, wie es im Epheserbrief, Kapitel 4, heißt. „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller!“ Das muß nicht heißen, daß alles einheitlich

sein muß. Der Epheserbrief schreibt von den vielen Ämtern, die es in der Gemeinde geben

muß, damit der Leib Christi erbaut wird und die Einheit des Glaubens sich voll entwickeln kann. Und er fordert auf: „Laßt uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus!“ (Vers 15).

 

Reformatorisch Lied - neues Lied                                                  (aus dem Jahr 1994)

Morgen, am Sonntag vor dem Reformationsfest, wird in unserer Landeskirche das neue Gesangbuch eingeführt Fünfzehn Jahre hat man daran gearbeitet. Gut Ding will eben Weile haben. Sehr viele widerstreitende Meinungen mußten unter einen Hut gebracht werden. Aber es ist dann doch etwas Ansehnliches dabei herausgekommen. Eine Kirche, die aus der Reform der alten Kirche herausgewachsen ist, sollte zu immer neuer Reform bereit sein. Deshalb muß auch von Zeit zu Zeit das Gesangbuch erneuert werden. Jede Zeit hat andere Ansichten und Vorlieben. Da darf man nicht auf den einmal erreichten Zustand stehenbleiben, sondern muß sich immer wieder anpassen.

Die reformatorische Kraft einer Kirche wird sich auch daran zeigen, daß sie dazu in der Lage ist. Heute wird fast nur noch in der Kirche gesungen, meist mehr schlecht als recht. Da kommt es darauf an, etwas zu bieten, was ans Herz geht und dem Singenden etwas sagt. Auch wird man auf die Unterschiede der verschiedenen Lebensalter und Gemeindegruppen achten.

So enthält das neue Gesangbuch zunächst einmal wieder eine ganze Reihe bewährter Lieder aus der Reformationszeit. Viele Lieder von Martin Luther sind wieder dabei. Doch weil das Buch auch in der Schweiz verwendet werden soll, mußte auch ein Lied des Schweizer Reformators Zwingli hinein, auch wenn es niemand singen kann.

Insgesamt sind 310 Lieder aus dem alten Gesangbuch übernommen worden. Herausgefallen sind fast hundert Lieder, von denen ein großer Teil damals erst als „neues Lied“ aufgenommen worden war, sich aber nicht durchsetzen konnte. Der andere Teil war vom Text her veraltet bis unverständlich oder schlicht und einfach nicht zu singen.

Umgedreht hat man Lieder wieder aufgenommen, die ins bisherige Gesangbuch nicht aufgenommen worden waren. Damals waren die Verantwortlichen vor allem gegen süßliche Melodien und favorisierten eine herbe Sprache, die man als reformatorisch ansah. Jetzt aber finden wir „Stille Nacht“ und „So nimm denn meine Hände“ wieder und sogar „Harre meine Seele“ und „Stern, auf den ich schaue“. Und die Lieder „Wir pflügen und wir streuen“ und „Geh aus mein Herz“ stehen endlich so im Gesangbuch, wie sie schon immer gesungen wurden.

Ganz neu sind rund 200 Lieder. Unter diesen sind auch Kanons und Singsprüche und andere nicht liedmäßige Gesänge. Etwa 100 Lieder sind auch für den Kindergottesdienst geeignet. Neu aufgenommen wurden Lieder, die sich in den 45 Jahren seit Erscheinen des bisherigen Gesangbuches einigermaßen durchgesetzt haben und allgemein bekannt wurden.

Hier bleiben allerdings die meisten Wünsche offen. Viele Vorschläge sind von den Praktikern vor Ort eingereicht worden. Aber entschieden haben dann doch die dem klassischen Liedgut zugetanen Kantoren und Pfarrer. Deshalb vermißt man manches neue Lied. Dafür sind dann andere Lieder aufgenommen worden, die zum Teil erst nach 1990 entstanden sind, aber dennoch die klassische Art haben. Vielleicht sollte man doch lieber über einen stellenweise dünnen Text und eine schlagermäßige Melodie hinwegsehen, wenn das Lied von der Gemeinde gern angenommen und gesungen wird.

 

So wahrt das neue Gesangbuch die Tradition und zeichnet sich durch Treue und Gediegenheit aus. Zwei Bücher braucht der Christ, hat einmal einer gesagt: die Bibel, die unveränderlich die Grundlage des Glaubens bildet, und das Gesangbuch, das immer wieder aktualisiert wird und Altes und Neues verbindet. Wir brauchen heute noch das reformatorische Lied, aber genauso auch das neue Lied. Reformation heißt nicht Stillstand, sondern immer neue Anpassung an die Gegenwart und zum Teil schon an die Zukunft. Haben Sie sich schon angepaßt, haben Sie schon beide Bücher zu Hause?

 

Geister oder Heiliger Geist                                                                                     Reformation

Hallo, heute ist nicht Halloween, jene amerikanische Erfindung, in der irgendwelche Geister eine Rolle spielen. Heute ist der Gedenktag der Reformation. Wir erinnern uns daran, daß am 31. Oktober 1517 der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen an seinen Erzbischof schickte, um eine wissenschaftliche Diskussion über Reue und Vergebung anzuregen. Anlaß dafür war, daß viele Menschen zu ihm in den Beichtstuhl kamen und sagten: „Wir brauchen nicht mehr zu beichten, wir haben uns im Nachbarland Zettel gekauft und brauchen nun nicht mehr die Höllenstrafen zu fürchten!“

Daß aus diesem Brief eine neue Kirche hervorgehen würde, konnte Luther damals nicht ahnen - das hat er auch nicht gewollt. Er wollte nur seine Kirche „reformieren“, also wieder in ihre ursprüngliche Form bringen. Schon Jesus hatte seine Religion wieder zu ihren Ursprüngen zurückbringen wollen. Zum Beispiel wollte er, daß man nicht mehr die rund 1000 jüdischen Gebote und Verbote sklavisch beachten sollte, sondern er wollte nur die zehn Gebote Gottes sinngemäß anwenden.

Das Wort „Reform“ hat heute einen negativen Klang. Wenn die Gesundheit oder die Arbeitslosenunterstützung „reformiert“ werden soll, dann ist das immer mit Nachteilen verbunden. Das Wort „Reform“ könnte sogar „Unwort des Jahres“ werden, weil es nicht für eine an sich gute Sache verwendet wird, sondern etwas Schlechtes verschleiern soll.

Aber Reform ist immer nötig, auch in den „reformatorischen“ Kirchen. Sie müssen immer wieder neu Antworten finden auf die Herausforderungen ihrer Zeit. Rückkehr zum Alten bedeutet nicht, nur einfach das zu kopieren, was früher einmal gewesen ist. Es muß nicht der Buchstabe stimmen, sondern der Sinn. Wenn man nur nach dem Buchstaben geht, engt man den Sinn ein wie in einen Panzer und erreicht gerade das Gegenteil von dem, was ursprünglich beabsichtigt war.

So ist das ja auch bei der gesamten Bibelauslegung. Manche Aussagen sind zeitbedingt und nicht Kern des Glaubens. Doch diese Leute sagen: „Wir lassen uns nicht auf Auslegungen ein. Glauben muß man sowieso, da ist es einfacher, gleich alles zu glauben!“ Martin Luther dagegen wollte deutsch reden wie die Mutter mit dem Kind oder die Leute auf der Straße. Deshalb hat er auch heftig seine Übersetzung der berühmten Stelle aus dem Römerbrief verteidigt: „Der Mensch wird vor Gott gerecht allein aus dem Glauben!“ (Römer 3,28). Das Wort „allein“ steht nicht im griechischen Urtext. Aber Luther hat an anderen Beispielen nachgewiesen, daß man das Gemeinte nur richtig verstehen kann, wenn man dieses Wort an eben dieser Stelle einfügt.

Die römisch-katholische Kirche hat in diesem Punkt auch nachgezogen und sich reformiert. Nur beim Verständnis von Kirche (und damit von Priesteramt, Papst, Sakramenten) bewegt sie sich noch nicht. Jede Gemeinschaft muß sich aber immer wieder neu reformieren, sonst erstarrt sie. Das heißt nicht, daß man sich billig an den jeweiligen Zeitgeist anpaßt. Aber es bedeutet, daß man das Alte lebendig erhält und seinen Sinn für die heutige Zeit fruchtbar macht.

 

Geburtstag ist eine Alterserscheinung                                                      10. November

„Geburtstag ist eine Alterserscheinung!“ So sagte ein lebenserfahrener Mann zu mir, der am gleichen Tag wie ich Geburtstag hatte. Er ist über 80 Jahre alt geworden und war ein treuer Diener seiner Kirche. Er sagte das nicht entmutigt, sondern mit einem verschmitzten Lächeln, so als wollte er ausdrücken: „Was gratuliert ihr mir denn zum Geburtstag? Er erinnert doch nur daran, daß man wieder ein Jahr älter geworden ist!“ Ein Kind wartet noch voller Sehnsucht auf den nächsten Geburtstag. Es freut sich nicht nur auf die Geschenke, sondern vor allem darauf, daß es jetzt wieder ein Stück größer geworden ist und wieder mehr Rechte erlangt hat. Als Kind sehnt man das Erwachsensein herbei.

Aber so bei 25 Jahren könnte alles stehen bleiben. Das ist das beste Alter, dann ist man auf dem Höhepunkt des Lebens. Mit 30 hat man schon das Gefühl, es gehe bergab. Und die Fünfzehnjährigen, die noch wirklich jung sind, haben die Meinung: „Mit 30 ist man ja schon soooo alt!“

Es ist alles nur eine Frage des Gesichtswinkels. Ich erlebte einmal einen Achtzigjährigen, der mich im ersten Augenblick in Erstaunen versetzte. Er war als beharrend und unbeweglich bekannt. Aber jetzt sagte er auf einmal: „Wir müssen auch junge Leute heranziehen!“ Ich wunderte mich, weil er sich so gewandelt haben sollte. Aber die Personen, die er dann nannte, waren auch schon sechzig Jahre alt. Aus seiner Sicht waren sie jung. Aber aus meiner Sicht waren sie schon doppelt so alt wie ich damals war. Alter hat wohl auch etwas mit der Einstellung dazu zu tun.

An all das muß ich denken, wenn ich mir Gedanken für diesen Sonntag mache. An diesem Tag habe ich nämlich Geburtstag. An einem Sonntag bin ich geboren. Jetzt feiere ich wieder an einem Sonntag meinen Geburtstag. Man sagt, Sonntagskinder hätten besonderes Glück im Leben. Aber das ist wohl ein Aberglaube. Das Leben dieser Menschen verläuft genauso normal oder unnormal wie das der anderen auch:

Die Frage ist nur, wie man selber dazu steht: Stöhnt man über das Leben, das sich Jahr um Jahr abspult, und sieht man den Geburtstag nur als Erinnerung daran, daß das Leben vergeht. Oder freut man sich, daß man wieder ein Jahr hat vollenden können und daß man auf ein Neues hoffen darf.

Auch der große deutsche Reformator wurde am 10. November geboren. Ihm wird ja das Wort zugeschrieben: „Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen!“ Das Wort ist nicht von Luther, sondern es taucht erst 1944 auf. Doch es beschreibt sehr schön die Einstellung Luthers, die auch die Einstellung eines jeden Christen sein könnte: Jeder Tag könnte der letzte sein. Dein Geburtstag erinnert dich jeweils an diese Tatsache. Aber das kann und darf dich nicht hindern, doch das heute Notwendige in aller Ruhe zu tun. Das gilt für jeden Tag des Jahres: Man kann ihn nur als ein Geschenk aus Gottes Hand nehmen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Das Beste ist in diesem Fall zunächst einmal der Besuch des Gottesdienstes. Die Feier des Geburtstages ist ein Anlaß, Gott zu danken für das Geleit durchs Leben. Es war nicht immer leicht. Aber es hat doch Freude gemacht. Irgend etwas findet man immer, wofür man danken kann. Aber der Geburtstag ist auch Anlaß, erneut um Gottes Beistand für das kommende Lebensjahr zu bitten. Wir dürfen darauf vertrauen, daß Gott noch viel mit uns vorhat. Der 23. Psalm drückt es so aus: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!“ Wir haben schon viel Gutes von Gott erfahren. Da wird uns seine Barmherzigkeit auch weiter begleiten durchs Leben.

 

Ein schwerer Stein auf dem Grab                                                     Ewigkeitssonntag

Auf einem alten Friedhof in Hannover konnte man vor einigen Jahren ein sehr sonderbares Grab sehen. Es war das Grab einer deutschen Prinzessin, die damit prahlte, nicht an die Auferstehung der Toten zu glauben. Dennoch hatte sie in ihrem letzten Willen verlangt, daß man ihr Grab bedecke mit einer dicken Platte aus Granit, die an ihrer Umrandung festgehalten wurde mit Haken aus Eisen. Eine Inschrift war eingraviert: „Es ist verboten, dieses Grab zu öffnen, das gekauft wurde mit einer Ruhefrist für ewige Zeiten!“ Aber siehe da, das Samenkorn einer Pappel wurde durch den Wind herbeigetragen und legte sich in die Fuge zwischen der Umrandung und dem Stein. Aus dem Samenkorn wurde ein Baum, der Stück um Stück wuchs und die Steinplatte anhob. Dadurch gaben auch die Haken nach und die Umrandung der Platte zerbrach.

Ein Korn hat genügt, das Grab der reichen Prinzessin zu öffnen. Ein Wort des Herrn wird genügen, um den Leib aus dem Staub zu ziehen, so daß er auferstehen wird. Ob die Auferstehung der Toten die menschliche Vernunft verletzt oder nicht - sie ist eine geprüfte Tatsache durch die Auferstehung Jesu Christi und ist eine grundlegende Wahrheit des Wortes Gottes. Die Auferstehung gibt dem Glaubenden einen Grund zu leben und dem Nichtglaubenden einen Grund zum zittern. Sich zu weigern, daran zu glauben, wird nicht verhindern, daß das Ereignis sich vollendet. Das letzte Wort wird Gott haben. Welche Torheit, ihm zu widerstehen! Soweit die Ausführungen auf einem Kalenderblatt, das uns letzten Sommer unsere Gastgeberin in Frankreich überreichte, als wir auf der Durchreise dort übernachteten. Sie hat nicht nur hervorragend für unser leibliches Wohl gesorgt, sondern wollte uns auch geistliche Kost verabreichen, nachdem sie gehört hatte, daß wir „religiös“ seien, wie sie sagte.

An diese Kalendergeschichte muß ich denken, wenn ich über unseren Friedhof gehe. Da gibt es auch große und schwere Steine auf den Gräbern. Manchmal steht nicht nur ein üblicher Grabstein auf dem Grab, sonder fast die ganze Fläche des Grabes ist zusätzlich mit einem Stein bedeckt. Natürlich dienen die Steine in erster Linie dem Andenken der Verstorbenen, aber geht es nicht auch darum, mit teuren Steinen zu repräsentieren und das Eigenheimdenken über den Tod hinaus zu verlängern?

Als Christen glauben wir doch an die Auferstehung der Toten. Das hat man sich bildhaft immer so vorgestellt, daß sich dazu die Gräber auftun und die Toten als neue Menschen herauskommen. Um diese Hoffnung zu unterstreichen, mußten unsere Grabstätten eigentlich anders aussehen. Da müßten sie doch mehr Zeichen dieser christlichen Hoffnung sein. In früheren Jahrhunderten waren Grabdenkmäler aus Stein selten, weil sie für die meisten Menschen unerschwinglich waren. Da standen Holzkreuze auf den Gräbern, später Eisenkreuze. Ein schlichter Schmuck! Aber auch ein Hinweis auf Jesus, der am Kreuz gestorben ist, den Gott aber auferweckt hat von den Toten.

Könnten wir diesen Glauben nicht auch durch die Gestaltung unsrer Grabstätten zum Ausdruck bringen? Besser als Steine sind dafür sicher Pflanzen geeignet. Dabei denke ich nicht an die seltsamerweise „Lebensbäume“ genannten sterilen Thujapflanzen. Besser wäre sicher das immergrüne Efeu oder ein Buch oder ein Baum. Was könnte die christliche Hoffnung auf die Auferstehung besser symbolisieren als ein Baum, der im Herbst die Blätter abwirft und sich in sich zurückzieht, aber im Frühjahr wieder ausschlägt. Der Baum wird neu - jedenfalls sein Blattwerk. Aber das Neue sieht dann so aus wie das Alte. Es hält sich etwas durch, obwohl alles neu geworden ist.

Vielleicht noch besser verdeutlicht werden könnte die christliche Hoffnung durch die berühmte Geschichte vom Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Er ließ einen Birnbaum auf seinem Grab pflanzen, damit die Kinder des Dorfes seine Früchte ernten konnten. Schon zu Lebzeiten soll er immer ein gutes Herz und eine offene Hand für die Kinder gehabt haben, obwohl er doch ein Großgrundbesitzer und eigentlich ein Ausbeuter war. Auch über seinen Tod hinaus wollte er noch für sie da sein. Der Baum steht heute noch (zumindest wird ein Baum gezeigt, der jener Baum sein soll).

Doch christliche Hoffnung ist mehr als nur das ehrende Andenken an einen guten Menschen. Im Johannesevangelium heißt es: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören. Und es werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben zur Auferstehung des Gerichts!“ (Kapitel 5, Vers 28-29). Das entscheidende dabei ist nicht, daß die Gräber sich auftun. Viel wichtiger ist, daß der Himmel sich auftut. Wir haben etwas, das in die Zukunft weist, bis in die Ewigkeit hinein. Das gibt uns Kraft für die Gegenwart. Wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was wohl nach dem Tode mit uns sein wird. Gott hat schon vorgesorgt. Niemand kann uns diese Zukunft nehmen. Wir können nicht selber das Grab verschließen - und andere können es auch nicht. Deshalb können wir gelassen in jeden Tag hineingehen, der uns geschenkt ist. Gott wird uns die Kraft geben, dem Tod entgegenzutreten, der uns in vielfacher Form begegnet. Aber wir müssen und können nicht alles selbst erreichen, denn Gott hat schon alles erreicht für unser Leben und für unser Sterben.

 

Mein zweites Leben 

In einer Fernsehsendung sprach Reiner Calmund über seine Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Er sagte: „So stelle ich mir mein zweites Leben vor: Das ist das Stadion, die Geschäfts­stelle des Vereins, eine Torwand und ein Schwimmbad. Dort kann man Leute treffen. Aber es gibt auch eine große Wohnung mit viel Glas und Bildern an den Wänden. Und dann möchte ich durch einen Mausklick über allem schweben und mich bewegen!“ Das haben sie dann im Fernsehen auch mit Hilfe eines elektronischen Tricks vorgeführt. Das war natürlich ein schönes Bild, wie der schwergewichtige Calmund über allem schwebt.

Aber sehr schön ist sein Ausdruck „mein zweites Leben“. Das ist ein Fachausdruck aus dem Englischen, wo es „second life“ heißt. Im englischsprachigen Bereich ist das fast zu einer Forschungsrichtung geworden. In der Bibel heißt es „das ewige Leben“. Vor allem das Johannesevangelium spricht davon. Dort heißt es in Kapitel 3. Vers 15: „Alle, die an ihn glauben, werden das ewige Leben haben!“ Oder in Kapitel 10, Vers 28: „Ich gebe ihnen das ewige Leben!“

Christian Zippert, der frühere Bischof unserer Landeskirche, sagte in einem längeren Gespräch, als er schon wußte, daß er sterbenskrank war: „Jeder Mensch sollte sich ein Bild machen, mit dem er sich die Ewigkeit vorstellt!“ Auch die Bibel bietet solche Bilder an. Das bekannteste ist vielleicht das Bild vom „Paradies“, dem schönen Garten, wie er am Anfang der Welt war und wie er am Ende der Welt wiederkommen soll. Das wäre doch ein schönes Bild für einen Menschen, der Zeit seines Lebens in seinem Garten gearbeitet und viel Freude dabei erfahren hat.

Ein anderes Bild ist der Schlaf oder - noch deutlicher - die Narkose. Da kriegt man eine Spritze in den Arm. Man merkt, wie das Mittel mit zwei Herzschlägen in den Kopf gepumpt wird, und man ist weg. Aber man ist ja nicht wirklich „weg“. Es wird ja etwas am Körper gemacht, eine Störung wird beseitigt und der Mensch wieder hergestellt, so daß das Leben weitergehen kann. Der Patient merkt nichts davon. Aber wenn er aufwacht, dann steht vielleicht ein lieber Mensch an seinem Bett, zumindest ein Mensch, der sich um ihn kümmert.

Ein Kraftfahrer wird vielleicht seinen Lastwagen mit dabei haben wollen. Ein Geflügelzüchter wird mit seinen Tieren zusammen sein wollen. Ein Sportler stellt sich vor, daß er sich dann auch noch sportlich betätigen kann. Ein Musiker möchte spielen können. Ein Pfarrer wünscht sich, packend predigen zu können. Natürlich wird die Welt Gottes noch einmal ganz anders sein als unsere Welt. Aber wir wollen sie doch auch als Welt für uns wieder erkennen können. Doch schon heute brauchen wir solche Bilder, damit wir begreifen können, was gemeint ist. Unser menschlicher Verstand und unsere Vorstellungskraft sind ja eingeengt, da helfen uns nur anschauliche Beispiele. Natürlich dürfen wir uns nicht allzu menschliche Vorstellungen machen, etwa wie von einem Schlaraffenland. Es soll ja auch noch etwas Überraschendes für uns bleiben. Aber sicher ist. daß es dieses „zweite Leben“ für uns geben wird.

 

Auf der letzten Reise                                                                       Ende des Kirchenjahres

Bei den Ureinwohnern Australiens kommen die Nachbarn bei der Geburt eines Kindes und sagen: „Wir lieben dich und wir werden dir auf deiner Reise beistehen!“ Wenn einer gestorben ist, kommen die Nachbarn wieder und sagen „Wir lieben dich und wir werden dir auf deiner Reise beistehen!“ Es ist doch schön, wenn man am Beginn seines Lebens hören darf: „Wir lieben dich!“ Natürlich kann das neugeborene Kind das noch nicht verstehen. Aber so eine Aussage gilt dennoch und entfaltet ihre Wirkung. Vor allem aber hören auch die Eltern diese Zusage und werden dadurch für ihre Aufgabe gestärkt. Man geht ganz anders an eine Aufgabe, wenn man hört: Es sind auch andere da, die mit tragen und mit Rat und Tat gegebenenfalls Beistand leisten werden.

Der Vergleich des menschlichen Lebens mit einer Reise ist sehr treffend. Eine Reise beginnt irgendwann einmal, und sie hat ein Ziel. Aber dieses Ziel wird nicht immer gradlinig erreicht, sondern es gibt manche Umwege und Schwierigkeiten in unserem Leben. Es lauern auch Gefahren am Wege. Entweder sind das andere Menschen, die uns Böses wollen. Oder die Verhältnisse sind nicht so, wie man sie sich vielleicht wünscht. An manchen Mißgriffen ist nicht der einzelne Mensch schuld, sondern er ist auch nur Opfer der herrschenden Zustände. Doch durch all das darf man sich nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern man muß immer wieder das Ziel fest vor Augen haben. Die Gewißheit, daß man dabei gute Ratgeber hat und

im Notfall auch einmal tatkräftig Beistand erfährt, hilft da sicher viel.

Doch Menschen allein können das nicht leisten! Wir brauchen auch Gott, der uns bei der Reise durchs Leben beisteht. Die Möglichkeiten der Menschen sind begrenzt. Vor allem in den Krisensituationen des Lebens stehen wir oft ratlos da. Zu leicht lassen wir uns da aus der Bahn werfen. Oder wir denken, Gott habe versagt, und greifen schnell einmal zu einem anderen Helfer, der mehr Beistand verspricht. So sind wir Menschen eben: Wir laufen dem nach, der im Augenblick am meisten verspricht. Aber auf die Dauer hilft das auch nicht.

Vor allem zeigt sich das, wenn das Ende unsrer Lebensreise kommt. Dann kann uns kein Mensch mehr helfen. Die Australier versprechen zwar, daß sie auch dann auf der Reise begleiten wollen. Aber in Wirklichkeit muß diesen letzen Weg jeder allein gehen, höchstens die Angehörigen kann man dann noch begleiten. Nur Gott steht auch bei der letzten Reise bei, vor allem bei der letzten, wenn Menschen nicht mehr mitkönnen. So drückt es auch der 16. Psalm aus: „Ich habe den Herrn allezeit vor Augen; steht er mir zu Rechten, so werde ich fest bleiben. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich, auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dein Tode überlassen und nicht zugeben, daß dein Heiliger die Grube sehe. Du tust mir kund den Weg zum Leben. Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“

Gott steht uns zur Rechten, solange wir leben. Er steht uns auch bei, wenn wir den letzen schweren Weg gehen. Den Weg kennen wir nicht im Einzelnen. Deshalb haben auch viele Menschen weniger Angst vor dem Tod, aber sie haben Angst vor dem Vorgang des Sterbens. Vor allem wissen wir ja nicht, wie es im Einzelnen ablaufen wird. Aber das Ziel der letzten Reise kennen wir: das ewige Leben, das Leben bei Gott. Das Ende ist nicht die Grube, nicht das Grab. Sondern Gott kennt den Weg, der weiterführt, den Weg zum Leben.

Deshalb spricht der Beter des 16. Psalms nicht von Trauer, wenn er ans Sterben denkt. Vielmehr überwiegen Worte wie „freuen“ und „fröhlich“ Das könnte auch unsere Grundstimmung sein, wenn jetzt die letzten Wochen des Kirchenjahres anbrechen und wir an Tod und Vergänglichkeit denken. Es ist schon richtig, wenn wir auch der Verstorbenen in Ehren gedenken. Es ist auch richtig, wenn wir uns in Gedanken selber auf den Tod vorbereiten. Aber für einen Christen steht die Hoffnung auf das Leben bei Gott im Vordergrund. Er denkt an das Leben zur Rechten Gottes, an das Leben in seiner Gegenwart. Er ist es, der uns liebt, auch über den Tod hinaus. Und er ist es, der uns dann auch auf der Reise begleitet.

 

Wir sind bei Gott aufgehoben                                                        Ende des Kirchenjahres

Bei einer Kindersendung im Radio sprach die Redakteurin mit Kindern über das Sterben. Dabei ging es auch um Vergleiche mit der Natur. Ein Kind sagte: „Bei den Bäumen ist es etwas anderes. Die sterben zwar im Herbst auch ab, aber im Frühjahr werden sei wieder grün und leben neu!“ Darauf antwortete die Redakteurin: „Aber das einzelne Blatt verwelkt und stirbt ab!“ So stirbt auch der einzelne Mensch, aber die Menschheit bleibt bestehen. Es ist schmerzlich, wenn ein Mensch sterben muß, es ist schade um jeden Menschen. Aber manche trösten sich damit, daß sie in ihren Kindern weiterleben, die zum Beispiel das elterliche Geschäft weiterführen oder die Wertvorstellungen der Eltern weitertragen.

Doch als Christen haben wir eine Hoffnung, die noch weiter geht. Nicht nur die Menschheit als Ganzes soll fortbestehen, sondern auch der einzelne Mensch soll bei Gott aufgehoben sein, wenn auch in einer anderen Art als jetzt. In einem Film fragt ein Mädchen: „Jetzt wacht Oma wohl nicht mehr auf?“ Der Vater antwortet: „Nicht mehr bei uns!“ Das ist doch eine schöne Formulierung: Sie wird wieder aufwachen, aber in der Welt Gottes. Wir müssen jetzt von ihr Abschied nehmen. Aber sie ist nicht für ewig verschwunden, sondern wir werden sie in der neuen Welt Gottes wiedersehen. Wir werden wieder mit ihr vereint sein, anders als jetzt, aber dann für immer.

Im Johannesevangelium Kapitel 11, Vers 25, steht das Wort Jesu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe!“ In diesem Zusam­men­hang will ich einmal Pfarrer Rau zitieren: „Schon vor der Geburt ist der Mensch da. Er kennt noch nicht seine Mutter, die sieht er erst nach der Geburt. So ist auch nach dem Tod der Mensch noch da. Vorher hat er Gott nicht gekannt. Aber jetzt sieht er ihn von Angesicht zu Angesicht!“

Das kann uns trösten, wenn die Tage jetzt trüber werden und die Sonntage geprägt sind vom Gedenken an die Toten. Dann steht uns auch vor Augen, daß wir einmal sterben müssen. Oft wollen wir diesen Gedanken verdrängen, aber er kommt unausweichlich. Da kann uns Gottes Wort eine Hilfe sein. Es weist uns nach vorne und eröffnet uns eine neue Zukunft. Die italienische Filmschauspielerin Claudia Cardinale beschreibt in ihrem Buch „Trauerheilung als Wegbegleitung“ diese Gedanken mit den Worten: „So nun geh und habe keine Angst!“    

 

„Ich denke an das Leben“   

Gerade ältere Menschen haben das Gefühl, daß die Zeit immer schneller abläuft. Für ein Kind dehnt sich die Zeit, bis wieder Weihnachten ist. Aber wenn man älter ist, sagt man überrascht: „Was? Schon wieder Weihnachten!“ Da wird einem deutlich, wie begrenzt die Lebenszeit ist und daß sie unaufhörlich verrinnt. Günther Jauch fragte einmal in einem Interview ein Mädchen, das eine unheilbare Krankheit hatte: „Denkst Du an den Tod?“ Sie antwortete: „Ich denke nicht an das Sterben, sondern an das Leben. Ich denke an die Ziele, die ich mir noch gesetzt habe. Zeit ist wie ein Strahl: Jede Sekunde, die ist unwiederbringlich dahin, sie kann nicht wieder mit etwas anderem gefüllt werden!“

Das ist doch eine tröstende Aussage eines jungen Menschen, der im Gegensatz zu den meisten Menschen nicht mehr viel Zeit hat. Das Mädchen will die verbleibende Zeit noch möglichst gut nutzen. Denn jede Sekunde ist sofort Vergangenheit, ein Fehler kann nicht mehr berichtigt werden. Aber hilfreich kann sein, wenn man sich Ziele setzt, die man noch erreichen will. Dann wird die Zeit sinnvoll gefüllt und nicht vertan.

Eine Möglichkeit, die Zeit zu nutzen, ist auch die Beschäftigung mit Gottes Wort. Mancher hat erst wieder Zeit dafür, wenn er ans Bett gefesselt ist. Dann bedauert er am Ende noch, daß er vorher nicht die Gelegenheit genutzt hat, zum Gottesdienst zu gehen oder sich einmal mit einem biblischen Text zu befassen. Zum Glück läßt sich das leicht wieder einüben, man kommt doch schnell wieder hinein.

Eine gute Möglichkeit sind die Psalmen, die die ganze Bandbreite menschlichen Leids widerspiegeln, aber auch die Fülle der Hilfe und des Trostes, die Gott gibt. Das Gesangbuch mit seinen alten und neuen Liedern leitet uns an zum rechten Umgang mit unserer Zeit und unserem Leben.

Ich hatte einmal die Aufgabe, für die neue Glocke in einer Friedhofskirche einen Bibelspruch auszusuchen, der auf die Glocke geschrieben werden sollte. Ich wollte nichts mit dem Stichwort „Tod“ aussuchen, sondern die christliche Hoffnung auf die Auferstehung zum Ausdruck bringen. Also suchte ich im Register unter dem Stichwort „Leben“. Dabei stieß ich auf eine Aussage im Johannesevangelium in Kapitel 5, Vers 24, die ich dann aus Platzgründen kürzte, um die Hauptsache hervorzuheben: „Wer mein Wort hört, der hat das ewige Leben!“ Ich fand das passend für eine Friedhofskirche, in der im Angesicht des Todes das Wort Gottes gepredigt wird und dem Sterben entgegengesetzt wird.

Jeder hat die Gelegenheit, dieses Wort zuhören, jeden Tag und vor allem jeden Sonntag. Es kann helfen, das Leben zu bewältigen und die im Augenblick nötigen Aufgaben wahr zu nehmen. Der Blick auf den Tod soll uns dabei nicht lähmen, sondern die Hoffnung auf ein neues Leben wecken. Davon kündet die Glocke auf der Friedhofskirche bei jeder Trauerfeier, auch wenn man den Bibelspruch auf ihr in der Regel nicht lesen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

Theologische Themen

 

Der Mensch - das Ebenbild Gottes                                                                        Schöpfung

Täglich gehen auf der Paßstelle des Ordnungsamtes Hunderte von Paßbildern durch meine Hände. Sie zeigen Männer, Frauen und Kinder, alte und junge Menschen, fröhliche und ernste Gesichter. Manche sehen noch offen und unverbraucht in die Welt, als es ihrem Alter entspricht, andere wieder jünger. Besonders interessant ist es, wenn man von einem Menschen Bilder aus verschiedenen Lebensaltern vorliegen hat: Es ist immer der gleiche Mensch, wenn er auf unterschiedliche Art und Weise erscheint.

Ich muß dabei daran denken, daß der Mensch ein Abbild Gottes ist. Am Anfang der Bibel, im 1. Buch Mose, Kapitel 1, Vers 27, steht: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!“ Man hat über diesen Satz gesagt: Das ist doch klar, wenn die Menschen sich einen Gott ausdenken, dann können sie ihn sich nur so ausdenken, wie sie selber sind. Doch eher ist es umgedreht: Als Gott den Menschen schuf, da konnte er ihn sich nicht anders ausdenken, als wie er selber ist. So wie Gott aussieht, so sieht auch der Mensch aus. Der Mensch ist das Ebenbild Gottes.

Wir brauchen uns also kein Bild zu machen, wie Gott aussieht. Die Menschen haben das ja immer wieder versucht, ein Bild ihres Gottes aus Holz oder Stein zu machen. Sie wollten ihren Gott sichtbar vor Augen haben, wollten ihn anbeten und wohl auch beherrschen können. Es sollte ein naher und „begreifbarer“ Gott sein, einer der immer verfügbar ist. Doch Gott begegnet uns in jedem Menschen, in seiner Gestalt, in seinem Gesicht, in seiner Art. Sicherlich ist Gott noch einmal mehr als der Mensch. Er ist auch wieder ganz anders als der Mensch. Aber ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes fällt auf jeden Menschen, jeder Mensch vertritt Gott in der Welt, macht etwas vom Wesen Gottes deutlich.

Deshalb gibt es im Grunde auch keine häßlichen Menschen. Für den Film Der Name der Rose“ suchte man besonders häßliche Menschen. Der Film wurde im Rheingau gedreht. Aber dort gibt es angeblich keine häßlichen Menschen, wie es ein Einheimischer vor der Kamera sagte. Also verpflichtet man Schauspieler aus der ganzen Welt, um nur ja die Rollen mit angeblich häßlichen Menschen zu besetzen. Aber auch bei diesen kann man nicht sagen, daß sie häßlich seien. Es gibt zwar ein gewisses Schönheitsideal, das bei sogenannten Schönheitswettbewerben als Maßstab angelegt wird. Aber im Grunde ist jeder Mensch schön - auch der alte, auch der behinderte, auch der verletzte - weil er ein Ebenbild Gottes ist.

Als Albrecht Dürer seine Mutter malte, da hat er ihr ganzes Leben mit in das Bild gebracht: die Arbeit, die Sorgen, die Last des Alters. Diese Frau hätte keinen Preis bei einem Schönheitswettbewerb gewinnen können. Aber der Sohn hat ihre Schönheit so in das Bild hineinlegen können, daß es uns heute noch anspricht. Man muß nur durch die Runzeln und Falten hindurchsehen und dahinter das Abbild Gottes wahrnehmen.

Manchmal sagt man ja von einem Menschen, er sei „ganz der Vater“ oder auch „ganz die Mutter“. Das kann positiv oder negativ gemeint sein: Entweder ist der Mensch ordentlich und fleißig wie seine Eltern; aber vielleicht sieht er auch nur rein äußerlich so aus wie sein Vater oder seine Mutter. Oder man will ausdrücken: Der ist auch nicht besser als sein Vater; und wenn der schon ein Trinker war, was soll dann aus dem Sohn anderes werden? Sowohl positiv wie auch negativ erweisen wir uns immer als Kinder unserer Eltern.

In gleicher Weise sollten wir uns aber auch als Kinder Gottes bewähren, vor allem in unserem

Wesen und Charakter. Kraft dazu gibt uns Jesus, der in besonderer Art und Weise der Sohn Gottes ist. Er ist das wahre Abbild Gottes, gerade dadurch, daß er ganz Mensch wurde. Seitdem er als Kind in der Krippe lag, hat Gott ein wahrhaft menschliches Antlitz. Menschen die mit ihren Kindern auf der Flucht sind, können sich in diesem Jesus wiederfinden. Aber sie können sich auch in dem erwachsenen Jesus wiederfinden, der lehrend und heilend durch das Land zog. Und sie könne sich wiederfinden in dem sterbenden Jesus am Kreuz. All das ist das Ebenbild Gottes.

 

Zeit für die Männerquote?                                                                                    Schöpfung

Alle Welt redet von der Förderung der Frauen. Manche politische Parteien haben eine „Frauenquote“ eingeführt. Bei Stellenausschreibungen heißt es manchmal, daß Frauen bei entsprechender Qualifikation vorgezogen werden, auch in leitender Stellung. Und Frauen übernehmen in Handwerk und Industrie Tätigkeiten, die bisher als typischer Männerberuf galten. Selbst ins Militär dringen die Frauen schon vor.

Ist es da nicht an der Zeit, in manchen Bereichen schon wieder eine „Männerquote“ einzuführen? Im Handel und in der Verwaltung, in Krankenhaus und auch in der Kirche arbeiten mehr­heitlich Frauen. In den Erziehungsberufen dürfte es besonders problematisch sein, wenn die Kinder kaum das männliche Element in der Erziehung erfahren.

Die Gründe für diese Aufteilung in männliche und weibliche Berufe mögen in der Tradition und in Vorurteilen liegen, sie haben aber wohl auch etwas mit der Bezahlung zu tun. Zwar gilt der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Doch manche Arbeiten werden eben nur Frauen angeboten oder zugemutet, und das sind eben die schlechter bezahlten. So bestehen dann ganze Abteilungen fast ausschließlich aus Frauen. Nur der Abteilungsleiter, das ist dann wieder ein Mann.

Nach der Bibel sind Mann und Frau gleich. Schon im ersten Kapitel steht: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Er schuf sie als Mann und Frau!“ (1. Moses 1,27). Und im zweiten Kapitel steht diese wunderbare Erzählung von Adam und Eva: Die Frau wird aus der „Rippe“ des Mannes gemacht. Der Mann braucht unbedingt eine Ergänzung, sonst kann er nicht leben. Die Tiere können ihm keine Partner sein. Erst als er die Frau sieht, sagt er: „Das ist Fleisch von meinem Fleisch!“

Nicht der Mann ist die Krone der Schöpfung, sondern der Mensch, der aus Mann und Frau besteht. Die Frau ist aus dem gleichen „Material“ gemacht wie der Mann; sie sind gleichwertig und ergänzen sich vortrefflich. Eine Zurücksetzung der Frau läßt sich deshalb aus der Bibel nicht begründen. Sie ist vielmehr aus anderen kulturellen und sozialen Traditionen erwachsen.

Auf der anderen Seite bedeutet das, daß natürlich auch Männer nicht von bestimmten Bereichen ausgeschlossen werden dürfen. „Kindergärtner“ gibt es ja schon. Aber ein Mann, der Hebamme werden möchte, dürfte es doch wohl ziemlich schwer haben. Und ein Mann, der einfach nur so als Schreibkraft eingesetzt wird, ruft doch Erstaunen hervor. In Zukunft werden wir uns da aber noch an Manches gewöhnen müssen. Eine gute Mischung zwischen Männern und Frauen im Beruf wäre sicher nicht schlecht. Nur die Qualifikation sollte eine Rolle spielen, nicht das Geschlecht.

Auch der Apostel Paulus stellt sich gegen die Auffassungen seiner Zeit, wenn er schreibt: „Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Jesus Christus ... Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau. Ihr seid alle einer in Christus Jesus!“ (Gal 3,26+28).

Im Glauben gibt es schon gar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau (oder auch Frau und Mann). Es stimmt doch einfach nicht, daß die Frauen religiöser seien als die Männer oder daß Männer sich religiöser Gefühle schämen müßten. Die Aufgaben in der Familie lassen sich nicht so aufteilen, daß die Frau für die „K“ zuständig ist „Kinder, Küche, Kirche“, der Mann aber hinaus muß ins feindliche Leben, um für den Schutz und den Unterhalt der Familie zu sorgen.

Sicher hat jeder unterschiedliche Eigenschaften, Begabungen und Fähigkeiten. Doch die lassen sich nicht nach dem Geschlecht aufteilen, sondern liegen in der Person des betreffenden Menschen begründet. Gott hat die Menschen zwar individuell geschaffen, jeder hat seine besonderen Eigenschaften. Aber die Menschen sind alle gleichrangig und gleichwertig. Da sollten nicht künstlich Unterschiede geschaffen werden.

 

Technik und Mensch

Mein Computer regt mich manchmal auf. Er macht nämlich nicht immer, was ich will. Plötzlich ist er im Überschreibmodus, und statt einen Buchstaben nur einzufügen, löscht er den nächsten weg. Oder plötzlich unterstreicht er mit zwei Strichen, obwohl ich gar nicht weiß, wie man zwei Striche erzeugen kann, wenn sie sie einmal verwenden möchte. Doch es ist ganz sicher: Nicht der Computer macht Fehler, sondern ich.

Die Amerikaner haben den Supercomputer „Deep Blue“ entwickelt. Dieser hat sogar den Groß­meister im Schachspiel, Gary Kasparow, geschlagen. Das Gerät kann 200 Millionen Berechnungen von Schachzügen in einer Sekunde bewältigen.

Ist der Computer nun besser als der Mensch? Ist der Mensch gar eine Fehlkonstruktion? In der ersten Schöpfungserzählung der Bibel steht doch: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ (1. Mose 1, 31). Warum gibt es da eine Maschine, die noch besser ist als der Mensch? Hat der Mensch vielleicht Gott überholt, haben menschlicher Geist und die Maschine eine zweite Schöpfung eingeläutet?

Doch der Computer ist nur eine Maschine, die auf Befehle reagiert. Er ist im Grunde dumm, weil er sich nicht für eine bessere Möglichkeit entscheiden kann. Und selbst wenn er von selber etwas regelt und Fehler automatisch verbessert, dann geschieht das aufgrund eines Programms. Der Mensch aber ist frei, er ist von Gott zur Freiheit geschaffen. Er soll und muß zwar auch bestimmte Regeln einhalten, aber letztlich muß er sich immer wieder neu entscheiden.

Und nicht der Maschine gebührt die Ehre, sondern den Erfindern und Programmierern, die den Computer zu solchen Leistungen befähigt haben. Noch besser gesagt: „Dem Schöpfer des Himmels und der Erde gebührt die Ehre, der den Menschen begabt hat, der ihn mit Verstand und Scharfsinn ausgerüstet hat, um solche überragenden Instrumente zu erfinden!“ Gott hat uns den Auftrag gegeben, uns die Erde untertan zu machen. Darum sind technische Höchstleistungen, glänzende Erfindungen und wissenschaftliche Errungenschaften keine zu verteufelnden Erfolge. Sie sind Folgen des Schöpfungsauftrags. Dem geschaffenen Menschen wird es aber nicht gelingen, den Erschaffer des Himmels und der Erde zu entthronen. Wir sind und bleiben seine Mitarbeiter und Werkzeuge.

Nur muß man auch die Gefahren des Fortschritts sehen. Man kann ja auch computersüchtig werden. Und das tritt nicht nur bei Spielen am Computer auf, sondern auch zum Beispiel, wenn die Tochter am Mittagstisch erst noch einmal ihr Handy kontrollieren muß, ob nicht eine Kurznachricht gekommen ist. Wir merken oft gar nicht mehr, wie sehr die Technik uns beherrscht. Aber wie oft kann man es erleben, daß er Arzt mehr in den Bildschirm schaut als in das Gesicht des Patienten. Die moderne Technik ist eine gute Gabe Gottes, aber sie darf nicht selber zum Gott für uns werden. Davor kann uns der Bibelspruch bewahren: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“

 

Am Super-GAU ist Gott nicht schuld

In Goethes Gedicht vom Zauberlehrling kommt nur Wasser aus dem Haus. In Japan und vorher auch schon anderswo kam aber radioaktive Strahlung aus dem Atom-Reaktor. Der Physiker Otto Hahn konnte 1938 nicht ahnen, daß die von ihm entdeckte Atomspaltung solche Folgen haben könnte. Zunächst wurden Atombomben hergestellt und auch ausprobiert. Dann wollten die Täter ihr schlechtes Bild in der Welt wieder verbessern und warben für „Atome für den Frieden“.

Wir können schon dankbar sein, daß radioaktive Isotope in der Medizin manche Krankheit aufdecken oder Strahlenkanonen viele Krankheiten bekämpfen. Aber zur friedlichen Nutzung gehören angeblich auch die Atomkraftwerke. Nicht erst seit kurzem wissen wir, daß diese Technologe nicht beherrschbar ist. Angeblich soll der „größte anzunehmende Unfall“ in 100.000 Jahren nur einmal vorkommen, aber das kann auch schon morgen sein.

Goethe wollte mit seinem Gedicht noch vor den Gefahren der technischen Entwicklung seiner Zeit warnen. Er sah den Menschen als Zauberlehrling an, der zwar eine Sache ins Rollen bringen kann, aber dann nicht weiß, wie er sie wieder anhalten soll. Bei Goethe kam aber wenigstens dann noch der Hexenmeister, der alles wieder in die richtigen Bahnen leitete. Doch machen wir uns nichts vor: Gott ist nicht so ein Hexenmeister, der die Fehler der Menschen wieder ausbügelt. Manche wollen ihn dazu machen, wenn sie sagen: „Wie konnte Gott das zulassen?“ So kann man noch fragen bei Erdbeben und Tsunami, aber nicht bei einem Atomunfall.

Die Menschen, die sich die Schöpfungserzählungen der Bibel ausdachten, die haben Gottes Absicht so formuliert: „Gott setzte den Menschen in den Garten, daß er ihn bebaute und bewahrte!“ (1.Mose 2, 15). Damals dachte man nur an die Landwirtschaft und sah die Erde wie einen Garten an, den man wie ein Gärtner bewirtschaften sollte, aber dabei auch bewahren mußte. Heute beziehen wir da die ganze technische Welt mit ein. Die Technik - so segensreich sie für den Menschen ist - darf aber nicht Natur und Mensch gefährden. Wir dürfen keine Technik anwenden, die nachher „Helden“ erfordert.

Manche sagen nun: „Aber die anderen haben doch auch Kernkraftwerke! Soll es am Ende noch so kommen, daß wir von denen den Strom kaufen müssen?“ Doch hier kann sich keiner herausreden, sondern er muß immer zuerst vor seiner eigenen Tür kehren. Deutschland war auf einem guten Weg, die erneuerbaren Energien zu erproben und weiterzuentwickeln. Aber durch die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke wurde der Druck in diese Richtung geringer, Atomstrom hat in der Praxis sogar Vorrang vor der Energie aus Windkraft. Hier umzusteuern ist unser aller Aufgabe, auch wenn der Strom dadurch teurer wird (er wird sowie immer teurer, und die Endlagerung müssen wir ja auch bezahlen).

Wir stehen jetzt am Beginn der Passionswoche, in der wir an das Leiden und Sterben Jesu denken. Am Palmsonntag haben ihn seine Anhänger noch mit „Hosianna“ begrüßt, und an Karfreitag haben seine Gegner „Kreuzige ihn“ gerufen. War der Tod Jesu Schuld der Menschen oder gehörte er in Gottes Plan? Diese Frage kann man nicht eindeutig beantworten, da gilt wohl beides.

Aber in der Frage der Atomkraftwerke ist die Antwort eindeutig: Sie dienen nicht der Bewahrung der Schöpfung, sondern gefährden sie in ungeheurem Maße, bis hin zur Vernichtung alles Lebens auf der Erde. Die Gefahr kommt heute nicht so sehr von den Atombomben, sondern von der „friedlichen Nutzung“ in den bisher 450 Atomkraftwerken, die aber noch um 150 aufgestockt werden sollen. Aber wir müssen nicht alles umsetzen, was wir gefunden und erforscht haben.

Das gilt selbst im persönlichen Leben: Wir müssen unsre Macht nicht zur Unterdrückung anderer ausnutzen. Wir müssen unser Geld nicht vermehren und andere dadurch arm halten. Wir müssen nicht unseren Genuß steigern und andere sind im Unglück. Wir müssen unsre Klugheit nicht so einsetzen, daß andere dadurch beschämt werden.

 

Der Weinberg des Herrn                                                                             (geschrieben 1999)

In Hochstadt erwartet man dieses Jahr einen „Millenniumswein“, nicht einen Jahrhundertwein wie sonst üblich, sondern einen Jahrtausendwein. Die Sonne hat uns in der Tat dieses Jahr sehr verwöhnt, da kann auch der Wein etwas werden. Und in Hochstadt wächst ja wieder Wein. Ein Winzerverein hat eine alte Tradition wieder belebt und am Hohen Rain einen Weinberg angelegt.

Auch in der Bibel ist oft in verschiedenen Zusammenhängen und Bildern vom Wein die Rede. Schon Noah soll einen Weinberg gepflanzt haben. Gern wird das Volk Israel mit einem Wein­berg verglichen. Ein Beispiel dafür ist das Buch des Propheten Jesaja. Dort steht in Kapitel 5 das berühmte Weinberglied, in dem Gott über das Volk Israel klagt: Er hat es gepflegt wie einen Weinberg, aber es hat nur schlechte Früchte gebracht. Nun droht er an, den Zaun nie­der­zureißen und den Weinberg wüst liegen zu lassen. Aber in Kapitel 27, Vers 3 heißt es dann: „Ich, der Herr, behüte den Weinberg und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten!“

Offenbar waren die Weinberge auch schon früher in Gefahr. Einmal bestand die Gefahr, daß der Weinberg vernachlässigt wurde. Ein Weinberg macht nämlich viel Arbeit. Das ganze Jahr über hat man etwas im Weinberg zu tun. Und bei aller Pflege ist der Ertrag doch ungewiß.

Aber es konnte auch sein, daß böse Menschen kamen und mutwillig einen Weinberg verwüsteten. Dabei muß man nicht nur an kriegerische Verwicklungen denken, sondern auch an ganz gewöhnliche persönliche Feindschaft: Da hat es einen Streit mit einem Mitmenschen gegeben, da ist einer neidisch auf den guten Erfolg seines Nachbarn, da ist einer aufgelegt zu allerhand Unsinn und Kraftakten - und schon bricht er in den fremden Weinberg ein und macht alles kurz und klein. Deshalb hat man schon im Altertum manchen Weinberg mit einem Turm ausgestattet, damit man ihn von dort aus bewachen konnte. Auch das Schützenhäuschen nördlich von Hochstadt diente diesem Zweck.

Ein zerstörter Weinberg bietet einen traurigen Anblick: Da sind die Stützmauern eingefallen, der Zaun niedergetreten, Büsche und Bäume haben sich breit gemacht. Vielleicht ist ja ein ökologisch wertvolles Biotop entstanden mit allerhand wertvollen Pflanzen. So ein wilder Garten hat auch seine Reize. Aber es ist kein Weinberg mehr.

So soll es nach den Worten des Propheten Jesaja aber nicht mit Gottes Volk gehen. Gott überläßt sein Volk nicht dem traurigen Verfall, sondern greift immer wieder mit liebender und pflegender Hand ein. Gott ist der verläßliche Weingärtner, der nicht aufgibt, sondern sich immer wieder um sein Eigentum kümmert. Er will nicht, daß es verwildert, sondern daß es Frucht bringt.

So gleicht auch das Leben eines jeden Menschen einem Weinberg. Gott greift in unser Leben als Gärtner ein. Manchmal ist sein Handeln hart. Dann muß er auch etwas herausschneiden, damit der Weinstock gut gedeihen kann. Er muß die Reben zurechtbiegen, damit jede ausreichend Platz hat und Licht abbekommt. Dürre Reben muß er sogar herausreißen. Aber wichtiger an diesem Vergleich ist Gottes Einsatz für den Weinberg: Da wird gedüngt und gewässert, da wird gestützt und gehackt, da wird veredelt und geerntet. Gott allein ist der Weingärtner, der sich voll und ganz einsetzt. Die Reben können nichts selber dazu tun, daß sie Frucht bringen. Aber sie sperren sich auch nicht gegenüber dem Wirken des Weingärtners.

So dürfen auch wir wissen: Gott behütet uns, damit wir nicht verderben. Er schützt uns vor Gefahren und erhält unser Leben. Es geht immer einmal auf und ab. Manche Enttäuschungen haben wir zu überwinden. Aber am Ende geht doch alles gut aus, haben wir eine gute Zuversicht für die Zukunft.

Und wir dürfen darauf vertrauen, daß unser Leben auch Frucht bringt. Wenn die Ernte kommt, dann ist auch Frucht da. Und wo wir vielleicht gedacht haben, es war doch alles vergebens, da hat Gott über Nacht etwas heranwachsen lassen, wo wir es gar nicht bemerkt haben. Kein Leben war sinnlos, wenn es ein Leben unter der liebevollen Hand des göttlichen Weingärtners war.

 

Jesus von Nazareth - ein wohlhabender Unternehmer?

Ein Jesuit der päpstlichen Universität in Rom hat ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Jesus, Erbauer und Meister“. In dem Buch stellt der Theologe und Historiker dar, daß Jesus „nach neuesten Forschungen“ aus einer mittelständischen und wohlhabenden Familie kam und wie sein Vater ein Bauingenieur gewesen sein soll. Die Klärung dieser Frage wird nicht entscheidend für den Glauben sein. Aber der Glaube hat doch seinen Anhalt an Jesus von Nazareth und interessiert sich für die irdische Seite des Gottessohns.

In der Tat kann Luthers Wiedergabe der Berufsbezeichnung Josefs nicht ganz exakt sein. Ein „Zimmermann“ in unserem Sinne wird er kaum gewesen sein, denn Holz ist sehr knapp in Palästina. Die Häuser sind in erster Linie aus Stein und Lehm erbaut gewesen. Deshalb dürfte „Bauhandwerker“ die richtige Berufsbezeichnung sein. Die Bezeichnung „Bauingenieur“ oder gar „Architekt“ dürften aber etwas zu hoch gegriffen sein. Und hinter der Vorstellung, daß die Familie ziemlich wohlhabend gewesen sei, steht wohl mehr das Bild eines heutigen Bauunternehmers.

Doch man wird in der Tat nicht sagen können, daß Jesus zur ärmsten Bevölkerungsschicht gehörte und kein regelmäßiges Einkommen gehabt habe und sich als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen habe. Da gab es wahrscheinlich schon eine Firma „Josef und Sohn“, die in Nazareth und Umgebung schlüsselfertige Häuser erstellte. Aber reich waren sie wohl damals alle nicht. Jesus ist aber nicht zum Revolutionär geworden, weil er zur ausgebeuteten Klasse gehörte.

Man darf auch die Armut nicht religiös überhöhen und sagen, nur ein Armer könne ins Reich Gottes kommen. Jesus sagt zwar selber, daß es ziemlich unwahrscheinlich sei, daß ein Reicher zu Gott kommt (Mt. 19,24). Aber er schließt es auch nicht aus. Jesus war kein linker Revoluzzer, der den Wahlspruch hatte: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Man kann ihn überhaupt nicht in solche modernen Weltanschauungen einordnen. Für ihn war entscheidend der Auftrag Gottes. Ihm zuliebe gab er seine sichere Existenz auf, um predigend von Ort zu Ort zu ziehen, ohne zu wissen, wo er abends sein Haupt hinlegt (Mt. 8,20).

Sicherlich gehörte Jesus auch nicht zu den Gebildeten seiner Zeit. Da wird man dem Professor aus Rom widersprechen müssen. In seiner Entdeckerfreude ist er wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen. Man weiß nicht einmal, ob er schreiben konnte. Nur einmal, in der später hinzugefügten Geschichte von der Ehebrecherin (Johannes 8) wird gesagt, daß er in den Sand geschrieben habe. Doch er konnte sicherlich kein Griechisch sprechen, das die damalige Weltsprache war. Er sprach vielmehr Aramäisch, den Dialekt seiner Heimat, die Sprache der kleinen Leute. Aber auch als „Mittelständler“ kann man natürlich doch ein „Mann aus dem Volk“ sein. Auch Paulus war ein Gebildeter. Auch der Vater Martin Luthers hatte es als Bergwerksbesitzer zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Marx und Lenin waren natürlich Wissenschaftler und Journalisten. Und Tom Koenigs verschenkte sein Millionenerbe, weil er mit den Ideen der Grünen ernst machen wollte. Viele Reformer sind aus der Mittelschicht gekommen. Die Unterdrückten brauchen einen Sprecher, der ihre Forderungen formuliert und vorbringt.

Nun ging es bei Jesus um mehr als um die Erkenntnis eines Menschen über die Lage der Entrechteten. Jesus von Nazareth war das Werkzeug Gottes. Er sollte seinem Volk und der ganzen Menschheit helfen. Dazu mußte er entsprechende menschliche Fähigkeiten haben. Aber noch wichtiger war seine eigentliche Aufgabe: Die Hingabe seines Lebens für die Menschen! In seiner Heimatstadt fragen die Leute: „Ist er nicht der Zimmermann?“ (Mt. 13,55).

Aber in Wirklichkeit ist er viel mehr der Sohn Gottes und Retter der Welt. Nicht der Hausbau war seine Lebensaufgabe, sondern die Befreiung der Menschen von Sünde und Schuld, damit sie zur Freiheit der Kinder Gottes gelangen.

 

Woher kommt die Religion?

Wie sind eigentlich die Religionen entstanden? Hat da einer plötzlich gesagt: „Ich habe eine neue Religion erfunden, und ihr müßt jetzt meine Anhänger werden und diese Religion übernehmen?“ Neben vielen Naturreligionen gibt es einige sogenannte „Hochreligionen“, über deren Entstehung man als normal informierter Mensch schon etwas wissen sollte. In unsrer Zeit haben sich viele wieder der ältesten dieser Religionen zugewandt, dem Buddhismus. Sie geht auf einen Religionsgründer zurück, hat aber keinen Gott. Vielmehr liegt der Sinn der Religion darin, sich in sich selbst zu versenken und irgendwie mit sich selber ins Reine zu kommen.

Ganz anders dagegen die Verkündigung der christlichen Religion. Da wird nicht vom Menschen ausgedacht, sondern von Gott. Da sagt Jesus auf einmal: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt!“ (Johannes 15, Vers 16). Jesus beschreibt damit, wie auch Gott sich die Menschen ausgewählt hat und immer wieder auswählt.

Angefangen hat das mit dem Volk Israel. Sie waren ein Volk wie andere auch, noch ohne einen richtigen Gott und deshalb auch noch kein richtiges Volk. Sie hatten zwar schon örtliche Götter kennengelernt, die mit einzelnen ihrer Vorfahren in Verbindung getreten waren. Aber sie kannten noch nicht den Gott, der Himmel und Erde erschaffen hatte und der der Lenker der Weltgeschichte ist.

Nach Vorstellung der Israeliten und anderer Völker wohnte er damals auf dem Berg Sinai. An sich hatte er noch keine Anhänger außer einigen Hirten rund um den Berg. Aber er suchte nach einem richtigen Volk, das ihn verehrte und dem er ein Helfer sein wollte. Da fiel sein Blick ausgerechnet auf die Israeliten, die aus nur einigen hundert Leuten bestanden, die im reichen Ägypten ausgebeutet wurden. Nicht die mächtigen Ägypter wählte er aus, sondern das kleine Israel. Ihm hat er geholfen bei der Flucht aus Ägypten. Ihm hatte er sich gezeigt am Gottesberg. Mit diesem Volk hat er einen Bund geschlossen für alle Zeiten.

Aber dieser Bund wurde überboten und erneuert durch Jesus Christus. Durch ihn ist Gott den Menschen noch viel näher gekommen als vorher. Nicht mehr nur einem Volk hat er sich zugewandt, sondern allen Menschen. Seitdem kann jeder von uns wissen, daß er einen Gott hat, der sich um ihn kümmert und der ihm helfen will. Es ist leichter geworden, an Gott zu glauben, weil der Glaube jetzt anschaulicher und lebensnaher ist. Aber jetzt kann man sich nicht mehr einen Cocktail aus allen Religionen zusammenmixen, je nach dem eigenen Geschmack. Viele mögen ja nur eine Sparversion der Religion: Ein bißchen Taufe, ein bißchen Trauung, ein bißchen Heiligabend, aber darüber hinaus nicht sehr viel. Andere wiederum ziehen sich die „volle Dröhnung“ rein, saugen sich voll Religion, sind hundertprozentig dabei. Sie meinen zu wissen, worauf es ankommt.

Doch wir können uns nicht auswählen, wieviel an Religion wir übernehmen. Es gibt keinen religiösen Überwachungsverein wie den TÜV, bei dem wir Gott auf den Prüfstand stellen könnten. Gott hat uns erwählt und nicht wir ihn. Gott braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn. Doch das gibt uns auch Sicherheit. Es liegt nicht an unserem Können oder Vermögen, sondern nur an Gottes Zuwendung. Weil die uns sicher ist, wird unser Leben gelingen.

Das unterscheidet den christlichen Glauben von allen Religionen. Diese machen sich selber ein Bild von Gott; sie wählen sich aus, was dem Menschen am besten in den Kram paßt. Unser Gott aber bleibt wie er ist und läßt sich von uns nicht beeindrucken. Aber weil er nicht von uns abhängig ist, ist er auch ein zuverlässiger Partner. Wir können uns immer auf ihn verlassen, er läßt uns nicht im Stich, er ist immer für uns da.

Religion ist nicht wie ein Supermarkt, in dem man aus einem vielfältigen Angebot das auswählt, was man gerade braucht. Oder wo man auch das mitnimmt, was man gar nicht braucht, wozu man sich aber hat verführen lassen. Bei Gott gibt es nur ein einziges Angebot. Aber das ist das Beste, das einzige, das wir nötig haben, das unseren Bedürfnissen voll gerecht wird. Deshalb nutzt es gar nichts, wenn wir weiter überall herumsuchen. Wir können nichts Besseres finden als das, was unser Gott uns bietet. Nehmen wir sein Angebot doch an!

 

Taufe als Wasserzeichen                                                                                                    Taufe

Am Sonntag nach Ostern, dem traditionellen Tauftag in der alten Kirche, erinnern wir uns an unsere Taufe. Die Taufe ist eine Symbolhandlung, ein Zeichen mit Wasser, ein Wasserzeichen. Ein Wasserzeichen ist sonst ein Zeichen in jedem besseren Blatt Papier. Normalerweise sieht man es gar nicht. Doch wenn man das Blatt Papier gegen das Licht hält oder gegen die Sonne, dann sieht man das Wasserzeichen, das aussagt, wer dieses Papier einmal hergestellt hat.

Wie ein Blatt Papier, so ist auch ein Mensch. Am Anfang ist er noch unbeschrieben. Aber im Laufe seines Lebens wird ein Mensch zu einem beschriebenen Blatt. So werden auch die Lebensblätter eines Täuflings beschrieben: Manche Blätter quellen über von großer Freude, die er empfand. Sie erzählen von der Lust am Leben, berichten von glücklichen Zeiten, von beglückenden Erlebnissen, in beruflicher Hinsicht vielleicht von Erfolgen, die er zu verbuchen hat, in familiärer Hinsicht ganz gewiß von der Liebe. Manche Textstellen beinhalten Begegnungen mit Menschen, die dem Täufling neue Einsichten vermitteln, mit lehrreichen Büchern, mit Kunst und Musik, mit anderen Kulturen.

Manchmal vibriert das Blatt von der Spannung und Dramatik, in die der Täufling geraten wird. Wie viele Abenteuer, kleine und große, wird er erleben, wie vielen Gefahren wird er ausgesetzt sein, an welche Grenzen wird er vordringen, welchen Kämpfen und Herausforderungen muß er sich stellen. Er wächst und reift darin und geht daraus gestärkt hervor. An manchen Stellen ist das Papier naß von den Tränen, die darauf geweint wurden. Schmerzen und Leid, Trauer und Einsamkeit füllen weite Teile der Blätter. Diese Stellen erinnern an durchwachte Nächte und durchlittene Tage, an den Verlust geliebter Menschen, an erstorbene Hoffnungen, an große Enttäuschungen, schmerzhafte Kränkungen. Das Leben wird für jeden Täufling mehr als nur einmal zum Weinen sein.

Manche Zeilen des Blattes möchte man am liebsten ausradieren. Sie berichten alles, was der Mensch falsch gemacht hat, erzählen von Dingen, für die er sich schämt. Aber auch diese Zeilen gehören auf das Blatt und sind darauf festgeschrieben, mit widerstrebender Hand vielleicht und daher krumm und schief, aber dennoch für jedermann deutlich zu lesen. So ein Blatt Papier, das unser Leben ist, sieht an manchen Stellen sehr schön aus und kalligraphisch gestaltet, an anderen ziemlich chaotisch.

Was aber unverändert bleibt, das ist das Wasserzeichen im Papier. Das beschriebene Blatt Papier, das wir sind: Es trägt seit dem Tag unserer Taufe ein Zeichen aus Wasser. Vom Tag seiner Taufe an trägt ein Täufling das Wasserzeichen „Taufe“. Wie das Wasserzeichen im Papier angibt, wer es gemacht hat, so erinnert das Wasserzeichen „Taufe“ daran, wer diesen Menschen erschaffen und sein Leben erhalten hat, nämlich Gott. Er hat das Leben geschenkt. Gott wird es auch wieder zu sich nehmen, sobald alle Blätter des Lebens vollgeschrieben sind.

In der Bibel gibt es den Spruch: „Freut euch, daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!“ (Lukas 10,20). Im Buch des ewigen Lebens hat Gott eine Stelle für den Täufling vorgemerkt, da steht seit der Taufe unauslöschlich sein Name. Und wo der Name aufgeschrieben ist, da wird seine Lebensgeschichte eingefügt. Sobald sein Lebensblatt vollgeschrieben ist, wird Gott ihn bei sich aufnehmen und ihn einbinden in sein himmlisches Buch. Das Blatt geht nicht verloren.

Was aber geschieht mit dem Bösen, das darauf vermerkt ist? Es ist ja ein Teil des Textes. Nun, Gott streicht es bei den Getauften einfach durch, und das immer wieder, wenn der Mensch ihn darum bittet. Man kann dann zwar immer noch lesen, was da geschrieben steht, kann mit dem Finger darauf deuten. Aber das von Gott Durchgestrichene ist jetzt nicht mehr von Belang für den Fortlauf der Lebensgeschichte. Man kann und man soll das Durchgestrichene übergehen und überlesen. Es ist jetzt für die Zukunft nicht mehr von Bedeutung. Ein neuer Lebensabschnitt kann beginnen. So überarbeitet Gott unsere Geschichte. und das nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Wer darauf vertraut, der kann sich zu seiner Schuld bekennen. „Ja, das habe ich getan!“ Und er kann von dieser Schuld befreit sein Leben neu in die Hand nehmen. Diese Möglichkeit eröffnet die Taufe für jeden Täufling. Es ist eine Eigenart des Wasserzeichens, daß man es ohne durchscheinendes Licht nicht sieht. Das Wasserzeichen Taufe ist meistens verborgen und schnell vergessen. Doch wenn Gottes Licht uns leuchtet. Wenn einer in Gottes Licht steht, dann wird dies Zeichen sichtbar. Was auch immer geschrieben wird auf dem Blatt unseres Lebens - das Wasserzeichen Taufe wird stehen bleiben. Stehen bleiben wird, daß wir Gott gehören. Daß wir mit allem, was uns bewegt, zu Gott kommen können, immer wieder, und er uns schließlich ganz bei sich aufnimmt. Darum können wir mit dem Bibelspruch aus Lukas 10,20 sagen: „Freut euch, daß eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!“

 

Die Mühseligen und Beladenen                                                                            Abendmahl

Einer der trostreichsten Sprüche des Neuen Testaments ist für mich das Wort Jesu, das in Matthäus 11, Vers 27 überliefert wird: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Ich habe dabei eine Grafik vor Augen, in der dieser Spruch so geschrieben ist, daß daraus die Umrisse eines Kelches entstehen. Damit soll gesagt sein: Ihr dürft alle zum Abendmahl kommen, dort werdet ihr Stärkung und Erholung erfahren (so will ich das Wort „erquicken“ einmal übertragen, das heute vielen Menschen nicht mehr geläufig ist).

Diese Grafik stand mir auch vor Augen, als ich mit einem örtlichen Künstler über die Ausgestaltung eines Kirchenraumes sprach. Er arbeitete vor allem mit Blechen in verschiedenen Farben, um daraus gegenständliche Werke zu gestalten. Mir schwebte auch vor, das Abendmahl in die Mitte zu stellen, also Brot und Wein. Von beiden Seiten sollten dann die „Mühseligen und Beladenen“ an den Abendmahlstisch herantreten. Der Künstler aber widersprach mir. Seine Art war es so wieso, die schönen Seiten des menschlichen Lebens darzustellen. Er stellte gern Menschen dar bei Tanz und Musik, beim Feiern und bei Erfolgen. Die Arbeit war allerdings nicht ausgespart. Aber sie erschien nicht als eine Last, sondern als eine sinnvolle Gestaltungsmöglichkeit des Lebens, für die man nur dankbar sein kann.

Zu meinen Plänen meinte der Künstler: „Warum muß man immer wieder die Schattenseiten des Lebens darstellen? Die sind so wieso da, da können wir nichts daran ändern. Die Menschen brauchen aber etwas, an dem sie sich aufbauen können. Die Kirche steht in der Gefahr, sich nur um die Menschen am Rand zu kümmern, die Kranken, Alten, Behinderten, die im Leben zu kurz Gekommenen. Doch erst einmal sind auch die ganz Normalen eingeladen, deren Leben in ruhigen Bahnen verlaufen ist und für die es nur gelegentlich einen Höhepunkt gegeben hat!“

Diese Worte gaben mir damals zu denken. Ich bin zwar weiter der Meinung, die Kirche habe die besondere Aufgabe, sich den Mühseligen und Beladenen zuzuwenden, die in der Gesellschaft oft an den Rand gedrängt und vergessen werden. Wenn niemand sie beachtet, dann sollen sie wenigstens in der Kirche willkommen sein.

Aber wir dürfen darüber auch die anderen nicht vergessen, denen es relativ gut geht, die wenig Aufregendes im Leben erfahren und die froh sind, wenn de Tag einigermaßen über die Bühne gegangen ist. Auch sie sind eingeladen: Und auch sie haben es nötig, sich von Gott für ihr Leben stärken zu lassen. Das Abendmahl ist nicht nur für die sogenannten „Sünder“ da - für die ist es auch da. Aber man sollte nicht meinen, man brauche das Abendmahl nicht, wenn man sich nicht besonders sündig fühlt (dieses Gefühl trügt sowieso).

Das Abendmahl ist auch für die „Starken“ da. Jeder braucht Essen und Trinken, um leben zu können. Er braucht aber auch Anerkennung, Erfolge, Freude, Träume. Es ist gut, wenn man die Nahrung rechtzeitig zu sich nimmt, damit es nicht zu Ausfällen kommt. Besonders Sportler brauchen einen langen Atem und müssen sich Zeit für Essen und Trinken nehmen. Aber auch Christen müssen rechtzeitig „nachtanken“, wenn ihr Glaube nicht verkümmern soll.

 

Der Glaube ist eine feste Zuversicht                                                                     06.04.2002

Eine Geschichte aus dem Orient erzählt von einem Frosch, der in einem Brunnen lebte. Er hatte den Brunnen noch nie verlassen. Eines Tages kam ein anderer Frosch zu dem Brunnen. Seine         Heimat war das Meer. „Wer bist du? Wo wohnst du?“ fragte ihn der Frosch aus dem

Brunnen. „Ich bin der und der und wohne im Meer!“ -„Im Meer? Was ist das? Wo ist das?“ - „Es ist eine sehr große Wasserfläche, nicht weit von hier!“ - „Wie groß ist denn dein Meer?“ - O, sehr groß! Das Meer, in dem ich wohne, ist größer als dein ganzer Brunnen. Man könnte Millionen solcher Brunnen damit füllen!“ - „Unsinn, Unsinn! Du bist ein Lügner und Betrüger! Geh fort von meinem Brunnen, geh fort! Ich will nichts von so einem Frosch wissen!“

 

Welchem der zwei Frösche gleichen wir? Sind wir wie der Frosch, der in seinem Brunnenloch sitzt? Er legt sich die Welt so zurecht, wie es in seinem kleinen Bereich aussieht. Dies kann auch die Haltung von Christen sein: „Ich bin getauft, konfirmiert, gehe zum Gottesdienst und habe ein gutes Gewissen!“ Wer so denkt, glaubt Gott zu besitzen. Doch Gott und sein Reich und die Auferstehung der Toten - all das können wir nicht sehen und auch nicht darüber verfügen. Das ist auch gut so.

Da mag es uns beruhigen, wenn der Hebräerbrief sagt: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht!“ (Kapitel 11, Vers 1). Wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist es schwer, an die Auferstehung der Toten zu glauben. Wir wissen: So wie wir bisher Umgang mit ihm hatten, werden wir das nie wieder tun können. Das irdische Leben ist unwiederbringlich.

Da hilft es auch nichts, wenn man sich so etwas wie eine Wiedergeburt in einem neuen Leben wünscht. Auch bei uns hängen manche Menschen ja fernöstlichen Vorstellungen nach, nach denen ein Mensch früher schon einmal als Tier existierte oder in früheren Jahrhunderten schon einmal auf der Erde lebte. In jedem Leben komme es darauf an, sich immer weiter zu läutern, bis man zur höchsten Stufe gelangt ist und schließlich ins Nirwana eingehen kann, in das Nichts.

Man sagt dann auch: Wie es das Christentum lehrt, das ist doch nichts. Wenn es nur ein einziges Leben geben soll, dann ist das doch zu wenig. Es muß viele Leben geben, damit der Mensch etwas davon hat und damit er noch eine Chance hat, sich zu verbessern! Doch so etwas ist Wunschdenken, von der Bibel her nicht gedeckt.

Die Bibel sagt uns unerbittlich: „Ihr habt nur dieses eine Leben. Hier müßt ihr euch bewähren, das ist eure einzige Chance. Wie ihr hier gelebt habt, das entscheidet darüber, wie es in Ewigkeit mit euch sein wird. Nehmt also dieses Leben ernst, aber genießt es auch. Und glaubt ganz fest daran, daß nicht ein neues irdisches Leben mit all seinen Plagen und Fehlern, seine Schmerzen und Bosheiten auf euch wartet, sondern allein das Leben in der neuen Welt Gottes!“

 Wir können sie nicht sehen. Wir haben keine Beweise dafür in der Hand, daß es sie gibt. Dazu ist unser irdischer Lebenskreis zu beengt. Dieser umfaßt nur das, was man sehen und „begreifen“ kann, was man mit Händen anfassen kann. Der Glaube ist aber „eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht!“ Leben ist mehr, als wir mit unsren irdischen Kräften und Möglichkeiten überblicken können. Das verheißt uns Gottes Wort, gerade im Zusammenhang mit Tod und Auferstehung. Es kommt nur darauf an, daß wir dieses Wort annehmen und in unser jetziges Leben mit einfügen.

Am Karsamstag fragt ein Kind seine Großmutter am Telefon: „Bei uns ist morgen Ostern. Ist bei euch auch Ostern!“ Es hat dabei vielleicht mehr an den Osterhasen und andere Geschenke gedacht. Aber hat die Frage nicht doch einen tieferen Sinn: „Ist bei euch auch Ostern? Merkst du etwas von der großen Freude, die Gott durch die Auferstehung seines Sohnes den Menschen gebracht hat? Ist letzten Sonntag für dich Ostern gewesen? Ist jetzt noch Osterzeit für dich? Prägt das Fest auch jetzt dein Alltagsleben?“

Daß wir zuversichtlich und gläubig sein können, daß ein neues Leben nach dem Tod auf uns wartet, ist nicht selbstverständlich. Wir dürfen aber hoffen und vertrauen deshalb darauf, daß Gott uns solche Glaubenszuversicht schenkt.

 

Der Himmel war ganz anders

Von dem berühmten Theologen und Arzt Albert Schweitzer stammt die Geschichte von dem Heiligen, der noch nicht in den Himmel wollte, weil er noch so viel zu tun hatte:

Es war einmal ein kleiner Heiliger, der hatte viele Jahre ein glückliches und zufriedenes Leben geführt. Als er eines Tages gerade in der Klosterküche beim Geschirrabwaschen war, kam ein Engel zu ihm und sprach: „Der Herr schickt mich zu dir und läßt dir sagen, daß es an der Zeit für dich sei, in die Ewigkeit einzugehen.“

„Ich danke dem Herrgott, daß er sich meiner erinnert“, erwiderte der kleine Heilige. „Aber du siehst ja, was für ein Berg Geschirr hier noch abzuwaschen ist. Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber läßt sich das mit der Ewigkeit nicht noch so lange hinausschieben, bis ich hier fertig bin?“ Der Engel blickte ihn nach Engelsart weise und huldvoll an, sprach: „Ich werde sehen, was sich tun läßt“, und verschwand.

Der kleine Heilige wandte sich wieder seinem Geschirrberg zu und danach auch noch allen möglichen anderen Dingen. Eines Tages machte er sich gerade mit einer Hacke im Garten zu schaffen, da erschien auf einmal wieder der Engel. Der Heilige wies mit der Hacke auf und den Garten und sagte: „Sieh dir das Unkraut an! Kann die Ewigkeit nicht noch ein bißchen warten?“ Der Engel lächelte und verschwand abermals.

Der Heilige jätete den Garten fertig, dann strich er die Scheune. So werkelte er fort, und die Zeit ging dahin. Eines Tages pflegte er im Hospital die Kranken. Er hatte eben einem fiebernden Patienten einen Schluck kühlen Wassers eingeflößt, da sah er, als er aufblickte, wieder den Engel vor sich. Dieses Mal breitete der Heilige nur um Mitleid bittend die Arme aus und lenkte mit den Augen des Engels Blicke von einem Krankenbett zum anderen. Der Engel verschwand ohne ein Wort.

Als der kleine Heilige sich an diesem Abend in seine Klosterzelle zurückzog und auf sein hartes Lager sank, sann er über den Engel nach und über die lange Zeit, die er ihn nun schon hingehalten hatte. Mit einem mal fühlte er sich schrecklich alt und müde, und er sprach: „O Herr, könntest du deinen Engel doch jetzt noch einmal schicken, er wäre mir sehr willkommen.“ Kaum hatte er geendet, stand der Engel schon da. Der Heilige sagte: „Wenn du mich noch nimmst, so bin ich nun bereit, in die Ewigkeit einzugehen!“ Der Engel blickte den Heiligen nach Engelsart weise und huldvoll an und sprach: „Was glaubst du, wo du die ganze Zeit gewesen bist?“

Wir hängen alle am Leben. Was tun wir nicht alles, um es zu verlängern. Aber Jesus sagt: „Wer kann der Länge seines Lebens auch nur eine Spanne hinzufügen, wenn er sich auch noch so darum müht?“(Matthäus 6, 27). Etwas Gelassenheit tut uns gut, wenn es auf das Ende des Kirchenjahres zugeht. Der Engel in der Geschichte hat sie gehabt, aber der Heilige noch nicht. Er hat erst lernen müssen: Jeder Mensch ist ersetzbar! Es geht auch ohne ihn, wenn auch vielleicht nicht gleich so gut. Aber einmal ist sowieso der Tag gekommen, an dem man Abschied nehmen muß. Bei dem Heiligen allerdings ist es ganz schonend geschehen. Er hat gar nicht gemerkt, daß er schon im Himmel war, der von seiner früheren Welt gar nicht so sehr unterschieden war. Wünschen wir uns das doch auch, auch wenn es nachher doch etwas anders kommt:

Christliches Leben

 

Neue Menschen sind ehrlich

Frühmorgens auf dem Frankfurter Hauptbahnhof: Ein Mann zieht hastig seine Geldtasche heraus, in hohem Bogen fliegen Münzen nach allen Seiten durch die Gegend. Eine Gelegenheit für viele Passanten, eine schnelle Mark zu machen, schließlich ist der Hauptbahnhof für seine kriminelle Szene bekannt. Doch es kommt ganz anders: Einige der Vorübereilenden bücken sich. Einer tritt mit dem Fuß auf ein davon rollendes Fünf-Mark-Stück. Aber alle sind sie dem Mann behilflich, sein Geld wiederzuerlangen. Ehe er es recht begriffen hat, ist sein Geld wieder da. Er ist auf lauter ehrliche Leute getroffen.

War das Zufall? Wir lesen täglich in der Zeitung von Einbrüchen, von Fahrerflucht, von Überfällen. Dabei gibt es doch alles zu kaufen. Und so viel Geld hat doch jeder, daß er nicht ein altes Fahrrad stehlen muß. Was treibt Menschen dazu, sich dennoch selbst zu „bedienen“? Ist das eine Art Gesellschaftsspiel oder so etwas wie sportlicher Ehrgeiz?

Umso erfreulicher ist es, wenn man auch Gegenbeispiele erlebt. Oft wird ja geklagt: Es wird immer schlimmer mit der Menschheit, früher gab es so etwas nicht. Doch erstens gab es das früher auch, obwohl die Strafen viel drastischer waren. Und zweitens gibt es auch heute noch Ehrlichkeit. Vielleicht achtet man einmal nicht so sehr auf die negativen Erfahrungen, sondern auf die positiven Beispiele. Wir brauchen Ermunterung zum Tun des Guten.

In der Bibel kommt das Wort „ehrlich“ nicht vor. Jedenfalls ist das so in der Übersetzung Martin Luthers. der aber das Wort „ehrbar“ benutzt. So übersetzt er Römer 13, Vers 12 und 13: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid!“

 

Die Weltstadt Rom war wohl für diese negativen Erscheinungen bekannt. Aber im Grunde geht es um Charakterzüge, die keinem Menschen fremd sind. Die Werke der Finsternis sind uns allen nicht fremd. Und manchem wird es schon in den Fingern jucken, wenn er eine günstige Gelegenheit entdeckt. Nachher siegt dann wieder die gute Erziehung oder die christliche Prägung.

Paulus sagt es so: „Zieht an den Herrn Jesus Christus!“ ( Vers 14). In der alten Kirche erhielten die Täuflinge in der Osternacht ein weißes Gewand zum Zeichen dafür, daß sie jetzt neue Menschen waren. Und wenn Johann Hinrich Wichern in seinem „Rauhen Haus“ in Hamburg einen Jugendlichen von der Landstraße aufnahm, dann wurde der erst einmal in die Badewanne gesteckt und erhielt neue Kleider, weil das alte Leben ganz abgetan werden sollte. Auch wir können neue Menschen sein. So schwer ist das gar nicht. Doch wahrscheinlich wird es nicht so gut gelingen, wenn man sich mit Gewalt dazu zwingen will. Dadurch wird man nur unfrei und gehemmt. Das Tun des Guten geht mit Leichtigkeit einher. Wer den Herrn Jesus Christus „angezogen“ hat, wird sich so verhalten, wie es diesem Kleid entspricht.

Im Sprichwort heißt es: „Kleider machen Leute!“ Da ist etwas Wahres dran: Mit guten Kleidern spielt man nicht im Dreck. Da geht man oft schon anders und verhält sich eben anders. Wer Christus angezogen hat, der will sich dieses Kleides würdig erweisen. Er muß deswegen nicht verkniffen und unsicher werden und immer wieder ängstlich fragen: Darf ich das oder darf ich es nicht? Vielmehr wird er locker bleiben und ohne große Mühe wissen, was er zu tun hat. Der Glaube macht frei, er befreit auch zur Ehrlichkeit.

Wenn einer etwas erzählt, dann kommentieren junge Leute das Gesagte oft mit dem Wort „ehrlich“? Das ist meist keine echte Frage, sondern mehr ein Ausdruck des Erstaunens. Wenn wir dieses Wort wieder einmal hören, können wir ja einmal überlegen, welche tiefe Bedeutung es hat. Gott möchte, daß wir ehrliche Menschen sind, offen und zuverlässig. Neue österliche Menschen sind ehrlich. Da könnten wir doch alle mitmachen - ehrlich!

 

Auf Sand gebaut

Bodo möchte den Wehrdienst verweigern. Das ist sein gutes Recht. Aber er muß einen Antrag stellen und diesen begründen. In der Mittagspause versucht er, etwas aufs Papier zu bringen. Er weiß genau: Es ist gut, sich dabei auf christliche Überzeugungen zu berufen. Er fragt seine Kollegin: „Ursula, du bist doch kirchlich. Sag mir doch einmal etwas aus der Bibel, was ich hier anführen kann!“ Doch die Kollegin lehnt ab: „Du willst doch sonst nichts von der Kirche wissen, du bist sogar aus ihr ausgetreten. Da kannst du dich jetzt auch nicht auf die Kirche und den christlichen Glauben berufen!“

Für viele Menschen gehört das „Christentum"“immer noch mit zu ihrem äußeren Lebensgebäude. Gerade in einer überschaubaren, vielleicht noch dörflich geprägten Gesellschaft empfiehlt es sich, nicht besonders aufzufallen. Da werden dann auch die Kinder getauft und konfirmiert, da geht man auch einmal an Feiertagen zum Gottesdienst oder wenigstens ins Konzert. Die Trauung in der Kirche ist feierlich und eine christliche Beerdigung ist immer noch besser als eine weltliche.

Daß wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte diese Einstellung nicht unbedingt schlecht machen. Immerhin wird durch solche Menschen die Arbeit der Kirche ein Stück weit auf­rechterhalten. Auch die weitgehend passiven Mitglieder einer Gemeinschaft sind wichtig. Und bei jenem jungen Mann war wenigstens noch ein Rest Erinnerung an das, was ihm einmal vermittelt worden war.

Aber ich wünsche mir, daß aus dieser losen Bindung ein fester Glaube wird. Wer regelmäßig zum Gottdienst geht, wer mit dem Herzen beim Glauben dabei ist, der darf und sollte sich natürlich auch auf die Bibel berufen. Aber Jesus sagt in der Bergpredigt (Matthäus 7,21-23): „Es werden nicht alle, die zu mir sagen an jenem Tage: ,Herr, Herr!' in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? ... Haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan?“ Dann werde ich ihnen bekennen: „Ich habe euch nie gekannt, weichet von mir!“

Es ist leicht, „Herr, Herr“ zu sagen und dann doch den eigenen Willen zu tun. Es ist leicht, sich auf die Menschenrechte oder auf UNO-Beschlüsse zu berufen und doch die eigene Machtpolitik zu verfolgen. Es ist leicht, den Ermahnungen der Eltern zuzustimmen und dann doch nach eigenem Gutdünken zu handeln.

Jesus will nur den anerkennen, der auch wirklich den Willen Gottes tut. Die christliche Fassade tut es doch nicht. Das Haus muß von unten richtig gegründet sein, dann ist es auch tragfähig. So will es Jesus mit dem Gleichnis vom Hausbau deutlich machen (Matthäus 7,26-27): „Ein kluger Mann baut sein Haus auf felsigen Boden; da können Platzregen und Stürme kommen, das Haus fällt nicht um. Wer aber sein Haus auf Sand baut, der ist töricht; denn wenn das Wasser kommt und die Winde toben, dann fällt das Haus um und tut einen großen Fall!“

So ist auch der ein kluger Mann, der Jesu Rede hört und sie auch tut, der sein Leben an Jesu Wort ausrichtet. Aber dieses Wort soll uns nicht nur dann einfallen, wenn wir es dringend brauchen. Es will nicht eine Randzone sein, die wir nur bei Bedarf aktivieren. Gottes Angebot gilt immer und in jedem Fall für uns. Wenn wir regelmäßig damit umgehen, werden wir auch wissen, wann und wo wir es richtig einsetzen. Doch das ist noch nicht das letzte Wort. Es kann sein, daß wir alles versäumt haben, daß wir unser Haus auf Sand gebaut haben und auf einmal alles einzustürzen droht, unser ganzer Lebensplan zu scheitern droht. Aber selbst dann noch dürfen wir auf den Beistand anderer Christen und die Hilfe Gottes hoffen. Das ist das Wunderbare, daß wir trotz allen Versagens dennoch nicht ohne Hoffnung sind, Gottes Gnade ist größer als unsere Leichtsinnigkeit. Im letzten Augenblick kann er uns noch immer noch vor dem Untergang retten. Doch das ist sein Entgegenkommen und nicht unser Anspruch.

 

Aus der Kirche austreten

Wenn wieder eine Steuererhöhung kommt, rechnen die Kirchen mit einer erneuten Austrittswelle. Die Frage: Zur Kirche gehören oder nicht? ist natürlich keine Geldfrage. Wer eine Beziehung zu Gott und Glauben an Jesus Christus hat und seine Kirche liebhat, der bringt auch das Geld für die nun einmal unumgänglichen Unkosten auf. Es wird tagaus tagein soviel Geld ausgegeben, da fällt ein Betrag von weniger als einem Prozent des Einkommens nicht ins Gewicht.

Aber wir müssen nüchtern sehen, daß viele Menschen schon innerlich aus der Kirche ausgewandert sind und manche sich auch äußerlich davongemacht haben. Auch die Gesellschaft richtet sich auf ein nichtchristliches Leben ein.

Wie kann man dem entgegensteuern? Im Religionsunterricht versucht man, in die Bildung auszuweichen. Also nicht mehr biblische Geschichte, sondern Leistungen der Kirchen für die Kultur und Bildung. Religionsunterricht nichts anderes als der Ethikunterricht. Blick in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft und schon gar nicht in die Gegenwart. Mehr Philosophie als schlichtes Bekenntnis.

Mit dem Schulfach „Religion“ haben nicht nur Lehrer und Schüler Probleme, sondern auch die Schule. Wie soll man dieses Fach in den Bildungsauftrag einordnen? Ist es nicht doch ein Fremdkörper, ein ungeliebtes Kind? Die Kirchen pochen auf die Verpflichtung des Staates durch die Verfassung.

Was in der Schule begonnen hat, setzt sich dann später fort. Da bedauert eine Nachbarin der Kirche, daß dort so wenige Veranstaltungen stattfänden. Aber sie meinte damit gar nicht die kirchlichen Angebote, sondern sie wollte, daß die Kirche mehr für soziale Zwecke genutzt wird. Die Räume dürften nicht leer stehen, sondern sollten gegen Gebühr von Vereinen und Privatleuten genutzt werden. Das ist eine Versuchung der Kirche von heute; ausweichen in Sozialarbeit und Kultur. Da meint man dann, noch eine Existenzberechtigung zu haben. Und da findet man auch noch Anerkennung in der Öffentlichkeit. Doch das Abbröckeln an den Rändern der Kirche hält man damit nicht auf.

Die Soziologen sagen aber: Die Kirche darf die Anforderungen nicht so hoch ansetzen. Also nicht eine hohe Moral vertreten, nicht einen hundertprozentigen Glauben fordern, nicht zu viel Geld verlangen. Die Schwelle dürfe nur ganz niedrig sein, damit man die Leute nicht verprellt. Aber wenn die Kirche sich so anbiedert, daß man ihr Profil nicht mehr erkennen kann, dann soll sie es lieber gleich seinlassen.

Dann braucht sie sich auch nicht zu wundern, wenn evangelikale Gruppen zum Gegenschlag ausholen und ein eher primitives Christentum vertreten. Sie wollen zwar die besseren Christen sein, aber auch bei ihnen gibt es Eifersüchteleien, Zwang und Bevormundung. Auch dort wird nur mit Wasser gekocht.

Ein anderer Versuch, einen Ausweg zu finden, ist die Flucht in Esoterik, Astrologie und Hexerei. So ganz ohne religiösen Halt kann der Mensch wohl doch nicht leben. Aber da erscheint die Kirche dann doch wieder als der beste Weg. Sie ist ein lohnendes Angebot. Man darf nicht zu hoch von ihr denken, aber auch nicht zu niedrig.

Von Gott kommt sowieso keiner los. Im 139. Psalm steht: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da!“ Selbst wenn wir fliehen wollen, gibt Gott uns nicht auf. Deshalb bekennt der Psalmbeter dankbar: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“

 

Angebot und Nachfrage

Zwischen dem Frankfurter Hauptbahnhof und dem Westhafen liegt das Gutleutviertel. Es gehört nicht zu den guten Wohngegenden. Es gibt viel Industrie, viel Verkehr und eine sozial schwache Bevölkerung. Ein Sanierungsbüro ist eingerichtet. Durch öffentliche Bauten soll das Gebiet aufgewertet werden. Dabei finde ich das Gutleutviertel gar nicht so schlecht, es gibt viel schlimmere Stadtvierte in Deutschland.

Ein Stück der Gutleutstraße zwischen Baseler Platz und Hafenstraße möchte ich einmal schildern. Die Häuserzeile beginnt mit einer Kirche. Sie fällt nicht mehr im Straßenbild auf, weil sie ganz in die Häuser eingefügt ist; auch der Turm steht mittendrin. Dann kommt ein kleines Reisebüro, das von einem Türken geführt wird. Und schließlich nebeneinander zwei Metzgereien. Wo eine Straße einmündet, befinden sich auf beiden Seiten zwei Gaststätten.

Es folgt ein Lebensmittelladen, der von einer türkischen Familie geführt wird, die ihr Gemüseangebot immer auf dem Bürgersteig aufbaut. Dann ein Bekleidungsgeschäft und wieder ein kirchliches Gebäude. Es ist das Gemeindehaus der Gutleutkirchengemeinde, wiederum nicht anders als die umgebenden Häuser. Schließlich kommen eine Bäckerei, ein Zeitungsgeschäft mit Lottoannahme, ein Laden für Wein und Käse, ein Bekleidungsgeschäft, ein Laden der Organisation ‚Pro Familia‘ und, wo die nächste Straße einmündet, wieder auf beiden Ecken eine Gaststätte. Nach einigen reinen Wohnhäusern ist vorne an der großen Kreuzung wieder eine Bäckerei.

Mir kommt die Straßenzeile vor wie ein Spiegelbild unseres Lebens und unser Bedürfnis. Gut gehen die Geschäfte, die mit dem Essen zu tun haben: Metzgerei, Bäckerei, Gaststätten. Aber auch das Lebensmittelgeschäft und die Lottoannahmestellen gehen noch. Schwieriger haben es die Bekleidungsgeschäfte: In dem einen hat die Geschäftsleitung erst wieder gewechselt. Vor dem anderen steht der schon ältere Inhaber und wartet auf Kunden. Er tut alles für die Werbung, stellt Sonderangebote auf die Straße; aber meist kommen nur seine italienischen Landsleute.

Ganz fehl am Platze ist der Laden für Wein und Käse. Der wäre etwas für eine bessere Wohngegend, nicht aber für diese Arme-Leute-Gegend. Da haben sich junge Leute große Hoffnungen gemacht auf ein eigenes Geschäft. Sie haben allerhand investiert, geben sich viel Mühe. Aber es ist „alles tote Hose“, wie man so sagt. Der Markt ist unerbittlich; da geht es nach Angebot und Nachfrage, und wer nicht hinpaßt, wird wieder verschwinden.

In diesem Umfeld muß sich auch die Kirche behaupten. Es ist nicht mehr so wie in dem Gleichnis Jesu von dem Kaufmann, der gute Perlen suchte: Als er eine kostbare Perle fand, verkaufte er alles, was er hatte, und kaufte sie (Matthäus 13, 45-46). Die Kirche hat schon einen kostbaren Schatz, sie hat das Wort Gottes. Aber es muß natürlich auch an den Mann und an die Frau (und an das Kind) gebracht werden.

Die Gutleutgemeinde macht es gar nicht einmal so schlecht. Zunächst einmal hat sie keine Prunkbauten, sondern reine Zweckbauten, die gut in die Umgebung passen. Dorthin lädt sie alte Menschen ein zum Nachmittagstee. Sie hat einen Mittagstisch eingerichtet für sozial Schwache. Gottesdienst ist natürlich auch. Aber man begnügt sich nicht damit, sondern tut auch direkt etwas für das Wohnviertel.

Aber oft gleicht die Kirche mehr jenem Wein- und Käse-Laden: Das Angebot ist gut, die Werbung und Aufmachte stimmen; aber die Leute kommen nicht. Der Ladeninhaber steht in der Tür und wartet auf Kundschaft. Zum Glück kommen immer noch Leute in die Kirche. Man kann sich nur freuen über die, die da sind. Es zeigt sich, daß die Kirche doch noch etwas zu bieten hat. Aber es könnten natürlich gerne mehr Leute sein.

Die Kirche hat eine kostbare Perle im Angebot. Es wäre gut, wenn wir das aus den vielen Angeboten unserer Zeit herausfinden könnten. Es lohnt sich immer noch, diese alte Botschaft daraufhin zu prüfen, ob sie auf unsre Zeit und Welt noch anzuwenden ist. Dabei könnte sich herausstellen, daß sie tatsächlich das Wichtigste für uns ist.

 

Religion als Lebensqualität

In einem neuen Prospekt der Stadtverwaltung wird die Stadt Maintal von ihren schönsten Seiten gezeigt. Offenbar will man damit Investoren anlocken und überhaupt das Bild der Stadt verbessern. Und da heißt es dann auch: „Kultur ist ein Stück Lebensqualität!“ Ich habe mich in diesem Zusammenhang gefragt, welchen Stellenwert denn da die Religion und der Glaube haben. Kommt oftmals schon die Kultur zu kurz, so gilt das erst recht für den Glauben. Natürlich hält jeder sein Spezialgebiet für richtig und möchte, daß seine Arbeit im Mittelpunkt steht, und der Pfarrer möchte, daß alle so glauben wie er.

Aber machen wir uns nichts vor: Wenn es ums nackte Überleben geht, zählen nur noch Essen und Trinken und die Gesundheit. Im Krieg gibt es so gut wie keine Kultur, weil auf diesem Gebiet zuerst gespart wird. Und auch den Glauben hat mancher in großer Bedrängnis über Bord geworfen.

Wenn die Bürger zu wählen hätten zwischen der Kürzung der Sozialleistungen und Abstrichen bei der Kultur, dann würden sie sich doch ohne schlechtes Gewissen gegen die Kultur entscheiden. Und so entscheiden sie sich auch oftmals gegen die Kirche, wenn der finanzielle Spielraum enger wird. Man kann das bedauern, aber so ist der Mensch nun einmal. Dennoch sollte man nach so einer Feststellung nicht zur Tagesordnung übergehen.

Es ist schon so, wie es in der Bibel heißt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ (Matthäus 4,4). Viele haben keine Ahnung mehr davon, wie die Fortsetzung dieses Wortes lautet, das Jesus aus dem Alten Testament zitiert. Sie sagen dann: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, etwas Wurst soll auch drauf sein!“ Oder sie wollen zum Brot auch etwas zum Trinken haben, vor allem Alkoholisches. Oder sie rechnen auch die Kleidung und Wohnung und vielleicht auch das Auto und die Urlaubsreise hinzu. Und für manchen kommt dann auch wieder die Kultur in den Blickwinkel. Der Glaube aber ist das Allerletzte, was man zur Daseinsfürsorge und zur Lebensqualität rechnet.

Dabei lautet jener Satz vollständig: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht!“ Jesus erinnert sich an dieses Bibelwort, als er in der Versuchung steht, Steine zu Brot zu machen, um dadurch die Menschen zu gewinnen. Wer die Brotfrage löst, ist ein gemachter Mann. Wer für die Grundbedürfnisse sorgt und nach Möglichkeit auch für ein bißchen Luxus und Kultur, dem laufen die Menschen nach. Aber Jesus sagt: Das Leben besteht aus mehr als aus Essen und Trinken. Ohne den Glauben an Gott kann man kein Mensch sein.

Wir sollten uns fragen, welchen Stellenwert der Glaube in unserem Leben einnimmt. Ist er das Allerletzte, was noch hinter der Kultur kommt? Oder rechnen wir ihn mit zu der Lebensqualität in Maintal, sehen wir ihn als eine Art Daseinsfürsorge, die unsre ganze Aufmerksamkeit verdient?

Viele beteuern: Die kirchlichen Feiertage lasse ich mir nicht nehmen, auch nicht für die Pflegeversicherung. Notfalls nehme ich mir einen Tag Urlaub. Doch sie wollen an einen Feiertag wie Christi Himmelfahrt nicht, um zum Gottesdienst zu gehen, sondern um einmal über die Stränge zu schlagen.

Glaube, das sind nicht die letzten 0,5 Prozent unseres Lebens, sondern das ist etwas, was in allen Bereichen unsres Lebens mit drinsteckt. Wenn wir uns um Essen und Trinken mühen, so hat das etwas mit dem Glauben zu tun. Wenn wir mit Menschen zusammen sind, ist Gott mit dabei. Wenn wir uns kulturell betätigen oder Kultur genießen, wenden wir die Gaben an, die Gott der Schöpfer in uns gelegt hat.

Der Glaube an Gott gehört schon mit zu unsrer Lebensqualität dazu. Ohne ihn ist unser Leben nicht rund. Ohne ihn fehlt uns das, was uns erst zu richtigen Menschen macht. Denn: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…..!“

 

Oh Gott, Herr Pfarrer

Von dem früheren französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle wird folgende Anekdote erzählt: Als seine Frau ihn plötzlich nackt im Badezimmer erblickte, rief sie erschrocken aus: „Oh, mein Gott!“ Darauf meinte der General „Wenn wir alleine sind, dann darfst du mich einfach, Charles' nennen!“ Wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist sie doch gut erfunden. De Gaulle verstand sich als Retter Frankreichs und wollte als Staatspräsident wie Gott in Frankreich regieren.

Wie oft rufen auch wir. „Oh Gott“, meinen das aber gar nicht so. Vor drei Jahren sagte noch jeder bei jeder Gelegenheit: „Alles klar!“ Heute sagt man stattdessen: „Oh Gott!“ Liegt das an der populären Fernsehserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“, die es in der Zwischenzeit gegeben hat? Oder liegt es daran, daß längst nicht mehr „alles klar“ ist und man nur noch „Oh Gott“ rufen kann? Sicherlich ist das aber keine wirkliche Hinwendung zu Gott, sondern eher der Ausdruck von Unsicherheit und Sorge.

Doch machen wir uns denn klar, was wir da sagen, wenn wir „Oh Gott“ rufen? Wollen wir Gott denn wirklich anrufen? Sicherlich dürfen wir ihn anrufen. So heißt es etwa in einem Psalm: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen!“ (Psalm 50, Vers 15). Gerade in der Not dürfen wir uns an Gott wenden. Er verspricht uns sogar, uns dann aus dieser Not zu retten. Allerdings erwartet er dann auch unseren Dank. Das ist aber etwas ganz anderes als jenes gedankenlos da hingesprochene „Oh Gott“.

In früheren Lesebüchern stand eine Geschichte, wie ein Vater seiner Tochter diesen Ausruf abgewöhnt hat. Seine Else lief auch immerzu im Haus herum und rief bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit „Oh Gott“. Der Vater war ein frommer Mann und ärgerte sich über seine gleichgültige Tochter. Jetzt rief er bei jeder Gelegenheit „Else“ und immer wieder. „Else“. Die Tochter kam auch jedesmal und fragte: „Was ist denn?“ Aber der Vater tat nur erstaunt und wollte gar nichts von ihr.

Mit der Zeit wurde es der Tochter zu dumm, und sie fragte den Vater, weshalb er sie denn immer rufe. „Ach nur so“, sagte der Vater, „so wie du immerzu Gott rufst und gar nichts von ihm willst!“ Da merkte die Tochter, was er ihr hatte sagen wollen und ließ von ihrer Angewohnheit.

Also noch einmal: „Wir dürfen Gott anrufen, wenn wir glücklich oder traurig sind, wenn wir ihm danken wollen oder wenn wir in Not sind. Aber wir sollten ihn nur anrufen, wenn wir ihn wirklich meinen. Wir könnten so nach ihm rufen, wie wir nach einem Menschen rufen, den wir sprechen wollen.

Doch wenn man jemand anreden will, dann muß man auch seinen Namen kennen. „Gott“ ist ja nur eine ganz allgemeine Bezeichnung. Unser Gott aber hat einen Namen. Im Alten Testament wird er als „Jahwe“ bezeichnet. Dieser Name bedeutet so viel wie „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde sein, der ich sein werde“. Mose fragt Gott ja ausdrücklich nach seinem Namen, damit der dem Volk sagen kann, wer ihn geschickt hat. Da wird ihm gesagt: „Ich bin der Herr, der Gott euer Väter, ich war und ich bin und ich werde sein!“(1. Mose 3, Vers 14 und 15). Für uns heute hat Gott noch einen neuen Namen: Er heißt „Jesus“, denn in dem Menschen Jesus wurde er für uns in ganz besonderer Weise ansprechbar.

Umgedreht weiß Gott aber auch, wie er uns ansprechen soll. Wir können nicht vom Namen Gottes reden, ohne auch unseren Namen ins Spiel zu bringen. Auch Gott ruft, und er ruft ins mit Namen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jesaja 43, Vers 1). Damals wurde das zu dem Volk Israel als ganzem gesagt. Aber wir dürfen es auch auf jeden einzelnen von uns beziehen. Für viele ist dieses Bibelwort ja auch der Taufspruch oder der Konfirmationsspruch. Gott ruft uns, wir rufen ihn. Wenn wir das ernst meinen, dann dürfen wir auch „Oh Gott“ sagen.

 

Oben und Unten

Für den Weg zur Arbeit benutze ich immer die Eisenbahn. Sie ist ein modernes und umweltfreundliches Verkehrsmittel. Sie bezieht ihre Energie aus der elektrischen Oberleitung. Besonders im Winter, wenn der Reif auf den Leitungen liegt, kann man sehr schön sehen, wie der Funke überspringt. Es blitzt und knattert, daß man es fast mit der Angst zu tun kriegt. So stark ist eben die Energie, die für einen Zug benötigt wird. So stark ist aber auch der Strom, der zur Verfügung steht.

Dieser technische Vorgang kann uns Symbol sein für unser Leben. Wir brauchen auch eine Kraft „von oben“, wenn wir im Leben vorankommen wollen. Diese starke Kraft kommt von Gott. So drückt es schon der 138. Psalm aus: „Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft!“ (Vers 3).

Wenn man diese Kraft haben möchte, dann muß man sie herbeirufen. Sie kommt nicht von selber, und sie wird nicht aufgezwungen. So wie man erst zum Bahnhof gehen und sich eine Fahrkarte kaufen muß, so muß man auch Gott anrufen, wenn er helfen soll. Ohne die Verbindung mit Gott wird unser Leben kraftlos und arm. Der Bügel muß immer in Berührung mit der Oberleitung sein, damit der Kraftstrom fließen kann. Aber wenn wir mit Gott in Verbindung sind, dann gibt er uns auch Kraft und Energie.

Beim Zug kann es schon einmal vorkommen, daß der Strom ausfällt. Dann kommen wir nicht voran, sondern können nur noch auf der Stelle treten. Bei Gott aber kann das nicht passieren, daß die Oberleitung herunterhängt oder reißt. Gott steht mit seiner Kraft immer für uns bereit, er läßt uns nicht im Stich.

Dennoch versuchen viele immer wieder, auch ohne ihn auszukommen. Das ist wie bei denen, die nichts vom öffentlichen Nahverkehr halten und sich auf eigene Faust aufmachen. Sie haben ja eine andere Möglichkeit, mobil zu sein. Zum Glück ist heute niemand mehr auf die Eisenbahn angewiesen, sonder er hat das Automobil, das Fahrzeug, das ihn selber mobil macht. Und wenn man etwas hat, dann will man es auch benutzen. Angeblich geht es nicht anders, weil man schneller am Ziel ist oder weil man das Fahrzeug am Arbeitsplatz braucht. Aber in Wirklichkeit muß man Umwege fahren, man steht im Stau, man hat nur Streß.

Doch so sind wir Menschen nur einmal: Anstatt uns einem Lokführer anzuvertrauen und der Kraft „von oben“, wollen wir selber die Handelnden sein und unser eigener Herr bleiben. So denken wir, wir könnten auch ohne Gott auskommen. Bildlich gesprochen: Erst einmal versuchen wir es mit dem Auto. Nur wenn dieses einmal kaputt ist, steigen wir notgedrungen auf Bus oder Zug um. Und wehe, wenn dann gerade keiner geht. Dann werden wir in unseren Vorurteilen erneut bestätigt.

Zum Glück nimmt es uns Gott nicht übel, wenn wir ohne ihn haben auskommen wollen. Er zieht sich nicht beleidigt zurück, wenn wir ihn ausnahmsweise einmal brauchen. Wenn wir ihn anrufen, dann erhört er uns und gibt uns neue, große Kraft.

Allerdings macht uns das Bild von der Eisenbahn noch mehr deutlich: Die Eisenbahn fährt auf Schienen. Das heißt: Sie ist mit dem Boden verbunden. Der ganze Strom von oben nutzt nichts, wenn die Schienen fehlen oder die Bahn aus den Schienen springt. Der Verbindung nach oben entspricht die Verbindung mit unten. Christen schweben nicht über den Problemen der Welt, sonder sie sind auf der Erde zu Hause und tragen Verantwortung in ihr. Sie nehmen sich der Erde an, sie hegen und pflegen sie. Und sie versuchen, die Lebensverhältnisse zu verbessern.

Doch das geht nur, wenn wir auch Gott anrufen. Er wird uns Kraft geben, die wir von uns aus nicht haben können. Viele Menschen haben die Erfahrung schon gemacht, daß Gott sie erhört und ihnen Kraft gibt. Auch wir können darauf vertrauen, daß wir nicht alles selbst in die Hand nehmen müssen, daß wir nicht immer nur unten herum kriechen müssen. Gott gibt uns Kraft von oben, wenn wir ihn anrufen - er gibt unserem Leben große Kraft.

 

 

Tamagotchi - das virtuelle Haustier

Lehrerinnen und Lehrer verfallen noch in Verzweiflung: Alle zehn Minuten piepst es in einer anderen Ecke der Klasse. Dann muß sich wieder ein Kind um sein Tamagotchi kümmern: ihm zu essen geben, ihn streicheln oder mit Medizin versorgen. Das geht alles per Knopfdruck. Insofern ist das Tamagotchi pflegeleicht. Aber man muß daran denken, muß etwas tun, sonst stirbt das Tamagotchi.

Sie haben noch nie so ein Tamagotchi gesehen? Dann haben Sie keine Kinder oder Enkel, die so ein Ding unbedingt haben müssen. Es handelt sich nämlich nicht um ein Tier, sondern um ein elektronisches Gerät, das aber wie ein Lebewesen behandelt werden will. So wie man früher hinter Hulahoop-Reifen oder Zauberwürfeln her war, so muß man heute ein Tamagotchi haben, um mitreden zu können.

Aus Japan kommt die neue Errungenschaft und kostet etwa 30 Mark. Großeltern freuen sich, wenn sie endlich eins ergattert haben, um dem Enkel oder der Enkelin eine Freude machen zu können, denn die Dinger sind auf Wochen hinaus vorbestellt. Selbst junge Erwachsene interessieren sich noch dafür, denn auf einer Party kann man schon einmal eine Stunde die Gäste damit unterhalten.

Aber in der Schule werden die Lehrer genervt. So ein Tamagotchi meldet sich nämlich in der Wachstumsphase sehr oft. Es will sogar rund um die Uhr betreut werden. Ganz Geschickte bauen nachts die Batterie aus, um ruhig schlafen zu können. Sonst kann es soweit kommen, daß auf der Anzeige ein Grab mit einem Kreuz erscheint und das Tamagotchi gestorben ist. Das macht aber auch nichts: Man muß nur die Reset-Taste drücken, dann entwickelt sich aus dem Ei ein neues Tamagotchi.

Hier wird aber deutlich, wie gefährlich der Umgang mit diesem elektronischen Produkt ist. Es ist nur ein Gerät und kein Lebewesen. Wenn ein echtes Tier stirbt, dann ist das nicht rückgängig zu machen, da läßt sich die Vernachlässigung nicht durch einen Knopfdruck wieder gutmachen. Das ist ja die Gefahr bei all diesen Computerspielen: Man schießt einen Menschen ab oder überfährt ihn. Aber kurz darauf steht er wieder auf und kann erneut verfolgt werden. Nur im richtigen Leben ist das nicht möglich. Doch bei Kindern könnte der Eindruck entstehen: Es ist ja gar nicht so schlimm, wenn man einen Menschen oder ein Tier umbringt, sie werden ja wieder lebendig.

Eventuell können Eltern mit dem Gerät ihr Kind testen, ob es in der Lage und willens ist, ein echtes Haustier zu betreuen. Nur muß man sich darüber im Klaren sein, daß der „Ernstfall“ doch noch etwas anderes ist. Wirklich hegen und pflegen kann man nur ein echtes Lebewesen, wirklich Verantwortung übernehmen kann man nur bei einem Tier oder einem Menschen. Nur hier kann man Gemütswerte entwickeln und echte Zuwendung praktizieren. Nur hier kann man Liebe erfahren und geben. Über die liebende Zuwendung von Mensch zu Mensch spricht der Epheserbrief in einer christlichen „Haustafel“ (Kapitel 5, Vers 25-33). Dort wird die Liebe zwischen Eheleuten verglichen mit der Liebe Christi zu seiner Gemeinde. Christus bemüht sich so um seine Gemeinde, daß sie ohne Flecken und Runzeln dasteht. Durch die Taufe wird sie gereinigt und steht heilig und untadelig da. So soll auch ein Mann seine Frau lieben wie seinen eigenen Leib, und die Frau ihren Mann lieben wie ihren eigenen Leib. Der Ehepartner gehört mit zum eigenen Fleisch und Blut. Man nährt und pflegt ihn, als wäre es der eigene Körper. Und so sorgt auch Christus für jeden Teil seines Leibes, für jedes einzelne Gemeindemitglied.

Das ist etwas ganz anderes als die Bedienung einer Maschine wie es das Tamagotchi darstellt. Liebe, Ernährung und Pflege ist etwas weit umfassenderes als ein Knopfdruck. Sie fordern den ganzen Menschen, aber sie geben auch alles. Wer diese Liebe empfängt, funktioniert nicht automatisch, sondern fühlt sich geliebt und wirklich ernstgenommen. Liebe kann man nicht an einem Spielgerät lernen, man muß sie wirklich ausüben.

Zugang zu meinem Inneren

Im Krankenhaus zieht mir der Arzt etwas Blut aus dem Arm für eine erste Untersuchung. Als er längst wieder weg ist, stelle ich fest, daß eine Nadel mit einer Verschlußkappe noch in meiner Armbeuge steckt. Bald darauf fragt eine Schwester: „Wo ist denn Ihr Zugang - rechts oder links?“ Da wird mir deutlich: Jetzt haben sie einen Zugang zu meinem Körper! Und zwar nicht in einen Randbereich wie beim Zahnarzt oder beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sondern bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Jetzt brauchen sie mir nichts mehr zu trinken zu geben, um die Nieren durchzuspülen. Jetzt geht das über die Flasche direkt in die Blutbahn: Kochsalzlösung, Zuckerlösung, Medikamente, Kontrastmittel.

Andererseits eröffnet sich damit auch eine faszinierende Welt des menschlichen Inneren. Einige Aufnahmen meiner Venen konnte ich sehen: Die Adern verzweigen sich immer mehr, werden dünner, zuletzt sind sie nur noch wie ein Schleier. Da sieht man erst einmal, wie wunderbar der menschliche Körper ist und wie erstaunlich lange dieses ganze System funktioniert. Und man ahnt auch, welche Folgen die geringste Störung haben kann.

Mir fiel das Psalmwort ein: „Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin!“ (Psalm 139, Vers 14). Ein Blick ins Innere kann nur zum Staunen und zur Dankbarkeit führen. Aber irgendwie wird man doch davon berührt, daß nun auch andere sich da einmischen können.

Geht das vielleicht auch mit der Seele des Menschen? In einem gewissen Maße geht das schon: Man kann einen Menschen psychologisch auseinandernehmen, kann seine Abgründe und seine geheimsten Wünsche aufdecken. Jedenfalls behaupten das die Seelenforscher und haben damit sicher auch zu einem ganzen Teil recht.

Auch durch chemische Mittel kann man die Seele eines Menschen beeinflussen. Vor allem seine Stimmungslage kann man dabei umpolen: Ist ein Mensch niedergeschlagen und antriebsschwach, so erhält er einige Tabletten und ist nach kurzer Zeit ein „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“: Er sprüht vor Überaktivität, will witzig sein und hat die verrücktesten Ideen. Die Umgebung aber schüttelt nur mit dem Kopf, weil ein Mensch sich so sehr verwandelt hat und nicht mehr die richtigen Maßstäbe findet. Geheilt ist er damit allerdings noch nicht, denn es ist zunächst einmal alles nur Chemie.

Aber erschrecken kann man schon ein wenig, wenn man die Möglichkeiten der heutigen Medizin sieht, die nicht nur auf direktem Weg in den Menschen eindringen kann, sondern auch sein Lebensgefühl und seine Stimmungslage beeinflussen kann. Aber irgendeinen Bereich braucht der Mensch schon, wo er für sich allein ist und wo keiner hineinschauen kann. Nur ganz lieben Menschen gewährt man einmal einen Blick ins eigene Innere. Vor allem unter Eheleuten wird das so sein. Aber vielleicht auch zwischen Eltern und Kindern, zwischen Freunden und Freundinnen oder zwischen Pfarrer und Beichtendem. Man entscheidet aber immer selber, wie weit dieser Blick gehen darf.

Und wie ist es dann mit Gott? Wie weit hat er einen Zugang zu unserem Inneren? Lassen wir ihn gern hineinsehen oder sperren wir uns gegen ihn? Hat er nicht so etwas wie Röntgenaugen, mit denen er jeden Winkel unsres Herzens sehen kann? Aber es ist doch auch gut, wenn wir wenigstens einen haben, den wir ganz in uns hineinlassen können. Er wird nichts weitertragen, er wird uns verstehen, und er wird uns helfen. Daß Gott sowieso alles von uns weiß, empfinde ich nicht als eine Bedrohung oder Bevormundung, sondern als eine Hilfe und große Beruhigung.

So bittet auch der Beter des 139. Psalms am Schluß seines Gebets: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!“ (Vers 23-24). Der Arzt sieht sich das Herz an oder den Magen oder die Venen. Aber er sieht immer nur Körperorgane. Gott aber sieht den ganzen Menschen, sieht auch in sein Inneres, auch in sein Herz im übertragenen Sinne. Das ist auch gut so. Abgesehen davon, daß wir es sowieso nicht verhindern können, haben wir doch die Chance, daß uns dadurch geholfen werden kann. So wie beim Arzt können wir von innen heraus gesund und neu werden, wenn wir Gott nur in unser Inneres lassen.

 

Sandy erzählt, wie die Geschichte weiterging                  Menschen mit Einschränkungen

In der Klasse 5b der Werner-von Siemens-Schule wurde im Religionsunterricht das Thema „Miteinander leben“ behandelt. In diesem Zusammenhang wurde eine Geschichte aus dem „Kursbuch Religion 2000“ vorgelesen. Dabei ging es darum, daß auch behinderte Menschen nicht als Außenseiter leben müssen, sondern in die Gemeinschaft der Menschen einbezogen sein sollten. Ein Vater will nicht, daß sein Sohn Benjamin mit Josef herumzieht. Doch der Sohn sieht das nicht so recht ein. Sein Vater aber sagt: „Das ist nicht gut für dich. Du weißt doch selbst, daß dieser Josef ein geistig zurückgebliebenes Kind ist. Was kannst du schon von dem lernen?“ Benjamin will gar nicht unbedingt etwas dabei lernen. Aber der Vater meint: „Man sollte von jedem, mit dem man umgeht, etwas lernen können!“ Benjamin kann aber sagen, daß Josef so schön Schiffchen falten kann und daß man mit ihm herumlaufen und alles so schön ansehen kann: „Josef sieht viel mehr als ich. Er weiß, wo Katzen sind; und wenn er sie ruft, so kommen sie!“ Aber der Vater bleibt dabei: „Es ist im Leben wichtig, daß man Freunde hat, von denen man etwas lernen kann!“

So weit ging die Geschichte, die Schülerinnen und Schüler sollten nun aufschreiben, wie die Geschichte weitergegangen sein könnte. Sandy hat sich folgende Fortsetzung dazu ausgedacht: „Vater, meinst du jetzt, ich darf gehen oder nicht?“ Der Vater hatte sich diese Sache kurz überlegt und meinte: „Das ist ganz alleine deine Entscheidung!“ Benjamin gab dem Vater einen Kuß und rannte zu Josef nach Hause. Zwei Stunden später kam Benjamin glücklich und aufgeregt heim. „Vati, Vati, komm mal schnell, ich habe von Josef gelernt, wie man die tollsten Geschenke für die Eltern machen kann!“

Da fragte der Vater: „Was für ein Geschenk ist das denn?“ „Tja, setz dich mal hin!“ Der Vater setzte sich auf den Boden. „Und weiter?“ fragte er. Da kam Benjamin, setzte sich auf den Schoß seines Vaters, umarmte ihn und gab ihm einen Kuß auf die Backe. So etwas hatte er noch nie getan. Da sagte der Vater: „Weißt du was: Morgen laden wir Josef ein. Vielleicht kann er mir auch etwas beibringen!“ Am nächsten Tag kam Josef und brachte dem Vater so viele tolle Sachen bei. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute!“

Sandy schreibt noch unter die Geschichte: „Man kann auch von behinderten Menschen lernen, so wie in meiner Geschichte!“

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Zu einer seiner Sendungen hatte Jürgen Fliege auch einen katholischen Priester eingeladen. Bei der Verabschiedung bezeichnete er ihn als seinen „confrater“. Dieses Wort ist aus der Geheimsprache der Theologen, dem Latein, und bedeutet „Mitbruder“. Der katholische Pfarrer ist also ein „Mitbruder“. „Nur“ ein „Mitbruder“, denn offenbar gibt es auch noch andere, die richtige Brüder sind - und natürlich auch Schwestern, das darf man heute ja nicht vergessen.

Doch ist es nicht so: Entweder man ist Bruder oder man ist es nicht. Ein bißchen Bruder, das gibt es doch wohl nicht. Was soll da der „Mitbruder“? Ist das nur ein Stiefbruder, einen der an sich Bruder sein sollte oder sein könnte, aber es doch nicht so richtig ist. Man will ihm zwar den Brudertitel nicht so ganz verwehren, aber man setzt sich doch von ihm ab, weil man nicht in jeder Hinsicht mit ihm einverstanden ist.

Das Gleiche gilt ja von den „Mitbürgern“. Da gibt es auf einmal „ausländische Mitbürger“ oder „ehemalige Mitbürger“ oder frühere „jüdische Mitbürger“. Was sind sie denn nun: Echte Mitbürger mit allen Rechten und Pflichten oder doch nur Einwohner zweiter Klasse? Die Vorsilbe „mit“, die hier an sich die Verbindung und die Hinwendung unterstreichen soll, trennt mehr, als daß sie eint. Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, ihr seid richtig Schwestern und Brüder, nicht nur so „mit nebenbei“!

In der Kirche ist es weitgehend üblich, daß sich bestimmte Kreise nach biblischem Vorbild als Bruder und Schwester anreden. Aber auch da gibt es Unterschiede, die mehr distanzieren als verbinden. Zunächst ist man der „Herr Vikar“ und erst nach der Ordination ein „Bruder“, aber der Vorgesetzte bleibt weiterhin der „Herr Oberkirchenrat“. Wenn einer aber nicht mehr bei der Kirche beschäftigt ist, dann ist er auch kein Bruder mehr, sondern ein gewöhnlicher Herr. Irgendetwas stimmt doch nicht an dieser kirchlichen Praxis.

Außerdem: Warum soll die Anrede „Bruder“ oder „Schwester“ nicht auch für die Mitglieder des Kirchenvorstandes gelten oder für den Hausmeister? Sind nicht alle, die zur Kirche gehören, Schwestern oder Brüder? Der Unterschied, ob man evangelisch oder katholisch oder orthodox ist, ist demgegenüber doch gering. Da braucht man sie doch nicht abzuqualifizieren mit dem Kunstwort ,,Mitbruder“.

Jesus sagt: „Einer ist euer Meister. Ihr aber seid alle Brüder!“ (Matthäus 23,8). Oder könnte man nicht statt der etwas veralteten Anrede „Bruder“ sich einfach mit „Herr“ oder „Frau“ anreden, so wie das heute im üblichen Leben üblich ist? Die innere Verbundenheit, das gemeinsame Wollen und die „Einigkeit im Glauben“ muß doch darunter nicht leiden! Die Anrede freilich macht es nicht. Auch hinter der Anrede „Bruder“ oder „Schwester“ verbirgt sich manchmal Neid und Mißgunst, Verachtung und vielleicht sogar Haß. Damit muß man auch in der Kirche rechnen. Ganz sachlich und nüchtern sollte man das in Rechnung stellen und deshalb vielleicht auf jede verschleiernde Anrede verzichten. Christen sind nicht anders als andere Leute auch, ihr Christsein wird nicht besser durch die Anrede.

Ähnliche Gepflogenheiten bei der Anrede hat übrigens auch eine politische Partei. In der Sozialdemokratischen Partei spricht man sich mit „Genosse“ und „Genossin“ an. Im Sinn kommt das dem „Bruder“ und „Schwester“ übrigens ganz nahe. Aber auch in dieser Partei hat man ein wenig Probleme mit dieser traditionellen Anrede aus der Arbeiterbewegung. Der Parteivorsitzende Gerhard Schröder verwendet die Anrede „Liebe Freunde und Freundinnen“. Das Wort „Genosse“ ist durch die Kommunisten ziemlich in Mißkredit geraten. Außerdem klingt es so altertümlich wie das christliche „Bruder“. Vielleicht wird man hier auch einmal zu einer anderen Übung kommen. Dabei habe ich weder etwas gegen die eine noch die andere Anrede. An sich finde ich es ganz gut, sich in der Kirche als „Bruder“ und „Schwester“ anzureden. Nur bitte nicht beschränkt auf die Berufsgruppe der Pfarrer. Das widerspricht nämlich ganz dem Gedanken der Brüderlichkeit. Bei den Pfarrern wird diese Anrede ja nicht von einer bestimmten Gruppe untereinander vereinbart, sondern sie ist sozusagen amtlich verordnet. Man macht das eben so, weil es immer schon so war. Wer dabei nicht mitmacht, der wird etwas schief angesehen; der ist dann auch kein richtiger „Bruder“, weil er angeblich die richtige Anrede verweigert. Dennoch machen einige nicht mit bei dieser Übung, lassen überhaupt jede zusätzliche Amtsbezeichnung und jeden Titel weg und sagen auch in der Kirche schlicht „Herr“ und „Frau“, wie das auch sonst im Leben üblich ist. Wenn schon Brüder und Schwestern, dann gilt das für alle, ohne den Aufbau künstlicher Schranken und Unterschiede. Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder (und Schwestern)! In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, liebe Schwestern und Brüder!

 

Gott ist im Angebot

Mittwochs nach der Arbeit fahren wir immer zum „Aldi“. Am Sonntag gehen wir in die Kirche. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ steht schon in der Bibel. Die Kaufhäuser und das Reformhaus und der Bäcker nebenan sind zwar wichtig für unser Leben. Aber die Nahrung für die Seele ist genauso wichtig. Ein wenig Nachdenken über das Leben, über Gott und die Welt, gehört zum Ablauf einer Woche schon dazu. Coca-Cola kenne ich seit meiner frühesten Jugend. Was haben die drei Dinge - Supermarkt, Kirche und Coca-Cola - gemeinsam? Am 13. Oktober 1999 war es in der Zeitung zu lesen: Die Deutschen gehen mit einem „Werte-Mix“ aus Konsum und Kirche in das neue Jahrtausend. Dabei nehmen Produkt-Marken teilweise einen ebenso hohen Stellenwert ein wie etwa die Kirche. Für 22 Prozent der Befragten 3000 Deutschen über 14 Jahren sind Kirche und Religion genauso wichtig wie „Aldi“ oder „Adidas“. In der persönlichen Wertschätzung rangiert die Bibel mit 19 Prozent noch vor „Coca-Cola“ (18 Prozent) und „McDonalds“ (15 Prozent).

Irgendwie beruhigt mich das schon: Unser Volk ist doch nicht nur auf Konsum aus, sondern fragt auch nach dem Sinn des Lebens. Das Leben soll Spaß machen, aber auch einen Sinn haben. Wie der Leiter des die Befragung durchführenden Freizeitinstituts in Hamburg sagte, fühlen sich die Deutschen „bei diesem Mix aus Kirche und Konsum, klassischen Werten und modischer Kleidung durchaus wohl“. Allerdings fanden bei den Jugendlichen größten Anklang Coca-Cola mit 54 Prozent und MacDonalds mit 47 Prozent.

Doch bei den Rentnern standen Kirche und Religion sowie die Olympischen Spiele mit je 40 Prozent an der Spitze. Vielleicht muß man doch erst ein gewisses Alter haben, bis sich die Werte etwas vom Konsum zum Kult verschieben. Maßstab könnte dabei das sein, was Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Gebot schreibt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen!“ Das bedeutet nicht, daß wir nicht auch die Dinge unsres Lebens lieben dürften oder nicht auch ein ganzes Stück weit auf sie vertrauen dürften. Wir müssen schon vorsorgen für unser Leben, müssen unsre geistigen und körperlichen Kräfte einsetzen, damit wir unser Leben regeln können.

Nur weiß ein Christ, daß das nicht alles im Leben ist. Vieles kann auch mißlingen wenn Gott nicht seinen Segen dazu gibt. Wir brauchen andere Menschen, ihre Leistung und ihr Können, wenn wir existieren wollen. Und umgedreht erwarten andere Menschen auch von uns eine bestimmte Leistung. Nur so kann das Leben der Menschen miteinander gelingen.

Aber wir brauchen auch Gott, damit unser Leben erst vollkommen wird. Es geht nicht nur um Arbeiten, Essen und Genuß. Wenn das schon unser Leben ausmachen solle, wäre es doch etwas dürftig. Leben ist immer auch Leben im Angesicht Gottes und mit Gott. Arbeit und Konsum ist wirklich nur das halbe Leben. Und ohne den Sonntag wäre alle Tage Werktag.

Es geht einfach darum, was uns für unser Leben als das Wichtigste erscheint. Luther sagt dazu in der Erklärung zum ersten Gebot im Großen Katechismus: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Deshalb dürfen Coca-Cola und all die anderen wichtigen Dinge unsres Lebens nicht zum Gott für uns werden. Sie dienen zur Erhaltung unsres Lebens, aber sie machen nicht das Leben aus. Wir dürfen ihnen nicht mit Ehrfurcht begegnen, sondern Ehrfurcht gebührt nur Gott.

Das meint Luther, wenn er davon spricht, wir sollten Gott „fürchten“. Das bedeutet nicht, wir müßten Angst vor Gott haben, sondern es leitet uns an zum rechten Verhältnis gegenüber Gott. Er allein will unser Herz haben. Und wenn er es hat, dann werden auch all die anderen „Lebensmittel“ den richtigen Rang haben. Unser Leben wird nicht mehr bestehen aus immer größerer Hetze nach immer mehr Konsum. Vielmehr werden wir uns geborgen wissen in Gottes Güte und unser Leben ihm allein anvertrauen.

 

Der Pfarrer als Wettermacher       

Angeblich hat Hochstadt immer schönes Wetter zu seinen Festen. Und angeblich hängt das mit dem „guten Draht“ des Pfarrers zusammen. Wenn der Bürgermeister davon spricht, blickt er immer auch noch nach oben. Dörnigheim dagegen soll immer Pech mit dem Wetter haben. Sind etwa die Dörnigheimer Pfarrer schlechter als der Hochstädter? Und was ist, wenn es auch in Hochstadt schlechtes Wetter gibt, was ja auch schon der Fall war?

Doch auch in kirchlichen Veröffentlichungen findet man diese Vorstellungen, daß man nur zu beten brauche, und dann werde das Wetter wie gewünscht. In den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeinde heißt es am Weltgebetstag, dem 3. März, zu der Bibelstelle Jakobus 5, Vers 16: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist!“ In einer Betrachtung dazu schreibt ein Ausleger: „Der Winter hatte wieder einmal seine Tage ausgezählt, und noch immer lag kein Schnee. Ein Vater wünschte sich so sehr, daß jetzt Schnee läge, damit er den Schlitten vorn Boden holen könne, um mit seinem Sohn eine Schneeballschlacht und eine Schlittenfahrt zu machen. Der Sechsjährige aber will dafür beten, daß Schnee fällt. Er will schon einmal auf den Boden gehen und der Vater soll schon einmal beten!“

Doch das kann doch kein Beispiel für ein ernsthaftes Gebet sein! Natürlich kann man auch um schönes Wetter beten. Aber wenn zum Straßenfest schlechtes Wetter ist, dann hat man eben Pech gehabt, aber nicht mangelnden Glauben. Schlechtes Wetter zum Fest ist kein Beweis gegen Gott, daran hängt der Glaube nicht.

Auch wenn es regnet, kann dennoch das Fest stattfinden. Es ist nicht so, daß der Hochstädter Pfarrer es besser könnte als die Dörnigheimer (die sogar noch zu fünft oder noch mehr sind). Mit solchen Bemerkungen zum Wetter - die aber mit einer schönen Regelmäßigkeit jedes Jahr wieder kommen - wird das Gebet doch nur lächerlich gemacht.

Anders ist es da schon mit einer Geschichte, die aus Afrika erzählt wird. Seit Wochen hatte es nicht geregnet und die Ernte war gefährdet. Eine Kirchengemeinde hatte sich zu einem Bittgottesdienst um Regen entschlossen. Aber als sich alle in der Kirche versammelten, da kritisierte der Pfarrer erst einmal die Gemeinde: „Ihr wollt hier um Regen bitten. Aber keiner von euch hat einen Regenschirm mitgebracht! Was wollt ihr denn machen, wenn Gott euer Gebet sofort erhöht und es auf dem Heimweg schon regnet? Geht erst noch einmal nach Hause und holt einen Regenschirm - dann könnt ihr auch um Regen beten!“

Hier ging es nicht um die Bequemlichkeit von Menschen, sondern wirklich um eine existentielle Frage. Daß man in diesem Fall betet, ist klar. Aber der Pfarrer hatte schon recht: Man kann nur beten, wenn man auch vom Erfolg des Gebets überzeugt ist. Dann vermag das Gebet auch viel, wenn es ernsthaft ist. Ob es damals in Afrika wirklich bald geregnet hat, ist nicht überliefert. Aber auch wenn es mit dem Regen noch dauerte, ist der Glaube nicht zusammengebrochen oder widerlegt. Gott wird schon einen Weg gefunden haben, um seine Gemeinde zu erhalten. Wenn es sich um ein wirkliches Problem handelt, ist das Gebet sicher angebracht. Aber man sollte es nicht so verflachen, daß man es auf das Wetter oder fast nur auf das Wetter beschränkt.

Wünschen wir uns auch zum Hochstädter Straßenfest wieder gutes Wetter! Und auch wenn das Wetter mehr durchwachsen ist, wird es sicher ein schönes Fest. Nur hat das dann nichts mit Gott und auch nicht dem einen oder anderen Pfarrer zu tun. Das Wetter entsteht nach physikalischen Regeln, ist ein Naturereignis. Im Gebet aber geht es um unser Leben. Dieses hängt nicht vom Wetter ab, sondern von der Fürsorge Gottes. Ihm dürfen wir uns anvertrauen im Gebet. Er wird uns mehr geben als nur gutes Wetter.

 

Gott ist nicht schwerhörig  

Daß der alte Holzmichel noch lebt, habe ich schon auf der Hochstädter Kerb erfahren. Bei der Wachenbucher Kerb wurde es noch einmal mitgeteilt. Allerdings saß ich da nicht selber im Zelt, sondern wollte mich gegen Mitternacht ins Bett legen. Und ich wohne nicht in Wachenbuchen, sondern in Hochstadt. Doch es war jedes Wort zu verstehen, die Ansagen und die Lieder. Dabei hat mein Gehör schon etwas nachgelassen. Aber es war, als wäre man selber dabei.

Warum muß Musik heute nur so laut sein? In meiner Jugend hieß es: „Nur eine Band, die musikalisch unsicher ist, versucht das durch Lautstärke zu vertuschen!“ Da war es ein Qualitätsmerkmal, wenn man leise spielte. Aber heute muß ein Lastwagen mit Anhänger herbeigefahren werden, voll mit Elektronik und Lautsprechern, sonst ist die Musik nichts. Da müssen die Bässe so wummern, daß man die Schallwellen körperlich spürt.

Die HMV-Band kann durchaus normal spielen, wie man bei den Fastnachtsveranstaltungen feststellen kann. Aber was sie zum Kerb-Frühschoppen in Hochstadt bot, das war von der Lautstärke her unerträglich. Ein Handwerker hätte bei so einer Lautstärke Gehörschutz tragen müssen. Eine Unterhaltung war nur in den Musikpausen möglich. Da wurde mir klar, was den Reiz des Straßenfestes ausmacht: Da kann man sich wenigstens normal unterhalten und muß nicht gegen laute Musik ankämpfen. Wenn der Posaunenchor spielt oder die HMV-Band oder wenn Jazzfrühschoppen ist, dann geht das alles ohne Lautsprecher, und die Musik wird als angenehm empfunden. Warum geht das nicht auch bei der Kerb?

Das Ganze zeigt natürlich, daß sich die Kerb sehr weit von ihrem Ursprung entfernt hat. Die „Kerb“ ist an sich „Kirchweih“ und feiert die Errichtung eines neuen Kirchengebäudes. Doch das wird heute nur noch dadurch deutlich, daß der Gottesdienst an diesem Tag im Zelt gehalten wird, oftmals aber fast ohne Bezug auf die Einweihung der Kirche. Alles andere ist Volksfest, Essen und Trinken und vor allem viel Lärm. Mit dem Lob Gottes, mit dem Dank für die gnädige Bewahrung in vielen Jahrhunderten, mit der Bitte um eine gesegnete Zukunft, hat das nichts mehr zu tun.

Im 150. Psalm wird beschrieben, wie man Gott sachgemäß lobt. Da ist die Rede von Posaunen, Harfen, Pauken, Saiten und Pfeifen. Nun gut, das waren die Instrumente der damaligen Zeit, einen elektronischen Verstärker gab es damals noch nicht. Natürlich kann man heute auch Saxophon und Keyboard zum Lob Gottes einsetzen. Aber von großer Lautstärke ist in dem Psalm nichts gesagt. Und daß die Posaunen die Mauern der Stadt Jericho zum Einsturz gebracht hätten, das gehört doch wohl in den Bereich der Sage. Man muß Musik nicht so laut spielen, daß das Zelt bebt und die Leute in zwei Kilometer Entfernung noch aus dem Bett fallen.

Aber mir kommt das so vor wie in der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern: Jeder stöhnt über die laute Musik, aber keiner will etwas dagegen sagen. Angeblich ist Lautstärke modern und die Jugend will das so. Keiner will als rückständig gelten. Und weil nur Einzelne die Veranstaltung vorzeitig verlassen und der große Teil des Publikums bis zum Ende ausharrt, meinen auch die Musiker, den Leuten gefalle das. Also wird noch etwas mehr aufgedreht bis zum Anschlag oder das nächste Mal noch eine Lautsprecherbox mehr mitgebracht, damit es noch besser gefällt. Gott kann man damit nicht loben. Gott ist nicht schwerhörig. Und er möchte, daß wir es auch nicht werden.

 

Die Kaffeetasse sagt „Guten Morgen“

In einem Katalog fand ich das Angebot einer Tasse mit folgendem Spruch: „Gestern ist vorbei, morgen ist noch nicht da und heute hilft der Herr!“ Das Wort stammt von Hermann Bezzel, dem früheren bayerischen Landesbischof. Es ist doch gut, wenn man so ein Wort schon früh morgens auf der Kaffeetasse lesen kann. Da beginnt der Tag doch schon ganz anders.

Bedenken wir einmal die drei Aussagen dieses Spruchs. Menschen werden belastet von der Vergangenheit und tragen eine Schuld mit sich, manchmal selbst verschuldet, aber manchmal auch ohne eigenes Zutun. Man kann das im übertragenen Sinn verstehen, aber auch fast wörtlich, so als hätte man wirklich eine schwere Last auf dem Rücken: Sie haben sich mit einem anderen Menschen verkracht, sie kommen mit ihren heranwachsenden Kindern nicht zurecht, sie haben Raubbau mit ihrem eigenen Körper getrieben, sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Es gibt so vieles, was unser Leben von der Vergangenheit her belastet und sich noch heute auswirkt.

Menschen haben aber auch Angst vor der Zukunft. Sie fragen: Wohin soll das alles noch führen? Die Arbeit wird knapp, die Natur wird zerstört, man wird langsam alt. Wir können vieles planen. Die Wissenschaft macht immer mehr Fortschritte in Technik, Landwirtschaft, Handel, Medizin und selbst bei der Freizeitgestaltung. An sich müßten wir doch viel beruhigter in die Zukunft blicken können als Menschen vergangener Generationen. Die wußten oft nicht, wie sie sich am nächsten Tag ernähren sollten, und an das Gefühl des Sattseins konnten sie schon gar nicht denken. Aber heute schwebt über vielen Menschen bei uns so ein Gefühl der Unsicherheit. Das ist an sich unverständlich, weil es uns doch gut geht und auch die verhältnismäßig Armen es immer noch besser haben, als die meisten Menschen auf der Welt. Aber seltsamerweise klagen ja gerade die Reichen. Wer viel hat, der kann auch viel verlieren. Deshalb denkt er: Noch mehr anhäufen, damit noch genug bleibt, wenn etwas verlorengeht. Und eine Firma mit guten Gewinnen will noch mehr Überschüsse haben, um im weltweiten Konkurrenzkampf „gut aufgestellt“ zu sein.

Dabei haben wir gar keinen Grund, mit Angst in die Zukunft zu schauen: „Morgen ist noch nicht da!“ Und wenn es dann da ist, dann ist immer noch Zeit, alle Kräfte einzusetzen und mit den neuen Herausforderungen fertig zu werden. Während der sogenannten Ölkrise 1973 sagt ein Mann zu mir: „Ich habe mir ein Hundert-Liter-Faß mit Benzin hingelegt. Da kann ich mit meinem Moped noch lange fahren, wenn die anderen keinen Treibstoff mehr haben!“ Wieviel Angst vor der Zukunft steckt doch hinter einem solchen Verhalten! Da gefällt mir doch besser die Einstellung meiner Schwiegermutter: „Wenn die anderen nichts haben, dann will ich auch nichts haben!“

Statt Angst vor der Zukunft ist es viel sinnvoller, sich den Anforderungen der Gegenwart zu stellen. Das Gestern ist abgehakt, das Morgen wird erst noch kommen. Aber: „Heute hilft der Herr!“ Gemeint ist: Gott steht uns bei, wenn wir unseren Tag zu bewältigen haben. Die Vergangenheit spielt insofern eine Rolle, als wir auf gute Erfahrungen in ihr zurückgreifen können. Aber entscheidend ist immer die Gegenwart: Ihr haben wir uns zu stellen, in ihr haben wir uns zu bewähren, in ihr werden wir auch unsere Erfolge erreichen.

Was soll die Sorge um die Zukunft, wenn doch heute der Herr hilft? Mehr brauchen wir doch nicht. Und wenn das Morgen zum Heute geworden ist, dann wird er schon wieder helfen. Wir brauchen keine Hilfe auf Vorrat. Heute hilft der Herr, so wie er in der Vergangenheit geholfen hat und auch in Zukunft helfen wird.   

 

Unser Leben ist wie ein Berg

Im vorigen Sommer besuchte ich nach 50 Jahren wieder einmal das Kleine Walsertal. Ich sah mir den Zwölfer an, einen markanten Berg in Mittelberg, den ich damals als Schüler von unserer Unterkunft aus bewundernd betrachtete. Ich überlegte damals, wie lange es wohl dauern würde, auf so einen Berg zu steigen. In meiner jugendlichen Unerfahrenheit rechnete ich mit zehn bis 15 Minuten. Dabei hätte schon der Weg bis zum Fuß des Berges eine halbe Stunde gedauert und dann wäre es nur mit Kletterausrüstung weiter gegangen.

Wenn man ein Kind an einen hohen Berg führt, wird es treuherzig und ahnungslos sagen: „Da möchte ich hinauf!“ Und wenn man ihm sagte: „So groß wie dieser Berg werden auch die Aufgaben in deinem Leben sein. So beschwerlich wie dieser Berg zu ersteigen ist, so beschwerlich werden auch die Wegstrecken sein, die du im Leben zu bewältigen hast!“ Aber auch jetzt wird das Kind jubelnd sagen, auf das Glück und die eigene Kraft vertrauend: „Ja, das will ich!“ Das ist auch gut so. Denn sähe das Kind schon die dunklen Abgründe oder die Lawinen, dann könnte es rasch den Mut verlieren. Wenn man seinen Weg im Leben machen will, dann muß man frisch und mutig herangehen.

Auch den Beginn einer Woche kann man nicht mißmutig und stöhnend beginnen. Viel besser geht es, wenn man sich sagt: „Schön, daß du wieder an die Arbeit gehen kannst. Du bist gesund und hast Kraft, du wirst es schon packen!“ Deshalb haben wir ja auch den Sonntag am Beginn der Woche, damit er uns neuen Mut zum Leben und Schaffen macht.

Wenn man dann vom Gipfel zurückschaut, dann sieht man das Geröll, über das man klettern mußte, die Spalten, in die der Fuß geraten kann, die Stolpersteine, die uns den Weg schwer machten. Der eine oder andere Weg hat auch vor einer Steinwand geendet. Dann mußte man entweder einen Umweg machen oder die Wand erklimmen.

Oben angekommen schaut man zurück: Liebe und Enttäuschung. Freundschaft und Feindschaft, Geborgenheit und Flucht liegen ausgebreitet vor dem Blick in die Vergangenheit. Haben wir die Einbildung, alles allein geschafft zu haben ohne Hilfe anderer, ohne Hilfe von Gott? So denken vielleicht die Kinder. Die Weisheit des Alters aber gräbt tiefer und legt die Wurzeln frei. Sie erkennt die Hilfe Gottes auch dort, wo man sie früher nicht einmal vermutet hätte.

Vom Gipfel aus versteht man oft besser, warum mancher Umweg zum Ziel klug und richtig war. Durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Verlust eines Menschen nehmen manche Lebenswege oft eine überraschende Wendung. Da stellt sich uns viel Böses in den Weg. Es scheint übermächtig zu sein und Gott scheint weit weg zu sein. Manche Menschen verzweifeln daran. Andere aber verlieren ihr Vertrauen auf Gott trotzdem nicht. Da fragt man sich dann: Woher nehmen sie die Kraft, ihren Lebensweg trotzdem zu gehen?

Wer mit Gott lebt, ist das Schwere in der Welt nicht einfach los. Aber er vertraut auf das Psalmwort (Psalm 121): „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ Wer sein Vertrauen auf Gott setzt, für den ist das Leben nicht ein hoher Berg, sondern er findet auch in schweren Zeiten Kraft zum Leben.

 

Horoskop oder Losung?

Ehrlich - haben Sie nicht auch schon einmal ein Horoskop gelesen? Ich jedenfalls habe es schon gemacht. Für eine meiner Kolleginnen beginnt der Tag erst richtig, wenn sie ihr Horoskop erfahren hat. Sie leiht sich eine Zeitung aus, studiert das Horoskop ausgiebig und teilt uns oft seine Aussagen mit: „Heute habe ich noch finanzielle Vergünstigungen zu erwarten!“

Solchen falschen Hoffnungen kann man mit Vernunft und Aufklärung begegnen. Doch das genügt nicht. Besser ist es, den Glauben an Gott dagegenzusetzen. Es ist wohl nicht verwunderlich, daß jene Kollegin aus der Kirche ausgetreten ist. Wenn man schon keinen echten Glauben hat, dann sucht man sich einen Ersatzglauben, einen „Aberglauben“. Bei dem früheren Hochstädter Pfarrer Lindenberger habe ich als Konfirmand den Spruch von Emanuel Geibel gelernt (der ja aus Wachenbuchen stammt): „Glaube, dem die Tür versagt. steigt als Aberglaub' ins Fenster. Wenn die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster!“

An irgendetwas muß der Mensch sich halten. So ganz ohne Sinn und Ziel, ohne Weisung und Rat, hält er es nicht aus. Ein Christ findet das alles in Gottes Wort. Weshalb denn nach Ersatz suchen, wenn das Original doch viel besser ist? Einer der schönsten Sprüche im Neuen Testament ist für mich das Wort Jesu aus Matthäus 11, Vers 28: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“

Daß einer zum Horoskop greift, zeigt doch schon, daß er zu den Mühseligen und Beladenen gehört. Viele wollen das nicht wahrhaben. Sie sagen: „Ich lese es nur einmal interessenhalber, aber ich glaube nicht daran!“ Doch wenn es nicht wichtig ist, braucht man es auch nicht zu lesen. Wenn man es aber liest, wird man sich nicht doch davon beeindrucken lassen?

In diesem Monat gab es wieder einmal einen Freitag, den 13. Einer sagte: „Ich glaube zwar nicht daran, aber heute ist doch schon allerhand bei mir schiefgegangen!“ Die Aussagen der Horoskope sind ja so allgemein gehalten, daß man zufällig doch einmal etwas findet, das angeblich eingetroffen sein soll. Und dann läßt man sich doch davon beeinflussen. Ganz unmerklich wird man davon abhängig und möchte schließlich das Horoskop nicht mehr missen. Weil aber ein Bedürfnis vorliegt, ziehen auch die Zeitungen mit.

Doch wirkliche „Erquickung“, Aufmunterung und Stärkung, erfährt man so nicht. Verheißungsvoller ist es, auf Jesu Wort zu hören: „Kommet her zu mir alle, ich will euch erquicken!“ Nach der Last einer Woche darf man sich auf das Wochenende freuen. Dazu gehört auch der Sonntag, an dem uns Gottes Wort und die Gemeinschaft mit anderen Christen angeboten wird. Hier ist Gelegenheit, einmal wirklich auszuruhen, über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken und Kraft zu schöpfen für die neue Woche.

Der Sonntag ist ja auch der erste Tag der Woche. Er gibt uns nicht nur die Gelegenheit zum nachträglichen Auftanken, sondern er vermittelt uns schon im Voraus etwas für die Woche. Die täglichen Losungen der Brüdergemeine sind dann die kleinen Portionen für jeden Tag der Woche.

Kennen Sie das Losungswort? Zwei Bibelworte für jeden Tag, einen aus dem Alten Testament, einen aus dem Neuen Testament, dazu vielleicht noch eine Erklärung. Warum es nicht auch einmal so versuchen: Losungswort aus der Bibel statt Horoskop! So wie man früh zur Zeitung greift, um im Bild zu sein, so könnte doch der Griff zur Losung der gute Einstieg für den Tag sein. Dann steht der Tag auch unter dem richtigen Vorzeichen, dann kann er auch gut werden. In Gottes Wort steckt eine frohmachende Kraft, steckt etwas, das uns erquickt. Es ist die tägliche Nahrung, ohne die wir nicht auskommen können. Es stärkt und erhält den Glauben, so daß wir nicht Zuflucht nehmen müssen zu allerhand Aberglauben, sondern nur noch auf Gott vertrauen.

 

Gewinnbringende Lebensberatung

Die Frau hatte ihren Freund verloren. Die Lebensberatung sollte ihr helfen. In der Zeitung standen so Kleinanzeigen, wo man anrufen konnte. Auch aus dem Fernsehen kannte sie Sender, die den ganzen Tag über nur solche Angebote sendeten. Der erste Anruf war noch kostenlos, zum Anfüttern gewissermaßen. Aber nachher kostete jeder Anruf zwei Euro. Und sie hat

oft angerufen, sie wurde abhängig. Bei jeder Entscheidung im Alltag hat sie erst angerufen, sie wurde völlig unfrei.

Eine Journalistin hat einmal einen Test gemacht bei so einer Nummer. Es wurde ihr gesagt, sie werde einmal keine Kinder bekommen - dabei hatte sie schon zwei. Diese Ratschläge sind also völliger Unsinn. Aber es gibt Firmen, die verdienen damit viel Geld. Sie bieten gleich das volle Programm: Kartenlegen, Astrologie und Esoterik. Der Geschäftsführer einer solchen Firma sagt aber: „Wir geben keine Garantie für die Richtigkeit der Beratung unserer Mitarbeiter, über die Qualität der Beratung entscheidet der Kunde selbst!“

Fachleute auf dem Gebiet der Psychologie sagen dagegen: „Der Mensch muß mit seinen Problemen selber fertigwerden!“ Das ist in gewissem Sinne richtig. Aber man darf sich dafür dennoch auch Rat bei anderen holen. Eine Möglichkeit dazu ist die Telefonseelsorge der Kirchen. Nur muß man dabei darauf achten, daß man nicht eine angebliche Telefonseelsorge mit einer 0900-er Nummer erwischt. Ein Anruf bei der ökumenischen Telefonseelsorge dagegen ist kostenlos. Sie berät zwar auch über Telefon, weil viele Menschen sich in der Anonymität eher trauen. Aber hier geht es nicht ums Geld, sondern um wirkliche Hilfe, auch vom Glauben her.

Offenbar gab es falsche Wahrsager aber schon immer. Im Alten Testament rügt der Prophet Micha die führenden Leute im Staat, die ihrem Volk die Haut abziehen und das Fleisch von den Knochen fressen. Er wendet sich aber auch gegen die falschen Propheten, die den Mächtigen nur nach dem Mund reden. Wenn man ihnen zu essen gibt, dann sagen sie, es werde allen gut gehen. Deshalb verflucht sie der Prophet Micha und sagt: „Diese Wahrsager sollen zu Spott werden!“ (Micha 3,7).

Wenn einer gegen Geld „wahrsagt“, dann ist das immer eine faule Sache. Wir brauchen Beratung. Es ist schlimm, wenn einer allein durchs Leben gehen muß oder will. Deshalb dürfen wir den Rat anderer Menschen gern annehmen. Das können Verwandte oder Bekannte sein. Aber auch die Kirche macht das Angebot. Wenn man nicht zu seinem Pfarrer am Ort gehen will, dann steht auch jeder andere Pfarrer zur Verfügung, zum Beispiel auch an einem Urlaubsort. Und dann - wie gesagt - die Telefonseelsorge. Aber es wird sich dabei wohl doch zeigen: Es geht nicht nur um den Rat von Mensch zu Mensch. Der ist auch gut und wichtig. Aber man wird dabei nicht den Rat der Bibel auslassen können. Dort gibt es zwar nicht auf jede Frage gleich die passende Antwort. Aber von der Grundaussage der Bibel her kann doch mancher Hinweis gegeben werden, Trost und Zuversicht, Rat und Hilfe.

 

Entschuldigung und Vergebung der Schuld

 „Ich entschuldige mich“, sagt der Politiker, der mit einer unbedachten Äußerung Empörung in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat. Und er setzt dabei die Miene des Reumütigen auf in der Überzeugung, mit so einem Bekenntnis tatsächlich Schuld von sich nehmen zu können. Und auch wir folgen häufig diesem Muster, etwa wenn wir ein knappes „Tschuldigung“ beim zu späten Kommen murmeln.

Aber mit der Schuld ist das so eine Sache: Wer sie auf sich geladen hat, kann sie aus eigener Kraft nicht einfach wieder abschütteln. Wir können bitten, flehen und auf Verständnis hoffen; aber einfach abladen, das geht nicht. Wir können nicht sagen: „Ich entschuldige mich!“ sondern nur: „Ich bitte um Entschuldigung!“ Eine Entschuldigung kann man sich nicht selbst geben, sondern sie muß von dem anderen gewährt werden.

In der Geldwirtschaft ist das anders. Da braucht man nur seine Raten zu bezahlen, dann ist man wieder frei, zumindest schuldenfrei. Im Leben aber ist es so gut wie unmöglich ist, vollkommen schuldfrei zu leben. Schon in Kleinigkeiten verfahren wir häufig nicht so, wie wir es eigentlich wollen und auch sollten.

„Der Mensch ist eben nicht weiß wie die Engel, und auch nicht schwarz wie der Teufel“, soll ein bekannter Theologe deshalb einmal gesagt haben, „sondern grau wie die Esel!“ Die Grauzonen zwischen Schuld und Sühne bestimmen einen Großteil unseres Verhaltens.

Von Schuld können wir freigesprochen werden, und zwar nur durch den Glauben an Gott. Weil wir zum Bild Gottes geschaffen sind, dient es seinem Lob, wenn wir nicht bloß auf die Schuld starren, und zwar weder bei uns noch bei anderen.

Aber dazu müssen wir erst unsre Schuld einsehen und um Vergebung bitten. So tut es der Beter in Psalm 25,11, wenn er bittet: „Um deines Namens willen, Herr, vergib mir meine Schuld, die so groß ist!“ Er bittet nicht um eine Entschuldigung in einer vergleichsweise geringen Sache, sondern er weiß, daß seine Schuld viel größer ist. Aber gerade auch diese Schuld kann vergeben werden, wenn man nur darum bittet.

 

Kleine und große Sünden

 „Was Uli Hoeneß getan hat, das ist schon keine Sünde mehr!“ sagte einer in einer Talkshow.

Da kann man doch ins Nachdenken kommen. Was ist es denn sonst? Der Jurist sagt: „eine schwere Straftat“, also vergleichbar mit Mord und Totschlag oder zumindest doch mit schwerem Raub.

Aber wir haben uns daran gewöhnt, die Sünde nur mit dem Sex in Verbindung zu bringen.

Oder wir sprechen von Sünde, wenn der Zuckerkranke ein Stück Torte ißt oder wenn der Kranke die Ratschläge des Arztes nicht befolgt oder wenn einer zum „Parksünder“ wird. „Sünde ist eine Bagatelle, nichts Schlimmes, nichts Ernstes“ - dieser Eindruck entsteht doch. „Wir sind alle kleine Sünderlein“, wird in der Fastnacht gesungen. Bei Gott aber gibt es diesen Unterschied nicht. Da steht die Sünde über dem Verbrechen, weil sie nicht mehr die einzelne Tat ist, sondern die Grundhaltung des Menschen, die sich gegen Gott richtet. Das geht sogar bis zur Sünde gegen den Heiligen Geist (Mt 12,31-32)

Auch eine Steuersünde ist nicht nur eine „läßliche Sünde“ oder ein „Kavaliersdelikt“. Wer so redet, verharmlost die Kriminalität. Vielen fehlt aber einfach ein Unrechtsbewußtsein. Man denkt doch: Der Staat ist doch selber daran schuld, wenn er so hohe Steuern einfordert. Weshalb soll der Rennfahrer jährlich 200 Millionen abgeben, all das schöne viele Geld, das er sich doch hart verdient hat? Aber er verliert dabei aus den Augen, daß er ja immer noch 200 Millionen behält. Und er sieht auch nicht, daß viele kleine Leute die Steuer einfach vom Lohn abgezogen kriegen und damit Kindergärten und Straßen und Sozialhilfe finanzieren.

Bei Herrn Hoeneß ging es ja nur um die Steuer für die Zinsen des Kapitals, das Kapital selber war ja versteuert und wäre nicht angriffen worden. Aber er wollte mit einemTeil des „gesparten“ Geldes als Gutmensch und Wohltäter dastehen. Er hat anderen Vereinen geholfen, auch seinem Mitspieler Gerd Müller und vielen sozialen Einrichtungen. Dafür hat er sogar die bayerische Staatsmedaille erhalten. Er hat also die Gesellschaft nicht total betrogen. Aber er hat gedacht: Die beim Staat verschwenden doch nur das Geld, ich aber kann es sinnvoller einsetzen und mir dabei sogar noch ganz nebenbei einen Namen machen. Aber man kann ehrenamtliches Engagement nicht aufrechnen gegen Straftaten

An Sebastian Vettel habe ich ja einmal in der Fanpost geschrieben, er würde sich unsterblich machen, wenn er von den eingesparten Steuern die 9 Millionen Schulden seiner Heimatstadt Heppenheim übernehmen würde. Aber eine Antwort ist natürlich nicht gekommen. Daß manche Leute ihren Wohnsitz gleich in die Schweiz verlegen, ist gesetzlich erlaubt, aber es ist nicht anständig. Der Staat - und das sind wir alle - braucht das Geld. Aber warum haben gerade die Überreichen so Angst um ihr Geld?

Sünde ist Sünde, ohne jede Abstufung. Wir sind nicht „kleine Sünderlein“, sondern richtige Sünder. Jeder menschliche Richter urteilt ein wenig subjektiv, ob er will oder nicht, dafür sind wir alle nur Menschen. Nur Gott urteilt gerecht. Er fragt nicht nach großer oder kleiner Sünde, sondern wir sind alle auf die Vergebung Gottes angewiesen, da spielt es keine Rolle, ob wir viel oder wenig auf dem Kerbholz haben.

Aber auch ein Uli Hoeneß darf mit der Vergebung rechnen. Die Selbstanzeige war ja noch keine Entschuldung. Wenn er seine Strafe gezahlt hat, ist die Sache bei Gott aber noch nicht erledigt. Aber Gott urteilt nicht nach dem Strafgesetzbuch, sondern sein Sohn ist für uns gestorben, damit wir wirklich frei werden.

 

Offen die Meinung sagen

Beim Gericht werden die Schöffen am Beginn ihrer Amtszeit vereidigt. Der Richter liest ihnen die Eidesformel vor, die sie stückweise nachsprechen. Und am Schluß sollen sie alles bekräftigen mit den Worten „Ich schwöre es“. Und wenn sie wollen, können sie auch noch die religiöse Formel hinzufügen: „So wahr mir Gott helfe!“ Das sieht so aus, als sei man besonders fromm und nähme die Sache besonders ernst. Aber ich habe bei Gericht diese Formel nicht verwendet, weil ich an das Wort Jesu dachte: „Eure Rede sei ‚Ja, ja, nein, nein‘, was darüber ist, das ist vom Übel!“ (Matthäus 5,37).

Noch deutlicher wird das, wenn im Prozeß selber geschworen werden soll. Der Richter ermahnt den Angeklagten oder die Zeugen extra noch einmal, daß auf Meineid schwere Strafen stehen (aber so schwer sind sie dann auch wieder nicht). Aber wird eine Aussage deshalb wahr, weil sie unter Eid abgelegt wird? Entweder sie ist wahr - und dann braucht man keinen Eid. Oder sie ist nicht wahr, dann ändert auch der Eid nichts daran.

Nun ist es allerdings ein Unterschied, wenn man in ein Amt eingeführt werden soll und gefragt wird, ob man das Amt annehmen und im Sinne des Auftraggebers wahrnehmen will. Da kann man durchaus schon zum Ausdruck bringen: Ich will alles tun, was ich kann, aber ich weiß auch, daß ich dazu die Hilfe Gottes brauchen kann. Deshalb habe ich bei der Ordination nichts gegen den Satz „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Aber das ist etwas anders als „So wahr mir Gott helfe!“

Auch bei der Vereidigung eines Politikers sind manche Menschen gespannt, ob er den Eid mit religiöser Beteuerungsformel ablegt. Und als eine niedersächsische Ministerin, die islamisch ist, auch die religiöse Formel verwendete, da haben die Journalisten gefragt: „Welchen Gott hat sie denn gemeint: Allah oder den Gott der Christen?“ Ich denke mal: Sicherlich hat sie beim Gott ihrer Partei geschworen!

Jetzt soll auch noch Lance Armstrong vor Gericht und schwören. Jahrelang hat er geleugnet, etwas mit Doping (leistungssteigernde Mittel) zu tun gehabt zu haben. Inzwischen hat er wenigstens zugeben, was man ihm sowieso nachgewiesen hat. Aber sicher würde er sich auch nicht scheuen, unter Eid eine Falschaussage zu machen. Was soll dann der Eid - und dann noch unter Berufung auf Gott.

Auch den Politkern möchte man sagen: „Eure Rede sei ‚Ja ,ja‘ oder auch ‚Nein, nein!‘ Viele

Politiker führen die Wähler nur an, halten das Volk für unwissend und wollen es verdummen. Was sie vor zwei Wochen noch ablehnten, ziehen sie dann wieder als eigenen Vorschlag hervor. Oder ein Koalitionswechsel führt auch erstaunlicherweise einen Meinungswechsel herbei. Vielleicht zucken wir mit den Schultern und sagen: „Das ist eben so, und wer da nicht mitmacht, kann kein Politiker sein!“

Aber an sich können wir nur froh sein, daß sich Menschen trotz allem für diese Aufgabe zur Verfügung stellen. Oft wünschen wir uns dann aber einen Politiker mit Kanten und Ecken, der offen seine Meinung sagt ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile bei den Wählern. Aber wehe, wenn dann so einer wirklich seine Meinung sagt, dann ist er gleich unten durch, weil er als hochnäsig und eingebildet gilt. Dann hat man doch wieder die Vaterfigur (oder Mutterfigur) lieber, die unverbindlich bleibt, allen recht gibt, immer erst auf den fahrenden Zug aufspringt und immer betont, daß es doch allen gut geht.

Es liegt an uns, wem wir mehr zutrauen. Und nachdenkenswert ist dann auch der Satz aus Kolosser 4, Vers 6: „Eure Rede sei allezeit lieblich und mit Salz gewürzt!“ Also schon offen und ehrlich die Meinung sagen, aber so daß keiner dabei verletzt wird.

 

 

 

 

Lebensstil

 

Mein Haus, meine Yacht, mein Auto

Der Mann, der da drei Bilder vor sich ausbreitet, sieht gut aus. Stolz zeigt er seinem Gegen­über, wozu er es gebracht hat. Ein Haus, groß wie eine Villa; eine Yacht, größer als manches

Haus; ein Auto, das mehr kostet, als viele Menschen in ihrem gesamten Leben verdienen. Die

Szene stammt aus einem Werbefilm, der vor einigen Jahren im Fernsehen lief. Der Kern seiner Aussage lag auf der Hand: Wer die richtigen Finanzberater hat, kommt groß raus. Unterschwellig vermittelte der kurze Werbestreifen aber noch eine zweite Botschaft: Du mußt viel haben, um glücklich und anerkannt zu sein.

Aber es ist nicht abzustreiten, daß es bei uns eine Gerechtigkeitslücke gibt. Der Unterschied zwischen den Einkommen der sogenannten kleinen Leute und den Großverdienern ist enorm: Manager und Führungskräfte erhalten schwindelerregende Beträge, die Firmen machen Riesengewinne, aber für die Arbeiter und Angestellten werden die Löhne gedrückt, weil das Unternehmen angeblich nur so konkurrenzfähig bleiben kann.

Das wird als Gerechtigkeitslücke empfunden, auch wenn die Klagen vielleicht etwas übertrieben sind. Die „Grundsicherung“ ist ja gewährleistet: Wer unter 700 Euro Rente hat, erhält einen Zuschlag, und das sind zur Zeit immerhin zwei Prozent der Rentner. Im Vergleich zu anderen Ländern geht es uns insgesamt gesehen sehr gut. Aber man vergleicht sich nicht mit anderen Ländern, sondern mit den Gutverdienenden im eigenen Land. Das ist auch richtig so, auch bei uns soll es gerecht zugehen, denn so gut kann gar kein Mensch sein, daß er so viel mehr Geld dafür verdiente. Wenn es Ungerechtigkeit gibt, dann ist es Aufgabe der Menschen, diese aufzuheben, sei es nun im eigenen Land oder weltweit.

Doch gerade die weltweite Gerechtigkeit stößt uns schwer auf. Jahrzehntelang haben wir uns daran gewöhnt, auf Kosten anderer Länder zu leben: Unsere Exportgüter waren teuer, die Naturprodukte aus den Entwicklungsländern aber waren viel zu gering bezahlt. Der alte Kolonialismus ging mit Hilfe der ungleichen Handelsverträge weiter.

Jetzt aber sind international tätige Firmen darauf gekommen, ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer zu verlegen. Sie tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um ihren Gewinn zu vergrößern. Aber für diese Länder führt das dazu, daß sie nicht mehr auf milde Gaben aus Westeuropa angewiesen sind, sondern sich selber helfen können. Und wer Bodenschätze wie Erdöl oder Erdgas besitzt, kann die Industriestaaten damit erpressen. Aber das ist auch ein Stück Gerechtigkeit, wenn sich die Lebensverhältnisse in der Welt angleichen, auch wenn das für uns in Westeuropa sehr schmerzlich ist.

Wir haben ja immer noch ausreichend. Vielleicht können nicht mehr so viele billig Urlaub in Rumänien oder Ägypten machen, vielleicht kommen jetzt Menschen von dort zu uns und sichern hier Arbeitsplätze. Gerechtigkeit gibt es erst, wenn es allen annähernd gleich gut geht und sich jeder selber helfen kann.

In der Bergpredigt heißt es: „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen!“ (Matthäus 6,33). Ich muß nicht viel haben, damit mein Leben einen Sinn hat. Der christliche Glaube steht zu dieser Vorstellung in einem scharfen Gegensatz. Bei Gott muß niemand etwas leisten. Niemand muß eine Rolle spielen, keiner eine bestimmte Stellung erreichen. All das braucht es nicht.

Es klingt so einfach und ist doch eine Herausforderung und steht gegen den Zeitgeist: Vor Gott brauche ich nichts zu haben und zu sein. Mehr noch: Aus eigener Kraft läßt sich bei Gott gar nichts ausrichten. Ich muß mich nicht abstrampeln. Es ist Gott, der dem Menschen entgegenkommt. Ein Gott, der das Leben leicht macht, weil er mich annimmt, wie ich bin, auch ohne Haus, ohne Yacht, ohne schnelles Auto.

 

Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!

Viele sind unzufrieden mit ihrem Einkommen, weil sie sich mit anderen vergleichen. Sie sagen: „Ich arbeite doch viel mehr als der, ich trage eine viel größere Verantwortung!“ Und

dann vergleichen sich die Busfahrer mit den Zugführern und den Piloten. Oder die angestellten Ärzte mit den freiberuflichen und die Beamten des Bundes mit denen des Landes und der Gemeinden.

Dabei wäre ein anderes Denken doch viel angebrachter: Wenn einer seine Arbeitskraft einem Arbeitgeber oder auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, dann hat er Anspruch auf einen angemessenen Unterhalt. Angemessen ist dabei, was dem Durchschnittseinkommen der abhängig Beschäftigten entspricht. Wenn dadurch der Lebensunterhalt gesichert ist, dann ist man frei, zu arbeiten, solange man will und so hart man will.

In dieser glücklichen Lage sind zum Beispiel die Rentner (vorausgesetzt, sie erhalten genug Rente) oder die Arzte, die ihr Budget ausgeschöpft haben und nun kostenlos behandeln könnten. Aber es nutzt einer überlasteten Kindergärtnerin oder einem Arzt im Bereitschaftsdienst gar nichts, wenn sie mehr Geld erhalten, sondern hier müssen die Arbeitskräfte aufgestockt werden. Alles andere ist nur das Streben nach mehr Geld, erleichtert aber nicht wirklich das Leben.

Ein Pfarrer zum Beispiel kann so viel arbeiten wie er will (in der Praxis muß er das sogar), aber er erhält dafür nicht mehr Geld. Selbst wenn er außerhalb seines Berufs Geld verdient, muß er das mit seinem Haupteinkommen verrechnen. Das ist dieses Denken: Wer seinen Lebensunterhalt abgesichert hat, der ist frei zum Arbeiten und Leisten.

Nun sagen aber manche politische Parteien: „Leistung muß sich wieder lohnen!“ Doch die Frage ist schon: Wie will ich die Leistung messen? Leistet ein Maurer weniger als ein Bankmanager? Aber noch mehr muß man sich fragen: Bringe ich denn nur eine Leistung, wenn ich Geld dafür erhalte? Bin ich nicht Gott gegenüber verpflichtet, alles an Leistung zu bringen, auch wenn ich wenig oder gar kein Geld dafür erhalte? Was sind das für Menschen, die ihre Leistung zurückhalten, um dem Arbeitgeber zu schaden?

Nun gibt es allerdings die schönen Bibelsprüche: „Du sollst dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul verbinden“ und „Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert!“ oder so ein Spruch wie die Überschrift zu diesen Gedanken. Hier ist allerdings absichtlich falsch zitiert. Richtig heißt es: „Wenn jemand nicht arbeiten w i l l, der soll auch nicht essen!“ (2. Thessalonicher 3,10). Dieser Satz wird immer wieder von Politikern zur Diskriminierung von Arbeitslosen aufgegriffen. Doch er richtet sich eindeutig gegen die, die nicht arbeiten wollen, und nicht gegen die, die nicht arbeiten können.

Jeder Mensch hat einen Anspruch auf ein angemessenes Leben. Und wenn er das nicht selber leisten kann, sind die anderen verpflichtet, ihn zu unterstützen. Aber niemand hat einen Anspruch darauf, für eine vermeintlich höhere Leistung auch mehr Geld zu erhalten. Gott sorgt für uns in seiner Güte! Das sichert unser Leben, nicht eine wie auch immer gestaltete Vergütung

 

Wann ist das Maß voll?                                                                             

Ein Philosophieprofessor nahm ein großes leeres Mayonnaise-Glas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei? Sie stimmten ihm zu. Der Professor nahm eine Schachtel mit  Kieselsteinen und schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei. Sie stimmten wieder zu und lachten. Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand auch noch die letzten Zwischenräume im Glas aus.

„Nun, sagte der Professor zu seinen Studenten, ich möchte, daß sie erkennen, daß dieses Glas wie ihr Leben ist! Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben - ihre Familie, ihr Partner, ihre Gesundheit, ihre Kinder, Dinge, die - wenn alles andere wegfiele und nur sie übrigblieben - ihr Leben immer noch erfüllen würden.

Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge wie zum Beispiel ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihr Haus oder ihr Auto. Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Wenn sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in ihrem Leben: Wenn sie all ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, haben sie für die großen keine mehr. Achten sie auf die wichtigen Dinge nehmen sie sich Zeit für ihre Kinder oder ihren Partner, achten sie auf ihre Gesundheit. Es wird noch genug Zeit für Arbeit, Haushalt, Partys usw. Achten sie zuerst auf die großen Steine, sie sind es die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand!“

Es gibt wichtige und weniger wichtige Dinge in unserem Leben. Aber wenn wir es recht betrachten, dann haben wir weit mehr, als wir unbedingt zur Erhaltung unseres Lebens und für ein lebenswertes Leben brauchen. Nur liegt es in der Natur des Menschen, daß er nie zufrieden ist und immer noch mehr erreichen will. Die Folge sind unberechtigte Klagen, die die Lebensfreude hemmen.

Bei manchen Berufsgruppen gehört es zum guten Ton, immer wieder zu klagen und die eigene Situation als bedenklich darzustellen. So ist es üblich, daß die Landwirtschaftsverbände über die schlechten Ernteaussichten klagen; wenn aber die Ernte vorbei ist, hat es jedes Jahr wieder gereicht. Noch schlimmer ist es mit den Banken, die das ganze Jahr über klagen; aber wenn der Jahresabschluß gemacht ist, dann haben sie wieder schwindelerregende Gewinne gemacht.

Allgemein kann man sagen: Wir haben mehr als wir brauchen. Man kann zwar immer noch mehr draufsatteln. Aber lebensnotwendig ist das nicht unbedingt. Deshalb kann man auch auf manches verzichten oder anderen vom Überfluß abgeben. So meint es auch Jesus in einem Wort, das in Lukas 6, Vers 38 überliefert ist: „Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben: denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen!“

Er meint also: Wer viel weggibt, wird auch wieder viel erhalten. Keiner muß Angst haben, er käme zu kurz im Leben. Im Gegenteil: Wer loslassen kann, der wird oft umso mehr beschenkt. Er hat nur ein grob gefülltes Maß weggegeben. Aber er erhält ein Gefäß zurück, das mehr als voll ist, in das man den Inhalt noch hineingedrückt hat und es geschüttelt hat, das aber dennoch fast am Überfließen ist.

Das ist doch ein schönes Bild für das, was uns im Leben immer wieder geschieht: Wir haben genug, wir werden noch zusätzlich beschenkt, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Das gibt unserem Leben Sicherheit, so daß wir nicht immer für unser vermeintliches „Recht“ streiten müssen.

Lukas hat jenes Wort Jesu in den größeren Zusammenhang des Themas „Wider den Richtgeist“ gestellt. Er will damit sagen, daß wir nicht nur aufgefordert sind, anderen etwas abzugeben, sondern auch zu vergeben. Es bringt nichts, mit dem anderen zu rechten, um ihn dadurch klein zu machen und selber groß zu erscheinen. Unser Leben kann nur gelingen, wenn wir bereit sind, offen auf den anderen zuzugehen und ihm seine Fehler zu verzeihen. Dann wird er auch bereit sein, uns unsre Fehler zu verzeihen.

Aber einer muß dazu bereit sein, muß den Mut haben, den Teufelskreis von Vergeltung und Wiedervergeltung zu durchbrechen. Doch weil es daran fehlt, können die Konflikte in der Welt und auch in unserem persönlichen Leben nicht gelöst werden. Nur wenn man sich deutlich macht, daß man doch genug hat, ja im Grunde sogar im Überfluß hat, kann man auf Rache und Vergeltung verzichten.

Am Ende möchte ich Ihnen den Schluß jener Demonstration des Professors nicht vorenthalten, obwohl er mit dem bisher Gesagten nichts mehr zu tun hat: Nach dem Unterricht nahm einer der Studenten das Glas mit den großen Steinen, den Kieseln und dem Sand - bei dem mittlerweile sogar der Professor zustimmte, daß es voll war - und schüttete ein Glas Bier hinein. Das Bier füllte den noch verbliebenen Raum im Glas aus; dann war es wirklich voll. Die Moral von der Geschichte: Egal wie erfüllt das Leben ist, es ist immer noch Platz für ein Bier!

 

Grenzen des Wachstums: Warum muß es immer mehr sein?

Ein Baum macht eine bestimmte Entwicklung durch. Diese braucht ihre Zeit, man kann nichts beschleunigen. Aber eines Tags hat der Baum seine im Erbgut vorgegebene Größe erreicht, er wird nicht mehr größer. Es kommt vor, daß noch einzelne Äste absterben und vielleicht wieder neu nachwachsen. Aber im Grunde ist das Ziel für den Baum erreicht. Ein Baum nimmt keinen Kredit auf, denn er kann nicht über seine Verhältnisse leben. Er wächst jetzt nur noch an den Wurzeln, damit er fester gegründet ist und damit er besser an Nährstoffe herankommt. Und er bringt Früchte hervor, jedes Jahr wieder neu, nicht jedes Jahr gleich stark, aber doch ausreichend.

Der Baum ist uns ein Vorbild, wenn es um die Wirtschaftsentwicklung geht: Es muß nicht jedes Jahr mehr werden. Es kann auch nicht jedes Jahr mehr werden, weil irgendwann die Grenze des Wachstums erreicht wird. Man muß auch mit kleineren Rückschlägen rechnen. Aber das ändert nichts daran, daß man weiter stark entwickelt bleibt und gut leben kann.

So können auch wir nur froh sein, daß wir ausreichend haben. Und wir h a b e n ausreichend, wenn wir uns nur mit denen vergleichen, die weit weniger haben als wir. Aber es liegt nun einmal in der Natur des Menschen, daß er sich mit den Höheren vergleicht. Gerade die Reichen wissen immer noch einen, der mehr hat als sie. Und selbst wenn man der Erste im Wirtschafszweig ist, will man immer noch eine Gewinnsteigerung um 25 Prozent erreichen. Und wer viel schöne Zinsen erhält, schafft sie ins Steuerparadies, damit er nicht auch noch die Steuer dafür an den Staat bezahlen muß.

Der Daimlerkonzern wird nervös, weil der Gewinn vor Steuern von 8 Milliarden auf 2 Milliarden gefallen ist. Schnell werden Mitarbeiter entlassen, damit es im nächsten Jahr nicht wieder 6 Milliarden weniger sind. Die Manager werden für die Entlassungen gelobt und erhalten besondere Vergütungen. Aber irgendetwas ist doch krank an diesem Denken.

Die Reichen haben ja auch etwas zu verlieren. Auch wenn es nur vergleichsweise wenig ist, vergießt eine Milliardärin aus FrankenTränen oder wirft sich sogar ein Milliardär in Blau­beuren vor den Zug, weil seine Firmen ins Wanken gekommen sind. Auf der anderen Seite gibt es viele Beispiele, wie verhältnismäßig arme Familien doch zufrieden sind und sich mit dem einrichten, was sie haben. Das Glück im Leben hängt nicht davon ab, wieviel Geld man zur Verfügung hat.

Vom Baum des Lebens ist am Anfang und Ende der Bibel die Rede: In der Erzählung von der Schöpfung spielt der Baum des Lebens, der auch Baum der Erkenntnis genannt wird, eine zentrale Rolle. Auch dort wollen die Menschen immer mehr haben, wollen so klug sein wie Gott. In der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel, wird der Baum des Lebens zweimal erwähnt (2,7 und 22,2). So kann auch uns der Baum ein Symbol und eine Mahnung sein, die Grenzen des Wachstums zu erkennen. Wir haben genug, es reicht noch aus. Gott wird unser Leben schon erhalten.

Neues Geld - altes Geld                                                                                          12.01.2002

Das neue Geld konnte mich nicht schrecken. War es doch schon das siebte Mal in meinem Leben, daß ich mich auf Dauer an anderes Geld gewöhnen mußte. Geld bleibt Geld, ein nützliches Mittel, um den Warenverkehr und den Austausch von Dienstleistungen zu erleichtern - mehr aber auch nicht. Das neue Geld löst keine Probleme, höchstens im Zahlungsverkehr mit dem Ausland - aber es macht keine neuen Menschen. Der Satz „Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt“ wird zwar gern zitiert, aber er stimmt nicht. Gerade wer viel Geld hat, ist voller Angst, er könnte es wieder verlieren. Immer wieder wird er von dem Gedanken geplagt: „Wird es denn reichen, mir ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen? Wie kann ich noch mehr Sicherheit schaffen, damit mir Inflation und Währungsreform nichts anhaben können? Wann kann ich mich wirklich zur Ruhe setzen und sagen: Jetzt habe ich es geschafft?“

 

Es war das schon immer und so wird es bleiben - das neue Geld schafft keine neuen Menschen. Wäre es da nicht heilsam, wenn man auch einmal ohne Geld auskommen müßte? An Silvester ging es uns einige Stunden so: Die letzten D-Mark waren in die Kollekte gewandert, und das Euro-Münzgeld war zwar im Haus, aber noch nicht gültig. Doch das ist natürlich kein Problem, wenn man alles hat und bald wieder am gewohnten Wirtschaftskreislauf teilnehmen kann.

Keiner von uns muß so leben, wie Jesus es mit seinen Jüngern getan hat. Sie lebten nur von Spenden und wußten den Tag über nicht, wo sie abends ihr Haupt hinlegen sollten. So können gelegentlich Einzelne leben, indem sie ihre Bedürfnisse ganz nach unten schrauben und andere um eine milde Gabe bitten. Doch einer muß das Geld ja verdienen und Werte für die Allgemeinheit schaffen. Das hatte auch jener Obdachlose erkannt, der früh morgens auf dem Frankfurter Hauptbahnhof rief: „Leute, geht nur tüchtig an die Arbeit, damit ich meine Sozialhilfe kriege!“

Wer Geld verdienen kann, muß seine Gaben entsprechend einsetzen. Und wer das nicht kann, muß von den anderen mit durchgefüttert werden - das ist gar keine Frage. Wer sich selbst versorgen kann, der sollte das aber nicht so selbstverständlich hinnehmen, sondern sich einmal klar machen, daß das nicht selbstverständlich ist. Wenn wir auch dieses Jahr wieder unseren Aufgaben nachkommen können, dann ist das ein Grund zur Dankbarkeit. Nichts ist selbstverständlich im Leben.

Es gibt nämlich auch viele Dinge, die man sich nicht mit Geld kaufen kann. Das mußte auch jener Magier Simon erkennen, von dem in der Apostelgeschichte die Rede ist (Kapitel 8, 2-25). Er hatte eine große Anhängerschaft in der Stadt, weil er alle mit seinen Zauberkräften bezaubert hatte. „Die große Kraft Gottes“ nannte man ihn - mehr konnte es im Grunde nicht mehr geben. Nun aber kam der Apostel Philippus in die Stadt und stahl dem Magier die Schau. Er trieb die bösen Geister aus den Besessenen aus, er heilte die Kranken, er erregte großes Aufsehen. Vor allem aber glaubten die Leute den Predigten des Philippus und ließen sich taufen. Auch Simon läßt sich überzeugen, wird Anhänger der neuen Lehre und läßt sich taufen.

Doch gänzlich ist er aus dem Häuschen, als noch die Apostel Petrus und Johannes kommen und den Getauften die Hände auflegen, den Heiligen Geist geben. Simon erkennt gleich, daß dies eine besondere Kraft ist, die seine magischen Möglichkeiten weit übersteigt. Damit könnte er erst recht Geld machen, wenn die Apostel nicht mehr am Ort sind. Deshalb bietet er den Aposteln Geld an, wenn sie ihm auch diese Macht verleihen. Aber Petrus sagt zu ihm: „Verdammt sollst du sein mit samt deinem Geld, weil du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt. Du hast keinen Anteil noch Anrecht an diesem Wort, denn dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott!“

Es gibt also doch Dinge, die man nicht kaufen kann. Und das ist auch gut so. Liebe und Zuneigung kann man sich nicht erkaufen. Verständnis und Weisheit ist nicht mit Geld zu bezahlen. Macht muß man sich erst erwerben durch eigenen Einsatz und ein gutes Vorbild. Geld ist zwar gut und nützlich, aber nicht für alles. Wir brauchen es, aber es gibt mehr Dinge auf der Welt, die mit nichts zu bezahlen sind.

Es ist gut, wenn wir uns aus Anlaß der Währungsumstellung uns das wieder einmal vor Augen halten. Es gibt auch noch eine andere Währung, die nur „im Himmel“ gilt. Da zählt dann nicht, was wir uns selber geleistet haben mit Hilfe unseres Geldes, sondern was wir anderen Gutes getan haben - mit unserer Zuwendung, mit unseren Händen und auch mit unserem Geld. Es ist uns auch dafür gegeben, daß wir anderen helfen können. Für uns selber bleibt deshalb doch immer noch genug.

Darauf können wir uns verlassen am Beginn des Jahres. Unser Leben wird nicht gesichert durch Geld, sondern nur durch die Kraft, die von Gott kommt. Die aber können wir nicht bezahlen und - die brauchen wir auch nicht zu bezahlen. Gott gibt sie uns umsonst, und zwar immer gerade so viel, wie wir für den nächsten Schritt brauchen. Diese Gewißheit aber ist sicherer als alle Schätze dieser Welt.

 

Burnout - Ausgebrannt sein

Man hört in letzter Zeit sehr viel von dem sogenannten „Burn-out-Syndrom“, dem völligen Erschöpftsein eines Menschen, der nicht mehr arbeitsfähig ist. Ist das nur eine Modekrankheit, die besser klingt als „Depression“ oder „Nervenschwäche“, wie man ganz früher sagte? Ist das nur eine willkommene Ausrede für Selbstmitleid? Oder ist die Krankheit eine Seuche unsrer Zeit und außerdem noch ein Tabuthema, das man nicht so recht wahrhaben will.

Heute ist die Arbeit „entgrenzt“: Am Freitag macht man nicht mehr die Türe zu und alles ist aus­geblendet. Aber gar nicht mehr abschalten zu können gilt als eines der wichtigsten Warnsymptome für Burnout. Der Arbeitgeber erwartet aber die dauernde Erreichbarkeit: 9 von 10 Arbeitnehmern sind auch in der Freizeit für die Chefs erreichbar - und zum Teil auch für die Kunden.

Es gibt eine höhere Arbeitsverdichtung und einen höheren Kontrolldruck. Dadurch entsteht das Gefühl, daß man nicht mehr richtig steuern kann. Die Sicherheit hat abgenommen, aber es wird immer mehr Flexibilität verlangt. Der Berufstätige muß sich tagtäglich den Herausforderungen stellen. Andererseits leidet er unter der Unsicherheit der Kettenarbeitsverträge.

. Verschärfend kommt der gestiegene Zeitdruck hinzu, auch in der Freizeit. Alles, was Genuß sein kann, verliert seinen Charme, wenn man es schnell oder im Zustand der Erschöpfung tun muß. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und haben einen Wertewandel erfahren: Es ist zwar schön, viel Geld zu verdienen, aber das verschiebt die Werte.

Plötzlich werden Fehler produziert, vor allem nach überlanger Arbeitszeit. Dadurch entsteht aber noch höherer Druck. Der Organismus wehrt sich mit Erschöpfung, Leistungsabfall, sozialem Rückzug. Oft kommen noch körperliche Symptome wie gestörter Schlaf, Ohrgeräusche oder Magenprobleme hinzu. Zunächst verleugnet und verdrängt man es noch. Aber dann hat man keine Freude mehr am Leben. die Steuerung setzt aus und dann kommt der Wunsch auf, an einen Baum fahren und dem allen ein Ende zu setzen.

In Spitzenpositionen ist Schwäche aber leider immer noch ein Tabu. Fußballer, die sich als depressiv offenbart haben, wurden später nicht mehr angestellt mit dem Argument: Er wird dem Druck nicht mehr gewachsen sein! Leute, die selber bestimmen können und Freude bei der Arbeit haben sind nicht so gefährdet, auch wenn sie lange und angestrengt arbeiten. Aber der Prominente kann auf die Malediven fliegen, dem Angestellten bleibt nur die Krankschreibung.

Man kann versuchen, die Schuld wegzudrücken, indem man auf den bösen Chef schimpft. Es hat eine Verschiebung stattgefunden von der körperlichen Anstrengung zur psychischen. Früher hatte man einen kaputten Rücken, heute hat man eine kranke Seele. Die orthopädischen Probleme hat man durch die Arbeitsschutzbestimmungen gebessert. Aber weil heute mehr die Wertschöpfung durch Dienstleistung geschieht, entstehen daraus seelische Probleme, die nicht nur vorgetäuscht sind. Aber ganz falsch wäre es, sich in Alkohol und Nikotin zu flüchten. Anzeichen für die Krankheit ist auch exzessives Trinken, vor allem, wenn man bis in die Nacht arbeiten muß.

Die Elia-Geschichte (1. Könige 17 - 19) beschreibt die klassischen Burnout-Symptome: Ein erfolgreicher Prophet tut reihenweise Wunder. Durch hohes persönliches Engagement hat er Erfolg.

Aber auf dem Höhepunkt drohte er zu scheitern. Es kommt zum Mobbing durch eine mächtigere Person, Überforderung und Enttäuschung. Folge ist der soziale Rückzug bis hin zum Gedanken an den eigenen Tod. Elia flüchtet in die Wüste und sehnt sogar den Tod herbei: „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter!“.... (1. Könige 19, 4). Aber dann kommt der Wendepunkt: Elia stirbt nicht am Wacholder. Ein Engel erscheint und ver­ordnet ihm Essen und Trinken und ein wenig Ruhe - also die Grundbedürfnisse des Menschen. Dazu kommen auf der seelischen Seite das Bedürfnis nach Bindung, Selbstwertbestätigung, Orientierung, Kontrolle und Lustbefriedigung (Spiel und Vergnügen allgemein).

Das Tröstliche für uns ist: Ein Christ darf zugeben, daß er schwach ist - auch die Männer. Wenn man aber diese Krankheit hat, muß man unbedingt zum Fachmann, zum Psychotherapeuten - Christsein hin oder her. Man sollte nicht meinen, mit ein wenig Glauben werde das schon wieder.

Dafür haben wir ja die Ärzte, daß sie uns nach Möglichkeit helfen.

Aber natürlich ist auch der Glaube ist eine Hilfe. Ein Psychotherapeut, der etwas von seinem Fach versteht, wird den Glauben in seine Bemühungen einbauen und wissen: Nur mit Gottes Hilfe kann die Gesundung letztlich gelingen.

 

 

 

 

Gesellschaft

 

Zeit für die Männerquote?

Alle Welt redet von der Förderung der Frauen. Manche politische Parteien haben eine „Frauenquote“ eingeführt. Bei Stellenausschreibungen heißt es manchmal, daß Frauen bei entsprechender Qualifikation vorgezogen werden, auch in leitender Stellung. Und Frauen übernehmen in Handwerk und Industrie Tätigkeiten, die bisher als typischer Männerberuf galten. Selbst ins Militär dringen die Frauen schon vor.

Ist es da nicht an der Zeit, in manchen Bereichen schon wieder eine „Männerquote“ einzuführen? Im Handel und in der Verwaltung, in Krankenhaus und auch in der Kirche arbeiten mehr­heitlich Frauen. In den Erziehungsberufen dürfte es besonders problematisch sein, wenn die Kinder kaum das männliche Element in der Erziehung erfahren.

Die Gründe für diese Aufteilung in männliche und weibliche Berufe mögen in der Tradition und in Vorurteilen liegen, sie haben aber wohl auch etwas mit der Bezahlung zu tun. Zwar gilt der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Doch manche Arbeiten werden eben nur Frauen angeboten oder zugemutet, und das sind eben die schlechter bezahlten. So bestehen dann ganze Abteilungen fast ausschließlich aus Frauen. Nur der Abteilungsleiter, das ist dann wieder ein Mann.

Nach der Bibel sind Mann und Frau gleich. Schon im ersten Kapitel steht: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Er schuf sie als Mann und Frau!“ (1. Moses 1,27). Und im zweiten Kapitel steht diese wunderbare Erzählung von Adam und Eva: Die Frau wird aus der „Rippe“ des Mannes gemacht. Der Mann braucht unbedingt eine Ergänzung, sonst kann er nicht leben. Die Tiere können ihm keine Partner sein. Erst als er die Frau sieht, sagt er: „Das ist Fleisch von meinem Fleisch!“

Nicht der Mann ist die Krone der Schöpfung, sondern der Mensch, der aus Mann und Frau besteht. Die Frau ist aus dem gleichen „Material“ gemacht wie der Mann; sie sind gleichwertig und ergänzen sich vortrefflich. Eine Zurücksetzung der Frau läßt sich deshalb aus der Bibel nicht begründen. Sie ist vielmehr aus anderen kulturellen und sozialen Traditionen erwachsen.

Auf der anderen Seite bedeutet das, daß natürlich auch Männer nicht von bestimmten Bereichen ausgeschlossen werden dürfen. „Kindergärtner“ gibt es ja schon. Aber ein Mann, der Hebamme werden möchte, dürfte es doch wohl ziemlich schwer haben. Und ein Mann, der einfach nur so als Schreibkraft eingesetzt wird, ruft doch Erstaunen hervor. In Zukunft werden wir uns da aber noch an Manches gewöhnen müssen. Eine gute Mischung zwischen Männern und Frauen im Beruf wäre sicher nicht schlecht. Nur die Qualifikation sollte eine Rolle spielen, nicht das Geschlecht.

Auch der Apostel Paulus stellt sich gegen die Auffassungen seiner Zeit, wenn er schreibt: „Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Jesus Christus ... Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau. Ihr seid alle einer in Christus Jesus!“ (Gal 3,26+28).

Im Glauben gibt es schon gar keine Unterschiede zwischen Mann und Frau (oder auch Frau und Mann). Es stimmt doch einfach nicht, daß die Frauen religiöser seien als die Männer oder daß Männer sich religiöser Gefühle schämen müßten. Die Aufgaben in der Familie lassen sich nicht so aufteilen, daß die Frau für die „K“ zuständig ist „Kinder, Küche, Kirche“, der Mann aber hinaus muß ins feindliche Leben, um für den Schutz und den Unterhalt der Familie zu sorgen.

Sicher hat jeder unterschiedliche Eigenschaften, Begabungen und Fähigkeiten. Doch die lassen sich nicht nach dem Geschlecht aufteilen, sondern liegen in der Person des betreffenden Menschen begründet. Gott hat die Menschen zwar individuell geschaffen, jeder hat seine besonderen Eigenschaften. Aber die Menschen sind alle gleichrangig und gleichwertig. Da sollten nicht künstlich Unterschiede geschaffen werden.

 

Unsere Welt - ein Gefängnis?

 „Warum, wenn Gottes Welt doch so groß ist, bist du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen?“ Von diesem Wort des islamischen Gelehrten Rumi ging die Theologin Dorothee Sölle aus, als sie kürzlich in der Hochstädter Kirche einen Vortrag hielt. Sie legte diesen Ausspruch so aus: Unsere ganze Welt ist ein Gefängnis. Mit „Welt“ meinte sie damit die westlich-demokratisch-marktwirtschaftliche Welt, die man auch als „kapitalistisch“ bezeichnet. Vielleicht sollte man dabei wissen, daß Frau Sölle für die Linke Liste kandidiert und den „Sozialismus als kollektiven Traum einer besseren Gesellschaft bewahren“ will.

Nun ist natürlich unsere Gesellschaft verbesserungswürdig und auch sicher verbesserungsfähig. Die Hochrüstung in der ganzen Welt ist schon so etwas wie ein Gefängnis. Und es ist auch so, daß unser Reichtum auf der Ausbeutung der Armen beruht. Aber sicher ist es nicht so, daß nur die Armen eine Beziehung zu Gott haben. Vielleicht sind sie offener für ihn, weil sie sich Hilfe von ihm erhoffen, während die Reichen meinen, sie könnten sich selber helfen. Aber Jesus liebte auch den reichen Jüngling. Er sagt zu ihm laut Markus-Evangelium Kapitel 10 Vers 21: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen; und komm und folge mir nach!“ Auch der Reiche hätte Jesus nachfolgen können, wenn er bereit gewesen wäre, auf alle anderen Sicherungen zu verzichten.

Wir können die Armut in der Welt und bei uns nicht romantisch verklären und sagen: „Sei froh, daß du arm bist Die Reichen haben viel mehr Sorgen als du. Im Grunde hast du viel mehr Lebensqualität und bist Gott viel näher!“ So reden auch die Salon- Kommunisten, die zwar alle Vorzüge des Kapitalismus genießen, aber von der klassenlosen Gesellschaft schwär­men. Wer es aber wirklich ernst meint, der müßte so handeln wie der Schauspieler Karl- Heinz Böhm, der wirklich mit den Armen lebt und sich für sie einsetzt.

Armut ist eine ganz schlimme Unfreiheit. Wohlstand dagegen ist eine der Voraussetzungen für die Freiheit. Der reiche Jüngling hat diese Möglichkeit nicht genutzt. Er hat sich von seinem Reichtum gefangennehmen lassen und wurde unfrei. Er hat sich nicht gefragt: Wozu ist mir denn der Reichtum gegeben? Hätte er ihn weggeben können, dann hätte er ihn richtig eingesetzt und wäre wirklich frei geworden. Reichtum oder auch nur Wohlstand ist ein Grund zur Dankbarkeit gegenüber Gott. Er ist eine der Voraussetzungen für unsere persönliche Freiheit und ermöglicht uns die Hilfe für den Mitmenschen.

Wir können auch nicht unsere Zivilisation um 300 Jahre zurückdrehen. Doch auch in unserer Welt kann man so leben, daß nicht nur das Schaffen von Sachen das Leben ausmacht. Eine Radtour mit der Familie, der Biß in einen Apfel, die Aussicht von einem Berg, ja selbst der Spaziergang durch das pulsierende Leben der Großstadt kann Lebensqualität bedeuten. Paulus spricht von dem „Haben, als hätte man nicht“, vom rechten Abstand zum Besitz und von der Feigheit, ihn herzugeben.

Allerdings wird das jeder in seinem Lebensbereich etwas anders erfahren. Wer als Beamter eine gesicherte Stellung hat, kann gut gegen die Rüstungsindustrie reden. Der Arbeiter jedoch, dessen Arbeitsplatz davon abhängt, sieht es anders. Soll man ihm sagen: „Du mußt aus deinem Beruf ausscheiden, sonst kannst du nicht selig werden?“ Es geht ja gar nicht nur um das Heil des Einzelnen. Viel wichtiger ist, miteinander die Verhältnisse so zu ändern, daß alle in Freiheit und im Sinne Gottes leben können.

Wo steht das eigentlich, daß es nur auf das persönliche Seelenheil ankomme und die Erfüllung erst jenseitig sei? Die Bibel sieht den Menschen als Teil der Gemeinde, als Teil des Volkes Gottes und selbst der Schöpfung. Und in der kirchlichen Lehre wird der Mensch längst nicht mehr als Einzelwesen gesehen, sondern in seinen gesellschaftlichen Bezügen und in seinem ganzen Umfeld.

Doch es ist ungerecht, diese unsere Welt als ein Gefängnis zu sehen. Wer so denkt, ist nie im Gefängnis gewesen. Unsere Welt ist die gute Schöpfung Gottes, die wir zu bewahren und immer wieder zu verbessern haben. Hier haben wir uns zu bewähren. Wir können nur dankbar sein für die Welt, in die Gott uns hineingestellt hat.

 

Gott hat die Fremden lieb

Im Wahlkampf gab es schon Plakate mit Texten wie „Asylbetrüger raus“ oder noch schlimmer. Unterschwellig soll hier doch der Eindruck erweckt werden: Alle Asylanten sind Betrüger! Sie sind ja gar nicht wirklich aus politischen oder religiösen oder rassischen Gründen verfolgt, sondern sie kommen nur aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie wissen, daß es ihnen trotz aller bedrückenden Lebensverhältnisse bei uns doch besser geht als in ihrer Heimat.

Nun gibt es natürlich eine Menge „Wirtschaftsflüchtlinge“ unter denen, die an die Tür eines der reichsten Staaten der Welt klopfen. Nur wie will man sie von den „echten“ Asylanten unterscheiden? Es ist schon recht, daß das nicht einfach an der Grenze geschieht, sondern daß da ein rechtsstaatliches Verfahren durchgeführt wird entsprechend den Artikeln des Grundgesetzes. Die wirklich unsre Hilfe brauchen, denen soll auch geholfen werden. Sie dürfen nicht leiden unter der Eigensucht der anderen.

Klar ist auch, daß wir in Deutschland nicht die Probleme der ganzen Welt lösen können. Jene Grundgesetzbestimmung hatte sicher nur die Flüchtlinge aus dem europäischen Raum im Blick. Unser Land ist in der Tat bald an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gelangt. Dennoch bleibt für uns nicht nur die Verpflichtung des Grundgesetzes. sondern auch die Mahnung der Bibel. Im 5. Buch Mose Kapitel 10 Vers 18 steht: „Der Herr, euer Gott, hat die Fremdlinge lieb, daß er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben: denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland!“ Ähnlich steht es im 2. Buch Mose. Kapitel 22 Vers 20.

Das Volk Israel hat nie vergessen, daß es Gastrecht genossen hat, dabei aber schließlich doch in die Gefangenschaft geraten ist. Deshalb haben seine Propheten immer wieder gemahnt, keine Gewalt gegen Fremde auszuüben. Ja, es hat sich sogar selber weiterhin als Gast auf dieser Erde gefühlt.

Viele bei uns haben vergessen. daß sie selber einmal als Flüchtlinge hier angekommen sind. Meine Kollegen haben mir schon mehrfach über die aus dem Ausland zugewanderten Deutschen (also nicht einmal Asylanten) gesagt: „Die sind kaum eine Woche hier, da kennen sie das Wort ,Sozialamt' schon. Die wollen uns doch nur den Platz und die Arbeit wegnehmen. Uns hat auch niemand geholfen!“ Es ist schwer, gegen dieses Denken anzugehen. Selbstverständlich ist den Flüchtlingen in der Nachkriegszeit auch geholfen worden: Sie wurden in Wohnraum eingewiesen, erhielten Sachspenden und später Lastenausgleich. Dadurch hatten sie die Möglichkeit, sich seit Jahrzehnten etwas zu schaffen, während die neuen „Fremden“ jetzt erst noch einmal ganz von vorne anfangen müssen.

Jeder kann nur dankbar sein: wenn sein Leben in geregelten Bahnen verlaufen ist, wenn er Wohnung und Arbeit hat, große Weihnachtsgeschenke machen konnte und ohne Sorgen in das neue Jahr gehen kann. Wer seine Heimat hat nie aufgeben müssen, kann Gott nur dankbar sein für manche Bewahrung. Diese Dankbarkeit könnte sich auch zeigen, indem er zumindest Verständnis hat für die Fremden.

Das Fremde wird oft als eine Bedrohung empfunden. Es stellt den eigenen Standpunkt in Frage, man muß sich damit auseinandersetzen, er kann die Ruhe nehmen. Aber es ist auch eine Bereicherung. eine Ausweitung unseres Blickwinkels und eine Möglichkeit zu neuen Erfahrungen.

Schließlich sollten wir auch nicht vergessen, daß Jesus gesagt hat: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt!“ (Matthäus 25, Vers 35). Wenn wir ihm etwas Gutes tun wollen, dann haben wir dazu den „Fremden“ von nebenan, den ausländischen Mitbürger. den Asylanten, den ausländischen Soldaten und Studenten. In ihnen begegnet uns Jesus, der Hilfe und Zuwendung braucht. Dann könnte uns auch deutlich werden, daß wir selber so etwas wie Asylanten sind, die bei Gott aufgenommen wurden. Dann würde uns deutlich, was der Epheserbrief in Kapitel 2 Vers 19 sagt: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge. sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“

 

Menschen, die ihre Träume aufgegeben haben ...          

An die Brücke über den Bahnhof Bischofsheim ist in großen Buchstaben gesprüht: „Menschen, die ihre Träume und Hoffnungen aufgegeben haben, sind leicht zu beherrschen!“ Der Spruch steht nicht in der Bibel. Aber er erinnert mich an den 126. Psalm: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden!“

Gemeint sind damit nicht die Träume in der Nacht, in denen der vergangene Tag bewältigt wird, in denen Ängste abgebaut und Nöte verarbeitet werden. Gemeint sind Träume, die sich auf die Zukunft richten, in denen ein Bild der Zukunft entworfen wird. Jeder Mensch hat solche Träume. Sie gehören einfach zum Menschsein hinzu, denn sie helfen, die Gegenwart zu bewältigen.   

Viele Menschen blättern gern in den Katalogen der Versandhäuser oder der Reiseveranstalter. Sie träumen von tollen Sachen und von fernen Zielen. Auch wenn sie wissen, daß sie nie nach Hawaii kommen werden, so ist es doch schön, davon zu träumen. Und manchmal ist es ja so­gar möglich, solche Träume zu erfüllen und in die Tat umzusetzen. Nur muß man sich davor hüten, sich allzusehr auf die Umsetzung eines Traumes zu versteifen. Mancher spielt jede Woche im Lotto, um endlich einmal den Jackpot zu gewinnen. Wenn es aber nicht klappt - wie bei den überaus meisten der Spieler - dann ist die Enttäuschung groß. Das kann dazu führen, daß man die Lust an der Gegenwart verliert oder gar auf kriminelle Art und Weise versucht, sein Ziel zu erreichen.

Die gefangenen Israeliten konnten nur auf Gott hoffen, daß er ihre Träume erfüllen werde. Aus ihrer Heimat waren sie nach Babylon verschleppt worden. Aber sie wollten sich dort nicht festsetzen. Auch wenn es schon Jahrzehnte dauerte, so wollten sie doch wieder in die Heimat. Und sie waren sich sicher, daß Gott eines Tages die Wende herbeiführen und sie zurückbringen würde. Das gab ihnen die Kraft, dem Werben der Sieger nicht nachzugeben. Diese wollten, daß sie sich anpaßten, daß sie sich ihrer Umgebung anpaßten und in dem anderen Volk untergingen. Selbstverständlich sollten sie auch ihren Glauben aufgeben. Ja, dieser Punkt sollte sogar das Zeichen sein, daß die Anpassung gelungen sei.

Was sie davor bewahrte, war ihr starker Glaube an Gott. Dazu gehörten auch die Träume, die an sich aber gar nicht nur Träume waren, weil sie sich sicher waren, daß Gott sie umsetzen würde. Dieses Wissen gab ihnen Widerstandskraft, den Verlockungen der stärkeren Kultur und der größeren Wirtschaftskraft zu widerstehen. Äußerlich wurden sie zwar beherrscht, aber ihre Herzen gaben sie nicht her: Ihre Überzeugung, ihre Pläne, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen und vor allem ihren Glauben konnte ihnen niemand nehmen.

Diese Einstellung könnte auch uns eine Hilfe sein. Träume sind nicht Schäume, die wie Seifenblasen zerplatzen. Sie stärken den Menschen vielmehr, der mit den Problemen seiner Ge­genwart fertigwerden muß. Insofern kann man dem Spruch an der Brücke und dem Bibelwort nur recht geben. Es ist gut, wenn die Menschen große Wünsche haben und sich hohe Ziele setzen. Abstriche muß man dann sowieso wieder machen. Aber das ist besser, als wenn man sagt: Es wird sowieso nichts, da mache ich mir erst gar keine Mühe.

Mit dieser Einstellung versäumt man es, gegen die Arbeitslosigkeit oder die Sucht anzukämpfen, die eigene Lustlosigkeit zu überwinden oder dem Mitmenschen zu helfen. Und dann gerät man leicht in ein radikales Fahrwasser und wird anfällig für extreme Parolen. Angeblich sind die anderen daran schuld oder die widrigen äußeren Verhältnisse.

Aber vielleicht liegt es nur an uns, daß wir keine Träume mehr haben und auch nicht genug Glauben an Gott und uns so von anderen Mächten beherrschen lassen. Wir müssen uns aber nicht unterordnen, weder unter Politiker noch unter Wirtschaftsführer noch unter Heilslehrer. Wer auf Gott vertraut, kann sein wie ein Träumender. Aber er wird sich nicht auf eine ferne Zukunft vertrösten lassen, sondern entschlossen die Aufgaben der Gegenwart anpacken und schon heute kleine Schritte tun, die auf das große Ziel hinführen.

 

Die Alten ins Altersheim

Unsere heutigen Wohnungen sind meist so gebaut, daß sie nur einer Familie Platz bieten. Wenn die Kinder größer geworden sind, müssen sie sich eine neue Wohnung suchen. Wenn aber ein Elternteil schon gestorben ist, dann möchten die Kinder gern in der Wohnung bleiben. Wohin aber mit dem altgewordenen Vater oder der altgewordenen Mutter? Als Ausweg erscheint dann das Altersheim, oder wie man heute vornehmer sagt: die Seniorenwohnanlage. Deshalb baut man in einem Neubaugebiet am besten nicht nur gleich einen Kindergarten, sondern auch ein Altersheim: Richtige Wohnungen also nur für die Berufstätigen, für die anderen kasernenartige Massenquartiere.

Es ist gut, wenn Gottes Gebot da eine Warnung aufrichtet. Im vierten Gebot heißt es: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!“ Wir verstehen dieses Gebot heute ganz allgemein und beziehen es auf das Verhältnis zwischen Eltern und jungen Kindern. Aber ursprünglich bezog es sich auf das Verhältnis von Kindern zu den alt gewordenen Eltern. Vater und Mutter konnte man ehren, indem man auch im Alter für sie sorgte und sie mit Liebe und Fürsorge umgab. Offenbar gab es damit aber auch schon zu biblischen Zeiten Probleme. Deshalb mahnt schon das Alte Testament: „Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehn und die Alten ehren!“ (3. Mose 19, 32) oder: „Gehorche deinem Vater, der dich gezeugt hat, und verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird!“ (Sprüche 23, 22). Und deshalb ist auch die Bitte verständlich: „Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde!“ (Ps 71, 9).

Heute steht in der Regel keiner mehr vor einem „grauen Haupt“ auf. Im Gegenteil: Da hat sogar ein Busfahrer Schwierigkeiten, den für Schwerbeschädigte reservierten Platz freizukriegen für jemanden, der darauf Anspruch hat. Es ist nicht mehr so wie einem früheren Schul­direktor, der seine Schulkinder auch außerhalb der Schule zu einem anständigen Verhalten anhielt.

Doch es nutzt nichts, nur über die Jugend von heute zu klagen. Es gibt ja auch erfreuliche Beispiele: Kinder, die auch die Unbekannten freundlich auf der Straße grüßen, Menschen, die

einer alten Frau die Tasche tragen, Kinder, die sich in rührender Weise um ihre alten Eltern oder auch andere Verwandte kümmern. Und es gibt nicht zuletzt auch die Krankenschwestern und Altenpfleger, die Ärzte und Pfarrer, die rund um die Uhr sich um die Alten in den Heimen bemühen.

Es ist gut, daß es diese Heime gibt, zum Beispiel für Menschen, die nie verheiratet waren und im Alter dann wirklich hilflos sind. Die Heime sind längst nicht mehr die Verwahranstalten früherer Zeit. Heute wird so viel Freiheit und selbstbestimmtes Leben gelassen, wie es nur irgend geht. Es gibt altengerechte Wohnungen, es gibt mobile Dienste, die möglichst lang das selbständige Leben ermöglichen sollen.

Gut wäre aber auch, wenn alte Menschen mit der notwendigen Weisheit und Gelassenheit die Probleme angingen. Neulich erzählte eine Frau von einem Gespräch mit einem ihrer Kinder. Die Tochter kam und sagte: „Mutter, du hast mir doch einmal die alte Bauerntruhe versprochen, wenn du einmal nicht mehr bist. Wie wäre es denn, wenn du sie mir jetzt schon gibst?“

Die Frau war natürlich zunächst einmal geschockt wegen dieser Frage. Kann die Tochter den Tod der Mutter gar nicht abwarten? Aber dann sagte sie sich: „Das ist gar nicht so schlecht. Da weiß ich wenigstens, daß es keinen Streit unter meinen Kindern gibt. Und ich kann heute schon erleben, wie sie sich über das Geschenk freuen!“ Wenn doch alle älteren Menschen so denken könnten! Man muß nicht gleich hinter so einem Wunsch etwas Ungehöriges vermuten. Gegenseitiges Verständnis kann zu einem guten Mit­einander führen.

Die Alten müssen nicht ins Altersheim. Sicher ist es gut, daß es diese Einrichtungen gibt:

Aber die Regel ist doch immer noch, daß die Kinder für die alt gewordenen Eltern sorgen. Da geschieht in der Stille oft ein aufopferungsvoller Dienst, der nie und nimmer vom Staat übernommen werden könnte. Auch heute und auch in unserer Gesellschaft sind die Alten nicht allein.

 

Moralische und juristische Schuld

Der frühere SED-Chef von Berlin, Günter Schabowski, mußte sich wegen der Todesfälle an der Mauer vor einem Berliner Gericht verantworten. Er sagte: „Ich empfinde Schuld und Schmach bei dem Gedanken an die der Mauer Getöteten. Ich bitte die Angehörigen der Opfer um Verzeihung, und ich muß es hinnehmen, wenn sie zurückgewiesen wird!“ Das klingt ganz anders als die Ausreden des anderen Politbüromitgliedes Egon Krenz, der zwar auch Betroffenheit heuchelt, aber die Schuld den Nazis, den Großmächten und der Regierung in Bonn gibt. er als kleiner Verantwortungsträger habe nichts dagegen tun können.

Schabowski dagegen sagt: „Gegenüber jedem Toten empfinde ich moralische Schuld. Dieses Gefühl der Schuld wird mich wohl immer begleiten. Aber ich kann nicht hinnehmen, zum Schreibtischtotschläger erklärt zu werden!“ Er macht also einen Unterschied zwischen der moralischen und der juristischen Schuld. Die moralische Schuld erkennt er an, aber er fühlt sich nicht schuldig im Sinne der Anklage.

Letztlich will er damit natürlich auch straffrei ausgehen. Dahinter steht die Vorstellung, daß die moralische Schuld geringer sei als die juristische. Nur was vor Gericht abgeurteilt werden kann, sei wirkliche Schuld. Alles andere sei mehr so ein Kavaliersdelikt, für das man sich vielleicht schämen kann, aber nicht unbedingt muß. So etwas macht man mit sich selbst im stillen Kämmerlein ab, aber nach außen kann man weiterhin ein Ehrenmann bleiben. Zumindest hat man nicht mehr Schuld als die anderen auch.

Doch ist es nicht gerade umgedreht: Die moralische Schuld wiegt sehr viel schwerer als die juristische? Es gibt so viele Tatbestände, die sich nicht juristisch fassen lassen. Wir sind dann empört, wenn ein Übeltäter straffrei ausgeht, weil er gute Anwälte hatte, die eine Gesetzeslücke oder einen Formfehler entdeckten. Wir stöhnen manchmal über den Rechtsstaat, der einen moralisch Schuldigen laufen lassen muß, nur weil die Regel gilt: Im Zweifelsfall für den Angeklagten!

Moralische Schuld ist immer auch Schuld vor Gott. Es mag einer von einem irdischen Gericht als freier Mensch davongehen, aber vor Gott ist er doch schuldig. Wer dem irdischen Gericht entkommen ist, hat damit noch nicht den Freispruch vor dem ewigen Gericht erreicht. Das mag uns trösten, wenn wir enttäuscht sind über das milde Urteil. eines Gerichts: Gott sieht die Sache anders und wird unter Umständen auch anders entscheiden.

Aber vergessen wir nicht: Diese Regelung kommt auch uns selber zugute. Wir sind ja viel-. leicht auch selber froh gewesen, daß uns die irdische Gerechtigkeit nicht erreicht hat. Vieles haben wir verbergen können. Anderes war verwerflich, wird aber in den Strafgesetzen nicht erfaßt Vielleicht haben wir auch Glück gehabt und sind nur nicht erwischt worden.

Vor Gott ist die Sache damit noch nicht ausgestanden, vor seinem Gericht werden wir uns noch einmal verantworten müssen. Das gilt selbst dann, wenn wir von einem irdischen Gericht verurteilt wurden und unsere Strafe bezahlt oder abgesessen haben. Paulus schreibt im Römerbrief (Kapitel 3, Vers 23-24): „Es ist kein Unterschied: sie sind alle Sünder!“ Zu dieser Erkenntnis müssen wir wohl alle erst einmal gelangen.

Doch wenn wir diesen Weg gegangen sind, dann dürfen wir auch den zweiten Teil des Satzes hören: „Aber sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist!“ Wir brauchen uns nicht herauszureden, weder vor dem irdischen noch vor dem göttlichen Gericht. Es würde uns auch nichts nützen, denn vor allem Gott durchschaut uns ganz und gar, auch wenn Menschen uns freisprechen müssen.

Gott kennt unsere Schwächen und unser Versagen und nimmt uns dennoch an. Natürlich müssen wir Einsicht zeigen und Reue empfinden. Aber das wird uns gar nicht so schwer fallen, wenn wir erst einmal vor dem Gericht Gottes stehen. Dann sind sicher alle Ausreden weggeblasen und es bleibt nur die Erkenntnis einer schweren Schuld, nicht nur der juristischen, sondern vor allem der moralischen, der Schuld vor Gott. Aber so a streng Gott auch ist, denn seine Verzeihung ist groß. Christus hat längst für uns gebüßt. Deshalb dürfen wir zuversichtlich sein, daß wir Gottes Gericht heil überstehen und auf ewig freigesprochen sind.

 

Tue Gutes, suche Frieden                                                                            (geschrieben 1999)

Wenn das doch nur so einfach wäre, Gutes zu tun und Frieden zu suchen! Im Psalm 34 wird sogar zu noch mehr aufgefordert. „Laß ab vom Bösen und tue Gutes, suche Frieden und jage ihm nach!“ (Vers 15). Doch nicht immer ist es einfach, zwischen Bösem und Gutem zu unterscheiden. Sicher: Das Meiste ist klar: Wir haben die Zehn Gebote Gottes, wir haben die Menschenrechte, wir haben die Gesetze des Staates, wir haben die Gewohnheiten der Gesellschaft - an sich kann man schon wissen, was gut und böse ist.

Als Deutsche denken wir daran, daß es einen Hitler gab, der Lebensraum für sein Volk haben wollte und deshalb alle Juden und alle Slawen und möglichst auch alle Minderheiten vernichten wollte. Wenn dieses Ziel erreicht wäre, dann hätte man Gutes getan und den Frieden gewonnen, meinte man. Doch heute besteht die Gefahr, daß von der deutschen Schuld abgelenkt wird unter Hinweis auf einen, der mindestens genauso schlimm war.

Wir Deutschen können nur froh sein, daß die Alliierten des Zweiten Weltkriegs nicht tatenlos den deutschen Diktator gewähren ließen. Aber wer dann etwas tut, der wird auch schuldig, Bomben sind sie nach dem Willen Gottes. Wer sie dennoch benutzt, wird sich aber sagen: Ich habe es wenigstens einmal andersherum versucht. Mit meinem ersten Versuch bin, ich gescheitert, jetzt gehe ich einmal einen anderen Weg. Er ist mir im Grunde nicht recht, aber ich weiß nichts anderes mehr.

Und dann erfindet man solche Begriffe wie „Internationale Gemeinschaft“, um sich des Beistands anderer Staaten zu versichern. Es ist in der Tat ja auch ein Unterschied, ob ein Staat einen anderen überfällt, nur um den eigenen Herrschaftsbereich auszuweiten. Oder ob eine Mehrheit von Staaten versucht, einen Störenfried in seine Schranken zu weisen. Aber man sollte dabei nie vergessen, daß man nicht Gutes tut, sondern bestenfalls nach bestem Wissen und Gewissen aus zwei Übeln eins auswählt.

Auch in unserem privaten Bereich ist es nicht immer leicht, ganz sicher zu wissen, was gut und was böse ist. Da haben Eltern jahrzehntelang ihre Kinder behütet und geleitet, damit ihnen nichts passiert und damit sie zu selbständigen Menschen heranwachsen. Aber wenn die Kinder dann wirklich selbständig werden sollen, dann wollen Eltern sie oft nicht entlassen. Sie haben Angst, die Kinder könnten doch etwas falsch machen. Oder sie könnten in Situationen kommen, die sie bisher noch nicht kannten und wo die Eltern mehr Erfahrung hätten. Da ist es schwierig, das rechte Maß zu finden. Doch es bleibt immer wieder unsere menschliche Aufgabe, vom Bösen zu lassen und Gutes zu tun, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen. Auch wenn wir oft an dieser Aufgabe verzweifeln, so dürfen wir doch in unserem Bemühen nicht nachlassen.

Wenn uns ein Mensch geärgert hat, dann ist das kein Grund, es nicht doch immer wieder mit ihm zu versuchen. Wenn einer seinen Fehler einsieht, dann darf man ihm die Umkehr nicht unnötig schwer machen. Man muß jedem Menschen zugestehen, daß er Fehler macht - so wie wir ja auch selber Fehler machen. Vielleicht könnte man auch sogar noch verstehen, daß er an sich nicht das Böse wollte, sondern das Gute im Sinn hätte, auch wenn alle anderen das anders beurteilen.

„Dem Frieden nachjagen“, heißt auch, alle Wege aktiv zu beschreiten, auch bis fast zur Selbstaufgabe der eigenen Auffassung.

Als Christen dürfen wir dabei wissen, daß wir Gott bei unserem Bemühen auf unsrer Seite haben. Er hält unser Leben, so daß wir ohne Angst um das selbst das Nötige tun können. Er läßt uns in dem. anderen sein Geschöpf erkennen. daß er auch liebt und auf den richtigen Weg bringen möchte. Und er ermuntert uns zu einer starken Hoffnung, daß es besser werden kann. Nur erwartet er auch von uns, daß wir nicht die Hände in den Schoß legen, sondern kräftig daran arbeiten. Dabei können wir schuldig werden. Aber Nichtstun kann auch Schuld sein.

 

Freispruch aus eigenem Willen nicht möglich

Am 30. Juni diesen Jahres sagte Helmut Kohl (wörtlich!): „Ich habe einen ziemlichen Durchhänger gehabt - na und jetzt bin ich aus dem raus!“ Er ist offenbar wirklich davon überzeugt,

daß es nur ein „Durchhänger“ war und daß er selber bestimmen kann, wann er „raus“ ist.

Schließlich hat er den materiellen Schaden ja wieder mit Geld gut gemacht. Jetzt hat er sich selber nichts mehr vor zuwerfen, und die anderen dürfen es auch nicht. Man sollte wieder zur Tagesordnung übergehen.

Das ist typisch dafür, wie wir alle sind. Wir denken: Wenn wir doch unsre Schuld zugegeben haben, wenn wir sie - so gut es geht - wieder beglichen haben, dann muß die Sache doch wieder erledigt sein, da kann man mir die Sache doch nicht immer wieder nachtragen, da ist der andere zur Verzeihung bzw. Vergebung verpflichtet. So soll es gelten für das Leben des einzelnen wie für die Geschichte eines Volkes. Man sagt auch: Das deutsche Volk hat schließlich genug gebüßt, es kann doch nicht ewig als Schuldiger herumlaufen, irgendwann müssen sie doch einmal still sein, die Juden, die Zwangsarbeiter, die ehemaligen Widerstandskämpfer, usw.

Im Strafrecht kann es durchaus sein, daß das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt wird. Doch dann darf die Schuld nur gering sein, und das Angebot muß vom Gericht kommen. Der Angeklagte kann so ein Entgegenkommen nicht verlangen, nur um dem Makel der Vorstrafe zu entgehen. Aber Politiker hoffen gern auf diesen Ausgang. Gelegentlich wollen sie auch das Gericht unter Druck setzen, indem sie laut verkünden: „Ich wäre zur Zahlung der Geldbuße bereit!“

Aber in der Kirche ist Buße etwas anderes. Da hat sie überhaupt nichts mit Geld zu tun. Das hat ja gerade Martin Luther wieder herausgestellt, als die Leute zu ihm kamen und sagten: Wir brauchen nicht mehr zu beichten, wir haben schon für unsre Schuld bezahlt! Luther hat dagegen seine berühmten 95 Thesen gestellt, von denen die erste die entscheidende ist: Unser ganzes Leben soll eine Buße sein!

Bei Gott ist Buße nicht die Reparatur eines kleinen Unfalls, schon gar nicht mit Geld. Nur wenn der ganze Mensch bereit ist, sich voll und ganz zu ändern, kann er sein Leben und sein Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung bringen. Da gibt es dann keine Selbstgefälligkeit mehr, kein Pochen auf die eigene Wiedergutmachung, sondern nur noch die Bitte um Vergebung.

Bei Gott gilt keine D-Mark und auch kein Euro. Da stehen wir ganz mit leeren Händen da. Aber das macht gar nichts, weil Gott uns trotzdem wieder annimmt. Er will, daß unsre Hände leer sind, daß wir nichts anbieten könne. Nur so kann er uns deutlich machen, daß es nicht auf unsre Verdienste und Qualitäten ankommt, sondern nur auf seine Vergebung.

Wir sind gar nicht arm, weil Gott uns reich macht. Das geschieht durch eine Währung, die man nicht auf der Bank eintauschen kann, sondern die man sich nur schenken lassen kann. Im Epheserbrief heißt es: „In Jesus Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade!“ (Kapitel 1, Vers 7). Also: Bei Gott gilt nur das Blut Jesu und der Reichtum seiner Gnade.

Deshalb braucht keiner Angst zu haben vor dem Gericht Gottes. Er braucht nicht krampfhaft zu suchen nach einer Gegenleistung, die er bieten könnte. Er braucht nicht zu stöhnen, daß die Schuld noch immer nicht erledigt ist, daß es mit der Verzeihung noch dauert. Gott setzt den Zeitpunkt fest. Aber wir dürfen sicher sein, daß er vergibt. Und dann dürfen wir sicher sein, daß die Vergangenheit wirklich erledigt ist. Wenn wir uns selbst frei sprechen wollen, bleibt doch immer der Zweifel, ob das wirklich geklappt hat. Und vor allem ist dann noch offen, ob auch die anderen damit einverstanden sind. Unsere Einsicht, daß wir einen Fehler gemacht haben, sogar unsre tätige Reue, bewirkt ja noch nicht automatisch, daß der andere unsere Entschuldigung annimmt. Gott aber will vergeben, wenn wir diese Vergebung nicht von ihm fordern. Er will sich nicht zwingen lassen, aber er will freiwillig vergeben.

 

Auch Jesus war ein unerwünschtes Kind                                                      Abtreibung

Nun kommt es doch auf uns zu, die Neufassung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches über den Schwangerschaftsabbruch. Vorgesehen ist eine Fristenlösung mit Pflichtberatung. Danach kann eine schwangere Frau zu einer Beratung gehen, bei der ihr Zukunftsperspektiven für ein Leben mit dem Kind eröffnet werden. Das Gespräch ist „ergebnisoffen“ zu führen, die Frau braucht dabei nicht mitzuwirken, sie kann selbst entscheiden und braucht sich vor niemand zu rechtfertigen.

Das Bundesverfassungsgericht hat da eine eigenartige Auslegung getroffen: Die Abtreibung ist zwar rechtswidrig, aber nicht strafbar. Mit anderen Worten: Weil die Zahl der Fälle so groß ist, verzichtet man auf eine Strafverfolgung. So hat man früher schon Straftaten im Verkehr zu Ordnungswidrigkeiten erklärt, die nur mit einem Bußgeld geahndet werden. Das „Gleiche“ wird heute auch bei Ladendiebstählen diskutiert. Und nun führt man das auch bei einem Fall ein, wo es ums Leben geht. Hier hat man wieder einmal vor der Masse kapituliert: Weil es ungerecht wäre, nur einige wenige Fälle zu strafen, ändert man einfach das Gesetz.

Es gibt allerdings Fälle, wo die Abtreibung in der Tat das kleinere Übel ist. Vor allem gilt das für die sogenannte medizinische Indikation, wenn entschieden werden muß für das Leben der Mutter oder für das Leben des Kindes. Die katholische Kirche sagt hier. Das Kind muß gerettet werden, damit es noch getauft werden kann! Als ob Gott so kleinlich wäre, daß er nicht auch ein ungetauftes Kind annehmen würde. Man könnte auch noch darüber reden, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden ist. Doch das sind ja nur verschwindend wenige Fälle.

Die Masse der Fälle liegt ja anders. Da wird dann von „sozialer Indikation“ gesprochen, wenn angeblich die Mittel nicht ausreichen für das Großziehen eines Kindes. So etwas sagt man in einem Land, das zu den reichsten der Welt gehört. Aber in Wirklichkeit fürchtet man um seinen Luxus und um seine Bequemlichkeit. Sicher ist es nicht leicht, wenn ein Studentenehepaar sein zweites Kind erwartet oder wenn mit dem Eintritt der Schwangerschaft der Ernährer der Familie arbeitslos wird. Aber früher hatten die Familien zehn oder mehr Kinder und sie wurden alle groß und wurden ordentliche Menschen.

Es ist das Verdienst des Verfassungsgerichts, daß es den Paragraphen 218 nicht ersatzlos gestrichen hat. So bleibt wenigstens das Bewußtsein erhalten, daß hier ein nicht rückgängigmachender Eingriff in das Leben erfolgt. Der Schwangerschaftsabbruch ist keine Methode der Geburtenregelung. Eine zu freizügige Regelung bringt die Gefahr mit sich, daß man es mit der Verhütung nicht mehr so genau nimmt, weil man sich sagt: Wenn es schiefgeht, muß der Arzt helfen und die Krankenkasse oder das Sozialamt zahlen. Hier muß man allerdings auch wieder die katholische Kirche kritisieren: Wer gegen den Abbruch ist, muß für die Verhütung sein!

Man muß nicht alles machen, nur weil es möglich ist. Wer die Abtreibung für erlaubt hält, wird auch andere Dinge zugestehen müssen. Dann dürfen auch Eltern aus religiösen Gründen eine Blutübertragung für ihr Kind ablehnen und es damit dem sicheren Tod ausliefern. Dann kann man auch alte Menschen umbringen, wenn ihre Pflege nicht personell und materiell abgesichert ist. Das Gefährliche ist, daß mit der Aufweichung dieses Paragraphen eine Schleuse geöffnet wurde - wie weit, das wird sich noch herausstellen.

Das Problem ist nicht neu: Schon Jesus war ein unerwünschtes Kind, zumindest ein unerwartetes. Die Mutter war wohl noch sehr jung. Sie war schon verlobt, und das war damals so gut wie verheiratet, man durfte nur noch nicht zusammenziehen. Nun hatten die Verlobten aber das gemacht, was heutzutage alle Verlobten machen, und es war nicht ohne Folgen geblieben. Insofern hat Maria wohl etwas geschwindelt, als sie dem Engel sagte: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?“ (Lukas 1, Vers 34). Und auch der Evangelist Matthäus redet etwas drumherum, wenn er schreibt: „Es fand sich, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist!“ (Matthäus 1, Vers 18).

Doch viel wichtiger ist die Entscheidung der künftigen Eltern. Maria sagte: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!“ (Lukas 1, Vers 38). Und auch Josef wollte seine Verlobte nicht in Schande bringen und nahm sie in sein Haus (Matthäus 1, Vers 19 und 24). Mit anderen Worten: Beide Eltern entschieden sich für das Kind. Und als Christen sagen wir: Sie entschieden sich dafür, daß der Retter der Menschheit das Licht der Welt erblickte.

Aber heute gibt es auch Menschen, die sagen: „Hätte Maria damals abgetrieben, dann brauch­ten wir uns nicht mit verstaubten christlichen Moralvorstellungen herumzuplagen, die Eingang in unsere Gesetze gefunden haben!“ An die Wand einer christlichen Buchhandlung in Hanau haben sie geschrieben: „Wenn Männer Kinder kriegten, dann wäre Abtreibung ein Menschenrecht!“ Doch Menschenrecht ist erst einmal das Recht auf Leben.

Wer ein ungewolltes Kind annimmt und leben läßt, darf nicht nur auf den Beistand des Staates hoffen, sondern auch auf den Beistand Gottes. Maria und Joseph haben ihr Kind trotz aller Gefährdungen groß gekriegt. Noch als Erwachsener hat ihr Sohn ihnen Kummer gemacht und sie haben ihn nicht verstanden. Erst spät kam Maria dazu, ihn auch innerlich anzunehmen und sich zu ihm zu bekennen (von Joseph wird nichts mehr berichtet). Kinder machen letztlich mehr Freude als Kummer.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an eine junge Frau, die heute über 20 Jahre alt ist und ihr Leben im doppelten Sinne des Wortes ihrer Mutter verdankt. Diese war damals 17 Jahre alt, als sie das Kind erwartete. Die Eltern redeten auf sie ein, sie solle das Kind abtreiben lassen. Die Ärzte boten es ihr an, obwohl die gesetzlichen Grundlagen noch nicht gegeben waren. Doch sie hat sich damals durchgesetzt und hat später den Vater des Kindes geheiratet und noch ein Kind mit ihm gehabt. Sie brauchte sich nachher keine Vorwürfe zu machen, ein Kind umgebracht zu haben. Ein Abbruch geht ja relativ schnell vor sich, aber die seelischen Narben bleiben. Daran muß man auch denken, wenn man zu schnell in einem Abbruch die einzige Lösung zu sehen meint.

Über die „Frage des Schwangerschaftsabbruchs“ sollte nicht die Mutter entscheiden können, sondern das Kind in ihr. Dann brauchte man weder Pflichtberatung noch Fristenlösung. Dann gäbe es noch viele solcher Christkinder wie Jesus!

 

Warum steht Gott im Grundgesetz?                                                 (aus dem Jahre 1994)

Seit der deutschen Einheit macht sich eine Verfassungskommission Gedanken über eine Veränderung des Grundgesetzes. Sehr groß werden die Änderungen wohl nicht werden, weil sich das Grundgesetz bewährt hat und sicherlich eine der freiheitlichsten Verfassungen der Welt ist. Den Artikel 23 hat man ganz gestrichen, weil es keinen Beitritt zum Bundesgebiet mehr geben kann, und ersetzt durch einen Artikel über die internationale Zusammenarbeit. Es wird vielleicht noch etwas über Umweltschutz und Tierschutz hineingeschrieben, das eine oder andere Wort geändert. Aber am System wird sich im Grundsatz nichts ändern.

Aber die Probleme gehen schon los bei der sogenannten „Präambel", dem Vorwort zum Grundgesetz. Da heißt es gleich zu Beginn: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat das deutsche Volk dieses Grundgesetz beschlossen“. Erstens stimmt das nicht, denn das deutsche Volk hat nicht über das Grundgesetz abgestimmt, sondern nur von den Landtagen bestimmte Vertreter.

Zweitens aber mutet uns der Wortlaut heute etwas altertümlich an. „Das deutsche Volk“ ist etwas, das von oben kommt, ein einheitlicher Block, zu dem man sich im Grunde nicht zugehörig fühlt. Wir finden uns heute eher wieder in solchen Formulierungen wie in der brandenburgischen Verfassung von 1992: „Wir, die Bürgerinnen und Bürger des Landes Brandenburg, haben uns in freier Entscheidung diese Verfassung gegeben!“ Und dann ist da die Sache mit Gott. Was hat Gott mit dem Grundgesetz zu tun, das doch eine rein politische Sache ist? Seine Erwähnung erinnert an den Deutschen Kaiser, der sein Amt „von Gottes Gnaden“ erhalten hatte und in der Verantwortung vor Gott handeln wollte.

Heute aber hat die Mehrheit des deutschen Volkes keine persönliche Beziehung mehr zu Gott und will ihr Leben gar nicht mehr in der Verantwortung vor Gott leben. Da wäre es doch ehrlicher, die Erwähnung Gottes im Grundgesetz zu streichen. Durchgesetzt hat diese Formulierung Theodor Heuß, der dann der erste Bundespräsident wurde. Es sollte klargestellt werden, daß der Mensch nicht das Maß der Dinge ist, sondern sein Tun vor einer höheren Instanz ver­antworten muß. Die Anrufung Gottes sollte den Menschen binden und vor Selbstüberhebung bewahren. Deshalb hielten die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Anrufung Gottes für unerläßlich. Deshalb schließt der Amtseid für Bundespräsident und Bundesregierung auch mit der Formulierung „...so wahr mir Gott helfe!“

Wer will, kann allerdings diese Anrufung Gottes weglassen. Wer gegen den Hinweis auf Gott im Grundgesetz ist, verweist auf das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche: eine Verfassung, die Staat und Kirche strikt trenne, dürfe sich nicht auf Gott berufen. Demgegenüber wird aber darauf verwiesen, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung sich einer christlichen Konfession verbunden fühlt.

Wir haben heute eher ein Zuwenig als ein Zuviel an Bindungen. Viel zu oft wird der öffentlichen Meinung und dem Zeitgeist nachgegeben, wo Standhaftigkeit geboten wäre. Weil alles es so machen und manche Gesetze nicht mehr durchzusetzen sind, paßt man einfach die Gesetze an. Da ist es vielleicht doch hilfreich, wenn wir unser Gewissen immer wieder schärfen lassen durch den, der die Grundlage aller Gesetze ist.

Gottes Gebot läßt sich nicht so leicht beiseite schieben. Besäße die Bindung an Gott größere Kraft, hätten wir nicht dieses Ausmaß an Gewalt und Ellenbogen-Einsatz, an Ichsucht und Kriminalität, an Raffsucht und Zukunftsangst. Vielleicht braucht unser Volk gerade diesen Halt, gerade in unsicheren Zeiten. Vielleicht brauchen auch gerade die Politiker eine solche Stütze. Gottesdienste für die Bundestagsmitglieder sind eine gute Sache. Aber es ist nicht damit getan, daß eine unserer großen Volksparteien die Bezeichnung „christlich“ in ihrem Namen führt. Es gibt keine „christliche“ Politik. Aber es gibt Christen, die auch in der Politik tätig sind und dies bewußt in der Verantwortung vor Gott tun. Nur werden sie sich dabei nicht nur einfach das Etikett „christlich“ auf die Stirn kleben, sondern wirklich nach den Lehren der Bibel handeln und leben.

Nach der Ansicht des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann erhält der Mensch seine wirkliche Würde erst von Gott. Dadurch werden menschliche Erniedrigungen ausgeschlossen und im anderen Menschen wird der Nächste geachtet. Heinemann war als Jurist zunächst im kirchlichen Dienst und ging dann in die Politik, um seinen Glaubensüberzeugungen auch auf diesem Gebiet zum Zuge kommen zu lassen.

Diese Möglichkeit bleibt jedem Staatsbürger und Christen, egal was im Grundgesetz steht. Das Grundgesetz behält seinen Wert und seine Verbindlichkeit, auch wenn Gott nicht mehr in ihm erwähnt sein sollte. Vielleicht wäre es wirklich ehrlicher, auf Gott im Grundgesetz zu verzichten, wo doch so viele nichts mehr von ihm halten. Hier wird doch nur ein Bild aus der Vergangenheit aufrechterhalten, das heute unecht wirkt.

Aber es bleibt jedem Christen unbenommen - ob er nun Politiker ist oder nicht - für „der Stadt Bestes“ zu beten, wie es der Prophet Jeremia fordert (Jeremia 29,7). Als Christen beten wir nicht nur für unsre Stadt, sondern für den ganzen Staat, für sein Grundgesetz und seine Politiker. Unsre Aufgabe bleibt es, in Verantwortung vor Gott und den Menschen zu handeln, auch wenn wir durch die Verfassung nicht dazu angehalten werden. Ob wir ein christliches Volk sind, entscheidet sich nicht daran, ob Gott im Grundgesetz vorkommt, sondern ob möglichst viele Bürger und Bürgerinnen sich zum christlichen Glauben bekennen und danach leben.

 

Die Macht der Mächtigen

Am Ostermontag wurden im Fernsehen der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt und der derzeitige Bundeskanzler Helmut Kohl befragt. Dabei kam auch die Rede auf die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer. Damals waren beide Politiker im Krisenstab der Regierung und hatten mit darüber zu entscheiden, ob der Staat hart bleiben sollte oder der Erpressung nachgeben durfte. Wir wissen alle, daß man sich für Härte entschied und das Leben der Geisel riskierte. So mußte Schleyer sterben. Aber sein Tod war im Grunde der Anfang vom Ende der Terroristengruppe.

Der Gesprächsleiter sprach dann die beiden Politiker auf ihr Christsein an: Helmut Schmidt war immerhin Synodaler in Hamburg, und von Helmut Kohl weiß man, daß er wenigstens gelegentlich den Gottesdienst besucht. Nun wurde ihnen die Frage gestellt, ob sie in solchen schweren Entscheidungen wie bei der Schleyer-Entführung um die richtige Entscheidung gebetet haben. Helmut Schmidt meinte, hier müsse mehr die Vernunft gefragt werden, vor allem müsse man vor dem eigenen Gewissen bestehen können. Aber immerhin erzählte er auch, daß er sich manchmal mit evangelischen und katholischen Bischöfen beraten habe.

Helmut Kohl deutet an, daß ihm die Verantwortung vor Gott schon wichtig sei. Er erzählte, daß er sich noch kurz vorher mit Hans-Martin Schleyer über die vorhergehenden Entführungsfälle unterhalten habe. Sie seien sich einig gewesen, daß man der Erpressung nicht nachgeben dürfe. Doch Kohl fuhr fort: „Das sieht dann aber ganz anders aus, wenn der Fall wirklich eingetreten ist und man persönlich betroffen ist. Theoretisch kann man schnell eine Meinung vertreten, aber die konkrete Entscheidung ist doch schwer!“

Ich mußte dabei daran denken, wie mich damals dieser Mord auf einmal persönlich mehr berührt hat als vorher. Ein Pfarrer aus Württemberg erzählte mir, daß zwei der bei der Entführung erschossenen Polizisten aus seinem Dorf stammten und er die Trauerfeier zu halten hatte. Da geht es dann nicht mehr um die große Politik, um die Pflicht des Staates und machtpolitische Berechnung. Hier hat man die Menschen vor Augen, ihr Leid und ihre Verzweiflung. Dabei wird aber auch deutlich, welche Folgen jede Entscheidung im Leben haben kann. Wir sind ja nun nicht die großen Weltenlenker.

Wir haben auch unsren Verantwortungsbereich, wir haben Macht und haben Entscheidungen zu fällen. Hoffentlich wird nie eine Entscheidung von uns verlangt, bei der es um das Leben eines anderen Menschen geht. Aber es genügt ja schon, wenn durch unsre Entscheidung die Lebensmöglichkeiten eines anderen beeinträchtigt werden. Müssen wir immer einen anderen kritisieren? Müssen wir ihm Vorschriften machen, die er als unsinnig empfindet? Müssen wir alles an uns raffen, was einem anderem dann fehlt? Verbreiten wir Mut und Zuversicht in unsrer Umgebung, oder flößen wir Furcht ein und hemmen die Entfaltungsmöglichkeiten anderer?

Die Bibel kann uns Hinweise geben, wie wir diesen Konflikt besser ausbalancieren können. So heißt es etwa in Psalm 62, Vers 12 und 13: „Gott allein ist mächtig, und du. Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er es verdient hat!“ Hier werden wir aufgefordert, zuerst einmal die Macht Gottes anzuerkennen. Wir sind nicht selber Herrgötter, die über alles entscheiden, selbst über das Leben anderer Menschen. Nur wenn wir prinzipiell die Macht Gottes anerkennen, haben wir auch das Recht, in unserem kleinen Umfeld in einem gewissen Maße Macht auszuüben. Nur in der Verantwortung vor Gott können wir unsere Entscheidungen fällen.

Gott wird letztlich darüber entscheiden, ob unser Handeln richtig war. Der Psalm spricht in diesem Zusammenhang von „Vergeltung“. Doch damit ist nicht nur die Strafe für falsches Handeln gemeint, sondern auch die „Belohnung“ für richtiges Handeln. Betont wird dabei aber, daß Gott gnädig ist, daß er nicht strafen will, sondern selbst bei unsrem Versagen vergibt und unsre Fehler wieder zurechtbiegen kann. Und dann mag auch gelten, was Paulus im Philipperbrief Kapitel 4, Vers 13, schreibt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus!“

Er sagt das im Zusammenhang mit der Absicherung seines Lebensunterhalts. Die Gemeinde hat ihn finanziell unterstützt. Aber er sagt, daß er auch Mangel ertragen kann. Er will alles so nehmen, wie Gott es ihm beschert. Er ist froh, wenn er unterstützt wird und es ihm gut geht. Aber wenn alles nicht so klappt, will er auch zufrieden sein.

Paulus weiß, daß Macht und Können nur von Gott und von Christus verliehen sind. Nur weil ihm dort Kraft gegeben wird, kann er auch selber Kraft haben. Nur wird man diese Kraft nicht unbedingt zur Ausübung von Macht über andere ausüben. Kraft dient vor allem dazu, anderen aufzuhelfen, daß sie mit ihrem Leben zurechtkommen. Wenn einer gute Erfahrungen gemacht hat, wenn er etwas gelernt und geübt hat, dann ist es seine Pflicht, das alles mit anderen zu teilen. Nur so geht er recht um mit den von Gott verliehenen Gaben.

 

Der Einzelne ist nicht machtlos                                                                             06.07.2002

In diesen Tagen wird das neue Frankfurter Polizeipräsidium an der Adickes-Allee bezogen. Eine Straße dort wurde „Polizeimeister-Kaspar-Straße“ benannt. Wer war dieser Polizeibeamte, an den an dieser hervorragenden Stelle erinnert wird? Was war so vorbildlich an diesem Mann? Otto Kaspar fälschte 1933 die Meldekarte der jüdischen Familie Senger: Den Ver­merk „mosaisch“ änderte er ab in „religionslos“.

Damit bewahrte er die ganze Familie vor dem Vernichtungslager. Wäre diese „Urkundenfälschung im Amt“ aufgeflogen, hätte er sie wohl selbst nicht überlebt. „Man könnte mit Recht fragen“, schreibt Valentin Senger in seinen Erinnerungen, „was den Polizeimeister Kaspar veranlaßt hat, eine so riskante Korrektur an unserer Einwohnermeldekarte vorzunehmen. Ich weiß es, bei Gott nicht. Er tat es einfach!“

Auch bei uns im heutigen Maintal gab es einen Polizisten, der einmal einen menschlichen Augenblick hatte. Der Bischofsheimer Dorfpolizist hat zwar die Polen bestraft, wenn sie ihr Zwangsarbeiterzeichen nicht richtig angebracht hatten. Oder er war mit dabei, als an der Kleinen Lohe ein Pole von den Nazis aufgehängt wurde. Aber er kam auch gegen Ende des Krieges zu einer Hochstädter Familie, deren Vater jüdischer Abstammung war, um ihm mitzuteilen, daß er jetzt doch abgeholt werden sollte. Bisher hatte man ihn verschont, weil er Weltkriegsteilnehmer war und sich nicht mehr zum Judentum bekannte. Aber kurz vor Ende der Naziherrschaft sollten auch noch die sogenannten „Halbjuden“ umgebracht werden. Durch die Warnung des Polizisten konnte die Familie noch bei befreundeten Familien Lebensmitteln einsammeln, die der Vater ins Gefängnis mitnehmen konnte. Er wurde dann auch nach einigen Tagen wieder entlassen und kehrte zu seiner Familie zurück.

Jene Polizisten waren keine Widerstandskämpfer. Sie dienten dem verbrecherischen System wie andere auch. Sie wollten ihren Beruf nicht gefährden. Aber sie hatten doch einmal einen Augenblick, in dem sie menschlich waren und etwas riskierten. Andere taten in ihrem Beruf mehr als von ihnen verlangt wurde und wurden zu Unmenschen. Diese Polizisten aber ließen sich nicht durch die Angst um ihre eigene Zukunft von einer Geste der Menschlichkeit abhalten. Ein System kann noch so unmenschlich sein, der Einzelne hat doch die Möglichkeit, anders zu sein.

Damit handelt er nicht nur, wie es später im Grundgesetz formuliert wurde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt!“ Er handelt damit auch wie der Gott der Bibel, der eine ausgeprägte Sympathie und Liebe für die Randsiedler der Gesellschaft hat. Pechvögel, Leidtragende und Bedrängte erfahren die besondere Aufmerksamkeit Gottes.

Das liegt daran, daß er seinen Sohn auf die gleiche Ebene geschickt hat. Schon in dem „Gottesknechtslied" in Jesaja 53 heißt es: „Er war der Allerverachteste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit!“ Man weiß nicht, ob damit ursprünglich eine konkrete Person gemeint war oder das ganze Volk Israel. Doch die christliche Gemeinde hat dieses Wort aus dem Alten Testament gleich auf Jesus bezogen, der sich auch auf die Seite der Verachteten gestellt hat und sogar am Kreuz für sie gestorben ist.

Unsere Aufgabe ist es, sich daran zu messen und die Verachteten nicht links liegen zu lassen, sondern uns an ihre Seite zu stellen. Theoretisch ist uns das wahrscheinlich klar und da nehmen wir uns das auch vor. Aber im gelebten Leben sieht es oft schwieriger aus. Da wird die Kritik an einem gewalttätigen Kind schon einmal um einen Ton schärfer, nur weil es ein ausländisches Kind ist. Da wird ein Behinderter schon einmal geflissentlich übersehen und an den Rand gedrückt. Da wird dann schon einmal auf dem Schulhof mitgebrüllt, wenn es wieder einmal gegen den Außenseiter geht. Da rümpft man schon einmal die Nase über die Familie mit acht Kindern, obwohl sie alle ordentlich und freundlich sind.

Für die Verachteten eintreten, das ist nicht nur eine Sache der Vernunft, weil wir ja selber auch einmal in die Rolle des Verachteten rutschen könnten. Es ist vor allem ein Gebot Gottes, der gerade die Verachteten liebt und Menschen sucht, die ihnen beistehen. Wir alle können seine Helfer sein, wenn wir nicht gedankenlos durch die Welt gehen, sondern uns an Gottes Gebot ausrichten und die lieben, die es besonders nötig haben, die einen brauchen, der für sie eintritt, weil sie sich nicht selber helfen können.

 

Fremde unter uns

Wenn mich interessierte Leute fragen: „Eure neuen Nachbarn sind wohl keine Hochstädter?“ dann sage ich: „Doch das sind Hochstädter, die wohnen schon eine ganze Zeit hier!“ Dabei sind sie Ausländer und Anhänger der islamischen Religion. Sie sind auch keine „Mitbürger“ (also nur Bürger zweiten Rangs), sondern Einwohner wie alle anderen auch. So wie es früher eine nennenswerte Zahl von Juden unter uns gab, so gibt es heute die Muslime. Diese genießen bei uns die Religionsfreiheit wie alle anderen religiösen Gruppen auch. Sie dürfen und können ihre Religion leben. Und wir wissen, die ganz große Mehrheit der Moslems bei uns ist friedlich ist und auf ein gutes Miteinander ausgerichtet.

Wir wollen ja, daß sie sich bei uns integrieren, also unsere Sprache lernen, sich mit der Geschichte und Gesellschaft unseres Landes befassen und vielleicht auch die eine oder andere Sitte übernehmen, ohne daß man ihnen ihre Sitten verbieten würde. Nicht dazu gehört aber, daß sie auch die bei uns vorherrschende Religion annehmen. Aber wir erwarten auch, daß sie es mit ihrer Religion nicht übertreiben. Muß es unbedingt eine repräsentative Moschee mit vier Minaretten sein? Das wäre doch eher ein Zeichen dafür, daß man alles so haben will wie im Herkunftsland. Muslim kann man auch sein ohne prachtvolle Moschee, Gebetsräume in den Schulen und mit Minaretten in jedem Dorf. Viele christliche Gemeinschaften kommen ja auch mit einfachen Räumen aus. Deutschland ist nun einmal kein islamisches Land und soll es auch nicht werden. Und wir dürfen auch erwarten, daß sie das Grundgesetz respektieren und es nicht zu Zwangsheirat oder „Ehrenmorden“ kommt.

Doch das muß man auch sagen: Unser Bild wird zu sehr von den militanten Muslimen bestimmt. Es gibt aber auch die anderen - und das ist die große Mehrheit - die sich positiv über ihre Arbeitsleistung hinaus in unsre Gesellschaft einbringen. So haben zum Beispiel die Mitglieder der Ahmadija-Gemeinde am Neujahrsmorgen die Westendstraße vom Müll der Nacht gesäubert.

Die Muslime können uns auch ein leuchtendes Beispiel sein, wenn man sieht, wie sie zum Gottesdienst gehen und vielfach auch tagsüber die Gebetszeiten einhalten, gerade auch die Männer. Wir denken vielleicht, es sei der falsche Gott. Aber wer es ernst nimmt mit dem Glauben, der ist allemal besser als einer, der (angeblich) gar nichts glaubt.

Vergessen wir auch nicht: Wir sind alle Fremde in der Welt. Aber durch Gott sind wir „Bürger mit den Heiligen“ (Epheser 2,19) geworden. Da können wir doch auch alle Menschen unsrer Umgebung als Bürger ansehen und behandeln.

 

Es gibt keinen „sauberen“ Krieg

Es kann nicht sein, daß die Tötung eines Zivilisten völkerrechtswidrig ist, die Tötung eines uniformierten Kämpfers aber erlaubt. Aber immer wieder hört man bei kriegerischen Aus­einandersetzungen, daß auch „unschuldige Zivilisten“ zu Tode kamen. Da muß sich dann noch der Angreifer entschuldigen und Entschädigung zahlen. Sind nicht auch die Soldaten unschuldige Opfer?

Die Kriege sind heute halt anders früher. Im klassischen Krieg gab es eine Frontlinie, die von den Zivilisten verlassen werden konnte. Aber schon im Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs war das anders: Zuerst haben die Deutschen die Städte in England bombardiert, nachher haben die Engländer die Deutschen bombardiert. Und Bomben machen bekanntlich keinen Unterscheid zwischen Soldaten und Zivilisten.

Heute sind weitere schreckliche Waffen hinzugekommen: Landminen, Splitterbomben, un­bemannte Kleinflugzeuge („Drohnen“). Aber es macht keinen Unterschied, ob einer durch ein Sturmgewehr oder eine Pistole oder durch Massenvernichtungsmittel umkommt. Es ist auch kein Unterschied, ob man dem „Feind“ Auge in Auge gegenübersteht oder vom Steuerpult aus eine Rakete oder Drohne lenkt. Das Ergebnis ist gleich.

Deshalb kann es keinen „gerechten Krieg“ geben. Es gibt keinen „sauberen Krieg“, denn Krieg ist immer schmutzig. Angeblich sind im Krieg alle Mittel erlaubt, und auch die Tötung mutmaßlicher Terroristen soll legal sein, auch wenn der Terrorismus nicht durch ein Gerichtsverfahren festgestellt wurde. Aber auch im konventionellen Krieg gab es kein Gerichtsverfahren.

Es gibt nur eins: Entweder Krieg oder kein Krieg. Man muß den Krieg ächten, nicht nur bestimmte Formen des Kriegs. Das gilt besonders angesichts der modernen Form des Kriegs, wo es keine festen Fronten mehr gibt und keine Soldaten in Uniform. Heute gibt es fast nur noch Guerillakampf und Bobenanschläge und Selbstmordattentäter. Und dabei kommen auch vorwiegend Zivilisten um.

Krieg ist immer Sünde, egal in welcher Form. Deshalb ist er in der Bibel verboten mit dem einfachen Satz „Du sollst nicht töten!“ und dieses fünfte Gebot ist eindeutig, ohne Wenn und Aber.

 

Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit

Jahrelang habe ich als Schöffe an der Rechtsprechung mitgewirkt. Beim Verwaltungsgericht ging es darum, den konkreten Fall des Bürgers mit Gesetzen und Vorschriften zu vergleichen. Oftmals wurde dann die Klage abgewiesen, weil der Wortlaut der Vorschrift nichts anderes zuließ, obwohl der gesunde Menschenverstand vielleicht durchaus anders geurteilt hätte. Beim Landgericht ging es oft um die Frage, ob noch eine Bewährungsstrafe verhängt werden kann oder ob bei „lebenslänglich“ auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden soll.

Was ist da „Gerechtigkeit“? Was ist „Recht“? Sicherlich mehr als das, was in dicken Gesetzesbüchern festgeschrieben ist. Auch Jesus forderte dazu auf: „Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht!“ (Johannes 7, Vers 24). Damit will er doch sagen: „Richtet nicht vorschnell!“ und: „Richtet so, daß ihr nicht sturen Gesetzen folgt, sondern dem Menschen gerecht werdet!“

Aber was ist Gerechtigkeit? In der Bildung bedeutet sie vielleicht, daß jedem die gleichen Chancen offenstehen. Aber wie wird ein Lehrer seinen Schülern „gerecht“? Und zwar jedem einzelnen mit seinen Schwächen und Begabungen, mit seinen Leistungen und Lernbehinderungen. Unsre Enkel haben gerade Ferien bekommen und haben ihre Noten durchgesagt. Dazu natürlich die Klagen: „Sie hat eine 9,6 gerundet auf eine 9!“ Ich konnte dazu nur sagen: „Es kommt darauf an, was du kannst, nicht wie du benotet wirst. Und du mußt dich doch noch verbessern können!“

Wie werden Eltern ihren Kindern „gerecht“? Sie sollen deren Bedürfnissen entsprechen und müssen ihnen doch zugleich Grenzen setzen. Es ist nicht damit getan, ihnen alles zu gewähren und zu erlauben. Kein Kind darf vorgezogen werden, weder das älteste noch das jüngste. Da ist es für Eltern nicht immer leicht, gerecht zu sein.

Noch schwieriger wird es mit der Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Es ist sicher nicht gut, wenn der Staat manche Löhne aufstocken muß, damit eine Familie davon leben kann. Wenn einer die volle Zeit arbeitet, muß er davon genug Netto zum Leben für sich und seine Familie haben (sonst kann er gar keine Familie gründen). Also muß zumindest ein Mindestlohn her. Aber auch der genügt oft nicht.

Die Stadt Frankfurt hat Busfahrer, die durchaus angemessen entlohnt werden. Weil sie aber sparen will, schreibt sie die Buslinien europaweit aus und nimmt dann Unternehmen, die ihre Fahrer weit unter dem Lohn bei der Stadt bezahlen. Für die Stadtkasse mag das gut sein, nicht aber für die Familie, die nach Abzug aller Festkosten gerade noch einmal 239 Euro im Monat hat. Darunter leiden nicht nur die Erwachsenen, sondern vor allem die Kinder, die auch einmal schöne Kleidung und spannende Spiele haben möchten.

Die Kirche hat es in der Vergangenheit oft so gemacht wie der barmherzige Samariter (Lukas 15): Sie hat den verbunden, der unter die Räuber gefallen war. Aber wichtiger wäre gewesen, die Wege so sicher zu machen, daß gar keine Räuber mehr auftreten. Das wird heute mehr erkannt. Deshalb mischt sich die Kirche aus Verantwortung gegenüber Gott auch in die Gestaltung der Gesellschaft und mahnt eine gerechtere Welt an.

Gerechtigkeit ist ein Wert, auf den wir achtgeben müssen. Gerechtigkeit wird nicht einfach so hergestellt, als ginge es um ein Werkstück. Gewiß muß für Gerechtigkeit gekämpft werden. Aber kein Staat, kein Gericht, kein Gesetzbuch und keine Kirche verfügt schon von sich aus über das rechte Maß an Gerechtigkeit. Gerechtigkeit müssen wir lernen. Lebenslang! Und sie bleibt immer auf Gegenseitigkeit angewiesen. Gerechtigkeit wächst und gedeiht nur, wenn wir offen miteinander umgehen.

Doch bei allem Bemühen um Gerechtigkeit wird immer ein Rest bleiben, bei dem nur noch Barmherzigkeit helfen kann. Deshalb kann es nicht heißen: Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit, sondern nur Gerechtigkeit u n d Barmherzigkeit.

 

Burnout - Ausgebrannt sein

Man hört in letzter Zeit sehr viel von dem sogenannten „Burn-out-Syndrom“, dem völligen Erschöpftsein eines Menschen, der nicht mehr arbeitsfähig ist. Ist das nur eine Modekrankheit, die besser klingt als „Depression“ oder „Nervenschwäche“, wie man ganz früher sagte? Ist das nur eine willkommene Ausrede für Selbstmitleid? Oder ist die Krankheit eine Seuche unsrer Zeit und außerdem noch ein Tabuthema, das man nicht so recht wahrhaben will.

Heute ist die Arbeit „entgrenzt“: Am Freitag macht man nicht mehr die Türe zu und alles ist aus­geblendet. Aber gar nicht mehr abschalten zu können gilt als eines der wichtigsten Warnsymptome für Burnout. Der Arbeitgeber erwartet aber die dauernde Erreichbarkeit: 9 von 10 Arbeitnehmern sind auch in der Freizeit für die Chefs erreichbar - und zum Teil auch für die Kunden.

Es gibt eine höhere Arbeitsverdichtung und einen höheren Kontrolldruck. Dadurch entsteht das Gefühl, daß man nicht mehr richtig steuern kann. Die Sicherheit hat abgenommen, aber es wird immer mehr Flexibilität verlangt. Der Berufstätige muß sich tagtäglich den Herausforderungen stellen. Andererseits leidet er unter der Unsicherheit der Kettenarbeitsverträge.

. Verschärfend kommt der gestiegene Zeitdruck hinzu, auch in der Freizeit. Alles, was Genuß sein kann, verliert seinen Charme, wenn man es schnell oder im Zustand der Erschöpfung tun muß. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und haben einen Wertewandel erfahren: Es ist zwar schön, viel Geld zu verdienen, aber das verschiebt die Werte.

Plötzlich werden Fehler produziert, vor allem nach überlanger Arbeitszeit. Dadurch entsteht aber noch höherer Druck. Der Organismus wehrt sich mit Erschöpfung, Leistungsabfall, sozialem Rückzug. Oft kommen noch körperliche Symptome wie gestörter Schlaf, Ohrgeräusche oder Magenprobleme hinzu. Zunächst verleugnet und verdrängt man es noch. Aber dann hat man keine Freude mehr am Leben. die Steuerung setzt aus und dann kommt der Wunsch auf, an einen Baum fahren und dem allen ein Ende zu setzen.

In Spitzenpositionen ist Schwäche aber leider immer noch ein Tabu. Fußballer, die sich als depressiv offenbart haben, wurden später nicht mehr angestellt mit dem Argument: Er wird dem Druck nicht mehr gewachsen sein! Leute, die selber bestimmen können und Freude bei der Arbeit haben sind nicht so gefährdet, auch wenn sie lange und angestrengt arbeiten. Aber der Prominente kann auf die Malediven fliegen, dem Angestellten bleibt nur die Krankschreibung.

Man kann versuchen, die Schuld wegzudrücken, indem man auf den bösen Chef schimpft. Es hat eine Verschiebung stattgefunden von der körperlichen Anstrengung zur psychischen. Früher hatte man einen kaputten Rücken, heute hat man eine kranke Seele. Die orthopädischen Probleme hat man durch die Arbeitsschutzbestimmungen gebessert. Aber weil heute mehr die Wertschöpfung durch Dienstleistung geschieht, entstehen daraus seelische Probleme, die nicht nur vorgetäuscht sind. Aber ganz falsch wäre es, sich in Alkohol und Nikotin zu flüchten. Anzeichen für die Krankheit ist auch exzessives Trinken, vor allem, wenn man bis in die Nacht arbeiten muß.

 

Die Elia-Geschichte (1. Könige 17 - 19) beschreibt die klassischen Burnout-Symptome: Ein erfolgreicher Prophet tut reihenweise Wunder. Durch hohes persönliches Engagement hat er Erfolg.

Aber auf dem Höhepunkt drohte er zu scheitern. Es kommt zum Mobbing durch eine mächtigere Person, Überforderung und Enttäuschung. Folge ist der soziale Rückzug bis hin zum Gedanken an den eigenen Tod. Elia flüchtet in die Wüste und sehnt sogar den Tod herbei: „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter!“.... (1. Könige 19, 4). Aber dann kommt der Wendepunkt: Elia stirbt nicht am Wacholder. Ein Engel erscheint und ver­ordnet ihm Essen und Trinken und ein wenig Ruhe - also die Grundbedürfnisse des Menschen. Dazu kommen auf der seelischen Seite das Bedürfnis nach Bindung, Selbstwertbestätigung, Orientierung, Kontrolle und Lustbefriedigung (Spiel und Vergnügen allgemein).

Das Tröstliche für uns ist: Ein Christ darf zugeben, daß er schwach ist - auch die Männer. Wenn man aber diese Krankheit hat, muß man unbedingt zum Fachmann, zum Psychotherapeuten - Christsein hin oder her. Man sollte nicht meinen, mit ein wenig Glauben werde das schon wieder. Dafür haben wir ja die Ärzte, daß sie uns nach Möglichkeit helfen.

Aber natürlich ist auch der Glaube ist eine Hilfe. Ein Psychotherapeut, der etwas von seinem Fach versteht, wird den Glauben in seine Bemühungen einbauen und wissen: Nur mit Gottes Hilfe kann die Gesundung letztlich gelingen (Weitere Ausführungen zum Thema unter „www.peterheckert.org“, Link Theologie, Gedanken zum Sonntag, ganz am Schluß).

 

Streit schlichten

Eine Mutter kommt gestreßt heim. Die zwei Kinder streiten sich darum, wer mit dem Ball spielen darf. Da ist die Versuchung groß, schnell eine Entscheidung zu treffen. Aber man muß damit rechnen, daß die Entscheidung ungerecht ausfallen wird. Manchmal läßt es sich auch gar nicht anders machen, als daß eine Ungerechtigkeit entsteht.

Am einfachsten wäre natürlich, man hätte zwei gleiche Bälle und könnte jedem Kind einen geben. Wenn das aber nicht der Fall ist, gibt es immer noch Kompromißmöglichkeiten: Man kann festlegen, wer zuerst damit spielen darf, und dann nur einen kurzen Zeitraum festlegen, bis das zweite Kind drankommt. Man könnte auch an das ältere Kind appellieren, doch vernünftig zu sein und dem jüngeren Kind den Vortritt zu lassen; aber auch dann wird es vielleicht unzufrieden sein. Aber irgendeine Lösung wird es geben müssen.

Erwachsene sind nicht mehr wie die Kinder - zumindest sollten sie es sein. Sie streiten sich nicht mehr um den Ball, sondern um den Parkplatz oder den Lärm vom Nachbarn. Gerade Nachbarschaftsstreitigkeiten schaukeln sich manchmal so auf, daß ein Gericht kaum damit zurecht kommt.

Bei einer Umfrage wurde festgestellt, daß 34 Prozent der Menschen gesünder leben, wenn sie gute Nachbarn haben. Als ich das hörte, bin ich zu unserem Nachbarn gegangen und habe ihm erneut versichert, daß ich ein guter Nachbar sein will, wenn etwas ist, soll er es mir nur sagen. Es ist aber sicher nicht damit getan, daß ein Nachbar vom anderen fordert, er solle doch ein „guter Nachbar“ sein. Zuerst ist jeder aufgefordert, selber dieser gute Nachbar zu sein.

Psychologen sagen uns, in solchen Fällen muß immer einer zuerst nachgeben, dann zieht auch der andere nach. Man kann solche Konflikte nur lösen, wenn einer über seinen eigenen Schatten springt und nicht mehr auf sein Recht pocht, auch wenn er objektiv gesehen Recht hat. Ein Christ ist immer aufgefordert, um des lieben Friedens willen derjenige zu sein, der als erster nachgibt.

Paulus schreibt dazu im Römerbrief (Kapitel 12, Vers 18): „Ist es möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden!“ Darin liegt eine Einschränkung, die Schiller in die Worte faßt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!“ Aber vielleicht geht es auch ohne diese Einschränkung. Ein Christ jedenfalls kann es versuchen. Er kann das, weil er weiß, daß Gott ihn schon mit allem versorgen wird und er schon Leben nicht zu kurz kommen wird.

 

 

Zusätze, die nicht im Buch enthalten sind:

 

 

Advent: Offene Türen

Im Urlaub in Bad Hindelang sagte der Vermieter der Ferienwohnung: „ Der Haustürschlüssel steckt immer von außen an der Tür. Aber wenn Sie Ihre Wohnung abschließen wollen, dann könne Sie das tun!“ So ein Haus ist einladend, da geht man gerne hinein. Natürlich gibt es auch böse Buben, die ja nicht hineingehen sollen. Aber das ist der Preis der Freiheit, daß man auch einmal etwas riskieren muß.

Das ist auch heute die Frage: Wollen wir einen Polizeistaat mit immer mehr Überwachung und immer weniger Rechten für die Bürger, oder wollen wir frisch, fromm, fröhlich, frei unser Leben führen? Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es Menschen gibt, die uns um unsre Lebensart und Freiheit beneiden. Deshalb wollen sie sie auf die Probe stellen und nach Möglichkeit vernichten. Wir sollen mißtrauisch werden und Angst bekommen.

Wer die Haustür offen läßt, der hat keine Angst. Er tut das nicht, weil er ein Anhänger der ländlichen Idylle ist oder so ein kindliches Lebensgefühl hat wie in Astrid Lindgrens Erzählungen von den „Kindern aus Bullerbü“. Eher ist es ein tiefes Gottvertrauen, das die Tür offen hält.

In Psalm 24, Vers 7, werden wir aufgefordert: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehre einziehe!“ Für Gott darf und soll unsre Tür offen stehen, auch wenn wir heute die Haustür verschlossen haben und sogar noch ein extra Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben. Die Zeiten haben sich geändert, es gibt doch zu viele böse Buben in der Welt.

Aber das soll unser Gottvertrauen nicht prägen. Für Gott machen wir die Tore unsres Herzens weit. Advent ist eine Vorbereitungszeit, den König der Ehren zu empfangen. Ihm dürfen wir vertrauen, er kommt nur zu unserem Heil.

 

An Neujahr wird uns die Zeit besonders bewußt

Geburtstag ist eine Alterserscheinung, der Jahreswechsel ebenso: Am Altjahrsabend an Silvester werden wir einfach mit Gewalt ins neue Jahr hineingedrückt. Plötzlich trägt die Zeitung eine andere Jahreszahl. Der Abreißkalender ist noch dick, wird aber jeden Tag dünner. Wir selber müssen uns beim Schreiben an eine andere Jahreszahl gewöhnen und so weiter.

Man kann das mit Gelassenheit sehen. Aber viele scheinen auch eine untergründige Angst zu haben und wollen sie mit Alkohol und Lärm überspielen. Man kann aber auch freudig und mit Zuversicht in das neue Jahr gehen. Das ist an sich die Haltung, zu der ein Christ ermutigt wird. Schließlich weiß er ja: Jede Zeit ist Gottes Zeit!

Die Zeit wird uns gerade an Neujahr bewußt. Aber dieser Tag eröffnet uns auch eine neue Zeit. Was gestern war, ist vorbei, heute ist heute, und morgen wartet auf uns der Herr. Deshalb muß uns die Uhr und die vergehende Zeit nicht hetzen

An einem Stadtturm ist die Uhr nicht genau in der Mitte angebracht, sondern etwas nach rechts gerückt. Das kann ein Symbol für uns sein: Die Uhr ist nicht das Wichtigste in unserem Leben, wir können sie getrost etwas an die Seite rücken. Wir brauchen sie, und sie soll uns auch durchaus an die Vergänglichkeit erinnern. Aber sie soll uns nicht hetzen und uns dabei die Mitte unseres Daseins verlieren lassen.

Wenn Gott aber die Mitte unseres Daseins ist, dann rückt das Zeitliche und Vergängliche zur Seite. Dann sagt uns Gott, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen, wie wir sie sinnvoll füllen können. Es bleibt die Frage: Sind wir Uhrenmenschen oder Gotteskinder? Leben wir für die Zeit oder für die Ewigkeit?

Dann bleibt nur noch die Bitte von Marie Schmalenbach:

Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell herein,

daß uns werde klein das Kleine

und das Große groß erscheine,

sel’ge Ewigkeit.

 

Bete und arbeite

Der frühere Bürgermeister und Heimatforscher Wilhelm Mankel hat an seinem Haus in der Bogenstraße 7 die lateinischen Worte „ora et labora“ anbringen lassen. Dieser Wahlspruch der Benediktinermönche heißt auf deutsch „Bete und arbeite“. Herr Mankel ist wohl auf ihn gestoßen bei seinen Forschungen zum früheren Ort Groschlag, wo die Benediktiner aus St. Gallen einen Hof besaßen.

Ein Mann fragte einmal einen Benediktinermönch nach dem Sinn dieser Aufforderung „Bete und arbeite“. Der Mönch antwortete ihm mit einem Beispiel. Er führte den Mann an einen See, sie stiegen in ein Boot und der Mönch ruderte los. Doch nach einer Weile sagte der andere: „Wir bewegen uns doch nur im Kreis!“ Der Mönch antwortete: „Ich rudere ja auch nur mit e i n e m Ruder. Wenn wir vorankommen wollen, müssen wir mit beiden Rudern arbeiten. So ist es auch sonst im Leben: Das rechte Ruder heißt „arbeiten“ und das linke Ruder heißt „beten“. Beide sind notwendig für unser Leben!“

Auf diese Ausgeglichenheit achtet auch Jesus in seinem Leben. Gleich am Anfang seines Wirkens wird in Markus 2 erzählt, wie er in Kapernaum ins Bethaus geht, aber dort auch gleich einen kranken Mann heilt. Anschließend heilt er die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber. Das spricht sich natürlich schnell herum, und so hat er den ganzen Abend zu tun, um die Menschen von ihren körperlichen und seelischen Krankheiten zu heilen. Er geht förmlich in der Arbeit auf.

Aber am nächsten Morgen geht er zu einer einsamen Stelle und betet dort. Er will sich zurückziehen, um die Verbindung mit seinem Vater aufzunehmen und neue Kraft zu schöpfen für die kommenden Aufgaben. Darin ist er ein Vorbild für uns, mit diesem Wechsel zwischen Arbeit und Gebet.

Beides ist wichtig: Ein Zuviel an Arbeit führt zu Streß, stilles Verweilen aber gibt neue Kraft. Aber es geht nicht nur um die Pause an sich, sondern sie kann gefüllt sein mit dem Gebet zu Gott. So kann sich der Mensch wieder erneuern.

Wir brauchen immer wieder einmal eine Pause. Wer keine Pause macht, wird rastlos. Die Pause gibt im Grunde den Rhythmus unsres Lebens an. Sie ermöglicht uns, gelassen an die Arbeit zugehen, uns den Menschen und den aufgetragenen Arbeiten zuzuwenden.

Jesus zeigt uns aus seiner inneren Stärke heraus, wie man sich richtig den Menschen zuwendet. Er ist nicht wie der Arzt, der nur etwas in den Computer tippt und den Patienten gar nicht ansieht. Richtige Gesundheit ist mehr. Es geht auch um die Seele. Wenn der Mensch zu sich selber findet, dann findet er auch seine Seele. Entweder wird er dann gesund oder er hält die Kraft, die Krankheit anzunehmen.

Heilung bedeutet: Sich von Jesus berühren und anrühren zu lassen. So wie er sich treu bleibt, indem er eine Pause macht, um Kraft zu schöpfen, so können auch wir jeden Tag wieder zur Ruhe finden in Stille und Gebet. Eine besondere Gelegenheit dazu ist aber der Gottesdienst, wo wir frei sind von Computer und Handy und sogar eine eigene Zeit haben zum persönlichen Gebet in der Stille.

 

 

Ehe zweiter Klasse

In der Bibel kommt das Wort „Ehe“ kaum vor, zweimal im Zusammenhang mit Ehelosigkeit und öfter im Zusammenhang mit Ehebruch. Aber in Hebräer 13,4 steht auch: „Die Ehe soll in Ehren gehalten werden!“ An keiner Stelle findet sich so etwas wie ein romantisches Ehe-Ideal. Nirgends ist von einer himmlischen Ehe die Rede, allerdings auch nicht, daß sie eine Hölle sei.

Aber vorausgesetzt ist immer, daß in der Ehe nur Mann und Frau zusammengefügt sind. Doch so einfach kann man es sich doch nicht machen wie manche konservative Christen, die sagen: „Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, da hat er sich sicher etwas dabei gedacht!“ Der Sinn der Ehe ist nicht in erster Linie das Kinderkriegen, sondern die enge menschliche Gemeinschaft, die bis dahin gehen soll, „daß eins das andere in den Himmel bringe“, wie Luther gesagt hat.

Ist die Ehe ein christliches Modell oder ein bürgerliches Modell, in dem nicht die Liebe bestimmt, sondern Macht und Geld? Ist sie nur eine Bedarfsgemeinschaft wie im Sozialrecht oder ein Steuersparmodell wie im Steuerrecht. In der Ehe geht es um die Liebe der Ehegatten untereinander und gegebenenfalls auch zu den Kindern. Das ist aber auch in anderen Modellen möglich als in der klassischen Ehe.

So gibt es denn heute auch „Ehen“ zweiter oder dritter Klasse. Die nennt man dann „eingetragene Lebenspartnerschaft“ oder „wilde Ehe“. Es braucht nur einmal einer zu klagen, dann muß nach dem Gleichheitsgrundsatz auch eine „wilde Ehe“ registriert werden - zum Beispiel durch eine Erklärung gegenüber dem Finanzamt - und wird dann steuerrechtlich gleichgestellt. Aber eine gegenseitige Verantwortung wird nicht übernommen, denn man kann sich ohne ein geregeltes Scheidungsverfahren wieder trennen. Da wäre es besser, wenn es ein Familiensplitting gäbe, bei dem es eine höhere Steuerermäßigung je nach der Zahl der Kinder gäbe. Eltern mit Kindern sollten wirtschaftlich so gut gestellt sein wie Eheleute ohne Kinder oder mit erwachsenen Kindern.

Der Ehe wird nichts genommen, wenn Schwule und Lesben nur „eheähnlich“ zusammenleben. Der Fortbestand der Gesellschaft ist durch die Gleichstellung nicht gefährdet. Die Ehe wird nicht privilegiert, wenn sie steuerlich begünstigt wird. Aber das Ehegattensplitting bei der Steuer dient nur den Reichen, bei denen die Frau nicht mitarbeiten muß.

Eine eigene Frage sind die Kinder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Kein Kind wird weniger geboren, wenn alle Lebensgemeinschaften gleichgestellt werden. Aber vielleicht werden mehr geboren oder adoptiert, wenn es auch in den anderen Modellen einen Schutz gibt wie in der Ehe.

Es gibt aber auch in der Ehe schlechte Eltern. Entscheidend ist das Kindeswohl. Wahrscheinlich ist es für die Erziehung besser, wenn Kinder einen Vater und eine Mutter haben. Aber auch alleinstehende Väter und Mütter erziehen gut. Warum sollen nicht zwei Witwen gemeinsam ein Kind haben oder zwei Brüder oder zwei Schwestern?

Das geht dann über eine Adoption, bei der auch das Sorgerecht und zum Beispiel das Auskunftsrecht bei Krankheit geklärt wird. Adoptivkinder muß man nicht bedauern, weil sie keine „normale“ Familie haben. Aber die Mehrheitsgesellschaft muß auch die Minderheiten dulden und die Kinder in der Schule müssen solche Kinder auch annehmen.

 

Ehrlich währt am längsten

Bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung kann man geblitzt werden. Aber das Bild kann so schlecht sein, daß man den Fahrer nicht erkennen kann. Die Polizei fragt dann den Fahrzeughalter, ob er es gewesen sei. Soll man es dann zugeben, daß man einen Fehler gemacht hat? Norbert Blüm hat das als guter Katholik entschieden die Meinung vertreten, man müsse da ehrlich sein. Ein Christ wird nicht leugnen, er hat die Tat doch begangen, auch wenn sie ihm nicht nachzuweisen ist.

Es geht nicht darum, daß er es vielleicht nur aus Angst zugibt, weil ein anthropologisches Gutachten ihn vielleicht doch als den Täter ausweisen wird. Es geht auch nicht darum, daß er vielleicht die Auflage der Polizei fürchtet, ein Fahrtenbuch führen zu müssen (für dieses Mal wäre er dann noch davon gekommen, aber für die Zukunft wäre vieles erschwert). Es geht darum, daß man als Christ grundsätzlich ehrlich ist. So sagt es der Apostel Paulus im Philipperbrief Kapitel 4,Vers 8: „Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein - dem denket nach!“

Es ist ein Unterschied zwischen einer juristischen Schuld und einer moralischen Schuld. Die

Juristen sagen: „Was nicht ausdrücklich verboten ist, das ist erlaubt!“ Doch der Gesetzgeber kann bei der Formulierung eines Gesetzes nicht an alle Möglichkeiten denken, wie man das Gesetz doch noch umgehen könnte. Es kommt auf den Sinn des Gesetzes an.

Aber Juristen haben immer den Ehrgeiz, die Schwachstellen noch aufzudecken zum Wohle ihrer Mandanten. Sie wollen nicht, daß die Wahrheit gefunden wird, sondern daß die Anklage zusammenbricht und ihr Mandant straffrei dabei herauskommt. Und dann sagen sie noch: „Das ist doch ihr gutes Recht!“

Juristen haben das Bestreben, die Anklage kaputt zu machen. Deshalb empfehlen sie dem Angeklagten, sich zu entschuldigen, weil sich das immer gut vor Gericht macht. Sie raten auch zur Lüge, denn der Angeklagte darf lügen (nicht aber der Zeuge). Sie entwerfen eine andere Schilderung des Hergangs der Tat, so daß schließlich aus einem gemeinen Mord eine Notwehr wird. Und dem Gericht bleibt dann nichts anderes übrig, als den Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen.

Das kann nicht das Bestreben eines Christen sein. Er weiß, daß er einmal vor einem höheren Richter stehen wird, wo alle Ausreden nichts mehr gelten. Deshalb kann es für ihn auf Erden auch nur das eine geben: Ehrlich sein, die Schuld eingestehen, die Strafe tragen. Aber Gott wird das noch einmal anders beurteilen und sicher auch ein gnädiger Gott sein.

 

Recht oder Gerechtigkeit

Wie will man Gerechtigkeit schaffen in einem Prozeß, bei dem Mithilfe bei der Ermordung von 300.000 Juden angeklagt ist? In diesen Tagen steht einer der Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz vor Gericht. Er hat niemanden direkt ermordet, aber er war ein Teil der Mordmaschinerie, indem er den Ankommenden das Geld abnahm und sorgfältig darüber Buch führte. Er sagt:„Es war doch Geld des Deutschen Reichs, das sollte doch nicht mit im Gas verbrennen!“

Er war deshalb schon früher einmal angeklagt worden. Aber damals sagte man: „Er hat ja niemand selber umgebracht“. Aber inzwischen hat sich die Rechtsauffassung geändert: Alle 6.500 Aufseher haben sich schuldig gemacht. Jener Angeklagte hat immerhin im Gegensatz zu anderen Angeklagten seine moralische Schuld eingestanden. Wie das rein rechtlich zu werten ist, soll das Gericht entscheiden. Doch wie will man die damaligen Untaten werten und heute nach 70 Jahren noch gerecht bestrafen?

Gerechtigkeit ist nicht Wiedergutmachung, die ist niemals möglich. Aber die Überlebenden wollen, daß das Unrecht auch als Unrecht bezeichnet wird, daß alle Informationen auf den Tisch gelegt werden und die Schuld festgestellt wird. Auch wenn der Angeklagte wahrscheinlich nicht haftfähig ist, so soll doch eine geschichtliche Aufarbeitung erfolgen. Eine Überlebende von Auschwitz fordert zum Beispiel, daß der Angeklagte zu den heutigen Neonazis geht und bezeugt, daß Auschwitz ein Vernichtungslager war und kein Arbeitslager. Oder sie protestiert dagegen, daß Palästinenser bei einer Demonstration in Deutschland rufen: „ Juden ins Gas!“

Diese Frau ist sogar vor dem Prozeß auf den Angeklagten zugegangen und hat sich mit ihm ausgesprochen und ihm die Hand gereicht. Sie ist deswegen kritisiert worden, aber das ist eine wahrhaft christliche Handlung, wenn sie auch von einer Jüdin kommt. Voraussetzung ist natürlich das Schuldeingeständnis. Man kann nicht zu so einem Mann hingehen und sagen: „Ich vergebe dir das, was du mir angeblich nicht angetan hast!“

Einen Schlußstrich - wie ihn viele fordern - kann es nicht geben. Vergessen sollte man das Geschehene nicht, aber vergeben kann man es. Das ist die christliche Haltung, wie sie im Timotheusbrief, Kapitel 6, Vers 11, ausgedrückt ist: „Du Gottesmensch, jage nach der Gerechtigkeit, der Gottesfurcht, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!“ (1.Tim 6,11). Man kann doch einfach sagen: „Es ist nun einmal so gelaufen, es kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber wir wollen in die Zukunft sehen!“

Neben die juristische Aufarbeitung gehört auch die persönliche Bewältigung: Der Angeklagte ist nicht schuldlos, wenn er nicht ins Gefängnis muß. Und die Überlebenden wollen und sollen sich nicht als Opfer fühlen, sondern müssen sehen, wie sie innerlich mit dem Geschehenen fertigwerden. Dazu helfen Glaube, Liebe, Geduld und Sanftmut, wie sie der Timotheusbrief fordert.

 

Amateurfußballer erhalten keinen Mindestlohn

Das hat mich doch verwundert, als der Bundesfinanzminister entschied, Amateurfußballer fallen nicht unter das Mindestlohngesetz. An sich unterscheiden sich die Amateure von den Profis doch dadurch, daß sie kein Geld für ihre sportliche Betätigung erhalten. Der Verein kann die Kosten für Sportgeräte übernehmen oder Fahrtkosten ersetzen, aber Geld zu bezahlen für die Ausübung des Sportes ist doch abwegig. Sport übt man doch zum Wohl der eigenen Gesundheit aus und nicht, um Geld damit zu verdienen. Aber offenbar ist es doch so, daß bis in die untersten Amateurklassen eine „Aufwandsentschädigung“ gezahlt wird und die besseren Spieler von den wohlhabenderen Vereinen weggekauft werden.

Überhaupt kann man sich nur wundern, welche Tätigkeiten heute alles bezahlt werden. Als ehrenamtliche Richter (Schöffe) bekommt man nicht nur den Verdienstausfall und die Fahrtkosten ersetzt, sondern es gibt auch eine gewisse Vergütung. Die Stadt ernennt Beauftragte für bestimmte Arbeitsgebiete, bezahlt sie aber wie Teilzeitkräfte. Die Politiker betonen immer wieder die Wichtigkeit des Ehrenamtes. Es ist ja auch wichtig, ohne das Ehrenamt ging es nicht mehr in unserer Gesellschaft. Und es gibt auch viele Menschen, die wirklich selbstlos und aufopfernd im Dienst an ihren Mitmenschen stehen.

Aber irgendwie muß man auch darüber nachdenken, wenn eine Stadt dafür ausgezeichnet wird für ihr das umfangreiche ehrenamtliche Engagement ihrer Bürger. Denn auf der anderen Seite heißt das doch: Hier werden hauptamtliche bezahlte Arbeitsstellen eingespart. Auch in unserer Stadt wird das Ehrenamt hoch gehalten, sagen die Verantwortlichen der Stadt. Das geht sogar so weit, daß man dort sagt: „Wir sind nicht dazu da, die Bürger zu bedienen!“ Ja wenn das so ist, dann können wir auch auf die Verwaltung verzichten.

Die gleiche Verwaltung ist aber großzügig, wenn es um die Bezahlung ehrenamtlicher Arbeit geht. Es ist schon anfechtbar, daß die Wahlhelfer von seiten des Landes aus einen Anspruch auf 19 Euro „Erfrischungsgeld“ für ihre Tätigkeit erhalten sollen. In unserer Stadt aber werden seit der vorletzten Wahl jedem Wahlhelfer 55 Euro gezahlt. Das ist ein Stundenlohn von 8 Euro. Auf Nachfrage wird erklärt: „Wir wollen dadurch eine Anreiz geben, daß sich Leute finden für diese Aufgabe!“ Aber wer es nur wegen des Geldes macht, soll es sein lassen - so etwas ist eine Beleidigung des Ehrenamtes.

Daß es auch anders geht, zeigt die Kirchengemeinde. Bei der Kirchenvorstandswahl fanden sich durchaus acht Personen, die nicht Kandidaten waren, und haben diesen Dienst übernommen. Und ihre „Erfrischung“ haben sie von zu Hause mitgebracht. Ehrenamt und Bezahlung vertragen sich nicht miteinander. Im Ersten Petrusbrief in Kapitel 4, Vers 10 steht dazu: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!“ Aber es heißt nicht: „Verdienet an einander!“ Gaben hat man dazu, daß man sie selbstlos einsetzt.

 

Wie kann man einen Brief an Gott schicken?

So etwas in Verlegenheit gebracht hat mich doch ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter zum Gottesdienst gekommen war und mir am Ausgang eine Zeichnung überreichte. Die Mutter sagte dazu: „Opa und Oma sind gestorben, und nun hat er ein Bild für sie gemalt und möchte es ihnen senden!“ Ich sagte: „Und ich soll versuchen, den Brief nun zuzustellen?“ Der Junge nickte. „Dann will ich sehen, was sich machen läßt!“

Die Mutter hatte es schon richtig gemacht, als sie dem Jungen sagte: „Wir nehmen den Brief mit zum Pfarrer, der hat eine besondere Verbindung zu Gott, dem wird schon etwas einfallen!“ Doch nun war guter Rat teuer. Was sollte ich mit dem Bild machen? Briefe an das Christkind kann man ja nach Himmelstadt bei Lohr schicken oder nach Christkindl in Österreich. Da hat man dann ein Weihnachtspostamt und ehrenamtliche Helfer beantworten die Briefe auch. Aber nun so mitten im Sommer dieser ganz außergewöhnliche Brief!

Auf dem Heimweg kam mir dann ein Gedanke: Das Bild wird nicht einfach weggeworfen, sondern der kommt ins Internet. Gott wird schon auch ein Laptop oder wenigstens ein Smartphone haben oder auch viele, damit die Großeltern selber nach einer Nachricht von ihrem Enkel suchen können.

Natürlich ist das Internet nicht der Himmel und natürlich können wir auch mit den modernen Medien keinen Kontakt zu Gott aufnehmen. Aber es gibt ein anderes altbewährtes Mittel, durch das wir mit Gott in Verbindung treten können: das Gebet.

Und da fällt mir gleich das englischsprachige Lied ein: „Der Himmel ist gerade ein Gebet weit entfernt!“ Im Gebet können wir uns an Gott wenden. Wie es dann hinkommt, ist nicht unser Problem, das können wir Gott überlassen. Wir werfen das Gebet gewissermaßen nur in den Briefkasten, befördern werden es andere.

Aber natürlich erhebt sich dann die Frage: „Wann kommt einmal eine Antwort?“ Gott erfüllt nicht alle unsere Gebete – und manchmal ist das auch gut so. Aber manche Gebete gehen auch in Erfüllung. Vielleicht geschieht das nicht immer so, wie wir uns das im Einzelnen gewünscht haben. Aber viele Gebete erhalten auch eine Antwort, so daß uns geholfen wird.

 

Das Bild des Jungen können Sie sehen auf meiner Webseite „peterheckert.org“ unter „Predigten, Gedanken zum Sonntag“  ganz am Schluß.

Leider weiß ich den Namen des Jungen nicht, aber vielleicht meldet er sich ja einmal bei mir, wenn seine Eltern das hier lesen. Und ich bin wenigstens leicht zu erreichen, die Nummer steht im Telefonbuch.

 

Barmherziger Samariter heute

Gelegentlich wird ein Experiment gemacht, mit dem man feststellen will, ob Verkehrsteilnehmer ihrer Pflicht zur Hilfeleistungen bei Unfällen nachkommen. Die Entrüstung ist dann immer groß, wenn erst der 20. Autofahrer anhält. Ich kann nur sagen, daß ich da die umgedrehte Erfahrung gemacht habe: Es war gar nicht viel passiert, aber es hielten vielleicht 20 Autofahrer, bis endlich der Abschleppdienst kam. Mir war das direkt peinlich.

Das Vorbild für die Hilfeleistung ist im Neuen Testament der „Barmherzige Samariter“, wie er in Lukas 10 beschrieben wird: Da liegt einer schwerverletzt an der Straße von Jericho nach Jerusalem, denn Räuber haben ihn halbtot geschlagen. Aber ein Priester geht schnell auf der anderen Straßenseite vorbei, denn er muß ja zum Gottesdienst pünktlich sein. Das gilt noch mehr für seinen Mitarbeiter, der sich noch mehr verspätet hat.

Sie denken wie der Theologieprofessor Troeltsch in Göttingen, der erklärt hat: „Wenn ich nach der Vorlesung den leicht ansteigenden Weg zu meinem Haus gehe und dabei auf eine alte Frau treffe, die einen Handwagen zieht, dann helfe ich ihr nicht, denn mein Amt ist es, Professor der Theologie zu sein und nicht einen Wagen zu ziehen!“

Jesus aber will mit seiner Erzählung sagen: „Jeder ist jedem der Nächste und zur Hilfe verpflichtet!“ In unserer Zeit gilt das für die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Der barmherzige Samariter sagt nicht: „Warum soll gerade ich helfen, es gibt doch viele andere?“ oder „Das ist ein Ausländer, sollen ihm doch seine Landsleute und Glaubensgenossen helfen!“ oder: „Ich habe schon so vielen anderen geholfen, jetzt langt es erst einmal!“ oder: „Ich kann kein Blut sehen, ich kann das nicht!“ oder : „Vielleicht liegen noch 20 andere am Weg, das schaffe ich nicht, da fange ich erst gar nicht an mit dem Helfen!“ Vielmehr tut er, was er kann, und wenn er den Verletzten dann in andere Hände gibt, behält er aber doch die Verantwortung für ihn.

 

Man kann zu Angela Merkel stehen wie man will, aber in diesem Fall hat die Vorsitzende einer sich „christlich“ nennenden Partei das Richtige getan, als sie sagte: „Wir schaffen das!“ Das war keine Einladung und auch mehr als Ansporn zu der eigenen Bevölkerung gesagt. Die Kanzlerin hat natürlich ange­nommen, daß es sich um einen einmaligen humanitären Akt handelt und es nachher wieder normal weitergeht.

Sollten denn die Flüchtlinge ohne Wasser und Brot auf dem Acker in Ungarn liegenbleiben? Inzwischen haben wir ja wieder die gleiche Situation in Griechenland. Hier war doch „Gefahr im Verzug“, da konnte man doch nicht erst den Bundestag befragen oder sich erst mit den anderen europäischen Staaten einigen, wer wie viele Flüchtlinge nimmt. Natürlich ist es schlimm, daß sie jetzt sagen: „Die Deutschen sind ganz schön dumm, wenn sie so etwas machen. Jetzt ist das allein ein deutsches Problem!“

Die Kanzlerin muß ihr Wort natürlich auch nicht persönlich einlösen. Das tun vielmehr die Landräte und Bürgermeister, die staatlichen Angestellten und vor allem die vielen freiwilligen Helfer, aber auch die Mitglieder von Rotem Kreuz, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk, die mehr oder weniger zwangsverpflichtet werden. Aber anders geht es nicht.

Für christliche Nächstenliebe (und auch das Grundgesetz) kann es keine Obergrenze geben. Es kann sein, daß wir einmal in der Praxis an eine Grenze gelangen. Aber das ist kein Grund, das im Augenblick Mögliche nicht zu tun und gar nicht erst anzufangen.

Doch in der Praxis wird es wohl auf Realpolitik hinauslaufen, auf die Wiederherstellung der Gesetzlichkeit, die Sicherung der Außengrenze, notfalls mit Soldaten, die die Schlauchboote abknallen, damit die Flüchtlinge ertrinken. Man wird sagen: Politik kann man nicht treiben nach der reinen christlichen Lehre. Und wir müssen etwas tun, damit die AfD nicht weiter erstarkt.

Aber wir sind alle verpflichtet, ein Barmherziger Samariter zu sein. Und vor allem dürfen wir nicht klagen, wenn das alles jetzt viel Geld kostet oder Wohnraum noch knapper wird oder die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt größer wird. Uns geht es doch immer noch gut, vor allem im Vergleich mit den Hilfsbedürftigen. Seien wir doch froh, daß wir nicht unter die Räuber gefallen sind. Aber vielleicht haben wir uns auch viel zu sehr um das Verbinden der Überfallenen gekümmert, anstatt dafür zu sorgen, daß die Straßen die Welt sicherer werden und gar nicht erst Räuber auftreten.

 

Wo ist der Schutzengel?

Im katholischen Kindergarten sagt die Erzieherin zum Abschied: „Der Schutzengel begleite euch!“ Vielleicht denken die Kinder an die große Darstellung eines Schutzengels, die in ihrem Kindergarten hängt. Aber ein Mädchen sagt: „Ich habe mich schon so oft umgesehen, aber den Schutzengel habe ich noch nie gesehen!“ Da bedarf es schon einiger Aufklärungsarbeit, daß mit dem Schutzengel doch Gott selber gemeint ist, der aber unsichtbar ist.

Man muß den Kindern aber auch sagen, daß sie deswegen nicht leichtsinnig und unaufmerksam sein dürfen. Sie müssen auf die Ampel achten und dürfen nicht vom Gehweg herunter gehen und müssen auf die Anweisungen der Erwachsenen achten. Das muß man auch den Autofahrern sagen, die sich einen Schutzengel an die Windschutzscheibe hängen: Der Schutzengel hilft nicht, wenn man leichtsinnig fährt.

Und doch: Es könnte schon sein, daß Gott hilft. Aber man kann das nicht einklagen oder gegenrechnen. Der Spruch aus Psalm 91, Vers 11 und 12 gilt schon: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest!“ Aber es bleibt immer Gottes Wille, ob er hilft oder nicht.

Aber auch Menschen können zu Schutzengeln werden. In de r Rhön hielt einmal bei starkem Sturm und grimmiger Kälte eine Autofahrer auf der Landstraße und nahm drei Nonnen mit. Die ließen sich auf den Rücksitz fallen und sagten erleichtert: „Maria hat geholfen!“ Da sagte der Autofahrer: „Es war nicht Maria, sondern der evangelische Pfarrer!“ Alle sind wir aufgefordert, solche Engel zu sein.

Was aber, wenn ich doch an einen Stein stoße? Wenn ich gar falle oder noch Schlimmeres passiert? Hat dann dein Engel, lieber Gott, nicht auf mich aufgepaßt? Hattest du ihn gerade woanders hingeschickt? Doch vielleicht dürfen wir so nicht fragen, sondern sind nur zum Vertrauen aufgefordert.

Auf jeden Fall aber dürfen wir sagen: „Ja, Gott, ich bitte dich: Schick mir deinen Engel! Er braucht mich nicht unbedingt auf Händen zu tragen. Aber er soll auf mich aufpassen und mich bewahren - vor allem vor Dummheiten!“

Dazu noch ein Gedicht von Eugen Eckern, das auf einem Plakat steht:

Fürchte dich nicht!

Gott hat mir längst einen Engel gesandt, mich durch das Leben zu führen.

Und dieser Engel hält meine Hand, wo ich auch bin, kann ich’s spüren.

Mein Engel bringt in Dunkelheit mir Licht.

Mein Engel sagt mir: Fürchte dich nicht!

Du bist bei Gott aufgehoben.

 

 

 

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