Deutsche Sprache

 

Neudeutsch

 

Neudeutsch

Richtig

Bemerkung

suboptimal

nicht gut

Gerhard Schröder

einzigste

einzig

diese Wörter lassen sich nicht noch einmal steigern

optimalste

optimal

zögerlich

zögernd

aber laut Duden möglich

Gefühligkeit

Gefühl

laut Duden möglich

bin gestanden

habe gestanden

Bayrisch-Deutsch

(Spiel) ist geendet

hat geendet

Sportjournalist

ich habe fertig

ich bin fertig

Trappatoni-Deutsch

der eine - der nächste

der eine - der andere

nicht im Duden

Wertschätzung

Anerkennung

erstmals bei Kita-Mitarbeiter-innen

wertgeschätzt

geschätzt

Wertschätzung

Schätzwert

Weiterentwicklung

gewertschätzt

(wert-) geschätzt, anerkannt

ganz unmöglich

will es nicht schuld sein

ich will nicht schuld daran sein

RTL auch Günther Jauch

ich bin gekündigt

mir wurde gekündigt

 

durchstechen

ausplaudern, verraten

Politiker

Studierende

Studenten

 

Geflüchtete

Flüchtlinge

sachlich richtiger

Fernseher

Fernsehgerät

aber laut Duden möglich

Flieger

Flugzeug

aber laut Duden möglich

Politik (ohne Artikel)

die Politik

Politikersprache

in Schule

in der Schule

Ministerin Giffey

bei Gericht

vor dem Gericht

Juristensprache

ich bin bei ihnen

ich bin einverstanden

 

verbringen

hinbringen (Ferien verbringen)

Polizeideutsch

verbaut

eingebaut

Architekten usw.

kucken (nur gesprochen)

gucken

gängig im Fernsehen

von daher

deshalb

Sven Hannawald

händisch

mit der Hand

lange veraltet, jetzt gängig

Korporation

Ko-operation

 

Priorität

Vorrang

steht aber im Duden

(mit- ) geschliffen

(mit- ) geschleift

Radio

Wertigkeit

Wert

Wort mit „-keit“

besendern

mit einem Sender ausstatten

Anja Siegesmund

abkönnen, kann nicht ab

aushalten

 

ein schönen guten Tag

Guten Tag!

 

Gefühligkeit

Gefühl

laut Duden möglich

Abs und Dauns

Tiefpunkt und Höhepunkt

von englisch „up and down“

sehr gerne

Antwort auf Dank

 

Restauration

Restaurierung

Restauration ist ein Gasthaus

Kontaktieren

in Kontakt treten

 

am Ende des Tages

zuletzt, schließlich

Politiker

das macht Sinn

es ist sinnvoll

 

Du bist gekündigt

Ich kündige dir

Auch: Ich bin gekündigt

Alle außer ich

Alle außer mir

 

bespielt

es wird mit dem Ball gespielt

Fußballreportagen

bespaßt

mit Kindern Spaß machen

 

Stand heute

zum gegenwärtigen Zeitpunkt

Trainer Nico Kovacs

Dienstwägen

Dienstwagen

Christin Gesang, HR

Narrativ

subjektive negative Erzählung

Duden nur „narrativ”

Empathie

Einfühlsamkeit, Mitgefühl

Alt: Sympathie = Zuwendung

freigeschalten

freigeschaltet

 

aufgehangen

aufgehängt

 

unkaputtbar

haltbar, nicht kaputt zu kriegen

 

verlustig gehen

verloren gehen

subst. Verlust, verb. verlieren

extremst

extrem (außergewöhnlich)

Horst Lichter

so was von

(Verstärkung)

kaum zu übersetzen

in Gänze

im Ganzen, vollständig

 

in 2018; in 2...18

im Jahr 2018

 

einen schönen Tag Ihnen

Ich wünsche Ihnen einen

 

außer ich

außer mir

 

genau ....  okay

ja

 

Priorisieren, Priorität

bevorzugen

Fernsehen

„wording“

Wortlaut, Sprachregelung

 

schönen „Guten Abend“ ihnen

Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Abend

 

Bedarfe

Bedarf, Bedarfsgüter

 Plural nur fachsprachlich

Verbräuche

Verbrauch

Singular genügt

vererbt bekommen

vererbt oder bekommen

Zwei Redewendungen

verstörend

bestürzend, aufschreckend

 

Achtsamkeit

aufmerksam sein auf andere

 

abgeschalten

abgeschaltet

 

geschliffen (Messer)

geschleift (einen Gegenstand)

Doppelbedeutung

erste Priorität

Vorrang

Tautologie

besorge mich, sorge daß

ich mache mir Sorgen

ich besorge mir Dinge

ich will das nicht sorgen

will mir keine Sorgen machen

Bayrischer Rundfunk

Testungen, Teste

Tests

Testung = „Testverfahren“

das erinnere ich gerne

daran erinnere ich mich gerne

 

ich erinnere das

ich erinnere mich an das

 

niegel-nagel-neu

Keine neuen Ausdrücke, aber plötzlich Mode

 

picke-packe-voll

 

viral gehen

Im „Netz“ schnell verbreitet

viral = vom Virus verursacht

Verimpfen, Verimpfung

impfen, Impfen

 

verbringen, verbracht

bringen, gebracht

 

Bepreisung

mit höherem Preis versehen

Angela Merkel (Benzin)

sich treffen zu lassen

sich treffen dürfen

 

nahbar sein

zugänglich sein, ansprechbar

 

mehr gut (geht nicht)

besser

Bauhaus-Werbung

meistvertraut

dem man am Meisten vertraut

Persil-Werbung

willkommen zurück

Willkommen, weil Sie zurück

Anglizismus: welcome back

erfreulich Sie zu sehen

Ich freue mich Sie zu sehen

Anglizismus nice to see you

Hallo zusammen

Hallo, für alle, die da sind

 

Ich erinnere das

Ich erinnere mich an etwas

 

Ich besorge das

Ich mache mir Sorgen wegen

Ich besorge mir ein Messer

Jüdinnen und Juden

früher nur „Juden“

„Deutschinnen“ / „Deutsche“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hessischer Rundfunk:

Peter Heckert, Maulbeerweg 21, 63477 Maintal                                                      06.07.15

Redaktion Hessenschau                                                                                           

Sehr geehrter Herr Hieke,

es gibt ein Trappatoni-Deutsch („Ich habe fertig“), ein Beckenbauer-Deutsch („Ich bin gestanden“), ein Kanak-Deutsch („Ich gehe Aldi“) und ein RTL-Deutsch („Ich bin es nicht schuld“ – statt: Ich bin nicht schuld daran!).

Neuerdings gibt es aber auch ein HR-Deutsch. In dem Bericht über den Unfall vor dem Schwimmbad in Lollar haben Sie gesagt: „Das Mädchen wurde von dem Auto mitge­schliffen“, anstatt: „Es wurde mitgeschleift“. Geschliffen werden Messer. Aber die Vergangenheitsformen von „schleifen“ im Sinne von „wegbewegen“ sind „schleifte“ oder „geschleift“.

Kurz vorher war die falsche Form schon einmal in einer HR-Sendung zu hören, wenn ich mich nicht täusche, dann auch schon bei anderen Sendern (besonders RTL ist das sehr kreativ). Nun kann man nichts machen, wenn ein Studiogast so redet. Aber ein Nachrichtenmoderator muß gutes Deutch sprechen, denke ich. Denn das Fernsehen prägt den Sprachgebrauch sofort. Und plötzlich sagen alle „Am Ende des Tages“ (was ja wenigstens noch richtiges Deutsch ist) oder „Der eine Unfall und der nächste (statt „der eine und der andere“, nur so steht es im Duden)

 

 

Lutherbibel: Luther aufs Maul geschaut             

Eigentlich wollte die evangelische Kirche die Lutherbibel nur auf Fehler durchsehen lassen. Stattdessen kehrt sie an unzähligen Stellen zum Deutsch Martin Luthers zurück.

„Jetzt kommt diese Hackfleischgeschichte“, sagt Christoph Levin. Bei Kapitel 21, Vers 6 angelangt, stehen die in einem Leipziger Tagungsraum versammelten Doktoren, Professoren und Altbischöfe vor einer schwierigen Entscheidung. Was soll mit den sieben Männern geschehen, die König David den Gibeonitem ausliefert? Martin Luther ließ sie im Jahr 1545 „auffhengen“. Die Lutherbibeln der Jahre 1912 und 1984 folgten dem Reformator und ließen die bedauernswerten Männer mit kleiner orthographischer Anpassung „aufhängen“. Welchen Tod werden die Männer also in der Lutherbibel des Jahres 2017 sterben?

Die exegetische Fachkommission für das 2. Buch Samuel schlägt vor, ihnen die „Glieder zu brechen“. Luthers alte Übersetzung „aufhängen“ entspricht nicht mehr dem Stand der Forschung. Ihnen stattdessen die „Glieder zu brechen“, so ließe sich vermuten, müsste doch eine Alternative ganz nach dem Geschmack Luthers sein. Der Leser würde so förmlich das Splittern der Knochen hören. Luther liebte solche knack-scharfen Formulierungen. Doch Christoph Levin, Professor für das Alte Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevorzugt das schlichte „hinrichten“. Im Wörterbuch steht diese Bedeutung an erster Stelle. Auch die katholische Einheitsübersetzung hat sich für „hinrichten“ entschieden. Und woher soll man auch genau wissen, ob die Männer im Text nun durch Aufhängen oder Knochenbrechen sterben? Levins Kollegen nicken. Die Fachkommission ist damit vom Lenkungsausschuss überstimmt worden: Die Gibeoniter werden ihre Opfer in der Lutherbibel künftig „hinrichten“.

Zum Projektbeginn im Jahr 2010 war davon die Rede, die Lutherbibel werde anlässlich des großen Reformationsjubiläums 2017 bloß einer „Durchsicht“ unterzogen. Die Evangelische Kirche in Deutschland suggerierte damit, dass es an der Lutherbibel nur minimale Änderungen. geben werde. Antasten werde man die Übersetzung nur dort, wo Luther oder seinen Nach­folgern nicht der korrekte hebräische oder griechische Urtext vorlag oder die exegetische Forschung Änderungen zwingend nötig erscheinen lässt. Mit dem Begriff „Durchsicht“ stapelte der Rat der EKD, der über das Kulturgut als Herausgeber wacht, so tief wie möglich. Seither hat sich die „Durchsicht“ abseits der Öffentlichkeit und entgegen der ursprünglichen Absicht zu etwas Größerem ausgewachsen: Die überarbeitete Lutherbibel wird in den meisten Teilen eine Vielzahl von Änderungen, teils an markanten Stellen, aufweisen und in wenigen Teilen sogar eine Neuübersetzung sein.

Ende Oktober soll der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm das fertige Gesamtwerk feierlich aus den Händen vom Projektleiter, Altbischof Christoph Kähler, entgegennehmen. Als Ort der Übergabe ist die Wartburg über Eisenach vorgesehen. Also jener Ort, an dem Martin Luther 1521 mit der Bibelübersetzung begann. Das Neue Testament ging Luther auch recht flott von der Hand. Rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse legte Luther 1522 sein „Septembertestament“ vor.

Auf die auratische Einsamkeit über deutschen Buchenwäldern ist die Sprachgewalt der Lutherbibel jedoch nicht zurückzuführen. Das Alte Testament wurde nach Luthers Rückkehr nach Wittenberg übersetzt. Das dauerte dann bis 1534, und Luther, der die Übersetzungen später noch mehrfach überarbeitete, wusste dabei auch die Vorzüge der Arbeit im Team zu schätzen. Der Reformator sammelte für die Bibelübersetzung einen Kreis von Gelehrten um sich. Jedes Wort wurde gewogen, jeder Bedeutung nachgeschmeckt. Luther berichtet, im Hiob sei man „yn vier tagen zu weilen kaum drey zeilen“ vorangekommen.

Luthers Methoden waren teils unkonventionell. Einer seiner Mitarbeiter überliefert, dass Luther sich „etliche Schöps abstechen ließ / damit ihn ein Teutscher Fleischer berichtet / wie man ein jedes am Schaf nennte“. Für Luther konnte eine solche Erkundung etwa für Psalm 7 wichtig werden, in dem es heißt, Gott prüfe „Herzen und Nieren“. Wo man heutzutage eher an Kernspintomographie denken mag, war für Luther von Interesse, dass „die beiden Nieren an den Lenden hangen“, den damaligen Naturkundigen galten die Nieren daher als „Werkzeuge. der Unkeuschheit“.

Charakteristisch für Luthers Übersetzung war insgesamt, dass er recht frei mit den einzelnen Wörtern der Urtexte umging. „Die Grammatik soll nicht über die Bedeutung herrschen“, sagte Luther einmal. Übersetzung war für den Reformator immer auch Auslegung. Nicht die Bedeutung einzelner Worte, sondern die Theologie eines Textes wollte er so präzise und prägnant wie möglich ins Deutsche übertragen.

Vom Ergebnis sind die in Leipzig versammelten Fachleute noch immer angetan. „Grandios“, „hervorragend“, „unglaublich“ nennen sie Luthers Fertigkeiten. Der Germanist Werner Röcke von der Humboldt-Universität hebt insbesondere die Verbindung aus Genauigkeit und poetischer Kraft in Luthers Bibelübersetzung hervor.

Schafe werden für die 2017er Lutherbibel nicht mehr ihr Leben lassen, stattdessen bedient man sich Algorithmen. Einige Klicks mit der Computermaus, und Altbischof Martin Kähler sieht eine Auswertung auf seinem Laptopbildschirm dazu, wie verbreitet ein Wort im Deutschen in den vergangenen Jahrhunderten gewesen ist. Kähler gleicht auch elektronisch den Urtext mit den verschiedensten Übersetzungen ab oder lässt das Programm prüfen, wie dieselbe hebräische Wurzel an anderen Stellen übersetzt wurde. Sogar die Geschwindigkeit wird gemessen, mit der sich der Lenkungsausschuss durch die 1.337 Kapitel der Bibel wühlt. Im Schnitt sind es 1,7 Kapitel in der Stunde.

Für exegetische Feinarbeit bleibt im Lenkungsausschuss kaum Zeit. Im Schnellverfahren müssen sich die beiden Alttestamentler, der Neutestamentler, die Praktische Theologin, der Germanist, der ehemalige reformierte Landessuperintendent und die beiden lutherischen Altbischöfe auf einen Wortlaut einigen. Im Zweifelsfall wird abgestimmt. Ist der Riese Jischbi, der König David in 2. Samuel 21,16 erschlagen will, nun mit einer neuen Waffe „gegürtet“ oder „umgürtet“? Die Diskussion wogt kurz hin und her. Das Problem muss per Abstimmung gelöst werden. Für „gegürtet“ heben sich viele Hände, für „umgürtet“ nur die von Werner Röcke. „Gegürtet - aua. Das tut richtig sagt der Germanistikprofessor und schimpft seine Kollegen „sprachliche Defätisten“.

Jeder hier im Ausschuss muss Niederlagen hinnehmen. Bereitwillig berichtet einer nach dem anderen über die jeweils schmerzlichste. Der Alttestamentler Levin würde den sturmstillenden Jesus nach wie vor gerne in einem „Schiff“ über den See Genezareth fahren lassen, weil die Geschichte dann zur Metapher vom Schiff der Kirche passen würde. Die Ausschussmehrheit hat stattdessen das „Boot“ durchgesetzt - vor allem Levins Kollege Martin Rösel legte darauf Wert. Der Professor aus Rostock scheint seinem mit der Trachtenjacke zur Sitzung nach Leipzig gereisten Kollegen aus München auch zuzutrauen, Tretboote auf dem 5tarnberger See für Schiffe zu halten.

Doch die ans Rechthaben wie ans Rechtbehalten gewohnten Professoren und Bischöfe erwecken den Eindruck, mit solchen Meinungsverschiedenheiten mittlerweile umgehen zu können. Kurz aufregen, rasch weitermachen, abends beim Bier dann scherzen.

Im Verlauf der Unternehmung hat es aber auch schon richtig gekracht. Die Vorstellungen des Lenkungsausschusses über die Lutherbibel 2017 wichen nämlich teilweise erheblich von den Übersetzungsvorschlägen ab, die ihm von den Fachleuten für die jeweilige biblische Schrift vorgelegt wurden. In diesen Fachgruppen arbeiten keine nachrangigen Mitarbeiter, sondern angesehene Wissenschaftler, deren Spezialgebiet eben jene Schrift ist. Und auch sie haben Hunderte oder sogar Tausende Stunden investiert, ohne dafür Geld zu bekommen. Eine Fachgruppe, die eine zentrale Schrift des Neuen Testaments betreute, soll einen Übersetzungsvorschlag vorgelegt haben, der an über 500 Stellen von der bisherigen Lutherübersetzung abwich. Der Lenkungsausschuss habe achtzig Prozent dieser Änderungen zurückgewiesen, ist zu hören, ebenso von Professoren, die Altbischof Kähler erbost den Krempel hingeworfen hätten.

Ein mit der Sache Vertrauter berichtet über „diffuse Kriterien“ für die künftige Lutherbibel. „Ursprünglich dachten die wohl auch: Man ändert an jeder biblischen Schrift zwei bis drei Stellen, mehr nicht.“ Dann allerdings habe sich das Vorhaben zu einem Großprojekt ausgeweitet. „Und wie das in Gremien so ist: Man gerät unter Zeitdruck. Denn 2017, das ist ja klar, wollen die ein Ergebnis haben.“ Das Ergebnis, sagt der Exeget voraus, werde von einer „relativ großen Zufälligkeit“ geprägt sein.

Altbischof Christoph Kähler führt das Projekt zwar mit straffer Hand, aber auch bei ihm verspürt man eine gewisse Nervosität mit Blick auf die Vorstellung der neuen Lutherbibel. Wie wird die Überarbeitung aufgenommen werden? Bei selbsternannten Sprachpäpsten, Gender-Aktivisten, zum Wutbürgertum konvertierten Bildungsphilistern, den erbitterten Befürwortern des Konjunktivs oder dessen fanatisierten Gegnern? In den Bücherregalen der Republik mag sich auf vielen Lutherbibeln der Staub sammeln, doch wenn an diesem Kulturgut herum­manipuliert wird, sind die Deutschen zu Stürmen der Entrüstung in der Lage.

Erlebt hat das die EKD 1975, als sie eine revidierte Version des Neuen Testaments vorlegte, die rasch nur noch verächtlich als „Eimertestament“ bezeichnet wurde. Die damaligen Bearbeiter hatten den „Scheffel“, unter den man in Matthäus 5,15 sein Licht nicht stellen soll, für nicht mehr zeitgemäß befunden und ihn durch einen „Eimer“ ersetzt.

Besonders kritisch ging damals Walter Jens mit der Revision ins Gericht: Man könne nicht „zwei Herren gleichzeitig dienstbar sein: dem Bibelübersetzer Martin Luther und der gehobenen Schriftsprache unserer Zeit“. Im Eimertestament sei der eigentliche Regent „die deutsche Mittelstandsdiktion des Jahres 1975“, ätzte Jens. „Eingängigkeit um jeden Preis, heißt die Parole; Zurücknahme des Fragwürdig-Fremden; rigoroses Ausmerzen des Emotionalen, Singulären und Individuellen.“ Stattdessen werde alles gleichgemacht zu einer „spannungslosen Einerlei-Rede, der Koine der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

In einer für kirchliche Gremien erstaunlichen Geschwindigkeit wurde das „Eimertestament“ überarbeitet. Binnen eines Jahres wurden zahlreiche Änderungen rückgängig gemacht. Frieden zog in der Debatte aber erst mit der bis heute gültigen revidierten Fassung von 1984 ein. Sie steht bis heute in dem Ruf, den Bibeltext in ebenso gediegenem wie verständlichem Deutsch zu präsentieren.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die EKD im Jahr 2010 nur zaghaft von einer „Durchsicht“ der Lutherbibel sprach. Dann allerdings begannen die mit der Arbeit Beauftragten, Tabellen anzufertigen, in denen nicht nur der ursprachliche Text und der Text von 1984 nebeneinander standen, sondern auch die Lutherbibel von 1912 und die letzte, von Martin Luther selbst vorgenommene Bearbeitung aus dem Jahr 1545.

 „Das hat eingeschlagen, wie wir es nicht erwartet hätten“, erinnert sich Kähler. Luthers ursprüngliche Übersetzung überzeugte die Kommission oft mehr als deren spätere Überarbeitungen. Mit Wissen des Rates der EKD kehrt seitdem an vielen Stellen der alte Reformator zurück. Statt „einigen“ ist wieder von „etlichen“ die Rede. Statt der gängigen Konjunktion „dass“ kommt wieder Luthers markantes „auf dass“ zum Zuge. Und auch der Konjunktiv erlebt wieder eine Konjunktur: Bisher hieß es im Johannesevangelium 11,25: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Nun wird der Vers mit einem „ob er gleich stürbe“ enden.

Altbischof Kähler nennt die Rückkehr zu Luther einen Sprach- und Wirklichkeitsgewinn. Die Leitfrage der neuen Lutherbibel sei nicht die Frage gewesen, ob man das heute noch so spreche, sondern, ob man eine Formulierung verstehe. In der Geschichte der Revisionen der Lutherbibel ist das eine markante Wende. Lag das Ziel der Überarbeitungen des 19. Jahrhunderts darin, aus elf verschiedenen Versionen des Textes einen national-einheitlichen Text zu erstellen, so strebten die Veränderungen des 20. Jahrhunderts sprachliche Modernisierung an. Zugrunde lag ein Verständnis von Luthers Diktum, man müsse dem Volk „auf das Maul“ schauen, das heute nicht mehr geteilt wird.

Die Überarbeitungen der Lutherbibel sind somit auch Dokumente ihrer Zeit gewesen. Was könnte dann die 2017er Lutherbibel über unsere Gegenwart aussagen? Kaum verleugnen lässt sich ein gewisser Retro-Trend, der aber in einer nicht ganz aufgelösten Spannung zu den Erfordernissen politischer Korrektheit steht.

Von der hochumstrittenen „Bibel in gerechter Sprache“ wird die neu revidierte Lutherbibel allerdings weit entfernt sein. Altbischof Kähler argumentiert, es müsse weiter erkennbar bleiben, dass die biblischen Texte einer patriarchalen Kultur entstammten. Erst vor diesem Hintergrund kämen nämlich theologische Kernaussagen zum Leuchten wie jene des Apostels Paulus im Galaterbrief, das in Christus „nicht Mann noch Frau“ sind. An einigen Stellen allerdings wird die 2017er Revision durchaus dem Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit Rechnung tragen: Im zweiten Schöpfungsbericht in Genesis 2 wird Eva ihrem Adam von Gott nicht mehr als „Gehilfin“ zur Seite gestellt werden, sondern als „Hilfe“.

Und in den neutestamentlichen Briefen werden die Gemeinden nicht mehr nur als „Brüder“, sondern als „Brüder und Schwestern“ angesprochen werden. Im griechischen Urtext heißt es aber nur „adelphoi“, also Brüder. Zwei Gründe führt Kähler dafür an: Zum einen seien zweifelsohne auch die Frauen mit angesprochen gewesen. Und zum anderen sei der Unterschied zwischen den „Brüdern“ und den „Schwestern“ im Deutschen sehr groß, während im Griechischen die Brüder als „adelphoi“ und die Schwestern als „adelphai“ sprachlich sehr eng beieinander lagen und in der damaligen Aussprache so gut wie gar nicht zu unterscheiden waren.

Ein Professor, der nicht mehr an dem Projekt beteiligt ist, kann sich mit dem Einzug der

„Brü­der und Schwestern“ in der Lutherbibel nur schwer anfreunden. Er spricht von „windigen Argumenten“ und einem „starken Eingriff“ sowohl in den Urtext wie in Luthers Übersetzung. Insgesamt allerdings, das gesteht er zu, seien die gefundenen Lösungen bei den gender-rele­van­ten Bibelstellen „tragbar“ und stünden keinesfalls mit der „Bibel in gerechter Sprache“ auf einer Stufe.

Die 70 Mitarbeiter der Revision, die zusammen etwa 50 Arbeitsjahre in die Überarbeitung der Lutherbibel gesteckt haben, müssen hoffen, dass das auch in der Öffentlichkeit erkannt wird, wenn der gesamte Bibeltext vorliegt. Zumindest der Deutsche Brauer-Bund dürfte an der neuen Lutherbibel viel Freude haben. „Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und den Wein den betrübten Seelen“, übersetzte Martin Luther Sprüche 31,6. Der Reformator konnte sich damals vermutlich noch nicht vorstellen, dass das von ihm geschätzte Bier auch schon im antiken Orient konsumiert wurde. Genau das, berichtet der Alttestamentler Martin Rösel, sei aber mittlerweile Stand der Forschung: „Bier war damals zum Teil Grundnahrungsmittel.“ (FAZ 29.04.2015).

 

Bibelübersetzung: Alles nur ein Missverständnis

Heißt es denn nun „Jungfrau“ oder „junge Frau“? Geht ein Kamel durchs Nadelöhr oder ist in der Bibel eher von einem Schiffstau die Rede? Der Theologieprofessor Thomas Hieke geht einigen Missverständnissen auf den Grund. „Es gibt kaum noch Übersetzungsfehler in der Bibel“, sagt Thomas Hieke. Ein Grund: „Die heutigen Übersetzungen sind nicht mehr die Leistung eines Einzelnen, der - bei aller Genialität - auch Fehler machen kann“, sagt der Professor für Altes Testament an der katholischen Fakultät der Universität Mainz. Vielmehr seien die Einheitsübersetzung von 2016, die Zürcher Bibel von 2007 oder auch die Lutherbibel von 2017 von zahlreichen Wissenschaftlerinnen. und Wissenschaftlern verantwortet, die jede Stelle akribisch angeschaut haben.

„Somit befinden sich diese Übersetzungen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft“, sagt der Katholik. Aber man hat gelernt, dass auch die Wissenschaft ständig dazulernt - so können auch in Zukunft wieder neue „Fehler“ entdeckt werden. Allerdings fasst er den Begriff „Fehler“ sehr eng: Es gibt Bibelstellen, die deshalb schwierig bleiben, weil man auch nach Jahrhunderten keine plausible Lösung gefunden hat.

Dass es häufig gar nicht um „Fehler“ geht, sieht man an der Frage, ob es „Jungfrau“ oder „junge Frau“ heißen muss (in Jesaja 7,14 und Matthäus 1,23). Der. Urtext des Alten Testaments ist auf Hebräisch geschrieben, der Urtext des Neuen Testaments auf Griechisch verfasst. Weil Griechisch damals die Weltsprache war, wurde das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Griechische übertragen. Im Falle der Jungfrau bedeutet dies: „Der hebräische Text von Jesaja spricht von einer jungen Frau und meint die junge gebärfähige Ehefrau des Königs; das Kind, das sie gebären wird, ist ein prophetisches Zeichen für eine bestimmte Zeitdauer, etwa sieben Jahre“. Die griechische Übersetzung des Jesaja-Textes machte daraus eine „Jungfrau“, die den Messias in der Zukunft gebären wird. Matthäus griff das auf und identifizierte die Jungfrau mit Maria, den Messias mit Marias Kind. Man kann Jesaja 7,14 also mindestens auf zwei, vielleicht sogar auf drei Weisen lesen, und alles ist  doch in gewissem Sinne „richtig“.

Moderne deutsche Bibelübersetzungen haben als Grundlage für die Übersetzung des Alten Testaments den Hebräischen Text, für die Übersetzung des Neuen Testaments die Griechische Fassung. Konsequenterweise müsste es deshalb in Jesaja „junge Frau“, im Matthäus-Evangelium dagegen „Jungfrau“ heißen. Aber dann wäre esfür deutsche Leserinnen und Leser nicht mehr zu erkennen, dass Matthäus in seinem Text eine Stelle aus dem Alten Testament zitiert, erklärt Thorrias Hieke. Meist werde dies mithilfe einer Fußnote erklärt.

 

Immer wieder kommt auch die Frage auf, ob der Wortlaut von Matthäus 19,24 mit folgenden Worten richtig wiedergegeben wird: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Manche Bibelausleger sagen, statt Kamel müsse es eigentlich Schiffstau heißen. Doch Thomas Hieke stellt klar: „Im Griechischen steht kämelon, also Kamel. Das bekommen Sie sowenig durch ein Nadelöhr wie ein Schiffstau. Das Schiffstau kommt vom griechischen kämilos, was so ähnlich klingt.“ Auch hier gehe es nicht um einen „Fehler“. Einige Handschriften schreiben tatsächlich „Schiffstau“, die meisten Überlieferungen verwenden aber das Wort „Kamel“.

 

Zu vielen Missverständnissen hat auch 2. Mose 21,22-25 geführt. Dort heißt es nach der Luther-Übersetzung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. In der Einheitsübersetzung heißt es dagegen „Auge für Auge, Zahn für Zahn“. Im Urtext steht dDas Wo „tachat“. Es bedeutet „an Stelle von, anstatt«“ Das weist bereits darauf,  dass es um eine „Erstattung“ geht. Das „für“ in der Einheitsübersetzung will andeuten, dai hier nicht um Körperstrafen oder Verstümmelungen geht. Das ist ni ein weit verbreitetes Missverst: dieser Stelle. Die Bestimmung zielt vielmehr darauf, dass bei Körperverletzungen eine finanzielle Wiedergutmachung geleistet werden soll, die dem angerichteten Schaden entsricht: Ist  ein Auge ausgeschlagen worden, so ist

zu zahlen, was für ein ausgeschlagenes Auge üblich ist.

 

Unterschiede zwischen Luther- und Einheitsübersetzung finden sich auch in 1. Mose 1,27. Laut Luther-Bibel schuf Gott den Menschen als Mann und Frau. In der Einheitsübersetzung steht aber „männlich und weiblich“. Dieser Unterschied ist inzwischen zum Erkennungszeichen der Einheitsübersetzung von 2016 geworden. Die Einheitsübersetzung ist damit näher am Text als die Lutherbibel, die eher die Standardübersetzung „Mann und Frau“ wiedergibt.

Im Hebräischen wie im Griechischen stehen an dieser Stelle aber nicht die Substantive „Mann und Frau“, sondern die Adjektive „männlich und weiblich“. Die tiefere Bedeutung diser ungewöhnlichen Ausdrucksweise mit Adjektiven könnte heute stärker zutage treten, da Medizin und Psychologie erkannt haben, dass jeder Mensch Männliches und Weibliches in sich trägt.

Insofern treffe eine klare Trennung in „Mann“ und „Frau“ zwar für die allermeisten Menschen zu, aber eben nicht für alle. Ein Promillesatz von Menschen kann sich in die.Polarität von Mann und Frau nicht einordnen, und das ist ganz »normal«. Steckt diese Erkenntnis vielleicht in der biblischen Ausdrucksweise mit den Adjektiven drin?“, fragt Hieke.

 

Wenn man Hieke nach seinem persönlichen „Lieblingsfehler“ bei Bibelübersetzungen fragt, antwortet er ein bisschen augenzwinkernd: Die Einheitsübersetzung von 1980 hat in 1. Samuel 16,12 den jungen David als „blond“ vorgestellt und damit das hebräische Wort „admoni“ falsch übersetzt.« Die Einheitsübersetzung von 2016 hat das korrigiert und schreibt „rötlich“, gemeint ist eine gesunde, rotbraune Hautfarbe, ein ansprechender Teint. „Ich konnte noch nicht herausfinden, wer in den siebziger Jahren aus David einen blonden Jüngling machen wollt“«, sagt Thomas Hieke dazu.

 

Einen gravierenden „Fehler“ sieht Thomas Hieke allerdings in der Einheitsübersetzung von 2016: Psalm 1,1 beginnt dort mit „Selig der Mann….“. Im Original steht aber „aschre ha-isch“, „Selig der Mensch“. Der Psalm preist also diejenigen Menschen selig, die nicht im Kreis der Spötter sitzen, sondern ihre Freude haben an der Weisung (Tora) Gottes. Das könnten sowohl Männer als auch Frauen sein - das Wort „isch“ in Psalm 1,1 bedeute hier nicht wie an anderen Stellen „Mann“, sondern „Mensch“. Als Nachweis führt er Hosea 11,9 an. Dort steht „Gott bin ich, nicht ein Mensch (isch)« - auch hier heißt isch „Mensch“ und nicht „Mann“. Andernfalls könnte man sich lustig machen und sagen: „Gott ist kein Mann also wohl eine Frau?“.

Es gebe also vom Kontext her genügend Gründe, eine Unterscheidung zu treffen und „isch“ einmal als Mann, ein andermal als Mensch zu übersetzen. „In Psalm 1,1 geht es sicher nicht allein um eine Seligpreisung des frommen Mannes.“ Auch das Argument, hier ginge es um David, den idealen Psalmendichter, überzeugt Hieke nicht. Dazu sei Psahm 1 viel zu allgemein gehalten; der Text hat sonst keinen David-Bezug und will sicher alle Menschen, nicht nur alle Männer, ansprechen. Um also Psalm 1 besser ins Heute „übersetzen“ zu können, sollte die Einheitsübersetzung ihren Text zu „Selig der Mensch“ ändern.

Hieke, Thomas/ Huber, Konrad (Hrsg.): Bibel falsch verstanden. Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt. Verlag Katholisches Bibelwerk, 300 S., ISBN 978-3-46025527-2, 22,95 Euro.

 

 

Bürokraten-Deutsch                                                                                  

Bürokratisches Kauderwelsch in Schreiben von Ämtern und Behörden bringt die Empfänger oft an den Rand der Verzweiflung. Viele verstehen nur „Bahnhof“', wenn der Amtsschimmel mal wieder zeigt, wie kompliziert auch einfache Dinge ausgedrückt werden können. Eine „Rechtsbehelfsbelehrung“, ein „Beförderungsentgelt“, ein „Variationskoeffizient“, ein „vereinfachtes Substanzwertverfahren“ oder ein „Bestimmungsmitgliedstaat“ sind für viele Bürger böhmische Dörfer. Doch einige hessische Kommunen machen nun ernst mit dem Kampf gegen das Behördendeutsch: Sie holen sich professionelle Hilfe von Sprachwissenschaftlern ins Rathaus.

In Wiesbaden sollen die Beamten der Stadt künftig - auf freiwilliger Basis - Weiterbildungskurse der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) besuchen. Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) betont, seine Mitarbeiter schrieben zwar keine falschen oder gar unverschämten Briefe. „Aber es ist nicht die Sprache, in der man verkehrt, wenn man einen Brief schreibt“, sagt er. „Einige Sachen sind ohne juristischen Beistand nicht zu verstehen.“ Sprachexperten der in Wiesbaden ansässigen GfdS sehen in einer verständlichen und bürgernahen Verwaltungssprache sogar das „oberste Demokratiegebot“. Anders als andere Fachsprachen richte sich die Rechts- und Verwaltungssprache eben an alle Bürger, sagt Geschäftsführerin Karin Eichhoff-Cyrus: „Wie soll jemand das Recht befolgen, wenn er oder sie es nicht versteht?“

 

Ein Vorgang - zwei Bedeutungen

Die hessischen Kommunen Eschenburg (Lahn-Dill-Kreis), Langen (Kreis Offenbach) und Oberursel (Hochtaunuskreis) lassen sich daher von Sprachwissenschaftlern zeigen, wie umständliche Formulierungen ersetzt werden können. Der „Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache“ (IDEMA) der Universität Bochum bietet dazu für ein paar tausend Euro im Jahr unter anderem ein Online-Wörterbuch mit Textbausteinen und Musterbriefen an. „Zu einer modernen Verwaltung gehört auch eine moderne Sprache“, heißt es bei den IDEMA-Machern.

Der Oberurseler Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) setzte diesen Leitspruch kurz nach seinem Amtsantritt vor gut vier Jahren in die Tat um: „Ich habe die Mitarbeiter angehalten, nicht das Hoheitliche heraushängen zu lassen.“ Er selbst habe die Sprache der Beamten als „verwirrend“ empfunden. Dass er Sätze zwei- oder dreimal lesen musste, um sie zu verstehen. „Das ist mir auch so gegangen“, gesteht er. Im Bankengeschäft, wo der Volkswirt zuvor 18 Jahre lang gearbeitet hatte, sei die Sprache nun mal „direkter und leichter verständlich2.

Brum gefällt besonders. Dass beim IDEMA ebenso wie bei der GfdS - neben Sprachwissenschaftlern auch Juristen in der Beratung tätig sind. Zu groß ist die Gefahr, dass verständliche Formulierungen juristisch nicht wasserdicht sind. Zumal ein und dasselbe Wort für Bürger und Verwaltungsfachleute Grundverschiedenes bedeuten kann: Der „Vorgang“ etwa bezeichnet in der Alltagssprache ein Ereignis, im Behördendeutsch aber eine Akte, die von einem Sachbearbeiter angelegt wird. „Die Verständlichkeit wird dadurch erschwert“, sagt Eichhoff-Cyrus.

Die GfdS erreichen zunehmend Anfragen von Ministerien quer durch die Republik, mit dem Bundesjustizministerium läuft ein gemeinsames Pilotprojekt, wie Eichhoff-Cyrus berichtet. Dabei ist das Problem überhaupt nicht neu: Der Ratgeber „Fingerzeige für die Gesetzes- und Amtssprache2 - inzwischen in der 11. Auflage - erschien erstmals vor 78 Jahren.

 

Beispiele für gute Amtssprache

  • Alt: „Bestimmungen der letzteren Art müssen Festsetzungen über die Vertretung und Verwaltung einer solchen Vereinigung enthalten."

Neu: „Diese Bestimmungen müssen regeln, wer eine solche Vereinigung vertritt und verwaltet.“

  • Alt: „Unsere Besprechungen haben ein positives Ergebnis gezeitigt.“

Neu: „Unsere Besprechungen waren erfolgreich.“"

  • Alt: „Die Abfallberatung der XY GmbH hat Sie mit Schreiben vom 20. April 2008 auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und hat Sie gebeten, das Restmüllbehältervolumen entsprechend der Menge des tatsächlich regelmäßig anfallenden Abfalls von bisher 50 auf 70 Liter Gesamtvolumen zu erhöhen.“

Neu: „Die Abfallberatung der XY GmbH hat Sie deshalb gebeten, größere oder zusätzliche Restmüllbehälter zu bestellen (Schreiben vom 20. April 2008).“

  • Alt: „Das Amtsgericht XY hat mich als zuständige Betreuungsbehörde zu einer erneuten Stellungnahme in Ihrer Betreuungssache aufgefordert.“

Neu: „Ich bin für Ihre Betreuung zuständig. Das Amtsgericht XY hat mich jetzt aufgefordert, zu Ihrer Angelegenheit erneut Stellung zu nehmen.“

  • Alt: „Es entstehen Ihnen bei Inanspruchnahme unserer Hilfe keine Kosten.“

Neu: „Egal, welches unserer Angebote Sie nutzen: Unsere Hilfe ist immer kostenlos.“

  • Alt: „Zur Abklärung der noch offenstehenden Fragen möchte ich Sie bitten, sich zu den oben genannten Sprechzeiten telefonisch mit mir in Verbindung zu setzen.“

Neu: „Bitte rufen Sie mich an, damit wir die noch offenen Fragen klären können.“ Meine Telefonnummer ist XYZ. Zu diesen Zeiten können Sie mich erreichen: (Übersicht Sprechzeiten).“

  • Alt: „Sie haben mein Schreiben vom 15. April 2008 bisher nicht beantwortet. Es wird deshalb an die Erledigung der oben genannten Angelegenheit erinnert. Ihre Mitwirkung ist erforderlich, weil ohne Ihre Angaben über Ihren Anspruch nicht entschieden werden kann (...). Sollten Sie innerhalb der genannten Frist nicht antworten, wird nach Aktenlage entschieden.

Neu: „Sie haben mein Schreiben vom 15. April 2008 bisher nicht beantwortet. Ihre Angaben sind jedoch erforderlich, um über Ihren Anspruch zu entscheiden. Bitte antworten Sie deshalb bis zum 1. Mai 2008. Danach werde ich anhand der Informationen entscheiden, die mir vorliegen.“ (24.05.2008).

 

 

 

Bedrohte Wörter

Der Begriff „Kleinod“ ist das schönste bedrohte Wort der deutschen Sprache. Das hat die Jury eines bundesweiten Wettbewerbs entschieden, wie der Initiator und Sprecher des Wettbewerbs „Das bedrohte Wort“, Bodo Mrozek gestern sagte. „Das Wort steht für ein auf den ersten Blick unscheinbares Ding, das jedoch einen hohen persönlichen Wert haben kann“, erklärte Mrozek. Auf Platz zwei kam das Verb „blümerant“, auf Rang drei der „Dreikäsehoch“. Der Autor des „Lexikons der bedrohten Wörter“ erklärt in einem Gespräch mit der Deutschen Presse- Agentur sein Engagement für kaum noch gebräuchliche Wörter in der deutschen Sprache.

Was ist Ihr persönliches Lieblingswort unter den Bedrohten?

Bodo Mrozek: In meinem „Lexikon der bedrohten Wörter“ habe ich rund 600 Wörter gesam-

melt und erklärt. Da fällt es schwer, einzelne zu bevorzugen. Es gibt Begriffe, deren Klang ich mag, zum Beispiel das Wort „Labsal“. Mir geht es aber so wie den meisten Menschen: Am meisten bedeuten mir die Wörter aus meiner eigenen Jugend, an denen persönliche Erinne-

rungen hängen. Wie zum Beispiel der „Bandsala“. Heute muss man ja schon erklären, dass das kein vegetarisches Gericht war, sondern ein lästiges Problem, das entstand, wenn sich Tonbänder verhedderten, die man dann mühsam mit einem Bleistift wieder aufwickeln musste.

Warum sterben Wörter überhaupt aus?

Mrozek: Manche Wörter verschwinden mit den Dingen, die sie bezeichnen, zum Beispiel die „Wählscheibe“. Jugendliche, die mit dem Mobiltelefon aufgewachsen sind, kennen das Wort nicht. Andere Wörter sterben an Altersschwäche oder werden von Neuwörtern gemeuchelt. So sind die alten Wörter „knorke“ und „dufte“ fast ausgestorben, wir finden die Dinge heute „cool“. Ein gutes Anzeichen für das Veralten eines Wortes ist, wenn es sich auf der Zunge schon etwas sperrig anfühlt. Wörter wie „Mitgift, Kranzgeld oder Verlobung“ hatten noch vor einer Generation eine ungeheure Bedeutung - heute spielen sie keine Rolle mehr. An solchen Beobachtungen kann man viel darüber erfahren, wie sich unsere Moral und unser Alltag verändern.“

 

 

Eingewanderte Wörter

Als willkommene Gäste werden die einen empfangen, die anderen fristen ein Schattendasein. Wie Gesellschaft und Staat nimmt auch die Sprache Migranten auf: Fremdwörter ergänzen und verändern den heimischen Wortschatz. Sprachexperten schätzen, daß es unter den etwa 300. 000 bis 500.000 deutschen Wörtern rund 100.000 Begriffe gibt, die aus anderen Sprachen eingewandert sind. Doch nur ein kleiner Teil von ihnen ist in die Alltagssprache eingegangen.

Nach den besten „Wörtern mit Migrationshintergrund“ suchen derzeit das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat in einem Wettbewerb, der noch bis zum 29. Februar 2008 läuft. „Unsere Sprache ist voll von Leihgaben aus aller Welt. Wenn einem diese besser gefallen als das, was man selbst hat, dann gibt man sie irgendwann nicht mehr zurück“, so die Initiatoren. Eine Jury, der die Journalistin Anne Will., der Humorist Vicco von Bülow alias Loriot und Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse angehören, wird die besten eingewanderten Wörter und die schönsten Begründungen auswählen.

Was macht ein Fremdwort populär? „Wenn ein eingewandertes Wort etwas besser auf den Punkt bringt oder einen sympathischen Klang besitzt, hat es gute Chancen, sich durchzusetzen“, sagt Anita Boomgaarden vom Goethe-Institut in München.

Weit über 2.000 Einsender haben im Wettbewerb bislang Wörter aus mehr als 40 Sprachen vorgeschlagen. Der größte Teil ist englischer, französischer und lateinischer Herkunft. Aber auch Wörter wie „Tomate“ (aus dem Aztekischen), „Tarif“ (aus dem Arabischen) und „Schlamassel“ (aus dem Jiddischen) sind darunter.

Fremdwörter kommen und gehen. Das „Trottoir“ kam aus der Mode, ebenso das „Kuvert“ und das „Billett“. Diese einst verbreiteten französischen Begriffe wurden teils eingedeutscht (Bürgersteig, Briefumschlag), teils durch englische verdrängt (Ticket). Schon immer sind Wörter aus fremden Sprachen ins Deutsche übernommen worden, in früheren Jahrhunderten vor allem aus dem Griechischen und dem Lateinischen.

Viele sind noch heute fest im Deutschen verankert, etwa das Aroma, der Dialog, die Ironie, die Krise (griechisch) sowie die Disziplin, das Instrument, die Natur und der Termin (lateinisch).

Heute wandern vor allem Wörter aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche ein. Zwar hat diese Entwicklung schon im 19. Jahrhundert eingesetzt, doch erst im Zuge der Globalisierung wird die Verbreitung von Anglizismen vor allem durch Wirtschaft und Werbung immer stärker vorangetrieben. Unternehmen geben sich eine „Corporate Identity“, der „Workflow“ regelt den Arbeitsablauf im modernen Betrieb. Nach Feierabend lockt die „After Work Party“. Veranstaltungen, deren besonderer Charakter hervorgehoben werden soll, werden von den Organisatoren gern als „Event“ präsentiert.

Vielen sind die modischen Wortimporte ein Dorn im Auge. So ärgert sich der Komiker Dieter Hallervorden, wenn er am „Counter“ statt Karten „Tickets“ kaufen muss, wenn aus dem Hausmeister ein „Facility Manager“ wird. „Die schöne deutsche Sprache wird ohne jede Notwendigkeit mit Fremdwörtern durchsetzt“, schimpft der Kabarettist.

Der Autor und Sprachkritiker Wolf Schneider hält viele der englischen Begriffe für „pseudo-kosmopolitisches Imponiergefasel“. Zu den „törichtesten Anglizismen“ zählt er: Anti-Aging, sich committen, downloaden, Down-sizing, Outsourcing, Service Point und Wellness.

Gegen das Vordringen von Anglizismen wendet sich auch der 1997 gegründete Verein Deutsche Sprache mit Sitz in Dortmund. Er lehnt die Übernahme englischer Wörter nicht völlig ab, kritisiert aber die Vermischung von Deutsch und Englisch („Denglisch“). Nach Meinung des Vereins können viele gängige englische Begriffe problemlos durch deutsche ersetzt werden: „scannen“ durch „ein lesen“, „Benchmark“ durch „Messlatte“, „Blockbuster“ durch „Straßenfeger“. Auch Neuprägungen sollen den Einfluss des Englischen zurückdrängen. So schlägt der Verein „Meuten“ anstelle von „Mobbing“ vor.

Sprachgelehrte versuchen bereits seit dem 17. Jahrhundert, die Sprache von fremden Einflüssen zu reinigen. Diesen Sprachpuristen sind viele gelungene Eindeutschungen zu verdanken, etwa „beobachten“ für „observieren“, „Briefwechsel“ für „Korrespondenz“, „Fahrrad“ für „Veloziped“ oder „Mundart“ für „Dialekt“. Nicht durchsetzen konnten sich hingegen „Blitzfeuererregung“ für „Elektrizität“, „Meuchelpuffer“ für „Pistole“ „Kränkling“ für „Patient“ (aber. Kranker),, „Menschenschlachter“ für „Soldat“ und „Kirchentisch“ für „Altar“.

Ohne Fremdwörter ist die deutsche Sprache nie ausgekommen, und sie wird es auch künftig nicht. „Ein Verzicht auf Fremdwörter wäre nicht durchsetzbar und eine grobe Einschränkung“, sagt Anita Boomgaarden vom Goethe-Institut. Die Wortimporte tragen nach Überzeugung des Instituts dazu bei, daß das Deutsche lebendig und modern bleibt.

Vielen eingewanderten Wörtern sieht man ihre fremde Herkunft gar nicht mehr an, etwa den Möbeln (aus dem Französischen), dem Kiosk (aus dem Persischen) oder dem Keks (von englisch „cake“). Sie haben wie viele andere den Einbürgerungstest erfolgreich bestanden (Juli 2008).

 

Anglizismen: Prallkissen statt Airbag:

Ein Jahr Aktion „Lebendiges Deutsch“: Initiatoren haben englischen Wörtern den Kampf angesagt.

„Luftknödel“ und „Bum-Zisch-Boing“ kursierten als Alternative für das englische Wort „Air-bag“ doch am Ende machte der Begriff „Prallkissen“ das Rennen. Vor knapp einem Jahr hat die Aktion „Lebendiges Deutsch“ dem überflüssigen Gebrauch englischer Wörter den Kampf angesagt und gibt jeden Monat deutsche Alternativen für zwei englische Begriffe bekannt. Auf dem Prüfstand standen seitdem 24 Anglizismen

Vom „Blackout“ (Aussetzer) über die „Flatrate“ (Pauschale) bis hin zum „Workshop“ (Arbeitstreff). „Das Echo ist erfreulich“, zieht der Initiator der Aktion, Wolf Schneider, Bilanz. Allein bei der Suche nach einem deutschen Wort für Brainstorming (Denkrunde) seien gut 3.800 verschiedene Vorschläge eingegangen, berichtet die Aktion.

„Es gibt einen ungeheuren Anprall von Amerikanismen, vor allem im Fernsehen, der Popmusik und dem Computer“, klagt Schneider. Während sich andere Kulturen wie etwa die Franzosen und die Spanier dagegen wehrten, nähmen dies die Deutschen einfach hin. „Wir haben keinen Stolz auf unsere Sprache“, erklärt der Sprachpfleger, der mit zahlreichen Büchern seit Jahrzehnten für gutes Deutsch kämpft.

Zwar werden solche Versuche hin und wieder als Deutschtümelei verbrämt, und vor allem in der Werbebranche gilt Englisch als „hip“, wie die Vielfalt von englischsprachigen Slogans zeigt. Doch die Mehrheit der Deutschen versteht diese Werbebotschaften oftmals nicht oder nur unzureichend. Das ergab eine Studie der Kölner Agentur Endmark. So wurde der Werbespruch „Life by Gorgeous“ (Leben auf prächtig) nur von acht Prozent der 14- bis 49-Jährigen annähernd korrekt verstanden; den Slogan „Make the most of now“ (Mache das Beste aus dem Augenblick) verstand gerade mal jeder Dritte richtig - andere übersetzten ihn mit „Mach's meistens jetzt“ oder gar „Mach keinen Most daraus“.

Angesichts der überbordenden Flut von englischen Begriffen gleicht die Arbeit der Aktion „Lebendiges Deutsch“ einem Kampf gegen Windmühlenräder. „Wir haben noch ein schönes Stück Arbeit vor uns", sagt Schneider. Ziel der Initiative ist es, nicht nur an vorhandene deutsche Wörter zu erinnern, sondern auch sich Vorschläge für deutsche Alternativen zu englischen Begriffen zu überlegen. Dabei kann jeder mitmachen und Ideen per Post oder E-Mail einreichen. Derzeit werden Vorschläge für das Wort „Slogan“ gesucht.

Der Kampf ums Deutsch hat längst auch auf die politische Bühne übergegriffen. So drohte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im vergangenen Jahr der EU Kommission, daß sich das Parlament nur noch mit EU-Texten befassen werde, die in deutscher Übersetzung vorlägen. Deutsch gilt neben Englisch und Französisch als Arbeitssprache der EU.

Zudem soll nach Angaben des Auswärtigen Amtes in den sechs Monaten der EU- Präsidentschaft Deutschlands vor allem Deutsch gesprochen werden - etwa bei Pressekonferenzen und Auftritten von Politikern. Dagegen war während des finnischen und österreichischen Vorsitzes im vergangenen Jahr vor allem Englisch gesprochen worden.

Sprachpfleger und Politiker können dabei auf eindeutige Zahlen verweisen. Nach Angaben des Goethe-Institutes übertrifft Deutsch in Europa alle anderen Sprachen außer Russisch nach der Zahl der Muttersprachler. Demnach haben 95 Millionen Menschen in Europa ihre ersten Wörter auf Deutsch gebrabbelt; weltweit gibt es sogar 120 Millionen deutsche Muttersprachler.

Doch nicht 211e englischen Begriffe sind den Sprachpflegern ein Dorn im Auge. So seien etwa die Wörter „fair. fit, Flirt, Job“ und auch „das Grill“ praktische und richtig schöne Importe aus dem Englischen. Ob die Initiative langfristig von Erfolg gekrönt ist, muss sich noch zeigen. „Wir können nicht sagen, ob sich unsere Wörter durchsetzen“, sagt Schneider. „Ich bin zufrieden, wenn auch nur die Hälfte der Vorschläge von der Sprachgemeinschaft angenommen wird." (23.01.2007).

 

Die Aktion „Lebendiges Deutsch“ sucht nach deutschen Wörtern für „hässliche oder kaum verständliche“ Anglizismen. Dabei kann jeder per Post oder via Internet (www.aktionle- bendigesdeutsch.de) Vorschläge machen. Derzeit wird nach einem deutschen Wort für den Begriff „Slogan“ gesucht. Einige der bisher beanstandeten Anglizismen und empfohlene deutsche Alternativen:

Airbag                         Prallkissen

Benchmark                 Messlatte

Blackout                     Aussetzer

Brainstorming             Denkrunde

Callcenter                   Rufdienst

Display                       Sichtfeld

E-Commerce               Netzhandel

Event                          Hingeher

Fast Food                   Schnellkost

Flatrate                       Pauschale

Homepage                  Startseite

Laptop                        Klapprechner

No-Go-Area               Meidezone

Pole Position              Startplatz 1

Public Viewing           Schau-Arena

Stalker                        Nachsteller

Workshop                   Arbeitstreff

 

Handy müsste Händy heißen:

Das Deutsche ist voll von englischen Ausdrücken, die eigentlich keine sind. Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Wer in den USA oder in Großbritannien von einem „Handy“ oder von „Public Viewing“ spricht, könnte missverstanden werden - dort bedeuten diese Worte nämlich etwas ganz anderes.

New York. Die Touristin aus Oldenburg verstand die Welt nicht mehr. Eine Baseballmütze wollte sie, und wieder und wieder fragte sie den Verkäufer in Manhattan nach einem „Base­cap“. Doch der guckte sie nur fragend an. Ja, redete denn der Amerikaner kein Englisch? Doch, tat er. Sie aber nicht - zumindest nicht beim entscheidenden Wort. „Basecap“ ist ein typisches englisches Wort, das gar kein Englisch ist. Die deutsche Erfindung ist eines in einer ganzen Reihe von vermeintlich englischen Wörtern, die nur Deutsche kennen. Und die Verwirrung ist oft groß.

Sprachpuristen ärgern sich über diese Wörter, die in die Rubrik „Pseudoanglizismus“ fallen. Dabei können Engländer und Amerikaner gar nichts dafür, ja sie ahnen nicht einmal, welche sprachlichen Eier sich die Deutschen selbst ins Nest legen. „Oldtimer“, „Beamer“ und eben „Basecap“- so etwas gibt es im Englischen gar nicht, oder es bedeutet etwas völlig anderes. „Beamer“ ist Slang für etwas sehr deutsches: Einen BMW. Der Projektor heißt in den USA schlicht „Projector“. Und „Basecap“? Das ist eine Zierleiste, die es im Baumarkt gibt.

Das erfolgreichste Wort dieser Art ist „Handy“. Untersuchungen haben ergeben, daß das Wort in Deutschland längst die häufigste Bezeichnung für ein Mobiltelefon ist. Im Grunde ist es kein Wunder, ist das Wort doch kurz und prägnant - aber eben falsch. Denn wenn es ein deutsches . Wort ist, müsste man es eigentlich „Händy“ schreiben. Derartige Versuche gab es sogar, sie sind aber längst Geschichte. Der englische Unterhalter Stephen Fry bringt auf der Insel immer noch Menschen zum Lachen, in dem er auf Deutsch fragt „Wo ist mein Handy?“. Deutsche gucken verwirrt. Was ist daran denn falsch?

„Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden“, poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. „Die Londoner „Times“ hat das einmal als „linguistic submissiveness“ (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen.“

Gegen die Übernahme fremder Ausdrücke sei nichts einzuwenden - solange sie sinnvoll sei. „Davon kann aber im Verhalten der Deutschen zum Englischen überhaupt keine Rede sein.“ Dieses sei eine Flucht: „Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopoliten­ausweis nach dem Motto „Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi“.

Dabei können die vermeintlich englischen Wörter zuweilen für große Verwirrung sorgen. Millionen Deutsche amüsieren sich beim „Public Viewing“? In Amerika ist „Public Viewing“ die Aufbahrung von Leichen im offenen Sarg. Da passt der „Body Bag“ - ein Begriff, mit dem ein Händler ernsthaft einen Rucksack anpries. In den USA ist das schlicht ein Leichensack.

„Viele Pseudoanglizismen sind so integriert, daß man sie gar nicht mehr sieht“, sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Grzega. „Showmaster wurde damals von Rudi Carrell erfunden“, „zappen“ für Umschalten kennen nur wir Deutschen, aber der Home Trainer hat es sogar ins Niederländische geschafft.“ Andere könnten dies allerdings auch: Franzosen und Italiener etwa sagten ,,Footing“ zu dem, was auf gut Deutsch „Jogging“ heißt:

Die Schuldigen sieht der Qrzega gerade in der Werbung. „Dahaben uns Leute klipp und klar gesagt: Uns ist es egal, ob das Quatsch ist. Aber es klingt cool!“

„Ich war sehr verwirrt, als ich meine Schüler nach ihren Berufen fragte“, erzählt Cindy Grant. Die New Yorkerin gibt in Kassel einen Erwachsenenkurs für Englisch, und eine Schülerin sagte stolz, daß sie „Streetworkerin“ sei. In Amerika ist das fast gleich klingende „Street­walker“ die Umschreibung für eine Prostituierte. Auf Grants verwirrten Blick hin sagte die Sozialarbeiterin stolz, daß der Job ihr ganzes Leben sei und sie ihn mit voller Hingabe den ganzen Tag mache. „Ich dachte erst, wow, daß die Europäer da offener sind, wusste ich, aber das... wow!“ Erst ein Mitschüler mit Amerikaerfahrung löste das Missverständnis

 

Hintergrund: English made in Germany

- Handy: Der deutsche Begriff für Mobiltelefon heißt für Amerikaner „geschickt“.         

-  Basecap:. Die Mütze heißt im Englischen „Baseball Hat/Cap“.

-  Box: Ist ein „Kasten“, ein „Lautsprecher“ ist es nur im Deutschen.

-  Fitness Studio: Nennt man in den USA schlicht „Gym“ (von „Gymnasion"“.

-  Oldtimer: Bezeichnet im Englischen eher einen alten Mann.

-  Public Viewing: Ist eine Leichenfeier mit offenem Sarg.

-  Beamer: Ist für Englischsprachige ein „Projector“. In den USA ist „Beamer“ ein Slangwort für einen BMW.

-  Kicker: Hier kehrt es sich um. Denn in den USA nennt man die Kästen für Tischfußball auch „foosball“ - eingeschleppt aus dem Deutschen (03. 01.2014).

 

 

Sprachdschungel:

Den „Coffee to go“ in der Hand sause ich noch schnell in den „Backshop“ um mir einen reichlich belegten „Bagle“ zu kaufen. Gerade versuche ich, im „Stop-and- go-Verkehr“ über die Straße zu hechten, da klingelt mein „Handy“. Eine Freundin möchte nun endlich ein „Feedback“ von mir, was ihren neuesten „Flirt“ betrifft. Doch die Zeit drängt, denn ein „Meeting“ wartet.

Na, liebe Leser, haben Sie manchmal auch das Gefühl, im falschen Land zu leben? Ohne englisches Wörterbuch traue ich mich schon gar nicht mehr aus dem Haus. In den Werbepausen während eines Fernsehabends drücke ich verzweifelt auf die Knöpfe meiner Fernbedienung, um den vermeintlichen Zweikanalton umzustellen. Doch die markigen Werbesprüche bleiben unverständlich.

„Drive alive“ posaunt ein Autohersteller über den Sender. Wie soll ich das verstehen? „Lebend fahren“ oder „die Fahrt überleben“? Da kann ich nur mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen in das Gefährt einsteigen. Und kaum habe ich schon namhafte Parfümerie betreten, müßte ich konsequenterweise auch auf dem Absatz wieder kehrtmachen. denn „Come in and find out“ wird von der Mehrheit der Deutschen als „Komm rein und finde wieder raus“ übersetzt.

Aber nicht nur wir schütteln bei manchen Anglizismen irritiert den Kopf. Auch so manch englischsprachige Zeitgenossen würden uns mit großen Augen anstarren, wenn wir ihnen etwas über „Oldtimer“, „Beamer“ oder „Showmaster“ erzählen würden. Das sind nämlich deutsche Erfindungen.

Manchmal ist die englische Vokabel jedoch deutlich kürzer und klangvoller. Oder möchten Sie morgens mit dem Duft von frischem Röstbrot statt Toast geweckt werden oder ihre Airbags gegen Luftsäcke austauschen? Prekär wird es allerdings beim „Public Viewing“: Wenn dann nämlich bei Fußballfans die Herzen höherschlagen, wird andernorts heftig ins Taschentuch geschneuzt. Denn der Begriff „Public Viewing“ bezeichnet in den USA die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen. Na gut, bei manchen fußballerischen Glanzleistungen wünscht man sich vielleicht auch, daß sich die Mannschaft einsargen lässt...

Aber lassen wir die deutsche Spreche nicht zum Stiefkind werden. Schließlich klingt „Nichts ist unmöglich" um Längen besser als „Impossible is nothing“. Das hört sich doch ganz okay an, oder?

 

 

 

Fernsehen

Man weiß ja nicht, was Generationen von Kindern taten, als es die „Tagesschau“ noch nicht gab. Als sie noch nicht das Windrosen-Gefiepe beim Wetterbericht abwarteten, um mit Taschengeldforderungen, blauen Briefen oder „Können wir nicht noch ein bißchen ‚Was bin ich?' gucken?“ an die Väter pirschten, weil da der Verhandlungsspielraum günstig war. Die „Tagesschau“ trennt in Heimkommen, Aufräumen, Abendessen und Glotze anmachen, Entspannen, Feierabend. Schon seit immer, meinen die Jüngeren. Ach, so lange ist es noch gar nicht her, sagen die Älteren. 50 Jahre genau. Und wenn man von den Anfängen hört, denkt man, es sind 500.

Mickrig, mit vier Mann Besatzung wurde die erste „Tagesschau“ am 25. Dezember 1952 gesendet. Aus einem Bunker am Hamburger Heiligengeistfeld, der noch heute steht. Aber, ach! Kann man dazu gesendet sagen? Mit allem musste der erste Chef der „Tagesschau“, Martin S. Sloboda, kämpfen: „Die Reeperbahn ist gar nicht so schlimm, fernsehen ist schlimmer“, sagt man damals. Es war ein verruchtes Medium, teuer dazu. Die meisten Familien waren noch mit dem privaten Wiederaufbau beschäftigt, für so einen modernen Krempel hatte man kein Geld, auch wenn es nur fünf Mark im Monat waren.

Also sah nur ein wirklich elitärer Kreis von Zuschauern Eisenhowers Rückkehr aus Korea - eine Nachricht, die schon 20 Tage alt war. Aber groß war die Nachricht allemal, und deswegen wurde sie so lange aufgehoben. Heute kann man innerhalb von 180 Sekunden Nachrichten auf den Bildschirm bringen.

Sandra Maischberger und Armin Toerkell haben sich mit Horst Jaedicke, dem ersten und lange Zeit einzigen Redakteur der „Tagesschau“ auf die Spuren von damals gemacht: „Es ist 20 Uhr. Die ‚Tagesschau' wird 50.“ Ein Jubiläumsfilm also. Und damit er keine Ähnlichkeiten mit „Die ‚Tagesschau' wird 45", „...40", „... 35", „...30“ und so weiter bekommt, hat Sandra Maischberger Schauspieler gebeten, die ersten Szenen aus dem Bunker Heiligengeist nachzuspielen. Man sieht: rauchende, düster bebrillte Tweedanzug-Männer, die um die Brosamen der „Wochenschau“ stehen, schwitzen, fluchen und daraus einen kleinen Film zusammendrehen. Ein Zusammenschnitt aus Katastrophen, Sport und Buntes, heute würde es wahrscheinlich kein einziges Thema in die „Tagesschau“ schaffen. Aber Sprecher, die vor einer Landkarte oder Grafik saßen, gab es damals noch nicht.

So nahm Sloboda das, was er kriegen konnte - und ein Schiffsunglück. Horst Jaedi von Horst Jaedicke, erschienen im Alliterar Verlag.

 

 

„Da gehe ich mit ihnen ganz chloroform“:

Sprachliche Entgleisungen auf und neben dem Spielfeld

Eine Sammlung von Fußballer-Zitaten im Westentaschenformat, aus der man endlos zitieren möchte. Skurrile, weil wider Willen (r)ausgerutschte Fußballweisheiten, die Schenkelklopfer sind. Der in der Überschrift zu lesende Ausspruch etwa stammt von einem damals hoffent­lich nicht benebelten Helmut Schön. Er hätte aber auch von der Trainerlegende Max Merkel sein können, der ebenfalls für so manchen sprachlichen Fauxpas gut war und folglich in „Sprechen Sie Fußball?“ mehrfach vertreten ist.

Auch Franz „der Kaiser“ Beckenbauer wird in dem Schatzkästlein der Merkwürdigkeiten wiederholt zitiert. So etwa mit der überraschenden Erkenntnis: „Die Schweden sind keine Holländer. Das hat man ganz genau gesehen.“

Auch Kommentator Marcel Reif kannte in seiner Begeisterung keine Grenzen, als er ins Mikro rief: „Kamerun - beste Mannschaft Europas.“ In dieser Tradition steht Andreas „Fräulein“ Möller, der in seinen besseren Jahren von einer Karriere im Ausland träumte und da nicht wählerisch war: „Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien.“

Voller Poesie ist eine frühere Auskunft von Ailton: „In momento n bisschen guck.“ Wie ein anschließender Kommentar dazu liest sich der Satz des Spielers Markus Weißenberger, der einmal über einen Spielerkollegen sagte: „Was mich an ihm am besten gefällt, ist, dass er auch ein bisschen Deutsch kann.“ Da möchte man mit Mario Basler antworten: „Ich lerne nicht extra Französisch für Spieler, wo diese Sprache nicht mächtig sind.“ Recht so! Man sollte stets um den Balken im eigenen Auge wissen.

Wie der bereits zitierte Andreas „Heulsuse“ Möller: „Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.“ Der einstige BVB-Spieler ist einer der wichtigsten Aphoristiker im Fußball, denn von ihm stammt auch dieses Bonmot: „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl.“

Wie es zu solchen Fehlleistungen kommt, weiß Franz Beckenbauer: „Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“ Das hätte ein Karl Valentin gewiss nicht besser formulieren können.

Die Zitate sind aber keine Sprachfouls, wie der Untertitel im Rasenspielvokabular suggeriert, da Fouls ja oft taktischer Natur sind. Es handelt sich um ungewollte sprachliche Entgleisungen, die aus dem Moment heraus geschehen: aus Freude über den Sieg, aus Frust über eine Niederlage oder aus dem Zwang, das Spiel, kaum dass es der Schiri abgepfiffen hat, für

Fernseh- und Hörfunksender sofort analysieren zu müssen.

Wer den Sinn des Spiels noch immer nicht durchschaut haben sollte, dem sei es mit den übergewichtigen Worten des Fußballphilosophen Rainer Calmund erklärt: „Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf: Wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.“ Haben Sie das verstanden? Wenn nicht, auch nicht schlimm, denn schon Gerd Müller wusste: „Wenn's denkst, ist eh zu spät.“

Und weil's so schön ist, soll zum Abschluss Mario Basler, der in seiner aktiven Zeit lieber eine Zigarette rauchte als kurzatmig nach dem Ball zu hasten, seiner Familie winken dürfen: „Ich grüße meine Mama, meinen Papa und ganz besonders meine Eltern.“ Wer so spricht, der ist ein echter Fußballer - oder ein Adoptivkind.

Sprechen Sie Fußball? Die schönsten Sprachfouls. Zusammengestellt von Günter Eisenhuber, Residenz Verlag GmbH, 64 Seiten, ISBN 3-7017-1449-5, 2,90 Euro.

 

Die Sprache in der Pandemie

Alltagsmaske, Balkonkonzert, Eindämmungsverordnung, Geisterspiel, Herdenimmunität, Hochrisikogruppe, Infektionskette, Rettungsplan, Rückholflug. Solche Begriffe werden irgendwann nicht mehr unbedingt in Verbindung mit Covid-19 gebracht.

Aber überall haben Menschen ihr Englisch verbessert. Übersetzt man Hotspot mit Heiße Stelle oder besser mit Brennpunkt? Lockdown (nicht zu verwechseln mit Lockerung!) mit Abriegelung oder Ausgangssperre? Shutdown mit Außerbetriebnahme oder Stilllegung? Tracing mit Ablaufverfolgung oder Überwachung?

Wer das Wort Heimarbeit zu „old school“ findet, spricht von „Homeoffice“, obwohl es die

Bezeichnung fürs britische Innenministerium ist. Die nicht-pharmazeutische Maßnahme „Social distancing“ sollte korrekt „physical distancing“ heißen: physischer, räumlicher Abstand, nicht sozialer, obwohl es nicht selten dazu kommt.

Auch naturwissenschaftlich haben wir uns weitergebildet: Der Aerosole wegen bedecken wir Mund und Nase. Aber wie stellen wir uns das Virus vor? Wir hören: Es schlägt zu, wird auf den Prüfstand gestellt und unter die Lupe genommen; besser wäre Mikroskop. Doch unter der Lupe ist ständig etwas, auch Großes, Dingliches und Abstraktes, zum Beispiel Kindergärten oder der Buchmarkt.

Nun wurden aus Lupen Brenngläser, unter denen sich in der Krise Probleme zeigen und Entwicklungen verdichten. Physikalisch sind zwar Lupe und Brennglas das gleiche, aber im Brennpunkt findet Zerstörung statt.

Bildhafte Sprache ist Glücksache. Wir üben uns momentan auch in Ambiguitätstoleranz; es hilft noch nach Corona, mit der Mehrdeutigkeit von Wörtern und Werten klarzukommen (Christoph Kuhn, G+H 25/20). Und noch eins: Schulden heißen jetzt „Sondervermögen“.

 

 

Geschlechtergerechte Sprache

Wird die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in geschlechtergerechte Sprache umgeschrieben? Darüber will die Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung 2018 entscheiden. Die Verfassungskommission hat einen Vorschlag erarbeitet. Dazu ein Gespräch mit Professor Michael Germann, der der Verfassungskommission angehörte, jedoch ausgetreten ist. Mit ihm sprach Katja Schmidtke.

Herr Professor Germann, seit 2014 diskutiert die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland über eine Verfassungsänderung. Von Beginn an gehörten Sie der von der Landessynode hierfür eingesetzten Kommission an. Nun sind Sie ausgetreten. Warum?

 

Germann antwortet: Die Herbstsynode hat die Verfassungskommission aufgefordert, den Entwurf zur Änderung der Verfassung in einer geschlechtspolitisch veränderten Sprachfassung vorzulegen. Die halte ich für eine schwerwiegende Verschlechterung. In meinem Brief an den Präses der Synode und an die anderen Beteiligten habe ich deutlich gemacht, dass ich damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Außerdem wollte ich die Freiheit gewinnen, die ich mir als Mitglied der Kommission nicht genommen habe: einzutreten für die geltende sprachliche Fassung und dafür zu werben, die Änderung in der Frühjahrssynode abzulehnen.

Die inhaltlichen Vorschläge, die aus der Revision hervorgegangen sind, halte ich für sinnvoll. Weil aber in der jetzt vorgelegten Fassung sprachliche und inhaltliche Veränderungen zu einem Text verbunden sind, können die Synodalen nur zu beidem „ja“. oder zu beidem „nein“, sagen. Sagt die Synode „nein“, was ich hoffe und wofür ich in einem Brief an die Synodalen werbe, können die inhaltlichen Veränderungen später aufgegriffen werden. Die sind ja nicht aus der Welt.

 

An „geschlechtergerechter Sprache“ stört Germann schon die Bezeichnung. er spricht von einer „geschlechtsfixierten Sprache“. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie willkürlich generische Formen unterdrückt und durch Formen zu ersetzen versucht, die nur ein bestimmtes biologisches Geschlecht markieren. Generische Substantive oder Pronomen machen es möglich, Menschen und ihre sozialen Rollen zu bezeichnen, wenn das Geschlecht unbekannt oder nicht bedeutsam ist. Generische Formen leisten eine notwendige Abstraktion, wie übrigens alle sprachlichen Ausdrücke. Um vom Geschlecht zu abstrahieren, kommen wir ohne generische Formen nicht aus.

Manche generische Formen haben nun das Pech, dass sie mit den Formen übereinstimmen, die man für männliche Exemplare verwendet, wenn es eine weiblich markierte Form gibt. Das ist sprachlicher Zufall: „Freund“ und „Gast“ sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben „Freund“ gibt es „Freundin“, neben „Gast“ gibt es keine weiblich markierte Form. Wer deswegen von „Freunden“ nur noch sprechen will, wenn es Männer sind, fixiert das Wort auf das männliche Geschlecht. So kann man Frauen nicht zu seinen Freunden zählen, sondern mit der separaten Bezeichnung als „Freundinnen“ nur von ihnen sprechen, indem man auf ihr weibliches Geschlecht abstellt. Das nenne ich „geschlechtsfixierte“ Sprache.

Und damit beginnen die Probleme: Es gibt Menschen, die sich nicht auf das männliche oder weibliche Geschlecht festlegen lassen. Schon daran scheitert die Erwartung, man könne generische Formen durch eine Aufzählung zweier Geschlechter ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat daraus geschlossen, dass das Personenstandsrecht für die Angabe des Geschlechts eine generische Kategorie bereithalten muss. Erst recht sind generische Formen also nötig, wenn es gar nicht um die Angabe des Geschlechts geht. In der individuellen Ansprache eines konkreten Menschen ist das anders. Mein Gegenüber spreche ich nicht generisch an.

Durch die Veränderung der Sprache in einer Gesellschaft, in der jeder individueller sein will als der andere, kommt das verbindende Element abhanden. es geht um das Bedürfnis, in jeder Situation als Individuum angesprochen zu werden. Damit hat auch das Argument zu tun, die Sprache müsse jeden einzelnen in seiner Geschlechtszugehörigkeit „sichtbar“ werden lassen. So habe ich auch von manchen Frauen in einem hohen, sogar sehr sichtbaren kirchlichen Leitungsamt gesagt bekommen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von einem Text, der abstrahiert, dass sie sich in ihrer Funktion und Rolle, in ihrem Amt nur wahrgenommen sehen, wenn sie gerade als Frau wahrgenommen werden. Das Verbindende wäre hier im Zurücktreten des „Ansehens“ der Person und ihres Geschlechts hinter die „Sichtbarkeit“ des Amts zu suchen, sobald man eben vom Amt spricht und nicht von der einzelnen Person.

Durch die Sprachumstellung will man eine individuelle Ansprache und unsere Gemeinschaft als Christen zusammenbringen. Ohne generische Bezeichnung gibt es aber keine gemeinsame Bezeichnung. Umschreibungen wie „alle Getauften“ gelten nur deshalb als unauffällig, weil es dazu keine markierte Form gibt. Wenn man von Christen nur noch als „Christinnen und Christen“ sprechen kann, ist die Trennung der Geschlechter vorausgesetzt, sie geht dem Christsein vor. Das ist ein Problem, weil wir Sprachformen brauchen, die uns als Gemeinschaft ansprechen.

Im Plural verschwinden die weiblich markierten Formen.

Hier wird Unsichtbarkeit uns plötzlich als „geschlechtergerecht“ verkauft. Bei den „Getauften“ funktioniert das, aber nicht bei den „Christen“, wenn man sie im Gegen satz zu „Christinnen“ sieht. Alle Kunstgriffe dieser Art gehen auf Kosten des Sinns. Ein Beispiel: Für die Vorschriften über das Amt des Superintendenten hat die Verfassungskommission den Plural erwogen, weil sich darin we- nigstens die Personalpronomina auf eine Form reduzieren.

Doch das hätte den Sinn verschoben: Eine Norm, die die einzelnen Amtsträger adressieren soll, wäre im Plural verwechselbar mit einer Norm, die die ganze Gruppe adressiert. Es gibt aber je Kirchenkreis nur ein solches Amt. Juristen können mit solchen Sinnverschiebungen zurechtkommen, aber die dafür erforderliche Übersetzungsleistung ist eine unnötige Verständnishürde, erst recht für juristisch nicht geschulte Menschen.

Gesetzestexte sind kompliziert. Sie müssen aber auch sprachlich schön sein. Verfassungen sind keine beliebigen Gebrauchstexte, ihre Wirkung hängt auch davon ab, dass sie gut lesbar und eingängig sind. Das Grundgesetz zum Beispiel hat - abgesehen von einigen späteren Zutaten - ein schöner Text.

Hätte nicht eine Gleichstellungsklausel in der EKM-Verfassung genügt? Germann sagt dazu: Artikel 8 der geltenden Verfassung stellt die Funktion der generischen Bezeichnungen klar. Selbst das ist unnötig, wenn man sich einfach darauf einlässt, dass generische Formen immer vom Geschlecht abstrahieren.

Bei solchen Klauseln sollte auf die Formulierung geachtet werden: Dass alle „gemeint“ sind, trifft die Sache nicht: Frauen sind nicht nur irgendwie „mitgemeint“. Formulierungen wie „gelten auch für Frauen“ klingen juristisch nach einer Fiktion. Besser ist das Verb „bezeichnen“: Generische Formen „bezeichnen gleichermaßen Frauen und Männer“. So ist es, und so steht es in Artikel 8 der Kirchenverfassung.

Aber manchen genügt das nicht. Das Hauptargument lautet: Es werde anders empfunden. Man muss das ernst nehmen und die Probleme an der richtigen Stelle anpacken. Wenn ein Personalver­antwortlicher nur an Männer denkt, wenn im Text „Pfarrer“ steht, dann ist dies Denken das Problem. Für uns als evangelische Christen wäre die Kirche nicht mehr in Ordnung, wenn es für ihre Ämter auf das Geschlecht ankäme. Wo das in den Köpfen nicht angekommen sein sollte, müssen wir reagieren und ein Bewusstsein schaffen. Dafür sei eine Sprachumstellung das Mittel, so das Argument ihrer Befürworter. Aber Eingriffe in die Sprache sind das falsche Mittel. Es hat etwas von einer Ablenkungsschlacht, diese Schlacht um die Sprache.

German als Kirchenrechtler ist bei diesem Thema so emotional: Sprache hat mit Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand mir vorschreibt, wie ich zu sprechen habe, macht mich das grantig. Aber dann müsste er auch Frauen verstehen, die sagen, diese Sprache schreibt mir vor, dass ich Pfarrer bin und nicht Pfarrerin.

Da stehen emotionale Erfahrungen dahinter - auch generationsgebunden. Aber dieses Empfinden sucht sich das verkehrte Ziel. Es macht einen Unterschied, ob ich Eingriffe in die Sprache erleide oder ob ich hinnehmen muss, dass andere die Sprache so verwenden, wie sie mit den ihr gegebenen Mitteln funktioniert. Da kann man der generischen Form nicht gegen ihren Sinn vorwerfen, sie mache eine Frau zum Mann. Schon allein die Methode, über Sprachhygiene in den Kopf da anderen eingreifen zu wollen, hat etwas Beleidigendes. Man unterstellt ihm damit, dass er ein falsches, in Rollenstereotypen gefangenes Bewusstsein hätte.

German sagt dazu: Das will ich mir nicht mit jedem Satz der Verfassung vorhalten lassen. Wo es so wäre, ließe ich mich gerne korrigieren - aber nicht auf dem Irrweg einer um die generischen Formen beraubten Sprache. Ich hoffe, dass die Landessynode das dem Text der Kirchenverfassung nicht antut.

 

Genderitis:

„Nach dem Fußballspiel jubelten Spieler und Spielerinnen, Trainer und Trainerinnen, Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, Ärzte und Ärztinnen. Ausländer und Ausländerinnen, usw.“. Man kann es bald nicht mehr hören, das Lesen und Verstehen wird stark erschwert. Früher war klar, daß bei männlichen Formen auch immer die weibliche mitgemeint ist. Für Luther oder Goethe gab es da kein Problem, keine Frau fühlte sich diskriminiert. Es gab „Mann“ und „Weib“ und das nachgemachte Wortspiel „Männin“ in 1. Mose 1 hat sich nicht durchgesetzt.

Aber dann kam das „Gendern“ auf. In Maintal sprachen in der Stadtverordnetenversammlung die Grünen zuerst vom „Gender mainstrom“. Seitdem wurde es immer mehr mit den doppelten Formen: Gesetzestexte wurden umgeformt, In den Zeitungen führte man „Gender-Sternchen“ oder das große „I“ im Wort ein – und man sprach das Wort dann auch so, mit einer kleinen Pause im Wort.

In Herbst 2023 erfand man noch eine Neuerung. Jetzt war im Zusammenhang mit judenfeindlichen Demonstrationen und Aktionen nicht mehr von „Juden“ die Rede, sondern von den „Jüdinnen und Juden“. Analog dazu müßte man dann auch von „Deutschinnen und Deutschen“ sprechen. Doch schon Hoffmann von Fallersleben konnte in seinem Lied, das später die Nationalhymne wurde, nur „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ dichten.

Seltsamerweise gibt es in der deutschen Sprache – zumindest für Europa – immer eine weibliche und männliche Form für die Bewohner eines anderen Landes. Sogar die Frauen und Monaco sind „Monegassinnen“ (höchstens bei San Marino wird es schwierig, aber da heißen die Einwohner „Sammarinesi“ und das ist italienisch und dort umfaßt der Plural beide Geschlechter).“

Fast schon akzeptiert sind Wörter wie „Mitgliederinnen“ (Plural männlich und weiblich, von „das Mitglied“) oder „Teenagerinnen“ (im Englischen für beide Geschlechter, es heißt „der siebzehnjährige Teenager“, auch wenn es sich um ein Mädchen handelt). Weitere Wortschöpfungen werden folgen.

Ein eigenes Kapitel ist die religiöse Sprache. So heißt es im aaronitischen Segen am Schluß des Gottesdiensts: „Der Herr segne dich!“ Manche ersetzen hier das „Herr“ durch „Gott“. Das ist nicht falsch, denn im Urtext steht hier „Jahwe“, das Luther mit „Herr“ wiedergegeben hat.. Aber das Wort „Herr“ ist hier nicht der Gegensatz zu „Dame“ oder „Frauen“ (wie an den Toiletten), sondern Gegenstück zu „Sklave“. Mit „Herr“ wird deutlicher ausgedrückt, daß Gott über den Menschen steht.

 

 

 

 

Sprachepflege

 

Brief an RTL „gucken“.                                                                                           08.03.2022

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Sendung von „Wer wird Millionär, die am 7. März ausgestrahlt wurde, ging es um das Wort „gucken“. Es ging darum, wie man dieses Wort in Norddeutschland und in Süddeutschland ausspricht.

Die richtige Antwort sollte sein, daß man es nur on Norddeutschland als „kucken“ ausspricht. Nun „kuckt“ zwar Mareile Höppner als Hamburgerin immer wieder, aber auch Claudia Schick vom Hessischen Rundfunk sagt immer wieder „MEX kucken“. Nun liegt zwar der Hessische Rundfunk nördlich des Mains, den man als Grenze zwischen Nord und Süd ansehen könnte, aber der echte Frankfurter „guggt“ und hört oder spielt „Guggemusik“. Und im Süden kennt man das Wort „gucken“ gar nicht. Unsere Enkelinnen in München „schauen“ nur. Auch Franz Beckenbauer sagte: „Schau‘n wir mal“ Das ist einn sehr viel schöneres Wort als „gucken“. Das hätte mein Deutschlehrer als Dialekt oder vielleicht sogar vulgär angestrichen.

Im Duden steht das Wort „gucken“ in richtiger Schreibweise, aber mit dem Hinweis: „umgangssprachlich kucken“. Damit sanktioniert er indirekt eine falsche Gewohnheit der meisten Norddeutschen. Aber es gibt kein „Kuckloch, Kuckkkasten, Kuckfenster“.

Aber es war kein Wunder, daß der Kandidat bei „Wer wird Millionär“ erst auf die richtige Antwort gehoben werden mußte.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Heckert

           

In Talkshows, Interviews oder heute auch in der Morgenandacht im Radio - ständig heißt es: „Also, wenn ich ehrlich bin ...“ oder: „Ehrlich gesagt“.  Richtig müsste es doch wohl

heißen: „Wenn ich offen bin ...“ oder: „Offen gesagt ...“. Denn das ist damit gemeint:

Ich weiß mehr, als ich sage, aber ich sage nicht alles, was ich weiß. Aber so entsteht der Eindruck, als sei das meiste von dem Gesagten gelogen (Bernhard Heimrich).

 

Es ist erstaunlich, wie bestimmte Formulierungen plötzlich Mode werden. Sagte man früher zur Überbrückung einer Pause ein „Ähm“, so heißt es heute „ja“ oder „genau“. Sprachprägend ist dabei das Fernsehen: Da verwendet einer einen Ausdruck und alle machen es nach.

 

 

Sprache vor Verfall bewahren

In einem gepflegten Sprach-Garten sind wir nicht angekommen. Mich stören unnötige Anglizismen oder direkt ins Deutsche übertragene Sätze wie „Es macht Sinn“ statt  „sinnvoll“ oder „am Ende des Tages“ statt „schließlich“ oder „letztlich“ oder der inflationäre Gebrauch der Wörter „okay“ und „genau“. Welche Frage muß mit dem Wort „genau“ beantwortetet werden? Es reicht doch - nach Martin Luther - „Ja“ oder „Nein“.

Ärgerlich sind auch die vielen Entgleisungen im Sprachgebrauch von Politikern oder Journalisten - Frauen sind im Folgenden natürlich immer einbezogen. Nur weil das Publikum eingeweiht ist, wissen alle, daß zum Beispiel eine „Watsche“ oder die oft gebrauchte „schallende Ohrfeige“ keine wirklichen Handgreiflichkeiten sind. Oder daß Grabenkämpfe und Warnschüsse nichts mit wirklichem Krieg zu tun haben.

Da wiederum, für wirkliche Kämpfe, werden eher verharmlosende Ausdrücke verwendet: „Aus­einandersetzungen, Missionen, chirurgische Eingriffe“. Überhaupt sind viele Begriffe aus dem Krieg im Umlauf wie „in vorderster Front“, „Gewehr bei Fuß stehen“, „Flaggschiff“ oder das Kaliber „Null-acht-fünfzehn“. Auch Begriffe von Gewalttaten aus vergangener Zeit werden gern verwendet wie „an den Pranger stellen“ oder „Spießruten laufen“.

Erst vor kurzem beklagte die Bundesfamilienministerin den Niveauverfall der Sprache in der Politik. Da müssen sich alle angesprochen fühlen: Privatleute wie Journalisten oder Politiker. Denken, sprechen und handeln sollten eine Einheit sein. Durch das Sprechen unterscheiden wir uns am

deutlichsten von anderen Lebewesen. Von dem britischen Schriftsteller John Ruskin stammt der treffende Satz: „Wörter, wenn sie nicht gehütet werden, verrichten mitunter tödliche Arbeit.“

Was hilft zum besseren Sprachgebrauch? Jeder kann auf seine Sprache achten. Auch hilft langsames Sprechen mit Pausen (statt „Äh“). Man kann Superlative vermeiden wie „am herzlichsten“, ,, die »unterschiedlichsten“ oder „die angesagtesten“. Was heißt, zum Beispiel, „Ausnahmetalent“? Was ist ein „außergewöhnlicher Klangkörper“? Was unterscheidet einen „Star“ vom „Superstar“? Ich vermute, daß ersterer schnell vergessen sein kann, während letzterer sich etwas länger hält.

Aber auch auf anderen Gebieten ist der Sprachgebrauch nicht angemessen oder gar falsch: Mit dem Wort „Umweltbewußtsein“ wird der Eindruck erweckt, daß die Natur etwas wäre, das um uns herum existiert. Aber wir gehören doch dazu. Oder das häufig verwendete Wort „wegdenken“. Keiner kann etwas wegdenken, sondern höchstens an etwas nicht mehr denken. Oder der Satz: „Jeder Deutsche produziert 37 Kilogramm Plastikmüll im Jahr.“ Der produziert den nicht, sondern der fällt bei ihm an, der vermeidet ihn nicht oder kann/will ihn nicht vermeiden.

Außerdem sind viele Wörter und Wendungen einfach abgenutzt: sintflutartiger Regen, Häuser, die umfallen wie Kartenhäuser, grünes Licht, rote Laterne, Weichen stellen... „Entschleunigung“ und „Nachhaltigkeit“ gehören zu den inflationär gebrauchten Wörtern, zur aufgeblähten Sprache. Jeder sollte einfach sagen, was ist.

Sie beklagen nicht nur sprachliche Entgleisungen, sondern auch den hohen Wortverlust in der Gegenwart. Jeder Einzelne kann die Sprache bereichern und ihrem Verfall entgegenwirken. Sich vom Sprachmüll zu befreien, gehört zur Psychohygiene. Die Lektüre guter Literatur unterstützt das. Zur Wiederentdeckung von Worten empfehle ich 2019 zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes seine Bücher (wieder) zu lesen.(Christoph Kuhn).

Buchtip: Kuhn, Christoph: Total okay und genau, Glossen zu Dingen und Sachen, Wartburg Verlag, 88 S., ISBN 978-3-86160422-8, 14 Euro

 

 

Straßennamen

Laut Duden werden Straßennamen, die aus einem einfachen oder zusammengesetzten Substantiv (auch Namen) und einem für Straßennamen typischen Grundwort bestehen, zusammengeschrieben.

Experten fordern dagegen: Straßennamen mit einteiligem Bestimmungswort werden zweckmäßigerweise mit Bindestrich geschrieben, wenn die Zusammenschreibung wegen Häufung von Selbstlauten oder Mitlauten an der Wortfuge wahrscheinlich Leseschwierigkeiten bereitet (also: Rushmoor-Park, Heuss-Straße). Aber: Konrad-Adenauer-Allee, St.-Ursula-Gasse, Erich-Kästner-Schule. Dagegen: „Johann Wolfgang Goethe Universität", weil es bei der Gründung so eingetragen wurde.

Eine Straße, die nach einem Herrn Lange benannt wurde, heißt ,,Langestraße". Eine lange Straße jedoch wird geschrieben ,,Lange Straße" (ebenso: Kronberger Straße).

Ortsübliche Bildungen sind dagegen „Stierstädter“ und nicht ,,Stierstadter" und ,,Oberstedter" und nicht ,,Oberstedtener".

 

An dem einen Ende der Straße in Bommersheim steht „Lange Straße“, am anderen Ende aber „Langestraße“. Was ist richtig, was falsch? Wäre sie nach einem Herrn Lange benannt, hieße sie richtigerweise „Langestraße“. Da sie aber ihre eigene Länge kundtun will, stimmt „Lange Straße“ (aber: „Langgasse“).

Schreibt sich die Kronberger Straße tatsächlich in einem Wort, wie ein Schild in Oberursel vorgibt? Und wie ist das mit der Oberhöchstadter Straße, die in Kronberg Oberhöchstädter Straße heißt? Sind die Stierstädter nicht eigentlich Stierstadter und die Oberstedter Oberstedtener? Es gibt eindeutige Regeln - aber auch erstaunlich flexible Sprachwissenschaftler.

Der Duden sagt eindeutig: „Straßennamen, die aus einem einfachen oder zusammengesetzten Substantiv (auch Namen) und einem für Straßennamen typischen Grundwort bestehen, werden zusammengeschrieben“. Es heißt also „Schloßpark“.

Franz Planatscher, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, weist aber darauf hin, daß man „Po-Ufer“ aus Gründen der Lesbarkeit schreiben muß. Er stellt die Regel auf: „Straßennamen mit einteiligem Bestimmungswort werden zweckmäßigerweise mit Bindestrich geschrieben, wenn die Zusammenschreibung wegen Häufung von Selbstlauten oder Mitlauten an der Wortfuge wahrscheinlich Leseschwierigkeiten bereitet.“ Gelten lassen würde er deshalb auch Heuss-Straße statt Heussstraße.

Überhaupt nicht gelten lassen würde er allerdings „Adenauer- Alle“ mit Bindestrich. Anders läge der Fall, wenn die Oberurseler den Altkanzler mit vollem Namen und gar akademischem Grad verewigt hätten: „Dr.-Konrad-Adenauer-Straße“ wäre dann korrekt -so wie „St.-Ursula-Gasse“ korrekt ist, denn: „Den Bindestrich setzt man, wenn die Bestimmun zum Grundwort aus mehreren Wörtern besteht.“

So gesehen, ist die „Ernst Baldes Passage“ (total ohne Bindestrich) eine böse grammatikalische Schludrigkeit. Wenigstens nur ein Bindestrich fehlt an der Erich Kästner-Schule in Ober­ursel. Der Erich hängt beziehungslos am Kästner und am Grundwort. Möglicherweise ist das sogar Absicht, es kann wegen der Ferien nicht nachgeprüft werden, Horst-Dieter Schlosser an der Frankfurter Uni weiß, daß Namensgeber Kästner einmal heftig gegen die Bindestriche polemisiert haben soll, bei der Namensgebung der Schule in Maintal hat er es sogar gefordert.

Seine eigene Universität hat völlig auf Bindestriche verzichtet: „Johann Wolfgang von Goethe Universität“, so wurde sie bei der Gründung regelwidrig eingetragen, aber offiziell. Heute heißt sie übrigens „Johann Wolfgang Goethe Universität“.

Franz Planatscher in Wiesbaden hat einmal ein Büchlein über Straßennamen veröffentlich. Er will sich da nicht zum Schiedsrichter machen: „Es gibt ortsübliche Bildungen, falsch ist weder die eine noch die andere.“ Also können sich die Stierstädter unbesorgt weiter so nennen, auch wenn im Stadtplan die „Stierstadter Straße“ und die „Stierstadter Heide“ ohne „ä“ verzeichnet sind. „Das kann kein Stierstädter veranlaßt haben“, meint dazu Hubert Kraus im Oberurseler Rathaus, auf hochdeutsch heiße es vielleicht „Stierstadter“, aber er sei selbstverständlich „Stierstädter“. Es heißt natürlich „Oberstedter“ und nicht etwa „Oberstedtener“. „Weißkircher“ andererseits würde niemand sagen, es handelt sich um „Weißkirchener“. Ortsübliche Bildungen eben.

Aber Schildermacher Hannes Göttsch in Dreieich, der halb Hessen mit Straßennamenschildern ausstattet, weiß zum Beispiel nicht, ob es „Buchschlager Allee“ heißen muß oder „Buchschläger Allee“. Gnädig sind die Experten hingegen mit dem Rushmoor-Park: „Eigentlich ohne Bindestrich, aber man kann es lassen.“

 

 

 

 

 

 

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