Aktuelles in der Stadt

 

 

 

Las Vegas-Hochzeit auf Sylt

Von politischer Seite wurde an der Hochzeit Christian Lindner und Frau kritisiert, daß sie zu aufwendig gewesen wäre. Doch warum sollte man das nicht machen, wenn man das Geld dazu hat. Andere Reiche machen das auch, und Herr Lindner beweist damit einmal mehr, daß er zu den Reichen gehört (und auch nur für diese Politik macht). Aber ein „Geschmäckle“ hat es doch, wenn der Finanzminister das Volk zum Sparen auffordert und am nächsten Tag eine Pomp-Hochzeit feiert, Politiker könnte durchaus ein Vorbild sein.

Schlimme ist die kirchliche Seite der Angelegenheit. Die für Keitum zuständige Pfarrerin Susanne Zingel hat ein Ehepaar getraut, dessen beide Partner nicht einer Kirche angehören. Mit Recht war das bisher nach der kirchlichen Lebensordnung nicht möglich, weil die Trauung ein Bekenntnis zum christlichen Glauben voraussetzt. Im Gegensatz zur Eheschließung auf dem Standesamt ist die Trauung in der Kirche und ein Pfarrer betet für die Eheleute und spricht ihnen Gottes Segen zu. Wie soll das aber gehen, wenn beide von Gott und der Kirche nichts halten? Wenn es ihnen wirklich um den Segen gegangen wäre, dann hätten sie das auch in der Stille machen können.

Im Fernsehen wurde zwar gelegentlich gesagt, der Ehemann sei in jungen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber bei der Ehefrau wisse man das nicht so genau, wie es mit der Kon­fession sei.  Doch wenn so wäre, hätte man das bestimmt als Rechtfertigung öffentlich gesagt. Wenn jemand aber bewußt aus der Kirche austritt, ist das schlimmer, als wenn einer nie dazu gehört hat, dann damit drückt man doch seine Verachtung für die Sache aus.

Warum wandte man sich dann nicht an die katholische Kirche, wenn doch wenigstens der Ehemann dazu eine Beziehung hatte? Die katholische Kirche hätte es halt nicht gemacht. Und außerdem ist die Kirche in Keitum ja evangelisch, eine beliebte Hochzeitskirche. Sie liegt auch günstig zur Sansibar, wo hinterher due große Sause stattfand. Und einen kleinen Flugplatz für prominente Gäste gibt es dort auch.

Was hat die Pfarrerin wohl den Eheleuten gesagt? Hat sie ihnen die Aussagen der Bibel über die Ehe vor Augen gestellt? Hat sie ihnen gesagt, daß Gottes Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“ auch für diejenigen gilt, die nicht getraut worden sind? Oder hat sie nur das gesagt, was ein weltlicher Redner aus so einem Anlaß auch sagt? Wird die Veranstaltung denn nun auch in das Traubuch der Gemeinde eingetragen, zählt sie in der Statistik? Sicherlich hat es für die Gemeinde auch eine fette Spende des Ehemanns gegeben. Und die Pfarrerin wurde sicher auch nachher wie üblich zur Hochzeitsfeier eingeladen (in besagte „Sansibar“).

Das war keine Trauung, auch wenn die Handlung in einer Kirche war.  Trauung ist übrigens immer eine kirchliche Handlung, die auch außerhalb einer Kirche stattfinden kann. Aber eine „standesamtliche Trauung“ gibt es nicht, das ist immer die Eheschließung. Und wenn die „Brautleute“ in die Kirche kommen, sind sie schon Eheleute, die ihre gerade geschlossene Ehe auch unter den Segen Gottes stellen wollen.

Aber das in der Keitumer Kirche war eine Las Vegas-Hochzeit, die nichts bewirkte außer einem feierlichen Rahmen. In Las Vegas kann man allerdings auch „heiraten“, ohne die Ehe geschlossen zu haben, also nur so zum Spaß und unverbindlich. Aber vielleicht kommt das auch noch in der Kirche. Da kann man auch die Kirche bloß vermieten und den Mietern alle Einzelheiten überlassen, auch daß sie einen Redner mitbringen. Das paßt dann gut zu der Event-Kirche, die heutzutage von manchen angestrebt wird.

 

Angefangen hat alles mit der sogenannten „Gottesdienst zur Eheschließung“. Dieser hatte noch eine gewisse Rechtfertigung, denn man sagte, man könne dem christlichen Teil doch nicht eine christliehe Handlung in der Kirche verwehren. Als die Kirche noch von beiden Eheleuten die Konfirmation und die bestehende Kirchenzugehörigkeit forderte, da mußte man sich wenigstens noch entscheiden: Entweder verzichteten die Eheleute ehrlicherweise auf die Trauung. Oder der christliche Partner bewegte de anderen, sich mit dem christlichen Glauben zu befassen. Und dann ging er zum Pfarrer zum Glaubensunterricht und wurde noch konfirmiert oder gar getauft. Sicherlich kann man auch behaupten, das könne auch nur eine Formalität gewesen sein, aber es war wenigstens eine Entscheidung, die sicherlich in vielen Fällen angehalten hat.

Aber das in Keitum war völlig unverbindlich und folgenlos. Es könnte der Eindruck entstehen, die Kirche sei käuflich, wenn man nur zahlt. Prominent muß man nicht unbedingt sein. Jetzt kann jedes Urlauberpaar, das zufällig an der Kirche vorbeikommt, sich schnell einmal trauen lassen, mit Glockenklang und „Treulich geführt“ von der Orgel herab.

Annegret Wegner-Braun, die zuständige Pröpstin der Nordkirche in Nordfriesland, hat ja gesagt, daß es keine „Lex Lindner“ gebe. Da kann auch demnächst ein Reisebüro „einen Woche Sylt mit Trauung in Keitum“ anbieten. Ob man an so etwas gedacht hat, als die Nordkirchen-Synode im Jahr 2020 beschlossen hat, daß eine Trauung auch dann möglich ist, „wenn Menschen, die nicht Kirchenmitglieder sind, danach fragen“. Durch so einen Beschluß lädt man doch nur ein, das Sonderangebot auch wahrzunehmen, man muß ja nur „danach fragen“. Was soll da noch der Beschluß des Kirchengemeinderats von Keitum, dass die Pfarrerin in „besonderen Ausnahmefällen“ an diesem „besonderen Ort“ auf der Insel Sylt auch Nichtmitglieder trauen dürfe? „Besondere Ausnahmefälle“ gibt es dann nicht mehr, sondern es wird zur Regel. Und eine „Lex St. Severin in Keitum“ kann es auch nicht geben, denn so besonders ist die Kirche nun auch wieder nicht, daß man alle bisherigen kirchlichen Regeln über Bord werfen könnte. Jetzt wirbt die Kirche auch noch für den Fremdenverkehr! Aber da gibt es noch ganz andere Kirchen, die einen viel größeren und feierlicheren Rahmen bieten – aber halt auch nur einen Rahmen.

 

 Bischof Gothart Magaard, Bischofskanzlei Schleswig:
Unsere Pastorinnen und Pastoren machen in den Urlaubsregionen auch für die Gäste mit unterschiedlichem kirchlichem oder auch nichtkirchlichem Hintergrund eine großartige Arbeit. Daraus ergeben sich nicht selten Anfragen für Taufen, Trauungen und sogar Trauerfeiern.

 Im Blick auf die aktuelle Diskussion gilt der Grundsatz: Bei einem Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung (Trauung) ist mindestens eine Partnerin bzw. ein Partner Mitglied einer evangelischen Kirche. Dieser Grundsatz ist wichtig und leitend für uns, weil Kirchenmitgliedschaft auch eine Form gelebter Solidarität und Verbundenheit ist.

 In unseren, von der Landessynode im Jahr 2019 beschlossenen Grundlinien heißt es aber auch: „Ein Kasualgottesdienst (d.h. eine Taufe, Trauung oder Beerdigung) kann auch gefeiert werden, wenn Menschen, die nicht Kirchenmitglieder sind, danach fragen; ein Anspruch auf einen Kasualgottesdienst besteht für sie nicht. Wenn ein Kasualgottesdienst auf Anfrage eines Menschen, der nicht Kirchenmitglied ist, gefeiert wird, dann dient die Nordkirche nach ihrem Selbstverständnis damit Gott durch die Verkündigung des Evangeliums. Sie nimmt sich aber auch der Menschen in ihrer besonderen Situation an. Und sie lädt damit diejenigen, die nicht Kirchenmitglieder sind, ein, Mitglieder zu werden.“

Hiermit hat die Synode eine Öffnung gegenüber einer formalen Praxis ermöglicht, die gelegentlich ja leider auch dazu führt, dass Menschen für eine Trauung in die Kirche wieder eintreten, um sie anschließend wieder zu verlassen. Die Möglichkeit wird von wenigen Gemeinden und auch dort nur in Ausnahmefällen wahrgenommen.

Meiner Kenntnis nach gibt es diese seltenen Ausnahmen auch nicht nur in der Nordkirche. Laut Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland liegt der Anteil der evangelisch getrauten Paare, bei denen kein Partner Mitglied einer evangelischen Landeskirche ist, seit 2015 bei jährlich 0,3 bis 0,4 Prozent.

In jedem Fall findet dazu zunächst ein persönliches Gespräch statt, in dem die Motive und Beweggründe besprochen werden. Ein solches Gespräch unterliegt natürlich der seelsorglichen Verschwiegenheit. Es liegt dann im Ermessen der Pastorin oder des Pastors, von der Grundlinie (s.o.) im Einzelfall abzuweichen. Das gilt für alle Menschen, die den Segen erbitten, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung.

Im konkreten Fall kommen Spekulationen und ein übergroßes mediales Interesse an der „Hochzeit des Jahres“ hinzu. Auch nach meinem ausführlichen Gespräch mit der zuständigen Pastorin habe ich keinen Grund, an ihrer sorgfältigen Abwägung zu zweifeln, für das Ehepaar Lindner/ Lehfeldt einen Gottesdienst mit Kirchenliedern, Gebeten, Predigt und Bibelspruch sowie Segen zu gestalten. Ohne jeden Glamour oder Eventcharakter wurde ein schlichter Gottesdienst gefeiert. Dass Trauzeugen, Familie oder Freunde sich einbringen dürfen, kommt öfter vor und war in diesem Fall eine „Freundschaftsrede“ von Peter Sloterdijk. Herr Lindner hat sich übrigens gestern auf „chrismon.de“ sich zu seinen Motiven geäußert.

 Als Bischof war und ist es mir ein Anliegen, der engagierten Pastorin in dieser aufgeladenen Situation den Rücken zu stärken.  Ich habe in einem Interview darauf hingewiesen, dass die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche vielfältige Anker hat: z.B. eine gute Jugendarbeit vor Ort, eine persönliche Begleitung, Kirchenmusik, Diakonie, Kitaarbeit usw.

Ich sehe nun, dass viele Menschen so wie auch Sie zusätzlich über mein verkürztes Zitat verärgert sind. Das tut mir sehr leid. Wir werden alle Reaktionen sorgfältig auswerten, und ihre Rückmeldung fließt natürlich in die Auswertung der Geschehnisse ein. Denn im gerade laufenden Zukunftsprozess der Nordkirche diskutieren wir intensiv, wie der Zugang zu kirchlichen Angeboten künftig gestaltet werden soll.

Es kann überhaupt keine Frage sein, dass die Kirchenmitgliedschaft von größter Bedeutung bleibt und auch die damit verbundene Kirchensteuer für die vielfältigen Aufgaben und Präsenz vor Ort. Für sie gibt es viele gute Gründe, nicht nur eine Hochzeit, Taufe oder Beerdigung!

 Und ich weiß auch aus eigener Erfahrung und vielen Rückmeldungen, dass das Beharren auf einer formalen Mitgliedschaft ebenfalls zu erheblichen Verletzungen und Kränkungen führen kann. Es ist immer eine Gratwanderung zu guten Lösungen zu kommen!

Ich hoffe, dass Sie mit diesen Zeilen das Geschehen der letzten Tage etwas besser einordnen können. Es ist gut, dass Sie kritisch nachfragen und den Weg unserer Kirche begleiten. Ich hoffe zugleich, dass Ihre Beheimatung in Ihrer Kirchengemeinde tragfähig für Sie ist und dass Sie für Ihren Lebensweg gestärkt und gesegnet werden und das auch als Bereicherung erleben

[Auf die konkreten Kritikpunkte ist er kaum eingegangen].

 

Margot Käßmann:

Margot Käßmann hat die kirchliche Trauung von Finanzminister Christian Lindner (FDP) und der Journalistin Franca Lehfeldt auf Sylt am vergangenen Sonnabend kritisiert. Hier sei es nicht um christlichen Inhalt, sondern um eine Kulisse gegangen, so die Theologin. Weder Linder noch seine Frau sind Kirchenmitglieder. Zwar sehe die Lebensordnung der Nordkirche vor, dass bei einer Trauung mindestens ein Partner Mitglied sein soll, so der Bischof von Schleswig und Holstein, Gothart Magaard. Ausnahmen lägen jedoch im Ermessen des Seelsorgers (G+H 29/22).

 

Benjamin Lassiwe in „Glaube und Heimat“ 29/22: Beide Augen zugedrückt?

Christian Lindner (FDP), Bundesfinanzminister, und die Journalistin Franca Lehfeldt haben geheiratet. Die Hochzeit war ein Medienereignis, und dem Paar kann und sollte man zunächst gratulieren. Doch da gibt es einen kleinen Schönheitsfehler: Lindner heiratet in einer evangelischen Kirche, obwohl nach allem, was öffentlich bekannt ist, weder er noch seine Gattin der Kirche angehören.

Normalerweise sollte auch in der evangelischen Nordkirche wenigstens einer der Partner der evangelischen Kirche angehören. Und das ist auch richtig so - schließlich tragen die Kirchenmitglieder mit ihrer Kirchensteuer überhaupt erst dazu bei, dass es auch auf der Insel Sylt Pastoren- und Gotteshäuser gibt. Eine kirchliche Trauung ist keine Showveranstaltung. Sie ist eine Amtshandlung der evangelischen Kirche, in der dem Brautpaar der Segen Gottes zugesprochen wird.

Sicher, die Nordkirche lässt Ausnahmen zu: Es kann Fälle geben, bei denen die Kirche einem Paar, das nicht in der Kirche ist, den Segen Gottes zuspricht. Und in der Tat hat Christian Lindner bei der Übernahme seines Amtes auch die religiöse Eidesformel mit dem Gottesbezug geschworen.

Doch manche Frage bleibt am Ende offen: Eignet sich ein Medienereignis wie die Hochzeit eines Bundesministers wirklich für so einen Ausnahmefall? Gehört der seelsorgerlich begründete Einzelfall nicht eigentlich in den ganz kleinen Kreis? Signalisiert die Kirche hier nicht gerade an diesem Beispiel, dass es ihr im Grunde egal ist, ob man Kirchenmitglied ist oder nicht?

Eleganter wäre es gewesen, Lindner und Lehfeldt hätten aus Anlass ihrer Hochzeit das Wiedereintrittsformular unterschrieben. So bleibt bei vielen Kirchenmitgliedern nur ein schaler Nachgeschmack

 

Kurschus: Kirche macht keine Sonderangebote:

Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus, sieht die kirchliche Trauung von Finanzminister Christian Lindner (FDP) und der Journalistin Franca Lehfeldt skeptisch. Sie kritisierte im „Westfalen-Blatt“, dass in den Medien das Wort „Lindner-Zeremonie«“ zu lesen wäre, wo ein Gottesdienst gemeint sei. „Wir sind beileibe nicht knauserig mit Gottes Gaben. Aber fest steht: Sakrament und Segen sind niemals eine Ware, die wir wohlfeil anbieten“, unterstrich Kurschus. Es könne der Eindruck entstehen, man könne die Kirchensteuer sparen, aber bei Bedarf kirchliche Dienste wie ein Event buchen. So sei es aber nicht. „Sonderangebote für Reiche und Wichtige zu machen, ist nicht unser Ding und wird es auch nie sein“. Am 9. Juli hatten Lindner und Lehfeldt in der evangelischen Kirche St. Severin in Keitum auf Sylt geheiratet, obwohl sie keiner Kirche angehören.

 

Ulrike Hillmann, Präses der Nordkirche:

Im Blick auf diese Diskussion steht in den „Grundlinien 2019“ der Nordkirche als Grundsatz: „Bei einem Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung (Trauung) ist mindestens eine Partnerin bzw. ein Partner Mitglied einer evangelischen Kirche…“. Dieser Grundsatz ist wichtig und leitend für uns, weil Kirchenmitgliedschaft auch eine Form gelebter Solidarität und Verbundenheit ist. In unseren Grundlinien heißt es aber auch: „Ein Kasualgottesdienst kann auch gefeiert werden, wenn Menschen, die nicht Kirchenmitglieder sind, danach fragen; ein Anspruch auf einen Kasualgottesdienst besteht für sie nicht. Wenn ein Kasualgottesdienst auf Anfrage eines Menschen, der nicht Kirchenmitglied ist, gefeiert wird, dann dient die Nordkirche nach ihrem Selbstverständnis damit Gott durch die Verkündigung des Evangeliums. Sie nimmt sich aber auch der Menschen in ihrer besonderen Situation an. Und sie lädt damit diejenigen, die nicht Kirchenmitglieder sind, ein, Mitglieder zu werden.“ Hiermit hat die Synode eine vorsichtige Öffnung gegenüber einer allzu formalen Praxis ermöglicht.

Im Zuge der Erprobungsphase bis zum Jahr 2024 wird sich die Nordkirche in ihren Kirchengemeinden und in ihrer Leitung weiter mit ihren ‚Grundlinien kirchlichen Handelns‘ befassen. Dabei werden viele der aktuellen Kommentierungen der Keitumer Hochzeit in die Überlegungen einfließen, auch kritische Stimmen wie in dem von Ihnen geschickten Bericht. Es ist uns als Landessynode wichtig, mit möglichst vielen Menschen aus unserer Kirche im Austausch zu sein.

 

Tobias Schüfer, Regionalbischof Erfurt:

Auftrag der Kirche: Gottes Segen an Mitgliedschaft gekoppelt?

Das hat ja ganz schön Wellen geschlagen. Christian Lindner und Franca Lehfeld lassen sich kirchlich trauen, erbitten Gottes Segen für ihre Ehe, obwohl sie keine Kirchenmitglieder mehr sind. Oder noch keine Kirchenmitglieder sind. Und prompt kommt innerkirchlich Kritik auf. Margot Käßmann lässt verlauten, es sei dem Paar weniger um den christlichen Inhalt, sondern um die Kulisse gegangen.

Und Autor Erik Flügge weiß, die Kirche hätte einfach nur eine ordentliche Rechnung ausstellen müssen, dann hätte die Aktion das Gerechtigkeitsempfinden der Gemeindeglieder nicht so gestört. Das irritierte wieder den Bräutigam: „Wenn zwei Seelen um Segen bitten, sollte man nicht die finanzielle Gegenleistung thematisieren“.

Inzwischen haben sich die Wogen etwas gelegt. Und es werden Fragen, die über den konkreten Anlass hinausgehen, erkennbar. Zunächst: Warum fällt es uns so schwer, die Entscheidung einer Schwester, eines Bruders zu akzeptieren und mitzutragen, auch wenn wir womöglich anders entschieden hätten?

Das Kirchenrecht ließ diese Möglichkeit zu. Die Pastorin hat im Vorfeld mit dem Paar Gespräche geführt, die Situation geprüft und dann als Geistliche entschieden. Da wirkt es schon grotesk, wenn Menschen, die Christian Lindner lediglich aus dem Fernsehen kennen, und den Namen der Braut noch nie gehört haben, besser Bescheid wissen wollen als die Seelsorgerin.

 

Die Diskussion wirft aber noch eine zweite grundlegende Frage auf: Wie gehen wir mit Menschen um, die keine Kirchenmitglieder mehr sind? Und wie begegnen wir denen, die zwar ausgetreten sind, aber noch etwas, manche sogar einiges von der Kirche erwarten? Die sich ihr nahe fühlen, die sich als Glaubende verstehen, sich engagieren wollen, den Segen Gottes erbitten, auch wenn es zum Wiedereintritt (noch) nicht reicht?

Die EKM ist eine der wenigen Kirchen, bei denen Ausgetretene ausdrücklich in der Kirchenverfassung erwähnt werden. In einem der grundlegenden ersten Artikel heißt es: „Die Kirchengemeinde hat den Auftrag, aus der Kirche Ausgetretenen seelsorgerlich nachzugehen. Sie lädt zur Wiederaufnahme ein.“ Das ist ein zentraler christlicher Gedanke.

Darüber brauchen wir ein Nachdenken in den Gemeinden. Zwar wird es nur selten um den Wunsch nach einer kirchlichen Trauung gehen. Viel häufiger wird die Frage nach einer Bestattung gestellt. Doch in jedem Fall verlangt es Klarheit darüber, in welcher Grundhaltung wir Getauften, die aus welchen Gründen auch immer ausgetreten sind, begegnen.

Wenn wir in unseren Gemeinden um diese Frage ringen, ringen wir zugleich um den Auftrag, den Jesus Christus seiner Kirche gegeben hat. Ein Auftrag, der in die Mitte von Jesu Botschaft und Wirken führt und in den Worten der diesjährigen Jahreslosung so klingt: „Wer zu mir

kommt, den werde ich nicht abweisen (hinausstoßen).“

 

Kommentar: Natürlich ist Gottes Segen an die Mitgliedschaft gekoppelt. Wer nicht dazu gehört, hat ausdrücklich zum Ausdruck gebracht, daß er nichts davon hält. Bei einem Ausgetretenen ist das noch schlimmer als bei einem. Der nie dazugehört hat. Wer im Kino keinen Eintritt bezahlt, kommt nicht hinein. In Vereinen kann man als Gast teilnehmen, aber dann wird Druck ausgeübt, doch einzutreten.

Wie kann man um den Segen Gottes bitten, wenn man der Meinung ist, daß es Gott gar nicht gibt? Da kann auch eine Seelsorgerin nicht zu einem anderen Eindruck kommen. Sie hat sich einfach gebauchpinselt gefühlt, weil da ein bekannter Politiker kam, Sicher hat es nicht mehrere Gespräche gegeben, dazu hat ein Politiker keine Zeit. Wenn die Pfarrerin gefragt hätte, ob die Eheleute auch mit einer „stillen Trauung“ einverstanden wären, dann hätte sie erkennen können, ob es um Gottes Segen ging oder um die Öffentlichkeitswirkung. Am Ende ging es sogar um den nächsten Wahlkampf, um bei der christlichen Bevölkerung den Eindruck zu verwischen, die FDP sei kirchenfeindlich (Kirchensteuereinzug, Staatsleistungen).

Wenn es den Eheleuten ernst gewesen wäre, dann hätte er auch den Schritt in die Kirche machen können. Oder wenigstens seine Frau. So aber wurden „Perlen vor die Säue geworfen“ (womit nicht gesagt werden soll, daß die Eheleute Säue sind). Das Evangelium wurde lächerlich gemacht, weil der Eindruck entstand, daß es käuflich sei. Der Zauberer Simon hat Petrus Geld angeboten, wenn dieser ihm die Macht gibt, auch den Heiligen Geist auszuteilen. Doch Petrus sagt zu ihm: „Dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott!“ (Apg 8, 17-24).

Steht da der Aberglaube in Hintergrund, so ein Segen könnte auf alle Fälle doch etwas Gutes sein, weil er auch wirkt, wenn man nicht daran glaubt. Und wenn er nicht wirkt, ist es auch nicht schlimm. Nun kann niemand in die Herzen eines Ehepaares blicken. Aber es wäre doch interessant zu wissen, was das Ehepaar als Grund für ihren Wunsch gesagt hat. Offenbar aber nicht, daß dies der Einstieg in Kirchenmitgliedschaft sein sollte.

 Bekannt ist nur das Zitat des Bräutigams: „Wenn zwei Seelen um Segen bitten, sollte man nicht die finanzielle Gegenleistung thematisieren“ (er ist halt Finanzminister). Aber die Pfarrerin hat offenbar erkennen können, daß es den Eheleuten nicht nur um die Kulisse ging, sondern um den ehrlichen Willen, die Ehe nach Gottes Willen zu führen (wie es in der Traufrage heißt).

Natürlich hat die Kirche den Auftrag, auch den Ausgetretenen nachzugehen. Aber das ist etwas anderes, als wenn einer auf die Kirche zukommt, um sie für eigensüchtige Zwecke in Anspruch zu nehmen. Die Worte Jesu in der Jahreslosung kann man nicht damit verbinden. Jesus hatte Menschen in äußerer und seelischer Not vor Augen, aber die war bi dem Ehepaar Lindner sicher nicht gegeben.

 

 

Die Stadt Maintal plant, 100.000 Euro für die Anstellung eines Schäfers auszugeben, damit die Streuobstwiesen abgeweidet werden. Dazu ist zu sagen:

  1. Die meisten Wiesen werden von den Landwirten gemäht und dienen der Ernährung des Viehs (zum Beispiel die ganze Weidekaute)
  2. Die wenigen nicht gemähten Wiesen könnten auch von den Landwirten gemäht werden, sie würden bestimmt keine 20.000 Euro im Jahr verlangen
  3. Die wenigen total verbuschten Wiesen müßten vorher von einer Fachfirma hergestellt werden, aber das macht der Landschaftspflegeverband schon
  4. Schafe treten einen großen Teil des Grases nieder, wenn sie nicht für längere Zeit eingezäunt auf einer Parzelle stehen (so war es bei dem Bischofsheimer Schäfer)
  5. Es stimmt nicht, daß manche Grundstücke schlecht erreichbar wären, seit der Flurbereinigung 1912 liegt jedes Grundstück an einem Weg
  6. Die „Kleinteiligkeit“ ist kein Problem, manche ungepflegte Wiesen liegen nebeneinander, eine landwirtschaftliche Nutzung ist durchaus möglich.

Bei dem Vorhaben des Magistrats scheint es vor allem um die städtischen Grundstücke zu gehen, die anderen „kleinteiligen Grundstücke sind nur vorgeschoben.

Die Schwierigkeiten liegen eher in der Mähtechnik, denn die Bäume müssen jeweils einzeln umfahren werden und das beansprucht die Maschinen sehr.  Aber sicher wären die Landwirte bereit, gehen eine gute Entschädigung diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Alternative wäre der Bauhof der Stadt oder ein landwirtschaftliches Lohnunternehmen.

Mir wäre bei meiner Baumreihe schon gedient, wenn ich einen Landwirt finden würde, der die Arbeit macht. Ich würde auch die Kosten tragen und nicht die Stadt damit belasten. Aber da müßte schon eine größere Fläche zu mähen sein, denn wegen zweimal hoch und runter auf einem Baumstück fährt keiner hinaus,  das müßte schon im größeren Rahmen organisiert sein. Hier könnte die Stadt sich einbringen, anstatt einen teuren Versuch mit auswärtigen Kräften zu starten.

Schafe mögen gut sein für das langsam wachsende Gras in der Rhön, aber nicht bei dem Gras in unserer Gegend, das schnell eine Höhe von einem Meter erreicht und nur durch Mähen und Abtransport bewältigt werden kann.

 

 

Ukraine-Krieg:

Am 24. Februar marschierten die Truppen des russischen Diktators Putin in der Ukraine ein. Angeblich herrsche dort eine Naziregierung, die die Russen in der Ostukraine umbringt. Er wolle diesen „Völkermord „verhindern und beging doch selber Völkermord, weil er mit seiner „militärischen Spezialoperation“ nicht militärische Ziele, sondern Krankenhäuser, Schulen und Wohnblocks zerstörte, so wie er das schon in Syrien gemacht hatte.

An sich hatte man gedacht, wegen des atomaren Patts könne es keinen Krieg mehr geben. Aber jetzt überfiel eine Großmacht einen Nachbarstaat und sprach diesem die eigene Staatlichkeit ab, weil der alte KGB-Mann der Sowjetunion nachtrauerte und wieder einen Gürtel von Satellitenstaaten um sich haben wollte. Dabei hätte er doch eher Sicherheit gehabt, wenn er friedlich mit seinen friedlichen Nachbarn zusammengelebt hätte, wie da sin den Jahren 1990 bis 2000 der Fall war. Damals hat man sogar die Frage gestellt, ob man nicht Rußland in die Nato aufnehmen könne.

Aber die Nato griff jetzt nicht ein, weil das einen großen Krieg bedeutet hätte und die Ukraine zwar einen Antrag auf Aufnahme in die Nato gestellt hatte, aber nicht Mitglied war. Man versicherte zwar, man würde den Verpflichtungen gegenüber den anderen früheren sowjetischen Mitgliedern nachkommen werde. Aber einstweilen beschränkte man sich auf Waffenlieferungen (schließlich auch aus Deutschland) und „Sanktionen“, die aber vorerst wenig brachten, weil man bei Gas, Erdöl und Steinkohle von Rußland abhängjg war und deshalb Putins Krieg mitfinanzierte. Auch andere Wirtschaftszweige mußten leiden. Und weil Rußland und die Ukraine viel Getreide lieferten (was man vorher gar nicht so wußte), gab es am 17. März im Lidl und REWE kein Mehl, Zucker und Sonnenblumenöl mehr.

Zu DDR-Zeiten waren wir alle strikt gegen die Aufrüstung. Aber damals ging es um einen möglichen Atomkrieg, gegen den jede Rüstung nichts genützt hätte. Und seit dem Zweiten Weltkrieg hat es nur Bürgerkriege gegeben (in Asien und Afrika, aber auch auf dem Balkan). Jetzt aber hat eine Großmacht einen kleineren Nachbarn mit fadenscheinigen Gründen überfallen. Rußland hätte es besser gehabt, wenn es die Ukraine hätte gewähren lassen, denn die Nato ist ja nur ein Verteidigungsbündnis, einen Angriffskrieg könnte sie nicht gegenüber der eigenen Bevölkerung durchsetzen.

Aber aus Angst vor einem Dritten Weltkrieg kann die Nato dann letztlich doch nicht schützen.

Deshalb ist es verständlich, daß jeder Staat selber aufrüsten möchte. Insofern muß man doch überlegen, ob die christliche Ethik nicht differenziert werden müßte. Ist es nicht doch besser, durch Rüstung abzuschrecken als nachher nur die Wunden zu verbinden? Natürlich gilt auch weiter „Frieden schaffen ohne Waffen“. Abner dieser Satz muß wohl doch ergänzt werden durch das Recht auf Selbstverteidigung.

Die Ukraine hätte natürlich auch die Russen kampflos ins Land lassen können, dann wäre ihr viel Leid erspart worden. Die Ukrainer hätten wenigstens ihr Leben fristen können. Ich selber habe ja auch 25 Jahre unter den Russen gelebt¸ das geht schon, auch wenn es nicht ideal ist. Aber es ist auch verständlich, wenn ein Volk frei sein will. An sich sollte ja auch die UNO kriegerische Auseinandersetzungen verhindern. Aber was nutzt das, wenn der Aggressor im Sicherheitsrat sitzt?

 

Heizkostenzuschuß

Die Regierung hat wieder einmal etwas beschlossen, das völlig weltfremd ist. Ich meine die Zuzahlung der Vermieter zur EEG-Umlage bzw. zur Rechnung für Gas. Wenn ich als Mieter weiß, daß mein Vermieter einen Teil der Heizkosten übernehmen muß, dann gehe ich doch sorgloser mit der Heizung um und regele die Temperatur durch Öffnen der Fenster oder werfe auch einmal der Heizpilz auf der Terrasse an - der Vermieter zahlt ja mit.

An sich ist der Gedanke nicht schlecht, daß man Haueigentümer dadurch zwingen will, Wärmedämmung vorzunehmen. Es gibt sicher solche Menschen, die nur an ihren Profit denken und denen die Kosten der Mieter egal sind. Aber was ist mit den anderen, die alles getan haben?

Ich habe ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus vermietet. Als ich selber noch dort wohnte, haben wir mit drei Personen 200 Liter Öl verbraucht, weil wir nur die Zimmer heizten, die auch genutzt wurden (und zum Beispiel nicht das Treppenhaus).

Vor zwei Jahren habe ich beim Mieterwechsel dann die ganze Heizung im Haus erneuert und mit einem Gasofen versehen. Das war damals der Stand der Wissenschaft und die Fachleute sagten mir, bei einem Fachwerkhaus sei nichts anderes möglich. Außerdem wurden auch die restlichen Fenster mit Dreifachverglasung erneuert.

Ich wollte auch noch das Dach besser dämmen lassen. Vier Handwerker habe ich angesprochen, zwei waren auch da, aber der letzte sagte, es gäbe kein Dämmaterial. So sieht doch die Praxis aus.

Es wäre sinnvoller, die Beteiligung der Vermieter von dem Grad der Dämmung abhängig zu machen. Der Schornsteinfeger könnte eine Mängelliste erstellen, und danach richtet sich dann der Zuschuß. Noch besser wäre eine gesetzliche Verpflichtung, alle Möglichkeiten schnellstmöglich auszuschöpfen. Aber wenn ich sowieso zahlen muß, dann stehe ich mich besser, wenn ich auf die hohen Investitionen für Verbesserung der Heizung oder Wärmedämmung verzichte.

 

Photovoltaik

Um noch mehr klimaneutral zu leben, haben wir auf unserem Dach Ende vorigen Jahres eine Photovoltaikanlage installieren lassen. Den nicht verbrauchten Strom müssen wir allerdings an den örtliche Versorger - hier die Maintalwerke - abgeben.  Dafür erhalten wir zurzeit noch eine Vergütung von 7 Cent pro Kilowatt, aber für den von dort bezogenen Strom (zum Beispiel in den Abendstunden) zahlen wir 35 Cent. Da macht doch jemand Profit mit dem bei uns erzeugten Strom. Ich kann vielleicht 300 Euro im Jahr an Stromkosten sparen, aber nach 20 Jahren habe ich nicht einmal die Hälfte der Herstellungskosten wieder herausgeholt.

Das ist kein Anreiz für Hauseigentümer, sich eine Photovoltaikanlage zuzulegen. Die Montagefirma hat auch absichtlich due Anlage nur so stark ausgelegt, daß wir möglichst viel Strom selber verbrauchen können. Wir hätten noch mehr Platz auf dem Dach gehabt, aber kaum Nutzen. Der einzige Trost ist, daß man wenigstens die Energiebilanz des Volkes verbessern kann und dadurch Gas eingespart wir. Aber so ein wenig Idealist muß man schon sein. In Maintal zahlen die Maintalwerke wenigstens noch 500.00 Euro jährlich an die Stadt. Aber besser wäre, den billigen Strom von den Photovoltaikanlagen den Hartz IV-Empfängern zur Verfügung zu stellen

 

 

 

 

 

IVerschwörungserzählungen

Zunächst war es nur ein kleines Virus im fernen China, dann hatten es einige Firmenmitglieder aus Bayern. Dann aber kam der Karneval in Nordrhein-Westfalen, ein Volksfest in der Oberpfalz und die zurückkehren Ski-Urlauber aus Österreich und Italien Und auf einmal waren wir alle bedroht. Die Behörden erließen strenge Maßnahmen: Kindergärten und Schulen wurden geschlossen, Reisen auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt, es gab ein Abstandsgebot und ein Kontaktverbot mit Menschen außerhalb des Haushalts, auch wenn es sich um Familienmitglieder handelte, die außerhalb wohnten.

Auf einmal wurde deutlich, was wirklich notwendig ist zum Leben: Essen und Trinken, Arbeiten und der Gang zum Arzt (aber nur, wenn es unbedingt notwendig war). Die Enkel sollten nicht mehr zu den Großeltern und die Eltern nicht mehr zu Besuch ins Krankhaus oder ins Altersheim. Das bedeutete aber: Keine Großveranstaltungen, keine Demonstrationen, kein Einkauf über die Lebensmittelgeschäfte hinaus, keine größeren oder auch nur kleineren Feste, kein Sport, keine Kultur und auch keine Kirche.

 

Das war natürlich ein ziemlicher Schock. Schon bald gingen Verschwörungserzählungen gehen besonders in den sozialen Netzwerken „viral“. Ein neues Virus hatte die Welt aus ihrem Tritt gebracht. Corona ist ein Fest für jeden Verschwörungsideologen, der munter Fakten und Fantasie vermischt.

  • Die Mondlandung - lief im Filmstudio.
  • Terroristische Attentate - von Schauspielern inszeniert.
  • Das Coronavirus - eine Biowaffe der Chinesen.
  • Von den Regierungen herbeigeführt, um die Demokratie zu unterdrücken.
  • Flughafen Berlin-Brandenburg- Produktion von Atomwaffen unter dem Flughafen

Medizinische Behauptungen:

  • Mit Fluorid versetzte Zahnpasta verursacht Krebs.
  • Impfen schützt nicht vor Krankheiten, sondern fördert diese.
  • Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO dienen nicht der Bevölkerung, sondern nur den Interessen der Pharmaindustrie.
  • Hinter der Pandemie stecken geheime Mächte, die die Weltordnung zu ihren Gunsten über den Haufen werfen wollen.
  • Hinter der Pandemie steckt Bill Gates, der als Erster ein Gegenmittel entwickeln und damit weitere Milliarden verdienen möchte.

 

Anziehungskraft:

Ausgerechnet im Zeitalter freier Informationen glauben so viele Menschen an Verschwörungsmythen. Solche Theorien wollen komplexe politische und globale Zusammenhänge vereinfachend erklären als das verborgene Handeln Einzelner und Sündenböcke benennen. Sie liefern einfache Antworten und sortieren die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Auf diese Weise bieten sie eine Möglichkeit, die Komplexität der Welt zu verringern, Orientierung zu schaffen und simple Erklärungen zu liefern - gerade auch in der Corona-Krise. Letztlich sind sie ein Mittel gegen Verunsicherung für Menschen, die Zufälle nicht als Erklärung akzeptieren können.

Die Anziehungskraft dieser Verschwörungstheorien liegt in der Spaltung zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse. Es gibt hier kein Grau. Dabei unterschätzen die Anhänger dieser Vor­stellungen aber den Zufall und wollen überall „Strippenzieher“ sehen. Solche Theorien vereinfachen, aber die Wahrheit ist oft kompliziert.

 

Drei Gruppen:

Die Menschheit wird von den Anhängern der Verschwörungstheorien in Gruppen eingeteilt:

1.) Die Verschwörer, die im Verborgenen agieren und alle Fäden in der Hand halten

2.) Die Masse des Volkes, die getäuscht und dumm gehalten wird

3.) Die Elite der Wissenden („Truthe“), die die Wahrheit hinter der Fassade und die Machenschaften der Verschwörer erkannt zu haben meint.

So sortiert sich die ansonsten unübersichtliche Welt. Schuldige am eigenen Leid sind schnell gefunden. Und weil es der Mensch nicht nur einfach mag, sondern schwer Dinge anerkennen, die ohne erkennbaren Grund einfach so geschehen, hat es der Verschwörungsgläubige auch in dieser Hinsicht gut. Für ihn ist klar: Was geschieht, passiert, weil die Verschwörer es so wollen. Damit sind Zufälle, Pannen, Unfälle und alles nicht Fassbare beseitigt. Das bringt eine enorme Entlastung (Der Fachbegriff dazu: „Kontingenzbewältigung“).

 

Grundtypen:

Es lassen sich verschiedene Grundtypen von Verschwörungstheoretikern charakterisieren:

Typ 1: Die Verärgerten - „Alles unnötig übertrieben!“

Der Typ des Verärgerten beschreibt Menschen, die sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion in ihren gewohnten Lebensvollzügen gestört und eingeschränkt fühlen. Sie sind der Meinung, die ganzen Maßnahmen seien unnötig und (oder zumindest) übertrieben. Weil die „Verärgerten“ die Maßnahmen ablehnen, neigen sie dazu, die Gefahren der Pandemie zu negieren. Wenn nun aber die Krankheit als ungefährlich definiert wurde, entsteht eine Erklärungslücke für die Begründung der vorhandenen Maßnahmen. Das macht die „Verärgerten“ anfällig für Verschwörungserzählungen. Die Lücke schließt sich nämlich, indem man den Regierenden unterstellt, in Wahrheit einen ganz anderen, heimlichen Plan zu verfolgen. Die Einschränkung von Freiheitsrechten ist dann nicht mehr der Kollateralschaden des Infektionsschutzes, sondern wird zur eigentlichen Absicht erklärt, der man sich natürlich widersetzen müsse.

 

Typ 2: Die Esoteriker - „Impfzwang verhindern!“

Die Motivationslage der ersten Gruppe trifft nun auch auf Menschen, die sich schon länger in einer kritischen Distanz zur wissenschaftlich begründeten Medizin befinden. Das betrifft zum Beispiel Anthroposophen, die ihre Kinder auf der Waldorfschule nicht gegen Masern impfen lassen wollen, oder Esoteriker, die es gewohnt sind, inneren gefühlten Wirklichkeiten stets mehr Realität zuzubilligen als nüchternen wissenschaftlichen Fakten. Hier treffen die Verschwörungserzählungen von bösen Pharmakartellen, die angeblich einen globalen Impfzwang auslösen wollen, auf angelehnte, wenn nicht schon ganz geöffnete Türen und aktivieren entsprechende Widerstandsenergien. Sie haben ein egoistisches Freiheitsverständnis ohne Rücksichtnahme auf andere.

 

Typ 3: Die Fundamentalisten – „Gott erlöst aus der Krise!“

Es gibt davon auch eine christlich geprägte Form wie zum Beispiel die „Christen im Widerstand“. Inhaltlich geht es in erster Linie um die Forderung, an gewohnten Gottesdienstformen mit Versammlung zu gemeinsamen Liedern und Gebeten festhalten zu können. Man wähnt sich durch besondere Gottesnähe geschützt. Wer aber trotzdem krank wird, der hat halt nicht genug geglaubt. Auch hier kombiniert sich dies leider mit Offenheit gegenüber Verschwörungserzählungen.

 

Typ 4: Die Antikapitalisten  „Demonstrations- und Kulturfreiheit retten!“

Wieder andere sehen im Lockdown den Versuch, einen ohnehin anstehenden Zusammenbruch des globalen Finanzmarktkapitalismus zu verschleiern. So hofft die Bewegung vom „Demokratischen Widerstand“, dass diese Krise „auch eine Chance zur Erneuerung“ sein könne und „unsere künftige Wirtschaftsgesetzgebung (basis-)demokratisch, transparent & ergebnisoffen verhandelt“ werden könne. Dazu braucht es natürlich Foren, Diskussion, Begegnung, Meinungsaustausch und Demonstrationen - was alles durch den Infektionsschutz behindert wird, und deshalb demonstrieren sie dagegen.

 

Typ 5: Rechte Trittbrettfahrer – „Hauptsache gegen den Staat!“

Dem fünften Typ ist es egal, ob die Viren nun harmlos oder gefährlich sind. Hauptsache, es lässt sich damit Stimmung gegen den Staat machen. Alles, was die bestehende Ordnung destabilisiert, hilft denen, die eine neue Ordnung nach eigenen Regeln errichten wollen. Rechtspopulisten und Neonazis haben bemerkt, dass hier Emotionen bei für sie neuen Zielgruppen möglicherweise in politischen Gewinn zu übersetzen sind. Seitdem versuchen sie, diese Energie auf die eigenen Mühlen umzuleiten. Dazu wurden bekannte Rechtsextremisten als Anmelder zahlreicher Anti-Corona-Demos aktiv und machen auf eigenen Internetseiten und Social-Media-Kanälen kräftig Stimmung (nach Harald Lamprecht, Glaube und Heimat 12/212)

 

Misstrauen gegen Eliten:

All diese Vermutungen haben etwas gemeinsam. Sie verfügen typischerweise über zwei Merkmale. Misstrauen gegen Eliten. Während der Corona-Pandemie richtet sich das Misstrauen vor allem gegen Wissenschaftler, Medien und Pharmakonzerne. Die erkennbare Ursache dafür findet sich in der persönlichen Betroffenheit und der Angst, belogen zu werden. Personen mit einem generalisierten Misstrauen gegenüber Macht sind besonders anfällig für Gerüchte. Es geht hier nicht um vereinzelte Spinner, sondern um eine Tendenz, die auf fast die Hälfte der Bevölkerung zutrifft.

 

Verbreitungsdrang:

Verschwörungstheoretiker haben in der Regel ein größeres Bedürfnis, ihre Meinung zu verbreiten, als Anhänger von seriösem, durch Studien belegtem Wissen. Die Folge ist häufig ein nahezu uneinholbarer Vorsprung an Vernetzung und der Verbreitung von Inhalten im Internet. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden als „Lügenpresse“ abgetan und die abstruse Wahrheit im Internet gesucht. Es kommt ja erst einmal keiner auf die Idee, offensichtlich gut belegte Dinge zu rechtfertigen

 

Erklärungsversuche:

1.) Rund 46 Prozent der Deutschen denken, dass geheime Organisationen großen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Im Zweifel vertrauen sie mehr auf das eigene Gefühl als auf Expertenwissen. Das ist erst mal nur eine Tendenz ohne konkrete Ausprägung. Natürlich sind nicht alle diese Menschen überzeugte Verschwörungstheoretiker. Unter bestimmten Umständen werden sie es aber: Trennung, Krankheit, Jobverlust oder andere krisenhafte Ereignisse können die Tendenz verstärken. Psychologen sprechen von der Kontrollverlust-Hypothese: Demnach macht ein Kontrollverlust im eigenen Leben den Glauben an Verschwörungs­denken wahrscheinlicher. Dahinter steckt oft der Wunsch, der eigenen Machtlosigkeit zu entkommen und eine Situation zu beherrschen, statt sie einfach zu akzeptieren.

 

2.) Ein weiterer Erklärungsansatz, warum Menschen an derartige Gerüchte glauben, ist der Wunsch nach Einzigartigkeit. Manche Menschen ziehen Befriedigung daraus, über vermeintliches Hoheitswissen zu verfügen. Das kann erstaunliche Ausmaße annehmen. Einige glauben selbst dann noch an die präsentierten Theorien, als diese längst als frei erfunden enttarnt worden waren.

 

3.) Je stärker die Verschwörungsmentalität einer Person ausgeprägt ist, desto mehr befürwortet sie alternative Verfahren und umso mehr lehnt sie konventionelle Heilmethoden wie Impfungen oder Antibiotika ab.

 

 

Was gegen Verschwörungstheorien hilft

Verschwörungsglaube verhindert angemessenes Verhalten und zerstört Vertrauen. Was also tun? Andreas Hahn bietet eine Checkliste an -.und rät unter anderem zum hartnäckigen Logiktest, um Widersprüche, Ungereimtheiten und manipulierte Informationen aufzudecken. Auch die Informationsquellen sollten überprüft werden. Und dann bringt er eine uralte journalistische Frage ins Spiel, die hochaktuell ist und sicher bleibt: Wem nutzt diese Verschwörungsideologie („cui bono“), wem die angebliche Aufdeckung? Und will man mit denen in einem Boot sitzen?

  • Der Logiktest: Versuchen Sie, Widersprüche, Ungereimtheiten, Fehler und manipulierte Informationen, Quellen (Bilder) der Erzählungen enthüllen. Eine fiktive Verschwörungstheorie zeichnet sich in der Regel durch einen großen Umfang, eine große Reichweite und hohe Effektivität aus - Zufälle werden ausgeschlossen.
  • Die Informationsquellen: Fragen Sie, ob es andere, unabhängige Belege gibt, Welche Nachrichten werden dort noch verbreitet? Prüfen Sie, ob sich der Verfasser ermitteln lässt, und schauen Sie, ob es auf einer Homepage ein Impressum gibt.
  • Die Gretchenfrage: Überlegen Sie, wem diese Verschwörung nutzen könnte - und wem die angebliche Aufdeckung.
  • Die Analyse: Stellen Sie ernsthafte Überlegungen an, wie man tatsächlich etwas bewirken kann.

 

Umgang mit Verschwörungserzählungen:

Man kann Verschwörungstheoretiker nicht mit Argumenten und Fakten überzeugen, denn die würden ja ihr ganzes Gedankengebäude zum Wanken bringen. Wer es trotzdem probieren will, sollte möglichst genau nachfragen: Warum glaubst du das? Warum ist diese Quelle für dich aussagekräftiger als eine andere? Wer sind diese ominösen Strippenzieher? Warum machen die das?

In der Schule wünschte man sich einen stärkeren Schwerpunkt auf wissenschaftliches Denken: Wie liest man eine Statistik? Was ist eine Metastudie? Warum muss kritisches Denken Widersprüche aushalten.

Natürlich ziehen die Verschwörungsideologien ihren Anschein, einleuchtend zu sein, aus dem Umstand, dass wir etwas nicht wissen. Wissenschaftlich lässt sich eben nie exakt beweisen, dass etwas nicht existiert. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass es keine weißen geflügelten Einhörner gibt. Vielleicht sind die Tiere nur sehr selten und zudem unheimlich scheu und geschickt in der Tarnung. Genauso kann man niemals beweisen, dass eine Verschwörung nicht existiert. Man könnte sie höchstens aufdecken, wenn sie existiert.

Nun könnte man sagen: Lass sie doch reden, die Verschwörungsideologen! - Geht nicht, denn Verschwörungs­mythen erzeugen Opfer, auch ganz real. Das zeigender norwegische Massenmörder Anders Breivik und die Attentäter von Christchurch und Halle, die vollgepumpt waren mit Verschwörungsideologie.

 

Glaubende Menschen:

Wer aber behauptet, er kenne alle Lösungen, belügt sich selbst und andere. Glaubende Menschen dagegen haben die Fähigkeit, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten. Wir brauchen mehr Mut zu Mehrdeutigkeiten. Keine Partei vertritt meine Interessen zu hundert Prozent, keine Zeitung bringt die hundertprozentige Wahrheit. Trotzdem kann man eine Partei wählen und mit wachem Verstand eine Zeitung lesen. Und mit etwas mehr Gottvertrauen kommen wir durch die Krise. Weil wir Gott auf unserer Seite haben, sind wir „die Starken“.

 

Die Haltung der Kirchen:

Es gab Leute in der Kirche, die kritisierten die Kirchenleitungen, weil sie nicht auf das Recht der freien Religionsausübung gepocht haben, die Kirche sie doch „systemrelevant“. Auf einmal war sie lebenswichtig, vor allem für die, die so gut wie nie hingingen. Nun hätte man die 8 bis 12 Gottesdienstbesucher in großen Kirchen gut auf Abstand unterbringen können, aber es ging ja um Veranstaltungen, bei denen die Menschen dicht gedrängt sitzen oder stehen.

In Frankfurt haben ein Freitagsgebet und ein Gottesdienst der Baptisten gezeigt, was entstehen kann. Insofern war es schon richtig, dass sich die Kirchen solidarisch zeigten. Das Recht auf Religionsausübung wurde ja nicht abgeschafft, sondern nur zeitweise eingeschränkt und durch andere Formen ersetzt.

 

Es gibt auch Leute, die sahen die neue Krankheit nur als leichte Grippe an oder lachen über ein Virus, das man ja nicht sehen kann. Die paar Toten müsse man in Kauf nehmen, denn sterbe müsse jeder ja sowieso. Das erinnert an die „Starken“ in Korinth, an die der Apostel Paulus schreibt: „Sehet aber zu, dass diese eure Freiheit nicht gerate zu einem Anstoß für die Schwachen!“ (1. Kor 8,9). Damals ging es nur um das Essen von Fleisch von Tieren, die im heidnischen Tempel geschlachtet worden waren:                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Aber heute ist es doch ein starke Zeichen der Solidarität, wenn die weniger gefährdeten jüngeren Leute auf etwas verzichten um der alten und vorerkrankten Menschen willen oder sogar noch für sie einkaufen gehen. Freiheit ist schon ein hohes Gut, aber sie findet ihre Grenze am Wohl des anderen. Keiner ist ein Feigling, der christliche Liebe übt.

In Krisenzeiten sind immer die Welterklärer da, die es schon immer gewusst haben. Früher hat man eine Seuche wahlweise auf Gott oder den Teufel zurückgeführt. Nun: Gott war es sicher nicht, und den Teufel gibt es ja gar nicht. Aber wenn der Glaube fehlt, dann muss man eben zu abstrusen Erklärungsversuchen greifen.

Verschwörungstheorien haben viel mit Religion zu tun. Sie sprechen dieselben Bereiche unseres Gehirns und Denkens an. Wo gläubige Menschen eine Hoffnung sehen, sehen Verschwörungsanhänger böse Mächte am Werk. Sie suchen Schuldige; die all das Elend verursacht haben: „Die Hexen“ oder „die „Juden“ oder „die Ausländer“. Sie sehen etwas, was andere nicht sehen, und sehen sich als „Wisssende“ von der grauen Masse ab und sind ganz allgemein gesprochen „die Guten“.

Verschwörungsmythen jeder Art haben immer auch eine antisemitische Signatur. Eine Studie der Amadeu Antonio Stiftung hat das schon vor zehn Jahren eindrucksvoll bewiesen: Egal, bei welcher Verschwörungstheorie man anfängt, man landet immer bei „Rothschild“, also „den Juden“. Dass dies in Krisenzeiten noch gefragter ist, verwundert nicht.

Schmerzhaft ist, dass auf den Demonstrationen auch wieder Christenmenschen dabei sind.

Als Kirchenmitglieder sind wir oftmals Teil des Problems sind. Das müssen wir aber offen ansprechen. Es ist Unsinn zu sagen: Wir sind die Guten und die anderen sind die Bösen. Paulus bringt das gut auf den Punkt, wenn er schreibt: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“ (1. Korinther 10,23).

 

 

Viele Landeskirchen stellen über ihre Weltanschauungsbeauftragten Informationen zu Verschwörungsideologien zur Verfügung wie die Broschüre „Verschwörungstheorien“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und von Kurhessen-Waldeck.

 

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