Wetterau allgemein

 

Rundfahrten in die Wetterau

  • Bad Vilbel
  • Karben, Kloppenheim
  • Friedberg, Rosbach, Petterweil
  • Bad Nauheim, Steinfurth, Rockenberg
  • Butzbach
  • Keltenwanderung von Hoch-Weisel aus (mit Kastell Hunnenkirchhof)
  • Grüningen, Römerturm und Kleinkastell Unterwald (bei Pohlheim)
  • Lich
  • Kloster Arnsburg mit Muschenheim und Trais
  • Grünberg, Laubach (weiter Richtung Schotten)
  • Hungen
  • Niddatal, Ilbenstadt, Assenheim, Kaichen
  • Hüttengesäß, Altwiedermus, Eckartshausen, Himbach, Altenstadt, Limes an der Straße nach Florstadt, im Bogen um den Wald herum, Oppelshausen, Kloster Engelthal.
  • Altenstadt, Lindheim, Glauberg, Konradsdorf, Ortenberg
  • Nidda, Bad Salzhausen, Ranstadt, Dauernheim
  • Münzenberg, Rockenberg, Wohnbach
  • Wölfersheim, Echzell, Bingenheim, Reichelsheim, Florstadt (Staden)
  • Dauernheim, Ranstadt, Nidda, Bad Salzhausen
  • Büdingen, Herrenhag, Marienborn, Rommelhausen.

 

Allgemeines

Gelber kalkhaltiger Löß  (diluvialer Flugsand) ist es, dem die Wetterau ihren Reichtum an Weizen, Gerste, Kartoffeln und Zuckerrüben verdankt. Die nahe beieinander liegenden wohlhabenden Dörfer sind durch ein ungemein engmaschiges Verkehrsnetz verbunden. Obwohl die Volksdichte 120 Bewohner je Quadratkilometer ausmacht, ist damit das Fassungsver­mögen der Wetterau noch lange nicht erschöpft. Aber auch unter der Oberfläche birgt die Wetterau unübersehbare Schätze: Warme und kalte Mineralquellen, Manganerze und Braunkohlen. Das Braunkohlenvorkommen in der Wetterau beträgt schätzungsweise 32,5 Millionen Tonnen und dessen Lebensdauer bei einer Tagesförderung von 1000 bzw. 1500 Tonnen 90 bzw. 60 Jahre. Nur ist dieser fossile Brennstoff heute nicht mehr aktuell.

 

Die ersten Wetterauer Bauern wohnten recht komfortabel

Vor 7500 Jahren hatten die ersten Bau­ernfamilien einen recht hohen Lebens­standard in ihren kleinen Wetterauer Fachwerkdörfern. Die von der Donau eingewanderten Bandkeramiker bevorzugten Südhänge mit bestem Ackerland.

Schon vor 500.000 Jahren lebten Menschen in der Wetterau. Sie jagten Wild, sammelten Beeren. Dann kam die Eiszeit: In der baumlosen Steppe war es etwa zehn Grad kälter als heute. Die Jäger und Sammler mußten sich in dicke Felle hüllen. Um das Jahr 5650 vor Christus war es wieder mild. Der zuvor herbei gewehte Lößstaub hatte sich gesetzt, der Boden war äußerst fruchtbar. Es wuchs ein Mischwald aus Eichen, Linden, Eschen, Buchen, Hasel und Schlehen. An den Süd­hängen in Wassernähe siedelten sich da­mals die ersten Bauern an, beispielsweise in Bru­chenbrücken.

Am Nordrand des heutigen Bad Nau­heimer Stadtteils Nieder‑Mörlen hatten die aus Ungarn oder Rumänien eingewan­derten Bandkeramiker ein zentrales Dorf mit religiöser Bedeutung.

Es bestand etwa 800 Jahre lang. Von 1997 bis zum Herbst 1999 werden Teile davon ausgegraben, weil ein zwölf Hektar großes Neubaugebiet auf dem Hempler entste­hen soll. Die bisher gefundenen Reste zei­gen: Das jungsteinzeitliche Nieder‑Mörlen war einzigartig unter den tausenden bandkeramischen Dörfern zwischen At­lantik und Ural.

Während andere Dörfer nur etwa drei Generationen lang be­wohnt waren, siedelten auf dem Hempler etwa 400 Jahre lang Menschen. Das Dorf bestand aus mehreren Häusern, die im­mer wieder an derselben Stelle errichtet wurden, wenn nach etwa 25 Jahren die Holzpfosten abgefault waren. Anderswo wurde die meist nur aus einem Haus beste­hende Siedlung an anderer Stelle in der Nähe neu gebaut.

Die Häuser waren bis zu 40 Meter lang und sechs Meter breit, hatten an der Nordwest‑Seite feste Bohlen­wände und die anderen Wände bestanden aus Pfosten und Flechtwerk, das mit Lehm beschmiert und weiß angestrichen war. Die Häuser waren Wohn‑, Arbeits- ­und Vorratsraum, aber sie waren kein Stall für Tiere. Die Bohlenwände haben sich als kleine Graben und die Pfosten als runde, dunkle Flecken im Boden abgezeichnet. Diese Spuren sind humushaltig und zeichnen sich schwach magnetisch im ansonsten neutralen Lößboden ab. So konnte die ge­samte Grabungsfläche geomagnetisch un­tersucht werden. Auf diese Weise entdeck­ten die Archäologen einen bislang einmali­gen Rundbau, auf den eine Halle zuläuft.

Die Menschen wohnten vor 7000 Jahren erstaunlich komfortabel. Sie bauten maximal 55 mal acht Meter große, stroh­gedeckte Fachwerkhäuser aus massiven Eichenbalken. Die Ge­fache bestanden aus Weiden‑Flechtwerk, das mit Lehm bestri­chen war. Die Häuser und die mit Band­mustern verzierten Tongefäße waren bunt bemalt: rot, weiß, schwarz und gelb.

Jede Familie lebte im Mittelteil ihres Hauses. Daneben lag der Stall mit Rin­dern, Schweinen, Schafen und Ziegen. Auch Hunde gab es. Auf der anderen Seite des Hauses lagerte nach Ansicht der Ar­chäologen das Getreide unterm Dach. Auf der Diele darunter wurde es gedroschen, gemörsert und mit brotlaibförmigen Mahlsteinen aus Basalt und Sandstein zu Mehl verarbeitet.

Jede Bauernfamilie hat­te um ihr Gehöft herum etwa zehn Hektar Ackerland. Angebaut wurde Emmer und Einkorn, das aus Ägypten, Syrien und Libanon stammt. Außerdem Bohnen, Linsen, Lein zur Fasergewinnung, Schlafmohn zur Ölgewinnung. Man spann Wolle, backte Brote, kochte vitaminreiche Eintöpfe in bauchigen Kumpfen. An Skeletten aus der Jungsteinzeit wurden keine Spuren von Mangel‑Ernährung festgestellt.

Beile und Messer produzierte man aus importiertem Feuerstein. In Belgien und Holland gab es damals regelrechte Feuerstein‑Bergwerke. Rekonstruktionen zeigten, daß mit Steinbeilen und Feuerstein‑Sicheln das Bäumefällen und Getreidemähen in der Jungsteinzeit fast so schnell von der Hand ging wie mit Axt und Sichel aus Metall.

Keine Erkenntnisse haben die Forscher, wer bei den ersten Bauern das Sagen hatte, wie intensiv die Beziehungen zwischen den verstreuten Dörfern und Einzelhöfen waren. Es gab vor 8500 Jahren offenbar keine größeren Konflikte zwischen den frisch eingewanderten Bandkeramikern und den einheimischen Jägern. Das Dorf am Hempler war nicht befestigt. Waffen oder Skelette mit Kampfspuren wurden nicht gefunden.

Rund  20 Tonnen Tonscherben aus ehemaligen Abfallgruben gruben die Archäologen aus. Sie fanden dabei Scherben mit Mus­tern, die bisher nur aus Südost‑Europa be­kannt waren. Die spannende Frage ist nun, ob die Gefäße hierher eingeführt wur­den oder ob die Bandkeramiker vom Hempler diese Muster nachgebildet ha­ben.

Im stark kalkhaltigen Boden am Hemp­ler sind Tierknochen gut erhalten geblie­ben. Sie zeigen, daß die Menschen damals das Fleisch von Schlachttieren wie Rind, Schaf, Ziege und Schwein verzehrten. Es wurden nur wenige Knochen von wilden, auf der Jagd erlegten Tieren gefunden. Ih­re Mahlzeiten bereiteten die Menschen in besonderen Öfen zu. In großen Gruben hat­ten sie seitlich eine Höhle gegraben und darin Feuer entzündet. Auf der Glut konn­ten sie kochen, backen und braten.

Die steinzeitlichen Hempler‑Bewohner trugen nicht nur Felle, sondern auch selbst gewebte Kleider. Das beweisen die vielen Spinnwirbel und Webgewichte, die gefunden wurden. Die Menge Werkzeuge für die Stoffproduktion läßt vermuten, daß über den eigenen Bedarf hinaus pro­duziert wurde. Aber für wen?  Handelsbeziehungen scheint es gegeben zu haben. Dafür spricht auch die Auswer­tung der Steinwerkzeuge wie Schaber und Messer und der Pfeilspitzen. Da es das Material dieser Geräte hier nicht gibt, kann man an einen Handel und Aus­tausch im europäischen Rahmen denken.

Etwa 30 Kuppelöfen mit massiven Ba­saltsockeln und viele Feuerstellen wurden bis­her freigelegt. Das sind viel mehr, als die etwa 100 Bewohner des Hempler‑Dorfes in ih­ren 15 Häusern für sich selber brauchten. Sie hatten womöglich oft Besuch. Es könnte sich um einen Zentral‑Ort von reli­giöser Bedeutung handeln. Etwa drei Dutzend Götzenbilder (Idole) wurden bisher gefunden. Das sind kleine Tonfiguren: Menschen, Schweinchen, Stierköpfe, Vögel.

Zudem wurden bei den Grabungen so viele entdeckt wie sonst zu­sammen in allen anderen Siedlungen in Europa aus jener Zeit. Die Archäologen vermuten deshalb, daß der Hempler ein besonderer Kultplatz gewesen sein könn­te. Dazu paßt auch, daß Roteisen vermut­lich aus der Gegend um Fauerbach in gro­ßen Mengen herangeschafft und zu roter Farbe vermalen wurde. Ein Altar‑Tischchen lag geborsten 50 Zentimeter unter der heuti­gen Ackerkrume. Ähnliche Stücke waren bisher  nur aus der bulgarischen und rumänischen Heimat der Bandkeramiker bekannt.

Es wurde kein Friedhof gefunden, aber es gab Sonderbestattungen im Dorf. Die Skelette von zwei wenige Wochen alten Kindern wurden entdeckt. Und das einer 60‑jährigen Frau. Das ist sehr ungewöhn­lich, denn die Lebenserwartung der Band­keramiker lag nur bei 25 bis 30 Jahren. Im Sommer 1997 fanden die Ausgräber: Skelette eines etwa zwölfjährigen Mädchens und eines gut 18jährigen Jungen. Sie waren in Seitenlage mit angezo­genen Beinen in Gruben neben den Häu­sern bestattet worden, als ob sie schliefen. Normalerweise beerdigten die ersten Bauern ihre Toten in zentralen Gräberfeldern zwischen den Dörfern. Nur Kinder wurden in der Siedlung begraben ‑ sie sollten auch im Jenseits die Obhut ihrer Familie genießen. Das Skelett des mit 1,70 Meter erstaun­lich großen Jünglings wurde 1997 auch in Boulevard‑ Medien bekannt. Man nannte es „Hans‑Peter“. Der Junge lebte fast 2000 Jahre vor „Ötzi“, dem legendären Gletschertoten vom Labtaljoch.

Ungelöst ist auch die Frage, warum das steinzeitliche Dorf nach 400 Jahren unter­gegangen ist. Das Dorf wurde nach und nach kleiner. Es wird noch untersucht, ob der Raubbau am Holz für die Häuser und für Brennholz die Ursache war.

 

 

 

Christianisierung der Wetterau

Der Geburtstag Jesu ist vom byzantinischen Kai­ser Konstantin I. im Jahr 313 auf den 25. De­zember gelegt worden. Hinter­grund war die im römischen Reich weitverbreitete Mithrasreligion, in deren Zentrum die Verehrung der „sol invictus“, der unbe­siegbaren Sonne, stand: Das Hauptfest die­ser „heid­nischen“ Religion wurde am 25. De­zember als der Tag der Sonnenwende gefei­ert, wobei zu Ehren der neu aufsteigenden „Siegerin Sonne“ große Feuer angezündet wurden. In r Friedberg stand in römischer Zeit ein Mithras‑Tempel.

Spätere Kirchenväter ahnten wohl, daß die im Naturgeschehen verwurzelten Bräu­che der vorchristlichen Religionen nicht so einfach auszurotten gewesen wären, und in­tegrierten sie in ihre Heilslehre. Da dem Fest der Erscheinung Christi auf Erden im Neu­en Testament das Symbol des Lichts inne­wohnt, haben sich Christus‑ und der Son­nenkult gut miteinander kombinieren las­sen. Von dem Licht und der Wärme der Sonne, die im Frühjahr erneut die Saat aufkeimen ließ und neue Nahrung brachte, hing das Überleben ab.  Heutige Rituale haben oft alte Urssprünge::Das üppige Weih­nachtsessen war überlebenswich­tig, um die Zeit des Fastens auszugleichen.  Der Name „Mettwurst“ erinnert an die selbst­gemachte Wurst, die erst nach der Christmette auf den Tisch kam.

 

Die ersten Christen um 250

Die Botschaft von einem neuen Gott mit Namen Christus erreichte die Wetterau über die Alpen. Römische Soldaten, Kaufleu­te und Handwerker brachten das Evangeli­um im 3. Jahrhundert in diese Gegend. Das belegt eine Glasscherbe mit eingeritz­tem „i“, was als Hinweis auf das frühe Christensymbol des Fisches gedeutet wird. Diese Scherbe wurde 1954 im Lagerdorf des Butz­bacher Hunnenkastells gefunden und da­tiert in das zweite Drittel des 3. Jahrhunderts. Wann die Bewohner der fränkischen Siedlungen in Enzheim, Ober-Mockstadt und auf dem Glauberg dem Christentum beitraten, ist nicht überliefert.

Di systematische Bekehrung der Einwohner der Wetterau zum katholischen Christentum begann spät. König Dagobert I. er­ließ 626 einen Taufzwang. Der Glaube an die Göttervielfalt, an eine beseelte Natur und ei­ne Vielzahl von Geistern und Dämonen, hielt sich im Volksglauben und Brauchtum allerdings beharrlich.

 

Iren bekehrten die Wetterauer

In den Schenkungsurkunden des Klosters Lorsch aus dem späten 8. Jahrhundert fin­det sich eine Kirche in Ober‑Mockstadt, de­ren Pfarrbezirk sich mit etlichen Filialkir­chen vermutlich über große Teile der Wetter­au erstreckte. Weitere frühe Hinweise fin­den sich auf Kirchen in Schotten, im Horloff­tal sowie in den Gotteshäusern von Maria Sternbach und Bauernheim.

[Hinweis von Erich Harth aus Ober-Mockstadt: In den Schenkungsurkunden von Lorsch ist keine Kirche in Ober-Mockstadt zu finden, der Ort wird erstmals 930 in einer Schenkungsurkunde des Klosters Fulda erwähnt].

Es waren irische Mönche, die den Men­schen der noch dünn besiedelten Flußauen-­Landschaft den neuen Glauben „schmack­haft“ machten. Der bekannteste unter ihnen ist Bonifatius. Heute noch kann man erken­nen, ob eine Siedlung bereits bestand, als sich der neue Glauben auch architektonisch Bahn brach. Bei Neusiedlungen von Chris­ten steht die Kirche in der Mitte des Dorfes, um die sich die Häuser gruppieren. War aber die Dorfstruktur schon abgeschlossen, bevor die Christianisierung einsetzte, wur­de die Kirche an den Rand des Dorfes ge­baut.

Der Übergang von vorchristlichen Ritua­len und Bräuchen zu alten Festen mit neuen Inhalten vollzog sich fließend. Weit verbrei­tet war früher der Brauch, in den „zwölf heili­gen Nächten“ zwischen Weihnachten und Dreikönig keine auffälligen Tätigkeiten zu verrichten, um die bösen Geister nicht he­rauszufordern. Es durfte in dieser Zeit also keine Wäsche gewaschen, nicht gebacken, gesponnen oder gedüngt werden; auch durf­te nichts „umgehen“, das heißt: Kein Rad durfte sich drehen.

 

 

Störche in der Wetterau

Allgemeines:

Die Brut braucht 32 Tage bis zum Ausschlüpfen. Die Küken benötigen acht Wochen, bis sie flügge sind. Langfristig wächst die Storchenzahl aber wieder. Im Jahre 1999 waren es 2.949 Paare in Deutschland. Im  Jahre 2001 gab es einen Durchzug wie noch nie. An mehreren Stel­len kämpften die Störche um die Nistplät­ze. Im Jahr 2001 brüten in dem  Echzeller Naturschutzgebiet gleich drei Paare. Auch am Sportplatz in Gronau und in Lindheim haben vier der Stelzvögel zwei Nester bezogen. Damit brüten wieder so viele Störche im Wetter­aukreis wie 1969. Insgesamt sie­ben neue Nester konnten die untere Natur­schutzbehörde des Wetterau­kreises und der Naturschutzfonds dank einer Spende der OVAG bauen und aufrichten. Ihre Standorte sind in Staden, Dauernheim, Ef­folderbach, Groß‑Karben, Reichelsheim und in Utphe im Kreis Gießen.  Noch unbewohnt ist der an der Bahnstrecke zwischen Friedberg und Nid­da aufgestellte Nistplatz.

 

Bingenheim:

Die Naturschutzgrup­pe Bingenheim hat unter Federführung von Artur Rosenfeld eines der OVAG‑Nester an der Horloffböschung aufgestellt. Schon in diesem Frühjahr feierten dort zwei Vö­gel Hochzeit.

Im Bingenheimer Ried fängt ein Weißstorch auch den Win­ter über Mäuse. Das mindestens 13 Jahre alte Tier der Art Ciconia Ciconia ist Nach­komme von „Park‑Störchen“ aus der Schweiz und hat keinen Wandertrieb. Es könnte sogar sein, daß die Partnerin des Alt‑Storches ebenfalls in der Wetterau überwintert. Bei­de hatten im Frühjahr 2001 zwei Küken im Nest. Die starben jedoch, bevor sie flügge wurden.

Auch der Nachwuchs der beiden ande­ren Storchenpaare im Bingenheimer Ried litt unter dem verregneten Frühjahr. Eins hatte vier oder fünf Küken, von denen nur zwei flügge wurden. Sie und die Eltern sind inzwischen gen Süden abgereist. Dem dritten Bingenheimer Storchenpaar star­ben die Jungen des ersten Geleges. Beim zweiten Versuch überlebte ein Jungstorch. Er und seine Eltern sind inzwischen abge­flogen. So ein „Nachgelege“ ist sehr selten.

 

Gronau:

Am Gronauer Fußballfeld nistet seit Mitte März 2001 zum zweiten Mal ein Storchen­paar auf dem von Hans Hermann herge­richteten Hochsitz. Das Futter reichte, um drei junge Störche aufzuziehen. Sie mach­ten schon am 25. Juli den Abflug nach Sü­den. Der Storchenvater flog am 28. August los, sein Weib am 10. September. Offenbar verbringen sie den Winter nicht gemein­sam.

 

Lindheim:

Die Lindheimer Störche sind dagegen immer noch da. Das am Hofgut Westernacher lebende Paar scheint die große Reise nach Afrika zu scheuen. Der aus Neu‑Anspach stammende Storchenmann überwinterte schon früher in der Wetterau. Nur an Schneetagen bekam er tote Hühner‑Kü­ken, die die Naturschutzgruppe in einer Tiefkühltruhe vorhält. Im kommenden Winter nascht davon auch seine Partne­rin. Bei ihnen hat es diesmal nicht mit dem Nachwuchs geklappt.

Die Lindheimer Vogelschutzgruppe richtete auf einem ausgedienten Starkstrommast zwischen Lindheim und Enzheim den Rohbau für ein zweites Nest her. Für 57.000 Mark kauften sie Wiesen, auf de­nen Futter‑Frösche gedeihen können. Zwei Teiche sind im Bau. Der eine wird et­wa 2000 Quadratmeter Wasserfläche ha­ben und 35.000 Mark kosten. 15.000 Mark steuert davon die Gemeinde Altenstadt bei. Weitere 25.000 Mark gibt sie für den zweiten, rund 3.000 Quadrat­meter großen Teich nahe der Autobahn.

 

Florstadt-Staden:

In Florstadt/Staden hatte sich nämlich ein Paar auf dem alten Brennereischorn­stein eingefunden und mit dem Nestbau begonnen. Aber nach zwei Wochen waren die beiden Störche wieder verschwunden. Offensichtlich war es den Störchen für ei­ne Aufzucht der Jungen schon zu spät, sind sie doch erst Mitte Mai im Wetterau­kreis eingetroffen, zu einem Zeitpunkt, an dem bei den anderen Wetterauer Störchen bereits die Jungen geschlüpft waren.

 

Ortenberg- Effolderbach:

In den Auwiesen bei Ortenberg-Effolder­bach konnte man sogar einmal zwei Schwarzstörche bei der Nahrungssuche antreffen. Grund für das späte Eintreffen der Störche ist die Witterung. Im April war wochenlang starker Ostwind, gegen den die von Westen ziehenden Störche nicht ankamen. Und auch im Mittelmeerge­biet tobten Unwetter, die ein Fortkommen der großen Segelflieger erschwerten.

 

 

 

Limes Wetteraustrecke

 

Weitere Informationen befinden sich bei den einzelnen Orten

 

Nördliche Wetteraustrecke  (Landkreis Friedberg)

Der Limes kreuzte das Usatal, ist dort aber nicht mehr erhalten. Nördlich der Usa lief er am Ostrand von Langenhain vor dem Limeskastell vorbei. Dann zog er über eine wellige Hochfläche. Hier hat der Ackerbau des Mittelalters und der Neuzeit den Pfahlgraben auf über fünf Kilometer Länge völlig beseitigt. Erst nördlich von Hochweisel wird der Grenzwall am Waldrand wieder sichtbar. Etwa 250 Meter nördlich vom Waldrand liegen die Kleinkastelle Hunnenkirchhof und Degerfeld. Aus der Umgebung des Hunneburg-Kastelles und des Kleinkastelles Degerfeld stammen die meisten der zahlreichen Butzbacher Römerfunde. Ein Teil der archäologischen Funde sowie ein Rekonstruktions-Modell des letzten Ausbauzustands des Hunneburg-Kastelles ist in der interessanten Abteilung „Römerzeit“ im Museum zu sehen.

 

  Kleinkastell Hunnenkirchhof (4) nördlich von Hoch-Weisel gegenüber einer großen Waldwiese mit Grillplatz und Schutzhütte, gezählt als Wachtposten 4/29 (Punkt 12): Das    ältere der beiden Kastelle war ein Holzbau. Es ist entstanden im 1. Jahrhunderts nCh bevor es den Limeswall gab, denn dieser überschneidet das Kastell. Das ältere Holzkastell (A), noch vor der Anlage des Grenzwalles errichtet, wird von diesem auf seiner südwestlichen Seite überlagert.

Wohl in der Mitte des 2. Jahrhunderts ist es durch das ungefähr doppelt so große (0,12 Hektar) Steinkastell  (B) mit abgerundeten Ecken ersetzt worden, das ein wenig weiter vom Pfahlgraben entfernt liegt. Auf seiner Ostseite wurde ein Zugang gefunden, die Umwehrung, besonders der rund 7 Meter breite Graben, ist noch deutlich zu erkennen.

Bei den Grabungen der Reichs-Limeskommission unter dem Streckenkommissar Friedrich Kofler traf man die solide gebaute, ein Meter breite Umfassungsmauer noch in einer Höhe von 0,90 Meter an. An die Mauer war von innen ein Wall angeschüttet. Die Ausgräber fanden außerdem Reste der ehemaligen hölzernen Barackenbauten als dunkle Verfärbungen im Boden

Außerhalb des Limes erhebt sich der Hausberg, dessen Gipfel von einem mehrfachen, vorgeschichtlichen Ringwall aus der älteren Latenezeit umschlossen wird. Als die Römer den Limes bauten, war er schon seit Jahrhunderten verlassen.

Der Limeswall ist auf dieser Teilstrecke noch in einer Höhe von zwei bis drei Metern erhalten. Vom Hunnenkirchhof zieht der Grenzwall durch den Wald hinab ins Hausener Tal. In dem offenen Talgrund östlich von Hausen ist er durch den Ackerbau zerstört worden. Nördlich vom Tal wird er aber gleich am Waldrand wieder sichtbar. Hier setzt eine der geraden, nachträglich gezogenen Limesstrecken ein. Sie läuft – überall sichtbar – bis Wachtposten  4/33. Der Pfahlgraben steigt vom Hausener Tal verhältnismäßig steil den Hang hoch, er ist gut erhalten. Etwa 240 Meter vom Waldrand liegt auf der Höhe wieder ein Wachtposten.

 

  Wachtposten 4/31 „Am Sommerbergweg“: Sichtbar ist eine flache Holzturmstelle mit Ringgraben und südwestlich davon der Schutthügel des Steinturms. Etwa 750 Meter weiter nordöstlich liegt

  Wachtposten 4/32 „Im Suterwald“, ein flacher Steinturmhügel.

Die ältere Grenzlinie lief in mancherlei Kurven stärker dem Gelände angeschmiegt von Wachtposten 4/31 nach

  Wachtposten 4/31* „Am Kugelfangweg“, einer gut sichtbaren Holzturmstelle mit Ringgraben. Sie befindet sich wenige Meter außerhalb (westlich) vom Pfahlgraben. Hier haben die Römer die Grenzlinie zurückgesteckt, was eine Ausnahme darstellt. Die ältere Linie zog weiter nach

  Wachtposten  4/33*, der wieder hinter dem Pfahlgraben liegt. Der Holzturm hatte zwei Ringgräben, die man nach der Ausgrabung offenließ, so daß sie heute gut zu erkennen sind. An den äußeren Ringgraben schloß sich eine kleine, polygonale Verschanzung an.

 

  Wachtposten 4/33 „Auf dem Schrenzer“: Er ist durch einen fehlerhaft rekonstruierten, hölzernen Wachtturm kenntlich, der über der Fundstelle eines römisch Holzturms errichtet wurde. Dieser Holzturm hat wahrscheinlich den älteren Holzturm Wachtposten 4/33* in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts ersetzt. In der Mitte des 2. Jahrhunderts entstand dann der Steinturm von Wachtposten 4/33 nordöstlich vom Holzturm. Seine Grundmauern sind konserviert und gut sichtbar. Davor ist ein Stück der Palisade rekonstruiert worden. Der Wachtposten auf dem Schrenzer liegt verhältnismäßig hoch und hatte eine vortreffliche Sicht. Er diente als Richtpunkt zum Abstecken der beiden geraden Grenzabschnitte, die hier zusammenstoßen.

Der Pfahlgraben kann vom Schrenzer noch ungefähr 500 Meter weit im Wald nach Nordosten verfolgt werden. Er verliert sich hier am Ortsrand von Butzbach. Erst jenseits der Butzbacher Senke wird er am Rand des Griedeler Markwalds wieder sichtbar. Im Butzbacher Raum kreuzten damals wie heute wichtige Verkehrsverbindungen den Limes. Sie wurden vom Limeskastell Butzbach gesichert, das aber nicht mehr sichtbar ist. Es lag einige hundert Meter vom Limes entfernt am Ortsrand von Butzbach; heute wird es von der B 3 durchschnitten. Die (heutige) große Reithalle befindet sich innerhalb des Kastells. Direkt am Pfahlgraben, der hier längst verschwunden ist, war der eigentliche Grenzübergang. Dort befand sich das Kleinkastell Degerfeld

 

  Kleinkastell Degerfeld (5)

Rund 700 Meter nordwestlich von der Hunneburg stand neben dem südlichsten der drei heute weithin sichtbaren Hochhäuser dieser Grenzübergang. Zunächst entstand um 100 nCh ein kleines Holzkastell, dessen Innenbau durch Ausgrabungen bekannt ist. Die kleine Kaserne besaß einen U-förmigen Grundriß, der sich um einen Innenhof legte. Auf ihn öffneten sich die Wohnräume der Wachtmannschaft. Nach der Mitte des 2. Jahrhunderts entstand nach dem Brand des Holzkastells ein etwas größeres Steinkastell (0,3 Hektar) an der gleichen Stelle. Es blieb bis Anfang des 3. Jahrhunderts besetzt.

Nicht alle Häuser des Vicus standen an der Fernstraße. Zwischen dieser Straße und dem Kastell hatten sich einige kleine Gassen gebildet, und auch die Straßen, die aus den Kastelltoren führten, zogen die zivile Bebauung an. Die bisherigen Ausgrabungen haben den Vicus noch keineswegs vollständig erfassen können. Weder ist das Kastellbad bekannt noch die  Heiligtümer, die man sicher voraussetzen darf.

Jedenfalls war der Vicus so ausgedehnt, daß er mehr kleinstädtischen als dörflichen Charakter besaß. Bezeichnend sind auch hier die länglichen Häuser, die mit der Schmalseite an der Straße  standen. Der Vicus hat nicht in voller Ausdehnung bis zum Ende des Limes um 260 bestanden. Er dürfte von dem Alamanneneinfall schwer in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Die Spannungen zwischen Römerreich und Germanen seit Anfang des 3. Jahrhunderts haben sicher den Handelsverkehr beeinträchtigt, das Risiko an der Grenze erhöht und damit dem Vicus einen wesentlichen Teil seiner wirtschaftlichen Grundlage entzogen.

 

  Kastell Hunneburg (am Nordrand von Butzbach):

Am nördlichen Ortsausgang von Butzbach lag eines der wichtigsten Limeskastelle der Wetterau. Es wird heute von der B 3 dort durchschnitten, wo eine große Reithalle steht. Leider ist von dem römischen Wehrbau und seinem Vicus fast nichts mehr zu sehen.

Das Kastell Hunneburg hatte einen der wenigen Grenzübergänge des obergermanischen Limes zu sichern, über den der Fernverkehr lief. Die Verkehrsbedeutung des Butzbacher Raums ist - geografisch bedingt - bis heute geblieben: die viel befahrene B 3, eine Fernstrecke der Bundesbahn und die Autobahn Frankfurt-Kassel sind Träger eines intensiven Nord-Süd-Verkehrs längs der Hessischen Senke. In römischer Zeit führte eine Straße von Mainz über Friedberg zum Limes bei Butzbach. Hier überschritt sie den Limes. Nach Norden gab es eine Wegeverbindung in das freie Germanien über das Gießener Becken, das von einem kleinen Germanenstamm besiedelt war, zu dem mächtigen Stamm der Chatten im Raume Kassel und Fritzlar. Daher haben die Römer den Limesübergang schon unter Kaiser Domitian bald nach dem Chattenkrieg (83 - 85) mit einem großen Grenzkastell gesichert.

Noch unter diesem Kaiser kam eine Kohorte nach Butzbach, wohl die Cohors II Raetorum civium Romanorum, die vorher in Wiesbaden gelegen hatte. Sie erbaute ein Kastell mit einer Umwehrung aus Rasensoden, Holz und Erde. Der Verteidigungsgraben dieses Kastells ist derjenige, der auf dem Übersichtsplan im Norden, Osten und Westen über die späteren Umwehrungen hinausgeht und nur im Süden von ihnen überschritten wird. Die neuen Ausgrabungen H. Lischewskis deuten darauf hin, daß dieses Kastell ungewöhnlich groß war und wohl etwas über 4 Hektar Fläche umfaßte. Sollte das zutreffen, dann müßte außer der Raeterkohorte noch eine weitere Hilfstruppe in dem Kastell gelegen haben.

Um 135 nCh ist die 2. Raeterkohorte auf die Saalburg versetzt worden. An ihre Stelle trat die Cohors 11 Augusta Cyrenaica equitata, die aus Heidelberg-Neuenheim kam. Sie erbaute das ältere Steinkastell (2,8 Hektar). Mitte des 2. Jahrhunderts. Oder wenig später ist das Steinkastell nach Süden erweitert worden; es erhielt jetzt eine Fläche von 3,3 Hektar („Jüngeres Steinkastell“). Möglicherweise hing die Vergrößerung des Kastells mit einem Wechsel der Besatzung zusammen: Es gibt aus Butzbach eine Inschrift der Ala  foesica felix torquata. Ein solches 300 Mann starkes Reiterregiment mußte innerhalb der Mauern auch die Pferde unterbringen und benötigte daher mehr Platz.

Bei den Grabungen zeigten sich im Kastell die Spuren mehrerer Zerstörungen. Die Hunneburg lag an dem am stärksten durch die Chatten gefährdeten Einfallstor in die Provinz. Anscheinend haben die Übergriffe der Chatten in den sechziger Jahren des 2. Jahrhundert auch hier ihre Spuren hinterlassen. Das gleiche dürfte für den Germaneneinfall von 233 gelten. Die Römer haben das Kastell aber stets wiederhergestellt. Es war bis zum Ende des Limes um 260 besetzt.

Der Vicus neben dem Kastell besaß eine ungewöhnliche Ausdehnung und Bauart, sicherlich wegen der Bedeutung des Grenzübergangs. Er hatte wohl schon in den 30er Jahren des 2. Jahrhunderts die endgültige Größe erreicht und war nicht wie die meisten Kastellvdörfer eine einfache Straßensiedlung, die sich mit zwei Häuserzeilen an die vom Kastell ausgehende Hauptstraße anlehnte (wie etwa an der Saalburg). Im Gegensatz dazu entstand der Vicus der Hunneburg an der römischen Fernstraße, die in rund 200 Meter Entfernung am Kastell vorüberlief. Diese Straße zog in Richtung des heutigen Seedammwegs zur Hunneburg, lief durch den Vicus und führte in nordwestlicher Richtung zum eigentlichen Grenzübergang am Limes am Kleinkastell Degerfeld. Dieser befand sich rund 700 Meter nordwestlich von der Hunneburg. Als Grenzposten diente dort das Kleinkastell Degerfeld. Es lag neben dem südlichen der drei weithin sichtbaren Hochhäuser.

Nicht alle Häuser des Vicus standen an der Fernstraße. Zwischen dieser Straße und dem Kastell hatten sich einige kleine Gassen gebildet, und auch die Straßen, die aus den Kastelltoren führten, zogen die zivile Bebauung an. Die bisherigen Ausgrabungen haben den Vicus noch keineswegs vollständig erfassen können. Weder ist das Kastellbad bekannt noch die  Heiligtümer, die man sicher voraussetzen darf.

Jedenfalls war der Vicus so ausgedehnt, daß er mehr kleinstädtischen als dörflichen Charakter besaß. Bezeichnend sind auch hier die länglichen Häuser, die mit der Schmalseite an standen. Der Vicus hat nicht in voller Ausdehnung bis zum Ende des Limes um 260 bestanden. Er dürfte von dem Alamanneneinfall schwer in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Die Spannungen zwischen Römerreich und Germanen seit Anfang des 3. Jahrhunderts haben sicher den Handelsverkehr beeinträchtigt, das Risiko an der Grenze erhöht und damit dem Vicus einen wesentlichen Teil seiner wirtschaftlichen Grundlage entzogen.

Das ausgedehnte römische Ruinenfeld der Hunneburg zog früh die Aufmerksamkeit auf sich. Es wird bereits in wissenschaftlichen Schriften des 18.Jarhunderts erwähnt. Die ersten Ausgrabungen unternahm 1842  J. Ph. Dieffenbach. Die Entdeckung des Kastells blieb aber den Grabungen F. Koflers im Jahre 1892 vorbehalten. Kofler arbeitete im Auftrag der Reichslimeskommission. Er entdeckte das ältere und das jüngere Steinkastell, erforschte die Kommandantur (principia) in der Kastellmitte und stellte westlichen neben diesem Gebäude das Haus des Kommandeurs fest. Weitere Ausgrabungen erfolgten erst 1953, als ein Wohngebiet des amerikanischen Militärs teilweise über den Spuren des römischen Lagerdorfs errichtet wurde. W. Jorns und G. Müller haben bis 1956 den Kern des Vicus ausgegraben. Auch  im Kastell selbst fand damals eine Untersuchung statt (Müller 1955). Weitere Untersuchungen waren nötig, als die B 3 durch das Kastell gelegt wurde (W. Jorns, H. Schönberger 1961). In den letzten Jahren hat sich H. Lischweski darum bemüht, die Innenbauten des Kastells und die Abfolge der Umwehrungen genauer zu untersuchen.     

 

Von der B 3 zieht ein Feldweg ungefähr in Richtung der Grenzlinie durch die Äcker hinauf zum Griedeler Markwald, den man auf der Höhe sieht. Der Pfahlgraben wird am Waldrand sichtbar. Allerdings ist er durch die Solmser Landwehr im Mittelalter verändert worden, besonders am Beginn der wieder sichtbaren Strecke.  Auf der Höhe am Waldrand vermutet man

  Wachtposten 4/37. Von hier aus hat man eine vorzügliche Aussicht über die Butzbacher Senke; auf der Höhe im Südwesten erblickt man den Wachtposten 4/33 auf dem Schrenzer.

Der Pfahlgraben läuft nun in völlig gerader Richtung am Waldrand. Er folgt ungefähr der Wasserscheide zwischen Lahn und Wetter. Die gerade Linie ist erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts abgesteckt worden: an ihr standen nur Steintürme. Ihr ging eine kurvig dem Gelände angepaßte Grenzlinie voran, die mit Holztürmen besetzt war.

Der Limeswall ist streckenweise überraschend hoch, was zum Teil darauf beruht, daß er in die mittelalterliche Landwehr einbezogen war. Etwa 600 Meter vom Beginn des Pfahlgrabens entfernt erblickt man im Wald

  Wachtposten 4/38, einen hohen Steinturmhügel, der 22 Meter hinter der Wallkrone liegt. Etwa 700 Meter weiter folgt

  Wachtposten 4/39 „Im Gambacher Wald“, ein recht flacher Steinturmhügel unmittelbar nördlich von einem Waldweg, der den Limes kreuzt. Der Wachtposten ist nicht ganz leicht zu finden. Etwa 80 Meter südwestlich von ihm sieht man einen hohen Hügel, der auf dem Limeswall sitzt. Es handelt sich nicht um die Ruine eines Wachtposten, sondern um den Rest eines nachrömisch Kalkofens. Nach 230 Metern stößt man auf eine stark befahrene Eisenbahnlinie, die in einem Einschnitt läuft und den Limes durchschneidet. Man kann die Brücke benutzen, die nordwestlich in etwa 400 Meter Entfernung über die Bahn führt.

Vorher jedoch kann man die Spuren der älteren Grenzlinie aufsuchen. Sie wird allerdings nur durch einige Holzturmstellen markiert. Die ältere Linie hatte erst die Bauphase 2 erreicht, als sie durch die gerade Linie ersetzt wurde. Wall und Graben waren an der älteren Linie nicht vorhanden. Daher ist die Linie selbst nicht zu sehen, man findet nur die Reste der Holztürme. Die hölzernen Wachtposten liegen östlich vom Pfahlgraben im Wald; sie sind schwer zu finden:

  Wachtposten 4/37* besteht aus einem Holzturmhügel in 300 Meter Entfernung vom Pfahlgraben.

  Wachtposten 4/39 „Reitschule“.  Hier fand man einen Holzturmhügel und einen kleinen, mehr barackenartigen Holzbau, beide von Ringgräben umgeben. Der Wachtposten liegt 100 Meter hinter dem Pfahlgraben und ist stark durchwühlt. Nördlich der Eisenbahnlinie befindet sich

  Wachtposten 4/401 mit zwei Holzturmstellen, von denen eine durch einen asphaltierten Forstweg angeschnitten wird. Auf der anderen (südwestlichen) Seite des Forstwegs erkennt man außerdem die schwachen Reste eines winzigen Kleinkastells; es war ein Holzbau. Dieser Wachtposten der älteren Linie liegt 400 Meter hinter dem Pfahlgraben.

Doch nun wieder zurück zum Pfahlgraben, wo er nördlich der Bahnlinie am Waldrand weiterläuft. Etwa 200 Meter nördlich der Bahnlinie liegt

  Wachtposten 4/40, ein wohlerhaltener Steinturmhügel. Etwa 250 Meter nördlich davon erblickt man mit einiger Mühe die schwachen Reste eines Kleinkastells.

 

 

  Kleinkastell „Dicker Wald“ (6):

Die Grundmauern des kleinen, rechteckigen Steingebäudes von 17 mal 19 Meter Außenmaßen stecken unter flachen Erdböschungen. Sie werden von dem Weg überquert, der dem Grenzwall im Wald parallel läuft. Der kleine Wehrbau hatte scharfe, nicht abgerundete Ecken. Der nächste sichtbare Steinturm folgt 750 m weiter nordöstlich

  Wachtposten 4/42. Der flache Schutthügel des Steinturms liegt unter dem Waldweg, der hinter dem Pfahlgraben läuft. Der benachbarte

  Wachtposten 4/43 befindet sich ungefähr dort, wo der Pfahlgraben ganz in den Wald eintritt. Er ist gut zu erkennen.

  Wachtposten 4/44 findet man ungefähr 150 Meter südlich der Autobahn. Der Steinturmhügel wird von dem Waldweg hinter dem Pfahlgraben überquert. Auch er ist gut erhalten. Genau im Zuge des Pfahlgrabens überspannt eine Brücke die Autobahn Frankfurt–Gießen. Man überschreitet sie, um den nächsten Abschnitt des Grenzwalls kennenzulernen, der sich im Landkreis Gießen befindet.

Wer sich mit den Limesbauten der hier beschriebenen Strecke eingehend beschäftigt und auch die Holzturmstellen der älteren Linie aufzufinden sucht, wird gelegentlich im Wald auf vorgeschichtliche Grabhügel stoßen. Man kann sie leicht mit den römischen Turmstellen verwechseln

 

 

Nördliche Wetteraustrecke  (Landkreis Gießen)

Die nördliche Wetteraustrecke folgt ungefähr der geografischen Nord-Grenze der fruchtbaren Ebene. Sie schließt die römische Wetterau gegen die Hessische Senke ab. Diese lief in nördlicher Richtung über das Gießener Becken bis in den Kasseler Raum. Hier befanden sich die Wohnsitze der Chatten. Daher gehörte vor allem die West-Hälfte der nördlichen Wetteraustrecke zu den stark gefährdeten Abschnitten der obergermanischen Grenze. Aus diesem Grund ist das Kohortenkastell Arnsburg, das etwa 1,5 Kilometer hinter der Grenzlinie lag und den Norden der Wetterau sicherte, schon frühzeitig erbaut worden, noch unter Kaiser Domitian.

Der Limesabschnitt im Landkreis Gießen ist 23 Kilometer lang. Er beginnt im Westen mit dem langen, geraden Zug des Pfahlgrabens, dessen Beginn im vorangehenden Kapitel beschrieben wurde. Ab Wachtposten 4/49 folgt die Grenzlinie bis zur Wetter in sanften Biegungen dem Gelände; hier ist sie nicht nachträglich begradigt worden. Das schluchtartig ein­ getiefte Wettertal wird bei Arnsburg überschritten. Östlich davon haben die Römer den Limes von Anfang an in mehr oder weniger langen, geraden Teilstrecken gezogen.

Auffallend sind hier auch die größeren Wachtturmabstände. Offensichtlich haben die Römer die Gefahr im östliche Abschnitt geringer eingeschätzt. Nordöstlich und östlich von der Wetterau erstreckt sich nämlich vor dem Limes das umfangreiche, siedlungs- und verkehrsfeindliche Vogelsbergmassiv, aus dem kaum germanische Überfälle zu erwarten waren.

Wahrscheinlich ist dieser östliche Abschnitt der nördlichen Wetteraustrecke auch etwas später entstanden als der westliche. Darauf deutet die Beobachtung hin, daß östlich der Wetter nie zwei Holzturmstellen an einem Wachtposten gefunden worden sind. Die Dauer der Phase 1 des Limes war an dem östlichen Abschnitt also kürzer, was für eine etwas geringfügig spätere Entstehung der Grenzlinie spricht. Um 100 nCh muß die Linie aber auch hier schon bestanden haben.

Die nördliche Wetteraustrecke weist vor allem im westlichen Abschnitt von Wachtposten 4/45 – 4/49 und unweit von Arnsburg zwischen Wachtposten 4/52 und 4/57 gut erhaltene und sehenswerte Limesabschnitte auf. Auch das Limeskastell Arnsburg mit der Römerstraße lohnt einen Besuch. Der östliche Abschnitt der Limesstrecke ist größtenteils vom nachrömischem Ackerbau beseitigt worden, so daß man nur wenige Spuren vorfindet

 

Die Beschreibung der Strecke beginnt dort, wo der Pfahlgraben nördlich der Brücke über die Autobahn Frankfurt–Gießen im Wald weiterläuft. Das Gelände steigt leicht an. Man folgt dem wohlerhaltenen Pfahlgraben, der auch hier durch die mittelalterliche Landwehr leicht verändert worden ist; man erblickt beispielsweise stellenweise einen Graben an der Innenseite (Ostseite) des Limeswalls. Dieser Graben ist nachrömisch. Nach 550 Metern gelangt man zum

  Wachtposten 4/45. Der Wachtposten ist ebenfalls durch die Einbeziehung des Grenzwalls in die mittelalterliche Landwehr verändert worden. Leider wurde er nur ungenügend untersucht. In einem der Hügel befindet sich das Fundament eines mittelalterlichen Wartturms; er liegt am weitesten hinter dem Pfahlgraben. Ein anderer (der südlichste) erbrachte römisch Funde. Weitere Hügel können auch vorgeschichtliche Grabhügel sein. Die bewaldete Höhe, auf der der Wachtposten steht, wirkt zwar unscheinbar, sie muß aber von den Türmen aus einen ausgezeichneten und weiten Blick ermöglicht haben. Neben Wachtposten 4/33, 4/37 und 4/49 gehörte Wachtposten 4/45 daher zu den wichtigsten Richtpunkten zum Abstecken der langen, geraden Grenzstrecke, die von Wachtposten 433-449 läuft.

Der Pfahlgraben zieht durch den Wald nach Norden weiter. Nach 800 Metern überquert die Landstraße Langgöns-Grüningen den Limes. Etwa 200 Meter nördlich davon liegt das

 

  Kleinkastell Holzheimer Unterwald. (1):

Es war ein kleiner, nahezu quadratischer Steinbau (17 mal  19 Meter). Sehr ähnlich war das Kleinkastell Dicker Wald, das 3,5 Kilometer entfernt an der gleichen Strecke im Süden liegt. Man erkennt schwache Erhöhungen als Spuren des Bauwerks zwischen Pfahlgraben und Straße (siehe Ausflüge/Wetterau/Pohlheim)

Noch 530 Meter weiter ist der Pfahlgraben im Wald gut erhalten, dann tritt er in offenes Ackerland ein. Hier erkennt man ihn als flachen Wall oder auch als Böschung. Er macht den Eindruck eines locker mit Büschen bewachsenen Feldrains. Die Spuren der Wachtposten 4/47 –  4/48a sind durch den Ackerbau verschwunden.

 

  Wachtposten 4/49 „Auf dem Sandberg“) bezeichnet das Ende der geraden Limesstrecke, die im Süden bei Butzbach anfängt. Hier wurde ein Steinturm rekonstruiert, der schon von weitem zu sehen ist, nicht aber von der Straße Grünigen-Pohlheim (es ist auch kein Hinweisschild da). Der ursprüngliche Turm ist erhalten in den Fundamentresten von Wachtposten Wp 4/49 „Am Sandberg”. Er liegt 15 Meter hinter der Wallkrone nahe der nordöstlichen Ecke des rekonstruierten Turms, ist quadratisch und hat eine  Seitenlänge von 5,90 Meter und 90 Zentimeter starken Mauern.

Unmittelbar südlich davon erhebt sich die Rekonstruktion eines Römerturms aus Basaltstein, der 1967 von der Heimatvereinigung Schiffenberg errichtet wurde. Sie ist aber nicht ganz ohne Fehler: Da ein Stockwerk fehlt, ist der Bau insgesamt zu niedrig; das vorhandene Ziegeldach kam so auf römischen Wachttürmen nicht vor, auch fehlt der weiße Außenverputz. Der Turm ist im Innern nicht zu begehen, außen führt eine Leiter zur umlaufenden Galerie, von der man einen herrlichen Fernblick nach Norden auf den Schiffenberg mit seiner mittelalterlichen Klosteranlage hat. Man kann den Turm besteigen und hat von der Galerie aus eine schöne Aussicht auf die Limesstrecke. Diese knickt nördlich vom Turm in östlicher Richtung ab. Ein tiefer Graben mit Palisaden davor ist wieder hergerichtet worden. Einige Bänke laden zum Rasten ein. Aber hundert Meter nördlich ist auch noch eine Schutzhütte.

Unweit des Turmes steht hier mitten auf der Wallkrone ein von Professor Robert Sommer aus Gießen im Jahre 1912 errichteter Gedenkstein mit Inschriften:

Auf der Vorderseite: „Memoriae Romanorum Barbarus, anno MDCCCCXII“

Auf der Rückseite: „Limes Imperii Romani“

Auf den Schmalseiten: „Robertus Sommer cum uxore“ und „Cives Gisensis“.

Die Übersetzung lautet: „Zur Erinnerung an die Römer, ein Barbar im Jahre 1912 - Die Grenze des römischen Reiches - Robert Sommer mit Ehefrau - Ein Bürger Gießens.“

 

Der Pfahlgraben, der vor Wachtposten 4/49 gut erhalten war, geht als Feldrain weiter und zieht hinab zur Landstraße Grüningen – Gießen. Jenseits der Straße wird er nur durch einen Feldweg markiert. Nahe dem Aussiedlerhof östlich der Straße liegt der nördlichste Punkt des Wetteraulimes. Dort fand man das

 

  Kleinkastell Hainhaus (bei Grüningen):

Ein Steinkastell von 0,3 Hektar Fläche. Es ist nicht mehr sichtbar. Erst 1,5 Kilometer östlich der Straße wird der Pfahlgraben im Wald wieder deutlich. Hier ist wieder ein Wachtposten erhalten, etwa 150 Meter östlich vom Waldrand.

  Wachtposten 4/52 „Markwald W“ . Man sieht drei durch alte Ausgrabungen zerwühlte Turmstellen. Zwei gehörten zu Holztürmen (im Westen und in der Mitte). Der Steinturmhügel liegt im östlich. Der westliche Holzturm hatte einen Ringgraben, der andere zwei. Ähnliche Beobachtungen gibt es auch von einigen Wachtposten des nördlichen Taunuslimes (zum Beispiel Wachtposten 4/5).

Der Pfahlgraben zieht gut erhalten weiter bis zur Autobahn Frankfurt–Kassel. Die Autobahn über  quert man am besten durch die Unterführung, die sich 200 Meter entfernt in südlicher Richtung befindet. Man geht jenseits der Autobahn wieder zum Pfahlgraben, der weiterhin in guter Erhaltung durch den Wald zieht. Etwa 200 Meter von der Autobahn entfernt stößt man auf

Wachtposten 4/53 „Markwald O“. Bei den Ausgrabungen der Reichslimeskommission kamen die Reste von vier Holztürmen und einem Steinturm zutage. Der Wachtposten ist durch die aufgehäuften Erdmassen der Grabung kenntlich.

Jenseits der Landstraße Dorf-Güll – Garbenteich, die den Limes kreuzt, sind vom Grenzwall nur geringe Spuren am Waldrand erhalten. Dieser läuft ungefähr in Richtung des Limes. Nach 700 Meter tritt der Pfahlgraben ganz in den Wald ein. Hier ist er zwar besser erhalten, doch zunächst schwierig zu begehen. Der einzige, besser erhaltene Wachtposten liegt an einer einspringenden Ecke des Pfahlgrabens:

Wachtposten 4/56 „Am Kolnhäuser Kopf“: Das Fundament des Steinturms ist sichtbar. Der Holzturmhügel liegt nördlich davon in 30 Meter Entfernung.

 

Der Pfahlgraben zieht nun etwa 300 Meter weit unmittelbar am Nordost-Rand des Waldwegs weiter. Dann biegt der Weg ab, während der Pfahlgraben in gerader Richtung durch den Wald ins Wettertal hinabzieht. Er wird langsam undeutlicher und verschwindet schon vor dem Tal­grund. Vielleicht ist er durch mittelalterlichen Ackerbau des nahegelegenen Klosters Arns­burg zerstört worden. An dieser Stelle vermutet man ein Kleinkastell. Das Limeskastell Arns­burg ist von hier nämlich nur 1,8 Kilometer entfernt. Das vermutete Kleinkastell dürfte ungefähr so zu dem Kohortenkastell Arnsburg gelegen haben wie das Kleinkastell Degerfeld zu dem Kohortenkastell Butzbach.

 

 

  Kastell Arnsburg:

Es war das am weitesten nördlich errichtete Kohortenkastell der Römer, die sogenannte „Alteburg”, direkt über der Mündung des Welsbaches in die Wetter. Wie gut dieser Platz für den Bau eines Militärlagers gewählt war, ist auch heute noch zu erkennen: Sämtliche nach beiden Seiten des Limesverlaufs errichteten Wachtposten konnten von hier aus weithin eingesehen werden. Der Grenzwall verläuft etwa 1,5 km nordöstlich des Kastells.

Frühkaiserzeitliche Funde vom römischen Gelände lassen vermuten, daß hier eine römische Militäranlage um Christi Geburt für kurze Zeit bestanden hat. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts nCh errichtete man dann an gleicher Stelle das Kastell Alteburg zunächst als Holz-Erde-La­ger. In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts wurden die Umfassungsmauern und einige der Innenbauten in Stein errichtet.

Über die Funktion der einzelnen Gebäude sind bisher nur durch die Grabungen der Reichs-Limeskommission einige Ergebnisse bekannt geworden. So wurde das Stabsgebäude (prin­cipia) und wahrscheinlich das Wohnhaus des Kommandeurs (praetorium) aufgedeckt; eventuell kann auch das Speichergebäude (horreum) identifiziert werden. Alle übrigen Innenbauten wie Mannschaftsbaracken, Wirtschafts- und Stallgebäude waren wohl in Holzbauweise errichtet und konnten damals nicht erkannt werden.

Der Haupteingang des 29.000 Quadratmeter großen Kastells war als Doppeltoranlage errichtet und wies nach Osten, also zum Limes hin. Außerhalb der Mauern fanden die Ausgräber der Reichs-Limeskommission unter Leitung des Streckenkommissars Friedrich Kofler 1893 im Osten ein großes Gebäude  - wahrscheinlich eine Herberge (mansio) - und im Süden entlang der Römerstraße nach Friedberg das Kastellbad und Reste des Lagerdorfes (vicus).

Besatzung des Kastells waren teilweise berittene Kohorten von je 500 Mann Stärke: Vermutet wird zu Beginn die „cohors II Aquitanorum equitata“, Anfang des 2. Jahrhunderts abgelöst von der „cohors I Aquitanorum veterana equitata“, die wiederum kurze Zeit später von der „cohors V Dalmatarum“ ersetzt wurde. Bis zur Aufgabe der Grenzbefestigung um 260 nCh blieb das Kastell besetzt. Auf der Hochfläche ist heute der Friedhof von Dorf-Güll. Reste der Kastellmauer sind noch schwach an der Nordwestecke  im Boden zu erkennen. Straßen führten nach Butzbach, Echzell und Friedberg. An dieser Straße nach Süden lag das Kastell-Dorf, das erste Gebäude war das Bad. Östlich des Kastells (noch auf der Höhe, aber westlich des Weges) lag ein Gebäude, wahrscheinlich ein Unterkunftshaus (mansio).

Viele Jahrhunderte lang danach war die Anlage auf der Höhe unbesetzt, die antike Stätte verfiel und wurde von der umliegenden Bevölkerung als Steinbruch genutzt. Im Jahre 1150/1151 ermöglichte eine Stiftung Konrads II. von Hagen-Arnsburg an dieser Stelle die Gründung eines Klosters der Benediktiner. Da dem Bau dieses Klosters kein Glück beschieden war, gaben die Mönche bereits nach 21 Jahren ihr Vorhaben auf Betreiben Kunos von Münzenberg auf und zogen zurück in ihr Mutterkloster nach Siegburg.

Der Bau dieser Klosteranlage mitten im alten römischen Kastellgelände sorgte dafür, daß auch die letzten Reste der Kastellbauten verschwanden. Intensiver Ackerbau in unseren Tagen hat schließlich alle Spuren dieses ersten Klosters verwischt. Eine alte, schon aus­einander­­brechende Linde steht heute dort, wo einst der Mittelpunkt sowohl der römischen wie auch der mittelalterlichen Anlage war. Etwas südlich der heutigen alten Linde stand der Altar der nicht vollendeten Klosterkirche der Benediktiner. Der Platz steht als archäologisches Kulturgut unter Denkmalschutz und soll nicht betreten werden.

 

Auch jenseits der Wetter ist der Pfahlgraben an dem steilen, bewaldeten Südost-Hang des Flußtals zunächst nicht erhalten. Nur weiter oben am Hang findet man geringe Spuren des Grenzwalls. Dort liegt

  Wachtposten 4/59 „In der Hardt“, ein deutlicher Steinturmhügel.

Der Limes tritt nun in offenes Ackerland ein, wo er über mehrere Kilometer bis auf ganz geringe Reste verschwunden ist. Sein Verlauf konnte aber durch Ausgrabungen festgestellt werden. Hier beginnt die eingangs erwähnte Streckenführung, die aus kurzen, geraden Abschnitten besteht, die in stumpfen Winkeln aneinanderstoßen. Erst nach einiger Entfernung ist südwestlich von Hungen ein Bauwerk des Limes sichtbar:

 

    Kleinkastell „Feldheimer Wald“(2):

Das Kleinkastell (0,1 Hektar) hatte abgerundete Ecken. Seine Umwehrung ist als niedriger Damm im Wald erkennbar; dieser bedeckt das Fundament der steinernen Wehrmauer. Vor dem Wehrbau ist ein kurzes Stück des Pfahlgrabens mit einer einspringenden Ecke am Waldrand zu sehen. Er hört nach einer kurzen Strecke wieder auf. Von hier bis zur Horloff ist der Grenzwall völlig vom Ackerbau beseitigt worden. Er überschritt die Horloff südlich von Hungen. Östlich vom Fluß lief er - weiterhin nicht sichtbar - ein Stück die Höhe hinauf. Hier befanden sich  die

  Wachtposten 4/72 und

  Wachtposten 4/73.

Südlich von Wachtposten 4/73 lag jenseits der Horloff das Kastell Inheiden.

 

Numeruskastell Inheiden:

Es lag in einer alten Horloff-Schleife. Es liegt unter Äckern und ist völlig verschwunden. Der Pfahlgraben bog unweit von  Wachtposten 4/73 nach Süden ab und überquerte das Sumpfgebiet östlich von Inheiden; sein Verlauf ist hier nicht genau bekannt. Erst südlich davon fand man auf der Höhe des Wingertsberges Reste eines Kleinkastells, das als

  Wachtposten 4/75 gezählt wird. Der Pfahlgraben folgte nun über eine längere Strecke dem Ost-Ufer der Horloff. Etwa 1,3 Kilometer südlich des Kleinkastells auf dem Wingertsberg befand sich auf der nächsten Basaltkuppe, dem Massohl, wieder ein Kleinkastell

Wachtposten 4/77). Die beiden kleinen Basaltkuppen am Fuß des Vogelsbergs dienten als Richtpunkte eines geraden Limesabschnitts. Sichtbar ist keines der Kleinkastelle, auch der Pfahlgraben ist verschwunden.         

 

 

 

Östliche Wetteraustrecke (Nordteil, Strecke 4, Wetteraukreis)

Der nördliche Teil der östlichen Wetteraustrecke schloß das römische Gebiet gegen den Vogelsberg ab. Dieses ausgedehnte Waldgebirge war verkehrsfeindlich und fast unbewohnt. Erst südlich vom Vogelsberg, im Raume von Büdingen und im Kinzigtal, ist mit einer lockeren Besiedlung vor dem Limes zu rechnen.

Nicht weit von Büdingen liegt auch die Glauburg, eine der bedeutendsten vorgeschichtlichen Befestigungen Hessens. Während der Zeit des Limes waren die Ringwälle auf dem Glauberg aber verlassen. Sie spielten damals historisch keine Rolle. Erst im 4. Jahrhunderts haben die Alamannen dort eine ihrer Burgen errichtet.

Die Bedrohung der römischen Wetterau aus dem Osten war am nördlichen Abschnitt also gering. Aus diesem Grund ist die Limesstrecke im Osten etwas später angelegt worden als an der West-Grenze der Wetterau. Um 100 nCh dürfte die Strecke aber schon bestanden haben. Die Grenze folgt im Norden in geringem Abstand dem Osten-Ufer der Horloff und zieht nach Süden. Dann schwenkt sie nach Südosten ein und überschreitet die Nidda bei Staden. Bei Altenstadt kreuzt sie das nächste Flüßchen, das aus dem Vogelsberg kommt, die Nidder. Von hier läuft sie weiter in gleicher Richtung durch das Ronneburger Hügelland nach Marköbel; dieser Ort liegt bereits im Main-Kinzig-Kreis und wird im nächsten Kapitel behandelt. Die Länge des hier behandelten Limesabschnitts beträgt 24,5 Kilometer.

Die beiden größeren Limeskastelle der Strecke, Echzell und Ober-Florstadt, liegen bemerkenswert weit hinter dem Limes. Nur das kleinere Numeruskastell Altenstadt ist dicht an der Grenzlinie entstanden. Das mit 5,2 Hektar Fläche ungewöhnlich große Kastell Echzell ist schon um 90 nCh gebaut worden, noch unter Kaiser Domitian, wahrscheinlich ein Jahrzehnt vor der Grenzlinie. Gute Straßen, die großenteils noch heute vorhanden sind, verbanden es mit anderen Punkten des Limes, so daß die Besatzung rasch als Reserve an gefährdeten Stellen eingesetzt werden konnte. Die beiden anderen Kastelle Ober-Florstadt und Altenstadt dürften um 100  nCh zusammen mit der Grenzlinie errichtet worden sein. Diese ist von vornherein in geradlinigen Teilstücken abgesteckt worden; sie wurde nicht nachträglich verlegt. Im Norden der Strecke dienten kleine Basaltkuppen als Richtpunkte zum Abstecken. Auf ihnen lagen Kleinkastelle. Die östliche Wetteraustrecke hat alle vier Bauphasen des Limes durchlaufen und blieb bis um 260 in Benutzung.

Der hier besprochene Limesabschnitt ist nicht gut erhalten. Abgesehen von einigen unbedeutenden Spuren im Norden der Strecke gibt es nur einen erwähnenswerten, erhaltenen Abschnitt des Pfahlgrabens. Er liegt im Windecker Forst südlich von Altenstadt. Auch von den Limeskastellen der Strecke ist so gut wie nichts zu sehen.

 

Im Raume Trais–Horloff bis Echzell lief der Pfahlgraben östlich der Horloffniederung. Er ist völlig verschwunden. Er zog über eine kleine Bergkuppe zwischen Unter-Widdersheim und Grund-Schwalheim („Die Burg“). Hier stand ein Kleinkastell

Wachtposten 4/79.  Man hat von dort eine vorzügliche Aussicht.

 

   Kleinkastell Haselheck:

Von der Hauptstraße biegt man nach rechts in die Bahnhofstraße ein, folgt ihr geradeaus an den Gleisen links zur Station. Durch die Gänswirthsgasse kommt man zur Bisseser Straße, biegt rechts ein, die Horloff querend und folgt der Straße weiter am Neubaugebiet entlang. Schräg gegenüber diesem Parkplatz in westlicher Richtung lag in römischer Zeit, 25 Meter hinter dem Pfahlgraben, das Kleinkastell Haselheck (Wachtposten 4/85). Es war größer als die benachbarten Kleinkastelle und besaß sogar ein eigenes Badegebäude. Das Limeskastell Echzell lag 1,3 Kilometer westlich jenseits der Horloff. So war das Kleinkastell Haselheck der zugehörige, vorgelagerte Grenzposten. Weder das Kleinkastell noch der Grenzwall sind sichtbar. Die Stelle ist aber an der Bisseser Straße durch einen Stein mit Inschrifttafel markiert.

Ein bedeutender Grenzübergang wie etwa bei Kastell Butzbach bzw. Kleinkastell Degerfeld ist aber hier nicht anzunehmen. Die Limesstrecke bei Echzell war durch die weiten Waldgebiete des Vogelsbergs geschützt, in denen es damals auch kaum Verkehrsverbindungen gab. Einige Archäologen sind der Ansicht, daß das Kleinkastell möglicherweise einen Limesübergang und damit den Grenzverkehr an einer Handelsstraße zwischen dem Imperium Romanum und dem germanischen Mitteldeutschland überwachen sollte. 

Das ehemals 3.900 Quadratmeter große Lager, etwa  1,2 Kilometer östlich des großen Kastells Echzell gelegen und durch eine Straße mit ihm verbunden, hatte ein eigenes Badegebäude und war etwas größer als andere Kleinkastelle am Limes. Der Streckenkommissar der Reichs-Limeskommission (Friedrich Kofler) hatte die Umfassungsmauer mit abgerundeten Ecken 1886 entdeckt und einige Suchschnitte angelegt. Weitere Grabungen fanden bis heute nicht statt.

Einzig das im Norden liegende Badegebäude konnte genauer untersucht werden. Kofler fand ein langgestrecktes Gebäude mit fünf Räumen (A-E), Backstein-, Ziegel- und Heizkachelreste waren teilweise mit Stempeln der 22. Legion versehen. Danach wird der Beginn der Anlage in die Zeit 110 - 125 nCh datiert, also frühestens gegen Ende der Regierungszeit Kaiser Trajans; aus dieser Zeit stammen auch weitere Funde, unter anderem zwei Münzen dieses Kaisers. Keramikfunde lassen den Schluß zu, daß der kleine Militärposten bereits zwischen 160 und 175 nCh wieder aufgegeben wurde. Über die dort einst stationierte Einheit gibt es bislang keine eindeutigen Erkenntnisse.

Zwischen Kleinkastell und Badegebäude fand Wilhelm Soldan 1899 einen Holzturm mit Ringgraben, das älteste bekannte Bauwerk an diesem Platz. Dieser wurde offensichtlich nicht - wie sonst üblich - später durch einen Steinturm, sondern durch die Anlage des Kleinkastells ersetzt.

 

Ein wenig weiter südlich ist aber eine kurze Strecke des Pfahlgrabens am Waldrand unmittelbar nördlich vom Forsthaus erhalten. Der Limes durchschneidet hier ein vorgeschichtliches Grabhügelfeld. Südlich vom Forsthaus sind alle Spuren des Pfahlgrabens in den Äckern verschwunden. Die Grenze lief in gerader Richtung zum Lochberg südlich von Bingenheim. Auf der Höhe befand sich ein Kleinkastell

Wachtposten 4/89, ein Steinbau von etwa 400 Quadratmetern Fläche. Die Höhe diente als Richtpunkt zum Abstecken der Grenzlinie. Hier befand sich ein einspringender Knick der Linie, die sich nun nach Südosten wandte. Geringe Spuren des Pfahlgrabens sind für das geübte Auge auf der Höhe des Lochbergs westlich der Landstraße Bingenheim-Leidhecken zu sehen.

In Staden überquerte der Grenzwall die Nidda. Südlich vom Ort liegt ein Aussiedlerhof. Etwa 100 Meter nordwestlich davon befand sich ein Kleinkastell

Wachtposten 4/94,  ein Steinkastell von 0,4 Hektar Fläche. Ähnlich wie das Kleinkastell Haselheck in Echzell war es etwas größer als die benachbarten Kleinkastelle. Es war dem Limeskastell Ober-Florstadt als Grenzposten vorgelagert. Das Kohortenkastell ist 2,5 Kilometer vom Limes entfernt. Auch das nächste Kleinkastell, das östlich von Stammheim lag,

  Wachtposten 4/95, ein Steinbau von 360 Quadratmetern Fläche ist nicht sichtbar. Man kann aber ein kurzes Stück des Pfahlgrabens im Wald auf dem Winterberg sehen. Auf seiner Höhe liegt ein Wachtposten im Stammheimer Wald

  Wachtposten 4/96, dicht an einem alten Steinbruch. Man stellte bei den Ausgrabungen einen Steinturm und einen Holzturm fest. Der Steinturmhügel ist durch den Steinbruch fast völlig zerstört worden; der flache Holzturmhügel wird eher durch die Grabungsspuren deutlich.

Wachtposten 4/97 nahm den höchsten Punkt der östlichen Wetteraulinie ein. Er diente zweifellos als Richtpunkt zum Abstecken der Grenzlinie.

Der Pfahlgraben ist noch ein kurzes Stück in südlicher Richtung erhalten. Dann verschwindet er. Die Grenzlinie zog nun durch offenes Gelände hinab zum Niddertal, an dessen Nord-Rand dicht am Limes das Kastell Altenstadt lag. Von ihm ist nichts zu sehen.

Der Limes überquerte das breite Niddertal ungefähr im Zuge der Landstraße von Altenstadt nach Rommelhausen. Er lief südlich des Tals durch die Äcker dicht westlich neben der Straße, wo er aber nicht erhalten ist. Erst 1,2 Kilometer südlich der Nidder wird er im Wald sichtbar; durch alten Ackerbau ist er hier zu einem breiten, flachen Damm auseinandergezogen worden. Mit einer kurzen Unterbrechung durch eine Wiese läuft er im Wald zur Höhe des Buchkopfs hinauf. Der Pfahlgraben wird immer deutlicher. Auf der Höhe befindet sich

   Wachtposten „Münzenberg“ (4/98?)

Ein Gutshof lag ein Kilometer südöstlich von Münzenberg nahe der Straße nach Wohnbach, ist aber heute von der Autobahn überbaut.

Gambach: Südlich der Butzbacher Straße, westlich der Bahnhofstraße, 650 Meter südsüdwestlich der Kirche, liegt ein römischer Gutshof an der Nordseite der Wetterniederung  auf einer flachen Höhe, von zwei Bächen eingefaßt in Südhanglage. Vom Tal her war das Gebäude etwa 40 Meter breit, ohne einen Innenhof, mit Eckrislaiten an der Südseite, sicher ein imposanter Anblick in der Landschaft.

Etwa zwei Kilometer südöstlich von Münzenberg ist die einzige noch gut erhaltene Straßengabelung aus der Römerzeit in der Wetterau. Von Süden her kommt die Hohe Straße von Friedberg, die westlich an Wölfersheim vorbei zum Kastell Arnsburg  führt. Von Südosten mündet eine weitere Römerstraße vom Kastell Echzell. Der Schnittpunkt ist östlich der Autobahn etwas nördlich der heutigen Straße nach Münzenberg. Dann geht es schnurgerade weiter mitten durch Trais-Münzenberg hindurch nach Arnsburg, wo sie nach Querung der Wetter leicht nach Norden einknickt. Vom Turm der Münzenberg hat man einen guten Überblick über die Straßen.

 

   Altenstadt:

Daß die Römer beim Limesbau buchstäblich einen weiten Bogen um die Wetterau schlugen, konnte nicht nur strategische Gründe haben. Um die unruhigen Chatten in Schach zu halten, hätte kaum von der geraden Linie abgewichen werden müssen, wie sie sonst über weite Strecken den 550 Kilometer langen Grenzwall im römischen Germanien kennzeichnet. Der Reichtum an Salz- und Heilquellen in der fruchtbaren Wetterau dürfte die Römer veranlaßt haben, das Sperrwerk ohne Rücksicht auf die Geländetopografie um das auch schon damals waldarme Gebiet zu legen.

Seit dem Wirken der Reichslimeskommission vor gut 100 Jahren kennt man den Grenzverlauf genau. Zur Anschauung wieder erstanden danach zwischen Taunus und nördlicher Wetterau Legionslager wie die Saalburg, Kleinkastelle und Wachttürme.

 

Kleinkastell „Auf dem Buchkopf“ (1), Wachtposten 4/102:

Ein Steinbau von 125 Quadratmeter Fläche mit abgerundeten Ecken. Man kann das Bauwerk als winziges Kleinkastell ansehen. Ein hoher Schutthügel ist sichtbar.

In vorzüglicher Erhaltung läuft der Pfahlgraben durch den Wald zur Landstraße Ostheim–Rommelhausen.

 

Die Gemeinde Limeshain hat an der Straße von Rommelhausen nach Ostheim aus Anlaß ihres 25jährigen Bestehens 1996 ein Stück Grenzbefestigung an historischer Stätte neu errichtet. Die Anlage ist Teil eines gleichzeitig eingerichteten archäologischen und Waldlehrpfades, der auch zu prähistorischen Grabhügeln führt. Wie die Grenzbefestigung ausgesehen haben dürfte, erkennt man nach dem Queren einer Straße. Unmittelbar dahinter spitzen die Eichenpfähle eines rekonstruierten Abschnittes aus dem Boden. Den ausführlichen Tafeln des Lehrpfads zufolge haben wir hier die letzte Ausbaustufe des Limes vor uns. Ende des zweiten, Anfang des dritten nachchristlichen Jahrhunderts wurde der Palisadenzaun mit Wall und Graben verstärkt sowie die Holz- durch Steintürme ersetzt. Von gerade vier Mann war ein solcher Beobachtungsposten besetzt, wie überhaupt der Limes entgegen landläufiger Vorstellung nur schwach mit Truppen gesichert war und keine wirkliche Verteidigungslinie darstellte. Als die germanischen Truppen nach langen Friedensperioden 260 nCh zum Sturm auf das Imperium Romanum ansetzten, brach die Anlage ohne nennenswerte Gegenwehr zusammen.

Etwas südlich der Limesrekonstruktion steht im Wald die Rekonstruktion eines römischen Wachtturms nach  den neuesten Erkenntnissen der Forschung.

Südlich der Straße ist der Limes  weniger gut erhalten; ein Forstweg läuft über dem ehemaligen Limesgraben. Etwa 400 Meter südlich der Straße liegt

 

  Wachtposten 4/103 „Im Eckartshäuser Unterwald“. Hier liegen die Reste eines Holz- und eines Steinturms. Zwei Turmhügel sind sichtbar. Das Steinturmfundament wird von dem nordwestlichen Hügel bedeckt. Vor den Türmen fand man die Spur eines Flechtwerkzauns, eines Vorgängers der Limespalisade; er lief am inneren Fuß des Limeswalls, der erst sehr viel später aufgeschüttet worden ist. Der folgende

Wachtposten 4/104 ist nicht sichtbar. Jedoch findet man 180 Meter südlich der Drususeiche, die auf dem Limeswall steht, den

   Wachtposten 4/105. Hier befanden sich drei aufeinanderfolgende Bauwerke: ein Holz­turm, eine kleine, hölzerne Baracke mit einem unregelmäßigen Ringgraben und ein Steinturm. Die Grabungslöcher und Erdaufwürfe der Ausgrabung um 1900 fallen am meisten ins Auge. Der Steinturm lag etwa 15 Meter hinter dem Limeswall. Auch hier fand man die Spur des Flechtwerkzauns.

Der Pfahlgraben hört südlich von Wachtposten 4/105 am Waldrand auf. In den Feldern ist er nicht mehr erhalten. Man findet jedoch in 250 Meter Entfernung vom Wald in Richtung des Limes in den Äckern einen Denkstein aus Granit mit der Inschrift „Pfahlgraben 1912“. Bis zu dieser Stelle war der Pfahlgraben 1912 noch erhalten, dann wurde er eingeebnet. Vom östlich davon verlaufenden  Feldweg geht ein Stichweg zu dem Stein, der  durch eine  Informationstafel gekennzeichnet ist.

Der Limes zog geradlinig nach Marköbel weiter, er ist nicht mehr zu sehen. Er überschritt dabei den Mühlberg, auf dessen beherrschender Höhe

Wachtposten 4/107 lag. Hier wurde ein Steinturmfundament ausgegraben, es ist aber nicht mehr sichtbar. Die Höhe mit dem Wachtposten war ein Richtpunkt der Grenzlinie.   

 

Östliche Wetteraustrecke (Strecke 5, Südteil, Main-Kinzig-Kreis)

Der Abschnitt der östlichen Wetteraustrecke, der im Main-Kinzig-Kreis liegt, ist 16,5 Kilometer lang. Der Limes kommt von Nordwesten: Bei Marköbel ändert er in einem stumpfen Winkel seine Richtung und biegt nach Süden um. Nahezu geradlinig läuft er bis Großkrotzenburg am Main. Die Aufgabe der Strecke war es, den Wetteraulimes mit der Maingrenze zu verbinden.

 Die Grenzlinie geht durch zwei recht verschiedene Landschaften. Bis zur Kinzig bei Rückingen zog der Limes durch das offene Ronneburger Hügelland, in dem es seit vorgeschichtlicher Zeit eine lockere Besiedlung gab. Alte Verkehrsverbindungen kreuzten hier den Limes. Sie führten zu der Siedlungskammer um Fulda. Der nachrömische Ackerbau hat in dem Hügelland alle Spuren des Grenzwalls beseitigt.

Zwischen Kinzig und Main erstreckt sich ein ebenes, bisweilen sumpfiges Waldgebiet. Es war im Altertum genausowenig bewohnt wie das Waldgebirge des nördlichen Spessart, das ihm im Osten vorgelagert ist. Die Limesbauten sind hier besser erhalten. Leider sind sie vor wenigen Jahren durch umfangreiche Verkehrsbauten östlich von Hanau zerschnitten worden. Gut zu begehen ist die Strecke von Wachtposten 5/13 südlich der Autobahn Hanau–Aschaffen­burg bis Großkrotzenburg. Von dem Kohortenkastell  Marköbel sieht man nichts. In Rückingen sind die Grundmauern des Kastellbads erhalten, und in Großkrotzenburg findet man sogar Reste der Wehrmauer des Kastells der Cohors IV Vindelicorum.

Der Limesabschnitt Marköbel-Großkrotzenburg dürfte um 100 nCh abgesteckt worden sein, etwas später also als die westliche Wetteraulinie. Die Römer haben die Gefahr germanischer Oberfälle in diesem Abschnitt für geringer gehalten. Um 100 ist das Kohortenkastell Marköbel entstanden, und gleichzeitig wurde auch eine Kohorte hinter dem Limes in Hanau-Salis­berg stationiert. Dort hatte es schon seit 90 ein kleineres Kastell gegeben. Zwischen 110 und 120 wurde das Kohortenkastell in Hanau-Salisberg aufgegeben und durch das unmittelbar am Limes erbaute Kohortenkastell Rückingen ersetzt.

Der Endpunkt des Limes am Main wurde um 100 nCh durch das kleine Kastell Hainstadt geschützt. Es lag zwei Kilometer mainabwärts von Großkrotzenburg auf der linken Mainseite und dürfte bis zum Bau des Kohortenkastells in Großkrotzenburg bestanden haben. Um 100 kann es am Ort des späteren Kohortenkastells Großkrotzenburg schon einen kleineren Wehrbau gegeben haben. Das Kohortenkastell ist wahrscheinlich erst um 110 entstanden. Die Limesstrecke ist an diesem Abschnitt nie verlegt worden; sie hat alle vier Bauphasen durchlaufen und war bis um 260 in Benutzung.

 

Zwischen Marköbel und Rückingen werden acht Wachtposten angenommen, die zum Teil durch Ausgrabungen nachgewiesen worden sind.

  Wachtposten 5/3 an der Gelnhäuser Hohle östlich von Rüdigheim dürfte als Richtpunkt der geraden Strecke bis Rückingen gedient haben; man hat von hier aus eine vorzügliche Sicht nach Süden. Indessen ist von dem Abschnitt bis Rückingen nichts mehr erhalten.

   Kleinkastell in Langendiebach

Der Steinbau (0,4 Hektar) ist völlig verschwunden. Das kleine Kastell lag dort, wo sich heute der Friedhof am Ost-Rand des Ortes befindet. Bei dem Kleinkastell kreuzte eine alte Verkehrs­verbindung den Limes, die aus dem Frankfurter Raum über Hochstadt, Mittelbuchen und Bruchköbel kam und über den Limes nach Osten zog. Es ist bemerkenswert, daß die Römer trotz der Nähe des Kohortenkastells Rückingen einen besonderen Schutz dieses Punktes der Grenze für nötig hielten.

Der Grenzwall lief dicht vor dem Kohortenkastell Rückingen über die Kinzig; unmittelbar hinter der Linie gab es eine römische Holzbrücke über den Fluß (östlich der Brücke über den Bach, wenn an sich die Waldstraße verlängert denkt). Hier wurden 1883 Pfahlstümpfe entdeckt.

Südlich von Rückingen sind in dem Wald zwischen der Kinzig und der Autobahn nach Gießen geringe Spuren des Pfahlgrabens sichtbar. Es lohnt aber kaum, sie aufzusuchen.

 

  Kastell Rückingen:

Dieses Limeskastell hatte Bad und Lagerdorf. Einige hundert Meter westlich des Dorfes zwischen der Kinzig und der heutigen Bundesstraße 40 war in der Regierungszeit des römischen Kaisers Hadrian (117 ‑ 138 nCh) eine mächtige Feste innerhalb der Limesanlagen zum Schutze des Durchgangs zum Kinzigtal entstanden. Das starke Steinkastell, die „Saalburg des Kinzig­tales“, sollte den strategisch wichtigen Kreuzungspunkt des Limes und der alten Kinzigstraße sichern (Bild: Limes im Kaiserfeld, in: „Hanau Stadt und Land“, Seite 40). Dem Kohortenkastell mußte sogar die Straße (heute B 40) ausweichen. Es lag nördlich des römischen Bades, wo jetzt die Hochhäuser stehen.

Das einzige heute oberirdisch noch sichtbare Baudenkmal aus römischer Zeit sind Teile der Grundmauern einer Therme. Dieses Kastellbad gehört zu den frühesten ausgegrabenen römischen Ruinen unseres Raumes. Es wurde, nachdem schon vorher einige Zufallsfunde Zeugnis von der römischen Vergangenheit Rückingens ablegten, in den Jahren 1802 ‑ 1804 im Auftrag des Fürsten Karl von Ysenburg‑Birstein freigelegt und schon damals zu Recht als „Römer­bad“ gedeutet.

Die Grundmauern des Bades sind seit dieser Zeit mehrfach zerfallen und wieder konserviert worden. Die Gemeinde Erlensee setzt dabei in lobenswerter Weise die Tradition des Hauses Ysenburg‑Birstein fort, das sich schon Im 19. Jahrhundert um den Schutz des Denkmales bemühte. Die Anlage ist heute in ein kleines Freizeitgelände mit Sport‑ und Spielplatz integriert und wird vorbildlich gepflegt.

Badeanlagen wie in Rückingen gehörten zu den festen Einrichtungen eines römischen Militärstützpunktes und selbst wesentlich kleinere Einheiten brauchten nicht auf eine Therme zu verzichten. Außer zu hygienischen Zwecken dienten die Bäder vor allem auch der Freizeitgestaltung der Soldaten. Das Rückinger Bad gehörte dem Typ der sogenannten „Reihenbäder“ an. Diese Bezeichnung bedeutet, daß die einzelnen Räume längs der Gebäudeachse in der Folge ihrer Benutzung aufgereiht liegen. Das römische Militär hatte bis zum 1. Jahrhundert einen bewährten Standardtyp einer Therme entwickelt, so daß die meisten Bäder der Grenzkastelle - von wenigen Details abgesehen  - nur geringfügig variieren (Archäologische Denkmäler, Seite 116-118).

Die mit 2,5 Hektar Flächeninhalt im Vergleich zu anderen Kohortenkastellen mittelgroße Militäranlage von Rückingen wurde von der Cohors III Dalmatarum pia fidelis erbaut und belegt. Die ursprünglich auf dem Balkan aufgestellte und rund 500 Mann starke Truppe wurde zwischen 82 und 90 nCh aus der Provinz Niedergermanien nach Obergermanien versetzt und durchlief in rasch wechselnder Folge eine Reihe von Garnisonsorten (Wiesbaden, Rottweil, Oberscheidental), bis sie zwischen 110 und 115 nCh nach Rückingen verlegt wurde. Dort befand sie sich dann bis zum Fall des Limes und der damit verbundenen Aufgabe des Kastells im Jahre 260 nCh. Damals wurde das Kastell wahrscheinlich durch vordringende Alamannen zerstört.

Dem in Steinbauweise etwa 300 Meter hinter dem Limes in der Flur „Alteburg“ nahe dem nördlichen Ufer der Kinzig errichteten Kastell ging möglicherweise ein kleinerer, bis jetzt aber noch nicht nachgewiesener Militärstützpunkt in Holzbauweise voraus. Die rechteckige Wehranlage des Steinkastells maß an den Außenseiten der 1, 50 Meter starken Mauern etwa 140 mal 180 Meter. Umgeben war das Lager von zwei je sieben Meter breiten und mit etwa  1, 5 Meter Tiefe nur relativ flachen Gräben, was möglicherweise mit dem hohen Grundwasserstand zusammenhängt. Das Haupttor des Kohortenkastells war in Richtung des Limes nach Nordosten gerichtet. Von der Innenbebauung des Lagers fand sich lediglich der aus Bruchsteinmaterial erbaute Westflügel des Stabsgebäudes (principia) sowie in seiner Mitte das „Fahnenheiligtum“. Die übrigen Gebäude scheinen - wie auch kleinere Grabungen anläßlich der nahezu vollständigen Überbauung des Kastells im Jahre 1969 zeigten  - überwiegend in Fachwerkbauweise errichtet gewesen zu sein.

 

Außerhalb erstreckte sich nördlich und westlich des Kastells ein ausgedehntes Lagerdorf, in dem sich außer der bisher nur durch gestempelte Ziegel nachgewiesenen Ziegelei der Kohorte auch ein bisher allerdings noch nicht lokalisiertes Mithräum befand. Ein 1950 etwa 200 Meter nordwestlich des Kastells im Bereich der heutigen Hainstraße am Rande eines römischen Brunnens entdecktes Mithras‑Kultbild und zahlreiche weitere Steindenkmäler aus der Verfüllung dieses Brunnens belegen auch in Rückingen die Verehrung des weitverbreiteten orientalischen Erlöserkultes (heute im Museum Steinheim).

 

 

 

Exkurs: Mithraskult

Von den orientalischen Kulten, die in der Kaiserzeit im Westen des Römischen Reiches Eingang fanden, haben zwei Kulte auch in den beiden germanischen Provinzen seit etwa der Mitte des zweiten Jahrhunderts durch die römischen Soldaten weite Verbreitung gefunden: der des Jupiter Dolichenus (des syrischen Baal von Doliche am Euphrat) und der des persischen Lichtgottes Mithras. Ein Altar des Jupiter Dolichenus wurde in Großkrotzenburg gefunden, Mithrasheiligtümer sind in unserer Gegend bis jetzt bei den Kastellen Saalburg, Oberflorstadt, Rückingen, Großkrotzenburg und Stockstadt bekannt geworden.

Die Mithrasreligion beruhte auf dem Gegensatz zwischen guten und bösen Göttern als den Vertretern heilsamer und schädlicher Naturkräfte. Ormuzd, der Weltenschöpfer, kämpft mit seinem Heer von Lichtgeistern, den Jzeds, gegen Ahriman, der mit seinen Daevas durch Finsternis und Kälte alles Lebende mit Verderben bedroht. Der oberste dieser Lichtgötter ist Mithras, der Genius des himmlischen Lichtes, dessen göttliche Kraft sich im Lichte der Sonne offenbart. Da das Licht von der Luft getragen wird, nahm man an, daß Mithras die Mittelzone zwischen Himmel und Unterwelt bewohne und gab ihm daher den Namen „Mittler“. Er galt als der Mittler zwischen dem unerkennbaren Gott, der in den oberen Sphären herrscht, und dem Menschengeschlecht, das hier auf Erden lebt. In seiner Stellung als Mittler war ihm deshalb auch der 16. Tag jeden Monats, die Monatsmitte, geheiligt.

Auf dem Wege der Ausbreitung nach Westen nahm die altiranische Religion Anschauungen der semitischen Völker von Babylon, Syrien und Kleinasien auf, vor allem wirkte der babylonische Gestirndienst umgestaltend ein. Mithras rückte an die erste Stelle der Götter und wurde von seinen Anhängern nun als der unbesiegbare Sonnengott verehrt, der jeden Tag auf seinem von vier Rossen gezogenen Wagen das Weltall in einem bestimmten Kreise durcheilt. Auch Luna, die Mondgöttin, die in den oberen Sphären auf einem mit zwei Stieren bespannten Wagen fährt, genoß Verehrung.

Eine bedeutende Rolle im Kulte des Mithras hatten außerdem die Planeten, denen Opfer dargebracht wurden, weil ihnen gute oder schlechte Eigenschaften zugeschrieben wurden, die das menschliche Leben beeinflußten. Jeder Planet beherrschte einen Tag der Woche, und ihrer Anzahl verdankt die Zahl sieben eine besondere Bedeutung im Kulte des Mithras. In manchen Mithräen führten sieben Stufen in das Heiligtum, und jeder der sieben Weihegrade, die der Mithrasanhänger mit Prüfungen und Kasteien durchlaufen mußte, war mit einem Planeten verbunden. Neben den Planeten genossen die zwölf Zeichen des Tierkreises für die zwölf Monate Verehrung ebenso die Elemente und die Jahreszeiten. Die Planeten und die Zeichen des Tierkreises regierten das menschliche Dasein und den Lauf der irdischen Dinge.

Die Anhänger des Mithras, nur Männer, waren zu kleinen Kultgemeinschaften zusammengeschlossen, woraus die geringe Größe der Mithrastempel zu erklären ist. Wenn die Zahl der Mitglieder einer Gemeinschaft anwuchs und zu groß wurde, baute man einen neuen Tempel und die Kultgemeinde teilte sich. So finden wir an größeren Plätzen mehrere Mithräen, in Nidda‑Heddernheim und Friedberg sind je drei bekannt geworden, bei Kastell Stockstadt zwei.

Die Tempel oder Speläen, in denen die geheimen Kulthandlungen stattfanden, waren in Nach­ahmung des Urbildes der iranischen Grotte mehr oder weniger tief in die Erde eingegraben.

In einer Höhle vollzog  Mithras die Opferung des Urstieres, des ersten von Ormuzd geschaffenen lebenden Wesens. Der Grundriß ist rechteckig; in Großkrotzenburg betrugen die Maße 12 mal 5 Meter. Aus einem kleinen Vorraum führten Stufen oder eine Rampe in die dreiteilige Cella mit tiefliegendem Mittelgang und zwei erhöhten Podien entlang der Langseiten, auf denen die Gläubigen in kniender oder liegender Stellung der Kulthandlung beiwohnten. Einige Treppenstufen führten am Eingang der Cella zu den Podien hinauf. Am Ende des Mittelganges stand - etwas erhöht und manchmal in einer apsisartigen rechteckigen Erweiterung -  das große Kultbild. Davor standen ein oder mehrere Ältäre, auf denen die Opfer dargebracht wurden.

Das Kultbild zeigt  (von wenigen Ausnahmen abgesehen) unterhalb des Tierkreises in einer die Höhle andeutenden Nische die Tötung des Stieres durch Mithras. Der oben links im Zwickel des Bogens sitzende, vom Sonnengott ausgesandte Rabe hat Mithras den Befehl zur Opferung des Tieres überbracht. Mithras reißt mit der Linken den Kopf des Stieres zurück und führt mit der Rechten den tödlichen Stoß in die Flanke des Tieres. Aus dem Körper des sterbenden Tieres entstehen alle Pflanzen und heilsamen Kräuter, aus dem Rückenmark sproßt das Getreide, angedeutet durch drei aus dem Schwanzende des Stieres hervorwachsen­de Ähren. Aus dem Blute entsteht der Weinstock, der den heiligen Trank für die Kulthandlungen liefert. Der vom Mond  (der Luna) gesammelte Same des Tieres erzeugt die Tiere der Erde. So wurde aus dem Tode des Stieres neues fruchtbares Leben geboren.

In den Zwickeln über dem Tierkreisbogen sind die Büsten von Sol und Luna angebracht, anscheinend der Opferung zusehend. Zu beiden Seiten des Stieres stehen zwei Kinder, das Haupt wie bei Mithras mit einer phrygischen Mütze bedeckt, von denen das eine erhobene, das andere eine gesenkte Fackel in der Rechten hält. Ihre Namen sind uns von einem Heddernheimer Denkmal als Cautes und Cautopates bekannt; sie sind aber nichts anderes als ebenfalls Mithras und bilden mit der großen Mittelfigur eine Dreiheit. In diesem dreifachen Mithras sah man entweder die Sonne, deren Aufgang am frühen Morgen von dem krähenden Hahn verkündet wird, die mittags im Zenith steht und am Abend hinter den fernen Bergen hinabsinkt, oder die Sonne, die den Frühjahrsanfang bezeichnet, deren Wärme dann im Sommer die Früchte zur Reife bringt und die mit abnehmendem Lichte im Herbst den nahenden Winter ankündet. Man könnte die eine der Seitenfiguren auch als die Verkörperung von Wärme und Leben, die andere als die von Kälte und Tod auffassen.

Die meisten Kultbilder (wie Großkrotzenburg) zeigen nur auf einer Seite Darstellungen; das Hauptbild der Stiertötung ist in diesen Fällen von einem torartigen Rahmen umgeben, der mit kleinen Bildern vom Leben und den Taten des Mithras geschmückt ist.

Der Rückinger Stein zeigt auf Vorderseite und Rückseite Skulpturen; er war in zwei eisernen Zapfen, in der senkrechten Mittelachse drehbar, aufgestellt, und die kleinen Bilder, die sonst den Rahmen schmücken, sind über dem Bilde der Stiertötung in vier Reihen angebracht. Leider ist die oberste Reihe durch das gewaltsame Ausbrechen des Steines aus seinem Lager stark zerstört.

Vermutlich war in dieser ersten Reihe dargestellt, wie Mithras aus einem Felsen geboren wurde, schon mit einem Messer bewaffnet und in der anderen Hand eine Fackel haltend, welche die Finsternis erhellte. Das nächste Bild mag Mithras gezeigt haben, wie er, der nackt zur Welt kam, von einem Feigenbaum mit seinem Messer Früchte und Blätter abschnitt, um sich zu nähren und mit den Blättern zu bekleiden. Ein drittes Bild kann dargestellt haben, wie er aus einem Felsen oder einer Wolke mit dem Bogen Wasser schoß, das ein vor ihm Kniender auffängt. Das letzte Bild der ersten und das erste Bild der zweiten Reihe zeigen dann, wie der stehende Mithras dem vor ihm knienden Sonnengott die Strahlenkrone aufs Haupt setzt, die dieser seit jener Zeit während seines täglichen Laufes trägt, und dann mit ihm, indem er ihm seine rechte Hand reicht, ein feierliches Freundschaftsbündnis schließt. Die neben dem ersten Bild der zweiten Reihe angebrachten vier kleinen Büsten, von denen die beiden oberen stark beschädigt sind, stellen die vier Jahreszeiten dar.

Es folgen fünf Szenen, die den Kampf des Mithras mit dem Stier schildern. Dieser endet damit, daß der Heros den Stier auf dem Rücken in die Höhle trägt, um das Opfer zu vollziehen. Auf dem zweiten Bild der dritten Reihe steht Mithras vor einem Baum, der sich in drei Äste gabelt, deren jeder einen Kopf mit phrygischer Mütze trägt, die mithrische Dreiheit. Das mittlere Bild der Reihe zeigt Sol auf dem zweirädrigen mit vier Rossen bespannten Wagen. Die nächste Darstellung ist ein Rabe im Profil nach rechts (der Rabe war Bezeichnung für den untersten Weihegrad des Mysten, die folgenden Grade führten die Namen: Verborgener, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer und Vater). Bei gewissen Gelegenheiten legten die Kultteilnehmer Verkleidungen an, die den ihnen gewährten Weihegraden entsprachen.

Die nun folgenden sieben Figuren sind eine Darstellung der Planeten, sechs sind zu drei Paaren gruppiert, zuerst Mars mit Venus, dann Saturn, den Blitz an Jupiter übergebend, und als drittes Paar Sol und Luna. Die beiden ersten Paare sind in der Weise zusammengefaßt, daß ein Planet mit für den Menschen guten Eigenschaften (Venus und Jupiter), mit einem Planeten mit schlechten Eigenschaften (Mars, Saturn), gepaart ist. Den Beschluß bildet als siebenter Planet der in lebhaftem Gang nach links eilende Merkur, den Geldbeutel in der hoch erhobenen Linken haltend. Merkur war mit neutralen Eigenschaften ausgestattet und nahm die Natur desjenigen Planeten an, mit dem er in Beziehung (in Conjunction)  trat.

Die beiden letzten Bilder stellen dar, wie Mithras zum Abschluß seiner irdischen Taten dem Sol die Hand reicht und dann mit ihm das Ende der gemeinsamen Kämpfe in einem Mahle feiert. Diesem letzten Bilde wurde im Kulte besondere Bedeutung beigemessen, denn es wird in großem Maßstab auf der unteren Hälfte der Rückseite wiederholt, so daß sich der Gedanke aufdrängt, die Umdrehung des Steines sei in dem Augenblick erfolgt, als diese Darstellung in der Liturgie, vielleicht mit einem ähnlichen Mahle der Teilnehmer, gefeiert wurde.

Die obere Hälfte der Rückseite zeigt den nach links galoppierenden Mithras wahrscheinlich mit einem Lasso in der rechten Hand, umgeben von Pferden und Ebern. Die Tiere sind so geordnet, daß der Eindruck einer um den Reiter kreisenden Bewegung entsteht. Vier im Kreise sich drehende Rosse werden bei einem antiken Schriftsteller mit den vier Elementen verglichen.

Wenn man bedenkt, daß die Kultbilder ursprünglich in lebhaften Farben - Weiß, Grün, Blau, Gelb, Rot und Schwarz – bemalt waren  und Einzelheiten durch Vergoldung hervorgehoben wurden, so kann man sich gut ausmalen, wie diese Bilder in den halbdunklen, nur durch kleine Öllämpchen erleuchteten Tempelräumen auf Auge und Geist der Teilnehmer gewirkt haben müssen.

Die gewaltige Ausbreitung im Laufe des dritten Jahrhunderts verdankt der Mithrasglaube dem rasch fortschreitenden Verfall des Römerreiches und seiner Staatsreligion. Die unruhigen kriegerischen Zeiten weckten in weiten Kreisen und besonders bei den Soldaten das Bedürfnis nach einer mehr aufs Jenseits gerichteten innerlichen und persönlichen Stellung des einzelnen zur Gottheit, zum Suchen nach Trost für die Not der Zeit und nach Hoffnung auf ein besseres Jenseits.

Die Religion des Mithras, die viele mit dem Christenglauben gemeinsame Züge aufwies, hat diesem längere Zeit den Rang streitig gemacht. Wenn das Christentum schließlich den Sieg davontrug, dann nicht etwa, weil nicht nur Männer, sondern alle Menschen beiderlei Geschlechts, die mühselig und beladen waren, an den Segnungen der christlichen Lehre teilhaben konnten, auch nicht wegen der Überlegenheit der christlichen Moral gegenüber der des Mithrasglaubens. Letzten Endes waren Theologie und Liturgie der Mithrasreligion für den Geist des Abendlandes zu asiatisch geblieben und diese deshalb zum Untergang verurteil (Mithraskultbild von Rückingen in: Hanau, Stadt und Land,  Seite 331).

 

   Kastell Kesselstadt:

Immerhin ist das freigelegte Kastell am Salisberg in Kesselstadt mit 14 Hektar vermutlich eines der größten Römerlager neben Köln. Am Ende des 1. Jahrhunderts errichteten römische Truppen am östlichen Rand der Wetterau Militärstützpunkte, die mit gut ausgebauten Straßen verbunden wurden. Hier befanden sich solche Kastelle in Heldenbergen und Kesselstadt, später auch in Altenstadt, Marköbel, Rückingen und Großkrotzenburg, wo der Limes den Main erreichte. Der Fluß bildete im 2. und 3. Jahrhundert bis in die Nähe von Miltenberg die römische Staatsgrenze.

Nach einigen Einzelfunden, die bereits am Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu Recht auf eine römische Anlage auf dem Salisberg zurückgeführt wurden, hat man in den  Jahren  1847/1848 beim Bau der Eisenbahn ein römisches Gräberfeld entdeckt. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden südlich des heutigen Köppelweges Gebäudereste ausgegraben, die man damals noch für Teile eines römischen Gutshofes (villa rustica). Im heutigen Ortskern von Kesselstadt entdeckte Georg Wolff im  Jahre 1886 ein großes Steinkastell und im Bereich rund um den „Hopfengarten“ und die heutige Castellstraße wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Grabfunde eines weiteren römischen Gräberfeldes aufgedeckt.

Im Stadtgebiet Hanaus befinden sich zwei in Größe und Funktion verschiedene Militärstützpunkte, welche die strategisch außerordentlich wichtige Position des Mainknies an der Nahtstelle zwischen dem Ostwetteraulimes und der nassen Maingrenze unterstreichen. Von besonderer Bedeutung war neben einem Straßenknotenpunkt und der Mainbrücke sicher der Fluß selbst, der als schiffbarer Wasserweg die Versorgung und Unterstützung der in der Wetterau und im Hinterland des Mains operierenden Truppen von der Legionsbasis Mogontiacum-Mainz aus sicherstellte und erheblich beschleunigte. Aufgrund ähnlicher Überlegungen hat man schon um die Mitte des 19. Jahrhundert nach Kastellen gesucht.

Kastell Kesselstadt 1886 wurde von G. Wolff das große Kesselstädter Steinkastell östlich des Schlosses Philippsruhe entdeckt und sein Grundriß 1887 und 1896 im Auftrag der Reichslimeskommission erforscht. Ausgrabungen 1976 ergaben weitere wichtige Anhaltspunkte.

Das 375 Meter lange Kastell liegt auf der hochwasserfreien Mainterrasse, wobei die Seitenerosion des Prallhanges die Südost-Flanke in nachrömische Zeit abgerissen hat. Aufgrund der verschobenen Prinzipalachse dürfte die Anlage nach Nordosten zur Kinzig hin orientiert gewesen sein. Unserer heutigen Kenntnis nach war das Kastell von Anfang an in Stein errichtet. Die auf einem 2,2 Meter breiten Fundament ruhende Wehrmauer bestand aus mächtigen Basaltbruchsteinen, die aus den nahegelegenen Wilhelmsbader Steinbrüchen stammen dürften. Das nördliche Kastelltor (porta principalis sinistra) mit zwei über die Mauerfront vorspringenden Türmen wurde vollständig freigelegt. Die Torstellen im Nordosten und Südwesten sind durch kleinere Sondagen lokalisiert.

Die Kastellmauer war in Abständen von rund 44 Meter mit Zwischentürmen (3 mal 5 Meter) bestückt; sie sprangen nicht wie die Tortürme über die Wehrmauer vor. Die 6 ausgegrabenen Zwischen- und Ecktürme erlauben – einen regulären Grundriß vorausgesetzt - eine vollständige Rekonstruktion des Lagers, das danach zusätzlich zu den vier Toranlagen und vier Ecktürmen mit 22 Mauertürmen befestigt war. Im Innern des Kastells begleitet eine aufgeschotterte Straße (via sagularis) die Wehrmauer. Spuren der zwei Hauptlagerstraßen sind dagegen nicht festgestellt worden. Der Kastellmauer waren zwei parallele Spitzgräben als Annäherungshindernis vorgelagert, die jedoch nicht um das ganze Lager, sondern nur an der Vorderfront und wahrscheinlich auch der östlichen Hälfte der Nordwest-Flanke ausgehoben wurden.

Dieser ungewöhnliche Befund sowie das vollständige Fehlen von Bebauungsspuren und Funden im Lagerinnern haben den schon früher geäußerten Verdacht bestätigt, daß der Platz nie mit regulären Truppen besetzt war, sondern schon während der Bauarbeiten oder zumindest nach Fertigstellung der Kastellmauer aufgegeben wurde. Auch die außergewöhnliche Größe von mindestens 14 Hektar und das dahinter stehende strategische Ziel verlangen eine besondere Erklärung. Es handelt sich nämlich um das größte Kastell am obergermanischen Limes überhaupt, einzig übertroffen von den Legionslagern am Rhein. Nach seiner ausgewählten Lage am Mainufer möchte man weniger an eine Garnison größerer Truppenkontingente als eher an einen Depot- und Umschlagplatz für Versorgungsgüter denken.

In jedem Fall aber konnte nur ein schwerwiegendes Ereignis die römische Heeresleitung bewogen haben, diesen wichtigen Platz aufzugeben: Nach heutiger Forschungsmeinung kommt nur die Zeit nach den Chattenkriegen des Kaiser Domitian in Frage, wobei der Aufstand des Mainzer Legaten L. Antonius Saturninus im Winter 88 / 89 und der anschließende Strategiewandel in der Sicherung der eroberten Gebiete Anlaß gewesen sein könnten, das praktisch bezugsfertige Kastell zu räumen.

 

Bereits 1845 und später wieder 1875 konnten auf der Steinheimer Mainspitze die Reste römischer Gebäude freigelegt werden. Zwischen 1961 und 1965 grub der Steinheimer Heimatforscher Karl Kirstein erneut in dieser Siedlung. Eine 1886 etwas oberhalb der Kinzigmündung bei Baggerarbeiten entdeckte römische Mainbrücke verband beide Seiten des Flußufers, also die beiden römischen Ansiedlungen in Steinheim und Kesselstadt. Ihre Ausbaggerung führte zur Auffindung zahlreicher Gebrauchsgüter ans dem 1.- 3. Jahrhundert nCh. Haupterwerbsquelle der Bewohner dieser Ansiedlung, die offenbar bis zum endgültigen Fall des Limes bestand, dürfte die Verarbeitung des Steinheimer Basaltes zu Werksteinen und Gebrauchsgeräten gewesen sein. Auch auf der Steinheimer Seite konnte ein kleines Badegebäude ausgegraben werden, das sich etwa 50 Meter östlich eines großen Hallenbaus von 45,5 mal 18,6 Meter  Ausdehnung befand.

 

Das 1913 bei der Anlage des heutigen Kesselstädter Friedhofes am Baumweg entdeckte römische Bad vor und nach dem Ersten Weltkrieg durch Georg Wolff ausgegraben. Schon in den Jahren 1913 bis 1918 wurde die von Georg Wolff entdeckte römische Badeanlage ausgegraben. Das römische Badewesen war hoch entwickelt. Es gibt keine römische Stadt und kein Dorf ohne Badeanlagen.

Auf dem Friedhof am Baumweg und in der kleineren Anlage auf dem Salisberg gibt es zwei kurz hintereinander gebaute Badeanlagen aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert. Ausweislich der geborgenen Ziegel wurde das Bad um 92 nCh errichtet und mußte noch vor der Wende zum 2. Jahrhundert nach einem Brand erneuert werden. Ein Denar des Alexander Severus aus den Jahren 222 - 228 nCh wurde mit anderen Funden aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts in einer Kellerverfüllung unter den Fundamenten des Bades entdeckt. Die Münze datiert die Errichtung des Bades in die Zeit der Alamannenkriege.

Am Salisberg finden sich Umkleidehallen, Räume mit Wannen für kaltes Wasser (frigidarium), lauwarmes Wasser (tepidarium) und heißes Wasser (caldarium) sowie saunaähnliche Räume (sudatorium). Man begann den Badevorgang in den warmen Räumen und beendete ihn in den Kalträumen. Manchmal war den Bädern ein Sportplatz angegliedert und auch für Massageräume und ärztliche Behandlung war gesorgt. Neben ihrer medizinischen Wirkung kam solchen Thermen auch die Funktion eines Freizeitzentrums zu.

Dabei wurden die Reste eines älteren, nur wenige Jahre benutzen und dann zerstörten Badegebäudes aus den letzten Jahren des 1. Jahrhunderts gefunden. Um 97 nCh errichtete man an  dieser Stelle einen großen, mindestens 43 Meter langen Thermenkomplex, von dem zahlreiche unbeheizte und hypokaustierte Räume freigelegt werden konnten. Wandverputzstücke mit figürlicher Bemalung in rot, grün und blau belegen, daß zumindest einer der zentralen Räume farbig ausgestaltet war. Die letzte Konservierung der Grundmauern dieser Badeanlage konnte erst 1989 abgeschlossen werden.

In den Jahren 1931 bis 1935 folgten umfangreiche archäologische Untersuchungen unter der Leitung von Heinrich Ricken, in deren Verlauf im Bereich der damaligen Brauerei Kaiser (östlich der Straße Salisweg) die Südostecke eines schon lange gesuchten römischen Kastells ermittelt wurde. Ricken grub wie schon zuvor Wolff auch Teile der westlich und südlich des Kastells liegenden Zivilsiedlung aus. Leider sind uns von seinen Grabungen keine Pläne überliefert.

Neben einigen Notbergungen nach dem Zweiten Weltkrieg durch Hugo Birkner und Hans Kroegel konnte der Hanauer Geschichtsverein erst wieder 1978/1979 und 1986 im Zuge der Bebauung der Gutzkowstraße größere Untersuchungen auf dem „Salisberg“ durchführen, bei denen neben vorgeschichtlichen Funden Teile der römischen Zivilsiedlung entdeckt wurden. Auch anläßlich der dringend notwendig gewordenen Restaurierung der römischen Fundamente des Bades im heutigen Friedhof wurde von 1988 - 1990 durch Sabine Wolfram eine archäologische Nachuntersuchung durchgeführt.

Das Kastellbad wurde 1913 auf dem Gelände des alten Kesselstädter Friedhofes am Baum­weg angeschnitten und vom Entdecker G. Wolff 1914 und 1919 nahezu vollständig untersucht. Die Grundmauern des Gebäudes wurden konserviert und sind sichtbar. Die Ausgrabungen ergaben die Baureste eines älteren und eines jüngeren Badegebäudes, wobei von dem älteren Bad nur ein 5 mal 6 Meter großer, hypokaustierter Raum (Raum J, caldarium) freigelegt werden konnte.

Der Bau des 43 Meter langen jüngeren Bades dagegen entspricht in Größe und Typus den bekannten Militärbädern am Limes. Man betrat das Gebäude von der Straße her im Südwesten oder Süden, wo ein hölzerner Anbau mit dem Auskleideraum gelegen haben mag, der allerdings nicht erfaßt wurde. In der Süd-Ecke des Kaltbades (frigidarium, A) wurden Baureste eines kleinen Kaltwasserbeckens (piscina) gefunden, dessen Abwasser kanalisiert und durch einen Mauerdurchbruch in der Südost-Wand ins Freie abfloß. Raum B besaß eine Unterfußbodenheizung, die von einem Schürkanal zu beschicken war. Er mag als zusätzliches Laubad (tepidarium) oder vielleicht als Reserve für den Fall gedient haben, daß das Haupt­präfurnium und die großen Säle C und D nicht in Betrieb waren (E. Fabricius).

Das eigentliche Laubad (tepidarium, C) ist durch drei Mauerschlitze mit der Hypokaust­heizung des Warmbades (caldarium, D) verbunden, konnte aber zusätzlich noch vom Prä­furnium beheizt werden, vor allen Dingen wohl um das im Anbau C installierte Wasserbecken zu temperieren. Das caldarium (D) gliedert sich in eine zentrale Halle, zwei einander gegen­über­liegende, unterschiedlich große Apsiden, in denen die Becken (labra) für Waschungen gestanden haben mögen, und einen rechteckigen Raumvorsprung am Kopf des Gebäudes, in dem das Heißwasserbassin lag. Sein Gewicht trugen vier massive Sockelmauern, zwischen denen der von einem nach Nordwesten offenen Schuppen (E) aus bediente Hauptschürkanal in das Hypokaust mündete. Rote, grüne und blaue Wandverputzbruchstücke beweisen, daß zumindest das caldarium als zentraler Raum des Bades farbig ausgemalt war.

Über die bauliche Entwicklung und über die Zeitstellung der Badeanlagen geben die mehr als 250 Stempel der 14., 21. und 22. Legion Auskunft, die auf den Ziegeln der Hypokaustpfeiler, der Schürkanäle und verschiedener Reparatureinbauten angebracht waren. Danach muß das ältere Bad unter Raum A - und damit auch das erste Holzkastell auf dem Salisberg - in der Zeit um 92 entstanden sein, bald gefolgt von dem Neubau der 2. Badeanlage (95 - 100 nCh). Die wenigen Ziegelstempel jüngerer Zeitstellung deuten darauf hin, daß die gesamte Anlage im ersten Jahrzehnt des 2. Jahrhundert abgebrochen wurde; Ziegelstempel aus dem Bad fanden sich immer wieder im Bereich der späteren Zivilsiedlung.

Aus der bescheidenen Größe des älteren, möglicherweise provisorischen Bades und dem erheblich vergrößerten Thermen-Neubau hat man auch auf eine Erweiterung des Kastells geschlossen und vermutet, daß zuletzt sogar eine Kohorte bis zur endgültigen Fixierung der äußeren Limeslinie im Salisberg-Kastell stationiert gewesen sein könnte.

Insbesondere südlich des Lagerareals gibt es Spuren einer wohl gleichzeitig mit dem Kastell entstandenen kleinen Zivilsiedlung, die auch nach Abzug der Truppen bestehen blieb. Zu ihr dürften die Gräbergruppen am Salisbach gehören. Besser bekannt ist ein größerer, schon 1880 und 1887 ausgegrabener Steinbaukomplex mit einem ummauerten Hofbezirk, der als Gutshof (villa rustica) angesprochen wurde, aber in Anbetracht seiner Lage zur Römerstraße und Mainbrücke eher als Straßen- und Raststation gedeutet werden könnte, zumal auch der Grundrißtyp keineswegs dem eines ländlichen Gehöfts entspricht.         

Doch erst Ende des Jahrhunderts war man fähig, eine größere zusammenhängende Fläche der ehemaligen römischen Zivilsiedlung - „vicus“ genannt - aufzudecken. Auf Hanauer Boden lag durchaus keine der bedeutenden Stätten römischer Geschichte. Keine einzige der antiken literarischen Quellen nennt irgendwelche Ereignisse aus unserem Raum. Und nirgends taucht bisher der römische Name unserer Ansiedlung auf dem Salisberg auf. Doch das Gelände am Salisberg ist mit 14 Hektar vermutlich eines der größten Römerlager neben Köln.

Die römischen Militäranlagen auf dem Salisberg gehörten am Ende des 1. und Anfang des 2. Jahrhunderts zu den östlichen Sicherungsanlagen von Wetterau und Rhein-Main-Gebiet. Bislang ist jedoch noch nicht eindeutig geklärt, wann es errichtet wurde und ob es jemals mit römischen Truppen belegt wurde. Einige Hinweise deuten eher darauf hin, daß der Standort noch während des Baus der Anlage wieder aufgegeben werden mußte.

Die nach der Aufgabe des Kesselstädter Kastells nach wie vor strategisch wichtige Überwachung am Hanauer Mainknie übernahm anschließend das erheblich kleinere und vergleichsweise schwach befestigte Holzkastell jenseits der „Lache“ auf dem Salisberg, einer schmalen, weit in die versumpfte Kinzigniederung hineinragenden Geländezunge. Die aus nördlicher Richtung (Heldenbergen) kommende spätdomitianische Grenzstraße überquerte rund 250 Meter oberhalb der Kinzigmündung den Main, wo anläßlich der Flußregulierung 1886 und beim Bau einer Werft im Jahre 1893 die Pfeilerunterkonstruktionen einer römische Holzbrücke, Pioniergerät und andere Militärfunde sowie über 70 Münzen, die als Opfergaben in den Fluß gelangten, ausgebaggert wurden.

Diese Straße bildete gewiß auch eine Achse des Holzkastells auf dem Salisberg, von dem man infolge der dichten Überbauung nur ein 70 Meter langes Teilstück der Umwehrung mit einer 7,8 Meter breiten Torunterbrechung des Spitzgrabens durch Ausgrabungen von 1929 kennt. Ausdehnung und Größe dieses anscheinend nie in Stein ausgebauten Lagers konnten seinerzeit nicht festgestellt werden, wohl aber das zugehörige Kastellbad.

Auf dem Salisberg standen jedoch nacheinander mindestens zwei Kohortenkastelle - Kasernen für etwa 500 Soldaten. Zu der Militäranlage gehörte auch ein größeres Badegebäude, dessen Fundamente 1913 im heutigen Friedhof gefunden wurden. Wohl noch zu Beginn des 2. Jahrhunderts, spätestens aber in der Regierungszeit Kaiser Hadrians, scheint das Militär abgezogen zu sein. Wohin die bisher unbekannte Einheit verlegt wurde, wissen wir nicht.

 

Eine anscheinend recht ausgedehnte Zivilsiedlung erstreckte sich südlich, westlich und vielleicht auch östlich des Kastells. Hier standen die Gaststätten, Wohnhäuser und Geschäfte der Handwerker, Gewerbetreibenden, Kaufleute und vielleicht auch von Landwirten, Fischern und Schiffahrern. Der „vicus“ vom Salisberg bestand auch nach Aufgabe der militärischen Anlagen weiter. Wann er endgültig aufgegeben wurde, ist momentan noch nicht bekannt. Etwa 200 Meter südlich der Siedlungsstelle fand sich in einer ehemaligen Sandgrube das zugehörige Gräberfeld (Archäologische Denkmale, Seite 175 und 177).

Der Plan der Siedlung ist der Schlüssel für das Verständnis der Ausgrabungen. Römische Häuserzeilen, Latrinen, Brunnen sind eingezeichnet. Man weiß, in welcher Richtung man weitergraben müßte, um mehr zu finden. Auf dem Salisberg gab es mehr als 4200 Jahre Leben. Man fand Funde aus der Spätjungsteinzeit (etwa 2200 vCh), Bronzezeit (1000 vCh) und von keltischer Besiedlung (vorrömisch). Von den Römern blieben Spiele, Lederwaren, Meßgeräte, massenhaft Gefäße, komplette Skelette (aus Brunnen geborgen) von Hase, Huhn, Katze, um nur einiges zu nennen.

Daß sich in unmittelbarer Nähe des Kastells eine Siedlung befunden haben müßte, hatten schon frühere Generationen vermutet. Sie haben auf dem ehemals als Acker genutzten Dreieck am Salisweg und Köppelweg gegraben. Da sei „nichts Nennenswertes“ zu finden, lautete ihr Urteil. Heute weiß man warum. Sämtliche 30 Grabungsschnitte lagen neben den römischen Befunden.

Bei Ausgrabungen in den Jahren 1992 bis 1997 wurde das Dreieck erneut untersucht. Es war gesättigt mit Steinen und Gebeinen, Werkzeugen und Hausrat, Waffen und Geschmeide, Speiseresten und Gewürzen, Kultgegenständen. Die pflanzlichen Reste wurden untersucht - beispielsweise aufoxydierten Dinkel, Käferreste, Engerlinge. Hier wird der erste Nachweis geführt, daß die Römer mit ihrem Korn gleich die „Schädlinge“ mitbrachten. Die inzwischen aufbereiteten Fundstücke - nur ein Teil der Gesamtmasse von mehr als einer halben Million - wurden 1998 in einer Sonderausstellung im Hanauer Schloß Philippsruhe unter dem Titel „Die Römer an der Kinzig“ gezeigt.

Von 1992 an veranlaßte die geplante Überbauung eines großen Teiles des südlich vom Salis­weg liegenden römischen vicus den Geschichtsverein zu weiteren Ausgrabungen. Am 23. Juli 1996 entdeckte man einen tönernen Henkelkrug mit 487 und einer halben Silbermünze. Die Archäologen bargen zunächst nur den Krug. Den wertvollen Inhalt entdeckten sie erst einige Tage später, als der Fund getrocknet war und die ersten Tonscherben abbröckelten. Im Frankfurter Museum für Vor- und Frühgeschichte wurde der Fund geröngt. Eine Museumspraktikantin erfaßte die Lage jeder Münze. Allein eine zeitliche Ordnung oder Unordnung der Münzen könnte dabei ein Indiz sein. Liegen unten jüngere, oben ältere Münzen, handelt es sich um eine Art Sparstrumpf, um eine Haushaltskasse. Sind die Silberlinge und Geldstücke aus Kupferkern mit Silberlegierung vom Alter her bunt gemischt, so hat der Besitzer sie möglicherweise ganz schnell zusammengerafft, um sie zu verstecken. Vielleicht, weil die Germanen im Anzug waren?

Nach den ersten Erkenntnissen handelt es sich um Denare aus der Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor Christus (Römische Republik) bis in die Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus (Kaiserreich). Unter den Exemplaren befinden sich außerdem einige „Fälschungen“ - gemeint sind damit Silbermünzen, die mit einem Kupferkern versehen sind. Das war damals keine Seltenheit, denn oft wurde das Edelmetall bei der Prägung gestreckt.

Zwanzig Monate hätte ein römischer Soldat für das Geld arbeiten müssen. Gemessen an dem heutigen Geldwert stellt der Fund vom Salisberg ein römisches Vermögen dar, denn das Geld muß wohl über mehrere Jahre hinweg gespart worden sein. Auf dem Krug wurde die Inschrift „Atti“ entdeckt. Es könnte durchaus sein, daß ein Mann namens „Attus“ den Krug einmal besessen hat.

Weshalb in dem Krug auch Getreidekörner lagen, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Es könnte sein, daß damit die Feuchtigkeit von den Münzen ferngehalten werden sollte - oder aber das Getreide wurde genutzt, um den Schatz zu verstecken. Der Grünspan von den oxidierten Münzen hielt die Kleinstlebewesen davon ab, die Getreidekörner im Krug zu vernichten. Aus den gefundenen Spuren von Dinkel schließt man, daß die Römer - im Gegensatz zu Kelten - diese Getreideart bevorzugten. Sie war anspruchslos und brachte große Erträge. Das war wichtig, um die großen Heere zu sättigen. Den Fund von Käfern und Mottenraupen war sensationell. Möglicherweise sei dies der Beweis dafür, daß die Römer die Vorratschädlinge in die hiesige Region einschleppten. Sollten die Körner für Trockenheit sorgen oder das Ge­klimper der Münzen dämpfen?

„Das ist ein beispielhafter Fund, den es in Hessen so noch nicht gegeben hat“, meinte Dr. David Wigg, der Münzkundler der Goethe-Universität, der den Schatz untersuchte  Einen ähnlichen Fall gibt es nur in der Schweiz. Das ist der zweite Schatz dieser Art, der so sorgfältig ausgegraben wurde und präpariert werden kann.

Die zweite Sensation ist die im vergangenen Sommer gefundene Schreibtafel mit einer Inschrift vom 5. April des Jahres 130 nach Christus. „Das ist die älteste handschriftliche Urkunde in Deutschland, Tinte auf Holz“, sagt Peter Jüngling. Der jüngste Stolz der Hanauer Ar­chäo­logen konnte der Presse aber noch nicht präsentiert werden: Es handelt sich angeblich um die älteste mit Tinte geschriebene Quittung. Weil auch damals zum Quittieren das Datum dazugehörte, weiß man genau, daß das am Saliskastell gefundene Täfelchen am 5. April 130 nCh ausgestellt wurde. Der sensationelle Fund befand sich zunächst im Römisch- Germanischen Zentralmuseum Mainz. Im Verkehrsamt trägt man sich aber mit der Hoffnung, daß die antike Quittung wieder den Weg zurück nach Hanau finden wird.

 

Interessanter ist der Abschnitt des Limes östlich von Hanau-Wolfgang, der durch den Doppel­biersumpf führt. Zwischen den Kastellen Rückingen und Marköbel ist der Limes oberirdisch nicht mehr erkennbar und eine Begehung dieser Strecke wenig ergiebig (Archäologische Denkmäler, Seite 171). Leider muß man wegen der Autobahn, die nach Süden zum Seligenstädter Kreuz führt, einen Umweg in Kauf nehmen, um die einzigartige Stelle zu erreichen. Der Doppelbiersumpf breitet sich zwischen Wachtposten 5/11 und 5/12 aus. Er war in römischer Zeit wohl noch unzugänglicher als heute. Die Römer legten hier einen Knüppelweg an, der in gerader Richtung den Postenweg des Limes fortsetzte. Vor dem Knüppelweg entstand - wahrscheinlich in Phase 2 des Limes - ein hölzerner Zaun, der der Palisade entspricht. Sowohl am nördlichen als auch am südlichen Rand des Sumpfes zieht der Limeswall jeweils nach innen (nach Westen) ein, um an den Zaun anzuschließen.

Wachtposten 5/11:  Hiervon gibt es nur ganz geringfügige Spuren. Besser zu erkennen ist

  Wachtposten 5/12 „Am Doppelbiersumpf“. Er wurde durch Raubgräber bereits angegraben und ist in den achtziger Jahren vollständig untersucht worden. Das hier beginnende Sumpfgebiet zwang die Römer zur Anlage eines Knüppelweges mit einer davor liegenden Palisade, statt des sonst üblichen Ausbaus. Der flache Hügel des Steinturms liegt dicht an der Stelle, wo der Pfahlgraben südlich vom Sumpf wieder einsetzt. Er befindet sich dicht westlich neben dem Waldweg, der dem wohlerhaltenen Pfahlgraben auf der Innenseite folgt. Der Holzturm wird südlich vom Steinturm vermutet.

Etwa 400 Meter weiter wird der Pfahlgraben von der Autobahn unterbrochen. Will man dem Limes weiter folgen, muß man die Autobahn auf einer benachbarten Brücke überqueren.  Die Limesstrecke südlich der Autobahn erreicht man am besten über die B 8 Hanau–Aschaffen­burg. Der Pfahlgraben ist auch südlich der Autobahn erhalten, doch ist er hier flacher und breiter. Nicht weit von der Autobahn liegt

   Wachtposten 5/13 „Torfhaus“. Hier stand zuerst ein Holzturm, dann ein Steinturm. Die beiden Turmhügel sind als flache Hügel sichtbar; der nördliche Hügel enthält das Steinturmfundament. Etwa 350 Meter südlich von Wachtposten 5/13 liegen hinter dem Pfahlgraben die Reste des Kleinkastells Neuwirtshaus.

  Kleinkastell Neuwirtshaus (Waldabteilung 75 , „Torfhaus“):

Das Kleinkastell ist am ersten Weg, der rechts vom Limes abgeht, etwa 50 Meter im Wald. Es liegt rund 87 Meter (etwa 300 römische Fuß) hinter dem Limes, der in schnurgeradem Lauf die Kohortenkastelle Rückingen an der Kinzig und Großkrotzenburg am Main verbindet. Es sicherte möglicherweise den Übergang der Birkenhaiuser Landstraße.

Aufgrund seiner ungewöhnlich guten Erhaltung war es schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Ziel verschiedener Ausgrabungen (1856, 1862, 1883 und 1913), die jedoch wegen der damals noch wenig entwickelten Grabungsmethoden nur verhältnismäßig unklare Erkenntnisse über die Bauweise der kleinen Befestigung brachten. Die Nachuntersuchung 1977 gewann genauere Vorstellungen über das Aussehen und die historische Entwicklung des Kleinkastells, so daß eine Rekonstruktion des ursprünglichen Kastells möglich ist.

Das Bauwerk ist erst in der Mitte des 2. Jahrhunderts nachträglich als zusätzliche Grenzsicherung entstanden. Im Inneren der 21 mal 25 Meter großen Anlage stand wahrscheinlich ein huf­eisenförmiger Gebäudekomplex, der sich nach Osten zum Limes hin öffnete - eine charakteristische Bauform, die man auch von anderen, flächenhaft ausgegrabenen Kleinkastellen am Limes kennt. Als Annäherungshindernis wie zur Entwässerung des Platzes besaß das Kleinkastell ferner zwei umlaufende Spitzgräben, die wahrscheinlich vor dem Tor überbrückt waren.

Man kann den äußeren Wall mit 2,6 Meter Höhenunterschied zwischen Wallkrone und Grabensohle noch gut im Gelände erkennen. Der etwa 3,5 bis 4 Meter mächtige Wall war an seiner äußeren Front mit Rasensoden verkleidet, vielleicht gilt dies auch für die Innenseite. Darüber hinaus dienten wohl hölzerne Bauelemente (hölzerne Querstreben und Anker in größeren Abständen) der Verstärkung des Walles, dem zwei Gräben vorgelagert waren. Während man den äußeren auch heute noch gut sehen kann, ist der innere Graben durch den Versturz des Walles weniger gut zu erkennen.

An der Ost-Seite unterbricht eine heute noch deutlich sichtbare Mulde den Wall. An dieser Stelle lag das sich zum Limes hin öffnende Kastelltor. Bei den Ausgrabungen 1883 wurden an den inneren Ecken des Erdwalls zwei Steinfundamente aufgedeckt, die wahrscheinlich mit dem Wehrgang oder einer kleinen Turmplattform über dem rund zwei Meter breiten Tordurchlaß zusammenhängen. Hier könnte auch ein Torturm gestanden haben.

Die Seitenflügel flankierten einen zum Tor hin offenen, randlich überdachten Innenhof. Während in den ursprünglich sicher in einzelne Räume gegliederten Flügeln die Wachmannschaft untergebracht war, dürfte der Verbindungstrakt dem Kommandanten oder bestimmten Diensträumen vorbehalten gewesen sein. Nach den Baubefunden handelt es sich um ein Holzgebäude, dessen Wände in Fachwerktechnik ausgeführt waren. Das Bruchstück einer Glasscheibe beweist, daß wenigstens einige Fenster verglast waren. Aus dem Fehlen von Dachziegeln muß man auf eine Schindel- oder Strohdeckung schließen.

Der geradlinige Limesverlauf und die sorgfältige Auswahl der Wachtturmstandorte waren stets ein wesentliches Argument dafür, daß dieser Streckenabschnitt in einem Zuge geplant, abgesteckt und ausgebaut wurde. Das Kleinkastell Neuwirtshaus dürfte dagegen erst zu einem späteren Zeitpunkt in die bestehende Postenkette eingeschoben worden sein, denn es verkürzt den sonst regelmäßigen Abstand zwischen den Wachtposten 13 und 14 erheblich. Auch das Fundmaterial hat diese Vermutung bestätigt, so daß wir mit dem Bau des Kleinkastells erst in der späten Regierungszeit des Kaisers Hadrian rechnen können.

Auf die Ursachen hat E. Fabricius im Limeswerk hingewiesen: „Es nimmt fast genau die Mitte des Limesabschnittes ein, der durch die beiden Sumpfgebiete des Doppel­biers und des Auheimer Torfstichs von den Kohortenkastellen auf beiden Seiten getrennt ist. In der feuchten Jahreszeit mag der Abschnitt mit seinen beiden Wachtposten von diesen nicht selten unerreichbar gewesen sein. Ihn auch nur vorübergehend unbewacht zu lassen, war vielleicht um so bedenklicher, als ganz in der Nähe ein vorgeschichtlicher Verkehrsweg, die Birkenhainer Straße, den Limes kreuzt“. Diese Fernstraße traf knapp 300 Meter südlich des Kastells auf den Limes. Wie lange das Kastell besetzt war, läßt sich vor-läufig nicht genau bestimmen; Anzeichen einer gewaltsamen Zerstörung fehlen.

 

Der Pfahlgraben zieht als flacher Wall weiter zur B 8. Der heutige Weg verläuft auf der Wallkrone.

  Wachtposten 5/14 ist der Bundesstraße zum Opfer gefallen. Auch südlich der Straße ist der Grenzwall noch auf etwa 753 Meter Länge im Wald sichtbar. Er endet am Groß-Auheimer Torfbruch, einem alten Mainarm, der heute mit Wiesen bedeckt ist. Wahrscheinlich hat der Limes ihn ähnlich überschritten wie den Doppelbiersumpf. Südlich vom Bruch nimmt eine Forststraße die Richtung des Grenzwalls auf, der nun bis zum Kastell Großkrotzenburg am Main nicht mehr zu sehen ist.          

 

   Kastell Großkrotzenburg.

In Großkrotzenburg verlief der Limes vom Niederwald kommend in gerader Richtung bis zum heutigen Bahnhof und bog dann leicht nach Osten ab. Schließlich schnitt er die Lindenstraße, führte durch die Louisenstraße, kreuzte die Oberhaagstraße und stieß dann - etwa 40 Meter von der östlichen Kastellmauer entfernt  - auf den Main. Nur wenige Meter nordöstlich des Lagers lokalisierte man die Spuren des mit Wall, Graben und Holzpalisade gesicherten, heute vollständig eingeebneten Limes.

Die Römer hatten die Grenze so abgesteckt, daß sie das untere Kinzigtal einbezog. Das Kastell sicherte die Grenze nach dem linksmainischen Zehntland (Decumatenland, Zehntland ‑ so genannt, weil die Bewohner den Zehnten entrichten müssen).und die Straße nach dem Kastell Seligenstadt, es schützte die römische Mainbrücke und sperrte wohl auch einen anzunehmenden rechtsmainischen Uferweg. Für die Verbindung des Rodgaus mit dem Gebiet an der unteren Kinzig war die Brücke wichtig; vor allem aber ermöglichte sie rasche Truppenbewegungen längs des Limes.

Eine feste Brücke hat  den Limes und die an beiden Ufern gelegenen Kastelle untereinander verbunden. Als im Jahr 1885 Kies aus dem Main gebaggert wurde, stieß man bei der Arbeit auf die hölzernen Pfahlgründungen der steinernen Brückenpfeiler, die mit den zwischen Mainz und Kastel gefundenen Überresten einer Brücke übereinstimmen. Es wurden 50 Eichenpfähle und 12 Eisenschuhe für Pfahlspitzen nahe der Fähre zutage gefördert. Sie werden im Hanauer Museum aufbewahrt. Die Fahrbahn über den Steinpfeilern war vermutlich aus Holz gezimmert. Nach einer dendrochronologischen Zeitbestimmung der Eichenpfähle ist die Brücke etwa um 134 nCh - also gegen Ende der Regierung Kaiser Hadrians -  entstanden (Hollstein 1980; korrigierte Eichenchronologie).

Eine Benefiziarierstation, die wohl der Überwachung des Verkehrs diente, ist an dieser Stelle zu vermuten. Unweit vom nördlichen Brückenkopf entdeckte K. Hofmann 1960 zwei Weihealtäre für Jupiter und Juno, die von Militärpolizisten (beneficiarü consularis) gestiftet worden waren. Sie bezeugen das Vorhandensein eines kleinen Polizeipostens an dieser Stelle. Die Benefiziarerstationen sind häufig zur Überwachung des Verkehrs an Brücken oder Straßenkreuzungen errichtet worden. Am Main erinnert ein kleiner Gedenkstein an den Standort der Römerbrücke.

 

Das Kastell Großkrotzenburg ist erst verhältnismäßig spät entdeckt worden. Sein Plan wurde durch die Grabungen des Hanauer Geschichtsvereins 1881 und der Reichslimeskommission 1893 festgestellt; beide Untersuchungen standen unter der Leitung von Georg Wolff. Seitdem sind bei Bauarbeiten immer wieder römische Mauern und Fundstücke zutage gekommen, die das Bild dieses römischen Grenzpostens ergänzten und bereicherten.       

Möglicherweise ging diesem Lager ein kleinerer Vorgängerbau voraus. Da es einige Fundstücke aus Großkrotzenburg gibt, die schon vor der Gründung des Kohortenkastells in den Boden gelangt sein mögen, kann man mit einem kleineren, hölzernen Kastell als Vorgängerbau rechnen. Dieses könnte schon am Ende des 1. Jahrhundert erbaut worden sein. Es ist verständlich, daß ein solches kleines Holzkastell in dem dicht bebauten Ortskern noch nicht nachgewiesen werden konnte. Aber dafür sprechen würde ein 1982 bei Ausgrabungen entdeckter römischer Spitzgraben nördlich des späteren, etwa 2,1 Hektar messenden Steinkastells. Markante Überreste dieses Steinkastells sind die noch teilweise bestehenden Wehrmauern.

Das Kohortenkastell dürfte etwa 135 - 110 nCh entstanden sein. Der Limes existierte damals bereits in seiner ersten Phase (Postenweg mit Holztürmen). Das Kastell ist etwa 2,1 Hektar groß und bietet Raum für eine Kohorte (etwa 600 Mann). Als Besatzung ist bisher nur die Cohors IV Vindelicorum bezeugt.

Das Kastell entstand dicht hinter der Kante des Hochufers auf einem zehn Meter über dem Wasserspiegel des Maines gelegenen Plateau und war daher vor Überflutungen sicher. Wie viele andere Kastelle ist es im Rechteck erbaut; es liegt mit seiner südlichen Längsseite von 175 Metern auf der Terrasse am rechten Mainufer.

Über seine drei Meter hohen und 1,80 Meter dicken, aus starken Basaltquadern errichteten, zinnengekrönten Umfassungsmauern ragen 4 Ecktürme, 8 Tortürme und 14 Zwischentürme hinaus. Diese starke Befestigung zeigt, daß das Bollwerk eine besondere Aufgabe zu erfüllen hat.  In einer Baugrube an der Ecke Luisen‑/Oberhaagstraße wurde ein Stück der Mauer entdeckt.         

Da, wo die Schmalseiten von 120 Metern an die Längsseiten anstoßen, sind die Ecken mit einem Radius von 15 Metern abgerundet und durch Ecktürme mit trapezförmigem Grundriß verstärkt. Auch diese Schmalseiten sind in ihrer Mitte durch Tore durchbrochen und an den überbauten Toreingängen von 4,50 Meter Breite durch zwei nach innen vorspringende Tortürme gesichert.

Teile der steinernen Umwehrung sind heute noch zu sehen, vor allem südwestlich der Kirche. Hier gibt es einige Stellen, an denen das aufgehende Mauerwerk der römischen Wehrmauer noch hoch über dem Boden erhalten ist; man darf es allerdings nicht mit den mittelalterlichen Aufmauerungen verwechseln. Das gilt besonders für den südwestlichen Eckturm in der Breiten Straße, dessen Mauerwerk aus Basaltsteinen noch fast zwei Meter mißt. Er besitzt zwar ein römisches Fundament, zeigt. in seinem Aufgehenden aber ein  mittelalterliches Mauerwerk.

Die gute Erhaltung verdankt dieses Bauwerk dem Umbau und der Weiterbenutzung in nachrömischer Zeit (der Turm wurde während der Neuzeit als Gefängnis verwendet). Die Fugen sind zerfranst, die Steine locker und bemoost. Ende Juni/Anfang Juli 2002 seine Mauer saniert. Die Idee des Rekonstruierens wurde am Ende verworfen, weil es zu teuer geworden wäre. Schließlich hätte dann auch das Fundament erneuert und befestigt werden müssen. Vor einem Jahr haben sich die Heimatforscher dann mit der Gemeinde geeinigt, den Kastellturmrest so zu lassen, wie er ist. Nur die Fugen sollten erneuert und die bemoosten Steine gereinigt werden.

Der Ortskern von Großkrotzenburg bildet ein gutes Beispiel für jene Orte, deren Plan durch den Grundriß eines römischen Kastells festgelegt worden ist. Die Straßen teilen den Innenraum in vier fast gleichgroße Felder. Zwischen dem Plateau und der südlichen hochragenden Umfassungsmauer verläuft die von der Brücke her kommende Kolonnenstraße zum genau in der Mitte der Südmauer gelegenen Südtor (porta principalis dextra). Dieses ist durch zwei starke, oben durch Wehrgang und Bogen verbundene Türme gut gesichert. Durch dieses Tor führt die Straße als via principalis (heute: Kirchstraße) durch das Kastellinnere zum gegenüberliegenden, ebenso bewehrten Nordtor (porta principalis sinistra), und  auf den Kolonnenweg parallel hinter dem Limes und mit diesem nach Norden. Auch die via praetoria (heute: Sackgasse) und die via decumana (heute: Breite Straße), die von dem vorderen und dem rückwärtigen Tor ausgingen, zeigen deutlich ihren Zusammenhang mit dem römische Wehrbau.

Das Haupttor ist nach Osten, genau gegen den Pfahlgraben gerichtet, der in der geringen Entfernung von 25 Meter am Kastell vorbeilief. Wahrscheinlich ist hier nur der Graben, nicht aber der Damm der Grenzsperre ausgeführt worden, als diese zusätzliche Grenzsicherung Ende des 2. oder Anfang des 3. Jahrhundert entstand.

Wo die Kirch‑ und Bahnhofstraße sich heute zum „Platz an der Porte“ ‑ eben dem „Dalles“ ‑ aufweitet, stand das Nordtor des Kastells. Verschiedenfarbige Pflasterung markiert die Grundmauern der vergangenen zwei Jahrtausende.

Unmittelbar südlich des heutigen Kirchturms stößt man auf eine weitere Mauer, deren Kern römischen Ursprungs sein könnte. Zahlreiche Ausbesserungen des Mauerwerks haben den ursprünglichen Zustand jedoch so verändert, daß ihr Alter unsicher bleiben muß. In der östlichen Verlängerung des Südportals, am Schnittpunkt mit der Kirchstraße, ragt ein unscheinbarer Steinklotz aus der Begrenzungsmauer des Kirchengrundstückes. Dies ist der letzte sichtbare Rest des einstigen Südtors des Kastells.

 

Von den Innenbauten ist kaum etwas bekannt, da in dem Ortskern natürlich keine großen Ausgrabungsflächen untersucht werden konnten. Immerhin kennt man einige Mauern des Stabsgebäudes (principia) das - wie üblich - mitten im Kastell liegt. Eine Anzahl von Gebäuden auf gemauerten Fundamenten erfüllen die einzelnen Räume. Auf den Fundamenten ruhen

Holzaufbauten, die der Unterbringung und Ausbildung der Besatzung, sowie als Werkstätten zur Herstellung von Waffen und Geräten dienten.

Im Jahre 1988 gelang es, in seinem Südwestteil weitere Teile der Innenbebauung freizulegen. Zwar erlauben die nur unvollständig erfaßten Gebäudegrundrisse keine Rekonstruktion, doch immerhin weisen Eisenschlacken und Ofenreste auf eine zumindest zeitweise Nutzung des Areals als Werkstatt hin. Daneben war es möglich, mehrere Bauhorizonte zu verfolgen. Eine dieser Bauphasen fiel einem Brand zum Opfer, der frühestens in der Mitte des 2. Jahrhunderts anzusetzen ist, so daß ein Zusammenhang mit den historisch überlieferten Germaneneinfällen nicht auszuschließen ist.

 

Unmittelbar nördlich des Lagers erstreckte sich die Ziegelei der Cohors IV Vindelicorum. . Wegen seiner Feuergefährlichkeit legte man ihn abseits von Vicus und Kastell an, und zwar dicht am Pfahlgraben, nordöstlich vom Kastell. Der Betrieb begann wohl erst am Ende des 2. Jahrhunderts und trat die Nachfolge der älteren Ziegelei in Frankfurt‑Nied an. Die fertigen Ziegel konnten von Großkrotzenburg aus bequem auf den Wasserweg abtransportiert werden. Die Produkte der 4. Vindelikerkohorte lassen sich von Walldürn im Odenwald bis in das Neuwieder Becken bei Koblenz verfolgen, so daß man auf eine umfangreiche Produktion schließen kann. Zeitweise muß der Betrieb der 4. Vindelikerkohorte geradezu die Aufgabe einer zentralen, obergermanischen Heeresziegelei erfüllt haben. Bisher sind insgesamt fünf Ziegelbrennöfen aus Großkrotzenburg bekannt.

 

Nördlich, aber vor allem westlich vom Kastell erstreckte sich eine umfangreiche Zivilsiedlung (vicus), dessen Häuser bis in 400 Meter Entfernung vom westlichen Kastelltor gefunden wurden. Als besondere Entdeckung mag das Mithräum erwähnt werden, das am Rand des Vicus nordwestlich vom Kastell lag. Aus ihm stammen einige bemerkenswerte mithrische Skulpturen, die leider während des Zweiten Weltkriegs in Hanau zerstört worden sind. Leider kennt man außer einer großen Reihe von Zufallsfunden und dem nicht völlig gesicherten Verlauf zweier Straßen, nur ihre ungefähre Ausdehnung. Befunde oder gar Hausgrundrisse liegen nicht vor. Lediglich das Kastellbad, wenige Schritte vom Westtor entfernt, ist teilweise ergraben worden.

Neben dem Mithräum begann bereits eines der römische Gräberfelder. Ein weiterer Friedhof befand sich nördlich der Siedlung entlang der Straße zum Kastell Rückingen. Die wenigen dort gemachten Grabfunde lassen an eine eher kleine Nekropole denken.

 

Das Kastell und sein Dorf dürften bis zur Aufgabe des Limes bestanden haben. Einige Jahrzehnte nach der Räumung des Lagers ließen sich in seinem Inneren neue Bewohner nieder. Bald nachdem die Römer Mitte des 3. Jahrhundert den Limes verlassen hatten, setzte sich eine germanische Bevölkerung in der Ruine fest, deren Mauern noch hoch aufrecht standen und einen gewissen Schutz boten. Im Mittelalter hat man die Umfassungsmauer repariert; sie diente wiederum jahrhundertelang als Wehrmauer.

Erste sichere Funde liegen vom Ende des 4. Jahrhunderts vor. Einige Einzelfunde, jenseits des Limes entdeckt, sind in das 4. und 5. Jahrhundert zu datieren. Es handelt sich hierbei wohl um Gegenstände aus Gräbern. Jüngere Bodenfunde sind uns frühestens aus dem späten 10. oder 11. Jahrhundert überliefert. So entdeckte man die Überreste eines Grubenhauses und weitere mittelalterliche Baubefunde in der heutigen Sackgasse. Doch trotz dieser Hinterlassenschaften liegt die Entwicklung des mittelalterlichen Dorfes noch weitgehend im Dunkeln.

Es ist denkbar, daß der Name des Ortes, der zuerst im Jahre 1175 in der Fassung „Cruzen­burch“ überliefert ist, auf die Bezeichnung des römischen Kastells zurückgeht. Allerdings läßt sich der antike Ortsname aus der mittelalterlichen Namensform nicht erschließen.

 

 

Bonifatius-Route

Der 1250. Todestag des heiligen Bonifatius jährt sich am 5. Juni 2004. Zwar ist der Todestag des Mis­sionars am 5. Juni 754, da der Leichnam aber erst Wochen spä­ter in Mainz ankam, käme der 10. Juli gemäß Historikern dem Start des Leichenzuges am nächsten. Dann soll die rund 180 Kilo­meter lange Strecke endlich eröffnet wer­den, den der Leichenzug des heiligen Mannes im Hoch­sommer des Jahres 754 in ei­ner siebentägigen Prozession von Mainz nach Fulda genommen ha­ben könnte. Initiatoren der Route sind Vera Rupp (die stellvertretende Landesarchäologin) und Pfarrer Kurt Ra­cky aus Ortenberg, der zweite Vorsitzenden des Bonifatius-Ver­eins. Spätestens zur Eröffnung, am 10. Juli 2004, soll eine Art Wanderbuch erschei­nen, mit Kartenmaterial, Infos zu Sehenswürdigkeiten und tou­ristischer Infrastruktur entlang der Bonifatius-Route.

 

Daß die aktuelle Route mit dem Weg des historischen Leichenzuges anno 754 identisch sein könnte, ist nach Einschätzung des Main-Taunus-Kreis-Historikers Bert Worbs offen: Zu spärlich seien die historischen Quellen. Lediglich zur Überführung des Leichnams mit einem Boot von Mainz nach Hochheim gebe es schriftliche Zeugnisse; als Nächstes werde die Crutzenkirche in Frankfurt-Kalbach erwähnt, wo der Leichenzug eine Nacht lang pausiert haben soll. „Dazwischen ist alles auf mündliche Tradition zurückzuführen“, sagt Worbs. Auf dieser Grundlage und den alten Verbindungen des Frühmittelalters wurde die gesamte Route in einen Korridor gelegt, der dem historischen Weg nahe kommen könnte.
 

Die Bonifatius-Route als Pilgererlebnis

Vera Rupp und der Ortenberger Pfarrer Kurt Racky waren zu Fuß auf einigen bisher noch nicht abgegangenen Abschnitten unterwegs. Auf 30-Kilometer­-Tagesmärschen notierten sie Stellen, die besonderer Markierung bedürfen oder Wegabschnitte, die noch genauer unter die Lupe genommen werden müssen. Der Anblick von Wanderern mit schweren Rucksäcken, die in kleinen Orten an der Tür klingeln, um nach Wasser für ihre Trinkflaschen zu fragen, ist selten geworden. „Am ersten Tag ist man voller Euphorie, man freut sich an der Stille und an der Natur. Am zweiten Tag ist die Pause das Ziel. Am dritten Tag merkt man, daß man mögli­cherweise zu schnell gegangen ist und an den Grenzen seiner Kräfte angelangt ist. Am vierten Tag findet man seinen Rhyth­mus und ist bei sich selbst angekommen.“ Eine Erfahrung, die Racky als die spiri­tuelle Facette bezeichnet, die ihn am Pil­gern fasziniert. Sie wird nicht nur von gläubigen Menschen beschrieben. Racky ist noch von einer anderen Erfahrung be­geistert: „Ich habe gesehen, daß man auch langsam ans Ziel kommt.“

Im Vordergrund jeder Form des Wan­derns stehen sicherlich das Erlebnis und die Erholung in einer intakten Natur und Um­welt, denn nur hier liegt der Facettenreich­tum des Wanderns begründet.

Die landschaftsbezoge­nen Natursportarten erfahren gerade im Zeitalter unserer modernen Informationsgesell­schaft, wo Alltagsstress und Reizüberflu­tung den Tagesablauf bestimmen, einen nie geahnten Zulauf in allen Schichten der Bevölkerung. Unter den Urlaubs- und Freizeitaktivitäten nimmt das Wandern daher einen Spitzenplatz ein.

Laut einer Studie behaupten 15 Millio­nen Deutsche, Wander- und Out­door-Anhänger zu sein. Sieben Mil­lionen hiervon behaupten, gern und häufig zu wandern, und jeder Zweite in Deutschland gibt an, mehr oder weniger regelmäßig zu wandern. Wichtiges Hauptmotiv für diese Freizeitbeschäftigung ist bei den meisten Deutschen das Naturerlebnis, denn bei kaum einer Freizeitaktivität läßt sich die Natur in­tensiver und unmittelbarer erleben als beim Wandern, bedingt nicht zuletzt durch die Erfahrung der langsamen Fort­bewegungsart, die den Blick auf das We­sentliche ermöglicht und die Wahrneh­mung für die Schönheiten der Natur ver­stärkt.

Der Wanderer ist also nicht zuletzt ein Naturgenießer, der sich langsam an die Natur herantastet, ihre Einzigartigkeit er­kennt und somit auch ein gewisses „Um­weltbewußtsein“ entwickelt. Das führt im Umkehrschluß dazu, daß Wandern eine umweltverträgliche und naturschonende Freizeitbeschäftigung ist, und der Wander­tourismus auch als eine Form von nachhal­tigem beziehungsweise Öko-Tourismus angesehen werden kann.

Neben dem Wandern als Naturerlebnis bedeutet es als Sportform natürlich auch Fitneß, da Wanderer durchaus zu Höchst­leistungen mit hohen Wandergeschwindig­keiten und Streckenlängen fähig sind. Es bedeutet aber ebenso Gesundheitsförde­rung und trifft nicht zuletzt den aus den USA stammenden Begriff von „Wellness“, da der Wohlfühleffekt beim Wandern ein sehr ausgeprägter ist.

Wandern ist eine der vielfältigsten Frei­zeitbeschäftigungen in Vergangenheit und Gegenwart. Natur, Kultur, Gesundheit, Wellness und Sport, aber auch der Effekt der Begegnung und des Miteinanders fü­gen sich zu einem Ganzen. Insbesondere die Begegnung mit anderen ist sicherlich ein Schlüsselaspekt des Pilgerns - viel­leicht auf der Bonifatius-Route von Mainz nach Fulda. Wandern - eine Art des Nachdenkens.

Gerade in der heutigen hekti­schen Zeit gewinnt das Erleben des langsamen Tempos des Gehens und Wanderns eine be­sondere Bedeutung für die Wahrnehmungsfähigkeit des Ein­zelnen, der jetzt wieder die Selbstverständ­lichkeiten der Natur als etwas außerge­wöhnlich Schönes ansieht, dessen Exis­tenz er fast schon vergessen geglaubt hat. In das gleichmäßige Geräusch des Wander­schrittes mischt sich der Windhauch in den Bäumen, das Plätschern einer Quelle oder eines Baches, das Gezwitscher der Vögel, der Ruf eines Wildtieres.

So ist jede Wanderung auch ein Zurückbesinnen auf die Wurzeln des Menschen in der Natur und damit auch ein Stück Erkenntnis sei­ner selbst. in besonderem Maße ist dies na­türlich bei Touren auf zahlreichen Pilger­wegen der Fall, wo das Naturerleben meist mit dem geistig-spirituellen Aspekt des Weges verbunden wird, der sich oft­mals aus den kulturhistorischen Gütern entlang der Strecke herleiten läßt.

 

Pilgerwege gehören zur Geschichte der Menschheit. Immer wie­der verließen Menschen ihre engere Hei­mat, ihren Alltag, um nach langen Fuß­wegen an einem berühmten Heiligtum ein Fest der Vergewisserung und der Le­bensdeutung zu feiern. In jedem Pilger­weg geht es um wichtige Kategorien menschlichen Lebens wie Sehnsucht, Aufbruch, Unterwegssein, Ziel und Heim­reise. Das Wort Pilger entstand aus der lateinischen Bezeichnung „peregrinus“: Fremder, Ausländer. Peregrinus kommt von „ager“ und meint eine Reise oder ei­nen Aufenthalt auf dem Land, auf dem Acker. So zeichnet dieses Wort eine Span­nung: Pilgern erdet, aber es bezeichnet eine geistliche Reise, deren Ziel letztlich der Himmel ist.

In der Reformationszeit brach für die protestantischen Christen der Zugang zum Pilgern ab. Die Reformatoren sagten, das Wallfahren werde zu sehr mißbraucht. Damit meinten sie den Ablaßhandel. Doch heute entdecken auch evan­gelische Menschen in ihrer Suche nach per­sönlicher Gotteserfahrung das „Beten mit den Füßen“ - eine ganzheitliche Übung, den eigenen Lebensweg während des Ge­hens zu bedenken. Für viele eine hilfrei­che Einübung in Genügsamkeit, Dankbar­keit, Gelassenheit und Verlangsamung. Das verändert und heilt an Leib und See­le, wirkt in den Alltag hinein und stärkt den Lebensmut, klärt, was wirklich zählt im Leben.

Die evangelischen Kirchen in Hessen la­den seit fast zehn Jahren zu Ökumeni­schen Pilgerwegen ein, an denen jeweils bis zu 50 Personen teilnehmen. Die Routen wechseln, aber es entstehen nun auch markierte Wege, die man ohne Grup­pe in einer meditativen besinnlichen Fuß­reise begehen kann, wie der 150 Kilometer lange Elisabethpfad von Frankfurt zur Grabeskirche der Heiligen Elisabeth in Marburg oder ab 2004 die Bonifatius-.Route von Mainz nach Fulda.

Pfarrer Kurt-Wal­ter Racky sagt: „Unser Grundgedanke war, den Leichenzug als Pilgerweg auszuweisen.“ Auf dem Pilgerweg begebe sich der Mensch zurück zu den historischen und geistigen Wurzeln des Christentums im frühen Mittelalter.

 

Lebenslauf des Bonifatius:

Im südenglischen Ort Crediton (Wessex) soll Bonifatius 673 geboren sein (andere Angabe: geboren 672, spätes­tens aber 675). Sein angelsächsischer Name ist „Wynfrith“ (spä­ter auch „Winfried“ geschrieben). Er hat in verschiedenen Klöstern des selbst erst seit wenigen Generationen christianisierten England seine Ausbil­dung erhalten. Irland und das von ihm kul­turell geprägte England galten damals als Zentren christlicher Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit. Mit asketischer Frömmig­keit suchte man dem Ideal der irdischen Heimatlosigkeit (der „peregrinatio“) durch Mission in der Fremde gerecht zu werden.

Winfried, der körperlich ein Riese von 1,90 Metern Größe war, ist erst mit 30 Jahren zum Priester geweiht wor­den und war bereits über 40, als er einen ersten Missionsversuch in Friesland unter­nahm. Der Angelsachse Wynfrith wandte sich zum Festland, wo eine Verständigung auf Grund der sprachlichen Verwandtschaft möglich war. Sein erster Bekehrungsversuch bei den Friesen 716 scheiterte.

Im Jahre 718 macht ihn Papst Gregor II. zum Heidenapostel für Hessen und Thüringen. Bonifatius war nicht nur Missionar. „Apostel“ nach dem Vorbild des Apostels Paulus nannte ihn schon zu Lebzeiten Papst Zacharias. Der Titel „Apostel der Deutschen“ ist seit dem 12. Jahrhundert in Fulda und seit dem Spätmittelalter in ganz Deutschland in Gebrauch.

Im Jahre  722 weiht der Papst ihn zum Bischof und gibt ihm erst den Namen „Bonifatius“ nach dem Namenstag eines Hei­ligen. (lateinisch bonum = das Gute; fatum = das Schicksal)(?), also ein Mensch, der Gu­tes tut, ein Wohltäter. Im Jahre 732 wird er Erzbischof.

Im Jahre 721 zog er nach Hessen, das zum Frankenreich gehörte und von den Sachsen bedroht war. Die fränkische Kirche bestand schon länger als die engli­sche, kümmerte sich aber kaum um die Missionierung. Und die Völker der Hessen und Thüringer waren nicht interessiert, den Glauben der Besatzer näher kennen zu lernen. Die Kirche war überzeugt, daß allein der christliche Glaube dem Men­schen ewiges Heil vermitteln könne. Die Kunst eines Missionars bestand darin, ganze Stammesverbände zu überzeugen, daß sie den christlichen Gott nicht als ei­nen unter anderen begriffen.

Legendär ist im Zuge seiner Missionie­rung bei den noch heidnischen Hessen die Fällung der Donar-Eiche bei Geismar, des germanischen Baumheiligtums. Aus ih­rem Holz soll er die Peterskirche auf der Büraburg gebaut haben.

Was Bonifatius hier, in den heuti­gen Regionen Hessen, Thüringen und Franken antraf, die seit fast 200 Jahren zum katholischen Frankenreich gehörten, erfüllte ihn mit heiligem Zorn: „Unter den sogenannten Diakonen finde ich Leute, die  vier oder fünf oder noch mehr Bei­schläferinnen im Bett haben und dennoch  sich nicht schämen oder fürchten, das Evangelium zu verlesen und sich Diakone zu nennen. Auch findet man unter ihnen einige Bischöfe, die zwar sagen, sie seien keine Hurer und Ehebrecher, die aber trunk- und streitsüchtig sind und eifrige Jäger und die bewaffnet im Heere kämpfen und eigenhändig Menschenblut vergossen haben von Heiden und Christen.“

Hier wird schon deutlich, daß er nicht Heiden bekehrte, sondern schon eine Kirche vorfand. Nur waren diese Christen „Arianer“, das heißt sie leugneten die Gottheit Jesu. Und sie unterstanden nicht dem Papst in Rom. Unerbittlich und streng verfolgte der Bene­diktinermönch seinen päpstlichen Auf­trag, nicht immer zur Freude der fränki­schen Großen, denen sein missionarischer Eifer und seine romtreuen Vorstellungen wenig paßten.

Amöneburg war die erste Gründung ei­nes Klosters durch Bonifatius im Jahr 721. Weitere Klostergründungen wurden zum Rückgrat für die christliche Überzeu­gungsarbeit. In Fulda errichtete der Benediktiner seit 744 ein Musterkloster. In Fulda wollte er auch begraben sein.

Im Jahre 746 übernahm er das Bis­tum Mainz. Für das weitere Geschick des fränkischen Reiches folgenreich war 751 sein Eintreten beim Papst für die Übernah­me der Königswürde durch Pippin III., wo­durch die Herrschaft an die Karolinger überging.

Seit 738 organi­sierte Bonifatius als päpstlicher Legat die bayerische und mitteldeutsche Kirche, mit der Einrichtung der Bistümer Salzburg, Regensburg, Freising, Passau, Eichstätt, Würzburg, Büraburg, Erfurt sowie der Klöster Fulda, Amöneburg Ohrdruf, Fritz­lar, Tauberbischofsheim, Kitzingen, Och­senfurt. Auf diese riesige kirchliche Organisation konnte Karl der Große die staatliche erst aufbau­en. Später wurde Bonifatius noch päpstlicher Legat für das Frankenreich und Erzbi­schof von Mainz.

Nicht gut bekommen ist dem heiligen Bonifatius, daß er als fast 80-Jähriger sei­nem erfolgreichen Leben noch ein i-Tüpfel­chen aufsetzen wollte. Zermürbt von den Auseinandersetzun­gen mit dem fränkischen Adel und Epis­kopat, zog 754 Bonifatius achtzigjährig nochmals als Missionar nach Friesland. Er ist noch einmal in die heutigen Niederlande zurückge­kehrt, wo er in Utrecht seine missionari­sche Laufbahn begonnen hatte. Als er nun im dritten Anlauf auch dem Friesland den Glauben verkünden wollte, haben ihn und seine 52 Begleiter zu Pfingsten 754, am 5. Juni, nahe Dokkum die hartnäckig an ihrem heidnischen Glauben festhaltenden Stäm­me überfallen und samt seiner Begleiter erschlagen.

Doch die jenseits des fränkischen Macht­bereichs lebenden Küstenbewohner, die ihn als Vorboten der Imperiums betrachte­ten, widersetzten sich: „Eine gewaltige Anzahl Feinde drang mit blitzenden Waf­fen, mit Speeren und Schilden ins Lager des Bonifatius ( ... ). Der Mann Gottes je­doch sammelte die Reliquien und sprach zu seinen Gefährten: Lasset ab, Mannen, vom Kampf, tut Krieg und Schlacht ab, ver­geltet Böses mit Gutem!“ Da stürzte der wütende Haufe der Heiden ( ... ) über sie her und „machte die Leiber der Heiligen nieder in heilbringendem Morde“, heißt es in Bonifatius Lebensbeschreibung.

Andere Stimmen vermuten ei­nen Mord aus politischen oder schlicht räu­berischen Motiven. Auch hier muß man wieder sagen, daß er nicht so sehr wegen seines Glaubens und seiner Predigt umgekommen ist, sondern schlicht und einfache einer Räuberbande zum Opfer fiel. Dennoch hat man Bonifatius gleich als Märtyrer verehrt.

Von der heutigen niederländischen Stadt aus ist seine Leiche zunächst per Schiff nach Mainz ge­bracht worden. Einen Monat später traf der Leich­nam in Mainz ein, in der heutigen evange­lischen St. Johannes Kirche. Dort wurden die Innereien aus der Leiche entfernt, ver­brannt und begraben. Am 9. Juli wurden die sterblichen Überreste des 1,90 Meter großen Hünen per Schiff nach Hochheim gebracht und von dort auf dem Landweg nach Fulda, wo Bonifatius begraben zu werden wünschte. Es muß der Überlieferung nach eine gewaltige Pro­zession gewesen sein, eine Art Triumph­zug in sieben Etappen.

Schließlich wurde er entsprechend seinem Wunsch in Fulda bestattet. Das Kloster entwickelte sich darauf zum berühmten Wallfahrtsort. Das alljährliche Kirchenfest findet hier am 5. Juni statt, seinem Todestag, der sich 2004 zum 1250. Male jährt. Noch heu­te ist im Dommuseum Fulda der von Hie­ben beschädigte Kodex zu bewundern, den Bonifatius schützend über seinen Kopf ge­halten haben soll.

Doch der christliche ­Glaube begann auf dem Europäischen Kontinent seinen Siegeszug. Er verband die verschiedenen Landstriche und Völkerschaften und gab ihnen eine große Vision. Die Vision eines geeinten Europa unter der Führung eines einheitlichen christlichen Glaubens. Dieser Geschichte mit ihren Höhe- und Tiefpunkten können sich auch evangelische Christen nicht entziehen.

 

Verlauf der Route:

Schon der Geschichtsforscher Georg Wolff ver­suchte kurz vor dem ersten Welt­krieg den Landweg zu rekonstruieren. Mehrfach haben sich weitere Forscher mit dem Leichenzug des Heiligen Bonifati­us beschäftigt. Die zunächst letzte Arbeit stammt von dem Niddataler Christian Vo­gel, der ein Büchlein mit 100 Seiten im Selbstverlag herausbrachte. Der 61-Jährige wartet nur noch das Ergebnis von Ausgrabungen an der Schafskirche in Ortenberg-Lißberg am 12. August ab. Es könnten sich dort ja noch Hinweise auf die Bonifatius-Rast finden, die unbedingt noch in das Buch hineingehören. Die Schafskirche hat für Vogel eine be­sondere Bedeutung. Sie lag hinter seinem Elternhaus und es war sein Nenn-Onkel Er­hard Weitzel, der in dem Jungen ein le­bens­langes Interesse an dem Bonifatius­-Weg weckte. Vogel hat sich 40 Jahre lang intensiv mit dem Weg beschäftigt. Er hat die 150 Kilometer mehrfach mit dem Rad oder zu Fuß abgesucht.  Die Wege, die damals gegangen wurden, waren nach Vogels Auffassung nicht di­rekt die Höhenwege, sondern Wege am Südhang. Diese waren windgeschützt und besonnt (Im Juli sucht man wohl eher Schatten, außerdem sind die Südhänge eher windig). Vogels Leitsatz ist: „Alte Wege ge­ben nicht ganz unter“.

Für ellen­lange Aus­einandersetzungen über den wis­senschaftlich korrekten Verlauf des Pilgerpfades ist keine Zeit. Aus­nahms­weise stellt Vera Rupp im Sinne der Bonifatius­-Route den wissenschaftlichen Anspruch in den Hintergrund und bezeichnet den Weg deshalb bewußt als „Route“, weil er sich in einem Korridor aus alten Wegen bewegt. „Wir wollten etwas zum Todestag des Bonifatius auf die Beine stellen und gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie man die Leute an die Kultur­denkmäler in unserer Region führen kann.“ Die Idee für die Bonifatius-Route, die an zahlreichen Kulturdenkmälern vorbeiführt, erschien ihr ideal. Die Route muß praktikabel sein, Sehenswürdigkeiten enthalten, wie markante Naturdenkmäler und Gebäude.

Daß die aktuelle Route mit dem Weg des historischen Leichenzuges anno 754 identisch sein könnte, ist nach Ein­schätzung des Main-Taunus-Kreis-Histori­kers Bert Worbs offen: Zu spärlich seien die historischen Quellen. Lediglich zur Überführung des Leichnams mit einem Boot von Mainz nach Hochheim gebe es schriftliche Zeugnisse; als Nächstes werde die Crutzenkirche in Frankfurt-Kalbach erwähnt, wo der Leichenzug eine Nacht lang pausiert haben soll. Dazwischen ist alles auf mündliche Tradition zurückzu­führen, sagt Worbs. Auf dieser Grundlage und der, alten Verbindungen des Frühmit­telalters wurde die gesamte Route in ei­nen Korridor gelegt, der dem historischen Weg nahe kommen könnte.

Zwischen Hochheim und Fulda gibt es mindestens acht Punkte, die die Sta­tionen der feierlichen Prozession markie­ren. Es ist überliefert, daß an den Stellen der Mittagsrast und der Übernachtungen Kreuze oder sogar Kirchen errichtet wur­den. In Kriftel und Kalbach gibt es Bonifatius­kirchen.

 

Großbistum Mainz:

Nur wenige hundert Meter lang ist der Beginn der Bonifatius-Route in Mainz bis zum Rheinufer. Allerdings begründete der Mis­sionar und Kirchenführer die über ein Jahrtausend währende mächtige Stellung des Mainzer Bistums, das er durch ge­schickte Gründungspolitik um Teile Mittel­hessens und Thüringens erweiterte. „Bonifatius legte den Grundstein zum Großbistum Mainz“, heißt es in einer Mainzer Dom-Geschichte, mit aller weltli­chen und kirchlichen Macht. Allerdings er­innert in Mainz wenig an den Winfrid aus dem englischen Exeter, der lieber Erzbi­schof in Köln geworden wäre.

Vom Westturm des Mainzer Domes  fällt der Blick direkt auf die benach­barte Johannis-Kirche, eine von drei evangelischen Innen-Stadtkirchen. Evangeli­sche Kirchen sind dünn gesät im Kern des katholischen Mainz, in dem sich weltliche und geistliche Macht im Mittelalter zur „Metropolis Germaniae“ vereinten. Die Jo­hanniskirche gilt als Dom-Vorläufer, mögli­cherweise war an ihrer Stelle der Mainzer Ur-Dom. Hier fand die Kaiserkrönung Heinrich II. vor tausend Jahren statt und hier wurde  (sagt der evangelische Stadtkirchen­pfarrer Rainer Beier) vermutlich Bonifati­us vor 1249 Jahren aufgebahrt.

Als die Leiche aus dem friesischen Dok­kum nach Mainz zurück an den Bischofs­sitz kam, da hatte sie schon eine mehrwö­chige Reise hinter sich. Kirchenhistoriker vermuten deshalb, daß der erschlagene Bischof schon in Friesland „abgekocht“ wurde, ehe seine gebleichten Gebeine den Weg nach Mainz nahmen. Dort hatte der Leichenzug seinen Ausgang, führte ver­mutlich nicht über den heutigen Leichhof, sondern durch das Fischtor an den Rhein.

Bonifatius hat sich im Bewußtsein der Stadt nicht so stark als Bischof der Mainzer verankert. Die Rolle haben andere: Willigis oder Hrabanus Maurus aus dem ersten Jahrtausend,  oder Wilhelm Emma­nuel von Ketteler, dem auf dem Bichofs­platz ein Denkmal gewidmet ist  (Ketteler, das war der Bischof, der im 19. Jahrhun­dert die soziale Frage aufwarf).

An Bonifatius erinnert eine eigene Kir­che (St. Bonifaz) und eine eigene Gemein­de im Schatten der Doppel-Hochhaus­türme am Bahnhof. Der Kirchturm ist neu wie die Hochhäuser: architektonische Mas­senware der sechziger Jahre. Auf den Domplätzen allerdings ist Boni­fatius für Vorüberlaufende noch gegen­wärtig: Eine Barockstatue zeigt ihn, ein e Nach­bildung der Statue im Dommuseum in Ful­da. Im Dom ein Grab-Denkmal des Bonifa­tius aus dem 14. Jahrhundert, es stammt aus der Johanniskirche. Irgendwo zwi­schen Johanneskirche und dem später er­richteten Dom wird der historische „Start“ der Bonifatius-Route sein. Immerhin 400 Meter auf rheinland-pfälzischem Gebiet.

 

Hochheim

Stolz ragt die Kirche Pe­ter und Paul aus den Weinbergen. Sie ist das Wahrzeichen der Wein- und Sektstadt Hochheim und Ausgangspunkt der Bonifa­tius-Route auf hessischem Gebiet. Im Jahr 2004 jährt sich zum 1250. Mal die Über­führung des Leichnams des „Apostels der Deutschen“ von Mainz nach Hochheim und von dort auf dem Landweg über Frankfurt bis Fulda. Die Barockkirche Peter und Paul gehört zu den Glanzpunkten der Route im Main-­Taunus. Die 1731 geweihte Kirche beeindruckt durch ihre leuchten­den Deckengemälde des Malers Johann Baptist Enderle. Die seit 1996 freigelegten - und zum Teil bereits mustergültig restau­rierten Fresken - gelten als Kostbarkeiten der Rokokomalerei in Hessen.

Durch die „Hochheimer Hölle“ - eine der begehrten Weinlagen im Rheingau - geht der Weg in Richtung „Königin-Victoria-Denkmal“, das zu Ehren der englischen Kö­nigin 1854 errichtet wurde. Der Vorliebe der Queen für Hochheimer Weine ver­dankt die Stadt nicht nur das neugotische Denkmal, sondern auch ihre Bekanntheit in der angelsächsischen Welt.

Durch die hügelige Landschaft  der Flörs­heimer Schweiz geht es  auf die Wiesenmühle zu - den gemütlichen Rastplatz nach rund einstündigem Fußweg. Kurz vor der Mühle biegt der Weg auf die Regionalparkroute ab und quert über einen 100 Meter langen Bohlen­weg die Niederwiesen des Wicker­bachs, wo sich Am­phibien und Was­ser liebende Pflan­zen entfalten.

Es folgt ein kleiner Anstieg zur St. Anna-Kapelle. Der 1715 als Hauskapel­le der Mühle errichtete Bau zeigt die „An­na Selbdritt“, ein Dreierbildnis der Mari­enmutter Anna mit Maria und dem Jesus­kind. Nur ein paar Schritte entfernt am Regionalparkroute wartet moderne Kunst: Die Installation der Hofheimer Künstlerin Ingrid Hornef besteht aus sieben Fernroh­ren, die alle auf die Mülldeponie Wicker ge­richtet sind. Als Kontrast bettete sie in den Ausblick berühmte Bauwerke wie die Akropolis ein und schuf damit spannungs­reiche „Tele-Visionen“ zwischen Schein und Realität, Edlem und den Zeugnissen der Wegwerfgesellschaft.

Weiter geht' es  zur Flörsheimer Warte. Der Turm wachte seit dem 15. Jahrhundert über die nördliche Grenze der Mainzer Kurfürsten. Nachdem die Warte ihre Bedeutung verloren hatte, wurde sie als Steinbruch ausgebeutet und Ende der neunziger Jahre in unmittelbarer Nä­he wieder errichtet. Am Wochenende dient der Turm als Ausflugslokal und bietet ei­nen herrlicher Blick über die Mainebene.

Von der Warte sind es nur noch wenige Minuten bis in die östlichste Weinbauge­meinde des Rheingaus: Wicker trägt mit besonderem Stolz den Beinamen „Tor zum Rheingau“. Hier bleiben zwei historische Stät­ten zu erkunden: das älteste erhaltene Wegkreuz im Kreis aus dem Jahr 1690 und in der  Nähe die Kaiser-Wilhelm-Säule, die an den unblutigen Übergang der Herrschaft vom Herzogtum Hessen-Nassau an Preußen Mitte des 19. Jahrhunderts erinnert.

 

Frankfurt:

Fachleute sind sich sicher, daß der von Papst Gregor II. als „Apostel der Deut­schen“ beauftragte Glaubens-Botschafter hin und wieder in Frankfurt die Messe las: in jener win­zigen Steinkirche nämlich, die neben ei­nem fränkischen Wirtschaftshof auf einer Erhebung stand, dicht an jenem Flußübergang, der als „Furt der Franken“ zur Legenden umwobenen Keimzelle der heu­tigen Mainmetropole geriet. Rund um den heutigen Dom legten Archäologen Reste des historischen Umfeldes frei, in dem sich der Bischof bewegte.  Fundamente des Steinkirchleins aus der Bonifatius-Zeit wurden 1992 ausge­graben, bei der großen Dom-Restaurie­rung. Rund 40 Quadratmeter umfaßte es und bedeckte Spuren einer Vergangen­heit, die von den Christen mit dem Schlei­er des Vergessens verhüllt wurde.

Die Ka­pelle entstand just da, wo um das Jahr 680 die etwa dreijährige Tochter eines fränkischen Adligen beigesetzt wurde. Ein kleines, drei- bis vierjähriges Mäd­chen war gegen Ende des 7. Jahrhunderts mit üppigem Goldschmuck, Riechdose, Trinkglas und anderem in einem kleinen gemauerten Memorialbau im Bereich des heutigen Doms beigesetzt worden. Es war sicherlich die Tochter des adeligen Verwal­ters des Königsgehöfts Franconofurd, von dem jedoch keine Mauerreste festgestellt werden konnten. Nur die Fundamente ei­ner kleinen steinernen Saalkirche, die wohl bald nach 700 über dem „Prinzessin­nen-Grab“ errichtet worden war, konnten ergraben werden. In dieser Eigenkirche wird Bonifatius bei seinen Frankfurter Aufenthalten vermutlich bisweilen die Messe gelesen haben.

Wie sich bei Grabungen in vier Meter Tie­fe unterm Fußboden des Doms heraus­stellte, feierte am Main zur Merowinger­zeit das Heidentum noch fröhliche Ur­ständ. Die reich geschmückte kleine „Prin­zessin“ hatte zwar ein Kreuz als Grabbei­gabe erhalten, aber nach naturreligiösem Brauch auch Wegzehrung und - was schwe­rer wiegt - Wegbegleiter durchs Jenseits: Ein Aschenhäufchen wurde analysiert als Reste eines jungen Schweins und eines Bären. Die Eltern hatten ihrer Tochter -  so die Vermu­tung der Archäologen - ihren Spielgefähr­ten mitgegeben.

Schmuck und andere Grabbeigaben sind heute im Dommuseum ausgestellt. Im Dom selbst markiert eine beschriftete Bodenplatte den Fundort des „Prinzessin­nengrabes“. Mehrere Sakralbauten folg­ten Schicht auf Schicht auf die Kapelle, in der Bonifatius mit großer Wahrscheinlich­keit die Messe gelesen hat. Nach seiner Zeit machte die fränkische Siedlung Kar­riere. Auf dem heutigen Domhügel ent­stand eine Königspfalz. Im „archäologi­schen Garten“ neben dem Dom sprechen noch heute Mauerreste von der karolin­gisch-ottonischen Zeit.

Verbrieft ist dagegen Einkehr des Bonifatius nach seinem  Tode  im Jahr 754 in den heutigen Stadtgrenzen Frankfurts. Der Leichenzug des Bonifatius machte auf dem Weg von Mainz nach Fulda als dritte Station in der Siedlung „Crucen“ auf dem späteren Kal­bacher Feld Station. Nicht zuletzt haben sich auch zwei katholische Pfarrgemein­den (in Bonames und Sachsenhausen) nach ihm benannt.

Nicht mehr nachvollziehbar ist, warum die Siedlung „Crucen“ im Frankfurter Nor­den nicht zum Wallfahrtsort wurde. Rankt sich doch um den Zwischenstop des Lei­chenkondukts eine hübsche Legende: Am Tag nach der Abreise des Zuges soll, wo er gelagert hat, eine Quelle entsprungen sein. Sie erhielt - oh Wunder - den Namen „Bonifatiusbrunnen“. An der Quelle entstand später eine kleine Kapelle. Sie verfiel, die Quelle blieb. Nichts mehr ist indes von der mittelalterlichen Siedlung und Kirche samt Brunnenkapelle erhalten, die um 1985 in Kalbach „ad crucem“ ausgegraben wurden.

 

Ungläubige moderne Geologen hatten die Entstehung des Brünnleins ganz profan damit erklärt, daß es durch Regenwasser gespeist werde - bei länge­rer Trockenheit sei Ebbe im Trog. Was die Planer des neuen Stadtteils Riedberg er­munterte, die Quelle mit einer Glasplatte verdecken zu wollen. Doch ganz im Geiste des Bonifatius stieß im Ortsbeirat diese Idee auf erbitter­ten Widerstand. Mit dem Erfolg, daß das Brünnlein weiter fließen darf. Mehr noch - der Brunnen wird im neuen Stadt­teil Riedberg mit seinen Reihenhäusern und dem Gebrumm von der Autobahn Teil eines Parks, dem der „Apostel der Deut­schen“ als Namenspate dient. Der Grund­stein für die 7,5 Hektar große Grünfläche wurde erst am 17. Juli gelegt.  Nun findet man auch im Bereich des „Bonifatiusparks“ Bo­denmarkierungen und Informationstafeln zu diesem denkwürdigen Ort.

 

Heldenbergen:

Bisher nahm man an, daß Bonifatius bei seinen Reisen nach dem von ihm gegründeten Kloster Fulda die „Hohe Straße“ benutzt habe, die im Gebiet Maintal auf der Höhe der Großen Lohe verläuft. Auf dieser Straße sei auch 754 – über den Heiligenstock bei Vilbel- sein Leichnam von Mainz nach Fulda gebracht. Dabei strömt viel christliches Volk herbei, wie es in zeitgenössischen Berichten heißt, ein Hinweis darauf, daß es damals schon viele Christen in der Gegend gab.

Inzwischen erhebt aber der Wetteraukreis Anspruch darauf, daß der „Bonifatiusweg“ durch sein Gebiet geführt habe. Die künftige „Bonifatiusroute“ sei be­reits als Patent angemeldet, sagte die Ar­chäologin des Wetteraukreises, Dr. Vera Rupp. Der Weg lasse sich zwar nicht in al­len Einzelheiten rekonstruieren, einige Stellen seien jedoch eindeutig nachgewie­sen. Über die Etappen des Leichenzugs bis zum heuti­gen Frankfurter Stadtteil Kalbach liegen Aufzeichnungen vor. Sie setzen erst wie­der kurz vor Fulda ein. Der Raum dazwi­schen bleibt ein weites Feld für Forscher, Detektive und Lokalpatrioten.

Vera Rupp sagt, für die Historiker stehe außer Zwei­fel, daß der Leichenzug am Nachmittag des 11. Juli in Heldenbergen eingetroffen sei. Vermutet wird des Weiteren, daß die Gruppe zuvor die Mittagsrast auf dem Schäferkoppel westlich von Karben ver­bracht habe. Ein Bonifatiuskreuz an der heutigen Kreisstraße 245 (Römerstraße) erinnere an den seinerzeit zurückgelegten Weg zwischen den beiden Orten.

Im Main-Kinzig-Kreis werde die Route voraussichtlich von Büdesheim kommend nach Heldenbergen zum Bonifatiuskreuz führen. Anschließend geht sie nach Windecken zur mittelalterlichen Kirche so­wie zum Rathaus und den Hexenturm. In nordöstlicher Richtung durchquert sie dann noch Eichen, bevor sie wieder in den Wetteraukreis mündet, nämlich in Richtung Kloster Engelthal.

Kritik an der Linienführung hat der Windecker Heinrich Quill­mann angemeldet, gebürtiger Berliner, aber Mit­glied der Windecker Heimatfreunde und ehrenamtlicher Stadtführer. Dem interessierten Laien geht es nach eigenem Bekunden um das Finden der Wahrheit, egal wo sie liegt. Der Weg der Mainzer Bonifati­usverehrer mit dem Wochen alten Leichnam führte in jenen Sommertagen laut Quillmann durch Windecken und von dort über den Ohlenberg nach Altenstadt.

In einer Zusammenkunft der Routenpla­ner herrschte eine an­dere These vor. Die Leiche des Heiligen sei am Nachmittag des 11. Juli 754, einem Donnerstag, in Heldenbergen eingetrof­fen. In jenem heute wie auch Windecken zu Nidderau zählenden Dorf hat man die­se Überzeugung vor 92 Jahren in Stein ge­schlagen. Auf einem Acker an der K 246 („Römerstraße“) erinnert seit 1909 ein Steinkreuz im irischen Stil an die dort ver­mutete Rast der Leichenträger.

Quillmann dagegen meint, „Bemerkenswertes gefunden“ zu haben. Für die herrschende Lehre werden Flurbezeichnungen angeführt, die nach dem Heiligen benannt sind, so ein „Bonifati­us­acker“ in Heldenbergen. Das dort errichtete Hochkreuz bezeichnet eine so genannte „Bonifatius­ruhe“, die von Historikern aber schon in den zwanziger Jahren als nicht erheblich angesehen wurde: Sie sei in al­ten Flurkarten nicht verzeichnet. Zwar gab es Jahrzehnte zuvor noch die mündliche Überlieferung von einer angeblich dort entsprungenen und im Lauf der Jahr­hunderte versiegten „Bonifatiusquelle“.

Aber Quillmann zweifelt. Sein Hauptargument ist die Erwähnung eins „Bonifa­icienburnen“ in einer Windecker Urkunde von 1349: Die Herren von Carben veräußern in dem Pestjahr einem Frankfurter Ehepaar „zwei huben landes... zu Wonne­kin“. In dem Doku­ment (zu finden bei Reimer, Hessisches Urkundenbuch) sind drei, mittels Flurna­men definierte Felder aufgeführt. Quillmann interessierte das dritte. Nota­riell genau sind dessen Bestandteile (in Morgen) aufgelistet: „Item an dem nyd­irn felde vonff morgen, item uff dem obirn felde das Steynenhus drittehalp morgen, item by Bonifacienburnen sehs morgen, item an dem Holtzwege vonff morgen, item gein Aleyburnen andirhalp morgen“.

Im Niederfeld, Im Steinhausen, Am Holzweg sind heute noch in Windecken bekannt. „Es widerspricht jeglicher Logik“, folgert Heinrich Quillmann, „ausgerechnet das dazwischen erwähnte Grundstück Bonifatiusbrunnen weitab in der Heldenberger Gemarkung zu suchen“. Er vermutet ihn vielmehr in der Nähe des Holzweges.

Aus der Flurnamen-Forschung des Nidderauers Bernd Vielsmeier zieht Quill­mann weitere Argumente: Er findet in der von ihm vermuteten Richtung alle Indi­zien, wie man sie andernorts zum Beleg für die Durchreise des wichtigen Leich­nams anführt: Einen „Bonifaziusacker“ in einer Windecker Flurkarte von 1862, die Flur „An der Ruhhecke“ (möglicher Hin­weis auf eine Rast der Prozession), „Am Heiligenstock“ und „Am Kreuzweg“ - alles in wenigen hundert Metern Umkreis.

Was fehlt, ist der Brunnen: Doch dessen frühere Existenz erscheint Quillmann plausibel. Es finden sich im Umfeld des Holzwegs zahlreiche Quellen und Brun­nen, einige namenlos, einige im Lauf der Zeit versiegt. Quillmanns Mut versiegt nicht: „Leider nicht überliefert ist der Na­me der Quelle, die im Bereich des Bonifati­us-Ackers bzw. im Bereich der Ruhhecke oder auf dem Acker über der Klinge (1454) gesprungen ist, und den darunter liegenden „Wasserfall“ (1588) gespeist hat. Es ist denkbar, daß es sich hier um die gesuchte Bonifatius-Quelle gehandelt hat.“

Wieder eine andere Theorie vertritt Peter De­cker vom fürstlichen Archiv Ysenburg-Bü­dingen: Anno 754 sei der Leichnam des Bo­nifatius von Mainz nach Fulda überführt worden, in frommer Prozession via „Schwarze Platte“. Das Hochplateau „Schwarze Platte“ liegt bei Ober Mockstadt (Luftlinie zum Limes fünf, sechs Kilometer) und wird so genannt wegen der einstigen Köhlereien. Ob der Weg des Leichnams über den Höhenweg respektive Her­renweg oder die Alte Frankfurter Straße oder Rechte Nidder Straße, ist ungewiß: Wo genau die Route verlief, darüber strei­ten noch die Gelehrten.

Daß das Planungsteam der Bonifatius-Route die Erkenntnisse des interessier­ten Laien noch berücksichtigt, ist nicht si­cher. Laut der Wetterauer Kreisarchäologin Vera Rupp, die den Weg mit anregte, erhebt der Weg keinen detailgenauen Anspruch. Vielmehr gehe es darum, eine zum Wandern gut nutzbare Strecke auszuweisen. Berühren sollte diese gute Einkehrmöglichkeiten und Bahnhöfe beziehungsweise Parkplätze. Sie soll auch Sehenswürdigkei­ten in einem fünf Kilometer breiten Korri­dor ansteuern. Dabei werde man unabhängig von der vermuteten historischen Route auch Windecken berücksichtigen.

Auch Landrat Karl Eyerkaufer legte Wert darauf, daß der Lei­chenzug des heiligen Bonifatius

auch den Main-Kinzig-­Kreis durchquerte. Anläßlich des 1250. Jahrestags im Som­mer 2004 soll der historische Weg für Wan­derer und Pilger erschlossen und vermark­tet werden. Entsprechend der Route seien mehrere Landkreise und Städte aus der Region an den Vorbereitungen beteiligt. Für den Kreis koordiniert das Zentrum für Regionalgeschichte die Wegführung. Neben historischen und kulturellen Be­sonderheiten sollen auf der Bonifatiusrou­te auch landschaftliche, kulinarische und touristische Attraktionen in den Vorder­grund gerückt werden. Die Organisatoren wollen mit einer Karte, einem Logo und ei­nem Internet-Auftritt für das Projekt werben, kündigte Eyerkaufer an.       

Im Jahre 1993 fanden Archäologen bei einer Ausgrabung in der Oberburg in Nidderau-Helden­bergen eine Keramik-Wasserflasche. Dieses Fund­stück aus dem ehemaligen Wirtschaftsgarten der Burg datiert aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, berichtet Gretel Callesen. Zwei Henkel zierten die gefundene Flasche, die wie ein kleines Faß aussieht. Die Henkel dienten zum Festschnallen am Gürtel, darum wurde diese Flasche auch Pilgerflasche ge­nannt.

Dieser Fund ist zwar um 500 Jahre zu jung, könnte aber ein Hinweis sein, daß der Leichnam des heiligen Bonifatius nach seinem Märtyrertod an der Nordsee im Jahre 754 auf dem Weg von Mainz nach Fulda tatsächlich durch Nidderau kam. Zu Fuß in fünf Tagen ist diese rund 180 Kilometer lange Strecke damals zu­rückgelegt worden - das ist überliefert.  „Dabei durch das heutige Nidderauer Gebiet zu laufen, ist der einzige vernünftige Weg, um in dieser Zeit diese Strecke zu schaffen“ so Gretel Callesen.

Sie bezweifelt, ob der  Bonifatius-Acker ein ernst zu nehmender Hinweis auf die Route aus dem Jahre 754 ist, denn: „Flurnamen sind nicht so alt.“ Für sie ist interessanter, daß Hel­denbergen eine der wenigen Stationen auf der Bonifatius-Route ist, wo es archäologi­sche Siedlungsfunde aus der betreffenden Zeit gibt. Heldenbergen ist zwar erst 839 erstmals erwähnt, Funde um die Oberburg und im alten Ortskern belegen aber ältere Ansiedlungen aus der Zeit des Bonifatius. Und Siedlungen markierten schon immer den Verlauf von Straßen und Wegen.

Die ka­tholische Kirche in Heldenbergen stammt vermutlich aus dem 13. Jahrhundert und steht auf einem echten Hügel. Vielleicht war sie früher sogar eine Wehrkirche, so Gretel Callesen. In der 1753 auf den Grundmauern eines gotischen Got­teshauses erbaute Kirche 1954 anläßlich einer Bonifatius-Wallfahrt von Fulda nach Mainz einige Reliquien des Apostels der Deutschen.

Der Bonifatiusweg habe sich in erstaunlichem Umfang bis heute erhalten, bis Heldenbergen sogar auf den alten römischen Straßen. Für die Wetterau bedeutsam sind der dritte Tag, als die Prozession am 11. Juli von Kalbach über Heldenbergen und Windecken führ­te, und der vierte Tag, als die Prozession in der Mitte des Sieben-Tage-Marsches in Glauberg Station machte.

Der Zug, der von dem Mainzer Bischof Lullus und dem Fuldaer Abt Sturmius angeführt wurde, hatte am Bonifatiusbrunnen in Kalbach die Nacht verbracht. Über die heutige Bonameser Hainstraße und die Steinerne Straße von Nieder-Eschbach ging es die neun Kilometer bis zum Schäferköppel bei Kloppenheim, wo eine Mittagsrast gehal­ten wurde. Hier lag das Petterweiler Hoch­gericht in der Nähe. Der Zug war von weit her zu sehen und sicher ein Magnet für Schaulustige.

Weiter ging es über Kloppenheim ent­lang der heutigen B 3 bis zum Süden von Okarben. Am Lachenweg wurde die Nidda überquert. Die Kreisstraße nach Helden­bergen ist fast identisch mit der alten Rö­merstraße. Dort macht der Weg einen Knick bis zur Bonifatiusruhe vor Helden­bergen. Dort gibt es zwei Bonifatiusäcker (nicht Heldenbergen, sondern Windecken). Vogel hält die zwangsläufige wissenschaft­liche Kontroverse für inzwischen geklärt und nennt den Acker oberhalb von Wind­ecken, den Ohlenberg, auf dem heute ein Hochbehälter steht, als Rastplatz vom 11. auf den 12. Juli.

Vogel ist sich sicher, daß sich der Zug dann nicht durch das Nidder­tal bewegt hat, sondern über die Hohe- ­oder Reffenstraße bis nach Glauberg führ­te. Das war ein großer Verwaltungsmittel­punkt. Der Sattel zwischen Glauberg und dem Enzheimer Kopf bot sich wie schon in keltischen Zeiten (Vogel) für einen fei­erlichen Zug und den Höhepunkt der gan­zen Veranstaltung förmlich an. Als Rast­platz kommt für Vogel die Stelle der Kir­che von Glauberg, die Mutterkirche des ge­samten späteren Landgerichts Ortenberg, in Betracht. Für diese Stelle als Rastplatz spreche, daß die Kirche nicht auf dem Berg, sondern an einen Abhang gebaut wurde.

Die Bonifatiusroute führt von Windecken zum einsam gelegenen Hof Buchwald. Auf dem rund einstündigen Fußmarsch entlohnt der Gang durch historische Obstwiesen für ansteigendes Gelände. Weitere Belohnungen warten am Hof Buchwald, wo Roland Vogel mit seiner Frau einen Biohof-Laden betreibt. Von diesem Aussichtspunkt schweift der Blick vom Taunus, über Vogelsberg, Spessart bis hin zum Odenwald. Von hier aus ist auch die Glauburg zu sehen.  Weiter geht es auf den gut 90-minütigen Marsch Richtung Eichen. Wieder geht es durch Nidder-Auen, bis gegen 15 Uhr das Ziel erreicht ist - die evangelische Kirche in Eichen.

 

Engelthal:

In einem kleinen Waldtal nahe hei Höchst an der Nidder stifteten im Jahr 1268 die Ritter von Buches und Karben ein Zisterzienserinnenkloster. Dieses  „Kloster der Heiligen Maria im Thal der Engel“ blühte rasch auf. Im dreißigjährigen Krieg geplündert und gebrandschatzt, wurde es von 1666 bis 1750 barock wieder aufgebaut. Bereits 1803 wurde das Kloster durch die Säkularisation aufgehoben, die Nonnen mußten das Haus verlassen. Aus der Anlage entstand ein Hofgut. Die Kirche blieb als katholische Pfarrkirche erhalten.

Nachdem in Altenstadt eine neue katholische Kirche erbaut worden war, erwarb das Bistum Mainz den Klausurbezirk des alten Klosters vom letzten Besitzer zurück. Am 1. Mai 1962 begannen 20 Benediktinerinnen aus der Abtei vorn Heiligen Kreuz zu Herstelle (Weser) hier neu mit dem klösterlichen Leben.  Im Jahr 2004 zählt der Konvent 30 Frauen im Alter zwischen 29 und 95 Jahren. Als Gemeinschaft von Schwestern teilen sie ihren Glauben und ihren Alltag miteinander. In Gottesdienst und Gebet, Arbeit und Lesung, in Zeiten des Allein- und Gemeinsam-Seins und in der Aufnahme von Gästen verwirklicht sich ihre Suche nach Gott.  Zum Erwerb ihres Lebensunterhaltes führen sie ein Gästehaus, eine Buch- und Kunsthandlung und eine Restaurierungswerkstatt für Gemälde und Skulpturen.

Wie vor Jahrhunderten der Benediktinermönch Bonifatius, seine Mitarbeiterin Lioba und später die Zisterzienserinnen gestalten die Benediktinerinnen der Abtei Kloster Engelthal ihr gemeinsames Leben nach der Regel des Heiligen Benedikt. Dieses „Leitbild“ übersetzt das Evangelium in eine konkrete Lebensform. damit in unserer Welt Gott verherrlicht werde. Benedikt ist der Begründer ihres Ordens, der nahe Rom das berühmte Kloster Monte Cassino errichtete. Eine große Statue dieses heili­gen Mannes aus Nursia ziert den Altar der Klosterkirche. Der Tag und das Leben im Klos­ter sind vom gemeinschaftlichen Gebet ge­prägt. Fünfmal täglich beten die Schwes­tern gemeinsam. Der erste Gottesdienst ist um 6 Uhr morgens, der letzte um 20.20 Uhr, dann fließen ihre Eindrücke der Tagesschau in ihre Gebete mit ein. „Ora et labora“ - bete und arbeite - heißt es bei Benedikt. Und noch heute halten sich die 33 Schwestern des Klosters Engel­thal daran.

Benedikts Mönchsregel für das Zusammenleben innerhalb des Ordens seien von Boni­fatius gefördert und verbreitet worden, sagen die Nonnen Aber  das Kloster hat eigentlich nichts mit Bonifatius zu tun, aber es ist das einzige bewirtschaftete Kloster an der Route.

 

Lißberg:

In Lißberg ist auch ein Musikmuseum (bei der Burg) mit Dudelsack und Drehleier, eine Kirche von 1618 und eine sehenswerte gut erhaltene Burg.  In sanften Windungen führt der Weg über die freie Kuppe inmit­ten der Wiesen und Felder. Oben ange­langt ist der Blick über weite Täler, Nadel­wälder und goldene Getreidefelder fast atemberaubend. Der Weg wird bald zu einem Hohlweg wird. In der Gruppe aus alten Bäumen taucht unerwartet die Überraschung auf: die Ruine der Schafskirche bei Ortenberg-Lißberg. Nur eine Mauer der kleinen Kirche stand sichtbar inmitten des Wäldchens - völlig unvermittelt. Ob Bonifatius tatsächlich einmal an der Stelle rastete, an der später, um das Jahr 1500, die Schafskirche entstand, ist zweitrangig.

Die erstmalige Erwähnung der Kirche findet sich in Urkunden des 16. Jahrhunderts. Die kleine Kapelle wurde als einfacher Rechteckbau wohl im 15./16. Jahrhundert errichtet und weist keine Vorgängerbauten auf. Auch spätere Umbauten sind nicht zu erkennen. Es gibt Reste ei­nes Altars, aber es habe sich gezeigt, daß die Ruinen der Schafskirche nicht direkt mit dem Leichenzug des Bonifatius in Ver­bindung zu setzen sind. Mitte des 18. Jahrhunderts wird sie schon als Ruine beschrieben. Im Jahr 2002 wurde mit einer archäologi­schen Untersuchung begonnen. Indes wird die Ruine restauriert. Sie soll neben vielen anderen ausgewiesenen Orten als Andachtsplatz für Wanderer und Pilger dienen.

 

Auf dem Weg nach Fulda:

Von Hirzenhain geht es weiter nach Merkenfritz und dann links ab nach Steinberg. Dort steht die Weidenkirche, eine Kirche im Freien, von Weidenbögen überdacht, angepflanzt 2003. In Gedern ist ein Schloß, in dem heute die Stadtverwaltung und ein Hotel untergebracht sind. An der Straße von Gedern nach Schotten steht ein Wegweiser „Stumpe Kirche“, eigentlich Marcellinus-Kapelle. Der „Helgenstein“ stammt aus der „Stumpen Kirche“ und wurde außen in die Kirche von Burkhards eingemauert. Von dort ist er aber immer wieder nachts verschwunden, weil er an seinen ursprünglichen Ort zurück wollte.

Kaulstoß (nordöstlich Gedern) ist das Dorf der Brücken. Etwa 100 Meter oberhalb verläuft die rechte Nidderstraße als Teil der Bonifatiusroute. An der Herchenhainer Höhe ist die „Bonifatiuskanzel“. Die Teufelsmühle in Ilbeshausen hat ihren Namen nach dem Pächter Hans Teufel.

 

Ein weiteres Ziel ist  die Wallfahrtskir­che Kleinheiligkreuz bei Fulda. Am östlichen Ausgang von Klein-Lüder geht eine geteerte Straße ab nach der Wallfahrtskirche Kleinheiligkreuz. Vor der Hessenmühle geht es links ab zu der Kirche. Nach der Überlieferung hat der Zug mit den Gebeinen des Heiligen Bonifatius im Jahr 754 hier die letzte Rast eingelegt. An den Rastplätzen hatte man jeweils Kreuze, welche die Buchstaben H-B-Q (hic bonifatius quivit = Hier ruhte Bonifatius) trugen, aufgestellt. So könnte der Ort, der am  Schnittpunkt der vorgeschichtlichen Antsan­via mit dem Ortesweg liegt, an jenes Kreuz erinnern. Im Jahr 1348 gründete Herrmann von Hammelburg, Mönch des Klosters Fulda, hier im stillen Tal der Kalten Lüder eine Einsiedelei, die bis zur Säkularisation 1803 bestand.

Der Neuenberger Probst und Stiftsdechant Adalbert von Schleifras ließ 1692 die jetzige Kapelle mit Einsiedlerwohnung errichten, die er dem Heiligen Kreuz weihte. Nachdem die Kapelle 1805 profaniert und zur privaten Nutzung verkauft worden war, erwarb es der bischöfliche Stuhl zu Fulda 1913. Er stellte sie wieder her und benedizierte sie zu Ehren des Heiligen Kreuzes und des Heilig Rhabanus Maurus. Heute gehört Kleinheiligkreuz politischen Gemeinde Großenlüder und zur Pfarrei Kleinlüder.

Die Kirche hat einen Hochaltar, eine Schnitzplastik von Bonifatius und Nepomuk und mit Bildern gestaltete Kreuzwegstationen. Bei der Kirche ist der Jagdhof, eine Gaststätte. Hinter der Kirche sind ein Spielplatz und ein kleiner Friedhof. Unterhalb der Kirche ist ein Gatter mit Haustieren.

 

Fulda:

Bonifatius steht für die Grün­dung des Klosters und damit auch der Stadt Fulda  sowie für die Verwurzelung des christlichen Glaubens in dieser Re­gion. Das lernen schon die Grundschüler in Heimatkunde in sämtlichen Schulen des Landkreises. Die Stadt trägt bisweilen den Beinamen „Bonifatiusstadt“ .Keine kommunalpolitische Rede zu fest­lichen Anlässen oder Oberbürgermeister­einführungen, in der nicht der benedikti­nische Bistums-Heilige vorkommt. Aller­dings berufen sich vorzugsweise Christde­mokraten und Katholiken auf den „bonifa­tianischen Geist“.

Beim Besuch von Papst Johannes Paul II. in Fulda 1980, der in der Gruft des Do­mes am „Bonifatius-Grab“ gebetet hat, wa­ren zwar auch Protestanten vom charisma­tischen Aufruf zur christlichen „Neumissio­nierung ....durch Euer im Geist des Heili­gen Bonifatius geformtes Zeugnis“ beein­druckt. Doch im Alltag haben die Evange­lischen  mit dem „Apostel der Deutschen“ deutlich weniger am Hut.

Namensgeber ist der Märtyrer in der Re­gion nicht nur für Schulen, Bildungshäu­ser und Verkehrswege. Am Fuldaer „Boni­fatiusplatz“ steht sein Denkmal in Bronze gegossen seit 1842. Frisch restauriert, hält das Standbild in der Linken die offene Bibel und in der Rechten ein Kreuz, mah­nend in Richtung Stadtschloß und Sitz der Stadtverwaltung gerichtet. Hier ziehen auch die Prozessionen an katholischen Feiertagen vorbei, das „Bonifatuslied“ singend, dessen Text irgendwie in al­le Jahrhunderte paßt: „Oh heil’ger Bonifa­tius, führ’ uns aus diesem Jammertal, in dem wir uns befinden ...!“

Fern religiöser Nutzung gibt es nur zaghafte Triebe eines „Boni-Kultes“: Touristen können in allen Buchhandlungen und im Dommuseum Bü­cher über den Heiligen kaufen. Doch der „Boni­fatiusbecher“ eines italienischen Eis­salons stand nur kurz auf der Karte. Und die „Bonifatius­praline“ - feinherber Trüf­fel mit Champagner, 100 Gramm zu 4 Euro 30 - als Mitbringsel kennen auch nur Ein­geweihte. Der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Hamberger beschrieb im Buch über seine 30 Amtsjahre, daß er häufig am Heiligen-Grab „Bonifatius, was meinst du?“ gefragt habe. Solch persönliches Zwie­gespräch war und ist die Ausnahme.

 

Bonifatiusweg in  Thüringen

In Thüringen  gibt es einen „Bonifatiusweg“. Der „Apostels der Deutschen ist zugleich Bistumsheiliger von Erfurt. Für viele nicht bekannt, spielte Thüringen als Ausgangspunkt für sein Wirken eine wichtige Rolle.

Im thüringischen Ohr­druf ist der erste gesicherte Ort, in dem um das Jahr 725 der heilige Boni­fatius sein erstes Kloster im heutigen Mitteldeutschland gründete. In der um 760 durch den Priester Willibald geschriebenen Lebensbeschreibung des Missionars sieht im 6. Kapitel: „Als nun die Menge der Gläubigen all­mählich zunahm und zur gleichen Zeit auch die Zahl der Prediger sich vervielfältigte, wurden auch Kirchen hergerichtet und in einem Orte na­mens Orthorp (Ohrdruf) ein Kloster errichtet.“

Nach der „Vita Bonifatii“ des Pries­ters Willibald wählte er Thüringen als Ausgangspunkt seiner Mission, um „... die wilden Völker Germaniens zu be­suchen und zu erforschen, ob die un­bebauten Gefilde ihrer Herzen von der Pflugschar des Evangeliums be­ackert seien und den Samen der Pre­digt aufnehmen wollten ...!“

In Thüringen gab es zu dieser Zeit schon Christen. Einige davon waren als fränkische Beamte nach Thürin­gen gekommen. Andere wurden durch Bischof Willibrord und seine Priester zum christlichen Glauben be­kehrt, der im Jahre 704 Güter in Arn­stadt, Mühlberg und dem schwer lo­kalisierbaren „Monhore“ von dem Würzburger Herzog Heden bekam. Vielleicht hat auch schon ein kleines Peterskloster in Erfurt bestanden. Lei­der ist diese Nachricht von 706 unsi­cher, da sie mit Sicherheit um 1200 ge­fälscht wurde.

Wieder andere haben ihren Glauben durch iro-schottische Mönche erhalten, die im 7. Jahrhun­dert in Würzburg und Umgebung nachweisbar sind. Womöglich waren auch noch wenige Reste eines ariani­schen Christentums der Königin Amalaberga (um 500 bis 531), der ost­gotischen Ehefrau des Thüringer Kö­nigs Herminafried, vorhanden.

Es gab also ein vielgestaltiges christli­ches Leben. Die meisten Bewohner Thüringens aber hielten sich zu den alten germanischen Göttern und suchten auf dem Donnershaugk, den Ziegenbergen, heiligen Hainen und Quellen ihre Götter Donar, Wodan, Thor und ihr Gefolge anzubeten. Bo­nifatius suchte nun dieses nordöstlichste Grenzland zu den heidnischen Sachsen und Slawen als Ausgangs­punkt seiner Mission aus.

 

„Der heilige Mann redete also in Thüringen nach dem ihm gewordenen Befehl des apostolischen Pries­ters die Stammeshäupter und die Fürsten des ganzen Volkes mit geist­lichen Worten an und rief sie zurück auf den Weg der wahren Erkenntnis und zum Lichte der Einsicht, das sie schon lange, und zum größten Teil, von schlechten Lehrern verführt, ver­loren hatten ... !“ berichtet Willibald.

Kaum in Thüringen, erfuhr er, daß der Friesenherzog Radbod gestorben war. Hier sah er nun eine Chance für die Mission Frieslands. Er fuhr über Franken den Rhein entlang bis nach Utrecht und wirkte drei Jahre unter Bi­schof Willibrord. Schließlich sollte er dessen Nachfolger werden. Doch Bo­nifatius lehnte ab und zog wieder nach Rom. Dort wurde er 722 zum Missionsbischof ohne festen Sitz ge­weiht und verließ Rom mit einem Empfehlungsschreiben an Karl Mar­tell und an thüringische Große.

Er begab sich zum Hausmeier Karl Martell (Vorsteher der königlichen Verwaltung) und bekam auch von ihm einen Schutzbrief. Nun begann seine Wirksamkeit im thüringisch-hessi­schen Missionsgebiet. Er fällte bei Geismar in der Nähe Fritzlars in Hes­sen die Donareiche, gründete die hes­sischen Klöster Amöneburg und Fritz­lar und das Kloster Ohrdruf in Thürin­gen. Ob er zu dieser Zeit auch schon in Erfurt wirkte, ist noch unklar, aber wahrscheinlich, wenn wir der Vita des Bonifatiusschülers Gregor von Utrecht glauben dürfen.

So begann nun zu Beginn des achten Jahrhunderts der christliche Glaube in Thüringen sich zu festigen und zu verbreiten. Diesen Glauben zu bekennen, war nicht ganz ungefährlich. Das erfährt man  aus dem im Dezember 722 geschriebenen Brief Papst Gregor II. an Thüringer Fürsten: „Den erlauchten Männern, seinen Söhnen Asolfus, Godolaus, Wilareus, Gundhareus, Alvoldus und allen gottgeliebten Christgläubigen Thüringern Papst Gregorius. Als wir die uns mitgeteilte Standhaftigkeit Eures herrlichen Glaubens in Christus erfuhren, das Ihr den Euch zum Götzendienst drängenden Heiden glaubensfest die Antwort gegeben habt, Ihr wolltet lieber glückselig sterben als die einmal gewonnene Christgläubigkeit irgendwie verletzen, hat uns das mit großer Freude erfüllt ...!“

 

In Thüringen gibt es 31 evan­gelische Kirchen, die den Namen des Bonifatius tragen. Mit Bonifatius wird vor allem das Fällen der Donareiche bei Geis­mar verbunden, die den Heiden die Macht des Christengottes beweisen sollte. Das Bild des „Eichenfällers“ ist in der Kirche zu Alten­beichlingen ganz oben in der Kirche in einem Schluß­stein zu sehen.

Bonifatius war auch „Schulmeister“, als sich das Christentum unter den Ger­manen ausbreitete, Klöster mit Schu­len gegründet wie in Ohrdruf. Er hat Wert darauf gelegt, daß Kinder christ­lich erzogen werden.

Befremd­lich ist, daß für den Mis­sionar der Papst in Rom als „Zentrum der Christenheit“ galt. Überhaupt war Bonifatius eher obrigkeitsorientiert. Heute würde man sagen, er leitete ein Großunternehmen und verhandelte auf der Leitungsebene.  Der Schutz des Staates ist ihm wichtig gewesen. Er wurde nicht in der Verteidigung seines Glau­bens ermordet, sondern von Räubern, die sich reiche Beute erhofft hatten.

In der Kirche am Marktplatz von Sömmerda befindet sich ein Gemälde, das 1491 in einer Erfurter Werkstatt  gemalt wurde. Es zeigt, wie der Bischof angeblich eine geistliche Rechtsschrift vor sich ge­halten haben soll und die durchbohrt wurde.  Sie ist aber wohl von den Räubern im Nachhinein aus Wut zerstört worden, weil keine Beute zu machen war.

Seit 1811 der Kandelaber bei Alten­bergen errichtet wurde, wird zum Pfingstmontag dort um 14 Uhr ein Gottesdienst gefeiert, der an die Er­bauung der ersten Kirche Thüringens erinnert. Wenn dies auch wissen­schaftlich umstritten ist, so zeugt der Kandelaber doch von der Erneuerung des Bonifatiusgedenkens seit der Zeit der Romantik. Er spielt seitdem für das Bonifatiusgedenken in Thüringen eine wichtige Rolle.

In Ohrdruf ist ab etwa 760 die Gründung des Klosters durch den Biografen Willibald bezeugt (der nicht zu ver­wechseln ist mit dem Bischof Willi­bald). Ohrdruf war mit seiner frühen Klostergründung das geistliche Zen­trum Thüringens mit einer Schule für einheimische Kinder und werdende Priester, wie es der Brief 103 bezeugt. Dort steht: „... seitdem ich ... um zu lesen und zu forschen ... nach Thüringen gekommen  bin...“.

 

In Sülzenbrücken bei Neudieten­dorf hatte Bonifatius den Priester Wunnibald über sieben Kirchen einge­setzt, deren Orte man aber nicht ken­nt. Außerdem hatte Bonifatius dort seinen Vertrauten Willibald als Mis­sionsbischof geweiht. Es ist unklar, ob er für den Bischofssitz in Erfurt vorge­sehen war. Im Jahre 742 schreibt Boni­fatius an Papst Zacharias, daß er drei Bischöfe bestellt und die Provinz in drei Sprengel eingeteilt habe: „Ein Bischofssitz, so haben wir bestimmt, soll in der Burg sein, die Würzburg heißt; und der zweite in der Stadt, die Büraburg heißt; der dritte an der Stelle, die Erfurt heißt, diese war ehe­dem eine Stadt ackerbauernder Hei­den“.

So gibt es mit drei gesicherten Orten und Altenbergen, mit einer spä­teren Überlieferung, wich­tige nach­weisbare Wirkstätten des Bonifatius in Thüringen. Sie spiegeln auch wichtige Schwerpunkte der Arbeit des Bonifatius in Thüringen wider. Altenbergen zeugt von der Verbin­dung des Missionsbischofs Bonifatius mit dem einheimischen und fränki­schen Großen  „Asolf, Godolaus, Wila­reus, Gundhareus, Alvoldus und allen gottgeliebten Gläubigen“, die später zu Adelsgeschlechtern wurden. Ihre Hilfe brauchte er eben, um in Thüringen Fuß zu fassen.

 

Man darf sich das Wirken in die­sem achten Jahrhundert nicht zu pri­mitiv vorstellen. Zwar waren die Wege über den Thüringer Wald noch nicht gepflastert, aber die tiefen Fahrspuren der Altwege lassen auch heute noch auf eine alte Befahrung schließen. Bonifatius hatte auf seinen Reisen ständig briefliche Verbindung nach Rom, mit Angelsachsen, Baiern, Fries­land, Hessen und Thüringen. Das er­forderte einen sehr hohen organisatori­schen Aufwand mit einem Archiv, einer kleinen Bücherei und der Aufbe­wahrung und Weiterreichung von Re­liquien.

Er selbst war dreimal in Rom und schickte Boten mit den Briefen dort­hin, die ihn später wieder auf seinen Reisen und Aufenthaltsorten im Mis­sionsgebiet erreichen mußten. Im er­sten Jahrzehnt seines Wirkens auf dem Festland als Missionsbischof dienten ihm die drei Klöster Amöneburg, Fritzlar in Hessen und Ohrdruf in Thüringen als solche geistliche und organisatorische Zentren, in denen er auch selbst, wenn er anwesend war, lehrte.

Mit dem Wirken des Bonifatius ver­bindet sich auch die schriftliche Er­wähnung vieler Orte Thüringens, die nach dem Tod des Bonifatius als Güter der Klöster Hersfeld und Fulda aufge­schrieben wurden.

 

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