Umwelt

 

Das Problem:

Die Menschen der vorindustriellen Zeit haben unter einfachen Weltverhältnissen gelebt, die leicht zu überschauen und ihrer Einheit zu begreifen waren. Sie waren von der übermächtigen Natur abhängig und verbrauchten im Wesentlichen nur das, was die Natur alljährlich hervorbrachte: sie lebten von den Zinsen, ohne das Kapital anzugreifen.

Seit Beginn der Neuzeit entwickelte sich aber eine Arbeitsteilung und Industrialisierung, durch die ein höchst kompliziertes System von Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Versorgung und Dienstleistung entstanden ist. Dem Menschen ist dadurch die Unmittelbarkeit der

Beziehungen zur Umwelt verlorengegangen.

Parallel dazu haben sich Veränderungen in der sozialen Existenz des Menschen ergeben. Großfamilie und Dorfgemeinschaft haben sich aufgelöst. Der Menschwurde vereinzelt und vielfach zum Individualisten und Egoisten. Das Rücksichtnehmen auf den Mitmenschen und

Die Umwelt wurde verlernt.

Der einzelne Mensch hat den Blick für das Ganze verloren. Er übersieht nur noch einen Teilbereich und fühlt sich nur noch dafür verantwortlich. Er meint, die Natur bändigen zu können und in Zukunft sogar alles zu können. Bestätigung findet man         nicht mehr in einer religiös begründeten Heilsgewißheit, sondern indem man sich durch Leistung vor den anderen aus­zeichnet (Faust).

Aus dieser Geisteshaltung heraus entstanden das Bedürfnis nach Macht, das Vorausplanen nur für kurze Zeit, die Verachtung der Leistungsschwachen, der Fortschrittsglaube. Dabei sah man vor allem den Fortschritt vor allem im Bereich von Naturwissenschaft, Technik und materiellen Produktion, nicht in menschlichen Belangen, sozialen Beziehungen und der Erhaltung der Umwelt.

Es hat sich eine Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Machbaren und Gemachten ergeben.

Es entstand eine Überflußgesellschaft und gar eine Wegwerfgesellschaft. Der Mensch des industriellen Zeitalters hat sich daran gewöhnt, Energie und Naturschätze in einer Weise zu vergeuden, die jedes Verantwortungsbewußtsein gegenüber den nichtindustrialisierten Ländern und den nachfolgenden Geschlechtern vermissen läßt.

Weil es so leicht wurde, Sachgüter herzustellen und zu erwerben, strebte man nach dem Besitz von Sachgütern, die gar nicht immer einem echten Bedürfnis entsprechen. Bedürfnisse werden dem Menschen eingeredet, Askese gibt es nicht mehr, Grenzen möchte man so bald wie möglich überwinden. Es gibt keine Hemmung mehr, alles zu tun, was der menschliche Geist kann.

So kommt es zu einer Entfremdung von der Umwelt, aber auch von Gott. Das Umweltverhalten des industriezeitalterlichen Menschen entspricht nicht mehr den biblischen Normen, sondern erfüllt den Tatbestand der Sünde als der Abkehr von Gott. Wer aber etwas von der Allgewalt Gottes begriffen hat, muß sich in die Verantwortung und Sorge um Gottes Schöpfung aufgerufen fühlen und Schaden und Zerstörung von ihr abwenden.

Zwar sind bisher immer noch neue Vorkommen von Bodenschätzen und neue Technologien erfunden worden, aber der Aufschwung der verarbeitenden Industrie ist nicht einhergegangen mit einem Fortschritt bei der besten Nutzbarmachung der Rohstoffe und Materialien. Nur ein Drittel der erzeugten Produkte sind erwünscht, zwei Drittel sind Abfälle, die durch umweltfreundliche Technologien in einer Sekundärrohstoffwirtschaft (Recycling) wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden sollten

Der Mensch hat heute eine Wahl zu treffen, die in einschneidender Weise die Zukunft seiner Kinder und sogar der ganzen Menschheit bestimmen wird. Vergangen ist die Meinung, daß alles möglich ist in der besten aller Welten, daß wir unseren Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten können. Die Illusion ist zerstört, daß der Mensch seine wirtschaftlichen Ziele ohne Rücksicht auf die natürliche Umwelt verfolgen kann. Aber die alten Einstellungen und Verfahren bestimmen immer noch die Gestaltung des Lebens der Menschen in entscheidender Weise.

Bisher wurden nur leichte Maßnahmen durchgeführt, die wirklich schwierigen Entscheidungen liegen noch vor uns. Sie können nicht allein von den Regierungen getroffen werden, sondern sie müssen von der Bereitschaft der Menschen getragen werden, neue Werte und Verhaltensmaßstäbe anzuerkennen.

An sich sind solche Wert wie Liebe für den Nächsten, Ehrfrucht vor dem Leben und treue Haushalterschaft über die zur Verfügung stehenden Mittel nicht neu. Neu ist aber die Notwendigkeit, sie organsiert fortzuentwickeln und in der Gesamtheit zur Geltung zu bringen. Das Denken in eigenen Kategorien des individuellen und nationalen Interesses ist heute zur größten Gefahr für unser materielles und geistiges Überleben geworden. Das Streben nach höheren materiellen Voraussetzungen soll nicht ganz ausgeschaltet werden, aber es soll kontrolliert und in andere Bahnen gelenkt werden, ausgehend von einem umfassenden Einsatz für die Interessen der Allgemeinheit.

In diesem Sinne können sich schon die Einzelnen wandeln und brauchen nicht auf die Gesellschaft zu warten. Die Macht ihres Beispiels sollten sie nicht unterschätzen. Die Kirche kann an dieser ungeheuren Aufgabe entscheidend mitarbeiten. Gelingt es ihr nicht, die Herausforderungen des Umweltschutzes an ihre Glieder heranzutragen, dann wird auch die Menschheit die friedliche Revolution der Wertvorstellungen und die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft nicht vollbringen können, die Voraussetzungen für das Überleben sind.

 

 

Rohstoffe - Müll - Energie

Rohstoffe: Wegwerfen erlaubt?

Der „Club of Rome“, eine internationale Wissenschaftlervereinigung, hat in seinem ersten Bericht das Ergebnis einer Computeranalyse in Massachusetts mitgeteilt. Danach reichen die nicht-regenerierbaren Rohstoffe bei regelmäßig steigendem Verbrauch zum Teil nur noch Jahrzehnte (Silber, Zinn, Wolfram, Quecksilber). Die etwa 770 Millionen Tonnen Chrom werden in 150 Jahren erschöpft sein. Das Erdöl reicht höchstens noch 40 Jahre. Der Welt­ernergiebedarf verdoppelt sich aber alle elf Jahre. Auch wenn man die Rohstoffe und Nahrungsmittel verdoppelt, ergibt sich dadurch nur ein geringer Verzögegerungseffekt der Katastrophe.

Eines Tages werden wir die nicht-regenerierbaren Rohstoffe aufgebraucht haben. Schwerwiegender ist aber noch das Problem der regenerierbaren Rohstoffe, die wir der Eigenschaft des Nachwachsens berauben. Anschauliches Beispiel dafür ist das Holz, dessen Bestand auch bei uns abgenommen hat.

Die Erschöpfung der nicht-erneuerbaren Rohstoffe kommt eines Tages sowieso. Die Vernichtung der erneuerungsfähigen Rohstoffe (Äcker, Weiden, Wälder, Fischgründe) ist aber nicht zwangsläufig. Jede dauernde Verringerung der Erneuerungsfähigkeit aber beeinträchtigt künftiges Leben quantitativ oder (und) qualitativ. Auch mit den erneuerbaren Rohstoffen müssen wir äußerst haushalterisch umgehen.

Der rasche Verbrauch an nicht erneuerbaren Rohstoffen hat zu einer Bevölkerungsexplosion geführt. Wenn aber diese Quellen versiegen, besteht die Gefahr, daß man auch die erneuerbaren Rohstoffe angreift, um die bisherigen Wachstumsraten zu halten.

Bis vor 200 Jahren bot die Natur genug Vorrat für den Bestand der Menschheit. Heute greifen wir auch die fossilen Energieträger und Bodenschätze an. Die Natursysteme aber haben den Höhepunkt ihres Leistungsvermögens schon erreicht.

Der Mensch lebt als einziges Lebewesen nicht ausschließlich von der Sonnenenergie, sondern gräbt nach den Schätzen der Erde. Wir verbrauchen die Sonnenenergie früherer und künftiger Zeiten und bringen so die Natur aus dem Gleichgewicht. Wir können nicht auf die Industrialisierung verzichten, aber wir dürfen auch nicht mit dem Raubbau fortfahren, bis alle Vorkommen erschöpft sind.

Wenn wir die mutwillige Zerstörung unserer Existenzgrundlagen schon nicht vollständig verhindern können, sollten wir sie wenigstens so weit als möglich herabsetzen. Wir haben an sich nur die Wahl, die Höhe der verantwortbaren Produktion festzulegen und das Vorhandene mit Hilfe der Technologie bestens zu nutzen; nur so wären wir gute Haushalter über die Schöpfung Gottes.

Wenn wir den Pro-Kopf-Verbrauch weltweit auf den der USA heben wollten, müßten wir die Produktion auf das Sechsfache steigern. Ein solcher Nettozuwachs würde aber einen viel größeren Bruttoaufwand an Energie und Material vorausetzen, weil wir an immer schwierigeren Orten nach immer minderwertigeren Rohstoffen suchen müßten und dabei große Mengen Ausschuß in Kauf nehmen müßten. Dieser würde aber Umwelt am härtesten belasten. Der Bruttomaterialverbrauch würde rascher zunehmen als der nutzbare Netto- Ertrag.

 

Müll:

Nur ein geringer Teil der der Natur entnommenen Materie wird letztendlich genutzt, nur etwa 3 bis 4 Prozent. Der Rest geht als Abfall verloren und belastet die Natur und die Menschen. Ein Bürger in einer fernbeheizten Wohnung produziert jährlich 160 Kilogramm Hausmüll; in einer ofengeheizten Wohnung sind es 230 Kilogramm.

Die Palette des Mülls reicht von Asche bis zu Verpackungsmaterialien. Neben giftigen und kaum zersetzbaren Stoffen (zum Beispiel Plastik) gelangen auch sehr viele Rohstoffe in den Müll. Guter Umweltschutz ist aber, wenn man einen ganz kleinen Mülleimer hat.

Den Müll kann man reduzieren, wenn man auf Verpackung verzichtet, auf Haltbarkeit und Reparaturmöglichkeit der gekauften Gegenstände achtet, Dinge einer Wiederverwendung zuführt (zum Beispiel Aluminiumfolie, Rückseite von Schriftstücken).

Altpapier wird nicht verbrannt (die Druckerschwärze enthält giftige Schwermetalle), denn für die Herstellung einer Tonne Papier benötigt man 2,7 Festmeter Rohholz (= 100 Quadratmeter Waldfläche) und 1 100 bis 1 600 Kilowatt Elektroenergie (bei Altpapier nur 80 bis 400 KW). Flaschen und Gläser gehören zurückgeführt.

Wenn jeder Haushalt in einem Land wie Nordrhein-Westfalen 15 Flaschen im Jahr zurückgibt, werde 6.600 Tonnen Heizöl, 18 Millionen Kilowatt Elektroenergie und 15 Millionen Kubikmeter Gas gespart.

Plastik belastet die Müllmenge immer stärker. Doch 1 Kilogramm Plastikabfall entspricht 2 Kilogramm Erdöl oder 14 Kilowatt Elektroenergie. Ein Teil der Plastikabfälle wird zurückgenommen (für Fahrradpedalen zum Beispiel).

Metallschrott aller Art kann wiederverwendet werden, selbst Kronkorken, Konservendosen, Aluminiumfolie. Die Herstellung einer Tonne Aluminium aus Bauxit erfordert 60.000 Kilowatt, bei der Herstellung aus Schrott sind nur 3.000 Kilowatt erforderlich.

Batterien enthalten hochgiftige Schwermetalle und dürfen nicht auf dem Müll landen; sie werden von den Altstoffannahmestellen entgegengenommen. Zerbrochene Quecksilberthermometer bringt man in die Apotheke; ebenso nicht mehr benötigte Medikamente. Altöl nehmen die Tankstellen entgegen. Organische Abfälle gehören in die Futtertonne oder auf den Komposthaufen. Für Lacke, Farben und Verdünner nimmt das Schadstoffmobil.

Streusalz ist überflüssig, Schneeschieben tut es auch. Mittel zur chemischen Düngung und Schädlingsbekämpfung steigern nur kurzfristig die Erträge. Der moderne Kleingärtner orientiert sich auf eine langfristige und bodenfreundliche Nutzung des Gartenlandes, zu der er Chemikalien nur in begrenztem Maße braucht.

 

Energie:

Die Energieproduktion Deutschlands beruht immer noch auf Steinkohle und Braunkohle.

In einem Braunkohlekraftwerk mit einer Leistung von 3.000 Megawatt fallen jährlich an:

40 000 000 Tonnen Kohlendioxyd

 2 000 000 Tonnen Asche

   200 000 Tonnen Schwefeldioxid

    20 000 Tonnen Staub

Energie wird nicht erzeugt, sondern lediglich umgewandelt. Dabei entstehen überall Verluste: Aus der Primärenergie wie Kohle, Öl, Gas oder Kernbrennstoffe wird Gebrauchsenergie gewonnen wie Elektroenergie oder Fernwärme. Diese verwandelt sich durch den Verbrauch in Nutzenergie.

Der „Kraftwerk-Steckdosen-Wirkungsgrad“ beträgt nur 26 Prozent so daß nur ein Viertel der Rohenergie in Form von Elektroenergie die          Haushalte erreicht. Eine vergeudete Einheit Elektro­energie bedeutet eine Verschwendung von vier Einheiten Primärenergie.

Bei uns muß durchschnittlich an 200 bis 250 Tagen im Jahr geheizt werden. Deshalb müssen etwa. 65 Prozent der Gebrauchsenergie dafür verwandt werden. Wird die Raumtemperatur (Wohnzimmer 20 Grad) um ein Grad erhöht, steigt der Brennstoffverbrauch um 5 bis 6 Prozent. Bei einer Raumtemperatur von 18 bis 19 Grad genügt eine zusätzliche leichte Wolljacke, um die Wärmeverluste des Körpers ausreichend zu senken. Die Luftfeuchtigkeit darf nicht zu niedrig und nicht zu hoch sein. Rauchabzüge, Ofenrohre und Feuerräume müssen regelmäßig nach der Heizperiode gesäubert werden (eine Rußschicht von einem Millimeter bedeutet, daß jeder elfte Brikett umsonst verbrannt wird). Undichte Stellen (vor allem an den Ofentüren, mit brennender Kerze prüfen) senken die Heizleistung. Eine hinter dem Ofen oder dem Heizkörper angebrachte Aluminiumfolie strahlt die Wärme in den Raum zurück, die sonst durch die Wand verlorenginge.

Heizungsrohre in nicht beheizten Räumen müssen isoliert werden. Teppiche (mit Rohfilzpappe unterlegt) sind gute Wärmedämmer. Ebenso große Möbelstücke an Außenwänden. Große Fenster gehören an die Südseite des Hauses, jede Tür braucht einen Windfang. Warmes Wasser sollte man nur soviel bereiten, wie wirklich gebraucht wird. Kaltes Wasser tut es oft auch, zum Beispiel zum Händewaschen (warmes Wasser und Seife entfetten die Haut stark). Elekroboiler und Tauchsieder müssen regelmäßig von Kalkablagerungen befreit werden (Essig), denn ein Millimeter Kalk erhöht den Energieverbrauch um 10 Prozent. Einen besseren Wirkungsgrad haben die Gasdurchlauferhitzer. Doch bei diesen muß die Zündflamme nicht immer brennen. Und kleinere Mengen Wasser erhitzt man besser auf dem Gasherd.

Der Elektroherd kann schon 10 Minuten vor Ende der Kochzeit abgestellt werden. Die Töpfe dürfen nicht zu groß und nicht zu klein und nicht am Boden verbeult sein (bis 40 Prozent Verlust). Ein Deckel auf dem Topf senkt den Verbrauch um 10 Prozent, ein Schnellkochtopf

um 50 Prozent. Kocht man ein Kilogramm Kartoffeln nicht in einem Liter Wasser, sondern nur in einem Viertel Liter Wasser, so sinkt der Energieverbrauch um 25 Prozent

Im Raum sollte man die Ecke gut ausleuchten, die man gerade braucht. Eine 100 Watt Lampe gibt 50 Prozent mehr Licht ab als vier Lampen mit je 25 Watt (spricht gegen den Kron­leuchter).

Leuchtstofflampen stressen zwar die Augen, sind aber für Küche, Bad und Nebenräume geeignet. Man schaltet sie nur aus, wenn sie mindestens 30 Minuten außer Betrieb bleiben (Glühlampe 15 Minuten)(sonst ist der Energieaufwand für das Einschalten und das Herstellen neuer Birnen größer).

Für Kühl- und Gefrierschränke gilt: Je niedriger die Umgebungstemperatur und je höher die Innentemperatur des Gerätes, desto niedriger ist der Energieverbrauch. Die Senkung der Umgebungstemperatur eines Gefrierschrankes um ein Grad verringert den Energieverbrauch um 6 Prozent. Die Erhöhung der Innentemperatur eines Kühlschranks von 5 auf 7 Grad schadet in der Regel keinem Lebensmittel, spart aber 15 Prozent der Energie. Lebensmittel sollten nur abgekühlt und gut abgedeckt in den Kühlschrank gelegt werden (je mehr Feuchtigkeit aus den Lebensmitteln kommt, desto mehr Eis bildet sich auf den Kühlrippen). Das Abtauen ist gerechtfertigt, wenn die Eisschicht 2 Millimeter (Gefrierschrank 3 Millimeter) beträgt. Zweimal jährlich sind die Kühlschlangen (Wärmetauscher) zu reinigen.

Der Energieverbrauch einer Waschmaschine hängt maßgeblich von der Waschtemperatur und der Wassermenge ab, die Wäschemenge spielt eine völlig untergeordnete Rolle. Die Maschine sollte also nur betrieben werden, wenn sie voll ausgelastet ist. Die Senkung der Temperatur von 90 auf 60 C bedeutet eine Energieeinsparung von 34 Prozent. Die Spartaste moderner Maschinen sollte genutzt werden. Die Maschine sollte möglichst nicht in Spitzenbelastungszeiten genutzt werden.

 

 

Wasser: Graben wir uns selbst das Wasser ab?

Durch die Umweltverschmutzung haben besonders die Bäche und Flüsse gelitten. In früheren Jahren schleppten sie sich jetzt grau und dickflüssig dahin und hatten nur noch geringe Spuren biologischen Lebens. Die Flüsse waren künstliche Höllen, Spülklosetts für Anlieger, Kühlsysteme für Atommeiler, ölige Transportwege für Schmutz und Gifte, für Müll und schaumigen Unrat. „Die Loreley auf ihrem Felsen weiß längst, was es bedeuten soll, daß sie so traurig ist!“

Damit ist es zwar besser gewordene. Aber die Verschmutzung greift auch schon auf die Meere über. Besonders die abgeschlossenen Meere wie Ostsee und Mittelmeer leiden unter den eingedrungenen Schadstoffen. Das biologische Leben in diesen Meeren und in vielen Seen droht schon zu erlöschen (der See „kippt um“). Nach Professor Picard werden die Weltmeere jährlich verunreinigt durch 8 Millionen Tonnen Mineralöl aus Kraftfahrzeug-Abgasen, dazu 2,8 Millionen Tonnen Ölrückständen von Tankern und Ölraffinerieanlagen sowie 0,2 Millionen Tonnen Blei.

Durch die Verschmutzung der Flüsse wird die Bereitstellung einer ausreichenden Menge von Nutzwasser für Mensch und Vieh zu einem immer größeren Problem. Jährlich sterben weltweit 5 Millionen Kleinkinder an verseuchtem Wasser, 500 Millionen Menschen erkranken durch verschmutztes Trinkwasser. Rund 85 Prozent aller Menschen trinken gesundheitsschädigendes Wasser.

Der Mensch braucht physiologisch gesehen nur 2 bis 3 Liter Flüssigkeit am Tag zum Leben. Der tägliche Wasserbedarf pro Kopf der Bevölkerung liegt aber bei mehr als 500 Litern (Haushalt „nur“ 1278 Liter). Ein großes Industriewerk benötigt ein Vielfaches des Wassers einer Großstadt. .Das täglich benötigte Kühlwasser für ein Kraftwerk würde eine Turm füllen mit einer Grundfläche von 10 mal 10 Meter und 12 Kilometer Höhe.

Jedes Wasser sollte möglichst mehrfach genutzt werden. Andererseits muß das verbrauchte Wasser in gutem Zustand wieder an die Flüsse zurückgegeben werden.

 

Möglichkeiten des Umweltschutzes für den Einzelnen:

1. Eine Wasserstelle rein halten, wo Tiere trinken oder baden

2. Wasserklosett nicht für das Wegspülen eines Zigarettenstummels

3. Kein Altöl ins Wasser (1 Liter Öl verschmutzt 1 Million. Liter Wasser)

4. Keinen Hahn unnötig öffnen oder laufen lassen (auch Kaltwasser)

 

Nach der Nutzung des Wassers wird dieses als Abwasser wieder an die Natur zurückgegeben.

Der Anteil der Haushalte am Abwasser beträgt 12 Prozent. Sobald das Wasser aber den Abfluß erreicht hat, ist es Abwasser. Direkt Wasser sparen kann man, wenn man weniger Wasser verbraucht.

Indirekt Wasser sparen kann man, wenn man weniger Konsumgüter verbraucht, bei deren Herstellung viel Wasser gebraucht wird:

Die Produktion von 1 Tonne Stahl     erfordert       50 Tonnen Wasser

1 Tonne Farbstoff                                                         50 Tonnen

1Tonne Kunstfaser                                                    2 500 Tonnen

1 Tonne Papier                                                          3 000 Tonnen

Der Wasserverbrauch pro Person und Tag stieg von 25 Liter bei Hausbrunnen auf 50 Liter in Altbauwohnung ohne Bad und Waschmaschine und auf 140 Liter durchschnittlich bei zentraler Wasserversorgung und 250 bis 400 Liter in Neubauwohnungen.

Für die Körpereinigung genügt oft das Waschbecken. Duschen ist sparsamer (und hygienischer) als ein Wannenbad (Wanne 200 Liter, 3 Minuten Duschen 50 Liter). Zum Zähneputzen genügt ein Zahnbecher. Für die Toilettenspülung sind nicht immer 10 Liter Wasser nötig:

Ein in den Spülkasten gelegter Stein verringert die Wassermenge, ein Gewicht am Hebelarm neben dem Verschlußstopfen senkt den Stopfen schneller und läßt eine bessere Regulierung zu; noch besser ist ein Druckspüler.

Die Waschlauge aus der Waschmaschine läßt sich verwenden zum Einweichen der nächsten Waschladung oder als Aufwischwasser. Das Geschirrspülen sollte stets im Becken und nie unter fließendem Wasser erfolgen. Im Garten sollte eine Regentonne stehen zum Gießen der Pflanzen; sprengen aus dem Schlauch sollte man nur abends, weil das Wasser da nicht so schnell verdunstet.

Vollwaschmittel sind durch nichts anderes zu ersetzen. Aber es gibt Sparmöglichkeiten:

1. Waschen mit möglichst niedriger Temperatur (vorher einweichen)

2. Verwendung von Feinwaschmitteln, sie wirken bis 95 C

3. Vollwaschmittel nur bei stark verschmutzter Wäsche und nie unter 90° Grad

4. Heißwaschmittel nie unter 60 Grad (enthalten keine Bleichmittel)

5. Vorwaschgang nur bei stark verschmutzter Wäsche (oder einweichen)

6. Bei Wollsachen reichlich Essig ins letzte Spülwasser.

[Die heutigen Waschmaschinen sind noch leistungsfähiger. Meist genügen 30 Grad, bei nicht verschmutzter Wäsche ein Kurzwaschgang zum Auffrischen. Das Eco-Programm 60 Grad bringt nichts. Aber einmal im Monat Normalwaschgang bei 60 Grad. Nur Wasch-Pulver enthält Bleichmittel, das Bakterien abtötet].

Weichspüler schädigen besonders stark die Umwelt und Handtücher verlieren bei dieser Behandlung bis zu 20 Prozent ihrer Saugfähigkeit. Fleckenentferner sind genauso umweltschädigend; sie können weitgehend ersetzt werden durch Salz, Kernseife, Buttermilch, rohe Kartoffeln, Zwiebelsaft.

Spülmittel sind biologisch schwer abbaubar und enthalten Phosphate, die im Wasser wie Dünger wirken, so daß sich die Grünpflanzen stark vermehren und damit auch die Fische. Durch die abgestorbenen Pflanzen wird soviel Sauerstoff verbraucht, daß das Gewässer „erstickt“ und „umkippt“. Für das Spülen ist wichtiger das heiße (!) Wasser, versehen mit einem Schuß Essig oder Molke oder Zitrone. Angebranntes in Töpfen löst sich nach einiger Zeit in Salzwasser. Bei Putzmitteln gilt grundsätzlich: Organische Säuren aus Zitronen, Essig, Sauer­kraut, Rhabarber greifen Metalle weniger an als anorganische Säuren.

Mit Zitronenschalen kann man das Waschbecken reinigen, Badewannenbelag mit Kochsalz oder etwas Essig, Fensterscheiben mit Zwiebeln. Kratzer auf Möbelstücken lassen sich gut mit einer Mischung aus Essig und Öl (im Verhältnis 1:1) behandeln. Essig dient auch als Entkalker.

Abflußreiniger gehören zu den schärfsten Haushaltschemikalien (schon die Gebrauchsanweisung zeigt das). Man muß natürlich vermeiden, die Abflußrohre zu verstopfen. Wenn es aber doch passiert ist, helfen Saugglocke und Draht bzw. Spirale (dafür Deckel an den Knien der Rohre anbringen).

Desinfektionsmittel sind gut im Gesundheitswesen, aber in den Haushalt gehören diese Mittel nicht. Bakterien gehören zur natürlichen Umwelt des Menschen und haben 30 oder 60 Minuten nach einer Desinfektion sowieso wieder die alte Zahl erreicht. In der Regel gilt: Ein hygienisch einwandfreier Zustand ist gewährleistet, wenn der optische Zustand einwandfrei ist, und nicht erst dann, wenn man die Wohnung für keimfrei hält.

Fußboden, Wandfliesen und Toilettenbecken lassen sich ausreichend mit Essigwasser und Bürste reinigen. Gegen unangenehme Gerüche aus der Toilette hilft Kölnisch Wasser, das man auf eine Glühbirne tupft. Sprays lassen sich durch Pumpenstäuber ersetzen. Insekten auf der Windschutzscheibe weicht man durch eine nasse Zeitung auf) Gegen Insekten überhaupt helfen Gazefenster, Leimstreifen und Fliegenklatsche, einige Tropfen Essig auf der Herdplatte. Gegen Motten helfen Apfelsinen- oder Zitronenschalen oder scharfriechende Kräuter im Mullsäckchen (Sumpfforstkraut, usw.).

 

 

Luft: Zum in die Luft gehen

Vor hundert Jahren hätte man noch gelacht, wenn einer behauptet hätte, die Luft könnte einmal knapp werden. Heute aber wird der blaue Himmel grau. An manchen Orten hat die Luftverschmutzung schon einen so hohen Grad erreicht, daß sie zu einer ständigen Gesundheitsgefährdung von Mensch und Tier wird. Manche Hunde fangen an zu winseln und leiden unter Atembeschwerden, wenn sie längere Zeit an dicht befahrenen Straßen geführt werden. Es geht Aber nicht nur um Die Ballungszentren, sondern die gesamte Atmosphäre unseres Planeten wird vergiftet. Alle 14 Jahre verdoppelt sich die Luftverschmutzung der ganzen Welt. In Tokio kann man für Geld aus einem Automaten „Sauerstoff“ atmen. Aber auch in anderen Orten gibt es immer wieder einmal Smog-Alarm, zum Beispiel London, New York und Berlin.

Hauptquellen der Luftverunreinigung sind Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und Hausbrand. Der Sauerstoffanteil der Luft beträgt etwa 20 Prozent. Der Verbrauch des Sauerstoffs durch Atmung und Verbrennung wird durch die Sauerstofferzeugung der Pflanzen und Meere ausgeglichen. Eine Sauerstoffverknappung ist zur Zeit noch nicht zu befürchten.

Die eigentliche Gefährdung besteht in der Verunreinigung durch Stäube und Aerosole (Rauch, nebel, Gase). Die Stäube entstehen bei Verbrennungen. Die Gase wie Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid entstehen durch Heizungsanlagen, Motorabgase und industrielle Verbrennungsanlagen. Ein Motorfahrzeug gibt pro Jahr etwa eine Tonne giftiger Substanzen an die Umwelt ab, befördert aber nur ein oder zwei Personen. Öffentliche Verkehrsmittel haben da einen größeren Wirkungsgrad und können umweltfreundlicher gebaut werden.

Eine große Industriestadt hat täglich 30 Minuten weniger Licht, 45 Minuten weniger Sonnenschein und 50Prozent weniger ultraviolette Strahlung (was ja nicht unbedingt schlecht ist) als ein Dorf. Durch den erschwerten Wärmeaustausuch zwischen Atmosphäre und Kosmos durch die in der Luft schwebenden Schmutzteilchen werden die Sommer kühler und die Winter wärmer.

Die Krebsgefahr (Benzpyren, Kohlenmonoxid) und die Erkrankungen der Atmungsorgane

werden erhöht. Viele Einwohner der Ballungsgebiete wollen den Wohnort aus lufthygienischen Gründen wechseln. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts sind durch Luftverschmutzung und Vergiftung allein 65 Tierarten ausgerottet worden. Selbst Steine (besonders Marmor) werden durch die Luftverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen. Der Rauchfraß führt in Industriegebieten zu Schäden von 25 bis 50 Euro pro Einwohner und Jahr. Die Buntglasfenster mittelalterlicher Kirchen erleiden durch Giftsubstanzen in der Luft in zehn Jahren größeren Schaden als früher in hundert.

Hohe Schornsteine verdünnen die Abgase, tragen sie aber auch über größere Entfernungen fort. Die Abgase des Ruhrgebiets gehen dann in Südskandinavien nieder und die aus dem böhmischen Industriegebiet im Erzgebirge wo schon ganze Wälder abgestorben sind.

Ein 15 Meter breiter Schutzstreifen aus Sonnenblumen entlang vielbefahrener Autostraßen kann alle Stickoxide und beträchtliche Teile des Sehwefeldioxids aus den Abgasen aufnehmen.

 

Ackerboden: Wir werden unsere Mutter Erde schon kaputt kriegen

Die Verwandlung von Wiesen und Feldern in Ödland hat im 20.Jahrhundert ein alarmierendes Tempo angenommen. In Nordafrika wächst die Wüste jährlich um 50 Kilometer nach Süden, weil die Baum- und Strauchvegetation der Savannen abgeholzt wird (weil Brennholz zum Kochen gebraucht wird) und die Weiden zu stark beansprucht werden. Oft kotet auch „Brandrodung“ vor, weil der Boden an einer Stelle er schöpft ist und man durch Abbrennen der Felder neuen Boden gewinnen will. Das hilft für den Augenblick, aber das Ende ist die Wüste. Dann zieht man in ein noch fruchtbareres Gebiet und macht es mit der Zeit auch kaputt.

Das liegt aber auch daran, daß die Weltbevölkerung zunimmt und Milliarden von Menschen hungern bzw. durch Fehlernährung krank werden. Die Armut ist dabei ein Teufelskreis: Schlechte Ernährung - Krankheiten und Mangelkrankheiten - geringe körperliche Belastbarkeit und Gleichgültigkeit - schlechte Leistungsfähigkeit - geringe Produktion - wenig Produkte aus der Landwirtschaft - wenig Einkommen -n schlechte Ernährung.     

Andererseits besteht ein großer Teil unseres Hausmülls aus Brot. Auf den Schulhöfen der Bundesrepublik werden täglich Butterbrote weggeworfen. Schon in den Geschäften wird Vieles weggeworfen, weil das Haltbarkeitsdatum bald abläuft.

Etwa 15 Prozent des Festlandes sind möglicherweise für die Landwirtschaft nutzbar. Zur Zeit werden 6 Prozent genutzt, die anderen sind nur mit großem Aufwand nutzbar. Durch die Indus­trialisierung (auch in der Landwirtschaft) wird täglich Ackerland vernichtet

Ein besonderes Problem ist die Gülle aus den Großställen. Sie kann nicht lange genug in den Sammelbecken ausreifen und wird zu früh auf den Feldern aufgebracht. Damit kommen eher Schadstoffe in den Boden. Die Vergiftung des Bodens ist nicht auffällig, aber über längere Zeit nicht weniger gefährlich als die Vergiftung der Luft und des Wassers; durch die Pflanzen kommen sie in unsere Nahrungsmittel und stellen eine erhebliche Gefahr für die aufnehmender Organismen der.

 

 

Wald: Wer hat doch, du schöner Wald…

I. Saurer Regen:

Bei der Verbrennung schwefelhaltiger Brennstoffe wie Kohle und Öl wird Schwefeldioxid frei. Durch die Verbindung mit dem Regen entsteht schweflige Säure, eben der „saure Regen“. Er wirkt direkt auf die Nadeln und Blätter der Bäume ein, beseitigt deren Verdunstungs­schicht und stört die Regulation der Spaltöffnungen und damit den Wasserhaushalt der Pflanze. Außerdem versauert der Boden zunehmend. Dann werden wichtige Nährsalze ausgewaschen und giftige Stoffe freigesetzt, das Wurzelwerk wird geschädigt.

Weitab von Industriegebieten wurde schon Regen gemessen, dessen Säurewert so hoch war die der von Haushaltsessig. Die Säurekrankheit eines Waldes beginnt meist schleichend: Die Amphibien (Kröten, Frösche) bleiben in ihrer Entwicklung stehen, die Bäume lassen im Wuchs nach. Die Spurenelemente (Kalzium, Magnesium, Eisen, Mangan) werden zusammen mit organischen Nährstoffen durch die Säure gelöst, die auch die Tonmaterialien im Oberboden zerstört. Die Speicherfähigkeit des Bodens für Wasser und Nährstoffe sinkt.

Der Regen setzt aber auch aus Steinen Aluminium-Ionen frei, die den Samen einiger Waldbäume am keimen hindern und die Zellen des Wurzelgewebes zerstören. Außerdem werden Pilze geschädigt oder getötet, die mit dem Wurzelsystem der Bäume eine für beide Seiten vorteilhafte Lebensgemeinschaft eingegangen sind. Krankheitserreger können über die geschädigten Wurzeln in die Pflanze dringen.

Die Geschwindigkeit vieler biologischer Abläufe wird gebremst, der Nährstoffkreislauf unterbrochen. Bakterien und Regenwürmer, die im Nährstoffumschlag eine wichtige Rolle spielen, werden vom Säureregen getötet. Das Nährstoffangebot für die Pflanzen sinkt und auf dem Waldboden häufen sich unzersetzte Pflanzenreste zu dicken Rohhumusschichten.

In den Abgasen der Verbrennungsmotoren sind Stickstoffoxide enthalten. Durch die Einwirkung von ultraviolettem Lieht zerfällt das ursprüngliche NO2 in NO (Stickstoffmonoxid) und atomaren Sauerstoff (O und O3); dieser aber verbindet sich mit dem Luftsauerstoff (O2) zu Ozon (O3). Dieser aber greift das Blattgewebe an und zerstört es.

Giftig wirken auch die Anreicherungen von Schwermetallen wie Cadmium und Blei, die der Wald aus der Atmosphäre herausfiltert. Alle diese Faktoren addieren sich nicht nur, sondern im Zusammenwirken verstärken sie sich noch.

 

II. Müll:

Der Hausmüll gehört auf keinen Fall in den Wald. Durch die geregelte Müllabfuhr ist es doch einfach, den Müll loszuwerden. Dennoch findet man überall in der Flur noch alte und neue wilde Müllplätze. Je näher man sich der Stadt nähert, desto schlimmer wird es mit dem Müll. Besonders an stillgelegten Müllplätzen wird immer noch abgelagert. Dabei ist der Weg dorthin oft aufwendiger als das Warten auf die Sperrmüllabfahr. Offenbar wird es noch lange dauern, ehe alle Menschen zu einem guten Verhältnis zur Wald gekommen sind.

 

III. Schaden durch Tiere:

Das Reh ist ein „Nascher“:Es nimmt hier ein Blatt und dort ein Paar Halme. Die großen Schläge mit einer einzigen Kultur verschlagen ihm den Appetit. Die Wildtiere meiden auch die mit Unkrautvernichtungsmitteln und Pflanzenschutzmitteln behandelten Pflanzen. Die Folge ist: Sie suchen ihre Nahrung verstärkt im Wald und die Verbißschäden nehmen zu.

Aber auch die Haustiere schaden dem Wald.

Das viele Fleisch, das wir essen, muß ß irgendwie und irgendwo produziert werden. Dies geschieht meist in großen Mastanlagen, der Gülle dann in Teichen gelagert wird. Daß das Reifen der Gülle funktioniert, riecht man von weitem. Durch die an die Luft abgegebenen Gase aber färben sich bei den Fichten die Nadeln braun und die Bäume beginnen abzusterben. Die Leute in den städtischen Ballungsgebieten bedenken überhaupt nicht, was ihre Versorgungs­ansprüche für Probleme für andere Menschen mit sich bringen.

Bei kranken Bäumen aber vermehrt sich der Borkenkäfer unverhältnismäßig. Normalerweise befällt er nur abgestorbenes Holz, etwa in unaufgeräumten Wind- und Schneebrüchen. Kann er sich gut entwickeln, tritt Futternot ein und der Borkenkäfer greift auch lebende Bäume an. Gegen den ersten Befall vermag sich der angegriffene Baum noch zu wehren: Er erstickt den Schädling durch vermehrten Harzfluß. Doch wenn die guten Vermehrungsbedingungen für den Käfer anhalten, kommt es zum zweiten Angriff, dem der Baum schließlich erliegt.

 

 

Praktische Schritte zum Umweltschutz

1. Keine Spraydosen verwenden, auch wenn das umständlicher ist

2. Kein Laub oder Gras verbrennen, sondern kompostieren

3. Kein Öl und keine Abwässer in den Boden

4. Verzicht auf den Christbaum in Familie und Gemeinde

5. Weniger Fleisch und Wurst essen, Rauchen einstellen, weniger Alkohol

6. Papier, Dosen, Flaschen nicht in die Gegend werfen

7. Abfälle einer Wiederverwendung zuführen (auch Plastik, Speisereste)

8. Verpackung beim Einkauf ablehnen und selber Gefäße mitnehmen

9. Weniger Waschmittel und Spülmittel verwenden (nur im Notfall)

10. Keine chemischen Unkrautvertilgungsmittel, Schädlingsbekämpfungsmittel

11. Moped und Auto weniger benutzen, Fahrrad entdecken

12. Räume auf höchstens 18 Grad aufheizen, wärmer anziehen

13. Kleidung abtragen, technische Artikel reparieren

14. Spielzeug, Kleidung, Bücher, usw. tauschen oder verkaufen

15. Lärm durch Autos oder Recorder vermeiden

16. Ein kleines Stück Natur in persönliche Pflege nehmen

17. In Schule und Beruf für Umweltschutz einsetzen

18. Schäden verhindern, Schäden und Verursacher melden

19. In Umweltgruppen mitarbeiten in Kirche und Staat

20. Beten für das, was ich tue.

21. Fernsehverzieht schafft Raum für Gespräche in der Familie

22. Weniger Schlendrian im Umgang mit Material und Energie

23. Fastenzeiten können von Abhängigkeiten im Verbrauch befreien

24. Abfälle sammeln, nicht zum Nebenverdienst, sondern zur Wiederverwendung

25 .Schulspeisung nicht gleich ablehnen, Reste in Futterkübel

26. Kraftstoff nicht einerseits verpulvern, andererseits zu viel sparen

27. Reifen runderneuern gegen Abgabe des alten Reifens

28 Keine Abfälle zurücklassen auf Zeltplätzen, Festplätzen, usw.

29. Hilfe bei der Verschönerung vor Parks und Anlagen

30. Hilfe bei der Beseitigung wilder Müllplätze

31. Energie sparen: Nicht den ganzen Tag des Fenster offen, moderne Öfen, Thermostate, Stecker aus dem Boiler ziehen, neue Techniken.

Theologie der Schöpfung

Karl Marx schreibt im „Kapital“: Keine Gesellschaft, nicht einmal alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Nutznießer und haben sie als gute Haushalter den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen!“Er zeigt sich hier als guter Ausleger des biblischen Herrschaftsauftrags an den Menschen.

Eine drohende Gefahr für das Überleben von Natur und Menschheit macht die Naturwissenschaft und Theologie zu Partnern im .Angesicht des Todes. Die Zeit des beziehungslosen Nebeneinanders ist unwiderruflich vorbei. Wir stehen vor der Alternative: Wir werden e i n e Welt haben oder wir werden k e i n e Welt haben, e i n e Menschheit oder k e i n e Menschheit. Der Mensch ist nicht nur Gestalter der Welt, sondern auch Erhalter.

Die dunklen Voraussagen der Umweltforscher scheinen die Prophezeiungen der biblischen Apokalyptiker zu bestätigen. Die Bibel sieht die Geschichte der Menschheit aber in zwei Linien: Einmal spricht sie vom „Sündenfall“, wo die Zerstörung der Gottesgemeinschaft die

Störung der menschlichen Gemeinschaft und aller Lebensverhältnisse mit sich bringt. Auch die Geschichte Israels ist eine Geschichte der Schuld und des Abfalls. Bis ins Neue Testament geht diese Linie (Röm 6,23; 1.Joh 5,19).

Aber das ist nicht das letzte Wort der Bibel über die Zukunft der Welt und des Menschen. Über allem Geschaffenen liegt auch eine Verheißung: „Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte!“ (1. Mose 8,22). Gott geht mit durch die Geschichte und erneuert den Bund und die Verheißungen und eröffnet seinem Volk eine Zukunft.

Vollends durch Jesus sind wir eine neue Schöpfung und das Alte ist vergangen (2. Kor 5,17). Aber wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor 5,7). Die Welt steht immer unter dem „eschatologischen Vorbehalt“: Sie gehört allein Gott und der Mensch darf das Gleichgewicht des Geschaffenen nicht antasten, wenn die Zukunft der Welt nicht in Frage gestellt werden soll.

Die verantwortliche Sorge für die Zukunft der Schöpfung teilt der Mensch mit dem Schöpfer! Deshalb ist dem grenzenlosen Fortschritt Einhalt zu gebieten. Wir befinden uns an einem Krisenpunkt der Geschichte der Menschheit, an dem über Tod und Leben entschieden wird. Das Evangelium führt uns in die Offenheit eines Lebens aus Gott, das Verzicht und Opfer nicht als Lebensminderung, sondern als Lebensverwirklichung versteht. Bisher bezahlen den Preis für unseren Wohlstand noch die Natur, die Nachkommen und andere Völker. Jesus aber lehrt uns, für andere da zu sein und uns sogar für sie zu opfern.

Eine solche Haltung wird nicht durch die Androhung der ökologischen Katastrophe erpreßt. So hat es ähnlich Johannes versucht, der Asket aus der Wüste.

Die christliche Verkündigung aber hat den Weg zu Jesus nachzuvollziehen, der zur Umkehr im Zeichen der Gottesherrschaft rief, die Freude und Befreiung zu dem neuen Menschsein

schenkt.

Die Hoffnung auf die endzeitliche Erfüllung befreit zur Wahrnehmung der Geschichte als dem Leben im Vorletzten. Sie befreit von der Sorge, in welcher der Mensch aus Angst vor der Zukunft die vergänglichen Dinge vergötzt; sie sollen ihm Sicher geben, entfremden ihn aber sich selbst und verschließen ihn für die offene Möglichkeiten der Zukunft. Die Hoffnung stellt den Menschen in die Freiheit zu haben, als hatte man nicht (1. Kor 7,31).

 

Das ängstliche Harren der Kreatur Röm 8:

Das Leiden der außermenschlichen und der menschlichen Schöpfung erleben wir bis heute in nie gekannter Zahl. Christlicher Glaube kann die Wirklichkeit der Welt nicht leichtfüßig überspringen. Wir leben noch nicht in der Vollendung, das neue Leben ist nur vorhanden unter den Bedingungen dieser Zeit.

Das Leiden ist aber kein Grund zur Resignation. Das Leiden Christi, das Leiden der Christen und das Leiden der Schöpfung markieren nur den Zusammenprall der Heillosigkeit dieser Welt mit dem Heil Gottes und verweisen deshalb auf die kommende Herrlichkeit.

Nach Röm 8 befinden sich Mensch und außermenschliche Schöpfung in einer Leidensgemeinschaft. Die der Schöpfung anerschaffene Einheit („Integrität“) ist zerstört. Aber beide harren sie auch sehnsüchtig darauf, daß die Herrlichkeit offenbar wird. Beide erkennen den irdischen Zustand (status quo) nicht an und sind darin 'auf der Suche nach eschatologischer Freiheit. So leben sie auch in einer Hoffnungsgemeinschaft.

Unterschieden sind Christen und außermenschliche Schöpfung allerdings in einem wichtigen Punkt: Nur die Christen haben die Erstlingsgabe des Geistes erhalten. Das eröffnet auch der außermenschlichen Schöpfung die Hoffnung auf die eschatologische Freiheit.

An der Art, wie wir Christen mit dem Leiden umgehen, zeigt sich der Schöpfung, ob es sich bei dieser Hoffnung um eine Einbildung handelt oder nicht. Wenn wir das Leiden in der Welt vermehren, dann sinkt die Hoffnung der Schöpfung. Wenn wir die Konflikte zwischen den

Menschen und zwischen Menschheit und Natur verschärfen, verfällt die Schöpfung in Hoffnungslosigkeit. Wenn wir dagegen in Solidarität mit der außermenschlichen Schöpfung das Leiden verringern, dann erwacht die Freiheitshoffnung der Schöpfung zu neuem Leben.

Die Christen sind die Verheißung der Schöpfung und müssen sich entsprechend verhalten. Von den Christen ist sogar ein Mehr an Solidarität gefordert, weil sie die große Verheißung der eschatologischen Freiheit sichtbar zu machen haben.

E ist noch nicht unmoralisch, wenn die Einflußnahme des Menschen auf die Natur im Interesse des Menschen geschieht. Nur müssen auch die Interessen der Natur und die Bewahrung der Umwelt berücksichtigt werden. Das Bewußtsein des Eingebundenseins in die Natur wird den Anthropozentrismus befreien von Kurzsichtigkeit und klären zu einer globalen Zuständigkeit des Menschen.

 

Neue Ethik:

Unsere            Ansprüche führen dazu, daß immer mehr produziert werden muß. Beispiel dafür ist der Fleischverbrauch. Weil mehr Fleisch verlangt wird, muß immer mehr Energie eingesetzt werden, mehr Düngemittel, mehr Schädlingsbekämpfungsmitteln. Da tut sich die Frage auf, ob wir nicht zu einem neuen Lebensstil kommen müssen.

Lange Zeit hat die christliche Ethik ihr Augenmerk ausschließlich auf die Pflege und Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen gerichtet. Es ging um die Frage, wie der Mensch sich zum Menschen verhalten soll. Ursache für die Blickverengung war ein falsches Verständnis der Sonderstellung des Menschen, das zur Abwertung der mitmenschlichen Kreaturen führte.

Nun ist Mensch zwar Ebenbild Gottes, aber er gehört dennoch voll und ganz in die Schöpfung hinein. Nach der Schöpfungserzählung der Bibel sind Mensch und Tier an einem Tage erschaffen. Es gibt also eine fundamentale Einheit zwischen der menschlichen und der nichtmenschlichen Welt. Die Kreaturen habe auch dann ihre Existenzberechtigung, wenn niemand sie braucht oder bewundert. Sie dürfen nicht nur nach dem Nutzwert für den Menschen beurteilt werden.  

Wer sich zum Glauben an den Schöpfer bekennt, kann die Umwelt nur als Mitkreatur verstehen, die seiner Sorge anvertraut ist und nicht willkürlich geschädigt werden darf. Es geht nicht nur um eine „Lebensqualität“ für den Menschen, sondern der Mensch ist für alle mit ihm lebenden Kreaturen verantwortlich und soll ihre Bewahrung im Blick haben.

Partnerschaftliches Verhalten bedeutet, die natürliche Umwelt nicht als Objekt ohne eigene Bedeutung und als unerschöpflichen Vorrat für technische Experimente zu betrachten. Es kann dann auch nicht mehr als Zumutung angesehen werden, wenn bestimmte Wünsche zurückgesteckt und Einschränkungen im Verbrauch oder in der Freizeitgestaltung in Kauf genommen werden müssen.

Gerade weil der Einzelne sich auf diesem Gebiet ziemlich frei von staatlicher Aufsicht fühlt, ist moralische Einsicht nötig, damit man auch ohne Zwang partnerschaftlich gegenüber der Natur handelt. Carl Amery hat darüber geschrieben: „Die einzigen Untertanen, die wir noch haben, sind die Tiere und Pflanzen, das Meer und die Rohstoffe und Energien. Wir behandeln sie gräßlicher, als wir je menschliche Feinde behandelten. Statt solcher Feindschaft Partnerschaft walten zu lassen, ist ethisches Gebot!“

Doch die Losung lautet nicht: „Zurück zur Natur!“ sondern: „Voran zur Natur!“ Rückwärts gewandte Träume von der Harmonie einer vortechnischen Welt und eine Verweigerung gegenüber der jetzigen Welt sind eine Einbildung. Die Bibel träumt den Traum einer befreiten Welt nicht romantisch nach rückwärts, sondern prophetisch nach vorwärts.

Es gilt, Wege zu suchen, die von der Ausbeutung der Natur zur „Kooperation mit der Natur“ führen. Das Mensch-Natur-Verhältnis wäre als ein Zusammenhang von offenen Lebens­systemen zu gestalten, mit einem Wechselverhältnis zwischen forschendem Subjekt und erforschtem Subjekt.

Entwicklung ist als Befreiung und Befähigung zu selbständiger und verantwortlicher Partnerschaft zu verstehen. Der Weg muß von der Entwicklungshilfe zu einer Weltwirtschaftspolitik führen, die den Erfordernissen der Entwicklungsländer vorrangige Bedeutung gibt und damit zu einem bestimmenden Faktor der Innenpolitik wird. Die armen Nationen befinden sich in der Lage des europäischen Arbeiters im 19. Jahrhundert. Um leben zu können, sind sie gezwungen, ihre Arbeitskraft und ihre Rohstoffe zu verkaufen, und zwar zu jedem Preis. Für sie sind alle Staaten die Reichen und die Ausbeuter. Das widerspricht aber jeder christlichen Ethik.

 

 

 

 

 

Tierschutz

 

Viele Menschen haben heute zum Tier keine Beziehung, sie stehen ihnen völlig gleichgültig und interesselos gegenüber oder kennen sie nur noch als nützliche oder schädliche Tiere. Schädlinge müssen mit allen verfügbaren Mitteln ausgerottet werden. Die nützlichen Tiere sind reine Sachwerte, mehr oder weniger rentable Tiermaschinen wie etwa die Hühner in einer Intensivhaltung („Hühnerfabrik“), auf deren Erleben und biologische Bedürfnisse man keine Rücksicht zu nehmen braucht.

Dabei reagieren die höher entwickelten Tiere auf die Umweltreize nicht wie Automaten. Sie erleben die Umwelt und was mit ihnen geschieht bewußt. Ein Tier empfindet Schmerz, erlebt Angst und Wohlbehagen, wenn auch anders als der Mensch. Sie haben das Unbewußte mit uns gemeinsam, haben einen Leib, der dem unseren ähnelt. Sie sind uns in Liebe zugetan, wenn wir ihr Vertrauen erworben haben. Ihr Dasein auf der Erde ist ebensowenig ein Zufall wie das unsere.

 

Der Deutschen liebstes Tier ist der Hund. Bei den Männern steht in der Wertschätzung der

Hund mit 53, bei den Frauen mit 50 Prozent an erster Stelle. In der Gunst der Männer folgt mit 19 Prozent das Pferd, bei den Frauen teilen sich mit 12 und 11 Prozent diesen Platz Pferd und Katze.

 

In der Bibel wird mehrfach auf die Tiere Bezug genommen:

Mk 16,15: Das Evangelium wird „aller Kreatur“ gepredigt

Mk 1,13 : Jesus ist „bei den Tieren“ (so wie Adam im Paradies)

Ps 8,6-9 : Mensch ist der Herr der Schöpfung, aber gut zu den Tieren

Gen 2,19: Mensch gibt den Tieren Namen und übernimmt damit Verantwortung.

Lk 14,5 : Mensch und Tier nebeneinander genannt (in Brunnen fallen)

Ex 20,10: Tiere haben teil an der Sabbatruhe (auch 5. Mose 5,14)

Ps 104    : Meisterhafte Schilderungen der Tierwelt (auch Hi 39-40)

Röm 8,19-22: Paulus beschreibt, wie das Tier sich in einer Leidens- und Erlösungsgemeinschaft mit dem Menschen befindet. Die Kreatur sehnt sich und ängstet sich mit uns. Es geht ein tiefer Riß durch die vollkommene Schöpfung hindurch. Gott aber hat seinen Sohn Jesus zur Erlösung gesandt. Auch den anderen Lebewesen ist das Tor zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde aufgetan. Jeder Christ wird dieses neue Verhältnis zur Kreatur schon heute suchen. In der neuen Schöpfung des Christus wird kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein.

 

Dennoch wird viel Gedankenlosigkeit, Gewissenlosigkeit und sogar bestialische Grausamkeit an Tieren verübt. Da fand man etwa einen Hund, der bis zu seinem zweiten Lebensjahr an einen Baum im Freien angekettet war und Tag und Nacht einen Maulkorb trug. Als Halsband war ihm eine starke Kette umgehängt. Wasser gab es im Sommer alle 14 Tage einmal, als Futter waren nur rohe Graupen auf den Boden gestreut. Als man die Kette vom Hals löste, war sie ganz in den Hals eingewachsen und vereitert. Der hübsche Schäferhund, der sicher auch geschlagen worden war, war böse und wild geworden und wollte sich nicht anfassen lassen.

Um solche Dinge sollten sich auch Christen kümmern und zum Beispiel aktiv im Tierschutzbund mitarbeiten. .Schließlich wurde der erste Verein gegen Tierquälerei 1837 in Stuttgart von den Pfarrern Christian Damm und Albert Knopp gegründet.

Heute haben die Tierschützer vor allem die folgenden Aufgaben:

1 Überzeugungsarbeit bei Tierbesitzern, die ihre Tiere quälen .Jugend zur Achtung vor der lebenden Natur erziehen

2. Hunde überwachen (Kette 2,50 Meter, zugfreie Hütte, Futter und Trinkwasser nicht gefroren; besser ist ein Zwinger. Den Hund nicht im Schrebergarten lassen, wo er bei schlechtem Wetter nicht gefüttert wird).

3.Hilfe für Wild (gegen wildernde Hunde und Katzen, die leicht zu Tollwutüberträgern werden können, Katzen nicht bei Brutzeit der Vögel herumlaufen lassen, Tiere nicht ersäufen oder erschlagen).

 

Tierschutz ist kein Hobby, sondern eine humane und christliche Pflicht. Willkürakte des Menschen gegen die Tiere sind wie ein Bumerang. Tierschutz ist zugleich Menschenschutz. Und die „Ehrfurcht vor dem Leben“ im Sinne Albert Schweitzers gilt in gleicher Weise gegenüber Tier und Mensch.

Franz vor Assisi, der große Freund der Tiere, lehrte: „Gott wünscht, daß wir den Tieren beistehen, wenn sie der Hilfe bedürfen. Ein jedes Wesen in der Welt, das in Bedrängnis ist, hat gleiche Rechte auf Schutz!“ Gerade die Christen sind zu einer solchen Haltung aufgefordert und aufgerufen, sie durchzusetzen.

Deswegen kann ein Christ als Tierzüchter verantwortliche Arbeit in einer Intensivhaltung leisten, das kann durchaus mit dem Tierschutz zu vereinbare sein. Andererseits kann ein „Tierfreund“ seinen Hund oder seine Katze „aus Liebe“ so unsachgemäß behandeln, daß dagegen eingeschritten werden muß.

Auch rechtlich gibt es Festlegungen für den Tierschutz. Es gibt ein Tierschutzgesetz, in dem unnötige Tierquälerei verboten wird. Singvögel dürfen nicht gejagt werden. Luftdruckwaffen dürfen nur auf einem Schießplatz oder einem gesicherten privaten Raum benutzt werden.

Eine Verwendung von Luftdruckwaffen darf nur dann erfolgen, wenn das Leben und die Gesundheit von Menschen nicht gefährdet und die Ordnung und Sicherheit nicht gestört werden können. Das Schießen mit Luftdruckwaffen auf öffentlichen Straßen. Wegen und Plätzen, in Parkanlagen, Natur- und Landschaftsschutzgebieten ist verboten. Die Anwendung von Luftdruckwaffen auf geschützte oder jagdbare Tiere ist untersagt.

Kinder sowie Jugendliche unter 16 Jahren dürfen nur unter Aufsicht von Erziehungsberechtigten oder anderen berechtigten Personen Luftdruckwaffen verwenden. Die Schußrichtung und der Hintergrund sind so zu wählen, daß Geschosse nicht auf öffentliche Straßen, Wege und Plötze oder in Nachbargrundstücke fliegen können. Selbständige Veränderungen an Luftdruckwaffen, zum Beispiel zur Erhöhung der Wirksamkeit, sind nicht erlaubt. Luftdruckwaffen sind so aufzubewahren, daß eine unberechtigte Verwendung nicht möglich ist. Die oft gebrauchte Ausrede, daß man ja nur auf „Spatzen“ schieße, gilt nicht.

 

Folgende Tiere stehen unter besonderem gesetzlichem Schutz: Biber, Igel, Maulwurf, Wiesel, Mauswiesel, Wildkatze, Haselmäuse, Eidechsen, Blindschleichen, sämtliche Schlangen, Laubfrosch, Kröten, Unken, Molche, Salamander, rote Waldameise, Hirschkäfer, alle Tagfalter, Flußperlmuschel, alle Vögel. Katzen dürfen in den Monaten April bis Juli nicht frei herumlaufen. Säugetiere (auch neugeborene) dürfen nicht ertränkt werden. Lebende Fische dürfen nur in Wasserbehältern befördert werden.

Wichtiger noch als Gesetze aber ist eine entsprechende Erziehung. Ein Tierschutzfreund hörte einmal in der Straßenbahn einen jungen Mann sich rühmen, er habe acht Schuß gebraucht, bis die Kohlmeise tot war, der er der Schnabel abgeschossen hatte. Der Tierfreund erstattete keine Anzeige, sondern sagte dem Mann: „Nun müssen sie aber auch jedes Jahr einen Zentner Mücken und sonstiges Ungeziefer schießen. Das ist nämlich die Leistung einer Meise in einem Jahr. Und weil sie sich nicht mehr fortpflanzen kann, ist es eigentlich sogar noch mehr, die nicht vernichtet werden!“.

Drei Blaumeisen und drei Tannenmeisen verzehren neben ihrer sonstigen Nahrung täglich 2.000 Eier der Nonnenraupen, bei geringer sonstiger Nahrung sogar bis zu 9.000 Eier. Aber 1.000 Nonnenraupen fressen eine ausgewachsene Fichte total kahl, so daß sie gefällt werden muß.

Kleine Singvögel füttern stündlich etwa 45 mal; bei nur 3 Insekten im Schnabel sind das etwa 2.000 Stück am Tag. Der Schutz der Singvögel lohnt sich also. Und die natürliche Schädlingsbekämpfung ist immer besser als die chemische.

 

 

 

 

 

 

 Tschnernobyl und die Folgen

 

Am 6. August 1945 wurde über der japanischen Stadt Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Der aufsteigende Rauchpilz zeigte unübersehbar, daß die Menschheit ins Atomzeitalter eingetreten war. Vielen Tausenden kostete dieser „Fortschritt“ das Leben. Seine Weiterentwicklung führte dazu, daß er den Fortbestand der Menschheit überhaupt in Frage stellt.

Daß die militärische Anwendung der Atomkraft jetzt und in aller Zukunft zu verwerfen sei, steht bei allen Menschen guten Willens außer Zweifel. Das Urteil über die friedliche Nutzung ist noch offen. Aber es ist keine Zeit mehr zu verlieren, es zu fällen.

Mit der Katastrophe von Tschernobyl sind wir wiederum in ein neues Zeitalter eingetreten.

Wissenschaftler und Techniker versuchen ganz bewußt, der militärisch verwendbaren Atomkraft die friedliche Nutzung entgegenzusetzen. Wenn schon das „böse“ Atom nicht ohne weiteres aus der Welt zu schaffen ist, so möchten sie wenigstens dem „guten“ Atom zum Wohle der menschlichen Zivilisation eine Chance geben. Diesem Zweck diente auch die Ausstellung „Atome für den Frieden“, die die Amerikaner nach dem Atombombenabwurf in Japan in Westeuropa zeigten (in Deutschland Anfang der 50iger Jähre).

In den Jahren 1971 bis 1984 ereigneten sich aber in 14 Ländern allein 151 schwere Unfälle in Kernkraftwerken. Das läßt fragen, ob die gesteuerte Kernenergienutzung die gebotene Alternative zur ungezügelten Zerstörungskraft der Atombombe darstellt. Offenbar hat auch die friedliche Kerntechnik den Menschen an die Grenze seiner Möglichkeiten geführt.

 

Nach dem Urteil der zuständigen Regierungskommission war die Ursache der „Havarie von Tschernobyl“ ein „Zusammentreffen mehrerer äußerst unwahrscheinlicher und deshalb unvorhergesehener Faktoren“. Allein sieben schwerwiegende Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften kamen vor. Es gab keine Meßgeräte, die den Fehler in der Zentrale hätten anzeigen können. Als es dann passiert war, versuchte man alles zu vertuschen - etwas allgemein Menschliches.

Die Nutzung der Atomkraft wäre nur verantwortbar, wenn die Irrtumsfähigkeit des Menschen und die Störanfälligkeit auch seiner ausgefeiltesten Techniken genügend in Rechnung gestellt wird. Aber Skepsis ist hier besser als Wissenschaftsgläubigkeit. Der Einstieg in die friedliche Nutzung der Kernenergie ist In Deutschland nicht übermäßig stürmisch erfolgt. Doch wenn man darauf verzichtet, wird die Umweltbelastung durch die Verbrennung der Braunkohle größer, sagt man. Die Frage nach dem weiteren Ausbau der Kernenergie stellt sich so immer wieder neu. Es sei denn, es gelingt innerhalb einer unwahrscheinlich kurzen Zeit, andere Energiequellen wirtschaftlich ergiebig zu machen.

Der wissenschaftliche Laie kann da nur wenig Aussagen machen und ist stark von vorgefaßten Urteilen abhängig. Die Kirche hat den Ausschuß „Kirche und Gesellschaft“ beauftragt, ein Beratungsvotum zu erstellen, um eine ausführliche Antwort auf Anfragen aus den Gemeinden zu geben. In der Stellungnahme der Konferenz der Kirchenleitungen heißt es: „Die Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1 986 hat viele Menschen in unserem Land und in aller Welt mit Bestürzung und Trauer erfüllt. Das gilt besonders im Hinblick auf die Opfer, die das Unglück im Kernkraftwerk selbst und in dessen näherer Umgebung gefordert hat. In vielen Ländern Europas hat die zeitweilig erhöhte Radioaktivität in der Luft und der zwangs­läufig in die Nahrungskette gelangte radioaktive Niederschlag die Strahlenbelastung erhöht, zu einer schwer einschätzbaren zusätzlichen Gefährdung geführt und viele Menschen beunruhigt!“

In der Stellungnahme der Konferenz wird dann weiter ausgeführt: „Das Versagen einer von zahlreichen Experten als sicher bezeichneten und auch von vielen unter uns für sicher gehaltenen Technologie und das Ausmaß der Folgen sind ein zwingender Anlaß, über die gesellschaftliche Verantwortbarkeit der Kernenergieerzeugung erneut nachzudenken. Denn obgleich wir es den Technikern zutrauen, die technischen Sicherheitsvorkehrungen weiter zu verbessern, mahnt die Havarie von Tschernobyl daran, daß Unfälle nie vollständig auszuschließen sind und daß die Folgen des Reaktor-Unfalls dieser Größenordnung von katastrophalem Ausmaß sein, sich weitflächig ausbreiten und durch die Freisetzung langlebiger radioaktiver Isotope über beträchtliche Zeiträume hinweg wirksam bleiben können.

Wir haben die Energiesituation unseres Landes und mancher anderer Länder vor Augen und sind uns bewußt, wie schwierig es ist, mittelfristig alternative Energiequellen zu finden und zu nutzen. Es mag daher sein, daß wir noch eine Zeitlang mit dem Risiko der Kernenergiegewinnung werden leben müssen. Für eine optimistische Beurteilung dieser Technik besteht nach unserer Auffassung nach Tschernobyl jedoch keine Veranlassung mehr. Wir begrüßen und ermutigen deshalb alle Aktivitäten, die auf eine effektivere, sparsamere Verwendung der uns gegenwärtig zur Verfügung stehenden Energie und auf die Erschließung alternativer, weniger gefahrvoller Energiequellen gerichtet sind!“

Auf der Bundessynode im September 1986 berichtete Superintendent Große: Der Experte bezeichnete den Menschen als den ausschlaggebenden Sicherheitsfaktor bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Es geht daher um eine entsprechende Qualifizierung und auch um Motivierung zu einem verantwortungsbewußten Handeln. Von den sogenannten sanften Alternativenergien ist auch in Zukunft nur ein geringes Energieaufkommen zu erwarten. Entsprechend wird der Forschungs- und Entwicklungsaufwand geplant. Daß man aber durchaus alternative Energiequellen hat, zeigt die gegenwärtige Anstrengung.

 

Fragen:

Haben wir die Katastrophe anfangs ernst genommen? (Verstrahlung der Lebensmittel)

Nehmen wir die Katastrophe heute ernst? (Pilze, Wildfrüchte)

Können wir verstrahlte Lebensmittel auf den Altar legen?

Dürfen wir alles tun, wozu wir fähig sind? (Zauberlehrling)

 

Nach einem Jahr:

Als im Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor „durchging“, war das Ende einer ganzen Epoche gekommen. Vorbei ist die Zeit eines allzu naiven Glaubens an Wissenschaft und Technik, vor allem aber wurde der Optimismus fraglich, als sei der Mensch ohne weiteres fähig, die Kräfte, die er zu entfesseln in der Lage ist, ohne Fehler und Versagen unter Kontrolle zu halten. Die Sage von Prometheus, der gegen den Willen der Götter den Menschen das Feuer brachte, scheint nun in ihrem zweiten Teil aktuell zu werden: Als Strafe für seinen Übermut wurde Prometheus an einen Felsen geschmiedet; von Zeit zu Zeit kommt ein Adler geflogen, um ihm ein Stück aus der Leber herauszuhacken. Ein naives Bild für die Gefahr, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte von radioaktiven Strahlen auszugehen vermag?

Es wäre freilich zu einfach, wollte man Tschernobyl, Harrisburg und all die anderen atomaren Unglücksorte mit heidnisch-griechischer Weisheit auf das Konto menschlicher Hybris schreiben. Wenn wir als Christen glaubhaft bleiben wollen, dürfen wir nicht vergessen: Wir sind es selbst gewesen, die das Wort der Bibel: „Macht euch die Erde untertan“ als Ermächtigung auch für moderne Wissenschaft und Technik ausgelegt haben. So versuchte die Kirche Abstand vom Galilei-Skandal zu gewinnen, bei dem die Naturwissenschaft im Namen der Religion gegängelt worden war.

Wenn im Zusammenhang mit der friedlichen Atomnutzung von Schuld gesprochen wird, dann sind auch wir Christen mitschuldig. Es steht uns nicht zu, mit Entrüstung auf die „atomversessenen Technokraten“ zu zeigen. Jetzt im Namen des Christentums eilige Ausstiegsrezepte zu präsentieren, wäre zu billig.

Vielmehr ist es unsere Pflicht, das teure und schwierige Nachdenken auf uns zu nehmen darüber, wie wir aus einer Situation am Rande menschlicher Möglichkeiten herauskommen können. In einem breit angelegten Gespräch, das auch an Kirchengrenzen nicht haltmachen darf, ist zu ermitteln, wie stark Menschen mit der Verantwortung für eine risikoträchtige Technik belastet werden können. Die Frage lautet geradezu: Welchen Grad an Skepsis sich selbst und der Technik gegenüber muß ein Mensch erreicht haben, bevor man ihm die Schaltwarte eines Kernkraftwerkes anvertrauen kann? Und mehr noch ist die Diskussion darüber nötig, ob wir nicht doch den Weg zu einem Lebensstil finden, der den weiteren Ausbau der Kernenergienutzung wenigstens in Grenzen hält, wenn nicht gar unnötig macht.

Solange die Meinungen der Fachleute über die Gefahren der Atomenergiegewinnung noch so weit auseinandergehen, bleibt dem Laien so gut wie keine Chance, sich mit gutem Gewissen und verantwortlich für die eine oder andere Konsequenz zu entscheiden. Aber wenigstens in einer Hinsicht stimmen Gott sei Dank nahezu alle Experten überein: Die Havarie von Tschernobyl hat erneut gezeigt, daß es zu einem militärischen Einsatz von Atomwaffen niemals kommen darf. Der vermeintliche Sieger in einem atomaren Schlagabtausch würde unweigerlich als Zweiter zugrunde gehen.

Tschernobyl ist nicht die Stunde der Rechthaber, die schon immer gewußt haben, daß das Atom vom Teufel sei. Die Erinnerung an das Geschehen vor einem Jahr führt uns vielmehr in große Verlegenheiten. Vor allem brauchen wir ein ganzes Zeitalter gesicherten Friedens. So ist die Atomfrage letzten Endes eine Friedensfrage.

 

Der Atomforscher Manfred von Ardenne aus Dresden war noch folgender Meinung:

Der Unglücksfall in Tschernobyl ist sicher die Verkettung einer ganz ungewöhnlichen Reihe von Einzelversagen gewesen. Man wird nun mehr auf solche Systeme übergehen, besondere Sicherheitsmaßnahmen einführen, bei denen der Mensch ausgeschaltet ist, wo also völlige Automatik gegeben ist.

Aber nachdem jetzt die Erfahrungen da sind, werden die Experten ihre ganze Kraft darauf ausrichten, die Sicherheitsmechanismen so zu gestalten daß auch menschliches Versagen nicht mehr zu kritischen Folgen führen kann, d. h. sie werden automatisch wirkende Systeme bevorzugen.

Ich glaube, daß ein Ausstieg aus der Kernenergie eine Maßnahme wäre, die die zukünftige

Energiebereitstellumg in der Welt sehr nachteilig beeinflussen würde. Ich denke dabei auch an die Kernfusion, bei der die Energie des Wassers, also der Meere, genutzt werden kann. Es wird ein Zeitalter der energetischen Fülle kommen, wenn es gelingt, die Kernfusion technologisch und physikalisch gut zu beherrschen. Meiner Meinung nach darf sich die Menschheit dieser Entwicklung nicht verschließen.

 

 

Die Enthüllung der Katastrophe in sowjetischen Berichten:

Einer hatte alles vorausgesehen, ein General. Nikolai Timofejewitsch Antoschkin, Stabschef der Flieger im Wehrbezirk Kiew, hielt sich in der ukrainischen Hauptstadt in Bereitschaft, als im nahen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Experiment ablief. Am frühen Morgen des 26. April 1986 hörte er, daß dabei etwas passiert, das Experiment mißlungen sei. Aber, so berichtete die Militärzeitung „Krasnaja swesda“, er „wußte nicht und konnte nicht vermuten, auf welche Weise das ihn persönlich, den Generalmajor der Luftwaffe, angehen wird. Den ganzen Tag verbrachte Antoschkin mit seinem unguten Gefühl, ließ sich jedoch nichts anmerken. Wann immer das Telephon klingelte, nahm er hastiger als sonst den Hörer ab. Doch nichts Besonderes begab sich.

Am Abend fuhr ihn sein Chauffeur nach Hause; ohne konkreten Anlaß bat ihn Antoschkin, noch zu warten. Anders als sonst zog der General daheim seine Uniform nicht aus. Er wusch sich die Hände und setzte sich an den Abendbrottisch. Da klingelte das Telephon. Antoschkin wurde zum Wehrbezirkschef bestellt, dem Generaloberst Ossipow, bei dem Antoschkins Vorgesetzter, der Kiewer Luftwaffen-Befehlshaber Generalleutnant Krjukow, schon auf ihn wartete. Der Befehl: „Sofort in die Stadt Pripjat . . . Den havarierten Reaktor mit Sand zuschütten . . . Er ist 30 Meter hoch . . . Wahrscheinlich geht das nur mit Hubschraubern ... Handeln Sie entsprechend den Umständen!“

Obwohl es Nacht war, alarmierte Antoschkin alle Hubschrauber-Piloten der Ukraine. Er selbst fuhr mit dem Wagen die 100 Kilometer nach Pripjat, der Werkssiedlung gleich neben dem KKW Tschernobyl. Immer mehr Autos und Busse kamen ihm entgegen: Flüchtende. Im Parteibüro von Pripjat meldete sich Antoschkin beim Vizepremier Boris Schtscherbina, dem Vorsitzenden einer Sonderkommission der Regierung. Schtscherbina: „Alle Hoffnung ruht auf Ihnen, auf Ihren Hubschraubern. Der Krater muß hermetisch versiegelt werden, von oben, einen anderen Zugang zum Reaktor gibt es jetzt nicht. Sofort, unverzüglich. Geht nicht? Erst bei Sonnenaufgang? Dann sofort bei Sonnenaufgang!“

Antoschkin mußte Sand suchen, Säcke. Ladearbeiter; Flugschneisen zwischen den Schorn­steinen erkunden, die geeignete Flughöhe und eine Methode zum Einweisen der Piloten, die Radioaktivität messen lassen. Er mußte zwischen Sandbergen und überschwemmten Feldern einen Landeplatz finden.

In Tschernobyl, in Pripjat war er nie zuvor gewesen. In der Hand dieses Stabsoffiziers aus der Provinz, der bei Ende des letzten Kriegs drei Jahre alt war, lag es nun, eine Katastrophe zu bewältigen, wie die Menschheit sie noch nie erlebt hatte - unvergleichbar mit der Chemie-Katastrophe von Bophal (3.000 Tote) oder dem Atom-Unglück von Three Mile Island (null Tote): Es war der bis dahin größte anzunehmende Unfall des Atomzeitalters.

Das Verhängnis kostete nach sowjetischer Auskunft zunächst nur 31 Menschen das Leben, darunter eine Frau. Dabei handelt es sich offenkundig nur um die Opfer am Ursprungsort des Unheils, dem KKW. Von den Hunderttausenden, die vorübergehend oder für immer aus dem Gefahrenkreis - viel zu spät - evakuiert wurden, behaupteten die Behörden rasch, niemand habe ernsten Schaden gelitten.

Dabei sind die Auswirkungen einer stärkeren Verstrahlung meist erst nach Wochen oder Monaten zu erkennen. Etwa 9,1 Prozent der Bevölkerung hätten eine über das übliche Maß hinausgehende Strahlendosis abbekommen, erklärte der ukrainische Gesundheitsminister, doch niemand so viel, daß er „wie auch immer geartete gesundheitliche Schäden“ davontrage.

Rund 1.000 wurden bis Mitte Juni 1986 in Krankenhäusern behandelt, 18.000 dort mehrere Tage „beobachtet“. Fälle radioaktiv belasteter Kinder in den Notaufnahmegebieten und - zum Beispiel in Estland - verstorbener Teilnehmer an den Aufräumarbeiten im Sperrgebiet sind bekannt geworden, nach dem Strahlengrad in der näheren und der weiteren Umgebung von Tschernobyl muß ihre Zahl hoch sein.

Sechs Tage nach dem Gau betrug die Radioaktivität am Unglücksort laut Politbüro-Kandidat Boris Jelzin 200 Rem in der Stunde. sechs Tage später, so der Kiewer Funktionär Iwan Pljuschtsch, noch 180 bis 190 Rem. 500 Rem können schon tödlich sein - ein paar Stunden vor Ort.

Wenige Tage nach dem Gau bestellten die sowjetischen Gesundheitsbehörden denn auch dringend in der Tschechoslowakei 50.000 Apparaturen zur Bluttransfusion. Sie wurden sofort geliefert, unentgeltlich. Dann sagte der aus der Sowjet-Union ausgereiste Techniker Igor Geraschtschenko, der in einem Kiewer KKW-Zulieferbetrieb gearbeitet haben soll, vor der Helsinki-Kommission des US-Repräsentantenhauses aus, er habe vom Krankenhauspersonal gehört, viele Strahlenkranke, denen man nicht mehr habe helfen können, seien mit der Diagnose einer „Gefäßschwäche“ einfach nicht mehr behandelt worden - bis sie starben. Er nannte die Zahl 15.000.

Sowjet-Offizielle erwarten als Folge von Tschernobyl nicht absehbare Gefahren für 75 Millionen Sowjetbürger und mindestens 5.000 Krebstote. Der US-Experte Robert Gale, der vor Ort war, rechnet mit 25.000 Krebstoten allein im europäischen Teil der UdSSR und Spätfolgen von Strahlungsschäden bei bis zu 100.000 Sowjetbürgern.

Der radioaktive Ausstoß Tschernobyls drang bis Japan und an die Küsten Amerikas. In Polen erkrankten ganze Schulklassen, mußten Kühe, in Lappland Rentiere geschlachtet, in Westdeutschland Gemüse und Milch vernichtet werden, in der Türkei ein Teil der Nuß- und Tabakernte. In Europa werden nach dem Urteil westlicher Experten Zehntausende irgendwann infolge von Tschernobyl an Krebs sterben.

Die Umstände dieses Dramas wurden anfangs mit schier krimineller Intensität verschwiegen. Obwohl das Versprechen des Parteichefs Michail Gorbatschow auf „Glasnost“ in der UdSSR, auf Offenheit und Wahrheit, zwei Monate vor dem Gau bekräftigt worden war, sollte die Tradition des Verheimlichens und Täuschens immer noch das Regime vor unkontrollierbaren Entwicklungen bewahren - vor Kritik und vor Panik.

Erst nach und nach griff in den Sowjetmedien das Prinzip Gorbatschows, aus vielen Ritzen und Spalten drangen Stückchen veröffentlichter Wirklichkeit, die zusammengesetzt das Bild einer Katastrophe und einer Kette von Tragödien ergeben. Der folgende Bericht stützt sich hauptsächlich auf sowjetische Quellen. Daraus läßt sich auch erkennen, worauf sich Antosch­kins dunkle Vorahnungen gegründet haben könnten.

Nahe der Unglücksstätte an den Pripjat-Sümpfen tobte 1941 eine der schwersten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der Ort Tschernobyl, 12.500 Einwohner, heißt nach einem bitteren Kraut (artemisia vulgaris) von der Art der Wermutpflanzen. Das Kraftwerk gleichen Namens, ausgezeichnet mit dem Namen des Staatsgründers Lenin, liegt 18 Kilometer entfernt. Jeder seiner vier altmodischen Reaktoren erzeugte 1.000 Megawatt elektrische Leistung, mit zwei weiteren projektierten Reaktoren sollte es das größte Kernkraftwerk der Welt werden. Nebenher konnte es Plutonium produzieren, weshalb der Geschäftsführer der österreichischen Kerntechnischen Gesellschaft, Peter Krejsa, Tschernobyl einen „militärischen Reaktor“ genannt hat.

Drei Kilometer vom Werk entfernt liegt Pripjat, die Siedlung für 49.000 Arbeiter, Wissenschaftler, Wachmannschaften und ihre Familien. Am Freitag, dem 25. April 1986, hatten viele zum Wochenende Urlaub genommen, weil sich zum Feiertag am 1. Mai eine Ferien-Brücke bauen ließ. An diesem Tag, so schildert es der sowjetische Bericht für die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien, begann um 1.00 Uhr am Reaktor 4 das Experiment.

Er wurde heruntergefahren, laut Politbüro-Erklärung zu „geplanten Reparaturen“, laut Bericht an die IAEO zu einer jährlichen „Zwischenrevision“. Doch der Reaktor war seit zwei Jahren und fünf Monaten ohne Unterbrechung in Betrieb gewesen. Laut IAEO-Bericht sollten bei dieser Gelegenheit die Turbinen getestet werden, wie lange sie sich ohne Reaktorleistung noch weiterdrehen, um den Generator anzutreiben - ob sich, wenn die Dampfzufuhr vom Reaktor plötzlich ausbleibt, die Schwungkraft der auslaufenden Dampfturbinen nutzen läßt, um die 45 Sekunden zu überbrücken, die bis zum Anlaufen der Not-Dieselgeneratoren für den Eigenbedarf des Werkbetriebs erforderlich sind.

Den Versuch unternimmt „eine Außenorganisation2 (so Sowjetvertreter in Wien) mit Personal. das dafür „nicht angemessen vorbereitet" und mit den Besonderheiten der Reaktor-Technologie „ungenügend vertraut“ ist (so der sowjetische Abschlußbericht) und, so die ukrainische Parteileitung, „ohne Absprache mit verantwortlichen Organen“. Außerdem wird unter Zeitdruck experimentiert: „So schnell wie möglich.“

Der Konstrukteur des Reaktors ist nicht unterrichtet, aber einige Leute von außerhalb sind es wohl:

- der Erste Vizeminister des Ministeriums „für mittleren Maschinenbau“ (Atomwaffenproduktion), Alexander Meschkow, und einer seiner Hauptabteilungsleiter - beide wurden jedenfalls nachher mit Entlassung bestraft;

- der Befehlshaber des Wehrkreises Kiew, Generaloberst Ossipow, sein Luftwaffenchef, Generalleutnant Krjukow, und Stabschef Antoschkin, der mit den Vorahnungen - sie standen jedenfalls in Bereitschaft.

Es gibt Indizien. daß auch die in Kiew residierende Luftabwehr-Akademie des Heeres, deren Chef bald danach starb, und der ihr vorgesetzte Vize-Verteidigungsminister (er wurde abgelöst) unterrichtet waren, womöglich interessiert waren am Resultat des Versuchs. Die Folgen des Experiments wurden mit absoluter und den ganzen Kontinent gefährdender Geheimhaltung zugedeckt.

Für das Experiment wurde ein Zeitpunkt gewählt, an dem es - letztlich ein Glück - besonders wenig Zeugen vor Ort gab: Am Nachmittag jenes Freitags leert sich die Baustelle am Reaktor 5. Zur Nachtschicht kommen 268 Bauarbeiter. Von den rund 1000 Beschäftigten an jedem der drei weiter arbeitenden Reaktoren bleibt jeweils eine Schicht von 50 Mann; an dem auslaufenden Reaktor Nr. 4 befinden sich fast nur noch die Experimentatoren.

Der Regen hat aufgehört. die Temperatur steigt an diesem Apriltag auf 22 Grad, der Wind dreht nach Südost, Richtung Kiew. Am Pripjat-Fluß angeln die Rentner auf der dem Kraftwerk gegenüberliegenden Uferseite. Die Schulkinder freuen sich auf die bevorstehenden langen Sommerferien. In der Stadt Pripjat werden zum nächsten Tag die Hochzeiten ausgerichtet, ein Fußballspiel ist angesagt.

Gegen 14 Uhr wird das Notkühlsystem des Reaktors Nr. 4 bewußt abgeschaltet - die automatische Notkühlung könnte nur stören. Um 0.28 Uhr sinkt die Leistung des gedrosselten Reaktors auf unter ein Prozent. Nun, im Schatten der Nacht, wird experimentiert. Gegen ein Uhr des neuen Tages, des nun schon welthistorischen 26. April 1986, pendelt sich die instabile Reaktorleistung auf sieben Prozent des normalen Pegels ein. Jetzt schaltet man zusätzlich zu den sechs Wasserpumpen zwei weitere ein, der Kühlmittelfluß steigt derart, daß Pumpen brechen könnten.

Auch die Kontrollstäbe zur Regulierung der Kettenreaktion sind herausgezogen, um die Leistung nicht wieder absinken zu lassen. Man blockiert das Signal für eine Schnellabschaltung des Reaktors nach Abkoppeln der Turbinen.

In der kritischen Minute um 1.23 Uhr werden versuchsbedingt die Sicherheitsventile des Turbogenerators geschlossen. Der Wasserzufluß wird abrupt verringert. Die Temperatur im Reaktor steigt, das Wasser wird extrem erhitzt. Jetzt versucht Schichtleiter Akimow eine Notabschaltung. Er drückt den Knopf „AZ 5“, um die Kontrollstäbe in den Reaktorkern zu senken. Nur ein Viertel taucht noch ein, die anderen sind von der Hitze verbogen. Der Reaktor liefert binnen drei Sekunden 530 Megawatt, dann plötzlich mehrere tausend Megawatt. Es gibt einige „Schläge“, dann zwei Explosionen, ausgelöst durch ein Gasgemisch.

Das Dach fliegt weg, brennende Materialklumpen und Funken schießen in die Luft, setzen das Bitumendach der Maschinenhalle in Brand, den geteerten Parkettfußboden. Wände stürzen ein, der Ladekran kracht auf den Reaktor, Strom und Notstrom fallen aus. Über das Kraftwerk steigt die Explosionswolke. Ein Mann wird von herabfallenden Trümmern erschlagen. Ein Brandverletzter flüstert Helfern zu: „Dort . . . Walera!“ Dann stirbt er. Für Walera Chodemt­schuk wird der Reaktor zum Sarkophag, sein Leichnam bleibt unauffindbar.

Der Rest der Belegschaft flüchtet. Die anderen Reaktoren beginnt man erst nach dreieinhalb, beziehungsweise 24 Stunden abzuschalten, weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will. Noch am selben Tag kommen 132 Personen ins Krankenhaus, viele haben mehr als 100 Rem abbekommen. Am nächsten Tag gelangen 129 Verwundete in Moskauer Spezialkliniken und 72 ins Kiewer Krebskrankenhaus.

Was die Leichtfertigkeit von Technokraten angerichtet hatte, gerät nun durch die Hilflosigkeit eines brüchigen Gesellschaftssystems zur Katastrophe: Ein Land, in dem fast jedermann gewohnt ist, sich vor der Verantwortung zu drücken, wird mit der modernen Technologie nicht fertig. Tschernobyl, der Beweis, führt die Sowjet-Union an einen Kreuzweg, der sie nun zur Entscheidung über Fortschritt oder Niedergang zwingt.

Eine Stimme hatte gewarnt, mit detaillierten Argumenten.: 30 Tage vor dem Tschernobyl-Gau erschien in der Zeitschrift „Literaturna Ukraina“, und zwar - gegen jeden Brauch - auf der ersten Seite, sechsspaltig, ein Leserbrief aus der unbekannten Kleinstadt Pripjat. Nur wenige Leser erreicht die ukrainische Literaturzeitung, ihre Auflage von 48.000 - ein Heft auf tausend Ukrainer - ist für Sowjetverhältnisse winzig, und Literaturfreunde interessierte der Inhalt dieses Leserbriefs kaum. Trotzdem zensiert die Parteileitung in Kiew nichts so genau wie das ukrainische Intelligenzblatt, das allemal im Verdacht staatsgefährdender Dissidenz steht.

Dieser mit Genehmigung der Partei veröffentlichte Leserbrief war offenkundig lanciert, unterzeichnet mit Ljubow Kowalewska („Die liebe Schmiedin“). Überschrift: „Keine Privatsache“.

Es ging ums KKW Tschernobyl. Der Briefautor oder die Autorin kannte sich da genauestens aus. Dort, wo die größte Atomstromfabrik der Welt entstand und bereits am fünften Reaktor gebaut wurde, herrsche ständig Pfusch am Bau, hieß es: „Die Probleme des ersten Kraftwerkblocks sind auf den zweiten, vom zweiten auf den dritten und so weiter übergegangen. Dabei haben sich die Probleme vermehrt und sind von einer enormen Zahl offengebliebener Entscheidung überwuchert worden. Man fragt sich, wie lange man über ein- und dasselbe reden soll und welchen Nutzen dieses Reden bringt!“

Beispiele: Kostenvoranschläge kommen von einem Wasserkraftwerk-Institut (es ist benannt nach dem Generalmajor Sergej Schuk, dem Generalbaumeister aller Kanalbauten des Gulag), und sie kommen verspätet und unvollständig, das führt zum „Zusammenbruch“ der Dispositionen.

Oder: „Wegen der Gewissenlosigkeit der Herstellerunternehmen“ wird fehlerhaft, unvollständig oder überhaupt nicht zugeliefert, zum Beispiel zu wenig und schlechter Beton, an Metallkonstruktionen 2358 Tonnen zu wenig, auch 800 Kubikmeter für die Kühltürme fehlten und 150 Kubikmeter für die Wandpaneele der Maschinenhalle. Was kam, bestand aus minderwertigem Material, auch die Deckenabdichtung des Zwischenlagers für den abgebrannten Kernbrennstoff.

Die Warnung aus Pripjat bewies, daß die Katastrophe durch die Konstruktionsfehler der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft konditioniert wurde - durch das vollkommene Desinteresse eines jeden Produzenten und Funktionärs, die Anarchie des Plans. Die Abnahme, also die Qualitätskontrolle der angelieferten Güter, blieb stecken, bei ihr stapelten sich in Tschernobyl Unterlagen aus zehn Jahren.

Neuerdings besorgte eine zentrale Planungsorganisation alle Bestellungen, ein „Experiment“ der Wirtschaftsreform, ein Mißerfolg: Durcheinander, weil Begleitpapiere fehlen, „verbarrikadierte Lagerhallen und zugestelltes Fabrikgelände - nachher ein Hindernis für die Retter, und nirgendwo ein Landeplatz für die Hubschrauber des Generals Antoschkin.

Und der ganze Betrieb steht unter Zeitdruck. Die Baufrist für den fünften Reaktor ist von drei auf zwei Jahre verkürzt worden. Wegen der verspäteten Kostenvoranschläge gingen die Bestellungen überhaupt erst am Ende des ersten Baujahrs raus.

Wer ist schuld an der Akkordpeitsche, wer überfordert die Kapazität? „Die Leitungsorgane“ sagt der Leserbrief. „Sie entwickeln im Eilverfahren ein unrealistisches Programm. Das führt unweigerlich zur Desorganisation der Bautätigkeit und meist zum Scheitern des Plans!“

Drei Namen von leitenden Organen werden dabei genannt. Erstens der Minister für Energetik und Elektrifizierung, Majorez - der erste Minister, den der neue Parteichef Gorbatschow, elf Tage nach seinem Amtsantritt, ernannt hat. Der Vorgesetzte dieses Ministers Majorez ist ein Rüstungsingenieur, der seit sechs Monaten der sowjetischen Regierung vorsteht: Premier Nikolai Ryschkow. Ihn, zweitens, zitiert der drastische Leserbrief mit einer wenige Tage vorher auf dem Parteitag gehaltenen Rede:

Das Energieministerium der UdSSR hat während des 11. Fünfjahresplans (1981/ 1985) zugelassen, daß die angepeilte Energieproduktionssteigerung der Atomkraftwerke nicht erfüllt wurde. Dies hat zwangsläufig zu einem erhöhten Bedarf an organischem Brennmaterial (Kohle, Erdöl, Gas) geführt. Wenn wir die angespannte Lage auf dem Gebiet der Brennmaterialversorgung des Landes und die wachsende Rolle der Atomenergie berücksichtigen, sind solche Versäumnisse in Zukunft nicht zulässig.

Nun ist die Sowjet-Union zwar neben den USA der weltgrößte Produzent - und Verschwender - von Energie jeder Art. Aber plötzlich hat sich herausgestellt, daß die Ressourcen doch begrenzt sind, auch lassen sich Öl und Gas gegen Devisen tauschen. Deshalb setzt Ryschkow auf die Nuklearenergie, anders als seine ukrainischen Genossen, die Investitionen in die am Ort vorhandene Kohle vorziehen.

Drittens zitiert der Brief den Parteichef Gorbatschow, zwar nicht mit seiner Parteitagserklärung, die Atomstromproduktion müsse in den nächsten fünf Jahren auf das Zweieinhalbfache steigen, aber mit einem Satz zur Wirtschaftsreform: Eine wichtige Aufgabe seien direkte Lieferverträge - anders als in Tschernobyl.

Keiner der drei zitierten Spitzenfunktionäre hatte über die Qualität der Kernkraftwerke ein Wort verloren, über ihre Kontrolle. Deshalb der Brief, mit landeseigener Seele wider landesübliche Mängel: „Der wichtigste Kontrolleur eines jeden, der mit dem Bau von Energiewerken zu tun hat, muß sein eigenes Gewissen sein!“ Pfusch also bereits beim Bau von Atomkraftwerken? Noch gibt es, laut Leserbrief, eine „gemeinsame Verantwortung vor der Zukunft, die wir der neuen Generation übergeben“. Das war es.

Vier Wochen später erwies sich am Tschernobyler Reaktor Nr. 4, daß die Dachkonstruktion ebenso wie der Fußboden der Maschinenhalle aus leicht brennbarem Material bestanden, der Laufkran aus der Halterung stürzte, ein Berstschutz aus Beton überhaupt nicht vorhanden war.

Bei ihrer Warnung vor dem menschheitsgefährdenden Pfusch berief sich die „Literaturna Ukraina“ auf einen einheimischen Bürgen: W.W. Schtscherbizki sagte auf dem Parteitag: „Der Effekt hängt in entscheidendem Maße von der Qualität der Projekte ab!“ Wladimir Wassiljewitsch Schtscherbizki ist der Parteichef der Ukraine. Ein Freund und Landsmann des damaligen Generalsekretärs Breschnew, ist Schtscherbizki seit 1972 im Amt, zwei Jahre nach Baubeginn des ersten Tschernobyl-Reaktors. Er kennt die Mängel.

Er muß auch wissen, daß es keine Evakuierungspläne für die Bevölkerung gibt, keine Schutzanzüge und funktionierende Geigerzähler; daß die Zahl der Feuerwehrleute geringer ist als die der Wachmannschaften vom Objektschutz, daß allein die beiden ersten Reaktorblöcke von Tschernobyl bei normalem Betrieb jeden Monat radioaktive Edelgase von 23.300 Curie emittieren - soviel wie 1957 beim Brandunglück im britischen Windscale frei wurden, 200mal mehr als etwa vom KKW Biblis.

Auch die Moskauer Zentrale ist darüber unterrichtet. Aber die meisten KKW stehen am Rande des Reichs, kein einziges auf dem Territorium des historischen russischen Kernlandes.

Schtscherbizki sitzt in Kiew, nicht weit vom gepfuschten KKW. Es könnte sein, daß es Schtscherbizki selbst war, der - womöglich im Wissen um das bevorstehende „Experiment“ - den literarischen Hilfeschrei angeregt hat und damit in furchtbarer Weise recht behielt. Nachher konstatierte der ukrainische Autor Boris Olejnik: „Niemand aus dem Bereich der Atomenergie nahm das Material in unserer Literaturzeitschrift zur Kenntnis!“

Dabei war es nur die letzte Warnung - die erste kam, als vor 29 Jahren am Ural eine Atommülldeponie außer Kontrolle geriet und 30 Ortschaften bis heute unbewohnbar machte. Sowjetprofessor Nikolai Dolleschal, Konstrukteur des ersten zivilen Reaktors der Geschichte (1954), erklärte 1979 im Parteiorgan „Kommunist“ sein eigenes Produkt für zu gefährlich, in der Nähe von Großstädten stationiert zu werden.

Doch Energieminister Pjotr Neporoschny, verantwortlich auch für den Bau des KKW Tschernobyl, blieb dabei (1984): „Solche Stationen sind sehr ökonomisch und können in unmittelbarer Nähe einer Stadt gebaut werden, weil sie keinen Rauch ablassen und vollkommen sicher sind!“

Konkrete Beschwerden wie die aus Pripjat erhoben sowjetische Zeitungen schon 1979 über das KKW Belojarski, 1980 und 1985 über das KKW Smolensk, sie notierten 136 ernste Fehler beim Bau des KKW Rostow, wo nur noch die Hälfte des Personals arbeitete, nachdem Fachleute nach Tschernobyl abgezogen worden seien; das Tor zum ersten Reaktorblock differiere 38 Millimeter gegenüber dem Bauplan, so daß der Reaktor nicht genau placiert werden könne.

Für das KKW Balachowo, hieß es 1982, sei statt Stahl „absoluter Dreck“ geliefert worden, und 1983: Die Materialqualität sei „teilweise angsterregend“. In jenem Jahr gab es in der KKW-Fabrik Wolgodonsk ein Unglück mit Toten, woraufhin endlich - 29 Jahre nach Inbetriebnahme des ersten sowjetischen Reaktors - eine technische Überwachungsbehörde eingerichtet wurde, das „Staatskomitee für die Aufsicht über die sichere Durchführung der Arbeit in der Atomenergetik“. Doch als 1984 beim KKW Kursk die Revision angelieferte Betonteile für unbrauchbar erklärte, ließ der Bauleiter sie dennoch verwenden, weil für ihn nur das erfüllte Arbeitssoll zählte. Noch im Januar 1986 sagte ein erfahrener KKW- Bauarbeiter einem Moskauer Rundfunkreporter: „Uns bremst die unkorrekte Planung, die Leute schauen nur auf den heutigen Tag. Nach uns die Sintflut!“

Zugleich war der zweite Block des KKW in Kalinin mit einem halben Jahr Fristüberschreitung noch außer Betrieb, weil nachts das für den laufenden Reaktor fehlende Reparaturmaterial einfach ausgebaut wurde. Beim Test stand der Keller unter Wasser, weil die Dränage ausgebaut war. Aus dem bereits kritisierten Rostow meldete ein Fachblatt im Februar „keine bemerkenswerten Veränderungen zum Besseren“. Die Hiobsbotschaften näherten sich dem Zentrum des Unheils.

Am 18. März 1986, eine Woche vor der sensationellen Leserbrief-Warnung, meldete die ukrainische „Prawda2, das Organ Schtscherbizkis, im Tschernobyl-Kraftwerk gebe es „Schaden, Bruch und infolgedessen Unordnung, die nirgendwo hingenommen werden kann, geschweige in einem Atomkraftwerk“.

Ein Monat blieb nach dem letzten Appell, an die kommende Generation zu denken, noch bis zum Gau. Die Explosion des Reaktors Nr. 4 öffnete dann jene Büchse der Pandora, in der alle die vertrauten Mängel und Versäumnisse des sowjetischen Systems von 1986 versammelt waren.

Wo blieb die Feuerwehr? Bei diesem Katastrophenfall hätten rasch Hunderte zur Stelle sein müssen. In Tschernobyl löschten „bis etwa fünf Uhr morgens“, so die „Iswestija", 28 Feuerwehrleute. Sechs von ihnen starben in den folgenden zwei Wochen, auch einige der anderen, die das Sowjetfernsehen kahlköpfig, aber voller Optimismus, in ihren Krankenzimmern vorführte. Leutnant Wladimir Prawik, 24, von der Betriebsfeuerwehr hatte nach dem Alarmsignal per Funk den „Alarmruf Nr. 3“ ausgelöst, die höchste Stufe, wonach alle Löschfahrzeuge des Kiewer Regierungsbezirks hätten kommen müssen. Sie „trafen später eins nach dem anderen ein. Später“ (so die „Prawda"), und über die 28 Brandbekämpfer in Tschernobyl: „Es war niemand da, um sie abzulösen!“

Im „Lenin“-Kernkraftwerk war in jener Nacht überhaupt kein Feuerwehrmann anwesend. Die zuständige „Militarisierte Feuerwehreinheit zum Schutz des Tschernobyler Lenin-KW“ befand sich außerhalb des Werks, in der Stadt Pripjat. Ihr Chef Leonid Teljatnikow, Absolvent der Höheren Feuerwehrtechnischen Ingenieurschule des Innenministeriums in Moskau, leitete die Einheit seit vier Jahren und hatte sie auch schon mal ein brennendes Torfmoor in der Nähe löschen lassen. An diesem Wochenende hatte er Urlaub bis Dienstag.

Den Bereitschaftsdienst versah in jener Nacht der Feuerwehrmann Prischtschepa von der 2. Unterabteilung - nicht im Werk, sondern in Pripjat. Ihn weckte die vom KKW mit der Wache

verbundene Signalleitung. Prischtschepa zog sich an und setzte sich ins Auto, sein Chef, der Leutnant Prawik - der rasch noch Kiew alarmierte - setzte sich dazu: Insgesamt sieben Mann fuhren los, nach sieben Minuten waren sie am Brandort.

Einen Hydranten gab es nicht in der Nähe des Reaktors Nr. 4, sie legten Schläuche vom Maschinenhaus. Fünf Minuten später kam die 17. Unterabteilung mit Leutnant Wiktor Kibjonok und weiteren sieben Mann. Jemand rief den Major Teljatnikow an seinem nur sechs Kilometer entfernten Urlaubsort an, er kam sofort, per Anhalter.

Gut eine halbe Stunde nach dem Gau gelangte er an den Reaktor und sah, daß sich mit einer Truppe von 15 Mann der Brandherd bis zur Höhe von 71,5 Metern nicht bewältigen ließ. Sein Fahrer weckte die dienstfreien 13 Feuerwehrleute der 6. Unterabteilung. Die Leitung übernahm, weil kein Leutnant da war, der Obersergeant Ignatenko.

Teljatnikow und Ignatenko kletterten auf die Spitze des Reaktorgebäudes, dessen Eisenträger von der Hitze deformiert waren. Ihre Stiefel blieben im heißen, flüssigen Bitumen stecken, Qualm nahm ihnen Sicht und Atem. Unter ihnen lag der offene, weißglühende Reaktorkern.

Sergeant Tischtschura fiel um, Sergeant Waschtschuk wurde bewußtlos, dann brach Obersergeant Titjonok zusammen. Dann Leutnant Prawik, Leutnant Kibjonok. Ignatenko übernahm das Kommando über den Rest, bis auch er weggetragen werden mußte. Alle sechs sind gestorben.

Keiner hatte einen Schutzanzug oder Geigerzähler. Radioaktivität? Der wachhabende Strahlenmesser Gorbatschenko las im Augenblick der Explosion „eine schreckliche Zahl“ ab, „in den nächsten Stunden“, so die Zeitung „Komsomolskaja prawda“, bemühte er sich persönlich, die Werksangehörigen aus der unmittelbaren Gefahrenzone herauszuführen.

Sehr früh war der Polizeigeneral Berdow, Vize-Innenminister der Ukraine, anwesend, er hatte seine Paradeuniform dabei (die er dann anzog, um protestierende Bürger zu besänftigen). Viell­eicht wollte er den 50. Geburtstag des regionalen Parteisekretärs Rewenko feiern.

„Weder General Berdow noch Hunderte von Menschen, die an ihren Arbeitsplätzen waren oder nach dem Alarm zum KKW kamen, dachten an radioaktive Strahlung“ (so die Militärzeitung). Die Agentur Tass: „Am ersten Tag war weder den Fliegern noch irgend jemandem auf der Station die genaue Strahlensituation bekannt!“

Zwei Operatoren der Reaktorhalle Nr. 4, Kurgus und Degtjarenko, befiel plötzlich Brechreiz, ein Verstrahlungssymptom, aber in unterschiedlicher Form: Kurgus wurde depressiv, sein Blick war irre. Degtjarenko schwebte in Euphorie, versuchte sogar zu singen und mußte sich dabei übergeben.

Der stellvertretende Leiter der Elektroabteilung am vierten Reaktor, Leletschenko, bat in der Ersten-Hilfe-Station, draußen rauchen zu dürfen. Er ging, hielt ein Auto an, fuhr zum brennenden Reaktor und legte Hebelschalter um.

Kurgus, Degtjarenko, Leletschenko der Schichtmeister Akimow waren zwei Wochen später tot. Eine Stunde nach dem Gau, um 2.30 Uhr, versammelte Kraftwerksdirektor Brjuchanow seine Mitarbeiter um sich. Drei Stellvertreter und der Chefingenieur Fomin fehlten.

Um drei Uhr ist der Brand in der Reaktorhalle gelöscht, der Reaktor Nr. 3 außer Gefahr, die Reste des Dachs von Nr. 4 brennen weiter bis gegen fünf Uhr - und der offene Reaktorkern glüht und strahlt und schleudert all die unsichtbaren Mordinstrumente in die Atmosphäre, die sich nach Rem und Becquerel bemessen. Der Wind hat nach Nordwesten gedreht. Richtung Belorußland, Polen, Skandinavien, Westeuropa.

Um 4.30 Uhr wird die Moskauer Führung geweckt, soweit sie nicht schon im Weekend auf den Datschen weilt. Die Einwohner von Pripjat haben die Detonation gehört und die Rauchwolke über dem Werk gesehen, aber niemand warnt sie. Nur einige Leute mit Beziehungen und mit Telephon packen ihre Sachen und suchen das Weite. Die Bürger von Tschernobyl erfahren nichts. Die Kinder gehen zur Schule, viele Fenster stehen offen wegen des schönen Wetters. Das Fußballspiel wird neben der strahlenden Reaktorruine ausgetragen - nur keine Panik. Die Hochzeiten werden gefeiert. Der Sonnabend geht vorüber, ohne daß noch irgendetwas geschieht - keine Alarmierung der Bewohner, keine Evakuierung, keine Information an die Öffentlichkeit.

Nur General Antoschkin empfängt am Abend seinen Anruf. Er meldet nach Moskau, der Feu­ersturm schleudere radioaktive Partikel bis zu einem Kilometer in die Höhe. Am nächsten Morgen klettert er auf das Dach des Gasthauses „Pripjat“ und weist per Funksprechgerät seine Hubschrauber ein. Zum Landeplatz hat er sich die gepflasterte Fläche vor dem Bürogebäude des Stadtparteikomitees ausgesucht.

General Antoschkin und Oberst Serebrjakow schippen selbst den Sand in Säcke, fahren ins nächste Dorf und holen weitere Säcke. Die Piloten haben eine Handskizze vom KKW gefertigt, eine Anflugschneise und den Abwurfpunkt eingetragen. Sie fliegen über den Krater, der Bordmechaniker öffnet die Tür, schaut in den glühenden Schlund, um auf Sicht zu zielen, und wirft ab.

Die Strahlung bedroht ihr Leben, viele Besatzungen kommen mit schweren Strahlenverbrennungen in Moskauer Militärkrankenhäuser, aber was sie tun - womit sie sich opfern -, ist genau das Richtige. Erst zwei Tage danach erkundigt sich ein Sowjetdiplomat noch in der Bundesrepublik, wie man brennenden Graphit löscht.

Am Sonntag, dem ersten Tag der Reaktor-Beerdigung, um 19 Uhr meldet Antoschkin dem Vizepremier Schtscherbina stolz 93 Abwürfe. Schtscherbina: „Wie Schrotkorn für einen Elefanten!“ Binnen zwei Stunden bringt Antoschkin, „milde ausgedrückt, seine Beziehungen mit jenen Leitern ins reine, von denen die Sand- und Sack-Versorgung abhing“ („Krasnaja swesda“), auf militärische Art.

Am nächsten Tag läßt Antoschkin 186 Sack abwerfen, am folgenden dreimal soviel, am fünften Tag nach dem Gau sind es 1.500 Säcke. Dann läßt er sandgefüllte Fallschirme abwerfen. Aus dem ganzen Land werden Hubschrauber zusammengezogen. Die besten Piloten sind außer Landes, bei der in Afghanistan kämpfenden Truppe - auch sie werden geholt, so Hauptmann Gowtwjan, der dort in den letzten 14 Monaten 520 Kampfeinsätze geflogen hat und viermal von Mudschahidin abgeschossen wurde.

Am Ende ist der Reaktorkrater mit insgesamt 5.000 Tonnen Sand, Bor, Dolomitgestein und Bleibarren gestopft, und Antoschkin muß ins Krankenhaus: Seine „Röntgendosis war voll“. Acht Monate dauert es, bis der Generalmajor Antoschkin zum „Helden der Sowjet- Union“ ernannt wurde. Befördert wurde der Held der Menschheit jedoch noch nicht.

Auch Generaloberst Pikalow, Chef der Chemischen Truppen. empfing für Tschernobyl den Orden „Held der Sowjet-Union“, und auch der Feuerwehr-Major Teljatnikow und seine beiden verbrannten Leutnants Prawik und Kibjonok, post mortem.

Die Wolke, die auch sie nicht hatten bändigen können, zog über die Ukraine und Belorußland nach Polen, Skandinavien und nach Deutschland. Sie bedrohte nun Millionen, die von alledem nichts ahnten. Nicht Stunden oder Tage, sondern Wochen und Monate währte es, bis die Wahrheit ans Licht kam, und da berief sich die Partei plötzlich auf ein höheres Wesen, von dem die Kommunisten sonst meinten, es könne aus dem Elend niemanden erlösen. Ihr Organ, die „Prawda“, druckte ein Gedicht von Andrej Wosnessenski auf die Tapferen der ersten Stunde: „Gott ist in dem, der das verstrahlte Objekt betrat, der den Reaktor löschte, dessen Haut und Kleider verbrannten, der sich selbst nicht rettete, aber Kiew und Odessa. Gott. das ist der Hubschrauberpilot, der rettete und gerettet wurde!“

 

 

 

 

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