Ehe

 

Was sagt die Bibel über die Ehe?

Man kann dieses Thema auch behandeln nach dem Zitat aus Sirach 9: „Wende dein Angesicht von schönen Frauen und sieh nicht nach der Gestalt anderer Weiber; denn schöne Weiber haben manchen betört!" (Vers 8 - 9)    oder auch: „Eifere nicht über das Weib, das dir vertraut ist; denn solch hartes Aufsehen bringt nichts Gutes. Laß deinem Weibe nicht Gewalt über dich, daß sie nicht dein Herr werde!“(Vers1 - 2). In der Bibel steht ja noch mehr über die Ehe als diese Ermahnungen an einen jungen Mann.

In der „Ordnung der Trauung“ (Agende) stehen auch jedesmal an einer bestimmten Stelle (nach der Traupredigt und vor den Fragen an das Ehepaar) die biblischen Kapitel, die von der Beziehung zwischen Mann und Frau und von der Ehe handeln: zunächst die Stellen vom Anfang der Bibel über die Erschaffung von Mann und Frau, dann aus Paulus die berühmte Stelle „Das Weib sei untertan dem Manne“ und schließlich der Segen Gottes über den Ehestand am Anfang der Bibel.

Sehr problematisch ist dabei das Mittelstück. Gottes Gebot über die Ehe erschöpft sich nicht in der Anweisung, daß die Frau ihrem Mann gehorsam sein soll und die Männer ihre Frauen liebhaben sollen. Das ist sowieso antike Weltanschauung, nach der die Frau nur ein Mensch zweiter Klasse ist. Paulus hat halt in dieser Welt gelebt, wenn er auch auf der anderen Seite auf die Pflicht des Mannes hinweist.

Eigentlich ist diese antike Auffassung ja erst durch das Christentum überwunden worden. Weil im Christentum jeder Mensch vor Gott gleich ist und die christliche Frau als eine Schwester angesehen wird, gibt es heute eine „Gleichberechtigung“ der Frau, wenn diese auch noch nicht voll durchgesetzt ist. Deshalb kann man heute nicht bei der Trauung ausgerechnet auf diesen einen Satz des Paulus zurückgehen. Das sechste Gebot gehört doch zunächst einmal in erster Linie zu dem Gebot Gottes über die Ehe. Man kann aber dasselbe auch viel besser positiv sagen mit den Worten des Paulus aus 1. Korinther 13, dem „Hohen Lied der Liebe“.

Wo immer aber die Bibel von den Gaben und Aufgaben in der Ehe spricht, macht sie einen deutlichen Unterschied zwischen Mann und Frau, die sich gegenseitig ergänzen sollen. Von Anfang an wird der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit gesehen. Die Geschlechtlichkeit aber ist in der Bibel eine Sache des ganzen Leibes, sie bezieht sich auf die ganze Person, auf das Ich in seiner konkreten Ganzheit. Das geschlechtliche Verlangen wendet sich nicht nur den Geschlechtsorganen des anderen zu, sondern dem ganzen anderen Menschen „leiblich-geistig-seelisch“. Allerdings ist die Geschlechtlichkeit eine der wesentlichen Funktionen des Menschen, wenn sich auch das Menschsein nicht in ihr erschöpft.

 

Die Bibel kennt aber nur die grundsätzliche Zusammengehörigkeit der Geschlechter. Die Ehen werden nicht schon im Himmel geschlossen, so daß schon vor der Geburt bestimmt wäre, wer wen kriegt (keine präexistente individuelle Zusammengehörigkeit wie bei Plato). Die Einheit ist in jedem Fall individuell bedingt und unterscheidet sich von der jedes anderen Menschenpaares.

Dennoch bleibt es seltsam, daß zwei Menschen mit je einer besonderen Eigenart so ineinander wachsen, daß sie sich gegenseitig völlig ausliefern bis hin zum Wissen vom Aussehen des eigenen Körpers. Die gegenseitige Abhängigkeit zeigt sich aber nicht nur im gegenseitigen geschlechtlichen Begehren, sondern vor allem etwa in dem Wunsch, dem Partner gleich zu werden und das Urteil oder das Bild des anderen zu übernehmen. - Woher kommt das? fragten sich zu allen Zeiten die Menschen. In dem Glaubensbekenntnis am Anfang der Bibel haben sie eine Antwort zu geben versucht.

 

7Die Erschaffung von Mann und Frau (1. Mose 1 - 4 ):

1. Mose 1,27 - 28: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut!“

Gott hat den Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen. Erst Mann und Frau zusammen ergeben „den Menschen“. Nicht der Mann ist die Krone der Schöpfung, sondern der Mensch, also Mann und Frau zusammen. Damit aber hat Gott selbst die Ehe geschaffen und Mann und Frau in die eheliche Gemeinschaft berufen. Auch die Segenskraft, die ihn zur Fortpflanzung befähigt, empfängt der Mensch aus der Hand Gottes.

Aber sie hat nichts mit seiner Gottebenbildlichkeit zu tun. Durch die geschlechtliche Begegnung kann der Mensch nicht mit Gott in Kontakt kommen, wie es in der Umwelt Israels behauptet wurde; der Mensch kann nicht durch sein Tun die göttliche Segenskraft auf die Erde herabzwingen. Die Einheit des Fleisches gehört auf die nur natürliche Seite des Menschen. Das hat die biblischen Schriftsteller davor bewahrt, in dem Glücksgefühl der geschlechtlichen Begegnung eine Möglichkeit zu sehen, mit dem göttlichen Quell des Lebens in Kontakt zu kommen

 

1. Mose 2,18: „Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei!“

Dem Menschen war es so langweilig in dem Garten, den Gott ihm gegeben hatte. Zwar hatte er es sehr bequem, aber es fehlte ihm das lebendige Gegenüber, etwas Lebendiges, mit dem er sprechen kann und mit dem er gesellig zusammen sein kann. Gott versucht es zunächst mit den Tieren. Aber das Gesicht des Menschen wird immer länger: Das ist doch kein Partner für ihn, mit dem man sich unterhalten kann! Gott muß sich da schon etwas Besseres einfallen lassen. Das tut er dann auch, als sein erster Versuch mißlungen ist. Der Mensch wird in Narkose versetzt und Gott baut aus einem Teil seiner Rippen eine Frau. Als der Mann aufwacht, strahlt er über das ganze Gesicht: Das ist doch endlich Fleisch von meinem Fleisch! Damit kann er etwas anfangen, das ist ein gleichwertiger Partner.

Der Grund für die Erschaffung der Frau ist also die Überwindung des Alleinseins, nicht die Ermöglichung einer Fortpflanzung. Der Sinn der Ehe ist also nicht nur die Zeugung von Kindern. Wer das geschlechtliche Begehren für unanständig hält, kann es nicht deshalb ethisch tragbar machen, weil es ein Aussterben der Menschheit verhindert. Die katholische Kirche fordert das von ihren Gliedern; sie sollen nur dann körperlich zusammenkommen, wenn sie den festen Willen zum Kind haben. Dabei ist zunächst einmal das Verlangen nach Gemeinschaft da, das in der Geschlechtsgemeinschaft seinen stärksten Ausdruck findet; es ergibt sich aus dem Alleinsein des Einzelnen. Erst in zweiter Linie kommt das Verlangen nach Kindern, das sich ergibt aus dem Eingegliedertsein in die Kette der Generationen. Die geschlechtliche Erregung wird nicht hervorgerufen durch den Wunsch nach Zeugung von Kindern, sondern durch die Lust aneinander, die in der geschlechtlichen Vereinigung am stärksten verbindet.

 

1.Mose 2,24: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein e i n Fleisch“

Die Ehe ist nach Gottes Ordnung die Fortsetzung des Elternhauses. In der Lösung des heranwachsenden Menschen von den Eltern liegt Gottes Wille. Mann und Frau sollen dadurch in der Bezogenheit aufeinander zur Vollendung ihres Geschlechtes kommen. Doch diese erschöpft sich nicht in der geschlechtlichen Bindung. Die Verantwortung füreinander zeigt das völlige Aufeinanderangewiesensein: Die Gaben des einen gehören auch dem anderen!

Diesen Vorgang kann man ja bis heute beobachten: Da versuchen Eltern, ihren Sohn noch möglichst lange im Haus zu behalten und ihm den Gedanken an Mädchen abzugewöhnen. Sie tun alles für ihn, was er sich nur wünschen könnte, sie machen es ihm bequem, sie verwöhnen ihn. Sie kaufen ihm einen Fernseher und ein Moped. Aber das Ergebnis ist: Er sitzt mit der Angebeteten vor dem Fernseher oder er nimmt sein Moped und fährt mit seiner Flamme davon. „Der Mensch wird Vater und Mutter verlassen und dem Weib nachlaufen!“

Die Erzähler dieser Geschichte von der Erschaffung des Menschen haben sich natürlich auch gefragt: Woher kommt dieser urgewaltige Drang der Geschlechter zueinander? Weil sie aber alles auf Gott zurückführten, sagten sie: Gott hat Mann und Frau aus der gleichen Materie geschaffen. Ursprünglich waren sie e i n Fleisch; und nun drängen sie wieder zueinander, bis sie im Kind wieder ein Fleisch geworden sind. Deshalb hat auch der Mensch nur im Oberkörper Rippen, denn die anderen hat Gott ja gebraucht, um die Frau daraus zu bauen.

Natürlich ist dieser Erklärungsversuch heute nicht mehr anerkannt. Wir wissen etwas mehr über die Entstehung des Menschen in einer langen Entwicklungskette aus dem Tierreich heraus. Diese Geschichte am Anfang der Bibel will ja auch kein Augenzeugenbericht sein, sondern ein Glaubensbekenntnis: Gott hat das von Anfang an so eingerichtet. Deshalb steckt doch eine tiefe Weisheit und Wahrheit in dieser Erzählung, auch wenn sich das alles nicht so ereignet hat, wie es dasteht.

Das biblisches Bild vom „ e i n Fleisch“ wehrt die Vorstellung vom „Ehekrieg“ an und entwirft ein anderes Leitbild von der Ehe. Diese wird hier als vertraglich geschlossene Gemeinschaft von zwei Menschen verstanden. Und solange Ehe nur Gemeinschaft ist, wird es in ihr - wie in jeder anderen menschlichen Gemeinschaft - Rangstreitigkeiten geben, in denen um den ersten Platz und die Rolle des Vorgesetzten gekämpft wird.         

Die Bibel hat ein tieferes Bild von der Ehe. Sie versteht die Ehe nicht als Gemeinschaft von Mann und Frau (also letzten Endes doch als Zweiheit), sondern als Organismus, als ein Fleisch - oder um es in unseren Vorstellungen zu sagen: als einen Leib. Der kurze Satz: „Sie werden ein Fleisch sein“, über den man bei Trauungen so gerne hinweghört, weil man ihn als peinlich empfindet, enthält für die Entfaltung der Ehe unendlich viel Hilfreiches. „Sie werden ein Fleisch sein“ heißt ja nun           wahrlich nicht nur: „Sie werden geschlechtlich vereint sein“, sondern das heißt: „Sie werden nach Leib, Seele und Geist zu einem Organismus zusammenwachsen, in dem der eine nicht mehr ohne den anderen sein kann“. Beide sind fortan so aufeinander bezogen, wie Organe in einem lebendigen Organismus. Zwischen Organen aber gibt es keinen Rangstreit, sondern von ihnen hat jedes seine ihm eigenen Funktionen zu erfüllen.

Das Angewiesensein der Organe aufeinander ist so eng, daß sich jede Veränderung in einem sofort auch im anderen auswirkt: Freut sich ein Glied, so freuen sich alle anderen mit, leidet ein Glied, so leiden alle mit, - oder um es plastischer zu sagen: Jede Störung des Herzens stört auch das Gehirn, und jede Störung des Gehirns stört auch das Herz. Der Ausfall eines Organs bedeutet auch den Ausfall des anderen. Begreifen Eheleute, daß sie so aufeinander bezogen sind, dann lassen sie davon, sich gegenseitig den Rang abzulaufen und durch dummen Geschlechtsneid die Entfaltung ihrer Ehe zu hindern. 

Man stellt dann nämlich bei Eheschwierigkeiten nicht mehr die einseitige Frage: „Wer ist schuld?“ - sondern fragt umfassender: „Wie wirkt sich die Störung des einen Organs als Störung im anderen aus?“ Erst wenn man das Ganze im Blick hat, kann man die richtige Diagnose stellen und hat so auch Chancen, Wege zur Heilung zu finden.           

Häufig wird der Mann als das Haupt angesehen und die Frau als das Herz. Der Mann hat die Verstandesfunktion wahrzunehmen, während die Frau die nach innen wirkende Gemütsfunktion übernimmt. Aber es kann natürlich auch umgedreht sein.           

 

1. Mose 3,16 -19: „Zum Weibe sprach Gott: Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein. Und zu Adam sprach er: Verflucht sei der Acker um deinetwillen, Dornen und Disteln soll er dir tragen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist!“ (gekürzt)

Die Menschen waren dem Wort Gottes nicht gehorsam, sie haben von den Früchten des Baumes gegessen, die ihnen verboten waren. Nun werden sie dafür bestraft. Sie werden nicht selber verflucht. Aber schwere Nöte brechen jetzt in ihr Leben ein: Die Frau wird mit Schmerzen Kinder gebären und dabei immer am Rande des Todes stehen; und sie wird von einem Verlangen nach dem Mann erfüllt sein, ohne dabei Ruhe und Erfüllung zu finden. - Der Mann wird in seinem Beruf von den Mühen der Arbeit besonders betroffen: Er muß seinen Lebensunterhalt nun selber suchen und wird dabei nie Ruhe finden, denn es kommt zu Fehlschlägen und Mißerfolgen und der Ertrag steht meist in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den man sich gemacht hat. - Mann und Frau stehen von nun an als sündige Menschen in der Ehe: Sie stehen unter dem Gericht Gottes. Aber Gott erhält sie trotz ihrer Sünde und Verlorenheit dennoch in der Ehe; das ist seine Güte und Gnade.

 

Wir haben also in den ersten Kapiteln der Bibel vier Aussagen über die Ehe gefunden:

1. Gott selber ist der Schöpfer des Ehestandes                    1,27-28

2. Gott erweist in der Ordnung der Ehe seine Güte             2,18

3. Die Ehe ersetzt das Elternhaus                                         2,24

4. Gott erhält die Menschen trotz ihrer Sünde in der Ehe   3,16-19

 

Das Verständnis der Geschlechtlichkeit in Alten Testament:

In 1.Mose 4,1 wird das geschlechtliche Einswerden durch das Verb „jada“ - „erkennen“ charakterisiert: „Adam erkannte sein Weib Eva!“ sagt aus: Der eine Partner ist für den anderen aufgeschlossen, der eine öffnet sich für den anderen. Dabei handelt es sich um ein ganzheitliches Erkennen, bei der das zu Erkennende in die eigene Mitte des Erkennenden tritt und nicht als ein Gegenstand dem Erkennenden gegenüber bleibt.

Seine letzte Vertiefung erfährt das biblische Verständnis des Geschlechtlichen in dem Bild von der Ehe Gottes mit seinem Volk vor allem bei Hosea. Dabei treten drei gemeinsame Züge hervor:

a.) die Herrenstellung Gottes

b.) die Ausschließlichkeit der Verbindung Gott - Volk

c.) die vergebende und suchende Liebe Gottes

 

Im Neuen Testament ist dieses Bild wieder aufgenommen in dem Vergleich Christi mit dem Bräutigam. Hier wird das Erlösungswerk Christi unter dem Aspekt der liebenden Hingabe gesehen: Christus erhält den Leib der Kirche durch sein liebendes Opfer am Leben.

Im Neuen Testament ist also über das Alte Testament hinaus betont: Die Einheit der Gatten ist nur da völlig ernst genommen, wo der Mann bereit ist jedes Opfer zu bringen für die Erhaltung dieser Gemeinschaft.

Damit wird aber zugleich jede Vergöttlichung der Geschlechtlichkeit wie auch jede Dämonisierung vermieden: Das Geschlechtliche wird immer wieder als das erlösende Prinzip der Welt vergöttlicht. In dem Glücksgefühl der geschlechtlichen Begegnung sieht man eine Möglichkeit, mit dem göttlichen Quell des Lebens in Kontakt zu kommen. Bis heute wirkt das nach in dem Sex-appeal, der in Filmen und Magazinen geboten wird. Dadurch soll dem Menschen eingeredet werden, der eigentliche Sinn des Lebens liege in sexuellen Erlebnissen und alle anderen Seiten der Lebenserfüllung seien demgegenüber völlig belanglos. Die Bibel jedoch rechnet die Geschlechtlichkeit zur rein natürlichen Seite des Menschen; sie überschreitet nicht die Grenze der Menschheit und vereinigt auch nicht mit der Gottheit.

Andererseits wird auch eine Dämonisierung der Geschlechtlichkeit abgewehrt. Sie ist nicht das tragische Prinzip in der Welt. Die Sünde des Menschen darf nicht allzu einseitig auf die Geschlechtlichkeit eingeschränkt werden, und erst recht nicht wird sie bei der Zeugung von einer Generation auf die andere übertragen (Erbsünde). Andererseits darf man das Geschlechtliche nicht abwerten gegenüber anderen Austauschmöglichkeiten zwischen Mensch und Mensch wie etwa der geistigen Freundschaft (platonische Liebe).

Mit dem Wort „Begierde“ ist nicht automatisch das geschlechtliche Begehren gemeint. Und bei dem Wort „Sünde“ darf man nicht sofort ausschließlich an die geschlechtliche Sünde denken. Leider ist das aber gerade in der Kirche noch oft so:

1. Ein Mädchen mit einem unehelichen Kind wird auch von der Kirche allein gelassen.

2. Ein Pfarrer kann ein völliger Versager in seinem Amt sein, er kann sogar straffällig geworden sein und es geschieht oft jahrelang nichts, aber wenn seine Ehe geschieden wird, ist er untragbar.

3. Ein Ehepaar im Predigerseminar stört die Männergemeinschaft, nicht aber ein Saufbruder und Müßiggänger.

4. Bei der Einzelbeichte in der katholischen Kirche hört sich der Priester alles an, aber beim sechsten Gebot fragt er genauer nach und gibt ihm dadurch ein Gewicht, das ihm gar nicht zukommt.-

Im Grunde wirkt hier antikes Erbe in der Kirche nach, eine Abwertung des Geschlechtlichen, die das ganze Mittelalter kannte und die auch nicht so schnell überwunden sein wird. Thomas von Aquin sah nur in der Jungfräulichkeit (Ehelosigkeit) die einzige Möglichkeit, sich von der durch die sinnliche Lust bedingten Unordnung fernzuhalten und ein der restlosen Hingabe an Gott gewidmetes Lebens zu führen.

Luthers Stellung ist zwiespältig. Er kämpft gegen Mönchsgelübde und gegen den Zölibat. Im Fortpflanzungstrieb sieht Luther ein Zeichen der Geschaffenheit des Geschlechtstriebes, aber in der sinnlichen Lust sieht er ein Zeichen der Sündhaftigkeit; die Ehe ist ihm ein „Spital der Siechen“, weil Gott mit der Sündhaftigkeit des Geschlechtstriebes Nachsicht übt und weil die Ehe die noch tiefere Sünde der Unzucht verhindert. Bei Luther wird die Stellung also zweipolig, aber der negative Zug bleibt weiter bestehen.

Der Pietismus hat Luthers Ansicht übernommen: Auch in der Ehe darf die geschlechtliche Betätigung nicht der Befriedigung des Lustverlangens dienen. Mit dem Geschlechtsverkehr soll keine Begierde verbunden sein und der Akt soll zur Ehre Gottes vollzogen werden (Zinzendorfs „Prokurator-Ehe“: Beim ersten Verkehr soll möglichst ein Zuschauer aus der Gemeinde dabei sein!).

Die naturalistische Auffassung ist nun wieder ein Gegenschlag gegen die pietistische Ansicht: Das Geschlechtsverlangen sei eine rein körperliche Funktion und müsse so befriedigt werden wie Essen und Trinken auch um der leiblichen und geistigen Gesundheit willen, ohne einer ethischen Wertung zu unterliegen. Auch das wirkt bis heute nach, wenn man etwa einem jungen Mann rät, er solle sich nur zu dem entsprechenden Zweck ein Mädchen nehmen, damit er nicht geisteskrank oder zeugungsunfähig wird.

 

Die Dämonisierung der Geschlechtlichkeit hat bis heute ihre Nachwirkungen:   

1. Junge Frauen, die sich persönlich sehr aufgeschlossen geben, sind unbewußt von jahrhundertealten Vorurteilen ihrer Familie und Umgebung beeinflußt. Sie betrachten das Geschlechtliche immer noch als ein Zugeständnis des Geistes an das Fleisch. Eine Medizinstudentin spricht über sexuelle Dinge doch ohne jede falsche Scham und mit großer Offenheit. Aber in ihrer eigenen Ehe packt sie ein unverständlicher Schrecken bei jeder Annäherung ihres Mannes. Es stellt sich heraus, daß ihre Mutter in der Sorge um ihre „Reinheit“ völlig aufging und daß ihre Lehrerinnen (katholische Schwestern) ihr immer wieder „Reinheit“ gepredigt hatten; dadurch haftete im Unterbewußtsein dieser Studentin dem Sexuellen ein starkes Gefühl der Unreinheit und Schuldhaftigkeit an.

2. Die sexuelle Aufklärung wird entweder ganz verhindert oder die theoretischen Kenntnisse werden nicht auf das eigene Gefühlsleben angewendet.

3. Die Lust und Freude an der körperlichen Liebe wird gerechtfertigt durch die Zeugung von Kindern. Das drängende Verlangen nach Kindersegen wurzelt oft in einem unbewußten Schuldgefühl der Sexualität gegenüber. Man glaubt, kein Recht auf dieses Erlebnis zu haben, wenn man nicht zugleich den „obersten Zweck“ der Ehe erfüllt; man wünscht sich Kinder also nicht um ihrer selbst willen, sondern um sich von der Angst zu befreien.

4. Der Eros wird aus dem Zusammenleben der Geschlechter verdrängt. Dadurch verarmt aber das menschliche Geschlechtsleben und wird auf die tierische Stufe zurückgeworfen. Menschliche Erotik ist mehr als Sexualität, denn sie trachtet nach einem möglichst vielseitigen Zusammensein mit dem geliebten Menschen und verlangt nach Dauer. Das Körperlich-Sexuelle ist nichts verabscheuungswürdig, aber reicht längst nicht so weit in das Wesen eines Menschen wie seine Seele. Leider sind die meisten Männer sexuelle Kraftprotzen, aber erotische Idioten (Bovet).

 

Jesus:

In der christlichen Kirche hat man durch Jahrhunderte das Geschlechtliche mißachtet, dämonisiert und mit Tabus umgeben. Dabei handelt es sich hier um heidnisches Erbgut aus der hellenistischen Welt, das zum Glück nicht noch stärker in die Kirche Eingang gefunden hat. Jesus steht im radikalen Gegensatz zu allen Spießbürgern, die an erster Stelle den geschlechtlich Schuldigen verfemen; er umgibt sich mit den Zöllnern und den öffentlichen Sündern und den Prostituierten.

Jesus hatte ein Empfinden für die Würde der Ehe, die gilt unbedingt in dieser Weltzeit. Jesus sieht aber auch die Grenze der Ehe, denn sie trägt vorletzten Charakter. Zu der Ehebrecherin sagt er: „Ich verurteile dich auch nicht!“ (Joh 8). Er verurteilt aber sehr wohl die Herzenskälte der Frommen seiner Zeit.

Das bedeutet allerdings nicht, daß er jeder Beliebigkeit im sexuellen Bereich Tür und Tor geöffnet hätte. Er hat nur einen klaren Maßstab aufgerichtet: Jede sexuelle Handlung, die aus einem freien und liebevollen Herzen kommt, ist gut - ob sie nun der bürgerlichen Moral

entspricht oder nicht. Jede sexuelle Handlung aber, die aus einem harten und selbstsüchtigen Herzen kommt, ist verwerflich und von Gott verworfen. Jedes herzliche und gütige Urteil ist gut; jedes Urteil, das den anderen verurteilt und sich über ihn erhaben dünkt, ist verwerflich.

 

Konkrete Weisungen des Paulus:

Paulus beginnt in dem Kapitel 1. Korinther 7 einige Anfragen der Korinther zu beantworten. Zunächst geht es um die Fragen der Ehe. Die Antworten des Paulus sind ein Beispiel dafür, wie man in einer konkreten Frage einen sehr sachlichen und abgewogenen Rat geben kann, der die Realitäten der Welt mit dem Wort Gottes vereint.

 

1.) Eheordnung und Ehezucht (Vers 1-7):

Heilige Enthaltsamkeit kannten die Juden und die Griechen. Wie naheliegend war also die Frage der Gemeinde. Neben den Lobrednern der Ehelosigkeit um der Heiligung willen muß es auch eine extreme Strömung in Korinth gegeben haben, die zwar ebenfalls für die Ehelosigkeit eintrat, aber den Geschlechtsverkehr als leiblich notwendige Funktion ansah und darum den Umgang mit der Dirne bedenkenlos befürwortete. Daß in diesem Zusammenhang sich übrigens nicht die mindeste Hindeutung auf die Selbstbefriedigung findet, verwundert den heutigen Leser.

Aber wie fern liegt sie uns - jedenfalls in ihrer Veranlassung durch die Predigt von der Parusie. Die Frage: „Ehe oder nicht" ist bei uns allenfalls eine Frage der persönlichen Lebensführung, wenn nicht gar der Zweckmäßigkeit. Die durch die Verhältnisse erzwungene Ehelosigkeit liegt wieder auf einem ganz anderen Feld.

Die Korinther hatten gefragt, ob es für den Mann gut sei, kein Weib zu berühren. Das Ende der Welt stehe doch kurz bevor und da sei es doch besser, sich nicht noch mit dieser Sünde zu beflecken. Paulus dagegen antwortet: Wer verheiratet ist, der ist deshalb noch nicht unheilig. Lieber ständig an den gleichen Partner gebunden sein als dann doch der Hurerei verfallen. Diese ist unbedingt verboten, nicht nur wegen des Mannes, sondern vor allem auch wegen der Frau. Diese gibt nämlich nicht nur ihren Körper hin, sondern ihr ganzes Selbst; deshalb behandelt sie der Mann dann wie eine Sache und zerstört damit die Person. Aber der Mann zerstört auch seinen eigenen Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes ist, wenn er ein Fleisch wird mit der Hure (vgl. 6,16.19).

Ehe und Ehelosigkeit haben beide ihr Recht in der Gemeinde. Wenn aber einer schon in der Ehe lebt, dann kann er nicht noch enthaltsam leben. Nun ist keiner mehr Herr über seinen Leib und der Partner hat ein Recht auf den Körper des anderen. Wer in der Ehe lebt soll, soll auch wie ein Ehepaar zusammenleben, sonst wird wieder der Unzucht Tor und Tür geöffnet. Die Ehegatten schulden sich gegenseitig diesen Dienst, auch wenn er nicht unter dem Gesichts­punkt der Fortpflanzung geschieht.

Paulus weiß genau, daß niemand auf die Dauer enthaltsam leben kann, es sei denn, er habe eine besondere Gnadengabe dazu; doch die ist nur wenigen Menschen gegeben. Enthaltsamkeit ist nur statthaft um des Gebetes willen, also nur auf eine verabredete, bestimmte, begrenzte Zeit. Freiwillige Ehelosigkeit ist heute so wenig wie damals in der christlichen Gemeinde abzulehnen, - wenn sie denn „um des Himmelsreichs willen" gewählt wird und nicht aus Verachtung der Ehe.

Paulus wünscht zwar, daß alle Menschen so wären wie er und völlig enthaltsam leben könnten. Die Sache des nahen Himmelreichs ist dem Apostel so groß und mächtig geworden, daß sogar die ihm als Juden anerzogene Ehefreudigkeit dahinten bleibt, ein Stück, vielleicht das kostbarste Stück des irdischen Lebens, aber eben doch des irdischen. Die neue Welt ist im Anzug, da „sie weder freien noch sich freien lassen“ (Matth. 22, 20). Aber Ehelichkeit und Ehelosigkeit sind nicht Dinge, die man erzwingen oder willensmäßig erzielen kann.

Keinesfalls verteidigt Paulus die Ehelosigkeit als ethisches Prinzip oder gar als Mittel der Selbsterlösung. Er kennt den Menschen, wie Gott in Seinem Wort ihn uns kennen lehrt: in der Schwachheit Seines Fleisches. Während er sich noch über das Irdische erhaben dünkt, ist er ihm schon verfallen. Den Geschlechtstrieb in seiner Unmäßigkeit wird der Mensch nicht mit seinen frommen Entschlüssen verdrängen oder gar überwinden. Er gehört an die Kette der Ehe.

Der heute üblichen Eheauffassung kommt Paulus insofern erstaunlich nahe, als er hier die Ehe in fast verblüffender Einseitigkeit als sexuelle Verbindung sieht, und zwar, und das ist noch verwunderlicher, ohne dabei der Kinderzeugung auch nur einen Gedanken zu gönnen. Daß Paulus damit etwa indirekt die Empfängnisverhütung, mit der wir es so ungeheuer weit gebracht haben, verteidigen will, wird kaum jemand vermuten. Aber wie kommt es dann, daß der Jude Paulus, der die schöne Stelle aus dem Buche Tobias 8, 4-10 wohl gekannt hat und das Gebot Gottes: „Mehret euch!“ nicht so ganz vergessen konnte- hier nur die Begattung und gar nicht die Befruchtung bedenkt? Zu erklären ist das allein aus der nahen. Erwartung des Endes. Da dachte niemand daran, durch Kinderzeugung die Gemeinde zu erhalten

Hier in den Worten des Paulus fällt der Akzent auf die Ehe als Geschlechtsgemeinschaft aus ganz anderem Grund fällt als heute im allgemeinen üblich - am allerwenigsten etwa darum, weil der höchste Genuß der Ehe in der leiblichen Verbindung erlebt wird. Eins aber steht jedenfalls fest, daß für Paulus die Ehe, was sie nun einmal als Ehe ist, nur durch diese Verbindung wird.

 

2.) Ehelosigkeit und Ehescheidung (Vers 8 - 11):

Wenn einer von seiner Leidenschaft fast verzehrt wird, ist es besser, eine Ehe einzugehen, auch wenn er schon einmal verheiratet war und nun Witwe ist. Die Verheirateten sollen aber dann auch in der Ehe bleiben. So hat es der Herr selbst befohlen (Mk 10,2-12 in der Auslegung des 6. Gebots). Nur um der Herzenshärtigkeit der Menschen willen hat Mose die Scheidung erlaubt. Aber die Einheit zwischen Mann und Frau ist eine objektive Tatsache, die lebenslängliche Dauer hat. „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!“ Ist aber eine Ehescheidung tatsächlich vollzogen, so gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder bleibt der Geschiedene ehelos oder er söhnt sich wieder mit dem ehemaligen Ehepartner aus (das ist der Hauptgrund der katholischen Kirche neben dem 6. Gebot gegen die Ehescheidung).

Den nach Heiligung strebenden Christen in Korinth muß aber ausdrücklich die Unauflöslichkeit der Ehe für den Fall eingeprägt werden, daß ein Teil der Gemeinde nicht angehört. Die leibliche eheliche Gemeinschaft wird so ernst genommen, oder besser: das Wort der Schrift 1. Mose 2, 24 („sie werden sein ein Fleisch“), daß die Zugehörigkeit zu Christus auf den anderen übertragen wird. Dann wäre also wohl doch die römische Kirche im Recht, wenn sie die Ehe ein Sakrament nennt? Ja, wenn nicht die in Christus („im Kraftfeld des Christus“) gewährte und bestehende Heiligkeit im glauben erkannt und empfangen würde. Den Glauben aber schenkt der Heilige Geist durch das Wort, nicht durch die Ehe (V. 16).

Die Frage der Wiederverheiratung Geschiedener taucht hier auf. Kann sie eigentlich völlig ausgeschlossen sein, wenn doch die Ehelosigkeit 1. Korinther 7 als Gnadengabe, aber eben gerade nicht als Zwang verkündigt wird? Aus der Grundrichtung des apostolischen Wortes in diesem Kapitel kann man diese Folgerung nicht zu ziehen - trotz des Einschubs Vers 11a.

 

3.) Mischehen (Vers 12 - 16):

Der Fortbestand einer Mischehe zwischen Christen und Heiden macht Paulus mit feinem Takt von dem Willen des ungläubigen Eheteils abhängig. Der gläubige Teil soll die Ehescheidung nicht beantragen. Der Christ heiligt in der Ehe den ungläubigen Gatten. Die Gnade ist mächtiger als der Unglaube des heidnischen Eheteils. Deshalb sind ja auch die Kinder aus solchen Ehen rein. Beantragt aber der ungläubige Teil die Scheidung, dann ist auch der christliche nicht mehr an die Ehe gebunden, denn der andere fällt seine Entscheidung ja nicht aus dem Glauben.

Die Ehe darf auch nicht deshalb aufrecht erhalten werden, weil der Christ den heidnischen Ehepartner bekehren will. Nicht einmal das ernsthafteste Verlangen, den Ehegatten zu Christus zu bringen, darf zum Zwang führen. Wer will denn auch wissen, daß er aus eigenen Kräften den anderen zu Christus führen kann? Der Glaube ist doch ein Geschenk Gottes!

 

4.) Jungfrauen (Vers 25 - 38):

Wer sind die Jungfrauen? Wir sind natürlich geneigt, zu antworten: das sind die jungen Mädchen in der Gemeinde, die noch nichts vom Manne wissen. Der Sprachgebrauch des Neuen Testaments kennt aber auch den jungfräulichen Mann, der den Geschlechtsverkehr noch nicht kennt (Offenb. 14, 4). Und die asketische Strömung der Christen in Korinth, die ganz heilig sein wollten, legt es vollends nahe, an gelobte Jungfräulichkeit zu denken, beim Mädchen wie beim Mann.

Für die vor der Ehe stehenden jungen Mädchen oder Männer wäre die Ehelosigkeit durchaus vorzuziehen. Das Verheiratetsein ist zwar auch in dieser Lage kurz vor dem Ende keine Sünde; aber besser ist es, keine neuen irdischen Bindungen einzugehen, sondern ganz frei zu sein für die große Entscheidung. Die letzten Zeiten sind schon genug von Not erfüllt, so daß diese Not nicht noch durch den Entschluß zur Ehe vermehrt werden sollte.

Dagegen wird die Ehelosigkeit als sinnerfülltes, ganzheitliches und vollwertiges Dasein angesehen, denn der Ehelose steht in der Gemeinschaft mit Christus und kann sich besser zurüsten für die nahende Erlösung von der Welt. Schon jetzt ist eine Haltung der Freiheit von der Welt notwendig. Deshalb kann man auch die Ehe nur „haben, als hätte man sie nicht“ (Vers 29 -35).

Besser aber als die quälende Gefangenschaft der ungestillten Brunst ist dann aber doch noch die Ehe - auch da, erst recht da, wo Mann und Mädchen sich zu einem geistlichen Verlöbnis in gemeinsamer Jungfräulichkeit zusammengetan haben, wie wir es aus der alten Kirche wissen. Es mag zum Verständnis der Stelle wohl noch beitragen, wenn man darauf aufmerksam wird, daß eigentlich nirgends davon die Rede ist, daß die beiden Verlobten sich heiraten sollen, - wenn auch andererseits nichts geradezu und ausdrücklich dagegen spricht. Vielleicht lagen die Dinge in Korinth schon so, wie es fast alle späteren Erwähnungen solcher Verlöbnisse zeigen: daß der männliche Teil meist im vorgerückten Alter war.

Damit ist ein dialektisches Verhältnis zur Welt gegeben, das jede Weltvergötterung und die Hingabe an das Vergehende unmöglich macht. Man steht zur Welt im Verhältnis der „Teilnahme bei innerer Distanz“ (Bultmann). Den Eheleuten ist dabei die völlige Hingabe an den Herrn nicht so leicht, denn sie sind naturgemäß aufeinander gerichtet. Das Ziel des Paulus ist es aber, die Gemeinde treu und rein in der Christus-Verbundenheit zu erhalten, ohne Ablenkung durch die Dinge dieser Welt.

Wenn wir Schlatter recht geben, der das Wort an die Jungfrauen auf alle unverheirateten jungen Mädchen bezieht, dann wäre für unsere Verhältnisse daraus ein Ja zu möglichst früher Heirat und ein Nein gegen lange Verlobungszeiten zu hören. Wird an geistliche Verlöbnisse gedacht, dann kann man hier die biblische Begründung dafür zu finden, daß der evangelischen Diakonisse kein Gelübde der Ehelosigkeit abgenommen wird, sondern für sie der Weg in eine Ehe frei bleibt. Oder sollen wir auch eine Warnung vor den stark erotisch betonten Freundschaften erschließen, die sich aus gemeinsamer Arbeit in der Gemeinde ergehen können?

 

Zusammenfassend ist zu sagen:

Die Geschlechtlichkeit ist kein niederer Trieb, sondern im Gegenteil der höchste Trieb des Menschen, nämlich der einzige, der über das Ich hinausweist zum Partner und zum Kind.

Beim Menschen steht die Geschlechtlichkeit nicht nur im Dienst der Fortpflanzung, sondern mehr und mehr auch im Dienst der Liebe. Dieser Funktionswandel entspricht dem des Mundes, der aus einem Freßwerkzeug zu einem Sprachorgan wurde. Die menschliche Geschlecht­lichkeit steht in einer Ordnung und sie ist nur in dieser schöpferischen Ordnung der Liebe sinnvoll.

Aber es gibt auch die Möglichkeit des Mißbrauchs dieser Ordnung in der Unzucht. Doch nicht nur das lieblose Genießenwollen ist unzüchtig, sondern auch das lieblose Bestimmenwollen über den anderen, das ihm nicht den Wert seiner eigenen Persönlichkeit läßt. Gott will uns und unsere Geschlechtlichkeit beherrschen. Im Gehorsam erlebte Geschlechtlichkeit heißt Keuschheit. Unsere Geschlechtlichkeit soll immer vollkommener der Liebe dienen, die Lebensgemeinschaft der Ehe soll sich ausweiten zur Liebesgemeinschaft überhaupt. Enthaltsamkeit ist aber an sich um nichts besser als erlebte Geschlechtlichkeit.

Die Ehelosen sollen sich angesprochen wissen, obwohl sie wahrhaftig aus ganz anderen Gründen zu ihrer Ehelosigkeit gekommen sind als die Heiligungsasketen in Korinth. Sie sollen hören, daß sie ihre Ehelosigkeit wieder und wieder aufs neue als Gnadengabe aus der Fülle des Reichtums Christi erbitten dürfen, auch wenn sie aus bitterem Zwang dazu gekommen sind und ausbrechen möchten oder tatsächlich schon auf den Seitenpfad des freien Verhältnisses ausgebrochen sind. Sie ist ja Gnadengabe!

Den Verheirateten ist hier vornehmlich gesagt, daß sie ihre Ehe als Geschlechtsgemeinschaft ernst zu nehmen haben. Es ist ihnen das als Gottes Wort gesagt. Und darum ist von vornherein jedes Mißverständnis, die Ehe könnte damit zum schrankenlosen Austoben aller Perversitäten werden, ausgeschlossen. Christus ist der Herr der Ehe, aber der Ehe als Geschlechtsgemeinschaft. So wird 1. Korinther 7 zum „Evangelium für die Eheleute“'. Dann aber ist aus diesem Kapitel ebenfalls die Unauflöslichkeit der Ehe als Gottes Wille zu hören - und doch in aller Barmherzigkeit die Trennung als einziges Mittel wider eine unerträgliche

Quälerei zugestanden.

Die Liebe des Ehepartners macht aufmerksam auf die Liebe Gottes in Christus, die Ehe ist das Abbild des Bundes Gottes mit den Menschen. Das Ehepaar bildet eine Hausgemeinde und die Ehepartner verkünden einander, daß Gott die Liebe ist und daß man sie darstellt im eigenen Leben.

 

Die Verkündigung des Wortes Gottes zum Bund der Ehe:

1. Die Ehe ist eine Anordnung Gottes innerhalb der Welt der Sünde als Schutzzaun gegen die Unordnung der geschlechtlichen Begierden (kein Vertrag, sondern Stiftung Gottes): 1. Kor 7,2 und 9.

2. Die Ehe ist von Gott zugleich mit der Erschaffung des Menschen und in innerem Zusammenhang mit seiner Gottebenbildlichkeit gestiftet( Gemeinschaft, Fortpflanzung, Familie; Monogamie, Unauflösbarkeit, Verhältnis der Ehepartner; persönliche Zustimmung, Öffentlichkeitscharakter): Gen 1,27-28; 2,18; Mt 19,3-12

3. Die Ehe ist Abbild des Verhältnisses Christi zu seiner Gemeinde, aber kein Sakrament; doch sie wird erst „in Christus“ voll verwirklicht: Jetzt wird erst das Geheimnis offenbar, das schon vor Christus und außerhalb der Gemeinde in dem Willen des Schöpfers verborgen liegt: Eph 5,22-25.28-29(33).

4. Der Fluch des Gerichtes Gottes, der um der Sünde willen auf der Ehe liegt: Gen 3,16 und19, 1.Kor 7,1-5 .

5. Die besonderen Verheißungen, die Gott auf die Ehe gelegt hat: Gen 1,28; Sprüche 12,4a;18,22; 31,10; Ps 128,1-4; 1. Tim 4,4-5

6. Die Mahnungen zu christlicher Führung der Ehe: Eph 5,22-33; Kol 3,18-19; Tit 2,4ff; 1.Tim 2,9ff; 1.Petr 3,1 - 5,7; 1.Thess 4,4ff; 1.Kor 7,3-5; 1.Kor 6,15.19.20 .

7. Die ausdrückliche Bestätigung der Ehe durch Christus: Mt 19,4-6

8. Die Heiligung der Ehe, die Unantastbarkeit und Unauflösbarkeit: Ex 20,14; Hebr 13,4; Mt 19,6; 1.Kor 7,29 .

 

Der Sinn der christlichen Ehe: Zuwendung zweier Menschen ist Ausdruck göttliche Rechts, das im Glauben zu ergreifen ist. Die Institution ist menschlich, aber eine Schöpfungsordnung Gottes. Nach Gottes Willen ist der Mensch nicht einsam geschaffen Er ist immer angewiesen auf den anderen. Die Ehe ist die exemplarische Darstellung der Mitmenschlichkeit.

Karl Barth schreibt: „Die Ehe ist die Gestalt der Begegnung von Mann und Frau, in der diese durch den freien, durch beiderseitige und zusammentreffende Liebeswahl geleiteten Entschluß eines bestimmten Mannes und einer bestimmten Frau zur verantwortlich eingegangenen, völligen, dauernden, ausschließenden Lebensgemeinschaft dieser beiden Menschen wird.“

- Der Mensch ist auf die Existenz des anderen ausgelegt, die Einsamkeit ist ein unnatürlicher Zustand.

- Der Mensch wird durch das Du aus dem Elternhaus zu einem eigen gestalteten Leben herausgeführt.

- Der Mensch bildet mit dem Du eine neue Einheit, er begegnet dem Menschen.

 

 

Geschichte

Ehe früher:

Die Großfamilie war bestimmend für das Leben der Eheleute. In ihr lebten mehr als zwei Generationen miteinander, meist mehrere Ehepaare, unverheiratete Verwandte und nicht verwandte Menschen. Ein bestimmtes Paar leitete diese Großfamilie. Es hatte als Aufgabe:

1. wirtschaftlichen Besitz zu wahren (Geld und Besitz),

2. die Tradition zu erhalten (Sitte und Glaube) und

3. für den Fortbestand der Familie zu sorgen (Zeugung und Gebart).

Die Großfamilie bestand über lange Zeit. Während ihres Bestehens kamen und gingen die Ehen. Der einzelne Mensch war nicht wichtig. Wichtiger als die Ehe waren die Familie und die Mitarbeit aller an ihren Aufgaben. So lag der Schwerpunkt des Lebens nicht in der Ehe, sondern in der Familie. Die Ehe wurde durch die gemeinsamen Aufgaben an der Familie zusammengehalten. Jedes junge Paar besaß durch die Tradition geprägte Vorstellungen von Ehe und Familie.

Die Ehe früherer Jahrhunderte war eingebettet in die Großfamilie und wurde vom ganzen Familienverband mitgetragen. Daneben gab es gewisse gesellschaftliche Ordnungen und auch kirchliche Gesetze, die sich stabilisierend auf den Bestand der Ehe auswirkten. Doch all das spielt in den meisten heutigen Ehen keine Rolle mehr. Die Eheleute haben in der heutigen personalen Ehe nichts mehr, das sie hält als sich selber.

Eine weitere Festigkeit erhielten die Ehen durch die überlieferte Rollenverteilung in der Ehe: Der Mann hatte die Führung und die Frau ließ sich führen. Es würde höchsten darüber geklagt, der Mann sei nicht männlich genug, ein Gefühl der Unterdrückung war bei der Frau infolge entsprechender Erziehung unbekannt. Es war Aufgabe der Frau, Haus und Herd zu hüten. Der Mann hatte sie zu beschützen und das Geld zu verdienen.

Die Sexualität spielte als Eheproblem kaum eine Rolle. Ihre Aufgabe bestand darin, der Kinderzeugung zu dienen, je mehr, umso besser. Wenn der Mann die sexuelle Lust nicht in der Ehe fand, konnte er sie außerhalb suchen. Die Frau hatte solche Gelüste nicht zu haben. Auch hier Klarheit und eindeutige Rollenverteilung.

 

Ehe heute:

Seit der Jahrhundertwende aber verlangte die Frau Gleichberechtigung und Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit. Sie verlangte nach einer partnerschaftlichen Ordnung in der Gesellschaft im Hinblick auf die Führungsrolle, auf Verteilung der häuslichen und außerhäuslichen Aufgaben, auf die Sexualität. Der Übergang von der patriarchalischen zur partnerschaftlichen Ordnung wirft für die Ehe bisher unbekannte Probleme auf.

Dazu kommt eine erheblich gestiegene Lebenserwartung. Früher war es die Regel, daß der Mann seine Frau überlebte (Kindbettfieber!), häufig sogar zwei oder drei Frauen. Gelegentlich überlebte auch eine Frau mehrere Männer, besonders wenn sie keine Kinder gebar. Die Wahrscheinlichkeit war also gering, mit einem Ehepartner zwanzig oder mehr Jahre zusammenzubleiben. Durch die hohe Sterblichkeit wurde ganz natürlich für Abwechslung in der Ehegemeinschaft gesorgt. Die Aussichten, eine befriedigende Ehe mit demselben Partner zu führen, sind bei einer Dauer von 10 oder 15 Jahren natürlich größer als bei einer Dauer von dreißig bis fünfzig Jahren, wie sie heute den Ehen nach statistischer Wahrscheinlichkeit doch wohl bevorsteht.

Heute sind am Anfang der Ehe Mann und Frau überwiegend auf sich gestellt. Sie müssen ihren eigenen Stil suchen und finden. Oft sieht dieser ganz anders aus als der der elterlichen Ehe. Sie beginnen etwas grundsätzlich Neues. Nichts ist ihnen durch die Tradition vorgegeben. Dieses neue Leitbild der Ehe gründet sich n u r auf den Wunsch der Beiden, zusammen zu bleiben und gemeinsam leben zu wollen.

Diese neue Ehe kann man vergleichen mit einer Person, die alle Lebensphasen durchmacht: Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter. Zu dieser Entwicklung der „Eheperson“ gehören auch alle Krisen, die bei Durchstehen zur Stärkung und Kräftigung der „Eheperson“ helfen, aber auch zum Sterben der Ehe führen können.

 

Wandel der Ehe:

I. Es gab eine Zeit, das war die Jugend heiratsfreudig und das Heiratsalter ist sehr gesunken. Die jungen Leute heirateten, ehe sie ihre Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Zweifellos hatte das ein Gutes, daß sie nicht in Liebeleien steckenblieben und lange Verlobungszeiten ablehnten. Eine zu schnelle Bindung an den ersten oder zweiten Sexualpartner führt jedoch häufig zur Ehescheidung oder zum Zerbrechen der Ehe. Auch kann die seelische Entwicklung nach dem 18.Lebensjahr noch weit auseinandergehen. Nach kurzem „Liebesrausch“ folgt häufig die Ernüchterung: So hatte man sich das nicht gedacht!

Heute ist der Trend umgekehrt: Man läßt sich viel Zeit mit dem Heiraten und dem Kinderkriegen. Der Grund ist meist die Berufsausbildung und die Karriere: Man will es erst zu etwas gebracht haben! Aber schnell ist man 35 und für Kinder fast schon zu alt. Es fällt fast eine Generation von Kindern aus.

Aber das Problem der möglichen falschen Wahl ist geblieben. Es geht den Eheleuten vielfach wie den Hausfrauen bei Ausverkäufen: Sie greifen schnell zu, weil die Ware billig zu haben ist. Aber nachher stellen sie fest, daß es ein Mißgriff war, daß sie sich wieder einmal verguckt haben. Ausverkaufsware ist aber bekanntlich vom Umtausch ausgeschlossen. Ein unmodernes Kleid läßt sich zur Not noch verschmerzen. Wie ist es aber, wenn man den Ehepartner „umzutauschen“ wünscht?

Gott hat uns aber das Gebot gegeben: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Wer sich einmal zur Ehe entschlossen hat, der steht sein ganzes Leben lang drin; er ist vor anderen geschützt, aber er kann auch nicht ohne Not aus dieser Ordnung ausbrechen.

Die dummen Angewohnheiten, die jeder in die Ehe mit hineinbringt, bilden sich im Laufe der Jahre oft noch stärker aus. Am Anfang hat man vor lauter Verliebtsein darüber hinweggesehen, aber dann fällt es umso stärker auf. Das stellt man auch in Ehen fest, die sonst intakt sind und in denen die Ehepartner eigentlich gut harmonieren.

Wie er sich räkelt und gähnt, wie sie sich die Zähne putzt - eines Tages kann man es nicht mehr sehen. Höflichkeit und Takt lassen oft sehr rasch nach. Der Mann, der anderswo so galant auftritt, ist zu Hause unaufmerksam. Die Frau macht sich gern für andere hübsch, zu Hause aber läuft sie schlampig herum. Der sichere Besitz macht gleichgültig. So schnell, wie es den Berg hinaufgegangen ist, geht es auch wieder bergab: Sie schaltet gleich nach dem Erwachen das Radio ein, er liest beim Frühstück die Zeitung. Der Nachbarin trägt er den Kohleeimer hinauf, aber seine eigene Frau läßt er unbekümmert schleppen. Zu Hause ist er mürrisch und schweigsam. Gegenüber seiner Frau läßt er es nicht nur an Zärtlichkeit fehlen, sondern auch an elementarer Höflichkeit.

Dabei gleicht die Ehe doch einer Gratwanderung: Langsamer Aufstieg und dann aber immer die gleiche Höhe halten. Die Liebe „auf den ersten Blick“ muß sich auch beim zweiten Blick bewähren. Zunächst sieht man nur ein Idealbild in dem anderen und sieht von dem wirklichen Menschen ganz ab. Diese Liebe macht aber nur blind, bis hinter dem Traumbild die Wirklichkeit auftaucht und die bittere Enttäuschung kommt.

Die Partner, die sich erst auf Händen tragen wollten, laufen jetzt gleichgültig und abstoßend nebeneinander her. Aus Zuvorkommenheit wird Rücksichtslosigkeit, aus Sorgfalt wird Zucht­losigkeit und schlampiges Wesen. Kommt dann ein Dritter oder eine Dritte dazu, dann möchte man gerne tauschen (aber vielleiecht nur, damit es dann nach einiger Zeit wieder genauso wäre wie vorher!).

Es ist nun einmal so, daß der Mann häufig länger jung bleibt als die Frau, die sich in Schwangerschaften und Haushaltsarbeiten frühzeitig erschöpft. Hat die Frau noch einen Beruf, ist sie meist überfordert und die Kinder leiden darunter. Bleibt sie aber ganz im Haushalt, verengt sich leicht ihr Gesichtskreis. Kein Wunder, wenn dem Mann dann die gepflegte und geistig regere jüngere Arbeitskollegin bald besser gefällt.

 

II. Auch geistig und religiös kann man sich auseinanderleben. Zwei Menschen, die in ihrer Jugend gut zusammenstimmen, können sich im Laufe der Jahre völlig verschieden entwickeln (das sieht man vor allem, wenn Verlobte, die sich seit Kindertagen kennen, kurz vor der Ehe wieder auseinandergehen). Es ist dabei gleichgültig, wer wen geistig und innerlich überholt.

Religiöse und konfessionelle Unterschiede scheinen anfangs nicht wichtig zu sein Im Laufe der Zeit werden die Spannungen aber umso deutlicher, je ernster jeder seinen Glauben nimmt. Oft scheint dann Umtausch der einzige Ausweg zu sein.

Es gibt auch gewichtige Unterschiede in Charakter und Temperament. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an ernst - heiter; still - lebhaft; flink - langsam; faul- fleißig). Gute Ergänzung, sagen die Außenstehenden, aber in der Ehe kracht es.

Je mehr jeder in seine eigene Art verliebt ist, desto mehr muß er ja den anderen als eine Herausforderung empfinden. Oft wählt man dann die Flucht in die Freundschaft mit dem gleichgeschlechtlichen Partner (Mutter, Schwester, Freundin). Aber das ist im Grunde auch nur ein Versuch „umzutauschen“.

Gott will aber nicht, daß wir umtauschen. Eine Scheidung bringt nur Not und Schuld mit sich. Um unsrer selbst willen will Gott nicht, daß wir umtauschen. Mancher sagt: „Man hopst in den Himmelhinein und plumpst in die Höll“. Aber keiner darf kapitulieren, ehe die Arbeit der Liebe überhaupt begonnen hat. Liebe ist Arbeit.

Je früher man das begreift, desto sicherer gelingt das Miteinander in der Ehe. Liebe ist nicht ein guter, warmer Regen, der über uns niedergeht, wenn man aber eben Pech hat, geht er nicht nieder. Liebe ist Arbeit, die uns unser ganzes Leben aufgegeben ist. Wer sie Schritt für Schritt zu tun versucht, der wird erleben, daß gerade dort wieder etwas Wunderbares wächst, wo man meinte, es sei alles aus und könnte nichts mehr blühen.

 

Luther:

Luthers Stellung zur Geschlechtlichkeit ist zwiespältig. Er führt durch seinen Kampf gegen die Ehelosigkeit der Priester eine neue Wertschätzung der Ehe und ein neues Verhältnis zur Geschlechtlichkeit herauf, bleibt aber trotzdem bei der mittelalterlichen Minderbewertung des Geschlechtlichen stehen. So erscheint es ihm als Sünde, daß in dem ehelichen Verkehr der eine seine Lust an dem anderen sucht, und er charakterisiert infolgedessen die Ehe als ein Spital der Siechen. Wörtlich schreibt er: „Daß keine Ehepflicht ohne Sünde geschieht, aber Gott verschont ihr aus Gnaden darum daß der eheliche Orden sein Werk ist.“

 

Hat die Ein-Ehe noch Zukunft?

Es gibt Leute, die meinen, die Einehe werde nicht überleben. Worin liegt diese schlechte Voraussage für eine jahrtausendealte Einrichtung begründet?

Es dürfte zwar zu viel behauptet sein, wenn man sagt: In 91 Prozent der Ehen müssen die Partner chronischen Krach ertragen! Aber viele unsrer Ehen sind tatsächlich so unharmonisch, daß es verständlich wird, wenn man nach neuen Wegen sucht.

Grundsätzlich bieten sich dafür zwei Möglichkeiten an: Entweder schafft man die überlieferte Einehe ab, um ganz neue Formen des Zusammenlebens der Geschlechter an ihre Stelle zu setzen, oder man versucht, die alte Form beizubehalten und sie mit neuem Leben

zu erfüllen. Dazwischen liegen noch manche weiteren Möglichkeiten.

 

1. Aufeinanderfolgende Vielehe:

Die erste Ehe wird bestenfalls solange Bestand haben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Die Ehepartner haben sich bis dahin gründlich satt und erhalten die Freiheit, nach neuen Partnern Ausschau zu halten, mit denen sie wieder eine glückliche Liebesgemeinschaft eingehen können. In diesen nachfolgenden „Ehen“ werden keine Kinder mehr gezeugt und sie können wieder aufgelöst werden, wenn die Liebe erkaltet und das gegenseitige Interesse nachläßt. Ehen würden nicht mehr aus rein äußerlichen (wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, gesetzlichen) Gründen mit Gewalt zusammengehalten, sondern die Menschen haben das Recht und die Freiheit, sich eine neue Lebensgemeinschaft zu suchen.

Die Kinderzahl wird ja heute auch nicht mehr durch die Säuglingssterblichkeit geregelt, sondern durch Empfängnisverhütung. Ähnlich müßte auch in der Ehe die „unnatürliche“ Verschiebung der Verhältnisse wieder reguliert werden durch eine zeitlich begrenzte Lebensgemeinschaft. Es gäbe dann wenigstens keine Ehen mehr mit dauernder Langeweile, ständiger Gereiztheit und Unfrieden.

Aber der Vorschlag hat auch eine Kehrseite. Der Trend in unserer Gesellschaft geht in Richtung auf „soziale Sicherheit“ für das ganze Leben. Es ist doch ein Widerspruch, wenn man vom Staat Sicherheit für Gesundheit und wirtschaftliches Dasein verlangt und andererseits die Form der Ehe auflösen will, die größte und längste Sicherheit bietet.

Vor allem bleibt das Schicksal der Kinder und der alten Menschen ungeklärt. Auch wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wird es ihnen nicht gleichgültig sein, wenn Vater und Mutter sich neue Liebespartner suchen. Die Auflösung der Wohngemeinschaft bedeutet ja nicht, daß

die Kinder nichts mehr von den Eltern wissen wollen und natürlich auch umgekehrt.

Auch für die alten Menschen würde es schwierig. Auch ein Mann wird einmal so alt, daß sich kein weibliches Wesen mehr seiner zu erbarmen vermag. Die Frau aber hätte ihre Jugend und Spannkraft für das Großziehen der Kinder eingesetzt und dann soll sie nach neuen Liebhabern Ausschau halten. Und selbst wenn sie Erfolg hätte, wäre die Dauer des Verhältnisses völlig offen und in keiner Weise verpflichtend. Geborgenheit wird man in dieser Art Ehe nicht finden.

 

2. Trennung von sexueller und sozialer Treue:

Nach diesem Vorschlag soll zwar die lebenslange Ein-Ehe bestehen bleiben, aber der sexuelle Ausschließlichkeitsanspruch der Partner soll gelockert werden. Wer Freiheit zur persönlichen Entfaltung einräume, müsse auch die Freiheit zur Wahl des Sexualpartners geben. An die Stelle der sexuellen Treue soll die soziale Treue treten. Doch hier ist gleich wieder zu fragen: Wird das Verlangen nach vertrauter Zusammengehörigkeit in dieser gelockerten Ehe ohne sexuelle Treue Erfüllung finden können?

Geborgenheit ist immer etwas, das den ganzen Menschen erfaßt und keine teilweisen Abstriche verträgt. Gerade die Sexualität im Dienst der Liebe ist die eigentlich menschliche Stufe der Sexualität. Sie gibt die Möglichkeit der engsten Zusammengehörigkeit mit dem Partner Ausdruck zu verleihen und gibt dem Partner das Gefühl innigster Geborgenheit.

Zwar kann auch im außerehelichen Geschlechtsverkehr Geborgenheit erlebt werden. Aber der alleingelassene Ehegatte wird sich nicht geborgen fühlen, wenn er seinen Partner in sexueller Verbindung mit einem anderen weiß. Das ist ein Ausbruch aus der Ehe, der auch mit sozialer Treue nicht überspielt werden kann. Eine Ehe aber, die die Gewährung personaler Geborgenheit nicht mehr anstrebt, hat ihren letzten menschlichen Sinn verloren.

 

3.Seitensprung:

An einem Seitensprung braucht eine Ehe nicht zu zerbrechen, wenn man sich nämlich fragt, wie es dazu kommen konnte und was in Zukunft anders werden müßte. Eine zeitweise sexuelle Untreue kann durchaus heilsam sein. Aber sie kann nicht zum ehelichen Normverhalten werden. Der Mensch braucht den Menschen, dem er sich ganz anvertrauen kann. Dazu bietet die Ein-Ehe die beste Möglichkeit. Alle anderen Vorschläge haben in diesem Punkt ihren entscheidenden Mangel.

 

4. Großfamilie:

Hier handelt es sich eigentlich um eine Gruppenehe, denn es finden sich nicht mehrere Generationen einer Familie zusammen, sondern mehrere Familien einer Generation. Sie ist eine Wohn- und Lebensgemeinschaft von mehr als zwei Menschen verschiedenen Geschlechts und ist angeblich interessanter, kurzweiliger und weniger strapaziös als die Klein-Ehe. Sie mache freier und unabhängiger zum Beispiel im Hinblick auf die Betreuung der Kinder und die Zubereitung der täglichen Mahlzeiten. Es gäbe bessere Entfaltungsmöglichkeiten und vermittle ein ganz neues Lebensgefühl in der Gemeinschaft.

Aber es ist noch nichts heraus, ob es für Mütter und Kinder wirklich besser ist, wenn jeder sich seine „Bezugsperson“ aussuchen kann. An der Dauerhaftigkeit und Tragfähigkeit dieser Sympathiebindungen muß gezweifelt werden.

Schon in den einfachsten Fragen des Alltags wird es Meinungsverschiedenheiten geben: Wann steht man auf? Warn geht man schlafen? Was ißt man? Wie gestaltet man das Gemeinschaftsleben? Wenn nicht jeder einen ganz erheblichen Teil seiner persönlichen Freiheit aufgibt, kann es bei dem engen Zusammenleben in einer Wohnung gar nicht gut gehen.

Wie ist es, wenn man aus beruflichen Gründen den Wohnort wechseln muß? Man kann zwar seine Großfamilie verlassen. Aber wird man an dem neuen Ort eine passende Gruppe finden? Wie soll das Eigentum wieder getrennt werden, das man braucht, um es in eine neue Großfamilie einzubringen?

Schon zwei Menschen gelingt es nur schwer, in allen Lebensbezügen soweit zu harmonieren, daß eine tragfähige Wohn- und Lebensgemeinschaft auf Dauer gebildet wird. Deshalb darf man daran zweifeln, daß sie mit fünf oder zehn Menschen eher gelingen könnte. Ehrgeiz und Eigenarten, Stimmungen und Launen, Neid und Eifersucht dürften sich zwischen zwei Menschen leichter harmonisieren lassen als zwischen mehreren Menschen, deren Zusammenleben nicht weniger intensiv sein soll als in der alten Klein-Ehe.

Bei einer Großfamilie dürften die Schwierigkeiten größer werden als in der Klein-Ehe. Es mag einzelne Gegenbeispiele geben, aber eine allgemeingültige Form des Zusammenlebens der Geschlechter wird die Großfamilie nicht werden. Solange es keine bessere Form als die lebenslange Ein-Ehe gibt, müssen wir uns um das Gelingen dieser Ehe bemühen. Für die uns überschaubare Zeit dürfte sich am Wesen der Ehe nichts ändern, weil sich auch das Wesen des Menschen bestenfalls nur in ganz langen Zeiträumen wandelt.

 

5. Zwei Heiraten:

Eine Engländerin (Margaret Mead) hat deshalb den Vorschlag gemacht, die Ehe gleichsam in zwei Stufen einzuteilen: Die erste individuelle Heirat soll zwar als ernste Bindung gelten, aber frei von wirtschaftlichen Verpflichtungen sein. Vor allem soll sie keine Kinder hervorbringen, um beim Mißlingen jederzeit wieder gelöst werden zu können. Erst wenn sich diese erste Ehestufe bewährt hat, soll ihr eine „Eltern-Ehe“ folgen, die dann in jeder Hinsicht verpflichtend und nur schwer zu scheiden sein soll. Im Grunde handelt es sich um eine Eheform, die der Amerikaner Lindsey schon 1927 vorschlug.

 

Bisher gibt es trotz aller Versuche keinen Alternativvorschlag zur Ein-Ehe, der bessere Möglichkeiten für ein lebenslanges befriedigendes Zusammenleben der Geschlechter böte. Wir müssen uns deshalb um die Ehe bemühen, damit sie trotz aller Probleme besser gelingt. Es gibt durchaus Möglichkeiten zur Verbesserung unseres Eheklimas, über die es lohnt, sich Gedanken zu machen.

Von entscheidender Wichtigkeit für die Zukunft der Ehe wird es sein, die G1eichwertigkeit der Partner in der Ehe zu verwirklichen und den Anspruch der männlichen Vorherrschaft in eine echte Partnerschaft umzuwandeln. Dann dürfte nicht mehr das Geschlecht des Partners entscheiden, sondern seine jeweilige Fähigkeit, Begabung und Bereitschaft, wer jeweils die Führung innehat. In der Praxis wird das wahrscheinlich von Situation zu Situation wechseln. Durch das Gelten lassen des Partners, die Anerkennung und die Möglichkeit zur Entfaltung der je eigenen Persönlichkeit werden neue Möglichkeiten zur Gestaltung der Gemeinsamkeit zweier sich achtender Partner erwachsen.

 

 

Psychologie der Ehe: Adam und Eva

Vorbemerkung: Im Folgenden werden Aussagen getroffen, die das traditionelle Menschenbild wiedergeben. Es mag aber sein, daß in vielen Fällen heute Männer und Frauen sich ganz anders oder viel einheitlicher verhalten.

 

Mann und Frau:

Alles Lebendige ist in männliche und weibliche Wesen  eingeteilt. Es bedarf immer der Ergänzung beider, um ein neues neben zu erzeugen. Beim Menschen geht diese Ergänzung noch einen entscheidenden Schritt weiter, indem Mann und Frau bereits in ihrem eigenen persönlichen Leben zu einem neuen Ganzen zusammenwachsen. Doch dieses Einswerden nimmt Zeit in Anspruch, weil jeder sich zunächst für den Normalmenschen hält, und alles, was beim anderen anders ist, als „verkehrt“ bezeichnet. Hier geht es darum, daß beide einsehen: Wir sind beide normal und zur polaren Ergänzung geschaffen.

Die Hauptaufgabe der Frau besteht darin, Kinder zu gebären und zu erziehen. Deshalb hat sie eine natürliche Beziehung zu allem Belebten. Sie neigt dazu, auch unbelebte Gegenstände als beseelt anzusprechen, und sie besitzt damit den Schlüssel zur Märchenwelt. Sie erfaßt die Zusammenhänge ganzheitlich; sie hat deshalb oft einen erhaltenden und konservativen Zug.

Der  Mann  dagegen, der dazu berufen ist, die Familie zu ernähren und zu beschützen, hat eine besondere Beziehung zu den unbelebten Dingen, die man beliebig teilen und zusammensetzen kann. Er neigt dazu, auch Lebewesen als Maschinen verstehen zu wollen. Der richtige Mann will das Bestehende erneuern und verbessern, er ist gern revolutionär. Die Fähigkeit, aufzubauen und zu zerlegen, begründet die spezifisch männliche  Logik: für den Mann ist 2 mal 2 immer und überall gleich 4. Für die Frau dagegen ist es je nach den Umständen bald 3,9, bald 4,1 .Eine Frau aber kann die männliche Logik lernen, ein Mann dagegen nie die weibliche Logik.

Die leib-seelische Harmonie der Frau ist ein sehr zweckmäßiger Schutz und eine große Hilfe. Der Mann vermag sich durch die stärkere Trennung von Leib und Seele körperlich zu ruinieren, ohne es seelisch wahrzunehmen; und er kann seelisch die schwersten Irrwege gehen, ohne körperlich zu leiden.

Die Frau aber hat Warn- und Bremsvorrichtungen, die ihr eine Instinktsicherheit geben, die dem Mann weitgehend fehlt. Sie weiß gewisse Dinge selbstverständlich, die der Mann mit seinem Verstand mühsam errechnen muß. In kritischen Situationen reagiert sie meist rascher als der Mann, der stärker vom Programm abhängig ist, das er sich aufgestellt hat.

Diese mangelnde Instinktsicherheit gibt nun dem Mann ein spezifisches Minderwertigkeitsgefühl. Er spürt: Die Frau ist fester verwurzelt, sie besitzt das Ganze, wovon er nur die Teile kennt.

Der Mann hat in der Ehe gewissermaßen die Aufgabe des Steuermannes: Er vertritt die Gemeinschaft nach außen und er hat für den Unterhalt der Familie zu sorgen (wenn auch diese traditionelle Arbeitsteilung heute weitgehend verwischt wird). Diese Funktionen entsprechen

seiner besonderen Veranlagung und die Frau braucht ihn deswegen nicht zu beneiden.

Aber neben dem „Haupt“ braucht der eheliche Organismus auch ein „Herz“ - und das ist die Frau. Der Mann baut die Form, die Frau füllt sie aus; der Mann steuert das Boot, die Frau verpflegt darin die Passagiere; der Mann ist der Herd, die Frau darin die Flämme. Je mehr der Mann im besten Sinne „Haupt der Gemeinschaft“ ist, desto besser spielt die Frau ihre Rolle als „Herz“. Die Frau muß dem Mann Selbstsicherheit geben und Vertrauen schenken; sie muß

ihn mit ihrer Liebe und ihrem Lob aufblasen („inspirieren“), damit er seine Aufgabe als Steuermann richtig erfüllt.

Wenn eine Frau diese Aufgabe versäumt, dann wird er früher oder später eine andere Frau finden, die zu ihm aufschaut und der gegenüber er sich ganz als Mann vorkommt. Viele Ehebrüche gehen darauf zurück, daß der Mann seiner Frau gegenüber sich minderwertig vorkam und eine andere aus ihm das „Haupt“ zu machen verstand.

 

Die Idealbilder:

In der Begegnung der Geschlechter haben die Idealbilder eine schicksalhafte Bedeutung. So läuft etwa Don Juan ein Leben lang seinem Idealbild nach, ohne es zu finden, und ist total unglücklich dabei. Es ist das Verdienst von Carl Gustav Jung, hier die Zusammenhänge näher untersucht zu haben.

Ein Mann hat gewöhnlich sachlich-rationale Aufgaben, durch die dann typisch männliche Eigenschaften ausgebildet werden. Je mehr sich aber ein Mann seinen männlichen Aufgaben zuwendet, desto mehr verdrängt er seine weiblichen Gefühle und Eigenschaften in die Unbewußtheit. Die in das Unbewußte oder in den Schatten verdrängte weibliche Komponente des Mannes  nennt Jung die „Anima“; sie ist das weibliche Spiegelbild des Mannes.

Doch diese Anima sendet starke Anziehungskräfte in ihre Umwelt aus, so wie Dornröschen im Schlaf nach außen wirkt. Das hat nun ganz realistische Folgen: Der Mann sehnt sich nach dem, was in sein Unbewußtes verdrängt ist und überträgt es in einen anderen Menschen. Er überträgt seine Sehnsucht auf eine Frau, der er dann vollkommen verfällt („Liebe auf den ersten Blick“, „Liebe macht blind“). Das Idealbild von einem Mädchen, das der Jüngling im Herzen trägt, ist in den meisten Fällen identisch mit seiner Anima. Besonders leicht wird die Anima-Rolle von solchen Frauen übernommen, die einen gewissen schauspielerisch-unbe­stimmten Typ  verkörpern, die auf ihre eigene Persönlichkeit und ihre natürliche Weiblichkeit verzichten und die auch moralisch ungehemmt sind: das geht von der geistreichen Hetäre über die Filmschauspielerin bis zur plumpen Straßendirne.

Vor allem  Hysterische  haben die Fähigkeit der Abspaltung eines Seelenteils und können so besonders gut Animaträgerinnen werden: Sie zeigen nach außen Sex-appeal und sind so besonders geeignet, als Leinwand für Übertragungen des Mannes zu dienen.

Diesen Vorgang finden wir aber auch als normale Vorfelderscheinung jeder echten und persönlichen Liebe. Wenn es gut geht, stößt der Mann durch die Anima hindurch und entdeckt in der geliebten Frau ein Wesen, das für ihn wirklich neu ist und den Traum ganz und gar überragt. Doch dazu bedarf es erst einer gewissen Reife und eine Frühehe ist deshalb nicht ohne Bedenken.

Wenn es nicht gut geht, liebt der Mann nur seine Anima und nicht die konkrete Frau. Er wirft der Frau vor, sie sei unerotisch und unweiblich; und das umso mehr, je mehr sie wirklich sie selbst wird.

Umgekehrt überträgt auch die Frau ihren Animus, ihre ins Unbewußte verdrängten männlichen Eigenschaften, auf den Mann. Jedoch setzt sich der Animus aus einer ganzen Reihe von Werten, Wahrheiten und Meinungen zusammen; er ist gewissermaßen eine Ansammlung von Vätergestalten. Er neigt dementsprechend dazu, auf eine Mehrzahl von Männern übertragen zu werden.

Das Unbewußte reagiert hier anders als das Bewußtsein: Der Mann ist bewußt polygam, aber sein Unbewußtes wendet sich nur dem einen Animatyp zu (heute: „Beuteschema“). Die Frau dagegen ist im Bewußtsein monogam, aber das Unbewußte empfindet verschiedene Männer als Animusträger und sie hat bisweilen in Träumen erotische Begegnungen mit vielen Männern, ganz im Gegensatz zu ihrer bewußten Haltung.

Bei der Frau bildet sich oft die Vorstellung eines unbestimmten „man“ "(Mode!) und der Animus beherrscht vor allem das geistige Entscheidungszentrum der Frau und legt sie auf bestimmte Überzeugungen und Prinzipien fest. Daraus entsteht der Fanatismus der Frau, der Vernunftargumenten nicht zugänglich ist.

Animusträger sind besonders Heldenschauspieler, tollkühne Filmstars, Stierkämpfer, Boxer und Geistesgrößen (Professoren, Pfarrer) Bleibt die Frau in ihrem Idealbild gefangen, dann sucht sie in ihrem Mann beständig den Helden, den Ritter ohne Furcht und Tadel, den gütigen Vater, den allwissenden Weisen. Sie läßt ihn auch ihre Enttäuschung spüren, wenn sie nicht den findet, den sie sich vorgestellt hat.

Sie kritisiert ihren Mann auf Schritt und Tritt und kommt schließlich zu der Überzeugung, daß der „wahre“ Mann nur außerhalb ihrer Ehe existiert.

Einer solchen Frau kann man nicht helfen, indem man sie an ihre eheliche Treuepflicht ermahnt oder einen Willensentschluß von ihr fordert. Der Übertragungsdrang läßt sich willensmäßig nicht beeinflussen. Hier kann nur die Selbstwerdung des Menschen helfen: Er muß die verdrängten Seiten seines Wesens in seine Gesamtpersönlichkeit mit hineinnehmen, sie erkennen und bejahen und sie an den ihnen zustehenden Ort stellen. Der Mann muß also seine Anima (sein geschlechtliches Gegenbild) als ein Stück seiner selbst erkennen. Zur das bewahrt ihn davor, sie auf eine Frau zu übertragen und ihr dann magisch zu verfallen.

Junge Menschen kann man durch Aufklärung noch verhältnismäßig leicht dazu bringen, ihr Gegenbild anzunehmen. Ältere Menschen sind oft schon zu festgefahren und hängen an ihrem Seelenbild und wollen es nicht aufgeben; hier kann oft nur eine psychotherapeutische Behandlung helfen.

 

Die negativen Übertragungen (Projektionen):

Man kann immer wieder beobachten, daß sich Ehegatten einander die Fehler vorwerfen, die sie selber haben, ohne es sich einzugestehen und ohne es bewußt zu wissen. Das kommt daher, daß jeder seine unbewußten negativen Eigenschaften ins Unbewußte verdrängt. Dort setzen sie sich fest und bilden den sogenannten „Schatten“, der das genaue Gegenteil des Ich-Ideals ist und sich in Dorfklatsch, Angriffslust und Kritiksucht äußert.

Wo Mann und Frau einer unberechtigten Kritik verfallen oder sich hoffnungslos am Charakter des anderen stoßen ist die negative Übertragung am Werk. Ein Außenstehender kann das erkennen. Aber der Betroffene ist befangen und kann nicht gelöst werden durch sachliche Wi­der­legung seiner kritischen Argumente. Hier hilft nur, den Schatten bewußt zu machen, so daß beide offen füreinander werden und aufhören, ihre verdrängten Eigenschaften beim Partner zu sehen. Doch das ist bei abstoßenden Übertragungen schwerer als bei den faszinierenden. Gespräche auf der Ebene der Argumente bleiben sinnlos und drehen sich im Kreis. Es hilft nur eine psychotherapeutische Analyse.

Man sagt, daß sich in der Regel die Gegensätze anziehen. So wird häufig ein Mann vom nach innen gekehrten Denktyp eine Frau vom nach außen gekehrten Fühltyp heiraten. In der Verlobungszeit hat sich der Gegensatz noch als sehr belebend erwiesen. Aber in der Ehe kommt es leicht zur Erschwerung des gegenseitigen Verständnisses. Doch Einspielungsschwierigkeiten sind im Grunde ein gutes Zeichen. Im Normalfall führen sie nämlich zu einer gegenseitigen polaren Ergänzung und zu einer Harmonie der Gegensätze.

Bei der Gattenwahl spielen die unbewußten Motive eine entscheidende Rolle. Neben den Übertragungen und der Anziehung der Gegensätze hat Szondi übrigens noch ein drittes Motiv behauptet: Der Mensch suche den Partner, der die gleichen rezessiven Gene trägt wie er selbst, der also eine ähnliche Erbanlage besitzt.

 

Die Archetypen:

Im Zusammenleben der Geschlechter wirken sich nicht nur Bilder aus, die durch unsere persönliche Lebensgeschichte geprägt wurden, sondern auch solche, die aus den Erfahrungen der gesamten Menschheit stammen. Aus dem „kollektiven Unbewußten“ tauchen diese Archetypen zeitweise im Traum auf und werden mit den Erfahrungen des konkreten Menschen gefüllt.

In der Ehe ist vor allem wichtig der Archetyp der „magna mater“, der großen Mutter. Sie erscheint einerseits als gute Fee, andererseits als böse Hexe (Demeter und Gorgo). Sie kann gebären und in sich festhalten, ernähren und auffressen, zärtlich bergen und grausam opfern - ihr Schoß ist Gebärmutter und Grab. Kinder, die sich von ihrer Mutter umschlossen und umhegt fühlen, werden in Träumen von der Angst überfallen, sie könnten von ihrem Schoß wieder verschlungen werden.

Viele moderne Mütter sind allerdings durch ihre einseitig rationale Ausbildung zu sehr eingeengt: Sie sehen in/der Mütterlichkeit nur eine naturhafte, ungeistige Triebhaftigkeit und lehnen sie deshalb ab. Dabei ist gerade die Mütterlichkeit eine irrationale Seelenkraft, die sich in vielen Fällen als Hilfe erweist.

Solche nur rationalen Mütter verlieren leicht den Kontakt zu ihren Kindern. Statt mit Hilfe ihrer mütterlichen Eingebung erziehen sie die Kinder anhand pädagogischer Lehrbücher (besonders Lehrerinnen). Diese vermitteln zwar richtige Erkenntnisse, aber sie machen in keiner Weise fähig, den Kindern Wärme und Geborgenheit zu geben, sie könnten genausogut in einer Krippe leben.

Diese nicht mütterlich sein wollenden Frauen sind auch in ihrer eigenen seelischen Gesundheit bedroht: Sie wollen mit der „magna mater“ nichts zu tun haben und so spaltet sich diese Seite ihrer Frauenseele von ihnen ab und treibt sie in die Rolle des „Vamp“ hinein, der einerseits neutral-kalt, andererseits dirnenhaft - herausfordernd ist.

Das Gegenteil sind nun die Nur-Mütter. Diese haben den Gedanken an eine Mutterschaft zunächst bewußt und mit starkem Gefühl abgelehnt. Nachdem sie aber leiblich Mutter wurden, gerieten sie ganz in den Bann der „großen Mutter“ und wurden zu Nur-Müttern. Die Kinder werden hier nicht als ein eigener Mensch gesehen, sondern nur als Teile einer überindividuellen Mutterpflanze. Diese Mütter pflegen und „bemuttern“ ihre Kinder zwar in vorbildlicher Weise, aber sie behandeln sie noch als Erwachsene wie kleine Kinder. Sie sind nicht bereit, ihren Kindern den nötigen Freiheitsraum zu geben, den sie für ihre Entwicklung brauchen. Am liebsten möchten sie ihre Kinder „auffressen vor Liebe“ und wollen sie dadurch an sich binden.

Diese Mütter verstehen nicht, daß die Kinder auch seelisch abgenabelt  werden müssen und die Bindung an die Eltern in Liebe umgewandelt werden muß, die sie frei macht für künftige Begegnungen. Die Kinder solcher Mütter leben in einer  Haßliebe zu ihrer Mutter: Einerseits sind sie triebmäßig-naturhaft an sie gebunden, andererseits haben sie den lebhaften Wunsch nach Loslösung. Sie möchten schon bemuttert werden, und doch streiten sie sich immer mit ihr. Nur durch ihren Haß können sie sich von ihrer Mutter lösen. Doch gefährlich wird es, wenn die Bindung an die Mutter bestehen bleibt und mit in die Ehe hineingenommen wird.

 

Ungelöste Mutterbindungen:

Je länger solche Bindungen in einem Alter fortbestehen, in dem sie der persönlicher Liebe Platz gemacht haben sollten, desto stärker werden sie als Fesseln empfunden. Die Ehepartner halten zwar nach außen zusammen und erscheinen unzertrennlich, aber in Wirklichkeit nörgeln sie ständig aneinander herum und es besteht ein beständiger Kampf. Sie überbieten sich in gegenseitiger Fürsorge, aber sie lassen sich im Inneren allein und es kommt zu keiner wirklichen Harmonie.

Ehegatten in einer auf persönliche Liebe gegründeten Ehe geben sich gegenseitig Raum, den sie zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit  brauchen. Sie leben in einer Harmonie der Gegensätze; sie bemuttern sich nicht, sondern begegnen einander in der Tiefe ihrer Seele.

Wo man aber nicht frei ist für den Ehepartner, treten Mutter, Schwester oder Bruder immer wieder dazwischen. Nicht selten sind beide Partner je an ihre Familie gebunden, die nun gegeneinander ausgespielt werden. Alle möglichen Gründe werden für eine solche Bindung ins Feld geführt: kindliche Dankbarkeit, Mitleid mit der armen Mutter, Verehrung für den wunderbaren Vater, Sorge für den noch so unselbständigen Bruder.

Doch darauf gibt es nur die unsentimentale Antwort der Bibel: „Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und an seinem Weib hängen, und sie werden sein ein Leib. Wenn man schon heiratet, muß man diese Bindungen aufgeben. Ehegatten sollten deshalb nicht mehr die Ausdrücke „meine Familie“ und „deine Familie“ gebrauchen, sondern nur noch „unsre Familie“ sagen.

Eine ungelöste Mutterbindung führt auch oft dazu, daß ein Mann seine Frau nicht gleichzeitig persönlich lieben und sexuell begehren kann. Die Frau bedeutet für ihn ja die Mutter, mit der

er sich nicht einlassen darf. Die Frau, die er liebt und ehrt und die er umsorgt, macht ihn sexuell unfähig. Aber die sexuell anziehende Frau (Star oder Dirne) kann er nicht achten und lieben.

Diese Männer können auf der einen Seite ihre Frauen zärtlich umhegen und rührend betreuen. Aber auf der anderen Seite „benutzen“ und „gebrauchen“ sie sie wie Gegenstände. Die sexuellen Begegnungen  verlaufen kurz, sachlich und automatenhaft, und die Männer schämen sich, dabei erotische Gefühle zu haben. Es kann sogar zu regelrechten körperlichen Störungen kommen (Impotenz und Ejaculatio präcox).

 

Ungelöste Vaterbindungen:

Eine Frau bindet sich zwar auch einmal an ihre Mutter. Sie sieht in ihrem Mann immer ein wenig das Kind, das man umsorgen und bemuttern muß und in den wichtigen Entscheidungen des Lebens nicht um Rat fragen darf, aber es kommt doch nicht zu einer Störung der erotisch-sexuellen Beziehungen.

Weit gefährlicher ist die Bindung an den Vater. Diese hilft zwar, eine günstige seelische Einstellung zum Mann zu finden, aber das Geschlechtsleben wird aufs Schwerste belastet. Solche Frauen schauen zu ihren Männern auf und himmeln sie an. Sie lassen sie uneingeschränkt als das Haupt gelten und nehmen all ihre Entscheidungen kritiklos hin. Der Mann fühlt sich zwar wohl, wenn er bewundert wird (vor allem ältere Männer). aber die Frau kann sich ihm in der geschlechtlichen Begegnung nicht rückhaltlos hingeben.

Eine solche Frau wird oft von einer heftigen Leidenschaft  zu viel jüngeren und unselbständigen Männern erfaßt, die möglichst unväterlich sein müssen. Nur sind die Frauen ihrem Mann meist treuer als die Männer und es kommt nicht zum offenen Ausbruch. Aber es kommt zu hysterischen Erscheinungen  in der Ehe, auch und vor allem in Pfarrhäusern.

 

Seelsorgerliche Ratschläge:

Man kann diese. Bindungen, die häufig Ursachen ehelicher Konflikte sind, nicht zu leicht nehmen. Man kann auch nicht mit wohlgemeinten Ratschlägen auf sie einwirken, denn damit kann man nur hinhalten, aber nicht helfen, sondern es kommt eher zu einer Fixierung. Hier besteht die Aufgabe, den Betreffenden für eine psychotherapeutische Behandlung bereit zu machen, gegen die er sich im Allgemeinen hartnäckig sperrt.

Auch durch die Gründe, die für die Bindung angeführt werden, sollte man sich nicht täuschen lassen. Wer das vierte Gebot anführt und seine „heiligen Gefühle“ nicht verletzt haben will, wer Elternliebe und Gattenliebe miteinander verwechselt, ist nicht reif für die Ehe. Jeder Ehepartner sollte wissen: Vom Tag der Heirat an ist er dem anderen näher als den Eltern.

Bei jungen Menschen ist eine Vorbeugung noch möglich. Man kann neben das Vaterbild noch andere Ideale stellen. Und man sollte den Vater nicht als Vater darstellen, sondern als Ehemann der Mutter, der ihr gegenüber ritterlich und höflich ist, aber auch durchaus seine Schwächen zeigen. So kann man am ehesten verhindern, daß es dann nachher doch wieder heißt: „Von all den Größen bist du, mon ami, leider nur eine schlechte Kopie!“

Eine Mutterbindung löst sich oft, wenn die Mutter stirbt. Damit ist der Konflikt aus der Welt geschafft. Besonders gut geht es, wenn die Schwiegertochter klug genug ist und das Grab liebevoll pflegt und sich verstärkt um den Mann kümmert.

Eine Vaterbindung dagegen löst sich mit dem Tode nicht, sondern wird eher noch verstärkt. Nun ist kein wirklicher Vater mehr da, der das Idealbild korrigiert, und der verstorbene Vater wird noch mehr als vorher vergöttert. Hier hilft nur die Einsicht, daß der Ehepartner immer den ersten Platz vor allem anderen einzunehmen hat. Schwierige Bindungen treten auch bei einer Zweit-Ehe auf, denn dann werden die Gefühle gegenüber dem ersten Partner auf den

zweiten übertragen und man sieht in dem zweiten immer den ersten. Doch man sollte sich überlegen, ob eine solche Ehe nicht gerade eingesegnet werden sollte, weil sie der Fürbitte besonders bedarf.

Das Wissen um diese Dinge bewahrt vor manchen falschen Entscheidungen und Reaktionen. Das gilt zunächst einmal für jeden persönlich. Aber er ist genauso aufgerufen, anderen zu helfen, die in Schwierigkeiten gekommen sind.

 

Eine kleine Eheschule: Vier praktische Übungen und ein guter Tip (von Heinrich Behr)

Wir sind nun schon bald ein altes Ehepaar. Viele Jahre haben wir gemeinsam verlebt. Dennoch sind wir kein ideales Ehepaar. Auch nach so vielen Jahren gibt es Schwierigkeiten, Mißverstehen und Meinungsverschiedenheiten. Aber es ist nicht hoffnungslos. Nein, ich möchte behaupten: eher das Gegenteil! Es gibt auch heute noch Möglichkeiten, die Beziehung zwischen uns zu verbessern, das Verstehen zu erleichtern.

Denken Sie, bitte, nicht, wir hätten das allein geschafft! Vieles haben wir tatsächlich allein gemacht und gewollt, aber in manchem haben wir die Hilfe von Büchern und „Fachleuten“ in Anspruch genommen. So lernten wir Übungen kennen, die ein Ehepaar allein oder mit anderen Paaren gemeinsam durchführen kann. Sollten Sie verheiratet sein, oder sollten Sie ihre

Beziehung zu anderen Menschen verbessern wollen, lade ich Sie herzlich ein, diese Übungen nicht nur mal so zu probieren, sondern sie bewußt zu trainieren.                                            

Dazu noch zwei Hinweise: Sollten Ihnen diese Übungen zu primitiv erscheinen, oder sollten Sie der Meinung sein, alles schon in Ihrer Ehe anzuwenden, fangen Sie dennoch einmal damit an, vielleicht erweist sich das Ganze dann doch nicht so primitiv wie es zuerst aussah. Und: Sollte Ihnen beim ersten Anlauf Ihr Vorhaben nicht gelingen, so werfen Sie die Flinte nicht gleich ins Korn. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen - auch nicht in der Ehe. Betrachten Sie nun die folgenden Übungen als Schritte, die einzeln gemacht werden und aufeinander folgen. Nehmen Sie sich für jede Übung Zeit und verteilen Sie die Übungen auf mehrere Tage.                                                           

           

1. Übung: Schau mich mal an:

Sie sitzen einander gegenüber und schauen sich an. Dabei sprechen Sie kein Wort. Es ist gar nicht so einfach, den Blick des andern zu ertragen, seine Gesichtszüge zu erfassen, seine Augen, die Ohren, die Nase, den Mund, die Haare. „Ich kenne dich seit vielen Jahren, aber wann habe ich dich zuletzt so angesehen? Wann habe ich mir Zeit für dein Gesicht genommen? Es ist einfach schön, so dazusitzen und dich anzusehen!“ Nach einer Weile des Schweigens beginnt einer von beiden zu sprechen. Er erzählt dem andern, was er gesehen hat und noch sieht. Der andere schweigt und hört nur zu. Versuchen Sie bei dieser ersten Übung nur zu beschreiben, aber nicht zu werten oder Ihre Gefühle auszudrücken. Nun wechseln die Rollen. Der andere erzählt, was er sieht, und der erste schweigt und hört zu. 15 oder 20 Minuten sind bisher vergangen. Wir brechen die Übung ab und haben nun die Möglichkeit, miteinander darüber zu sprechen.

 

2. Übung: Nichts ist selbstverständlich:

„Früher hast Du mit oft erzählt, daß Du mich lieb hast. Heute höre ich es nur noch selten, dafür höre ich häufig, was ich falsch mache, was besser sein könnte oder was Dir nicht gefällt. Dabei meinst Du es sicher nicht schlecht, aber wir haben uns zu sehr aneinander gewöhnt!“ Nehmen Sie sich wieder Zeit füreinander, setzen sich gegenüber und halten es eine Weile aus, schweigend beieinander zu sitzen. Dann beginnt einer mit der feststehenden Formel: „Mir gefällt an dir ...“. Wie bei der ersten Übung spricht nur einer, während der andere zuhört. Erzählen Sie alles, was Ihnen dazu einfällt.

Diese Formel „Mir gefällt an dir ... „ ist fast wie Liturgie, sie klingt ein wenig feierlich, aber sie ist eine Hilfe, die eigenen Gedanken anzuhängen. Vielleicht fällt Ihnen bei dieser Übung auf, wie lange Sie dem andern nicht mehr gesagt haben, was ihn so für Sie liebenswert macht.

Nach etwa  5 Minuten tauschen Sie wieder die Rollen. Auch hier können Sie in einem folgenden Gesprächsgang über die Übung miteinander sprechen.

 

3. Übung: Wünsche sind erlaubt                                                                                         

„Angeblich kann in einer idealen Ehe einer des anderen Gedanken erraten und ihm die Wünsche von den Lippen ablesen. Wie schon gesagt, wir sind kein solches Idealpaar. Ich kann die Wünsche meiner Frau nur selten erraten und sie meine auch nicht häufiger. Vielleicht werden wir um die goldene Hochzeit herum solch Idealpaar, aber solange wollen wir nicht warten. Darum üben wir uns schon jetzt darin, dem andern zu sagen, was wir denken und ihm unsere Wünsche mitzuteilen!“

Beginnen Sie auch dies Übung wieder wie die erste und zweite: Nehmen Sie sich Zeit, setzen Sie sich gegenüber und schweigen Sie eine Weile. Vorher haben Sie sich Zettel und Schreibgerät zurechtgelegt. Nun schreiben Sie auf, welche Wünsche Sie an den andern haben.

Vielleicht haben Sie manches schon ein- oder mehrmals gesagt und haben inzwischen resigniert. Schreiben Sie auch das auf. Vielleicht ist anderes nur als unbestimmtes Gefühl vorhanden, denken Sie darüber nach und versuchen Sie, Worte dafür zu finden.                                

Nach 10 Minuten brechen Sie ab und tauschen die Wunschzettel aus. Lesen Sie die Wünsche des andern laut. Dann stellen Sie gemeinsam fest:                                                            

a) welche Wünsche haben Sie gemeinsam                                                                        

b) welche Wünsche hat nur einer                                                                                      

c) welche Wünsche sind einander entgegengesetzt                                                                      

In den a-Wünschen kommen Sie sich entgegen. Es wird Ihnen leichtfallen, Wünsche aus dieser Kategorie zu erfüllen. Suchen Sie sich daher einen a-Wunsch heraus und planen, wie Sie diesen Wunsch in die Tat umsetzen. Es ist hilfreich, hier ganz konkret vorzugehen und das Wann und Wie festzulegen.                                                                                                           

4. Übung: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert                                    

„Eigentlich müßten wir mal ... - Schade, daß wir neulich nicht …!“ Um diese Sätze etwas aus unserem Wortschatz zu verbannen, beginnen wir die vierte Übung damit, daß wir uns darüber unterhalten, wie uns die Realisierung der Planung vom Ende der dritten Übung gelungen ist. Haben wir den gemeinsamen Wunsch erfüllt und wie war das, oder warum haben wir es unterlassen? War etwas falsch bei der Planung? Sollte Ihnen die Realisierung nicht gelungen sein, resignieren Sie nicht, sondern nehmen einen anderen gemeinsamen Wunsch aus der noch offenen Liste und planen seine Durchführung.                                                                    

Ich möchte Ihnen sehr empfehlen, mehrere solche gemeinsamen Wünsche zu realisieren, um Erfolgserlebnisse zu haben und immer weniger das  „eigentlich müßte ich“ ertönen zu lassen. Sollte es sich dennoch wieder einschleichen, hören Sie es als Signal, entweder konkret zu planen oder sich einzugestehen, der Wunsch ist nicht erfüllbar. „Eigentlich müßten wir ...“ versetzt uns in das Gefühl, unseren Wünschen mit hängender Zunge hinterher zu laufen und nie ans Ziel zu kommen.        

Haben Sie sich eingeübt in der Verwirklichung gemeinsamer Wünsche, versuchen Sie den nächsten Schritt, indem Sie überlegen, ob ein Wunsch, den nur einer hat, vom andern akzeptiert werden kann und planen seine Durchführung.            Sie werden merken, daß die vierte Übung einiger Wiederholungen bedarf.        

Übrig bleiben nun noch die Wünsche der c-Reihe. Damit umzugehen ist sicher nicht einfach. Es kann nicht darum gehen, daß bei einander entgegenstehenden Wünschen immer nur einer nachgibt. Handeln Sie in diesem Fall einen Kompromiß aus, zu dem jeder von Ihnen in sagen kann.     

Sex und Eros in der Ehe:

Beim Mann meldet sich zuerst der Sexus, der Eros kommt erst nach Jahren hinzu. Bei der Frau ist jedoch zuerst der Eros da, erst dann meldet sich der Sexus, aber in mehr allgemeiner Weise und nicht so gezielt wie beim Mann.

Es gibt nicht wenige christliche Ehen, in denen man aus falscher Frömmigkeit dem Eros und dem Element des Erotischen keinen Raum gibt. Der Eros erscheint verspielt und damit zu eitel und zu unseriös, als daß er sich in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern ausbreiten dürfte. Wenn schon geschlechtliche Kontakte in der Ehe unumgänglich sind, dann sollen sie wenigstens kurz, sachlich und möglichst selten sein. Mit jeder erotischen Annäherung oder gar dem erotischen Liebesspiel meint man die Keuschheit in der Ehe zu verletzen. Durch das Spielerische nämlich gewinnt der Mensch die Freiheit, neue Formen zu schaffen und sich ins Seelische zu übersetzen.

Der erotisch entwickelte junge Mensch kann den sexuellen Bereich des Lebens durchaus in sein Denken und Fühlen hineinnehmen, ohne sexuellen Kurzschlüssen zu verfallen. Er wird in dieser Phase seiner Entwicklung den gegengeschlechtlichen Partner anhimmeln und idealisieren, er wird Gedichte über ihn machen und mit ihm flirten, aber er wird nicht mit ihm „verkehren“.

Der erotisch unentwickelte hingegen kommt über die triebhaft-sexuelle Stufe der Liebe gar nicht hinaus. Entweder verdrängt er das Sexuelle aus seinem Bewußtsein und legt damit das Fundament für eine spätere Neurose oder er ergibt sich - was heutzutage häufig vorkommt - einem vorzeitigen, sehr wechselhaften und damit völlig unverantwortlichen sexuellen Verkehr. Die meisten der sogenannten Perversionen (wie Selbstbefriedigung, Schaulust und Sadismus) sind Ausdruck eines erstarrten Ringens mit dem isolierten und darum übermächtigen Sexus.

Der Eros ist bedeutungsvoll für die Gestaltung und Entfaltung des ehelichen Lebens selbst. Wo in der Ehe das erotische Moment fehlt, wird die Frau, die viel mehr vom Eros als vom Sexus lebt, enttäuscht und um das gemeinsame Erlebnis betrogen. Statt das Sich-einander-Schenken, das Ineinander-Aufgehen zu erleben, fühlt sie sich wie eine Sache „gebraucht“. Ihre häufig beobachtete Geschlechtskälte (die sogenannte Frigidität) ist meistens die direkte Folge des unerotischen Verhaltens des Mannes. Daraus läßt sich erkennen, daß nicht das erotische Spiel die Keuschheit in der Ehe verletzt, sondern das triebhaft-nüchterne Miteinander-Umgehen, bei dem der eine den anderen gebraucht.

Die leib- und damit geschlechtsfeindlichen Strömungen wirken bis heute nach. Sie schaffen

die - oft unbewußten - Hemmungen gegenüber dem Erotischen in christlichen Ehen. Wer erkennt, daß diese Strömungen nicht dem Geist Jesu Christi, sondern eines griechischen Philosophen entspringen, wird sich hinfort als Christ nicht mehr von ihnen bestimmen lassen. Die moderne Theologie hat zur Genüge gezeigt, daß es von der Bibel her gar keinen Grund gibt, die leibliche Geschlechtlichkeit gering zu achten. Sie macht uns davon frei, im Sexualakt der Ehegatten auch nur eine Spur von sittlicher Häßlichkeit zu sehen.

 

Der Eros muß nicht durch die Agape überhöht werden. Eros ist die höchste Form der Sexualität, die eigentlich menschliche Form. Wenn man den Sexus als notwendiges Übel ansieht, wird der Mensch auf die tierische Stufe zurückgeworfen. Je mehr der Sexus zur Konsumware wird, desto stärker wachsen häufig wechselnder Geschlechtsverkehr und Bordellwesen und der Sexus dient nicht mehr der Menschwerdung. Es gilt, sich gegen den  Sex-Appeal abzuschirmen, aber die Sexualität nicht abzuwerten.

Die voreheliche Hingabe der Frau ist angstbesetzt und kann - je länger dieser Zustand dauert - zur Gefühlskälte führen. Gefährdet ist ja nur die Frau. Und wenn er sagt „Es passiert schon nichts!“ dann bedeutet da nur: „Mir passiert schon nichts!“ Durch eine voreheliche „Probe“ kann man nicht sicher gehen, daß es nachher klappt.

Sinn der Vereinigung ist ein personales Geschehen, das allein schon in der Tatsache der Vereinigung besteht. Die Vereinigung ist nicht nur ein biologischer Vorgang. Geschlechtstrieb und Geschlechtsorgane sind nur Werkzeuge der Liebe. Die Frau nimmt nicht das Organ des Mannes auf, sondern den Mann. Es gib im Grunde keinen Geschlechtstrieb, höchstens eine Tendenz, die auf den anderen aufmerksam macht. Es gibt auch keinen Fortpflanzungstrieb: Diese Bezeichnung wurde nur erfunden, weil man die Vereinigung verfemte und wenigstens durch die Funktion der Fortpflanzung rechtfertigen wollte.

An sich gibt es aber keine Liebesheirat. Es ist Romantik, wenn man behauptet, es gäbe für jeden nur einen einzigen Partner, der einem vom Schicksal oder von Gott zugeführt wird. Dabei wird der konkrete Partner in der Vorstellung des anderen mit den erwünschten Eigenschaften ausgestattet („Frau meiner Träume“). Aber dabei überträgt der Mann nur seinen weiblichen Seelenanteil (anima) auf eine Frau. Der Mensch ist also bei der Partnerwahl durchaus aktiv beteiligt. In diesem Sinne ist die Liebe eine Angelegenheit des Willens und des Geistes. Es spielen aber doch Gefühle in der Ehe mit, wir dürfen ihnen nur nicht die Oberhand lassen: Auf Gefühlen kann man keine Ehe aufbauen.

 

Praxis und Norm im sexuellen Verhalten:

Der sexuelle Trieb erreicht seine größte Stärke im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, d.h. in der zumeist vorehelichen Zeit, die zugleich starkem sexuellem Druck von Seiten der Gesellschaft ausgesetzt ist. Die häufigste Praxis zur Triebbewältigung besteht deshalb in der Masturbation, die im Alter von 19 Jahren bei 90 Prozent der Männer und bei 40 Prozent der Frauen üblich ist. Etwas phasenverschoben gehen damit heterosexuelle Kontakte parallel: Im Alter von 18 Jahren haben 70 bis 0 Prozent Pettingerfahrung und 50 bis 65 Prozent Koitus­erfahrung; bei Mädchen ist im allgemeinen alles später, Studenten weisen erst Anfang der zwanziger Jahre ähnliche Prozentzahlen auf.

Demgegenüber nimmt die Gesellschaft immer noch eine vorwiegend sexualfeindliche Haltung ein, die man stichwortartig mit Tabuisierung, Problematisierung, Emotionalisierung und Brutalisierung der Sexualität charakterisieren kann. Die Traditionen der christlichen Kirche tragen daran mit Schuld, weil sie das Sexuelle abgewertet haben und eine Verbindung von Sexualität, Liebe und Ehe in ihnen nicht recht gelungen ist. Sexuelle Unsicherheiten, Verkrampfungen und Neurosen sind in kirchlichen Kreisen besonders häufig.

Der Gegensatz zwischen faktischem sexuellen Verhalten der jüngeren Generation und den gesellschaftlichen und kirchlichen Wertvorstellungen kennzeichnet die gegenwärtige Zeit als eine Zeit des Umbruchs, in der überkommene sexuelle Normen nicht mehr überzeugen, während die Orientierungspunkte für ein angemesseneres Verständnis und eine glücklichere Praxis der Sexualität erst umrißhaft erkennbar werden.

Die sexuelle Triebstruktur kann durch Außendruck nicht verdrängt oder gar beseitigt werden, sondern muß in einem Entwicklungs­prozeß gesteuert und kultiviert werden. Es geht also darum, wie die vorhandene sexuelle Potenz phasengerecht entfaltet werden kann. Eine gesellschaftliche aufgezwungene Askese bewältigt nicht die voreheliche Aufgabe, den Umgang mit der eigenen Triebstruktur zu lernen.

Ist nun autosexuellen Ersatzhandlungen wie der Masturbation oder heterosexuellen Intimbegegnungen der Vorzug zu geben? Im Allgemeinen wird heute die Masturbation als eine phasenbedingte und phasengerechte Durchgangsstufe in der Entwicklung zur Partnerschaftlichen Sexualität verstanden. Problematisch ist lediglich das Stehenbleiben auf dieser Übergangsstufe (vor allem bei Soldaten, Studenten, Zölibatären).

In der Spätpubertät fällt die Entscheidung darüber, ob der Mensch in der autosexuellen Isolierung bleibt oder ob der Schritt in die partnerschaftsbezogene Intimität gelingt. Weil reifes sexuelles Verhalten in der Ehe in Einübung in intime partnerschaftliche Beziehungen voraussetzt, befürworten einige Sexualforscher auch voreheliche sexuelle Intimbeziehungen; sie seien eher zu fördern als zu hemmen.

Die alttestamentliche Schöpfungstheologie und das biblische Leibverständnis bieten eigentlich den Ansatzpunkt, um die schöpferisch vitale Funktion der Sexualität zu bejahen. Die allzu isolierte und punktuelle Konzentration auf den Zeugungsakt muß ersetzt werden durch ein Verständnis für die Entwicklung und Kultivierung der Sexualität während des ganzen Lebens. Zwischen Dämonisierung und Glorifizierung hat sich die christliche Theologie für eine Humanisierung der Sexualität einzusetzen, die die  Elemente der Lust, des Spiels und der Ästhetik einschließt.

Sexualität ist auf Partnerschaft angelegt wie umgedreht für eine partnerschaftliche Liebesbeziehung die sexuelle Begegnung ein grundlegender Bestandteil ist. Gegenüber dem Prinzip der partnerschaftlichen Humanität hat die Frage der vorehelichen Intimbeziehungen nur sekundäre Bedeutung. Es ist nur eine Frage der Akzente, wenn man die volle geschlechtliche Vereinigung der Ehe vorbehalten will oder für eine gewisse Spielfreiheit während der Verlobungszeit eintritt.

Liebe und sexuelle Beziehung gehören zusammen unter dem Leitmotiv „Freizügigkeit bei Liebe“. Bei der Sexualität handelt es sich nicht um einen rein körperlichen Trieb (wie beim Hunger), sondern sie kann nur zur vollen Entfaltung  gelangen im Einklang mit der ganzen Person und im Gegenüber einer Ich-Du-Beziehung. Von daher kann die Prostitution ebensowenig gerechtfertigt werden wie der eheliche Geschlechtsverkehr ohne Liebe. Zeugung ohne Liebe ist unmenschlich.

Parallel zur Sexwelle bahnt sich im Stillen die Entwicklung zu einem höheren und anspruchsvolleren Eheverständnis an, das mit den Stichworten „Humanisierung, Kultivierung und Sensibilisierung der Sexualität“ umrissen werden kann. Zur Verwirklichung dieses Modells sind nicht einsame Asketen in der Lage, sondern kommunikative Menschen mit der Fähigkeit zur Bejahung, Eingabe und Lebensfreude.

Sexuellen Begegnungen ohne das Ziel der Ehe gibt man heute weniger Chancen als diesem neuen „evolutionären“ Ehemodell, weil es die besten Chancen zur Entfaltung partnerschaftlicher Intimbeziehungen gewährleistet.

Es genügt jedoch nicht eine individualethische Orientierung des sexuellen Verhaltens. Die moderne Gesellschaft ist auf Verhaltensmuster, Kategorien und Normen einer sozial orientierten Sexualethik angewiesen. Man muß also den sozio-ökonomischen Bezug des sexuellen Verhaltens zur jeweiligen kulturellen Situation der Gesellschaft berücksichtigen. Die individuelle Sexualpraxis geht zwar der neuen Norm voraus. Aber die Frage bleibt berechtigt, wie viele Partner überhaupt in der Lage sind, der größeren Freiheit, den höheren Ansprüchen und den. stärkeren Belastungen des sich abzeichnenden Partnerschaftsverständnisses gerecht zu werden.

 

 

Phasen der Ehe

Im Vorfeld der Ehe:

Von Frühehen wird heute allgemein abgeraten, weil die Partner in so jungem Alter in ihrer menschlichen Entwicklung noch zu wenig ausgereift sind und noch nicht die Verantwortung übersehen können, die Ehe und Familie mit sich bringen. Mit zunehmendem Alter wird der Mensch eben reifer und vermag auch die Wahl des Ehegatten überlegter und kritischer zu treffen.

Die beste Vorbeugung gegen Frühehen wird eine rechtzeitige und intensive Geschlechtserziehung sein, zu der auch eine umfassende Information über die Verhütungsmethoden gehört. Eine Garantie für ein lebenslanges gutes Gelingen der Ehe ist deshalb natürlich noch nicht gegeben. Aber eine Eheschließung im reiferen Alter erhöht die Chancen.

Wichtiger wäre jedoch eine gute Vorbereitung auf die Ehe. Dazu gehört zunächst einmal eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine entsprechende Bildung. Dadurch wird nämlich die Gesprächsfähigkeit erhöht, das Zusammenleben wird kurzweiliger und interessanter und das

einander Überdrüssig werden und die Langeweile werden überwunden. Ehen leben ganz wesentlich vom Gespräch, das eingeübt werden kann. Aber man muß sich auch etwas zu sagen haben und eigene Meinungen austauschen können, wenn es interessant bleiben soll.

Auch die Kinder müssen in ihrer Eigenständigkeit von den Eltern anerkannt werden. So können sie frühzeitig Gesprächspartner werden und es kann Leben und Bewegung in die Familie kommen. Zur Verbesserung und Belebung des Klimas in den heutigen Langzeit-Ehen gehört

auch die Freude an der Körperlichkeit und der Sexualität. In der bewußten Pflege des erotischen Spiels und der Lust an der gegenseitigen Körperlichkeit besteht eine weitere Möglichkeit zur Abwehr der tödlichen Langeweile. Die verborgene Angst vor dem ungewollten Kind kann dabei durch zuverlässige Verhütungsmethoden überwunden werden.         

Eine Erlösung vom Elend der Verlassenheit gibt es für den Menschen in dieser Welt nur im menschlichen Gegenüber. Nur beim Partner kann der Mensch Geborgenheit finden - und Geborgenheit auf Dauer nur beim Ehepartner - und nur die Einehe bietet in unserem Kulturkreis überhaupt die Möglichkeit, lebenslange Geborgenheit zu finden, auch wenn es Beispiele für mißglückte Ehen gibt.

 

Der Anfang:

„Aller Anfang ist schwer“', sagt der Volksmund. Das gilt auch für die junge Ehe. Wie manche junge Frau hat mir schon gestanden: In meinem ganzen Leben habe ich nicht soviel Tränen vergossen, wie in der ersten Zeit meiner Ehe. Es war ja alles so anders, als ich es mir vorher gedacht hatte!“ Wenn man dann fragt, was denn so anders gewesen wäre, dann kommt es halb verschämt, halb trotzig heraus: „Nun, mein Mann! In der Brautzeit hat man sich eben doch nicht richtig kennengelernt!“

Der andere ist anders, als man gedacht hat. Das wird die Erfahrung der meisten jungen Eheleute sein. Auch bei - wie man meint - gründlichem Kennenlernen vor der Ehe, vielleicht in einer längeren Brautzeit, lernt man den anderen nie ganz kennen mit all seinen kleinen Angewohnheiten und Eigenheiten, die im engen Miteinander der Ehe zutage treten. Der Mensch gewöhnt sich so leicht daran, hinter einer Maske zu leben, daß er das oft selbst nicht mehr empfindet. Im täglichen Miteinander in der Ehe fallen Masken und man steht vor dem anderen da, so wie man wirklich ist. Ist das nicht Grund zum Erschrecken für den anderen und - für sich selbst?

Und wenn nun die Wahrheit offenbar wird? Wenn wir in unserer Ehe voreinander stehen nackt und bloß, so wie wir wirklich sind? Wie oft erschrickt man dann vor dem anderen und fährt ihn zornig an! Wie oft explodiert man in Bitterkeit und Enttäuschung! Bei einer Explosion aber gibt es meist Scherben. Scherben gibt es auch in der Ehe. Es kann dann im ersten Augenblick so aussehen, als sei nun alles zerschlagen: das Glück, die Ehe, die ganze Ehe. Aber dann geschieht etwas anderes: Nach dem ersten Erschrecken über die Zerstörung, die man angerichtet hat, fängt man langsam an, die Scherben aufzulesen, fein säuberlich und behutsam.

Junge Ehe bedeutet: einen Strich machen unter alles, was vorher war, auch unter die Beziehungen zu den Eltern und Freunden. Diese Beziehungen sind zwar noch da, aber sie rücken in die zweite Linie. Man kann nicht eine neue Verbindung knüpfen und die alte nicht aufgeben wollen. Die Frau ist nicht wie die Mutter, und es ist tödlich für eine Ehe, wenn ein Mann sagt: „Meine Mutter hat das aber so gemacht!“ Auch die geistige Nabelschnur zwischen Mutter und Kind muß durchschnitten werden, um dem Kind ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. - Umgekehrt ist eine Frau leicht in der Versuchung, den Schwierigkeiten ihrer Ehe auszuweichen, wenn sie Mutter wird. Das kleine Kind ist einfacher zu lieben als der Mann. Aber die Ehe geht vor den Kindern.

Durch die Eheschließung kann aber durchaus auch etwas anders werden: Eine Studentin, die ebenso egoistisch wie charmant war, wußte genau was sie wollte und war sagenhaft unordentlich und voller Verachtung gegen allem, was mit Haushalt etwas zu tun hatte; sie nahm auch leicht eine andere Meinung übel und ließ sie nur schwer gelten. Noch ehe sie mit dem Studium fertig war, hat sie eines Tages geheiratet. Aber nach zwei Monaten war sie ein ganz veränderter Mensch: Ganz selbstverständlich stellte sie das Ihre zurück. Sie half ihrem Mann bei der Doktorarbeit, obwohl sie ihre eigene Examensarbeit zu machen hatte; sie verstand ihren Mann großartig zu nehmen, wenn er schwierig war; sie nahm nichts übel, sondern hatte plötzlich Humor; sogar ihre Hausfrauenaufgaben nahm sie ernst.

 

Kindheit und Jugend der Ehe:

Wenn wir von Kindheit und Jugend der Ehe sprechen, so ist damit gleichzeitig gesagt, daß

dies eine Zeit des Probierens, des Kennenlernens, des Begreifens und Lernens ist. Genausowenig wie ein Säugling ein fertiger Mensch ist, ist auch eine eben begonnene Ehe eine vollkommene Gemeinschaft. Man ist nicht in den Hafen der Ehe eingelaufen, sondern man fährt auf dem sicheren Hafen hinaus auf See - mit all ihren Schönheiten, aber auch ihnen Stürmen. Dort kann man sich zu bewähren. Wie die Kunst des Seefahrens, so muß nun auch die Kunst der Eheführung gelernt werden!

Man muß zum Beispiel lernen, daß die Ehe eine alle Lebensbereiche umfassende Gemeinschaft eines Mannes und einer Frau auf Lebenszeit ist. (Alle Bereiche: Geld. äußerer Besitz, Beruf. Freizeit, Freundschaften, geistige, kulturelle Interessen. seelisches Erleben, sexuelles Erleben). Kein Bereich ist einem anderen gegenüber höher- oder minderwertiger. Alle Bereiche des menschlichen Lebens sind in der Gemeinschaft der Ehe gleichwertig. Eine Person ist so aus Geist, Leib und Seele zusammengefügt, daß keins vom anderen zu trennen ist. Wird ein Bereich ausgeklammert oder nicht zur Entfaltung gebracht, ist die „Eheperson“ behindert oder krank.

Man muß weiter lernen, Vater und Mutter verlassen - und zwar ganz! Die Eltern aber haben zu lernen, ihre Kinder loszulassen - und zwar ganz! Wie kann eine neue „Person“ entstehen, wenn irgendein Teil an ihr fehlt, der sich noch an Vater und Mutter gebunden fühlt.

Man muß auch lernen, zur positiven Enttäuschung zu kommen. Sie findet in der Ehe statt, und -es ist wohl gut, wenn die Eheleute sich dann so annehmen, wie sie wirklich sind.

In den meisten Fällen kommt aber dann durch die Geburt eines Kindes wieder eine neue Aufgabe hinzu. Aus der Ehe wird Familie, das heißt Vater- und Mutterschaft müssen angenommen und entfaltet werden. Dieses erfordert wieder neue Kräfte. über Empfängnisregelung und ihre Methoden müssen die Ehepartner miteinander sprechen. Sie müssen sich bemühen, darüber etwas zu lernen. Zur Ehe gehört auch das Nachdenken über Anzahl und Abstand der gewünschten Kinder.

 

Die mittlere Phase der Ehe:

Nach einiger Zeit gemeinsamen Lebens hat man sich gegenstetig kennengelernt - fast zu gut kennengelernt. Man kennt den anderen bis hin zu seinen Reaktionen, die Lebensweisen haben sich angepaßt und eingeschliffen, es passiert nichts Neues mehr. So ist die mittlere Phase der Ehe gefährdet durch Langeweile und Stagnation. Oft flüchtet man sich nur noch in den Beruf oder zu den Kindern. Man sucht sich außerhalb der Ehe Beschäftigung und Abwechslung. übernimmt auch mancherlei Verpflichtungen. Das alles kann zu einer wirklichen Gefährdung der Ehe werden, wenn die Eheleute verlernt haben (oder noch nie gelernt hatten), miteinander zu reden oder wenn ein Partner auf das, was der andere erlebt, eifersüchtig ist. Bleiben die Eheleute aber im Gespräch miteinander und herrscht keine Eifersucht, dann kann das, was man außerhalb der Ehe und Familie erlebt, zu einer immerwährenden Anregung und einer Neubesinnung auf die Ehe, den Partner und das Miteinander werden. Wenn man begreift, daß Ehe kein Zustand, sondern ein gemeinsamer Weg ist, dann ist auch leicht zu begreifen, daß man sich auf diesem Weg immer neu orientieren und an Weggabelungen neu zu entscheiden hat.

Was fällt alles in diese Zeit! Das Überhandnehmen der beruflichen Aufgaben, das Heranwachsen der Kinder, das beiderseitige Klimakterium, das Selbständigwerden der Kinder. Dies alles stellt Herausforderungen an die beiden Partner dar. Herausforderungen insofern, als es an den Gestaltungswillen und die Gestaltungsfähigkeit beider Partner appelliert. Oft sieht man es aber nicht als solche positive Möglichkeit, sondern empfindet es als Last und sieht als Ausweg nur noch die Scheidung. Überwindung dieser Krisen ist ein Stück Reifung auf dem gemeinsamen Weg. Jeder Partner kann dem anderen zur Reifungshilfe werden. Reifung aber ist notwendig.

 

Die Wechseljahre:

Die Ehe erreicht nicht dadurch ihre Vollkommenheit (Harmonie), daß sie einen jugendlichen Normaltypus festzuhalten versucht - das kann auf die Dauer nur krampfhaft geschehen-, sondern vielmehr dadurch, daß sie gelöst in die jeweilige Entwicklungsphase einschwingt. Wer meint, daß Ehen verlängerte Flitterwochen seien, unterliegt einem gefährlichen Irrtum und bringt sich in die fatale Lage, jedes Älterwerden in der Ehe als Abbau verstehen zu müssen. Ihm muß die Ehe wie ein Berg erscheinen, der sich auf der einen Seite steil erhebt und auf der anderen Seite langsam, aber unaufhaltsam abfällt. In der Hochzeit ist der Höhepunkt erreicht, nach zehn Jahren ist man schon erheblich abgefallen und im Klimakterium naht die Katas­trophe oder das Ende.

Dieses Bild geht von der falschen Voraussetzung aus, körperliche Stärke und sexuelle Potenz die einzigen Werte des menschlichen Lebens sind. Gewiß sind körperliche Stärke und sexuelle Potenz wertvolle Güter. Sie dürfen aber nicht isoliert und überbewertet werden. Neben ihnen stehen andere Werte wie: Abgeklärtheit, Geduld, Weisheit und Gütigkeit.

Solche Überlegungen helfen uns, das lähmende Bergbild, dessen Charakteristikum die abfallende Linie ist, zu überwinden und stattdessen das Leben und die Ehe als stufenförmigen Reifungsprozeß zu begreifen. Wie im Leben einer Pflanze jedes Wachstumsstadium sein eigenes Gesicht und seinen eigenen Wert hat, so hat auch in der Ehe jedes Stadium sein eigenes Gesicht und seine eigenen Werte. Flitterwochen sehen anders aus als das rücksichtvolle, abgeklärte Miteinander einer alten Ehe.

Wer das Bild von der Abwärtsbewegung gar nicht lassen kann, weil er meint, daß es dem Leben, wie es nun einmal ist, entspreche, dem ist zu empfehlen, an die Talfahrt eines Schiffes zu denken, das sich durch verschiedene Schleusen auf das uferlose Meer zu bewegt. Im Oberlauf wird es von der reißenden Strömung schnell hingetrieben, aber die Sicht ist noch eng und klein, weil es rings von Bergen umstellt ist, im Unterlauf fährt es ruhig und bedächtig dahin, aber die Sicht ist jetzt weit, denn das Land ist flach, die Ufer sind zurückgetreten, und vor ihm liegt das Meer. Der Hinweis auf das Meer ist wichtig, denn dadurch wird der Abwärtsbewegung ihr negatives Vorzeichen genommen. Wer das Meer vor sich hat, für den ist die Ehe nicht mehr eine Fahrt in die Katastrophe, von der man sich nur mit Grausen abwenden kann, sondern die Fahrt zu einem Ziel, dem man ruhig und gelassen entgegensieht. Das Offensein nach vorn ist für eine Ehe lebensnotwendig.

Wir könnten uns die Talfahrt des Schiffes gut ohne Schleusen vorstellen. Sie ginge glatt und ungestört dahin, aber sie entspräche dann nicht dem wirklichen Leben. Darum nehmen wir die Schleusen sehr betont in unser Bild hinein. Dadurch wird es uns möglich, die einzelnen Abschnitte deutlich als Stufen zu charakterisieren und zu zeigen, daß es beim Übergang von einer Stufe in die andere zum Unterbrechen der Fahrt und zu Stauungen kommt. Dieser Über­gang bedroht jeweils die Sicherheit und die Harmonie des Menschen. Das beobachten wir beim Übergang von der Kindheit ins Jugendalter (in der Pubertät) ebenso wie beim Übergang von der Lebenshöhe ins Alter (im Klimakterium). Nicht das Verweilen in dieser oder jener Lebensstufe ist für den Menschen problematisch, sondern der kritische Übergang von einer zur anderen.

Wer es innerlich annimmt, erlebt die Übergänge nicht als Abbau, sondern als Umbau, nicht als Verhängnis, sondern als Verwandlung. Wer hingegen bei dem negativen Bild stehen bleibt, das das Leben und die Ehe als Berg darstellt, auf dem es neben einem kurzen Verweilen auf dem Gipfel nur Auf- und Abstieg gibt, der gerät beim Herannahen der Wechseljahre in Verwirrung und kommt in eine innere - wenn nicht sogar äußere - Katastrophe hinein.

Der Mann wird dann von der berüchtigten Torschlußpanik erfaßt. In den nächsten paar Jahren meint er die große Liebe kennenlernen und endlich das Glück erleben zu müssen. Um sich über das Nachlassen seiner Potenz hinwegzutäuschen, rennt er in das unbesonnenste Abenteuer hinein. Die Frau versucht krampfhaft, durch Kosmetik und Fastenkuren ihr Aussehen um zwanzig Jahre zu verjüngen und gerade im Bewundertwerden von jüngeren Männern ihren angezweifelten Liebreiz unter Beweis zu stellen. Statt ruhig und gelassen der neuen Lebensstufe entgegengehen, wirft sie sich durch den Reiz des Ausgefallenen und Extravaganten an die vergangene zurück. Solche Unternehmungen enden bei Mann und Frau nach einem kurzen Zwischenspiel unausbleiblich mit dem großen Katzenhammer. Viele Ehescheidungen in den Wechseljahren könnten vermieden werden, wenn die Betroffenen die notwendige Einsicht in die Entwicklungsvorgänge hätten.

Während Menschen, die sich gegen ihr Älterwerden sperren, nicht nur im seelischen, sondern auch im unmittelbar sexuellen Bereich in große Schwierigkeiten geraten, erfahren solche, die sich auf die Reifung ihrer Ehe willig und freudig einstellen, daß auch ihr erotisches Leben harmonisch ausklingt. Indem die Zärtlichkeit immer mehr in den Mittelpunkt tritt und die genitale Sexualität behutsam ablöst, können die erotischen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu einer Blüte gelangen, die man vorher niemals geahnt hat. Wir könnten geradezu den Satz aufstellen: Wer sein sexuell- erotisches Leben verlängern will, der wird es verkürzen, - wer aber bereit ist, sein Ausklingen anzunehmen, der wird es verlängern. Um dieses Geheimnis sollten alle Eheleute wissen (nach Dr. Walter Saft).

 

Mit vierzig fangen die Reparaturen an

Heute wissen wir, daß der Mensch in der Lebensmitte nicht so sehr mit seinen Aufgaben beschäftigt ist, daß er gar keine Zeit für Probleme hat. Gerade der Mensch in der Lebensmitte ist anfällig und in besonderer Weise gefährdet. Denn in den Jahren geschäftiger Aktivitäten machen sich plötzlich Wünsche bemerkbar, die auf eine Veränderung der eingespielten Lebensweise schließen lassen. Die Frage nach dem Sinn von Schaffen-Müssen und Schaffen-Wollen stellt sich, und die jahrelangen vertrauten Freunde, der gleiche Partner, dieselben vorgegebenen Ordnungen, die vertraute Umgebung und der angehäufte Besitz werfen die Frage auf, wie denn alles weitergehen und wozu das Ganze eigentlich dienen soll. Und um jener untergründigen Unzufriedenheit zu begegnen, keimt der Wunsch nach Abwechslung und Unterbrechung des Gleichlaufs auf.

Der Mensch in der Lebensmitte weiß, er hat nur noch wenig Zeit. Darum entscheidet er oft in ähnlich erstaunlicher Uneinsichtigkeit und Unbekümmertheit wie der junge Mensch, meistens zum Erschrecken der Umwelt. Dabei wechseln sich Resignation und Überschätzung rasch ab, und der Kampf endet nicht selten im Rückzug. Einige Anzeichen von Anfälligkeit seien genannt:

1. Erfolgskrise:

Die Menschen in der mittleren Lebensphase sprechen oft davon, froh zu sein, etwas erreicht zu haben, den festen Stand im Beruf, Ansehen und Kenntnisse zu besitzen, Vertrauen und Autorität. Und doch ist zu spüren, daß Angst da ist, eines Tages alles wieder zu verlieren. Das Erreichte macht sie nicht nur stolz, sondern verunsichert sie auch. Die Möglichkeit des Verlustes wird nur schmerzlich anerkannt und ist doch bewußt.

2. Berufssituation:

Zwar liegt keine Bedrohung des Arbeitsplatzes vor, doch drängen die Jüngeren nach und ihre Fähigkeiten und Kenntnisse geben das Tempo an. Es ist das Problem des Wissensvorsprungs, unter dem oft Eltern gegenüber ihren Kindern leiden. Nicht selten reagieren Menschen in der Lebensmitte auf dieses Drängen besonders hart, gegen sich selbst durch überspannten Ehrgeiz gegenüber Vorgesetzten und den unterstellten Kollegen mit ungerechtfertigten, überhöhten Forderungen.

Der eigentliche Konflikt tritt jedoch dann auf, wenn der Gedanke aufkommt, prinzipiell den falschen Beruf gewählt zu haben, und es bleibt nicht aus, daß dann versteckte Vorwürfe gegen die Eltern und gegen sich selbst den Wunsch bestimmen, von vorn beginnen zu wollen.

3. Veränderung in Ehe und Familie:

Der Mensch in der Lebensmitte erfährt diese Veränderung besonders im Augenblick, da die Kinder erwachsen geworden sind. Unterschiede werden jetzt unübersehbar. Ein anderer Stil wird gelebt, die Kinder bestimmen ihren Rhythmus, Schwiegerkinder stellen sich ein, Enkelkinder werden geboren. Es heißt: Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern sind meistens Besitzeskämpfe. Aber auch zwischen den Ehepartnern können sich diese Besitzes­kämpfe abspielen, nun, da wieder Zeit füreinander gewonnen werden kann. Entweder beide Partner finden völlig neu zueinander, oder die Entfremdung wird als so unheilbar erlebt, daß Trennung oder Scheidung die Folge sind.

4. Die biologische Seite der Lebensmitte

„Mit Vierzig gehen die Reparaturen los!“ sagt der Volksmund. Die ersten endgültigen Abnützungserscheinungen sind unübersehbar. Der Optiker genehmigt die Brille, der Zahnarzt den Zahnersatz. Unser Leben ist begrenzt Wir leben auf den Tod zu. Meistens fällt auch der Tod der eigenen Eltern in die Zeit des Menschen der mittleren Lebensphase. Dies Geschehen macht klar: „Ich gehöre zur nachrückenden Generation.“

Die krisenhaften Zusammenbrüche des Menschen in der Lebensmitte haben daher ihre Begründung in der fortgesetzten Selbsttäuschung zugunsten einer Scheinidentität, die sich im Augenblick der Krise als endgültig unecht erweist. Es handelt sich also um die Rolle, die bisher gespielt wurde, ob sie wirklich angenommen und bejaht oder ob sie als aufgezwungen und fremd empfunden. In solcher Selbstbesinnung auf sich selbst („Wer bin ich eigentlich?“) liegt die Chance für den Menschen in der Lebensmitte. Er kann sie, im Unterschied zum jugendlichen Menschen, aufgrund der zahlreichen positiven und negativen Erfahrungen intensiver wahrnehmen, und es wäre für ihn nur dienlich, vollzöge er diese Selbstbesinnung nicht als Leistung und unter Druck, sondern als freiwilliges Sich-Selbststellen.

 

Die alternde Ehe:

Seitdem durch mancherlei Faktoren die Lebenserwartung der Menschen beträchtlich gestiegen ist, ist auch die Dauer der Ehe durchschnittlich länger geworden. Wenn früher ein Ehepaar zusammen alt wurde, blieb es dennoch im Verband der Großfamilie und fand darin seine Aufgabe und Lebenshilfe. Heute müssen die Alten mit ihren Problemen allein fertig werden. Daß es aber nicht ohne Fragen, Sorgen und Probleme abgeht, wird auch den Jüngeren beim näheren Hinsehen deutlich.

Die erste Bedingung für eine alternde Ehe ist: Bereitschaft zur dauernden Wandlungsfähigkeit - natürlich den gegebenen Kräften entsprechend - zu haben. Man muß auf einer Seite abbauen, wo die Kräfte nachlassen, darf sich aber dafür stärker auf ein anderes Gebiet verlagern, zu dem man vielleicht früher keine Zeit hatte. Goethe sagt: „Altwerden heißt. ein neues Geschäft beginnen!“ Wir kennen ältere Ehepaare, denen wir das abspüren und bei denen wir uns wünschen, einmal so wie sie zu werden. Wir kennen aber auch Ehepaare. die im Zustand des Altseins verhärtet sind und damit abschreckend auf ihre Umgebung wirken. Wie unser eigenes Alter aussehen wird, ist nicht nur eine schicksalgebotene Sache, sondern hängt sehr von unserer eigenen Einstellung und Vorbereitung darauf ab.

Mit fortscheitendem Alter rückt auch die mögliche Trennung durch den Tod näher. In seltenen Fällen nur werden die beiden Ehegatten miteinander abgerufen, meistens bleibt ein Teil für längere Zeit allein zurück. Was wird aus ihm? Ist er wie ein abgehauener Baum? Oder wie ein amputierter Körperteil? Dann könnte sein Überleben eine Katastrophe sein. Also auch darauf heißt es, sich richtig vorbereiten. Das würde bedeuten, daß man trotz aller Gemeinschaft während der Ehezeit so lebt, daß jeder auch nach dem Tod des andern die Möglichkeit hat, als vollwertiger Mensch weiterzuleben.

 

 

 

 

 

Spannungen

7Wo Menschen so eng zusammenleben wie in einer Ehe, kann es nicht ausbleiben, daß es gelegentlich zu Spannungen und Auseinandersetzungen kommt. Solche Differenzen sind nicht beunruhigend, solange man die Sonne nicht über ihnen untergehen läßt. Gefährlich wird es erst, wenn man sie bestehen läßt. Die Zeit verhärtet und vertieft sie nämlich und aus einem harmlosen Sprung wird ein tiefer Spalt mit der Zeit.

Wie nach einem Gewitter mit Donner und Blitz der fruchtbare Regen auf das Land fällt, auch wenn der Himmel noch grau in grau aussieht, so geht es meist auch nach solch einem Ehegewitter. Versöhnung in der Ehe gehört sie nicht zum Schönsten und Fruchtbarsten in unserem Leben? Darum mag es ruhig einmal donnern und blitzen in der Ehe. Spannungen müssen sich entladen, das ist natürlich, fast könnte man sagen, das ist gut.

Schlimm wird es dann, wenn die Spannungen nicht ausgetragen werden, wenn jeder stumm in sich hineinfrißt, was ihm am anderen schwer zu tragen ist. Das ist wie ein Geschwür, was tief im Innern zu eitern beginnt und den Menschen krank macht, todkrank. Aber weil niemand krank werden möchte, todkrank, schlägt man meist einen anderen Weg ein: Man geht vor seiner Ehe mit ihren unausgetragenen Schwierigkeiten auf die Flucht.

 

Die Kindheit ist prägend:

Die Eltern sprechen nicht mit den Kindern über Sexualität, weil sie innere Komplexe haben und diese Dinge nicht in ihr Leben einordnen. Meist werden die Kinder untereinander aufgeklärt, aber unter negativen Vorzeichen (Bezeichnung der Sexualorgane!). Tabu und Kontaktarmnut der Eltern führen leicht zu Zügellosigkeit: Man möchte das auch erleben, man möchte durch eruptive Ausbrüche Kontakt finden, man möchte als Mädchen auch emanzipiert sein. Wer sich der Frühsexualität hingibt, lernt nie ein Verantwortungsgefühl und auch nie Treue in der Ehe

Das Zusammenleben in der Ehe ist weitaus stärker durch unbewußte als durch bewußte Verhaltensweisen bestimmt. Im sogenannten öffentlichen Leben, im Beruf oder in der Nachbarschaft, können wir unser Verhalten durch erlernte, konventionelle Regeln steuern, in der Ehe jedoch nicht. In der Öffentlichkeit nehmen wir uns zusammen und zeigen uns im Allgemeinen nur von unserer besten Seite, in der Ehe aber möchten wir uns begreiflicherweise gehen lassen und uns allseitig - das heißt auch mit unseren Schattenseiten - geben können. Die lockernde und entspannende Wirkung, die von der intimen Atmosphäre der Ehe ausgeht, gibt uns die Möglichkeit, unsere konventionellen Schutzmasken abzulegen und unsere elementären Bedürfnisse frei auszuleben.

Jedem Einsichtigen ist klar, daß diese elementaren Bedürfnisse nicht aus dem Verstandes- und Willensbereich kommen, sondern einer tieferen Region - nämlich dem Unterbewußten - entspringen.

Die Zeit, in der sich die Grundstrebungen des Lebens am intensivsten äußern, sind die ersten Lebensmonate und Lebensjahre. In dieser Zeit erfahren unsere Strebungen eine entscheidende Prägung. Die Art, wie unsere Bedürfnisse nach Pflege und Umsorgung, nach Geborgenheit und Eigenständigkeit in der frühen Kindheit befriedigt werden, bestimmt unser ganzes Leben. Diese Prägung beeinflußt auch das Zusammenleben in der Ehe.

Dem aufmerksamen Beobachter kann nicht entgehen, daß es viele Parallelen zwischen der Beziehung des Kindes zu den Eltern und der Ehegatten zueinander gibt. Da die Partner durch die Heirat in ein ähnliches Bezugssystem treten, wird die Ehe zur Nachbildung der frühkindlichen Lebenssituationen. Viele der kindlichen Bedürfnisse, zum Beispiel das Bedürfnis nach Einssein und Einander-Gehören, werden einfach auf die Ehe übertragen. Verliebte verhalten sich ähnlich wie Mutter und Kind: Sie streicheln sich und suchen Hautkontakt, sie lächeln sich an und drücken sich fest aneinander, sie herzen und küssen sich. Wenn sie sich gegenseitig Kosenamen geben, greifen sie gern auf die kindliche Ausdrucksweise zurück. Diese erstaunliche Ähnlichkeit zeigt sehr deutlich, in welchem Umfang Verhaltenswesen, die sich zwischen Mutter und Kind ausgebildet haben, in die Ehe - genauer in das Verhältnis der Ehepartner zueinander - übernommen werden.

Solche Verhaltensweisen unterliegen nicht der Willenssteuerung. Darum reicht bei Eheschwierigkeiten der Appell an den guten Willen nicht aus. Wer Menschen in Ehekrisen helfen will, darf nicht auf der Sachebene stehenbleiben, sondern muß in die Beziehungsebene vordringen. Probleme auf der Sachebene sind ja meist nur Signale für Störungen in der Beziehungsebene. Hilfe aber besteht darin, Störungen dort anzugehen, wo sie verursacht werden.

 

1. Schreien oder schmeicheln?

Die häufigste Form von Ehekonflikten ist der eheliche Machtkampf. Scheinbar sind es Sachprobleme, um die sich Ehepartner streiten, in Wirklichkeit aber werden in diesem Streit emotionale Spannungen ausgetragen. Die Ursachen dafür, daß das eheliche Zusammenleben so oft unter dem Vorzeichen des Machtkampfes steht, liegen in der Kindheit. In ihr lernt das Kind, daß es in einer Beziehung darum geht, wer der Stärkere ist und wer die Macht hat, denn auch zwischen Eltern und Kindern findet ein Machtkampf statt.

Häufig entwickelt sich dieser Machtkampf, wenn das Kind anfängt, der Mutter davonzulaufen, oder wenn es zur Sauberkeit erzogen werden soll. Viele Mütter fühlen sich ihres Einflusses beraubt, wenn das Kind selbständig wird, oder können es nicht ertragen, wenn es sich ihrer Sauberkeitserwartung nicht fügt. Da solche Mütter die Entwicklung ihres Kindes nicht gelassen begleiten können, versuchen sie, ihm ihren Willen mit Gewalt aufzuzwingen. In dem so entstehenden Ringen scheinen sie die Überlegenen zu sein, sind am Ende aber oft die Unterlegenen, weil das Kind über das größere Schreivermögen verfügt und seine Aggressionen ungehemmter äußern kann

Menschen, die als Kinder erfahren haben, daß sie sich durch Schreien und ungezügelte Äußerung ihrer Aggression gegen die Eltern haben durchsetzen können, werden solche Streittechniken auch in der Ehe verwenden, ebenso werden andere, die gemerkt haben, daß sie die Eltern durch Schmeicheleien und scheinbare Gefügigkeit haben unterwerfen können, in der Ehe die Gefügigkeitstaktik anwenden.

In dem frühkindlichen Machtkampf bilden sich zwei Typen heraus: der aktive Herrschertyp und der passive Untertanen- oder Unterwürfigkeitstyp. Der aktive Herrscher sieht stark aus, er ist jedoch nur scheinstark. Sehr leicht wird übersehen, daß seine nach außen demonstrierte Stärke nur eine Abwehrbildung gegen Ängste vor Unterlegenheit und Beherrschtwerden ist. Weil er innerlich unsicher ist, kann er kein Zuwiderhandeln, keine Widerrede, ja nicht einmal ein Andersdenken ertragen. Er fühlt sich nur einigermaßen sicher, wenn er alles kontrollieren und sich gefügig machen kann. Alle in ihm aufsteigenden Bedürfnisse nach Verstehen und Nachgiebigkeit wehrt er ab. Sein Prinzip heißt: Nur nichts zugeben, auch nicht im Falle des eingesehenen Unrechts. Solange der Herrscher jemanden hat, den er beherrschen kann, hält er sich im seelischen Gleichgewicht, sein Selbstgefühl aber gerät ins Wanken, wenn niemand da ist, der sich kommandieren läßt.

Der passive Untertan läßt alles mit sich geschehen, ohne seinem Beherrscher den geringsten Widerstand entgegenzusetzen. Nach außen wirkt er überaus friedvoll, aber in seinem Inneren lauern angestaute Aggressionen. Nur einen, der die Hintergründe nicht durchschaut, wird es wundern, daß der scheinbar so friedvoll Ergebene von Zeit zu Zeit regelrechte Wutausbrüche bekommt und damit den Rahmen seiner gefügigen Unterordnung sprengt. Die Friedfertigkeit des Unterwürfigen kommt ja nicht aus innerer Stärke, sondern ist nur eine Abwehrbildung gegen das quälende Ohnmachtsgefühl. Darum versucht er auch, den Herrscher zu beherrschen, indem er sich scheinbar von ihm beherrschen läßt. Seine Devise lautet: „Der Herrscher ist das Haupt, der Beherrschte ist der Hals, aber der Hals weiß das Haupt zu drehen.“

 

2. Suche nach Geborgenheit

Die biblischen und gesellschaftlichen Normen, die jahrhundertelang die Form von Ehe und Familie regelten, sind ins Wanken geraten. Viele sehen im Zerbruch dieser Normen einen Akt der Befreiung, aber sie übersehen dabei, daß diese Normen nicht nur beengende Schranken, sondern auch Orientierung vermittelnde Leitlinien waren. Die große Freiheit, in die die junge Generation durch die Infragestellung der Normen hineingestellt ist, bedeutet für diese ja keineswegs nur Beglückung, sondern sehr oft auch Verunsicherung und Überforderung. Die freie Beziehung emanzipierter Partner, die keinerlei gesetzlicher Regelung bedarf, ist eine Idealnorm, die alle überfordert. Eine Zweierbeziehung wie die Ehe hält nur durch, wenn sie in der Konfliktsituation - und die gibt es in jeder Ehe - schützende Dämme hat.

In unserer Zeit entstehen neurotische Erkrankungen weniger dadurch, daß Menschen ihre Triebe verdrängen, als vielmehr dadurch, daß sie ihre Gefühle unterdrücken. Viele junge Mädchen wagen ihre Angst vor Sexualbeziehungen nicht mehr auszusprechen und ihren Freund zu bitten, den Körperkontakt zunächst auf Zärtlichkeiten zu beschränken. Oder viele Verheiratete meinen, ihre Eifersucht verdrängen zu müssen, die sie beim „Fremdgehen“ des Partners befällt. Oft sind Menschen erst nach einigen seelsorgerlichen (oder therapeutischen) Gesprächen in der Lage, ihren Wunsch nach Treue und Beständigkeit, nach verläßlichen Beziehungen zu einem Partner auszusprechen. Um moderne, im vollen Sinne des Wortes emanzipierte Menschen zu sein, meinen sie, auf ihre Sehnsucht nach stabiler Geborgenheit verzichten zu müssen.

Solche elementaren Bedürfnisse aber lassen sich nicht unterdrücken, ohne daß es dadurch zu schweren Störungen des psychischen Gleichgewichts kommt. Wenn Sexualbeziehungen immer dann abgebrochen werden, wenn die Sehnsucht nach dauerhafter Beziehung aufsteigt, dann nehmen die zwischenmenschlichen Beziehungen schweren Schaden. Viele Erfahrungen selbständiger Verantwortung und kreativer Lebensbewältigung lassen sich nur in einer stabilen Ehe gewinnen, die den Entwicklungsphasen nicht ausweicht und die Probleme der Kindererziehung und der Alltagsbelastung bewußt in ihren Aufgabenkreis hineinnimmt.

Die Selbstverwirklichung, nach der viele streben, finden sie nicht in flüchtigen Beziehungen, sondern nur in dauerhafter Bindung, denn Selbstverwirklichung stellt sich nur dort ein, wo man sich an eine Person oder Sache ganz hingibt. Die Ehe ist eine solche personale Sache. Wer eine Ehe eingeht, wird zwar hart drangenommen, aber er gewinnt darin die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen (nach Dr. Walter Saft).

 

Probleme:

In fast jeder Ehe stellt sich eine Reihe von Problemen und es kommt auch einmal zu Ehekrisen.

1. Der Mann will die Last und Würde der Führung in der Familie nicht übernehmen; er wagt nicht, das Haupt der Gemeinschaft zu sein und überläßt der Frau diese Rolle. Dabei ist es die Pflicht des Mannes, die Verantwortung auf sich zu nehmen, Entscheidungen

zu treffen, Initiativen zu ergreifen und das letzte Wort zu sprechen. Es geht hier um keine „Unterordnung“, sondern um den tiefen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die reife Frau verlangt nach diesem Führer, der das Eheschiff steuert und leitet.

2. Viele Männer denken aber nun: „Wer zahlt, gibt an!“ Sie sorgen rührend für ihre Familie, sie planen alles und wissen genau, was für die Familie gut ist. Aber niemals darf die Frau einen eigenen Plan, eigene Wünsche und Gedanken haben. Dabei hat der andere doch das gleiche Lebensrecht, und die Ehe muß diesem inneren Lebensgesetz in allen Bereichen des gemeinsamen Lebens Geltung geben.

3. Viele Männer sehen in ihrer Frau eine Haushälterin, aber eine, die fest an sie gebunden ist. Dies ist der einzige Bereich der Ehe, der gepflegt wird; aber ansonsten spricht der Mann nicht mit der Frau: der erotische, geistige, menschliche Bereich sind ausgeklammert ebenso das gemeinsame Tun, die Sorge für die Kinder und für andere Menschen. Davon müßte eigentlich jedes sein Gewicht haben.

4. Eine Frau sagte einmal bitter: Sechzig Prozent der Männer wollen von ihren Frauen nur ihr Essen, ihr Recht und ihre Ruhe. Wenn die Frau zum Beispiel abends ihrem Mann das Essen hingestellt hat, ergreift er die Zeitung und spricht den einzigen Satz des Abends: „Du kannst ruhig ins Kino gehen!“

5. Je mehr Verantwortung ein Mann im Beruf erlangt, desto weniger Zeit bleibt für die Ehe. Wenn diese große Belastung einsetzt, ist es unendlich wichtig, daß Eheleute mühelos miteinander umgehen können. Es ist nicht so wichtig, wieviel Zeit sie beieinander sein können, sondern w i e sie beieinander sind. Mit Hilfe der Gedanken von Mann u n d Frau gerät alles besser, weil der Mann erst männlich wird in der Begegnung mit der Frau, und von der Frau gilt umgekehrt das gleiche.

6. Unser Menschsein ist nicht nur Arbeit, Einsatz und Tun mit mehr oder weniger einträglichen Zielen. Von Gott her ist es auch gedacht als Spiel, als zweckfreies Sein auf ernsthaftem Hintergrund. Gerade die geschlechtliche Begegnung zeigt das.

7. Die Frau ist durch ihren Bildungsweg selbständig. Der Mann kann heute nicht mit den alten Vorstellungen die Führung in der Ehe übernehmen. Die Frau will heute nicht geheiratet werden und Mutter sein, sie will möglichst bald wieder in ihren Beruf. Die Frauen wollen heute arbeiten, auch wenn wirtschaftliche Not nicht unbedingt vorliegt. Allerdings ist ungünstig, daß er so wenig Halbtagsarbeit gibt. Die Emanzipation ist allerdings nur einseitig vorangeschritten: Wenn die Frau auch ihren Beruf hat, dann soll sie doch oft abends die ganze Hausarbeit tun. Hier ist die Partnerschaft noch einseitig.

8. Ein Kind bedeutet: Die Mutter muß mindestens für zwei Jahre ihren Beruf aufgeben, um dem Kind die Menschwerdung zu ermöglichen. Man kann nicht in den Tag hinein leben und etwa ein Kind zeugen, wenn ein Examen bevorsteht oder wirtschaftliche Not herrscht.

9. In unserer heutigen Arbeitswelt haben die Ehepartner in großem Umfang mit Menschen anderen Geschlechts zu tun. Es müssen also Verhaltensweisen gefunden werden für das Verhalten von Mann und Frau, die nicht verheiratet sind. Hier gibt es zwei extreme Fehlverhaltensweisen: Einmal will man sich beweisen, daß man sich nicht gehemmt fühlt, gleich in engste Beziehung zu treten. Das andere Extrem ist, daß man die Begegnung mit dem anderen Geschlecht zu vermeiden sucht. Einmal wird die Distanz zu schnell übersprungen, das andere Mal wird in der Distanz verharrt.

 

Streit in der Ehe: Die Gegensätze in der Ehe ziehen sich an:

Bekanntlich sind es die kleinen Nadelstiche des Alltags, die den Menschen auf die Dauer aufreiben können. Deshalb setzt auch die Ehe zwischen gegensätzlichen Partnern gewisse Punkte voraus, in denen man sich unbedingt einig sein sollte: Jeder muß sich zur Familie des anderen positiv einstellen. und die alten Freunde des anderen achten. Auch Geldfragen müssen geregelt sein, weil sie am ehesten zu endlosen Zänkereien führen, hauptsächlich, wenn einer der Partner über seine Verhältnisse lebt und dauernd Schulden macht. In 70 Prozent aller Fälle entzündet sich der Streit am Geld, und je mehr Geld im Hause ist, desto tiefer geht das Zerwürfnis. Erst dann folgen als Zankursachen: Eifersucht (18 Prozent), Kindererziehung (13 Prozent), Schikanen, Alkohol, Verwandte (6 Prozent).

Ein Ehepaar in Chicago hatte sich schon auf dem Standesamt gezankt, wer zuerst unterschreiben sollte. Zuhause gab es den zweiten. Zank darüber, wer den Streit begonnen habe. Da beschlossen sie, ein Buch anzulegen über jeden Streitfall und die Ursache mit zu vermerken; in vierzig Jahren ergab sich daraus folgende Statistik:

1. 879  weil das Essen nicht rechtzeitig fertig oder mißglückt war

1.450  weil sie Geld von ihm forderte oder nicht mit dem Geld auskam

  734  weil sein Rasierwasser nicht warm genug war         

  981  weil er mit schmutzigen Schuhen oder nassen Kleider Schmutz gemacht hatte

  687  weil sie die Kinder zu sehr verwöhnte

  611  weil er die Kinder zu sehr verwöhnte

  564  weil er schadenfroh war

  499  weil einer vergessen hatte, das Licht abends auszumachen

  466  weil es zu kalt war

  378  weil Speisereste verdorben waren

  300  weil er zu spät nach Hause kam

  240  weil sie frühmorgens verschlafen hatte

  107  weil das Badewasser zu heiß war

  85  weil sie Verabredungen versäumt hatten

  84  weil er Taschentücher verloren hatte

  68  weil er zuviel rauchte

  51  weil sie keine Knöpfe angenäht hatte, usw.

Hier zeigt sich eigentlich, wie eine glückliche Ehe aussieht: Reibereien um nichts, Zank um Kleinigkeiten, die man bald vergißt. Fehler haben sie beide gehabt. Aber hinter allen Zänkereien ist doch deutlich eine tiefe Liebe und ein wirkliches großes Glück zu verspüren. Es ist doch eigentlich ein Wunder, daß zwei Menschen ihr Leben in so enger Gemeinschaft miteinander verbringen können, ohne einander verrückt zu machen. Aber die Psychiater behaupten, Auseinandersetzungen seien viel gesünder als das langsame Abkühlen und stille Dahin­schleichen vieler sogenannter harmonischer Ehen. Manche Partner streiten sich immer wieder. Hauptsache ist, sie streiten sich zusammen und nie auseinander.

 

Regeln zur Bekämpfung des Streits in Ehe und Familie:

a. Verletzte nicht das Ichgefühl des anderen und beleidige ihn nicht, indem du den Überlegenen spielst und den anderen belehren willst.

b. Bleibe sachlich und laß den anderen zu Wort kommen. Wenn er seinen Standpunkt noch einmal wiederholen, kann redet er ihn sich fort.

c. Sage nicht zu schnell Nein und versteife doch nicht darauf, ganz hundertprozentig zu gewinnen, lenke in Nebenpunkten ein

d. Halte nach Möglichkeiten gemeinsamen Tuns Ausschau, vor allem wenn jeder schon seine eigenen Kreise der Beschäftigung hat, in denen er nicht gestört werden möchte.

 

Krisenjahre der Ehe:

1. Der Mann in der zweiten Jugend:

Manche Frau wundert sich, daß ihr Mann zwischen 45 und 55 ganz anders wird: Er sammelt auf einmal Bilder hübscher junger Mädchen, beobachtet junge Mädchen mit dem Fernglas, fühlt sich im Betrieb als Hahn im Korb. Und dann kommt eines Tages die Äußerung: „Die Kinder sind groß und brauchen die Eltern nicht mehr. Unsere Ehe hat damit ihren letzten Sinn verloren. Ich falle dir doch nur auf die Nerven. Ich werde ausziehen und mir anderswo ein Zimmer nehmen!“

Doch in Wirklichkeit macht er dann gar keine Anstalten, tatsächlich auszuziehen. Einmal schiebt er sein krankes Herz vor, dann das mangelnde Wohnungsangebot, dann wieder berufliche Pläne. Aber im Grunde macht er sich das Leben mit jungen Mädchen nur vor, flüchtet sich aber in Ausreden, um seine Fähigkeiten nicht beweisen zu müssen. Solange er nur Fotos sammelt und nicht die Mädchen persönlich, soll man ihm ruhig die Illusion des Casanova lassen. Vorwürfe helfen da nicht, sondern nur frauliches Verständnis. Der Mann befindet sich in einer typischen Neurose des mittleren Alters, wo er sich selber beweisen will, daß er noch etwas darstellt. Er wird diese Phase bald überwinden und wieder der verträgliche Ehemann von einst werden.

Schwieriger wird es bei den aktiveren Männern in den Wechseljahren: Sie führen ihre überspannten Pläne nicht selten auch aus. Sie lassen sich scheiden und heiraten eine jüngere Frau oder schaffen sich eine jüngere Freundin an, die dann das groteske Theater des Mannes in der zweiten Jugend mitmachen, aber im Grunde nur auf sein Geld aus sind oder einen Vaterkomplex haben.

 

2. Die unzufriedenen Frauen von Vierzig:

Wie oft hat sich die Mutter gewünscht, die ewige Plackerei mit den kleinen Kindern möge ein Ende haben. Aber wenn es dann so ist, empfindet sie ihr Leben nicht mehr als Aufgabe. Die Umwelt wertet ihre Arbeit als Hausfrau nicht mehr als ernsthafte Tätigkeit und der Leerlauf beginnt. Man fängt an zu dösen und zu grübeln, es kommen Überdrußgefühle und eine ungesunde Müdigkeit, man ist nervös und beobachtet den Ehegefährten viel kritischer als vorher. Der Mann aber geht mehr und mehr in seinem Beruf auf, ist oft auswärts und von seinem Beruf und von Sorgen spricht er kaum noch. Die Frau von Vierzig ist oft einfach arbeitslos geworden.

Jetzt muß sie sich tatsächlich nach Arbeit umschauen, nach sinnvoller Arbeit, die Freude bereitet. Vielleicht kann sie dem Mann im Geschäft die Bücher führen oder seine Sekretärin werden. Eine Zerstreuung (Kino) nutzt da nichts, weil die geistigen Ansprüche steigen. Man braucht Kontakt zum öffentlichen Leben, Mitsprache und Mitwirkungsrecht.

Mit 40 hat man den Höhepunkt der Leistungsfähigkeit noch längst nicht überschritten, sondern hat im Gegenteil seinen geistigen Horizont erst richtig erweitert. Es gibt heute viele Organisationen, Verbände und Einrichtungen, wo jede Hand dankbar ergriffen wird: Ersatz für eine kranke Schreibkraft, Pflegerin in einer kinderreichen Familie, Erkrankung einer auf sich allein gestellten Geschäftsfrau, Betreuung von Jugendlichen und Alten. Es wäre so eine Art „Nothilfe“ aus den Reihen der Hausfrauen nötig, um einzuspringen, wenn Not am Mann ist.

Dann brauchte die Frau auch nicht mehr schamhaft ihr wirkliches Alter zu verschweigen. Ja früher, da gehörte man mit 30 schon zum alten Eisen, weil die Schönheit vor lauter Arbeit verbraucht war. Doch auch heute hat sie noch Angst, sich durch farbenfrohe Kleidung und Lustigsein als zu jung zu geben. Davon muß sie sich frei machen und ihre Erfahrung und ihr Verständnis für das Leben in die Waagschale werfen.

Dem Mann aber ist zu sagen: Sie lieben eine Vierzigerin? Sie haben eine gute Wahl getroffen, denn sie ist gepflegt und gereift und trotzdem äußerlich noch gut erhalten; sie braucht Verständnis, wenn sie einmal einen schlechten Tag hat, aber sie ist ein guter Kamerad

 

I. Was jede Frau von ihrem Mann wissen muß:

1. Schöne Männer sind wenig gefragt und begehrt:

Bei einer Umfrage wurde der „ideale Mann von heute“ ermittelt: Er ist ein gesetzter Vierziger möglichst hoch gewachsen und mit breiten Schultern. Sein dunkles Haar darf sich an den Schläfen gern zu einem kleinen Silberschimmer aufhellen. Seine Wohnung (weiträumig, hell, sparsam, erlesen, möbliert) ist nur in einem eleganten Vorort denkbar und erfordert deshalb auch einen Wagen und ein beträchtliches Bankkonto. Er darf aber kein schöner Mann sein, denn schöne Männer sind weniger treu, oft verdorben und in der Regel eitel, sie stellen höhere Ansprüche an die Frau und geben mehr Geld für sich selber aus.

2. Der Mann mit 30 ist oft ein Neurotiker und eingebildeter Kranker:

Da ist ein Mann aus gutem Hause: Oberschule, Studium, keine materiellen Sorgen; die Mutter sah in ihm schon den kommenden Wirtschaftsminister. Aber nun ist er Buchhalter mittlerer Größe und mit sich selbst unzufrieden. Mit zwanzig wollte er die Welt erschüttern. Aber inzwischen ist er einsichtig geworden - so einfach ist das nicht mit dem Erschüttern. Nun verliert er den Glauben an sich, er wird krank an Seele und Leib „Es schlägt ihm auf den Magen“, „Es geht ihm an die Nieren“ - Herzrasen, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden. Hier hilft nur ein Psychiater oder - eine geschickte Ehefrau: sie muß dem ehemaligen „Held“ ihrer Träume, der nun zu einem hilflosen, mitleidsbedürftigen und bedauernswerten Wesen geworden ist, viel Liebe geben und eine Kraftspritze, die das Selbstvertrauen hebt. Ihm fehlt die Lebenssicherheit, und eine Frau mit liebesstarkem Herzen ist geeignet, sie ihm zurückzuschenken.

3. Das Kind im Manne will immer wieder einmal spielen:

Kein richtiger Junge spielt Buchhalter, Fabrikarbeiter, Regierungsrat oder Vertreter einer Staubsaugerfirma. Alle wollen sie entdecken, erfinden, erobern und kühne Abenteuer bestehen. Wie aber soll man Schiffe und Eisenbahnen, Flugzeuge und Rennautos vergessen, wenn

einen das Leben schließlich doch nur in Büros, Werkstuben, Fabrikräume oder hinter Ladentische führt? Die unerfüllte Sehnsucht nach jener Jugendromantik begleitet den Mann durchs ganze Leben. Nur das Kind im Manne begreift, was für ein Zauber darin liegt, das hübsch aufgetakelte Badethermometer als Fregatte durch die Fluten zu senden und dann zum Untergang zu verurteilen. Und nur der jungenhafte Hang zu romantischer Entdeckungsfahrt ins Unbekannte treibt den Mann bei Nacht in die Speisekammer, wo er gar nichts essen will, sondern nur mal scbnuppert, hier einen Deckel hebt und dort einen Teller und sich schließlich mit einer kalten Kartoffel begnügt.

4. Wenn er in zu vielen Vereinen ist:

...dann kann sie nicht unbedingt auch in andere Vereine gehen, denn er würde es ja nicht einmal zur Notiz nehmen und die Kinder und der Haushalt litten darunter. Hier hilft nur eine Aussprache. Vielleicht hat er vor lauter Vereinsbegeisterung noch nicht daran gedacht, mehr auf die Familie zu achten, und entsprechende Folgerungen ziehen. Die Frau muß ihn aber auch dann unterstützen, wenn der ganze Vorstand angerückt kommt und sie anfleht, den Mann doch ja wieder frei zu geben. Auch die dickste Vereinsträne darf sie in einem solchen Fall nicht erweichen. Einsatz an einer Stelle genügt, aber nicht ein Verzetteln in allen möglichen Vereinen.

 

Was jeder Mann von seiner Frau wissen muß:

Manche Frauen sagen: „Ich bin einsam! Mein Mann ist nicht zärtlich genug! Mein Mann betrügt mich - und er findet nicht einmal etwas dabei! Ich fühle mich bei meinem Mann nicht geborgen! Meinem Mann ist der Beruf wichtiger als eheliche Liebe, Zärtlichkeit und Verständnis! Der Fußballplatz, das neue Auto, die Skatrunde, die alten Freunde... das alles nimmt mehr Plätz im Herzen der Männer ein als die eigene Frau. Wofür muß nun ein Mann Verständnis haben?

1. Frauen haben gern ihre kleinen oder großen Geheimnisse:

Bei einer Befragung stellte sich heraus, daß fast alle Ehepartner Geheimnisse voreinander haben: 20 Prozent bei Geldfragen, 15 Prozent Verhalten der Kinder, 14 Prozent Flirts und Seitensprünge, 9 Prozent Ereignisse, die Ärger hervorrufen könnten, 7 Prozent Ansichten von Bekannten. Die Hälfte aller Frauen legt heimlich Geld zur Seite, um Geschenke machen zu können oder ein Sparkonto anzulegen. Nur etwas über 10 Prozent der Eheleute gaben an, stets rückhaltlos aufrichtig zueinander zu sein; davon sind zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Alte Ehepartner haben nicht mehr so viele Geheimnisse voreinander, weil sie erkannt haben, daß Meinungsverschiedenheiten nicht zu einer ehelichen Katastrophe führen müssen.

2. Die ewig beleidigte Frau zwischen Laune und Krankheit:

Empfindliche Reaktionen auf bewußte oder unbewußte Beleidigungen entsprechen dem weiblichen Wesen. Sie sind ein Warnzeichen, mit dem die Frau ausdrücken will, daß der Partner die Toleranzgrenze überschritten hat. Dann sollte man den Tränen gebührende Beachtung schenken, um einen für beide Teile schmerzlichen Konflikt zu vermeiden. Aber das grundlose Beleidigtsein als Waffe in einem vom Zaun gebrochenen Ehekrieg entspringt einer seelischen Fehlhaltung. Oft steckt eigene Herrschsucht dahinter und eigener Kontaktmangel. Das gehört dann ins Aufgabengebiet des Psychiaters.

3. Seelisches Gleichgewicht führt zu glücklichen Ehen und Kindern:

Körperliche und geistige Schäden bei Neugeborenen sind nicht nur ebbbedingt, sondern auch auf Infektionen und Vitaminmangel zurückzuführen, vor allem aber auch auf seelische Belastungen. Eine nervöse Mutter überträgt die Nervosität schon im Mutterleib auf das Kind. Belastungen der Mutter durch Tod, Unfall oder schwere Krankheit des Mannes oder eines Kindes, Belastungen durch tiefergehende Ehezerwürfnisse und sonstige Angsterlebnisse können zu erhöhter Kränklichkeit des Kleinkindes und sogar zu Mißbildungen und Fehlentwicklungen führen. Eine ausgeglichene Mutter dagegen bringt auch glückliche Kinder zur Welt.

4. Frauen, die nicht lieben können:

Seelische Spannungen wirken sich natürlich auch auf das körperliche Zusammenleben in der Ehe aus. Die sogenannte „Gefühlskälte“ (Frigidität) ist bei der Frau zu 90         Prozent auf seelische Ursachen zurückzuführen, meist unterdrückten Ärger oder Groll. Wenn sie aber lernen, ihrem Ärger Ausdruck zu geben und ihn aus der Welt zu schaffen, werden sie eine unerwartete Liebesfähigkeit in sich entdecken. Viele Frauen finden auch in ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter nicht die rechte Erfüllung und meinen, sie könnten eine dankbarere Tätigkeit ausüben. Manche Frau hat einen brutalen Vater oder Bruder gehabt oder Enttäuschungen mit früheren Männern erlebt und geht deshalb schon vorbelastet in die Ehe. Vielleicht hat der Mann auch der Frau die Führungsrolle überlassen; sie aber sehnt sich nach einem starken Mann, der ihr in kritischen Lagen Halt und Stütze sein kann. All das kann zu Störungen im Liebesleben führen. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn bei einer zärtlichen Geliebten das Verlangen plötzlich erlischt wie eine Lampe, die ausgeschaltet wird - obwohl ihre Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden, nicht geringer geworden ist. Das Wissen um die Ursachen kann hier helfen.

 

Merksätze:

a. Deine Frau ist kein Scheuerbesen und du bist nicht dazu da, alles wieder schmutzig zu machen. Hilf mit, ihr auch einen Feierabend zu genießen.

b. Deine Frau ist kein Skatbruder und verträgt kein derbes Wort und kann sich nicht so wehren. Soll sie so werden wie Skatbrüder?

c. Deine Frau kann sich ändern. Jeder hat seine Fehler und leidet da-runter. Lobe sie einmal, mach ihr Mut; sie will auch neu anfangen

d. Deine Frau ist kein Automat, der mechanisch alles liefert, was du haben willst ob er nun angeschrien oder geküßt wird.

e. Deine Frau kann dir helfen, denn der Lebenswagen geht nur voran, wenn man zusammen daran schiebt. Gott sieht jede Träne, die deine Frau um dich weint. Aber er hilft auch beim Kampf um euer Glück.

Die Fahrerlaubnis (fürs Motorrad) kann man schon mit 16 Jahren machen; heiraten kann man erst mit 18. Offenbar ist heiraten auch schwerer als Auto-bzw. Motorradfahren. Viele v e r ^-heiraten sich deshalb auch und müssen erst später lernen, was heiraten ist.

 

Goldene Eheregeln:

1. Die Höflichkeit fängt zu Hause an; es ist nicht höflich, abends brummend nach Hause zu kommen und zur Zeitung zu greifen und knurrend zu fragen, ob das Essen nicht bald fertig ist. Ein freundlicher Willkommensgruß und das Wegtragen des Mülleimers sind höflich

2. Setze nicht die ehemaligen Freundinnen und Verehrer des anderen herab durch Verleumdungen und abfällige Bemerkungen

3. Verwechsle nicht dauernd die Namen der Freundinnen deiner Frau samt deren Spitznamen und Namen der Ehemänner

4. Beleidige deine Frau niemals in der Öffentlichkeit und sage nie: „Das ist wieder mal typisch Mann“ oder „So sind die Frauen eben“.

5. Höre gut zu, wenn deine Frau mit dir spricht und brumme nicht nur

„mir recht“ oder „natürlich“, die Mitteilung könnte von Tragweite sein.

6. Merke dir den Aufbewahrungsort wichtiger Gegenstände im Haus und mache einen großen Bogen um den Toilettentisch deiner Frau.

7. Hüte dich vor folgenden Phrasen:

a. „An was denkst du“: Entweder er denkt nichts oder ist gestört

b. „Sag mir, daß du mich liebst“: Das ist für einen Mann selbstverständlich.

c. „Du gehörst nur mir“: Nur verliebt sagen, aber nicht drohend

d. „Du liebst mich nicht mehr wie früher“: Vielleicht hat er sie nicht zärtlich genug begrüßt; doch der ist ja auch manchmal mit Wolken bedeckt und manchmal von der Sonne beschienen

und trotzdem bleibt er der Himmel - so ist es auch mit der Liebe.

 

Flucht aus der Ehe:

Oft kommt es zu einer regelrechten Flucht vor der Ehe: Der Mann flüchtet in den Verein, in eine Liebhaberei, zu seinen Freunden. Die Frau geht in den Kindern auf und findet vielleicht andere Frauen, die in ähnlicher Weise nicht von ihren Männern verstanden werden. Oft führt dieser Rückzug auch in eine Sucht: Zigaretten, Alkohol, Spiel, Kaffee, Konditorei, Kino, Klatsch, Sport, Bildung, Religion. Jeder meinte sich selber helfen zu müssen und baut sich ein Eigenleben auf. Am Ende führt das dann zu einer Untreue, einer Bindung an Eltern und Geschwister oder an einen anderen Menschen (etwa Berufskollege).

Es gibt soviel Fluchtwege vor der Ehe, wie sie kaum aufzuzählen sind. Wenn ein Mann seine Zuflucht sucht im Wirtshaus oder gar bei einer anderen Frau, dann merkt es wohl auch der Fernstehende, daß es diesem Mann in seiner eigenen Ehe nicht behagt. Aber wenn er jede freie Stunde für sein Hobby verbraucht, für den Sportplatz oder für die Briefmarkensammlung, vielleicht auch für den Schrebergarten, dann wird die Diagnose schon schwieriger. Sogar die Arbeit kann zu einem solchen Fluchtweg werden; dann wird solch ein Mann auch noch bewundert, vielleicht sogar von seiner eigenen Frau, ob seines unermüdlichen Arbeitseifers.

Und die Fluchtwege der Frau: auch ihr werden sie heute leicht gemacht durch den Beruf, aus dem sie auch als Ehefrau nicht auszuscheiden braucht oder den sie nach kurzer Unterbrechung wieder aufnehmen kann. Welche Statistik kann und will erfassen, war um die verheiratete Frau berufstätig ist oder bleibt, ob aus gesellschaftlichen oder aus wirtschaftlichen Gründen oder auf der Flucht vor ihrer eigenen Ehe?

Und die Frau, die Kinder hat? Wie oft flüchtet sie aus einer unerfüllten Ehe zu ihren Kindern! Auch sie läßt sich rühmen - vielleicht sogar von ihrem eigenen Mann - als die „gute Mutter“, die ganz für ihre Kinder lebt. Erst viel zu spät merken es ihre Kinder und dann auch die ganze Umgebung, daß ihre Mutterliebe Flucht war, daß sie die Kinder an sich gebunden hat und sie auch nicht loslassen kann und will, wenn es für die Kinder gilt, auf eigenen Füßen zu stehen und ihr eigenes Leben zu leben. Solche „guten Mütter“ werden mit Bestimmtheit die mit Recht gefürchteten „bösen Schwiegermütter“.

 

Rollenverteilung in der Ehe: Hausfrau oder Berufskollegin?                                 

Das Arbeitspensum einer Hausfrau pro Woche beträgt 60 Stunden, wenn sie berufstätig ist sogar 80 Stunden. Wenn Samstag ist, wird erst recht gearbeitet. Der Hausherr aber möchte ein besonders gutes Essen haben und im Winter im schön warmen Zimmer sitzen. Manche Hausfrau fragt sich deshalb mit Recht: Warum muß ich immer als erste aufstehen und als Letzte ins Bett gehen? Warum muß der Tisch immer fertig gedeckt und, die Wäsche gebügelt sein? Die Kinder kreiden mir ihre vergessenen Radiergummis und der Mann die verpaßten Termine an. Der Frau wird selbstverständlich alles aufgebürdet: nicht verstandene Mathematikaufgaben, fehlendes Stickgarn, nicht auffindbaren Alleskleber, die Winterstiefel, die zu klein geworden sind und der Anzug, der in die Reinigung muß.                                      

Die Einteilung der Finanzen gleicht oft einer artistischen Glanznummer. Schopenhauer hat behauptet: „Die Weiber denken in ihrem Herzen, die Bestimmung der Männer sei, Geld z verdienen, die ihrige hingegen, es durchzubringen!“ Aber im Großen und Ganzen ist es doch so, daß            eine Frau sehr genau prüft, was die Familie wirklich braucht. Im Laden fragt sie: „Was kosten die Eier heute?“ Der Mann dagegen sagt kurz undbündig: „Geben sie mir zehn Eier!“"                                         

Eine Frau in den USA hat einmal ihre wöchentliche Arbeitsleistung verrechnet und daraus ihren Wochenlohn bestimmt: Sie kam auf 105 Stunden (15 Stunden am Tag) und 14 verschiedene Berufe (Köchin, Reinmachefrau, Haushälterin, Kindermädchen, Gärtnerin, Hausmädchen, Wäscherin, Bürokraft, Lehrerin, Näherin, Handwerker, Krankenschwester, Gesellschafterin, Chauffeur) und einen Verdienst von 171 Mark (bei einem Stundenlohn von 1,25 Mark bis 2,55 Mark (Lehrerin). All das leistet sie gratis für ihren Mann. Deshalb steht ihr auch nach Recht und Gesetz die Hälfte des Einkommens des Mannes zu (bzw. die Hälfte des Familieneinkommens).                                   

Eine vorbildliche Hausfrau muß aber nicht immer schon auch eine vorbildliche Ehefrau sein. Der Mann will bei der Rückkehr aus Werkstatt oder Büro seine Frau nicht als Sklavin des Haushalts erleben. Wenn es zu Hause nicht mehr gemütlich ist, sucht er sich leicht eine Freizeitbetätigung außer Haus. Eine gute Nutzung der Technik (Konserven, elektrische Geräte) und eine Verteilung der großen Arbeiten auf mehrere Tage helfen vieles abzubiegen. Andererseits schadet es dem Mann nichts, wenn er im Haushalt mithilft. In den USA tun das zwei Drittel der Männer, in Schweden immerhin ein Drittel und in Deutschland angeblich nur ein Prozent.                                    

Vor allem wenn beide Ehepartner berufstätig sind, ist diese Mithilfe unerläßlich. Der Mann kann nicht von der Frau alle Berufs- und Hausarbeit verlangen und dann noch erwarten, daß sie abends frisch und freundlich ist und ihn bedient. Eine Frau ist dann besonders liebe- und anlehnungsbedürftig und braucht Anerkennung.                                     

Es geht heute in der Ehe nicht mehr, daß nur einer alles zu sagen hat, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die traditionelle Schwierigkeit ist hier: Der Mann entpuppt sich nach einigen Ehejahren als schlimmer Patriarch. Bei jeder Gelegenheit zeigt er in geradezu taktloser Weise auch vor Freunden und Bekannten seine wirtschaftliche und geistige Überlegenheit. Und wenn sie sich beschwert, heißt es: „Aber du hast doch alles! Ist das nun der Dank dafür, daß ich mich für dich abschufte?!“ Es gibt heute allerdings auch das andere, daß die Frau überlegen ist und er nur den Prinzgemahl darstellt: Da wird eine Frau als Modellschneiderin in der Stadt überall bekannt, der Mann aber bleibt schlichter Angestellter und überall heißt es: „Das ist der Mann der bekannten Frau….!“ Für den Mann ist nicht nur das Repräsentationsgleichgewicht nach draußen gestört, sondern seine ganze traditionelle Rolle gerät ins Wanken. Dennoch können beide Formen der Ehen sehr wohl glücklich miteinander sein, wenn nämlich jeder die Erfolge des anderen auf sein Konto bucht: „Ohne meine Frau hätte ich das nie zustandegebracht!“ - „Ist es nicht wunderbar, daß mein Mann mir dabei hilft?!“                     

                                  

Die Frau von gestern lebte in der Familie und trat nicht an die Öffentlichkeit. Als Gefährtin des Mannes machte sie Geschichte, ohne Geschichte machen zu wollen. Sie hatte keinen Beruf im heutigen Sinne, sondern war dazu berufen, Hausfrau und Mutter zu werden. Sie paßte sich den Vorstellungen und Bedürfnissen des Mannes an. Sie hatte kein Kritikvermögen und war unfähig zu eigenen Entscheidungen.

Die Frau war Objekt, ein Ding, das dem Manne ge­hörte. Sie war mütterlich, aber oft auf Kosten mangelnder erotischer Liebe. Die Kinder waren meist ihr ganzer Lebensinhalt. Eine Selbstwerdung der Frau war gar nicht erwünscht. Das Schwachsein der Frau war ein Erfordernis der Männerwelt. Die Frau mußte groß sein im Ertragen. Aber Demut und Nachgiebigkeit waren nicht immer echt, sondern oft ein bequemer Ausweg. Ihre ungelebte Vitalität setzte sich vielfach in Angriffslust um, die sich gegen die eigene Person richtet: Sie entwickelte oft eine geheime Lust an Krankheiten und an Leiden.

Auch heute noch gilt die Frau von Haus aus als passiv, mehr gefühlsmäßig betont und für das Praktische und Konkrete geeignet, zum Beispiel für monotone, ausführende und untergeordnete Arbeiten. Schöpferische Begabung fehlt ihr angeblich, ebenso Unternehmungslust, geistige und seelische Selbständigkeit und politischer Verstand.

Diese Vorstellung verführt nun junge Mädchen dazu, sich nach dem Typ der Frau von gestern zu richten: Sie vermeidet Anstrengungen, die für ihr Fortkommen und ihre Persönlichkeitsentwicklung notwendig wären aus Angst, als unweiblich angesehen und vom Mann abgelehnt zu werden. Damit bestärkt sie aber den Mann in seinen Vorurteilen über die Frau. Aus Angst, den Mann zu verlieren, bleiben sie unselbständig und ohne eigene Meinung, damit er sich nicht einer Frau zuwendet, die ihn besser versteht.

Doch das Rad der Geschichte läßt sich nicht mehr zurückdrehen. Die heutige Industriegesellschaft und oft auch die heutige Familie kann auf die Mitarbeit der Frau nicht mehr verzichten. Doch es nutzt nichts, wenn sie dabei halb Mann und halb Frau wird. Viele Frauen vermännlichen im Beruf, werden hart, unpersönlich und farblos und büßen an Weiblichkeit ein. Vor allem gilt das, wann eine Frau leitende Positionen anstrebt: Sie wird leicht verkrampft, aggressiv, unsicher und gehetzt und überbetont sachlich. Solche Frauen sind exakt, aber es fehlt die innere Harmonie.

Weil die Frau im Beruf von Männern umgeben ist, paßt sie sich leicht der Männerwelt an, um keine Angriffsfläche zu bieten. Sie will sich durchsetzen und bedient sich dabei der Waffen des Mannes. In der modernen Arbeitswelt sind weibliche Tendenzen auch nicht gefragt: Man läßt nicht wachsen, sondern es wird gemacht; und das alles möglichst sachlich, nüchtern, gradlinig, mit dem größtmöglichen Nutzeffekt, dafür aber möglichst ohne Gefühl, Phantasie, Spielereinen und Schnörkel. Zuviel Seele verringert ja die Leistung. Doch der Mann verarmt in dieser Arbeitswelt, die Frau aber stirbt innerlich darin!

So wird die Frau von heute leicht zwiespältig: Sie möchte oben sein und sich doch anlehnen können, sie möchte sich fallen lassen und hält sich fest, sie möchte in der Liebe den Verstand ausschalten und einen Mann haben, bei dem sie schwach sein darf. Umgedreht wünscht sich der Mann zwar eine gute Hausfrau, die sich aus freien Stücken unter seine Herrschaft begibt, die aber seine Ideen nicht ohne Diskussion hinnimmt, sondern erst allmählich seinen Gründen nachgibt. Er wünscht eine Ehefrau, die es mit seiner Intelligenz, Wißbegierde, Entwicklungsfähigkeit und seinem Interesse am Leben aufnehmen kann.

Anstatt sich dafür einzusetzen, daß die Arbeit der Frau im Haushalt als gleichwertig neben der Berufsarbeit anerkannt wird, übernahmen viele Frauen die männliche Geringschätzung weiblicher Tätigkeiten und drängten sich in angeblich typische Männerbeschäftigungen, zum Beispiel Autofahren. Ihr Ideal ist nicht die befreite Frau, sondern der Mann. Der Frau bleibt die Aufgabe, ihre heutigen Lebensmöglichkeiten zu einem geschlossenen Lebensentwurf und zu einem überzeugenden weiblichen Leitbild zusammenzufügen.

 

Erzählung: Wenn man ein vollkommener Ehemann ist

Ich scheue mich, es zuzugeben, aber ich bin der vollkommene Ehemann. Ich bin deswegen nicht eingebildet und auch nicht unbedingt stolz darauf, denn ich weiß, ein vollkommener Ehemann zu sein ist eine von Gott verliehene Gabe. Man hat sie oder hat sie nicht. Zum vollkommenen Ehemann gehört, daß er imstande ist, alle Fehler zu erkennen, die eine Frau macht, sie notfalls abzustellen und ihr zu erklären, was sie falsch gemacht hat.

Jeder Eheberater wird Ihnen sagen, daß die glücklichsten Ehen die sind, in denen ein Partner vollkommen ist und der andere nicht. Die meisten Ehen gehen in die Brüche, wenn entweder beide vollkommen sind, oder beide unvollkommen. Ich habe das Glück gehabt, eine unvollkommene Frau zu finden, und wir führen daher eine glückliche Ehe.

Der vollkommene Ehemann zu sein ist nicht einfach. Erstens einmal muß man immer recht haben, und es kann sehr lästig sein, wenn man seine Frau ständig auf Fehler, die sie macht, hinweisen muß. Sie wird dann gelegentlich gereizt und schreit: „Wenn ich nur einmal recht behalten könnte - mehr will ich gar nicht. Laß mich nur einmal recht haben!“

Wie gern ließe ich sie einmal die Oberhand behalten. Aber wie soll ich das machen, wenn sie immer unrecht hat? Gewiß, ich könnte schwindeln und so tun, als hätte sie recht. Aber welche Frau kann einen Mann achten, der unrecht hat?

Lassen Sie mich einige der Schwierigkeiten aufzählen, denen sich ein vollkommener Ehemann gegenübersieht.

Seine Frau war den ganzen Tag mit den Kindern zu Haus. Ihre Nerven sind vielleicht ein wenig strapaziert. Sie schreit immer wieder: „Warte nur, bis Vater nach Haus kommt!“ Der vollkommene Ehemann kommt nach Haus. Seine Rolle ist die eines Richters beim Obersten Bundesgericht. Er muß beide Seiten hören.

In vielen Fällen habe ich gegen meine Frau entscheiden müssen - wenn sie zum Beispiel verlangt hat, unser Junge müsse ohne Abendbrot ins Bett geschickt werden oder das Mädchen dürfe nicht Schlittschuh laufen gehen. Habe ich schließlich alle Argumente angehört, so muß ich zugunsten der Kinder entscheiden. Meine Frau macht dann natürlich ein langes Gesicht und wird sogar regelrecht wütend. Ich kann es nicht ändern. Denn da ich auch der vollkommene Vater bin, möchte ich nicht, daß die Kinder schlecht von mir denken.

Als der vollkommene Ehemann mußte ich meine Frau gelegentlich auch auf die Mängel ihrer Verwandten hinweisen. Sie findet diese Kritik manchmal ungerecht. Dann erkläre ich ihr, daß die Liebe zu ihrer Familie sie blind mache. Ich, der ich nicht mit ihnen verwandt bin, könne viel besser erkennen, wo es bei ihnen fehlt.

Wer im häuslichen Leben vollkommen ist, muß es auch im gesellschaftlichen Leben sein. Wenn wir eingeladen sind, sage ich den Damen hübsche Dinge Meine Frau findet, ich beachte sie bei solchen Gelegenheiten zu wenig, und wir streiten uns manchmal, weil ich anderen Frauen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Sie kann es einfach nicht verstehen, daß sie mich, den vollkommenen Ehemann, nicht egoistisch für sich beanspruchen kann. Die eine oder andere Frau, mit der ich spreche, hat selbst vielleicht keinen vollkommenen Ehemann und braucht daher einen freundlichen Zuhörer oder ein mitfühlendes Lächeln. Aber in den Augen meiner Frau flirte ich nur.

Manche Männer meinen, ein vollkommener Ehemann müsse Haushalt helfen, den Rasen schneiden, den Mülleimer hinaustragen, den Keller aufräumen, das Dach flicken. Das ist Unsinn. Könige stehen nicht Wache, Präsidenten schaufeln nicht Schnee, Premierminister waschen ihre Wagen nicht selbst. Ein vollkommener Ehemann muß auf seine Würde achten und Verantwortung weitergeben. Laßt die schmutzige Arbeit den Unvollkommenen.

Sollten Sie mit einem vollkommenen Ehemann verheiratet sein, werden Sie bei Ihrem Mann vermutlich bereits alle die Eigenschaften entdeckt haben, von denen hier die Rede war. Und wenn nicht, tut es Ihnen nicht leid, daß Sie nicht mit mir verheiratet sind? ((von Art Buchwald).

 

Pfarrerehe:

In der Pfarrehe ist die Trennung von Amt und Familie nötig. Die Frau darf einen Gast nur empfangen, wenn ihr Mann nicht da ist. Das Beichtgeheimnis gilt auch gegenüber der Frau. Wenn der Mann an der Arbeit ist, dann ist er für die Familie nicht zu sprechen (kleine Hilfeleistungen sind vorher zu erledigen!). Die Pfarrfamilie muß Vorbild sein für das Dorf. Der Pfarrer darf nicht verproletartisieren, denn sonst geht die Seelsorge kaputt.

Die Rolle der Geschlechter hat sich vom Patriarchalismus zur Partnerschaft entwickelt. Heute spricht man sich untereinander ab, was jeder allein tut und was man gemeinsam tut, aber beide sind aktiv. Die Geschlechter sind füreinander verantwortlich. Aber dennoch besteht zwischen ihnen ein Spannungsverhältnis, der Patriarchalismus wurde nicht bis zur Nivellierung abgebaut, es gibt weiterhin Verschiedenheiten.

 

 

Was ist Liebe?           

Für alle                       - ein Hauptwort

Für junge Leute          - ein Verhältniswort,

Für Eheleute               - ein Bindewort, unter Umständen ein Umstandswort

Für Ungetreue            - ein Zeitwort,

Für Kavaliere              - ein Zahlwort,

Für Alte                       - in Fremdwort.

 

 

Die Trauung

Die Zahl der Trauungen ist im Vergleich zu den Taufen stärker zurückgegangen, weil die Kirche bei der Eheseelsorge versagt hat: Man hat sich nur auf Moral versteift und die Paare öffentlich verurteilt, die schon vor der Eheschließung ein Kind erwarteten. Außerdem gab es keine Sexualethik, höchstens als Verneinung: Sexualität dient nur der Zeugung, aber auch da ist sie Sünde. Die Begründung für die christliche Ehe ist aber. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!“ Die Sexualität hat also einen Sinn in sich selbst. Aber Ehenöte werden heute meist von den Ärzten behandelt (Eheberatung). Die Kirche hat dieses Gebiet jahrhundertelang abgewertet; deshalb geht man nicht zum Pfarrer.

 

Die allgemeine Eheauffassung des heutigen Menschen:

Die allgemeine Eheauffassung wird meist sehr gut auf dem Standesamt dargelegt. Dort muß man ja auch etwas sagen und so heißt es dann dort: Gegenseitige Liebe, Achtung und Treue,

Gemeinsame geistige interessen, Übereinstimmung in der Wertordnung materieller Güter , gegenseitige geschlechtliche Erfüllung, gleiche Meinung über Kind, nicht zu große und nicht zu kleine Spannung der Temperamente. Diese Motive zu einer Ehe sind oft unterschiedlich: Früher ging es oft um eine gute Partie und eine standesgemäße Heirat. Aber man hat heute längst erkannt, daß irdische Güter keine Grundlage für die Ehe sind und daß es auf die persönlichen Vorzüge des anderen ankommt. Diese Vernunftehen sind heute selten geworden. Eher gibt es Ehen aus Mitleid; dieses kann zwar auch einen innigen Kontakt schaffen, aber keine Liebe. Alleiniges Motiv zur Ehe kann nur eine enge Herzensgemeinschaft sein. Wenn man den anderen nicht in allem gern hat und ihn so nimmt, wie er ist, sollte man sich lieber wieder trennen. Hinterher kann man nichts mehr verbessern.

Nach landläufiger Meinung wird die Ehe auch nötig, wenn die Frau ein Kind erwartet. Doch von einer solchen „Muß“-Heirat kann man nur abraten, denn eine dann meist erfolgende Scheidung nimmt die Frau mehr mit als ein uneheliches Kind. Wenn aber Liebe und Kind da sind, dann hat niemand das Recht, sich überheblich aufzuregen. Von seiten der Kirche wird ein solcher Fall zwar nicht begrüßt, aber man braucht auch heute nichts mehr zu vertuschen. Zum Glück sind wir über die Zeiten hinweg, als eine werdende Mutter nicht mit weißem Kleid und Schleier zur Kirche kommen konnte.

 

Zum äußeren Ablauf der Trauung (in Kurhessen-Waldeck):

Nachdem am Eingang zur Kirche auf den Sinn der Trauung hingewiesen wurde, zieht der Hochzeitszug unter Orgelspiel in die Kirche ein und stellt sich im Halbkreis um den Altar, die Eheleute vor den Altar. Es wird ein Lied gesungen und gebetet. Dann folgt die Auslegung des Trauspruchs, der den Eheleuten in ihrer Ehe Trost und Zuversicht geben soll. Nach einem Lied kommen die Schriftlesungen, die bezeugen, an welche Ordnung die Eheleute von nun an gebunden sind. Zunächst drückt ein Abschnitt aus der Schöpfungsgeschichte aus, daß Gott

„Ja“ zu Mann und Frau und zur Ehe sagt und sie für gut hält. Dann folgen zwei Lesungen aus dem Neuen Testament, meist ermahnenden Inhalts, eine Lesung in Lutherdeutsch, eine in freier Übertragung, manchmal auch der gleiche Text zweimal.

In der Frage an die Eheleute geht es nicht darum, ob sie sich gegenseitig haben wollen, sondern ob sie sich so zusammenbinden lassen wollen, wie es ihnen aus Gottes Wort verkündet wurde und ob sie daraufhin ihre Ehe führen wollen in allem, was sie ihnen bringen wird. Beide werde: zusammen gefragt und sollen entweder gemeinsam oder nacheinander antworten. Dann kann ein Ringwechsel erfolgen, muß aber nicht (Ringe mit Familienbuch vorher bringen). Es folgen ein Gebet für die Eheleute die Einsegnung (kniend oder stehend), gemeinsam gesprochenes Vaterunser, Dankvers, Segen.

 

Eheschließung und Trauung:

Eine Ehe beginnt eigentlich, wenn zwei Menschen sich liebhaben und einander zur Ehe begehren. Schon im römischen Recht hieß es: Das gegenseitige Einverständnis macht die Ehe. Durch die Verlobung wird dieser Wille zum Zusammenbleiben dann der Öffentlichkeit mitgeteilt. Vor dem Standesbeamten wird es dann gesetzlich festgelegt und erhält Rechtskraft. Die Gesellschaft muß prüfen, ob die Vorbedingungen für eine Eheschließung erfüllt sind und ob keine Hinderungsgründe vorliegen. Dann erst wird der Wille zur Eheschließung anerkannt und öffentlich bestätigt.

 

Der Staat weist alle, die heiraten wollen, an das Standesamt. Dort sollen sie vor dem Vertreter der Obrigkeit die Ehe schließen, denn es gibt keine wilde Ehe. Christen aber begehren zur standesamtlichen Eheschließung noch die kirchliche Trauung.

Doch die Kirche will dazu keinen Zwang ausüben. Auch die Rücksicht auf die bestehende Sitte oder den Wunsch der Angehörigen oder auf die Reden der Leute dürfen nicht den Ausschlag geben. In allen religiösen Dingen hat nur die Freiwilligkeit einen wirklichen Wert.

 

Ein Christ begehrt deshalb die kirchliche Trauung, weil er nicht nur als Staatsbürger alle menschlichen Ordnungen erfüllen möchte, sondern auch des Segens Gottes für seinen Lebensweg gewiß werden will. Dieser Gottessegen wird aber nicht verbürgt durch die Erfüllung einer bloßen Zeremonie. Man kann Gottes Segen nur empfangen, wenn man auf Gottes Wegen geht. Nur wer das vorhat, nur dem kann der Pfarrer das Geleit Gottes zusichern. Deshalb werden die Eheleute gefragt und sollen mit ihrem „Ja“ vor Gott und der Gemeinde versprechen, eine „christliche Ehe“ führen zu wollen.

Wer dieses Versprechen gedankenlos oder unaufrichtig gibt, treibt ein böses Spiel mit ernsten und heiligen Dingen. Wer seine Ehe nicht christlich führen will, soll die Trauung nicht begehren. Eine nicht vor Gott geschlossene Ehe ist selbstverständlich auch voll gültig. Aber ein Christ schließt und führt seine Ehe vor dem Angesicht Gottes.

Wenn die Eheleute sich untereinander ihr „Jawort“ geben, sind die von Gott einander anver­traut. Von jetzt ab gilt die Ordnung Gottes für die Ehe für diese zwei Menschen. Die Ehe ist ja älter als das Christentum. Sie wird in der Bibel noch vor den „Sündenfall“ gesetzt, ist noch ein Stück der „heilen“ Welt. Deshalb gilt die Ordnung der Ehe auch für die Andersgläubigen und die Ungläubigen; Gottes Gebot über die Ehe gilt für alle Menschen. Der Eintritt in die Ehe ist nicht gebunden an eine kirchliche Handlung. Auch eine nicht kirchlich getraute Ehe ist eine verbindliche Ehe, die von der Kirche als Gottesordnung anerkannt wird (selbst wenn die Ehe vom Staat aus zu einer atheistischen Bekenntnishandlung wird).

Die Ehe gilt also auch ohne Trauung. Man kann nicht leichter aus der Ehe wieder entfliehen, wenn man nicht getraut ist. Das kleine menschliche Ehrenwort vor dem Standesbeamten muß nicht noch ergänzt werden durch das Ehrenwort vor Gott, das dann erst die eigentliche Eheschließung wäre. Natürlich geschieht in der Trauung das Eigentliche - die Unterstellung der Ehe unter Gott - Aber wenn das Paar zur Trauung kommt, dann ist es schon verheiratet und wird nur mit dem gemeinsamen Familiennamen angeredet.

Im Gegensatz zu der Zeit vor 1875 sind also Eheschließung und Trauung wieder deutlich voneinander g“ gibt es nicht) und die Trauung ist immer in der Kirche. Manchmal erfolgt eine Trauung ja auch erst Monate nach der Eheschließung. Vielleicht ist die Eheschließung nur vorgezogen worden, um eine Anrecht auf eine Wohnung erlangen zu können. Aber das volle eheliche Zusammenleben ist erst möglich, wenn eine Wohnung da ist; oft erfolgt erst dann die Trauung. Die Trauung ist eine kirchliche Begleithandlung zu einem Geschehen im Raum der menschlichen Ordnungen; in ihr wird das Anvertrautsein als eine schon vollzogene Tatsache hingenommen, noch einmal bejaht und mit der Fürbitte der Gemeinde umkleidet.

Die Ehe wird also weder vor dem Standesbeamten noch vor dem Pfarrer geschlossen. Sie beruht auch nicht allein auf dem Willen der Eheleute, sondern wir glauben, daß sie von Gott zusammengeführt und verbunden worden sind. Auf einem langen Weg kann man die Führung Gottes in den „heiligen Stand der Ehe“ erleben: von der ersten Begegnung über das Verlöbnis, die Prüfung der Zuverlässigkeit, Unterweisung und Verkündigung über den Ehestand, Proklamation vor der Öffentlichkeit (Gesellschaft und Gemeinde), Fürbitte der Gemeinde, Segnung durch den Pfarrer im Auftrag Gottes bis hin zur leibhaften Aufnahme der ehelichen Lebensgemeinschaft. Dennoch legt die Kirche aber Wert darauf, daß die Ehe erst vor der Öffentlichkeit proklamiert und geschlossen ist. Dann kann sie auch bei der Eheschließung mitwirken in der Form der Trauung.

 

Aufgaben der Ehe:

Die Ehe ist eine große Gabe an uns. Sie ist nicht eine von vielen Bindungen, die wir in den verschiedensten Lebensbereichen eingehen, sondern sie ist d i e Bindung. Nie wieder wird uns im Leben so viel gegeben wie in der Eheschließung, in der uns ein von Gott geliebter und hoch geachteter Mensch anvertraut wird. Gott schenkt uns sein Gebot (mehr als nur das sechste Gebot!), um die Ehe wie mit einem Zaun zu schützen. Er eröffnet uns die Möglichkeit der Vergebung, auch untereinander. Er bietet uns in Gottesdienst und Abendmahl seine Hilfe an.

Dennoch muß man sich um seine Ehe mühen. Ohne Einsatz und Opfer läßt sich nichts erreichen. Auch eine Ehe kann nicht aus den eigenen Reserven automatisch weiterlaufen. Das Ja der Eheleute muß täglich erneuert werden: Sie müssen sich Zeit füreinander nehmen, sich gelegentlich eine kleine Freude machen, den Hochzeitstag miteinander feiern, usw.

Sie müssen auch nüchtern mit Gefahren rechnen. Ein Treuebruch hat immer einen weiten Anlauf. Man muß sich überlegen, ob man an einer Geselligkeit ohne den Ehegatten überhaupt teilnehmen will. Mit der Ehe ist es ja manchmal wie beim Schuheinkauf: Erst scheint man die große Auswahl zu haben; dann merkt man, daß eine ganze Menge von vornherein ausscheidet (Größe, Farbe, Form, usw.). Man darf auch einmal ausprobieren, aber nicht in den Dreck treten, sonst muß man auch dabei bleiben. Wenn man dann die Wahl getroffen hat, kann es immer noch sein, daß nach einiger Zeit der Schuh drückt. Dann gilt es geduldig zu sein, er tritt sich schon mit der Zeit aus und paßt wie angegossen und man möchte ihn nicht missen.

An einigen Stichpunkten kann man die Aufgaben einmal deutlich machen:

 

1. Lebensgemeinschaft:

Die Ehe ist kein Vertrag auf Zeit, den man wieder kündigen kann, sondern ein Bund „bis der Tod euch scheidet“. Eine Ehe kann nicht wieder gelöst, sondern nur durch Schuld der Menschen zerbrochen werden. Das ist keine unerträgliche Härte, denn Gottes strenge Ordnungen dienen immer zum Besten der Menschen. Schiller sagt: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!“ Vor dem Jawort kann jeder noch von der Ehe zurücktreten, und sei es auch im letzten Augenblick; das ist immer noch besser, als mit einer Lüge die Ehe zu schließen.

Nach Gottes 1iillen ist der Mensch nicht einsam geschaffen, sondern immer angewiesen auf den anderen. Durch die Ehe wird er aus dem Elternhaus herausgeführt und bildet mit einem anderen Menschen eine neue Einheit. Hier soll er dann beispielhaft üben und darstellen, was Mitmenschlichkeit ist. Wenn es schon im Kleinen nicht klappt, wie soll es dann im Großen gehen.

Wenn die Entscheidung gefallen ist, kann man sie nicht widerrufen, ob einem die Ehe nun gefällt oder nicht, ob der andere einen begeistert oder enttäuscht, ob Reichtum oder Armut, Gesundheit oder Krankheit, Glück oder Unglück kommen.

Zuallererst aber sollen wir den Ehepartner in Liebe tragen. Wir brauchen einfach einen Menschen, an dessen Liebe und Treue wir glauben, mit dem wir Freud und Leid teilen, bei dem wir Verständnis finden und den wir verstehen. Der Mensch ist ebenso geschaffen, daß er in dem Menschen des anderen Geschlechts seine Ergänzung finden muß.

2. Herzensgemeinschaft:

Das Persönliche, die besondere Beziehung der Eheleute zueinander, steht in der Ehe voran. Man nennt das gewöhnlich: Liebe. Aber Liebe ist nicht Leidenschaft. Einen anderen lieben, heißt für ihn leben, und leben für einen anderen kann man nur, indem man ihm dient.

In der Ehe geht es nicht ums „Glücklichwerden“, sondern ums „Glücklichmachen“; aber das ist gerade auch der Weg zum Glücklichwerden.

Wenn es in der Bibel heißt: „Der Mann ist des Weibes Haupt“, dann heißt das: Er ist der Führende und Tonangebende in der Fürsorge, so wie Haupt und Leib aufeinander bezogen sind. Die Frau ist dagegen mehr das Herz der Familie; sie schafft das Heim, in dem man sich wohl fühlen kann.

Wenn Feierabend ist, sollte jeder dem anderen Freude bringen, und nicht Berufs- oder Haushaltssorgen. Keiner sollte sich gehen lassen, weder in seinem Benehmen noch in seinen Launen. Man muß in der Ehe auch die Fehler zusammenlegen, indem einer dem anderen seine Fehler sagt und zur Überwindung mithilft. Fehler sind Feinde des Glücks, die es gemeinsam zu bekämpfen gilt.

3. Familiengemeinschaft:

Ein Ehepaar ist auch ohne Kinder eine Familie. Die Ehe hat auch ohne Kinder einen Sinn (Kinderlosigkeit! Kinder wieder außer Haus!). Wenn man Kinder haben darf, ist das ein zusätzliches Geschenk! Kinder sind aber nicht der alleinige Sinn der Ehe (so die traditionelle katholische Auffassung). Die Ehe ist in erster Linie dazu da, daß die Ehepartner einander beistehen. Sie geht vor der Beziehung zu den Kindern, sie ist aber auch wichtiger als die Beziehung zu den Eltern bzw. Schwiegereltern. Niemals darf einer mit den Eltern gegen den Ehepartner Partei ergreifen. Nach außen müssen sie zusammenhalten und können Meinungsverschiedenheiten unter vier Augen ausmachen. Was man den Eltern sagen möchte, sagt man lieber dem Ehepartner. Wenn man zusammen wohnen muß, müssen doch die Bereiche genau abgegrenzt sein; dann kann man auch wieder aufeinander zugehen, einen Rat, annehmen sich gegenseitig helfen; aber die Entscheidung bleibt bei den Eheleuten. Die Eltern verlieren ihr Kind nicht, sondern gewinnen ein neues hinzu.

4.. Geschlechtsgemeinschaft:

Geschlechtlichkeit ist eine gute Gabe Gottes. Leiblichkeit und sexuelle Lust dürfen nicht abgewertet werden. Sie haben auch ohne den Wunsch nach Kindern ihren Wert und die Verwendung von Empfängnisverhütungsmitteln ist deshalb durchaus angebracht. Dazu empfiehlt sich das Studium eines Ehebuches. Alles, was bei der Ehe in Erfüllung des Gebotes geschieht: „Seid fruchtbar und mehret euch“, ist eine heilige Sache und soll in der Verantwortung vor Gott geschehen. Was könnte es auch Verantwortungsvolleres geben, als ein Kind ins Leben zu rufen. Die Verantwortung beginnt schon vor der Geburt. Die werdende Mutter soll wissen, daß ihr Kind stets am leiblichen und seelischen Leben der Mutter teilhat. Jede Unterbrechung der Schwangerschaft ist Mord an gottgeschenktem Leben. Gibt es denn eine schönere Gottesgabe für Eltern als ihre Kinder?

5. Wirtschaftsgemeinschaft:

Der Weg zu allen geistigen und materiellen Gütern dieser Erde geht über die Arbeit. Der Mensch ist in den Kampf ums Dasein gestellt. Aber in der Ehe dürfen zwei diesen Kampf gemeinsam führen. Deshalb soll der Mann in seiner Frau nicht die Haushälterin sehen, die ihm für sein Geld alles im Haus zu leisten hat. Die Frau sollte in ihrem Mann nicht bloß das Arbeitstier sehen, das ihre Lebensansprüche erfüllen muß. Es heißt jetzt nicht mehr „mein“ und „dein“, sondern nur noch „unser“: Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!

Geld und Gut, Arbeitskraft und Fähigkeiten sind Gaben Gottes, die nicht zu willkürlicher eigener Verfügung anvertraut sind, sondern nach Gottes Willen gebraucht werden sollen: zum Unterhalt des Lebens, zur Hilfe für den bedürftigen Nächsten, zum Gemeinnutz des Staates und Volkes und schließlich zum Bau des Reiches Gottes. Deshalb müssen Eheleute auch einmal über Hab und Gut Rechenschaft ablegen, denn sie sind Gottes Haushalter.

6. Arbeitsgemeinschaft:

Die Arbeitsgemeinschaft greift heute über den Bereich der Ehe hinaus. Die Besonderheiten des Einzelnen finden hier ihre Erfüllung. Dennoch sollte immer der andere wissen, was der Partner in diesem einen Drittel seiner Lebenszeit macht. Entscheidend aber ist auch heute das Miteinander, das meist nur in der Freizeit geschehen kann. Jede Ehe braucht gemeinsame Aufgaben wie zum Beispiel die Erziehung der Kinder. Sie muß aber auch zu einer Arbeitsgemeinschaft und Arbeitsteilung führen. Es geht nicht, daß die Frau abends nach ihrer Arbeit noch den Haushalt und das Vieh versorgt, während der Mann vor dem Fernsehapparat sitzt. Er kann nicht einmal sagen: „Ich helfe dir!“, denn alle Arbeit liegt in der Verantwortung beider Ehepartner.

7. Glaubensgemeinschaft:

Die Zahl der Trauungen ist heute unverhältnismäßig stark zurückgegangen. Schon allein der Wunsch nach einer Trauung ist ein Bekenntnis zu Gott und der Kirche. Man kann auch heiraten ohne Trauung. Aber mit der Bindung an Gott steht und fällt die Bindung der Menschen aneinander. Erst durch Gott erreicht die Beziehung ihre letzte Tiefe. Man braucht dann kein Gebiet mehr aus der Ehe auszuklammern, sondern geht auch hier in die gleiche Richtung. Nur wenn man in der Verbindung zu Gott bleibt, kann man zum wahren Leben kommen. Nur wenn man am eigenen Leben darstellt, daß Gott die Liebe ist, kann man auch in der Gemeinde bleiben. Die Gemeinschaft des Glaubens zeigt sich vor allem im gemeinsamen Gottesdienstbesuch, in der Teilnahme am Abendmahl, im gemeinsamen Gebet.

Gott will und muß der Dritte sein im Bund der zwei Menschen. Aber er ist nicht der Diener und Knecht, der alle Wünsche zu erfüllen hat, sondern er ist der Herr, dem die Eheleute dienen. Vor Gottes Angesicht gilt es alles zu bedenken, zu entscheiden und zu tun. Nicht was wir wollen sollte entscheidend sein, sondern was der Herr will.

Wer den Weg zu Gott finden will, muß mit ihm reden im Gebet und auf sein Wort hören im Gottesdienst. Er darf auch den Sonntag, den Tag des Herrn, nicht zum Schlaftag, Flicktag, Waschtag, Sporttag oder gar Sauftag werden. Wenn die Glocken rufen sollte keiner

aus Furcht kommen oder nur zu einem Anstandsbesuch, sondern wie ein Kind zu seinem Vater.

Wer die Gemeinschaft mit Gott nicht pflegt, der wird ihm fremd und verliert ihn schließlich, so wie es oft auch unter befreundeten Menschen geht: Man sieht sich selten, man hört nichts mehr voneinander und wird sich fremd. Wer aber Gott verloren hat, der hat alles verloren.

8. Gottes Segen:

Die Ehe soll ein Lebensbund, ein Wirtschaftsbund, ein Geschlechterbund, ein Herzensbund und ein Gottesbund sein. Das sollen die Eheleute in der Trauung geloben. Gott gibt dann seinen Segen dazu. Doch der Trausegen ist kein Zauberspruch, der vor allem Schweren bewahrt. Keiner hat Anspruch auf Gesundheit, Erfolg und Glück.

Die Trauung enthält jedoch zwei Stücke in sich: Das Gelöbnis zu christlicher Eheführung und Gottes Gelöbnis seines reichen Segens für das Heil der Menschen. Gott helfe allen christlichen Eheleuten, daß eins das andere in den Himmel bringe! Der Weg ist gezeigt, an den Eheleuten liegt es, diesen Weg zu gehen.

 

Traugespräch:

Die Trauung soll Lebenshilfe seelsorgerlicher Art sein. Sie ist nicht nur Proklamation des Gotteswortes. Aufgabe ist es, die Leibverherrlichung zu entmythologisieren ohne in Leibver­achtung zu verfallen.

Das Traugespräch soll die Möglichkeit geben, daß sich die Verlobten noch einmal nüchtern sehen und die gegenseitige Projektion erkennen (siehe Psychologie). Oft geschieht diese Ernüchterung erst in der Ehe und dann ist man nicht mehr bereit, den Menschen, der hinter der „anima“ und dem „animus“ steht, als Menschen anzunehmen. Die „Liebe auf den ersten Blick“ ist immer nur ein Verliebtsein in das Gegenbild. Es gibt auch negative Projektionen: Was der eine bei sich verdrängt, kritisiert er ständig am Partner: Ein Despot, der sich im Beruf unterwürfig geben muß, wirft seiner Frau Herrschsucht vor, obwohl sie ein sanftes Lamm ist.

Das Traugespräch soll die Predigt entlasten und vorwegnehmen, was die Eheleute im Augenblick der Trauung doch nicht verkraften könnten.

Beim Traugespräch sollte man nicht mit indiskreten Fragen beginnen. Das Brautpaar ist gehemmt, weil es im Theologen den Richter sieht. Es geht nicht um Belehrung, sondern die Leute haben auch von sich aus etwas zu sagen. Das Traugespräch sollt der Pfarrer allein führen, zum Eheseminar aber sollte sie unbedingt hinzugezogen werden.

 

Die Bedeutung der Trauung:

Durch die Trauung wird eine schon vorhandene Ehe in den Wirkungsbereich Gottes hineingestellt und ihm unterstellt. Dies wird durch die Verlesung des Wortes Gottes bezeugt und dem Ehepaar persönlich zugesprochen im Segen. Die Eheleute bekennen mit der Trauung: „Für uns hat die Eheschließung und die Ehe etwas mit Gott zu tun!“ Wenn sie dann auch auf Gottes Wegen gehen, dürfen sie auch des Segens Gottes auf ihrem Lebensweg gewiß sein.

Fürbitte und Segen sind mehr als der unverbindliche Glückwunsch des Standesbeamten nach der Eheschließung. Hinter dem Segen steht eine wirkliche Kraft Gottes. Während es bei der Eheschließung um die Rechtssicherheit für die Ehe geht, geht es bei der Trauung um die Heilsgewißheit. Den Segen kann man sich nicht nehmen, er muß zugesprochen werden. Aber in der Trauung versichert Gott, daß er schon längst zugesprochen i s t .

Die Ehe ist somit nicht von dem persönlichen Willen zweier Menschen getragen. Vielmehr stellt Gott mit ihr in einen „Stand“, in den Ehestand, der eine gute Schöpfungsordnung ist und unter dem Schutz Gottes steht. Man kann sich nur voll und ganz in diese Ordnung hineinbegeben, ohne innere Zurückhaltung und Hemmungen. Aber man wird dann auch von dieser Ordnung getragen und darf mit in der langen Kette der Gemeindeglieder stehen, die vorher schon getraut worden sind. Gottes Ordnung überragt und überdauert somit unsere Ichhaftigkeit, die doch nur zu Krach, Enttäuschung und Müdigkeit führt. Sie ist eine starke Hilfe für die Ehe.

 

Die kirchliche Trauung:

In der Trauung wird die Bezogenheit der Ehe auf Christus bezeugt und der Wille, die als christliche zu führen, vor der Gemeinde öffentlich bestätigt. Wenn das Neue Testament auch nicht von der Trauung spricht, so ist sie doch durch Christus nahegelegt (1. Kor 7, 39 b; 1.Tim 4,5). Sie konstituiert nicht die Ehe, sondern sie unterstellt sie Christus dem Herrn. Sie umfaßt folgende Stü>1. Die Verkündigung des Wortes Gottes zum Bund der Ehe

2. Das Bekenntnis der Ehegatten, unter dem Worte Gottes ihre Ehe zu verstehen und zu führen.

3. Die kirchliche Bestätigung der Ehe als einer christlichen, auf Grund des öffentlichen Bekenntnisses der Ehegatten zu dem ihnen verkündigten Gotteswort über die Ehe.

4. Die kirchliche Einsegnung der Ehe durch die Gnade Gottes, der den Ehegatten seinen Beistand verheißt und die Gebete über ihnen erhört. Sie ist wirksamer Zuspruch der Gnade in Christus.

5. Die Vermahnung zur christlichen Führung der Ehe als Grundlage für Eheseelsorge und Ehezucht. Sie gibt Wegweisung zum gemeinsamen Wandel der Ehegatten in Christus.

6. Die Einfügung der Ehe in das Leben der Gemeinde durch Beteiligung am Gottesdienst und durch die tragende Gemeinschaft der Glaubenden untereinander.

 

Wodurch wird eine Ehe zur christlichen Ehe?

Dadurch, daß die Partner darauf vertrauen, daß der Vater Jesu Christi sie beschenkt und zur Nachfolge aufruft. Ehe ist Geschenk Gottes. Was Mann und Frau sind und haben, kommt von ihm, auch ihr gutes Zusammenleben in der Ehe. Sie ist keine Schöpfungsordnung im Sinne einer statischen, von selbst funktionierenden Einrichtung. Sie ist vielmehr eine Einrichtung, die dem Menschen angeboten wird, um etwas daraus zu machen, an dem der Geber, Gott selbst, Gefallen hat. Er vertraut die Partner einander an, damit sie sich unterstützen, erfreuen und tragen. Wer Gott durch Jesu Liebe als seinen Vater erkannt hat, kann auch seine Ehe als eine gute Gabe Gottes ansehen.

Ehe aber wird auch zum Ort der Bewährung des Glaubens. Mann und Frau dürfen Jesus Christus nachfolgen und seine Liebe aneinander realisieren. Die Versöhnung, die ihnen der Gekreuzigte gebracht hat, dürfen sie im gemeinsamen Leben weitergeben. Gemeinsam können sie das, was sie sich an Glück und Vertragen gespendet haben, auch zu anderen Menschen bringen.

„Christliche Ehen“ stehen auf dem Papier einer kirchlichen Trauurkunde verzeichnet. Aber oft lassen es die jungen Paare mit dem Segenswort am Tage der kirchlichen Trauung bewenden. Neben diesen „christlichen Ehen“, die nur auf dem Papier oder nur am ersten Tage bestehen oder bestanden haben, gibt es auch christliche Ehen, die alltäglich und wirklich bestehen. Sie leben von Gottes Geschenken, fangen an, sich dafür zu bedanken, indem sie Gott, sich und andere beschenken und Versöhnung ausstrahlen (nach Friedrich Winter).

 

Abraham a Santa Clara:

Die Eheleutemüssen einen guten Kopf haben,

denn sie müssen sich gegenseitig oft den Kopf waschen.

Die Eheleutemüssen gute Zähne haben,

denn sie müssen oft etwas verheißen.

Die Eheleutemüssen gute Finger haben,

denn sie müssen oft durch dieselben schauen.

Die Eheleutemüssen einen guten Rücken haben,

denn sie müssen viel ertragen.

Die Eheleutemüssen einen guten Magen haben,

denn sie müssen gar viele harte Brocken schlucken.

Die Eheleutemüssen eine gute Leber haben,

denn ihnen kriecht gar vieles darüber.

Die Eheleutemüssen gute Achseln haben,

denn sie müssen diese oftmals zucken.

Die Eheleutemüssen gute Füße haben,

denn es drückt sie der Schuh gar vielfältig.

Mit einem Wort: Geduld ist die beste Aussteuer, so die Eheleute haben müssen.

 

 

 

„Ehe ohne Trauschein“

Die „Ehen ohne Trauschein“ nehmen zu, besonders auch unter jungen Leuten. Moralische Entrüstung wäre verfehlt. Aber diese Form der Partnerschaft, die sehr unterschiedlich begründet wird, stellt die Norm der Ehe „mit Trauschein“ auch ständig in Frage.

Junge Leute fragen, wie sie Probleme lösen können, die in einer Gemeinschaft unverheirateter Partner mit einem Kind auftreten. Forscht man nach dem Motiv für den Verzicht auf eine Eheschließung, gibt es die unterschiedlichsten Antworten. Einige (vielleicht: die ehrlichsten) ließen sich von vordergründigen materiellen Vorteilen leiten, die zweckwidrig erlangt werden können, wenn man trotz elterlicher Gemeinschaft den Status „alleinstehend“ vorgibt.

Andere entwickelten eine eigene „Theorie“, wonach die Ehe überholt sei und die größere „Freiheit“ unverbindlicher Partnerschaften gepriesen wurde. Es gibt offenbar viel Verwirrung in diesen Fragen bei jungen Leuten, wobei der Jurist leider oft am „dicken Ende“ bemüht wird und dann erklären muß, daß sich die Beteiligten in ihren Vorurteilen selbst gefangen haben. Denn scheinbare „Freiheit“ und momentaner Vorteil haben auch ihren Preis.

Das Familienrecht gewährt Sicherheit denen, die einer auf gegenseitige Zuneigung begründeten Partnerschaft auch die rechtliche Verbindlichkeit zu geben bereit sind.

Der Staat räumt den Normen der Ehe den ihr gebührenden Platz ein, fördert und unterstützt sie.

Es ist möglich, eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau auch ohne die entscheidenden Papiere zu führen. Weil sie im Verhältnis zueinander und zur Gesellschaft unverbindlich ist und jederzeit willkürlich aufgelöst werden kann, lassen sich einer solchen Verbindung keine stabilen Rechte und Pflichten zuordnen.

 

1. Partner ohne Erziehungsrecht:

Das Recht der Erziehung wird nur den verheirateten Eltern gemeinsam gewährt. Die Stabilität einer sinnvollen Ehe ist für, die Kinder sehr wichtig. Wird trotz gemeinsamer Lebensführung auf die Eheschließung verzichtet, ist die Stellung des Kindes beeinträchtigt. Mutter und Kind einerseits, der Vater andererseits haben unterschiedliche Familiennamen.

Heiratet die Mutter einen anderen Mann, so hat dieser „Stiefvater“ gegenüber dem Kind die rechtliche Stellung eines verantwortlichen Miterziehers übernommen. Denn mit seiner Unterschrift auf dem Standesamt hat er verbindlich zum Ausdruck gebracht, daß er mit der Mutter, die bisher für ihr Kind allein die Verantwortung trug, eine Gemeinschaft eingeht. Ohne Trauschein gelten diese Rechte auch für den Vater nicht.

Es ergibt sich auch ein nicht zu unterschätzendes finanzielles Problem: Der nicht mit der Mutter verheiratete Vater hat dem Kind in Form von monatlich gleichbleibenden Geldbeträgen Unterhalt zu gewähren. Im typischen Fall unverheirateter Eltern leben beide in getrennten Haushalten, so daß der Vater durch finanzielle Leistungen für das Kind aufkommt, das im Haushalt der Mutter versorgt wird. Führen beide Eltern ohne Trauschein mit ihrem Kind einen gemeinsamen Haushalt, müssen sie vereinbaren, wie die bestehende Unterhaltspflicht des Vaters durch Leistungen innerhalb der Gemeinschaft ersetzt wird. Erfahrungsgemäß kann es zu Streitigkeiten kommen, wenn die Verbindung endet und die Mutter Forderungen auf rückständigen Unterhalt stellt.

 

2. Einer bleibt „Untermieter“:

Andere Probleme ergeben sich aus dem Recht auf die Wohnung. Im Gegensatz zu Ehegatten ist bei einer unverbindlichen Gemeinschaft in der Regel nur einer der Partner Mieter der Wohnung. Der andere muß deshalb ausziehen, wenn er nicht mehr „geduldet“ wird. Die gemeinsame Wirtschaftsführung kann nicht nachträglich in eine entgeltliche Dienstleistung für­einander umgedeutet werden. Die gemeinsamen Anschaffungen sind schwierig zu verteilen, wenn sich die Partner nicht einigen. All das ist zu bedenken, wenn zwei Menschen ihr Zusammenleben gestalten wollen.

Keinesfalls soll damit leichtfertig der Ehe das Wort geredet werden. Ohne Liebe kann niemals eine dauerhafte Partnerschaft entstehen. Jedoch sollte man nicht auf die Ehe verzichten um scheinbar naheliegender Vorteile willen. Besonders dann, wenn Kinder zur Gemeinschaft gehören, ist die Ehe als verantwortungsbewußte Partnerschaft die Lebensgrundlage der Familie.

 

 

Eheähnliche Partnerschaften von Mitarbeitern im Verkündigungsdienst:

Kirchenleitungsäußerungen haben die Befürchtung, es könne hinsichtlich derartiger Partnerschaften zu einem „Dammbruch“ kommen. Das ist aber bereits eine Verdächtigung.

In kirchlichen Verlautbarungen werden „eheähnliche und außereheliche Partnerschaft in einem Satz genannt“ Damit erfolgt eine Gleichstellung mit einer Art Ehebruch. Eheähnliche Partnerschaften bedeuteten nicht Unverantwortlichkeit und laufenden Wechsel der Partner.

Die Gemeinden sollten an den konkreten Entscheidungen beteiligt werden. Die Kirchenleitungen brauchten dann nicht das Odium der Bürokratie und der Schreibtischentscheidung auf sich zu nehmen und müßten sich nicht als Verteidiger einer übergeordneten Gesamtmoral verstehen. Gemeinden werden nicht nur ablehnen, sondern auch zustimmen, wenn sie gefragt werden, ob sie mit kirchlichen Mitarbeitern, die in eheähnlicher Partnerschaft leben, zusam­menarbeiten wollen.

Man muß aber fragen, ob in der „Ehe ohne Trauschein“ nicht vielleicht doch ein Mangel an Bereitschaft liege, den Partner verpflichtend und erwartungsvoll anzunehmen. Wer seinen Partner bei der kirchlichen Trauung wirklich aus Gottes Hand nimmt, der kann doch eigentlich den Partner nur als ein immer neues Geschenk Gottes ansehen.

Wer sich im Kreise seiner Verwandten und Bekannten umschaut, wird entdecken, daß zu den Betroffenen in nicht geringer Zahl auch Christen gehören - vermutlich mit einem Anteil, der dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt entspricht. Zwar haben verantwortliche Partnerschaft und Liebe zum Kind in der christlichen Ethik einen hohen Stellenwert, sie in Freiheit und Bindung an Gottes Wort im Leben zu gestalten, stellt jedoch eine nicht einfache Aufgabe dar.

Zu einer Art christlichen Hochmuts besteht also kein Grund. Es kann auch nicht darum gehen, alte vertraute Formeln einfach zu wiederholen. Aber wir sollten versuchen herauszufinden, welche Ansichten und Normen zeitbedingt und veränderbar sind, und welche von ihnen den Menschen auch heute helfen, ihr Leben in Partnerschaft und Familie verantwortlich zu gestalten.

Was sollen ältere Menschen empfinden, wenn ihre Kinder oder Enkel vor dem Traualtar von einem Mitarbeiter im Verkündigungsdienst christlich getraut wenden, von dem sie wissen daß der den Trausegen Aussprechende in einer eheähnlichen Partnerschaft lebt?

Die Zahl derer wächst, die die Ehe (vorläufig) ablehnen und (zunächst) unverheiratet zusammenleben. Die Motive, die zu dieser Haltung führen, sind sehr vielschichtig: Unter anderem sehen sie die Entscheidung, sich jetzt schon endgültig und unwiderruflich an diesen einen Partner zu binden (ihn also zu heiraten), als zusätzliche Belastung und als Überforderung. Sie glauben, eine lebenslange Bindung an einen anderen Menschen zu diesem Zeitpunkt noch nicht verantworten zu können. Die Erfahrung, die sie teilweise mit den Ehen ihrer Eltern, Geschwister. Freunde und Kollegen machen, sind oft wenig ermutigend. So lebt manches junge Paar zunächst „versuchsweise“ unverheiratet zusammen: sichtlich bemüht, sich selbst und den Partner besser und umfassender kennenzulernen, um später nach dieser „Probeehe“ bewußt eine verantwortliche Entscheidung treffen zu können.

Bei der Diskussion um die „Ehe ohne Trauschein“ muß also grundsätzlich unterschieden werden zwischen einem Zusammenleben, das auf die Ehe hin gelebt wird. Und einer Beziehung ohne ausdrücklichen Ehewillen. Beide Situationen sind sicher unterschiedlich zu bewerten.

Der Beschluß zielt nur auf Mitarbeiter im Verkündigungsdienst“. Aber gilt sein Anliegen nicht auch für die Mitarbeiter im diakonischen und wirtschaftlichen Bereich? Sie wohnen oft in kirchlichen Dienstwohnungen und würden das Ansehen der Kirche genauso belasten wie ein Pfarrer oder eine Kinderdiakonin. Warum wird bei einer Krankenschwester geduldet, was bei einem Kantor ein Kündigungsgrund ist?

 

Die Zukunft der Familie:

Es gibt heute Menschen, die vertreten die .Meinung, die Ehe werde sterben oder könne zumindest sterben. Die Leitbilder für die Ehe seien Bestandteil einer ländlichen, agrarischer Gesellschaft: Zu einem Stück Land gehöre eine Familie, die dort lebenslänglich beschäftigt ist, deren Rolle aufgeteilt ist. Heute ist die Ehe keine Wirtschaftsgemeinschaft mehr, jeder führt sein eigenes Leben getrennt, die Familie trifft sich nur am Abend oder am Wochenende. Sie hat

Auch für die Zukunft keinen Sinn als Arbeits- oder Produktionsgemeinschaft. Die Familie ist auch viel kurzlebiger geworden, weil die Kinder sehr viel früher aus dem Elternhaus gehen. Aber durch die Emanzipation der Frau ist auch die Familie als Lebensgemeinschaft untergraben worden.

Aber auch jüngere Leute wollen heiraten, aus Liebe oder weil sie sich selbständig machen wollen oder weil sie ein Bündnis schließen wollen gegen die Außenwelt. Je nüchterner die Arbeitswelt ist, desto eher sucht man einen Ort, wo man seine Gefühle ausleben kann.

In der Familie baut man sich so einen schöpferischen Bereich auf

Die Ehe zu zweit wird von diesen Leuten als eine vom Staat eingerichtete ökonomische Beziehung angesehen, die aber an der freien Entfaltung hindert.

Wenn die Kleinfamilie die Nestwärme sucht, dann verliert sie leicht den Kontakt zu den Mitmenschen, vor allem wenn junge, ehemals berufstätige Mütter draußen vor der Stadt

An die Kinder und das Heim gefesselt sind. Eine Ehe läßt sich nicht als Leben zu zweit führen.

Besser ist es da schon, wenn die Kinder im Kindergarten sind und die Mutter einer Beschäftigung nachgehen kann. Den Kindern schadet das nichts, wenn sie nur abends wieder in die Familie zurückkehren können. In Zukunft wird die Gesellschaft dafür sorgen müssen, daß auch wenn die Mutter zu Hause bleibt, ein finanzieller Ausgleich da ist und ein höherer Grad an Mobilität möglich ist.

Auch heute noch wollen die meisten Mädchen einmal ein weißes Hochzeitskleid tragen. Und es gibt keinen objektiven Hinweis darauf, daß sich die Einrichtung der Ehe einmal aufzuheben droht. Aber die Familie geht durch eine Krise, in der sich viele Vorstellungen und Normen wandeln. Die Familie ist allein gelassen zwischen den Traditionen der Vergangenheit und der Wirklichkeit der Gegenwart und Zukunft. Die Wahrscheinlichkeit ist größer, daß sich die Traditionen wandeln als daß die Familie an ihnen zerbricht.

 

 

Lösungsvorschläge

Gegenmittel:

1. Eines der kräftigsten Gegengifte gegen Langeweile ist der Humor, vorausgesetzt, daß er sich nicht in dem Necken des andern erschöpft. (vgl. Manfred Hausmann: Isabel ). Humor und Phantasie sollten uns helfen, das Miteinander so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Für Sorgen und Schwierigkeiten, für Arbeit und Mühe sorgt das Leben schon genug.

 

2. Sich gegenseitig ergänzen:

 

Es kommt darauf an, daß sich die Ehepartner gegenseitig ergänzen. Warum sollte nicht auch einmal der Mann den Haushalt besorgen und die Frau das Auto steuern? Wo die Eheleute miteinander sprechen und sich gegenseitig helfen, da lassen sich auch Spannungen aushalten.

(Beispiel: Ekkehard und Uta, Hermann und Reglindis im Naumburger Dom),

 

3. Jeder muß er selbst bleiben:

Die Frau darf ihr Wesen nicht auslöschen, um nur noch ein freundlicher Schatten des Mannes zu sein. Beide müssen sie so in die Ehe gehen, wie sie sind. Wenn ein Vierzigjähriger eine Zwanzigjährige heiratet, dann kann sie nicht so vernünftig tun wie er und er kann sich nicht so munter geben wie sie. Die Spannung der Verschiedenheit muß ausgehalten werden.

 

4. Das eigene Ich muß sterben:

Durch die Liebe muß jedes Ich sterben. Doch es ist sehr zählebig und zunächst versucht es immer erst einmal, woandershin zu fliehen: in eine Eigenwelt, wo es keine Liebe gibt. Aber die Liebe wartet geduldig, bis das Ich sich in seinen Tod schickt. Die wahre Ehe fängt dort an, wo unser Ich zu sterben bereit ist, wo ich bereit bin, meine Gewohnheiten, mein Recht, meinen Ehrgeiz und meine Phantasien zu opfern, zum Beispiel das Lesen im Bett, das übliche Sonntagsvergnügen, die glänzende Stellung.

Jedes Ich muß im Zweiklang der Ehe aber einen ganz bestimmten Ton halten. Dieser darf den anderen Ton nicht überstimmen und er darf nicht selber den Takt angeben, sondern muß immer auf den anderen hören und im rechten Augenblick von der Melodie zur Begleitung überwechseln. Ein zweistimmiges Lied klingt besser als eine einstimmige Melodie. Wenn zwei Eheleute harmonieren, sind sie mehr als 1 + 1 und jeder von ihnen erfährt eine große Bereicherung, auch die anderen. Dieses Zusammenspiel der Liebe sollte geübt werden, solange man jung ist. Aber man kann auch jeden Tag damit beginnen.

 

5. Liebevolles Verhalten:

In der Ehe kommt alles darauf an, das Sichgehenlassen, die Langeweile und den Überdruß zu überwinden. Der Mann muß immer wieder von neuem um seine Frau werben und sie zu gewinnen suchen. Die Frau muß ihrem Mann gefallen wollen und für ihn reizvoll und anziehend bleiben. Beide Ehepartner müssen eine erotische Atmosphäre um sich herum schaffen. Die Sexualität muß ausgeweitet werden zur Erotik, der eigentlich menschlichen Form der Begegnung der Geschlechter. Tiere können sich nicht aus ihrem Triebgefüge lösen, sie reagieren einfach auf Reize und es kommt zu mechanischen Abläufen. Der Mensch dagegen hat die Möglichkeit zu neuen Formen, das Element des Spiels gibt ihm Freiheit und läßt ihn die seelischen Eigenschaften des Partners zur Notiz nehmen, er entdeckt die ganze Person des anderen in ihrer bunten Vielgestaltigkeit.

Wenn man die Sexualität als ein notwendiges Übel ansieht, zu dem aber kein Spiel gehört, wird man auf die tierische Stufe zurückgeworfen. So wie der Mensch aber über die Tierlaute hinaus die Sprache hat, so darf er auch den spielerischen Eros haben. Allerdings sollte er auch von Zeit zu Zeit einmal wieder Enthaltsamkeit üben, um der Übersättigung zu begegnen (1. Kor 7,5).

Früher hatte die Kirche die Tendenz, auf die Erotik noch die Agape aufzubauen, die christliche Liebe, wie Gott sie zu den Menschen hat. Damit hat man den Eros zerstört, weil er angeblich nur vergoldete Selbstsucht ist. Im Grunde hat man dadurch aber nur den Dualismus von Leib und Seele wieder aufgenommen und den Leib dabei abgewertet. Man hat die Erotik bekämpft, und deshalb verfällt die heutige Jugend dem sexuellen Kurzschluß. Weil der Jugendliche nie eine erotische Atmosphäre erlebt hat, verfällt er der Promiskuität und der Onanie, im günstigsten Fall versucht er in einer sexuellen Bindung einen Ausgleich für seine Gefühlsarmut zu finden).

In hundert kleinen Dingen erweist sich der Eros auch am Tage: Die Art, wie die Frau sich kleidet und dem Mann das Essen zubereitet, wie sie die Wohnung einrichtet und Gäste empfängt. Die Art, wie der Mann für seine Frau sorgt, ihr die schwere Arbeit abnimmt und sie immer wieder durch eine kleine Überraschung erfreut, wie er das wirtschaftliche Gleichgewicht sichert und überhaupt seiner Frau das Gefühl verschafft, an ihm einen Felsen zu haben.

Jeder Tag sollte seine Höhepunkte haben, auf die man sich freuen kann: gemeinsame Mahlzeiten, die Abende mit Spiel, Musik und Vorlesen, ein gemeinsamer Spaziergang, eine Morgenandacht, ein Abendgebet.       Dazu kommen besondere Ereignisse am Wochenende oder auch in der Woche und Urlaubszeit und Reisen.

Natürlich gehört dazu etwas Geschick: Wenn der Mann müde nach Hause kommt, sollte ihm die Frau nicht gleich mit einer Rechnung überfallen oder die Ungezogenheiten der Kinder aufzählen. Und wenn die Frau sich gerade über ein schickes Halstuch freut, sollte er sie nicht gleich mit der Bemerkung abkühlen, sie müßten aber jetzt endlich anfangen zu sparen. Wer immer zur Unzeit eine philosophische Bemerkung oder eine Moralpredigt einschaltet, wirkt langweilig, ebenso wer immer dieselbe Anekdote erzählt. Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit machen einen Menschen langweilig, also auch Klagen, Nörgelei, Kritisieren, Besserwissen, Seufzen und Moralisieren.

 

6. Vergebung:

Jede Ehe lebt von der Vergebung. Aber diese Vergebung muß dann auch echt sein. Man sagt oft großzügig: „Ich bin dir deshalb doch nicht böse!“ Und doch schleicht sich ein unbewußter Groll ins Herz und vergiftet die ganze Atmosphäre .Geben wir lieber unsere Empfindlichkeit und unsren Groll zu, überwinden sie dann aber auch rasch in der Vergebung.

Eigentlich müßte uns Christen die Vergebung leichter fallen als den Menschen, die Christus nicht kennen. Wir horchen ja nicht nur aufeinander, sondern auf Gott. Wenn wir auf ihn schauen, kann es nichts geben, was wir nicht vergeben könnten. Christus hat seinen Todfeinden ihre Haßausbrüche vergeben. In der Ehe wird nur von uns gefordert, dem Menschen, den wir lieben, seine Schwächen, Eigennützigkeiten und Ungerechtigkeiten zu vergeben.

 

Gemeinsames Gebet und gemeinsamer Glaube:

Jeder Mensch, der heiratet, beginnt ein Stück Schöpfungsordnung Gottes zu leben und bekommt es damit mit Gott zu tun, ob er das anerkennt oder nicht. In dem Miteinander einer Ehe ist Gott dabei, in dem gemeinsamen Leben ist Gott drinnen.

Ein wirksames Mittel, Sprünge und Risse gleich zu verkitten, ist das gemeinsame Gebet. Wenn es Eheleute fertigbringen, jeden Abend ein Vaterunser zu beten, und die Worte „Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“ nicht nur so daherzureden, dann kann in ihrer Ehe nichts passieren, dann gibt es das nicht, daß sie tage- und wochenlang nicht mehr miteinander reden.

Die lebendige Quelle der Familie ist die gemeinsame Andacht am Morgen: eine kurze Bibellese und ein Horchen auf Gott in der Stille. Dazu die Fragen: Wofür habe ich zu danken?

Nehme ich Gottes Willen bedingungslos für mein Leben an? Was hat in unsrer Familie und durch sie zu geschehen? Der Friede, der aus diesem Horchen und Gehorchen kommt, hat nichts mit bürgerlicher Sicherheit zu tun; aber es ist der Friede, den Jesus den Seinen versprach.

Luther hat einmal gesagt: Ziel der Ehe sei, „daß eins das andere mit sich bringe in den Himmel“. Wir können nicht allein vor Gott treten, er sieht uns zusammen. Deshalb soll jeder den anderen gegen Gott gehorsam machen, damit sie beide miteinander Gottes Willen tun. Und dann wandelt sich auch das resignierte: „Vom Umtausch ausgeschlossen“ in das fröhliche „Ich möchte nicht tauschen!“

 

Bei Krisen:

1. Kein Verzicht auf das Gespräch

2. Brief schreiben, weil das leichter ist

3. Einen Seelsorger wählen für den Krisenfall

4. Eine zeitweilige Trennung ist sinnvoller als eine endgültige.

 

 

Die Liebe lernen:

Die Liebe fragt: Was hilft dir, was bringt dich dazu, an der hingebenden Liebe teilzuhaben. Sie versucht zuerst dem einzelnen gerecht zu werden und erst in zweiter Linie der Allgemeinheit. Sie fragt nicht: „Entspricht dieser Mensch der Norm?“ sondern: Entspricht und hilft unsere Norm diesem Menschen? Diese Liebe kann dann auch den Sexus und den Eros (freudige Faszination durch den schönen und liebenswerten anderen, begehrende und besitzergreifende Liebe) steuern und beherrschen. Sie bleibt auch, wenn der andere nicht mehr körperlich und seelisch schön und liebenswert ist.

Diese erotische Liebe gilt es heute wieder zu lernen. Viele Männer und Frauen suchen heute nach etwas Unbekanntem, das ihren Durst stillen soll, und weil sie es nicht finden, werden sie süchtig. Sie bedürfen der Erfahrung der menschlichen Geschlechtlichkeit als eines Mysteriums (Geheimnis), sie sollen in ihrer Liebe eine leuchtende Festlichkeit und den tiefen Sinn ihres Menschseins finden. Liebe ist ein Fest, in dem wir das Schöpfungsgeheimnis erfahren und Frieden und Heil finden. Dann kann man auch aneinander und miteinander lernen, vor allem und geduldiger und gütiger zu werden.

 

 

Erzählung: Die Wunder Gottes

[Eheleute beten getrennt voneinander, daß der Partner freundlicher wird]

 „Keiner schreibt Gott einen Dankesbrief. Man weiß ihn vielleicht nicht zu adressieren. Ich fand eines Tages solch einen Brief“, erzählte Frobenius, „als ich den Nachlaß meines Vaters ordnete!“ - „Lieber Gott!“ las ich, „verzeih mir, wenn ich erst in den letzten Tagen meines Lebens, wo ich so oft an Dich denken muß, dazu komme, Dir einen Brief zu schreiben. Ich habe nämlich völlig vergessen, mich bei Dir für das Wunder zu bedanken, das Du mir vor zwanzig Jahren offenbartest.

Wie Du sicher weißt hast Du mir einst Katharina zur Frau gegeben. Eine rechtschaffene Frau, ich muß es schon sagen: Sie hielt mein Haus in Ordnung, erzog die Kinder, schickte sie gewaschen zur Schule, auch war das, was auf den Tisch kam, genießbar, ich hatte alle Knöpfe am Rock und auch an meinen Hemden fehlte keiner. Ich hätte also in meiner Einfalt recht zufrieden sein können. Ich war es nicht. Ich klagte Dir mein Leid. Es war in der Nacht vor unserem zehnten Hochzeitstag. „Lieber Gott!“ betete ich zu Dir, „so kann es doch nicht weitergehen! Meine Frau ist zu rechthaberisch, zänkisch, wir streiten uns den ganzen Tag, immer hat sie das letzte Wort, ich muß mich sehr bemühen, sie zu überschreien, so laut ist ihre Stimme, will ich nach rechts, geht sie nach links, selbst wenn wir Sonntags unseren Spaziergang machen, fehlen nicht die bösen Worte, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen. Du bist doch allmächtig, lieber Gott! Laß ein Wunder geschehen! Verwandle meine Frau, die ein rechter Drachen ist, in eine sanfte liebe Taube, damit der Streit in unserer Ehe aufhört, daß sie einsichtig wird und nicht immer das letzte Wort behalten will.!“So betete ich damals, und ich schloß vor dem Amen mit der Bitte, daß das Wunder über Nacht geschehen sollte.

Ich wachte am nächsten Morgen auf, ich gab meiner Frau ein gutes Wort, um aus ihrer Antwort herauszuhören, ob Du das Wunder vollbracht hattest, Herr, um das ich Dich bat. Ich bekam von ihr eine freundliche Antwort. Nun, Herr, ich zweifelte noch immer, denn ein Wunder ist ein Wunder. man nimmt es nicht so schnell als geschehen hin. Ich verlangte ein neues Hemd, bei dem es sonst immer Streit gab, ja, ich bat sogar um ein anderes, ein zweites, aus keinem anderen Grund, nur um zu wissen, ob Du ein Wunder getan hattest. Ich bekam das zweite Hemd, ohne Widerspruch. Wir setzten uns zum Frühstück nieder, ich war besonders nett zu Katharina, ich wollte Deinem Wunder würdig sein, es nicht durch eigene Ungeduld zerstören. Katharina schenkte den Kaffee ein, was sie seit langem nicht mehr getan hatte, ich verwöhnte sie umgekehrt auch. Als wir uns zum Spaziergang anschickten, schlug ich den Weg ein, den sie am liebsten ging, sie aber bestand darauf, den anderen Weg zu wählen, weil er bei meinem Zigarrenhändler vorbeiführte. So verlief der ganze Tag in Harmonie und Freundlichkeit, kein böses Wort fiel, mein Gebet war erhört worden.

Du hattest mir eine neue Frau geschenkt, nie wieder haben wir uns gestritten, keiner von uns wollte mehr recht behalten, denn da sie stets nachgab, wollte ich auch nicht zurückstehen, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Die Leute sagen immer, es geschehen keine Wunder Gottes mehr. Hier hat sich mir eines offenbart. Dafür danke ich Dir, lieber Gott, und wenn ich bald ...“ - -

Der Brief war nicht zu Ende geschrieben, aber ich erkannte die Handschrift meines Vaters. Ich brachte den Brief meiner Mutter, die sehr um den Vater trauerte. Sie hatte ihn kaum zu Ende gelesen, da ließ sie ihren Tränen freien Lauf, barg ihr Gesicht in meiner Schulter und sagte: ,,Es ist damals wirklich ein Wunder geschehen. Nur glaubte ich bisher immer, daß Gott mein Gebet erhört habe. Denn ich betete in der gleichen Nacht und bat Gott um ein Wunder, meinen Mann zu verwandeln, der zänkisch und rechthaberisch war. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, versuchte ich es mit einem freundlichen Wort herauszuhören, ob Gott mein Gebet erhört hatte. Da Vater mir herzlich und ohne zu streiten antwortete, erkannte ich das Wunder und tat mein Leben lang alles, es nicht zu zerstören!“ (von Jo Hanns Rösler).

 

Orientierungen für die Ehe:

Trotzdem werden sich Christen nicht von der Aufgabe lossprechen können, nach Orientierungspunkten zu suchen. Zwar ist die bürgerliche Ordnung der Ehe nicht einfach mit Gottes Schöpfungsordnung gleichzusetzen. Doch trotz aller Mängel könnte sie weiter unterstützen helfen, was zum Wesen christlich geprägter Partnerschaft zwischen Mann und Frau gehört: eine Gemeinsamkeit, die auf Liebe, Vertrauen und lebenslange Treue gegründet ist.

Solange sich nicht eine bessere Alternative zeigt, befinden wir uns in der Lage Jesu, der das Gesetz nicht aufhob, sondern es bei seiner auf den Menschen bezogenen Innenseite nahm und vertiefte. Dabei genügt es freilich nicht, den Wortlaut der alten Ordnungen und Gebräuche einfach zu wiederholen und wieder neu ins Gedächtnis zu rufen. Wer es bei der bloßen Wiederholung des Gesetzes bewenden läßt, setzt sich dem Verdacht aus, er wolle die eigentlichen Probleme nicht wahrhaben. Nur wenn die Infragestellung der Eheordnungen ernst genommen wird, läßt sich glaubhaft machen, daß sie auch heute und in absehbarer Zukunft dem Zusammenleben von Menschen dienen können.

 

Auf Dauer angelegt:

Das Miteinander kann nur gelingen, wenn es auf Dauer angelegt ist. Es muß wachsen können im gemeinsamen Bestehen des Lebens, wenn Erfolg kommt oder Leid und Krankheit, Krisen sind niemals ein Ende, sondern ein Wachstums und Reifeprozeß. Auf den herrlichen Anfang folgt nicht unbedingt der graue Alltag. Vor den Eheleuten steht immer die Aufgabe, in immer neuen Bereichen Blüten und Früchte zu erleben. Vom ersten großen Verliebtsein führt

der Weg über das, was wie das Sterben der Liebe aussieht zu einem erfüllten Miteinander und zur Treue. Aber ohne die Nötigung, zusammenbleiben, lösen wir diese Aufgabe nie.

Wenn ich mich einmal entschlossen habe, dann ist das endgültig. Wenn man sich für einen entschlossen hat, sind alle Vergleiche mit anderen beendet. Das Risiko der Ehe muß wirklich eingegangen werden, denn aus zwei Leben wird eins. Die Frau kann sich nicht sichern, indem sie zunächst noch in ihrem Beruf bleibt, und der Mann kann nicht noch frühere Freundschaften vorsichthalber pflegen. Wer nicht riskiert, sich in die Ehe hineinzubegeben, der fängt das gemeinsame Leben erst gar nicht an. Wer leidensscheu ist, bereitet dem anderen viel Leid, aber es entgeht ihm auch das Glück der Ehe.

 

 

Ehescheidung

Wird die Ehe nicht christologisch, sondern als Schöpfungsordnung verstanden, dann bewahrt sie sich ihren universalen Charakter. Dann ist es aber verboten, die Verheißung Gottes über den Ehestand von der Stiftung und Ordnung zu trennen. Die Ehe ist von Gott gestiftet und geordnet. In der Ehe ist die Christusnachfolge geboten. Über dem Kreuz der Ehe steht die Verheißung Gottes über den Ehestand.

Die Ehe wird aber nicht durch kirchliche Handlungen geschlossen, sondern vielmehr durch Mann und Frau selbst geschlossen und durch weltliches Recht öffentlich bestätigt.

Die Ehe ist nicht eine von vielen Bindungen ist, die wir in den verschiedensten Lebensbereichen eingehen. Sie ist d i e .Bindung. Nie wieder wird uns im Leben so viel gegeben wie in der Eheschließung, in der uns ein von Gott geliebter und hoch geachteter Mensch anvertraut wird.

Ohne Einsatz und Opfer läßt sich nichts erreichen. Nur von der Ehe erwartet der Mensch, daß sie - einmal geschlossen - gewissermaßen aus eigenen Reserven weiterläuft. Die geringe Zeit, die beiderseits berufstätigen Ehepaaren verbleibt, wird durch getrennte Freizeitgestaltung abermals bis zur Bedeutungslosigkeit reduziert. „Nehmt euch Zeit füreinander, macht euch gelegentlich eine kleine Freude, übergeht nicht euren Hochzeitstag, feiert ihn miteinander!“ das sind Ratschläge, die sich sehr banal anhören und es doch verdienen, eindringlich ausgesprochen zu werden.

 

Vollzug der Scheidung:

Scheidung wird sehr verschieden erlebt von Freud und Feier mit erheblichem Alkoholgenuß bis hin zu Schmerz, Verzweiflung und Nervenzusammenbruch. Scheidung bedeutet aber in jedem Fall Trennung, Abschied, Verlust. Für viele ist das verbunden mit Trauer. Wo Scheidung so wahrgenommen wird, muß zur Verarbeitung „Trauerarbeit“ einsetzen. Vieles von dem, was wir über Seelsorge an Trauernden wissen, gilt auch für die Seelsorge an Geschiedenen. Hier wie dort lassen sich bestimmte Stadien der Trauer feststellen: Wut, Verzweiflung, allmähliche Beruhigung, neue Hoffnung. In den Phasen von Wut und Verzweiflung ist es wichtig, daß der Seelsorger bereit ist zum Hören und nur zum Hören. Der Betroffene muß eine Möglichkeit haben, seine Gefühle mitzuteilen, ohne daß ihm widersprochen oder ihm guter Rat erteilt wird. Er muß in seiner Gefühlswelt akzeptiert werden. Der Zuhörer darf auch dann nicht die Geduld verlieren, wenn es zu vielen Wiederholungen kommt. Diese sind in diesem Stadium zur Verarbeitung wichtig. Erst in der Phase der Beruhigung wird es dem Betroffenen gelingen, klarer über die Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken. Hier muß gemeinsam über die Realitäten nachgedacht werden. Eine Ablösung vom früheren Partner muß erfolgen und ein Ja zur gegenwärtigen Situation muß gefunden werden. Erst dann kann in einem nächsten Stadium die Zukunft klarer ins Auge gefaßt werden. Es können neue Pläne geschmiedet werden, der Betroffene kann sich unbefangener seinen Aufgaben zuwenden. Erst in dieser Phase sollte ernsthaft über die Möglichkeit einer neuen Bindung nachgedacht werden. Vorher wäre eine Wiederverheiratung gefährlich. Sie könnte leicht eine Flucht vor den anstehenden Problemen sein, die früheren Fehler werden mitgeschleppt und der neue Partner könnte als Ersatzobjekt für den verlorenen angesehen werden.           

 

Die Lösung vom Partner:

Es ist wichtig, im Gespräch mit Geschiedenen herauszuarbeiten, wo etwas in der Ehe falsch lief und was falsch lief, damit der Ratsuchende aus dem Wust der Vorwürfe, der Selbstvorwürfe oder dem unbestimmten Gefühl des eigenen Versagens herausfindet. Klarheit ist besser als Verschwommenheit der Gefühle, auch wenn dabei der Anteil an eigenen Fehlern und eigenem Verschulden sich herausstellt.

Eine vollzogene Scheidung ist auch vom Seelsorger als solche anzuerkennen. Es kann im seelsorgerlichen Gespräch nicht darum gehen, den früheren Zustand wiederherstellen zu wollen. Der Geschiedene ist frei. Diese Tatsache ist als Tatsache zu sehen und anzuerkennen. Seelsorge sollte nun Beistand leisten auf dem Weg in eine echte Freiheit. Der Betroffene muß sich selber vom früheren Partner lösen und muß den früheren Partner freigeben.

Zur Lösung gehört zum Beispiel die Befreiung von Emotionen gegenüber dem früheren Partner, denn auch Haß kann aneinander binden - nicht nur die Liebe. Das bedeutet auch, daß die Schuld nicht nur beim anderen gesucht werden darf.

Eine wichtige Hilfe für den Geschiedenen kann sein, mit ihm über seine jetzige Situation so zu sprechen, daß er sie klar erkennt, zum Beispiel mit ihm über die gerichtlichen Abmachungen sprechen und ihm helfen, sie zu akzeptieren, oder mit ihm über seine finanzielle Situation sprechen; ihn darauf ansprechen, welche Wege er sieht, um eine neue eigenständige Existenz aufzubauen, nicht in Abhängigkeit vom früheren Partner zu bleiben oder neu zu geraten.

 

Wie ist es mit den Kindern?

Sind Kinder vorhanden, dann ist die Auswirkung der Scheidung auf sie zu bedenken. Sie sind oft die am stärksten Betroffenen. Schon durch die der Scheidung vorangegangene Zerrüttung der Ehe der Eltern hatten sie zu leiden, dann durch die Scheidung selbst (bis dahin bestand oft doch noch ein Funken Hoffnung, daß alles einmal wieder besser werden könnte). Die Trennung von einem Elternteil ist oft nur schwer zu verwinden, und daß Geschwister auseinandergerissen werden, ist ein Akt der Grausamkeit an ihnen. Im Gespräch ist nun nach Möglichkeiten zu suchen, wie die schlimmsten Auswirkungen auf die Kinder verhindert werden können.

Auch die Gefahr ist zu sehen, daß im Kind oft der Ersatz für den verlorenen Partner gesucht wird. „Wenn ich schon den Ehepartner verloren habe, will ich nicht auch noch die Kinder verlieren ...“. Es geht dabei oft nicht um das Wohl des Kindes, sondern nur um den Erwachsenen. Im Wunsch, die Kinder nicht zu verlieren, versteckt sich oft ein verständlicher, aber auch für beide Teile gefährlicher Egoismus. Das Kind wird zu sehr an den Erwachsenen gebunden, und der Erwachsene klammert sich an das Kind.

Neue Wege

Die Zukunft wird davon mitbestimmt, wie die Vergangenheit aufgearbeitet wird. Je weniger diese verarbeitet ist, je mehr Probleme noch anstehen, umso belasteter ist die Zukunft. Hier taucht vor allem die Frage nach einer zweiten Ehe auf. Im Allgemeinen hat der Seelsorger erst damit zu tun, wenn eine Trauung verlangt und im Gespräch die vorausgehende Scheidung erwähnt wird.

 

Trauung Geschiedener:

Die Kirche schließt keine Ehen, sie wendet sich in der Trauung an verheiratete Glieder der Gemeinde. In der Trauung wird den Eheleuten das Evangelium verkündigt, in der Trauung bekennen sie, daß sie ihre Ehe vor Gott führen wollen „bis der Tod euch scheidet“, in der Trauung geschehen die Fürbitte der Gemeinde und der Zuspruch des Segens. Die Frage bei der Trauung Geschiedener steht nun: Welches dieser Elemente können wir mit gutem Gewissen Gemeindegliedern vorenthalten, die darum bitten? Haben nicht Eheleute, die einen zweiten Versuch wagen, nachdem die erste Ehe gescheitert ist, erst recht alle diese Elemente nötig?

Kann zum Beispiel der Segen verweigert werden? Oder kann ein Pfarrer dem geschiedenen Partner mit Mißtrauen entgegentreten nach dem Motto: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht ... und das Bekenntnis nicht erwarten?

Kann es ein Geistlicher wagen, Geschiedenen, die in eine neue Ehe eintreten wollen, die Wortverkündigung und Fürbitte zu verweigern? Die Verweigerung der Trauung bedeutet die Verweigerung der Wortverkündigung und der Fürbitte, die möglicherweise gerade die Geschiedenen besonders nötig haben. Die Maßnahmen der Kirchenzucht gehören nach evangelischem Verständnis nicht in das Gebiet des Kirchenrechtes, sondern der Seelsorge.

 

Kirchliche Trauung ist nicht der Ort für Kirchenzucht. Wenn in einer Lebensordnung gesagt wird: „durch den Vollzug der Trauung (Geschiedener) darf jedoch die Glaubwürdigkeit der Verkündigung nicht Schaden nehmen “. Dann wäre zu fragen, ob durch Verweigerung der Trauung nicht auch Seelsorge verweigert wird und Evangelium erst recht Schaden nimmt. Natürlich wird es im Traugespräch um die Klärung der Motive gehen müssen, aber das unterscheidet ja nicht von der Trauung bei der ersten Eheschließung. Eine Verweigerung der Trauung wird wie bei der Trauung anläßlich der ersten Eheschließung nur erfolgen können, wenn die Trauung nicht ernst genommen oder mißbraucht werden soll. Entscheidend wird sein, ob die Verkündigung des Evangeliums gewünscht oder abgelehnt wird. Das Traugespräch kann Möglichkeiten bieten, Probleme der Erstehe deutlich zu machen und eine seelsorgerliche Begleitung anzubieten in Form [einer Reihe] von Gesprächen zur Aufarbeitung der Probleme, um damit den Neuanfang zu stützen, Mut und Hoffnung für die neue Ehe zu machen.

 

 

Geburtenregelung

Gründe:

1. Die Menschheit vermehrt sich:

Bei uns haben wir eher das umgedreht Problem, daß zu wenig Kinder geboren werden, um die ältere Generation zu versorgen (nicht: damit die Deutschen nicht aussterben). Aber im Weltmaßstab zeigt die Bevölkerung noch zu schnell und belastet die Umwelt und die natürlichen Reserven

Die Menschheit vermehrt sich mit einer Geschwindigkeit, die einer Explosion gleichkommt.

Jahrtausende mußten vergehen, ehe die erste Milliarde zusammen war. Für die dritte Milliarde waren nur 30 Jahre nötig sein. Jede Woche hat die Erde eine neue Million Menschen mehr zu ernähren. Schon jetzt wird nur ein Drittel dieser Menschen wirklich satt.

In manchen Ländern sinkt die Geburtenzahl schon Japan hat seine Bevölkerungsvermehrung so gebremst, daß die Weltstatistik dadurch schon beeinflußt wird. In der biologischen Entwicklung der Völker gibt es immer drei Stadien: Im ersten steht einer hohen Fruchtbarkeit eine hohe Sterblichkeit gegenüber, im zweiten nimmt die Sterblichkeit ab und im dritten auch gesetzmäßig die Fruchtbarkeit.

Vielleicht bremsen einfach die ständigen seelischen Anspannungen unsrer Zivilisation, die Neurosen, die vegetativen und hormonellen Störungen die menschliche Fruchtbarkeit. Der beste Weg zu einer Geburtenminderung wäre also die wirtschaftliche Entwicklung der unterentwickelten Länder. Wir können nicht von den farbigen Völkern eine Geburtenbeschränkung fordern, um unseren Wohlstand zu sichern. Wir müssen sie auf unsre Zivilisationsstufe heraufheben, dann läßt auch die Fruchtbarkeit nach. Und dann gilt es, die noch ungenutzten Nahrungsmittelreserven zu erschließen durch bessere Ausnutzung des Ackerbodens und vor allem des Meeres.

2. Lebensstandard halten:

Durch eine Geburtenbeschränkung kann der einmal erreichte Lebensstandard gehalten werden. Deshalb ist ja in den zivilisierten Ländern die Kinderzahl so gering und könnte eher noch gesteigert werden. Allerdings wäre es egoistisch, nur um des Lebensstandards willen überhaupt auf Kinder zu verzichten. Meist wünscht sich jedoch ein Ehepaar in jedem Fall Kinder, nur noch nicht gleich und nicht in zu großer Anzahl. Eine verantwortliche Geburtenregelung ist also notwendig.

3. Spannkraft:

Meist reicht die körperliche und seelische Spannkraft der Eltern nicht aus, um mehr als drei oder vier Kinder aufzuziehen. Durch das Leben in der technisierten und mobilen Welt wird die Kraft schon über Gebühr strapaziert. Ungeduldige und überreizte Mütter sind für die Kinder schädlicher als der Mangel an Lebensmitteln. Auch wird unsere Welt immer kinderfeindlicher. Es gehören schon Anstrengungen dazu, Wohnraum, Ruhe, reine Luft und Spielstätten zu schaffen. Kinder brauchen aber Traum und Spiel und Geborgenheit, um noch „Menschen“ zu werden. Doch diesen Kampf kann man Eltern nicht beliebig oft abverlangen. Auch beanspruchen die höheren Anforderungen an die Ausbildung und Erziehung die Kraft der Eltern weit stärker als früher. Viele Kinder sind ein Segen und machen Freude, ein Einzelkind ist arm dran - aber man muß sich auch jedem Kind genügend widmen können.

4. Die persönliche Gemeinschaft:

Die persönliche Gemeinschaft zwischen Mann und Frau spielt heute eine viel größere Rolle und entzieht der Frau dementsprechend mehr Zeit und Kraft für ihre rein mütterlichen Aufgaben. Früher hatten die Ehegatten in ihrem Alltag schon genügend Kontakt, so daß abends jeder seine eigenen Wege gehen konnte, ohne dadurch die Ehe zu gefährden. Heute aber sind die Arbeitsplätze getrennt und es kommt erst nach Feierabend zu einem persönlichen Miteinander. Den arbeitsfreien Stunden fällt also ein entscheidendes Gewicht zu für den Aufbau und die Entwicklung des ehelichen Lebens. Werden sie nicht für persönliche Kontakte genutzt, nimmt der Mann vielleicht engere Beziehungen zu seiner Arbeitskollegin auf als zu seiner eigenen Frau. Wie soll aber die Frau noch Geliebte sein, wenn sie für zehn Kinder zu sorgen hat? Der Verzicht auf eine Umarmung ist in der heutigen Zeit unzumutbarer als je: Sie ist in unserer rationalisierten, sachlichen Umwelt der einzige Ort elementarer, gefühlvoller Begegnung. Die Fülle und Ungeteiltheit der anderen Person und das Letzte an Zärtlichkeit zu erfahren ist heute unentbehrlich, wo die menschlichen Beziehungen so dürr geworden sind.

5. Keine Großfamilie:

In der heutigen Kleinfamilie müssen die Eltern die Versorgung und Erziehung der Kinder weithin selbst übernehmen. Es gibt keine Unterstützung mehr durch Großeltern und Tanten. Kindergarten und Schulhort sind zwar eine wirksame Unterstützung für die Eltern, aber der familiengebundene Teil der Erziehung bleibt doch den Eltern selbst überlassen. Diese Aufgabe sollten sie auch freudig und ohne Klagen übernehmen. Eine Mutter die ihr Kind in die Krippe steckt und wieder arbeiten geht, bringt sich um das Schönste, was sie als Mutter erleben kann. Auch ist das Kind auf die mütterliche Fürsorge und Geborgenheit angewiesen, um geistige und seelische Fortschritte machen zu können. Zumindest das erste Jahr sollte die Mutter bei ihrem Kind bleiben und lieber die Großmutter arbeiten gehen lassen.

6. Die Kleinfamilie (1 bis 4 Kinder) findet eher eine geeignete Wohnung.

7. Das mütterliche Leben wird höher eingeschätzt, die Säuglingssterblichkeit ist zurückgegangen.

 

Bis in die Gegenwart hinein gilt jedoch gerade in den christlichen Kreisen die Zeugung von Kindern als der Hauptzweck der Ehe. Die sexuelle Begegnung wird im Grund immer noch als sündig angesehen und ist angeblich nur um der Nachkommenschaft willen erlaubt, d.h.:

sie darf nur stattfinden, wenn der Wille zur Zeugung eines Kindes vorhanden ist.

Dabei hat nach der Bibel das Einswerden von Mann und Frau auch an sich seinen Wert und Sinn: Die Frau wird geschaffen, damit der Mann nicht allein ist, und der Mann wird Vater und Mutter verlassen und der Frau nachlaufen. Geschlechtsgemeinschaft ist auch dann nicht verboten, wenn eine Fortpflanzung gar nicht möglich ist(zum Beispiel Unfruchtbarkeit, hohes Alter).

Wer die Fruchtbarkeit als den einzigen Sinn der Ehe ansieht, kann eine Geburtenregelung nur mit schlechtem Gewissen betreiben oder muß völlig enthaltsam leben. Die Geschlechtsgemeinschaft stellt jedoch einen Wert in sich dar. Deshalb sollte sich niemand Gewissensbisse machen, wenn er sich empfängnisverhütender Mittel bedient. Die Methode ist nur eine Frage der Zweckmäßigkeit und der Unschädlichkeit. Nicht das Mittel macht die Empfängnisverhütung gut oder schlecht, sondern die dahinterstehende Gesinnung. Grundsätzlich dürfte es aber klar sein, daß es in der Ehe Zeiten geben darf, in denen aus Rücksicht auf das Wohl der Mutter und der Kinder eine Zeugung vermieden wird, ohne auf die eheliche Verbindung zu verzichten.

 

Methoden:

Die sichersten Methoden sind die Sterilisation (Unterbindung der Samenstränge oder Verkleben der Eileiter) und die völlige Enthaltsamkeit; aber das ist nicht unbedingt im Sinne eines normalen Ehelebens. Relativ zuverlässig sind Gummischutz und Pessare. Die natürliche Empfängnisverhütung nach Knaus-Ogino, bei der auf die empfängnisgünstigen Tage geachtet wird, kann angebracht sein, wenn eine Schwangerschaft nicht ganz ungewollt ist. Untauglich

Sind unterbrochener Verkehr und gewollte Passivität der Frau. Chemische Mittel und Spülungen sind kein Mittel und eher schädlich. Auch gleich nach der Geburt eines Kindes kann es zu einer neuen Empfängnis kommen, auch wenn das Kind noch gestillt wird. Das Mittel der Wahl ist natürlich die „Pille“, die den Einsprung verhindert; doch es besteht eine erhöhte Trombosegefahr. Aber die „Pille danach“ ist problematisch

 

Eine Abtreibung (künstlich herbeigeführte Fehlgeburt) ist nach staatlichen Gesetzen strafbar und von Gott im fünften Gebot verboten. Auch das werdende Kind im Mutterleib ist ein Mensch, der ein Recht auf Leben hat. Abtreibung ist also keine „Schwangerschaftsunterbrechung“, sondern ein völliger Abbruch der Schwangerschaft, die ja nicht wieder fortgesetzt werden kann.

Aber weil sehr viele illegale Abtreibungen vorkamen, werden heute unter bestimmten Bedingungen (erste zwölf Monate, Beratung, Indikation) in den Kliniken durch erfahrene Ärzte auch Abtreibungen vorgenommen. Aber auch das ist nicht gefahrlos, denn es kann zur Unfruchtbarkeit kommen.

Viele Frauen sind von dem Irrtum besessen, eine beginnende Schwangerschaft wäre leicht zu unterbrechen. Gerade das Gegenteil ist der Fall! Die Natur versucht alles, um die Schwangerschaft zu schützen, so daß selbst kräftigste Wehenmittel versagen. Darum ist jede Abtreibung bemüht, zuerst die Leibesfrucht abzutöten; die tote Leibesfrucht wird dann als Fremdkörper von der Gebärmutter ausgestoßen, wobei beträchtliche Schmerzen auftreten. In der Klinik wird das Kind mit einem Schlauch abgesaugt.

Im Staat werden Gesetze nach der Vernunft gemacht. Als Christen aber haben wir strengere Normen. Früher nahm der Staat dem Einzelnen die Entscheidung ab und setzte christliche Normen mit Gewalt durch. Heute muß sich jeder frei dafür entscheiden.

Schon 1972 stellten die evangelischen Bischöfe fest: „Auch keimendes Leben ist nicht unser Eigentum, sondern selbständiges, von Gott uns anvertrautes Leben. Die Ehrfurcht vor dem Leben empfinden wir gerade dort, wo Leben wehrlos und schutzbedürftig ist. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist Tötung menschlichen Lebens. Gott hat mit dem Gebot ‚Du sollst nicht töten' menschliches Leben bejaht und geschützt. Es gibt Grenzfälle, in denen die Tötung dennoch verantwortet werden muß, aber Grenzfälle sind Ausnahmen, die Gottes Gebot nicht aufheben!“

Die christliche Gemeinde hat nicht nur ein neues Thema, sie hat auch eine neue Aufgabe. Sie besteht in der praktischen Seelsorge als Lebenshilfe. Christen werden sich in solchen Kon­fliktsituationen einander verantwortlich beraten, vor Schuld warnen und die Gewissen schärfen. Das wird einerseits klar und andererseits verständnisvoll geschehen müssen. Wir wollen die Realitäten nicht übersehen. Schuld ist und bleibt eine menschliche Realität. Jesus sagte, als eine Frau wegen Verletzung des sechsten Gebots verdammt werden sollte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“

Eine verantwortliche Geburtenregelung tut not, das sieht heute jeder ein. Wenn es aber trotz Gegenmaßnahmen zu einer Schwangerschaft kommt, sollte man darüber nicht gleich verzweifelt sein. Auch ein eigentlich unerwünschtes Kind sollte man als ein Geschenk Gottes hinnehmen und sich genauso darüber freuen wie über die anderen. Wenn es dann erst da ist, wird es sicher euch Freude machen, dann sieht alles schon anders aus. Manche Eltern waren froh, wenn sie auch in höherem Alter noch einmal ein Kind bekamen, das ihnen ihre Tage verschönerte. Niemals sollte man einem Kind sagen, daß es eigentlich nicht erwünscht war, sondern man sollte es genauso lieb haben wie die anderen.

 

 

Tagebuch eines ungeborenen Kindes:

5. Oktober: Heute hat mein Leben begonnen. Vater und Mutter wissen es noch nicht. Ich bin kleiner als ein Stecknadelkopf, und doch bin ich schon ein selbständiges Wesen. Alle meine körperlichen und seelischen Anlagen sind bereits festgelegt. Zum Beispiel werde ich die Augen von Vater und das lockige Haar von meiner Mutter haben. Auch das ist entschieden: Ich werde ein Mädchen sein.

13. Oktober: Meine ersten Blut- und Gefäßzellen, meine ersten Adern entstehen. Da meine Organe noch nicht voll ausgebildet sind, muß mich Mutter durch ihr Blut den Stoffwechsel und Kreislauf unterstützen. Wenn ich geboren bin, brauche ich dann nur noch für die erste Zeit ihre Milch.

23. Oktober: Mein Mund öffnet sich nach außen. Übers Jahr werde ich schon lächeln, wenn die Eltern sich über mein Bettchen beugen. Mein erstes Wort wird „Mama“ sein... P.S: Die Behauptung, ich wäre noch kein eigener Mensch, sondern nur ein Teil des Körpers meiner Mutter, ist doch wirklich lächerlich! Ich habe nicht einmal dieselbe Blutgruppe wie sie.

25. Oktober: Mein Herz hat zu schlagen begonnen. Es wird pausenlos seinen Dienst tun, ohne je auszuruhen, bis an mein Lebensende. Es ist ein großes Wunder!

2. November: Meine Arme und Beine beginnen zu wachsen. Allerdings, bis sie fertig ausgebildet und dann so richtig brauchbar sein werden, das wird, auch wenn ich schon geboren bin, noch eine gute Weile dauern.

12. November: Jetzt beginnen aus meinen Händen die Finger zu spreizen. Mit ihnen werde ich mir die Welt erobern und mit meinen Mitmenschen Freundschaft schließen.

20. November: Heute erst hat meine Mutter vom Arzt erfahren, daß sie mich unter dem Herzen trägt, wie groß muß ihre Freude sein!          

25. November: Jetzt könnte man es mir schon ansehen, daß ich ein Mädchen sein werde. Sicher denken meine Eltern darüber nach, wie ich heißen soll. Könnte ich es doch erfahren!

2S . November: Meine sämtlichen Organe sind voll ausgebildet. Ich bin sehr viel größer geworden.

10. Dezember: Ich bekomme Haare und Augenbrauen. Wie wird sich meine Mutter freuen über ihr blondes Töchterchen!

13. Dezember: Bald werde ich sehen können. Meine Augen sind nur noch durch eine Naht verschlossen. Licht, Farbe, Blumen - es muß herrlich sein! Am meisten freue ich mich darauf, meine Mutter zu sehen. Wenn es nicht so lange dauern würde! Noch über sechs Monate...

24. Dezember: Mein Herz ist jetzt voll ausgebildet. Es soll Babies geben, die mit einem kranken Herzen zur Welt kommen. Dann werden ungeheure Anstrengungen gemacht, um sie durch eine Operation zu retten. Gottseidank, mein Herz ist gesund. Ich werde ein kräftiges Menschenkind sein. Alle werden sich freuen.

28. Dezember: Heute hat mich meine Mutter umgebracht.

 

Erzählung: „Ich freue mich für Sie”

Frau Hadwig legte den Brief ihres Mannes beiseite. Er war zu einem Studienaufenthalt in die Sowjetunion gefahren und schrieb ganz erfüllt von den Eindrücken der letzten Wochen in Leningrad. Die Stadt an der Newa mit ihren vielen Kanälen und Brücken, den hellen Nächten des herannahenden Sommers hatte es ihm angetan. Er bedauerte sehr, sie nicht bei sich zu haben.

Bei diesem Satz hatte Frau Hadwig mit den Tränen kämpfen müssen. Es war nicht nur die große Entfernung - sie fühlte sich alleingelassen in einem Augenblick, wo sie ihn sehr nötig hatte. Und vor anderthalb Monaten konnte sie ihn nicht zurückerwarten. Die Ahnung, die sie seit sechs Wochen beunruhigte, fand sich bestätigt. Sie erwartete ein Kind. Das war der Grund für ihre Apathie und das leichte Schwindelgefühl.        

Sie wußte, daß das Ungeborene gerade am Anfang viel Kraft beanspruchte. Was sie aber zutiefst erschreckte, war die Tatsache, daß sie diesmal keine Bereitschaft hatte, das kleine Wesew anzunehmen und auszutragen. Die beiden anderen Kinder waren schon schulpflichtig. Die Umstellung auf einen Säugling, der den Ablauf eines Tages bestimmte, schien ihr ungeheuer.

Sie würde ihre Tätigkeit als Sekretärin vorübergehend aufgeben müssen. Die Zwei­einhalb­zimmerwohnung würde für die Familie viel zu klein sein. Ein Umzug drohte. In ihrer Vorstellung häuften sich die Schwierigkeiten zu einer unüberwindlichen Hürde.

Vorgestern hatte sie das Gespräch mit ihrer Freundin endgültig aus der Fassung gebracht. Jutta war wie immer fröhlich und mit verschmitztem Lächeln hereingekommen und hatte ihre Freundin in trübseliger Verfassung vorgefunden. Bald kannte sie die Ursache und versuchte, sie aufzumuntern: „Du nimmst alles gleich so tragisch! Ich an deiner Steile würde das Kind nicht austragen. Seitdem die Möglichkeit besteht, die Schwangerschaft zu unterbrechen, würde ich Gebrauch davon. Machen“ - Aber Jutta, ist das dein Ernst?“ - „Ja doch. Ein Kind, an dem man keine Freude hat, sollte man rechtzeitig aus der Welt schaffen. Im embryonalen Zustand lebt es doch noch ganz unbewußt. Es tut mir leid, daß du so unmodern bist und dir das Leben unnütz schwer machst. Du mußt dir eine sachlichere Einstellung zur Liebe und Mutterschaft zulegen.“

Damit war das Gespräch beendet. Es war ein Stachel zurückgeblieben, und ihr Herz schwankte zwischen Zweifel und Hoffnung, von ihrem Zustand wieder freizukommen. Heute war sie beim Arzt gewesen. Er wollte ihrem Wunsch entsprechen und war bereit, ihr ein Bett in der gynäkologischen Klinik freizuhalten. Hadwig trat ans Fenster und öffnete es weit. Der Duft blühender Sträucher und Bäume wehte herein. Im Garten lärmten die Vögel. Doch die junge Frau empfand keine Freude. Ihre Gedanken kreisten immer um das Gleiche.

Es klingelte. Sie ging öffnen und war richtig erschrocken, daß ihre Schwiegermutter in der Tür stand. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihr, aber jetzt konnte sie sie nicht brauchen. Hadwig war sehr blaß. „Mutter, du?“ sagte sie lustlos. Der Eintretenden blieb das Erschrecken nicht verborgen. „Was ist mit dir? Ist etwas mit Herbert?“ - „Nein, alles bestens. Ich habe heute Post bekommen. Ich bin nur überrascht über den plötzlichen Besuch.“ Hadwig versuchte nicht, ihren Unmut zu verbergen. Sie hatte immer eine gewisse Scheu vor der Überlegenheit der Älteren, und dieses Mal war ihre Unsicherheit besonders groß. Schweigend gab sie ihr einen Teil der Briefe und war fest entschlossen, nichts von ihrem inneren Konflikt preiszugeben.

Frau Gertrud freute sich sichtlich über die guten Nachrichten und fragte dann: „Wie lange muß Herbert noch bleiben?“- „Schätzungsweise noch sechs Wochen.“ - „Das ist lange bei deiner jetzigen Verfassung!“ - „Was meinst du damit?“ Die Schwiegermutter faltete die Bogen sorgsam zusammen und blickte Hadwig an. „Ich habe das Gefühl, daß du guter Hoffnung bist. Es kann natürlich auch ein Irrtum sein. Eigentlich bin ich gekommen, um nach dir zu sehen. Du hast mir in der letzten Zeit nicht gefallen!“

Jetzt war es vorbei mit Hadwigs Fassung, Sie fiel in einen Sessel und schluchzte. „Ja, ich bin guter Hoffnung, wie man das in alter Zeit so schön nannte. Aber für mich ist es keine Hoffnung, sondern ein Kreuz. Ich will das Kind nicht austragen!“

Es war merkwürdig, mit welcher Gelassenheit die alte Frau den Ausbruch hinnahm. Nichts von Ungeduld oder Empörung. Nur die Augen blickten ernst. „Und warum nicht?“ fragte sie.

„Weil ein drittes Kind unser bisheriges Leben verändern würde. Ich müßte mit aller Mühsal von vorn anfangen!“ - „Das ist mir klar. Aber dafür wird der Familie ein neuer Mensch geschenkt. Ist das nichts?“

„Ich weiß nicht. Ich bin jedenfalls sehr unglücklich. Du kannst mich nicht verstehen. Du hast dich auf alle Kinder gefreut und warst die geborene Mutter!“' - „Woher weißt du das?“ entgegnete Frau Gertrud. „Ich war damals auch jung, und für die Mutterschaft muß man erst reif werden. Man ist es als junger Mensch nur ganz selten. Aber etwas anderes: Du liebst doch deinen Mann?“ - „Und ob!“

„Du weißt, daß Herbert das vierte Kind ist. Damals war Krieg. Mein Mann stand im Felde. Dann die Bombennächte. Fast jede Nacht mußte ich mit meinen drei kleinen Kindern in den Luftschutzkeller. Damals war ich sehr elend. Mein Hausarzt, ein gewissenhafter und verständnisvoller Mensch, fürchtete für meine Gesundheit. Jene Tage nach der Konsultation gehören zu den schwersten meines Lebens. Ich trug allein die Verantwortung für das Ungeborene, für die ganze Familie. Trotzdem konnte ich mich nicht zu diesem Schritt entschließen. Ich hatte einerseits Furcht vor dem Eingriff, zum anderen betrachtete ich das kleine Wesen als ein Stück meines Lebens; das ich nun freiwillig hergeben sollte. Wie oft habe ich dafür gedankt, daß ich damals die Kraft zum Durchstehen hatte. Kannst du dir vorstellen, daß es Herbert nicht geben würde?“

Hadwig war sehr still geworden. Sie betrachtete plötzlich die Schwiegermutter mit anderen Augen, mit einer Bewunderung, die sie sich nicht eingestehen wollte. Diese saß da, den inneren Blick in die Vergangenheit gerichtet. Das üppige, schlohweiße Haar umrahmte ihr schmales Gesicht. Die Augen waren voller Verstehen.

„Weiß Herbert etwas davon?“ fragte sie. „Nein, noch nicht.“ - „Schreib ihm doch. Ich glaube schon, daß er sich über diese Nachricht freuen wird und dir Mut macht!“ Hadwig sah sie verwundert an: „Warum glaubst du das!“ - „Er hat es mir vor Jahren gesagt. Er wünschte sich noch ein drittes Kind, wollte es dir aber nicht zumuten.” - „Hat er das wirklich gesagt?“ Die alte Frau nickte. Dann sorgte sie dafür, daß Hadwig sich hinlegte. Sie deckte ihre Schwiegertochter zu und beredete sie, ein wenig zu schlafen.

Hadwig lag ganz still. Sie hatte nach langer Zeit wieder das Gefühl einer Entspannung, die in Schlaf überging. Wie von fern hörte sie, daß die Kinder nach Hause kamen, und von der Großmutter zur Ruhe gemahnt wurden. Sie hörte noch ihr Plantschen im Bad, und sie hatte das Gefühl, selbst noch ein Kind zu sein und für nichts verantwortlich.

Am nächsten Morgen rief sie in der Klinik an. Schwester Hilde, eine Bekannte, meldete sich. Frau Hadwig bat sie, Dr. Binder zu benachrichtigen, daß sie es sich anders überlegt hätte und das Bett nicht beanspruchen würde. Schwester Hildes Stimme klang fröhlich, als sie sagte: „Ich freue mich für Sie!“ (Margarete Schultz).

 

 

 

Künstliche Empfängnis

Dürfen künstlich gezeugte Embryonen genetisch getestet werden

 

Präimplantationsdiagnostik - worum es dabei geht.

Unter Präimplantationsdiagnostik (PID) wird die genetische Untersuchung eines Embryos vor der Einsetzung in die Gebärmutter verstanden. Das Verfahren ist daher nur bei Embryos möglich, die durch künstliche Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation, abgekürzt IVF) entstanden sind.

Dabei werden der Frau nach einer hormonellen Behandlung reife Eizellen aus den Eierstöcken entnommen. Im Labor werden dann die Eizellen mit dem auf­bereiteten männlichen Sper­ma vermischt.

Üblicherweise wird am dritten Tag nach der Befruchtung eine Zelle des Embryos mit der Pipette entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Vier- bis Achtzellen-Stadium. Nach der Entnahme der Zelle wird das Genom des Embryos auf Genmutationen oder Chromosomen-Anomalien untersucht. Nur ein gesunder Embryo (maximal drei) wird mit Hilfe eines Katheters in den Mutterleib eingepflanzt. Die anderen Embryonen werden vernichtet.

Ist dieses Verfahren nicht erfolgreich oder die Spermaqualität des Mannes schlecht, kann auch eine intrazytoplasmatische Spermien-Injektion vorgenommen werden. Dabei wird eine einzelne Samenzelle mit einer dünnen Nadel direkt in die zuvor entnommene Eizelle gespritzt.

 

Der Beginn

Am 10. Dezember 2010 erhält der Schöpfer der Retortenbabys, der britische Forscher Robert Edwards, den Nobelpreis für Medizin. Vielen verhalf seine Forschung zum Kindersegen. Robert Edwards hat die Forschung zur künstlichen Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation, abgekürzt IVF), zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zum Erfolg geführt. Vier Millionen Kindern hat er seither ein Leben ermöglicht. Edwards Motiv war: „Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind.“

Ab 1968 arbeitete Edwards mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zusammen. In den Jahren 1972 bis 1974 wurden erstmals Embryonen in ihre Mütter transferiert, aber Schwangerschaften blieben aus. Im Jahre 1976 erreichten Edwards und Steptoe das erste Mal eine Eileiterschwangerschaft. Im Jahre 1977 gelang die erste künstliche Befruchtung einer Frau: Am 25. Juli 1978 wurde die Tochter Louise Joy Brown von ihrer Mutter Lesley Brown per Kaiserschnitt entbunden.

Auch die durch IVF gezeugten Kinder sind Gottes Schöpfung. Wer in ihre Augen schaut, sieht, nach einem Ausspruch Martin Luthers, in Gottes Augen. Auch für sie gilt Psalm 139,13: „Du hast mich im Schoß meiner Mutter gewoben.“

 

Probleme:

Doch um die ganze Wahrheit zu erfahren, müssen wir den Schleier der Sprache aufdecken. So werden Eizellen nicht gewonnen, sondern nach monatelangen Hormonspritzen aus den Eierstöcken vaginal (vor kurzem noch durch die Bauchdecke) unter Ultraschallkontrollen herausgesaugt.

Samenspenden sind keine Spenden. Der Mann masturbiert und übergibt sein Sperma dem Arzt oder er verkauft es einer Samenbank, einem Profitunternehmen. Die Werbeseiten im Internet für IVF mit Samen- und Eizellen aus Spanien und Tschechien zeigen, daß große Wirtschaftsunternehmen dahinterstehen.

Die medizinischen Angebote werden oft wie Heilsverheißungen formuliert. Sie lassen die seelischen Belastungen der Paare während der Prozeduren, die seelischen Leiden derer, die gescheitert sind, und die körperlichen Schäden bei den Frauen im Dunkeln. Nur 15 bis 30 Prozent der IVF-Frauen bekommen nach einer Behandlung ein Baby, so niedrig ist die sogenannte „Baby-take-home-Rate“.

Viele versuchen es mehrmals. Oft sind Beziehungen dem damit verbundenem seelischen und körperlichen Streß nicht gewachsen. Lebensberatungsstellen helfen den Frauen, die verengt nur auf dieses eine Ziel hin gelebt haben, ein Kind zu bekommen - und dann vor dem Nichts stehen.

Edwards Wahlspruch „Es gibt nichts Wichtigeres im Leben als ein eigenes Kind“ ist nicht wahr. Frauen ohne Kinder haben ein großes Potential an Kreativität und Mütterlichkeit, das ihr Leben erfüllen kann. Mütterlichkeit ist eine Tugend, die alle leben können, auch Männer.

Ein Gegenentwurf zum Glauben an die Machbarkeit ist die „Spiritualität“. Es meint eine Frömmigkeit, die kein festgelegtes Gottesbild hat, aber eine tiefe Verbundenheit mit den tragenden Kräften des Lebens. Spiritualität in der Phase der Familiengründung umfaßt heute mehr als Schwangerschaft und Geburt. Sie fragt: Welche Macht lassen wir über uns herrschen? Die Hochleistungsmedizin? Die Werbung der Kinderwunsch-Zentren mit ihren wirtschaftlichen Interessen? Den gesellschaftlichen Druck?

 

Die Bibel:

Die Bibel enthält viele Texte zu Themen der Familiengründung, die aber auch Probleme ansprechen: Hagar wurde Leihmutter für Sara und Abraham. Nach dem Streit der Frauen wird sie mit ihrem Sohn Ismael in die Wüste geschickt (1. Mose 16 und 21). Rahel stirbt bei der Geburt ihres zweiten, heiß erbeteten Kindes, Benjamin (1. Mose 37,15). Rebekka ist verunsichert durch die heftigen Kindesbewegungen ihrer Zwillinge und holt bei Gott ein Orakel ein (1. Mose 25, 24ff). Elisa reinigt das Brunnenwasser mit Salz und verhindert so weitere Fehlgeburten (2. Könige 2,19). Elisabeth spürt Kindsbewegungen ihres Sohnes, des späteren Johannes des Täufers, als die mit Jesus schwangere Maria sie besucht (Lukas 1,41).

Für die sogenannte Unfruchtbarkeit kennt die Bibel mehrere Ausdrü>Die Medizin kann das seelische Erleben nicht wahrnehmen. Doch alle Eltern spüren beim Blickkontakt mit einem Neugeborenen, daß hier mehr ist als das Machbare. Woher kommt diese Seele des Kindes? Ist sie ein Symbol für die vorsprachlichen Gefühle? Ist sie die Gottesgeburt in jedem Menschen? Die großen Erfolge der Hochleistungsmedizin führen uns nicht nur hin zum Glauben an die Wissenschaft, sondern auch zu den Grenzen der Machbarkeit, zur Offenheit gegenüber dem Wandel im persönlichen Leben, zur Dankbarkeit für die Wunder des Lebens, zu neuem Vertrauen, wenn alles in Frage steht.

 

Pro:

Nach zwei Fehlgeburten und einem Kind, das nach wenigen Tagen verstorben ist, lassen sich auch die Eltern untersuchen. Dabei stellt sich heraus, daß die Zellen des Mannes (er selbst ist gesund) Veränderungen aufweisen, die bei von ihm gezeugten Kindern zu tödlichen Komplikationen führen können. Es ist ein schlimmes Spiel mit Wahrscheinlichkeiten: Statistisch werden 50 Prozent der Nachkommen betroffen. Aber es gibt auch die Chance für das Paar, ein gesundes Kind zu bekommen. Die Frau wird noch einmal schwanger. Diesmal läßt sie eine vorgeburtliche Untersuchung vornehmen. Wiederum wird die tödliche Erkrankung festgestellt. Die Frau entschließt sich - im fünften Monat! - verzweifelt zum Abbruch der Schwangerschaft. Die Eltern wissen: Es wäre möglich, durch künstliche Befruchtung mehrere Embryonen zu zeugen. Die Frau hätte nun die Chance, endlich Mutter zu werden - dank der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID).

Der hier skizzierte Leidensweg zeigt auf, für welche Ausnahmefälle die PID verantwortlich genutzt werden soll. Die Eltern wollen keine „Qualitätskontrolle“ ihres Babys durchführen lassen. Sie wollen kein „Designerbaby“ mit gewünschten Eigenschaften wie beispielsweise Augenfarbe, Geschlecht oder bestimmten Begabungen auswählen („Selektion“).

Sie wollen nicht in freier Willkür entscheiden, welche Art von Leben sie für „lebenswert“ halten. Sie möchten ein eigenes Kind, und es soll die Chance haben, überhaupt zu leben!

Als Außenstehender kann man sich nicht anmaßen, derartige Schicksale zu bewerten oder als „bedauerliche Einzelfälle“ zu bagatellisieren oder gutgemeinte Ratschläge zu erteilen, was „man“ in einer solchen Situation tun und was man nicht tun darf.

Natürlich ist - wie bei jeder Technik - ein Mißbrauch der PID für andere Zielstellungen möglich. Aber das verbietet noch nicht den rechten Gebrauch. Ein „Dammbruch“ muß sich nicht zwangsläufig einstellen.

 

Kontra

Die Anwendung der Präimplan­ta­tions­diagnostik hat weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen, die aus ethischer und frauenpolitischer Sicht nicht wünschenswert sind. Anders als die Befürworter einer PID oft behaupten, führen viele der Chromosom-Anomalien nicht automatisch zu Fehl- oder Totgeburten. Stattdessen handelt es sich oft um Erkrankungen und/oder Behinderungen, die erst in der zweiten Lebenshälfte ausbrechen, wie Chorea Huntington, oder behandelbar sind, wie Brustkrebs (???!!!). Es gab schon Fälle, wo ein Kind mit einer Lebenserwartung von zwei Jahren dann 20 oder 70 Jahre alt wurde.

Wie bedrohlich Menschen mit Behinderungen eine Liste erleben, auf der Behinderungen aufgeführt sind, die zum „Verwerfen“ der Embryonen führen, zeigt auch die Ende der 1980- er Jahre geführte Diskussion um die „Einbecker Erklärung“. Damals versuchten Mediziner festzuschreiben, bei welchen Behinderungen und Erkrankungen es geboten sei, Neugeborene nicht besonders intensiv zubehandeln oder ohne Heilbehandlung sterben zu lassen. Als dann Menschen mit Glasknochenkrankheit Schauspieler wurden (Peter Radtke, Frederic in „Lindenstraße“) wurde diese Krankheit aus dem Katalog gestrichen. Auch Menschen mit Down-Syndrom („Mongolismus“) haben ein erfülltes Leben

Aber wie sollen die „engen Grenzen“, die auch die Befürworter einer PID fordern, festgelegt werden? Anders als im Schwangerschaftskonflikt nach pränataler Diagnostik, bei dem jede Frau individuell entscheiden muß (???), ob sie mit der erwarteten Krankheit und/oder Behinderung ihres Kindes leben kann, entscheiden bei der PID die „objektiven“ Ärzte, die mit dem Embryo weder körperlich noch seelisch verbunden sind (???).

Keine Frau, die ohne medizinische Hilfe schwanger werden kann, setzt sich leichtfertig der körperlichen und seelischen Tortur einer künstlichen Befruchtung aus. Das könnte sich aber

schnell ändern, wenn der gesellschaftliche Druck zum „gesunden“ Kind steigt. Könnte eine Frau, die schon ein Kind mit Mukoviszidose geboren hat, dann noch „ungeprüft“ schwan­­ger werden? Wann bekäme angesichts der dramatisch steigenden Kosten im Gesundheitssystem die Krankenkasse das Recht, von ihr zu verlangen, auf möglicherweise kranke Kinder zu verzichten?

Der Schutz und die Würde jedes menschlichen Lebens sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Mit der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen hat die Bundesregierung im Jahr 2009 diese grundgesetzlich verankerten Schutzrechte erneut bekräftigt und sich verpflichtet, der Diskriminierung behinderten Lebens politisch und gesellschaftlich entgegenzuwirken. Gehen wir nicht hinter diesen hohen menschenrechtlichen Standard zurück! Bei einer grundsätzlichen Zulassung der PID würde deren Anwendung schnell zum gesellschaftlichen und auch zum medizinischen Normalfall.

 

Gesetzliche Regelung:

Weil bei der künstlichen Befruchtung Embyronen untergingen, war PID bislang in Deutschland verboten. Mit einem Urteil hat der Bundesgerichtshof im Juli 2010 das Verbot jedoch faktisch aufgehoben und die PID in bestimmten Fällen für zulässig erklärt, aber nur wenn Erbkrankheiten befürchtet werden, eine allgemeine Vorselektion darf nicht sein. De PID nicht gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt. Die CDU hat mit knapper Mehrheit die PID abgelehnt.

Doch so entsteht Druck auf Eltern, die ein behindertes Kind haben: „Konntet ihr es nicht verwerfen, also abtreiben?“ Der soziale Druck zu einem medizinisch durchgecheckten Kind wird sich erhöhen.

Ein Gesetz soll Rechtssicherheit schaffen. Man sollte die PID nur erlauben, wenn es schon Fehl- und Totgeburten gegeben hat oder ein behindertes Kind (bzw. behinderte Kinder) geboren wurde oder Erbkrankheiten (schwere erbliche Vorbelastung) vorliegen. Der Defekt sollte in zertifizierten Zentren festgestellt werden. Was genau untersucht wird, hängt von dem betreffenden Paar ab, von dem der Embryo stammt. Es wird kein kompletter Test auf alle bekannten Erbkrankheiten gemacht. Die Frau entscheidet - wie bei der Abtreibung - erst nach (genetischer) Beratung und Bedenkzeit. Es darf keinen Katalog geben, sondern es muß immer eine Einzelentscheidung gefällt werden. Diese muß dann eine Ethikkommission treffen.

 

Die Stellung der katholischen Kirche:

Die katholische Kirche ist wie oftmals auch in dieser Sache konsequent. Sie lehnt jegliche vorgeburtlichen Eingriffe ab. Deshalb sagt sie auch: Die PID ist eben die Folge der Gesetze, die unter bestimmten Voraussetzungen die Abtreibung straffrei stellen. Schon damals haben die Gegner gesagt, wenn erst einmal ein Anfang gemacht werde, dann werde es auch weiter gehen. Schon die Pränataldiagnostik sollte ursprüngliche eine Hilfe für das Kind und die Eltern sein, um Krankheiten frühzeitig erkennen und behandeln zu können. Heute ist sie aber auch zur Auswahl (Selektion) geworden. Ist das Zellbündel ein embryonaler Mensch, der erwachsen werden soll? Hat er nicht auch ein Recht auf Leben und Anspruch auf Pflege und Versorgung? Es geht nicht nur um das Recht der Mutter, sondern auch um das Recht des Kindes.

 

Wann entsteht der Mensch:

Wenn das befruchtete Ei in der Schale bleiben würde, könnte es nicht existieren: Es braucht immer die Mutter, also die Hilfe der Menschen. Leben entwickelt sich erst in der Mutter.

Erst bei einer Schwangerschaft spricht man im juristischen Sinn von einem „ungeborenen Kind“, das unter dem Schutz des Gesetzes steht. Aber das Leben eines solchen ausgetragenen Kindes beginnt nicht erst mit der Einnistung, sondern schon bei der Verschmelzung der Kernzellen.

 

Praxis:

Im Alltag wird eine gewisse Form von PID längst durchgeführt. Zwar wird die DNA nicht untersucht. Aber die befruchteten Eier werden vor der Einpflanzung im Mikroskop betrachtet. Man kann sehen, welche sich schnell entwickelt haben oder ob sie Fehlstellen haben oder nicht. Nur die besten Eier werden ausgesucht und eingepflanzt. Dadurch hat man eine Erfolgsquote von 40 Prozent (aber auch nur 40 Prozent) gegenüber sonst nur unter 5 Prozent. Der Mutter werden dadurch unnötige körperliche und seelische Strapazen erspart.

Die überschüssigen Eier gehen unter. Das Gleiche gilt aber auch für die Eier, die sich nicht einnisten. Erst mit der Einnistung entsteht ein Embryo, dessen Anfang allerdings die Vereinigung der beiden Zellkerne war. Diese Praxis ist nicht verwerflich, denn in der Natur geschieht das ja auch: Manche Frau wird schon schwanger gewesen sein, ohne es zu merken, und hat das Embryo wieder verloren. Die Auswahl des Arztes ist also nichts anderes als das, was die Natur auch macht. Eine „Sicherheit“ hat man dabei jedoch nie: Auch ein ausgewähltes Ei kann noch zu einem Kind mit Einschränkungen werden! Es gibt weder ein Recht auf ein gesundes Kind noch die Garantie darauf oder auch die Pflicht dazu.

Im Hintergrund wird allerdings doch ein Katalog vorhanden sein. Man wird doch entscheiden zwischen lebenswertem Leben und weniger lebenswertem Leben. Problematisch werden kann es aber auch noch, wenn sich alle Eier einnisten und dann zum Beispiel vier Embryonen im Ultraschall erscheinen (obwohl an sich nur drei eingesetzt werden dürfen). Was ist nun, wenn die künftigen Eltern sagen, sie können so viele Kinder nicht verkraften?

Oder wenn sie mit Einschränkungen rechnen müssen, weil die Kinder ja zu früh geboren werden?  Dann steht die Frage der Abtreibung. Dazu muß wieder ausgesucht werden, welche Kinder überleben sollen. Weil man aber nicht die übliche Methode der Abtreibung anwenden kann, muß durch die Bauchdecke der Frau eine Kochsalzlösung in das Herz des Kindes gespritzt werden - auch für den Arzt eine furchtbare Prozedur. Da kann man nur froh sein, wenn vorher auf natürlichem Weg zwei Kinder abgehen.

 

Alternative zum Schwangerschaftsabbruch:

Die PID verhindert die „Schwangerschaft auf Probe“ und die daraus entstehenden Konflikte.

In der Glasschale soll man nicht hinsehen dürfen, aber nachher wird geprüft. Was wäre damit gewonnen, wenn man die PID verbieten würde, aber eine spätere Abtreibung bis zum Tag vor der Geburt ist nach den heutigen Gesetzen erlaubt? Und wenn man bis zur zwölften Schwangerschaftswoche ein gesundes (!) Kind abtreiben kann, dann ist das viel schlimmer als die PID. Die PID ist das weitaus mildere Mittel. Sie verhindert, daß Frauen durch die Hölle der Spätabtreibung gehen oder daß das Kind bei der Geburt oder nach drei Monaten stirbt.

 

Haltung gegenüber behinderten Menschen:

Mit einer gesetzlich zugelassenen wie gesellschaftlich akzeptierten PID wächst die Gefahr, daß Eltern - Frauen wie Männer - von Kindern mit Behinderungen und Erwachsene mit Behinderungen in unserer Gesellschaft noch mehr an den Rand gedrängt werden. Es darf keine Rolle spielen, daß manche wenig einfühlsame Zeitgenossen zu einem körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen sagen: „Warum haben dich deine Eltern nicht abgetrieben? Es muß doch heute kein behindertes Kind mehr auf die Welt kommen!“ Früher gab man Gott die Schuld, wenn ein Mensch behindert war. Heute gibt man den Eltern die Schuld, wenn sie nicht nach dem heutigen Stand der Wissenschaft gehandelt haben (Behinderte gelten als „vermeidbar“).

In anderen Ländern, wo die PID erlaubt ist, ist die Gesellschaft nicht ablehnender gegenüber Behinderten geworden, denn 95 Prozent der Behinderungen entstehen nach der Geburt. Die Gesellschaft war - trotz aller heute noch vorhandenen Mängel - noch nie so behindertenfreundlich wie heute.

 

Schluß:

Aber auch bei all den heutigen medizinischen Möglichkeiten kann man eine Einschränkung nie ausschließen. Man kann immer nur dankbar sein, wenn mit dem Kind alles in Ordnung ist. Aber wenn das nicht der Fall ist, dann muß man es so nehmen, wie es ist: Auch ein solches Kind hat ein Lebensrecht und Anspruch auf die Fürsorge und Liebe der Eltern.

 

 

 

Schwere Geburt

Der Akt der Schöpfung bedarf einer ruhiger. Hand: Dr. Verena Nordhoff führt eine Kanüle. Bruchteile eines Millimeters dünn und beladen mit einer Samenzelle. Mit der anderen Hand fixiert sie eine Eizelle, die sich als erstaunlich widerspenstig erweist. Einige Male muß die Biologin vom Universitätsklinikum Münster mit der Nadel an der elastischen Hülle ansetzen, dann dringt sie endlich ein und entläßt ihre Fracht. In einer Petrischale unter dem Mikroskop hat Verena Nordhoff zusammengeführt, was zusammengehört, damit ein Mensch entsteht.

Jährlich kommen in Deutschland knapp 4.000 Kinder zur Welt, die auf diese Weise gezeugt wurden. Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) nennt sich das Verfahren. Es macht Paare zu Eltern, deren Kinderwunsch noch vor 20 Jahren unerfüllbar geblieben wäre, beispielsweise weil der Mann zu wenig Samenzellen bildet oder wegen einer genetischen Störung unfruchtbar ist.

Doch die hilfreiche Technik weist Mängel auf. Nicht einmal jede fünfte ICSI führt zum gewünschten Ziel, der Geburt eines Kindes. Das heißt, daß Paare die aufwendige unangenehme und teure Prozedur häufig zwei, dreimal oder noch öfter über sich ergehen lassen müssen, um endlich Erfolg zu haben. Bei einigen gelingt es nie. Außerdem zeigen Studien, daß durch ICSI gezeugte Kinder ein leicht erhöhtes Fehlbildungsrisiko aufweisen.

Daher versuchen Biologen und Reproduktionsmediziner, die Methode zu verbessern. Die Grenzen, an die sie dabei stoßen, sind aber nicht nur biologischer Natur. „Vieles wäre schon leichter, wenn wir unter mehreren Embryonen auswählen dürften, welcher davon der Mutter eingesetzt wird“, sagt Verena Nordhoff. Doch das ist in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Dieses besagt, daß die Befruchtung einer Eizelle, also die Zeugung eines Embryos, zu keinem anderen Zweck als dem einer Schwangerschaft erfolgen darf. Das Gesetz wurde vor 20 Jahren verabschiedet, um den damals brandneuen Techniken und ihren

so revolutionären wie monströsen Möglichkeiten Grenzen zu setzen. Menschliches Leben sollte nicht zu Versuchs- oder Bedarfszwecken erschaffen werden, Mischwesen und auch das Kopieren genetischer Individuen, das berüchtigte Klonen, sollte verboten sein. Für Reproduktionsmediziner aber bedeutet das: Sie dürfen nicht Embryos herstellen, dann „erst mal gucken“, welcher Sprößling sich am besten macht, um anschließend die weniger aussichtsreichen auszusortieren.

Doch es gibt andere Auswahlverfahren. Forscher der Universität Bonn erproben zum Beispiel eine Technik, die Hinweise auf die Lebensfähigkeit des entstehenden Embryos aus Überbleibseln der Eizellreifung bezieht: die Polkörperchen- Diagnostik (PKD). „Damit lassen sich häufige Chromosomenstörungen mit hoher Sicherheit feststellen“, sagt der Reproduktionsbiologe Professor Markus Montag, einer der Projektleiter. Polkörperchen sind ein natürliches Abfallprodukt der Fortpflanzung. Sie entstehen, weil die Eizelle sich der Hälfte ihrer Erbinformation entledigen muß, während sie befruchtet wird.

 

Diagnostischer Nutzen

Andernfalls würde gemeinsam mit dem männlichen Erbmaterial ein überzähliger Chromosomensatz entstehen. Für Reproduktionsmediziner besitzen Polkörperchen einen hohen Nutzwert, denn sie sind eine exakte genetische Kopie der Eizelle. Sie entstehen zudem zu einem Zeitpunkt, an dem die befruchtete Zelle noch nicht als Embryo gilt und daher nicht unter den Schutz des Gesetzes fällt. So können Experten bestimmte Störungen der befruchteten Eier erkennen und diese gegebenenfalls aussortieren - ganz legal.

Der Nachteil des Polkörperchen-Tests: Er erkennt nur Fehler der weiblichen Seite. Doch diese sind es ganz überwiegend, die 80 Prozent der Eizellen auf diese Weise schadhaft sind“, berichtet Markus Montag. Wird ein solches Ei befruchtet und in die Gebärmutter gesetzt, ist die Schwangerschaft meist von kurzer Dauer. Nur wenige solcher Abweichungen sind lebensfähig, andere führen zu Behinderungen, beispielsweise dem Down-Syndrom.

Verschiedene Experten, wie unlängst der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Medizinrecht Professor Christian Dierks, fordern daher auch die Zulassung der Präimplan­tations­diagnostik (PID) mit dem Ziel, die künstliche Befruchtung zu verbessern. Der Begriff bezeich­net die genetische Prüfung des künstlich gezeugten Embryos vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter. Da der Test aber nur dazu dient, bei einem schlechten Ergebnis den Embryo auszusortieren, ist er in Deutschland verboten.

 

Aktuelle Debatte

Um diesen Umstand wurde zuletzt heftig gestritten, wenn auch in einem anderen Zusammenhang: Vertreter der Ärzteschaft und Politiker aus allen Lagern befürworten die PID, weil sich mit ihrer Hilfe schwere Erbkrankheiten erkennen lassen. Paaren, bei denen eine entsprechende Anlage bekannt ist, soll so eine unbelastete Empfängnis ermöglicht werden. Die künstliche Befruchtung würde bei ihnen nicht durchgeführt, um Unfruchtbarkeit zu überwinden, sondern um die Möglichkeit zur PID zu haben und damit zur Auswahl eines Embryos ohne Krankheitsmerkmal.

Ob das Selektionsverfahren auch unfruchtbaren Paaren zugutekommt, indem es die Erfolgsquote der Reagenzglaszeugung erhöht, bezweifeln hingegen viele Experten. „Man hat festgestellt, daß es mit PID weniger erfolgreiche Schwangerschaften gibt als ohne“, berichtet Professor Wolfgang Würfel vom Kinderwunsch Centrum München. Die genauen Ursachen dafür seien noch unklar, eine Rolle könnte aber der technische Vorgang der PID spielen. Der Untersucher punktiert dabei nämlich dem erst wenige Tage alten Embryo Zellen ab. Diesen Verlust verschmerzt das junge Leben offenbar nicht so einfach.

Zudem kommt die Methode leicht zu trügerischen Ergebnissen. Denn in einzelnen Zellen können genetische Fehler vorliegen, die gar nicht den ganzen Organismus betreffen. Ein solches „Mosaik“ erkennt die Zellanalyse nicht. Der Befund wäre pathologisch, das Schicksal des Embryos besiegelt - möglicherweise grundlos.

Die Polkörperchen hingegen enthalten die Kopie des kompletten mütterlichen Erbguts und liefern somit ein genaueres Bild. „Das Verfahren ist für die Reproduktionsmedizin besser geeignet“, sagt Würfel. Es senke nachweislich das Risiko einer Fehlgeburt nach einer künstlichen Befruchtung.

Somit könnte sich die strenge Gesetzeslage in Deutschland diesbezüglich sogar noch unverhofft auszahlen. Das PID-Verbot habe die Polkörperchendiagnostik indirekt gefördert, wie Markus Montag betont: „Lange galten wir als Außenseiter. Das ist jetzt nicht mehr so.“

Standardmäßig kommt die Technik bislang zwar noch nicht zum Einsatz. Doch Reproduktionsspezialisten verfügen schon jetzt über verschiedene Kontrollinstrumente ihrer Arbeit, wie Verena Nordhoff ausführt: „Die Qualität der Eizelle läßt sich anhand typischer Merkmale im Lichtmikroskop bestimmen, ebenso der beste Zeitpunkt für die Spermieninjektion.“ Derzeit arbeiten die Münsteraner auch an einer Technik, um die Fruchtbarkeit der einzelnen Samenzelle genau zu beurteilen. Bislang nutzt man dafür nur äußerliche, indirekte Kriterien wie die Beweglichkeit. Die Experten schaffen also optimale Bedingungen, unter denen das neue Leben entsteht. Blüht dieses erst einmal, endet ihr Manipulationsspielraum.

Anders im Ausland: Dort ist es meist üblich, mehrere Embryonen herzustellen und einige Tage abzuwarten, welche sich am besten entwickeln. Nur diese werden eingesetzt, die anderen verworfen oder eingefroren. Da eine solche Auswahl aber auch eine „Präimplantations­diagnostik“ im weiteren und ethischen Sinn darstellt, ist sie deutschen Reproduktionsspezialisten nicht erlaubt - eigentlich.

Denn derzeit legen die Bundesländer das Embryonenschutzgesetz unterschiedlich aus. In Bayern und Baden- Württemberg etwa wird einem befruchteten Ei, das sich schlecht entwickelt, rückwirkend der Status einer entwicklungsfähigen Zelle aberkannt - und damit auch der Schutz des Gesetzes. Somit dürfen süddeutsche Ärzte wählen- solange sie nur genug schlechte Embryonen finden. Damit diese Gesetzesauslegung glaubhaft bleibt, werden aber jeweils höchstens sechs Eizellen befruchtet.

 

Höhere Erfolgsquoten

In Frankreich, Österreich oder den Benelux-Ländern hingegen dürfen Mediziner theoretisch beliebig viele Eizellen befruchten und das weitere Gelingen abwarten. Erst wenn die Implantation in die Gebärmutter ansteht, müssen sie entscheiden, welche Frucht die vielversprechendste ist. Die Schwangerschaftsrate nach ICSI liegt dort um ein Drittel höher als in Deutschland.

Auf das erhöhte Fehlbildungsrisiko der geborenen Babys hingegen hat die freizügigere Gesetzeslage bislang keinen Einfluß. Ganz unterschiedliche Störungen wie Herzfehler oder Kiefer-Gaumen-Spalten treten bei ICSI-Kindern etwas häufiger auf. Anders als das Down-Syndrom oder bestimmte Erbkrankheiten entstehen solche Probleme aber nicht durch überzählige Chromosomen oder einzelne defekte Gene - nicht durch Umstände also, die sich relativ leicht durch PID oder PKD erkennen ließen, sondern durch viele Faktoren, deren Zusammenwirken nicht exakt vorhersagbar ist.

 

Risiken bestehen immer

Neben dem höheren Durchschnittsalter der behandelten Paare spielt offenbar auch das Phänomen der „Komorbidität“ eine Rolle. In diesem Fall ist die Ursache für die Unfruchtbarkeit eine ansonsten unauffällige genetische Störung. Mithilfe der ICSI wird diese vererbt und kann sich neu auswirken. Solche verborgenen Probleme wiegen aber zum Glück nicht besonders schwer: Nur um etwa drei Prozent liegt das Fehlbildungsrisiko höher als normal, und meist lassen sich die Störungen gut behandeln.

„Einige Fragen bleiben aber", räumt Verena Nordhoff ein. So gebe es Hinweise, daß die ICSI die Funktion der Gene im wachsenden Kind beeinträchtigen könnte. „Ob es Auswirkungen gibt, wird man erst in Jahrzehnten wissen.“ Daher wird allen Interessenten eine entsprechende Beratung empfohlen. Daß sich ein Paar nach dem Gespräch gegen den Eingriff entschieden hätte, hat die Biologin aber noch nicht erlebt.

 

 

Präimplantationsdiagnostik           

Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist in Deutschland ein Reizthema. Soll ein durch künstliche Befruchtung entstandener Embryo auf Erbkrankheiten untersucht werden dürfen, bevor er der Frau eingesetzt wird? Befürworter fordern die Zulassung des Gentests, weil damit Abtreibungen vermieden werden könnten. Gegner befürchten, daß die PID zur Unterscheidung von „zumutbarem“ und „nicht zumutbarem“ Leben führt.

Während die Methode in Ländern wie Belgien oder den Niederlanden seit Jahren erlaubt ist, handelten Ärzte in Deutschland lange in einer rechtlichen Grauzone. Erst 2010 erklärte der Bundesgerichtshof den Gentest in Ausnahmefällen für zulässig. Ein Jahr später änderte der Bundestag das Embryonenschutzgesetz entsprechend. Seither ist die PID in Deutschland grundsätzlich verboten, jedoch in bestimmten Ausnahmefällen erlaubt.

Anfang 2013 stimmten Bundestag und Bundesrat einer Rechtsverordnung zu. Sie regelt, wie das Verfahren in der Praxis angewendet werden soll: Erlaubt sind Gentests an Embryonen nur dann, wenn mindestens ein Elternteil die Veranlagung zu einer schweren Erbkrankheit hat oder mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Tot- oder Fehlgeburt droht. Einen festen Katalog an Krankheiten soll es nicht geben.

Eine vorherige Beratung ist Pflicht. Ethikkommißionen, besetzt mit Medizinern, Ethikern und einem Vertreter einer Behindertenorganisation, sollen jeden Einzelfall prüfen. Vorgenommen werden kann die PID nur in bestimmten Untersuchungszentren. Bis 2014 haben die Bundesländer Zeit für den Aufbau solcher Einrichtungen. Experten gehen von 200 bis 300 Fällen pro Jahr aus, in denen im Rahmen des Gesetzes ein künstlich gezeugter Embryo auf schwere Erbkrankheiten untersucht

wird.   

 

Pro „Die PID eröffnet Chancen“: Ulrike Flach (FDP) ist Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit

Über die PID haben wir im Deutschen Bundestag jahrelang diskutiert. Dabei wurde immer wieder gefordert, Menschen, bei denen aufgrund genetischer Veranlagungen für schwere Krankheiten die Gefahr einer Fehl- oder Totgeburt droht, bei der künstlichen Befruchtung die Möglichkeit einer Früherkennung zu geben. Bislang gab es ja die unerträgliche Situation, daß diese Paare erst während der Schwangerschaft erfahren konnten, ob ihr Kind schwer oder lebensgefährlich erkrankt ist. Ein PID-Verbot ohne Ausnahmen hätte bedeutet, diese Frauen in eine Schwangerschaft auf Probe zu treiben - und Abtreibungen in Kauf zu nehmen. Wir haben gefordert: Das sollte den Frauen erspart bleiben. Was bei einer Befruchtung im Reagenzglas über schwere Erbkrankheiten zu erfahren ist, das soll vor der Verpflanzung in den Mutterleib untersucht werden.

Ethische Fragen sind immer umstritten. Aus meiner Sicht ist die PID kein moralisch fragwürdiges Verfahren. Aus den Zellen, die zum Gentest entnommen werden, kann noch kein Mensch entstehen. Dazu bedarf es der Mutter. Ob die Methode zur Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen führt? Darüber haben wir lange diskutiert. Aber diese Wirkung ist in keinem Land der Welt nachweisbar.

Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre das Gesetz noch liberaler ausgefallen. Ich hätte die PID etwa nicht grundsätzlich verboten. Aber die Rechtsverordnung, die den Umgang mit Ausnahmefällen regelt, ist ein guter Kompromiß. Gut ist, daß es nun keine - womöglich stigmatisierende - Liste von Krankheiten gibt, die zum Abbruch einer künstlichen Befruchtung führen dürfen. Jeder Fall muß stattdessen individuell begutachtet und entschieden werden. Die PID eröffnet Chancen für Paare mit genetischen Dispositionen für schwere Krankheiten, sich für ein Kind zu entscheiden. Wir müssen nun sehen, wie die neu zu schaffenden Ethikkommißionen mit ihrer Aufgabe umgehen.

 

Contra „Taschenspielertrick des Gesetzgebers“: Professor Axel W. Bauer ist Medizinethiker an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Ohne die 2011 vorgenommene Änderung des Embryonenschutzgesetzes wäre die PID in Deutschland weiterhin nicht erlaubt gewesen. Der neue Paragraph 3a verbietet in Absatz 1 die PID nun zwar ausdrücklich, um sie jedoch in den Absätzen 2 bis 6 ziemlich schrankenlos zu erlauben. Das ist ein Taschenspielertrick des Gesetzgebers. Man könnte es auch als strafrechtliche Heuchelei bezeichnen.

Die neue Rechtsverordnung, die zum 1. Februar 2014 in Kraft treten wird, konkretisiert die bürokratischen Rahmenbedingungen der Durchführung einer PID. Kritikwürdig ist sowohl die Tatsache, daß die Anzahl der Untersuchungszentren nicht begrenzt wurde, als auch der Umstand, daß die Zulassung einer solchen Diagnostik vom Votum jeweils achtköpfiger „Ethikkommißionen“ abhängen soll - die nichts weiter sind als juristische Feigenblätter. Ihr Hauptresultat wird die Erzeugung modellhafter Konstellationen sein, bei deren Vorliegen eine PID auf dem Klageweg erzwungen werden kann.

Das Leben als solches ist immer ein Risiko. Der Gedanke, Lebensrisiken dadurch auszuschalten, daß man auf Probe erzeugte Embryonen zunächst genetisch testet und bei Nichtgefallen frühzeitig tötet, ist Ausdruck einer zutiefst inhumanen Gesellschaft. Der einzige Zweck der PID besteht darin, die Geburt von Menschen mit bestimmten genetischen Eigenschaften zu

verhindern. Menschen, die entsprechende „unerwünschte“ Eigenschaften aufweisen, werden in der nahen Zukunft zwangsläufig als „Exoten“ betrachtet werden. Wir erleben dies heute bereits bei Kindern mit dem sogenannten Down-Syndrom. Mehr als 90 Prozent der Föten, die eine solche Trisomie aufweisen, werden nach einer Pränataldiagnostik abgetrieben. Eltern, die sich für ein solches Kind entschieden haben, müssen sich in ihrem Umfeld dafür moralisch rechtfertigen.

 

Präimplantationsdiagnostik (PID)

Mit der Labormethode werden künstlich befruchtete Eizellen auf genetische Defekte untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingesetzt werden. Dabei werden dem Embryo in einem frühen Entwicklungsstadium einzelne Zellen entnommen. In diesem Stadium können sich solche einzelnen Zellen nur noch zu unterschiedlichen Gewebearten entwickeln, aber nicht mehr zu einem vollständigen Menschen. Dem Embryo als Ganzem schadet die Zellentnahme nicht. Durch den Gentest, dem die Zellen unterzogen werden, sind neben Erbleiden wie Chorea Huntington, Mukoviszidose und Down-Syndrom auch Geschlecht und Augenfarbe zu erkennen.

 

 

Homosexualität

Von Gefühlen und Ängsten homosexueller Jugendlicher:

 „Plötzlich fiel mir auf, daß meine Freundinnen von Sportlern schwärmten und ich mich immer wieder in eine Lehrerin verliebte. Natürlich habe ich mich gefragt, warum liebe ich keine Männer. Ich habe es mit Typen probiert. Aber das klappte einfach nicht. Da wußte ich, daß es Frauen sind“, erinnert sich die heute 18jährige Danny an die Zeit, in der sie entdeckte, daß sie lesbisch ist. Zwei bis drei Jahre habe es schon gedauert, bis es ihr wirklich klar war und sie damit beginnen konnte, es ,,okay zu finden", homosexuell zu sein.

Auch der 16jährige Georgios hat lange mit sich kämpfen müssen: „Mit 14 habe ich es mir eingestanden. Da war es mir einfach klar. Neben mir saß der Traumtyp und ich kriegte das totale Zittern. Mit Mädchen konnte ich einfach nichts anfangen. Das wußte ich schon lange. Aber ich dachte immer, hoffentlich nicht, hoffentlich bin ich nicht schwul. Jetzt lebe ich halt damit!“

Von langem Grübeln und heftigen Selbstzweifeln berichten viele homosexuelle Jugendliche. Es fällt den meisten zunächst schwer, zu akzeptieren, nicht so zu fühlen wie scheinbar „alle anderen“. Daß es vielen anderen Menschen auch so geht, daß es schwule Politiker, Lehrer und

Nachbarn, lesbische Popstars und Schulfreundinnen gibt, wird ihnen oft erst nach ihrem eigenen „Coming-out“ klar. „Bei einem meiner ersten Besuche in einem schwulen Jugendtreff traf ich einen Jungen, neben dem ich in der sechsten Klasse gesessen hatte. Wir waren beide total verblüfft. Bis jetzt habe ich drei Schwule getroffen, die ich von früher kenne und von denen ich natürlich dachte, daß sie Heteros sind“, erzählt der 22jährige Andreas.

 „Homosexuelle sind feige“, sagt mein Religionslehrer immer wieder im Unterricht und guckt dabei mich an. Dann lachen alle. Wenn ich einer Mitschülerin etwas erkläre, rufen alle: „Laß sie, die flirtet gerade!“ Mit ‚Scheiß-Lesbe' und ‚Fotzenleckerin' werde ich in der Schule oft beschimpft. Ich habe es einfach zu vielen in der Schule erzählt. Ich hatte zu viel Vertrauen und irgendeiner muß dann eine Riesengeschichte daraus gemacht haben", sagt die 17jährige Anne.

Ihren Eltern mag Anne es nicht erzählen. Die seien zu konservativ und würden es nicht verstehen, glaubt Anne, der es schwer fällt, es nicht sagen zu können. Immer wieder gebe es Situationen, wo sie kurz davor ist: „Einmal habe ich geduscht, und meine Mutter kam ins Bad. Wir hatten ein lockeres Gespräch. Plötzlich fragt sie mich, ob ich lesbisch bin. Ich wollte, aber ich konnte es nicht sagen", berichtet Anne. Kurz danach traf Anne sich ein paarmal mit einem Jungen. Erleichtert habe die Mutter gesagt: „Wie schön, jetzt wissen wir, daß du nicht lesbisch bist.“

Auch Mutter von Georgios scheint zu spüren, daß ihr Sohn Männer liebt. „Sie ist total geschockt. Das kriegt sie mit ihrer konservativen griechischen Erziehung nicht hin. Einmal hat sie zu mir gesagt, wir müßten reden, aber sie wolle nicht, daß ich etwas dazu sage. Und dann holte sie tief Luft und sagte: „Gorgios, ich will keine Schwulen in meiner Familie. Jetzt kannst du dir es überlegen. Spring vom Messeturm oder fahr nach Afrika. Aids kriegst du ja sowieso!“

Hendrik hat mit seinen Eltern mehr Glück gehabt. „Ich hatte die Idee, ich kann erst richtig schwul leben, wenn ich meinen Eltern gesagt habe, daß ich es bin. Als ich meinen ersten richtigen Freund kennengelernt hatte, wurde mir klar: Jetzt muß es raus. Dann hat es doch ein halbes Jahr gedauert, bis ich es sagen konnte. Ich hatte den totalen Depri und saß nur noch in meinem Zimmer rum. Es drehte sich alles nur noch um diese Sache“, erzählt der 21jährige Henrik. „Meine Eltern haben positiv reagiert. Meinem Vater macht es schon was aus, daß er von mir keine Enkelkinder kriegen wird. Meine Mutter aber sagt, daß die Beziehung zwischen mir und meinem Freund eine Liebe wie jede andere sei!“

 

Der Erwachsene hat die volle Verfügungsgewalt über seinen Körper. Es gibt mithin gar keine echt juristische Grundlage für Bestrafung der Homosexualität unter Erwachsenen.

Die häufigste Ursache für die kurze Dauer vieler solcher homosexueller Verhältnisse ist die soziale Ächtung, die zum häufigen Wechsel des Partners zwingt. Eine ethische Kultivierung der Beziehungen Älterer zu führungsbedürftigen Jugendlichen, wie sie in alten Kulturen gang und gäbe war, ist wegen des gesellschaftlichen Tabus und der Strafandrohung heute nicht mehr möglich. Zum anderen sind der Führungsbedürftigkeit der Jugendlichen in den Zwi­schen­stufen Grenzen gesetzt: Etwa Mitte der Zwanzig wechseln die meisten zum hetero­sexuellen Verkehr über und verlangen selber nach einer aktiven Rolle.

 

Seelsorge bei Jugendlichen im „coming out“:

a.) Begriffserklärung:

Der Begriff „coming out" stammt aus dem Amerikanischen und heißt soviel wie „herauskommen“. Eigentlich bezeichnet er im amerikanischen Bürgertum das Debüt der Töchter in der Gesellschaft hei der sogenannten „coming-out-party“. Die amerikanischen Schwulen haben diesen Begriff für das Herauskommen eines Homosexuellen aus der sozialen Isolierung und die Kontaktaufnahme mit anderen Homosexuellen übernommen.

Die Wissenschaft (Sexuologie. Psychologie. Soziologie usw.), die sich mit Fragen der Homosexualität befaßt, hat den Begriff von daher übernommen und bezeichnet damit entweder die Zeit von der Ungewißheit bis zur Gewißheit der eigenen Homosexualität (das betrifft die Endphase der homosexuellen Entwicklung) oder die gesamte homosexuelle Entwicklung, also die Phase vom ersten Aufflackern der Triebrichtung bis zur Selbstwahrnehmung als Homosexueller. Ich möchte den Begriff in der zweiten Variante verwenden.

Das coming out vollzieht sich bei den meisten Homosexuellen zwischen dem 14. und dem 20. Lebensjahr. Homosexuelle, die ihr coming out wesentlich später, also nach dem 25. oder gar 3o. Lebensjahr durchleben, ist bei Schwulen wohl eher die Ausnahme, während es bei lesbischen Frauen häufiger der Fall ist, was wohl ein Resultat der unterdrückten Rolle der weiblichen Sexualität in unserer Kultur ist.

 

b.) Besonderheiten und Schwierigkeiten der Entwicklung im coming out:

Bei dem überwiegenden Teil der Jugendlichen tauchen die ersten deutlich sexuellen Wünsche und Empfindungen mit Beginn der Pubertät, also zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr auf. Bei später homosexuellen Jugendlichen sind diese ersten Regungen der Triebrichtung auf das gleiche Geschlecht bezogen, werden aber in den meisten Fällen nicht als homosexuell erfahren und deshalb auch nicht zum Problem. Das mag zum einen damit zusammenhängen, daß Kinder bzw. Jugendliche in diesem Alter noch nicht bewußt über ihre erlebten sexuellen Em­pfin­dungen reflektieren, und zum anderen damit, daß in diesem Alter intensive Beziehungen oder gar sexuelle Kontakte zum anderen Geschlecht stark mit Tabus belegt sind und daher die freundschaftliche Beziehung zu gleichgeschlechtlichen Gleichaltrigen das vorherrschende Muster sozialer Kontakte ist.

Wieweit Freundschaften zwischen Mädchen sexuelle Kontakte einschließen, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist aber, daß die Beziehungen zwischen Jungen in diesem Alter sehr häufig sexuelle Handlungen mit sich bringen (für gewöhnlich gemeinsames oder gegenseitiges Onanieren). Frühe sexuelle Erfahrungen dieser Art werden jedenfalls von vielen Homosexuellen berichtet. Da an diesen Kontakten aber beileibe nicht nur Jugendliche teilnehmen, die später homosexuell werden, empfinden sich die später Homosexuellen in diesem Alter selten als etwas Besonderes oder als Ausnahme.

Nach zuverlässigen Informationen hat etwa die Hälfte der homosexuellen Männer bereits vor dem 17. Lebensjahr gleichgeschlechtliche Kontakte, jedoch nur knapp ein Viertel weiß in die­sem Alter schon sicher über seine Homosexualität Bescheid.

Man kann also feststellen, daß die meisten der später Homosexuellen bis zum 16. Lebensjahr lediglich einmal die vage Vermutung haben, eventuell homosexuell zu sein. Diese Vermutung wird aber zumeist sehr schnell wieder verdrängt und wächst sich kaum zu einer relevanten Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung als „normaler“ Jugendlicher aus.

Die ersten Konflikte treten meist dann auf, wenn dieses „Durchgangsstadium“ kein Ende nimmt. Der Jugendliche erlebt, wie seine Klassenkameraden und Freunde erste Kontakte zum anderen Geschlecht aufnehmen, die dann Gegenstand endloser Gespräche werden, und spürt immer deutlicher, daß seine sexuellen Vorstellungen, beispielsweise bei der Masturbation, anders sind als die der anderen.

Der vielleicht schon vorher flüchtig dagewesene Verdacht: „Ich bin vielleicht homosexuell“, taucht immer öfter auf. Ebenso häufig wird der Jugendliche diesen Verdacht auch unterdrücken. Dieser Kampf gegen eine der stärksten Regungen. die ein junger Mensch in diesem Alter haben kann, der Kampf gegen die Stimme der mit elementarer Macht durchbrechenden Sexualität, hat einen Grund: die Angst vor der Außenseiterrolle, die Angst vor dem Leben als verachteter, in seiner Umwelt unerwünschter Mensch. Das ist sehr pauschal gesagt, und kein homosexueller Jugendlicher wird sich dieser Angst bewußt sein.

Alle positiven Identifikationsmuster, die in seiner Umgebung herrschen, sind heterosexuell orientiert. Die Ehe seiner Eltern ist zwangsläufig eine heterosexuelle Beziehung. Alle erwachsenen Bekannten und Verwandten leben gewöhnlich in Ehen oder anderen heterosexuellen Beziehungsformen. Verwandte, die allein leben, sind die Ausnahme und werden eher skeptisch betrachtet, oder es gibt eine scheinbar einleuchtende Erklärung, warum der oder die „niemanden abgekriegt hat“. Alle Märchen sind heterosexuell, der Prinz kriegt die Prinzessin und nicht etwa den Prinzen. Dies läßt sich beliebig fortsetzen: Film, Massenmedien, Lieder, Schlager usw.

Hier wird der Unterschied zwischen der Situation der Homosexuellen und der anderer Minderheiten am deutlichsten. Ein Angehöriger einer nationalen Minderheit wächst in einer Familie seiner Nationalität auf, ein schwarzes Kind lebt gewöhnlich in einer schwarzen Familie, religiöse Minderheiten bilden feste soziale Gruppen, innerhalb derer Identifikations­angehote vorhanden sind. All dies gibt es für Homosexuelle nicht. Das bedeutet aber nicht, daß ein völliges Vakuum in bezug auf das Bild „Homosexueller“ bei einem solchen Jugendlichen herrscht.

Sachinformationen sucht der Jugendliche erst dann, wenn der Verdacht der eigenen Homosexualität schon recht weit gediehen ist. Sehr viel eher einsetzend und daher viel stärker prägend ist das Bild des Schwulen oder der Lesbe, das die in unserer europäischen Kultur herrschende Verachtung der Homosexualität zeichnet. Jeder von uns kennt es: der Schwule mit der weichen Falsettstimme aus den Schwulenwitzen, die kreischende Schwuchtel im Lustspielfilm, den in der ganzen Stadt bekannten Schwulen, an dem eigentlich gar nichts Besonderes ist, der aber ständig nur unter diesem einen Aspekt gesehen wird und über den die unglaublichsten Geschichten kursieren, und als Pendant dazu die zigarrenrauchende Lesbe mit Männerhaarschnitt im Herrenanzug. Diese Bilder sind überall vorhanden und werden bei jeder Gelegenheit zitiert. Heterosexuelle merken vermutlich nicht, wie oft sie mit diesem Bild von Schwulen und Lesben konfrontiert werden. Das Vorurteil herrscht nahezu überall. Für den Jugendlichen ist es erst einmal völlig unmöglich, sich mit diesem Bild zu identifizieren.

Das bedeutet, daß ein Jugendlicher, der merkt, daß er vielleicht homosexuell ist, als Konsequenz dieser Tatsache nicht nur die Ablehnung eines großen Teils seiner Umgebung zu erwarten hat, sondern es setzt ein Prozeß ein, der für den einzelnen unter Umständen verheerende Folgen hat. Mit zunehmender Bewußtwerdung der eigenen Homosexualität kommt es zur unbewußten teilweisen Identifikation mit dem in Kindheit und Jugend gelernten negativen Bild des Schwulen. Das bedeutet, daß die Ablehnung, die bisher den Homosexuellen entgegengebracht wurde, nun auf die eigene Person übertragen wird. Die verinnerlichten

gesellschaftlichen Normen, die von jedem heterosexuelles Verhalten fordern, können in dieser Phase nicht relativiert werden.

So bedeutet die subjektive Gewißheit der eigenen Homosexualität gewöhnlich auch das Eingeständnis des eigenen Versagens, der Unfähigkeit, das zu tun, was alle anderen können, der Unnormalität, Sündhaftigkeit, Krankheit - je nachdem, wie Homosexualität in der Umwelt dargestellt wurde.

Es tritt ein Phänomen in Erscheinung. das als Selbsthaß bezeichnet wird und das allen unterdrückten Minderheiten eigen ist. Daß unter diesen Umständen der Aufbau eines gesunden Selbstbewußtseins, einer Identität, eines Einsseins mit sich selbst, nahezu ausgeschlossen ist, ergibt sich von selbst. Unter homosexuellen Jugendlichen ist die Suizidrate dreimal so hoch wie unter heterosexuellen. Da Homosexualität als nicht erwünscht erlebt wird, kann sie nicht positiv in die Persönlichkeit integriert werden. Sie wird abgespalten. In dieser Abspaltung der Sexualität liegt auch der Grund für die starke Promiskuität und Bindungslosigkeit vieler Homosexueller. Das bedeutet nicht, daß es nicht auch Schwule und Lesben gibt, die ihre Homosexualität bejahen und sie positiv in ihr Leben integriert haben. Das ist aber das Resultat eines Kampfes, den kein Heterosexueller zu führen braucht: den Kampf gegen die alles beherrschende Norm und gegen sich selbst.

Die meisten Homosexuellen haben mehr oder weniger intensive heterosexuelle Erfahrungen. Dies dürfte nicht so sehr Ausdruck eines tatsächlichen sexuellen Bedürfnisses sein als vielmehr Ausdruck des Kampfes gegen die Homosexualität. Der größte Teil gibt diese Versuche wegen der schnell erkannten Aussichtslosigkeit wieder auf. Es gibt jedoch eine Anzahl von Homosexuellen, die heterosexuelle Kontakte über eine längere Zeit mit mehr oder weniger Erfolg betreiben. Der heterosexuelle Verkehr wird zum Gegenbeweis gegen die Homosexualität. Sie empfinden sich subjektiv als bisexuell, d. h. als nicht-homosexuell, was in der Skala der möglichen Selbstwahrnehmungen weiter oben rangiert.

Steht am Ende des coming out dann die Einsicht, „Ich bin unwiderruflich schwul bzw. lesbisch“, ist der Kampf noch lange nicht zu Ende. Jeder einzelne muß jetzt versuchen, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Für die meisten bleibt das Faktum Homosexualität eine Defiziterfahrung, die durch das Bemühen um hohe soziale Anerkennung kompensiert wird. Die meisten Homosexuellen stehen daher unter einem überdurchschnittlich hohen Leistungsdruck. Auch wenn Freunde und Kollegen gar nicht Bescheid wissen, versuchen viele Homosexuelle, durch überdurchschnittliche Freundlichkeit und Arbeitsleistung das von ihnen selbst empfundene Defizit auszugleichen.

Ein großes Problem ist, wenn ein Jugendlicher entdeckt, daß er schwul ist, ist das für ihn oft tragisch. Meist stößt er bereits in seiner eigenen Familie auf Unverständnis. Er versucht deshalb häufig, seine Sexualität zu verstecken, was zu psychischen und sozialen Störungen führt.

 Homosexuelle suchen wesentlich häufiger den Rat eines „professionellen Ratgebers“ als beispielsweise den ihrer Eltern, wobei die Erwartungshaltungen an ein solches Gespräch wohl meist relativ gering sind. Immerhin spricht aber reichlich die Hälfte aller Betroffenen zum Zeitpunkt der subjektiven Gewißheit mit irgendjemandem über die eigene Situation.

Wie schon gesagt, sind die Erwartungshaltungen an ein solches Gespräch in den meisten Fällen nicht sehr hoch. Die Hauptmotivation wird wohl sein, den Druck des Alleinseins und des Schweigenmüsscns wenigstens an einer Stelle zu durchbrechen. Daher kann eine positive Reaktion schon eine große Hilfe sein und ermutigend wirken. Allerdings besteht hier für den Seelsorger auch die Chance, positiv und helfend bei der Selbstfindung des homosexuellen Jugendlichen zu wirken.

Dabei sind aber verschiedene Dinge zu beachten. Erste Voraussetzung für ein helfendes Gespräch ist die Akzeptanz. Es ist wichtig, den Jugendlichen in seiner Selbstwahrnehmung grundsätzlich zu nehmen. Es nützt nichts, die Selbstaussage: „Ich bin homosexuell“, in irgendeiner Art relativieren zu wollen.

 

Historischer Abriß:

Im Zusammentreffen der germanischen mit der jüdisch-christlichen Tradition erhielt das Vorurteil dann über zwei Jahrtausende hinweg die Gestalt, in der es in vielen Verzweigungen bis heute fortlebt. In den Kultgesetzen des Leviticus und Deuteronomiums wird Homosexualität als todeswürdiges Verbrechen bezeichnet und kompromißlos abgelehnt. Die Gesellschaft des alten Israel hatte mit dem „Land Kanaan“ ein Gebiet erobert, in dem es eine Bevölkerung mit stark matriarchalisch geprägter Kultur vorfand. Auch hier spielte im Fruchtbarkeitskult um die Gattin Baals, die Göttin Ashera, Homosexualität eine Rolle. Die Bräuche der Baalsreli­gion waren aber tief in das Volk Israel eingedrungen, so daß eine klare Abgrenzung von allen Fremdkulten notwendig schien. Es verdient festgehalten zu werden, daß auch für die patriarchalisch strukturierte Gesellschaft des alten Israel Homosexualität als Verhalten unerträglich war. Im Neuen Testament wird die Ablehnung alles Homosexuellen, der jüdischen Tradition folgend, aufrechterhalten. Allerdings erscheint sie bei Paulus, der als einziger Homosexualität erwähnt, mehr auf der informellen Ebene als Sünde oder Laster. Die alte Kirche kannte verschiedene Bußstrafen. die bis zum Ausschluß aus der Gemeinde rei­chten.

Auch das Zeitalter der Aufklärung änderte nichts an der Verfolgung der Homosexuellen. Die religiöse Vorstellung wurde säkularisiert. Aus Sündern und Ketzern wurden Kriminelle. Der Begriff der Widernatürlichkeit wurde eingeführt. Widernatürliches aber war gefährlich, weil nutzlos für Fortpflanzung, Familie und Staat. Allerdings wurde schrittweise in verschiedenen Ländern die Todesstrafe in schweren Kerker verwandelt. In Preußen wurde 1794 unter Friedrich Wilhelm II. die Todesstrafe für homosexuelles Verhalten abgeschafft.

Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist ein folgenreicher Einschnitt in der Geschichte des Vorurteils erkennbar. Zunehmend begann die medizinische Wissenschaft, insbesondere die Psychiatrie, Homosexualität als „Psychopathia sexualis“ in ihren Zuständigkeitsbereich einzuordnen. Damit war die Ächtung der Homosexuellen in ein neues Stadium getreten. Aus Kriminellen waren Kranke geworden. Der alte Urteilsspruch wurde abgelöst durch einen neuen, nicht weniger totalen. Am Vorurteil selbst wurde nicht gerüttelt. Zugeschüttet von einem oft heuchlerischen Verständnis lebte es fort. Hilfe wurde angeboten für etwas, wofür ehedem Strafe zu erwarten war.

Zugleich aber war diese Wandlung die Voraussetzung dafür, daß Mitte des vorigen Jahrhunderts die Emanzipationsbewegung homosexueller Frauen und Männer entstehen konnte. Das homosexuelle „Geheimnis“ konnte dem Schweigen entrissen werden. Lesben und Schwule wurden zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Theorienbildung. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts dann traten sie als Subjekte politischer Meinungsbildung zu ihrer eigenen Verteidigung auf den Plan. Das „Wissenschaftlich humanitäre Komitee“ unter Führung des homosexuellen Arztes Magnus Hirschfeld begann 1897 mit seiner Arbeit. Es war die erste Selbstorganisation homosexueller Frauen und Männer, die sich die Beseitigung des Paragraphen 175 zum Ziel gestellt hatte.

Eine Eingabe an den Reichstag mit 6.000 Unterschriften wurde verfaßt und von August Bebel dem Parlament vorgestellt. Damals noch ohne Erfolg. Das „Wissenschaftlich humanitäre Komitee“ arbeitete zusammen mit anderen Gruppen weiter bis 1933. Mit der Machtergreifung der Faschisten begann dann das schwerste und grausamste Homosexuellenpogrom der Neuzeit. Die Zahl der in den Konzentrationslagern hingemordeten homosexuellen Männer (und ohne Strafgesetz auch Frauen) ist noch unbekannt. Einige Historiker neigen zu der Vermutung, daß ungefähr 150.000 Schwule umgebracht wurden. Meist wurden sie nach Verbüßung ihrer nach Paragraph 175 verfügten Haftstrafe in Schutzhaft genommen, in KZs verbracht und dort „systematisch schnell und grausam vernichtet“.

Bemerkenswert ist, wie wenig sich das antihomosexuelle Vorurteil über die Jahrtausende inhaltlich gewandelt hat. („Nicht nötig ist es, daß du oder ich leben, aber nötig ist es, daß das deutsche Volk lebt, und leben kann es nur, wenn es kämpfen will, denn leben heißt kämpfen. Und kämpfen kann es nur, wenn es sich mannbar hält. Mannbar ist es aber nur, wenn es Zucht übt, vor allem in der Liebe ... Wer gar an Mann-männliche oder Weib-weibliche Liebe denkt, ist unser Feind. Alles, was unser Volk entmannt, zum Spielball seiner Feinde macht, lehnen wir ab, denn wir wissen, daß Leben Kampf ist, und Wahnsinn, zu denken, die Menschen lägen sich einst brüderlich in den Armen!“

 

Verkehrung oder Veranlagung?

Homosexualität tritt bei rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung auf. Lange war umstritten, ob es sich um eine angeborene Anlage oder um ein erworbenes Verhalten handelt. Sicher ist, daß die sexuelle Ausrichtung eines Menschen bereits entschieden sei, bevor er sich überhaupt seiner Geschlechtlichkeit bewußt werde. Wenn Homosexualität eine konstitutionelle Anlage darstellt beziehungs­weise frühkindlich erworben wird, dann ist im Grunde schon mit der Geschlechtsreife auch über die Richtung des erotischen Begehrens entschieden.

Annähernd fünfzig Prozent der Männer sind irgendwann homosexuell ansprechbar; bei ihnen müssen also die Bereitschaft und die Bedürftigkeit vorhanden sein. Bei den Frauen sind es weniger. Man darf nicht nur von der ausschließlichen Homosexualität ausgehen, man muß stattdessen die großen Gruppen von Menschen einschließen, die irgendwann einmal mehr oder weniger häufig oder stark ein homosexuelles Erleben gehabt haben. Für sie gibt es kein Entweder-Oder, eines braucht das andere nicht auszuschließen.

Nach Kinsey haben 37 Prozent der Männer zwischen Pubertät und Greisenalter homosexuelle Erlebnisse gehabt; zusätzlich haben 13 Prozent homosexuell reagiert, jedoch keinen Kontakt gefunden. Von den Befragten hatten 25 Prozent mehrjährige Erlebnisse, 18 Prozent gleichviel hetero- und homosexuelle Kontakte, zehn Prozent waren mehr oder weniger gleichgeschlechtlich veranlagt, vier Prozent ihr ganzes Leben nur homosexuell.

Unterhundertfünfzig homosexuellen Männern fand er 79 Prozent, die den Zwischenstufen angehörten und mehr weiblich gestaltet waren. 20,5 Prozent waren andromorph, entsprachen aber in ihrem äußeren Erscheinungsbild dem Typ des Asthenikers (Menschen mit zartem Körperbau und schwacher Muskulatur, aber zuweilen reichlichem Fettansatz.) Nur sieben von den hundertfünfzig Homosexuellen waren andromorphe Athleten, bei denen jedoch geistige oder andere Erkrankungen das sexuelle Verhalten beeinflußt haben. Dieser Typ, von solchen Ausnahmen abgesehen, fehlt also unter den Homosexuellen.

Man darf Homosexualität weder als Krankheit noch als Perversion ansehen. Aus psychoanalytischer Sicht wies Professor Helmut Kentler (Hannover) die Vorstellung zurück, die Homosexualität sei „heilbar“: „Die Weltgesundheitsorganisation hat die Homosexualität als Krankheit aus ihrer Liste gestrichen, betonte er.

Auch die Einordnung als kriminell oder sündhaft sei unsachgemäß. Homosexualität stelle vielmehr eine „gleichberechtigte, vollwertige Kommunikationsmöglichkeit“ dar. Wörtlich heißt es: „Ausschlaggebend für unser Urteil kann nicht sein, sondern ihre Qualität: Wie intensiv, wie aufrichtig, wie verantwortlich wird eine Partnerschaft gestaltet?

Homosexualität ist keine „verwerfliche Verirrung“ des sexuellen Verhaltens, die man sich bei einigem guten Willen wieder abgewöhnen könne. Dem widersprechen die Zeugnisse vieler - auch gläubiger - Homosexueller, die sich Jahre und Jahrzehnte hindurch bemüht haben, gegen ihre Neigung anzugehen, unter Umständen sogar eine Ehe geschlossen und eine Familie gegründet hätten. „Am Ende aber stand keineswegs die erhoffte und erstrebte Befreiung, sondern die immer tiefere Verstrickung in Lüge und Verstellung, in Schuldgefühle und Verzweiflung.

 

Freundschaft ist etwas anderes:

Indem nämlich der Erastes nur immer nach jungen, unausgereiften, noch im unentschiedenen Stadium lebenden Knaben beweist weist er seine eigene prinzipielle Ungeschiedenheit oder - medizinpsychologisch ausgedrückt: seine eigene prinzipielle Infantilität. Reifung ist Entscheidung. Reife ist Geschiedenheit. Manches im Leben bleibt „infantil“, das ist gar nichts Besonderes, und auch die Menschheit befindet sich in mancher Hinsicht auf frühkindlichen Stufen, ja sogar im höchsten Hiesigen, im künstlerischen Akt, darf man ohne Zögern eine kindhaft ungeschiedene Antwort auf Geschick sehen, ein listiges Überspielen der Zärtlichkeit, ein Als-ob, das vor dem wissenden Auge des tragisch hinfälligen Menschen nur für die Weile des Eintauchens ins Werk Zeitlosigkeit schenken kann. Aber ebensosehr gilt, daß manche Formen der Kindlichkeit hier und jetzt nicht mehr unbefangen hingenommen werden.

Und genau an diesem Punkt liegt die Tragik dieser Männer, denen mit der Strafrechtsreform kaum eine nennenswerte Erleichterung verschafft werden kann. Die Reform kann im besten Fall den geschlechtlichen Verkehr zwischen erwachsenen Männern freistellen, denn das ist mit der Formulierung gemeint, die Homosexualität nicht mehr an sich als strafwürdig zu behandeln. Minderjährige aber müssen geschützt werden. Und da liegt es: eben nach Minderjährigen, nach Knaben streckt der Erastes verlangend seine Hände aus. Ein homosexueller Mann im Großvateralter wird sich nie nach einer brüderlichen Großvaterseele sehnen, sondern immer nach Knabenseelen, und in Wirklichkeit natürlich nach Knabenkörpern.

Liebende altern miteinander, ohne daß sie erlahmen müssen; im Laufe des Lebens pendeln sich die verschiedenen Komponenten jeweils so ein, daß die Totale immer erhalten bleibt. Wogegen im homosexuellen Verhältnis der umworbene Partner stets jung sein muß; wächst er über das Ephebenalter hinaus, verliert er die Anziehungskraft. Die homosexuelle Beziehung ist ihrer Natur nach ein mann-männliches Lolita-Erlebnis.

Homosexualität ist außerdem ein Abweichen von der menschlichen Norm, sowohl geistig als auch seelisch und körperlich! Sie ist eine verstümmelte, infantile Art von Liebe. Solange aber der Homosexuelle kein Rechtsgut wie Jugend, Abhängigkeit und öffentliche Schicklichkeit verletzt, gibt es keine rechtliche Handhabe, ihm seine Neigung zu verwehren. Die Homosexualität unter Erwachsenen muß unter allen Umständen freigegeben werden.

Minderjährige aber müssen ebenso bedingungslos geschützt werden, da die Verführbarkeit, die abnorme Fixierung sonst noch normal Fixierbarer, im zweiten Lebensjahrzehnt, dem Reifealter, eminent naheliegt.

 

 „Christliche“ Auffassung:

Biblische Gründe gegen die Homosexualität sind nicht für gegeben. Bei allen anführbaren Stellen geht es um religiös-kultische Bestimmungen. Eine persönliche Liebesbeziehung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern ist gar nicht im Blick der biblischen Autoren.

 

Das Vorurteil wird in der Hauptsache nach zwei Richtungen ausgezogen: Bei mehr fundamentalistisch orientierten Gruppierungen in der Kirche wird grundsätzlich am Begriff des sündigen Handelns festgehalten. Es gibt keine „Bekehrungen“: Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein echter Homophiler durch eine Bekehrung heterosexuell geworden sei.

Aber einige Vertreter dieser Richtung bemühen sich dann um Heilmethoden für die „Krankheit“, die zumeist dem Arsenal der Behandlungstechniken bestimmter psychoanalytischer Theorien entliehen sind. Hier kann mit Martin Dannecker und Reimut Reiche gesagt werden: „Alle diese Theorien und Therapien haben im Kampf gegen die Krankheit Homosexualität ihre Insuffizienz immer wieder bewiesen, sind aber geeignet, keine Zweifel über die Einstellung ihrer Vertreter zu den Homosexuellen aufkommen zu lassen. Derartige Therapien und Techniken befinden sich unverhüllt in Übereinstimmung mit der Diffamierung durch das herrschende Vorurteil, die den Leidensdruck verstärkt, der die Individuen zu Behandlung treibt“.

Vertreter einer anderen, an einer Theologie der Schöpfungsordnungen orientierten, sehr starken kirchlichen Gruppe bescheinigen ihren homosexuellen Mitmenschen ein Zurückbleiben hinter dem Schöpfungsangebot. Die bürgerliche Kleinfamilie unserer Zeit bekommt hier regelrecht Bekenntnisrang. Aus der Homosexualität wird eine Art angeborener (oder erworbener) Behinderung zum normativen Ehevollzug. Falls den Betroffenen nun ein Verzicht auf homosexuelle Praxis nicht möglich ist (was aber das Bessere wäre), werden sie der Fürsorge der Gemeinde anheimgestellt. Ihre Homosexualität wird als ein von Gott aufgetragenes Leiden verstanden, das sie a priori zu Behinderten macht.

Nur innerhalb seiner Schöpfungsordnung „fügt“ Gott Menschen zusammen. Von der homosexuellen Gemeinschaft kann nicht gesagt werden, sie sei von Gott zusammengefügt. Deshalb ist es nach meiner Überzeugung unmöglich in gleichgeschlechtlichen Gemeinschaftsformen so etwas wie eine gleichberechtigte Lebensform neben der Ehe zusehen. Es gibt keinen Grund für eine moralische Überheblichkeit gegenüber homosexuell veranlagten Menschen. Es gibt aber auch keinen Grund dafür, irgendeine andere Gemeinschaftsform dem von Gott gewollten Stand der Ehe gleichzustellen.

Wie stellen sich nun die Vertreter jener Richtung die Lösung des Problems vor? Auch da, wo es ihnen um Annahme geht, wird grundsätzlich an der Vision von der Gefährlichkeit der Homosexuellen festgehalten, vor deren „Verführungskünsten“ sich die christliche Gemeinde schützen soll. Es wird für eine eindeutige Trennung von Hetero- und Homosexuellen in „Gesunde“ und „Behinderte“ plädiert, und zwar unter der Bedingung der eindeutigen Überlegenheit und Vorherrschaft der „Gesunden“ über die „Behinderten“, was sich in der Frage nach dem Zugang zu Gemeindeämtern manifestieren soll. In offenkundiger Partnerschaft lebende Homosexuelle sind für das Pfarramt ungeeignet.

Dieses Modell des Umgangs mit Menschen, denen eine herrschende Gruppe mindere Eigenschaften zuschreibt, ist nicht unbekannt in Kirche und Welt. Alle Argumentationsgebilde antihomosexueller Apologeten in unserer Kirche zielen, konsequent zu Ende gedacht, auf Ausgrenzung der homosexuellen Minderheit.

 

a.) Das antihomosexuelle Vorurteil und die Homosexuellen

Auch ohne Psychologe zu sein, wird man sich leicht vorstellen können, was es für einen Menschen bedeuten muß, nur von rund der Hälfte seiner Mitmenschen als gleichwertig angenommen zu sein (vgl. Starke/Friedrich, Umfrage). In der traditionellen christlichen Gemeinde dürfte sich dieses Verhältnis noch mehr zuungunsten der Betroffenen verschieben. Eine solche Situation wird die Persönlichkeit des Betroffenen deformieren, sein soziales Verhalten zumindest grundlegend beeinflussen.

Die meisten Menschen, die mit dem Erlebnis einer extremen Außenseiterposition konfrontiert sind, stürzen in Identitätskrisen, die unter Umständen lebenslang andauern können. In einer amerikanischen Untersuchung berichteten 55 Prozent der befragten homosexuellen Männer und Frauen über das Vorkommen von Angst und Schuldempfindungen bezüglich ihrer Sexualität - fast doppelt soviel wie bei einer entsprechenden heterosexuellen Kontrollgruppe. Schwule und Lesben übernehmen nicht selten einen Teil der öffentlichen Meinung zur eigenen Person, das heißt sie definieren sich selbst und ihre Minderheit entlang der Stereotype des antihomosexuellen Vorurteils, selbst wenn das den Ansprüchen eines entwickelten Selbstwertgefühls widerstreitet. Die fast aggressive Ablehnung der sogenannten „Tunten“, also der „effeminierten“ Homosexuellen, ist nur so zu erklären. Oft herrscht unter homosexuellen Männern ein Männlichkeitswahn, der angesichts der tatsächlichen homosexuellen Wirklichkeit nur grotesk genannt werden kann.

Auf diese Weise entsteht ein Selbsthaß, der wiederum Neurosen verursacht, was insgesamt zu einer Selbstmordanfälligkeit führt, die gegenüber der Gesamtbevölkerung erheblich gesteigert ist. Viele neurotische Symptome und Verhaltensauffälligkeiten sind nur zu verstehen als Re­ak­tion auf die diskriminierte Situation.

Die meisten Homosexuellen verschweigen ihr Sosein in der Öffentlichkeit bis hinein in ihre Familien und den Kreis der nächsten Menschen. Das heißt also, sie firmieren in ihrer Umwelt als heterosexuell. Ihr eigentliches Wesen, ihre homosexuelle Prägung, darf nur im von ihnen selbst verachteten Dunkel, beispielsweise einer Klappe (öffentliches Pissoir, das zum Begegnungsort für Homosexuelle geworden ist), „herausgelassen“ werden. Das heißt, die Homosexualität kann nicht in die eigene Lebenskultur integriert werden, sie wird abgespalten. Insgeheim aber werden folgerichtig alle Lebensbezüge sexualisiert. Die Ursache für „Klappensexualität“ liegt also nicht in der moralischen Minderwertigkeit der Schwulen, sondern in der Diskriminierung homosexuellen Verhaltens. Die Unmöglichkeit, homosexuelle Antriebe voll ausleben zu können, also die erzwungene Diskrepanz zwischen nach außen dargestelltem und innerlich erlebtem Ich, läßt den Stellenwert von Sexualität unangemessen steigen und droht alle Lebensbezüge zu sexualisieren.

Infolge der Nichtakzeptanz durch die Umwelt wird die abweichende Position überhöht wahrgenommen, was sich zum einen in der schon erwähnten Übersexualisierung der Lebensbezüge, zum anderen aber darin manifestiert, daß sich der Homosexuelle auch in sozial akzeptable Rollen am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundeskreis nicht mehr voll einbringen kann. Eigentlich routinierter sozialer Umgang wird problematisch. Diese Schwierigkeiten werden hauptsächlich im „coming out“, das heißt in der Phase des Bewußtwerdens der sexuellen Ausrichtung, eine Rolle spielen. Sie setzen aber das ins Werk, was Ärzte und Psychologen später eine „neurotische Fehlentwicklung“ nennen werden.

Antihomosexuelle Äußerungen verlaufen zu einem Gutteil wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, sie führen Tatbestände, die sie verurteilen, selbst erst herbei. Wir haben hier einen sozialen Mechanismus, den man als Regelkreis bezeichnen kann, vor uns. Es ist dies ein Teufelskreis aus Diskriminierung und Angst. Die Umwelt lehnt Homosexualität ab und schafft Negativklischees, die Homosexuellen werden dadurch in mancher Hinsicht verbogen - die Umwelt lehnt sie wegen dieser Reaktion nur umso stärker ab.

 

Zum Begriff Antihomosexualität:

Antihomosexualität spielt als Begriff sowohl in der neueren Sexualwissenschaft, in der Soziologie als auch bei den Vertretern der homosexuellen Emanzipationsarbeit eine bedeutende Rolle und meint die Summe aller ablehnenden Denk- und Verhaltensweisen zur Homosexualität.

Wie jemand reagiert. der mit dem Phänomen Homosexualität konfrontiert wird (zum Beispiel in einer Befragung), entscheidet sich nicht an Instinkten oder anderen Merkmalen der genetischen Ausstattung des Menschen, sondern ist Ergebnis eines sozialen Lernprozesses, den jeder Mensch nach seiner Geburt durchmachen muß, in dem er die Regeln und Normen seiner jeweiligen Kultur verinnerlicht.

In einer soziologischen Untersuchung zu Fragen der Sexualität, die auch Fragen zur Homosexualität einschloß. konnten nur 52 Prozent der Befragten dem Statement: „Niemand sollte wegen homosexueller Neigungen diskriminiert werden“, vorbehaltlos zustimmen. Es stimmten 77 Prozent der befragten Bürger dem Satz zu: „Homosexuelle sind irgendwie weibisch“, 68 Prozent meinten, daß „Homosexuelle eine Gefahr bilden, weil sie oft versuchen, Jugendliche zu verführen“. Und 56 Prozent meinten: „Wenn Homosexualität um sich greift, dann schwächt das die Volkskraft“, und 70 Prozent votieren dafür, in der Homosexualität eine Krankheit zu sehen.

Die angeführten Daten sprechen eine deutliche Sprache. Den Homosexuellen geht offensichtlich ein ganz bestimmter Ruf voraus Es werden ihnen außer einem sexuell abweichenden Verhalten noch weitere, kennzeichnende „Eigenschaften“ zugeschrieben, die ihren sozialen Status betreffen. Der Volksmund weiß noch vieles über sie zu berichten. So sollen sie im Auftreten mehr feminin und weich sein. Jeder Schwulenwitz erzielt seine Pointe dadurch, daß man an einer bestimmten Stelle in höherer Stimmlage spricht. Sie gelten als besonders sensibel, affektlabil. unzuverlässig und ungebunden. Ausnahmen bestätigen sozusagen die Regel. Bis in die jüngste Zeit kommentiert ein Teil der Wissenschaft den Volksmund durchaus bestätigend. Laien- und Wissenschaftlertheorien sehen Homosexuelle, freilich verschieden graduiert, unter den vier Gesichtspunkten: abnorm, gefährlich, asozial und krank.

 

Ursachen der Antihomosexualität:

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Rollenklischees, in denen Frauen und Männer seit Tausenden von Jahren erzogen wurden. Als wesentlichstes Element der Rollenteilung unseres Kulturkreises sticht die herrschende Rolle des Mannes und Vaters in allen öffentlichen Angelegenheiten hervor. Das heißt: Alle Machtentscheidungen wurden von Männern gefällt - eine Herrschaft der Väter: das Patriarchat. Männer führten die öffentlichen Auseinandersetzungen, was heißt, sie sicherten das Terrain, führten Kriege, erarbeiteten, eroberten und verteidigten das Sozialprodukt. Der Frau oblag die Erziehung der Kinder, die Pflege des Mannes, der mit innerer Wärme zu versorgende häusliche Bereich.

Um diese gesellschaftliche Struktur aufrechterhalten zu können, mußten Männer und Frauen ganz bestimmte - unterschiedliche - Rollenerwartungen erfüllen. Während der Mann sich in verschiedene öffentliche Konkurrenzverhältnisse (mit den Geschlechtsgenossen) begab, um die Versorgung der Familie und des Stammes zu sichern, konnten Frauen mehr emotional gefärbte Bedürfnisse verwirklichen, die für ihre „häuslichen Verpflichtungen“ gut brauchbar waren. Das Rollenmuster: aktiver Mann - passive Frau, hielt sich durch. Als Synonym für männliches Verhalten wurden häufig noch Begriffe wie Härte, Durchsetzungsvermögen und Dominanz assoziiert, während weibliches Verhalten mit Hingabebereitschaft, Weichheit und Emotionalität gleichgesetzt wurde. Und obwohl das Verhalten, das unter weiblich firmierte, für die gesellschaftliche Struktur des Patriarchats und seine Erhaltung ungemein wichtig war, zeigte doch die umfassende Rechtlosigkeit der Frau im öffentlichen Bereich die Verachtung, die das Patriarchat allem Weiblichen entgegenbrachte.

Die landläufige Meinung, homosexuelle Männer zeichneten sich durch besonders „weibisches“ Aussehen oder Verhalten aus, ist nach dieser Typologie eindeutig falsch; eben weil so viele den Zwischenstufen angehören, in denen sich „typisch“ weibliche und männliche Merk-

male unentwirrbar mischen, sind sie vor strafechtlicher Verfolgung oder Denunziation relativ sicher, denn sie können sich unauffällig unter anderen Menschen bewegen. Im Gegensatz zur üblichen männlichen Geschlechtsrolle neigt die Mehrzahl von ihnen zur Passivität. In ihrem Wunsch nach Führung vertrauen sie sich entweder älteren oder überlegenen Frauen oder Führernaturen des eigenen Geschlechts an.

Man kann nicht alle, die den Zwischenstufen angehören im für gefährdet erachten. Diese Men­schen sind anlagemäßig zweigleisig. Ob es im einzelnen zu hetero- oder homosexuellen Kontakten kommt, hängt ab von der individuellen Konstitution oder den Partnern, die gerade zur Auswahl stehen.

Die Kulturgeschichte weist aus, daß das Patriarchat Weiblichkeit immer auch als untergründige Gefahr empfand und für die Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Leben sorgte.

Der Mann, der dieses strenge Rollenschema durchbrach und Männer liebte, mußte als prinzipielle Gefahr für die männliche Herrschaft empfunden und ausgeschieden werden. Seine Liebe „verriet“ nämlich das Konkurrenzprinzip zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts, dem das Patriarchat seine Stabilität verdankt. Ihm wurden bestimmte weibliche Eigenschaften angedichtet, das heißt: Er fiel derselben Verachtung anheim, die die Männer den Frauen entgegenbrachten. Außerdem mußte er Furcht auslösen, weil er lebendiges Sinnbild dafür war, daß die Rollen- und Machtverteilung in der patriarchalischen Gesellschaft nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher Prozesse war.

 

Antihomosexualität als Abwehrmechanismus:

Die Forschungsergebnisse des amerikanischen Soziologen Alfred Kinsey lösten in den USA in den fünfziger Jahren Entsetzen und Ratlosigkeit aus. Er hatte in einer ersten umfangreichen Befragung zum sexuellen Verhalten von Frauen und Männern festgestellt, daß über 50 Prozent aller Befragten mindestens einmal in ihrem Leben homosexuelle Kontakte hatten. Etwa vier Prozent aller Befragten waren manifest homosexuell. Die Nation war bloßgestellt, das bisher Verschwiegene kam ans Licht. Den Amerikanern wurde schlagartig klargemacht, daß ihr Bild von Moralität und Sitte eine Fiktion war, die durch die Wirklichkeit nicht gedeckt wurde. Kinsey sprach dann von einem homo-heterosexuellen Kontinuum, in das er seine Probanden einreihen müsse. Homosexualität und Heterosexualität seien keine eindeutigen Festlegungen, sondern Menschen seien eigentlich bisexuell veranlagt, und die Wissenschaft habe nur zu untersuchen, was zur ausschließlichen Ausprägung des einen oder anderen Verhaltens führe.

Die aufmerksamsten und hartnäckigsten Verfolger von Homosexuellen haben oft selbst homosexuelle Neigungen, die sie aber nicht wahrhaben wollen und auf andere Menschen übertragen. Indem sie die Homosexualität bei anderen bekämpfen, unterdrücken sie ihre eigene Homosexualität“ (nach Helmut Kentler). Die Auswirkungen dieser Triebunterdrückung sind für die Betroffenen vernichtend. Sie reichen von Mord an Homosexuellen (wie im Faschismus) über offen und aggressiv formulierte Ablehnung bis zu sublimen Formen des Mitleids sowie der Fürsorge und Heilung (vgl. einige fundamentalistische Stellungnahmen). Die Unwissenschaftlichkeit und unbelehrbare Verbohrtheit, mit der auch in der Kirche häufig antihomosexuelle Argumentationsketten entworfen und verteidigt werden, können eigentlich nur aus einem solchen Projektionsmechanismus heraus erklärt werden.

 

Homosexuelle Pfarrer:

Ein Pfarrer äußert: „Ich lebe mit meinem Freund im Pfarrhaus. Er ist in der Kirchengemeinde sehr aktiv und wird von der Gemeinde als mein Lebenspartner akzeptiert. Ein Grundfehler des EKD-Papiers ist, nicht mit der Lernfähigkeit von Gemeinden zu rechnen. Es gibt Unterschiede zwischen Stadt- und Landgemeinde, zwischen eher liberal und eher konservativ geprägten Gemeinden, wobei das nicht identisch sein muß zwischen Stadt und Land. Meine Erfahrung zeigt, evangelische Gemeinden sind bereit, sich auf ein Experiment einzulassen und einen homosexuellen Pfarrer als Gemeindepfarrer zu wählen!“

Der homosexuellen Pfarrers Klaus Brinker (46) im Dienst der Evangelisch- Lutherischen Landeskirche Hannover wurde 1981 aus dem Dienst als Hilfspfarrer entlassen worden, weil er mit seinem Freund eine homosexuelle Lebensgemeinschaft „mit dem Anspruch auf öffentliche Anerkennung“ praktizieren wollte. Der Zusammenhang zwischen öffentlichem Predigtamt und Lebenszeugnis sei unauflöslich; die öffentliche Anerkennung einer homophilen Partnerschaft widerspreche aber biblisch-reformatorischer Tradition.

Das Verwaltungsgericht bezog sich auf die Autonomie, selbst über die Anforderungen an Amtsinhaber bestimmen. Wörtlich heißt es in dem Urteil: „Deshalb können für die Amtsträger der Kirchen im staatlichen Bereich geltende Grundrechte ausgeschlossen oder beschränkt sein. wenn dies aus der Bindung an den kirchlichen Auftrag erfolgt.“

In Thesen zu der Frage der Homosexualität bei Theologen hieß es noch: „Ob ein Homosexueller durch Straftat kund wird oder durch Selbstkundgabe - der erste Schritt einer jeglichen Unternehmung bestünde darin, ihn einer psychotherapeutischen Behandlung zuzuführen und ihn von allen Aufgaben an männlichen Jugendlichen zu dispensieren. Von dem Pfarrer, der um seine homosexuelle Neigung weiß, darf erwartet werden, daß er selber den Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung sucht und den Umgang mit männlichen Jugendlichen vermeidet. Er hat wie jeder andere Pfarrer zu bedenken; daß sein gesamtes Verhalten als Maßstab für die Glaubwürdigkeit seiner Verkündigung gewertet wird. Ein Pfarrer; der seiner homosexuellen Neigung trotz aller Hilfe nicht Herr zu werden vermag, ist in einen anderen Dienst zu versetzen, weil er als potentieller Verführer ständig eine Gefahr für seine Umwelt darstellt!“

Landesbischof Leich sagte damals: „Ich halte es für möglich, daß Gott in seiner Macht über die gesamte Schöpfung ein Wunder vollbringen und eine Veranlagung aufheben oder umkehren kann. Aber diese Möglichkeit steht in der Verfügung Gottes. Sie darf nicht zum Programm menschlicher Aktivität werden!“und „Von einem Diener im Amt der Kirche wird die Bereitschaft erwartet, den Willen Gottes zu bejahen und in den von Gott gewollten Ordnungen zu leben. Dazu gehört die Ordnung des Ehestandes. In zwei Lebensformen ist ein „Ja“ zu dieser Ordnung möglich, das auch in dem Dienst des Pfarrers als Prediger und Lehrer ausgesprochen werden muß. Es geschieht durch das Leben im Ehestand oder durch das ehelose Leben. über dem Leben in der Ehe liegt die Verpflichtung, die eigene Ehe möglichst so zu führen, daß der Pfarrer oder die Pastorin jeweils mit der Familie zu einem einladenden Vorbild werden kann. In der Ehelosigkeit verzichtet ein Diener im Amt der Kirche um des Dienstes oder um persönlicher Gründe willen auf die Ehe. Aber er bezeugt durch seinen Dienst den Ehestand als Gottes gute Ordnung. Auch das ehelose Leben des Pfarrers oder der Pastorin bleibt bei dem Versuch verpflichtet, Vorbild zu sein. Der Verzicht auf die Ehe kann nicht durch den Versuch ausgeglichen werden, sexuelle Befriedigung in wechselnden oder dauerhaften nichtehelichen Beziehungen zu suchen!“

 

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat im März 1996 eine „Orientierungshilfe zum Thema Kirche und Homosexualität“ herausgegeben. Hier wird die homosexuelle Lebensform respektiert und gleichgeschlechtlichen Pastoren der Zugang zum Pfarramt in Einzelfällen gewährt, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllten. Homosexuellen Pfarrern wird „nach gründlicher Prüfung“ die Ausübung ihres Amtes nicht grundsätzlich verwehrt. Doch sollten sie darauf verzichten, das eigene Sexualleben durch Verhalten oder Worte zum Inhalt der Verkündigung zu machen, sondern sie sollten die „Begrenztheit“ ihrer Lebensform und zugleich „Ehe und Familie“ als allgemeines Leitbild anerkennen.

Die Homosexuellen-Ehe wird ebenso abgelehnt wie die gleichgeschlechtliche Partnerschaft im Pfarrhaus. In diesem Punkt entpuppe sich die Orientierungshilfe als „Dokument der Scheinheiligkeit“, hieß es vom Schwulenverband in Deutschland (Köln): „Neben einigen Fortschritten enthält das EKD-Papier schlimme Ausgrenzungen homosexueller Menschen!“

Ehe und Familie gelten noch als Leitbild, das mit der Schöpfungsordnung gerechtfertigt wird. Bei dieser Interpretation bleiben Homosexuelle außen vor. Damit knüpft die Kirche an theologische Vorstellungen an, die in der Nazizeit böse Folgen gezeigt haben, als in unheiliger Zeit behinderte und homosexuelle Menschen angeblich der Schöpfungsordnung nicht entsprachen und deswegen ausgegrenzt und letztendlich vernichtet wurden. Ehe und Familie gelten heutzutage nicht mehr als allein selig machende Lebensform. Es muß für homosexuelle Menschen möglich sein, den Segen der Kirche für ihre Beziehung zu bekommen.

Homosexuelle Seelsorger sind nicht besser oder schlechter als andere. Es kommt darauf an, welche Offenheit ich für ein Gespräch mitbringe, wie sehr ich mich einfühlen kann und wie sehr ich mich mit meinen eigenen Einstellungen hinterfragen lasse. Insgesamt bereichern homosexuelle Seelsorger die Kirche.

Pröpstin Frankfurter Pröpstin Helga Trösken trat dafür ein, die sexuelle Orientierung nicht zum Kriterium bei der Einstellung zu machen. Sie stören sich auch nicht an gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in Pfarrhäusern.

Als erste der evangelischen Landeskirchen in Deutschland hat die Pommersche Kirche homosexuelle Theologen nicht mehr vom Pfarramt ausgeschlossen. Nach kontroverser Diskussion hat die Kirchenleitung mit einer Stimme Mehrheit beschlossen, daß in ihrer Landeskirche „eine prinzipielle Offenheit für die Ordination von Homosexuellen besteht“, teilte die Pressestelle des Konsistoriums am 23. März in Greifswald mit.

 

Homosexuelle Kirchliche Mitarbeiter:

Die katholische Kirche darf Mitarbeiter nicht entlassen, weil sie homosexuell sind. Mit diesem Urteil (Aktenzeichen 1 Ca 125/92) ermöglicht das Arbeitsgericht Lörrach einem Erzieher, in einer Schule der katholischen Kirche weiterzuarbeiten. Er sollte entlassen werden, weil seine Homosexualität gegen die katholische Morallehre verstoße. Dieser Lehre könne die staatliche Ordnung nicht folgen, meint das Arbeitsgericht. Das Verbot homosexueller Kontakte und heterosexueller Betätigung außerhalb der Ehe könne nicht ohne seelischen Schaden beachtet werden. Mit wesentlichen Grundsäen des deutschen Rechts und den guten Sitten sei es nicht vereinbar.

 

Segen ja, aber nicht im Gottesdienst:

Das Segnen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften im Gottesdienst wurde schon in der Orientierungshilfe jedoch abgelehnt. Im Dezember 1996 hieß es noch: Schlagzeilen wie „Schwulen-Hochzeit in der Kirche“ soll es nicht mehr geben. Im teilweise erbitterten Streit um die Segnung von Homosexuellen hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zwar kein Machtwort, aber aus ihrer Sicht doch eine Art Schlußwort gesprochen: Segen ja, aber nur im „intimen“ Rahmen der Seelsorge, nicht im öffentlichen Gottesdienst. In einer am 14. März vorgelegten Orientierungshilfe zum kirchlichen Umgang mit Homosexualität will die EKD „Weichenstellungen“ bewirken.

Homosexuell geprägte Menschen dürfen danach nicht abgewiesen werden, wenn sie um kirchlichen Segen bitten. Doch wird nicht die homosexuelle Partnerschaft an sich gesegnet. Der Segen, der immer auch das Moment der „Einwilligung Gottes“ enthalte, komme allein den Menschen zu, die in einer solchen Gemeinschaft verantwortungsvoll leben, heißt es.

Um das Mißverständnis auszuschließen, es könne sich um eine „Trauung“ und damit kirchliche Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft handeln, sollen schwule und lesbische Paare nicht im Gottesdienst gesegnet werden. Dies bedeute nicht, daß es „klammheimlich“ geschehe. Nur wenige Menschen haben die Gabe, sexuell enthaltsam leben zu können. Folglich müsse auch Homosexualität gelebt werden - und zwar ethisch verantwortlich.

 

 

Wie aktuell sind biblische Aussagen?
Laura Schlessinger ist eine US-Radio-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen. Ratschläge erteilt. Kürzlich sagte sie, als achtsame Christin, daß Homosexualität unter keinen
Umständen befürwortet werden kann, da diese nach 3. Mose 3, 18- 22 ein Greuel wäre. Der folgende Text ist ein offener Brief eines US-Bürgers an Dr. Laura, der im Internet verbreitet wurde.

Liebe Dr. Laura
Vielen Dank, daß Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen. Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebens­wandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, 18-2, wo klargestellt wird, daß es sich dabei um ein Greuel handelt. Ende der Debatte.
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind,
a) Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, daß dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (3. Mose 1,9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Ge­ruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
b) Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in 2. Mose 21,7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
c) Ich weiß, daß ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (3. Mose 15,19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
d) 3. Mose 25,44 stellt fest, daß ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, daß würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?
e) Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. 2. Mose 35,2 stellt deutlich fest, daß er getötet werden muß. Allerdings: bin ich moralisch verpflichtet ihn eigenhändig zu töten?
f) Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Greuel darstellt (3. Mose 11,0), sei es ein geringerer Greuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
g) In 3. Mose 21,20 wird dargelegt, daß ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muß zugeben, daß ich Lesebrillen trage. Muß meine Sehkraft perfekt sein oder gibt es hier ein wenig Spielraum?
h) Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch 3. Mose 19,27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?
i) Ich weiß aus 3. Mose 11,16-8, daß das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?
j) Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen 3. Mose 19,19 weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, daß wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette
Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (3. Mose 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (3. Mose 20,14)

Ich weiß, daß Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zu­versichtlich, daß Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, daß Sie uns daran erinnern, daß Gottes Wort ewig und unabänderlich ist. Ihr ergebener Jünger und bewun­dernder Fan Jake




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Homepage von Peter Heckert