Arten von Deutsch
Lutherbibel: Luther aufs Maul geschaut FAZ 29.04.2015
Eigentlich wollte die evangelische Kirche die Lutherbibel nur auf Fehler durchsehen lassen. Stattdessen kehrt sie an unzähligen Stellen zum Deutsch Martin Luthers zurück.
„Jetzt kommt diese Hackfleischgeschichte“, sagt Christoph Levin. Bei Kapitel 21, Vers 6 angelangt, stehen die in einem Leipziger Tagungsraum versammelten Doktoren, Professoren und Altbischöfe vor einer schwierigen Entscheidung. Was soll mit den sieben Männern geschehen, die König David den Gibeonitem ausliefert? Martin Luther ließ sie im Jahr 1545 „auffhengen“. Die Lutherbibeln der Jahre 1912 und 1984 folgten dem Reformator und ließen die bedauernswerten Männer mit kleiner orthographischer Anpassung „aufhängen“. Welchen Tod werden die Männer also in der Lutherbibel des Jahres 2017 sterben?
Die exegetische Fachkommission für das 2. Buch Samuel schlägt vor, ihnen die „Glieder zu brechen“. Luthers alte Übersetzung „aufhängen“ entspricht nicht mehr dem Stand der Forschung. Ihnen stattdessen die „Glieder zu brechen“, so ließe sich vermuten, müsste doch eine Alternative ganz nach dem Geschmack Luthers sein. Der Leser würde so förmlich das Splittern der Knochen hören. Luther liebte solche knack-scharfen Formulierungen. Doch Christoph Levin, Professor für das Alte Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevorzugt das schlichte „hinrichten“. Im Wörterbuch steht diese Bedeutung an erster Stelle. Auch die katholische Einheitsübersetzung hat sich für „hinrichten“ entschieden. Und woher soll man auch genau wissen, ob die Männer im Text nun durch Aufhängen oder Knochenbrechen sterben? Levins Kollegen nicken. Die Fachkommission ist damit vom Lenkungsausschuss überstimmt worden: Die Gibeoniter werden ihre Opfer in der Lutherbibel künftig „hinrichten“.
Zum Projektbeginn im Jahr 2010 war davon die Rede, die Lutherbibel werde anlässlich des großen Reformationsjubiläums 2017 bloß einer „Durchsicht“ unterzogen. Die Evangelische Kirche in Deutschland suggerierte damit, dass es an der Lutherbibel nur minimale Änderungen. geben werde. Antasten werde man die Übersetzung nur dort, wo Luther oder seinen Nachfolgern nicht der korrekte hebräische oder griechische Urtext vorlag oder die exegetische Forschung Änderungen zwingend nötig erscheinen lässt. Mit dem Begriff „Durchsicht“ stapelte der Rat der EKD, der über das Kulturgut als Herausgeber wacht, so tief wie möglich. Seither hat sich die „Durchsicht“ abseits der Öffentlichkeit und entgegen der ursprünglichen Absicht zu etwas Größerem ausgewachsen: Die überarbeitete Lutherbibel wird in den meisten Teilen eine Vielzahl von Änderungen, teils an markanten Stellen, aufweisen und in wenigen Teilen sogar eine Neuübersetzung sein.
Ende Oktober soll der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm das fertige Gesamtwerk feierlich aus den Händen vom Projektleiter, Altbischof Christoph Kähler, entgegennehmen. Als Ort der Übergabe ist die Wartburg über Eisenach vorgesehen. Also jener Ort, an dem Martin Luther 1521 mit der Bibelübersetzung begann. Das Neue Testament ging Luther auch recht flott von der Hand. Rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse legte Luther 1522 sein „Septembertestament“ vor.
Auf die auratische Einsamkeit über deutschen Buchenwäldern ist die Sprachgewalt der Lutherbibel jedoch nicht zurückzuführen. Das Alte Testament wurde nach Luthers Rückkehr nach Wittenberg übersetzt. Das dauerte dann bis 1534, und Luther, der die Übersetzungen später noch mehrfach überarbeitete, wusste dabei auch die Vorzüge der Arbeit im Team zu schätzen. Der Reformator sammelte für die Bibelübersetzung einen Kreis von Gelehrten um sich. Jedes Wort wurde gewogen, jeder Bedeutung nachgeschmeckt. Luther berichtet, im Hiob sei man „yn vier tagen zu weilen kaum drey zeilen“ vorangekommen.
Luthers Methoden waren teils unkonventionell. Einer seiner Mitarbeiter überliefert, dass Luther sich „etliche Schöps abstechen ließ / damit ihn ein Teutscher Fleischer berichtet / wie man ein jedes am Schaf nennte“. Für Luther konnte eine solche Erkundung etwa für Psalm 7 wichtig werden, in dem es heißt, Gott prüfe „Herzen und Nieren“. Wo man heutzutage eher an Kernspintomographie denken mag, war für Luther von Interesse, dass „die beiden Nieren an den Lenden hangen“, den damaligen Naturkundigen galten die Nieren daher als „Werkzeuge. der Unkeuschheit“.
Charakteristisch für Luthers Übersetzung war insgesamt, dass er recht frei mit den einzelnen Wörtern der Urtexte umging. „Die Grammatik soll nicht über die Bedeutung herrschen“, sagte Luther einmal. Übersetzung war für den Reformator immer auch Auslegung. Nicht die Bedeutung einzelner Worte, sondern die Theologie eines Textes wollte er so präzise und prägnant wie möglich ins Deutsche übertragen.
Vom Ergebnis sind die in Leipzig versammelten Fachleute noch immer angetan. „Grandios“, „hervorragend“, „unglaublich“ nennen sie Luthers Fertigkeiten. Der Germanist Werner Röcke von der Humboldt-Universität hebt insbesondere die Verbindung aus Genauigkeit und poetischer Kraft in Luthers Bibelübersetzung hervor.
Schafe werden für die 2017er Lutherbibel nicht mehr ihr Leben lassen, stattdessen bedient man sich Algorithmen. Einige Klicks mit der Computermaus, und Altbischof Martin Kähler sieht eine Auswertung auf seinem Laptopbildschirm dazu, wie verbreitet ein Wort im Deutschen in den vergangenen Jahrhunderten gewesen ist. Kähler gleicht auch elektronisch den Urtext mit den verschiedensten Übersetzungen ab oder lässt das Programm prüfen, wie dieselbe hebräische Wurzel an anderen Stellen übersetzt wurde. Sogar die Geschwindigkeit wird gemessen, mit der sich der Lenkungsausschuss durch die 1.337 Kapitel der Bibel wühlt. Im Schnitt sind es 1,7 Kapitel in der Stunde.
Für exegetische Feinarbeit bleibt im Lenkungsausschuss kaum Zeit. Im Schnellverfahren müssen sich die beiden Alttestamentler, der Neutestamentler, die Praktische Theologin, der Germanist, der ehemalige reformierte Landessuperintendent und die beiden lutherischen Altbischöfe auf einen Wortlaut einigen. Im Zweifelsfall wird abgestimmt. Ist der Riese Jischbi, der König David in 2. Samuel 21,16 erschlagen will, nun mit einer neuen Waffe „gegürtet“ oder „umgürtet“? Die Diskussion wogt kurz hin und her. Das Problem muss per Abstimmung gelöst werden. Für „gegürtet“ heben sich viele Hände, für „umgürtet“ nur die von Werner Röcke. „Gegürtet - aua. Das tut richtig sagt der Germanistikprofessor und schimpft seine Kollegen „sprachliche Defätisten“.
Jeder hier im Ausschuss muss Niederlagen hinnehmen. Bereitwillig berichtet einer nach dem anderen über die jeweils schmerzlichste. Der Alttestamentler Levin würde den sturmstillenden Jesus nach wie vor gerne in einem „Schiff“ über den See Genezareth fahren lassen, weil die Geschichte dann zur Metapher vom Schiff der Kirche passen würde. Die Ausschussmehrheit hat stattdessen das „Boot“ durchgesetzt - vor allem Levins Kollege Martin Rösel legte darauf Wert. Der Professor aus Rostock scheint seinem mit der Trachtenjacke zur Sitzung nach Leipzig gereisten Kollegen aus München auch zuzutrauen, Tretboote auf dem 5tarnberger See für Schiffe zu halten.
Doch die ans Rechthaben wie ans Rechtbehalten gewohnten Professoren und Bischöfe erwecken den Eindruck, mit solchen Meinungsverschiedenheiten mittlerweile umgehen zu können. Kurz aufregen, rasch weitermachen, abends beim Bier dann scherzen.
Im Verlauf der Unternehmung hat es aber auch schon richtig gekracht. Die Vorstellungen des Lenkungsausschusses über die Lutherbibel 2017 wichen nämlich teilweise erheblich von den Übersetzungsvorschlägen ab, die ihm von den Fachleuten für die jeweilige biblische Schrift vorgelegt wurden. In diesen Fachgruppen arbeiten keine nachrangigen Mitarbeiter, sondern angesehene Wissenschaftler, deren Spezialgebiet eben jene Schrift ist. Und auch sie haben Hunderte oder sogar Tausende Stunden investiert, ohne dafür Geld zu bekommen. Eine Fachgruppe, die eine zentrale Schrift des Neuen Testaments betreute, soll einen Übersetzungsvorschlag vorgelegt haben, der an über 500 Stellen von der bisherigen Lutherübersetzung abwich. Der Lenkungsausschuss habe achtzig Prozent dieser Änderungen zurückgewiesen, ist zu hören, ebenso von Professoren, die Altbischof Kähler erbost den Krempel hingeworfen hätten.
Ein mit der Sache Vertrauter berichtet über „diffuse Kriterien“ für die künftige Lutherbibel. „Ursprünglich dachten die wohl auch: Man ändert an jeder biblischen Schrift zwei bis drei Stellen, mehr nicht.“ Dann allerdings habe sich das Vorhaben zu einem Großprojekt ausgeweitet. „Und wie das in Gremien so ist: Man gerät unter Zeitdruck. Denn 2017, das ist ja klar, wollen die ein Ergebnis haben.“ Das Ergebnis, sagt der Exeget voraus, werde von einer „relativ großen Zufälligkeit“ geprägt sein.
Altbischof Christoph Kähler führt das Projekt zwar mit straffer Hand, aber auch bei ihm verspürt man eine gewisse Nervosität mit Blick auf die Vorstellung der neuen Lutherbibel. Wie wird die Überarbeitung aufgenommen werden? Bei selbsternannten Sprachpäpsten, Gender-Aktivisten, zum Wutbürgertum konvertierten Bildungsphilistern, den erbitterten Befürwortern des Konjunktivs oder dessen fanatisierten Gegnern? In den Bücherregalen der Republik mag sich auf vielen Lutherbibeln der Staub sammeln, doch wenn an diesem Kulturgut herummanipuliert wird, sind die Deutschen zu Stürmen der Entrüstung in der Lage.
Erlebt hat das die EKD 1975, als sie eine revidierte Version des Neuen Testaments vorlegte, die rasch nur noch verächtlich als „Eimertestament“ bezeichnet wurde. Die damaligen Bearbeiter hatten den „Scheffel“, unter den man in Matthäus 5,15 sein Licht nicht stellen soll, für nicht mehr zeitgemäß befunden und ihn durch einen „Eimer“ ersetzt.
Besonders kritisch ging damals Walter Jens mit der Revision ins Gericht: Man könne nicht „zwei Herren gleichzeitig dienstbar sein: dem Bibelübersetzer Martin Luther und der gehobenen Schriftsprache unserer Zeit“. Im Eimertestament sei der eigentliche Regent „die deutsche Mittelstandsdiktion des Jahres 1975“, ätzte Jens. „Eingängigkeit um jeden Preis, heißt die Parole; Zurücknahme des Fragwürdig-Fremden; rigoroses Ausmerzen des Emotionalen, Singulären und Individuellen.“ Stattdessen werde alles gleichgemacht zu einer „spannungslosen Einerlei-Rede, der Koine der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
In einer für kirchliche Gremien erstaunlichen Geschwindigkeit wurde das „Eimertestament“ überarbeitet. Binnen eines Jahres wurden zahlreiche Änderungen rückgängig gemacht. Frieden zog in der Debatte aber erst mit der bis heute gültigen revidierten Fassung von 1984 ein. Sie steht bis heute in dem Ruf, den Bibeltext in ebenso gediegenem wie verständlichem Deutsch zu präsentieren.
Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die EKD im Jahr 2010 nur zaghaft von einer „Durchsicht“ der Lutherbibel sprach. Dann allerdings begannen die mit der Arbeit Beauftragten, Tabellen anzufertigen, in denen nicht nur der ursprachliche Text und der Text von 1984 nebeneinander standen, sondern auch die Lutherbibel von 1912 und die letzte, von Martin Luther selbst vorgenommene Bearbeitung aus dem Jahr 1545.
„Das hat eingeschlagen, wie wir es nicht erwartet hätten“, erinnert sich Kähler. Luthers ursprüngliche Übersetzung überzeugte die Kommission oft mehr als deren spätere Überarbeitungen. Mit Wissen des Rates der EKD kehrt seitdem an vielen Stellen der alte Reformator zurück. Statt „einigen“ ist wieder von „etlichen“ die Rede. Statt der gängigen Konjunktion „dass“ kommt wieder Luthers markantes „auf dass“ zum Zuge. Und auch der Konjunktiv erlebt wieder eine Konjunktur: Bisher hieß es im Johannesevangelium 11,25: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Nun wird der Vers mit einem „ob er gleich stürbe“ enden.
Altbischof Kähler nennt die Rückkehr zu Luther einen Sprach- und Wirklichkeitsgewinn. Die Leitfrage der neuen Lutherbibel sei nicht die Frage gewesen, ob man das heute noch so spreche, sondern, ob man eine Formulierung verstehe. In der Geschichte der Revisionen der Lutherbibel ist das eine markante Wende. Lag das Ziel der Überarbeitungen des 19. Jahrhunderts darin, aus elf verschiedenen Versionen des Textes einen national-einheitlichen Text zu erstellen, so strebten die Veränderungen des 20. Jahrhunderts sprachliche Modernisierung an. Zugrunde lag ein Verständnis von Luthers Diktum, man müsse dem Volk „auf das Maul“ schauen, das heute nicht mehr geteilt wird.
Die Überarbeitungen der Lutherbibel sind somit auch Dokumente ihrer Zeit gewesen. Was könnte dann die 2017er Lutherbibel über unsere Gegenwart aussagen? Kaum verleugnen lässt sich ein gewisser Retro-Trend, der aber in einer nicht ganz aufgelösten Spannung zu den Erfordernissen politischer Korrektheit steht.
Von der hochumstrittenen „Bibel in gerechter Sprache“ wird die neu revidierte Lutherbibel allerdings weit entfernt sein. Altbischof Kähler argumentiert, es müsse weiter erkennbar bleiben, dass die biblischen Texte einer patriarchalen Kultur entstammten. Erst vor diesem Hintergrund kämen nämlich theologische Kernaussagen zum Leuchten wie jene des Apostels Paulus im Galaterbrief, das in Christus „nicht Mann noch Frau“ sind. An einigen Stellen allerdings wird die 2017er Revision durchaus dem Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit Rechnung tragen: Im zweiten Schöpfungsbericht in Genesis 2 wird Eva ihrem Adam von Gott nicht mehr als „Gehilfin“ zur Seite gestellt werden, sondern als „Hilfe“.
Und in den neutestamentlichen Briefen werden die Gemeinden nicht mehr nur als „Brüder“, sondern als „Brüder und Schwestern“ angesprochen werden. Im griechischen Urtext heißt es aber nur „adelphoi“, also Brüder. Zwei Gründe führt Kähler dafür an: Zum einen seien zweifelsohne auch die Frauen mit angesprochen gewesen. Und zum anderen sei der Unterschied zwischen den „Brüdern“ und den „Schwestern“ im Deutschen sehr groß, während im Griechischen die Brüder als „adelphoi“ und die Schwestern als „adelphai“ sprachlich sehr eng beieinander lagen und in der damaligen Aussprache so gut wie gar nicht zu unterscheiden waren.
Ein Professor, der nicht mehr an dem Projekt beteiligt ist, kann sich mit dem Einzug der
„Brüder und Schwestern“ in der Lutherbibel nur schwer anfreunden. Er spricht von „windigen Argumenten“ und einem „starken Eingriff“ sowohl in den Urtext wie in Luthers Übersetzung. Insgesamt allerdings, das gesteht er zu, seien die gefundenen Lösungen bei den gender-relevanten Bibelstellen „tragbar“ und stünden keinesfalls mit der „Bibel in gerechter Sprache“ auf einer Stufe.
Die 70 Mitarbeiter der Revision, die zusammen etwa 50 Arbeitsjahre in die Überarbeitung der Lutherbibel gesteckt haben, müssen hoffen, dass das auch in der Öffentlichkeit erkannt wird, wenn der gesamte Bibeltext vorliegt. Zumindest der Deutsche Brauer-Bund dürfte an der neuen Lutherbibel viel Freude haben. „Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und den Wein den betrübten Seelen“, übersetzte Martin Luther Sprüche 31,6. Der Reformator konnte sich damals vermutlich noch nicht vorstellen, dass das von ihm geschätzte Bier auch schon im antiken Orient konsumiert wurde. Genau das, berichtet der Alttestamentler Martin Rösel, sei aber mittlerweile Stand der Forschung: „Bier war damals zum Teil Grundnahrungsmittel.“
Martin Luther - Sprachlehrer für Generationen
Am Reformationstag erinnern Protestantinnen und Protestanten an das Wirken Martin Luthers. Der Reformator war nicht nur Glaubenskämpfer, sondern auch Sprachrevolutionär. Viele Redewendungen des Alltags stammen aus seiner Bibel nur wissen das die wenigsten.
. Heinrich Heine staunte: „Wie Luther zu der Sprache gelangt ist, in der er seine Bibel übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Diese Schriftsprache gibt unserem politisch und religiös zerstückelten Deutschland eine literarische Einheit“, schrieb der Dichter im 19. Jahrhundert. Der Bonner Germanist Werner Besch nennt die Lutherbibel gar den „wichtigsten Steuerungsfaktor“ der deutschen Sprachgeschichte. Sie schuf aus einzelnen Dialekten ein verbindendes Medium - vereinte Friesen, Bayern, Sachsen und Schwaben unterm gleichen Wortklang.
Redewendungen aus Luthers Feder:
Luthers Methode? Radikal einfach: Er schaute dem Volk aufs Maul. Luther lauschte der Sprache auf den Märkten, in den Gassen, beim Handwerk - und fragte Knappe und Magd, wie sie sprechen. Die Bibel sollte klingen wie das Leben selbst. Dass dies bis heute nachhallt, merken viele Zeitgenossen gar nicht: Sie sagen „ein Stein des Anstoßes“ (1. Petrus 2,8), „das Licht unter den Scheffel stellen“ (Matthäus 5,15), „niemand kann zwei Herren dienen“ (Matthäus 6,24) oder „Perlen vor die Säue werfen“ (Matthäus 7,6) - und benutzen damit Redewendungen, die Luther in die Alltagssprache gesät hat.
Viele Begriffe sind Luthers Sprachschöpfung: „Morgenland“, „Feuereifer“, „Langmut“, „Lästermaul“, „Lückenbüßer“, „Herzenslust“, „gastfrei“, „frohgemut“, „wetterwendisch“. Sie waren vor Luther unbekannt und prägen seit 1522 das deutsche Vokabular. Selbst Alltagsformeln wie „sein Herz ausschütten“ (Psalm 62,9), „die Zunge im Zaum halten" (Jakobus 3,2) und „ein Herz und eine Seele sein“ (Apostelgeschichte 4,32) verdanken wir alle dem Reformator.
Für den 2022 verstorbenen Journalisten Wolf Schneider war Luther das Vorbild für Verständlichkeit und Wortkraft schlechthin: Seine Sprache erreiche Laien wie Gelehrte. Schneider empfahl Journalisten und Pfarrern wiederholt, täglich in der Lutherbibel zu lesen, um sich ein Beispiel an deren Sprachstil zu nehmen. Schlichtheit, Bildkraft, Wahrhaftigkeit - darum gehe es. Schneider kritisierte den „akademischen Hochmut“ zahlreicher kirchlicher Verlautbarungen: Worte wie „Apostolizität“ oder „kybernetisch-missionarische Kompetenz“ seien die „Pest“ für eine verständliche Sprache. Luther habe gezeigt, dass sich Schwieriges stets einfach sagen lässt.
„Die neue Konfession und ihr Haupttext, die Bibel, sollten alle erreichen. Darum wählte Luther immer landläufige Ausdrucksweisen“, erklärt der Tübinger Rhetorik-Professor Joachim Knape. Seine bildmächtigen Formulierungen gingen ins Ohr und blieben fürs Leben: poetisch und konkret zugleich. Wie machte Luther das? „Damals las man alles laut, auch wenn man allein war“, sagt Knape. „Luther kontrollierte damit die Eingängigkeit der deutschen Übersetzung beim Hörlesen“.
Bei modernen Bibelüberarbeitungen fehle oft diese Musikalität: Aus dem knappen „Ärgernis“ (Matthäus 18,7) werden da langatmige, mehrsilbige „Verführungen“. Knape: „Das ist nicht das Produkt eines rhetorisch an seine Hörer denkenden Predigers, sondern es ist ein Produkt modernen, uninspirierten und grauen Philologentums“. Damit ruiniere man Martin Luthers rhetorische Schlagkraft.
An der Sprachgrenze zwischen Nord und Süd:
Dass Luther für Generationen zum Sprachlehrer wurde, hat aber noch einen weiteren Grund: Luther lebte an der Sprachgrenze zwischen Nord- und Süddeutsch, nutzte die mitteldeutsche Kanzleisprache als Brücke und filterte die bestverstandenen Begriffe heraus. Wer heute im Rheinland „Schwester“ statt „Suster“ sagt, oder im Süddeutschen „Lippe“ statt „Lefze“ und „Peitsche“ statt „Geißel“, folgt dem Standard, den Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung schuf.
Dass diese Sprache durch den Buchdruck einen gewaltigen Schub bekam, war Glück für den Reformator und Segen für die deutschen Länder. Über Nacht fanden Luthers Bibel und seine Redewendungen den Weg von Wittenberg in jede Hütte und später jeden Schulsaal. Goethe und die Brüder Grimm schwärmten: Erst mit Luther bekam das Deutsche literarischen Glanz und Einheit.
Und heute? „Viele Redewendungen gelten als Alltagssprache, ihr Ursprung ist vergessen“, meint Besch. Gerade Luthers Mischung aus poetischer Sprachgestaltung und Alltagseingängigkeit macht seine Sätze zu Volksgut. Ob „Mit seinen Pfunden wuchern“, „David gegen Goliath“ oder „Hiobsbotschaft“. Luthers Sprachbilder bieten für jede Lebenslage das treffende Wort. Sie spenden Trost, zeugen von Lebensweisheit - und setzen Maßstäbe für eine klare und kraftvolle Sprache.
Bibelübersetzung: Alles nur ein Missverständnis
Heißt es denn nun „Jungfrau“ oder „junge Frau“? Geht ein Kamel durchs Nadelöhr oder ist in der Bibel eher von einem Schiffstau die Rede? Der Theologieprofessor Thomas Hieke geht einigen Missverständnissen auf den Grund. „Es gibt kaum noch Übersetzungsfehler in der Bibel“, sagt Thomas Hieke. Ein Grund: „Die heutigen Übersetzungen sind nicht mehr die Leistung eines Einzelnen, der - bei aller Genialität - auch Fehler machen kann“, sagt der Professor für Altes Testament an der katholischen Fakultät der Universität Mainz. Vielmehr seien die Einheitsübersetzung von 2016, die Zürcher Bibel von 2007 oder auch die Lutherbibel von 2017 von zahlreichen Wissenschaftlerinnen. und Wissenschaftlern verantwortet, die jede Stelle akribisch angeschaut haben.
„Somit befinden sich diese Übersetzungen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft“, sagt der Katholik. Aber man hat gelernt, dass auch die Wissenschaft ständig dazulernt - so können auch in Zukunft wieder neue „Fehler“ entdeckt werden. Allerdings fasst er den Begriff „Fehler“ sehr eng: Es gibt Bibelstellen, die deshalb schwierig bleiben, weil man auch nach Jahrhunderten keine plausible Lösung gefunden hat.
Dass es häufig gar nicht um „Fehler“ geht, sieht man an der Frage, ob es „Jungfrau“ oder „junge Frau“ heißen muss (in Jesaja 7,14 und Matthäus 1,23). Der. Urtext des Alten Testaments ist auf Hebräisch geschrieben, der Urtext des Neuen Testaments auf Griechisch verfasst. Weil Griechisch damals die Weltsprache war, wurde das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Griechische übertragen. Im Falle der Jungfrau bedeutet dies: „Der hebräische Text von Jesaja spricht von einer jungen Frau und meint die junge gebärfähige Ehefrau des Königs; das Kind, das sie gebären wird, ist ein prophetisches Zeichen für eine bestimmte Zeitdauer, etwa sieben Jahre“. Die griechische Übersetzung des Jesaja-Textes machte daraus eine „Jungfrau“, die den Messias in der Zukunft gebären wird. Matthäus griff das auf und identifizierte die Jungfrau mit Maria, den Messias mit Marias Kind. Man kann Jesaja 7,14 also mindestens auf zwei, vielleicht sogar auf drei Weisen lesen, und alles ist doch in gewissem Sinne „richtig“.
Moderne deutsche Bibelübersetzungen haben als Grundlage für die Übersetzung des Alten Testaments den Hebräischen Text, für die Übersetzung des Neuen Testaments die Griechische Fassung. Konsequenterweise müsste es deshalb in Jesaja „junge Frau“, im Matthäus-Evangelium dagegen „Jungfrau“ heißen. Aber dann wäre esfür deutsche Leserinnen und Leser nicht mehr zu erkennen, dass Matthäus in seinem Text eine Stelle aus dem Alten Testament zitiert, erklärt Thorrias Hieke. Meist werde dies mithilfe einer Fußnote erklärt.
Immer wieder kommt auch die Frage auf, ob der Wortlaut von Matthäus 19,24 mit folgenden Worten richtig wiedergegeben wird: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Manche Bibelausleger sagen, statt Kamel müsse es eigentlich Schiffstau heißen. Doch Thomas Hieke stellt klar: „Im Griechischen steht kämelon, also Kamel. Das bekommen Sie sowenig durch ein Nadelöhr wie ein Schiffstau. Das Schiffstau kommt vom griechischen kämilos, was so ähnlich klingt.“ Auch hier gehe es nicht um einen „Fehler“. Einige Handschriften schreiben tatsächlich „Schiffstau“, die meisten Überlieferungen verwenden aber das Wort „Kamel“.
Zu vielen Missverständnissen hat auch 2. Mose 21,22-25 geführt. Dort heißt es nach der Luther-Übersetzung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. In der Einheitsübersetzung heißt es dagegen „Auge für Auge, Zahn für Zahn“. Im Urtext steht dDas Wo „tachat“. Es bedeutet „an Stelle von, anstatt«“ Das weist bereits darauf, dass es um eine „Erstattung“ geht. Das „für“ in der Einheitsübersetzung will andeuten, dai hier nicht um Körperstrafen oder Verstümmelungen geht. Das ist ni ein weit verbreitetes Missverst: dieser Stelle. Die Bestimmung zielt vielmehr darauf, dass bei Körperverletzungen eine finanzielle Wiedergutmachung geleistet werden soll, die dem angerichteten Schaden entsricht: Ist ein Auge ausgeschlagen worden, so ist
zu zahlen, was für ein ausgeschlagenes Auge üblich ist.
Unterschiede zwischen Luther- und Einheitsübersetzung finden sich auch in 1. Mose 1,27. Laut Luther-Bibel schuf Gott den Menschen als Mann und Frau. In der Einheitsübersetzung steht aber „männlich und weiblich“. Dieser Unterschied ist inzwischen zum Erkennungszeichen der Einheitsübersetzung von 2016 geworden. Die Einheitsübersetzung ist damit näher am Text als die Lutherbibel, die eher die Standardübersetzung „Mann und Frau“ wiedergibt.
Im Hebräischen wie im Griechischen stehen an dieser Stelle aber nicht die Substantive „Mann und Frau“, sondern die Adjektive „männlich und weiblich“. Die tiefere Bedeutung diser ungewöhnlichen Ausdrucksweise mit Adjektiven könnte heute stärker zutage treten, da Medizin und Psychologie erkannt haben, dass jeder Mensch Männliches und Weibliches in sich trägt.
Insofern treffe eine klare Trennung in „Mann“ und „Frau“ zwar für die allermeisten Menschen zu, aber eben nicht für alle. Ein Promillesatz von Menschen kann sich in die.Polarität von Mann und Frau nicht einordnen, und das ist ganz »normal«. Steckt diese Erkenntnis vielleicht in der biblischen Ausdrucksweise mit den Adjektiven drin?“, fragt Hieke.
Wenn man Hieke nach seinem persönlichen „Lieblingsfehler“ bei Bibelübersetzungen fragt, antwortet er ein bisschen augenzwinkernd: Die Einheitsübersetzung von 1980 hat in 1. Samuel 16,12 den jungen David als „blond“ vorgestellt und damit das hebräische Wort „admoni“ falsch übersetzt.« Die Einheitsübersetzung von 2016 hat das korrigiert und schreibt „rötlich“, gemeint ist eine gesunde, rotbraune Hautfarbe, ein ansprechender Teint. „Ich konnte noch nicht herausfinden, wer in den siebziger Jahren aus David einen blonden Jüngling machen wollt“«, sagt Thomas Hieke dazu.
Einen gravierenden „Fehler“ sieht Thomas Hieke allerdings in der Einheitsübersetzung von 2016: Psalm 1,1 beginnt dort mit „Selig der Mann….“. Im Original steht aber „aschre ha-isch“, „Selig der Mensch“. Der Psalm preist also diejenigen Menschen selig, die nicht im Kreis der Spötter sitzen, sondern ihre Freude haben an der Weisung (Tora) Gottes. Das könnten sowohl Männer als auch Frauen sein - das Wort „isch“ in Psalm 1,1 bedeute hier nicht wie an anderen Stellen „Mann“, sondern „Mensch“. Als Nachweis führt er Hosea 11,9 an. Dort steht „Gott bin ich, nicht ein Mensch (isch)« - auch hier heißt isch „Mensch“ und nicht „Mann“. Andernfalls könnte man sich lustig machen und sagen: „Gott ist kein Mann also wohl eine Frau?“.
Es gebe also vom Kontext her genügend Gründe, eine Unterscheidung zu treffen und „isch“ einmal als Mann, ein andermal als Mensch zu übersetzen. „In Psalm 1,1 geht es sicher nicht allein um eine Seligpreisung des frommen Mannes.“ Auch das Argument, hier ginge es um David, den idealen Psalmendichter, überzeugt Hieke nicht. Dazu sei Psahm 1 viel zu allgemein gehalten; der Text hat sonst keinen David-Bezug und will sicher alle Menschen, nicht nur alle Männer, ansprechen. Um also Psalm 1 besser ins Heute „übersetzen“ zu können, sollte die Einheitsübersetzung ihren Text zu „Selig der Mensch“ ändern.
Hieke, Thomas/ Huber, Konrad (Hrsg.): Bibel falsch verstanden. Hartnäckige Fehldeutungen biblischer Texte erklärt. Verlag Katholisches Bibelwerk, 300 S., ISBN 978-3-46025527-2, 22,95 Euro.
Bibel- Deutsch
Psalm 94,19: „Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele!“ Wer verwendet heute noch Worte wie Bekümmernis, Tröstungen oder erquicken. Wer geübt ist, kann sie allenfalls noch verstehen. So klingt der Vers im Alltagsdeutsch: „Als ich aufgeregt war und neben der Spur, da hast du mich beruhigt und mich wieder fröhlich gemacht!“
Mundart
Gießener will Mundart retten:
Wenn Christoph Seipp friert, wickelt er sich in keine Decke, sondern in eine(n) Kolter. Statt zum Küchenmesser greift er zum Kneipchen. Dass diese urhessischen Ausdrücke immer mehr verschwinden, findet er schade. Abfinden will er sich nicht damit. Christoph Seipp möchte ein Wort vor dem Aussterben bewahren.
Der Gießener will nicht, dass irgendwann alle nur noch Decke sagen. Kolter heißt das schließlich - als traditionsbewusster Hesse nennt Christoph Seipp seine Steppdecke so und nicht anders. In vielen Regionen Deutschlands dagegen ist der Begriff völlig unbekannt. Um das zu ändern, kam er auf die Idee, Koltern übers Internet zu verkaufen.
Regionalsprachliche Worte am Leben zu erhalten, das ist dem Gießener wichtig. „Das ist Kultur“, sagt er. Dabei findet das Wort Kolter durchaus Anerkennung - immerhin kennt es der Duden. Kolter, der oder die, bezeichnet demnach eine (gesteppte) Decke oder Bettdecke. Im Plural heißt es dann die Koltern.
Seipps Liebe zu hessischen Ausdrücken wie Koltern oder auch Kneipchen ist zwar nostalgisch motiviert, wie er erzählt. „Oma hat mich immer in einen Kolter gewickelt.“ Doch lebt er diese auch im Alltag aus. Vor allem dann, wenn er unter seinesgleichen ist. „Mit Freunden und Verwandten falle ich schnell ins Hessische“, verrät er. Für Nichthessen: Ein Kneipchen ist ein kleines Küchenmesser.
Dass Regionalsprache und Dialekte häufig nur noch im engsten sozialen Umfeld gesprochen werden, ist laut dem Linguisten Alexander Werth vom Marburger Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in ganz Deutschland zu beobachten. Das habe verschiedene Gründe. Zusammengefasst: Die Kommunikationsverhältnisse haben sich schlicht geändert. „Einen Dialekt verinnerlicht man, bis man 18 Jahre alt ist, danach kann man ihn nicht mehr richtig lernen“, erklärt er. Viele Eltern sprächen aber nicht mehr Dialekt. Und da die Kinder häufig nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu ihren Großeltern aufwüchsen, werde von diesen Sprache nicht mehr so oft weitergegeben. Auf der anderen Seite werde jeder permanent durch die Medien oder im Beruf mit Hochdeutsch konfrontiert. Und bei Sprachen gelte: „Was nicht gebraucht wird, wird auch nicht gelernt.“
„Ein erhaltenswertes Kulturgut“ nennt auch Werth die deutsche Sprachvielfalt. „Die Vorstellung, dass Dialekte aussterben, gibt es ja schon seit Jahrhunderten“, sagt er zudem. Es gebe mittlerweile zwar weniger Sprecher, aber ausgestorben seien sie bislang nicht.
Der Marburger Forscher sieht allerdings auch gegenläufige Tendenzen. So habe man in der Wirtschaft die Regionalität als Alleinstellungsmerkmal entdeckt. Dialekt werde gern zur Identitätsstiftung benutzt, etwa um eine neue Marke zu positionieren oder zu stärken. Als Beispiel nennt Werth die bekannte Radiowerbung eines Müsli-Herstellers aus Baden-Württemberg. Dabei preist der Firmenchef in schwäbischer Mundart sein Produkt an. Auch ein hessischer Getränkehersteller wirbt mit heimischen Idiomen.
Christoph Seipps Projekt nutzt die gleichen Effekte: 700 Decken - nein, Koltern natürlich - hat er nach eigenen Angaben bislang produzieren lassen und über einen Online-Shop fast alle verkauft. Im Internet hat er seine Idee zunächst auf einer eigenen Seite vorgestellt und mit Hilfe des so genannten Crowdfunding Geld gesammelt. Im Vordergrund stehe der regionale Bezug, betont Seipp. So gibt es Koltern, die mit Gießener Sehenswürdigkeiten bedruckt sind oder gleich mit der Kontur des Landes Hessen (14.02.2014).
Quetschlaute für Zorngickel: Hessens Dialekte verändern sich zu Regional-Sprachen:
Dialektworte gibt es praktisch überall. In Hessen sind bekannt Simbel (Depp, Idiot), Gelärsch (Kram, Gerümpel) und auch der Zorngickel (cholerisch veranlagter Mensch). Eltern kennen sie oft noch, die Kinder schon weniger.
Dialekte bleiben nach Ansicht von Sprachforschern nicht so, wie sie waren. Sie verändern sich über einen langen Zeitraum hinweg. „Das, was man traditionell als Dialekt verstanden hat, ist vielerorts schon ausgestorben. Oder es wird noch in diesem Jahrhundert in den meisten Gebieten Deutschlands aussterben“, meint Professor Stephan Elspaß von der Universität Salzburg, der sich mit deutschsprachigen Gebieten befasst. „Das Sprechen - oder sogar Schreiben - mit regionalen Merkmalen jedoch wird auf absehbare Zeit bleiben.“
Die Linguistin Katrin Kuhmichel von der Philipps-Universität Marburg arbeitet in dem Projekt „Syntax hessischer Dialekte“ mit, ein Forschungsvorhaben der Universitäten Frankfurt, Marburg und Wien. Auch sie sieht eine Veränderung. „Es gibt eine Entwicklung weg von kleinräumigen Dialekten zu großräumigen Regionalsprachen“, sagt die 30-jährige. Trotz Veränderungen bleibe immer noch etwas von der früheren Mundart übrig. „Es wird kein Dialekt zu einem vollkommen anderen!“ Die Syntax-Forscher fragen Menschen, die älter als 65 Jahre sind, also eher mit Mundarten groß geworden sind als junge Leute heute. „Die Älteren sprechen noch einen Dialekt, den wir in den Generationen danach nicht mehr so finden“, sagt Kuhmichel. „Aber das Interesse unter den jungen Leuten nimmt wieder zu.“
Lars Vorberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Universität Marburg, teilt Hessen grob in folgende Dialekt-Regionen ein: Nordhessisch, Osthessisch, Zentralhessisch und Rheinfränkisch, was oft auch als Südhessisch bezeichnet wird. Auch er sieht Dialekte eher nicht in Gefahr. „Ich würde nicht davon sprechen, dass Mundarten aussterben, sondern dass sie sich verändern.“
Manche mögen Mundart nicht, weil sie denken, so würden Menschen mit weniger Bildung reden. Die Historikerin Anette Neff aus Dreieich-Dreieichenhain (Kreis Offenbach) sieht das anders. „Ich bin überzeugt davon, dass es nicht schädlich ist, Mundart zu sprechen.“ Es sei wirklich keine Sprache der Unterschicht. „Man kann auch in Mundart komplexe Themen diskutieren.“ Neff ist mit Dialekt großgeworden: „Für mich war Hochdeutsch die erste Fremdsprache, die ich gelernt habe.“
Ein bisschen Bauchweh haben manche Mundart-Künstler. Hendrik Nachtsheim vom Comedy-Duo „Badesalz“ vermisst Nachwuchs in diesem Fach. Nachtsheim und Gerd Knebel reden Frankfurterisch. „Das ist deutschlandweit kompatibel.“ Jüngere Jahrgänge fehlen. Das Südhessische wird in ganz Deutschland verstanden.
Das gilt nicht für jede Mundart. „Nordhessische Quetschlaute“ kommen dem Mundart-Kabarettisten Karl Garff aus Immenhausen (Kreis Kassel) über die Lippen. „Hier gibt es einen unverwechselbaren Tonfall.“ So etwa das Wort „Kuchen", das zu „Guahen“ wird. „Kuchen klingt ein bisschen staubig“, sagt Garff (78). „Es soll aber so klingen wie ein guter gerührter Napfkuchen mit vielen Eiern.“ Sein vielleicht bekanntestes Stück: Die nordhessische Fassung des Silvester-Fernseh-Klassikers „Dinner for one“.
Für Dialekte setzt sich der Verein zur Erhaltung der mittelhessischen Mundart und Kultur in Solms ein. Ein Kennzeichen des Mittelhessischen, wie es auch in der Wetterau bekannt ist, sei das extrem „rollende R“, sagt die Vorsitzende Marlit Hoffmann. „Das Frankfurter Platt ist einfach nur ein lässig gesprochenes Hochdeutsch.“ (31.08.2015).
Ein Satz im Wandel der Dialekte:
Eine Mundart hört sich in ihrer jeweiligen Region im Großen und Ganzen ähnlich an - feine Unterschiede kann es aber schon geben. Dag Forschungsprojekt „Syntax des hessischen Dialekts“ geht ins Detail. Hessen ist in Sprach-Quadrate eingeteilt. Im Internet kann nachgelesen werden, wie sich der Satz „Früher wohnten wir hinter der Kirche, aber dann bauten wir noch mal neben der Schule“ verändert - rund 140 Sprach-Beispiele gibt es. Eine Auswahl:
• Im Norden: Fröher wunnten wi hinger där Kerke, eber denn hawwe nu rna gigen där Schole gebugget.
• Im Süden: Frieher hewwe mer newer der Kerch gewuhnt, awwer dann hewwe mer noch ämol newer der Schul gebaut.
Im Westen: Frojer hu mir henner der Kirch gewuhnt, auer da hu mir noch mol näwer dä Schul gebaut.
• Im Osten: Fröher hommer hänger der Kerch gewohnt, äwwer dann hommer no chemo näwe der School gebaut.
Karte der Dialekte in Deutschland:
Im Internet gibt es mehrere Karten zu den Dialekten in Deutschland
Bürokraten-Deutsch
Bürokratisches Kauderwelsch in Schreiben von Ämtern und Behörden bringt die Empfänger oft an den Rand der Verzweiflung. Viele verstehen nur „Bahnhof“', wenn der Amtsschimmel mal wieder zeigt, wie kompliziert auch einfache Dinge ausgedrückt werden können. Eine „Rechtsbehelfsbelehrung“, ein „Beförderungsentgelt“, ein „Variationskoeffizient“, ein „vereinfachtes Substanzwertverfahren“ oder ein „Bestimmungsmitgliedstaat“ sind für viele Bürger böhmische Dörfer. Doch einige hessische Kommunen machen nun ernst mit dem Kampf gegen das Behördendeutsch: Sie holen sich professionelle Hilfe von Sprachwissenschaftlern ins Rathaus.
In Wiesbaden sollen die Beamten der Stadt künftig - auf freiwilliger Basis - Weiterbildungskurse der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) besuchen. Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) betont, seine Mitarbeiter schrieben zwar keine falschen oder gar unverschämten Briefe. „Aber es ist nicht die Sprache, in der man verkehrt, wenn man einen Brief schreibt“, sagt er. „Einige Sachen sind ohne juristischen Beistand nicht zu verstehen.“ Sprachexperten der in Wiesbaden ansässigen GfdS sehen in einer verständlichen und bürgernahen Verwaltungssprache sogar das „oberste Demokratiegebot“. Anders als andere Fachsprachen richte sich die Rechts- und Verwaltungssprache eben an alle Bürger, sagt Geschäftsführerin Karin Eichhoff-Cyrus: „Wie soll jemand das Recht befolgen, wenn er oder sie es nicht versteht?“
Ein Vorgang - zwei Bedeutungen
Die hessischen Kommunen Eschenburg (Lahn-Dill-Kreis), Langen (Kreis Offenbach) und Oberursel (Hochtaunuskreis) lassen sich daher von Sprachwissenschaftlern zeigen, wie umständliche Formulierungen ersetzt werden können. Der „Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache“ (IDEMA) der Universität Bochum bietet dazu für ein paar tausend Euro im Jahr unter anderem ein Online-Wörterbuch mit Textbausteinen und Musterbriefen an. „Zu einer modernen Verwaltung gehört auch eine moderne Sprache“, heißt es bei den IDEMA-Machern.
Der Oberurseler Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) setzte diesen Leitspruch kurz nach seinem Amtsantritt vor gut vier Jahren in die Tat um: „Ich habe die Mitarbeiter angehalten, nicht das Hoheitliche heraushängen zu lassen.“ Er selbst habe die Sprache der Beamten als „verwirrend“ empfunden. Dass er Sätze zwei- oder dreimal lesen musste, um sie zu verstehen. „Das ist mir auch so gegangen“, gesteht er. Im Bankengeschäft, wo der Volkswirt zuvor 18 Jahre lang gearbeitet hatte, sei die Sprache nun mal „direkter und leichter verständlich2.
Brum gefällt besonders. Dass beim IDEMA ebenso wie bei der GfdS - neben Sprachwissenschaftlern auch Juristen in der Beratung tätig sind. Zu groß ist die Gefahr, dass verständliche Formulierungen juristisch nicht wasserdicht sind. Zumal ein und dasselbe Wort für Bürger und Verwaltungsfachleute Grundverschiedenes bedeuten kann: Der „Vorgang“ etwa bezeichnet in der Alltagssprache ein Ereignis, im Behördendeutsch aber eine Akte, die von einem Sachbearbeiter angelegt wird. „Die Verständlichkeit wird dadurch erschwert“, sagt Eichhoff-Cyrus.
Die GfdS erreichen zunehmend Anfragen von Ministerien quer durch die Republik, mit dem Bundesjustizministerium läuft ein gemeinsames Pilotprojekt, wie Eichhoff-Cyrus berichtet. Dabei ist das Problem überhaupt nicht neu: Der Ratgeber „Fingerzeige für die Gesetzes- und Amtssprache2 - inzwischen in der 11. Auflage - erschien erstmals vor 78 Jahren.
Beispiele für gute Amtssprache
Neu: „Diese Bestimmungen müssen regeln, wer eine solche Vereinigung vertritt und verwaltet.“
Neu: „Unsere Besprechungen waren erfolgreich.“"
Neu: „Die Abfallberatung der XY GmbH hat Sie deshalb gebeten, größere oder zusätzliche Restmüllbehälter zu bestellen (Schreiben vom 20. April 2008).“
Neu: „Ich bin für Ihre Betreuung zuständig. Das Amtsgericht XY hat mich jetzt aufgefordert, zu Ihrer Angelegenheit erneut Stellung zu nehmen.“
Neu: „Egal, welches unserer Angebote Sie nutzen: Unsere Hilfe ist immer kostenlos.“
Neu: „Bitte rufen Sie mich an, damit wir die noch offenen Fragen klären können.“ Meine Telefonnummer ist XYZ. Zu diesen Zeiten können Sie mich erreichen: (Übersicht Sprechzeiten).“
Neu: „Sie haben mein Schreiben vom 15. April 2008 bisher nicht beantwortet. Ihre Angaben sind jedoch erforderlich, um über Ihren Anspruch zu entscheiden. Bitte antworten Sie deshalb bis zum 1. Mai 2008. Danach werde ich anhand der Informationen entscheiden, die mir vorliegen.“ (24.05.2008).
DDR-Deutsch
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Werkessen |
Kantinenessen |
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Broiler |
gebratenes Hähnchen |
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Betrieb |
Firma |
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Betriebsleiter |
Werksdirektor |
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Bevölkerung |
Bürger |
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Kadergespräch |
Personalgespräch |
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Ökonomie |
Wirtschaft |
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Gesellschaftliche Verhältnisse |
Soziale Verhältnisse |
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Soziale Maßnahmen |
Soziales Netz |
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Republik |
Staat |
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Kombinat |
Konzern |
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Kollege |
Mitarbeiter |
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FDJ |
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VEB |
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FDGB |
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SED |
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LPG |
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VdgB |
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LDPD |
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CDU |
Christlich-demokratische Union Deutschlands (!) |
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DFD |
Demokratischer Frauenbund Deutschlands |
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BP |
Bauernpartei |
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KB |
Kulturbund |
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DSF |
Deutsch-sowjetsiche Freundschaft |
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BGL, „Betriebsgewerkschaftsleitung“ |
Betriebsrat |
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Ferienlager |
Jugend-Freizeit |
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Kaderakte |
Personalakte |
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Werktätiger |
Arbeiter, Angestellter |
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Produktion |
Arbeitsablauf |
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Kollektiv |
Arbeitsgemeinschaft, neudeutsch: Team |
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Intelligenz |
Gebildete, Studierte |
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POS |
Polytechnische Oberschule |
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EOS |
Erweiterte Oberschule, Gymnasium |
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UTB |
Unterrichtstag in der Produktion |
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ESP |
Einsatz in er sozialistischen Produktion |
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Klasse |
Gesellschaftsschicht |
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sozialistisch |
gesellschaftlich |
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gesellschaftliche Funktion |
Amt im gesellschaftlichen Leben |
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Poliklinik |
Ärztehaus |
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Brigade |
Arbeitsgruppe |
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Brigadier |
Vorarbeiter |
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Prämie |
Weihnachtsgeld, usw. |
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Urlauberwesen |
Touristik |
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Verkaufsstelle |
Supermarkt |
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Verkaufsstellenleiter |
Ladeninhaber bzw. Filialleiter |
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Plan |
Vorgaben der Geschäftsleitung |
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Einraumwohnung |
Einzimmerwohnung |
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Plastebeutel |
Plastiktüte |
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ablichten |
kopieren |
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Kindergarten |
Kindertagesstätte (Kita) |
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Sekundärrohstofferfasser |
Wertstoffhof |
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Herrentag |
Vatertag (= Christi Himmelfahrt) |
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Jugendtanz |
Disco |
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Plaste |
Plastik |
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Broiler |
Brathähnchen |
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Datsche |
Bungalow |
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Kaufhalle |
Supermarkt |
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Poliklinik |
Ärztehaus |
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Kombine |
Mähdrescher oder Kartoffelvollerntemaschine |
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Intelligenzler |
Akademiker |
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Papiertaschentuch |
Tempo |
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Dispatcher |
Einsatzleiter |
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Kosmonaut |
Astronaut |
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Feierabendheim |
Altenheim, Pflegeheim |
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Die deutsche Sprache in Ost und West
Im „Neuen Deutschland“ springen uns Wortschöpfungen wie „Kulturhaus, Normensachbearbeiter, Eiersoll, Kulturfunktionär“ dutzendweise ins Auge .ln der Bundesrepublik werden sie nicht mehr ohne weiteres aus dem Wortsinn verstanden. Ähnlich ergeht es den Ostdeutschen mit Wörtern wie „Lohnfortzahlung, Baukostenzuschuß, Jahresbestfilm“.
Manche Wörter ändern auch ihren Sinn. Im Osten gelten „Natogenerale, Atompolitiker, abendländisch denkende Menschen“ als verabscheuungswürdige Subjekte. Im Westen dagegen begegnet man dem „Klasseenkampf, Funktionären, Agitationen“ mit Mißtrauen. Die einen rätseln über „Teenager, Drinks, Quizmaster“, die anderen über „Komsomolze, Sowchose, Towarisch“.
Im Westen werden die Nachrichten von den großen internationalen Agenturen wie AP oder Reuter verbreitet, im. Osten von TASS. Dabei wird auch gleich die Sprachregelung mitgeliefert und das Denken orgeformt und nach und nach verändert.
Landschaftliche Unterschiede hat es schon immer gegeben. Dabei bildeten aber Staatsgrenzen meist keine Sprachgrenze. Nur einmal haben sich die Niederländer aus dem deutschen Sprachverband ausgegliedert ,um ein eigener Staat zu werden. Aber heute ist die Klammer der Schriftsprache so fest und ihr Erbe so unveräußerlich, daß sich dieser Vorgang nicht wiederholen kann. Die sprachlichen Unterschiede sind nicht abzuleugnen, aber sie gehen über das Maß landschaftlicher Besonderheiten nicht hinaus. Wir bemerken sie, aber sie trennen uns nicht.
Die Sorge um die Einheit der Sprache betrifft mehr die Tatsache, daß die DDR ein totalitärer Staat ist. Diktaturen machen sieh auch die Sprache dienstbar. Sie schaffen sich für ihre Ziele eine Terminologie, die sie durch ihre Propagandaapparate verbreiten und allgemein verbindlich machen wollen
Bare Sprachregelungen werden für die Menschen unausweichbar. Weil Denken und Sprechen zwei Takte desselben Vorgangs sind, werden mit den Formulierungen auch die Gedanken beeinflußt. So bilden sie nicht nur neue Wörter für neue Begriffe, sondern sie füllen auch alte Wörter mit neuen Inhalten .indem die überkommenen Bedeutungen neben den neuen gebraucht werden, wird eiln Unsicherheit im Sprechen geschaffen, die die Herrschaft über die Sprecher gewährleistet.
So hat das Wort „Plan“ seine alte Bedeutung, aber es meint in der DDR auch „bindende Richtlinie, Aufgabe, Verpflichtung“. „Jugendfreund“ ist nicht nur der Gefährte der Kindheit, sondern in erster Linie ein Mitglied der FDJ. Ähnliches gilt für Worte wie „Freiheit, Fortschritt, Restauration, Aggression, Kampf“.
Unter einem „freien Bauern“ verstand man zunächst jeden Bauern, der seinen eigenen Hof besaß . Heute aber ist das ein Mitglied der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, der letztlieh ein Angestellter der Genossenschaft ist. Was man im Westen als „freien Bauern“ bezeichnet, das hieß in der DDR „Einzelbauer“, den es aber heute nicht mehr gibt.
Auffällig ist die unverhältnismäßig größere Zahl solcher Neuwörter in der DDR. Das beruht im Wesentlichen darauf, daß dort nur selten an Bestehendes oder Bekanntes angeknüpft und dieser Bestand dem Neuen angepaßt werden konnte Dort wurde viel Neues und Anderes geschaffen und dafür waren auch neue Worte erforderlich.
Für das Parlament wählte man ein Wort, dessen einer Bestandteil das aus dem Französischen kommende Wort „Kammer“ ist. Man wollte nichts mit „Reichstag“ oder „Bundestag“ zu tun haben. Soweit war das ja durchaus in Ordnung. Das Wort „Volk“ aber meint in der DDR „die Werktätigen unter Führung der Arbeiterklasse bzw. der Partei der Arbeiterklasse“. Erst die Zusammensetzung beider Wörter ist bedenklich und ergibt eine Bedeutungsverschiebung.
Noch ein Beispiel: In der DDR gab es keine „Flüchtlinge, Heimatvertriebene, Ausgewiesene“, sondern „Umsiedler, Neubürger“, weil diese Worte keine Spitze gegen die „sozialistischen Bruderländern“ enthalten, von denen man heute durch die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ getrennt ist.
Im ostdeutschen Sprachgebiet wird diese Entwicklung nicht bestritten. Schon 1952 sagte Victor Klemperer (Der Verfasser von „LTI“ -Die Sprache des dritten Reiches) in einem Vortrag im Klub der Kulturschaffenden mit dem Titel „Zurr gegenwärtigen Sprachsituation in Deutschland": (gedruckt im Aufbau-Verlag 1953, Seite 10): „Über das Drittel Deutschland, das heute die DDR bildet, bricht von außen im Sturm das Neue herein. Der alte Sprachstamm hält zwar, aber er biegt sieh im Sturm. Es tauchen nicht nur neue Wörter auf und einige vorher gebrauchte versinken, sondern der gesamte Tenor der Sprache, ihr Stil ändert sich da und dort merklich. Stil hat keinen eigenen Wortschatz und keine eigene Grammatik, aber er trifft seine eigene Wortauswahl und -gliederung, er bestimmt Tempo und Farbe der Sätze“. „Hierbei ist es eine Selbstverständlichkeit, daß wir unsre Vorbilder dort suchen, wo alle diese Institutionen seit 30 Jahren erprobt und immer großartiger reali- siert werden: in der Sowjetunion“ (Seite 9).
Klemperer stützte sich dabei im Wesentlichen auf die Artikel „Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft“, „Zu einigen Fragen der Sprachwissenschaft“ und „Antwort an Genossen“, die 1950 unter Stalins Namen herausgekommen waren (Josef Stalin: Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft“, Dietz-Verlag, 2. Auflage 1951). Dort wurde der Theorie vom Klassencharakter der Sprache entgegengetreten. Die Sprache sollte nicht mehr Bestandteil des ideologischen Überbaus sein, sondern eine eigene aktive Funktion zwischen Basis und Überbau haben. Die Sprache ist danach nicht von einer bestimmten Basis hervorgebracht und von ihr abhängig, sondern, durch den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung hervorgebracht. Sie ist also auch nicht Klassensprache, sondern dient allen Klassen und allen Staatsformen gleichermaßen. Sie ist zwar mit der Produktionstätigkeit, aber auch mit jeder anderen Tätigkeit des Menschen verbunden.
Doch der Erziehungswille des Staates kann über den politischen Bereich kaum hinausgreifen. Die Privatsphäre berührt er nur dort, wo er sieh ihrer politisch bedienen will. Gespräche über Blumen und Bäume, Essen und Trinken. Vögel und Fische, Freunde und Verwandte interessieren ihn nicht, sie bleiben von den staatlichen Sprachregelungen unberührt.
Doch der Mensch lebt dadurch in zwei Sprachbezirken: der eine ist staatlich gelenkt, der andere ist von staatlichem Zugriff unbeeinflußt. Dies schafft eine Unsicherheit, von der die Diktatur profitiert: Wer schweigt, widerspricht nicht; und wer unsicher ist, läßt sich leichter lenken. Deshalb wird die Terminologie oft geändert, ehe sich noch die alte eingebürgert. Neue Parolen machen neue Formulierungen nötig. Es gibt nur verhältnismäßig wenig Wissende. Alle anderen sind dazu verflucht, unablässig zu lernen, umzulernen und neu zu lernen. Wer nicht verstummen will, kann nur hoffen selbst einmal zu den Eingeweihten zu gehören und den Abstand einzuebnen.
Auch die Terminologie der Partei ist gespalten. Es gibt die theoretischen Begriffe der Ideologie, die beharren. Und es gibt die Begriffe der ökonomischen und politischen Gegenwart, die wechseln. Die theoretischen Begriffe werden allen Sprechern eingehämmert, vorn Kindergarten bis zu den Hochschulseminaren, in den Massenmedien und Wörterbüchern. Da die Dauer Gewöhnung mit sieh bringt, wird eine kommende Generation (unbeeinflußt durch frühere Sprechgewohnheiten) die Definitionen der Diktatur als selbstverständlichen Wortinhalt übernehmen. Aber daneben stehen immer die auswechselbaren Vokabeln, die heute so, morgen anders heißen ohne damit an Verbindlichkeit für den Tag einzubüßen.
Über der allgemeinen Ratlosigkeit thront dann die „Weisheit der Partei“. Die Allgegenwert des Zensors ist kaum irgendwo greifbar, aber überall spürbar. Sie lähmt die Sprechbereitschaft. Und wer dieses Hemmnis überwindet, muß sich den Regelungen fügen. So beginnt man zustimmend oder resignierend sich einzurichten. Man schränkt den Widerstand ein und läßt die Sprachregelungen
in ihren Bereichen gelten. Aber dadurch kommt es auch zu den beabsichtigten Veränderungen in der Gedankenwelt der Sprecher. Viele von ihnen haben die Tendenz, in die Allgemeinsprache einzudringen. Manche Inhaltsverschiebungen erscheinen zudem so geringfügig, daß man sie kaum beachtet. Aber einmal angenommen, wirken sie weiter.
Das Bild ändert sich auch durch Ausfall. Viele Wörter religiösen Inhalts (zum Beispiel Gnade) sterben ab. Damit verschwindet aber auch die Möglichkeit, sieh über die Inhalte zu verständigen. Überhaupt steht die Sprache der Kirche in der Gefahr, zu einer Ghettosprache zu werden.
Es gibt also genug Ansatzpunkte für eine Entfremdung zwischen Ost und West. Dennoch braucht es nicht so weit zu kommen, wie es Klemperer (Seite 16) als eine Zukunftsvision schildert: In einer fernen Zukunft könnte man in Schaufenstern des Auslands die Ankündigung sehen: „Hier spricht man Ostdeutsch“ oder „Hier spricht man Westdeutsch“ . Oder Studenten desselben Volkes würden eine Universität des Auslandes besuchen und könnten sich untereinander nicht in ihrer Mutterspreche verständigen.
Durch die offizielle Sprache werden die landschaftlichen und ständischen Formen der Sprache eingeebnet und es entsteht eine Uniformität, die etwas anderes ist als sie Schriftsprache, die ja aus dem jahrhundertelarger Ausgleich der Mundarten entstanden ist. Je mehr der einzelne verstummt, umso rede- und veröffentlichungsfreudiger wird die Partei. Ihre Verlautbarungen füllen immer breitere Bereiche. Und was sonst verlautbart wird, bedient sich immer ausschließlicher ihrer Terminologie und Ausdrucksweise. Es gibt ein obligates Wortgut. Es ist das einzige, das sich in der Öffentlichkeit hören lassen darf.
Aber im privaten Bereich lebt und webt die alte Umgangssprache. Sie ist ganz auf sich gestellt und lebt weitgehend aus ihrer Opposition gegen die offiziöse Sprache Ihr Abstand zur Schriftsprache ist in der DDR größer als in der Bundesrepublik. Das bedeutet einen Verzicht auf den lebendigen Einfluß hinüber und herüber. Aber das ist auch eine Gewähr ,daß die Parteisprache nicht so sehr in die Umgangssprache hineinwuchert, so daß die Verständigung nicht nur bei Podiumsgesprächen, sondern auch in der alltäglichen Unterhaltung erschwert wäre. Die Grenze scheidet noch nicht die deutsche Muttersprache in einen westliehen und einer östlichen Teil. Die Sprachspaltung beginnt genau dort, wo die Partei anfängt.
[Die Sprahe blieb auch einheitlich, weil im Osten fast nur das Westfernsehen geschaut wurde. Aber auch dieses war führend im Verwendung ganz anderer „neudeutscher“ Wörter wie „oberste Priorität“].
Neudeutsch
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Neudeutsch |
Richtig |
Bemerkung |
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suboptimal |
nicht gut |
Gerhard Schröder |
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einzigste |
einzig |
diese Wörter lassen sich nicht noch einmal steigern |
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optimalste |
optimal |
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zögerlich |
zögernd |
aber laut Duden möglich |
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bin gestanden |
habe gestanden |
Bayrisch-Deutsch |
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(Spiel) ist geendet |
hat geendet |
Sportjournalist |
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ich habe fertig |
ich bin fertig |
Trappatoni-Deutsch |
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der eine - der nächste |
der eine - der andere |
nicht im Duden |
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Wertschätzung |
Anerkennung |
erstmals bei Kita-Mitarbeiterinnen |
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wertgeschätzt |
geschätzt |
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Wertschätzung |
Schätzwert |
Weiterentwicklung |
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gewertschätzt |
(wert-) geschätzt, anerkannt |
ganz unmöglich |
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will es nicht schuld sein |
ich will nicht schuld daran sein |
RTL auch Günther Jauch |
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ich bin gekündigt |
mir wurde gekündigt |
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durchstechen |
ausplaudern, verraten |
Politiker |
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Studierende |
Studenten |
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Geflüchtete |
Flüchtlinge |
sachlich richtiger |
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Fernseher |
Fernsehgerät |
aber laut Duden möglich |
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Flieger |
Flugzeug |
aber laut Duden möglich |
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Politik (ohne Artikel) |
die Politik |
Politikersprache |
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in Schule |
in der Schule |
Ministerin Giffey |
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bei Gericht |
vor dem Gericht |
Juristensprache |
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ich bin bei ihnen |
ich bin einverstanden |
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verbringen |
hinbringen (Ferien verbringen) |
Polizeideutsch |
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verbaut |
eingebaut |
Architekten usw. |
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kucken (nur gesprochen) |
gucken |
gängig im Fernsehen |
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von daher |
deshalb |
Sven Hannawald |
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händisch |
mit der Hand |
lange veraltet, jetzt gängig |
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Korporation |
Ko-operation |
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Priorität |
Vorrang |
steht aber im Duden |
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(mit- ) geschliffen |
(mit- ) geschleift |
Radio |
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Wertigkeit |
Wert |
Wort mit „-keit“ |
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besendern |
mit einem Sender ausstatten |
Anja Siegesmund |
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abkönnen, kann nicht ab |
aushalten |
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ein schönen guten Tag |
Guten Tag! |
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Gefühligkeit |
Gefühl |
laut Duden möglich |
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Abs und Dauns |
Tiefpunkt und Höhepunkt |
von englisch „up and down“ |
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sehr gerne |
Antwort auf Dank |
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Restauration |
Restaurierung |
Restauration ist ein Gasthaus |
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Kontaktieren |
in Kontakt treten |
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am Ende des Tages |
zuletzt, schließlich |
Politiker |
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das macht Sinn |
es ist sinnvoll |
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Du bist gekündigt |
Ich kündige dir |
Auch: Ich bin gekündigt |
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Alle außer ich |
Alle außer mir |
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bespielt |
es wird mit dem Ball gespielt |
Fußballreportagen |
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bespaßt |
mit Kindern Spaß machen |
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Stand heute |
zum gegenwärtigen Zeitpunkt |
Trainer Nico Kovacs |
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Dienstwägen |
Dienstwagen |
Christin Gesang, HR |
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Narrativ |
subjektive negative Erzählung |
Duden nur „narrativ” |
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Empathie |
Einfühlsamkeit, Mitgefühl |
Alt: Sympathie = Zuwendung |
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freigeschalten |
freigeschaltet |
viele weitere Bildungen ähnlicher Art |
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aufgehangen |
aufgehängt |
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unkaputtbar |
haltbar, nicht kaputt zu kriegen |
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verlustig gehen |
verloren gehen |
subst. Verlust, verb. verlieren |
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extremst |
extrem (außergewöhnlich) |
Horst Lichter |
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so was von |
(Verstärkung) |
kaum zu übersetzen |
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in Gänze |
im Ganzen, vollständig |
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in 2018; in 2...18 |
im Jahr 2018 |
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einen schönen Tag Ihnen |
Ich wünsche Ihnen einen |
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außer ich |
außer mir |
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genau .... okay |
ja |
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Priorisieren, Priorität |
bevorzugen |
Fernsehen |
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„wording“ |
Wortlaut, Sprachregelung |
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schönen „Guten Abend“ ihnen |
Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Abend |
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Bedarfe |
mehrfacher Bedarf |
Plural nur fachsprachlich |
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Verbräuche |
Verbrauch |
Singular genügt |
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vererbt bekommen |
vererbt oder bekommen |
Zwei Redewendungen |
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verstörend |
bestürzend, aufschreckend |
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Achtsamkeit |
aufmerksam sein auf andere |
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abgeschalten |
abgeschaltet |
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geschliffen (Messer) |
geschleift (einen Gegenstand) |
Doppelbedeutung |
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erste Priorität |
Vorrang |
Tautologie |
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besorge mich, sorge daß |
ich mache mir Sorgen |
ich besorge mir Dinge |
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ich will das nicht sorgen |
will mir keine Sorgen machen |
Bayrischer Rundfunk |
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Testungen, Teste |
Tests |
Testung = „Testverfahren“ |
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das erinnere ich gerne |
daran erinnere ich mich gerne |
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ich erinnere das |
ich erinnere mich an das |
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niegel-nagel-neu |
Keine neuen Ausdrücke, aber plötzlich Mode |
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picke-packe-voll |
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viral gehen |
Im „Netz“ schnell verbreitet |
viral = vom Virus verursacht |
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Verimpfen, Verimpfung |
impfen, Impfen |
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verbringen, verbracht |
bringen, gebracht |
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Bepreisung |
mit höherem Preis versehen |
Angela Merkel (Benzin) |
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sich treffen zu lassen |
sich treffen dürfen |
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nahbar sein |
zugänglich sein, ansprechbar |
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mehr gut (geht nicht) |
besser |
Bauhaus-Werbung |
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meistvertraut |
dem man am Meisten vertraut |
Persil-Werbung |
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willkommen zurück |
Willkommen, weil Sie zurück.. |
Anglizismus: welcome back |
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erfreulich Sie zu sehen |
Ich freue mich Sie zu sehen |
Anglizismus nice to see you |
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Hallo zusammen |
Hallo, für alle, die da sind |
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Ich erinnere das |
Ich erinnere mich an etwas |
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Ich besorge das |
Ich mache mir Sorgen wegen |
Ich besorge mir ein Messer |
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Jüdinnen und Juden |
früher nur „Juden“ |
„Deutschinnen“ / „Deutsche“ |
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emotional |
(vor Freude) weinen |
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Narrativ: subjektive negative Erzählung, die das Gemeinschaftsgefühl stärken soll, aber nicht unbedingt auf Tatsachen beziehen muß
Fernsehen
Man weiß ja nicht, was Generationen von Kindern taten, als es die „Tagesschau“ noch nicht gab. Als sie noch nicht das Windrosen-Gefiepe beim Wetterbericht abwarteten, um mit Taschengeldforderungen, blauen Briefen oder „Können wir nicht noch ein bißchen ‚Was bin ich?' gucken?“ an die Väter pirschten, weil da der Verhandlungsspielraum günstig war. Die „Tagesschau“ trennt in Heimkommen, Aufräumen, Abendessen und Glotze anmachen, Entspannen, Feierabend. Schon seit immer, meinen die Jüngeren. Ach, so lange ist es noch gar nicht her, sagen die Älteren. 50 Jahre genau. Und wenn man von den Anfängen hört, denkt man, es sind 500.
Mickrig, mit vier Mann Besatzung wurde die erste „Tagesschau“ am 25. Dezember 1952 gesendet. Aus einem Bunker am Hamburger Heiligengeistfeld, der noch heute steht. Aber, ach! Kann man dazu gesendet sagen? Mit allem musste der erste Chef der „Tagesschau“, Martin S. Sloboda, kämpfen: „Die Reeperbahn ist gar nicht so schlimm, fernsehen ist schlimmer“, sagt man damals. Es war ein verruchtes Medium, teuer dazu. Die meisten Familien waren noch mit dem privaten Wiederaufbau beschäftigt, für so einen modernen Krempel hatte man kein Geld, auch wenn es nur fünf Mark im Monat waren.
Also sah nur ein wirklich elitärer Kreis von Zuschauern Eisenhowers Rückkehr aus Korea - eine Nachricht, die schon 20 Tage alt war. Aber groß war die Nachricht allemal, und deswegen wurde sie so lange aufgehoben. Heute kann man innerhalb von 180 Sekunden Nachrichten auf den Bildschirm bringen.
Sandra Maischberger und Armin Toerkell haben sich mit Horst Jaedicke, dem ersten und lange Zeit einzigen Redakteur der „Tagesschau“ auf die Spuren von damals gemacht: „Es ist 20 Uhr. Die ‚Tagesschau' wird 50.“ Ein Jubiläumsfilm also. Und damit er keine Ähnlichkeiten mit „Die ‚Tagesschau' wird 45", „...40", „... 35", „...30“ und so weiter bekommt, hat Sandra Maischberger Schauspieler gebeten, die ersten Szenen aus dem Bunker Heiligengeist nachzuspielen. Man sieht: rauchende, düster bebrillte Tweedanzug-Männer, die um die Brosamen der „Wochenschau“ stehen, schwitzen, fluchen und daraus einen kleinen Film zusammendrehen. Ein Zusammenschnitt aus Katastrophen, Sport und Buntes, heute würde es wahrscheinlich kein einziges Thema in die „Tagesschau“ schaffen. Aber Sprecher, die vor einer Landkarte oder Grafik saßen, gab es damals noch nicht.
So nahm Sloboda das, was er kriegen konnte - und ein Schiffsunglück. Horst Jaedi>Die „Tagesschau“ wurde dreimal in der Woche gesendet, der Rest mit gnädigen Wiederholungen aufgefüllt. Das Budget war aus heutiger Sicht gewagt: Sloboda bekam pro Sendung 40 Mark, abzüglich 20 Pfennig für U-Bahn-Fahrkarten. Für die ganze Sendung hatte er 300 Mark zur Verfügung. So viel kostet heute ein Einstecktuch von Ulrich Wickert.
Im Jahr 1955 zog der Nachrichten-Tross um: Von nun an wurde nicht mehr aus dem Bunker gesendet, sondern von heutigen Fernsehgelände des NDR: Hamburg-Lokstedt. Vier Jahre später die zweite Sensation: Es kamen die Sprecher. Sloboda hatte sich lange gewehrt, zu sehr würden die Sprecher von der Nachricht ablenken. Fast zehn Millionen Zuschauer sahen es anders. Von nun an hatte die „Tagesschau“ ein Gesicht.
Eins? Karl-Heinz Köpcke, Werner Veigel, Dagmar Berghoff, Joachim Brauner sind die Chefsprecher gewesen, dazu kommen noch 30 andere, von Klaus Wunderlich bis Susan Stahnke. Und fast alle liefert Neudeutsch
Neudeutsch Richtig Bemerkung
suboptimal nicht gut Gerhard Schröder
einzigste einzig diese Wörter lassen sich nicht noch einmal steigern
optimalste optimal
zögerlich zögernd aber laut Duden möglich
bin gestanden habe gestanden Bayrisch-Deutsch
(Spiel) ist geendet hat geendet Sportjournalist
ich habe fertig ich bin fertig Trappatoni-Deutsch
der eine - der nächste der eine - der andere nicht im Duden
Wertschätzung Anerkennung erstmals bei Kita-Mitarbeiterinnen
wertgeschätzt geschätzt
Wertschätzung Schätzwert Weiterentwicklung
gewertschätzt (wert-) geschätzt, anerkannt ganz unmöglich
will es nicht schuld sein ich will nicht schuld daran sein RTL auch Günther Jauch
ich bin gekündigt mir wurde gekündigt
durchstechen ausplaudern, verraten Politiker
Studierende Studenten
Geflüchtete Flüchtlinge sachlich richtiger
Fernseher Fernsehgerät aber laut Duden möglich
Flieger Flugzeug aber laut Duden möglich
Politik (ohne Artikel) die Politik Politikersprache
in Schule in der Schule Ministerin Giffey
bei Gericht vor dem Gericht Juristensprache
ich bin bei ihnen ich bin einverstanden
verbringen hinbringen (Ferien verbringen) Polizeideutsch
verbaut eingebaut Architekten usw.
kucken (nur gesprochen) gucken gängig im Fernsehen
von daher deshalb Sven Hannawald
händisch mit der Hand lange veraltet, jetzt gängig
Korporation Ko-operation
Priorität Vorrang steht aber im Duden
(mit- ) geschliffen (mit- ) geschleift Radio
Wertigkeit Wert Wort mit „-keit“
besendern mit einem Sender ausstatten Anja Siegesmund
abkönnen, kann nicht ab aushalten
ein schönen guten Tag Guten Tag!
Gefühligkeit Gefühl laut Duden möglich
Abs und Dauns Tiefpunkt und Höhepunkt von englisch „up and down“
sehr gerne Antwort auf Dank
Restauration Restaurierung Restauration ist ein Gasthaus
Kontaktieren in Kontakt treten
am Ende des Tages zuletzt, schließlich Politiker
das macht Sinn es ist sinnvoll
Du bist gekündigt Ich kündige dir Auch: Ich bin gekündigt
Alle außer ich Alle außer mir
bespielt es wird mit dem Ball gespielt Fußballreportagen
bespaßt mit Kindern Spaß machen
Stand heute zum gegenwärtigen Zeitpunkt Trainer Nico Kovacs
Dienstwägen Dienstwagen Christin Gesang, HR
Narrativ subjektive negative Erzählung Duden nur „narrativ”
Empathie Einfühlsamkeit, Mitgefühl Alt: Sympathie = Zuwendung
freigeschalten freigeschaltet viele weitere Bildungen ähnlicher Art
aufgehangen aufgehängt
unkaputtbar haltbar, nicht kaputt zu kriegen
verlustig gehen verloren gehen subst. Verlust, verb. verlieren
extremst extrem (außergewöhnlich) Horst Lichter
so was von (Verstärkung) kaum zu übersetzen
in Gänze im Ganzen, vollständig
in 2018; in 2...18 im Jahr 2018
einen schönen Tag Ihnen Ich wünsche Ihnen einen
außer ich außer mir
genau .... okay ja
Priorisieren, Priorität bevorzugen Fernsehen
„wording“ Wortlaut, Sprachregelung
schönen „Guten Abend“ ihnen Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Abend
Bedarfe mehrfacher Bedarf Plural nur fachsprachlich
Verbräuche Verbrauch Singular genügt
vererbt bekommen vererbt oder bekommen Zwei Redewendungen
verstörend bestürzend, aufschreckend
Achtsamkeit aufmerksam sein auf andere
abgeschalten abgeschaltet
geschliffen (Messer) geschleift (einen Gegenstand) Doppelbedeutung
erste Priorität Vorrang Tautologie
besorge mich, sorge daß ich mache mir Sorgen ich besorge mir Dinge
ich will das nicht sorgen will mir keine Sorgen machen Bayrischer Rundfunk
Testungen, Teste Tests Testung = „Testverfahren“
das erinnere ich gerne daran erinnere ich mich gerne
ich erinnere das ich erinnere mich an das
niegel-nagel-neu Keine neuen Ausdrücke, aber plötzlich Mode
picke-packe-voll
viral gehen Im „Netz“ schnell verbreitet viral = vom Virus verursacht
Verimpfen, Verimpfung impfen, Impfen
verbringen, verbracht bringen, gebracht
Bepreisung mit höherem Preis versehen Angela Merkel (Benzin)
sich treffen zu lassen sich treffen dürfen
nahbar sein zugänglich sein, ansprechbar
mehr gut (geht nicht) besser Bauhaus-Werbung
meistvertraut dem man am Meisten vertraut Persil-Werbung
willkommen zurück Willkommen, weil Sie zurück.. Anglizismus: welcome back
erfreulich Sie zu sehen Ich freue mich Sie zu sehen Anglizismus nice to see you
Hallo zusammen Hallo, für alle, die da sind
Ich erinnere das Ich erinnere mich an etwas
Ich besorge das Ich mache mir Sorgen wegen Ich besorge mir ein Messer
Jüdinnen und Juden früher nur „Juden“ „Deutschinnen“ / „Deutsche“
emotional (vor Freude) weinen
(
Narrativ: subjektive negative Erzählung, die das Gemeinschaftsgefühl stärken soll, aber nicht unbedingt auf Tatsachen beziehen muß
en uns im Laufe ihrer seriösen Amtszeit ein befreiendes: Keiner ist unfehlbar.
Jens Riewa verkündete einst: „Das Nacktbackverbot ist aufgehoben“, Jan Hofer bescherte dem Papst ,,Tausende von Gläubigern“. Und, unvergessen, Dagmar Berghoff, die Boris Becker bei einem „WC-Turnier in Dallas“ gewinnen ließ. Müsste man die schönsten Szenen im deutschen Fernsehen prämieren, sie gehörten sicherlich zu den ersten fünf.
Ganz vorne auch dabei die Vormittagsausgabe vom 17. Februar 2000, in der Susanne Daubner die Nachrichten über die Schäuble-Nachfolge verlas. Schon zu Beginn dieser „Tagesschau" wurde ihr „Guten Morgen“ von einem freundlichen Putzmann im Hintergrund erwidert, der im Verlauf der Nachrichten auch fröhlich durch das Bild feudelte. Contenance, du hast einen Namen: Susanne Daubner las die Nachrichten weiter, als sei nichts geschehen.
Einen Patzer ganz anderer Art leistete sich Hanns Joachim Friedrichs, der eine Tages zum Beginn des Herbstes mäßig originell textete: „Schluss mit baden in Baden-Baden.“ Am nächsten Tag bekam er und sein Team das zu spüren, was man „verschärfte Zuschauerreaktion“ nennt Kurdirektoren, Baden-Badener und Freibadbesitzer liefen Sturm, so dass an Abend klargestellt werden musste: Baden ist in Baden-Baden weiterhin möglich, ja sogar erwünscht. Na bitte.
Die ARD zeigt die Jubiläumssendung zum Geburtstag der Tagesschau „Es ist 20 Uhr“ am Donnerstag um 22 Uhr. Mehr Wissenswertes zur Geschichte der „Tagesschau“ bietet das Buch „Tatort Tagesschau" von Horst Jaedicke, erschienen im Alliterar Verlag.
„Da gehe ich mit ihnen ganz chloroform“:
Sprachliche Entgleisungen auf und neben dem Spielfeld
Eine Sammlung von Fußballer-Zitaten im Westentaschenformat, aus der man endlos zitieren möchte. Skurrile, weil wider Willen (r)ausgerutschte Fußballweisheiten, die Schenkelklopfer sind. Der in der Überschrift zu lesende Ausspruch etwa stammt von einem damals hoffentlich nicht benebelten Helmut Schön. Er hätte aber auch von der Trainerlegende Max Merkel sein können, der ebenfalls für so manchen sprachlichen Fauxpas gut war und folglich in „Sprechen Sie Fußball?“ mehrfach vertreten ist.
Auch Franz „der Kaiser“ Beckenbauer wird in dem Schatzkästlein der Merkwürdigkeiten wiederholt zitiert. So etwa mit der überraschenden Erkenntnis: „Die Schweden sind keine Holländer. Das hat man ganz genau gesehen.“
Auch Kommentator Marcel Reif kannte in seiner Begeisterung keine Grenzen, als er ins Mikro rief: „Kamerun - beste Mannschaft Europas.“ In dieser Tradition steht Andreas „Fräulein“ Möller, der in seinen besseren Jahren von einer Karriere im Ausland träumte und da nicht wählerisch war: „Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien.“
Voller Poesie ist eine frühere Auskunft von Ailton: „In momento n bisschen guck.“ Wie ein anschließender Kommentar dazu liest sich der Satz des Spielers Markus Weißenberger, der einmal über einen Spielerkollegen sagte: „Was mich an ihm am besten gefällt, ist, dass er auch ein bisschen Deutsch kann.“ Da möchte man mit Mario Basler antworten: „Ich lerne nicht extra Französisch für Spieler, wo diese Sprache nicht mächtig sind.“ Recht so! Man sollte stets um den Balken im eigenen Auge wissen.
Wie der bereits zitierte Andreas „Heulsuse“ Möller: „Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbstkritisch bin, auch mir selbst gegenüber.“ Der einstige BVB-Spieler ist einer der wichtigsten Aphoristiker im Fußball, denn von ihm stammt auch dieses Bonmot: „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl.“
Wie es zu solchen Fehlleistungen kommt, weiß Franz Beckenbauer: „Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.“ Das hätte ein Karl Valentin gewiss nicht besser formulieren können.
Die Zitate sind aber keine Sprachfouls, wie der Untertitel im Rasenspielvokabular suggeriert, da Fouls ja oft taktischer Natur sind. Es handelt sich um ungewollte sprachliche Entgleisungen, die aus dem Moment heraus geschehen: aus Freude über den Sieg, aus Frust über eine Niederlage oder aus dem Zwang, das Spiel, kaum dass es der Schiri abgepfiffen hat, für
Fernseh- und Hörfunksender sofort analysieren zu müssen.
Wer den Sinn des Spiels noch immer nicht durchschaut haben sollte, dem sei es mit den übergewichtigen Worten des Fußballphilosophen Rainer Calmund erklärt: „Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf: Wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.“ Haben Sie das verstanden? Wenn nicht, auch nicht schlimm, denn schon Gerd Müller wusste: „Wenn's denkst, ist eh zu spät.“
Und weil's so schön ist, soll zum Abschluss Mario Basler, der in seiner aktiven Zeit lieber eine Zigarette rauchte als kurzatmig nach dem Ball zu hasten, seiner Familie winken dürfen: „Ich grüße meine Mama, meinen Papa und ganz besonders meine Eltern.“ Wer so spricht, der ist ein echter Fußballer - oder ein Adoptivkind.
Sprechen Sie Fußball? Die schönsten Sprachfouls. Zusammengestellt von Günter Eisenhuber, Residenz Verlag GmbH, 64 Seiten, ISBN 3-7017-1449-5, 2,90 Euro.
Hessischer Rundfunk:
Peter Heckert, Maulbeerweg 21, 63477 Maintal 06.07.15
Redaktion Hessenschau
Sehr geehrter Herr Hieke,
es gibt ein Trappatoni-Deutsch („Ich habe fertig“), ein Beckenbauer-Deutsch („Ich bin gestanden“), ein Kanak-Deutsch („Ich gehe Aldi“) und ein RTL-Deutsch („Ich bin es nicht schuld“ – statt: Ich bin nicht schuld daran!).
Neuerdings gibt es aber auch ein HR-Deutsch. In dem Bericht über den Unfall vor dem Schwimmbad in Lollar haben Sie gesagt: „Das Mädchen wurde von dem Auto mitgeschliffen“, anstatt: „Es wurde mitgeschleift“. Geschliffen werden Messer. Aber die Vergangenheitsformen von „schleifen“ im Sinne von „wegbewegen“ sind „schleifte“ oder „geschleift“.
Kurz vorher war die falsche Form schon einmal in einer HR-Sendung zu hören, wenn ich mich nicht täusche, dann auch schon bei anderen Sendern (besonders RTL ist das sehr kreativ). Nun kann man nichts machen, wenn ein Studiogast so redet. Aber ein Nachrichtenmoderator muß gutes Deutch sprechen, denke ich. Denn das Fernsehen prägt den Sprachgebrauch sofort. Und plötzlich sagen alle „Am Ende des Tages“ (was ja wenigstens noch richtiges Deutsch ist) oder „Der eine Unfall und der nächste (statt „der eine und der andere“, nur so steht es im Duden)
In Talkshows, Interviews oder heute auch in der Morgenandacht im Radio - ständig heißt es: „Also, wenn ich ehrlich bin ...“ oder: „Ehrlich gesagt“. Richtig müsste es doch wohl
heißen: „Wenn ich offen bin ...“ oder: „Offen gesagt ...“. Denn das ist damit gemeint:
Ich weiß mehr, als ich sage, aber ich sage nicht alles, was ich weiß. Aber so entsteht der Eindruck, als sei das meiste von dem Gesagten gelogen (Bernhard Heimrich).
Es ist erstaunlich, wie bestimmte Formulierungen plötzlich Mode werden. Sagte man früher zur Überbrückung einer Pause ein „Ähm“, so heißt es heute „ja“ oder „genau“. Sprachprägend ist dabei das Fernsehen: Da verwendet einer einen Ausdruck und alle machen es nach.
Fernsehdeutsch
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Fernsehen |
Deutsch |
Herkunft |
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suboptimal |
nicht gut |
Gerhard Schröder |
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„Ich habe fertig“ |
„Ich bin ferrig!“ |
Giovanni Trapatoni |
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einzigste |
einzig |
Diese Wörter lassen sich nicht noch einmal steigern |
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optimalste |
optimal |
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der Fall ist geendet |
hat geendet |
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Ich bin es nicht schuld |
Ich bin nicht schuld (daran) |
Gerichtssendungen |
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zögerlich |
zögernd |
laut Duden möglich |
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Gefühligkeit |
Gefühl |
laut Duden möglich |
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der eine und der nächste |
der eine und der andere |
laut Duden nur so |
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Flieger |
Flugzeug |
laut Duden möglich |
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Fernseher |
Fernsehgerät |
laut Duden möglich |
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Die Sprache in der Pandemie
Alltagsmaske, Balkonkonzert, Eindämmungsverordnung, Geisterspiel, Herdenimmunität, Hochrisikogruppe, Infektionskette, Rettungsplan, Rückholflug. Solche Begriffe werden irgendwann nicht mehr unbedingt in Verbindung mit Covid-19 gebracht.
Aber überall haben Menschen ihr Englisch verbessert. Übersetzt man Hotspot mit Heiße Stelle oder besser mit Brennpunkt? Lockdown (nicht zu verwechseln mit Lockerung!) mit Abriegelung oder Ausgangssperre? Shutdown mit Außerbetriebnahme oder Stilllegung? Tracing mit Ablaufverfolgung oder Überwachung?
Wer das Wort Heimarbeit zu „old school“ findet, spricht von „Homeoffice“, obwohl es die
Bezeichnung fürs britische Innenministerium ist. Die nicht-pharmazeutische Maßnahme „Social distancing“ sollte korrekt „physical distancing“ heißen: physischer, räumlicher Abstand, nicht sozialer, obwohl es nicht selten dazu kommt.
Auch naturwissenschaftlich haben wir uns weitergebildet: Der Aerosole wegen bedecken wir Mund und Nase. Aber wie stellen wir uns das Virus vor? Wir hören: Es schlägt zu, wird auf den Prüfstand gestellt und unter die Lupe genommen; besser wäre Mikroskop. Doch unter der Lupe ist ständig etwas, auch Großes, Dingliches und Abstraktes, zum Beispiel Kindergärten oder der Buchmarkt.
Nun wurden aus Lupen Brenngläser, unter denen sich in der Krise Probleme zeigen und Entwicklungen verdichten. Physikalisch sind zwar Lupe und Brennglas das gleiche, aber im Brennpunkt findet Zerstörung statt.
Bildhafte Sprache ist Glücksache. Wir üben uns momentan auch in Ambiguitätstoleranz; es hilft noch nach Corona, mit der Mehrdeutigkeit von Wörtern und Werten klarzukommen (Christoph Kuhn, G+H 25/20). Und noch eins: Schulden heißen jetzt „Sondervermögen“.
Geschlechtergerechte Sprache
Wird die Verfassung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in geschlechtergerechte Sprache umgeschrieben? Darüber will die Landessynode auf ihrer Frühjahrstagung 2018 entscheiden. Die Verfassungskommission hat einen Vorschlag erarbeitet. Dazu ein Gespräch mit Professor Michael Germann, der der Verfassungskommission angehörte, jedoch ausgetreten ist. Mit ihm sprach Katja Schmidtke.
Herr Professor Germann, seit 2014 diskutiert die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland über eine Verfassungsänderung. Von Beginn an gehörten Sie der von der Landessynode hierfür eingesetzten Kommission an. Nun sind Sie ausgetreten. Warum?
Germann antwortet: Die Herbstsynode hat die Verfassungskommission aufgefordert, den Entwurf zur Änderung der Verfassung in einer geschlechtspolitisch veränderten Sprachfassung vorzulegen. Die halte ich für eine schwerwiegende Verschlechterung. In meinem Brief an den Präses der Synode und an die anderen Beteiligten habe ich deutlich gemacht, dass ich damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Außerdem wollte ich die Freiheit gewinnen, die ich mir als Mitglied der Kommission nicht genommen habe: einzutreten für die geltende sprachliche Fassung und dafür zu werben, die Änderung in der Frühjahrssynode abzulehnen.
Die inhaltlichen Vorschläge, die aus der Revision hervorgegangen sind, halte ich für sinnvoll. Weil aber in der jetzt vorgelegten Fassung sprachliche und inhaltliche Veränderungen zu einem Text verbunden sind, können die Synodalen nur zu beidem „ja“. oder zu beidem „nein“, sagen. Sagt die Synode „nein“, was ich hoffe und wofür ich in einem Brief an die Synodalen werbe, können die inhaltlichen Veränderungen später aufgegriffen werden. Die sind ja nicht aus der Welt.
An „geschlechtergerechter Sprache“ stört Germann schon die Bezeichnung. er spricht von einer „geschlechtsfixierten Sprache“. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie willkürlich generische Formen unterdrückt und durch Formen zu ersetzen versucht, die nur ein bestimmtes biologisches Geschlecht markieren. Generische Substantive oder Pronomen machen es möglich, Menschen und ihre sozialen Rollen zu bezeichnen, wenn das Geschlecht unbekannt oder nicht bedeutsam ist. Generische Formen leisten eine notwendige Abstraktion, wie übrigens alle sprachlichen Ausdrücke. Um vom Geschlecht zu abstrahieren, kommen wir ohne generische Formen nicht aus.
Manche generische Formen haben nun das Pech, dass sie mit den Formen übereinstimmen, die man für männliche Exemplare verwendet, wenn es eine weiblich markierte Form gibt. Das ist sprachlicher Zufall: „Freund“ und „Gast“ sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben „Freund“ gibt es „Freundin“, neben „Gast“ gibt es keine weiblich markierte Form. Wer deswegen von „Freunden“ nur noch sprechen will, wenn es Männer sind, fixiert das Wort auf das männliche Geschlecht. So kann man Frauen nicht zu seinen Freunden zählen, sondern mit der separaten Bezeichnung als „Freundinnen“ nur von ihnen sprechen, indem man auf ihr weibliches Geschlecht abstellt. Das nenne ich „geschlechtsfixierte“ Sprache.
Und damit beginnen die Probleme: Es gibt Menschen, die sich nicht auf das männliche oder weibliche Geschlecht festlegen lassen. Schon daran scheitert die Erwartung, man könne generische Formen durch eine Aufzählung zweier Geschlechter ersetzen. Das Bundesverfassungsgericht hat daraus geschlossen, dass das Personenstandsrecht für die Angabe des Geschlechts eine generische Kategorie bereithalten muss. Erst recht sind generische Formen also nötig, wenn es gar nicht um die Angabe des Geschlechts geht. In der individuellen Ansprache eines konkreten Menschen ist das anders. Mein Gegenüber spreche ich nicht generisch an.
Durch die Veränderung der Sprache in einer Gesellschaft, in der jeder individueller sein will als der andere, kommt das verbindende Element abhanden. es geht um das Bedürfnis, in jeder Situation als Individuum angesprochen zu werden. Damit hat auch das Argument zu tun, die Sprache müsse jeden einzelnen in seiner Geschlechtszugehörigkeit „sichtbar“ werden lassen. So habe ich auch von manchen Frauen in einem hohen, sogar sehr sichtbaren kirchlichen Leitungsamt gesagt bekommen, dass sie sich nicht angesprochen fühlen von einem Text, der abstrahiert, dass sie sich in ihrer Funktion und Rolle, in ihrem Amt nur wahrgenommen sehen, wenn sie gerade als Frau wahrgenommen werden. Das Verbindende wäre hier im Zurücktreten des „Ansehens“ der Person und ihres Geschlechts hinter die „Sichtbarkeit“ des Amts zu suchen, sobald man eben vom Amt spricht und nicht von der einzelnen Person.
Durch die Sprachumstellung will man eine individuelle Ansprache und unsere Gemeinschaft als Christen zusammenbringen. Ohne generische Bezeichnung gibt es aber keine gemeinsame Bezeichnung. Umschreibungen wie „alle Getauften“ gelten nur deshalb als unauffällig, weil es dazu keine markierte Form gibt. Wenn man von Christen nur noch als „Christinnen und Christen“ sprechen kann, ist die Trennung der Geschlechter vorausgesetzt, sie geht dem Christsein vor. Das ist ein Problem, weil wir Sprachformen brauchen, die uns als Gemeinschaft ansprechen.
Im Plural verschwinden die weiblich markierten Formen.
Hier wird Unsichtbarkeit uns plötzlich als „geschlechtergerecht“ verkauft. Bei den „Getauften“ funktioniert das, aber nicht bei den „Christen“, wenn man sie im Gegen satz zu „Christinnen“ sieht. Alle Kunstgriffe dieser Art gehen auf Kosten des Sinns. Ein Beispiel: Für die Vorschriften über das Amt des Superintendenten hat die Verfassungskommission den Plural erwogen, weil sich darin we- nigstens die Personalpronomina auf eine Form reduzieren.
Doch das hätte den Sinn verschoben: Eine Norm, die die einzelnen Amtsträger adressieren soll, wäre im Plural verwechselbar mit einer Norm, die die ganze Gruppe adressiert. Es gibt aber je Kirchenkreis nur ein solches Amt. Juristen können mit solchen Sinnverschiebungen zurechtkommen, aber die dafür erforderliche Übersetzungsleistung ist eine unnötige Verständnishürde, erst recht für juristisch nicht geschulte Menschen.
Gesetzestexte sind kompliziert. Sie müssen aber auch sprachlich schön sein. Verfassungen sind keine beliebigen Gebrauchstexte, ihre Wirkung hängt auch davon ab, dass sie gut lesbar und eingängig sind. Das Grundgesetz zum Beispiel hat - abgesehen von einigen späteren Zutaten - ein schöner Text.
Hätte nicht eine Gleichstellungsklausel in der EKM-Verfassung genügt? Germann sagt dazu: Artikel 8 der geltenden Verfassung stellt die Funktion der generischen Bezeichnungen klar. Selbst das ist unnötig, wenn man sich einfach darauf einlässt, dass generische Formen immer vom Geschlecht abstrahieren.
Bei solchen Klauseln sollte auf die Formulierung geachtet werden: Dass alle „gemeint“ sind, trifft die Sache nicht: Frauen sind nicht nur irgendwie „mitgemeint“. Formulierungen wie „gelten auch für Frauen“ klingen juristisch nach einer Fiktion. Besser ist das Verb „bezeichnen“: Generische Formen „bezeichnen gleichermaßen Frauen und Männer“. So ist es, und so steht es in Artikel 8 der Kirchenverfassung.
Aber manchen genügt das nicht. Das Hauptargument lautet: Es werde anders empfunden. Man muss das ernst nehmen und die Probleme an der richtigen Stelle anpacken. Wenn ein Personalverantwortlicher nur an Männer denkt, wenn im Text „Pfarrer“ steht, dann ist dies Denken das Problem. Für uns als evangelische Christen wäre die Kirche nicht mehr in Ordnung, wenn es für ihre Ämter auf das Geschlecht ankäme. Wo das in den Köpfen nicht angekommen sein sollte, müssen wir reagieren und ein Bewusstsein schaffen. Dafür sei eine Sprachumstellung das Mittel, so das Argument ihrer Befürworter. Aber Eingriffe in die Sprache sind das falsche Mittel. Es hat etwas von einer Ablenkungsschlacht, diese Schlacht um die Sprache.
German als Kirchenrechtler ist bei diesem Thema so emotional: Sprache hat mit Persönlichkeit zu tun. Wenn jemand mir vorschreibt, wie ich zu sprechen habe, macht mich das grantig. Aber dann müsste er auch Frauen verstehen, die sagen, diese Sprache schreibt mir vor, dass ich Pfarrer bin und nicht Pfarrerin.
Da stehen emotionale Erfahrungen dahinter - auch generationsgebunden. Aber dieses Empfinden sucht sich das verkehrte Ziel. Es macht einen Unterschied, ob ich Eingriffe in die Sprache erleide oder ob ich hinnehmen muss, dass andere die Sprache so verwenden, wie sie mit den ihr gegebenen Mitteln funktioniert. Da kann man der generischen Form nicht gegen ihren Sinn vorwerfen, sie mache eine Frau zum Mann. Schon allein die Methode, über Sprachhygiene in den Kopf da anderen eingreifen zu wollen, hat etwas Beleidigendes. Man unterstellt ihm damit, dass er ein falsches, in Rollenstereotypen gefangenes Bewusstsein hätte.
German sagt dazu: Das will ich mir nicht mit jedem Satz der Verfassung vorhalten lassen. Wo es so wäre, ließe ich mich gerne korrigieren - aber nicht auf dem Irrweg einer um die generischen Formen beraubten Sprache. Ich hoffe, dass die Landessynode das dem Text der Kirchenverfassung nicht antut.
Genderitis:
„Nach dem Fußballspiel jubelten Spieler und Spielerinnen, Trainer und Trainerinnen, Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, Ärzte und Ärztinnen. Ausländer und Ausländerinnen, usw.“. Man kann es bald nicht mehr hören, das Lesen und Verstehen wird stark erschwert. Früher war klar, daß bei männlichen Formen auch immer die weibliche mitgemeint ist. Für Luther oder Goethe gab es da kein Problem, keine Frau fühlte sich diskriminiert. Es gab „Mann“ und „Weib“ und das nachgemachte Wortspiel „Männin“ in 1. Mose 1 hat sich nicht durchgesetzt.
Aber dann kam das „Gendern“ auf. In Maintal sprachen in der Stadtverordnetenversammlung die Grünen zuerst vom „Gender mainstrom“. Seitdem wurde es immer mehr mit den doppelten Formen: Gesetzestexte wurden umgeformt, In den Zeitungen führte man „Gender-Sternchen“ oder das große „I“ im Wort ein – und man sprach das Wort dann auch so, mit einer kleinen Pause im Wort.
In Herbst 2023 erfand man noch eine Neuerung. Jetzt war im Zusammenhang mit judenfeindlichen Demonstrationen und Aktionen nicht mehr von „Juden“ die Rede, sondern von den „Jüdinnen und Juden“. Analog dazu müßte man dann auch von „Deutschinnen und Deutschen“ sprechen. Doch schon Hoffmann von Fallersleben konnte in seinem Lied, das später die Nationalhymne wurde, nur „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ dichten.
Seltsamerweise gibt es in der deutschen Sprache – zumindest für Europa – immer eine weibliche und männliche Form für die Bewohner eines anderen Landes. Sogar die Frauen und Monaco sind „Monegassinnen“ (höchstens bei San Marino wird es schwierig, aber da heißen die Einwohner „Sammarinesi“ und das ist italienisch und dort umfaßt der Plural beide Geschlechter).“
Fast schon akzeptiert sind Wörter wie „Mitgliederinnen“ (Plural männlich und weiblich, von „das Mitglied“) oder „Teenagerinnen“ (im Englischen für beide Geschlechter, es heißt „der siebzehnjährige Teenager“, auch wenn es sich um ein Mädchen handelt). Weitere Wortschöpfungen werden folgen.
Ein eigenes Kapitel ist die religiöse Sprache. So heißt es im aaronitischen Segen am Schluß des Gottesdiensts: „Der Herr segne dich!“ Manche ersetzen hier das „Herr“ durch „Gott“. Das ist nicht falsch, denn im Urtext steht hier „Jahwe“, das Luther mit „Herr“ wiedergegeben hat.. Aber das Wort „Herr“ ist hier nicht der Gegensatz zu „Dame“ oder „Frauen“ (wie an den Toiletten), sondern Gegenstück zu „Sklave“. Mit „Herr“ wird deutlicher ausgedrückt, daß Gott über den Menschen steht.
Zeitungsartikel
Wo ist da das Problem? Die Mehrzahl ist immer mit dem Artikel „die“ verbunden, also weiblich. Die Endung „er“ in „Sportler“ hat nichts mit dem männlichen Artikel“ „der“ zu tun, sondern ist Bestandteil des Wortes wie zum Beispiel in „Bohrer. Muß man denn die deutsche Sprache verhunzen mit Wörtern wie „Gästinnen“ oder „Mitgliederinnen“? Und „Teenager“ meint männliche und weibliche Jugendliche. denn es kommt aus dem Englischen , wo es zum Glück nur einen Artikel gibt. Unter Rechtschreibung speichern
Genderitis
„Nach dem Fußballspiel jubelten Spieler und Spielerinnen, Trainer und Trainerinnen, Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, Ärzte und Ärztinnen. Ausländer und Ausländerinnen, usw.“. Man kann es bald nicht mehr hören, das Lesen und Verstehen wird stark erschwert. Früher war klar, daß bei männlichen Formen auch immer die weibliche mitgemeint ist. Für Luther oder Goethe gab es da kein Problem, keine Frau fühlte sich diskriminiert. Es gab „Mann“ und „Weib“ und das nachgemachte Wortspiel „Männin“ in 1. Mose 1 hat sich nicht durchgesetzt.
Aber dann kam das „Gendern“ auf. In Maintal sprachen in der Stadtverordnetenversammlung die Grünen zuerst vom „Gender mainstrom“. Seitdem wurde es immer mehr mit den doppelten Formen: Gesetzestexte wurden umgeformt, In den Zeitungen führte man „Gender-Sternchen“ oder das große „I“ im Wort ein – und man sprach das Wort dann auch so, mit einer kleinen Pause im Wort.
In Herbst 2023 erfand man noch eine Neuerung. Jetzt war im Zusammenhang mit judenfeindlichen Demonstrationen und Aktionen nicht mehr von „Juden“ die Rede, sondern von den „Jüdinnen und Juden“. Analog dazu müßte man dann auch von „Deutschinnen und Deutschen“ sprechen. Doch schon Hoffmann von Fallersleben konnte in seinem Lied, das später die Nationalhymne wurde, nur „Deutsche Frauen, deutsche Treue“ dichten. Natürlich kann man auch sagen „Der Deutsche“ und „Die Deutsche“, und im Plural ist es sowieso egal, da heißt es „Die Deutschen“, und das hat wenigstens einen weiblichen Artikel.
Seltsamerweise gibt es in der deutschen Sprache – zumindest für Europa – immer eine weibliche und männliche Form für die Bewohner eines anderen Landes. Sogar die Frauen aus Monaco sind „Monegassinnen“ (höchstens bei San Marino wird es schwierig, aber da heißen die Einwohner „Sammarinesi“ und das ist italienisch und dort umfaßt der Plural beide Geschlechter).“
Fast schon akzeptiert sind Wörter wie „Mitgliederinnen“ (Plural männlich und weiblich, von „das Mitglied“) oder „Teenagerinnen“ (im Englischen für beide Geschlechter, es heißt „der siebzehnjährige Teenager“, auch wenn es sich um ein Mädchen handelt). Weitere Wortschöpfungen werden folgen.
Ein eigenes Kapitel ist die religiöse Sprache. So heißt es im aaronitischen Segen am Schluß des Gottesdiensts: „Der Herr segne dich!“ Manche ersetzen hier das „Herr“ durch „Gott“. Das ist nicht falsch, denn im Urtext steht hier „Jahwe“, das Luther mit „Herr“ wiedergegeben hat.. Aber das Wort „Herr“ ist hier nicht der Gegensatz zu „Dame“ oder „Frauen“ (wie an den Toiletten), sondern Gegenstück zu „Sklave“. Mit „Herr“ wird deutlicher ausgedrückt, daß Gott über den Menschen steht.
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Maintaler Stadtverordnete eröffnen Genderdiskussion:
Sternchen oder „m/w/d“? Wie die Stadt Menschen jedes Geschlechts in ihren Satzungen ansprechen kann, diskutierten die Stadtverordneten am Montag. Die Genderdiskussion ist in der Maintaler Stadtverordnetenversammlung angekommen. Anlass ist die geplante Neufassung der Satzung zur Ehrung verdienter Persönlichkeiten. Ob diese gendert und wenn ja wie, wurde am Montag heiß diskutiert.
Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, ein großes I mitten im Wort – in den vergangenen Jahren hat sich eine ganze Reihe typografischer Möglichkeiten verbreitet, um bei der Nennung von Personen nicht mehr nur die männliche, sondern die feminine und maskuline Form in einem Wort zu nutzen. „Gendern“ nennt man dies landläufig, und meint damit, dass man der zunehmenden gesellschaftlichen Diversität sprachlich Ausdruck verleihen und alle biologischen und sozialen Geschlechter mit einbeziehen und ansprechen will. Die Diskussion darüber, ob und wenn ja, wie Gendern sinnvoll ist, hat auch in der Maintaler Stadtverordnetenversammlung Einzug gehalten.
Auslöser war am Montagabend die überarbeitete Satzung zur Ehrung verdienter Persönlichkeiten. Das Schriftstück legt fest, welche Ehrungen die Stadt Maintal für welche Verdienste verleiht, aber auch welche Ehe- und Altersjubilare sie ehrt. Bereits im Mai hatte die Stadt eine neue Version der Satzung vorgelegt, um – wie Erster Stadtrat Karl-Heinz Kaiser erklärte – „kleinere redaktionelle Fehler“ zu korrigieren, vor allem aber, um die Kriterien zur Ehrung von Maintaler Sportlerinnen und Sportlern zu schärfen.
Das ist unter anderem deshalb auch notwendig, weil die Stadt am 12. September besonders erfolgreiche Amateursportler und Mannschaften auszeichnen will. Deshalb war Eile geboten. Mit der Ausschreibung für die Sportlerehrung habe man, führte Kaiser aus, den Beschluss der neuen Satzung nämlich schon vorweggenommen.
Die Stadtverordnetenversammlung am Montagabend sollte die Formalie nachholen und außerdem dazu dienen, die in der Juni-Sitzung wegen der fortgeschrittenen Zeit nicht mehr behandelten Tagesordnungspunkte abzuarbeiten. Bereits vor der Sommerpause hatte sich in den zuständigen Ausschüssen an der Satzung eine „konstruktive, angeregte Diskussion“ (Kaiser) entsponnen. Den Konsens daraus hatte Kaiser in einer E-Mail an die Fraktionen zusammengefasst. Deren Inhalt sollte nun offiziell in die Neufassung aufgenommen werden.
In den Entwurf hatte Kaiser statt der offiziell als Sonderzeichen abgelehnten Gender-Sternchen eine andere Form der geschlechtergerechten Sprache eingearbeitet: den Zusatz „männlich/weiblich/divers“, abgekürzt mit „m/w/d“ in Klammern, um klarzustellen, dass es sich bei den angesprochenen Personen sowohl um weibliche als auch um männliche und Menschen handelt, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen.
Und daran entzündete sich die Debatte am Montagabend. Denn damit standen mehrere Gendern-Formen im Text nebeneinander, teilweise bei ein und derselben Personenbezeichnung. Zum Beispiel: „Ehrenstadtrat/-rätin (m/w/d)“. SPD-Fraktionsvorsitzender Sebastian Maier sprach sich für das Gender-Sternchen aus und regte an, sämtliche Satzungen in diesem Sinne zu überarbeiten: „Auch in Maintal leben queere Menschen. Auch die sollen sich darin wiederfinden.“ Dies sei aber nicht inklusiv, widersprach Jörg Schuschkow (WAM) mit Verweis auf die jüngste Kritik der Vorsitzenden des Inklusionsbeirats. Karin Müller hatte die mit Sonderzeichen umgesetzten Genderformen kritisiert, weil sie die Lesbarkeit von Texten erschwere, was für Menschen mit Beeinträchtigungen eine Barriere bilde. „Wir wollen keinen Kulturkampf und keine Ideologie, sondern praktikabel jeden mitnehmen“, verdeutlichte Friedhelm Duch (Grüne) das Ansinnen seiner Fraktion.
Die hatte den Unmut mit einem Antrag auf sich gezogen, der erst am 18. August eingegangen war. Berufstätige Stadtverordnete hätten keine Gelegenheit gehabt, die fünfseitige Eingabe zu lesen, kritisierte FDP-Fraktionschef Thomas Schäfer. Darin setzen sich die Grünen dafür ein, dass Maintaler, die sich über längere Zeit im Bereich Klima- und Naturschutz verdient gemacht haben, die Ehrenmedaille der Stadt erhalten. Dies fand nach langer Abstimmung aber keine Mehrheit. Die wollte bei der Juni-Version der Satzung bleiben. Dem „Ehrenamtsthema“ im Bereich Klima- und Naturschutz verschließe man sich aber nicht grundsätzlich, signalisierten Götz Winter (CDU) und Jörg Schuschkow (WAM). (20.August 2025, MTA).
Wo ist da das Problem? Die Mehrzahl ist immer mit dem Artikel „die“ verbunden, also weiblich. Die Endung „er“ in „Sportler“ hat nichts mit dem männlichen Artikel“ „der“ zu tun, sondern ist Bestandteil des Wortes wie zum Beispiel in „Bohrer“. Muß man denn die deutsche Sprache verhunzen mit Wörtern wie „Gästinnen“ oder „Mitgliederinnen“? Und „Teenager“ meint männliche und weibliche Jugendliche. denn es kommt aus dem Englischen , wo es zum Glück nur einen Artikel gibt. Unter Rechtschreibung speichern
Jugendsprache: Von krassen Tussis und duften Luftikussen
Schon seit Luther sprechen Jugendliche eine eigene Sprache und prägen unser aller Deutsch
Wer Anfang des 18. Jahrhunderts unter seinen Kommilitonen als krass galt, hatte nichts zu melden. Als Verkürzung des neulateinischen Ausdrucks „crassa ignorantia“ wurde dem so Titulierten grobe Unwissenheit unterstellt Seit rund 30 Jahren dagegen ist krass gleichbedeutend mit cool. „Damit ist es wohl das einzige Wort, das gleich zweimal und im Abstand von knapp 300 Jahren aus der Jugendsprache ins allgemeine Umgangsdeutsch gelangte“, schreibt der Berliner Journalist Matthias Heine in seinem kürzlich im Duden-Verlag veröffentlichten Buch.
Entsprechend hat er den Titel gewählt: „Krass - 500 Jahre deutsche Jugendsprache“ heißt der Band, in dem der Germanist auf mehr als 200 Seiten die Ausdrücke der jungen Generation analysiert. Ein umfangreiches Stichwortverzeichnis gibt einen Überblick über die Wortneuschöpfungen jugendlicher Sprecher durch die Jahrhunderte. „Jugendliche benutzten schon immer eigene Sprachen, nach innen als Erkennungszeichen, nach außen zur Abgrenzung und natürlich auch ganz einfach zum Spaß“, so führt Heine aus. Damit hätten sie das Deutsche „zu allen Zeiten um zahlreiche Ausdrücke und Wendungen bereichert“.
Schon in Martin Luthers „Tischgesprächen“ sind ab 1531 Überbleibsel eines entsprechenden Jargons zu finden. Erste verlässlichere Quellen stammen aus dem 17. Jahrhundert. Seit dieser Zeit sammelten Jungakademiker die Begriffe, die sie gemeinsam verwendeten, in speziellen Wörterbüchern. Die Studentensprache hatte somit langfristig einen starken Einfluss auf die deutsche Standardsprache. Typisch war etwa das so genannte makkaronische Latein, auch „Nudelverse“ genannt. Dies bildete man, indem man lateinische oder pseudolateinische Endungen an die deutschen Wörter anhängte - die Geburt des „Luftikus“. Auch jiddische Ausdrücke nahmen Einfluß: Das Wort „dufte“ stammt von dem jiddischen „tow“ (= gut) ab und war als Jugendwort ab Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in Berlin nachweisbar.
Das vermutlich „erfolgreichste Jugendwort der vergangenen Jahrzehnte“ ist laut Heine die Bezeichnung „Tussi“, mittlerweile von Erwachsenen ganz selbstverständlich gebraucht. Und auch ihr Ursprung liegt lange zurück: „Thusnelda“ hieß die Gattin des germanischen Heerführers Hermann, die durch Heinrich Kleists „Hermannsschlacht“ (1808) populär wurde. Um den Kampfgeist der Bevölkerung zu stärken, wurde es in der Kaiser- und besonders in der Nazizeit sehr häufig gelesen sowie aufgeführt und verankerte sich somit im Gedächtnis einer genervten Schülergeneration.
Typisch für Jugendsprache ist der Hang zu Übertreibungen, und dass im Laufe der Jahrhunderte vor allem Männer die Begriffe prägten. Dies änderten erst die sozialen Netzwerke allmählich. „Instagramm und Tiktok sind sehr weibliche Medien!“ (GuH 44/21).
Sprachen
Die überraschende Lösung eines großen Rätsels: Der Mensch ist bequem. Darum hat er 4000 Sprachen erfunden. Wer in der Bibel den Bericht über die babylonische Sprachverwirrung liest, dem geht unweigerlich der Wunsch durch den Kopf, es wäre anders gekommen, und alle Menschen sprächen dieselbe Sprache. Doch wäre das wirklich so gut?
Nach den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft werden auf unserem Planeten zur Zeit etwa viertausend Sprachen gesprochen. Aber nur eine Handvoll davon – wie Chinesisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Arabisch, Russisch, Japanisch und einige indische Idiome - werden von jeweils mehr als hundert Millionen Menschen als Muttersprache benutzt.
Auf der anderen Seite: In Neuguinea - einem Gebiet, so groß wie Deutschland, Österreich und Italien zusammen - leben drei Millionen Menschen, die 750 verschiedene Sprachen sprechen. In Afrika sieht es nicht viel anders aus: Von Afrikaans bis Zulu schwirren nicht weniger als tausend unterschiedliche Sprachen durch den Schwarzen Kontinent. Und als der weiße Mann im 18. Jahrhundert zum ersten Mal Australien betrat, unterhielten sich die Ureinwohner dort auch in zweihundert verschiedenen Sprachen.
Jetzt fehlt in der Statistik nur noch Amerika. Nehmen wir als Fixpunkt die Zeit vor fünfhundert Jahren, als Kolumbus an Land ging. Der ganze Doppelkontinent war damals nur von wenigen Millionen Menschen besiedelt - aber sie unterhielten sich in nicht weniger als 2200 Sprachen!
Und noch eine Tatsache: Wenn eine Sprache das Recht hat, ins Guinness-Buch der Rekorde einzugehen, dann ist es das Kamassische. Im Jahre 1970 entdeckten sowjetische Sprachforscher in einem entlegenen Winkel im Ural eine Frau, die dieses sibirische Idiom sprach, obwohl es wissenschaftlich seit langer Zeit als ausgestorben galt. Jetzt fragen Sie vielleicht, mit wem sich die seltsame Frau unterhalten hat, wenn sie die einzige war, die diese Sprache noch beherrschte. Mit Gott. Kamassisch benutzte sie ausschließlich zum Beten.
Was kann man überhaupt als eine Sprache bezeichnen? Wenn wir am Anfang dieses Berichts rund 4000 Sprachen erwähnten, dann darf ein anderer Hinweis nicht fehlen: Sie unterscheiden sich so stark voneinander, daß die Linguisten dauernd nach neuen Systemen suchen, um alles richtig einordnen zu können. Traditionell wurden sie in folgende Gruppen eingeteilt:
Mit diesen drei Hauptgruppen ist es aber noch nicht getan. Es gibt viele Sprachen, die in keine die“
Wenn wir schon bei der Wort-Reihenfolge sind - manche Sprachwissenschaftler sehen darin eine Möglichkeit, unsere Sprachen neu zu ordnen. Dann gäbe es zum Beispiel eine Klasse, in der das Satzobjekt immer hinter dem Verb steht wie im Englischen (Mary sees the dog) und eine andere, in der das Verb immer am Ende steht wie im Lateinischen (Maria canem videt). Aber auch hier haben die Linguisten Probleme: Die Deutschen zum Beispiel kombinieren beide Formen - Verb vor Objekt und Objekt vor Verb (Maria sieht den Hund, weil sie gute Augen hat).
Und als wäre das alles nicht schon kompliziert genug, stießen die Wissenschaftler vor einiger Zeit auf ein neues Phänomen. Im brasilianischen Urwald wurde ein neuer Stamm entdeckt - nicht mehr als hundert Seelen am Ufer des Nhamunda, eines Nebenfluß des Amazonas. Diese Eingeborenen nennen sich selbst Hixkarjana, und ihre Sprache gehört zur Kategorie „isolierend“ wie di Chinesische. Besondere Eigenheit: Während in fast allen Sprachen der Welt am Satzanfang das Subjekt steht (außer man will etwas Bestimmtes betonen wie im Satz: „Den Hund hat Maria gesehen“), stellen die Hixkarjanas das Objekt immer vor das Subjekt und das Verb ans Ende. Das klingt dann so: „toto jonoje kamara“ und bedeutet wörtlich: „Mann, Jaguar, essen“. Übersetzen muß man diesen Satz aber immer mit: „Der Jaguar fraß den Mann“ und nicht etwa: „Der Mann aß den Jaguar“.
Was wir hier beschreiben, liebe Leser, ist nichts Geringeres als die Welt nach dem Turmbau zu Babel, also eigentlich eine unbeschreiblich komplexe Welt, in der ein Höchstmaß an Verständigung mit einer breiten Skala von schwer vergleichbaren Sprachen erreicht werden muß.
Als der spanische Eroberer Hernandez de Cordova im 16. Jahrhundert an der Küste von Südmexiko landete, ließ er einen Eingeborenen ergreifen und fragte ihn, wie das Land heiße. Die Antwort: „Tectecan«“ – was in der Sprache der Mayas soviel hieß wie: „Ich verstehe nicht.“ Der Konquistador, der gar nicht auf die Idee kam, sein gepflegtes Kastilisch könnte nicht verstanden worden sein, war mit der Antwort zufrieden, obwohl er sie nicht einmal von der Aussprache her richtig mitbekommen hatte. Fortan wurde der Landstrich „Yucatan“ genannt, was sich bis heute nicht geändert hat.
Aber selbst wenn man es auf der Ebene des Alltags betrachtet, ist die unvorstellbare Vielfalt menschlicher Sprachen ein Problem. Ein Beispiel: Der Bundeskanzler hat angeregt, die Europäische Gemeinschaft möge das Deutsche als dritte Geschäftssprache neben Englisch und Französisch einführen. Das würde die Papierflut in Bonn wesentlich reduzieren und ein anderes Problem aus der Welt schaffen: Heute brauchen die Deutschen für jedes Dokument einen kompetenten Übersetzer ins Englische und Französische oder zurück ins Deutsche.
Der Antrag wurde abgeschmettert. Wenn die deutsche Sprache akzeptiert worden wäre, hätten sich bald Italiener, Portugiesen, Spanier und andere Mitglieder gemeldet und das gleiche verlangt. Und bald hätten die Bürokraten in Brüssel mit ihren Akten einen eigenen Turmbau zu Babel beginnen können.
Bei Babel fällt uns natürlich die große Frage ein: Wann hat sich dieser menschliche Informationswirrwarr, diese kaum noch überschaubare Sprachenvielfalt wirklich entwickelt? Seit gut hundert Jahren arbeiten die Linguisten fleißig an diesem Wortsalat- Puzzle, und - erfreulich zu hören - sie machen Fortschritte!
Am ehesten kommt man dem Geheimnis auf die Spur, wenn man sich ein wichtiges Charakteristikum aller „lebenden“ Sprachen einprägt: Sie verändern sich ununterbrochen. Auch bei uns gibt es Beispiele dafür. Den Puristen unter den Sprachpflegern „zieht es die Schuhe aus“, wenn sie die Highlights aus der Pop-Sprache unserer Jahre lesen: managen, relaxen, powern, tunen und wie sie alle heißen. Leserbriefe voller empörter Proteste sind oft die Folge.
Eine durchaus verständliche Reaktion. Die amerikanische Linguistin Jean Aitchison, die sich speziell mit diesem Problem beschäftigt hat, kam zu der Überzeugung: jede Generation glaubt, daß die ihr folgende in Kleidung, Sitten und nicht zuletzt Sprache zu verwahrlosen beginnt. In Wahrheit kann niemand - auch der Experte nicht - genau sagen, welche Modewörter und Ausdrücke in den Sprachschatz aufgenommen werden und welche nach kurzer Zeit wieder in Vergessenheit geraten.
Die Veränderung der Sprache wissenschaftlich zu verfolgen ist gar nicht so einfach. Das ist ungefähr so, als wollte man mit bloßem Auge die Bewegung des Stundenzeigers der Armbanduhr erkennen. Dabei vergeht kaum ein Tag, an dem sich in einer lebenden Sprache nicht etwas verändert - und das summiert sich. Manche Menschen haben das schmerzlich erlebt und beschrieben.
Da war zum Beispiel die Engländerin Monica Baldwin, Nichte des späteren Premierministers Startley Baldwin. Miss Baldwin trat zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 in ein Kloster ein und lebte in relativer Weltabgeschiedenheit bis in den Zweiten Weltkrieg. Im Jahre 1942 verließ sie ihre Idylle und kehrte ins normale Leben zurück. Ihr größter Schock: Sie verstand ihre Landsleute nicht mehr richtig. Rund 28 ereignisreiche Jahre hatten die Umgangssprache gravierend verändert. Ausdrücke waren ganz verschwunden oder durch andere ersetzt. Die Technik hatte für seitenweise neue Vokabeln gesorgt. Die Briten redeten einfach anders.
Und die Deutschen? Wenn Sie die deutlichen Veränderungen einer Sprache im Lauf von Jahrhunderten verfolgen wollen, brauchen Sie sich nur die unterschiedlichen Formen unseres wichtigsten Gebets anzusehen. Um 830 beteten die Frommen in Althochdeutsch:
„Fater unser thu thar bist in himile, si geheilagot thin namo.“
Im 19. Jahrhundert flehten die Gläubigen: „ater unser, der Du bist im Himmel, geheiliget werde Dein Name.“
Und 1992 hört man in manchen Kirchen auch schon die fortschrittliche Fassung: „nser Vater in dem Himmel, Dein Name werde geheiligt.“.
Das sind zwar keine grundlegenden Veränderungen, aber sie sind in der Tat groß genug, einen Unterschied erkennen zu lassen. Wenn sie in allen verbalen Lebensbereichen auftauchen, verändert sich die Sprache ziemlich schnell.
Nach Untersuchungen des britischen Sprachforschers Bernard Comrie wechselt eine lebende Sprache in tausend Jahren etwa 86 Prozent ihres Wortschatzes. Dabei darf man nicht vergessen, daß viele Begriffe gezwungenermaßen neu dazukommen müssen (Fernsehen, Radio, Computer, Neu- tron usw.). Und alte Vokabeln verwandeln sich manchmal so behutsam, daß es uns gar nicht auffällt.
„Merkwürdig“ zum Beispiel bedeutete zu Goethes Zeit noch „wichtig“ und nicht „seltsam“ wie heute. Manche Wörter haben in der modernen Sprache sogar zusätzliche Bedeutungen bekommen, ohne die ursprüngliche zu verlieren: Wenn heute jemand etwas „dreht“, dann kann das ein Gegenstand sein, aber auch ein Film.
Und warum diese verwirrenden Änderungen in einer Sprache? Die Forscher sind mit Erklärungen nicht geizig. Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als Darwins Lehre scheinbar auf alles eine neue Antwort wußte, erklärte der deutsche Philologe August Schleicher, auch die Sprache gehorche den neuen Gesetzen der Evolution. Schleicher erklärte die Sprache zu einem Naturorganismus, der seinen eigenen Gesetzen folge, „ohne dem Willen des Menschen unterworfen zu sein“.
Diese Theorie warf natürlich mehr Fragen auf, als sie Antworten gab. Andererseits war da die generelle Überlegung, die immer mehr akzeptiert wurde: Sprache ist direkt abhängig von ihrem politischen und sozialen Umfeld. Krieg, Besetzungen aber auch der Handel üben entscheidenden Einfluß aus.
Ein aktuelles Beispiel dafür erleben wir gerade in der Tschechoslowakei. Die beiden slawischen Sprachen Tschechisch und Slowakisch sind ungefähr so weit auseinander wie das Schwäbische und das Bayerische. Abgesehen von der Aussprache benutzen beide zu 90 Prozent den gleichen Wortschatz. Aber in einem Punkt unterscheiden sich beide Landesteile deutlich: Im Lauf der Geschichte waren die tschechischen Provinzen Böhmen und Mähren vom deutschen Einfluß geprägt worden, die Provinzen der Slowakei dagegen mehr vom ungarischen und türkischen. Diese fremden Sprachen haben ihre deutlichen Spuren im Slowakischen hinterlassen.
Ein anderer Grund für die Veränderung der Sprache ist weniger kompliziert: Es handelt sich schlicht um Schlamperei. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir es zugeben: Die wenigsten von uns reden „nach der Schrift“. Es muß ja nicht immer gleich so weit gehen, daß „N'abn!“ dann „guten Abend“ heißen soll. Manche Menschen kämen sich sogar lächerlich vor, wenn sie plötzlich die korrekte Schriftsprache benutzen müßten. Das ist gar nicht so verwunderlich. Wir vergessen immer, daß der Mensch die weitaus längste Zeit seiner Entwicklungsgeschichte ohne Schrift auskommen mußte. Die Sprache eines Volkes mußte sich wirklich allein daran orientieren, wie man sie aussprach.
Der amerikanische Linguist Edward Sapir schrieb schon vor Jahrzehnten, daß Teile von Wörtern verlorengingen an „psychologisch markanten Punkten“. Was er damit meinte, läßt sich auch an der deutschen Sprache zeigen: „Ich geh nachhaus“ ist eine oft gebrauchte Form, obwohl es korrekt „gehe“ und „nach Hause“ heißen müßte. Aus dem gleichen Grund(e) ist aus der „Türe“ eine „Tür“ geworden.
Vor etwa 1500 Jahren haben die Lautverschiebungen in der deutschen Sprache begonnen. Diese Umwandlung fand statt, als sich das Althochdeutsche (der direkte Vorgänger unserer modernen Sprache) vom .Altniederdeutschen (dem Vorgänger des Holländischen, Friesischen, Plattdeutschen und Englischen) trennte. Die „Hochdeutschen“ begannen bestimmte Konsonanten anders auszusprechen als ihre niederdeutschen Vettern. Die einen sagen heute „this, day, pepper, tongue und make“, die anderen „dies, Tag, Pfeffer, Zunge und machen“.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie solche Lautverschiebungen zustande kommen? Schließlich kann ja niemand einfach einen Schalter anknipsen, damit von heute auf morgen alles anders ist. Die Forscher haben eine einleuchtende Idee, wie sich eine Sprache so drastisch ändern kann.
Die Veränderung beginnt immer mit den gebräuchlichsten Wörtern, fand Jean Aitchison heraus. Plötzlich wird ein Wort anders betont. Warum? Vielleicht weil der Sprecher etwas Besonderes ist, ein Herrscher, der sich abheben will; oder weil es plötzlich Mode wird (denken Sie nur an die Hasen- Witze: „Hattu Möhren?“). Von solchen stark benutzten Schlüsselwörtern springt die Verschiebung dann auf andere Vokabeln über. Meist wird am Ende der größte Teil des Wortschatzes von dieser Entwicklung erfaßt.
Ein gutes Beispiel fanden die Forscher in der englischen Sprache, obwohl sie sich noch nicht sicher sind, ob diese Lautverschiebung Bestand haben wird. In Großbritannien, Nordamerika und Australien ist es gebräuchlich, in der Umgangssprache die erste Silbe eines mehrsilbigen Wortes zu unterdrücken, wenn die zweite betont gesprochen wird. Diese Regel gilt in den einzelnen Regionen oft nur für den eigenen Gebrauch. Die Australier zum Beispiel sprechen ihr eigenes Land wie „'stralia“ aus. Die Amerikaner, für die der fünfte Kontinent nicht eine oft benutzte Vokabel ist, tun das nicht. Aber wenn ein New Yorker „Manhattan“ sagt, dann klingt das wie „m'nhättn“.
Wenn diese Entwicklung anhält, prophezeien Experten, dann verliert die englische Sprache vielleicht in den nächsten ein, zwei Jahrhunderten die schwachbetonten ersten Silben ganz. Die Wissenschaftler vergleichen dieses Phänomen mit einer Sinuswelle. In einer bestimmten Zeitspanne wälzt sich der komplette Wortschatz um. Auch die deutsche Lautverschiebung fand so langsam statt, daß sie kaum spürbar war: Der Prozeß war erst nach etwa zweihundert Jahren abgeschlossen.
Aber was hat das alles mit unserer Welt nach dem „Turmbau zu Babel“ zu tun? Hat die babylonische Sprachverwirrung auf unserem Planeten überhaupt etwas zu tun mit der dauernden Veränderung menschlicher Sprache?
Am Anfang dieses Berichts war von Neuguinea die Rede, wo drei Millionen Einwohner 750 verschiedene Sprachen benutzen. Ein wichtiges Detail allerdings haben wir dabei nicht erwähnt: wie stark alle diese Sprachen untereinander verwandt sind.
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: ein einzelner Stamm auf einem einsamen Stück Land irgendwo auf der riesigen Südseeinsel Neuguinea. Alle Mitglieder sprechen dieselbe Sprache. Durch irgendein Ereignis - vielleicht Überbevölkerung oder interne Streitigkeiten - teilt sich der Stamm in zwei Gruppen, und daraus werden vier und acht und so weiter, bis es schließlich 750 sind. Die Teilung ist dabei so endgültig, daß die meisten Gruppen den Kontakt zueinander verlieren.
Wenn wir uns nun erinnern, daß Sprachen die Tendenz haben, sich ständig zu verändern, wird schnell klar, daß sich in dieser losen kulturellen Gesellschaft im Laufe der Zeit eine Vielzahl neuer Sprachinseln entwickeln mußte. Ihre wenigen Mitglieder verkehrten mit „eigener Zunge“ untereinander. Das alles hat sich wahrscheinlich mit solcher Vehemenz vollzogen, daß ein Stamm bald nicht mehr erkennen konnte, wie nahe seine Sprache einmal mit der der Nachbarn verwandt war. Sicher wurde dieser Prozeß auch noch durch die Tatsache beschleunigt, daß es sich hier fast immer um Sprachen ohne Schrift handelte.
Bei den Naturvölkern war es aber nicht allein die Zeit, die bei solchen Änderungen eine Schlüsselrolle spielte. Ein Aborigines-Stamm in Australien zum Beispiel änderte im Laufe von fünf Jahren neunmal die Vokabel für „Wasser“. Der Grund: In dieser Zeit war neunmal ein Stammesmitglied gestorben, das sich selbst „Wasser“ nannte.
Daß eng verwandte Sprachen nach einiger Zeit kaum noch als „Vettern“ zu erkennen sind, ist uns Europäern nichts Neues. Die indogermanischen Sprachen, zu denen auch das Deutsche gehört, haben sich innerhalb von sechstausend Jahren so weit auseinanderentwickelt, daß ein Mensch, der das pakistanische Urdu spricht, beim irischen „Vetter“ nicht mehr ein einziges Wort als vertraut empfinden wird.
Nicht viel anders müssen sich die Benutzer der germanischen Sprachen fühlen. Ein norwegischer Tourist aus Oslo kann nicht mehr verlangen, daß ihn ein hochdeutsch sprechender Frankfurter versteht. Aber die germanischen Sprachen sind nur ein kleiner Teil der weltweiten Sprachenfamilie.
Nicht auszudenken, was aus den Ländern Nord- und Mitteleuropas, wo sich die germanisch sprechenden Stämme niedergelassen haben, geworden wäre, wenn sie nicht hochstehende Schriftsprachen entwickelt und gute Geschäfte gemacht hätten. Jeder Provinzdialekt wäre vielleicht zu einer eigenen Sprache mutiert.
Vielleicht wäre heute das Londoner Englisch vom kärntnerischen Deutsch so weit entfernt wie Urdu vom Irisch-Gälischen. Man braucht sich nur die Landkarte der deutschen Dialekte anzusehen, um einen Eindruck von drastischen Sprachveränderungen zu bekommen:
Aus Dialekten entstehen neue Sprachen: „Achtmal Deutsch aus »Max und Moritz“
Hochdeutsch: „Ach, was muß man oft von bösen Kindern hören oder lesen!!“
Platt: „Och, wat hürt un lest'n faaken Vin den Goern foer eische Saaken.“
Kölsch: „Enä, wat muß' mr üvver freche Puute off schänge oder spreche!“
Badisch-Pfälzisch: „»Ach, was muß ma oft von beese Kinner heere odder lese.“
Schwyzerdütsch: „»Nei, was ghört me-n au für Gschichte Vo de böse Buebe bbrichte!“
Schwäbisch: „»Jee, wa Juist mer oft ond heert Von de Kender, bees ond gschärt!“
Fränkisch: „Ach, wos muß vo böasa Kinner mer sich ouhör und derinner!“
Schlesisch: „Nee, woas muuß ma monchmol hiern, doß siech Kinder schaicht uffiehrn!“
Nach soviel Teilung liegt natürlich ein anderer Gedanke nicht fern: Ist es möglich, dieses Ausdehnen zurückzuverfolgen bis in jene Zeiten, in denen die einstige Weltsprache noch allgemein verstanden wurde?
Zahl der Muttersprachler in Millionen
1995 2050 (15-24 jährige)
Chinesisch 1113 Chinesisch 166
Englisch 372 Hindi/Urdu 73,7
Hindi/Urdu 316 Arabisch 72,2
Spanisch 304 Englisch 65.0
Arabisch 201 Spanisch 62,8
Portugiesisch 165 Portugiesisch 32,5
Russisch 155 Bengali 31,6
Bengali 125 Russisch 14,8
Japanisch 123 Japanisch 11,,3
Deutsch 102 Malaiisch 10.5
Das Deutsche ist heute mit 102 Millionen Muttersprachlern gerade noch unter den ersten zehn meistgesprochenen Sprachen der Welt. 2050 verschwindet es aus dem Ranking. In der Generation der dann 15- bis 24-Jährigen bleibt Chinesisch auf Platz 1, aber Hindi und Urdu sowie Arabisch rücken auf und drängen Englisch auf Platz 4 ab.
Sprachverhunzung
Sprache vor Verfall bewahren
In einem gepflegten Sprach-Garten sind wir nicht angekommen. Mich stören unnötige Anglizismen oder direkt ins Deutsche übertragene Sätze wie „Es macht Sinn“ statt „sinnvoll“ oder „am Ende des Tages“ statt „schließlich“ oder „letztlich“ oder der inflationäre Gebrauch der Wörter „okay“ und „genau“. Welche Frage muß mit dem Wort „genau“ beantwortetet werden? Es reicht doch - nach Martin Luther - „Ja“ oder „Nein“.
Ärgerlich sind auch die vielen Entgleisungen im Sprachgebrauch von Politikern oder Journalisten - Frauen sind im Folgenden natürlich immer einbezogen. Nur weil das Publikum eingeweiht ist, wissen alle, daß zum Beispiel eine „Watsche“ oder die oft gebrauchte „schallende Ohrfeige“ keine wirklichen Handgreiflichkeiten sind. Oder daß Grabenkämpfe und Warnschüsse nichts mit wirklichem Krieg zu tun haben.
Da wiederum, für wirkliche Kämpfe, werden eher verharmlosende Ausdrücke verwendet: „Auseinandersetzungen, Missionen, chirurgische Eingriffe“. Überhaupt sind viele Begriffe aus dem Krieg im Umlauf wie „in vorderster Front“, „Gewehr bei Fuß stehen“, „Flaggschiff“ oder das Kaliber „Null-acht-fünfzehn“. Auch Begriffe von Gewalttaten aus vergangener Zeit werden gern verwendet wie „an den Pranger stellen“ oder „Spießruten laufen“.
Erst vor kurzem beklagte die Bundesfamilienministerin den Niveauverfall der Sprache in der Politik. Da müssen sich alle angesprochen fühlen: Privatleute wie Journalisten oder Politiker. Denken, sprechen und handeln sollten eine Einheit sein. Durch das Sprechen unterscheiden wir uns am deutlichsten von anderen Lebewesen. Von dem britischen Schriftsteller John Ruskin stammt der treffende Satz: „Wörter, wenn sie nicht gehütet werden, verrichten mitunter tödliche Arbeit.“
Was hilft zum besseren Sprachgebrauch? Jeder kann auf seine Sprache achten. Auch hilft langsames Sprechen mit Pausen (statt „Äh“). Man kann Superlative vermeiden wie „am herzlichsten“, ,, die »unterschiedlichsten“ oder „die angesagtesten“. Was heißt, zum Beispiel, „Ausnahmetalent“? Was ist ein „außergewöhnlicher Klangkörper“? Was unterscheidet einen „Star“ vom „Superstar“? Ich vermute, daß ersterer schnell vergessen sein kann, während letzterer sich etwas länger hält.
Aber auch auf anderen Gebieten ist der Sprachgebrauch nicht angemessen oder gar falsch: Mit dem Wort „Umweltbewußtsein“ wird der Eindruck erweckt, daß die Natur etwas wäre, das um uns herum existiert. Aber wir gehören doch dazu. Oder das häufig verwendete Wort „wegdenken“. Keiner kann etwas wegdenken, sondern höchstens an etwas nicht mehr denken. Oder der Satz: „Jeder Deutsche produziert 37 Kilogramm Plastikmüll im Jahr.“ Der produziert den nicht, sondern der fällt bei ihm an, der vermeidet ihn nicht oder kann/will ihn nicht vermeiden.
Außerdem sind viele Wörter und Wendungen einfach abgenutzt: sintflutartiger Regen, Häuser, die umfallen wie Kartenhäuser, grünes Licht, rote Laterne, Weichen stellen... „Entschleunigung“ und „Nachhaltigkeit“ gehören zu den inflationär gebrauchten Wörtern, zur aufgeblähten Sprache. Jeder sollte einfach sagen, was ist.
Sie beklagen nicht nur sprachliche Entgleisungen, sondern auch den hohen Wortverlust in der Gegenwart. Jeder Einzelne kann die Sprache bereichern und ihrem Verfall entgegenwirken. Sich vom Sprachmüll zu befreien, gehört zur Psychohygiene. Die Lektüre guter Literatur unterstützt das. Zur Wiederentdeckung von Worten empfehle ich 2019 zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes seine Bücher (wieder) zu lesen.(Christoph Kuhn).
Buchtip: Kuhn, Christoph: Total okay und genau, Glossen zu Dingen und Sachen, Wartburg Verlag, 88 S., ISBN 978-3-86160422-8, 14 Euro
Sprachepflege
In Talkshows, Interviews oder heute auch in der Morgenandacht im Radio - ständig heißt es: „Also, wenn ich ehrlich bin ...“ oder: „Ehrlich gesagt“. Richtig müsste es doch wohl
heißen: „Wenn ich offen bin ...“ oder: „Offen gesagt ...“. Denn das ist damit gemeint:
Ich weiß mehr, als ich sage, aber ich sage nicht alles, was ich weiß. Aber so entsteht der Eindruck, als sei das meiste von dem Gesagten gelogen (Bernhard Heimrich).
Es ist erstaunlich, wie bestimmte Formulierungen plötzlich Mode werden. Sagte man früher zur Überbrückung einer Pause ein „Ähm“, so heißt es heute „ja“ oder „genau“. Sprachprägend ist dabei das Fernsehen: Da verwendet einer einen Ausdruck und alle machen es nach.
Eingewanderte Wörter
Als willkommene Gäste werden die einen empfangen, die anderen fristen ein Schattendasein. Wie Gesellschaft und Staat nimmt auch die Sprache Migranten auf: Fremdwörter ergänzen und verändern den heimischen Wortschatz. Sprachexperten schätzen, daß es unter den etwa 300. 000 bis 500.000 deutschen Wörtern rund 100.000 Begriffe gibt, die aus anderen Sprachen eingewandert sind. Doch nur ein kleiner Teil von ihnen ist in die Alltagssprache eingegangen.
Nach den besten „Wörtern mit Migrationshintergrund“ suchen derzeit das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat in einem Wettbewerb, der noch bis zum 29. Februar 2008 läuft. „Unsere Sprache ist voll von Leihgaben aus aller Welt. Wenn einem diese besser gefallen als das, was man selbst hat, dann gibt man sie irgendwann nicht mehr zurück“, so die Initiatoren. Eine Jury, der die Journalistin Anne Will., der Humorist Vicco von Bülow alias Loriot und Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse angehören, wird die besten eingewanderten Wörter und die schönsten Begründungen auswählen.
Was macht ein Fremdwort populär? „Wenn ein eingewandertes Wort etwas besser auf den Punkt bringt oder einen sympathischen Klang besitzt, hat es gute Chancen, sich durchzusetzen“, sagt Anita Boomgaarden vom Goethe-Institut in München.
Weit über 2.000 Einsender haben im Wettbewerb bislang Wörter aus mehr als 40 Sprachen vorgeschlagen. Der größte Teil ist englischer, französischer und lateinischer Herkunft. Aber auch Wörter wie „Tomate“ (aus dem Aztekischen), „Tarif“ (aus dem Arabischen) und „Schlamassel“ (aus dem Jiddischen) sind darunter.
Fremdwörter kommen und gehen. Das „Trottoir“ kam aus der Mode, ebenso das „Kuvert“ und das „Billett“. Diese einst verbreiteten französischen Begriffe wurden teils eingedeutscht (Bürgersteig, Briefumschlag), teils durch englische verdrängt (Ticket). Schon immer sind Wörter aus fremden Sprachen ins Deutsche übernommen worden, in früheren Jahrhunderten vor allem aus dem Griechischen und dem Lateinischen.
Viele sind noch heute fest im Deutschen verankert, etwa das Aroma, der Dialog, die Ironie, die Krise (griechisch) sowie die Disziplin, das Instrument, die Natur und der Termin (lateinisch).
Heute wandern vor allem Wörter aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche ein. Zwar hat diese Entwicklung schon im 19. Jahrhundert eingesetzt, doch erst im Zuge der Globalisierung wird die Verbreitung von Anglizismen vor allem durch Wirtschaft und Werbung immer stärker vorangetrieben. Unternehmen geben sich eine „Corporate Identity“, der „Workflow“ regelt den Arbeitsablauf im modernen Betrieb. Nach Feierabend lockt die „After Work Party“. Veranstaltungen, deren besonderer Charakter hervorgehoben werden soll, werden von den Organisatoren gern als „Event“ präsentiert.
Vielen sind die modischen Wortimporte ein Dorn im Auge. So ärgert sich der Komiker Dieter Hallervorden, wenn er am „Counter“ statt Karten „Tickets“ kaufen muss, wenn aus dem Hausmeister ein „Facility Manager“ wird. „Die schöne deutsche Sprache wird ohne jede Notwendigkeit mit Fremdwörtern durchsetzt“, schimpft der Kabarettist.
Der Autor und Sprachkritiker Wolf Schneider hält viele der englischen Begriffe für „pseudo-kosmopolitisches Imponiergefasel“. Zu den „törichtesten Anglizismen“ zählt er: Anti-Aging, sich committen, downloaden, Down-sizing, Outsourcing, Service Point und Wellness.
Gegen das Vordringen von Anglizismen wendet sich auch der 1997 gegründete Verein Deutsche Sprache mit Sitz in Dortmund. Er lehnt die Übernahme englischer Wörter nicht völlig ab, kritisiert aber die Vermischung von Deutsch und Englisch („Denglisch“). Nach Meinung des Vereins können viele gängige englische Begriffe problemlos durch deutsche ersetzt werden: „scannen“ durch „ein lesen“, „Benchmark“ durch „Messlatte“, „Blockbuster“ durch „Straßenfeger“. Auch Neuprägungen sollen den Einfluss des Englischen zurückdrängen. So schlägt der Verein „Meuten“ anstelle von „Mobbing“ vor.
Sprachgelehrte versuchen bereits seit dem 17. Jahrhundert, die Sprache von fremden Einflüssen zu reinigen. Diesen Sprachpuristen sind viele gelungene Eindeutschungen zu verdanken, etwa „beobachten“ für „observieren“, „Briefwechsel“ für „Korrespondenz“, „Fahrrad“ für „Veloziped“ oder „Mundart“ für „Dialekt“. Nicht durchsetzen konnten sich hingegen „Blitzfeuererregung“ für „Elektrizität“, „Meuchelpuffer“ für „Pistole“ „Kränkling“ für „Patient“ (aber. Kranker),, „Menschenschlachter“ für „Soldat“ und „Kirchentisch“ für „Altar“.
Ohne Fremdwörter ist die deutsche Sprache nie ausgekommen, und sie wird es auch künftig nicht. „Ein Verzicht auf Fremdwörter wäre nicht durchsetzbar und eine grobe Einschränkung“, sagt Anita Boomgaarden vom Goethe-Institut. Die Wortimporte tragen nach Überzeugung des Instituts dazu bei, daß das Deutsche lebendig und modern bleibt.
Vielen eingewanderten Wörtern sieht man ihre fremde Herkunft gar nicht mehr an, etwa den Möbeln (aus dem Französischen), dem Kiosk (aus dem Persischen) oder dem Keks (von englisch „cake“). Sie haben wie viele andere den Einbürgerungstest erfolgreich bestanden (Juli 2008).
Anglizismen: Prallkissen statt Airbag:
Ein Jahr Aktion „Lebendiges Deutsch“: Initiatoren haben englischen Wörtern den Kampf angesagt.
„Luftknödel“ und „Bum-Zisch-Boing“ kursierten als Alternative für das englische Wort „Air-bag“ doch am Ende machte der Begriff „Prallkissen“ das Rennen. Vor knapp einem Jahr hat die Aktion „Lebendiges Deutsch“ dem überflüssigen Gebrauch englischer Wörter den Kampf angesagt und gibt jeden Monat deutsche Alternativen für zwei englische Begriffe bekannt. Auf dem Prüfstand standen seitdem 24 Anglizismen
Vom „Blackout“ (Aussetzer) über die „Flatrate“ (Pauschale) bis hin zum „Workshop“ (Arbeitstreff). „Das Echo ist erfreulich“, zieht der Initiator der Aktion, Wolf Schneider, Bilanz. Allein bei der Suche nach einem deutschen Wort für Brainstorming (Denkrunde) seien gut 3.800 verschiedene Vorschläge eingegangen, berichtet die Aktion.
„Es gibt einen ungeheuren Anprall von Amerikanismen, vor allem im Fernsehen, der Popmusik und dem Computer“, klagt Schneider. Während sich andere Kulturen wie etwa die Franzosen und die Spanier dagegen wehrten, nähmen dies die Deutschen einfach hin. „Wir haben keinen Stolz auf unsere Sprache“, erklärt der Sprachpfleger, der mit zahlreichen Büchern seit Jahrzehnten für gutes Deutsch kämpft.
Zwar werden solche Versuche hin und wieder als Deutschtümelei verbrämt, und vor allem in der Werbebranche gilt Englisch als „hip“, wie die Vielfalt von englischsprachigen Slogans zeigt. Doch die Mehrheit der Deutschen versteht diese Werbebotschaften oftmals nicht oder nur unzureichend. Das ergab eine Studie der Kölner Agentur Endmark. So wurde der Werbespruch „Life by Gorgeous“ (Leben auf prächtig) nur von acht Prozent der 14- bis 49-Jährigen annähernd korrekt verstanden; den Slogan „Make the most of now“ (Mache das Beste aus dem Augenblick) verstand gerade mal jeder Dritte richtig - andere übersetzten ihn mit „Mach's meistens jetzt“ oder gar „Mach keinen Most daraus“.
Angesichts der überbordenden Flut von englischen Begriffen gleicht die Arbeit der Aktion „Lebendiges Deutsch“ einem Kampf gegen Windmühlenräder. „Wir haben noch ein schönes Stück Arbeit vor uns", sagt Schneider. Ziel der Initiative ist es, nicht nur an vorhandene deutsche Wörter zu erinnern, sondern auch sich Vorschläge für deutsche Alternativen zu englischen Begriffen zu überlegen. Dabei kann jeder mitmachen und Ideen per Post oder E-Mail einreichen. Derzeit werden Vorschläge für das Wort „Slogan“ gesucht.
Der Kampf ums Deutsch hat längst auch auf die politische Bühne übergegriffen. So drohte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im vergangenen Jahr der EU Kommission, daß sich das Parlament nur noch mit EU-Texten befassen werde, die in deutscher Übersetzung vorlägen. Deutsch gilt neben Englisch und Französisch als Arbeitssprache der EU.
Zudem soll nach Angaben des Auswärtigen Amtes in den sechs Monaten der EU- Präsidentschaft Deutschlands vor allem Deutsch gesprochen werden - etwa bei Pressekonferenzen und Auftritten von Politikern. Dagegen war während des finnischen und österreichischen Vorsitzes im vergangenen Jahr vor allem Englisch gesprochen worden.
Sprachpfleger und Politiker können dabei auf eindeutige Zahlen verweisen. Nach Angaben des Goethe-Institutes übertrifft Deutsch in Europa alle anderen Sprachen außer Russisch nach der Zahl der Muttersprachler. Demnach haben 95 Millionen Menschen in Europa ihre ersten Wörter auf Deutsch gebrabbelt; weltweit gibt es sogar 120 Millionen deutsche Muttersprachler.
Doch nicht 211e englischen Begriffe sind den Sprachpflegern ein Dorn im Auge. So seien etwa die Wörter „fair. fit, Flirt, Job“ und auch „das Grill“ praktische und richtig schöne Importe aus dem Englischen. Ob die Initiative langfristig von Erfolg gekrönt ist, muss sich noch zeigen. „Wir können nicht sagen, ob sich unsere Wörter durchsetzen“, sagt Schneider. „Ich bin zufrieden, wenn auch nur die Hälfte der Vorschläge von der Sprachgemeinschaft angenommen wird." (23.01.2007).
Die Aktion „Lebendiges Deutsch“ sucht nach deutschen Wörtern für „hässliche oder kaum verständliche“ Anglizismen. Dabei kann jeder per Post oder via Internet (www.aktionle- bendigesdeutsch.de) Vorschläge machen. Derzeit wird nach einem deutschen Wort für den Begriff „Slogan“ gesucht. Einige der bisher beanstandeten Anglizismen und empfohlene deutsche Alternativen:
Airbag Prallkissen
Benchmark Messlatte
Blackout Aussetzer
Brainstorming Denkrunde
Callcenter Rufdienst
Display Sichtfeld
E-Commerce Netzhandel
Event Hingeher
Fast Food Schnellkost
Flatrate Pauschale
Homepage Startseite
Laptop Klapprechner
No-Go-Area Meidezone
Pole Position Startplatz 1
Public Viewing Schau-Arena
Stalker Nachsteller
Workshop Arbeitstreff
Handy müsste Händy heißen:
Das Deutsche ist voll von englischen Ausdrücken, die eigentlich keine sind. Vorsicht, Verwechslungsgefahr: Wer in den USA oder in Großbritannien von einem „Handy“ oder von „Public Viewing“ spricht, könnte missverstanden werden - dort bedeuten diese Worte nämlich etwas ganz anderes.
New York. Die Touristin aus Oldenburg verstand die Welt nicht mehr. Eine Baseballmütze wollte sie, und wieder und wieder fragte sie den Verkäufer in Manhattan nach einem „Basecap“. Doch der guckte sie nur fragend an. Ja, redete denn der Amerikaner kein Englisch? Doch, tat er. Sie aber nicht - zumindest nicht beim entscheidenden Wort. „Basecap“ ist ein typisches englisches Wort, das gar kein Englisch ist. Die deutsche Erfindung ist eines in einer ganzen Reihe von vermeintlich englischen Wörtern, die nur Deutsche kennen. Und die Verwirrung ist oft groß.
Sprachpuristen ärgern sich über diese Wörter, die in die Rubrik „Pseudoanglizismus“ fallen. Dabei können Engländer und Amerikaner gar nichts dafür, ja sie ahnen nicht einmal, welche sprachlichen Eier sich die Deutschen selbst ins Nest legen. „Oldtimer“, „Beamer“ und eben „Basecap“- so etwas gibt es im Englischen gar nicht, oder es bedeutet etwas völlig anderes. „Beamer“ ist Slang für etwas sehr deutsches: Einen BMW. Der Projektor heißt in den USA schlicht „Projector“. Und „Basecap“? Das ist eine Zierleiste, die es im Baumarkt gibt.
Das erfolgreichste Wort dieser Art ist „Handy“. Untersuchungen haben ergeben, daß das Wort in Deutschland längst die häufigste Bezeichnung für ein Mobiltelefon ist. Im Grunde ist es kein Wunder, ist das Wort doch kurz und prägnant - aber eben falsch. Denn wenn es ein deutsches . Wort ist, müsste man es eigentlich „Händy“ schreiben. Derartige Versuche gab es sogar, sie sind aber längst Geschichte. Der englische Unterhalter Stephen Fry bringt auf der Insel immer noch Menschen zum Lachen, in dem er auf Deutsch fragt „Wo ist mein Handy?“. Deutsche gucken verwirrt. Was ist daran denn falsch?
„Viele Deutsche haben das Bedürfnis, zur Benennung der Welt nicht ihre eigene Sprache, sondern die ihrer Kolonialherren zu verwenden“, poltert der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer. „Die Londoner „Times“ hat das einmal als „linguistic submissiveness“ (sprachliche Unterwürfigkeit) bezeichnet. Wenn man bösartig wäre, könnte man auch Arschkriecherei sagen.“
Gegen die Übernahme fremder Ausdrücke sei nichts einzuwenden - solange sie sinnvoll sei. „Davon kann aber im Verhalten der Deutschen zum Englischen überhaupt keine Rede sein.“ Dieses sei eine Flucht: „Für viele ist ihr Denglisch eine Art selbstgemachter Kosmopolitenausweis nach dem Motto „Lieber ein halber Ami als ein ganzer Nazi“.
Dabei können die vermeintlich englischen Wörter zuweilen für große Verwirrung sorgen. Millionen Deutsche amüsieren sich beim „Public Viewing“? In Amerika ist „Public Viewing“ die Aufbahrung von Leichen im offenen Sarg. Da passt der „Body Bag“ - ein Begriff, mit dem ein Händler ernsthaft einen Rucksack anpries. In den USA ist das schlicht ein Leichensack.
„Viele Pseudoanglizismen sind so integriert, daß man sie gar nicht mehr sieht“, sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Grzega. „Showmaster wurde damals von Rudi Carrell erfunden“, „zappen“ für Umschalten kennen nur wir Deutschen, aber der Home Trainer hat es sogar ins Niederländische geschafft.“ Andere könnten dies allerdings auch: Franzosen und Italiener etwa sagten ,,Footing“ zu dem, was auf gut Deutsch „Jogging“ heißt:
Die Schuldigen sieht der Qrzega gerade in der Werbung. „Dahaben uns Leute klipp und klar gesagt: Uns ist es egal, ob das Quatsch ist. Aber es klingt cool!“
„Ich war sehr verwirrt, als ich meine Schüler nach ihren Berufen fragte“, erzählt Cindy Grant. Die New Yorkerin gibt in Kassel einen Erwachsenenkurs für Englisch, und eine Schülerin sagte stolz, daß sie „Streetworkerin“ sei. In Amerika ist das fast gleich klingende „Streetwalker“ die Umschreibung für eine Prostituierte. Auf Grants verwirrten Blick hin sagte die Sozialarbeiterin stolz, daß der Job ihr ganzes Leben sei und sie ihn mit voller Hingabe den ganzen Tag mache. „Ich dachte erst, wow, daß die Europäer da offener sind, wusste ich, aber das... wow!“ Erst ein Mitschüler mit Amerikaerfahrung löste das Missverständnis
Hintergrund: English made in Germany
- Handy: Der deutsche Begriff für Mobiltelefon heißt für Amerikaner „geschickt“.
- Basecap:. Die Mütze heißt im Englischen „Baseball Hat/Cap“.
- Box: Ist ein „Kasten“, ein „Lautsprecher“ ist es nur im Deutschen.
- Fitness Studio: Nennt man in den USA schlicht „Gym“ (von „Gymnasion"“.
- Oldtimer: Bezeichnet im Englischen eher einen alten Mann.
- Public Viewing: Ist eine Leichenfeier mit offenem Sarg.
- Beamer: Ist für Englischsprachige ein „Projector“. In den USA ist „Beamer“ ein Slangwort für einen BMW.
- Kicker: Hier kehrt es sich um. Denn in den USA nennt man die Kästen für Tischfußball auch „foosball“ - eingeschleppt aus dem Deutschen (03. 01.2014).
Sprachdschungel:
Den „Coffee to go“ in der Hand sause ich noch schnell in den „Backshop“ um mir einen reichlich belegten „Bagle“ zu kaufen. Gerade versuche ich, im „Stop-and- go-Verkehr“ über die Straße zu hechten, da klingelt mein „Handy“. Eine Freundin möchte nun endlich ein „Feedback“ von mir, was ihren neuesten „Flirt“ betrifft. Doch die Zeit drängt, denn ein „Meeting“ wartet.
Na, liebe Leser, haben Sie manchmal auch das Gefühl, im falschen Land zu leben? Ohne englisches Wörterbuch traue ich mich schon gar nicht mehr aus dem Haus. In den Werbepausen während eines Fernsehabends drücke ich verzweifelt auf die Knöpfe meiner Fernbedienung, um den vermeintlichen Zweikanalton umzustellen. Doch die markigen Werbesprüche bleiben unverständlich.
„Drive alive“ posaunt ein Autohersteller über den Sender. Wie soll ich das verstehen? „Lebend fahren“ oder „die Fahrt überleben“? Da kann ich nur mit einer gehörigen Portion Gottvertrauen in das Gefährt einsteigen. Und kaum habe ich schon namhafte Parfümerie betreten, müßte ich konsequenterweise auch auf dem Absatz wieder kehrtmachen. denn „Come in and find out“ wird von der Mehrheit der Deutschen als „Komm rein und finde wieder raus“ übersetzt.
Aber nicht nur wir schütteln bei manchen Anglizismen irritiert den Kopf. Auch so manch englischsprachige Zeitgenossen würden uns mit großen Augen anstarren, wenn wir ihnen etwas über „Oldtimer“, „Beamer“ oder „Showmaster“ erzählen würden. Das sind nämlich deutsche Erfindungen.
Manchmal ist die englische Vokabel jedoch deutlich kürzer und klangvoller. Oder möchten Sie morgens mit dem Duft von frischem Röstbrot statt Toast geweckt werden oder ihre Airbags gegen Luftsäcke austauschen? Prekär wird es allerdings beim „Public Viewing“: Wenn dann nämlich bei Fußballfans die Herzen höherschlagen, wird andernorts heftig ins Taschentuch geschneuzt. Denn der Begriff „Public Viewing“ bezeichnet in den USA die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen. Na gut, bei manchen fußballerischen Glanzleistungen wünscht man sich vielleicht auch, daß sich die Mannschaft einsargen lässt...
Aber lassen wir die deutsche Spreche nicht zum Stiefkind werden. Schließlich klingt „Nichts ist unmöglich" um Längen besser als „Impossible is nothing“. Das hört sich doch ganz okay an, oder?
Wer unbedacht ein Fremdwort wählt, und deutsches Wort für ihn nicht zählt, wer „happy“ sagt und glücklich meint, und „sunshine“, wenn die Sonne scheint, wer „hot“ gebraucht anstelle heiß, „know-how“ benutzt, wenn er was weiß, wer sich mit „sorry“ kühl verneigt; und „Shows“ abzieht, wenn er was zeigt, wer „shoppen“ geht statt einzukaufen, und „Jogging“ sagt zum Dauerlaufen, der bleibt zwar fit, doch merkt zu spät, wenn er kein Wort mehr deutsch versteht!
Bedrohte Wörter
Der Begriff „Kleinod“ ist das schönste bedrohte Wort der deutschen Sprache. Das hat die Jury eines bundesweiten Wettbewerbs entschieden, wie der Initiator und Sprecher des Wettbewerbs „Das bedrohte Wort“, Bodo Mrozek gestern sagte. „Das Wort steht für ein auf den ersten Blick unscheinbares Ding, das jedoch einen hohen persönlichen Wert haben kann“, erklärte Mrozek. Auf Platz zwei kam das Verb „blümerant“, auf Rang drei der „Dreikäsehoch“. Der Autor des „Lexikons der bedrohten Wörter“ erklärt in einem Gespräch mit der Deutschen Presse- Agentur sein Engagement für kaum noch gebräuchliche Wörter in der deutschen Sprache.
Was ist Ihr persönliches Lieblingswort unter den Bedrohten?
Bodo Mrozek: In meinem „Lexikon der bedrohten Wörter“ habe ich rund 600 Wörter gesam-
melt und erklärt. Da fällt es schwer, einzelne zu bevorzugen. Es gibt Begriffe, deren Klang ich mag, zum Beispiel das Wort „Labsal“. Mir geht es aber so wie den meisten Menschen: Am meisten bedeuten mir die Wörter aus meiner eigenen Jugend, an denen persönliche Erinne-
rungen hängen. Wie zum Beispiel der „Bandsala“. Heute muss man ja schon erklären, dass das kein vegetarisches Gericht war, sondern ein lästiges Problem, das entstand, wenn sich Tonbänder verhedderten, die man dann mühsam mit einem Bleistift wieder aufwickeln musste.
Warum sterben Wörter überhaupt aus?
Mrozek: Manche Wörter verschwinden mit den Dingen, die sie bezeichnen, zum Beispiel die „Wählscheibe“. Jugendliche, die mit dem Mobiltelefon aufgewachsen sind, kennen das Wort nicht. Andere Wörter sterben an Altersschwäche oder werden von Neuwörtern gemeuchelt. So sind die alten Wörter „knorke“ und „dufte“ fast ausgestorben, wir finden die Dinge heute „cool“. Ein gutes Anzeichen für das Veralten eines Wortes ist, wenn es sich auf der Zunge schon etwas sperrig anfühlt. Wörter wie „Mitgift, Kranzgeld oder Verlobung“ hatten noch vor einer Generation eine ungeheure Bedeutung - heute spielen sie keine Rolle mehr. An solchen Beobachtungen kann man viel darüber erfahren, wie sich unsere Moral und unser Alltag verändern.“
Unwort des Jahres
Jedes Jahr ruft eine Jury aus Sprachwissenschaftlern in Frankfurt dazu auf, „sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation“ einzureichen. Gesucht werden Wörter oder Formulierungen, die m Jahr negativ aufgefallen sind, „weil sie sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“, teilte Jury-Sprecher Professor Horst Schlosser mit.
Unter Angabe der Quelle können deutschsprachige Mitbürger im In- und Ausland noch bis zum 7. Januar 2004 ihre Vorschläge einreichen. Die Auswahl treffen vier Sprachwissenschaftler sowie zwei jährlich wechselnde Juroren, im Jahr 2003 der Fernsehjournalist Reinhold Beckmann und der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller, Prof. Fred Breinersdorfer.
Unwörter des Jahres waren zuletzt „Ich- AG“ (2002), „Gotteskrieger“ (2001) und „national befreite Zonen“ (2000). Außerdem wurde 2000 „Menschenmaterial“ zum „Jahrhundert-Unwort“ gekürt.
Vorschläge an: Professor Horst Schlosser, Universität Frankfurt, 60329 Frankfurt, Fach 161, Fax: 069/ 79 83 26 75.
Die jährliche Wahl eines „Unworts“ hat den Frankfurter Sprachwissenschatiler Horst Dieter Schlosser über Deutschland hinaus bekanntgemacht. Zum 18. Mal erläutert der Vater der sprachkritischen Aktion am 20. Januar 2008 den Begriff, den eine Fachjury aus vielen hundert Vorschlägen zum Unwort gekürt hat. Seine persönlichen Favoriten sind 2008 „intelligente Wirksysteme“ (als Umschreibung einer neuen Artilleriemunition), „notleidende Banken“ und „Rentnerdemokratie“, wie der 71-Jährige vor dem Beginn der Beratungen der Juroren verriet. „Meist weiß ich bis zum Schluss selbst nicht, wofür ich mich entscheide!“
Das Interesse am Unwort geht über Deutschland und sogar den deutschsprachigen Raum hinaus. Kürzlich suchte eine italienische Studentin aus Sardinien, die ihre Bachelor-Arbeit über deutsche Wörter und Unwörter des Jahres schreibt, bei dem emeritierten Professor Schlosser Unterstützung. „Viele haben uns vorgeworfen, wir hätten das Unwort erfunden“, erzählt Schlosser. Denn zu Beginn der Suche habe sich der Begriff noch nicht im Duden gefunden. Dabei verzeichne schon das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm für das Jahr 1473 einen Beleg für das Unwort, sagt der Altgermanist.
Wandel, Verfall und Instrumentalisierung des gesprochenen und geschriebenen Worts lassen Schlosser, der zusammen mit mehreren hundert Sprachwissenschaftlern gegen die „verunglückte“ Rechtschreibreform protestiert hat, einfach nicht los.
Die Vorstellung des Unworts macht dem Sprecher der Jury aber immer Spaß. Unverkennbar sind dabei seine wissenschaftlichen Steckenpferde: Das Verhältnis von medizinischer Ethik und Sprache sowie von Technik und Sprache. Auch Begriffe aus der Wirtschafts- und der Militärsprache kritisiert er regelmäßig. Trotz aller Freude an der Sprachkritik suche er schon länger einen Nachfolger für die Unwort- Aktion. „Aber das ist nicht so einfach, denn das ist ein Haufen Arbeit.“ Ganz eilig hat er es mit dem Nachfolger aber noch nicht. „Das 20. Unwort - in zwei Jahren - würde ich gerne auch noch schaffen.“
Sehr geehrter Herr Schlosser,
Als Unwort des Jahres 2005 schlage ich Angela Merkels Wortprägung „solidarische Gesundheitsprämie“ vor. Das einzig solidarische daran ist, daß (fast) alle sie zahlen müssen. Das Wort „solidarisch“ meint aber, daß einer für den anderen einsteht und wer mehr leisten kann, daß der auch mehr gibt. Im Wahlprogramm der CDU wird dem Wort „solidarisch“ ein ganz neuer Sinn gegeben, weil man natürlich die Kritik gehört hat, die „Kopfprämie“ (übrigens auch ein Unwort) sei unsolidarisch. Weil sie das auch ist, setzt man einfach das Wort „solidarisch“ davor und denkt, daß es keiner merkt.
Mit freundlichen Grüßen
Ein weiterer Vorschlag von mir war „Sondervermögen“ für „Schulden“. Aber gewählt wurde keiner der Vorschläge.
Peter Heckert
Maulbeerweg 21
63477 Maintal
06181/9451936
Duden-Redaktion
01.05.2018
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben einmal gesagt: „Duden macht die Sprache nicht, sondern bildet sie nur ab“. Aber es ist ein Widerspruch, wemn der Duden eine richtige Schreibweise der Wörter vermitteln will, sich aber um exaktes Deutsch nicht schert. Wenn Sie die Sprachentwicklung nur beobachten, dann müssen Sie jedes falsche Wort oder jede falsche Redewendung nach einiger Zeit in den Duden aufnehmen und damit sanktionieren. Dann müssen Sie aber auch jede falsche Schreibweise gelten lassen. Ich glaube, Konrad Duden hat etwas Anderes (oder: anderes) gewollt.
Dann kommt es auch zu solchen Kuriositäten wie bei dem Wort „gucken“. Da schreiben Sie unmittelbar dahinter „kucken“ (umgangssprachlich), Ja was gilt denn nun, was ist die exakte deutsche Rechtschreibung? Oder gelten beide Formen? Dann müssen Sie aber auch das Wort „kucken“ aufnehmen und dahinter schreiben „veraltet: gucken“. Bei Gucker und Guckerin schreiben sie wieder die „umgangssprachliche“ Aussprache in Klammern dahinter. Aber „kucken“ steht in meiner Duden-Ausgabe von 2007 noch nicht, wohl aber „Kucker vgl. Gucker“, auch „Kuckerin“ wo bleibt anber das „Kuckloch“?
Ganz verrückt wird es, wenn Sie das Wort „kucken“ als „norddeutsch für gucken“ bezeichnen und „kieken“ als „norddeutsch für sehen“. Nur weil ein Wort (früher einmal) in einer bestimmten Gegend verwendet wurde, ist es noch nicht heute für alle eine Möglichkeit, die zum Beispiel nicht in einer Deutscharbeit angestrichen werden darf. Das Wort „gucken“ finde ich übrigens nicht sehr schön, meine Enkel verwenden dafür nach Münchener Sitte das Wort „schauen“.
Aber heute spricht jeder „kucken“ wie ein Kuckuck, obwohl man im Deutschen die Wörter so spricht, wie man sie schreibt. Aber so wie es „cool“ ist, beim Abbiegen nicht zu blinken oder einen Bart zu tragen, so fühlen sich manche Leute als Könner, wenn sie ein neues Wort erfinden. Einmal im Fernsehen gesagt, wird es gleich nachgemacht von denen, die mit der Zeit gehen wollen oder so dumm sind, daß sie gar nicht mehr wissen, was gutes Deutsch ist.
Prägten einst Luther und Goethe die deutsche Sprache, so ist es heute das Fernsehen. Heute sind Verena Feldbusc, RTL und die Talk-Shows die „Influencer“ für die Sprache. Gibt es denn außer Bastian Sick niemanden in Deutschland, der sich um den Erhalt der Sprache kümmert? Auch die „Gesellschaft für Deutsche Sprache“ hat die gleiche Einstellung wie Sie; aber damit ist sie an sich verzichtbar.
Ob der Duden auch Wörter aus der Jugendsprache aufnehmen sollte, ist zu fragen, denn diese werden meist nur in einem begrenzten Bereich verwendet. Warum wird „fett“ im Duden auch in der Bedeutung „hervorragend“ angegeben? Da müßte man auch türkische oder arabische Wörter mit aufnehmen, nur weil einige Jugendliche sie verwenden.
Beliebt ist auch die Vermischung von zwei Redewendungen. Schon alt ist die Frankfurter Redensart: „Paß obacht!“ aus „Paß auf“ und „Gib obacht!“ Falsch ist natürlich auch: „Das wird uns darüber bewußt“ (Minisiterin Barlay). Das kann zwar im lebendigen Gespräch schon einmal passieren, daß man einen Satz anfängt und dann nicht mehr richtig zum Ende bringt - aber schnell verfestigt sich das. In Nachrichtensendungen - wo man ja Zeit hat - sollte das aber nicht vorkommen.
Etwas krampfhaft sind die Bemühungen um eine „geschlechtergerechte Sprache“. Doch das erschwert das Sprechen und Verstehen, wenn man immer erst „Einwohner und Einwohnerinnen“ sagen muß. Und das Ende sind dann Stilblüten: „Freund“ und „Gast“ sind beide grammatisch maskuline Wörter. Neben „Freund“ gibt es aber auch „Freundin“, neben „Gast“ aber gibt es keine weiblich markierte Form. An sich ist das so nach der Rechtschreibregel. Aber bei manchen Menschen heißt es dann „Gästin“ (Rundfunk) oder „Mitgliederinnen“ (Vereinsvorsitzender).
Ein weiteres Beispiel für schlechte Sprache ist auch die Werbung („zusammener“). Was soll man unter „kostenlose Haustürabholung“ verstehen? Wollen sie da die Haustüre abholen?
Ich habe eine Anregung für Sie: Könnten Sie nicht im Anhang des Duden einige Seiten abdrucken „Falsches Deutsch“? Hier ein Bespiel in Tabellenform:
Neudeutsch
|
Neudeutsch |
Richtig |
Bemerkung |
|
suboptimal |
nicht gut |
Gerhard Schröder |
|
einzigste |
einzig |
diese Wörter lassen sich nicht noch einmal steigern |
|
optimalste |
optimal |
|
|
zögerlich |
zögernd |
aber laut Duden möglich |
|
bin gestanden |
habe gestanden |
Bayrisch-Deutsch |
|
(Spiel) ist geendet |
hat geendet |
Sportjournalist |
|
ich habe fertig |
ich bin fertig |
Trappatoni-Deutsch |
|
der eine - der nächste |
der eine - der andere |
nicht im Duden |
|
Wertschätzung |
Anerkennung |
erstmals bei Kita-Mitarbeitern |
|
wertgeschätzt |
geschätzt |
erstmals bei Kita-Mitarbeitern |
|
gewertschätzt |
(wert-) geschätzt, anerkannt |
ganz unmöglich |
|
ich will es nicht schuld sein |
ich will nicht schuld daran sein |
TRL, auch Günther Jauch |
|
ich bin gekündigt |
mir wurde gekündigt |
|
|
durchstechen |
ausplaudern, verraten |
Politiker |
|
Studierende |
Studenten |
|
|
Geflüchtete |
Flüchtlinge |
an sich sachlich richtiger |
|
Fernseher |
Fernsehgerät |
aber laut Duden möglich |
|
Flieger |
Flugzeug |
aber laut Duden möglich |
|
Politik (ohne Artikel) |
die Politik |
Politikersprache |
|
in Schule |
in der Schule |
Ministerin Giffey |
|
bei Gericht |
vor dem Gericht |
Juristensprache |
|
ich bin bei ihnen |
ich bin mit ihnen einverstanden |
|
|
verbringen |
hinbringen (Ferien verbringen) |
Polizeideutsch |
|
verbaut |
eingebaut |
Architekten usw. |
|
kucken (nur gesprochen) |
gucken |
gängig im Fernsehen |
|
von daher |
deshalb |
Sven Hannawald |
|
händisch |
mit der Hand |
lange veraltet, jetzt gängig |
|
Korporation |
Ko-operation |
|
|
Priorität |
Vorrang |
steht aber im Duden |
|
(mit- ) geschliffen |
(mit- ) geschleift |
Radio |
|
Wertigkeit |
Wert |
Wort mit „keit“ |
|
besendern |
mit einem Sender ausstatten |
Anja Siegesmund, Thüringen |
|
abkönnen, kann nicht ab |
aushalten |
|
|
ein schönen guten Tag |
Guten Tag! |
|
|
Gefühligkeit |
Gefühl |
laut Duden möglich |
|
Abs und Dauns |
Tiefpunkt und Höhepunkt |
von englisch „up and down“ |
|
sehr gerne |
Antwort auf Dank |
|
|
Restauration |
Restaurierung |
Retauration ist ein Gasthaus |
|
kontaktieren |
in Kontakt treten |
|
|
Du bist gekündigt |
Ich kündige dir |
auch: Ich bin gekündigt |
|
Alle außer ich |
Alle außer mir |
|
|
bespielt |
es wird mit dem Ball gespielt |
Fußballreportagen |
|
bespaßt |
mit Kindern Spaß machen |
|
|
Stand heute |
zum gegenwärtigen Zeitpunkt |
Trainer Nico Kovacs |
Duden-Redaktion
Peter Heckert, Maulbeerweg 21, 63477 Maintal
Bibliographisches Institut
Dudenstraße 6
68167 Mannheim
Sehr geehrte Damen und Herren, 10.03.09
Ich schicke Ihnen einmal eine Ausarbeitung über Sprachentwicklungen der neueren Zeit, die nicht mit den bekannten Dudenregeln übereinstimmen. Meine Frage dazu ist: Beschränken Sie sich nur darauf, die Sprachentwicklung zu beobachten und Neuerungen eines Tages zu sanktionieren oder wollen sie auch sprachprägend wirken? Wenn Sie sich auch als Wächter über die deutsche Sprache verstehen, dann halte ich es für an der Zeit, in den unten genannten Fällen die Stimme zu erheben. Meiner Ansicht nach gehört hier eine Fernsehsendung her, die einmal all diese Auswüchse aufs Korn nimmt und mit Beispielen aus dem Fernsehen belegt (deshalb habe ich die Quelle mit angegeben). Ich würde mich freuen, wenn Sie hier einmal aktiv werden könnten.
Mit freundlichen Grüßen
Beckenbauer-Deutsch
Angefangen hat es mit dem Wort „zögerlich“. Jeder Deutschlehrer hätte das Wort im Aufsatz angestrichen und verbessert „zögernd“. Früher ging man eine Sache zögernd an, heute macht man es „zögerlich“. Jeder, der etwas auf sich hält, verwendet nur „zögerlich“. Dabei ist das Wort laut Duden durchaus gutes Deutsch. Doch man muß vermuten, daß es bisher eher in Süddeutschland in Gebrauch war. Die nächste Redewendung war: „Sie sind mit sofortiger Wirkung gekündigt!“ für: „Ich kündige Ihnen!“
Man kann sich darüber Gedanken machen, ob man einem „auf die Füße getreten h a t“ oder ob man ihm „auf die Füße getreten i s t“. Hier ist beides möglich. Doch inzwischen haben sich Gewohnheiten eingeschlichen, die wohl nicht mehr mit dem Duden vereinbar sind.
Ursache dafür könnte indirekt der italienische Fußballtrainer Trapatoni sein, der in seiner berühmten Erklärung nach dem Spiel so Deutsch gesprochen hat, wie es ihm möglich war. Alle fanden das gut und ahmten es in vielen Comedy-Sendungen nach.
Das ließ seinem Nachfolger Franz Beckenbauer offenbar keine Ruhe. Als „Kaiser“ wollte er auch sprachbildend wirken. Deshalb verwandte er in Interviews die Hilfszeitwörter „sein“ und „haben“ immer gerade umgekehrt. Jetzt hat er nicht mehr am Spielfeldrand gestanden, sondern er sagte: „Ich b i n gestanden!“
Auf einmal fand das halb Deutschland schick. Was Umgangssprache in Bayern war und in der Schule auch dort immer noch angestrichen wird, das wurde auf einmal hoffähig. Wer modern sein will, der spricht heute „Beckenbauer-Deutsch“. Da sieht man wieder einmal, daß Männer mehr zu sagen haben als Frauen, denn Verona Feldbuschs „Hier werden Sie geholfen“ hat ja kaum keiner nachgemacht, da geniert man sich, einen solchen Fehler zu übernehmen. Frau Feldbusch weiß immerhin noch, daß ihre Redewendung falsch ist, während Herr Beckenbauer sicher der Überzeugung ist, gutes Deutsch zu reden.
Aber muß es bei seinen Nachahmern denn unbedingt so weit gehen wie in einer Sendung von Frank Elstner, wo gefragt wurde: „Bist du eilig?“ oder gesagt wurde: „Ich habe 10.000 Meter in 40 Minuten gelaufen!“ Oder ist das jetzt richtig, schon immer richtig gewesen oder erst neuerdings?
Nur was sollen die armen Ausländer machen, die die deutsche Sprache erlernen sollen? Sie verzweifeln sowieso an dem unlogischen Gebrauch der Hilfszeitwörter, sie müssen das im Grunde einfach stur lernen. Vielleicht wäre es ja eine Hilfe, wenn man beide Formen freigäbe. Dann hätten vielleicht auch manche Deutsche wie Beckenbauer und andere Möchte-gern-Beckenbauers keine Probleme mehr damit.
Im Fernsehen wird es immer schicker, „haben“ und „sein“ absichtlich zu vertauschen. Günter Jauch zögerte am 1. Oktober 2007 zunächst, als würde er überlegen, wie es falsch ist und sagt es dann auch falsch.
Jauch spricht auch immer wieder „Ich bin es schuld“, anstatt „Ich habe Schuld“ oder „Ich bin daran schuld“. In der Gegend von Köln soll das (umgangssprachlich) eine besondere Ausdrucksform sein. Aber es scheint vor allem ein besonderer Sprachgebrauch von RTL zu sein, denn in den Gerichtssendungen wird ebenso gesprochen (aber auch bei Frau Kallwass). Nur gelegentlich „versprechen“ sich die Fernsehmitarbeiter und drücken sich so aus, wie es laut Duden richtig ist.
Was soll man mit solchen Formulierungen wie „Die Diskussion hat noch nicht zu Ende geführt worden“ oder „Er hat aus der DDR ausgereist“? Aber wenn das im Fernsehen kommt - und zwar nicht von den Gästen, sondern von den Redakteuren - dann wirkt das sprachprägend.
Völlig in den Sprachgebrauch ist auch übergegangen: „Nach der einen Auszeichnung kam die nächste!“ Laut Duden gibt es nur die Redewendung „die eine - die andere“. Die „nächste“ ist dann schon die dritte. Aber jeder sagt heute: „Nach der einen Katastrophe kam die nächste!“ Ganz selten macht das noch einmal einer richtig.
Wer derart neudeutsch redet, der will dazu gehören, der will sich abheben von den vielen, die richtig deutsch sprechen wie früher. Auf einmal gibt es eine ganze Klasse, die im wahrsten Sinne des Wortes „das Sagen“ haben wollen und es für unter ihrer Würde halten, wie das gemeine Volk zu sprechen.
Es gibt natürlich auch Versprecher: Da fängt einer einen Satz an und bringt ihn nicht mehr richtig zu Ende. Das hat es immer gegeben, das ist auch verzeihbar. Aber wie ist es mit einem Satz wie: „Es ist mein Vorsatz, das Rauchen aufzuhören!“ War das nur ein Versprecher oder soll das Deutsch sein? (9. Januar 2009, ein Gast in einer NDR-Talkshow). Und in einem Interview am 15. Januar 2009 hieß es um 10.10 Uhr: „Viele Menschen haben Schwierigkeiten, das Rauchen aufzuhören“.
Beliebt ist auch die Neubildung von Wörtern mit der Endung „heit“ oder „keit“. In der Schule wurden wir schon angehalten, solche Wörter zu vermeiden. Aber jetzt werden sogar neue gebildet, die es gar nicht gibt, wie zum Beispiel „Bestürztheit“. In diese Rubrik gehören auch Wörter wie „Fernseher“ für „Fernsehapparat“ oder „Flieger“ für „Flugzeug“ (ein Flieger ist bei der Luftwaffe derjenige, der das Flugzeug führt).
Im Rhein-Main-Gebiet gab es schon immer die Gewohnheit, zwei Redewendungen miteinander zu mischen: Aus „Paß auf“ und „Gib Obacht“ wurde „Paß obacht!“ Das findet jetzt auch Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch: „Sie haben jetzt noch Gelegenheit, das gerade zu stellen!“ (aus einer Gerichtssendung), gebildet aus „richtig stellen“ und „gerade rücken“. Dabei weiß man allerdings nicht, ob es sich nur um eine Versprecher im Eifer des Gefechts handelt oder um eine bewußte Redewendung.
Ganz beliebt ist der Ausdruck „Politik“ ohne Artikel, zum Beispiel in der Redewendung „Was Politik sich da ausgedacht hat!“ (ZDF, 19. Februar, Maybritt Illner). Selbst die Aussage „Was die Politik sich da ausgedacht hat“ wäre nicht exakt, denn es sind ja die Politiker, die sich etwas ausdenken.
Weitere Beispiele:
Künftige Entwicklung der Sprache
Was wird aus unserer Sprache?
KOMPAKT
• Die deutsche Sprache folgt der Entwicklung des Englischen.
• Umlaute, starke Verben und der Genitiv werden im Laufe der Zeit verschwinden, dafür werden neue Wortendungen entstehen.
• Ein Sprachforscher befürchtet durch den starken Einfluss des Englischen in manchen Gesellschaftsschichten eine „Kaste der Anderssprachigen“.
Über den Verfall der deutschen Hochsprache wird lamentiert, seit es sie gibt. Aber: Jede Sprache verändert sich. Linguisten wagen Prognosen, wie Deutsch in 100 Jahren klingen wird (von Cornelia Vorwig).
„Wo kompstu her?“ Was meinen Sie: Kanaksprach oder Lutherdeutsch? Tatsächlich wählte Martin Luther diese Schreibweise, als er vor fast 500 Jahren die Bibel ins Deutsche übersetzte. Wir verstehen zwar die Frage, doch schreiben würden wir sie so nicht - zumindest derzeit nicht. Denn was heute noch als falsch gilt, könnte schon in wenigen Jahrzehnten Standarddeutsch sein.
Nur, wie verändert sich die deutsche Sprache? Wird sie in 100 Jahren überhaupt noch existieren? Ja, sagen die Sprachwissenschaftler einstimmig. Zwar sind am Ende dieses Jahrhunderts nach Einschätzung des britischen Linguisten David Crystal von den heutigen rund 6000 Sprachen nur noch 600 übrig. Deutsch wird aber auf jeden Fall dabei sein - wenn auch mit weniger Spreehern.
Heute kommunizieren 102 Millionen Menschen auf Deutsch als Muttersprache. Damit rangiert es gerade noch unter den Top Ten der meistgesprochenen Sprachen. Mit dem demographischen Wandel wird freilich auch die Sprachgemeinschaft schrumpfen.
Die Entwicklung des Englischen gibt uns Hinweise auf das Deutsch von morgen, ist Gerhard Jäger, Professor für Linguistik an der Universität Tübingen, überzeugt: „Die beiden Sprachen germanischen Ursprungs sind sich sehr ähnlich, das Englische verändert sich lediglich schneller. Das liegt wohl daran, dass es von jeher stärker von außen beeinflusst war.“ Während die Engländer mitunter Probleme haben, 400 Jahre alte Shakespeare-Texte im Original zu lesen, versteht man das Lutherdeutsch auch heute noch recht gut.
USA - das Fenster zur Zukunft
„Seit es die Medien gibt und mit ihnen phonographische Aufzeichnungen, ist nicht mehr nur die geschriebene, sondern auch die gesprochene Sprache weitgehend festgelegt“, meint der Sprachexperte Jürgen Trabant. Trotzdem wird sich einiges ändern, prophezeit Gerhard Jäger, denn: Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden. Man braucht nur einen Blick in die USA werfen, um in die eigene Zukunft zu schauen. „Es findet eine sogenannte Kreolisierung, eine Durchmischung von Sprachen statt“, erklärt Jäger.
Generell ist der Sprachwandel vergleichbar mit der Evolution in der Biologie - eine Ähnlichkeit, die bereits Charles Darwin erkannt hatte. „In der Biologie besteht eine Population aus einzelnen Individuen, die unterschiedlich gut an die Umgebung angepasst sind - je besser, desto erfolgreicher pflanzen sie sich fort. So ähnlich ist das mit der Sprache auch“, sagt Jäger. Was sich bewährt, wird weitergegeben, der Rest stirbt aus. Kleine Änderungen etwa in der Aussprache wirken nach Ansicht von Jäger wie Mutationen in der Biologie. Durch Modeerscheinungen entstünden Selektionsvorteile. Man sagt zum Beispiel heute Kino statt Lichtspieltheater, ein Wort, das laut Duden mittlerweile als veraltet gilt. „Das Ganze ist ein ungerichteter Prozess“, betont Jäger. Niemand gibt die Veränderungen vor.
Mithilfe der Evolutionären Spieltheorie, die erfolgreiche Verhaltensmuster erklären kann, lässt sich herausfinden, welche sprachlichen Strukturen sinnvoll sind und sich künftig vermutlich durchsetzen werden. Ein Beispiel: In fast allen Sprachen gibt es die Vokale a, i und u. Sie gehören quasi zur Grundausstattung. Warum das so ist - und es nicht etwa i, ü und e sind - zeigt eine Simulation am Computer. Während i, ü und e bei der Verständigung leicht zu verwechseln sind, bieten a, i und u den größtmöglichen Kontrast und damit ein stabiles Vokalsystem, das Missverständnisse weitgehend ausschließt. „Die deutschen Umlaute ä, ö und ü sind relativ selten. Womöglich werden sie in 500 Jahren ausgestorben sein“, spekuliert Jäger - der dann vielleicht Jeger oder Jager heißen würde.
Weitgehend verschwinden werden in den nächsten 100 Jahren auch die starken beziehungsweise unregelmäßigen Verben, sagt der Linguist voraus. Heute gibt es nur noch etwa 170 Verben, bei denen die Vergangenheitsformen unregelmäßig gebildet werden - wie etwa „.reiten, ritt, geritten“ oder „erschrecken, erschrak, erschrocken“. Von den schwachen, also regelmäßigen Verben - etwa „lieben, liebte, geliebt“ - gibt es mindestens zehnmal so viele. Wie sich starke in schwache Verben verwandeln, kann man täglich beobachten. „Vor 50 Jahren verwendete man für das Imperfekt von backen noch buk, aus stecken machte man stak. Heute sagt man backte und steckte“, erklärt Jäger. Im Englischen ist diese Entwicklung schon weiter vorangeschritten. Die Zeitenform „Past tense“ wird regulär mit der Endung -ed gebildet. Unregelmäßige Verben sind die große Ausnahme, etwa „do, did, done“.
SMS und Internet-Chats stehen im Verdacht, das Deutsche zu verhunzen. Doch Sprachforscher sehen hier keine ernste Bedrohung, denn der Umgang mit der Sprache sei spielerisch. Allerdings: Der Blick für die korrekte Orthografie könnte manchem verloren gehen.
Da rennte er weg
Eine mögliche Ursache für diese Entwicklung sieht Jäger beim Spracherwerb: „Kinder lernen erst einzelne Vergangenheitsformen. Dann merken sie, dass eine Regel dahintersteckt und wenden diese durchgängig an, sagen dann etwa ,rennte' statt ,rannte'. Erst in einem dritten Schritt lernen sie, dass es Ausnahmen gibt. Möglicherweise wird dieser dritte Schritt nicht immer vollzogen, etwa wenn die Kinder nicht verbessert werden. Den Verlust der starken Verben kann man bedauern - oder dagegen vorgehen. So haben Studenten eine „Gesellschaft zur Stärkung der Verben“ gegründet. Nicht ganz ernst gemeint bilden sie auf ihrer Internetseite starke Vergangenheiten von schwachen Verben. Zum Beispiel: „Ich magere ab“, „ich mirg ab“ und „ich bin abgernorgen“. Diese Formen werden sicher nicht in den deutschen Sprachgebrauch übergehen.
Stattdessen werden Linguisten wohl spätestens in 300 Jahren eine neue Gruppe von Wortendungen feststellen. Fragen wie „Kennstese?“ statt „Kennst du sie?“ oder „Willers?“ statt „Will er es?“ werden völlig geläufig sein, meint Jäger. Subjekt und Objekt würden künftig einfach als Suffixe an das Verb angehängt - eine Verkürzung, die heute umgangssprachlich schon geläufig ist. „Die Schriftsprache ist zwar konservativer als die gesprochene Sprache, trotzdem wird sie irgendwann nachfolgen2, ist Jäger überzeugt. Da ist man schon fast wieder bei Luthers Frage: „Wo kompstu her?“
Dass der „Dativ dem Genitiv sein Tod“ ist, hat Bastian Sick in seinem gleichnamigen Bestseller pfiffig kommentiert. Auch Gerhard Jäger glaubt, dass das Deutsche die Kasusunterscheidung von Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ teilweise verlieren wird. Bei der Verwendung des Genitivs ist dieser Verlust schon weit vorangeschritten. Wer wegen dem schlechten
Wetter zu Hause bleibt- und nicht wegen des schlechten Wetters -, erntet bisweilen böse Blicke. Doch Jäger meint: „In 50 Jahren wird sich kaum jemand an die Unterscheidung erinnern.“
Ebenso wird man wohl erzählen können, wie dem Freund sein Auto kaputt gegangen ist, oder wie der Schwester ihre Feier war, ohne Stirnrunzeln zu ernten. Auch wer den Akkusativ für eine stabile Größe in der deutschen Grammatik hält, wird von Jäger eines Besseren belehrt. Wenn Goethe schreibt „Werthern liebt Lotte“ - Wer liebt dann wen? „.Das Akkusativ-n zeigt an, dass es Lotte ist, die Werther liebt, doch das versteht heute kaum jemand mehr“, stellt Jäger fest. Und prophezeit: „Wenn ein Wort seine Stellung im Satz nicht mehr anzeigt, hat das zur Folge, dass die Wortstellung im Satz fixiert wird“ - so wie im Englischen. Mit der Reihenfolge der Wörter - nicht mehr mit der Endung - legt man fest, um welchen Kasus es sich handelt.
Ein noch größerer Aufreger als dem Genitiv und dem Akkusativ ihr Ende ist ein Nebensatz, der mit „weil“ beginnt und als Hauptsatz endet. Zum Beispiel: „Ich gehe heute nicht zur Arbeit, weil mir geht's nicht gut.“ Gerhard Jäger klärt auf: „Diese Form gibt es schon im Althochdeutschen, also seit dem 8. Jahrhundert.“ Sie ist keineswegs eine neumodische Verfallserscheinung. Wie es kommt, dass sich eine Wendung hartnäckig hält, selbst wenn sie nicht zur normativen Grammatik zählt, kann der Linguist nicht erklären. Grammatik lasse sich ohnehin nicht reglementieren. Das sei beim Wortschatz schon eher möglich.
Abschied von der Federbüchse
Wie der sich verändert, zeigt ein Blick in den Duden. Zwar wird hier nicht reglementiert, aber immerhin dokumentiert. Jährlich kommen dort im Schnitt 800 Wörter hinzu. „Das sind nicht alles Neuschöpfungen“, erklärt Werner Scholze-Stubenrecht, stellvertretender Leiter der Dudenredaktion in Mannheim. Viele Wörter gibt es schon länger, doch sie werden erst mit einer
neuen Dudenauflage erfasst. Die Zahl der echten Neuzugänge siedelt Scholze-Stubenrecht in
einem niedrigen dreistelligen Bereich an. Im aktuellen Duden zählen dazu: Abwrackprämie
(Wort des Jahres 2009), fremdschämen, Hybridauto, twittern und Zwergplanet. Die Zahl der
Anglizismen unter den Neuaufnahmen schätzt der Dudenredakteur auf drei bis fünf Prozent.
Wörter, die nicht mehr im Sprachgebrauch vorkommen, werden mit der Zeit aussortiert. Aus der Dudenauflage 2009 sind unter anderem verschwunden: Auskehricht, ehegestern, Federbüchse, Genüssling, Magdtum, scharmieren und Weißsucht. Und so stellt sich der Dudenredakteur die Zukunft des Deutschen vor: „An der Grammatik wird sich wenig ändern, doch der Wortschatz wird zahlreiche Wörter enthalten, die wir heute noch nicht kennen.“
Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant ist indessen den Neuerungen der Aussprache auf der Spur. Ein Beispiel: „Bei den meisten Leuten hört man keinen Unterschied mehr, wenn sie Emulsion und Diskussion sagen.“ Das Doppel-s geht verloren, und klanglich bleibt die „Diskussion“, obwohl sich das Wort vom lateinischen „discussi“ ableitet. „Wo man die Abstammung dagegen seit Kurzem deutlicher hört, ist bei alten englischen Fremdwörtern wie Code und Baby“ meint Trabant. „Jahrzehntelang wurde ,Kood' und ‚Bebi‘ gesagt, doch neuerdings sind die Diphtonge, also ou und ei, wieder zu hören.“
Sex und Cent
„Viele geben ‚New York' letzt ein amerikanisches Gaumen-r, nur um zu signalisieren, dass sie schon einmal dort gewesen sind“, amüsiert sich der Linguist über die aktuelle Anglisierungswelle. Auch die Wörter Sex und Cent hätten keine Chance auf eine deutsche Aussprache. Sex mit einem weichen stimmhaften S - das klänge doch irgendwie anrüchig. Was den Deutschen in Trabants Augen fehlt, ist die Fähigkeit oder der Wille, englische Wörter zu assimilieren. „Die Deutschen haben eine regelrechte Freude am fremden Klang.“ Das gelte allerdings hauptsächlich für das Englische, denn „Pari“ statt „Paris“ zu sagen, würden die meisten wohl albern finden. Trabant zieht den Schluss: Künftig werden immer mehr englische Phoneme in unserer Sprache zu hören sein - egal, ob das Sinn macht oder nicht.
„Sinn machen“ - Pfui, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Doch vermutlich ist es zu spät, die englische Wendung „make sense“ aus dem Deutschen zu verbannen. „Mit dem Ausdruck ,Das macht Spaß' gibt es bereits eine analoge Struktur, deshalb wird die Neuerung von vielen widerstandslos übernommen“, erklärt Trabant. Er selbst verspürt einen Widerstand in sich, wenn er sieht, wie speziell in Wirtschaft und Wissenschaft das englische Vokabular Einzug heilt. „Häufig werden gar keine deutschen Wörter mehr gesucht und ausprobiert“, beklagt Trabant, der als Professor für Europäische Mehrsprachigkeit an der Jacobs University selbst zum täglichen Englisch verdonnert ist. „Das ist besonders ungünstig, wenn man versucht, Kindern die Wissenschaft näher zu bringen“, so Trabant. Galileo Galilei habe extra vom Lateinischen zum Italienischen gewechselt, um volksnäher zu sein. „Bei uns führt das zum hysterischen Englischlernen in den Kindergärten. Ehrgeizige Eltern plagt die Sorge, ihr Kind werde später nicht im Aufsichtsrat sitzen, wenn es nicht rechtzeitig Englisch lernt.“ Trabant befürchtet, dass sich auf diese Weise eine „Kaste der Anderssprachigen“ bildet und die Oberschicht sprachlich auswandert - während viele Migranten gar nicht erst einwandern.
Ich mach disch messa
Wie das klingt, machen Kreuzberger Jugendliche vor, die eine körperliche Attacke mit den Worten androhen: „Isch mach disch Messa.“ Wer denkt, die Jugend könne es nicht besser, der irrt, behauptet Heike Wiese. Die Leiterin des Instituts für Germanistik an der Universität Potsdam ist Spezialistin für „Kanaksprach" oder auch „Kiezdeutsch“, einen neuen Dialekt des Deutschen, der ein paar Fremdwörter aus dem Türkischen übernommen hat. „Kiezdeutsch ist Teil der Jugendsprache und wird nur unter Freunden gesprochen, nicht mit Lehrern und Eltern“, erklärt Wiese. Der Slang, den durchaus auch deutschstämmige Jugendliche mit multiethnischem Umfeld benutzen, werde irgendwann wieder abgelegt. Insofern schätzt Wiese den Einfluss auf die Majoritätssprache als gering ein. Wenn überhaupt, werden einzelne Begriffe übernommen, etwa das türkische „Lan“ für „junger Mann“ oder das arabische „Wallah“, was soviel heißt wie „bei Gott“. Das hat ebenso wenig religiöse Bedeutung wie das deutsche „Gott sei Dank“ und wird so ähnlich wie „echt, wirklich“ verwendet.
„Meine fünfjährige Tochter, die in Kreuzberg in den Kindergarten geht, sagt jetzt neuerdings ,Abu', wenn sie sich über etwas empört“, berichtet Wiese. Das Wort kommt aus dem Arabischen, heißt „Vater“ und wird oft in Zusammenhang mit entsprechenden Beleidigungen verwendet. „Man benutzt es neuerdings etwa, wenn man in der U-Bahn angerempelt wird“, erklärt Wiese. Solche Anleihen stellen keine Bedrohung für die deutsche Sprache dar, meint sie. Auch Jürgen Trabant glaubt nicht, dass Türkisch oder Arabisch das Deutsche wesentlich beeinflussen werden. „Diese Sprachen haben für die meisten keinen Appeal.2
Ein Wörtchen, das von der Jugendsprache bereits ins Standarddeutsch diffundierte, ist „geil“. Der Sprachforscher Helmut Henne erklärt den Ursprung des Worts: „Er kommt aus dem Mittelalter und wurde für Pflanzen benutzt, die aufrecht stehen. Erst später kam die sexuelle Bedeutung hinzu.- Die meisten Jugendlichen kennen weder die eine noch die andere, sondern benutzen geil" einfach als Ausdruck der Begeisterung. „Im Dienstgespräch würden die meisten Erwachsenen das wohl nicht sagen, abends beim Bierchen hingegen schon", meint Heike Wiese. Auch sonst ist nichts gegen Jugendsprache einzuwenden. Denn zum Teil ist sie extrem kreativ, amüsant und treffsicher. Der Dudenredaktion ist sie sogar eine Neuauflage ihres Szenewörterbuchs wert. Darin findet man Wort-Schöpfungen wie „Münzmallorca“ für Solarium, „Dönieren“ für nächtliches Döner-Essen und „Futternarkose“ für die Sättigung nach dem Mahl. Zum Jugendwort 2009 wurde „hartzen“ erkoren, als Begriff für arbeitslos herumhängen.
Linguistische Kammerjäger
Wenn schon nicht die Jugend - wird dann das Internet die deutsche Sprache ruinieren? Fehlanzeige, sagen die Experten. Jürgen Trabant vermutet, dass sich - wenn überhaupt - so etwas wie eine Variante der Standardsprache entwickelt: „Wer im Chatroom schnell schreibt und das Deutsche dabei mit Witz abwandelt, muss es erst einmal beherrschen.“ Auch Gerhard Jäger befürchtet keinen sprachlichen Niedergang im Netz. „Doch vielleicht werden wir die konsequente Kleinschreibung, die viele online praktizieren, irgendwann in den Alltag übernehmen“, spekuliert der Linguist und gibt zu, selbst schon ein wenig den orthografischen Blick verloren zu haben. Vielleicht wäre die Kleinschreibung etwas für die nächste Rechtschreibreform, die Jäger spätestens in 20 Jahren kommen sieht. Trabant wünscht sich unabhängig von Reformen mehr Sprachpflege: „Ich rede nicht von einer Sprachpolizei. Aber eine staatliche Institution, die über das Deutsche reflektiert und Vorschläge macht, wäre gut.“ Die Arbeit der französischen Sprachbehörde, die hierzulande oft belächelt wird, findet er vorbildhaft. Von den teils tümelnden deutschen Sprachvereinen hält Trabant hingegen wenig. So geht es auch Jutta Limbach, der ehemaligen Präsidentin des Goethe-Instituts, die im Büchlein „Hat Deutsch eine Zukunft?“ schreibt: „.Die Versuche linguistischer Kammerjäger, Fremdwörter einzudeutschen und statt des „Airbags“ das „Prallkissen“, statt des „Chattens“ das „Netzplaudern“ in Umlauf zu bringen. Sind mitunter unfreiwillig komisch.“
Heike Wiese betont, dass die Briten immer noch so schreiben, wie sie vor 300 Jahren gesprochen haben, während sich das gesprochene Englisch rasch verändert hat. „Da fehlen mindestens sechs Reformen. und trotzdem funktioniert die Sprache.“ Ob mit oder ohne Reform - das Deutsche wird sich weiterentwickeln. In 100 Jahren heißt es dann vielleicht: „Abu, kannstema uher dem deutsch seine zukunft eine diskusion fuhren, die sinn macht, weil ich hab genung geschreibt, wallah!“
Sprache ändert sich von „Mensch“ zu „Mens“
„Mit jeder Generation kommen neue Begriffe in den Wörterpool, dafür erhalten alte eine andere Bedeutung oder sterben aus“, erklärt die 70-jährige Sprachforscherin Sally Thomason von der University of Michigan Ann Arbor. Die Präsidentin des Verbands der amerikanischen Linguisten untersucht seit Jahren, wie sich Sprachen verändern. Zu ihrer Schulzeit brachte man seine Begeisterung mit „swell“ zum Ausdruck, amerikanische Teenager können damit heute gar nichts mehr anfangen. Sie sagen stattdessen „cool“ oder „dead“. Zudem haben sie jüngst das für Vergleiche benutzte „like“ („She runs like the wind“) zum Betonungsmittel erkoren. Wer etwa garantiert nicht zu einer Feier kommen möchte, sagt neuerdings: „I will so not like go to the party“.
„Sprache ist das einfachste und effektivste Mittel, um sich zu definieren und sich abzugrenzen“, weiß die Linguistin. Das gilt nicht nur für Teenager. Um seine Eigenständigkeit zu demonstrieren, erklärte ein Stamm in Papua-Neuguinea, der immerhin zehn Prozent der Bevölkerung dort ausmacht, alle bisherigen weiblichen Artikel und Adjektivendungen zu männlichen und umgekehrt. Ähnliches hatte die sozialistische Regierung in Schweden in den 1960er-Jahren im Sinn. Sie schaffte mit der Du-Reform die Höflichkeitsform in der Anrede ab und erteilte somit dem konservativen Establishment eine Abfuhr. „Oft wird Sprache einfach nur simpler“, meint Thomason. Japaner sagen heute zu „essen können“ tabereru statt taberareru. Diese Buchstabendiät gilt auch für andere auf -ru endende Verben, die man auf japanisch „können“ möchte. Die Niederländer haben das Wort „Mensch“ zu „mens“ reduziert und einigten sich, ähnlich wie die Engländer, auf nur einen Artikel.
Zudem gibt es dank des technischen Fortschritts einen Haufen neue Verben im Englischen, wie to google (etwas im Internet suchen), to xerox (etwas fotokopieren) oder to friend (sich mit jemandem in einem sozialen Netzwerk wie „Facebook“ anfreunden).
Deutsch, ein Straßenköter
Es ist kaum möglich, „das Deutsch“ der Zukunft vorauszusagen, weil es in der gesprochenen Sprache viele Varianten gibt, die sich zum Teil stark vom Schriftdeutsch unterscheiden. „Sogar der Bundespräsident würde in einer Ansprache ,gebm' und nicht ,geben' sagen“, stellt die Sprachexpertin Heike Wiese fest. Die Standardisierung einer Sprache ist eine politische Vereinbarung, die in Deutschland im 18. Jahrhundert stattfand und die nirgendwo so stark ist wie hierzulande. Bis die Sprache vereinheitlicht wurde, pflegte in den zersplitterten Fürstentümern jeder seinen eigenen Dialekt. „Verständigen konnten sich die Leute trotzdem“, ist Wiese überzeugt.
Das gesprochene Deutsch bezeichnet der Romanist Jürgen Trabant gerne als „Straßenköter“. Es besteht zum Teil aus Lehnwörtern, die unter anderem aus dem Lateinischen, Englischen und Französischen kommen, zum Teil aus Dialekten. Die meisten deutschen Dialekte werden in 100 Jahren ausgestorben sein, erwartet der Tübinger Linguist Gerhard Jäger. „Wenn es Vereine zur Pflege der Dialekte geben muss, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass sie bereits verloren sind.“
Das Hochdeutsche hat dagegen einige einzigartige Vokabeln, die sogar Exportschlager sind, weil in vielen Sprachen entsprechende Wörter fehlen - etwa „Schadenfreude“, „Kindergarten“, „Weltschmerz“, und „Katzenjammer“. Auch in einer anderen Disziplin ist Deutschland Weltklasse: im Wortketten bilden. Die meisten Wörter im Duden haben 11 Buchstaben, aber es gibt eins mit 67. Es kommt natürlich aus der Behördensprache und lautet: „Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“.
BÜCHER
Jürgen Trabant. Was ist Sprache? C.H. Beck München 2008, € 14.95
Jutta Limbach: Hat Deutsch Zukunft?
Unsere Sprache in der globalisiert Welt, C.H. Beck, München 2008. € 14.90
Helmut Henne: Jugend und ihre Sprache, Darstellung, Materialien, Kritik Olms-Verlag, € 39,80
Dirk Bathen, Josefine Sparer,. Eva Deinert, Martin Haiss (Hrsg.)
Duden - Das neue Wörterbuch der Szenesprachen, Bibliographisches Institut Mannheim 2009, € 14,95
INTERNET
Seite zur Pflege der deutschen Sprache: www.aktionlebendigesdeutsch.de
Gesellschaft zur Stärkung der Verben: verben.texthteater.de
Zur Arbeit der Sprachforscherin Heike Wiese: www.kiezdeutsch.de
Neue Wörter entdecken und selbst welche eintragen kann man auf:
szenesprachemviki.de.
Sind wir Papst?
„Wir sind Papst“, titelte gestern die Bild-Zeitung. Zu sehen ist ein ganzseitiger Papst Benedikt XVI. mit erhobenen Armen. Keine besonders gute Überschrift, findet die Spitzmaus. Geht es um das Nationalgefühl der Deutschen? Sind wir wieder wer? Ein ganzes Volk auf dem Heiligen Stuhl? Ist denn die Papstwahl vergleichbar mit dem Gewinn olympischer Goldmedaillen?
Nein, findet die Spitzmaus. Der Heilige Vater, was immer man von ihm hält, vertritt 1,1 Milliarden Katholiken weltweit, er ist im besten Sinne universell. Was für Benedikt XVI. vielleicht noch mehr gilt als für andere hohe Geistliche, denn immerhin hat der gebürtige Bayer mehr als 20 Jahre Erfahrung im Vatikan. Und Vatikanstadt ist nicht umsonst ein eigener Staat mit diplomatischen Beziehungen in aller Welt.
„Wir sind Papst“ geht von daher fehl. Natürlich kann bei uns Deutschen ein bisschen Stolz mitschwingen; wenn der erste Deutsche nach fast 500 Jahren nun zum Oberhirten gewählt wurde. Aber „wir“ sind deshalb noch lange nicht Papst, auch nicht im übertragenen und schon gar nicht im nationalen Sinn. Eher noch haben „wir“ mit Boris Becker anno 1985 Wimbledon gewonnen, eher noch wurden „wir“ dreimal Fußball-Weltmeister. Aber das Ergebnis des Konklave, findet die Spitzmaus, eignet sich so gar nicht für sportliche Vergleiche oder gar kitschiges „Wir sind Papst“-Pathos, um das Nationalgefühl zu kitzeln.
Vielleicht war der Satz aber auch im Sinne des pluralis majestatis gemeint, der den Singular zum Plural macht und aus Kardinal Ratzinger „Uns, den Heiligen Vater“. So schätzt die Spitzmaus das neue Oberhaupt der Katholischen Kirche aber nicht ein. Schließlich bezeichnet sich der 265. Papst selbst als „einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Die Überschrift „Wir sind Papst“ hat ihm bestimmt nicht gefallen (Dirk Müller, 21.04.2005).
Flagge zeigen und deutsch reden
Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann zeigt die Perspektiven.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess
Bild der Wissenschaft: Welche globale Entwicklung wird die deutsche Sprache in den kommenden Jahren nehmen, Herr Lehmann?
Klaus-Dieter Lehmann: Entscheidend ist, wie wir selbst unsere Sprache behandeln. Wenn sie uns gleichgültig ist, lässt sich eine rückläufige Entwicklung nicht vermeiden. Wenn wir dagegen mehr Leidenschaft entfachen, hat unsere Sprache gute Chance. Wir sehen das daran, dass die Zahl derer, die Deutsch lernen, gegenwärtig wieder steigt. Während 2006 an den Goethe-Instituten des Auslandes 165.000 Menschen Deutsch lernten, waren es 2008 fast 185.000 Menschen - Tendenz steigend. Noch wesentlich stärker ist der Anstieg durch die PASCH-Sprachoffensive „Schulen - Partner für die Zukunft“, bei der das Goethe-Institut Deutschlehrer für einheimische Schulen ausbildet. Ich bin momentan weit davon entfernt, in Pessimismus zu verfallen, wenn es um die Zukunft unserer Sprache geht.
Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?
Der hängt beispielsweise mit dem erwähnten PASCH-Programm zusammen - 2008 ins Leben gerufen vom Auswärtigen Amt. Ziel ist es, das bisherige Programm deutscher Auslandsschulen durch die Einrichtung deutschsprachiger Abteilungen in einheimischen Schulsystemen so aufzustocken, dass Ende 2010 rund 1500 Schulen Deutsch bis zur Hochschulreife anbieten. So wecken wir bei jungen Menschen Interesse und Begeisterung für das moderne Deutschland und seine Gesellschaft. In Indien haben wir damit beispiellosen Erfolg, aber auch in China, Brasilien und im arabischen Raum. In Europa ist die Zunahme in Schweden und Frankreich auffallend. Das stärkste Anwachsen verzeichnen die Schulen in der Türkei durch die Einführung einer zweiten Pflichtfremdsprache, wodurch Deutsch sehr stark profitiert. Selbst in Deutschland hat unsere Sprache aufgrund der modernen deutschen Literatur wieder an Profil gewonnen. Autoren wie Daniel Kehlmann, Herta Müller, Uwe Tellkamp und viele mehr stehen dafür. Wenn eine Sprache attraktiv ist wegen ihrer Inhalte - also lebendig ist in der Dichtung, in der Philosophie, in der Wissenschaft - oder Sympathieträger ist, hat sie gute Chancen, international verstärkt wahrgenommen zu werden. So werden beispielsweise die internationalen Erfolge von Tokio Hotel von steigenden Anmeldungen für Deutschkurse bei den Goethe-Instituten in aller Welt begleitet. Wenn eine Sprache dagegen nur auf ein Werkzeug reduziert wird - auf eine schwer oder leichter erlernbare Sprache -, kann man nicht viel erreichen.
Was macht Deutsch ausgerechnet für Inder attraktiv? Sie sprechen doch mit Englisch bereits die Weltsprache Nummer eins.
Ursache ist ein Kulturphänomen. In Indien heißen unsere Niederlassungen nicht Goethe-Institute, sondern „Max Mueller Bhavan“. Max Müller war ein deutscher Indologe, der während der britischen Kolonialherrschaft die indische Kultur in ihrem ganzen Wesen verstanden und sie für die heutige Zeit wieder zugänglich gemacht hat. Müller wird in Indien verehrt wie ein Heiliger. Seine Leistung verschafft unserer deutschen Sprache dort großen Zulauf. Das heißt: Der Zugang zu einem Land läuft über die Kultur. Auch wenn wir in Indien einen hervorragenden wirtschaftlichen Ruf haben, sprechen Inder vor allem über die kulturellen Eindrücke. die sie von Deutschland haben: über das Tanztheater von Pina Bausch, über das Berliner Grips Theater oder über Thomas Mann und Hermann Hesse.
Mir ist immer noch nicht klar, wieso Inder, die wirtschaftlich mit deutschstämmigen Unternehmen zu tun haben, Deutsch lernen sollen.
Weil sie dadurch beste Chancen haben, in deutschen Unternehmen beschäftigt zu werden. Hier verzeichnen wir eine neue Entwicklung. In den vergangenen Jahren dachten unsere Unternehmen, Englisch reiche. Doch jetzt gibt es eine Trendwende: Die Unternehmen legen Wert darauf, dass auch ihre wichtigen Mitarbeiter in den Gastländern deutsch sprechen, damit sie die Unternehmensphilosophie besser verstehen, die ja nicht selten auf den vielzitierten deutschen Primärtugenden - Pünktlichkeit, Redlichkeit, Fleiß - beruhen. Unsere Sprachlehrer gehen neuerdings verstärkt in die Firmen und lehren dort Deutsch. So wird auch ein aktuelles Deutschlandbild vermittelt.
Wer sich die Ladengeschäfte anschaut, die das Berliner Büro des Goethe-Instituts umgeben, liest dort Begriffe wie „closed“, „Fashion“ oder „sale“. Schießt Ihnen bei einem solchen Anblick das Blut ins Gesicht?
Ich bin kein Reinigungsfanatiker. Die deutsche Sprache hat immer Zufluss von anderen Sprachen gehabt. Am sogenannten Denglisch werden wir nicht untergehen. Was mich viel mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass wir unsere Sprache oft ohne Not preisgeben.
Beispielsweise?
Die Deutsche Bahn ist da ein ungutes Vorzeigeobjekt mit ihren „Mobility Centern“ oder „Service Points“. Das sind anglizistisch klingende Begriffe, die noch nicht einmal im Englischen benutzt werden und gänzlich überflüssig sind - auch deshalb, weil die Bahn in erster Linie deutsches Publikum befördert. Ich wundere mich darüber umso mehr, weil im Aufsichtsrat der Bahn auch Regierungsvertreter oder Politiker sitzen. Gerade von dieser Seite kommen immer wieder Appelle, unsere deutsche Sprache zu schützen, ja Deutsch sogar im Grundgesetz zu verankern. Das eine zu tun und das andere zu fordern, ist nicht ganz ehrlich.
Sollten wir uns stärker an Frankreich orientieren, das die Landessprache weitaus stärker nach außen abschirmt?
Frankreich hat sprachgeschichtlich eine ganz andere Entwicklung genommen als Deutschland. Zu Zeiten der französischen Revolution wurden die Dialekte eliminiert. Zugelassen war nur noch die Hochsprache, durch die sich jeder der Republik verpflichtet fühlen sollte. Die Deutschen haben diesen Schritt nie vollzogen. Bei uns gibt es bis heute alle Dialekte - trotz der gewaltigen Bevölkerungsverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Dialekte sind für mich ein Zuwachs an Sprachfärbung, an Begriffen. Frankreich als Vorbild zu nehmen, wäre falsch. Eine Sprache muss wachsen. Ganz offensichtlich ist die deutsche Sprache von der Anzahl der Begriffe so umfangreich wie keine andere Sprache auf der Welt. Sie ist vielfältiger, aber auch vieldeutiger. Sie benötigt keine Regulierungsbehörde. Im Gegenteil. Einige Zeit schien er abgedrängt zu sein. Doch wenn Sie nur die heimische Popmusik-Szene anschauen, realisieren sie einen starken Zustrom. Oder denken Sie an Ulla Hahns jüngsten Roman „Der Aufbruch“. Auch führende Bildungspolitiker früherer Epochen - ich nenne nur Wilhelm von Humboldt - haben diese Liebe zur sprachlichen Vielfalt im Deutschen gepflegt.
Viele Deutsche finden Englisch sehr sympathisch.
In den 195oer- und 1i960er-Jahren hatte Deutsch international kaum noch Ansehen: Hitlerdeutschland hat die Sprache verhunzt. Der Berliner Sprachforscher Jürgen Trabant nennt das treffend: die gebellte Sprache. Viele international agierende Deutsche sind deshalb aus Sprachscham aufs Englische umgestiegen. Allmählich gewinnen wir wieder unser Selbstbewusstsein und können dadurch einen unverkrampfteren Umgang mit unserer Sprache pflegen.
Ein Problem bleibt: Deutsch scheint im Vergleich zu Englisch schwieriger erlernbar zu sein.
Das mag sein, weil wir einige grammatikalische Finessen - in der Deklination und der Konjugation - haben, die nicht einfach zu beherrschen sind. Aber ich glaube: Die Entscheidung, eine Sprache zu erlernen, hat niemals etwas damit zu tun, ob sie schwer oder leicht ist, sondern stets mit Dingen, die für einen selbst wichtig sind. Etwa im Beruf oder weil man in ein Land gehen will, dessen Dichter und Philosophen man liebt.
„Wer als Wissenschaftler nach Deutschland wechselt, kommt mit Englisch überall weiter. Er braucht unsere Sprache doch gar nicht mehr!“ Im Labor mag diese Aussage stimmen. Doch wer ein Land erleben will und Lebensqualität in seiner Aufenthaltszeit als Gastwissenschaftler sucht, muss Deutsch können. Sonst versteht er vieles an unserer Kultur nicht und schließt auch keine Freundschaften zur Bevölkerung. Und wer keine Kontakte knüpfen kann, verlässt Deutschland eines Tages, ohne das Land wirklich verstanden zu haben. Gerade für Wissenschaftler wäre das ein Armutszeugnis. Wir bieten deshalb für Gastwissenschaftler spezielle begleitende Deutschkurse an. Bei einem Programm an der Universität Hamburg-Harburg ging das sogar so weit, dass die ,,Postgraduates“ regelrecht Scheine machen mussten. Durch diese intensive Beschäftigung mit unserer Sprache gewannen sie eine Dimension dazu und bekamen eine emotionale Beziehung zu Deutschland.
Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf die Zahl der Deutschsprechenden?
Wer erfolgreich sein will in der Globalisierung, benötigt eine franca, eine Sprache, in der sich die Welt verständigt. Das ist Englisch - daran ist nicht zu rütteln. In der Folge heißt das aber, dass Länder, in denen Deutsch traditionell als erste Fremdsprache gelernt wurde, nun auf Englisch wechseln. Russland ist ein typisches Beispiel. Da in Russland normalerweise keine zweite Fremdsprache unterrichtet wird, kann es uns passieren, dass dort Deutsch massiv untergeht. Deshalb machen wir vom Goethe-Institut derzeit regelrecht Schulpolitik, um russische Verantwortliche davon zu überzeugen, dass eine zweite Fremdsprache unbedingt wichtig ist. Wenn es nicht schaffen, dort Deutsch als zweite Fremdsprache zu etablieren, würde das den Beziehungen unserer beiden Länder schaden.
Nun leben seit Jahrzehnten Millionen türkischer Staatsbürger bei uns, ohne dass deren Sprache Eingang ins Deutsche gefunden hätte
Das liegt an dem multikulturellen Leitbild, das die Politik lange Zeit bei uns gepflegt hat. Dieses Leitbild führte zu Parallelwelten Man ist sich nicht offen begegnet, und das beförderte die Ignoranz. Erst langsam verstehen wir, dass wir ein Einwanderungsland sind und versuchen, die Menschen politisch zu integrieren. Dadurch kommt es zu einer Emanzipation, mehr noch, zu einer Teilhabe. Interessant ist, dass es inzwischen immer mehr erfolgreiche Schriftsteller mit Migrationshintergrund gibt, die selbstverständlich Beiträge zur deutschen Gegenwartsliteratur liefern. Sherko Fatah war mit seinem Roman „Das Dunkle Schiff“ und Feridun Zaimoglu mit „Liebesbrand“ für die Bestenliste des Leipziger Buchpreises nominiert
Einige Politiker fordern, die Pflege der deutschen Sprache im Grundgesetz zu verankern. Was halten Sie davon?
Wenig! Wichtiger als eine solch populistische Aktion wäre, in Lehrplänen Deutsch breiteren Raum zu geben oder zu überprüfen, ob Gesetze und Rechtsvorschriften allgemein verständlich formuliert sind. Weiterhin bin ich der Auffassung, dass international geschlossene Verträge in einer deutschsprachigen Version vorliegen sollten.
In welcher Sprache spricht der Präsident des Goethe Instituts, wenn er in der Welt unterwegs ist?
Wenn ich eine Ausstellung oder eine Konferenz im Ausland eröffne, rede ich Deutsch. Klar ist, dass ich Arbeitsgespräche auf Englisch oder Französisch führe - je nachdem, wo ich bin. Ich bin der Auffassung, dass unsere Repräsentanten, unsere Botschafter, bei offiziellen Anlässen Flagge zeigen und deutsch reden müssen. Welche Methoden sind die erfolgreichsten, um Menschen an die deutsche Sprache heranzuführen?
Wir agieren auf drei Ebenen. Am bekanntesten ist die erste Ebene: Die Goethe-Institute unterhalten qualitativ hochwertige Sprachschulen. Zweitens bilden wir Lehrer und Erzieher aus. Das hat insofern mehr Wirkung als reine Sprachkurse, weil wir dadurch Multiplikatoren heranziehen. Unser dritter Ansatz ist politisch und zielt auf Integration.
Wie viele Menschen sprechen denn nach Ihren Schätzungen unsere Sprache?
100 Millionen als Muttersprache und weitere 100 Millionen als Fremdsprache.
Bei 6,8 Milliarden Menschen ist das nicht gerade viel .Statistisch gesehen gibt es weltweit nur sechs Sprachen, die von mehr Menschen gesprochen werden. Klar ist: Wir haben an Zahl verloren. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir sehr zögerlich für die deutsche Sprache geworben. Auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurden Fehler gemacht. Denn eigentlich war die Deutschausbildung dort weit verbreitet. Dass man dieses Potenzial nach der Wende nicht aufgegriffen hat, ist ein großes Versäumnis.
Hat das Goethe-Institut daraus gelernt?
Wir haben unsere Präsenz gesteigert und unsere Marketingstrategie verändert. So sind wir gegenwärtig mit bunt bemalten VW-Bussen in Polen unterwegs - in einem Projekt, dessen Namen ich so schön finde: „Deutsch Wagen“. Unsere Sprachlehrer fahren damit in kleine Städte, die kaum je einen Deutschen gesehen haben, sorgen dort für riesiges Aufsehen und motivieren junge Polen, unsere Sprache zu erlernen. Ein ähnliches Projekt läuft übrigens auch in Frankreich.
Wie viel Zeit bringen Sie im Ausland zu?
Ich bin ein Verfechter jener Fraktion, die sagt, dass Deutschland in der Welt nur dann gut aussehen kann, wenn wir unsere Kultur nicht schnöde exportieren, sondern Kulturbegegnungen arrangieren. Das erfordert Präsenz vor Ort. Um die Frage konkret zu beantworten: In einem typischen Jahr verbringe ich ein Viertel meiner Arbeitszeit im Ausland.
Welche Erfahrungen machen Ihre Lehrer dort?
Sie sind erstaunlich angesehen. Ich habe inzwischen viele Menschen kennengelernt, die in unseren ausländischen Goethe-Instituten vor Jahren Deutsch gelernt haben und sich immer noch gerne an die Namen ihrer Lehrer erinnerten. Diese Wertschätzung offenbart, wie wichtig es ist, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer nicht nur professionell Deutsch unterrichten, sondern auch zwischenmenschliche Fähigkeiten haben. Um gute Lehrkräfte zu bekommen, bewerten wir nicht nur Sprachfähigkeiten, sondern auch didaktische Fähigkeiten und die Fähigkeit, Dinge zu entwickeln. Entscheidendes Kriterium ist die interkulturelle Kompetenz. Bei uns wird keiner Deutschlehrer, der sich nicht auf andere Kulturen einlassen will.
Wer sich die Aktivitäten des Goethe-Instituts genauer ansieht, stellt bei der Kulturvermittlung Defizite fest. Die Leistungen Deutschlands in den Naturwissenschaften werden unzureichend herausgestellt.
Zusammen mit dem Auswärtigen Amt haben wir das Projekt „Deutschland-Jahre“ verabschiedet. Das wollen wir in den kommenden Jahren stark vorantreiben. Dabei werden wir in anderen Ländern konzentriert Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vorstellen, also ein komplexes Deutschlandbild vermitteln. In der Tat müssen wir den wissenschaftlichen Stellenwert Deutschlands international noch spezifischer vermitteln. Mir schwebt vor, dass wir unsere Deutschschüler mit wissenschaftlichen Institutionen im jeweiligen Ausland in Verbindung bringen, die entweder durch Deutsche betrieben werden oder Partnerinstitute deutscher Einrichtungen sind. Die Kontakte mit den großen Wissenschaftseinrichtungen habe ich bereits geknüpft.
Wo sollte Deutsch in der internationalen Sprachengemeinschaft 2020 stehen?
Wir sollten alles dransetzen, Deutsch als zweite europäische Fremdsprache nach dem Englischen zu platzieren. Wir müssen unsere Sprache deshalb attraktiv vermarkten. Und wir müssen darauf drängen, dass sie als Amtssprache in der EU stärker beachtet wird und dass die dortigen Beamten besser Deutsch können, als das gegenwärtig der Fall ist.
Anmerkungen zur Sprache
Von Christoph Kuhn, Schriftsteller in Halle,
in „Glaube und Heimat“ , Oktober und November 2010
Immer im Gespräch:
Sein Lächeln gilt mir nicht. Ihrs auch nicht. Die beiden mir gegenüber lächeln sich auch nicht gegenseitig an. Er spricht in sein Handy, dass der Zug hoffentlich pünktlich ankomme. Sie spricht in ihren Mantelkragen, ob die Party stattfinde, ob man Markus einlüde...
In den 150 Jahren seit seiner Erfindung hat sich das Telefon vom Kasten mit Kurbel und schwerem Hörer zum handlichen Smartphone verändert, mit dem man fotografieren, filmen, Filme sehen, fernsehen, radiohören, navigieren kann; es lässt sich als Terminkalender, Lexikon, Wörter-, Koch-, Hör- und Adressbuch verwenden und als Telefon. Sprechen muss man noch selbst, obwohl sich Auskünfte programmieren lassen: die Abwesenheit des Teilnehmers oder die Wahlwiederholung, solange der Anschluss besetzt ist. Anrufbeantworter beantworten zwar keine Anrufe, weil sie (noch) nicht wissen, worum es geht, sagen aber automatisch etwas Vorgegebenes an.
Verändert hat sich auch die Telefonie selbst. Durch ständige Verfügbarkeit der Fernsprecher, wo man geht und steht, sind viele Menschen ständig erreichbar und befriedigen unbegrenzt ihr Mitteilungsbedürfnis. Die Telefonate nehmen wohl im umgekehrten Verhältnis zu direkten Gesprächen zu. Nur das gegenseitige Verstehen hat sich nicht verbessert. Kaum die akustische Verständlichkeit, die „Verbindung“; Hintergrundgeräusche stören, und man stört sich gegenseitig, wie hier. Funklöcher tun sich auf, Akkus sind leer.
Auch Unbeteiligte, nicht stets akustisch und visuell Vernetzte, sind aufgestört, wenn Mobiltelefone klingeln: auf der Straße, am Strand, im Wald, beim Konzert, unterm Talar, Wobei ja „Klingeltöne“ die absonderlichsten Geräusche und Musikfetzen sein können. Und klingelt es „normal“, ist das Klingeln synthetisch designet.
Sprache ändert sich langsamer als Technik. Mancher sagt noch: „Ich lege auf“, obwohl er die Aus-Taste drückt; die ein Telefon zeigt, wie es fast nur noch im Museum steht. Der Mann sagt: „Ich klingle durch, ich rufe Sie zurück“, weil er aussteigen will, beide Hände braucht. Die Frau spricht weiter vor sich hin; in früheren Zeiten hätte man sie für psychisch gestört gehalten.
Der Geist ist aus der Flasche. Mit Computern haben wir ein Medium geschaffen, das unsere Sinne erweitert, unser Gehirn ergänzt. Gleichzeitig formen die Instrumente uns; sie setzen Maßstäbe, machen uns abhängig, wir verlernen elementare technikfreie Fähigkeiten, wie per Hand einen Brief zu schreiben oder die Orientierung in der Natur. Verhaltensweisen ändern sich: Man kommuniziert mehr mit Geräten als mit seinesgleichen: auf der Bank, am Fahrkartenautomat, am häuslichen Computer.
Das Gespräch der Frau hat eine Wendung genommen, sie redet lauter, zornig, schweigt abrupt, blickt noch eine Weile düster-entnervt vor sich hin. Da bin ich froh, nicht gemeint gewesen zu sein.
Rechte, Linke, Extremisten:
Am Ersten Mai wurde wieder demonstriert: „Rechte“, „Rechtsextreme«, sogenannte Freie Kräfte und Kameradschaften hatten in Halle an der Saale ihren Aufmarsch angemeldet, das ihnen zustehende Demonstrationsrecht in Anspruch genommen.vWie schon wichtige Gedenktage in Dresden oder Magdeburg, wollen sie in Halle den „Kampftag aller Werktätigen“ für ihre Propaganda beanspruchen. So gehen zwangsläufig auch „Linke“ auf die Straße, „Anhänger der linken Szene und demokratiebewusste Menschen „aus dem bürgerlichen Lager, aus der Mitte der Gesellschaft“.
Es ist ein Dilemma, dass die „Rechten“ die Termine machen und die „Linken“ oft nur (!) reagieren - wenn auch meistens in deutlicher Überzahl. Ein Zweites ist, dass „die Rechten«“vom Rechtsstaat. wohl oder übel toleriert werden müssen, ihr Ungeist von vorgestern in der Gesellschaft immer noch (oder wieder) Widerhall findet.
Sollte man sie einfach marschieren lassen ohne die geringste Aufmerksamkeit, nach der sie so narzisstisch gieren? Nein, „Gesicht zeigen“ war angesagt! Doch die Aussagen der Gegenkundgebung für Toleranz, Demokratie und Weltoffenheit wurden von diesen Rechten wohl kaum vernommen. Erst die schlichteren Rufe „Nazis raus!“ der, mit makabrem Doppelsinn: „Haut ab! Haut ab!“, sind an ihr Ohr gedrungen.
Das dritte Dilemma ist die Unterscheidung in Rechte und Linke zurückzuführen auf die Französische Nationalversammlung nach 1789; wo die progressiven, revolutionären Jakobiner links und die „ehrwürdigeren“, konservativen Girondisten rechts vom Präsidenten platziert wurden. Eine Sitzverteilung, die die Parlamente der meisten Länder übernahmen.
Im 20. Jahrhundert sind diese politischen Richtungsbegriffe Kommunisten und Sozialisten links und Nationalisten rechts von einer gemäßigten Mitte fragwürdig und hinfällig geworden. Die Geschichte hat gezeigt, dass Ultrarechte und Ultralinke in gleichem Maße unheilvoll wirken. Fatal ist zudem der Bezug auf die Herkunft der Wörter „rechts“ (ans recht, richtig, gerade) und „links«“(von link, linkisch, also ungeschickt).
Extremisten sind auch äußerlich -an ihrer Kleidung, Tätowierung, bis hin zur Farbe der Schnürsenkel- kaum zu unterscheiden. Selbst Sprüche, weiß auf schwarzem Hemd, wie „
Freiheit oder BRD“, lassen sich nicht eindeutig dem äußersten rechten oder linken Lager zuordnen. Die größte Verwirrung - nicht nur im eignen Kopf - stiften Abweichler, Überläufer von einer extremen Seite zur anderen.
Aus guten Gründen weigern sich einzelne Personen und Vereine, Bündnissen gegen Rechts“ beizutreten. Wenn schon „gegen“, dann auch gegen extrem linke, dogmatische Positionen. Attraktiver sind Aufrufe, „für“ etwas zu sein, sich dem Bündnis für Demokratie und Toleranz anzuschließen.
Die weibliche Form:
Liebe Leserin, die weibliche Form ist bewusst gewählt; nicht nur, weil laut Statistik mehr Frauen lesen als Männer (die hier natürlich mitgemeint sind). Denn meistens sind Frauen nur mitgemeint.
Gegner und Gegnerinnen geschlechtergerechter Sprache meinen, die dominierende männliche Form behindere nicht die soziale Gleichheit. Doch warum sollte jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen - Benachteiligungen bis heute - sprachlich nicht erkennbar sein? Sprache offenbart Machtstrukturen. Man bedenke, dass bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland Frauen nur mit Erlaubnis der Gatten arbeiten durften und bis in die siebziger in manchen Kantonen der Schweiz kein Wahlrecht hatten.
Bis heute sind sie in vielen Berufen unterrepräsentiert und werden schlechter bezahlt. Verkäuferin und Kindergärtnerin sind (noch) die Ausnahme. Umgangssprachlich geht man zum Arzt, zum Bäcker oder hört, was die Minister und Pfarrer zu sagen haben.
Gegnerinnen gerechter Sprache sind Frauen, die sich selbst Lehrer oder Arzt nennen, die eigene Emanzipation behindern; es gibt sie noch. „Lieber Leser“ wird auch manche Schriftstellerin geschrieben haben - die liebe Leserin wohlwollend mitmeinend.
Keine Chance hat offenbar eine Sprachregelung, die die Männer nur „mit“-meint: stimmte die Rostocker Bürgerschaft (und Bürgerinnenschaft) stimmte 1990 einer Hauptsatzung zu, die alle Funktionen ausdrücklich in weiblicher Form benannte (Bürgermeisterin, Dezernentin etc.) - mit den Stimmen aller Fraktionen, auch der männlichen Mitglieder! Das Experiment, ob Sprachgerechtigkeit ertragen wird, scheiterte: Die Satzung galt nur eine Legislaturperiode.
Aktuell macht Frauenfußball das Dilemma (un)gerechter Sprache deutlich. Schon der Begriff ist diskriminierend, weil nicht auch von Männerfußball gesprochen wird. Fußballweltmeisterinnenschaft muss es heißen, wenn Stürmerinnen, Torfrauen und Kapitäninnen auf dem Spiel-feld sind (Im alten Wanderlied war mehr Gleichheit: „Herr Meister und Frau Meisterin …“). Frauen stehen hier nicht einfach ihren Mann, sondern spielen so selbstverständlich, wie sie sprinten oder boxen. Absurd ist auch „Mädchen- oder Frauenmannschaft“ statt Fußball- und Nationalfrauschaft. Weibliche Hooligans, also Randaliererinnen, treten kaum auf; dafür stand irgendwo das Wort „Flankengöttin“.
Manch einen stört die Bibel in gerechter Sprache, wo das Wort „Herr“ fehlt und Jüngerinnen und Apostelinnen vorkommen und Gott ausnahmsweise weiblich ist getreu dem feministischen Spontis-Sruch: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur“ .Andere übertreiben nun wirklich: wenn sie in vermeintlicher Korrektheit an „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ schreiben. Doch sind solche Auswüchse nur die Reaktion auf das, was war: eine Sprache der männerdominierten Welt, in der Frauen (fast) unsichtbar blieben.
Suche nach Fehlern:
Lasst sich ein prominenter Politiker etwas zu Schulden kommen, heißt es, er habe Fehler begangen. Von der Opposition und aus dem Volk kommen zwar deutlichere Worte, aber seine eigne Partei und das Regierungsoberhaupt reden von Fehlern: Alle begehen Fehler, kein Mensch ist ohne, jeder hat schon Fehler gemacht.
Da zeigt man sich tolerant, denkt nachsichtig an Diktate und Mathearbeiten in der Schule, wo es schon bei anderthalb Fehlern keine Eins mehr gab und bei sieben keine Vier mehr. Es fällt einem der Fehlstart beim Hundertmeterlauf ein und die fehlerhafte technische Zeichnung. Oder sonst etwas.
Die Fehler schlichen sich ein, unterliefen einem, man machte sie ohne Absicht, hatte es nicht besser gewusst, sich geirrt, nicht aufgepasst, man war schusslig, vergesslich gewesen - unaufmerksam, wie neulich im Straßenverkehr, als man die rote Ampel überfahren hatte. Ein Fehler, wie er oft vorkommt, ein schlimmer sogar, wenn dabei etwas passiert. Als Ordnungswidrigkeit kann er eine Strafe nach sich ziehen. Doch auch solche gröberen Fehler passieren meistens unabsichtlich. Und für die Ahndung ist es gleichgültig, ob man versehentlich bei Rot gefahren ist oder übermütig willentlich. Moralisch kann der Unterschied aber schwerwiegend sein.
Hier zeigt sich die Janushaftigkeit des Wortes: Fehlen kann heißen, nicht da zu sein, durchaus entschuldigt, gar unwissentlich.. Oder unentschuldigt, ganz bewusst sich fernzuhalten, den Termin, den wichtigen Auftrag, die Verantwortung nicht wahrzunehmen. „Fehlen“ hat auch die Bedeutung von Täuschen und Betrügen, obwohl viele Fehler (Hör-, Seh-, Schönheitsfehler) geerbt sind, mit Verantwortlichkeit nichts zu tun haben, auch in der Tier- und Pflanzenwelt und bei toten Dingen wie elektrischen Leitungen auftreten. Eine Fehlzündung ist weit entfernt von einem Fehltritt, und der wiederum kann darin bestehen, dass man unterwegs aus Ver-ehen fehl tritt oder sich geplant auf Abwege begibt.
Auch die „Verfehlung“ schillert. Gehe ich fehl in der Annahme, dass man den Weg, die Tür verfehlen kann oder einen Menschen (im Sinne von nicht antreffen), aber auch den Beruf, ein ganzes Leben?
Staatsoberhaupt und Parteispitze wollten den fehlenden Kollegen halten, weil er als charismatisch gilt, als Lichtgestalt deutscher Politik und wichtige Säule im Wahlkampf. Sie hielten ihn so lange, bis der Druck der wachen Öffentlichkeit, mit dem sie nicht gerechnet hatten, ihn zum Rücktritt zwang.
Es mag nur der erste Eindruck sein, dass mit dem Begriff „Fehler“ Verfehlung heruntergespielt werden soll. Denn Fehler sind eben sehr verschiedener Art. Mancher ist wieder gutzumachen, andere sind unverzeihlich. Die Verbrechen Stalins oder Maos galten nach deren Tod jahrzehntelang offiziell nur als Fehler, und für manche Unverbesserliche gilt das bis heute.
Vergeben und Vergessen:
„Die Abfahrt des Zuges verzögert sich um wenige Minuten, wir bitten um Ihr Verständnis“. Wer könnte verstehen, ohne genaue Kenntnis der Ursache? Um Verständnis, nicht um Entschuldigung wird gebeten, obwohl der Fahrgast vielleicht entscheidende Minuten seines Lebens verpasst. Verständnis oder Entschuldigung - der Zugführer erfährt nicht, ob jemand der Bitte entspricht.
Der Sprachverkehr verändert sich: Rempelt einer einen anderen an und sagt: „Entschuldigung“ oder „Verzeihung“, hört er: „Nichts passiert!“ oder: „Macht nichts. Keine Ursache“.
Zwar ist nur wenig passiert, aber nicht nichts; und denkbar, dass trotz kaum verspürtem Schmerz sich später eine Verletzung herausstellt. Schon diese Vorstellung könnte den zartfühlenden Verursacher belasten - und er blieb unentschuldigt!
Zur immerwährenden Debatte um Unrecht in der DDR wird Bischöfin Junkermann zitiert: „Vergebung ist nur möglich, wenn die, die Unrecht begangen haben und an anderen schuldig geworden sind, dieses einsehen, dazu stehen und selbst um Vergebung bitten.“
Nun wird der einzelne, im Machtnetz verstrickte, Täter - etwa ein damaliger Stasi-Mitarbeiter - selten noch herausfinden können, wem alles und in welchem Umfang er geschadet hat. Abgesehen davon streiten die meisten ihre Verantwortung ab, reden sie schön, ja versuchen sie nachträglich zu rechtfertigen. Insofern wäre die von Frau Junkermann gespürte „Wand des Schweigens“ zwischen „Opfern“ und „Tätern“ für die „Opfer“ vergleichsweise erträglich.
Für Versöhnung geeignete Foren werden eher von den Tätern gescheut als von den Opfern (die sich im Übrigen selten selbst so bezeichnen, sondern als Verfolgte).
Versöhnung bezieht sich etymologisch auf Sühne. Ist sie wie Reue einzufordern?
Kaum in diesem Kontext, sondern allgemein ist zu fragen, wie Vergebung auch ohne ausdrückliche Bitte um Verzeihung möglich ist? Hängt sie von Nähe, Vertrautheit und Liebe, von
Großmut ab und vom Gewicht des Vergehens?
Ich habe nach spätem Eingeständnis schuldigen Verhaltens einige Male die Antwort gehört: „Reden wir nicht mehr davon, längst verziehen“. Sogar: „Schon vergessen“. Ob es stimmt, sei dahingestellt, jedenfalls ist es eine edle Geste der Absolution, der Nachsicht.
Wer nicht verzeiht - allerdings gibt es Fälle, wo das wirklich nicht möglich sein mag - leidet über das Maß der erlittenen Kränkung hinaus. Mitmenschen etwas nachtragen (welch ein Bild!) bedeutet Energieverbrauch. Vergeben, aber nicht vergessen!, heißt es. Doch die Forschung zeigt: Vergessen ist eine wertvolle nötige Leistung des Gehirns im Unbewussten, das auswählt - vielleicht nach Erich Kästners Prinzip: „Die Erinnerung ist eine mysteriöse /.Macht und bildet die Menschen um. / Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. .1 Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“.
Sterbliche Überreste:
Unsinn ist das Gegenteil von Sinn, Unglück wohl das Gegenteil von Glück, aber ein Unfall nicht das Gegenteil von einem Fall. Die Untat ist eine Tat; und auch wenn sie zur Unzeit geschieht, geschieht sie nicht außer der Zeit. Der Täter ist und bleibt ein Mensch, war sein Verbrechen auch noch so unmenschlich. Auch ein Unwort bleibt ein Wort, wird nur als unpassend empfunden.
Die Vorsilbe „un“ ist oft unlogisch. Sie drückt eindeutige Gegensätze aus: „unschwer“ bedeutet „leicht“, „Ungeist“ die Abwesenheit von Geist, „Unheil“ das fehlende Heil. Andererseits betont sie die Wortbedeutung, wie bei „Unsumme“ oder „Unmenge“. „Untiefe“ wiederum kann sowohl besonders tiefes, als auch extrem flaches Wasser bedeuten. „Kosten“ und „Unkosten“, „Ungeziefer“ und „Geziefer“, sowie „unwirsch“ und „wirsch“ besagen ebenfalls (fast) das Gleiche.
Von genereller Verneinung durch „un“ kann schon deshalb keine Rede sein, weil es eine Reihe von Wörtern ohne diese Vorsilbe im Sprachgebrauch nicht (mehr) gibt: Zum „Ungeheuer“ fehlt das Geheuer, zum „Ungetüm“ das Getüm und zum „Unhold“ der Hold (nur die Holde ist noch ein Begriff).
Und wer kann etwas anfan-gen mit Flat, Bill, gebärtig, geschlacht, - gestüm? Nichts für ungut, doch es ist auch eine Frage der Perspektive, welche Begriffe zählen: Für Gärtner mag Unkraut keine Daseinsberechtigung haben, Botanikern hingegen sind alle Kräuter natürlich gleichwertig. Mancher Unfug in den Augen von Eltern und Lehrern könnte Kindern mit Fug und Recht als Spiel zugestanden werden.
Mit dem Verhältniswort „über“ verhält es sich ähnlich: Ab welchem Übermaß ist die Überdosis gefährlich, ab welcher Temperatur die Überhitzung zerstörerisch? Ohne „Über“ ist das Bein kein richtiges, der Schuss kein richtiger, der Fluss auch nicht. Das Wort „Schwang“ ist ungebräuchlich, und was könnte „Druss“ heißen?
Zu den vielen Bedeutungen von „über“ (örtliche, zeitliche Bestimmung, Rangordnung, mehr, weiter, bei, wegen, betreffend, u. a.), gilt regional auch „überlassen“ im Sinne von „übrig lassen“.
Was vom Braten über bleibt, ist der Rest. (Ebenso vom Kohl; wofür die Witwe Bolte „besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt“). Was aber macht den Überrest restlicher oder zu einem übrigen, besonderen Rest?
Gern wird von sterblichen Überresten gesprochen - auch in Kreisen materialistischer Atheisten. Wenn es jedoch sterbliche Reste oder Überreste gibt, muss es auch etwas Unsterbliches geben. Rein sentimentale oder gar tief verwurzelte religiöse Gefühle?
„Thälmann ist niemals gefallen ... Deutschlands unsterblicher Sohn“, haben wir in der Schule gesungen und es der Musiklehrerin vorgehalten, die ja womöglich an die Auferstehung glaubte, damals, als der Ewigkeitssonntag noch Totensonntag hieß.
Die Deutungshoheit über Wörter:
An den Herbst 1989 erinnernd wird oft gesagt, dass die DDR, das ganze kommunistische Imperium, auch an Lügen zugrunde ging. Gefälschte Daten, geschönte Statistik - wir waren Halb- und Unwahrheiten gewöhnt. Erhellend ist auch das Blättern im Fremdwörterbuch und im Lexikon von A bis Z aus den Jahren 1980, 1982.
Als 1968 sowjetische Soldaten nach Prag marschierten, war das keine Okkupation, „(unrechtmäßige) Besetzung fremden Gebietes durch eine (imperialistische) Macht“, laut Fremdwörterbuch. Denn Imperialismus ist „höchstes Entwicklungsstadium des Kapitalismus“. Russen und Chinesen bezichtigten sich bei den Kämpfen am Ussuri Ende der siebziger Jahre gegenseitig der Aggression, die es per Definition („imperialistischer Eroberungskrieg“) doch gar nicht gab.
War unsere friedliche Oktoberrevolution ein Volksaufstand oder ein Umsturz? Beide Wörter fehlen im Lexikon; und Revolution wird so erklärt: „grundlegende qualitative Veränderung der Gesellschaft, tritt in der Ausbeutergesellschaft gesetzmäßig auf“. (Später geht es nur um „sozialistische Revolution“). Das Wörterbuch spricht noch von der „Übernahme der Macht durch die progressive Klasse“. Das Wort „progressiv“ war ideologisch umstritten: Die herrschenden Funktionäre hielten sich selber für progressiv und wurden von älteren Systemkritikern gern auch mit diesem Begriff geschmäht. Jedoch jüngere Nonkonformisten, die westlichen Ideen anhingen und progressive Rockmusik hörten, beanspruchten den wahren Progressismus.
„System“ nennt das Fremdwörterbuch, „ein in sich gegliedertes, geordnetes Ganzes“. Demnach kommt „Systemkritik“ in keinem der beiden Nachschlagewerke vor, und „Nonkonformismus“ ist laut Lexikon die „selbst gewählte Bezeichnung für die Haltung bürgerlicher Intellektueller, die in kritischer Opposition zu ihrer kapitalistischen Umwelt stehen“. Opposition gilt nur als Widerstand von „Parteien und Gruppen im bürgerlichen Parlament“. Auch das Gegenteil, der Opportunismus, hat natürlich in der DDR keine Grundlage, sondern ist „in der Arbeiterbewegung Verzicht auf das Endziel, die Errichtung des Sozialismus und Kommunismus“.
Wer waren also die Aufständischen vom 17. Juni 1953 und die demonstrierenden Revolutionäre im Herbst 1989? Dissidenten? Das Lexikon verzichtet sicherheitshalber auf den Begriff und das Wörterbuch übersetzt Dissident: „Andersgläubiger, Angehöriger einer nicht anerkannten Religionsgemeinschaft oder Konfessionsloser in Ländern mit Staatskirche.“. Ein verstecktes Eingeständnis des Lektorats, der Sozialismus sei eine Art Religion, wenigstens eine Ersatzreligion gewesen.
Solche Bedeutungsverschleierungen gehörten zur. allseitigen Indoktrination. Doch auch von diesem Wort wollen beide Bücher nichts wissen. Weil - so schließt man mit Christian Morgenstern messerscharf – „nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Literaturempfehlungen:
Kuhn, Christoph: Königsweihe. Erzählungen und Gedichte mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio Schumacher Gebler GmbH Dresden, 68 S., ISBN 978-3-941209-03-9.
Kuhn, Christoph: Am Leben. Roman, Wartburg Verlag, 151 5., ISBN 978-3-86160-402-0.
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (0 36 43)
Nach der Schlacht:
Fußballdeutsch ist eine Art Fachchinesisch mit teilweise mathematisch geprägtem Jargon, mit Begriffen wie Viertligist, Achtelfinale, Elfmeterkiller oder Sechzehner. Experten kennen Mittelfeldgrätschen, Gelbsperren, Vorrunden- und Traumfinale, Flügelflitzer oder Flankengötter.
Gruppenspiele sind keine Kriege, Teams oder Mannschaften keine Armeen und Kapitäne keine Generäle.
Doch das Berichterstattungsvokabular mutet mitunter martialisch an: Nationalspieler sind Helden und Gladiatoren, sie kämpfen ruhmreich und heroisch als Stürmer, Angreifer oder Torjäger in Offensiv- und Defensivtaktik, es gibt Treffer, Attacken, Beinschüsse, Schützenhilfe, Zweikampfführung, Deckung und die Frage nach dem „Sieg über Serbien“ und „Schlägt Deutschland Ghana?“; sogar von Rache, Stahlbad und Abwehrschlacht ist die Rede, von Schlachtenbummlern sowieso. „England wird abgeklatscht!“.
Meistens bleibt es bei Verbalinjurien im Umfeld recht friedlicher Spiele. Nach dem 1 : 2 Nigerias gegen Griechenland aber soll der Spieler Sani Kaita per E-Mail Tausende Morddrohungen bekommen haben, weil er vom Platz gestellt worden war und seine Mannschaft danach verlor.
Kaum jemand kann sich den Informationen über Spielstände entziehen: Sogar in Zügen werden sie durchgesagt. Nichts hat mehr Nachrichtenwert! Andernorts, in Somalia, ist das Fernsehen der Spiele verboten, Fans sollen deshalb von militanten Islamisten erschossen, weitere verhaftet worden sein. Obdachlose rings um die südafrikanischen Arenen wurden umgesiedelt, weil ihr Anblick die Stimmung des Milliardengeschäfts trüben könnte.
Auf den „Fanmeilen“-Hauptstraßen rollen die fahnengeschmückten Autokorsos wie römische Streitwagenflotten am Spalier stehenden Volk vorbei. Die Insassen hängen indianerähnlich kriegsbemalt aus den Fenstern, hupen, blasen in Vuvuzelas. „So sehn Sieger aus - schala, la, la, la!“, bejubeln sie sich selbst - als „zwölften Mann“, stolz, Deutsche(r) zu sein ein völlig normaler Patriotismus: Nationalismus - ein Spiel. Man zeigt Flagge, sogar im Gesicht. „Rechnet nicht mit mir, beim Fahnenschwenken, ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei ...“. Reinhard Meys Lied stört den Ausnahmezustand. „Finale, Ooo-oh! Finale, Ooo-oh!“ Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es - galt das nicht schon für Wahlen und Kriege? Fußball gehört zur Kultur mit den Aggressionen, die er freisetzt oder als „Ventil“ ablässt. Ein Glatzkopf schlägt die Trommel zum Rhythmus der „Deutschland!“-Rufe. Klingt da etwa etwas über „Deutschland!“ und „Sieg!“ hinaus an?
„Public Viewing“ ist vorbei. Ein aus dem Englischen entlehntes Neuwort für eine öffentliche Präsentation, ursprünglich für die öffentliche Leichen-Aufbahrung. Trotz der Schlachten müssten zum Glück noch keine Toten vom Feld getragen werden.
Schießen Sie los!
Man mag von einem Herrn Sarrazin halten, was man will, ihn seiner fremdenfeindlichen, populistischen Äußerungen wegen schmähen, ausgrenzen, mit Missachtung strafen, ihm am besten gar kein Podium geben - aber auf ihn zu schießen ist wohl doch nicht angebracht! „Sarrazin unter Dauerbeschuss“ titelte die Mitteldeutsche Zeitung schon vor Wochen, aber die Zielperson lebt und erfreut sich höchster Aufmerksamkeit. Oft wird über Streitfälle in einem Ton berichtet, als hätte es Handgreiflichkeiten gegeben: schallende Ohrfeigen, Watschen werden ausgeteilt, Köpfe rollen.
Schlag-Zeilen (und die Alltagssprache) strotzen von kriegerischem Vokabular der Feldherrensprache: Politik hat etwas im Visier, jemand macht Kampfansagen, bläst zum Sturm, zum Sturmlauf, weil etwas auf dem Vormarsch, im Anmarsch ist.
Wer nicht Attacken reitet, steht Gewehr bei Fuß. Alles Mögliche und jedermann kann ins Fadenkreuz, Sperr- und Kreuzfeuer der Kritik geraten. (Doch wo gefeuert wird, wird eben nicht mehr kritisiert; höchstens mit Fragen bombardiert ...) Schießen ist besonders beliebt: Warn-, Quer-, Schnellschüsse und Schüsse vor den Bug. Wer ohne Schützenhilfe und Wachablösung auf verlorenem Posten steht, sollte aus der Schusslinie genommen werden oder gerät ins Hintertreffen. Nebelkerzen, Lunten, Sprengsätze, Tretminen, Zeitbomben sind auf dem sprachlichen Schlachtfeld verstreut.
Wer meint, nur mit geharnischter, martialischer Ausdrucksweise Aufmerksamkeit zu gewinnen, vergisst, dass Sprache der Spiegel der Gedanken ist (Mark Hopkins) und was in der Sprache geschieht, jederzeit Wirklichkeit werden kann (Alfred Andersch). Außerdem nutzen sich solche Wörter ab, es: sind immer „schärfere Geschütze aufzufahren“, und im Ernstfall - bei tatsächlicher Gewalt, -taugen sie nichts mehr. Dann genügen mokante oder makabre Formulierungen, die Gewalt eher verharmlosen als nahebringen - etwa wenn jemand Tritte „kassiert“ und „krankenhausreif geschlagen“ wird.
Auch im Krieg ist das Pulververschossen, weil im Frieden das Arsenal der Kriegswörter ausgeschöpft wurde. Die Rede ist dann von Auslandsabenteuern, Mission, Intervention, Operation, chirurgischem Eingriff, humanitärem Einsatz mit Kollateralschäden. Sonst gelten immer noch Begriffe wie „Speerspitze“, „Säbelrasseln«“ und Gefecht, als wäre noch Mittelalter. Der Kernwaffengefechtskopf ist solch eine fatale Bagatellisierung für die damit mögliche Menschenmassenvernichtung.
Vom jährlich im September stattfindenden Weltfriedenstag und dem Tag der deutschen Sprache könnten Impulse ausgehen, auch verbal abzurüsten. Es, wird Zeit für eine Entmilitarisierung der Sprache, die schreckliche Denkmuster bewahrt. „Wörter, wenn sie nicht gehütet werden, verrichten mitunter tödliche Arbeit“, sagte John Ruskin. Er würfe die Flinte noch nicht ins Korn.
Unwort Umwelt:
Am 5. Juni 1972, beim ersten Weltumweltgipfel“ in Stockholm, wurde der „Weltumwelttag“ von den Vereinten Nationen ausgerufen. Der Club of Rome erstattete Bericht „Zur Lage der Menschheit und zu den Grenzen des Wachstums“. Apollo 17 nahm das wohl bekannteste Bild der Menschheitsgeschichte auf: Die Erde als Ganzes. Der Künstler Klaus Staeck versah es mit dem Text: „Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurückzugeben“. Auf einem anderen Plakat wird der Globus mit der Zitronenpresse zerquetscht nach dem Mot-to: »“as Letzte herausholen“. In den fast vier Jahrzehnten seitdem hat sich der Lebensstil in den reichen Industrienationen nicht zum Besseren geändert.
Was heißt Welt, was Umwelt? Fragwürdige Begriffe für das Pflanzen- und Tierreich, uns und das Klima. „Umwelt“ soll im 19. Jahrhundert aus dem Dänischen abgeleitet worden sein für „Umgebung“ und „Lebenskreis“. Im Duden 1924 steht es noch ohne Zusammensetzungen; Im Jahre 1957 kommen „Umweltbedingung“ und „Umwelteinfluß“ hinzu; neuerdings schießen die Wörter ins Kraut: von „Umweltauto“ bis „Umweltverschmutzung«“, „Umweltzone“, „Umweltbank“ und „Umweltdatenbank«“ natürlich „Umweltfreundlichkeit“. Flugzeugen und Autos diese Eigenschaft zuzusprechen, ist reinster Hohn. Umweltfreundlich“ kann man nicht einmal wandern. Auch „Umweltverträglichkeit“ ist zweifelhaft - es kann nur um Schadensbegrenzung gehen.
„Umwelt“ suggeriert, es gäbe einen vom Individuum streng abgeschiedenen Bereich. „Umweltzerstörung“ kommt uns leicht über die Lippen, hält uns die ganze Wahrheit vom Leibe. Der Selbsterhaltungstrieb regt sich bei Schreckensmeldungen aus der Stratosphäre oder fremden (Bundes-) Ländem kaum. Vor der Tür des Nachbarn mag ins Erdreich sickern, was will es ist Um-Welt, ich bin's nicht. Und das Unwort „Weltumwelttag“ reduziert nicht nur den katastrophalen Zustand unserer einen Welt auf ein Tagesthema, sondern verharmlost die Beschädigungen.
Welches Wort sonst? „Natur“ klingt nach Botanisiertrommel. „Schöpfung“ grenzt Ungläubige aus. Dabei geht es um alles: Offenbart sich Gott in seiner Schöpfung, dann ist Schöpfungsschutz auch Gottesschutz. Naturzerstörung ist gegen das Göttliche. „Lebenszerstörung“, „Selbstzerstörung“ stimmte auch. An einem Welttag der Weltzerstörung zu gedenken und sich besonders weltfreundlich zu verhalten, hat nur Alibifunktion. Mit „Weltumwelt«“ kann nur das All gemeint sein - interessant für umweltfremde Astronauten oder Astrologen. Weltumweltkatastrophen finden auf anderen Gestirnen statt, eine Ölpest auf dem Mars, ein Vogelsterben im Sternbild des Schwans.
Trifft uns selbst unerwartet eine Weltkatastrophe, sind jene mitverantwortlich, die mittels Sprache Wirklichkeit und Bewusstsein („Umweltanschauung«“) in Übereinstimmung zu bringen haben: die Verhältniswortgewaltigen.
Schichten abtragen:
Als die Erde noch eine Scheibe war, stimmten Wissensstand und Sprachgebrauch überein: Die Sonne geht auf, beschreibt einen Bogen am Himmel und geht wieder unter. Gott ist oben, hinterm Sternenzelt, auf dem heiligen Berg. Unten ist die Hölle. Seitdem sich alles dreht und die Mitte gesucht wird, verändert sich auch die Sprache weiter, bleibt aber in bildhaften Ausdrücken eigentümlich „bodenständig“ oder „nachhaltig“.
Viele Redensarten entstammen Mythen, uralten religiösen Ritualen und längst ungebräuchlichen alltäglichen Gepflogenheiten, oft aus anderen Kulturen. Auch wenn ihre Herkunft kaum bekannt ist, weiß man im gemeinsamen Sprachraum (noch immer) um ihre Bedeutung. So spricht man vom Sündenbock, ohne zu wissen, dass Aaron einst einen mit Israels Sünden beladenen Bock in die Wüste jagte; von der Sintflut, ohne Noahs Geschichte zu kennen. Wer eine Hiobsbotschaft überbringt, muss von Hiob nichts wissen und wer den Ariadne-Faden sucht, nicht, wohin er führt oder wer Ariadne war.
Manche Namen und Begriffe existieren nur noch metaphorisch, andere sind, verwandelt, ihrer Urform näher. Der Pranger ist nicht mehr der Pfahl, an den Schuldige gekettet, öffentlich ausgestellt werden, sondern jetzt werden Menschen medial angeprangert: mit Bild in der Presse oder in TV-Talkshows. Beim Spießrutenlauf wird in der zivilisierten Welt auch niemand körperlich verletzt, sondern durch stechende Blicke und scharfe Objektive. Gebrandmarkt und gegeißelt wird nicht mit heißen Eisen und Peitschen, sondern mit Worten.
Mutter Sprache hinkt der Wirklichkeit nach. Sie zeigt uns - bringen wir ihr Aufmerksamkeit entgegen - wo wir herkommen. Mit ihr umzugehen heißt, in die Vergangenheit zu blicken, in die Kulturgeschichte Schichten abtragen wie in der Archäologie.
Vor allem durch technische Veränderungen werden Metaphern ausgetauscht. „Nachricht Bit-
te auf Band«“ spricht es vom Anrufbeantworter. Ist er alt, läuft noch ein Tonband; neue funktionieren anders, der sprachliche Ausdruck bleibt länger. Auch im Zeitalter digitaler Fotografie heißt es noch eine Weile: Man bannt etwas auf „Zelluloid“. Man glotzt in die „Röhre,“ auch wenn sie schon ein Flachbildschirm ist.
Neue Begriffe stehen neben alten: das Licht unterm Scheffel und die Tretmühle neben der Schaltstelle und Datenautobahn. Mobilitätsvokabeln, speziell Autometaphorik, haben Konjunktur: Die Branche gibt Gas, ist auf Überholspur oder tritt auf die Bremse.
Selbst wo es nicht um Technik geht, wird solches Vokabular gebraucht: Partner finden keinen Draht zueinander, zwischen ihnen herrscht Funkstille; jemand hat Filmriss, wird gestoppt, seine Batterie ist runter, er muss auftanken, seine Erwartungen zurückschrauben. Das verleiht der Sprache etwas Unmenschliches, „Entseelendes“.
Wörterwachstum:
„Am Anfang existierte das Wort, es befand sich bei Gott, und letzterer identifizierte sich mit ersterem“: So begänne, nach Wolf Schneider, im typischen Amts- oder Zeitungsdeutsch, das Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“. Luther spricht nicht nur poetisch, er braucht auch weniger Buchstaben. Überall wird gespart - nur selten am Wort.
„Ich muss sagen, ich kann nicht von einer sinkenden Zahl von Ausbildungsplätzen sprechen.“ – „In Sachen Niederschlag heißt es heute wie auch morgen: Fehlanzeige“. „Beulen an seinen Fußsohlen machten für ihn das Laufen zu einer schmerzhaften Qual“. Offizielle Verlautbarungen: oft allzu schwülstige Wendungen, leere Worthülsen (die leider gern auch von der Hörerschaft übernommen werden). „Stellenwert“, „verstehen“ für „nachvollziehen“, „sonst“ für „ansonsten“, „besonders“ für „insbesondere«“, „nicht“ für „mitnichten, „gewiss“ für „zweifelsohne“, „trotzdem“ für „nichtsdestotrotz“, „laut“ für „lautstark“, „programmiert“ für „vorprogrammiert“ ?
Und wo ist das Vorfeld? Auf diesem wird angedacht und hinterfragt und grünes Licht signalisiert für Rahmenbedingungen der voranzutreibenden Weiterentwicklung des Verkehrsaufkommens Der inflationäre Gebrauch mancher Wörter und Wendungen passt zum materiellen Wachstum im Wohlstand, dem Wirtschaftswachstum, das selbst bei Stagnation immer noch ein Nullwachstum ist, welches ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ benötigt.
Sprachhochstabler(-innen) genügen einfache Wörter wie „gut“, „»schön“ oder „wichtig“ nicht. Etwas ist echt gut, total schön, absolut wichtig, sehr sehr schwer. Dabei relativieren Steigerungen oft die Aussage; gegenteilige Begriffe müssten sich Sogar aufheben: übelst gut,
furchtbar nett, unheimlich gemütlich, ganz schön beschissen ...?
Neulich soll ein Hamburger Pfarrer das Verkehrsdelikt einer Bischöfin, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam, als „Super-GAU“ bezeichnet haben. Obwohl diese Aussage später zurückgezogen wurde (geht das überhaupt?), zeigt sie exemplarisch nicht nur Unverhältnismäßigkeit im Urteil, sondern auch mangelndes Sprachgefühl. GAU bedeutet größter anzunehmender Unfall. Ursprünglich für Atomkraftwerke gedacht, wird die Abkürzung inzwischen allerorts verwandt, aber sie erlaubt nirgends die geringste sprachliche Steigerung.
Viele Wörter sind in keinster (sic!) Weise steigerbar. Wodurch unterscheiden sich die verschiedenen Menschen von den verschiedensten, der Einzige vom Einzigsten? Ist der gefeiertste Künstler der vielversprechendste, namhafteste? Kann- „wahr“ wahrer sein, im wahrsten Sinn? Herzliche Grüße kommen vom Herzen, die herzlichsten aus dem Zentrum des Organs?
Also höchstens herzliche Grüße Ihr Christoph Kuhn.
Kontaminierte Worte und Reden:
Was hat die Mediengemeinde jetzt nicht alles gelernt über Kernspaltung, Kernschmelze, Brenn- und Steuerstäbe, Spaltprodukte, Kettenreaktion, Nachzerfallswärme, Abklingbecken, Millisievert, Stresstest, Restlaufzeit, Restrisiko ...
Manche fühlen sich informiert, andere gezielt desinformiert in den widersprüchlichen Meldungen, im Argumentationswirrwarr der Talkrunden.
Der Moderator fragt die Nachrichtensprecherin: „Wie ist es, täglich neue Worte zu finden?“ Sie findet das Unglück unheimlich, schrecklich, unbeschreiblich, unsagbar. Man verstummt, ist sprachlos und trotzdem wird auf allen Kanälen drauflos fabuliert. Mit zur Realität unpassenden Wörtern. Sie verschleiern Zusammenhänge, verkleistern Probleme, sind aber auch verräterisch und entlarvend - etwa, wenn der verzweifelte Regierungssprecher die Reaktoren als Ungeheuer bezeichnet und sogar Experten vom Super-GAU reden, gar vom großen Super-GAU (wo doch Gau schon größter anzunehmender Unfall bedeutet).
Superlative verharmlosen eher. Mit Begriffen und Namen wird Schindluder getrieben. „Der Gau hat ein Gesicht: Fucushima sagt der Moderator. „Abschalten! Fukushima ist überall“. steht auf einem T-Shirt. Vor genau 25 Jahren tönte es ähnlich: Nach Tschernobyl würde nichts mehr so sein wie es war, ebenso nach dem elften September und nach Bewusstwerden der Klimakatastrophe. Aktuelle zynische Ansage: Nach Japan ist die Weit eine andere! Wieder liegt das schöne Wort Wandel in der Luft. Doch ist wenig davon zu merken. Es bringt noch kein Lassen, keine Umkehr in den Alltag unseres mörderischen Energie- und Naturverbrauchs.
Die Sprache über Katastrophen ist oft eine katastrophale Sprache, auch wenn sie sich mythologischen, religiösen Vokabulars bedient. Im Reaktor lodert „Höllenfeuer“ bzw. die „Strahlenhölle“, drum herum ist „Geisterwelt“. „Apokalypse“ hat Konjunktur. Das Wort steht für Untergang, Unheil, Grauen, bedeutet aber Enthüllung, Offenbarung. Inzwischen wurde vieles offenbar: Schwere Unfälle in europäischen Atomkraftwerken wurden vertuscht, als absolut sicher geltende Werke sind plötzlich Schrottmeiler. Und das von Anbeginn wichtigste Argument der Kernkraftgegner: dass es weltweit kein Endlager für den zigtausend Jahre strahlenden radioaktiven“ immer wieder versprochen wird.
Die Kanzlerin hat eigne Wurzeln entdeckt, wenn sie zum Gebet aufruft und mahnt, „ein Stück Demut vor der Natur“ wiederzuerlangen. Der EU-Kommissar sieht das Geschehen „in Gottes Hand“. Wo sonst? möchte man fragen - aber bitte nicht wieder und wieder: Warum lässt er das zu?
Wie „Apokalypse“ ist auch „Kontamination“ ein Wort mit Doppelcharakter: Es bedeutet Verunreinigung, Verseuchung; aber auch Vermengung von Wörtern oder Fügungen. Quod erat demonstrandum. (Was zu beweisen war).
Gut und schön:
Eine merkwürdige Zeit liegt hinter uns: die Tage „zwischen den Jahren. Die „Krummen Tage“, an denen man an die Obstbäume schlagen soll, damit sie langsam wieder erwachen, an denen keine Wäsche im Freien trocknen darf und die Haare nicht geschnitten werden sollen. Die Rau- oder Rauchnächte, Zwölf heilige Nächte, die „Zwölfnächte“, die sechs letzten des alten und sechs ersten des neuen Jahres, die zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem Dreikönigstag am 6. Januar sind Nächte, in denen Träume in Erfüllung gehen.
Übrigens ist grammatikalisch das Verhältniswort „zwischen«“ hier korrekt verwendet, obwohl streng genommen zwischen zwei Jahre gar nichts passt … Aber wie ist es mit „unter“ oder „an«“ Immer häufiger hört man „unter der Woche“ statt „in der Woche“ und „an Weihnachten“ statt „zu Weihnachten«“ Jemand ist an Weihnachten gestorben. Wie war das möglich?! Aber unmöglich ist es nicht, an Weihnachten zu denken.
Diese Zwischenzeit mutet gedehnt an. Wenn mir im Dezember für den Januar Termine vorgeschlagen werden, scheinen sie mir ferner zu liegen, als sonst bei Terminabsprachen im Jahres-verlauf. Die Erde drehe sich langsamer zwischen den Jahren, behaupten mystizistisch veranlagte Menschen.
Es ist die Zeit der Wünsche. Die Neujahrsgrüße verdrängen die Weihnachtsgrüße. Obwohl sich die Weihnachtszeit, der Weihnachtsfestkreis in diesem Jahr bis zum 19. Februar erstreckt, wehren sich viele Zeitgenossen schon nach dem zweiten Christtag gegen Weihnachtswünsche. „Frohe Weihnachten!“ – „Gehabt zu haben“ wird man berichtigt.
So wird die Weihnachtszeit an ihrem Ende verkürzt und dafür oft verfrüht begonnen. Schon lange vor Heiligabend sind geschmückte und im hellen Glanz strahlende Christbäume in manchen Zimmern zu sehen - öffentlich, im Freien und in Läden sowieso. Der Weihnachtsmarkt schließt pünktlich zu Beginn der. Weihnachtszeit; er sollte „Adventsmarkt“ genannt wer-en - ein feiner Unterschied, der kaum von Interesse sein dürfte – oder - wie mancherorts bereits üblich - einfach Wintermarkt.
Der Jahreswechsel wird wie eine magische Schwelle betrachtet: „Komm gut ins neue Jahr!“, rufen wir noch im alten, als berge der Moment des Übergangs Gefahren in sich. Als Kind wünschte ich in einer Silvesternacht jemandem: „Ein schönes neues Jahr“ und wurde sogleich korrigiert: Es heiße „gut“ und nicht „schön“. Das gibt mir bis heute zu denken. Man sagt: „Guten Morgen, Guten Tag, Gute Nacht“ aber: Schönes Wochenende oder auch. allerdings zum Abschied: Schonen Tag noch!
Es ist unüblich, „Schönen Appetit!“ zu wünschen oder „Schöne Besserung!“ Vorausschauend soll wohl alles gut, im Rückblick darf es schön gewesen sein. Doch auch nicht immer: Partygäste hatten eine schöne Nacht, Patienten eine gute. In diesem Sinne: Schönes neues Jahr!
Den Schnabel verbogen:
„Missbrauch!“, tönt es, mal mehr mal weniger laut, aus den Medien. Neue Missbrauchsfälle, Missbrauchsaffären. Missbrauchsskandal im Internat. Und man weiß, was gemeint ist: Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Dabei gibt es auch Amtsmissbrauch, Alkoholmissbrauch, Vertrauensmissbrauch. Und Sprachmissbrauch. Hier handelt es sich um einen solchen: Denn kann der Begriff Kindesmissbrauch stimmen? Ist nicht Missbrauch ein Gegenwort von Brauch oder Gebrauch, wie Missgunst von Gunst oder Misserfolg von Erfolg.
Gebraucht und missbraucht werden Einrichtungen, Stoffe, Emotionen, Gegenstände - aber Kinder?! Sie sind Personen. Ihr Gebrauch, ihre Verfügbarkeit ist schon ein Vergehen, ein Übergriff. Meines Erachtens ist das Wort Missbrauch nicht nur unstimmig; sondern verharmlosend. Es gehört auf die Liste der Unwörter.
Wenigstens sollte von „Kindesmisshandlung“ gesprochen werden, weil es, gottlob, auch die dem Kind liebevoll zugewandte Handlung und Behandlung gibt. Des Weiteren heißt es ja auch zu diesem Thema oft: schreckliches, abscheuliches Verbrechen. Wird das altertümliche Wort „Kinderschändung“ dem Vergehen gerecht? - wo doch auch Friedhöfe, Gedenkstätten leblose Anlagen und Gebäude - geschändet werden. Es ist Gewalt, Vergewaltigung von Kindern!
Nach dem „Missbrauch«“ oft Jahrzehnte später, melden sich die „Missbrauchsopfer“. Sie klagen an, bringen ihre „Missbraucher“, „Sex-Täter“, „Sex-Monster“ vor Gericht. Wessen Opfer sind die Geschädigten? Opfer bringen Menschen bei religiösen Kulthandlungen Gottheiten und Geistern dar - Gaben zur Sühne oder zum Dank, und die Opferwilligen glauben, dass ihre Opfer gefordert werden.
Inwiefern aber fordern Katastrophen, Kriege, Unglücke, Unfälle, Opfer zeitweilig oder zeitlebens behinderte Menschen oder „Todesopfer«“. Ist es zum Beispiel die Gottheit Mobilität, die ihre Opfer fordert? Aber wer oder was bringt bei „Missbräuchen“ Opfer dar oder fordert sie?
Angesagt ist es, verantwortlich mit der Sprache umzugehen, Wirklichkeit nicht zu verschleiern.
Zunehmend beeinflussen die Medien, vor allem das Fernsehen, die Sprachkultur. Alle Personen, die sich öffentlich äußern, sind für sie verantwortlich, weil Medien- und private Umgangssprache sich bedingen und spiegeln. Journalistinnen und Journalisten schauen (nach Luther) Prominenten und „einfachen“ Leuten aufs Maul und die wiederum geben oft Mediensprache wieder.
„Wir reden, wie uns der Schnabel verbogen wird“ sagt der Sprachkritiker Wolf Schneider. Politikwissenschaftler Dolf Sternberger: „In der Sprache kommen die sittlichen Kräfte des Menschen zum Ausdruck“. Und der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg: „Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen“.
Advent ist O-Zeit (von Gerd-M. Hoeffchen):
O Tannenbaum! Fällt Ihnen etwas auf? Sie haben gerade das kürzeste Wort deutscher
Sprache gelesen.:„O“. Ein Buchstabe. Rekordhalter sprachlicher Selbstbeschränkung. Die Advents- und Weihnachtszeit wimmelt davon: O du fröhliche! O Heiland, reiß die Himmel auf! Mit Ernst, o Menschenkinder! Und natürlich: Gottes Sohn, o wie lacht! Advent ist quasi O-Zeit. Insgesamt aber ist das einsame „O“ auf dem Rückzug. Kaum jemand gebraucht es noch im Alltag. Es wird verdrängt vom „Oh!“. Ein „h“ mehr. Das fällt kaum jemandem auf. Selbst die Gebildeten im Land nehmen den Unterschied meist nicht mehr wahr.
O oder Oh? Beides sind Ausrufe, so genannte Interjektionen. Beide ziehen ein Ausrufezeichen nach sich. Aber das eine (O0!) ist eine Anrufung (Vokativ). Das andere (Oh!) Ausdruck des Erstaunens, der Überraschung; mit Komma vom folgenden Wort getrennt. Und da wird's kniffelig. 0OGott! Oder: Oh, Gott! Beides möglich. Beim Ersten redet man Gott selbst an. Beim Zweiten - nun, möglicherweise auch. Aber irgendwie anders. Nicht so direkt.
Helfen kann die Betonung: Bei „o Gott“ vorne immer unbetont, bei „oh, Gott“ betont. Und mit Pause. O weh. (Oder: Oh weh?) Selbst der Duden hat mittlerweile aufgegeben und macht beides möglich.
Wir dagegen halten fest: O Tannenbaum! Dann singen wir den Baum an: Du toller Tannenbaum, du! Sieht dagegen ein Kind zum ersten Mal so ein Riesending in der Kirche stehen, ruft es überwältigt und entzückt: Oh, (was für ein toller) Tannenbaum! O, oh. Dass uns das mal nicht ablenkt, wenn wir demnächst wieder Adventslieder singen.
Mit Zuversicht? (von Martin Hanusch):
Wirklich überraschend kommt das Ergebnis nicht. Die Grundstimmung der Deutschen ist weiter überwiegend pessimistisch. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap findet nur gut jeder Dritte, dass die Verhältnisse in Deutschland Anlass zur Zuversicht geben. Dagegen sehen 58 Prozent der Bundesbürger eher Anlass zur Beunruhigung, im Osten sogar mehr als zwei Drittel.
Ein Grund für diese ernüchternde Bilanz liegt ganz sicher an der beständigen Rede von der Krise. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Dazu kommt das subjektive Gefühl, dass die Gesellschaft sich weiter entsolidarisiert. Dass das nicht unbedingt den Tatsachen entsprechen muss, tut gar nichts zur Sache. Häufig reicht schon das Gefühl, alles werde irgendwie schlechter, um den negativen Eindruck zu verstärken. '
Nicht umsonst haben Kirchenvertreter und Politiker vor Weihnachten zu mehr Hilfsbereitschaft, Anteilnahme und Mitmenschlichkeit aufgerufen. Denn gerade die Feiertage zeigen; wie wichtig der Zusammenhalt ist - in den Familien und in der Gesellschaft. Das freilich gilt nicht nur zu Weihnachten, sondern immer, und dazu kann jeder seinen Beitrag leisten. Genau daran hapert es jedoch zumeist. Das nämlich hat die Krise sehr deutlich vor Augen geführt. Es werden zwar gerne Werte wie Solidarität und Hilfsbereitschaft im Munde geführt, bei der. Umsetzung fehlt dann aber die Kraft oder das Interesse.
Hier müssen wir Christen gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Wir sind ebenfalls nicht frei davon, eher schwarzzusehen oder allein den eigenen Vorteil im Auge zu behalten. Häufig machen wir es nicht besser, obwohl wir es besser wissen müssten. Dabei sind für Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe keine großartigen Vorsätze vonnöten, vielfach reichen schon kleine Gesten, ein freundliches Wort oder die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören. Damit es im neuen Jahr allen etwas besser geht und wir wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen können.
Leserpost: Sprache pflegen
Mir fällt noch eine andere Redensart auf: „Ehrlich gesagt.“ In Talkshows, Interviews oder heute auch in der Morgenandacht im Radio ständig heißt es: „Also, wenn ich ehrlich bin ...“ oder: „Ehrlich gesagt ...«. Richtig müsste es doch wohl heißen: »Wenn ich offen bin ...« oder: »Offen gesagt ...“. Denn das ist, wie ich glaube, damit gemeint: Ich weiß mehr, als ich sage, aber ich sage nicht alles, was ich weiß. Aber so entsteht der Eindruck, als sei das meiste von dem Gesagten gelogen.
Einzelbeispiele
„gucken“. 08.03.2022
Sehr geehrte Damen und Herren,
in der Sendung von „Wer wird Millionär, die am 7. März ausgestrahlt wurde, ging es um das Wort „gucken“. Es ging darum, wie man dieses Wort in Norddeutschland und in Süddeutschland ausspricht.
Die richtige Antwort sollte sein, daß man es nur on Norddeutschland als „kucken“ ausspricht. Nun „kuckt“ zwar Mareile Höppner als Hamburgerin immer wieder, aber auch Claudia Schick vom Hessischen Rundfunk sagt immer wieder „MEX kucken“. Nun liegt zwar der Hessische Rundfunk nördlich des Mains, den man als Grenze zwischen Nord und Süd ansehen könnte, aber der echte Frankfurter „guggt“ und hört oder spielt „Guggemusik“. Und im Süden kennt man das Wort „gucken“ gar nicht. Unsere Enkelinnen in München „schauen“ nur. Auch Franz Beckenbauer sagte: „Schau‘n wir mal“ Das ist einn sehr viel schöneres Wort als „gucken“. Das hätte mein Deutschlehrer als Dialekt oder vielleicht sogar vulgär angestrichen.
Im Duden steht das Wort „gucken“ in richtiger Schreibweise, aber mit dem Hinweis: „umgangssprachlich kucken“. Damit sanktioniert er indirekt eine falsche Gewohnheit der meisten Norddeutschen. Aber es gibt kein „Kuckloch, Kuckkkasten, Kuckfenster“.
Aber es war kein Wunder, daß der Kandidat bei „Wer wird Millionär“ erst auf die richtige Antwort gehoben werden mußte.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Heckert
.Brief an Hessischen Rundfunk
An Frau Claudia Schick schrieb ich, sie möchte doch statt „kucken“ due mehr hessische Aussprache „guggen“ verwenden oder das viel schönere süddeutsche „schauen“. In der nächsten Sendung hat sie das gemacht, aber dann war es wieder das alte Lied.
Jungfrau
Zu dem Wort „Jungfrau“ gibt es an sich kein männliches Gegenstück (auch wenn es den Film gab „Ich war eine männliche Jungfrau“). Früher gab es noch „Junggeselle“. Damit wurde ausgedrückt, daß der Betreffende unverheiratet und noch sexuell unberührt war. Heute ist nur das Unverheiratet sein damit gemeint, während „Jungfrau“ nur noch im sexuellen Sinn gebraucht wird. Ansonsten muß man umschreiben mit „junger Mann“ oder „junge Frau“.
Aktives Perfekt „sein“ und „haben“
Der Duden will den „Südlichtern" ihre Eigenheit bei „liegen, sitzen, stehen“ nicht nehmen. Aber es handelt sich um eine regionale Besonderheit, und standardsprachlich ist weiterhin nur das haben-Perfekt zu benutzen. Der neunte Dudenband nimmt wie folgt generell zur Perfektbildung Stellung (Stichwort „haben“):
1. Perfektbildung mit haben oder sein :
Die weitaus meisten Verben bilden das „Perfekt Aktiv „mit haben nur eine abgrenzbare Gruppe von intransiv „sein-Perfekt §der besondere Fall.
Viele Bewegungsverben können das Perfekt sowohl mit haben als auch mit sein bilden, z. B. „Sie ist / hat geflogen“ oder „geschwommen / geritten.“ Nur beim Perfekt mit „sein“ ist eine Richtungsangabe möglich: „Sie ist nach Mannheim gefahren / geflogen /geritten.“ Aber nicht: „Sie hat nach Mannheim gefahren „usw.
Insgesamt nimmt bei den Bewegungsverben die Perfektbildung mit „sein“ immer mehr zu, auch wenn diese ohne Richtungsangabe verwendet werden. Es kommt ja mir darauf an, dass die Verben mit einer Richtungsangabe verbunden werden können, aber nicht darauf, dass sie tatsächlich mit einer Richtungsangabe verbunden sind.
Diese Entwicklung geht in der Regel mit Bedeutungsdifferenzierungen einher. Statt „Wir haben den ganzen Tag geklettert“ oder „Wir haben mehrere Stunden geschwommen“ wird heute häufig „Wir sind den ganzen Tag geklettert „bzw. „Wir sind mehrere Stunden geschwommen“ gesagt. Bei „fahren“ und „fliegen“ stellt sich beim Perfekt mit „sein§ (Ich bin gefahren / geflogen) das Bedeutungselement ein, dass der Betreffende als Fahrgast gefahren bzw. geflogen ist, während man beim Perfekt mit „haben „(Ich habe gefahren / geflogen) eher an einen Fahrer bzw. einen Piloten denkt. [...}
Das Perfekt des Bewegungsverbs laufen wird - abgesehen von einigen speziellen Verwendungen - mit sein gebildet. Bei bestimmten Verben gibt es regionale Unterschiede-.Während man im Norden z. B. I“ch habe gelegen / gestanden / gesessen“ sagt, heißt es in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz: „Ich bin gelegen / gestanden / gesessen.“
.
Flieger
Die Bezeichnung „Flieger" für „Flugzeug" (analog z. B. zu „Segler") findet man bereits in der 11. Auflage der Duden-Rechtschreibung aus dem Jahr 1934 verzeichnet.
Auch „Fernseher" (als Gerätebezeichnung erstmals in der 15. Auflage 1961 der Duden-Rechtschreibung) als eine aus einem intransitiven Verb abgeleitete Sachbezeichnung stellt sich in die Reihe ähnlicher Bildungen, die dem Strukturtyp der Nomina Agentis folgen, wie etwa Leuchter, Schwimmer (im Tanks, am Angelhaken), Kleber
„Gänze“:
Leserbrief an Daniel Johé, Hessenfern sehen am 10.12.2025
gestern haben Sie sich als Sprachschöpfer betätigt mit dem Ausdruck „in ganzer Gänze“. Das Wort „Gänze“ steht zwar zu meiner Überraschung in meinem Duden, aber nur in Wendungen wie „zur Gänze“ oder „in seiner Gänze“.
Aber „in ganzer Gänze“ gibt es nicht, genauso wie es „oberste Priorität“ nicht gibt: Priorität ist schon ganz oben, und „ganz“ ist schon ganz, „gänzer“ geht es nicht mehr. Sie müssen bedenken, daß das Fernsehen sprachprägend ist und eine Neuschöpfung oft allgemein übernommen wird So wird es leider Mode, an sich eindeutige Ausdrücke noch einmal zu steigern. Viele Grüße Peter Heckert
„geschliffen“
Sehr geehrter Herr Hieke, Hessenfernsehen (am 06.07.15)
es gibt ein Trappatoni-Deutsch („ich habe fertig“), ein Beckenbauer-Deutsch („Ich bin gestanden“), ein Kanak-Deutsch („Ich gehe Aldi“) und ein RTL-Deutsch („Ich bin es nicht schuld“ – statt: Ich bin nicht schuld daran!).
Neuerdings gibt es aber auch ein HR-Deutsch. In dem Bericht über den Unfall vor dem Schwimmbad in Lollar haben Sie gesagt: „Das Mädchen wurde von dem Auto mitgeschliffen“, anstatt: „Es wurde mitgeschleift“. Geschliffen werden Messer. Aber die Vergangenheitsformen von „schleifen“ im Sinne von „wegbewegen“ sind „schleifte“ oder „geschleift“.
Kurz vorher war die falsche Form schon einmal in einer HR-Sendung zu hören, wenn ich mich nicht täusche, dann auch schon bei anderen Sendern (besonders RTL ist das sehr kreativ). Nun kann man nichts machen, wenn ein Studiogast so redet. Aber ein Nachrichtenmoderator muß gutes Deutch sprechen, denke ich. Denn das Fernsehen prägt den Sprachgebrauch sofort. Und plötzlich sagen alle „Am Ende des Tages“ (was ja wenigstens noch richtiges Deutsch ist) oder „Der eine Unfall und der nächste (statt „der eine und der andere“, nur so steht es im Duden)
Steigerung
In der Zeitung stand eine Anzeige von Bien-Haus mit dem Slogan „Hier fühl' ich mich am zuhausesten“. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Wortschöpfung, vielleicht kommt sie ja einmal in den Duden. Aber an sich kann man sich nicht mehr als zuhause fühlen.
zögerlich
So wird im Grimm'schen Wörterbuch das Adjektiv „zögerlich" mit dem Hinweis versehen, dass es nicht üblich geworden sei. Der im Artikel zitierte Beleg stammt aus dem 18. Jahrhundert und in der Tat war das Wort weder im 19. noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchlich. Ende der 1960er Jahre taucht es wieder auf, und zwar im Sprachgebrauch der Studentenbewegung 1967/1968 - und wird jetzt als Neubildung empfunden. In einem modernen deutschen Wörterbuch findet es sich als Eintrag dann erstmals im 1981 erschienenen 6. Band des „Duden - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache", doch bereits in den 70er-Jahren war das Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
Betonung „Krämerbrücke“
MDR Fernsehen
Leipzig 30.01, 2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch diese Woche haben Sie wieder von der Krämerbrücke in Erfurt gesprochen. Die Betonung lag aber auf der zweiten Silbe des Wortes. Das macht neuerdings nach dem Vorbild des Fernsehens zwar alle Welt, aber das ist falsch. Ganz kurios wird es bei dem „Krämerbrückenfest“, das in seit einiger Zeit in der Mitte betont wird. Es handelt sich jedoch nicht um ein „Brückenfest,“ sondern um ein Fest auf der Krämerbrücke, betont auf der ersten Silbe.
Und „Krämerbrücke“ auf der ersten Silbe betont bedeutet: „Brücke in dem Ort Krämer“ (den es aber gar nicht gibt), so ähnlich wie „Bremer Brücke“ = Brücke in Bremen oder nach Bremen.
Ich würde mich freuen, wenn sie in Zukunft wieder die richtige Betonung verwenden würden.
Das Fernsehen prägt halt die Sprache.
Mit freundlichen Grüßen Peter Heckert
Sonstiges
Der Sprache auf der Spur
Marburger Forscher schauen Menschen aufs Maul und ins Gehirn
In einem Institut in Marburg lagern einzigartige Dokumente zu deutschen Dialekten. Die Sammlung entstand zum großen Teil im 19. Jahrhundert. Sie hilft aber auch bei aktuellen und sehr grundlegenden Forschungsfragen.
Vor mehr als 100 Jahren wagte sich ein wissbegieriger Bibliothekar aus Marburg an ein Mammutprojekt. Georg Wenker (1852 bis 1911) wollte sämtliche deutsche Dialekte sammeln und in einem Kartenwerk erfassen. Das einzigartige Vorhaben gelang und hilft heutigen Sprachforschern bei neuen ambitionierten Projekten. „Ausgerechnet unsere Sprache, also das, was uns zum Menschen macht, haben wir noch nicht vollkommen entschlüsselt. Das ist, was uns hier umtreibt und wo wir ansetzen“, sagt Jürgen Erich Schmidt, der Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, das an der Universität Marburg angesiedelt ist.
Dort lagern nicht nur die Dialektkarten, die Wenker und seine Nachfolger anfertigten. Aus dem 1876 gegründeten Institut - Schmidt zufolge das wahrscheinlich älteste sprachwissenschaftliche Forschungszentrum überhaupt - wurde ein moderner Wissensstandort mit speziellem Profil. Mittlerweile arbeiten hier unter anderem Sprachhistoriker, Dialektforscher und Neurolinguisten in einem Neubau zusammen. Die offizielle Eröffnung des 10,5 Millionen Euro teuren Gebäudes wird heute gefeiert.
Institutsdirektor Schmidt erklärt: „Unser Ansatz ist: Wer menschliche Kognition, menschliches Denken, verstehen will, muss Sprachwandel verstehen.“ Dieser Wandel sei ein beständiger Begleiter der Kommunikation. „So wie wir unsere Urahnen nicht verstehen würden, hätten auch unsere Nachfahren in 500 Jahren Probleme, unseren Worten zu folgen.“
Die Grundlage für dieses Forschen legte Wenker: Er begann Ende der 1870er Jahre damit, an die Volksschulen des Deutschen Reiches mehr als 40.000 Fragebögen zu verschicken, um die verschiedenen Dialekte zu erfassen. Das ist nach Angaben der Uni Marburg die bis heute umfangreichste Erhebung einer Nationalsprache, die damit flächendeckend dokumentiert wurde. Die Daten übertrugen die Forscher auf Karten, die zum Beispiel zeigen, wie das Wort „Kleid“ im Süden oder im Norden des Landes ausgesprochen wurde.
Auch heute noch schauen die Mitarbeiter des Sprachatlas den Deutschen aufs Maul. Etwa beim Langzeitprojekt „Regionalsprache.de“. Dabei werden an 150 Orten, beispielsweise bei Interviews, Sprachdaten erhoben, dann analysiert und verglichen. Dank der Erhebungen sowie dem Regionalsprache-Projekt könne hier an der frei gesprochenen Sprache der Wandel so exakt beobachtet werden wie nirgendwo sonst, erklärt Schmidt.
Diese Datengrundlage kombinieren die Forscher nun mit modernen neurolinguistischen Methoden. „Das heißt, wir schauen uns jetzt an, wie unser Gehirn Sprache verarbeitet, und messen die Hirnströme.“ Dafür gibt es im Institut eine abgeschirmte Kabine. Polster an den Wänden sorgen dafür, dass keine störenden Geräusche eindringen. Ein Proband bekommt für die Untersuchung eine Kappe voller Elektroden auf den Kopf gesetzt und muss dann Auf-
gaben lösen oder Dialekte hören. Auf einem Monitor im Nebenraum sehen die Forscher die Hirnströme als Linien und können ihre Schlüsse daraus ziehen.
Die Geschäftsführerin der Gesellschaft für deutsche Sprache, Andrea-Eva Ewels, nennt das Marburger Forschungszentrum „eine der bedeutendsten Institutionen auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft in Deutschland“. Der Sprachwandel sei ein sehr wichtiges Forschungsgebiet - und ein auch außerhalb der Unis viel diskutiertes Thema. Ihre Gesellschaft müsse immer wieder den Unterschied zwischen Sprachverfall und Sprachwandel erklären.
„Wenn wir in unserem täglichen Leben immer mehr englische Wörter nutzen und zum Beispiel den Genitiv nach einigen Präpositionen durch den Dativ ersetzen, heißt es noch lange nicht, dass unsere Sprache verkommt“, sagt Ewels. Englische Wörter, die keine direkte deutsche Übersetzung haben, „werden in unseren Wortschatz aufgenommen, angeglichen und bereichern ihn somit“.
In Marburg konzentrieren sich die Forscher derweil auf die regionalen Besonderheiten der Sprache. Es gehe um Grundlagenforschung, sagt Institutsdirektor Schmidt. Wichtige Erkenntnisse haben die Wissenschaftler schon gewonnen. „Eine der spannenden Fragen ist: Ist wirklich einer, der Dialekte spricht, im Nachteil?“ fragt Schmidt. Regional gefärbtes Deutsch habe ja nicht immer den besten Ruf. Die Marburger fanden aber heraus, dass eh Dialektsprecher in einem bestimmten Bereich des Gehirns mehr Neuronen hat „Das heißt, er hat einen Sprachbearbeitungsvorteil“. (Carolin Eckenfels, 13.05.2016).
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Hinweise auf falsche deutsche Sprache gibt es insbesondere im Duden, Band 9, „Richtiges und gutes Deutsch“ (z. B. zu anfangen, einzigste, erinnern, kündigen.
Aufgabe des Duden:
Für viele Erscheinungen, die uns an der inneren Logik der Regeln für die Rechtschreibung und auch die Grammatik des Deutschen zweifeln lassen, gilt, dass unsere Sprache in einem ständigen Fluss begriffen ist. Auch grammatische und stilistische Normen sind hiervon nicht ausgenommen. Entscheidend hierbei ist die Übereinstimmung im Sprachgebrauch, der Konsens der Sprachgemeinschaft. Schiller konnte noch im „Tell“ sagen „Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen" oder in den „Räubern“ fragen „Ist das der Sofa, wo ich an ihrem Halse in Wonne schwamm", und Goethe durfte im „Faust" den Erdgeist fragen lassen „Wer ruft mir?, und unsere Urgroßeltern, je nach Alter noch die Großeltern, lernten „todt, Thür, fabriciren“ zu schreiben, heute alles grammatisch und orthografisch längst nicht mehr korrekt! So müssen wir alle damit leben, dass in einer lebendigen Sprache die Fehler von gestern nicht selten die Normen von heute sind, und Ausnahmen und Fehler von heute können die Normen von morgen sein. Regeln lassen sich, da die Sprache sich eben ständig wandelt, nicht unbegrenzt konservieren.
Da es in Deutschland keine Sprachgesetzgebung für den allgemeinen Bereich gibt (nur Schulen und Behörden unterliegen staatlicher Richtlinienkompetenz, der „Duden" hat nur beschreibende, nicht aber normierende Funktion), bleibt Derartiges ungestraft. Andererseits scheint uns auch der Ruf nach institutioneller Einflussnahme auch wenig sinnvoll. In solchen Fällen wie den müssen die Satire und die Sprachglosse diesem Treiben unbarmherzig den Spiegel vorhalten und so diese Modeerscheinungen der Lächerlichkeit preisgeben. „Herzlich willkommen im Kreis der Ignoranten!" könnte man in den Fällen sagen, wo im Zweifelsfall ein Blick in den Duden genügte.
Doch auch jenseits des Klassenzimmers beweist die Handschrift nach wie vor ihre kognitiven Stärken. Psychologische Studien und die alltägliche Erfahrung zeigen, daß Handgeschriebenes besser im H
Gedächtnis haftet, das Durchdenken von Gehörtem und Gelesenem stärker fördert als die Eingabe am Computer. Eine Befragung von Schülern ergab, daß die große Mehrheit auf die Handschrift nicht verzichten möchte.
Allerdings steht es in vielen Schulen nicht gut um sie. Eine Untersuchung des Deutschen Lehrerverbandes ergab, daß über die Hälfte der Jungen und fast ein Drittel der Mädchen an weiterführenden Schulen ihre Probleme mit der Handschrift hatten.
Man sieht krakelige und auf und ab tanzende Buchstabenfolgen mit dauern wechselnden Schriftgrößen,, windschiefe Formen und fehlende Wortabstände. Daß die Kinder oft selbst kaum noch entziffern können, was sie kurz zuvor geschrieben haben, verwundert nicht. In den weiterführenden Schulen, wo sich das Pensum und Tempo des Schreibens erhöhen, werden diese Mängel erst recht spürbar. Dort zeigt sich, daß die in der Grundschule erworbenen Schreibfähigkeiten den Stresstest der Praxi häufig nicht bestehen.
De Gründe sehen viele Lehrer in einer unterentwickelten Motorik kr Kinder, verbunden mit zu viel digitaler Kommunikation Diese Deutung wird aber überschätzt, denn auch viele Kinder mit guten motorischen Fähigkeiten tun sich mit der Handschrift schwer, Die entscheidenden Ursachen liegen vielmehr in einem Schreibunterricht, der von pädagogischen Illusionen, didaktischen Fehleinschätzungen und bildungspolitischen Ideologien geprägt ist.
In den meisten Bundesländern stehen für den Schreibunterricht theoretisch vier Schriftarten zur Auswahl. Die beiden älteren sind die „Lateinische Ausgangsschrift“, mit der in Westdeutschland die Mehrzahl der heute über Fünfzigjährigen groß geworden sind, so wie eine in der DDR entwickelte Variante namens „Schulausgangsschrift“. Durchgesetzt haben sich inzwischen in vielen Schulen zwei neuere Schriftarten. Beide wurden ohne ausreichende Prüfung, aber mit kräftiger Unterstützung des politisch einflußreichen Grundschulverbandes eingeführt. Es handelt sich und die „vereinfachte Ausgangsschrift“, eine Schreibschrift, die die Kinder von vermeintlich überflüssigen Schnörkeln und Schleifen entlasten soll, sowie um eine handgeschriebene Druckschrift, die als „Grundschrift“ firmiert. Erst später lernen dort die Kinder eine Schreibschrift, meistens die vereinfachte Ausgangsschrift..
Ihr Versprechen, das Schreiben mit der Hand zu verbessern und gleichzeitig sein Erlernen zu erleichtern, haben beide Schriften nicht erfüllt. Die Schwierigkeiten, die die nur scheinbar „vereinfachte“ Ausgangsschrift hervorbringt steckt der Teufel dabei in den Kleinbuchstaben. Das hat bei ihren Verfechtern doch nicht zur kritischen Überprüfung der eignen schriftdidaktischen Grundannahmen geführt. Stattdessen lasten sie die selbsterzeugten Probleme nur die Schreibschrift generell an und propagieren die Grundschrift als Befreiung von unnötiger Überforderung. Doch auch deren Druckbuchstaben sind nur scheinbar einfach. Zwar können Kinder die einzelnen Formen schnell abmalen. Doch daraus eine funktionierende Schrift zu entwickeln, fällt ihnen schwer.
Zugleich wir die echte Schreibschrift im Unterricht zunehmend an den Rand gedrängt. In vielen Schulen kommt sie erst ein Jahr nach der Druckschrift auf den Lehrplan. Für Schüler bedeutet das eine mühsame Umstellung von gerade Gelernten. Und auch die Lehrer sind oft wenig motiviert, noch einmal neu anz6setzen. Der Zweck der Grundschrift scheint vor allem darin zu bestehen, die allmähliche Abschaffung der Schreibschrift zu legitimieren. So ist es in Hamburg mittlerweile den einzelnen Schulen überlassen, ob Schreibschrift überhaupt noch unterrichtet wird.
Man kann fragen, ob deren Untergang denn wirklich so schlimm wäre. Viele Erwachsene, die noch mit klassischer Schreibschrift aufwuchsen sind, bauen auch Druckbuchstaben in ihre Handschrift ein. Aber solche Umformungen und Anpassungen an due eigenen Bedürfnisse setzen eine zuvor erlernte Schreibschrift voraus. Ohne dieses Fundament kann sich später kein persönlicher Duktus entwickeln.
Die schriftdidaktischen Fehler werden verstärkt durch eine Pädagogik, die dem Irrtum anhängt, das Schreibenlernen sei wie das Sprechenlernen ein naturwüchsigerer Prozeß. Diesem Konzept zufolge bringen sich die Schüler das Nötige weitgehend selber bei, der Lehrer ist nur noch ein Coach, der das eigenständige und spaßgesteuerte Lernen bei Bedarf moderiert. Wer aber darauf beharrt, daß eine anspruchsvolle Kulturtechnik wie das Schreiben systematisch angeleitet und eingeübt werden muß, gilt leicht als gestriger Schul- und Drillmeister. Diese Abwertung alles Formalen,- zumal wenn es mit Anstrengung verbunden ist, prägt in ähnlicher Weise den „modernen“ Orthographieunterricht.
Im Schreibunterricht wird den Kindern die Möglichkeit genommen, sich zunächst einmal.- noch weitgehend entlastet von Inhalten - . auf die Grundzüge der Schreibtechnik selbst zu konzentrieren und sie zu verinnerlichen. Wie sehr die scheinbar fortschrittlichen Erleichterungsprädagogik den Lobbyisten der bildungstechnologischen Medienindustrie und ihren politischen Türöffnern in die Hände spielt- auch das wird hier deutlich. (Wer nicht schreibt, bleibt dumm“, Buch von Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss).
Leserbriefe
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• Damit möglichst viele mit ihrer Meinung zu Wort kommen können, sollte der jeweilige Leserbrief einen erträglichen Rahmen nicht überschreiten. Wir bitten um Verständnis, dass sich die Redaktion sinnwahrende Kürzungen vorbehält.
• Der jeweils für Leserbriefe zuständige Redakteur versteht sich als Moderator. Er bemüht
sich daher, Überhitzungen, Übersteigerungen in der Formulierung, die Leserbriefschreibern im ersten Zorn unterlaufen 'können, auf ein Maß zurückzuführen, das man als zivil zu bezeichnen pflegt. Scharfe Worte sind ja auch kein Ersatz für schlüssige Argumente. Die Zeitung soll der Information dienen, nicht der Desinformation. Was für den redaktionellen Teil gilt, muss auch für Briefe an die Redaktion gelten. Wir können natürlich nicht den Wahrheitsgehalt jedes einzelnen Schreibens überprüfen. Offenkundige Unwahrheiten und Propaganda wollen wir aber nicht verbreiten helfen.
•Lassen Sie bitte nicht zu viel Zeit verstreichen, bis Sie uns Ihr Schreiben zusenden. Mancher lässt zwei oder mehr Wochen vergehen, bevor er seine Meinung kundtun will. Doch wer kann sich dann noch an das Thema erinnern, das vor Wochen in der Zeitung stand, und auf das sich nun plötzlich wieder ein Leserbrief bezieht? Leserbriefe sollten sich mit aktuellen Angelegenheiten von öffentlichem Interesse beschäftigen und sich daher nicht in Privatem erschöpfen.
Exklusiv-Tipps von Jeannot Lucchi:
1. Jeder Liebesbrief sollte aus Erinnerungen und vor allem aus Zukunftsträumen bestehen.
2. Schreiben Sie kurze Sätze: Zu viele Worte zerstören die Botschaft.
3. Schreiben Sie von Hand, nicht am Computer!
4. Verwenden Sie öfter das Wort „Du", als das Wort „ich".
5. Beschönigen Sie nichts: Ehrlichkeit und Demut statt Angeberei!
6. Schreiben Sie möglichst aus der Sicht des Empfängers/ der Empfängerin, auch wenn Sie sich für einen Fehler entschuldigen wollen: z. B.: „...Deine Schmerzen müssen unbeschreiblich groß, Deine Wunden sehr, sehr ti,f sein! Gibst Du mir die Chance, alles ungeschehen zu machen?.“
7. Vorschlag für die Einladung zu einem Rendezvous: „Sag bitte JA, und es wird der Abend meines Lebens!"
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„Familienwort“ |
Bedeutung |
Nutzer |
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abledern |
Wurst vom Brot essen |
Mutter |
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Allerweltsschublade |
Schublade für alles |
Mutter |
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anbobeln |
anziehen, schmücken |
Mutter |
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Anwender |
Randstück am Kuchen |
Vater |
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aufhucken |
(Rucksack) auf den Rücken |
Mutter |
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Baaf |
Hirnschaden, Knall |
Mutter |
|
|
baafen |
werfen |
Vater |
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vor lauter Bas |
vor lauter Umständlichkeit |
Vater |
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Batterbeine |
kräftige Babybeine |
Mutter |
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Bäuche |
große Falte |
Mutter |
|
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Batschkapp |
(flache) Mütze |
Vater |
|
|
bembern |
läuten |
Mutter |
|
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Beschmuh |
Betrug |
Mutter |
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|
beduddeln |
(Kind) betrauen |
Vater |
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|
besuddeln |
beschmutzen |
Vater |
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|
bekateln |
untereinander absprechen |
Mutter |
|
|
bespaßen |
(Kind) beschäftigen |
Miriam |
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|
Bewerbchen |
Vorwand, Ausrede |
Mutter |
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bispern |
tuscheln |
Mutter |
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|
blaadern |
Wasser herumschütten |
Mutter |
|
|
(Sonne) blecht |
Sonne scheint intensiv |
Mutter |
|
|
Bobine |
Spinnerin |
Mutter |
|
|
bockeln |
Strampeln (Kind im Mutteleib) |
Mutter |
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|
bruddeln |
ärgerlich schimpfen |
Mutter |
|
|
Brustklappe |
Büstenhalter |
Markus |
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|
bumbern |
klopfen |
Mutter |
|
|
Bumbern |
unvorteilhafte Hosen |
Muter |
|
|
daandern |
herumalbern |
Mutter |
|
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Dabau |
Taube |
Ida |
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Daudel |
komische Frau |
Mutter |
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Demse |
Dunst |
Mutter |
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Didi |
Nuckel |
Eva |
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Drehe, in der |
ungefähr |
Mutter |
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Dopsch |
Kreisel |
Vater |
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Druschel |
kleines Mädchen |
Mutter |
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Deitscher |
Pfannkuchen |
Steinbach-Hallenberg |
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|
demmeln |
treten (Heu, Fahrrad) |
Hessen/Thüringen |
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|
Demse |
Feuchtigkeit |
Mutter |
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Döckchen, wie ein |
still dasitzen |
Mutter |
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einmummeln |
warm einwickeln |
Mutter und Oma Irene |
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Epidemiestachel |
Bazillenträger |
Mutter |
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Feng kriegen |
geschlagen werden |
Vater |
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Fettgusche |
fettiger Mund |
Mutter |
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Fez |
Unsinn |
Vater |
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finsen |
zwinkern (mit zusammnengekniffenen Augen) |
Mutter |
|
|
fispern |
streicheln, berühren |
Mutter |
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fisselig |
Geschicklichkeit erfordernd |
auch im Duden |
|
|
Flott |
Haut auf der Milch |
Vater |
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|
Flunsch ziehen |
Gesicht verziehen |
Vater |
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|
frallen |
um etwas herum wickeln |
Mutter |
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|
Frams |
dicker durchmengter Brei |
Mutter |
|
|
framsen |
hineinzwängen |
Mutter |
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|
fuddelig |
unsauber, unordentlich |
Mutter |
|
|
gaageln |
herumalbern |
Vater und Mutter |
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geditscht |
niedergeschlagen |
Vagter |
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gehren (Gegehre) |
langsam machen |
Mutter |
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|
gejachtert |
gejagt |
Vater |
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Gerunxe |
unruhig hin und her wackeln |
Mutter |
|
|
Gewürsche |
Mühe, Aufwand |
Mutter |
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giegeln |
herumstochern |
Mutter |
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gulgern |
Magen rumort |
Mutter |
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graschpeln |
laut herumstöbern |
Mutter |
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Hammeldutz |
Kopfstoß |
Mutter / Kinder |
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Haulemännchen |
Zwerg, verschrobener Kerl |
Mutter |
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hawwerisch |
haben wollen |
Mutter |
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herausraben |
unordentlich herausziehen |
Mutter |
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herumjuckeln |
in der Gegend herumfahren |
Vater und Mutter |
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herumopern |
herumtollen, unruhig sein |
Mutter |
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herumgeigeln |
herummachen, albern |
Steinbach-Hallenberg |
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|
hinkuutzen |
hinhocken |
Mutter |
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ín Rage |
sich erregen |
Mutter |
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Hutsch |
Pack, unangenehme Gruppe |
Mutter |
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|
Husche |
kurzer Regenguß |
Mutter |
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illern |
neugierig hinsehen |
Mutter |
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in de Garn haben |
im Besitz haben |
Vater |
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juckeln |
hin und her bewegen |
Vater |
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quaddern |
plappern |
Mutter |
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Kaka |
Kot |
Maja |
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Käfter |
kleiner Nebenraum |
Mutter |
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keetschig |
schmierig, matschig |
Mutter |
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klackern |
kleckern |
Mutter |
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Klappsmine |
Spinnerin |
Mutter |
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Kleb |
süßer Saft, Leim, Klebstoff |
Mutter |
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Klumbatsch |
Gemenge |
Vater und Mutter |
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knaupeln |
Fleisch vom Knochen abknabbern |
Mutter |
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knetschen |
tratschen |
Steinbach-Hallenberg |
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knottern |
leise schimpfen |
Vater |
|
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knubbern |
aufkratzen |
Mutter |
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|
Kolter |
Decke |
Vater |
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krusselich |
Kraus (z.B. Haare) |
Krusselpuppe |
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|
Kruuscht |
Gerümpel, Krempel |
Mutter |
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kribbelig |
aufgeregt |
Mutter |
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kubbern |
herumsuchen |
Mutter |
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Kugelfuhre |
schweres Vorankommen |
Mutter |
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Ladeuchte |
Lampe |
Vater |
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Läckmeije |
Marmelade |
Vater |
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läppern |
zusammen sammeln |
Mutter |
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Läuschschen |
Hauch von Wärme |
Mutter |
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landern |
locker (negativ) |
Mutter |
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lawerig |
weich |
Mutter |
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Laffe |
langes Gesicht ziehen |
Mutter |
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lawede |
wacklig |
Mutter |
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lebig |
lebendig |
Mutter |
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Lee |
Haut auf der Milch |
Markus |
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Leppersüppchen |
dünne Suppe |
Vater |
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lümpern |
zündeln |
Steinbach-Hallenberg |
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mäufeln |
unangenehm riechen |
Steinbach-Hallenberg |
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herummatzen |
verschmieren |
Mutter |
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Matzerei |
Schmiererei |
Mutter |
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(herum-) mehren |
langsam arbeiten, verzögern |
Mutter |
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Menkenke |
Durcheinander,Umstände |
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Motzen |
Strickweste |
Vater |
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Muutzen |
Schimmel |
Mutter |
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moggeln |
herumkriechen |
Steinbach-Hallenberg |
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müllern |
Schnee wie Sand |
Mutter |
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Muutschekälbchen |
Marienkäfer |
Mutter |
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Muutzen |
Staubröllchen |
Mutter |
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nölen |
herumnörgeln |
Mutter |
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Neuhitz haben |
zu dünn angezogen sein |
Vater, Oma Bettche |
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Plör |
Flüssigkeit |
Oma Martha |
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pieselig |
hartnäckig |
Mutter |
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pischen |
Wasser lassen |
Mutter |
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Pochen |
großer Pickel |
Vater |
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Püffchen |
Brotstückchen |
Mutter |
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Putzi |
Nuckel |
Markus |
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quackern |
heraussprudeln |
Mutter |
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quaddern |
quasseln |
Mutter |
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quärrisch |
nörglerisch |
Mutter |
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rankern |
herumwälzen |
Mutter |
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rummatzen |
herumschmieren |
Mutter |
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rumopern |
herumtoben |
Mutter |
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runxen |
unruhig hin und her wackeln |
Mutter |
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Rappel haben |
ungewöhnlich sein |
Vater |
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Sacktuch |
Taschentuch |
Vater |
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Saich |
leeres Gerede |
Mutter |
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seech warm |
lauwarm |
Mutter |
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schweppern |
verschütten |
Mutter |
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Schabracke |
alter Gegenstand |
Vater und Mutter |
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Schilling |
Ohrläppchen |
Markus und Hosea |
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Schippchen |
Mund verziehen |
Mutter |
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Schlaatz |
Riß |
Mutter |
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Schlauder |
Klatschtante, große Klappe |
Mutter |
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Schleppsch |
Schwere Last |
Mutter |
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Schleiermatz |
nasser Erdbrei, „Matsche-Pampe“ |
Mutter |
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Schmeiße (n) |
Fliege |
Mutter |
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Schnippdistel |
vorwitzige, hochnäsige Frau |
Mutter |
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schofelig |
Gemein, hinterhältig |
Vater |
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Schoten |
Erbsen |
Mutter |
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Spittel |
Unordnung |
Mutter |
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|
Sperenzien machen |
Umschweife, Schwierigkeiten m. |
Vater |
|
|
Sporakslisch |
mehrere Gegenstände |
Mutter |
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|
Schruutz |
Unsinn |
Mutter |
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(zur) Schur |
um zu ärgern |
Vater |
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|
Schwämmchen, ich krieg die |
ich werde verrückt |
Mutter |
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Stamp |
Kartoffelbrei u.ä. |
Vater und Mutter |
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Stamperbeine |
stämmige Beine |
Mutter |
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Stellage |
komischer Aufbau oder Verrenkung |
Mutter |
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stockern |
(Herz) stocken |
Mutter |
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strüffeln |
abstreifen (z.B. Trauben) |
Mutter |
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Sums |
Aufhebens machen |
Vater |
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Tast |
kebrige Schmiere |
Mutter |
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in Todder |
Verwirrung von Schnüren usw. |
Oma Martha |
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Trinken, das |
Getränk |
Mutter |
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trivelieren |
quälen |
Mutter |
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triezen |
antreiben |
Mutter |
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tilieren |
sabbern |
Mutter |
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überquackern |
überquellen |
Mutter |
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verfitzt |
verwirrt, verknäuelt |
Mutter |
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vermatschen |
zerkleinern |
Mutter |
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waandern |
herumlaufen |
Mutter |
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Wand treiben |
provozierend handeln |
Mutter |
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wemmen |
(mit Gewalt) stoßen, schlagen |
Mutter |
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wetzen |
laufen |
Vater |
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Windelpamps |
Windelpack |
Mutter |
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wuschig |
aufgeregt sein |
Mutter |
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Ziepchen |
Mandarinen-Spalte |
M utter |
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zerfloddern |
zerflettern |
Mutter |
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Zuck-Uhr |
Digitaluhr |
Mutter |
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zusammenditschen |
zusammendrücken |
Steinbach-Hallenberg |
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Zwulch |
kleiner Vogel |
Mutter |
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Es heißt nicht umsonst „Muttersprache“!
Rechtschreibreform
Einführung der Rechtschreibreform
Am 1. Juli 1996 hatten sich Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und vier weitere Länder auf die endgültige inhaltliche Fassung der Reform der deutschen Rechtschreibung geeinigt. Am 22. August hat dann auch die Duden-Redaktion ihr neues Regel-Buch vorgelegt.
In Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin, Sachsen und Thüringen werden den Erstkläßlern die neuen Regeln mit Beginn des neuen Schuljahres 1996/97 gelehrt. Die Hessen folgen erst nach dem Ende der Sommerferien 1997. Nachzügler haben bis spätestens August 1998 Zeit. Dann greift eine Übergangszeit von sieben Jahren.
Chronologie
Widerstand gegen die neuen Rechtschreibregeln und Widersprüche in ihnen
Kritiker der Rechtschreibreform verglichen Mitte 1997 die neuen Wörterbücher der deutschen Sprache nach den Regeln der Rechtschreibreform. Sie entdeckten nicht weniger als 8000 Widersprüche wie ihr Sprecher, der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk, kürzlich in einer Expertenrunde in Hannover mitteilte.
Niedersachsens Kultusminister Rolf Wernstedt, Vorsitzender der Kultusministerkonferenz, bestätigte, daß es viele Zweifelsfälle gebe. Das von den Ministern 1996 beschlossene Regelwerk war in sich widersprüchlich, so daß man nicht den Verlagen die Schuld an unterschiedlichen, oft kraß gegensätzlichen Schreibweisen anlasten durfte. So sieht es auch ein Mitglied der Kommission, der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg. Er hält das neue Regelwerk für „so schlecht, daß wir auf seiner Basis nie zu einer gemeinsamen Schreibung zurückkehren können“. Sprachwissenschaftlich gehöre es „auf den Müll“.
Durcheinander herrscht etwa in der Groß- und Kleinschreibung (gerade sie sollte ursprünglich durch die Reform vereinfacht werden) sowie in der Getrennt- und Zusammenschreibung. Soll man statt „warmlaufen“ und „heißlaufen“ künftig einerseits „warm laufen“ und andererseits „heißlaufen“ schreiben, statt „seiltanzen“ und „eislaufen“ einerseits „seiltanzen“ und andererseits „Eis laufen"? Ist „hoch- begabt“ und „sogenannt“ richtig oder „hoch begabt“ und „so genannt“?
Seit die ersten Wörterbücher auf dem Markt sind, treten immer mehr Widersprüche und Ungereimtheiten zu Tage. Rolf Wernstedt, Präsident der Kultusministerkonferenz, hofft nun, daß es einer Kommission von Sprachwissenschaftlern aus Deutschland, Osterreich und der Schweiz bis zur Sommerpause gelingt, Zweifelsfälle zu klären.
Die Kritik an der von den Kultusministern beschlossenen Reform erscheint Wernstedt teilweise ungerechtfertigt. Daß die neue Silbentrennung, beispielsweise im Bertelsmann-Wörterbuch, zu Resultaten führt wie „Preise-lastizität“, führt er auf „willkürliche Interpretation“ der vereinbarten Regeln zurück. Dem Beispiel „Kast-rat“ (wie „Studien-rat“) hält er entgegen, daß nach Aufhebung des Verbots, „st“ zu trennen, auch „Kas-trat“ gestattet sei, nur nicht mehr die bisher einzig zulässige Schreibweise „Ka-strat“. Insgesamt gelte in der Rechtschreibung künftig größere Liberalität, denn es gebe bei weitem nicht mehr so viele Regeln wie früher.
Geändert wurden unter anderem die Vorschriften, was zusammen und was auseinander zu schreiben ist. Der Erlanger Sprachwissenschaftler Professor Theodor Ickler hält es für „wohl nicht ohne weiteres einleuchtend“, daß es künftig zum Beispiel einerseits „Blut bildend, Blut saugend“ heißen soll, andererseits aber „blutreinigend, blutstillend“, einerseits „vornüber fallen“ (getrennt), andererseits „hintenüberfallen“ (in einem Wort). Möglicherweise muß man dann irgendwann die Regeln anpassen.
Bei der „Stammschreibung“ geht es um die Zuordnung einzelner Wörter zu Wortstämmen. Grundsätzlich soll sich die Schreibweise des Wortstamms in abgeleiteten Wörtern wiederfinden. Daher nun „Stängel“ (abgeleitet von „Stange“) statt bisher „Stengel“. Aber warum nicht auch „einwänden“ (abgeleitet von „Einwand“) statt „einwenden“? Die Fälle von Inkonsequenz sind sehr zahlreich, zumal sich die Reformer manchmal entgegen der wirklichen Wortgeschichte für Änderungen entschieden haben, mit denen sie bewußt falsche Zuordnungen herstellen. Zum Beispiel werden „einbleuen“ und „verbleuen“ (die Herkunft ist dieselbe wie bei „Pleuelstange") fälschlich auf die Farbe „blau“ bezogen, so daß diese Wörter künftig nicht mehr mit „eu“, sondern mit „äu“ geschrieben werden sollen.
Daß sich hinter den neuen Vorschriften gelegentlich Willkür verbirgt, erwähnt Wernstedt mit dem Hinweis, daß dank besonderen Einsatzes seines bayerischen Amtskollegen entgegen einer neuen Kleinschreibungsregel der „Heilige Vater“ seinen großen Anfangsbuchstaben behält. Nach dem Urteil des Kritikers Ickler ist „oft überraschend und selten vorhersehbar“, wann Wörter groß und wann sie klein zu schreiben sind. Er beanstandet, daß etwa das „Geringste“ immer groß geschrieben werden soll, das „Mindeste“ aber nicht.
Nach seiner unverhohlenen Werbung für das Rechtschreib-Wörterbuch des Bertelsmann Verlags bekommt Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel den Ärger der konkurrierenden Duden-Redaktion nur dosiert zu spüren. Die Mannheimer wahren höflich die Form, mögen nicht offen von Geschäftsschädigung reden. Immerhin hat Holzapfel die bisherigen Gralshüter der deutschen Rechtschreibung attackiert: Die Duden-Redaktion habe Scheuklappen angelegt und die Orthographie-Reform der Neuauflage ihres Lexikons nur „selektiv“ umgesetzt.
„Das Raushalten aus eigenen Wertungen kann der Duden offensichtlich nicht lassen.“ Das hessische Kultusministerium läßt kaum ein gutes Haar an der Arbeit der Duden-Lexikographen: Konservativ, „kein Trend zur Liberalität“. „Eigenmächtig“ habe die Duden-Redaktion hausgemachte Empfehlungen ins Wörterverzeichnis eingearbeitet und mit Amtlichem vermischt. Ärgerlich sei das suchende Herumblättern, verwirrend seien die Querverweise nach vorne zu den unverbindlichen „Richtlinien“, von dort nach hinten zu den amtlichen Regeln.
Wenn es nach Kultusminister Hartmut Holzapfel geht, dann wird die im Buchhandel vertriebene 21. Auflage des gelb-roten Dudens nicht wie selbstverständlich in Schulbibliotheken oder Lehrerzimmern stehen. Holzapfel hat „erhebliche Zweifel“, ob die druckfrische Wörtersammlung als „Referenzhandbuch“ in den Schulen für die Umsetzung der Rechtschreibreform empfohlen werden kann.
Nach seinem Willen soll die Kultusministerkonferenz entscheiden, ob die Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim die gegenwärtig zwei auf dem Markt befindlichen Wörterbuch-Ausgaben auf ihre „Eignung“ begutachtet, um „rechtzeitig" vor dem Inkrafttreten der neuen Orthographie-Regeln im Jahre 1998 „Klarheit zu erlangen". Eine schnöde Tauglichkeitsprüfung für den Duden also wie bei herkömmlichen Schulbüchern.
Das „Ende der alleinigen Auslegungskompetenz“ seit 1. Juli 1996 „hat der Duden nicht so ganz verkraftet“, mutmaßt Holzapfels Büroleiter Hans Marg. Das Konkurrenz-Werk aus Gütersloh sei „entschieden besser, wenn auch nicht ganz fehlerfrei“ - und es koste „nur die Hälfte“.
Der hessische Kultusminister greift die Kritik auf, wie sie seit Wochen in der Fachwelt diskutiert wird: Der „im eigenen Regelsystem befangene“ Duden versuche, möglichst viele der früheren Regeln zu retten“. Die Redaktion schreibe selbstgemachte „Richtlinien“ einfach fort. Alte Anweisungen würden als „angeblich sinnvolle“ Interpretationen tradiert: Es fehle die „klare Trennung zwischen Verbindlichem und Unverbindlichem“. Selbstherrlich werde der nun erlaubte Spielraum bei der Silbentrennung eingeengt, etwa bei der „Empfehlung“ für die Worte Ap-ril, Ext-ra, Rek-rut.
Die Duden-Leute präsentieren gerne eine Stellungnahme der Zürcher Germanistik-Professoren Horst Sitta und Peter Gallmann. Sitta war ehemaliger Chef des Instituts für Deutsche Sprache und selbst an der Erarbeitung des neuen Regelwerks beteiligt. Eigene Regeln mit dem Anschein der Amtlichkeit haben sie im Duden „nicht gefunden“. Das Wörterbuch setze ein für Laien nicht lesbares Regelwerk „in eine präsentable Sprache“ um.
Ausstieg großer Medien aus dem Regelwerk
Ist der Ausstieg von „Spiegel“ und „Springer-Zeitungen“ bei der Rechtschreibreform der Anfang vom Ende der neuen Schreibweisen? Als treibende politische Kraft gilt dabei Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Er wollte dabei ein möglichst breites Bündnis gegen die seit 1998 an den Schulen eingeführten neuen Schreibregeln zu schmieden.
Doch es blieb nur beim Schulterschluss mit Springer und Spiegel. „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort gab Döpfner einen klaren Korb. Als einzige deutsche Tageszeitung hatte sich die „FAZ" kurz nach dem Start der Reform den neuen Schreibweisen verschlossen, ist nachher aber doch umgeschwenkt.
Der Leiter der Dudenredaktion Matthias Wernalte hat mit Zurückhaltung auf den Kurswechsel der Verlage Springer und Spiegel bei der Rechtschreibung reagiert. „Das, was bis jetzt angeboten worden ist, lässt für mich persönlich mehr Fragen offen als beantwortet werden“.
So kündigten die Medien einerseits an, sie wollten zur alten Rechtschreibung zurückkehren, andererseits erklärten sie sich bereit, Neuerungen zu akzeptieren. Die Frage sei nun, was gelten solle. Zudem stelle sich die Frage, was unter „alter Rechtschreibung“ zu verstehen sei - „der Duden von 1991?“.
Übereinkunft der Medien:
Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben sich bei Wahlmöglichkeiten für eine einheitliche Schreibweise entschieden (damit ein Suchbegriff leichter gefunden werden kann):
* Albtraum, aufwendig, Delfin
* Fremdwörter aus lebenden Sprachen werden unverändert gebraucht:
Spaghetti, Ketchup (auch Ketschup), Grizzlybär, Boutique
* Der Bindestrich wird gesetzt, wenn es der Lesbarkeit des Wortes dient:
Balett- Tänzer, Fußball-Länderspiel
* Feste Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv werden groß geschrieben, wenn sie
sich als ,,fachsprachliche Formel” eingebürgert haben: Neue Medien, Neue Mitte,
Grüner Punkt, Rote Karte, Olympisches Feuer.
* Ein Bindestrich wird verwendet, wenn drei Vokale aufeinandertreffen.
Weiterhin bestehende Probleme:
Die Rechtschreibung läßt dem Schreibenden mehr Freiheiten, es gibt bei weitem nicht mehr so viele Regeln wie früher. Dennoch bleiben Probleme: Einerseits heißt es: ,,Blut bildend" und ,,Blut saugend", andererseits: ,,blutreinigend" oder ,,blutstillend", einerseits heißt es: ,,vorn überfallen", andererseits: ,,hintenüberfallen", „eislaufen“, aber „Rad fahren“.
Manche Regelungen sind inkonsequent: Warum schreibt man nicht ,,einwänden“ (abgeleitet von ,,Einwand“? „einbläuen" oder ,,verbläuen“ haben nichts mit ,,blau" zu tun, sondern die Herkunft ist dieselbe wie in ,,Pleuelstange“. Warum wird ,,das Geringste” immer groß geschrieben, „das mindeste“ aber nicht?
Die Rechtschreibreform war 1996 eingeführt worden, zunächst jedoch nicht verbindlich für Schulen und Behörden. Nach heftiger Kritik an den neuen Regeln hatten die Kultusminister 2004 den Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt. In dem Gremium sitzen Sprachwissenschaftler, Vertreter von Verlagen. Schriftsteller- und Journalistenverbänden. Lehrerorganisationen sowie Vertreter des Bundeselternrates ihm gehören auch Reformkritiker sowie Vertreter Österreichs und der Schweiz an. Der Rat hatte am Freitag dafür plädiert, die Reform teilweise wieder rückgängig zu machen und wieder mehr Verben zusammenzuschreiben. Dazu zählen etwa „krankschreiben“, „kennenlernen“ oder „vollquatschen“, weil die Wörter vom Sinn her eine Einheit bildeten.
Nur teilweise Inkraftsetzung an den Schulen 2005
Die seit Jahren heftig umstrittene Rechtschreibreform wird am 1. August 2005 nur teilweise für die deutschen Schulen und Behörden verbindlich. Zunächst sollten nur die unstrittigen Teile der Reform in Kraft treten, teilte die Kultusministerkonferenz mit und bestätigte damit einen entsprechenden Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Die nach wie vor strittigen Schreibweisen würden erst dann für die Schulen relevant, wenn sie von der Kultusminsiterkonferenz beschlossen seien. Auf dieses Vorgehen hatten sich der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair (CSU), und die Kultusminister laut „FAZ“ am Montag geeinigt. Nach Darstellung der Kultusministerkonferenz zählen zu den unstrittigen Neuschreibungen die Laut-Buchstaben-Zuordnung (also Doppel „s“ statt „ß“), das Zusammentreffen dreier Konsonanten (Schifffahrt) und die Fremdwortschreibung.
Verbindlich werden sollen auch die neuen Regeln für die Schreibung mit Bindestrich sowie die Groß- und Kleinschreibung. Als noch strittig gelten laut Kultusministerkonferenz dagegen die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Zeichensetzung und die Worttrennung am Zeilenende.
Zu diesen von der Kultusministerkonferenz als strittig bezeichneten Bereichen will der Rat für deutsche Rechtschreibung Änderungsvorschläge vorlegen. Zur Getrennt- und Zusammenschreibung will er bereits auf seiner nächsten Sitzung am 3. Juni Vorschläge machen, über die dann die Kultusministerkonferenz entscheiden muss. Diese will zuvor Verbände anhören, darunter Lehrer- und Elternvertretungen sowie Behörden.
Die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform werden vom 1. August an in Schulen und Behörden verbindlich. Die Deutsche Presseagentur dokumentiert an ausgewählten Beispielen die neuen Schreibweisen.
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Alte Rechtschreibung |
Neue Rechtschreibung |
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As |
Ass |
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belemmert |
belämmert |
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daß |
dass |
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Du, Dein (in der Briefanrede) |
du, dein (in der Briefanrede) |
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der/die/das einzelne |
der/die/das Einzelne |
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etwas auf englisch sagen |
etwas auf Englisch sagen |
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Fluß |
Fluss |
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Fußballänderspiel |
Fußballländerspiel |
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Greuel |
Gräuel |
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groß und klein (= jedermann) |
Groß und Klein (= jedermann) |
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heute abend |
heute Abend |
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im voraus |
im Voraus |
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in bezug auf |
in Bezug auf |
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14jährig, der 14jährige |
14-jährig, der 14-Jährige |
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Känguruh |
Känguru |
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mißlich |
misslich |
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der nächste, bitte! |
der Nächste, bitte! |
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numerieren |
nummerieren |
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das Ohmsche Gesetz |
das ohmsche/ Ohm'sche Gesetz |
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Quentchen |
Quäntchen |
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rauh (rauhbeinig, Rauhfaser) |
rau (raubeinig, Raufaser) |
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recht behalten/ geben/ haben |
Recht behalten/ geben/ haben |
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Roheit |
Rohheit |
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Schiffahrt |
Schifffahrt |
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das Schwarze Brett |
das schwarze Brett |
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Tip |
Tipp |
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Tolpatsch |
Tollpatsch |
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Ultima ratio |
Ultima Ratio |
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verbleuen |
verbläuen |
Sieben Jahre nach Einführung der neuen Rechtschreibung werden 2005 in Schulen und Behörden die unstrittigen Teile der Reform endgültig verbindlich. In 14 von 16 Bundesländern bedeutet das für die Schüler eine Umstellung mit Folgen: Frühere Schreibweisen werden nun als Fehler gewertet. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen haben sich darauf verständigt, an der bestehenden Übergangsfrist festzuhalten: Dort lernen die Schüler das Schreiben zwar auch nur noch nach den 1998 eingeführten neuen Regeln, veraltete Schreibweisen gelten aber noch nicht als falsch und haben keine nachteiligen Folgen für die Schulnoten.
Als weitgehend unstrittige Teile der neuen Regeln gelten die Groß- und Kleinschreibung sowie die Laut-Buchstaben-Zuordnung. Dies betrifft zum Beispiel die neue Schreibweise von Gräuel (früher Greuel), belämmert (belemmert) oder Soße (Sauce). Bei der Groß- und Kleinschreibung sind sowohl „vor Kurzem/auf das Herzlichste" als auch „vor kurzem/auf das herzlichste“ möglich. Bei den Fremdwörtern sind wahlweise etwa „Spaghetti mit Thunfisch“ und „Spagetti mit Tunfisch" möglich. Es kommt zur Auflösung von „ß“ nach kurzem Vokal zu „ss“ (aus Fluß wird Fluss). Bei den Wortzusammensetzungen bleiben dreifache Konsonanten erhalten (Balletttänzer, Kunststofffabrik, Fußballländerspiel, Schifffahrt).
Noch keine abschließende Regelung wurde bei den Reformbereichen Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung und Worttrennung am Zeilenende (Silbentrennung) gefunden. Für diese Teile der Rechtschreibreform gilt weiter eine Übergangsfrist und damit eine Toleranzgrenze bei der Fehlerkorrektur in den Schulen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung will dazu bis zum Sommer nächsten Jahres Vorschläge vorlegen. damit diese Teile der Reform zum Schuljahr 2006 / 2007 auch verbindlich werden. Die Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen wollen die Reform erst dann verbindlich einführen, wenn der Rechtschreibrat zu allen Bereichen der Rechtschreibung seine Vorschläge vollständig vorgelegt hat.
Vom Eis laufen zum eislaufen 2006
Im jahrelangen Streit um die Rechtschreibreform erhoffen sich die Kultusminister durch eine Fülle von Korrekturen nun einen neuen „deutschen Rechtschreibfrieden“. Dies erklärte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz bei der Entgegennahme der vom Rat für deutsche Rechtschreibung erstellten Änderungsempfehlungen. Die Kultusminister wollen darüber am Donnerstag, 2. März, in Berlin offiziell entscheiden.
Der mit Experten aus dem gesamten deutschsprachigen Bereich besetzte Rat unter Vorsitz des früheren bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair (CSU) hatte in einjähriger Arbeit Korrekturvorschläge für die besonders strittigen Bereiche der 1996 beschlossenen Reform erstellt. Dazu zählen Teile der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Silbentrennung.
So soll nach den Empfehlungen wieder mehr zusammengeschrieben werden - vor allem dann, wenn ein einheitlicher Wortakzent vorliegt wie „abwärtsfahren“, „aufeinanderstapeln“ oder „querlesen“. Bei feststehenden Begriffen wie „der Blaue Brief“, „der Runde Tisch“, „das Schwarze Brett“ soll wieder dem allgemeinen Schreibgebrauch gefolgt und groß geschrieben werden. Die verabschiedete Rechtschreibreform sah hierbei nur noch wenige Ausnahmen vor („Heiliger Vater“).
Die Kultusministerkonferenz-Präsidentin hofft, dass es mit den Korrekturen jetzt wieder eine „verbindliche Grundlage für eine einheitliche Rechtschreibung in allen deutschen Schulen ab dem neuen Schuljahr 2006/2007 gibt“. Während in den Schulen von 14 Bundesländern die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform bereits seit dem 1. August 2005 verbindlich sind, hatten Bayern und Nordrhein-Westfalen die Umsetzung der Reform zunächst ausgesetzt.
Während die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die zuvor zu den entschiedenen Reformkritikern zählte, die Korrekturvorschläge begrüßte, signalisierten die in der Forschungsgruppe Deutsche Sprache versammelten Reformgegner erneut Ablehnung. „Von hundert reformierten Wörtern blieben ungefähr 97 bis 99 von der Zehetmair-Reform unberührt.“ Auch der „Rechtschreibrebell“ Friedrich Denk aus Weilheim (Bayern), der zahlreiche Autorenproteste gegen die Rechtschreibreform organisiert hatte, blieb bei seiner Kritik.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat der Kultusministerkonferenz seine Änderungsvorschläge für die Rechtschreibreform überreicht. Am 2. und 3. März soll darüber ein Beschluß gefaßt werden:
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Rechtschreibreform |
Empfehlung des Rats |
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Bankrott gehen |
bankrottgehen |
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näher kommen |
näherkommen |
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Eis laufen |
eislaufen |
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Kopf stehen |
kopfstehen |
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aufeinander stapeln |
aufeinanderstapeln |
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richtig stellen |
richtigstellen |
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übrig bleiben |
übrigbleiben |
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verloren gehen |
verlorengehen |
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eng verwandt |
(auch:) engverwandt |
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jmdm. Freund sein |
jmdm. freund sein |
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Leid tun |
leidtun |
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sitzen bleiben |
(In der Schule . .) sitzenbleiben |
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Essen warm machen |
Essen warm machen/warmmachen |
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Wand blau streichen |
Wand blau streichen/blaustreichen |
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Klasse sein (sein Spiel ist Klasse) |
klasse sein (sein Spiel ist klasse) |
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Recht haben |
(auch:) recht haben |
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sich zu Eigen machen |
sich zu eigen machen |
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jenseits von gut und böse |
jenseits von Gut und Böse |
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das schwarze Brett |
(auch:) das Schwarze Brett |
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gelbe/Gelbe Karte |
Gelbe Karte |
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kleine/Kleine Anfrage |
Kleine Anfrage |
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du |
(in Briefen auch:) Du |
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Big Band |
(auch:) Bigband |
Die wichtigsten Änderungen und Ergänzungen, die im Juni 2004 und März 2006 beschlossen wurden.
Getrennt- und Zusammenschreibung:
Worttrennung:
Einzelvokale am Wortanfang oder -ende werden - auch in Zusammensetzungen - nicht mehr abgetrennt: Abend, Oboe, Kleie, Bio-gas, Geo-graf, Fei-er-abend. [§ 107]
Zeichensetzung:
Infinitivgruppen, die mit um, ohne, statt, anstatt, außer, als eingeleitet werden oder von einem Substantiv oder einem Korrelat (es) oder Verweiswort abhängen, müssen mit Komma abgegrenzt werden: Etwas Schlimmeres, als seine Kinder zu enttäuschen, konnte ihm nicht passieren. Sie hatten den Wunsch, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Sein größter Wunsch ist es, eine Familie zu gründen. [5 75 (1-3)]
Schreibung mit Bindestrich:
Verbindungen aus Ziffern und dem Wortbestandteil „-fach“ können auch mit Bindestrich geschrieben werden: 8fach oder 8-fach, das 8fache oder 8-Fache. [§ 40 [3], § 41].
Groß- und Kleinschreibung:
Aus Leid tun wird wieder leidtun
Zehn Jahre lang ging es mit der deutschen Sprache drunter und drüber: Ob groß oder klein, zusammen oder getrennt - die Politik hatte 1996 mit der großen Rechtschreibreform ein Wirrwarr ausgelöst, das Schüler, Lehrer, Dichter und Denker nachhaltig verunsicherte. Nun werden zum 1. August in Schulen und Behörden wieder bundesweit einheitliche Regelungen eingeführt. Die „Reform der Reform“ soll den lange ersehnten Recht- schreibfrieden wiederherstellen. Und die Politik gibt sich geläutert und verspricht, sich künftig aus dem leidigen Thema herauszuhalten.
Die Ministerpräsidenten der 16 Länder hatten Ende März einstimmig die Korrekturen beschlossen, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung empfohlen worden waren. Sie betreffen vor allein Groß- und Kleinschreibung sowie Zusammen- und Getrenntschreibungen. So werden unter anderem Eigennamen wie „der Runde Tisch“ wieder groß geschrieben und Wörter wie ,;eislaufen" wieder zusammengeschrieben.
Reformiert wurde auch das Trennen am Zeilenende. So soll es verwirrende Trennungen wie „Urin-stinkt“ und „E-sel" nicht mehr geben. In vielen Fällen sind variable Schreibweisen zulässig, wie bei „Grafik“ und „Graphik“. Die Regeln gelten für Schulen und Behörden, der einzelne Bürger muss sich nicht daran halten. „Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben“, entschied das Bundesverfassungsgericht.
In der Sprachwissenschaft solle die Debatte bewusst weitergehen. „Wir wollen ja die Sprache beobachten und dann sehen wir, ob sich Orthographie oder Orthografie, Spaghetti oder Spagetti durchsetzen und ob man creditcard groß, getrennt oder zusammen schreibt!“ Es sei gewollt, dass Zusammensetzungen wie „sitzen bleiben“ mal zusammen und mal auseinander geschrieben werden, „und zwar nach ihrem Sinninhalt“.
In fünf Jahren wird der Rechtschreibrat seinen nächsten Reformbericht vorlegen. Die Lehrerverbände sind optimistisch, dass die Ministerpräsidenten dann der Versuchung widerstehen, noch einmal an der ganz großen Reformschraube zu drehen. „Ich bin mir sicher, die Fehler werden nicht noch einmal gemacht. Es wird nur noch um sehr behutsame Änderungen gehen, die sich am praktischen Sprachgebrauch orientieren.
Die meisten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage wollen die zum 1. August in Kraft tretenden Änderungen der deutschen Rechtschreibung umsetzen. Die deutsch- sprachigen Nachrichtenagenturen werden die Änderungen ebenfalls anwenden und - als Ergebnis einer Befragung ihrer Kunden - künftig bei Varianten die klassischen Schreibweisen wählen.
Auch der Verlag Axel Springer, der zu den Kritikern der reformierten Rechtschreibung gehörte, hat eine Umstellung entsprechend dem Beschluss der Kulturminister zum 1. August angekündigt. Der Verlag war im August 2004 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt.
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Alte Rechtschreibreform |
Rechtschreibreform |
Neue Rechtschreibung |
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eislaufen |
Eis laufen |
eislaufen |
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leid tun |
Leid tun / leidtun |
leidtun |
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recht haben |
Recht haben |
recht haben, auch: Recht haben |
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radfahren |
Rad fahren |
Rad fahren |
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näherkommen |
näher kommen |
näher kommen, auch: näherkommen |
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richtigstellen |
richtig stellen |
richtig stellen, auch: richtigstellen |
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kennenlernen |
kennen lernen |
kennen lernen, auch: kennenlernen |
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warm machen |
Essen warm machen |
warm machen, auch: Essen warmmachen |
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Wand rot streichen |
Wand rot streichen |
rot streichen, auch: Wand rotstreichen |
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schwerkrank |
schwer krank |
schwer krank, auch: schwerkranker Patient |
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der Blaue Brief |
der blaue Brief |
der Blaue Brief, auch: blauer Brief |
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angst und bange |
Angst und Bange |
angst und bange, Angst und Bange machen |
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bis auf weiteres |
bis auf Weiteres |
bis auf weiteres, auch: bis auf Weiteres |
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für jung und alt |
für Jung und Alt |
für Jung und Alt |
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zu eigen machen |
sich zu Eigen machen |
sich zu eigen machen |
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gelbe Karte |
gelbe Karte |
Gelbe Karte, auch: gelbe Karte |
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Schiffahrt |
Schifffahrt |
Schifffahrt, auch: Schiff-Fahrt |
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Boutique |
Butike |
Boutique, auch: Butike |
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leichtverständlich |
leicht verständlich |
leicht verständlich, auch: leichtverständlich |
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Pappmaché |
Pappmasche |
Pappmaschee, auch: Pappmache |
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Panther |
Panter |
Panter, auch: Panther |
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alleinerziehend |
allein erziehend |
allein erziehend, auch: alleinerziehend |
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überschwenglich |
überschwänglich |
überschwänglich |
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Coupon |
Coupon |
Coupon. auch: Kupon |
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Graphologe |
Grafologe |
Grafologe, auch: Graphologe |
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in Frage stellen |
infrage stellen |
infrage stellen, auch: in Frage stellen |
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Ketchup |
Ketschup |
Ketschup, auch: Ketchup |
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Mayonnaise |
Majonäse |
Majonäse, auch: Mayonnaise |
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Potential |
Potenzial |
Potenzial, auch: Potential |
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ratsuchend |
Rat suchend |
Rat suchend, auch: ratsuchend |
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Schwarzweißfilm |
Schwarz-Weiß-Film |
auch: Schwarzweißfilm |
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Topographie |
Topografie |
Topografie, auch: Topographie |
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vertrauenerweckend |
Vertrauen erweckend
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Vertrauen erweckend, vertrauenerweckender |
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Yacht |
Jacht |
Yacht, auch: Jacht |
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Zustandebringen |
zu Stande bringen |
Zustandebringen, auch: zu-Stande-bringen |
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Zirkus |
Cirkus |
Zirkus, auch: Cirkus |
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gewinnbringend |
Gewinn bringend |
Gewinnbringend, auch: Gewinn bringend |
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Facette |
Fassette |
Facette, auch: Fassette |
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Grizzlybär |
Grislibär |
Grizzlybär, auch: Grislibär |
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hilfesuchend |
Hilfe suchend |
Hilfe suchend, auch: hilfesuchend |
Übernahme der letzen Reform durch die Verlage
In der Literatur wird auch künftig der Autor oft das letzte Wort über die Rechtschreibung in seinem Werk haben. Die meisten Verlage in Deutschland wollen zwar nach dem 1. August die dann verbindlichen Rechtschreibregeln übernehmen, Wünsche ihrer Belletristik-Autoren nach den alten Schreibweisen aber respektieren. Dies ergab eine Umfrage der Deutschen Presseagentur unter großen Verlagshäusern. Anders sieht es hingegen bei Sach-, Kinder- und Schulbüchern aus. Die Schulbuchverlage wollen die Schreibreform möglichst schnell um- setzen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begrüßt die „Reform der Reform“. Es bestehe die Hoffnung, „dass sich auch in den Buchverlagen eine einigermaßen einheitliche Rechtschreibung allmählich wieder herausbildet“, sagt Edmund Jacoby, Geschäftsführer des Gerstenberg Verlags (Hildesheim), der den Börsenverein im Rat der Rechtschreibung vertrat. Seiner Einschätzung nach werden sich die Kinderbuchverlage alle an die neuen Schreibweisen halten. Bei den Belletristik- Verlagen wird sich nicht viel ändern. „Letztendlich entscheidet der Autor, in welcher Rechtschreibung sein Buch erscheint“, sagt Martin Spieles, Sprecher der Verlagsgruppe S. Fischer in Frankfurt am Main. Wer als Autor unbedingt auf die alte Rechtschreibung Wert lege, erhalte seinen Willen. Genauso sagen viele andere Verlage. Dagegen beharrt der Piper Verlag (München) weiterhin konsequent auf der alten Rechtschreibung - außer wenn der Autor auf der neuen Rechtschreibung bestanden hat. Auch nach dem 1. August wolle man so verfahren, heißt es in der Presseabteilung.
Bei Sach- und vor allem Kinderbüchern wird bei S. Fischer die neue verbindliche Rechtschreibung angewandt. „Ein Verlag kann sich nicht zum Normsetzer aufspielen“, sagt Spieles. Genauso geht Eichborn vor bei seinen Sachbüchern oder Ratgebern: „Wir folgen den Empfehlungen der Duden-Reaktion“, bestätigt Muscholl.
Duden
Die 24. Ausgabe des Duden von 2006 berücksichtigt auch die letzten Regeländerungen. Aus diesen ergeben sich zahlreiche neue Fälle, in denen es den Schreibenden selbst überlassen bleibt, zwischen zwei zulässigen Schreibungen zu wählen. Solche Schreibvarianten werden im Alltag da zum Problem, wo Wert gelegt wird auf eine einheitliche Rechtschreibung.
Deshalb hat sich die Dudenredaktion dazu entschlossen, im neuen Duden immer dort, wo die Regeln mehrere Schreibungen zulassen, die von ihr empfohlene gelb zu unterlegen. Wer sich an diese Duden-Empfehlungen hält, stellt eine einheitliche Rechtschreibung sicher, die auch anderen leicht zu vermitteln ist.
Rot bleibt die Signalfarbe für Schreibungen und Worttrennungen, die sich generell aus den neuen Rechtschreibregeln ergeben.
Blau unterlegt sind Informationskästchen zu schwierigen Wörtern und zu Wörtern, deren Gebrauch bestimmten Einschränkungen unterliegt. Blau markiert sind auch alle Verweise auf die Rechtschreibregeln im Kapitel „Rechtschreibung und Zeichensetzung“ (S. 27 ff.). Hier hat die Dudenredaktion den amtlichen Regeltext für Laien verständlich aufbereitet und mit zahlreichen Beispielen zugänglich gemacht.
Die Dudenredaktion ist davon überzeugt, mit den Duden-Empfehlungen einen wichtigen Beitrag zur Vereinheitlichung der neuen Rechtschreibung zu leisten und Ihnen damit die Handhabung der neuen Orthografie und den Schreiballtag entscheidend zu erleichtern. Ein sorgfältiger Umgang mit Rechtschreibung und Interpunktion zeichnet nicht nur die Schreiberin oder den Schreiber selbst aus, sondern ist immer auch ein persönlicher Beitrag zu einer aktiven Sprachpflege.
Spitzmaus: Lang lebe der Duden!
An den erschütternden Anblick eines Kängurus oder Portmonees hat sich das lese-erprobte Auge mittlerweile gewöhnt, doch irritierend wirkt die Schreibweise noch immer. Bei einem „helllila Betttuch“ gerät der Leser unwillkürlich ins Stolpern und beginnt erst einmal bedächtig, die Konsonanten zu zählen.
Die Reformierung der deutschen Rechtschreibung überrascht nach wie vor mit so manchem Stolperstein und lässt den Griff zum Duden zu einem Automatismus werden. Insbesondere für Generationen, die der Schulbank längst entwachsen sind, hält die neue Rechtschreibung Tücken parat: Was in zahllosen Deutschstunden mit enormer geistiger Kraftanstrengung unauslöschlich ins Gedächtnis gepresst wurde, den Lehrer schier in den Wahnsinn trieb, bis die wesentlichen Grundregeln endlich „saßen“, ist jetzt vorbei. Da wird die Umstellung auf die neue Rechtschreibung für so manchen zu einem Drahtseilakt. Heißt es jetzt neuerdings „schwerfallen“ oder „schwer fallen“? Ist doch eigentlich sinnentstellend - „schwer fallen“. Oder darf man Sinn oder Un-Sinn nicht zum Maßstab nehmen? Warum schreibt man jetzt „erste Hilfe“ klein, aber „Rotes Kreuz“ weiterhin groß? Der „letzte Wille“ fällt der Reform zum Opfer, aber der „Erste Mai“ bleibt bestehen. „Weit reichend“ schreibt sich nun getrennt, aber „fernsehen“ zusammen, und worin besteht der grammatikalische Unterschied zwischen „vorwärts kommen“ und „heraufkommen“? Offensichtlich hält die Reform ausreichend Mysterien auch für nachfolgende Schülergenerationen bereit. Vielleicht wäre es weniger verzwickt, wenn es nicht so viele Ausnahmen gäbe. Fest steht, der Duden wird wohl noch einige Zeit ein treuer Begleiter sein.
Das große „ß“ 03.07.2008
Die letzte Lücke im deutschen Alphabet ist geschlossen - zumindest technisch. Das „ß“ gibt es nun auch als Großbuchstabe erstmals verankert in den internationalen Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1. Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E. Das bestätigte das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin auf Anfrage und auch die Internationale Organisation für Normung (ISO). Die Änderung werde in Kürze veröffentlicht, berichtete ein ISO- Sprecher in Genf Damit hatte ein Antrag der DIN-Leute, eine Norm für das große „ß“ zu schaffen, teilweise Erfolg.
Die Rechtschreibregeln sind davon zunächst nicht betroffen. Sie sehen vor, dass das „ß“ weiterhin in Großschreibweise als „SS“ dargestellt wird. Obwohl dies der Logik der Groß- und Kleinschreibung widerspricht, wollten die internationalen Normungsgremien nicht daran rütteln und haben sich - wie zu hören ist nach kontroverser Diskussion - aus der deutschen Rechtschreibung lieber diplomatisch herausgehalten.
Seit 130 Jahren war immer wieder darüber diskutiert worden, dem „ß“ wie allen anderen Buchstaben eine große („versale“) Variante zu verschaffen. Eine neue Rechtschreibreform für das große „?“ schließt der Rat für deutsche Rechtschreibung - wohl nach den Erfahrungen mit der letzten Reform - zwar aus, aber: „Die Menschen werden entscheiden, ob sie es verwenden“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Güthert.
Das hängt aber auch nicht zuletzt davon ab, wie leicht sich der Buchstabe auf den Tastaturen erzeugen lässt. Inzwischen sind bereits die ersten Tastaturtreiber auf dem Markt, die das große „ß“ mit Hilfe einer Tastenkombination auftauchen lassen. Der Durchbruch als internationale Norm kommt zu einem Zeitpunkt, da dem „ß“ mit der Rechtschreibreform ein erheblicher Teil seiner Anwendung genommen wurde.
Aber ganz ausmerzen, wie im Schweizerdeutsch, konnten die Sprachregler den Buchstaben nicht. Mit der Version als Majuskel könnte ihm nun ein Comeback gelingen, auch wenn kein einziges Wort mit einem „ß“ beginnt und das Fehlen der versalen Variante nur bei der Großschreibweise des kompletten Wortes zum Problem wird. In den 1950er Jahren zierte das große „ß2 bereits den „GROßEN DUDEN“ der DDR. Dann verschwand es wieder. „Bisher hat die Sprachgemeinschaft nicht die Notwendigkeit für ein großes ß gesehen“, sagt Güthert.
Dabei konnte die kleine Lücke im großen Normenkatalog durchaus Verwirrung stiften: Ist bei der „MASSE“ die Masse gemeint oder sind es die Maße? Wenn Herr „WEISS“ eine Rechnung erhält, muss diese dann auch von Herrn Weiß bezahlt werden? Es soll Steuerzahler gegeben haben, die die Forderungen des Finanzamts mit dieser Begründung verweigerten.
Der Typograph Andreas Stötzner begrüßt den neuen Buchstaben mit einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Signa“. Schrift-Designer haben für die gängigen Schrifttypen Versionen des großen Esszett entwickelt. Dabei muss es dem kleinen ähnlich sein, ohne dem großen „B“ zu ähnlich zu werden. Ob nun im nächsten Schritt die Tastaturen-Hersteller bereit sind, das „ß" aus seinem Schattendasein unter dem Fragezeichen zu erlösen, ist offen. Eine eigene Taste als vollwertiger 27. Buchstabe des Alphabets ist keine Kleinigkeit: „Das wäre ein erheblicher Eingriff in das Standard-Tastatur-Layout“, sagt eine Sprecherin von Cherry, Marktführer bei Tastaturen in Deutschland. Ohne eigene Taste ließe sich die Tastatur zwar relativ leicht anpassen, eine Folge hätte dies aber für die beruflichen Schnellschreiber: „Das Maschineschreiben müsste dann teilweise neu gelernt werden.“
Die Deutsche Rechtschreibung
Deutsche Sprache:
Iris Berben: „Als ich heute früh aus dem Fenster sah, graute der Morgen!“
Dieter Krebs: „Das muß heißen: „….graute d e m Morgen!“ (aus: Sketchup)
Die Änderungen:
Laut-Buchstaben-Zuordnung:
Der Buchstabe „ß“ nach kurzem (betontem) Vokal wird durch „ss“ ersetzt (Wasser/wässrig; essen/isst; die Konjunktion immer ,,dass“). Unverändert mit ß bleiben dagegen die mit langem Vokal gesprochenen Wörter (,,Fuß/Füße”, “Maß/Maße", “ ich aß", Straße, Muße) oder die einen Doppellaut vor stimmhaftem S haben (draußen, beißen). Man schreibt jetzt Biß, Boss, Fass, Fluss; misslich, Missverständnis Stress, sie muss (zu: müssen), er hasst (zu: hassen) u. a. Statt „daß“ schreibt man jetzt „daß“.
„ß“ wird nach kurz gesprochenem Vokal zu „ss“
Die Reformer folgen damit dem Wortstammprinzip. Beispiele:
alte Schreibung neue Schreibung
Abfluß Abfluss
Abschluß Abschluss
Adreßbuch Adressbuch
Stammprinzip:
Eine größere Zahl von Einzelwörtern wird dem sogenannten Stammprinzip angeglichen, d.h. ein Wort folgt in der Schreibung dem Wort oder der Wortform, dem bzw. der es zugeordnet werden kann: Albtraum, Ass, aufwändig Bändel, behände, belämmert, Delfin Differenzial, essenziell, existenziell, Fantasie, Föhn, Gämse, Gräuel, gräulich, Karamell, Känguru, langstängelig, Messner, Mopp, nummerieren, Panter (aber auch: Panther), platzieren, Potential (auch Potenzial), potentiell, Quäntchen, rau, Raufaser, Rauhaardackel, Raureif, roh (Rohheit), Schänke Schi, Schlägel, Schneewechte, selbstständig (aber auch: selbständig), schnäuzen, Stängel, Stopp, Stuckateur, substantiell, Tipp, Tollpatsch, Tunfisch, überschwänglich, verbläuen), zäh (Zähheit), zeitaufwändig Zierrat. (Aber: Eltern, fit, Top und Albtraum/Alptraum; selbständig/selbstständig; aufwendig/aufwändig).
Es bleibt aber bei „fit“ und „Top“. So kann es auch den Satz geben: „Gute Tipps für Trips“.
Beispiele für die Anwendung des Stammprinzips in Anlage 1
Einzelfälle mit Umlautschreibung:
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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behende |
behände (zu Hand) |
|
belemmert |
belämmert (heute zu Lamm) |
|
Bendel |
Bändel. (zu Band) |
|
Gemse |
Gämse (zu Gams) |
|
Quentchen |
Quäntchen (heute zu Quantum) |
|
schneuzen |
schnäuzen (zu Schnauze, großschnäuzig) |
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Stengel |
Stängel (zu Stange) |
|
überschwenglich |
überschwänglich. (zu Überschwang) |
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verbleuen |
verbläuen (heute zu blau) |
|
aufwendig |
aufwendig (zu aufwenden) oder aufwändig (zu Aufwand) |
|
Schenke
|
Schenke (zu ausschenken) oder Schänke (zu Ausschank) |
|
Wächte („Schneewehe“) |
Wechte (nicht zu wachen) |
Drei gleiche Buchstaben:
Treffen in Zusammensetzungen drei gleiche Buchstaben aufeinander, bleiben alle erhalten.
Man schreibt jetzt Bestellliste, Schifffahrt; Kaffeeernte, Teeei, Hawaiiinseln u. a. Es bleibt bei dennoch, Drittel und Mittag. Beachte: Wer unschöne oder unübersichtliche Schriftbilder will, kann auch mit Bindestrich schreiben: Auspuff-Flamme, Tee-Ei.
Doppellaute:
Das ph kann in phon, phot und graph und in einigen Einzelfällen durch „f“ ersetzt werden, die F-Schreibung für ph in den Wortstämmen phon, phot, graph wird ausgeweitet. Neben -tial und -tiell sind in einigen Fällen auch -zial und -ziell möglich, wenn es ein verwandtes Wort mit z gibt. Vereinzelt können „gh, rh, th“ zu „g; r, t“ werden (Delphin/Delfin, Diktaphon/Diktafon, Fotometrie oder Photometrie, Geographie/Geografie, Differential/ Differenzial, essentiell/essenziell, substantiell/ substanziell, Spaghetti/Spagetti, Katarrh/Katarr, Panther/Panter; Thunfisch/Tunfisch) (Aber: Philosophie, Phänomen Rhetorik, Rheuma, Apotheke, Sphäre. Strophe, Diskothek, Leichtathletik, Mathematik, Metapher Theater, usw.).
Fremdwörter:
* Die EE-Schreibung statt é oder ée wird als zweite Schreibung zugelassen oder ist bevorzugte sogar die bevorzugte Variante (bisher schon Allee, Komitee, Resümee).
* Englische Wörter mit einem y am Ende, die in der Originalsprache auf ,,-ies" enden, werden in deutschen Texten durch Anhängen des einfachen ,,s" pluralisiert (Babys, Hobbys).
Beispiele für die Schreibung von Fremdwörtern in Anlage 2
Worttrennung:
Ein Konsonant zwischen zwei Vokalen kommt zur nächsten Silbe.
Blieben bei der Trennung ein e i n Vokal übrig, darf nicht getrennt werden
Nicht getrennt werden „pf ch, st“ (nach der neuen Rechtschreibung darf getrennt werden).
Zusammengesetze Wörter werden nach Bestandteilen getrennt (hin-aus, dar-auf).
Zwei Konsonanten werden auf die zwei Silben verteilt (schwit-zen),
Bei drei Konsonanten gehen zwei zur ersten Silbe, der dritte zur zweiten (schwitz-te).
Trennung bei „st“: Ka-sten, aber Diens-tag (Tag eigenes Wort)
Worttrennung am Zeilenende
* Die Buchstabenfolge st wird jetzt genauso getrennt wie sp: Wes-te, Küs-te, ros-ten, meis-tens, bedeutends-te.
* Die Buchstabenverbindung ck bleibt (wie ch und sch) ungetrennt: De-ckel, Zu-cker, ba-cken, tro-cken.
* Deutsche Wörter oder Fremdwörter, die nicht mehr als Zusammensetzungen erkannt oder empfunden werden, können nach Sprechsilben oder nach Sprachsilben getrennt werden: hi-nab oder hin-4ab, wa-rum oder war-um, ei-nander oder ein-ander, Mai-nau oder Main-au; Helikop-ter oder Heliko-pter, Pä-dagogik oder Päd-agogik, inte-ressant oder inter-essant.
* st wird getrennt: Wes-te, Küs-te, meis-tens., bedeutends-te.
* Wörter, die nicht mehr als Zusammensetzungen empfunden oder erkannt werden, können nach Sprechsilben getrennt werden (he-rauf/her-auf Mai-nau/ Main-au; Helikopter/ Helikopter, Pä-dagoge/ Päd-agoge; Chir-urg/ Chi-rurg; para-llel/ pa-rallel)
* Ein einzelner Vokalbuchstabe am Wortanfang darf abgetrennt werden: U-fer, O-fen, Abend, O-ben) (Am Wortende ist die Trennung sinnlos, denn sie würde den gleichen Platz wie der Bindestrich beanspruchen).
* Lesehemmende und sinnentstellende Trennungen sollte man vermeiden (Seeufer, Altbauer-haltung)
* Wörter wie herum, darum, hinauf werden auf zweierlei Weise getrennt: da-rum/da-rum; her-um/he-rum; hin-auf/hin-nauf.
* Für das ausgelassene Schluß-e bei bestimmten Verbformen wird kein Apostroph mehr gesetzt (Ich werd dir Bescheid sagen)
* Silbentrennung in Fremdwörtern: Verbindungen aus Konsonant + l, n oder r werden entweder vor dem letzten Konsonanten getrennt oder sie kommen ungetrennt auf die neue Zeile: nob-le oder no-ble, Zyk-lus oder Zy-klus, Sig-nal oder Si-gnal, mag-netisch oder ma-gnetisch, Feb-ruar oder Fe-bruar, integ-rieren oder inte-grieren u.a.
Bindestrich:
* Ein Bindestrich kann gesetzt werden, um einzelne Bestandteile einer Zusammensetzung hervorzuheben, wenn unübersichtliche Zusammensetzungen deutlicher gegliedert werden sollen, und beim Aufeinandertreffen von drei gleichen Buchstaben (Man schreibt also Ichsucht oder Ich-Sucht, Sollstärke oder Soll-Stärke, Moselwinzergenossenschaft oder Mosel-Winzergenossenschaft, Schifffahrt oder Schiff-Fahrt, Auspuffflamme oder Auspuff-Flamme, Teeernte oder Tee-Ernte..
*In Zusammensetzungen werden Zahlen, die in Ziffern geschrieben werden, mit einem Bindestrich vom Rest des Wortes abgehoben (8-Achser, 5-Eck, 16-Ender, 100-prozentig, 2-jährig, 4-Jährige, 6-monatlich, 14-tägig, 8-Zylinder).
Wie bisher steht jedoch kein Bindestrich, wenn die Ziffer mit einer Nachsilbe verbunden ist.
Es bleibt also bei 68er, 100stel, 100%ig, 15er. Er steht aber in Zusammensetzungen: 68er-Generation, 15er-Schlüssel u. a.
* Mehrgliedrige Wörter aus dem Englischen werden zusammen oder mit Bindestrich geschrieben, wenn der erste Bestandteil ein Nomen oder ein Verb ist (Assessmentcenter oder Assessment-Center, Blackout oder Black-out, Centrecourt oder Centre-Court, Handout oder Hand-out, Desktoppublishing oder Desktop-Publishing, Feedback oder Feed-back, Layout oder Lay-out, Midlifecrisis oder Midlife-Crisis, Shoppingcenter oder Shopping-Center u.a.
* Der Bindestrich kann gesetzt werden, um einzelne Bestandteile einer Zusammensetzung hervorzuheben, wenn unübersichtliche Zusammensetzungen deutlicher gegliedert werden sollen und wenn drei gleiche Buchstaben aufeinander treffen (Ichsucht/Ich-Sucht; Ichform/Ich-Form; Sollstärke/Soll-Stärke; Schifffracht/Schiff-Fracht, Teeernte/Tee-Ernte; Flusssand/Fluss-Sand; Arbeiter- Unfallversicherungsgesetz, Moselwinzergenossenschaft oder Mosel-Winzergenossenschaft, Schifffahrt oder Schiff-Fahrt, Auspuffflamme oder Auspuff-Flamme,
* Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv werden vorzugsweise zusammen geschrieben Happyend/Happy-end; Smalltalk/Small-talk
* Das Entweder-Oder; das Sowohl-Als-Auch; das von der Hand-in-den-Mund-Leben..
* Man darf auch nicht böswillig sein und zum Beispiel ,,Preise-lastizität” trennen, und statt ,,Kast-rat" trennt man nach der Regel eher ,,Kas-trat".
Apostroph:
Der Apostroph darf jetzt auch gebraucht werden, um die Grundform eines Personennamens von der Genitivendung -s abzuheben: Rudis Grilltreff oder Rudi’s Grilltreff, Königs Videothek oder König’s Videothek
Weiterhin bestehende Probleme
Die Rechtschreibung läßt dem Schreibenden mehr Freiheiten, es gibt bei weitem nicht mehr so viele Regeln wie früher. Dennoch bleiben Probleme:
Einerseits heißt es: „Blut bildend“ und „Blut saugend“, andererseits: „blutreinigend“ oder „blutstillend“, einerseits heißt es: „vornüber fallen“ , andererseits: „hintenüberfallen“.
Manche Regelungen sind inkonsequent:
Warum schreibt man nicht „einwänden“ (abgeleitet von „Einwand“?
,Einbläuen“ oder „verbläuen“ hat nichts mit „blau“ zu tun, sondern die Herkunft ist dieselbe wie in „Pleuelstange“.
Warum wird „das Geringste“ immer groß geschrieben, das „mindeste“ aber nicht?
Verdopplung des Konsonantenbuchstabens nach kurzem Vokal:
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alte Schreibung |
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Karamel |
.Karamell (zu Karamelle) |
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numerieren |
nummerieren (zu Nummer) |
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plazieren |
platzieren (zu Platz). |
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Stukkateur |
Stuckateur (zu Stuck) |
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Tolpatsch |
Tollpatsch (heute zu toll) |
„ss“ für „ß“ nach kurzem Vokal
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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hassen - Haß |
hassen - Hass |
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küssen - Kuß, |
küssen - Kuss |
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sie küßten sich |
sie küssten sich |
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lassen - er läßt |
lassen - er lässt |
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müssen - er muß |
müssen - er muss |
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Wasser - |
Wasser - |
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wässerig - wäßrig |
wässerig - wässrig |
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daß |
dass |
Bei der Endung „-heit“ bleibt auch ein vorausgehendes „h“ erhalten:
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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Roheit |
Rohheit (zu roh), |
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Zäheit |
Zähheit (zu zäh) |
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Zierat |
Zierrat (wie Vorrat |
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selbständig |
selbständig / selbstständig (selbst + ständig) |
Substantiv auf „-anz“ oder -enz
Die Hauptform ist die Schreibung mit „z“(essenziell usw.).
Die bisherige Schreibung mit „t“ (essentiell / usw.) bleibt als Nebenform bestehen.
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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essentiell |
essenzielL(zu Essenz), auch essentiell |
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Differential |
Differenzial (zu Differenz), auch Differential |
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differentiell |
differenziell (zu Differenz), auch differentiell |
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Potential |
Potenzial (zu Potenz), auch Potential |
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potentiell |
potenziell (zu Potenz), auch potentiell |
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substantiell |
substanziell (zu Substanz), auch substantiell |
Adjektive in Wortverbindungen
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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der, die, das letzte |
der, die, das Letzte |
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der nächste, bitte |
der Nächste, bitte |
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alles übrige |
alles Übrige |
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nicht das geringste |
nicht das Geringste |
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im großen und ganzen |
im Großen und Ganzen |
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des näheren |
des Näheren |
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im allgemeinen |
im Allgemeinen |
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es ist das beste (= am besten), wenn |
das Beste |
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auf dem trockenen sitzen (finanziell) |
auf dem Trockenen sitzen |
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den kürzeren ziehen (Nachteile haben) |
den Kürzeren ziehen |
Tageszeiten
Bezeichnungen für Tageszeiten werden großgeschrieben, wenn sie in Verbindung mit heute, gestern oder (über)morgen stehen: heute Mittag, gestern Abend, vorgestern Morgen. — Als substantivische Zusammensetzung gilt die Verbindung von Wochentag und Tageszeit: am Sonntagabend (dazu das Adverb sonntagabends).
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alte Schreibung |
neue Schreibung |
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heute mittag |
heute Mittag |
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gestern abend |
gestern Abend |
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am Sonntag abend |
an: Sonntagabend |
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Sonntag abends |
sonntagsabends |
Sprachberatung:
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~ Rechtschreibung
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Die neue deutsche Rechtschreibung gilt ab 1. August 2006. Sämtliche neuen Regeln, Wortschreibungen und -trennungen wird die neue, 24. Auflage des Standardwerks „Duden – Die deutsche Rechtschreibung” enthalten (Erscheinungstermin: 22. Juli 2006).
Anlagen
Anlage 1: Stammprinzip
Alptraum, Ass
aufwändig belämmert
behände, Bändel, Börsentipp
Delphin, deplatziert
Differenzial, Differential erstplatziert
essenziell, Existenzialismus, existenziell
Gämse, Gräuel, gräulich
Känguru, Karamell
langstängelig
nummerieren, Nummerierung
Panter, Panther
Fantasie, Phantasie fantasieren, phantasieren
platzieren, Platzierung
Potenzial oder Potential, potenziell oder potentiell
Quäntchen
rau, raubeinig, Raufaser, Rauhaardackel, Raureif
Rohheit
Schenke oder Schänke
Schlägel
Schneewechte
schnäuzen
selbstständig oder selbständig, Selbstständigkeit oder Selbständigkeit
Ski oder Schi
Stängel
Stopp
substanziell oder substantiell
Tunfisch oder Thunfisch
Tipp
Tollpatsch
Zähheit
zeitaufwendig oder zeitaufwändig
Zierrat
Anlage 2
Zwei Möglichkeiten bei der Schreibung von Fremdwörtern:
Afro-Look, Afrolook After-Shave, Aftershave Art-Director, Artdirector
Bibliographie, Bibliografie Big Band, Bigband Bouclé, Buklee
Bouquet, Bukett Boutique, Butike Bravour, Bravur
Cash-Flow, Cashflow Centre-Court, Centercourt Chicorée, Schikoree
Choreografle, Choreographie Club, Klub Coffein, Koffein
Comeback, Come-back Countdown, Count-down Coupon, Kupon
Creme, Krem Delphin, Delfin Demographie, Demografie Desktop-Publishing, Desktoppublishing Discothek, Diskothek
Exposee, Exposé Facette, Fassette Fast Food, Fastfood
Floppy Disk, Floppydisk Frigidaire, Frigidär Full-Time-Job, Fulltimejob
Geographie, Geographie Ghetto, Getto Grafit, Graphit
Graphologie, Grafologie Grizzlybär, Grislibär Hamorrhoide, Hämoride
Happy End, Happyend High Fidelity, Highfidelity High Society, Highsociety
Hot Dog, Hotdog Jet-Set, Jetset Job-Sharing, Jobsharing
Joghurt, Jogurt Joint Venture, Jointventure Jumbo-Jet, Jumbojet
Katarrh, Katarr Ketchup, Ketschup Knockout, Knock-out
Kommuniqué, Kornmunikee Majonäse, Mayonnaise Mammographie, Mammografie
Make-up Mikrofon, Mikrophon Myrre, Myrrhe
Megafon, Megaphon Midlife-Crisis, Midlifecrisis Multiple Choice, Multiplechoice
Necessaire, Nessesär Nougat, Nugat Orthografle, Orthographie
Open-Air-Festival, Openairfestival Panther, Panter
Paragraf, Paragraph Photometrie, Fotometrie Photosynthese, Fotosynthese Photovoltaik, Fotovoltaik Photozelle, Fotozelle Playback, Play-back
Polonaise, Polonäse Pornografie, Pornographie Public Relations, Publicrelations Portemonnaie, Portmonee quadrofon, quadrophon Quadrofonie, Quadrophonie Saxofon, Saxophon Seismograph, Seismograf Science-Fiction, Sciencefiction
Separee Sex-Appeal, Sexappeal Short Story, Shortstory
Shopping-Center, Shoppingcenter
Schwarz-Weiß-Film, Schwarzweißfilm
Show-Business, Showbusiness Shrimp, Schrimp
Small Talk, Smalltalk Spaghetti, Spagetti Talk-Show, Talkshow
Telefon Thunfisch, Tunfisch Tie-Break, Tiebreak
Topographie, Topographie Tranchieren, transchieren Turn-around, Turnaround
Varieté, Varietée Yacht, Jacht. Zirkus, Cirkus
„Ultima Ratio“ wird aber geschrieben.
Anlage 3: Beispiele für Getrenntschreibung:
auseinander fallen beide Mal bekannt geben Besorgnis erregend
in Bezug auf bunt gemischt darauf folgend darüber fallen
Daten verarbeitend auf Deutsch sagen Diät leben dicht besiedelt
jeder Dritte ebenso viel das Einfachste der Einzelne
Eisen verarbeitend auf Englisch sagen das erste Mal fertig stellen
fest angestellt fett gedruckt frisch gebacken gefangen nehmen
geheim halten genau so schnell glühend heiß Grauen erregend
halb leer eine Hand voll hängen bleiben heilig sprechen
heiß umkämpft hell leuchtend hoch begabt hoch empfindlich
Holz verarbeitend ein paar Hundert im allgemeinen in Bezug
in Stand halten ineinander greifen jedes Mal im Klaren sein
klein gedruckt Krebs erregend lahm legen Laub tragend
laufen lassen leer stehend der Letzte zum letzten Mal
leuchtend blau das Menschenmögliche Millionen Mal
Mitleid erregend alles Mögliche der Nächste nebeneinander sitzen
neu eröffnet nicht Zutreffendes Not leiden offen lassen
des Öfteren ein paar Mal parallel laufen privat versichert
Probe fahren quer gestreift zu Rate ziehen Rat suchend
rot glühend sauber machen Schatten spendend aufs Schönste
Schuld haben schwach bevölkert schwer verletzt auf Seiten
selbst ernannt selig sprechen sitzen bleiben so genannt
so viel so weit spazieren gehen Sport treiben
im Stillen zu Tage treten tot geboren übrig bleiben
alles Übrige im Übrigen im Unklaren lassen unter der Hand
verschiedene Male viel befahren von Seiten im Voraus
vorwärts kommen warm machen
Anlage 4: Beispiele für Zusammenschreibungen:
altersschwach abändern andersfarbig angsterfüllt
armselig aufrechterhalten aufstellen bahnbrechend
bauchreden bereithalten bergsteigen beschlussfähig
bloßstellen brandaktuell brandeilig bruchrechnen
brustschwimmen butterweich dabeisitzen daherreden
dahinfließen daniederliegen davon + Verb diesmal
drauf + Verb drin + Verb drüber + Verb drunter + Verb
dummdreist durch + Verb einarmig einbändig
einhergehen entgegen + Verb entlang + Verb entschlussfähig
fachgebunden fehlgehen fehlschlagen feilbieten
fernbleiben fernsehen fernsehmüde fernliegen
festbleiben festsetzen festsitzen fingerbreit
flottmachen formlos formvollendet fortbringen
fortdauern freigeben freilassen freistellen
freisprechen fremdgehen freudestrahlend frohgemut
frohlocken fußfassen gedankenverloren gegenlesen
gegenüberstehen gemeingefährlich gemeinnützig geradeaus
gewährleisten gleichmachen gleichsetzen gleichstellen
gleichziehen großschreiben grundehrlich gutschreiben
halbamtlich halbmast handhaben hasserfüllt
haushalten heimsuchen heilbringend heißblütig
hellblau hellsehen herab + Verb heran + Verb
herauf + Verb heraus + Verb herbei + Verb herein + Verb
herüber + Verb herum + Verb herunter+Verb hervor + Verb
hin +Verb hinab + Verb hinauf + Verb hinaus + Verb
hindurch + Verb hinein + Verb hinüber + Verb hinunter + Verb
hinweg +Verb hinzu + Verb hinter + Verb hitzebeständig
hitzefrei hocharbeiten hochbeinig hochbeglückt
hochberühmt hochbetagt hocherfreut hochfahren
hochfliegen hochgeschlossen hochgestochen hochgradig
hochfliegend hochhackig hochhalten hochherrschaftlich
hochherzig hochjagen hochjubeln hochkantig
hochkarätig hochklappen hochklettern hochkommen
hochkrempeln hochleben hochpäppeln hochpreisen
hochrädrig hochrangig hochrappeln hochrechnen
hochrot hochsprachlich hochspringen hochstapeln
hochsteigen hochstellen hochstilisieren hochtourig
hochtrabend hochverräterisch hochverzinslich hochwerfen
hochwertig hochwinden hochwirbeln hochwirksam
hochwölben hochziehen imstande sein das Infragestellen
irreführen irreleiten jahrelang kieloben
klarstellen kleinmütig kleinkriegen kleinschneiden
kleinschreiben knielang krankmelden krankschreiben
kopfrechnen kundgeben kundtun kurzschließen
kurzarbeiten langweilen lebensfremd leichtfertig
leichtfüßig leichtflüssig leidgeprüft lernbegierig
letztmalig lobpreisen los + Verb loswerden
luftgekühlt luftgetrocknet luftgeschützt maßregeln
meterhoch milieubedingt mit + Verb mitmachen
modebewußt nach + Verb nachdenken nassforsch
nasskalt nieder + Verb niedergehen notlanden
offenherzig offenkundig preisgeben punktschweißen
redselig regeltreu richtunggebend runter + Verb
schlafwandeln schlußfolgern schönreden schutzsuchen
schwarzarbeiten schwarzhören schwarzfahren schwarzschlachten
schwarzsehen schwerstbehindert schreibgewandt schwindsüchtig
segelfliegen seiltanzen selbstbewußt selbstbestimmt
selbstständig selbstentzündlich selbstklebend selbstvergessen
sicherstellen sonnenbaden standhalten stattdessen
stattfinden stilllegen stillliegen stillstehen
taubstumm teilhaben teilnehmen todernst
todgeweiht totschlagen tollkühn trickreich
über + Verb übereinkommen um + Verb umfahren
unter + Verb vieldeutig vielschichtig vielseitig
vollbringen vollenden vollführen vollstrecken
vorhaben vorauseilen wahrsagen wehklagen
wehtun wegnehmen weissagen weiterbilden
weiterkommen weiterlesen weitgehend werbewirksam
wetteifern wettmachen wiederbeleben wiedereröffnen
wiedererwecken wiederfinden wiedergeben wiedergutmachen
wiederherstellen wiederholen wiedervereinigen wiederwählen
wider + Verb wieweit wohlausgewogen wohlberaten
wohldotiert wohldurchdacht wohlerhalten wohlfühlen
wohlgemeint wohlgeordnet wohlsituiert wohltemperiert
wohlüberlegt wohlunterrichtet wohlversorgt wohlverwahrt
zartfühlend zeitweilig zeitweise zunichte
zurückspringen zusammenschreiben zusammenspielen zusammentragen
zusammenwirken zuwider + Verb zwangsräumen zwangsvollstrecken
zwischen + Verb
Anlage 5: Beispiele für Getrennt- und Zusammenschreibung:
nicht öffentlich nichtöffentlich
außer Stande sein außerstande sein
im Stande sein imstande sein
in Frage stellen infragestellen
zu Grunde gehen zugrunde gehen
zu Leide tun zuleide tun
zu Mute sein zumute sein
zu Rande kommen zurande kommen
zu Schanden machen zuschanden machen
zu Stande bringen zustande kommen
zu Tage fördern zutage fördern
zu Wege bringen zuwege bringen
so dass sodass
an Stelle anstelle
auf Grund aufgrund
mit Hilfe mithilfe
zu Gunsten zugunsten
zu Lasten zulasten
näher kommen näherkommen
richtig stellen richtigstellen
kennen lernen kennenlernen
warm machen Essen warmmachen
rot streichen eine Wand rotstreichen
schwer krank ein schwerkranker Patient
leicht verständlich leichtverständlich
allein erziehend alleinerziehend
in Frage stellen infragestellen
Rat suchend ratsuchend
Vertrauen erweckend vertrauenderweckender
zu-Stande-bringen Zustandebringen
Gewinn bringend gewinnbringend
Hilfe suchend hilfesuchend
Man schreibt ,,Diätenanpassung" in einem Wort, aber ,,Unwort-Aktion" (bessere Lesbarkeit).
Die Nachrichtenagenturen haben sich in einigen Fällen auf Zusammenschreibung festgelegt
Anlage 6:
Beispiele für Großschreibungen
der Alte Fritz die Alte Welt das Alte Testament
der Atlantische Ozean der Blaue Planet der Blaue Reiter
das Dritte Programm die Dritte Welt die Erste Bundesliga
der Erste Bürgermeister der Erste Mai der Erste Weltkrieg
die Ewige Stadt der Ferne Osten der Gelbe Fluss
das Goldene Buch die Grauen Panther der Große Bär
der Große Wagen die Grüne Woche der Heilige Abend
die Heilige Nacht der Heilige Vater der Kleine Wagen
der Mittlere Osten der Nahe Osten das Neue Forum
das Neue Testament die Neue Welt der Ökumenische Rat
die Olympischen Spiele der Parlamentarische Staatssekretär
der Regierende Bürgermstr. das Rote Kreuz das Rote Meer
der Rote Milan der Rote Planet der Schiefe Turm
der Stille Ozean das Weiße Haus die Weiße Rose
der Westfälische Friede die Zweite Bundesliga das Zweite Deutsche Fernsehen
der Zweite Weltkrieg
Festlegung der Nachrichtenagenturen:
Die Nachrichtenagenturen haben sich in einigen Fällen auf Großschreibung festgelegt
die Aktuelle Stunde der Archimedische Punkt die Atlantische Allianz
der Eiserne Vorhang die Erste Hilfe die Fünf Weisen
die Gelbe Karte das Gelbe Trikot der Goldene Schnitt
der Große Lauschangriff der Grüne Punkt das Grüne Trikot
der Heilige Krieg die Hohe Schule die Jungen Wilden
das Jüngste Gericht der Kalte Krieg der Letzte Wille
die Neue Linke die Neuen Medien die Neue Mitte
der Olympische Eid das Olympische Feuer die Olympischen Spiele
die Potemkinschen Dörfer die Rote Karte (Sport) der Schnelle Brüter
das Schwarze Brett der Schwarze Freitag die Schwarze Kunst
die Schwarze Magie der Schwarze Peter der Schwarze Tod
die Sieben Weltwunder der Weiße Tod der Wilde Westen
Anlage 7
Beispiele für Zusammenschreibung nach dem Alphabet
altersschwach, angsterfüllt, aufrechterhalten
bahnbrechend, bereithalten, beschlussfähig, brandaktuell,
dabeisitzen, dahinfließen, diesmal, durchbrechen, durchlesen
einarmig, entgegensehen, entschlussfähig
fehlschlagen, fernsehen
festsetzen, festsitzen
flottmachen, formlos, fortdauern
freigeben, freilassen, freisprechen (Gericht), fremdgehen
gegenüberstehen, gemeingefährlich, gemeinnützig, geradeaus
gewährleisten, gleichstellen, gutschreiben
halbamtlich, halbmast, hasserfüllt, haushalten
hellblau, herabfallen
hintergehen, hitzebeständig, hitzefrei
hochkarätig, hochrädrig, hochrangig, hochrechnen, hochrot,
hochstapeln, hochstellen, hochtourig, hochverzinslich, hochwertig
irreführen, jahrelang
klarstellen, knielang, krankmelden, krankschreiben, kurzarbeiten
leichtfertig, leichtflüssig, lernbegierig, letztmalig, luftgekülht
meterhoch, mllieubedingt, mitmachen, modebewusst
nasskalt, notlanden. richtunggebend
schlussfolgern, schwarzarbeiten, schwarzfahren, schwerstbehindert
selbstbewusst, selbstbestimmt, sicherstellen, stattdessen, stattfinden, stilllegen
taubstumm, teilnehmen, totschlagen, tollkühn, trickreich
übereinkommen, überholen, unterstellen
vieldeutig, vielschichtig, vielseitig, vollstrecken
weiterbilden, weitgehend, werbewirksam
wiederbeleben, wiedereröffnen, wiedergutmachen, wiederherstellen,
wiederholen, wieweit, wohlgemeint
zartfühlend, zeitweilig, zeitweise
zunichte, zusammentragen, zusammenwirken,
zwangsvollstrecken, zwischenlagern.
Beispiele für Getrenntschreibung nach dem Alphabet
auseinander tauen, im Allgemeinen
beide Mal, bekannt geben, Besorgnis erregend, in Bezug auf
blau gestreift, bunt gemischt
darauf folgend, darunter fallen
Daten verarbeitend, auf Deutsch sagen, Diät leben
dicht besiedelt, jede/r Dritte
ebenso viel, das Einfachste, der Einzelne
Eisen verarbeitend, auf Englisch sagen, Erdöl exportierend, das erste Mal
fertig stellen, fest angestellt, fett gedruckt, frisch gebacken
gefangen nehmen, geheim halten, genauso schnell
gestern Abend, glühend heiß, Grauen erregend, Groß und Klein
halb leer, eine Hand voll
hängen bleiben, heilig sprechen, heiß umkämpft
hell leuchtend, hoch begabt, hoch empfindlich
Holz verarbeitend, ein paar Hundert
in Stand halten, ineinander greifen, jedes Mal, für Jung und Alt
im Klaren sein, klein gedruckt, Krebs erregend
lahm legen, Laub tragend, laufen lassen, leer stehend, leicht verderblich
der Letzte, zum letzten Mal, leuchtend blau
das Menschenmögliche, Millionen Mal, Mitleid erregend, alles Mögliche
der Nächste, nebeneinander sitzen, neu eröffnet, nicht Zutreffendes
Not leiden, o-förmig, offen lassen, des Öfteren
ein paar Mal, parallel laufen, privat versichert, probefahren, quer gestreift
Rad fahren, zu Rate ziehen, Rat suchend, der Rat Suchende, rot glühend
sauber machen, Schatten spendend, aufs Schönste
Schuld haben, schwach bevölkert, schwer verletzt
auf Seiten, von Seiten, selbst ernannt, selig sprechen
sitzen bleiben, so genannt, so viel, so weit
spazieren gehen, Sport treiben, im Stillen
zu Tage treten, tot geboren
übrig bleiben, alles Übrige, das Übrige, im Übrigen
u-förmig, im Unklaren lassen, unter der Hand
verschiedene Male, viel befahren, von Seiten
im Voraus, vorwärts kommen
Groß- und Kleinschreibung
Die Grundregel lautet, dass Substantive (Hauptwörter, Nomina), Satzanfänge und Eigennamen mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden. Schwierigkeiten können dadurch entstehen, dass nicht immer klar zu erkennen ist, ob ein Substantiv, ein Satzanfang oder ein Eigenname vorliegt. Im Wortinnern erscheinen Großbuchstaben in der Regel nur bei (fachsprachlichen) Abkürzungen, in Zusammensetzungen mit Bindestrich und bei durchgehender Großschreibung.
In bestimmten Kontexten gebräuchlich, aber nicht Gegenstand der amtlichen Rechtschreibregelung, sind Großbuchstaben im Wortinnern zur Vermeidung der Doppelnennung männlicher und weiblicher Formen (BürgerInnen, Kolleginnen) oder als gestalterisches Mittel zur Bezeichnung von Firmen, Produkten und Dienstleistungen (DaimlerChrysler, MiniDisc, TeleBanking). Solche Schreibungen werden kontrovers diskutiert und für den allgemeinen Schreibgebrauch häufig abgelehnt.
Übersicht über die Änderungen
Großschreibung:
Kleinschreibung:
Beispiele für Kleinschreibung von Adjektiven in festen Fügungen:
der blaue Dunst die grüne Lunge
der grüne Tisch die höhere Mathematik
das ewige Eis der letzte Schrei
die neue Mode die goldene Hochzeit
das ewige Leben der zweite Bildungsweg
der graue Star aus zweiter Hand
die großen Ferien die große Koalition
Groß- oder Kleinschreibung ist möglich bei Superlativen mit aufs (aufs Beste/aufs beste; aufs Herzlichste/aufs herzlichste)
Regeln nach dem Duden
Substantive und ehemalige Substantive (K 67 - 71)
K 67: Substantive schreibt man groß (vgl. aber K 70 und 71.)
Das gilt auch für Namen:
K 68: Auch in Zusammensetzungen und Aneinanderreihungen mit Bindestrich werden die Substantive großgeschrieben. Das erste Wort einer substantivischen Zusammensetzung oder Aneinanderreihung schreibt man auch dann groß, wenn es kein Substantiv ist.
K 69: Die Bezeichnungen von Tageszeiten nach Adverbien wie „gestern“, „heute“, „morgen“ werden als Substantive angesehen und großgeschrieben
K 70: Aus Substantiven entstandene Wörter anderer Wortarten werden kleingeschrieben. Dabei kann es sich um….
1. Adverbien (abends, morgens, sonntags, anfangs, rings, teils, mitten, willens, rechtens, kreuz und quer (aber: eines Abends, jenes Morgens, des letzten Sonntags usw.)
2. Bestimmte (mit „sein“ oder „werden“ verbundene) Adjektive (Mir ist angst. Du bleibst schuld daran. Ihr wird angst. Aber: Ich habe Angst. Sie ist mir gram, Du bist schuld daran.
3. Präpositionen (dank, kraft, laut, statt, trotz, seitens, angesichts, namens,
4. Unbestimmte Pronomen (Fürwörter) und Zahlwörter (ein bisschen (= ein wenig), ein paar (= einige), aber: ein Paar (= zwei zusammengehörende) Schuhe
….handeln.
Aber: In Verbindung mit den Verben sein, bleiben oder werden gelten Wörter wie angst, bange, schuld u.a. nicht mehr als Nomen und werden deshalb wie bisher kleingeschrieben: Mir ist angst [und bange];
K 71: Aus Substantiven entstandene Verbzusätze werden auch in getrennter Wortstellung kleingeschrieben (teilnehmen, ich nehme an der Veranstaltung teil).
Substantivierungen (Gebrauch von Wörtern anderer Wortarten als Substantive) (K72 - 82)
K 72:
1. Als Substantive gebrauchte Adjektive und Partizipien werden in der Regel großgeschrieben
2. Häufig zeigen vorangehende Wörter wie „alles“, „etwas“, „nichts“, „viel“, „wenig“ „nur“ den substantivischen Gebrauch an (Eigenschaftswörter werden zu Hauptwörtern):
3. Die Großschreibung gilt auch in festen Wortgruppen. Nominalisierte Adjektive, die Bestandteile fester Wendungen sind, werden – unabhängig vom eigentlichen oder übertragenen Gebrauch des Adjektivs – großgeschrieben
im Argen liegen, im Dunkeln bleiben/tappen, auf dem Laufenden halten, sich über etwas im Klaren sein, auf dem Trockenen sitzen.
Großschreibung gilt in (nicht deklinierten) Paarformeln zur Bezeichnung von Personen:
Arm und Reich, Jung und Alt, Gleich und Gleich gesellt sich gern, ein Programm für Jung und Alt.
4. Kleinschreibung gilt dagegen in festen adverbialen Wendungen aus Präposition und artikellosem, nicht dekliniertem Adjektiv. Ist das Adjektiv dekliniert, kann es sowohl klein- als auch großgeschrieben werden.
K 73: Adjektive und Partizipien mit Artikel werden kleingeschrieben, wenn sie Beifügung (Attribut) zu einem vorangehenden oder folgenden Substantiv sind
Klein geschrieben wird ein Adjektiv auch, wenn es deutlich zu einem Substantiv gehört, das im Satz steht („Die Mutter trug das kleine Kind, das große führte sie an der Hand“).
K 74 Superlative mit „am“, nach denen man mit „wie?“ fragen kann, schreibt man klein
(In diesen Fällen ist „am“ nicht zu „an dem“ auflösbar.)
K 75: In festen adverbialen Wendungen aus „aufs“ oder „auf das“ und Superlativ, die sich mit „wie?“ erfragen lassen, kann das Adjektiv groß oder kleingeschrieben werden
Groß- oder Kleinschreibung ist möglich bei Superlativen mit „aufs“ (aufs Beste / aufs beste; aufs Herzlichste/ aufs herzlichste).
K 76
1. Als Substantive gebrauchte Pronomen schreibt man groß (Meist steht in diesen Fällen ein Artikel)
2. Sonst schreibt man sie klein, auch wenn sie als Stellvertreter von Substantiven verwendet werden.
3. Possessivpronomen (besitzanzeigende Fürwörter) in Verbindung mit dem bestimmten Artikel können auch großgeschrieben werden.
K 77:
1. Die Wörter „viel“, „wenig“, „(der) eine", „(der) andere“ können groß geschrieben werden, wenn ihr substantivischer Charakter hervorgehoben werden soll
Auf der Suche nach dem anderen oder Anderen (= nach einer neuen Welt) sein.
Die einen oder Einen sahen zu, die anderen oder Anderen halfen mit.
Die meisten oder Meisten blieben zu Hause.
2. In der Regel werden sie jedoch mit allen ihren Beugungs- und Steigerungsformen kleingeschrieben
K 78:
1. Als Substantive gebrauchte Grundzahlen schreibt man groß, wenn sie Ziffern bezeichnen
2. Sonst werden Grundzahlen unter einer Million kleingeschrieben
K 79 Die Wörter „ hundert“, „tausend“ oder „Dutzend" können klein- oder großgeschrieben werden, wenn mit ihnen unbestimmte, nicht in Ziffern schreibbare Mengen angegeben werden
Viele Hundert oder hundert kamen bei dem Erdbeben ums Leben.
Einige Tausend oder tausend kleiner Vögel verdunkelten die Sonne.
Es gab Dutzende oder dutzende von Reklamationen.
Aber nur:
Wir erwarteten hundert Gäste (= 100 Gäste).
Der Schrank kostete tausend Euro (= 1 000 Euro).
Ich kaufte zwei Dutzend Eier (= 24 Eier).
K 80: Als Substantive gebrauchte Bruchzahlen und Ordnungszahlen schreibt man groß:
Die Unterscheidung zwischen Ordnungszahlen, die eine Reihenfolge angeben, und denen, die Rangfolge angeben, hat keinen Einfluss auf die Schreibung.
K 81: Groß schreibt man als Substantive gebrauchte
Auf das ganze Drum und Dran könnte ich verzichten.
3. Konjunktionen (Bindewörter),
4. Interjektionen (Ausrufewörter)
Bei mehrteiligen, mit einem Bindestrich verbundenen Konjunktionen gilt das nur für das erste Wort: Es gibt hier nur ein Sowohl-als-auch, kein Entweder-oder.
K 82:
1. Als Substantive gebrauchte Infinitive schreibt man groß:
2. Infinitive ohne Artikel, Präposition oder nähere Bestimmung können in bestimmten Fällen entweder als Substantiv oder als Verb aufgefasst und demnach groß- oder kleingeschrieben werden:
Wir lernen (das) Segeln oder (ein Boot) segeln.
Anrede (K 83-85)
K 83:
1. Die (vertraulichen) Anredepronomen „du“ und „ihr“ sowie die entsprechenden Possessivpronomen „dein“ und „euer“ werden im Allgemeinen kleingeschrieben:
Ich habe euch heute in der Stadt gesehen.
Wir wollen euretwegen keinen Ärger bekommen.
2. In Briefen kann auch großgeschrieben werden
K 84:
1. Die Höflichkeitsanrede „Sie“ und das entsprechende Possessivpronomen „Ihr“ werden immer großgeschrieben:
Mit Ihrer Tochter ist unsere Personalabteilung sehr zufrieden.
Wenn du/Du willst, komme ich am Freitag.
Was ist dir/Dir denn passiert? Mir gefällt dein/Dein neues Auto.
Natürlich seid ihr/Ihr herzlich willkommen!
Ich gratuliere euch/Euch zum Hochzeitstag.
Akzeptieren Sie unseren Vorschlag?
Wir bedanken uns für Ihr Angebot und wünschen Ihnen ein schönes Wochenende.
2. Das rückbezügliche Pronomen „sich“ schreibt man dagegen klein:
Sie können sich nicht vorstellen, was mir gestern passiert ist!
K 85: Die Pronomen in bestimmten älteren Anredeformen und Titeln schreibt man groß:
Führen Sie mich zu Seiner Exzellenz. Auf das Wohl Ihrer Majestät, der Königin!
Titel und Namen (K 86 - 91)
K 86: Das erste Wort eines Buch-, Film- oder Zeitschriftentitels, einer Überschrift o. Ä. wird großgeschrieben:
Er hat in dem Film „Der Totmacher“ die Hauptrolle gespielt.
Der Aufsatz hat die Überschrift „Mein schönstes Ferienerlebnis“.
K 87: Das erste Wort eines Straßennamens wird großgeschrieben, ebenso alle zum Namen gehörenden Adjektive und Zahlwörter:
K 88:
1. Alle zu einem mehrteiligen Namen gehörenden Adjektive, Partizipien, Pronomen und Zahlwörter schreibt man groß:
In festen Wortverbindungen aus einem Adjektiv und einem Nomen wird das Adjektiv im Normalfall kleingeschrieben, sofern es sich nicht um einen Eigennamen handelt (die schwarze Liste, der erste Spatenstich, die goldene Hochzeit: Wenn jedoch hervorgehoben werden soll, dass die Wortverbindung mit einer neuen (übertragenen) Gesamtbedeutung gebraucht wird, ist auch die Großschreibung des Adjektivs möglich (das schwarze/Schwarze Brett (= Anschlagtafel), der letzte/Letzte Wille (= Testament)..
2. Nicht am Anfang des Namens stehende Adjektive werden gelegentlich auch kleingeschrieben: Gesellschaft für deutsche Sprache, Institut für angewandte Umweltforschung.
K 89:
1. Es gibt Wortgruppen (feste Begriffe), die keine Namen sind, obwohl sie oft als Namen angesehen werden. Hier schreibt man die Adjektive in der Regel klein:
2. Ausnahmen bilden die folgenden Fälle:
a) Titel und Ehrenbezeichnungen: Königliche Hoheit
b) Amtsbezeichnungen: Erste Vorsitzende (als Amtsbezeichnung, sonst: erste Vorsitzende) Regierender Bürgermeister (als Amtsbezeichnung, sonst: regierender Bürgermeister)
c) besondere Kalendertage: Weißer Sonntag, Heiliger Abend
d) historische Ereignisse und Epochen. der Westfälische Friede, das Elisabethanische Zeitalter.
3. Adjektive, die mit dem folgenden Substantiv einen idiomatisierten Gesamtbegriff bilden, können auch großgeschrieben werden. Die Kleinschreibung der Adjektive ist auch hier der Regelfall, in einigen Fällen hat sich die Großschreibung aber im Schreibgebrauch verfestigt:
Vorwiegend in Großschreibung: die Erste Hilfe, die Große Kreisstadt.
In einigen Fachsprachen wie in der Botanik und Zoologie werden die deutschen Bezeichnungen der Arten, Unterarten und Rassen konsequent großgeschrieben: das Fleißige Lieschen, die Schwarze Mamba, die Erste Hilfe (Laienhilfe bei Unglücksfällen).
K 90:
Von geografischen Namen abgeleitete Wörter auf „-er“ schreibt man immer groß, die von geografischen Namen abgeleiteten Adjektive auf „-isch“ schreibt man klein, wenn sie nicht Teil eines Namens sind:
K 91: Von Personennamen abgeleitete Adjektive werden kleingeschrieben, wenn sie nicht Teil eines Namens sind:
Aber: die Cansteinsche Bibelanstalt.
Die frühere Groß- oder Kleinschreibung nach der Bedeutung des Adjektivs gilt nicht mehr.
das ohmsche Gesetz (von Ohm stammend) und der ohmsche Widerstand (nach Ohm benannt)
Satzanfang (K 92 - 96)
K 92: Das erste Wort eines Ganzsatzes (eines selbstständigen Satzes, zu dem auch ein oder mehrere Teilsätze gehören können, schreibt man groß:
K 93: Auch nach einem Doppelpunkt und bei angeführten Sätzen wird das erste Wort eines Ganzsatzes großgeschrieben:
1. Nach einem Doppelpunkt kann groß- oder kleingeschrieben werden, wenn der folgende Satz (wie ein Teilsatz) auch mit Gedankenstrich oder Komma angeschlossen werden könnte:
2. Man schreibt nach einem Doppelpunkt klein, wenn der folgende Text nicht als Ganzsatz aufgefasst wird. Das ist in der Regel bei Aufzählungen, bei speziellen Angaben in Formularen o. Ä. der Fall:
Und wenn nach einer Aufzählung gewissermaßen nur eine Schlußfolgerung gezogen werden soll, wird klein geschrieben.
K 94: Nach Anführungen innerhalb eines Ganzsatzes schreibt man klein:
Sie schrie: „Niemals!“, und schlug die Tür zu.
K 95: Bei in Gedankenstriche oder Klammern eingeschlossenen eingeschobenen Sätzen wird das erste Wort - sofern es kein Substantiv o. Ä. ist - kleingeschrieben
Der Staat hat - das behauptet jedenfalls die Regierung - keinen Spielraum für Steuersenkungen.
K 96: Mit Apostroph beginnende sowie auf Auslassungspunkte folgende Wörter bleiben am Satzanfang unverändert
Einzelbuchstaben und Abkürzungen
Wie Substantive gebrauchte einzelne Buchstaben schreibt man üblicherweise groß. Meint man aber den Kleinbuchstaben, wie er im Schriftbild vokommt, schreibt man meist klein.
K 97: Die Groß- und Kleinschreibung von Abkürzungen, zitierten Wörtern und Einzelbuchstaben ändert sich in Zusammensetzungen mit Bindestrich nicht:
Weitere Regeln für Großschreibung:
Kleinschreibung: Beispiele für Kleinschreibung von Adjektiven in festen Fügungen:
der blaue Dunst das ewige Eis das ewige Leben
die goldene Hochzeit der graue Star die großen Ferien
die große Koalition die grüne Lunge der grüne Tisch
die höhere Mathematik der letzte Schrei die neue Mode
der zweite Bildungsweg aus zweiter Hand
aber: der Runde Tisch
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Großschreibung |
Kleinschreibung |
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das Wandern |
morgens |
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die Beteiligten |
trotz des |
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das (ein) Paar |
ein paar |
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den Seinen |
im allgemeinen gilt heute |
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nichts Neues |
von neuem |
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bleibt im Allgemeinen stecken |
dank seines Gedächtnisses |
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ins Lächerliche ziehen |
schuld sein (Schuld haben) |
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des Fliegens |
recht haben |
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vom Ich zum Du |
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Übereinkunft der Medien:
Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben sich bei Wahlmöglichkeiten für eine einheitliche Schreibweise entschieden (damit ein Suchbegriff leichter gefunden werden kann):
Nachrichtenagenturen:
Die Nachrichtenagenturen haben sich in einigen Fällen auf Großschreibung festgelegt
die Aktuelle Stunde der Archimedische Punkt die Atlantische Allianz
der Eiserne Vorhang die Erste Hilfe die Fünf Weisen
die Gelbe Karte das Gelbe Trikot der Goldene Schnitt
der Große Lauschangriff der Grüne Punkt das Grüne Trikot
der Heilige Krieg die Hohe Schule die Jungen Wilden
das Jüngste Gericht der Kalte Krieg der Letzte Wille
die Neue Linke die Neuen Medien die Neue Mitte
der Olympische Eid das Olympische Feuer die Olympischen Spiele
die Potemkinschen Dörfer die Rote Karte (Sport) der Schnelle Brüter
das Schwarze Brett der Schwarze Freitag die Schwarze Kunst
die Schwarze Magie der Schwarze Peter der Schwarze Tod
die Sieben Weltwunder der Weiße Tod der Wilde Westen
Beispiele für Großschreibungen in Anlage 6:
Gemäßigte Kleinschreibung
Bei den beratungen für die rechtschreibreform wurde für die deutsche sprache unter anderem auch die „"gemäßigte kleinschreibung“ vorgeschlagen. Das heißt, wie in anderen Sprachen auch sollten bis auf Eigennamen und Satzanfänge alle Wörter ausschließlich klein geschrieben werden. Dabei können jedoch durchaus mißverständliche Sätze entstehen:
Wir haben in Moskau liebe genossen.
Lieber arm dran als arm ab.
Er sah eisen und stahl im laden.
Sein leben war nur treue und selbstlose pflichterfüllung.
Helft den notleidenden vögeln!
Er hat einen kleinen weg.
Prognosen sagen uns nicht viel, und versprechen noch weniger.
Du bist so gut zu vögeln.
Wenn's schmuck sein soll, ...
Schweizer, die deutschen boden verkaufen.
Wir hören weise reden.
Das ist eine schale suppe.
Lieber vereinsamt als vereinsamt.
Wer wird denn gleich rasen wollen (wenn es auch eine wiese tut).
Er ist bräutigam und braut zugleich.
Sie nannten das bild „gebet einer jungfrau“ (wird ihr auch genug gegeben?)
Überschriften und Halbsätze:
Der gefangene floh
Die weisen lügen!
Die macht der liebe
Viele verrückte speisen in der kantine
Die toten fliegen!
Der macht den durchbruch!
Die haut der arme.
Die folgenden verqueren Sätze sind zwar nicht unbedingt missverständlich,
aber man kann beim lesen schon ins schleudern kommen:
Bald wogen der begeisterung wegen, mit der sie zulangten, die gäste immer
mehr.
Fuggers wagen waren wegen der fuhrleute schneller, denn diese wagen waren
wegen anzuvertrauen, die andere nicht wagen würden.
Wir weinen auf den wegen wegen den weinen.
Wenn hinter fliegen fliegen fliegen, fliegen fliegen fliegen hinterher.
Wenn hinter robben robben robben, robben robben robben hinterher.
Er war in untersuchungshaft und wohnhaft in Hamburg.
Aber es gibt auch Sätze, die auch unter Beibehaltung der normalen Groß- und
Kleinschreibung missverständlich sind:
Der Junge beobachtet den Mann mit dem Fernrohr.
Das Mädchen lobt die Mutter.
Das sagten die Kinder der Tante.
Die FDP geht mit der Zeit.
Er schlug erst die Fensterscheibe und dann den Weg nach Rom ein.
Der Ausbau des PC-Arbeitsspeichers ist erforderlich.
Ich denke über die Aufgabe meines Jobs nach.
Hamburg wird vorne mit „H“ geschrieben, und hinten auch.
Anweisung bei Windows: Datei auswählen -> Auswahl aufheben.
Für diese Sätze gibt es sogar drei Interpretationen:
Er hat die Verordnung aufgehoben.
Ich habe das Schloss repariert.
Getrennt- und Zusammenschreibung
Die Unterscheidung von getrennt geschriebenen Wortgruppen und zusammengeschriebenen Zusammensetzungen ist nicht immer eindeutig möglich. Wo die nachstehenden Hinweise und das amtliche Regelwerk keine Klarheit schaffen, sollte sowohl Getrenntschreibung als auch Zusammenschreibung toleriert werden. Die folgende Darstellung behandelt die Getrennt- und Zusammenschreibung unter diesen Gesichtspunkten:
Zusammensetzungen und Wortgruppen mit Verben
Verbindungen aus einem Nomen und einem Verb werden in der Regel getrennt geschrieben (Auto fahren, Klavier spielen, Rad fahren, Hof halten, Kegel schieben, Maschine schreiben).
Getrennt schreibt man alle eindeutigen Wortgruppen wie „zusammen verreisen“, „klein beigeben“ , „schwindlig machen“, „schwanger werden“ usw.
Man schreibt getrennt, wenn das Nomen nicht abgeschwächt ist und seine Eigenbedeutung behalten hat: Er kann Auto fahren, Die mußten Schlange stehen, Ich gehe Ski laufen, Gefahr laufen, Rat holen, Klavier spielen, Sorge tragen, Kahn fahren, Seil ziehen.
Man schreibt zusammen, wenn das Nomen abgeschwächt ist und das Verbale überwiegt:
Er kann radfahren, die werden kopfstehen, Ich gehe eislaufen, bergsteigen, kegelschieben, kunststopfen, kopfrechnen, staubsaugen, sackhüpfen (Aber: ich fahre Rad – zum Teil nur im Infinitiv und Partizip gebraucht).
Wegen der Komplexität der Getrennt- und Zusammenschreibung kann es Fälle geben, die mithilfe der nachstehenden Regelungen nicht einduetig zu klären sind. Wenn auch das Wörterverzeichnis nicht weiterhilft, stehen den Schreibenden gewisse Freiräume für eigene Entscheidungen offen.
Übersicht über die Änderungen
Getrenntschreibung:
Zusammenschreibung
Regeln nach dem Duden
K 47: Verben können mit
sogenannte trennbare oder unfeste Zusammensetzungen bilden, die nur im Infinitiv, in den beiden Partizipien sowie bei Endstellung im Nebensatz zusammengeschrieben werden (stattfinden (die Sitzung findet statt), teilnehmen (sie nahm daran teil).
K 48: Zusammensetzungen mit Verben können gelegentlich aus denselben oder ähnlichen Wörtern bestehen wie getrennt geschriebene Wortgruppen. Bei den Zusammensetzungen aus Adverb und Verb ist das Adverb meist deutlich stärker betont als das Verb. Bei den entsprechenden Wortgruppen sind die Bestandteile in der Regel etwa gleich betont:
K 49: Verbindungen mit dem Verb „sein“ werden generell getrennt geschrieben:
(Aber als Substantive: das Dasein, das Dabeisein usw.)
K 50: Bei bestimmten Zusammensetzungen aus Adverb oder Präposition + Verb zeigt die Betonung, ob es sich um ein trennbares oder untrennbares Verb handelt:
K 51: Zusammenschreibung gilt in der Regel, wenn der erste Bestandteil als frei vorkommendes Wort ungebräuchlich ist:
Man schreibt jedoch getrennt, wenn der erste Bestandteil auch in zwei Wörtern geschrieben werden kann. Aber: zugrunde liegen, weil auch zu Grunde liegen möglich ist.
K 52 Zusammenschreibung gilt, wenn der erste Bestandteil in der Verbindung mit dem Verb
nicht mehr eindeutig einer Wortart zugeordnet werden kann
K 53: Ist der erste Bestandteil ein Partizip, wird in der Regel getrennt geschrieben:
(Aber als Substantive: das Getrenntschreiben, das Gefangennehmen usw.)
K 54. Ist der erste Bestandteil ein (nicht verblasstes) Substantiv, schreibt man in den meisten Fällen getrennt. Ist das Substantiv verblasst oder hat es in Verbindung mit dem Verb seine Eigenständigkeit verloren, schreibt man zusammen:
Bilden Nomen und Verb eine untrennbare Zusammensetzung, wird zusammengechrieben: Zusammenschreibung:
K 55: Ist der erste Bestandteil ein Verb, wird in der Regel getrennt geschrieben. Verbindungen aus einem Verb im Infinitiv und einem zweiten Verb werden im Allgemeinen getrennt geschrieben. Verbindungen mit „bleiben“ und „lassen“ als zweitem Bestandteil dürfen jedoch bei übertragener Bedeutung auch zusammengeschrieben werden. Bei der Verbindung aus „kennen“ und „lernen“ ist sowohl die Getrennt- als auch die Zusammenschreibung möglich:
„auf dem Stuhl sitzen geblieben“. (Aber als Substantive nur: das Spazierengehen, das Sitzenbleiben usw.) (keine Unterscheidung zwischen konkreter und übertragener Bedeutung).
K 56
1. Ist der erste Bestandteil ein einfaches Adjektiv, mit dem das Ergebnis einer mit dem Verb genannten Tätigkeit bezeichnet wird, kann getrennt oder zusammengeschrieben werden.
Nur getrennt schreibt man bei zusammengesetzten oder abgeleiteten oder erweiterten Adjektiven und bei zusammengesetzten Verben. Ebenso gilt Getrenntschreibung bei intransitiven und reflexiven Verben:
Aber nur:
Getrennt- oder Zusammenschreibung für Verbindungen mit einem einfachen ungebeugten Adjektiv:
In Fällen wie „festtreten, totschlagen oder volltanken“ ist die (nach den Regeln nicht ausgeschlossene) Getrenntschreibung ungebräuchlich.
2. Ergibt die Verbindung von Adjektiv und (meist einfachem) Verb eine neue, als solche verfestigte Gesamtbedeutung, schreibt man zusammen. Wenn dies nicht klar entschieden werden kann, ist Getrennt- oder Zusammenschreibung zulässig:
In den übrigen Fällen wird getrennt geschrieben
Zusammensetzungen und Wortgruppen mit Adjektiven und Partizipien
K 57:
1. Zusammensetzungen können einfache, unflektierte Adjektive als bedeutungsverstärkende oder bedeutungsmindernde erste Bestandteile haben, mit denen sich oft längere Reihen bilden lassen:
2. Zusammensetzungen können aus gleichrangigen Adjektiven gebildet werden.
K 58: Partizipien richten sich nach den zugrunde liegenden Verbindungen mit Verben. Hier ist jedoch neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung zulässig. Dasselbe gilt für die entsprechenden Substantivierungen. Je nach dem Zusammenhang können Wortgruppen oder Zusammensetzungen vorliegen:
K 59: Zusammensetzungen mit einem Substantiv als erstem Bestandteil sind oft Verkürzungen von Wortgruppen. Es wird dabei ein Artikel oder eine Präposition (ein Verhältniswort) eingespart:
K 60:
1. Für Fälle, die in K 57 bis 59 nicht beschrieben sind, gilt in der Regel Getrenntschreibung:
2. Verbindungen mit „nicht“ als erstem Bestandteil können getrennt oder zusammengeschrieben werden:
K 61: Längere, in Zusammenschreibung unübersichtliche Zusammensetzungen aus gleichrangigen Adjektiven schreibt man mit Bindestrich:
K 62: Ist der erste Bestandteil gesteigert oder erweitert, gilt Getrenntschreibung:
Präposition (Verhältniswort) und Substantiv
K 63 Man schreibt ein (verblasstes) Substantiv mit einer Präposition zusammen, wenn die Fügung zu einer neuen Präposition oder einem Adverb geworden ist. In vielen Fällen kann die Fügung auch als Wortgruppe angesehen und getrennt geschrieben werden. Zusammenschreibung gilt, wenn das abgeschwächte Nomen eine Präposition oder ein Adverb wird:
aber nur getrennt: zu Fuß, zu Ende, von Sinnen, bei der Hand.
Schreibe getrennt, wenn beide Wörter (Nomen und Präposition) ihre ursprüngliche Bedeutung behalten: zur Seite - zur Folge (haben) - unter der Hand (halten) - zu Händen - in Gunst (stehen) - zu Zeiten (Luthers), in Zeiten, zur Zeit, (gut) im Stande (halten), mit Bezug auf, in Frage, in Kraft, über Kreuz, eine Rede frei halten, Schüler auseinander setzen.
Weitere Regeln für Getrenntschreibung:
* Verbindungen aus „aneinander, aufeinander, auseinander, usw.“ und Verb (aneinander fügen, auseinander biegen, gegeneinander stoßen, zueinander finden).
* Verbindungen aus Adverbien, die mit „-wärts“ gebildet sind, und Verben (aufwärts gehen, vorwärts kommen).
* Verbindungen aus abgeleitetem Adjektiv auf „-ig, - isch oder –lich“ und Verb (müßig gehen, neidisch blicken, freundlich grüßen)
* Verbindungen aus „so, wie, zu“ und Adjektiv, Adverb oder Pronomen (so hohe Häuser, wie weit, zu viel Geld, so viel, wie viel)
* Verbindungen aus einem Adjektiv und einem Partizip oder aus zwei Adjektiven: 1. wenn der erste Bestandteil ein Partizip ist (drückend heiß, kochend heiß, leuchtend blau)
2. wenn der erste Bestandteil eine Ableitung auf „ -ig, - isch oder –lich“ ist (riesig groß, mikroskopisch klein, bläulich grün) 3. * Wenn der erste Bestandteil gesteigert oder erweitert werden kann (dünn besiedelt, ernst gemeint, schlecht gelaunt, unten erwähnt, weit verbreitet)
Weitere Regeln für Zusammenschreibung:
* Feste Verbindungen aus Substantiv/Adjektiv und Verb (schlußfolgern, vollenden)
* Verbindungen aus verblassten Substantiven und Verb (heim-, irre-, preis-, stand-, statt-, teil- wett-, wunder-)
* bei irgendjemand und irgendetwas (wie bisher schon bei irgendein, irgendwann, irgendwer (aber wenn der zweite Bestandteile erweitert ist: irgend so einer, irgend so etwas).
* Ein Bestandteil der Verbindung existiert nicht als eigenständiges Wort (wettrennen, blauäugig, schnellstmöglich, schwerstbehindert, aber: überhand nehmen)
* der erste Bestandteil stellt eine verkürzte Wortgruppe dar (schlafwandeln, sonnenbaden, freudestrahlend, stromabwärts, infolge, umständehalber)
* die Getrenntschreibung ergäbe eine unkorrekte Form (man maßregelte ihn, sie wollten heimkehren, sie war todtraurig, kopfüber in den Fluß, können jederzeit kommen, zufrieden sein)
* der adjektivische Bestandteil ist eine Fügung aus Adjektiv + Verb in der betreffenden Verbindung, weder erweiterbar noch steigerbar (aber die Negation „nicht“ ist keine Erweiterung) (bereitstellen, fernsehen, freisprechen, schwarzarbeiten, totschlagen, wahrsagen)
* Mehrgliedrige Anglizismen (aber Schreibung mit Bindestrich, wenn Unübersichtlichkeiten entstehen)(Midlifecrisis/Midlife-Crisis; Sexappeal/Sex-Appeal).
Manchmal sind Zusammen- und Getrenntschreibung beide möglich:
anhand oder an Hand, anstelle oder an Stelle, aufgrund oder auf Grund
Entweder nur getrennt oder nur zusammengeschrieben:
* Getrennt- oder Zusammenschreibung gilt neu auch für Verbindungen mit einem einfachen ungebeugten Adjektiv. Jetzt kann man demnach schreiben: allgemein gültig oder allgemeingültig, schwer krank oder schwerkrank, leicht verdaulich oder leichtverdaulich
* Zusammen- oder Getrenntschreibung gilt jetzt für zahlreiche feste Verbindungen aus einer Präposition und einem (verblassten) Nomen.
* Verbindungen mit einem adjektivisch gebrauchten Partizip als zweitem Bestandteil können jetzt getrennt oder zusammengeschrieben werden.
* Aus grammatischen Gründen darf entweder nur getrennt oder nur zusammengeschrieben werden:
Weitere Regeln:
Entsteht jedoch aus zwei Wörtern e i n Wort mit neuer Bedeutung, so wird zusammen geschrieben: einen Platz freihalten, mit jemandem auseinandersetzen (die Betonung liegt dabei mehr auf dem ersten Teil des Wortes).
Höchstens drei Substantive dürfen zu einem neuen zusammengesetzt werden (Sommerschlußverkauf), in allen anderen Fällen muß umschrieben werden. Gerade noch gehen relativ kurze Wörter wie „Eisenbahnfahrplan“ (wo es sich im Grunde nur um zwei Wörter handelt, die zusammengesetzt werden).
Daran bist nur du Schuld!
Nun hat natürlich wieder einmal keiner von euch Schuld!
„schuld sein“ und „Schuld haben“
Zu diesem Punkt ist noch etwas ganz Allgemeines zu sagen.
Es ist wichtig, das Mein und das Dein zu unterscheiden.
Unterbrich mich nicht dauernd mitten im Sprechen!
Wenn man mit der Bahn reist, kommt es auf ein paar Sachen mehr oder weniger im Gepäck nicht an, aber bei einer Flugreise macht schon ein Paar Schuhe etwas aus.
Im .allgemeinen geht er zu wenig ins Einzelne und berücksichtigt zu stark das Allgemeine.
Ein „Druckerzeugnis“ könnte auch ein „Druckerzeugnis“ sein (hier muß man einen Bindestrich setzen, wenn der Zusammenhang nicht den Sinn klar macht).
Ein Bindestrich wird auch verwendet, wenn drei gleiche Vokale aufeinander folgen („See-Elefant“).
Bindestriche helfen auch, Wiederholungen zu vermeiden (Halbtags- und Ganztagskräfte), aber man darf das nicht übertreiben (Him- und Brombeere).
Geografische Namen auf „-er“
K 64:
1. Ableitungen von geografischen Namen auf „-er“ schreibt man mit dem folgenden Substantiv zusammen, wenn sie Personen bezeichnen.
2. Man schreibt sie getrennt, wenn sie die geografische Lage bezeichnen:
3. Es gibt geografische Namen, die keine Ableitungen der oben genannten Art sind. Hier gilt Zusammenschreibung.
Zahlen
K65: In Buchstaben geschriebene Zahlen schreibt man zusammen, wenn sie kleiner als eine Million sind, und getrennt, wenn sie größer als eine Million sind. Ordinalzahlen werden generell zusammengeschrieben. Dezimalzahlen schreibt man als Wortgruppe.
K 66: Ableitungen von in Buchstaben geschriebenen Zahlen und entsprechende Zusammensetzungen schreibt man zusammen:
Beispiele für Getrenntschreibung in Anlage 3 und 7
Beispiele für Zusammenschreibung in Anlage 4 und 7
Beispiele für Getrenntschreibung und Zusammenschreibung in Anlage 5
Straßennamen
Laut Duden werden Straßennamen, die aus einem einfachen oder zusammengesetzten Substantiv (auch Namen) und einem für Straßennamen typischen Grundwort bestehen, zusammengeschrieben.
Experten fordern dagegen: Straßennamen mit einteiligem Bestimmungswort werden zweckmäßigerweise mit Bindestrich geschrieben, wenn die Zusammenschreibung wegen Häufung von Selbstlauten oder Mitlauten an der Wortfuge wahrscheinlich Leseschwierigkeiten bereitet (also: Rushmoor-Park, Heuss-Straße). Aber: Konrad-Adenauer-Allee, St.-Ursula-Gasse, Erich-Kästner-Schule. Dagegen: „Johann Wolfgang Goethe Universität", weil es bei der Gründung so eingetragen wurde.
Eine Straße, die nach einem Herrn Lange benannt wurde, heißt ,,Langestraße". Eine lange Straße jedoch wird geschrieben ,,Lange Straße" (ebenso: Kronberger Straße).
Ortsübliche Bildungen sind dagegen „Stierstädter“ und nicht ,,Stierstadter" und ,,Oberstedter" und nicht ,,Oberstedtener".
An dem einen Ende der Straße in Bommersheim steht „Lange Straße“, am anderen Ende aber „Langestraße“. Was ist richtig, was falsch? Wäre sie nach einem Herrn Lange benannt, hieße sie richtigerweise „Langestraße“. Da sie aber ihre eigene Länge kundtun will, stimmt „Lange Straße“ (aber: „Langgasse“).
Schreibt sich die Kronberger Straße tatsächlich in einem Wort, wie ein Schild in Oberursel vorgibt? Und wie ist das mit der Oberhöchstadter Straße, die in Kronberg Oberhöchstädter Straße heißt? Sind die Stierstädter nicht eigentlich Stierstadter und die Oberstedter Oberstedtener? Es gibt eindeutige Regeln - aber auch erstaunlich flexible Sprachwissenschaftler.
Der Duden sagt eindeutig: „Straßennamen, die aus einem einfachen oder zusammengesetzten Substantiv (auch Namen) und einem für Straßennamen typischen Grundwort bestehen, werden zusammengeschrieben“. Es heißt also „Schloßpark“.
Franz Planatscher, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, weist aber darauf hin, daß man „Po-Ufer“ aus Gründen der Lesbarkeit schreiben muß. Er stellt die Regel auf: „Straßennamen mit einteiligem Bestimmungswort werden zweckmäßigerweise mit Bindestrich geschrieben, wenn die Zusammenschreibung wegen Häufung von Selbstlauten oder Mitlauten an der Wortfuge wahrscheinlich Leseschwierigkeiten bereitet.“ Gelten lassen würde er deshalb auch Heuss-Straße statt Heussstraße.
Überhaupt nicht gelten lassen würde er allerdings „Adenauer- Alle“ mit Bindestrich. Anders läge der Fall, wenn die Oberurseler den Altkanzler mit vollem Namen und gar akademischem Grad verewigt hätten: „Dr.-Konrad-Adenauer-Straße“ wäre dann korrekt -so wie „St.-Ursula-Gasse“ korrekt ist, denn: „Den Bindestrich setzt man, wenn die Bestimmun zum Grundwort aus mehreren Wörtern besteht.“
So gesehen, ist die „Ernst Baldes Passage“ (total ohne Bindestrich) eine böse grammatikalische Schludrigkeit. Wenigstens nur ein Bindestrich fehlt an der Erich Kästner-Schule in Oberursel. Der Erich hängt beziehungslos am Kästner und am Grundwort. Möglicherweise ist das sogar Absicht, es kann wegen der Ferien nicht nachgeprüft werden, Horst-Dieter Schlosser an der Frankfurter Uni weiß, daß Namensgeber Kästner einmal heftig gegen die Bindestriche polemisiert haben soll, bei der Namensgebung der Schule in Maintal hat er es sogar gefordert.
Seine eigene Universität hat völlig auf Bindestriche verzichtet: „Johann Wolfgang von Goethe Universität“, so wurde sie bei der Gründung regelwidrig eingetragen, aber offiziell. Heute heißt sie übrigens „Johann Wolfgang Goethe Universität“.
Franz Planatscher in Wiesbaden hat einmal ein Büchlein über Straßennamen veröffentlich. Er will sich da nicht zum Schiedsrichter machen: „Es gibt ortsübliche Bildungen, falsch ist weder die eine noch die andere.“ Also können sich die Stierstädter unbesorgt weiter so nennen, auch wenn im Stadtplan die „Stierstadter Straße“ und die „Stierstadter Heide“ ohne „ä“ verzeichnet sind. „Das kann kein Stierstädter veranlaßt haben“, meint dazu Hubert Kraus im Oberurseler Rathaus, auf hochdeutsch heiße es vielleicht „Stierstadter“, aber er sei selbstverständlich „Stierstädter“. Es heißt natürlich „Oberstedter“ und nicht etwa „Oberstedtener“. „Weißkircher“ andererseits würde niemand sagen, es handelt sich um „Weißkirchener“. Ortsübliche Bildungen eben.
Aber Schildermacher Hannes Göttsch in Dreieich, der halb Hessen mit Straßennamenschildern ausstattet, weiß zum Beispiel nicht, ob es „Buchschlager Allee“ heißen muß oder „Buchschläger Allee“. Gnädig sind die Experten hingegen mit dem Rushmoor-Park: „Eigentlich ohne Bindestrich, aber man kann es lassen.“
Kommasetzung
Das Komma (Beistrich) ist ein Gliederungszeichen. Es dient der Gliederung des Satzes. Innerhalb eines Ganzsatzes grenzt es bestimmte Wörter, Wortgruppen oder Teilsätze voneinander oder vom übrigen Text des Satzes ab. Es steht vor allem bei Aufzählungen, herausgehobenen Satzteilen sowie Einschüben und Zusätzen aller Art. Es steht jedoch in der Regel nicht zwischen Satzgliedern, auch wenn diese durch Beifügungen sehr umfangreich sind. Werden Wörter, Wortgruppen oder Teilsätze von zwei Kommas eingeschlossen, weil sie in den übergeordneten Text eingeschoben sind, so spricht man auch vom „paarigen“ Gebrauch des Kommas.
Übersicht über die Änderungen
Im Vergleich zur bisherigen Duden-Regelung gibt es Vereinfachungen beim Komma vor „und“ oder „oder“ sowie in Verbindung .mit Infinitiv- und Partizipgruppen. Dem Schreibenden wird hier größere Freiheit eingeräumt. Dadurch hat er mehr Möglichkeiten, dem Lesenden die Gliederung zu verdeutlichen und das Verstehen zu erleichtern
Mit „und“ oder „oder“ verbundene Hauptsätze müssen nicht mehr durch ein Komma getrennt werden: Früher: „Der Schnee schmolz dahin, und bald ließen sich die ersten Blumen sehen, und die Vögel stimmten ihr Lied an.“ Heute: „Der Schnee schmolz dahin und bald ließen sich die ersten Blumen sehen und die Vögel stimmten ihr Lied an.“
Kein Komma:
Mit Komma:
Die wichtigsten Regeln: Das Komma zwischen Sätzen
hatte.
vollständigen Sätzen.
Ausnahmen:
a.) Wenn der erweiterte Infinitiv mit „zu“ mit den Teilen des übrigen Satzes verschränkt ist, steht kein Komma (Diese Erscheinung wollen wir zu erklären versuchen).
b.) Wenn der erweiterte Infinitiv mit „zu“ einem Hilfsverb (sein, haben) oder einem hilfszeitwörtlich gebrauchten Verb (pflegen, scheinen, vermögen) folgt, steht kein Komma (Es ist nicht ganz zu übersehen).
Das Komma vor „und” oder „oder” (Zusammenfassung):
verbindet.
Regeln nach dem Duden
Bei Aufzählungen (K100 - 102)
K 100:
Das Komma steht bei Aufzählungen, zwischen gleichrangigen Wörtern und Wortgruppen, wenn sie nicht durch Wörter wie „und“ oder „oder“ verbunden sind (§ 71 (2) u. 72).
Am Schluss der Aufzählung steht kein Komma, wenn der Satz weitergeht.
K 101:
Zwischen nicht gleichrangigen Adjektiven (von denen das erste die folgende Fügung näher bestimmt) steht kein Komma. Gelegentlich hängt es vom Sinn des Satzes ab, ob Gleichrangigkeit vorliegt oder nicht
Davon zu unterscheiden sind Fälle, in denen ein Adjektiv durch eine folgende Adjektiv-
oder Partizipgruppe näher bestimmt wird: Das Buch enthält viele farbige, (und zwar)
mit der Hand kolorierte Holzschnitte.
K 102:
Mehrere vorangestellte Namen und Titel werden nicht durch Komma getrennt. Angaben mit „geb.“, „verh.“ „verw“ usw. können ohne Komma stehen oder als Zusätze angesehen und mit Kommas abgetrennt werden
Der Geburtsname o. Ä. kann aber auch als nachgetragener Zusatz aufgefasst werden und wird dann in Kommas eingeschlossen:
Bei nachgestellten Zusätzen (K 103 - 107)
K 103:
Das Komma trennt den nachgestellten Beisatz(die Apposition) ab; eingeschobene Beiträge werden von Kommas eingeschlossen:
Gelegentlich zeigt allein das Komma, ob eine Aufzählung oder ein Beisatz vorliegt. In diesen Fällen das Komma den Sinn des Satzes verändern:
K 104:
Wenn der Beisatz Teil des Namens ist, steht kein Komma:
K 105:
1. Das Komma trennt nachgestellte Erläuterungen ab (Solche Erläuterungen werden häufig durch „und zwar“, „nämlich“, ‚zum Beispiel“, „insbesondere“ oder ähnliche Wörter und Fügungen eingeleitet.
2. Eingeschobene Nachträge werden von Kommas eingeschlossen; stehen sie jedoch zwischen Adjektiv und Substantiv oder zwischen Verb und Hilfsverb, entfällt das schließende
Komma:
Wird eine adjektivische Beifügung (ein Attribut) durch eine unmittelbar folgende zweite Beifügung näher bestimmt. dann setzt man kein schließendes Komma.
Das schließende Komma steht auch dann nicht, wenn ein Teil des Prädikats (der Satzaussage) näher bestimmt und die zugehörige Personalform des Verbs nur einmal gesetzt wird.
K 106:
1. Das Komma trennt einem Substantiv oder Pronomen nachgestellte Adjektive und Partizipien sowie entsprechende Wortgruppen ab. Sind sie in den Satz eingeschoben, werden sie von Kommas eingeschlossen:
2. Das Komma steht aber nicht, wenn in bestimmten festen Fügungen (oder in poetischen Texten) ein allein stehendes Adjektiv nachgestellt ist:
Gelegentlich werden nachgestellte Beisätze oder nachgestellte genauere Bestimmungen nicht als Einschübe gewertet, die den Satz unterbrechen, sondern wie ein Satzglied behandelt und nicht durch Komma abgetrennt. Die Entscheidung liegt in diesen Fällen bei den Schreibenden
Wie nachgestellte Adjektive und Partizipien werden auch entsprechende Partizipialgruppen und andere Wortgruppen behandelt:
Das Komma steht aber nicht, wenn in bestimmten festen Fügungen oder dichterischen Wendungen ein allein stehendes Adjektiv nachgestellt ist: Aal blau, Karl Meyer junior.
K 107:
Oft können die Schreibenden durch die Kommasetzung selbst entscheiden, ob sie Wörter oder Satzteile als Zusatz kennzeichnen wollen oder nicht:
Das gilt besonders…
1. bei mit „wie“ oder mit einer Präposition eingeleiteten Wortgruppen:
2. bei Namen, die auf eine vorausgehende Bezeichnung zu beziehen sind
Dies gilt auch, wenn die einem Namen vorangestellte Bezeichnung durch Beifügungen umfänglicher ist:
Bei Datums-, Wohnungs-, Literaturangaben (K 108 - 110)
K 108:
Mehrteilige Datums- und Zeitangaben gliedert man durch Kommas. Man kann diese Angaben als Aufzählungen oder als Fügungen mit Beisatz auffassen; deshalb ist (schließende) Komma vor der Weiterführung des Satzes freigestellt:
Mehrteilige Datums- und Zeitangaben werden durch Komma gegliedert:
Steht der Wochentag im Dativ und der Monatstag im Akkusativ, liegt kein Beisatz vor: hier steht kein schließendes Komma:
K 109:
Mehrteilige Wohnungsangaben gliedert man durch Kommas:
K 110:
Mehrteilige Literaturangaben gliedert man durch Kommas. Man kann diese Angaben als Aufzählungen oder als Fügungen mit Beisatz auffassen; deshalb ist das letzte (schließende) Komma vor der Weiterführung des Satzes freigestellt. Bei Hinweisen auf Gesetze, Verordnungen usw. man jedoch kein Komma:
Bei Konjunktionen (Bindewörtern) ( K 111 - 113)
K 111:
Werden gleichrangige Wörter und Wortgruppen durch eine der folgenden Konjunktionen verbunden, so setzt man kein Komma:
1. „und“: Er stand auf und ging. Sie grübelte und grübelte und grübelte.
2. „oder“: Gib mir einen Stock, einen Schirm oder etwas Ähnliches.
3. „beziehungsweise“: Das Geld haben mir Verwandte geschenkt beziehungsweise geliehen.
4. „entweder – oder“: Du musst dich entweder für uns oder gegen uns entscheiden.
5. „nicht – noch“: Wir werden nicht rasten noch ruhen ...
6. „sowie“: Die Präsidentin sowie ihre Stellvertreterin sind berechtigt ...
7. „sowohl - als [auch]“: Der Vorfall war sowohl ihm als auch seiner Frau sehr peinlich.
8. „sowohl -wie [auch]“:Wir können das Modell sowohl mit Benzinmotor wie auch mit
Dieselmotor liefern.
9. „weder- noch“: Ich weiß weder seinen Vornamen noch seinen Nachnamen.
10. „wie“: Der Becher war innen wie außen vergoldet.
Das Komma steht zwischen Satzteilen, die durch anreihende Konjunktionen (Bindewörter) in der Art einer Aufzählung verbunden sind. Dies gilt vor allem bei: „bald - bald“, „einerseits - and[e]rerseits“, „einesteils - ander[e]nteils“, „je - desto“, „ob - ob“, „teils - teils“, „nicht nur - sondern auch“, „halb - halb“.
Kein Komma steht vor den anreihenden Konjunktionen, die eng zusammengehörige Satzteile verbinden. Hierzu gehören: „und“, „sowie“, „wie“, „sowohl - als auch“, „weder - noch“
Auch die Konjunktion „respektive“ ist (als Synonym zu „beziehungsweise) zu den oben genannten zu zählen:
Das schließende Komma eines vorangehenden Einschubs oder Nebensatzes o. Ä. bleibt jedoch erhalten:
Das Komma steht vor den entgegensetzenden Konjunktionen (Bindewörtern):
Hierzu gehören vor allem: „aber“, „allein“, „jedoch“, „doch“, „vielmehr“, „sondern“:
Das Komma steht dagegen bei Vergleichssätzen.
Es ging besser, als wir erwartet hatten.
Komm so schnell, wie du kannst (aber: Komm. so schnell du kannst).
Wir haben mehr Stühle als nötig sind.
Bei den mit „wie“ einem Substantiv nachgestellten näheren Erläuterungen können Kommas gesetzt werden (§ 78, 2).
Die Auslagen (,) wie Post- und Fernsprechgebühren, Eintrittsgelder, Fahrtkosten u. dgl. ersetzen wir Ihnen.
Sind zwei vollständige Hauptsätze mit „und/oder“ verbunden, dann ist das Komma vor „und“ nicht mehr vorgeschrieben (neu).
Sie spielte auf dem Klavier[,] und er sang dazu.
Kommst du mit[,] oder hast du schon etwas anderes vor?
K 112:
1. Wenn die Konjunktionen „als“ oder „wie“ oder „denn“ nur Wörter oder Wortgruppen verbinden, vergleichen oder ausgleichen (also keine Nebensätze einleiten) setzt man kein Komma, wenn sie nur Satzteile verbinden:
(Aber: Die Wunde heilte besser, als wir erwartet hatten.)
(Aber: Wir haben mehr Stühle, als nötig sind.)
2. Bei nachgestellten Zusätzen, die mit „wie“ eingeleitet werden, können Kommas gesetzt werden:
K 113:
Bei den in K 111 und K 112 nicht genannten nebenordnenden, entgegensetzenden und einschränkenden Konjunktionen gilt die Grundregel der Kommasetzung zwischen gleichrangigen Wörtern und Wortgruppen
Bei Partizip- und Infinitivgruppen (K 114 - 117)
K 114:
1. Partizipgruppen kann man durch Komma[s] abtrennen, um die Gliederung des Satzes deutlich zu machen oder um Missverständnisse auszuschließen.
2. Das gilt auch für Adjektivgruppen und entsprechende andere Wortgruppen:
K 115:
1. Partizipgruppen werden durch Komma[s] abgetrennt, wenn sie
a) mit einem hinweisenden Wort oder einer Wortgruppe angekündigt oder wieder aufgenommen werden,
b) als einem Substantiv oder Pronomen nachgestellte Zusätze oder Erläuterungen anzusehen sind:
2. Das gilt auch für Adjektivgruppen und entsprechende andere Wortgruppen:
Partizipien ohne nähere Bestimmung und Infinitive ohne „zu“ stehen in der Regel ohne Komma.
Ein Komma ist nicht sinnvoll:
Den erweiterten Infinitiv mit „zu“ (die Infinitivgruppe, Grundformgruppe) kann man durch Komma abtrennen, um die Gliederung des Satzes deutlich zu machen oder um Mißverständnisse auszuschließen:
K 116:
Infinitivgruppen oder Partizipialgruppen kann man durch Komma[s] abtrennen, um die Gliederung des Satzes deutlich zu machen oder um Missverständnisse auszuschließen:
K 117:
Infinitivgruppen werden durch Komma abgetrennt, wenn sie
1. mit „als“, „anstatt“, „außer“, „ohne“, „statt“ oder „um“ eingeleitet werden:
2. an einem Substantiv abhängen
3. Mit einem hinweisenden Wort angekündigt oder wieder aufgenommen werden
4. Man kann bei einem einfachen Infinitiv (nur Verb + „zu“) die Kommas auch weglassen, sofern keine Missverständnisse entstehen:
In den folgenden Fällen (in denen der Infinitiv mit einem übergeordneten Verb ein mehrteiliges Prädikat bildet) werden Infinitivgruppen im Allgemeinen nicht durch Komma abgetrennt:
1. Wenn die Infinitivgruppe von einem Hilfsverb oder von „brauchen“, „pflegen“, „scheinen“ abhängig ist.
2. Wenn die Infinitivgruppe
a) mit dem übergeordneten Satz verschränkt ist:
b) den übergeordneten Satz einschließt:
Bei Teilsätzen (selbstständigen Teilsätzen und Nebensätzen) (K 118 - 125)
Zu den Teilsätzen rechnet man alle zu einem Ganz-Satz zusammengefassten Sätze, also auch diejenigen, die nicht von einem übergeordneten Satz abhängig sind
K 118:
Das Komma steht zwischen gleichrangigen selbstständigen Teilsätzen, wenn diese nicht durch Wörter wie „und“ oder „oder“ verbunden sind:
K 119:
1. Werden gleichrangige (nebengeordnete) Teilsätze durch Konjunktionen wie „und“ oder „oder“ verbunden, so setzt man kein Komma:
2. Ein Komma kann jedoch zwischen selbstständigen Sätzen gesetzt werden, um die Gliederung des Ganzsatzes deutlich zu machen:
3. Das schließende Komma eines vorangehenden Einschubs oder Nebensatzes o. Ä. bleibt generell erhalten:
Vor „und“ steht bei Aufzählungen auch dann kein Komma, wenn ein Nebensatz folgt:
Wird aber der übergeordnete Satz nach dem Nebensatz weitergeführt, dann setzt man am Ende des Nebensatzes das Komma.
K 120:
Eingeschobene selbstständige Teilsätze werden von Kommas eingeschlossen (Im Allgemeinen könnten an den entsprechenden Stellen auch Gedankenstriche oder Klammern stehen.)
K 121:
Das Komma steht zwischen Haupt- und Nebensatz; eingeschobene Nebensätze werden von Kommas eingeschlossen:
K 122:
1. Zwischen gleichrangigen (nebengeordneten) Nebensätzen steht ein Komma:
2. Man setzt aber in der Regel kein Komma, wenn sie durch eine Konjunktion wie „und“ oder „oder“ verbunden sind:
K 123:
1. Zwischen aneinandergereihten Satzgliedern und Nebensätzen steht vor Konjunktionen wie „und“ oder „oder“ kein Komma:
2. Ein Komma zwischen Nebensatz und übergeordnetem Satz wird gesetzt, wenn beide unmittelbar aneinandergrenzen:
K 124:
Das Komma trennt Nebensätze verschiedenen Grades:
K 125:
Bei formelhaft gebrauchten (verkürzten) Nebensätzen kann das Komma weggelassen werden.
Unvollständige Nebensätze, die mit „wie“ oder „wenn“ u. a. eingeleitet sind, stehen oft ohne Komma: Sie sind formelhaft geworden und wirken wie eine einfache Umstandsangabe. Es ist aber nicht falsch, in diesen Fällen Kommas zu setzen:
(Aber: Wir wollen die Angelegenheit, wenn es möglich ist, heute noch erledigen).
Sonst gelten für verkürzte Teilsätze dieselben Richtlinien wie bei vollständigen Sätzen.
Bei mehrteiligen Nebensatzeinleitungen (K 126 - 128)
Wird ein Nebensatz von einer mehrteiligen Fügung eingeleitet, so steht zwischen den Teilen der Fügung im Allgemeinen kein Komma:
K 127:
Bei einigen mehrteiligen Fügungen kann ein Komma zwischen die Teile der Fügung gesetzt werden:
Das Komma entspricht hier einer deutlich wahrnehmbaren Pause im Text:
K 128:
Gelegentlich kann der Gebrauch des Kommas verdeutlichen, welche Wörter als
Einleitung des Nebensatzes verstanden werden:
Bei Hervorhebungen, Ausrufen, Anreden (K 129 - 132)
K 129:
Mit einem hinweisenden Wort oder einer Wortgruppe angekündigte oder wieder aufgenommene Satzteile sind aus dem übrigen Zusammenhang hervorgehoben. Man grenzt sie durch Komma ab:
Das Komma steht nach herausgehobenen Satzteilen, die durch ein Pronomen (Fürwort) oder Adverb erneut aufgenommen werden:
Nach der Anrede am Anfang eines Briefes wird heute gewöhnlich ein Komma gesetzt. Das erste Wort des Brieftextes wird dann kleingeschrieben (wenn es nicht als Substantiv, höfliche Anrede o. A. generell großzuschreiben ist)
Das Komma trennt die Anrede vom übrigen Satz:
Das Komma trennt die Interjektion (das Ausrufe-, Empfindungswort) vom Satz
Dies gilt auch für die bekräftigende Bejahung und Verneinung:
Kein Komma steht, wenn die Interjektion o. A. nicht hervorgehoben werden soll:
K 130:
Das Wort „bitte“ steht als bloße Höflichkeitsformel oft ohne Komma. Bei besonderer Hervorhebung wird es jedoch durch Komma abgetrennt:
Bei besonderer Betonung kann es aber auch durch Komma abgetrennt bzw. in Kommas eingeschlossen werden.
K 131:
Ausrufe, kommentierende Äußerungen, Bekräftigungen werden durch Komma abgetrennt. Das Komma entfällt jedoch, wenn keine Hervorhebung gewollt ist:
K 132:
1. Das Komma trennt die Anrede vom übrigen Satz:
2. Bei der Briefanrede kann statt des Kommas auch ein Ausrufezeichen gesetzt werden; in
der Schweiz endet die Anredezeile gewöhnlich ohne Satzzeichen. In diesen beiden Fällen beginnt der folgende Text mit Großschreibung:
Das Komma beim Zusammentreffen einer Konjunktion mit einem Adverb, Partizip u.a. Bei bestimmten Fügungen. in denen eine Konjunktion mit einem Adverb, Partizip u. a. zusammentrifft (z.B. „vorausgesetzt. Daß“, „auch wenn“). sind besondere Richtlinien für die Kommasetzung innerhalb der Fügung zu beachten.
Werden die Teile der Fügung nicht als Einheit angesehen, dann kann zwischen den Teilen, d.h. vor der eigentlichen Konjunktion, ein (zusätzliches) Komma gesetzt werden
Hierzu gehören Fügungen wie
abgesehen davon (,) daß
angenommen (,) dass
Ausgenommen (,) dass wenn
es sei denn (,) daß
gesetzt den Fall (,) dass
vorausgesetzt, dass
besonders (,) wenn
geschweige (,) dass (aber: geschweige denn, dass)
im Fall (,) dass
insofern (,) als
je nachdem (,) ob
namentlich (,) wenn
umso eher (,) als
ungeachtet (,) dass (aber: ungeachtet dessen, dass)
vor allem (,) wenn (weil)
Wird die Fügung als Einheit angesehen. dann steht vor der eigentlichen Konjunktion gewöhnlich kein Komma. Hierzu gehören Fügungen wie:
als dass
als ob
[an]statt dass
aber wenn
wie wenn
Rechtschreibprüfung im Computer
Eines der Hilfsmittel, das vielen geplagten „Altschreibern“ den Einstieg in die sogenannte neue deutsche Rechtschreibung erleichterte, lässt sich nach Angaben des „Spiegel“ auch nutzen, um sie wieder loszuwerden: Zwischen Alt und. Neu liegt nur ein Mausklick. Während die Diskussion um die deutsche Rechtsschreibung erst so richtig hochkochen dürfte, bietet das Standard-Rechtschreibprogramm „Word“ von Microsoft seinen Nutzern eine ganz einfache Möglichkeit an, zur alten „Schreibe“ zurückzukehren. Das geht so: Man nehme die Maus in die Hand und klicke im Auswahlmenü am Seitenkopf auf „Extras“. Dort wählt man „Optionen“ aus. Es öffnet sich ein Auswahlfenster mit mehreren Karteireitern. Dort wählt man „Rechtschreibung und Grammatik“. Links bietet Word da die Option „Neue deutsche Rechtschreibung“. Einfach den Haken entfernen - und schon ist wieder alles beim alten.
Bei Windows Vista klickt man „Überprüfen“ und „ABC- Rechtschreibung und Grammatik“ an. Es öffnet sich ein Fenster, in dem unten links „Optionen“ steht. Wenn man darauf klickt, öffnet sich eine Auswahl, in der man alte oder neue Rechtschreibung anklicken kann.
Die Textverarbeitung Word 2000 enthält eine integrierte Rechtschreibkorrektur. Unter Word 2000 kann der Anwender individuell entscheiden, ob er seine Texte nach der alten oder neuen Rechtschreibung prüfen lassen will.
Software von Tewi und Hexaglot
Viele Softwarehersteller bieten bereits seit längerem Programme auf CD-ROM an, die unter Word 6 und anderen gängigen Textverarbeitungen Dokumente per Knopfdruck oder während des Tippens automatisch korrigieren. „Rechtschreibung aktuell“ aus dem Tewi-Verlag oder das zusätzlich mit Synonym- und Fremdwörterbuch ausgestattete „Deutsch korrekt plus“ des Sprachenspezialisten Hexaglot erscheinen nach der Installation mit einem zusätzlichen Menüpunkt in der Textverarbeitung. Die Leistung der Programme soll sich jedoch weiter verbessern.
Programme erkennen nicht alles:
Die meisten Schreibweisen beherrschen die Programme zufriedenstellend. Mit kontextabhängigen Regeln haben sie allerdings zum Teil ihre Probleme. Wenn der Anwender immer noch „des öfteren im dunkeln tappt“, hat manche Software - entgegen den neuen Regeln - keine Einwände. Vor allem jene kontextabhängigen Rechtschreibregeln wie die Groß und Kleinschreibung stellen für die künstliche Intelligenz der derzeit verfügbaren Programme ein noch nicht gelöstes Problem dar. In vielen Fällen läßt sich nur durch eine ausführliche Satzanalyse entscheiden, ob ein Wort groß oder klein geschrieben wird. Dafür ist jedoch eine extreme Rechengeschwindigkeit erforderlich, mit der herkömmliche PCs der Zeit noch überfordert sind.
Eine Rechtschreibkorrektur, die unabhängig von der eingesetzten Textverarbeitung funktioniert, bietet der Duden Verlag an. „Duden: Der Konverter“ erreicht im Vergleich zu den Zusatzapplikationen eine deutlich bessere Erkennungsrate und überläßt dem Anwender bei mehreren erlaubten Varianten die Wahl.
Unterdessen entwickelt der Duden-Verlag bereits eine optimierte Version der Software: Die „Konverter Version 2.0“ verfügt noch einmal über einen erweiterten Optionsumfang. So soll der Anwender die Korrekturverfahren weitgehend seinen individuellen Bedürfnissen anpassen können. Eine Profi-Version soll zudem künftig in der Lage sein, Korrekturen in verschiedensten Textformaten wie etwa HTML-Seien aus dem Internet vorzunehmen.
Was die kleinen ABC-Schützen von nun an lernen müssen
Am 1. Juli 1995 hatten sich Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und vier weitere Länder auf die endgültige inhaltliche Fassung der Reform der deutschen Rechtschreibung geeinigt. Am 22. August wird dann auch die Duden-Redaktion ihr neues Regel-Buch vorlegen. In Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin, Sachsen und Thüringen werden den Erstkläßlern die neuen Regeln mit Beginn des neuen Schuljahres 1996/97 gelehrt. Die Hessen folgen erst nach dem Ende der Sommerferien 1997. Nachzügler haben bis spätestens August 1998 Zeit. Dann greift eine Übergangszeit von sieben Jahren.
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Alt |
Neu |
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Stengel |
Stängel |
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daß |
dass |
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Nässe |
nass |
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müssen |
muss - musste |
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essen |
isst – gegessen, aber: Ich aß |
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Küßchen |
Küsschen |
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Sauerstoffflasche |
Sauerstofflasche |
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Nassschnee |
Nassschnee |
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Brennessel |
Brennnessel |
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heute morgen |
heute Morgen |
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10jährig |
10 -jährig |
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Delphin |
Delfin |
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Differential |
Differenzial oder Differential |
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rauh |
rau |
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radfahren |
Rad fahren, Auto fahren |
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Flußsand |
Flussand |
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alleinstehend |
allein stehend |
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behende |
behände |
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radfahren |
Rad fahren |
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Gemse |
Gämse |
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selbständig |
selbstständig |
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im voraus |
im Voraus |
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Alptraum |
Albtraum |
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Delphin |
Delfin |
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Lücke im Alphabet geschlossen: Das große Esszett:
Das große „ß" ist da: Neuer Buchstabe für die deutsche Sprache - Tastaturen ändern?
Die letzte Lücke im deutschen Alphabet ist geschlossen - zumindest technisch. Das „ß" gibt es nun auch als Großbuchstabe erstmals verankert in den internationalen Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1. Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E.
Das bestätigte das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin auf Anfrage und auch die Internationale Organisation für Normung (ISO). Die Änderung werde in Kürze veröffentlicht, berichtete ein ISO-Sprecher in Genf. Damit hatte ein Antrag der DIN-Leute, eine Norm für das große „ß" zu schaffen, teilweise Erfolg.
Die Rechtschreibregeln sind davon zunächst nicht betroffen. Sie sehen vor, dass das „ß" weiterhin in Großschreibweise als „SS" 'dargestellt wird. Obwohl dies der Logik der Groß- und Kleinschreibung widerspricht, wollten die internationalen Normungsgremien nicht daran rütteln und haben sich - wie zu hören ist nach kontroverser Diskussion - aus der deutschen Rechtschreibung lieber diplomatisch herausgehalten.
Seit 130 Jahren war immer wieder darüber diskutiert worden, dem „ß" wie allen anderen Buchstaben eine große - sprich versale - Variante zu verschaffen. Eine neue Rechtschreibreform für das große „ß" schließt der Rat für deutsche Rechtschreibung - wohl nach den Erfahrungen mit der letzten Reform - zwar aus, aber: „Die Menschen werden entscheiden, ob sie es verwenden", sagt Geschäftsführerin Kerstin Güthert.
Das hängt aber auch nicht zuletzt davon ab, wie leicht sich der Buchstabe auf den Tastaturen erzeugen lässt. Inzwischen sind bereits die ersten Tastaturtreiber auf dem Markt, die das große „ß" mit Hilfe einer Tastenkombination auftauchen lassen. Der Durchbruch als internationale Norm kommt zu einem Zeitpunkt, da dem „ß" mit der Rechtschreibreform ein erheblicher Teil seiner Anwendung genommen wurde.
Aber ganz ausmerzen, wie im Schweizerdeutsch, konnten die Sprachregler den Buchstaben nicht. Mit der Version als Majuskel könnte ihm nun ein Comeback gelingen, auch wenn kein einziges Wort mit einem „ß" beginnt und das Fehlen der versalen Variante nur bei der Großschreibweise des kompletten Wortes zum Problem wird. In den fünfziger Jahren zierte das große ,,ß" bereits den „GROßEN DUDEN“ der DDR. Dann verschwand es wieder. „Bisher hat die Sprachgemeinschaft nicht die Notwendigkeit für ein großes „ß“ gesehen", sagt Güthert.
Dabei konnte die kleine Lücke im großen Normenkatalog durchaus Verwirrung stiften: Ist bei der „MASSE" die Masse gemeint oder sind es die Maße? Wenn Herr „WEISS" eine Rechnung erhält, muss diese dann auch von einem Herrn Weiß bezahlt werden? Es soll Steuerzahler gegeben haben, die die Forderungen des Finanzamts mit dieser Begründung verweigert haben.
Der Typograph Andreas Stötzner begrüßt den neuen Buchstaben mit einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Signa". Schrift-Designer haben für die gängigen Schrifttypen Versionen des großen Esszett entwickelt. Dabei muss es dem kleinen ähnlich ein, ohne dem großen „B" zu ähnlich zu werden. Ob nun im nächsten Schritt die Tastaturen-Hersteller bereit sind, das „ß" aus seinem Schattendasein unter dem Fragezeichen zu erlösen, ist offen.
Eine eigene Taste als vollwertiger 27. Buchstabe des Alphabets ist keine Kleinigkeit: „Das wäre ein erheblicher Eingriff in das Standard-Tastatur-Layout", sagt eine Sprecherin von Cherry, Marktführer bei Tastaturen in Deutschland. Ohne eigene Taste ließe sich die Tastatur zwar relativ leicht anpassen, eine Folge hätte dies aber für die beruflichen Schnellschreiber: „Das Maschineschreiben müsste dann teilweise neu gelernt werden.“.
Frankfurter Allgemeine
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat in Sachen Rechtschreibreform eine wichtige Rolle gespielt. Durch sorgfältige Berichterstattung samt verschiedenen Recherchen hat sie die Öffentlichkeit stets pünktlich und umfassend informiert. Durch zahlreiche Artikel hat sie sich an den Auseinandersetzungen führend beteiligt. Schließlich hat sie durch ihren mutigen Entschluß ab 1. August 2000 zur bewährten Schreibung zurückzukehren, den Anfang vom Ende der „Reform“ eingeläutet , nachdem sie es ein Jahr lang, zum Leidwesen von Redakteuren und Lesern, mit der neuen versucht hatte. Sie hat sogar all ihre Artikel, die in mehreren Jahren erschienen sind, in einem eigenen Buch zusammengefaßt. Ab dem Jahr 2007 verwendet sie aber wieder die in den Schulen gebräuchliche Rechtschreibung
Unsere Schüler lernen die falsche Rechtschreibung. Wenn sie das Klassenzimmer verlassen, stoßen sie auf eine Orthographie, die dem Diktat ihrer Lehrer nicht entspricht. Die Masse des in der alten Orthographie verfassten Schriftguts ist auf absehbare Zeit unendlich viel größer als alles, was in der neuen entstanden ist. Viele Verlage haben, als lebten wir noch im neunzehnten Jahrhundert, vor Einführung einer einheitlichen Rechtschreibung eigene Hausregeln eingeführt. Die meisten Buchverlage nehmen auf die neuen Vorschriften keine Rücksicht. Dort aber, wo die neue Rechtschreibung tatsächlich eingeführt worden ist, sind lauter private Orthographien aufgeblüht. In ihrer fortdauernden Unsicherheit vermeiden die meisten Menschen darüber hinaus Formulierungen, die sie in die Nähe des Neugeregelten bringen - viele Menschen schreiben heute nicht mehr, was sie schreiben wollen. Eine neue Sprache, eine Vermeidungssprache ist entstanden, und es ist keine gute Sprache.
Wir wollten unseren Lesern keine doppelte Rechtschreibung zumuten. Ein Jahr lang, seit dem 1. August 1999, haben wir uns nach Kräften bemüht, uns an die neue amtliche Regelung zu halten. Aber es ist nicht gut gegangen. Statt einer neuen Orthographie haben wir viele neue Orthographien bekommen. Die Fehler und Undurchschaubarkeiten in der Schreibung haben sich unendlich vermehrt. Der Widerstand gegen die vielen sinnentstellenden Groß- und Getrenntschreibungen ist nicht erloschen. Nach einem Jahr muss man eine Summe ziehen können: Der Versuch, mit den neuen amtlichen Regeln für die Orthographie zu leben, ist gescheitert.
Noch heute bekennen die Reformer, das Monopol des „Dudens“, eines Privatunternehmens, habe ihren Kampf um eine neue Orthographie erst richtig beflügelt - und das ist wahrlich kein linguistisches, sondern ein ebenso politisches wie törichtes Argument. Wenig war von den gewaltigen Plänen der sechziger und siebziger Jahre übrig geblieben, als die Kultusministerkonferenz Ende 1995 die neue Rechtschreibung beschloss. Aber es hat gereicht: Mit der amtlichen Verordnung zog die große Verwirrung in die Sprache ein, und in der neuen Rechtschreibung gibt es seit diesem Beschluss keine Einheitlichkeit mehr.
Man kann die Rechtschreibung nicht auf dem Weg einer amtlichen Verordnung regeln. Überhaupt gibt es keinen wirklichen Grund, in eine offensichtlich funktionierende Sprache einzugreifen. Dass es dennoch versucht worden ist, offenbart neben der Lebensferne einiger Sprachwissenschaftler und Pädagogen die Vermessenheit von Politikern, die das einmal Beschlossene auf dem undemokratischen Weg eines Verwaltungsaktes zu Ende brachten - einem massiven öffentlichen Widerstand zum Trotz.
Die zwischenstaatliche Rechtschreibkommission hatte die Kultusminister vor allem mit der Behauptung für Änderungen gewonnen, daß sie die Zahl der Rechtschreibregeln von 212 auf 112 und die Zahl der Kommaregeln von 52 auf neun verringern werde. Wer sich das neue Regelwerk anschaut, wird indes feststellen, daß es im Umfang um ein Fünftel zugenommen hat. Viele Regeln tauchen nicht mehr als Hauptregeln auf, sondern als Unterregeln - ein Roßtäuschertrick.
Die meisten mokieren sich gelassen über die Marotte „Stammprinzip“. Sie zeigt allerdings, daß es den Neuerem auf die Geschichte der Wörter nicht sonderlich ankommt. Daher ziehen sie mit ihrer „Volksetymologie" auch „Tollpatsch“ der richtigen Schreibweise „Tolpatsch" vor. Das Wort hat nichts mit „toll“ zu tun; vielmehr kommt es von „talpas“ = breitfüßig. Es bezeichnete ursprünglich einen ungarischen Fußsoldaten. Wenn schon Volksetymologie, dann lieber „Tölpel" und „patschen“.
Anstößiger ist die Trennung nach Sprechsilben. Wieso, muß man die Neuerer fragen, legen sie einerseits so viel Wert auf das Stammprinzip und mißachten es andererseits bei der Trennung? Was, wenn einander statt ein-ander, hi-nüber statt hinüber getrennt wird, ja, sogar vol-lenden statt voll-enden (Vorschlag in § 112 der Neuregelung), alla-bendlich statt allabendlich, O-bacht statt Ob-acht, A-bort statt Ab-ort? Der Reform-Duden schlägt auch vor: ex-trahieren, aber ext-ra, Extrakt, aber ext-rem, Pro-szenium, aber Pros-pekt und Pros-tata, Syn-ästhesie, aber Sy-node und Sy-nagoge. Wo bleibt da die Logik?
Am ärgerlichsten ist die einseitige (Ver-) Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat ihre Kritik an dem neuen Regelwerk auf diesen Kern konzentriert - vor dem Diktat der Kultusminister, aber auch bei ihrer Rückkehr zu den bewährten Schreibweisen. Dabei geht es nämlich nicht um die technische Seite des Schreibens, sondern um die inhaltliche, um Sinn und Bedeutung der Wörter.
Die ehrgeizigen Neuerer unserer Tage haben ihrem Werk den Anschein einer historischen Reform vor allem dadurch zu geben versucht, daß sie eine Faustregel für das Getrennt- und Zusammenschreiben vorgaben: Die einzelnen Bestandteile von Wortgruppen werden wie Wörter voneinander getrennt geschrieben, Zusammensetzungen dagegen nicht. Das hat nicht nur zu inflationärer Getrenntschreibung geführt bis hin zu Mißgeburten wie „Gast frei“ statt „gastfrei“, sondern auch zur Verwirrung darüber, was das denn sei: eine Zusammensetzung. Sogar die so genannten (oder sogenannten?) Experten der Kommission sind nicht frei von dieser Konfusion.
Mit der Getrennt- und Zusammenschreibung hängt zum Teil auch die Schwierigkeit der Groß- und Kleinschreibung zusammen. Nachdem es den Neuerern nicht gelungen war, die radikale Kleinschreibung der Substantive durchzusetzen, haben sie eine Kehrtwende gemacht und veranlaßt, daß alles, was nach Substantiv riecht, groß zu schreiben sei. Darauf müssen die armen Schüler jetzt „Acht geben“.
Irrwitzig wütet die „Furie des Verschwindens“ unter den Kommata. Kein Wunder, daß Schüler in der Zeichensetzung weniger Fehler machen, wenn die Interpunktion weitgehend dem Belieben freigestellt wird. Am Beispiel der geschrumpften Zeichensetzung zeigt sich am deutlichsten, daß die Neuerer an die Schreibenden und unter ihnen vor allem an Schreibanfänger gedacht haben: Sie wollen ihnen das Schreiben leichtmachen. Dagegen denken Journalisten - und nicht nur sie - zuerst an die Leser: Sie wollen daher das Lesen leichtmachen. Ihre Texte müssen also auf den ersten Blick verständlich sein. Nur die alten Kommaregeln gewährleisten, daß Leser den Zusammenhang sofort verstehen und einen Text nicht zweimal lesen müssen. Daher setzen alle Zeitungen, den Neuerem zum Trotz, vor einem erweiterten Infinitiv mit „zu“ immer noch ein Komma.
Bliebe an Erwähnenswertem die Eindeutschung von Fremdwörtern. Das ist zum Teil eine Frage der Gewöhnung wie bei „Fotografie“"; dagegen weiter „Orthographie“ oder manchmal, inkonsequent, auch „Orthografie“. Aber die Eindeutschung kann, wie in der nationalsozialistischen Zeit, zur Manie werden.
Nach einer repräsentativen Umfrage des Allensbachinstituts sprechen sich 61 Prozent der Bevölkerung dafür aus, daß man zur alten Rechtschreibung zurückkehrt, 18 Prozent wollen die neue Rechtschreibung beibehalten und 21 Prozent sind unentschieden. Die Kultusminister erwarteten, daß die Bevölkerung sich umstellen würde. Laut der Befragung haben sich 13 Prozent umgestellt, 15 Prozent wollen sich künftig darauf einstellen, 64 Prozent sehen keinen
Grund dafür.
Die Kultusminister beschließen die überarbeitete Vorlage der Rechtschreibreform, die
vom 1. August 1998 an gültig sein soll. Viele Parteien lehnen sie ab. Bundespräsident Herzog sagt, sie sei „überflüssig wie ein Kropf“. Der Bundestag sprach sich gegen die Rechtschreibreform aus. Schleswig -Holstein machte eine Volksabstimmung, wollte aber letztlich doch keine „Sprachinsel“ in Deutschland sein. Die #regeln sollten zunächst nur für die Schulen und Behörden verbindlich sein. „Darüber hinaus kann jeder schreiben, wie er will und wie er denkt, daß er verstanden wird“(Nordrhein-Westfalens Schulministerin Behler). Aber nur 9 von 16 Bundesländern wollten die neuen Regeln in ihren Behörden anwenden
Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat die Rechtschreibreform gebilligt. Damit kann, wie geplant, zum 1. August nach den neuen Schreibregeln, die schon jetzt in vielen Schulen gelehrt werden, unterrichtet werden. Grundrechte von Eltern und Schülern würden durch die Reform nicht verletzt, befand der Erste Senat in dem am Dienstag verkündeten Urteil einstimmig (Aktenzeichen: 1 BvR 1640/97). Es sei auch nicht zu beanstanden, daß die Reform in Schleswig-Holstein - ebenso wie in den anderen Bundesländern - durch Erlaß des Kultusministers eingeführt werde.
Die Annahme, die Sprache „gehöre dem Volk", hindere die Länder nicht daran, den Sprachgebrauch bestimmten Regeln zu unterwerfen. Ein besonderes Gesetz sei dafür nicht erforderlich, da die reformierte Rechtschreibung nicht „wesentlich“ für das Erziehungsrecht der Eltern und die Entfaltungsfreiheit der Schüler und der übrigen Schreibenden sei. Dazu heißt es in dem Urteil: „Die Rechtschreibänderungen fallen quantitativ und qualitativ nicht besonders ins Gewicht“.
Es sei nicht ersichtlich, daß der Unterricht nach den neuen Regeln den Erziehungsplan der Eltern „ernsthaft beeinträchtige" oder „unzumutbare Konsequenzen“ für das Grundrecht der Schüler auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit habe. Die „faktische Breitenwirkung“, die die Reform voraussichtlich haben werde, zwinge ebenfalls nicht dazu, die Einführung der neuen Schreibregeln in einem besonderen Gesetz zu regeln. Auch nach der Übergangsphase bis zum Jahr 2005 sei nicht damit zu rechnen, so die Verfassungsrichter, daß das Festhalten an den alten Schreibregeln zu Ansehensverlust führe oder auf andere Weise das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit beeinträchtigen könne. Zurückgewiesen hat das Bundesverfassungsgericht auch die Auffassung, mit Blick auf die Einheitlichkeit der Sprache könne nur der Bund die Rechtschreibung neu regeln. Entscheidend sei, daß Kommunikation zwischen den Schreibenden noch möglich sei; dafür bedürfe es keiner „Übereinstimmung in allen Einzelheiten“ befand das Gericht.
Zehn Maximen: Regeln für eine Rechtschreibkultur (von Harald Weinrich)
1 Rechtschreibung (Orthographie) ist guter Sprachgebrauch beim Umgang mit der Schrift. Sie steht im Dienst der Schreibkultur. Ihr oberstes Gebot ist gute Lesbarkeit der geschriebenen, gedruckten oder elektronisch verarbeiteten Texte.
2.Die sprachgeographische Einheitllichkeit der Rechtschreibung im ganzen deutschen Sprachraum ist ein wertvolles Kulturgut, für dessen Erhaltung von allen Sprechern und Schreibern der deutschen Sprache Mühe aufzuwenden ist. Einzelne regionale Varianten der Schreibung sind jedoch zu respektieren.
3. Ein wesentliches Element der Schreibkultur im deutschen Sprachraum ist die gleiche Verbindlichkeit der Rechtschreibung für alle Schreiber der deutschen Sprache (Schriftsteller, Lehrer, Journalisten, Politiker, Juristen, Wissenschaftler, Pfarrer . . ). Sprachlernende im In- und Ausland müssen mit einer gewissen Anstrengung an die Rechtschreibung herangeführt werden.
4. Die Verantwortung für die Rechtschreibung liegt bei der ganzen Sprachgemeinschaft. Sie kann nicht an einzelne staatliche, überstaatliche oder nichtstaatliche Institutionen zur hoheitlichen Regelung abgetreten werden.
5. Die Norm der Rechtschreibung ist ablesbar an der üblichen Schreibweise derjenigen Schreiber, die mit Sprachkultur schreiben, mit besonderer Berücksichtigung der Schriftsteller.
6. Zur Feststellung der orthographischen Norm sind diejenigen sprachwissenschaftlichen Institute und Wörterbuch-Redaktionen berufen, die auf der Grundlage eines umfangreichen Corpus von exemplarischen Texten der deutschen Gegenwartssprache lexikographisch tätig sind.
7. Da sich mit der Sprache auch die Schreibung der Wörter ständig ändert, müssen die maßgeblichen Wörterbücher von Zeit zu Zeit dem Wandel der Schreibnorm behutsam angepaßt werden. Neue Schreibungen werden jedoch nicht vorgeschrieben, sondern dem guten Sprachgebrauch der Schreibenden nachgeschrieben.
8. In strittigen Fragen der Normfeststellung kann von den sprachwissenschaftlichen Instituten oder Wörterbuch-Redaktionen des genannten Typus ein Votum der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eingeholt werden. Die Auskunft der Akademie wird erteilt, nachdem zu der jeweils strittigen Frage deren Mitglieder befragt worden sind. Auch das Votum der Akademie gilt nicht präskriptiv, sondern deskriptiv.
9. Die Regeln der Interpunktion sind den anderen Regeln der Rechtschreibung nachgeordnet und haben grundsätzlich einen geringeren Verbindlichkeitsgrad als diese. Sie organisieren den Gebrauch von graphischen Hilfszeichen, die den Lesern das genaue Verständnis der Texte erleichtern sollen. Sie sind eher Stilzeichen als Satzzeichen zu nennen. Die normativen Begriffe „richtig“ und „falsch“ können daher auf den Gebrauch der Interpunktionszeichen nur bedingt angewandt werden. In vielen Fällen kann man sich damit begnügen, einen besseren von einem weniger guten Gebrauch dieser Hilfszeichen zu unterscheiden.
10. Die Regeln der Worttrennung am Zeilenrand („Silbentrennung“) gehören nur randständig zur Rechtschreibung, insofern die gute Lesbarkeit eines Textes auch durch die Worttrennung nicht behindert werden darf. Die Worttrennung kann mit einer kleinen Menge von locker verbindlichen Regeln normiert werden und braucht in den Wörterbüchern der deutschen Sprache nicht bei jedem Einzelwort ausgewiesen zu werden.
Die Verlierer in Schulbänken: siehe auch unten
Behauptung 1: Die Schüler würden mit der neuen Schreibung weniger Fehler machen. - Ein frommer Wunsch! Eine empirisch solide Untersuchung hat nicht stattgefunden. Euphorische Schätzungen der Jahre 1995 und 1996 („40 bis 70 Prozent Fehler weniger“) werden nicht mehr wiederholt. Falls es überhaupt zu einer Verringerung der Fehler kam, dann hat das mit den Prinzipien „Beliebigkeit“ und „Zufall“ zu tun. Beliebigkeit heißt: Wenn ich ein Komma setzen kann, aber nicht muß, dann passieren hier eben weniger Fehler. Und Zufall heißt: Wenn bis zum Jahr 2005 „naß“ und „nass"“richtig sind, dann schreiben viele Kinder bis 2005 eben per Zufall richtig. Geringfügig erleichtert wurde allenfalls die Schreibung substantivierter Adjektive (im Übrigen). Die s-Schreibung hat sich bei Schülern wohl nicht verbessert, wiewohl sie der eindeutigste Teil der Reform ist. Hier bleiben die Probleme beim Wechsel des Stammvokals erhalten (ließ - lässt, weiß - wusste). Überhaupt nicht erleichtert hat sich die Schreibung von „das/daß“ beziehungsweise „das/dass“. Darüber hinaus machen Schüler neue Fehler: Sie schreiben fälschlicherweise aussen, grössere, Preussen, Strasse, Massnahme und so weiter. Hier unterscheiden sich nicht einmal „reformierte“ Zeitungen von den Schülern.
Die häufigsten Fehlerquellen blieben von der Reform unberührt, denn erfahrungsgemäß entfallen rund 25 Prozent der Fehler auf fälschliche Groß- oder Kleinschreibung; circa 25 Prozent auf die Verwechslung von Konsonanten (d/t, f/v/w, g/k, tz/tzt/z, b/p); etwa zwanzig Prozent auf eine fälschliche oder fehlende Konsonantenverdoppelung (vor allem bei p/pp, t/tt); circa fünfzehn Prozent auf eine fälschliche oder fehlende Dehnung (ie/h). Nur was die s/ss/ß-Schreibung betrifft, gibt es eine verläßliche Studie. Ergebnis: Die in neuer Rechtschreibung unterrichteten Schüler machen mehr Fehler in der „s/ss/ß“-Schreibung, weil sie die neuen Regeln „übergeneralisieren“.
Behauptung 2: Die Schulen kämen mit der neuen Rechtschreibung gut zurecht, weil sie überschaubarer sei. - Eine unbewiesene Behauptung! Zwar wird gesagt, die Reform sei „ohne Probleme“ eingeführt worden. Dies ist aber im Lichte dessen zu betrachten, daß es für Schulen Alltag ist, Neues einzuführen, etwa Curricula oder LehrbücherZur Rechtschreibreform freilich hört man aus den Lehrerkollegien sehr Unterschiedliches - von Zustimmung bis zu kategorischer Ablehnung. Wie sollte es bei 700 .00 Lehrern anders sein!
Nicht ehrlich ist der Anspruch der Reformkommission, daß das neue Regelwerk mehr Übersichtlichkeit biete, indem aus 212 Rechtschreibregeln nunmehr 112, aus 52 Regeln zur Kommasetzung neun wurden. Dabei handelt es sich um einen Numerierungstrick. Beispiel: Paragraph 77 der Neuregelung (Komma bei Appositionen) enthält sieben Unterregeln, in denen elf bisherige Duden-Regeln eingearbeitet sind.
Behauptung 3: Ein Zurück zur alten Schreibung stürze die Schüler ins Chaos. Falsch! Es gab in den Schulen kein Chaos bei der Umstellung von der alten auf die neue Schreibung, wiewohl letztere anfangs parallel zu „alten“ Büchern unterrichtet wurde. Also wird der umgekehrte Weg auch kein Chaos bringen. An den Grundschulen wird deutlich, wie gering die rein schulische Reichweite der Reform ist. In Niedersachsen sind von 1.400 Wörtern genau 32 von der neuen Schreibung betroffen. Bayerns „Grundwortschatz für die Jahrgangsstufe 1 bis 4" umfaßt knapp tausend Wörter; davon sind neun Wörter von der Reform betroffen, und zwar in der 1. Klasse: kein Wort; in der 2. Klasse: nass; in der 3. Klasse: bisschen, Fluss, Schloss; in der 4. Klasse: Fass, Kuss, Nuss, rau, Riss..
Behauptung 4: Es sei Zeit genug gewesen, auch seitens der Lehrer die Bedenken gegen die Rechtschreibreform zu artikulieren. - Falsch! Als es im Frühjahr 1993 zu einer Anhörung der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums des Innern kam, standen völlig andere Optionen zur Debatte: eine weitgehende Kleinschreibung von Substantiven; der Wegfall der Unterscheidung von das/daß sowie eine weitreichende Eindeutschung von Fremdwörtern (zum Beispiel Pitza). Das Wörterverzeichnis war allgemein zugänglich erst ab Frühsommer 1996. Das heißt, die Reformkritiker hatten vor Unterzeichnung der Vereinbarung zur Neuregelung vom 1. Juli 1996 in Wien keine Möglichkeit, hierzu Stellung zu nehmen. Gerade das Wörterverzeichnis hat es aber in sich..
Behauptung 5: Ein Zurück zur alten Schreibung koste Milliarden. - Aus der Luft gegriffen! Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Rechtschreibreform vom 14. Juli 1998 ist eindeutig: „Durch die Neuregelung wird weder die Berufsfreiheit ... noch die ... wirtschaftliche Betätigungsfreiheit berührt.“.Auch für die Schulbuchverlage gelte: Sie haben „keinen Anspruch ..., für das Ergebnis wirtschaftlicher Betätigung einen Abnehmer zu finden“. Schadenersatzforderungen kann es also nicht geben. Auch müssen die Schulen nicht sofort alle Bücher neu kaufen. Das regelt sich gerade bei den Sprach- und Lesebüchern über die recht rasche Fluktuation des schulischen Buchbestandes durch Verschleiß.
Da ist die neue Getrenntschreibung. Weil die Regeln für Schüler höchst kompliziert sind, weil es immer noch eine riesige Menge von Zusammenschreibungen gibt, weil es die irreführende Faustregel gibt, daß die Getrenntschreibung der Normalfall sei, ist eine lawinenartige Vermehrung falscher Getrenntschreibungen programmiert. Bisher schrieb man nach der einfachen Regel, daß man zusammenschreibt, was man als Einheit zusammendenkt und zusammenspricht und vorne betont, so: halblaut, halbleer, halblang, halbnackt, hochberühmt, hochempfindlich, hocherfreut, hochentwickelt, hochgelehrt, hochgeehrt, hochfliegend, fleischfressend, freudestrahlend, eisenverarbeitend, wohlanständig, wohldurchdacht, wohltuend, wohlbekannt, wohlgesetzt, wohlüberlegt, wohlverstanden, wohlbehütet, wohlmeinend, wohlerhalten, wohlriechend, kennenlernen, zurückweichen, gleichlautend und so weiter. Jetzt (Duden, 22. Auflage) schreibt man so: halblaut, halb leer (trotz Betonung auf halb), halblang, halb nackt (trotz Betonung auf halb), hochberühmt, hoch empfindlich, hocherfreut, hoch entwickelt, hochgelehrt, hoch geehrt, hochfliegend (Betonung immer auf hoch), Fleisch fressend, freudestrahlend, Eisen verarbeitend (Betonung immer vorne), wohlanständig, wohl durchdacht, wohltuend, wohl bekannt, wohlgesetzt, wohl überlegt, wohlverstanden, wohl behütet, wohlmeinend, wohl erhalten, wohlriechend (Betonung immer auf wohl!), kennen lernen, zurückweichen, gleich lautend und so weiter.
Nun zu den Varianten. Sie scheinen die Schreibung zu erleichtern. Aber in Wirklichkeit führen sie zu mehr Fehlern, weil man nicht auswendig weiß, wo es eine Variantenschreibung gibt und wo nicht. In vielen Fällen gibt es Varianten, in den meisten Fällen aber nicht. Und jetzt kommt die Psychologie ins Spiel. Der Schüler ist unschlüssig, wie er ein Wort schreiben soll. Und dann denkt er: „Es gibt so viele Varianten. Die Schreibung, die ich jetzt wähle, wird schon auch richtig sein. Wieso mühevoll nachschlagen?“ Und dann schreibt er oft falsch, weil es halt doch keine Variante gibt und weil er das Falsche gewählt hat. Angenommen, der Schüler weiß zufällig, daß man „wohl schmeckend“ oder auch „wohlschmeckend“ schreiben darf. Ähnlich wird es bei „wohlriechend“ sein, meint er folgerichtig und wählt dann, dem Trend folgend, die Getrenntschreibung. Falsch. Es gibt nur „wohlriechend“ (Duden, 22. Auflage, Seite 108). Bei wohltemperiert, wohlerzogen, hochgewachsen, hochbegabt gibt es Varianten,
aber nicht bei wohlsituiert (nur getrennt), wohldurchdacht (nur getrennt), hochgeschlossen (nur zusammen), hochintelligent (nur zusammen), wohlgeordnet (nur getrennt). Wie soll man sich das alles merken?
Ich komme zum zweiten Schulargument: In der Schule gebe es keine Probleme mit der Reform. Die Reform werde mit gutem Erfolg eingeführt. Sie habe sich bewährt. Die Reform hat sich nicht bewährt, weil sie in der Schule gar nicht verwirklicht werden kann. Die Durchnahme der (fehlerträchtigen) ss-Regelung und einiger Ausdrücke und Einzelwörter und sonstiger Kleinigkeiten darf nicht verwechselt werden mit der Durchnahme des ganzen Regelwerks. Die Reform kann nicht umgesetzt werden, weil man schlicht und einfach keine Zeit dazu hat. Man hatte natürlich auch früher keine Zeit für die Spitzfindigkeiten und Feinheiten der alten Schreibung. Wer schon einmal einen Deutsch-Lehrplan gelesen hat, der weiß, daß die Rechtschreibung nur ein winziger Teil des ganzen Stoffes ist. Und bei der Rechtschreibung selbst haben Lehrer ganz andere Probleme, als daß wir uns mit den Spitzfindigkeiten und Schwierigkeiten der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung befassen könnten.
Die Masse der Rechtschreibfehler in Schüleraufsätzen (fast 100 Prozent aller Fehler) ist heute noch genauso falsch wie vor der Reform. Und ebendas sind die Rechtschreibfehler, die wir Lehrer den Schülern austreiben müssen. Diese Herkulesarbeit nimmt uns so in Anspruch, daß wir kein gelehrtes Regelwerk durchnehmen können. Deshalb haben die Änderungen des Regelwerks keine Relevanz für die Schule. Beispiele für die Rechtschreibprobleme, mit denen wir es zu tun haben: Wann schreibt man „das"“ wann „dass“, wann „den“, wann „denn"“ wann „in“, wann „ihn“,?
Eingedeutschte Fremdwörter:
Gewöhnungsbedürftig sind Fälle, in denen erlaubt sein soll, Fremdwörter deutschen, besser: verdeutschten Schreibgepflogenheiten anzupassen. So könnte sich das Schriftbild von „Asfalt“ oder „Grafologe“ mit der Zeit durchsetzen, so wie sich der Neuerungen aufgeschlossene Teil der Sprachgemeinschaft an „Telefon“ statt „Telephon“ oder „Fotografie“ statt „Photographie“ gewöhnt hat. Ob man sich auf existenziell“ statt „existentiell“ und alle ähnlich gelagerten Fälle einstellen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie bei „Majonäse“"/„Mayonnaise“ oder „Astma“ statt „Asthma“. Von der Verdeutschung ausgenommen bleiben Wörter des Bildungswortschatzes wie „Metapher"“ „Philologie“ und ähnliche. Als sicher kann jedoch gelten, daß künftige Schülergenerationen von Anfang an mit der veränderten Fremdwortschreibweise wie mit allen Neuregeln aufwachsen, ein behutsamer Sprachwandel somit gewährleistet ist.
Auch die einfachere Handhabung der Silbentrennung ist im Prinzip zu begrüßen. Es heißt künftig allerdings Abschied zu nehmen von jener im Kinderreim gefaßten Regel „Trenne nie st, denn das tut den beiden weh"“ von der es jedoch ohnehin Ausnahmen gab: etwa wenn der „Diens-tag“ das Zeilenende erreichte. Gerade vom „Regelwust“ gepeinigte Kinder, in deren Interesse zu handeln die meisten Reformer vorgeben, konnten über solche „Eselsbrücken“ froh sein, wenn sie sicher schreibend darüber gehen durften.
In manchem heikel sind die neuen Trennungsregeln im Blick auf die Schreibweise fremdländischer Namen. Besonders Personennamen sind doch eigentlich „heilig"“ Wer ihnen etwa des täglichen beruflichen Umgangs wegen nicht ausweichen kann, wird sich daher besser nach der hergebrachten und in sich schlüssigen Trennung richten. So ist in slawischen Sprachen „ck“ als „tsk“ auszusprechen, folglich beispielsweise der tschechische Name (der Silbentrennung nach) 'urch „Palac-ky“ (nicht „Palak-ky“) oder der polnische durch „Ranic-ki“ und nicht etwa durch „Ranik-ki“ aufzulösen.
Mittlerweile ist das Chaos zu übersehen, das durch die Einführung dieser Wenigkeit entstanden ist. Zwei neue Wörterbücher sind auf dem Markt, und jedes von ihnen hat eine Auflage von über einer Million Exemplaren. Das eine Wörterbuch widerspricht sich laufend selbst, und beide widersprechen einander. Der Erlanger Linguist Theodor Ickler hat in großer Ausführlichkeit auf dieses Durcheinander, das eine unmittelbare Folge der Reform darstellt, hingewiesen. Keiner der Politiker, die den Beschluß zur Neuregelung unterzeichnet hatten, hat bislang zu dieser Kritik Stellung genommen. Und das Durcheinander hört bei den Wörterbüchern noch lange nicht auf. In den einzelnen Bundesländern wird die Reform zu verschiedenen Zeitpunkten begonnen, einige beginnen jetzt, andere erst in Jahren. Und keineswegs in allen Schulfächern gleichzeitig. Der „Spiegel" hat bekanntgegeben, er wolle sich der Reform nicht anschließen.
Weiter stehen mir für Interessenten zur Verfügung:
Hessisches Wörterbuch (eine Kombination verschiedener Ausgaben)
Historisches Wörterbuch (Erklärung alter Wörter)