Altes Testament

 

 

Mosebücher

 

1. Mose 1,1 - 4a und 26-31 und 2,1-4a (Jubilate):

Manche Leute sprechen vom „Kindermachen“. Als ob das so leicht wäre! Wir wissen, daß vielen Ehepaaren der Kinderwunsch versagt bleibt. Die Medizin macht zwar heute vieles möglich, aber erzwingen kann sie nichts. Eher kann sie Kinder „wegmachen“ - auch so ein fürchterliches Wort, das einen schwerwiegenden Eingriff in den Ablauf der Natur darstellt. Doch nicht einmal das bringt der Mensch fertig, zu entscheiden, ob das Kind ein Junge

oder ein Mädchen wird.

Meiner Ansicht nach ist das ein Zeichen dafür, daß der Mensch sich nicht selbst verdankt. Er ist nicht der große „Macher“, der alles kann. Er verdankt sein Leben einem Höheren. Er ist nicht selbst der Schöpfer, sondern ein Geschöpf Gottes.

Wie ganz anders als jene respektlose Rede vom „Kindermachen“ klingt doch, was Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Glaubensartikel sagt: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat!“ Er geht nicht von dem allgemeinen Problem der Erschaffung der Welt aus, sondern er bekennt schlicht und einfach: „Ich verdanke mein Leben Gott dem Schöpfer!“ Erst von dieser persönlichen Erkenntnis her schließt er dann darauf, daß auch andere Lebewesen von Gott geschaffen sind und daß schließlich auch die ganze Welt von ihm geschaffen sein muß.

Natürlich wissen wir heute darüber mehr als die Erzähler der biblischen Geschichten. Gott hat den Menschen nicht so gemacht wie ein Steinmetz, der aus einem Stein eine Gestalt herausholt. Auch am Anfang der Menschheit war es nicht so, daß der Mensch schon fix und fertig mit einem Schlag da war. Wir wissen heute, daß das alles sehr viel kleiner angefangen hat und sich sehr viel langsamer entwickelt hat.

Aber je mehr wir heute hinter die Geheimnisse des Schöpfers kommen, desto großartiger und wunderbarer wird alles. Gott braucht nur selten Wunder, die die Naturgesetze durchbrechen. In der Regel stellt er die Natur in seinen Dienst und treibt so seine Sache voran. Und bis heute nimmt er auch Menschen in seinen Dienst, die seine Schöpfung vorantreiben.

Gott gibt dem Menschen den Selbsterhaltungstrieb, so daß er sich um Essen und Trinken küm­mert und sich fortpflanzen will. Darin steht der Mensch mit den Tieren auf der gleichen Stufe. Was ihn aber zum Menschen macht ist die Gottebenbildlichkeit. Der Mensch sieht nicht nur aus wie Gott, sondern er hat einen besonderen Auftrag und eine besondere Verantwortung.

Hier wird gesagt, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Dazu gehören Kultur und Zivilisation, aber auch die Beherrschung der Welt mit den Mitteln der Technik. Aber bei all dem sollen wir in der Art Gottes vorgehen: also nicht ausbeuten, sondern schenken, nicht verderben, sondern erhalten, sich nicht bereichern, sondern Gottes Geschöpfe zu einem guten Leben verhelfen.

Der Mensch ist durch Gott verpflichtet, sorgsam und schonend, pflegend und fürsorglich mit der Welt umzugehen. Es ist eben nicht alles „machbar“. Nicht unsere Bedürfnisse und Gelüste sind der Maßstab für unseren Umgang mit der Welt, sondern unsere Verantwortung für die Schöpfung Gottes.

Gott war nicht vor langen Zeiten einmal der Schöpfer der Welt und der Menschen, sondern er ist es auch heute noch. Von unserer Gegenwart her, von unseren höchst persönlichen Erfahrungen mit Gott, können wir auf den Anfang schließen (nicht umgedreht).

So hat es auch das Volk Israel gemacht: Beim Auszug aus Ägypten haben sie gemerkt, daß da ein Gott ist, der ihnen hilft. Von dieser Erfahrung der Zuwendung aus haben sie dann darauf geschlossen, daß dieser Gott der Schöpfer aller Menschen und der ganzen Welt sein muß.

Trotz ihrer geringen Kenntnis von der Welt kamen sie nicht aus dem Staunen heraus: Die Schöpfung war nicht einfach da, sondern sie wurde durch Gottes befehlendes Wort ins Dasein gerufen. Gott hat nicht improvisiert, sondern die Welt klug geordnet, das Chaos beseitigt und jedem seinen Platz angewiesen. Auch der Mensch hat da seinen Platz, und zwar als Mann und als Frau und als Kind.

Jetzt sind bestimmte Strukturen und Gesetze da, die man respektieren und sich dienstbar machen kann. Aber man darf sie nicht verändern. Und wo das doch versucht wird, geschieht es zum eigenen Schaden. Die Nutzung der Atomkraft ist eine prima Erfindung: eine saubere Energie, die viele Jahrzehnte reicht und die wir mit unserer hochentwickelten Technik beherrschen können. So sagen es jedenfalls die Verantwortlichen der Stromkonzerne. Aber da

bleibt dann ein Abfall, der sehr viel giftiger ist als das Ausgangsprodukt, auch ohne Explosion. Und dann wird das Zeug von Frankfurt nach England geflogen und könnte im Falle eines Unglücks weite Teile des Landes dem Tode preisgeben.

Hier ist dann auch von der Kehrseite der Welt zu reden. Gott schied das Licht von der Finsternis. Aber die Finsternis ist immer noch da. Sie ist auch im Menschen da, als dessen dunkle Seite, die immer wieder hervorbrechen kann. Doch wir müssen dem Bösen ins uns nicht erliegen. Gott hilft uns in unserem Kampf um ein Leben im Sinne Gottes. Er hat Jesus Christus gesandt, sein wahres Geschöpf und der Mittler des neuen Bundes. In Christus hat sich Gott noch einmal der Welt und der Menschen angenommen und hat gezeigt, daß ein Leben im Gehorsam gegen Gott auch uns Menschen möglich ist.

Und so sollten wir nicht in Trauer und Niedergeschlagensein über den Zustand der Welt verfallen. Die Welt ist oft erschreckend schlimm. Aber sie ist dennoch die Welt Gottes. Im Abendmahl stellt sich Jesus Christus an unsere Seite und stärkt uns in unserem Kampf für eine gute Schöpfung und für ein Leben ohne Haß und Gewalt.

Doch der Schluß der biblischen Erzählung macht deutlich, daß ein Menschenleben nicht nur aus Aktivitäten und Unternehmungen besteht. Wir können nicht immer nur geben, wir müssen auch einmal empfangen; wir können nicht nur ausatmen, sondern wir müssen auch einmal einatmen. Deshalb heißt es: Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, indem er ruhte von allen seinen Werken. Auch der Mensch braucht Zeiten der Ruhe.

Man will immer wieder einmal einen Feiertag abzuschaffen, vorzugsweise einen kirchlichen:

Doch bedenken wir auch: Ruhe besteht nicht nur im Nichtstun oder langem Schlafen. Die Ruhe dient dem Bereitsein für Gott und er Hinwendung zu ihm. Dazu brauchen wir den Sonntag und auch den Feiertag. Er läßt uns nachdenken über den Sinn unseres Lebens. Wenden wir uns doch wieder einmal besonders unseren Kindern oder unseren Eltern zu; dann werden wir etwas vom Sinn des Lebens spüren. Oder kümmern wir uns um einen Teil der Schöpfung Gottes, um ein Tier oder eine Pflanze. Wir können einen Baum pflanzen, zuhause oder

in der freien Natur. Wir müssen ihn pflegen, damit er wachsen kann. Wir müssen Geduld haben und ihm Zeit lassen, bis er Frucht bringt. Aber dann können wir auch etwas erahnen von der Schöpfung Gottes, die heute noch mitten unter uns geschieht und von der wir selber auch ein Teil sind.

 

 

1. Mose 2, 4- 9 und 15 (15. Sonntag nach Trinitatis):

Der frühere hessische Bischof Christian Zippert sagte kurz vor seinem Tod, jeder Mensch solle doch für sich selbst ein Bild suchen, wie er sich die Welt Gottes vorstellt, in die er einmal kommen soll, wie Gott es versprochen hat. Der eine denkt vielleicht an einen Konzertsaal, ein anderer an Mallorca, ein Dritter wieder an sein Geschäft. Aber sicher denken viele Menschen auch an einen Garten. Hier haben sie sich zwar ein Leben lang abgerackert. Aber sie haben auch Erholung und Entspannung erlebt, allein oder mit lieben Menschen.

Die Erzählung vom Anfang der Bibel setzt den Menschen auch in einen Garten. So spannt sich der Bogen vom Anfang des Lebens bis zum Ende: Wir kommen aus der Welt, die dem Garten Gottes entspricht, und wir gehen in eine Welt, die wir uns zum Beispiel wie einen Garten vorstellen dürfen.

Es geht in der Erzählung nicht um die Erschaffung der Welt, sondern um die Erschaffung des Menschen. Damit er sich ernähren kann, werden die Pflanzen und nachher der Tiere erschaffen. Und der Gipfel ist dann die Erschaffung der Frau, denn nur Mann und Frau zusammen bilden den ganzen Menschen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Diese wunderbare Erzählung ist nicht ein Bericht über etwas, was wirklich so geschehen ist. Hier wird erzählt, was sich immer neu ereignet und wie der Mensch bis heute ist. Adam ist der typische Mensch, und Adam bin ich. Drei Dinge werden vom Menschen gesagt: Er ist von Gott geschaffen, er wird von Gott versorgt und der Mensch hat einen Auftrag.

 

1. Der Mensch ist von Gott geschaffen:

Der Mensch ist ein Stück Welt, geschaffen aus einem ganz irdischen Stoff. Er wird gebildet wie eine Figur eines Künstlers, der Gott dann das Leben einhaucht. Mensch und Erde gehören zusammen, der Mensch ist hinfällig und nichtig, er ist aus Erde und soll wieder zur Erde werden. Andere Stellen der Bibel sprechen davon, dass der Mensch das Gegenüber Gottes ist. Aber hier wird erst einmal betont, dass er eine Kreatur unter anderen Kreaturen ist.

Damit wird der Mensch nicht abgewertet. Vielmehr erhält er ein Heimatgefühl, weil er Teil der Erde ist. Er darf sich als ein Stück der Natur fühlen, wenn er an einem Sonnentag im Gras liegt und den Käfern zusieht. Franz von Assisi hat in den anderen Geschöpfen seine Brüder und Schwestern gesehen und zum Beispiel auf einer Waldlichtung eine Weihnachtsfeier für sie gemacht. Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und wollte auch einen Käfer auf dem Boden nicht zertreten.

Insofern hat auch die Entwicklungslehre durchaus recht. Charles Darwin hat sich in seinem ersten Buch noch gescheut, auch etwas über die Herkunft des Menschen zu sagen. Aber natürlich war er überzeugt, dass der Mensch biologisch gesehen auch in sein System der Tiere hineingehört. Man kann aber nicht sagen: „Der Mensch stammt vom Affen ab!“ Wenn das einer behauptet, dann antwortet man ihm am besten: „Du magst zwar vom Affen abstammen, ich aber nicht!“ Aber es ist unstrittig, dass die heutigen Affen und die heutigen Menschen gemeinsame Vorfahren haben. Das ist ja gerade das, was die Bibel meint, wenn sie sagt, der Mensch sei aus Erde gemacht.

Da ändern auch die sogenannten „Kreationisten“ nichts, die es vor allem in den USA gibt. Sie wollen, dass alle heute lebenden Wesen auf einen Schlag von Gott geschaffen wurden, wie es die Bibel auszusagen scheint, wenn man sie eng wörtlich versteht. Und sie verlangen auch, dass man das in der Schule so lehrt und die Lehre Darwins und die ganze moderne Wissenschaft verbietet. Das sind Leute, die nur nicht nachdenken wollen, was die Bibel mit ihren grundsätzlichen Aussagen uns heute sagen will.

Martin Luther sagt im Katechismus: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat“, und trifft damit den biblischen Denkansatz in geradezu verblüffender Weise. Natürlich wissen wir heute auch, dass jeder Mensch aus dem Bauch seiner Mutter gekommen ist und nicht aus dem Matsch auf der Straße gemacht ist. Aber ist das nicht auch ein wunderbarer Gedanke, dass Gott andere Menschen benutzt, um neue Menschen zu schaffen? Es muß doch nicht immer alles so wunderbar sein, dass man es nicht glauben kann! Wichtig ist, dass wir begreifen: Wenn vom Menschen die Rede ist, dann ist von m i r die Rede. Wir können uns alle wiedererkennen in dem, was am Anfang vom Menschen gesagt wird.

Zu diesem Wissen gehört auch, dass ich ein „lebendiges Wesen“ bin. Ich bin nicht nur ein

Teil der Materie, sondern erst Gott hat mir seinen Atem eingehaucht. Damit sind wir nicht selber Gott geworden.

Gemeint ist, dass wir uns bewegen, der Atem geht, das Blut pulsiert, Kraft ist in den Händen und Beinen, wir haben Lebenswille, Tatendrang, Freude, Hoffnung und Glück. All das verdanke ich neben meiner Körperlichkeit allein Gott. Deshalb ist es respektlos, vom „Kinder- machen“ zu reden. Keiner kann ein Kind „machen“, er kann nicht einmal bestimmen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Und selbst wenn man ein Kind im Reagenzglas zeugt, hilft man nur etwas nach. Aber hier entscheidet es sich: Hilft man nur der Natur nach oder versteht man sich als Helfer Gottes? Hier unterscheidet sich der Christ vom Nichtglaubenden. Der Christ weiß: Gott hat mich gewollt und will mich noch. Ihm gehört mein Leben.

 

2. Der Mensch wird von Gott versorgt:

Wenn Gott einen Garten anpflanzt, geht es nicht um die Erschaffung der Pflanzen, sondern der Mensch soll seine Ernährungsgrundlage erhalten. Wie Gott die Vögel unter dem Himmel nährt, die nicht säen und ernten, so macht er es auch mit seinen Menschenkindern.

Auch die Nahrung gibt uns Gott. Es ist heute zwar üblich, von Nahrungsmittelproduktion oder Erdölproduktion zu sprechen. Aber Erdöl kann man nicht machen, sondern nur aus der Erde fördern. Und auch auf den Feldern und im Garten bringt die Natur und in ihr Gott selber die Früchte hervor. Indem wir säen und ernten, machen wir nur von dem Gebrauch, was Gott schon vor all unserem Tun schon gepflanzt hat.

Auch für die wachsende Weltbevölkerung gibt es immer noch genug. Die Erde könnte noch viel mehr erzeugen, wenn wir nicht die Gaben Gottes verschluderten und mißbrauchten. Es

klappt nur nicht wegen übler Geschäftemacherei, Ungerechtigkeit in der Verteilung, sinnlosen Kriegen und Mangel an Opferwilligkeit. Dazu kommen die vom Menschen verursachten Klimaprobleme und die Bedrohung durch die Atomkraft.

Aber Gott gönnt uns diese Welt. Er will uns nicht kurz halten. Wir dürfen ein gutes Gewissen haben, wenn wir seine Welt zu unseren Zwecken gebrauchen. Er gönnt uns sogar mehr, als eigentlich zur Fristung unseres Lebens gehört. Es läßt sich gut leben in dieser Welt, wenn wir nur Gottes Gaben in Dankbarkeit genießen.

 

3. Der Mensch wird von Gott beauftragt:

Der Mensch erhält einen Auftrag an dem Garten. Er darf nicht fauler Nutznießer der Gaben Gottes ein. Das gilt selbst für Rentner, die an sich schon ihre Lebensleistung erbracht haben. Aber solange einer noch etwas tun kann, dann sollte er seine Gaben auch einsetzen. Für Manche ergibt sich ja richtig ein Bruch, wenn sie in den Ruhestand gehen, weil sie denken, nichts mehr leisten zu können oder zu dürfen. Aber ohne die viele ehrenamtliche Arbeit vieler Rentner würde die Gesellschaft nicht mehr funktionieren, denken wir nur an die Vereine oder die sogenannten „Tafeln“.

Ein Rentner ist endlich frei, das zu tun, was ihm Spaß macht. Er ist wirtschaftlich abgesichert und muß nicht mehr nur wegen des Broterwerbs irgendeine Arbeit tun. Da kann er seine Gaben doch gern zum Wohl der Allgemeinheit einbringen.

Arbeit ist kein Fluch. Im weiteren Fortgang der Erzählung wird nur der Acker verflucht und die mit der Arbeit verbundene Mühsal und oftmalige Vergeblichkeit. Die Arbeit gehört zum Menschsein. Und man kann nur froh sein, wenn man arbeiten kann. Es ist doch nicht richtig, wenn am Montagmorgen die jungen Kollegen - vielleicht nach einem anstrengenden Wochenende - völlig lustlos und geschafft zur Arbeit kommen. Da kann man ihnen nur sagen: „Ihr müßt die Woche anders anfangen und euch sagen: Jetzt hatten wir ein schönes Wochenende. Da gehen wir gestärkt und freudig an die neue Woche!“ Dann ist doch gleich alles leichter.

Gottes Fürsorge macht unsre eigene Arbeit nicht überflüssig, sondern ermöglicht sie erst. Wenn Gott nichts wachsen läßt, nützt alle Arbeit der Bauern nichts. Als die Kommunisten in der damaligen DDR an eine Hauswand schrieben: „Ohne Gott und Sonnenschein, bringen wir die Ernte ein!“ da hat einer darunter geschrieben: „Ohne Sonnenschein und Gott, geht die LPG bankrott!“ Die LPG, das war die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, die angeblich die Nahrungsmittel „produzierte“, aber auch nur von den Gaben Gottes leben konnte, auch wenn die Offiziellen nichts davon wissen wollten.

Arbeiten ist nichts anderes als das Sich-Einschalten in das schöpferische Tun Gottes und das Annehmen dessen, was der Schöpfer gibt. Menschliches Tun ist praktisch in Gottes Tun eingewickelt. Der Mensch soll „bebauen und bewahren“. Oft richtet er allerdings durch sein technisches Handeln großen Schaden an. Da werden die Meere durch Öl verseucht, ganze Landstriche werden vom Atom verstrahlt, immer mehr Natur wird für Zwecke der Menschen verbraucht. Da gibt es das Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“, aber gegenüber von Lorch ist ein großer Steinbruch und in St. Goar soll eine Brücke gebaut werden.

Wir sind zu höchster Wachsamkeit verpflichtet aus Liebe zu der von Gott geschaffenen Welt und zu den unzähligen Geschöpfen Gottes. Wir haben uns um die Erde mit ihren Gaben und Schätzen zu sorgen und das ökologische Gleichgewicht zu wahren. Der Kampf gegen die

Vergiftung von Luft, Boden und Wasser muß uns zu höchster Wachsamkeit verpflichten. Der

Mensch trägt eine ungeheure Verantwortung für die Schöpfung. Es bedarf des ständigen Nachdenkens und des Muts, diese Verantwortung auch wahrzunehmen.

 

 

1. Mose 3, 1 -19 (Invokavit, Version 1)

Wenn ein junger Mann ein Mädchen verführen will, dann sagt er: „Es wird schon nichts passieren!“ Aber in Wirklichkeit meint er: „Mir wird schon nichts passieren!“ Und außerdem will er natürlich auch dem Mädchen einreden: „Du mußt das kennenlernen, damit du nicht rückständig bleibst, das gehört zum Menschsein einfach mit dazu!“

Ein solches Beispiel kann deutlich machen, was bis heute mit der Erzählung von der Verführung Adams und Evas gemeint ist. Allerdings ist „Sünde“ nicht nur das, was mit dem Sex zu tun hat. Alle Gebote Gottes sind gleichwertig, das zehnte so wie das erste. Und wenn man nur eins von ihnen übertreten hat, dann hat man alle übertreten. Man kann nicht sagen: eine üble Nachrede tut nicht weh, die ist nicht so schlimm wie eine Körperverletzung oder gar ein

Mord!

Heute sind vielleicht das zweite und dritte Gebot, aber auch das fünfte und achte besonders aktuell. Das wird besonders deutlich, wenn man aus Luthers Erklärungen zu den Geboten einmal die positiven Forderungen heranzieht: Den Namen Gottes in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken! Die Predigt und Gottes Wort heilighalten, gerne hören und lernen! Unsrem Nächsten an seinem Leib helfen und ihn fördern in allen Leibesnöten! Unsren Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren!

Wenn wir es so betrachten, dann sind die Gebote wie ein Spiegel, der uns zeigt, wer wir sind und wo wir stehen. Dabei ist gar nicht einmal so entscheidend, welches Gebot uns im Einzelnen gegeben ist. Gott hätte Adam und Eva durchaus auch ein anderes Gebot geben können: Das Gebot, nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens zu essen, ist völlig willkürlich. Aber Gott will an diesem Gebot prüfen, ob die Menschen gehorsam sind und wie sie sich zu ihm verhalten, es geht um die ganze Beziehung zu Gott.

Der Mensch kann dabei „Ja“ oder „Nein“ sagen. Die Freiheit zu einer solchen Entscheidung wird ihm zugetraut. Friedrich Schiller hat diese Stunde als die glücklichste der Menschheit gepriesen, weil hier der Mensch zu sich selbst und zu seiner Freiheit gefunden habe. Nur wenn der Mensch auch die Möglichkeit zur Zerstörung hat, kann er auch schöpferisch und frei sein. Wir sind keine Tiere und keine Puppen, aber wir müssen natürlich auch mit dieser Freiheit dann fertig werden.

Diese Erzählung aber macht deutlich, wie sehr der Mensch ins Elend gerät, wenn er Gottes Gebot mißachtet. Hier sagt der Mensch „Nein“ zu einem Leben mit Gott und vernichtet damit sich selbst. Es sage nur keiner es handele sich da um so eine alte Geschichte, die heute keine Bedeutung mehr habe. Es geht nicht um einen Adam, der vor so und so viel tausend Jahren lebte. Adam und Eva sind nur Typen, die zeigen, wie die Menschen bis heute sind. Jeder von uns ist Adam und Eva. Und die Sünde ist nicht nur dieses eine Mal in die Welt hereingebrochen, sondern wir tragen täglich neu mit dazu bei. Wir vollziehen den Abfall Adams auch heute.

Auch die Methoden der Verführung sind bis heute die gleichen geblieben. Zunächst wird gesagt, die Schlange sei besonders listig gewesen. Eine List muß nichts Schlimmes sein, denn eine Mutter ist auch listig, wenn sie ihrem kranken Kind die bitterschmeckende Medizin mit einem Trick einflößt. Aber die Schlange ist auch noch falsch dazu.

Zunächst gibt sie sich ganz harmlos und friedlich. Es ist ja noch nicht die Schlange, die kriecht und sich windet, die einen stechenden Blick und einen Giftzahn hat. Nein, mit dieser Schlange kann man sich durchaus gut unterhalten.

So ist es auch in der Geschichte von Versuchung Jesu, die ja das Evangelium dieses Sonntags ist. Da kommt der Teufel auch mit Vorschlägen, die manches für sich haben. Er zitiert sogar die Heilige Schrift, um seine Zwecke zu erreichen. Das ist bis heute so geblieben: Man verspricht sehr vieles, wenn man einen Menschen von Gott abbringen will. Man sagt ihm: Es dient deinem Fortkommen und dem Wohl deiner Familie, wenn du dich von der Kirche etwas absetzt; wir wollen ja nur dein Bestes.

Das Gespräch mit der Schlange fängt auch ganz harmlos an, nicht bei dem verbotenen Baum, sondern erst einmal ganz allgemein. Die Schlange ruft auch nicht zur Übertretung des Gebots auf, sondern diskutiert über den Wortlaut. „Gott hat euch doch verboten, von allen Früchten des Gartens zu essen!“ Dadurch wird die Frau herausgefordert, für Gott einzutreten und die Sache richtigzustellen.

Es tut ihr gut, Gott zu verteidigen - und schon hat sie sich auf ein Gespräch eingelassen. Die „Reizfrage“ hat gezündet, eine Vertrauensbasis zwischen Schlange und Mensch ist geschaffen. Die Frau übertreibt nun ihrerseits und verschärft das Gebot: „Nicht einmal anrühren dürfen wir die Frucht dieses Baumes!“ Schon ist die erste Selbstverständlichkeit des Gehorsams dahin. Man spürt eine leichte gesetzliche Schärfe, weil die Frau doch irgendwie schon eine Gefahr wittert.

Nun genügen wenige Worte, um das Vertrauen zu Gott völlig zu untergraben. Die Schlange sagt:  „Es ist genau umgedreht, wie Gott es euch gesagt hat. Wenn Gott euch so einen großen Spielraum gegeben hat, dann ist es doch umso auffälliger, wenn er euch ausgerechnet dieses eine verbietet. Aber wenn ihr davon eßt, dann werdet ihr sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist!“

 So werden die Menschen Bekanntschaft machen mit Gut und Böse, sie werden alles kennen und alles können, und sie werden einen ersten Blick tun in die Abgründe der Welt und des eigenen Herzens. Aber dann wird auch die unbeschwerte kindliche Fröhlichkeit dahin sein.  Es liegt eben doch ein prickelnder Reiz darin, mit dem Bösen eigene Erfahrungen zu machen. Gerade was verboten ist, erscheint doppelt reizvoll. Die Sünde ist nicht unbedingt etwas Schmutziges, sondern durchaus etwas Faszinierendes und auch Erhebendes.

Es wird den Menschen sogar versprochen: „Ihr werdet alles wissen! Ihr werdet von Gottes Thron aus die ganze Welt mit übersehen können. Dann braucht ihr euch nicht mehr unterzuordnen und zu beugen!“ So hat es schon der Philosoph Nietzsche gesagt: „Gäbe es einen Gott, ich würde es nicht ertragen, nicht Gott zu sein!“

Dem Menschen wird versprochen, er könne seine Möglichkeiten ausweiten über die Schranken hinaus, die ihm von Gott in der Schöpfung gesetzt worden sind. Es wird dem Menschen weis gemacht, er könne eine Lebenssteigerung erfahren, die jenseits des Menschen liegt. Da denken wir doch gleich an die Möglichkeiten, die der Mensch heute hat oder zu haben meint: Er kann zum Mond fliegen, er kann in die letzten Geheimnisse der Schöpfung eindringen, er will sogar das Leben selber in die Hand nehmen, will es schaffen oder vernichten, je nachdem. Vielleicht wäre es besser, wir wüßten nicht so viel auf den Gebieten der Biologie oder der Atomphysik. Jeder Fortschritt ist ja auch mit Nachteilen erkauft, denn nachher wissen wir nicht, was daraus wird und wohin wir mit dem Abfall sollen und wie wir die Geister bändigen, die wir riefen.

Der Mensch scheint tatsächlich wie Gott geworden zu sein: Er urteilt über Gottes Wort, er hält Gottes Gebot für mehr oder weniger nötig und verbindlich, er fällt Entscheidungen, die nur Gott zustehen, und denkt noch, das bliebe für ihn ohne Folgen und das stehe ihm alles zu.

Aber in Wirklichkeit schaufelt er sich damit nur das eigene Grab. Die Augen werden ihm aufgetan - in diesem Punkt ist er wirklich geworden wie Gott. Doch jetzt sieht der Mensch auch, daß er nicht verführt wurde oder eingefallen ist, sondern daß er selber eingewilligt hat und selber schuld ist.

Die Verführung kommt zwar von außen, aber der Mensch wird von seiner Verantwortung für die Sünde nicht entlastet. Nicht äußere Zwänge haben ihn zum Sünder gemacht (seine Natur, die Welt, das Schicksal), sondern die Sünde ist seine freie Tat. Die ganze Erbärmlichkeit der Menschheit wird offenbar, als nun einer die Schuld auf den anderen abwälzt. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe, um selber möglichst gut abzuschneiden. Sie schämen sich voreinander,  aber das liegt nicht nur an ihrer äußeren Nacktheit, sondern weil sie sich nicht mehr in die Augen sehen können und erst recht nicht Gott in die Augen sehen können. Der Mensch, der Gott gleich werden wollte, wird ärmer als ein Tier.

Äußeres Zeichen des gestörten Verhältnisses sind auch die Dinge, die dem Menschen das Leben so schwer machen: Die Mutter muß sich die Freude an ihrem Kind mit vielen Schmerzen erkaufen, der Vater muß hart arbeiten und doch viele Fehlschläge hinnehmen und Enttäuschungen verkraften. Wir wollen zwar arbeiten, aber die Arbeit ist auch eine Last. Wir wollen die Strapazen des Arbeitslebens mildern, aber das Paradies werden wir nicht zurückerobern. Wir träumen manchmal von der guten alten Zeit, ohne Hetze und ohne Autos, oder auch von jener schöneren Zukunft, in der es Frieden gibt und keine Angst mehr da ist.

An diesem Bild können wir ermessen, was Adam verspielt hat. Nicht daß Adam an allem Leid der Welt Schuld wäre, denn so wie Adam sind wir ja alle. An Adam wird nur anschaulich, was wir alle heute und immer wieder tun. Das macht aber auch deutlich, warum Gott sich unsrer erbarmen mußte, daß er sogar seinen Sohn dafür opferte. Am Beginn der Passionszeit werden wir auf Jesus hingewiesen, der für unsre Sünde gebüßt hat, obwohl er ohne Sünde war.

Diesem Jesus müssen wir uns stellen mit unsrer Schuld. Deshalb ist die Passionszeit eine Zeit der Buße, der Umkehr und Erneuerung. Aber wir dürfen auch wissen: Jesus, der zweite Adam, ist der Versuchung nicht erlegen, der Teufel mußte weichen und die Engel dienten ihm. Der Versucher ist nicht unbesiegbar und jeder falsche Respekt ihm gegenüber wäre unangebracht. Wir müssen uns nur an den halten, der mit ihm fertiggeworden ist.

Weil dieser zweite Adam kommen sollte, hatte auch der erste Adam noch eine Chance. Er mußte nicht sterben, sondern durfte sein Leben an kommende Generationen weitergeben. So haben wir auch noch eine Chance, weil Jesus für uns gestorben ist. Wir müssen nicht zwangs­läufig der Versuchung erliegen, sondern wir haben einen, der uns beisteht, daß wir Gottes Gebot und Willen erfüllen und so gerettet werden können.

 

 

1. Mose 3, 8b - 10 (Invokavit, Version 2)

Leben mit Maske - vor Gott unmöglich

Haben Sie schon eine Idee, als was Sie sich verkleiden, welche Rolle Sie spielen, welche Maske Sie aufsetzen? Das Kostüm vom vergangenen Jahr hängt noch im Schrank - der Torero, die Zigeunerin, der Seemann müssen nur ein bißchen aufgebügelt werden, ein neuer Hut muß gekauft werden. Aber es kann doch nicht Aufgabe der Kirche sein, an das Besorgen von Fastnachtsmasken zu erinnern? Nein - ich meine ja auch, daß gar niemand Masken zu besorgen braucht, denn jeder hat schon eine ganze Menge. Eine davon haben wir alle mit hierher in diesen Gottesdienst gebracht. Denn ich behaupte:

 

(1.) Jeder von uns ist ein Maskenträger! Und unser Leben ist ein Leben mit Maske! Oder will einer behaupten, daß er immer sein wahres Gesicht zeigt - überall? Wir alle machen uns und anderen immer etwas vor - da wollen wir uns doch gar nichts vormachen. Es geht also heute nicht um die Masken, die wir zum Fasching oder bei bunten Abenden tragen und die uns Spaß machen (dieser Spaß soll hier gar nicht vermiest werden), sondern es geht uns um die Masken, die wir im Alltag tragen.

Wir hätten diese Kirche mit Bildern dekorieren können: Das Bild eines Pfarrers mit dem berufsmäßigen Lächeln auf dem Gesicht, denn ein Pfarrer sollte immer freundlich sein. Das Bild eines amerikanischen Soldaten, der zu Hause Frau und Kinder hat und ein guter Familienvater ist - und eine ausländische Familie erschießt. Am besten wäre aber ein riesengroßer Spiegel hier vorn, in dem jeder sich selbst sehen könnte.

 

(2.) Ohne eine Maske können wir überhaupt nicht leben! Masken sind lebensnotwendig. Manchmal ist eine Maske praktisch und nützlich - manchmal ist sie sogar gesetzlich vorgeschrieben: Der Torwart beim Eishockey oder der Fechter wird dadurch geschützt, medizinisches Personal muß gelegentlich eine Maske vor dem Mund tragen, und die Werkzeugmacher müssen bei Schweiß- oder Schleifarbeiten auch Schutzmasken vor das Gesicht halten. Wer die bei der Arbeit nicht aufsetzt, riskiert, daß es ins Auge geht.

Wir müssen aber auch im übertragenen Sinne oft so eine Maske aufsetzen, zu unserem eigenen Schutz, denn es könnte ziemlich ins Auge gehen, wenn wir zum Beispiel immer offen sagen würden, was wir denken.

Daß unsere Gedanken verborgen sind - ist das nicht eine vortreffliche Schutzmaske? Sie können ja am Montagfrüh mal Ihrem Chef ins Gesicht sagen, was Sie von ihm halten. Oder dem Lehrer sagen, wie langweilig er ist. Aber weil jeder jetzt schon weiß, wie der reagiert, werden wir das alle am Montagfrüh hübsch bleibenlassen. Wir werden am Montagfrüh dem Chef, dem Lehrer, dem Kollegen oder auch Nachbarn brav einen recht freundlichen „Guten Morgen“ wünschen - auch wenn wir dem in Wirklichkeit alles andere wünschen als ausgerechnet einen guten Morgen.

Man nennt das Höflichkeit. Oft ist die Höflichkeit weiter nichts als eine Maske, ein bißchen verlogen, aber unentbehrlich. Und wenn die Maske der Höflichkeit fällt, dann wird die Situation ungemütlich. Höflichkeit ist manchmal ziemlich schmierig - aber diese Schmiere brauchen wir, damit die Maschinerie unseres zwischenmenschlichen Zusammenlebens einigermaßen glatt läuft. In einem Satz: Wir brauchen die Höflichkeit - und das heißt: Wir brauchen die Maske! Deshalb bleibe ich dabei: Manchmal muß Maske sein.

Das mit der Höflichkeit ist natürlich ein harmloses Beispiel. Denn wenn wir unsrer Nachbarin mal ungeschminkt die wahre Meinung sagen, da bricht die Welt noch nicht zusammen. Vielleicht für die Nachbarin n aber nicht für uns. Das sieht aber ganz anders aus, wenn es sich nicht um die Nachbarin, sondern um den Chef, Abteilungsleiter, Lehrer oder sonstwen handelt, von dem wir abhängig sind. Sobald wir nämlich mit jemandem zu tun haben, der uns eins auswischen könnte, setzen wir die Maske auf: die untertänige, die gehorsame, die fröhliche, die harmlose, die fromme - ganz wie es beliebt und verlangt wird. Hauptsache ist, der andere kriegt nicht raus, was wir wirklich denken, sondern der kriegt nur das zu sehen, wovon wir denken, daß er denkt, daß wir das denken.

Die modernste Maske aber ist die Gesichtslosigkeit: Manche können gar kein Gesicht verlieren, weil sie keines haben. Gesichtslosigkeit - das ist eine Standardmaske, sie paßt überall hin, sie ist unauffällig, profillos, keine besonderen Kennzeichen! Warum ist das eigentlich so? Warum setzen wir immer die Maske auf?

 

(3.) Es ist allein die Angst, die uns zur Maske greifen läßt. Besonders deutlich wird das an der Geschichte von Adam und Eva im Paradies. Das ist übrigens nicht die Geschichte von einem Ehepaar in fernen Zeiten, sondern die Geschichte vom Menschen überhaupt, unser aller Geschichte. Denn Adam ist kein Eigenname wie Paul oder Fritz, sondern heißt ganz einfach „Mensch“.

In der biblischen Geschichte ist es nun so, daß die beiden Gott ungehorsam waren. Und weil sie wegen ihrer Abweichung vor Gott Angst haben, weichen sie ihm aus und verstecken sich. Adam hat also Angst: Angst vor einer Strafe, Angst vor harten Maßnahmen des Gartenbesitzers, Angst, daß er rausfliegen könnte.

Und so wird das Gebüsch die erste Maske des Menschen. Aber andere Masken kommen dazu: Der Konfirmationsschein weist uns als guten Christen aus, ein Parteiabzeichen als gutes Parteimitglied, die weiße Weste als guten Bürger. Es gibt tausend Schilde, hinter denen wir braven Schildbürger uns verstecken. Immer ist es die Angst, die uns ins Maskenversteck treibt: Die Angst rauszufliegen, auf keinen grünen Zweig zu kommen, den Posten zu verlieren, das Wohlwollen, den guten Ruf, die Aufstiegschancen, den schwer erkämpften Platz an der Sonne.

Die einen sagen: So ist das nun mal, da kann man nichts machen. Das Leben ist so. Hauptsache mit dem Rücken an die Wand und den Hintern fest im Sattel, ansonsten Schnauze. Sie machen alles so, wie es gewünscht wird. Die fühlen sich hinter ihren Masken wohl. Wichtig ist nur, daß die Kohlen stimmen und man gut leben kann. Diese Menschen haben ihr eigenes Gesicht vollkommen verloren und leiden gar nicht darunter, daß sie dauernd maskiert sind. Sie halten das für völlig normal.

Aber es fehlt etwas Entscheidendes, was zum gesunden Menschen unbedingt dazugehört: nämlich das Gewissen. Diese Leute gehören zu den ärmsten Menschen, weil sie sogar vor sich selber eine Maske tragen. Diese Leute sind, noch während sie vielleicht ganz gut leben, eigentlich schon tot.

Aber auch Bibelsprüche können als Maske benutzt werden - und die fromme Phrase ist die Lieblingsmaske des Pfarrers. Die Maske des glaubensstarken Mannes aufsetzen - das ist die Pfarrermaske Nr. 2. Dieser sagt dann:  „Seid wahrhaftig um jeden Preis, sagt jedermann die volle Wahrheit bei jeder Gelegenheit glatt ins Gesicht - runter mit den Masken, werft alle Masken weg!“  Aber das wäre unbarmherzig. Und Gott ist barmherziger als seine fanatischen Diener.

Noch einmal zurück zu der biblischen Geschichte von vorhin. Da wird erzählt, daß Gott, nachdem er Adam in seinem Versteck aufgestöbert hat, ihn zwar zur Rede gestellt hat und er hat ihn auch die Konsequenzen seines Ungehorsams spüren lassen. Aber er hat ihn nicht fix und fertig gemacht, er hat ihn nicht entlarvt und demaskiert und dann fallen lassen - sondern er hat dem Menschen, der nackt vor ihm stand und sich in seiner maskenlosen Nacktheit schämte, höchstpersönlich und eigenhändig eine Maske gegeben.

Gott ist barmherzig, er geht auf die Schwächen seiner Geschöpfe ein. Gott weiß, daß die Welt nach dem Sündenfall für den Menschen ohne Schutzmaske unerträglich wäre - und deshalb gibt er ihm eine. Ganz gleich, wann und wo wir auf dieser Erde leben, immer und überall wird es ein Leben mit Maske sein. All jenen, die sich unter dieser Lebensart quälen, aufreiben und dieses Leben unerträglich finden, denen ist nun dreierlei zu sagen:

 

1. Wir können zwar ohne Maske nicht leben - wir werden also immer wieder handeln, täuschen und schuldig werden. Aber Gott verdammt uns nicht deswegen, sondern er ist bereit, uns zu vergeben, wenn wir ihn in unserem Maskenelend um Vergebung bitten. Und deshalb können wir gar nicht ohne Gott leben - wenn wir wirklich und glücklich leben wollen. Die Vergebung im Namen Jesu Christi - unter dem Zeichen des Kreuzes, an dem die Vergebung Gültigkeit erlangt hat - diese Vergebung ist das großartige Angebot Gottes an alle, die sich hinter ihrer Maske nicht wohl fühlen.

Dieses Angebot Gottes wird in der Kirche weitergegeben. Gehen Sie doch einmal zu einem Pfarrer oder zu irgendeinem Mitchristen und sprechen Sie vor Gott alles aus, was Sie belastet und hinter der Maske drückt. Wenn wir allerdings auch vor Gott die Maske aufbehalten und den starken Mann mit dem reinen Gewissen markieren, dann ist uns auch nicht zu helfen.

 

2. Sich einem anderen Menschen anvertrauen, um sich die Vergebung Gottes zusprechen zu lassen - dazu gehört eben Vertrauen. Angst ist es, die uns immer wieder hinter die Masken treibt. Wenn kein Anlaß zur Angst besteht, dann nehmen wir auch unsere Masken ab. Was wir brauchen, das sind Menschen, vor denen man keine Angst zu haben braucht. Umgedreht werden wir anderen Menschen eine ganz notwendige Lebenshilfe, wenn wir am Abbau von Angst arbeiten, und den anderen spüren lassen, daß keine Gefahr besteht, wenn er die Maske fallen läßt und wir nicht mißbrauchen, was wir hinter der Maske gehört und gesehen haben.

 

3. Die Maske ist zwar ein notwendiges Übel. Aber wir haben die Chance, wenigstens streckenweise ohne Maske leben zu können. Keiner wird sein ganzes Leben ohne Heuchelei, ohne Versteckspielen, ohne Schuld hinzukriegen. Aber streckenweise ist das möglich für den, der an Gott glaubt. Denn wenn ich an Gott glaube, dann weiß ich, daß ich mich als Mensch gar nicht selber schützen kann, sondern daß Gott mich schützt.

Wie oft geht es mit unseren selbstgebastelten Schutzmasken schief? Eine hundertprozentige Angelegenheit sind sie ja nie. Aus lauter Angst tragen wir Masken - und weil wir Masken tragen, haben wir Angst. Das ist der verfluchte Kreislauf, der uns solche Herzbeschwerden macht. Und da kommen wir nur heraus, wenn wir alle Masken sausen lassen und uns Gott restlos ausliefern in dem Vertrauen, daß  e r uns schützt.

Noch einmal ist zu sagen: Nicht immer werden wir das fertigbringen, aber in der Orientierung auf Gott werden wir frei vom Rollenzwang. Im Vertrauen auf Gott überwinden wir dann und wann alle Angst und werden einmal wir selbst. Das sind vielleicht nur Momente in unserem Leben, wo wir so viel Glauben haben, daß wir die Maske fallenlassen. Da sind die großen Momente der Freiheit von der Angst, des guten Gewissens, das sind die eigentlichen Höhepunkte des Lebens, das ist das eigentliche Leben. Das sind die Gelegenheiten, für die es sich lohnt, gelebt zu haben. Und dann bekennt man glücklich: Das Leben hatte einen Sinn! Solche Momente der Wahrheit kommen uns vielleicht teuer zu stehen - aber lieber 300 Mark weniger in der Lohntüte, aber dafür frei von Angst und Maskenzwang. Ich kann nur sagen: Das lohnt sich! Und das müssen Sie auch einmal probieren!

 

 

1. Mose 4, 1 – 16 (13. Sonntag nach Trinitatis):

Jeden Abend werden uns per Bildschirm Mord und Totschlag ins Haus geliefert. Heute wird sogar gezeigt, wie ein Mensch getötet wird, mit der Begründung, das sei ein Zeitdokument und das Fernsehen habe die Pflicht zur Information. Aber ist uns eigentlich schon einmal bewußt geworden, mit welcher Gelassenheit wir dem allem zusehen? Vielleicht verursacht uns das alles ein wenig Nervenkitzel. Aber eher bleiben wir doch gleichgültig, weil wir wegen der Fülle der Informationen abgestumpft sind. Wir sehen Bilder von Verkehrsopfern, von Folterungen, von Toten auf Kriegsschauplätzen. Aber die täglichen Meldungen von den toten Afghanen, Irakern oder Palästinensern nehmen wir doch gar nicht mehr wahr. Es ist so, als ob der Mord zur Geschichte der Menschheit dazugehöre.

Deshalb ist am Anfang der Bibel in der Geschichte von Kam und Abel schon beispielhaft dargestellt , wie die Menschen sind. Kain ist nämlich immer noch unter uns und begeht seine ruchlose Tat. Nur heißt er heute Großmachtpolitik, Ausbeutung, Gewinnsucht, Terror und Krieg. Das Recht des Menschen ist nicht erst da verletzt, wo Blut fließt. Das Gesetz Kains wird auch ausgeübt, wo Menschen in einem Unternehmen entlassen werden, um den Gewinn zu erhöhen.

Auch Abel ist noch unter uns. Das sind die entrechteten und mißhandelten Menschen, meist Frauen und Kinder, Krüppel und Alte. Sie haben am meisten unter den gewalttätigen Verhältnissen zu leiden. Sie möchten gern in Frieden leben. Aber das geht eben nicht, wenn

es dem großen Bruder nicht gefällt.

Wir Europäer müßten nach all den Kriegen die Nase voll haben. Die Beziehungen zwischen den Völkern sollten durch noch mehr Verträge geregelt werden, regionale Konflikte sollten gelöst werden. Aber wir sollten auch Gott um Frieden bitten, der von oben kommt und der/höher ist als alle menschliche Vernunft.

Doch vorerst müssen wir noch mit Konflikten leben. Es gibt den Gegensatz zwischen Alten und Jungen, Einheimischen und Fremden, Betriebsleitung und Arbeitern, zwischen Eheleuten, Geschwistern und Kollegen. Das Wesen Kains ist uns gar nicht so fremd. Die Bibel schildert uns nicht interessante Schicksale einzelner Menschen, sondern hier wird gesagt: „So ist der Mensch, so bist auch du!“ Wir sind so wie Kain der Schuldige, der Gefährdete, aber auch der Bewahrte.

 

1. Der Schuldige: Nicht daß er tötet, macht Kain zum Mörder, sondern daß er sich am Leben des Mitmenschen vergreift. Alle Menschen sind nach Gottes Willen Brüder und Schwestern und sollen miteinander und füreinander leben. Aber dem fünften Gebot gegenüber fühlen

wir uns meist einigermaßen unangreifbar. Wir sagen: „Ich bin doch nicht der Mörder meines Bruders oder sonst eines Menschen. Ich verabscheue den Mord, überhaupt die Gewalt. Ich bin auch froh, daß ich mit meinem Auto bisher noch keinem Menschen einen Schaden zugefügt habe!“

Doch es sieht anders aus, wenn man die Auslegung Jesu zum 5. Gebot beachtet: Wer zu seinem Bruder sagt „Du Dummkopf", der ist schuldig! Wer also den anderen in seinem Lebensrecht beeinträchtigt oder ihn irgendwie herabsetzt, ist schon sowie Kain. Gerade auch die

so harmlos erscheinenden Bürger sind beteiligt an dieser Möglichkeit, die im Menschen liegt. An den Bluttaten in der Weltgeschichte sind gerade auch solche Menschen beteiligt gewesen, die so Menschen sind wie du und ich. Diese stehen dann noch dabei und klatschen Beifall, wenn es gegen irgendwelche Ausländer geht.

Es geht um das menschliche Klima, in den das Böse gedeiht. Aus vielen Wassertröpfchen wird eine reißende Flut. Das Erschreckende ist eigentlich, daß die Sünde Kains im Religiösen liegt. In vielen Fällen hat man ganz egoistische Gründe, aber man schiebt religiöse Dinge vor. Bei der Judenverfolgung haben viele das Unrecht damit gerechtfertigt, die Christusmörder müßten bestraft werden. In Südafrika damals behauptet man, die Schwarzen seien von Gott zu Menschen zweiter Klasse geschaffen. Und auch in Nordirland geht es um alte geschichtliche Gegensätze zwischen katholischen Iren und protestantischen Engländern, die noch verschärft werden durch die Gegensätze von arm und reich.

Aber wegen solcher Dinge werden Kriege vom Zaun gebrochen und Millionen von Menschen kommen um. Dann werden scheinheilige Gründe vorgeschoben. Aber in Wirklichkeit geht es um die Angst, man könnte etwas verlieren, was man hat, oder man brauchte noch mehr, um in Sicherheit leben können. Weil man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen will, schafft man sich auf Kosten des anderen Sicherheit und Anerkennung.

Eigentlich hat doch jeder genug zum Leben. Aber der vermeintliche Vorteil des anderen wurmt natürlich doch. Man meint auch, Ansprüche gegenüber Gott zu haben. Daraus entsteht dann der grimmige Zorn und die eiskalte Lebensanschauung. Die Bibel aber sagt: „Blut und Leben gehören allein Gott. Der Mensch darf nicht in das Besitzrecht Gottes eingreifen, das geht weit über die Zuständigkeit des Menschen hinaus.

Die Antwort Kains ist natürlich eine Lüge und Frechheit. Selbstverständlich soll er der Hüter seines Bruders sein. Gott will doch, daß anderen Menschen durch uns geholfen wird. Und dieser andere kann sowohl in Afrika leben als auch in der gleichen Straße. Kains Antwort darf nicht unsre Antwort sein, wenn wir die Verantwortung für Kriegsverbrechen, Hunger, Umweltzerstörung, Verkehrsopfer und Selbstmorde von uns abschieben wollen. Doch oft machen wir dem Mitmenschen das Leben auch schwer, weil wir ihr allein lassen, ihn enttäuschen und verletzten und ihm die Liebe schuldig bleiben. Nicht erst die Tat, sondern der Zorn im Herzen und das böse Wort auf der Zunge sind vor Gott verwerflich.

 

2. Der Gefährdete: Kain hat seine Untat begangen, obwohl Gott ihn zuvor gewarnt hat. Das lag daran, daß das Verhältnis Kains zu Gott schon gestört war. Kain wurmt es, daß Gott den Abel lieber zu haben scheint. Wenn ein Lehrer einen Schüler bevorzugt, dann richtet sich der Haß der anderen nicht gegen den Lehrer, sondern gegen den betreffenden Schüler.

So erhitzt sich Kain auch bis zur Weißglut gegen seinen Bruder. Sein Gesicht fällt herunter, d.

Es heißt: Er richtet den Blick auf den Boden und bricht damit die Beziehungen zum Bruder ab. Er verkrampft sich in sich selbst, weil sein Recht angeblich verletzt wird. Aber er war doch der Erstgeborene, er wurde doch an sich vorgezogen. Sicher sind die Menschen verschieden. Aber das muß doch nicht voneinander trennen. Doch es entstehen immer wieder Spannungen, weil die Begabungen unterschiedlich sind oder weil einer mehr Chancen hat, zum Beispiel auch in der Liebe.

Wir wissen nicht, woran Kain erkannt haben will, daß Gott ihn weniger liebe als den Bruder. Mit der Art des Opfers oder der Gesinnung des Opfernden kann es wohl nichts zu tun haben. Und doch wächst der Jähzorn Kains so, daß er den Bruder erschlägt. Dabei denkt er: „Wenn Gott nur noch mich hat, dann kann er nur noch mich lieben, ich muß den Rivalen loswerden!"

Das ist wie eine Treppe, auf der es Stufe um Stufe tiefer geht. Erst waren es nur Neid und Haß auf den Bruder, aber am Ende kommt es zum Mord. Weil Gott diese Gefahr kennt, hat er sein Gebot aufgerichtet. Er will nicht erst kurz vor dem Mord einen Schutzwall aufrichten, sondern gleich am Anfang.

Kain wird rechtzeitig auf die Gefährlichkeit seines inneren Zustandes aufmerksam gemacht: „Wenn du etwas Gutes im Sinn hast, dann hebst du den Blick, dann kannst du deinem Bruder in die Augen sehen; aber wenn du nicht recht tust, dann lauert die Sünde vor der Tür!“

Mit diesem Bild wird uns deutlich gemacht, wie es um uns alle steht: I n uns ist der böse Gedanke, und d r a u ß e n lauert das Böse wie ein Raubtier. Das Böse drinnen und draußen will sich aber miteinander vereinigen, um den Menschen ganz überwinden zu können. Wenn der innere Überdruck immer mehr anwächst, dann platzt eines Tages der Kessel. Nicht die Explosion belastet den Täter, sondern daß er den Kessel aufgeheizt hat. Wenn man immer nur Schlechtes über den Mitmenschen denkt, dann ist klar, daß es eines Tages kracht. Wenn der kritische Punkt überschritten ist, dann kommt jedes Wort zu spät.

Gott aber sagt: „Du sollst aber die Sünde herrschen!“ Du mußt mit Gewalt das Böse in dir niederhalten, sonst überfällt es dich mit Macht, so daß du dich nicht mehr wehren kannst. Doch du bist stark genug, gegen das Böse anzugehen, wenn du nur willst. Du mußt ein

neues Denken finden: nicht mehr zurückschlagen, sondern einen gemeinsamen Weg finden. Wenn du wieder einmal unwillig bist und mit Gott und der Welt zerfallen, dann halte die Tür fest zu, damit das Böse dich nicht überfällt. Du sollst ja nicht bestraft werden, sondern mit Gottes Hilfe über das Böse herrschen.

 

3. Der Bewahrte: Vergossenes Blut läßt sich nicht zuschaufeln, sondern erhebt Klage vor dem Herrn des Lebens. Es scheint sich alles beruhigt zu haben, als der Tote begraben ist. Aber Gott hört das Schreien, er greift ein. Das kann eigentlich unser Trost sein, wenn wir so viel Gewalttätigkeit in der Welt erleben müssen: Auch die Tage der Mächtigen sind einmal gezählt. Es kommt die Stunde, wo sie sich einmal einen Stärkeren tu spüren bekommen.

Aber Gott hat den Kain ja gar verworfen. Er hat beide Brüder gleich lieb. Nur Kain hat es noch nicht gemerkt. Als der Erstgeborene ist er bei den Menschen immer an erster Stelle gekommen, nun will er auch bei Gott als erster dran sein. Hier muß er erst wieder zurechtgerückt werden. Doch er wird nicht aus dem Machtbereich Gottes verstoßen und seinem Wirken entzogen.

Das Kainszeichen soll ihn nicht brandmarken, sondern schützen. Keiner ist so weit von Gott entfernt, daß er nicht durch ihn bewahrt würde. Bestraft wird Kain schon, aber er kann doch wenigstens weiterleben. Er wird nicht der Blutrache preisgegeben, sondern Gott schützt auch noch den schuldigen Menschen. Er möchte, daß die Vergeltung aufhört und nicht alles drunter und drüber geht in der Welt. Er fordert auf zur Vergebung um Christi willen.

Gott hat dem Kain sogar einen neuen Bruder gegeben, nämlich Jesus Christus. Dessen Blut ist zwar auch geflossen, aber es verklagt die Menschen nicht, sondern schreit für sie nach Gottes Barmherzigkeit. Gott hat das Opfer dieses neuen „Abel“ gnädig angesehen und will mit den Menschen einen Neuanfang machen.

Der Bildhauer Wilhelm Groß hat auf seinem seiner Bilder dem fliehenden Kain das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn gemalt. Es ist nicht ein Zeichen der Schuld, sondern der Liebe Gottes. Wir alle dürfen uns auf seine Barmherzigkeit berufen, auch wenn noch so viel zwischen uns und unseren Mitmenschen stünde.

Wir dürfen und sollen wieder Verantwortung für unsre Mitmenschen übernehmen. Das hat ja der barmherzige Samariter getan (Evangelium des Sonntags), der den Niedergeschlagenen versorgt und gerettet hat. Diese Welt braucht nicht so zu bleiben, wie sie ist. Wenn uns die Liebe Christi bewegt, werden wir auch die Kraft erfahren, die Welt im Kleinen und dann vielleicht auch im Großen zu verbessern.

 

 

1. Mose 8, 1 – 12 (4. Sonntag nach Epiphanias):

Hin und wieder geht ein ganz starkes Gewitter nieder. Die Büsche werden vom Sturm fast auf den Boden gedrückt. Es gießt in Strömen. An den Häusern läuft die Dachrinne über.

Das Wasser fließt munter am Haus entlang in Richtung Kellertür. Und bald darauf sprudelt es auch aus der Toilette im Keller wie aus einem Springbrunnen, weil der Kanal in der Straße voll ist und das Wasser in die Keller drückt. In so einem Fall - wenn das Wasser von oben und unten kommt - kriegt man doch etwas Panik. Man stellt einiges auf Stühle. Man ruft die Feuerwehr an. Aber die Nummer ist besetzt, weil jeder anruft, der seinen Keller ausgepumpt haben will. Da heißt es dann selber zu schöpfen

Wenn man so etwas erlebt, kann man eher begreifen, was mit einer Sintflut gemeint ist, einer „umfassenden Flut“, wie die Bedeutung des Wortes ist. Doch sollten wir nicht meinen, daß jemals die gesamte Erde von einer solchen Überschwemmung betroffen gewesen wäre. Solche Sintflutgeschichten gibt es in vielen Völkern des alten Orients, und Überschwemmungen waren im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris nicht selten. Und wir sollten auch nicht meinen, daß die Geschichte von Noah sich tatsächlich so ereignet hat, wie sie in der Bibel beschrieben ist. Es gibt zwar den Berg Ararat an der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran. Aber wir brauchen dort nicht nach den Überresten der Arche Noah zu suchen, denn es gibt sie nicht.

Hier werden vielmehr Glaubensinhalte in Form einer Erzählung vermittelt, nicht kurz und knapp in einem Glaubensbekenntnis, sondern in einer anschaulichen Geschichte. Im Hintergrund steht die Anschauung, die auch in der Erzählung von der Erschaffung der Welt vorausgesetzt ist: Die Erde ist eine Scheibe, darüber wölbt sich der Himmel, aber rundherum ist lauter Wasser (das Meer ist blau, der Himmel ist blau, also muß das alles Wasser sein). Und die Angst der Menschen des Altertums war, daß diese Himmelglocke wieder einstürzen könnte und auch von unten das Wasser durch die Erdscheibe brechen könnte und die gesamte Schöpfung wieder untergeht.

Dem wird aber in der Noahgeschichte entgegengehalten: Ihr braucht keine Angst zu haben, die Schöpfung Gottes bleibt erhalten, auch wenn es einmal eine große Überschwemmung

gibt. In all eurer Angst und Panik könnt ihr euch doch auf Gott verlassen, der seine Schöpfung erhält. An Noah wird das beispielhaft dargestellt.

In vier Punkten kann man darstellen, was uns diese alte Erzählung aus der Bibel vermitteln will:

1. Es gibt immer wieder einmal Katastrophen in unserem Leben: Man muß dabei gar nicht so sehr an eine Überschwemmung, wie ich sie am Anfang beschrieben habe. Die ist zwar im Augenblick auch beängstigend, aber doch bald überstanden. Viel schlimmer sind die wahren menschlichen Katastrophen. Dazu einmal drei Beispiele: Da hat eine Mutter ihren behinderten und bettlägerigen Sohn 50 Jahre lang gepflegt. Er ist vor ihr gestorben, und alle dachten: „Wenigstens das hat sie noch erleben dürfen, daß der Sohn nicht doch noch ins Heim mußte!“ Aber was muß diese Frau für eine Kraft erhalten haben, um diese Aufgabe zu leisten. -

Wer sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, der hat oftmals keinen Erfolg. Entweder            kommt gleich eine Ablehnung. Oder beim Vorstellungsgespräch muß man sich so verbiegen, daß es einer Demütigung gleich kommt. Es gibt ja sogar Firmen, die lehnen einen Bewerber ab, weil sie aus seinen Antworten entnommen haben, daß er sich vielleicht mit seinen Kollegen gegen die Betriebsleitung solidarisieren könnte. - Viele Familien geraten heute in eine Schuldenfalle: Da wird ein Partner arbeitslos oder krank und schon können die Raten nicht mehr bezahlt werden. Man ist einen bestimmten Lebensstil gewöhnt, aber nun muß man das Auto verkaufen und vielleicht auch das Haus bei der Zwangsversteigerung unter Preis verkaufen. Unser Leben ist vielfältig, da gibt es auch viele Möglichkeiten für Katastrophen.

2. Wer auf Gottes Wort hört, der hat eine Chance: Ohne Glauben geht gar nichts in der Welt. Sicher haben sie Noah ausgelacht, als er mitten im Hochland anfing, ein Schiff zu bauen. Aber Gott hatte es so gesagt, da hat er es auch so gemacht. Man darf nicht fragen, warum Gott nicht alle Menschen aufgefordert hat, es ebenso zu tun. Es handelt sich hier ja um eine ausgedachte Geschichte, die schon voraussetzt, was allgemeine Erfahrung ist: Die große Masse hört nicht auf Gottes Wort. Nur wer gehorsam ist, kann gerettet werden. So wird Noah zum Beispiel des Glaubens. Und Gott hält Wort: Wenigstens eine Familie mit den Tieren wird gerettet. Es besteht kein Grund zur Panik. Man muß nur das Richtige tun, was Gott sagt.

Ein Arzt sagte zu einer Frau: „Ich habe mir schon überlegt, ob ich Sie überhaupt operieren kann, weil Sie so pessimistisch sind. Sie sehen immer das Glas halb leer, wo es doch halb voll ist. Man braucht aber Zuversicht, wenn man wieder genesen will!“ Er hat allerdings netterweise zugegeben, daß er auch eher der pessimistische Typ sei, im Gegensatz zu seiner Frau, die ihn immer wieder aufmuntere.

Das ist ja das Gute, daß ein Mensch dem anderen in der Not beistehen kann, besonders in der Ehe. Aber das reicht noch nicht: Man braucht auch den Punkt außerhalb, braucht Gott, der dem Menschen seinen Segen in der Taufe zugesprochen hat und diesen Segen im Laufe des Lebens immer wieder erneuert.

3. Noah wird nicht sofort errettet, er muß lange in der Gefahr bleiben: Daß die Welt trotz ihrer Gottesferne noch besteht, ist ein Wunder. Es ist ja nicht so, daß es Sünde nur in der Zeit vor der Sintflut gab und jetzt eine zivilisiertere und höherstehende Zeit wäre. Was in der Geschichte von Noah erzählt wird, liegt nicht weit hinter uns, sondern es geht uns an. Hier ist in Erzählung eingekleidet, was Ur-Erfahrung der Menschheit ist. Die sogenannte „Urgeschichten“ der Bibel begreift die Geschichte der ganzen Menschheit in sich und ist deshalb zugleich unsere Geschichte.

Auch in unserer Welt wird immer noch geseufzt und gelitten. Es gibt Unmenschlichkeiten des Alltags, die sich bis zu großen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufschaukeln. Nach der Sintflut ist die Menschheit nicht besser geworden. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“ sagt die Erzählung. Aber es ereignet sich das Wunder, daß Gott dennoch den Menschen seine Barmherzigkeit zuwendet.

Doch Noah kann zunächst nichts tun. Er muß auf seinem Schiff ausharren, bis es Zeit ist und bis Gott das Ende der Not festsetzt. Doch dann darf Noah seinen Verstand und seine Möglichkeiten einsetzen: Er schickt eine Taube aus, um zu sehen, ob sich das Hochwasser verlaufen hat. Noah schafft die neue Lage nicht selber. Aber er erforscht die Verhältnisse. So darf sich auch der Mensch allgemein die Gegebenheiten der Welt dienstbar machen: Der Bauer schafft nicht Boden, Saat und Wetter, aber er nutzt sie mit Sachkenntnis. Der Bergmann kann

nur die vorhandene Kohle fördern, aber er tut es nach allen Regeln der Kunst. Gott braucht den Menschen, um die Welt zu erhalten, gerade auch wenn es gilt, nach einer Katastrophe neu anzufangen.

Aber manche Dinge sind schon schwer in unserer Welt: Da hat sich der Mann einer Zahn­­ärztin das Leben genommen, wahrscheinlich auch deswegen, weil sie einen behinderten Sohn haben. Der Vater der Frau hat dann das Kind versorgt. Aber dann ist der auch gestorben. Da weiß auch der Pfarrer oft nicht weiter, da kann er auch nur still mit der Frau trauern. Manchmal dauert es schon lange, bis es wieder weiter geht.

4. Gott hat immer wieder einen Ausweg aus der Not: Auf einmal heißt es: „Da gedachte Gott an Noah!“ Es ist nicht so, daß ihm Noah nach so vielen Tagen jetzt erst wieder eingefallen wäre, sondern jetzt hat er sich ganz persönlich dem Noah mit all seiner Gnade und Barmherzigkeit zugewandt.

Aber genauso hat er sich auch jedem von uns zugewandt. Darum schlägt unser Herz, atmet die Lunge, funktioniert der Stoffwechsel, können die Hände zufassen und die Füße gehen. Anders als Noah leben wir auf einer festen Erde und unser Dasein ist einigermaßen gesichert. Aber erst daß Gott an uns denkt, macht unser Leben aus. Unser Leben ist immer ein Geschenk, nicht nur, wenn wir aus großer Gefahr gerettet wurden, sondern auch in unserem ganz normalen Leben. Die Grenzfälle erinnern nur daran, daß es nicht selbstverständlich ist, da zu sein.

Wir sind nicht noch einmal davongekommen, sondern Gott gibt der Welt eine Zukunft. Am Schluß des Kapitels heißt es. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ Hier drückt sich ein „Ja“ Gottes zu seiner Welt aus, das nur mit befreitem Aufatmen vermerkt werden kann. Das Neuwerden der Schöpfung nach der Sintflut ist aber nur ein Vorspiel der eigentlichen Erneuerung. Gott will den Bestand der Welt, obwohl sie immer noch eine sündige Welt ist.

Damit ist unser eigenes Sterbenmüssen nicht aufgehoben. Aber Gott widerruft damit nicht sein „Ja“ zu uns. Nichts kann uns aus seiner Hand reißen. Das ist das eigentliche Wunder in unserem Leben.

Doch der Segen für Noah und seine Familie und die ganze Schöpfung wurde dennoch nicht auf Dauer von den Menschen genutzt. Wir hören ja dann davon, wie die Menschen sich gegen

Gott auflehnen und einen Turm bauen wollen, der bis in den Himmel reicht. Diese Geschichte vom Turmbau zu Babel hat aber nicht einen versöhnlichen Ausgang wie all die anderen Erzählungen am Anfang der Bibel. Deshalb setzt Gott neu an und beruft den Abraham und hofft, daß seine Nachkommen besser sind als die übrigen Menschen. Aber wir wissen, daß auch das Volk Israel sich nicht so verhalten hat, wie Gott es erwartet hat. Auch wir heute sind nicht besser als das Volk Israel. Deshalb mußte Gott ja seinen Sohn senden, um die Menschheit zu erlösen.

Das Leben der Menschheit müßte anders sein, nachdem sie gelernt hat, wie wenig selbstverständlich das Dasein der Welt und unser eigenes ist. Alles ist Akt der Liebe Gottes: Die Zeit, die uns gegeben ist, der Boden, auf dem wir leben, der Friede und die Ordnung, die wir genießen, das tägliche Brot, die Menschen, mit denen wir zusammenleben dürfen. Nichts versteht sich von selbst.

 

 

 

 

1. Mose 8,18-22 (20. Sonntag nach Trinitatis):

Unser Leben gelingt nicht, ohne daß wir bestimmte Ordnungen einhalten. Im Straßenverkehr ist es hilfreich, wenn es Regeln gibt und Verkehrsschilder aufgestellt werden. Es gibt ja in einigen Städten immer wieder Versuche, auf Verkehrsschilder zu verzichten und die Ampeln abzuschalten. Dann sollen die Autofahrer an der Kreuzung sich einigen, wer zuerst fahren darf. Das führt doch einfach dazu, daß der Dreiste immer vorne ist und der Bescheidene und Vorsichtige das Nachsehen hat. Man behauptet, ohne Regeln und Verkehrszeichen würden die Verkehrsteilnehmer viel mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Aber das ist wohl Wunschdenken. Da ist die Bibel realistischer, wenn sie sagt: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“

 Das bedeutet nicht, daß man sich mit der Bosheit der Menschen abfinden muß und nichts dagegen tun kann. Sie muß nur kanalisiert und in ihre Schranken gewiesen werden. Deshalb befassen wir uns wie in jedem Jahr am 20. Sonntag nach Trinitatis mit dem Thema „Ordnungen“, dieses Jahr besonders mit der Ordnung Gottes in der Natur. Und da wird herausgestellt: Es gibt eine heilsame Gesetzmäßigkeit, die auf Gottes Ordnungswillen beruht. Es gibt also Naturgesetze, die letztlich die Gesetze Gottes sind. Er will es so, seine Freiheit wird dadurch nicht begrenzt.

Und so leben wir heute zwischen Sintflut und Wiederkunft des Herrn nach den Ordnungen Gottes - wir sollten es jedenfalls. Das Leben wird uns immer wieder neu geschenkt, so wie nach der Sintflut. Es soll bewahrt werden durch die Ordnungen Gottes.  Nur so können wir Ja sagen zu dieser Welt.

 

1. Das neugeschenkte Leben:

Das Leben ist eigentlich ein Wunder: Mit zwei kleinen Zellen fängt es an, es wächst heran und plötzlich ist es auf der Welt. Denken wir an eine Frühgeburt, ein Kind, so groß wie eine Hand, aber doch Leben. Es  w i l l  leben, und wir haben ihm den Weg zu bereiten, so gut wir können. Mit einem Jahr kann so ein Kind schon „Mama“ sagen und vielleicht auch schon erste Schritte machen. Dann kommt es in die Schule, dann wird es konfirmiert.

Das Leben  ist nicht langweilig. Man kann aber einfach nicht stumpf und leer dahinleben, wenn man weiß, daß alles Leben nur Geschenk Gottes ist. Wir dürfen uns am Leben freuen, es bietet uns viele Möglichkeiten und wir können sie wahrnehmen. Wir können glücklich sein und immer wieder nur dankbar.

Aber es ist auch eine untergründige Angst da. In unseren Breiten rechnen wir zwar nicht mit einer Sintflut, obwohl die Überschwemmungen eines Flußsystems für die Betroffenen auch so etwas wie eine Sintflut sind. In der Zeit der Entstehung der Bibel kannte man die großen Überschwemmungen von Euphrat und Tigris. Und manche meinen auch, das Schwarze Meer sei plötzlich vollgelaufen und habe eine blühende Landschaft vernichtet.

Aber es geht gar nicht um die Frage, ob es so eine Sintflut gegeben hat oder nicht. Die Sintflut ist ein Bild für alles, was in unserem Leben auf uns hereinstürzt. Im persönlichen Leben sind Arbeitslosigkeit oder Krankheit, Trennungen oder Streit.

Das kann einem dann auch so vorkommen wie den Menschen des Altertums. Ihnen kam die Erde ja so vor wie eine Luftblase, die rundherum vom Wasser umgeben war und wo nun  das Wasser von allen Seiten auf die Erde stürzte. Sie hatten den Eindruck, die Hände Gottes hätten sie losgelassen und er habe sein Schöpfungswort widerrufen.

In unserer Zeit haben Weltraumflieger ähnlich empfunden. Sie sahen die Erde plötzlich als eine kleine blaue Kugel, von einer dünnen Lufthülle umgeben. Für uns ist diese dichte Lufthülle zehn Kilometer stark. Aber vom Weltraum aus gesehen ist das gar nichts. Und doch sind wir drauf und dran, durch unsere Abgase diese Lufthülle zu zerstören. Zunächst sieht es nicht viel aus: zwei Grad Durchschnittstemperatur mehr in hundert Jahren! Aber wenn dann die Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel vielleicht um 80 Zentimeter steigt, dann sieht es schon anders aus. Wir produzieren unsere Sintflut heute selber. Da wird deutlich, daß wir auch eine eigene Verantwortung haben und nicht alles Gott überlassen können.

Aber die Bibel erzählt uns doch: Eines Tages ist die Erde wieder trocken. Gott will ihr und unser Leben, und zwar auf Dauer. Diesen Glauben an die Treue Gottes muß man erst einmal haben. Aber Noah hat ihn. Deshalb baut er nicht zuerst ein Dach über dem Kopf, sondern er errichtet einen Altar, um Gott zu danken, der ihn erhalten hat. Noah hat erkannt: Gott sagt Ja zu unserem Leben. Er sichert unser Leben, auch wenn es manchmal zu wackeln scheint.

Wir haben jetzt Herbst und es geht auf den Winter zu. Aber wir vertrauen darauf, daß es auch wieder Frühling und Sommer wird. Das dürfen wir auch. Gott will, daß es mit der Welt weiter geht und daß auch seine Menschen erhalten werden.

 

2. Die lebensbewahrenden Ordnungen:

Nun könnte man natürlich denken: „Ach, dann ist ja alles gut, da kann mir nichts passieren!“ Gott ist aber nicht so eine Art Lebensversicherung für den Einzelfall.  Gottes Welterhaltungswille darf uns aber nicht zu falschen Sicherheiten verleiten. Das legt ja der Werbespruch der Versicherungen nahe „Versichert, gesichert!“ Aber das stimmt nur bedingt. Eine Versicherung verteilt das Risiko. Aber dazu legt sie das Geld der Versicherten an - nachdem sie selber einen guten Teil davon eingesteckt hat. Aber die Finanz­krise hat ja gezeigt, wie leicht die Manager sich verzocken können. Der Minister Norbert Blüm hat einmal gesagt: „Die Rente ist sicher!“ Viele haben in falsch verstanden. Er hat das gesagt im Vergleich zu den Lebensversicherungen, weil die Rente von denen aufgebracht wird, die heute arbeiten. Aber er konnte natürlich nicht sagen, wie hoch die Rente einmal sein wird.

Verstehen wir das nicht falsch: Versicherungen müssen sein, manche sind sogar gesetzlich vorgeschrieben. Und wer schon einmal einen Autounfall hatte, der weiß das zu schätzen. Und natürlich braucht man eine Krankenversicherung. Das gilt auch für die USA, wo einige sogenannte „Liberale“ in einer solchen Zwangsversicherung einen Eingriff in die persönliche Freiheit sehen. Manchmal muß man vielleicht auch einmal Druck ausüben, damit die Menschen nicht aus Leichtsinn sich selber Schaden zufügen.

Aber Versicherungen sind nicht alles, sie machen den Beistand Gottes nicht überflüssig. Wenn wir einerseits von Gottes Welterhaltungswillen wissen, dann dürfen wir uns andererseits nicht zu falschen Sicherheiten verleiten lassen. Der Satz gilt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“ Aber das heißt nicht, daß eine Atomkata­strophe oder ein Giftgasangriff ausgeschlossen sind.

Gott will zwar den Fortbestand der Welt. Aber er hat den Menschen auch als freies Wesen erschaffen. Der Mensch kann sich seinem Willen widersetzen und damit Gottes Welt in Gefahr bringen. Die Bibel formuliert das so: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!“ Deshalb wird in der Erzählung von der Sintflut gesagt, Gott habe die Menschheit in seinem Zorn vernichtet. Gott wird hier sehr menschlich gesehen. Aber das hat auch zur Folge, daß er seinen Sinn ändert und trotz der Bosheit der Menschen die Welt nicht mehr vernichten will. Bei den Menschen hat sich nichts geändert durch die Sintflut. Aber bei Gott ist etwas anders geworden. Er mußte einsehen: Wenn er die Schöpfung will, dann muß er sie wollen trotz der Sünde der Menschen.  Gott zerbricht die Verkettung von Schuld und Strafe, obwohl die Menschen es nicht verdient haben.

Es war ja nicht nur ein Schaden am Rande, sondern das Herz der Menschen ist böse, und zwar von Jugend an. Aber diese Bosheit von der Wurzel her hebt das Schöpferwort Gottes nicht auf: Wir werden täglich neu geschaffen und erhalten täglich neu unser Lebensrecht.

Um das zu sichern, hat Gott in die Schöpfung seine Ordnungen eingebaut und läßt sie auch in der sündigen Welt wirksam sein. Die Ordnungen des Jahreslaufs und des Tageslaufs sind dabei nur die eine Seite. Doch wie die Natur ihr Gleichgewicht braucht, so müssen auch die Beziehungen der Menschen untereinander stimmen. Wir dürfen nicht alles, was wir können. Wir dürfen als Christen nicht einmal alles, was erlaubt ist: Dem Spitzenmanager steht ein Millionengehalt zu, aber kann er das auch mit gutem Gewissen annehmen? Politiker erhalten manchmal noch Geld aus einer früheren Tätigkeit, verdienen aber am anderen Ort auch ganz gut. Man kann es ihnen nicht verwehren, ihr Recht wahrzunehmen. Aber dürfen sie das auch guten Gewissens? Die Gesetze sind halt falsch. Aber das heißt ja nicht, daß der Einzelne nicht aus höheren Gesichtspunkten auf sein „Recht“ verzichten könntet, um „Gerechtigkeit“ üben zu können. Verstoßen wir aber gegen Gottes Gesetz, haben wir die Folgen zu tragen bis zur Selbstvernichtung. Wenn Gott sich geändert hat, dann ist das doch auch für uns Ansporn, uns zu ändern und uns mehr dem Wollen Gottes anzugleichen.

 

3. Das Ja zu dieser Welt:

Nun wird hier aber gesagt: „Solange die Erde besteht!“ Ist das nicht eine Einschränkung des Heilswillens Gottes? Hier wird deutlich: Alle Ordnung dieser Welt ist eine Notordnung! Die Welt ist zwar heil, aber die Bosheit des menschlichen Herzens bleibt bestehen. Die Worte am Ende der Erzählung von der Sintflut sind nicht das Ende der Wege Gottes, sondern nur eine Zwischenstation. Hier wird der Fortbestand der Welt ermöglicht.

Aber in dieser Zeit brauchen wir Ordnungen. So wie die Natur ihre Ordnung hat, so sollen auch wir Menschen unter uns Ordnung halten.  Wir brauchen Ordnungen für Kinder und Alte, für Arme und Zugereiste. Wir brauchen Ordnung in Gesellschaft, Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft. Es ist keine Ordnung, wenn ein Mensch ohne Grund niedergeschlagen wird - auch wenn man einen Grund hat, darf man ihn nicht schlagen. Früher war es eine gute Regel, wenn einer am Boden lag, dann hatte man entschieden, wer der Stärkere ist und dann ließ man ihn in Ruhe.  Aber heute wird vielfach noch nachgetreten, gegen die Rippen und gegen den Kopf. Und mancher ist dabei zu Tode gekommen, vor allem auch diejenigen, die einen Streit unter anderen schlichten wollten oder einem Bedrängten zu Hilfe kommen wollten.

Man kann aber einen Menschen auch fertigmachen, ohne daß man ihn körperlich schlägt. Was gab es doch in der Presse und in den anderen Medien ein Kesseltreiben gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. immer neue Einzelheiten aus der Zeit vor seinem Amtsantritt wurden hervorgeholt. Am Ende blieb von all den Vorwürfen ein geringer Strafbefehl. Aber das Opfer ist heute ein gebrochener Mann, ohne Frau und Freunde.

Und dann gab es das Kesseltreiben gegen den Limburger Bischof. Gewiß, der Mann hat Fehler gemacht. Aber haben das nicht vielleicht seine Kollegen ebenso gemacht? Was hat mancher Politiker doch die Millionen in den Sand gesetzt. Aber einer wird als Opfer bestimmt und es bleibt am Ende nichts anderes mehr, als das Amt aufzugeben. Was einmal das Lebensziel war, woran man sein Herz gehängt hat, das ist alles dahin, der Einzelne wird niedergemacht. Aber die Handwerker und Baufirmen, die ihn betrogen haben, sind fein raus. Und manch anderer ist froh, daß er jetzt einen angeblichen Grund hat, aus der Kirche auszutreten. So etwas muß nicht sein.

Aber während wir bei der Natur nicht viel beeinflussen können, so können wir das bei unseren menschlichen Ordnungen sehr wohl, jeder in seinem persönlichen Umfeld.

Aber wenn die Zeit erfüllt sein wird, dann wird man neue Wege beschreiten müssen. Gott wird sich auf Dauer mit dem Zustand des menschlichen Herzens nicht zufriedengeben. Wir tun es vielleicht. Wir finden den gegenwärtigen Zustand vielleicht ganz normal oder doch wenigstens erträglich. Aber Gott will nicht nur Ordnungen, sondern er will unser Herz. Deshalb wird er noch einmal mit Jesus Christus eine neue Menschheit beginnen. Sein Opfer ist besser als das Opfer des Noah. Alle äußere Ordnung in der Welt hat die Aufgabe: Raum zu schaffen für das, was durch Christus an uns geschehen soll. Gott verbürgt sich dafür, daß wir uns auf ihn verlassen können. Die Frage ist immer nur, ob er sich auch auf uns verlassen kann.

 

 

1. Mose 11, 1 - 9 (Pfingsten II):

Unsere Welt ist heute in verschiedene Machtblöcke eingeteilt. Und auch innerhalb dieser Blöcke gibt es noch Unterschiede und Machtkämpfe. Ja, selbst innerhalb eines Volkes gibt es Abneigungen zwischen den einzelnen Stämmen. Täglich hören und lesen wir von kriegerischen Auseinan­der­setzungen in der Welt. Das kann uns nicht gleichgültig lassen, denn vielleicht kann uns das selber auch sehr bald betreffen. Denken wir nur daran, wie die europäischen Völker unter ihrer Uneinigkeit zu leiden hatten.

Auch dem Volk Israel ging es so. Sie waren in zwei Staaten aufgeteilt und zum Spielball der umliegenden Großmächte geworden. Wenn es Krieg zwischen Ägypten und Babylon gab, dann war das Gebiet Israels das Schlachtfeld. Deshalb fragte man sich dort: Woher kommt denn die Uneinigkeit der Völker? Warum gibt es so viel Vorurteile? Hinter diesen Fragen steht die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Geborgenheit. Das Nichtverstehen ist doch das Anzeichen für eine sehr tiefliegende Krankheit. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel versucht eine Antwort darauf zu geben.

Eigentlich handelt es sich um zwei Geschichten: Einmal sind es Menschen, die eine große Stadt bauen zu ihrem eigenen Ruhm. Zum anderen sind es Menschen, die einen hohen Turm bauen, damit sie sich nicht in der weiten Ebene verlaufen. Jedesmal aber geht es um die Einheit der Menschheit, die dann zerfällt. Und jedesmal geht es um eine großartige technische und zivilisatorische Leistung, die diese Einheit sichern soll.

Wenn man Angst hat, das Volk könnte auseinanderlaufen, muß man es mit einer Mauer einschließen. Dann läßt man nur den ein, der angenehm ist. Und heraus darf nur, wer die nötigen Papiere hat. Aber man tut auch noch mehr, um die Leute bei der Stange zu halten: Man stellt große Bauwerke hin, damit die Leute an die unbegrenzten Möglichkeiten in dem Staat glauben und deshalb gern bleiben [Hier wird natürlich auf die Situation in der damaligen DDR angespielt].

Gott sagt zu den Menschen: Macht euch die Erde untertan! Die Menschen sollen ja in festen und modernen Häusern leben. Und ein Turm aus gebrannten Ziegeln war damals ein höchst nützlicher technischer Fortschritt. Wir alle nehmen heute teil an den Errungenschaften der Technik und wir dürfen es mit ruhigem Gewissen tun.

Es gibt ja heute Wolkenkratzer, die sind wesentlich höher sind als die 90 Meter des Turms von Babylon. Auch manche Kirche ist da noch höher. Vor hundert Jahren mußte der Turm des Berliner Rathauses noch niedriger bleiben als der Turm der Marienkirche. Aber heute findet niemand mehr etwas dabei, wenn der Fernsehturm gleich daneben dreimal so hoch ist. Und mit den heutigen Raketen reichen wir sogar bis an den Himmel, jedenfalls bis an den Himmel, den man so sieht. Die Menschheit hat schon imponierende Leistungen errungen.

Manche Christen meinen nun, das sei alles Teufelswerk und Gott werde diese Frevler schon zerschmettern. Doch was sachlich notwendig ist, verfällt nicht der Kritik Gottes. Wir können uns freuen, wenn dem Kosmos ein Geheimnis nach dem anderen entrissen wird. Wir können froh sein, wenn unser Alltagsleben durch die Technik ein wenig bequemer wird. Dadurch erfüllen wir den Schöpfungsauftrag Gottes.

Die Bibel will nichts schlecht machen, wo die Menschen voller Optimismus sagen: „Wohlauf, laßt uns etwas schaffen!“ Aber sie weist sehr deutlich auf die Gefahren hin, die aus solchem Tun entstehen können. Diese Menschen in Babylon handeln ja nicht mehr im Auftrag Gottes, sondern sie wollen sich selber einen Namen machen. Aber letztlich haben sie Angst, sie könnten sonst in alle Winde zerstreut werden. Um diese Angst zu überdecken, verfallen sie in den Hochmut, sie könnten bis an den Himmel bauen und der Menschheit damit das göttliche Heil bringen.

Auch bei Adolf Hitler war vom Heil die Rede. Wie bei allen Gewaltherrschern hat er versucht, mit großen Prachtbauten sich einen Namen zu machen. Es ging nicht um den Nutzen der Allgemeinheit, sondern notfalls mußten dann die Häuschen der kleinen Leute weichen. Wie in Babylon wollte Hitler quer durch Berlin eine Prachtstraße bauen, mit einer riesigen Kongreßhalle als Abschluß. Später verlief an dieser Stelle die Mauer, als Mahnzeichen dessen, was Hitler mit seinem „tausendjährigen Reich“ verspielt hat. Gleichzeitig eine Grenze, die Menschen voneinander trennte, wie in der Geschichte vom Turmbau in Babylon,

Auch die moderne Weltraumfahrt unterliegt nicht unbedingt dem Verdammungsurteil Gottes. Nur muß man eben bedenken, daß Gott nicht dort ist, wohin die Raketen reichen. Als die ersten (russischen) Kosmonauten zurückkehrten, da erzählten sie: einen Gott hätten sie dort oben nicht getroffen! Das hätten sie aber auch schon vorher wissen können: Gott lebt nicht hinter dem Mond! Er ist ein Gott für uns, hier auf dieser Erde, wo er uns von allen Seiten umgibt, wie es im 139. Psalm heißt. Andere Kosmonauten haben im Weltraum zu Gott gebetet, haben ihm gedankt für die Schönheit der Schöpfung und dafür, daß ein solcher Flug möglich war. So kann  man jede technische Leistung von zwei Seiten sehen und zum Guten oder Bösen gebrauchen.

Das gilt besonders von der Atomkraft.  Welche segensreichen Wirkungen gehen von ihr aus, in der Energiewirtschaft, Landwirtschaft, Medizin und Technik. Aber welche verheerenden Kräfte stecken in einer Atombombe! Werden die in der Hand der Menschheit liegenden Kräfte wohl immer friedlich und aufbauend eingesetzt werden? Schon allein das Wissen um die Herstellung solcher Bomben wird uns für alle Zeit vor die Frage stellen, wie wir diese Möglichkeiten unter Kontrolle halten können.

Es geht hier einfach um die ethische Frage, ob wir uns verantwortlich wissen vor Gott. Der technische Fortschritt kann einen großen Segen für uns bedeuten. Aber ob es wirklich besser wird, hängt zu einem großen Teil von uns ab. Aller Fortschritt sollte  m i t  Gott vollbracht werden und nicht gegen ihn. Wir dürfen ihn loben, weil er uns solche Macht gegeben hat; aber wir dürfen nicht zu Himmelstürmern werden, die meinen, sie hätten Gott nicht nötig.

Vielleicht hält Gott noch große technische Fortschritte und Errungenschaften für uns bereit. Aber er lacht über die Menschen, die meinen, sie könnten das alles ohne ihn tun. Die Technik und ihre Erfolge sind nur dazu da, um Gottes Macht zu verherrlichen. Und sie sollen dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Wenn sich einer einen Namen machen will, dann durch den Dienst am Nächsten.

Nur so kann unsre Welt wieder heil werden. Die große Machtkonzentration Babels hat die Einheit der Menschheit gerade nicht gesichert. Aller Imperialismus wirkt letztlich nur auflösend. Ehrgeiz zerstört die moralische Basis der Gemeinschaft. Es ist bezeichnend, daß in dieser Geschichte die Zerstörung des menschheitlichen Miteinanders gerade an der Sprache deutlich wird: Wenn man nicht mehr miteinander sprechen kann, ist die Gemeinschaft zerstört.

Aber die Gemeinschaft wird nicht dadurch neu, daß man einfachere Übersetzungsmöglichkeiten schafft oder eine einheitliche Weltsprache durchsetzt. Die Entfremdung liegt ja tiefer. Nicht am Wipfel des Baumes muß man ansetzen, sondern an der Wurzel. Das Vertrauen unter den Menschen muß wiederhergestellt werden.

Das aber ist nur möglich, wenn wir uns alle unter Gott stellen. Wenn jeder sich selbst Gesetz sein will, dann ist er unberechenbar. Wenn wir uns aber an Gott halten, der uns zusammenbindet, werden wir keine unliebsamen Überraschungen zu fürchten haben. Aber solange man in Ost und West das erste Gebot noch herumdreht: „Ich bin der Herr, mein Gott, ich dulde keinen anderen Gott neben mir oder gar über mir!“ wird die Welt noch nicht heil werden können.

Auch die Kirche ist von dieser babylonischen Sünde noch nicht frei. Auch in ihr will man über Menschen herrschen, anstatt ihnen zu dienen. Man will sich einen Namen machen, anstatt sachlich und demütig den Auftrag Christi zu erfüllen. Man will menschlichen Ehrgeiz befriedigen, statt die Schande Christi zu tragen.

Dennoch hat inmitten der Kirche schon das Neue begonnen. Nach der babylonischen Sprachverwirrung hat Gott den Abraham erwählt und mit ihm einen Bund geschlossen. Dieser Bund hat sich erfüllt, als Jesus per Heiland für alle Menschen wurde. Aus seinem Wirken heraus entstand die Kirche, in der wieder alle Menschen zu einer Einheit zusammenwachsen können.

Wo heute Christen zusammenkommen, da mag es zwar noch äußere Sprachschwierigkeiten geben, aber das innere Verstehen ist doch da. Zwar gibt es auf weltweiten, kirchlichen Konferenzen auch harte Auseinandersetzungen über Sachfragen, aber im Gottesdienst kommen dann doch alle wieder zusammen. So soll es auch in unsrer Gemeinde sein. Wir dürfen verschiedene Meinungen haben, wenn wir uns alle unter den gleichen Herrn stellen. Und uns ist die große Aufgabe gestellt, mit der Welt dafür zu sorgen, daß Menschen sich besser verstehen können.

Aber wir bringen die besten Voraussetzungen dafür mit, daß Spannungen abgebaut werden, wenn wir uns unter das Kreuz Christi stellen, das das einigende Zeichen für uns ist. Wir brauchen keinen Turm und keine Stadt, weil Christus das einigende Zeichen ist.

 

 

1. Mose 12, 1 - 4a (5. Sonntag nach Trinitatis):

Mancher kann sich als Jugendlicher nicht vorstellen, jemals aus seinem Heimatort wegzugehen. Aber zum Studium war es natürlich erforderlich. Und auch danach wird man oft woanders arbeiten müssen. Man zieht im Leben öfters um. Und die Kinder waren schon in aller Herren Länder. Heute wird „Mobilität“ verlangt, reisen, umziehen, anpassen, immer wieder Neues unternehmen.

Im Altertum war das nicht so einfach. Da war man eingebunden in seine Familie, seine Nachbarschaft, seine Heimat und sogar in seine Religion. Es war so gut wie undenkbar, das alles aufzugeben, weil man damit im Grunde seine ganze Existenz aufgab. Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen unter uns haben es am eigenen Leib erfahren, was dieses plötzliche Aufgeben der Heimat bedeutet.

Wenn man dazu gezwungen wird, läßt es sich nicht ändern. Aber wenn man heutzutage freiwillig etwas Neues anpacken will, dann geht man nicht ins Ungewisse. Da prüft man erst alles, da fragt man nach Sicherheiten, ehe man sich aus der gewohnten Umgebung löst. Von Abraham aber wird verlangt, daß er sich auf eine solche ungewisse Zukunft einläßt. Das geht nur, wenn man gehorsam ist, wenn man Vertrauen hat und wenn man nicht allein ist.

 

1. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft gehört Gehorsam: Abraham war ein Heide wie die anderen auch. Er hatte also keine besondere religiöse Neigung. Gott kann halt jeden auswählen und er braucht jeden. Er wirkt nicht von außen mit Gewalt auf die gesamte Menschheit ein. Vielmehr ruft er den e i n e n , um ihn auf den Weg zu bringen und eine Geschichte mit ihm zu beginnen.

Der Befehl an Abraham wird nicht begründet, ein Ziel wird nicht genannt. Außerdem war er ja auch in einem Alter, in dem man nicht mehr den Drang hat, von Zuhause fortzukommen und in dem man sich nicht mehr so leicht verpflanzen läßt. Dennoch läßt sich Abraham von Gott rufen in eine auf den ersten Blick unsichere Zukunft. In Wirklichkeit war diese Zukunft natürlich sicher, aber das konnte Abraham ja nicht wissen.

Wir erfahren nicht, wie Abraham den Ruf Gottes hat vernehmen können. Seine Mitbewohner haben nur gesehen, daß er eines Tages aufbrach. Aber den Ruf Gottes hat nur Abraham vernommen. Irgendwie weiß er, daß er gemeint ist.

Gott hatte schon immer versucht, Menschen zu finden, die seinen Vorstellungen entsprechen. Die vorhergehenden Versuche Gottes waren ja fehlgeschlagen. Die Erzählungen am Anfang der Bibel schildern in bildhafter Weise diese Bemühungen. Aber schon Adam und Eva schlagen nicht so ein, wie Gott es sich vorgestellt hat, mit Kain und Abel geht es weiter. Der Höhepunkt ist der verfehlte Versuch, einen Turm bis in den Himmel zu bauen und so zu werden wie Gott. Doch Gott gibt nicht auf und reicht den Menschen immer wieder die Hand. Nur nach dem Turmbau fehlt dieser hoffnungsvolle Ausgang.

Deshalb setzt Gott ganz neu ein, indem er sich den Abraham aussucht und mit diesem einzelnen Menschen einen neuen Anfang versucht. Er segnet einen, damit er allen den Segen bringen kann. Indem Abraham sich auf den Weg macht, zieht das Gute Gottes mit ihm, das am Ende allen Menschen zugedacht ist. Nur darf dieser Erste nicht gleich versagen. Es genügt ja, wenn einer gerufen wird und sich rufen läßt. Dabei ist es egal, was die anderen tun. Nur einer muß antworten und Aufgaben übernehmen. Nur so kann der Segen Gottes sich auswirken, nur so können andere nachgezogen werden.

Bei Abraham war das alles gleich klar. Aber für uns ruft die Stimme Gottes oft sehr leise und nur indirekt. Nur ein wachsames und geschärftes Gewissen kann sie vernehmen. Allerdings wird unser Gewissen scharf eingestellt durch die Bibel. In ihr wird uns gezeigt, daß Gott mit den Menschen geredet hat und wie er das getan hat. Das hilft dann, auch eine eigene Entscheidung zu finden. Das heißt allerdings nicht, daß man die Bibel nur aufzuschlagen brauchte wie ein Kursbuch und gleich weiß, wann die Reise losgeht und wohin sie führt. Wir brauchen das Gebet über der Bibel, um uns ganz auf Gottes Willen ausrichten zu lassen.

Im Grunde haben wir es leichter als Abraham: Für uns ist Gott der Vater Jesu Christi. Als Jesus auftrat, gab es schon eine lange Geschichte von Erfahrungen mit Gott. Jesus selber konnte sich sogar Abraham als Vorbild nehmen, der im unmittelbaren Kontakt mit Gott stand und von Gott auf einen schweren Weg geschickt wurde und sich entscheiden mußte, ob er

dem Ruf Gottes folgt oder nicht.

Jesus wiederum ist uns vorausgegangen. Wir brauchen ihm nur nachzufolgen, nicht nur so, daß wir sein Vorbild nachahmen, sondern auch unser ganzes Leben auf ihn hin wagen. Andererseits hat Abraham Jesus nicht kennen können. Aber wenn er seinen Gott einigermaßen verstanden hat, dann hat er den „Tag Jesu“ schon von ferne gesehen.

 

2. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft brauchen wir Vertrauen in die Zusagen Gottes:

Wir Heutigen haben gegenüber solchem bedingungslosen Gehorsam unsre Vorbehalte. Wir wollen doch selbst verantwortlich sein, wollen unsre Entscheidungen selber treffen, wollen uns Rechenschaft geben über unsre Gründe. Abraham läßt sich von solchen Überlegungen nicht beeinflussen. Gottes Befehl bedeutet für ihn nicht, daß Gott ihm etwas abverlangt, sondern daß er ihm im Gegenteil etwas schenken will.

Der zugedachte Gewinn übersteigt das Aufgegebene doch um ein Vielfaches: Er wird nicht kaltherzig aus seiner Verwandtschaft gelöst und in ein beziehungsarmes Leben geworfen, sondern er wird zum Stammvater eines großen Volkes werden.

Wer mit Gott geht, achtet nicht so sehr auf das, was er aufgibt. Er sieht vielmehr auf das, was Gott ihm schenken will. Dadurch wird er frei, Neues zu beginnen. Das gilt, wenn zwei Menschen ihren gemeinsamen Lebensweg beginnen oder wenn einer den Beruf wechselt. Das gilt aber auch für die Kirche, die in ein verändertes Zeitalter geht, aber dabei auch Viel gewinnen kann.

Die Bibel bezeichnet das als „Segen“. Doch damit ist nicht nur Segen am Schluß des Gottesdienstes gemeint. Den brauchen wir natürlich auch, denn er ist ja nicht der Segen des Pfarrers, sondern der Segen Gottes. Doch dieser Segen zeigt sich nicht nur auf dem Gebiet des Glaubens, sondern auch in unserem Alltag.

Bei Abraham zeigte er sich in der Verheißung vieler Nachkommen. Das war ungeheuer wichtig für einen Orientalen, für den der Segen Gottes sich vor allem in einer großen Kinderschar zeigte. Aber Abraham und seien Frau waren alt und hatten keine Kinder. Abraham hatte nur die Zusage Gottes, daß er dennoch zum Stammvater eines großen Volkes werden würde. Dieses Wort hören, damit Ernst zu machen und sich darauf zu verlassen - das ist Glaube. Ohne Diskussion tut er das, was Gott befiehlt. So ist das beim Glauben immer.

Natürlich ist das viel verlangt. Wir fragen dann gern: „Könnte man nicht beides miteinander verbinden? Gott und die irdischen Absicherungen wie Familie, Arbeitsstelle und Eigenheim!“. Nun, der Glaube ist kein Gesetz. Nicht von jedem wird verlangt, was von Abraham verlangt wurde. Das Wort „verlangt“ triff die Sache gar nicht so richtig. Wem Gott konkurrenzlos groß geworden ist, der traut ihm alles Gute zu. Und er läßt es fröhlich und guten Mutes auf die Überraschung ankommen, die Gott für ihn bereithält.

Dann wird er auch frei, den Segen Gottes anzunehmen und selber zum Segen für andere zu werden. Kinder und Enkel zu haben ist auch für uns ein großes Glück. Aber wir wollen den Kindern auch etwas mitgeben. Dazu gehört nicht nur Geld, sondern vor allem Erziehung, Liebe, Können, Erfahrung, Wissen. Wir möchten ihnen ein tiefes Vertrauen vermitteln ohne Angst vor dem nächsten Tag.

Aber auch für andere können wir zum Segen werden. Da sind die Arbeitskollegen, die unsere Hilfe brauchen. Man kann viel dazu tun, daß der andere es leichter hat. Wenn man die eigene Arbeit gut macht, hat der andere keine Schwierigkeiten damit. Man kann sich überlegen, wie man sich selber und dem anderen die Arbeit erleichtert. Man kann darauf achten, daß nicht immer die gleichen die unangenehmere Arbeit zugewiesen bekommen. Man kann dem Schwächeren helfen oder bei Konflikten vermitteln. Man kann ein guter und verständnisvoller Vorgesetzter sein.

Segen zeigt sich auch im Verhältnis zu den Nachbarn. Da streiten sich zwei Brüder wegen einiger Quadratmeter, die angeblich bei der Teilung des Grundstücks falsch zugeteilt wurden. Da wird der Bruder mit „Herr Müller“ angeredet, so als wäre er nicht der Bruder. Hier ist noch viel zu tun, damit wieder Segen wirksam wird.

Können auch alte Menschen noch zum Segen werden? Als eine Frau gefragt wurde, ob sie denn schon dem neuen Verein „Seniorenhilfe“ beigetreten sei, meinte sie: „Ich bin doch selber hilfsbedürftig!“ Dabei hatte sie selber vorher schon angekündigt, daß sie in dem neuen Altersheim etwas vorlesen wolle. Damit kann sie doch auch mit ihren geringen Kräften noch zum Segen werden.

Ganz schwer wird es allerdings, wenn Menschen einen behinderten Angehörigen versorgen sollen. Da müssen sie oft ihr ganzes Leben umstellen, nicht nur das Haus umbauen, sondern auf Vieles verzichten. Und doch gibt es den Mann, der seinen gelähmten Bruder im Hause pflegt. Und doch gibt es die junge Frau, die vielleicht keinen Mann bekommt, weil sie nach dem Tod der Eltern die kleinen Geschwister versorgt.

Es gibt ja auch Veränderungen in unserem Leben, die ohne unser Zutun kommen: Menschen verlassen uns, es kommt eine schwere Krankheit, es kommt der Übergang in ein anderes Lebensalter. Das ist dann oft mit Lebenskrisen verbunden. Doch Gott ruft uns aus dieser Krise heraus. Oft beauftragt er dann andere Menschen, uns wieder ins Leben zurückzurufen. Sie helfen uns, tapfer und ohne zu trauern den nächsten Schritt zu tun.

 

3. Zum Aufbruch in Gottes Zukunft haben wir Weggefährten: Umgedreht sind wir aber auch aufgefordert, anderen beizustehen, die unsere Hilfe brauchen. Das bedeutet: Wir brauchen andere Menschen, um leben zu können. Mit einem Menschen hat es einmal angefangen. Schon in der Bibel wird das symbolisch in den Figuren von Adam und Eva dargestellt. Wir wissen heute, daß es am Anfang eine Vielzahl von Menschen gab. Aber man hat durch genetische Vergleiche festgestellt, daß alle heute lebenden Menschen von einer „Urmutter“ abstammen, die vor etwa 80.000 Jahren gelebt hat. Die Geschichte der Menschen sieht also aus wie eine Pyramide. Doch darin gibt es auch Lücken, weil Familien ausgestorben sind. Da ist es gut, wenn andere Familien diese Kette fortsetzen.

So hat auch der Glaube an Gott mit einem Menschen angefangen, nämlich mit Abraham. Durch Jesus und seine Jünger ist er dann auf eine neue Stufe gestellt worden. Von dort hat er sich auch pyramidenartig verbreitert. Nun kommt es darauf an, daß diese Kette nicht unterbrochen wird. Dabei ist jeder Einzelne wichtig. Sonst entsteht eine Lücke in der Pyramide und der Glaube stirbt an einer Stelle ganz ab. Aber zum Glück finden sich immer noch genug, die an Gott glauben, irgendwie geht der Glaube immer weiter. Doch letztlich ist es ein Wunder Gottes, daß es die Kirche immer noch gibt.

Dennoch kommt es auf jeden Einzelnen an. Bei einer Tagung sagte einmal ein junger Mann, sein Ziel sei es, wenigstens einen Menschen zum Glauben an Gott zu führen. Schon Abraham hatte in Bezug auf den Glauben eine Verantwortung für die Nachkommen. Wir sind alle eingebunden in eine Familie, in eine Nachbarschaft, in die Gemeinschaft mit Arbeitskollegen. Die können nicht immer alle mit uns gehen.

Aber Abraham ging nicht allein, sondern immerhin seine nächsten Verwandten gingen mit ihm. Auch Jesus hatte seine Jünger. Wir brauchen Hilfen zum Glauben, um auf dem Weg zu bleiben, denn Gott uns führen will. So haben auch wir Weggefährten, die so wie wir Gott vertrauen und seinen Weg gehen wollen.

Die christliche Gemeinde ist eine solche Weggemeinschaft, in der einer den anderen stärkt. Sie ist das neue Volk Gottes. Sie ist da mitten in der Welt, nicht selten leider auch in verhängnisvoller Weise. Wenn wir mit Gott im Frieden sind, dann dürfen wir einerseits unbefangen weltlich leben und der Welt mit dem Besten zu dienen, was wir vermögen. Dieses Beste wir sich vielleicht nicht von dem unterscheiden, was Nichtchristen wollen. Aber die Beziehung zu Gott macht das Besondere des Christseins aus. Das bedeutet: Christen hören den Ruf Gottes und vertrauen seiner Zusage, daß er fortan ihr Gott sein werde.

Das heißt nicht, daß wir die Weltpolitik steuern werden und zu den tonangebenden Völkern der Erde gehören. Segen soll von diesem Volk Gottes ausgehen, Hilfe für alle in einem umfassenden Sinn. Wir sind nicht nur selbst die Gesegneten, sondern stehen unter der Verheißung, daß durch uns die Güte Gottes in die Welt hineinstrahlt. Der Strahlkraft dieses Segens ist keine Grenze gesetzt!

 

 

1. Mose 18, 20 – 33 (23. Sonntag nach Trinitatis):

In unserem Rechtssystem gibt es die Möglichkeit der Begnadigung. Jeder Gefangene kann nach einer Verbüßung von zwei Drittel seiner Strafe eine Aussetzung seiner Strafe zur Bewährung beantragen. In manchen Staaten gibt es auch noch die Möglichkeit, ein Gnadengesuch an den Staatspräsidenten oder den König zu richten. Heute haben wir eine Geschichte gehört, in der sich Abraham an die allerhöchste Instanz wendet, nämlich an Gott. Er bittet allerdings nicht für sich, sondern für die Einwohner zweier Städte.

Im Grunde geht es hier um eine Gerichtsverhandlung bzw. um das Vorfeld einer Gerichtsverhandlung. Man weiß ja: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand!“ Das heißt: Man weiß nie, wie es ausgehen wird, auch wenn man noch so sehr im Recht zu sein meint. Deshalb wird vor Gericht nicht nur von Seiten der Richter entschieden, sondern man trifft sich im Richterzimmer und verhandelt: die Berufsrichter, die Schöffen und die Rechtsanwälte. Der Richter sagt: „Wenn der Angeklagte alles zugibt, erhält er eine geringere Strafe!“ Oder er sagt: „Wenn er einen Strafbefehl annimmt und eine Geldstrafe zahlt, dann ist er nicht vorbe­straft!“ Offiziell darf man das nicht so machen, aber es wird gemacht, auch wenn am Ende die Richter das letzte Wort behalten.

So versucht auch Abraham in der Erzählung, mit Gott einen Handel zu machen. Es ist direkt rührend, wie er zuerst nur um fünf Personen nach unten geht und sagt: „Weil fünf Leute fehlen,  wirst du doch nicht die ganze Stadt verderben!“ Erst war er noch bei 50 Leuten und dann ist es auf einmal nur noch ein Zehntel davon. Und dann geht er immer in Zehner-Schritten weiter nach unten. Bei Zehn allerdings bricht er ab, da traut er sich nicht mehr. Aber im Grunde geht es darum, ob nicht ein einziger Gerechter die Stadt retten könnte.

Schließlich packt Abraham aber auch noch Gott bei seiner Ehre und sagt: „Du bist doch der Richter der Welt und ein Richter muß gerecht richten. Da kannst du doch nicht die Gerechten wie die Gottlosen behandeln und die einen wie die anderen töten!“ Darf man so mit Gott reden? Ja, man darf! Das will uns diese Geschichte sagen. Sie steht ja ganz einzigartig im Alten Testament. Beim Propheten Hesekiel heißt es ganz anders: „Es kann nicht sein, daß die Väter saure Trauben gegessen haben und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. Jede Generation hat ihre eigene Schuld zu tragen, es gibt keine Erbsünde!“

Aber hier bei Abraham wird das differenzierter gesehen. Hieran kann man sehen, daß die Bibel nicht einheitlich ist und unterschiedliche Theologen auch unterschiedliche Auffassungen vertreten. Man darf sich das ja nicht so vorstellen, als habe der echte Abraham tatsächlich mit Gott verhandelt.

Bei den Erzählungen von Sodom und Gomorrha handelt es sich ja um Sagen, die die Frage beantworten sollen, weshalb diese Städte in der Wüste denn zerstört worden sind.  Aber diese Sagen hat ein Prediger zum Anlaß genommen, über eine wichtige Frage des Glaubens nachzudenken.  Es geht um zwei Grundsatzfragen:  a. Wenn Gott gerecht richtet, dürfte der Gerechte doch nicht wegen der Ungerechten bestraft werden? b. Könnte nicht das Vorhandensein einer gewissen Zahl von Gerechten das Unheil auch von den Ungerechten abwenden?

 

Hinter solchen Fragen aber steht die Vorstellung: Es gibt eine für jeden einsichtige gute Weltordnung, in der die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Aber wer so denkt, der klagt dann auch Gott an: „Wie kann er es zulassen, daß ein Flugzeug abstürzt, ein Erdbeben kommt, eine Seuche ausbricht, eine Dürre oder Flut kommt!“

Menschen kann und muß man verantwortlich machen für das, was sie tun. Das gilt für die kleinen oder großen Vergehen des Einzelnen, aber auch für Geschichtskatastrophen wie Kriege oder Hungersnöte. Aber Sodoms Schicksal hat sich nicht deswegen erfüllt, weil Gott weggesehen oder versagt hätte. Er ist schon der Schöpfer und Erhalter der Welt. Alles geht auf Gott zurück. „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?“ fragt der Prophet Amos. Aber Gottes Wirken bleibt verhüllt, er wirkt im weltlichen Geschehen, aber das ist nie direkt zu sehen. Und auch wenn Gott die Geschicke der Welt lenkt, so dürfen wir doch versuchen, in das Räderwerk der Geschichte einzugreifen. Gott ist nicht so festgelegt, daß sich gar nichts mehr ändern könnte. Dennoch gilt:

1. Gerechte leiden mit Ungerechten: Die Warum-Frage taucht ja nur immer wieder auf, weil es uns im Blut liegt, immer nur im Schema einer angemessenen Vergeltung zu denken: Wer etwas Unrechtes getan hat, der muß dafür büßen, diese Regel wird eins zu eins umgesetzt! In Israel dachte man außerdem noch von der Gesamtheit, vom Kollektiv, her: Sündigt einer, so geht sein Sündigen aus der Gemeinschaft hervor und die Gemeinschaft als Ganze haftet dafür. Damals wußte man noch um gewisse Zusammenhänge.

So ist auch das deutsche Volk schuldig an dem Versuch, die Juden in Europa zu vernichten. Natürlich sind wir Heutigen nicht mehr direkt schuldig an der Ermordung der Juden. Und es ist auch nicht richtig, daß der Staat Israel immer wieder von den heutigen Politikern erwartet, daß sie sich für das damalige Unrecht entschuldigen. Aber wir sind nun einmal Teil dieses Volkes, das solche Schuld auf sich geladen hat. Und da hilft auch nicht der Verweis auf andere Völker und was diese getan haben und tun. Und selbst wer heute die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt, der stellt sich in diesen Zusammenhang und kann nicht sagen: „Ich bin Ausländer, mich geht das nichts an!“

Aber natürlich ist die Schuld eines wirklichen Täters von damals noch einmal schwerer zu werten. Er kann sich nicht hinter einer sogenannten „Kollektivschuld“ verstecken. Er kann nicht sagen: „Die Verhältnisse waren nun einmal so, ich habe nur auf Befehl gehandelt!“

Deshalb sind ja die Einzeltäter verurteilt worden, wenn man ihrer habhaft wurde.

Aber wenn einer heute vom Gericht verurteilt wird, dann ist nicht nur er schuldig. Da werden dann die sogenannten „mildernden Umstände“ berücksichtigt: Das freudlose Elternhaus, die leichtsinnigen Freunde, geistige Einflüsse - vieles war da im Spiel. Aber die Suppe, die einer auszulöffeln hat, haben wir alle mit gekocht, und wenn wir nur die Prise Salz dazu getan haben. Deshalb müssen wir die Suppe auch mit auslöffeln. Wir machen damit nicht alle Katzen grau, es gibt auch unter den Menschen noch erhebliche Unterschiede. Aber das Wissen um die gemeinsame Schuld entlastet unser Gewissen nicht.

2. Um der Gerechten willen werden Ungerechte verschont:

Soll Geschichte denn nur von den Bösen gemacht werden, können es nicht auch einmal die Guten sein? Es muß sich doch nicht alles nach der Schuld der Ungerechten richten, es könnte ja auch einmal die Unschuld der Gerechten die Oberhand bekommen! Führt die Anwesenheit von Gerechten nicht zu einer Bewahrung für das Ganze?

Doch - sagt uns dieser einzigartige Bibeltext: Gott erhält die Welt, weil er gute Kräfte am Werk sieht, die Gerechtigkeit wollen und Frieden in der Welt. Gott sieht die Bemühungen der Gerechten - ob sie ihn nun kennen oder nicht. Der Schöpfer hat doch seine Schöpfung lieb, er ist doch ein Richter, der am liebsten freispricht.

Ins Neue Testament übersetzt heißt das: Gott erhält die Welt, weil es Christen in ihr gibt. Doch diese sind nicht aus sich selbst die „Gerechten“, sondern nur weil Gott ihnen seine Gemeinschaft geschenkt hat, allein aus Gnaden. Deshalb haben sie die Aufgabe, in der Fürbitte für die Welt einzutreten, so wie Abraham für Sodom. Wir tun das jeden Sonntag im Gottesdienst. Aber es gibt sicher auch viele Einzelne, die die Probleme der Welt in ihre persönliche Fürbitte einbeziehen.

3. Ein Gerechter stirbt für die Ungerechten: Gott ist dafür zu haben, daß die Gerechten die Ungerechten vor dem Unglück bewahren. Das Zahlenverhältnis entscheidet dabei nicht. Wenn Abraham bei zehn Gerechten aufhört, dann traut er Gott nicht genug zu. Es gibt ja überhaupt keinen Gerechten, der vor Gott bestehen könnte.

 Hatten wir zunächst gesagt: „Die Schuld eines Einzelnen kann eine ganze große Gemeinschaft belasten!“ so können wir jetzt umgedreht sagen: „Die Gerechtigkeit eines einzigen Unschuldigen kommt dem Ganzen zugute!“

Aber dieser eine hat sich in Sodom nicht gefunden, und deshalb ist es untergegangen. Aber immerhin: Abrahams Neffe Lot und seine Familie werden gerettet, indem sie aus der Stadt fliehen können. Doch vom Neuen Testament her wissen wir, daß wir einen viel größeren Retter haben: „Jesus Christus, der von keiner Sünde wußte, wurde für uns zur Sünde, damit wir in ihm Gerechtigkeit erlangen“, heiß es im 2. Korintherbrief.

„Sodom“ war nicht nur eine Naturkatastrophe. Für uns ist es ein Gleichnis für Gottes Gericht, das aber von Christus abgefangen wurde. Es ist mehr geschehen, als was Abraham zu bitten gewagt hat. Wenn wir nur glauben, wird es auch uns zugutekommen.

 

 

1. Mose 22, 1 - 13 (Judika):

Es gibt Burgen und Stadtmauern, von denen wird erzählt, ein Kind sei dort lebendig eingemauert worden. Als der Bau schon fast vollendet war, kam der Baumeister zum Bauherrn und sagte: „Wenn die Mauern der Burg wirklich unüberwindlich sein sollen, dann muß etwas Lebendiges mit eingemauert werden. Ich brauche ein kleines Mädchen, das mit in das Tor eingemauert wird!“ Man machte ein Fest für die Kinder des Dorfes und der Umgebung und loste dann aus, wer das Opfer sein sollte. Und siehe da, das Los fiel auf die siebenjährige Tochter des Baumeisters.

Der Vater raufte sich die Haare, weil er einen solchen Vorschlag gemacht hatte. Aber nun war nichts mehr dran zu ändern. Im Torturm war eine Nische freigelassen worden, dahinein stellte man das Kind. Der Vater selber mauerte das Loch zu. Das Kind kaute an einem Brötchen und dachte zunächst nichts Böses. Aber als nur noch e i n Stein einzusetzen war, da rief es: „Aber Vater, es wird ja so dunkel!“ Doch der Vater setzte auch noch den letzten Stein hinein. Noch tagelang habe man das Wimmern des Kindes gehört.

Es handelt sich hierbei nur um eine Sage. Aber man sage nicht, so etwas sei nicht vorgekommen. Man hat früher tatsächlich Menschen in Türme, Brücken oder Deiche eingemauert, in dem Wahn, sie würden dadurch unüberwindlich. In Saalfeld zum Beispiel hat man in einem Brückenpfeiler die Skelettreste eines Kindes gefunden.

Wir schütteln darüber den Kopf vor Abscheu. Aber der ganze Ernst der Lage des Abraham wird uns hier deutlich. Gewiß, bei der Geschichte von Isaaks Opferung handelt es sich auch um eine Sage. Wir müssen nicht annehmen, daß das alles bis in die Einzelheiten so stattgefunden hat. Es geht vielmehr darum, die Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer zu begründen.

In Israel hat man lange Zeit auch Kinder geopfert. Noch zur Zeit der Propheten gingen Einzelne zu heidnischen Göttern und opferten ihnen ihre Kinder. Die Geschichte von Abraham und Isaak macht deutlich: Gott will keine Menschenopfer, sondern Tieropfer. Man meint direkt ein Aufatmen zu hören, wenn der Schluß der Geschichte kommt.

Aber Isaaks Opferung ist wiederum auch mehr als eine Sage. Sie ist eine Geschichte vom unerschütterlichen Glauben Abrahams und vom Dulden Isaaks. Machen wir uns die Lage des Vaters einmal deutlich: Gott hatte ihm versprochen, er werde ihn zum großen Volk machen und seine Nachkommen würden zum Segen für alle Welt. Doch jahrzehntelang blieb er ohne Kinder. Wie oft hat er Gott gebeten, seine Verheißung doch nun endlich wahr zu machen. Als es nicht mehr menschenmöglich erschien, wurde der Sohn geboren.

Und nun soll er diesen einzigen Sohn wieder opfern? Dann hat er ja vergeblich gehofft und gewartet, dann hat er sich umsonst gefreut und Gottes wunderbare Macht gepriesen? Mit eigener Hand soll er nicht nur die eigene Zukunft, sondern auch die Hoffnung der Welt in ewige Qual verwandeln? Wie kann Gott denn sich selbst widersprechen und das Geschenk wieder zurückfordern? Kann Gott denn sich selbst widersprechen? Haßt er den Abraham nun auf einmal? Wenn er Gott gegen sich hat, dann ist ihm nicht mehr zu helfen, dann sind er und die ganze Welt verloren.

Was soll man dem Abraham raten? Soll man sagen: „Laß Gott fahren und behalte deinen Jungen!?“ Das ist der Weg, den doch heute viele gehen. Sie haben ihre Kinder lieb, so wie Abraham seinen Sohn liebhatte. Sie wollen doch nur das Beste für die Kinder, die sollen einmal

das erreichen, was ihnen verwehrt war.

Wenn Hindernisse auftauchen, umgeht man sie ohne Diskussion. Oder man biegt gleich ab auf einen erträglicheren Weg. Zu einem Opfer ist keiner bereit‚  und sei es noch so gering im Vergleich zu Abraham. Gott zu opfern und den Glauben, das ist einfacher als dem Kind

einen Stein in den Weg zu legen.

In der Praxis der früheren DDR sah das dann so aus: Aus Angst, das Kind könnte einen bestimmten Beruf nicht ergreifen, lassen die Eltern ihr Kind nicht zur Konfirmation. „Sie ist doch gut in der Schule und will einmal Lehrerin werden!“ Zwei Jahre später wird es ernst mit der Berufswahl. Und da stellt sich heraus: Aus gesundheitlichen Gründen ist die Erlernung des Berufs nicht möglich. Man war zu jedem Opfer bereit, und doch hatte es Gott anders beschlossen.

Aber es gab auch den umgedrehten. Fall: Wie hat man doch einem Mädchen vor der Konfirmation gedroht. Der Vater wurde im Betrieb hergenommen, der Parteisekretär wurde eingeschaltet. Das Mädchen wurde wankend, kam einige male nicht zum kirchlichen Unterricht. Dann kam sie wieder, sagte aber, sie wolle nicht konfirmiert werden. Und schließlich kurz vor der Vorstellung der Konfirmanden sagte sie: „Ich möchte doch konfirmiert werden, so wie die anderen auch!“ Sie war eher bereit, ihre Berufsaussichten zu opfern als Ihren Glauben. Aber den gewünschten Beruf hat sie doch gekriegt. Manchmal muß man auch Gott etwas zutrauen, so wie Abraham das tat.

Heute gibt es solche Probleme nicht mehr. Da haben wir eher zu kämpfen mit einem mehr oder weniger offenen Atheismus, einer Gleichgültigkeit gegenüber Glaubensdingen. Man will erst einmal abwarten. Oder das Kind soll selbst entscheiden. Das klingt sehr pädagogisch und verständnisvoll. Aber wenn es um die Schule geht, dann wird das Kind auch nicht gefragt, da wird es durchaus gezwungen.

Als der Junge nach dem Opfertier fragt, da sagt der Vater: „Gott wird sich schon ein Schaf zum Brandopfer aussuchen!“ Das ist keine billige Ausrede oder eine Notlüge. Wenn wir einem Menschen in hoffnungsloser Lage begegnen und selber keinen Rat wissen, dann sagen wir schnell einmal: „Gott wird schon helfen!“ Gott weiß aber wirklich Rat. Ihm sind alle Dinge möglich, denn er hat aus dem Nichts alles geschaffen. So wie er für den Abraham einen Ausweg wußte, so kennt er auch für uns eine Lösung.

Das gilt auch und gerade in den Problemen, die uns heute bedrängen. Wir empfinden Abscheu vor der Erzählung von Isaaks Opferung. Aber wir haben uns daran gewöhnt, daß in unsrer Welt Menschen in großer Zahl geopfert werden, angeblich alle für „höhere Notwendigkeiten“. Die Opfer im Straßenverkehr werden ganz selbstverständlich hingenommen. Wenn eine große Eisenbahnlinie oder ein Tunnel gebaut werden soll, dann muß man mit Unfallopfern rechnen. Für ein bißchen Bequemlichkeit lassen wir Menschen in den Entwicklungsländern verhungern.

Unsere Kinder werden zum Haß und zur gewaltsamen Lösung von Konflikten erzogen. Eltern sind bereit, ihre Kinder in den Krieg zu schicken, weil eben der Befehl so lautete, obwohl wir den Schwur noch im Ohr haben, daß nie wieder eine Mutter ihren Sohn beweinen soll. Selbst in Friedenszeiten kommen Menschen bei der Armee um. Und dann sagt man: „Sein Opfer war notwendig zur Erhaltung des Friedens!“ So werden auch heute noch Menschenopfer verlangt, senn auch in anderer Form.

Aber verlangt Gott nicht auch Opfer von uns? Müssen wir nicht vielleicht auf unsre Lebenschancen und unsre Ruhe verzichten, wenn wir zu Gott gehören wollen? Die Geschichte von Abraham und Isaak macht deutlich, daß er in der Tat  a 1 1 e s  fordern kann.

Er ist nicht nur ein „lieber Gott“, wie wir ihn gern haben möchten, sondern auch einer, der zu ehren und zu fürchten ist. Keiner kann sagen: „Jetzt verlangst du zu viel von mir!“ Wenn Gott uns das Leben und alle unsere Möglichkeiten gegeben hat, dann kann er auch wieder etwas zurückfordern.

Weil der Mensch aber nur selten dazu bereit ist, hat man früher Tiere geopfert als eine Ersatzleistung für das, was man eigentlich Gott schuldig geblieben ist. Heute tun wir es noch billiger, da bezeichnen wir schon ein Eurostück in der Kollekte als ein, Opfer.  Aber das macht uns nicht frei von der Forderung Gottes, daß er uns ganz haben will.

Doch wir dürfen auch das Opfer nicht vergessen, das Gott gegeben hat. Er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, den er so lieb gehabt hat, wie man nur einen, Menschen liebhaben kann. Hier war wirklich ein Menschenopfer notwendig, ein Opfer von vollem Wert und nicht als Ersatzleistung wie bei dem Widder.

Was Gott dem Abraham im letzten Augenblick erlassen hat, das hat er sich selbst nicht erlassen. Was er den Menschen seit Abraham nicht mehr zugemutet hat, das mutet er sich in Christus selbst zu. So geht es hier letztlich gar nicht um die Bindung des Menschen Abraham an Gott, sondern um die Bindung Gottes an den Menschen. Nicht wir opfern uns, wir müssen auch nicht andere opfern, sondern Gott opfert sich für uns. Seitdem ist jedes weitere Menschenopfer überflüssig und wäre eine Beleidigung Gottes.

Wenn man Isaaks Opferung und Jesu Opfertod einmal gegenüberstellt, merkt man den Unterschied: Issak geht den schweren Weg mit dem Vater - Jesus geht den Weg allein und fühlt sich vom Vater verlassen. Auf dem Berg Morija stand später der Tempel in Jerusalem - auf dem Hügel Golgatha aber ganz in der.Nähe stand das Kreuz. Isaak blieb am Leben - Jesus aber mußte wirklich sterben. Abraham sagte: „Gott wird sich ein Schaf zum Brandopfer aussuchen!“ Johannes der Täufer sagte über Jesus: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Aus dem Weg Abrahams mit Isaak wird der Weg Jesu für uns, aus dem Weg miteinander wird der Weg füreinander.

Aber Abraham wie Jesus merkten, wie schwer es ist, an Gott zu glauben. Die Anfechtung liegt ja nicht allein darin, daß man menschliche Sicherheiten aufgeben soll, sondern daß man Gott gegen sich zu haben scheint. Hier wird Gott dunkeln, wenn man so in die Gottverlassenheit gestellt wird, da man an seiner Verheißung irre wird. Es gibt eben solche Stunden, in denen wir meinen, wir hätten Gott gegen uns.

Wenn man in einem dunklen Tunnel ist und die Hand nicht vor den Augen sieht, dann hat man Angst. Aber wenn man erst wieder heraus ist, dann versteht man, weshalb das sein mußte. Aber solange man noch drin ist, da ist es schwer.

Und doch wußte Abraham: Gott kann seine Verheißungen nicht zurücknehmen. In seinem Befehl wird noch irgendwie auch seine Verheißung drinstecken, denn Gott kann nicht lügen. Gott fängt uns in seinen guten Händen auf, wenn wir nur bereit sind zum Loslassen und Hingeben.

An Abraham lesen wir ab, was das Opfer des einzigen Sohns bedeutet hat. Aber Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben, haben. Im Vergleich zu diesem Opfer kann

keins unsrer menschlichen, Opfer zu groß sein.

 

 

1. Mose 28, 10 - 19a (14. Sonntag nach Trinitatis, Variante 1):

Einer der höchsten Berge im Bayerischen Wald ist der Lusen. An seinem Fuß weist ein Wegweiser nach links auf den „Sommerweg“. Er führt erst auf einem bequemen Weg um den Berg herum. Aber dann geht es im rechten Winkel steil den Berg hinan. Und jetzt ist es nicht mehr ein schöner Waldweg, sondern es geht über ein Geröllfeld hoch. Freundliche Menschen haben die vorhandenen Steine so geschichtet, daß eine Treppe entstanden ist, die sogenannte „Himmelsleiter“. Man muß fast auf allen Vieren hinaufkriechen. Aber wenn man nach oben schaut, sieht es so aus, als stiege man in den Himmel hinauf. Die Wanderer klettern nur nach oben, denn abwärts kann man auf dem bequemen „Winterweg“ gehen.

In der Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter geht die Richtung aber andersherum: Nicht Menschen steigen auf zu Gott, sondern er kommt zu ihnen herunter. Gott wohnt im Himmel, aber er erscheint auf der Erde. Die große Treppe schafft die Verbindung, die Engel als die Boten Gottes vermitteln zwischen Gott und Menschen.

Es ist erstaunlich, daß schon das Alte Testament diese Sicht hat, die uns doch erst im Neuen Testament so deutlich wird, als Gott seinen Sohn auf die Erde schickt. Aber schon in der Erzählung vom Turmbau zu Babel, als die Menschen einen Turm bis in den Himmel bauen wollen, muß Gott erst einmal herunterkommen, um das kleine Türmchen überhaupt sehen zu können.

Dennoch haben immer wieder Menschen versucht, sich selber einen Weg zu Gott zu bahnen. Und wenn ihnen der christliche Glaube nicht mehr zusagte, dann haben sie sich fernöstlichen Religionen zugewandt. Nachher waren es die Scientology und andere Psycho-Sekten. Und heute ist es für manche der Islam, der die angeblich bessere Religion ist. In einem Jahr sollen 4.000 Deutsche zum Islam übergetreten sein. Aber immer geht es dabei um den Weg der Selbsterlösung, um die Leistung des Menschen, der seinem Gott etwas anbieten will, damit er

gnädig gestimmt ist.

Auch Martin Luther hat in seinen jungen Jahren so gedacht. Auf seinen Knien ist er in Rom die Treppenstufen der Laterankirche hinaufgerutscht, weil er dachte, das sei ein gottgefälliges Werk. Erst nach langer Vorbereitung und einem ausgiebigen Studium der Bibel kam ihm blitzartig zu der Erkenntnis, daß allein der Glaube retten kann und Gott alles tut.

Die Geschichte von der Himmelsleiter macht uns das in erzählerischer Form deutlich: Es gibt eine Kontaktstelle zwischen der Wirklichkeit Gottes und der Erdenwelt, einen Platz der Gegenwart Gottes in der Welt. Damals war es der Tempel in Bethel, den der König Jerobeam nach der Teilung des Landes im Nordreich errichtet hatte, damit seine Bürger nicht mehr nach Jerusalem in den Tempel gehen mußten. Um dieses neue Heiligtum zu rechtfertigen, griff er auf die alte Erzählung von Jakob zurück, der an dieser Stelle ein Heiligtum errichtete.

Jetzt baute der König dort einen Tempel, in dem er zwei goldene Stierbilder aufstellte. Offiziell war das so gedacht, daß Gott unsichtbar auf diesen zwei Stieren steht. Aber in der Praxis haben die Menschen wohl eher zu den sichtbaren Stieren gebetet und nicht zu dem unsichtbaren Gott. Auch sie haben sich ihren Gott zurechtgemacht und dabei auf Vorbilder ihrer heidnischen Umwelt zurückgegriffen. Irgendwie scheint das im Menschen drin zu liegen, daß er mit dem Angebotenen und Naheliegenden nicht zufrieden ist, sondern nach dem Ausgefallenen und Fremdartigen sucht.

Was einst in Bethel geschehen ist, ereignet sich heute überall dort, wo Christus ist. Er ist die Stelle in der Welt, an der allein die Verbindung zwischen „Oben“ und „Unten“ hergestellt ist. Hier hat der Himmel ein Tor, das nicht nur die Engel benutzen, sondern das auch für uns die Kontaktstelle ist. Jesus Christus ist unsere „Himmelsleiter“, die Kontaktperson zwischen Gott

und den Menschen

Der Tempel in Bethel mit seinem Stein ist längst vergangen. Aber wir haben die Kirche als unseren Durchlaß zu Gott. Gott ist zwar überall, aber er zeigt sich nicht an jedem Platz in der Welt. Aber damit wir ihn besser finden, haben wir das Kirchengebäude, haben wir Taufe und Abendmahl, haben wir die Predigt.

Allerdings kann man Gott auch an anderen Ort treffen und mit ihm reden. Deshalb machen sich ja viele ein gutes Gewissen, wenn sie dem Gottesdienst fernbleiben. Sie sagen: Die Welt ist voller „Himmelsleitern“, jeder kann mit Gott verbunden sein im Erleben der Natur, in der Kunst und Geschichte, in den Regungen des eigenen Herzens. Dann meint man, man brauche die Predigt („Offenbarung“) mehr, sondern man sei gottunmittelbar.

Nun ist zwar Gott überall gegenwärtig, aber der glaubende Mensch kann ihn nicht herbeiholen - er zeigt sich, wo er will. Aber die besten Chancen hat man in der Kirche. Im Gottesdienst können wir uns ganz auf ihn konzentrieren. Dort werden wir nicht durch andere Dinge abgelenkt, sogar das Handy haben wir abgeschaltet. Es ist schön, wenn man einmal einen Ort der Ruhe finden kann, um sich auf sich und auf Gott zu konzentrieren.

Aber diese Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter hat noch einen anderen Gesichts­punkt in sich. Die Gründung des Heiligtums in Bethel wird einbezogen in die Geschichte der Väter Israels, in die Erzählungen von Abraham, Isaak und Jakob. Es wird erzählt von Jakob, der seinen älteren Bruder Esau um den Segen seines Vaters gebracht hat. Er hat sicher gedacht, jetzt sei er ein gemachter Mann. Ging es nicht mit List und Tücke besser als mit Gott? Er würde schon seinen Mann stehen - komme, das da wolle. Jakob beginnt zu träumen und kommt ins Schwärmen.

Aber dann steht Gott plötzlich auf dem Plan. Es gibt keine Bereiche, in denen er nicht ist. Und das ist gar nicht so harmlos, Gott in die Hände zu fallen. Jetzt hat Jakob erst einmal alles verspielt: Er muß in die Fremde fliehen, er weiß nicht, ob er je zurückkehren wird. Zwanzig Jahre seines Lebens kostet ihn das. Wie ist es nun mit dem Segen Gottes, der ihm das Land, viele Nachkommen und den Vorrang vor seinen Brüdern versprochen hat?

Jakob erfährt aber doch die Zusage Gottes, daß er behütet und geführt sein soll. Er darf den Gottesdienst in Bethel begründen. Er wird das Land wieder sehen, das er jetzt verlassen muß. Ihm, dem Unwürdigen und Zukunftslosen (neudeutsch: dem „Looser“) wird doch noch durch Gottes Gnade der Segen zuteil. Er hat ihn sich ergaunert, aber er soll dennoch gelten. Er zieht nicht ins Ungewisse, sondern in eine von Gott vorausgedachte Zukunft.

Jakob wird keineswegs auf wunderbare Weise aus der reichlich verfahrenen Situation heraus-

geführt. Kein Engel nimmt ihn an der Hand und bringt ihn nach Hause, wo ihm vielleicht schon der Bruder die Hand zur Versöhnung entgegenstreckt. Die Zuwendung Gottes hat zunächst keinerlei Einfluß auf die äußeren Umstände. Gott erspart das Leid nicht, aber er hilft hindurch, wenn es nötig ist.

Jakob ist nicht ein musterhafter Frommer. Seine unrühmliche Vergangenheit wird durchaus nicht verschwiegen. Und was für ihn gilt, das gilt auch für das ganze Volk, damals wie heute: Die es nicht verdient haben, werden dennoch gesegnet und zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt. Auch die Kirche heute besteht nur aus begnadigten Sündern. Die Gegenwart Gottes in Jesus Christus widerfährt denen, die es nicht wert sind. Den Hoffnungslosen steht das Tor zum Himmel offen. Gottes Zuwendung ist nicht von unserer Würdigkeit abhängig. Wir brauchen uns nicht bemühen, „Himmelsleitern“ zu bauen

Wir haben aber auch kein Recht, uns über Jakob zu erheben. Sind wir etwa auf dem Weg der Heiligung schon weiter als er? Haben wir auf Gottes Gnadenerweise wirklich immer bedingungslos geantwortet und uns bei ihm bedankt? Und wenn wir ein Versprechen gegeben haben, sind wir ihm stets nachgekommen?

Jakob ist ein Beispiel für uns: Wir alle sind unterwegs durch unser Leben. Wir begehen Fehler und Dummheiten, für die wir bezahlen müssen. Wir sind umstellt von Gegebenheiten und Zwängen, die unser Leben nicht immer schöner und sicherer machen. Wir alle haben keine weiße Weste, sind nicht ohne Schuld. Manchmal sind wir auch auf der Flucht vor unseren Unüberlegtheiten und Verfehlungen.

Auch als Kirche sind wird unterwegs, und manchmal gehen wir sicher den falschen Weg, drehen uns im Kreis, machen Fehler. Und wenn die Kirche einen Fehler berichtigt, macht sie neue und kommt oft nur im Schneckentempo voran.

Wir sind Kirche im Alltag, verstrickt in Meinungsverschiedenheiten und verfilzt in Kompromisse: eine Kirche, in der es menschlich-allzumenschlich zugeht. Die Kirche macht Fehler, weil sie von Menschen verwaltet wird (geleitet wird sie von Gott!). Und doch steht diese Kirche unter Gottes maßloser Verheißung. Gott selber will mit dieser Kirche zu seinem Ziel kommen.

Aber genau an dieser Stelle macht uns Gott durch Jesus Christus handgreiflich und persönlich klar, daß wir bei ihm nicht vergessen sind. Er sagt uns die Verheißung zu, die unsere Angst, unsere Zweifel und unsere quälenden Fragen überschreitet. Mitten in der Angst richtet Gott uns wieder auf. Wir dürfen uns wieder der Zukunft zuwenden. Gott gibt keinen von uns auf, er läßt uns nicht los.

Am Anfang des Gottesdienstes wurde gesagt: Das Thema des Sonntags lautet „Ein dankbarer Mensch verwandelt sich an Leib und Seele“. Davon war noch gar nicht die Rede. Aber es ist doch klar, daß Jakob nur dankbar sein konnte, den Zugang zu Gott gefunden zu haben trotz seiner Verfehlungen. Dazu noch ein Satz zum Nachdenken für den Nachhauseweg, nämlich das Gebet: „Lieber Gott ich danke dir, daß nicht jeden Tag so schlechtes Wetter ist wie heute!“

 

 

1. Mose 28, 10 - 22 (14. Sonntag nach Trinitatis Variante 2):

Das ist wieder so ein Text, bei dem wir denken können: „Ja, der Jakob, der hat es leicht gehabt. Der sah den Himmel offen, eine Treppe, die hinaufführt, und die Boten Gottes, die darauf auf und nieder steigen!“ Nach antiker Vorstellung, die wir heute nicht mehr übernehmen können, waren Himmel und Erde scharf voneinander getrennt, der Himmel war „oben“ und die Erde tief drunten. Nur an einer ganz kleinen Stelle gab es einen Berührungspunkt, ein Himmelstor. Diese Stelle darf Jakob sehen. Aber er darf nicht diese Treppe hinaufsteigen, er bleibt immer ein nichtswürdiger Mensch. Auch bringen die Gottesboten nicht die Gebete der Menschen zu Gott, sondern die Befehle Gottes zu den Menschen.

Man kann erschrecken vor diesem Weltbild und Menschenbild: Gott irgendwo in der Ferne, nur ab und zu einem Menschen erscheinend, aber dann in der Regel auch mehr als ein drohender Richter, als der Gebieter und Weltherrscher.

Doch geht es uns heute nicht auch ebenso: Nur an einer einzigen Stelle haben wir Berührung mit Gott. Der eine hat nur eine Berührung mit der Kirche und ihrer äußerlichen Organisation. Ein Anderer begehrt auch die Amtshandlungen der Kirche, also etwa die Taufe der Kinder. Ein Dritter gar kommt zum Sonntagsgottesdienst oder zum Abendmahl. Und bei Manchem spürt man auch in seinem ganzen Alltagsleben, daß Gott ihn den ganzen Tag begleitet, daß Gott nicht nur punktweise etwas mit ihm zu tun hat, sondern auf breiter Front das Leben dieses Menschen bestimmt.

Das kommt ja immer wieder einmal vor, daß einer seinem Arbeitskollegen beispringt, dem etwas schiefgegangen ist, auch wenn dabei das eigene Arbeitspensum nicht erreicht wird. Oder junge Menschen widmen sich ein Jahr lang der Krankenpflege oder anderen diakonischen Aufgaben. Oder einer hält eine ganze Arbeitsgruppe zusammen und übernimmt eine Verantwortung, die keiner haben will, die aber auf einem ruhen muß, wenn unsere Welt als Gottes Welt bewältigt werden soll.

Vielleicht fordern auch die Menschen eine solche Haltung von uns. Aber entscheidend ist doch, daß unser Glaube von uns fordert: In der Verantwortung vor Gott und den Menschen seinen Mann im Leben stehen, unbeirrt von Quertreibereien, aber getragen von dem Vertrauen auf Gott und von dem Befehl Gottes: Macht euch die Erde untertan! Löst doch die Probleme der Welt in Wirtschaft und Technik, bei der Ausbildung und im Zusammenleben der Menschen!

Es gibt unter uns viele, die schon erkannt haben: Gott will unser ganzes Leben bestimmen und kann uns auch überall helfen. Er ist keine Sache für eine Stunde am Sonntag oder für festliche Angelegenheiten.

Allerdings verläuft unser Leben auch nicht immer so gradlinig. Manchmal entfernen wir uns weiter von Gott und haben dann nicht mehr den Mut, auf Gott zu hoffen. Der Jakob war ja auch auf der Flucht. Er hatte seinen Bruder durch eine List um den Erstgeburts-Segen gebracht, nun ist er heimatlos und muß das Land der Verheißung verlassen. Als alles vertan und verspielt scheint, fällt Gott nun nicht das Urteil über dieses allzumenschliche Verhalten. Gott

mißt nicht mit menschlichen Maßstäben, sondern gibt auch dem Betrüger erneut seine Zusage. Aber gerade dadurch ist Jakob dann ein anderer geworden. Die alte Schuld ist nicht vergessen, aber Gott führt sein Vorhaben unbeirrt mit ihm aus, auch wenn er menschlich gesehen ein Versager ist.

Manches in unserem Leben ist schon gefährlich. Und ein Sprichwort sagt: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ Es ist schon gefährlich, wenn man nur auf Gott vertraut und Gottes Willen in seinem ganzen Leben ausführen will. Aber welch wunderbare Worte darf Jakob hören: „Ich bin mit dir und werde dich behüten, wohin du auch gehst, und ich will dich dann zu diesem Fleckchen Erde zurückbringen. Ich werde dich nicht verlassen, bis ich alle meine Verheißungen ausgeführt habe!“

Eine große Nachkommenschaft soll er haben. Aber noch ist er nicht einmal verheiratet. Er scheint verflucht zu sein. Aber gerade da wird ihm der göttliche Segen bestätigt. So geht es uns doch auch oft: Wenn wir ganz am Boden liegen und keine Hoffnung mehr haben, dann sind wir erst richtig bereit für die Anrede Gottes. Dann ersehnen wir seine Hilfe und hören auch auf ihn. Vielleicht redet Gott aber schon immer zu uns, nicht nur am Sonntag, sondern in jeder Stunde. Wir müssen ihn nur hören und ihm auch antworten.

Allerdings brauchen wir nicht so mißtrauisch zu sein wie Jakob, der sagt: „Wenn Gott das und das für mich tut, dann soll er auch mein Gott sein!“ Unser Bekenntnis lautet umgekehrt: „Gott ist mein Gott und deshalb hilft er mir auch!“ An Jakob hat sich der Segen ganz sichtbar ausgewirkt. Mit zwei Frauen, mit Kindern, Knechten, Mägden und großen Viehherden ist er aus der Fremde heimgekehrt. Wir stellen uns den Segen Gottes hoffentlich nicht nur so handgreiflich vor.

Für uns offenbart sich Gott auch nicht nur an so einem einzigen Fleck wie dem Stein von Bethel. Um die Offenbarung und Erscheinung Gottes geht es ja bei diesem Text für den 1.Sonntag nach dem Erscheinungsfest am 6.Januar. Aber wir begegnen Gott nicht an einem bestimmten heiligen Ort, sondern in unserem ganzen Leben, Handeln und Tun.

Da könnte man nun allerdings sagen: „Ist ja fein, wenn Gott nicht nur im Kirchgebäude wohnt und man ihn auch anderswo finden kann als im üblichen Gottesdienst, dann genügt es ja auch, wenn ich sonntags beim Kartoffelschälen den Radiogottesdienst höre!“ Ob man dabei aber wie Jakob den Himmel offen sehen kann, ist fraglich. Wir dürfen eben den Himmel offen sehen, wenn wir auf Jesus Christus sehen und auf das, was er uns von Gott erzählt hat. Hier offenbart sich uns Gott, und von hier können wir auch Kraft empfangen für unsere Wanderung durch den Alltag.

 

 

1. Mose 50, 15 - 22a (4. Sonntag nach Trinitatis):

Als Pfarrer ist man für alle Gemeindeglieder zuständig und muß alle gleich behandeln. Knifflig wird es, wenn nun Gemeindeglieder Streit miteinander haben. Meist handelt es sich dabei ja um Verwandte oder um Menschen, die im gleichen Haus wohnen. Der Pfarrer besucht sie aber alle miteinander. Die einen erzählen ihm, wie schlecht die anderen sind. Und wenn er bei den anderen ist, dann bekommt er zu hören, was jene aber Schlimmes getan haben. Partei ergreifen ist schlecht, weil man es dann mit dem anderen verdirbt. Jedem nach dem Munde reden, ist unehrlich. Da ist es schwer, eine Lösung zu finden, ohne anzuecken.

Dieser Konflikt macht deutlich, daß wir eine Gemeinde der Sünder sind. Oft hört man ja den Vorwurf: „Unter Christen dürfte es so etwas nicht geben!“ Das wird von Außenstehenden gesagt, die damit ihr Fernbleiben von der Gemeinde rechtfertigen wollen. Das wird aber auch von kirchlichen Leuten gesagt, die eine sehr ideale Vorstellung haben und die tatsächlich vorfindliche Gemeinde daran messen.

Manche haben sich dann ja auch schon von der landeskirchliehen Gemeinde getrennt und sich einer freikirchlichen Gemeinde angeschlossen. Sie hofften, dort ginge es strenger zu und da käme so etwas nicht vor. Aber machen wir uns keine Illusionen: Es wird überall nur mit Wasser gekocht. Eine ideale Gemeinde gibt es nirgends, wird sind immer eine Gemeinde von Sündern. Auch in der christlichen Gemeinde gibt einer dem anderen zu tragen, macht einer dem anderen zu schaffen, gibt es Enttäuschungen und Versagen.

Da hat jeder sicher schon seine Erfahrungen gemacht. Und wo einmal Böses geschehen ist, da heilt die Zeit keine Wunden. Da wird vielmehr gewartet auf die Zeit, in der einmal eine Vergeltung möglich sein wird. Mancher findet der Halt für sein Leben darin, daß er es eines Tages denen wird heimzahlen können, die ihm Böses angetan haben. So sind wir doch alle. Aber wir dürfen unser Sündersein nicht als etwas Normales ansehen. Gott muß uns vergeben und auch anderen, sonst ist das Zusammenleben überhaupt nicht mehr möglich.

Josephs Brüder haben deshalb nichts Gutes zu erwarten. Einst haben sie den Bruder in die Sklaverei verkauft. Nun ist er ein mächtiger Mann geworden. Durch seine Unterschrift und sein Siegel entscheidet er über Leben und Tod. Solange der alte Vater noch lebte, brauchten sie nichts zu befürchten. Damals achtete man den Vater noch und sein Wort galt; man wagte nichts zu tun, was ihn betrüben könnte. Aber jetzt war der Vater tot und Joseph würde sich sicher rächen für die Schmach, die sie ihm angetan haben. All das Gute, das er inzwischen in der Zeit der Hungersnot für sie getan hat, zählt nicht für sie.

Im Grunde sind diese Brüder immer noch die gleichen geblieben. Sie haben alle Wohltaten still entgegengenommen. Das entscheidende Wort sind sie bisher schuldig geblieben: Sie haben nicht ihre Schuld bereut und um Vergebung gebeten. Schon das ist peinlich, daß sie ihre Schuld solange haben anstehen lassen. Unbefriedigend ist aber auch die Art, wie sie ihre Bitte vorbringen. Sie kommen nicht, weil sie ihre Schuld eingesehen haben, sondern weil sie die Rache Josephs fürchten. Sie wissen, daß alle Schuld immer wieder ausgegraben werden kann und bei einem aktuellen Konflikt wieder hochkommt. Unser Gedächtnis ist da sehr leistungsfähig. Sie kommen nicht selber, sondern schicken erst einmal einen Unterhändler, der die Lage vorsichtig erkunden soll. Und sie verstecken hinter dem Wort des Vaters, das Joseph gleich in seinem Verhalten festlegen soll.

Das sind keine bußfertigen Sünder, sondern sie wollen nur möglichst billig davonkommen. Zuletzt erinnern sie noch wie zum Hohn an den gemeinsamen Gott. Aber das muß sie ja eher belasten, denn Joseph war ja auch ein Diener Gottes, als sie ihn damals verkauften. Hier ist also tatsächlich eine „Gemeinde der Sünder“ beschrieben, die es sich mit ihrem Schuldkonto noch leicht macht und auch in dieser Stunde noch den ganzen Ernst der Lage zu verschleiern sucht.

Das ist aber die Art der Menschen bis heute. Daß wir schwach sind und versagen, ist noch nicht einmal das Schlimmste. Viel zerstörender ist es, daß wir auf unsren Sünden beharrlich sitzen bleiben und unsre unmögliche Situation noch verteidigen. Das Wort will eben nicht heraus, das nun doch einmal gesprochen werden muß. Aber lieber beharren wir erst einmal auf unsrem „Recht“, anstatt gleich zu kapitulieren, wir versuchen erst einmal eine Art Kuhhandel anstatt mit einer halt schmerzhaften Buße alles zu bereinigen.

Aber Joseph ist anders. Er fühlt sich als Mensch unter Gott wie alle anderen Menschen. Und er denkt  m i t  Gott. Deshalb ist er frei von dem Zwang, die böse Tat immer wieder zu vergelten. Er steht über den Dingen und kann ehrlich und nüchtern sein.

Dabei hätte er allen Grund, erbost und entrüstet zu sein. Aber er weint zunächst nur. Das gibt seinen Brüdern Mut, nun selbst zu ihm zu kommen. Dadurch ist ein wichtiger Schritt getan, daß alles wieder in Ordnung kommen kann.

Zunächst sagt Joseph: Ich bin ja gar nicht zuständig für die Vergebung eurer Schuld. Gott allein kann Vergeben. Und er  h a t  euch vergeben. Ich kann nur gelten lassen, was Gott in dieser Sache längst an euch getan hat, ich kann e  nicht verdrängen oder durchkreuzen. Das Böse, das die Menschen anrichten, kann letztlich nur von Gott aus der Welt geschafft werden. Selbst wenn jemand seine Schuld vor den Menschen gesühnt hat, indem er zum Beispiel im Gefängnis gesessen hat‚ so muß die Schuld bei Gott noch längst nicht beglichen sein. Wenn in einer Ehe oder Familie ein Vertrauensbruch oder sonst eine Verfehlung unaufgedeckt geblieben ist, dann besagt das noch nicht, daß die Luft rein ist und das Unausgeräumte nicht wieder Macht gewinnen kann.

Aber Gott will ja vergeben und er hat auch er Brüdern Josephs vergeben. Ihre Schuld wird nicht beschönigt, aber in einem überraschend neuen Zusammenhang gesehen. Joseph dankt Gott dafür, daß er Böses in Gutes verwandelte: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen!“ Dem kann Joseph nur zustimmen. Er ist ja längst zu seinem Recht gekommen, ihm geht es ja viel besser als den Brüdern. Er hat ja längst seinen Halt im Leben gefunden und braucht sich nicht mehr an die Rache zu halten.

Was Joseph hier zu den Brüdern sagt, ist Gottes Wort. Sie brauchen nun keine Angst mehr zu haben, dieses Wort könnte wieder umgestoßen werden. Joseph ist bei all seinem Aufstieg nicht hochmütig geworden, sondern er bleibt u n t e r  Gott, weil er ja so viel Gnade von Gott erfahren hat.

Allerdings bleibt Gott in der ganzen Josephsgeschichte ganz im Hintergrund. Es handelt sich fast um eine rein weltliche Geschichte (Deshalb konnte sie Thomas Mann auch in einem umfangreichen Roman verarbeiten). Und doch gehört diese Geschichte in die Bibel. Sie macht nämlich deutlich, wie im menschlichen Handeln Gott am Werk ist. Gott wirkt nicht nur im Sonderbaren und Wunderhaften, sondern zuerst einmal im gewöhnlichen Ablauf der Dinge. Gott wirkt nicht in den Lücken, sondern im Ganzen. Gott hat ja keine Hände und Füße wie wir. Er handelt immer durch Menschen. Und dabei kann er sogar die menschlichen Untaten für seine Zwecke nutzen.

An zwei Stellen der Josephsgeschichte wird das gesagt, sie sind der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Erzählung. Eine Stelle ist unser heutiger Predigttext. Wegen dieser beiden Verse hat die Geschichte auch uns heute noch etwas zu sagen.

Auch wir Christen sind und bleiben Sünder. Wir tun die gleiche Sünde wie die Brüder Josephs: Neid, Eifersucht, Haß. Gerade in einer Zeit, in der der Wohlstand immer größer wird, wird diese Sünde immer aktueller: Warum hat der Bruder eine so große Lohntüte und ich noch nicht, warum hat der Kollege schon einen Wagen und ich noch nicht? Da wird man leicht gereizt und knurrt sich nur noch an, anstatt sich einmal auszusprechen. Schließlich wollen wir den anderen an seinem Erfolg gar noch hindern oder ihn abbremsen. Daraus entsteht Schuld, die wiederum schlechtes Gewissen und Angst erzeugt.

Doch Stolz und Ratlosigkeit hindern uns, den einzig möglichen Weg zu beschreiten, hin zum anderen Menschen zu gehen und ihn um Vergebung zu bitten Wir wollen unser Gesicht nicht verlieren und verlieren dabei uns selbst. Daraus entstehen ja gerade die seelischen Krankheiten, die sich nachher auch körperlich auswirken.

Dabei ist es mit der Vergebung doch gar nicht so schwer, gerade wenn der andere auch ein Christ ist. Er wird ja dann wissen, daß er auch ein Sünder ist, der die Vergebung Gottes nötig hat. Er wird die Vergebung Gottes gelten lassen, er wird Gott handeln lassen, ehe noch wir Menschen etwas dazu haben beisteuern können. Letztlich ist es allein Gottes Güte, die uns zur Umkehr treibt.

Das ist uns Christen ja noch deutlicher als den Menschen des Alten Testaments. Was Joseph sagt, ist erst wahr in Jesus Christus. Jesus Christus ist ja für die Sünden aller Menschen gestorben, für meine und für die meines Mitmenschen. Er gedachte „alles gut zu machen“ und hat mit seinem Leben dafür bezahlt.

Nun dürfen wir auf Vergebung hoffen und dürfen sie auch empfangen. Wir brauchen uns nicht mehr im Gestrüpp unserer Schuld zu verlieren und zu verzweifeln. Jeder Gottesdienst ist eine Gelegenheit, sich auf die Gnade und Geduld Gottes zu besinnen.

Aber wir sind auch diejenigen, die um Vergebung angegangen werden, so wie Joseph. Die Schuld der anderen ist nicht ein Faustpfand, ein Machtmittel in unsrer Hand, mit dem wir den anderen ängsten und quälen können. Schuld ist immer zuerst Schuld vor Gott. Und wenn er

bereit ist zur Vergebung, dann können wir diese Vergebung nicht hinauszögern oder gar vorenthalten. Dann dürfen wir uns nicht mehr mit dem Bösen des anderen (!) beschäftigen und zum eigenen Vorteil aufrechnen. Wenn wir uns unter Gott stellen, dann geben wir dem Guten eine Chance so wie Joseph.

Gott will ja auch uns halten, trotz des Bösen, das unter uns geschieht. Er bedient sich sogar einer Gemeinde von Sündern, um sein Reich in unsre Welt kommen zu lassen. Oft scheinen wir lange Zeit nichts von der Hand des allmächtigen Gottes zu spüren. Joseph mußte auch lange warten, bis sich sein Geschick wendete. Aber Gott handelt auch dann, wenn er anscheinend nichts tut. Er hilft uns immer wieder weiter, auch wenn wir es nicht verdient haben.

(Gerade weil wir unter Gott stehen, lassen wir der Welt nicht ihren Lauf. Wir sind nicht willenloses Rädchen im Getriebe, sondern treibende Kraft. Allerdings stammt diese Kraft nicht von uns selber, sondern wir müssen sie täglich neu erbitten. Aber so können wir mit dazu beitragen, daß die Furcht in Kirche und Welt abnimmt. Keiner kommt zu kurz, keinem widerfährt nur Böses - Gott wird alles gut machen).

 

 

2. Mose 3, 1 - 10 (11 - 14) (Letzter Sonntag noch Epiphanias):

Manche Leute wundern sich, daß auch die Kirche eine Hausnummer hat. Das zeigt aber doch, daß sie zunächst einmal ein Haus wie jedes andere ist: sie hat Fenster und Türen, ein Dach und sogar einen Turm. Vor allem die Türen sind wichtig, denn sie bedeuten doch: In dieses Haus kann man hineingehen, hier kann man sich versammeln, auch andere Leute treffen, etwas gemeinsam tun. Ganz allgemein kann man sagen: Mit diesem Haus kann man etwas anfangen!

Allerdings ist die Kirche auch wieder ein anderes Haus als die anderen. Wir sagen, sie ist das „Haus Gottes“. Aber natürlich wohnt Gott hier nicht, jedenfalls in dem Sinne, wie wir in einem Haus wohnen. Gott läßt sich überhaupt nicht auf einen Ort festlegen und schon gar nicht in Mauern aus Stein und Holz einschließen.

Und doch wohnt Gott hier. Er ist hier, wenn Menschen sich in seinem Namen versammeln, auf sein Wort hören und zu ihm beten. Wenn hier Gottesdienst ist oder Taufe oder Trauung, dann wohnt er hier. Ja er ist sogar da, wenn nur ein Mensch sich still in die Bank setzt und an ihn denkt. Ohne die Menschen ist dieses hier ein totes und nutzloses Gebäude. Mit den Menschen aber ist es eine Wohnung Gottes.

Das Entscheidende ist also nicht das Gebäude, sondern daß Menschen mit Gott in Verbindung treten wollen. Oder sagen wir es richtiger: Wo und wann sich Gott einem Menschen offenbaren will, das liegt bei ihm. Aber wenn er es will, dann ist jeder Platz und jede Zeit

recht dafür. Das mußte auch Mose erfahren, bei dem sich der unbekannte Gott meldete und ihm zeigte, wo er zu finden ist, wie er an den Menschen interessiert ist und wie er sich von ihnen rufen läßt.

 

Wo ist Gott zu finden?

Gott meldet sich nicht irgendwo, sondern an einem ganz bestimmten Ort. Dieser kann zum ganz Alltäglichen gehören. Als Mose mit den Schafen zu den höher gelegenen Weideplätzen zieht, denkt er nur an das bessere Futter. Als er dem brennenden Dornbusch sieht, denkt er nur an ein Naturschauspiel. Er will es untersuchen. Aber auf einmal dreht sich die Blickrichtung um: Gott spricht ihn an und will ihn auch gleich als Werkzeug haben.

Vor einigen Jahrzehnten sprach man noch davon, daß wir auf ein „religionsloses Zeitalter“ zugingen. Dessen sind wir uns heute nicht mehr so sicher. Es hat bei manchen Leuten doch ein neues Fragen nach der Kirche eingesetzt. Und manche Marxisten und Atheisten geben schon zu, daß man ohne den Beitrag der Christen die Fragen des Lebens und der Welt nicht bewältigen kann.

Aber euch wenn wir auf ein religionsloses Zeitalter hinsteuerten, dann würde Gott vor dieser Lage nicht kapitulieren. Der Graf von Zinzendorf hatte eine ganz weltliche Laufbahn vor sich. Aber bei der Bettachtung eines Bildes wurde er zu Christus geführt. Es war nicht einmal in einer Kirche, sondern in einer Bildergalerie. Dort sah er das Bild des gekreuzigten Jesus mit der Unterschrift: „Das tat ich für dich - was tust du für mich?“ Von da an wollte er auch etwas für Christus tun. Auf seinem Gut nahm er die vertriebenen Böhmischen Brüder auf und es entstand daraus die Brüdergemeine, deren Losungen wir gern benutzen.

Ich hoffe, daß es auch manchen Schulkindern so geht, wenn sie ihr Geschichtsbuch aufschlagen. Es gibt nämlich Bücher mit dem berühmten Kreuzigungsbild von Matthias Grünewald aus dem Isenheimer Altar. Früher stand darunter nur „Gekreuzigter“ heute heißt es zutreffender: „Kreuzigung Christi“. Ob da nicht doch einmal einer mehr über diesen Jesus erfahren will? Das nationale Kulturerbe kann man nicht nur als eine Leistung der Vergangenheit betrachten. Es gibt ja auch noch heute Christen, die sich zu diesem Christus bekennen. Gottes Wege sind manchmal wunderbar. Auch durch die Kunst kann er auf sich aufmerksam machen.

Wenn aber vielleicht mancher von uns meint, er habe noch keine Gotteserfahrung gemacht, dann muß man ihm sagen: Es kann jeden Augenblick geschehen, wo und wann Gott es will. Mose hat dieses Erlebnis nicht gesucht. Aber auf einmal stellte er fest: Gott kennt mich!

Das war einerseits erschreckend für ihn, denn er hatte ja einen Menschen totgeschlagen. Andererseits aber war es auch beglückend für ihn, denn nun wurde ihm wieder eine Zukunft eröffnet.

Wir brauchen nicht mehr zum Sinai oder zum Tempel in Jerusalem zu pilgern, wenn wir Gott treffen wollen. Gott hat für uns in der Krippe von Bethlehem und in Nazareth. in Galiläa gewohnt. Und heute begegnet er uns in Wort und Sakrament. Wir haben ihn zwar noch nicht mit unsren Augen gesehen (das konnte Mose auch nicht), aber wir haben seine Stimme gehört, und sei es hier und heute zum ersten Mal.

 

Gott ist auch heute noch unter uns.

Gott ist an den Menschen interessiert: Die Arbeit als Schafhirte hat dem Mose gar nicht in den Plan gepaßt. Unten am Nil schreit die Not zum Himmel und es wäre so viel zu tun. Er aber hütet in den Bergen die Schafe. Eigenmächtig hatte er das Eingreifen Gottes erzwingen wollen: Er hatte einen Ägypter erschlagen, um damit ein Zeichen zum Aufruhr zu geben. Doch dann mußte er fliehen. All seine Hoffnungen schienen zunichte zu sein.

Doch Gott handelt oftmals anders, als wir es für wünschenswert halten. Er geht Umwege und Seitenwege. Aber gerade wenn wir meinen, es sei alles verloren, dann kann bei ihm alles zum Besten stehen. Den eigenmächtigen Befreier hat er mattgesetzt. Aber natürlich kennt er die Not seines Volkes. Gott hat sein Volk lieb und ist an ihm interessiert. Gott leidet mit, wenn Menschen von anderen Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden. Schon hat er sich aufgemacht, um zu retten. Er weiß schon, wie es weitergehen wird. Aber nicht Mose wird der Retter sein, sondern Gott rettet durch Mose.

Im Neuen Testament geht es um eine noch größere Befreiung. Da will Gott uns durch Christus befreien aus der furchtbaren Umklammerung, in die wir durch unsre Schuld geraten sind und die unser Leben hoffnungslos gemacht hat. Aber das ist alles schon Vergangenheit, denn durch Christus leben wir in der Gottesliebe.

Auch heute will Gott möglich machen, was uns unmöglich erscheint: die Lösung unsrer Umweltprobleme, den Frieden, die Beseitigung des Hungers, die Bewältigung von Krankheit und Abhängigkeit. Dazu gehört auch das gestörte Verhältnis zu einem Menschen, eine Bindung oder eine Sucht, die einen immer wieder aufs Neue gefangennimmt. Da gibt es Ängste und Hoffnungslosigkeit. Das ist unsre ägyptische Gefangenschaft, aus der uns Gott herausholen will.

 

Gott läßt sich von uns rufen:

Es ist eine Ausrede, wenn einer sagt: „Wenn Gott mir so erschiene wie dem Mose, dann könnte ich auch an ihn glauben!“ Gott hat auch heute Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Wer sich davon nicht ansprechen läßt, dem hilft auch keine Gotteserscheinung.

Andererseits wären wir ja auch gar nicht darauf gefaßt, plötzlich in unserer Wohnung oder im Wald oder sonstwo die Stimme Gottes zu hören. Uns kommt es doch immer so vor, als lebte Gott in einem anderen Raum. Im Gottesdienst hören wir die christlichen Begriffe. Aber im Alltag kommt das Wort umso weniger vor. Deshalb könnten wir nur noch mehr erschrecken als Mose, wenn plötzlich tatsächlich Gottes Stimme zu hören wäre.

Deshalb mildert Gott die Wirkung seiner Heiligkeit ab, für unser Erfahren und Erleben jedenfalls: Er äußert sich durch den Mund eines anderen Menschen oder durch ein Buch oder durch ein Erlebnis, das uns erst nachher als ein Handeln Gottes deutlich wird. Wenn er sich aber zu erkennen gibt, dann bedeutet das, daß wir ihn auch anrufen können.

Gott gibt uns die Möglichkeit, ihn immer wieder anzurufen, weil er seinen Namen bekanntgegeben hat. Das Märchen vom Rumpelstilzchen macht uns deutlich, welche Bedeutung der Name hat: Erst als die Königstochter den Namen des kleinen Kobolds kennt, verliert er

seine Macht und sie hat ihn in der Hand. Wer seinen Namen offenbart, gibt sich in gewisser Weise dem anderen preis.

Bei Gott allerdings ist es noch etwas anders: Wo er seinen Namen kundtut, da tritt er seine Macht erst an. Niemand kann Gott in seine Gewalt kriegen, weil er einen Namen hat, der über alle Namen ist. Er läßt sich aber soweit herab, daß er Mose seinen Namen nennt, damit er es bei seinem Volk nicht so schwer hat.

Der Name Gottes bedeutet so viel wie „Ich werde für euch da sein“. Es geht also gar nicht um einen Eigennamen oder die Beschreibung des höchsten Wesens. Im Namen drückt sich aus, wer Gott für uns ist. Er will nicht für sich allein sein oder in irgendeinem finsteren Gemäuer hocken, sondern will bei den Menschen sein, will mit ihnen reden und von ihnen angerufen werden.

Mose kann allerdings keinen anderen Gott nennen als den, den sie schon kennen, eben den Gott der Väter. Wer ein Schwärmer ist, der achtet die Glaubensüberlieferung der Väter gering, weil er eine unmittelbare Gotteserfahrung möchte. Aber wir fangen im Glauben nicht neu an, sondern wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns geglaubt haben. Gerade wenn wir an Gottes guten Absichten zweifeln, weil uns ein schweres Geschick betrifft, sollten wir auf die lange Geschichte sehen, die Gott schon mit uns gegangen ist. Dieser Blick nach rückwärts beseitigt zwar noch nicht die Not des Augenblicks. Aber unter Umständen können wir dann doch einen Sinn in dem allen finden und werden neu zum Glauben ermutigt.

Letztlich haben wir es ja doch leichter als Mose: Wir kennen den Namen Jesu und können ihn anrufen. Er trägt den Namen, der über alle Namen ist, und ist uns doch ganz nahe. Seit seinem Kommen ist noch einmal ein heilsgeschichtlicher Sprung geschehen. Wir wissen nicht nur von der Befreiung aus Ägypten, sondern von der Befreiung von allem Bösen und von allen Mächten dieser Welt.

 

 

2. Mose 12, 1.3-4. 6-7. 11-14 (Gründonnerstag):

Wenn einer auf eine lange Reise geht, dann liegt über dem letzten Abend eine besondere Stimmung: Man sitzt noch einmal in aller Ruhe zusammen, erinnert sich noch einmal an das Gewesene und spricht von der Zukunft. Man verspricht, auch weiterhin in Verbindung zu bleiben, man freut sich auf ein Wiedersehen. Man ißt und trinkt miteinander, man ist fröhlich, aber vielleicht auch ein wenig wehmütig.

So mag es auch gewesen sein, als Jesus am letzten Abend mit seinen Jüngern zusammengesessen hat. Er hat mehrfach festliche Mahlzeiten mit ihnen gehalten; aber diesmal war es wohl doch etwas Besonderes. Jesus gestaltet alles wie zum Passafest: Es wird alles zugerichtet wie beim Passa, Jesus spricht die Danksagung, einer der Becher wird für den Nachtisch aufgehoben. Jesus weiß: Morgen am eigentlichen Passahtag wird er nicht mehr bei seinen Jüngern sein, deshalb nimmt er das Fest schon vorweg.

Gesprochen haben wird er über unseren Predigttext, über das Geschehen beim Auszug aus Ägypten: Der Pharao wollte das Volk nicht gehen lassen. Die ägyptischen Plagen zwangen ihn immer wieder zum Einlenken. Doch kaum hatte sich der Druck gemildert, da zog er all

seine Versprechungen zurück. Erst die letzte und schwerste Plage sollte schließlich die Freigabe des Volkes bringen.

Jetzt soll alle Erstgeburt in Ägypten verrichtet werden, bei Mensch und Vieh. Nur die Israeliten sollen verschont werden: Wenn sie ihre Türen mit Tierblut kennzeichnen, dann wird der „Würger“ bei ihnen vorübergehen. Sie werden verschont bleiben, sie werden noch einmal

das Passahlamm miteinander feiern können in der Gemeinschaft der Familie und dann in die Freiheit aufbrechen.

Etwas von diesen drei Elementen findet sich auch bei unsrem Abendmahl. Jesus hat es nicht in den völlig leeren Raum hineingesetzt, sondern schon Bekanntes fortgeführt und neu gedeutet. Die neue Pflanze wurde in den alten Boden eingesetzt; sie wird etwas anderes als der Boden, aber sie lebt doch aus diesem Boden. So schafft Jesus ein neues Passafest durch das Abendmahl. Aber auch in ihm gibt es Verschonung, Zusammenschluß und Aufbruch.

 

1.Verschonung: Wir werden uns vielleicht wundern über allerhand Allzumenschliches bei den Israeliten: Ihre Schadenfreude über die Schicksalsschläge gegenüber dem Zwingherrn, dem sie dann sogar noch kostbare Gegenstände ablisten können. Sie aber werden aus dem grausigen Gerichtsgeschehen auf wunderbare Weise ausgespart.

Aber kommt nicht in einem Winkel. unseres Herzens auch solche Schadenfreude auf, wenn wir feststellen: So verfährt Gott mit der bösen Welt, und so sorgsam ist er auf das Wohl seiner lieben Kinder bedacht. Selbstverständlich rechnen wir uns dabei zu den Kindern Gottes und nehmen ganz selbstverständlich an, daß uns nichts passieren wird.

Aber ein Strafgericht Gottes können wir nur mit Herzklopfen wahrnehmen, auch wenn wir wissen, uns trifft es nicht. Gott will doch, daß alle Menschen gerettet werden. Und wenn ein ganzer Teil bestraft werden muß, dann kann uns das nur leidtun. Und wenn wir selber verschont werden, dann kann uns das nur mit Dankbarkeit erfüllen, immer wieder.

Es ist ja nicht so, als könne dem Volk Gottes und dem einzelner Christen nichts Arges widerfahren. Christusnachfolge ist keine Lebensversicherung und auch keine Methode, Schadensfälle von vornherein unmöglich zu machen. Andererseits könnte einer im vordergründigen Sinne ein Glückskind sein, gesund und erfolgreich und ohne Probleme, aber am Ende doch Strafe erfahren, weil er mit Gott nicht im Reinen ist.

Verschonung ist ein wunderbares Geschehen. An sich hätten alle Strafe verdient und hätte es jeden treffen können. Und doch können einige das Gericht überstehen und werden durch Gottes Gnade verschont. Auf einmal mußte auch das Volk Israel erkennen: gefährlicher als der Pharao ist im Grunde der „Würger“, der vor Tür zu Tür geht und der im Grunde doch mit Gott gleichzusetzen ist.

Wir fragen vielleicht: Weiß Gott denn nicht, wer in den Häusern wohnt? Müssen sie extra für ihn gekennzeichnet werden? Kann er denn nicht verschonen, ohne daß Blut vergossen wird? Warum brauchte er auch das Blut Jesu, um sich mit der Welt zu versöhnen?

Gott ist eben keine Idee, seine Liebe wird nicht nur proklamiert (verkündet), sondern auch gelebt. Er ist ein geschichtlich wirkender Gott, der sich sichtbarer Zeichen bedient. Deshalb mußten im Volk Israel die Lämmer geschlachtet werden und das Blut an die Türpfosten gestrichen werden. Und deshalb mußte auch Jesus seinen schweren Gang gehen, damit sein Blut Verschonung bewirken kann. Das hat nichts mit Magie und Zauberei zu tun, sondern mit dem in der Geschichte handelnden wirklichen Gott.

 

2. Zusammenschluß: Durch das gemeinsame Essen entsteht aber auch eine Gemeinschaft, die mit jeder Mahlzeit tiefer wird. Man hat nicht nur Anteil an dem, was es zu essen und zu trinken gibt, sondern man wird auch mit denen verbunden, die an der Mahlzeit teilnehmen. Man ist verbunden mit dem, was „oben“ ist; aber über dies Gemeinsame ist man auch untereinander verbunden. Es gibt also sozusagen eine Gemeinschaft in der Senkrechten und in der Waagrechten.

Wenn ein Lamm für eine Familie zu viel war, dann mußte sie sich mit einer anderer nachbarschaftlich zusammenschließen. Gemeinschaft entstand also nicht durch die natürliche Gegebenheit der Familie, sondern durch das Beteiligtsein an demselben Passalamm. Auch die Urgemeinde in Jerusalem hat das Abendmahl in den Häusern gehalten, also in kleinen überschaubaren Gruppen.

Auch heute entspricht es offenbar einem verbreiteten Bedürfnis, daß man sich in kleinen Kreisen zusammenfinden will. Bis zu 15 Leuten etwa, das ist eine gesprächsfähige Gruppe, da ist persönliches Vertrautsein und Lebensgemeinschaft möglich. Die üblichen Kirchengemeinden und der Gottesdienst sind vielfach zu unpersönlich und förmlich, auch wenn die Zahlen im Vergleich zu früher wesentlich kleiner geworden sind.

Das Unverbindliche muß es in der Kirche auch geben, daß man auch einmal kommen kann, ohne gleich vereinnahmt zu werden. Aber gerade heute muß es auch die Familienfeier und Nachbarschaftsveranstaltung geben. Wir brauchen die Gruppe mit ihren wirksamen sozialen Beziehungen, die Überschaubarkeit und das Vertrautsein.

Unser Ort und unsere Gemeinde ist zwar auch noch weitgehend überschaubar, man kennt sich von Angesicht und dem Namen nach. Aber was weiß man wirklich vom anderen? Was wissen die Älteren von den Jüngeren? Und wie ist es mit den Gästen von außerhalb, die manchmal auch mit zum Abendmahl kommen?

Manche Gemeinden versuchen da neue Wege. Sie verbinden etwa das Abendmahl mit einem richtigen Essen, bei dem man sich erst einmal kennenlernen kann und die Steifheit überwinden kann. Eingebürgerte Sitten müssen nicht für alle Ewigkeit konserviert werden. Man kann zum Beispiel Abendmahl im Hauskreis feiern. Alte Gemeindeglieder, die weit von der Kirche entfernt wohnen, können noch einige Nachbarn zu sich einladen und dann den Pfarrer dazu bitten. Nach dem Abendmahl kann man dann noch etwas zusammensitzen und die be­ste­hen­de Gemeinschaft neu stärken und vom Sakrament her zugleich vertiefen.

Nur muß man dabei beachten, daß das Abendmahl natürlich auf die ganze Gemeinde angelegt ist. Jesus hat sein Leben gegeben zu einer Erlösung für viele, aus dem Kelch sollen alle trinken. Schloß das Passahlamm der Juden die Familie und Nachbarschaft zusammen, so vereinigt das Abendmahl die ganze Kirche. Man darf also auch bei häuslichen Abendmahlsfeiern den Blick auf das Ganze nicht verlieren. Es ist nicht gut, wenn in einer Gemeinde Abendmahlsfeiern stattfinden, von denen die Gesamtgemeinde und der zuständige Pfarrer nichts wissen. Das führt dann leicht zum Sektenwesen und zur Spaltung, das ist nicht im Sinne des Abendmahls.

 

3. Aufbruch: Aber im Abendmahl richtet sich der Blick auch in die Zukunft. Das Passafest der Juden wird in einer Stimmung des Aufbruchs gefeiert, so als müßte man heute noch aus Ägypten ausziehen in eine Zukunft hinein, die Gott seinem Volk bereiten wird. Auch das Abendmahl Jesu steht im Zeichen des Kommenden. Wir haben den Herrn nicht mehr leibhaft vor Augen, sondern nur noch verhüllt in Brot und Wein gegenwärtig. Doch wir warten darauf, daß diese Verhüllung einmal fällt und wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht.

Andererseits nimmt aber das Abendmahl auch wieder voraus, daß wir einmal Jesu Tischgäste im Himmel sein werden. So wie Jesus in der Stunde vor der Verhaftung schon die Verherrlichung vorweggenommen hat, so dürfen wir im Abendmahl ein Stück Himmel auf Erden erleben. Wir haben zwar auch dringliche Aufgaben in der Welt. Aber es gibt auch ein lohnendes Ziel im Himmel.

Menschen im Aufbruch kleben nicht an dem, was sie; sie hängen ihr Herz nicht an das, was es zu verlassen gilt; sie verwenden nicht unnötige Mühe an das, was sie zurücklassen wollen. Vielmehr beginnen sie ihre Zukunft und leben für das Neue. Christen haben das Beste immer v o r sich.

 

 

2. Mose 13, 20-22 (Altjahrsabend):

Ein Navigationsgerät ist eine sehr hilfreiche Erfindung, ob man nun mit dem Auto fährt oder mit dem Fahrrad oder zu Fuß geht [ein solches Gerät mitbringen und vorzeigen]. Früher war das Finden des richtigen Weges manchmal schwierig: Die Straße teilte sich, aber wie sollte man jetzt weiterfahren? Wollte man zu einem weiter entfernten Ziel, dann stand nur das nächste Dorf auf dem Wegweiser, wollte man aber in das nächste Dorf, dann stand nur das Fernziel da. Wenn man dann keinen fähigen Beifahrer dabei hatte, mußte man anhalten und sich anhand der Landkarte orientieren. Heute wird schon 300 Meter vorher angesagt: „Rechts abbiegen!“ Und wenn ein Blitzgerät zur Geschwindigkeitsüberwachung kommt, wird man auch rechtzeitig gewarnt.

Auch für unser Leben brauchen wir ein solches Navigationsgerät, das uns den rechten Weg zeigt und vor Gefahren warnt. Vielleicht genügt es ja, wenn wir das Fernziel erkennen können, damit wir auch noch selber etwas gestalten können und aus einer Fülle von Wegen auswählen können. Die eigene Freiheit soll uns ja nicht genommen werden. Wir bleiben Menschen und sind nicht allein von der Maschine abhängig.

Auch das Volk Israel suchte nach so einer Wegweisung. Noch befindet es sich in der Nähe des Kulturlandes. Einige trauern schon den Fleischtöpfen nach, die es angeblich in Ägypten gab. Vor ihnen liegt die unbekannte und menschen­feind­liche Wüste. Noch könnten sie umkehren. Sie brauchen einen, der ihnen den Weg zeigt. Da sagt Gott: „Ich gehe vor euch her!“ Er tut das aber nicht als Person, sondern in einer Rauchwolke und einer Feuersäule. Und er will nicht nur auf diesen Marschabschnitt das Volk begleiten, sondern überhaupt die Führung übernehmen, in der Wüste und darüber hinaus, das ganze Leben über.

Das gilt nicht nur für das spezielle Gottesvolk Israel. An Silvester drängen sich die Fragen nach der Zukunft der Menschheit besonders auf. Der Stundenschlag der Geschichte erinnert uns nicht nur an das Durchlebte und Ausgestandene, sondern auch an die zu Zukunft, die noch zu bestehen ist: Da gibt es Aufgaben und Chancen, aber auch unbewältigte Probleme und Befürchtungen.

Unsere Vernunft ist gefordert, wenn es um den Fortbestand der Welt geht, um Friede, Ernährung, Gesundheit, Energie. Der Glaube kann diese Vernunft wecken. Aber die fertigen Lösungen der Weltprobleme liefert der Glaube nicht. Deshalb mag die Zukunft noch dunkel sein. Aber es gilt: Was auch immer auf uns zukommt - Gott ist für uns! Das soll uns am heutigen Tag besonders deutlich werden.

 

Dieses Bild von der Wolken- und Feuersäule ist so etwas wie ein Rahmenprogramm für den Zug des Volkes Israel durch die Wüste. Es kann auch für uns zur Botschaft werden für unseren Weg in die Zukunft, und zwar unter den Stichworten 1. Immer im Aufbruch,

2. Immer in Gottes Gegenwart und unter Gottes Führung.

 

1. Immer im Aufbruch:

In den vergangenen Jahrzehnten hat man Kirchenbauten gern als Zelt gestaltet. Das sollte aussagen: Die Kirche ist in der Welt nicht seßhaft, sie muß weiter. Und das ist nicht eine vorübergehende Situation, die man bald wieder hinter sich haben wird. Man ist immer zu Neuem unterwegs, der Blick ist immer nach vorn gerichtet. Für lange Zeit wird es das Los der Leute Gottes sein, nicht zu wissen, wo man in ein oder zwei Wochen sein wird und was alles noch kommen wird.

Das gehört nun einmal zum menschlichen Leben dazu: Unterwegs sein zwischen gestern und morgen. Für jugendliche Menschen ist das überhaupt das Lebensgefühl: Man wartet auf das Kommende, will älter werden, die Ausbildung hinter sich bringen, eine Familie gründen, überhaupt „sich sein Leben aufbauen“. Ältere Menschen verharren gern im Gewohnten und wehren sich gegen die Veränderung. Ihnen wird leicht bange vor dem Zukünftigen und sie wollen sich nicht mehr darauf einstellen.

 „Immer im Aufbruch“ bedeutet: Gottes Wort will uns bereit machen für die Zukunft. Doch damit ist nicht gemeint, sich immerzu nur Neues einfallen zu lassen und dabei zu meinen, das Andere müsse immer das Bessere sein. Es geht nicht um einen Lebensstil, der immer nur auf Neues aus ist und den Wandel erstrebt um seiner selbst willen. Vielmehr geht es darum,

auf den Ruf Gottes einzugehen, der will, daß wir unterwegs sind und offen für die Zukunft. Und es geht nicht nur um einen Übergang („transitus“) von einer Situation in die andere, zum Beispiel um ein Hineinstolpern in ein neues Jahr, sondern um den bewußten Aufbruch („exodus“).

Jede Entscheidung, die wir zu treffen haben, geschieht unter den Augen Gottes. Er allein spricht über uns das letzte Wort. Das sollten wir immer vor Augen haben, damit wir den richtigen Abstand finden zu den Dingen, die uns umgeben, und zu den Ängsten, die uns umtreiben.

Doch das ist nicht immer leicht. Wir stehen ja nicht mit leichtem Marschgepäck vor unserer Zukunft. Wir ziehen nicht mit einem Zelt umher, sondern wir wohnen in festen Häusern mit mehr oder weniger Komfort. Wir haben etwas zu verlieren. Wir können das nicht alles stehen und liegen lassen und ein Zigeunerleben anfangen.

Ob wir uns von Gott leiten lassen, das zeigt sich darin, ob wir eine innere Freiheit gegenüber den Dingen haben. Paulus hat dafür den Ausdruck geprägt: „Haben, als hätte man nicht“ Und er hat gesagt: „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein, mir ist alles und jedes vertraut, ich kann satt sein und hungern, übrig haben und Mangel leiden!“

Man muß auch die Freiheit haben, Erarbeitetes und Erspartes herzugeben. Wenn wir abhängig bleiben von den „Fleischtöpfen“ verschiedenster Art, wird uns das auf die Dauer nur immer unglücklicher machen. Unseren Reichtum dürfen wir nicht wie einen Raub festhalten wollen in der Hoffnung, dadurch unsere Zukunft sichern zu können.

Das gilt auch für die Kirche. Sie sollte sich nicht in der Welt häuslich einrichten wollen, denn ihre Heimat ist im Himmel. Aber von Aufbruch war und ist in ihr oft nicht viel zu spüren. Vielmehr ging es um Ansehen und Sicherheit, Abhängigkeit von den Mächtigen und Gebrauch der Mittel dieser Welt. Besonders wird das deutlich daran, daß auch die Kirche ihre

Rücklagen macht und ihren Besitz sorgfältig hütet.

Jeder kleine Verein hat solche Rücklagen, und der Kassierer wird immer gelobt, wenn er diese Rücklagen noch erhöht hat. Die Kirche hat sogar eine eigene Bank gegründet für ihre Rücklagen. Angeblich geschah das nur, damit die Kirchengemeinden billiger an Kredite kommen. Aber heute ist das eine Bank wie andere auch. Wenn doch unsere Synoden und Kirchenvorstände auch die wandernde Wolkensäule vor sich sähen und die Kirchenleitungen nur danach fragen würden, wohin Gott sie führt.

Daß Gott führt, wird heute nicht so anschaulich wie damals. Deshalb ist es schlimm, wenn die Regie in die Hände der Menschen gerät und die Kirche menschlichen Zielen und Zwecken untergeordnet wird. Etwas ausrichten wird die Kirche aber nur, wo sie nach dem Auftrag des Herrn handelt und seine Verheißung ernst nimmt. Keine klug ersonnene Kirchenstrategie, die langfristig festlegt, welche Schritte zu tun sind, wird helfen. Gott selber führt!

Der Kirche ist nur die Verkündigung des Wortes Gottes aufgegeben, der Gebrauch der Sakramente, das Gebet und der Dienst am Menschen. Aber gerade deswegen ist die Kirche das wandernde Gottesvolk und immer im Aufbruch. Auch der einzelne Mensch ist dazu aufgerufen. Wer aber aufbrechen will, der muß bereit sein, Vieles zurückzulassen. Was er noch hat, soll er in Freiheit gebrauchen. Aber wenn es sein muß, dann soll er auch Liebgewonnenes drangeben können.

 

2. Immer in Gottes Gegenwart und unter Gottes Führung:

Wenn wir so leben wollen, dann wird uns nichts genommen. Dem wandernden Volk Gottes ist immer die ständige Gegenwart Gottes zugesagt. Dargestellt wird das in der Erzählung vom Aufbruch in die Wüste durch die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule bei Nacht. Das heißt: Gott ist immer da, geht immer voran, Tag und Nacht.

Die Wolkensäule ist dabei an sich eine Rauchsäule, wie es auch an anderer Stelle der Bibel gesagt wird. Gemeint sind damit die Säule über dem damals noch rauchenden Vulkan Sinai und der Feuerschein der aufspritzenden Lava in der Nacht. Die Israeliten deuten diese Natur­erscheinungen als Zeichen für die Gegenwart und die Begleitung Gottes. Man kann natürlich auch sagen: Das sind nur ganz gewöhnliche Naturerscheinungen, mit Gott hat das nichts zu tun, der ist nur eine überflüssige Verlegenheitserklärung.

Gott gibt sich aber immer nur in Erscheinungen zu erkennen, die das natürliche Geschehen nicht zerreißen oder unterbrechen. Diese sind sein Ausdrucksmittel, seine Art von Sprache. Und ein feuerspeiender Berg ist dabei eine deutlichere Sprache als die Raketen und Böller in der Silvesternacht.

Das Volk Israel hat diese Sprache verstanden und den Ruf Gottes vernommen. Dadurch waren sie nicht mehr nur Bauteilchen in einem großen Mechanismus, sondern sie wußten, daß sie jetzt aufbrechen und einer Stimme folgen müssen. Sie ließen sich rufen auf Gottes Weg und hatten damit die richtige Wahl getroffen.

Doch Gott ruft nicht nur, er geht auch mit. Die Wolke verhüllt Gott, aber sie zeigt gleichzeitig an, daß er da ist. Daß Gott gegenwärtig ist, wird aber ein theoretischer Satz bleiben, wenn er nichts in Bewegung bringt. Wir haben beim Übergang in ein neues Jahr nicht den Auftrag, nur zu sagen: „Es wird schon alles gut werden!“ oder auch das Gegenteil: „Das wird wieder ein Wüstenjahr werden.“ Die guten Wünsche zum Jahreswechsel sollen schon gelten. Aber der Glaube an Gott ist keine Lebensversicherung. Doch Gott geht mit und mutet uns auf dem Weg in die Zukunft nichts zu, woran er nicht beteiligt ist.

Wir sehen heute keine Wolken- oder Feuersäule. Aber wohin wir den Fuß setzen, da ist Gott schon gewesen. Wir brauchen kein Naturschauspiel mehr, denn Gott ist uns in Christus nahegekommen. Er kommt uns heute nahe in Wort und Sakrament. Wir marschieren nicht auf eigene Faust, sondern vorne ist er. Er wendet sich den Seinen nicht für eine begrenzte Zeit nur flüchtig zu, sondern er ist treu und zuverlässig. Mit den Israeliten hat er am Berg Sinai einen Bund geschlossen. Mit uns hat er in Jesus Christus auf ewige Zeiten einen Bund geschlossen. Wir brauchen nicht in die Wüste und zum Sinai zu gehen.

Wohin es geht, bestimmt Gott. Aber der rauchende Berg gibt nur die Generalrichtung an. Je nach dem Gelände wird man dann den Weg im Einzelnen suchen müssen. Es bleibt auch noch Raum für unsere persönliche Freiheit und Entscheidung. Selbst einem Navigationsgerät braucht man nicht unbedingt zu folgen: Wenn man einen besseren Weg weiß, dann nimmt man diesen.

Nur am Ende muß man am richtigen Ziel ankommen. Uns werden auch im neuen Jahr viele Aufgaben vor die Füße gelegt sein - mehr als wir schaffen können. Da ist es gut zu wissen, daß das Befehlen Jesu nur darin besteht, daß er vorangeht.

 

 

 

2. Mose 16, 2 – 3 und 11-18 (7. Sonntag nach Trinitatis):

Bei einer Rüstzeit mit Konfirmanden wurde über das „Glück“ gesprochen. Die Konfirmanden stellten dabei zusammen, was alles zum Glück gehört. Das Essen kam dabei nur unter „ferner liefen“. Aber als gefragt wurde, was ihnen denn an der Rüstzeit am besten gefallen hat, da stand es schon an dritter Stelle. Doch im Grunde nehmen wir es als viel zu selbstverständlich hin, daß wir genug zu essen haben. Wir können uns gar nicht so recht eine Vorstellung davon machen, was Hunger heißt.

Das war bei den Israeliten ganz anders. Sie hatten Ägypten verlassen und waren auf dem Weg in das Land, das Gott ihnen versprochen hatte. Aber plötzlich waren die mitgenommenen Vorräte zu Ende. Es gab ein schreckliches Erwachen: Worauf hatte man sich da eingelassen?

Jetzt kamen die zum Zug, die schon immer gewußt hatten, daß die Sache nicht gut ausgehen würde. Riesige Wegstrecken hatten sie schon zurückgelegt, ungeheure Anstrengungen und Entbehrungen hatten Menschen und Vieh auf sich nehmen müssen. Und bei alledem konnte man nicht absehen, wie lange der Zug durch die Wüste noch dauern wird.

Zunächst war nur einer unzufrieden, dann flüsterte man es von Ohr zu Ohr, schließlich bricht der Unmut offen aus und wird zur Revolte. Fäuste erheben sich gegen Mose und Aron. Aber in Wirklichkeit meint man damit den Gott, den Mose ihnen gebracht hat. Was ist das für ein Gott, der ihnen so etwas zumutet?

Man merkt: Hier diktiert der Hunger die Sprache und die Gefühle. Auf einmal erinnert man sich wieder an die Zeit des Sattseins und übertreibt natürlich sofort: In den Fleischtöpfen Ägyptens wird man wohl so ziemlich nach Fleischstückchen haben suchen müssen. Aber alles, was sie zum Aufbruch veranlaßt hat, scheint vergessen. Je weiter man vom Unangenehmen entfernt ist, desto schöner wird es gefärbt. Dann muß ein Schuldiger her. Natürlich kann das nur Mose sein, den sie erst als Befreier gefeiert haben. Aber nun werfen sie ihm vor, er habe das Volk in die Wüste geführt, um des dort verhungern zu lassen.

Heute sagen auch viele Christen: „Früher war es mit der Kirche besser!“ Und dann wird aufgezählt, was angeblich alles besser war. In mancher Hinsicht hat man damit auch durchaus recht. Aber man vergißt dabei die negativen Seiten: die Kirche war zum Beispiel ganz in den Apparat des Staates eingebaut, diente der Kontrolle der Bevölkerung und war oftmals ein Instrument der Unterdrückung. Die Kirche war zur Aufrechterhaltung der Moral eingesetzt - und das hängt uns bis heute nach.

Heute sind wir wieder mehr in der Lage des wandernden Gottesvolkes. Wir leben in einer unsicheren Zeit für Christen und müssen mit Schwierigkeiten rechnen. Wenn man sich selbständig macht, merkt man erst einmal, wie unsicher und gefährdet man ist. Die Gefahr ist groß, dann doch wieder nach äußeren Sicherungen zu suchen. Wir richten uns in der Welt doch ganz schön häuslich ein und setzen unser Vertrauen mehr auf das Vorhandene als auf Gottes Wort. Deshalb wird auch gleich gejammert, wenn Wagnis und Verzicht zugemutet werden. Man gleicht sich an die Welt an, aber man wird nervös, wenn die weltlichen Sicherheiten fraglich werden.

Es ist nicht immer leicht, am Glauben festhalten. Da läßt sich einer als Erwachsener taufen und wird bald nach der Taufe ganz schwer krank. Oder er sieht etwas mehr hinter die Kulissen und stellt fest, daß es auch in der Kirche sehr menschliche Dinge gibt. So etwas kann man nur durchstehen, wenn man dem rufenden Gott alles zutraut. Ohne ihn und ohne Verzicht auf die äußeren Sicherungen gibt es keine Freiheit. Er hat doch bisher immer geholfen und sein bindendes Versprechen gegeben. Er führt auch in eine neue Zukunft. Das ist doch an sich ein starker Trost, daß die Kirche bisher mit Hilfe Gottes immer noch alle ihre Gegner überlebt hat und mit allen Gefährdungen fertig geworden ist. Gottes Hilfe fängt immer erst an, wenn wir am Ende sind.

Gott mutet uns etwas zu, aber er teilt uns auch etwas zu und gibt, was wir brauchen. Es ist an sich erstaunlich, daß Gott so reagiert. Wollte er nach unserem Vertrauen zu ihm gehen, so wäre für keinen etwas zu hoffen. Er könnte sagen: „Wenn ihr mich schön bittet, will ich auch helfen, aber wenn ihr mault, gibt es erst recht nichts!“ Aber er hört auch noch aus dem Murren den Hilfeschrei seiner Kinder heraus. Die Kirche besteht aus lauter Sündern; aber Gott zieht sie an sich und läßt sie nicht mehr los. Ein Kabarettist hat einmal gesagt: „Ich glaube zwar an Gott - aber ich fürchte: Er glaubt nicht an mich!“ Doch das ist ja gerade das Umwerfende: Gott glaubt an mich und seine Kirche, er wendet uns immer wieder seine Liebe zu.

Die Israeliten haben das daran gesehen, daß er ihnen in der Wüste Nahrung gab. Manna ist der süßte Saft einer Wüstenpflanze, der tagsüber auf die Erde tropft und in der Abendkühle fest wird. In der Sonne schmilzt es wieder. Die Wachteln ziehen im Herbst in großen Scharen nach Süden, oft mehr laufend als fliegend. Durch den Flug über das Mittelmeer sind sie besonders erschöpft und können dann oft mit den Händen gefangen werden. Man kann also gar nicht von einem „Wunder“ reden, sondern es ist ein ganz natürlicher Vorgang. Doch Gott wirkt in der Regel nicht gegen die Natur, sondern er sorgt für die Seinen im natürlichen Geschehen. Gott ist nicht nur da am Werk, wo es außergewöhnlich zugeht, sondern auch die ganz alltäglichen Liebeserweise Gottes sind seine Wunder.

Das Wunder liegt eigentlich darin, daß Gott treu bleibt, wo die Seinen untreu werden. Daß er überhaupt helfen will, ist das Wunder. Wie er das dann macht, wird er schon wissen, das ist seine Sache. Wachteln und Manna sind eine sehr bescheidene Speise. Aber sie bewahrt das Volk vor dem Verhungern. Gott achtet also die leiblichen Bedürfnisse nicht gering und vertröstet nicht auf ein besseres Jenseits. Aber er hat halt mehr mit den Menschen vor als nur das äußere Dasein zu fristen.

Man kann dieses Geschehen natürlich auch ganz innerweltlieh deuten und sagen: „Es war ein glücklicher Zufall!“ So kann man in seinem Leben ungezählte Male gerettet worden sein und doch nichts gemerkt haben. Wenn einer bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist, dann

wird ein großer Wirbel darum gemacht und von einem tragischen Unglücksfall gesprochen. Aber wenn es gerade noch einmal gut gegangen ist, dann fällt es keinem ein, sich bei Gott zu bedanken, dann ist es eben „Glück“ gewesen. Der Glaubende aber sieht, daß nichts „zufällig“ ist.

So wollen wir zum Schluß nach der Zumutung und der Zuteilung auch noch von der Zuwendung Gottes reden. Es geht nicht so sehr um die äußeren Dinge des Lebens, sondern um den, der sie uns gegeben hat. Wir können nicht die Gaben „kassieren“ und den Geber dabei übersehen. Wenn er uns etwas zuteilt, dann erleben wir darin seine Zuwendung.

Deshalb gibt Gott auch immer nur das, was gerade nötig ist. So erlaubt er seinem Volk keine Vorratswirtschaft: Wenn einer mehr sammeln will als nötig, dann ist es am anderen Tag verdorben. Jeden Tag müssen die Israeliten bittend zu Gott zurückkehren und sich wieder neu beschenken lassen. So leben sie von der Hand in den Mund, aber sie leben aus Gottes Hand. Keiner kann für lange Zeit oder für immer ohne Gott leben.

Ein jüdischer Rabbi wurde einmal gefragt, weshalb Gott das Manna nicht auf einmal für ein ganzes Jahr gegeben habe. Er antwortete mit einem Gleichnis: Ein König überreichte seinem Sohn die Nahrung für ein ganzes Jahr auf einmal. Der Sohn besuchte seinen Vater infolgedessen auch nur einmal im Jahr. Da gab ihm der Vater nur immer die Nahrungsmittel für einen Tag; und der Sohn besuchte den Vater täglich. So will auch Gott jeden Tag mit uns zu tun haben. Es wäre verhängnisvoll, wenn unser Aktionsradius so groß würde, daß wir einmal für eine gewisse Zeit ohne Gott leben könnten.

Die Frage, wie die Menschen heute und künftig satt werden sollen, ist nach der Friedensfrage die bedrängenste. Natürlich ist die Brotfrage zunächst eine Sache der Produktion, der Verteilung und des Transports. Hier müssen wir alles tun, was wir tun können. Aber die Ernährungsfrage gehört auch hinein in die Geschichte zwischen Gott und den Menschen. Deshalb beten wir: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Deshalb wenden wir uns im Tischgebet an den Gott, dessen schenkende Hand immer mit im Spiel ist. Gott gibt durch das ökonomische Handeln der Menschen. Auch dafür sollten wir danken und Gott vertrauen und seiner Fürsorge.

Gelegentlich werden wir auch einmal in Ausnahmesituationen geführt. Sie wird dann zur Teststrecke für den Glauben, der sich bewähren soll. Bei geordneter Versorgungslage ist es nicht schwer, Gott etwas zuzutrauen. In der Wüste sieht es anders aus. Aber auch da und gerade da können wir unseren Gott erfahren. Es geht gar nicht so sehr darum, ob wir satt geworden sind, sondern ob wir unseren Gott erfahren und gefunden haben.

Finden können wir ihn vor allem auch im Abendmahl. Dieses ist das Manna für die Christen. Es hilft uns, manche Durststrecke zu überwinden, und bringt uns dem Ziel unseres Lebens näher. Einst werden wir es im Reich Gottes und an seinem Tisch essen. Wir haben zwar man­che Schwierigkeiten durchzustehen. Aber wir haben auch einen Gott, der uns immer wieder weiterhilft, soweit es gerade nötig ist.

 

 

2. Mose 20, 1 – 17 (18. Sonntag nach Trinitatis):

Als ein Großvater einmal seine Enkel von der Bahn abholte zu einem längeren Besuch, da , sagte der Große zum Kleinen: „Jetzt kommen wir zur Großmutter, da darfst du das Wort mit dem Sch….nicht mehr sagen!“ Sie werden sich denken können, daß das Wort nicht so ganz stubenrein war. Aber das hatte der Siebenjährige schon begriffen: Es gibt Regeln im Leben, an die muß man sich halten. Die Eltern stellen Regeln auf, die Großeltern, die Schule, der Staat - überall sind wir von Regeln umstellt.

Gottes Regeln sind die Zehn Gebote. Nicht genug, daß Menschen uns Vorschriften machen. Jetzt kommt auch noch Gott als der Übervater und will uns Gebote geben, die noch über allen anderen Regeln stehen. So denken doch gern Menschen, die sich in ihrer Freiheit nicht einen-

gen lassen wollen, die Spaß haben wollen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer Menschen, die sich im Kampf um die besten Futterplätze durchsetzen wollen und nur ihren eigenen Vorteil gehen lassen. Aber wenn ich sage „Die Menschen denken so“, dann müssen wir alle uns auch darin einschließen.

Wir sehen Gottes Gebote immer noch als eine schwere Last an. Das wird auch mit daran liegen, daß die Kirche immer als Wächterin über die Moral der Menschen angesehen wurde. Den Konfirmanden sollten vor allem die Zehn Gebote eingebleut werden einschließlich der Erklärungen Martin Luthers. Der Vater sagte: „Geh nur dort hin, da lernst du nichts Schlechtes!“ Und wenn die Konfirmanden dann bei der sogenannten „Prüfung“ die Gebote aufsagen konnten, dann war der Unterricht erfolgreich.

Doch dabei kommt gar nicht in den Blick, daß die Gebote nicht vom Himmel gefallen sind,

um wie eine fremde Macht über die Menschen gestülpt zu werden. Vielmehr sind sie Folge des Bundes, den Gott mit dem Volk Israel und in einem weiteren Sinne mit allen Menschen geschlossen hat. Erst hat er ihnen geholfen beim Auszug aus Ägypten und sie durch das Meer gebracht. Erst einmal hat er deutlich gemacht, daß er sich aus freien Stücken für dieses Volk interessiert und ihm beistehen will.

Doch bei dieser einmaligen Hilfe soll es nicht bleiben. Am Berg Sinai schließt Gott einen Bund mit dem Volk Israel, bei dem zuerst einmal e r bestimmte Verpflichtungen eingeht: Er will ihr Gott sein, will sie führen und beschützen, will ihr Leben erhalten und gestalten, will ihnen Hoffnung und Zukunft geben. Erst daraus ergibt sich dann, daß natürlich auch der andere Partner bestimmte Verpflichtungen übernehmen muß. Doch Gottes Gebote sind kein hartes Gesetz, sondern sie sind als Hilfe gedacht, zum Wohl der Menschen, als Leitfaden und Geländer für das Leben.

Gottes Gebote sind wie ein Tafelberg: An den Rändern gibt es steile Abstürze, aber oben ist eine große ebene Fläche, auf der man sich frei bewegt. Der Mensch hat viel Spielraum für die eigene sittliche Entscheidung. Nur ganz am Rand der Fläche, da stehen noch einmal die Gebote als letzte Warnung, ja sogar als ein Geländer, das den Menschen unmißverständlich zurückhalten will. Wer das Geländer dennoch übersteigt oder es sogar wegräumt, der stürzt unweigerlich ab.

Doch zunächst einmal sind die Gebote der Ausdruck dafür, daß Gott dem Menschen Freiheit lassen will. Nur haben die Menschen dann doch wieder aus den „Zehn Freiheiten Gottes“ - wie Jörg Zink das genannt hat - ein engmaschiges Gitter an kleinlichen Vorschriften gemacht. Das war so bei den Juden zur Zeit Jesu, die den Gläubigen rund tausend Verbote und Gebote auferlegten, zum Beispiel daß Fleischspeisen nicht mit Milch in Berührung kommen dürfen oder daß man am Feiertag kein Feuer anzünden darf

Im Islam ist es nicht anders gelaufen. Der Koran ist an sich einfach und menschenfreundlich. Aber die Mullahs haben daraus die Scharia entwickelt, das islamische Gesetz, nach dem die Frauen zum Beispiel das Kopftuch, den Schleier oder sogar den Mantel mit Gitter vor den Augen tragen müssen. So hat man über die freie Welt der Menschen ein Gitter gestülpt, sie eingeteilt in kleine Räume, in denen man immer irgendwo aneckt.

Aber auch beim Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland war es nicht anders. Ursprünglich war es kurz und einfach, aus einem Guß. Bis heute hat es über 100 Änderungen erfahren. Und immer wo das Grundgesetz heute ausführlich wird, da hat man später etwas „verbessern“ wollen. Das ist die Regelungswut der Menschen, das Bestreben, alles perfekt zu machen und ja keinen Sonderfall zu übersehen.

Auch in der Familie gibt es die Tendenz zum Aufstellen von Regeln, zwischen den Eheleuten und zwischen den Generationen. Regeln müssen sein (s.o.). Aber es besteht auch die Gefahr der Willkür. Das fängt ja schon bei der Frage an: Wer stellt die Regel auf? Ist es nur der Vater oder nur die Mutter? Oder wird demokratisch abgesprochen, wie man es in Zukunft halten will? Wer wacht über die Einhaltung der Regeln und wer spricht Strafen aus bei möglichen Übertretungen?

Regeln, Gesetze und Gebote sind in erster Linie eine Hilfe. Sie halten die Erfahrungen von Generationen fest, so daß nicht jeder wieder bei Null anfangen muß. Wenn man etwas entscheiden muß, dann sollte man sich zuerst einmal danach umsehen, ob es schon eine Regelung dazu gibt und diese dann auch zuversichtlich und froh übernehmen. Natürlich kann ein Gesetz nicht alles regeln. Das Leben ist vielfältiger, als Gesetze es einfangen könnten. Es bleibt immer noch genug, worüber man sich absprechen muß.

Aber über den Regelfall sollte es doch keine Diskussion mehr geben. Das gemeinsame Leben gelingt besser, wenn alle bereit sind, sich an die Regeln zu halten, die andere vor ihnen aufgestellt haben oder über die sie sich selber einmal mit anderen verständigt haben. Es geht nicht so, wie es mir einmal Kirchenvorsteher gesagt haben. Sie meinten, Gesetze seien doch nur Vorschläge, an die man sich halten könne, die man aber auch außer Acht lassen könne. Es gibt ja schließlich staatliche und kirchliche Gesetze. Tarifverträge zum Beispiel müssen eingehalten werden. Erst wenn man sich bemüht hat, das Gesetz ins wirkliche Leben umzusetzen, kann man vielleicht auch einmal im Einzelfall von der Regel abweichen, um das umzusetzen, was das Gesetz sinngemäß wollte.

Doch dagegen wird dann eingewandt: „Kein Gesetz ohne Ausnahme!“ Doch wer das sagt, will natürlich selber allein bestimmen, was gemacht wird. Das ist nämlich die Gefahr, wenn man kein Gesetz und Gebot über sich gelten lassen will. Sehr schnell ist man dann bei Anarchie und Terrorismus. Der Anarchist sagt: „Es darf gar keine Gesetze geben, nur ich selber bin mir Gesetz!“ Und der Terrorist sagt: „Ich allein weiß, was für die Menschen gut ist: und wenn sie das nicht einsehen wollen. dann muß ich sie zu ihrem Glück zwingen!“

Natürlich sind auch die Gebote Gottes hart. Dieses „du sollst/du sollst nicht“ ist schon eine Zumutung für einen Menschen, der sich nicht diskussionslos einem anderen Willen beugen will und Entscheidungen nicht an einen anderen delegieren will, weil er alles selbst bestimmen will. Gottes Gebote wollen aber nicht einfach hingenommen, sondern begriffen werden. Sie sind unverrückbare Grenzsteine, die angeben, wie weit sich der menschliche Spielraum erstreckt.

Aber wie so ein Gebot konkret zu erfüllen ist, das haben wir selbst ausfindig zu machen. Insofern mußten die Gebote auch schöpferisch weiterentwickelt werden: Das Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ bezog sich ursprünglich nur auf erwachsene Menschen, die ihre alt gewordenen Eltern nicht abschieben sollten, heute beziehen wir es auf alle Generationen und eine Fülle von Fällen (zum Beispiel auch auf jenes ominöse Wort, das die Großmutter nicht hören will).

Das fünfte Gebot verstehen wir nicht so, daß man zwar nicht morden darf, das Töten im Krieg oder bei einer Abtreibung aber erlaubt ist. Und stehlen meint nicht nur, daß man dem anderen etwas aus der Tasche zieht, sondern hier geht es um den ganzen Bereich der sozialen Ordnung, um gerechten Lohn und um Hilfe für die Zukurzgekommenen. Und schon gar nicht tut man einen Ladendiebstahl als Kavaliersdelikt ah. Wer sein Leben in der Verantwortung vor Gott führt, der überholt auf der Autobahn nicht rechts, usw. usf.

Aber das alles ist keine Fessel für den Menschen. Das Tier muß seinen Instinkten folgen. Der Mensch aber darf sich entscheiden. Natürlich hofft Gott, daß er sich an den Zehn Geboten ausrichtet, ohne darüber zu stöhnen.

Machen wir es uns deutlich am Beispiel der Ehe. Gottes Gebot sagt: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Das ist doch eine viel bessere Grundlage für eine Ehe als alles Verliebtsein und die Stimmung des eigenen unzuverlässigen Herzens. Daß zwei Eheleute ihren Halt im Gebot Gottes suchen, das bindet sie fester aneinander als das wetterwendische Wollen des eigenen Herzens. Und in ihren Enttäuschungen glauben sie nicht sich selbst mehr als dem Gott, der ihr Bestes will.

Überhaupt ist die Ehe ein Beispiel dafür, wie auch Gott uns Menschen begegnet. Auch in seinen Geboten kommt er als Person auf uns zu und schließt uns sein Herz auf. Er schwebt nicht

unnahbar über den Menschen, sondern ist so nahe wie Eltern ihren Kindern. Deshalb sagt er:

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Denn nur wenn du ungeteilt dein Vertrauen auf mich setzt, kann das auch etwas mit uns werden. Deshalb gilt es, Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen, wie es Luther im Katechismus sagt.

Aber umgedreht gilt dann auch: Wir haben einen Gott, der lieber segnet als straft. Er macht die Einhaltung der Gebote nicht zur Bedingung für das Fortbestehen seines Bundes mit den Menschen. Dieser Bund gilt ja auch uns, die wir nicht mit aus Ägypten gezogen sind. Aber durch die Taufe sind wir in diesen Bund mit hineingezogen worden. Gott hat sich schon für uns erklärt, ehe wir von Gut und Böse wußten, ehe wir Gehorsam oder Ungehorsam kannten. Das gibt uns die Kraft, nach seinen Geboten zu leben.

Wer glaubt, wird die Gebote halten, in Freiheit, ohne damit etwas gewinnen oder verdienen zu

müssen. Er wird sogar sagen können: „Seine Gebote sind nicht schwer!“ (1. Joh 5,3). Wir dürfen den Gehorsam in der Freiheit praktizieren, zu der Gott uns befreit hat.

Probieren Sie doch einmal in der kommenden Woche aus, was ich heute hier behauptet habe: Gottes Gebote sind leicht zu halten! Wenn Sie nächste Woche wieder hierher kommen und der Gottesdienst noch nicht begonnen hat, dann halten Sie doch einmal Rückschau und fragen sich: War es wirklich so schwer?

 

 

2. Mose, 32, 7 - 14 (Rogate):

Eine Familie ist aus beruflichen Gründen umgezogen. Doch die 16-jährige Tochter fühlt sich an dem neuen Ort nicht wohl. Es fehlen ihr die Freundinnen und die gewohnte Umgebung. Sie möchte nach dem Ende der zehnten Klasse wieder in den alten Ort zurückkehren und dort eine Berufsausbildung beginnen. Bei einem Schulpraktikum war sie bei einer Ärztin, und die hat ihr angeboten, sie als Auszubildende einzustellen. Nun gibt es solche Ausbildungsstellen zwar auch am neuen Ort, aber für die Jugendliche muß es unbedingt die Arztpraxis in dem alten Wohnort sein.

Die Eltern sind natürlich dagegen. Die Tochter ist erst 16, noch unter der Aufsicht und Ver­antwortung der Erziehungsberechtigten. Aber die Tochter sieht nur diesen einen Weg. Und weil der ihr verwehrt wird, schaltet sie auf stur: Sie geht zwar zur Schule, arbeitet aber nicht mehr mit. Drei Lehrer sagen, daß die Abschlußprüfung gefährdet sei. Mittags legt sich das Mädchen nur hin und heult. Die Eltern gehen mit ihr zum Psychiater, aber ohne Erfolg. Am Telefon ist sie nur noch mit ihren alten Freundinnen verbunden.

Schließlich sagen die Großeltern zu den Eltern. „Dann laßt sie doch gehen! Vielleicht muß sie erst selber Erfahrungen machen!“ Da sagt der Vater: „Wir haben ihr schon gesagt, daß sie gehen kann!“ Sie helfen bei der Wohnungssuche und bezahlen auch vom Kindergeld die Miete. Die Tochter fängt sich, schafft die Abschlußprüfung und tritt die Lehrstelle an, durchaus mit Erfolg.

Kann man auch Gott so bitten, wie diese Tochter ihre Eltern gebeten hat? Sicherlich kann man ihn nicht so unter Druck setzen wie diese Tochter. Aber bitten darf man ihn natürlich, auch intensiv und leidenschaftlich. So hat es jedenfalls Mose getan, als sein Volk sich selbst  in eine schwere Krise gebracht hatte.

Da waren sie nach der Flucht aus Ägypten schon wochen- und monatelang in der Wüste unterwegs. Zweifel kam auf, ob man je in dem versprochenen Land ankommen würde. Nun war auch noch Mose auf den Berg gestiegen, um einen Vertrag über einen Bund zwischen Gott und dem Volk zu schließen und um die Zehn Gebote als Urkunde dieses Bundes entgegenzunehmen. Aber wer weiß, ob er jemals zurückkehren würde.

Das Volk hält diese Ungewißheit nicht aus und will etwas mehr Greifbares vor Augen haben, das ihm wieder Zuversicht geben kann. Deshalb beschließen sie, ein goldenes Stierbild anzufertigen, an dem sie Gott verehren wollen. Nein, sie wollen nicht die Religion der anderen Völker übernehmen, wollen sich keinen anderen Gott suchen. Sie stellen sich nur vor, daß Gott sich dieses vergoldete Tierbild als Sockel nimmt, auf dem er unsichtbar steht.

Wenn man also um das „goldene Kalb“ herumtanzt, dann weiß man: Gott ist hier, wir haben ihn umzingelt, er ist gewissermaßen in unserer Macht. Doch Gott läßt sich nicht zwingen - aber er will gebeten sein. Das ist die Aussage dieses Predigttextes. Und diese Aufgabe ist uns allen gestellt, uns als Gemeinde und uns als Einzelne. Und diese Fürbitte ist kräftig und berechtigt.

 

1. Die Fürbitte ist kräftig:

Die Verfehlung des Volkes ist ganz schwerwiegend. Immer wieder hat dieses Volk gegen die Vermischung des Glaubens an den lebendigen Gott mit dem Glauben der anderen Völker mit ihren vielen Göttern kämpfen müssen. Genauso müssen auch wir heute gegen die Überhöhung des Weltlichen kämpfen. Nur bestehen unsere Götter nicht aus Standbildern aus Holz oder Stein, sondern sie heißen Geld, Macht, Sex, Droge oder Spiel. Hier müssen wir auch aufpassen, daß sie nicht über uns herrschen.

Niemand kann sich herausreden, daß er in der Stunde der Versuchung einmal schwach geworden sei oder daß er aus Ahnungslosigkeit oder Dummheit ein Opfer geworden sei. Bei den Israeliten ist die Rede von „Halsstarrigkeit“: Das Verkrampfen der Nackenmuskeln ist ein Ausdruck für Nichtwollen, Widerstand und eine Kampfhaltung. Es geht also um etwas Bewußtes und Stetiges. Deshalb ist Gott zu hartem Zugreifen entschlossen.

Aber da setzt die Fürbitte des Mose ein. Hier geht es um eine Sache auf Leben und Tod. Mose muß für sein Volk mit Gott kämpfen. Fürbitte ist Kampf, zumindest aber Arbeit. Die Glaubenden sind immer gefordert, sich wie ein Priester für diejenigen stark zu machen, die in Gefahr sind und vielleicht selber nicht mehr beten können. Das Gebet ist ein Notschrei, der an Gott ergeht. Bangt man um andere, so wird es zur Fürbitte.

Man muß nicht Mose sein, um für andere zu beten. Es sieht so aus, als sei das hier mitgeteilte Gebet des Mose ein Stück aus einem Bittgottesdienst der späteren Gemeinde, das dem Mose nur in den Mund gelegt wurde, denn es nimmt auf die Situation am Berg Sinai gar keinen Bezug. Aber wenn es sein Gebet wurde, dann kann es auch unser Gebet sein. Wir dürfen die Gebete im Gottesdienst als unsre Gebete annehmen. Aber es bleibt auch Raum für das eigene Gebet und auch für ein stilles Gebet, das durchaus auch ein wichtiger Teil unserer Gottesdienste ist.

Man hat das Gebet immer wieder einmal als eine Art Selbstgespräch aufgefaßt: Man denkt über einen Sachverhalt nach, aber es geschieht nur etwas im Menschen selbst. Schließlich sieht er ein, daß alles so kommen mußte, wie es gekommen ist, und fügt sich in sein Schicksal.

Aber dann hat den Glauben aufgegeben, daß infolge des Gebets doch Dinge geschehen, die ohne das Gebet nicht geschehen würden. Und ganz fromm klingt auch die Erklärung: „Man darf ja nicht in die Weltherrschaft Gottes eingreifen!“ Gebet also nur als Ergeben in Gottes Willen.

Aber jeder Mensch darf einen anderen bitten. Jeder Mensch darf sich ja frei entscheiden: Der eine entscheidet sich für eine Schuld, der andere kann sich dafür entscheiden, eine Schuld zu vergeben. Auch Gott handelt natürlich frei, heute wie einst. Die Abläufe in der Welt sind nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern Gott hat mit uns eine Geschichte: Zwischen ihm und uns spielt sich etwas ab, das sich immer erst im Augenblick entscheidet.

Das ist gerade das Aufregende, daß Gott sich durch die Fürbitte eines Einzelnen zur Gnade für ein ganzes Volk bewegen läßt. Mose kann Gott nicht die Freiheit nehmen. Aber er kann für sein Volk bitten. Er ist aber nicht nur ein Fürbitter, sondern am Ende bietet er sich sogar selber als Opfer an, um sein Volk zu retten. Doch die Fürbitte erweist sich als so mächtig, daß Gott sich die Strafe leid sein läßt

Selbstverständlich übt das Gebet nicht einen mechanischen Druck aus. Gott ist kein Automat, aber er hat ein Herz. Er kann zögern, uns hinhalten, unseren Glauben auf die Probe stellen und herausfordern. Aber er will, daß wir ihn bitten. Vieles empfangen wir ja auch von ihm, ohne daß wir es bewußt bemerken. Aber manchmal gibt er nur, wenn wir es bewußt bei ihm abholen. Aber immer ist Fürbitte kräftig und wirksam.

An Jesus Beten lernen wir, daß der Beter sich in Gottes Hand gibt, wenn er sagt: „Dein Wille geschehe“. Aber andererseits ist er immer für uns bei Gott vorstellig und bittet für uns. Zwi­schen dem Vater und dem Sohn passiert dann etwas. Das Unheil, das Gott den Menschen enden wollte, tut ihm leid um des Sohnes willen. Es ist gut, daß wir diesen Fürbitter für uns haben.

 

2. Die Fürbitte ist berechtigt:

Man könnte schon fragen: Wer sind wir eigentlich, daß wir so intensiv zu bitten wagen?  Mose bittet für Schuldige, die es verdient hätten, ein für alle Mal fallengelassen zu werden. Versucht er hier nicht, der Gerechtigkeit Gottes in den Arm zu fallen? Fast sieht es so aus, als wolle Mose seinen Gott überlisten. Die Schuld des Volkes erwähnt er gar nicht. Aber er hält ihm vor: „Es wäre doch unlogisch, wenn du dich jetzt von deinem Volk lossagen würdest. Welchen Eindruck würde wohl der Untergang des Volkes Israel auf die Ägypter machen? Sie würden doch behaupten, daß Gott sein Volk nur aus Ägypten herausgeholt habe, um sie nun erst recht in der Wüste untergehen zu lassen. In deinem eigenen Interesse solltest du einlenken“, sagt Mose gewissermaßen.

Es ist kein Trick in der Rechtfertigung des Mose, sondern ein Hinweis auf das eigentliche Wesen Gottes. Mose nimmt seinen Gott beim Wort und erinnert ihn an die Zusagen, die er schon Abraham und Isaak gegeben hat. Gott will auf seine Zusagen angesprochen werden. Man soll - sagt Luther - Gott mit seinen Verheißungen die Ohren reiben. Wir sind von Gott ermächtigt, ihn darauf anzusprechen - für uns und für andere.

Man kann natürlich sagen: „So darf man doch mit Gott nicht umgehen!“ Aber vielleicht bewundern wir auch, wie beherzt Mose mit Gott spricht in einer Situation, in der man alles verlieren, aber auch alles gewinnen kann. Mose flüchtet sich vom zornigen Gott zum Gott der Gnade. Gott ist nämlich beides: Außerhalb seiner Gottesoffenbarung ist Gott zornig und es gilt sein unerbittliches Gesetz. Aber das ist sein „fremdes Werk“, sein eigentliches Werk ist die Gnade.

So handeln ja auch die Eltern mit ihrem Kind, indem sie etwas erlauben, was sie eigentlich gar nicht erlauben könnten. Es gibt ja auch den Fall, daß ein Vater mit seinem ungeratenen Sohn „fertig“ ist und nichts mehr von ihm wissen will. Aber das Kind bleibt dennoch das Kind. Eines Tages wird man wieder zusammenfinden.

Gottes Volk bedarf der Fürbitte. Wir haben viel Anlaß, über die Kirche zu klagen und uns über sie zu entrüsten. Jeder von uns trägt leider auch selber mit zu dem bei, was einen an der Kirche irre werden lassen kann. Die Kirche ist nicht die Gemeinschaft derer, an denen Gott nichts auszusetzen hat. Aber sie hat ja Jesus Christus an ihrer Seite: Sie wie Mose oben auf dem Berg mit Gott gerungen hat, so steht Jesus Christus vor dem Vater und betet seine Kirche heraus. Aber wir selbst, die wir ja die Kirche sind, beten für die Kirche, damit es in ihr besser wird. Gott lädt uns dazu ein. Und er läßt sich auch bewegen, etwas zu tun, was er nicht vorhatte.

 

 

2. Mose 33, 17 b – 23 (2. Sonntag nach Epiphanias):

Wenn Kinder draußen herumgetobt haben und dann ins Haus kommen, da brüllen sie gern „Hunger!“ Wenn die Mutter das hört, dann weiß sie natürlich, was damit gemeint ist. Aber wenn sie klug ist, dann reagiert sie nicht darauf. Sie wartet, bis das Kind anständig und deutlich sagt: „Mutter, ich habe Hunger, kannst du mir etwas machen!“ oder größere Kinder werden wohl sagen: „Mutter, was darf ich mir zum Essen nehmen!“

Ein Kind kann mit Vater oder Mutter nicht umspringen wie vielleicht noch mit seinesgleichen. Gerade den Eltern gegenüber gehört sieh eine gebührende Höflichkeit und Ehrerbietung. Und dazu gehört auch, daß man nicht so einfach in die Gegend brüllt, sondern eine passende Anrede verwendet. Bei manchen mag es auch möglich sein, daß man sagt: „He, Alte, schleuder mal was her!“ aber als Norm wird das sicherlich nicht angesehen.

Auch wenn einer hinter uns „Hallo“ ruft, dann brauchen wir uns noch lange nicht angesprochen zu fühlen. So eine allgemeine Anrede verpflichtet niemand. Es kann natürlich sein, daß der andere unseren Namen nicht weiß; dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als so zu rufen. Aber wenn unser Name gerufen wird, dann werden wir schon reagieren.

Wenn einer bei irgendetwas erwischt wurde, dann will er meist seinen Namen nicht nennen. Er weiß: Dann kann ich nicht mehr unerkannt bleiben, dann kann man mich in Anspruch neh­men und haftbar machen! Der Name ist eben mehr als nur ein Etikett. Er bezeichnet die Person unverwechselbar, wird ist gewissermaßen ein Teil von ihr.

Im Altertum meinte man sogar, über den Namen auch Macht und Einfluß auf eine Person zu haben. Wenn man den Namen wußte, konnte man ihn bei einer Zauberei verwenden und dem anderen dadurch schaden oder nutzen. Schönstes Beispiel dafür ist das Märchen vom „Rum­pel­stilzchen“, wo der Zwerg sieh freut: „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!“ Aber als dann doch einer den Namen erfahren hat, war der Zwerg halt verloren.

Deshalb ist es auch schon viel, wenn Gott dem Mose seiner Samen offenbart. Mose hat sogar den Glanz der göttlichen Herrlichkeit sehen wollen. Aber das ist nicht möglich. Doch Gott nennt ihm seinen Namen und gibt sich ihm damit schon ein ganzes Stück weit in die

Hand.

Gott sagt zunächst: „Ich bin nicht irgendwer. Ich könnte natürlich ganz im Dunkel bleiben. Dann könntet ihr nur mit der Schulter zucken und vielleicht vom „Schicksal“ oder vom „Glück“ reden. Aber ihr habt es nicht mit einer namenlosen Macht zu tun. Ich bin der Gott, der euch aus Ägyptenland herausgeführt hat, der euch am Meer gerettet und sich am Berg Sinai mit euch verbündet hat. Ihr könnt mich nicht sehen. Aber ich bin der Gott, mit dem ihr schon viel erlebt habt und mit dem ihr schon unauslöschliche Erfahrungen gemacht habt, mit dem ihr auch weiter gute Erfahrungen machen könnt.

Mose ist damit in derselben Lage wie wir. Wir können Gott auch nicht sehen, auch wenn wir uns das manchmal sehr wünschen. Das Verlangen nach unmittelbarer Gottesbegegnung ist dabei nicht der Wunsch eines Theoretikers, dem sonst nichts anderes mehr einfällt. Nein, vielfach leiden wir doch darunter, daß Gott nicht so einfach wahrzunehmen ist. Vor allem ist das so, wenn sich Gott unter manchem Leid verbirgt und wir dann selber fragen: „Wo bleibt denn hier Gott?“ Gar nicht zu reden von manchem Spötter, für den gerade ein solcher Fall ein gefundenes Fressen ist, über unsren Glauben zu lachen.

Wir können Gott nur hören in seinem Wort. Aber auch da könnte man noch fragen, ob es wirklich Gottes Wort ist. Dafür haben wir keine Garantie. Auch Mose konnte keinen Beweis vorweisen, daß er nicht irgendeine andere Stimme gehört hat. Daß dieses Wort uns trifft, bewirkt immer nur Gott selber mit seinem Geist. Aber dieses geschieht immer wieder, wir können ihn in unserem Leben auf mancherlei Art erfahren.

Das Verlangen, Gott unmittelbar sehen zu wollen, könnte natürlich auch aus einem Sicherheitsdenken herauskommen. Ein Mensch ist nicht bereit, sich auf das Wagnis mit Gott einzulassen. Er sieht den Glauben als eine unsichere Sache an. Deshalb verlangt er von Gott, sich in die handfesten und unmittelbar einsichtigen Tatsachen einzureihen. Dann kann man ihn in die eigene Weltanschauung eingliedern und ihn in seine Berechnungen einbeziehen. Gott stünde dann den Menschen zur Verfügung, daß man nur zuzugreifen braucht - ein Gott ganz ohne Risiko.

Man kann aber von Gott nicht nur so im Allgemeinen reden. Er ist nicht nur eine Kraft oder eine Macht oder eine Hoffnung. Man kann ihn auch nicht zusammen mit anderen vergleichbaren Größen in ein übergreifendes Ganzes einordnen. Man kann ihn nicht mit einer gleichwertigen Größe vergleichen und zusammenbinden.

Aber Gott wendet sich dem Menschen zu, wenn er selber es möchte. Niemand soll berechnen können, wann es soweit ist. Niemand soll etwas aus eigenen Ansprüchen oder einer vermeintlichen göttlichen Notwendigkeit ableiten können. Gott behält alle Trümpfe in der Hand. Seine gnädige Zuwendung ist jedesmal ein Wunder.

Aber Gott bindet sich selber an die Menschen und schränkt damit seine Freiheit ein. Er bindet sich an die Predigt und die Sakramente. In dem schlichten und oft unbeholfenen Wort von Menschen begegnet er uns. Durch das Wasser wirkt er in der Taufe. Und in einem Stück Brot und in einem Schluck Wein will er in uns einkehren. Gott entzieht sich uns nicht. In Jesus ist er sogar einer der unseren geworden.

Das Verlangen des Mose wird also nicht rundweg abgelehnt, aber es wird eingeschränkt. So wie Mose sich das gedacht hat, gibt Gott sich nicht. Da läßt sich nichts abhandeln und erst recht nichts erzwingen. Mit einem Bild gesprochen: Die Tür zu Gott läßt sich nur von innen öffnen, nur von ihm her!

Aber diese Tür geht auf. Man sollte aus dem Reden Gottes nicht nur das „Nein“ heraushören, sondern vor allem sein „Ja“! Gott wendet sich mit seinem werbenden Wort den Menschen zu. Und jeder sollte wissen, daß er gemeint ist. So kann der Glaube, auch wenn ihm das Sehen versagt ist, die verborgene Herrlichkeit Gottes entdecken.

Das Geheimnis muß bleiben. Aber Gott öffnet sich, soweit er nur kann. Ein Sünder müßte ja zugrundegehen, wenn er das Gesicht Gottes unmittelbar sehen könnte. Wir können uns also nicht dreist an Gott heranmachen, so als sei das unser gutes Recht und der Sündenfall nicht geschehen Das wäre dann, wie wenn ein Ladendieb sich ganz unbekümmert der Kasse nähert und so tut, als sei doch alles in Ordnung. Die Verkäuferinnen haben es da manchmal schwer, wenn sie einen solchen Dieb stellen sollen, der so tut, als sei doch gar nichts dabei.

Gott kann man so nicht kommen. Vor ihm könnte man sich nur verkriechen, wenn er sich uns nicht in Jesus zugewandt hätte. Jesus hatte ein Gesicht, war ein Mensch wie wir. Gott selber können wir nicht sehen. Aber etwas von ihm können wir vertragen: Von seiner unscheinbaren Seite her können wir ihn sehen. Das Leben Jesu war wirklich unscheinbar und unansehnlich. Und doch hatten wir in ihm den ganzen Gott bei uns. Gott bleibt gerade auch in seiner Offen­barung tief verhüllt, ist unter Ärmlichkeit und Schwachheit verborgen, dem Mißverstehen ausgeliefert, aber dennoch ganz da für den, der glaubt.

Bei Mose ist diese Tatsache mit einem sehr schönen Bild dargestellt. Mose hat sich ja nicht damit zufriedengegeben, daß er Gottes Namen weiß. Er möchte auch die letzte Grenze zwischen Gott und den Menschen weggeräumt haben und die Herrlichkeit Gottes sehen. Das ist natürlich nicht möglich. Aber Gott stellt ihn in eine Felsspalte, so daß Mose mit dem Gesicht ins Innere der Höhle schaut. Gott geht draußen vorüber. Und der Widerschein seines Glanzes wird an den Wänden der Höhle sichtbar werden. Mit seiner großen Hand hält Gott dabei die tödlichen Strahlen von Mose ab. Aber wenn er vorbei ist, dann wird Gott die Hand wegnehmen und Mose darf noch die Rückseite Gottes sehen. Aber Mose soll sicher sein, daß Gott tatsächlich hinter seinem Rücken hergegangen ist.

Diese gnädige Hand Gottes ist der Ausdruck der Geborgenheit, die Gott schenkt. Er stellt uns in einen schützenden Raum und umhüllt uns mit seinem Schutz. Er verhüllt sich, aber er entzieht sich uns nicht. Das sollten wir wissen, wenn        wir wieder einmal meinen, Gott sei uns fern und habe unser Leid nicht gesehen. Gott ist in unserem Rücken und weiß, was mit uns los ist.

Dieses Wissen macht uns fähig, dann anschließend den Schritt ins Weite zu tun. Oft geht es in einen unsicheren Raum hinaus, in die Wüste wie bei den Israeliten. Aber vor uns ist immer ein verheißenes Ziel. Und wenn wir dort einmal angelangt sind, dann werden wir Gott sehen wie er ist, von Angesicht zu Angesicht.

 

 

2. Mose 34, 1 – 10 (19. Sonntag nach Trinitatis):

Wenn eine Ehe erst einmal einen Knacks gekriegt hat, dann ist das nur schwer wieder zu heilen. Wenn erst einmal ein Ehebruch vorgekommen war und man vielleicht auch schon einen Scheidungsantrag gestellt hatte, dann wird es oft nie mehr so werden wie vorher. Es gibt auch Gegenbeispiele, wo durch eine Krise das Verhältnis nur tiefer geworden ist, wo man vielleicht sogar schon geschieden war und sich dann wieder geheiratet hat. Aber meist ist so ein Bruch der Anfang vom Ende, auch wenn man noch zusammenbleibt.

So ähnlich könnte man auch das sehen, was sich zwischen Gott und seinem Volk Israel ereignet hat. Gott war mit ihnen einen Bund eingegangen, ähnlich einem Ehebund. Nur war es nicht ein Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern ein Stärkerer hatte dem Schwächeren den Bund gewährt und damit ein verbindliches Gemeinschaftsverhältnis hergestellt.

Aber kaum war er begonnen, da hätte er schon wieder zu Ende sein müssen: Das Volk hatte sich ein Stierbild gemacht und dieses angebetet. An sich wollten sie ihren Gott nicht missen. Aber sie wollten ihn sichtbar vor sich haben und damit auch über ihn verfügen können. Gott sollte nur noch für bestimmte Bereiche des Lebens da sein, vor allem für den Gottesdienst. Aber ansonsten wollte man sein eigener Herr sein und sich nicht in sein Tun hineinreden lassen, auch von Gott nicht. Man wollte ihn mit Feierlichkeiten, mit Liedern und Gebeten abspeisen - aber aus dem Alltag wurde er verbannt.

Diese Gefahr besteht sicher auch noch bei uns. Sehr schnell machen wir aus dem gnädigen Zuspruch, daß Gott unser Herr und Vater sein will, einen fromm-dreisten Anspruch. Der „Gott der Liebe“ wird zu einem „lieben Gott“ gemacht, zu einem milde lächelnden und im Grunde hilflosen Alten. Diese Spottfigur ist aber genausoweit von Gott entfernt wie das Bild eines willkürlichen und jähzornigen Rachegottes.

Gott ist einer, der immer wieder den Menschen nachgeht. Nur so kann das Volk Gottes immer noch bestehen. Das Evangelium des heutigen Sonntags macht das am Beispiel des Gelähmten deutlich, der als erstes zunächst einmal die Vergebung der Sünden braucht. Im Predigttext ist das auf das ganze Gottesvolk bezogen. Die zu Gott gehören, sind eben halt auch Sünder und leben durchaus nicht in einer Gottverbundenheit, wie das sein müßte.

In der Bibel ist immer wieder die Rede von Versagen und Untreue, von Ungehorsam und Glaubenslosigkeit, von Skandalen und himmelschreienden Rechtsbrüchen. Die Welt zeigt zu Recht mit Fingern auf die Gläubigen. Das ist heute nicht anders als damals.

Es ist ergreifend zu sehen, wie Mose sich für das abtrünnige Volk bei Gott verwendet. Er ist zornig und traurig zugleich. Mit geradezu kindlichen Argumenten will er seinen Gott herumkriegen: „Denk doch daran, wie sehr sich die Ägypter freuen würden, wenn du dein Volk fallenlassen würdest! Denk doch an die Verheißungen, die du schon den Erzvätern gegeben hast!“

Im Zorn hat Mose die von Gott selbst hergestellten Tafeln zertrümmert. Das war Ausdruck dafür, daß der Bund zerbrochen und nicht mehr in Geltung war. Nur für kurze Zeit war Israel Gottes Volk. Aber nun war es das nicht mehr. Doch da hört Mose die Stimme Gottes: „Haue dir zwei Steintafeln zurecht. Ich werde auf sie die Worte schreiben, die schon auf den ersten Tafeln gestanden haben!“ Das kann einem schon den Atem nehmen: Gott will die Bundesgeschichte noch einmal beginnen lassen. Er sagt: „Ihr habt's verdorben, aber ich fange mit euch noch einmal von vorn an!“

Das dürfen auch wir wissen: Gott gibt die Menschen nicht auf, mit denen er sich in der Taufe verbündet hat. W i r  lassen los, wenn wir wollen oder leichtsinnig oder stumpfsinnig sind. Aber e r läßt nicht los. Er erlaubt uns den neuen Anfang. Leute erfahren seine Zuwendung aufs Neue, die verspielt und vertan haben.

Mose bringt die Tafeln auf den Berg. Er tut es nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Gottes Befehl. Er meldet sich bei Gott. Zu einer Begegnung Auge in Auge kommt es nicht. Aber Gott geht vorüber, Mose wird von seiner Gegenwart gestreift. Damit ist der neue Anfang gemacht.

Gott erneuert den Bund trotz der erlittenen Beleidigung. Er hat schon immer auf die Umkehr gewartet und als erster die Hand dazu gereicht. Der neue Bund soll ein bleibender Bund sein. Das ist der Unterschied zum ersten Bund. Jetzt hat die Gnade Gottes einen höheren Grad erreicht.

Allerdings steht auf den neuen Tafeln auch wieder das Gesetz. Das ist auch nötig, denn gerade das erste Gebot ist wichtig, denn jede Sünde hat mit diesem ersten Gebot zu tun. Das Gesetz trifft Schuldige. Und das Böse kann man leider nicht nur als einen gelegentlichen Aus­rutscher sehen bei sonst anständiger Lebensführung. Nein, in jeder bösen Tat steckt das „wurzelhaft Böse“.

Auch wenn Gott neu anfängt, so ist das künftige Verhältnis doch immer noch vom Schuldkonto Israels belastet. Was gewesen war, kann man nicht ungeschehen machen. Allerdings wird der Bund dadurch nicht hinfällig. Es kann ja nicht so sein, daß der menschliche Gehorsam eine Säule wäre, auf der der Bund ruhte. Nein, er ruht allein auf Gott. Aber gerade deswegen verpflichtet der Bund zum Gehorsam. Und deshalb ist der nun einmal geschehene Ungehorsam eine schwere Belastung.

Andererseits ist aber dadurch auch die Sündenvergebung erst recht nötig. Nicht jeder sieht das ein. Daß man ohne Atemluft und Essen, Kleidung und Wohnung nicht leben kann, das ist selbstverständlich. Doch die Sündenvergebung scheint nicht zum Dringlichsten zu gehören.

Doch Sündenschuld ist nicht bloß ein sachlicher Mangel, etwa daß man zu wenig geleistet, einen materiellen Schaden verursacht oder Regeln durchbrochen hat. Durch Sündenschuld wird ein personales Verhältnis gestört: Man hat einen Menschen enttäuscht und ihm weh getan, man hat Vertrauen zerstört und Bindungen gelöst und vielleicht auch Liebe verweigert.

Die eigentliche Sünde ist, daß wir Gott nicht Gott sein lassen. Dabei könnte es durchaus so sein wie in einer Ehe: Äußerlich läuft alles wie am Schnürchen, das Essen ist pünktlich auf dem Tisch und das Geld wird ebenso pünktlich abgeliefert. Aber dennoch sind die Brücken untereinander abgebrochen und man ist miteinander „fertig“. Schuld trennt und reißt Gräben auf. Sie muß aus der Welt, wenn es zu einem heilen Leben kommen soll.

Gott aber möchte dazu helfen. Er nennt Mose seinen Namen und gibt sich damit als der zu erkennen, der er ist. Er macht sich damit anrufbar und gibt sich in gewisser Weise in die Hände der Menschen, so wie wir das tun, wenn wir unseren Ausweis vorzeigen. Gott ist eben barmherzig und hat ein Herz; es geht ihm „durch und durch“, wenn er an seine verirrten Kinder denkt. Er ist gnädig, ohne daß wir das fordern könnten. Er ist geduldig und gibt eine Frist zur Umkehr und schlägt nicht zu, wo er könnte oder sogar müßte. Und er gewährt seine vergebende Liebe nicht nur in einer guten Stunde. Wir brauchen keine Sorge zu haben, wir könnten morgen doch wieder von ihm verstoßen werden.

Daß Gott Sünde vergibt, wird schon bei Mose zu einer großen weitreichenden Zusage erhoben. Gott wählt nicht aus und zeigt sich nicht nur seinen Favoriten gnädig. Er ist bereit, allen zu vergeben, sogar „Tausenden“. Vergeben meint aber nicht nur: darüber hinwegsehen und die Dinge auf sich beruhen lassen. Vergeben ist etwas Aktives: Das Belastende wird weggeräumt und aus der Welt geschafft. Darüber hinwegsehen bedeutet: Das Belastende bleibt irgendwo in einer dunklen Ecke liegen und wird vielleicht doch noch einmal wieder hervorgeholt. Vergeben aber meint: Es wird wirklich vernichtet.

Mose nimmt Gott beim Wort. Aber er weiß auch: Wir sind Sünder und werden es leider auch weiterhin bleiben. Aber Mose darf damit rechnen, daß Gott an den Sündern festhält und ihnen die Schuld vergibt. Er rechnet mit diesem Gott, der nun wieder Israels Gott sein will.

So hält Gott auch an der Kirche fest, obwohl sie aus störrischen Sündern besteht. Der Herr geht in ihrer Mitte. So wie bei seiner Kirche ist Gott nirgends. Er ist der mitziehende Gott und der immer wiederkommende Gott. In Jesus ist er uns ganz nahegekommen. Heute vernehmen wir ihn in seinem Wort und spüren ihn in den Sakramenten. Hier wird sein Bund erfahrbar, hier erhalten wir konkrete Anhaltspunkte für unser Leben.

Wir können ihn nur bitten: Hilf uns, daß wir dich auch außerhalb der Kirche den Herrn unseres Lebens sein lassen - auch im Alltag. Hilf uns in den Entscheidungen unseres Lebens. Laß uns aufpassen, wenn du an uns vorübergehst, damit wir dich nicht verpassen.

Laß uns erkennen, daß du uns in Wort und Sakrament nahe sein willst, aber auch in dem Menschen, der leiden muß und ausgestoßen wird. Und wenn wir schuldig geworden sind an Gott und Mitmenschen, dann können wir erst recht nur bitten; Herr, geh dennoch in unsrer Mitte!

 

 

4. Mose 21, 4-9 (Judika):

Ärzte, Tierärzte und Apotheker verwenden gern das Symbol der Schlange an einem Stab als Markenzeichen. Der sogenannte „Äskulapstab“ erhielt seinen Namen von Asklepios oder Äskulap, dem Gott der Heilkunde in der griechischen Mythologie. Als Sohn des Apollo, Gott des Lichts und der Heilung, wurde er in der Heilkunde ausgebildet. Asklepios soll zu seinen Lebzeiten, bei Wanderungen oder auf dem Weg zu Kranken, immer eine Äskulapnatter dabei gehabt haben, die sich um seinen Wanderstab ringelte. Weil er als Arzt einen Toten wieder zum Leben auferweckte, erzürnte er Hades, den Herrscher des Totenreiches. Auf dessen Drängen wurde er von Zeus mit einem Blitz erschlagen, weil er sich erdreistet hatte, dem Willen der Götter entgegenzuwirken.

Seit Menschengedenken gilt die Schlange als ein bedeutendes mystisches Wesen. Schon in der Erzählung von Adam und Eva spielt sie eine verhängnisvolle Rolle. Dann gibt es diese Erzählung von der „ehernen Schlange“ in den Geschichten vom Auszug Israels aus Ägypten.

In Johannes 3 wird darauf Bezug genommen, wir haben es in der Evangelienlesung gehört:

„Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden,

damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ Das Johannesevangelium benutzt die anstößige Geschichte von der ehernen Schlange und vergleicht sie mit der Erhöhung Jesu am Kreuz.

In der christlichen Kunst wird einmal die Schlange dargestellt, wie sie sich am Kreuz hochringelt, weil Christus durch den Satan ans Kreuz gekommen ist. Aber es gibt auch die Darstellung, bei der die Schlange nach unten gerutscht ist und der Schaft des Kreuzes ihr den Kopf zermalmt, weil durch den Kreuzestod Jesu der Fluch der Sünde aufgehoben ist.

An sich war die Schlange eine verdächtige Gestalt, weil sie in heidnischen Religionen verehrt wurde. Selbst im Tempel gab es solche ehernen Schlangen, die erst durch den König Hiskia entfernt wurden, weil sie nicht mit dem Glauben an Gott vereinbar waren. Aber im 4. Buch Mose hat man diese zwielichtige Gestalt als harmloses Symbol der heilenden Kraft Gottes übernommen. Sie wurde eingeordnet in die Zeit der Wüstenwanderung, als das Volk über Gott murrte und zwischen Niedergeschlagenheit und Auflehnung hin und her schwankte. Dieser Zwiespalt führte zu schweren psychischen Krankheiten, die bis zum Tod hätten führen können. Da kann nur ein rettendes Zeichen helfen. Es ist ein Zeichen für die Schuldigen, für die Geängsteten und für die Glaubenden

 

1. Zeichen für die Schuldigen:

Da irrt ein Volk in der Wüste herum. Hunger und Hoffnungslosigkeit plagen die Menschen. Plötzlich kommt ihnen die Gefangenschaft in Ägypten vor wie ein Leben an Fleischtöpfen. So sagen ja auch Menschen aus dem Osten Deutschlands heute noch: „Damals hatten wir wenigstens billige Wohnungen und Grundnahrungsmittel und wenn auch nicht immer Arbeit, aber

Doch einen sicheren Verdienst!“ Wenn es den Menschen vermeintlich schlecht geht, dann erscheint auf einmal ein kärgliches früheres Leben in einem goldenen Licht. Dadurch entstand beim Volk Gottes ein Aufbegehren, das zu einer Strafe Gottes führte, die wiederum einen noch unwilligeren Gegenschlag auf Seiten der Menschen auslöste.

Aber so ein wenig Mitgefühl ist doch aus der Erzählung herauszuhören: Das Volk wurde nicht nur ungeduldig, sondern es wurde ihnen „auf dem Wege der Atem zu kurz“, sie waren tatsächlich erschöpft. Aber es ist auch kein Wunder, daß sie durch die Vertrauenslosigkeit den Fortgang verzögert haben und das gelobte Land noch verschlossen ist. Hier kann man sehen, was geschieht, wenn man die Gnade Gottes zurückweist. Aber dann kommt man nur immer weiter unter das Gesetz.

Die Auflehnung gegen den Menschen Mose ist gleichzeitig auch eine Auflehnung gegen Gott. Es kommt aber wenigstens zum Schuldbekenntnis. Die Strafe allein hätte ihnen ihr Schuldigsein nicht bewußt machen können. So denkt ja noch heute jeder Straftäter: „Ich habe das Geld ja bezahlt oder meine Strafe abgesessen, jetzt ist wieder alles gut und niemand kann mir noch etwas vorwerfen!“ Aber die Israeliten erkennen nun, daß sie Mose wider besseres Wissen zu Unrecht angegriffen haben.

Auf die Fürbitte des Mose hin befiehlt Gott das rettende Zeichen aufzurichten. Dahinter steht die alte Vorstellung, daß man übernatürlichen Kräften ihre Macht nehmen kann, indem man ihnen eine sichtbare Gestalt gibt. Wer das Bedrohliche bildhaft darstellt, bekommt es in seine Gewalt. Schon das Hinschauen heilt. So gibt Gott noch einmal Zeit: Wer zur Schlange aufblickt, wird leben

 

2. Zeichen für die Geängsteten:

Oft straft Gott genau mit dem, worin wir sündigen: Wer sein Leben lang geraucht hat, muß damit rechnen, daß das Leben nicht so sehr lang ist. Mit unserem Bösen strafen wir uns selber. Hier aber kommt die Strafe von außen. Es kann sich tatsächlich so ein Ereignis auf der Wüstenwanderung ereignet haben. Man stelle sich das einmal bildhaft vor: Kriechende und geflügelte Schlangen überall, und die beißen und stechen - so eine Art Dschungelcamp von damals.

Die dämonischen Plagegeister haben aber keine eigene Gewalt, sondern sie sind die von Gott geschickte Strafe. Gott läßt sich nicht alles gefallen und läßt nicht ewig-lächelnd das Böse gewähren. Auch sein eigenes Volk nimmt er hart ran, wenn es sein muß.

Aber wenn Gott solche Plagen schickt, dann sollen wir uns nicht in Hoffnungslosigkeit darin ergeben, sondern die Strafe annehmen und nach der Schuld fragen, die sie hervorgerufen hat. Not kann zur Selbstprüfung dienen.

Ziel der Strafe Gottes ist es, die Unzufriedenen zur Besinnung zu bringen. Gott hebt die Plage nicht auf, aber er zeigt den Weg zur Überwindung. Dazu bedarf es aber einer Handlung des Menschen. Die Schlange selber hat keine Heilkraft. Aber wer sie ansieht, bleibt am Leben, weil Gott auf diesem Weg die Heilung versprochen hat. Wer sich dem Gericht Gottes beugt, über den verlieren die Dämonen ihre tötende Macht.

Die Schlangen sind das Symbol für die Macht des Bösen, auch für unsichtbare Urmächte, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Doch hier hilft nicht allein eine sachliche Aufklärung. Es gilt zu erkennen: Gott straft uns auch hier mit dem was wir selbst gewählt haben. Aber Jesus ist gekommen, den Kampf für uns auszufechten. Was uns Angst bereitet, hat kein Recht mehr an uns. Die von den Schlangen Gebissenen brauchen nur den Blick auf die Schlange und die Christen nur auf Christus zu richten und sind gerettet.

 

3. Zeichen für die Glaubenden:

Im Johannesevangelium heißt es: „Wie die eherne Schlange zur Zeit des Mose, so mußte auch der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben!“ War bei Mose nur das Ansehen der Schlange nötig, so ist bei Christus der Glaube notwendig, um für den einzelnen Menschen wirksam zu werden. Und ein weiterer Unterschied: Christus ist nicht zum Gericht gekommen, sondern zur Rettung der Welt. Sein priesterliches Eintreten für die Seinen bewegt Gott, seine Geschichte mit den Menschen fortzusetzen. Er hat schon so viele Enttäuschungen erlebt, aber er gibt den Menschen dennoch eine Zukunft. Gott hätte die Schlangen verschwinden lassen können. Aber dann wäre er selbst schnell wieder vergessen worden.

Es gilt zu glauben auch gegen das, was man sieht. Die „Leiden der Zeit“ tun wahrscheinlich nur noch halb so weh, wenn man ein „Ja“ dazu findet. Der Glaubende sieht seine Schwäche, aber er hält sich an den Christus, der ihn nicht losläßt. Auch der Glaubende ist aus der Not und Bedrängnis nicht herausgenommen. Man kann nicht fordern: Erst die Plagen weg, dann wende ich mich auch Gott zu. Es gilt aufzusehen auf Jesus, dann wird uns auch in unseren Schwächen und Problemen geholfen werden.

 

Wenn wir heute krank sind, worauf vertrauen wir dann? Sehen wir nur auf zu den Ärzte - diesen „Halbgöttern in Weiß“? Natürlich ist es richtig, bei einer Krankheit zum Arzt zugehen

Man darf die medizinischen Möglichkeiten nicht verweigern mit dem Hinweis auf Gott („Wenn Gott will, kann er mich auch so gesund machen!“).

Jener Skiläufer, der fünf Tage nach einem Autounfall den Ärzten gedankt hat, die ihn „wieder hingekriegt haben“, könnte auch oder noch mehr Gott danken: Einmal dafür, daß es bei dem Unfall nicht schlimmer gekommen ist. Dann dafür, daß es Ärzte und Physiotherapeuten gab, die ihn wieder einigermaßen wiederhergestellt haben. Und schließlich kann er nur Gott danken, daß er ohne Schaden die zwei Skiabfahrten überstanden hat und noch einen respektablen Platz erreicht hat.

Die Kunst der Ärzte und die Hilfe Gottes schließen sich aber nicht aus. Aber einmal kommt jede Medizin an eine Grenze. Ärzte wissen das und kennen auch die Hilfe des Glaubens für die Genesung. Nur darf die Gesundheit nicht vergottet zu werden und zum einzigen Ziel im Leben zu werden („Hauptsache gesund“). Aber es gibt ein Leben von anderer Qualität, das nicht in der Verlängerung des irdischen Lebens entsteht. Dies wird man erlangen im „Aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“.

Man wünscht sich nicht, daß die Schlangen beißen. Aber wenn sie es doch tun, wird es uns nicht schaden. Durch Christus und sein Kreuz ist den geängsteten, aber glaubenden Menschen geholfen.

 

 

4. Mose 6, 22- 27 (Trinitatis, Konfirmation):

Wenn wir jeden Gottesdienst mit dem Segen beschließen, dann ist das nicht, wie wenn man nach einer Feier seine Gäste mit ein paar freundlichen Wünschen entläßt. Und schon gar nicht ist die Konfirmation eine Entlassung in ein Leben, in dem man sich die Freiheit nimmt, sich am kirchlichen Leben zu beteiligen oder nicht.

Manche haben Martin Luther so mißverstanden. Sie sagen: Luther hat uns endlich die Freiheit gebracht. Die Katholiken müssen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Wir brauchen nur, wenn wir einmal das Bedürfnis danach haben. Da wir das aber nur ganz selten haben, nehmen wir uns auch die Freiheit, am Sonntag etwas anderes zu treiben. Bei den Konfirmanden wird der Gottesdienstbesuch kontrolliert. Aber mit der Konfirmation sind sie endlich den Erwachsenen gleichgestellt und können den Erwachsenen folgen.

Es wäre schade, wenn wir die Konfirmation so verstehen wollten. Die Konfirmation ist ja in erster Linie Einsegnung, durch die Gott sein Gutes vermitteln will. Dieser Segen wird jeden Sonntag aufgefrischt, wenn wir mit dem Segen Gottes wieder in den Alltag gehen. Das ist wie bei einer Impfung gegen Wundstarrkrampf: Am Anfang gibt es eine starke Dosis, und dann alle zehn Jahre eine Auffrischung.

Nur kann man mit dem Segen Gottes keine zehn Jahre warten, etwa bis zur Trauung und dann wieder, wenn die eigenen Kinder Konfirmation haben. Glaube ist nicht etwas für besondere Gelegenheiten in unserem Leben, sondern etwas für jeden Tag. Und das konfirmierende Handeln erstreckt sich nicht nur auf diesen einen Tag, sondern beginnt mit der Taufe und geht bis ans Lebensende. Ein Christ lernt nämlich nie aus, er darf sich immer noch auf Neues gefaßt machen.

Die Konfirmation ist zwar ein besonderer Höhepunkt. Aber sie ist nur das Ende eines Grundkurses. Die Qualifizierung geht jetzt erst los. Und da sollte man sich nicht an negativen Vorbildern orientieren, an den Gleichgültigen und Verächtern, sondern an denen, die fast jeden Sonntag im Gottesdienst sind, die sich an den Gemeindeveranstaltungen beteiligen und sich zum Beispiel zu so etwas wie dem Kirchentag aufgemacht haben. Wer mit Gott leben will, der wird immer wieder seine Nähe spüren können. Er wird mit dem Segen Gottes durchs Leben gehen und viel Hilfe und Bewahrung erfahren.

 

Im Segen wirkt Gott. Der Segen ist mehr als eine fromme Form des Glückwunsches, er ist sogar mehr als ein Gebet. Er ist kein leeres Wort, sondern wenn Gott spricht, so geschieht es. Wir wünschen uns zwar gegenseitig Gottes Segen. Aber wir könnten ihn nicht herbeiziehen, wenn Gott nicht selbst segnen wollte. Wir können ihm den Segen nicht abnötigen oder Gott unter Druck setzen. Es ist keine Zauberei dabei, wenn wir die Konfirmanden hier einsegnen.

Aber es ist auch nicht so, daß wir nur um den Segen bitten könnten und es dann darauf ankommen lassen müßten, ob er wirklich segnen will. Gott w i 1 1 es tun, er hat es sogar geboten, daß in seinem Namen gesegnet wird.

Doch es braucht keiner Angst zu haben, daß jetzt eine Lawine auf ihn zukommt, von der er überrollt wird. Zwar ist der Segen ein wirkliches und machtvolles Geschehen, aber es geschieht nichts gegen unseren Willen. Wir werden aber zur Entscheidung herausgefordert, ob wir das Angebot Gottes annehmen oder nicht.

 

Im Segen streckt Gott uns die Hand hin. Wir können diese Hand ausschlagen. Es wird niemand zur Konfirmation gezwungen; es hat keiner Nachteile, wenn er nicht an der Konfirmation teilnimmt. Aber wer hier ist, der muß es mit Gott ernst nehmen, sonst lädt er größere Schuld auf sich als der, der von vornherein nichts von Gott wissen wollte. Wer es aber mit Gott wagt, der hat auf die richtige Karte gesetzt und eine starke Hilfe im Leben.

Gott will im Segen seinen Namen auf uns legen. Das ist ein schönes Bild für die Art und Weise, in der Gott uns begegnet. Er ist nicht irgendeine unbestimmte Macht, denn an so etwas kann man nicht glauben, weil man es nicht anrufen kann. Aber Gott hat uns seinen Namen anvertraut und sich damit anrufbar gemacht. Im Gebet wenden wir uns an einen Gott, den man kennen kann. Gott ist zwar nicht körperlich da, er existiert aber auch nicht nur in unseren Gedanken, sondern wir dürfen auf seine Nähe vertrauen, auch wenn wir ihn nicht sehen, und wir werden seine Kraft spüren, wenn wir seinen Segen annehmen.

 

Im Segen schafft Gott uns sein Gutes. Verlassen wir den Gottesdienst mit dem Segen Gottes, dann liegt Gottes Name auf uns. Was im Gottesdienst geschehen ist, hat uns nicht nur wohl getan und uns weitergebracht, sondern nun will Gott in unserem Leben Gutes wirken. Dieses Wort beschreibt gut die vielfältige und umfassende Wirkung des Segens.

Im Alten Testament äußert sich der Segen in Wohlstand und großer Nachkommenschaft, die aber weniger Belobung für Wohlverhalten sind, sondern unverdientes Glück und eine Überraschung. Es geht um Glück und Gedeihen, Gesundheit und Wohlbefinden, also sehr weltoffene

und weltfreudige Dinge. Gott möchte doch, daß seine Menschenkinder glücklich sind, besonders auch die, die sich erst anschicken, ins Leben hinauszugehen.

Wir können ihm darauf nur antworten, indem wir ihm danken. Dadurch geben wir zu erkennen, daß wir das Gute in unserem Leben wahrgenommen haben und wissen, wem wir es verdanken. Wer aber gesegnet worden ist, der darf von vornherein wissen, daß er nachher Grund zum Danken haben wird. Gott will gutes und Erfreuliches wirken. Deshalb dürfen wir mit entsprechenden Erwartungen in die Zukunft hineingehen. Wenn wir sauer sehen, dann widerspricht das dem Segen, den Gott uns mitgegeben hat. Wir haben doch einen freigiebigen und

auf unser Wohl bedachten Gott.

Gott will uns auch behüten. Er will Störendes und Gefahrbringendes ausschalten. So brauchen wir nicht mit Angst in den Tag zu gehen. Meist nehmen wir nur die Fälle wahr, wo uns oder anderen etwas zugestoßen ist. Aber daß Gott immerzu Leben erhält und in seine schützenden Hände nimmt, das halten wir für normal, das halten wir für nicht der Rede wert.

Er möchte auch Heil und Frieden bei uns schaffen, also geordnete Verhältnisse und ein unversehrtes Miteinander. Er tut alles, damit wir uns nicht untereinander das Leben zur Hölle machen. Gott möchte die Freundschaft der Völker, Gruppen und Familien. Wo sein Name geehrt wird, da ist man nicht gegeneinander, da sät man nicht Mißtrauen und Haß, sondern hat Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem, was es erhält und gedeihen läßt. Aus dem Empfang des Segens ergibt sich folgerichtig das Eintreten für den Frieden in der Welt.

Nur macht es uns zu schaffen, daß unsere Erfahrungen in der Welt nicht mit dem übereinstimmen. Wir denken sicher manchmal: Wenn Gott uns so gut gesinnt ist, dann müßte er doch von seinem himmlischen Stellwerk aus die Weichen sorgfältiger betätigen. Als oberster Knopfdrücker ist er doch für die störungsfreie Funktion aller Weltvorgänge verantwortlich. Doch wir können nicht Gott in die Schuhe schieben, was menschliche Schuld ist. Gott hat den Menschen die Freiheit gegebene mit allem Risiko. Nun rennt er an gegen eine Welt der Sünde. Der Friede zum Beispiel muß gegen Haß und Friedlosigkeit erstritten werden. Aber Gott kämpft gegen das Vernichten, indem er - segnet.

Sein Segen würde uns auch dann begleiten, wenn sich herausstellt, daß wir eine unheilbare Krankheit haben. Er würde auch dann kräftig sein, wenn Gott uns auf den letzten Weg in dieser Welt führt. Was auch immer kommt: Gott schafft uns mit seinem Segen sein Gutes. Gott läßt sein Angesicht leuchten über uns und ist uns gnädig. Ja, Gott hat ein Gesicht, spätestens seit Jesus unter den Menschen war. Gott ist nicht das Unbestimmte und Nebelhafte, sondern er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Wir können uns vorstellen, wie Gott ist, und deshalb Gemeinschaft mit ihm haben.

Einen Menschen erkennen wir meist nicht an seiner Körpergestalt, sondern an seinem Gesicht. Dazu gehört aber auch die Art, wie er uns anschaut: offen und aufnahmebereit, oder verbissen und stumpf. Strahlt ein Mensch uns an, dann erkennen wir daraus, wie er es mit uns meint.

Wir haben einen Gott, der uns nicht wie aus einer versteinerten Maske anstarrt, sondern unser Gott hat ein gütiges und väterliches Angesicht. Er neigt sich herab zu uns und blickt uns freundlich an. Dadurch macht er deutlich: Du bist mir wichtig, ich suche die Verbindung mit dir, ich lasse dich nicht aus den Augen. Als Gesegnete gehen wir anders weg, als wir gekommen sind.

Im kirchlichen Unterricht könnte das den Konfirmanden deutlich geworden sein: Gott schenkt uns seine Güte! Aber es wird uns spätestens jeden Sonntag wieder neu verdeutlicht im Gottesdienst. Dort sollten wir immer neu die Gemeinschaft mit Gott suchen und uns dann mit seinem Segen hinaus senden lassen in die Welt. Ein schönes Zeichen der Bereitschaft, mit dem Segen Gottes zu gehen, sind auch die Lederkreuze, die es einmal auf einem Kirchentag gegeben hat. Auf ihnen steht als Losung: „Vertrauen wagen!“ Das ist eine freundliche Einladung an jeden, der es sieht: „Ich habe Vertrauen zu dir, ich möchte dir freundlich und hilfsbereit begegnen, weil ich einen Gott habe, von dem ich auch Liebe und Freundlichkeit erfahren habe!“ Aber auch ohne ein solches Kreuz sollte man uns Christen immer wieder abspüren: Wir gehen mit dem Segen unseres Gottes und tragen seine Liebe und seinen Frieden in die Welt.

 

 

5. Mose 7, 6 – 12 (6. Sonntag nach Trinitatis):

Eine Liebeserklärung ist etwas sehr Schönes und etwas sehr Aufregendes. Sie kann das Leben eines Menschen sehr verändern, ob er sie nun selber ausspricht oder von einem anderen hört. Liebe will zum Ausdruck gebracht werden, durch Bewegungen und Worte. Eine stumme Liebe ist bedroht, sie welkt leicht. Lebendig ist eine Liebe nur, die sich auch ausspricht.

Der heutige Predigttext ist eine Liebeserklärung Gottes an sein Volk. Stichworte wie Erwählung, Liebe, Erlösung, Treue, Bund, Barmherzigkeit machen das deutlich. Gott hat sich dem Volk Israel freundlich und liebevoll zugewendet und sich selber wie durch einen Vertrag

an dieses Volk gebunden. Diese Erwählung ist immer wieder bestätigt worden. Abraham, Isaak und Jakob waren die von Gott erwählten Väter des Volkes. In der Befreiung aus Ägypten und durch den Bundesschluß am Sinai wurden sie zu einem Volk. Auch an Jerusalem und die Familie Davids hat Gott sich gebunden.

Daran erinnerte man sich, als das 5. Buch Mose geschrieben wurde. Es war in der späteren Königszeit, als die Stämme im Norden schon von den Assyrern vernichtet worden waren. Auch im Süden gab es allerlei Anfechtungen innerer Art, vor allem die Versuchung, sich

den Göttern der Assyrer oder der Kanaanäer zuzuwenden. In einer Zeit äußerer und innerer Wirren wußte man doch noch, daß man an dem allein wahren Gott verankert war.

Dieser Glaube war mehr als die Vermutung, es müsse irgendwo ein höheres Weser geben. Man wußte vielmehr: Wir haben einen Gott, der auf uns zugegangen ist und von sich aus die Verbindung zu uns aufgenommen hat, der uns seine Liebe erklärt hat und sich sogar vertraglich verpflichtet hat, unser Gott sein zu wollen. Er war nicht durch irgendeine göttliche Dienst­vorschrift dazu verpflichtet, sondern er hat frei gewählt und seine Gemeinschaft angeboten. Im Grunde ist das ein Wunder, das nicht voraussehbar war und auch nicht einzuklagen war.

Gott richtet sich bei seiner Wahl nicht danach, ob der Mensch es wert ist oder nicht. Israel war das Kleinste unter den Völkern. Darauf hätte Gott nicht verfallen können, wenn er nur nach dem Wert des Partners gegangen wäre. Aber in seiner grundlosen Liebe hat Gott dieses Volk erwählt, auch wenn menschlich gesehen kein Grund dafür vorlag. Jedes Volk hat Schwächen, und jeder Mensch hat Schwächen: Aber Gott kann ihn dennoch erwählen.

Das können wir uns deutlich machen an unserer eigenen Taufe. Der heutige Sonntag will uns an unsre Taufe erinnern. Daran sollten wir zwar immer denken. Aber es ist doch hilfreich, wenn einmal im Jahr besonders darauf hingewiesen wird. Die Taufe ist das Mittel, mit

dem Gott uns an den Stromkreis seines Wirkens angeschlossen hat. Da ist aus der Liebeserklärung ein fester Bund geworden, ähnlich wie dem Ehebund. Sie ist das äußere Erkennungszeichen für diejenigen, die zusammengehören, so wie der Ehering einen Menschen kenntlich macht, der sich schon an einen anderen gebunden hat.

Das Entscheidende am Ring ist nicht der Wertstempel, sondern der Namenszug. Er sagt erst, wer zusammengehört. Das öffentliche Tragen zeigt es dann nach außen. Das ganze Verhalten wir dann anders. Bei allem ist der Partner dabei, man wird nichts gegen ihn tun.

Hier wird sogar das Stichwort „Eigentum“ dafür gebraucht. Wir werden vielleicht denken: Ein Besitzanspruch verträgt sich doch nicht mit der Liebe. Diese läßt auch dem Partner seine Freiheit, so wie es in einem Lied aus Schweden heißt, das jetzt auch im Gesangbuch steht: „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhause. Frei sind wir da, zu wohnen und zu gehen. Frei sind wir, ja zu sagen oder nein!“

Aber hat Liebe nicht auch etwas mit Bindung zu tun? Das Wort „Eigentum“ deutet etwas davon an. Man liebt sein Eigentum und hegt und pflegt es. Man möchte es sichern und erhalten und man verteidigt es gegen alle Armgriffe. Was man sich hart hat erwerben müssen, das ist einem ans Herz gewachsen, das gibt man nicht so leicht wieder her.

Nun ist die Welt sowieso das Eigentum Gottes und von ihm abhängig. Er hätte sie nicht erst erwerben müssen, weil sie ihm von vornherein gehört. Auch jeder einzelne Mensch ist Geschöpf Gottes und gehört ihm. Wenn man es nur so sähe, dann wäre an sich eine Taufe überflüssig. Aber Gott genügt nicht unsre Abhängigkeit von ihm, sondern er möchte mehr, möchte eine echte Verbundenheit. Er möchte uns nicht in ein festes Bündnissystem hineinzwingen, in dem jederzeit die sogenannte „brüderliche Hilfe“ droht. Gott möchte eine partnerschaftliche Beziehung, in der jeder den anderen mag und sich sein Leben gar nicht mehr ohne den anderen vorstellen kann.

Das Neue Testament spricht aber noch kräftiger als das Alte von einer Knechtschaft unter das Böse, der wir alle verfallen sind. Gott mußte uns wieder davon loskaufen, so wie er das Volk Israel aus der Knechtschaft unter den ägyptischen Pharaonen befreit hat. Durch Christus hat er sein Eigentum wieder zurückgewonnen, um den Preis des Todes seines Sohnes. Durch die Taufe kennzeichnet er alle, die zu diesem seinem Eigentum gehören. Da teilt er das Recht aus, sich auf Gott berufen zu dürfen.

Bei der Taufe wird ja heute gesagt: „Ich taufe dich auf den Namen“. Mancher wird das so verstehen, als erhalte der Mensch erst seinen Namen. Aber er wird nicht auf seinen menschlichen Namen getauft, sondern auf den Namen Gottes. Der Ausdruck stammt aus der Banksprache. Da überweist man zum Beispiel Geld von einem Konto auf ein anderes, es wird also ein Eigentumswechsel vollzogen. So wird man durch die Taufe auf das Konto Gottes eingezahlt und ist somit sein Eigentum für alle Zeit.

Beachten sollte man dabei aber, daß man durch die Taufe auch in das Volk Gottes hineingestellt wird. Viele sehen die Taufe als ein Familienfest an. Es gefällt ihnen schon nicht so besonders, wenn noch ein zweites Kind mit getauft werden soll. Dabei ist die Taufe doch die Aufnahme in die Gemeinde Gottes. Da ist es doch schön, wenn noch ein paar mehr Leute aus der Gemeinde dabei sind als nur die unmittelbare Familie. Noch schöner wäre es sogar, wenn die Taufe im üblichen Sonntagsgottesdienst stattfinden könnte, dann würde das „Hinein­getauftwerden“ in die Gemeinde noch deutlicher. Bei einer Trauung sind oft Zuschauer dabei, bei der Taufe kaum; aber umgedreht wäre es richtiger.

Wer aber zu dieser Gemeinde gehört, der wird auch in die Pflicht genommen. Er ist ja in das „heilige“ Volk eingegliedert worden. Heilig aber bedeutet: von Gott in Anspruch genommen sein und nur ihm gehören. Aber wir wissen natürlich auch, daß wir durch die Taufe nicht schlagartig neue Menschen werden. Doch es ist schon ein Unterschied, ob man zu Gottes heiligem Volk gehört oder nicht.

Zur Zeit des 5. Mosebuches galt es, sich vor allem gegen das Heidentum abzugrenzen. Für viele Israeliten stellte es eine große Versuchung dar, so wie für uns heute die Abkehr von Gott und ein Leben in Gleichgültigkeit die Versuchung ist. Je anziehender die widergöttliche

Macht für die Menschen ist, desto wachsamer und kompromißloser muß man sein. Der Bischof Remigius von Reims hat 496 dem Frankenkönig Choldwig bei seiner Taufe gesagt: „Verbrenne, was du angebetet hast, und bete an, was du vorher verbrannt hast!“ So wäre sicher auch bei uns Manches zu verbrennen, wenn wir Heilige sein wollen.

Gott ist eine Selbstverpflichtung gegenüber uns eingegangen. Aber er nimmt uns auch in Pflicht. Man kann nicht immer nur von Freiheit sprechen und einfach tun, was einem so einfällt. Wer sich selbst kennt, der weiß, daß das nicht gut gehen kann. Eine gute Ordnung hält uns heilsam in Grenzen und bewahrt uns vor Fehltritten unseres launischen Herzens. Unser neuer Standort heißt Christus. Keinen Augenblick sollten wir jedenfalls vergessen, wo wir stehen.

Gott aber hat sich uns in unbeirrbarer Treue verbunden. Keine Enttäuschung, die er mit uns erleben muß, veranlaßt ihn, uns aufzugeben. Deshalb ruft er uns immer wieder beschwörend auf, ihn zu lieben und ihm zu gehorchen, von ganzem Herzen und vor ganzer Seele. Wenn wir auch den Bund brechen, so wird  e r  es doch niemals tun. Nur wenn sich einer selbst aus dem Kraftfeld der Liebe Gottes entfernt, dann endet auch Gottes Macht.

Aber auch wenn wir den Kontakt mit Gott verloren haben, so bleibt doch in Kraft, was Gott uns in der Taufe zugewendet hat. Ich habe losgelassen, aber er hat umso fester zugefaßt. Er hat mich immer wieder schwach werden sehen, aber er hat seine Einstellung zu mir nicht geändert. Ich geriet in Zweifel, aber er stand umso fester zu mir. Er hat ja einen Eid geschworen, er bleibt sich selber treu. Es kann sich einer selbst vom Heil ausschließen. Aber Gott wird es nicht tun.

Wir brauchen an Gott nicht irre zu werden: Wir sind ja getauft. Martin Luther hatte auch Zeiten, in denen er an Gott irre zu werden drohte. Dann hat er sich in sein Zimmer eingeschlossen und niemand sprechen wollen. Und mit einem Stück Kreide hat er auf den Tisch oder die

Wand geschrieben: „Ich bin getauft! Das hat ihn gestärkt. Da hatte er vor Augen, was allein Halt sein konnte.

Wenn man begreift, daß man so von Gott geliebt wird, dann trägt man. dem Kopf schon etwas höher. Am Anfang wagt man es gar nicht zu glauben, daß man geliebt wird. Aber Gottes Liebeserklärung gilt uns ganz persönlich. In der Taufe ist sie ausgesprochen worden. Seitdem haben wir eine unsichtbare Krone auf, die uns zu seinen Kindern macht. Deshalb dürfen wir den Kopf schon etwas höher tragen als vorher.

Aber das darf uns nicht zur Überheblichkeit verführen. Wir tragen die Krone ja nicht wegen unserer eigenen Überlegenheit und Größe. Vielmehr ist das ein Anlaß zur Dankbarkeit gegenüber dem, der uns krönt mit seiner Liebe und Treue, der uns immer wieder deutlich macht: Du bist geliebt!

 

 

5. Mose 6, 4 – 9 (1. Sonntag nach Trinitatis):

Manche Menschen - gleich welchen Alters - finden es modisch, um den Kopf ein Stirnband zu tragen. Besonders Langläufer greifen gern darauf zurück, weil so der Schweiß aufgefangen wird. Aber noch mehr ist dieses Stirnband ein Zeichen einer bestimmten Lebensauffassung.

Nun stellen wir uns einmal vor, es brächte jemand an diesem Band noch einen kleinen Beutel an, der dann zwischen den Augen hängt. Und in dem Beutel wäre ein geschriebener Text aufbewahrt, der diesem Menschen besonders wichtig ist: ein Gedicht, ein Gesetzestext, eine Anschrift oder eine Telefonnummer oder die Geheimzahl der Scheckkarte.

Genau das machten aber schon die alten Israeliten, indem sie den heutigen Predigttext wörtlich nahmen. Auch die Juden zu Jesu Zeiten hielten es noch so: Auf Pergamentstreifen schrieben sie bestimmte Bibelstellen, legten sie in Kapseln und hängten sie sich vor die Stirn. Dadurch wollten sie Gottes Wort gewissermaßen ständig vor Augen haben. So halten es auch heute noch manche strenggläubigen Juden.

Diese Methode ist gar nicht so schlecht. Ein Student hat einmal an den Schrank am Fußende seines Bettes einen Zettel mit einem „G“ darauf gehängt. Die Mitbewohner fragten ihn, ob das etwa der Anfangsbuchstabe einer Freundin wäre, an die er abends vor dem Einschlafen denken wollte. Doch der Buchstabe stand für „Gebet“, weil der Student sich vorgenommen hatte, das tägliche Abendgebet nicht zu vergessen.

Ein Lieblingstext der Juden für dieses Erinnerungskapseln am Kopf war der heutige Text, der sozusagen das Glaubensbekenntnis Israels ist: „Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ Man kann sich vorstellen, daß die Stämme Israels vor dem Einzug in das gelobte Land einen große Glaubensversammlung machten und Josua sie fragte, ob sie den auch im neuen Land dieses alte Gebot einhalten wollen.

Dadurch wird es immer wieder auf die neue Situation bezogen. Auch Jesus hat das Gebot wie alle frommen Juden zweimal täglich gesprochen und in ihm sogar das vornehmste Gebot gesehen. Für uns gilt es natürlich ebenso, auch wenn wir es nicht unbedingt an einem Stirnband tragen. Dabei können wir auseinanderhalten, was schon im Alten Testament nebeneinander steht: Einmal wird eingeschärft, daß es nur einen Gott gibt. Aber es ist auch schon von der Liebe die Rede, die man Gott mit ganzem Herzen und mit allen Sinnen entgegenbringen darf.

 

1. Gott allein:  Im Normalfall haben wir nicht zwischen verschiedenen Göttern zu wählen, auch wenn fremde Religionen bei uns auf dem Vormarsch sind. Für die Israeliten dagegen war die Ein-Gott-Lehre durchaus noch nicht sichergestellt. In anderen Ländern hatten und bei anderen Völkern hatten andere Götter die Macht. Aber der Gott Israels hatte sich dieses bestimmte Volk ausgesucht. Nun durfte Israel auch nur noch diesen Gott verehren. Erst im Laufe der Zeit wurden die Götter der anderen Völker immer uninteressanter, so daß man die Folgerung zog: Es gibt keinen Gott außer dem Gott Israels.

Für uns geht es eher darum, ob man an Gott glauben oder atheistisch denken und leben will. Luthers Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ ist nicht mehr die Frage in einer Zeit, in der man zuerst einmal fragt: „Gibt es überhaupt einen Gott?“

Natürlich gibt es einen Gott. Wie der aussieht, hat schon Luther im Großen Katechismus in der Erklärung zum ersten Gebot beschrieben: „Gott nennt man den, von dem man alles Gute erwartet und zu dem man flüchtet in allen Nöten. Einen Gott zu haben bedeutet nichts anderes, als einem von Herzen zu vertrauen und an ihn zu glauben. Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verläßt, das ist dein Gott!“

Wir brauchen Gott, wenn ein Mensch ins Leben tritt oder wenn er wieder gehen muß, wenn wir in ein Auto oder ein Flugzeug steigen, wenn wir körperlich oder seelisch krank sind. Aber Gott ist nicht nur für die „Grenzsituationen“ da, sondern gerade auch denn, wenn wir glücklich und erfolgreich sind und uns stark fühlen.

Doch es können auch ganz einfach irgendwelche Dinge sein, an die wir unser Herz hängen und die für uns zum Gott werden: Geld und Macht, Klugheit und Können, Ehre und Erfolg. In der Theorie ist alles klar, da wollen wir uns schon an den einen Gott halten. Aber im gelebten Leben fällt die Entscheidung oftmals anders.

Der schroffe Ausschließlichkeitsanspruch des Gottes Israels kann uns dabei durchaus hilfreich sein. Viele sagen, das sei ein Ausdruck religiöser Rechthaberei. Man müsse doch jeder Religion und jeder Auffassung ihr Recht lassen.

Und dann wird gern der Alte Fritz zitiert, der gesagt hat, in seinem Land solle jeder nach seiner Fasson selig werden. Doch dabei übersieht man, daß der preußische König nur jedem seine Konfession, seine Art von Christentum, lassen wollte, egal, ob evangelisch oder katholisch. Doch selig werden konnte man auch nach seiner Meinung nur über Gott.

Lessing hat in seinem Schauspiel „Nathan der Weise“ die Meinung vertreten, den echten Ring könne man nicht mehr erkennen, nachdem die drei Ringe vertauscht worden waren. So könne man auch nicht mehr wissen, welche von den drei großen Religionen im Recht ist.

Eine moderne Demokratie wird das auch so sehen und jedem Bürger eine umfassende Religionsfreiheit zugestehen. Doch der einzelne Bürger muß sich entscheiden. Und auch wenn er sich nicht entscheiden will, hat er sich damit für die Glaubenslosigkeit entschieden. Wer aber sein Leben mit Gott gestalten will, der muß sich auch total verpflichten. Er muß sich ja nicht unbedingt solche Denkzettel um den Kopf binden. Aber umso mehr muß die Entscheidung innerlich stehen und auch im Leben nach außen deutlich werden.

 

2. Von ganzem Herzen und mit allen Sinnen: Da Gott nur einer ist, sollte unsre Hingabe an ihn auch ganzheitlich sein. Doch geht das überhaupt: Gott von ganzem Herzen und mit all unsern Sinnen lieben? Mancher wird sagen: Das kann ich nicht einmal bei meinem Ehepartner oder bei den Kindern! Ist das nicht zu viel verlangt?

Wir dürfen unser Konto da nicht überziehen: Weder können wir behaupten, daß diese ganzheitliche Hingabe an Gott schon vorhanden sei, noch können wir sie in gesetzlicher Weise fordern. Jesus hat natürlich immer viel gefordert, weil er den Menschen als Ganzheit sah. Nur mit dem Höchsten war er zufrieden. Nur ein guter Baum kann gute Früchte bringen. Jesus war da schon radikal.

Aber Jesus hat doch auch eine andere Sicht hineingebracht. Vorher ging es mehr um Gottesfurcht und Gehorsam gegen die Gebote. Jesus aber spricht vom Liebhaben Gottes. Damit hat er nur etwas hervorgeholt, was im Alten Testament schon vorhanden ist, aber verschüttet gegangen war. Schon ganz am Beginn des Volkes Israel wird davon gesprochen, daß der Glaubende seinen Gott lieb haben darf.

Wenn wir ehrlich sind, dann ist Gott doch mehr eine unsichtbare und namenlose Größe, die allenfalls in unserem Denken vorkommt. Vieles in unserem Alltag läuft so ab, als wäre Gott überhaupt nicht da. Liebhaben aber ist eine ganz andere Einstellung zu ihm. Liebe ist ein tiefes, vom Grunde des Herzens herkommende Interesse am anderen. Da denkt man und fühlt man von ihm her und zu ihm hin. Da ist man so mit ihm verbunden, daß man ihn nicht mehr entbehren kann. Da will man dem anderen zuliebe tun, was man nur kann. Da fällt es auch gar nicht schwer, für ihn da zu sein.

So kann man auch Gott lieben, hingebungsvoll und opferbereit, mit ganzer Kraft und vielleicht auch kämpferisch. Gott über alle Dinge lieben heißt: nichts soll in unserem Leben die Bedeutung haben, die i h m zukommt. Ihm gehört unser Denken und Wollen, unser Sehnen und Trachten. Ihm gehören unsre Freude und auch unsre Traurigkeit. Läßt er uns leiden, so soll auch darin unsre Liebe nur ihm gehören. Und die Art, wie wir alles auf uns nehmen, soll ihn ehren.

Wieder könnte man sagen: Da ist doch alles zu hoch gestochen, solche Gottesliebe gibt es nicht. Natürlich kann man sich diese Liebe  nicht abringen, so wie das Luther in seinen jungen Jahren versucht hat. Aber als Sünder leben wir davon, daß Gott selber das rechte Verhältnis zu uns herstellt in Jesus Christus. Seitdem können wir glauben und Gott unser Herz geben.

Oft reden wir uns ein: Das Kirche-Gehen macht es nicht, und es geht auch ohne Bibellese und feste Gebetszeiten. In der Tat: das Leben eines Christen verläuft nicht so, daß man beständig fromme Reden führt oder mit gefalteten Händen herumläuft. Aber es ist gemeint: Gottes Raum ist nicht nur der religiöse Bereich, sondern wir dürfen ihn ständig bei uns wissen. Das engt uns aber nicht ein, sondern macht uns erst richtig frei.

Wer aber mit Gott leben will, wird sich auch seine Worte einprägen müssen. Dabei sind aber nicht die Gebote oder die Reihenfolge der biblischen Bücher entscheidend. Kernworte der Bibel, ein Liedvers, vor allem aber den Spruch von der Konfirmation und Trauung, die sollte man schon können. Man kommt sehr schnell in Situationen, wo man nicht erst im Buch nachsehen kann, sondern so ein Trostwort gleich parat haben muß. Dann ist Gottes Wort auch bei uns an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer des Arztes oder bei einem Bewerbungsgespräch.

Gott allein, aber mit ganzem Herzen! Das haben wir heute durch diesen Bibeltext vor Augen gestellt bekommen. Beides ist zusammengekommen in dem Überlebenskampf der griechisch-orthodoxen Kirche während der Türkenherrschaft. Ein bulgarischer Priester hat einmal gesagt: „Wir haben 500 Jahre Türken überstanden, da werden wir auch die 50 Jahre Kommunismus überstehen!“ Den Schluß hat er nicht so gesagt, aber das haben sich die Zuhörer selber ergänzt. Er konnte ja auch gar nicht wissen, daß es nicht einmal 50 Jahre dauern würde.

Aber auch in Griechenland war es so: Da haben sie in den Klöstern die Jugend die Muttersprache gelehrt, die verboten war. Und mit der Sprache wurde natürlich auch der Glaube übermittelt, über viele Jahrhunderte. Das ist Glaube an den einen Gott, von ganzem Herzen und mit allen Sinnen.

 

 

5. Mose 8, 2-3 (Lätare):

In fast allen Gegenden unseres Landes hat man Bodenfunde gemacht, die aus einer Zeit vor 4.000 Jahren oder noch mehr stammen. Das war die Zeit in der eine Gruppe von Hebräern, die später das Volk Israel bildeten, aus Ägypten flohen. In den Geschichtsbüchern wird geschrieben von den Assyrern und Ägyptern, von Griechen und Römern. Aber auch kleine Völker wie die Israeliten haben Geschichte geschrieben, denn ihre Religion bildet ja die Wurzeln unseres Glaubens und damit auch unsrer Kultur.

Aber auch in unserer Gegend war damals schon etwas los. Vielleicht waren es nur kleine Gruppen von Menschen. Vielleicht lebten sie nur eine kurze Zeit hier und zogen dann weiter. Nur durch einige Scherben und Metallgegenstände wissen wir noch von ihnen. Aber sie gehören doch mit zu unseren Vorfahren. Wir haben eine lange Geschichte, die weiter als 1200 Jahre zurückreicht.

Es ist gut, wenn wir uns an unsere Geschichte erinnern, an die Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche. Wer seine Gegenwart verstehen und seine Zukunft ergreifen will, muß in seiner Vergangenheit zu Hause sein. Wer geschichtlich denkt, sieht die Dinge im Zusammenhang und versucht zu begreifen.

Deshalb wird auch das Volk Israel schon in den 40 Jahren der Wüstenzeit ermahnt, seiner Geschichte zu gedenken: „Gedenke des ganzen Weges, den dein Gott dich in der Wüste hat gehen lassen!“ Das Wort „gedenke“ heißt dabei: „Halte das Wissen um die Geschichte wach. Sieh dir den ganzen Weg an. Sei dir darüber klar, daß Gott die Geschichte macht und daß du immer mit ihm zu tun hast, in allem, was geschieht!“

Der Blick ging aber auch schon damals nach vorn. Zwei Kapitel vorher steht: „Wenn dich Gott in das Land bringen wird, so halte die Gebote!“ Nur wenn man daran denkt, woher man kommt, kann man auch wissen, wohin es gehen soll. Es ist unbesonnen, nur der jeweiligen Stunde leben zu wollen. Das gilt gerade auch dann, wenn sich Gegenwart und Zukunft erheblich von der Vergangenheit unterscheiden. Vor allem kommt es auch darauf an, daß die ältere Generation ihren Erfahrungen an die Jugend weitergibt.

Doch viele jungen Leute stöhnen dann, wenn man ihnen sagt: „Früher war das so!“ sie meinen: „Ich lebe heute und will nicht hören, was früher war!“ Zum Teil haben sie damit schon recht: Man kann sich nicht in die Vergangenheit flüchten und die Gegenwart darüber vergessen. Und es ist sicher auch das Vorrecht der Jugend, mehr in die Zukunft zu schauen als die Vergangenheit zu betrachten. Erst mit zunehmendem Alter kommt auch wieder mehr die Vergangenheit in den Blick.

Das 5. Buch Mose ist erst 700 Jahre nach der Zeit in der Wüste entstanden. Aber dieses Buch versetzt das Volk Israel gewissermaßen noch einmal in diese Anfangszeit, so als könnte es sich noch einmal neu entscheiden und alles besser machen. Inzwischen sind nämlich Jahrhunderte vergangen, in denen das Volk seinem Gott sehr weh getan hat. Sie haben die erste Liebe vergessen und haben sich der Welt und ihren Verhältnissen angepaßt. Jetzt aber werden sie noch einmal in die Situation der Wüste gestellt. Gott wird sie erneut erziehen und prüfen und es wird zu einer neuen Begegnung mit ihm kommen.

Auch in der Geschichte der Kirche gibt es viele dunkle Kapitel. Zu sehr hat sie sich mit den jeweils Herrschenden eingelassen und geschwiegen, wo sie reden sollte. Das war so in der Zeit der Naziherrschaft und unter dem SED-Regime. Nur Einzelne sind aufgestanden und haben Widerstand geleistet. Daß ihr Einsatz nicht erstickt worden ist, verdanken wir dem gnädigen Gott. Er hat die Verhältnisse so gewandelt, daß uns wieder ein Neubeginn möglich wurde.

Das gilt auch für unser persönliches Leben. Wir tragen aber nicht nur die Last der Vergangenheit mit uns herum. Wir haben auch viel Segen empfangen und Erfahrungen gewonnen. Menschen haben unser Leben innerlich reich gemacht und unser Können ist gewachsen.

Die Vergangenheit ist nicht nur eine bedrückende Last, sondern wir haben auch viel Gutes in ihr erfahren und können uns dankbar an sie erinnern.

Dabei könnte uns auch aufgehen, daß die aufzuarbeitende Geschichte ein Geschehen zwischen Gott und uns ist. Er leitet uns auf seinem Weg und ist Mitspieler in unserem Leben. Er bewahrt uns davor, geschichtslos zu werden und die Vergangenheit zu vergessen.

Oft vergessen wir zu schnell, was gewesen ist, weil die Gegenwart so schnellebig ist. Bücher erinnern vielleicht noch an eine schwere Zeit. Aber wenn es dem Menschen gut geht, dann vergißt er leicht die Härten der Vergangenheit. Er vergißt, welchen Segen er doch erfahren hat und welche Erfahrungen er gewonnen hat, gerade in den harten Zeiten. Wir sehen die glücklichen und problemlosen Zeiten als das Normale an. Wir meinen sogar, Gott gegenüber darauf einen Anspruch zu haben, so als gäbe es kein Christuskreuz und kein Christenkreuz.

Die Bibel will uns kein schlechtes Gewissen machen, wenn es uns gut geht. Und es geht uns doch wirklich gut. Es müssen doch nicht unbedingt jedes Jahr 2 oder 3 Prozent mehr Reichtum sein. Und selbst wenn wir auf den Stand von 1980 zurückfielen, ginge es uns doch noch immer sehr gut. Wir können nur dankbar sein, daß wir ein Leben ohne Not und Mangel führen können. Aber wir dürfen darüber nicht die andere Seite des menschlichen Daseins vergessen. Und wir dürfen die nicht vergessen, die inmitten einer Wohlstandsgesellschaft auf den untersten Stufen stehen.

Wer selber „Wüstenzeiten“ in seinem Leben erfahren hat, sollte sie nicht vergessen. Nichts war umsonst, was wir ausgestanden haben. Auch die uns widerfahrenen Demütigungen waren nicht vergeblich. Denn an all dem kann uns aufgehen, wie nötig wir Gott haben, der uns erzieht und prüft, der aber auch in Treue und Erbarmen zu uns steht.

Noch aber leben wir in einer Zeit der Prüfung und Bewährung. Gott läßt uns die Freiheit, ver­antwortungsbewußt zu handeln. Dazu gehört auch die Möglichkeit des Versagens und Ungehorsams. Gott führt uns auch schon einmal in Spitzenbelastungszeiten mit besonderen Widerständen und Gegenkräften, auch in Zeiten äußeren Wohlstandes. Vielleicht ist es ein Mensch, der uns schwer zu schaffen macht. Oder die Angst vor einer Krankheit oder die schon ausgebrochene Krankheit. Vielfach ist die Sorge um den Arbeitsplatz und die Wohnung dazugekommen. Nur wer selber einmal in einer solchen Lage gestanden hat, wird wissen, was gemeint ist. Aber er wird vielleicht auch wissen, wie gnädig Gottes Hilfe gerade         dieser Zeit gewesen ist.

Bei den Israeliten in der Wüste ging es um das Finden des richtigen Weges, um die Abwehr kriegerischer Bedrohung und vor allem um Essen und Trinken. Als die Not am größten ist, da ist Gottes Hilfe auch schon da. Wir wissen heute, daß das göttliche Manna nicht vom Himmel gefallen ist, sondern eine Art Harz von einem bestimmten Strauch ist. Gott bedient sich der Natur und der in ihr herrschenden Regeln, wenn er helfen will. Aber daß er gerade zur rechten Zeit geholfen hat, das zeigt seine Güte und Treue.

Doch das 5. Buch Mose schaut schon voraus auf die Zeit, in der das Nahrungsproblem gelöst ist, wo das Volk in einem vergleichsweise reichen Land lebt, in dem Milch und Honig fließt. Es blickt voraus auf eine Wohlstandsgesellschaft, in der man kein Manna mehr braucht.

Aber das 5. Buch Mose weiß schon: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht in schlechten und in guten Zeiten das Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht. Er braucht die Gemeinschaft mit Gott und die Begegnung mit ihm. Darauf weist uns dieser Sonntag Lätare hin, der mitten in der Passionszeit auf Jesus als das Brot des Lebens hinweist. Bei der fröhlichen Speisung der Fünftausend konnten Menschen wieder Mut für ihr Leben gewinnen und Glauben an Jesus finden. Auch und gerade in unsrer Zeit ist der Glaube an Gott ein unverzichtbares Lebensmittel.

Er ist es schon seit vielen Jahrhunderten. Schon im 8.Jahrhundert gab die von Bonifatius organisierte katholische Kirche. Es gab aber auch noch andere Mönche aus Irland und Schottland, die das Evangelium in etwas anderer Form predigten und deshalb vom Papst und seinem Gefolgsmann Bonifatius bekämpft wurden. Aber wenn man dann zum Beispiel eine Taufschale aus dieser Zeit im Boden findet, dann ist das doch ein wunderbares Zeugnis dafür, daß der Glaube schon lange in unserem Land heimisch ist und Menschen bis heute geführt und getragen hat. Aber wenn wir uns so erinnern zu lassen an die eigene Geschichte, an die Geschichte des Heimatortes und der Kirchengemeinde, so dürfen wir natürlich auch wissen: Gottes Geschichte mit uns geht weiter!

 

 

 

Josua

 

Jos 1, 1 - 9 (Neujahr):

Ein altes Jahr liegt hinter uns. Es gab manche gute Wegstrecke und fröhliche Tage. Es gab aber auch beschwerliche Aufstiege, Staub und Steine auf der Straße unseres Lebens. Mancher Mensch, der uns viele Jahre begleitet hat, geht nicht mit ins neue Jahr. Wir müssen dann allein weiterziehen, mit einem immer größeren Gepäck an Erinnerungen.

Nun haben wir die Grenze zum Neuen überschritten und werden niemals mehr in das Vergangene zurückkehren. Wir ziehen in die Zukunft wie in ein unbekanntes Land. Wir wünschen uns ein „gesundes neues Jahr“ oder auch ein „gesegnetes neues Jahr“. Immer wenn etwas Neues beginnt, wünschen wir uns Glück und Segen. Wir haben nicht immer tiefe Gedanken dabei. Wir müssen ja doch abwarten, was im neuen Jahr tatsächlich auf uns zukommt.

In diese Haltung spricht das Wort Gottes hinein. Das geschieht in jedem Gottesdienst. Aber heute haben wir ein tieferes Gespür dafür, daß unser Leben nicht einfach immer so dahingleitet. Die neue Jahreszahl soll uns bewußt machen: Es gibt Einschnitte im Ablauf der Zeit. Es gibt Einschnitte in unserem Leben. Wir gehen auf Neues zu, das nur undeutlich erkennbar ist. Doch gut wäre es, wenn wir in dem nicht Durchschaubaren doch Gott erkennen könnten, der sich uns in Jesus Christus erschlossen hat. Wir wissen nicht, was er im Einzelnen tun wird. Aber wir wissen, wer es ist und wie er es meint.

Josua und das Volk Israel waren auch an der Grenze zu etwas Neuem. Vor sich hatten sie das Land Kanaan, fruchtbar, aber weithin unbekannt, mit festen Städten und militärisch überlegen. Sie dagegen waren ein im Kampf noch unerfahrenes Nomadenvolk, erschöpft durch die jahrzehntelange Wüstenwanderung. Es war das Land der Verheißung. Sie freuten sich darauf, dort einzuziehen.

Aber zuerst mußten sie über den Jordan ziehen, der tief ins Gelände eingeschnitten vor ihren lag. Wer zu diesem Fluß hinabstieg und ihn überquerte, wußte nicht, was ihn erwartete. Wie sollten es wagen ohne Mose, ihren vertrauten Führer an der Spitze? In dieser Lage erhält

Josua den Auftrag: „Mache dich auf und ziehe über den Jordan!“ Da gibt es keine Diskussionen und kein Zaudern mehr. Die Verheißung ist so formuliert, als sei ihnen das Land schon gegeben, als brauchten sie es nur noch in Besitz zu nehmen.

So besteht auch unser Leben aus einer einzigen Kette von Übergängen: vom Säugling zum Kind und zum Jugendlichen und Erwachsenen, vom Einzeldasein zum partnerschaftlichen Leben, vom Berufstätigen zum Ruheständler, vom Leben zum Tod („über den Jordan gehen“, sagen wir ja auch dazu). Jeder dieser Übergänge ist schwierig und mit Gefahren verbunden, aber er hat auch etwas Verlockendes, so wie viele junge Leute von zu Zuhause fortstreben, aber auch wieder Angst haben vor der Freiheit.

Heute stehen wir am Anfang eines Jahres und blicken gleichsam wie vor einem Berg in ein Tal hinab. Vor uns ist ausgebreitet, was für uns bereitgehalten wird und was wir erreichen werden, wenn wir die Anstrengung des Abstiegs und Aufstiegs auf uns nehmen.

Mit Bestimmtheit können wir natürlich noch nicht sagen, was vor uns liegt. Aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit können wir Hoffnung schöpfen für den Weg, der vor uns liegt. Wir sind schon vielfach von Gott hindurchgetragen worden. Das wird uns helfen, zuversichtlicher und gläubiger den Weg ins unbekannte Land zu gehen.

Einiges wird auch jetzt schon erkennbar sein: in der Weltlage, im gesellschaftlichen Leben, in der Kirche, in Beruf und Familie ist vieles schon vorgeprägt. Wir fangen ja nicht ganz neu an, sondern führen auch vieles fort. Aber es bleibt noch genügend Unvertrautes. Es warten Entscheidungen auf uns, bei denen wir unsicher sein werden.

Auch im Privatleben bleiben uns im neuen Jahr Schritte ins Neuland nicht erspart. Hier kann uns auch jeder Schritt verunsichern. Vielleicht werden sich ja doch allerhand Veränderungen ergeben: eine neue Wohnung oder eine neue Arbeit, neue Menschen oder auch Menschen, die fehlen werden; und vielleicht könnte es sogar die letzte Etappe unseres Lebens sein.

Da wird es gut sein, wenn wir auf Gottes Zusage und Versprechen hin ins neue Jahr gehen. Menschlich gesprochen laufen wir in den Nebel. Aber mit Gott gehen wir voller Spannung in die Zukunft hinein. Noch ist alles offen. Aber das Schicksal wirft nicht wie im Spiel die Lose, sondern wir dürfen gespannt sein, wie Gott nun Schritt für Schritt seine Verheißung wahr macht.

Wanderer brauchen allerdings eine Landkarte, einen Kompaß und Wegweiser. Auch wenn der Weg einmal eng wird, wenn die Aussicht fehlt, wenn man Weg und Ziel kennt, wenn man weiß, wie man sich verhalten muß, dann liegt kein Grund zur Beunruhigung vor. Gott gibt uns als Wegweiser seine Gebote an die Hand. Schon für Israel war das Gesetz eine Hilfe. Gott erinnert daran und sagt: „Ihr habt selber den Nutzen davon, wenn ihr euch weiter daran haltet!“ Wenn wir uns an seine Gebote halten, können wir nicht irre gehen. Und wenn das doch einmal passiert sein sollte, leiten sie uns auf den richtigen Weg zurück. Wir können für den Jahresbeginn keinen besseren Rat bekommen als diesen, daß wir uns gut an Gottes Gebote erinnern.

Auch im neuen Jahr wird uns wieder Gelegenheit gegeben, Gottes Wort zu hören und seine Weisungen zu empfangen. Es wird gepredigt werden, die Bibel wird ausgelegt und der Wille Gottes gelehrt werden. Das Große und Allgemeine wird uns in Gottes Namen gesagt werden, aber auch vom Alltäglichen und von Einzelheiten wird die Rede sein. Jeder trägt in seinem Beruf und in der Familie ein Stück Verantwortung für die kommende Gestalt der Welt und seines Lebens.

Für Josua hätten die militärischen und siedlungspolitischen Probleme der Landnahme im Vordergrund stehen können. Für uns könnte wichtig sein, ob wir gesund sein werden, Erfolg haben werden, ob wir uns dies oder jenes leisten können. Aber das alles ist dem untergeordnet: ob ich die Spur einhalte, auf der Gott mich sehen will. Nichts erhält unser Leben mehr als Gottes gute Ordnung, nichts zerstört es mehr als unser Ungehorsam.

Besonders e i n Gebot wird eingeschärft: „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist. Laß dir nicht grauen und fürchte dich nicht!“ Dieses Wort verbietet uns einfach, verzagt und mutlos zu sein. Wer den Mut sinken läßt und ein freudloses Leben führt, der handelt gegen Gottes Gebot und Verheißung. Gott befiehlt uns ein fröhliches Jahr.

Aber kann man denn einfach befehlen, getrost und freudig zu sein? Wird man dadurch nicht eher erschreckt als erfreut und getröstet? Kann man sich so etwas einfach vornehmen und dann geht es schon? Und die Mutlosigkeit wird sich nicht wieder einstellen? Nein, auf Befehl kann keiner getrost und freudig sein. Wir können das nur, wenn wir auch tatsächlich einen Grund dafür sehen.

Der Grund liegt darin, daß Gott uns väterlich liebt. Wohin wir auch gehen, Gott wird mit uns sein. Wohin wir kommen, da wird er schon vorher angekommen sein. Es wird keinen Tag geben, von dem Gott nicht schor Besitz genommen hätte. Es gibt keinen Ort menschlichen Daseins, den Gott in Jesus Christus nicht schon durchschritten hätte bis hin zu Tod und Grab.

Alles Neuland ist Gottes Gelände. Jede neue Situation gehört Gott.

Das Volk darf nicht nur irgendwie mit Gott rechnen, sondern es wird ihm Genaueres gesagt: „Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit Josua sein!“ Und wir heute könnten sinngemäß ergänzen: „Wie ich mit Josua gewesen bin, so werde ich auch mit euch Christen des Jahres 20……. sein!“

Der Name „Josua“ bedeutet dasselbe wie „Jesus“ (und übrigens auch „Hosea“). Zu deutsch bedeutet dieser Name: „Gott hilft!“ In der Kirche feiert man seit alten Zeiten den 1 . Januar als den Gedenktag der Namensgebung Jesu. Damit wird das ganze Jahr begonnen im Namen Jesu. Dabei erinnern wir uns daran, daß wir Grund haben, auch in diesem Jahr wie in allen Jahren getrost und freudig zu sein, weil dieser Herr mit uns geht.

Gott sagt : „Ihr sollt wissen: An unserem Verhältnis ändert sich nichts!“ Wir sind dankbar, wenn einer einen schwierigen Weg mit uns geht, wenn er sagt: „Ich komme mit, ich begleite dich!“ So ist Gott mit uns unterwegs, auch im unvertrauten Gelände. Es können ja auch Tage

kommen, an denen wir von innen heraus müde sind, wo wir nicht wissen, wozu wir auf der Erde sind und woran wir uns freuen sollen, in denen uns bange ist, weil wir nicht sicher sind, ob wir unserer Aufgaben gewachsen sind.

Da wird es gut sein, sich an Gottes Gebot zu erinnern „Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und freudig seist!“ Wir wünschen einander Glück. Aber mancher hat vielleicht einen schweren Weg vor sich. Vielleicht gehören wir selbst zu denen, deren Glaube im begonnenen Jahr hart erprobt werden wird. Schwierige Situationen bieten uns aber die Möglichkeit, Gott unser Vertrauen zu beweisen. Selbst wenn Gott uns im kommenden Jahr dies und jenes mißlingen läßt, wird er bei uns sein, vielleicht gerade dann am meisten!

 

 

Jos 24, 1 - 2a und 13 - 25 (Kirchweih):

(1.) Gott möchte, daß wir uns für ihr entscheiden! Immer wieder müssen wir uns in unserem Leben für der Gott entscheiden, auf dessen Namen wir einst getauft worden sind. Es genügt heute nicht mehr, einfach nur zur Kirche zu gehören. Man muß auch wissen warum, und man muß diesen Glauben auch begründet können. Aber mit jeder Auseinandersetzung und mit jeder neuen Entscheidung für Gott wird dieser Glaube nur noch mehr gefestigt.

Die Israeliten mußten sich auch immer wieder für oder gegen Gott entscheiden. Die eine Gruppe hatte es schon am Sinai getan, die anderen standen auf dem Landtag von Sichern vor dieser Frage. Sie waren in das verheißene Land gekommen. Aber dort herrschten nach ihrer Meinung andere Götter. Jedes Dorf hatte da seinen eigenen Gott, der ihm Fruchtbarkeit und Segen auf dem Feld, im Stall und im eigenen Haus versprach.

Josua aber erzählt ihnen von dem anderen Gott, der sie am Meer vor den Ägyptern gerettet hat, der sie durch die Wüste geführt hat und der ihnen das Land gegeben hat. Und er legt ihnen die Frage vor: „Wem wollt ihr dienen: den altgewohnten Göttern oder dem Gott vom Berg Sinai?“

Die Entscheidung war sicher nicht leicht. Sie mußten sich ja fragen: „Leben wir jetzt nicht im Machtbereich dieser anderen Götter? Ist man nicht auf ihren Schutz und ihre Gaben angewiesen?“ Es sind die gleichen Fragen, die wir uns auch noch zu stellen haben: „Leben wir heute nicht in einer anderen Zeit als früher? Leben wir nicht auch im Machtbereich fremder Götter? Herrscht bei uns nicht ein wissenschaftlich-technisches Denken und ein Atheismus, der nicht nur Gott leugnet und zum Teil den christlichen Glauben aktiv bekämpft? Kann man da überhaupt noch Christ sein?“

Viele sagen: „Die Zeiten sind nicht mehr so wie früher!“ Das stimmt ja auch. Aber Christ sein kann heute jeder genauso wie früher. Wenn er wegen seines Glaubens angegriffen wird, braucht er ja nicht darauf zu hören. Und gegen unberechtigte Übergriffe kann man sich ja zur Wehr setzen. Unser Gott ist nicht ortsgebunden oder zeitgebunden. Wir finden ihn nicht nur in der Kirche, sondern überall, auch in der heutigen Zeit. Dieser Gott hat Himmel und Erde und auch uns erschaffen. Er ruft uns immer wieder zum Glauben und möchte, daß wir uns für ihn entscheiden.

 

(2.) Gott hat sich längst für uns entschieden! Wenn Gott einen Bund mit seinem Volk schließt, dann ist das kein Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern. Früher war es immer so, daß der Stärkere dem Schwächeren einen Bund gewährte: Er bot seinen Schutz an und stellte dafür auch gewisse Forderungen. So hat Gott auch uns durch die Taufe in seinen Bund hineingenommen. Er will uns auch in diesem Bundesverhältnis drin halten, selbst wenn wir es manchmal nicht verdient hätten. Doch er gibt uns das Abendmahl, um uns immer wieder in seine Nähe zu holen.

Was er vor uns erwartet, das ist eigentlich im ersten Gebot dargelegt: „Du sollst keine andere Götter haben neben mir!“ Dabei ist auch der Ausweg verschlossen, daß man Gott und diesen anderen „Göttern“ gleichzeitig dienen könnte. Gott duldet keine Konkurrenz neben sich. Entweder man entscheidet sich ganz für ihn oder ganz gegen ihn, etwas anderes gibt es auf die Dauer nicht.

Viele versuchen auch heute immer noch, beides nebeneinanderher laufen zu lassen. Sie wollen es mit Gott und der Kirche nicht ganz verderben, wollen sich aber auch all das andere nicht entgehen lassen, was man bei einem Leben ohne Gott unter Umständen manchmal haben kann. Andere wiederum haben begriffen, daß man nichts verliert, wenn man zu Gott gehört, sondern großen inneren Gewinn für sein Leben davonträgt. Wir müssen aber erkennen:

 

(3) Es ist nicht leicht, zu Gott zu gehören! Josua sagt auch zu seinen Leuten: „Ihr könnt dem Herrn nicht dienen. Er verlangt viel von euch und er wird euch unter Umständen auch bestrafen!“ Vielleicht ist dieser Vers erst von einem späteren Abschreiber eingefügt worden, der solche schlechten Erfahrungen schon vor Augen hatte. Aber es ist schon notwendig, daß man sich rechtzeitig die Folgen überlegt. Es ist schon ein Unterschied, ob man nie etwas von Gott gehört hat oder ob man sich nachher wieder vor ihm abgewandt hat. Wir können niemanden einen Vorwurf machen, der seine Eltern nicht haben taufen lassen oder der nicht christlich erzogen wurde. Aber es ist Schuld vor Gott, wenn sich einer etwa im Konfirmandenalter wissentlich und willentlich von ihm abgewandt hat.

Unser Gott ist nicht wie die Götter dieser Welt, die den menschlichen Wünschen und Neigungen entgegenkommen. Er sagt nicht freundlich zu allem „Ja“, was wir uns zunächst ohne ihn ausgedacht haben. Er beunruhigt uns auch und erlaubt uns nicht, da zu bleiben, wo wir gerade stehen. Aber gerade weil Gott so einen klaren Standpunkt hat und nicht mit sich handeln läßt, lohnt es sich, zu diesem Gott zu gehören? Gerade junge Menschen wollen sich doch oft für etwas einsetzen, auch wenn sie Opfer dafür bringen müssen. Und unser Gott lohnt den Einsatz und zeigt uns ein Ziel für unser Leben.

Josua jedenfalls sagt ganz entschieden: „Ich aber und meine Familie wollen dem Herrn dienen!“ Er ist allerdings nicht der Meinung, es sei gleichgültig, welchem Gott man dient. Sein Volk soll wählen! Aber nicht deshalb, weil Religion eine Geschmackssache ist, sondern weil sich jeder hier selber entscheiden muß.

Auch bei uns kann man von manchen Eltern hören: „Mein Sohn wird konfirmiert. Was er dann macht, kann mir egal sein!“ Gewiß muß man einem Menschen in diesem Alter die Entscheidung selber überlassen. Aber egal kann es der Eltern nicht sein, weil es sich hier um eine Sache auf Leben und Tod handelt. Die Frage heißt nicht: „Welcher Gott gefällt dir am besten?“ sondern: „Wollt ihr dem Gott dienen, dem ihr alles verdankt, oder wollt ihr von ihm abfallen?“

„Abfallen“ bedeutet soviel wie all das Gute leugnen, das Gott getan hat: Er hat Christus für uns sterben und auferstehen lassen. Er ist unser Herr seit der Taufe. Gott hat sich mit uns verbündet und uns in seine Gemeinschaft berufen. Soll das alles auf einmal nichts mehr sein?

„Entscheiden“ bedeutet nichts weiter als das Anerkennen dessen, was Gott für uns getan hat. Gott streckt uns die Hand entgegen und wir brauchen nur in sie einzuschlagen; dann wird er uns auch weiterhin an der Hand durchs Leben führen. Das ist die einzig g u t e Möglichkeit, die uns bleibt; alles andere wäre verhängnisvoll.

 

(4.) Unsre Entscheidung soll aber auch zur Tat führen! Das Wort „dienen“ wird manchem vielleicht nicht besonders passen. Aber gemeint ist damit die freiwillige Hingabe an einen, dem man gerne folgt. Es ist wirklich eine große Sache, an der Seite dieses Gottes durchs Leben zu gehen, durch Höhen und Tiefen, durch Dick und Dünn. Es lohnt sich auch, daß auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und nicht das mitzumachen, was alle tun. Gott steht dem schon bei, der sagt: „Ich aber will dem Herrn dienen!“ Gott braucht jeden von uns, damit es in der Welt mehr nach seinem Willen zugeht. Aber er verheißt auch seinen Beistand und seine Treue all denen, die sich auf seine Seite stellen und in seinem Auftrag in der Welt wirken wollen (Der Text eignet sich auch gut für die Konfirmation).

 

 

Geschichtsbücher

 

 

1. Sam 2, 1 - 2. 6 - 8a (Ostern I):

„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn!“ Können wir denn heute fröhlich sein, nur weil im Kalender Ostern ist? Man hat sich über die Kinder geärgert, an der Arbeit klappt es nicht mehr, es hat Streit gegeben mit dem Verwandten - kann man denn da noch fröhlich sein? Mancher hat auch wirklich Schweres mitgemacht: Da hat ein Gotteslästerer sich nach einem Schlaganfall wieder gut erholt, aber einem frommen Mann ist die Frau an Krebs gestorben. Soll er da nicht mit Gott hadern und verzweifelt sein?

Sind wir denn wirklich so unangreifbar in unserem Glauben, wie das dieser siegessichere Psalm uns deutlich machen will? Christen sind doch alle Jahrhunderte hindurch angegriffen und verfolgt worden. Auch heute müssen wir unseren Glauben mitten im Leben bewähren und können uns nicht in ein Kloster oder eine Burg zurückziehen. Wer sich als unangreifbar bezeichnet, der gerät in dem Verdacht, er habe sein Christentum schön verborgen gehalten und sei deshalb nicht angegriffen worden.

Hier in der Kirche kann man solche glaubensgewissen Sätze leicht sprechen, vielleicht noch im Chor, das macht besonders Mut. Aber würden wir sie auch sprechen mitten in der Woche, wenn wir irgendwo in der Klemme sitzen? Unsre Alltagserfahrungen sind doch eher geprägt von Vergeblichkeit und Erniedrigung, von Leiden und Tod. Unser Glaube ist mehr einem Pflänzchen ähnlich, das den Unbilden der Witterung nicht gewachsen ist und im wuchernden Unkraut unterzugehen droht.

Und dennoch gibt es Kraft in der Schwäche, Macht in der Ohnmacht und Leben im Tod. Zum Glück gibt es Mutmacher, die nicht verstummen vor den Tatsachen dieser Welt, weil sie mehr erlebt haben als das, was vor aller Augen steht. Dazu gehört auch der Mensch, der diesen Psalm aus dem 1. Samuelbuch gedichtet hat. Er scheint zunächst mit Ostern wenig zu tun zu haben. Aber auch in ihm klingt die Botschaft wieder: Gott ist unser Heil, denn er ist stärker als selbst der Tod!

Der Psalm ist der Hanna in den Mund gelegt, die unter dem Problem der Kinderlosigkeit litt. Sie könnte durchaus einen solchen Psalm gebetet haben, denn er spricht davon, daß Gott einer Frau noch sieben Kinder geben kann, die schon als kinderlos galt. Denn bei Hanna hatte Gott ja den Mangel behoben und ihr einen Sohn geschenkt, den sie dann in dem Tempel brachte, damit er dort zum Priester ausgebildet wird.

Wir haben vielleicht einen anderen Kummer: Körperliche Schwächen, geringes Ansehen bei den Leuten, ein Fehltritt krimineller oder moralischer Art. Manchmal spüren wir so richtig unsre Hilflosigkeit gegenüber den Mängeln unseres irdischen Lebens. Aber Gott handelt auch in unsrer Welt und gerade in kleinen Dingen. Wir dürfen uns an ihn wenden und alles von ihm erbitten.

Die Hanna hätte ja vielleicht auch ein Kind adoptieren können. Oder sie hätte in der Verwandtschaft Kinder finden können, für die sie gesorgt hätte. Aber sie fand sich nicht einfach mit ihrem Unglück ab. Ihr Gebet wurde erhört und sie bekam den Samuel, der später ein wichtiger Prophet seines Volkes wurde. Gott schafft eben an wichtigen Stellen der Geschichte des Gottesvolkes neues Leben. Er kann auch heute Neues schaffen gegen alle menschliche Erfahrung.

Al­lerdings rettet Gott uns nicht vor unseren persönlichen Feinden. Das wäre ja noch schöner, wenn Gott uns noch beistehen sollte, wenn wir zum Beispiel einen Menschen beleidigt haben. Es geht in dem Psalm um Gottes Feinde, die hoch daherreden und die Gottes Kinder in die

Enge treiben wollen. Zu diesen Feinden gehört auch der Tod.

Aber auch er ist durch die Auferstehung Jesu überwunden. Durch die Begegnung mit ihm wurden seine Jünger zu neuen Menschen. Erst waren sie verzweifelt und bedrückt. Nun taten sie auf einmal ihren Mund weit auf, weil sie sich als Gottes Freunde wissen dürfen. Noch steht vieles gegen sie: feindselige Menschen, eine gottferne Welt, auch unsichtbare Gewalten. Aber sie lassen sich nicht einschüchtern. Sie haben einen Gott, der ihre Zuflucht und ihr Fels ist.

Gott kann erhöhen und erniedrigen. „Der Herr tötet und macht lebendig!“ Wegen dieses Verses dürfte man den Psalm als Text für Osten ausgesucht haben. Ein Mensch kann stark, satt, kinderreich, wohlhabend und hochgeboren sein - Gott kann ihn ersetzen durch einen, der schwach, hungrig, kinderlos, arm und niedrig ist. Sogar aus dem Totenreich kann Gott einen Menschen wieder heraufholen, weil seine Macht unbegrenzt ist.

Im zweiten Teil des Psalms wird in langer Reihe aufgezählt, wie Gott alle irdischen Verhältnisse umkehrt. Gemeint ist nicht ein Ausgleich in einer zukünftigen Welt, das wäre ein zu billiger Trost. Es geht aber auch nicht um eine billige Gegenwartshoffnung. Das machen die Politiker, die uns immer wieder neue schöne Sachen versprechen und es ändert sich dann letztlich doch nichts. Unsre Hoffnung sollte nicht zu kurzatmig, aber auch nicht zu langatmig sein.

Daß Niedriges erhoben wird, halten wir ja auch durchaus für gerecht. Es dürfte wohl auch gerecht sein, wenn die stürzen müssen, die ihr Hochsein genießen und ausnützen. Aber wir fragen uns wohl doch: Soll denn das immer so gehen, wie bei einem Riesenrad, einmal hoch, einmal runter? Aber Gott will, daß die Bewegung vor allem in eine Richtung geht, daß der Arme aus der Asche erhoben wird (wie es in dem Psalm heißt). Gott will uns nicht arm machen, sondern reich. Er will uns immer das Bessere geben.

Aber seinen Sohn konnte er nicht anders zur höchsten Würde aufsteigen lassen als durch den Tod hindurch. Aber indem dies geschah, sollte der Tod seine Macht verlieren. Erst mußte Jesus ja einmal tot sein, ehe Gott an ihm seine Macht über den Tod erweisen konnte. Dieser Beweis aber wurde an Ostern erbracht.

Seit Jesu Auferstehung aber können wir mehr sagen als das noch die Hanna aus dem Samuel­buch konnte. Christus war ja der Erste, der überhaupt die Todesgrenze durchbrochen hat. Wenn er will, daß wir sterben, so sterben wir. Aber wenn er will, daß wir leben, dann hat er auch dazu Macht. Seit Ostern gibt es kein Entweder-Oder mehr, sondern ein Nacheinander: Erst ist Christus gestorben, dann hat Gott ihn auferweckt- Erst werden wir sterben, dann werden wir mit Christus leben. Gott läßt uns sterben, weil er ein besseres Leben für uns bereit hat. In Jesus sehen wir bereits das Land der Verheißung.

Diese Gewißheit kann uns auch helfen, mit Angriffen auf die Osterbotschaft und den Glauben überhaupt fertig zu werden. So erging es vor Jahren einem Mitglied des „Bundes kämpfender Gottloser“ in Rußland. Er hatte mit viel Schwung vor den Bauern einen Vortrag gehalten, in dem er zu begründen versuchte, warum der Glaube an Gott nicht mehr in unsere aufgeklärte Welt paßt. Dann wollte er seine Ausführungen zur Diskussion stellen. Aber dazu kam es gar nicht. Denn ein Bauer stand auf und sprach laut und deutlich drei Worte, die alle oft genug gehört hatten: „Christus ist auferstanden!“ Da fielen die anderer im Chor ein, wie sie es aus dem Gottesdienst kannten: „Er ist in Wahrheit auferstanden!“ Damit war eine Diskussion überflüssig geworden.

Ein solches Bewußtsein kann auch uns helfen, mit den Nöten unesres Lebens fertig zu werden. Manchmal könnte man wirklich denken, die Hölle sei los und Gott habe sich aus allem zurückgezogen. Da gibt es wirklich Dinge, mit denen wir nicht so leicht fertigwerden. Ein Unglück nimmt uns erst einmal ganz schön mit.

Aber in der Auferstehung Jesu zeigt sich, wer unter allen Umständen das letzte Wort spricht. Da hat sich Gott vor aller Welt hinter seinen Christus gestellt. Er ist wie ein Fels, an dem alle Angriffe zerschmettern. Auf diesen Felsen können auch wir uns verlassen. Dann werden wir auch die Nöte unseres Lebens und die Angriffe auf unsren Glauben bestehen können.

Wir hatten gefragt, warum wir oft nicht mehr so recht fröhlich sein können. Vielleicht liegt das auch daran, daß wir gar nicht mehr so recht mit Gottes Hilfe rechnen. Oder wir nehmen zu selbstverständlich hin, was Gott uns geschenkt hat; weil wir nicht danken können, deshalb können wir dann auch nicht fröhlich sein.

Wenn wir etwas von Gott erwarten und ihn auch wirklich bitten, dann hilft er auch. Es ist noch nichts gewonnen, wenn wir nur von der Freude reden; erst wenn wir auch in ihr leben, wird sie sich uns erschließen. Aber in der Freude werden wir wohl noch am besten leben, wenn wir alle das bedenken, was Gott schon an uns getan hat. Das gibt uns dann auch Gewißheit für die Zukunft.

 

 

2. Sam 12, 1 - 5 und 7 - 9 und 13 – 14 (11. Sonntag nach Trinitatis):

Kinder wollen immer das haben, was der andere auch hat. Wenn einer ein neues Auto hat, braucht der andere auch eins. Wenn der andere ein blaues Auto hat, kann man mit einem roten nicht zufrieden sein; dann braucht man auch ein blaues oder besser noch zwei. Bei den Erwachsenen ist das nicht anders. Immer erscheint gerade das verlockend, was der andere hat- das muß man auch haben.

So war es auch in der Geschichte von David und Nathan, Bathseba und Uria. David hatte eine ganze Reihe von Frauen, Gott hatte ihn da wahrhaftig nicht kurz gehalten auf diesem Gebiet. Als orientalischer König hätte er sich auch noch mehr Frauen nehmen können. Aber ausgerechnet diese eine Frau will er haben, die ihm mehr zufällig einmal ins Auge gefallen ist.

Allerdings ist sie verheiratet. Da kann auch der König nichts machen. Er muß das Gesetz und das Gebot Gottes achten. Aber David weiß eine List: Er läßt den Ehemann im Krieg in die vorderste Linie stellen, bis er umkommt; dann nimmt er die trauernde Witwe großzügig in sein Haus auf. Keiner hat dabei einen Verdacht geschöpft, in den Augen der Leute war alles in Ordnung.

David ahnt nicht, daß sein Fall doch noch zur Sprache kommt. Aber was noch im Raum steht, das ist Gottes Meinung zur Sache: „Dem Herrn mißfiel die Tat, die David getan hatte!“ Er Gott führt auch die Wende herbei durch Überführung, Lossprechung und Sühne.

 

1. Überführung:

Erstaunlicherweise wird hier einer der Mächtigen dieser Welt zur Rede gestellt. In Israel aber ist es nicht Sache der Menschen, über Gut und Böse zu entscheiden. Wäre es Menschensache, dann wäre der König die oberste Instanz, die bestimmt. Der König David aber beugt sich. Es ist eine der eindrucksvollsten Szenen im Alten Testament, in denen König und Prophet einander gegenüberstehen. Der Prophet redet den höchsten Träger irdischer Macht im Namen Gottes an, dem auch der König unterworfen ist. David darf sich nicht benehmen wie ein kleiner Gott, denn er hat den lebendigen Gott über sich. Man übertrage das nur einmal auf uns, auf unser Staatswesen und unsere Politiker.

Nathan aber wagt es, weil er es von Amts wegen muß. Er muß es klug anstellen, damit er nicht selber daran glauben muß. Und er fällt auch deshalb nicht gleich mit der Tür ins Haus,

weil es immer leichter ist, über den anderen ein Urteil zu fällen als über sich selbst. Deshalb erzählt Nathan zunächst die rührende Geschichte von dem einzigen Schaf des armen Mannes. Der König soll die Sache noch unparteiisch und nur als Beobachter betrachten. Damit wird sichergestellt, daß sein Urteil gerecht ausfallen wird. Als die Geschichte eigentlich erst zur Hälfte erzählt ist, unterbricht David den Propheten und spricht das Urteil: „Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes!“

Eigentlich ist das doch typisch menschlich: In der Beurteilung anderer Fälle sind wir außerordentlich scharfsinnig. Wir sind dann scheinbar unbestechlich und „gerecht“ (wie wir sagen)

bis hin zur Unbarmherzigkeit. Immer erkennen wir die Fehler anderer und an den eigenen gehen wir vorüber. Man kann sogar fast sagen: Wenn einer besonders laut einen anderen kritisiert, dann tut er es oft nur, um seine eigenen Schwächen auf diesem Gebiet zu vertuschen. Die lautesten Schreihälse haben meist noch den größten Dreck am Stecken.

David hat zunächst auch getan, was wir alle tun würden: Er hat versucht, die Sache zu vertuschen. Er macht sich selber allerlei vor und sucht nach Auswegen. Aber je mehr er das Gesicht wahren und der Kapitulation aus dem Wege gehen will, desto tiefer gerät er in Schuld. Auf einmal aber heißt es: „Du bist der Mann!“ Da gibt es kein Beschönigen mehr.

Meist läuft die Geschichte jedoch anders. Da setzen sich Menschen in ihrer Machtfülle verantwortungslos über jedes Gebot und alle Ordnung hinweg; sie wollten ihr Ziel mit allen Mitteln erreichen und haben großes Unheil über die Menschen gebracht. Leider hat auch die christliche Kirche oft dazu geschwiegen.

Aber ein solches Verschweigen hat immer seine Folgen. Da hat zum Beispiel Martin Luther nach langem Zögern dem Landgrafen Philipp von Hessen erlaubt, heimlich eine Doppelehe einzugehen, obwohl darauf die Todesstrafe stand. Der Landgraf wurde dadurch noch in seiner Meinung bestärkt, niemand habe ihm etwas zu sagen oder gar zu verbieten. Die Sache kam natürlich heraus und hat der Evangelischen Kirche sehr geschadet. Denn bei einem Überfall der Katholiken konnte der Landgraf von Hessen nicht zu Hilfe eilen, weil ihm dann eine Anzeige beim Kaiser drohte, und der Schmalkaldische Bund der evangelischen Gebiete fiel auseinander.

In unsrer Zeit hat etwa Martin Niemöller nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager selbstkritisch vermerk, er hätte den Mächtigen seiner Zeit noch viel zu wenig Gottes Wort gesagt. Er hat da einen Traum gehabt, wie Hitler vor dem Gericht Gottes sagt „"Es hat mir ja keiner das Evangelium gesagt!“

Ein anderer dagegen hat klar und offen das Unrecht beim Namen genannt und Gottes Gebot verkündet: Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald. Die Nazis hatten ihm die Freilassung angeboten, wenn er in ihrem Sinne reden würde. Er aber sagte: „Wenn ihr mich rauslaßt, dann stelle ich mich an jede Straßenecke Weimars und erzähle, was ihr hier macht!“ Dafür ist er dann in Buchenwald ermordetet worden.

In der Geschichtsschreibung Israels dagegen hat man den Fehltritt des Königs schonungslos dargestellt. Wenn es auch die Mitwelt wußte - der Nachwelt hätte man es verschweigen können. Immerhin war David der hochverehrte Lieblingskönig im glänzendsten Abschnitt der Geschichte. Aber Israel konnte es sich leisten, so wahrhaftig und kritisch seine eigene Geschichte darzustellen. Man wußte, daß auch der glänzendste König ein Sünder ist. Er brauchte sich nicht unentwegt zu rechtfertigen, er sei der Tüchtigste und Redlichste. Nicht die Person muß das Amt tragen, sondern das Amt trägt die Person. Aber dann kann man auch

darüber sprechen. Und der erste Schritt zur Bereinigung des Falles war die Überführung des Täters. Diese macht die Lossprechung möglich.

 

2. Lossprechung:

David macht keinen Versuch der Selbstverteidigung. In formelhafter Kürze spricht er sein Beichtbekenntnis. Er redet sich nicht heraus: Ein König ist eben auch nur ein Mensch! Er spielt nicht den Gekränkten, sondern beugt sich unter das Gericht Gottes. Wir können nur mit innerer Bewegung sehen, wie hier einer der Mächtigen unter Gott steht und sich seinem Urteil unterwirft. Israel hatte eben nur den einen Gott, dessen Gebot auch einem König gilt.

Weil David zu vielem berufen war, wurde auch viel von ihm erwartet und viel gefordert. Sein Versagen wiegt doppelt und dreifach.

Aber er mag sich auch bei Gott dafür bedanken, daß er einen Nathan hat. Wir fühlen uns sicher in unserer kleinen Welt auch oft wie ein König. Ein Mensch, der uns lobt, ist uns sicher lieber als einer, der uns an Gottes Gebot erinnert. Wir können aber Gott nur bitten, daß er uns zur rechten Zeit einen Menschen wie den Nathan in den Weg stellt, damit unsere Schuld aufgedeckt wird und wir die Vergebung empfangen können.

Vielleicht kommt es uns ein bißchen plötzlich vor, wenn der Prophet auf einmal sagt: „Der Herr hat deine Sünde weggenommen!“ Wird David doch besser behandelt? Doch vergessen wir nicht: Das uneingeschränkte Schuldbekenntnis ist vorausgegangen. Da wird auch in aller Sachlichkeit Gottes Vergebung ausgesprochen. Aber die Lossprechung Gottes können wir uns durch nichts verdienen, auch nicht durch eine bestimmte Bußleistung. Das lösende Wort spricht Gott aus freien Stücken. David wird nicht deshalb freigesprochen, weil er nun endlich die inneren Voraussetzungen für die Entlastung bietet, sondern weil Gott es so will.

Das wird auch an dem Zöllner deutlich, von dem wir im Evangelium gehört haben. Bei ihm wird keine konkrete Sünde genannt. Man könnte in dem allgemeinen Schuldbekenntnis (wie wir es ja auch im Beichtgottesdienst haben) ein Ausweichen ins Allgemeine sehen. Aber Gott liegt nicht an der Beschreibung der Sünde, sondern daß wir sie bekennen und lassen. Auch in dem summarischen Bekenntnis ist geistlich von Bedeutung. Das gestörte Verhältnis zu Gott und den Menschen wird sich in der Regel nicht in drastischen Rechtsbrüchen und Lieblosigkeiten äußern, sondern in einer gottfernen und gemeinschaftswidrigen Grundhaltung zeigen.

Vor allem ist Sünde ja auch Entschuldigen vor Gott. David hat sich so verhalten, als gäbe es Gott nicht. Das ist seine eigentliche Sünde: aus dem Verstoß gegen das erste Gebot wurde ein Verstoß gegen das fünfte und sechste Gebot. Moralisches Abirren läßt sich noch korrigieren. Aber die Auflehnung gegen Gott macht aus dem relativ Bösen das absolut Böse.  Deshalb kann nur Gott eine böse Geschichte auslöschen, so daß sie nicht mehr belasten kann. Das ist das Wunder der Lossprechung. Aber Sühne muß deshalb trotzdem sein.

 

3. Sühne:

Man kann nicht Vergebung haben wollen, ohne daß es weh tut. Das von David ausgesprochene Todesurteil muß vollstreckt werden. Aber es trifft nicht den Schuldigen, sondern den Sohn. Gott verzichtet nicht auf sein Herrenrecht und läßt nicht alles gelten. Man kann ihm nicht nachsagen, er habe sich zum Komplizen der Sünder gemacht.

Aber als das Kind gestorben ist, da weiß David auch, daß ihm die Sünde tatsächlich vergeben ist. Bathseba bringt nachher sogar den Salomo zur Welt, der Davids Nachfolger und Ahnherr des Messias Jesus wurde. So gütig kann Gott trotz allem sein. Die Folgen der Schuld bleiben, aber man darf auch den Zuspruch der Gnade Gottes hören. Trotz aller Schuld können wir wieder froh werden und dürfen bei jedem Schuldbekenntnis die Botschaft von der Vergebung mithören. Seit Jesus ist uns immer schon längst vergeben, wenn wir nur zu Gott umkehren wollen.

 

 

1. Kön 8, 22 - 30 (Himmelfahrt):

Das Wohnungsproblem ist bei uns weitgehend gelöst. Aber Gott ist in unsrer Zeit in Wohnungsnot geraten, jedenfalls dann, wenn man kurzsichtig in den alten Vorstellungen denkt.

Wer noch dem Drei-Stockwerk-Weltbild anhängt - Himmel, Erde, Hölle - der wird dort nur noch schwer eine Wohnung für Gott finden können.

Heute ist es doch schon Alltag geworden, daß Raketen in den Himmel fliegen, in dem man sich früher die Wohnung Gottes vorstellte. Heute richten sich dort Menschen für ein halbes Jahr häuslich ein. Start und Rückkehr geschehen mit großer Präzision und anscheinend unkompliziert. In diesem Weltbild scheint es keinen Platz mehr für Gott zu geben.

Ganz Kluge wollen allerdings doch noch ein Plätzchen für ihn gefunden haben. Die Astronomen vermuten, daß der Weltraum nicht nur dreidimensional ist (also aus Lage, Breite und Höhe besteht), sondern vierdimensional gekrümmt. Außer Länge, Breite und Höhe gäbe es also noch eine vierte Dimension, die wir aber mit unsren menschlichen Mitteln nicht erkennen kören. Man kann sie unter Umständen mathematisch berechnen, sich aber nicht vorstellen. Ganz schnelle Weltraumflieger könnten diese Dimension vielleicht durchqueren, ohne es zu bemerken; und wenn sie dann auf die Erde zurückkämen, sähen sie alles seitenverkehrt.

Für unsre Vorstellung klingt das etwas verrückt. Aber für manchen wissenschaftlich beschlagenen Christen wäre das doch eine elegante Lösung für das Wohnungsproblem Gottes. Man könnte doch sagen: „Dieser vierdimensionale Raum ist der Ort Gottes. Dieser Raum muß irgendwie da sein, aber er ist für uns unzugänglich und deshalb als Wohnung Gottes gut geeignet!“

Aber solche Überlegungen sind an sich alle überflüssig. Uns nutzt ja kein Gott, der sich in irgendwelchen fernen Weltenräumen aufhielte. Wir brauchen doch einen Gott, der uns nahe ist, der unter uns Menschen ist und nicht über den Sternen. Natürlich muß er auch irgendwie „außen“ sein. Er ist zwar in der Welt, aber nicht selber ein Stück Welt. Gott ist in den Menschen und Dingen, aber auch wieder von ihnen unterschieden. Doch wichtig wird für uns vor allem sein, daß er der Gott für uns ist.

Zur Zeit des Königs Salomo meinte man, Gott durch den Bau eines Tempels an sich binden zu können. Seinem Vater David war der Bau eines Tempels noch verwehrt worden. Zu groß war die Gefahr, daß man in heidnische Denkformen zurückfiel. Die Heiden machten einfach ein Schnitzbild ihrer Gottheit und bauten einen Tempel drumherum; damit hatten sie ihren Gott sichtbar und greifbar vor Augen.

Israel aber hatte einen unsichtbaren Gott und hätte an sich keine Wohnung gebraucht. Salomo bringt das auch durchaus in seinem Tempelweihegebet zum Ausdruck. Zunächst stellt er heraus, daß kein Gott mit dem Gott Israels zu vergleichen ist. Das Vorhandensein anderer Götter wird noch nicht geleugnet. Aber es wird gesagt: „Unser Gott ist ihren überlegen. Er hat den Bund gehalten, den er mit seinem Volk geschlossen hat. Er wird seinem Volk auch weiter treu bleiben, wenn nur die Könige auf dem Thron Davids so leben, wie es Gott gefällt!“

Und dann kommt in dem Gebet diese wunderbare Formulierung „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen!“ Gott ist in keinen der uns vorstellbaren Räume einzupassen. Er ist nicht auf die Räume des Weltalls beschränkt und erst recht nicht auf das Allerheiligste im Tempel von Jerusalem. Er hat zwar die Sonne an den Himmel gesetzt, will aber selber im Wolkendunkel wohnen: Gott bleibt für uns weiterhin unerkennbar und unberechenbar.

So ist Gott fern und nah zugleich. Nahe gekommen ist er uns Manchen vor allem durch Jesus Christus. Was wir bisher von Gott gesagt haben, das gilt in gleicher Weise von Jesus Christus, denn Gott hat ihn zu sich emporgehoben und ihn zu seiner Rechten gesetzt. Wer rechts vom König oder Staatspräsidenten sitzt, der ist sein engster Ratgeber und derjenige, der seine Befehle in die Tat umzusetzen hat, also seine „rechte Hand“, wie man sagt.

Wenn Jesus also zu Gott aufgenommen wurde, dann regiert er jetzt die Welt so wie es Gottes Art ist. An Himmelfahrt ging es nicht um eine Ortsveränderung, sondern um eine Funktionsveränderung. Jesus ist jetzt in einer anderen Funktion tätig, er ist die Treppe hinaufgestiegen und hat jetzt einen höheren Posten. Der Mann von Nazareth hatte noch ein begrenztes Tätigkeitsfeld und sollte es auch haben. Der erhöhte Christus aber gelangte zu weltweiter Wirkung. Bei Matthäus schließt die Himmelfahrt mit der Aufforderung zur Mission. Dadurch soll die verlorengegangene Welt wieder zurückgewonnen werden, weil sie die von Gott geliebte

Welt ist.

Es ist nicht einer über uns, der uns nach seinem Gutdünken regiert und wir müssen erst einmal sehen, wie er sich zu uns stellen wird. Wir haben einen Herrn Jesus Christus, der priesterlich für die ganze Welt eintritt und sich für sie stark gemacht hat bis zur Selbstaufgabe. Gott hätte die Welt längst vernichten können. Aber er erhält sie von Tag zu Tag, weil er sie aufheben will für den Tag der Wiederkunft Christi.

Jesus ist nicht nur zu seinem himmlischen Vater zurückgekehrt, sondern er wirkt von dort aus weiter auf die Welt ein und wird einst auf neue Art und Weise in sie zurückkehren, um dort seine Herrschaft aufzurichten. Doch einiges von dieser Zukunft ist auch heute schon wirksam. Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns, aber wir können es nicht mit Händen greifen oder auf eine andere Art für unsre Sinne erfahrbar machen.

Es ist auch nicht möglich, daß wir in einer langsamen Entwicklung selber dieses Reich herbeiführen oder auch nur dazu beitragen könnten. Es wird kein Parlament ein Gesetz erlassen können, von dem wir sagen knörten: Dadurch wird ein Stück der Herrschaft Christi verwirklicht.

Wir haben als verantwortliche Menschen in d en weltlichen Dingen unser Bestes zu tun und dafür zu sorgen, daß es besser wird in der Welt. Zusammen mit Nichtchristen sollten wir dafür sogar kämpfen, daß alles Menschenmögliche für die Verbesserung der Verhältnisse getan wird. Aber die Herrschaft Christi ist mehr. Vor allem wird sie erst am Ende aller Zeit voll zur Auswirkung kommen. Aber bis dahin wendet sich Gott uns doch in Liebe zu und will unsrer Schwachheit und unsrem menschlichen Verlangen entgegenkommen.

Salomo hat den Tempel errichten lassen im vollen Wissen um die Unfaßbarkeit Gottes. Aber er hat ihn immerhin bauen dürfen und die Billigung Gottes erfahren. Gott weiß: Den Menschen kann nur geholfen werden, wenn er sich an einem bestimmten Ort zu erkennen gibt und sich an diesem Ort finden läßt.

Gott ist zwar überall gegenwärtig. Aber er ist nicht überall für uns offenbar. Dieser Gedanke wird uns manchmal bedrücken und quälen. Wir möchten wissen, ob Gott für oder gegen uns ist. Deshalb hat Gott sich zu uns herabgelassen und sich zu erkennen gegeben. Aber er behält sich vor, den Ort seiner Selbstkundgabe zu wählen. Wir können ihn nicht zwingen, an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zu erscheinen, dann wenn wir ihn gerade einmal brauchen.

Aber wenn Gott sich einmal an etwas gebunden hat, da möchte er auch, daß wir uns dort an ihn wenden. Für das Volk Israel gab es nur den einen Ort: den Tempel in Jerusalem. Aber sie waren sich auch ganz sicher, daß Gott da zu finden ist. Ihre feste Überzeugung könnten wir manchmal beneiden.

Aber auch wir haben Gotteshäuser und haben vor allem den Gottesdienst, in dem wir Gott anrufen können und wo er sich auch finden lassen will. Vor allem haben wir auch das Abendmahl, in dem er in einem gewissen Sinne leibhaft unter uns ist. Wir haben keinen Grund, uns arm zu fühlen. Gott ist für uns anrufbar, auch wenn wir Jesus nicht mehr persönlich für haben.

 

 

1. Kön 19, 1 - 8 (Okuli):

Es gibt Stunden und Tage in unserem Leben, da sind wir ganz am Boden zerstört. Nichts ist gelungen, alles schiefgelaufen, kein Vorhaben hat sich verwirklichen lassen: Da hat man auf einen Handwerker gewartet, noch Leute bestellt und das Essen vorbereitet. Der Mann hat es noch am Tage vorher fest versrochen - und dann ist er doch nicht da! Da droht dann alles zusammenzustürzen, denn von seiner Leistung hängt der weitere Fortgang der Arbeiten ab. Das ist dann wirklich zum Verzweifeln.

Doch solche Verzweiflung gibt es meist nur bei solch äußeren Dingen. Und es geht in der Regel um unseren eigenen Nachteil und nicht die Not anderer. Wer aber macht sich Gedanken darüber, daß so relativ wenig Leute zum Gottesdienst gehen und die Kinder und Enkel sich

von der Kirche entfernen? Wer ist besorgt darüber, daß einerseits immer mehr Waffen hergestellt werden und andererseits Menschen verhungern? Es gibt so viele Dinge, die uns eigentlich zur Verzweiflung bringen müßten. Aber wir sagen: „Da können wir nichts machen!“

Nur wenn wir selber unmittelbar betroffen sind, dann klagen und schreien wir auch.

Wenn man schon sowieso alles grau in grau sieht, dann kann auch der Blick auf Gott verdunkelt werden. Oft sind es dann nur ganz geringe Dinge, die uns dann in Furcht und Schrecken versetzen. Es muß sich keiner schämen, wenn er einmal in eine solche Lage kommt. Selbst

der Prophet Elia ist am Sieg der Sache Gottes irre geworden.  Er hatte sein Bestes gegeben und ist doch genauso gescheitert wie seine Vorväter. Das Volk Israel betet weiter den Gott der Ureinwohner des Landes an. Angeblich beschert er Wohlstand und Sicherheit. Die Königin - eine Ausländerin - fördert noch den Gottesdienst jenes Götzen.  Angeblich gewährte man Religionsfreiheit, aber in Wirklichkeit bürgerte man die Vielgötterei ein. Dae erste Gebot wurde nicht mehr beachtet.

Viele paßten sich den Gepflogenheiten der Mehrheit an. Damit stellten sie sich auch nicht in Gegensatz zu den Herrschenden im Land. Die sehen es doch gern, wenn man bei allem mitmachte, was gefordert wurde. Weshalb soll man sich denn nur wegen der Religion in einen Gegensatz zur Gesellschaft bringen? Da paßt man sich doch besser an und führt sein Leben wie die große Mehrheit: glaubenslos, gottfern, modern um jeden Preis, dem Zeitgeist ergeben. Da hat man wenigstens seine Ruhe und sogar noch manche Vorteile davon.

Wie soll man ein solches Volk noch herumreißen können? Es hat doch nichts vom Eigentlichen begriffen. Sie hängen doch alle ihr Mäntelchen nach dem Wind. Wer sieh aber bewußt zu Gott hält, der ist doch wie ein Überbleibsel aus vergangener Zeit, er wird als dumm und rückschrittlich angesehen. Oft muß er mehr einstecken als nur ein müdes Lächeln über soviel unnötigen Eifer.

Auch bei uns kann man Entsprechendes feststellen: Da haben Paten bei der Taufe versprochen, bei der christlichen Erziehung des Kindes mitzuhelfen. Aber wenn das Kind dann nicht konfirmiert wird, tun sie auch nichts und finden nichts dabei. Anstatt die Eltern rechtzeitig zur Rede zu stellen, tun sie noch so, als sei alles in Butter. Und wenn der Pfarrer sie deswegen kritisiert, dann schimpfen sie noch verständnislos und nennen ihn einen Fanatiker.

Ja, wenn wir lauter entschiedene Leute hätten, dann brauchte uns nicht bange zu sein. Aber weil es nicht so ist, muß die Gemeinde aufgebaut werden aus lauter Versagern. Auch die

Pfarrer sind ja in mancher Hinsicht Versager. Auch sie - und gerade sie - sind oft verzagt und müde und fragen sich, was denn dabei „herauskommt“.

Wenn einer aber auf seine angeblichen „Erfolge“ noch stolz ist, dann hat er die Erfahrung des Elia noch vor sich, der schließlich erkennen mußte: „Ich bin nicht besser als meine Väter!“ Er zog daraus die Schlußfolgerung: Ein Leben ist nicht mehr lebenswert, wenn man sich nur noch für eine aussichtslose Sache einsetzen soll. Da möchte er lieber doch gleich die Flinte ins Korn werfen als nachher noch als Letzter übrig zu bleiben. Ein Leben in ständigem Kampf, in Angst und Verfolgung - wer soll denn das auf die Dauer aushalten? So steht Elia schließlich nicht mehr hinter seiner Botschaft. Es ist etwas zerbrochen bei ihm, Elia ist völlig am Ende.

Aber Gott der Herr ist da noch lange nicht am Ende. Ob der Weg seiner Boten einen Sinn und ein Ziel hat, das entscheidet er allein. Gottes Sache geht weiter trotz der müden Männer, die seine Boten sein sollen. An sich war doch auch Grund zur Zuversicht, denn der Gott Elias hatte doch gerade erst auf dem Berg Karmel über den früheren Gott triumphiert: Feuer war vom Himmel gefallen und hatte das Opfertier verzehrt. Auf Elias Gebet hin war ein großer Regen gekommen und hatte eine lange Dürreperiode beendet. Was wollte Elia noch mehr?

Mit dem Gottesurteil war offenbar der Kampf nicht ein für alle Mal entschieden und ausgestanden. Zunächst einmal geschieht mit Elia, was oft in solchen Fällen vorkommt: Wenn man bei einer großen Aufgabe alle Kräfte angespannt hat und durchgehalten hat, dann fällt die Energiekurve steil ab, wenn alles überstanden ist. Eben noch hat Elia die überwältigende Macht Gottes erfahren. Nun aber gerät er in Anfechtungen, ist voller Angst und ganz am Ende. Die unverhüllte Morddrohung der Königin gibt ihm den Rest. Plötzlich fürchtet er sich und läuft um sein Leben.

Elia flieht zu Gott. Das macht er sicher richtig. Er geht in den Süden, um dem Gott der Wüste und des Heiliges Berges nahe zu sein. Aus eigener Kraft wird er sich nicht wieder aufraffen können. Es sind nicht nur die körperlichen Strapazen der Flucht, die ihn fertig machen. Er ist auch mit seinem Glauben und seinem Gehorsam am Ende.

Erst wollte er dem Tod entfliehen, der die Königin ihm zugedacht hatte. Aber nun wünscht er ihn selber, damit alles ein Ende hat und er Ruhe findet. Elia ist nicht nur lebensmüde, sondern auch „gottes-müde“.

Es wird ihm so gegangen sein wie einem Schwerkranken, der zunächst noch mit allen Kräften gegen den Tod gekämpft hat. Aber dann spürt er doch: Die Krankheit ist übermächtig, er wird ihr doch unterliegen müssen. Da gibt er sich innerlich auf und wünscht nur noch den Tod herbei.

So erfährt auch Elia jene trostlose Müdigkeit und das Erlahmen aller Kräfte, das uns wohl auch nicht fremd ist. Es mag tröstlich für uns sein, daß so etwas auch einem Eiferer für Gott vom Format des Elia passieren kann. Er ist eben doch kein überragender Glaubensheld, sondern ein schwacher Mensch wie wir alle. Aus dem Sieger vom Karmel wurde ein an der Sache Gottes verzweifelnder Mensch. So schnell kann Stärke in Schwachheit umschlagen! Und das ist nicht nur eine Panne, sondern der Zusammenbruch gehört notwendig zum Glauben hinzu. Die Sache Gottes ist in der Welt unter dem Kreuz verborgen, sie besteht in der Nachfolge des gekreuzigten Christus. Aber vielleicht ist Gott uns nie so nah gewesen wie in den Stunden, in denen wir alles verloren gaben. Die Kirche lebt nicht von Karmel-Siegen, sondern davon, daß Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Durch das Eingreifen Gottes wird der Nullpunkt zum Wendepunkt. Elia legt sich zwar schlafen, um nie wieder aufzuwachen. Aber Gott will es ganz anders. Er hat für Elia noch weitere große Aufgaben bereit. Immer geht es nach Gottes Willen: Ein Starker kann zusammenklappen; und einer, der an sich selbst verzweifelt, kann auf einmal große Dinge tun. Auch in uns steckt sicher beides drin.

Manchmal muß man eine Sache auch erst einmal überschlafen. Elia entspannt sich einmal für ein paar Stunden und läßt sich einfach in Gottes Arme fallen. Und als er aufwacht, sieht die Welt schon anders aus. Er ißt und trinkt sogar schon wieder etwas. So kennen wir das auch von Kranken: Wenn einer erst wieder richtig zu essen beginnt, dann wird es besser mit ihm.

So sagt Gott auch zu Elia: Ich will nicht, daß dein Leben hier endet und mein Werk unvollendet bleibt. Darum iß und trink, denn du wirst Kräfte brauchen. Was du zunächst für das Ende hieltest, das ist für mich ein neuer Anfang! Mein Auftrag erlischt nicht, wenn die Situation für dich ungünstig wird!

Gott gibt auch die Kraft dazu: sein gepredigtes Wort, ein Bissen Brot und ein Schluck zu trinken helfen schon für den weiteren Weg. Wir werden hier stark an das Abendmahl erinnert. Das Mahl des Herrn ist zwar noch etwas anderes. Aber es ist auch gerade für solche bestimmt, die ähnlich wie Elia in eine Krise geführt werden, die Bedrängnis von außen und Angefoch­ten­­sein von innen erleben.

Mit den Augen der Menschen betrachtet ist nur bescheiden, was Gott tut: Ein Stückchen Brot, ein Schluck Wein - das ist alles. Aber es ist genug für den weiten Weg, den wir vor uns haben. Gott ist nicht nur da, wo große Dinge passieren. Es fällt nicht immer Feuer vom Himmel.

Aber Gott ist auch da, wo ganz kleine Dinge geschehen und uns mit wenig geholfen wird: mit einem anteilnehmenden Wort, einer hilfreichen Geste, einem freundlichen Lächeln, einem herzlichen Händedruck. Eine Hilfe ist auch der Gottesdienst, der uns jeden Sonntag angebo­ten wird. Hier in der Stille des Hauses Gottes können wir Ruhe finden für unsere Seelen und Kraft empfangen durch sein Wort und Sakrament.

Dort werden wir vielleicht auch entdecken, daß Gott noch mehr Leute hat, als wir denken. Bei Elia waren es noch 7.000 Mann, die dem alten Glauben treu geblieben waren. Er war also nicht allein. Auch wir sind nicht allein mit unserem Glauben in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule. Da ist die ganze Gemeinde, die mit uns unterwegs ist. Wir haben keinen Grund aufzugeben und Gottes Sache verloren zu geben.

 

 

2. Kön 5, 1 - 19 a (3. Sonntag nach Epiphanias):

[Hinweis: Der Name „Naeman“ wird „Na-e-man“ gesprochen]

Was tut der Mensch nicht alles, wenn er verzweifelt ist! Besonders wenn es um die Gesundheit geht, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Da ist kein Arzt zu weit, kein Mittel zu teuer. Man klammert sich an jeden Strohhalm. Vor allem vertraut man blind einem jeden Mittel, das einem angeboten wird. Da gibt es ja eine Wundergläubigkeit, die erstaunlich ist. Manche Medikamente wirken ja schon, wenn man nur an sie glaubt.

So machte es auch der syrische Feldherr Naeman. Er war Generalissimus und Kammerherr seines Königs, der zweitwichtigste Mann im Staat. Im Thronsaal stand er über die anderen erhoben, gleich neben dem König. Aber dann wurde dieser Mann mit einer Hautkrankheit geschlagen, die man als Aussatz ansah. Damit war er erledigt, aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen. Der Mächtigste nach dem König - und nun droht ihm ein Bettlerdasein irgendwo fernab von menschlichen Siedlungen zusammen mit einigen Leidensgenossen. Welch ein Sturz!

In seiner Verzweiflung hört er sogar auf die kleine israelitische Sklavin, die seine Leute von einem der Grenzübergriffe mitgebracht haben. In dieser Frau aber begegnet Naeman der Gemeinde Gottes. Sie wurde in eine andersgläubige Umgebung versetzt, weil Gott sie dort braucht. Sie riegelt sich auch nicht ab gegen die Fremden, sondern gibt bereitwillig Auskunft und fragt dabei nicht nach religiösen oder weltanschaulichen Gegensätzen. Sie will auch dem Feind und dem Heiden helfen.

Der Vorschlag der Sklavin ist allerdings riskant. Naeman setzt sich dem Verdacht aus, dem Aberglauben einer Dienstmagd zum Opfer gefallen zu sein. Noch schlimmer aber ist: Er soll als Bittender zu den Besiegten und Abhängigen hinüberziehen. Wer ist denn nun von wem abhängig?

Der König versucht noch der Schein zu wahren: Er gibt dem Feldherrn einen Zettel mit, durch den er dem König in Samaria befiehlt: „Sorge gefälligst dafür, daß mein wichtigster Mann wieder gesund wird. Setzte den Propheten in deiner Stadt unter Druck. Kommt der General nicht geheilt zurück, dann werde ich das als eine Provokation auffassen!“ Diese Sprache der Mächtigen ist ja bekannt. So haben sie immer etwas erzwingen wollen, was man mit Gewalt oder mit Geld nicht erlangen kann.

Aber wo Gott zuständig ist, da ist mit Machtandrohung nichts zu wollen. Doch der König zerreißt seine Kleider zum Zeichen des Entsetzens und des Schreckens. Er fragt: „Bin ich denn Gott?“ Doch der Prophet Elisa behält die Ruhe: „Keine Panik!“ will er deutlich machen, „Laß ihn nur kommen. Der Mann muß lernen, wo die zuständige Stelle ist!“ Aber vielleicht könnte auch gesagt sein: „Laß ihn nur kommen, diesen Mühseligen und Beladenen, ich will

ihn erquicken! „

Dieser große Mann wird auf einmal ganz klein. Eben hat er noch einen Drohbrief übergeben. Jetzt muß er sich bequemen, einige Gassen weiterzuziehen. Statt einen König zu erpressen, muß er einen Propheten bitten. Der Prophet aber verhandelt nur durch einen Boten mit dem Fremden. Elisa will ihn damit nicht demütigen. Naeman muß nur vom hohen Roß herunter. Er soll sich ja nicht vor dem Propheten demütigen, sondern vor Gott.

Das ist auch das, was wir im Verhältnis zu Gott immer wieder lernen müssen. Wir haben nichts zu fordern, wir können nur bitten. Aber wir dürfen auf einen gnädigen Gott hoffen; das wissen wir noch mehr als Naeman.

Aber der Syrer muß noch mehr lernen: Der Prophet gibt ihm nur ein Wort mit auf den Weg. Er soll an den Jordanfluß gehen - immerhin ein Weg von 40 Kilometer - und dort eine Badekur machen. Der Jordan war für ihn ein ganz gewöhnlicher Fluß, wie er in seiner Heimat genug hatte. Er hätte sich veralbert fühlen können und wieder nach Hause gehen. Er hätte denken können, für ihn hätte man doch mehr Aufwand treiben müssen nach dem Motto: „Viel hilft viel!“

Aber bei Gott gilt das nicht. Er kann auch mit Wenigem und Unscheinbarem etwas erreichen. Das Jordanwasser hilft auch nicht als solches, sondern weil Gott es für seinen Zweck nutzt. So ist es auch bei Taufe und Abendmahl: Das Wasser und der Wein wirken nicht aus sich selbst, sondern weil Gott in ihm gegenwärtig ist. Das Jordanwasser ist für den Syrer so etwas wie das Taufwassser, denn dadurch kommt er in Berührung mit Gott. Aber vorher hat er erst das Gehorchen lernen müssen. Er geht aber den Weg, ohne daß etwas passiert ist, ohne daß er ein Faustpfand in der Hand hat. Er kann nicht sehen und soll doch glauben. Aber das muß er eben

auch lernen: Gott bewirkt auch durch so etwas Unscheinbares wie das Wasser eines Flusses etwas.

Aber der Feldherr wird noch mehr lernen müssen: Gott läßt sich nicht kaufen, sondern er schenkt das Unbezahlbare. Der Feldherr war der Meinung: Wer etwas haben will, muß etwas geben! Deshalb hat er Geschenke von ungeheurem Wert mitgebracht. Aber das ist heidnisch gedacht, daß man die Hilfe Gottes durch irgendetwas abgelten könnte. Durch eine Kollekte kann man Gott nicht bestechen und eine Belohnung für Wohlverhalten erwarten, durch eine Vorauszahlung kann man Gott nicht zum Eingreifen nötigen.

Immerhin will Naeman seine Kisten erst abladen, als die Heilung schon geschehen ist. Doch er könnte ja auch denken: „Ich will mir nichts schenken lassen, will nicht der Schuldner dieses Gottes sein: Er hat mir die Haut gesund gemacht, jetzt soll er eine Drittelmillion als Lohn erhalten!“

Aber Gott kassiert keine Honorare. Was er schenkt, kann sowieso kein Mensch bezahlen. Das Verhältnis zu ihm ist nicht eine Art Geschäftsverbindung. Der Mensch bleibt immer der Nehmende. Das begreift der Heide allmählich. Nicht begriffen hat es dagegen Gehasi, der Diener Elisas. Er fordert das Geld noch nachträglich von Naeman und wird dafür von Gott selber mit Aussatz bestraft.

Das Schönste an der ganzen Erzählung ist vielleicht das Bekenntnis Naemans zum Gott Israels: „Jetzt habe ich begriffen, daß es keinen Gott auf der ganzen Erde gibt außer in Israel!“ Israels Gott ist der Herr aller Welt und hat sein Gutes auch anderen Völkern zugedacht. Israel hat nicht einmal Anspruch auf seinen Beistand im Krieg. Im Gegenteil: Er hat ja den Syrern unter dem Feldherrn Naeman den Sieg gegeben. Gott hilft nicht nur denen, die ihn kennen und sich zu ihm bekennen.

So darf der Heide Naeman im Laufe dieser Geschichte erkennen: „Dieser Gott Israels ist nun auch mein Gott geworden. Er hat mir geholfen und hat sich so an mich gebunden!“ Im Grunde aber hat er gar keinen neuen Gott gefunden, sondern nur der Gott entdeckt, mit dem er es unwissend immer schon zu tun gehabt hat. Jetzt ist dieser aus der Verborgenheit herausgetreten und hat sich ganz persönlich mit diesem Mann verbunden.

Auch uns könnte es so gehen, wenn wir von Krankheit geplagt werden. Da könnten wir auf einmal eine ganz neue Beziehung zu Gott gewinnen. Insofern kann uns eine Krankheit sogar zum Segen werden. Wie mancher hat in eigener Krankheit oder bei der Krankheit eines Familienmitgliedes das Beten wiedergelernt oder doch auf eine ganz neue Art gelernt. Die entscheidende Frage lautet an sich nicht: „Wie werde ich die Krankheit los, die mich plagt?“ Sondern auf weite Sicht ist an sich nur fragenswert: „Finde ich meinen Gott?“ Wer Gott wirklich findet, für den lösen sich früher oder später alle anderen Fragen: dem werden auch, wenn es Zeit ist, die schweren Lasten abgenommen und ein Ausweg gezeigt.

Naeman kehrte als Geheilter zurück. Aber er kam auch als ein zu Gott Bekehrter heim. Doch nun kommt er wieder in eine andersgläubige Umgebung. Das wirft auf einmal neue Probleme auf. Er wird ja mit seinem König auch an den heidnischen Gottesdiensten teilnehmen müssen. Wenn der König sich vor seinem Gott niederwirft und danach wieder aufsteht, dann stützt er sich auf dem Arm seines ersten Ministers.

Solche Gewissenfragen treten auch immer wieder auf, wo Christen in einer nichtchristlichen Umgebung leben. Soll man von Naeman verlangen, daß er sein Amt aufgibt? Doch Elisa legt dem Syrer nichts auf, was dieser doch nicht halten kann. Einmal gibt er ihm zwei Maultierladungen israelitischer Erde mit. Daran soll er einen Halt haben für seinen Glauben, so etwas wie ein Sakrament, an dem der Glaube einen Anhaltspunkt hat. Es soll wirken wie eine Isolierschicht gegenüber Heidentum und Weltlichkeit.

Und dann sagt Elisa noch: „Ziehe hin in Frieden!“ In seiner schweren Lage begleitet ihn Gottes Trost. Da wird er auch die rechten Entscheidungen treffen können. So schließen wir ja auch jede Predigt und jeden Gottesdienst mit der Bitte um Gottes Frieden und Segen. Das ist nicht nur so eine Schlußformel, sondern die Kraft Gottes, die mit jedem geht in seine Umwelt hinein: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!“

 

 

2. Kön 25, 8 – 12 (10. Sonntag nach Trinitatis):

Einem Deutschen jüdischen Glaubens, der noch rechtzeitig mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen konnte, fällt es schwerfallen, ein ehemaliges Konzentrationslager zu besuchen. Sie

denken daran, daß die Großeltern und der Onkel auch in so einem Lager waren. Vielleicht sind sie nicht in die Gaskammern gekommen, sondern an den Entbehrungen und Belastungen des Lagers gestorben. Aber für einen Überlebenden muß es schwer sein, so einen Ort des Grauens zu besuchen und daran zu denken, was dort passiert ist.

Was hat dieses jüdische Volk doch alles aushalten müssen, zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt! Irgendwie waren diese Menschen immer im Weg, blieben fremd, wurden verdächtigt und verfolgt.

Auch heute ist bei manchen Einwohnern der Bundesrepublik nicht unumstritten, was unser Staat für jüdische Menschen tut. Zum Beispiel werden ja bei uns russische Juden aufgenommen, weil sie in Rußland verfolgt werden. Sie haben keine deutschen Vorfahren wie die anderen Spätaussiedler, sie werden nicht politisch verfolgt, sondern „nur" weil sie Juden sind. Durch die Aufnahme dieser Menschen will man versuchen, einen Teil des zugefügten Unrechts wiedergutzumachen und überhaupt wieder jüdische Menschen in unserem Land anzusiedeln.

Doch da sagen doch manche: „Was gehen die uns an?“ Sie sehen es auch skeptisch, wenn Forderungen auf Entschädigung für die Zwangsarbeit oder für Vermögensverluste gestellt werden. Oder es wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, welchen Besitz Frankfurter Juden angeblich schon wieder haben sollen - als ob nicht auch Nichtjuden vermögend wären. So ganz überwunden ist der Antisemitismus, der Haß auf die Juden, auch bei uns noch lange nicht.

Angefangen hat das Leiden dieses Volkes aber schon in ganz alten Zeiten. Das zweite Buch der Könige schildert uns ein Beispiel dafür. Reichlich eineinhalb Jahre hatte die belagerte Stadt Jerusalem den Babyloniern getrotzt. Aber im August des Jahres 587 rissen die Belagerungsmaschinen eine Bresche in die Mauer der Stadt. Der König floh, wurde aber bei Jericho gefaßt und in das Hauptquartier Nebukadnezars gebracht.

Vier Wochen nach der Einnahme der Stadt folgte die Zerstörung. Die Leibgarde des babylonischen Königs hatte das Gericht über die Stadt zu vollstrecken, die sich gegen die Oberherrschaft der Babylonier aufgelehnt hatte. Diese Soldaten trugen den bezeichnenden Namen

„Die Schlächter“. Die Oberschicht des Volkes wurde nach Babylon verschleppt, nur Bauern und Winzer durften bleiben und führten ein kümmerliches Leben.

So übte Gott Gericht an seiner Stadt. Gott hatte in der Geschichte seines Volkes gewirkt. Aber nun schien diese Geschichte zu Ende zu sein - Heilsgeschichte war umgeschlagen in Unheilsgeschichte.

Schlimmer noch als die äußeren Schicksalsschläge war das Zerbrechen des Glaubens und der Zukunftshoffnungen. Jahrhundertelang war die Stadt Gottes unangetastet geblieben. Selbst die Assyrer hatten gut 100 Jahre vorher wieder abziehen müssen. Aber nun lag selbst der Tempel in Schutt und Asche, der doch die Anwesenheit Gottes in seinem Volk bezeugen sollte.

Die Bibel ist weit davon entfernt, in solchem erschütternden Geschehen ein sinnloses Walten eines blinden Schicksals zu sehen. Gott bestimmt die Geschichte, auch der babylonische König ist sein Werkzeug. Und was über Jerusalem kommt, ist von Gott gewollt und verfügt. Manches bleibt zwar ungestraft. Aber in der Weltgeschichte ereignet sich Gottes Gericht, wenn auch oft nur zeichenhaft und nur in Anfängen. Aber wer schuldig wurde, der sollte nicht Gott anklagen, sondern sich selbst.

Viele bei uns haben in der Bombenhölle des zweiten Weltkriegs ein Versagen Gottes gesehen. Wer wollte es den Menschen auch verübeln, wenn sie in ihrer Verzweiflung nach Gott schreien? Nur hätte man dabei nicht vergessen dürfen, was andere Völker durch unser Volk erlitten haben.

Was uns am heutigen Sonntag aus der Bibel gesagt wird, können wir nur in Betroffenheit hören. Von Gottes Gerichten kann man nicht in der Zuschauerhaltung reden, da können wir nicht mehr nur Zuschauer bleiben.

Jahrhundertelang hat man in der Kirche auf die Juden gezeigt, sie als Christusmörder beschimpft und die Zerstörung des dritten Tempels im Jahre 70 nCh als Strafe Gottes für den Tod Jesu gedeutet. Aber besser wäre die Erkenntnis gewesen, daß Gott auch uns etwas sagen will. Solche Geschichten sind uns geschrieben zur Warnung und zur Selbsterkenntnis und auch zur Demütigung unter die gewaltige Hand Gottes.

In Jerusalem wurden nicht nur Ängste und Schmerzen ausgestanden, wie sie überall in der Welt auftreten. Hier befand man sich zu dem allen noch in der Anfechtung des Glaubens. Man mußte sich doch fragen: „Hatte Gott sein Volk aufgegeben? Wie sollte man ihn noch verehren, wenn der Tempel in Trümmer lag? War der Tempel deshalb zerstört worden, weil Gott so böse auf das Volk war, daß er gar keinen Gottesdienst mehr wollte?“ Man hätte alles ertragen können, wenn man nur Gott auf seiner Seite gewußt hätte. Aber hier hatte man auch Gott verloren. Hier hatte man nicht nur Menschen zu Feinden, sondern Gott selbst.

Der Verfasser der Samuel- und Königsbücher stellt sich mit seiner Darstellung der Geschichte Israels dem Gericht Gottes. Er spürt die Ursachen auf und erkennt, daß das alles innerlich notwendig war. Er berichtet nicht nur, sondern versucht auch das Erlittene im Glauben aufzuarbeiten. Aber er tut das nicht, indem er Schuldige aufspürt und zur Rechenschaft zieht. Das haben schon die Babylonier schon getan. Vielmehr bedenkt er die Schuld des ganzen Volkes Israel.

Auch in unserem Volk muß sich jeder Einzelne fragen: Sind wir nicht alle mit schuld an dem, was damals anderen Völkern angetan wurde? Sind wir nicht nach 1945 viel zu schnell von einem anspruchsvollen Wohlstandsdenken erfaßt worden? Viele sagen doch: Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges sollte man nicht mehr davon reden. Und viele beruhigen sich mit der Ausrede: „Ich bin es doch nicht gewesen!“

Die Bibel erlaubt nicht, unsre Sünden als etwas Vergangenes anzusehen, über das allmählich Gras wächst. Wir werden uns durch Gottes Gericht nicht durchmogeln können. Wer ein unruhiges Gewissen hat, w i 11 sich gar nicht unbehelligt aus der Affäre ziehen, sondern das Gericht Gottes zur eigenen Sache machen. Nur so gibt es Umkehr, nur so kann etwas Neues beginnen.

Unsere Aufgabe ist es, in unserer Zeit gegen jede Diskriminierung von Menschen aufzutreten.

In erster Linie ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes - und erst dann ist er Deutscher oder ein

Ausländer, Christ oder Jude, Weißer oder Schwarzer, Reicher oder Armer. Es gibt keinen

Grund, weshalb ein Mensch weniger wert sein sollte als ein anderer, weshalb von seinem Anderssein eine Gefahr ausgehen sollte für die eigene Position, weshalb man gegen einen anderen Menschen kämpfen sollte, nur weil er sich ein wenig von uns unterscheidet.

Dieser biblische Bericht klingt wie eine Zeitungsmeldung. Aber dennoch ist in ihm der Trost des Wortes Gottes verborgen. Gott bleibt im Lauf der Geschichte drin, auch wenn man ihn nicht gleich bemerkt. Das Volk kommt zwar in die Gefangenschaft, aber es darf einen König behalten, es darf weiter Gottesdienste feiern, es darf auf eine Rückkehr hoffen. Der König Israels ist das Unterpfand dafür, daß Gott einmal den wahren König schicken wird, den Messias, auf den die Juden heute noch warten, der aber in Jesu schon da war.

Dieser letzte Ausblick darf nicht fehlen. Aber man muß auch sehen: Gott übt auch Gericht an seinem Sohn. Alle Gerichte in der Geschichte sind nur Vorspiele des großen Gottesgerichtes. Das brennende und zerstörte Jerusalem war nicht Gottes letztes Wort. Gott will unser Heil. Er will, daß dem Recht die Ehre gegeben wird. Aber er möchte auch, daß wir zu ihm zurückfinden und als sein Volk bei ihm leben können. Darum trägt der Sohn Gottes das, was wir eigentlich verdient hätten. Alle Gottesgerichte treffen letztlich ihn. Jetzt steht der Gekreuzigte für uns ein, weil er das Gericht Gottes auf sich gezogen hat.

Deshalb können wir auch mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Unsre Kirche hat eine Zukunft, weil Gott es so will. Er ermutigt uns, das zu tun, was wir tun können, um die Kirche zu erhalten. So etwas wie die Konzentrationslager oder die Vernichtung eines ganzen Teils des Volkes darf es nicht wieder geben. Wo doch jemand wieder so etwas beginnt, ist ihm entschlossen entgegenzutreten.

Aber letztlich liegt es nicht an unserem Wollen und Mühen, sondern an der Liebe Gottes zu seiner Gemeinde und zu allen Menschen. Er möchte, daß wir alle Menschen als seine Geschöpfe sehen, sie achten und ehren und ihnen beistehen und ihnen zu einem lebenswerten Leben verhelfen.

 

 

 

 

Lehrbücher

 

Hiob 14, 1 - 6 (Drittletzter Sonntag):

Im Nachbardorf gab es einen Unfall gerufen. Eine Familie war dabei, ein altes Nebengebäude abzureißen. Nur die eine Giebelwand stand noch. Sie beratschlagten, wie sie am besten mit dem Bagger vorgehen sollten. Als der Vater sich gerade umgedreht hatte, stürzte die Wand um und fiel auf ihn. Er war sofort tot. Das ist sicher ganz schwer, wenn ein Mensch eben noch lebendig dastand und nun von einer Sekunde zur anderen tot am Boden liegt. Vor allem der Sohn des Verstorbenen machte sich Vorwürfe, weil der Abriß auf seinen Wunsch zurückging.

Der Notfallseelsorger war auch gerufen worden. Nachdem die Polizei mit ihren Untersuch­ungen fertig war, konnten sich die Angehörigen sich in Ruhe von dem Vater verabschieden. Der Pfarrer sprach mit ihnen über die Vorwürfe und verwies darauf, daß der Vater ihnen ja etwas Gutes tun wollte. Auch die Polizisten waren dankbar für diesen Dienst.

In so eine Situation spricht auch der heutige Predigttext: „Der Mensch lebt nur eine kurze Zeit. Es ist ihm ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann!“ Im Grunde ist es gut, wenn die Lebenszeit eines Menschen beschränkt ist. Wie wollte man sonst mit einem solchen Unglücksfall zurechtkommen, wenn dadurch ein an sich ewig dauerndes Leben beendet würde? So aber weiß man: Der Mensch muß sowieso sterben, der eine früher, der andere später. Ein Unglücksfall ist zwar im Augenblick schrecklich, aber er ist nicht der Untergang. Auf das

wirklich ewige Leben bei Gott warten wir noch.

Das ist der Unterschied, den wir als Christen kennen. Das Alte Testament weiß noch nichts von der Auferstehung, die erst mit Jesus Christus begonnen hat. Deshalb lesen wir es vom Neuen Testament her und verstehen es nur als dunkle Folie hinter dem Licht der Auferstehung, auf die wir warten dürfen.

Hiob klagt über die Vergänglichkeit des Menschenlebens. Es ist kurz an Tagen und satt an Unruhe. Der Mensch ist wie eine dahinwelkende Blume oder wie der flüchtige Schatten, den man nicht zum Stehen bringen kann. Gott aber spürt diesem kurzlebigen Geschöpf nach und zerrt es vor sein Gericht. Hiob jedenfalls sieht in den Unglücksschlägen, die ihn getroffen haben, ein Gericht Gottes. Bei ihm stürzte das Haus über allen seinen Kindern zusammen, die zu einem Fest versammelt waren. Auch seine Frau kam um, sein reiches Vermögen ging verloren, und zuletzt wurde er selbst von einer schweren Krankheit geschlagen.

Wenn aber kein Mensch es verdient, seinem Schicksal zu entrinnen, dann sollte Gott doch sein Geschöpf in diesem kurzen Leben in Ruhe lassen. Dann sollte er doch nicht um den Menschen kümmern, der wie ein Tagelöhner gewissermaßen von der Hand in den Mund lebt. Dann könnte der Mensch wenigstens in seinem kurzen Leben ein wenig glücklich sein. Soweit die Klage Hiobs.

Damit dürfte er die Lebensauffassung vieler heutiger Menschen getroffen haben, nur daß die statt „Gott“ dann eher „das Schicksal“ sagen: In dem bißchen Leben möchte ich gern ungestört bleiben und mein kleines Glück genießen können. Gott aber sieht das anders: Er will hinein in unser Herz, das sich gegen ihn verschließen möchte. Das ist genau das Gegenteil von dem was Hiob will und was auch der heutige weltlich eingestellte Mensch sich wohl wünscht.

Was der weltliche Mensch denkt, wird - mehr oder weniger heimlich und verstohlen - auch

von Christen gedacht. Eine Frau, die der Pfarrer zum Geburtstag besuchte, war schon etwas verwirrt und hatte wohl nicht so ganz mitgekriegt, daß der Pfarrer bei ihr war. Sonst hätte sie wohl nicht gesagt: „Was nach dem Leben kommt, wissen wir nicht!“ Denn natürlich wissen wir das! Nicht in allen Einzelheiten, aber wir wissen doch, daß Christus in die vergängliche Existenz des Menschen hineingegangen ist, um uns da heraus zu holen. So sprechen wir heute von der Hiobsituation und ihrer Überwindung: Wir sind vergänglich, aber zum Leben bestimmt!

Wir wissen zwar, worauf wir uns einzurichten haben, aber wir schieben den Gedanken immer wieder weg. Daß wir sterben müssen, davon wird nicht geredet, und zwar je näher der Tod kommt, desto weniger. Über den Tod im allgemeinen wird man vielleicht noch reden, aber

nicht über den eigenen Tod, das ist doch taktlos und vielleicht auch unbarmherzig.

Der Tod ereignet sich selten vor aller Augen. Gestorben wird meist in Krankenhäusern, und zwar in Einzelzimmern. Gerade wo das menschliche Leben so sehr dem Verfall ausgesetzt ist, wird es verborgen. Trotzdem merken wir jeden Tag die Hinfälligkeit alles Lebendigen: Das Haar ergraut, der Tritt wird unsicherer, aus Fältchen werden Falten. Noch hilft die Brille, aber vielleicht ist bald ein Hörgerät fällig. Wir tun alles, um diesen Prozeß aufzuhalten oder doch wenigstens zu verlangsamen. Warum ist es so schwer, darin einzuwilligen, daß uns die Tage zugemessen sind?

Wir wissen, daß wir auf mehr angelegt sind, als wir bestenfalls umsetzen. Wir sind noch nicht der, als den uns Gott gedacht hat. Wir müssen das Sterben erst noch als eine zu bewältigende Aufgabe erkennen und annehmen. Eine schwere Krankheit oder Todesgefahr kann da schon so etwas wie eine Generalprobe sein.

Das Sterben ist vielleicht die größte Aufgabe unesres Lebens, so widersprüchlich das klingen mag. Es geht darum, auch im Sterben noch Gott dadurch ehren, daß wir anerkennen: Er hat unsre Zeit in seinen Händen, wir können uns gehorsam in seine Hand fallenlassen.

Aber wir brauchen uns nicht immer mit Todesgedanken zu quälen. Aber wir sollten das Ster­ben müssen einbauen in unser Lebenskonzept. Dazu gehört auch, daß wir - soweit wir das können - den Tod schon vorausdenken und im Glauben bewältigen. Hiob - das ist jeder von uns. Deshalb habe ich mir einzugestehen, daß ich vergänglich bin. Aber ich erfahre zugleich, daß ich zum Leben bestimmt bin. Doch erst mit der Auferstehung Jesu Christi wird der neue Horizont geschaffen, in dem auch unser eigener Tod überwunden wird.

In allem Wechsel gibt es ein Bleibendes, das meinen Namen trägt und das nicht ausgelöscht, sondern durchgehalten wird. Auferstehung ist nicht die Verlängerung oder die Wiederherstellung des alten Lebens. Aber wenn wir mit dem Auferstandenen verbunden sind, können wir die Merkmale des allgemeinen Verfalls mit anderen Augen ansehen. Sie erzeugen nicht mehr das lähmende Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder gar der Panik kurz vor dem Absturz ins Bodenlose.

Weil unser Leben in diesem Sinne gesichert ist, können wir bei all den Versprechungen der Gesundheitsindustrie gelassen bleiben. Da verspricht zum Beispiel ein Arzt: „Wenn Sie mit 65 Jahren gesund sind und dann alle Jahre meine teuren Spritzen kaufen, dann können Sie 85 Jahre alt werden!“ Warum verspricht er nicht gleich 100 Jahre? Das ist doch reine Verkaufsstrategie: Erst wird Angst erzeugt, um dann den Ausweg zu zeigen, nicht zum Wohl des Patienten, sondern zugunsten des Geldbeutels des Arztes.

Da ist doch besser, was ein anderer Arzt einmal sagte: „Manche Menschen essen jahrzehntelang wenig und nur nach Vorschrift, um am Ende 20 Minuten länger zu leben!“ Nun wir wissen, daß es wahrscheinlich mehr als 20 Minuten sind. Aber Jesus sagt: „Niemand kann seinem Leben auch nur eine Elle hinzufügen!“ Mit diesem Wissen läßt es sich doch viel gelockerter leben.

Doch wir müssen auch von der Schuld sprechen, die unser Leben prägt. Hiob fragt, ob sein Los nicht zusammenhängt mit dem, worin er selbst gefrevelt hat. Es ist bewegend, wie ernst Hiob seinen Gott nimmt. Er sieht Gottes Augen ständig auf sich gerichtet. Und Gottes Augen sehen kritisch. Wir täten manches nicht, wenn wir nicht im Innersten meinten, Gott sieht es nicht, ja es gäbe gar keinen Gott, der es sehen könnte.

Es ist rührend, wie der Unglückliche meint, er könnte aus seinem kleinen Leben noch etwas machen, wenn Gott endlich wegsähe. Dann würde er auch das Versagen und Schuldigwerden nicht bemerken. Hiob sieht in Gott nur den Aufpasser und Richter und wünscht sich nur das eine: Gott los zu werden!

Von Jesus lernen wir, daß wir genau das Gegenteil nötig haben: Gott möge nur seine Augen über uns offehalten! Wenn unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist, dann sind wir nicht nur durchschaut, sondern auch geliebt. Der uns umgibt, ist nicht unser Beschatter, sondern unser Vater und Helfer. Der in Christus gegenwärtige Gott, der uns von allen Seiten umgibt, ist für uns.

Hiob sagt noch: „Auch nicht einer kann Reines aus Unreinem hervorbringen!“ Wir aber können sagen: „Doch, es gibt einen!“ Der vom Himmel gekommen ist, hat sich unter die Unreinen gemischt, damit Hiob und Seinesgleichen wieder rein werden. Hiob ist für rein erklärt, und wenn das von Gott kommt, dann ist das auch so. So kann auch Hiob seinen Christus finden. So können auch wir unseren Christus finden.

 

 

Sprüche 16, 1 - 9 (Neujahr):

An Neujahr denken wir nicht an eins der großen Ereignisse der Heilsgeschichte, sondern es beginnt nur ein neues bürgerliches Jahr. Der Umlauf der Erde um die Sonne ist naturgegeben: Nach 365 Tagen sind wir wieder an dem Punkt angekommen, wo wir schon einmal waren. Aber an welchem Punkt der Erdumlaufbahn wir Neujahr begehen, ist nur eine Übereinkunft. Andere Völker haben zum Teil andere Neujahrstermine.

Dennoch nehmen wir als Christen Anteil am großen Weltgeschehen und an dem Geschehen in der Natur. Wir machen auch Pläne, sehen bestimmte Aufgaben auf uns zukommen, werden Termine wahrzunehmen haben. Dabei können uns die Sprichwörter eine Hilfe sein, besonders wenn sie in der Bibel stehen. Ihre Weisheit hat man als eine Steuermannskunst (Kybernetik) bezeichnet, mit deren Hilfe wir uns durch die Wirrnis des Lebens hindurch lotsen können. Dabei wird es nicht so sehr darauf ankommen, fertige Lebensregeln zu übernehmen, sondern Orientierungshilfen für die eigene Erkenntnis zu gewinnen.

Dennoch bleiben wir heute nicht auf dem Boden des Allgemein-Menschlichen. In acht von neun Versen dieses Abschnitts ist von Gott die Rede. Überhaupt heißt es: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang!“ Doch der gesunde Menschenverstand wird durch die Ehrfurcht vor Gott nicht ausgeschaltet, sondern nun erst recht gesund gemacht. Der Glaube an Gott macht die täglichen Erfahrungen nicht unwichtig, sondern bringt sie erst recht zur Geltung. So kann uns deutlich werden: Auf Schritt und Tritt haben wir es mit Gott zu tun, der zwar unsre Pläne durchkreuzt, aber doch unser Werk voranbringt.

 

(1.) Gott durchkreuzt unsere Pläne: Am Anfang eines Jahres schließt sich uns ein solcher Satz leichter auf: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt!“ Wir können uns vorkommen wie einer, der vor der Reise Fahrpläne studiert und Zuganschlüsse ausklügelt, aber nachher doch der Eisenbahn ausgeliefert ist, ob sie pünktlich kommt oder gar nicht.

Man hat Wunsche und Hoffnungen. Man sieht Aufgaben und Möglichkeiten ihrer Erfüllung. Man nimmt sich Wichtiges vor. Man erhofft sich Angenehmen und Erfreuliches. Besonders junge Menschen machen viele Pläne; und ein wenig jung ist man in dieser Hinsicht hoffentlich auch noch in den älteren Jahrgängen.

Doch wir wollten bedenken: „Gott hat einen Weg!“ Wege sind lebenswichtige Einrichtungen. Sie verbinden einen Ort mit dem anderen, machen Begegnung und Austausch möglich. Auf einem Weg hat man festen Boden unter den Füßen und muß nicht im Schlamm waten und bleibt nicht am Gestrüpp hängen. Menschen benutzen die Wege, Waren werden auf ihnen transportiert, ohne Wege können wir uns das Leben nicht mehr vorstellen.

Der Zeitraum eines neuen Jahres 1äßt sich vergleichen mit einem Netz verschiedener Wege und Straßen. Manche sind bekannt, manche bleiben uns unbekannt. Wir können heute noch nicht wissen, welche Wege wir durch dieses Jahr geführt werden. Es gibt zahllose Möglichkeiten. Wir müssen uns tagtäglich entscheiden. Und manchmal müssen wir umkehren auf unserem Lebensweg. Keiner kann voraussagen, was am Ende herauskommt.

Nur Gott kennt unsren Weg. Er hat schon einen Weg für uns, wo wir ihn noch nicht sehen. Deshalb braucht uns das Unbekannte nicht zu ängstigen. Oft haben wir allerdings nur Einblick in eine kurze Strecke. Kurven und Kreuzungen und der übrige Verkehr sind ein Hindernis. Manchmal fehlt uns der Mut. Aber dann können wir auch wieder erleichtert feststellen, daß uns neue Kräfte zuwachsen. Gott hilft uns, daß wir Kurs halten. Er geht sogar ein gutes Stück mit. Er bringt uns wieder zur Vernunft und gibt uns die Chance, Fehler zu erkennen und zu berichtigen und wieder neu anzufangen.

Das bedeutet aber auch: Unsere Gedanken und Pläne werden oftmals durchkreuzt. Dreimal steht in den neun Versen in der Mitte ein inhaltsschweres „Aber“. Es bedeutet, daß noch etwas übersehen und vergessen ist, daß noch etwas zu berücksichtigen ist oder noch eine andere Möglichkeit vorhanden ist. Es bedeutet, daß es mit unserem Denken und.Handeln um die Ecke gehen muß. Und es macht deutlich: Wir haben es unter allen Umständen mit Gott zu

tun.

Heimlich fordern wir immerzu einen Gott, dessen Gedanken und Vorhaben sich mit den unseren decken müssen. Da wird dann gesagt: „Wenn es einen Gott gäbe, dann müßte er doch...!“ Warum „muß“ er eigentlich? Diese Denkweise kommt zu sehr aus dem Menschlichen. Der so vorgestellte Gott ist nur die Übertragung (Projektion) der eigenen Vorstellungen und Wunsche an den Himmel. Ein Gott, der in unser Schema paßt, ist nicht der wirkliche und lebendige Gott. „Der Mensch denkt - Gott lenkt!“

Ohne Zusammenstöße zwischen dem Willen Gottes und dem unseren wird es nicht abgehen. Als Sünder können wir von uns aus gar nicht die Gedanken Gottes denken. Wie viele törichte Dinge haben wir uns schon ausgedacht! Wie heillos und zerstörerisch sind oft unsere Gefühle, Träume und Ideen! Gott nimmt uns das Wollen nicht, denn er hat uns ja als freie Menschen geschaffen. Aber er muß sich uns oft in den Weg stellen und dabei unsere Gedanken durchkreuzen.

Der Anfang des Abschnitts führt das mehr im Einzelnen aus: Man legt sich zurecht, was man sagen will, klügelt Gedankengänge aus und sucht schlagkräftige Formulierungen. Aber „vor Ort“ kommt es dann anders heraus, zu unserem Vorteil oder Nachteil.

Aber auch in der Rückschau auf unsere Taten sind wir oft merkwürdig blind. Man sollte meinen, niemand wüßte über uns so gut Bescheid wie wir selbst. Aber uns selbst gegenüber sind wir besonders unsachlich. Der Mensch kann nicht leben, ohne „gerecht“ zu sein. Deshalb muß

er sich immer wieder einreden, er sei doch gerecht. Aber wenn einer unsachlich wird, dann befindet er sich in der schwächeren Position. Vor Gott sind wir sowieso in der schwachen Position. Oft sind wir es aber auch gegenüber den Menschen. Einem jeden dünken seine Wege rein. Aber Gott prüft, was im Menschen ist. Das eigene Urteil ist ganz unmaßgeblich. Dennoch gilt:

 

(2.) Gott bringt unser Werk voran: Im Bewußtsein registrieren wir viel deutlicher die Fälle, in denen die Ampeln vor uns auf Rot stehen. Die grüne Welle lassen wir uns meist unbedacht gefallen. Aber was zunächst als eine Behinderung aussah, kann Bewahrung und Befreiung sein. Die Menschen auf einem Schiff schimpfen vielleicht, wenn der Steuermann sehr schnell das Steuer herumwirft. Aber in Wirklichkeit wollte er nur einer Sandbank ausweichen. Man kann nicht immer geradeaus fahren. Wo wir uns nicht erhört fühlen, da hat Gott in Wirklichkeit aufmerksam zugehört und weise entschieden. Gott ist unsichtbar zur Stelle und tut sein Bestes für uns. Wenn Gott unsere Pläne durchkreuzt, dann bringt er in Wirklichkeit unser Werk voran.

Ein Mann erzählte seinen Traum: „Ich ging mit Gott am Strand entlang. Vor meinen Augen zogen Bilder aus meinem Leben vorüber. Auf jedem Bild entdeckte ich Fußspuren im Sand. Manchmal sah ich Abdrücke von zwei Fußpaaren im Sand, dann wieder nur von einem Paar. Immer dann, wenn ich unter Angst, Sorge oder dem Gefühl des Versagens litt, waren nur die Abdrücke von einem Paar Füße zu sehen. Ich fragte Gott: ‚Wenn ich dich am dringendsten brauchte, warst du nicht für mich da!‘ Er aber antwortete: ‚Wenn du nur ein Fußpaar im Sand gesehen hast, mein Kind, dann habe ich dich getragen‘!“

Die Aufforderung „Befiehl den Herrn deine Wege“ könnte mißverstanden werden, als sollten wir zur Untätigkeit verführt werden. Es ist schon etwas Wahres an den Sprichwörtern: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ und „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ Das Glücklichsein ist nicht allein Sache des Schicksals, so als würde ein Los über uns geworfen, sondern auch eine Aufgabe. Es gilt, aus dem Leben etwas zu machen, die Chancen auszuschöpfen, die Aufgaben anzupacken, das Leiden sinnvoll zu verarbeiten und in etwas Fruchtbares und Aufbauendes zu verwandeln .

Aber in den dunkelsten Stunden leben auch wir Christen oft, als gäbe es keinen Gott. Wir wollen uns nicht führen lassen, sondern selbst steuern. Da fragen wir eher nach Gewinn und Erfolg als nach Gehorsam. Da redet man sich ein, in dieser Lage sei es Leichtsinn, sich auf Gott zu verlassen, jetzt können man nur noch sich selber helfen.

Doch in den Sprüchen heißt es: „Wälze dein Tun auf Gott!“ Alle auf uns liegende Last dürfen wir von uns wegwuchten und getrost unserem Gott auflasten. Wir brauchen nicht krampfhaft festzuhalten, was nicht unsere Sache ist. Wer auf selbstgebasteltes Glück aus ist, wird es verfehlen. Wer sich aber Gott in die Hände gibt, wird das Glück finde. Gerade wenn es nach Gott geht, wird es vorangehen.

Es gibt keine Bereiche und Vorgänge im Weltgeschehen, auch im neuen Jahr, in denen Gott nicht seine Hand hätte. Selbst der „altböse Feind“ muß letztlich Gott in die Hände arbeiten. Gott wird sein letztes Wort noch sprechen. Wer sich nur auf glatte Lösungen einlassen will, weiß noch nichts von der Freude des wagenden Vertrauens.

Am Tag des Herrn werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Da wird herauskommen, was Gottes Zweck gewesen ist. Sicher gibt es auch Widrigkeiten, aber ihnen ist der Charakter des Endgültigen genommen. Uns müssen alle Dinge zum Besten dienen.

 

 

 

Pred 3, 1-14 (24. Sonntag nach Trinitatis):

„Alles hat seine Zeit!“ Das gilt für uns vielleicht nur im Urlaub. Wenn man diese rhythmischen Aufzählungen hört, kann man sich fühlen wie am Strand, wo die Wellen heranrollen, ans Ufer klatschen, den Sand hinauflaufen und mit leichtem Schäumen auslaufen. Das Wasser strömt zurück, die nächste Welle kommt, jede zu ihrer Zeit. Irgendwie wird man in diesen Rhythmus hineingenommen, man wird ruhig und gelöst. Es ist gut, daß alles seine Zeit hat und zu seinem Recht kommt.

Doch dieses Gefühl ruhiger Gelassenheit erledigt sich im Alltag leicht als vergängliche Urlaubsstimmung. Denn täglich erleben wir, daß alles keine Zeit hat. Da gibt es nur Rast­losigkeit und Unruhe - und wir mitten drin. Das belastet uns. Aber wir können uns nur schwer davon freimachen. Mit der Uhr in der Hand meinen wir, der Herr der Zeit zu sein. Aber in Wirklichkeit hat die Zeit uns in der Hand. Mehr oberflächlich sagen wir: „Zeit ist Geld!“ Aber wir wissen auch: „Wer Zeit hat, der hat Leben!“ Die Zeit ist keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, sondern Platz zum Parken in der Sonne.

Am Anfang und am Ende unseres Lebens stehen zwei Daten, die offiziell beurkundet werden müssen. Die dokumentieren die Begrenztheit und Vergänglichkeit unserer Zeit: Wir sind begrenzt in unserer Zeit! Was dazwischen liegt, das zählt der Prediger in seinen Gegensatzpaaren auf. Immer wieder erfahren und erleiden wir dabei unsere Begrenztheit. Mit zunehmen­dem Alter tauchen auch Krankheiten auf und kündigt sich allmählich das Nachlassen unserer Kräfte an.

Man könnte Pessimist werden oder in Depression verfallen. Das ist heute eine verbreitete Krankheit. Aber was der Prediger da sagt, ist zwar wahr, aber er sieht die Welt zu dunkel. Seine niederschmetternden Klagen sind zugleich überholt und überwunden: Wir können Besseres zum gleichen Thema sagen. Denn Gott hat sich des vergänglichen Menschen angenommen, der die Wege Gottes nicht begreift. Er hat sich des Menschen angenommen, indem er selbst Mensch wurde.

Wenn Christus nicht wäre, dann müßte uns in der Tat so Manches beschweren. Drei Dinge greifen wir einmal heraus: Der zeitliche Mensch, das vergebliche Werk und der unbegreifliche Gott.

 

1. Der zeitliche Mensch:

Es ist, als ahmte der Prediger den Pendelschlag einer Turmuhr nach: Die Zeit bleibt nicht stehen. Was gestern war, ist heute nicht mehr. Was heute ist, wird bald nicht mehr sein. Was noch nicht ist, erwarten wir einerseits mit Hoffnung, aber andererseits auch mit Angst. Aber es ist nie zu früh, wir müssen schon mit Ernst an unsere Aufgaben gehen. Es ist aber auch nie zu spät und wir brauchen uns nicht abzuhetzen. Jede Minute, jede Stunde ist kostbar. Aber sie sind auch wiederum nicht so kostbar, daß wir sie nicht verlieren dürften. Wenn wir auf der eine Seite Zeit verlieren, so können wir sie dennoch auf der anderen Seite gewinnen.

Manchmal warten wir lange auf etwas – und dann ist es auch sofort wieder vorbei. Vielleicht sind wir auch froh, wenn es vorüber ist. Vielleicht aber möchten wir auch wie Goethe zum Augenblick sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Aber den Fluß der Zeiten halten wir nicht auf. Wir können uns an Manches erinnern, aber es gehört uns nicht mehr.

Die Zeit ist wie ein Pfeil, sie kommt von irgendwo her und geht irgendwo hin. Sie ist unumkehrbar. Wir können nicht noch einmal von vorne anfangen und unser Leben neu leben, was wir versäumt haben, läßt sich nicht wieder einholen.  Das ist der Unterschied zwischen dem jüdisch-christlichen Denken und den asiatischen Religionen. Dort stellt man sich die Zeit eher wie einen Kreis vor, in dem alles wiederkehrt. Selbst das Leben der Menschen soll nach einer Wiedergeburt noch einmal neu anfangen. Wir sagen zwar auch manchmal: „Es ist alles schon einmal dagewesen!“ Aber es sind dann immer nur Ähnlichkeiten, nicht noch einmal das Gleiche. Die Welt steht nicht still. Wir können nicht den Film unseres Lebens anhalten und bei einem Standbild verharren.

Das heißt nicht, daß es nicht auch Bleibendes und Unverlierbares gäbe. Aber das Neue gewinnen ich nur, indem ich das Alte vergangen sein lassen. Aber man kann sich auch freuen, daß es so ist, denn die Zeit des Weinens wird von einer Zeit des Lachens abgelöst. Nach Krieg kommt auch wieder Frieden. Regiert heute der Haß, so wird es morgen die Liebe sein. Man muß nicht immer klagen, sondern man wird auch wieder einmal tanzen. Auf die Trauerzeit folgt auch wieder einmal eine mehr freudigere Zeit. Dies zu wissen, kann doch sehr tröstlich sein.

Der Prediger aber sagt es umgedreht: Was mich jetzt freut, kann wieder abgelöst werden durch das andere, das mich schmerzt und quält. Alles kann einmal von seinem Gegenteil abgelöst werden. Er sieht nicht das heilsame Miteinander von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter Tag und Nacht, wie es in der Bibel von Gott in dem Bund mit Noah verheißen wird, sondern er sieht nur den für ihn sinnlosen Wechsel der Dinge. Er ist wie Till Eulenspiegel, der sich freut, wenn es bergauf geht, weil es dann bald wieder bergab geht, und der beim Anstieg traurig ist, weil es bald wieder bergauf gehen wird.

Vor allem daß das Leben einmal endet, macht ihm zu schaffen. Alles andere ist wie ein Karussell, bei dem jede Runde wieder an die gleiche Stelle bringt. Der Tod aber ist endgültig, jeden­falls was unser irdisches Leben angeht. Das ist auch gut so, daß wir kein ewiges Leben haben, denn ein Unfalltod wäre eine noch größere Katastrophe, als sie sowieso schon ist.
Aber für uns Christen ist der irdische Tod natürlich nicht das Letze. Christus ist die Auferstehung und das Leben. Ein ewiger Leerlauf wäre nichts, was man erstreben könnte. Ein lebenswertes Leben haben wir nur von Christus her.

 

2. Das vergebliche Werk:

Der Glaube an den Fortschritt regt unser Tun an. Das Leben hat nur einen Sinn, wenn wir dazu beitragen können, daß die Welt friedlicher und gerechter wird. Man setzt sich gerne ein, wenn man weiß, wofür es ist. Der Prediger aber sieht keinen Gewinn, kein Vorankommen und Reifen. Er sieht keine Aufwärtsbewegung, sondern nur den Pendelschlag, den Auf­schwung und das Zurückfallen.

Es entsteht bei ihm das Gefühl der Zwecklosigkeit: Man pflanzt und reißt es wieder heraus. Man bricht ab, um etwas Neues aufzubauen, aber auch das, was wir jetzt bauen, wird irgendwann einmal abgerissen werden. Man sucht etwas, aber bald wird man es wieder verlegt haben, denken wir nur an die Lesebrille. Man hebt Dinge auf, weil man sie ja vielleicht doch noch einmal gebrauchen könnte, und dann wirft man sie doch weg. Das Geschirr wird gespült und wird doch bald wieder gebraucht. Die Straße wird geteert und doch bald wieder aufgerissen oder vom Frost zerstört. Es wird Krieg geführt, um angeblich den Frieden zu gewinnen, aber auch im Frieden ist man schon wieder auf Krieg eingestellt.

Dennoch hat unsre Arbeit einen Sinn. Sie erhält unser Leben. Arbeit ist Dienst an der Welt und Dienst am Menschen Auch wenn einen die Arbeit anödet, dann sollte man sich doch immer klarmachen, für wen man es tut. Man tut es zunächst einmal für sich selbst. Aber man tut es auch für die Familie. Und schließlich tut man es auch für die ganze Gesellschaft, denn nur indem jeder das Seine tut, kann das Zusammenspiel gelingen.

Es wäre unredlich, die Annehmlichkeiten des Fortschritts zu genießen und gleichzeitig ein trübsinniges Bild vom Leben zu entwerfen. Wir wissen zwar, daß wir viele der Annehmlichkeiten teuer bezahlen durch Zerstörung der Natur und Verbrauch der Reserven. Aber das wird nichts daran ändern, daß wir alle ganz gern daran teilnehmen und erfreut feststellen, daß unsre Mühe sich lohnt.

Unsre eigenen Anstrengungen und Erfolge bringen uns allerdings vor Gott nicht weiter: die guten Vorsätze, der Kampf gegen die Bequemlichkeit und die Abhängigkeit von anderen, die Neigung, alles an sich selbst zu messen. Christus nimmt uns ans der Hand, womit wir uns vergeblich abplagen und macht unsere Sache zu der seinen. Wir brauchen keine Erfolge und Gewinne aufzuweisen. Er hat sich auf die Seite der Gescheiterten gestellt und hilft ihnen heraus.

 

3. Der unbegreifliche Gott:

Der Prediger weiß aber trotz allem: Zwar ist alles Irdische ist dem Gesetz des Vergehens und Wechsel unterworfen, aber was Gott tut, das besteht für immer. Deshalb sagt er: „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende!“ Es ist schon ein widerspruchsvoller Gott, denn auch die Mühsal hat er in das Herz der Menschen gegeben. Wer aber auf einen Gott aus ist, dessen Handeln in der Welt begreifbar und nachrechenbar ist, der darf nicht die Bibel fragen. Sie verkündet uns den Gott, den wir nur respektieren und vor dem wir uns nur beugen können.

Doch die letzte Auskunft des Predigers überrascht dann wieder. Er fordert dazu auf, fröhlich zu sein und sich im Leben wohl sein lassen. Doch das ist nur ein Ausweg, kein wirklicher Weg ins Freie. Vielleicht wüßten wir auch nichts Besseres, wenn Christus nicht wäre. Man versucht doch nur mit Rummel und Rausch sich zu erheitern, wenn man nicht wirklich fröhlich ist. Jesus will nicht humorlose Mucker. Wir dürfen uns an Gottes guten Gaben mit einem guten Gewissen freuen – er gönnt uns das alles.

Es wird alles anders, wenn in Jesus Christus der unbegreifliche Gott uns anschaulich und greifbar geworden ist. Zwar bleibt er unter dem Kreuz verborgen. Aber er ist unser Gott geworden. Er ist herausgetreten aus dem bedrückenden Schweigen. Die verhängnisvollen Zirkelbewegungen sind aufgebogen zu einer Geraden, die in die Zukunft weist. Ziel ist das Heil Gottes, das uns in Christus angeboten und geschenkt wird.

 

 

 

 

Propheten

 

Jesaja

 

Jes 1, 10 - 17 (Bußtag):

Das Wort „Buße“ wird heute von vielen mißverstanden. Es wird gebraucht in dem Wort „Bußgeld“, so als könnte man mit Geld eine üble Sache abgelten. Dabei geht es doch ums Anders-Werden und Anders-Tun. Nach der ersten der berühmten Thesen Martin Luthers ist das ganze Christenleben eine einzige Umkehr. Wir können Gottes Aufforderung zur Buße nicht mit diesem Bußtag abgelten. Aber wer sich den Bußtag erläßt, der wird auch sonst nicht sehr offen dafür sein, in seinem Leben Ordnung zu machen und Tritt zu fassen. Umkehr

ist aber wichtig und sollte uns lieb sein.

Der Gottesdienst allein tut es freilich nicht. Der Prophet Jesaja hat die Gottesdienste und besonders die Bußgottesdienste seiner Zeit als Gift für die Dickfelligen angesehen und gewollte, daß sie Trost für die Geängsteten und Impuls für die Gehorsamen sind.

 

1. Gift für die Dickfelligen:

Es ist ein starkes Stück, daß Jesaja die zum Gottesdienst Versammelten als Sodomsfürsten und Gomorrhavolk bezeichnet. Sodom und Gomorrha sind im Alten Testament das Sinnbild für vollkommen verdorbene Städte. Dabei sind sie doch in großer Zahl zum Gottesdienst gekommen. Man weiß doch, daß man Gott etwas schuldig ist. Und man läßt es sich auch etwas kosten.

Beim Schlachtopfer allerdings hat man selbst an den leiblichen Freuden teil: Das Tier wurde zwar formal Gott geopfert, aber sein Fleisch hat man nachher gemeinsam verzehrt. Das gab einen fröhlichen Schmaus, bei dem auch der Wein nicht zu fehlen brauchte. Es entstand so etwas wie ein Volksfest.

Dennoch ging es dabei natürlich auch um Gott. Man versuchte ihn zu besänftigen oder zu gewinnen, indem man ihm opferte. Man wollte ihm auch danken. Man erschien vor Gottes Angesicht, ja ursprünglich ging es sogar darum, daß man Gottes Angesicht sieht. Dadurch bekannte sich der Mensch zu seiner Bindung an Gott.

Doch Gott reagiert heftig darauf: „Was sollen mir die Opfer? Ich bin satt davon. Ich mag sie nicht. Eure Gaben sind mir ein Greuel. Eure Festversammlungen sind mir verhaßt. Mir langt es. Auch eure Gebete höre ich nicht!“ Dabei geht es nicht gegen Opfer und Feste schlechthin. Der Prophet spricht von „euren“ Opfern und „euren“ Festen. Es geht ihm um den Mißbrauch und die falsche Einschätzung des gottesdienstlichen Treibens, um den Gegensatz von Frevel und Feiertag.

Da breitet man betend die Hände zu Gott aus, aber die Hände sind voll Blut. Man treibt einen großen Aufwand im Gottesdienstlichen, aber im praktischen Leben gibt es manches böses Tun. Dieses hält man entweder für normal oder man will es durch fromme Gesten ausgleichen. Statt eines sachlichen Gehorsams im Alltag treiben sie frommes Getue am Feiertag. Statt der Selbsthingabe an Gott versuchen sie es mit der Ersatzleistung des Opfers eines Tieres.

Die sozialen Verhältnisse damals waren katastrophal. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer. Es gab Leute, die reihten Feld an Feld und Haus an Haus und lebten in Luxus. Und das geschah auf Kosten der sozial Schwachen, der Witwen und Waisen. Oft wurden die Richter bestochen und das Recht mißachtet, es entstand schon damals eine Klassengesellschaft.

Heute hat sich im gesellschaftlichen Leben allerlei verändert. Aber damit sind die Ansprüche Gottes an uns noch nicht erfüllt. Statt der Witwen und Waisen stehen vor uns die hungernden Völker. Statt der Unterdrückten von damals sehen wir die Völker, die heute von den Machthabern niedergehalten werden. Aber wir können auch an die denken, die ihr Schicksal einsam tragen müssen und keiner steht ihnen bei.

Da will ein junger Mann ein Mädchen aus dem Ausland heiraten. Aber er erhält keine Genehmigung, er soll sich unter den Schönen im Lande umsehen. Die Eltern werden unter Druck gesetzt, im Betrieb bekommt er es zu spüren, er wird immer wieder zu den Behörden bestellt. Da regt man sich auf über die „wilden Ehen“, aber da wo junge Leute heiraten möchten und vielleicht schon ein Kind haben, da gibt es keine Genehmigung. Wer gibt eigentlich das Recht, sich in diese persönlichen Dinge hineinzuhängen?

Der Prophet Jesaja zieht als Beispiel für die Opfer menschlicher Politik und Ungerechtigkeit die schwächsten Glieder heran. Die Witwen und Waisen stehen stellvertretend für alle, die unter die Räder der Gesellschaft gerieten. Die Moral einer Gesellschaft erweist sich daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Daran mißt Gott aber auch die Gemeinde, ob sie für die Schwachen und Entrechteten einsteht. Die Opfer im Tempel und die Opfer menschlicher Gewalt sind ein Widerspruch.

Es könnte auch sein, daß einer in seiner kirchlichen Betriebsamkeit aufgeht, in mehreren Gremien sitzt und vieles organisiert, aber am nächstliegenden und Dringlichsten schuldig wird. Gott fühlt sich davon angewidert. Er soll sich die gut eingelernten Reden anhören, aber ihm entgeht nicht, wieviel Leerlauf dabei ist.

 

2. Trost für die Geängsteten:

Im Gottesdienst will zuallererst Gott etwas für uns tun. Unsere Antwort ist nicht unsere Leistung, sondern das Eingehen auf sein gnädiges Kommen und Wirken. Unsere Sünde ist wohl nicht, daß wir es mit dem Gottesdienstliehen übertreiben. Wir würden es uns dringlich wünschen, daß Gottes Vorhöfe ein bißchen mehr zertrampelt werden. Gottesdienstliches Leben bedürfte bei uns einer Wiederentdeckung.

Wenn der Gottesdienst wegfällt, stellt sich eine gottgemäße Verhaltensweise nicht vor selbst ein. Viele sagen: „Ich kann auch ohne Kirche ein guter Mensch sein!“ Doch wie soll es zu einer gottgemäßen Lebenspraxis kommen, wenn man den Kontakt mit Gott, die Gemeinschaft der Heiligen und Gottes Gegenwart im Sakrament nicht mehr hat?

Da wird aber gesagt: „Wenn nur alle so wären wie ich! Man tut, was man kann! Auch ohne Gott und Gottesdienst ist bei mir das Meiste in Ordnung!“ Man versteht die Leidenschaft derer, die sagen: „Allein auf die Praxis kommt es an!“  Doch hinsichtlich der praktischen Erfolge des guten Willens kann man sich doch erheblich täuschen. Es ist immer noch viel zu reinigen und zu verbessern. Man ist doch oft so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß die Menschen, die uns brauchen, nicht zu ihrem Recht gekommen sind. Man wäre einem Menschen Zuwendung schuldig, aber dann wird es schwierig und sogar zu einer Last, da gibt man es wieder auf.

Da wäre es schlimm, wenn es der Ort der Zuflucht nicht gäbe, wo man die Vergebung der Sünde empfangen kann. Dort wird man angenommen, ganz gleich, wie weit man es mit dem gelebten Gehorsam gebracht hat. Wer ein dickes Fell hat, dem muß man Unruhe machen, weil er seine religiöse Stellung mißversteht. Wer aber ein geängstetes Gewissen hat, dem muß man zeigen, wie Gott heilt, was krank ist.

 

3. Impuls für den Gehorsam:

Was vor Gottes Angesicht geschieht, soll Impuls sein für die Gehorsamen. Der Gottesdienst ist der Ort der Sammlung der Gemeinde. Aber er ist auch der Ort der Sendung der Gemeinde in die Welt. Das im Gottesdienst gesprochene Wort soll in der Welt wirken und nicht leer zurückkommen.

Vorher aber muß man gewaschen sein, muß das Blut der Opfer weg von den Händen. Hier kommt aber das Opfer Christi in den Blick. Nur e r kann die bösen Taten aus Gottes Augen schaffen, nur er kann die Kluft zwischen Tieropfern im Tempel und Opfern der Unmenschlichkeit überwunden. Christus wurde das Opferlamm, das der Welt Sünde trägt, und damit auch die Sünde der Kirche.

Das ist das Tröstliche an diesem Bußtag: Er fordert uns nicht nur auf zur Umkehr, sondern er spricht auch zu uns von der Vergebung. Sie ist die Voraussetzung für die Totalverwandlung der Herzen, für die Erneuerung des Menschen. Dafür gilt es, auf Gottes Wort zu hören. Der Prophet sagt: „Tut eure bösen Taten aus meinen Augen! Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht! Helft den Unterdrückten!“ (V.16-17). Wenn wir auf Gottes Wort hören, wird es zu einem neuen Wollen und Tun kommen. Der Bußtag will uns dazu wieder einmal einen neuen Anstoß gegeben haben.

 

 

Jesaja 2, 1 – 5 (8. Sonntag nach Trinitatis):

Wo etwas los ist, strömen die Menschenmassen zusammen. Wenn eine deutsche Fußballmannschaft Weltmeister geworden ist, geht es zum Empfang auf den Frankfurter Römerberg,  da kann kein Arbeitgeber mehr die Fans halten. Wie von magischen Kräften gezogen eilen sie alle dorthin, wo die Stars sich einmal kurz dem Volk zeigen. Man kann sie aus der Ferne zwar kaum sehen, aber man ist dabei gewesen.

Warum geschieht das nicht auch, wenn in der Kirche etwas los ist? Dort ist immer etwas los, wenn sich Menschen versammeln. Wenn Gott einlädt, dann kann man doch nicht einfach so vorübergehen. Aber irgendwie löst der Ruf der Glocken nicht die Reaktionen aus wie bei den Fußballbegeisterten.

Ich habe einmal jemand zum Zahlen der Kirchensteuer bewegen wollen mit dem Argument: „Der Betrag ist geringer als die Fernsehgebühr!“ Da war die Antwort: „Aber das Fernsehen ist zehnmal interessanter als die Kirche!“ Warum ist die Kirche für so viele Menschen so wenig attraktiv?

Bei einer Untersuchung haben der öffentliche Dienst und die Kirchen sehr schlecht abge­schnit­ten bei der Beurteilung ihrer Kundenfreundlichkeit. Man mag das bedauern, daß die Kirche als Dienstleistungsbetrieb angesehen wird und die Gemeindeglieder als Kunden. Aber In der heutigen Gesellschaft gelten nun einmal diese Maßstäbe.

Da wird gefragt nach günstigen Öffnungszeiten, nach hellen und warmen Räumen, nach einem abwechslungsreichen Programm. Die Angestellten sollen Animateure sein, die das zahlende Publikum zur Kreativität anregen. Die Kirche wäre dann so eine Art Reiseveranstalter! Nur soll die Reise nicht ins Jenseits gehen, sondern schön in unseren irdischen Gefilden bleiben.

Oder man sieht die Kirche wie eine Versicherung an: Man zahlt etwas ein für den Notfall. So ganz ohne Absicherung möchte man nicht sein, das hat man schon begriffen. Aber wenn dann der Versicherungsfall eintritt, dann soll auch alles klappen bei dem Dienstleistungsunternehmen Kirche. Dann hat man ein Recht auf prompte Bedienung, einen angemessenen äußeren Rahmen und zum Beispiel eine witzig bis tiefschürfende Rede. Nur so kann man das eingezahlte Geld wieder herausholen.

Es ist schwer, sich diesem Anspruchsdenken zu entziehen, denn es steckt in uns allen drin. Dabei hat die Kirche in der Tat etwas zu bieten. Nur ist das nicht unbedingt das, was man so vordergründig in ihr sucht. Aber hier ist das zu finden, was wirklich unser Leben erhält und uns Zukunft gibt.

Bei den Israeliten war das noch anders. Sie hatten eine tiefe Sehnsucht nach der Herrschaft Gottes, nach dem Offenbarwerden seiner Herrlichkeit. Sie meinten: Einst kommt der Tag, an dem alle Menschen erkennen, wer Gott ist und wie er zu uns ist. Dann werden sie zum Berg Zion in Jerusalem kommen und den Gott Israels anbeten. Jerusalem also der Nabel der Welt, das Ziel für die ganze Menschheit, der Beginn einer neuen Welt.

Aber hat es das nicht auch in unserem Volk gegeben? „Am deutschen Wesen soll

die Welt genesen!“ hieß es im 19. Jahrhundert bei dem vielfach verehrten Dichter Emanuel Geibel. Heute heißt es: „Deutschland muß Weltmeister werden, alles andere zählt nicht!“ Oder der einzelne sagt: „Ich will es zu Reichtum bringen, sonst war mein Leben vergeblich. Die anderen sollen kommen und mich bewundern, dann bin ich der Größte!“

Das liegt einfach ins uns drin, daß wir nicht den unteren Weg gehen wollen, sondern über die anderen erhaben sein wollen. Dabei ist doch Gott der Höchste. In der Bibel wird das so ausgedrückt, daß Gott auf einem Berg wohnen soll. Nun ist der Berg Zion innerhalb der Stadt Jerusalem nicht besonders hoch. Aber es geht ja auch nicht um die tatsächliche Höhe, sondern es sollte damit zum Ausdruck kommen: Dieser Gott ist mehr als alle anderen Götter! Und wir heute sagen sogar: Dieser Gott ist der einzige, konkurrenzlos in der Welt! Nicht Israel ist allein das erwählte Volk, nicht wir sind seine Lieblingskinder: Gott allein ist der Größte und Höchste.

Aber es ist doch ein schönes Bild, wie die Völker da nach Jerusalem kommen, um sich Weisung für ihr Zusammenleben zu holen. Sie wollen den Priester befragen, der das Gesetz Gottes verwaltet. Sie brauchen eine Art Schiedsstelle in Konfliktsituationen, für die großen Fragen der Welt. Und dazu gehen sie nicht zu dem Orakel von Delphi, sondern zu dem Gott Israels.

Heute müßte die Kirche an diese Stelle treten. Dabei ist aber die Gefahr groß, daß nicht Gottes Wort verkündet wird, sondern Menschen ihre Herrschaft aufrichten. Diese Gefahr ist immer beim Papst gegeben, der eine Art Oberaufsicht über die Welt durchführen will und sich als Stellvertreter Gottes versteht. Aber er predigt nicht die Liebe Gottes, wie sie im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, sondern eine enge menschliche Moral einer vergangenen Zeit.

Die evangelische Kirche ist da anpassungsfreudiger und aufgeschlossener. Aber ihre Denkschriften werden von Professoren und Oberkirchenräten verfaßt, die weitab vom wirklichen Leben der meisten Menschen sind. Schon ihre Sprache ist so abgehoben, daß man ihre klugen Gedanken gar nicht versteht. Und die Ratschläge zielen so sehr auf eine heile Welt hin, daß man von vornherein entmutigt wird. Auch von den evangelischen Kirchen geht heute nur wenig Weisung aus.

Selbstverständlich ist: Wenn die Völker der Welt nach dem Willen Gottes fragen, dann ist unser Volk, dann sind wir alle aufgefordert, zu Gott zu gehen und uns beraten zu lassen. Wir kommen alle nicht mit den Fragen des Rechts zurecht. Immer wieder muß es geändert werden, weil sich die Verhältnisse geändert haben.

Aber es muß leider auch geändert werden, weil die Menschen so wenig auf Gott hören und sich nicht nach den Geboten richten. Weil es zu viele Übertretungen gibt, wird die Schwelle einfach heraufgesetzt, damit die Zahl der Fälle niedrig bleibt.

Wir brauchen aber eine höchste Autorität in der Welt, wenn es gerechter und friedlicher zugehen soll. Unser Gewissen ist da zu unzuverlässig. Es wird überlagert und fehlgesteuert durch landläufige Auffassungen und Gewohnheiten. Wenn Unternehmer andere Menschen für einen Hungerlohn arbeiten lassen, dann muß man mithalten, wenn man nicht pleitegehen will. Der Kriegsverbrecher und Mauerschütze beruft sich auf den Befehlsnotstand. Der Terrorist meint, mit Gewalt die Welt verbessern zu können.

Wenn es um das eigene Interesse geht, dann denken wir doch immer an uns selbst. Nicht nur die anderen verbiegen Wahrheit und Recht zu ihren Gunsten, sondern auch bei uns selbst ist das so. Wie gut wäre es doch, wenn wir uns mit unserem Gegner an einem dritten Ort treffen könnten, wenn wir gemeinsam vor Gott treten könnten und ihn entscheiden ließen, so daß wir aus Feinden und Gegnern zu Partnern oder gar Freunden werden.

Letztlich ist das Recht doch eine Wohltat für alle Seiten. Das merkt man besonders bei Rechts­brüchen, wenn man Opfer eines Einbruchs oder einer Gewalttat wurde, wenn Faustrecht und Krieg herrschen.

Der wichtigste Ratschlag Gottes ist: Haltet Frieden! Vor dem UNO-Gebäude in New York steht die Plastik eines Mannes, der sein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Sie wurde in Ungarn geschaffen und dort auch auf einer Briefmarke verewigt. Die Sowjetunion hat sie dann gekauft und der UNO geschenkt und ein Duplikat in Moskau aufgestellt.

So hat die Botschaft des Jesaja die Runde um die Welt gemacht. Sie steht anschaulich vor dem Gebäude der UNO, die doch geschaffen wurde, um den Frieden in der Welt zu erhalten. Doch wir wissen alle, wie ohnmächtig sie ist. In Bosnien hat sie 1992 Schutzzonen geschaffen. Aber ihre Soldaten haben tatenlos dabeigestanden, wie Tausende von Menschen hingemordet wurden.

Helfen kann die UNO nur, wenn die Großmächte einverstanden sind und die Betreffenden zustimmen. Die UNO ist nur e i n e Stimme im Konzert der Standpunkte. Sie ist nur die Summe dessen, was die Völker von sich aus leisten können. Aber sie ist leider nicht die Schiedsstelle außerhalb oder oberhalb der Streitenden.

Frieden gibt es nur mit Gott. Er fordert die Vernichtung der Waffen und die Abschaffung des Krieges als Mittel der Politik. Der Krieg darf nicht mehr länger als Handwerk gelten, das man erlernen kann. Doch das ist leichter gesagt als getan.

In den letzten Jahren wurde ja abgerüstet. Aber gleich ging das Geschrei der Gemeinden los: Wir brauchen die Bundeswehr als Arbeitgeber und Kunde. Bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage werden sich viele Männer und in zunehmendem Maße auch Frauen sagen: „Ehe du arbeitslos wirst, gehst du lieber zur Bundeswehr. Da wirst du Beamter und bist in Sicherheit!“ So wird der Krieg zum ganz normalen Beruf, nicht mehr das letzte Mittel der Politik, wenn auch nicht ein besonders gutes.

Die Menschheit hat immer sehr viel besser gewußt, wie man Kriege vorbereitet und führt, als wie man Frieden schafft. Drücken Sie einem Jungen eine Wasserpistole in die Hand, und er weiß, wie er damit umgehen muß. Der russische Kinderbuchautor Marschak sagte einst vorwurfsvoll zu den Kindern am Straßenrand: „Wie kann man nur Krieg spielen. Ihr wißt doch sicher, wie schlimm Krieg ist. Ihr solltet lieber Frieden spielen!“ Die Kinder antworten: „Das ist eine gute Idee!“ Sie beraten und tuscheln. Schließlich tritt ein Kind vor und fragt: „Großväterchen, wie spielt man Frieden?“

Das haben wir alle nicht gelernt. Nein einziges Friedensforschungsinstitut gibt es, nämlich in Stockholm. Wir brauchen aber viel mehr Phantasie, damit Patronen zu Schrauben und Panzer zu landwirtschaftlichen Maschinen werden. In zwei Kriegen haben wir es umgedreht erlebt: Da wurden die Glocken von den Kirchtürmen geholt und zu Kanonen umgegossen. Man mußte schon vorher, daß man auch damit den Krieg nicht gewinnen konnte. Aber man wollte den Leuten vor Augen führen: Ihr müßt jetzt die letzten Reserven mobilisieren!

Aber wenn jetzt wieder Kanonen zu Glocken werden, dann ist das noch nicht der Frieden. Abrüstung und Friedenssicherung haben nur auf der Grundlage des Vertrauens eine Aussicht. Interessenkonflikte wird es immer geben. Es gibt sie auch in unserem kleinformatigen Alltag. Bereinigen lassen sie sich nur, wenn Gott der Schiedsrichter ist.

Dann sähen die Konflikte von vornherein anders aus: Das Land wäre uns nur von Gott geschenkt. Seine Früchte und Bodenschätze wären Gottes Gaben. Die Menschen und Tiere wären unsre Mitgeschöpfe. Und die Politiker und Wirtschaftsbosse würden die Erde als Gottes Beauftragte regieren. Keiner hätte mehr Angst, zu kurz zu kommen, weil er alles von Gott erwarten darf. Schließlich wüßte überhaupt keiner mehr, wie man Waffen herstellt. Totaler Frieden auch im zwischenmenschlichen Bereich!

Ist das zu idealistisch gesehen? Ist das nicht ein Traum, der sich nie verwirklichen läßt? In der Tat wird dazu erst die Herrschaft Gottes aufgerichtet werden müssen. Allerdings wird sie anders sein als die Machtausübung unter Menschen. Gott setzt sich nur durch mit Liebe und Hingabe seiner selbst. Was Jesaja nur als Bild geschaut hat, ist in Jesus Wirklichkeit geworden. Er hat gezeigt, daß man Haß überwinden und Frieden halten kann. Symbol des Friedens ist nicht nur die harmlose Taube, sondern auch der kräftige Schmied, der Waffen zu Werkzeugen macht. Frieden wir nicht nur passiv erlitten, sondern auch aktiv erstritten.

Wir müssen schon etwas dafür tun, aber wir k ö n n e n auch etwas dafür tun. Wir können keine Abrüstungsverhandlungen führen. Aber wir können als Eheleute einander zu verstehen versuchen, als Nachbarn alles zum Besten kehren, als Feinde wieder ins Gespräch kommen und als Ichmenschen auf das Wohl anderer bedacht sein. Weil wir selber zu Gott gefunden haben, können wir tatsächlich etwas ändern in der Welt. Oder besser gesagt: Weil Gott sich in uns durchsetzt, kommen wir voran auf dem Weg zu der großen Zukunft schau des Propheten. Wer diese Zukunft vor Augen hat, kann nicht mehr leben, als gäbe es sie nicht oder als käme sie nicht: Diese neue Welt Gottes kommt!

 

 

Jes 4, 1 - 4 (1. Sonntag nach Epiphanias Variante 1):

„Wir sind noch einmal davongekommen!“ So hat man nach dem Krieg gesagt, als vieles zerstört war und Millionen Menschen umgekommen waren. Die Überlebenden waren dankbar, daß sie noch da waren, und machten sich an den Wiederaufbau. Viele vergaßen auch nicht den Dank gegenüber Gott. Sie besuchten die Gottesdienste und wollten ein neues, besseres und ernsthafteres Leben beginnen.

Das ist schon eine große Befreiung, wenn man nicht mehr Angst vor Bomben haben muß, wenn man ruhig zu Mittag essen kann, ohne durch einen Alarm gestört zu werden. Aber wie meist in solchen Fällen legen sich diese Anwandlungen von Angst auch wieder. Es gab ja viel zu tun. Man ging an den Wiederaufbau. Da trat die Dankbarkeit gegenüber Gott dann allmählich in den Hintergrund. Jetzt hatte man wieder mehr das Gefühl, alles der eigenen Tüchtigkeit und dem eigenen Können zu verdanken. Es wurde ja auch etwas geschafft, und eine neue, gerechtere Gesellschaft wurde aufgebaut.

Zur Zeit des Propheten Jesaja II. hoffte man noch auf eine bessere Welt. Das Volk Israel war in Babylon in der Gefangenschaft. Sie hofften auf einen Retter, der sie wieder in die alte Heimat zurückführen würde. Der Prophet versprach ihnen im Auftrag Gottes das Kommen eines Gottesknechtes, der die Wende herbeiführen würde.

In den Gottesknechtsliedern des Jesaja ist nirgends so recht deutlich, wer mit diesem Gottesknecht gemeint sein soll. Ist es der Prophet Jesaja selber? Ist es ein anderer Prophet? Ist es der Perserkönig Kyros, dessen Macht immer mehr wuchs und der die Babylonier einst besiegen und dem Volk Israel die Freiheit geben würde? Oder ist es das Volk selber, das mit seiner Kraft die Wende herbeiführen wird? 

Als Christen denken wir natürlich an Jesus Christus, der der wahre Gottesknecht gewesen ist, der die Verheißungen der Propheten erfüllt hat. Die Taufe Jesu - von der wir im Evangelium des heutigen Sonntags gehört haben - war die Einsetzung in das Amt des Gottesknechtes. Und im Matthäusevangelium wird dieser Abschnitt aus Jesaja ausdrücklich zitiert, weil man Jesus als den angesehen hat, der Gottes Plan verwirklicht.

Gott hat Jesus für seine Aufgabe besonders ausgerüstet. Es kann ja nicht jeder daran gehen, das Recht Gottes in der Welt verwirklichen zu wollen. Wenn einer das tut, dann muß Gott selber in ihm handeln. Gott stützt und hält seinen Knecht; dieser ist sein Erwählter, an dem er Gefallen gefunden hat. Seit Jesus und durch Jesus hat Gott begonnen, sein Recht in der Welt durchzusetzen. Aber auch heute tut er es sicherlich, und zwar durch Menschen, die im Auftrag Gottes handeln.

Ein Knecht Gottes erfüllt seine Aufgabe allerdings auf eine sehr stille und unaufdringliche Weise. Zwar muß das Recht in der Welt auch durch Macht gestützt und durchgesetzt werden. Wir brauchen schon einen Staat und Polizei und Gerichte. Aber man kann die Welt nicht durch den Gebrauch von Gewalt verändern. Das meinen ja alle Diktatoren: Wir müssen erst einmal alle unsre Gegner ausschalten, dann kommen unsre Ideen voll zum Zuge und wir können unser Volk herrlichen Zeiten entgegenführen.

Recht und Gerechtigkeit sind eine alte Sehnsucht der Menschheit. Aber oft hat man diese Worte nur im Munde geführt, in Wahrheit aber die Völker unterdrückt und ausgebeutet und sogar in Kriege verwickelt. Selbst die Kirche hat es oft nicht auf eine „stille“ Weise versucht, sondern mit Sensationen, Besserwisserei und gesellschaftlichem Druck. Doch weder mit frommer „Show“ noch mit dem Zwang des Gesetzes kann man die Menschen für Gott zurückgewinnen. Druck erzeugt immer nur Gegendruck. Zwar hat auch Jesus hart und gepfeffert geredet, wo es nötig war; in der Frage nach der Wahrheit hat er nicht nachgegeben. Aber er gibt den Menschen die Entscheidung frei und hat Geduld mit ihnen.

Der Prophet verwendet dafür zwei schöne Bilder: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Vor Gericht wurde es damals so gemacht: über dem Verurteilten wurde der Stab gebrochen und bei einem Todesurteil wurde sein Lebenslicht ausgeblasen.

So etwas haben wir wohl schon alle in unserem Leben erfahren, daß das Rohr schon geknickt war und ganz zu zerbrechen drohte. Da macht die Firma pleite und die Suche nach einer neuen Arbeit geht wieder los; man hat eine Familie zu ernähren, hat Schulden gemacht, und nun ist die Zukunft auf einmal völlig ungewiß. Oder man hat einen Herzinfarkt erlitten, zwar leicht nur, aber doch so, daß man jetzt zum ersten Mal richtig Angst hat, das Lebenslicht könnte ganz ausgelöscht werden. Oder denken wir an die ökologische Krise, an die Verschmutzung der Umwelt: ist es da nicht schon weiter als 5 vor 12? Da können wir doch lange noch nicht sagen: Wir sind noch einmal davongekommen!

Doch wenn wir uns an Gott halten und seine Gebote achten, in seinem Geist leben und seiner Weisung folgen, dann haben wir immer noch eine Hoffnung. Wer hätte 1945 noch etwas auf das deutsche Volk gegeben? Wer hätte 1988 noch etwas auf die Deutschen in der DDR gegeben, als der Generalsekretär der Staatspartei meinte, die Mauer in Berlin werde noch 50 oder 100 Jahre stehen? Wer hätte noch wenige Wochen vorher an die Wende geglaubt? Sie mußten sich doch alle fragen: Werden sie dreinschlagen, wie sie es vorhatten? Werden sie die politischen Gegner entsprechend ihren Listen in die schon vorbereiteten Internierungslager bringen? Oder wird alles friedlich abgehen?

Gott sei Dank ist es anders gekommen. Dieses „Gott sei Dank“ sollten wir wirklich aus vollem Herzen sagen, denn nicht durch eigene Kraft ist es weitergegangen, sondern nur durch Gottes Hilfe. Deshalb sollten wir den Dank an Gott nicht vergessen, weder in unserem persönlichen Leben noch in den Vorgängen der großen Politik.

Jetzt kann endlich in den Staaten Mittel- und Osteuropas ein Stück mehr an Recht und Gerechtigkeit verwirklicht werden. Doch vergessen wir nicht: Vollkommene Gerechtigkeit gibt es nirgends auf der Welt. Zunächst einmal pocht jeder auf sein vermeintliches „gutes Recht“. Gottes Forderung ergeht an Schuldige. Wir sind nicht eine leere Tafel, die erst noch beschrieben werden muß - mit Gutem oder mit Bösem. Auf dieser Tafel steht schon viel zu viel, und meist nichts Gutes. Jesus ist zu solchen gekommen, die eine von Gott verhängte Strafe abzubüßen hätten, auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen.

Doch Jesus zerbricht das geknickte Rohr nicht noch vollständig, sondern er begnadigt die Angeknacksten. Aber dafür wird er selber zerbrochen. Schon bei der Taufe wurde angedeutet, wie das alles enden wird: Jesu Lebenslicht wird ausgeblasen, aber w i r dürfen leben! Doch nicht nur wir, sondern alle Menschen in der weiten Welt bis zu den fernsten Inseln. Was an Weihnachten ganz klein und unscheinbar angefangen hat, das hat seinen Lauf durch die ganze Welt genommen.

Doch zunächst einmal gilt die frohe Botschaft ja uns. Wir selber dürfen Mut schöpfen, immer wieder neu. Aber wir sind auch immer wieder gefordert durch die Menschen, die Gott uns vor die Füße legt. Die große Wende in der Welt kommt nur, wenn wir selber anders werden und versuchen, ein Stück der Gerechtigkeit Gottes in der Welt voranzubringen. Es sind so viele Menschen da, die darauf warten, daß ein Auge sie wahrnimmt, daß ein Mund ihnen Trost zuspricht und daß eine Hand sich schützend um ihr Lebenslicht legt.

Wir alle sind aufgerufen, diese Aufgabe auch im neuen Jahr wieder wahrzunehmen. Unsere Welt braucht den lebendigen Glauben. Er ist nicht nur für den Heiligen Abend da, sondern für unser ganz gewöhnliches Leben mit seinen Problemen, Ängsten und Freuden. Wenn es uns in der kommenden Zeit wieder einmal besonders schlecht gehen sollte, dann könnten wir doch an dieses Bild des Jesaja denken: Das Rohr wird nicht zerbrochen, das Licht nicht gleich ausgeblasen; es gibt eine Zukunft, denn Gott steht uns bei.

 

 

Jes 5, 1 - 7 (Reminiszere):

Wir haben keine Chance! So denken sicher viele unter uns, vor allem auch junge Leute. Deshalb passen sie sich an, teils aus Berechnung, teils weil sie es aufgegeben haben. Sie lassen sich gewissermaßen aus dem Zug fallen und überfahren, vom Alkohol, von Arbeitsmüdigkeit, von Einsamkeit. Sie sagen sich: Es geht ja doch nicht, was wir vorhaben. Da haben wir einmal eine Hoffnung geschöpft, gleich ist wieder ein Dämpfer gekommen.

Die Eltern und Großeltern aber sagen vielleicht: „Das ist wohl euer Dank für alles, was wir für euch aufgebaut haben? Wir haben auf vieles verzichtet, haben keine Mühe und keine Kosten gescheut, damit ihr es besser haben sollt. Ihr habt euch ins gemachte Nest gesetzt und seid nun noch undankbar!“

Aber die jungen Leute fragen dann zurück: Eure Investitionen machen uns doch eher kaputt. Diese großen Hallen, in denen man arbeiten soll, die weiten Wege zur Arbeitsstelle, das ständige Hochschrauben der Forderungen. Wirtschaft, Bürokratie und Rüstung - nichts ist mehr zu bremsen. Der Ertrag all eurer Bemühungen sind dann doch nur Hektik und Beziehungslosigkeit.

Die Wirtschaft mag immer weiter vorankommen, aber die Menschen gehen dabei kaputt, körperlich und seelisch. Die Chemie macht die Lebensmittel zu Giften. Immer mehr Fortschritt zehrt die Energiereserven auf. Auch bei uns gibt es immer mehr Leute - ältere und vor allem jüngere - die da aussteigen wollen, die das alles nicht mehr mitmachen, die nach neuen Wegen suchen.

Aber es ist oft so im Leben, daß man ein Ziel nicht erreichen kann. Was mühen sich Eltern und Erzieher um die Kinder. Aber am Ende war alles nur verlorene Liebesmüh. Was arbeitet mancher Mann für Beruf und Geschäft. Was stecken die hauptamtlichen Mitarbeiter einer Kirchengemeinde im Laufe von Jahren an Ideen und Kräften in ihre Gemeinde, und was am Ende dabei herauskommt, das ist wenig.

Oder noch ein Beispiel: Alle Menschen wollen den Frieden. Viele Einzelne machen sich Gedanken darüber, kirchliche Synoden verabschieden Aufrufe, auf Kirchentagen und Rüstseiten wird darüber nachgedacht. Aber das Ergebnis ist - vorerst - daß wir am Rande der Selbstzerstörung stehen. Vor Jahrzehnten war noch die Rüstung die große Gefahr. Hatte es 1945 geheißen: „Nie wieder Krieg!“ Aber 1950 sagte man schon: „Nie wieder Krieg, wenigstens nicht gleich!“ Und dann erkannte man, was Professor Helmut Gollwitzer wie folgt formuliert hat: „Entweder wir schaffen die Rüstung ab, oder die Rüstung schafft uns ab!“ Heute können wir Entsprechendes sagen von den Umweltschäden und der Atomkraft.

Ja, was bleibt von den Bemühungen vieler Menschen um eine Verbesserung des Lebens auf dieser Erde? So fragen wir und sind oft enttäuscht vom Leben. Aber gibt es nicht doch irgendwo eine Hoffnung, die uns wieder Mut fassen läßt? Gibt es nicht doch noch eine Chance für den Einzelnen, für die Welt und für die Kirche? Wende statt Ende? Nicht aussteigen, sondern erst recht einsteigen? Das sollte der Wahlspruch der Christen sein.

Doch das Weinberggleichnis beim Propheten Jesaja scheint wieder mehr das andere nahezulegen. Gott hat sich viel Mühe gemacht mit seiner Gemeinde. Er hat viel Liebe aufgebracht, so wie man eben einen Weinberg hegt und pflegt. Jeder Rebstock erfordert einen großen Aufwand an Pflege. Selbst in unserer technischen Zeit muß das Meister noch mit der Hand gemacht werden.

Die Gemeinde ist Gegenstand der Liebe ihres Gottes. Der Prophet fängt wie ein Bänkelsänger irgendwo auf dem Markt zu singen an. Es hört sich zunächst an wie ein Liebeslied, denn „Weinberg“ ist ein übliches Bild für die Geliebte. Aber nachher wird deutlich, daß er doch einen richtigen Weinberg meint, und dieser wird dann zum Bild für die Gemeinde Gottes. Aber in ihr gibt es Götzendienst und Ungerechtigkeit, Not der Witwen und Waisen, der Gebrechlichen und Alten.

Gott hat alle äußeren Bedingungen für einen guten Ertrag geschaffen. Jetzt möchte er Recht und Gerechtigkeit als Früchte seiner Mühen sehen können. Es ist viel, „was Gott an uns gewendet hat“. Immer wieder hat er durchgeholfen und bewahrt, hat seinen Bund mit den Menschen immer wieder erneuert, hat ihnen Güte und Treue zugewandt. Immer wieder hat er sein entlastendes und ermutigendes und beglückendes Wort gesagt.

Er hat uns - trotz allem - angenommen, wie wir sind. Das schafft auch Gemeinschaft zwischen den Menschen. Ja, es heilt sogar die Gemeinschuft wieder, die schon gefährdet oder zerbrochen war. Durch das Abendmahl verbindet er uns immer wieder untereinander und mit sich. Brot und Wein sind Zeichen seiner Liebe und erinnern uns daran, welche Mühe Gott für uns aufgewandt hat.

Auch seine Kirche ist in äußerer und innerer Gefährdung immer wieder erhalten geblieben. Sie wurde gereinigt, aus Verirrungen zurückgeholt, in Flauten ermutigt und sogar wieder aus dem Schlaf geweckt.

Die Kirche hat kaum etwas unternommen gegen die Ausbeutung der Arbeiter im 19. Jahrhundert. Nur Wenige haben etwas gegen die Konzentrationslager und die Verschleppung der Juden gesagt. Auch in der damaligen DDR haben nur wenige Christen einen hinhaltenden Wi­derstand geleistet. Auch heute können wir nur wenig tun gegen Unterdrückung wegen Rasse, Religion oder sozialer Stellung. Auch im privaten Bereich schmälern wir das Recht der Mitmenschen und behandeln ihn ungerecht. Keiner darf sich über den anderen erheben, sondern sollte sich selbst fragen, ob er etwas falsch gemacht hat,

Gott sagt aber nicht: „Das ist doch vergebliche Liebesmüh!“ Die Zuwendung zu uns ist ihm „Herzenssache“. Wie ein Liebender könnte er zu jedem vor uns sagen: „Ich kann ohne dich nicht leben, ich brauche dich, ohne dich ist mein Dasein sinnlos!“

Aber der Weinberg brachte keine Trauben, sondern saures und verhutzeltes Zeug, sagt Jesaja im Gleichnis. An der Bodenbeschaffenheit und der Pflege kann es nicht gelegen haben. Aber so treiben wir es mit unserem Gott. Der Prophet erzählt hier die Geschichte vom enttäuschten und erfolglosen Gott.

Bei Jesaja ging es vor allem um die Wahrung des Gottesrechtes. Das Recht kommt vor Gott. Kein Mensch darf es sich zurechtbiegen, wie er es gerade braucht. Es darf nicht Hebel sein zur Durchsetzung der Interessen Einzelner oder bestimmter Gruppen. Es muß für alle gleichermaßen verbindlich und unantastbar sein.

Damals war das Recht die Sache aller. Es gab keinen beamteten Richterstand. Jeder konnte aufgerufen werden, in der Volksversammlung Recht zu sprechen. Also konnten auch alle urmittelbar am Recht schuldig werden. So hat auch die Gemeinde Gottes von heute eine Mit­verantwortung für das Recht. Das gilt besonders dort, wo sie große Möglichkeiten der öffentlichen Wirksamkeit hat. Auch wenn uns dieses Recht bestritten wird, sollten wir es doch wahrnehmen. Wenn das aber nicht möglich ist, wird die Kirche wohl durch das Leiden ein Zeugnis ablegen müssen für das Recht Gottes.

Es muß ja nicht erst zum Blutvergießen kommen, ehe in unserem Gewissen die Signallampen aufleuchten. Die Gerechtigkeit ist überall da verletzt, wo die Gebote Gottes verlassen werden, wo man hinweggeht über die Not der Mitmenschen, wo man nur mit sich selbst beschäftigt ist. Hier können wir alle einmal unser Gewissen erforschen und vielleicht doch erschrocken sein.

Einen solchen Weinberg läßt Gott zerstören: Hecke und Steinwall werden zerstört, die Pflege wird eingestellt, die Pflanzen nicht mehr beregnet. Menschen und Tiere werden alles zertreten, das Unkraut wird alles überwuchern. Gott braucht die Menschen nur sich selbst zu überlassen, dann sind sie schon gerichtet.

Aber dieses harte Gericht kann nicht das Letzte sein, das Gott uns zu sagen hat. Gott ist doch wie ein Liebhaber, der an seine Braut denkt und sie sucht. Er ist bereit, sich für sie zu opfern. Er schmiedet Zukunftspläne. Was würde daraus, wenn der Weinberg vernichtet wird? Denken wir aber auch so an Gott? Lassen wir ihn uns etwas kosten? Bestimmt er unsre Zukunftspläne? Oder ertappen wir uns dabei, daß wir gelegentlich fremdgehen? Gott hat hohe Erwartungen an uns. Derer sollten wir uns als würdig erweisen und gegen jede Form der Hoffnungslosigkeit vorgehen.

Dazu werden wir ermutigt durch Jesus. Es wird zwar kein Wort von Jesajas Gerichtspredigt zurückgenommen. Aber nach Niederlage und Gefangenschaft schenkte Gott doch nach der Rückkehr einen Neuanfang. Das Gerichtslied wurde letztendlich wieder zum Liebeslied. Für unsre Fehlleistung ließ Gott seinen eigenen Sohn büßen. Der vernichtende Stoß des Zornes Gottes traf den Mann am Kreuz. Er ist wie der Hitzeschild an einem Weltraumfahrzeug: Er verhindert die Zerstörung der Kapsel, wenn diese wieder in die Erdatmosphäre einritt. So verglüht nur der Hitzeschild, aber das Fahrzeug selber bleibt erhalten. So ist Jesus Christus der Hitzeschild in der Glut des göttlichen Zorns. Er opfert sich für uns, auch wenn wir versagen, wenn wir Unrecht tun oder es schweigend zulassen?

Wir dürfen Gott bitten wie im 25. Psalm, der dem heutigen Sonntag den Namen gegeben hat: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“ Das ist die frohe Botschaft gerade für die, die sich im Weinberggleichnis Jesajas wiedererkennen. Jeder hat eine Chance, weil Gott ihm noch einmal eine gibt, nicht nur einmal, sondern immer wieder.

 

 

Jes 6, 1 - 8 (Trinitatis):

Zum Gottesdienst finden sich immer Christen ganz unterschiedlicher Schattierung in der Kirche ein. Da sind einige kirchlich sehr engagierte Menschen dabei, Kirchenvorsteher und kirchlich aktive Leute. Da sind andere, die gelegentlich zum Gottesdienst kommen und wieder andere, die sicher lange nicht ein Gotteshaus von innen gesehen haben.

Wir wollen uns davor hüten, einen abzuqualifizieren, weil er nicht dem Idealbild eines Christen entspricht. Es gibt ja andere, die überhaupt nicht zu diesem Gottesdienst gekommen sind und nicht nur verhindert sind, sondern auch das ablehnen, was hier geschieht. Wer aber hier mit uns feiert, der hat recht getan. Wir haben nicht das Recht, hier Unterschiede zu machen.  A 1 1 e haben wir die Möglichkeit, heute hier im Gottesdienst dem heiligen und dreieinigen Gott zu begegnen.

Wir haben ja heute das Trinitatisfest. Es will uns deutlich machen, daß Gott uns auf drei verschiedenen Weisen begegnet: als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. In einem Predigttext aus dem Alten Testament kann das natürlich noch nicht so deutlich werden, denn damals wußte man ja noch nichts von Jesus Christus, dem Sohn Gottes und nichts vom Heiligen Geist.

Aber schon im Alten Testament hat man nach und nach das Wesen Gottes entdeckt. Zunächst hat man ihn nur als Gott in der Geschichte erfahren, der dem Volk beim Durchzug durchs Meer geholfen hat. Dann hat er ihnen das versprochene Land gegeben und ihnen gegen die Feinde geholfen. Er hat am Sinai einen Bund mit ihnen geschlossen und ihnen seine Gebote mitgeteilt. Dann haben sie erkannt, daß nicht die angestammten Götter die Fruchtbarkeit des Landes geben, sondern allein ihr Gott. Und daraus entwickelte sich dann die Erkenntnis, daß er auch der Schöpfer der ganzen Welt ist. Natürlich war Gott schon immer der Schöpfer. Aber erkannt hat man das erst nach und nach.

 So ist der Gott des Alten Testaments noch unerkannt der dreieinige Gott des Neuen Testaments ist. Uns heute ist die Decke vor den Augen weggezogen und wir sehen die ganze Herrlichkeit Gottes. Gott hat in Jesus Christus ein Gesicht bekommen und leitet uns auch heute durch seinen Geist. Deswegen wollen wir auch heute alle drei Artikel des Glaubensbekenntnisses durchgehen und uns deutlich machen: Gott ist zwar unnahbar, aber er hat uns doch frei gemacht von unserer Sünde und sendet uns heute zu den Menschen.

 

(1.) Gott ist unnahbar: Für viele von uns mag Gott auch groß und unnahbar erscheinen. Und die Welt Gottes sowie die Welt des Gottesdienstes mag ihm fremd und sonderbar erscheinen. Die alltägliche Welt ist ihm völlig anders. Die Sprache, die am Sonntag innerhalb der Kirchenmauern gesprochen wird, ist anders als die Sprache, die am Montag draußen gesprochen wird.

Dennoch darf Jesaja einen kleinen Blick in die Welt Gottes tun. Allerdings kann er Gott nicht selber sehen. Er muß den Blick senken. Er sieht nur ein großes Licht und der Vorhang im Tempel kommt ihm vor wie der Saum des Gewandes Gottes. Gott aber bleibt fremd und übermächtig, in Rauch eingehüllt und nur durch das Rufen der Engel noch angedeutet. Gott wird nur erkennbar, wenn er sich selbst erschließt. Auch für Jesaja ist die Gotteserfahrung im Tempel einmalig gewesen. Gott bleibt der Heilige. Hier ist eine Grenze gezogen, die der Mensch nicht ungestraft übertreten darf. Gott ist halt anders. Aber er ist nicht weit weg hinterm Sternenzelt, sondern er ist ständig gegenwärtig in seiner ganzen Schöpfung. wohin wir auch gehen, stoßen wir auf Gott. Der unsichtbare Gott gibt sich zu erkennen, auch in unserer Zeit und auch für uns.

 

(2.) Gott macht uns frei: Der unnahbare Gott sich uns gezeigt in Jesus Christus. Weil wir dafür oft blind sind, muß es uns gesagt werden. Jesaja empfindet das sehr stark, daß er unrein und sündig ist. Seine Angst und sein Schuldgefühl werden ihm nicht ausgeredet. Er muß erst entsündigt werden, ehe er sein Amt antreten kann. Jesaja empfindet besonders, daß er unreine Lippen hat. Mit den Lippen sprechen wir und stellen die Verbindung zu anderen Menschen her. Die Lippen und die Sprache sind so das eigentlich Menschliche. Aber gerade hier kann sich deshalb eine Verderbnis besonders auswirken. Deshalb muß auch Jesaja mit der Feuerglut von Gottes Altar gereinigt werden. Aber Gott (!) muß es machen. Er tut das aber immer „durch etwas“, also durch seine Engel und durch ein Stück glühende Kohle.

Der Reinigungsakt bei Jesaja ist dabei nicht nur eine symbolische Handlung. Wenn Gott handelt, dann hat das auch Hand und Fuß. Diese Reinigung geschieht auch schon im Blick auf Christus. Er hat ja erst dafür gesorgt, daß wir voll und ganz frei gemacht werden von der Sünde. Gottes Gericht fällt zwar nicht aus, aber es wird nicht an uns vollstreckt, sondern an seinem Sohn Jesus.

Als er Gott erkennt, merkt Jesaja, daß seine Beziehung zu Gott gestört ist. So ist auch heute jeder Gottesdienst eine Gelegenheit, das eigene Versagen zu erkennen und sich vor Gott entsündigen zu lassen. Alles, was sich im Laufe des Lebens so angelagert hat, kann jetzt wieder abgewaschen werden. Besonders das Abendmahl will uns das ja deutlich machen und uns wieder in die Gemeinschaft mit Gott hinein ­holen.

Nicht nur zwischen Gott und den Menschen gibt es da Grenzen, sondern auch auf unserer Erde gibt es Welten, die streng voneinander getrennt sind. Da gibt es Nachbarn, die zwischen sich keine Brücke kennen. Alte und junge Menschen leben unverstanden nebeneinander. Und auch von manchem Kirchenmitglied kann man hören: „Ich gehe nicht in die Kirche, weil der oder jener mich geärgert hat!“

Gott aber will das nicht. Seine Welt sieht anders aus. Und deshalb sendet er seine Botschaft hinein in unsere Welt, damit es auch dort anders wird. Er kommt in unsre Welt hinein, damit auch wir es lernen, nur gute Worte zueinander zu sagen. Gerade am Abendmahl kann uns das deutlich werden. Denn wenn Gott sich mit uns versöhnt, dann werden wir auch untereinander Versöhnte sein.

 

(3.) Gott sendet uns: Aber eine solche Entsündigung ist auch notwendig, wenn man ein Sprecher Gottes sein will. Und Boten Gottes sollen wir ja alle sein. Deswegen ist uns ja schon in der Taufe der Heilige Geist mitgegeben worden. Nicht jeder von uns ist ein Jesaja. Aber sein Auftrag könnte für jeden von uns gelten. Wer vor uns will mithelfen, daß Gleichgültigkeit und Feindschaft, Selbstsucht und Schweigen aufhören und in Gemeinschaft und Austausch verwandelt werden?

Gott hat den Jesaja doch deswegen entsündigt, damit er Gottes Stimme hören kann. Gott fragt: „Wen soll ich senden?“ Jesaja soll es hören und sich freiwillig zum Dienst melden. Eben war er noch ein Verlorener, nun ist er Bote Gottes. Eben war er noch zu Boden geworfen im Bewußtsein seiner Schuld jetzt wird er ermächtigt zum Botendienst.

Aber wir alle haben die gleiche Chance. Wenn am Anfang der Predigt deutlich gemacht wurde, daß wir unter Umständen von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten her hier zusam­men­gekommen sind, so ist jetzt jedoch zu sagen: „Das muß nicht so bleiben!“ Jeder von uns hat die Möglichkeit, in den Dienst Gottes zu treten.

Gott ist nicht nur der große und heilige Gott. Er ist auch in Jesus Christus hineingekommen in unsere Welt, damit sie anders wird. In dieser Welt hat er sich eine Gemeinde gesammelt, die

er hin aussendet als seine Boten. Sie soll die Gotteswelt hineintragen in die Menschenwelt.

Dafür ist keiner zu alt und zu schwach. Den Kindern und Enkeln die eigenen Glaubenserfahrungen mitzuteilen, das ist doch eine lohnende Aufgabe. Dadurch wird man auch selber im Glauben fester und merkt, daß alles ja gar nicht so schwer ist. Gottes Frage: „Wen soll ich senden?“ gilt heute auch uns. Diese Frage dürfen wir nicht überhören. Aber wenn wir darauf antworten: „Hier bin ich, sende mich!“ dann wird er uns auch dazu ausrichten und uns die Kraft geben, seine Boten zu sein.

 

 

Jes 9, 1 - 6 (Christvesper):

Wir feiern heute Geburtstag. Wir denken an die Geburt des obersten Herrn der Kirche, ja der ganznr Welt. Das ist ein' Ereignis, das man selbst nach 2 000 Jahren noch festlich begehen kann Überall kommen heute Menschen in Festtagsstimmung und Festtagskleidern zusammen. Sie singen frohe Lieder und hören auf das, was vor ihrem Herrn zu sagen ist.

Wir kennen solche Feiern ja auch aus den öffentlichen Leben. Entweder wird auch der Geburtstag einer bestimmten Persönlichkeit begangen oder es wird eines bestimmter Ereignisses gedacht. Anlässe dafür gibt es ja genug. Und kaum ist der Rummel um einen Gedenktag vorüber, da wird schon wieder der nächste angepeilt. Es muß halt immer Bewegung da sein und ein Ziel, das man ansteuert.

Ob sich aber diese Gedenktage halten werden? Was war das für eine Erschütterung, als Stalin starb, der doch wie ein Gott verehrt wurde; heute ist nur noch ein Häufchen Asche von ihm übrig. Ob man in 100 Jahren noch den Geburtstag Lenins mit großem Aufwand begehen wird? Zumindest müssen wir hier doch ein Fragezeichen setzen! Aber daß man in hundert Jahren auch Weihnachten feiern wird, dessen bin ich sicher.

Gewiß gibt es auch heute schon Leute, die gar nicht mehr wissen, weshalb dieses Fest gefeiert wird. Aber es wird immer Menschen geben, die es wissen und denen es nicht nur um Stimmung und Feierlichkeit geht, sondern um einen Dankgottesdienst für das, was Gott an uns getan hat.

Wir wollen dabei aber nicht nur an das Kind in der Krippe denken. Gewiß, es zeigt uns die grundsätzliche Bedeutung Jesu. In diesem Kind wurde Gott Mensch und begann sein Werk an der Menschheit. Aber so richtig deutlich wird das ja erst an dem erwachsenen Jesus. Deshalb blicken wir heute auch auf sein Gesamtwerk zurück und haben immer auch den gekreuzigten und auferstandenen Herrn mit vor Augen.

Die Maler hatten ja recht, die das Jesuskind darstellten, wie es mit der Weltkugel und dem Kreuz darauf spielt. Im Mittelalter hatten ja die Kaiser einen solchen Reichsapfel als Zeichen ihrer Macht in der Hand. Aber Jesus war natürlich noch mehr als alle Persönlichkeiten dieser Welt. Nur soll eben schon bei dem Kind deutlich werden: Es hält die ganze Welt in seiner Hand, Jesus hat Macht über die Welt und die Menschen.

Doch wir fragen uns natürlich auch: Was ist denn durch dieser Jesus anders geworden in der Welt? Gab es nicht auch weiterhin Krieg und Unfrieden unter den Menschen bis in unsre Tage hinein? Sind wir nicht immer noch „das Volk, das im Dunkeln wandelt“, von dem Jesaja spricht?

Wir wollen uns davor hüten, das Wort „Finsternis“ zu kurzschlüssig auszulegen. Wie schnell hat man gesagt: „Die Welt ist ja so schlecht!“ Aber ein solcher Pessimismus hilft keinem und lähmt jede Aktivität. Wir sollten auch das Schlechte nicht immer nur bei anderen sehen, obwohl es uns dort immer am ehesten auffällt. Zunächst gilt es nüchtern zu erkennen, daß wir auch daran beteiligt sind und daß Jesus sich gerade um unsertwillen in die Welt begeben hat.

Und dann dürfen wir wissen daß die Geburt des Jesuskindes ja gerade einen Hoffnungsschim­mer in der Welt setzen wollte. Jesus ist das Licht der Welt, das ja gerade die Finsternis zu überwinden helfen will.

Unser Predigtabschnitt spricht vor einem Ereignis in der Geschichte Israels, wo das schon zeichenhaft im Voraus abgebildet ist. Das Volk im Finstern war das Volk Israel und besonders die Stämme im Norden des Landes, die unter die Herrschaft der Assyrer geraten waren. Gott hatte sein Volk strafen müsse, weil es nicht auf ihn hörte. Die Strafe hatten sie verdient.

Aber derselbe Gott kriegt es auch wieder zu Ehren. Über Nacht sind Sie Assyrer abgezogen. Man errichtet Scheiterhaufen, um das zurückgelassene Kriegsgerät zu verbrennen: dreckige Soldatenstiefel und blutgetränkte Mäntel. Es wird nicht nur abgezogen, sondern vernichtet, weil es nicht mehr gebraucht wird. Da treffen Boten aus Jerusalem ein, die die Thronbesteigung eines neuen Königs melden. Sofort werden wieder Hoffnungen wach, daß ein neuer starker König die Feinde fernhalten wird und der Frieden bewahrt bleibt.

Nun freuen sich die Menschen, so wie man sich nach der harten Erntearbeit freut oder wie wenn man nach dem Krieg die Beute verteilt. Dabei haben sie keinen Finger krumm gemacht, um diese Stunde herbeizuführen. Sie sind auch nicht in einer großen Bußbewegung zu Gott zurückgekehrt. Gott allein hat die Freude groß gemacht und dem Volk im Finstern wieder neue Hoffnung gegeben.

Anlaß dafür war nicht die Geburt eines Kindes, sondern der Regierungsantritt eines neuen Königs, den man damals als die Geburt des Königs bezeichnete. So wie wir es später bei der Taufe Jesu hören, so verkündet der Priester bei jeder Thronbesteigung: „Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich gezeugt!“ Der König wurde zum Sohn Gottes erklärt. Ihm wurde feierlich das Zepter überreicht und es wurden ihm Herrschernamen gegeben.

Dieser geschichtliche Rückblick verhindert eine weihnachtliche Scheinwelt. Wie leicht sagen wir doch gerade an Weihnachten: „Das ist das Fest der Familie, da mache ich alle Türen zu und lasse die Probleme des Alltags nicht hinein! Und wenn ich einmal im Jahr an Weihnachten in die Kirche gehe, dann will ich dort nichts hören von Politik und Arbeit und den Spannungen in der Welt!“ Aber die Geschichten vor der Geburt Jesu und auch unser Predigttext weisen uns in eine ganz unweihnachtliche Welt.

Auch in diesem Jahr können wir die aktuellen Tagesnachrichten nicht einfach vergessen. Es gibt immer noch Krieg und Hunger, Unterdrücker und Unterdrückte. Immer noch vertraut man mehr der äußeren Macht und Gewalt. Aber spätestens mit Jesus hat schon etwas Neues begonnen. Die Namen, die man schon dem israelitischen König zulegte, können wir es uns das deutlich machen: Er hat verwirklicht, was unsre Aufgabe ist:

Wunder-Rat: Es gibt manche menschlichen Ratschläge. Aber nur wenn wir im dauernden Gespräch bleiben mit Gott, werden wir den richtigen Weg finden und Gottes Auftrag erfüllen können.

Gott- Held: Wer sich von Gott mit Kraft ausrüsten läßt, ist der wahrhaft starke Mann. Es ist eine Kraft, die ausgerechnet in der Schwachheit zum Zuge kommt. Trotz aller geistlicher Armut und alles Leidens können wir doch Gottes Auftrag übernehmen und in unsrer Welt verwirklichen. Gott gibt uns die Kraft dazu.

Ewig-Vater: Gott übt seine Herrschaft wie ein Vater aus und nicht wie ein Tyrann. Er denkt nicht an sich selber, sondern will für uns sorgen. Dadurch werden wir ihm auch gern treubleiben können und ebenso dauerhaft und fürsorglich. anderen Menschen helfen können.

Friede-Fürst: Wenn wir Gott herrschen lassen, dann werden wir auch Frieden haben, dann wird unser Leben intakt sein und die gottgewollte Ordnung der Dinge erhalten bleiben, Heil und Wohl werden uns zugleich geschenkt sein.

Vielleicht gab man dem König nach ägyptischem Vorbild noch einen fünften Namen. An dieser Stelle stehen im Urtext noch zwei Buchstaben, die man deuten könnte als „Priester in Ewigkeit“. Dann würde auf die vermittelnde Aufgabe zwischen Gott und den Menschen hingewiesen. In jedem Fall aber wird hier ein Regierungsprogramm verkündet das in Gott allein begründet liegt. Mit großer Leidenschaft hatte Gott die Strafe über sein Volk beschlossen. Aber mit dem gleichen Eifer wird er dann auch das Heil schaffen.

Allerdings war die Befreiung damals nur vor kurzer Dauer. Erst 800 Jahre später deutete Mat­thäus diese Worte auf Jesus und sagte: „Jetzt ist das erfüllt, was der Prophet vorausgesagt hat!“ Jesus kommt zu den Menschen im Norden Israels. Dort fängt das Reich Gottes an. Durch Jesus werden diese Namen ganz reu gefüllt. Gott löst sein gegebenes Wort viel herrlicher ein, als es Jesaja vermuten konnte: Gott schenkt den Sohn, der auch wirklich das ist, was er sein soll. In Jesus wird das Regierungsprogramm Gottes verwirklicht, hier auf dieser Erde schon beispielhaft und am Ende der Zeiten dann ganz.

Jesus hat den Frieden, den Gott auf dieser Erde herstellen will, auch tatsächlich gelebt. Dieses Vorbild hat immer wieder Menschen die Kraft gegeben, nicht nur den Frieden zu fordern, sondern auch zu verwirklichen. Allerdings muß man dabei selber verzichten. Man muß auf Gott vertrauen, daß er schon schützen wird, wenn sich einer schutzlos seinem Feind ausliefert. Aber nur so kann Friede werden: Indem er selber auf den anderen zugeht, ohne eine Waffe, nur die Hand nach ihm ausgestreckt.

Wenn Gott durch sein Wort einzelne Menschen zum Frieden bereit machte, wäre das schon viel. Aber wir dürfen auch darauf vertrauen, daß Gott seine Friedensherrschaft sichtbar in der Welt durchsetzt. Wir können sie nicht heraufführen, denn sie kommt allein von Gott. Aber wir dürfen zuversichtlich darauf warten und jetzt schon im Geiste dieses Friedens tätig sein. Und das nicht nur für ein paar Feiertage, sondern für unser ganzes Leben.

 

 

Jes 11, 1 - 9 (Christfest II):

Es gibt doch etwas, was es nicht gibt. Es ist zwar bisher noch an keinem Ort der Welt verwirklicht und wird auch nicht voll verwirklicht werden. Es ist noch eine Utopie, etwas, das eben noch keinen Platz bei uns hat. Aber der Prophet Jesaja spricht mit kräftigen Worten von einer neuen Welt, die nicht nur teilerneuert ist, sondern in der der Friede Gottes herrscht.

Wir alle haben diese Sehnsucht nach einer Welt, in der es sich endlich sorglos leben läßt: Kein Mangel, keine Benachteiligung, keine Verletzung der Würde des Menschen, keine Drohung oder Anwendung von Gewalt. Man sollte solche utopischen Träume nicht von vornherein für unangebracht erklären und meinen, darüber lohne es sich nicht zu sprechen.

Viele Völker haben in solchen Träumen ihren Protest gegen das Bestehende zum Ausdruck gebracht. Sie wollten sich nicht abfinden mit dem, was ist, sondern ihre Hoffnung in klarer umrissene Formen bringen. So etwas setzt Kräfte frei, bringt etwas in Bewegung, regt den Willen zur Veränderung an, treibt zur Tat.

Weihnachten ist etwas anderes, als wir es uns in der Regel vorstellen. Wir denken meist an die Weihnachtsfreude in der Kindheit, an das Kind in der Krippe, die Engel und Hirten. Wir singen das Lied: „Es ist ein Ros entsprungen“, indem die Rede ist von der „Wurzel zart“ und dem „Blümelein so kleine“. Die Gefahr ist immer, daß wir Weihnachten verniedlichen und gar nichts mehr von der Kraft der Wende verspüren, die das Kommen Jesu gebracht hat für

uns.

Bei Jesaja ist die „zarte Wurzel“ der Stumpf eines gefällten Baumes und das kleine „Blüme­lein“ ist ein zu großer Kraft sich entfaltender neuer Trieb. Zwar wird an diesem Lied die Un­scheinbarkeit und Verborgenheit der Geburt Jesu deutlich. Aber es gibt auch die andere, ebenso verborgene Seite: Dieses Kind in der Krippe ist ein neugeborener König, der eine totale Verwandlung der Welt heraufführen soll. Das aber kann nur ein „großer Gott und starker König“, wie es in Bachs W9eihnabhtsoratorium heißt. So einen haben wir aber auch heute sehr nötig.

So wollen wir heute versuchen, etwas von der Verpackung des Weihnachtsfestes abzustreifen. Zugegeben: Es ist eine schöne Verpackung, nicht nüchtern und zweckmäßig wie im Alltag, sondern buntes Papier, das mit Goldfäden verschnürt ist. Manchmal möchten wir so etwas

gar nicht auspacken. Aber das wäre lieblos dem Schenkenden gegenüber.

So wollen wir uns von Jesaja anleiten lassen, das Geschenk Gottes richtig zu verstehen. Wir wollen es auspacken und uns darüber freuen und die Liebe des Schenkenden darin erkennen. Aber es geht dabei nicht um Träume, um an den Himmel gemalte Wünsche, sondern um die vom Himmel her gegebenen Zusagen.

Jesaja erwartet die Hilfe nicht vor der Familie des Königs David. Der Baum des Königtums wird gefällt und nur noch ein Stumpf übrigbleiben. Aber aus diesem Stumpf wird ein neuer starker Trieb hervorkommen: entweder wird ein ganz neuer Mann kommen oder ein Nachkomme der Brüder Davids. Mit der „Wurzel Jesse“ ist ja Isai gemeint, der acht Söhne hatte, unter denen zunächst David zum König gewählt wurde. Aber nun wird die Rettung nicht mehr von seiner Familie erwartet, sondern von einem neuen Mann.

Mit einer Wachablösung ist immer auch eine neue Ordnung und ein neues System verbunden. Diese tiefe Veränderung kann der neue Mann aber bewirken, weil er vom Geist Gottes erfüllt ist, weil er das Recht Gottes hütet und weil er den Frieden Gottes bringt. Er wird freilich auch über ein Volk regieren, das nichts Böses und Frevelhaftes tut.

 

(1.) Jesus ist vom Geist erfüllt: Bei solchen Verheißungen denken wir natürlich immer gleich an Jesus. In ihm erkennen wir den Friedensherrscher von Jesaja 11 wieder, auch wenn er entgegen den Erwartungen des Propheten ein Nachkomme Davids war. Wir erkennen ihn, auch wenn nur Niedrigkeit und Schwachheit an Weihnachten zu erkennen sind und nichts von seiner künftigen Herrlichkeit zu sehen ist.

Jedesmal, wenn in Israel ein neuer König den Thron bestieg, dann verbanden sich mit ihm die Hoffnungen des Volkes. Man fragte sich: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Man rief ihm zu: „Auf dir wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn!“

Jesus hat diesen Geist der Weisheit, denn er kennt sich in der Welt und im Menschenleben aus. Er hat den Geist des Verstandes, denn er sieht die großen Zusammenhänge zwischen Gott und Welt und Mensch. Er hat den Geist des Rates, der ihn Wege finden läßt und Entschlüsse fassen läßt. Er hat den Geist der Stärke, denn er weiß sich auch in der Schwachheit durchzusetzen. Er hat den Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn, weil er mit seinem Vater

in vollem Einklang ist und ihn so ernst nimmt wie keiner von uns.

Jesus liebt auch seine Feinde und betet für sie. Er ficht nicht wie ein gereiztes Tier um sein Leben, sondern opfert sich für die Sünder aller Zeiten. Er teilt sie Menschen nicht ein in Verbündete und Verlorene, sondern er nimmt sich der Verachtenswerten an und läßt sie seine Brüder sein.

Das alles hat ihn letztlich ans Kreuz gebracht. Er hatte nicht den Ehrgeiz, einen Kaiser Augustus oder einen König Herodes zu verdrängen. Statt eines Heiligenscheins hatte er eine Dornenkrone auf, und statt eines Königs des Himmels war er ein König der Schmerzen. Man kann darin der Zusammenbruch seines ganzen „Konzepts“ sehen. Aber anders war und ist die Welt nicht zu retten.

Doch eine solche Haltung hat ganz konkrete Auswirkungen: Jesus war zwar kein Revolutionär, aber er hat sich auch nicht in die bestehenden Verhältnisse seiner Zeit eingefügt. Er hat die Verachteten um sich versammelt und für die Unterdrückten Partei ergriffen, den Armen und Elenden galt seine Liebe.

 

(2.) Jesus hütet das Recht Gottes: Er ist ein gerechter Richter in einem ganz anderen Sinne, als wir Menschen das könnten: Ein menschlicher Richter muß den Tatbestand erheben, muß beide Seiten hören und dann nach Vernunft und Recht entscheiden. Jesus aber durchschaut die Menschen von vornherein und ist deshalb ein unbestechlicher Richter. Vor ihm kann man höchstens auf einen Gnadenerweis hoffen. Aber weil er uns freispricht, überwindet und gewinnt er uns auch.

Wenn er uns aber so behandelt, dann sollten wir uns auch die Augen öffnen lassen für die Ungerechtigkeiten in der Welt von heute und mit unserem Wort für die Rechtlose eintreten. Weihnachten ist nicht ein Fest zum Feiern, sondern eine Gelegenheit zur Aktion für die Notleidenden. Gott ermächtigt uns zu einer Hoffnung. Es wäre nicht gut, wenn wir Gott und der Zukunft überließen, was wir heute tun sollen. Wir werden diese Welt nicht zum Paradies machen!

 

(3.) Jesus bringt den Frieden Gottes: Jesaja hat sich den Friedensherrscher der Zukunft anders vorgestellt, als er in Jesus Christus kam. Es bleibt da noch ein Überschuß an Verheißung. Der große Friede steht noch aus, aber er wächst in der Geschichte und überschreitet zugleich alles geschichtlich Erreichbare immer wieder. Morgen holt uns die Wirklichkeit wieder ein, die Sachzwänge, die Hilflosigkeit. Aber wir sollten uns nicht entmutigen lassen, sondern darauf vertrauen, daß unser Beitrag Wirkung hat: Da hat ein Steinmetz eine wunderbare Rosette für einen Dom gemacht, aber die fertige Kirche hat er nie erlebt. Aber eines Tages gab es sie wirklich. So ist es auch mit dem Frieden: Eines Tages wird er da sein!

Aber im Rahmen des Menschenmöglichen können wir das tun, was unserer Hoffnung gemäß ist. Sähen wir, was Gottes Augen tagtäglich ansehen müssen, dann würden wir nicht ruhig, da ist zum Träumen keine Zeit. Wir brauchen nur die Rüstungsausgaben der Staaten in aller Welt zu vergleichen und zusammenzurechnen, dann sehen wir, wie weit wir noch von dem Frie­dens­reich Gottes entfernt sind. Im nüchternen Wissen um unsere Grenzen sollten wir alles tun, was uns möglich ist, um Krieg zu verhindern und einen die Welt umfassenden Frieden zu schaffen.

Wenn kein Krieg ist, dann ist noch lange kein Friede. Jesus fordert auf zum Frieden machen.

Dazu gehört die Befreiung der Elenden aus unerträglicher gesellschaftlicher Situation, die Ent­machtung der Gewalttäter und die Beseitigung des Wolfsgesetzes im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und im Zusammenleben der Völker. Wir können aber auch zu unserem Mitmenschen gehen und Frieden mit ihm machen, mit Worten und mit Taten. Haben wir Frieden in Familie, Beruf und Gemeinde, dann tun wir auch etwas für den Frieden im Weltmaßstab. Wenn wir Ja sagen zu dem Menschen, der uns Kummer macht und nicht in unseren Streifen paßt, dann sind wir Träger des Friedens Gottes.

Man muß das Ziel dabei kennen. Die Zukunfts- und Überlebenschancen der Welt hängen nicht von der Höhe der Rüstung ab, sondern von dem Mut und der Bereitschaft zum Leiden, wie es uns Jesus vorgemacht hat. Darüber hinaus wird es einer Kraft des Herzens bedürfen, die aus dem Geist Gottes stammt. Im Alltag werden uns manchmal Auseinandersetzungen aufgezwungen. Aber wer von der Versöhnung mit Gott herkommt, sieht auch im Widersacher den möglichen Bruder. Denn Christus ist für alle gestorben. Und das Kind in der Krippe ist in Wahrheit der Friedenskönig. Ihm sollen wir folgen, wenn unsre Welt vom Frieden erfüllt werden soll.

 

 

Jes 12 (Kantate):

Eigentlich wird heute nur noch in der Kirche gesungen. Natürlich gibt es die Profis: junge Frauen wie Lena und Sarah, und alte Männer wie Udo Jürgens und Jürgen Drews. Es gibt die Chöre und Musikgruppen. Aber wo singen Menschen heute noch spontan gemeinsam? Manch­mal singen noch die Fußballfans, wenn sie genug Alkohol getankt haben. Und die Parteien versuchen es manchmal: die CDU singt die Nationalhymne und die SPD die Internationale (aber nicht mehr die zweite Strophe, in der es heißt: „Uns rettet kein höheres Wesen, nicht Gott nicht Kaiser und Tribun“).

Ist die Kirche altmodisch, wenn sie bei jedem Gottesdienst und auch bei anderen Gelegenheiten mehrere Lieder singt? Manchmal sogar noch der einstimmige gregorianische Gesang aus dem Mittelalter ohne Instrumentalbegleitung. Und auch das Strophenlied in unserem Gesangbuch ist vielfach noch aus der Reformationszeit.

Aber seit 1994 haben wir ja auch wieder ein neues Gesangbuch mit neuen Liedern. Ich habe mich damals dafür eingesetzt, daß noch mehr neue Lieder hineinkommen, die Lieder für die Jugend aus den siebziger und Jahren. Aber die Theologen und Kirchenmusiker, die dann entscheiden, nehmen immer noch das reformatorische Lied als Maßstab. Nichts gegen die Lieder von Martin Luther und Paul Gerhardt, die müssen auch in unserem Gesangbuch sein. Aber die Gemeinde von heute singt auch das neue Lied.

Es wäre etwas am Glauben verkümmert oder vielleicht sogar gestorben, wenn wir nicht mehr sängen. Wenn der Glaube aus der Begegnung mit Gott entsteht, dann wird es zum Singen kommen. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die wirklich nicht singen können. In unserer Ausbildung mußte jeder im Angesicht seiner Kollegen und des Landeskirchenmusikdirekt das liturgische Singen üben. In unserer von der reformierten Tradition geprägten Kirche gibt es das ja leider nicht, daß zum Beispiel die Abendmahlsliturgie gesungen wird. Aber das Gemeindelied üben wir natürlich auch aus.

Gottes Wort ruft Antwort hervor. Diese wird selbstverständlich auch in Taten bestehen. Aber eine reine Geschäftigkeit entspräche auch nicht dem, was Gott an uns getan hat. Wenn wir Gott richtig verstanden haben, dann wollen wir ihm Antwort geben, mit allem was wir sind und haben. Dazu gehören auch unsre Stimme, unsre Gefühle und manchmal auch unsre Bewegung.

Wenn einer weithin dem Singen entwöhnten Generation der Grund zum Singen gezeigt wird, werden die in ihr schlummernden Kräfte wach gerufen. Man muß es nicht unbedingt gut können. Gott läßt sich auch die falschen Töne und einen kurzen Atem gefallen. Er ist nicht der Dieter Bohlen, der jeden falschen Ton merkt, sondern er freut sich über alles.

In erster Linie geht es darum, daß wir uns an Gottes Rufen und Handeln erfreuen und daß wir glücklich sind über die mit ihm hergestellte Gemeinschaft. Dann verfallen wir nicht in Rührseligkeit. Aber dann verlassen wir uns auch nicht auf das Gegenteil, den reinen Verstand. Dann verfallen wir auch nicht dem Rausch oder dem elektronisch verstärkten Lärm. Ein Lied kommt aus dem Staunen, dem Empfangen und dem Rühmen Gottes. Das kann man an dem Psalm in Jesaja 12 studieren. Er steht am Ende vieler Mahnungen und Gerichtsworte, schließt aber diesen ersten Teil wieder positiv ab. Er macht deutlich: Das Lob Gottes geht über den gegenwärtigen Augenblick hinaus, es geht über mich selbst hinaus und es geht über die Grenzen der Kirche hinaus.

 

1. Das Lob Gottes geht über den gegenwärtigen Augenblick hinaus: Fachleute merken natürlich, daß der Verfasser dieses Liedes abgeschrieben hat, ohne die Herkunft zu kennzeichnen.

Aber man kann ihm deshalb nicht Betrug oder mangelnde eigene Ideen vorwerfen. Der Glaube lebt aus den Erfahrungen der Vorfahren mit Gott. Das ist anders als bei der heutigen Werbung. Da wird der Eindruck erweckt, daß das Neue dem Alten überlegen ist. Beim Glauben ist das anders: Da wird erinnert an das Altbewährte. Der Glaube hat es zwar in diesem Augenblick mit Gott zu tun, aber er denkt dabei auch an Gottes Tun in der vergangenen Zeit. Dabei nimmt er gern die Formulierungen früherer Sängergenerationen auf und kleidet sie in sein eigenes Lob und Bekenntnis. Er wird Gott auch mit einem "neuen" Lied loben wollen. Aber er wird sich auch des Liedes der Kirche bedienen.

Man kann nicht immer alles neu erfinden. Und wenn man das Altbewährte übernimmt, dann verläßt man sich auf die Kirche mit ihren sehr viel größeren Erfahrungen, die von einer Generation zur anderen weitergegeben wurden. Es liegt nicht jedem, ein eigenes Gebet zu formulieren oder gar ein Lied zu schreiben. Da ist er dankbar, wenn er in der Kirche in die Gebete einstimmen kann, die andere aufgeschrieben haben, in denen man sich aber wiederfinden kann.

Natürlich muß man sich diese Glaubenserfahrung erst noch selber aneignen und für das eigene Leben fruchtbar machen. Aber es gibt viele andere vor mir und neben mir, die viel größere Glaubenserfahrungen haben. So leiht die Kirche uns ihre Sprache. Und wir können uns von ihrer Glaubenserfahrung tragen lassen.

In Jesaja 12 wird sogar auf das vorausgeschaut, was erst noch sein wird. An sich wäre eher Zeit für ein Klagelied, denn dem Volk ging es schlecht. Aber aus der Rückschau auf die herrlichen Taten Gottes nimmt man die Gewißheit, daß Gottes Zusagen auch in Zukunft in Kraft bleiben werden. Man weiß nur noch nicht, wann diese Zukunft anfängt.

So ist die Gegenwart keineswegs lichtlos, sondern voller Hoffnung. Und deshalb spricht man heute schon den Dank aus, der einmal fällig sein wird, wenn der Gotteszorn vorbei ist. Wer eine solche Hoffnung hat, für den ist eine Situation wie zu Jesajas Zeiten schon überwunden. So können auch wir in unserem Leben gewisse Durststrecken durchstehen, wenn wir wissen: Gott ist immer und überall mein Heil!

 

2. Das Lob Gottes geht über mich selbst hinaus: Indem die Gemeinde Gott lobt, gewinnt das Denken und Hoffen einen ganz anderen Mittelpunkt. Man fragt nicht mehr, was bei Gott zu holen ist. Gott wird um seiner selbst willen gepriesen, nicht um unsertwillen. Loben und Rühmen ist immer zweckfrei. Mit Gott kann man keine Geschäfte machen oder ihn für uns in Pflicht nehmen.

Wir können Gottes Herrlichkeit nicht durch unser Lob vergrößern. Wenn wir eine Ware loben, dann dient das dem Geschäft. Wenn ein Kind vor der Klasse gelobt wird, dann soll es dadurch selber und auch die anderen angespornt werden. Wenn einer einen Preis erhält, dann werden seine Verdienste herausgestrichen. Aber Gott können wir nichts geben, was er nicht schon hätte. Im Gegenteil, wir bleiben immer die Empfangenden.

Nicht ich singe einen Lobgesang für Gott, sondern er erweckt in mir den Lobgesang. Wenn es überhaupt ein angemessenes Reden über Gott geben kann, dann ist das Singen das beste Mittel, das Ganze unseres Herzens auszudrücken. Das echte Gotteslob ist Gott selbst, wie er sich in uns spiegelt und in uns tönt.

So lernen wir, von uns selber abzusehen. Es geht nicht um unsere Erfolge oder Mißerfolge, unseren Übermut und unsere Einbrüche. Wir können von unserer Verzagtheit absehen und nur noch auf den Punkt außerhalb von uns schauen, der Gott heißt. Wir können von unseren äußeren und inneren Zuständen absehen, und können wissen: Was ich brauche, das habe ich von Gott.

 

3. Das Lob Gottes geht über die Grenzen der Kirche hinaus: Gott ist in der Kirche. Das bedeutet zwar eine Konzentration. Man kann sicher sein, daß er hier zu finden ist. Aber das verpflichtet auch zur Ausbreitung im missionarischen Sinn. „In allen Landen“ soll von Gott die Rede sein, allen Völkern soll sein Tun bekanntgemacht werden.

Die Kirche nutzt in diesem Sinne auch manche Möglichkeiten. Da gibt es zum Beispiel in unserer Kirche die Kirchenkonzerte. Dazu kommen auch Leute, die nicht oder nur selten von der Predigt der Kirche erreicht werden. Nur handelt es sich dabei nicht um Kirchenkonzerte, sondern um „Konzerte in der Kirche“. Die Kirchengemeinde stellt nur den Raum und die Organisation zur Verfügung, aber ansonsten unterscheiden sich diese Veranstaltungen nicht von denen in großen Konzerthäusern.

Ich habe das anders kennengelernt, weil damals der Staat die Kirche gezwungen hat, sich auf ihr eigenes Thema zu besinnen. Kultur war allein Sache des Staates. Die Kirche durfte nur kulturell tätig werden im Rahmen ihrer Verkündigungsaufgabe. Eine Veranstaltung wurde aber nicht allein dadurch zu einer kirchlichen Veranstaltung, daß man am Schluß sagte: „So jetzt stehen wir noch auf und sprechen ein Vaterunser!“ - wie man das tatsächlich erleben konnte. Da muß man sich schon mehr einfallen lassen, damit nicht die Konzertbesucher mit einer Predigt überfallen werden. Aber da gibt es schon Möglichkeiten, mit Poesie und Dichtung eine christliche Verkündigung zu treiben, die aber doch durchaus in Einklang mit der Kunst steht.

Aber machen wir uns nichts vor: Kunst ist zwar auch eine Lebensäußerung der Kirche, sie ist aber nicht das, was die Predigt ist. Durch die Kunst wird abgeschwächt, was sonst in die Tiefe des Menschen dringen könnte. Es mag sein, daß viele Menschen einen solchen Umgang mit den Dingen des Glaubens lieber haben als die direkte Anrede. Es kann aber auch sein, daß diese Menschen nur fliehen vor der wenig überzeugenden Weise, Gottes Wort auszurichten? Vielleicht sagt auch die Musik besser und verständlicher, was eigentlich in der Kirche zu sagen ist.

Wir heute haben jedenfalls beides gehabt: Die direkte Anrede in den Lesungen und der Predigt, aber auch das gesungene Lob Gottes. So war es schon in der Reformationszeit, als das Lied der neuen Sichtweise des Glaubens sehr gut Bahn gemacht hat. Auch heute gehört beides zusammen. Am Sonntag „Kantate“ - „Singet“ haben wir uns bewußt gemacht, daß auch das Lied nicht vernachlässigt werden darf.

 

 

Jes 25, 8 – 9 (Ostern II):

An Ostern ist es leicht zu predigen. Da sind die Menschen froh gestimmt. auch wenn es nur deswegen ist, weil man einige zusätzliche Feiertage hat. Aber auch wer als Christ die Passionszeit bewußt erlebt hat, atmet erleichtert auf, weil jetzt wieder freundlichere Predigttexte dran sind und andere Lieder gesungen werden.

Wenn ein junger Mensch sich entschließt, Pfarrer zu werden, dann hat er wohl mehr solche Feste wie Ostern im Blick. Er denkt: Da gehst du auf die Kanzel und erzählst den Leuten etwas von dem, was du gelernt hast und was dich gerade so bewegt. Aber die Wirklichkeit ist ganz anders. Einen großen Teil der pfarramtlichen Tätigkeit macht die Begegnung mit Leiden und Tod aus.

Ganz schwer ist es, wenn junge Menschen sterben. Da wird zum Beispiel das einzige Kind im

Alter von 17 Jahren durch eine Gehirnhautentzündung innerhalb eines Tages hinweggerafft. Oder zwei junge Männer fahren sich nach der Disco mit dem Motorrad zu Tode. Da weiß man als Pfarrer auch nicht, was man den Eltern als Trost sagen soll.

Zumindest weiß man nicht, was man als Mensch sagen soll, denn rein aus menschlicher Anteilnahme heraus kann man keinen Trost geben. Da ist es gut, wenn man als Christ noch auf einen Höheren verweisen kann, wenn man den Trost Gottes weitergeben kann. Einem Pfarrer geht trotzdem jede Trauerfeier noch nahe - auch wenn es sich um einen ganz alten Menschen gehandelt hat. Aber manche Pfarrer machen Trauerfeiern auch ganz gern. weil man hier in besonderer Weise den Menschen helfen kann.

Wie ganz anders ist es da doch bei einer sogenannten „weltlichen“ Trauerfeier. Da spricht der Redner etwa folgendermaßen - ich gebe es verkürzt und mit meinen eigenen Worten wieder: „Lieber Hugo, nun bist du tot. Wir sind traurig darüber, aber wir können es nicht ändern, das ist nun einmal unser Schicksal. Aber morgen gehen wir wieder an die Arbeit, und dann schaffen wir für dich mit und erfüllen den Plan trotzdem!“

Man merkt natürlich gleich, daß das noch zu DDR-Zeiten war, als die Partei den Fehler machte, jeden nichtkirchlichen Menschen gleich zum Sozialisten oder gar Atheisten zu machen. Aber als Trost hatte sie nichts zu bieten als einige belanglose Worte. Da hat man es als Pfarrer wirklich besser, weil man die Auferstehung verkündigen darf. Das macht Ostern so schön, und etwas von dieser Freude fällt auch auf jede Trauerfeier.

Unser heutiger Predigttext hat allerdings ursprünglich gar nichts mit der Überwindung des Todes zu tun. Er dachte zunächst nur an die Überwindung alles Leids der Menschen: an Krieg und Plünderung, an Hunger und Verödung der Erde.

Erst später hat ein Abschreiber den Satz „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig“ vorangestellt, der heute für uns der Schwerpunkt unsrer Überlegungen sein soll. Damit wird der Gedanke erweitert auf das, was letztlich alles menschliche Leben bedroht. Gefährlich ist nicht das einzelne Leiden, das erduldet werden muß oder unter Umständen auch abgewendet werden kann, sondern der Tod. Auf ihn läuft das Leben hin, so wie das Wasser eines Stromes unaufhaltsam dem Meer entgegenläuft. Man kann einzelner Leiden vielleicht Herr werden. Aber jeder Einzelsieg ist nur ein Aufschub, wenn der Tod nicht besiegt werden kann. Der Tod

streicht alles Gewonnene wieder durch, es sei denn, Gott verschlingt ihn.

Im Alten Testament mußte man noch davon reden, als sei das alles noch Zukunft, auch wenn man sich dieser Zukunft schon so gewiß war, als sei sie schon Wirklichkeit. Als christliche Gemeinde aber blicken wir wie in einem Rückspiegel auf das, was in der Auferstehung Jesu

Christi allen Glaubenden zuteilgeworden ist: Der Tod ist für immer verschlungen! So hat es Paulus gesehen, als er in 1. Korinther schreibt: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus (Vers 54)!“ Das ist doch ein schönes Bild, wie selbst der Tod von einem Untier verschlungen werden kann. Und so nimmt es auch die Offenbarung des Johannes auf: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein (7,17 und 21,4)!“

Dennoch bleibt unsre Sehnsucht nach der Überwindung des Todes. Der Wille zum Leben ist uns schon vom Schöpfer mitgegeben. Den Tod empfinden wir als bedrohlich, denn wir hängen alle am Leben. Einem Menschen, der mit dem Gedanken spielt, sein Leben selber zu beenden, muß man nur sagen: Wenn der Tod einmal von selber kommt, dann wird man erst merken, wie sehr man am Leben hängt, dann würde man alles dafür geben, ihn abwehren zu können!“

Das gleiche Problem zeigt sich bei der Sterbehilfe. Eine „aktive Euthanasie“, also ein bewußtes Töten, ist natürlich abzulehnen. Aber schwieriger ist es schon bei der „passiven Euthanasie“: Soll man das Leben eines Todkranken mit allen Mitteln verlängern oder darf man es abkürzen durch Unterlassen? Da gibt es Vorschriften für Ärzte, da haben sie den Staatsanwalt zu fürchten, wenn sie etwas falsch machen.

Wir schieben den Gedanken an den Tod hinaus. Ja, wenn wir alt und gebrechlich sind, dann werden wir ihn vielleicht noch hinnehmen. Aber ihn als einen natürlichen Vorgang hinzunehmen, der einfach zu unserem Leben dazu gehört, das fällt uns doch schwer. Doch wir sind ein Stück Natur. Und die Bibel sagt uns: „Von Erde sind wir genommen, zu Erde werden wir wieder werden!“

Doch das ist nicht die einzige Wahrheit. Der Mensch hat ein anderes Verhältnis zum Tod als die übrige Natur. Er w e i ß um sein Sterbenmüssen. Daß er nur ein einziges Leben hat, macht ihm zu schaffen. Er erkennt, daß er Möglichkeiten ungenutzt hat verstreichen lassen und seine Kraft an Nutzloses verschwendet hat. Er sieht, daß er vieles getan hat, was er vor Gott und den Menschen nicht vertreten kann. Im Tiefsten wissen wir das alles - und das macht uns so unruhig. Der Tod brauchte uns wenig zu erregen, wenn wir einfach dahingingen wie ein vom Baume fallendes Blatt.

Aber wir vergehen eben nicht! Wir haben ein unentrinnbares Verhältnis zu Gott. Wir wurden von Gott angesprochen und haben uns vor Gott zu verantworten. Das macht uns im Grunde so unruhig. Von der Natur her gesehen sterben wir an Herzversagen oder Krebs. Aber in Wirklichkeit sterben wir an Gott, weil wir im Konflikt mit ihm gelebt haben. Unser Sündersein macht den Tod so beunruhigend.

In den tiefsten Schichten unseres Herzens wissen wir, daß wir nicht so sind, wie wir eigentlich sein sollten. Von der Schöpfung her waren wir zu etwas anderem bestimmt. Was wir sind, haben wir aber zu verantworten. Aber ob Tod oder Leben am Ende stehen, entscheidet sich nicht daran, ob das Blut noch kreist, sondern daran, was sich zwischen Gott und uns so abspielt.

Aber als Menschen Gottes können wir uns nicht mit dem Tod abfinden, denn wir sind nicht für den Tod bestimmt. Gott hat uns die ewige, unzerstörbare Gemeinschaft mit uns zugedacht.

Wer glaubt, findet sich mit dem Tod nicht ab. Er spricht von dem Kommenden schon so, als wäre es schon da.

Doch wir haben eine Hoffnung, ja sogar eine Gewißheit über den Tod hinaus. Der Mensch ist darauf angelegt, über den Tod hinaus zu fragen und sich nach dem Leben zu sehnen. Aber darin ist die Überwindung, des Todes noch lange nicht garantiert. Das Leben ist für uns kein einklagbares Recht. Wir sind zwar zum Bilde Gottes geschaffen und zwar Geschöpfe, aber auch Partner Gottes. Doch was wir faktisch sind, steht auf einem anderen Blatt.

Doch Hoffnung ist kein Greifen ins Leere, sie ist schon begründet. Für die Menschen des Alten Testaments gehörte schon Mut dazu, vom Verschlingen des Todes zu reden. Man redete in Einzelfällen von Entrückung und in der Spätzeit auch von der Auferstehung der Toten. Aber man war noch karg und sparsam in seiner Hoffnung.

Es bleibt dabei: Jesus Christus ist der

Erste unter den Auferstandenen. Die Hoffnung auf die Überwindung des Todes hat ihren Halt allein an ihm. Der Tod mußte durch Gottes Tun tatsächlich überwunden werden. Das trennt uns von der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Man meint ja, die Seele könne sowieso nicht vom Tod berührt oder gar vernichtet werden, denn sie sei unsterblich. Dann brauchte man natürlich das Wunder der Auferstehung nicht und der Tod brauchte durch das besondere Handeln Gottes nicht vernichtet zu werden. Es wäre belanglos, wenn wir von Gott weggehen und er uns wieder zurückholen muß. Das Ewige läge dann in unserem menschlichen Wesen und der Übergang ins Ewige vollzöge sich automatisch. Aber der Mensch ist immer eine Einheit von Leib und Seele. Der Tod trifft die Seele nicht weniger als den Leib. Auch die Seele muß erlöst werden.

Gott aber tröstet den Menschen. In väterlicher Liebe wischt er ihnen die Tränen ab. Er wendet sein Herz denen zu, die Trost brauche: Er ist der Gott für uns. Wir brauchen die Hoffnung, um über den gegenwärtigen Zustand hinauszugreifen.

Aber wir können auch nicht nur auf die Zukunft verweisen. Wer hungert, der braucht die Steigerung der Erträge, den gerechten Handeln, die gute Organisation, auch den Verzicht zugunsten anderer. Und wer gegen den Tod kämpft, darf das nicht vernachlässigen, was den Menschen möglich ist. Nur muß man sehen: Es geht nicht nur um die Verlängerung des menschlichen Lebens. Diese würde nur neue Probleme schaffen. Gott wird uns aber aus der Enge unsres an Raum und Zeit begrenzen Lebens herausholen. Wir dürfen hoffen, „denn der Herr hat es gesagt“, wie Jesaja schon versichert hat.

Gott ist noch einen Schritt weiter gegangen: Er hat Jesus Christus von den Toten auferweckt.

Es ist nicht so, daß wir nicht mehr hoffen müßten, weil wir Gewißheit haben. Noch immer strecken wir uns nach der Zukunft, noch immer heißt es: „Gott wird abwischen alle Tränen!“ Wir haben den Tod noch vor uns. Und ein Christ nimmt ihn ernster als ein Nichtchrist. Der Körper des Menschen vergeht, und dieses Sterben kann auch beim Christen nicht ohne Erschütterung abgehen.

Aber der Tod hat auch noch eine personale Mitte und Tiefe. Der Stachel des Todes ist nicht der Herzinfarkt oder der Krebs, sondern die Sünde. Aber die ist weg. Es steht nichts mehr zwischen uns und Gott. Aber das neue Leben, das Christus an Ostern ans Licht gebracht ist, kann nicht ein wiederhergestelltes physisches Leben sein, sondern ein neues Leben.

Das ist auch Anlaß, immer wieder dankbar zu sein. In einem Interview beschrieb der Komiker Bernd Stelter, wie er es mit seinen Kindern hält. Beim Abendgebet überlegen sie immer, was denn am Tag schön war und wofür man danken könnte. Manchmal muß man sie dabei anregen, sagte Stelter, aber wenn sie erst einmal begonnen haben. dann kann das auch schon einmal eine halbe Stunde dauern. Soviel Grund zum Danken haben wir tatsächlich.

Das Osterwunder ist aber nicht, daß Gott das Neue schaffen kann, sondern daß er es tatsächlich will und tut. Was Gott liebt, das lebt auch. Nichts kann uns mehr von der Liebe Gottes scheiden. Damit ist auch der Tod ein für allemal vernichtet.

 

 

Jesaja 29, 17 – 24 (12. Sonntag nach Trinitatis):

Im Grunde geht es uns doch allen gut. Es ist zwar üblich, über Alles und Jedes zu klagen. Aber in Ruhe betrachtet ist das meiste doch unerheblich. Da wird gestöhnt über den hohen Benzinpreis, der angeblich nicht mehr erträglich ist. Doch anderswo ist er noch höher, oder es ist gar kein Benzin zu haben. Und dabei muß man immer wieder im Hinterkopf haben, daß ja die Mehrheit der Menschheit nur die Füße hat, um sich von einem Ort zum anderen fortzubewegen.

Es gibt aber natürlich auch Dinge, die schon schwer sind: Wenn einer blind oder taub ist oder gar beides, dann ist das schon ein schweres Schicksal. Als Gesunde können wir diese körperlichen Gebrechen nicht unterschätzen. Und doch wissen wir, daß derart behinderte Menschen nicht auch unbedingt „arme Menschen“ sein müssen. Da wollte eine Gruppe aus einer Gemeinde alten Leuten eine Freude machen mit einem Lied und einem Bibelwort. Doch bei einer blinden Familie setzt sich der Mann sofort ans Klavier und begleitet das Lied mit sicherer Hand und vollen Akkorden und macht so den Besuchern eine Freude.

Ein Blinder kann vielleicht doch mehr nach innen schauen. Er ist dadurch oft reicher als wir, die wir so oft an der Außenseite der Dinge hängenbleiben. Gott aber will beides: Er will, daß die äußeren Schwierigkeiten unseres Lebens beseitigt werden, aber er will auch, daß die Menschen in einem umfassenden Sinn heil werden. Gott will die Welt fruchtbar und gesund, er will sie frei und gerecht und er will sie auch verständig und fromm.

 

(1.) Gott will die Welt fruchtbar und gesund: Es gibt Landstriche, die früher Wüste waren, nun aber durch den Menschen bewässert und fruchtbar gemacht worden sind. Aber es gibt auch das Gegenteil: Das bei Jesaja erwähnte Libanongebirge, aus dem doch einst die kostbaren Zedern kamen, trägt heute nur noch wenige Baumgruppen. Die Art, wie der Mensch mit der Erde umgeht, läuft den Absichten Gottes stracks entgegen. Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, werden ihre Überlebenschancen mehr und mehr abgebaut. Wenn es einmal kein Erdöl mehr geben wird, dann werden die überleben, die heute noch wie in der Steinzeit oder doch wenigstens wie im Mittelalter leben.

Wenn wir zu den Überlebenden gehören wollen, dann müssen wir uns unsren unüberlegten Gepflogenheiten widersetzen: dem Raubbau an den Gütern der Erde, der gewaltsamen Veränderung der natürlichen Gesetzmäßigkeiten, der Verschmutzung und Vergiftung. Doch mit dem Flugzeug in alle Welt fliegen wollen wir alle. Aber der Fluglärm über unsren Köpfen soll aufhören. Irgendwie paßt das doch nicht zusammen.

Als Christen lieben wir die Welt, weil Gott sie liebt. Die Welt ist Gottes gute Schöpfung. Das uns von Gott zugedachte Heil schließt die ganze Welt mit ein. Dazu gehört auch, daß die Welt wieder fruchtbarer wird, daß sie nicht mehr unter der Dürre leiden muß, daß die Menschen der Erde nicht mehr das Nötigste mühsam abringen müssen, wie es in den meisten Gebieten der Welt der Fall ist.

Das Alte Testament ist so erfrischend lebensnah, weil es nicht nur das mehr himmlische Heil im Blick hat, sondern auch auf das mehr irdische Wohl der Welt bedacht ist. Wir sind geneigt. zu unterscheiden zwischen dem, was allein Gottes Sache ist, und dem, was die Sache der Menschen ist. Menschen können nicht von Gott erwarten, was sie selbst in Angriff nehmen sollen. Man muß Heil und Wohl schon unterscheiden, aber man muß es auch zusammen sehen. Es kann ja sein, daß einer sich im perfekten Wohl befindet und dennoch heillos ist. Heil

und Wohl wollen in der Ganzheit unseres neuen Menschseins eins werden. Deshalb spricht der Prophet von der großen Hoffnung, die wir haben dürfen.

Die Tauben und Blinden sind dabei einerseits die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und ohne Freude und Trost ein Schattendasein führen. Wir brauchen ja nur die Zeitung aufzuschlagen, dann wissen wir, wer diese Menschen heute sind und wem wir als Christen helfen sollen. Das kann irgendwo in der Welt sein, wo Menschen leiden unter Hunger und Krieg.

Aber auch bei uns gibt es Menschen, die arm dran sind. Es gibt bei uns im Weltmaßstab gesehen keine wirklich Armen: Das Existenzminimum wird jedem durch die Sozialhilfe gesichert. Aber es gibt eine relative Armut, die schon dort anfängt, wo Menschen nur die Hälfte haben von dem, was der Durchschnitt der Bevölkerung hat. Und es gibt vor allem auch körperlich

und geistig Behinderte, es gibt chronisch Kranke und Menschen, die nicht mehr in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden können, selbst wenn sie noch leistungsfähig sind.

Die Tauben und Blinden sind aber zum Teil auch nur ein Bild für Menschen, die im übertragenen Sinne das Wort Gottes nicht mehr hören oder seine Schöpfung nicht mehr sehen. Gott will nicht nur die Heilung, sondern auch das Heil. Wir haben inzwischen zumindest theoretisch die Einsicht gewonnen, daß wir die Natur erhalten, bewahren und recht gebrauchen müssen. Aber all das kann uns nicht befreien aus der Umklammerung des Todes. Das ist doch unser eigentliches Problem. Aber wir gehören mit der ganzen Welt dem Gott, der den Tod besiegt hat. In all unserem Bemühen um eine bessere Welt ist Gott schon verborgen drin, der an seinem Tag seinen Heilswillen durchsetzen wird.

 

(2.) Gott will die Welt frei und gerecht: Dieser Abschnitt aus dem Jesajabuch ist vielleicht erst in einer späteren Zeit eingeschoben worden. Er würde dann in die Zeit passen, in der das ganze Volk Israel von den Syrern hart unterdrückt wurde. Der Tempel in Jerusalem war zu einem heidnischen Gotteshaus umgewandelt worden. Aber einige aus dem Volk haben sich auf die Seite der Unterdrücker gestellt und spotten nun über die, die noch am alten Glauben festhalten. Weil sie die Macht haben, sind sie auch ungewöhnlich reich geworden. Sie bestechen die Richter; wenn sich einer aber weigert, wird er einfach umgebracht. Und wer an der Wahrheit festhält, wird durch irgendwelche Tricks aufs Kreuz gelegt.

Der Prophet aber sagt: Gott ergreift für die Partei, die am meisten gestoßen, beraubt und verachtet werden. Er interessiert sich am meisten für die, die ihn am nötigsten haben. Er wird keinen allein lassen. Gott wird dem eine Ende machen, daß Menschen Unheil anrichten wollen, die Menschen verführen, die die Rechtspflege durcheinanderbringen, die andere erblassen lassen oder auch die nur im Irrtum gefangen sind.

Ein genauer Zeitpunkt für die Wende ist nicht angegeben. Er hängt ja auch ganz von Gott ab. Doch hier soll nicht vertröstet werden. Es wird schon alles gut werden! Hier ist nicht der Wunsch der Vater des Gedankens. Hier gilt tatsächlich: Wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten!

Vielleicht ist das nicht jedem gleich deutlich. Es geht ihm dann wir einem Menschen, der bei Nebel einen Aussichtsturm besteigt. Da kann ein anderer ruhig erklären: Dort liegt diese Stadt und dort jener Berg! Das nutzt dem Betreffenden gar nichts. Der Prophet Gottes aber sieht das Handeln Gottes schon klar vor sich. Er schildert den anderen, was er sieht, um ihnen dadurch wieder Mut zu machen.

Gott will keinen quälen. Er will keinen in die Klemme bringen, um ihn dadurch geneigter zu

machen für sein Wort. Man kann den Menschen nicht dadurch bekehren, daß man ihm erst seine Schlechtigkeit und sein Verlorensein einredet und dann sagt: „Nur Gott kann dich retten!“ Man kann auch nicht sagen: „Laßt die Menschen nur arm bleiben, dann sind sie geneigter für die Religion!“

Hier geht es eher um die Erfahrung: Die Verachteten und Benachteiligten öffnen sich eher für Gott als diejenigen, denen es gut geht. Weil sie nur noch auf Gott hoffen können, wird er ihnen auch helfen. Das wird eine Befreiung sein wie sie diejenigen erlebt haben, die 1945 die Konzentrationslager verlassen konnten oder die nach monatelanger Geiselhaft wieder heimkehren konnten. Gott macht - früher oder später - der Tyrannei ein Ende.

Befreiung ist aber mehr als eine Sache der Macht. Es geht auch um eine ganz neue Gesinnung. Es geht darum, daß dem Recht Gottes Genüge getan wird. Es geht nicht, daß Menschen beschwatzt werden zur Sünde, daß der Richter in seinem Amt nicht mehr frei ist, daß das Recht durch Lügen gebeugt wird. Das Recht darf nicht zum Instrument in der Hand der Mächtigen werden.

Alle Diktaturen haben einen Hang danach. Selbst der SS-Mann, der am 9. April 1945 Dietrich Bonhoeffer und andere hat umbringen lassen, hat noch vor der Hinrichtung ein sogenanntes

„ordentliches“ Gerichtsverfahren veranstaltet. Das hat ihn später vor einer Verurteilung bewahrt. Auch die SED-Verbrecher wurden nur nach DDR-Recht verurteilt und kamen meist mit einer Bewährung davon, die ihnen nicht weh tut, weil sie ja gar keine Gelegenheit mehr zu ihrem früheren Tun haben. Doch immerhin erfahren sie jetzt, was ein Rechtsstaat ist, und erkennen so, was sie vorher den Menschen verwehrt haben. Für das Volk Israel war Gott der Hüter des Rechts. Am Ende wird er seine Gerechtigkeit durchsetzen, denn es gibt kein Heil ohne Gerechtigkeit.

 

(3.) Gott will die Welt verständig und fromm: Durch die Heilung der Kranken und die Befreiung der Entrechteten darf der Glaube nicht vernachlässigt und vergessen werden. Wir sind als Menschen zwar aufgefordert, das zu tun, was wir tun können. Doch für die Bibel kann es kein Heil im vollen Sinne geben, ohne daß Gott in unserem Denken und Tun zu seinem Recht kommt. Wenn wir Gottes Partner sind (oder besser: er unser Partner ist), dann wird unser Leben im vollen Sinne erst heil, wenn wir es im Vollzug auch wirklich sind.

Es heißt nicht: Es wird alles schon anders werden! Vielmehr heißt es: I h r sollt anders werden! Nicht nur die äußeren Lebensumstände werden verändert - dafür wird Gott schon sorgen. Es wird aber auch zu einer inneren Erneuerung kommen müssen. Eine Heilung kann nicht geschehen, ohne daß das Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung kommt. Das haben noch

die gewußt, die nach dem Krieg in die Kirche strömten: Die Rettung aus der äußeren Gefahr ist, nicht alles, sondern die Seele muß auch in Ordnung kommen.

Für uns als Christen bekommt das alles Gestalt und Farbe durch das Kommen Christi. Er ist gekommen, um zu verwirklichen, was auch uns in dem Verheißungswort aus Jesaja zugesagt. Er ist nicht so gekommen, wie es der Prophet ausgemalt hat. Er kam nicht als triumphierender Sieger, sondern mit der Krippe und dem Kreuz.

Aber das war der richtige Anfang. Denn jetzt können Kranke und Arme fröhlich sein, weil Gott ihnen hilft. Mit den Tyrannen hat es ein Ende, weil der Gekreuzigte stärker ist als der Tod. Die Unruhestifter können nichts ausrichten, weil Gottes Recht wieder in Kraft gesetzt wird. Etwas vom ewigen Leben ist schon jetzt in dieser Welt zu spüren. Aber wir trauen Gott nicht zu viel zu, wenn wir noch sehr viel mehr von ihm erwarten. Gott hat schon immer gehandelt. Er wird auch weiter handeln und noch größere Dinge tun.

 

 

Jes 30, (8-14) 15-17 (Silvester):

Auf dem Weg hierher in die Kirche hat es sicher schon gekracht. Nicht nur der unnütze Radau um Mitternacht belästigt uns in diesen Tagen, sondern auch mancher frühzeitige Knaller. Auf dem Heimweg werden uns vielleicht schon Betrunkene begegnen. Da empfinden wir die Ruhe und Abgeschiedenheit des Gottesdienstraums besonders angenehm. Der Predigttext unterstützt das noch: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ Der Prophet Jesaja war allerdings von anderem Getöse als von harmlosen Knallfröschen umgeben: Er hörte das Säbelrasseln feindlicher Supermächte, zwischen die der kleine Staat Juda geraten war. Von Norden drohten die Assyrer. Sollte man sich ihnen unterwerfen oder doch vielleicht bei den Ägyptern im Süden eine Hilfe suchen.

Jesaja warnt die Führung seines Volkes: „Ägypten wird zwar gewaltig mit seinen Waffen rasseln, doch wenn es zur Entscheidung kommt, wird es nichts unternehmen!“ Doch das sagt er nicht als Realpolitiker, sondern das ist seine Einschätzung vom Glauben her: „Wer kein Vertrauen zu Gott hat, sucht sich falsche Verbündete unter den Menschen. Wer sich aber allein auf Menschen verläßt, der ist verlassen!“

Man könnte meinen, der Prophet sei nur mutlos geworden. Auch Gott scheint aufgegeben zu haben, denn Jesaja soll nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten, sondern seine Botschaft in seinem Haus aufschreiben für einen künftigen Tag. Damit macht er aktenkundig, daß das Volk gewarnt wurde. Aber dennoch hofft er, daß sie sich doch noch ansprechen lassen und stille bleiben, damit e r ihnen helfen kann.

Vielleicht haben wir von diesem Jahresschlußgottesdienst eher eine Entlastung erwartet. Stattdessen hören wir aber: „Achtung! Gefahrenstelle!“ Aber neben dem Gefahrenschild steht auch der Hinweis: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!“ Die tatsächliche Lage wird deshalb nicht verschleiert. Aber es wird ihr entgegengehalten: „Durch Gelassenheit wird euch geholfen werden!“ Doch er tröstet nicht mit der rein menschlichen Erwartung: „Es wird schon alles gut werden“, denn dann muß man auch sagen, worauf man diese Hoffnung gründet.

Jesaja ist aber nicht ein wissenschaftlich arbeitender Zukunftsforscher, sondern er rechnet mit Gott. Er singt nicht wie in dem Schlager nach dem Zweiten Weltkrieg: „Hurra, wir leben noch", sondern bei ihm entscheidet sich alles an Gott, von dem alles kommt und auf den hin alle Dinge gerichtet sind. Gott ist nicht eine entbehrliche Zutat zu dem, was sowieso schon in der Welt betrieben wird, sondern wenn wir auf ihn hören, haben wir auch Zukunft. Deshalb beschließen wir das alte Jahr in der Gewißheit. Gott will, daß uns geholfen wird, in dem wir umkehren und indem wir stille sind und hoffen.

 

1. Uns wird geholfen in der Umkehr:

Gott will erhalten, was er geschaffen hat. Aber der Bestand unseres Lebens ist kein einklagbares Recht, sondern Wirkung der Geduld und des Erbarmens Gottes. Gott will auch, daß wir ihn bei der Erhaltung seiner Schöpfung unterstützen. Deshalb ist es am Ende des Jahres angebracht, daß wir einmal Inventur machen. Und das Ergebnis kann dann nicht sein - wie es viele Politiker machen – daß wir sagen: „Nur weiter so!“

Zur Zeit des Jesaja suchte man sein Heil in politischen Bündnissen mit den Nachbarn und der Großmacht Ägypten. Zeitweise tat man auch so, als würde man sich den Assyrern unterwerfen. Aber der Prophet ist für das Stillesein und nicht für das nervöse Herumpaktieren. Für ihn war das alles eine Frage des Glaubens. Der Bestand des Volkes Gottes wird von Gott garantiert. Er ist der Herr der Geschichte, die Völker sind nur seine Werkzeuge. Deshalb kann ein Volk sein Schicksal nur in das zukünftige Handeln Gottes verlegen.

Aber Jesaja ist nicht dagegen, daß Menschen handeln, sondern dagegen, daß sie eigenmächtig handeln, daß sie handeln, als wäre Gott nicht da. Die Leute haben Gott gegenüber ein gutes Gewissen. Der fromme Betrieb läuft. Doch auch bei wohlgeordnetem religiösem Betrieb kann man sich dem lebendigen Gott beharrlich entziehen. Gott soll nicht stören oder beunruhigen.
Deshalb ist er gern gesehen, wenn er unterstützt, was wir uns ausgedacht haben. Er ist gern gesehen, wenn er untermauert, was wir vorhaben. Und er ist gern gesehen, wenn er segnet, was unserem eigenen Interesse entspricht.

Auch die Kirche kann nicht sich oder anderen zu Gefallen predigen. Sie darf nicht den Interessen der Mächtigen dienen, die sich angeblich beschützen oder ihr Geld geben. Nur wenn wir Gott walten und wirken lassen, käme er an unsere Probleme heran. Umkehr ist deshalb das Gebot der Stunde am Ende des Jahres. Aber für die Zukunft gilt es, stille zu sein und zu hoffen.

 

2. Stillesein und Hoffen hilft uns für die Zukunft:

Wir beschließen wieder ein Jahr in einem Zeitalter, in dem die Gewaltausübung und Gewalt­androhung in unheilvoller Weise Geschichte machen. Daß Friede ist, können wir nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Daß aber Friede bleibt, dafür hat jeder die ganze Kraft seines Herzens und Willens einzusetzen. Damals hieß es: „Mit Rossen werden wir rasen, auf Rennern werden wir rennen!“ Heute heißt es: „Mit Kanonen werden wir schießen, mit Raketen können wir jeden Punkt der Erde treffen. Und notfalls werden wir auch Atomwaffen einsetzen!“

Man könnte natürlich einwenden: „Die Rüstung wird ja nur vom Gegner erzwungen!“ Jeder rüstet nur „nach“, so wie die jungen Männer ihr Messer „nur zur Verteidigung“ bei sich haben. Aber bei jeder kleinen Auseinandersetzung wird dann doch das Messer gezogen und zugestochen.

Deshalb muß es natürlich auch eine gewissenhaft verwaltete Macht geben. So lange es das Böse in der Welt gibt, wird es durch Machtausübung in die Schranken gewiesen werden müssen. Vor allem der Staat hat ein Machtmonopol, das er durch Polizei und Gerichte ausübt. Nur beruhigen dürfen wir uns durch diese Feststellungen nicht.

Machtausübung gegenüber dem Einzelnen kann immer nur das letzte Mittel sein. Aber man sollte nicht meinen, daß das dann auch immer Erfolg hat. Vor allem hilft sie nicht im Zusammenleben der Völker. Schon Jesaja malt aus, was geschieht, wenn ein Land verheert ist: Oben auf dem Berg findet man nur noch eine alte Signalstange, mit der man früher Nachrichten weitergegeben hat, die aber jetzt nur noch verrät, daß in diesem Land einmal Menschen gewohnt haben.

Deshalb sind die Voraussetzungen für die Anwendung von Gewalt aufzudecken. Und die Anlässe zu den weltbedrohenden Konflikten müssen ausgeräumt werden. Der judäische König Hiskia aber wollte nur paktieren und taktieren und bereitete den Aufstand gegen Assyrien schon vor. Aber das war nicht ein Zeichen der Stärke, sondern der Verzweiflung, die ja das Gegenteil von Stille ist. Und seine Hektik war ein Zeichen der Verzweiflung, die ja das Gegenteil von Hoffnung ist. In seinem scheinbaren Selbstvertrauen brach er so das Unheil vom Zaun. Als ob Gott nicht wüßte, wie er seinem Volk helfen kann, als ob er nicht die Dinge in der Hand hätte und behielte.

Das gilt aber auch für unser persönliches Leben: Wir brauchen uns nicht Sorgen zu machen im Blick auf das neue Jahr und alle möglichen Vorbereitungen zu treffen. Es gilt, nicht in falsche Aktivität und Hektik zu verfallen, sondern sich Zeit zu nehmen. Wenn Eheleute sich nicht mehr Zeit nehmen für das Gespräch, beginnt die Gemeinsamkeit abzusterben. Wenn Eltern keine Zeit mehr für die Kinder haben, wird das Vertrauen zueinander schnell ausgehöhlt. Auch unser Vertrauen zu Gott braucht Zeiten der Stille, braucht Bibelstudium und Gebet und das Zusammensein mit Gleichgesinnten. Nur so gewinnen wir Vertrauen, unser Leben trotz bleibender Fragen auszuhalten.

Es geht allerdings nicht darum, daß wir uns als „die Stillen im Lande“ in den engen Raum unseres Herzens zurückziehen und den inneren Frieden mitten in einer gefährdeten Welt genießen. Ein Christ ist für den Gang der großen Politik durchaus mit verantwortlich. Die Kirche hat keinen direkten Auftrag in der Politik. Aber der einzelne Christ hat einen Auftrag in ihrer Eigenschaft als Bürger; er darf sich einmischen in die Politik seines Staates und seiner Gemeinde.

Aber die Gemeinde kann allein durch ihr Dasein, durch ihr Wirken und ihr Gebet, auf das Leben der Gemeinschaft einwirken. Und so wünschen wir uns zum neuen Jahr nicht nur Gesundheit und Kraft, sondern wir wünschen uns auch Ohren und Herzen, die auf Gott hören und ihm vertrauen. Und wir wollen uns die Bereitschaft wünschen, unser Leben zu verändern.

Wenn wir rechte Christen sind, dann geht auch von uns eine große Gefaßtheit aus, eine Ruhe und Gelassenheit, die die Welt nicht finden kann außer durch Gott. Wer gewiß ist, daß Gott unter allen Umständen das letzte Wort spricht, braucht nicht nervös zu werden.

 

 

Jes 35, 3 – 1 (02.  Advent):

Man kann schon verzagt und müde werden in einer Welt, in der sich wenige sich etwas aus Gott machen und alles gegen die Kirche zu sprechen scheint. Manchmal möchten wir doch auch auf die andere Seite umschwenken, weil wir denken: „Es hat ja doch keinen Zweck mehr!“ Schon mancher wird die Flinte innerlich ins Korn geworfen haben. Schon mancher hat sich vielleicht schon heimlich nach hinten abgesetzt. Wer weiß, wie viele von denen, die heute noch zur Gemeinde gehören, eigentlich schon auf der anderen Seite stehen

„Wie kommt es, daß es für uns immer wieder irgendwie weitergegangen ist? Die einen lächeln grimmig und meinen: „Unkraut vergeht nicht“ oder „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ Andere weisen überzeugt auf wissenschaftliche Einsichten und Gesetzmäßigkeiten hin, nach denen sich alles weiterentwickelt. Aber durch alle eigenen Anstrengungen und Einsichten hindurch dürfen wir noch mehr entdecken: Wir haben einen Gott, der so barmherzig ist, daß es kein Trümmerfeld gibt, durch das er nicht noch einen Weg zeigen könnte.

Was uns in Jesaja geschildert wird, ist nur ein Vergleich. Was hier von der heilen Welt gesagt wird, wartet noch auf Verwirklichung. Es ist auch nicht gesagt, daß es in der Ewigkeit wirklich so aussehen wird. Aber einige Grundzüge können wir doch aus dieser Vorstellung für uns entnehmen:

 

1. Die Natur wird verwandelt werden: Sie kennt nicht nur des taufrischen Sommermorgen und den bezaubernden Sonnenuntergang, sondern auch Sturmflut und Erdbeben, Dürre und Hunger. Sie kernt die Arterienverkalkung und den Krebs. Sie kennt den Kampf ums Dasein und das Unterliegen der Schwächeren.

Für die Menschen in Palästina waren Wüste und Dürre die größten Gefahren der Natur. Mittendrin ist der Mensch, der sich auch behaupten will. Er ist von der Erde genommen und lebt von dem, was die Erde hervorbringt. Er stillt seinen Durst aus dem rinnenden Wasser. Er braucht zum Leben das Licht der Sonne und die Luft zum Atmen. Er braucht den Boden, auf dem er gehen und stehen kann.

Auch heute gibt es noch Dürre und Überschwemmungen, Erdbeben und Springfluten, Heuschrecken­schwärme und Pflanzenkrankheiten. Aber es gibt auch Gifte in der Luft, im Wasser, im Erdboden. Es gibt verbrannte Erde und strahlungsverseuchte Landstriche. Dafür ist der Mensch verantwortlich.

Langsam begreifen wir, was wir anrichten. Wir plündern die Erde aus und vernichten durch Raubbau die Lebensgrundlage der künftigen Generationen. Wir verbrauchen mehr Sauerstoff, als die Vegetation der Erde hervorbringt. Wir verändern das Klima, so daß mit der Zeit das Eis an den Polen der Erde abschmilzt und es zu großen Überschwemmungen kommt.

Diese Welt kann aber nur dann unsere Wohnstatt sein, wenn es zu einem gegenseitigen Geben  und Nehmen kommt. Man kann nicht den Menschen retten wollen, während die außer-mensch­liche Schöpfung heillos bleibt. Der Mensch ist ja selber ein Teil der Natur. Und wenn Gott kommt, dann kommt er zum Ganzen seiner Schöpfung. Er ist nicht unser Privatgott, sondern der Gott des Himmels und der Erde.

Bei Jesaja sieht es so aus, als entstehe die heile Welt aus den Bedingungen der alten Welt und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Es sollen Wasser in der Wüste hervorbrechen, es wiederholt sich so etwas wie bei der Schöpfung. Für die Menschen in einem trockenen Land ist das Wasser die Quelle des Lebens. Deshalb stellten sie sich die neue Welt Gottes als einen Gaten mit viel Wasser vor, in dem viel Leben gedeihen kann. Dazu ist allerdings etwas anderes nötig:

 

2. Die Gefahren werden beseitigt: Es drohte damals auch Gefahr von wilden Tieren, von Schakalen und Löwen. Sie stehen aber für alles, was das Leben bedroht. Wir werden heute an andere Gefahren denken, vom Dolch bis zur Atombombe. Jesaja aber erwartet, daß künftig kein Geschöpf mehr vom Tod des anderen lebt und ihm darum ständig gefährlich sein muß. Die Welt soll wieder zur Welt Gottes werden, sie soll Schöpfung sein, die den Schöpfer verherrlicht. Sie soll nicht mehr gefährdet und gequält sein vom Kampf ums Dasein, von der Angst vor Schakalen jeder Art. Wo alles im Einklang mit Gott steht, da ist heile Welt. Das wird noch an einem weiteren Punkt deutlich:

 

3. Di Menschen werden heil: Heil bedeutet auch das Ende aller Krankheiten. Daß Blinde sehen und Taube hören, daß Stumme reden und Lahme springen, sollte man nicht nur bildhaft, sondern ganz wörtlich verstehen. Krankheit und körperliche Gebrechen sind Merkmale der unerlösten Welt, die aus der Gemeinschaft mit Gott herausgefallen ist. Sicherlich kann man im Einzelfall nicht Sünde und Leiden gegeneinander aufrechnen. Aber man muß wissen: Wäre unser Gottesverhältnis heil, gäbe es vieles Belastende und Zerstörendes nicht.

Aber wenn Gott das Heil will, dann will er auch die Heilung. Jesus nimmt diese Bibelsteile ja auf, als die Johannesjünger zu ihm kommen und ihn fragen, ob er der verheißene Messias ist. Seine Antwort lautet: „Seht doch, was sich dort abspielt, wo ich bin! Ich mache doch den ganzen Menschen gesund, bis in seine körperlichen Gebrechen hinein.

Doch Gott will nicht nur, daß die Blinden erstmals oder auch erneut die Welt optisch erleben können. Wir  a 1 1 e werden ganz neu sehen lernen, denn wir werden G o t t  schauen. Jesu Machtaten sind Vorzeichen: Sie weisen darauf hin, was noch kommen soll und sagen das Kommen Gottes an. Doch da hören wir schon den Einwand:

 

4. Das gibt es doch gar nicht! Es ist bewegend, aber auch bedrückend und verwirrend, wie die Menschen damals vergeblich auf das Erscheinen Gottes gewartet haben. Mancher könnte daraus die Folgerung ziehen: „Beißt die Zähne zusammen und seht, wie ihr selbst weiterkommt, denn euren Gott bekommt ihr nie zu sehen!“

Mit großer Leidenschaft gehen Menschen an die Umgestaltung der Welt und wollen dadurch auch den neuen Menschen schaffen. Aber wir sollten nicht meinen, von uns aus die Welt Gottes hier auf dieser Erde schaffen zu können. Auch der Weg der Kirche durch die Zeit ist kein Triumphzug. Wir fragen uns schon zu Recht, weshalb Gott nicht eingreift angesichts des Leides in der Welt. Es dauert uns zu lange, bis Gott alles vollendet.

Doch die vollendete Welt wird ausschließlich Gottes Werk sein. Das  W i e können wir getrost ihm überlassen. Wir brauchen nicht von unserem Ufer her eine Mole ins Meer hinauszubauen, mit den Materialien, die wir unserer Welt entnommen haben. Vielmehr baut Gott von drüben her auf uns zu und wir können, nur zusehen.

Jesaja sagt uns: „Sehet, da ist euer Gott!“ Im Augenblick ist seine Kraft noch unter der Schwachheit verdeckt, die Geborgenheit unter den Anfechtungen, das Leben unter dem Sterben. Aber Gott will die heile Welt. Gott wird kommen und die Verhältnisse in der Welt grundlegend verändern. Wir laufen dabei nicht ins Leere. „Seid getrost und fürchtet euch nicht!“ heißt es bei Jesaja. Es gibt den künftigen Advent, das Kommen Jesu Christi in Herrlichkeit. Dann wird alles verwandelt werden.

 

5 . Gott will das heilige Leben: Die neue Welt kann nicht ohne neue Menschen sein. Die Heilung der körperlichen Mängel nutzt nichts, wenn diese Menschen im Kern ihrer Person unverändert bleiben, weiterhin gottfremd und gottfeindlich sind. Der Prophet sieht, wie das versprengte Volk Gottes auf einer Wunderstraße heimkehrt. Das ist ein Gleichnis für den Weg, auf dem wir zur Ewigkeit unterwegs sind. Im Augenblick sind wir noch die Gemeinde der Sünder, noch unterwegs. Gott muß noch viel Geduld mit uns haben. Ober er sieht uns schon heute als seine Kinder und Heiligen an.

Es wird keiner ausgeschlossen, weil er nicht zum Gottesdienst fähig ist („unrein“) oder Gottes Gesetz verachtet („ein Tor“) ist. Vielmehr wird alles Unreine und Törichte abfallen und von uns genommen werden. In Gottes unmittelbarer Gegenwart werden alle verwandelt werden. Nun können sie heimziehen mit jubelnder Freude.

Wer aber eine solche Hoffnung hat, wird die heutige Lage nicht übersehen. Ihn erreicht der Ruf: „Stärket die müden Hände, richtet auf die strauchelnden Knie, redet zu den abgehetzten Herzen!“ Das ist u n s gesagt, auch wenn wir uns vielleicht selbst zu den Müden rechnen und selber Stärkung erhoffen. Wir dürfen die Flügel nicht hängenlassen, weil Gott uns zu denen rechnet, die andere noch stärken können.

In der Tat ist es auch so: Wenn man sieht, daß es anderen noch schlechter geht, daß sie noch hilfloser sind als man selber, dann hat man auch die Kraft, ihnen zu helfen. Und wenn man merkt, man wird gebraucht, dann vergißt man auch die eigene Schwäche und kann sogar anderen zum Helfer werden.

Die Verheißungen des Jesaja warten noch auf ihre Erfüllung. Jesus hat sie zum Teil der Erfüllung nähergebracht. Auch heute wirkt Gott in unserem Leben: Es gibt Freundschaften und Liebe unter den Menschen, eine Arbeit gelingt oder wir erfahren Freude oder können sie anderen bereiten. Wer Zeichen der Liebe Gottes erfahren hat, der wird auch andere einladen wollen, solche guten Erfahrungen mit Gott zu machen.

Dabei sollen wir dort wirken, wo Gott uns hingestellt hat. Das macht eine alte Legende deutlich: Zwei Mönche lasen in einem Buch, am Ende der Welt gäbe es einen Ort, an dem Himmel und Erde sich berührten. Sie wollten ihn suchen und nicht eher umkehren, bis sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren und erlitten viele Entbehrungen und Versuchungen. Schließlich fanden sie auch die Tür, an der man nur anklopfen brauchte, um bei Gott zu sein. Bebenden Herzens sahen sie, wie die Tür sich öffnete. Aber als sie eintraten, da standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren, an dem wir Gottes Treue erfahren, befindet sich auf der Erde, und zwar an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat.

 

 

Jes 40, 1 -11 (3. Advent):

In Berlin kann man in einem Museum die Prachtstraße bewundern, die früher durch die Stadt Babylon führte. Deutsche Gelehrte haben sie ausgegraben und dann im Museum fast originalgetreu aufgebaut. Ganz aus gelben, blauen und grünen lasierten Ziegeln hergestellt und mit einem prächtigen Tor versehen, gibt sie uns heute noch ein Zeugnis von dem Reichtum und der  Macht dieser Stadt. Die Prachtstraße war sie auch einmal auf einer Briefmarkenserie zu sehen.

Ganz in der Nähe dieser Straße aber mußten die Israeliten in der Verbannung leben. Die Besten des Volkes hatte man nach hier verschleppt, um sie besser unterdrücken zu können und dieses Volk aus der Weltgeschichte verschwinden zu lassen. Täglich hatten sie die Macht Babylons vor Augen. Sie waren doch nur eine kleine Minderheit. War es da nicht besser, sich einfach anzupassen und das zu tun, was die Mächtigen forderten? An besten gab man auch gleich den Glauben mit auf, denn ihr Gott regte sich ja nicht mehr und die Babylonier würden letztlich doch die Oberhand haben.

Gegen diese Meinung hatte der Prophet Jesaja der Zweite anzukämpfen. Er hatte es selbst erlebt, wie sie das Bild des Gottes Marduk in feierlicher Prozession durch die Straßen Babylons getragen haben. Wege für Götter und Könige spielten im babylonischen Denken und in den Gottesdiensten eine große Rolle. Die Prachtstraße war vielleicht vor 30 Jahren gebaut worden.

Aber der Prophet sagt dennoch: „Unser Gott wird sich eine ganz andere Straße bauen lassen!“ Er hat es selber gehört, wie eine himmlische Stimme der anderen zugerufen hat: „Bereitet dem Herrn der Weg!“ Allerdings schafft sich Gott eine Straße ganz anderer Art. Sie führt durch die Wüste, wo nach Ansicht der damaligen Zeit nur böse Dämonen hausen. Da müssen erst gewaltige Erdmassen bewegt werden: Ganze Hügel werden abgetragen und die Täler damit ausgefüllt. Gott vollbringt ein Wunderwerk, denn er läßt einen Weg bauen wo keiner ist. Er schafft sich Bahn.

Und dann geht nicht mehr der Gott Marduk voran, sondern der Gott Israels. Sein Volk nimmt er mit. Es geht nach Jerusalem, wo der andere Teil des Volkes ist; dann wird alles noch einmal neu anfangen. So kündet sich ein gewaltiges Geschehen an. Gott ist schon in Bewegung. Das darf der Prophet melden, damit sein Volk aushält und bei Gott bleibt.

Denn mit der Ankündigung beginnt schon alles. Das ist anders als bei einem Plakat: Wenn das ein Konzert ankündigt, dann ist musikalisch noch nichts geschehen. Wenn einer aber sagt: „Gott ist nahe!“ dann ist die Wende schon eingetreten. Das ist der Trost für die Israeliten. Sie wissen: „Der Prophet ist nicht ein unverbesserlicher Optimist, sondern hinter seinen Worten steht Gott selber. Jesaja ist wie ein Diplomat, der nicht auf eigene Faust Politik zu machen hat, sondern nur die Interessen seines Staates und seiner Regierung vertritt. Gott wird das bestätigen, was sein Prediger sagt.

Was der Prophet aber zu sagen hat, das ist aufregend: „Alles Fleisch ist wie Gras!“ Wenn der heiße Wüstenwind kommt, dann ist das Gras in wenigen Stunden verbrannt. So wird auch die Macht und Pracht Babylons vor dem Gluthauch Gottes vergehen. Noch steht die militärische Macht und die Pracht der Riesenstadt vor aller Augen. Aber Gott kann im Nu damit Schluß machen (und das hat er dann ja auch gemacht). Gott ist auch dieser Weltmacht überlegen, kein Israelit muß sich mehr vor dem Zwingherrn fürchten.

Es braucht sich aber auch keiner von der Prachtentfaltung gefangennehmen lassen Jede Gewaltherrschaft sucht doch auch irgendwie Anklang bei den Massen zu finden: Da werden Aufmärsche gemacht, Spiele veranstaltet, anfeuernde Reden gehalten. Dadurch will man Eindruck machen und die Menschen für sich gewinnen.

Da standen selbst die Israeliten in der Gefahr, sich von ihrem Gott abzuwenden und einer Weltanschauung zuzuwenden. Viele werden sich auch ganz nüchtern gesagt haben: „Die Machtverhältnisse sind nun einmal so, da ist es sinnlos, vom Kommen Gottes zu reden. Paßt

euch doch lieber an!“

Der Prophet aber macht ihnen im Auftrag Gottes deutlich, daß Babylon auch nicht mehr ist als Israel. Den abgestumpften und verbitterten Menschen in der Gefangenschaft wird aber nicht nur liebevoll zugeredet, sondern sie sollen ihre ganze derzeitige Lage anders sehen können. An der äußeren Lage hat sich zwar noch nichts geändert, die Verbannten sind noch nicht heimgekehrt. Aber das Siegeslied kann bereits angestimmt werden. Alle Leiden sind nur noch Nachspiel eines Geschehens, das grundsätzlich schon erledigt ist.

Die frohe Botschaft lautet: „Tröstet mein Volk!“ Wir Menschen trösten einander oft mit den Worten: „Es wird schon wieder gut werden!“ Gott aber vertröstet nicht, sondern sein Trost ist auch stichhaltig. Er erklärt sich wieder für sein Volk und will es retten.

Das bedeutet aber: Die Zeit der Strafe ist vorbei, das Volk hat seine Strafe sogar schon doppelt empfangen. Die Schuld ist vergeben, nun gibt es ein neues Recht auf Leben. Gott wird zwar gerade im Alten Testament als streitbar geschildert; auch im Neuen Testament ist von Kampf und Sieg und Königsherrschaft die Rede. Aber in der Mehrheit treten uns im Neuen Testament ganz andere Töne entgegen. Da hören wir, daß Gott uns liebt und uns vergibt, verzichtet und leidet - und so gewinnt er uns für sich zurück.

Für uns heute hat sich manches geändert seit der Zeit Jesajas. Damals hoffte man noch auf den Auszug aus Babylonien und die Heimkehr nach Jerusalem. Wir aber wissen‚ daß Gott aus seiner Verborgenheit herausgetreten ist in Jesus Christus. Damit man ihn nicht übersieht, ist ein Vorläufer vor ihm hergegangen: Johannes der Täufer, an den wir an diesem Sonntag besonders denken, hat auf Jesus hingewiesen, denn so ohne weiteres war er ja nicht als der von Gott gesandte Retter zu erkennen.

Johannes selber hat sich ja noch falsche Vorstellungen von Jesus gemacht. Zum Beispiel hat er das Trostwort des Jesaja doch wieder in ein Gerichtswort umgedeutet. Nun wußte allerdings auch Jesaja, daß sein eigenes Volk auch nur Gras ist; die Gefangenschaft und die Zwangsarbeit sah er als Strafe für die Sünden des Volkes an. Das menschlich Große und das Sicherheit versprechende sollte zusammenbrechen und vergehen. Es blieb nur, was Gott selbst schafft und tut. Und das ist sein Wort! Wenn alles wie Gras vergeht, dann hätte das Predigen ja gar keinen Sinn mehr.

Aber Gottes Wort bleibt. Und das soll ja gerade gepredigt werden. Im schwachen Menschenwort nimmt Gott Kontakt mit uns auf.  Allein durch sein Reden schafft er schon eine neue Lage. Das ist wie bei zwei Liebenden, die lange voneinander getrennt waren: Wenn sie sich wiederhaben, sind sie glücklich, auch wenn es durchs Dach regnet und die Kost bescheiden ist. In Jesus wurde Gottes Wort sogar Fleisch und wohnte unter uns. Durch Taufe und Abend­mahl sind wir auch heute noch mit diesem Gott verbunden.

Natürlich ist es auch für uns noch schwer, in Jesus den Sohn Gottes zu erkennen. Unsere Wüste ist ja die gottlose Welt von heute, in der wir auch fragen: „Wo ist Gott? Wie können wir ihn erkennen? Wie können wir an ihn glauben?“ Wenn wir in dieser „Wüste“ einen Weg für Gott bahnen wollen, dann müssen wir alles abbauen, was sein Kommen hindert: Sowohl das Hohe in Form der Eigenmachtansprüche als auch das Tiefe in Form der Ohnmacht und Nie­der­geschlagenheit.

Doch sagen wir besser mit Jesaja: „Gott selber räumt aus dem Weg, was seinem Kommen widersteht. Nichts kann ihn aufhalten, wenn er kommt!“ Er kann auch zu uns kommen, wenn wir nur Jesus als seinen Sohn erkennen, trotz aller anderslautenden Behauptungen unserer Umgebung. Aber Johannes hat darauf hingewiesen, Jesus selber hat sich dazu bekannt, uns haben es andere Menschen erzählt.

Jetzt haben wir schon wieder die Aufgabe, die Kette nicht abreißen zu lassen und die gute Nachricht weiter zu geben. Noch hat diese Botschaft ja nicht ihre letzte Erfüllung gefunden. Wir warten ja immer noch darauf, daß Jesus wiederkommen wird in all seiner Herrlichkeit. Aber er wird bestimmt wiederkommen. Dieses Bewußtsein kann uns helfen, mit der vielfach doch festzustellenden Mutlosigkeit fertigzuwerden.

Die verschleppten Israeliten in Babylonien sahen in ihrer kleinen Zahl ein Zeichen des Rückgangs. Der Zeitpunkt war abzusehen, an dem sie in dem fremden Volk aufgegangen sein würden. Unsere heutige Lage wird vielfach auch so gesehen: eine sterbende Kirche, die keine Zu­kunft mehr hat. Die erste christliche Gemeinde aber hat es anders verstanden: Sie war zwar auch nur eine Minderheit, aber sie wollte wachsen; die geringe Zahl war ihre Ausgangsposition. Dieses Bewußtsein sollten wir zurückgewinnen.

Wenn es nur an uns läge, dann würde sicher alles nur zurückgehen. Aber aus der Sicht des Glaubens ist die Wende schon längst eingetreten. Wir dürfen schon davon weitererzählen, weil die Erfüllung so sicher ist. Jedes Jahr dürfen wir wieder neu ein Kirchenjahr beginnen Wir dürfen uns auf Weihnachten freuen und dem Kommen des Herrn entgegensehen.

Allerdings ist es heute nicht mehr selbstverständlich, ein Christ zu sein. Die kirchlichen Amtsträger haben keine Machtstellung mehr. Vorteile für die Kirche gibt es sowieso nicht mehr; wir kämpfen heute ja darum, wenigstens so behandelt zu werden wie alle anderen auch. Christsein findet keine Stütze mehr in der Heilighaltung von Sitten und Bräuchen, durch die Verankerung im Bildungswesen und in der Bevorzugung gegenüber nichtchristlichen Religionen und atheistischen Überzeugungen.

Heute ist der Glaube allein gestellt auf das Wort unseres Gottes. Doch das ist auch eine Chance. Wir können um so deutlicher von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus reden. Gott schickt uns aber auch zu den Hilflosen, die auf den Wegen des Lebens liegengelassen wurden oder liegenzubleiben drohen. Ihnen wieder Mut zu machen, ihnen von der Liebe Gottes zu erzählen, ihnen die Ankunft Gottes vor Augen zu stellen, das ist doch gerade in dieser Advents- und Weihnachtszeit eine schöne Aufgabe.

 

 

Jes 40, 26 - 31 (Quasimodogeniti):

„Gott ist der Herr der Weltgeschichte!“ Diesen Glaubenssatz kann man nicht mit einigen Tatsachen mühelos beweisen. Was gegen den Glauben an Gott spricht, läßt sich leichter darstellen. Die Israeliten waren nach Babylon verschleppt   worden. Seit Jahrzehnten lebten sie schon unter den Heiden. Ihr Gott wohnte in Jerusalem und im fremden Land konnte man nicht einmal zu ihm beten, dachte man: Sie glaubten sich von Gott verlassen und vergessen. Sie haben ihn zum Richter angerufen; aber er ließ ihren Fall an sich vorübergehen, als hätte er nichts gesehen und bemerkt.

Gegen diese Hoffnungslosigkeit tritt der Prophet auf. Er verkündigt den Gott, der sich durchaus nicht zurückgezogen hat, sondern machtvoll und unablässig am Werk ist und den Seinen neue Kraft zum Leben zuführt. Die Veränderung der Welt beginnt für ihn mit der Erneuerung der Menschen. Das ist ja das Thema des heutigen Sonntags. Neue Menschen („Wiedergeborene“) werden wir aber nur aus Gottes Kraft. Denn er hat die Macht, er wird nicht müde und er macht uns wieder jung.

 

1. Gott hat die Macht:

Wir kennen wohl alle das Gefühl der Rechtlosigkeit. Man hat ein gutes Gewissen und wird doch angeklagt und verurteilt. Der Schüler erhält eine ungerechte Benotung und kann nichts dagegen tun. Im Beruf kommt man trotz aller Fähigkeiten nicht weiter, weil man nicht bei allem mitmachen will. Und Gott scheint dazu zu schweigen und alles zuzulassen. Mancher sagt dann: „Jetzt glaube ich gar nichts mehr!“

Was wir schon in unserem kleinen Menschenleben an Verzweiflung spüren, gilt erst recht in der großen Weitgeschichte. Da wird ein Krieg angefangen, Menschen werden gefoltert und gejagt, für die Kinder ist kein Arzt da, viele hungern - und die Weltöffentlichkeit kümmert sich nicht darum. Menschen sind hilflos und ohnmächtig ins Räderwerk der Geschichte geraten. Die kleinen Leute haben ja immer auszubaden, was die großen Drahtzieher sich ausgedacht haben. Aber wen wundert es da, wenn man an Gott zu zweifeln beginnt?

Auch wir erleben es, wie einem glaubenden Menschen der feste Boden unter den Füßen entgleitet. Keiner sollte sich deswegen schämen und keiner ist deswegen zu verachten. Aber gerade in solchen dunklen Stunden sollte er auf Erinnerungen zurückgreifen, auch auf Erfahrungen anderer Christen. Der Glaube hält sich an das Gelernte: ein Gesangbuchlied, einen Satz aus einer Predigt, ein Teil eines Gesprächs. Auf einmal fallen sie uns ein und erinnern und daran, daß wir ja schon einmal fest gestanden haben und auch wieder dahin zurückkehren können.

Der Prophet erinnert an die großen Taten Gottes in der Geschichte („Hast du nicht gehört?“). Aber er will auch den Glauben den Gott den Schöpfer werken („Hebet eure Augen in die Höhe und sehet“). Der Schöpfungsglaube stützt den Heilsglauben. Die Erkenntnis Gottes aus der Natur ist nicht ein Stück Heidentum, dessen wir uns heute schämen müßten. Auch der erste Artikel gehört zu unserem Glaubensbekenntnis. Doch in der Natur wird man Gott nur wiederfinden, wenn man vorher schon von ihm weiß.

Was hätte der Prophet wohl gesagt, wenn er gewußt hätte, was wir wissen: das Weltall mit seinen Ausmaßen, die Sonnen und Monde, die Himmelserscheinungen und Raketen. Wir ahnen heute, daß in dem lebensfeindlichen Weltall die Erde nur eine ganz kleine bunte Kugel ist. Wir wissen, wie wichtig das wärmende Licht der Sonne und die bergende Lufthülle ist. Die Größe des Raums dagegen geht über unser Vorstellungsvermögen. Gott aber ist mitgewachsen, er erfüllt auch die Weiten des Weltraums.

Und doch ist er uns auf unserer Erde nahe. Wenn wir die Augen aufmachen, dann erkennen wir auch in unserer unmittelbaren Umgebung die Spuren Gottes. Wir sehen die Schönheit des Frühlings, der Blüten und Blätter. Wir hören den Gesang der Vögel und sehen die lachenden Kindergesichter. Wissen wir, daß das alles aus Gottes Händen kommt? Oder sind wir betriebsblind geworden für die Schöpfung?

Der Prophet sieht das Heer der Sterne über den Nachthimmel ziehen. Gott führt sie heraus wie ein Feldherr. Er läßt sie jeden Abend antreten und keiner fehlt. Und dann ziehen sie ihre Bahn nach seinem Befehl. Nach babylonischer Auffassung waren die Sterne Götter, die über das Schicksal der Menschen entscheiden. Noch heute glauben manche Leute das und tragen ihr Sternbild als Glücksbringer mit sich.

Aber der Prophet aus dem kleinen Volk Israel hat sie schon damals vom Thron gestoßen. Nicht die Gestirne verfügen über den Menschen, nicht irgendwelche Mächte regieren die Welt, sondern allein Gott, der das alles erschaffen hat.

Die Götter der Heiden hielten es immer mit den Stärkeren. Sie schienen ja auch über das schwache Israel gesiegt zu haben. Aber unser Gott steht immer auf der Seite der Unfreien und Unterdrückten und Ohnmächtigen. Dieser Gott nimmt nicht nur, sondern er ist immer der Gebende. Die Antwort auf die Frage, ob es einen Gott gibt, lautet nicht: „Ja, es gibt ihn!“ sondern wir sagen besser: „E r gibt!“ Wer begriffen hat, was Gott ihm und der ganzen Menschheit gibt, für den erledigt sich die Frage nach dem Dasein Gottes ganz von selbst.

Das Bekenntnis zu Gott war damals in der Welt der vielen Götter schon ein Wagnis. Immer mehr wurde zur Gewißheit, daß seine Macht auch bis Babylonien reicht. Ja, man wußte sogar: Die Großmacht Babylon wird nur solange am Ruder sein, wie Gott es will. Das dürfen auch wir uns sagen, die wir in einer Welt der Gleichgültigkeit gegenüber Gott leben: „Gott ist der Herr der Schöpfung und der Geschichte!“

Das sollten wir uns immer wieder sagen bei aller Angst vor den Zwängen des Geschichtsverlaufs. Alle verabscheuen die Höllenwaffen unseres Zeitalters. Lieben wird sie keiner, denn jeder fürchtet die Waffen des anderen und vertraut auf die eigenen. Dabei sollen wir doch allein Gott fürchten, lieber und vertrauen. Aber wer die Waffen baut, handelt wie unter Zwang. Diesem Teufelszwang können wir nur begegnen, indem wir das Ungeheuerliche ächten und verachten. Gott sucht Menschen, die festen Boden unter den Füßen haben und den Zwängen widerstehen. Er will uns frei machen zum Vertrauen, damit wir die Vernichtung verhindern können. In seinem Mühen um uns gibt er dabei nicht auf.

 

2.  Gott wird nicht müde:

Gott ist nicht wie ein Uhrmacher, der die Uhr hergestellt und aufgezogen hat, und nun tickt sie von allein und braucht den Meister nicht mehr. Gott hat sich nicht zur Ruhe gesetzt. Er ist nicht so etwas wie ein Ehrenpräsident des Weltalls. Er hat sich nicht aufs Altenteil zurückgezogen, sondern er treibt die Geschichte mit seinem Volk und mit aller Welt weiter. Er wird nicht müde und matt, sondern er schafft das neue, das nicht mehr der Vergänglichkeit unterliegt.

Schöpfung ist nicht nur Gottes Werk von einst, sondern seine Schöpfung geht weiter. In den Vorgängen der Natur, in dem ganz Üblichen und Alltäglichen, ist Gott am Werk. An Ostern hat er gezeigt, wie groß seine Kraft ist. Gott steht zwar hoch über uns. Aber er ist auch ganz nahe bei uns. Er will uns in unsrer Schwachheit helfen, und zwar von unten her, durch das Mitleiden und Auferstehen Jesu.

Aus dem Überfluß seiner Kraft will er die müden Menschen stärken. Er hat soviel aufgestaute Energie, die nur darauf wartet, sich zum Heil der Menschen auszuwirken. Manche möchten alles aus eigener Kraft schaffen, um nicht von einem anderen abhängig zu werden. Aber in Wirklichkeit erhalten wir unsre Lebenskraft von einem Augenblick zum anderen von Gott selbst. Wir brauchen die Last unseres Lebens nicht zu tragen wie der Esel den Sack. Wir tragen vielmehr das Kreuz, und dieses hat die merkwürdige Eigenschaft: Wer es trägt, der merkt auf einmal, daß es i h n trägt.

Das muß3 nicht heißen, daß wir auch große körperliche Kräfte bekommen. Damit sind wir sowieso bald am Ende, auch bei jungen Menschen ist das so. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, nicht um noch mehr arbeiten zu können bis zum Umfallen, sondern um den Weg Gottes mitgehen zu können. Wer Gottes Pläne mit verwirklichen hilft, der wird davon geradezu beflügelt. Gott fragt uns, ob wir bereit sind, mit ihm für die neue Welt zu wirken. Er braucht uns, damit bei allen Menschen Ostern werden kann.

 

3.  Gott macht uns jung:

Wir haben unter uns sicherlich eine nicht geringe Zahl an verbrauchten und übermüdeten Menschen. Auch der Prozeß des Alterns ist nicht aufzuhalten, sondern man kann höchstens jedem Lebensalter seine besonderen Vorzüge abgewinnen. Aber es geht nicht darum, die in uns selbst liegenden Kraftreserven aufzuspüren und einzusetzen, also dem innerweltlichen Kraftstromnetz noch eine außerweltliche Energiequelle zuzuschalten.

Unser ganzes Leben ist umschlossen von dem Ja Gottes. Wir brauchen nicht mit dem Mut der Verzweiflung gegen alles Mögliche zu kämpfen und anzurennen. Gott hat in allem seine Hand im Spiel. Er bestimmt uns Zeit und Ort, stellt uns Menschen an die Seite und macht sie

uns zur Aufgabe, er öffnet uns Türen, vor allem aber auch eine Zukunft.

Unsere Müdigkeit und unser lähmender Mißmut kommen wohl meist daher, daß wir vergessen, wen wir vor uns haben. Trübe Voraussagen sperren die uns zugedachte Kraftzufuhr. Christi Auferstehung erschließt uns aber einen neuen Horizont. Dann mag zwar der äußerliche Mensch verfallen, aber der innere wird von Tag zu Tag erneuert, wir werden wieder zu „beschwingten“ Menschen.

 

 

Jes 42, 1- 8 (1.  Sonntag nach Epiphanias, Variante 2:)

Wir haben sicherlich manches Überflüssige in unserem Haus. Das merken wir etwa, wenn wir auf Reisen gehen, da kann man doch wirklich auf Manches verzichten. Oder überlegen wir uns einmal, was wir zuerst mitnehmen würden, wenn im Haus ein Brand ausbräche; da wird uns schon deutlich, was unbedingt wichtig ist und was weniger wichtig. Überflüssig ist alles, was man im Augenblick nicht braucht. Manches könnte ja für später noch einmal wichtig werden, aber wer will das jetzt beurteilen?! Zunächst einmal ist einem doch das Hemd näher als der Rock. Und was noch Zeit hat, das kann eben warten, bis es soweit ist.

Wir nicht die christliche Kirche von vielen heute so beurteilt? Man braucht sie nicht unbedingt, jedenfalls nicht im Augenblick, vielleicht ist sie sogar schon überflüssig. Aber so ganz auf geben möchte man seine kirchliche Bindung auch nicht, man weiß ja nicht, vielleicht braucht man das doch alles noch einmal. Doch die Gefahr ist dann groß, daß man im Schwung und in der Einsatzbereitschaft nachläßt.

Das Volk Israel zur Zeit des Propheten Jesaja II. befand sich in einer solchen Lage. Sie waren in die Gefangenschaft weggeführt wurden. Weit entfernt von der Heimat mußten sie im Land der Sieger wohnen. Dort in Babylon sprach die Wirklichkeit eine harte Sprache. Zwar war das Perserreich erstarkt und der König Kyros schickte sich an, die Macht der Babylonier einzuschränken. Aber es dauerte noch immer 15 Jahre, bis die große Wende kam.

Wen wundert es da, wenn die hoffende Gemeinde mit der Zeit enttäuscht wurde und resignierte. Viele sagten: Unsere Hoffnung auf Gott hat doch keinen Sinn mehr. Wir müssen einfach mit der Zeit leben und uns unseren Herren anpassen. Vor lauter Kummer verloren sie Vertrauen und Hoffnung. Ihr Glaube wurde vom Zweifel zerknickt wie ein dürrer Zweig.

Manche kehrten sich schon ganz bewußt ab vom Glauben der Väter, von den Überlieferungen, Sitten und Gebräuchen. Sie lösten sich von Gott und wandten sich voll und ganz dem lauten Glanz der Religion der Sieger zu. So verlöschte der glimmende Docht des Glaubens schließlich ganz. Sie sagten eben: Es ist doch zwecklos, noch Widerstand zu leisten! Das bringt nur Nachteile! Wir kennen diese Töne auch aus unserer Zeit.

Der Prophet aber versuchte, in dieser Zeit die Hoffnung lebendig zu erhalten. Offenbar hatte er heftige Diskussionen zu führen, denn die Einwände gegen seine Predigt waren nicht so einfach vom Tisch zu wischen: „Hier sind doch andere Götter! Die anderen Völker sind mächtiger als wir! Wir können einfach nicht mehr!“ Der Prophet ist selber nicht verschont geblieben vor solchen Gedanken. Er mußte mit sich selbst eine innere Auseinandersetzung durchkämpfen und ständig neu nach dem Grund seiner Hoffnung fragen.

Aber er hat es ja mit einem Gott zu tun, der seine Ehre keinem anderen geben will. Er gedenkt sich in der Welt als Gott durchzusetzen und will das ihm zukommende Lob auf keinen Fall an einen der sogenannten „Götter“ abtreten. Er ist ja der Schöpfer der Welt und damit aller Göttern Babylons überlegen. Die Menschen leben doch nur, weil er sie geschaffen hat und solange er ihnen das Leben gibt.

Aber das ist eben nicht allen Menschen deutlich. Gottes Schöpfung ist eben noch nicht Gottes Reich. Er hat seine Herrschaft noch nicht überall durchgesetzt, sondern sein Reich muß erst noch kommen; es muß erst noch verwirklicht werden, damit die Welt wieder Gottes Welt wird. Ehe das aber nicht der Fall ist, werden wir vom Zweifel angefochten. Wir können heute sehr gut nachfühlen, wie den Israeliten zumute war, als man ihnen sagte: „Euer Gott hat doch verspielt. Ihr seid nicht mehr auf der Höhe der Zeit! Macht doch bei uns mit!“

In solcher Gefährdung will Gottes Ruf retten. Er beruft den Knecht Gottes, der Zeichen ist der erneuerten Verbindung mit Gott. Er geht nicht mit unter in der Katastrophe seines Volkes, sondern er ist zum Licht der Völker bestimmt. Er lärmt nicht, wie die Leute in Babylon, sondern er ist erfüllt vom Geist der Wahrheit und kann deshalb in Ruhe seinen Weg gehen, der der Weg Gottes ist

„Knecht“, das war im persischen Staat der Titel für den „zweiten Mann im Staat“ „gleich hinter dem König. Er hatte die Pflicht und die Vollmacht, die Regierungsbeschlüsse bekanntzugeben und in Kraft zu setzen. Und der Knecht Gottes hat der Auftrag, den Verurteilten die Begnadigung mitzuteilen und in Kraft zu setzen.

Hinter dem Bildwort von dem zerstoßenen Rohr und dem glimmenden Docht steht vermutlich ein alter Rechtsbrauch: Wenn ein Todesurteil rechtskräftig werden sollte, dann zerbrach der Richter einer Stab und löschte eine Lampe aus, d.h. dem Verurteilten wurde das Lebenslicht ausgeblasen.

Die erste Aufgabe des Gottesknechtes wird sein, das Recht Gottes aufzurichten. Das Wort an dieser Stelle bedeutet an sich „Rechtsspruch“ oder „Wegweisung“. Meist verstand man darunter den konkreten Rat, den  ein Priester einem Menschen im Gottesdienst oder in der Beichte gab. Erst später hat man das Wort verallgemeinert und im Deutschen mit dem Wort „Gesetz“ wiedergegeben. Aber das ist an sich schon wieder etwas anderes.

Der Gottesknecht soll nicht seine Macht anwenden, sondern ohne Aufwand und Reklame wie ein Priester wirken. Er soll Rat wissen und dem Fragenden weitersagen. Er hat zu versöhnen und Brücken zu bauen zwischen den Menschen und hin zu Gott, er soll den Blinden die Augen öffnen und die Gefangenen befreien, ihnen also zu einem rechten Leben verhelfen. Darunter können wir ruhig auch unsere eigenen Gefängnisse verstehen. Wir bauen doch auch oft hohe Mauern um uns herum, gebildet aus Eigensucht und Eifersucht, aus Forderungen und Ansprüchen. Wir verlieren uns leicht in den Finsternissen unseres Versagens und unserer Schuld.

Spätestens hier wird deutlich, daß wir uns davon nicht allein befreien können. Wie oft aber hat sich die Kirche in früheren Zeiten als Rechtsvollstreckerin Gottes verstanden. Im frommen Eifer für Gottes Recht hat sie sich zum Herrscher über andere gemacht. Noch heute wird ihr das in den hiesigen Geschichtsbüchern genüßlich vorgehalten.

Dabei hat sie doch einen weithin stillen und meist ganz unpopulären Versöhnungsdienst zu leisten. Dazu braucht man viel Geduld, Ausdauer und Vertrauen. Oft dauert es lange, bis Früchte zu sehen sind. Oft wird die Arbeit noch behindert, weil es in der Kirche eben auch Rechthaberei und Übelnehmen gibt, mangelnde Vergebungsbereitschaft und verbissenes Festhalten am Überkommenen. Dazu kommt das Versagen des einzelnen Christen, wo man für den Schwächeren eintreten müßte, wo man Zeit zum Zuhören haben müßte und wo man vielleicht gegen den Strom hätte schwimmen müssen.

Und dennoch hat Gott seinen Knecht beauftragt, Gottes Recht hinauszutragen und auf Erden aufzurichten. Gott hat die Götter zum Prozeß herausgefordert und überwunden, er richtet seine Königsherrschaft auf, indem er seinen „Knecht“ in sein Amt einsetzt.

An sich sollte das ganze Volk Israel dieser „Knecht“ sein. Aber wir wissen längst, daß diese Ankündigung des Gottesknechtes sich ganz anders erfüllt hat: Der wahre Knecht Gottes ist Jesus Christus. Er ist auserwählt, um als Dienstmann Gottes sich allen Ermatteten und Bekümmerten zuzuwenden.

An seiner Person kann man konkret ablesen, wie der Bund Gottes mit den Menschen aussieht. Ein Bund ist ja die feierliche Selbstverpflichtung eines Mächtigen gegenüber einem Schwachen, dem er Garantien für ein friedliches und geordnetes Miteinander gibt. Jesus macht deutlich, daß Bund Gottes mit den Menschen in Kraft bleibt. Hat Gott erst einmal in der Welt sein Recht aufgerichtet, dann tritt er von dieser Selbstbindung nicht wieder zurück.

An sich würden wir doch annehmen, daß der Gottesknecht zunächst einmal die Menschen in Pflicht nimmt, allen die verdiente Strafe verabreicht und seinem Herrn endlich wieder Respekt verschafft. Gott setzt sich in der Welt schon durch, aber nicht indem er ihr den Garaus macht. Er möchte doch die von ihm geschaffene Welt und die Menschen erhalten. Deshalb spricht er die Welt im letzten Augenblick noch frei: Als der Stab schon zu splittern beginnt und der Docht fast nur noch glimmt, kommt doch noch das Begnadigungsurteil. Gott setzt sich durch, indem er freispricht.

Aber so eine unerwartete und unglaubhaft klingende Wendung der Lage wurde schon dem Propheten damals nur schwer abgenommen. Er muß sich bei den Seinen mühen und abquälen, während sich die übrige Welt nach einer solchen Möglichkeit sehnt. Aber überlegen wir doch einmal: Wenn der Tod Jesu am Kreuz das Letzte gewesen wäre, dann wäre das das Todesurteil über alle Menschen gewesen. Sie hätten dann die furchtbarste Schuld auf sich geladen, die Menschen nur begehen könnten: Sie hätten den Sohn Gottes, ihren Heiland getötet. Durch die Auferstehung Jesu aber werden sie begnadigt und die Möglichkeit zur Vergebung wird ihnen eröffnet.

Seitdem ist die „heile Welt“ kein Luftschloß mehr. Weil wir selber Versöhnte sind, können wir das Wagnis der Versöhnung eingehen. Wer nicht unbedingt etwas leisten und Erfolg haben muß, kann auch scheinbar Erfolgloses anpacken. Er wird sich bemühen, den anderen zu verstehen und Zeit für ihn zu haben. Er wird auch einmal heiße Eisen anpacken und etwas Neues wagen. Auf solche Weise will Gott der Herr über uns werden und sein Recht zur Geltung bringen.

 

 

Jes 43, 1 – 7 (6. Sonntag nach Trinitatis):

Vom ersten Tag unseres Lebens an kennen wir die Furcht. Bei einem kleinen Kind ist das noch unbewußt; aber nachher wissen wir sehr genau, was für uns gefährlich werden könnte. Auch erwachsene Menschen haben oft Furcht vor bestimmten Dingen. Das mag tröstlich sein für Kinder, die besonders leicht von Furcht befallen werden, weil sie die Gefahren noch nicht so richtig abschätzen können. Und wer als Erwachsener furchtsam ist, der sollte sich sagen: „Die anderen, die immer so überlegen und sicher tun, die kennen auch die Furcht!“

Es gibt kein Menschenleben ohne Furcht. Viele fürchten um den Arbeitsplatz, die Gesundheit oder das Vorankommen ihrer Kinder. Auch bei dem Gedanken an Krieg und Massenvernichtungsmitteln wird uns beklommen ums Herz. Vielfach gibt es auch nur eine unbestimmte Angst vor einer unbekannten Gefahr, von der wir nicht wissen, ob und wann sie auf uns zukommt und wie sie aussieht.

Aber nun sind wir doch Christen und haben einen Herrn, der über allem steht. Er sagt doch ausdrücklich: „Fürchte dich nicht!“ Da dürften wir doch Furcht gar nicht kennen. Leider ist das nicht so. Auch wir fürchten, einmal etwas Unrechtes zu sagen oder unangenehm aufzufallen. Wir kommen in das Kreuzfeuer unangenehmer Fragen, gerade wenn es um Glaubensdinge geht. Oder wir werden aufgefordert, zu einem heiklen Problem öffentlich Stellung zu nehmen. Da kann es schon sein, daß uns das Wasser bis zum Hals zu stehen scheint.

Feuer und Wasser sind die Elemente, die unser Leben am meisten gefährden. Im Wasser kann man ertrinken, so wie nach der Bibel am Anfang der Welt die ganze Schöpfung wieder im Wasser zu versinken drohte, als die Schleusen des Himmels sich öffneten. Und das Feuer verbrennt alles, was nicht widerstandsfähig genug ist und wird auch am Ende der Welt alles Widergöttliche verrichten.

Es gehört zum Menschenleben mit dazu, daß man durch Wasser und Feuer hindurch muß. Es gibt eben äußere Schwierigkeiten und Hindernisse, alles was uns gefährlich werden kann und unser Wohl mindert und uns Angst einflößt. Es gibt Ärger und Feindschaft, es gibt Krankheit und Tod. Da wird man an das Krankenbett eines Verwandten oder Bekannten geführt. Ein Mensch der Erfolg hatte, der es zu etwas gebracht hat, der ein unbeschwertes und begehrenswertes Leben hatte. Aber nun ist die Erfolgskurve plötzlich und unerwartet abgebrochen und ein Mensch muß leiden und sterben und wir können nicht helfen.

Hier kann auch ein Christ nicht unberührt bleiben. Hier kann ihn auch das kalte Grauen befallen, weil Krankheit und Tod so unbarmherzig und wahllos dreinschlagen. Wer meint, er käme ohne Belastungen und Gefährdungen durchs Leben, der ist ein Träumer. Und wer nur allem

aus dem Weg gehen und sich schonen will, der verpaßt sein Leben. Es ist uns nicht versprochen, daß wir vor gefährlichen Situationen bewahrt werden. Wir müssen auch als Christen die Begebenheiten unseres Lebens realistisch sehen. Aber wir sollten doch nicht zu der Folgerung kommen: „Von Gott keine Spur!“

Wir dürfen gerade in dieser Welt auch ein Wort des Trostes hören. Der Prophet Jesaja deckt allerdings auch den Hintergrund für die Klage des Volkes auf. Er sagt: „Nicht Gott ist taub, so daß er eure Klagen nicht hört, sondern ihr wart taub für ihn und ihr seid es noch. Deshalb kam das Gericht Gottes über euch. Aber nun hat Gott beschlossen, euch wieder herauszuhelfen aus der Not; denn ihr habt erkannt, wie ihr da hineingekommen seid.

Nur auf diesem Hintergrund kann man die Heilszusage des 43. Kapitels recht verstehen. Hier wird kein billiger Trost und keine billige Gnade verteilt, sondern hier steckt ein Volk noch mitten im Unheil. Aber der Prophet darf schor mit großer Gewißheit das kommende Heil ansagen. Das „Fürchte dich nicht!“ ist keine Formel, mit der man den Mut eines Verzagten wieder wecken will. Hier kommt vielmehr der Wille Gottes zur Rettung zum Ausdruck, der das Unglück nicht mehr länger mit ansehen kann.

Gott hat sein Volk losgekauft und erlöst. Wenn ein Israelit wegen Schulden ins Gefängnis kam, dann war seine Verwandtschaft verpflichtet, ihn wieder auszulösen. Diese Rolle übernimmt Gott in Bezug auf sein Volk Israel. Der Perserkönig wird Israel freigeben und dafür seine Hand auf die Länder am Nil legen.

Als Christen wissen wir allerdings noch von einem ganz anderen Lösegeld. Gott hält an dem Gesetz der Stellvertretung fest. Aber er gibt nicht mehr andere Völker hin, sondern seinen eigenen Sohn. Für unsre Freiheit wurde ein hoher Preis gezahlt. Aber damit sind auch alle Mächte besiegt, die uns nach dem Leben trachten, bis hin zu dem letzten Feind, dem Tod. Gott legt die letzte Hand auf uns.

Deswegen gibt es auch keine hoffnungslose Situation für uns. Weil wir zu Gott gehören und er uns durch das Blut seines Sohnes erlöst hat, sind wir unverletzlich. In der Nibelungensage wird von Siegfried erzählt, der sich im Blut des Drachen gebadet hat und dadurch unverwundbar wurde. Nur auf eine Stelle war ein Lindenblatt gefallen. Das war seine schwache Stelle, hier war er gefährdet, hier wurde er letztlich dann doch getroffen und büßte sein Leben ein.

Ist Gott aber bei uns, dann gibt es nicht einmal dieses winzige Loch im Panzer. Der Grund für dieses Handeln Gottes ist auch genannt. Er sagt: „Weil ich dich liebhabe!“ Liebhaben ist etwas für beide Teile. Es geht nicht nur darum, daß wir erlöst werden und es uns wieder gut geht. Gott geht es auch um seine Ehre und um seinen Namen, wenn er uns aus der Gefangenschaft freikauft. Und er verstößt uns deshalb nicht in unserer Schuld, weil er hofft, daß wir ihn nun wiederlieben werden.

Mit den Worten: „Ich habe dich lieb! Du giltst viel in meinen Augen, deshalb bist du so herrlich!“ hat Gott auch uns zu seinen Kindern erwählt. Allerdings sind wir nicht deshalb Gottes Kinder, weil wir zu einem auserwählten Volk gehören, sondern weil Jesus Christus für jeden von uns gestorben ist und ihn erlöst hat. Zur Zeit des Alten Testaments fielen Volk und Gemeinde Gottes noch zusammen. Im Neuen Testament dagegen ist die Kirche das auserwählte Volk, die Gemeinde aus allen Völkern. Der Prophet konnte nur sagen: „Herrlicher als die Herausführung aus Ägypten wird die aus Babylon sein!“

Aber auch diese wurde überboten durch die Befreiung stät Jesu. Vor ihm gilt erst recht: „Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ Man spricht hier von einem prophetischen Perfekt: Die äußeren Umstände haben sich noch nicht geändert, aber die Befreiung ist schon perfekt und kann nicht wieder rückgängig gemacht werden. Aber Gott hat sogar noch Größeres vor. Daran denken wir, wenn wir beten: „Dein Reich komme!“ Das Ziel und das Lösegeld werden immer höher und wertvoller. Aber Gott treibt diesen Aufwand um unsertwillen.

Allerdings gilt dieses Prophetenwort ursprünglich dem Volk Israel. Aber es gilt auch sicher einem Einzelnen, sofern er zum Volk Gottes gehört. Deswegen paßt es auch gut zu einem Sonntag wie dem heutigen, an dem wir an unsere Taufe erinnert werden sollen.

Wer von uns weiß denn Tauftag und Taufspruch? Namen, Geburtstag, Hochzeitstag vergessen wir nicht. Warum nicht auch an den Tag der Taufe denken, das ist mindestens ebenso wichtig. An sich können wir an jedem Tag des Jahres an unsere Taufe denken, aber einmal im Jahr ausdrücklich den Tauftag begehen (in aller Stille), das wäre nicht schlecht.

Damals hat uns Gott ja auch bei unserem Namen gerufen und gesagt: „Du bist mein!“ Doch wir dürfen das nicht so auffassen, als stünde Gott allein über meinem Einzelleben, als sei ich nur als Einzelner mit Christus verbunden und dadurch in das Auferstehungsgeschehen mit hineingezogen. Er hat uns ja beim Namen gerufen, damit wir zu seinem Volk gehören.

Für viele ist die Taufe die Garantie für unfallfreies gesundes Leben, reibungsloses Schicksal, behütete Kindheit, erfolgreicher Aufbau der Existenz, Glück in Familie und Freundschaft. Aber es geht nicht nur um uns, sondern um die Eingliederung in das Volk Gottes.

Aber halten wir uns denn wirklich zu seiner Gemeinde? Gott hat uns doch deshalb beim Namen gerufen, damit wir auch kommen. Wenn Eltern ihr Kind von der Straße hereinrufen, dann rufen sie das Kind beim Namen, damit es auch genau weiß: Jetzt bin ich gemeint!

Deswegen wird ja bei der Taufe ausdrücklich der Name des Täuflings genannt, damit klar ist: Dieser Mensch, der so und so heißt, wird jetzt mit Gott verbunden und in seine Gemeinde aufgenommen. Die Taufe ist nicht dazu da, damit einer einen Namen erhalten kann, wie man das immer noch hören kann. Gott gibt keinen Namen und die Taufe ist keine Namensgebung. Schon am Anfang der Bibel gibt der Mensch seinen Kindern den Namen. Und so suchen auch heute die Eltern der Namen für das Kind aus. Es wird auch bei der Taufe nicht mehr gefragt: „Wie soll das Kind heißen?“ sondern Eltern und Paten werden aufgefordert: „Nennt den Namen des Kindes!“ Gott gibt keine Namen, aber er ruft uns beim Namen.

In unserer Massengesellschaft ist es wohltuend, wenn man weiß: Gott spricht mich mit meinem Namen an. Gott gibt sich Mühe mit jedem von uns und macht ihr nicht zu einer bloßen Nummer. Deshalb wird auch bei jeder kirchlichen Handlung an einem Einzelnen der Betref­fende mit seinem Namen angeredet. Dadurch sollen er selber und die Anwesenden merken: „Gerade dich meint Gott jetzt in diesem Augenblick!“ Du bist ihm in deiner Eigenart wichtig, dich findet er liebenswert.

Gott hat uns ja geschaffen, damit er auch nachher mit uns in Verbindung bleiben kann. Und um einen rufen zu können und mit ihm sprechen zu können, muß man seinen Namen wissen. Der Name macht auch unverwechselbar und zeigt an, wohin und zu wem wir gehören.

Viele zweifele schon an, daß Gott uns geschaffen hat. Sie sagen: „Wie Kinder gemacht werden, das wissen wir doch genau! Wie kann da Gott seine Hand mit im Spiel haben?“ Aber viele haben auch keine Kinder, obwohl sie sich welche wünschen. Und andere verlieren sie

wieder in jungen Jahren an den Tod. Kinder sind schon ein Geschenk Gottes. Er hat sie erschaffen, wenn auch mit menschlicher Hilfe. Und dann nimmt er sie in der Taufe zu seinen Kindern an. Wir sind zwar alle Geschöpfe Gottes, aber Kinder in diesem Sinne nur durch die Taufe.

Er ruft auch heute nach aller vier Himmelsrichtungen: „Kommt doch her, die ich geschaffen und mit meinem Namen genannt habe!“ Gott vergißt keinen Einzigen. Er will sie alle bei sich haben, selbst die, die noch nicht dazu gehören, aber schon von ihm geliebt werden.

Gott hat uns in der Taufe seinen Namen gegeben, hat gesagt: „Du bist ein Christ!“ Darauf können wir uns ein Leben lang verlassen und können furchtlos der Welt und ihren Argriffen gegenübertreten. Niemand kann uns die Gabe der Taufe wieder nehmen. Wir brauchen

uns nicht zu fürchten vor dem, was kommen mag - heute nicht und bis in alle Ewigkeit. Denn Gott hat über uns gesagt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“

 

 

Jesaja 44, 1 - 5 (Pfingstsonntag, Variante 1):

Wenn unsre Vorfahren wieder einmal hier in unsere Kirche kämen, würden sie sich doch sehr wundern. Vor allem könnten sie gar nicht verstehen, daß nur so relativ wenige Einwohner das Angebot der Kirche wahrnehmen. Früher gab es Streit um die Plätze in der Kirche. Die Emporen waren bis zum letzten Platz mit Männern gefüllt. Sicherlich war auch etwas gesellschaftlicher Zwang dabei - man mußte sich sehen lassen, sonst wurde man von den Nachbarn schief angesehen - aber sicherlich gab es auch echten Glauben und echte Überzeugung.

Andererseits werden wir uns fragen: Was soll erst nach uns werden? Wir sind doch wirklich in Bezug auf den Gottesdienstbesuch ein Vorbild für unsre Kinder. Es wird doch immer wieder gesagt: „Nur das Vorbild regt zum Nachahmen an!“ Aber warum folgen sie so wenig, warum bedeutet ihnen das alles nichts? Den einen Sonntag ist Konfirmation, da sind sie alle da. Aber am nächsten Sonntag soll es nicht mehr gehen - das ist doch irgendwie nicht so recht zu verstehen.

Da muntert uns so ein Bibelwort aus dem Alten Testament auf. Man kann sich vorstellen, daß einer mit einem Klagelied zum Gottesdienst kam und der Priester im Namen Gottes mit so einem Heilsorakel antwortete: „Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen!"

Doch die Kirche wird nur leben und sich erneuern durch den Geist Gottes. Wir können uns darauf verlassen: Wir sind von Gott erwählt, wir sind vom Geist Gottes erfüllt und wir dürfen uns zu Gott bekennen.

 

1. Von Gott erwählt: Die Gemeinde im Gottesdienst ist nicht nur mit etwas anderem beschäftigt als das Publikum im Theater oder Konzert, sie i s t auch tatsächlich etwas anderes. Hier kommt der Mensch zu seiner wahren Bestimmung, mit dem Schöpfer verbunden und sein Ge­genüber zu sein. Jesus hat es möglich gemacht, daß der Geist Gottes über uns ausgegossen

wird und wir immer wieder aufs Neue mit Gott verbunden werden.

Doch in Wirklichkeit stellt sich die Kirche meist recht schäbig und unansehnlich dar. Es gibt in ihr auch Auseinandersetzungen, Lahmheit, Rückständigkeit, Versagen vor den Herausforderungen unsrer Zeit. Wir leiden daran. Und wir wundern uns nicht, daß Außenstehende die Kirche erst recht verachten.

Doch vielleicht wird in Glanzzeiten gar nicht so deutlich, was die Kirche ist. Gerade in einer kümmerlichen und bedrängten Situation besinnt sich die Kirche auf das Eigentliche. Wenn sie nichts mehr hat als Gott, dann wird deutlich, woraus sie lebt. Und dann wird sie letztlich auch für andere interessant.

So war das auch schon im Volk Israel. Der Prophet Jesaja II. spricht zu der Gemeinde in der Gefangenschaft. Ihr ist alles genommen, was ihr wichtig war: Ihr Staat war untergegangen, das Land verloren. Im Zweistromland saßen sie in der Gefangenschaft. Gott wohnte nach ihrer Meinung im Tempel in Jerusalem. Ferner von Gott konnte man gar nicht sein. Das war nicht nur äußerlich gemeint, sondern der äußeren Lage entsprach auch die innere: Man fühlte sich von Gott verlassen und vergessen und hatte alle Hoffnung begraben.

Der Prophet versucht nicht, seinem Volk diese Sicht der Dinge auszureden. Wem es schlecht geht, der muß erst einmal ernst genommen werden. Da kann man sich nicht in der Kirche hinstellen und sagen: „Wir dürfen froh sein, daß wir nicht arbeitslos sind!" Nun ja, das wurde in einem guten Wohngebiet gesagt, wo es vielleicht wirklich keine Arbeitslosen gibt. Aber nimmt man etwa an, daß Arbeitslose nicht in die Kirche kommen? Was ist, wenn doch einer dabei ist. Es muß ja nur einer sein, der nicht den gewünschten Beruf hat und nur irgendetwas macht, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Was einer erlebt und erleidet, ist eine harte Last für ihn und muß ernst genommen werden.

Aber das im Gottesdienst verlesene und ausgelegte Wort Gottes sagt die große Wende an. Gottes Volk soll nicht vergessen, wem es sein Leben verdankt und welche guten Erfahrungen es schon mit Gott gemacht hat. Gott hat seine früher gegebenen Zusagen nicht zurückgenommen, sondern sie gelten auch für die Zukunft.

Gott hat sein Volk erwählt. Wir haben nichts dazu getan. Daß es bis heute die Kirche gibt, beruht allein auf seinem Willen. Gott läßt uns nicht fallen oder unbeachtet liegen, obwohl er allen Grund dazu hätte. Aus freiem Entschluß hat er sich Menschen erwählt, die seine Kirche sein sollen. Wer von seinem Wort getroffen wird, der gehört dazu.

Dabei spielt es gar keine Rolle, welche Voraussetzungen einer mitbringt und welche Vergangenheit einer hatte. Man kann auch Programme zur Rettung der Kirche verfassen, Denkschriften verfassen und eine Unternehmensberatung heranziehen. Aber vorausgehen muß das Hinhören auf das Wort Gottes. Erst durch das wählende und schaffende Wort Gottes werden Menschen auf die Beine gebracht. Auch wenn sie vorher noch so verkehrt waren, so werden sie durch Gott liebenswert gemacht. Gott liebt uns aber nicht, weil wir uns für wertvoll halten, sondern wir sind wertvoll, weil Gott uns liebt.

 

2. Mit Gott erfüllt: Zunächst sieht es bei Jesaja so aus, als ginge es nur um eine Verwandlung der Welt: Wenn es plötzlich Ströme von Wasser regnet, dann wird die Wüste zum fruchtbaren Land. Die Bibel denkt halt so leibhaft, daß sie sich das Heil Gottes nicht anders vorstellen kann als daß auch die Menschen die guten Gaben des Schöpfers im reichen Maß genießen können. Die äußere Verwandlung wird aber immer mehr im übertragenen Sinn verstanden.

Es könnte ja auch sein, daß die Kirche ganz ausgetrocknet ist, sich nur noch mühsam dahin- quält. Im günstigsten Fall wird sie noch lechzen nach dem kostbaren Naß. Im ungünstigen Fall ist sie schon so ermattet und kraftlos, daß sie nicht einmal mehr Durst empfindet.

Das kann durchaus auch der Fall sein, wenn in der Kirche viel los ist. Es kann sein, daß in der Kirche emsig und hastig gearbeitet wird, daß die Statistik beeindruckende Zahlen ausweist, eine rege Bautätigkeit vorhanden ist und die Matthäuspassion gekonnt aufgeführt wird. Aber Gott kommt nicht zum Zug, seine Anrede wird nicht mehr gehört. Glaube, Hoffnung, Liebe wachsen nicht mehr.

Natürlich wünschen wir uns auch keine Kirche, in der es mies und kleinkariert zugeht. Es kann auch einmal einen poppigen Jugendgottesdienst geben. Überhaupt wäre es gut, wenn im Gottesdienst mehr äußerlich Sichtbares geschähe. Dazu nur ein kleines Beispiel: In einem Gottesdienst wurde ein Kind des Ortspfarrers getauft. Die Taufe vollzog aber ein Pfarrer von außerhalb. Der sagte dann: „In Ihrer Gemeinde ist es üblich, daß der Täufling erst einmal der Gemeinde gezeigt wird. Das will ich jetzt auch tun!“ Und dann nahm er das Kind auf den Arm, ging damit durch die Kirche und zeigte es allen, so als wollte er sagen. Dieses Kind gehört jetzt dazu, dieses Kind sollt ihr in eure Mitte aufnehmen, denn Gott hat es so erwählt wie euch!

Aber alle unsren menschlichen Aktivitäten sind nur Gefäße und Instrumente für Gottes eigenes Wirken. All unser Tun wäre vergeblich, wenn Gott nicht seinen Geist dazu gäbe. Dadurch kommt eigenes Leben in die Kirche, wird die Kirche aus dem Geist erneuert und mit Gott erfüllt. Dann können Menschen zum Glauben kommen, dann können sie diakonisch tätig werden, dann werden auch die Fernen herangeholt.

Deshalb brauchen wir auch keine Angst um die Zukunft der Kirche zu haben. Gott will seinen Geist auf unsre Kinder gießen und seinen Segen auf unsere Nachkommen. Die Kirche pflanzt sich fort und mehrt sich, so wie das in dieser Jahreszeit auch in der Natur geschieht. Dabei geht es nicht nur um die zahlenmäßige Ausbreitung, sondern auch um das innere Wachstum und die Entfaltung des einzelnen Glaubenden.

An unsrer Aktivität allein liegt es dabei nicht. Luther hat gesagt: „Während ich mein gutes Wittenbergisches Bier getrunken habe, hat Gott die Reformation gemacht!“ Das sagt er in aller Bescheidenheit, obwohl er in Wirklichkeit ja doch allerhand getan hat. Doch er weiß, daß er alle Kraft und alles Gelingen nur Gott zu verdanken hat. Wenn er seinen Segen nicht dazugibt, ist alles vergeblich.

 

3. Zu Gott bekennen: Der Glaube drängt zum Bekennen. Jesaja spricht von Menschen, die offen bekennen: „Ich bin des Herrn!“ oder die in ihre Hand schreiben „Dem Herrn eigen“. Das mit der Hand ist eigentlich ein schönes Bild: Man schreibt es sich hinein, damit man es nicht vergißt uns es sich immer vor Augen halten kann. Und es ist auch ein Hinweis auf den Besitzer und eine Werbung für ihn. Jede Firma schreibt ihren Namen an ihr Auto oder an die Produkte, die sie herstellt. Ehe ein Haus gebaut wird, steht schon das Schild da, wer es bauen will. Und selbst wenn es fertig ist, steht es zu Werbezwecken noch lange da.

Auch der Kirche schadet die Werbung nicht. Sie gehört nicht zu einem verachteten Volk, sondern sie darf stolz auf ihre Vergangenheit und Gegenwart sein. Natürlich ist äußerlich nicht alles so, wie es sein könnte und sein sollte. Es ist durchaus nicht so, wie Paulus es beschreibt: Da kommt einer zufällig in die Gemeindeversammlung und wird dabei in seinem Gewissen getroffen und gewinnt die Überzeugung, daß Gott hier wahrhaftig gegenwärtig ist (1. Kor 14, 24f). Nicht jeder erkennt gleich das Leben, das in der Kirche ist.

Deshalb ist es gut, wenn man als Christ sagt, wohin man gehört. Dazu gehört doch gar nicht viel: Die Mitbewohner im Haus oder die Nachbarn können doch ruhig wissen, wohin man am Sonntagmorgen geht. Wenn man am Montag den Kollegen in der Firma erzählt, wie man das Wochenende verbracht hat, braucht man die Kirche nicht auszusparen.

Vielleicht haben wir aber Hemmungen, zum Gottesdienst einzuladen. So besonders anziehend ist er für Außenstehende nicht. Aber auch wenn wir an der Kirche leiden, so können wir sie doch lieben. Wir lieben sie dennoch, weil Gott sie auch dennoch liebt. Wir können ruhig eingestehen, daß wir geistlich arm sind. Wir brauchen nichts zu überspielen und zu vertuschen, nicht alles vereinheitlichen. Wer so handelt, der ist glaubwürdiger. Aber in Wirklichkeit sind

wir ja gar nicht arm, weil Gott uns seinen Geist gibt, weil er die Kirche macht und nicht wir

Jes 44, 1 - 5 (6-8) (Pfingsten I, Variante 2):

Wenn wieder ein Gottesdienst oder eine Gemeindeveranstaltung herannaht, dann fragt man sich als Pfarrer unter anderem auch: Wie viele werden diesmal kommen? Du hast dir viel Mü­he gemacht mit der Vorbereitung. Aber ist dein Dienst überhaupt so sehr begehrt, liegt den anderen in der Gemeinde wirklich auch so viel daran wie dir?

Manchmal wird uns die Kirche auch vorkommen wie ausgetrocknetes Land. Junge Leute sagen: In der Kirche ist nichts los, da ist kein Leben, keine Begeisterung. Sie strömen dann dorthin, wo es nach ihrer Meinung so etwas geben könnte. Aber das Einzige, was da in Frage kommt, sind Disco und andere Tanzveranstaltungen. Aber ob man dort ganz automatisch das Leben finden kann, ist doch wohl fraglich.

Alte Menschen aber sagen: Wir werden immer weniger in der Kirche. Unsere Kinder und Enkel gehen ihre eigenen Wege. Wenn mal Christ sein will, dann hat man es in manchen Din­gen schwerer. Es bringt keine gesellschaftliche Geltung. Das wiederum führt zur Unentschiedenheit: Man will zwar dazugehören, aber nicht mitmachen. Man will seinen Glauben haben, ihn aber nicht mit seinem Leben bekennen.

Ein Pfarrer kriegt öfter zu hören: „Herr Pfarrer, in der Kirche werden Sie mich nicht sehen, aber ich habe auch meinen Glauben!“ Doch wenn man dann näher hinsieht, dann geht es um ein „höheres Wesen“ oder die „Vorsehung“, um irgend so ein unbestimmtes Gefühl, daß da etwas sein müsse - aber nicht um den lebendigen Gott, der die Welt und die Menschen geschaffen hat und der Vater Jesu Christi ist. Das allein wäre der wahre Glaube. Und wer den hat, der hält sich auch zu Gottes Gemeinde.

Mit unserer bedenklichen Einschätzung der Lage der Kirche sind wir wohl der inneren Verfassung des alten Gottesvolkes sehr nahe. Der Prophet Jesaja II. wandte sich ja an die Gefangenen in Babylon. Sie waren eine verschwindende Minderheit in einem großen Weltreich. Die nächste Generation wuchs heran. Und die Alten fragten sich: „Wird sie dem Gott der Väter treu bleiben oder sich den neuen Göttern zuwenden? Würde sie nicht durch die enge Berührung mit den Andersgläubigen in Versuchung geraten und schließlich aufgeben? Ihnen sagt der Prophet: „Ihr seid nicht von Gott verlassen! Erst wenn das käme, wäre eure Lage wirklich hoffnungslos!“

Ja, wenn es nur um unsere eigenen Möglichkeiten ginge, dann hätten wir in der Tat wenig zu erwarten. Auf Nichtchristen werden wir oft einen nur kläglichen Eindruck machen: Wir setzen ein saures Gesiecht auf, wenn hier oder da Schwierigkeiten auftauchen, wir neigen zum Klagen, wenn etwas nicht so geht, wie wir uns das ausgedacht haben! Welchen Eindruck machen wir wohl auf die Christen aus den Kirchen in den sogenannten „Entwicklungsländern“, die bei uns statt einer Freude im Glauben nur einen verzagter Kleinglauben vorfinden?

Haben wir denn wirklich immer vor Augen, daß Gott die Geschicke seiner Gemeinde lenkt? Mit allem Möglichen rechnen wir - aber so wenig mit ihm! Da wird vieles versucht, um die Gemeinde zu beleben. Es hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Und darunter sind erfreuliche Versuche, nicht nur der Tradition, sondern auch der heutigen Situation gerecht zu werden. In der Verkündigung bemüht man sich immer wieder, eine Brücke zur heutigen Welt zu schlagen.

Aber neue Formen können sich auch schnell wieder verbrauchen und hinterlassen nicht immer Lebendigkeit. Der Mangel sitzt offenbar tiefer. Andere Verhältnisse machen noch nicht andere Menschen und schon gar nicht neue Menschen. Uns helfen nicht neue Ordnungen, nicht Aufrufe und Beschlüsse. Uns hilft nur eins: Gottes Geist, der von innen heraus neues Leben wachsen läßt, so daß ganz von selber neue Menschen hinzukommen.

Bei Jesaja wird dieses Neuwerden zunächst mit einem Bild aus der Natur deutlich gemacht. In den heißen Ländern gibt es oft lange Trockenzeiten. Dann dörrt das Land unter der unbarmherzigen Sonne aus, der Boden wird rissig und zerklüftet, Wiesen und Bäume werden saftlos und grau. Aber dann fällt vielleicht nach drei Jahren zum ersten Mal wieder Reger. In Stunden verwandelt sich das Land. Ein anderes Lebensgefühl kommt über Mensch und Tier und die Pflanzen richten sich auf und straffen sich.

Nach der Bibel sind es aber zwei Dinge, die das Leben schaffen: Wasser und Geist! Zuerst schwebte der Geist Gottes über dem Wasser, damit fing die Schöpfung an. Gott aber will uns täglich neu schaffen, gerade auch dann, wenn wir innerlich ganz darniederliegen. Um unseren Körper zu erquicken, da genügt vielfach schon einfaches Wasser. Aber um unsren Geist wieder aufzurichten, da brauchen wir den Geist Gottes.

An Pfingsten geht es ja nun um den Geist Gottes, den Heiligen Geist. Die Ausgießung des Wassers bei Jesaja erinnert uns doch gleich an die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Bild aus der Natur hilft uns, einen Vorgang des Glaubens zu verstehen. Gott gießt seinen Geist nämlich auch aus wie einen Regen, ja wie einen Strom.

Im Alten Testament sah man da vieles noch naturhaft. Der Prophet verstand zwar die Verwandlung der Welt im Laufe der Zeit immer mehr im übertragenen Sinne. Aber er sah den Segen vorwiegend in der Neubelebung des Volkes. Es sollte blühen und gedeihen, sich vermehren und zu einem großen Volk werden.

Aber dann wird auch deutlich, daß Gottes Handeln nicht auf sein Volk beschränkt ist: Nicht-Israeliten stoßen zum Volk Gottes und lassen sich mit dem Ehrennamen Jakob und Israel nennen, ja sie schreiben sogar den Namen Gottes in ihre Hände. Hier werden wir über das Alte Testament hinausgewiesen auf jenes erste Pfingstfest in Jerusalem, an dem eine Kirche aus allen Völkern der Welt entstand.

Damit wurde auch deutlich, daß es nur einen Gott für alle Menschen gibt. Im zweiten Teil unseres Bibelabschnittes führt Gott einen Rechtsstreit gegen die anderen vermeintlichen Götter. Sie werden aufgefordert, sich zu melden und zu äußern. Aber der Prophet ist sich sicher, daß sich da niemand zu Worte melden wird. Es gibt nur den einen Gott. Und der ist schon gewesen, als noch keiner war. Und er wird auch bleiben, sollte einmal keiner mehr da sein.

Dieser Gott bestimmt auch heute das Leben der Menschen und besonders der Christen. Er gibt ihnen seinen Heiligen Geist und hilft ihnen so, sich als Christen zu bewähren. Und er macht immer wieder deutlich: Ich bin noch lange nicht am Ende, und deswegen seid ihr es auch

nicht! Es wird zwar manche Durststrecke geben in der Geschichte der Kirche oder in eurem eigenen Leben. Aber ich bin noch da und kann wieder neues Leben aus dem dürren Land erwecken. Allerdings ist nichts getan mit eigener Tüchtigkeit und einem hektischen Aktivismus. Aber Gott sagt ja seinen Geist zu, der begeistert und lebendig macht. Damit können wir mehr rechnen als mit den sogenannten „Realitäten“ des Gemeindelebens.

Allerdings hat Gott seinen eigenen Zeitplan. Auf der Insel Nias, die zu Indonesien gehört, hatte die christliche Kirche einen schweren Anfang. Die beiden ersten Prediger mußten unverrichtete Dinge wieder abziehen. Auch der dritte traf zunächst auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Erst nach sieben Jahren wurden einige getauft. Sie beteten nun für die Bekehrung ihres Volkes. Eines Tages wurde das Gebet erhört. Plötzlich stellten sich Leute in Scharen zu den Bibelstunden ein und begannen ein neues Leben; gestohlenes Gut wurde zurückgegeben, alte Feindschaften hörten auf, Schulden wurden getilgt. Es sammelte sich eine große Gemeinde von Menschen, die mit der Nachfolge Christi Ernst machten. Man hat auf mancherlei Weise versucht, dieses Wunder zu erklären. Es gibt nur eine Erklärung dafür: Gott hatte seinen Geist ausgegossen!

Auch bei uns kann es zu einer solchen Begeisterung kommen. Wir brauchen doch auch Wasser und Geist, denn unsere leibliche und unsere geistliche Not liegen doch ganz nahe beieinander. Gott kann nicht nur, er w i 1 1 auch Gemeinden lebendig machen, daß es in ihnen pfingstlich zugeht. Mission und Evangelisation geschieht heute nach draußen und nach drinnen. Menschen werden wach, von denen man es nie gedacht hätte. Chronisch gewordene Sünden werden abgetan. Zerstörte Gemeinschaft wird wieder heil.

Wir können uns in diesen Prozeß hineinstellen. Aber wer Wasser sucht, kann um die Quelle keinen Bogen machen. Die Quelle aber ist für uns Gottes Wort, an das Gott seinen Geist gebunden hat. Wenn wir dieses Wort hören, dann werden wir aufleben wie trockenes Land nach dem Regen. Gottes Geist wird uns zu einem neuen Leben verhelfen.

 

 

Jes 49, 1 – 6 (17. Sonntag nach Trinitatis):

In Addis Abeba in Äthiopien steht ein Rundfunksender der Kirchen, der sich „Stimme des Evangeliums" nennt. Er wird vorwiegend von amerikanischen Lutheranern finanziert und hat eine große Ausstrahlungskraft. Sein Sendegebiet umfaßt ganz Afrika und einen Teil Asiens bis nach Indien hin. In den verschiedenen Landessprachen werden allgemeine Informationen, ,aber vor allem auch kirchliche Programme ausgestrahlt.

Viele Menschen im Sendegebiet können noch nicht lesen und schreiben. Aber sie haben ein Kofferradio und empfangen damit die Stimme des Evangeliums. So wird Gottes Wort in einem früher nicht gekannten Maße ausgebreitet bis in die entferntesten Winkel der Erde. Dank des Rundfunks haben wir heute dazu die technischen Möglichkeiten, die wir gern nutzen wollen.

Mit einer Rundfunksendung werden ja heute mehr Menschen erreicht als der Apostel Paulus in seinem ganzen Leben erreicht hat. Heute ist es möglich geworden, die Völker in der Ferne und den Inseln das Evangelium zu bringen. Und doch müssen wir sagen: Noch längst nicht alle haben es gehört, weder in der weiten Welt noch hier bei uns.

So bleibt auch uns heute noch die Aufgabe, die schon dem Knecht Gottes aus dem Jesajabuch gestellt war. Gott hat ihn schon im Mutterleib bestimmt, sein Bote zu sein. Gott verfügt über ihn. Was er zu sagen hat, ist nicht seine Liebhaberei oder in sein Belieben gestellt. Selbst wenn alles dagegen spräche wenn er gar keinen Mut dazu hätte,,müßte er doch Gottes Heil ausbreiten.

Heute aber sind wir alle solche Knechte Gottes. Gott braucht uns, um seine Sache in der Welt zu verkünden. Er hat keinen Rundfunk oder gar Fernsehsender im Himmel, mit dem er alle Menschen der ganzen Welt anspricht, sondern er braucht Menschen, die das in seinem Auftrag tun.

In früheren Zeiten war es durchaus nicht üblich, daß man den eigenen Glauben auch anderen Völkern bringen wollte. Jedes Volk hatte seinen eigenen Gott und blieb bei ihm. Daß es daneben auch noch andere Götter gibt für andere Völker, das hat man auch in Israel zunächst nicht geleugnet. Erst in späterer Zeit erfolgt der Durchbruch zu einer neuen Gotteserkenntnis, der für viele unerhört sein mußte: Der eine Gott für alle Welt, Gottes Heil für alle Völker - das ist ein Programm, das auch uns heute noch gilt.

Aber viele sagen nun: „Das ist doch unmöglich, das wird nie etwas!“ So etwas kriegt man als Pfarrer manchmal zu hören, wenn ein Paar getraut werden soll. Da heißt es etwa: „Was - der will auch getraut werden! Der tritt ja nachher doch aus der Kirche aus! Was der schon für Eltern hat!“

Das sind Vorurteile, die sich zum Glück meist als solche herausstellen. Gott will mit allen zu tun haben: mit den Heiden in der Ferne und den Heiden hier bei uns, mit denen, die der Sache Gottes innerlich fern stehen, obwohl sie zur Kirche gehören; vor allem aber will er mit uns zu tun haben, denn wer wird wohl so hochmütig sein, und sich allein für den wahren Christen halten? Zum Glück fragt uns Gott nicht danach, wen wir für würdig halten, sein Wort zu hören: er sendet uns zu allen.

Dabei läßt er uns nicht ohne Hilfe. In dem Gottesknechtslied bei Jesaja ist sogar die Rede von Waffen, von Schwert und Pfeil. Aber damit ist natürlich nicht gemeint, daß Gottes Wort mit Gewalt ausgebreitet werden soll. In der Missionsgeschichte hat es das ja leider gegeben: um die Völker politisch zu unterwerfen, hat man ihnen auch den christlichen Glauben aufgezwungen. Nachher war es dann für die Kirche umso schwerer, dort echten Glauben zu wecken.

In Südamerika ist es deshalb heute noch schwierig für die katholische Kirche. Und auch bei uns war es nicht so günstig, daß ein Kaiser Karl der Große die Sachsen mit Gewalt bekehrt hat und die slawischen Stämme ausgerottet oder eingedeutscht wurden. Manche vermuten sogar, im Osten Deutschlands hätte der Glaube auch nach einem halben Jahrtausend noch nicht in den Herzen der Menschen festen Fuß gefaßt, so daß Luthers Reformation sich dort besonders ausbreitete und auch blieb und nun erst die Menschen ganz erfaßte.

Wo also weltliche Macht der Ausbreitung des Wortes Gottes zu Hilfe kommen will, da wird Gott unmöglich gemacht. Die Kirche hat nur das Wort, mit dem sie wirken kann. Aber dieses Wort schlägt zu wie ein Schwert und es fliegt weit wie ein Pfeil. Es trifft das Böse in uns und macht damit Gott und seiner Herrschaft Bahn. Nur so können wir auch mit dem bloßen Wort gegen alle dunklen Mächte in der Welt antreten.

Allerdings soll das Schwert noch in der verdeckten Hand Gottes gehalten werden und der Pfeil noch im Köcher bleiben. Der Einsatz des Wortes Gottes geschieht nicht blindlings, sondern er hat dafür besondere Zeiten. Aber wenn es soweit ist, dann steht sein Bote auch nicht all ein auf weiter Flur. Der hat zwar der Eindruck, daß seine Arbeit umsonst und seine Kraft vergeblich eingesetzt war. Aber dar über hat er ja nicht zu befinden.

So etwas kennen wir auch. Da haben Gemeindeglieder andere immer wieder zu kirchlichen Veranstaltungen eingeladen, haben ihnen eine Bibel geschenkt, haben selber ein gutes Vorbild abgegeben und immer wieder Rede und Antwort gestanden und es hat nichts genutzt. Da ist es kein Wunder, wenn man müde zu werden droht. Wir erleben viel Gleichgültigkeit und Lauheit. Alle wollen sie bedient sein, dienen aber nicht selbst.

Auch jener Gottesknecht hat das erleben müssen. Er hat das Heil für alle angesagt, aber passiert ist nichts oder fast nichts. So war sein Glaube schweren Anfechtungen ausgesetzt und in die Krise geraten. Aber über solche Gedanken darf man sich nicht wundern wenn man im Dienste Gottes steht.

Man fragt uns: „Wie kommt ihr dazu, euren Anspruch aufrecht zu erhalten, zu allen Menschen der ganzen Welt gesandt zu sein? Lohnt sich denn euer Tun überhaupt noch?“ Da können wir nur antworten mit den Worten des Gottesknechtes: „Mein Lohn ist bei meinem Gott! Er allein bestimmt, ob mein Tun sinnvoll ist!“

Ziel ist, daß alle Welt gerettet wird. Es geht nicht darum, daß der Gottesknecht Recht behält und sich durchsetzt, sondern daß Israel und allen Völkern geholfen wird. Gott will sich verherrlichen. Und sein Knecht ist sein Werkzeug dafür. Erst will er verzagen und meint, seine Aufgabe an Israel sei schon zu groß. Aber Gott sagt ihm: „Du sollst mein Heil sogar bis an die Enden der Erde bringen!“

Man hat viel daran herumgerätselt, wer dieser Gottesknecht wohl ist. Das ganze Volk kann es nicht sein, denn der Gottesknecht wird ja gerade zu diesem Volk gesandt. Es muß wohl eine einzelne Person sein, deren Namen wir nicht kennen. Er wirkte in Israel, als es dem Volk nicht gerade gut ging. Zehn der zwölf Stämme waren untergegangen und verschollen, ausgerottet und von fremden Völkern aufgesogen. Gott aber stellt sein Volk wieder her, er findet immer wieder Leute, die an ihn glauben.

Das wird besonders deutlich, wenn wir an Jesus denken, der ja der Knecht Gottes der späteren Zeit war. Er hat erst bewirkt, daß wirklich alle Völker zu Gott geführt wurden. Sie werden nicht gedemütigt, nicht ausgerottet, sondern Gott will das Heil aller. Gott will, daß niemand verlorengeht. Er richtet seine armselige, schuldigewordene und zerschundene Kirche wieder auf . Aber er bringt auch die Ungläubigen aus allen Ecken und Enden herbei, damit sie auch zur Kirche stoßen. Alle sollen sie teilhaben dürfen an dem Heil Gottes. Und das Schöne daran ist, daß wir selber mit zu deren gehören, die Gottes Heil erfahren dürfen.

 

 

Jes 49, 13 -16 (1. Sonntag nach dem Christfest):

Vor einer Klassenarbeit fertigt sich ein Schüler gern einen Spickzettel an. Darauf steht das Wichtigste oder das, was man sich nur schwer merken kann. Aber so ein Zettel ist natürlich immer gefährdet, weil der Lehrer ihn leicht erwischen kann. Deshalb sind schon immer einige auf die Idee gekommen, sich die Stichworte auf den Körper zu schreiben, auf den Oberschenkel oder in die Handfläche. Auch wenn man nachher gar nicht hinsieht, weil man auch so alles im Kopf hat - diese letzte Rettung gibt doch Sicherheit.

Was in die Hände geschrieben ist, geht nicht vergessen. Das will auch der Prophet Jesaja der Zweite sagen, wenn er Gott die Worte in den Mund legt: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet!“ Das ist doch ein wunderbares Bild für das Handeln Gottes: Er hat den Stadtplan des künftigen Jerusalem schon in seine Hand gezeichnet, er hat alles schon vor Augen, wie es

einmal werden soll.

Der Prophet spricht das zu seinem Volk, das in Babylon in der Gefangenschaft sitzt. Davon spricht ja auch die Gruppe „Bonie M" in ihrem bekannten Lied von dem Volk, das an den Flüssen Babylons sitzt und sich an den Zionsberg in Jerusalem erinnert. Doch Gott geht es nicht nur um die Stadt Jerusalem, sondern auch um die Menschen, die wieder in ihr wohnen werden. Und damit gilt diese wunderbare Zusage auch uns allen, die wir Gottes geliebte Kinder sind.

Gott hat sich alle Namen in die Handflächen geschrieben, damit er immer an die von ihm geliebten Menschen denkt. An sich hätte er das nicht nötig, denn er ist nicht vergeßlich wie ein alter Opa mit Kurzzeitgedächtnis. Aber dieses Bild macht uns deutlich, wie Gott zu uns steht, damit wir besser verstehen und glauben können.

Gott schreibt uns nicht aus dem Grund auf, aus dem Herrscher ihr Volk zählen und erfassen. Zur Zeit der Geburt Jesu gab es eine solche Zählung im ganzen römischen Reich. Solche Zählungen dienen meist der Absicht, Steuern einzutreiben und Soldaten zu erfassen. Auch bei uns gibt es immer wieder einmal eine Volkszählung bevor. Angeblich braucht man die Zahlen für die Planung künftiger Vorhaben. Aber irgendwie geht es auch immer darum, das Volk im Griff zu behalten.

Gott aber handelt aus Liebe. Wir sind in keinem Augenblick vergessen, er ist uns immer freundlich zugewandt. Er denkt an uns, er spricht mit uns, er schenkt sich uns. Daß die gefangenen Juden einige Zeit später wieder nach Jerusalem zurückkehren konnten, ist nur ein Beispiel dafür, wie Gott grundsätzlich handelt.

So wie mit dem Volk der Juden, so handelt Gott auch mit der Kirche. Sie scheint manchmal auch von Gott verlassen zu sein, nicht nur in Zeiten der Verfolgung, sondern auch, wenn sie sich zu sehr ihrer Umgebung anpaßt oder wenn sehr menschliche Erscheinungen auch in ihr zu finden sind.

Gott sieht immer vor sich eine wieder errichtete Stadt Jerusalem, eine wieder errichtete Kirche und wieder aufgerichtete Menschen. Unser Leben hängt nicht ab von der Gunst oder Ungunst äußerer Umstände, sondern von dem Gott, der seine Menschen nicht aus den Augen läßt und sie ständig trägt und erneuert.

Dennoch können wir die Probleme und Ängste unseres Lebens nicht einfach beiseiteschieben. Es ist nicht so einfach, wenn man einen Kranken zu pflegen hat bis an die Grenzen der eigenen Kraft. Es ist nicht so einfach, wenn man im Vergleich zu den anderen arm ist und sich

Manches nicht leisten kann. Es ist nicht so leicht, wenn man einsam ist und sich nach menschlicher Wärme und Nähe sehnt.

Da kann es schon gehen wie mit dem Volk Israel, daß man klagt über das angebliche Verlas­sen­sein und Gottes Zuspruch völlig abprallt. Gott hat sich dauernd mit diesem Volk beschäftigt. Sie aber sagen, er habe sie verlassen und vergessen.

Das ist für die Juden nicht ein Zeichen von Unglauben, aber doch des Zweifels. Vor allem die erste Generation, die selber die Verschleppung mitgemacht hatte, mußte ihr Schicksal als Gericht Gottes ansehen. Was die älteren Propheten wie der erste Jesaja vorausgesagt hatten, war in grausamer Weise eingetreten. Die Verschleppten haben ja auch ihre Heimat nicht wiedergesehen, sondern erst ihre Kinder und Enkel. Da konnten sie nur schwer daran glauben, was dieser zweite Jesaja ihnen da zusagen will.

In der Zeit der Not muß man sich entscheiden, wie man sein Leben bewältigen will. Es genügt nicht, sich auf ein besseres Jenseits vertrösten zu lassen. Das wirft man der Kirche ja immer wieder vor, daß sie die Probleme der Gegenwart überspielen wolle mit dem Blick auf den Himmel.

Deshalb haben ja die Kommunisten versucht, das Jenseits zu ersetzen durch die Zukunft: Was den Christen erst in der Welt Gottes versprochen wurde, das wollten sie schon innerhalb der Welt herstellen. Aber anstatt ihr eigentliches Ziel zu verfolgen, haben sie sich aufgerieben im Kampf gegen die Kirche, weil sie meinten, diese sei ihnen dabei im Weg.

Nirgendwo in der Welt hat das kommunistische System funktioniert, es ist am Ende immer auf eine mehr oder weniger schreckliche Diktatur und wirtschaftliche Not hinausgelaufen. Es mag funktionieren in kleinen Gemeinschaften von 20 oder 60 Leuten wie auf dem Dotten­felder Hof bei Bad Vilbel, aber auch da ist es sicher noch schwierig.

Aber für ein Staatswesen ist der Kommunismus und selbst der sogenannte „demokratische Sozialismus“ nichts, auch nicht in Zukunft. Die Neu-Kommunisten wie Gregor Gysi und Oskar Lafontaine träumen immer noch davon. Sie sagen: Die 70 Jahre waren ein Experiment, aber wir wurden aus Erfahrung klug und machen es besser!

Es ist allerdings nicht leicht, sich selber einen Entwurf von der Zukunft zu machen. Aber wir brauchen das ja auch nicht, weil Gott unsere Zukunft sichert. Doch so etwas muß man sich erst immer wieder klar machen. Auch die Israeliten in Babylon standen vor dieser Aufgabe.

Dabei haben sie nicht - wie das bei uns heute oft geschieht - an der Existenz des unsichtbaren Gottes gezweifelt. Sie waren von der Wirklichkeit Gottes überzeugt, aber sie meinten, dieser Gott habe sie abgehängt und vergessen. Aber da sagt ihnen der Prophet: Gott hat sein Volk nur zeitweilig verlassen. Die Sklaverei hat nun ein Ende. Gott leidet mit an den Leiden seiner

Menschen. Jetzt ist wieder Zeit, den gnädigen Gott zu verkünden.

Der Prophet wirbt um das Volk, läßt alle Mittel der Überredung spielen, wendet sich einmal an den Verstand und einmal an das Gefühl. Er spielt den Zorn und das Gericht Gottes herunter: Gott hat sein Volk nicht endgültig verstoßen, er hat noch Großes mit ihm vor. Der Prophet wirbt mit beschwörenden Worten: „Glaubt Gott doch seine Liebe!“

Es ist eine geradezu triebhafte Liebe, der man nicht zuvor hat sagen müssen, wie sie sich zu dem Kind einstellen soll. Vielleicht kann man sich so etwas gar nicht mehr recht vorstellen, wo wir in letzter Zeit wir immer wieder vom Gegenteil hören, wie Mütter ihre Kinder umbringen oder verwahrlosen und verhungern lassen. Oft sind das Menschen, die selber schon in ihrer Kindheit keine Liebe erfahren haben. Es sind Menschen in wirtschaftlicher Not oder Drogenabhängige oder auch seelisch Geschädigte.

Doch solches Fehlverhalten ändert nichts an der Tatsache, daß Mutterliebe etwas Wunderbares ist (und natürlich auch die Liebe des Vaters zu seinen Kindern). Und selbst wenn die Mutterliebe versagen würde - sagt der Prophet - die Liebe Gottes versagt nicht.

Für uns Christen wird die Liebe Gottes zu den Verlorenen anschaulich in der Hingabe des Sohnes. Das ist nicht nur eine Liebesgesinnung, sondern Liebe, die tatsächlich handelt. Die Menschwerdung Gottes ist dem jüdischen Denken fremd. Dort kennt man nur den einen, ungeteilten Gott, der sich nicht mit der Schöpfung vermischt, indem er selber Mensch wird. Das Neue Testament sieht es aber anders: Alle Gottesverheißungen sind in Christus bestätigt und erfüllt. In Christus dürfen wir Gott wiedererkennen, der sein Volk getröstet, aus der Not befreit und sich seiner erbarmt hat.

Auch uns und gerade uns gilt diese Verheißung. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir reich oder arm sind, gesund oder krank, erfolgreich oder im Schatten, geliebt oder gemieden. All das kann uns nur noch wenig anfechten, wenn wir diese Liebe Gottes erst einmal richtig entdeckt und wahrgenommen haben. Gott erbarmt sich auch über uns, wenn wir in tiefer Not stecken, so wie eine Mutter ihr Kind liebt, weil er unsre Namen in seine Handflächen geschrieben hat. Gott hat es nicht mehr mit ansehen können, er mußte sich seines Volks erbarmen.

Deshalb jubelt auch die ganze Welt über das Gute, das Gott den Seinen tut. Die außermenschliche Kreatur hat es bemerkt und begriffen. Der Prophet fordert sie zu ungedämpftem Jubel auf: Himmel und Erde werden zum Jubel aufgerufen.

Die Rückkehr der Verschleppten nach Jerusalem war kein großes weltgeschichtliches Ereignis. Von der Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem hat kaum jemand Notiz genommen.

Aber dieses unscheinbare Kind kann sehr wohl zum Heiland der ganzen Welt werden. Es kann auch unser Heiland werden, der unsre Wunden heilt, die äußerlichen und die innerlichen. Deshalb hat die ganze Welt Grund, in Jubel auszubrechen über Gottes wunderbares Gnadenhandeln.

 

 

Jes 50, 4 - 9 (Palmarum, Variante 1:)

Im Warschauer Judenviertel war ein Mann, der angeblich ein Radio hatte und damit ausländische Sender abhörte, die vom Vorrücken der Roten.Armee berichteten. Im Krieg hatte man die Warschauer Juden in einem bestimmten Bezirk eingemauert und ließ sie dort praktisch verhungern. Bei Todesstrafe war es verboten, ein Radio zu haben. Jener Jakob hat auch gar keins. Aber er traut sich nicht, es den anderen zu sagen, um ihnen nicht die Hoffnung zu nehmen. Deshalb erfindet er immer wieder neue Nachrichten, die den Durchhaltewillen der anderen stärken. Dieser Roman von Jurek Becker „Jakob der Lügner“ zeigt, wie Menschen in Not sich an jeden Strohhalm klammern. Denn wer die Hoffnung fahren läßt, der ist gleich verloren.

Umso erstaunlicher ist es, daß man sich im Volk Israel zur Zeit des zweiten Jesaja anders verhalten hat. Eine östliche Großmacht hatte sie gefangengesetzt, die Babylonier. Aber noch weiter im Osten kam eine neue Großmacht auf, die Perser, die Befreiung verhieß. Der Prophet erwartet von dort her die Wende. Der Perserkönig Kyros ist für ihn ein Werkzeug Gottes. Aber dieser Gedanke ist bei den Frommen seines Volkes wohl auf Widerstand gestoßen. Sie können sich nicht vorstellen, daß ausgerechnet ein Heide der Retter Israels werden soll. Deshalb halten sie Jesaja für einen falschen Propheten und lassen ihn das auch spüren. Sie sind unfähig, den von Gott gewählten Weg zur Rettung zu erkennen.

Aber auch den Babyloniern hat die Botschaft Jesajas nicht gefallen. Wenn einer die heranrückenden Feinde als Befreier begrüßt, dann ist das ein Provokateur, der gute Gründe hat, seinen richtigen Namen nicht zu nennen. So wurde Jesaja von zwei Seiten bedrängt, vielleicht sogar von seinem eigenen Volk an die Unterdrücker ausgeliefert. Er ist der leidende Gottesknecht, in dessen Schicksal wir das Leiden Jesu Christi im Voraus abgebildet sehen. Schläge und Verachtung hat auch Jesus ausstehen müssen. Und wer sein Jünger sein will, der wird auch nicht davon verschont bleiben.

Doch das Schicksal einzelner soll unsren Blick nicht von den ungezählten anderen ablenken, die von Menschen mißhandelt worden sind und mißhandelt werden, bis hin zu einem grauenvollen Tod. Wie oft werden an vielen Stellen in der Welt Menschen tot aufgefunden, die an sich die Spuren der Folter tragen. Man sagt: „Sie hätten sich ja nicht in Gefahr zu begeben brauchen!“ Spöttischer und zynischer geht es wohl kaum noch.

Hier liegt dann auch die Deutung nahe, daß es sich bei dem „Gottesknecht“ nicht nur um eine Einzelperson handelt, sondern um ein ganzes Volk, das leiden muß. Gerade das Volk Israel hat Unsagbares erlitten, zu allen Zeiten. Aber aus dem Weinen und Schreien des Gottesknechtes bei Jesaja hören das Leiden der Mißhandelten aus allen Jahrhunderten der Geschichte.

Hier spiegeln sich aber auch die Leiden Christi. Er macht sich allen Leidenden der Menschheit gleich, bekennt sich zu ihnen und protestiert durch sein Mitleiden gegen Unmenschlichkeit und Gewalt. Aber er ist auch gekommen um zu trösten und aufzuhelfen. Er muß nicht nur hinnehmen, sondern er kann auch überwinden. Die eigentliche Hilfe besteht darin, daß er wegräumt, was uns den Weg zu Gott verbaut, nämlich unsre Schuld. Indem er für uns leidet, wird unsre Schuld aufgehoben.

Dadurch wird der Teufelskreis von Gewalttat und Vergeltung durchbrochen. Der Gottesknecht weht sich nicht, wenn er geschlagen und gerauft, gedemütigt und angespuckt wird. Er knirscht nicht einmal grimmig mit den Zähnen. Er hält sogar seinen Rücken hin, damit sie ihn geißeln können. Nur sein Gesicht macht er hart wie Kiesel, damit man ihm Angst und Schmerzen nicht ansehen soll.

Auf weite Sieht wird so die Gewaltausübung ausgehöhlt und zum Erliegen gebracht .Das Vertrauen auf Gewalt und das Sich-Wappnen gegen Gewalt ist ja nur Ausdruck einer sündigen Welt. Wenn man wüßte, daß sich jeder so verhielte wie der Gottesknecht, dann könnte man auf alle Vorbereitungen zur Gewalt verzichten, dann brauchte man sich nicht gegen einen Gegner zu rüsten, den man zu kennen glaubt.

Leider muß man aber noch mit der Feindseligkeit des anderen rechnen. Will man die Gewalt abschaffen, dann muß man die Sünde abschaffen. Ich habe doch nur Mißtrauen, weil in den möglichen Gegner kenne und von seinem Schuldkonto weiß. Indem wir einander die Untaten von einst vorrechnen, rechtfertigen wir schon vorsorglich den nächsten Schlag. Das ist in der großen Politik so wie in unserem persönlichen Leben.

Der Gottesknecht aber nimmt die Sünde derer, die ihn schlagen, auf sich. Dazu aber auch alle anderen Sünden, mit denen wir eine Atmosphäre des Mißtrauens erzeugen, die wiederum zur Machtausübung führt. Er hat sogar Partei ergriffen für die Peiniger selbst, hat sogar für sie gebetet.

Heute sagt man, das sei weltfremd. Wer für einen solchen Pazifismus eintrete, der wolle nur, daß der Feind die Oberhand gewinnt. Man könne ihm doch nicht wehrlos gegenübertreten. Das Schlagwort lautet dann: „Der Friede muß bewaffnet sein!“ Als ob das nicht ein Widerspruch in sich selbst wäre, Friede und Waffen in einem Satz! Wirklichen Frieden werden wir nur schaffen ohne Waffen.

Wenn einer sich erst bis an die Zähne bewaffnet und dann sagt: „So, jetzt habe ich genug, ich rüste nicht mehr weiter! dann ist das zwar etwas, aber es ist noch nicht viel. Die Gefahr wird wenigstens nicht noch größer, aber sie ist groß genug. Auf der anderen Seite kann man nicht immer nur der gegnerischen Seite die Waffen vorhalten, wo sie ein Übergewicht hat. Wenn schon, dann müssen alle Waffen in die Rechnung einbezogen werden, auf dem Land, auf dem Wasser und in der Luft. Und statt daß alle nachrüsten (es rüstet ja angeblich keiner auf, es rüsten ja alle nach) wäre es notwendig, daß alle abrüsten, dann - und nur dann - könnte es Frieden gebe!

Vielleicht fällt uns das eine oder andere Beispiel ein, wo wir Unrecht hingenommen haben und bei einer Demütigung still geblieben sind. Das fällt uns schwer. Wer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat, der kann nur schwer still bleiben, wenn er Unrecht erfährt oder auch bei anderen sieht. Und doch: Das Stillehalten geht dann zwar unter die Haut, aber nicht ans Leben. Der Gottesknecht bei Jesaja und erst recht Jesus Christus können uns Vorbild sein für eine solche Haltung.

Wie aber ist es möglich, zu einer solchen inneren Haltung zu kommen? Der Prophet hat es gelernt im Hören auf Gottes Wort. Er war ja selbst mit hineingenommen in die Zweifel seines Volkes. Auch er schlug sich mit der Frage herum: „Gott, wo bist du? 'Warum bist du so?“ Es ist schwer, den anderen Mut zu machen, wenn man selbst hilflos ist.

Doch ein Mann Gottes darf nicht schweigen, wenn Gott ihn reden heißt. Gott will uns nicht einfach unserem Schicksal überlassen. Deshalb beauftragt er Menschen, die nicht schweigen, wenn es schwierig wird. Aber er hilft ihnen dann auch, das Rechte zu sagen: „Alle Morgen

weckt er mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören!“ bekennt der Prophet Jesaja. Er lebt allein davon, daß er Gottes Stimme hört. Nur deshalb kann er dann auch das Gehörte weitersagen.

Auch die Gemeinde Gottes kann nur bestehen, wenn sie ihr Ohr ganz nah an Gott hat und auf die Stimme ihres Herrn hört. Gerade in den schweren Zeiten unsres Lebens kommt es darauf an, unsre Herzen und Ohren für Gott zu öffnen. Es gibt eben Stunden, wo wir verzagt und müde sind und wo auch der Glaube seine Spannkraft verloren hat. Solche Dürrestrecken können nur überwunden werden im Hören auf Gott, durch Gespräche mit Christen oder durch eine Predigt. Nur wer gehört hat, kann dann auch weitersagen. Ein „heißer Draht“ zu Gott genügt nicht, denn der wird nur in Anspruch genommen, wenn es kriselt. Dauerkontakt ist nötig. Gott ist es, der immer wieder die Hand nach uns ausstreckt, der immer wieder neue Anfänge setzt, der die Marschroute vorschreibt.

Jesus hat uns das vorgemacht. Er konnte hören und hat dann auch gehorcht. Deshalb hat er auch mit dem Hohen Rat nicht doch noch Frieden gemacht und sich auf Kompromisse eingelassen. Er hat sein Letztes gegeben im Dienst an den Menschen. Nun zieht er sie zwar in sein Leiden mit hinein. Aber sie erfahren darin auch gerade seine Nähe. Gott verhindert das Leiden nicht. Aber er ist bei dem, der sich zu ihm hält. Der Gekreuzigte ist immer bei den Opfern der Gewalt und hilft weiter.

Die letzten Verse unseres Abschnitts könnten wir sogar österlich verstehen. Sie sprechen von dem Vertrauen auf den Gott, der tot machen kann und wieder lebendig: Er ist nahe, der mich gerecht spricht. Gott der Herr hilft mir! Gott hat Jesus gerecht gesprochen, deshalb konnte er weiterleben.' Weil Gott auch zu uns immer wieder sein „Ja“ spricht - trotz aller Nöte, in denen wir oft stecken - deshalb haben wir eine Zukunft und ein lohnendes Ziel vor Augen.

 

 

Jes 50, 4 - 9 (Palmarum, Variante 2, mehr auf Karfreitag bezogen):

Auch in unsrer Zeit wird noch gelitten. Und genauso wie im: Altertum trifft es sowohl einzelne. Menschen als auch ganze Gruppen. Es gibt natürlich auch Leiden an einer Krankheit oder an Kummer und Sorgen. Aber wir wollen heute besonders an das Leiden denken, das Menschen aus Mutwillen anderen Menschen zufügen.

Uns fallen dabei vor allem Ortsnamen und Personennamen ein. Da gab es das Vernichtungslager Auschwitz in Polen, wo Millionen von Menschen umgebracht wurden. Wir denken an das Konzentrationslager Buchenwald, wo in der Jahren 1937 bis 1945 auch Zehntausende umkamen, und nicht nur ein Ernst Thälmann, sondern auch ein Pfarrer Schneider. Wir wissen vielleicht auch von dem Ort Lidice bei Prag oder auch von anderen Orten, wo deutsche Truppen in einer Vergeltungsaktion dem Erdboden gleichgemacht wurden: Die Männer wurden umgebracht, die Frauen kamen ins Lager und die Kinder wurden auf andere Familien verteilt. Wir wissen vielleicht auch von dem Dorf Son My in Vietnam, wo ein Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet wurde. Gewalt und Grausamkeiten gibt es immer auf beiden Seiten, aber so einige Namen werden dann zu Begriffen.

Auch die Schicksale einzelner Menschen stehen uns vor Augen. Da werden Bischöfe und Kardinäle ermordet. Wir könnten sicherlich noch eine lange Liste von Menschen aufzählen, die leiden mußten wie Jesus und viele andere Menschen vor ihm und nach ihm. Meist waren es sogar solche Leute, die sich um ihr Volk besonders verdient gemacht haben.

Das gilt auch von dem Mann, dessen Worte uns im zweiten Teil des Jesajabuches überliefert sind und zu denen auch die sogenannten „Gottesknechtliedern“ gehören. In ihnen wird ein Mensch dargestellt, der als Beispiel für das Leiden der Menschen überhaupt dienen kann. Deswegen konnte man auch später das Leiden Jesu mit diesem Gottesknecht vergleichen und es mit den Worten aus dem Jesajabuch beschreiben. Bei Jesaja wurde gewissermaßen eine Form geschaffen, die von Jesus ausgefüllt wurde. Insofern hat dieser alttestamentliche Text dann doch etwas mit Jesus Christus und mit seinem Sterben zu tun.

Überall da, wo um Gottes willen gelitten, wird, ist das Kreuz Jesu unsichtbar gegenwärtig. Jesu Kreuz ist auch das Kreuz seiner Kirche. Sicherlich werden wir nicht so in alle Tiefen der Verlorenheit Jesu hineinmüssen. Aber wir werden doch begreifen müssen, daß Christusnachfolge vor allem auch Kreuzesnachfolge bedeutet.

Das Leiden Jesu kann uns dabei helfen, mit unserem eigenen Leiden besser fertig zu werden.. Es ist nicht immer leicht, von den eigenen Problemen wegzukommen. Wenn man unmittelbar davorsteht, kommen sie einem vor wie ein unüberwindlicher Berg. Aber es hilft vielleicht, wenn man sieht: Jesus hat noch mehr leiden müssen und hat es doch mit Gottes Hilfe durchgestanden.

Und das Geschick des Gottesknechtes aus dem Alten Testament wiederum hilft uns besser zu verstehen, was mit Jesus geschehen ist. Schon beim Gottesknecht können wir wesentliche Züge des Wesens Jesu ablesen. Dies soll nun in drei Punkten geschehen:

 

(1.) Der Gottesknecht dient uns redlich: Er lebt ganz im Gehorsam gegenüber seinem Gott. Von ihm ist er bei allem Tun abhängig. Er hat seiner Umgebung mitzuteilen, was Gott ihn jeden Tag neu wissen läßt. Gott weckt ihn alle Morgen und öffnet ihm die Ohren, damit er richtig hören kann. Daß er Gott hören und verstehen darf, ist das Wunder eines jeden neuen Tages.

Hier wird schon unsre eigene Not deutlich: Können wir denn auf andere Menschen hören? Nehmen wir uns die Zeit dazu und mühen wir uns auch wirklich, sie zu verstehen? Hören wir auf Gott? Oft können wir schon nicht auf Menschen hören. Und dann bleibt uns erst recht die Bibel stumm oder wir meinen, das alles ja schon zu kennen und brauchten nicht mehr hinzuhören.

Der Gottesknecht dagegen will nicht seine eigenen Gedanken und Ideen zur Geltung bringen. Der Auftrag, den er von Gott erhielt, bedeutet ihm alles. Er will nicht zunächst den Anschein erwecken, als höre er auf Gott, und dann doch etwas ganz anderes tun, als ihm gesagt und befohlen wurde. So machen wir es doch oft. Wenn gesagt wird: „Ihr müßt bereit sein zum Mitleiden! „dann nicken wir wohlgefällig mit dem Kopf. Aber wenn wir dann wirklich leiden sollen, dann' suchen wir einen bequemeren Ausweg.

Der Gottesknecht dagegen hört weder auf fremde Stimmen noch auf die eigene. Es macht ihm auch nichts aus, wenn er dafür als ein schwieriger Charakter angesehen wird. Er hat Gottes Wort zu sagen, er kann nicht anders, er darf nicht weichen.

Was ich mir selbst ausgedacht und vorgenommen habe, das kann ich wieder ändern. Darüber kann ich auch mit mir reden lassen und da kamen ich darüber verhandeln. Notfalls kann ich auch noch einen Pflock zurückstecken und Konzessionen machen. In Glaubensdingen jedoch, wenn es um der Auftrag Gottes geht, da kann man das nicht. Da kann man nur wie Luther sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“

 

(2.) Wir danken es dem Gottesknecht nur schlecht: Gottes Wort weist den Gottesknecht an die Menschen. Gerade die „Müden“ hat er anzureden. Das sind die Menschen, denen Zweifel an Gottes Wort kommen, die mutlos und verzagt sind, weil sie keine Änderung in ihrem Leben zu erkennen vermögen. Auch der Mensch, der mit Gott fertig zu sein scheint, weil es nicht nach seinem Willen geht.

So ging es auch jenem Jesaja in Babylon. Dabei hatte er es an sich etwas leichter als der Prophet Jeremia: Jener mußte nur das Unheil Gottes ankündigen. Jesaja dagegen durfte dem Volk das Heil Gottes ansagen. Aber sie waren so voll lähmender Hoffnungslosigkeit, sie hatten einen solchen Vertrauensverlust erlitten, daß sie nichts mehr hören wollten. Sie hatten sich daran gewöhnt, in der Gefangenschaft leiden zu müssen und trugen es als Strafe Gottes für ihre Schuld. Daß es noch einmal anders kommen sollte, glaubten sie nicht mehr. Sie waren es müde, immer wieder zu hören, daß Gott doch noch eingreifen wird.

Den Gottesknecht sahen sie als Lügner und Betrüger an. Zunächst reagieren sie auf ihn mit ungläubigem Kopfschütteln, später mit Haß und zuletzt mit Gewalt: Er wird geschlagen,

man rauft ihm den Bart, man spuckt ihm ins Gesicht. Er erleidet brutalste Mißhandlungen und tiefste Entehrung. Es ist schrecklich, welcher Haß und welche Schandtaten aus Menschen hervorbrechen können, ein Tier wäre dazu nicht fähig.

Der Gottesknecht aber sträubt sich nicht gegen die Menschen, die ihm solches antun. Er versucht keine Gegenwehr und keine Verteidigung, er weicht nicht aus und zieht sich nicht zurück. Er rückt sich sogar zurecht, damit sie ihn schlagen können. Er hält still, wenn sie spucken und bedeckt nicht das Gesicht mit den Händen. Er nimmt alles hin, was sich aus seinem Auftrag ergibt.

Aber er läßt sich durch die Mißhandlungen nicht an seinem Auftrag irre machen. Wenn die Menschen ihn auch angreifen, so wird Gott ihn doch nicht zuschanden werden lassen. Gottes Hilfe ist ihm niemals fraglich.

Schwer ist natürlich, daß er gerade bei seinen eigenen Leuten und bei den Frommen im Lande Ablehnung erfährt. So ist es ja auch Jesus ergangen: Ein Römer hat zwar das Todesurteil unterschrieben, aber die eigentlich treibende Kraft war doch die oberste geistliche Behörde in Jerusalem. Mitschuldig war nicht nur Judas, sondern auch alle, die gerufen hatten „Kreuzige ihn“ und auch alle, die ihn in der schweren Stunde verlassen hatten. Gerade die, deren er helfen wollte, haben ihn verlassen, sie haben ihm seinen Einsatz nicht gedankt. Dennoch läßt er sich nicht irre machen von dem, was ihm widerfährt.

 

(3.) Gott steht fest zum Gottesknecht: Die Mißhandlungen bringen nicht das Ende des Auftrags des Knechts. Gott verhindert das Leiden nicht. Aber er steht ihm bei. Weil Gott bei ihm ist, wird sein Angesicht hart wie ein Kieselstein. Sollen sie doch schlagen, kratzen, raufen, spucken! Er ist letztlich unverwundbar, selbst wenn er aus vielen Wunden blutet. Und er hat ein Leben, das nicht auszulöschen ist, selbst wenn das Herz still steht und der Atem aufhört.

Er befindet sich zwar ganz in der Gewalt seiner Peiniger. Er scheint keinen Freund und keinen Verteidiger zu haben. Aber er beruft sich auf Gott. Wir haben hier den Vertrauenspsalm eines Propheten vor uns, der sich durchs nichts, aber auch durch gar nichts von Gott abbringen läßt.

An Jesus, an seinem Leiden und Sterben, können wir noch einmal ablesen wie solches Gottvertrauen auch in der schwerster Not aussieht. Das kann uns Kraft geben, unsre eigenen Leiden durchzustehen, unsre ganz persönlichen Probleme, die mit dem Glauben zunächst nur wenig zu tun haben, aber auch das Leiden um des Glaubens willen. Was Jesus getragen hat, werden wir nicht tragen müssen. Aber die Hilfe Gottes, die Jesus erfahren hat, ist uns in gleicher Weise gewiß. Deswegen ist Jesus ja für uns gestorben.

 

 

Jesaja 51, 9 – 16 (4. Sonntag nach Epiphanias):

Hand aufs Herz: Ist Ihnen nicht auch am Neujahrstag des Jahres 2000 ein Stein vom Herzen gefallen, als die vielfach befürchtete Katastrophe ausblieb? Weder stürzten die Computer ab noch machten sich die Atomraketen selbständig. Wer Wasser und Lebensmittel gehortet hatte, war jetzt für längere Zeit versorgt. Und wer sich Kerzen und Taschenlampen hingelegt hatte, wird noch lange erleuchtet gewesen sein.

Aber auch der Weltuntergang ist ausgeblieben. Bei solchen kalendarischen Zeitenwenden gibt es immer wieder Gruppen, die der Meinung sind, Gott richte sich bei seinen Planen mit der Welt nach der Zeiteinteilung der Menschen. Weil in der Bibel von dem tausendjährigen Reich Gottes die Rede ist, meinen diese Menschen, bei einem Jahrtausendwechsel müsse es nun endlich anbrechen, nachdem es schon in den ersten tausend Jahren ausgeblieben ist. Aber wie gesagt: Unsere Zeiteinteilung ist eine rein menschliche Berechnung, von der sich Gott nicht beeindrucken läßt.

Doch die Ängste der Menschen sind uns durchaus verständlich. Wir selber werden ja nicht davon verschont, auch wenn wir Christen sein wollen, die ja eigentlich keine Angst zu haben brauchten. Gerade in so besonderen Situationen wie dem Jahreswechsel kommt diese Angst oft in uns hoch. Inzwischen ist das Jahr schon ein ganzes Stück vorangeschritten und wir stellen fest: „Hurra, wir leben noch!“ Aber ganz los werden wir eine untergründige Angst in unserem Leben nicht.

Diese Angst ist etwas Menschliches. Kein Mensch ist von ihr frei. Auch die Menschen zur Zeit des Alten Testaments kannten solche unbestimmten Ängste. Diese bezogen sich zunächst einmal auf die Natur. Man stellte sich vor, daß Gott zwar das Chaos in der Natur in seine Schranken gewiesen hatte und in das Durcheinander hinein seine Schöpfung gebaut hatte. Aber diese Schöpfung wird weiter bedroht durch dunkle Urmächte, die durch Meeresungeheuer und Drachen verkörpert werden. Gott hat sie zwar damals vernichtet. Aber wer weiß, ob nicht eine gleiche Gefahr einmal wiederkehrt?

Um eine Antwort zu finden auf solche Ängste und Fragen, besann man sich auf die Erzählungen von der Erschaffung der Welt. Und so sagt dann der Prophet seinem Volk als Wort Gottes: Gott hat alle Kreaturen geschaffen, Tiere und Menschen, keiner ist stärker als er. Sie kommen alle nicht von ihm los und bleiben auf ihn angewiesen. Er hält auch in Zeiten der Entfremdung an ihnen fest und will ihr Heil. Der damals die Welt geschaffen hat, der kann sie auch heute wieder neu machen. Auch mit den Menschen kann er immer wieder neu anfangen. Die Welt ist gemacht für das Heil Gottes, und im Glauben wird es allen zuteil.

Die Angst der Menschen bezieht sich aber auch auf die Geschichte. Dieses wird vielfach als Bedrohung empfunden, weil der einzelne Mensch nur ein kleines Rädchen in dem großen Getriebe ist. Auch das Volk Israel war ja in dieses Räderwerk geraten. Sie hatten den Krieg gegen die Großmacht der Babylonier verloren und waren nach Babylon in die Gefangenschaft verschleppt worden.

Aber in dieser Lage erinnern sie sich daran, daß Gott ihr Volk ja schon einmal aus einer großen geschichtlichen Gefährdung errettet hatte: Beim Auszug aus Ägypten trocknete Gott das Meer aus und schaffte dem Volk einen Weg, der ihnen wieder eine Zukunft ermöglichte. So werden die Erlösten des Herrn auch diesmal wieder in ihre Heimat kommen, nach Jerusalem zum Zionsberg. Ihr Leben ist nicht sinnlos geworden, sondern sie haben eine Hoffnung, die Gott einlösen wird.

So wie er zu den Zeiten des Mose sein Volk erlöst hat, so wird er es auch in Zukunft tun mit uns, die wir auch von der Angst um unsre Zukunft gefangen sind. Wir dürfen Gott erinnern an das, was er früher getan hat, und wir dürfen darauf vertrauen, daß er auch in Zukunft entsprechend handeln wird.

Es ist aber nicht damit getan, daß man von Gottes Schöpfertätigkeit weiß. Wissen nützt nur, wenn man es auch abruft. Glaube ist nicht die Zustimmung zu der allgemeinen Wahrheit: Es gibt einen Gott. Glaube ist das persönliche Vertrauen auf Gottes Zusage, daß er die Welt erhalten wird und daß er auch mich selbst und alle meine Lieben erhalten wird.

Wir als Christen schauen dabei nicht nur auf die Schöpfung und auf das Handeln Gottes in der Geschichte. Wir dürfen außerdem auf Jesus blicken, in dem Gott ein Mensch wurde, der an allen Leiden dieser Weit Anteil hat. Wir wissen etwas von der Erlösung der Welt durch den

Opfertod Jesu. Und wir dürfen ausblicken auf den Tag, an dem Gott die Schöpfung neu machen wird in der Vollendung der Welt zu seinem Reich.

Schöpfung und Handeln Gottes in der Geschichte ist nicht etwas Fernes, was es vielleicht vor Tausenden von Jahren gab. Gott ist vielmehr mit seiner Schöpferkraft ständig am Werk. Er bleibt nicht im Verborgenen, er hält sich nicht zurück, sondern er greift pausenlos in den Lauf der Dinge ein, ja er ist im Lauf der Dinge selbst wirksam.

Doch zunächst einmal hat das Volk Israel den Eindruck, es bleibe still in Gottes Welt. Deshalb klagt es und bittet Gott, doch endlich seine Waffenrüstung anzuziehen und mit seinem Arm kräftig ins Weltgeschehen einzugreifen. Der Prophet beruft sich dabei auf das, was Gott bisher für sein Volk getan hat, und zieht daraus die Schlußfolgerung: Der Gott, der bisher seine Schöpfung und sein Volk erhalten hat, der wird es auch in Zukunft tun.

Heute fühlen wir uns nicht mehr durch Chaosmächte bedroht, sondern zum Beispiel durch die Atomkraft, auch wenn sie friedlich genutzt wird - der Atomunfall in Japan hat es wieder deutlich gemacht. Unsere Bedrohungen sind auch die großen Umwälzungen in der Welt, die Kriege und die wirtschaftlich und religiös bedingten Unruhen, die auch schon ganz nahe vor unsrer Tür stattgefunden haben.

Aber die Angst hat auch ein ganz persönliches Gesicht: Da dauert die Arbeitslosigkeit schon mehrere Monate oder gar Jahre und es ist keine Änderung in Aussicht. Da plagt uns eine Krankheit und wir schlechter statt besser. Das Verhältnis in der Ehe oder Familie ist gespannt und macht uns täglich fertig. In dieser Lage leiden auch wir darunter, daß Gott nicht einzugreifen scheint. Und da ist es dann schwer, Geduld zu haben und immer noch auf Gott zu vertrauen.

Gott will aber allen Menschen Gutes tun. Wir können das nicht immer erkennen. Auch den in

Babylon Gefangenen klangen Gottes Zusagen so unwirklich, während Babylons Macht gera­de­zu körperlich zu spüren war. Gottes Zusagen wollen aber gegen Erfahrung und Augenschein geglaubt werden. Da gibt es auch keine Stützen, die die Zusagen von unten her untermauern könnten. Gott allein ist es, der helfen und trösten kann. Auf ihn müssen wir uns verlassen, sonst sind wir verlassen.

Der Prophet stellt das Bild eines Gefangenen vor Augen. Er ist gefesselt, in eine gekrümmte Haltung gebracht, er hungert. Sein Schicksal ist besiegelt, die Vollstreckung des Todesurteils ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber da wird ihm gesagt: „Du wirst frei, es dauert sogar gar nicht mehr lange!“

Wenn wir uns auch so fühlen wie dieser Gefangene, dann dürfen wir dieses Wort Gottes auch auf uns beziehen. Das muß nicht bedeuten, daß jede Situation unseres Lebens einen glücklichen Ausgang nehmen wird. Die Gefangenen sind damals bald heimgekommen. Aber das muß nicht zwingend so sein. Das kommende Jahr muß nicht alle unsre Probleme lösen, muß nicht all unsere Angst beseitigen.

Aber wir dürfen wissen: Was auch geschieht, niemand und nichts wird Gott und uns wieder auseinanderbringen. Auch wenn wir manchmal seinen starken Arm vermissen, so sind seine schützenden Hände doch immer da. Er läßt sich nicht darin irre machen, daß er unser Heil will. Denn er ist doch unser Gott und wir sind sein Volk!

Der Schluß des Abschnitts „Du bist mein Volk“ erinnert an den Spruch aus der Wende 1989

„Wir sind das Volk!“ Wir sind geneigt, dieses Ereignis für das wichtigste geschichtliche Er­eignis des Jahrhunderts zu halten. Aber an sich ist das Ende des Zweiten Weltkriegs - die Befreiung von der Diktatur - das wichtigere Ereignis.

Damals wurde die Befreiung im Osten Deutschlands noch nicht vollendet, weil die braune Diktatur durch eine rote abgelöst wurde. Erst 1990 wurde die Befreiung für unser ganzes Volk vollendet. Aber stellen wir uns nur einmal vor, Hitler hätte keinen Krieg angefangen und die Nazis waren heute immer noch an der Macht! Da können wir doch nur froh sein, wenn wir in Frieden und Freiheit leben können.

Aber Gott sagt: „Nicht ihr habt euer Leben in der Hand, nicht ihr gestaltet die Geschichte und spielt dabei eure eigene Macht aus. Vielmehr bin ich es, der euch erhält und euch neue Wege eröffnet!“ So war es nicht unser Geschick und unser Können, die uns die Freiheit gebracht haben, sondern Gott allein rettet uns immer wieder.

Dabei geht es nicht nur um die großen geschichtlichen Fragen, sondern auch um die ganz persönlichen Probleme unseres Lebens. Auch da gilt: „Du bist mein Volk!“ Gott hat uns sogar den Auftrag gegeben, daß wir so wie damals sein Prophet sein tröstendes Wort weitergeben. Uns

ist damit etwas anvertraut, das wir den anderen Menschen schulden, die genauso wie wir in Angst um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt leben.

Diese Botschaft sind wir allen schuldig, die an dieser Welt leiden. Gottes Wort ist in unseren Mund gelegt, so wie er es damals dem Propheten in den Mund gelegt hat. Wir haben eine Bot­schaft an die Welt und alle Menschen: Euer Leben steht unter dem Schutz Gottes. Unter seiner Aufsicht habt ihr eine gesicherte Zukunft.

 

 

Jes 52, 7 – 12 (4. Advent): 

Wenn wir doch nur schon die Verhältnisse hätten, wie sie der Prophet hier vorausschaut! Wenn doch von einer internationalen Konferenz einmal die Freudenbotschaft käme: „Man hat sich geeinigt!“ Wenn doch endlich einmal Gutes zu berichten wäre aus dem Weltgeschehen! So aber gehen wir mit noch größeren Sorgen als im letzten Jahr in das Christfest. Die Gefahr ist größer geworden, daß durch ein Versehen oder ein technisches Versagen eine große Katastrophe ausgelöst wird.

Wir kommen jetzt in die Zeit, in der wir die längsten Nächste und die dunkelsten Tage des Jahres haben. Das könnte uns bange machen, wenn wir nicht wüßten, daß es zur Sonnenwende kommt und das wärmende Licht wieder stärker wird. Aber was in der Natur mit gesetzlicher Notwendigkeit eintritt, das ist im Geschichtsablauf nicht abzusehen. Da müssen die Menschen schon etwas dazu tun. Und da muß auch Gott mit eingreifen.

Man könnte sagen, der Prophet Jesaja II. habe die bevorstehende weltpolitische Veränderung gewittert, den Aufschwung des Perserreiches, der dann die Befreiung des Volkes Israel aus der Gefangenschaft bewirkte. Aber für den Propheten hängt die Veränderung der Weltlage mit der Änderung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk zusammen. Die Wende besteht nicht nur in der Heimkehr der Verbannten, sondern zuerst im Kommen Gottes, in seinem Advent zu seinem Volk, vor der Augen der ganzen Welt.

Das sollten wir auch bedenken bei den weltpolitischen Problemen unserer Zeit: Ohne Gott wird es wohl nichts werden! Wenn man überall in der Welt mehr auf Gott hörte, dann käme man leichter überein.

Das leben die Christen vor. Sie sind sieh durchaus nicht immer in allen Dingen einig. Dafür kommen sie aus viel zu vielen verschiedenen Traditionen und Kulturen. Aber sie treffen sich und tauschen sich friedlich aus und gehen mit Gewinn wieder nach Hause. So war es schon immer bei den großen kirchlichen Konferenzen und Treffen. Und so könnten wir es auch in unserem kleinen Bereich machen: Ein Beispiel dafür geben, wie Menschen mit Menschen umgehen sollten.

So kommt Gott in die Welt wie ein König. Er führt die Wende herbei. Daran denken wir jedes Jahr wieder in der Adventszeit. Der Bibelabschnitt aus Jesaja macht uns dabei einige Begleitumstände deutlich. 

 

1. Ein Bote kündigt ihn an: Gott ist nicht nur der ewige Weltenlenker, dem sich alle Geschöpfe fügen müssen, weil er nun einmal allmächtig und allwirksam ist. Der Bote kündet ein neu einsetzendes Geschehen an: Gott wird heute Herr in seiner Welt!

Doch das ist nicht so gemeint, als stünde Gott an einem unsichtbaren himmlischen Schaltpult, in dem alle Leitungen zusammenlaufen und jeder Kontakt hergestellt werden kann. Vielmehr ergreift Gott wieder von der sich ihm widersetzenden Welt Besitz. Aber er tut das nicht von außen her - vom Schaltpult aus - sondern ersetzt sich in den Menschenherzen durch und gewinnt Macht in ihrem Wollen und Wünschen, Tun und Lassen. Er will aber nicht über die Menschen Macht gewinnen, sondern i n ihnen.

Träger dieser Botschaft war damals der Prophet. Er ist der Bote, der dem aus Babel zurückkehrenden Volk vorauseilt. Die Jerusalemer erblicken ihn auf der Höhe eines Berges. Er ruft ihnen zu: Frieden und Heil, Gott ist König geworden. Die Zeit ist vorbei, in der Gott es mit einem verlogenen Volk zu tun hatte und wo Menschen sich in ängstlicher Abwehr vor dem Zorn Gottes ducken mußten. Eine neue Weise der Zusammengehörigkeit zwischen Gott und seinem Volk kommt zustande. Weil Gott sich in den Herzen der Menschen durchsetzt, entstehen auch neue Verhältnisse auf der Welt: der Friede kommt, das Gute, die Wende zum Besseren.

Diese Botschaft erhält ihre Wahrheit und Kraft erst von Jesus Christus her. Er ist in diesem Bibeltext verborgen. Nur kommt der Freudenbote nicht mehr über die Berge, sondern er steht auf der Kanzel. In seinem Reden ereignet sich der Advent Gottes. Wir dürfen hören: Jetzt ist die Zeit der Annahme, zwischen Gott und uns ist nur Friede, Gutes und Heil.

Was da ausgerufen wird, ereignet sich auch tatsächlich. Wir können nicht sagen: Die Mensch­werdung Gottes in Jesus müsse nur gepredigt werden, sie brauche nicht wirklich so geschehen. Die Verbannten in Babylon hätten sich schön bedankt, wenn der Prophet ihnen nur gepredigt hätte, aber nichts wäre geschehen. Er wollte ihnen ja gerade sagen: Jetzt, wenn ihr es hört, ist es auch sicher, so als wäre es schon geschehen. Im Wort ist immer der wirksam, in dessen Namen es gesprochen wird. So bewegt sich auch Gott in der Adventsbotschaft auf uns zu, tröstet und ermutigt uns und wird in unseren Herzen mächtig.

 

2. Die Späher nehmen ihn wahr: Die Verbannten sind noch in Babel. Aber die Zurückgebliebenen haben ihre Wächter aufgestellt, die das Herannahen Gottes und seines Boten melden sollen. Wer döst oder träumt, kann nicht Späher sein; er würde auch das Kommen Gottes verpassen. Die adventlichen Texte mahnen uns zur Wachsamkeit.

Es gibt Späher, die die Zeichen der Zeit eher erkennen als andere. Sie haben die Verantwortung für Sicherheit und Wohlergehen der Stadt. Aber Jesaja stellt sich vor, daß auch die ganze Einwohnerschaft von Jerusalem dichtgedrängt nebeneinander steht und mit aufgerissenen Augen gespannt in eine Richtung schaut nach dem, was da immer näher kommt.

Das Kommen Gottes will eben wahrgenommen werden. Es gibt Tatsachen, die sich so aufdrängen, daß es keiner besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Aber anderes will im Glauben angenommen werden. Der Glaube bringt das Geglaubte nicht hervor, er empfängt es. Urbild des glaubenden Menschen ist Maria, derer wir am 4. Advent besonders gedenken. Doch der Glaubende ist nicht ein willenloser Gegenstand für das Handeln Gottes, Gott arbeitet nicht wie ein Bildhauer am toten Stein, sondern er geht mit lebendigen Menschen um, die zu seinem Tun ein bereites Ja sagen.

Gott kommt zwar zu allen. Aber sein Selbstangebot wird nur bei denen wirksam, die ihn glaubend aufnehmen. Deshalb müssen wir „spähen“ und darum besorgt sein, den kommenden Gott nicht zu verpassen. Heute kommt er zu uns in Predigt, Taufe und Abendmahl. Viele merken die Nähe Gottes gerade in dieser Jahreszeit. Sie begreifen etwas von dem Wunder, daß Gott sich auf uns zubewegt. Deshalb werden sie auch zum Singen bereit, auch wenn ihnen sonst nicht danach ist.

Jerusalem bestand damals ja auch fast nur aus Ruinen. Aber die Hoffnung die sich an Gottes Kommen knüpfte, ließ sie schon nicht mehr so lähmend wirken wie eben noch. Wo Menschen vom  Kommen Gottes ergriffen und überwältigt worden sind, da wandelt sich schon das Mißliche zum Guten. Wir sollten ausschauen in dieser Zeit, wo wir etwas von der Ankunft Gottes erspähen können.

 

3. Alle Welt will ihr sehen: Ein kühnes Bild ist Ausdruck einer kühnen Erwartung: Gott krempelt die Ärmel hoch und handelt in der Weltgeschichte so, daß er für alle erkennbar wird. Er wird den Zionsberg wieder einnehmen und von da aus die Welt regieren. Alle Welt wird sehen, daß Gott ihr himmlischer König ist. Was Gott jetzt noch im Verborgenen tut, wird einmal aufgedeckt und unmittelbar einsichtig sein: „Aller Welt Ende sehen das Heil unseres Gottes!“

Die Heimkehr der Verbannten nach Jerusalem war nachher alles andere als ein Triumphzug, sondern ein höchst bescheidenes Geschehen; das neue Leben in der Heimat war ärmlich und mühsam. Und die umfassende Weltverwandlung ist erst recht ausgeblieben. Der Verlauf der großen Geschichte enthält noch immer so viel Widergöttliches, daß von Gottes entblößtem Arm nichts zu merken ist.

Trotzdem predigen wir das Kommen Gottes zu allen Völkern. Gott kam zu uns als Mensch. Nun sind wir in den Dunkelheiten der Welt nicht mehr uns allein überlassen. Die Angst vor dem Unberechenbaren ist zwar da, aber Gott ist auch da! „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!“ Wir wollen euch das Erfreuliche sehen. Die Einsicht gewinnt immer mehr an Boden, daß der Krieg nicht mehr taugt, die Konflikte zwischen den Völkern zu lösen. Aus Trümmerlandschaften werden neue Städte. Unterdrückte Völker werden frei.  Es gibt Versöhnung zwischen Völkern und Menschen, die sich einst bekämpften.

Es gibt nicht nur eine Blutspur in der Geschichte der Menschen, sondern es gibt auch die Spur von Frieden und Heimkehr, Trost und Versöhnung. Und diese Spur soll stärker werden, weil Gott es so will, weil er der König über alle Welt ist. Ein König ist ein Machtfaktor. Und auch Gott ist ein Machtfaktor zum Guten. Weil er da ist, sind Frieden und Heil immer wieder möglich.

 

 

Jes 52, 13 - 53, 12 (Karfreitag):

Jesus war doch eigentlich eine nichtssagende Erscheinung! Äußerlich gesehen hat nichts an ihm beeindruckt. Die Volkshelden von heute sind Sportler oder Filmstars oder Weltraumfahrer. Man muß erst etwas geleistet haben, aus den anderen herausragen, den Leuten gefallen. Aber bei Jesus ist davon keine Spur zu finden. Deshalb hat er so verhältnismäßig wenig Anhang gefunden.

Jesus hat den Leuten im Gegenteil manchmal ganz schön ins Gewissen geredet. Er war kom­pro­mißlos, offen und ehrlich, und hat sich nicht gescheut, allen die Wahrheit zu sagen. Damit war er natürlich unbequem. Man empfand es als unfein, immer wieder an seine Pflichten erinnert zu werden. Jesus ist den Leuten auf die Nerven gegangen und war auch in gewissem Maße ein Außenseiter.

Können wir uns eigentlich damit abfinden? Oder möchten wir diesen Jesus lieber loshaben und dazu so einen Tag wie den „Karfreitag“? Es ist doch ein trauriger Tag, der an eine beschämende Sache erinnert. Wir haben uns zu schämen für das, was Menschen damals getan haben; aber vielleicht schämen wir uns auch, weil unser Herr den Tod eines Verbrechers gestorben ist.

So begehen wir heute keinen Feiertag, sondern den Todestag Jesu. Voller Erschütterung können wir diesen Tag nur still und besinnlich begehen. Es ist äußerst unpassend, an so einem Tag Sportveranstaltungen durchzuführen, Betrieb und Unruhe zu schaffen. Neuerdings wird sogar gegen das Verbot von Tanzveranstaltungen an diesem Tag demonstriert. Da wäre ein Arbeitstag schon sinnvoller. So aber ist uns dieser Tag als arbeitsfreier Tag erhalten geblieben. Da können wir uns ganz dem Gedenken an den Tod Jesu widmen und die Gottesdienste besuchen.

Das Jesajabuch spricht von einem Gottesknecht, der nicht in seine Gesellschaft paßte. Sein Aussehen war unmenschlich entstellt. Er war krank und von allen verachtet. Man sagte: „Der muß etwas auf dem Kerbholz haben, wenn Gott ihn so entstellt!“ Man hat ihn bedrängt und vielleicht gefoltert. Kein Mensch hat sich darum gekümmert, daß hier einer unschuldig und auf elende Weise zugrunde ging. Nicht einmal ein ehrenvolles Begräbnis hat man ihm gegönnt.

So ergeht es dem, der sich nicht an die anderen anpaßt Eigentlich soll doch alles seinen Gang gehen, ohne Kampf und Leiden, ohne Gewalt und Verzicht. Wenn einer einen natürlichen Tod stirbt, ist das unvermeidlich. Stirbt er im Kampf, kann er zum Helden werden. Wird einer aber hingerichtet, dann ist er auch moralisch vernichtet; dann sagt man ihm: „Du bist es nicht wert zu leben!“

Mit dem Gottesknecht ist wahrscheinlich der Prophet selbst gemeint oder eine andere geschichtliche Persönlichkeit aus der Zeit der Gefangenschaft Israels in Babylon. Aber er hat das Schicksal Jesu im Voraus abgebildet. Vielleicht hat Jesus sich in diesem Gottesknecht wiedererkannt. Zumindest haben die ersten Christen das Kapitel Jesaja 53 auf Jesus gedeutet und herangezogen, wenn sie vom Leiden und Sterben Jesu erzählten. Bestes Beispiel ist dafür

die Auslegung, die Philippus dem Kämmerer aus dem Mohrenland gegeben hat, der ja dieses Kapitel gelesen hat,

Aber regt uns eigentlich noch der Widerspruch auf zwischen dem unscheinbaren äußeren Erscheinungsbild und dem Anspruch, in der Vollmacht Gottes zu reden und zu handeln? Auf der einen Seite der schimpfliche Tod und auf der anderen Seite das Bekenntnis der Christenheit: „Jesus lebt und ist unser Herr!“ Wollen wir wirklich zu einem Mann gehören, der auf dem Friedhof in der Ecke für Mörder und Selbstmörder begraben wurde? Das grauenvolle Geschehen des Karfreitags war ja nicht ein bedauerlicher Zufall, sondern ist in der Natur der Menschen begründet, die jeden Störenfried ausschalten wollen.

Doch zu so einem bekennen wir uns, wenn wir uns unter das Kreuz stellen. Vielleicht sind wir schon zu sehr abgestumpft, daß wir das Grauenvolle des Geschehens gar nicht mehr erfassen. In jeder Kirche ist das Kreuz zu finden, manchmal noch in mehrfacher Ausführung. Manche haben es in ihrem Haus hängen oder auch als Schmuck um den Hals. Und die Bischöfe hängen es sich um als Zeichen ihrer Würde. So weit ist es gekommen mit dem Kreuz von Golgatha!

Aber in Wirklichkeit wollen wir das gequälte Gesicht eines Gekreuzigten nicht sehen. Wir sehen ja auch nicht gern die Bilder vom Leiden der Menschen, die uns Abend für Abend über das Fernsehen erreichen. Da wird auch täglich gelitten unter Krieg und Unterdrückung, Hunger und Katastrophen. Fast ist es schon etwas Alltägliches geworden.

Auch heute leidet und stirbt Christus noch, solange Böses geschieht, Menschen zum Opfer werden. Wo ein Mensch andere leiden läßt, da fügt er die Schmerzen auch Jesus zu. Auf dem Friedhof in Zakopane in Polen steht ein Grabmal, bei dem man einen Baumstamm ausgehöhlt hat als Hinweis auf die Gaskammern von Auschwitz. Und in der Höhlung hängt der Gekreuzigte, denn er ist mit gestorben in den Gaskammern und stirbt noch heute mit, wo Menschen unter der Gewalt anderer zu leiden haben.

Sollen wir uns daran gewöhnen und damit abfinden? Nein, das dürfen wir nicht. Der Gekreuzigte stellt sich uns in den Weg und lenkt unsren Blick auf die Menschen, für die wir verantwortlich sind. Er sagt: Wenn ihr das Leiden zulaßt, seid ihr mit daran schuld, daß ich immer noch leiden muß. Jesus mußte sterben, weil es Krieg auf der Welt gibt, weil Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder ihrer politischen Gesinnung unterdrückt werden, weil wir eben alle unseren Anteil an der Schuld der Menschen beitragen.

Doch wir können auch froh sein, daß Jesus für uns gestorben ist. Denn er trug unsere Krankheit und litt stellvertretend für uns. Kein Mensch ist ja imstande, seine Schuld selber zu tragen oder gar gutzumachen. Deshalb erschien Gott selbst in der leidenden Welt als Leidender. Seine göttliche Allmacht verhüllte er in der Schande und verzichtete auf alles, was ihn stark und erfolgreich machen könnte. Aber so solidarisierte er sich mit der verlorenen Welt und trug ihre Schuld.

In Südamerika gibt es einen gefährlichen Raubfisch, den Piranya. In großen Scharen bevölkern diese Fische die Flüsse und fressen in Minutenschnelle jedes Lebewesen auf, das sich ins Wasser wagt. Nun müssen aber die Hirten manchmal mit ihrer Herde auf die andere Seite wechseln, wenn die Weideplätze erschöpft sind. Dann nehmen sie eins der schwächeren Tiere, ritzen ihm die Haut auf und treiben es mit Stockschlägen in den Fluß. Sofort stürzen sich die Piranyas auf das verwundete Tier, vom Blut werden noch andere angelockt. Die Hirten aber ziehen mit ihrer Herde ein Stück flußabwärts unbehelligt durch den Fluß. E i n Tier muß geopfert werden, damit die anderen gerettet werden können.

So ist auch Jesus für die Menschen gestorben. Aber er mußte nicht mit Stockschlägen dazu getrieben werden, sondern er ging freiwillig. Er war das Kostbarste, das Gott opfern konnte. Aber er tat es im Gehorsam gegen den Vater, er wußte sich eng mit ihm verbunden. Wir meinen ja oft, Gott sei nur mit dem, der Glück und Erfolg hat und sich durchzusetzen vermag. Wer aber scheitert, der müsse von Gott verlassen sein und von dem müsse man sich als anständiger und frommer Mensch auch abwenden.

Am Gottesknecht aber kann man lernen, daß Gott nicht da ist, wo die größten „Erfolge“ sind. Gott ist nicht bei denen, die die dicksten Banknoten, die ausgeklügelster Führungsfähigkeiten und die schrecklichsten Waffen haben. Gott geht in unscheinbarer Gestalt durch die Welt, wird verachtet und gedemütigt. Aber in dem verabscheuten Dulder Jesus von Nazareth hat Gott sein großes Werk getan: die Wiedergewinnung der Verlorenen!

Zu dieser Selbsterkenntnis müssen wir aber erst einmal kommen. Wir geben zwar zu, daß wir nicht strafpunktfrei sind. Aber wir versuchen doch, mit unsrer Schuld ganz gut zu leben und sagen: „Ausrutscher kommen halt immer einmal vor!“ Wir fühlen uns im Recht, obwohl jeder Ausrutscher doch nur Zeichen für die falsche Grundentscheidung des ganzen Menschen ist. Nichts belastet uns so sehr wie unsere Sünde. Will Gott uns retten, dann muß er auch hier ansetzen.

Aber Schuld kommt nicht dadurch aus der Welt, daß man sie geflissentlich übersieht oder verdrängt. Schuld muß ausgeräumt werden, wirklich bereinigt. Das ist an Karfreitag geschehen, als einer auf Gottes Geheiß sich einsetzte bis zum letzten. Er hat nicht nur auf seinen eigenen Weg gesehen, sondern er dachte daran, was aus uns wird. Deshalb hat Gott auch Gefallen gefunden an dem Zerschlagenen und hat ihn gesund gemacht. Er wird leben und Nachkommen haben. Gott wird sich zu ihm bekennen. Er ist der Gerechte und wird viele gerecht machen. Äußerlich sah er ohnmächtig aus, aber gerade deshalb hat Gott ihn mächtig gemacht. So hieß es schon vom Gottesknecht bei Jesaja.

Jesus aber hat dieses Bild dann voll und ganz erfüllt. Seine Gottverlassenheit wurde zur Grundlage einer neuen Gottverbundenheit. Der Vater hatte den Sohn in die Hölle geschickt, weil er uns nicht dort lassen wollte. Das Gericht ist nicht ausgefallen, aber Jesus hat es auf sich gezogen. Nun kann sich jeder zu diesem Jesus flüchten, wenn er vor dem Gericht verschont werden will.

Das Einstehen für die anderen erhielt aber seinen letzten Sinn erst durch die Errettung Jesu vom Tode. Deshalb gehört zu Karfreitag auch gleich Ostern mit dazu. Wir können diesen Tag nicht abschließen ohne den Ausblick auf die Auferstehung. Im Grunde ist dann der Karfreitag doch nicht nur ein Trauertag, sondern ein Tag der Freude, weil wir wissen: Das alles ist für    u n s geschehen!

 

 

Jes 54, 7 - 10 (Lätare, Variante 2):

Immer wieder einmal hören wir von Erdbeben und Vulkanausbrüchen in irgendeiner Ecke der Welt. Für uns sind die Berge der Inbegriff des Beständigen. Sie waren schon vor Jahrtausenden so und werden es auch in tausend Jahren noch sein; das können wir jedenfalls annehmen. Aber anderswo kann plötzlich die Erde aufreißen und ein Vulkan ausbrechen und ein neuer Berg entstehen. Oder die Erde bebt und läßt alles zusammenstürzen, was Menschen auf ihr errichtet haben.

Der Prophet Jesaja II. benutzt dieses Bild, um die Unverbrüchlichkeit der Gnade deutlich zu machen. Er sagt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen!“ Er sagt das in einem Augenblick, als Gott selber sagt: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen!“ Er gibt zu, die Gemeinschaft mit seinem Volk aufgegeben zu haben.

Für den Glaubenden hat alles menschliche Geschick mit Gott zu tun. Was uns widerfährt, ist auf alle Fälle von Gott bedacht und gewollt. Die Verbannten in Babylon mußten annehmen, daß Gott sie „abgehängt“ und der Heillosigkeit überlassen hatte.

Im Jahre 1945 schrieb ein Ausgebombter an seine Verwandten, die Christen waren: „Euer Gott hat uns verlassen!“ Damit brachte er zum Ausdruck: Unser Gott kann es nicht sein. Es ist nichts mit diesem Gott. Er hätte sonst das persönliche Schicksal und vielleicht sogar des ganzen Volkes anders wenden müssen. Man stellt sich Gott da so vor als wäre er auf dem Turm eines Flughafens und würde alle Flugbewegungen so steuern, daß alles ohne Reibung und Gefahr abläuft. Aber so ist unser Gott nicht!

Bei Jesaja bekennt sich Gott selber dazu, sein Volk verlassen zu haben. Er ist voller Zorn und deshalb nicht mehr ansprechbar. Ja, so ist Gott auch! Wir müssen auch mit Gottes Zorn rechnen trotz allem, was über seine Liebe zu sagen ist. Gott haßt die Sünde und setzt ihr seinen Widerstand entgegen; und wenn es sein muß auch mit hartem Zugriff. Das gilt auch für die Zeit nach Christus. Allerdings dauert der Zorn nur einen Augenblick.

Damals allerdings dauerte die Gefangenschaft schon rund ein halbes Jahrhundert. Die Zahl derer, die Jerusalem noch gesehen hatten, wurde immer kleiner. Doch für Gott ist das alles nur ein Durchgang, ein vorübergehender Augenblick.

Gott sieht alles aus der Rückschau, als wäre es schon vorbei. Und in der Rückschau erscheinen Zeiten der Belastungen und Entbehrungen tatsächlich manchmal kurz. Dann kann man auf Ängste zurückschauen wie auf einen winzigen Augenblick. Der entscheidende Unterschied aber ist: Das Unheil dauert nur einen Augenblick, aber das Erbarmen geschieht mit „ewiger Huld“.

Das Zorneshandeln und das Gnadenhandeln stehen nicht gleichrangig nebeneinander. Gott straft nur ungern; vielmehr drängt es ihn zur Gnade. Das Richten ist nicht sein eigentliches Werk, wie Luther sagt. In der noch nicht erlösten, in der von Sünde gefährdeten und gestörten Welt m u ß Gott dem Bösen widerstehen. Sonst würde er ja die sündige Welt der Selbstvernichtung preisgeben. Gott setzt dem Bösen seine richterliche Gewalt entgegen. Damit ist die Sünde nicht aus der Welt geschafft, aber sie wird in Grenzen gehalten. Aber Gott will, so schnell er kann, über das Zürnen hinauskommen. Eigentlich kann er es gar nicht erwarten, bis es soweit ist.

Aber wir verstehen das Heilshandeln Gottes meist als einen großen weltweiten Szenenwechsel, der alle Dinge umfaßt und die Leiden der Menschheit wie in einem Nu in Freude und Glück verkehrt. Wir nehmen es Gott sogar manchmal übel, daß er uns unser vermeintliches Glück schuldig geblieben ist.

Gott macht aber wahr, was er versprochen hat. Er ist wirklich der Erlöser und Erbarmer. Er macht dem unheilvollen Zerwürfnis zwischen sich und uns ein Ende. Ja, er h a t es getan in Jesus Christus. Aber die neue W e 1 t erwarten wir noch. Nur ein neues Gottesverhältnis ist uns schon möglich. Ohne neue Menschen kann es keine neue Welt geben. Neu werden kann man, indem man das Werk Christi als sein Heil annimmt.

Angeboten wird es allen. Doch verwirklicht wird es nur im Glauben. Die Wende geschieht also nicht pauschal im weltweiten Maßstab, sondern indem der Einzelne sich an Jesus Christus hält. Er hat dabei zwar die Gemeinschaft der Mitglaubenden neben sich. Aber die Glaubensentscheidung muß er doch unvertretbar für sich vollziehen. Indem einer zum Glauben kommt, ist für ihn der Augenblick des Zorns vorbei und er lebt aus der Gnade.

Der Überschritt vom Leben unter dem Zorn zum Leben unter der Barmherzigkeit Gottes ereignet sich von Fall zu Fall da, wo Menschen Anschluß an Christus bekommen. Wenn wir Gottes Erbarmen und seine Zusagen glaubend annehmen, werden wir zunächst zwar

in der Nachfolge des Gekreuzigten leben müssen.

Aber wenn die Stunde da ist, werden wir auch an der Herrlichkeit Gottes Anteil haben. Das will uns dieser Sonntag „Lätare“ mitten in der Passionszeit deutlich machen. Er bedeutet „Freut euch“ und blickt schon auf das Ende des Ganzen, nimmt schon Ostern voraus. Aber nur der Glaube hat an dem Neuen teil.

Der Prophet erinnert an die Tage Noahs, in denen Gott versprochen hat, nicht wieder so eine große Sintflut kommen zu lassen. Allerdings wurden harte Gesetze vorgesehen, die die Welt vor dem Zerstörenden bewahren sollten. Jesaja aber sieht die Wende vom Zorn zur Gnade gekommen. Es geht nicht nur uni den Fortbestand des Alten, sondern das ganze Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ist geheilt. Gott leistet nicht mehr Widerstand gegen die Sünde, der für uns und sogar auch für ihn schmerzhaft ist. Gott läßt vielmehr seine Gnade walten und zieht den Menschen zu sich.

Ar diesem Heil hat man Anteil, indem man zum Glauben kommt, zum Glauben an Jesus Christus. Aber es kommt nicht eine Global-Wende, sondern sie geschieht jeweils mit dem Einzelnen. Aber das Allgemeine und das Persönliche gehören zusammen. Wenn ich in einen anderen Raum will, muß ich durch eine Tür gehen. Wenn ich nicht durch die Tür will, muß ich draußen bleiben. Aber hindurchgehen kann ich nur, wenn die Tür nicht verschlossen ist. Ob die Tür offen ist, habe ich nicht in der Hand. Aber seit der „Wende“ durch Gott ist die Tür offen.

Eher weichen Berge und fallen Hügel nieder, als daß Gnade und Bund fielen. Man könnte ergänzen: Da Berge und Hügel sieh bekanntlich nicht von der Stelle rühren, ist das Versagen der Gnade Gottes noch viel unmöglicher. Man kann den Satz aber auch anders verstehen: Obwohl Berge tatsächlich von der Stelle bewegt und Höhen ins Wanken kommen, bleibt Gottes Zusage bestehen und sein Herz bleibt uns zugewandt.

Irgendwann werden für jeden von uns die äußeren Dinge der Welt zurückweichen und keinen Halt mehr bieten. Das äußere Dasein ist zerbrechlich. Aber Gottes Zuwendung zu den Seinen ist unverrückbar und unvernichtbar. Seine Gnade: das ist seine Liebe und Gunst, seine Freundlichkeit, die auch alle Enttäuschungen überwindet, die er mit uns erlebt. Der „Bund des Friedens“: das ist Gottes Selbstverpflichtung, mit der er ungezwungen sich uns versprochen hat. Zwischen ihm und uns besteht ein heiles Verhältnis, ohne Mißtrauen und Vorwürfe, ohne Trübungen und Störungen

Dieses neue Verhältnis Gottes zu uns wird sich dann über auch auf unser Leben in allen seinen Beziehungen auswirken. Überall wird es Friede und Wohl, Gesundheit und heiles Leben geben. Das alles möchte Gott und schenken, dies verbürgt er auch heute seinem Volke. Solche Sätze lassen wir vielleicht im Augenblick routinemäßig über uns ergehen. Wenn es uns gut geht, sehen wir sie als langweilig an und sagen: „Der liebe Gott macht schon alles recht!“

Aber in bösen Zeiten können sie uns fraglich werden, können uns zu der Frage führen: „Wo bleibt denn nun die Gnade und der Friede Gottes?“Aber gerade für eine solche Situation der Anfechtung sind diese Sätze voller Glaubenszuversicht gesprochen. Wenn auch alles ins Wanken kommt, so hält Gott doch an uns fest. Diese Wahrheit sollten wir lernen und einüben, ehe die große Erprobung kommt.

 

 

Jes 55, 1 – 5 (2. Sonntag nach Trinitatis):

Wenn es in der Kirche Speise-Eis oder Bier gäbe, und noch dazu ohne Geld, dann gäbe es hier sicher bald einen Volksauflauf. So etwas spräche sich in Windeseile herum. Nun gibt es zwar in der Kirche kein Bier oder sonst etwas von all den schönen Sachen in dieser Welt. Aber es gibt die frohmachende Botschaft Gottes zu hören, es gibt Taufe und Abend­mahl. Warum drängt man sich nicht nach diesem ebenso wichtigen Angebot?

Der heutige Sonntag spricht von Gottes Einladung, vor allem an die Mühseligen und Beladenen. Das Evangelium des Sonntags spricht vom großen Abendmahl, zu dem die Einladung ergangen war, aber viele haben sie nicht angenommen, bis dann schnell noch andere herbeigeholt wurden.

Damals galt die Einladung den Israeliten, die in Babylon in der Gefangenschaft waren. Sie mußten ihre Untreue gegenüber Gott büßen. Fern vom Land der Verheißung mußten sie sich abgehängt und preisgegeben fühlen. Wir lesen diesen Abschnitt natürlich als neutestamentliche Gemeinde. Wir wissen, daß, er sein Evangelium schon zuvor verheißen hat durch seine Propheten. Aber erst seit Jesus ist voll und ganz deutlich: Der Gott, der auf unsere Abkehr mit Härte reagieren müßte, bemüht sich um seine mißratenen Menschenkinder mit Liebe.

Es wird uns vielleicht befremden, daß Gott hier mit einem Marktschreier verglichen wird. Er preist seine Ware an und will damit zugleich die Konkurrenz ausstechen. Gott steht vor seinem Verkaufsstand und wendet sich mit nicht geringem Stimmaufwand an die vorüberströmende Menge. Werbend, dringend, fast beschwörend, so lädt Gott ein - eine echt orientalische Szene, die der Prophet da vor unsere Augen malen will.

Die Worte des Propheten müßte man etwa so wiedergeben: „Hallo Leute! Ihr habt doch Durst! Kommt alle hierher! Hier gibt es zu trinken! Ihr habt kein Geld? Das macht nichts. Kommt her, kauft und laßt es euch schmecken. Kommt und kauft ohne Geld! Kostenlos bekommt ihr Wein, Brot und Milch!“

Für die Verbannten in Babylon bedeutete das: Sie sollten als Volk fortbestehen und nicht untergehen. Auch als Gemeinde Gottes sollten sie weiterleben. Sie sollten ein Leben haben, das es verdient, so genannt zu werden, nicht etwas, das doch kein Leben mehr ist.

Offenbar haben die Verbannten Mangel gelitten in leiblicher und geistlicher Hinsicht. Zunächst einmal hatten sie ein hartes Leben. Sie mußten schuften, um auf dem Schwarzmarkt Brot kaufen zu können. Aber was sie für ihr schwer erarbeitetet Geld kriegten, verdiente den Namen Brot nicht; außerdem wurden sie nicht satt.

Aber Leben ist mehr, als nur das äußere Dasein zu fristen. Es geht um ein gehaltvolles und sinnvolles Leben, um ein Leben mit und aus Gott. Die Stadt Babylon hat sicher da auch etwas geboten, in mancher Hinsicht sogar verlockend und reichhaltig: Die Feste, die Prozessionen, die wirtschaftliche Macht, die wissenschaftlichen Leistungen - das konnte ein schwaches Volk schon beeindrucken.

Goethe hat in seinem „Doktor Faust“ auf klassische Weise diesen sehnsüchtigen und verlangenden Menschen anschaulich gemacht, der immer nach Besserem sucht und doch keine Erfüllung findet. Mit Hilfe des Teufels stürzt er sich in allerhand Abenteuer. Er setzt vieles ein, opfert manches, aber für Dinge, die nicht satt machen. Daß wir uns nicht falsch verstehen: Gott gönnt uns natürlich alles, was das Leben schön macht, er will es uns ja selber geben. Aber oft kann man sich nur an die Stirn greifen, wenn man sieht, auf wie erbärmliche Weise die Menschen sich Freude suchen wollen. Und weil sie das Echte, das Wertvolle, das wirkliche Beglückende nicht haben, greifen sie zum Ersatz.

Gott ergeht es da oft wie den Ausrufern auf dem Markt: Trotz aller Werbung und eines hervorragenden Angebots laufen die meisten vorbei und kaufen anderswo ein. So etwas ist immer schmerzlich. Nicht nur, weil der Verkäufer auf seinen Waren sitzen bleibt, sondern weil er mit ansehen muß, wie die Menschen dann Wertloses erwerben. Dabei hätte man es doch bei Gott gratis bekommen. Man muß bei ihm gar keine Bedingungen erfüllen, ehe man wieder mit ihm ins Einvernehmen kommt, er bietet sich selbst an ohne Wenn und Aber. Man muß nicht erst anklopfen und es dann darauf ankommen lassen, ob er öffnet; Gott hat seine Freigiebigkeit zugesagt und wirbt sogar um uns.

Er hat etwas anzubieten, womit niemand und nichts konkurrieren kann. Er ist von der Hoffnung erfüllt, seine Sache an den Mann zu bringen. Aber er fürchtet zugleich, die Angesprochenen könnten die Chance verpassen, das Angebotene zu ergreifen.

Warum wird Gottes Angebot so oft übersehen? Es mag daran liegen, daß dieser so freigiebige Gott erst entdeckt werden muß; er gehört ja nicht zur Welt des Sichtbaren und Beweisbaren. Es kann aber auch daran liegen, daß wir uns nicht so gern etwas schenken lassen bzw. fürchten, dann müßten wir den anderen wiederum beschenken.

So ein großzügiges Angebot macht mißtrauisch. Deshalb läßt man sich gar nicht erst rufen, weil man ja doch nichts zu bieten hat und man sich auf einen nachträglichen Handel nicht einlassen will. Doch Gott meint es wirklich ernst mit seiner Einladung.

Gott nimmt uns immer wieder in seinen Bund auf. Er bietet ihn uns an, wir können ihm nur dankbar dafür sein. Der ewige Bund war zunächst nur dem König David und seiner Familie zugesagt. nachher bei Jesaja aber wird er auf das ganze Volk ausgeweitet und durch Jesus gehören auch wir dazu. Gott hat zwar die Strafe an Jesus vollziehen müssen, aber sein Volk bleibt dadurch unversehrt. Die Tatsachen scheinen oft eine andere Sprache zu sprechen. Aber Gottes Zusagen sind gültiger und stichhaltiger als die ihren oft entgegenstehenden Tatsachen. Es wird sicher noch viele Situationen des Angefochtenseins geben, aber man darf sich doch glaubend zu den Verheißungen Gottes hin flüchten.

Damit wir das besser glauben können, begibt Gott sich sozusagen auf den Markt. Er läßt sich nicht in einen heiligen Bezirk einsperren, sondern er geht in den Alltag hinein, der sich auf Märkten und Straßen, bei der Arbeit und beim Geldverdienen abspielt. Gott begegnet uns auch in einer weltlichen Welt, wo wir vielleicht nur eine kleine Minderheit sind. Gott ist nicht nur in der Kirche, sondern auch im Rathaus; er ist nicht nur bei den Psalmsängern, sondern auch bei den Schlagersängern; er ist nicht nur bei Kirchentagen, sondern auch an Messeständen.

Die Probleme der Welt schreien uns ja auch an. Heute geht es nicht nur um das Überleben Israels oder der Christenheit, sondern um die ganze Erde. Gott möchte Friede und Freude anbieten, Sättigung und Überleben. Es wäre schade, wenn dieses Angebot „umsonst“ ergangen wäre. Es ist in einem anderen Sinne „umsonst“, nämlich ohne Bezahlung und Gegenleistung.

Das gilt auch, wenn die Beschenkten dann Zeuge für die Völker sein sollen. Die alte Hoffnung Israels, zum Fürst und Befehlshaber der Völker zu werden, Mittelpunkt der Welt und obenauf zu sein, ist zwar mit Jesus abgetan. Aber was ein Christ bei Gott gesehen, erlebt und erfahren hat, das ist er auch anderen schuldig. Gebieter kann man auch nur noch sein, indem man dient. Jesus hat uns da eine andere Sicht gelehrt.

Gottes Volk ruft in die Welt hinaus. Aber dieser Ruf soll nicht nur die Völker treffen, mit deren man schon Kontakt hat, sondern auch die, die man noch nicht kennt. Aber dann werden die anderen Völker auch zur Gemeinde Gottes hinlaufen, in Richtung auf das Zentrum. Die Gemeinde wird für ferne Menschen attraktiv sein mit dem, was sie weiß und glaubt, was sie hofft und tut und vielleicht auch leidet.

Hoffentlich kommen die Menschen nicht aus sachfremden Gründen zu uns, etwa weil sie politische Opposition machen wollen. Wenn die Kirche darauf spekuliert, dann hat sie verspielt. Je mehr aber Gott sich bei uns durchsetzt, desto mehr werden die Menschen auf uns aufmerksam und dadurch vor allem auf ihn, der unser Herr und Gott ist. Er jedenfalls will alle bei sich haben und keinen ausschließen. Er sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“

 

 

Jes 55, 6 - 12a (Sexagesimä):

„Meine Gedanken sind nicht Gedanken!“ So wird es oft bei Trauerfeiern gesagt. Und meist geschieht das in der Tonart: Wir haben uns zu beugen, auch wenn Gott es anders verfügt hat, als wir es uns gewünscht hatten. Ja wenn man vorwärts kommt, wenn alles wunschgemäß verläuft, wenn man sein Ziel erreicht, dann ist man glücklieh. Da fällt es leicht, die eigenen Erfolge als ein Zeichen des Segens Gottes anzusehen. Dann kann man auch leicht singen: „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn!“

Aber wie oft müssen wir auch feststellen, daß es ganz anders gekommen ist. Unsere Pläne haben sich nicht verwirklichen lassen. Wir mußten Wege einschlagen, die wir uns bestimmt nicht ausgesucht hatten, wenn wir danach gefragt worden wären. Manchmal läßt sich das noch ertragen. Aber manchmal geht das auch an die Grundlagen unseres Lebens. Dann schreit man schnell voller Anklage: „Gott, warum hast du mir das angetan?"

Der Fehler liegt dann wohl darin, daß wir uns selber eine Gottesvorstellung zurechtgebastelt haben. Doch wir sollen uns ja kein Bildnis von Gott machen, auch in Gedanken nicht. Und doch müssen wir es, damit Gott nicht zu etwas Wesenlosem wird. Wir brauchen Hilfsvorstellungen und müssen menschlich von Gott reden. Aber solche Rede wird immer unangemessen bleiben, wir werden ihn ganz neu entdecken, wenn wir ihn erst sehen werden von Angesicht zu Angesicht. In Wirklichkeit ist Gott ganz anders, vielleicht auch viel menschlicher als ein wissenschaftlich korrekter Gottesbegriff.

Nur müssen wir uns davor hüten, uns einen bequemen und spießigen Gott nach unserem Bilde zurechtzubasteln. Es soll ein Gott sein, der einen nicht aus der Ruhe bringt, der das Gewissen nicht strapaziert und unsere selbstgezogenen Kreise nicht stört. Nur zu gern legen wir uns zurecht, wie Gott sein müßte. Und wenn er sich unseren Vorstellungen nicht fügt, dann erklären wir kurzerhand, es sei nichts mit ihm.

Gott läßt sich aber nicht zum ausführenden Organ unserer eigenen frommen oder unfrommen Einfälle machen. Zwischen unseren Vorstellungen und dem Willen Gottes besteht im wahrsten Sinne des Wortes ein „himmelweiter“ Unterschied. Wenn wir in Schwierigkeiten kommen mit unsrem Glauben an Gott, dann zerbricht immer etwas vor dem Gottesbild, das wir uns selbst gemacht haben.

So war das auch mit den Israeliten, die im 6. Jahrhundert vor Christus in der Gefangenschaft saßen in Babylon. Der Prophet Jesaja der Zweite hatte ihnen die bevorstehende Erlösung und

die Rückkehr in die Heimat angekündigt. Aber bisher war das nicht eingetroffen und die Botschaft hatte sich als Täuschung erwiesen. Sie schien nichts weiter zu sein als eine der vielen Parolen, die in Gefangenenlagern umgehen, damit noch ein kleines Flämmchen an Hoffnung bleibt.

Ein Jahrzehnt später war es dann allerdings doch so weit. Aber es war eben doch nur eine bescheidene Karawane, die sich da nach Jerusalem bewegte. Und bei den entbehrungsreichen Märschen war nichts zu sehen von der wunderbaren Nähe des gewaltigen Gottes. Es war alles doch so ganz anders, als man es sich vorgestellt hatte. Doch der Glaube muß immer wieder einmal durch solche Anfechtungen hindurchgehen, damit er korrigiert wird.

Wir denken doch auch manchmal: Warum können sich so viele Menschen ungestraft von Gott abwenden? Müßte Gott es denen nicht zeigen? Warum werden gläubige Menschen oft schwerkrank? Weshalb muß ich leiden und anderen geht es gut? Solche Fragen kommen doch immer wieder, ob man will oder nicht.

Doch wer an Gott glaubt, der läßt sich immer wieder von ihm zurechtbringen. Wenn man etwas lernen will, dann muß man sich immer wieder belehren lassen. Man kann zum Beispiel selbständig mit dem Klavierspielen beginnen. Aber wenn man dann zu einem Klavierlehrer geht, dann wird man ganz neu mit Fingerübungen anfangen müssen. Genauso wird ein Eisläufer manche Überraschung erleben, wenn er sich von einem Trainer planmäßig zum Eiskunstläufer ausbilden läßt.

So müssen wir auch das Glaube immer wieder neu lernen. Wir müssen uns den Irrtum ausreden lassen, als müßten alle Schmerzen und Bedrängnisse aus unserer Welt längst ausgeräumt sein, wenn Gott uns liebt. Zumindest müßte sich die Erde doch der himmlischen Vollendung schon spürbar angenähert haben, denken wir. Aber daß das nicht so ist, davon kann uns schon ein Zahnschmerz überzeugen.

Der Glaube wagt es aber mit Gott gegen die oft scheinbar erdrückende Macht der Tatsachen. Jesaja fordert sein Volk auf, Gott doch wieder zu suchen. Entweder haben sie ihn gar nicht mehr um Hilfe und Rettung gebeten, weil sie nichts mehr von ihm erwarteten. Oder sie sind Gott in falscher Weise angegangen und ihr anfänglicher Überschwang ist in schmerzhafte Ernüchterung umgeschlagen.

Dennoch macht der Prophet seinen Zuhörern Mut, sich an ihren Gott zu wenden. Die Voraussetzungen sind ja an sich gut, Gott will sich ja finden lassen. Sie haben zwar in der Gefangenschaft kein Heiligtum mehr wie in Jerusalem; aber Gott ist auch so zu finden, er ist zu sprechen und ihnen zugewandt.

Doch es ist nicht so, daß Gott sich durch unser Suchen erweichen ließe und erst auf unser Rufen hin uns nahe käme. Gott selbst hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß wir ihn suchen können. Nur sollen wir ihn da suchen, wo und wie er sich finden läßt, nicht irgendwo, sondern dort, wo er vor allem Suchen uns schon nahe ist.

Für uns Christen ist es keine Frage, wo dieses Sich-Darbieten Gottes konkret wird: in Christus sollen wir den dreieinigen Gott finden, in seinem Wort und seinen Sakramenten. Aber während unsere Wünsche hoch hinausfliegen und wir die Höhenwege des Lebens suchen, geht Gott in die Tiefe. Er steigt zu den Geplagten hinunter, zu den Schuldigen. Aber dadurch läßt er sich auch leichter finden von uns.

Gott ist zwar mit seinen hohen Gedanken weit über uns, aber mit seinem wirksamen Wort ist er doch dicht bei uns. Es sieht zwar oft so aus, als ob das Faßbare und Meßbare und vor allem das Bedrückende und Belastende sich im Lauf der Welt immer mehr wieder durchsetzen würde. In Wirklichkeit aber ist es umgekehrt: Gott wird die Selbstdarstellung des Menschen in den großen Weltreichen und in seinen technischen Leistungen durch seinen Zorneshauch zunichtemachen.

Wir sollen hier nicht in die Innerlichkeit des Herzens verwiesen werden. Zwar schafft das Wort Gottes den Glauben in den Herzen der einzelnen Menschen. Aber die sichtbare Welt darf nicht als gleichgültig angesehen werden zugunsten einer nur vorgestellten idealen Welt. Gott will in unsere greifbare Welt hineinwirken. Sein Wort geht aus seinem Mund, bewegt sich vom Himmel zur Erde, um dort das Aufgetragene zu wirken.

Manchem Menschen gelten Worte nicht viel. Das ist auch kein Wunder. Was wird nicht alles geredet! Viel unnützes Geschwätz ist dabei. Da wird endlos über eine Sache gesprochen, ohne daß die entsprechenden Folgen eintreten (Abrüstungsverhandlungen, Klimaschutz). „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehen!“ möchten wir manchmal sagen.

Gottes Wort ist aber nicht der Gesprächsbeitrag Gottes in einer Gesprächsrunde, in der wir mit ihm als gleichberechtigte Partner sitzen. Wenn der Prophet vom Wort Gottes spricht, dann meint er die Kraft, die die Welt erhält und Menschen und Verhältnisse wandeln. kann. Gott ist in seinem Wirken nicht aufzuhalten, nicht im Lauf der Geschichte und nicht im Lauf der Natur.

Gottes Wort ist wie das Wasser, das vom Himmel kommt und die Erde anfeuchtet und fruchtbar macht. In Palästina geht das manchmal in Stunden, daß die ausgedörrte Erde wieder grün wird. So ist auch das Wort Gottes eine Macht, die etwas bewirkt. Es ist nicht nur die zeichenhafte Abbildung einer Wirklichkeit, sondern es ist selbst schöpferische Tat. Unser Menschenwort entartet leicht in Geschwätz. Aber Gott ist mit seinem schöpferischen Wirken nicht am Ende.

Gottes Wort bewirkt Gemeinschaft. Daß wir hier zusammengekommen sind ist ein Zeichen dafür, daß Gottes Wort an uns arbeitet. Die Kirche lebt unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild. Menschen bedenken unter dem Einfluß des Wortes Gottes ihr Leben neu und verändern es. Etwas geschieht auf jeden Fall, wie unscheinbar die Wirkung des Gotteswortes für unsere Augen auch sein mag. Im Evangelium vom vierfachen Ackerfeld wird sogar gesagt, daß es hundertfache Frucht bringen kann.

Natürlich will dieses Wort vernommen und angenommen sein. Aber wenn das geschieht, dann kann es auch eine vermeintlich tote Gemeinde wieder aufwecken. Es wird nie vergeblich gesagt. Es finden sich immer wieder Menschen, die es hören. Es hilft auch uns, mit unseren

Fragen und Anfechtungen fertig zu werden, auch wenn Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind.

Im Glauben treten wir noch dahin, wo man nicht mehr stehen kann. Man wird sich hüten, auf einen nur dünn zugefrorenen See zu treten. Aber auf den Glauben können wir uns stellen, Gottes Zusagen tragen uns. Es soll uns nicht gehen wie jenem Mann aus einer Legende unserer Zeit, der sich in der Wüste verirrt hatte. Vor sich sieht er eine Oase, mit Wasser, Gras und Palmen. Aber er sagt sich: „Das ist doch nur eine Luftspiegelung, eine Durstphantasie!“ Zwei Beduinen finden ihn tot bei der Oase liegen. Sie sagen: „Er war halt ein moderner Mensch!“ So sind wir oft auch ganz nahe bei Gottes Wort und leben doch von ihm. Dabei können wir doch gerade dort erfahren, wie Gott es mit uns meint und was er mit uns vorhat. Wir erfahren nicht die einzelnen Schritte aber wir kennen Gottes Herz. Deshalb müssen wir uns immer wieder entscheiden, ob wir auf Gottes Wegen mitgehen wollen oder nicht.

 

 

Jes 58, 1 - 9a (Estomihi):  

In diesen Tagen geht die „Fastnacht“ zu Ende. Die wenigsten werden wissen, woher dieser Name kommt. Das ist ja auch egal, Hauptsache man kann sich ein paar schöne Tage machen. Und dabei spielt es auch keine Rolle, wieviel Geld dabei draufgeht. Mancher wird sich dabei auch übernehmen. Deshalb werden am Aschermittwoch in Mainz die Geldbeutel im Rhein gewaschen. Mancher wird hinterher kürzer treten müssen.

Allerdings wird wohl keiner deswegen fasten müssen, dafür haben wir immer noch genug. Aber vielleicht ist uns inzwischen eingefallen, daß nicht nur „Fastnacht“ ist, sondern jetzt auch die „Fastenzeit“ beginnt. Beides hat an sich nichts miteinander zu tun, auch wenn die Wörter ähnlich klingen. „Fastnacht“ kommt von „faseln“, was so viel heißt wie „dummes Zeug machen“.

In der Fastenzeit dagegen werden wir aufgefordert, an das Leiden und Sterben Jesu Christi zu denken, wie es damals gewesen ist und was es für uns heute bedeutet. Es geht also nicht um den Besuch einer Abnehmklinik, wo man nichts zu essen kriegt, aber viel bezahlen muß. Der zeitweilige Verzicht auf Essen und Trinken hilft vielmehr dazu, daß man sich einmal nicht so sehr auf die leiblichen Bedürfnisse konzentriert, sondern mehr Gottes Sache im Sinn hat. Das ist der eigentliche Sinn des Fastens.

Aber wer nimmt so etwas schon ernst? Ein früherer Bischof aß gern Marmelade, aber in der Fastenzeit verzichtet er bewußt darauf. Wenigstens an einem Punkt will er sich noch an der altkirchlichen Übung des Fastens beteiligen. Und richtig daran ist natürlich, daß man dafür eine Speise auswählen sollte, wo es einem schwer fällt. Ein Nichtraucher braucht nicht auf

Zigaretten zu verzichten, aber vielleicht keine Schokolade oder Schokoladenprodukte in dieser Zeit.

Fasten gibt es in manchen Religionen. Die Mohammedaner haben einen ganzen Fastenmonat, in dem sie den ganzen Tag über nichts essen und trinken und erst nach Sonnenuntergang wieder etwas zu sich nehmen. Andere religiöse Gruppen verzichten generell auf bestimmte Speisen, und sei es auch nur die berühmte Blutwurst.

Bei uns aber ist nur die Fastnacht populär, nicht aber die Fastenzeit. Aber wir sollten uns schon einmal überlegen, ob nicht doch etwas dran ist. Vor allem geht es auch darum, den positiven Sinn des Fastens zu sehen, denn es geht ja nicht darum, einige Pfunde zu verlieren, sondern auch etwas für andere zu tun.

Der Prophet Jesaja III. mußte seine Landsleute auch dazu auffordern, die anderen nicht zu vergessen. Sie waren aus der Gefangenschaft in Babylon zurückgekehrt in ein verwüstetes Land. Sie mußten erst wieder am Nullpunkt anfangen. Da liegt es natürlich nahe, daß jeder nur seine Probleme sieht und nur seinen Vorteil sucht und die Nächstenliebe dabei auf der Strecke bleibt. Wie soll man dem Hungernden Brot geben, wenn es für einen selber nicht reicht?

Bei den Israeliten aber kamen noch zusätzliche Mißstände hinzu: Geschäftemacherei, schwarzer Markt, Antreiben zur Arbeit, unbarmherzige Rückzahlungsforderungen, Unbarmherzigkeit gegenüber den Heimatlosen. In einer solchen Situation hat der Prophet sein Volk zum Fasten aufgefordert. Man hielt zwar die traditionellen Fastentage ein, aber das führte nicht zu einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Gegenwart. Man flüchtete sich ins fromme

Werk, um nicht mit den Hungrigen und Heimatlosen teilen zu müssen.

Der Prophet geißelt die Zweigleisigkeit der Leute: Fasten und Geschäftemacherei, Gottesdienstbesuch und Zank - das paßt doch nicht zusammen. Sie ließen zwar im Gottesdienst den Kopf hängen als Ausdruck der Verzweiflung. Aber das war noch keine Demut und schon gar nicht Gottes Wille. Fasten heißt nicht, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, sondern es kommt auf den Einsatz und das Opfer für andere an.

Damals wurden die Menschen, die jahrzehntelang selber in der Gefangenschaft gelebt hatten, nun zu Unterdrückern für andere. Wir in Deutschland haben aus der Naziherrschaft zu lernen versucht. Aber die Regierenden hatten schon ihre Mühe, den Einheimischen die Flüchtlinge aufzuzwingen. Und mit den Flüchtlingen von heute, die aus der ganzen Welt kommen, ist es nicht anders. Weil damals viele Staaten Menschen aufnahmen, die in Deutschland verfolgt

wurden, wollte nun Deutschland auch anderen Asylrecht gewähren. Das Problem ist nur, daß nur in geringer Zahl politisch Verfolgte kommen, sondern vielmehr Wirtschaftsflüchtlinge. Auch das ist verständlich, daß sie ihre Lage verbessern wollen.

Aber man kann da nicht so einfach sagen: Brich mit dem Hungrigen dein Brot? Damit kann man heute die Weltprobleme nicht lösen. Große Aktionen sind vielleicht auch gar nicht nötig. Der Prophet dachte wohl eher an eine Nachbarschaftshilfe. Es ging ihm darum, daß man ein offenes Haus hat und Zeit für den anderen. Der andere Mensch ist nie ein Fremder, sondern ein Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte so für den Mitmenschen sorgen,

Allerdings klingelt bei uns selten ein Bettler an der Tür. Die Hungrigen wohnen weit weg. Man sieht sie nur auf dem Bildschirm, wo man sie sich noch vom Leibe halten kann. Sicher, es gibt die Aktion „Brot für die Welt“. Sie ist immerhin ein Zeichen unseres Bemühens. Was wir tun können, das sollten wir schon tun. Aber im Grunde ist es doch immer nur herzlich wenig.

Das liegt daran, daß wir natürlich unsere Wohlstandsgesellschaft erhalten und möglichst noch ausbauen wollen. Dafür nehmen wir sogar immer neue Schulden in Kauf, die irgendwer ja einmal zurückzahlen muß.

Unsere Hauptaufgabe wäre aber ein Brotbrechen im weltweiten Maßstab, ein Teilen mit denen, die nicht einmal das Existenzminimum haben. Für die Menschen in den Industriestaaten könnte das Fasten heute so aussehen, daß wir uns auf das Wesentliche besinnen und uns dann

manches versagen, das den anderen zugutekommt. Ein solches Verzichten könnte uns zu einer neuen Lebensqualität helfen und zu einer neuen Erfahrung mit Gott.

Gott will, daß allen Menschen geholfen wird, im weltweiten Rahmen. Deshalb gilt es, zunächst einmal auf die öffentliche Meinung einzuwirken, damit die Gewichte in der Welt richtig verteilt werden. Wir sind verpflichtet, uneigennützig und ohne machtpolitische Hintergedanken Menschen in der Welt zu Hilfe zu kommen. Nicht nur die vermeintlichen Freunde sollten wir dabei im Auge haben, sondern diejenigen, die in der größten Not sind. Und sicherlich können wir auch nicht helfe mit unserem ausgedienten Kriegsgerät, das dann noch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird.

Hier liegt überhaupt der Krebsschaden. Zwar hat es mit der Rüstung etwa nachgelassen, die Armeen werden verkleinert. Eins können wir aber nur haben: entweder Rüstung oder Entwicklungshilfe. Es ist keine Frage, wofür Christen sein sollten: Sie sollten führend sein in der Friedensbewegung, beim Umweltschutz, bei der Information über die wahren Probleme der Welt. Unsere Aufgabe ist es, wie ein Prophet auf die öffentliche Meinung einzuwirken im Sinne des Evangeliums.

Fasten soll nicht um seiner selbst willen geschehen, sondern dem anderen Menschen dienen. Der Gammler, der nur gerade so viel tut, daß er sich noch über Wasser halten kann, hat noch nicht gefastet. Und der Arbeitslosengeld-II- Empfänger darf sich nicht in der sozialen Hängematte ausruhen, sondern er kann immer noch zum Gemeinwohl beitragen.

Fasten bezieht sich einerseits auf die Vergangenheit, denn es hilft uns, mit dem Vergangenen aufzuräumen. Aber es soll uns auch helfen, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen, vor allem auch das gestörte Gottesverhältnis wieder in Ordnung zu bringen. Im Dienst am Menschen kann unsre Gottesbeziehung wieder heil werden.

Solche Liebe wird oft mit einem Opfer verbunden sein. Aber man sollte sie sich nicht schmerz­haft abringen müssen. Aber sie wird mit dem Aufgeben eigener Vorteile einhergehen. Wer etwas hergibt, wird vielleicht bei der nächsten Gelegenheit Mangel leiden. Und wer zu einem hält, auf den die anderen mit Fingern zeigen, wird sich vielleicht selber unmöglich machen.

Aber wer ärmer wird an materiellen Dingen, wird vielleicht reicher an menschlichen Beziehungen. Wir werden vielleicht ärmer an der Zeit, die man mit der Uhr mißt; aber wir werden reicher an Zeit, die wir als sinnvoll und erfüllt erleben. Wir büßen vielleicht unsere Bequemlichkeit ein, aber wir gesunden in unserem Denken und Fühlen. Und man wird herausfinden, daß Liebe nicht nur den anderen, sondern auch einen selber froh und bescheiden und glücklich macht.

 

 

Jes 58, 7 – 12 (Erntedankfest):

Im Juni 1732 wurde in Leipzig die Bachkantate Nr. 39 aufgeführt: „Brich dem Hungrigen dein Brot“. Damals waren fast 2000 evangelische Christen in Leipzig angekommen, die ihre Salzburger Heimat verlassen mußten, weil sie nicht katholisch werden wollten. Der Rat der Stadt hat sie verpflegt und die Einwohner haben sie vorübergehend aufgenommen, In so einer Notsituation spricht solch ein Bibeltext ganz besonders.

Wir aber haben solche schlimmen Notfälle nicht vor Augen. Wir hören manchmal davon, daß es anderswo so etwas gibt, aber letztlich geht es uns doch nichts an, meinen wir. Die Kollekte heute ist für Kindergärten und Schwesternstationen bestimmt, also auch wieder nur für unsere eigenen Bedürfnisse. Sicher werden das Geld und die Naturalien dort nötig gebraucht. Aber letztlich denken wir dabei doch daran, daß wir ja selber auch einmal einen Kindergarten nötig haben könnten.

Die zweite Hälfte des Erntedankfestes haben wir deshalb erst am Jahresende, wenn wieder für „Brot für die Welt“ gesammelt wird. Wenn es Weihnachtsgeld gibt wird es höchste Zeit, auch einmal an die Menschen in anderen Ländern zu denken, die in bitterer Not leben. Die Älteren werden sich noch an die Nachkriegszeit erinnern, als es uns auch ganz schlecht ging und wir für jede Hilfe von außen dankbar waren. An Nahrungsmitteln haben wir zum Glück keine Not. Da wären doch Überlegungen angebracht, wie wir unsrerseits anderen helfen könnten, die es nötiger haben als wir.

Der Prophet Jesaja III. mute seine Landsleute auch dazu auffordern. Sie waren aus der Gefangenschaft in Babylon zurückgekehrt in ein verwüstetes Land. Sie mußten erst wieder beim Nullpunkt anfangen. Da liegt es nahe, daß jeder nur seine Probleme sieht und nur seinen Vorteil sucht und die Nächstenliebe dabei auf der Strecke bleibt. Wie soll man denn dem Hungernden Brot geben, wenn es für einen selber kaum reicht? Da sieht dann doch jeder, wo er bleibt.

Bei den Israeliten aber kamen noch zusätzliche Mißstände hinzu. Der Prophet geißelt die Zweigleisigkeit der Leute; Fasten und Geschäftemacherei, Gottesdienstbesuch und Zank. Schwar­zer Markt, Antreiben zur Arbeit, unbarmherzige Rückzahlungsforderungen, Unbarmherzigkeit gegenüber den Heimatlosen - das paßt doch nicht zusammen. Sie ließen zwar den Kopf hängen als Ausdruck der Verzweiflung. Aber das war noch keine Demut und schon gar nicht Gottes Wille. Fasten heißt nicht, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, sondern es kommt auf den Einsatz und das Opfer für andere an.

Das ist auch bei vielen bis heute nicht anders geworden. Da leben Menschen auf vielen Quadratmetern allein im Haus oder da wird ein Zimmer für eine Enkelin in Berlin freigehalten, die gar nicht hierher will. Aber auf der anderen Seite ist dort ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, die in einigen dunklen und feuchten Räumen ohne Bad und WG hausen müssen, weil sie sich eine teurere Wohnung nicht leisten können.

In einer solchen Situation hat der Prophet sein Volk zum Fasten aufgefordert. Dabei haben  die Angehörigen dieses Volkes durchaus aus Tradition zu bestimmten Gedenktagen nichts gegessen und getrunken, um sich vergangener Unglückstage zu erinnern und um wieder einmal zum Nachdenken über den Alltag zu kommen. Aber dieses Fasten führte nicht zu einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Gegenwart. Da gab es manches, was zu der frommen Übung nicht paßte. Man flüchtete sich ins fromme Werk, um nicht mit den Hungrigen und Heimatlosen teilen zu müssen.

Der Prophet aber macht deutlich: Der andere Mensch ist nicht ein Fremder, sondern ein Artgenosse und Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte es dort tun, wo der Mitmensch ihn braucht. Er sollte so für ihn sorgen, wie er für sein eigen Fleisch und Blut sorgt.

Aber bei uns klingelt kein Bettler an der Tür. Die Hungrigen wohnen weit weg. Man sieht sie nur auf dem Bildschirm, wo man sie sich noch vom Leibe halten kann, Was „Brot für die Welt“ tun kann, ist herzlich wenig, aber immerhin ein Zeichen unsres Bemühens. Doch das was wir tun können, sollten wir tatsächlich tun.

Unser wichtigster Beitrag zum weltweiten Brotbrechen ist vielleicht noch unsre Einwirkung auf die öffentliche Meinung. Wir haben Gott gegen uns, wenn wir nicht uneigennützig und ohne machtpolitische Hintergedanken allen Menschen der Welt zu Hilfe kommen, nicht nur den vermeintlichen Freunden und nicht nur mit unserem ausgedienten Kriegsgerät.

Eins können wir nur haben: entweder Rüstung oder Entwicklungshilfe. Es ist keine Frage, wofür Christen sein sollten. Sie sollten führend sein in einer Friedensbewegung, die natürlich auch bei uns nötig ist. Hier ist der Punkt, wo wir im Sinne des Evangeliums auf die öffentliche Meinung und vor allem die offizielle Meinung einwirken können.

Das Erntedankfest ist nicht für uns damit erledigt, daß wir uns sagen: für das nächste Jahr und darüber hinaus ist wieder einmal für uns gesorgt, sollen doch die anderen sehen, wo sie bleiben. Es gibt viele Dinge - auch über das Ernährungsproblem hinaus - wo unser Einsatz gebraucht wird. Wir dürfen uns heute freuen, daß Gott wieder unser Leben für ein Jahr erhalten hat. Aber wir haben es mit allem Drum und Dran nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitmenschen erhalten.

Insofern hat das Fasten auch heute noch einen guten Sinn, aber es soll seinen Sinn und seine Richtung ändern: Es soll nicht um des Fastens Willen geschehen, sondern auf den Menschen bezogen sein, dem es dient. Aller Verzicht von unsrer Seite hat nur einen Sinn, wenn er anderen Menschen zugutekommt. Der Gammler, der nur gerade so viel tut, daß er sich noch selber über Wasser halten kann, hat noch nicht gefastet im Sinne des Propheten Jesaja.

Das Fasten, also der zeitweilige Verzicht auf Essen und Trinken, kann auch eine Hilfe sein. Wenn man sich einmal nicht so sehr auf die leiblichen Bedürfnisse konzentriert, kann man Gottes Sache mehr im Sinn haben. Das ist an sich der Sinn des Fastens. Aber wer nimmt so etwas schon ernst? werden wir denken. Ein Bischof, der gerne Marmelade aß, hat in der Fastenzeit darauf verzichtet. Wenigstens an einem Punkt wollte er sich noch an der altkirchlichen Übung des Fastens beteiligen. Und richtig daran ist natürlich, daß man etwas nehmen sollte, wo es einem schwer fällt.

Fasten gibt es in manchen Religionen. Die Mohammedaner haben einen ganzen Fastenmonat, in dem sie den ganzen Tag über nichts essen und trinken und erst nach Sonnenuntergang wieder etwas zu sich nehmen. Andere religiöse Gruppen verzichten generell auf bestimmte Speisen, und sei es das Schweinefleisch oder auch nur die berühmte Blutwurst.

Bei uns aber ist nur die Fastnacht populär, nicht aber die Fastenzeit. Aber wir sollten uns schon einmal überlegen, ob nicht doch etwas dran ist. Vor allem geht es auch darum, den positiven Sinn des Fastens zu sehen, denn es geht ja nicht darum, einige Pfunde zu verlieren, sondern auch etwas für andere zu tun.

Bei der Aktion „Mobil ohne Auto“ am ersten Sonntag im Juni geht es nicht nur darum, daß man einmal einen Tag ohne Auto auskommt. Vielmehr soll der Tag genutzt werden zum Wandern und Spiel, zum Erleben und Bewahren der Natur. Und das nicht nur allein oder in der Familie, sondern zusammen mit anderen aus der Gemeinde. Dabei könnte man überraschende Entdeckungen machen, zum Beispiel daß ein Sonntag ohne Auto viel schöner sein kann als einer mit.

Große Aktionen sind vielleicht gar nicht nötig. Der Prophet dachte wohl eher an eine Nachbarschaftshilfe. Es ging ihm darum, ein offenes Haus zu haben, Zeit für den anderen und das nicht nur für den Volksgenossen. Der andere Mensch ist nie ein Fremder, sondern ein Artgenosse, ein Schicksalsgenosse, ja sogar ein Stück von mir selbst. Wer Gott dienen möchte, der sollte so für den Mitmenschen sorgen, wie er für sein eigen Fleisch und Blut sorgt.

Das Fasten ist zwar einerseits auf die Vergangenheit bezogen; es hilft uns, mit dem Vergangenen aufzuräumen. Aber die Fehler der Vergangenheit sollen uns ja helfen, es in Gegenwart und Zukunft besser zu machen. Vor allem soll das gestörte Gottesverhältnis wieder in Ordnung kommen. Im Dienst am Menschen kann unsre Gottesbeziehung wieder heil werden. Gottesliebe und Nächstenliebe gehören eben zusammen.

Doch solche Liebe wird oft mit einem Opfer verbunden sein. Wer etwas hergibt, wird vielleicht bei nächster Gelegenheit Mangel leiden (deshalb wollen wir ja so ungern hergeben). Wer zu einem hält, auf dem sie alle mit dem Finger zeigen, der wird sich selber vielleicht unmöglich machen: Wer einen Gefangenen oder einen Sklaven befreite, störte die öffentliche Ordnung oder erlitt wirtschaftliche Einbuße.

Doch auch bei uns gibt es Probleme genug. Bei uns hungern die Menschen nicht nach Brot, aber nach Zeit und der Möglichkeit zum Gespräch. Die Menschen sind gut gekleidet und haben doch oft nichts, was sie wärmt. Die Menschen sind nicht Sklaven im arbeitsrechtlichen Sinn, aber oft Sklaven anderer Meinungen und Verhaltensweisen. Aber gerade bei diesen Menschen ist Gott zu finden, hier können wir ihm unsre Dankbarkeit erweisen.

Damit soll nicht gesagt sein, daß bei Gott nur das als Liebe gilt, was man sich schmerzhaft abgerungen hat. Und durch übertriebenes Fasten kann man sogar krank werden. Aber die Liebe wird oft mit einer schmerzhaften Selbstbeschränkung und dem Aufgeben eigener Vorteile einhergehen.

Doch mancher wird jetzt schon gedacht haben: Jetzt kommen wir in festlicher und freudiger Stimmung zum Erntedankfest und der redet immerzu vom Fasten. Aber zunächst einmal ist es der Bibeltext und damit Gott, der so zu uns redet. Und schließlich soll natürlich auch der Dank nicht zu kurz kommen.

Auch die diesjährige Ernte war ein Liebeserweis des Schöpfers. Aus dem großen Haushalt der Natur führt er uns zu, was wir nötig haben. Gott selbst bejaht unser Leben. Er hat die Früchte wachsen lassen. Wir sammeln sie nur ein. Auch wenn die Ernte von den Arbeitsvorgängen her ein Stück Produktion ist, so ist sie für den Glauben doch ein Geschenk Gottes.

Es ist doch gar nicht so schwer, uns für den Mitmenschen einzusetzen. Wir haben doch genug und brauchen kaum etwas zu entbehren. Unsre Ausgaben machen uns nicht arm, weil wir den schenkenden Gott im Rücken und vor uns haben. Es ist nicht Gottes Art, uns kurz zu halten. Unsre Hinwendung zum Mitmenschen ist die glaubwürdigste und erfreulichste Weise, Gott Dank zu sagen. Er selbst sorgt dafür, daß wir dabei nicht zu kurz kommen.

 

 

Jes 60, 1 - 6 (Epiphanias):

Wenn man in der Weihnachtszeit durch das Erzgebirge fährt, sieht man in den Fenstern viele Lichter. Früher waren es Kerzen, heute sind es elektrische Leuchtkörper. Sie stehen in den Fenstern der Häuser und geben den Ortschaften ein festliches Aussehen. Auch die Kirchtürme tragen Lichterschmuck: oft leuchtet an ihnen ein Kreuz oder ein anderes Christuszeichen, die deutlich machen, auf wen die vielen Lichter hinweisen sollen.

Auch bei Jesaja dem Dritten heißt es: „Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt!“ In diesem Satz wird das Wort „licht“ das erste Mal wird klein geschrieben, weil wir nicht selber ein Licht sein können, sondern immer nur das Licht Gottes weiterstrahlen. Gott ist ja da, nicht nur im Erzgebirge, sondern überall in der Welt und natürlich auch hier bei uns. Die Gottesfinsternis ist beendet: Gott leuchtet auf, die Völker ziehen heran und die Gemeinde wird beschenkt.

 

1. Gott leuchtet auf: Ehe man von der Herrlichkeit Gottes sprechen kann, muß man erst einmal als dunklen Hintergrund die Gottesfinsternis sehen, die das Erdreich deckt. Zu allen Zeiten hatten die Menschen den Eindruck, daß der Himmel verschlossen sei und das Angesicht Gottes verborgen, Gott also unzugänglich und nicht ansprechbar ist. Das galt für die Israeliten von damals: Im Jahre 537 waren einige nach Jerusalem zurückgekehrt, aber die Sammlung der Zerstreuten stand noch aus. Im Land wütete Gewalt, die Stadt Jerusalem lag in Trüm­mern und war verwüstet, sie wurde gemieden und war verhaßt. Äußere Not ist aber immer zugleich Glaubensnot und führt die Menschen in manche Fragen.

Solche Klagen aber sind nicht nur im Gottesvolk möglich, sondern in der ganzen Welt. Weil sie sich von Gott abgewandt hat, hat sich auch Gott von ihr abgekehrt. Gottesfinsternis meint nicht: Es gibt keinen Himmel und darum auch keine Hölle. Vielmehr bedeutet sie: Gott ist schon da, aber wir haben es mit ihm verdorben. Zwar ist noch nicht alles zwischen ihm und uns aus, aber es besteht eine von uns nicht zu behebende Fremdheit.

Auch heute gibt es Ereignisse, die wir nicht verstehen und wo Gott uns fremd bleibt. Auch und gerade in diesem Tagen vor Weihnachten haben uns Nachrichten von schrecklichen Katastrophen erreicht. Viele Menschen sehnen sich trotz allem nach Gott. Sie bemühen sich, ihn wieder zu gewinnen und zu versöhnen. Damals plagten sie sich mit heidnischen Kulten und mit Zauberei. Heute hat das Heidentum mehr weltlichere Formen. Aber auch da gibt es Dinge, auf die man mehr vertraut als auf Gott. Gottesfinsternis gibt es nicht nur in der „bösen Welt“, sondern auch in Gottes eigenem Volk.

Doch in genau dieser Situation dürfen auch wir die Rede des Propheten hören: „Über dir geht auf der Herr!“ Wie wenn die Sonne aufgeht, erscheint er über seiner Gemeinde. Dabei fehlt jedes kriegerische Element. Gott kommt nicht mit all seiner Macht. So ist ja auch Jesus ohne Reichtümer und Soldaten in die Welt gekommen. In einem Stall wurde er geboren, und auf einem Esel ist er in Jerusalem eingezogen.

Vielleicht stoßen wir uns noch heute an dem erbärmlichen Äußeren dieses Jesus. Vielleicht hätten wir lieber einen Herrn, der es den anderen einmal zeigt und uns mit Wohltaten überhäuft. Aber das wird uns genauso verwehrt wie früheren Geschlechtern.

Haben wir uns vielleicht getäuscht? Hat vielleicht Gottes Herz schon immer offen gestanden, aber wir haben es nur nicht gemerkt? Daran ist schon etwas Wahres: Gott leidet ja selber daran, daß er zürnen und richten muß. Aber wir können das Heil nicht gewinnen, indem wir uns zu einer neuen Einstellung gegenüber Gott durchringen. Vielmehr reißt Gott selber den verschlossenen Himmel auf und läßt seine Herrlichkeit über den Menschen aufgehen.

Deshalb sollen wir alle Müdigkeit und Trauer ablegen und uns zur Freude rufen zu lassen. Unfrieden und Einsamkeit, Krankheit und Tod sind nicht das letzte Wort Gottes. Vielmehr sollen wir dadurch in Bewegung gesetzt werden. So taten es die Hirten in der Christnacht, die ihre Herden allein ließen, um Gott ganz nahe zu kommen. Aber auch aus der Ferne haben sich die Weisen aufgemacht, auf einem viel weiteren und gefahrvolleren Weg, um mit dabei zu sein. Sie sind aber nur die ersten, die sich aufgemacht haben, um dem Kind zu huldigen. Bei ihnen wird anfangsweise schon anschaulich, wie es einmal bei der Wallfahrt der Völker sein wird.

 

2. Die Völker ziehen heran: Jesaja stellt es sich so vor: Über dem Berg Zion in Jerusalem geht das Licht Gottes auf, aber die übrige Welt bleibt im Dunkel. Das ist wie bei einer Bühne im Theater: Sie liegt ganz im Dunkel, nur ein Scheinwerfer ist auf den Punkt gerichtet, wo jetzt etwas geschehen soll. Im Publikum richten sich alle Augen sofort dorthin. So machen sich auch die Völker der Welt mit ihren Königen auf zu jenem aufregenden Lichtfleck auf dem Zionsberg, den sie entdeckt haben.

In großen Zügen werden sich die Völker nach dem Mittelpunkt der Welt aufmachen. Dabei bringen sie freiwillig ihre Reichtümer mit, aber auch die in alle Welt zerstreuten Glieder des Volkes Israel. Auf dem Zionsberg werden alle vereint sein: Gott, das Volk Israel und alle Völker. Man muß gar keine Mission treiben, muß sich gar nicht zu den Heiden in Bewegung setzen, weil sie ganz von selber kommen.

Auch in der heutigen christlichen Gemeinde müßte die Gegenwart Gottes so unübersehbar und überzeugend sein, daß es die Menschen geradezu magnetisch zu Gott zieht. Wenigstens an Weihnachten könnten sie doch einmal kommen. Leider ist das nicht so. Das hat zwei Grunde:

An uns sündigen Menschen kann die verwandelnde Kraft Gottes nicht direkt anschaulich werden. Wir können nicht sagen: „Sieh mich an, und du wirst sehen, wer Christus ist!“ Wir können nur sagen: „Sieh mich an und staune darüber, daß Christus sich mit solchen Menschen wie mir noch abgibt!“ Deshalb wurde Gott ja Mensch, damit auch die Sünder wieder eine Chance haben.

Zum andern ist die Verheißung des Jesaja nicht einfach Erfahrung, sondern Verheißung. Die Weisen aus dem Morgenland machen nur einen ersten Anfang. Der Zustrom der Völker ist aber meist viel mühsamer und hindernisreicher, als Jesaja es sich vorstellte. Heute wird davon geredet, daß Jugendliche verstärkt sich der Kirche zuwenden. Das mag in den großen Städten so sein. Aber bei uns merkt man noch nichts von einem neuen Aufbruch.

Es wäre aber wichtig, daß sie kommen, damit auf dem Heimweg auch etwas mit ihnen mitgeht. Das Heil wird nicht einfach in die Welt hinein versprüht, sondern die Empfänger müssen schon kommen. Sie werden das Heil nur finden, wenn sie in die Gemeinde eingehen, in der Christus mit Wort und Sakrament gegenwärtig ist.

 

3. Die Gemeinde wird beschenkt: Die sich bisher an Israel bereichert haben, werden ihre Schätze bringen. Die Weisen aus dem Morgenland stellen das wieder m im Voraus dar. In der Tradition werden sie ja mit Königen gleichgesetzt, die kostbare Gaben bringen, Weihnachtsgeschenke, die sich auch heute sehen lassen könnten.

Doch eher sollte man in ihnen Menschen sehen, die auf der Suche nach Wahrheit sind. Heute wären sie vielleicht Wissenschaftler, Schriftsteller oder Liedermacher. Sie versuchen, die Zu­sammenhänge in der Welt zu sehen und die Entwicklungsmechanismen zu erkennen. Neue Erkenntnisse bringen aber neue Probleme, Lösungen und Auswege sind gefragt.

Es gibt viele Angebote zur Lebensbewältigung. Viele „Sterne“ zeigen sich am Himmel, nach denen man trachten kann: Reichtum und Karriere, Gesundheit und Kinder. E i n Stern allerdings hat einen anderen Schein. Er zeigt die Richtung, ohne fertige Lösungen anzubieten. Die Weisen richteten sich nicht nach den feststehenden Sternen, bei denen man weiß, was man hat. Vielmehr machen sie sich auf den Weg, um zu sehen, ob noch etwas anderes möglich ist. Dabei machen sie die Entdeckung, daß die Lösung ihrer Lebensprobleme bereits geschehen ist durch die Geburt des Kindes in der Krippe.

Das ist das eigentliche Geschenk, das der Gemeinde und darüber hinaus der ganzen Welt gemacht wurde. Es geht dabei nicht um die Verherrlichung der Kirche, sondern allein um Gottes Herrlichkeit und Ehre. Nicht für die Kirche werden Menschen gesammelt, sondern für Gott.

Und weil Gott ihr Bestes will, geschieht alles zum Heil der Menschen.

Vielleicht hat Gott mit uns die größten Dinge im Sinn. Das dürfen wir nicht verschlafen. So wie die Weisen aus dem Morgenland sollten wir uns aufmachen zu Gott.

Jesaja sagt:“ „Werde licht!“ Das bedeutet doch wohl: Laß die Herrlichkeit Gottes erst einmal in dich eindringen!“ Und dann gilt: „Kopf hoch!“ Oder merkst du nicht, was bei Gott jetzt „dran“ ist? Er will dir Lust und Freude machen, er will dich licht machen und beschenken, damit auch andere davon angelockt werden.

 

 

Jes 61, 1 - 3 und 10 – 11 (2. Sonntag nach dem Christfest):

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten? Nun, der Optimist sagt, ein Glas sei halbvoll, ein Pessimist dagegen meint, es sei nur halbvoll. So kann man auch das abgelaufene Jahr sehen: Die einen sagen: „Es war ein Jahr der Katastrophen!“ Dafür liefern die Jahresrückblicke im Fernsehen genug Belege.

Aber es gibt auch genug hoffnungsvolle Zeichen: Der Ost-West- Gegensatz hat aufgehört, es wird abgerüstet, Europa wächst weiter zusammen. Selbst in ganz hoffnungslosen „Fällen“ wie ist etwas in Bewegung gekommen. Die Diktaturen haben im Augenblick keine Chance mehr. Wir leben in einer Zeit, in der man wieder Hoffnung haben darf. In unsrer Welt ist etwas in Bewegung gekommen. Kein Reich ist so festgefügt, daß es nicht doch ins Wanken geraten könnte.

Viele haben sich den Gewaltherrschaften zur Verfügung gestellt in der Meinung, es werde alles ewig so bleiben, es käme schon nichts heraus und sie würden nicht zur Rechenschaft gezogen. Aber heute stehen nicht nur die Mauerschützen vor Gericht, sondern auch ihre Auftraggeber.

Wir dürfen wissen: Gott kommt immer wieder, um den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit und zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.

Sicherlich dürfen wir auch die dunklen Wolken über unsrer Welt nicht vergessen. Auch im persönlichen Leben haben wir vielleicht Schlimmes erfahren: der Tod hat einen lieben Menschen von unsrer Seite gerissen, Krankheit und Schmerzen, Alter und Einsamkeit quälen uns. Und schnell kommt dann die Anklagen! „Es gibt keinen Gott, denn wie könnte sonst soviel Leid und Versagen in unsrer Welt sein!“

So wurde auch schon unter den Israeliten geredet, die aus der Gefangenschaft in Babylon wie­der in ihr Land zurückgekehrt waren. Es war nichts von der großen Wende zu spüren, die der Prophet Jesaja der Zweite angekündigt hatte. Man haust in den Trümmern der Städte, die seit Generationen verwüstet sind. Der Tempel Gottes ist zerstört und das Königshaus machtlos. Fremde und Andersgläubige betrachten argwöhnisch die Neuankömmlinge und geben ihnen nichts ab von ihren Vorräten.

Man hält zwar scheinheilig Gottesdienste, aber im Alltag herrscht Gewalt: Da leben Menschen in getäfelten Häusern und werfen die ins Gefängnis, die aufbegehren. Es sollte zwar jenes „gnädige Jahr des Herrn“ geben: Alle sieben Jahre sollten alle Schulden erlassen werden, sollte jedes Abhängigkeitsverhältnis wieder aufgehoben werden. Aber ob das jemals in der Praxis durchgeführt worden ist, weiß man nicht. Die Natur des Menschen ist jedenfalls anders, als es diese schönen Worte sagen.

Das ist auch seit Jesus nicht anders geworden, der ja seit seinem ersten öffentlichen Auftritt in Nazareth diese Worte des Propheten Jesaja ausgelegt hat. Damals hat er die berühmten Worte gesprochen: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ Recht hat er natürlich damit. Was gläubige Menschen seit Jahrhunderten erhofft haben, ist mit Jesus eingetreten. Seine Geburt war tatsächlich die große Wende in der Welt, die einzige wirkliche Wende. Daß wir auch heute Optimisten sein dürfen, das können wir nicht am Lauf der Welt ablesend. Das sagt uns Gott und das hat mit Jesus begonnen, Wirklichkeit zu werden. Das gibt uns auch heute Kraft, die nötigen Dinge anzupacken.

Es ist aber nicht damit getan, die Not der Unterdrückten und Hoffnungslosen mit Spenden etwas zu lindern. Ein Paket in Notstandsgebiete ist natürlich gut und hilft dem Empfänger sehr. Aber im Sinne Jesus ist es zu wenig, wenn man dem Armen nur gerade so viel zukommen läßt, daß er gerade noch genug zum Überleben hat. Jesus will mehr. Er will, daß das ganze Verhältnis zwischen Gott und Welt in Ordnung kommt, und damit auch das Verhältnis der Menschen untereinander.

Niemand braucht mehr sein eigenes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es ist ja längst im Trockenen, weil Gott für uns sorgt. Nun haben wir den Rücken und die Hände frei . Es lohnt wieder, zu leben und zu arbeiten, für den Mitmenschen da zu sein, für sie zu kämpfen und zu hoffen.

Allerdings kann man das Gute, das Gott uns geben will, nicht unbedingt aus den gegebenen Lebensumständen ableiten oder ablesen. Optimismus und Humor kann nicht zur Pflicht gemacht werden, nur weil jetzt unter anderem auch die Fastnachtszeit beginnt. Aber man kann doch auch die Freude lernen. Es gibt ja Experten der Traurigkeit, denen mit nichts zu helfen ist; sie sind „untröstlich“, um sich bei anderen Menschen wichtig zu machen, sie genießen es

in vollen Zügen, daß sie es so maßlos schwer haben.

Doch so darf es bei uns im Rückblick auf das Christfest und im Vorausblick auf das neue Jahr nicht sein. Gott meint es gut mit uns! Bei ihm stehen alle Türen offen! Auch wenn ich in einer schweren Situation bin, ist ihm an mir gelegen und er denkt sich täglich Gutes für mich aus. Wir haben das Heil doch immer noch vor uns. Gott hält durch mit allseinen Plänen und Zusagen.

Schon der Prophet rief seine Gemeinde auf, auch gegen den Augenschein zu glauben. In immer neuen Bildern beschreibt er das Positive in seinem Leben: Gott hat mir die Kleider des Heils abgezogen, mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mich mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Schmuck prangt. Wie ein Gewächs aus der Erde wächst, wie Same im Garten aufgeht, läßt Gott seine Gerechtigkeit aufgehen.

Wenn wir Gott danken, geben wir ihm zu erkennen: Ja, ich habe es gemerkt, was du an mir getan hast! In frohen und festlichen Stunden ist es natürlich leichter, an Gott zu glauben und ihm zu danken. Aber wenn ein Fehlschlag kommt, dann sehen wir oft nur noch die schlechte Gegenwart. Dann vergessen wir leicht das Große und Schöne, das wir in der Vergangenheit erlebt haben. Und wir vergessen auch, daß vielleicht gerade eine Notzeit uns zum Segen geworden ist.

Gerade an den Tiefpunkten des Lebens werden wir aufgerufen, gegen den Augenschein an Gottes Güte und Liebe zu glauben. Es gibt nur nicht den großen Knall und alles ist anders. Der Prophet spricht vom Wachstum, und das ist langsam, aber stetig.

Der Segen Gottes ist kein sensationeller Szenenwechsel, sondern er trifft uns gerade im Alltäglichen und Gewöhnlichen. Wie oft schickt uns Gott in unserem Leben einen Menschen, der gerade im rechten Augenblick das richtige Wort zu sagen weiß. Wie oft werden wir selber aufgefordert, der Helfer der Mühseligen und Beladenen zu sein.

Kraft für uns selber und Kraft für die anderen erhalten wir durch das Zeichen, das es erst seit Jesus gibt: durch das Abendmahl. Es verbindet uns mit Gott und macht uns sicher, daß wir Optimisten sein dürfen, auch im neuen Jahr. Wir müssen die ausgestreckte Hand Gottes nur ergreifen.

Zum Schluß möchte ich das noch einmal deutlich machen mit einer Geschichte: Im Atlantik ist ein Schiff untergegangen. Nur wenige Passagiere haben sich auf Bretter retten können. Aber durch den starken Seegang werden die meisten weggespült. Zuletzt bleiben nur noch ein Mann und der Schiffsjunge übrig. Der Mann flucht und schimpft über sein Schicksal. Er läßt alle Hoffnung fahren und bringt sich schließlich selber mit einem Messer um.

Der Schiffsjunge aber betet zu Gott. Tagelang treibt er auf dem Meer unter der Gluthitze des Äquators. Obwohl er doch so viel Wasser um sich herum hat, muß er furchtbaren Durst erleiden. Schließlich greift er doch ins Wasser und trinkt davon.

Doch da geschieht das Wunder: das Wasser ist gar nicht salzig, man kann es trinken. Der Junge hält es noch zwei Tage aus und wird dann von einem Schiff gerettet. Erst jetzt stellt sich heraus: Er befand sich im Mündungsgebiet des Amazonas, der so viel Wassers ins Meer bringt, daß man noch kilometerweit im Meer solche Süßwasserstellen findet. Hätte der andere sein Vertrauen nicht weggeworfen, dann hätte er auch gerettet werden können. Der Schiffsjunge aber hat in einer ausweglosen Lage auf Gott vertraut und hat sein Leben erhalten.

 

 

Jes 62, 1 - 12 (Reformationsfest):

[Diese Predigt wurde ursprünglich für den vierten Advent entworfen, bietet aber auch genug Ansatzpunkt für das Reformationsfest, zum Beispiel das Stichwort „Wächter“]

Für viele Menschen sind die Wochen und Tage vor dem Christfest eine Zeit der Anspannung und der Hetze. Viele Aufgaben müssen vor dem Jahresschluß noch erledigt werden. Aber auch den Hausfrauen geht es ähnlich: da wird gebackt und geputzt, da sind Geschenke zu packen und Briefe zu schreiben. Zwischendurch geht es wieder zu sogenannten „Weihnachtsfeier“, bei denen von allem Möglichen die Rede ist, nur nicht von Jesus Christus. Und am Erde ist man völlig fertig von all dem Rummel und hat von dem eigentlichen Fest überhaupt nichts mehr.

Sollte man da nicht lieber mit allem Schluß machen? Lieber überhaupt kein Fest begehen, aber dafür umso mehr sich mit dem eigentlichen Sinn dieses Festes befassen. Vor lauter Drumherum ist doch vielen Menschen nicht mehr deutlich, worum es eigentlich geht. Auch die Kirchengänger und gut unterrichteten Christen lassen sich ja davon bestimmen. Und selbst wenn sie versuchen, wieder eine andere Linie in den äußeren Betrieb des Weihnachtsfestes hineinzubringen, müssen es doch bald wieder aufgeben.

Ist das aber nicht typisch für uns, daß wir oftmals viel zu schnell aufgeben? Es ist eine Hauptgefahr unserer Zeit darin, daß wir uns viel zu viel mit dem Strom der anderen mittreiben lassen und nicht auch einmal den Mut zu einer eigenen Haltung haben. Viele wagen  es einfach nicht mehr, sich für Veränderungen einzusetzen und sagen: „Es hat ja doch alles keinen Zweck!“ Aber das ist genauso Unglaube wie der Satz, den man damals zur Zeit des Propheten Jesaja des Dritten sagte: „Wir sind von Gott verlassen!“

Wir sind tatsächlich von Gott verlassen, wenn wir es nicht wagen, ihn in unsrer Welt zur Sprache zu bringen. Aber für viele geht es doch auch ohne Gott und die Kirche. In der Familie wird die „Religion“ (wie man sagt) immer mehr auf die Kinder verlagert: Sie sollen schon in den evangelischen Kindergarten und zum christlichen Unterricht, weil sie dort nichts Schlechtes lernen. Aber im Stillen denken doch viele Eltern: „Als Kinderglaube mag es ja ganz gut sein. Aber wir haben das doch nicht nötig, wir brauchen nicht zu beten, wir schaffen auch alles alleine!“

Vielleicht hindert Gott uns gar im Alltag unseres Berufs. Da muß man manche krumme Sache drehen, muß manchmal zur sogenannten „Notlüge“ greifen und muß mit den Wölfen heulen.

Und wenn es dann um das Verhältnis zu den Auszubildenden geht, dann ist das doch eine

Privatsache oder geht bestenfalls die Gewerkschaft etwas an - aber was sollte das denn mit Gott zu tun haben?!

Im Altertum war alles Geschehen mit „Religion“ durchtränkt. Da sah man in jedem Baum und Strauch einen bösen oder guten Geist. Von solchen Göttern hat das Christentum die Welt weitgehend frei gemacht. Aber ist wirklich ein lebendiger Glaube an ihre Stelle getreten? Heute ist unsere Welt doch total entgöttlicht und hätte etwas Religion durchaus nötig oder sagen wir besser: hätte den christlicher Glauben bitter nötig.

In der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaftes Volkes Israel, in der der dritte Jesaja zu seinem Volk sprach, da hat man auch wenig vom Wirken Gottes in der Welt zu verspüren gemeint. Sie waren zwar wieder nach Jerusalem gekommen und waren an den Wiederaufbau ihrer Häuser und des Tempels gegangen. Aber es war eben doch ein kläglicher Anfang und sie hatten alle das Gefühl, als hätte Gott seine Verheißungen noch nicht wahr gemacht.

In dieser Lage nun versucht der Prophet, die Müdigkeit seiner Gemeinde zu überwinden. Vielleicht kann uns das auch heute noch helfen, wenn wir persönliche Enttäuschungen hinter uns haben oder in der Gemeinde den Mut sinken lassen wollen. Nur werden wir eben nicht aus eigener Kraft zu einer neuen Haltung finden, sondern nur die entschlossene Hinwendung zu Gott wird etwas ändern. Gott ist noch längst nicht am Ende mit seinen Möglichkeiten. Wir dürfen immer noch hoffen. Daran erinnert uns die Adventszeit. Der Prophet aber versucht in fünf Punkten, seiner Gemeinde wieder neue Hoffnung zu machen:

1. Gott wendet sich seinem Volk immer wieder neu zu: Deutlich wird das am Bild der Ehe. Die von den Menschen verkannte und anscheinend von Gott verlassene Gemeinde ist in Wirklichkeit seine geliebte Braut. Gott freut sich an seiner Kirche, wie ein Bräutigam sich über die Braut freut. Sie mag zwar im Augenblick allerhand Runzeln und Flecken haben. Aber Gott wird das wieder glätten und wird seine Braut so herrichten, wie er sie haben will.

Urbild für diese Kirche ist die Gestalt der Maria, an die immer am vierten Advent gedacht wird.

Sie war bereit, Gott bei sich zu empfangen und sein Werkzeug zu werden. Und wenn wir bereit sind, mit diesem Gott gemeinsame Sache zu machen, dann werden wir auch eine Zukunft haben. Er hat sich in Jesus mit uns verbunden. Er wird für immer bei uns bleiben, wenn wir ihr nur wollen.

2. Gott stellt Wächter auf, die seine Gemeinde bewachen: Zwar ist die Lage äußerlich gesehen unsicher (die Stadt hat noch keine richtige Mauer). Aber ihr wird geholfen sein, wenn sie sich an Gott hält. Dann wird er selber seine Wächter auf die Mauer stellen, damit sie die Stadt behüten, aber auch gleichzeitig wieder zu Gott schreien, damit er sein Volk nicht vergißt.

Gott will also gebeten sein. Wir dürfen ihn bestürmen und bedrängen. Wir sollen ihm keine Ruhe lassen, bis das geschieht, was wir so sehr wünschen. Gott soll uns helfen beim Aufbau der Gemeinde; er soll die Hindernisse wegräumen und willige Helfer für sein Reich gewinnen, damit die Christenheit nicht ein Schandfleck, sondern eine Zierde für die Welt ist.

Gott ist uns nicht böse, wenn wir ihn immer wieder erinnern, er hat es ja selbst so angeordnet.

Er sorgt schon dafür, daß die Sache seiner Gemeinde nicht einschläft und in Vergessenheit gerät. Er sorgt auch dafür, daß sein Wort in die Welt hinein gesagt wird.

Aber das bedeutet für uns, daß wir ebenso Tag und Nacht nicht schweigen dürfen. Wir sin alle solche Wächter, die auf der Mauer stehen und die Menschen aus ihrer Sicherheit aufschrecken sollen. Ein Christ darf sich keine Schlafmütze aufsetzen. Jeder muß sich überlegen, wie er

die Versöhnung unter den Menschen wirken kann und wie die Verhältnisse gebessert werden können. Auf diesem Gebiet ist sicher noch viel zu tun.

(3) Gott will keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr zulassen. Das müssen damals offenbar besonders die nach Jerusalem Zurückgekehrter empfunden haben. Man hat wohl den Schwachen den Ertrag ihrer Arbeit vorenthalten. Gott will aber nicht, daß die einen auf Kosten der anderen schwelgen. Was einer erarbeitet, soll er auch genießen.

Es geht auch heute nicht darum, daß den armen Völkern ein Zeichen unserer Wohltätigkeit überreichen. Vielmehr muß überall eine gute Ordnung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens herrschen, damit keiner zu kurz kommt. Gott hilft immer den Schwachen und sorgt auch für ihre äußere Existenz. Sicherlich wird nicht alles Böse gleich aus der Welt verschwinden. Dennoch dürfen wir nicht mutlos sein in Bezug auf die Zukunft der Menschheit und der Christenheit auf Erden. Gott will allen Menschen Frieden und einen Lebensraum schaffen. Nur geht das eben nicht von heute auf morgen.

4. Aber es könnte schneller gehen, wenn Gott genügend Mitarbeiter unter den Menschen fände. Christen dürfen deshalb nicht die Hände in den Schoß legen, sondern müssen mit anpacken bei den Aufgaben für die Zunft: „Machtet Bahn, räumt die Steine weg!“ heißt es bei Jesaja. Wir heute werden eine Straße zu anderen Menschen hin bauen, indem wir offen sind für die Begegnung und das Gespräch. Wir arbeiten an der Erneuerung der Kirche und de der Erneuerung der Welt. Dann wird es auch wieder eine Hoffnung geben für alle Menschen.

Hoffnung bleibt nur lebendig, wenn sie zu Taten der Hoffnung führt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, alle Hindernisse zu beseitigen, die andere am Zugang zur Hoffnung auf Gott hindern könnten. Vielleicht wird hier eine Hauptaufgabe für die Christen liegen: Daß wir verzweifelten Menschen wieder Hoffnung machen und selber Hoffnung haben. Wir dürfen einfach nicht sagen: „Es hat ja doch alles keinen Zweck!“ sondern kleine Schritte in die Zukunft zu tun, die voller Hoffnung sind.

Eine Hoffnung haben bedeutet letztlich das Entscheidende von Gott und nicht vom eigenen Tun zu erwarten. Nicht da wir mehr tun sollen, als wir können und sollen. Daß wir aber das, was wir können, auch wirklich tun, im Gebet, im Gottesdienst und in unserem Leben. Es

liegt kein Grund vor, den Mut sinken zu lassen, sondern wir dürfen immer noch alles von Gott erwarten.

5. Schließlich macht der Prophet uns Hoffnung, indem er alte Verheißungen wiederholt. Natürlich kann man sagen: Das ist ja alles bis heute noch nicht verwirklicht. Es gibt auch heute noch Urgerechtigkeit und Unterdrückung. Aber seit Jesus ist doch einiges anders geworden. Es gibt Menschen, die haben begriffen, worauf es im Bereich Jesu Christi ankommt. Hoffentlich sind wir auch dabei.

Dennoch gilt auch für uns noch: „Siehe, dein Heil kommt!“ Die Vollendung steht auch für uns noch aus. Wir müssen noch ganz schöne Steine wegräumen, wenn wir zu Jesus Christus kommen wollen.

Auch die modernste Küchenmaschine, die der Mann seiner Frau schenkt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie zutiefst von ihm enttäuscht ist. Deshalb können wir uns auch so selten wirklich freuen. Würden unsere Augen aber tatschlich leuchten, wenn wirklich des Heil Gottes zu uns käme?

Gott will sein Heil in der Welt verwirklichen. Auf diese Zusage hin dürfen wir ihr immer wieder ansprechen und um die Einlösung seines Versprechens bitten. Heute dürfen wir hören: Gott bereitet sein Heil vor, es geht jetzt schon an. Wir müssen nur auf seine Ankündigung hören und es dann annehmen.

 

 

Jes 63, 15 - 64, 3 (2. Advent):

„Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Das ist doch auch sicher schon oft unser Wunsch gewesen: Gott möge kommen und endlich einmal allen seine Macht zeigen. Dann könnten wir endlich beweisen, daß wir mit unserem Glauben an Gott recht haben und daß nicht alles nur eine Einbildung gewesen ist, worauf wir vertraut haben.

So aber erleben wir praktisch jeden Tag: Da ist einer jahrelang krank. Ein gläubiger Mensch, aber er muß doch so viel durchmachen, oft mehr als andere. Ist das nicht ein Beweis dafür, daß es keinen Gott gibt? Wir sehen, wie die Kirche in der Öffentlichkeit nicht mehr die Rolle spielt wie früher. Und Gleich­gültigkeit und Glaubenslosigkeit haben um sich gegriffen. Der Gottesdienstbesuch geht zurück. Wir müssen es sogar erleben, daß die Kirche bekämpft, verdächtigt und an den Rand gedrängt wird. Wie gut täte es uns dann, wenn Gott wirklich einmal seine Macht erwiese!

Oder denken wir an den Zustand unserer Welt: Unzählige Menschen kommen um, durch Gewalt und Krieg. Viele müssen hungern und können nicht ihre primitivsten Bedürfnisse befriedigen. Es gibt schwere Naturkatastrophen, die unzähligen Menschen das Leben kosten. Wo spüren wir da etwas von der Macht Gottes? Wir haben ein neues Kirchenjahr begonnen. Aber die Welt hat sich daran gewöhnt, ohne Gott zu leben. Advent will uns auf die Ankunft Gottes hinweisen. Aber wo zeigt sich noch etwas vom Einbruch Gottes in unsre Welt? Ist das nicht einfach eine schöne Illusion?

Es mag uns trösten, daß solche Fragen auch schon vor Tausenden von Jahren zur Zeit des Jesaja aufgebrochen sind. Es handelt sich hierbei schon um der dritten Jesaja, der die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Vertreibung des Volkes nach Babylonien mitgemacht hatte. Das war eine schwere Enttäuschung für das ganze Volk gewesen: Gott hatte ihren Vorvätern doch immer wieder geholfen, er hatte ihnen und vor allem ihren Feinden doch seine Macht gezeigt. Sie hatten doch ihre guten Erfahrungen mit Gott.

Aber nun scheint dieser Gott sie im Stich gelassen zu haben. Fern der Heimat müssen sie in der Gefangenschaft leben. Sie sind sich sogar unsicher, ob die Macht ihres Gottes bis in dieses ferne Land reicht. Nur ein neuer Machterweis Gottes könnte sie aus ihren Zweifeln herausholen.

Mit dem Schweigen Gottes finden sie sich nicht ab, sondern sie reden weiter mit Gott. Man kann mit ihm reden, auch wenn man den Eindruck hat, er sei weit weg. Wir dürfen uns in unsere Anfechtungen nicht vergraben, sondern dürfen sie Gott offenherzig sagen.

Unser Glaube ist eben immerzu der Anfechtung ausgesetzt. Glauben hat man nicht ein für alle Mal, sondern man empfängt ihn immer wieder neu. Die Adventszeit ist eine Gelegenheit dazu, eine Zeit der Besinnung und der Umkehr und der erneuten Vergewisserung des Glaubens. Deshalb soll es hier nicht nur um die Anfechtung gehen, sondern um deren Überwindung. Wir haben nicht einen abwesenden Gott, der sich hart gegen uns hält, sondern wir haben einen Gott, der unser Gebet erhört und zu uns kommt.

Beim Advent geht es gar nicht so sehr um das Warten der Menschen, sondern mehr um das Kommen Gottes. Gott selber ergreift die Initiative und macht sich uns auf. Der Himmel ist schon aufgerissen. Das bedeutet nun aber:

 

1 Gott läßt mich sich reden: Die Israeliten fühlten sich von ihrem Gott wie abgeschnürt und losgetrennt. Diese Meinung kann sehr schnell aufkommen, wenn alles wie am Schnürchen läuft, dann scheint sich Gott zu erübrigen. Und in Zeiten schweren Unglücks wiederum meint man, Gott habe versagt und sich selbst widerlegt.

Aber Gott ist eben nicht tot, sondern er ist nur ganz anders, als wir immer denken. Das war die schmerzliche Erfahrung auch der Leute, deren Klagelied wir hier vor uns haben. Sie fühlten sich von Gott getragen und geführt, nun aber finden sie sich verlassen und preisgegeben.

Und doch kommt es bei ihnen nicht zu dem Kurzschluß, den viele heute machen. Gott wird zwar herausgefordert und fast schon angeklagt. Aber man distanziert sich dennoch nicht von Gott.

An sich wäre das doch nur natürlich, wenn einer nichts mehr mit mir zu tun haben will, dann ziehe ich mich eben auch von ihm zurück. Israel aber trägt seinen Schmerz über die Abkehr Gottes gerade seinem Gott vor. Man weiß eben: Gott läßt mit sich reden. Man kann ihn sogar bedrängen und sagen: „Kehre um!“ Hier wird das gleiche Wort verwendet, wie wenn ein Mensch zur Buße aufgefordert wird. Gott läßt sich das gefallen, ja er will doch geradezu so angerufen werden.

Damit wir immer Mut haben, uns an Gott zu wenden, können uns vielleicht einige Überlegungen helfen: Es ist gut, wenn man in der Gemeinschaft anderer Beter steht. Ein anderer hat unter Umständen ganz andere Erfahrungen gemacht und kann uns wieder aufrichten. Er kann uns deutlich machen: Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende, sondern er hält nur eine Zeitlang an sich, aber es wird auch wieder anders werden.

Denken wir an eine junge Frau, die wegen ihrer Krankheit vor zwei Jahren so weit war, daß sie nicht mehr leben wollte. Die Gemeinschaft mit anderen Christen und die Beschäftigung mit Gottes Wort hat sie wieder so aufgerichtet, daß sie jetzt geradezu ein lebensfroher Mensch geworden ist.

Wir können uns auch an das erinnern, was Gott in früherer Zeit getan hat, was wir selbst erfahren haben. Wir dürfen Gott an sein immer noch gültiges Wort erinnern, wir dürfen ihn auf seine Verheißungen festnageln. Ja wir dürfen sogar gewissermaßen Gott gegen Gott ausspielen, nämlich dem gnädigen Gott gegen den zornigen Gott: „Du bist unser Vater. ‚Unser Erlöser‘, das ist von alters her dein Name!“

Gottes Liebe ist keineswegs dahin. Seine Barmherzigkeit hat nicht aufgehört, er hält nur an sich. Wir sind von Gottes Barmherzigkeit im schlimmsten Fall nur wie durch eine dünne Wand geschieden. Wenn wir ihn auf seine Verheißungen ansprechen, geht der Himmel auf. In dem Augenblick, in dem wir Kontakt zu ihm aufnehmen, ist die Lage schon grundlegend anders.

 

2. Gott steigt zu uns herab: Wir können zwar nicht mehr das alte Weltbild aufrechterhalten, so als wohne Gott irgendwo über den Wolken und brauche nur herabzukommen. Aber wir dürfen ihn doch bitten, aus seiner Verborgenheit hervorzubrechen.

Im Alten Testament stellte man sich das noch als ein großes geschichtliches Ereignis vor: Gott wird durch sein wunderbares Eingreifen die Feinde Israels vernichten! Auch die Natur wird dabei mit einbezogen sein: Berge beben, ein Brand entsteht und es entsteht eine Bewegung, wie wenn nasser zum Kochen kommt. Gott wird Taten tun, vor denen den Menschen angst und bange wird.

Doch Gedanken dieser Art werden im Neuen Testament kräftig korrigiert. Die Strategie der Stärke ist nicht Gottes Sache. Er verzichtet auf jedes Prestige und läßt die Welt nicht erzittern: Wer ihm widerstehen will, der kann es.

Es kommt nicht zu der erwarteten Machtdemonstration Gottes: Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein, seine Leute sind unbewaffnet, die Berge beben nicht. Und der Christus, der den Himmel aufreißt, geht selbst ans Kreuz.

Aber in diesem Jesus ist der Himmel für uns aufgegangen, in ihm ist Gott zu uns herabgefahren. Jesus sucht die Menschen auf, knüpft Verbindungen, lädt ein. Er löscht das alte Leben aus und läßt ein neues beginnen. Er bereitet auf das Reich Gottes vor. Gott selber hat eine neue Lage geschaffen.

 

3. Gott dringt in uns ein: Soll uns der Himmel aufgehen, dann müßte Jesus nicht bloß unter uns, sondern auch in uns sein; so wie es in dem Lied heißt: „Unser Herz zum Tempel zube­reit!“ Aber zunächst einmal ist in unserem Herzen ja noch etwas anders: unsre Sünde und Schuld. Diese kommt aus uns selber und ist nicht von Gott geschickt. Es wäre abwegig, wenn wir uns von Schuld freisprechen wollten und sagten: „Du, Gott, hast mich ja so gemacht!“ Es wäre bequem und sogar gotteslästerlich, wenn wir alles auf Gott abschieben wollten. Aber dem steht schon unser Gewissen entgegen.

Andererseits ist zu sagen: Nur mit Jesu Hilfe werden wir inneren Frieden erlangen. Er war bereit zu vergeben; dadurch machte er Menschen fähig, selbst zu vergeben. Wir dürfen ihn um Kraft bitten, daß wir ihm darin nachfolgen und ihm ähnlich werden können. Böses kann dort nicht geschehen, wo Menschen sich der gnädigen Gegenwart Gottes bewußt sind. Jeder gewonnene Kampf um den Gehorsam stärkt aber.

In der Adventszeit werden wir darauf hingewiesen, daß das möglich ist: Gott hat sich zu uns bekehrt. Nun können wir uns auch zu ihm bekehren. Der Himmel ist wirklich aufgerissen und uns damit ein neues Leben ermöglicht. Gottes Advent ist der Angriff auf unsere Herzen. So will Gott uns gewinnen. Wir haben das Recht, auf Gottes Kommen zu warten.

 

 

Jes 65, 17 - 19 und 23 - 25 (Letzter Sonntag / Ewigkeitssonntag):

Eine entsprechende Situation wie in dem Bibelabschnitt aus dem 3. Jesaja kennt auch die ältere Generation unseres Volkes: Das Volk Israel hatte den Krieg verloren, die ganze Oberschicht saß in Babylon in der Gefangenschaft. Doch der Prophet richtet sie wieder auf mit der Schilderung einer herrlichen Zukunft: Das Volk wird eine Zukunft haben, aber auch jeder Einzelne wird eine Zukunft haben bei Gott. Und so wollen wir heute auch nachdenken über das Thema: Gott macht alles neu, sowohl die Welt als auch die Menschen.

 

1. Gott schafft das neue Leben der Menschen:

Die Frage: „Wie wird es sein?“ ist nicht eine Frage der Neugier, sondern durchaus erlaubt. Der Glaube streckt sich nach vorn, er ist fast „zukunftssüchtig“. Was der Glaube jetzt hat, das wartet auf eine Enthüllung und Vollendung. Gott ist mit dem, was er tut, noch lange nicht am Ende. Menschen und Welt sind nicht in einem Endzustand erstarrt. Wir gehen in eine Zukunft voller Überraschungen, denn Gott hat Neues im Sinn.

Die vielen schrecklichen Ereignisse führen zu einer Sehnsucht, dies möchte alles einmal überwunden sein. Als Beispiele werden aus der Vergangenheit des Krieges genannt: Säuglinge, die nur wenige Tage alt werden, und Menschen, die vor dem 100. Geburtstag sterben.

Der Tod bleibt also auch in der Heilszeit, nur kommt es nicht vor, daß Leben zu früh zu Ende geht. Man merkt, hier steht die Vorstellung von einer idealen Heilszeit dahinter: Man wird nur noch „alt und lebenssatt“ sterben und seine Freude an Kindern und Enkeln haben, es wird kein Leid und Geschrei mehr geben.

Wir haben ein heiteres und glückliches Leben, wenn wir es recht betrachten. Über 70 Jahre hat es bei uns keinen Krieg mehr gegeben. Und wir dürfen auch hoffen, daß das so bleibt. Die medizinische Wissenschaft schiebt den Tod hinaus. Wir leben in Wohlstand, obwohl es auch bei uns Menschen gibt, die unter der Armutsgrenze liegen, weil sie weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens haben. Es gibt ein reiches Angebot an Vergnügungen und Kultur. Gott baut schon in diesem Leben manche Dämme gegen die zerstörenden Mächte in dieser Welt.

Unsere Erfolge bringen allerdings auch neue Schwierigkeiten mit sich: Wie sollen die Alten versorgt werden? Was machen wir, wenn die Rohstoffe wie Erdöl und Gas zu Ende gehen? Wie soll die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden? Wie können wir die Natur vor Vernichtung bewahren? Alles hat immer zwei Seiten! Und die Welt kann durchaus immer noch verbessert werden, auch bei uns. Es gibt immer noch viele Dinge, über die wir nicht jubeln können.

Auch dürfen wir nicht vergessen: Die Erneuerung der Welt geschieht nicht allein durch uns. Wir können schon viel tun für das menschliche Miteinander, damit die alten Nöte verschwinden. Aber das „neue Jerusalem“ ist letztlich eine Neuschöpfung Gottes, da ist noch einmal ein Qualitäts­sprung notwendig. Dann wird alles, was uns bedrückt und unruhig macht, nicht mehr nur ein böser Traum sein, sondern so begraben sein, daß es nicht mehr aufersteht.

Die „neue Kreatur“ ist nicht einfach der renovierte Mensch, sondern ein neuer Mensch, den Gott in der Taufe hat erstehen lassen und der unsichtbar in uns ist, bis er mit Christus offenbar werden wird.

Unser künftiges neues Leben wird ein Leben im Miteinander sein, getragen von der Liebe der Alten zu den Jungen, der Reichen zu den Armen, der Alteingesessenen zu den Fremden.

Wenn Gott auch heute noch betrübt und enttäuscht über uns ist, dann wird er sich doch in Zukunft über sein Volk freuen – davon ist jedenfalls der Prophet überzeugt.

 

2. Gott will die neue Gestalt der Welt:

Gott findet sich mit der Welt nicht ab. Er will sie nicht bloß verändern oder neu organisieren, sondern wirklich neu schaffen. So recht paßt das nicht in unser Weltbild, daß unsere Welt einmal ein Ende haben wird.

Wir hätten ja sogar die Möglichkeit, alles Leben auf der Erde selber durch Krieg zu zerstören. Aber spätestens dann wird es kein Leben auf der Erde mehr geben, wenn die Sonne aufgehört hat zu strahlen. Davor liegt allerdings unser ganz persönliches Ende.

Doch für die Bibel ist die christliche Hoffnung eine Hoffnung für die ganze Welt. Es hat eine Zeit gegeben, in der Christen alles, was das Evangelium sagt, nur auf das Verhältnis zwischen Gott und dem einzelnen Menschen bezogen. Die Welt war nur dunkler Hintergrund für den persönlichen Glauben.

Doch schon Luther sagt im Katechismus: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen!“ Wir leben nicht in kühler Distanz zur Welt und zur Natur, sondern sind in sie mit einbezogen. Wir haben eine große Verpflichtung zur Fürsorge für die tierischen, pflanzlichen und mineralischen Mitgeschöpfe. Deshalb brauchen wir noch nicht zum Vegetarier oder Veganer zu werden. Aber wir sollten doch innig mit der ganzen Natur verbunden sein.

Aber solange wir noch am Leben dieser alten Erde teilhaben, wird es noch Konflikte geben und wird einer auf Kosten der anderen leben wollen. Aber Gott will das nicht: Wir brauchen nicht das Lebensopfer eines anderen, um selber existieren zu können. Lassen wir uns das noch einmal durch den Kopf gehen: Für uns ist gesorgt, wir brauchen nicht dafür den anderen nieder­zumachen oder die Schöpfung Gottes zu zerstören.

Allerdings ist das vom Propheten angekündigte Heil nur diesseitig: Er wartet nur auf die Rückkehr nach Jerusalem, auf den Wiederaufbau und ein neues Leben des Volkes. Das ist ja dann auch so gekommen. Aber nach der Auferstehung Jesu Christi warten wir noch auf etwas ganz anderes. Dabei geht es nicht darum, daß unser Volk groß und mächtig ist, sondern um unsre persönliche Zukunft bei Gott. Allerdings können wir diese nicht anders erreichen als durch einen Bruch hindurch, nämlich durch den Tod. Aber der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist für uns nicht nur der „Totensonntag“, sondern auch der „Ewigkeitssonntag“, an dem wir unseren Blick auf die Ewigkeit richten.

Die große Hoffnung für die Welt und für den Einzelnen gründet in der Auferstehung Jesu Christi. Deshalb brauchen wir unsre Hoffnung nicht auf die Zukunft zu verschieben, sondern aus dieser Hoffnung erfolgt auch schon etwas für das Leben von heute. „Die ganze Welt atmet Auferstehung“, hat das einmal einer genannt. Deshalb können wir uns und auch unsre Mitgeschöpfe mit neuen Augen sehen. Was wird Gott aus dem allem noch machen!

 

3. Die neue Gemeinschaft mit ihm:

Wenn Gott aber alles neu schafft, dann entsteht auch eine neue Gemeinschaft mit ihm. Diese ist heute nur durch das Wort und das Sakrament vermittelt. Unser Glaube wird noch oft auf eine harte Probe gestellt. Gott ist noch unsichtbar und geheimnisvoll.

In einem katholischen Kindergarten sagen die Erzieherinnen immer zum Abschied: „Der Schutzengel behüte dich!“ Aber ein Mädchen sagt: „Ich habe mich schon oft umgedreht, aber den Schutzengel habe ich noch nie gesehen!“ Der Schutzengel ist ja nur ein anderes Bild für Gott. Den können wir auch nicht sehen und oft bleibt er uns wirklich verborgen.

Dann müssen wir uns oft durch die harten Tatsachen hindurch glauben, die unserem Glauben und dem Frieden Gottes entgegen zu stehen scheinen. Der Glaube leidet unter dem Noch-nicht. Aber das wird nicht so bleiben.

Die neue Gemeinschaft mit Gott ist das Eigentliche des ewigen Lebens. Gott wird dann unmittelbar für uns zugänglich sein. Wie ungehindert das Einvernehmen zwischen Gott und uns sein wird, das steht in dem ergreifenden Vers 24: Gott weiß schon immer, was wir nötig haben, bevor wir ihn bitten. Bitten wir in Jesu Namen, so dürfen wir der Erhörung gewiß sein: „Bevor sie rufen, antworte ich; noch sind sie am Reden, da erhöre ich schon!“ Enger kann unsere Verbundenheit mit Gott nicht sein.

 

 

Jes 66, 1- 2 (Kirchweihtag):

Der kleine Fritz geht mit seinem Vater durch den Ort. Er fragt: „Wer wohnt denn hier?“ Der Vater sagt: „Da wohnen Müllers!“ – „Und wer wohnt dort?“ – „Da wohnen Meiers!“ Schließlich kommen sie zur Kirche. Da sagt der Vater: „Dort wohnt der liebe Gott!“ Am nächsten Samstag kommt Fritz erst verspätet zum Mittagessen. Die Mutter fragt: „Wo warst du denn!“ Fritz weiß Antwort: „Ich war bei Gottens, aber er war nicht zu Hause, und sie hat gerade sauber gemacht!“

Ja, wenn es nur so einfach wäre mit der Wohnung Gottes. Als man noch das dreistöckige Weltbild des Mittelalters hatte, da war es klar: Gott wohnt ganz hoch über den Wolken. Noch Friedrich Schiller dichtete: „Brüder, überm Sternenzelt muß ein gütger Vater wohnen!“ So ganz überwunden haben wir dieses Weltbild auch heute nicht. Wenn es um das „aufgefahren in den Himmel“ geht, dann haben wir im Grunde immer noch die Vorstellung: hochgehoben in den Luftraum über uns! - Der Predigttext macht zu diesem Thema zwei Aussagen: Gott verherrlicht sich überall, aber er bindet sich auch an besondere Orte an.

 

1. Gott verherrlicht sich überall:

Manche sagen ja, man könne Gott überall finden und brauche dazu nicht in die Kirche zu gehen. Sie könnten sich auf so einen Satz berufen. Aber dann müßten sie auch sagen, auf welchen „Gott“ sie da aus sind und was sie mit dem Wort „finden“ meinen. Gott gegenüber kann man nicht im Unverbindlichen bleiben, sondern man muß sich ihm stellen. Aber Gott ist in der Tat überall und verherrlicht sich überall. Wir sind auf Schritt und Tritt mit ihm in Kontakt, ob wissend oder unwissend.

Damit ist der Meinung widersprochen, Gott sei nur da gegenwärtig, wo er von Menschen ver­ehrt wird. Er ist auch da, wo er im Denken der Menschen nicht mehr vorkommt und man nicht bereit ist, sich ihm im Glauben zu öffnen. Gott ist im Himmel und auf Erden – auch ohne uns oder trotz uns. Er ist nicht erst dann anwesend, wenn wir ihm ein Haus bauen. Gott ist nicht nur da, wo er gesucht und geglaubt wird, sondern er ist mitten in unserem weltlichen Leben jenseitig. Gott braucht die Welt nicht, er kommt auch ohne sie aus. Aber er liebt die Welt und wirkt inihr, an keinen Ort gebunden und eben darum allgegenwärtig.

So können wir von Gottes Gegenwart im Himmel und auf Erden sprechen, ohne an das Weltbild der Alten gebunden zu sein. Es ist ein schönes altes Bild, daß Gott auf seinen Thron im Himmel sitzt und die Erde sein Fußschemel ist. Das Wort „Himmel“ beschreibt dabei Gottes Majestät, und daß seine Füße auf der Erde stehen beschreibt, daß er mitten im Leben steht. Aber mit unseren Augen können wir ihn nicht sehen.

Wir sagen vielleicht: Natur, Schicksal, Geschichte, einer hat sogar von „Vorsehung“ gesprochen. Aber ehrlicher ist es, das Wort „Gott“ dafür in den Mund zu nehmen und ihn als den anzuerkennen, der wie ein Bach das Mühlrad treibt. Aber wir verwalten nur, was ihm gehört. Deshalb ist all unser Handeln nur „Gottesdienst im Alltag“, ohne daß dieser den Gottesdienst am Sonntag in der Kirche überflüssig machen würde. Wer nur den Dienst an der Welt als wahren Gottesdienst ansieht, der sollte sich fragen. Findest du Gott wirklich? Schaffst du es, ihm gehorsam zu sein? Verherrlicht sich Gott wirklich in dem, was du tust?

Wer meint, die Welt könne seine Kirche sein, der übersieht zwei Dinge: Gott ist zwar in der Welt gegenwärtig, aber auf verborgene Weise. Und unser Verhältnis zu ihm ist gestört und kann weder durch das Gelingen unserer Arbeit noch durch einen überwältigend schönen Sonnenuntergang repariert werden. Wenn es zwischen Gott und uns zur Gemeinschaft kommen soll, dann bedarf es schon besonderer Unternehmungen Gottes.  Zu diesen gehört auch die Kirche als das Haus Gottes.

 

2. Gott bindet sich an besondere Orte:

Die Gemeinde braucht einen Ort, an dem sie sich versammeln kann. Das kann auch ein Wohnzimmer oder ein Gaststättenraum sein. Aber es ist auch schön, wenn man ein besonderes Gotteshaus hat. Kirchen sind nicht nur Kulturstätten und Museen, sondern hier ist die gute Stube der christlichen Gemeinde. Allerdings muß diese Gemeinde auch da sein, sonst nutzt die ganze Kirche nichts. Eine Gemeinde beschwerte sich einmal, daß sie nicht mehr in der Schloßkirche ihren Gottesdienst halten sollte, weil die Kirche ein Teil des Rundgangs durch das Schloß war. Da wurde sie gefragt: „Braucht ihr denn die Kirche wirklich. Wäre sie wirklich jeden Sonntag gut gefüllt?“ Da sah man beschämt nach unten und war fortan damit einverstanden, daß die Kirche nur noch zu besonderen Anlässen der Gemeinde zur Verfügung steht.

Aber die Gemeinde sollte auch bedenken, was sie an ihrer Kirche hat. Sie könnte sich fragen, was die Erbauer mit der Art des Bau über ihren Glauben sagen wollten, was Licht und Farben bis heute bedeuten oder ob man die dargestellten Bibelszenen noch deuten kann. Es ist schön, wenn in manchen Orten in den Kirchbauvereinen auch Menschen mitarbeiten, die nicht der Kirche angehören. Sie meinen, die Kirche müsse im Dorf sein, sie sein ein Kulturgut und ein Wahrzeichen. Aber so richtig Sinn hat sie nur, wenn sie der Feier des Gottesdienstes dient und auch die feiernde Gemeinde da ist. Deshalb drängten auch der Prophet Jesaja III. und andere Propheten darauf, daß nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft nicht nur die Wohnhäuser wieder aufgebaut wurden, sondern auch das Gotteshaus.

Aber sie warnen auch davor, daß man sich nur auf den Tempel verläßt und denkt: Wenn wir den haben, dann ist alles in Ordnung. dann kann uns nichts mehr passieren!

Der Glaube greift das, woran er sich hält, nicht aus der Luft: Er ist auf die Selbstmitteilung Gottes angewiesen. Aber auch wir auf der anderen Seite haben unsre Aufgabe. Schon Luther hat gesagt: „Es geht nicht nur darum, ob Gott da ist, sondern er will auch bei uns da sein!“

Es genügt nicht, wenn man weiß, daß Gott überall zu finden ist, weil er überall ist. Entscheidend ist, ob ich ihn finde, daß er in mir ist. Entscheidend ist, ob wir Christus als den Ort seiner Offenbarung erkennen und sein Wort und Sakrament. Daß wir dies Wort hören und die Sakramente ungestört empfangen können, dafür ist das Kirchengebäude da.

Das Wort Gottes kann man sich nicht selber sagen, so wie man eine Wissenschaft sich im Selbststudium aneignen kann. Man wird immer getauft und man erhält immer das Abendmahl von einem anderen; selbst wenn der Pfarrer sich selber Brot und Wein nimmt, dann ist doch Christus der Gastgeber oder der „Kellner“.

Auch das Wort Gottes wird ausgeteilt wie eine Speise. Das geschieht im Gottesdienst, und der ist normalerweise in der Kirche. Nur weil dies hier geschieht, ist die Kirche ein heiliger Ort. Hier tritt Gott aus der Dunkelheit hervor und gewährt uns einen Zugang zu sich. So dient Gott uns im Gottesdienst und wir dienen ihm. Aber danach können wir Gott auch in unserem Alltag dienen.

Daß Gott sich an Irdisches anbindet, das schließt auch ein, daß er sich tief herabbeugt. Das bedeutet auch, daß sich jeder in Gottes Haus einfinden kann, auch der, der meint, in seinem Leben stimme alles nichts und es gelinge ihm nichts. Den festen Halt kann uns Jesus Christus geben. Die Kirche ist nicht der Ort für die, die alles können und meinen, keine Probleme zu haben. Die Begegnung mit dem Heiligen soll gerade uns Unheiligen zuteil werden.

 

Nachwort: Am Gedenktag der Kirchweihe sollte die Predigt noch durch besondere Ereignisse aus der Geschichte der Ortskirche oder bauliche Eigenarten angereichert werden.

Auch Kirchweihtag: Jos 24,14-16

Lieder: „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr“ und „Gott ist gegenwärtig“.

 

 

 

 

Jeremia

 

 

Jer 1, 4 – 10 (9. Sonntag nach Trinitatis):

Wenn jemand für einen Lesegottesdienst gebraucht wird, dann sind kann man dazu die Kin­dergottesdiensthelferinnen einsetzen. Sie haben die Liturgie im Kindergottesdienst geübt und sind darin sicher. Und Vorlesen können sie meist auch, auch wenn nun alles in etwas größeren Rahmen geschieht als im Kindergottesdienst. Da kann es sein, daß drei Konfirmanden den ganzen Gottesdienst einschließlich Orgelspiel halten. Die jungen Leute haben da keine Hemmungen. Und die Gemeinden sollten einer solchen Dienst gern annehmen.

Anders wird es, wenn die Betreffenden dann älter werden. Da haben sie dann Hemmungen und wollen nicht so recht an die Sache ran. Sie sagen nicht: „Ich bin zu jung!“ wie Jeremia, sondern sie sagen: „Ich bin zu alt!“ Von einem bestimmten Alter an ist es offenbar mit der Unbekümmertheit vorbei, da wird einem auf einmal doch bewußt, worauf man sich da eingelassen hat.

Anders sieht es auch aus, wenn jemand einen kirchlichen Beruf ergreifen soll oder man ihn daraufhin sogar anspricht und ich werben will. Bei Krankenschwester und Kindergärtnerin und sogar Kantor geht es noch. Das sind Berufe, die es auch anderswo gibt, da ist die kirchliche Ausbildung staatlich anerkannt. Aber schwerer ist es bei den eigentlich kirchlichen Berufen wie zum Beispiel Pfarrer. Da sagen auch viele: „So etwas kann ich nicht, mich so einfach vor die Leute hinstellen und etwas sagen!“ Viele scheuen auch vor der Verantwortung zurück und fühlen sich den Aufgaben nicht gewachsen.

Man kann das auch verstehen, wenn jemand da eine gewisse Scheu hat. Es wäre auch gar nicht gut, wenn man allzu sorglos an so einen Beruf heranginge. Ein wenig Furcht und Zittern darf schon dabei sein. Und das gilt nicht nur für die hauptamtlicher Mitarbeiter der Kirche, sondern für jeden Christen, dessen Bekenntnis zu Christus gefordert wird.

Wir nehmen es uns sicher immer wieder vor, mutig zu sein und anderen gegenüber von unserem Herrn zu reden. Hier in der Kirche können wir uns das auch leicht vornehmen. Aber wenn es dann darauf ankommt, dann sind wir doch oft schwach und kneifen. Vor lauter Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, sagen wir dann lieber gar nichts.

Allen Ängstlichen aber soll das gesagt sein, was Gott auch dem Propheten Jeremia bei seiner Berufung gesagt hat: „Gott hat uns erwählt, Gott hat uns gesandt und Gott hat uns sein Wort gegeben.

 

1. Gott hat uns erwählt: Sicher rat auch Jeremia eine bestimmte Lebensgeschichte gehabt und eine Entwicklung durchlaufen. Sein Vater war Priester. Ud das Gespräch zeigt, daß er bei der Berufung nicht zum ersten Mal seinem Gott begegnet ist. Aber man darf wohl nicht daran denken, daß er im Charakter oder im Glauben ein besonders guter und vollkommener Mensch gewesen sei oder besondere persönliche Qualitäten geht hat.

Das Entscheidende war: Gott hat ihn gebraucht, hat ihn ausgewählt und berufen, er hat über ihn verfügt und hat ihn dienstverpflichtet. Jeremia gehörte nicht zu den Menschen, die sich nach vorne drängen. Nur zu gern hätte er sein Prophetenamt an den Nagel gehängt oder gar Gott vor die Füße geworfen. Er hat seinen Auftrag als Last empfunden und wäre sicher gerne wieder untergetaucht in der großen Masse der Menschen. Aber er war gebunden an seine Berufung, an den Auftrag Gottes, dann konnte er nicht wieder raus.

War es vielleicht nur ein Vorwand, wenn er sagte: „Ich bin zu jung!“ Hatte er in Wirklichkeit nicht viel mehr Angst vor dem, was es da auszustehen gilt? Der Hinweis auf seine Jugend könnte aber auch durchaus ernstgemeint sein. Ein Stück Lebens- und Berufserfahrung wiegt doch ganz schön. Das wußte auch die Gemeinde, die einen jungen Pfarrer suchte, nicht über 25, mit langjähriger Berufserfahrung. Das eine schließt ja wohl das andere aus.

Aber die Erfahrung ist auch wieder nicht das Entscheidende. Jeder muß einmal anfangen, ganz von vorne, mit Fehlern und Schwächen. Und auch wer schon seine Erfahrungen hat, macht dennoch immer wieder Fehler. Aber zum Glück hat eben keiner seine Predigt aus seinem eigenen Wissen und aus seiner Erfahrung zu bestreiten. Beim Predigen drängt nicht etwas nach außen, was im eigenen Inneren gespeichert worden ist und nun rumort und gart und an die Öffentlichkeit will.

Der Prophet ist ein Bote. Allein Gottes Befehl treibt ihn zum Reden. Gott sagt ihm nicht: „Du wirst es mit der Zeit schon einsehen, deine Einwände werden von Tag zu Tag an Stichhaltigkeit verlieren!“ Er macht ihm vielmehr deutlich: „Befehl ist Befehl!“ Das ist auch sicher gut so: Wenn einer ohne Grund ängstlich und zaghaft ist, dann ist ein Befehl das Richtige für ihn. Dann trägt er nämlich nicht mehr selber die Verantwortung, sondern derjenige, der den Befehl erteilt

So etwas befreit und gibt Zuversicht. Ein Bote Gottes soll sein Amt ja gar nicht aus Eigenem bestreiten, sondern nur das Wort Gottes auszurichten - das ist alles. Man hat die Aufgabe des Propheten mit einer Brunnenröhre verglichen, die nur das Wasser weiterleitet, aber nicht selber Wasser hervorbringen muß. Man braucht dazu also kein großer Mann zu sein.

Und dennoch hat jeder von uns Hemmungen, ein Bote Gottes zu sein. Mancher will zwar dem Befehl folgen, ist aber doch unsicher, ob er die inneren Voraussetzungen für alles hat. Die Zweifel können verschiedene Ursachen haben: Jeremia fühlte sich zu jung. Andere sagen: Ich bin zu schüchtern, im Reden unbeholfen, zu langsam im Denken. Es könnte auch sein, daß man innerlich ausgedörrt ist, müde und miedergeschlagen; vielleicht ist man der Sache nicht gewiß und mit Gott nicht im reinen.

Aber Gott braucht in seiner Kirche keine bedeutenden Menschen, keine Superchristen und keine Superstars. Er braucht Boten, die gehen, weil sie sollen, und die reden, was ihnen aufgetragen ist. Dazu hat er sie erwählt, dazu hat er auch uns erwählt.

 

2. Gott hat uns gesandt: Gott hat uns nicht um unsrer selbst willen erwählt, sondern um unsrer Mitmenschen willen, auch derer, die nicht an Gott glauben. Wir leben nicht aus Zufall in dieser Zeit und in diesem Land, sondern Gott hat uns hierher gestellt. Da ist keiner überzählig, da wird jeder gebraucht. Keiner kann sagen: „Das geht dich nichts an, dafür sind andere zuständig“

Gott geht dabei ein Wagnis ein. Er legt sein Wort in den Mund eines Menschen. Dieser könnte es ja auch umformen und dabei verfälschen. Jeder ist halt doch ein fehlsamer Mensch und Stimmungen und persönlichen Überzeugungen unterworfen. Insofern ist der Prophet doch

nicht nur Brunnenröhre, sondern auch als Mensch persönlich beteiligt. Das wird besonders deutlich in seinen „Bekenntnissen“, die ab Kapitel 15 zu finden sind. Doch dort wendet sich Jeremia an Gott und nicht an die Öffentlichkeit.

So ist der Prophet nicht nur Befehlsempfänger und Lautsprecher. Er ist auch mit dem Herzen dabei, mit seiner ganzen Person betroffen und leidet unter dem, was er zu sagen hat. Aber er nimmt sich in Zucht, damit er nicht persönliche Gedanken und Wünsche mit daruntermischt und Gottes Willen verdunkelt. Nur das wird die Menschen beeindrucken, wenn sie spüren: Hier spricht nicht einer aus Eigenem, sondern hier hat einer die Botschaft eines Höheren auszurichten.

Wenn dieses Wort aber erst einmal gesagt ist, dann macht es auch Geschichte. Es ist nicht nur eine Mitteilung, sondern es hat Vollzugscharakter. Es sagt nicht, was Gott tun wird, sondern es tut selbst, was es besagt. Bei Jeremia setzte es das Gericht über die Völker und auch über das eigene Volk in Gang. Es löste also die Dinge auch aus, die es ankündigte.

Trauen wir das heute dem Wort Gottes auch noch zu? Es ist nicht eine Rede über Gott, sondern eine Art und Weise, durch die Gott in die Welt hineinwirkt. Es ist nicht nur Verkündigung von einem Geschehen, sondern selber Geschehen. Was wird heute geschehen mit dem Wort, das wir gehört haben und das wir weitergeben sollen an unsre Mitmenschen?

 

3. Gott hat uns sein „Wort“ gegeben: Wem Gott sein Wort gegeben hat, der steht auch unter seinem persönlichen Schutz. Das ist sicher doch tröstlich für uns zu wissen. Jeremia mußte mit Spott rechnen. Sogar seine Verwandten haben ihm nach dem Leben getrachtet. Und natürlich kam es zum Konflikt mit den staatlichen Machtträgern, er galt ihnen als Verräter und Überläufer.

Aber Gott sagt zu ihm: „Fürchte dich nicht; wenn du ihnen gegenüberstehst, denn ich bin mit dir, um dich herauszureißen!“ Er wird die Kraft erhalten, in allem Leiden durchzuhalten. Auch wenn er selbst angefochten und oft verzweifelt ist, so wird er doch seinem Auftrag treu bleiben können.

Diese Gewißheit dürfen wir heute auch sicher haben. Wir stehen unter Gottes Schutz, wenn wir seine Sache vertreten. Wir dürfen wissen: Gott hat uns  erwählt, er hat uns gesandt und er hat uns sein Wort gegeben. Das ist unser Rückhalt in allen Gefährdungen. Das macht uns auch Mut, frei und offen die Sache dieses Gottes zu vertreten und von ihm zu erzählen.

 

 

Jer 7, 1 – 15 (10. Sonntag nach Trinitatis):

Es gibt Länder, die hatten früher eine blühende Kirche. Aber heute findet man dort so gut wie gar keine Christen mehr. Das beste Beispiel dafür ist Nordafrika. Dort war in den ersten sechs Jahrhunderten ein Zentrum der Kirche, das viele bedeutende Theologen hervorgebracht. Aber dann kamen die Mohammedaner nach Nordafrika und haben die christliche Kirche in Nordafrika ausgerottet. Das Zentrum des christlichen Glaubens hat sich dann nach Europa und später nach Nordamerika verlagert.

Doch heute müssen wir uns fragen: Bilden wir noch ein Zentrum der Kirche? Oder wird sich der Schwerpunkt in Zukunft mehr anderswohin verlagern? Wir erleben doch ständig, wie bei uns alles abnimmt. Der äußere Einfluß der Kirche wird immer mehr beschränkt: Die Sonntagsruhe wird immer mehr aufgeweicht, in einer Trauerkapelle wurde das Kreuz abgehängt,

bei einem Johann-Sebastian-Bach-Fest wurde ein Lied über Jesus von der Schulleiterin für nicht zumutbar gehalten, in Leipzig wird zum Teil die Verbindung von Thomaschor und Thomaskirche in Frage gestellt.

Man muß natürlich auch fragen, wo die Christen sind, die sich gegen solche Erscheinungen Sturm laufen. Wenn niemand am Sonntag erkaufen geht, wird auch nicht geöffnet. In Berlin hätten sie es in der Hand gehabt, Religion als ordentliches Lehrfach in der Schule einzuführen, aber bei der Volksabstimmung gab es nicht genug Stimmen. Das zeigt, daß es auch an der inneren Substanz fehlt. Der Besuch der Gottesdienste, des Religionsunterrichts, der Gemeindeveranstaltungen wird weniger. Wir können uns da nicht darauf verlassen, daß wir eine alte Tradition haben, sondern es kommt ja auf die Bewährung des Glaubens in der heutigen Zeit an.

Könnte es da nicht sein, daß auch unsere Kirche einmal zerstört wird bis auf kümmerliche Reste, der Glaube in anderen Ländern aber sprunghaft anwächst? Die Kirche in Tansania hatte anfangs etwa 4.000 Mitglieder. Nach zehn Jahren waren es 22 - 24.000 Gemeindeglieder. Man fährt dort auf die Dörfer, zeigt Lichtbilder zu biblischen Geschichten, hält eine Predigt, und schon kommen Leute, um sich taufen zu lassen. Jetzt hat diese Kirche ein großes Problem: Wie kann sie all diese vielen Menschen in ihrer Mitte fest verwurzeln?

Es fehlen ihr Pfarrer und Katecheten und Gemeindehelferinnen, weil sie zu schnell gewachsen ist. Der Staat hat dort zwar 1971 die kirchlichen Schulen verstaatlicht. Aber er hat der Kirche angeboten, sie könnte jeder Tag eine Stunde Religionsunterricht in der Schule erteilen! Leider hat die Kirche wieder nicht genug Leute. Es ist doch schön, wenn wir hören, daß es mit der Kirche auch aufwärtsgeht, wenn auch an einem anderen Ort.

Der Blick in die Vergangenheit sollte uns jedoch Anlaß zu ernsthafter Selbstprüfung sein. Nicht nur das Beispiel Nordafrikas kann uns dabei vor Augen stehen, sondern auch das Schicksal des Tempels in Jerusalem. Der Prophet Jesaja hatte zwar gesagt: „Ihr könnt euch auf Gott verlassen und die Feinde werden den Tempel nicht erobern können!“ Die Assyrer hatten damals tatsächlich abziehen müssen. Aber inzwischen zog im Osten in Gestalt der Babylonier eine neue Großmacht herauf

Der geschickte König Josia hatte dem Volk zwar noch einmal Luft verschafft. Er hatte auch den Tempel von allem heidnischen Beiwerk gereinigt und durch ein neues Gesetzbuch die alten Gebote wieder in Kraft gesetzt. Damit hatte er eine Periode des Glücks und des Wohlstands eingeleitet. Die „Sicheren“ hatten die Erwartung, daß jetzt kein Absturz erfolgen könne und der Prophet Jeremia mit seiner Unheilsweissagung im Unrecht sei.

Wie schnell sich aber alles ändern kann, zeigt sich immer wieder in den verschiedenen Wirtschaftskrisen unserer Zeit. Auch der Prophet Jeremia stand der damaligen Reform mehr abwartend gegenüber. Er sieht nur, daß sich das Selbstbewußtsein der Menschen sehr gesteigert hat, aber daß sie sich nicht in der Tiefe geändert haben. Sie verlassen sich blindlings darauf: „Wir haben ja den Tempel in unserer Mitte, Gott ist bei uns, da kann uns ja nichts passieren!“ Daß die Nähe Gottes auch irgendwelche Folgerungen für ihr Alltagsleben haben könnte, das sehen sie nicht bzw. wollen es nicht sehen.

Der Prophet Jeremia aber erinnert sie an das Beispiel des Tempels in Silo. Der war ja auch Gottes Haus gewesen und in ihm stand ja auch die Bundeslade zum Zeichen des Schutzes Gottes für sein Volk. Aber er war doch von Feinden zerstört worden. Genauso ist ja auch dann der Tempel in Jerusalem durch die Babylonier und später noch einmal durch die Römer

zerstört worden.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis ist der Erinnerung an dieses Ereignis gewidmet. Er soll uns aber nicht zur Schadenfreude über die ungläubigen Juden verleiten. Wir müssen uns ja selber fragen, ob wir nicht auch unsere eigene Schuld verdrängt oder gar gerechtfertigt haben. Und wir müssen uns fragen, ob wir selber uns noch zum Volk Gottes rechnen dürfen, ob unser Gottesdienst und unser Leben dem entsprechen. Und es tut uns sicher ganz gut, wenn wir uns überlegen: Wozu sind unsere Kirchen da, was bedeutet es, wenn wir unsere Kirche als „das Haus Gottes“ bezeichnen:

 

1. Die Kirche ist nicht Wohnstube, sondern Gastzimmer: Die Kirche ist schon der Ort, wo Gott mit uns reden will durch sein Wort. Und wir können dort mit i h m reden durch Gebet und Lobgesang. Aber Gott sitzt nicht in der Kirche unter Hausarrest. Keine Liturgie und keine Andacht können ihn dort festnageln.

Gott ist nur dort, wenn er will und wir es ernst meinen. Er kommt dorthin als Gast, wenn er auf unsere ehrliche Bereitschaft zum Hören hoffen darf. Man kann Gott also in der Kirche begegnen. Aber der Segen Gottes klebt nicht an dem Gebäude. Vor allen Dingen kann man nicht eine Spaltung vornehmen: „Gott ist in der Kirche, wir aber sind überall sonst. Soll Gott nur schön in der Kirche bleiben. Aber in unserem Alltag hat er nichts zu suchen, da wollen wir allein schalten und walten!“

Zur Zeit Jeremias wurden die sozial Schwachen unterdrückt: Man ließ die Fremden, die Witwen und Waisen spüren, wer der Herr im Hause ist. Man brachte Gott etwas zum Opfer und die alten Eltern gingen leer aus. Vor hundert Jahren gab es auch bei uns Fabrikherren, die zur Kirche gingen, vielleicht Mitglied im Kirchenvorstand waren und eine offene Hand hatten, wenn der Pfarrer sie um eine Spende bat. Aber das hinderte sie nicht, ihre Arbeiter nieder zu

halten und sie als Mittel zu benutzen, um den eigenen Wohlstand zu steigern. Das kennen wir auch von denen, die heute ihre Firma schließen und eine neue gründen, wo aber nur halb so viel Lohn gezahlt wird. Es gab natürlich auch Gegenbeispiele, damals wie heute, wo Glaube und Lebenshaltung nicht so auseinanderfielen.

Dieses Leben in zwei Ebenen, einer öffentlichen und einer privaten, die nicht mehr in Deckung zu bringen sind, wird vom Propheten als der eigentliche Krebsschaden bezeichnet.

Gott ist dann nicht mehr der Herr, sondern der Sklave, der gefälligst zu sichern und zu schützen hat, die sich im Herzen längst von ihm losgesagt haben. Aber man hat sich an diesen Selbstwiderspruch gewöhnt. Vor Menschen mag das fromme Gehabe Eindruck machen und ein heiles Leben vortäuschen, Gott aber sieht die doppelte Wahrheit dieses Frommseins.

 

2. Die Kirche ist nicht ein Ort der Bestätigung, sondern der Begegnung: Man kann in die Kirche gehen und dennoch Götzendienst treiben. Gewiß sind unsere Gottesdienstbesucher keine Diebe, Mörder, Ehebrecher. Es gibt auch bei uns genug Götzendienst: Das ist einmal der Glaube an die erlösende Macht des Geldes und des Reichtums. Man muß immer mehr haben, sonst kann man sich nicht sicher fühlen. Und dann wird zusammengerafft, was nur geht, auf Kosten der anderen.

Oder nach Jesu Urteil ist schon die üble Nachrede ein Rufmord. Wie schnell sind wir aber dabei, andere abzuklassifizieren! Auch die Halbwahrheit ist Lüge, weil sie Wesentliches verschweigt und so Gemeinschaft zerstört und den Frieden gefährdet. Und daß auf dem Gebiet der Sexualethik alle Maßstäbe ins Wanken geraten sind - bis in die Pfarrhäuser hinein - ist kein Geheimnis mehr. Man versinkt in den Rausch der Hingabe an den Sex. Der Sex wird zum Götzen, wenn man an sich im Herzen leer ist, aber alles Glück im Sex sucht und hier auf seine Kosten kommen will.

Der Abfall vom wahren Gott wirkt sich immer sofort auch auf dem Gebiet der anderen Gebote aus: Wer dem Geld verfallen ist, bereichert sich an dem, was anderen gehört. Wer der Gewalt vertraut, bedroht den anderen an Leib und Leben: Er wird im Großen zum Aggressor und im Kleinen zum Terroristen, der angeblich für das Recht streitet, in Wirklichkeit aber das Recht zerstört.

Man kann die Gebote kennen und sie doch mißachten. Entweder man legt sie im eigenen Sinne aus, wie es gerade paßt. Oder man übertritt sie ganz unbekümmert und kommt dann ins Gotteshaus und tut so, als sei nichts gewesen. Der Gottesdienst ist dann nur eine kurze Unterbrechung des schändlichen Lebens, der Versuch, sich dem Anspruch Gottes auf eine ansehnliche und achtbare Art und Weise zu entziehen. Man läßt sich die Sünden vergeben und macht dann im alten Stil weiter.

Aber so macht man das Gotteshaus zur Räuberhöhle. Wie ein Räuber in seiner Höhle sich dem Zugriff des Richters entziehen will, so will sich dann der Mensch vor Gott in Sicherheit bringen. Vom Propheten können wir dabei lernen, Dinge beim Namen zu nennen, statt im Unverbindlichen zu bleiben. Wir können Gott schon in der Kirche begegnen. Aber er wird nicht unsere Meinung bestätigen, sondern seinen Willen zur Geltung bringen.

 

3. Die Kirche ist nicht Luftschutzbunker, sondern Rüststätte: Gottes Güte ist kein sanftes Ruhekissen, sondern will durch uns weiterwirken in die Welt hinein. Wir können im Gottesdienst nicht nur unter uns bleiben und Gott für uns allein behalten wollen, denn dann wäre Gott so etwas wie ein Talisman für uns. Unseren Mangel an Liebe können wir nicht ausgleichen durch regelmäßigen Gottesdienstbesuch, durch Beichte und Abendmahl.

Es gilt, die Türen der Kirche weit offen zu halten. Durch sie gehen wir hinaus zu den Menschen und versuchen ihnen etwas von der Güte Gottes deutlich zu machen. Besonders werden uns die Menschen ans Herz gelegt, die sich in einer bedrängten Lage befinden. Also die Menschen, auf denen alle herumhacken und die sich nicht wehren können. Wir haben zuerst nach denen zu sehen, die die Hilfe und Freundlichkeit eines Mitmenschen brauchen. Solange Menschen in Angst und Verzweiflung sind und ihrem Schicksal überlassen bleiben, können wir noch nicht fröhlich singen und gesammelt beten.

Ein harter Text, auf den ersten Blick kein Evangelium. Aber wir können von Jeremia doch noch etwas Tröstliches hören. Wir könnten es so formulieren: „Verlaßt euch nicht auf euren Kirchgang, verlaßt euch lieber auf Gott selber! Gott vergibt die Fehler der Vergangenheit, damit wir ihm in Zukunft besser dienen können!“ Trotz unserer Fehler dürfen wir es wagen, Gottes Güte so gut wie möglich an andere weiterzugeben. Und wenn wir trotz bester Absicht einem anderen nicht gerecht werden, dann dürfen wir auf Gottes Vergebung hoffen.

 

 

Jer 8, 4- 7 (Vorletzter Sonntag):

Der Mensch hat einen aufrechten Gang. Das unterscheidet ihn wesentlich von den Tieren. Der Mensch soll aufrecht gehen und nicht auf dem Boden herumkriechen, weil er betrunken ist oder weil er niedergeschlagen wurde. Aber es kann natürlich auch sein, daß er gestrauchelt ist, weil er unachtsam war oder schwach. Schnell ist man auch einmal hingefallen, ohne daß man es wollte.

Doch dann ist jeder bestrebt, möglichst schnell wieder hochzukommen. Man kann das auch üben, wie man mit möglichst wenig Kraftaufwand wieder aufsteht. Kleine Kinder und alte Menschen haben da oft ihre Schwierigkeiten. Gut ist es dann, wenn jemand anders da ist, der dabei helfen kann. Aber wieder hochkommen soll der Mensch. Das will auch Gott. Deshalb hat er dem Menschen auch so etwas wie den Instinkt bei den Tieren mitgegeben, nämlich die Vernunft und den Verstand. An sich könnten sie wissen, wie ihr Leben verlaufen sollte. Der Prophet Jeremia aber klagt. Der Mensch lebt ohne Instinkt, sich selbst zum Schaden und zum Kummer Gottes.

 

1. Der Mensch lebt ohne Instinkt:

Der Prophet sieht den Zug der Vögel und stellt fest, daß sie blindlings wissen, wohin die Reise gehen soll. Die jungen Störche fliegen vor ihren Eltern in den Süden auf einem Weg, den sie nicht wissen können. Und alle Störche westlich der Elbe fliegen über Gibraltar nach Afrika und die östlich der Elbe über die Türkei. Selbst wenn man die Eier in den anderen Bereich bringt, dann nehmen die ausgeschlüpften Störche doch den ihnen in die Wiege gelegten Weg.

Wenn der Mensch doch auch so einen Instinkt hätte, wenn es um den Glauben an Gott geht. Doch das soll ja gerade nicht sein, daß der Mensch nur zwangsweise an Gott glaubt. Der Mensch soll frei sein, geschaffen nach dem Bilde Gottes und deshalb nur wenig niedriger als Gott. Doch gerade das legt ihm eine besondere Verantwortung auf, daß er sich richtig entscheidet. Es geht nicht, daß man sagt: „Der wird sich nicht mehr ändern!“

Der Mensch ist zwar auch in einem gewissen Sinn festgelegt durch seine Erbanlagen, seine

Erziehung, seine Fähigkeiten und seine Umwelt. Aber wie er damit umgeht, das hat allein er zu verantworten: Er wird Rechenschaft ablegen müssen vor Gott über das, was er ist und was er tut.

Doch im Unterschied zu den Tieren scheinen wir entwurzelt zu sein und aus der Ordnung gefallen, krank an Seele und Herz. Und das Schlimme dabei ist nicht, daß man nur abgeirrt ist, sondern daß man auf dem einmal eingeschlagenen Weg mit einer unbeirrbaren Selbstverständlichkeit weiter geht.

Jeder sündigt dabei auf seine Weise. Wenn es die in diesem Bibeltext erwähnten Sünden nicht bei uns gäbe, so gibt es doch andere Sünden. Wir brauchen uns gar nicht über die „schlechte Welt“ aufzuregen, so als ob die anderen nur böse wären.

Aber was wäre denn dabei, wenn man sich und anderen eingestehen würde: „Ich habe mich geirrt, es darf mit mir nicht so weiter gehen?“ Doch es ist ganz schwer, einen Fehler einzugestehen. Oft rechtfertigen wir unsre Schwäche noch damit, daß wir trotzig darauf beharren: „Das habe ich mir wohl überlegt und mit voller Absicht getan!“ Wir sind erfinderisch darin, Erklärungen für unsere Zusammenbrüche zu finden und sie damit nachträglich zu legalisieren. Um keinen Preis wollen wir das Gesicht verlieren und rennen auf unserem Irrweg weiter wie ein Pferd, das durchgegangen ist.

Gott sucht Menschen, die bereit sind umzukehren. Gemeint ist eine Rückkehr zu den Ordnungen Gottes. Doch der Begriff „Ordnung“ ist verdächtig geworden, weil man daraus den Unterton des Zwanghaften und der Unterdrückung heraushört. Doch Ordnung ist auch eine Hilfe. Das gilt vor allem von Gottes Ordnungen. Die Tiere kennen ihre Ordnung und halten sich daran. Aber die Zweibeiner, die doch Vernunft haben und nicht nur Instinkt, verharren in ihrem Eigensinn. Gott hat es schwer mit uns.

 

2. Der Mensch schadet sich selbst:

Das Thema dieses Sonntags ist das Weltgericht. Der Philosoph Hegel hat gemeint, die Weltgeschichte sei das Weltgericht, also in der Geschichte der Menschheit vollziehe sich das Gericht Gottes. Aber nicht alle Schuld rächt sich auf Erden. Es ist immer eine Anfechtung für die Frommen, wenn es den Bösen gut geht und sie selber müssen leiden.

Aber Gottes Gericht an der Welt ist jetzt schon im Gange. Das merkt man schon daran, daß wir ja wissen, daß wir letztlich unser Leben vor Gott zu verantworten haben. Auch durch Wegsehen werden wir diese Verantwortung nicht los. Früher oder später wird er uns alle stellen und Sünde wird mit Sünde bestraft.

Konkret heißt das: Der Lügner hat bald das Vertrauen der anderen Menschen verloren. Wer die Arbeit nur als Mittel zum Geldverdienen ansieht, wird bald keine Freude mehr an ihr haben. Wer oberflächlich ist und immer nur auf die erst besten Vergnügungen aus ist, den wird das Leben bald „anstinken“.

Aber das einzig Vernünftige tut der Sünder nicht: Wenn er hingefallen ist wieder aufzustehen. Aber dadurch verfällt er einem furchtbaren Zwang zum Weitersündigen. Am Ende glaubt er selber nicht mehr daran, daß er wieder normal werden kann.

Das sieht man besonders an den Suchtkranken, den Trinkern und Rauschgiftsüchtigen, die sich nicht mehr am eigenen Schopf herausziehen können. Das ist ja das beste Argument des Bösen gegenüber dem schwachen Menschen: „Du schaffst es sowieso nicht mehr, da kannst du auch weitermachen wie bisher!“

Andererseits gilt aber auch: Wenn uns etwas gelungen ist, dann ist das noch nicht der Freispruch Gottes. Und Schaden oder Niederlage bedeuten noch nicht die Verurteilung durch Gott. Aber es gilt, sich vor dem zu beugen, der das letzte Wort spricht. Unsere private Lage und auch die große Weltlage haben wir selbst mit geschaffen. Das, worunter wir seufzen, geht auch auf unser Konto. So schwer hat es Gott mit uns: Wir leben uns selbst zum Schaden!

Denken wir nur an die Kriege, die es ständig in der Welt gibt. Früher war es wenigstens so, daß sich Berufssoldaten unter Führung ihres Königs draußen auf dem Feld trafen und gegenseitig umbrachten. Heute aber werden Hilfskonvois und Krankenhäuser bewußt bombardiert und Selbstmordattentäter suchen eine große Menge, um möglichst viele Menschen mit umzubringen oder sie ziehen mit automatischen Gewehren durch die Straßen der Stadt oder in Säle , um wahllos Menschen zu erschießen.

Der Zugattentäter von Würzburg hat vorher mit seinem Chef telefoniert. Dieser fragte ihn nach Waffen. Er sagte, er habe ein Messer und eine Axt. Daraufhin der Vorschlag: „Fahr doch lieber in eine Menschenmenge!“ Doch d er Siebzehn jährige muß kleinlaut bekennen: „Ich habe noch keinen Führerschein! Ich will aber heute noch im Paradies sein!“

So viel Verblendung würde man im christlichen Raum nie hören. Da würde eher die härteste Strafe Gottes angedroht für so ein Handeln. Außerdem sind das Feiglinge und Verbrecher, die so handeln, weil sie nur aus dem Hinterhalt aktiv werden. Damit soll nicht gesagt sein, daß das übliche Kriegshandwerk wenigstens ehrlich und erlaubt sei - nur zur Selbstverteidigung natürlich. Es ist auch nicht richtig, immer wieder von „unschuldigen Opfern“ zu reden , in der Regel von Frauen und Kindern. Sind die Soldaten dann etwa schuldig, sozusagen selber schuld daran? Nein, Soldaten sind genauso Opfer der Machtinteressen anderer wie die Zivilisten.

Der heutige Sonntag ist im öffentlichen Leben der Volkstrauertag. Früher war das sogar der „Heldengedenktag“. Aber Soldaten sind nie Helden – und in der Regel sind Helden ja auch tot. Soldaten sind ganz arme Kerle, die von anderen nach vorne geschickt werden, während die Drahtzieher weit hinter der Front im sicheren Bunker sitzen. Soldaten sollen etwas tun, was gegen ihr Gewissen und gegen Gottes Gebot ist. Und doch bleibt ihnen nichts anderes übrig, wenn sie nicht selber erschossen werden wollen, entweder von den anderen oder von den eigenen Kriegsgerichten.

Die öffentlichen Reden heute sind anders als früher. Sie beziehen nicht nur die Soldaten ein, sondern auch alle zivilen Opfer, ja sogar alle Opfer von Gewalttaten von Attentätern und Terroristen. Leider ist unsre Welt so. Aber das beste Mittel, um Kriegsverbrechen zu verhindern, ist doch immer noch, gar nicht erst einen Krieg oder eine Gewalttat zu beginnen.

 

3. Der Mensch lebt Gott zum Kummer:

Dieser Bibeltext scheint keinerlei Evangelium zu enthalten, sondern nur Anklage und Enthüllung und Aufdeckung. Doch die frohe Botschaft darf in keiner Predigt fehlen, auch wenn man sie mit der Laterne suchen muß. Und so erkennen wir, daß Gott hier nicht so sehr droht, sondern eher den Kopf schüttelt über das, was er bei den Menschen feststellen muß. Er ist nicht der Aufpasser, der alles in die Akten bringt. Und die Fakten aus den Nachrichtensendungen kennt er sowieso. Vieles, was er hört und sieht, tut ihm weh.

Aber Gott nimmt am Leiden der Welt teil durch seine Menschwerdung. Jesus fängt die Zerstörung der Welt auf und zieht sie auf sich. Wir brauchen unsre Sünde nicht zu verteidigen, weil sie nicht mehr unser Konto belastet. Diese Entschuldung macht er zu seiner eigenen Last, an Karfreitag hat das Gericht ihn selber getroffen. Wer an Christus glaubt, den belastet nun nichts mehr und er kann getrost neu anfangen.

Auch von unserem Mitmenschen können wir ruhig hoch denken. Aber das liegt nicht an sei­nem eigenen Gutsein, sondern an Gottes Vergebung. Gott hat den Mitmenschen angenommen so wie auch uns selbst. Deshalb können wir ihn nicht weiter verklagen, wo ihn doch Gott freigesprochen hat.

Gott will nicht, daß wir uns quälen in unserer Selbstzerstörung. Er will unser Leben erhalten. Er sieht gerne glückliche Menschen. Er leidet mit am Leid der Menschen, er freut sich mit an ihrer Freude.

 

 

Jeremia 9, 22 – 23 (Septuagesimä):

Ein bekannter Mann im Ort ist gestorben. Er war ein selbständiger Kleinunternehmer. Viele Menschen nehmen Anteil, selbst aus der Kreisstadt sind Abordnungen gekommen. Am Grab werden verschiedene Nachrufe gehalten: Von der Firma, vom Gesangverein und von den Geflügelzüchtern. Alle loben sie den Verstorbenen, er muß ein Muster an Tugend und Einsatzbereitschaft gewesen sein. Aber seine Angehörigen wissen auch, wo seine schwachen Seiten lagen und daß er für sie immer nur wenig Zeit gehabt hat.

Aber es ist nun einmal unter uns so üblich, daß ein Mensch gerühmt wird, wenn er gestorben ist. Vorher hat man sich vielleicht über ihn aufgeregt und ihm Schwierigkeiten bereitet. Aber nachher wird er gerühmt, als wollte man das Versäumte nachholen. Jeremia führt drei Dinge an, deren sich die Menschen gerne rühmen: Reichtum, Stärke und Weisheit. Darauf sind viele stolz und suchen darin ihren Halt und setzen es vielfach an Gottes Stelle.

1. Vergleichsweise harmlos ist noch das Prahlen mit dem Reichtum. Beim einen ist es die Wohnung, beim anderen das Auto, beim dritter die Münzsammlung. Die Leute sollen es sehen können, daß man es zu etwas gebracht hat. „Wer angibt, hat mehr vom Leben!“ Das ist eine Erkenntnis, die tief in uns drinsteckt. Der Mensch will nicht nur da sein und dem Leben etwas Schönes abgewinnen, er will auch etwas gelten. Kein Mensch kann mit beschädigtem Ansehen leben. Und er läßt es sich etwas kosten, sein Ansehen zu steigern. Beruflicher Erfolg und ein gewisser Wohlstand sollen Tüchtigkeit nachweisen und den Menschen auch vor Gott rechtfertigen.

Vor da ist es nicht mehr weit bis zur Versuchung, sein Leben durch Besitz und Wohlstand sichern zu wollen. Doch es ist schon die Frage, ob alles durch eigene Arbeitsleistung erworben wurde oder zu Unrecht oder auf Kosten anderer an sich gerissen wurde. Wir brauchen natürlich auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir unser Lebenswerk so für uns betrachten.

Wir haben schon für uns und unsere Mitmenschen zu sorgen. Aber wir sollten doch nicht meinen, darin könne unser Leben aufgehen. Wenn ein Mann seiner Frau alle Wunsche äußerer Art erfüllt, so kann die Ehe doch mißlungen sein, weil er trotz einer Fülle materieller Güter zum eigentlichen Leben nicht gekommen ist. Dann fehlt nur noch ein kleiner Schritt, daß der Wohlstand in unserem Leben unversehens die Stelle einnimmt, die Gott gehört. Gott will nicht, daß wir arm sind. Aber unser bester Reichtum will er selber sein.

Die Gemeinschaft mit dem liebsten Menschen, den wir haben, macht uns schon reich. Noch größer aber ist das Glück der Gemeinschaft mit Gott. Wenn man das hat, ist man „reich in Gott“. Dann hat man nicht nur die Vermutung, es müsse ein „höheres Wesen“ geben, sondern man ist in persönlicher Verbindung mit dem, der unser Leben erst lebenswert macht.

2. Eine zweite Möglichkeit ist das Prahlen mit der eigenen Stärke. Wer stark ist, kann sich gegen alle Widerstände durchsetzen. Das fängt an auf dem Kinderspielplatz, wo einer den anderen wegschubst. Das geht weiter bei den Schulbuben, wo der größere und Stärkere den Unterlegenen verhaut. Das findet sich beim Gerangel um eine gute Stelle im Beruf. Und das geht hin bis zum Einsatz der Macht des Staates nach außen und innen.

Es ist keine Frage: Ohne Machtausübung ist das Leben in unsrer Welt nicht denkbar. Solange es den Kampf ums Dasein gibt, muß das Lebensrecht aller von oben her gesichert werden. So ist auch staatliche Machtausübung notwendig, um Ordnung zu schaffen und zu bewahren. Macht und Stärke bedeuten aber auch die Versuchung, mit dem Säbel zu rasseln. Es reizt jeden, seine Überlegenheit darzustellen. Doch richtiger wäre, jede Machtausübung als unvermeidbares Übel ansehen und sich prüfen, ob man heimlich seine Macht genießt und sein Selbstbewußtsein an ihr steigert.

Die Gefahr ist immer, daß man seinen Halt an der Macht sucht. Bei einem Vorgesetzten in der Firma legt das schon die Stellung nahe. Mancher kann auch psychisch auf andere einwirken. Und auch im großen Weltgeschehen versucht man oft, sich allein an die Macht zu klammern. Doch richtig wäre es, zu einem vernünftigen Ausgleich der Interessen zu kommen und das Vertrauen auf die Macht abzubauen. Das aber wird am besten gehen, wenn Gott unsre Stärke ist.

Wer machtgläubig ist, rechnet nicht mehr mit Gott und sucht nach etwas anderem, woran er sein Vertrauen hängen kann. Das kann man sich besonders deutlich machen am Hitlerfaschismus. Damals war fast ein ganzes Volk dem Götzendienst der Macht verfallen und stützte sich auf einen, der mit dem Anspruch des letzten Höchstwertes auftrat. Nur zwölf Jahre war er an der Macht. Aber bis heute gibt es immer noch Leute, die ihn verherrlichen und diese Zeit als eine große Zeit für Deutschland ansehen. In dem Maße aber, in dem wir an Gott glauben, können wir der Macht nicht mehr verfallen sein. Wir werden nicht mehr auf sie vertrauen, aber wir werden sie auch nicht fürchten. Gott wird dann unsre Stärke sein. Und alle unsre Macht wird dann im Dienste Gottes stehen.

3. Die dritte Möglichkeit wäre, daß wir mit unsrer „Weisheit“ prahlen. Das kann durchaus auch ein frommer Mensch tun. Er ist dann eben überzeugt davon, was recht und unrecht ist, lebensfördernd und lebenszerstörend - und er will das alles auch wissen ohne Gott. Er ist dann auch stolz und hört es gern, wenn man ihn für einen vorbildlichen Christen ansieht. Er meint: „Mit solchen Menschen wie ich muß Gott doch etwas anfangen können. Die anderen haben Gottes gnädige Vergebung nötig, ich aber bin von vornherein gerecht!“ Statt Gott zu rühmen, rühmt er sich selbst. Wahre Weisheit aber bezieht Gott mit ein.

Deshalb ist es schon eine wichtige Frage, was wir unseren Kindern und Enkeln mit auf den Lebensweg geben. Wenn man ihnen Vermögen mitgeben kann, ist das nicht schlecht. Aber wenn man ihnen eine gute Ausbildung mitgeben kann, ist das in der heutigen Zeit vielleicht wichtiger: Schule und Berufsausbildung, vielleicht ein Studium und vielleicht ein Auslandsaufenthalt, das zahlt sich doch irgendwann einmal aus. Aber Bildung ist nicht nur das, was einem bei „Wer wird Millionär“ hilft.

Es gehört auch das dazu, was man mit dem Wort „Herzensbildung“ beschreibt: Höfliches Verhalten gegenüber dem Mitmenschen, Verständnis für die Benachteiligten, Einsatz für Menschen in Not. Und schließlich gehört auch der Glaube dazu. Ein Mann zitierte einmal ein langes Gedicht, das ihn seine Eltern gelehrt hatten und das er als eine Art Vermächtnis seiner Eltern ansieht. Er sagte: Nach diesen Worten hat er immer zu leben versucht, und er möchte, daß auch seine Kinder und Enkel diese Erkenntnisse und Weis­heiten übernehmen.

Ich dachte dabei: An sich müßte man außer dem üblichen Testament auch ein „Testament des Herzens“ machen. Da könnte man alles noch einmal zusammenfassen, was einem wichtig war im Leben und was man der nächsten Generation weitergeben möchte, also die Summe dessen, was man selber übernommen hat und was man im Leben dazugelernt hat.

Vielleicht möchte man, daß die Kinder den vererbten Besitz zusammenhalten, möglichst vermehren und nur im wirklichen Notfall angreifen. Daß sie ihre Stärke zum Wohl der Familie, aber auch zum Wohl anderer Menschen einsetzen, nicht auf der Seite der Mächtigen stehen, sondern auf der Seite der kleinen Leute. Und schließlich möchte man auch die Weisheit des Alters und den Glauben der Vorväter weitervermitteln.

Aber mancher von uns wird sich nicht seines Reichtums, seiner Stärke und seiner Weisheit rühmen, sondern eher das Gefühl der Ohnmacht haben. Sein Selbstbewußtsein ist eher zerstört als zu stark ausgeprägt. Doch unser Ruhm und unsre Stärke ist, daß wir einen Gott haben, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt.

Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich heute an einer Frau, die in einer Krankenschwester eine Hilfe erfahren hat. Sie war wegen erschreckender Gewichtsabnahme ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ärzte umstehen ihr Bett und sie fürchtet, plötzlich etwas zu erfahren, was sie ihr nicht sagen wollen. Als sie gehen, bittet die Frau eine Schwester, doch noch etwas zu bleiben. Leise sagt sie: „Ich kann nicht mehr beten!“ Da legt die Schwester ihr nur die Hand auf die Stirn und sie weiß nun: Die Schwester wird es für mich tun“

Wie Gott Recht schafft, hat eine Scheidungsrichterin erfahren. Sie muß juristisch feststellen, daß eine Ehe ihren Sinn verloren hat. Mit jeder zerbrochenen Beziehung leidet sie aber mit. Sie möchte lieber verbinden als die Zerrüttung feststellen. Manchmal gelingt es ihr, eine Ehe wieder zu heilen, daß Mann und Frau sich auf einmal erkennen, wie sie sich noch nie sahen. Dann ist etwas vom Recht Gottes verwirklicht worden.

Gottes Gerechtigkeit zeigt sich zum Beispiel bei einer Goldenen Konfirmation. Da sind auch immer einige dabei, die sich in der Kirche gar nicht mehr so recht auskennen. An Gott haben sie immer einmal gedacht, aber Kirchengänger waren sie nie. Und dann wird das Abendmahl ausgeteilt. Da sind sie auf einmal alle eingeladen, auch die, die keine Kirchenchristen waren. Auch ihnen wird gesagt: Für dich gegeben! Das ist etwas ganz anderes als der Ruhm des eigenen Reichtums, der Stärke und der Weisheit. Hier wird Gott groß gemacht. Und das kommt letztlich uns allen zugute.

 

 

Jer 20, 7 - 11 a (Okuli):

Wenn wir hören, was manche Menschen alles zu ertragen haben, dann machen wir uns doch darüber unsere Gedanken. Besonders bei Christen kann man der Kopf schütteln und fragen: Womit hat denn dieser Mensch das verdient? Er hat sich doch immer zur Gemeinde gehalten und seinen Glauben ganz ernst genommen. Und nun muß er so etwas Schweres durchmachen!

Da kämpft einer gegen die Macht des Kapitals, setzt viel Zeit dafür ein, sieht das Kopfschütteln der Passanten, wenn er mit einem Plakat demonstriert. Wenn das öffentlich bekannt wird, hat er vielleicht Nachteile beim Arbeitgeber.

Gar mancher sagt dann: Das müßte man eigentlich auch auf sich nehmen, denn wenn viele das so machten, dann würde sich manches ändern! Aber letztlich sind es immer nur Einzelne, die so radikal sind. Die anderen suchen doch eher den Kompromiß, und die Entschiedenen sind dann doch wieder allein auf weiter Flur. Im Grunde legen wir damit doch stillschweigend fest, daß ein Nachfolger Jesu auch Anspruch auf ein einigermaßen gutes Leben hat. Es soll ein Leben ohne Last und Anfechtung sein auf dem Weg des geringsten Widerstandes

Der Prophet Jeremia war einer von den anderen, die im Gehorsam gegen Gott ihren Weg gehen, komme was wolle. Er hatte sich gegen die falsche Sicherheit ausgesprochen, die aus einem mißverstandenen Vertrauen auf den Tempel erwuchs. Er hatte die Übertretung der Gebote Gottes und den Götzendienst gebrandmarkt. Er hatte gewarnt vor dem Gericht Gottes, das von Norden her kommen würde.

Dafür hatte ihn die Tempelpolizei mißhandelt, gefangengesetzt und Hausverbot gegeben. Der König hatte die Prophetensprüche demonstrativ am offenen Feuer verbrannt. Dann hatte man ihn bei einem Fluchtversuch erwischt, als er zu den Feinden überlaufen wöllte. Man warf ihn in eine verschlammte Zisterne im Schloßhof, wo er umgekommen wäre, wenn nicht ein Ausländer ihn gerettet hätte.

Warum muß ein frommer Mann wie Jeremia so etwas aushalten? Warum hat er auf einmal alle gegen sich, auch die, auch die angeblich seine Freunde waren. Er hat nicht nur Schlimmes für Leib und Leben zu befürchtet, sondern sie begegnen ihm auch mit nicht endendem Spott und Gelächter, um ihn moralisch zu verrichten.

Dabei war Jeremia ein hochempfindlicher Mensch. Gott wollte ihn zwar zur eisernen Säule und ehernen Mauer machen. Aber das hieß offenbar doch nicht, daß er damit hart im Nehmen gewesen wäre und alle Feindseligkeiten unerschüttert ertragen hätte. Er leidet an Gott und dem von Gott erteilten Auftrag, er ist der Sache Gottes nicht problemlos gewiß gewesen.

Damit ist es ihm ähnlich ergangen wie Jesus. Auch Jesus ist fast an diesem Konflikt zwischen Gott und der Welt zerbrochen. An dem Vorläufer Jeremia wird etwas von dem Geschick Jesu sichtbar. Jeremia ist in der Spur des angefeindeten und leidenden Christus gegangen, auch wenn er ihn noch nicht gekannt hat.

So wie Jesus hat Jeremia unter dem Druck der Verfolgung leiden müssen. Doch das ist nicht sein persönliches Pech, sondern das hängt tief mit seinem Auftrag zusammen: Er soll die Sünde der Menschen ans Licht ziehen, den Abfall von Gott und die lästerliche Selbstsicherheit.

Das waren ganz andere Töne, als sie von den sogenannten Heilspropheten zu hören waren. Die sagten, was man gerne hören wollte: Auch den Scharfmachern in Jerusalem wäre es lieb gewesen, wenn Jeremia ihre Kriegspläne unterstützt hätte, ihnen im Namen Gottes die Unbesiegbarkeit Jerusalems verkündet hätte. Genauso wäre es den Kapitalisten von heute lieber, wenn Ruhe vor ihrer Bank wäre.

Wer aber von Gottes Wort her zu einer anderen Entscheidung kommt, der macht sich verhaßt und wird als Gegner abgestempelt. Oder man sagt: „Laß den doch, der ist nicht ganz richtig im Kopf, der kann sich doch nicht mit allen anlegen wollen!“ So wurde auch Jesus belauert und herausgefordert, angezeigt und verklagt, weil er störte.

Aber er hat dennoch eine sich als Frömmigkeit ausgebende Selbstgerechtigkeit entlarvt und ist der Unbarmherzigkeit entgegengetreten, die den Ausgestoßenen verkommen läßt. Er hat die falsche Gottverbundenheit gebrandmarkt, die den wirklichen Gott gar nicht an sich heranläßt.

Aber einer mußte dabei auf der Strecke bleiben. Jeremia konnte noch sagen: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen!“ Bei Jesus aber war es anders: Er blieb auf der Strecke, weil er nicht wollte, daß wir an unserer Verkehrtheit zugrunde gehen. Was uns zukäme, das hat ihn getroffen. Soviel Jeremia auch leiden mußte und vielleicht auch wir leiden müssen: Jesus hat mehr aushalten müssen.

Diese Erkenntnis kann auch helfen zum Durchhalten. Jeremia hat das Gotteswort ja zunächst wie eine Speise empfangen, es war seines Herzens Freude und Trost. Aber nach seinen bedrückenden Erfahrungen hat er zu seinem Amt kein Verhältnis mehr. Er sagt: „Du hast meine Dummheit ausgenutzt und mich verführt, so wie man ein Mädchen verführt!“

Jeremia ist an den Punkt gekommen, wo man Gott den Auftrag wieder vor die Füße wirft. Er möchte sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen an ein Fleckchen, wo einen niemand mehr findet. Dann wäre endlich Ruhe. Aber dann müßte man auch alles auslöschen, was bisher gewesen ist. Irgendeinen Job kann man auf diese Weise aufgeben, die Sendung durch Gott jedoch nicht.

Das empfindet auch Jeremia: Wenn er Gott den Gehorsam aufsagen wollte, dann müßte er Gott selbst aus seinem Denken und Gewissen ausradieren. Ein solches Davonlaufen aber ist ihm unmöglich, da würde ein inneres Feuer ihn verbrennen. So muß er sein Leiden bis zur Neige dann auskosten.

Auch Jesus ist seinen Weg gegangen aus der Einsicht in das göttliche „Muß“. Nur so bleibt er im Einklang mit dem Vater. Jesus hätte natürlich auch nur schöne Tage und ein glattes Leben haben können. Wir wünschen das für uns sicher auch oft. Aber Gott hat Jesus das nicht erspart, was er schon dem Jeremia nicht erspart hatte: Er mußte eben auch alle Angst und alles Ausgeliefertsein mit durchschreiten.

Aber gerade diese Tiefen bringen ihn ganz in unsere Nähe. Gerade seine Ohnmacht ist eine Ermutigung für uns. Seine Einsamkeit schafft die Nähe, die wir brauchen. Sein Sterben ist der Grund für unsere Hoffnung auf das Leben. So gewinnen wir wieder Lust zur Nachfolge. Frommsein ist kein Höhenflug, den nur wenige Auserwählte fertigbringen. Es ist vielmehr die Erfahrung, daß man Kraft kriegt, wo man keine mehr hat; daß man die Hoffnung behält, wo nicht mehr viel zu hoffen ist; daß man die Herrlichkeit Gottes erfährt, wo sich die Niedrigkeit des Alltags auftut.

Am Ende hat auch Jeremia noch die Bewahrung Gottes erfahren. Weil Gott ihn nicht losläßt, nimmt er diesen Gott auch seinerseits wieder in Anspruch. Er erinnert sich an die Zusagen, die ihn seit der Stunde der Berufung begleitet haben. Als Jerusalem schließlich erobert wird, da schonen ihn auch die Babylonier und stellen ihm frei, was er nun tun will, während die Gegner des Jeremia in die Gefangenschaft müssen. Zuletzt ist der Prophet doch noch gerechtfertigt worden.

Das muß nicht immer so sein. Aber für uns könnte es vielleicht doch gut sein, wenn wir an solchen Erfahrungen festhalten. Ein Beispiel dafür sind auch die Psalmen. Sie beginnen oft mit einer Klage und enden mit dem Dank für die Errettung. Doch der Grund dafür ist nicht ein Stimmungsumschwung in dem Betenden. Vielmehr wird hier die Stimme des Klagenden abgelöst durch die Stimme der betenden Kirche, die die Gedanken auf den Weg lenkt, der durch die Glaubenserfahrung des Volkes Gottes schon gebahnt ist.

So hört man auf, nur auf seine eigenen Nöte und Verlegenheiten zu starren. Ja man kann dann sogar in einer ausweglosen Situation sein und doch schon die Rettung voraussehen und sogar das Lob Gottes schon vorauszunehmen. Man kann mitten im Gedränge sein und in einer Lage, die Jeremia mit „Grauen ringsum“ bezeichnet, und doch in der Gewißheit der Bewahrung leben.

Man kann dann traurig sein und doch allzeit fröhlich, man kann wie ein Sterbender sein und doch leben. So geht es denen, die sich in der Nachfolge des Gekreuzigten befinden. Die Passionszeit könnte uns dazu anleiten, diese Gewißheit immer wieder zu üben.

 

 

Jer 23, 5 – 8 (1. Advent):

Jede Regierung hat wohl ein bestimmtes Ziel vor Augen für ihren Staat und für ihre Bürger. Nach außen möchte man Sicherheit, ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarn, internationale Anerkennung. Und mancher große Staat strebt auch weltpolitische Macht an, möchte Einfluß haben und unter Umständen auch andere Länder ausbeuten können. Nach innen sucht man Wohlstand und Glück zu verschaffen, Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen und allseitige Zustimmung zu den Maßnahmen der Regierung.

Meist verkörpern sich solche Wünsche in einer bestimmten Person an der Spitze eines Staates. Dort befindet sich meist ein starker Mann, ob er dieses Amt nun geerbt hat oder sich selbst genommen hat oder durch Wahl erlangt hat. Auch wenn sich mehrere in die Macht teilen und eine demokratische Kontrolle da ist, so ergibt sich doch immer ein Gegenüber von Führung und Geführter. Und der kleine Man meint doch immer, „die da oben“ hätten allein etwas zu sagen und seien dann natürlich auch für alle Rückschläge und Mißerfolge dem Volk gegenüber verantwortlich.

Zur Zeit des Propheten Jeremia wurde die Staatsspitze durch einen König verkörpert. Aber was war das für ein König? Die Babylonier schickten sich an, auch den kleinen Staat Juda noch ganz unter ihre Gewalt zu bekommen. Vorerst hatten sie den Zedekia als einen von ihnen abhängigen König eingesetzt. Sein Name bedeutet an sich etwas Positives: Unsre Gerechtigkeit ist Gott!“ Damit wird auf eine wichtige Aufgabe des Königs hingewiesen: Er soll Augen im Kopf haben, soll sein ganzes Land überblicken und vor allem auf das Recht im Land achten.

Aber gerade damit stand es sehr schlecht. Jeder versuchte, nur das Beste für sich selber her­aus­zuholen. Man setzte sich rücksichtslos durch und die Schwachen blieben auf der Strecke. Die Reichen wurden noch reicher und die Armen noch ärmer. Und das alles angesichts der außenpolitischen Gefahr, die das Volk doch eher hätte zusammenführen sollen. So aber zeigten sich alle Verfallserscheinungen eines untergehenden Volkes, eine Untergangsstimmung, in der man die Augen vor der Wirklichkeit verschloß.

In dieser Situation spricht der Prophet Jeremia von einem neuen König, der erst ein wahrer König sein wird, nicht so ein Schwächling wie er König Zedekia. Er erwartet ihn noch für die geschichtliche Zeit, vielleicht schon für die nahe Zukunft, jedenfalls nicht erst am Ende der Welt.

Wir denken dabei natürlich gleich auch an Jesus, der ja auch wie ein König in Jerusalem eingezogen ist. Allerdings sieht seine Herrschaft anders aus als die eines weltlichen Herrschers. Er wollte eben nicht mit Gewalt den Menschen seinen Willen aufzwingen, sondern sein Herrschen bestand im Dienen. Irdische Hoffnungen hat er dabei mit aufgenommen, aber eben auch deutlich gemacht, daß die volle Erfüllung seiner Verheißungen erst am Ende aller Zeit zu erwarten sein wird.

Auch heute will Jesus als ein König zu uns kommen, aber anders als die Könige Israels und auch anders als die Herrscher der Welt von heute. Drei Dinge sind für den wahren König Gottes charakteristisch: Er regiert sein Volk recht, er setzt Gottes Anspruch durch und er holt die Verstoßenen heim.

 

Jesus regiert sein Volk recht:

Jeremia rechnet wohl mit dem Ende des israelitischen Königtums. Es wird enden, so wie ein Baum abgehauen wird. Aber aus dem Stumpf kommt wieder ein Sproß hervor, der ein gerechter König sein wird. So stammte Jesus wohl aus einer Nebenlinie der Familie Davids,  aber er war die Erfüllung der Hoffnungen, die Israel in bezug auf seine Könige hatte.

Die weltlichen Herrscher sind immer Unterdrücker ihrer Völker gewesen. Mit Hilfe ihrer Soldaten und ihrer Polizei haben sie Macht nach außen und innen ausgeübt. Aber das war praktisch auch ihre einzige Art zu regieren, mehr fiel ihnen nicht ein. Meist waren sie vom Volk isoliert und hatten nur ihren eigenen Vorteil im Auge, nicht das Wohl aller.

Jesus aber hat Macht über die Menschenherzen. Ohne Drohung und Gewalt setzt er seinen Willen in uns durch. Sein Wort bindet uns an ihn. Oft bringt er uns dadurch aus der Ruhe, läßt und alte Gewohnheiten des Denkens und Handelns fraglich werden. Dann entdecken wir, wie verkehrt wir gelaufen sind und noch laufen. Adventszeit ist Zeit zur Selbstprüfung und zur Änderung des Lebens.

Aber indem uns Jesus zur Umkehr aufruft, ermutigt er uns auch, einen anderen Weg zu gehen. Es geht nicht darum, ein frommes Gehabe zu zeigen, und nur all den Weihnachtsklimbim mitzumachen. Jesus will uns ganz in die Hand bekommen. Aber das schafft er nicht dadurch, daß er sich gegen uns wendet. Das ist die irrige Meinung der weltlichen Herrscher: Wem das Volk aufmuckt, dann muß man es schon vorbeugend unterdrücken, muß drohen und die Freude alarmieren, damit sie notfalls gegen das Volk helfen. Jesus aber erklärt sich  f ü r  die sich ihm widersetzenden Menschen. Das hat ihm zwar zunächst das Kreuz eingebracht. Aber letztlich hat er doch viele Menschen dadurch überzeugt.

Das ärgert ja die weltlichen Herrscher so, daß da Menschen sind, die freiwillig dem wahren König der Welt folgen. Sie wissen eben: Dieser Jesus gibt acht auf seine Leute, er schaut sich im Lande um und weiß, wie es dort wirklich aussieht. Er hat ein brennendes Inter esse an seinen Leuten. Deshalb kommt er auch zur Einsicht und kann mit Klugheit und Glück seine Herrschaft ausüben. Für ihn ist es kein Wunschtraum, daß Regierung und Volk eng miteinander verbunden sind.

Allerdings hat er nicht die Veränderung der sozialen Verhältnisse als seine Aufgabe angesehen. Er wußte, daß sie erst am Ende der Welt wirklich aufgehoben werden können. Aber bis dahin überläßt er die irdische Gerechtigkeit der weltlichen Ordnung. Christen werden mit Nichtchristen zusammen sich für die Veränderung der Verhältnisse einsetzen. Die Liebe Christi wird sie dazu treiben, allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen. Aber sie werden jede Maßnahme an dem messen, was Jesus gewollt hat. Sie werden ihr Tun verstehen als Zeichen für das, was Gott noch mit der Welt vorhat. Letztlich wird es ihnen um die Herrschaft Gottes in dieser Welt gehen.

 

Jesus setzt Gottes Anspruch durch:

Jeremia wartete noch auf einen Menschen, einen irdischen König. Allerdings sollte dieser Mensch von Gott benutzt werden, um einen Teil des göttlichen Heils auf der Welt zu verwirklichen. Man wußte ja noch: Der wahre König Israels ist Gott selbst, und der Träger der irdischen Krone kann nur sein Stellvertreter sein. Aber Zedekia war kein solcher Stellvertreter. Er hatte zwar einen schönen Namen: „Gott ist unsre Gerechtigkeit“. Aber diesen Anspruch würde erst ein anderer wirklich erfüllen.

Das Zentralwort heißt hier „Gerechtigkeit“. Es beschreibt, was sich zwischen Gott und den Menschen abspielt, aber auch das Verhältnis der Menschen untereinander, wenn sie in Gemeinschaft miteinander verbunden sind. Gott beansprucht die Menschen und die ganze Schöpfung, indem er sie mit seiner Liebe zurückgewinnt. So stellt er wieder ein ungetrübtes Gottesverhältnis her, indem er sich selber als Bindeglied zur Verfügung stellt.

Gott setzt sich in der Welt durch, indem er sie liebhat. Jeremia hat noch nicht Jesus vor Augen gehabt. Aber was er hier ankündigt, ist in Jesus Wirklichkeit geworden. Für uns ist nichts weiter erforderlich, als daß wir uns von diesem Jesus helfen lassen.

 

Jesus holt die Verstoßenen heim: Die Adventszeit ist auch eine Zeit der Hoffnung. Aber worauf wollen wir warten? Auf bessere Zeiten etwa? Wahrscheinlich haben wir doch schon die beste aller Zeiten hinter uns. Mancher wird sich noch vorkommen wie in einem Wartesaal, wo man auf die Zukunft wartet. Aber im Wartesaal tut man nichts, da ist die Zeit meist nutzlos vertan. Doch besser ist es, aktiv die Gegenwart zu gestalten, allerdings dann mit einem festen Ziel vor Augen.

Das Reich Gottes ist nicht nur ein jenseitiges Reich, sondern es will Raum greifen in unsrer Welt. Es kommt von Gott und durch ihn, aber wir Menschen sind tätig dabei, gerade weil wir wissen, daß es noch aussteht. Jeremia hofft auf Freiheit für sein Land und sogar die Befreiung des nördlichen Nachbarreichs Israel. Dort hat man den größten Teil des Volkes schon in die Gefangenschaft geführt. Das war die Strafe Gottes für ihre Taten. Nur er weiß, wo diese Menschen jetzt sind. Aber Jeremia hofft, daß Gott auch diese Verstoßenen wieder heimführen wird.

Für uns ist die Hoffnung umfassender. Wir wissen, daß Gott sich sein Volk aus allen Völkern aussucht, sie sind ihm alle gleich lieb. Wir wissen auch, daß das Lied recht hat: „Welt ging verloren!“ Die Menschen sind Gott entfremdet, von ihm abgerückt, sie sind im „Elend“ Aber auch sie dürfen eine Hoffnung haben: Christus kommt und erreicht, daß Gott das riesige Schuldkonto annulliert und die Menschen wieder in ihre Heimat bei Gott zurückgeführt werden können

Davon leben wir auch heute. Christus ist zu uns auf dem Weg indem er uns verkündet wird. Die Tage, auf die Jeremia geblickt hat, sind gekommen: Für uns hat die Christusherrschaft schon begonnen.

 

 

Jer 23, 16 - 29 (1. Sonntag nach Trinitatis, Variante 1):

In dem griechischen Drama „Antigone“ geht es auch um den Konflikt zwischen zwei verschiedenen Wahrheiten: Antigone will ihren toten Bruder bestatten, aber der König, ihr Stiefvater, läßt den Rebellen auf offenem Feld liegen. Das Gesetz der Bruderliebe und das Gesetz des Staates stehen hier gegeneinander, beide haben ihr Recht, aber wer hat nun recht? Wer sagt die Wahrheit und wem kann man zustimmen?

Der Prophet Jeremia hat zeitlebens vor der Frage gestanden: „Wer sagt denn nun wirklich die Wahrheit: ich oder die anderen Propheten?“ Jeremia war sich da durchaus nicht so sicher. Als der Prophet Chananja dem Volk zurief: „Gott wird uns von der Herrschaft des Nebukadnezar befreien!“ da ging Jeremia still seines Wegs. Vielleicht hatte dieser andere Prophet doch recht und Gott würde wirklich sein Volk aus der Gefangenschaft in Babel nach Palästina zurückführen.

„Wie kann man merken, welches Wort von Gott stammt oder nicht?“ fragt einer im 5. Buch Mose (18, 21). Dort wird ganz einfach geantwortet: „Man wird ja sehen, was daraus wird! Ist es von Gott, dann trifft es ein; ist es menschliches Wort, dann erfüllt es sich nicht!“ Daß es aber nicht so einfach ist, hat Jeremia gespürt. Er hat selbst erst lange lernen müssen, zwischen Gottes Wort und den eigenen Gedanken zu unterscheiden. Deshalb ist er nun auch so empfindlich, wenn andere das nicht tun.

Geht es uns nicht auch manchmal so, daß wir denken: „Haben wir denn wirklich den einzig wahren Glauben?“ Was ist denn dran an Christus und dem Christentum? Es gibt doch so viel andere Religionen. Sollten die alle Unrecht haben? Es gibt doch so viele Freikirchen und Sekten. Sollte an deren Glauben nicht doch etwas Wahres dran sein? Es gibt verschiedene Weltanschauungen, die uns als Lebenshilfe angeboten werden. Sollte man damit nicht auch ein guter Mensch sein können? Woher wissen wir denn, daß unser Glaube der alleinseligmachende ist? Wollen wir warten, bis sich herausstellt, wer denn nun recht hat? Dann müßten wir bis zum Ende der Welt warten! Nein, hier und jetzt wollen wir eine Entscheidung!

Aber diese Entscheidung müssen wir halt selber treffen: „Glaubst du, daß Jesus ist der Christus?“ Wir werden in einem Wort Gottes nur dann die Wahrheit erkennen, wenn wir uns immer wieder dafür entscheiden und uns fragen: „Gilt dieses eine Wort, das ich jetzt höre, denn mir?“ Wer immer nur warten will, bis sich eine Sache durchgesetzt hat, der hat sie eben nicht anerkannt.

Es ist eben schon eine wichtige Frage, ob wir bei der Kirche bleiben wollen, wenn die Gegner des Christentums sich sammeln, Methode in ihrem Kampf annehmen und äußerliche Druckmittel in ihre Hand kriegen. Dann ist es - äußerlich gesehen - gar nicht so sicher, wer den Sieg davontragen wird. Wer da unsicher wird, ist gleich verloren. Und am ekligsten sind die Rückversicherer, die zwar abspringen, aber sich doch ein Hintertürchen offenhalten, falls es wieder einmal anders kommen sollte. Ob unser Glaube der wahre ist, das ist eine Frage, die wir jeder für sich beantworten müssen. Daß unser Glaube aber einmal siegen wird, das steht fest - wir können uns getrost Gott anvertrauen und ihm vertrauen.

Aber dafür haben wir nun keine eigenen Beurteilungsmöglichkeiten. Es ist falsch, wenn wir versuchen, in unser eigenes Innere zu horchen, ob sich da eine Antwort ergibt. Jeremia sagt: „Ihre Träume sollen sie ruhig erzählen, aber sie sollen sie nicht als Gottes Wort ausgeben!“ Im Traum, bei solchen menschlichen Eingebungen, kommt immer nur das Ich des Menschen zum Vorschein.

Es gibt aber auch Christen, die behaupten steif und fest: „Das hat mir Gott offenbart!“ Warum sollte das nicht so sein? Gott hat viele Möglichkeiten, in denen er sich offenbaren kann. Aber es ist doch immer besser, wenn wir bei solchen Behauptungen vorsichtig sind. Manche Menschen reden sich halt etwas solange ein, bis sie es selber glauben. Die Gefahr ist heute nicht mehr so sehr, daß wir fremden Göttern anhängen, sondern daß wir Gott nach unsren eigenen Vorstellungen umbilden und uns einen menschlichen Gott einbilden, so wie wir ihn gern haben möchten.

Hier zu Jeremia spricht Gott: „Bin ich nicht ein Gott aus der Ferne? Ihr denkt, ich sei nahe und würde euch helfen. Dabei ist mein Wort wie brennendes Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt! Ein wahrer Prophet verkündet jetzt Gericht, weil ich Gericht über dieses Volk und sie falschen Propheten beschlossen habe!“

Es ist aber nicht so, daß Gott immer nur Gericht halten will mit uns, daß er uns nur die Gebote vorhält und nicht auch seine frohmachende Botschaft vom Freispruch des Sünders. Die Predigt sagt „Heil“, wo Heil ist, und „Unheil“, wo Unheil ist. Aber ihre Hauptaufgabe ist doch immer, Gottes frohe Siegesbotschaft weiterzusagen, das Evangelium zu verkünden. Das ist wichtiger, als über die Sünden der Menschen zu schimpfen. Über das Gesetz, über die Gebote Gottes zu predigen ist immer leichter, weil uns unsre Sünden so plastisch vor Augen stehen. Doch unsre Aufgabe ist es: Das Evangelium so zu verkündigen, daß dabei auch ganz von selbst deutlich wird, was Gott mit seinen Geboten meint: Wer die frohe Botschaft nicht annimmt, richtet sich selbst, wer das Evangelium hört, hält Gottes Gebot.

Aber das haben die falschen Propheten damals doch gerade so gemacht! Sie riefen: „Gott hat Frieden mit euch, das Heil ist euch nahe!“ Doch gerade da entzieht ihnen Gott die Grundlage für ihre Verkündigung: „Ich habe sie nicht gesandt, ich habe mit ihnen nichts zu tun! Nur wem i c h mein Wort gebe, der redet in Wahrheit mein Wort!“

Jeremia hat deshalb doch einen Maßstab, an dem er die Wahrheit messen kann: das Wort Gottes! Er beruft sich auf das, was Gott schon früher zu dem Volk Israel gesagt hat, er beruft sich auf seine Bibel. Wir sollten uns ruhig auch einmal auf unsre Bibel berufen, wenn jemand uns fragt: „Woher willst du denn wissen, daß du recht hast?“ Gottes Wort läßt uns die Wahrheit erkennen!

Zum Schluß müßten wir uns noch einmal überlegen, wer denn die falschen Propheten unsrer Zeit sind. Religiöse Sekten, die etwa, den nahen Untergang der Welt ankündigen, regen sich ja bei uns kaum. Auf die falschen Propheten, die sagen: „Die Kirche ist überlebt, die Zukunft gehört uns!“ brauchen wir ja nicht zu hören. Wir brauchen solche Propheten nicht, weil unsere die Zukunft schon feststeht, weil Jesus Christus für uns die Zukunft ist und uns den Sieg gibt.

Aber auch in den eigenen Reihen haben wir falsche Propheten, die sagen: „Mit der Kirche wird es ja doch immer schlechter, es gibt keinen rechten Sonntag mehr und alles wird von Tag zu Tag anders!“ Aber dabei steht im Hintergrund der Gedanke: „Auch wenn ich mich nicht zur Kirche halte, bin ich dennoch kein schlechter Mensch?“ Solchen Miesmachern möchte man am liebsten sagen: „Machen Sie es doch anders. Halten Sie sich doch an Gott!“ Wir kommen nicht weiter, wenn wir immer alles miesmachen, aber auch nicht, wenn wir alles in einem zu rosigen Licht sehen und uns in Sicherheit wiegen, obwohl Gott über uns Unheil beschlossen hat. Es geht um eine nüchterne und praktische Einschätzung unsrer Wirklichkeit, aber auch um das Zutrauen, daß Gott uns - allen Unkenrufen zum Trotz - den Sieg gegeben hat.

 

 

Jer 23, 16 - 17 und 21 - 29 (1. Sonntag nach Trinitatis, Variante 2):

„Diese Frau sieht für Sie in die Zukunft. Gabriele Stahlberg - Star-Astrologin. Bisher arbeitete sie nur für die Großen dieser Welt. Ab sofort soll ihre Gabe allen zugänglich gemacht werden, auch denen, die nicht vom Glück begünstigt sind. Gabriele Stahlberg erstellt für Sie ihr ganz spezielles, persönliches Horoskop mit Eurogeld-Horoskop. Aufgrund Ihrer Daten erhalten Sie von Gabriel Stahlberg eine klare Aussage, wie ihre nächste Zukunft aussehen könnte. Gabriele Stahlberg sagt dazu: Es ist zu meiner Lebensaufgabe geworden zu helfen, und ich tue es gern. Ich erschrecke jedoch immer wieder, wie oft sich die Menschen von falschen Propheten in die Irre führen lassen und viel Geld dafür bezahlen!“

So steht es in der Programmzeitschrift, die der Tageszeitung beiliegt. Das Witzige ist daran, daß sie sich von falschen Propheten abgrenzt, aber selber so eine falsche Prophetin ist. Und Geld kostet es natürlich auch, wenn auch „nur“ 15 Euro und erst nach Erhalt des Horoskops.

Aber solche Anzeigen wecken doch die Frage: Von wem lasse ich mir etwas sagen? Auf wen höre ich?

Bei einer Wahl sind viele ratlos und fragen sich: „Wen soll ich wählen?“ Die Arbeit des europäischen Parlaments zum Beispiel ist für den Bürger so unanschaulich. Im Internet gibt es dafür den Wahl-o-mat: Da beantwortet man 30 Fragen zu Europa und dann wird einem am Ende gesagt, welche Partei die eigenen Ansichten am besten vertritt. Da wird dann vielleicht auch die Frage eine Rolle spielen, ob ein Gottesbezug in die Verfassung soll, so wie es in unserem Grundgesetz heißt „….in der Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Hier ist unser klarer Verstand gefragt und nicht der Rat einer sogenannten Astrologin.

Wenn wir hier in die Kirche kommen, dann erwarten wir wohl auch, daß uns nicht nur der Sinn eines alten Bibeltextes erläutert wird, sondern daß uns nach Möglichkeit auch Antwort auf unsre Fragen von heute gegeben wird. Zur Zeit des Jeremia war es das Problem, daß sich zwei Gruppen von Predigern auf Gott beriefen, aber konkret Unterschiedliches sagten. Das war verwirrend für die Gemeinde und für die Nichtglaubenden ein Beweis dafür, daß keiner im Namen Gottes redet.

Natürlich gibt es keine allein verbindliche Auslegung der Bibel, wie es die römisch- katholische Kirche behauptet. Es muß in der Kirche auch um die Wahrheit gerungen werden, die Bibel selber ist ja vielstimmig. Es kann auch nicht sein, daß allein die Pfarrer die Wahrheit gepachtet haben.

Ein Kollege hat mich einmal kritisiert, weil ich oft das Wort „vielleicht“ verwendet habe, das würde nur die Gemeinde verwirren, man müsse klare Vorgaben machen. Doch dabei ging es nie um die eigentliche Glaubensaussage, da gibt es keine Zweifel. Aber es gibt Einzelfragen, wo man verschiedener Ansicht sein kann und wo auch das einzelne Gemeindeglied sich ein Urteil bilden kann.

Nach Meinung des Jeremia gibt es drei Prüfsteine, an denen wir erkennen, ob uns die Wahrheit gesagt wird: Ist das Wort fremd, ist es ernüchternd und ruft es zur Umkehr?

 

(1.) Das fremde Wort: Jeremia befindet sich in einer schwierigen Lage. Da sind andere Propheten, die das Volk beruhigen und ihm eine glückliche Zukunft versprechen und ihm raten, sich mit anderen zu verbünden und gegen die Großmacht Babel zu kämpfen. Sie berufen sich auf die Zusage Gottes, daß das Volk ja von ihm erwählt sei und der Zionsberg in Jerusalem deshalb uneinnehmbar wäre.

Jeremia aber sagt: „Nehmt den Sieg der Feinde und die Verschleppung eines Teils des Volkes an als Strafe Gottes und ändert euer Leben!“ Das Problem ist nur: Beide Seiten berufen sich auf den gleichen Gott und sagen: Wir verkünden das wahre Wort Gottes!“ Da gibt es auch keinen Kompromiß, da kann man die verschiedenen Ansichten nicht auf einen Nenner bringen.

Es kann nur e i n e Wahrheit geben. Die kann man aber nicht beweisen wie den Satz des Pythagoras. Da muß man etwas wagen und Vertrauen haben. Da muß man auch in Kauf nehmen, daß diese Wahrheit vielen als „fremd“ erscheint. Die Soziologen sagen uns ja, man müsse erst erforschen, was die Menschen so denken und dann die eigene Botschaft dem anpassen: Was sie sowieso nicht hören wollen, das müsse man weglassen.

Verdächtig ist aber jede Rede von Gott, in der eigentlich nur menschliches Denken und menschliche Interessen vertreten werden unter Berufung auf Gott. Dann ist der Glaube nur dazu da, das zu untermauern, was man sich selbst ausgedacht hat. Da sind im Grunde schon die Sachentscheidungen gefallen, ehe man auch noch Gott bemüht hat. Er soll nur mit ziehen helfen. Daß er uns auch aus der Ruhe bringen und uns das Konzept verderben kann, ist nicht mehr im Blick.

Auch in der Kirche von heute gibt es solche unterschiedlichen Standpunkte: Die einen sagen, man könne Frieden nur haben, wenn man bis an die Zähne bewaffnet ist, die anderen sprechen dagegen von „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Auch in der Vergangenheit gab es viel faule Predigt in der Kirche, zum Beispiel als man im 19. Jahrhundert sich auf die Seite der Herrschenden stellte und die soziale Not der Menschen übersah. Oder als man in der Nazizeit ein „völkisches Christentum“ vertrat und die „Bekennende Kirche“ verfolgte. In der DDR gab es Pfarrer, die am 1. Mai den Gottesdienst ausfallen ließen, um auf der staatlich gelenkten Mai-Kundgebung zu sprechen. In Südafrika rechtfertigten die weißen Christen die Unterdrückung der Schwarzen mit der Bibel. Und der amerikanische Präsident George W. Buh ging fast jeden Sonntag in die Kirche und kämpfte am Werktag gegen das vermeintliche „Reich des Bösen“. Darf man foltern oder Terror ausüben, um noch größeres Unheil zu verhindern?

Solche Fragen müssen in der Kirche beantwortet werden im Hören auf Gottes Wort. Astrologie oder Traumdeutung helfen da nicht weiter. Die falschen Propheten sagten zwar, der Traum sei die Stelle, in der das Licht von oben einfällt. Aber die heutige Traumforschung sagt uns, daß Träume aus dem eigenen Herzen kommen und im Grunde nur das verarbeiten, was den Menschen seelisch beschäftigt. Der Mensch ist nicht von Haus aus „gottbegabt“, kann nicht aus sich heraus Gottes Willen erkennen. Deshalb darf in der Kirche nicht geträumt werden, sondern da wird sehr genau auf das Wort Gottes gehört. Und ob man dabei aus den vielen Worten das richtige Wort heraushört, das erkennt man auch daran, ob es uns als fremd erscheint, uns vielleicht sogar ärgert, aber letztlich doch auch froh macht.

 

(2.) Das ernüchternde Wort: Falsche Prophetie vernebelt, aber Gottes Wort gibt Klarheit. Unser Trost kann nicht darin bestehen, daß wir den Menschen etwas vormachen. Wo man an den Gekreuzigten glaubt, da kann man nicht nur beschwichtigen und vertrösten oder gar in Narkose versetzen. Es gibt auch unangenehme Wahrheiten, die ausgesprochen werden müssen. Das gilt in der Kirche wie in der Gesellschaft.

Wenn in die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr genug eingezahlt wird, weil es zu wenig junge Leute gibt und zu viele Arbeitslose, dann müssen eben die Leistungen zurückgeschraubt werden. Wenn Steuern fehlen, dann muß man zurückstecken beim Straßenbau, aber vielleicht auch bei den Kindergärten. Man kann nur verteilen, was eingekommen ist. Wer aber so etwas sagt, macht sich natürlich nicht beliebt. Aber was ist denn gewonnen, wenn man immer nur verspricht und dann eines Tages dann doch den Offenbarungseid leisten muß. Dann doch lieber eine unangenehme Wahrheit zur rechten Zeit als ein böses Erwachen. Das muß man ganz nüchtern so sehen und sagen.

Manches ist nicht leicht zu ertragen im Leben. Aber man kann vielleicht doch zu einem schwe­ren Schicksal „Ja“ sagen, wenn man sich selbst alles ganz anders gedacht und gewünscht hat. Man kann darin die Hand Gottes erkennen, der weiß, was er mit uns vorhat. Oft erkennen wir erst hinterher, daß es doch gut war, was uns widerfahren ist: Wenn ich den Zug nicht verpaßt hätte, dann hätte ich auch nicht den für mich wichtigen Menschen getroffen. Wenn ich meinen Wunschberuf bekommen hätte oder eine bestimmte Arbeitsstelle, dann wäre ich heute vielleicht unglücklich. Silo muß man es oft hinterher ganz nüchtern sehen.

 

(3.) Das Wort der Umkehr: Bußprediger werden dann gern gehört, wenn sie den anderen so einmal richtig heimzahlen. Doch sinnvoller ist es, diejenigen anzureden, die man vor sich hat. Natürlich geht das gepredigte Wort auch an den Prediger selbst. Wir sind alle gemeinsam unterwegs auf dem Weg zur Wahrheit.

Jeremia hatte den Mut, auch konkrete Verfehlungen anzusprechen. Es muß schon gesagt werden, an welchen Stellen es besser mit uns werden muß. Natürlich ist es angenehmer, wenn man selbst bestätigt wird. Aber wirklich geholfen wird nur, wenn auch sichtbar wird, wo harte Arbeit nötig ist. Jeremia hat den Leuten nicht nach dem Munde geredet und die Lage nicht verharmlost.

Aber er hat immer wieder gehofft. Er wußte: Der ferne Gott ist doch der nahe Gott. Er muß so fern sein, damit sein Gesichtskreis nicht eingeengt ist. Deshalb wohnt er nicht im Tempel von Jerusalem, sondern er hat einen weiten Horizont. Doch dafür wurde ein hoher Preis bezahlt: Der Tod seines Sohnes. Das ist eine harte Wahrheit, aber nur so sind wir gerettet.

Für Jeremia war der Bund zwischen Gott und seinem Volk vielleicht nicht zerstört, aber doch stark gestört. Aber seit Jesus von Nazareth ist ein neuer Anfang gemacht. Seitdem ist das Wort Gottes nicht mehr fremd und ernüchternd. Und wenn es zur Umkehr ruft, dann nur zu unserem Heil.

 

 

Jer 29, 1-4. 10 – 14 (21. Sonntag nach Trinitatis):

Ein Pfarrer, der schon in den fünfziger Jahren aus der DDR in den Westen ging, schrieb in einem Brief: „Jetzt erst kann ich wieder an den Altar treten und mit freiem Herzen meinem Herrn dienen!“ Und manche Menschen im Westen meinten, man könne doch überhaupt nicht in einem sozialistischen Staat als Christ leben. Sie wundern sich, daß es dort überhaupt noch Christen gibt. Selbst in der Volksrepublik China gibt es eine große Zahl Christen, auch wenn diese praktisch keine Kontakte zum Ausland haben. Jener Pfarrer hat offenbar nicht begriffen, was wir von Jeremia lernen können: Jeder Ort ist Gottes Ort. Er hat die ganze Welt geschaffen, und wo nur ein Stück dieser Welt ist, da ist er auch. Es gibt keinen Platz, der „unrein“ wäre, so daß Gott dort nicht wohnen könnte.

Das meinten aber die Israeliten, die nach Babylon in die Gefangenschaft weggeführt worden waren. Sie glaubten zunächst, nur im Tempel von Jerusalem könnten sie Gott finden und anbeten. Im heidnischen Land aber wären keine Gottesdienste möglich, da könnte man höchs­tens die Luft anhalten, bis man wieder zu Hause in Freiheit Gott dienen könnte.

So haben auch viele Christen im Osten zunächst gedacht. Anstatt daß sie das Ende der Naziherrschaft wirklich als eine Befreiung begrüßt hätten, hofften sie auf ein baldiges Ende auch des neuen Gesellschaftssystems. Man sprach damals vom „Überwintern“, bis ein neuer Frühling ausbreche.

Aber worauf wollte man eigentlich warten? Auf eine Kirche wie zu Kaisers Zeiten etwa? Man hat damals viel Zeit vertan, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Gewiß, sie waren nicht so, wie man sie sich erhofft hatte, man hätte sich mehr Möglichkeiten für die Kirche gewünscht, nicht unbedingt Vorteile, aber auch keine Nachteile.

Die Kirchen in der DDR haben einen oft schmerzhaften Umstellungsprozeß durchmachen müssen. Aber klar dürfte sein: Gott war genauso in der DDR wie in der Bundesrepublik, genauso in der Sowjetunion wie in den USA. Wo Gott uns hingestellt hat, da haben wir zu stehen. Und wir können uns nicht den Anforderungen unsrer Umwelt entziehen, indem wir nach anderswohin schielen.

Jeremia schreibt an die Führer seines Volkes in der Gefangenschaft: „Macht euch erst einmal seßhaft, baut Häuser und pflanzt Gärten, gründet Familien und opfert Gott auch im Unreinen Lande, wie ihr es von zuhause gewohnt seid. Die babylonischen Götter erkennt ihr damit -nicht an. Sollen die anderer ruhig ihre Götter anbeten. .Die Hauptsache ist, ihr betet weiter zu eurem Gott!“

Es gab auch andere Propheten. Die lenkten den Blick des Volkes nur nach rückwärts, auf die Wiederherstellung des Alten. Eine Tiefenbesinnung und eine Erkenntnis der Schuld war bei denen nicht drin. Jeremia aber forderte zur Bewußtseinsänderung und zur Erneuerung auf, er trieb die Hoffnung nach vorne und forderte zu neuen Erfahrungen mit Gott auf.

Es war nicht leicht, damit beim Volk durchzukommen. Die Leute, die in Jerusalem hatten bleiben dürfen, die sagten: „Wir sind die Guten. Das seht ihr ja: Gott hat uns auserwählt, im Lande zu bleiben. Uns ist nichts passiert und wird nichts passieren!“ Diese Meinung war im Augenblick nicht einmal zu widerlegen.

Noch schwieriger war es sicher mit der Aufforderung des Jeremia: „Müht euch um das Wohlbefinden der Stadt und des Landes!“ Die Weggeführten haben doch eher gesagt: „Wenn es denen gut geht, dann bleiben wir weiterhin gefangen!“ Sie hätten doch lieber Lust zur Sabotage und zum hinhaltenden Widerstand gehabt. Aber Jeremia sagt ihnen: „Wenn es Babylon wohl geht, dann geht es auch euch gut!"

Er meint damit nicht das Seelenheil oder „das Beste“, wie es Luther etwas blaß übersetzt. Gemeint ist das Heil und das Wohl, wozu auch gute Nachbarschaft und Frieden gehören, Wohlstand und Glück für alle Menschen. Ja, man kann sogar fast sagen: Die Juden sind nach Babylon gebracht worden, um den Menschen dort das Heil zu bringen. Und sie hatten ja viele Möglichkeiten dazu, sie waren ja gar nicht in so strenger Gefangenschaft, sie brauchten nur den Freiraum zu nutzen, der ihnen zugestanden war.

Natürlich ist es besonders schwer, in gottloser Umgebung dennoch Gottes Gemeinde zu sein. Aber das ist strenggenommen kein außergewöhnlicher Zustand. Auch Christen leben in der Zerstreuung unter Andersdenkenden. Sie leben immer in einer Welt, die Gott den Rücken zukehren will, auch in den offiziell christlichen Ländern.

Es hat in der Kirche immer wieder Strömungen und Bewegungen gegeben, die eine fluchtartige Abkehr vor der gottlosen Welt anstrebten. Man wollte sich eigensüchtig aus allem Weltlichen heraushalten und an einen windgeschützten Ort kommen, wo man in „Heiligkeit“ leben kann.

Aber in Wirklichkeit hat kein Ort in der Welt einen Vorzug vor einem anderen. Gott kann überall in unser Leben treten. Und dies Wunder soll auch in Babylon und auch bei uns geschehen Gott ist überall. Und wer ihn sucht, der wird ihn auch finden. Auch wenn die äußere Lage des Glaubenden schwierig ist, so kann er doch Gott begegnen. Es muß ja keiner auf die gottlose Umwelt hören. Laßt sie nur reden!