Rundgang durch Dörnigheim und Chronik:

 

Rundgang

 

Ein Rundgang durch Dörnigheim beginnt traditionell an der Kreuzung Kennedystraße / Schwanengasse. Man kann aber auch etwas weiter unten beginnen, um den Stein in der Wehrmauer zu sehen und darüber zu diskutieren, ob man die Mauer so durchlöchern darf, wie das (bis in die jüngste Zeit) geschehen ist. Von der Kreuzung geht es in die Frankfurter Straße bis zu ihrem Ende. Dort kann man dann auf die Gebäude außerhalb des Ortskerns hinweisen.

Dann geht es nach links in die Karl-Leis-Straße und von dort durch einen kleinen Durchlaß zur Kirche und in die Untergasse. An der Linde vorbei geht es in die Hintergasse, zunächst west-östlich dann süd-nördlich. Am Ende geht es in die Wingertstraße und wieder zurück zur Schwanengasse.

 

Art des Dorfes

Den durch die Wehrmauer und den Main festgelegten Umfang hat das Dorf jahrhundertelang-  vielleicht von 800 bis etwa zum Jahr 1800 - beibehalten. Es drängt sich aber die Frage auf: Wenn Dörnigheim so alt ist, warum findet man dann keine alten repräsentablen Häuser? Es stimmt, es gibt keine alten großen Häuser in Dörnigheim. Das älteste Bauwerk ist wahrscheinlich der Stein im früheren Torbogen im „Schwanen“ mit der Jahreszahl 1575, die jetzt in den Klinkerbau eingebaut ist. In früheren Zeiten bauten die einfachen Leute ihre Häuser nur aus Lehm, Stroh und Holz. Steinerne Häuser errichteten nur die vermögenden Adligen und in den Städten die vor­nehmen Bürger. Solche reichen Leute gab es aber in Dörnigheim zu keiner Zeit.

Das Mainzer Jakobskloster hatte hier wohl sein großes Gut, es ließ seine Äcker jedoch von den Bewohnern des Dorfes bestellen. Wohnung wird der Abt wohl nie in Dörnigheim genommen haben, wenn doch, dann höchstens für ein paar Tage. Er besaß ja außer in Dörnigheim auch an anderen Orten noch Güter-. Es bestand gar kein zwingender Grund für ihn, in Dörnigheim mehr zu tun als gerade not­wendig war, um den Ertrag seiner Güter zu sichern.

Der jahrhun­dertelange Streit zwischen Mainz und Hanau mag ferner dazu bei­getragen haben, daß auch die Hanauer Grafen, bzw. ihre Vögte keine Lust verspürten, größere Gebäude auf diesem ungesicherten Boden zu errichten.

Wenn nun noch im Laufe der Jahrhunderte einige große Brände abwechselnd ganze Dorfteile in Schutt und Asche legten, so kann man verstehen, wenn man heute keine alten Häuser mehr vorfindet. Innerhalb von fünf Jahren sind im 17. Jahrhundert in dem kleinen Dorf 45 Gebäude abgebrannt. Damit ist wohl hinlänglich erklärt, warum wir in Dörnigheim keine alten steinernen Bauten finden.

Aber auch die andere Frage ist damit beantwortet, warum Dörnigheim so klein geblieben ist. Es war in früheren Zeiten so: Wenn nicht ein Fürst, Bischof oder reicher Grundherr den Anstoß zum Bauen gab, so entstanden keine großen Siedlungen. Dazu kam noch die Unsicherheit der Kriegszeiten. Dörnigheim lag an der großen Verkehrsstraße von der reichen Messestadt Frankfurt nach Mitteldeutschland und Nürnberg. Wegelagerer und Raubritter machten ein Wohnen außerhalb einer durch Mauer oder sonstwie gesicherter Siedlung völlig unmöglich. Im 17. oder 18. Jahrhundert mag deshalb auch erst das Zollhaus am heutigen Friedhof entstanden sein, das bis um 1800 das einzige Gebäude außerhalb der geschlossenen Dorfanlage blieb. Es hatte die Aufgabe, den Zöllner aufzunehmen, der im Auftrag der Hanauer Grafen hier den Zoll von den aus dem Frankfurter Gebiet kommenden Kaufleuten erhob.

 

Früher war man darauf bedacht, die Häuser auf engem Raum aneinander zu bauen, um einen möglichst geschlossenen Dorfkern herzustellen. Jeder baute sein Haus auf seinem Boden, so klein, so niedrig und so schief, wie er wollte, ohne Rücksicht auf das Straßenbild. Dadurch wurden die Gassen krumm, eng und winklig. Niemand kümmerte sich um den Zustand dieser Gassen. Sie waren ungepflastert. Ihr Boden war die bloße Erde, nämlich Lehm und Sand. Nach dem Regen war alles aufgeweicht, voller Löcher, die sich mit Wasser und Schlamm füllten.

Aber nicht nur der Regen sorgte für diesen Zustand, sondern auch die Bewohner trugen ihr Mögliches bei. Alles Schmutzwasser schüttete man vor die Häuser, das Mistlachenwasser floß dorthin. Überreste von Speisen, Asche und tote Tiere warf man auf die Misthaufen, die sich vor jedem Hause breitmachten. Schweine suhlten sich hier, Hühner scharrten, Hunde und Katzen suchten nach Futter. Ratten, Mäuse, Fliegen und Vögel wurden herbeigezogen. Besonders im Sommer wurden der ekelhafte Anblick und der Gestank unerträglich.

Im Innern des durch die Wehrmauer eingeschlossenen Dorfes befan­den sich unregelmäßig verlaufende Straßen, die Frankfurter Straße, die Obergasse, die Untergasse, die Hintergasse, obere und untere Maingasse und kleinere Stichgäßchen, wie das Rabeneck und das Schustereck.

Die erste Straße, die in Dörnigheim gepflastert wurde, muß die Frankfurter Straße gewesen sein. Die wurde am meisten befahren, vor allem von fremden Fuhrwerken. Um die Kosten für die Instandhaltung der gepflasterten Straße bezahlen zu können, erhob man von den fremden durchfahrenden Kaufleuten ein Pflastergeld, das vor den Toren des Dorfes entrichtet werden mußte. Im Jahr 1609 wird zum ersten Mal ein Wegegeld erwähnt.

 

Frankfurt – Leipziger Straße (Kennedystraße)

(Hier wird nur eine Kurzfassung des Materials über die Straße zusammengestellt, die Langfassung findet sich unter „Chronik“).

Nördlich am Dorf vorbei verläuft die Durchgangsstraße, „die Straße“ von Frankfurt nach Leipzig. Große Überlandwege treffen sich im unteren Maintal. Sie bildeten schon in uralter Zeit die natürlichen Völkerstraßen und waren für die Besiedlung von hoher Bedeutung.

Endlich erfolgte um 800 unter Karl dem Großen ihr Ausbau zu einer wichtigen Heer‑ und Fernhandelsstraße. So wurde sie „des Reiches Straße“, die „via regia“, die Königsstraße. Für einen Herrscher und Feldherrn wie Karl den Großen waren gute Straßen von großer Bedeutung. Sie ermöglichten nicht nur das Reisen des Königs in seine Gaue oder zu fernen Kriegsgebieten, sondern dienten insbesondere dem Handel.

Schon 900 wird eine Straße erwähnt, die aus Thüringen durch Dörnigheim nach Frankfurt führt. Im sogenannten Weistum von 1366 wird zum erstenmal in schriftlicher Form von dem Schöffengericht berichtet, das „unter der Linde im Dorf zu Dörnigheim an der offenen Straße“ tagte. „Offene Straße“, das sollte heißen, daß die Straße nicht durch das durch zwei Tore abgeschlossene Dorf führte, sondern daran vorbei In späteren Zeiten hieß sie bei den Dörnigheimern die „alte Straße“.

Dörnigheim verdankt seine Entstehung auch der großen alten Straße von Frankfurt nach Leipzig. Hier war die letzte Raststation vor der Frankfurter Stadtgrenze. Die Straße galt bereits im Mittelalter als öffentliche Landstraße. Allein für die tägliche Versorgung der Stadt Frankfurt aus dem Umland war sie sehr wichtig. Die bereits im Jahre 1330 eingerichtete Frühjahrs‑ oder Fasten­messe, aber auch der Pferdemarkt und die Weinmesse, brachten durch den An‑ und Abtransport der Waren ein hohes Verkehrsaufkommen mit sich.

Bedeutend im historischen Sinne wurde der Ort jedoch nicht, lag er doch zwei Stunden von Frankfurt im Westen und gar nur eineinhalb Stunden von Hanau im Osten entfernt. So taucht Dörnigheim in keinem der Bücher über die alte Straße auf und wird in keinem Reisebericht der schreibenden Persönlichkeiten erwähnt, weder von Goethe noch von Bettina von Arnim, weder von Schopenhauer noch von Luther.

Außer von den Gasthöfen wurde das Bild des Dorfes an der Straße geprägt von Schmie­den und Wagnerwerkstätten. Auch sie boten den Durchreisenden ihre Dienste an: Pferde mußten beschlagen, Saumzeug und Reitsättel gerichtet und ausgebessert werden, war doch die stark genutzte alte Straße fast immer in einem kläglichen Zustand, so daß Pferde und Fuhrwerke litten.

Es waren die einfachen Leute, die im Dörnigheim der früheren Zeit Halt machten: Fuhr‑ und Kaufleute, die zu den Märkten und Messen nach Frankfurt fuhren. Bauern aus dem Kinzigtal, die in langen Wagenkolonnen Heu und landwirtschaftliche Erzeugnisse in die Mainmetropole brachten, aber auch Gaukler, Mönche und Bettler. Sie wollten noch preiswert übernachten, bevor sie am nächsten Morgen früh nach Frankfurt hineinfuhren, denn Frankfurt war auch in alten Zeiten ein teures Pflaster.

Dörnigheim kam allmählich eine be­sondere Bedeutung als Ort an der östlichen Grenze des Reichsforstes Dreieich zu. Es lag außerhalb des um 1150 festgeleg­ten Gelnhäuser Forstes, der bei Dörnig­heim einen schmalen Zugang zu dem Reichsforst Dreieich hatte. Zudem bildete die Braubach die Grenze zwischen dem Niddagau im Westen und dem Maingau im Osten, die wiederum nach Norden an die Wetter­au grenzten. Während Dörnig­heim zum Maingau gehörte, befand sich das benachbarte Bischofsheim im Nidda­gau und Hochstadt in der Wetterau.

Auch diesem Umstand verdankt Dörnig­heim seine Entstehung.

Zunächst wurde  auf einer klei­nen Anhöhe oberhalb des Maines eine klei­ne Schutzkirche errichtet. Ihr folgte der ge­genüber liegende Herrenhof. Der zuerst erwähnte Wolfbodo - vermut­lich ein Königsfreier unter Karl dem Gro­ßen - und seine Nachfolger waren nun auf ihrem Gebiet für diesen Streckenab­schnitt der Fernstraße verantwortlich.

Mit der örtlichen Konzentration von Nahrungsmit­teln und anderen Gütern des täglichen Ge­brauchs mehrte sich auch die Begehrlich­keit der Nichtseßhaften, Überfälle und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Um diese Zeit begannen auch die Dörnig­heimer mit dem Bau einer Wehrmauer. Sie war besonders wichtig zum Schutz der Reisenden, die ihre Waren nach Frankfurt lieferten. Mit dem Bau der Wehrmauer wurde die alte Straße durch den Ort hin­durch geführt und der außerhalb der Mau­er verlaufende Straßenabschnitt verödete.

Ende des 18. Jahrhunderts verkehren zwischen Frankfurt und Leipzig drei verschiedene Postlinien. Die „Fahrende Post“ ging montags und freitags früh von Frankfurt ab und kam freitags oder dienstags am Nachmittag in Leipzig an, benötigte also für die 40 Meilen (300 Kilometer) lange Strecke fünfeinhalb Tage. Die „Reitende Post“ und auch die „Extrapost“ nahmen den kürzeren Weg über die Kinzig­straße. . Schon 1690 hatte das Kurfürstlich Sächsische Ober-Postamt zu Leipzig nach Frankfurt am Main eine „geschwinde fahrende Post“ eingerichtet. Sie fuhr zweimal wöchentlich und konnte sechs Personen mit Gepäck befördern.

Eine Bereicherung des farbenfrohen Bil­des auf der Straße boten die zu den Fürs­tentagen oder Kaiserkrönungen reisenden Herrschaften mit ihrem Gefolge. Dann stand wohl die Bevölkerung an den Stra­ßenrändern, um das Aufgebot zu betrach­ten. Im Jahre 1745 war es die durch ihre jugendliche Schönheit begeistert bejubelte Maria The­resia. Sie kam in Begleitung ihres Ge­mahls durch Dörnigheim, als das Paar am 24. September 1745 dem Hanauer Grafen im Schloß Philippsruhe einen Besuch ab­stattete. Beide hielten sich zu dieser Zeit mit ihrem Hofstaat in Frankfurt auf, wo Franz I. am 13.September gewählt und am 4. Oktober zum Kaiser gekrönt wurde.

Zusätzlicher Verkehr entstand durch die Ausweisung als Geleitstraße. Die Stadt Frankfurt gewährte Kaufleuten bis zum 16. Jahrhunderts ein Geleit mit bewaffneten Begleitern bis Dörnigheim. Dafür waren Abgaben zu leisten, die Kaufleu­te oft zu umgehen suchten, indem sie einfa­chere Nebenstraßen benutzten. Im Jahre 1609 wird zum ersten Mal ein Wegegeld erwähnt, das vor den Toren des Dorfes von durchfahrenden Kaufleuten erhoben wurde. Mit den Straßenzöllen, die zunächst Wege- ­oder Pflastergeld genannt wurden, sollten Ausbesserungen an den stark befahrenen Straßen durchgeführt werden, die sich so gut wie immer in sehr schlechtem Zustand befand.

Im Jahre 1780 wurde endlich in die „Chaussee“ - wie die Landstraße nun genannt wurde - von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim bis zur Mainkur „eine Steinbahn gelegt“, wie es heißt. Nach dem Vorbild der schnurgeraden, vorbildlich ausgebauten Straßen in Frank­reich, erhielt die Straße zu beiden Seiten Abflußgräben und Schatten spendende Bäume. Das waren teilweise Pappeln, aber auch Kirschbäume, deren Erträge jährlich ver­steigert wurden. So wie viele andere große Heerstraßen, wurde die alte Straße auch unter französi­scher Besatzung (1800 – 1813) instand gesetzt. Die Weg­ränder wurden teilweise mit schnellwach­senden Pappeln bepflanzt, um marschie­renden Soldaten Schatten zu spenden.

Im Jahre 1872 hatte Dörnigheim 1.000 Ein­wohner, die mehr oder weniger mit und von dem Verkehr lebten. Fast alle Gast­häuser entlang der innerörtlichen Frankfurter Straße waren noch in Betrieb. Noch hatten die Hufschmiede und Sattler ihr Auskommen. Aber bald fuh­ren die ersten Motorräder mit 20 Kilometer pro Stunde durch den Ort. Kurze Zeit später folgten die ersten Auto­mobile. Als die Dörnigheimer Schmiede noch Werbung für Kutschen machte, wur­den an anderer Stelle schon die ersten Zapfsäulen für Benzin aufgestellt. Wäh­rend die einen noch Sättel für Reiter und Pferdekutschen anboten, verkauften die anderen schon Fahrräder und Motorräder. Das Gasthaus „Frankfurter Hof“ warb für sich bereits als Haltestelle für Autos, Rad­fahrer und Fuhrwerke aller Art.

Da in Dörnigheim die bedeutungslos ge­wordene Wehrmauer teilweise bereits ge­fallen war, gab es keinen Grund mehr für die Führung der Straße durch den Ort. So wurde die vormittel­alterliche Trassenfüh­rung außerhalb der Mauer wieder herge­stellt. Durch die Bebauung waren für die alte Straße  neue Straßennamen notwendig ge­wor­den. So hieß der Abschnitt von der Mainkur bis zum alten Dorf „Frankfurter Landstraße“, entlang der alten Wehrmau­er führte die „Lindenstraße“ und im Anschluß daran die „Hanauer Landstraße“.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch das vorläufige Ende der Frankfurt­-Leipziger-Straße. Die alliierten Eroberer teilten Deutschland in Zonen auf, das Ende der alten Straße gelangte damit in die Ost­zone. Nach dem Krieg waren es zuerst die Eva­kuierten, desertierte oder entlassene deut­sche Soldaten, die befreiten Gefangenen aus den Konzentrationslagern, ehemalige Zwangsarbeiter und Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die zu Fuß, mit Handwagen und Kinderwagen oder mit Fahrrädern die Straße bevölker­ten. Die alte Heerstraße wandelte sich wieder zur Han­delsstraße.

Im Jahre 1963 fuhr der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy im offenen Wagen zusammen mit Bundeskanzler Ludwig Erhardt und Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn durch die damalige Lindenstraße. Kennedy kam von seinem Truppenbesuch im Fliegerhorst Langendiebach. Für die Dörnigheimer war es ein Glücksfall, daß der Weg zwischen dem Fliegerhorst und Frankfurt im offenen Auto zurückgelegt wurde.

Etliche Zeitzeugen erinnern sich noch an die Begeisterung, die entlang der damaligen Bun­desstraße 8 in Dörnigheim herrschte. Auf der Straße, an den Fenstern und sogar auf Dächern standen die Menschen und winkten Kennedy zu. Die Gemeindeverwaltung hatte die Schlaglöcher in der Straße ausgebessert und entlang der Strecke gründlich aufgeräumt. Für die Schüler war es ein schöner Schultag, da diese zum Winken durften und schulfrei hatten. Das Großereignis war übrigens schnell vorüber: Die Limousine mit Kennedy, Wirtschafts­minister Ludwig Erhard und dem Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn hat auf Dörnigheimer Boden nicht angehalten.

In Frankfurt wurde die ehemalige Forsthausstraße zur Kennedyallee. Von der Begeisterung getragen, beschloß auch die Gemeindeverwaltung Dörnigheims, die historische Frankfurter Landstraße, Lindenstraße und die Hanauer Landstraße innerhalb der Bebauung Dörnigheims in „Kennedystraße“ umzubenennen.

Seit 1980 gab es Pläne, die Kennedystraße zu einer „attraktiven Einkaufsstraße“ umzu­gestal­ten. Zu­nächst einmal erforderlich, die Kennedy­straße von einer Bundesstraße in eine Landes­straße umzuwidmen; denn die für eine Bundesstraße notwendige Breite hätte keinerlei Gestaltungsspielraum mehr of­fen gelassen. Das gelang nach zähen Ver­handlungen Anfang der neunziger Jahre. Genau so schwierig war die Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens für den Umbau, ein Zu­sam­menwir­ken von Straßenbauamt und Stadt war not­wendig. Im Jahre 1987 hatte die Stadt den „Frankfurter Hof“ gekauft und zum Jugendzentrum umgebaut. Mit der Eröffnung 1988 wurde auch der Platz vor dem „Frankfurter Hof“ umgestaltet. Bis dahin führte die Straße in voller Breite auf den Platz; vor dem klei­nen Häuschen zwischen Kennedystraße und Frankfurter Straße stand ein großer Betonklotz, weil schon mehrfach Lastwa­gen ins Haus gedonnert waren.

Am Sonntag, dem 12. Dezember 2004, wurde im Rahmen des Dörnigheimer Weihnachtsmarkts die Dörnigheimer Weihnachtskrippe aufgebaut. Das Leitmotiv lautete: „Jesus in Dörnigheim“. Am dritten Advent wurde die Dörnigheimer Weihnachtskrippe im Gottesdienst um 10 Uhr eingeweiht. Vor der Kulisse Dörnigheimer Fachwerkhäuser - in einem Nachbau der alten Heckschen Schmiede aus der Frankfurter Straße - wurde die Krippe aufgebaut.

 

Wehrmauer

Die Gewalthaber jener Zeiten suchten ihr Recht nicht bei den ordentlichen Gerichten, sondern übten auf eigene Faust Vergeltung. Durch diese Fehdesucht wurden Ruhe und Frieden der Bevölkerung oft gestört. Am meisten hatten die Dorf­bewohner bei diesen Streitigkeiten zu leiden. Konnten die Feinde den Belagerten in deren Burgen nicht beikommen, so trieben sie den Bauern das Vieh von Stall und Weide, stahlen Hausrat und Feldfrucht und steckten gar die Häuser in Brand. Auch durch umherstreifendes ­Gesindel, wie es sich immer nach Kriegen auf den Verkehrsstraßen zeigte, wurde die Ruhe der Dörfler gar oft plötzlich gestört. Durch Ausheben tiefer Gräben und Aufwerfen von Wällen und Schanzen suchte man dem Feind den Eintritt ins Dorf zu ver­wehren.

Kaiser Friedrich II. erlaubte im Jahre 1231 den Orten im Maingau die Anlegung von Befestigungen. Es ist anzunehmen, daß man in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts zu Errichtung von Wehrmauern schritt. Schon vor dem Jahr 1333 hatte Dörnigheim eine Mauer, die durch Wehrtürme verstärkt war. Sie zog sich am Nordrand des Dorfes entlang von der Win­gert bis zum späteren Café Rauch. Das Material lieferten das Mainbett mit seinen Schottersteinen und die benachbarten Steinbrüche von Wilhelmsbad und Dietesheim. Hinter der Mauer verlief ein Weg.

Ihre größte Höhe erreichte die Mauer etwa um 1620, nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Da wurde die Mauer auf sechs Meter erhöht. Dennoch wurde Dörnigheim mehrfach gebrandschatzt und verwüstet. Vor Plünderern konnte sich Dörnigheim zwischen 1621 und 1636 nicht erwehren. Mehrere Male wurden die Bewohner des kleinen Ortes ausgeraubt. Die Banditen - höflicher auch Truppen genannt - hatten wechselnde Nationalität.

Mit der Weiterentwicklung der Kriegswaffen allerdings nahm die Ringmauer mit ihren Toren und Wehrtürmen als Befestigung an Wichtigkeit ab. Im 18. Jahrhundert begann man mit ihrem teilweisen Abbruch und die Steine fanden 1752 Verwendung bei der Errichtung der Mainmauer und später beim Bau von Häusern.

Weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb lediglich das Teilstück zwischen der Schwanen- und der Kirchgasse. Noch bis in die dreißiger Jahre hinein prägte dieses Stück Ringmauer mit den Resten der drei Wehrtürme das Dörnigheimer Ortsbild entlang der damaligen Lindenstraße. Etwa bis 1938 bestanden noch drei halbrunde Wehrtürme, die von den alten Dörnigheimern „Rondelle“ genannt wurden. Es gibt nur e i n Bild von dem Rondell, das etwa gegenüber der Einmündung der Nordstraße stand.

Aber auch die Wehrtürme mußten weichen, als die Lindenstraße 1938 ausgebaut wurde. Mit ihnen zusammen verschwand ein Jahr später ein anderes Wahrzeichen: die alte Dorflinde, die ihren Platz vor dem ehemaligen Obertor (an der Kreuzung der heutigen Kennedystraße mit der Schwanengasse) hatte und unter der durch Jahrhunderte hindurch das Schöffengericht getagt hatte.

Die Reste der Mauer wurden vor Jahren unter Denkmalschutz gestellt. Es gab aber einmal Pläne einer Interessengemeinschaft, die dieses historische Zeugnis Dörnigheims zugunsten von Gewerbe und Parkplätzen abreißen wollte. Die Mauer wurde aber (bis in die jüngste Zeit) immer wieder durchbrochen: Nicht nur beim Café „Amadeus“, sondern auch weiter unten wurde ein Durchbruch geschaffen.

 

Linde

Die alte Dorflinde stand an der westlichen Seite der Kreuzung Kennedystraße / Schwanengasse (früher Hofreite des Karl Dammköhler). Schon in dem Weistum von 1366 wird sie erwähnt

Bequem ließ es sich auf der niedrigen, viereckigen Steinumfassung mit ihren von Eisenklammern zusammengehaltenen Sandsteinquadern ruhen.

Sicher haben sich unter ihrem Bereich gar oft Schulze, Schöffen, Bürgermeister, ja die ganze Einwohnerschaft zusammengefunden, um die Gemeindeangelegenheiten miteinander zu besprechen. Leid und Freud hat die Linde mit den Bewohnern erfahren. Jahraus, jahrein ratterten die Bauernpflüge an ihr vorüber. Sie sah das Volk bei Spiel Tanz, wenn Schwegel und Querpfeife, Dudelsack, Flöte und Geige zum Reigen aufspielten. In Zeiten schwerer Feldarbeit stand sie tagsüber wie verlassen da, wenn nicht die Dorfjugend ihr fröhliches Spiel unter ihr trieb. Aber nach Feierabend und sonntags saßen die Alten auf der Steinbank und erzählten aus ihrer Jugendzeit.

Oft zog der zeitweise rege Durchgangsverkehr Neugierige dorthin, wo unter Peitschenknall und den Zurufen der Fuhrleute die Pferdegespanne sich abmühten, die großen beladenen Planwagen der Kaufleute weiterzubewegen. Da konnte man auch die buntbefrackten Geleitsreiter bewundern, denen der Schutz des Wagenzugs anvertraut war. Dann waren es wieder einmal reisige herrschaftliche Knechte oder das fahrende Volk der Gaukler, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Aber auch schwere Zeiten erlebte die Linde. Wehe, wenn es dem Haufen der Landsknechte und Söldner gelang, sich durch das Dorftor Eingang in das Dorf zu verschaffen. Dann ging es ohne Plünderungen und Beraubungen nicht ab. Wurde aber Widerstand geleistet, dann setzten die Mordbrenner den roten Hahn auf die trockenen Strohdächer. Oft flüchteten die verängstigten Einwohner beim Herannahen des Feindes mit ihrem letzten Vieh in das Dickicht des Waldes.

Und immer wieder sah die Linde die buntgekleideten zusammengewürfelten Kriegerscharen an sich vorüberziehen, hörte die Zungen der fremden Völker, die irgendwo ihren Feind suchten. Sie sah die abgekämpften, ausgehungerten, geängstigten, aber auch beutelüsternen fliehenden Truppen, die gleich einem Heuschreckenschwarm in das Dorf einfielen. Und wie freute sie sich ob der Liebestaten, die die Bewohner des Dorfes den eskortierten gefangenen Lan­deskindern angedeihen ließen. Voll Zuversicht winkte sie den unter ihrer Krone dahinziehenden Freiheitskämpfern von 1813 zu. Sie grüßte die heimkehrenden Krieger von 1870 / 1971 und segnete die zu den Fahnen eilenden Söhne des Dorfes im Jahre 1914.

Der Lindenbaum wurde erst 1936 anläßlich der Verbreiterung der Straße gefällt. Die Neupflanzung der Bäume vor der Wehrmauer setzt daher in gewisser Weise die alte Tradition fort.

 

Obertor

Das Obertor am nördlichen Ausgang der Schwanengasse bildete den Abschluß der Wehrmauer. Vor dem Tor stand die „Gerichtslinde“. Östlich davon stand das Gemeindebackhaus

und daran anschließend eine Zehntscheune. Nach Norden nimmt die­ Bahnhofstraße ihren Ausgang. Im Volksmund hieß sie „Huchschter Weg“, der Weg also, der nach Hochstadt führte. In den Jahren 1823 bis 1834 legte die Gemeinde Dörnigheim eine Steinbahn in ihren Weg nach Hochstadt und bepflanzte ihn 1825 mit Apfelbäumen. Im Jahre 1838 wird die erste Häuserreihe außerhalb der Wehrmauer, sowohl oberhalb als auch unterhalb des Dorfes erbaut.

 

Eckhaus Kennedystraße / Schwanengasse (Westseite)

Ziemlich flink habe der Schuster Fritz Reichert seinerzeit gearbeitet ‑ hört man - und sei immer in Eile gewesen. Er hatte sich in dem kleinen Geschäft an der Ecke eingemietet. Ungefähr rekonstruieren läßt sich der Zeitraum von Ende des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der fünfziger Jahre Sehr wahrscheinlich hat der Schuster Reichert auch schon während des Krieges dort gearbeitet, berichten zuverlässige Quellen.

Aufgrund seiner Schnelligkeit ist er im Dorf bekannt gewesen unter dem Namen „Galopp‑ Schuster“. Der gutaussehende Fritz Reichert habe „alle Mädcher Stiffel­cher gemacht“, heißt es. Er ist der Erste in Dörnigheim gewesen, der ein Cabriolet fuhr, und hat es schön gefunden, wenn die Leute ihm nachschauten. Für damalige Verhältnisse ist er reich gewesen. Er hat Geige gespielt und ist in dem ehemaligen „Café Rumpelmayer“ (in der Nähe des Schauspielhauses in Frankfurt) zusammen mit dem Dörnigheimer Jean Gruber und einer Kapelle unter Vertrag gewesen.

Seit Anfang der fünfziger Jahre steht der ehemalige Schusterladen leer. Damals hat Fritz Rei­chert eine Gaststätte in Bruchköbel über­nommen, die später wahrscheinlich seine beiden Töchter weitergeführt hätten.

In noch früheren Zeiten hatte der ur­sprüngliche Eigentümer des gesamten An­wesens Friedrich Seng, das Ge­schäft an eine Lohndruckerei vermietet, die Otto Seng mit zwei Druckmaschinen betrieb. In diesem Haus wurde seit den frühen dreißiger Jahren die erste „Dörnigheimer Zeitung“ gedruckt.

 

Haus „Zum Schwanen“ Schwanengasse 1

Die weiter nach Süden führende Straße ist die Schwanengasse. Sie trägt ihren Namen nach dem ehemaligen Gasthaus „Zum Schwanen“, einem früheren Adelssitz. Das Grundstück ist sehr groß, so daß das Haus eine besondere Bedeutung haben könnte. Über dem Eingang von der Hofseite ist die Jahreszahl 1575 mit den Buchstaben „HRVH“ eingemauert (das älteste bearbeitete Gestein Dörnigheims). Da die Grafen von Rieneck den Schwan im Wappen führten und das Haus nach dem Schwan benannt ist, könnte hier der Sitz des Rienecker und später Hanauer Vogtes gewesen sein. Das „HRVH“ könnte „Herren von Rieneck und Hanau“ gemeint haben. Von 1357 bis 1650 saßen hier die Herren von Rüdigheim. Dann ging das lan­desherrliche Gut in Staatsbesitz und auch in Privatbesitz über. Der Pächter des Wilhelmsbader Hofs bearbeitete später die zum Hofe gehörigen Ländereien.

Das alte Wohnhaus, ein wunderschönes Fachwerkhaus, bildete einstmals eine Zierde an dem Treffpunkt der Untergasse mit der Schwanengasse. Es mußte leider vor dem Ersten Weltkrieg einem neuen Blendsteinhaus weichen. Im Volksmund galt das 1909 errichtete Haus in Klinkerbauweise aufgrund seines imposanten Äußeren auch als „das protzige Haus“.

 

Gasthaus „Zum Adler“ Frankfurter Straße 2

Innerhalb der gegen Ende des 13. Jahrhunderts errichteten Stadtmauer gab es 1748 acht Gastwirtschaften, aber 1758 „nur noch“ sechs Gastwirtschaften, im Jahre 1820 waren es neun Gasthäuser, und das bei einer Einwohnerzahl von nur 479 Menschen. Landwirtschaft und Jagd wurden zwar auch betrieben, aber weniger für den Handel, als für die Versorgung der immer zahlreicher werdenden Gasthöfe und der hier beschäftigten Menschen. Von Osten gesehen waren es: der „Adler“, der „Löwe“, das „Weiße Roß“ und der „Rappen“. Und auf der anderen Seite der Frankfurter Straße gab es drei weitere: den „Schwanen“, die „Krone“ und den „Hirsch“. Der „Grüne Baum“ kam erst später dazu. Die Anzahl der Wirtschaften in dem kleinen Dörnigheim zeigt, welche Bedeutung der Handelsstraße und damit auch der schützenden Mauer zukam.

Wie ein alter Burghof mutet der langgestreckte, von allen Seiten von Gebäuden abgeschlossene Hofraum an der südwestlichen Seite der Kreuzung Frankfurter Straße / Schwanengasse an. Dazu gehörte das Eckhaus an der Kennedystraße, der Hof mit dem Tor, die eigentliche Gastwirtschaft an der Ecke Schwanengasse / Frankfurter Straße und auch das direkt anschließende Haus, an dem rechts unten in Kniehöhe die Inschrift: „CB - 1798 – AM“ vorhanden ist, die Angabe des Bauherrn und des Baujahres. Dann kommt noch das zweite Tor in die Frankfurter Straße, so daß man auf der eine Seite hineinfahren konnte und auf der anderen Seite wieder heraus. Selbst das nächste Haus hat immer noch die Hausnummer 2a. Durch einen Blitzschlag sind aber 1772 in dem Gehöft zwei Scheunen abgebrannt. Der Volksmund sagt zu dem Haus „Der lahme Esel“. Aber an sich war dies das Gasthaus „Zum Adler“.

Hier wurde am 2. November 1813 der „Vertrag zu Dörnigheim“ geschlossen. Damit trat Hessen-Darmstadt aus dem französisch beherrschten Rheinbund aus und trat den gegen Napoleon verbündeten Mächten bei. Dafür wurde ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert. Für die Alliierten unterschrieb der Österreicher Graf von Fresnel, für das Großherzogtum Hessen Geheimrat Freiherr von Du Thil.

 

Brunnen Frankfurter Straße 1

Im alten Ortskern gab es sieben Brunnen. Einer der alten Dörnigheimer Dorfbrunnen stand vor dem Haus Frankfurter Straße 1. Doch 1956 war er bereits einsturzgefährdet und wurde dann abgerissen. Heute ist hier der ganze Vorplatz gepflastert.

Im alten Ortskern gab es sieben Brunnen: vor dem Haus Frankfurter Straße 1, neben dem alten Rathaus, vor dem Haus Frankfurter Straße 23, an der Linde, im Hof des Schlößchens (Hintergasse 23), nördlich des Hauses Untergasse 6 und noch einer. Bis 1927 bezogen die Dörnigheimer übrigens ausschließlich Brunnenwasser, bevor sie gegen teuer Geld an die Frankfurter Wasserversorgung angeschlossen wurden.

 

Wohnhaus Frankfurter Straße 5

Das Haus ist das älteste erhaltene Haus in Dörnigheim und steht unter Denkmalschutz. Es ist ein Kulturdenkmal, städtebaulich als Teil des Ensembles um das ehemalige Rathaus von Wert, aber auch als Bauwerk für sich. An den Eckständern hat es Mannfiguren. Der Überhang des ersten Obergeschosses ist typisch für das Fachwerk des 17. Jahrhunderts.

Die Inschrift auf der Giebelseite lautet: „WIE BAWEN HIE ALL FESTE. UND SIND NUR FREMBDE GAESTE. UND DA WIR SOLLTEN EWIG SEIN DA BAWEN WIR GAR WENIG EIN. P. H. Anno. 1671“. Man muß den Mut der damaligen Erbauer bewundern, denn in den Jahren 1635, 1658 und 1663 war der gesamte Ort jeweils fast vollständig abgebrannt und mußte neu aufgebaut werden

Besitzerin des Hauses war Else Seng, die 57 Jahre im Sozialdienst tätig war und vielen Dörnigheimern und anderen Maintalern als „gute Seele“ in Erinnerung geblieben ist. Schon zu Kriegszeiten war sie als Krankenpflegerin im Dienste des Deutschen Roten Kreuzes tätig.

Sie regte unter anderem die Gründung des Seniorenclubs „Treff 76“ an. Heute ist Eigentümerin ihre Tochter Annemarie van Vulte.

Das Haus wurde 1995 innen komplett renoviert, die Außenflächen wurden 1996 restauriert. Das Fachwerk blieb dabei ebenso erhalten wie das schmucke Gesamtbild des Gebäudes. Beauftragt war der Malerfachbetrieb Mattia, der schon einige Häuser im alten Dörnigheimer Ortskern renoviert hat.

 

Brunnen Frankfurter Straße 7

Die platzartige Erweiterung westlich des Gebäudes Frankfurter Straße 5 mit Brunnen steigert die Wirkung. Der Brunnen wurde 1717 erbaut. Er stand früher im Rabeneck. An der Linde in der Untergasse steht heute eine Kopie. Es ist ein Ziehbrunnen mit rundem Schachtoberbau, mit zwei Flutern und Architrav, mit Inschrift und Hanauer Wappen (Die Buchstaben D und H könnten Dörnigheim und Hanau bedeuten). Seit etwa 1927 ist er nicht mehr in Betrieb.

 

Altes Rathaus Frankfurter Straße 7

Ein Schmuckstück in der Frankfurter Straße ist das alte Rathaus, ein schöner alter Fachwerkbau. Wann er entstanden ist, weiß man nicht, wahrscheinlich aber bald nach 1700. Das Haus wird 1760 angeblich als Schule erbaut. Es ist vom Typ der Bürgerbauten in Fachwerk im 18. Jahrhundert, akzentuiert durch oktogonalen Erker mit geschweifter Haube und mit Andreaskreuz in zwei Brüstungsfachen. Scharf hebt sich das Weiß seiner Füllungen von dem dunklen Gebälk ab.

Die nach der Straßenseite gerichtete Front des Giebels schmückt ein Erker, wie wir ihn häufig an mittelalterlichen Häusern vorfinden. Er ruht auf einem Trag­gebälk, das von vier schön geschwungenen, nach unten zusam­men­laufenden Trägerrippen gestützt wird. Unter ihrem Schutze hatte sich hier jahrelang eine Schwalbenkolonie ihre Nester gebaut. Leider ist diese ebenso verschwunden wie das Stor­chennest auf dem Schornstein des Rathauses, in das alljährlich zur Frühlingszeit ein Storchenpaar einzog. Das Nest fiel einem Sturm zum Opfer. Ein später auf dem Schornstein angebrachtes Wagenrad konnte das Storchenpaar nicht bewegen, sein Nest hier wieder zu bauen.

Der ursprüngliche Verwendungszweck ist umstritten. Da in Deutschland bereits im 17. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden war, könnte es sich um ein Schulgebäude gehandelt haben. In den Jahren 1639 bis 1642 - so berichtet der für Kesselstadt und Dörnigheim zuständige Pfarrer Karl Schnabel - gab es in Dörnigheim kein Pfarr- und Schulhaus. Aber um 1760 lebten in Dörnigheim etwa 100 Familien, darunter viele Kinder. So könnte die Gemeinde ein Haus gebaut haben, in dessen Erdgeschoß sich ein oder zwei Klassenräume befanden.

Denkbar wäre auch eine Kombination aus Rathaus und Schule, denn das Haus heißt bis heute „Altes Rathaus“. Im ersten Stock mag der Schultheiß ein Zimmer erhalten haben, ist doch der Erker mit seiner geschweiften Haube für eine Schule allein zu aufwendig. Bis dahin allerdings werden die Schultheißen ihre Amtsstuben im eigenen Haus gehabt haben, wie das zu dieser Zeit vielerorts üblich war. Unter dem Dach befinden sich noch heute einige Wohnräume, in denen der Lehrer gewohnt haben könnte.

Den ersten echten Nutzungsnachweis gibt es erst aus dem Jahre 1813, wo das Gebäude allerdings bereits zweckentfremdet nach der „Schlacht bei Hanau“ als Lazarett genutzt wurde. Bei Sanierungsarbeiten im Jahre 1983 wurden im Hof Skelette ausgegraben, die anfangs bei der

Kriminalpolizei für Aufregung sorgten, aber von französischen Soldaten stammten.

Die Rathausscheune wurde 1838 erbaut. Das Rathaus war damals Dienstwohnung des Ersten Lehrers. Vom Jahre 1886 an zog die Schule dann nach und nach in den neu errichteten Herrenhof (heutige Polizei). Der Verwaltungssitz blieb bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im alten Rathaus. Um 1922 zog die Gemeindeverwaltung ins Schulgebäude in der Kirchgasse und in dem Gebäude entstanden Wohnungen (Lehrerwohnung); Kurzzeitig hatte sogar ein Schuster seine Werkstatt hier.

Als während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Räume der nunmehr neuen Schule im Herrenhof zum Lazarett und ersten Obdach für Flüchtlinge und Heimatvertriebene wurden, zog die Verwaltung wieder bis 1954 in das alte Rathaus. Das Gebäude war zwar teilweise bewohnt, verfiel aber langsam.

In den sechziger Jahren wurde der ehrwürdige Bau unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch spielte man Anfang der siebziger Jahre gedanklich mit dem Abriß, wogegen sich allerdings eine Bürgerinitiative erfolgreich zur Wehr setzte. Auch aus den Plänen von Bürgermeister Erwin Henkel aus dem Jahre 1977, das Rathaus abzutragen und originalgetreu wieder aufzubauen, wurde nichts. Eine Bürgerinitiative konnte den Abriß verhindern und einen privaten Käufer finden.

Mit viel Engagement und Fingerspitzengefühl sanierte die Familie Evelyn und Volker Stragies das Gebäude. Schon im Rohbauzustand wurde das Haus zum Zentrum des Dörnigheimer Weihnachtsmarktes, den der Historische Kulturkreis ab 1980 in der Frankfurter Straße veranstaltete. Es folgte eine sechsjährige, akribische Phase des Renovierens und dann am 15. Juni 1984 die feierliche Eröffnung als Gaststätte durch Ehrenstadtrat Wilhelm Lapp, der hier selbst von 1952 bis 1955 noch als Bürgermeister regierte. Das „Alte Rathaus“ wurde ein Nobel-Restaurant über zwei Stockwerke, mit einem Hofgebäude für eine Verkaufsausstellung, Sattelkammer, Ponyställen sowie Außenanlagen.

Die Zeit als Gaststätte war dann Mitte der neunziger Jahre allerdings zunächst beendet. Familie Stragies kam in Zahlungsschwierigkeiten, weil sie im Grunde nie die Investitionskredite zurückzahlen konnte. Gläubiger waren eine Dortmunder Brauerei und ein Hanauer Rechtsanwalt. Zur Debatte stand insgesamt eine Summe von 1.470.000 Mark. Es folgten Jahre des Stillstands und schließlich im Dezember 2003 die Zwangsversteigerung.

Im Jahre 2004 wurde neue Eigentümerin die Familie Ekizoglou. Anastasia und Haralampos Ekizoglou hatten mehr als 30jährige Erfahrung in der Gastronomie, zuletzt bewirtschafteten sie neun Jahre erfolgreich die Gaststätte „Zum Franziskaner“ in Bischofsheim. Das gastronomische Spektrum reichte von bürgerlich-traditioneller bis erlesen-mediterraner Küche, wobei Letzteres den eigentlichen Schwerpunkt bildet. Neben dem geschmackvoll und originalgetreu renovierten Innenbereich erwartete den Gast ein großer, begrünter Hinterhof.

 

Textilladen Frankfurter Straße 9

Hier war früher der Textilladen der jüdischen Familie Isaak Schönfeld. Das ursprüngliche Wohnhaus wurde 1888 erbaut (laut Akte im Stadtarchiv). Heute steht hier ein Neubau. Der Stammvater Isaak war Mitbegründer der Turngemeinde Dörnigheim. Seine Enkel Horst und Gerhard wurden von den Nazis verschleppt und ermordet. Zur Erinnerung an sie wurde das „Brüder-Schonfeld-Haus“ in der Ascher Straße nach ihnen benannt und das „Brüder-Schön­feld-Forum“ gegründet, das sich mit der Geschichte der Juden befaßt und für Toleranz und Menschlichkeit eintritt. „Stolpersteine“ auf dem Bürgersteig machen auf die Familie aufmerksam.

 

Schmiede Heck Frankfurter Straße 13

Die Schmiede Heck wurde 1841 erbaut. Am Giebel des Wohnhauses steht neuerdings die Jahreszahl 1699, aber es ist nicht ersichtlich, woher diese Angabe stammt.

Der Name „Heck“ kommt öfter in Dörnigheim vor. Gastwirte waren Wilhelm Heck, der 1914 Wirt im Gasthaus „Adler“ war, und Wilhelm Heck im „Frankfurter Hof“ (zur gleichen Zeit). Gemeindevertreter waren Karl Heck X. (1914), der auch das Ortsgericht versah, und Wilhelm Heck VIII. Unter den Kriegsopfern findet man aus dem Feldzug 1870 / 1871 Friedrich und Wilhelm Heck, beide Infanterie-Regiment 32, und Karl Heck, Infanterie-Regiment 82, sowie Gefallene des Ersten Weltkrieges: Erhard, Friedrich, Friedrich August Wilhelm Friedrich Vl. jun. und zweimal Peter Heck.

Es gab den Kirchenältesten Johann Peter Heck, der zwischen 1734 und 1818 lebte und somit über achtzig Jahre alt wurde, und dessen Ehefrau Christina, geborene Eberth, die mit achtundreißig Jahren im September im Main ertrank und eine große Beerdigung erhielt, mit Glockengeläut und Predigt, die so festlich und einmalig war, daß diese im Kirchenbuch besonders erwähnt wird.

Weshalb die typischen und traditionellen Dörnigheimer Namen wie Lapp, Seng und Rauch (wonach ganz Dörnigheim „verlappt“, „versengt“ und „verraucht“ ist) darauf hindeuten sollen, daß „hier schon im Mittelalter viel fahrendes Volk hängen geblieben ist“, ist nicht so recht deutlich.

 

Gasthaus „Zum Löwen“ Frankfurter Straße 4

 Daß das Haus eine Gaststätte war, ist nicht ganz sicher. Es wurde entkernt und die Gefache wurden mit Steinen neu ausgemauert. Im Obergeschoß hatte bis 1930 die methodistische Gemeinde ihren Sitz, für viele Kinder war es der Ort der Sonntagsschule.

 

Gasthaus „Weißes Roß“ Frankfurter Straße 6

Das Haus existierte schon vor dem Dreißigjährigen Krieg. Ein über den ehemaligen Stallungen eingelassener grauer Stein trägt die Jahreszahl 1621. Im Innenhof und an der Außenwand

(gegenüber der Metzgerei Neupert) findet sich ein Stein in der Wand mit der Zahl 16 und zwei Buchstaben oder vielleicht kann man auch die Jahreszahl „1674“ herauslesen. Der Stein hat aber wohl mit dem Haus nichts zu tun, sondern ist ein Ofenstein, der nur hier verbaut wurde. Eine Holztafel an der Hofseite des Hauses erinnert an die Renovierung durch Johann Jacob Stein und seiner Frau Johanna Magdalena im Jahre 1769.

Das Anwesen war rund 1.600 Quadratmeter groß, die Straßenfront 90 Meter lang. Im langgestreckten Hofraum des „Weißen Rosses“ konnte eine lange Reihe von Fuhrwerken Platz zum Ausspannen finden, während die geräumigen Stallungen den nötigen Raum zum Einstellen der Zugtiere boten. Vor den Scheunen und Ställen standen hier einst Heu- und Strohfuhrwerke, die die Stadt Frankfurt mit dem Tierfutter belieferten. Die Kinder versorgten die Pferde mit Brunnenwasser. Daneben stand ein kleiner Schup­pen, Ort für viele Festlichkeiten mit Tanz und Schwoof. Auf dem bis 1957 unbebauten Hof wurde zur Kerb ein großes Zelt mit Tanzboden aufgeschlagen.

Auch im „Weißen Roß“ war wie im „Adler“ und im „Schwanen“ Ein- und Ausfahrt durch zwei Tore geregelt. Den Hof erreichte man durch einen fränkischen Torbogen, der beim Umbau 1957 abgerissen wurde. In den sich an die Dorfmauer anlehnenden Gebäuden befand sich ganz im Osten eine große Fachwerkscheune mit großem Pferdestall für Fremdpferde.
Diese beiden Gebäude wurden 1982
an Architekt Sonntag verkauft und an ihrer Stelle ein Büro- und Geschäftshaus mit Fachwerkverkleidung und Treppenturm erbaut. Heute ist hier die Gaststätte „Amadeus“ mit der Hausnummer 4a.

Es folgen ein kleiner Pferdestall für die Fohlenaufzucht, ein Schweinestall, ein Stall für die eigenen Pferde, eine Futterküche, ein Kuhstall und ein Kelterhaus mit anschließendem Gewölbekeller für die Aufbewahrung der Apfelweinfässer. Die eigentliche Gaststätte stand auf dem westlichen Teil des Grundstücks mit dem Giebel zur Frankfurter Straße.

Heute stehen hier drei Wohnhäuser. Im Jahre 1961 wurde das östliche zweigeschossige Wohnhaus gebaut. Das mittlere war einmal der Saal aus den Jahren 1957 / 1958, erbaut  im Stil der damaligen Epoche. Der Eingang wurde verlegt, die Fachwerkfront massiv verfestigt und verputzt. Der Erweiterungsbau umfaßte im Erdgeschoß einen Saal für 120 Personen und darüber im ersten und zweiten Stock Fremdenzimmer. Das westliche Haus hat heute die Haus­nummer 6a und war die alte Wirtschaft mit dem Torbogen daneben.  Dieses Haus wurde aber 2012 abgerissen und neu gebaut.

Hier war ein Raum für 60 Personen, im Kolleg hinter der Küche noch einmal Platz für 20 Personen und schließlich der Saal im Neubau für 120 Personen. Einige Dörnigheimer Vereine erkoren das Weiße Roß zu ihrem Stammlokal, so unter anderem der Schützenverein und die Spieler des FC Germania. Der Spielmannszug der Turngemeinde wurde im Weißen Roß aus der Taufe gehoben.

 

Im ersten Dörnigheimer Kirchenbuch wird bei der Übernahme einer Patenschaft im Jahr 1660 ein Augustinus Eberhardt als „Würth zum Weißen Roß“ genannt. Von vorherigen Patenschaften seiner Ehefrau und einer Dienstmagd ist 1654 beziehungsweise 1655 die Rede.

Im Jahr 1657 hat „Augustinus Eberhard, Wirt zum Weißen Roß allhier, einen viereckigen eingefaßten Schieferstein an den steinernen Chorbogen neben der Kanzel hängen lassen, den Gesang darauf zu schreiben“ (Kirchenvorstandsprotokolle). Augustinus Eberhardt war Bürger und Pastetenbäcker in der Hanauer Neustadt, bevor er nach Dörnigheim kam. Er starb in Hanau „als gewesener Wirth nach beschwerlicher Krankheit (Quelle: Wallonisches 1. Totenbuch). Er war in zweiter Ehe mit Catharina Kelsch verheiratet, eine Stieftochter von Abraham von der Dreutz, die 1662 zu Grabe getragen wurde. Mit ihr hatte er fünf Überlebende Kinder, die bei seinem Tode noch viel zu jung waren, um die Nachfolge des Vaters anzutreten (der älteste Sohn war 10 Jahre alt).

Daher kam das Wirtshaus in andere Hände, denn Conradt Strohl aus Hochstadt übernahm die Gastwirtschaft. Dies gilt aufgrund der Kirchenbuchdaten als abgesichert, denn Anna Magre­tha Strohl, des „Wirths zum Weißen Roß allhier elteste Tochter“, übernimmt 1610 eine Patenschaft. Conrath Strohl heiratete 1680 als Witwer Anna Dorothea Seelmayer, ebenfalls „Witwe eines Gastgebers“ in Langenselbold. Der erste Strohl im Weißen Roß stirbt 1691. Sein Sohn und Erbe Johann (Hanß) stirbt 1712. Nach vier Generationen Strohl und fast 100 Jahren stirbt diese Gastwirtssippe in Dörnigheim aus, da die Nachkommen der vierten Generation alle im Kindesalter dahingerafft werden.

Die Gastwirtsnachfolge tritt Johann Jacob Stein an. Er war der älteste Sohn von Johann Georg Stein, Gastwirt im Hirsch, dessen Grabplatte sich im Übrigen linker Hand vor der Haupteingangstür der evangelischen Kirche auf dem Kirchhof befindet. Seine „ehelige Hausfrau“ ist eine Gastwirtstochter aus dem Adler. Die Tatsache, daß der älteste Sohn Stein nicht den „Hirsch“ weiterführte, sondern ins Weiße Roß überwechselte, läßt auf den zweifellos vorhandenen guten Ruf dieses Gasthofes schließen.

Diue Übernahme der Gastwirtschaft dürfte spätestens im Jahre seiner Verheiratung mit Johanna Magdalena Bopp am 6. Dezember 1764 erfolgt sein. Aktenkundig ist, daß die Eheleute 1769 eine Renovierung vornahmen. Hiervon kündet ein Holzschild, das sich über der Eingangstür befand und vom letzten Wirt Adam Schäfer bei der großen Nachkriegsrenovierung 1951 an der Mauer der Stallungen (heute Garagen) befestigt wurde. Auf dem Schild steht zu lesen: „Johann Jacob Stein und seine ehelige Hausfrau Johanna Magdalena haben mich erneuert 1769“.

Johann Jacob Stein hatte vier Kinder, von denen nur ein Sohn und eine Tochter überlebten. Er starb früh, im Alter von 49 Jahren von einem „gethanen tödlichen Fall“. Sein Sohn, ebenfalls auf den Namen Johann Jacob getauft, wurde Nachfolger im Weißen Roß. Jedoch auch er, geboren 1769, war nur 48 Jahre alt, als er 1817 starb. Er vermählte sich mit seiner Cousine er­sten Grades Anna Catharina Lapp, eine Tochter des Gastwirts zum Hirsch und Schultheißen Johannes Lapp (siehe die Abhandlung über den „Hirsch“, veröffentlicht im Tagesanzeiger Nr. 108 vom 9.5.1996).

Er hatte mit des Schultheißen Tochter die Kinder Jacob, Dorothea und Catharina. Von Jacob Stein führte nach des Vaters Tod im Jahre 1817 bis kurz vor seinem Tode im Jahre 1864 das Anwesen Weißes Roß weiter. Er hat erst im Jahre 1851 im Alter von 53 Jahren geheiratet. Seine Wahl fiel auf die 27 Jahre jüngere Catharina Assmann. Bei der Gründung des Ehestandes war sie 26 Jahre. Sie schenkte ihm erst zwölf Jahre nach der Heirat einen Erben, getauft auf den Namen Johann Ernst. Er war beim Tode seines Vaters ein Jahr alt. Für die Nachfolge schied er folg1ich aus. Er nimmt sich später der Steinschen Landwirtschaft an und wird als Landwirt in der Fischergasse 26 geführt.

Er heiratet in 1888 Dorothea Huf, eine Schwester des Bäckers Peter Huf in der Frankfurter Straße gegenüber dem Weißen Roß. Dorothea wohnte nach dem Tode ihres Mannes bei ihrem Sohn Friedrich Jacob, Berufsschullehrer in Wuppertal‑Elberfeld, und starb am 12. Januar.1938 in Hanau. Ihr Enkel Fritz promovierte zum Diplomingenieur an der Technischen Hochschule Darmstadt. Später bekleidete er eine leitende Position bei der Weltfirma Eternit in Berlin. Er starb mit 45 Jahren 1963 am Herzinfarkt. Seine Tochter Gabriele lebt in Berlin und hat als Steinsche Erbin noch bis in unsere Tage Landbesitz in Dörnigheim.

Für den Fortgang im Weißen Roß aber bestand spätestens im Jahre 1864 beim Tode des Jacob Stein Handlungsbedarf. Es waren ja noch zwei Schwestern da. Die eine verheiratete sich nach Bornheim und schied aus. Die andere jedoch war die in der „Sonne“ lebende Catharina Stein, verheiratet mit dem Pfarrerssohn Johann Georg Gruber. Ihr Sohn Karl Ludwig, beim Tode des letzten Stein‑Gastwirts 33 Jahre alt, wurde dazu bestimmt, das Weiße Roß weiterzuführen. Er muß etwa 1863 ins Weiße Roß übergewechselt sein, wie aus einer vergleichenden Analyse der Geburtsdaten der Kinder und der Sterbedaten der Eltern zu schließen ist. Damit wird auch offenkundig, daß das Gasthaus zur Sonne etwa 20 Jahre früher zu existieren aufhörte, als ursprünglich angenommen (siehe Bericht im Tagesanzeiger Nr. 302 vom 28.12.1996). In jedem Falle waren Sonne „vor dem Thore nach Francfurt“, Hirsch und Weißes Roß („intra muros“) aufs engste miteinander verflochten.

Karl Ludwig Gruber I. heiratete bereits im Weißen Roß im Jahre 1868 mit 37 Jahren die vermögende Bauerntochter Elisabeth Wagner aus Niedergründau. Ihre für die damalige Zeit umfangreiche Aussteuer ist in einem Art Journal (im Besitze von Karlheinz Schäfer) festgehalten.

Dem ersten Gastwirtspaar Gruber werden ein Sohn und die drei Töchter Mina, Elisa und Emilie geboren. Der Sohn übernimmt den Namen seines Vaters, wird als Karl Ludwig Gruber IV. geführt und tritt die Gastwirtsnachfolge an). Er verehelicht sich 1903 mit Margarethe Wilhelmine Lapp, einer Tochter des Landwirts Johann Ernst Lapp VIII. aus dem sogenannten „Schlößchen“ (heute letztes bäuerliches Anwesen in der Dörnigheimer Hintergasse). Sie ist eine Schwester des auf allen alten Fotos ausnehmend stattlich aussehenden „Geels Karl“ (Karl Jacob Lapp).

Das zweite Ehepaar Gruber im Weißen Roß hat die Kinder Emilie Margarethe (geboren 1903), Katharina Louise (geboren 1907) und Karl Jakob (geboren 1909). Die Tragik will es, daß der einzige Sohn im Jahre 1921  im Alter von 12 Jahren beim Vorführen eines Fohlens tödlich verunglückte.

Nun ist es an den Schwestern, das Erbe anzutreten. Die älteste, Emilie, bleibt ledig. Die jüngere, Katharina Louise, heiratet 1930 den Hochstädter Adam Schäfer. Er ist der Sohn des Milchhändlers Nikolaus Schäfer, der ein Milchgeschäft in Fechenheim betrieb. Adam Schäfer betreute die elterliche Landwirtschaft in Hochstadt, bevor er im jugendlichen Alter von 23 Jahren vor die Aufgabe gestellt wurde, dem traditionsreichen Gasthaus vorzustehen. Nach allgemeinem Urteil der Dörnigheimer hat er diese Aufgabe mit Können gemeistert. Von kräftiger Gestalt, leutselig, humorvoll und langmütig, konnte er vor allem hart anpacken. Dies war auch nötig, galt es doch, neben dem gut laufenden Gastbetrieb die Pferde, Kühe und Schweine zu versorgen, den eigenen Apfelwein anzubauen und die umfangreiche Landwirtschaft nicht zu vernachlässigen.

Das gesamte Anwesen in der Frankfurter Straße umfaßte rund 1600 Quadratmeter. Die Straßenfront betrug 90 Meter. Dazu kamen 60 Morgen Land. Auf dem bis 1957 unbebauten Hof, von einem Holzverschlag an der Mauer zur Frankfurter Straße abgesehen, war Platz genug, um zur Kirchweih ein großes Zelt mit Tanzboden aufzuschlagen. Gefeiert wurde eifrig, auch zu anderen Gelegenheiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann noch einmal eine Glanzzeit für den Bewirtungsbetrieb. Den leidvollen Kriegswirren entronnen, suchten und brauchten die Übriggebliebenen Zerstreuung und Vergnügen. Im Weißen Roß fanden sie Nahrung für ihren Leib und ihre Seele.

Die Stammkundschaft kam von diesseits und jenseits des Mains, aus Fechenheim, Bergen‑ Enkheim, Mühlheim und Lämmerspiel. Jeden Samstag spielte eine kleine Kapelle zum Tanz auf. Von 1958 bis 1964 galt das Weiße Roß als die Nummer zwei der Dörnigheimer Gasthäuser nach dem „Schiffchen“. In dieser Blütezeit beschäftigte Adam Schäfer 15 bis 20 Bedienstete, darunter in Spitzenzeiten bis zu vier Kellner, außerdem vier bis fünf Tagelöhner für die Feldarbeit.

Im Hause führte Ehefrau Katharina die Aufsicht. Sie war auch für den kaufmännischen Teil zuständig. In der Küche führte Emilie Gruber das Kommando. Sie schaltete und waltete mit gebieterischer Strenge. Unverzichtbar war auch die fleißige Mithilfe der Oma Gruber bis zu ihrem Tod im Jahr 1967.

Inzwischen wuchsen die beiden Söhne Karlheinz (Jahrgang 1932) und Ferdinand (Jahrgang 1938) heran. Damit wäre die Nachfolge gesichert gewesen. Aber es sollte anders kommen, als es sich die Eltern gewünscht haben, denn die Söhne entschieden sich für andere Berufe als den des Gastwirts. Der älteste, Karlheinz, war von den Eltern dazu bestimmt, das Gasthaus fortzuführen. Der Vater schickte ihn zunächst in die Kaufmännische Handelsschule nach Hanau und danach in eine kaufmännische Lehre bei der Firma Stück in Hanau.

In seiner Freizeit unterstützte er die Mutter bei der Buchführung und half dem Vater hinter dem Tresen. In 1962 heiratete er Susi Hartschuh aus Knittlingen (Württemberg). Das junge Paar bezog das ein Jahr zuvor fertiggestellte zweigeschossige Wohnhaus, das unmittelbar an den Gasthauserweiterungstrakt angrenzte. Anfangs half die Jungvermählte in der Gaststätte mit und unterstützte die Schwiegermutter bei der Betreuung der Fremdenzimmer. In 1963 beziehungsweise 1967 stellte sich der Nachwuchs in Gestalt der Töchter Ute und Silke ein.

Karlheinz Schäfer etablierte sich mittlerweile bei Degussa in Hanau‑Wolfgang und avancierte zum Versandleiter. Damit waren die Würfel gefallen, zumal auch gesundheitliche Gründe eine Übernahme des Gastwirtbetriebs vereitelten.

Der jüngere Sohn, Ferdinand, hatte bereits drei Jahre früher Ingrid Schulz aus Eschwege geheiratet. Für ihn stand von Anfang an fest, daß er nicht im Hause der Eltern bleiben würde. Er durchlief eine Drogistenlehre bei der alteingesessenen Frankfurter Drogerie Kobberger und eröffnete schließlich eine eigene Drogerie in der Bahnhofstraße / Ecke Odenwaldstraße in Dörnigheim. Seiner Frau wurden die Söhne Joachim (1960) und Thomas (1964) geboren. In seiner Freizeit betätigte er sich als begeisterter Fußballer und half auch in Stoßzeiten in der Gastwirtschaft mit. Er wohnte dann in der Odenwaldstraße 4 direkt hinter seinem ehemaligen Laden.

Die Eltern Katharina und Adam Schäfer sahen schließlich keine andere Möglichkeit, als die Gastwirtschaft zu verpachten. Dies geschah bereits im Jahre 1964. Der Verpachtung allerdings war, wie so häufig, kein besonderes Glück beschieden. In schneller Folge wechselten verschiedene Pächter. Noch ein letztes Mal kam es zu einem Aufschwung, als das Ehepaar Bukovinski sieben Jahre lang von 1976 bis 1983 die Gaststätte pachtete. Die Eheleute Darko und Edeltraut Bukovinski übernahmen danach die Gaststätte in der Maintal‑Halle in Dörnigheim. Zwischenzeitlich war schon die Mutter Katharina in 1972 mit nur 65 Jahren gestorben und ihr Ehemann Adam Schäfer verschied am 5. Juni 1983. Schwester und Schwägerin Emilie Gruber folgte ein halbes Jahr später am 18. Dezember 1983 (Die Familiengeschichte nach Ilse Thomsen).

Danach entschlossen sich die Brüder Karlheinz und Ferdinand zum Verkauf. Auch dies erwies sich nicht gerade als leichtes Unterfangen. Anfänglich sollte der Verkauf mit der Fortführung der Gastwirtschaft verknüpft werden. Nun machte die Stadt Auflagen in der Form, daß die Erteilung der Konzession nur unter der Bedingung der Schaffung ausreichender Parkplätze erfolgen sollte. Das Gasthaus wurde 1984 geschlossen.

Schließlich fand man in 1988 nach mehrjähriger Schließung des Hauses einen Käufer aus Offenbach, die Vertriebs‑ und Handelsgesellschaft Transita. Das östliche Gebäude war zum Teil baufällig und wurde wie der angrenzende Stall unter Protest des Historischen Kulturkreises, aber mit Zustimmung des Dörnigheimer Denkmalschützers Professor von Staden, abgerissen, um einem gewerblich genutzten Neubau Platz zu machen. Der Architekt schaffte in Rekordzeit von nur einem halben Jahr ein kombiniertes Büro‑ und Geschäftshaus mit Fachwerkverkleidung und Treppenturm, das sich nach allgemeiner Auffassung dann letztendlich harmonisch in die Kulisse der Frankfurter Straße einfügte. Zuerst etablierte sich die Weinhandlung „Bacchus“ im Erdgeschoß, im ersten Stock die DAK. Heute hat Architekt Sonntag an den italienischen Gastronom Jacino verpachtet, der das Bistro-Ristoran­te „Amadeus“ dort betreibt.

Karlheinz Schäfer bewohnte seit 1986 mit seiner Frau das neue Wohnhaus auf dem ehemaligen Gartengrundstück der Schäfers. Die Familie besitzt heute noch neben dem Wohnhaus ein Stück Hofgelände und einen Teil der früheren Stallungen sowie die früheren Wirtschaftsgebäude des „Amadeus“

 

Gasthaus „Zur Krone“ Frankfurter Straße 15

Zu den bemerkenswertesten Hofanlagen Dörnigheims zählt auch die „Krone“, wie sie der Volksmund nennt, das alte Gasthaus „Zur Krone“. Breit, behäbig, massig nimmt sie sich an der Ecke aus, wo die Sackgasse „Rabeneck“, auf die Frankfurter Straße stößt. Auch dieses ehemalige Gasthaus  hat zwei Toreinfahrten. Mit ihrem stattlichen Holzfachwerk, das anscheinend zwei Bauperioden entstammt, bietet die „Krone“ immer wieder den Vorübergehenden ein anziehendes Bild älterer Bauweise, die nicht nur Zweckmäßigkeit kannte, sondern auch ein sicheres Ge­fühl der Bauleute für Schönheit verrät. An dem Haus steht „Errichtet 1812 von P.F.“. Früher gehörten zu dem Anwesen zwei Gebäude. Aber das hintere sehr schöne Fachwerkhaus ist abgerissen. Südlich des Gasthauses war eine Schmiede.

 

Rabeneck

Hinter der „Krone“ führt eine Einfahrt nach links in das „Rabeneck“. Der Ursprung des Namens ist unklar, zumal sich auch die alten Dörnigheimer nicht erinnern können, hier jemals Raben gesichtet zu haben. An der Ecke zum „Rabeneck“ stand einige Zeit einer der sieben Dorfbrunnen Alt-Dörnigheims, der „Schwanenbrunnen“, der als einziger die Zeiten von Abriß und Neubau „überlebt“ hat und heute neben dem Haus Nummer 5 steht.

 

Gasthaus „Zum Rappen“ Frankfurter Straße 8

 Zeitweise war dieses Haus das Gasthaus „Zum Rappen“, dem eine Schmiede angeschlossen war. Später wurde hier nur noch Landwirtschaft betrieben. Geblieben ist die Schmiede, bekannt als „Fliednersche Schmiede“ oder „Friedrichsche Schmiede“ gegenüber  an der Ecke zum „Schißgäßchen“. Mehrere Ge­schlechter dienten dem Schmiedehandwerk. Es war natürlich ein Dorfereignis, wenn von den Pferdewagen mit Hebelkraft die alten Reifen heruntergeschlagen und neue aufgezogen wurden. Es ging immer recht lebhaft zu, wenn die noch glühenden Wagenreifen für die auf den Holzklötzen bereit liegenden Radkränze aufgelegt und angezogen wurden. Ein Wasserbad im nebenstehenden Tore, das unter Zischen und Brausen vor sich ging, beendete diese Arbeit.

Jahraus, jahrein standen hier Meister der Schmiedekunst, umgürtet mit ihren schweren, breiten Lederschürzen, Feuer und Amboß, ihrem ihnen lieb gewordenen Beruf, sei es im Dienst der Landwirtschaft oder bei der Herstellung von Luxuswagen zu dienen. Auch so manche Dorfangelegenheit, besonders vor den Bürgermeisterwahlen, wurde hier besprochen, waren doch die alten Schmiede hoch geachtet und angesehen im Dorf. Seit der Tod dem nimmer müden bis zuletzt in seiner lieben Schmiede tätigen Altmeister Philipp Fliedner den Hammer aus der Hand nahm, ist es in der Schmiede ruhig geworden.

Vor der Werkstatt stand eine große Akazie, die aber umgelegt werden mußte. Unter ihrem Schirm hat sich einstmals ein großer Teil der Schmiedearbeit vollzogen. In der Nähe der Schmiedetür war ein großer Mühlstein in den Boden eingelassen, man hatte ihn aus der ehemaligen Zuckerfabrik her­übergeholt.

 

Bäckerei Huf Frankfurter Straße 23

Früher Bäckerei Huf.

 

Gasthaus „Zum Hirsch“ Kirchgasse 2

Fährt man in den alten Ortskern von Dörnigheim von Osten kommend ein, so fällt das Auge unwillkürlich auf das schmucke Fachwerkhaus mit seinen grünen Fensterläden. Dieses Haus, Kirchgasse Nummer 2, in der Krümmung und Verengung der Frankfurter Straße, ist der frühere Gasthof „Zum Hirsch“. Es ist ein gewisser Abschluß des mittleren breiten Teils der Straße und schiebt sich kulissenartig am Eingang der Kirchgasse vor.

Fragt man bei den alteingesessenen Dorfbewohnern nach, so können sich nur wenige Ältere erinnern, je davon gehört zu haben. Mit dem Namen „Scholzehof“ allerdings verbinden noch etliche Dörnigheimer eine bestimmte Vorstellung. In ihm wohnte Johannes Lapp, der 1767 in das Haus einheiratete und 1813 Schult­­heiß wurde. Zugleich diente es als Gasthaus dem Fremdenver­kehr und führte als solches den Namen „Zum Hirsch“. Das Gasthaus dürfte um 1800 entstanden sein. Der Gasthausbetrieb wurde wahrscheinlich 1848 aufgegeben nach dem Tod Johann Georg Lapps, des Sohns des Schultheißen.

Das Grundstück hatte etwa 1.500 Quadratmeter Fläche und bot Platz für etwa 30 Fuhrwerke.

Die Straßenfront an der Kirchgassee maß im ursprünglichen Zustand 44 Meter. Die Einfahrt war von der Frankfurter Straße her (ganz in der Nähe des Untertors), die Ausfahrt ging in die Kirchgasse. Nach einem Brand im Jahre 1869 wurde wahrscheinlich das Erdgeschoß mit Backsteinen neu aufgebaut und das jetzige Fachwerk neu aufgerichtet.

Im Jahre 1928 wurde das große Grundstück geteilt: Die Familie Seng wohnte fortan in der Kirchgasse 2, die Familie Lapp (Fahrradgeschäft) in der Frankfurter Straße 27. Die Scheune stand am westlichen Rand des Grundstücks. Das südliche Scheunendrittel befindet sich heute auf dem Hof des Bauunternehmers Ebert und ist im oberen Teil als Wohnhaus ausgebaut. Der mittlere Teil gehört zum Haus Kirchgasse 2 und ist als Garage und Werkraum ausgebaut. Der nördliche Teil der Scheune befand sich auf dem Hof von Lapps, heute Fahrradgeschäft Göbel und wurde (da baufällig) in den dreißiger Jahren abgerissen.

An dieser Stelle wird deutlich, daß das ehemalige Gasthof-Anwesen neben dem noch sichtbaren Schmidt’schen Teil sowohl das Lappsche Grundstück als auch das Ebertsche Grundstück mit einschloß. Der historische Rückblick wäre also ohne die Einbeziehung der Familien Göbel‑Lapp unvollständig. Die Seniorchefin, Elfriede Göbel‑Lapp (Jahrgang 1921) war ebenso wie Helma Schmidt-­Gruber (Jahrgang 1928) eine direkte Nachfahrin der Gastwirtsahnen.

Helma Schmidts Urgroßmutter und Elfriede Göbels Großvater sind also Geschwister gewesen.

Auf Göbels Seite - dem offenbar älteren Teil - wurde viel verändert und modernisiert und auch das Fachwerk im Obergeschoß durch Massivbauweise ersetzt. Das war auch bedingt durch das Fahrradgeschäft, das Vater Georg Lapp 1911 in der jetzt so bezeichneten Frankfurter Straße 27  eröffnete.

Auf der gesamten Grundstückslänge, von der Hausvorderkante bis unter die Garage Ebert, befand sich ein Kellergewölbe aus Backsteinen, das teilweise heute zugeschüttet ist. Es diente augenscheinlich dem Aufbewahren der Bierfässer und in Kriegszeiten als Zufluchtsstätte. In diesem Keller verschlief die 17jährige Helma mit ihren Angehörigen den Einzug der amerikanischen Befreier im Morgengrauen des 28. März 1945.

 

Im Dörnigheimer Kirchenbuch wird am 10. Mai 1703 ein Baltzer Niclas Schröder als Gasthalter im „Hirsch“ erwähnt. Seine Eltern lebten in Eschersheim, zu jener Zeit, als das Amt Bornheimer Berg noch im Hanauischen Besitz war. Er läßt drei Töchter zwischen 1703 und 1707 in Dörnigheim taufen.

Als nächster Gastwirt wird Johann Georg Stein mit seiner Frau Anna Catharina genannt. Stein ist gebürtiger Hochstädter und entstammt der dortigen Steirischen Gastwirtssippe. Er ist der jüngste Bruder von Andreas Stein, der laut Chronist Peter Heckert ab 1731 die dortige „Steinsche Wirtschaft“, heute Gasthof „Zum Tiger“, betreibt.

Mit Johann Georg Stein, Kirchenältester und Gerichtsschöffe, wurde eine regelrechte Gastwirtsdynastie begründet. Er ließ zwischen 1739 und 1751 sieben Kinder taufen, vier Mädchen und drei Jungen, von denen sechs wieder in die Gastronomie gingen. Die 1742 geborene älteste Tochter Philippina Magdalena heiratete 1764 Johann Carl Lapp, Gastwirt „Zum Schwanen“. Hingegen vermählte sich die zweite Tochter, Anna Catharina Stein, 1767 mit Johannes Lapp, Sohn des Kirchenältesten Jonas Lapp.

Johannes Lapp übernahm vom Schwiegervater das Gasthaus „Zum Hirsch“ und brachte es zum „Herrschaftlichen Schultheiß“. Auf ihn ist die Bezeichnung „Scholzehof“ zurückzuführen, abgeleitet von Schulze, wie man das Amt  in der dörflichen Umgangssprache zu nennen pflegte. Im Jahre 1829 starb Johannes Lapp im Alter von 87 Jahren. Er muß ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, da nach ihm allein ein Gebäudekomplex benannt wurde und sich die Namensgebung bis in die Jetztzeit überliefert hat.

Den Gasthof „Zum Hirsch“ führte nach dem Tod des Vaters sein Sohn Johann Georg Lapp mit seiner Frau Maria Louisa Sebalda Amalia geborene Gruber, einer Tochter des einstigen Dörnigheimer Pfarrers Johann Philipp Gruber. Johann Georg verstarb 1848, seine Frau zehn Jahre danach, allerdings nicht mehr im Gasthaus, sondern bereits im Haus Nummer 10 in der „Landstraße“. Dies war die Hausnummer für den „Scholzehof“ nach der kompletten Durchnumerierung des Ortes in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Es ist davon auszugehen, daß nach dem Ableben des Ehemanns im Jahre 1848 der Gasthausbetrieb aufgegeben wurde, da der Sohn Jakob im Kirchenbuch nur noch den Beinamen Scholze‑Schorsch erhielt. Er starb 1962. Seine einzige Tochter ist die Seniorchefin Elfriede Lapp, seit 1950 verheiratete Göbel.

Die Tochter Luise Wilhelmine Lapp des Jakob Lapp (Ackermann) wurde 1842 noch im Gasthaus „Zum Hirsch“ geboren. Sie war die Schwester von Johann Georg Lapp, dem Großvater von Elfriede Göbel. Ihr fiel ein Teil des Erbes zu. Sie heiratete 1861 den Enkel des Schultheißen Peter Seng mit Namen Johann Friedrich Seng. Beide wohnten in dem noch ungeteilten Scholzehaus Ecke Kirchgasse / Frankfurter Straße. Deren Sohn Johann Peter Seng und seine Ehefrau Dorothea Luisa Kegelmann sind die Großeltern von Helma Schmidt‑Gruber. Die älteste Tochter Maria‑Luise Seng heiratete 1920 Karl Heinrich Gruber, Nachfahre des Pfarrers Gruber, die die Eltern von Helma Schmidt‑Gruber sind.

Heinrich Gruber, der als Schlossermeister im Werk Fechenheim der Naxos‑Union arbeitete, ist den Dörnigheimern als Vorsitzender des Volkschores von 1929 mit Unterbrechungen während des Krieges bis hin zu seinem frühen Tod 1960 noch wohlbekannt. Die Älteren schwärmen noch heute von seiner herausragenden musikalischen Begabung. Unter seiner Leitung wurden auch Singspiele und Theaterstücke aufgeführt. Auch ohne jegliche Kenntnis der Noten konnte er dem Chor als Vizedirigent dienen und hat das Vereinsleben in Dörnigheim maßgeblich geprägt. Kein Wunder, daß Tochter Helma die musikalische Begabung des Vaters geerbt hat.

Von den Großeltern Seng stammte auch das Foto mit Helma als sechsjähriger und einer Aufnahme ihrer mit zehn Jahren verstorbenen Schwester im Hintergrund. Es wurde in der guten Stube Ecke Kirchgasse 1934 aufgenommen, jenem Zimmer, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach der Schultheiß Johannes Lapp rund 110 Jahre früher seine Amtsgespräche erledigte.

Helma Schmidts Urgroßmutter und Elfriede Göbels Großvater sind also Geschwister gewesen. Von Großvater Seng weiß Helma auch, daß im Jahre 1869 ein Brand ausbrach, bei dem ein Großteil des Hauses in Mitleidenschaft gezogen wurde. Danach dürfte das jetzige Fachwerk neu aufgerichtet und das Erdgeschoß mit Backsteinen massiv aufgebaut worden sein. Auf Göbels Seite, dem offenbar älteren Teil, wurde bedingt durch das Fahrradgeschäft, das Vater Georg Lapp 1911 eröffnete, inzwischen viel verändert und modernisiert so auch das Fachwerk im Obergeschoß durch Massivbauweise ersetzt.

 

Die Küchen beider Familien befanden sich nebeneinander mit einer inzwischen zugemauerten Verbindungstür. Helma Schmidt weiß zu berichten, daß bei der ersten großen Nachkriegsrenovierung die ursprünglichen Sandsteinplatten des Küchen-Fußbodens entfernt wurden.

Von Elfriede Göbel war zu erfahren, daß sich das große Hoftor unmittelbar an ihre Haushälfte anschloß. Hier fuhren die Fuhrwerke früher in den Gasthof ein und konnten an der Kirchgasse durch das zweiflüglige weitere Tor wieder hinausgelangen. Neben dem großen Einfahrtstor befand sich ein spitzzulaufender Streifen Gemeindeland, der an das Nachbargrundstück Weyrauch angrenzte und auf dem die Bauern häufig ihre Güllefahrzeuge abstellten, bis sich die Hausbewohner über den Gestank erzürnten und von der Gemeinde den Streifen erwarben (dieser Streifen ist heute noch zu erkennen, weil er unbebaut ist). Hinter dem Gemeindestreifen soll sich noch ein Mauerteilstück der Dorfbefestigung befunden haben, das laut Frau Göbel nach 1911 abgerissen wurde.

Auf der gesamten Grundstückslänge, von der Hausvorderkante bis unter die Garage Ebert, befand sich ein Kellergewölbe aus Backsteinen, das teilweise heute zugeschüttet ist. Es diente augenscheinlich dem Aufbewahren der Bierfässer und in Kriegszeiten als Zufluchtsstätte. In diesem Keller verschlief die 17jährige Helma mit ihren Angehörigen den Einzug der amerikanischen Befreier im Morgengrauen des 28. März 1945 (Familiengeschichte Ilse Thomsen).

 

Wohnhaus Frankfurter Straße 27

Hier wohnte früher die jüdische Familie Schönfeld, deren heutige Nachkommen „Marx“ heißen. Der Sabbath wurde von der Familie streng eingehalten. Ihr Glaube äußerte sich bei den Schönfelds auch nach außen hin: Für arme und kranke Dörnigheimer hatte Mutter Schönfeld immer einen Topf mit Fleischbrühe parat.

 

Gasthaus „Zum Grünen Baum“ Frankfurter Straße“ 14 / 16

Im Jahre 1792 gründete der Ostheimer Schullehrer Hartenfeller das Gasthaus „Zum Grünen Baum. Nebenbei betrieb er Landwirtschaft. Am 19. Juli 1992 feierte die Familie Heuser mit einem dreitägigen Fest das zweihundertjährige Bestehen ihres Gasthauses „Zum Grünen Baum“.

 

Untertor

Den Abschluß des alten Ortskerns bildet nach Westen hin das Untertor. Am Untertor stand 1753 ein Wachthaus.

 

Alte Post Frankfurter Straße 18

Die erste Posthilfsstelle war in der Hintergasse, sie erhielt 1880 einen Telegraphenanschluß.

Danach war sie in der Bahnhofstraße und in der Breitscheidstraße und schließlich in der Frankfurter Straße 18. Der gelernte Portefeuiller Wilhelm Ludwig Kegelmann übernahm neben einem Zigarren- und Papierladen in den zwanziger Jahren eine Postagentur (vorher in der Bahnhofstraße). Bis 1945 war die Post in diesem Haus.

Ein Mann, den alle kannten, war der am 25. September 1880 in Dörnigheim geborene und am 31. Dezember 1954 verstorbene Wilhelm Ludwig Kegelmann IV., der Sohn von Wilhelm Kegelmann II., dessen Vater wiederum Wilhelm Kegelmann I. war. Seine Mutter Magdalene geb. Groß, hieß allgemein „es Bäckers Lenche“. Irgendwann hatte jeder mit ihm zu tun, denn er betrieb das örtliche Postamt.

Den Spitznamen „Helmsche“, was nichts anderes heißt als der kleine Wilhelm, eben das „Wilhelmchen“, hat er aus der Kindheit mit ins hohe Alter genommen. Seinen zweiten U-Namen, die „Nadel“ brachte ihm seine Eitelkeit ein. Er trug bei seinen gelegentlichen Auftritten im Freundeskreis als Komiker eine Krawattennadel, was im alten Dörnigheim eine große Seltenheit war, vielleicht war er sogar der einzige. In den Zeiten ohne Fernsehen, als es kaum Radios gab und man auch nicht eben mal irgendwo ins Kino gehen konnte, sorgten die Dörnigheimer selbst für Unterhaltung. Er war ein Original, trat als Sänger und Gedichteschreiber hervor.

Am 10. September 1911heiratete Wilhelm Ludwig Kegelmann in der Jakobskirche in Bockenheim die von dort stammende Franziska Landefeld. Sie schenkte ihm später zwei Söhne, wovon einer im Kindesalter starb. Ein Jahr nach der Hochzeit, 1912, richtete der gelernte Portefeuiller im Alter von zweiundreißig Jahren in der Frankfurter Straße Nr. 26, nach der späteren Numerierung Nr. 18, einen „Cigarren“-Laden ein. Ob der Vater, ein Schuhmacher, dort seine Werkstatt hatte, ist ebenso unklar wie das genaue Datum der Übernahme einer Postagentur, die bis in die zwanziger Jahre in der Bahnhofstraße 12 bestand.

Während des Ersten Weltkrieges zum Kriegsdienst ins französische Molain eingezogen, überließ er für einige Jahre das Geschäft seiner Frau Franziska. Nach der glücklichen Rückkehr jedoch hielt er sich an die Worte des Trautextes: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden“. Mit großer Hingabe widmet er sich neben seinen Geschäften in der freien Zeit wieder dem Sängerchor „Germania“ Dörnigheim, dessen dreißigjähriges Jubiläum er bereits im Jahre 1910 als aktiver Sänger mitgefeiert hatte. Für zahlreiche Konzerte in den Sälen der Dörnigheimer Gaststätten stellte er nicht nur sein Klavier zur Verfügung, was ihm die Wertschätzung besonders der Dirigenten sicherte, sondern er trug auch etliche Gesangsstücke als Solist vor.

Erhalten blieb das Programm eines Bunten Abends vom 19. März 1922 im Saal „Zur Mai­n­lust“. Dort sang er die Bariton-Soli neben Herrn J. Dammköhler, Herrn Fr. Dammköhler, Fräulein J. Schönfeld und Fräulein E. Kronenberger. In dem anschließenden Singspiel „Brüderlein fein“ von Julius Wilhelm und der Musik von Leo Fall spielte er den Domkapellmeister Josef Drechsler. In der Familie wird noch heute ein handsigniertes Foto des zu dieser Zeit berühmten Tenors der Wiener Staatsoper, Franz Völker, aufbewahrt, das ihm zum sechzigsten Geburtstag überreicht wurde.

Daneben verfaßte er Gedichte zu verschiedenen Anlässen und hatte auch sonst eine besonders humorvolle Art im Umgang mit seinen Mitmenschen. Eins seiner Gedichte zum Beispiel, das er seinem Stammtischfreund Leonhardt Alt widmete, unterschrieb er mit „gez. Dr. Nadel, genannt Kegelmann“. Die polnische Hilfskraft die während des Zweiten Weltkrieges im Schiffchen“ half, forderte er oft zu einem Liedchen auf, wenn sie die Post für das Gasthaus abholen kam. „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“, gab sie dann für alle zum Besten und dachte dabei wohl hauptsächlich an ihr eigenes Schicksal.

Aber auch sonst war die Post ein Ort der Kommunikation, Neuigkeiten wurden ausgetauscht und an menschlichen Schicksalen teilgenommen. Kam etwa ein Telegramm an, so rief Wilhelm Kegelmann nach seiner Frau Franziska, die es - häufig mit einem Enkel an der Hand - dem Empfänger zustellte.

Zur Übermittlung schlechter Nachrichten aber machte er sich selbst auf den Weg. Um dem Anlaß entsprechend angemessen gekleidet zu sein, warf er sich sein schwarzes Cape über die Schultern und setzte seinen Hut auf. Über eine Postuniform verfügte er nicht. Anteil konnte er auch an den Telefongesprächen der „Derngemer“ nehmen, denn das öffentliche Fernsprechgerät hing offen und frei gleich links neben der Eingangstür. Daran erinnern sich alte Dörnigheimer noch ebenso wie an die Geschäftsräume selbst. Wer durch die Tür mit den Buntglasscheiben die Räume betrat, stand zunächst in dem Zigarrenladen. Hier gab es aber außer Tabakwaren auch Gesangbücher, Postkarten, Schreibwaren, zu Fasching Papiergirlanden und zum Schulanfang die beliebten Schultüten.

Durch die Tür an der linken Wand betrat man den Postraum. Eine Theke mit hölzerner Schranke zum Hochklappen trennte den Postbereich von den Kunden. In der linken hinteren Ecke stand der Schreibtisch des Posthalters und daneben der Sortiertisch für die beiden Briefträger Fritz Leis und Jakob Kegelmann, der allerdings, trotz der Namensgleichheit, nicht mit ihm verwandt war. Von diesem Raum aus blickten die Kunden nach rechts in den kleinen Lagerraum für die Postsachen. Die übrigen Räume des Hauses bewohnte die Familie. Im Hof des Anwesens stand dann noch der Postwagen, ein Drückkarren, mit dem die Pakete und schweren Güter zugestellt wurden.

Nachdem der Sohn Friedrich Kegelmann 1934 geheiratet hatte, übergab ihm um 1938 der Vater den Zigarren- und Schreibwarenladen. Er selbst aber behielt die Poststelle bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1945. Danach wurde sie von der Familie Steinhäuser in der Bahnhofstraße 27 übernommen. Friedrich Kegelmann überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht, 1945 starb er bei der Gefangennahme an den Folgen seiner schweren Verwundungen und wurde auf dem Ortsfriedhof in Beraun (CSSR) begraben. Von nun an führte die Schwiegertochter Sophie das Tabak- und Schreibwarengeschäft. Aber ihr Tod führte 1982 zur Aufgabe des Geschäftes. Zeitweise war in dem Haus ein Kunstgewerbe- und Bastelladen, geführt von Monika Gründer und das Bürgerbüro der SPD Maintal.

 

Das Haus Frankfurter Straße 18 selbst hat aber in der Dörnigheimer Ortsgeschichte noch eine andere Bedeutung. Es stand als Prellbock an der scharfen S-Kurve an der Einmündung der damaligen Frankfurter Landstraße in die Lindenstraße. Es war eine Todeskurve. Von 1936 bis 1982 fuhren nicht weniger als zehn Autos mit überhöhter Geschwindigkeit den Kegelmanns durch die Außenwand in den Laden oder durch den Gartenzaun ins Wohnzimmer. Die „Post am Nadelwehr“ stand an einer gefährliche E>Später wurde der Zaun durch eine Mauer ersetzt. Viele der Unfälle hatten Todesopfer zur Folge. Auch nachdem die Straße 1936 an dieser Stelle durch den Abriß eines Hauses etwas mehr begradigt und eine Prellmauer errichtet worden war, ereigneten sich weiter schwere Unfälle. Oft waren es amerikanische Soldaten, die von Frankfurt kommend, abends schnell bis zum Zapfenstreich ihre Kaserne in Hanau oder Aschaffenburg erreichen wollten. Im Jahre 1954 kam es beim Aufprall eines Lastwagens zum Überkippen einer Ladung Hohlblocksteine, die mitsamt der Hausmauer ins Hausinnere stürzte, die Großmutter unter sich begrub und bei dem durch den umgekippten Ofen ein Feuer ausbrach. Danach wurde ein weitausladender Betonsockel vorgebaut, der das Haus etwas besser schützte.

Aber nach wie vor kam es hier zu schweren Verkehrsunfällen, zuletzt im Mai 1994, wo ein Pkw mit der überhöhten Geschwindigkeit von etwa 130 Stundenkilometern im „Tiefflug“, wie die Zeitung schrieb, die nahe Verkehrsampel aus der Verankerung riß und mit großer Wucht gegen die Betonbrüstung schleuderte. Seit dem teilweisen Rückbau der Kennedystraße im Jahre 1995 machen ein großzügig angelegtes Blumenbeet und eine sichtbarere Platzbegrenzung vor dem Frankfurter Hof die Autofahrer besser auf den Straßenverlauf aufmerksam.

 

Vor dem alten Dorf

Gasthaus 2zur Sonne“ Kennedystraße 74:

Wenig bekannt sein dürfte, daß sich hinter den Mauern des ansehnlich renovierten Fachwerkhauses in der Kennedystraße 74, rechts neben dem Zeitungs‑ und Getränkekiosk Häusler, das ehemalige Gasthaus „Zur Sonne“ verbirgt.

Das Gasthaus „Zur Sonne“ wird 1821 erstmalig genannt. Es wurde gegründet von Johann Georg Gruber, Sohn des Dörnigheimer Pfarrers Johann Philipp Gruber und dessen zweiter Ehefrau Johanna Maria Lapp aus dem Gasthaus „Zum Hirsch“. Doch 1903 wurde die Gaststätte wieder aufgegeben, weil der Enkel Karl Ludwig es vorzog, in die Gaststätte „Weißes Roß“ einzuheiraten.

Der Vater des Pfarrerssohns Johann Georg Gruber Johann Philipp Gruber. Er versah das evangelisch‑reformierte Pfarramt in Dörnigheim von 1790 bis 1809. Als Sohn des in hessen‑hanauischen Diensten stehenden Hofgerichtsregistrators Johann Leonard Gruber 1764 in Hanau geboren, war er als Pfarrer von 1785 bis 1790 zunächst in Rödelheim tätig, das ebenso zur ehemaligen Grafschaft Hanau gehörte wie Obereschbach, wo Pfarrer Gruber im Anschluß an Dörnigheim von 1809 bis 1826, seinem Sterbejahr, die Seelsorge versah. Pfarrer Johann Philipp Gruber nimmt in der Dörnigheimer Ahnengalerie einen herausragenden Platz ein, denn es kann als kirchenbuchamtlich abgesichert gelten, daß alle im Ortskern ansässigen Grubers bis auf den heutigen Tag Nachkommen dieses Pfarrers sind.

Pfarrer Gruber heiratete 1789 noch in Rüdigheim Christiane Henriette Engel aus Büdingen. Sie gebar ihm drei Kinder. Der älteste Sohn wurde wieder Pfarrer in Obereschbach. Nach ihrem frühen Tod ging er 1798 eine 2. Ehe mit Johanna Maria Lapp ein. Mit ihr stoßen wir wieder auf den „Hirsch“, ist sie doch die 1768 geborene Tochter des Gastwirts zum Hirschen und Schultheißen Johann Georg Lapp. Es ist davon auszugehen, daß die nicht unvermögende Gastwirtstochter Lapp eine ansehnliche Mitgift in Form von Grund und Boden mit in die Ehe brachte, auf dem unter anderem schließlich das hier behandelte Gasthaus „Zur Sonne“ gebaut wurde. Johanna Maria Lapp hatte mit Pfarrer Gruber sechs Kinder. Sie starb in Obereschbach im Jahre 1852.

Ihr erster Sohn Johann Georg Gruber wurde 1802 geboren. Er war der Begründer der Gastwirtschaft „Zur Sonne“. Er heiratete mit 24 Jahren 1826, noch im Todesjahr seines Vaters, die Bäckerstochter Elisabeth Hefterich aus Obereschbach. Es ist anzunehmen, daß im Jahr der Heirat oder kurz danach die Gastwirtschaft im neuerbauten Haus ‑ eine Scheune befand sich schon vorher auf dem Grundstück ‑ eröffnet wurde.

Erstmalig urkundlich erwähnt wird die „Sonne“ im Dörnigheimer Kirchenbuch im Jahre 1828 als „Haus Nr. 98 außerhalb des Ortes“, wie darin wörtlich aus Anlaß der Taufe seines ersten Sohnes Georg Ernst zu lesen ist. Damit ist die Grubersche Gastwirtschaft neben dem bereits existierenden Chauséehaus, das in früherer Zeit der Zolleinnahme diente, das zweite Haus außerhalb des geschlossenen Ortskerns an der Frankfurter Straße.

Der erste Sohn des Gastwirts Gruber, Georg Ernst, trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters, sondern bewirtschaftete als „Ackermann“ das zur „Sonne“ gehörende Land. Er wohnte aber in der Sonne“ mit seinen drei ihm nacheinander angetrauten Frauen und der umfangreichen Nachkommenschaft.

Die Gastwirtschaft weitergeführt hat der erste Sohn des Johann Georg Gruber aus dessen zweiter Ehe, die er 1831 mit seiner Cousine ersten Grades (zur damaligen Zeit nicht unüblich) Katharina Stein eingegangen ist. Sie war die Tochter des Gastwirts zum Weißen Roß, Johann Georg Stein, mit seiner Ehefrau Anna Catharina Lapp. Bereits hier wird der Faden zum Weißen Roß aufgenommen.

Ihr Sohn Karl Ludwig Gruber führte in zweiter Generation die Sonne weiter. Er wurde 1831 geboren und starb 1906, bereits auf seinem Altenteil im „Weißen Roß“, da sich zwischenzeitlich ergeben hatte, daß dessen Sohn, ebenfalls auf den Namen Karl Ludwig getauft, es vorzog, in die alte traditionsreiche Gastwirtschaft „Zum Weißen Roß“ einzuheiraten. Die Einheirat vollzog sich im Jahre 1903 mit Margarethe Wilhelmine Lapp, die erst 1967 starb und vielen Dörnigheimern noch in Erinnerung ist.

Zur Fortführung der „Sonne“ fand sich kein Verwandtschaftsmitglied mehr bereit, nicht zuletzt wohl deshalb, weil durch die zahlreiche Nachkommenschaft das Erbe in zu viele Teile zerfiel und weil die Dörnigheimer Gastwirtschaften untereinander in Wettbewerb standen.

Abgesehen davon befindet sich direkt gegenüber die Gaststätte „Schwarzer Stern“, ein Ableger der „Mainlust“. Der Zugang befand sich ursprünglich zur Haingasse hin. Um 1900 erfuhr die Gaststätte eine erhebliche Erweiterung und Öffnung zur Frankfurter Straße hin, große Räumlichkeiten zum Feiern entstanden.

Die Gastwirtschaft „Zur Sonne“ hat lediglich über zwei Generationen, knapp 80 Jahre, Bestand gehabt (von circa 1825/21 bis 1903). Dies erklärt auch, warum sie so schnell in Vergessenheit geriet.

Zurück zum Pfarrersenkel und Ackermann Georg Ernst Gruber, der durch seine drei Ehen nicht nur für die Vermehrung der Grubersippe in Dörnigheim sorgte, sondern auch für die damit zwangsläufig einhergehende Erbteilung. Georg Ernst starb mit 62 Jahren in der Sonne im Jahre 1890. Kurioserweise wurden ihm nur Söhne geboren von allen drei Ehefrauen, und zwar zehn an der Zahl, acht überlebten die frühe Kindheitssterblichkeit jener Tage. Aus der ersten Ehe mit der Schmiedemeisterstochter Louise Fliedner erwuchsen drei Söhne (einer starb früh). Die beiden überlebenden wurden Schlosser und begründeten die Grubersche Schlosserdynastie, die bis in unsere Tage fortbesteht. Der zweite Sohn Philipp setzte die kinderreiche Tradition fort und brachte es in ebenfalls drei Ehen, wie sein Vater, sogar auf 17 Kinder, wovon zwei im Kindesalter starben und ein Kind ertrank.

Aus der zweiten Ehe des Georg Ernst mit Luise Schäfer gingen drei Söhne hervor, zwei Schreiner und ein Bahnarbeiter. Luise Schäfer starb mit 47 Jahren in der „Sonne“" 1874, zu jener Zeit immer noch Haus Nr. 98. (Die Anbringung von Straßenschildern erfolgte in Dörnigheim erst 1893).

Im Jahr nach dem Tode seiner zweiten Frau verheiratete sich Pfarrersenkel Georg Ernst zum drittenmal mit Anna Katharina Weyrauch. Sie stand bei ihm als Magd in Diensten. Ihr Vater war in Dörnigheim aus Würzberg (Odenwald) hinzugezogen. Sie war18 Jahre jung, als sie ihren 41 jährigen Dienstherrn ehelichte. Georg Ernst hatte mit Anna Katharina Weyrauch drei Söhne. Sie wurden auf die Namen Georg Heinrich, Wilhelm Friedrich und Johann getauft.

Georg Heinrich Gruber lebte von 1876 bis 1934 in der „Sonne“. Er bewohnte mit Ehefrau Katharina Luise Margarethe geborene Stier die rechte Hälfte des Hauses (von der Straße aus gesehen). Er ist der Großvater von Helma Gruber, verheiratete Schmidt. Hier schließt sich der Kreis zum untergegangenen „Hirsch“ in der Frankfurter Straße.

Helma Schmidt wußte über ihre Urgroßmutter Weyrauch zu berichten, daß diese mit einem Holzbein leben mußte, möglicherweise infolge eines Unfalles. Mit besagtem Holzbein trieben die Gruberschen Enkel bisweilen ihren Schabernack, indem sie es der schlafenden Oma entwendeten und versteckten.

Von Ihrer Großmutter Katharina Luise erzählt die Enkelin Helma die interessante Geschichte, daß diese ängstlich ein Versteck von französischen Säbeln, Waffen und wertvollen Büchern auf dem Dachboden der „Sonne“ hütete, eine Hinterlassenschaft fliehender napoleonischer Truppen, die im „Hirsch“ zur Zeit des Rückzuges der Franzosen im Quartier lagen. Als dann der Großvater Georg Heinrich in den Ersten, Weltkrieg ziehen mußte, konnte sie dieses kleine Waffenarsenal zu Geld machen, um damit die Not ihrer Familie zu lindern, was Georg Heinrich nach seiner glücklichen Rückkehr aus dem Felde lebhaft bedauerte, hatte er doch den Wert dieser Hinterlassenschaft richtig erkannt.

Der zweitgeborene Sohn der Anna Katharina Weyrauch war Wilhelm Friedrich Gruber. In späteren Jahren erhielt er den Spitznamen „Schwarzer“ in Anspielung auf seine dunkle Haarfarbe, die ihm ein bei jungen Damen wohlgefälliges Aussehen verschaffte.

Wilhelm Friedrich war als Maurermeister in der Entstehung zahlreicher Häuser in Dörnigheim und Frankfurt beteiligt. Er zeichnete für die Erweiterung des Bahnhofes Hochstadt‑Dörnigheim verantwortlich sowie den Bau der Neupertschen Metzgerei. Er schuf auch die Stuckdecke im Frankfurter Hof. 1878 geboren, verehelichte er sich 1901 mit Margarethe Marie Fischer, einer Tochter des Zimmermeisters Philipp Fischer und Schwester des Ernst Fischer (Begründer des späteren Bauunternehmens Ernst Fischer in der Bahnhofstraße).

Wilhelm Friedrich unterhielt neben seiner Bautätigkeit eine Kohlenhandlung an der Friedrichstraße („Kohlen‑ Gruber“). Tragischerweise kam er 1941 durch einen Unfall bei Bauarbeiten am Frankfurter Ostbahnhof ums Leben (sein Fuß steckte in einer Weiche, die unversehens zugeschnappt war, als der Zug anrollte und ihn überfuhr). Er ist der Großvater von Luise Wunderlich (Heizöl‑Wunderlich). In der „Sonne“ hat er nach seiner Heirat nur kurz gewohnt, weitestgehend in der Nordstraße. In 1920 baute er im Gruberschen Garten, der sich bis zur Friedrichstraße erstreckte, ein eigenes Haus. Die Grubers in der Friedrichstraße sollten im übrigen noch zweimal Land zur Erweiterung des Friedhofes zur Verfügung stellen, das letzte Mal 1967 noch einmal 1.100 Quadratmeter Gartenland, so daß sich der erweiterte Friedhof nunmehr zwischen die Häuser der drei Brüder schiebt.

Fehlt noch der Dritte im Bunde, der jüngste Sohn der Anna Katharina Weyrauch. Es war der 1883 in der „Sonne“ geborene Johann Gruber, mit Rufnamen Jean. Johann (Jean) Gruber arbeitete als Maurerpolier und ehelichte Johanna Kadner aus Mühlheim, die erst 1971 starb, ihr Ehemann schon 1947. Sie hatten drei Töchter und zwei Söhne. Die Tochter Margarethe starb mit drei Jahren. Es überlebten Johanna, Anna, Jean und Georg‑Heinrich Gruber. Johann Gruber Vater bewohnte mit seiner Familie die linke Hälfte der ehemaligen „Sonne“. Seine Tochter Anna, geboren 1911, heiratete Wilhelm See aus Bischofsheim und starb am 19. April 1983.

Sie wurde schließlich zur Hauserbin nach Aufkauf der rechten Hälfte von den Erben des Maurer‑Onkels Georg Heinrich im Jahre 1977. Ihr einziger Sohn Helmut See ist somit jetzt alleiniger Besitzer des ehemaligen Gasthauses in der heutigen Kennedystraße 74 (Ab 1933 lag das Haus im Übrigen bis zum Ende des Dritten Reiches am Horst‑Wessel‑Platz 32 und nach dem Zweiten Weltkrieg am Karl‑Marx‑Platz Nr. 8. Allein aus der Straßenbezeichnung lassen sich also geschichtliche Rückschlüsse ziehen).

Helmut See hat nach seiner Heirat mit Ingrid Renate Steinhäuser aus Bischofsheim in 1962 in den ehemaligen Hof der „Sonne“ sein neues Wohnhaus gebaut. Auf dem Hof sind heute noch ehemalige Stallungen sichtbar. Vor sechs Jahren gab er der „Sonne“ ein neues, dem Stil der Zeit angepaßtes Aussehen unter Wahrung der alten Fachwerkelemente. Dabei traten die Umbauten seines Großvaters Jean Gruber aus 1920 deutlich zutage.

Jean Gruber hatte gemeinsam mit seinem Bruder Georg Heinrich solide Arbeit geleistet und die Trennung der beiden Wohnhälften vorgenommen, eigentümlicherweise aber einen gemeinsamen Hauseingang beibehalten, der lediglich von der Straßenseite (siehe historisches Foto aus dem Jahre 1919) auf die Rückseite verlegt wurde.

Wie Helmut See berichtet, stieß er beim Bau seines Wohnhauses auf die mit Schlacken befestigte Trasse des sogenannten „Schwarzen Weges“, einem unbeleuchteten Trampelpfad, der den Dörnigheimern als Abkürzung zur Erreichung des Bahnhofes diente und direkt am Gruberschen Grundstück vorbeiführte.

Helmut See kann sich auch noch sehr genau an Großvater Jean mit der Batschkapp erinnern, der vorübergehend die Rolle seines im letzten Krieg gefallenen Vaters einnahm. Bezeichnenderweise ist bei seiner Mutter Anna das Gastwirtsblut noch einmal durchgebrochen, denn sie unterhielt von 1952 bis 1976, ihrem 65. Lebensjahr, den heute noch im Vorgarten existierenden Getränkekiosk.

In der 1990 umgestalteten und im Dachgeschoß ausgebauten „Sonne“ wohnt jetzt mit Helmut Sees Tochter Marion die sechste Generation nach dem Erbauer sowie weitere drei Mieterparteien. So bietet bis auf den heutigen Tag das altehrwürdige Gemäuer Platz für viele, wie ehedem im vergangenen Jahrhundert (Familiengeschichte Ilse Thomsen)

 

Das Zollhaus („Chausseehaus“) Kennedystraße 76:

Der Ringmauer nach Westen vorgelagert war die zwanzig Meter breite Landwehr. Sie wurde erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie hatte einen vier bis fünf Meter tiefen Graben und eine undurchdringliche Hecke, das Gebück, und bildete die Befestigung im Westen in circa 150 Meter Entfernung vom Dorf Dörnigheim. Gebück und Graben hatten eine Breite von etwa 20 Metern. Dörnigheim hat sich von 800 bis 1800 nicht über die Wehrmauer ausgedehnt. Das erste Haus außerhalb der Befestigungsanlage war das Zollhaus an der Stelle der heutigen Raffeisenbank.

Verantwortlich für die Straße waren die jeweiligen Landesherren. Sie verpachteten die Zollstationen an „Chausseegelderheber“ und „Chausseewärter“. Alle wollten natür­lich möglichst hohe Gewinne daraus erzie­len und so wurde wohl die Pflege der Stra­ße nach Möglichkeit gering gehalten. Eine Zollstation für die Frankfurt‑Leipzi­ger Straße gab es vor 1600 in Kesselstadt, für deren Zöllner Kesselstadt, Wachenbu­chen und Dörnigheim aufkommen mußten.

Eine kleinere Zollstation mag es aber be­reits auch in Dörnigheim gegeben haben, für die es weiter keinen Beweis gibt als den, daß dem Abt, nach dem Weistum von 1366, für jeden Wagen ein Pfennig Zoll ge­geben werden sollte.

Das Zolhaus war das erste Gebäude außerhalb der geschlossenen Dorfanlage. Hier wurde der Zoll von den aus Frankfurt kommenden Fuhrleuten erhoben. Es stand neben dem alten Friedhof, an der Stelle der heutigen des heutigen Doppelhauses der Raiffeisenbank.

 

 

 

Der erste, in den Familienregistern der Dörnigheimer Kirchenbücher namentlich erwähnte Zollverwalter, war Henrich Grimm. Er starb 1713. Nach ihm findet man Namen wie Johannes Bos, der 1807 mit siebzig Jahren starb und dessen Witwe neun Jahre später um ein Gnadengehalt ersuchte (Bürgermeisterrechnung, Staats­archiv Marburg).

Sein Nachfolger war Jacob Scherer und nach ihm kam Konrad Heck mit dem Titel „kaiserlicher und königlicher Zollverwal­ter“

Der Stammvater aller Dörnigheimer Heck-Nachfahren war Johann (Hanß) Heck, Kirchenältester, Kirchenrüger und Geschworener. Er ist vermutlich vor Beginn der damals noch lückenhaften Kirchenbucheintragungen, also vor 1651, gestorben. Seine Frau Margreth wurde 1676 im Alter von 73 Jahren begraben. Die Ehe ist frühestens zwischen 1620 - 1625 geschlossen worden.

Aus ihr gingen vier Kinder hervor, und zwar drei Söhne und eine Tochter. Sohn Niclas starb schon vier Jahre nach seiner 1658 erfolgten Eheschließung mit Emma/Anna Steffan und hinterließ nur einen Sohn mit Namen Christoffel. Wegen einer Erkrankung erhielt er gleich nach seiner Geburt im Haus eine Nottaufe, wurde dann aber zweiundachtzig Jahre alt. Auch Helena, seine Frau, die zwischen 1660 und 1750 lebte, wurde annähernd neunzig Jahre alt.

Sohn Peter („der Alte“), Kirchenältester und Geschworener, heiratete 1668 Catharina Trapp aus Hochstadt. Dieses Ehepaar hatte acht Kinder: Fünf Söhne, von denen zwei das Kindesalter nicht überlebten, und drei Töchter.

Der Enkel Gregorius (des Johann Heck), das älteste der Kinder Peter Hecks, wurde 1668 geboren. Seit 1697 war er mit Engel Bach aus Niederrodenbach verheiratet. Er wurde trotz seiner „nur“ siebenundsiebzig Jahre ebenfalls „der Alte“ genannt, bekleidete das Amt des Kirchenältesten und war außerdem Gerichtsmann. Als zweiter Sohn wurde 1699 (nicht 1687) Stoffel Heck geboren, Bürger von Hanau (nicht Burgraf), der 1741 sein Töchterlein in Dörnigheim beerdigen ließ. Der jüngste Sohn war Johann Gregor, geboren 1718,

Enkel Peter „der Jüngere“- zweiter Sohn von Peter „dem Alten“ - war nicht Bäcker, sondern Bender, Bierbrauer und Wirt. Er wird auch „der Heck der Wirth“ genannt. Er stellte also seine Bierfässer selbst her. Seine Frau aus Niederrodenbach hieß Anna Catharina Göbel (nicht Köbel).

Die Liebe jedoch zum alten Zollhaus - oder dem Chausséhaus, wie es im täglichen Sprachgebrauch genannt wurde - begann 1710 mit der Geburt von Maria Katharina, der Tochter des Bierbrauers Peter Heck, die zur Patin die Tochter des „Herrn Henrich Grimm, Zollverwalter allhier“ hatte. Henrich Grimm war kein anderer als der Ururgroßvater der Märchen-Brüder Grimm. Er stammte aus Bergen und starb am 11. September 1713 in Dörnigheim, wurde aber nicht hier beerdigt.

Bei der Geburt von Konrad Heck im Jahre 1809 stand der Sohn des Chausséwärters Pate. Ebenso heißt es bei einem namenlosen „Söhnchen“, das im Jahre 1818 nur sechs Tage alt wurde: „zu Gevatter stand der hiesige Chausségelderheber“.

Der Enkel (des Johann Heck) Christoffel oder Stoffel, (geboren 1660, gestorben im Alter von 67 Jahren 1727) war zweimal verheiratet. Seine erste Frau war Helena geborene Fritz. Die Hochzeit fand 1682 statt. Diese Ehe war kinderlos und Helena starb schon 1708. Im Jahre 1712 ging Stoffel Heck eine zweite Ehe mit Anna Maria N. ein, die erst 1750 starb und ihm eine Tochter und zwei Söhne gebar.

Der Enkel (des Johann Heck) Jonas war Kirchen-Senior und verheiratet mit Jenna Kegelmann.

Gregorius, der Enkel Johann Hecks, ist der Stammvater der Jubilarin Anna Coy geborene Heck (nicht sein jüngerer Bruder Johannes (Jonas). Der jüngste Sohn von Gregorius nämlich, Johann Gregor (geboren 1718) führt die Linie weiter über seinen Sohn Christoffel (geboren 1749). Dessen ältester Sohn war der 1780 geborene Peter Heck, Hofbeständer und Gastwirt zu den „Drei Kronen“ (1818) in der Frankfurter Straße. Er war verheiratet seit 1801 mit Wilhelmine Köppler, Tochter von Franz Köppler, Hofbeständer im Jacobsberger Hof.

Ein weiterer Sohn war der Gemeindebäcker Karl (geboren 1787). Dieser wiederum hatte einen Sohn Konrad (geboren 1809). Er übte den Beruf des kaiser- und königlichen Zollbeamten aus. Sein Büro befand sich außerhalb des zur damaligen Zeit bebauten Ortskernes im alten Zoll­haus an der Straße nach Frankfurt. Der große Schreibschrank, der bis unter die Decke reichte, war angefüllt mit Papieren, Stempeln und Siegeln. In seine Amtszeit fiel die Aufhebung sämtlicher Zollgrenzen, so daß er nur noch Chaussewärter war. Er starb 1887 im hohen Alter von 78 Jahren.

Konrads Sohn war Karl Heck (genannt „Konradskarl“). Von Beruf war er Stellmacher und Brunnenbauer. Vor allem stellte er Pumpen her, speziell Jauchepumpen („Puddelbumbe“). Seinen letzten Brunnen baute Karl Heck mit 85 Jahren. Bei den vielen verwendeten Holzteilen war natürlich eine regelmäßige Wartung sehr wichtig. Auch die von ihm gebaute Wasserversorgungsanlage für die Dampflokomotiven entlang der Bahnstrecke bis zur Mainkur oblag seiner Aufsicht. Die hölzernen Wasserpumpen mit den Rinnen mußten regelmäßig erneuert werden.

Aber Karl Heck war nicht nur Pumpenbauer, sondern auch mit Leib und Seele Landwirt und ein Mann mit Prinzipien. Für die Landwirtschaft standen zwei Kuhgespanne zur Verfügung, je ein Gespann für die Arbeit am Vor- und am Nachmittag. Sein Enkel Hugo schwärmt noch heute von den Zwetschgen, die sein Großvater in einem Brunnenschacht bis Weihnachten für leckere Kuchen frisch hielt.

Karl Heck, der fast 90 Jahre alt wurde, leistete zwar den Wehrdienst, erlebte drei große Kriege, davon zwei Weltkriege, wurde aber niemals zum aktiven Kriegsdienst herangezogen. 1858 geboren, war er für den Feldzug 1870 / 1871 noch zu jung, für den Ersten Weltkrieg aber war er bereits zu alt. Geheiratet hatte Karl erst mit fünfzig Jahren. Er trug schwer an dem Verlust seiner großen Liebe aus der Jugendzeit. Das Mädchen war kurz vor der Hochzeit gestorben.

Vielleicht war das sein Erlebnis, das ihn zu den vielen Clownerien veranlaßte, die ihn in Dörnigheim zu einem Original werden ließen. So lief er noch im hohen Alter im Winter auf den überschwemmten und gefrorenen Mainwiesen mit den herrlichsten Figuren Schlittschuhe und für die Kinder goß er Wasser für eine Eis-Rutschbahn in den Hof. Im Sommer setzte er sich gern auf ein kleines Bänkchen im Main, das er eigens für sich dort hineingestellt hatte, und ließ sich von den Kindern mit einer Wurzelbürste den Rücken schrubben.

Seine Tochter ist Anna Coy, geboren am 11. Mai 1908, war auch in ihrem hohen Alter noch eine Frau mit einem erstaunlich starken Willen und einer großen Ausstrahlung. In ihrer Kindheit ist sie durch eine harte Schule gegangen. Der Vater duldete keinen Müßiggang (Familiengeschichte Ilse Thomsen).

 

Im Laufe der Jahre hatte der Unmut über die vielen Zölle, die nach unterschiedli­chen Zoll­systemen abgerechnet wurden, immer massiver zugenommen. An den Schlagbäumen der Zollstationen stauten sich die Fuhrwerke, bis die umständliche Verzollung abgewickelt war. In Jahren mit schlechter Ernte verteuerten sich da­durch die bäuerlichen Erzeugnisse so sehr, daß sie teilweise in Frankfurt keine Abnehmer mehr fanden.

Im Jahre 1828 entstanden regional begrenzte Zoll­vereine, die eine Vereinfachung der Zoll­abgaben erreichen wollten. Die Julirevolu­tion in Frankreich führte 1830 auch in Deutschland zu zahlreichen weiteren Er­hebungen. Willkürlich wurden Zollgren­zen errichtet, bei deren Überschreitung ei­ne „Maut“ zu zahlen war. Als es im Sommer desselben Jahres durch Unwetter zu hohen Ernteausfällen kam, war die Geduld der Bauern zu Ende.

Am 24. September 1830 stürmten sie die Zolläm­ter in Hanau und an der Mainkur. Sie war­fen Akten auf die Straße, zündeten sie an und demolierten das Mobiliar. Die Regie­rung war so überrascht, daß keine Gegen­maßnahmen ergriffen wurden. Als im Ja­nuar 1832 der Posten auf der Mainkur er­neut angegriffen wurde, schritt das Militär ein und wer gefangen wurde, erhielt lange Haftstrafen.

Der mit der Untersuchung beauftragte Re­gierungsrat Neuhof schrieb am 8. Januar 1832 (Koch): „In Dörnigheim war bei meiner Rückreise von der Mainkur die Meinung verbreitet, die Hanauer kämen in der bevorstehenden Nacht, um das Militär abzulösen und den Zoll an der Mainkur aufzuheben. Es hat mich viel Mühe gekos­tet, einige sonst verständige Leute von die­sem Glauben abzubringen und ihnen die Überzeugung zu verschaffen, daß das Mili­tär fest entschlossen sei, den etwaigen Re­bellen blutigen Widerstand zu leisten, und daß es auch hierzu vollkommen gerüstet sei.“

Im Jahre 1833 kam es dann auf preußischen Druck zur Gründung des Deutschen Zollvereins und 1834 fielen die innerdeutschen Zoll­schranken. Die Chausseegeld‑Erhebestelle wird 1836 nach der Mainkur verlegt. Das bedeutete das Ende des Dörnigheimer Zollhauses, das nun „Chausseehaus“ genannt wurde. Das Chausseehaus wird 1840 von der Gemeinde erworben. im Jahre 1863 erhält es ein Stockwerk als Lehrerwohnung. Im Dezember 1866 wurden endlich auch sämtliche Zölle und Schiffsabgaben auf dem Main aufgehoben. Bis zum Abriß des Zollhauses Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erhielten hier Beschäftigte der Gemeinde oder Bedürftige günstigen Wohnraum.           

 

Der alte Friedhof:

Der alte Friedhof wurde 1814 außerhalb des Dorfes zwischen Zollhaus und einem nach Hochstadt führenden Weg, auf einem Grundstück mit der Flurbezeichnung „Hinter dem Ort“, angelegt. Man kam damit einer Aufforderung der Oberen Behörden aus dem Jahre 1805 nach, mit der wegen der Seuchengefahr die Anlage von Friedhöfen weit außerhalb der Ortschaft verlangt wurde. Die erste Begrenzung war der ehemalige Landwehrgraben

Schon nach wenigen Jahren, um 1856, wurde der Friedhof über diesen Weg hinaus nach Westen erweitert. Das Anwachsen der Bevölkerung machte bald erneut eine Erweiterung der Friedhofsanlage erforderlich. Das Zollhaus verhinderte zunächst eine Erweiterung nach Osten. Noch einmal wurde ein schmaler Streifen westlich hinzugenommen und der Weg nach Hochstadt weiter nach Westen außerhalb des Friedhofs verlegt. Der alte Teil des Weges ist noch heute einer der beiden Hauptwege im Friedhof. Auch ein Rest der alten Umfassungsmauer steht noch mitten im Friedhof.

Im Jahre 1880 begannen die Erweiterungsarbeiten. Im Jahre 1881 wurde die Anlage mit einer Mauer umgeben und umfaßte nun mit 5.082 Quadratmetern das gesamte Flurstück 18. Der noch heute bestehende Haupteingang mit seinem Holztor und den beiden Sandsteinpfosten stammt aus jener Zeit.

Am 2. September 1895 wurde von der bürgerlichen Gemeinde den am Deutsch-Französischen Krieg 1870 / 1871 beteiligten Soldaten ein Denkmal gestiftet. Die Ehrentafel aus schwarzem Granit enthält die Namen von 44 Dörnigheimern, die am Krieg teilnahmen und verzeichnet elf Gefallene. Ursprünglich war die Tafel in der Kirche befestigt. Nach jahrelanger Lagerung im Kirchturm ist sie nun an der Seitenwand der Kapelle auf dem alten Friedhof der Öffentlichkeit zugänglich.

Unter großer Beteiligung der Orteinwohner enthüllte der Bürgermeister Karl Leis im Jahre 1922 auf dem alten Friedhof ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. In seiner Ansprache gedachte er der 69 Dörnigheimer Mitbürger, die im Kampf um das Vaterland, um die Heimat und um die Familie ihr Leben lassen mußten. Er gelobte, daß die Gemeinde Dörnigheim jederzeit das Denkmal unter ihrem Schutz in Ehren halten werde. Der große Findling ist heute überwuchert und davor sind angeordnet fünf kleine Findlinge mit den Namen von 71 Soldaten. Dieses Mahnmal steht auf dem alten Friedhofs gegenüber dem Eingangstor von der Kennedystraße.

In den Wirren gegen Ende des Krieges kam es zu Toten ganz anderer Art: Nach den schweren Bombenangriffen auf Hanau flüchteten die Menschen aus der brennenden Stadt in die Nachbargemeinden. Auch in Dörnigheim wurde ein Lazarett eingerichtet, in dem viele ihren schweren Verletzungen erlagen. Sie wurden auf dem Dörnigheimer Friedhof begraben.

KZ-Insassen auf dem Todesmarsch von Frankfurt nach Hünfeld waren erschossen worden und wurden zunächst auf dem Friedhof beigesetzt. Zur Verbreiterung des Backesweges wurden im Jahre 1952 die an der Friedhofsmauer gelegenen Gräber der Kriegstoten, darunter die Opfer des Todesmarsches, in ein waldnahes Gelände zwischen „Nurlache“ und „Am Hundsbaum“ (Flurbezeichnungen in der heutigen Waldsiedlung) umgebettet.

Am 19. August 1945 kam es in dem Materiallager am Bahnhof zu einem Brand, den die örtliche Feuerwehr zu löschen versuchte. Dabei erfolgte eine gewaltige Explosion, bei vier Feuerwehrleute getötet wurden und zwei weitere schwer verletzt zunächst überlebten. Zum Gedenken an dieses schwere Unglück steht heute auf dem Alten Friedhof ein Denkmal mit den Namen der Getöteten. Es sind: Jakob Schneier, Peter Boos, Jakob Rauch und Jakob Kegelmann

Nach dem Zweiten Weltkrieg reichte die Kapazität des alten Friedhofs reichte bald nicht. Im Zuge des Ausbaus und der Verbreiterung des Backeswegs wurde 1952 auf der gesamten Länge die Friedhofsmauer um fünf Meter nach innen versetzt. Gleichzeitig konnte der nördlich vom Friedhof gelegene Holzplatz von der Gemeinde erworben und mit in den Friedhof einbezogen werden. Die Größe des gesamten Areals betrug nunmehr 10.507 Quadratmeter. Für die Verbreiterung des Backeswegs waren vom alten Gelände etwa 440 Quadratmeter abgetrennt worden.

Im Jahre 1950 wurde zunächst eine einfache Aufbewahrungsmöglichkeit auf dem Friedhof geschaffen, der im Jahre 1960 der Bau einer Trauerhalle folgte. Nun konnten die Toten würdig aufgebahrt werden und die Trauerfeiern mußten nicht mehr unter freiem Himmel stattfinden. Durch einen zweiten Zugang konnte man jetzt von der nördlich gelegenen Friedrichstraße auf den Friedhof gelangen.

Die nahe Wohnbebauung ließ keine weitere Erweiterung mehr zu. Es war unumgänglich, an anderer Stelle Gelände für einen neuen Friedhof zu suchen. Der neue Standort wurde östlich des Gewerbegebiets gefunden und 1970 ein neuer Friedhofs eingerichtet. Es fanden aber noch weiter Bestattungen auf dem alten Friedhof statt, allerdings nur noch in bereits bestehenden Familiengräbern und wenn die Ruhezeit von 30 Jahren sollte eingehalten wird.

Mehrfach hat man versucht, den alten Friedhof einzuebnen und zu einem Park umzuwandeln, so 1987 und 1998 und 2004. Dagegen gab es aber Widerstand, weil zum Leben in Dorf auch der Friedhof gehört. Einige der alten Grabmale aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sind noch auf dem Friedhof zu finden, wie der von Wilhelmine Ebert geborene Lapp, die von 1892 bis 1933 gelebt hat. Er steht im Laub versteckt vor der alten Mauer im Inneren des Friedhofs. Diesem Umstand verdankt er seinen Erhalt. Würde er, oder einer der wenigen anderen entfernt, könnte die Mauer einstürzen. Der Sinnspruch auf dem alten Grabstein lautet:

„Manch Tränlein mag wohl fallen, Das Liebe nach mir weint,

Ich hatt’s ja auch mit Allen Im Leben gut gemeint.

Doch habt ihr mich versenket, So lasst das Trauern sein,

Nur wenn ihr mein gedenket, Gedenkt in Liebe mein!“

 

Bleichhäuschen:

Am Beginn des Backesweges befindet sich auf einem Gartengrundstück gegenüber dem Alten Friedhof ein kleines Fachwerkhaus, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, als handele es sich um ein solide gebautes altes Gartenhaus. Zwar wird es heute als Gartenhaus zur Aufbewahrung von allerlei Gerätschaften benutzt, tatsächlich aber begegnen wir hier einem denkmalgeschützten Bauwerk. Schaut man näher hin, wird der aufmerksame Betrachter gewahr, daß das Fachwerk in der Tat ein denkwürdiges Alter haben muß.

Das Gartenhaus ist in Wirklichkeit das ehemalige Bleichhaus der Gemeinde Dörnigheim. Es hatte freilich einen anderen Standort. Es befand sich auf einem Wiesengrundstück mit der überlieferten Flurbezeichnung „Auf der Bleiche“ (offizielle Flurbezeichnung „Weidenwiesen“) an der Braubach schräg gegenüber dem Bahnhof Dörnigheim (heute Gelände des Bauunternehmens Fischer).

In früherer Zeit war es üblich, daß die Hausfrauen das gewaschene Leinenzeug auf die grüne Wiese zum Bleichen legten. Dann und wann wurden die Wäschestücke mit der Gießkanne begossen. Die Kraft der Sonne tat ein Übriges und ersetzte die heutzutage übliche chemische Waschpulverkeule. In dem Haus auf der Wiese an der Braubach bewahrten die fleißigen Dörnigheimer Wäscherinnen ihre Waschbottiche und sonstigen Zubehörteile auf. Es ist auch anzunehmen, daß ein mit Holz zu beschickender Ofen in dem Bleichhäuschen stand, der für das Erhitzen des aus der nahe gelegenen Braubach entnommenen Wassers sorgte.

Das Bauwerk hat den Grundriß eines Quadrats mit den Maßen 5.50 mal 5,50 Meter. Als Baujahr darf die Jahreszahl 1774 angenommen werden. Sie war eingeritzt in die alte Eichentür, die wegen ihrer Schadhaftigkeit vom jetzigen Eigentümer in 1995 leider ersetzt werden mußte.

Das Haus wurde kurz vor 1900 von Johannes Kuhn (Kennedystraße 84) von der Gemeinde Dörnigheim erworben und in seinem Garten am Backesweg aufgebaut. Johannes Kuhn kam als Wandergesell aus dem Taubertal nach Dörnigheim, verheiratete sich mit der hiesigen Bauerstochter Luise Seng und machte sich in Dörnigheim als Baumeister, Zimmermeister und Steinmetz selbständig. Sein Sohn Karl Kuhn wurde 1903 geboren und hat nach den Erzählungen seines Sohnes Erich das sogenannte Bleichhäuschen schon als Kind erlebt und darin gespielt.

An den mehr als 200 Jahre alten Balken des Fachwerkes sind noch heute deutlich sichtbar, Markierungszeichen eingeritzt, die Johannes Kuhn den Abbau von der Bleichwiese, dem heutigen Gelände des Architekten Karlheinz Fischer, und den originalgetreuen Wiederaufbau auf seinem Gartengrundstück erleichtert haben. Die Gefache zwischen den Eichenbalken waren ehedem mit Lehmziegeln ausgemauert, die im Originalzustand noch an der nach Westen hin weisenden Hauswand erhalten sind. In den übrigen Gefachen mußte mit handelsüblichen Ziegeln ausgebessert werden. Zur Verfestigung der Gefache wurde auch kräftig Zementputz verwandt.

Ein weißer Anstrich und eine konservierenden Behandlung der Eichenbalken könnte das denkwürdige Bleichhäuschen sehr viel schmucker wirken lassen. Der Eigentümer hat auch Pläne in dieser Richtung, wie er überhaupt um die solide Absicherung des Bauwerkes besorgt ist. Das Dach hat er vor 13 Jahren neu gedeckt. Vorher waren noch die ursprünglichen, inzwischen schadhaft gewordenen Ziegel zu sehen. Das Dach weist im Übrigen eine unübliche Konstruktion auf: zur Straßenseite hat es die Form eines Spitzdaches, während es nach Westen hin „abgewalmt“ ist.

Wie Erich Kuhn berichtet, wäre vor nunmehr fast 20 Jahren beinahe ein Malheur passiert. Der Besitzer war schon dabei, Hand anzulegen und den Abriß wegen Baufälligkeit einzuleiten, als er eine Vorladung des Bauamtes erhielt und ihm der Abriß aus Gründen des Denkmalschutzes untersagt wurde. So ist uns durch das wachsame Auge der Denkmalhüter dieses Kleinod im Garten des Erich Kuhn erhalten geblieben und wird hoffentlich noch viele neugierige Blicke auf sich ziehen (Ilse Thomsen).

 

Gasthaus „Zur Goldenen Sonne“:

Eigentlich sollte es eine öffentliche Badeanstalt werden, wie sie Anfang der fünfziger Jahre noch üblich war, weil es in den meisten Häusern noch keine Bäder gab. Aber auf Drängen der Familie ließ sich Margarete Allmannsdörfer umstimmen, und eröffnete in der Dörnigheimer Karlstraße an der Ecke zur Wilhelmstraße am 2. August 1951 zusammen mit ihrem Ehemann Adam die Gaststätte „Zur goldenen Sonne“.

Schnell wurde das Lokal zum beliebten Treffpunkt für Vereine. Hier gab es immer die neuesten Nachrichten und ein frisch gezapftes Bier. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Wirtin Margrete verwöhnte ihre Gäste mit gut bürgerlicher Hausmannskost.

An diese Tradition knüpft die heutige Wirtin Anneliese Fassing ‑ Tochter von Margarete Allmannsdörfer ‑ an. Natürlich dem Zeitgeschmack angepaßt. Denn eine der Spezialitäten von damals, „Russische Eier“, ist zwar immer noch lecker, aber auch sehr kalorienreich und darum heute nicht mehr so gewünscht. Doch zum Jubiläum am 2. August wird es die Russischen Eier auf Kartoffel‑ und Fleischsalat ebenso geben wie Kotelett mit Kartoffelsalat, Rippchen mit Kraut, Rumpsteak mit Zwiebeln, Handkäs’ mit Musik, verschiedene Schnitzel, das alles zu Sonderpreisen. Zum Angebot gehört auch ein Schöppchen mit Korn. Der Erfolg des Lokals veranlaßte die Wirtin, noch einen Anbau hinzuzufügen, um Räumlichkeiten für Vereins‑ und Familienfeiern zu haben.

Als aber ihr Ehemann Adam Ende November 1952 verstarb, war dies ein tiefer Einschnitt. Jetzt mußten Tochter Anneliese und ihr Mann Edmund mit ran. Im Jahre 1960 ging das aber nicht mehr, die Gaststätte wurde erstmals verpachtet. Gut zehn Jahre führte Rolf Mahler ebenfalls sehr erfolgreich und mit viel Engagement das Lokal, konnte sich schnell eine zufriedene Stammkundschaft schaffen.

Im Jahre 1970 übernahmen dann wieder Anneliese und Edmund Fassing für nochmals über zehn Jahre die Sonne, bevor sie 1981 Tochter Roselinde mit ihrem Ehemann Norbert Schulz übernahm. Rosi wiederum übergab die Gaststätte, die inzwischen auch komplett umgebaut und renoviert worden war, an ihren Bruder Werner Fassing und dessen Partner Michael Rudolph.

Dann der Schnitt 1999: Werner Fassing gab auf, die Gaststätte wurde geschlossen. Beinahe sah es schon so aus, daß die Wirtschaft das goldene Jubiläum nicht mehr erleben würde; doch daß sie Sonne im wahrsten Sinne des Wortes nicht endgültig unterging, dafür sorgte wiederum Anneliese Fassing. Die sich trotz ihres Alters aufschwang, zusammen mit ihrer Tochter Christa der Sonne nochmals zu altem Glanz zu verhelfen.

Und wer Anneliese Fassing agil wie eh und je hinterm Tresen agieren sieht, fühlt sich prompt in die alten Zeiten zurückversetzt, als es noch den „Sonnen‑Club“ gab, eine Stammtisch‑ Gesellschaft, die immer etwas unternahm; als die heute noch legendären Faschingsfeten gefeiert wurden und Wirt Edi einen „Striptease“ auf dem Tresen vollführte, und die Leute vom Zirkus Althoff (jahrelang hier im Winterquartier) samt Elefant zu den Stammgästen der goldenen Sonne gehörten.

Heute nun präsentiert sich die beliebte Gaststätte im schmucken Gewand; im kleinen Saal für 70 Personen sorgt im Winter ein offener Kamin für eine gemütliche Atmosphäre; die Gartenwirtschaft ist ein wahres Schmuckkästchen geworden. Die Küche ist weiterhin gut bürgerlich. Aus den Zapfhähnen laufen die süffigen Biere der Dortmunder Union‑Ritter‑Brauerei. Hefe‑ und Kristallweizen gehört ebenso zum Angebot wie das Stöffche der Landkelterei Höhl aus Hochstadt.

 

Restaurant Hessler:

Was der Kunst recht ist, muß unserem Handwerk billig sein, sagten sich die Hesslers und schufen in Maintal‑Dörnigheim, vor den Toren Frankfurts, ein Gesamtgenußwerk. Tatsächlich gelten Doris Katharina (in Gourmetkreisen „Katharina die Große“) und Ludwig Hessler mit ihrem vielfach preisgekrönten Restaurant Am Bootshafen zu den absoluten Top‑Adressen kulinarischer Verwöhnkunst im ganzen Rhein‑Main‑Gebiet. Hessler zählt in der Gastronomie zu den herausragenden, international bekannten Adressen, auf die die Maintaler zu Recht stolz sein können.

Mit dem Stern im Feinschmecker‑Handbuch Michelin hatte Doris Katharina Hessler 1979 den Durchbruch in die Elite der Küchenchefs geschafft. Das heute international bekannte Restaurant an der Kennedystraße betreibt sie zusammen mit ihrem Ehemann Ludwig Hessler, der ursprünglich in diesem Haus mit einer Diskothek begonnen hatte.

Als in den siebziger Jahren der Umsatz in dieser Branche immer mehr zurückging, stellte sich das inzwischen verheiratete Ehepaar Hessler um auf Feinschmeckerküche. Täglich wechselnde Menüs aus stets frischen Zutaten bestimmen die Qualität. Sogar das aus biologischem Anbau stammende Mehl wird erst kurz vor dem Backen des Brotes oder der Zubereitung der hausgemachten Teigwaren gemahlen.

Doris Katharina Hessler, gelernte Verwaltungsangestellte, hat erst durch ihren Mann ihr Kochtalent gefunden. Mit viel Interesse sah sich die Autodidaktin bei den berühmtesten Köchen in Deutschland und Frankreich um und hat gelernt. Auftritte im Fernsehen, Porträts in bekannten Gourmet‑Zeitschriften und selbstverfaßte Kochbücher machten den Namen Hessler inzwischen international bekannt.

Zu überregionaler Bekanntheit gelangte das „Hessler“ Ende der siebziger Jahre durch Doris-Katharina Hessler, die 1976 im Restaurant ihres Mannes die Küchenregie übernahm und 1979 als eine der ersten Frauen in Deutschland einen Stern im Feinschmecker-Handbuch Michelin erhielt, den sie bis zu ihrem Tod 2004 konstant halten konnte.

Doris-Katharina Hessler aus Dörnigheim war Deutschlands bekannteste Küchenchefin. Zusammen mit Ehemann Ludwig führte die Sterne-Köchin das Gourmet-Restaurant und Hotel Hessler, Am Bootshafen 4. Das Restaurant zählte zu den 50 besten in Deutschland.

Die traditionelle hessische Küche stand bei Hesslers nicht gerade im Mittelpunkt. Auf der Karte sind hier Gerichte wie etwa Terrinen und Mousse von der Wildente mit Feigen- und Cassissauce, Filet vom Seeteufel im lila Kartoffelmantel auf grünem Spargel in Kaviarschaum oder Lammrücken mit Tomaten-Olivenkruste in Rosmarinjus zu finden.

Dennoch hatte Doris-Katharina Hessler den Geschmack an den hessischen Leckereien nicht verloren. Die Küchenchefin: „Ich esse unheimlich gerne Gerichte mit Kartoffeln und Blutwurst, ab und an ein Rippchen mit Sauerkraut und Kartoffelpüree oder einen schönen Schweinebraten.“ Allerdings, schränkt sie ein, müsse sie wissen, wo das Fleisch herkomme. Doris-Katharina Hessler: „Das würde ich nie beim Metzger holen.“

Zur Vorstellung des Buchs „Traditionelle hessische Küche“, zu dem Frau Hessler das Vorwort schrieb, gab es bei Hesslers zehn Gerichte, die alle aus dem neuen Kochbuch stammten, und das Küchenteam bewies, daß es auch auf diesem Terrain zu kulinarischen Höchstleistungen „auflaufen" konnte. Das Buch  „Traditionelle hessische Küche" hat 240 Seiten (ISBN 3-921156-52-1) und kostete damals 24,80 DM

Nicht die hessischen Gerichte selbst waren auf Hesslers Karte zu finden, wohl aber viele regionale Produkte, die von der anspruchsvollen Küchenchefin grundsätzlich bejaht werden. Bedingung: Diese Produkte müssen gut in den Betrieb integriert werden können. Doris-Kathari­na Hessler: „Für uns Gastronomen wäre es der beste Weg, wenn es eine zentrale Vermarktungsstelle der Bauern in der Region gäbe. Da könnte man Fleisch, Eier, Kartoffeln kaufen.“ Doch diese Zentrale gibt es nicht. Ihr Küchenteam müßte die einzelnen Bauernhöfe „abklappern", um an die regionalen Spezialitäten heranzukommen - zu aufwendig. Auch mit der Qualität hapere es hin und wieder, sagt die Küchenchefin, erinnert sich mit Grausen an Tauben von einem Züchter aus der nördlichen Wetterau, deren Fleisch nur durch längeres Schmoren zart zu bekommen war, nicht jedoch beim „rosa“ Braten.

Das - nicht nur in Hessen - so beliebte Schweinefleisch hat es bei Hesslers noch nie auf der Karte gegeben, Rindfleisch wurde im Januar dieses Jahres gestrichen, zusammen mit Bries, Mark und Leber. In Zeiten von BSE und Maul- und Klauenseuche war die Nachfrage nicht mehr da. Im Mittelpunkt des Angebots standen bei Hesslers Ente, Taube und Wachtel, Reh, Lamm und Kaninchen sowie jede Art von Fisch und Meeresfrüchten. Hinzu kommt ein Menü für Vegetarier.

Hessisch konnte es aber auch bei Hesslers werden, denn eine köstliche „Grie Sooß“ - die berühmte Frankfurter Köstlichkeit aus frischen Kräutern - ließ auch die anspruchsvolle Kundschaft in Dörnigheims Gourmet-Restaurant nicht kalt. Doris-Katharina Hessler schmunzelnd: „Die ist überall einsetzbar.“

 

Im Jahre 2006 kam Markus Medler in das Haus nach Dörnigheim. Der 1972 in Fulda geborene Koch erlernte sein Handwerk unter anderem bei Drei-Sterne Koch Dieter Müller in Bergisch Gladbach und bei Sternekoch Heinz Wehmann in Hamburg. Sein weiterer Weg führte ihn in die Gourmet-Restaurants der Ritz Carlton Hotels Berlin und Palm Beach. Im Jahr 2008 Schloß Medler mit Ludwig Hessler einen fünfjährigen Pachtvertrag ab, der nach einer Einigung im Jahr 2013 um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Zu einer solchen Einigung kam es in diesem Jahr nicht mehr. Eine Situation, die Medler nur bedingt mit einem weinenden Auge betrachtet. Denn die jüngsten Entwicklungen in seiner Nachbarschaft verfolgte er mit Mißfallen. „Es ist schade, daß die Stadt das toleriert“, so der Sternekoch.

Am Mittwoch, dem 29. April 2014, schloß das „Hessler“ seine Türen. „Herr Hessler und ich sind uns über die Höhe der Pacht nicht einig geworden, und auch der Kaufpreis war für mich nicht attraktiv. Daher trennen sich unsere Wege“, nannte Markus Medler dem Tagesanzeiger auf Nachfrage den Grund für die Schließung des Restaurants mit angeschlossenem Hotel. Seit 2006 war Medler Küchenchef und führte die gehobene Sterneküche, die sich durch einen frischen jahreszeitlich und regional geprägten Charakter auszeichnete, erfolgreich fort. Erst im zurückliegenden Jahr erhielt das Restaurant „Hessler“ erneut die seit 1979 fortwährend erteilte Auszeichnung „Stern Guide Michelin“ sowie sehr gute 16 Punkte des Gault Millau.

Mit einem großen Abschiedsfest verabschiedete sich Markus Medler vergangene Woche von seinen Stammkunden, Lieferanten, Freunden und Nachbarn. Über 100 Gäste waren gekommen, um dem Küchenchef Lebewohl zu sagen. „Es hat mich riesig gefreut, daß meine Küche und meine Art der Gastronomie so guten Anklang gefunden haben“, blickt Medler auf seine Zeit in Maintal zurück. Wohin ihn sein weiterer Weg führen wird, kann er noch nicht sagen. „Ich nehme mir erst einmal eine kleine Auszeit und sortiere mich neu. Seine zehn Mitarbeiter hingegen haben bereits andere Anstellungen gefunden.

 

Doktorhaus:

In der Mühlheimer Straße stand das Arzthaus. Der erste Arzt in Dörnigheim ließ sich 1893 nieder, zunächst in der „neuen Schule“, dann nach einigen Jahren im „Doktorhaus“. Dieses steht am unteren Ende der Straße auf der Westseite und wurde 1911 erbaut (laut Aktenstück im Stadtarchiv).

 

Fähre:

Bereits 1366 heißt es im Weistum über die Rechte des Jakobsklosters in Dörnigheim, daß niemand einen anderen für Lohn über den Main fahren darf außer dem vom Abt eingesetzten Fährmann. Nur kleine Weidenboote durften kostenlos übersetzen. Auch später bestand die Fähre nur aus einem Nachen. Das Häus­chen des Fährmannes stand neben dem Gasthaus „Zum Schiffchen“, von wo er bei Bedarf gerufen werden konnte. Am 25. August 1903 erteilte das ehema­lige Regierungspräsidium Kassel dem Kreis Offenbach die Konzessionsurkunde für den Fährbetrieb. Die jährliche Gebühr betrug damals zehn Mark, jeweils am 1. April im Voraus zu entrichten.

Eine Gierseilfähre („Fliegende Brücke“) nutzt die Wasserströmung zur Querung des Flusses. Sie ist an einem im Fluß verankerten Drahtseil befestigt, das sich kurz vor der Fähre in zwei Enden aufteilt. Durch Veränderung der an Bug und Heck befestigten Seillängen wird der Winkel des Bootes zum Strom verändert. Der Druck des anströmenden Wassers schiebt die Fähre an das jeweilige Ufer. Das Drahtseil wird mit Bojen markiert, damit die anderen Schiffe sie auch gut sehen können

Die Fähre wurde an Privatleute verpachtet. Diese wurde nun bis nach dem Er­sten Weltkrieg im Jahre 1920 von mehreren Pächtern aus beiden Gemeinden über kür­zere oder längere Zeit betrie­ben. In dieser Zeit war schon die Familie Schäfer auf der Fähre tätig.

Im Jahre 1921 war niemand mehr bereit, das Geschäft weiter zu betrei­ben, da es nicht lebensfähig und technisch völlig herunter­gewirtschaftet war. Die Fähre wurde stillgelegt und kam nach Offenbach in den Hafen, wo sie völlig dem Untergang ge­weiht war. Durch die Errichtung der Schleusen stieg der Wasserstand des Mains so sehr an, daß man nicht mehr mit einem Stechkahn übersetzen konnte. Nun waren die beiden Orte wieder ohne irgendeine Ver­bindung über den Fluß. Durch­zulaufen oder zu fahren war nicht mehr möglich.

Auf das viele Zureden der damaligen Bürgermeister der Orte hin entschloß Heinrich Schäfer, 1923 die Fähre zu übernehmen und wieder in Betrieb zu setzen. So ging es nun im Familienbetrieb los, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Im Jahre 1934 trat Fritz Schäfer in das Familienunternehmen ein. In dieser Zeit mußten die Fahrgäste 5 Pfennig Aufschlag zahlen, wenn bei Nebel oder einbrechender Dunkelheit eine Laterne im Mast entzündet wurde. Während des Krieges überahmen seine Mutter Elisabeth und seine Frau Martha die Fähre. Von 1923 bis 2001 betrieb die Familie Schäfer über vier Generationen die Fähre.

Beim Heranrücken der Amerikaner wurde die Fähre von deutschen Soldaten sinnloserweise noch in den letzten Kriegstagen versenkt. Als man sie nach dem Kriegsende wieder hob, war sie an sich nicht mehr brauchbar. Sie wurde dennoch renoviert, weil überall die Brücken zerstört waren.

Im Jahre 1946 entschloß sich die Familie Schäfer, eine größere Fähre mit einem Elektromotor anzuschaffen. Jahrelang fuhr man mit einem Straßenbahnmotor von der Frankfurter Straßenbahn. Aber während eines Sommergewitters traf ein Blitz die Fähre: Der Kugelblitz rollte wie ein Rad über das Gierseil und schlug in drei Bäume auf Mühlheimer Seite ein. Das Gierseil riß, und die Fähre trieb im Sturm führungslos auf dem Main. Einige beherzte Männer holten sie dann wieder zurück.

Seit 1960 war Peter Schäfer Fährmann in der vierten Generation tätig, zusammen mit seiner Frau Ursula, die auch den „Fähr­schiffsführerschein“ hat. Peter Schäfer war nicht nur Fährmann, son­dern auch Kaufmann: 1,50 Mark kostet die Überfahrt für eine Person und ein Auto, 50 Pfennig jeder weitere Mitfahrer. Da ist doch das Benzin für den Umweg teurer.

 Im Jahre 1971 wurde in Haßfurt eine gebrauchte, vollautomatische Fähre mit einem Mercedes-Dieselmotor gekauft und für den Autoverkehr verbreitert. Das bedeutete eine noch schnellere Verbindung zwischen Dörnigheim und Mühlheim.

Nach dem Ausbau des Mains zur euro­päischen Wasserwirtschaftsstraße Ende der siebziger Jahre mußten die Fähr­rampen umgebaut werden. Weil der Fluß dabei tiefergelegt wurde, haben die Schwankungen des Wasserpegels erheblich zugenom­men. Für den Bau zusätzlicher sogenannter Hochwasserrampen machte sich Anfang der achtziger Jahre der damalige ehrenamtliche Mühlheimer Stadtrat Jakob Petry stark, was ihnen den Namen „Petry­-Ram­pen“ einbrachte.

Im Jahre 2001 ging der Fährbetrieb von Peter Schäfer auf Peter Spiegel über. Er verstarb leider im Jahr 2012. Seitdem ist seine Ehefrau Helga Spiegel alleinige Eigentümerin des Schiffs, und der Sohn Jürgen ist der Chef. Im Jahr 2015 arbeiten fünf Mitarbeiter regelmäßig auf der Fähre, aber neben Jürgen Spiegel ist nur noch eine weitere Person dafür qualifiziert, sie zu bedienen und zu lenken.

Maximal passen auf die Fähre pro Fahrt acht kleine Fahrzeuge. Wenn es sich um Größeres handelt, finden nur sechs Platz auf dem engen Deck. Dementsprechend häufig muß die Fähre täglich zwischen den Ufern hin- und herfahren, um alle Gefährte sicher überzusetzen.

 

Hotel Mainlust:

Die Fischergasse hatte ihren Namen nicht etwa von Fischern, denn eine Fischerzunft gab es nur in Dietesheim. Sie heißt vielmehr so, weil die Grundstücke dort der Familie Fischer gehörten. Stammvater Valentin Fischer war zunächst Leibeigener des Fürsten von Rumpenheim, ehe er 1772 nach Dörnigheim einheiratete und  fortan sein Geld als Leinwebermeister verdiente.

 

 

 

In der Fischergasse wurde 1861 das Gasthaus „Zum Anker eröffnet. Es könnte der Vorläufer des Hotel‑Restaurant „Zur Mainlust“ gewesen sein. Das Gasthaus wird erstmals urkundlich erwähnt, als Jakob Fischer 1863 die Konzession für den Bier‑ und Branntweinausschank erhielt, das Haus selber wird aber älter sein.

Hier wurden einst die müden Gäule ausgeschirrt und gegen frische Pferde gewechselt, die dann die Lastkähne weiter den Fluß hinaufzogen. fahrendes Volk, Schiffs‑ und Fuhrleute, Fischer und andere Handwerker kehren hier ein.

Nachdem Jakob Fischer zusätzlich zur „Mainlust“ den nahen „Frankfurter Hof“ bei einer Zwangsversteigerung erstanden hatte, brach ein Streit zwischen seinen Nachkommen aus, wer welches Lokal betreiben durfte. Die Zwistigkeiten gingen so weit, daß Jakob zunächst den eigenen Sohn mit einem Gewehr erschießen wollte und sich schließlich selbst auf eben diese Weise entleibte.

Im Jahre 1893 übernimmt Ernst Fischer die Gaststätte und führt sie zur Blüte durch den Anbau eines Saales, der dem geselligen Anliegen der Dörnigheimer sehr entgegen kommt. Die gastronomische Leistung wird durch eigene Kelterei und Hausschlachtung bereichert. Die angelegte Gartenterrasse mit Blick auf den Main lädt an sonnigen Tagen zum Verweilen ein. Viele Frankfurter, Offenbacher und Hanauer beenden bei mir ihren ausgedehnten Spaziergang entlang des Flußufers. Im Jahr 1896 ist die Gaststätte das erste Haus am Platz mit Gasbeleuchtung.

Von den vier Söhnen interessierten sich drei für die Gastronomie und wollten den Betrieb übernehmen. Der vierte erlernte den Kaufmannsberuf. Er allein aber kehrte aus dem Ersten Weltkrieg heim.

Im Jahre 1939 wird das Gasthaus von Wilhelm Fischer übernommen und erlebt die harten Jahre des Zweiten Weltkriegs. Am Ende dieser Zeit finden viele Vertriebene aus dem Sudeten‑ oder Egerland eine notdürftige Bleibe auf Stroh und Papier im Saal. In der Kelter wurden neben den Äpfeln aus der Umgebung auch Zuckerrüben gepreßt, um daraus Sirup als wertvollen Brotaufstrich zu gewinnen. In den 50er Jahren war im Saal das Central‑Kino, das in Hanau ausgebombt worden war, untergebracht.

Die Nachkriegszeit ist für jedermann schlecht, doch Wilhelm Fischer verliert nicht die Zuversicht. Er, als positive Persönlichkeit mit gastronomischem Gespür und klug vorausschauend, baut 1948 die Gaststube großzügig um zu dem noch heute vorhandenen geräumigen, freundlichen Innenraum.

Auf einem Foto aus den fünfziger Jahren mündet der Anleger der Fähre direkt vor der Gaststätte. Da haben die Urheber des Bildes ein bißchen geschummelt, wohl um die Bedeutung der Gastwirtschaft zu erhöhen. Schon damals warb die Familie in einem Prospekt, auf dem jenes Foto prangte, mit der „idyllischen Abgeschiedenheit auf einem einmalig schönen Fleckchen, fern jeglicher Hetze in köstlicher Luft“. „Gepflegter“ Apfelwein aus der eigenen Kelterei wurde zu Hausmacherwurst und „zu äußerst bemessenen Preisen“ den Gästen angeboten.

In jenen Jahren watschelten noch Scharen von Gänsen allmorgendlich vom alten Ortskern hinunter zum Fluß und abends wieder zurück Auch die Hühner der Fischers hielten sich gerne am Ufer auf und legten dort ihre Eier. Die Dorfkindersammelten und lieferten sie gegen einen geringen Obulus ab. Diese Zeiten sind vorbei wie die Hausschlachtungen oder das Abfüllen des Süßen in die Fässer im Keller, die 70.000 Liter aufnehmen konnten. Dazu wurden ausgediente Bierfässer hergenommen, weil die billiger waren. 1963 wurde die Kelter jedoch stillgelegt.

An die Vergangenheit erinnern nur noch die hölzernen Dauben der zerlegten Fässer, die heute den Deckenschmuck in der Gaststube bilden. Ein aufgeschnittenes 4500-Liter-Faß dient jetzt als Rezeption für die Hotelgäste.

Wilhelm Fischer hatte zwei Söhne. Derjenige, der später die „Mainlust“ führen sollte, wurde wiederum im Zweiten Weltkrieg getötet. Friedrich Fischer baut das Haus 1964 zu einem Hotel mit zunächst sechs Zimmern aus und erweitert 1966 um weitere vier Zimmer. Das einstige Gasthaus avanciert zum Restaurant durch Friedrich Fischers Kochausbildung im „Roten Haus“ in Wiesbaden. Erlesene Speisen und ausgesuchte Weine bereichern von nun an das kulinarische Angebot. Im Jahre 1973 erhöht sich das Zimmerangebot auf 21 mit insgesamt 37 Betten bis zum heutigen Tag. Im Jahre 1980 wird das Interieur einer Weinstube angepaßt und hinzu kommt ein Frühstücksraum, der ebenfalls als Tagungsraum oder Kolleg für geschlossene Gesellschaften seine Verwendung findet.

Mehrfach wurde die „Mainlust“ umgebaut und erweitert. Dabei wurden auch die Überreste der Stallungen der Wechselstation gefunden, in denen die müden Pferde rasten durften und für den nächsten Schiffstransport gepäppelt wurden. Die Fischers waren immer auf der Höhe der Zeit. Schon 1896 flackerten im wenige Jahre zuvor errichteten Saal die ersten Gaslichter Dörnigheims.

Mit Erich Fischer, der sein Fach von der Pike auf erlernt hat und das Haus noch heute führt, übernimmt am 1. Januar 1984 die fünfte Generation. Seine Fachkenntnisse erwarb er sich durch Absolvieren der Berufsfachschule für das Nahrungs‑, Hotel‑ und Gaststättengewerbe und als Page, Kellner Barkeeper und Portierassistent im Hotel Frankfurt Intercontinental. Die Krönung seiner beruflichen Entwicklung ist die Auszeichnung als bester Jungkellner Deutschlands im Jahre 1970 in Berlin durch den Internationalen Genfer Verband der Hotel‑ und Gast­stättenangehörigen e. V.

Erich Fischer, der sich durch seinen Vater Friedrich auch umfangreiche Kenntnisse der Kochkunst aneignet und seine Gäste bis heute mit immer neuen kulinarischen Kreationen verwöhnt, erweitert das Haus zum Ausbildungsbetrieb für die verschiedenen Lehrberufe im Gastgewerbe. Unter den zahlreichen jungen Leuten, die unter meinem Dach ihre Lehre erfolgreich absolvieren, ist auch Roland Born, der seine Ausbildung zum Koch 1986 beginnt und dem Haus nach erfolgreichem Lehrabschluß bis heute treu geblieben ist. Er hat mit unerschütterlichem Ehrgeiz Höhen und Tiefen seiner beruflichen Laufbahn bewältigt und ist heute als Chefkoch ein festes Mitglied des Mainlust‑Teams und der Familie.

Im Jahre 1992 erlebt das Haus den bis heute letzten großen Umbau. Das komplette obere Lokal wird mit Marmorboden ausgelegt. Die Theke wird durch neue Kühlelemente ersetzt, mit Eichenholz verkleidet und erhält zusätzlich eine fest eingebaute Zapfanlage sowie einen Weintemperierschrank. Ein altes schon restauriertes Apfelweinfaß der ehemaligen Kelterei wird zur Rezeption umgebaut. Alles zieren handgearbeitete detailgetreue Schnitzereien, die persönlich für den Wirt entworfen und angefertigt wurden. Auch wird der Dielenboden des Restaurants durch ein edles Parkett ersetzt.

Etwas später folgt noch die komplette Renovierung des Hoteltrakts. Durch diese neu gewonnene, gemütlich und rustikale Atmosphäre und ein erweitertes Angebot an festlichen Menüs und Büfetts werde ich zu einer bis heute sehr beliebten Stätte für Familienfeiern.

Karina und Jochen Fischer als sechste Generation treten ebenfalls in die Fußstapfen ihrer Vorfahren. Karina Fischer beginnt 1996 ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau im eigenen Haus und erlernt somit aus erster Hand die Voraussetzungen, die Tradition im gewohnten Stil zu pflegen, um das bereits erwiesene Vertrauen der Gäste zu rechtfertigen. Nach nur zwei Jahren schließt sie vorzeitig die Lehre mit Auszeichnung als Klassenbeste ab und steht ihren Eltern bis heute tatkräftig zur Seite.

Jochen Fischer besucht wie bereits sein Vater Erich die Berufsfachschule für das Nahrungs‑, Hotel‑ und Gaststättengewerbe, beginnt danach eine Ausbildung zum Koch im renommierten Airport‑Club Frankfurt und schließt seine Lehre eben falls erfolgreich ab. Wie schon seine Schwester wird auch er Mitglied im Mainlust‑Team und ist mit neuen innovativen Ideen eine wichtige Unterstützung im kulinarischen Bereich.

Im Jahre 1997 klingen erstmals Geigenklänge einer ungarischen Zigeunerkapelle durch die Räume und die Luft ist erfüllt von den Düften nach Knoblauch, Paprika und feuriger Gulaschsuppe. Die „Ungarische Woche“ wird aus der Taufe gehoben und übertrifft alle Erwartungen meines Besitzers und seines Teams. Heute ist die „Ungarische Woche“ ein fester Bestandteil des Programms und begeistert alljährlich im März unzählige Besucher.

Im Jahr 2002 folgt der Beitritt zur Kooperation „Hessen à la Carte“, der mit dem Wechsel zur Licher Brauerei und Rapps-Kelterei verbunden wird. Die ebenfalls neu gestaltete Speisekarte erfreut sich, speziell durch ein erweitertes Angebot an traditionellen Gerichten wie beispielsweise Sauerbraten und Haspel, großer Beliebtheit. Auch die Einführung eines Mittagstischs an Sonn‑ und Feiertagen findet überwältigenden Anklang.

Als  i‑Tüpfelchen erhält mein Äußeres im Zuge dessen noch einen frischen Anstrich in den Mainlust‑Farben gelb und braun und am Parkplatz als weiteren Blickfang zwei Faßböden zur Ankündigung der laufenden Aktionen sowie drei Fahnenmasten mit den Bannern der Partner „Hessen à la Carte“, Licher Brauerei und Fahrradclub „Bett & Bike”.

 „Viele Rezepte der hessischen Küche basieren auf deftiger Hausmannskost und verleugnen ihre bäuerliche Herkunft nicht“, so Erich Fischer und Küchenchef Roland Born zum neuen Konzept „Hessen à la Carte“. Dazu gehören im Hause Fischer selbstverständlich saisonale Produkte, die stets frisch und von bester Qualität sein müssen. Da heißt es beispielsweise zur „Küfervesper“ (Gebratener grober Fleischkäse mit gebratenen Zwiebeln und Brot): „Zu Ur-Opas Zeiten das Leibgericht unseres Apfelwein‑ Faßbiers, auch Küfer genannt. Immer noch von der gleichen Traditions-Metzgerei bezogen“. Oder der gekochte Haspel: „Wie es en früher beim Fritz Fischer gebbe hat“ ‑ zarte Stücke auf Barthmanns Sauerkraut mit Erbspüree. Unbedingt probieren sollte man auch „Marias Sauerbraten“ ‑ die zarten, mageren Scheiben vom Rinderbraten in feinwürziger Soße, dazu Apfelrotkohl und leckere Pfannenklöße ist die Spezialität der Chefin und mithin ein Geheimtip. Chef Erich wiederum empfiehlt „zarte Teile von der Kalbshaxe“ in Kalbsrahmsoße, dazu leckere Pfannenklöße und Salatteller; und zum Abschluß sollte man sich noch „Derngemer beschwipste Quetsche“ oder „Grießkleeßcher im Kerschebett“ munden lassen.

Das Hotel und Restaurant „Zur Mainlust“ ist auch heute noch ein echter Familienbetrieb. Erich Fischers Ehefrau Maria arbeitet mit, Tochter Karina Trumpfheller und ihr Mann Rudi ebenso wie Sohn Jochen Fischer. Und selbst das Team bezeichnet sich als „Familie“, wohl zu Recht: Küchenchef Roland Born arbeitet seit 27 Jahren im Haus, hat auch hier gelernt. Und Oberkellner Thomas Stüwe bedient seit 20 Jahren die Gäste. „Wir setzen auf Kontinuität und Ehrlichkeit unseren Gästen gegenüber“, sagt Erich Fischer. „Dies, und die Qualität unseres Hauses zahlen sich aus; ,Schickimicki' überlebt sich schnell!“

Mit rund 300 Übernachtungen im Monat - zu Messezeiten noch deutlich mehr - ist das Hotel gut ausgelastet, Geschäftsleute, Monteure und Handlungsreisende bilden die überwiegende Klientel. Und im Gastronomiebereich genießt die Dörnigheimer „Mainlust“ ebenfalls einen vorzüglichen Ruf. Nicht zuletzt durch ihre saisonalen Spezialitätenwochen wie etwa Spargel-, Wild- oder Gänsewochen und die Attraktion schlechthin: die „Ungarische Woche“. Die familiäre Kontinuität scheint auch weiterhin gesichert, denn wie sagte der jüngste Sproß, Enkel Jonas, mit seinen zehn Jahren so schön: „Ich werde mal Koch wie mein Baba!“ Durch die Mühlheimer Straße geht man wieder zurück zur Kennedystraße.

 

Gasthaus „Frankfurter Hof“, Käthe-Jonas-Platz 1

Hier stand ursprünglich das Gasthaus „Schwarzer Stern“, dessen Zugang von der Haingasse aus war. Es wird 1798 erstmalig als Gasthaus „Zum Stern“ genannt. Im Jahre 1893 wird das Gasthaus in „Frankfurter Hof“ umbenannt. Um 1900 entstand durch Erweiterung und Öffnung nach der Frankfurter Straße zu und als Ableger der „Mainlust“  diese große Gaststätte mit großen Räumlichkeiten zum Feiern. In den 30iger Jahren war hier die Gaststätte Heyl. In den 90iger Jahren wurde das Haus an der Kennedystraße als Jugendzentrum und Domizil für verschiedene Vereine und Organisationen genutzt.

Nach längerer Umbauphase öffnete am 8. März 2002 die alte Dörnigheimer Traditionsgaststätte „Frankfurter Hof“ wieder ihre Pforten. Damit wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wieder seiner eigentlichen Nutzung zugeführt. Denn der Frankfurter Hof ist eines der ältesten Lokale in dieser Stadt.

Der Dörnigheimer Matthias Heinrich, der schon im Hanauer Stadtteil Steinheim ein historisches Gebäude vorbildlich sanierte, hatte damit das Vertrauen der Stadt, auch aus dem Frankfurter Hof wieder ein richtiges Schmuckstück zu machen, in dem sich die Gäste wohlfühlen sollen. Und das ist dem ehrgeizigen Heinrich denn auch bestens gelungen. Zumal er mit dem Gastronomen Andreas Dilfer einen nicht minder ehrgeizigen Geschäftsmann gewinnen konnte, der seine vielen Ideen und Phantasien in das „Projekt Frankfurter Hof“ einfließen ließ. So präsentiert sich das Lokal in einem gemütlichen Holzambiente; alle Einrichtungselemente sind aufeinander abgestimmt, alles paßt stilgerecht zusammen.

Die Handschrift von Dilfer und seinem Einrichtungsberater Wilfried Voss setzt sich im Kollegraum für 40 Personen fort. Das besondere Highlight aber ist die Cocktailbar „Down‑Stairs“ im Gewölbekeller. Wo einst die überdimensionalen Apfelweinfässer lagerten, können die Gäste nun süffige Cocktails schlürfen und dabei heiße Musik hören, die von bekannten DJ’s aufgelegt wird. Das Ganze firmiert unter dem Label „Erlebnisgastronomie“. Hier darf man gespannt sein, was dem rührigen Gastronomen Andreas Dilfer noch alles einfallen wird. Den Maintaler Bürgern, und nicht nur diesen, wird mit dem „neuen alten“ Frankfurter Hof jedenfalls eine gastronomische Heimat geboten, die es in dieser Art und Zusammenstellung bislang

noch nicht in dieser Stadt gab.

Im Jahre 2015 ist in dem Haus die Pizzeria „Dick und Doof“.

 

Karl-Leis-Straße

Dies ist die frühere Haingasse, die an der Stelle des Haingrabens errichtet wurde, der ein Teil der Landwehr war. Den Spitznamen „Bananegass“ handelte sich die Straße üb­rigens ‑ unschwer herauszulesen - auf Grund ihrer geschwungenen Form ein, für die Anlieger ist diese Bezeichnung seit je­her ein Begriff. Im Jahre 1974 wurde die enge Straße im Zuge der Gebietsreform von „Haingasse“ in „Karl‑Leis‑Straße“ umbenannt. Der Namensgeber Karl Leis lebte von 1863 bis 1948, war mit Luise, geborene Rauch (1869 ‑ 1946) verheiratet und hatte zwei Söh­ne und eine Tochter. er wurde „de Löb“ oder auch „des Leeb­sche“ genannt (mundartlich für „Löwe“ und „kleiner Löwe“).

Heute dürfte er nur noch den Wenigsten bekannt sein. Zumin­dest für die hiesigen Sozialdemokraten spielte Leis mit seinem Wirken eine nahe­zu avantgardistische Rolle: Er war ab 1917 erster sozialdemokratischer Bürgermeis­ter von Dörnigheim. Sein politischer Wer­degang vor und nach dieser Ernennung fügt sich fast nahtlos in das parallele Ge­schehen auf nationaler und internationa­ler Ebene ein. Als der „Allgemeine Deutsche Arbeiterver­ein“ als erster Vorläufer der späteren SPD 1863 (im Geburtsjahr von Karl Leis) ge­gründet wurde, war dies eine Reaktion auf die widrigen Verhältnisse der Arbeiter­schicht. Längst schon sprach man da be­reits von einer „Arbeiterklasse“, als Aus­druck einer gesellschaftlichen Großgrup­pe, die mit denselben Bedingungen zurechtkommen muß und dieselben Interessen verfolgt. Letzteren Gehör zu verschaffen ging natürlich über die Politik am effek­tivsten.

Alte Herrschaftsstrukturen nach feudalem System waren rasch überholt: Die Arbeiter standen nicht mehr im Dienst eines Groß­grundbesitzers und mußten ihre regelmä­ßigen Ernteabgaben entrichten, sondern bezogen ihren Lohn für tägliche Arbeit von Unternehmensobersten. Nach Grün­dung des Kaiserreiches im Jahr 1871 legten die deutschen Machthaber aber eigennützig großen Wert darauf, dieses alte System zu erhalten. Mit Sozialistengesetzen wurden die Arbeiter‑Parteien aus dem politischen Einflußbereich bewußt herausgehalten.

In Dörnigheim wurde der Ortsverband der Arbeiterpartei, die sich 1890 im Zusammenschluß mit ande­ren Interessensgruppen „Sozialdemokrati­sche Partei Deutschlands“ (SPD) nannte, im Jahre 1873 gegründet. Die politischen Entscheidungen traf im Ort zu dieser Zeit eine Gemeindevertreter‑Versammlung (zwölf Abgeordnete), die von den Dörnig­heimer Einwohnern gewählt wurde.

Aus diesen Wahlen heraus ergaben sich al­lerdings auch Resultate, die nicht dem Willen der Landesregierung entsprachen: Dör­nigheim war traditionell sehr verwachsen mit sozialistischen und sozialdemokrati­schen Ideen, wählte schon 1901 den Sozial­demokraten Karl Leis zum Bürgermeister. Dieser wurde aber nicht von der Hessi­schen Regierung anerkannt, im Amt blieb daher der alte und neue Bürgermeister Pe­ter Lapp XIV (die identischen Namen in einem Ort wurden mit römischen Zahlen versehen).

Die Dörnigheimer SPD fand aber trotz die­ser Intervention von oben weiter Anhän­ger. Bei den Reichstagswahlen 1903 erziel­ten sie das Traumergebnis von fast 68 Pro­zent der Wahlberechtigten, die sozialdemo­kratischen Gemeindevertreter kamen nach den Wahlen von 1910 gar auf sechs Sitze, die Hälfte des gesamten Gremiums.

Um die unruhige Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges zu besänftigen, wurden ihr Zugeständnisse gemacht. Auf umgekehrten Wege stimmten die SPD‑Ab­geordneten dem deutschen Kaiser bei der Aufnahme von Kriegskrediten zu, womit letzte Aufrüstungsversuche unternommen wurden.

Von diesen Schulterschlüssen profitierte letztlich auch die Dörnigheimer SPD. Als Karl Leis 1917 erneut zum Bürgermeister gewählt wurde, bekam er nun die Einwilligung, sein Amt auszufüh­ren. Damit war er der erste sozialdemokra­tische Bürgermeister des Hanauer Kreises, dem immerhin 33 Städte angehörten.

Landläufig sagte man von Karl Leis zur damaligen Zeit, er sei kein „Ar­beiter“, was sich aber keinesfalls auf seine Arbeitsmoral bezog: Er war in keiner Firma tätig, dagegen selbständig im Handel zu Gange. Leis hatte ursprüng­lich den Beruf des Korbflechters erlernt, was ihm weitere Uznamen einbrachte, wie „es Korbmacher‑Böbbsche“ (mundartlich: „Korbmacher‑Püppchen“), in einer Annonce aus dem Jahr 1910 bot Leis zudem Schuhe an. Das „Große Schuh‑ und Stiefellager“ war bei ihm zu Hause in der Fischergasse 3 beheimatet. Von dort füllte er auch seine Amtsgeschäfte aus, die Bürgermeisterposi­tion basierte noch auf einem Ehrenamt.

In einer Eintragung des evangelischen Ge­meindepfarrers Römheld ist Positives von der Arbeit Karl Leis’ zu lesen: „Nach dem Kriege erfuhr unsere Gemeinde durch den seit Juni 1917 amtierenden, überaus rührigen Bürgermeister Karl Leis im Laufe der Jahre eine bedeutsame kulturelle Entwick­lung.“ Unter „Überwindung so mancher Widerstände“ listet Römheld einige der Er­rungenschaften des neuen Bürgermeisters auf. So seien unter der Federführung von Leis die Bezirksstraßen nach Hanau und Frankfurt gepflastert, in den Jahren 1926/27 eine Wasserleitung errichtet, 1920 elektrische Straßenbeleuchtung einge­führt, die Braubach ‑ jährlich die Wiesen überschwemmend ‑ reguliert und die Bahnhofstraße erweitert und erhöht wor­den.

Beachtlich ist die fortschrittliche Weit­sicht, mit der Karl Leis auch einen hohen Kostenaufwand für die Entwicklung von Dörnigheim genehmigte. 1903, unter der vorwiegend konservativ besetzten Gemeindevertretung, war der Antrag auf Anschluß an das Wasserleitungsnetz noch gescheitert, Leis initiierte die Installie­rung ‑ mußte dafür ein Darlehen von 100.000 Reichsmark aufnehmen.

Gemeindevertreter‑Versammlungen fan­den bis 1922 in einem Raum im Rathaus in der Frankfurter Straße statt, bis dieses für Wohnungen umgebaut wurde. Die Ge­meindeverwaltung sollte fortan ihren Sitz in der Schule in der Kirchgasse haben.

Ein Jahr nach diesem Umzug beeinträch­tigte in Deutschland die große Inflation das Wirtschaftsleben ‑ nicht zum letzten Mal in der Amtszeit von Bürgermeister Karl Leis: 1928 / 1929 legte eine Weltwirtschaftskri­se die Konjunkturen aller großen Indus­trienationen lahm, geliehene Gelder und Kriegsschulden mußten flugs zurückge­zahlt werden. Das betraf in erster Linie die Gemeinden. Ende 1931 trat Karl Leis vor seine Gemeindevertreter und verkündete, daß es ungewiß sei, „ob die Gemeinde in einer Woche noch zahlungsfähig“ sei.

In Deutschland fehlte es an den finanziel­len Mitteln, die Arbeitslosigkeit stieg in die Höhe, die Radikalen bekamen ihren fundamentalen Auftrieb, die rechtsradika­le NSDAP gewann schließlich die Reichs­tagswahl im März 1933 und formte die Wei­marer Verfassung in einen diktatorischen Einparteienstaat um.

In Dörnigheim bekam der Ortsverein der SPD diesen Trend ebenso schwer zu spü­ren, wie die Reichstagsvertretung auf na­tionaler Ebene. Der seit 1927 hauptamtli­che Bürgermeister Karl Leis hatte wenig Einflußmöglichkeiten darauf, daß die Wähler im Ort immer mehr zur radikalen Seite tendierten. Dabei waren die Wähler­mehrheiten nicht einmal auf Seiten der Hitler- Partei, vielmehr votierten im Juli 1932 noch 48,2 Prozent für die Kommunisti­sche Partei Deutschlands (KPD), die im sel­ben Jahr im November noch einmal deut­lich zulegen konnte (auf 50,5 Prozent), während die Sozialdemokraten gerade ein­mal knapp über der 20 Prozent‑Marke la­gen.

Karl Leis trat im Januar 1933 einen Krankenhausaufenthalt an, sollte davon nicht mehr als Bürgermeister in sein Amt zu rückkehren. Er war der einzige Sozialdemokrat unter allen Bürgermeistern des Kreises. Im Juni 1917 notiert der evangelische Pfarrer: „...amtiert der überaus rührige Bürgermeister Karl Leis“. Er hatte allerdings zuletzt nur noch 20 Prozent der Stimmen.

Adolf Hitler wurde am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt, sicherte sich dann in einer propagandistisch manipulierten Wahl im März die klare Mehrheit und begann sofort mit der „Gleichschaltung“. Dieses hatte zur Folge, daß die Mehrheiten im Reichstag übertragen werden sollten auf die einzelnen Landtage ‑ Wahlen waren fortan also überflüssig. Ge­nauso ohne eigenständigen Einfluß blieb auch die Gemeindevertreterwahl vom 15. März 1933, bei der die KPD fünf Sitze inne hatte, die NSDAP drei, SPD und „Bürgerli­che Parteien“ jeweils zwei.

Der Nationalsozialist Jakob Dammköhler wurde im März desselben Jahres als kom­missar­ischer Bürgermeister eingesetzt und löste damit Karl Leis offiziell ab. Karl Leis beendete damit wider Willen seine bis dato fast 16jährige Amtszeit als Dörnighei­mer Bürgermeisters.

Als 1974 der Name der Haingasse in Karl­-Leis‑Straße geändert wurde, ehrten die Dörnigheimer ihren ersten SPD‑Bürger­meister und gleichzeitig letztes Gemeinde­oberhaupt vor den Nazis. Mit dem Ort eng verbunden und offen gegenüber dem zeit­gemäß technischen Fortschritt, das zeich­nete ihn aus. Allerdings hat Karl Leis selbst nie in der jetzigen Karl‑Leis‑Straße gewohnt. Die Fischergasse, wo er lebte und arbeitete, mußte mit der Gebietsreform nicht neu benannt werden. Die parallel verlaufende Haingasse bot sich da natür­lich an. Die letzte Ruhestätte von Karl Leis auf dem Dörnigheimer Friedhof ist noch bis heute erhalten (Quelle: Tagesanzeiger vom 2. August 2003).

In der Karl-Leis-Straße 7 hatte die evangelische Gemeinde im Jahre 1950 eine Jugendbegegnungsstätte eingerichtet. Davor stand ein weiterer Brunnen. In dem Haus Nr. 10 (Fachwerkhaus) wohnte einst der Seiler, der Schiffstaue flocht. Im Haus Nummer 15 findet sich ein Beispiel für die damaligen sehr beengten Wohnverhältnisse: Auf dem Gelände stand damals die Scheune und daneben eine kleine Wohnstätte, in der eine Großfamilie Platz finden mußte - heute ist alles Wohnfläche. Durch den Gang nördlich der Kirche kommt man auf den Kirchhof.

 

Kirchhof

Der Friedhof wurde 1814 geschlossen und ein neuer Friedhof außerhalb der geschlossenen Ortschaft an der Frankfurter Landstraße eingerichtet werden. Ohne die dazu gehörigen Gräber ist die einstige Pracht des alten Kirchhofs verblichen. Der Verwitterung preisgegeben stehen die fünf historischen Grabmale vor der alten Kirche in Dörnigheim.

 

Die dachförmige Grabauflage links hinter dem Eingang bedeckte einst das Grab eines offenbar äußerst fleißigen und gottesfürchtigen Mannes. Es war Johann Georg Stein, Gastwirt im Gasthaus „Zum Hirsch“, Kirchenältester und Gerichtsmann. Er starb 1781 im Alter von siebzig Jahren.

Die beiden zeitlich ältesten Grabmale gelten Mitgliedern der Familie Dolné, die links von dem östlichen Eingang stehen. Der Amtmann Servatius Matthius Dolné war Ritter und Obrist des Heiligen Römischer Reiches. Er wurde 1673 als einziger im Kircheninneren beigesetzt. Obwohl die übrigen Familienmitglieder, seine Frau und drei Söhne, ebenfalls in Dörnigheim bestattet wurden, erhielt nur der Sohn Clemens Mathieu Dolné, auch ein Ritter, einen neuen aufwendigen Gedenkstein.

Den Gedenkstein rechts von der Tür ließ 1716 der Bäcker und Gasthalter Henrich Fritz errichten. Er spiegelt das Glück wider, das ihm durch die Geburt einer Tochter mit seiner zweiten Ehefrau zuteil wurde, nachdem seine erste Ehefrau ein Jahr zuvor gestorben war und ihm drei Kinder hinterlassen hatte. 

Das jüngste Grabmal rechts hinten wurde im Jahre 1838 von den Eltern Carl und Louisa Lapp für ihre Kinder Karl und Catharina aufgestellt. Der Sohn starb 1837, die Tochter 1838 im Alter von 20 und 21 Jahren.

 

Kirche

Bereits in der ersten bekannten Urkunde von Dörnigheim aus dem Jahre 793 wird die „über dem Main gelegene Kirche“ erwähnt als „basilicam quae constructa est in honore S. Marie“ (was in der Übersetzung bedeutet: „eine Basilika, die zu Ehren der Heiligen Maria erbaut ist“).

 

Äußeres:

Diese erste karolingische Kirche hatte nach den heutigen Kenntnissen einen einschiffigen Innenraum mit quadratischem Chor. Bei den Restaurierungsarbeiten im Jahre 1959 konnte man in zwei Meter Tiefe hinter dem Altar die ursprüngliche Kirchenmauer in östlicher Richtung nach Osten freilegen. Der Mauerzug setzt an dem Eckpunkt Südwand-südostwärtige Chorwand an und verläuft gerade nach Norden und setzt mit Fuge an das abgebrochene Mauerwerk der ehemaligen nordostwärtigen Chorwand an. Sie ist innen rötlich verputzt und außen gegen den Grund gemauert. Die aufgefundene Mauer muß die frühere Ostmauer der Kirche sein. Diese kleine Kirche hatte also einen geraden Chorschluß. Damit dürfte erwiesen sein, daß die in der Schenkungsurkunde des Wolfbodo aus dem Jahre 793 genannte Kirche auf dem Gebiet der jetzigen Kirche stand (und nicht etwa im Kinzdorf bei Kesselstadt). Weitere Anhaltspunkte zu dieser Kirche geben Unter­suchungen in der Ecke Südwand-Triumph­bogenmauer. Fundamentreste unter der heutigen Kirche lassen den Schluß zu, daß das ursprüngliche Gebäude eine Breite von 5,75 Meter und eine Länge von 9,25 Meter aufwies. Der Fußboden lag etwa ein Meter tiefer als heute.

 

Diese erste Kirche muß eine Erweiterung in frühgotischer Zeit um 1250 erfahren haben. Darauf deuten drei­seitiger Chorabschluß, frühgotische Fenster, Marienbild und Weihekreuze hin. Von dieser Kirche sind noch vorhanden die Südwand der heutigen Kirche, eine Westwand und zwei der drei Seiten des Chors. Die noch turmlose Kirche hatte einen unmittelbaren Zugang von Westen und war etwa 1,50 Meter niedriger als die jetzige Mauerkrone. Bei der Mauerwerkstrockenlegung und dem Einbau einer rund um die Kirche geführten Drainage konnte die Ansatzhöhe des Putzes festgestellt werden. Der Fußboden lag jedoch ein Meter tiefer als der jetzige, wie der Außenputz zeigt. Somit entsprach die ehemalige Fußbodenhöhe der Kirche der jetzigen Straßenhöhe. Daß auch die Straßenhöhe im Laufe der Jahrhunderte gewachsen ist, beweist der bei Kanalarbeiten oft freigelegte „Napoleonische Knüppeldamm“ in der Frankfurter Straße.

 

Die ersten beiden Kirchen waren noch ohne Turm und hatten einen Eingang von Westen. Die dritte Kirche entstand um 1479. Da wurde mit dem Anbau eines Turmes der westliche Zugang geschlossen. Das spätgotische Portal wurde  in der Nordwand eingebaut und bei der Kirchenerweiterung im Jahre 1705 wurde es wieder verwendet. Allerdings hatte der Turm noch nicht die heutige Höhe, er überragte wohl nur knapp das Kirchendach. Da von 1479 ein großer Brand in Dörnigheim überliefert ist, mag der Anbau eines Glockenturmes absolut notwendig gewesen sein, war doch das Glockengeläut auch ein Warnsignal für die Bevölkerung bei Sturm und Feuer, ebenso bei kriegerischen Überfällen. Im Jahre 1877 erhielt das Gotteshaus einen massiven Turmaufsatz mit Helm.

Im Innern der Kirche wurden an verschiedenen Stell­en im Fußboden Mauerwerkanschlüsse an das aufgehende Mauerwerk festgestellt. So bestätigt ein Maueransatz in der inneren Westwand, der nach Osten zeigt, daß hier die ehemalige Nordwand stand, die 1705 abgebrochen und zur Verbreiter­ung des Raumes neu errichtet wurde. Der Maueransatz zeigt südlich Putzreste und ist nach Norden gegen den Grund gemauert.

Als Gegenstück zur südostwärtigen Chorschlußmauer fanden sich Fundamente der ehemaligen nordostwärtigen Mauer, deren äußerer Knickpunkt als breite Fuge in der jetzigen Ostwand außen zu sehen ist. Nach innen find­en sich Putzreste, nach außen ist das Mauerwerk gegen den Grund gemauert.

Eine Freilegung an der Einschnürung der Südwand bestätigt die Vermutung, daß der ursprüngliche Kirchengrundriß eine deutliche Trennung von Schiff und Chor gehabt hat. Eine von Süden nach Norden verlaufende Fundamentvorlage von etwa 1,05 Meter er­möglicht die Ermittlung der Breite eines Triumphbogens. Eine weitere Bestätigung des Abbruches der Triumphbogenmauer bilden die unregelmäßige Oberfläche und die Ausbesserungsstellen am Anschluß in der Südmauer des Chorraums, dort wo die Kanzel steht.

Der Ausbau der umlaufenden Holzverkleidung (Paneel) legte einen Zugang vom Schiff zu dem Turmuntergeschoß frei. Dieser Raum ist nach Vergrößerung der Öffnung jetzt zu dem Kirchenraum hinzugefügt. Eine vorhan­dene Wandnische wurde ergänzt und mit einem geschmiedeten Git­ter versehen. Um den Ansatzpunkt des Turmes an die Westwand des Schiffes sichtbar zu machen, wurde in dem neuen Wandputz ein „Fenster“ freigelassen. Die Reste der gekuppelten Erweiterung in der Südwand scheinen ebenfalls aus dieser Zeit um 1479 zu stammen.

 

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg wird auch das Gotteshaus in Ordnung gebracht. Im Kirchenbuch finden sich mehrere Eintragungen über die Spende von Gegenständen an die Kirche:

- Am 1. Januar 1652 hat Schultheiß Michel Ebert der Kirche ein schwar­zes Tuch verehrt, das auf dem Tisch (Altar) und bei dem Begräbnis gebrau­chen werden soll.

- Am 2. Oktober 1653 Schultheiß hat Johannes Lommel 15 Taler zum Kirchendach verehrt.

- Am 28. Juni 1654 hat Herr Hans Sauer, ein Lutheraner, Seiler und Handelsmann zu Frankfurt, ein Seil zur Glocke verehrt.

- Am 23. Oktober 1657 hat August Eberhard, Wirt „Zum Weißen Roß“, einen viereckigen eingefaßten Schieferstein an den steinernen Chorbogen neben der Kanzel hängen lassen, um die Lieder darauf zu schreiben.

 

Der nächste große (vierte) Bauabschnitt erfolgte 1705. Die Nordwand wird um mehr als zwei Meter nach außen versetzt und der Kirchenraum erfährt so eine Erweiterung. Das spätgotische Portal in der Nordwand wurde 1705 wieder verwendet. Große Fenster werden geschaffen. Große Rundbogenfenster lassen das Tonnengewölbe unter dem hohen Kirchendach heller werden. Der Kirchenraum wurde durch drei Zugänge geöffnet und bekam eine neue Kanzel und eine Orgel. Nun wurde der Kirchenraum von einem von unten mit Brettern verschalten Bohlenlamellen-Tonnengewölbe überdeckt. Auf die Bretter ist Schilfrohr als Putzträger aufgebracht, der Mörtel mit Kälberhaar durchsetzt. Der Dachstuhl wird als liegender Stuhl ausgeführt.

Eine Folge des An- und Umbaus von 1705 war aber, daß die beiden Längsseiten des Baus sich nach außen neigen. Das größere und schwerere Schieferdach lastete auf den Mauern, drückte sie auseinander. Die Kirche war innen an der Dachkante 40 Zentimeter breiter als auf Bodenhöhe. Der Druck wurde aufgefangen, indem man schon kurz nach dem Umbau von außen sechs Stützpfeiler vorsetzte. Diese Maßnahme scheint eine Reaktion gewesen zu sein, nicht unbedingt vor dem Umbau eingeplant. Immerhin fiel ihr eines der frühgotischen kleinen Kirchenfenster zum Opfer. Doch gemessen am Gesamtresultat war dieser Lichtverlust zu verschmerzen, zumal der Umbau zwingend notwendig war.

Die Errichtung eines massiven Turmaufsatzes mit Helm erfolgte im Jahre 1877. Das kostet die bürgerliche Gemeinde 11.200 Mark. .Im Jahre 1864 wurde das alte Pfarrhaus abgerissen und auf Kosten der Gemeinde ein neues errichtet (neben der Kirche in der Kirchgasse).

 

Zusammenfassend ist zu sagen, daß, gegen jede ursprüngliche Er­wartung, die Instandsetzungsarbeiten guten Einblick in die Baugeschichte der Kirche in Dörnigheim ermöglichten. Es zeigen sich deutlich vier große Bauabschnitte, die immer eine Erweiterung der Anlage mit sich brachten und seit der karolingischen Zeit von dem regen kirchlichen Leben der Gemeinde sowie den handwerklichen Fähigkeiten der Bewohner Kunde bringen.

 

Inneres:

Bei der Untersuchung der Wände wurden im Jahre 1959 zwei zugemauerte schmale frühgotische Fenster mit tiefer Lai­bung im südlichen Chormauerwerk freigelegt, die Malereien aufweisen. Die erhaltenen Werksteingewände zeichneten sich nur spärlich in der Putzfläche ab.

Um und in der Fensternische wiesen zwei über­einanderliegende Farbschichten auf frühe Malereien hin. Die untere Schicht trug eine dem Natursteinmauerwerk nachempfundene rote Quaderung mit aufgemalten weißen Fugenlinien, und die obere Schicht zeigt in freier Komposition rot gemalte Ranken. Weiter fanden sich auf dieser ehemaligen Chorwand drei übereinanderliegende Weihekreuze sowie unter dem Fenster Andreaskreuze und eine aufgemalte Doppelschlinge.

 

Das ostwärtige Fenster zeigt zwei Malschichten mit Quaderung als untere Schicht und Akanthus­rankenwerk als obere Schicht. Das westliche Fenster zeichnete sich an der Südwand ab, wird aber nach außen durch einen Vorlagepfeiler verdeckt. Beide waren zugemauert. Die geringe Größe und die niedrige Anordnung im Mauerwerk deuten darauf hin, daß die Gebäude erheblich niedriger waren als der jetzige Baukörper.

Diplomingenieur Karl‑Heinz Doll (Hanau) schreibt darüber: „Das ostwärtige Fenster zeigt zwei Malschichten mit Quaderung als untere Schicht und Akanthusrankenwerk als obere Schicht. Das westliche Fenster ist an der Laibungskante mit einem unregelmäßigen Zackenband versehen. Diese Dreiecke sind zum Teil nur in ihren Umrissen gezeichnet, zum andern Teil ganz mit roter Farbe ausgefüllt. In der Wölbungsspitze geht das Band in ein unregelmäßiges Ornament über. Die Ausmalung der Laibungen ist besonders reizvoll. Eine Deutung der in freier Strichzeichnung entstandenen unregelmäßigen Vierecke und Vielecke bedarf noch einer eingehenden Untersuchung. Beim ersten Hinsehen entsteht der Eindruck eines Katasterplanes in der Ostlaibung und der Aneinanderreihung, von Giebelansichten in der Westlaibung. Die spielerische Pinselführung, die durch das Geometrische der Flächenteilung eine gewisse Strenge erfährt, die wiederum durch die architektonische Form der Fensteröffnung gebunden ist, löst sich durch das unregelmäßige Zackenband der Laibungseinfassung. So ist zu vermuten, daß es sich hier um ein Beispiel früher gotischer dekorativer Wandmalerei handelt.“

 

Die Bestätigung, daß die Kirche der Jungfrau Maria geweiht war, fand sich in einem Marienbild, welches sich im Chor unmittelbar hinter dem Triumph­bogenansatz auf der Südseite befindet. Rechts von dem Fenster im Kanzelaufgang sind Fresko-Reste einer thronenden Madonna (Maiestat Mariae) erhalten. Das Bild zeigt eine thronende Maria im blauen, wallenden Gewand, die auf einem auf einem gotischen Sche­mel sitzt der nach außen geschwungene Beine hat. Das linke Schemelbein geht in die westliche Eckquaderung des ostwärtigen Fensters über. Während der Faltenwurf und die Farben im unteren Teil deutlich zu erkennen sind, konnten nur die Umrisse des oberen Teiles ermit­telt werden. Durch früheren Wassereinbruch war ein Teil stark verkieselt und nur der untere Teil der Malerei deutlich zu sehen. Um die Freilegung hat sich der Restaurator Wölfel aus Langenselbold fast 14 Tage gemüht. Eine restlose Freilegung und Restaurierung des Bildes war nicht möglich. Auf Anordnung des Landeskonservators, wurde das Bild wieder übertüncht, so daß jetzt nur noch die Umrisse eines Beines des Thrones an der Fensterumrandung sichtbar sind. Eine Datierung der Entstehungszeit ist jedoch möglich und wird an Hand von Vergleichsbeispielen auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts anzusetzen sein. Dieses Bild ist eine neuerliche Bestätigung dafür, daß es sich bei der Kirche um eine ursprüngliche Marienkirche handelt.

Für die Baugeschichte ist es weiterhin bedeutend, daß auf der Südwand des ehemaligen Chores drei Weihekreuze in verschiedenen Ausführungen übereinander liegen. Sie sind nicht um einen gemeinsamen Mittelpunkt gezeichnet. Ritzstellen im Putz deuten darauf hin, daß der Ring eines der Kreuze durch einen Zirkelschlag erfolgte. In deren Fläche ist noch der Ruß der Kerzen und Reste der eisernen Kerzenhalter zu finden

Neben Mauerresten aus karolingischer Zeit deuten nunmehr freigelegte frühgotische Fen­ster, Weihekreuze, ein Marienbild und der dreiseitige Chorabschluß auf eine um 1250 vorgenommene Erweiterung einer früheren Kirche

Eine weitere Rötelzeich­nung konnte an der Westwand in Emporenhöhe freigelegt werden. Dargestellt ist die Giebelseite eines Gebäudes, das im unteren Teil gemauert ist und einen Fachwerkgiebel trägt. Es ist möglich, daß der zeichnende Handwerker einen Vorgängerbau der Kirche festhielt.

Eine besonders erfreuliche Entdeckung gelang dem Restaurator 1959 mit der Freilegung von wundervollen Barockmalereien an den Emporenbrüstungen. Jede der Füllungen zeigt eine andere Bewegung des Akanthusrankenwerkes. Winden sich hier von einem knospenartigen Mittelpunkt die Akan­thusblätter nach allen Seiten, so sind sie in einem anderen Feld in der Mitte gebündelt und neigen sich bogenförmig nach außen. Eine symmetrische Anordnung auf der einen Füllung wird von einer un­symmetrischen in einem anderen Feld abgelöst. Diese Malereien, die einen großen Formenreichtum zeigen, geben der Kirche nun wieder eine ganz besondere Note. Jede der Füllungen zeigt ein anderes Motiv des Akanthusrankenwerkes. Wenn die Sonne in den Kirchenraum dringt und an den Emporen spielt, nehmen sich die Barockmalereien so plastisch aus, daß man den Eindruck hat, sie wären geschnitzt. Auch die Pfeiler wirken zwar wie Marmor, sind aber übermaltes Holz.

Man fand auch das in Mauerziegel gefügte barocke Altarfundament, das aber wohl nicht die Stiftung der Herren von Rüdigheim (Vögte in Dörnigheim) aus vorreformatorischer Zeit war.

Alle diese Beobachtungen und Untersuchungen ermöglichten mehr über die Kirche der Gemeinde Dörnigheim zu sagen, als bisher be­kannt war.

Die rechte Bankreihe gab es vor 1705 noch nicht. Immer mehr Menschen müßten sich in die wenigen Bänke quetschen. Und die Bevölkerungszahl wuchs mit hoher Beschleunigung an: von 33 Familien 1681 auf schon 51 kurz nach der Jahrhundertwende. Deshalb wurden Emporen an drei Seiten des Baus eingebaut. Später wird im Ostteil die Empore die Orgel tragen und durch eine überdachte Außentreppe und über eine Innentreppe zu erreichen sein. Die Anschaffung einer Orgel gelang aber erst im darauffolgenden Jahrhundert.

Im gleichen Stil wird eine Kanzel eingefügt, die in ursprünglichem Zustand erhalten ist. Der Bau hat mit den vorgenommenen Veränderungen so an festlicher Pracht gewonnen.

Orgel 1872 :

Einige mit der Kirche verbundene Aufgaben bleiben in den Händen der weltlichen Gemeinde. Diese trägt etwa um 1870 die Kosten für eine Orgel. Am 21. Juni 1870 wird der Orgelbauer Wagner aus Hersfeld beauftragt, für die Dörnigheimer Kirche eine Orgel zu bauen. Sie wird 1872 eingebaut zum Preis von 795 Talern (3400 Mark) und 1960 durch eine neue Orgel ersetzt.

 

Turm 1877:

Im Jahre 1877 wurde ein massiver Turmaufsatz mit spitzem Turmhelm aufgesetzt, nachdem der alte, „unschöne“ zu niedrig war und man die Glocken im östlichen Teil des Ortes nicht hören konnte. Die Ausführung lag in den Händen des Maurermeisters Bernges aus Langendiebach. In den Turmknopf werden 56 Goldstücke, wie sie vor dem 1. Januar 1876, der Einführung des Mark-Geldes, in Deutschland gangbar waren; und eine Urkunde eingelegt. Die Kosten beliefen sich auf 13.200 Mark.

Am 15. Juli 1914, nachmittags gegen 3 Uhr, fuhr ein kalter Blitzschlag in die Kuppel des Kirchturms. Genau ließ sich der Lauf des Blitzes nicht feststellen. Wahrscheinlich hat er sich in der Kirche, in die er von der Uhr aus eingedrungen, zerteilt und am Fenster neben der Kanzel einen Ausweg in Freie gesucht. Er beschädigte das Dach des Turms, durch dessen Kuppel er geschlagen.

Dabei wurde eine „offenbar schon lange defekte Büchse“ gefunden, die wahrscheinlich beim Bau des höheren Kirchturms 1877 eingelegt worden war. Die eingelegte Urkunde selbst war vom Schimmel und Moder zur Hälfte verdorben. Der Pfarrer legt eine neue Urkunde ein (siehe Datei Turmknopfurkunden). Die Reparatur des durch den Blitz beschädigten Turmes vollzog Herr Dachdeckermeister Eller aus Hanau.

Der 45 Meter hohe Turm der Kirche ist nur über 150 sehr enge und sehr steile Stufen zu erklimmen. Auf halbem Weg befindet sich das Eulennest, hier ist Ruhe geboten. Wer es ganz nach oben schafft, erblickt im Dachstuhl drei Glocken, die hier seit mehr als 50 Jahren hängen. Noch weiter oben nistet ein Turmfalkenpaar.

 

Uhr:

Von dem Uhrmacher Unger aus Straßburg wird 1872 für 1.700 Mark eine Kirchturmuhr mit weithin sichtbaren Zifferblättern erworben. Bis dahin waren die Glocken die Zeitregulanten im öffentlichen Tagesablauf. Vor dem Öffnen der Tore in der Wehrmauer wurden am Morgen die Glocken geläutet. Vom Peterstag an (22. Februar) bis in den Oktober hinein rief um 11 Uhr das „Elfläuten“ die Menschen von den Feldern zum Mittagessen an den heimischen Herd. Um vier Uhr nachmittags läuteten sie die Vesperzeit ein und vor Anbruch der Dunkelheit, wenn die Tore für die Nacht wieder geschlossen wurden, gaben ebenfalls die Glocken das Zeitzeichen. Schon seit dem 14. Jahrhundert gab es Turmuhren mit Zeiger, Zifferblatt und einem eigenen Antrieb, die allerdings, wenn sie stehen blieben oder falsch gingen, mit Hilfe einer Sonnenuhr gerichtet wurden.

Die in der Uhrmacherwerkstatt Ungerer in Straßburg angefertigte Uhr wurde für 13.200 Mark (!)  von dem Langendiebacher Maurermeister Bernges eingebaut. Allerdings hatte sie nur mit Zifferblättern nach Norden, Osten und Westen. Nach Süden, dem katholischen Mühlheim hin, wollte man kein Zifferblatt anbringen. Bereits 1876 erhielt die Kirchturmuhr eine Schlaguhr.

Jeden Tag mußte nun die neue Uhr aufgezogen werden, das hieß, täglich von Hand die beiden jeweils eineinhalb Zentner schweren Gewichte für das Getriebe des Schlagwerkes, und das 50 Pfund schwere Gewicht des Gehwerkes, 22 Meter hoch in den Turm kurbeln, damit das 50 Pfund schwere Pendel in Bewegung blieb.

Dieser Auftrag fiel im Laufe der Jahre an verschiedene Personen. Ältere Bürgern noch in guter Erinnerung ist ein Herr Rauch, der auch die Glocken läutete und dadurch seinen Spitznamen „Elfläuter“ weg hatte. Mehr als 25 Jahre verrichtete danach Heinrich Schmidt im Auftrag der Gemeinde diese Arbeit. Schlimm wurde es, wenn die Uhr nicht rechtzeitig aufgezogen oder einmal ganz und gar vergessen wurde. Dann war der Spezialist und Uhrmacher Heinz Schäfer der Retter in der Not. „Heinz, kannste mal komme, die Uhr geht nach?“

Bei Kriegsende 1945 war das Uhrwerk durch Bombensplitter zerstört. Für Heinz Schäfer war das eine Herausforderung. „Den Auftrag, die Uhr zu reparieren, habe ich mir damals quasi selbst gegeben“, erzählt der Dörnigheimer. Längst kennt er wie kein anderer jedes Rädchen im Getriebe, auch wenn nicht mehr alles original ist. Alle benötigten Teile mußten extra angefertigt und an das vorhandene Antriebsgestänge angeschlossen werden.

Das alte, solide Getriebe bedurfte nach dem Zweiten Weltkrieg aber nur einer größeren Reparatur, weil durch das Ostzifferblatt nach einem Beschuß am Ende des Krieges Splitter in das Uhrwerk eingedrungen waren. Heinz Schäfer war es auch, der 1950 endlich das Zifferblatt nach der südlichen, der „Mühlheimer Seite“ einbaute.

Im Jahr 1975 wurde das alte Uhrwerk durch einen elektrischen Antrieb mit elektronischer Steuerung ausgetauscht. die alte Uhr kann jetzt im Heimatmuseum bestaunt werden.

Die neue Uhr reguliert sich selbst bis auf eine Genauigkeit von 30 Sekunden pro Tag. Selbst bei einem Stromausfall würde sie aus eigener Kraft noch zwölf Stunden weiterlaufen. Die Zeigetreibwerke müssen allerdings immer noch regelmäßig gewartet werden. „Die Uhr wird jedoch nur elektrisch aufgezogen, das Pendel schwing mechanisch hin und her“, betont Schäfer, in der heutigen Zeit eine echte Rarität, „Pro Woche geht die neue Uhr nicht mehr als eine halbe Minute nach“, erzählt Uhrmacher. Damit sich aber die Sekunden und Minuten nicht summieren, vergleicht Heinz Schäfer wöchentlich die Zeit mit der Funkuhr an seinem Handgelenk. Einmal jährlich ist außerdem eine Generalüberholung fällig. Dann werden alle Rädchen gesäubert. „Früher war da noch dringender nötig als heute, da hausten Tauben im Kirchturm und die machten prompt immer dahin, wo zwei Rädcher sich treffen“, weiß Heinz Schäfer.

Das Uhrwerk setzt viel in Bewegung. Elektronisch gibt es einen Impuls an das Gehwerk - ein nicht minder unscheinbarer grauer Kasten, der einige Etagen höher zwischen den drei Glocken angebracht ist. „Erst ab hier läuft alles mechanisch ab“, erklärt Heinz Schäfer und deutet auf die Rädchen und das Metallgestänge, die die Zeiger auf den Zifferblättern in Bewegung setzen. Jede Viertelstunde läuft hier eine Kettenreaktion ab, denn das Gehwerk löst das Schlagwerk aus, das wiederum einen Impuls an das Hubwerk gibt, welches schlußendlich den kleinen Hammer aufzieht. Mittlerweile ist das Läuten zu den Gelegenheiten wie Hochzeit, Beerdigung oder Taufe vom Uhrwerk getrennt und erfolgt per Computer vom Kirchenschiff aus, erzählt der gelernte Uhrmacher.

Einen Bubenstreich meldete die Presse im Jahre 1981 unter der Überschrift „Hilfe, der Zeiger ist weg!“ und „Turm-Uhrzeiger abgeschnitten“: Eine Schnapsidee verlockte in der Nacht zum Donnerstag, 9. April, eine Gruppe von „Spätheimkehrern“, das Gerüst des Kirchturms der alten Evangelischen Kirche in Dörnigheim zu erklettern und dort oben mal nach dem Rechten zu sehen. In einer oben vorgefundenen Werkzeugkiste der Restaurateure fanden sie eine Blechschere und trennten damit den Stundenzeiger der Turm-Uhr ab. Bei diesem groben Unfug hörten Nachbarn den Lärm und beobachteten dann auch vier Täter. Wieder zurück auf der Erde, nahm die inzwischen alarmierte Polizei drei von ihnen und den Uhrzeiger in Empfang und erstattete Anzeige. Um zwei Uhr weckte sie den zuständigen Pfarrer Hermann Drüner. Die Höhe des Sachschadens wird noch ermittelt.“

Im Jahre 2008 war Heinz Schäfer 83 Jahre alt und betreute immer noch die Uhr. Er machte allerdings nicht mehr alle Arbeiten selbst, seine zwei Söhne helfen ihm. Und auch Gattin Käthe Schäfer begleitet ihn sicherheitshalber stets zu seiner Uhr, etwa wenn er im März und Oktober auf Sommer- beziehungsweise Winterzeit umstellet.

 

Glocken:

Ein neues Glockengeläut konnte 1885 installiert werden, drei Glocken von 600 Kilogramm, 300 Kilogramm und 178 Kilogramm, die zusammen im Fis‑Dur Dreiklang (g‑b‑cis‑) erklangen (Nach anderer Angabe 1878 drei Glocken aus Frankenthal). Auch die Glocken wurden von der weltlichen Gemeinde bezahlt.

Im Ersten Weltkrieg wurden die Glocken und die Orgelpfeifen aus Zinn abgeholt, die der Pfarrer nach Beendigung des Krieges wieder beschaffte.

Im Zweiten Weltkrieg mußten zwei der drei Glocken für die Kriegswirtschaft abgegeben werden. Die kleinste blieb jedoch in Dörnigheim. Nach dem Krieg entschloß sich der Kirchenvorstand, zwei neue Glocken anzuschaffen. Schulkinder trugen 1950 einen Aufruf der Kirchengemeinde an alle Dörnigheimer, dafür zu spenden, aus. Und es wurde viel gespendet - sogar ein Dörnigheimer Bürger, der in die USA ausgewandert war, wurde um Unterstützung angegangen. Doch das Geld reichte noch lange nicht für ein neues Geläut.

Die Verhandlungen mit der politischen Gemeinde, die für Turm und Glocken hätte aufkommen müssen, zogen sich hin. So konnten die neuen Glocken erst im Frühjahr 1951 bestellt werden. Die kleine Glocke von 1924, die den Krieg unversehrt überstanden hatte, gab man in Zahlung. Am 18. Juni wurden dann die drei neuen Glocken, die in der Glockengießerei der Gebrüder Rincker in Sinn (heute Lahn- Dill-Kreis) gegossen wurden, auf der Straße von Frankfurt her nach Dörnigheim gebracht.

In einem feierlichen Umzug wurden sie an den geschmückten Häusern der Kirchgasse vorbei zur Kirche am Main gebracht. Noch mußte aber der hölzerne Glockenstuhl durch einen gußeisernen ersetzt werden. So blieben die Glocken auf dem Kirchhof, bis sie schließlieh am 20. Juli aufgezogen und montiert werden konnten. Abends folgte dann ein erstes Probeläuten.

Eine der Glocken trägt die Inschrift: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Am 22. Juli 1951 fand die Glockenweihe der drei neuen von der Firma Rincker in Sinn gegossenen Glocken statt, die außerordentlich rein und klangschön auf g b c gestimmt sind.

Am 22. Juli 1951 wurden durch Dekan Wessendorfft und Pfarrer Thorn die neuen Glocken der Dörnigheimer Kirche in einem festlichen Gottesdienst in Gebrauch genommen. Für die Kirchengemeinde war es damals eine große Anstrengung, in den schlechten Jahren nach dem Krieg die Mittel für ein neues Geläut aufzubringen.

Ältere Dörnigheimer erinnern sich noch daran, wie sie als Jugendliche die Glocken von Hand läuten durften. Inzwischen ist aber auch in die Kirche am Main die moderne Technik eingezogen. Heute besorgt das Läuten eine „Läutemaschine“, die zudem Computer gesteuert ist.

 

Renovierungen:

Am 15. Juli 1914 fuhr ein kalter Blitz in die den Kirchturm: Er schlug bei der Uhr ein, zerteilte sich und trat am Fenster neben der Kanzel wieder aus. Bei der Reparatur des Turmes wurde eine Büchse mit Münzen und einer verrotteten Urkunde geborgen, die offenbar bei der Einweihung des höheren Kirchturms 1877 eingelegt worden war. Der Inhalt: 56 Goldstücke, wie sie vor dem 1. Januar 1876, „der Einführung des Mark-Geldes“, in Deutschland gangbar waren; eine vom Schimmel und Moder zur Hälfte verdorbene Urkunde von 1877, die vor allem über die Erhöhung des Turms berichtet. Im Jahre 1926 wurde die Kirche auch innerlich erneuert.

Im Jahre 1928 kommt es erneut zu Reparaturarbeiten am Kirchturm, bei denen auch der Turmhahn richtiggestellt wird. Die Arbeiten werden auf Anregung des Bürgermeisters Karl Leis durch die dazu verpflichtete bürgerliche Gemeinde ausgeführt. Pfarrer Römheld erwähnt in einer Urkunde unter anderem die ausführenden Handwerksbetriebe, es sind dies die Firma August Geibel, Kesselstadt, zuständig für das bis zur Turmspitze reichende Holzgerüst, sowie der Dachdecker Karl Schuntz, der Installateur Kurt Mitschke und der Zimmermann Ernst Fischer VI.

 

Kurz vor Weihnachten 1951 wurde durch einen Wirbelsturm die Südseite des Kirchendaches, das sich in einem sehr schlechten Zustand befand, aufgerissen, so daß das ganze Kirchenschiff neu eingeschiefert werden mußte. Im Jahre 1953 wurde eine moderne Gasheizung in der Kirche eingebaut, die sich außerordentlich gut bewährt hat.

Unmittelbar danach begannen in Kassel die Verhandlungen wegen Errichtung eines Jugendheims im Pfarrgarten: Grundsteinlegung war am 14. November 1954, die Einweihung am 1. Advent 1957. Im Sommer 1958 wurde eine elektrische Läuteanlage eingebaut, und im Sommer 1959 begannen die umfangreichen Renovierungsarbeiten an der Kirche, die mit der Wiedereinweihung am 1. Advent 1959 ihren einstweiligen Abschluß fand.

Dann wurde die Kirche 1980 / 1981 erneuert. Durch Abwitterung wiesen viele Bauteile wie Dachdeckung, Turmbekrönung und die Jalousien an den Schallöffnungen der Glockenstube sowie Teile der Fensterbögen und Laibungsgewände erhebliche Schäden auf. Sie wurden vollständig erneuert und zum Schutz des Mauerwerks der untere Turmteil verputzt. Der gesamte Turm erhielt einen Mineralfarbanstrich. Im Zuge von Verankerungsmaßnahmen durch den Einbau eines Betonringankers wurde das Kirchenschiff gestrichen. Das 1959 neu angefertigte Gestühl erhielt ebenfalls 1980 einen Neuanstrich.

 

Renovierung 1992 – 2014:

Gegen den energischen Widerstand der bürgerlichen Gemeinde wurde über mehrere Jahre, zuletzt auf gerichtlichem Wege, der Anbau einer Sakristei erstritten, der 1992 fertiggestellt wurde. Er war unter anderem auch deshalb notwendig geworden, weil die Mitglieder der griechisch‑orthodoxen Gemeinde ebenfalls in der evangelischen Kirche ihren Gottesdienst abhalten.

Am 12. April 1992 erfolgt die Einweihung des Sakristei-Anbaus an die alte Kirche am Main, der nach langem Streit mit der politischen Gemeinde für 300.000 Mark realisiert wurde. Bei den Renovierungsarbeiten wurden unter dem heutigen Schieferdach originale „Biberschwänze“ entdeckt von der Renovierung 1705, sowie handgeschmiedete Eisennägel. Der Putz der Kirche bekam durch das Wetter und falsche Materialauswahl Risse und weitflächige Hohlstellen. Darum wurde die Fassade nun saniert. Der neue Putz ist durchgefärbt und muß somit nicht gestrichen werden.

Mit der Neugestaltung des Innenhofs kam 2014 ein Mammutprojekt zum Abschluss, das 1992 mit dem Anbau der Sakristei begonnen wurde. Nach sechsjähriger Planungszeit ging die letzte Aufgabe zu Ende, einen barrierefreien Zugang zur Kirche zu ermöglichen. Alle Stufen sind verschwunden (bis auf zwei kleine Stufen am linken Rand), eine behindertengerechte Rampe ist entstanden, die neue Pflasterung ist verlegt und Auffindsteine für sehbehinderte Menschen sollen noch folgen. Auch für Martins Pferd. Denn nicht nur mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen ist der Zugang zum Kirchhof nun problemlos möglich. „Bei einem Martinsumzug vor einigen Jahren gelang es der Reiterin, das Pferd die schmalen Stufen auf den Kirchhof hinaufzuführen. Als das Martinsfeuer erloschen war und die Kinder sich auf den Heimweg machten, sträubte sich das Pferd jedoch, die Treppe wieder runterzusteigen“. erinnert sich Pfarrer Eckhard Sckell.

Der begleitende Architekt war Thomas Seipel vom Architekturbüro THS. Hans-Jürgen Fritsche als Mitglied des Bauausschusses begleitete die Maßnahmen. Das Investitionsvolumen betrug insgesamt 360.000 Euro - die Renovierung der Fassade vor zwei Jahren inbegriffen.

Im Dezember 2014 wurden die beiden Winterlinden, die an der Eingangspforte ein Baumportal bilden, wegen Fäulnis gefällt. Es wurden wieder zwei Winterlinden nachgepflanzt, allerdings in etwas größerem Abstand zur denkmalgeschützten Kirchhofsmauer. Irgendwann wird eine Innenrenovierung erfolgen. Schließlich ist dies der älteste Ort von ganz Maintal.

 

In Dörnigheim gibt es noch die katholischen Kirchen „Maria Königin“ von 1956 / 1957 (Hasengasse) und „Allerheiligen“ von 1967 /1968 (Waldsiedlung).

 

 

Kirchgasse 14

Altes Fachwerkhaus (etwas zurück gebaut)

 

„Herrenhof“, Kirchgasse 7

Hier befand sich der Gutshof des Mainzer Jakobsklosters, eines armen Benediktinerklosters, das den Besitz vom Kloster Lorsch erhalten hatte.

 

Im Jahre 1836 / 1837 wurde im Gebäude des Herrenhofs eine Zuckerfabrik in Betrieb genommen, die zwar ein Jahr später geschlossen wurde, aber in den folgenden Jahren bis etwa 1850 die Zuckerrübenverarbeitung wieder aufnahm.

Im Jahre 1886 entschloß sich die Gemeinde angesichts des Anwachsens der Kinderzahl, die Gebäude im Herrenhof käuflich zu erwerben und mit einem Kostenaufwand von insgesamt 12.000 Mark zu einer Schule umzubauen. In einem Teil des Gebäudes war auch ein Teil der Gemeindeverwaltung untergebracht. Heute ist hier die Polizeistation. Auf dem ehemaligenSchulhof wurde in den neunziger Jahren ein Wohnhaus errichtet

An der Westseite nach der Kirchgasse zu, etwa in der Mitte, gegenüber der Nordwestecke des Herrenhofgrundstückes, stand ein Brunnen. Ein weiterer Brunnen stand in der Untergasse östlich der ersten Sackgasse hinter dem Herrenhof, nämlich am Haus Nr. 20, einem schönen Fachwerkhaus, das heute dem Maler Mattia gehört.

 

Gasthaus „Zum Schiffchen“

Das Gasthaus diente den Pferden, die die Kähne zogen, als Ausspannplatz. Die Mainmauer wurde 1751 gebaut mit dem Ober- und Untertor, auch „Mainpforten“ genannt. Sie konnten durch Holztore verschlossen werden, die zu ihrem Schutz Strohdächer trugen. Bei Hochwasser wurde die untere Mainpforte abgedichtet, um das Dorf vor dem Schlimmsten zu bewah­ren.

 

Untergasse

An dem Haus Untergasse 5 ist die alte Hausnummer 63 wieder sichtbar gemacht worden.

Das Haus Nr. 4 ist ein schönes Fachwerkhaus. Der Neubau Untergasse 2 steht an der Stelle einer Zehntscheune, der Geibelschen Scheune  (die andere war am Obertor östlich der Bäckerei). Es gibt nur noch wenige Gemeinden, in denen unbekannt und unbe­achtet die „Zehntscheuer“ steht. Durch Jahrhunderte hindurch haben diese Zehntscheuern ihre Bedeutung gehabt. Sie gehörten der Grundherrschaft. In Zeiten der Ernte fanden sich vor ihnen die Bauern ein und lieferten den zehnten Teil ihrer Ernte der Grundherrschaft ab.

 

Platz an der Linde

An der Linde vor dem Haus Schwanengasse 14 steht ein Brunnen, der eine Kopie des Brunnens in der Frankfurter Straße ist. Dahinter an der Hauswand ist ein altes Ortsschild. Südwestlich davon war eine Schmiede. Am Aufgang zur Schwanengasse vom Main her ist links eine Hochwassermarke von 1970.

 

Eine Gedenktafel für die Linde (Text von Georg Gruber) lautete:

„1888 wurde die Linde gepflanzt von Mitgliedern eines sangesfreudigen Verein, die alle Nachbarn in der Schwanen- und Untergasse waren:

Jakob Lapp, Landwirt und Drechsler, Schwanengasse 8

Wilhelm Kuhn, Maurer, Schwanengasse 3

Peter Seng, Landwirt und Schreiner, Schwanengasse 8

Wilhelm Bast, Landwirt, Schwanengasse 11

Johann Fritz, Landwirt , Schwanengasse 18

Jakob Bechert, Landwirt und Maurer, Schwanengasse 16

Johannes Rauch, Landwirt und Weißbinder, Untergasse 1

Georg Rauch, Schreiner, Untergasse 6.

Dankbar wollen wir unserer Vätern und Großvätern gedenken, daß sie uns dieses Kleinod gepflanzt haben. Wir wollen ihren Baum, der längst der unsere geworden ist, hegen und pflegen von Generation zu Generation. Möge er uns noch lange erhalten bleiben.“

Bei der Pflanzung wurde ein Dokument mit eingegraben, doch leider ist der Text nicht überliefert.

 

Ein Gedicht über die Linde lautet:

Ich – die Linde

Heut’ möcht ich nur ganz kurz erzählen

und verschiedenes erwähnen,

was sich just in hundert Jahren

um mich herum hat zugetragen.

Ihr seht mich ‑ hier bei Mensch und Tier

als zweite auf dem Platze hier.

Der ersten Linde, wurd’ berichtet,

war ihr Leben kurz befristet.

Denn wie’s so ist seit Ewigkeiten,

konnten Menschen es nicht leiden,

daß andre Leute kamen drauf

und setzten einen Lindenbaum.

Kaum stand der Baum in seinen Winkeln,

begannen welche drauf zu pinkeln.

Kurz und gut ‑ der Baum nahm’s übel

und streckte ganz schnell seine Flügel.

Nachdem den einen war’s mißlungen,

haben andere sich aufgeschwungen,

und da sie alle Nachbarn waren,

hat es auch ganz toll hingeschlagen.

Gemeinsam haben sie’ vollbracht

und mich ‑ woher? ‑ hierher gebracht.

Die Menschen fuhren noch mit Pferdewagen,

doch trugen alle Dörnigheimer Namen.

Es waren Kühn, Lapp, Seng und Rauch,

die setzten mich, euren Lindenbaum.

Sie waren schlau: Bei Tag und Nacht

haben sie vor Übeltätern mich bewacht.

So wurd’ ich groß und ihr könnt sehn,

 ich bin mit hundert Jahr’n noch schön.

Einst war ich auch als Platz bekannt,

wo sich die Schweineherde fand,

und von dem Schweinehirt getrieben,

liefen über Feld und Wiesen.

So manch Gewitter rupfte mich

Manchesmal war’s nicht so ohne:

Der Blitz schlug ab mir meine Krone.

So schwer manch Wetter mich verletzte,

im Jahr darauf gab ich mein Bestes.

Ich strengte mich besonders an

und blühte, was ich blühen kann.

Von Mai bis Oktober mach ich euch Dreck

und ihr müßt kehren alles weg.

Ihr alle seid an mich gewöhnt

und habt mit mir euch ausgesöhnt.

Dafür bin ich dann jedes Jahr

mit vielen Blättern für den Schatten da.

Bis 1955 hat’s dann gedauert,

da hatt’ ich richtig mich gemausert.

Die Nachbarn hatten den Gedanken:

Hier kann man sitzen ‑ kann man tanken.

Im Sommer unter meinem Dach

da macht das Sitzen wirklich Spaß.

Sie bauten eine Bank um mich

und machten mich dann öffentlich.

Seitdem bin ich in unsrer Stadt

beliebt bis auf das letzte Blatt.

Wer’ ich auch in keinem Buch erwähnt,

bin ich doch heute sehenswert.

Und dann begann das Allerbeste:

Sie fingen an mit ihrem Feste.

Zu meinem neunzigsten Geburtstag, da ging es los,

die Feste bis heute waren alle famos.

Auch hat man sich ganz ungezwungen

zur Sperrmüllparty eingefunden.

Die Nachbarschaft hat es vollbracht.

Es wird gegessen, getanzt und gelacht.

Und wenn es ist dann kurz nach zehn,

da sieht man’s erst, wie bin ich schön:

Man strahlt mich an mit Lichterschaum.

Ach ‑ bin ich nicht ein toller Baum?

Drum dank ich meiner Nachbarschaft,

die immer sehr gewissenhaft

besorgt war um mein Wohlergehen,

versorgt mit Wasser mich zum Leben.

Ich möchte alle, die um mich wohnen

noch lang mit meinem Grün belohnen.

Drum werd ich weiter mich bemühen

Und viele hundert Jahre blühen (Margarete Gruber).

 

 

In der Schwanengasse Nr. 4 (ehemals Geschäft „Karotte“) war die Metzgerei der jüdischen Familie Stern.

Am Eingang der Hintergasse stehen zwei schöne Fachwerkhäuser. Das südliche mit der Hausnummer Schwanengasse 7  trägt am Türpfosten die Inschrift „17 IF 81“.

 

Schlößchen Hintergasse 23

Die Hintergasse verläuft zunächst parallel zur östlichen Dorfmauer. Sie beginnt am Aufgang zur Schwanengasse und biegt dann nach links und verläuft in nördlicher Richtung bis zur Frankfurter Straße. Die Hintergasse wies noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein geschlossenes Bild auf. Die auf alten Postkarten abgebildeten Fachwerkhäuser entstammen durchweg der gleichen Bauphase.

Heute erscheint die vom Volksmund überlieferte Bezeichnung „Schlößchen“ für das Gebäude in der Hintergasse 23 nicht passend, handelt es sich doch augenscheinlich um einen fränkischen Bauernhof mit dem typischen rechteckigen Hofraum aus der erste Hälften des 18. Jahrhunderts, der auf drei Seiten von getrennten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden umgeben ist. Die Gebäude sind nicht durch eine umlaufende Firstlinie verbunden. Der heutige Bau ist aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ein großer und ein kleiner Torbogen und eine Scheune bildeten ehemals am Ende der Hintergasse die östliche Ab­grenzung des Dorfes.

Während die alten Scheunen im Zweiten Weltkrieg das Opfer einer Bombe wurden (aber schon gleich nach 1945 wieder aufgebaut wurden), kündet uns noch das im Fachwerk­stil gebaute alte geräumige Wohnhaus von der Wohlhabenheit der einstigen Besitzer. Ein mächtiger Torbogen über dem Eingang zum Hof ist erst in den fünfziger Jahren abgerissen worden. Auf dem Grundstück war auch ein Brunnen.

Der Hof war wie der „Schwan“ ein alter Adelssitz. Einige Namen der Besitzer sind bekannt: Die Herren von Bellersheim, die Herren von Rüdigheim und Obrist Dolné. Diese Familie ist durch Grabsteine und Kirchenbücher belegt. So verstarb am 19. Mai 1673 der „Herr Oberster Ritter Serva Matthieu Dolné“. Ihm folgte sieben Jahre später, am 3. Februar 1860, seine Frau, „des Hr. Obristen Dolné seel. Wittib“. Am 8. Januar 1708 wurde Johann Mathes Dolné begraben und im Jahr 1712 „Math. Dolné He. Seras”.

Im Jahr 1743 war im Verlauf des Österreichischen Erbfolgekrieges bei dem herrschaftlichen Rat von Spener der General von Sommerfeld einquartiert. In dieser Zeit gehörte Dörnigheim allerdings bereits zu der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Vor allem der Name Spener scheint mit dem Haus verbunden zu sein, denn der Garten hinter dem Haus, der bis an die Wehrmauer reichte, hieß „die Spenerschen Gärten“.

Der Rückweg führt nach Norden und dann nach Westen wieder zur Frankfurter Straße am ehemaligen Obertor (Länge des Rundgangs etwa 1,4 Kilometer).

 

 

Exkurs: „Hacienda“

In der „Hacienda“ in der Wingertstraße leben Männer und Frauen zwischen 50 und 80 Jahren. Menschen mit Depressionen, Psychosen und somatischen Erkrankungen durch jahrzehntelangen Psychopharmaka‑Gebrauch, die die meiste Zeit ihres Lebens in Kliniken zugebracht haben. Dort wären sie noch heute, gäbe es nicht den Abbau von Krankenhausbetten und einen Wandel psychiatrischer Behandlung mit betreuten Wohnformen, ambulanten Hilfen oder Tagesstätten.

In der „Hacienda“ werden sie von rund 30 Mitarbeitern betreut und versorgt. Es wird ihnen geholfen, den Alltag zu bewältigen. Hier lernen sie einzukaufen, zu kochen oder auch mal alleine Bus zu fahren oder spazierenzugehen. Individuell wird mit den Patienten gearbeitet. Manche von ihnen besuchen tagsüber noch Behinderten‑Werkstätten.

Im Jahre 2000 wurde das 50 Jahre alte Haus saniert. Der alten Bausubstanz mußte auf die Sprünge geholfen werden, neue Bäder kamen in die Zimmer, ein Aufzug für Rollstuhlfahrer wurde eingebaut und auch an den Sporträumen und den Außenanlagen wurde durch Frankfurter Trägerverein für soziale Heimstätten etwas getan. Insgesamt 3 Millionen Mark investierten das Land Hessen, der Landeswohlfahrtsverband, die Stadt Frankfurt und der Main‑ Kinzig‑ Kreis sowie der Verein in die Sanierung.

Das ist auch nötig. Die Eingangshalle hat den düsteren verstaubten Charme eines 50er Jahre Hotels mit gefliesten Säulen, alten Polstermöbeln und Linoleumboden. Und ein Hotel und Restaurant war es ursprünglich auch einmal. Der Frankfurter Verein suchte Anfang der 80er Jahre ein Ausweichquartier, weil das Wohnheim in Rödelheim einer Erweiterung von Siemens Platz machen mußte. Damals suchte man etwas im Grünen, erinnert sich Wolfgang Schrank, Fachbereichsleiter Psychiatrie beim Frankfurter Verein. Heute würde man wohl wieder mitten in die Stadt ziehen, damit die Betroffenen quasi mitten im urbanen Leben sind.

Die „Hacienda“ bietet 70 Betten. Rund 20 Prozent sind mit Menschen aus dem Kreis und 80 Prozent mit Frankfurter Klientel belegt. Sie ist ein Wohnheim, kein Pflegeheim. Man betreut psychisch Kranke, die alt geworden sind, nicht Menschen, die im Alter krank werden.

Die „Hacienda“, seit 20 Jahren in Maintal ansässig, ist in der Stadt wenig bekannt. Nur in der direkten Nachbarschaft vielleicht. Das Haus soll kein Ghetto sein. Die Bewohner sollen nicht herumsitzen und konsumieren, sondern selbst noch aktiv werden und etwas Sinnvolles tun. Das Heim plant daher im Zuge der Sanierung. eine Wäscherei einzurichten, in der die Bewohner freiwillig arbeiten. Gedacht ist nicht nur an eine Serviceleistung für die Einrichtungen des Frankfurter Vereins, sondern auch ein Angebot für die Nachbarschaft. Vielleicht ein Hemden Wasch‑ und Bügelservice für die Maintaler.

Das ist Motivation für die Besucher und eine Möglichkeit, mehr Kontakt nach außen herzustellen. Heimleiter Bernard Hennek schwebt sogar ein kleiner Cafébetrieb auf der großen sonnigen Terrasse vor, die hinter dem Gebäude mit dem Blick auf die Wiesen und den Main protzt. „Das wäre nicht nur eine Aufgabe für die Heimbewohner, sondern auch schön für Spaziergänger“, so Henneks Idee. Er will die Einrichtung mehr nach außen öffnen, denkt auch an Lesungen, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen.

 

Denkmal ehemaliges Flußkraftwerk                                                                                

Ein gußeisernes Verzahnungsgetriebe. Mehr ist nicht übrig geblieben von dem imposanten Bauwerk, das einst mitten im Main stand. Im Jahre 1921 wurde das charakteristische Flußkraftwerk im Zuge des Ausbaus der Staustufe Kesselstadt errichtet und diente viele Jahre der Energiegewinnung, ehe es 1988 gesprengt wurde

Ab Frühsommer 2016 erinnert ein Denkmal am Dörnigheimer Mainufer an das Flußkraftwerk. Die „Kirche im Fluß“ ist der Titel des Projekts, der die Architektur des einstigen Kraftwerks aufgreift, das mit seinem Turm und dem kirchenschiffartigen Anbau an ein Gotteshaus er­innerte. Durch Wehrstege war es mit den beiden Ufern verbunden. Diese Architektur wurde durch das Denkmal mit seinem spitzen Giebel und zwei offenen Seiten aufgegriffen. Die Einhausung soll das gußeiserne Verzahnungsgetriebe in Form einer rund eineinhalb Meter hohen Glocke mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern beherbergen und für interessierte Passanten zugänglich machen. Das wuchtige Verzahnungsgetriebe wurde in seiner historisch korrekten Position aufgestellt und mit einer Cortenstahlüberda­chung versehen.

Weil das Denkmal natürlich nicht am ursprünglichen Standort mitten im Main errichtet werden kann, wurde alternativ ein Maintaler Platz ausgewählt. Dieser gibt auch den Blick auf den Fluß frei. Zudem wird durch eine Treppe und einen Steg, die im Bereich des Denkmals entstehen werden, die Nähe zum Fluß gesucht.

Denn das Denkmal soll nicht nur auf das Flußkraftwerk hinweisen, sondern auch die Geschichte der wichtigen Wasserstraße thematisieren. Die Informationstafeln sollen der Bevölkerung und den interessierten Touristen beispielhaft neben den regionalen und geschichtlichen Zusammenhängen der Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen Flußregulierung und des Ausbaus mit Schleuse und Wehren auch die große Bedeutung der Wasserkraft als umweltverträgliche erneuerbare Energiequelle verdeutlichen.

Das Denkmal ist Ende Juni 2016 vom Ersten Stadtrat Ralf Sachtleber und Vertretern der Regionalpark Rhein-Main-GmbH offiziell eingeweiht worden. Zu den Laudatoren der ehemals als „Kirche im Fluß“ bezeichneten Bauwerks gehörte auch der Journalist und HR-Moderator Holger Weinert, bekannt vor allem durch die „Hessenschau“ und seine Serie „Holgers Hessen“. Sein Satz: „Ich halte den Abriß heute noch für eine ungeheure Schweinerei“, drückte drastisch aus, was Viele empfanden, die das Gebäude, das wie ein Kirchenschiff mit Turm wirkte, gerne als Kulturdenkmal erhalten wollten. Und noch einen Spruch hinterließ Holger Weinert, der früher einmal in Kesselstadt gewohnt hat und den Blick auf die „Kathedrale im Fluss“ noch kannte. „Hingerichtet von Bürokraten“, kommentierte der HR-Moderator das Bild eines 1921 erbauten Wasserkraftwerks. Das immerhin eine Leistung von 1,7 Megawatt ins Stromnetz einspeiste, aber der (angeblichen) Moderne in Form des Baus eines neuen Kraftwerks rund 400 Meter mainaufwärts, an der heutigen Kesselstädter Schleuse, weichen mußte.

Denn dies war der Tenor bei der offiziellen Einweihung des Denkmals „Kirche im Fluss“ am nördlichen Mainufer an der Maintal-Kesselstädter Gemarkungsgrenze. Erster Stadtrat Ralf Sachtleber sprach die Begrüßungsworte vor den gut 40 Zuschauern, die sich auf dem Fahrradweg am Denkmal eingefunden hatten. Das Zahnrad der ehemaligen Generator-Welle aus dem Kraftwerk ist es, das außer ein paar Sandsteinbrocken die Sprengung überlebt hatte, und einige Jahrzehnte auf dem Betriebshof der Stadt vor sich hin rosten durfte.

Es nennt sich „Glockenrad“, was aber nichts mit der Funktion einer Glocke oder gar Kirche zu tun hat, sondern mit der eines Schwungrades zur Umsetzung der Kräfte. Ebenfalls rostig, aber nicht durchrostend, präsentiert sich das Dach über dem Rad. Es solle ruhig „Patina ansetzen“, meinte Architekt Thomas Seipel vom Büro THS, der den Bauantrag gestellt und die Gesamtleitung bei der Denkmalgestaltung innehatte. Die Hoheit für die Planungen hat das Team von THS-Architekten aus Maintal.

Die Idee dahinter: den italienischen Cartoonisten Osvaldo Cavandoli etwas nachahmen, der mit seinen legendären Strichzeichnungen „La Linea" gewissermaßen Pate für das Stahldenkmal gestanden hatte. Projektleiter Jochen Pfeifer von der Stadt Maintal hatte schließlich dafür gesorgt, daß auch die Realisierung ihren Weg durch Behörden ging.

Es soll gar nicht so einfach sein, auf einer Gemarkungsgrenze, die noch dazu einen unterirdischen Speichersee des Mains bei Hochwasser überdeckt, zu bauen, war zu hören. Das Denkmal entstand als Co-Produktion gemeinsam mit den Projektpartnern Maintal-Werke GmbH (MWG) und der Regionalpark Rhein-Main GmbH. Außerdem waren das Land Hessen und die Fraport AG beteiligt, auch finanziell.

Das war auch nötig, die rund 100.000 Euro, welche das stählerne Monument und seine Beton-Bodenplatte gekostet haben, wurden zu zwei Dritteln von den Projektpartnern aufgebracht, den Rest übernahmen Spender. Davon werden zwei Drittel über Zuschüsse, der Rest wurde durch Spenden finanziert, unter anderem durch die Maintal-Werke (MWG).

Mit der Errichtung des Denkmals erfährt auch die Regionalpark-Route, die auf Dörnigheimer Seite am Main entlangführt, eine zusätzliche Aufwertung. Denn die „Kirche im Fluß“ soll nicht nur ein Informationspunkt, sondern ebenfalls ein attraktiver Rast- und Aufenthaltsort für Spaziergänger und Radfahrer werden, der ein unmittelbares Erlebnis des Flusses, seiner Geschichte und seiner gegenwärtigen Bedeutung erlaubt.

Im Juli 2016 war aber von einem Ruhepunkt nichts zu sehen außer einer Bank ohne Lehne in Richtung Kesselstädter Straße. Kein Zugang zum Fluß, keine Informationstafeln, geschweige denn eine Schutzhütte. Man fragt sich auch, wie sich die Kosten von 100.000 Euro rechtfertigen lassen. So ein Fundament von zwei mal zwei Meter Größe macht jeder Kleingärtner für seinen Geräteschuppen. Und die Überdachung hätte jeder Schlosser herstellen können, und zwar aus Edelstahl und nicht aus Coertenstahl, wie das modern zu werden scheint.

 

Flugsanddüne: „Was darunter liegt, ist entscheidend“

So weit das Auge reicht, erstreckt sich eine meterhohe Sanddüne südlich des Anglersees. Der Spaziergänger muß angestrengt blinzeln, um das gesamte Ausmaß der gewaltigen Düne in der Ferne erahnen zu können. Bis ins benachbarte Fechenheim dringen die Ausläufer der Maintaler Flugsanddüne vor. Ein eindrucksvolles Naturschauspiel, das sich jedoch schon vor vielen Jahrzehnten von der Bühne der Weltöffentlichkeit verabschiedet hat.

Heute ist die Flugsanddüne nicht viel mehr als eine sanfte Erhebung, überzogen von einem grünen Teppich, in dem munter die Grillen zirpen. 150 Meter in der Länge, 40 Meter in der Breite und drei in der Höhe sind von den einstmals eindrucksvollen Ausmaßen der Düne übriggeblieben. Der Grund: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier fleißig mit Schippe und Schubkarren angerückt, um Sand für den Wiederaufbau der zerbombten Dörfer und Städte abzutragen. Auch die Erosion ließ die Flugsanddüne allmählich schrumpfen. Als Binnendüne untersteht sie nun als gesetzlich geschütztes Biotop dem wachsamen Auge des hessischen Gesetzes.

Die Geburt der Düne datiert auf das Pleistozän, das geologische Eiszeitalter zwischen 1,5 Millionen bis 10.000 Jahre vor Christus. Damals dominierte ein tundraähnlicher Bewuchs das Landschaftsbild im Rhein-Main-Gebiet. Frostverwittertes Gesteins- und Untergrundmaterial aus den umliegenden Mittelgebirgen hatte sich hier abgelagert. Trockene Witterung führte zum steten Ausblasen des Bodens und Gesteins - die Maintaler Flugsanddüne war geboren. Als die Temperaturen in den folgenden Jahren wieder stiegen, kehrten die Pflanzen zurück, besiedelten die Düne und konservierten durch ihre Wurzeln die Sandansammlung. Seltene Pflanzen wie das Berg-Sandglöckchen oder das Silbergras gedeihen hier.

Heute gibt allein ein unauffälliger Hügel Zeugnis von der Flugsanddüne - für das Auge eines laienhaften Spaziergängers eine unscheinbare Erhebung. Der Kenner jedoch schmunzelt nur wissend: „Das, was darunter liegt, ist entscheidend“, verrät der Hochstädter Norbert Mankel, seines Zeichens Hobby-Archäologe, mit einem verschmitzten Lächeln.  Ganz so bedeutungslos wie sie unauffällig ist, ist die Flugsanddüne in der Grünen Mitte nämlich nicht. Denn der Sandabbau förderte ein Steinbeil aus der Jungsteinzeit, Brandgräber und Scherben aus der Urnenfelderzeit, Gräber und Keramik aus der frühen Keltenzeit und germanische Keramiken aus der Spätkeltenzeit zutage.

Letztere wiederum sind der einzige gesicherte Nachweis, daß in vorrömischer Zeit Germanen im heutigen Maintaler Stadtgebiet siedelten. Keltische und germanische Keramik auseinander zu halten, ist für den Fachmann ein Leichtes: Die Verzierungen der Scherben geben zuverlässig Aufschluß über den „Hersteller“. Während die Kelten ihre Keramik auf der Töpferscheibe herstellen, bedienten sich die Germanen der schlichteren Wulsttechnik.

Übrigens ist diese Flugsanddüne nicht die einzige auf Maintaler Gebiet. In den Wäldern von Bischofsheim, Dörnigheim und Hochstadt halten sich weitere Sanddünen versteckt, die dicht mit Bäumen und Sträuchern bewachsen sind und sich nur dem aufmerksamen Betrachter zu erkennen geben (MTA 15.08. 2007).

 

Heutige Straßen

Philipp-Reis-Straße:

Das Telefon kann man längst überall hin mitnehmen. Bis zum heutigen Entwicklungsstadium des Telefons von seiner Erfindung ab sind al­lerdings schon gut 150 Jahre verstrichen. auch wenn der Innovationsschub in den letzten beiden Jahrzehnten vom schnurlosen Telefon bis hin zum Handy mitunter der größte in dieser Zeit war.

Die Frage, wer denn nun der eigentliche ursprüngliche Erfinder selbigen Appara­tes war, wurde im Juni 2002 neu angesta­chelt. Das US‑amerikanische Repräsentan­tenhaus beschloß „im Bemühen um späte Gerechtigkeit ... die gemeinhin Alexander Graham Bell zugeschriebene Erfindung des Telefons als Verdienst des Italo‑Amerikaners Antonio Meucci zu deklarieren. Meucci hatte schon 1871 seinen Telefonap­parat patentieren lassen, mußte das Pa­tent aber aus finanziellen Schwierigkeiten 1874 verfallen lassen. Bell meldete am 14. Januar 1876 das Patent an und erlangte auf diese Weise zu Weltruhm.

Doch der Entwicklungsprozeß geht zeit­lich noch etwas weiter zurück: Am 26. Ok­tober 1861 trat ein 27jähriger Gelnhäuser Physiklehrer in Frankfurt vor den „Physi­kalischen Verein“ und hielt einen bahn­brechenden Vortrag über „Das Telefonie­ren durch galvanischen Strom“. Seine Idee leitete eine Wende in der elektrischen Übertragung von Nachrichten ein. Er war der Erste, der nicht Zeichen, sondern Spra­che elektrisch übertrug. Erstmals war es möglich im wahrsten Sinne des Wortes „fern“ zu sprechen. Der Name des Erfin­ders ist Philipp Reis.

Philipp Reis wurde am 7. Januar 1834 in Gelnhausen als Sohn des Bäckers Karl Si­gismund Reis und dessen Ehefrau Maria Katharina geboren. Ein Jahr später ver­starb Philipps Mutter, 1844 auch sein Va­ter. Mit zehn Jahren kam Philipp Reis in das „Institut Garnier“ in Friedrichsdorf. Nach Abschluß einer kaufmännischen Lehre in einem Farbenhandelsge­schäft in Frankfurt widmet er sich Studien in einer Polytechnischen Vorschule und beim Physikalischen Verein in Frankfurt, dessen Mitglied er wurde.

Es existiert heute noch ein Eintrag, den der damalige Schulvorsteher in der Poly­technischen Vorschule gemacht hat, die auf die Person und Erscheinung von Phi­lipp Reis eingeht: „In der Schülerliste, die ich als ein Andenken aus jener Zeit mir aufbewahrt habe, findet sich Philipp Reis, seiner eigenen Angabe gemäß, als künfti­ger Techniker eingeschrieben, woraus her­vorgeht, daß ihm damals der Gedanke an den Beruf eines Lehrers noch fern lag. Daß er der Experimentalphysik ein beson­ders lebhaftes Interesse widmete, erklärt sich aus seinem, früh erwachten Sinn für die praktische Seite der Naturwissenschaften. Er war für seine Person sehr anspruchslos und gab nie viel auf den äußeren Menschen, wie ihm auch jede Mode und Etikette verhaßt war. ... Am wohlsten fühlte er sich in einem einfachen, abgetragen en Hausrock und der damals üblichen schwarzseidenen Kappe.“

Nach Ableistung seiner Militärdienstzeit in Kassel nahm Philipp Reis in Frankfurt seine naturwissenschaftlichen Studien wieder auf. Zuerst gedachte er sich in Heidelberg für den Lehrberuf ausbilden zu lassen, erhielt aber dann eine Lehrerstelle in bekanntem Umfeld, dem Institut Garnier in Friedrichsdorf. In Friedrichsdorf ließ sich Philipp Reis zusammen mit seiner Frau Margarete nieder. Das Ehepaar brachte die beiden Kinder Karl und Elli zur Welt.


„Durch meinen Physikunterricht dazu veranlaßt, griff ich im Jahre 1860 eine schon früher begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, durch welch es möglich wird, die Funktionen der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen, mit welchen man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom beliebiger Entfernung reproduzieren kann. „Ich nannte das Instrument Telefon“, schrieb Philipp Reis in seinen Memoiren. In wissenschaftlichen Kreisen seiner Zeit wurden die neuartigen Gedanken von Reis als „Spielerei“ abgelehnt.

Einen kleinen Durchbruch erlebte der Gelnhäuser, als er dann am 26. Oktober 1861 vor dem Physikalischen Verein in Frankfurt vorsprach. Zusammen mit seinem Lehrerkollegen Peter stellte er seine Erfindung vor und gab mehrere Kostproben des Könnens. Peter: „Ich spielte auf dem Englischen Horn, Philipp Schmidt sang. Das Singen war besser zu verstehen als das Spielen auf dem Instrument.... Zuerst versuchten wir es mit Singen. dann 1as Reis’ Schwager aus Spieß’ Turnbuch lange Sätze vor, die Reis, der am anderen Ende lauschte, ausgezeichnet verstand und laut für uns wiederholte. Ich sagte ihm: „Philipp, du kennst ja das ganze Buch auswendig“, denn ich wollte erst dann glauben, daß das Experiment so erfolgreich verlaufen war, bis er mir einen Satz wiederholte, den ich ihm sagen wollte. Deshalb ging ich in den Raum, in dem das Telefon stand und sprach einige Sätze wie: ‚Die Sonne ist von Kupfer’ was Reis als ‚Die Sonne ist von Zucker’ verstand, oder ‚Das Pferd frißt keinen Gurkensalat’, wovon er nur ‚Das Pferd frißt’ verstand. Dies war der letzte Versuch, den wir unternahmen. Alle Anwesenden waren sehr erstaunt und äußerten die Überzeugung, daß Reis’ Erfindung eine große Zukunft eingeleitet habe.“

Reis war die Präsentation gelungen und damit die Chance auf großen Ruhm aufgetan. Auch wenn weiter­hin die meisten Menschen dem neuen Übertragungsmittel sehr skeptisch gegenüberstanden, so war das Interesse enorm groß. Die Apparate wurden in alle Welt verschickt und dienten als Experimentier­objekte oder wurden in bestehende wissen­schaftliche Sammlungen aufgenommen.

Dieses erste Telefonmodell hatte noch we­nig Ähnlichkeit mit den zukünftigen „Fernsprechern“. Der Tongeber bestand aus einem aus Eichenholz geschnitzten .Modell des menschlichen Ohrs. Dieses Ohr übertrug die aufgefangenen Töne mit Hilfe des in den Säurebatterien erzeugten galva­nischen Stroms auf einen „Ton‑Nehmer“, eine Stricknadel, die durch eine Spule aus Seide umsponnenen Kupferdraht gesteckt wurde. Dieser Draht wurde durch einan­der folgende Stromstöße magnetisiert. Als Klangverstärker diente eine Geige, an wel­cher die Stricknadel befestigt wurde. Der Strom wurde durch die Schwingungen der menschlichen Stimme reguliert, die auf ei­nen beweglichen Kontakt auf einer Art künstlichem Trommelfell einwirkte ‑ die gesprochenen Laute und Worte waren übermittelt.

Philipp Reis stellte seine Telefone eigen­händig in einer kleinen Werkstatt hinter seinem Haus her, von dem er Drahtleitun­gen in eines der oberen Stockwerke legte. Auch in seiner Schule hatte er sich einen Draht für telefonische Versuche vom Phy­sikraum in ein Klassenzimmer gelegt, so daß er auf diese Weise seine Schüler kon­trollieren konnte, wenn sie sich gerade un­beaufsichtigt glaubten.

Der Lehrer brachte es aber zu seinen Leb­zeiten nie zu der Anerkennung, die ihm nach heutigem Kenntnisstand zugestan­den hätte. Bei Vorführung, auch nach dem Vortrag in Frankfurt 1861 stimmten Intel­lektuelle mit Reis überein, daß diese Er­findung weitreichende Folgen für die Kom­munikation haben könnten, doch insge­samt glaubten nur sehr wenige daran, daß sich dies auch tatsächlich durchsetzen könnte. „Zur praktischen Verwerthung des Telephons dürfte vielleicht noch sehr viel zu thun übrig bleiben. Für die Physik hat es aber wohl schon dadurch hinrei­chend Interesse, daß es ein neues Arbeits­feld eröffnet“, gab sich Philipp Reis den­noch kämpferisch.

Eine Vorführung in Gießen aus dem Jahr 1864 war die letzte öffentliche Demonstrati­on des Reis’schen Telefons vor einem fach­kundigen Publikum. Philipp Reis trat aus dem Physikalischen Verein in Frankfurt aus und kehrte auch dem „Freien Deut­schen Hochstift“, dessen Ehrenmitglied er war, den Rücken, weil man den Wert sei­ner Erfindung nicht anerkannte. Zwar hat­te der Vorsitzende des „Freien Deutschen Hochstifts“ am 6. September 1863 Reis Er­findung dem Kaiser von Österreich und dem König von Bayern vorgestellt, aber ei­ne Reaktion der Adeligen war ausgeblie­ben.

Reis versuchte nun selbst, sein Telefon auf den Markt zu bringen. Der Frankfurter Mechaniker Wilhelm Albert wurde beauf­tragt, das Reis‑Telefon ‑ die zehnte verbes­serte Ausführung ‑ in einer größeren Stückzahl zu bauen und im Auftrag des Er­finders zu verkaufen. Reis‑Telefone wur­den in alle Teile der Welt verschickt. Sie waren in den Physikalischen Laboratorien von München, Erlangen, Wiesbaden, Wien und Köln zu finden. Man sandte sie nach London, Dublin und sogar nach Tiflis im Kaukasus. Telefone wurden vor allen ge­kauft, um sie in schon bestehende wissen­schaftliche Apparatesammlungen aufzu­nehmen, oder um mit ihnen zu experimen­tieren. Daß Philipp Reis an eine zukünfti­ge gewerbliche Nutzung glaubte, zeigt sei­ne Teilnahme an einer Gewerbeausstel­lung in Homburg. Die Presse äußerte sich anerkennend, schien aber noch nicht die Möglichkeiten zu erkennen, die Fern­sprechverbindungen in Zukunft bieten würden.

So wurde es bald ruhiger um die Person Philipp Reis und um dessen Erfindung. Zu­dem ereilte ihn Tuberkulose, die ihn zu­nehmend schwächte, so daß er seine For­schungen nicht weiterentwickeln konnte. Schließlich verstarb er im Alter von 40 Jahren, ohne aus seiner Lebensaufgabe Profit geschlagen zu haben. Seiner Familie hinterließ er ein Erbe von 400 Talern, was dafür spricht, daß sich die zwischenzeitli­chen Lorbeeren nicht auf sein Einkom­men ausgewirkt hatten. Philipp Reis wurde in Friedrichsdorf beigesetzt.

Schon zwei Jahre nach dem Tod von Phi­lipp Reis ‑ am 4. Februar 1876 - reichte der Amerikaner Graham Bell ein Patent auf das „von ihm entwickelte Telefon“ ein. Nach seinem eigenen Eingeständnis hat er aber die Arbeiten von Philipp Reis zumin­dest teilweise gekannt und sie verbessert. Nun erinnere man sich auch in Deutsch­land wieder an die Versuche und Telefon­vorführungen von Philipp Reis, die man seinerzeit nicht ernst genug genommen hatte. Schüler, Lehrerkollegen und be­kannte Wissenschaftler setzten sich dafür ein, daß Philipp Reis der Ruhm zugestan­den wurde, das erste brauchbare Telefon entwickelt zu haben ‑ vergeblich.

Am 26. Oktober 1877, also genau 16 Jahre nach dem Vortrag von Philipp Reis in Frankfurt, begann dann in Berlin die Geschichte des Telefons in Deutschland. Die Reichstele­graphenverwaltung machte am diesem Ta­ge die ersten Sprechversuche mit zwei „Bellschen Telephonen“. Die erste Tele­fonverbindung war vom Generalpostamt in der Leipziger Straße 15, zu dem General­telegrafenamt in der Französischen Straße 33 b. Anwesend waren bei dem ersten Versuch der damalige Generalpostmeister Heinrich von Stephan und der Generaltelegrafendirektor Budde.

Nachdem die ersten Worte ins Telefon ge­sprochen wurden und hörbar ankamen, sagte Heinrich von Stephan mit leuchten­den Augen: „Meine Herren, diesen Tage müssen wir uns merken“. Er hatte in der Zeitung „Scientific American“ von den neuen Telefonen gelesen. Von Stephan schrieb am 18. Oktober 1877 an den ihm be­kannten Elektriker der Western Union Telegraphen Company, mit der Bitte um nä­here Informationen und die Übersendung eines Satzes dieser neuen Geräte.

Noch bevor er eine Antwort aus Amerika bekommen hatte, hielt Stephan schon am 24. Oktober 1877 zwei Bell‑Telefone in sei­nen Händen. Diese beiden Geräte hatte ihm sein Kollege aus dem Londoner Haupt­telegrafenamt bei einem Besuch in Berlin mitgebracht. Stephan läßt sich sofort nach den ersten Versuchen weitere Geräte von der Firma Siemens & Halske anfertigen. Am 5. November 1877 wird die erste ständi­ge Telefonverbindung in Deutschland auf­genommen. Heinrich von Stephan hat auch für das neue erfundene Telefon den deutschen Begriff „Fernsprecher“ ge­prägt.

Den rasanten gesellschaftlichen Umbruch kann man heute sehr gut aus dem Briefver­kehr erkennen, welcher die Firma Sie­mens & Halske daraufhin führte: „Der Te­lephonschwindel ist jetzt in Deutschland in voller Blüte, und ich kann sagen, ich werde die Geister, die wir berufen haben. nicht mehr los. Heute sind ca. 100 Briefe, welche Lieferung von Telephonen verlan­gen, eingegangen, und so geht es täglich. Dazu die Berliner, die unser Geschäft voll­ständig belagern und alle guten Freunde, ‑ wenn auch nur ad hoc ‑ welche es bei uns sehen und darüber schwatzen wollen. Es ist eine wahre Kalamität!“ (19. November 1877). „Die Telephone machen jetzt alles verdreht. Wir fertigen täglich schon 200 Paare an, und bisher ist es ein Tropfen auf den heißen Stein!“ (26. November 1877). „Wir sind schon einmal auf 700 Telephone in einem Tage gekommen. Jetzt scheint der Sturm etwas nachzulassen...“ (7. De­zember 1877).

Der „Sturm“ hat bis heute nicht nachgelas­sen ‑ wenn auch moderne Technologien Ende des 19. Jahrhunderts erst recht als „Spielereien“ abgetan und verworfen wor­den wären. Doch aus der Tendenz der ge­sellschaftlichen Vernetzung sind solche Geräte nicht mehr wegzudenken. Philipp Reis aus Gelnhausen hatte mit seinen Ent­deckungen einen erheblichen Einfluß auf das heutige Handy‑Zeitalter.

 

Edmund-Seng-Straße:

Die Edmund‑Seng‑Straße teilt heute die Stadtteile Hochstadt und Dörnigheim. Viel befahren ist sie vor allem durch die anliegenden Gewerbe und als Zubringer­straße zwischen Bahnhofstraße einerseits und Verbindungsstraße in Richtung Schwimmbad andererseits, bei dessen Bau Seng selbst beteiligt war.

Eine politische Kampfnatur ist im heutigen politischen Geschehen mehr denn je gefragt. Da ist von den „echten Machern“ die Rede, die es in der „guten alten Zeit“ gegeben habe. Wenn dies auch teilweise immer mit einer Spur Übertreibung vermischt ist, so steckt doch auch ein gehöriges Quentchen Wahrheit drin. Nur: Wen zählt man dazu? Und vor allem: Wann war diese „gute alte Zeit“?

Auch in Maintal ist diese Suche nicht ganz einfach. Am Ehesten könnte man noch Ed­mund Seng hinzuzählen, einen Kommunal­politiker mit Leib und Seele, dabei aber im­mer mit dem nötigen Maß an Menschlich­keit. Nach ihm wurde eine Maintaler Stra­ße benannt, die heute im Groben die Stadt­teile Hochstadt und Dörnigheim voneinan­der trennt. Die nördliche Seite kann man zu Hochstadt, die südliche zu Dörnigheim zählen.

Vor der Umbenennung war die Straße aus­schließlich ein Zubringer für das Maintal­bad einerseits und die Bahnhofstraße an­dererseits, die früher noch direkt gerade­aus von Hochstadt nach Dörnigheim ver­lief ‑ über einen Bahnübergang etwa dort, wo heute die Fußgängerunterführung zu finden ist.

Edmund Seng war der erste von zwei Söh­nen des Verlegers und späteren Wirt­schaftsprüfers Otto Seng. Seine Eltern lernten sich während der Kriegsgefangen­schaft im Ersten Weltkrieg kennen. Otto Seng war im fernöstlichen Rußland ein­quartiert, wo er auf Mufja Baibabaieff, ge­boren in Jerusalem und zu dieser Zeit wohnhaft im russischen Taschkent, traf. Zusammen zurück in Dörnigheim wurde die spätere Ehegattin in eine leichter aus­zusprechende „Anna“ umgetauft.

Die beiden Eheleute Otto und Anna Seng durften sich am 13. August 1926 über den ersten Kindersegen freuen ‑ Edmund Seng erblickte das Licht der Welt. Dessen Bru­der Albert, heute wohnhaft in Mühlheim, aber zumindest den Handballern in der Stadt noch erhalten, sollte kurz darauf fol­gen.

Noch in seiner Jugendzeit wurde Edmund Seng zum Kriegsdienst im Zweiten Welt­krieg eingezogen, seine Eltern trennten sich ebenfalls während den Kriegswirren, beide heirateten darauf ein zweites Mal. Der Seng‑Nachwuchs blieb dabei beim Va­ter.

Sich selbständig stark machen gehörte auch durch die privaten Entwicklungen frühzeitig zur Devise von Edmund Seng. Das zeigte sich besonders durch die Viel­zahl an Ehrenämtern, die er ausübte. Nicht nur in den beiden Dörnigheimer Sportvereinen TGD 1882 und Freie Turner­schaft, für die er sich nicht zuletzt als akti­ver Handball‑ und Sportbegeisterter stark machte, auch die Politik lag in seinem Inte­resse. 1952 trat er der SPD bei und vertrat seine Heimat auf regionaler Ebene: Zehn Jahre später zog er in die Dörnigheimer Stadtverordnetenversammlung ein und weitere zehn Jahre danach ernannte man ihn im November 1972 zum Stadtverordne­tenvorsteher.

 

Sengs eigene Familie gründete sich mit der Heirat von Irmgard geborene Rempel am 15. Juni 1956. Der Stamm­baum der Familie erweiterte sich 1959 mit der Geburt von Katja (heute Seng‑Rizzi), 1966 folgte dann mit Joachim sein zweites Kind. Im gleichen Jahr erkrankte Edmund Seng schließlich.

Gegenüber der starken kommunalpoliti­schen Wirkung nach außen, mit der er sei­ne Widersacher in all den Jahren mehr­fach beeindruckte und zahlreich in die De­fensive drängte, mußte er sich ganz per­sönlich mit einem Gegner auseinander set­zen, der ihm offensichtlich überlegen war: „Morbus Hodgkin“, geläufiger als Lymph­drüsenkrebs. Diese Krebsart tritt vorwie­gend im Alter zwischen 20 und 40 Jahren beziehungsweise bei über 70‑Jährigen auf. Männer sind dabei statistisch öfters betrof­fen als Frauen.

Sieben Jahre lang hatte Seng mit den Krebs‑Symptomen zu kämpfen, gerade in der Hoch‑Zeit seiner politischen Laufbahn, in der er sich besonders um die Errichtung des heutigen Maintalbades verdient mach­te. Am 19. März 1973 mußte er den Kampf letztlich aufgeben.

Sein Sohn Joachim Seng war zu dieser Zeit gerade einmal sieben Jahre alt und kannte die biographischen Hintergründe über seinen Vater noch nicht. Erst ab den folgen­den Jahren seines Erwachsenwerdens machte er sich auf die Suche nach Hinter­lassenschaften. Auf seinen eigenen aus­drücklichen Wunsch hin folgen nebenstehend seine persönlichen Eindrücke und Erinnerungen sowie weitere Daten zum Leben von Edmund Seng und zur Straße, die heute im Zentrum Maintals dessen Na­men trägt.

 

Eine Erinnerung von Dr. Joachim Seng, der sich vor Jahren auf die Spuren seines Vaters begab: „Alles hat einmal klein angefangen. Damals, als der Bahnübergang am Dörnigheimer Bahnhof noch Bahnübergang mit Schranken und Autoverkehr und die Edmund‑Seng‑Stra­ße eine ganz kleine und schmale Zufahrtsstraße zum Maintalbad sein sollte. Dörnigheimer Politiker aller Partei - ­allen voran der damalige Bürger­meister Erwin Henkel - wollten mit der Namensgebung einen Mann ehren, der im März 1973 im Alter von nur 46 Jahren gestorben war und der sich über 20 Jahre hinweg in politischen und sozialen Ehrenämtern für seine Partei und seine Partei engagiert hatte. Dieser Mann war mein Vater.

Ich war sieben Jahre alt, als er starb und es erfüllte mich natürlich mit kindlichem Stolz, als meine Mutter mir sagte, eine Straße nach ihm benannt wer­den sollte. Ich nahm es damals zur Kenntnis, verstand aber die Hintergründe n­icht, interessierte mich natürlich nicht dafür, sondern eher für das Schwimmbad, zu dem die Straße führte und in dem auch ich viele schöne Stunden meiner Kindheit und Jugend verbrachte.

Erst viele Jahre später machte ich mich auf die Suche nach meinem Vater und die Geschichte der Straße. Denn die we­nigen Erinnerungen, die ein Siebenjähriger an seinen Vater haben kann, verblassen und schrumpften, während die Straße, die seinen Namen trug, immer weiter wuchs und mittlerweile eine brei­te Industriestraße geworden ist, die den Namen Edmund Seng nun auf Firmenbriefk­öpfen in die Welt hinausträgt.

Die Verantwortlichen hätten es damals eigentlich ahnen können, daß die Straße einmal an Weitläufigkeit gewinnen würde, denn der Name Edmund Seng hat ja in gewisser Weise die­sen sonderbaren Klang aus Bodenständigkeit und großer weiter Welt. Jeder, der Seng heißt, wird am Telefon schon einmal gefragt, aus welchem asiatischen Land er denn in die Rhein‑ Main‑Region zugewandert ist. Es hat sich außerhalb der Dörnigheimer Gemarkung noch nicht überall herumgesprochen, daß die Stadt am Main eben seit jeher im Volksmund „verraucht, versengt, und verlappt“ ist.

Mein Vater hatte wohl diese Mischung aus Bodenständigkeit und Weitläufig­keit, die der Name auch versprach. Er ist 1926 in Dörnigheim geboren und aufge­wachsen, mußte noch als Jugendlicher in den Krieg ziehen und entging der Ge­fangenschaft nur knapp. Durch die Leh­re als Schriftsetzer öffneten sich ihm neue, geistige Horizonte. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehören die Re­gale mit den vielen schönen Büchern und bunten Buchrücken.

Als Politiker habe ich meinen Vater nie wahr genommen. Erst viele Jahre später nahm ich mir die Nachrufe vor, die mei­ne Mutter aufbewahrt hatte. Seit 1952 war er also SPD‑Mitglied, 1962 zog er in die Stadtverordnetenversammlung ein. Zehn Jahre lang war er Sprecher der SPD‑Fraktion, Vorsitzender des Haupt­- d Finanzausschusses und des SPD-Ortsvereins, daneben im Vorstand des SPD‑Unterbezirks Hanau Land, er war Elternbeirats‑Vorsitzender der Dietrich­-Bonhoeffer‑Schule, ehrenamtlicher Mit­arbeiter beim evangelischen Sozialpfarr­amt Kurhessen‑Waldeck und Vorsitzen­der der Verbandsversammlung des Mittelpunkt‑Schwimm­bades Landkreis Han­au‑West. Dieses Schwimmbad, das heute glücklicherweise nur noch „Maintalbad“ heißt, soll eines seiner letzten und liebs­ten Projekte gewesen sein und deshalb gab man der Straße, die zu ihm hinführ­te, seinen Namen.

Wie schaffte er das? Diese vielen Ehren­ämter, daneben noch Mitarbeit in den beiden Dörnigheimer Turnvereinen, der Turngemeinde 1882 und der Freien Tur­nerschaft, und vor allem der lange Kampf gegen die Krankheit Krebs, den er nicht gewinnen konnte und doch bis zuletzt tapfer aufnahm. Im Nachruf, den seine Parteifreunde für ihn verfaßt hat­ten, las ich: „Trotz seiner langjährigen schweren Krankheit standen die Belange der Bürger seiner Geburtsstadt für ihn stets im Mittelpunkt. Er war nicht nur hart in seinen Forderungen gegen sich selbst, seine Freunde und politischen Gegner, sondern auch von einer vorbild­lichen Toleranz und Anerkennung übezeugender Argumente.

Dabei muß mein Vater alles andere als allzeit „politisch korrekt“ gewesen sein. In einer Sitzung soll ihm einmal der Kra­gen geplatzt sein als stundenlang über die Erhöhung der Hundesteuer diskutiert wurde. Die endlose Diskussion beendete er mit dem Ausruf. „Wer die Steuer für seinen Hund nicht zahlen will, der soll ihn doch schlachten“. Heute hätte ein solcher Satz sicher die politische Karrie­re sofort beendet, damals nahmen es die Hundebesitzer noch mit Humor, und mein Vater bekam auf einem Motivwa­gen des Faschingszuges zu lesen: „Hunde wollt' ihr lange leben ‑ Schlächter Seng wird dies beheben!’“

Oft sind es ja die kleinen Nebensätze, die mehr über eine Persönlichkeit verraten, als die weihevollen Standardfloskeln vie­ler Nachrufe. Im November 1972, erfahre ich da ganz nebenbei, war Edmund Seng „durch einstimmigen Beschluß“ zum Vorsitzenden der Stadtverordnetenver­sammlung gewählt worden. Auch die po­litischen Vertreter der Opposition hat­ten als meinem Vater ihre Stimme gege­ben. Das ehrt ihn als Politiker und Men­schen und zeugt davon, daß sein Enga­gement für seine Geburtsstadt und deren Bürger dankbare Anerkennung fand. Mich läßt das glauben, daß er es ver­dient hat, daß diese Straße zum Schwimmbad, diese einstmals kleine, mittlerweile so groß gewordene, seinen Namen trägt.

 

Nachtrag: Albert Seng, der Bruder Edmund Sengs ergänzt: Die Eltern haben sich schon 1933 getrennt. Mufja Baibabaieff, die Mutter von Edmund und Albert, bekam den NS-ideologis­chen Status „arisch“ verweigert, sie war in Jerusalem geboren ‑ wodurch sich Otto Seng zur Trennung von seiner Frau gezwungen sah. Er zog nach Berlin, seine Frau blieb mit den Kindern in Dörnigheim und führte die Sengsche Druckerei, die Otto Seng bis da­hin geleitet hatte, bis 1934 weiter.

 

 

 

 

Chronik

 

[Zusammengestellt unter Verwendung des Buches von Heinrich Lapp: Dörnigheim in Geschichte und Gegenwart (Hanau 196) und der Chronik des Lehrers Jung und vielen Zeitungsartikeln und anderen Materialien. Das Ziel war es, alles vorhandene Material einmal zusammenzufassen].

 

Dörnigheim ist heute ein Stadtteil von Maintal, hat aber eine lange Vorgeschichte als Dorf zwischen Main der alten Reichsstraße. Klimatisch begünstigte Landschaften sind immer von den Menschen bevorzugt worden. Während die mittlere Jahreswärme Deutschlands wenig über 8ºC liegt, beträgt sie im unteren Maintal 9,6ºC. Die Januartemperatur ist mit 0,2ºC die günstigste, und auch die Julitemperatur übertrifft mit 19ºC. die der Nachbargebiete, die Bergstraße ausgenommen.

Dörnigheim liegt auf 50º10‘ nördlicher Breite und 80º50‘ östlicher Länge sowie 103,0 Meter über dem Meeresspiegel (N.N). Die Gemarkung umfaßt ein Gebiet von 985 Hektar, 25 Ar und 88 Quadratmeter. Hiervon entfallen auf den Wald etwa 200 Hektar. Im Westen grenzt Dörnigheim an die Stadt Frankfurt, im Norden an die Gemarkungen von Bischofsheim und Hochstadt und im Osten an die Stadt Hanau. Im Süden bildet der Main eine natürliche Grenze.

Im Jahre 1858 heißt es: „.Dörnigheim hat eine Markung von mehr als 5.000 Morgen und besitzt ein Gemeindeeigenthum gegen 40 Morgen - mit Obstbäumen bepflanztes - Ackerfeld; 50 Morgen Wiesen, 30 Morgen Hutweiden und 1.176 Morgen Wald. In diesem Walde - in der Ruhrlache (Nurlache?) und Scheidelache - befinden sich Torflager; ebenso im Tale des Braubaches“.

 

Viele Flurnamen in Dörnigheim weisen auf viel Was­ser und viel Sand hin. Die vielen Lachen in der Gemarkung sind Überbleibsel alter Main- und Kinzigläufe. Wo viel Wasser ist, da gibt es aber auch viel Sand. Bedeutsam für die kulturelle Entwicklung sind auch die Bodenverhältnisse einer Landschaft. Durch Ablagerungen der Meere, Über­schwemmungen der Tiefenzone durch die Flüsse und Zuführung der Verwitterungsprodukte der Randgebirge in den vielen Rinnsalen entstand das Schwemmland, wie wir es in der Gegend vom guten Marschboden bis zum minderwertigen Sandboden kennen. Stark vertreten im Untermaintal sind die Kiese und Sande. An sie sind vorzüglich die großen Waldgebiete gebunden.

Der Boden ist ausschließlich Schwemmlandboden, den das Meer und die Wasserläufe aufgebaut haben. Die verlandenden alten Wasser­läufe lassen sich deshalb heute noch so deutlich in den Niederungen des Auwalds an den Sumpfstellen erkennen. Dadurch droht die Gefahr der fortschreitenden Versumpfung.

Kennzeichnend für die Dörnigheimer Gemarkung sind auch die Aulehmböden, die in Wechsel mit dem Dünensandboden in einer Ausdehnung von fast drei Kilometern den Auwald tragen. Eichen- und Buchenbestände finden hier auf dem Lehm den ihnen zusagenden Platz, während uns die Kiefernschläge den Verlauf der Sandverwehungen verraten. Auch die an die Dünen gebundenen Landteile des Oberfeldes weisen vor wiegend sandigen Charakter auf. Nach Süden zu, entlang der Hanauer und Kesselstädter Landstraße, breiten sich sandige Lehm lagen aus. Lößartiger Lehm, schwerer Lehmboden („Brummelochsenerde“) kennzeichnen das Mittelfeld. Aber auch hier fehlen die Sandlagen nicht. Einheitlicher in sei­ner Bodenbeschaffenheit stellt sich das Unterfeld dar mit seinem sandigen Lehm und Löß. Weniger ergiebig für die landwirtschaftliche Bearbeitung sind die Kieslagen im Böschungsgelände des Maines.

In der Tiefenzone lassen sich oft schon auf kleinem Raum große Unterschiede in der Beschaffenheit der Böden feststellen. Da finden wir Wiesen auf den Schwemmböden der Flüsse, Trockenrasen auf Kiesablagerungen, Spargelbau auf lockerem, feinem diluvialem Sand, Roggen und Kartoffel auf lehmigem Sand, Heide und Kiefernwald auf Dünen, Eichen auf feuchtem, lehmigem Boden, Buchen auf kalkig-tonigen Lagen. Auch sumpfige und moorige Stellen treffen wir in Wald und Flur an. Sie verraten uns die alten Flußläufe.

So sind die Möglichkeiten der menschlichen Siedlung in der Ge­markung und die Aussichten für eine erfolgreiche landwirtschaft­liche Bearbeitung des Bodens von Anfang an sehr gering gewesen. Zur Anlage einer festen Siedlung eignete sich nur das erhöhte Mainufer an der Stelle, wo sich heute der alte Kern Dörnigheims befindet. Dieses wallartige Böschungsgelände hat sich bisher durch alle Zeiten hindurch selbst beim höchsten Stand des Hochwassers als sicherer Schutzwall erwiesen. Menschenhände taten auch ihr Mögliches, um den bei Überschwemmungen besonders durch treibende Eisschollen und Baumstämme verursachten Zerstörungen entgegenzuwirken. Das zeigt die Untermauerung der Uferwälle an der Leitersgasse auf der Wingert und die spätere Errichtung der Mainmauer, während der Schanzenwall mit einer Grasnarbe bedeckt ist.

Die Menschen zeigten von jeher eine Vorliebe dafür, sich da, wo es möglich war, an einem Fluß anzusiedeln. Dieses Bestreben wurde noch verstärkt, wenn man in der Nähe der Uferstelle, wo man sie­deln wollte, eine Furt durch den Fluß vorfand. Eine solche Übergangsmöglichkeit war am östlichen Ortsrand am Uferwall vorhanden. In der Höhe der Flur „die Schanze“ hat man steinzeitliche Funde gemacht. Das alte Flußbett des Maines hatte in dieser Gegend allerhand Untiefen, die erst durch die neuzeitlichen Ausbaggerungen beseitigt worden sind.

An derselben Stelle stieß früher der alte Viehweg, der von den Menschen künstlich in den Böschungswall eingegraben worden ist, auf den Main. Auch dürften die Grundmauern, die man auf der Schanze tief im Boden gefunden hat, auf die Bedeutung dieser Flußstelle hinweisen. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Grundmauern um die Reste eines alten Beobachtungsturms, den die Römer, ihrem Kastell in Kesselstadt weit vorgelagert, hier an dieser wich­tigen Übergangsstelle errichtet haben.

 

Bodenfunde

Die Siedlungsstelle am Fluß war schon in der mittleren Steinzeit als Siedlungsgebiet begehrt und wurde bereits vor rund 10.000 Jahren vor Christus von Menschen bewohnt.

 

Mittlere Steinzeit (3000 - 1600 vCh):

Steinhammer: Fundort Flurstück „An der Kappesbrücke“.

Schuhleistenkeil: Fundort Sandgrube am Main östlich von Dörnigheim.

Feuersteinschaber: Fundort Sandgrube im Gewerbegebiet Ost

Schlagstätte mit zahlrei­chen Abschlägen: Fundort nördlich des heutigen Globus‑Mark­tes.

Steinbeil: Fundort Flurstück „An der Schanzenfurt“.

Drei Schuhleistenkeile: Fundort Kieskaute westlich von Dörnigheim

 

Jungsteinzeit (2500 bis 1600 vCh):

Die Menschen ließen sich nieder. Sie waren aus dem Gebiet der mittleren Donau eingewandert und kannten bereits Ackerbau und Viehzucht. Eisen war der neu entdeckte Werkstoff, der um 800 vor Christus der Eisenzeit sei­nen. Namen gab. Gewonnen aus Eisenerz in Ofen bei Temperaturen von über 1000 Grad, wurde es vor allem für Waffen und Werkzeuge verwendet. Auch die Keramik änderte sich: Die Formen wurden weicher und neben groben Tonbehältern schufen Handwerker sehr dünnwandige Vasen mit Verzierungen, eingeritzten Mustern oder geometrischen Farbbemalungen. Sol­che Keramikbruchstücke wurden in Dör­nigheim nahe des Braubachs nördlich der Bahn und am Rand einer Kiesgrube, die heute Anglerteich ist, gefunden. Eine wei­tere Siedlung muß unterhalb des Gewer­begebietes östlich des Honeywell‑Gelän­des gelegen haben.

 

Mittlere Bronzezeit (1800 – 1550 vCh):

Fast 2000 Jahre lang haben die Menschen danach offenbar den Dörnigheimer Raum gemieden. Vielleicht waren es Über­schwemmungen oder andere Siedlungs­formen, die sie von den Mainauen abwan­dern ließen. Von den neuen Siedlern zeugen vor allem Hügelgräber mit Tonscherben.

Bronzefunde ( massiver Armring, verzierte Gewandnadel, Absatzbeil): Fundort Flurstück „Auf dem Nickelsand“.

Hügelgräber im Dörnigheimer Wald an der Bahnstrecke Dörnigheim-Hanau. Etwa 1750 Meter nordöstlich des alten Dörnig­heimer Ortskernes, erheben sich auf einem Dünenrücken zwölf solcher Grab­hügel aus der Bronzezeit. Auf dem größ­ten Hügel stand als Grabstein ein Find­ling, der später an seinem Fuß lag, aber heute im Forstcamp ist.

Scherben aus der Hügelgräberbronzezeit: Fundort Sanddünen östlich von Dörnigheim.

 

Urnenfelderkultur (1250-800 vCh):

Nach und nach veränderte sich das Siedlungsbild: Die Asche der Toten wurde in Urnen in der Erde beigesetzt.

Zwei Urnengräber mit Ge­fäßen und einem kleinen Bronzering. Fundort vor dem Haus Kreuzgartenstraße 6 (beim Verlegen einer Wasserleitung gefunden).

Bruchstücke einer Urne: Fundort in der Nähe des Bahnhofs in einem Versorgungsgra­ben

Größerer Urnenfund (Brandgrab): Fundort „Auf dem Spitzen Sand) (1885, J. Rauch).

Griffzungenschwert mit einer Lanzenspitze: Fundort im Main­bett südöstlich von Dörnigheim, in der ehemaligen Furt, beim Tieferbaggern der Fahrrinne gefunden.

Lanzenspitze aus Bronze; Fundort bei den Hügelgräbern im Dörnigheimer Wald.

Lappen­beil (die sogenannten „Lappen“ stehen nach beiden Seiten weg und werden erst nach dem Guß umgebo­gen, um den Griff aus Hartholz zu halten): Fundort am Mainufer, durch Wolfgang Münzfeld. Das Beil wird vom Historischen Kulturkreis aufbewahrt.

 

Hallstattzeit (um 500 vCh):

Viele Brandgräber mit Urne, Schalen und Armreifen: Fundort Sandgrube im Oberfeld.

 

Latènezeit (500-125 vCh):

Vierknotenarmring aus Eisen, Gürtelhaken aus Eisen, Bruchstücke einer Tonflasche;

Fundort: Klärbeckenanlage der Stadt Hanau am östlichen Rand von Dörnigheim.

 

Kelten (etwa 500 vor Christus bis 50 nach Chri­stus) und Germanen:

Bronzearmringe, ein Gürtelhaken, eine Fibel und Stücke von Flaschen und Schalen.

Um 100 vCh wurden die Kelten von den germani­schen Sueben abgelöst, deren Kultur allerdings zahlreiche keltische Elemente übernahm. Ein großes Sammellager der Chatten befand sich in der Nähe von Kesselstadt. Die vereinzelt gefundenen Schuhleistenkeile und Steinbeile, die Scherben, die auf Grabbeigaben schließen lassen, bedeuten dennoch keine dauerhafte Seßhaftigkeit.

 

Römer (1. Jahrhundert nach Christus):

Ihre Spuren hinterließen die Römer auch in Dörnigheim. Jakob Dammköhler pflügte 1904 aus seinem Ac­ker nordwestlich des Bahnhofs eine römische Münze aus (Denar des Kaisers Hadrian). Ein römi­sches Grab wurde eineinhalb Kilometer östlich des Dorfes aufgedeckt,

auf der Sanddüne östlich von Dörnigheim in der Äppelallee (Kesselstädter Straße). In der Kies­grube unter der Starkstromschneise grub man einige Mauerzüge, Reste einer Brunnenfassung und mit Keramik gefüll­te Abfallgruben aus.

 

Fränkische Zeit (um 700 nCh)

Etwa vom 5. Jahrhundert an breiteten die Franken sich vom Rhein aus, sowohl nach Westen hin ins heutige Frankreich (dem sie schließlich ihren Namen gaben) als auch nach Osten hin, besonders den Main aufwärts. Man kann annehmen, daß jetzt viele Orte im Maintal gegründet worden sind. Sicherlich ist in dieser Zeit auch schon Dörnigheim entstanden. Alle Orte, deren Namen auf „-heim“ enden, führt man auf die Franken zurück. Auch die Struktur des Ortes weist auf fränkische Gründung. Für diese sind die Ausrichtung der Häuser in­nerhalb der Befestigungsan­lage mit dem Giebel zur Straße hin und der geschlossene Ring typisch, den die Wirtschaftsgebäude mit dem Wohnhaus bilden.

Einen wertvollen Besitz hat ein Franke hinterlassen: Bei Baggerarbeiten wurde im Jahre 1939 der wohl spekta­kulärste Fund unter der heutigen Mo­zartstraße 17 gefunden. Hier war ‑ vermutlich neben anderen ‑ ein wohlhabender Franke be­graben. Der zuckerhutförmige Schildbuckel und die Flügellanzenspitze sind­ typische Waffen der Zeit des 8. Jahrhunderts und danach. Somit handelt es sich wohl um ein Kriegergrab, das zu Beginn des 8. Jahrhunderts niedergelegt wurde.

Nach neueren Gesichtspunkten könnte es sich allerdings auch um das Grab eines bewaffneten Mönches gehandelt haben, der für seine Missionsarbeit die Becken als Weihegefäße verwendet haben könnte. In dem Grab in 2,20 Meter Tie­fe lag eine gut erhaltene koptische Bron­zeschale, ein Gold­blechband, eine eiserne Flügellanzenspitze mit dazugehörigem Lanzenschuh und eisernem Schildbuckel. Besonders die gut erhaltene koptische Bronzeschale ging als Rarität in die archäologischen Berichte ein.

Die weitläufigen Beziehungen der Zeit spiegeln sich in den Metallgefäßen gut wider, denn jenes getriebene Becken gehört zu einem in England und Irland wohlbekannten Typ, den sogenannten „hanging bowles“. Diese Gefäße können als Hängebecken verwendet worden sein, doch ist ihre eigentliche Funktion ungeklärt. Das Bronzebecken von Dörnigheim, das keine Aufhängevorrichtung hat, ist als „Importstück“ aus dem nordwesteuropäischen Bereich anzusehen. Das Becken mit dem durchbrochenen Standfuß zählt zum Typ der gegossenen koptischen Bronzebecken aus dem frühchristlichen Ägypten, von wo es durch den Fernhandel vor allem in der Zeit um 600 nach dem Westen gelangte. (Ausführlichere Schilderung in der Chronik Lapp).

 

Der Name „Dörnigheim“

Jung meint, das Wort lasse sich ableiten von dem althochdeutschen Wort „turnen“ = drehen (heute englisch to turn = drehen). Daraus sei der Personenname „Turin“ geworden. So habe also wahrscheinlich der erste Fährmann geheißen. In dem Begriff des Drehens, des Drehpunkts, liegt aber doch wohl ein ganz anderer Sinn als in dem des Überschreitens und des Über­gangs.

Auch der von dem Hanauer Geschichtsschreiber Bernhard aus dem Jahre 1721 vorgebrachte Ansicht kann man nicht zustimmen. Dieser leitet nämlich das Wort her von „dornichtem“ oder „dornigem“ Ort. Er vergleicht es mit „Durikheim“ in der Pfalz, womit er wohl unser heutiges Dürkheim meint.

Der Hanauer Geschichts­schreiber Zimmermann dagegen sagt, daß der Ortsname aus einem Personennamen gebildet ist. Es sei ursprünglich das Heim eines „Turing“ gewesen, ein Thüringer, der in früher Zeit hierher kam und sich als erster hier ansiedelte. Der Name der Thüringer ist schon in der Römerzeit bezeugt, und es ist auch denkbar, daß sich im Lauf der Völkerwanderung und der Stammesverschiebungen ein oder auch mehrere Thüringer hier angesiedelt haben. Vielleicht hat sich diese Name gerade als Auszeichnung und Hervorhebung im Gegensatz zu der allgemeinen Besiedlung des Landes durch die Franken im 5. und 6. Jahrhundert gehalten.

Der Name „Dörnigheim“ ent­wickelte sich im Laufe der Geschichte aus Turincheim (793) und Turenkeim (850, „Heim eines Thüringers“) zu Dorenkeim (1258), Dorenken (1470),

Durinkeim (1036) und Dorenkeim (1258). Im Jahre 1801 ist von Dörnigheim die Rede. Im Volksmund heißt der Ort „Derngem“.

 

Die Schenkung Wolfhodos 793

Für die Ersterwähnung von Dörnigheim ist keine besiegelte Origi­nalurkunde vorhanden, sondern ein Eintrag im Lorscher Schen­kungsbuch. Die Vielzahl der dort genannten Orte aus dem mittelrheinischen, badischen, pfälzischen und hessischen Raum kann sich für die Frühzeit lediglich auf diese Quelle stützen. Es wäre aber ein falscher Schluß, dem Lorscher Kodex deshalb nur eine verminderte Beweiskraft zusprechen zu wollen.

Das Hauptstaatsarchivs München schreibt am 9. Juni 1964 zur Erläuterung der Fotokopie der Urkunde folgendes: Der im Staatsarchiv Würzburg verwahrter Lorscher Kodex stammt aus dem 12. Jahrhundert. Er ist eine Abschrift, die nach frühmittelalterlichen Originalen hergestellt wurde, die ihrerseits schon im Mittelalter verlorengegangen oder vernich­tet worden sind. Insofern ist der heute noch vorhandene Kodex die älteste Lorscher Quelle. Dem Charakter dieser Quelle entspricht es auch, daß in ihr - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keine Originalurkunden überliefert werden, sondern Schenkungen, die aufgrund eines be­stimmten urkundlichen Formulars an das Kloster gegeben worden sind. Die Schenkungsoriginale, die wie gesagt nun im Kodex abschriftlich zusammengefaßt sind, waren auch keine besiegelten Ur­kunden, sondern sogenannte „notitiae“.

 

Die Überschrift des Dörnigheimer Eintrages beginnt mit den beiden letzten Worten der 1. Zeile und wird etwa in der Mitte der 2. Zeile fortgeführt. Der eigentliche Text beginnt in der 2. Zeile mit der Initiale, während der Beginn der 1. Zeile das Ende des vorher­gehenden Eintrages darstellt.

Urkunde aus dem Lorscher Codex, Urkundenblatt 203, Urkunde 3452 vom 3. Februar 793 (Registernummer. 2417), neunter Absatz: „Schenkung des Wolfbodo in Dörnigheim unter König Karl und Abt Richbodo“. Der Text lautet in Übersetzung:

„In Christi Namen, am 3. Februar im 25. Jahr des Königs Karl. Ich, Wolfbodo, lasse dem heiligen Märtyrer N[azarius], dessen Leib in dem unter der Leitung des ehrwürdigen Abtes Ridlodo stehenden Lorscher Kloster ruht, eine Schenkung zukommen. Ich übergebe alles, was ich im Maingau, und zwar in Turincheim am Ort Wicrameshusen gelegen zwischen Briubah und Surdafalacha besitze, über dem Fluß Main auch die Kirche, die zu Ehren der Heiligen Maria errichtet ist, sowie einen Leibeigenen, des weiteren einen Weingarten in Mainz, endlich in Meginolvesheim ein Hofgut und 15 Morgen Land. Durch Handschlag bekräftigt und gefertigt. Geschehen im Lorscher Kloster am 1. Juni im 30. Jahr des Königs Karl“.

Erläuterungen:

im 25. Jahr des Königs Karl     = 793

im 13. Jahr                             = 828 oder 827

Moynachgowe                        = Maingau

Moguntia                                = Mainz am Rhein

Meginolvesheim = Meielsheim = Wüstung bei Mühlheim (?).

 

Dörnigheim wird immerhin ein Jahr früher als Frankfurt erwähnt, das erst im Jahre 794 in einer Urkunde erwähnt wird. Leider ist der Wortlaut der für Dörnigheim so wichtigen Schen­kungs­urkun­de für uns Heutige in allen Einzelheiten nicht mehr ganz klar. Daß Dörnigheim gemeint ist, kann als sicher gelten.

 

Wolfbodo:

Wer Wolfbodo war, weiß man nicht. Sicher war er ein begüterter Mann, der in Dörnigheim ansässig war und auch die Kirche hier ge­baut hatte. Sonst hätte er sie nämlich nicht ohne weiteres verschen­ken dürfen. Wenn er die Kirche im Jahre 793 verschenkt, so kann man annehmen, daß sie mindestens in den Jahrzehnten vorher, also etwa um das Jahr 750 erbaut worden ist. Dieses Datum fällt aber zusammen mit der Zeit, in der Bonifatius und seine Gehilfen im Hessenland und auch im Maintal das Christentum einführten und durch Kirchenbauten fest begründeten. Es könnte also sein, daß die Dörnigheimer Marienkirche im Zuge der Missionstätigkeit des Bonifatius

erbaut wurde.

 

Kir­che:

Genannt ist in dieser Urkunde auch die Schenkung einer Kir­che in Dörnigheim auf der kleinen Anhöhe über dem Main. Heute geht man davon aus, daß die Kirche etwa 50 Jahre vor der Ausstellung der Urkunde erbaut wurde.

Der Geschichtsschrei­ber Hanaus, Ernst Zimmermann ist in seiner großen Hanauer Chronik „Hanau Stadt und Land“ geneigt, die Dörnigheimer Marienkirche mit der Marienkirche im heute ausgegange­nen Kinzdorf bei Kesselstadt zu gleichzusetzen. Auch Norbert Mankel nimmt an, in dieser Urkunde sei die Kirche im Kinzdorf bei Hanau gemeint. Doch das Kinzdorf wird erst 1338 urkundlich erwähnt. Die dortige Kirche war zwar auch eine Marienkirche. Auch von ihr wird behauptet, daß sie schon vor der Wirkungszeit des Bonifatius bestanden habe. Sie war auch die Mutterkirche der heutigen Marienkirche in Hanau. Aber sie war die Hanauer Kirche und nicht die Dörnigheimer.

In einer Urkunde des Jah­res 826 ist von dem Besitz des Klosters Lorsch ,,in Thurincheim iuxta ecclesiam“ die Rede. „Iuxta“ bedeutet aber „dicht daneben“. Die Dörnigheimer Kirche steht tatsächlich dicht neben dem alten Dorfkern. Der deutlichste Beweis ist aber der Fund von Teile eines Fundaments östlich der heutigen Kirche, die bei Drainagearbeiten in den Jahren 1959 / 1960 aufgedeckt wurde und von Fachleuten der Kirche von 793 zugeordnet wurde.

 

Wicrameshusen:

Zimmermann nimmt an, daß Wicrameshusen zwischen Dörnig­heim und Kesselstadt gelegen habe. Lehrer Jung verlegt ihn in seiner Chronik in die heutige Wingertstraße. Er gibt dazu an, „daß im Gedächtnis der alten Leute zu Anfang dieses Jahrhunderts noch die Überlieferung lebte, daß dort ehemals Häuser gestanden hätten. Ein Aufgang vom Main aus heiße heute noch die Leitersgasse. Randsteine deuteten noch ihre Lage an“. Lapp konnte diese hier ausgesprochene Vermutung noch nicht nachprüfen, jedoch dünkt es auch ihm wahrscheinlicher, daß der Ort näher an dem heutigen Dörnigheim gelegen hat, als Zimmermann anzunehmen scheint. Er würde ihn vielleicht auf unsern heutigen „freien Turnerplatz“ verlegen, östlicher keinesfalls, weil das Mainufer dann wieder auf eine weite Strecke abfällt.

Durch Mißernten entstanden Hungersnöte sowie Seuchen, kriegeri­sche Einwirkungen und Raubzüge führten seit der Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem Bevölkerungs­rückgang, der die Wüstung zahlreicher Orte zur Folge hatte. So mag das im Zusammenhang mit Dörnigheim in der Schenkungsurkunde des Jahres 793 erwähnte Wicrameshusen zu dieser Zeit ausgegangen sein. In Mittelhochdeutsch bedeutet „wic“ Kampf, Krieg, Schlacht. „Wichusen“ bedeutet dann so viel wie „mit Ver­teidigungswerken versehen“, der „wic‑graf“ war ein Untervogt; demnach könnte Wicrameshusen ein befestigtes Gebäude gewesen sein, von dem später die Flurbezeichnung „Auf der Burg“ abgeleitet wur­de. Die Urkunde verbindet die Kirche eindeutig mit Dörnigheim bei Wicrameshusen. Dieses lag wahrscheinlich an der heutigen Straße „Auf der Burg“. Das ist ein weiterer Beweis für die Lage der Marienkirche in Dörnigheim.

 

Briubah und Surdafalacha:

Dies sind si­cher­­lich Bäche, weil sie mit dem Main verbunden werden. Ob diese allerdings mit der Brau­bach und der Fallbach gleichzusetzen (wie Zimmermann das tut) sind, ist doch fraglich. Die Braubach würde noch passen. Aber die Fallbach mündet beim Heinrich-Fischer-Bad in die Kinzig, knapp östlich des Kinzdorfs (daher die Behauptung, mit der Urkunde sei die Kirche im Kinzdorf gemeint).

Die Vermutung von Frau Schall, die das alte Dörnigheim zwischen der heutigen Braubach und der Nurlache ansetzen möchte, ist sehr unwahrscheinlich, denn für „das ganze Gebiet“ ist diese Fläche zu klein und es besteht ja ausdrücklich die Verbindung mit der Kirche: Das Dorf lag da, wo die Kirche ist. Man muß damit rechnen, daß das Bachsystem in früheren Zeiten anders war als heute und vor allem durch die Anlage der Burg in Hanau und später des Teiches in Wilhelmsbad mancher Lauf verändert wurde. Siedlungsraum war jedenfalls nur zu finden an einer erhöhten Stelle am Mainufer und nicht im Überschwemmungsgebiet an der Nurlache.

Mit der „Braubach“ dürfte nicht die heutige Braubach gemeint sein, die erst im Zuge des Baus von Wilhelmsbad entstand, unter Verwendung des Baches, der durch Wachenbuchen läuft und heute im unteren Bereich „Seulbach“ heißt. Früher trug aber dieser Bach den Namen „Brau­bach“, wie eine alte Landkarte zeigt (früher einmal ausgestellt im Museum Steinheim).

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Die „Surdafalacha“ könnte westlich von Dörnigheim gelegen haben. Dafür kommt die „Mühlbach“ in Frage, die westlich von Hochstadt herabkommt und im unteren Bereich „Landgraben“ heißt. Weiter nach Westen bis zum „Roten Graben“ kann man nicht gehen, weil hier im Gebiet der heutigen „Schleusenhäuser“ früher das um 1285 belegte Dorf Vorderhausen mit seiner Gemarkung lag,. Dessen Ländereien wurden Dörnig­heim zugeschlagen. Die Braubach wäre dann östlich von Dörnigheim geflossen. Es könnte sein, daß der „Oberlauf“ der Braubach gemeint ist, nämlich der heutige Ortsbach in bei Wachenbuchen, der im Unterlauf „Seulbach“ heißt.

Die andere Möglichkeit ist, daß mit der Braubach die heutige Mündung der Braubach gemeint war (falls diese dort mündete). Dann müßte man die „Surdafalacha“ im Osten suchen. Aber die Fallbach ist dann doch sehr weit entfernt, denn sie mündet gegenüber dem Heinrich-Fischer-Bad in Hanau in die Kinzig, sie könnte aber früher weiter westlich gemündet sein.

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit:

Auf einer Karte mit den alten Flußarmen im Mündungsbereich der Kinzig (Atlas der Siedlungskunde, Kreis Offenbach) sind zwei passende Bachläufe eingezeichnet. Westlich ist es der Bach, der heute nördlich des Waldes von Wachenbuchen und Hochstadt verläuft und am Schwimmbad in die Braubach mündet, früher aber etwas weiter westlich mündete. Und nördlich und östlich ist ein Bachlauf, der von diesem ersten Bach südlich von Hochstadt verläuft und dann nach Südosten abbiegt und westlich des Gewerbegebiets-Ost in Höhe der Kreuzung Berliner Straße / Kennedystraße in den Main mündet. Eine weitere Möglichkeit ist der Salisbach, der in Kinzig fließt (und diese gleich wieder in den Main). Zu dem vermuteten Standort von Wicrameshusen „Auf der Burg“ würden beide Bachläufe durchaus passen.

 

Schenkung:

Es lag im Zuge der damaligen Zeit, daß Menschen, die vermögend waren, irdische Güter aus frommer Gesinnung, weil sie glaubten, daß es für ihr Seelenheil zuträglich sei, an die Kirche verschenkten. Für die übrigen Bewohner des Dorfes bedeutete dies, daß sie von aus­wärtigen Großen abhängig wurden. Eine gewisse Abhängigkeit muß allerdings schon zur Zeit der Schenkung gegenüber Wolfbodo be­standen haben, sonst hätten die Bewohner des Dorfes die Schenkung nicht zugelassen.

Solche sogenannten frommen Stiftungen waren in der damaligen Zeit an der Tagesordnung. Nach 793 sind noch mehrere solcher Schenkungen aus der Dörnigheimer Gemarkung urkundlich belegt. Aus einer Urkunde vom Jahre 826 geht hervor, daß eine Frau mit Namen Imma (oder Emma) dem Kloster Lorsch in Dörnigheim sechs Tagewerke schenkt:

 „Im Namen Gottes übertrage ich, Imma, eine Spende an den heiligen N[zarius]. Sein Leib ruht im Lorscher Kloster, dessen Aufseher der ehrwürdige Abt Adalung ist. Bekräftigt durch Handschlag und Brief schenke ich in Dörnigheim im Maingau sechs Morgen Land, gelegen neben unserer Kirche. Geschehen im Kloster Lorsch im 13. Jahr des Ludwig“ (Lorscher Codex, Urkundenblatt 203, Urkunde 3452, Registernummer. 2417, zehnter Absatz).

Im Jahre 850 schenkt Ditbalt (Ditzold) aus der Wetterau (de Wetereibe) an das Bonifatius­kloster in Fulda seine Grundstücke (predia sua) im Ort (villa) Turingcheim. Im Jahre 1036 vermacht der deutsche Kaiser Konrad II. dem von ihm gegründeten Kloster Limburg Grundstücke in einer Reihe von Ortschaften auch in „Durinkeim“.

(Nicht zum alten Kirchengut gehört der Frankfurter Landbesitz in der Gemarkung Dörnigheim, denn der wurde erst später von den karitativen Einrichtungen erworben. Im Jahre 1890 waren dies: Heilig-Geist-Hospital: 39 Hektar, 70 Ar 50 Quadratmeter und Katharinen- und Weißfrauenstift: 35 Hektar 24 Ar 38 Quadrat­meter).

 

Herrenhof

Der Abt des Mainzer Klosters konnte allerdings nicht immer persönlich in Dörnigheim anwesend sein und seine Interessen wahrnehmen. Deshalb hat er in Dörnigheim einen Vogt eingesetzt. Dieser hatte seinen Sitz im „Herrenhof“ an der Ecke Kirchstraße / Untergasse. In dem heutigen Gebäude war später eine Zuckerfabrik, dann die Schule und noch später die Polizeistation. Bis in unsere Zeit hinein wurden die Gebäude, die sich hier erhoben, „Im Herrenhof“ genannt. Das heißt, daß hier der eigentliche Herr von Dörnigheim wohnte.

 Er verwaltete auch die Schenkung die 25 „Mansus“ aus der Schenkung von 793, die irgendwann einmal vom Kloster Lorsch von den Mainzer Mönchen des Jakobsklosters übernommen wurde. so daß diese dadurch ein Vogteirecht über Dörnigheim erhielten.

Diese 25 „Mansos“ entsprachen etwa der Größe eines Hofgu­tes. Der Herrenhof mit seinen Ländereien wurde an Bauern verpachtet. Er war4 außerdem sowohl Sammelstelle für bäuer­liche Zins‑ (Bede) und Zehntleistungen (Zehnt­scheuer) als auch Dingstätte für die Hofgerichtssit­zungen der Hofgenossen. Herrenhöfe dienten als Herbergen und Pferdewechselstellen an wichtigen Handelsstraßen, zu denen auch die durch Dörnigheim führende „Alte Straße” gehörte. Im dörflichen Wirt­schaftsleben behielten die alten Herrenhöfe ge­wöhnlich noch gewisse Vorrechte wie etwa den Vorschnitt zur Erntezeit, aber auch Pflichten wie das Halten von Zuchttieren. Gemeinsam mit der kleinen Kirche am Main bildete der Herrenhof um das Jahr 793 die Keimzelle des Dorfes Dörnigheim.

Bei der Übernahme des Dörnighei­mer Herrenhofes im Jahre 1470 wurden in dem Lehensbrief Meister Eberhart und ein „Fusthenn“ genannt. Fusthenn bedeutet „Faustkämpfer“. Man kann sich vorstellen, daß er eine Art Poli­zeigewalt für den Ort darstellte. Auch in späteren Lehensbriefen wird immer wie­der der Fusthenn besonders erwähnt. Der letzte Pächter des Mainzer Hofes (Hofbeständer) war Franz Keppler, der 1819 verstorben ist. Doch 1823 war ein Teil des Hofgutes noch in staatlicher Bewirtschaftung.

 

Schenkung von 1064

Die Rechte des Jakobsklosters wurden in einer Urkunde von Kaiser Heinrich IV. im Jahre 1064 auf einer Versammlung zu Trebur verbrieft. Er gab dem Jakobsklo­ster in Mainz die Zusage, daß das Klo­ster in den Besitz des Dorfs Dor­nickheim samt leibeigenem herrschaftlichem Anhangs gesetzt sei: „Wir, König Heinrich, übergeben dem Sankt Jakobsklo­ster zu Mainz 25 Mansus, gelegen in dem Ort Turincheim genannt im Maingau, in der Grafschaft des Grafen Berchtold, mit allem Zubehör“. Die Schenkung wurde im Jahre 1521 schließlich noch einmal von Kaiser Karl V. bestätigt.

Das entscheidende Wort der Urkunde sind die Worte: „25 Mansus“. Mansus ist ein mittellateinisches Wort und bedeutet so viel wie „Hofgut“. Die 25 Mansos sind 25 Güter, auf denen sich je eine Familie ernähren kann. Ein Mansus ist also ein Gut, das ungefähr 30 Morgen umfaßt. Die 25 Mansos sprechen somit 25 mal 30 Morgen, das sind 750 Morgen. Man kann annehmen, daß mit dieser Schenkung das ganze Dörnigheimer Mittelfeld in das Eigentum der Mainzer Mönche übergegangen ist.

Durch Jahrhunderte hindurch verwaltete das Mainzer Kloster diesen Gutshof. Die enge Verbindung Dörnigheims zur Mainzer Kirche, geht noch heute aus manchem Flur­namen der Ge­markung hervor: „Auf den heiligen Äckern, die Frohndewiesen, Auf dem Rad, Der Abts­busch, Die Pfaffenwiesen, Die Kreuzgärten, Zwischen den Kreuzgärten“.

 

Rienecker Erbschaft 1333

Unabhängig von diesem unmittelbar vom Jakobskloster in Mainz verwalteten Gutshof ist die Vogtei zu betrachten, die auch Mainz zustand, und zwar dem Erzbischof. Dieser hatte ursprünglich die Grafen von Rieneck damit belehnt. Es läßt sich urkundlich allerdings nicht mehr fest­stellen, wann das war.

Bereits 1272 erhielt Hanau Anspruch auf Dörnigheim durch Verheiratung mit einer Tochter der Herrn von Rieneck. Die Herren von Rieneck gehörten schon zu den Gefolgsleuten der Frankenkönige mit Landbesitz im Spessart und dem heutigen Mainfranken. Ihre Blütezeit lag im frühen Mittelalter. Ihr Herrschafts­gebiet umfaßte Orte wie Himmelthal, Wildenstein, Burgsinn, Partenstein, Hammelburg an der Saale, Lauda an der Tauber sowie Grünsfeld, Burggrum­bach und Karlstadt.

Der erste urkundlich erwähnte aus dem Rienecker Geschlecht ist Gerhard I. Seine Regierungszeit hat zwischen 1085 und 1106 gelegen. Dieser hatte das damals bedeutsame Amt eines Burggrafen von Mainz inne und war gleichzeitig Vogt des Mainzer Erzstiftes. Als Burggraf war er der Vertreter des Kaisers in Mainz und als Vogt hatte er den Schutz der weltlichen Besitz­tümer seines geistlichen Herren, in diesem Falle des Erzbischofs von Mainz, zu garantieren. Vogtei­rechte waren begehrt, sie bedeuteten Macht und Ein­fluß.

Es ist davon auszugehen, daß die Rienecker Adligen zu keiner Zeit selbst in Dörnigheim anwesend waren. Dies hätte die Viel­zahl ihrer Besitzungen (in der Blütezeit sollen es etwa 160 bis 180 gewesen sein) teils Eigenbesitz, teils Lehen, auch nicht zugelassen. Sie betrauten vielmehr andere Herren des niederen Adels mit der Ausübung des Vogteirechtes, zum Beispiel die Herren von Bellers­heim und von Rüdigheim.

 

Die Belehnung der Spessartherren von Rieneck in Dörnigheim muß nach 1064, dem Datum der Schenkungsurkunde des König Heinrichs, erfolgt sein. Da ein verläßliches Datum bisher nicht auszu­machen war, ist eher davon auszugehen, daß sie in der Regierungszeit jenes Ger­hard I. stattfand, also näher an 1085. Zum Zeitpunkt der Ausstellung der Schenkungsurkunde des Saliers war Heinrich auch erst 14 Jahre alt. Erst zwei Jahre später konnte er die Fesseln seiner Vormundschaft durch Mutter Agnes und die Erzbischöfe von Köln (später Bremen) ab­schütteln und übernahm nach seiner Heirat in 1066 die Regierungsgeschäfte in die eigenen Hände.

Bei dem Rienecker Gerhard I. will es das Schicksal, daß er nur eine Tochter hat. Ihrer Heirat mit einem der Söhne der benachbarten Adelsfamilien hätte nichts im Wege gestanden, wenn sich nicht Vater Gerhard einen geschickten Schachzug ausgedacht hätte. Sein Anliegen war zu verhindern, daß sein Besitz durch die Heirat eines Nachbarsohnes die­sem früher oder später anheimfiele und das Ge­schlecht somit frühzeitig unterginge.

Daher beschloß Gerhard I., seine Tochter mit dem Grafen Arnold von Loon zu verehelichen. Loon war damals eine wohlhabende Grafschaft bei Lüttich (Belgien) im Maasgebiet. Das Geschlecht geht auf Kaiser Karl den Großen zurück. Durch diese Ver­nunftehe konnte Ger­hard I. seinen Besitz nebenbei erheblich vergrößern und gleichzeitig die Burggra­fenwürde in Mainz für seine Nachkommen si­chern.

Arnold – der sich folgerichtig Graf von Loon, Mainz und Rieneck nannte - ist höchst­wahrschein­lich 1138 gestorben. Nachfolger wird sein Sohn Arnold II. und dessen Sohn Ludwig I. von Loon, Mainz und Rieneck, der von 1139 bis 1159 regierte. Dessen Sohn Gerhard II. von Loon, Mainz und Rie­neck (1159 ‑ 1192) stiftete 1189 das Frauenkloster Schönau an der Saale bei Gemünden (heute steht noch die Klosterkirche). Er war vermutlich auch der Erbauer der Burg Rieneck, die 1179 erstmalig urkundlich belegt ist. Gerhard II. war mit Adelheid von Geldern verheiratet. Beide hatten fünf Söhne. Unter diesen trennen sich wieder die looni­schen und rieneckischen Fami­lien, um den weit auseinanderliegenden Besitz gerechter zu werden. Die Trennung muß 1193 / 1194 erfolgt sein.

Der Sohn Gerhard III. regierte von 1192 bis 1216 und war gleichzeitig Vogt des Klosters Fulda. Von jetzt ab existiert eine direkte Nachfolgelinie der Grafen von Rieneck. Sein Sohn Ludwig II. (1216 ‑ 1243) wird im Jahre 1221 letztmalig als Burggraf von Mainz erwähnt. Er gab wohl danach dieses Amt auf, um sich nur noch seinen Besitzungen im Spessart zu widmen. Seine Frau war Adelheid von Henneberg (thüringi­sches Geschlecht). Ihre beiden Söhne, Ludwig III. (1243 ‑ 1289) und Gerhard IV. (1243 ‑ 1295) regierten als Grafen gemeinsam. Ludwig wird noch 1258 als Erbkäm­merer von Mainz erwähnt.

Um 1300 erfuhr die Grafschaft ihre größte Ausdehnung. Ludwig heiratete Adelheid, reiche Erbtochter der Dynastie derer von Grum­bach, und brachte Rothenfels ein. Es war die ent­scheidendste Epoche des Aufstiegs der Rienecker. Am Ende des 13. Jahrhunderts wurde auch das Lohrer Schloß ausgebaut und fortan Hauptsitz der Rienecker.

Jedoch im Aufstieg liegt schon der Ab­stieg. Im Jahre 1260 begann ein zehnjähriger Kampf um den Spessart mit dem Erzbischof Werner von Eppstein von Mainz. Aus Freund wurde Feind. Die Auseinandersetzungen führten letztendlich zum Verlust weiter Gebiete der Grafschaft und leiteten den Niedergang ein.

Für Dörnigheim schließlich ist noch Ludwig V. von Rieneck und Rothenfels (1291 ‑ 1333) er­wähnenswert. Seine Schwester Elisabeth von Rie­neck und Rothenfels heiratete 1272 Ulrich I. von Hanau. Hieraus leitet sich der Anspruch der Hanauer auf die Nachfolge am Vogteirecht über Dörnigheim ab, das sie höchstwahrscheinlich 1333, also nach Ludwigs Tod, erstritten. Mit den Rieneckern ging es fortan bergab. Zwist in der Familie und eine zu schmale Machtbasis trugen dazu bei. Der vor­letzte Rienecker, der im Schloß von Lohr residierte, war Reinhard von Rieneck (1497 ‑ 1518). Er war mit Agnes von Gleichen (thüringisches Geschlecht) ver­heiratet. Mit seinem Sohn Philipp III. verheiratet mit Margarete von Erbach, erlosch 1559 das Gra­fengeschlecht. Ihre Ehe blieb kinderlos. Philipps Epitaph befindet sich in der Michaelskirche zu Lohr.

Nach dem Aussterben fielen Schloß und Burg Rieneck an den Erzbischof von Mainz zurück, der ab 1673 die Grafen von Nostitz in Böhmen mit dem Besitz belehnte. Die Herren von Nostitz erkauften sich mit dem Rienecker Lehen Sitz und Stimme im fränkischen Reichsgrafenkollegium des Reichsta­ges. Graf Anton von Nostitz‑Rieneck blieb noch bis 1794 Besitzer der Burg und des Dürnhofes. Das Lohrer Schloß hingegen behielten die Mainzer Erz­bischöfe.

 

Das Weistum von 1366

Im Jahre 1333 hat der Graf von Hanau durch Heirat einen Teil der Herrschaft Rieneck in seine Hand bekommen. Darunter waren auch Grundstücke in Dörnigheim. Die Hanauer Grafen wollten sich aber mit dem von den Rieneckern ererbten Vogteirechten nicht zufrieden geben und beanspruchten Eigentumsrecht.

Daher hielt es das Mainzer Kloster für angebracht, einmal in aller Form sich seine Rechte von dem Dörnigheimer Gericht selbst bestätigen zu lassen. Es ist bezeichnend, daß in der Urkunde der Name des Hanauer Grafen überhaupt nicht ge­nannt wird. Man findet dies aber oft in jener Zeit, daß man in Rechtsurkunden den politischen Gegner - dessentwegen die Urkunde zustande gekommen ist - gar nicht erwähnt.

Damals kam ein Vertreter des Mainzer Abtes nach Dörnigheim und ließ sich vom Ortsgericht in Anwesenheit eines kaiserlichen Schreibers - der als Zeuge anwesend war - die Rechte des Abtes und seines von ihm eingesetzten Vogtes bestätigen. Was die Dörnigheimer Ortsbewohner und Bauern für Recht erkannten, wurde aufgeschrie­ben und von allen Beteiligten durch ihre Namensunterschrift bekräf­tigt. Man nennt einen solchen Rechtsspruch, von einem freien Volksgericht auf Grund alter Gewohnheiten gefunden und niedergeschrie­ben, ein „Weistum“.

Dieses berühmte Dörnigheimer Weistum lautet: „In Gottes Namen, Amen. Kund sei allen denen, daß in dem Jahre ­nach Christi Geburt 1366 an dem vierten Tag des Monats November, nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr in dem Dorf unter der Linden zu Dörnigheim, gelegen im Mainzer Bistum, an der ­offenen Straße daselbst, an der Stätte, wo man das welt­­liche Gericht zu haben und zu halten pflegt, dahin kam der geistliche und ehrwürdige Mann, Herr Claus von Schauenburg, ein Conventuale des Klosters zu St. Jakob, außerhalb Mainz gelegen, Benediktinerordens, auf Geheiß und Gebot des ehrwürdigen Herrn Abtes des vorgenannten Klosters zu St. Jakob, an das Gericht zu Dörnigheim vor die bescheiden weisen Leute: Schultheiß Kulmann und die Schöffen Heinz Delkheimer, Heinz Auheimer, Hertwin Rode, Kulen Hornung, Heinz Ruwen, Her­bert Heimburge und Johann Wirt, da sie beieinander waren und saßen in Gerichtes Weise vor mir als Schreiber von kaiserlicher Gewalt und vor den ehrbaren Zeugen, die hiernach ge­schrieben stehen, und fragte sie auf den Eid, den sie dem geistlichen Herrn und Vater, dem Abt des Klosters zu St. Jakob getan haben, was Rechtens ein jeglicher Abt und sein Konvent zu Dörnigheim hätten“

Da gingen die Schöffen aus und berieten sich. Danach kamen sie wieder an das Gericht und sprachen mit beredtem Mut in Gerichtes Weise auf den Eid, den sie einem Abt zu St. Jakob getan hatten, daß ein jeglicher Abt hat das Recht, wie hiernach geschrieben steht: „Dem Abt gehört die Eigenschaft zu Dörnigheim in Feld und im Dorf, Wasser, Wald und Weide zu rechtlichem Eigen und den Hübenern zu rechtlichem Erbe. Von 25 Hufen Landes zinsen 23 Hufen einem Abt, und jegliche Hufe gibt 20 wetterauische Pfennige zu Zinsen auf Johannistag, als er enthauptet ward, und danach auf St. Martinstag in dem Winter gelegen, solange es Tag ist; davon gehören 30 Schilling einem Vogt. Wer desselben Zinses nicht gibt zur festgesetzten Zeit, . . . der wäre 20 wetterauische Pfennige einem Abt schuldig zu büßen. Wer des Zinses gibt, wann der stirbt, so soll ein Abt das beste Haupt (Vieh) nehmen, und wenn er kein Vieh hat, sollen die Erben 10 Schillinge geben für ein Besthaupt. Die anderen 2 Hufen Landes zinsen einem Vogt, aber ein Abt soll auch hiervon die Besthäupter ziehen und nehmen. Auch was arme Leute da sitzen, die sollen je das Haus auf Martinstag einem Abt ein Huhn geben. Auch hat ein Abt das Recht, in der Ernte, wann man schneiden will, einen Tag vorher zu schneiden, und von jeglicher Hufe soll man ihm einen Schnitter senden, der ihm helfe, den Tag schneiden auf des Abts Kosten und des Hübners Lohn. Es soll auch der Hübner dem Abt einen halben Tag pflügen, und ein Amtmann soll den Knechten Käse und Brot von eines Abts wegen geben. Wäre es Sache, daß einer sei­nen Zins nicht abgibt, wie vorgeschrieben ist von den Hufen, so soll ein Amtmann des Abtes zu Dreien 14 Tage darauf dringen; wär's daß er dann sich nicht befreit mit seinem Zins und mit der Buße, so mag ein Amtmann von eines Abts wegen dasselbe Gut nehmen für den Zins; bleibt dann ein Abt in demselben Gut Jahr und Tag sitzen, so mag er's behalten als sein eignes Gut und mag damit tun und lassen, wie mit seinen anderen Gütern, ohne Hinder­nis und Widerrede“.

Auch haben die Schultheißen und Schöffen gedeilet (= für richtig befunden), daß ein Abt hat Schultheißen und Schöffen zu setzen und zu entsetzen, wie es not ist. Auch hat ein Abt allein seinen Schultheißen zu kiesen (= wählen) und einen Schützen zu setzen mit Willen einer Gemeinde und diese hat auch einen Schützen zu setzen mit Willen und Wissen eines Abtes oder seines Amtmanns. Auch haben die vorgenannten Schultheißen und Schöffen zu entscheiden und zu richten über Eigentum, Erbe und fahrende Habe und über alles, das in der Mark zu Dörnigheim gelegen ist, dem Armen wie dem Reichen, dem Fremden wie dem Bekannten, jeglichem zu seinem Rechten. Auch was an Buße und Frevel an des Vogtes Gericht fällt, soll zwei Teile einem Vogt, das dritte Teil einem Abt gehören. Von den Bußen und Freveln an eines Abts Gericht sollen zwei Teile einem Abt und ein Drittel dem Vogt zufallen.

Auch wenn Netze in dem Main sind, die soll und mag ein Amtmann des Abtes alle Freitagmorgen heben und die Fische nehmen. Wenn ein Schiff mit einem stehenden Ruder da liegt, das soll geben zwei wetterauische Pfennige und jeder Wagen ein Pfennig zu Zoll einem Abt. Wär‘s daß dasselbe Schiff Wein trüge, so soll jeder Boden zwei Pfennige geben. Auch haben die Schöffen beschlossen, daß niemand in des Abts Gericht über den Main fahren soll um Lohn denn in einem Weidennachen, außer einem Ferchen (Fährmann), der vom Abt die Fähre zu Lehen hat. Auch wär‘s daß ein Abt durch Kurzweil oder durch Wollust im Mai zu Dörnigheim wollte sein, so möchte er in dem Walde jagen mit zwei Vogelhunden zu einem Netze. Was er damit finge, das wäre sein ohne alle Hindernis und Widerrede allermännlichs.

Und bat der vorgenannte Herr Klaus von des ehrwürdigen Herrn Abts zu St. Jakob wegen, mich hernach genannten Schreiber von kaiserlicher Gewalt, daß ich ihm über alle diese vorgeschriebenen Dinge ein oder zwei Instrumente tun sollte. Es sind Zeugen die ehr­baren bescheidenen Leute: Herr Konrad, ein Kaplan zu Dörnigheim, Gerhart Schelleflegel, Jäckel von Bruchköbel, Erwin von Rumpenheim, ein Hübner zu Dörnigheim und Johann Bergmann und andere viele biedere Bescheidenen, die dazu zu Zeugen geheißen und gebeten wurden.“

 

Aus diesem Weistum geht eindeutig hervor, daß der Abt des Mainzer Jakobsklosters Herr über ganz Dörnigheim war. Es stimmt sinngemäß völlig überein mit der kaiserlichen Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1064. Man hat deshalb auch gar keinen Grund, an der Echtheit dieses Weistums zu zweifeln, wie dies aus erklärlichen Gründen in viel späterer Zeit der Geschichts­­schreiber der Hanauer Gräflichen Regierung getan hat.

Seit der Zeit Karls des Großen hatte jedes Dorf ein solches Schöffengericht, und zwar waren immer sieben Schöffen vorgeschrieben. Das Schöffengericht hatte über alle Fälle zu entscheiden, die Eigentum, Erbe, fahrende Habe und alles betrafen, das in der Mark zu Dörnigheim gelegen war, „dem Frem­den wie dem Bekannten, dem Reichen wie dem Armen“. Es hatte also die niedere Gerichtsbarkeit inne, schwere Straffälle, wie Mord, Totschlag usw. kamen selbstverständlich vor ein höheres Gericht.

Das Dörnigheimer Schöffengericht tagte „unter der Linde an der offenen Straße“. Es kann sich hier nur um die Lindenstraße, den mittleren Teil der heutigen Kennedystraße, gehandelt haben. Sie war „offen“, weil sie nicht durch das Dorf hindurch, sondern an ihm vor­bei, über freies Feld führte. Die Linde wurde kurz vor 1939 anläßlich der Verbreiterung der Straße entfernt.

Interessant sind die Namen des Schultheißen und der sieben Schöffen. Keiner dieser Namen kommt nämlich in den Gemeinde- und Kirchenbüchern mehr vor. Daraus darf man wohl schließen, daß sich die Dörnigheimer Bevölkerung in der Zeit zwischen 1366 und 1650 - besonders wahrscheinlich während des Dreißigjährigen Krieges - sehr stark, vielleicht sogar völlig verändert hat. Es ist durch­aus möglich, daß das Dorf in den unruhigen Kriegsjahren von der alten einheimischen Bevölkerung verlassen worden ist und daß neue, aus anderen Gegenden Deutschlands stammende Bewohner sich hier angesiedelt haben. Die ersten Kirchenbücher nach 1650 weisen jeden­falls sehr viele Namen auf, die heute noch in Dörnigheim sehr zahlreich vertreten sind. Es ist deshalb auf­fallend, daß keiner dieser im Weistum von 1366 genannten Namen im Jahre 1650 noch vorkommt.

Das Weistum nennt am Schluß auch einen Herrn Konrad, Kaplan zu Dörnigheim. Daraus darf man schließen, daß Dörnigheim um diese Zeit eine selbständige Kirche gehabt hat. In späterer Zeit war die Dörnigheimer Kirche der Kirche in Kesselstadt unterstellt. Im Jahre 1353 zum Beispiel wird die Pfarrkirche in Kesselstadt erwähnt, von der die Kirche in Dörnigheim eine Filiale gewesen ist

Das Weistum gibt ein genaues Bild von den rechtlichen Verhältnissen zwischen den Dörnig­heimer Einwohnern und dem Mainzer Abt bzw. dessen Vogt, und zwischen dem Vogt der Hanauer. Die Dörnigheimer waren Hörige des Mainzer Abtes. Von eigentlicher Leibeigenschaft können wir noch nicht sprechen. Die Abgaben, die zweimal im Jahr, am 24. Juni (Johannis­tag) und am 10. November (Martinstag) dem Abt bzw. dem Vogt ge­leistet werden mußten, lasteten nur auf dem Sachbesitz, nicht auf der Person des Einwohners. Wie überall in Deutschland hat sich im Laufe der Zeit aus dieser rein wirtschaftlichen Hörigkeit auch für die Dörnigheimer Bauern eine persönliche Abhängigkeit (Leibeigenschaft) gegenüber dem Lehnsherrn entwickelt.

Interessant sind schließlich noch die Bestimmungen des Weistums über den Fährmann und die Schiffahrt auf dem Main. Die Fähre muß schon zur damaligen Zeit für den Abt eine gute Einnahmequelle gewesen sein, sonst hätte er nicht ausdrücklich gebieten lassen, daß nur der Fährmann das Recht habe, gegen Lohn andere Personen über den Main zu fahren. Und wenn bei Schiffen, die Wein tragen - außer dem gewöhnlichen Zoll - auch noch ein besonderer Zoll auf den Wein gelegt wird, so kann man daraus entnehmen, daß zur damaligen Zeit viele solcher Schiffe mit Wein auf dem Main gefahren sind und daß in unsrer Gegend auch Wein angebaut wurde. Einen Hinweis darauf gibt uns heute noch der Name Wingert (= Weingarten).

 

Vogtei

Im Jahre 1366 hat das Jakobskloster zu Mainz noch volles Eigentumsrecht über Dörnigheim, wie das Weistum aus diesem Jahr bestätigt. Im Jahre 1357 waren die Herrn von Rüdigheim die Vögte in Dörnigheim. Auch 1447 werden sie als Vögte zu Dörnigheim genannt. Im Jahre 1479 wird Johann von Rüdigheim erwähnt, als der der Kirche zu Dörnigheim einen Altar stiftete. Vor einem Notar bezeugen 1392 Heinz von Delkinheim und Genossen, daß ihnen verboten worden sei, das Recht des Mainzer Jakobsklosters zu Dörnigheim auszulegen („weisen“) und daß sie für ihre Rechtweisung verfolgt worden seien. Die Richter des Mainzer Stuhls beantragen, den Vogt Johann von Rüdigheim unter Androhung des Bannfluches zu veranlassen, die dem Pfarrer Conrad geraubten Früchte zurückzugeben. Es war also bis dahin unbestritten, daß der Abt des Jakobsklosters in Mainz und sein Vogt in ganz Dörnigheim das Sagen hatten.

 

Nach dem Aussterben der Grafen von Rieneck im Jahre 1333 beerbten die Grafen von Hanau die Herren von Rieneck. So fiel den Hanauern auch das Recht zu, Vögte in Dörnigheim einzusetzen. Aus dem Vogteirecht versuchten die Hanauer Grafen aber im Laufe der Zeit, das Eigentumsrecht über Dörnigheim zu entwickeln. Das bedeutete allerdings nicht, daß sich die Mainzer Mönche gänzlich aus Dörnigheim zurückzogen. Sie behielten stets ihren Guts­hof – den Herrenhof - in eigener Verwaltung und ließen die Vögte der Rienecker auf einem anderen Hof wohnen.

Dieser kann nur der „Schwan“ (Schwanengasse 1) gewesen sein, denn der Schwan ist das Rienecker und Hanauer Wappentier und die Größe des Grundstücks ist auch Zeichen dafür, daß hier ein besonderes Gebäude gestanden haben muß. Dieses war ein in stattliches Fachwerkhaus mit einem großen Torbogen (heute ersetzt durch den Klinkerbau).

 

Aber der Streit um die Vorherrschaft in Dörnigheim ging noch lange weiter. Im Jahre 1395 ergab sich erneut ein Streit zwischen dem Jakobskloster zu Mainz und dem Herrn von Hanau und ihrem Vogt Johann von Rüdigheim wegen Schmälerung der Rechte des Abts in Dörnigheim. Dieser Streit wird 1398 durch Vermittlung endlich beigelegt. Die Mainzer geistlichen Richter verbieten 1400 außerdem, daß das Gericht in Dörnigheim über dortige Güter des Abts von St. Jakob durch Urteil zu verfügen habe.

Nun ergibt sich die Streitfrage, ob es in Dörnigheim eine oder zwei Vogteinen gab. Heinrich Lapp nimmt nur e i n e Vogtei an. Er lehnt die Versuche des Hanauer Geschichtschreibers Bernhard ab (siehe unten), aus der einen Vogtei Dörnigheim zwei Vogteien zu machen, eine Mainzer und eine Hanauer, oder die Urkunden. die Schenkungsurkunde Kaiser Heinrichs IV. von 1064 und das Weistum von 1366 als gefälscht hinzustellen. „Es gab nur eine Vogtei Dörnigheim und der Dörnigheimer Vogt war der Vertreter des Mainzer Abts.

 Das bedeutet dann, daß der Vogt des Mainzer Erzbistums (nicht der des Jakobsklosters), der die Rienecker mit dem Vogteirecht belehnt hatte, dann auch das Vogteirecht über andere Mainzer Besitzungen ausübte, also auch über den Besitz des Jakobsklosters (Von einem Forscher wird er als „Vogt des Erz­stiftes von Mainz“ bezeichnet). Das könnte an sich schon gewesen sein zur Zeit der Rienecker, weil das Erzbistum ja im Rang höher war als das Jakobskloster und nicht zwei Mainzer Vögte in Dörnigheim haben wollte.

Aber an sich ist das erst denkbar, als die Rienecker von Hanau beerbt wurden. In den Streitigkeiten im 18. Jahrhunderts (siehe unten) ging es immer darum, daß das Jakobskloster (!) sein (!) Lehen an die Hanauer verleihen wollte, wie es sein altes Recht war. aber Hanau wehrte sich dagegen, nicht weil es die Güter nicht haben wollte, sondern weil es sie auch ohne Verlehnung beanspruchen wollte. Danach gab es also zwei Vogteien in Dörnigheim, aber nur e i n e n Vogt, der in Personalunion beide Vogteien leitete. Aber dieser Vogt war der Hanauer Vogt. Er war dann erst recht der Grund dafür, daß Hanau die Herrschaft über ganz Dörnigheim beanspruchte.

Schief ist aber die Annahme, es habe eine „große Vogtei“ der Hanauer im Herrenhof gegeben und eine kleine im „Schlößchen“. Im Herrenhof war immer die Vogtei der Mainzer, und die Herren von Bellersheim und die von Rüdigheim waren Vögte des Jakobsklosters in einer Zeit, als von einem Besitz der Hanauer noch keine Rede sein konnte. Die niederen Adligen im „Schlößchen“ waren keine Vögte und lebten auch sehr viel später. Man kann sie also nicht in einer Linie mit den Vögten Bellersheim und Rüdigheim nennen

Ingeborg Schall vertritt die Auffassung, daß auch das „Schlößchen“ Sitz eines Vogtes gewesen sei und daß auch die Herren von Spener und Dolné Vögte gewesen sein sollen (von wem auch immer). Deshalb muß sie behaupten, der Amtmann (später Schultheiß) des Abtes habe im „Schwan“ seinen Sitz gehabt. Ein Vogt und Amtmann kommen nur in dem Weistum von 1333 vor (gar nicht einmal unbedingt als Tatsache, nur als Möglichkeit, daß der Vogt auch einen Amtmann haben könnte). Weshalb sollte man aber einen Amtmann haben, wenn man einen Vogt hatte?

Ganz abwegig sind die Angaben in der Chronik Jung. Dort wird behauptet: Zu der Hanau­ischen Vogtei in Dörnigheim gehört nur die Hälfte des Jakobsgutes. Hanau hat die andere um 1440 hinzugekauft. Seit 1475 besaß Hanau die Landeshoheit über Dörnigheim durch Vertrag mit Mainz. Auch 1701 wird Hanau mit den beiden Vogteien belehnt. Im Jahre 1720 kommt es zu einem Prozeß zwischen dem Jakobskloster zu Mainz und Hanau. Mainz bestreitet, Hanau mit dem ganzen Ort Dörnigheim belehnt zu haben. Hinter diese Angaben in der Chronik Jung muß man schon Fragezeichen setze, denn der Streit ging nach 1475 ja noch 300 Jahre weiter.

 

Kampf um die Vorherrschaft in Dörnigheim ab 1700

Belehnung 1701:

Im Jahre 1701 fand noch eine feierliche Belehnung des Hanauer Grafen durch den Abt des Jakobsklosters statt. Zu diesem Zweck hatte sich ein Beamter der Hanauer Gräflichen Regierung nach Mainz begeben und dort von einem Be­auftragten des Abtes den Lehensbrief für Dörnigheim empfangen und ihm dafür Treue geschworen.

Über diese Verhandlung wurde folgendes Protokoll angefertigt: „Wenn der Bevollmächtigte die Lehen zu empfangen bereit ist, und alle Ansprüche des Klosters zu würdigen und den Verpflichtungen gegenüber dem Kloster nachzukommen, so soll er dem Hochwürdigen Herrn Abt und Prälaten in Treue geloben und in die Seel seines gnädigen Herrn Prinzipalis einen Eid zu Gott und seinem heiligen Evangelium schwören, dem Herrn Abt und Prälaten, auch dessen Gotteshaus, als Lehnsherr getreu und hold zu sein, deren Schaden zu wahren und Bestes zu werben, dies Lehen so oft nötig aufs neue zu empfangen, zu vermahnen und zu verdienen, auch alles zu tun und zu lassen, was einem Lehnsträger gegen seinen Lehnsherrn von Recht und Gewohnheit zu tun und zu lassen schuldig ist. - Worauf der Herr Bevollmächtigte dem Herrn Prälaten Handtreu gegeben und mit zwei auf den Abtstab gelegten Fingern dem Hoch-, Edel-, Best- und Hochgelahrten Herrn Wolfgang Ernst Heydel, der Rechten Doktor, Kurfürstlichen Mainzer Hof- und Regierungsrat und Revi­sionsrat und des Klosters Stifts Syndikus Folgendes nachsagt: Was mir jetzt versehen worden, auch ich wohl verstanden, demselben wird mein gnädiger Herr und Graf für sich und seinen Herrn Bru­der getreulich und sonder Gefährte nachkommen, also schwöre ich in dessen Seel, so wahr mir Gott helfe und sein Heiliges Evangelium. Und geschah hierauf von Ihrer Hochwürden dem Herrn Prälaten die Investitur mit folgenden Worten: Wir Pankratius durch Gottes Ver­hängnis Abt und Prälat des Gotteshauses Skt. Jakob bei Mainz be­lehnen den Herrn von wegen des Hoch­gelahrten Grafen, des Herrn Philipp Reinhardt, Grafen zu Hanau, als Ältesten seines Hochgräf­lichen Stammes für sich und seinen Herrn Bruder mit der Vogtei des Dorfes Dörnigheim und was wir demselben zu leihen haben mit all seinen Rechten, zum rechten Mannslehen u.s.w.“

 

„Herr von Dörnigheim“ 1711:

Nach 1710 beginnt der eigentli­che Streit zwischen Mainz und Hanau. Die tatsächliche Macht und der politische Einfluß des Mainzer Jakobs­klosters waren aber um 1700 gebrochen. Der Abt bestand jedoch auch nach 1700 noch auf seinem formalen Recht.

Im Jahre 1710 geht beim Mainzer Abt ein Schrei­ben aus Hanau ein, in dem Hanau dem Mainzer Abt das Recht abspricht, sich „Herr von Dörnigheim“ zu nennen. In den Mainzer Akten heißt es darüber: „Anno 1710, den 11. Aprilis schickt die Hanauische Regierung ein Contradic­tionsschreiben an den vorge­nannten Prälaten, in welchem demselben das dominium di­rectum immediate contradi­cieret wird, mit Beyfügung, daß dem Herrn Abt nicht das geringste zu Dörnigheim zuge­höret, welches die Anmaßung des Titels eines Herrn zu Dörnigheim einigermaßen be­scheinigen könne.“ „Anno 1711, den 9. August, wird das vorige Schreiben von Ha­nauischer Regierung repetie­ret“.

Im Jahre 1711 war nämlich ein Wechsel in der Hanauer Regierung eingetreten, und der neue Graf sollte nun nach alter Gewohnheit dem Mainzer Abt den Lehnseid leisten. Er erklärte sich zwar bereit, den Lehnseid zu leisten, verlangte aber, daß der Abt auf den Titel „Herr von Dörnigheim“ Verzicht leistet. Der Mainzer gab aber nicht nach. So kam es 1711 noch einmal eine feierliche Beleh­nung des Hanauer Grafen. Es scheint aber auch die letzte gewesen zu sein.

 

Eingabe an den Kaiser 1713:

Eine Aktensammlung von 1713 enthält über 90 Seiten ‑ zum Teil handgeschrieben ‑ deren Einzelteile als Originale die erzbischöflich‑kurfürstli­chen Kanzlei in Mainz auf Bitten des Abtes des Jakobsklosters am 23. Mai 1713 an „Die Kaiserliche und Catholische Maje­stät, König von Ungarn und Böhmen etc“ über den Streit zwischen „dem Herrn Abt von Skt. Jakobsberg bey Mainz contra die Hanauische Regie­rung“ geschickt wurden. Das Kon­volut gehört zu den Akten der ehemaligen kurfürstlichen Mainzer Regierung, die heute im bayerischen Staatsarchiv in Würzburg aufbewahrt werden. Die „Fakti“ sind die Rechtsti­tel, die sich im Laufe der Jahr­hunderte ergeben haben. De­ren genauen Wortlaut haben die Mainzer zur Bekräftigung der Ansprüche des Abtes nach Wien geschickt.

Die Titel sind einleitend mit kurzen Erklä­rungen versehen, die teilweise im Folgenden wiedergegeben werden:

  • 1366. „Daß sich nun Closterstifft bei seinem dominio und ruhiger possession als Eigentümer Herr des Dorffs Dornickheimb und seiner Unterthanen durch 3 saecula cotinuiert habe, und von jedermänniglich dafür erkennet worden, sey sonnenklar, zeiget das Weistum de anno 1366.“
  • 1398: „Dieses herrliche Weistum wird bekräftigt: Ich Johann von Rudenkeim Ritter erkenne und tue kund öffentlich, ­daß ich den vorgenannten Abt an seinem Dorff­gericht zu Dornickheimb mit allen ihren Rechten, Zugehörten und Renten fördern, nit hindern, schädigen oder drängen soll.“
  • 1475: „Anno 1475 tut Abt Hermannus cum Prior Henricus und seinem ganzen Convent dem Herrn Grafen Philipp zu Hanau das Lehen aufkündigen, in welcher Aufkündigung er seiniges Dorf zu Dörnickheim dreymal nennet, welche Graf ebendasselbe Jahr ohne einige Widerrede das Lehen empfangen.“
  • 1503: „Ist anno 1503 von selbigem Abt Hermann der Graf Reinhard mit dem Dorf Dörnickheim belehnt worden.“
  • 1661: „Anno 1661 gibt Herr­ Graf Friedrich Casimir von Hanau die Vollmacht seinen Mandanten Peter Reinhard Schöffer, von ehrw. Herrn Ab Jodoko das Lehen zu empfangen nach Anleitung des klg. Donationsbriefs Henri IV. von Jahr 1064 und des Dörnickheimer Weis­tums von 1366.“
  • 1701: „Anno 1701 wird Herr Philipp Reinhard Graf zu Hanau von dem Herrn Pankratius, Abt zu Skt. Jakobsberg, mit der Vogtey des Dorfes Dörnigheim und was er an demselben zu Lehen hat, mit allen seinen Rechten zu rechtem Mannlehen, jedoch vorbehalten seines und seines Gotteshauses Mannlehen belehnt.“

Trotzdem muß der Hanauer Graf im folgenden um eine offizielle Belehnung („Mu­tung“) gebeten haben, was der Abt aber ablehnte, solange die zitierten „Contradictions­schreiben“ vom Hanauer Gra­fen nicht zurückgenommen worden seien. So ist schließlich der Schluß zustande gekommen, mit dem der Mainzer Abt und die kur­fürstliche Regierung am 13. Mai 1713 ihre große Eingabe an das kaiserliche Hofgericht in Wien beendet haben.

 „Anno 1713, den 10. Aprilis hat der jetzt regierende Herr Graf Reinhard zu Hanau die Lehen­muthung getan, es hat aber erwehnter Herr Abt die Beleh­nung, eher und bevor nicht erteilen wollen, es wären dann die sehr gefährlichen und nachtheiligen Contradic­tions­schreiben revocieret, weil nun solches nicht gesche­hen wollen, so hat sich der Herr Abt ex officii et jura­menti sui gemüßigt befunden, bei einem hochpreislichen Reichshofrat seine Noth vor­zustellen, um die gefährlichen und präjudizierlichen Zu­schreiben zu redressieren, sich anbey in seiner von sechs saeculi herrührigen Posses­sion des domini directi über das Dorf Dörnigheim zu ma­nutenieren, und seinem anver­trauten Gotteshaus von alters her und von rechtswegen com­petierende Jura nicht zu verge­ben oder einiges praejudizium bey diesen arglistigen Zeiten erwachsen zu lassen.“

Von einer Antwort des Reichs­hofrats auf die Eingabe der Mainzer vom 13. Mai 1713 ist nichts zu finden. In den Akten sind zwar sehr ausführlich von beiden Seiten alle Gründe und Ge­gengründe aufgeführt, über eine Lösung des Streites findet sich jedoch keine Aufzeichnung. Meistens wurden solche Prozesse angefangen, vor das Reichshofgericht gebracht, aber nie­mals oder höchst selten entschieden. Sie verliefen meistens im Sand. So muß es auch in diesem Fall gewesen sein. Das Recht war auf alle Fälle auf der Seite des Erzbistums Mainz, aber Hanau hatte offenbar mehr Macht. Aber jetzt war offenbar der Hanauer Vogt der maßgebende Mann, der auch die Mainzer Güter im Auftrag des Jakobsklosters verwaltet.

 

Gründe der Mainzer 1719:

Interessant sind die Gründe, die das Mainzer Kloster für seine Rechtsansprüche auf Dörnigheim in einer der im Zusammenhang mit dem Prozeß entstandenen Urkunden am 15. Mai 1719 anführt, weil sie völlig übereinstimmen mit der Deutung des Weistums von 1366 und der Schenkungsurkunde Heinrichs IV. von 1064 gegeben haben. Hier heißt es unter anderem: ,,Der Abt präten­diert (beansprucht) das dominium direktum (unmittelbare Herrschaft) über das ganze Dorf Dörnigheim mit allen und jeden seine Rechten und Gerech­tigkeiten zusammen mit einem darin liegende freien und ihm pleno iure domini (nach vollem Recht des Herrn) zustehenden Hof. Der Abt bezieht sich auf folgende Dokumente 1. Aus der Schenkungsurkunde von 1064 geht hervor, daß dem Kloster Jakobsberg der ganze Distrikt und Land und Leute cum omnibus appenditus suis, h. e. utriusque sexus mancipiis et terris etc quaesitis et inquirendis et cum omni utilitate, quae inde ullo modo provenire potest, in perpetuum übergeben worden, mithin nicht etwa nur ein Meierhof in Dörnigheim, sondern das ganze Dominium über 25 Mansos daselbst, das ist über das ganze Dorf und noch weiter dem Kloster zugehöre; 2. auf die Bestätigung durch Karl V. 1521; 3. auf das Weistum von 1366; 4. auf zwei Schreiben, die Abt Hermann im Jahre 1475 an die Grafen von Hanau und Eppstein gesandt, worin er sine ulla ullius contradictione, repetitis vicibus Dörnigheim „sein Dorf“ und sich einen „Herrn von Dörnigheim“ genannt hat; 5. auf einen Lehensbrief aus dem Jahr 1475 u.a.“

 

Das Gutachten des Geschichtsschreibers Bernhard 1721

Daran ändern auch nichts die Versuche des Geschichtschreibers der Hanauer Gräflichen Regierung Bernhard im Jahre 1721 aus der (wie Mainz meinte) einen Vogtei Dörnigheim zwei Vogteien zu machen, eine Mainzer und eine Hanauer, oder die Urkunden, die Schenkungsurkunde Kaiser Hein­richs IV. von 1064 und das Weistum von 1366 als gefälscht hinzu­stellen. Sein Auftraggeber, der Graf von Hanau, stritt damals mit dem Abt des Jakobsklosters in Mainz wegen der Besitzverhältnisse in Dörnigheim. Da es sich also um eine Streitschrift handelt, kann man sich nur bedingt auf die in ihr enthaltenen Angaben verlassen, viele sind sogar offensichtlich unrichtig (Aktenstück im Hanauer Stadtarchiv: „Die Geschichte der beiden Vog­teien zu Dörnigheim“). Als die Hanauer fühlten, daß sie im Unrecht waren, versuchten sie es mit solchen Umdeutungen. Indessen setzte sich die Macht der Hanauer allmählich durch, vollends als sie nach dem Erbvertrag mit dem landgräflichen Haus in Kassel die Macht von Hessen-Kassel hinter sich wußten.

 

Schreiben an den Erzbischof von Mainz 1729:

Unter den in Würzburg lagernden Akten wird auch ein Briefwechsel aufbewahrt, den der Abt des Jakobsklosters 1729 mit seinem Landesherrn, dem Erz­bischof und Kurfürsten geführt hat. Der Abt bittet den Kurfürsten um seine Unterstützung bei der Wiederaufnahme des Dor­fes Dörnigheim, „wenn der todkranke Graf von Hanau demnächst hintritt. Falls ‑ was zu erwarten ist die Hanauer Schwierigkeiten bereiten, möge der Kurfürst vorsorglich einen Beamten seiner Kanzlei, begleitet von zwei Soldaten, bei der Inbesitznahme zur Verfü­gung stellen.“

Interessant ist die Antwort des kurfürstlichen Rats auf dieses den tatsächlichen politischen Verhältnisse total verken­nende Bittgesuch des Abtes. Hier heißt es unter anderem: „Der Herr Graf fühlt sich zur Zeit noch ziemlich wohl und in sol­chem Stand, daß dessen To­desfall so bald nicht zu erwar­ten ist, also halte man des Herrn Prälaten auf dem Ja­kobsberg in eventu aperti feudi geschehenes Gesuch annoch vor allzu frühzeitig.“

Zur Beru­higung des Abtes wird ange­fügt: „Sollte sich der Fall wirk­lich ergeben, so stünden dem Herrn Prälaten zur Manutenie­rung seiner Gerechtsame ein Notar mit Zeugen zur Verfü­gung. Es sei aber bedenklich, einen kurfürstlichen Beamten und zwei Soldaten zu solchem actu zu gebrauchen, da nicht unbillig zu besorgen ist, daß bei dieser Unternehmung es gar leicht zu allerhand Tätlich­keiten kommen und dadurch allerhand Ungemach darob en­tstehen dürfte, mithin ist man der Meinung, daß vom ehr­würdigen Herrn Prälaten sein diesfalls gethanes Gesuch ab­zuschlagen sey. Mainz, den 8. Juni 1729.“

 

Güterverkauf 1731:

Das Mainzer Jakobskloster hat zunächst versucht, durch Rechtssprüche und Urkunden die Ansprüche der Hanauer Grafen abzuweisen. Wahrscheinlich ist es aber im Laufe der Zeit zu der Einsicht gekommen, daß es sich mit Hilfe solcher Rechtstitel auf die Dauer doch nicht behaupten könne. Es ging deshalb dazu über, kleinere und auch größere Ländereien in der Dörnigheimer Gemar­kung an andere Eigentümer zu übertragen. Nur so kann man sich heute erklären, daß in einem Güterregister und Gewannbuch aus dem Jahre 1731 (das im Gemeindearchiv aufbewahrt wird) Namen von auswärtigen geistlichen Stiftern und adligen Grundherren auftreten. Es sind dies:

Des Stiftes Petri und Alexandri zu Aschaffenburg Lehensgut = 118 Morgen,

  • Bartholomäusstift                              = 49 Morgen,
  • Karmeliterklosterlehensgut               = 54 Morgen,
  • Althenrichslehensgut                                      = 98 Morgen,
  • Johanniterlehensgut                            = 171 Morgen,
  • Deutschordensritterlehensgut                      = 63 Morgen,
  • Liebfrauenstift Mainz Lehensgut        = 49 Morgen,
  • Liebfrauenstift Frankfurt                    =  5 Morgen,
  • Jakobskloster Mainz                           = 85 Morgen,
  • Hofgut Regierungsrat Spener             = 96 Morgen,
  • das Brambsische Lehen                      = 32 Morgen
  • sowie einige kleinere Lehen.

Alle diese Güter zusammengerechnet ergeben eine Fläche von rund 850 Morgen, alles Lehensgüter, welche die Besitzer einmal als Lehen von einem Grundherrn übertragen bekommen haben müssen. Aus dem Anteil der geistlichen Güter kann man schließen, daß der ursprüng­liche Grundherr nur das Jakobskloster in Mainz gewesen sein kann. Es ist sogar selbst im Jahre 1731 noch mit einem ansehnlichen Gut vertreten.

In demselben Gewannbuch von 1731 sind auch alle anderen Bewohner Dörnigheims, die Land besaßen, aufgeführt. Wenn man deren Landbesitz zusammenrechnet so kommt man insgesamt auf etwa 700 Morgen, das heißt daß die Besitztümer der Dörnigheimer nicht im entferntesten die Größe dieser Lehensgüter erreichten. Der Masse der Dörnigheimer Einwohner blieb deshalb nichts anderes übrig, als auf den großen fremden Gütern als Hörige zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Viel­leicht konnten sie auch hin und wieder Stücke Landes in Pacht neh­men, denn die wenigsten Besitzer der großen Lehen hatten in Dörnig­heim eine eigne Hof­reite.

 

Entscheidung:

Das Mainzer Kloster wehrte sich während vieler Jahrhunderte verzweifelt gegen die Ansprüche der Hanauer Grafen. Diese setzten sich am Ende aber doch durch. Der Grund hierfür ist wohl der, daß Dörnigheim näher an Hanau heran lag als an Mainz. Außerdem muß man bedenken, daß die Macht der weltlichen Fürsten im Laufe der Jahrhunderte immer größer wurde, während die der geistlichen Fürsten langsam aber stetig zurückging. Vielleicht hat auch dies eine Rolle gespielt, daß im ganzen Hanauer Land und auch in Dörnigheim schon um das Jahr 1540 die Reforma­tion eingeführt worden war.

Den Streit zwischen den Grafen von Hanau und der Abtei in Mainz um das Hoheitsrecht in Dörnigheim wurde ge­richtlich nie entschieden. Dieser Streit wurde erst im Jahre 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluß been­det. Durch diesen formalen Akt wurden alle geistlichen Gü­ter in Deutschland säkulari­siert, was nichts anderes be­deutet, als daß sie einem weltlichen Besitzer überge­ben wurden. Das Jakobskloster Mainz verzichtet 1803 endgültig auf seine Hoheitsrechte in der Gemarkung Dörnigheim. Im Jahre 1807 werden das Hofgut (Jakobsgut) und das Hofhaus (Herrenhof) vom Kurfürsten von Hessen in Besitz genommen und erhält einen gründlichen Umbau.

Der Herrenhof sowie die übrigen herrschaftlichen Gebäude gehen 1845 in Privatbesitz über (Hof an Winrich, Zehntscheune an Geibel, Rappen an Fliedner). Die Grundstücke gingen zum größten Teil in Privatbesitz über. So werden zum Beispiel 360 Morgen Land von Fritz Fritzel aus Gonzenheim bei Homburg gekauft. Einen Teil davon verkauft dieser wieder, einen anderen Teil übernimmt im Jahre 1854 sein Schwieger­sohn Peter Seng IV., der sein Land später unter seine drei Söhne Georg, Friedrich und Peter aufteilt.

 

Mit dem Aussterben des Hanauer Grafenhauses 1736 kommt Dörnigheim an den Landgrafen von Hessen-Kassel. Das Jakobsgut bleibt aber Eigentum des Klosters. Im Jahre 1866 gingen die Eigentums­rechte auf die preußische Ho­heit über und blieben dort bis zum Ende des Zweiten Welt­kriegs 1945. Nach Kriegsen­de wurde der Staat Preußen verboten und aufgelöst. Seit­dem gehört Dörnigheim zu dem in dieser Form neu ge­gründeten Bundesland Hes­sen.

 

Frankfurt – Leipziger Straße (Kennedystraße)

Nördlich am Dorf vorbei verläuft die Durchgangsstraße, die „Straße“ von Frankfurt nach Leipzig. Große Überlandwege treffen sich im unteren Maintal. Sie bildeten schon in uralter Zeit die natürlichen Völkerstraßen und waren für die Besiedlung von hoher Bedeutung. Am Untermain und Mittel­rhein wirken sich die Richtungskräfte von Norden nach Süden und von Osten nach Westen und umgekehrt am stärksten aus. Keine andere Gegend Mitteldeutschlands ist für den Verkehr günstiger als das untere Maintal. Denn infolge seiner vielen Windungen verknüpft der Main ganz Franken (bis hin zum Böhmerwald) mit dem Rhein. Er weist auch durch seine Seitentäler nach anderen Landschaften, so durch das Kinzigtal nach Thüringen und Mitteldeutschland, durch die Wetterau zur westhessischen Senke. In keinem Gelände des deutschen Mittelgebirges findet man so viel sammelnde Kraft und Aufgeschlossenheit wie im Untermaintal.

Die ebenfalls sehr alte „Hohe Straße“ eini­ge Kilometer nördlich von Dörnigheim war von der Witterung unabhängiger als die im Herbst und Frühjahr vom Hochwasser be­drohte Straße in der Niederung am Main. Sie führte von Bergen über die „Große Lo­he“ und oberhalb von Wachenbuchen in Rich­tung Osten und war im 14. Jahrhundert der Gegend die bedeutendste Handels­straße für Wirtschaftsgüter. Heute ist sie nur noch ein breiter Feldweg.

Von mehr regionaler Bedeutung war die zwischen der „Frankfurt‑Leipziger‑Straße“ und der „Hohen Straße“ gelegene „Geln­häuser Poststraße“, bekannter als „Kinzig­straße“. Sie kam von Frankfurt und ging durch Bischofsheim und Hochstadt nach Gelnhausen. Sie besteht zwar noch, hat aber ihre wesentliche Bedeutung verloren.

 

Die Frankfurter -Leipziger Straße:

Der Verlauf der alten Straße hat sich immer wieder leicht verändert durch die Umgehung schwieriger Stellen Endlich erfolgte um 800 unter Karl dem Großen ihr Ausbau zu einer wichtigen Heer‑ und Fernhandelsstraße. So wurde sie „des Reiches Straße“, die „via regia“, die Königsstraße. Für einen Herrscher und Feldherrn wie Karl den Großen waren gute Straßen von großer Bedeutung. Sie ermöglichten nicht nur das Reisen des Königs in seine Gaue oder zu fernen Kriegsgebieten, sondern dienten insbesondere dem Handel.

Als die fränkischen Herrscher an die Macht ka­men, unterwarfen sie die bereits vorhande­ne Bevölkerung und zwangen sie, sich um die neu errichten Herrenhöfe anzusiedeln. Diese Herren‑ oder Fronhöfe entstanden in bestimmten Etappen entlang der großen Straßen. Sie dienten deren Sicherung und boten Reisenden auch Unterkunft und Schutz.

Schon 900 wird eine Straße erwähnt, die aus Thüringen durch Dörnigheim nach Frankfurt führt. Im sogenannten Weistum von 1366 wird zum erstenmal in schriftlicher Form von dem Schöffengericht berichtet, das „unter der Linde im Dorf zu Dörnigheim an der offenen Straße“ tagte. „Offene Straße“, das sollte heißen, daß die Straße nicht durch das durch zwei Tore abgeschlossene Dorf führte, sondern daran vorbei In späteren Zeiten hieß sie bei den Dörnigheimern die „alte Straße“.

Unter den seit dem frühen Mittelalter bekannten großen Straßenzügen in Deutschland bildet die vom Mittelrhein (Mainz) und Frankfurt am Main, über Dörnigheim nach Thüringen und Leipzig führende „Königsstraße“ ein bedeutendes Bindeglied. Von Frankfurt als einem Handels- und Kulturzentrum führten Straßen den Rhein entlang über Mainz und Worms nach Frankreich, nach Köln und in die Niederlande, südwärts über Darmstadt und Heidelberg zum Bodensee und nach Osten durch den Spessart nach Aschaffenburg, Würzburg, Nürnberg und weiter.

Eine Straße ging von Frankfurt nach Thüringen und über Eisenach und Gotha nach Erfurt; das im Mittelalter zu den bedeutendsten deutschen Städten gehörte. Sie verlief weiter über Weimar, Jena, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig. Hier war ein wichtiges Straßenkreuz, von dem aus Berlin und die Ostsee erreicht wurden. Nach Osten führten Straßen über Dresden nach Krakau, südöstlich nach Prag, südwärts nach Nürnberg, Augsburg, München und weiter nach Wien. Von der großen Straße zweigten zahlreiche kleinere ab, um die Verbindungen mit dem Hinterland herzustellen.

Der wichtigste Abschnitt der Frankfurt / Leipziger Straße führte über Dörnigheim bis Fulda. Er umfaßte eine Entfernung von über 100 Kilometern und damit etwa ein Drittel der Gesamtstre>Dörnigheim verdankt seine Entstehung auch der großen alten Straße von Frankfurt nach Leipzig. Hier war die letzte Raststation vor der Frankfurter Stadtgrenze. Die Straße galt bereits im Mittelalter als öffentliche Landstraße. Allein für die tägliche Versorgung der Stadt Frankfurt aus dem Umland war sie sehr wichtig. Die bereits im Jahre 1330 eingerichtete Frühjahrs‑ oder Fasten­messe, aber auch der Pferdemarkt und die Weinmesse, brachten durch den An‑ und Abtransport der Waren ein hohes Verkehrsaufkommen mit sich.

Bedeutend im historischen Sinne wurde der Ort jedoch nicht, lag er doch zwei Stunden von Frankfurt im Westen und gar nur eineinhalb Stunden von Hanau im Osten entfernt. So taucht er in keinem der Bücher über die alte Straße auf und wird in keinem Reisebericht der schreibenden Persönlichkeiten erwähnt; weder von Goethe noch von Bettina von Arnim, weder von Schopenhauer noch von Luther. Sie alle haben nachweislich diesen Teil der Straße benutzt. Aber: „...machte Station in Hanau und erreichte dann Frankfurt....“ oder „...man verließ Frankfurt in den Morgenstunden und wandte alsbald Hanau den Rücken“.

Außer von den Gasthöfen wurde das Bild des Dorfes „an der Straße“ geprägt von Schmie­den und Wagnerwerkstätten. Auch sie boten den Durchreisenden ihre Dienste an. Pferde mußten beschlagen, Saumzeug und Reitsättel gerichtet und ausgebessert werden, war doch die stark genutzte „Alte Straße“ fast immer in einem kläglichen Zustand, so daß Pferde und Fuhrwerke litten.

Es waren die einfachen Leute, die im Dörnigheim der früheren Zeit Halt machten: Fuhr‑ und Kaufleute, die zu den Märkten und Messen nach Frankfurt fuhren. Bauern aus dem Kinzigtal, die in langen Wagenkolonnen Heu und landwirtschaftliche Erzeugnisse in die Mainmetropole brachten, aber auch Gaukler, Mönche und Bettler. Sie wollten noch preiswert übernachten, bevor sie am nächsten Morgen früh nach Frankfurt hineinfuhren, denn Frankfurt war auch in alten Zeiten ein teures Pflaster.

 

Grenzort Dörnigheim

Dörnigheim kam allmählich eine be­sondere Bedeutung als Ort an der östlichen Grenze des Reichsforstes Dreieich zu. Die­ser königliche Wildbannbezirk umfaßte nördlich des Mains das Gebiet zwischen der Niddamündung bis Vilbel, und von dort nach Süden der Linie des Hoch­waldes und der Braubach folgend wieder zum Main. Dörnigheim östlich der Braubach ge­hörte nicht mehr zu diesem Jagdgebiet. Es lag auch außerhalb des um 1150 festgeleg­ten Gelnhäuser Forstes, der bei Dörnig­heim einen schmalen Zugang zu dem Reichsforst Dreieich hatte. Zudem bildete die Braubach die Grenze zwischen dem Niddagau (Nitachgowe) im Westen und dem Maingau (Moynachgowe) im Osten, die wiederum nach Norden an die Wetter­au (Wetereiba) grenzten. Während Dörnig­heim zum Maingau gehörte, befand sich das benachbarte Bischofsheim im Nidda­gau und Hochstadt in der Wetterau.

Auch diesem Umstand verdankt Dörnig­heim seine Entstehung. Zunächst wurde in einem umgrenzten Gebiet auf einer klei­nen Anhöhe oberhalb des Maines eine klei­ne Schutzkirche errichtet. Ihr folgte der ge­genüber liegende Herrenhof. Der zuerst erwähnte Wolfbodo - vermut­lich ein Königsfreier unter Karl dem Gro­ßen - und seine Nachfolger waren nun auf ihrem Gebiet für diesen Streckenab­schnitt der Straße verantwortlich.

Mit der örtlichen Konzentration von Nahrungsmit­teln und anderen Gütern des täglichen Ge­brauchs mehrte sich auch die Begehrlich­keit der Nichtseßhaften, Überfälle und Diebstähle waren an der Tagesordnung. Die weiter im Hinterland liegenden Ort­schaften waren nicht so ständig und unmittelbar von den plündernden und mordenden Soldaten und Räubern bedroht wie das kleine Dorf Dörnigheim an der strategisch wichtigen, von We­sten nach Osten führenden Straße.

Um diese Zeit begannen auch die Dörnig­heimer mit dem Bau einer Wehrmauer. Sie war besonders wichtig zum Schutz der Reisenden, die ihre Waren nach Frankfurt lieferten. Mit dem Bau der Wehrmauer wurde die alte Straße durch den Ort hin­durch geführt und der außerhalb der Mau­er verlaufende Straßenabschnitt verödete.

Eine untergeordnete Bedeutung für die al­te Straße wird die Fähre über den Main zwischen Dörnigheim und Mühlheim ge­habt haben. In dem Weistum von 1366 wird sie besonders hervorgehoben. Sie wurde zu Lehen gegeben und niemand, außer dem Fährmann, durfte an dieser Stelle gegen Bezahlung die Reisenden über den Main über­setzen.

 

Postlinien:

Ende des 18. Jahrhunderts verkehren zwischen Frankfurt und Leipzig drei verschiedene Postlinien. Die „Fahrende Post“ fuhr über die Strecke Frankfurt, Friedberg, Grünberg, Alsfeld, Hersfeld, Berka, Eisenach, Gotha, Erfurt, Buttstädt, Auersädt, Naumburg nach Leipzig.

Sie ging montags und freitags früh von Frankfurt ab und kam freitags oder dienstags am Nachmittag in Leipzig an, benötigte also für die 40 Meilen (300 Kilometer) lange Strecke fünfeinhalb Tage.

Die „Reitende Post“ und auch die „Extrapost“ nahmen den kürzeren Weg über die Kinzig­straße nach Hanau, Gelnhausen, Salmünster, Schlüchtern, weiter über Neuhof. Fulda, Hünfeld, Vacha, Berka bis nach Eisenach, von wo aus sie die gleiche Strecke benutzten wie die „Fahrende Post“. Die „Reitende Post“ verließ Montag, Dienstag, Freitag und Samstag Frankfurt am Abend, und von Leipzig kamen die Postreiter Montag, Mittwoch, Donnerstag und Sonnabendvormittag in Frankfurt an.

Schon 1690 hatte das Kurfürstlich Sächsische Ober-Postamt zu Leipzig nach Frankfurt am Main eine „geschwinde fahrende Post“ eingerichtet. Sie fuhr zweimal wöchentlich und konnte sechs Personen mit Gepäck befördern. Die Fahrtkosten betrugen vier Groschen die Meile, also von Leipzig nach Frankfurt, sechs Taler und 16 Groschen.

 

Das Geleit für Kaufleute

Bei durchziehenden Trup­pen hatte der Herr von Dörnigheim keine Chance. Dann erhielt er Hilfe aus Hanau. Beim Durchzug böhmi­scher Reiter im Jahre 1567 heißt es: „Heute ist der Landsknecht Kaspar Mauß in die Dörfer des Bücherthals geschickt worden. So ist der kleine Sebastian gen Dörnig­heim, bis die Reuter vorüber waren, beor­dert worden. Er sollte die Unterthanen ver­mahnen, die Reuter so gut als möglich auf­zunehmen und dafür zu sorgen, daß die abziehenden Reuter die armen Leut ziem­lich (= angemessen)] bezahlen“ (Emil Zimmer­mann). Es handelt sich hier um böhmische Truppenteile, die das spanische Heer unter dem Herzog Alba in seinem Kampf gegen die Niederländer unterstützen sollen.

 

Als die kriegerischen Ereignisse immer mehr zunahmen, wurde Dörnigheim 1587 verpflichtet, zum Schutz der Grafschaft Hanau „wehrhafte Männer“ bereit zu halten, darunter 43 Büchsenschützen und sieben Federspießer. Wann und wie sie zum Einsatz kamen, wird nicht berichtet.                     

Eine Bereicherung des farbenfrohen Bil­des auf der Straße boten die zu den Fürs­tentagen oder Kaiserkrönungen reisenden Herrschaften mit ihrem Gefolge. Dann stand wohl die Bevölkerung an den Stra­ßenrändern, um das Aufgebot zu betrach­ten.

Im Jahre 1745 war es die durch ihre jugendliche Schönheit begeistert bejubelte Maria The­resia. Sie kam in Begleitung ihres Ge­mahls durch Dörnigheim, als das Paar am 24. September 1745 dem Hanauer Grafen im Schloß Philippsruhe einen Besuch ab­stattete. Beide hielten sich zu dieser Zeit mit ihrem Hofstaat in Frankfurt auf, wo Franz I. am 13.September gewählt und am 4. Oktober zum Kaiser gekrönt wurde.

Zusätzlicher Verkehr entstand durch die Ausweisung als Geleitstraße. Die Stadt Frankfurt gewährte Kaufleuten bis zum 16. Jahrhunderts ein Geleit mit bewaffneten Begleitern bis Dörnigheim. Dafür waren Abgaben zu leisten, die Kaufleu­te oft zu umgehen suchten, indem sie einfa­chere Nebenstraßen benutzten.

Im Jahre 1609 wird zum ersten Mal ein Wegegeld erwähnt, das vor den Toren des Dorfes von durchfahrenden Kaufleuten erhoben wurde. Mit den Straßenzöllen, die zunächst Wege- ­oder Pflastergeld genannt wurden, sollten Ausbesserungen an den stark befahrenen Straßen durchgeführt werden, die sich, nach Aussage von jeweiligen Zeitgenos­sen, so gut wie immer in sehr schlechtem Zustand befand.

Im Jahre 1722 gab die Hanauer Behörde eine Bestim­mung über die Benutzung öffentlicher We­ge heraus (Zimmermann). Demnach durfte kein Fuhrmann mehr als 60 Zentner laden. Es sollte auch nicht in der Spur des voraus­gefahrenen Fuhrwerks gefahren werden, sondern daneben. Nach einem Abgabenka­talog von 1733 waren für ein Pferd am Wa­gen 1 Albus (2 Kreuzer), für ein Kuppel­pferd oder Ochsen 6 Heller, für eine Kuh oder Rind 4 Heller und für ein Kalb, Ziege oder Schaf 2 Heller zu zahlen (Zimmer­mann).

Im Jahre 1780 wurde endlich die „Chaussee“ - wie die Landstraße nun genannt wurde -von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim bis zur Mainkur „eine Steinbahn gelegt“, wie es heißt. Nach dem Vorbild der schnurgeraden, vorbildlich ausgebauten Straßen in Frank­reich, erhielt sie zu beiden Seiten Abflußgräben und Schatten spendende Bäume. Das waren teilweise Pappeln, aber auch Kirschbäume, deren Erträge jährlich ver­steigert wurde. Zehn Jahre später beschwerte sich Dörnigheim in Hanau über eindringendes Wasser in die Keller und verlangte eine Abänderung des Chauseegrabens (Bürgermeisterrechnung).

So wie viele andere große Heerstraßen, wurde die alte Straße auch unter französi­scher Besatzung (1800 – 1813) instand gesetzt. Die Weg­ränder wurden teilweise mit schnellwach­senden Pappeln bepflanzt, um marschie­renden Soldaten Schatten zu spenden.

 

Wirtschaftsfaktor Straße

Doch nicht nur die Straße selbst veränder­te im Laufe der Jahre ihren Charakter, sondern auch die Verkehrsmittel. Längst waren die schweren, mittelalterlichen Erntewagen leichteren Nachfolgern gewi­chen. Der Frankfurter Bürgermeisterbote, der im 15. Jahrhundert auf hölzernen Stel­zenschuhen durch den Straßenschlamm von Frankfurt nach Hanau unterwegs war, gehörte der Vergangenheit an.

Noch immer waren die meisten Menschen zu Fuß unterwegs, man sah aber auch Rei­ter und täglich fuhren Postkutschen durch Dörnigheim und beförderten Briefe, Pake­te und Reisende nach festgelegten Fahrplä­nen. Als im Jahre 1848 die Eisenbahnstre­cke von Frankfurt nach Hanau gebaut wurde, fürchteten die Frankfurter Lohn­kutscher um ihre Einnahmen und protestierten. Die technische Entwicklung war jedoch nicht aufzuhalten. Schon sah man die ersten Fahrradfahrer im Straßenver­kehr. Zuerst noch ohne Tretkurbel, dann mit. Eiserne Räder mit Speichen und Vollgummireifen ersetzten bald die Holzräder. Mit den Verbesserungen ging es rasant weiter.

Im Jahre 1872 hatte Dörnigheim 1.000 Ein­wohner, die mehr oder weniger mit und von dem Verkehr lebten. Fast alle Gast­häuser entlang der innerörtlichen Frankfurter Straße waren noch in Betrieb. Noch hatten die Hufschmiede und Sattler ihr Auskommen. Aber schon fuh­ren die ersten Motorräder mit 20 Kilometer pro Stunde durch den Ort. Kurze Zeit später folgten die ersten Auto­mobile. Als die Dörnigheimer Schmiede noch Werbung für Kutschen machte, wur­den an anderer Stelle schon die ersten Zapfsäulen für Benzin aufgestellt. Wäh­rend die einen noch Sättel für Reiter und Pferdekutschen anboten, verkauften die anderen schon Fahrräder und Motorräder. Das Gasthaus „Frankfurter Hof“ warb für sich bereits als Haltestelle für Autos, Rad­fahrer und Fuhrwerke aller Art.

Im Jahre 1926 setzte Bürgermeister Karl Leis im Gemeinderat den Anschluß an die seit 1875 bestehende Wasserleitung vom Vogelsberg nach Frankfurt durch. Die Hauptleitung folgt auch heute noch der Frankfurt‑Leipziger‑Straße in ihrem südlichen Abschnitt durch Dör­nigheim. Bei der Verlegung stießen die Handwerker in der Frankfurter Straße auf Reste eines Napoleonischen Knüppel­damms.

Noch waren Bauernfuhrwerke mit Pferd und Wagen auf der Landstraße unterwegs, aber immer häufiger wurden sie von Autos überholt. Als Hitler 1933 an die Macht kam, gehörte zu seinen ersten Aufgaben der Ausbau der Straßen. Getarnt unter dem Deckmantel der Arbeitsbeschaffung, ge­hörten sie jedoch bereits den Vorbereitun­gen auf einen Krieg.

 

Neue Straßennamen wurden notwendig im 19.Jahrhundert:

Da in Dörnigheim die bedeutungslos ge­wordene Wehrmauer teilweise bereits ge­fallen war, gab es keinen Grund mehr für die Ortsdurchführung der Alten Straße. So wurde die vormittel­alterliche Trassenfüh­rung außerhalb der Mauer wieder herge­stellt. Durch die Bebauung waren für die alte Straße im Gemarkungsbereich von Dörnigheim Straßennamen notwendig ge­wor­den. So hieß der Abschnitt von der Mainkur bis zum alten Dorf „Frankfurter Landstraße“, entlang der alten Wehrmau­er führte die „Lindenstraße“ und im Anschluß daran die „Hanauer Landstraße“.

Der alte Name „Frankfurter Straße“ - ur­sprünglich für die gesamte Strecke von Frankfurt bis Dörnigheim gebräuchlich - wurde nur noch für die Strecke im alten Dorf verwendet, die nun ihre jahrhunder­telange Bedeutung verloren hatte. Wäh­rend des Dritten Reiches wurde sie für ein paar Jahre in „Adolf‑Hitler‑Straße“ umbe­nannt, erhielt aber nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ihre alte Bezeichnung.

 

Scharfe Kurve:

Die alte Reichsstraße umzubauen, um mehr Verkehr hindurchzuführen, ist wahrlich keine neue Idee der damaligen Verkehrsplaner in den siebziger Jahren. Denn schon 1936 war hiervon die Rede. Dazu titelte das „Hanauer Stadtblatt“ am Freitag, 3. Juli 1936: „Im Zeichen des modernen Schnellverkehrs“ und meldete „die berüchtigte S-Kurve in Dörnigheim verschwindet.“

Hier ein Auszug des Beitrags, wie die Situation in der Mitte der dreißiger Jahre gesehen wurde: Ungezählte Automobilisten und Fuhrleute werden es mit Freuden begrüßen, daß endlich, nach einer Zeit langen Wartens, die berüchtigte S-Kurve in der Gemeinde Dörnigheim durch großzügige Maßnahmen verschwindet. Zahllose Unfälle hatten sich in dieser Kurve ereignet, deren große Zahl auch durch strenge, den Verkehr regelnde Maßnahmen nur unbedeutend herabgedrückt werden konnte.

Das Wohnhaus, welches das Hauptverkehrshindernis bildete und eine gerade Linienführung der Straße unmöglich machte, ist jetzt bereits abgerissen. Damit ist eine schöne, freie Durchfahrt durch die Lindenstraße geschaffen worden, die einen der Gefahrenpunkte der Reichsstraße Frankfurt-Hanau gänzlich beseitigen wird.

Diese Straße wird in diesem Jahre anläßlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit größter Wahrscheinlichkeit einen außerordentlich starken Schnellverkehr zu bewältigen haben (und das alles 1936, es ist kaum zu glauben). Man kann deshalb die Streckung der berüchtigten Dörnigheimer S-Kurve als einen wohlgelungenen und rechtzeitigen Beitrag zur Schaffung einwandfreier Verkehrsverhältnisse und der Erzielung der unbedingt zu fordernden Sicherheit aller Straßenbenutzer bezeichnen.“

Als sich die 50 Jahre alte Witwe Fitzenberger aus Fechenheim am Mittwochnachmittag mit dem Fahrrad auf dem Wege nach Hanau befand, kam sie in der gefährlichen Kurve in Dörnigheim zu Fall und wurde von einem Lastkraftwagen überfahren. Sie erlitt dabei so schwere Verletzungen, daß sie bald nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus starb. Dies ist nur einer von unzähligen schweren Unfällen mit Todesopfern, die sich immer wieder an dieser Stelle ereignet hatten.

 

Zweiter Weltkrieg:

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch das vorläufige Ende der Frankfurt­-Leipziger-Straße. Die alliierten Eroberer teilten Deutschland in Zonen auf. Das Ende der alten Straße gelangte damit in die Ost­zone, während die längere Strecke in der Westzone lag, zu der auch Dörnigheim ge­hörte. Die Zonengrenze lag vor Erfurt, bei Herleshausen.

Nach dem Krieg waren es zuerst die Eva­kuierten, desertierte oder entlassene deut­sche Soldaten, die befreiten Gefangenen aus den Konzentrationslagern, ehemalige Zwangsarbeiter und Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten, die zu Fuß, mit Handwagen und Kinderwagen oder mit Fahrrädern die Straße bevölker­ten..

Und dennoch ‑ das Leben ging weiter. Er­staunlich schnell kämpften sich die Men­schen durch den normalen Alltag. Die alte Heerstraße wandelte sich wieder zur Han­delsstraße. Nun waren es abgeklopfte Stei­ne aus den Trümmern der nahen Großstäd­te, die man zum Wiederaufbau brauchte. Aber auch lange entbehrte Lebensmittel rollten in zunehmend mächtigeren Last­kraftwagen durch Dörnigheim.

Für Dörnigheim selbst hatte nun die alte Straße als Durchgangsstraße von West nach Ost keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Schmiede, Wagner, Sattler und Gasthäuser hatten ausgedient. Stattdessen gab es nun ein florierendes Ge­schäft mit Großtankstellen der verschie­densten Gesellschaften. Der Autoverkehr nahm zu. Schon klagten die Anwohner der großen Durchgangsstraße - die jetzt Bundesstraße 8 / 40 genannt wurde -über den Lärm bei Tag und Nacht. Aber neu ent­standene Betriebe und Einzelhandelsge­schäfte mußten beliefert werden. Immer öfter führte das rege Treiben auf der Stra­ße zu Verkehrsunfällen. Das Leben wurde schneller und hektischer.

 

Kennedydurchfahrt 1963:

Im Jahre 1963 fuhr der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy im offenen Wagen zusammen mit Bundeskanzler Ludwig Erhardt und Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn durch die damalige Lindenstraße (die nur der Abschnitt von der Hasengasse bis zur Bahnhofstraße umfaßte).

Kennedy kam von seinem Truppenbesuch im Fliegerhorst Langendiebach. In Zeiten des Kalten Kriegs galt es, im Rahmen des Truppenbesuchs vor 15.000 Soldaten militärische Präsenz und Stärke zu zeigen. Für die Dörnigheimer war es ein Glücksfall, daß der Weg zwischen dem Fliegerhorst und Frankfurt im offenen Auto zurückgelegt wurde.

Etliche Zeitzeugen erinnern sich noch an die Begeisterung, die entlang der damaligen B 8 in Dörnigheim herrschte. Auf der Straße, an den Fenstern und sogar auf Dächern standen die Menschen und winkten Kennedy zu. Die Gemeindeverwaltung hatte die Schlaglöcher in der Straße ausgebessert und entlang der Strecke gründlich aufgeräumt. Für die Schüler war es ein schöner Schultag, da diese zum Winken durften und schulfrei hatten.

Der Anziehungskraft des beliebten Präsidenten hat sich jedoch auch in Dörnigheim kaum jemand entziehen können. Schon in Höhe der Firma Honeywell jubelte fast die gesamte Belegschaft, die aus diesem Anlaß extra freigestellt wurde. Der Jubel zog sich durch ganz Dörnigheim und weiter nach Frankfurt. Die 20 Kilometer vom Fliegerhorst bis nach Frankfurt standen die Leute Spalier. Alles war auf den Beinen. Es müssen Hunderttausende gewesen sein, eine ganze Generation.

Kennedys Deutschlandbesuch war ein Ereignis, welches die Westdeutschen in nie gekannte Begeisterung versetzte. Es war dies aber keinesfalls ein medial angeheiztes „Event“; das Fernsehen steckte damals noch in den Kinderschuhen, und die „bunten Blätter“ erschienen meist noch in Schwarz-Weiß und meist erst nach dem Ereignis.

Diese Begeisterung entsprang einer echten Überzeugung. Mit John E Kennedy war 1961 ein US-amerikanischer Präsident angetreten, der für viele Deutsche eine Zäsur verkörperte. Nicht nur, daß der attraktive junge Mann - Kennedy war Jahrgang 1917, also damals gerade in den Vierzigern - bei der weiblichen Bevölkerung gut ankam. Er stand auch für eine neue Generation in der amerikanischen Politik. Wenngleich selbst noch Weltkriegsteilnehmer, so repräsentierte er für viele, besonders ältere Deutsche nicht mehr den Sieger, den „Besatzer“ wie sein Vorgänger, General Dwight D. Eisenhower. Kennedys Ausstrahlung, die bald charismatische Züge annahm, spiegelte sich zumindest in der westlichen Welt in einer offen gezeigten Sympathie.

Kennedy wurde, keine Frage, zu einem Idol der Deutschen. Dies ging im anhaltenden Kalten Krieg und vor dem Hintergrund der deutschen und der europäischen Teilung einher mit der von den meisten Menschen in Westdeutschland als durchaus real empfundene Bedrohung durch den kommunistischen Osten. Und gerade in Hanau, das in den sechziger Jahren geprägt war von einer gewaltigen Militärpräsenz und zeitweise die größte amerikanische Garnison außerhalb der USA war, kamen sich Deutsche und Amerikaner besonders nahe.

Kennedys Image war aber nicht nur von seiner Jugendlichkeit geprägt, sein legendärer Ausspruch: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, frage lieber, was Du für Dein Land tun kannst!“ fand auch in Deutschland damals breite Zustimmung. Vor allem aber hatte er mit seinem entschlossenen Auftreten in der Kuba-Krise im Herbst 1962, als er den Abzug sowjetischer Raketen von der Zuckerinsel erzwang, in der westlichen Welt politisch gepunktet. Und gerade an militärstrategisch so neuralgischen Punkten wie entlang der „Fulda Gap“ zwischen Hanau und der Zonengrenze - also jener anzunehmenden Einfallschneise sowjetischer Truppen im Kriegsfall - war man besonders feinfühlig für solche weltpolitischen Signale.

Daß Kennedy allerdings auch für heutige Medienverhältnisse geradezu eine Fundgrube für allerlei Geschichten gewesen wäre, dies tat damals seinem Bild keinerlei Abbruch. Die Illustrierten fanden im US-Präsidenten nicht nur wegen seiner attraktiven Ehefrau Jacqueline Kennedy und ihrer Kinder allemal ihre Geschichten. Auch der Präsident selbst lieferte Schlagzeilen. Je nach Standpunkt - bieder oder reißerisch - wurde darüber berichtet.

Während die brave „Bunte Illustrierte“ über das Familienleben im Weißen Haus berichtete, thematisierten die legendäre und heute nicht mehr existierende „Quick“ sowie der „Stern“ schon einmal Kennedys Vetternwirtschaft (etwa sein Bruder als Justizminister usw.) und seine Vorliebe für attraktive Frauen: Seine Liebschaften waren durchaus kein Geheimnis und der schmach­­tend gehauchte Geburtstagssong „Happy Birthday Mr. President!“ der Schauspielerin Marilyn Monroe ging 1962 durch alle Wochenschauen und ließ die Spekulationen ins Kraut schießen.

Sein Tod durch einen noch immer unbekannten Attentäter im November 1963 - knapp ein halbes Jahr nach seiner triumphalen Fahrt von Langendiebach bis nach Frankfurt - schockierte die westliche Welt. Danach war alles nicht mehr wie zuvor und für all diejenigen, die dem 35. Präsidenten der USA am 25. Juni 1963 auf dem Weg über die Umgehungsstraße nach Frankfurt oder sonstwo während jenes legendären Besuchs zugejubelt hatten, war dies nur noch eine schöne Erinnerung (Werner Kurz).

Das Großereignis war übrigens schnell vorüber: Die Limousine mit Kennedy, Wirtschafts­minister Ludwig Erhard und dem Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn hat auf Dörnigheimer Boden nicht angehalten.

Es gibt mehrere Fotos von John F. Kennedys Fahrt durch Dörnigheim am 25. Juni 1963. Das eine wurde aufgenommen in Höhe der damaligen Gaststätte „Zum Frankfurter Hof“, die im Hintergrund zu sehen ist, und rechts die damalige Esso-Tankstelle Seng. Sogar das Dach der Tankstelle hatten die Menschen in Beschlag genommen, um einen Blick auf den Präsidenten zu ergattern. Kennedy steht neben Hessens damaligem Ministerpräsidenten Georg August Zinn (Mitte) und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Das Bild stammt von dem Pressefotografen Hans Winter aus Aschaffenburg. Ein anderes Bild ist von einem Privatmann und zeigt den Konvoi vor einem Haus mit Klinkersteinen. Im Stadtarchiv sind weitere Bilder von der Fahrt im Bereich der Mainkur.

In Frankfurt besichtigte Kennedy Römer und Paulskirche, hielt Reden und trug sich in das goldene Buch der Stadt ein. Die Weiterreise von Frankfurt nach Wiesbaden, wo Kennedy übernachtete, legte er im Helikopter zurück. Einen Tag später, am 26. Juni 1963, besuchte er Westberlin. Bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus sprach er auch den berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“.

In Frankfurt wurde die ehemalige Forsthausstraße zur Kennedyallee. Von der Begeisterung getragen, beschloß auch die Gemeindeverwaltung Dörnigheims, die historische Frankfurter Landstraße, Lindenstraße und die Hanauer Landstraße innerhalb der Bebauung Dörnigheims in „Kennedystraße“ umzubenennen.

 

Chronologie der Straße aus politischer Sicht

Der Gedanke einer Umgestaltung der Kennedystraße geisterte schon 1980 durch die politische Dis­kussion. Etwas konkre­ter wurde es dann im Wahlprogramm der SPD für die Kommunalwahl 1985. Dort hieß es unter den Zielen der Stadt­entwicklung, die Kennedystraße solle zu einer „attraktiven Einkaufsstraße“ um­gestaltet werden. Der Bereich zwischen Hasengasse und Bahnhofstraße sollte als moderner Orts­kern attraktiver werden. Not­wendig war aber auch eine Verbesserung der Eingangssituation vor allem von Frankfurt kommend.

Zu­nächst einmal erforderlich, die Kennedy­straße von einer Bundesstraße in eine Landes­straße umzuwidmen; denn die für eine Bundesstraße notwendige Breite hätte keinerlei Gestaltungsspielraum mehr of­fen gelassen. Das gelang nach zähen Ver­handlungen Anfang der neunziger Jahre. Genau so schwierig war die Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens für den Umbau: Weil die Ortsdurchfahrt im rechtlichen Sinne etwa Höhe des Restau­rants „Hessler“ beginnt, aber auch der eigentliche Eingangsbereich neu gestal­tet werden sollte, war ein Zu­sam­menwir­ken von Straßenbauamt und Stadt not­wendig (und das Straßenbauamt wollte damals noch lieber Straßen bauen als sie zurückbauen). Immerhin konnte das Planfeststellungsverfahren etwa im Jahr 1990 begonnen und bis Anfang 1993 abge­schlossen werden.

Damals formierten sich die „Freien Maintaler“ ‑ nicht zuletzt aus einer In­itiative von Geschäftsleuten - gegen den Rückbau der Kennedystraße unter Füh­rung des späteren Stadtrats Bernhard Schneider (der sich bei der Eröffnung übrigens für die ge­lungene, positive Umgestaltung namens des Stadtteilforums ausdrücklich be­dankte).

Im Jahre 1987 hatte die Stadt den „Frankfurter Hof“ gekauft und zum Jugendzentrum umgebaut. Mit der Eröffnung 1988 wurde auch der Platz vor dem „Frankfurter Hof“ umgestaltet (Planungen unter der Leitung von Dr. Schreiber und Jörn Wal­ter, damals Leiter des Amtes für Stadt­entwicklung und Umwelt). Dies war die erste Phase der Neugestaltung der Ken­nedy­straße und des Ortskerns von Dör­nigheim. Bis dahin führte die Straße in voller Breite auf den Platz; vor dem klei­nen Häuschen zwischen Kennedystraße und Frankfurter Straße stand ein großer Betonklotz, weil schon mehrfach Lastwa­gen ins Haus gedonnert waren.

Der nächste Bauabschnitt ‑ zwischen Querspange und Backesweg ‑ begann erst 1994. Vorangegangen waren Ver­handlungen mit dem Land über die Fi­nanzierung, wobei Ulrich Steeger und später Lothar Klemm als Verkehrsminister ein Machtwort spre­chen mußten. Vorangegangen war auch der gescheiterte Versuch der Freien Maintaler, nach der Kommunalwahl noch einmal die ganze Planung in Frage zu stellen; schließlich waren sie ja mit ihrer Gegnerschaft gegen den Umbau ins Rathaus gespült worden (Dr. Walter Unger).

 

Als im Oktober 1990 die deutsche Wieder­vereinigung die Grenze nach Osten öffne­te, war die Zeit der Frankfurt‑Leipziger Straße als Heer- und Handelsstra­ße bereits vorbei. Viele gleichrangige Straßen minderten ihre Bedeutung, Auto­bahnen veränderten das Verkehrsverhal­ten. Auch im Norden von Dörnigheim, das 1974 ein Stadtteil von Maintal geworden war, gab es jetzt die Autobahn A 66.

Eine Studie der Firma Shell von 1999 prog­nostizierte einen Anstieg bei Personenau­tos in Deutschland von damals 42 Millio­nen auf 51 Millionen im Jahr 2020. Die Pkw‑Dichte würde sich bis dahin von 625 Autos pro 1.000 Erwachsene im Jahr 1997 auf 690 Pkw erhöhen. Das bedeutet für die Anwohner der alten Straße eine unerträg­liche Zunahme an Lärm und Abgasen. Schadstoffarme Fahrzeuge, leisere An­triebsmöglichkeiten und eine geräusch­dämpfende Fahrbahndecke könnten in Zu­kunft eine Entlastung bringen. Wenn ein weiterer Abschnitt der Kennedystraße ausgebessert wird, so ist dies ein weite­rer Abschnitt in der historischen Entwick­lung einer Straße

Insgesamt gesehen hat die so bedeutungsvolle „Alte Straße“ dem Ort nicht den gleichen Wohlstand gebracht wie so vielen an ihr gelegenen Städten. Dörnigheim führt ein von der Straße unabhängiges Eigenleben. In den letzten Jahren wurden Umgehungsstraßen gebaut, um den Ort von dem durchfließenden Verkehrsstrom zu entlasten, aber der ständig zunehmende Autoverkehr wird auch in Zukunft nur schwer von der Alten Reichsstraße zu verbannen sein.

 

Weihnachtskrippe auf der Kennedystraße:

Ochs und Esel, Maria und Joseph, das Kind im Futtertrog: Am Sonntag, dem 12. Dezember 2004, wurde im Rahmen des Dörnigheimer Weihnachtsmarkts die Dörnigheimer Weihnachtskrippe aufgebaut. „In unseren Häusern bauen wir Krippen auf, um zu sehen, wie Jesus vor rund 2000 Jahren geboren wurde. Seine Eltern waren unterwegs und fanden in Bethlehem keine Unterkunft. Im Stall kam Maria mit dem Kind nieder. Das hätte in Dörnigheim auch passieren können“, erinnert Pfarrer Martin Streck. „Durch den Ort führt die Handelsstraße. Viele Menschen zogen durch Dörnigheim. Maria und Joseph hätten auch dabei sein können. Jesus ist geboren, um uns Menschen dort nahe zu kommen, wo wir leben.“

So sei die Idee zur Dörnigheimer Weihnachtskrippe entstanden. Das Leitmotiv lautet: „Jesus in Dörnigheim“. Am dritten Advent wurde die Dörnigheimer Weihnachtskrippe im Gottesdienst um 10 Uhr eingeweiht. Vor der Kulisse Dörnigheimer Fachwerkhäuser - in einem Nachbau der alten Heck'schen Schmiede aus der Frankfurter Straße - wurde die Krippe aufgebaut.

Mit diesem Höhepunkt begann die Evangelische Kirchengemeinde das Jubiläumsjahr in der Alten Kirche am Main. Im Jahre 1705 wurde der barocke Umbau der alten Kirche am Main abgeschlossen. Er gab der Dörnigheimer Kirche ihre heutige Gestalt. Mit einer bunten Reihe von Veranstaltungen feierte die Evangelische Kirchengemeinde unterstützt vom Historischen Kulturkreis Dörnigheim und dem Kultur- und Musik-Verein Dörnigheim in diesem und im kommenden Jahr dieses Jubiläum.

Am Wochenende war die Kirche wegen des Dörnigheimer Weihnachtsmarktes geöffnet. Der Eine-Welt-Laden der Evangelischen Kirchengemeinde bot schöne und nützliche Dinge aus aller Welt an, die fair hergestellt und gehnadelt sind. Am Sonntag fand um 16 Uhr ein „offenes Singen“ zum Advent statt, bei dem man sich Lieder wünschen konnte. Um 18 Uhr trat der Chor „Celebrate“ mit einem Gospelkonzert in der Kirche auf.

Von einigen Beispielen für Fremde, die auf der Straße kamen, berichtet das Lutherische Kirchenbuch in Hochstadt, denn wenn die Mutter lutherisch war, hat dann der lutherische Pfarrer aus Hochstadt das Kind getauft. Es verstarben also nicht nur Menschen auf der Straße, sondern es wurden dort auch Kinder geboren von Müttern, die mit der Geburt wohl noch nicht gerechnet hatten. So wurde am 17. Juli 1745 auf der Straße vor Dörnigheim den Eheleuten Johann Georg Praul und seiner Frau Barbara Elisabeth aus Steinau an der Straße das Kind Georg Philipp Praul geboren. Paten wurden gewissermaßen die Anlieger des Geschehens, der Gastwirt Johann Georg Stein und Johann Philipp Lattey, der Wegegelderheber.

Bei fremden Personen mußte auch schon einmal der Schultheiß seine Wohnung für eine Entbindung zur Verfügung stellen. So wurde am 13. Februar 1787 im Haus des Schultheißen Lapp eine Tochter der Anna Catharina Degeter geboren. Sie kam aus der Gegend von Kassel. Als Vater des Kindes hat sie freiwillig angegeben einen Herrn Ludorff, Rittmeister unter dem Hessischen Corps des Landgrafen zu Hessen-Cassel. Die Taufe fand wohl auch im Haus des Schultheißen statt, denn seine älteste Tochter wurde dann auch gleich noch Patin. In einem anderen Fall stellt die Hebamme Eckstein ihr Haus zur Verfügung (Leserbrief von Peter Heckert).

 

Wappen: Das Dörnigheimer Gerichtssiegel aus dem 18. Jahrhundert

Das Original des Dörnigheimer Gerichtssiegel findet sich auf ei­ner Urkunde aus dem 18. Jahr­hundert. Abgebildet ist ein von zwei Lorbeerzweigen umkränz­tes „E“. Es befindet sich heute im Original auf einer Dörnigheimer Urkunde im Marburger Staatsarchiv. Es be­steht aus einem großen lateinischen E, das von zwei Lorbeerzweigen umkränzt ist.

Das gleiche „E“ - mit einem Haken versehen – befindet sich auf einem Grenzstein, einem so­genannten Dreimärker, der auf der Hochstädter Seite ein H, auf der Wachenbuchener Seite ein W, aber auf der Dörnigheimer Seite anstelle eines D ein E auf­wies. Der frühere Dörnigheimer Lehrer Jung gibt hierfür folgen­de Erklärung: Die drei Balken des E deuten auf die drei Parteien, die Besitzrechte in Dörnigheim hatten: St. Jakob zu Mainz, die Grafen von Hanau und die Schöffen und der Schultheiß von Dörnigheim. Der senkrechte Balken im Zeichen deutet an, daß das Ganze eine Einheit darstellen soll. Der vorgesetzte Haken soll symbolisch eine Hacke darstellen, das landwirtschaftliche Gerät, mit dem sich fast jeder ausrüstet, wenn er hinaus auf seinen Acker geht.

Vielleicht hat Jung recht mit seiner Deutung. Dem geschichtlichen Tatbestand entspricht sie auf alle Fälle. Es waren tatsächlich durch all die Jahrhunderte die genannten drei Parteien, die sich um die Hoheitsrechte in Dörnigheim stritten: zuerst die freien Bauern aus der fränkischen Zeit, auf die das freie Schöffengericht zurückgeht, dann die durch die Schenkung Wolfbodos eingeleitete Landeshoheit des Mainzer Abtes, und schließlich das aus der Vogteigerechtigkeit abgeleitete Hoheitsrecht der Hanauer Grafen, die ihre Rechte 1736 an das Haus Hessen-Kassel weiter vererbten.

Aus dem Dörnigheimer Gerichtssiegel entwickelte das Preußische Staatsarchiv zu Marburg im Jahre 1934 auf Verlangen des damaligen Dörnigheimer Gemeindevorstands den Entwurf eines Gemeindewappens und empfahl ihn der Gemeinde zur Annahme. Zu diesem Entwurf bemerkt das Staatsarchiv Marburg in einem Schreiben vorn 20. Juli 1934 an die Gemeinde Dörnigheim unter anderem noch folgendes: „Er zeigt das geminderte Wappen der Grafschaft Hanau, d.h. also statt des gesparrten Schildes einen einzelnen roten Sparren in Gold, be­gleitet unten von dem alten Dörnigheimer Gemarkungszeichen, der Marke E“.

Das Staatsarchiv ist der Ansicht, daß es sich dabei nicht um den lateinischen Buchstaben E handelt, sondern eben um ein altes Bann- und Gemarkungszeichen, wie sie am unteren Main, in der Pfalz und in Rhein­hessen ziemlich häufig auftreten. Vielfach sind die Zeichen gleich den Anfangsbuchstaben des Ortsnamens, jedoch kommen auch andere will­kürliche Formen vor, die den alten Hausmarken sehr ähnlich sind. Das Staatsarchiv würde es begrüßen, wenn sich die Gemeinde zur Annahme des Wappens in der vorgelegten Form entschlösse. Sie würde damit ein der geschichtlichen Überlieferung entsprechendes, klares und einprägsames, sowie heraldisch einwandfreies Wahrzeichen erhalten. Der Landrat lehnte es ab, die Einführung des Wappens befürworten, und so ruhte die Angelegenheit bis 1956.

Den Vorschlag des Marburger Staatsarchivs von 1934 hat das Staats­archiv Wiesbaden später mit folgender Begründung verworfen: „Wir halten den Entwurf für ausgesprochen unglücklich, da er das Dörnigheimer Ortszeichen mit einem Sparren (als dem geminderten Hanauer Wap­pen) mit 2 Rädern (als Zeichen der mainzischen Rechte in diesem Orte) kombiniert. Hier scheint uns eine unangebrachte Akzentver­lagerung vorzuliegen, denn die entscheidende politische Tradition, in der die Gemeinde steht, ist nicht die mainzische, sondern die hanauische, so daß es aus diesem Grunde unverständlich ist, das hanauische Wappen gegenüber dem mainzischen zu mindern, ja die­ses sogar noch durch Verdoppelung in besonderem Maße zu betonen. Dabei ist nicht einmal das Erzstift selbst der wichtigste mainzische Einflußfaktor im Orte gewesen, sondern das Kloster St. Jakob, das jedoch nicht durch das Mainzer Rad symbolisiert werden kann“

Das jetzige Wappen wurde am 9. Januar 1957 vom Hessischen Innenminister verliehen. Das Staatsarchivs Wiesbaden gab am 5. Dezember 1956:folgendes Gutachten über das Wappen von Dörnigheim: Das Herzstück des Wappens stellt die E-förmige schwarze Ortsmarke dar, mit der der Schwan belegt ist. Dieses Zeichen, umgeben von einem Lorbeerkranz, steht bereits in einem Dörnigheimer Gerichts­siegel des 18. Jahrhundert, ist aber noch älter, da es schon auf Grenz­steinen des 17. Jahrhunderts erscheint. Trotz seiner Gestalt, die sich einem großen E stark annähert, ist dieses Zeichen zweifelsohne nicht als Buchstabe aufzufassen, sondern als eine gegenstandslose Orts­marke, wie sie häufig im Rhein-Main-Gebiet belegt sind und öfters auch in einer um 90º gedrehten und dann gabelförmig wirkenden Form vorkommen. Der sich aus dem Fluß erhebende Schwan stellt in dieser Kombination sowohl ein örtliches wie auch geschichtliches Symbol dar, denn der Schwan war das Wappentier des Grafen von Hanau, zu deren Territorium der Ort seit dem Mittelalter gehörte. Der Fluß aber, aus dem der Schwan aufsteigt, symbolisiert den Main, an dessen Ufern Dörnigheim liegt. Es ist also aus dieser Verbindung von altüberliefertem Ortszeichen, Schwan und Fluß, ein Wappenbild entstanden, das sowohl die örtliche Überlieferung wie die landesgeschichtliche Einordnung und die Ortslage des Dorfes symbolisch darstellt und wappengerecht wiedergibt.

Die Beschreibung des Wappens lautet: „In Rot ein aus einem blauen Fluß aufsteigender silberner, blaubewehrter Schwan, auf der Brust belegt mit einer schwarzen E-förmigen Ortsmarke“.

 

Die alten Befestigungsanlagen

Die Gewalthaber jener Zeiten suchten ihr Recht nicht bei den ordentlichen Gerichten, sondern übten auf eigene Faust Vergeltung. Durch diese Fehdesucht wurden Ruhe und Frieden der Bevölkerung oft gestört. Am meisten hatten die Dorf­bewohner bei diesen Streitigkeiten zu leiden. Konnten die Feinde den Belagerten in deren Burgen nicht beikommen, so trieben sie den Bauern das Vieh von Stall und Weide, stahlen Hausrat und Feldfrucht und steckten gar die Häuser in Brand. Auch durch umherstreifendes ­Gesindel, wie es sich immer nach Kriegen auf den Verkehrsstraßen zeigte, wurde die Ruhe der Dörfler gar oft plötzlich gestört. Durch Ausheben tiefer Gräben und Aufwerfen von Wällen und Schanzen suchte man dem Feind den Eintritt ins Dorf zu ver­wehren.

Kaiser Friedrich II. erlaubte im Jahre 1231 den Orten im Maingau die Anlegung von Befestigungen. Es ist anzunehmen, daß man in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts zu Errichtung von Wehrmauern schritt. Schon vor diesem Jahr 1333 war Dörnigheim durch eine Mauer geschützt, die durch Wehrtürme verstärkt war. Sie zog sich am Nordrand des Dorfes entlang von der Wingert bis zum späteren Café Rauch. Das Material lieferten das Mainbett mit seinen Schottersteinen und die benachbarten Steinbrüche von Wilhelmsbad und Dietesheim. Hinter der Mauer verlief ein Weg.

Ihre größte Höhe erreichte die Mauer etwa um 1620, nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Da wurde die Mauer auf sechs Meter erhöht. Dennoch wurde Dörnigheim mehrfach gebrandschatzt und verwüstet. Vor Plünderern konnte sich Dörnigheim zwischen 1621 und 1636 nicht erwehren. Mehrere Male wurden die Bewohner des kleinen Ortes ausgeraubt. Die Banditen, höflicher auch Truppen genannt, hatten wechselnde Nationalität.

Mit der Weiterentwicklung der Kriegswaffen allerdings nahm die Mauer mit ihren Toren und Wehrtürmen als Befestigung an Wichtigkeit ab. Im 18. Jahrhundert begann man mit ihrem teilweisen Abbruch und die Steine fanden 1752 Verwendung bei der Errichtung der Mainmauer und später beim Bau von Häusern.

Weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb lediglich das Teilstück zwischen der Schwanen- und der Kirchgasse. Noch bis in die dreißiger Jahre hinein prägte dieses Stück Mauer mit den Resten der drei Wehrtürme das Dörnigheimer Ortsbild entlang der damaligen Lindenstraße. Etwa bis 1938 bestanden noch drei halbrunde Wehrtürme, die von den alten Dörnigheimern „Rondelle“ genannt wurden

Aber auch die Wehrtürme mußten weichen, als die Lindenstraße 1938 ausgebaut wurde. Mit ihnen zusammen verschwand ein Jahr später ein anderes Wahrzeichen: die alte Dorflinde, die ihren Platz vor dem ehemaligen Obertor, an der Kreuzung der heutigen Kennedystraße mit der Schwanengasse, hatte und unter der durch Jahrhunderte hindurch das Schöffengericht getagt hatte.

Die Fragmente wurden vor Jahren unter Denkmalschutz gestellt. Es gab aber einmal Pläne einer Interessengemeinschaft, die dieses historische Zeugnis Dörnigheims zugunsten von Gewerbe und Parkplätzen abreißen wollte. De Mauer wurde (bis in die jüngste Zeit) immer wieder durchbrochen, nicht nur beim Café „Amadeus“, sondern auch weiter unten wurde 2016 ein Durchbruch geschaffen.

Am 10. September 2001 war ein historischer Moment in der Dörnigheimer Baugeschichte, meinte man in der Zeitung: Am Vormittag schlugen Bauarbeiter erste Löcher in die Dörnigheimer Stadtmauer, um einen Durchbruch zum alten Ortskern zu schaffen. Der Weg in den Ortskern wird allerdings durch das Café Amadeus führen, denn Inhaber Antonio Iacino ist derjenige, der den Durchbruch geplant und nach zähen Verhandlungen mit der Stadt Maintal nun auch erreicht hat. Sein Ziel: Ausbau seines Café-Bistros zum Straßencafé an der Kennedystraße. Bisher ist das Café nur über die Frankfurter Straße erreichbar.

Eigentlich wollten Iacino und sein Team bereits im Mai dieses Jahres an der Kennedystraße präsent sein, doch die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung und der Baubehörde des Main-Kinzig-Kreises erwiesen sich als komplizierter denn ursprünglich angenommen

der Stadt lag vor allem an einer adäquaten Berücksichtigung des Denkmalschutzes. So werde der bisherige Charakter der unter Denkmalschutz stehenden Stadtmauer erhalten bleiben. Die Durchbrüche werden sich auf drei Öffnungen - eine Eingangstür und zwei Fenster, jeweils mit Holzrahmen - von insgesamt rund vier Metern Breite beschränken, ansonsten bleibe die Mauer unangetastet.

Geplant sei allerdings eine dezente Begrünung sowie ebenfalls dezent gehaltene Leuchtreklame. Auch Blumenkübel sähe das Amadeus-Team gerne, schon um eine gewisse Abgrenzung des neuen Außenbereichs zur Kennedystraße zu erreichen. Aber hier sind die Verhandlungen noch im Gange. Klar ist jedoch, daß der Bürgersteig auf einer Breite von 1,50 Metern Fußgängern weiterhin zur Verfügung stehen wird. Der Maintal Tagesanzeiger aber meinte: „Den meisten Anwohner, denen die „tote“ Fassade ohnehin ein Dorn im Auge ist, dürften diese Entscheidung begrüßen“ (11.09.2003).

 

Die Wehrmauer hatte zwei Tore: Das Untertor - auch Frankfurter Tor genannt - sperrte zwischen Café Rauch und dem in der Frankfurter Straße gegenüberliegenden Haus den Zugang von Westen. Es soll durch drei starke Wehrbögen und einen Wehrturm gesichert ge­wesen sein. Den Eingang von östlicher Richtung verwehrte das Obertor zwischen der heutigen Wirtschaft „Adler“ (Kennedystraße / Ecke Schwanengasse) und der Bäckerei „Saladin“ (später Vonbirn).Bei der Ausschachtung zum Neubau des Backhauses stieß man auf die dicke Grundmauer, die den östlichen Torpfeiler trug. Über den Zeitpunkt der Beseitigung der beiden Tore liegen keine Angaben vor.

 

Meist lehnen sich heute Wirtschaftsgebäude und Scheunen an die Reste der alten Wehrbefestigung an. Man mit Sicherheit annehmen, daß sich früher zwischen der Mauer und den Wohnhäusern und Wirt­schaftsgebäuden ein Wehrgang hinzog, von dem aus eine aktive Ver­teidigung gegen Eindringlinge geführt werden konnte. Bis vor Aus­bruch des zweiten Weltkrieges (1938) zeigte der Mauerteil nach der „alten Straße“ drei halbrunde Wehrtürme, die von den Einwohnern Dörnigheims „Rondelle“ genannt wurden. . Es gibt nur e i n Bild von dem Rondell, das etwa gegenüber der Einmündung der Nordstraße stand.

Auffallend ist die starke Betonung der der Heeresstraße zugewandten Nordseite durch die trutzige Mauer. Die Rückseiten der Scheunen in der Haingasse, sowie die an der Ost­seite nach der Wingert zu gelegenen und Wehrmauer sowie Mainmauer überragenden Scheunen vollendeten das geschlossene Bild der Wehrhaftigkeit des Dorfes.

Im Jahre 1752 wurde die Mainmauer gebaut mit dem Ober- und Untermaintor, auch „Mainpforten“ genannt. Diese konnten durch Holz­tore verschlossen werden, die zu ihrem Schutze Strohdächer trugen. Dörnigheim hat sich von 800 bis 1800 nicht über die Wehrmauer ausgedehnt. Das erste Haus außerhalb der Befestigungsanlage war das Zollhaus an der Stelle der heutigen Raffeisenbank.

Der Westrand des Dorfes wurde durch einen Graben abgeschlossen, an dem sich eine dichte Hecke, das Gebück, entlang zog (deshalb „Haingasse“, später „Karl-Leis-Straße“). Diese Hecken waren wallähnliche Erhöhungen, die mit Sträuchern und kleinen Bäumchen dicht bepflanzt waren. Die Kronen der Sträucher waren gekappt, die Äste geschnitten, in den Boden gesteckt und untereinander derart verflochten, daß das Ganze einen lebenden undurchdringlichen Wall darstellte.

Diese Hecke wurde Teil der nach Westen vorgelagerten zwanzig Meter breiten Landwehr. Sie wird im Jahr 1300 erstmalig erwähnt. Mit ihr wollte man nur das Dorf, sondern den ganzen Gau schützen, da Dörnigheim der am weitesten Westen vorgelagerte Ort des Gaues war. Die Landwehr bestand aus einer undurchdringlichen Hecke („das Gebück“) und einem 4 bis 5 Meter tiefen Graben. Ein Teil dieses Grabens heißt heute „der alte Graben“ oder „Landgraben“, der an Stelle der heutigen Mühlheimer Straße vom Main aus nach Norden verlief und jenseits der Frankfurter Landstraße, im Backesweg (den Friedhof entlang) seine Fortsetzung fand. Gebück und Graben hatten eine Breite von etwa 20 Metern und befanden sich in etwa 150 Meter Entfernung vom Westrand des Dorfes.

Die Wände des Landgrabens stiegen recht steil hoch. Die Sohle diente als Weg für die Fuhrwerke, die die umgeschlagenen Schiffsgüter dem heutigen Anlegeplatz der Fähre weiterbeförderten. Braunkohle von Seligenstadt, Sandsteine vom Spessart, Basalt aus den Dietesheimer Brüchen und Korbweiden aus den unterfränkischen Orten Bayerns entlud man hier den Schelchen. Auch viel Floßholz durch die verhältnismäßig enge Gasse des Grabens geschleift.

Es mag oft ein häßlicher Anblick gewesen sein, wenn bei dieser Arbeit die armen drangsalierten Pferde der Hauderer sich unter den Schläger ihrer rohen Antreiber schweißbedeckt bemühten, die bis an die Achsen im Schlamm versunkenen Wagen weiterzubringen. Der Graben wurde ausgebaut.

Im ehemaligen Landwehrgraben haben sich dann die Hochstädter einen Weg zur Schiffsanlegestelle am Main gebahnt, und auf dem sie mit ihren Fuhrwerken den in Hochstadt abgebauten Kalk zu den Mainschiffen brachten. Es verschwand damit auch sein Name. Er klang nicht mehr vornehm genug. In der „Mühlheimer Straße“ wohnt es sich anscheinend besser als „Im Landgraben“ oder „An der Landwehr“.

Der Name des heutigen Backesweges rührt daher, daß man die Hecke, die sich ehemals hier befand, die „Backes­hecke“ nannte. Man nannte sie deshalb so, weil man aus ihr das Holz zum Anheizen des Gemeindebackofens holte. Dieser Backofen diente allen Einwohnern des Dorfes zum Backen Brotes. Durch das Los wurde die Reihenfolge der Benutzung. Wer dabei den Reigen eröffnete, mußte jedoch den Nachteil des Anheizens hinnehmen. Er hielt sich gewöhnlich dadurch schadlos, daß er sich aus jener Hecke sein Holz holte. So führt heute noch der an den Backesweg angrenzende Flurteil den Namen „An der Backeshecke“.

 

Das Innere des Dorfes wird beschrieben in „Rundgang“.

 

 

Fähre

Im Jahre 1422 wird die Mainschiffahrt erwähnt. Um 1600 fuhr das Hanauer Marktschiff zwei- bis dreimal wöchentlich nach Frankfurt .Das Erzbistum Mainz erhob dagegen Einspruch und es entstand ein langjähriger Streit mit Hanau. Im Jahre 1647 mußte die Mainschiffahrt von Privatleuten eingestellt werden. Am 18. Juni 1842 wird die Dampfschiffahrt auf dem Main eröffnet. Im Jahre 1847 stellt das Frankfurter Marktschiff seine Fahrten auf dem Main ein, nachdem es fast 248 Jahre in Betrieb war.

 

Treideln am Main

Getreidelt wurde auf dem Main seit Jahrhunderten. Selbst die Römer benutzten die Wasserstraße, um Tonziegel aus ihrer Heeresziegelei bei Großkrotzenburg an Kastelle und Siedlungen im Umkreis zu liefern. Ging es flußaufwärts, bedienten sie sich dabei der Muskelkraft ihrer Sklaven und Gefangenen, die dann an einer Schleppleine die Schiffe mit ihrer Fracht hinter sich her zogen. Lastentiere waren den Römern für diese Knochenarbeit wohl doch zu schade.

Unerbittlich fraß sich die Leine in die Pferdeleiber. Den vier Gäulen zittern vor Anstrengung die Knie. Weißer Schaum spritzt in alle Richtungen, wenn sie die verbrauchte Luft durch ihre weit aufgerissenen Nüstern pressen. Mit aller Kraft kämpfen sie gegen die Strömung des Mains. Die droht den Frachtkahn, den die Tiere im Schlepptau haben, zu erfassen. Wüst fluchend feuert der Leinreiter die Tiere mit seiner Peitsche zu immer neuen Höchstleistungen an.

Meter um Meter ringen die Klepper dem Fluß ab, quälen sich voran auf dem gut drei Meter breiten Leinpfad am Mainufer bei Großauheim. Die stählerne Schleppleine, mit der die Tiere das Schiff stromaufwärts ziehen, ist straff gespannt. Unerbittlich frißt sie sich in die Leiber der Gäule; wund und blutig sind die Flanken der Pferde.

Nur selten gönnt der Leinreiter seinen Tieren eine Pause. Schon seit gestern befinden sich Roß und Reiter auf ihrer beschwerlichen Reise. Da ging es von Frankfurt nach Steinheim, sieben Stunden war das Gespann unterwegs. Die Leinreiter-Rast (Am Maintor 6) in Steinheim diente als Quartier für die Nacht. Heute wird es wohl etwas länger dauern: Zwischen neun und zehn Stunden brauchen die Pferde, um das Schiff von Steinheim bis nach Aschaffenburg zu schleppen, je nach Witterung.

In Aschaffenburg angekommen, geht es dann auf der anderen Seite des Mains wieder zurück. Für die Tiere ist das dann wie Urlaub. Denn auf dem Rückweg gibt es für sie nichts zu schlep­pen, außer dem Wagen, auf dem der Leinreiter nach Hause fährt.

Eine Vergnügungsreise war das Treideln zu keiner Jahreszeit. An trockenen, heißen Tagen plagten Durst und Stechmücken Roß und Reiter. Bei Eis und Hochwasser kämpften die Pferde, teilweise bis zum Bauch im Wasser, gegen Kälte, tückische Strudel und reißende Strömung. Oft standen die Tiere die Knochenarbeit nicht länger als ein Jahr durch, bevor sie ihr letzter Ritt zum Abdecker führte. Dementsprechend billig war das Fleisch der Tiere zur Zeit des Leinritts: Um die 20 Pfennig kostete ein Pfund Pferdefleisch im vergangenen Jahrhundert.

Doch auch für die Männer, die das Treideln besorgten, war die „Reise” von Frankfurt bis Aschaffenburg kein Zuckerschlecken. Aber die vergleichsweise gute Bezahlung entschädigte die rauhen Burschen für das harte Geschäft: Zwischen 60 und 90 Pfennig pro Kilometer betrug ihr Lohn Mitte des 19. Jahrhunderts. Den sollen sie meist schon auf dem Rückweg in einer der eigens für sie eingerichteten Gaststätten versoffen haben.

Das Treideln erreichte seine Hochphase an diesem Mainabschnitt im 17. Jahrhundert, als befestigte Leinpfade angelegt wurden. Bis zu sechs Pferde - je nach Schiffsgröße - liefen den Main entlang auf eigens dazu angelegten Lein- oder Treidelpfaden und zogen das Schiff an Leinen. Gegen die Strömung lag die Höchstgeschwindigkeit bei drei Kilometer in der Stunde. „Leinreiter“ führten die Pferde und die Steuerleute mußten darauf achten, daß ihr Schiff nicht mit dem Ufer kollidierte. Da der Main zwischen Hanau und Frankfurt flach war, mußten selbst stromabwärts größere Schiffe über seichte Stellen gezogen werden.

Um 1750 begann die große Zeit der Treidelschiffahrt. Die Ufer entlang des Mains wurden geräumt und befestigte Treidelwege angelegt. Um hier Ordnung zu halten wurden Wasser­beauf­sichtiger eingesetzt. Diese sorgten für Uferbau, Regulierung des Mains und Schutzeinrichtungen gegen Hochwasser. Der erste namentlich bekannte Wasserbeaufsichtiger Henrich Gehring hat vermutlich den Bau der Mainmauern veranlaßt. Als die Südseite der Untergasse bebaut wurde, erforderte dies den Schutz gegen Hochwasser. Durchgänge waren an der Untergasse, neben dem Gasthaus „Zum Schiffchen“ und am südlichen Ende der Schwanengasse die „obere Mainpforte“. Es gibt aber auch noch mehr Durchgänge ohne Namen.

Doch obwohl die letzten Leinreiter längst verstorben sind, zeugen noch heute zahlreiche Spuren in und um Hanau von dem traditionsreichen Gewerbe aus vergangenen Zeiten. Viele ufernahe Straßen erinnern an das alte Handwerk: der Leinpfad in Großauheim etwa, genauso wie der Leinweg in Steinheim. Bis in unsere Tage waren auch die tiefen Rillen sichtbar, die das Schleppseil der Leinreiter im Laufe der Jahre in den Sandstein einer Brücke auf der Philippsruher Allee gefressen hat.

An der Mainpromenade in Großauheim zeigt ein Fresko des Künstlers August Peukert vor­bei­ziehende Leinreiter. Und auf der Mainwiese bei Großauheim sind noch Reste des mit Grauwacke, einem Sandstein, gepflasterten Leinpfades erhalten.

Der Dörnigheimer Treidelpfad (auch „Leinpfad“) war vier bis fünf Meter breit und gepflastert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fahrrinne des Mains tiefer gelegt. Den Erdaushub verteilte man gleichmäßig über das Ufergelände und legte rund 50 Zentimeter über dem alten Pfad wieder einen Weg an.

 

Kettenschiffahrt:

Erst die industrielle Revolution läutete den Niedergang der Leinreiterei ein. Der Siegeszug der Eisenbahn bedeutete dann das endgültige Aus für die Leinreiterei. Schon seit 1848 - mit dem Bau des Wilhelmsbader Bahnhofs - war Hanau über die Schiene mit Frank­furt verbunden. Als dann 30 Jahre später der Hanauer Bahnhof mit seinen sechs Strecken hinzu kam und der Frachtverkehr immer mehr auf die Schiene verlegt wurde, mußten die Leinreiter ihre Pferde für immer ausspannen.

Das erste Dampfschiff langte am 6, März 1838 in Frankfurt an. Wegen des geringen Tiefgangs von etwa einem Meter war es ein Raddampfer. In Dörnigheim gab es allerdings keine Anlagestelle. Im Jahre 1842 wurde die sogenannte „Main-Dampf­schiffahrts-Gesellschaft“ gegründet, so daß die Treidelschiffahrt beendet war, weil die Schiffe nun aus eigener Kraft flußaufwärts fahren konnten.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine brach das Zeitalter der Kettenschifffahrt an. Anstelle des Peitschenknalls der Leinreiter war nun immer häufiger das Heulen der „Maakühe” zu hören, wie die Kettenschiffe im Volks­mund genannt wurden. Mittels einer Sirene, die sich anhörte wie das Heulen einer Kuh, warnten die Kapitäne der „Maakühe” entgegenkommende Schiffe - daher rührt dann der Spitzname.

Von weitem glichen eine „Maakuh” einer Fähre mit Schornstein: Die Schiffe waren etwa 50 Meter lang, sieben Meter breit und hatten einen Tiefgang von einem halben Meter. Bis zu 30 Schiffe zog eine „Maakuh” aus eigener Kraft hinter sich her.

Im Jahre 1886 begann die Kettenschiffahrt auf dem Main. Eine etwa 314 Kilometer lange Eisenkette mit 4,7 Millionen armdicken Gliedern wurde in den Main gelegt. An dieser Kette zog sich ein Lastkahn bis nach Bamberg hinauf. Die Kette wurde von dem Dampfer aufgenommen, lief über Bord, ein durch eine Dampfmaschine angetriebenes Zahnrad griff in die Lücken ein und trieb so das Schiff voran. Das Rasseln der Kette war weithin zu hören. Erst 1921 wurde dieses mit zwei Schornsteinen ausgestattete Schleppschiff wieder abgeschafft, die Kette wurde 1938 aus dem Main gezogen.

 

Die Dörnigheimer Fähre:

Brücken über Flüsse gab es früher wenige, wichtig waren deshalb flache Bereiche - Furten - die ein Durchqueren von Menschen und Fuhrwerken zuließen. Bei Dörnigheim gab es eine solche Furt. Bereits 1366 heißt es im Weistum über die Rechte des Jakobsklosters in Dörnigheim, daß niemand einen anderen für Lohn über den Main fahren darf außer dem vom Abt eingesetzten Fährmann. Nur kleine Weidenboote durften kostenlos übersetzen.

Die Fährmänner waren geachtete Leute und wurden immer wieder als Zeugen für Verträge herangezogen. So wird 1380 der Fährmann Henne Vischer als Zeuge in einer Pachtsache genannt. Später gab es noch die Fähre bei Rumpenheim und auch eine Fähre zwischen Dietesheim und Dörnigheim, die von den Dietesheimern betrieben wurde. Im 17. Jahrhundert wurde der Fährbetrieb wegen des niedrigen Wasserstandes eingestellt. Ein Stechkahn genügte, um ans andere Ufer zu gelangen. An einer besonders flachen Stelle konnten sogar Fuhrwerke den Main passieren.

Auch später be­stand die Fähre nur aus einem Nachen. Das Häus­chen des Fährmannes stand neben dem Gasthaus „Zum Schiffchen“, von wo er bei Bedarf gerufen werden konnte. Auf dem Main war noch die Treidel‑Schiff­ahrt in vollem Gange. Bis zum Jahre 1904 bestand jedoch kei­nerlei offizielle Verkehrsverbindung über den Fluß. Der Main war nicht kanalisiert und nicht sehr tief, so daß die Fuhr­werke durch sogenannte Fur­ten den Fluß überquerten. Erst durch die Kanalisierung wurde der Main tiefer und die Verbindung unterbrochen,

Am 25. August 1903 erteilte das ehema­lige Regierungspräsidium Kassel dem Kreis Offenbach die Konzessionsurkunde für den Fährbetrieb. Die jährliche Gebühr betrug damals zehn Mark, jeweils am 1. April im Voraus zu entrichten.

Eine Gierseilfähre („Fliegende Brücke“) nutzt die Wasserströmung zur Querung des Flusses. Sie ist an einem im Fluß verankerten Drahtseil befestigt, das sich kurz vor der Fähre in zwei Enden aufteilt. Durch Veränderung der an Bug und Heck befestigten Seillängen wird der Winkel des Bootes zum Strom verändert. Der Druck des anströmenden Wassers schiebt die Fähre an das jeweilige Ufer. Das Drahtseil wird mit Bojen markiert, damit die anderen Schiffe sie auch gut sehen können

Die Fähre wurde an Privatleute verpachtet. Diese wurde nun bis nach dem Er­sten Weltkrieg im Jahre 1920 von mehreren Pächtern aus beiden Gemeinden über kür­zere oder längere Zeit betrie­ben. In dieser Zeit war schon die Familie Schäfer auf der Fähre tätig. Im Jahre 1921 war niemand mehr bereit, das Geschäft weiter zu betrei­ben, da es nicht lebensfähig und technisch völlig herunter­gewirtschaftet war. Die Fähre wurde stillgelegt und kam nach Offenbach in den Hafen, wo sie völlig dem Untergang ge­weiht war. Durch die Errichtung der Schleusen stieg der Wasserstand des Mains so sehr an, daß man nicht mehr mit einem Stechkahn übersetzen konnte. Nun waren die beiden Orte wieder ohne irgendeine Ver­bindung über den Fluß. Durch­zulaufen oder zu fahren war nicht mehr möglich.

Auf das viele Zureden der damaligen Bürgermeister der Orte hin entschloß Heinrich Schäfer, 1923 die Fähre zu übernehmen und wieder in Betrieb zu setzen. So ging es nun im Familienbetrieb los, bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Im Jahre 1934 trat Fritz Schäfer in das Familienunternehmen ein. In dieser Zeit mußten die Fahrgäste 5 Pfennig Aufschlag zahlen, wenn bei Nebel oder einbrechender Dunkelheit eine Laterne im Mast entzündet wurde. Während des Krieges überahmen seine Mutter Elisabeth und seine Frau Martha die Fähre. Von 1923 bis 2001 betrieb die Familie Schäfer über vier Generationen die Fähre.

Beim Heranrücken der Amerikaner wurde die Fähre von deutschen Soldaten sinnloserweise noch in den letzten Kriegstagen versenkt. Als man sie nach dem Kriegsende wieder hob, war sie an sich nicht mehr brauchbar. Sie wurde dennoch renoviert, weil überall die Brücken zerstört waren. Die Fähre war von 1904 bis 1946 eine Gierfähre.

Aber 1946 entschloß sich die Familie Schäfer, eine größere Fähre mit einem Elektromotor anzuschaffen. Jahrelang fuhr man mit einem Straßenbahnmotor von der Frankfurter Straßenbahn. Doch während eines Sommergewitters traf ein Blitz die Fähre: Der Kugelblitz rollte wie ein Rad über das Gierseil und schlug in drei Bäume auf Mühlheimer Seite ein. Das Gierseil riß, und die Fähre trieb im Sturm führungslos auf dem Main. Einige beherzte Männer holten sie dann wieder zurück.

 Im Jahre 1971 wurde in Haßfurt eine gebrauchte, vollautomatische Fähre mit einem Mercedes-Dieselmotor gekauft und für den Autoverkehr verbreitert. Das bedeutete eine noch schnellere Verbindung zwischen Dörnigheim und Mühlheim.

Nach dem Ausbau des Mains zur euro­päischen Wasserwirtschaftsstraße Ende der siebziger Jahre mußten die Fähr­rampen umgebaut werden. Weil der Fluß dabei tiefer gelegt wurde, haben die Schwankungen des Wasserpegels erheblich zugenom­men. Für den Bau zusätzlicher sogenannter Hochwasserrampen machte sich Anfang der achtziger Jahre der damalige ehrenamtliche Mühlheimer Stadtrat Jakob Petry stark, was ihnen den Namen „Petry­-Ram­pen“ einbrachte. Bis zu 100 Tage im Jahr wartete die Fähre am Ufer auf Ein­sätze. weil der Main einfach zuviel Wasser führte. Im Oktober 1983 konnten die leidgeprüften Pendler aufatmen: Seit­her müssen sie keine langen Umwege mehr mit ihren Blechkarossen in Kauf nehmen.

Seit 1960 war Peter Schäfer Fährmann in der vierten Generation tätig, zusammen mit seiner Frau Ursula, die auch den „Fähr­schiffsführerschein“ hat. Die Offenbacher Vize‑Landrätin Eva‑Maria Tempelhahn gratulierte mit einem Blumenstrauß, weil Peter Schäfer schon seit 1960 zwischen der Stadt Mühl­heim und dem Maintaler Ortsteil Dörnig­heim übersetzte. „Mein Job und langweilig? Ich bitte Sie: Hier erfahre ich die neuesten Witze und die aktuellsten Nachrichten“. Von 5.30 Uhr bis 22 Uhr überwindet Schäfer mit seinem Dieselkahn den an dieser Stelle ‑ in Schiffahrtskreisen spricht man von Mainkilometer 50,7 ‑ 125 Meter breiten und bis zu sechs Meter tiefen Wassergraben. Nur bei Hochwasser und Eisgang bleibt der Selbstzünder kalt.

Die nächsten Brücken sind weit ent­fernt: Flußabwärts können die Offenba­cher über die Carl‑Ulrich‑Brücke brausen oder die Fähre in Rumpenheim benutzen, flußaufwärts liegt der nächste asphaltier­te Überweg in Hanau‑Steinheim. Außer der Fähre zwischen Mühl­heim und Dörnigheim und der bei Seligenstadt gibt es im Rhein‑Main‑Gebiet drei weitere Möglichkeiten zum Über­setzen per Boot: Die städtische Fähre im Hattersheimer Stadtteil Okriftel (Main‑Taunus‑Kreis) verkehrt jeweils samstags, sonntags und an Feiertagen von 8 Uhr bis zum Einbruch der Dun­kelheit. Die Fährverbindung zwischen Rum­penheim und Bischofsheim betrieb bis 1963 die Stadt Offenbach. Danach wurde sie von Hans Dill übernommen. Sie ist die einzige privat unterhaltene Fähre in Hessen.

Peter Schäfer war nicht nur Fährmann, son­dern auch Kaufmann: 1,50 Mark kostet die Überfahrt für eine Person und ein Auto, 50 Pfennig jeder weitere Mitfahrer. Da ist doch das Benzin für den Umweg teurer. Vor allem die Berufspendler seien es, die die kurze, kreisübergreifende Ver­bindung nutzen. Mit dieser Preispolitik rentiert sich das Geschäft. Der Kreis Offenbach, der die Konzession für die Fähre hält, auf das acht Autos passen, gibt keinen Pfennig an Subventionen dafür aus.

Im Jahren 1995 erhielt die Fähre ­eine Hymne: Das Mühlheimer Mundartduo „Oh­renschmaus“ widmete dem Main‑Über­brücker das Lied vom „Fährmann“, kon­serviert auf einer CD.

Im Jahre 2001 ging der Fährbetrieb von Peter Schäfer auf Peter Spiegel über. Er verstarb leider im Jahr 2012, .Seitdem ist seine Ehefrau Helga Spiegel alleinige Eigentümerin des Schiffs, und der Sohn Jürgen der Chef. Im Jahr 2015 arbeiten fünf Mitarbeiter regelmäßig auf der Fähre, aber neben Jürgen Spiegel ist nur noch eine weitere Person dafür qualifiziert, sie zu bedienen und zu lenken. Denn dafür braucht man einen speziellen Führerschein, der innerhalb von 180 Tagen erworben werden kann. Der sympathische Fährmann findet seine Arbeit dennoch nicht schwer. „Es ist schön, den ganzen Tag am Wasser und an der frischen Luft zu sein“, meint er. Doch es gebe auch unangenehme Situationen. Einerseits gebe es bei schlechtem Wetter gefährliche Strömungen, doch auch Passagiere können anstrengend sein. manchmal meinen die Leute, alles besser zu wissen, das nervt“,  gibt Spiegel zu.

Herwig Jaeger, der ebenfalls auf der Fähre arbeitet, weist darauf hin, daß die Berufsschiffart - das heißt Binnenschiffe oder die Wasserpolizei - immer Vorfahrt vor der Fähre habe. Wenn sich beispielsweise eines der großen Frachtschiffe nähere, müßten sie abwarten, bis es vorbei gefahren ist, damit sie wieder losfahren können. Privatboote hingegen müßten sich nach der Fähre richten.

Seiner großen Verantwortung ist sich der Fährmann bewußt. Man müsse psychisch sehr stark sein, denn es sei wichtig, alle Passagiere unversehrt von A nach B zu bringen. Auch wenn es noch nie vorher einen Unfall der Dörnigheimer Fähre gegeben habe und alles von der Mannschaft im Griff sei, bestehe doch stets ein Risiko, denn eine kleine Unaufmerksamkeit könne große Auswirkungen haben. Doch Jürgen Spiegel hat keine Angst, da er seinen Job seit 15 Jahren fehlerfrei ausübt. Seiner Meinung nach solle man sich einen solchen Beruf gar nicht erst zumuten, wenn man mit dem Druck nicht umgehen könne.

Maximal passen auf die Fähre pro Fahrt acht kleine Fahrzeuge. Wenn es sich um Größeres handelt, finden nur sechs Platz auf dem engen Deck. Dementsprechend häufig muß die Fähre täglich zwischen den Ufern hin- und herfahren, um alle Gefährte sicher überzusetzen. Manchmal ist deshalb die Schlange an beiden Uferseiten sehr lang und die Wartezeiten groß. Doch für viele Menschen gehört es zur täglichen Strecke, die Fähre zu passieren und sie nehmen eventuelle Verzögerungen in Kauf. Denn nicht nur für Kinder ist es ein Erlebnis, den Fluß mit der Fähre zu überqueren.

Das Dorf

Das ursprüngliche Bild des alten Dörnigheim zeigt als Dorftyp ein sogenanntes „Haufendorf“ mit eiförmiger Gestalt, mit Gewannflur und gemeinsamer Weide ( Allmende). Der Wohnbereich bil­dete den Dorfkern, wo die bäuerlichen Hofstätten mit ihren Wohn‑ und Wirtschaftsgebäuden in ei­nem Netz von Wegen und Gassen eng beieinander lagen.

Am Südwestrand standen Herrenhof und Kirche als weltliches und kirchliches Zeichen. Danebenm das Gasthaus „Zum Schiffchen“ als Stüttzpunmkt der Schifffer. Die Straße führte zu dem kleine Platz bei der Linde. Die beiden parallel zum Main verlaufenden Straßen waren durch Kirchgasse und Schwanengasse verbunden. Die Gaststääten lagen an der Frankfurter Straße zwischen Obertor und Untertor, dazu zwei Schmieden. Nach Süden war das das Dorf durch den Mauin als natürlich Grneze geschützt, im Norden verlief die Wehrmauer, die eigentlich keine Ringmauer war, sondern fast gerade verlief. Im Westen wurde sie ergänzt durch Haingraben und Hecke und ähnlich wohl auch im Osten.

Man kann heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen, in welchem Jahr die erste dorf­­artige Siedlung entstanden ist. Sicher ist, daß das alte Dorf in seinem Grundriß im Jahre 793 - als Wolfbodo seinen Besitz und seine Kirche dem Kloster Lorsch vermachte - schon bestanden hat. Man kann aber Heinrich Lapp nicht zustimmen wenn er meint, nur so sei es zu erklären, daß die Kirche eigent­lich außerhalb des alten Dorfkerns steht. Wäre die Kirche von Anfang an dagewesen, dann hätten sich die Wohnhäuser im Laufe der Zeit um die Kirche herum­gruppiert, und die Kirche hätte somit in der Mitte gestanden. Die Kirche steht zwar etwas am südwestlichen Rand des alten Dorfs, aber das gibt es auch in anderen Dörfern. Weshalb soll die Kirche in Dörngheim später gebaut worden sein als das Dorf? Ein Dorf hat immer auch gleich eine Kirche gehabt, ganz gleich, wo diese gestanden hat. Aber offenbar wurde die Kirche an der höchsten Stelle über dem Main gebaut. Nach Westen zu file das Gelände ziemlich bald ab und war für eine Ansiedlung weniger geeignet.

Ein Grundmaß bäuerlicher Landzuweisung wäh­rend des Mittelalters war lange Zeit die Hufe (man­sus). Sie bedeutete die Normalausstattung einer Bauernfamilie mit Land, Betriebsmitteln und Nut­zungsrechten an der Allmende und war für den Grundherrn eine Einheit für die allgemeine Steuer­erhebung. Je nach Bodenqualität, Grundherr­schaftszugehörigkeit und Entstehungszeit war die Hufe von unterschiedlicher Größe.

In unmittelbarer Nähe der umzäunten Hof­stätten befand sich das mit Weidengeflecht (Edder­zäune) eingefriedete Gartenland. Es unterlag nicht der Brachordnung, wer Eigentum der Hofbesitzer und wurde von diesen individuell bewirtschaftet. Bereits im Hoch‑ und Spätmittelalter pflanzten die Bauern hiermit Vorliebe Küchengemüse, wie Rü­ben und Kohl sowie Erbsen und Linsen, aber auch Gespinstpflanzen wie Raps und Hanf oder die Fär­bereigewächse Waid und Krapp. Die neu entste­henden Märkte in der nahen Stadt Hanau mögen für den Überschuß gute Absatzmöglichkeiten geboten haben.

Aber Dörnigheim war arm. Karge Böden, häufige Überfälle durch Straßenräuber und durchziehende Soldaten, und immer wieder militärische Einquartierungen und Plünderungen hatten den Ort ausgezehrt. Die Häuser waren entsprechend bescheiden und hielten nicht lange. Das älteste bis heute erhaltene Wohnhaus wurde im Jahre 1671 erbaut und hat nur wenige alte Nachbarn.

 

Feldflur

Rings um das Dorf erstreckte sich die Ackerflur, die in große Feldblöcke - „Gewanne“ genannt - eingeteilt war. Diese waren wiederum in kleine Streifen un­tergliedert. Jeder Bauer besaß in der Regel in jedem Gewann einen oder mehrere Streifen. Die Parzellen lagen im sogenannten Gemenge und waren dort, wo keine Feldwege angrenzten, nur über das Feld eines anderen Bauern zu erreichen.

 

Flurnamen:

Die Dörnigheimer Gemarkung ist heute in 32 Blätter („Pläne“) eingeteilt. Die Numerierung beginnt an der Fechenheimer Grenze und endet an der Kesselstädter Schleuse. Entsprechend dieser Ordnung sind die Flurnamen hier aufgeführt: In der Kirschschal, Am Main, In der Kieskaute, Die Bäunewiesen, Vor Rumpenheim, An der Bischofs­heimer Grenze, Scheidsand, Auf der Handstaude, Auf dem Linnen, In der Höll, Auf der Grün, Die zehn Morgen, Auf den heiligen Äckern, Am Dörnigheimer Weg, Hinter den Rödern, Am Kahlenberg, In der Zahns­lache, Vor der Wiebles, Die Azmuswiesen, Im Anspann, Im Breul, An der Hochstädter Lache, Die Frohndewiesen, Die Sim­michtwiesen, Vor den Anspannwiesen, An der Reinhardts­lache, Am Azmuswiesenweg, Das Niederfeld, Am Burgenickel, Auf dem Rad, An der Landwehr, Vor den Weidenwiesen, In der Wasserbeiz, In den Pflanzenländern, Am Gronheimer See, In der Florscheid, Nickelsand, Auf dem Burgenickel, Auf der Röde, Im langen Gewand, An der Ruhbank, An der Braubach, Vor Mühlheim, Auf der Backeshecke, Hinter dem Ort, Am Landgraben, Auf dem Flecken, (Landgraben-­Fischergasse), In der Fischergasse, In der Haingasse, In der Kirch­gasse, In der Johannesecke, In der Schusterecke, In der Untergasse, In der unteren Maingasse, In der oberen Maingasse, Im Rabengäß­chen, In der Obergasse, In der Hintergasse, Auf den Johannesellern, Der Spenersgarten, An der Leitergasse, Die Schanze, Auf der Eich, Neues Dorf (Hasengasse-Bahnhofstraße), Hinter der Waag, Am Hochstädter Weg, Vor der Kappesbrücke, Auf der Kohlstätt, Am hohen Angewann, Am grünen Weg, Am Lindenpfad, An der Naturlache, An der Kappesbrücke, An der Hochstädter Lache, Im Schmalhorn, Das Seifchen, Die Weidenwiesen, Die Hochstädter Lache, Vor dem Schmalhorn, Vor der Heege, Auf dem Busch, Im Loch, Die Linsenlache, Am Schäfer-Johannes­brunnen, Vor dem Damm, Im Ruß­winkel, Beim Hegebrunnen, Die Domwiesen, Die Wallburgswiesen, Bei der Erntebrücke, Der Abtsbusch, Unter der Säulbach, Die Stückes­wiese, Die Pfaffenwiesen, Vor dem Wachenbucher Wald, Fuchsbau, Buchenheege, Eichenheege und Amerika, Lämmerwald, Alte Kühruh, Hainhecke und Schulwald, Auf dem Hundsbaum, An der Leimenkaute, Die Haide, Am Judensand, An den Birnbäumen, Die Tannenheege, Auf der Geiselache, Die Schindkaute, Am Stock, Die Kreuzgärten, Zwischen den Kreuzgärten, Am untern Sohl, Am Kesselstädter Weg, Im Kessel, Im untersten Grund, Im Mittel­grund, Vor Dietesheim, Auf der Domhecke, Der oberste Grund, Auf der untersten Sohl, Auf der Mittelsohl, Am Käutchen, Auf dem spitzen Sand, Am weißen Stein, Am Espe, Am wilden Anwender, Auf der Burg, Hinter dem spitzen Sand, Am Hochgericht, Auf der Dietrichslache, Über der Bornkaute, Die Huf, An den Kesselstädter Weingärten, An der Kiebitzlache, Die neuen Äcker.

1. Bei einem Teil der Namen handelt es sich lediglich um geographische Bezeichnungen. Es sind die Flurnamen: Am Main, vor Rumpenheim, an der Bischofsheimer Grenze, an der Hochstädter Lache, vor Mühlheim, am Kesselstädter Weg, an den Kesselstädter Weingärten, vor Dietesheim, vor dem Wachenbucher Wald, unter der Säulbach, auf der Elch, am Hochstädter Weg, hinter dem Ort, an der Braubach.

2, Andere Namen betonen die geologischen Verhältnisse, wie Bodenbeschaffenheit und Bodenform: auf dem spitzen Sand (spitz = scharf), hinter dem spitzen Sand, die Had (= Heide), das Käut­chen (= Sandkaute), der Judensand, der Sandkopf, der Nickelsand (= Hügelsand), Scheidsand (= Grenzsand), in der Kieskaute, am kahlen Berg (kahler Sandberg), Braubach (= Bruchbach, von bre­chen, einbrechen), im Breuel (von mhd ‚brüel‘, ahd ‚broil‘ = Aue), die große und kleine Hohl (= tiefe Lagen rechts und links der Straße vor der Braubachbrücke), in der großen und kleinen Höll (= Hohl, muldenförmiges Gelände unterhalb der Braubachpappeln), der obere mittlere und unterste Grund (Wiesenplan zwischen Kesselstädter Weg und Leinritt), im Kessel (weidenbepflanzter Uferteil östlich des Dorfes in tiefer Lage), an und über der Bornkaute, auch am Flössi genannt (kleine, durch ein Rinnsal entstandene Vertiefung an der Böschung zum obersten Grund), das Niederfeld (tiefliegender Flurteil südwest­wärts vom Burgenhügel), in der Wasserbas (Wasserbeize, eine laugenartige Flüssigkeit, die die Wurzeln der Bäume zerfrißt und sie absterben läßt).

3. Über ehemalige Bebauung und Verwendung der Grund­stücke berichten folgende Flurnamen: die Weidewiese (östlich vom Bahnhofsgebäude, die Wiese diente früher nach der zweiten Mahd als Weide), das Seifchen (der kleine Wiesenteil dicht an der Bahnpappel diente früher als Rasenbleiche), die Säulache (gegenüber dem Sport­platz, führte ehedem viel Wasser und diente im Sommer als Schweine­suhle), der Viehweg (über ihn wurden früher die Weidetiere zur Hut getrieben, begann am Leinritt, durchschnitt den Wingert und führte weiter zum Sand­kopf), die Geiselache (am Südrand des Sportplatzes, heute Weidenkultur), die Schindkaute (von schinden = ent­häuten, dem eingegangenen Vieh zog der Schinder die Haut ab und

verscharrte das Schindluder in der Grube), die Lämmerhad (-heide, heute Vogelschutzgelände), an der Leimenkaute (Lahmen = Lehm),  die Schulwiese (Ertrag gehörte dem Schullehrer), Wingert (Weingärten), auf der Kohlstätt und an der Kappesbrücke (Kappes = Kohl, Pflanzenkulturen), in den Pflanzländern (Pflanzenkulturen),            der grüne Weg (1823-1825 ausgebaut und an seinen Rändern mit Apfelbäumen bepflanzt).

4. Forstwirtschaftliche Anlagen verraten die Bezeichnungen: Tannen-, Buchen- und Eichenhege, die lange Hege, die Hainhecke, am Espe, der Schulwald, am Nußwinkel (vorspringender Wald­ teil mit Haselnüssen durchsetzt), die Leuchte (Waldstück in das die Sonne scheint), im Loch (früher lichter Wald), Nurlache (von lohr, lar, lur, ahd. lacha = Sumpfwald).

„Amerika“ heißt ein feuchter Waldbezirk östlich des Bahnübergangs Eichenheege mit üppig wucherndem Untergehölz. Diesen Flurnamen gibt es auch in anderen Orten. Dort wird er damit erklärt, daß das Gelände früher Amerikaauswanderern gehört habe. Förster Koch führt den Namen auf das Materiallager der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg zurück (aber der Name ist doch wohl älter).

5. Geschichtliche Bedeutung haben folgende Namen: das Kreuz (auch am Stock genannt, am Ostausgang des Dorfes gelegen, wahr­scheinlich stand hier in vorreformatorischer Zeit ein Kreuz oder ein Heiligenstock), der Landgraben und an der Landwehr (Wehranlagen an der Graugrenze), Backeshecke (lieferte Holz für das Backhaus), am Leinritt (gepflasterter Weg am Main, auf dem die Pferde der Lein­reiter liefen und an einem langen Treidelseil die Schelche zogen), am Hochgericht (jahrhundertelang eine Richtstätte auf einem Sandhügel an der Kesselstädter Grenze), am Schuhhäuschen (= Anstand der herrschaftlichen Jäger bei der Vogeljagd, der Uhu auf einem Pfahl sollte die großen Vögel anlocken, daher Uhuhäuschen, daraus Schuhhäuschen), bei der Ruh­bank (dreiteilige Steinbank mit erhöhtem Mittelteil, wurde von den Bauern zum Absetzen ihrer schweren Körbe benutzt), auf dem Rad, hinter den Rädern, auf der Rode, die neuen Äcker (durch Rodung gewonnenes Neuland), am Abtsbusch (Waldwiese des Abts vom Ja­kobskloster in Mainz), die Frondewiese (von fron = Herr), die Pfaffen­wiesen, die Atzmuswiese (eine drückende Last für die unter grundherrschaftlichem Einfluß stehenden Bewohner war die Atz und das Lager, danach waren die Untertanen verpflichtet, den Landesherren und Grundbesitzer und sein Gefolge aus der Herberge zu lösen, in die sie eingekehrt waren, also deren Zeche und das Lager zu bezahlen, der Ertrag der Atzmuswiese diente dazu), die Walpurgwiese (Wal­purgistag = erster Mai, erster Gerichtstag des Jahres), die heiligen Äcker, Kirchschale (schale = hohl), Reinhardslache, Reinhardspfad, am Gronheimersee, am Dietrichsgärtchen, an der Dietrichslache, an der Johannes Ellern, Speners Garten (= Namen der Besitzer), vor der Wiebles (Wiese nahe der Hochstädter Grenze, hier befanden sich früher zwei Wäldchen, die Wieblos; sie gehörten einmal zu Hanau und wurden später gegen eine Hochstädter Enklave in Hanau um­getauscht; uralte deutsche Erbrechtsverhältnisse sind in dem Namen festgehalten; den ungeteilten Besitz der Familie konnte nur der älteste Sohn übernehmen, während der zweite nur ein kleines Ackerstück oder einen kleinen Waldteil, den Hag, erhielt; dessen Ertrag reichte jedoch nicht hin, eine Familie zu ernähren, der Besitzer mußte deshalb ‚weiblos‘ bleiben), die Beunewiesen (= Wiesenstück, auf dem Beunen oder Buhnen waren, um das Hochwasser abzuhalten), auf der Burg (vielleicht ein römischer Beobachtungsturm, heute die Transforma­torenstation).

6. Namen verschiedener Herkunft: auf dem Linnen (von Linden), am Burkesie (= Birkensee), auf der Grün (der durch seine reiche Ve­getation auffallende Streifen an den Braubachpappeln), die Simmichts­wiese (sumpfige Wiese, auf der neben Sauergräsern besonders die Simede = Simse verteten ist), die Waage (= Mitte der gesamten Gemarkung), Burgennickel (= Burgenhügel), am Anspann (die Be­förderung schwerer Fuhren vom Bischofsheimer Weg zur hochgelegenen Straße war nur durch Vorspann möglich), vor den An­spannwiesen (dasselbe) (siehe hierzu das Buch von Ingeborg Schall: Ingeborg Schall: Grenzen und Fluren der Dörnigheimer Gemarkung, 1997; allerdings in manchen Teilen verbesserunsgbedürftig).

 

Die namentliche Bezeichnung der Gemarkung, der Fluren und Gewanne wurde besonders notwendig bei einer Übereignung zum Beispiel bei Erbschaf­ten, Tausch oder Verpfändung. Die Namen richte­ten sich häufig nach den örtlichen Gegebenheiten oder das Gelände wurde nach dem zum Zeitpunkt der Benennung stattgefundenen Anbau benannt: „Eichenhege“, „Kappesbrücke“ (Kappes = Kohl), Wiese, Weide und so weiter aber auch Negativge­lände wurde bezeichnet, auf dem kein Anbau mög­lich war. „Seifchen“ (sumpfige Stelle).

Mit der Aus­dehnung wurden auch Phantasienamen mit gerin­ger Bedeutung eingesetzt: „Kiebitzlache“ oder auch einfach die Namen der Besitzer benutzt: „Spener­sche Gärten“, „Burgernickel“ (Nicolaus Burger), aber auch „Heilige Äcker“ und „Abtsbusch“ (Hin­weise auf Besitztümer eines Klosters). Im späten Mittelalter (um 1500) waren die Markie­rungen weitgehend festgelegt und haben bis heute nur durch Überbauung oder Zusammenlegung von Grundstücken eine Veränderung erfahren.

 

Flurordnung:

Das Ackerland wurde im System der Dreifelderwirt­schaft bearbeitet: Die Ackerflur auf drei Großfelder ver­teilt, auf denen im jährlichen Wechsel Winterfrucht oder Sommerfrucht angebaut wurde. Im dritten Jahr lag das jeweilige Feld dann ein Jahr brach. Das Dreifelder‑ Feldsystem war bis in die neuere Zeit hinein eine zweckmäßige Organisationsform, gewährleistete es doch eine optimale Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Ackerfläche, in dem kein Land für Wege vergeudet werden mußte.

Das System erforderte allerdings auch bei großzü­giger Handhabung ein hohes Maß an Organisation. Der Zugang zu allgemeinen Ressourcen wie Was­ser, Weide und Wald mußten sichergestellt werden. Sie mußten auch vor dem Zugriff Außenstehender und vor Überbeanspruchung geschützt werden.

Unvermeidbare Nachbarschaftshilfen schufen ein kompliziertes Netz gegenseitiger Abhängigkeit, außerdem mußten bestimmte Bedürfnisse genossenschaftlich geregelt werden. Hierzu gehörten die Anlage von Wegen und Zäunen, die Markierungen von Ortsgrenzen und Vereinbarungen über die Be­bauung der Hofstätten und Fluren sowie die Benut­zung gemeinsamer Anlagen wie Brunnen und Backöfen.

Um 1540 erhielt der Schultheiß von Dörnigheim beispielsweise jährlich von der Herr­schaft Hanau eine Kappe als Lohn für die „Verhü­tung“ der Braubach. Um Überschwemmungen bei Hochwasser zu vermeiden, mußten abgesetzter Schlamm und Hindernisse regelmäßig beseitigt werden. Nachbarliche, hofrechtliche und gerichts­herrliche Elemente verschmolzen die im Dorf an­sässigen Personen zur Dorfgemeinschaft. Durch die Fesselung an den Flurzwang und das vorgeschriebene Anbausystem erfuhren individuel­le Wirtschaftsinitiativen der Bauern starke Ein­schränkungen. Nachteilig wirkte sich außerdem aus, daß ein Großteil des von ihnen bewirtschafte­ten Landes dem Herren gehörte, für das sie einen bestimmten Teil der Ernte abgeben mußten.

Die Ackerflur unterlag einer strengen Flurordnung. Die Dorfgenossenschaft oder der Dorfvorsteher bestimmten, wann gesät und geerntet, wann das Saat­feld eingezäunt oder der Zaun wieder entfernt wur­de. Abgeerntete Getreidefelder dienten dem Vieh als gemeinsame Stoppelweide. Wiesenland er­streckte sich entlang der Bäche oder auf niedrig gelegenen Grund­stücken am Main und wurde von den Bauern individuell bewirtschaftet.

Ein Zeugnis jener Zeit ist der heute unter Naturschutz stehende „Hutebaum“ nahe der Kesselstädter Schleuse. Die 300 bis 450 Jahre alte Flatterulme diente dem wei­denden Vieh als Schat­tenspender, allerdings war sie auch als weithin sichtbarer Einzelbaum Sammel­platz fürs Militär, was ihr außerdem den Namen „Läusbaum“ eintrug.

 

Weide‑ und Waldflächen:

Jenseits des Acker‑ und Wiesengürtels breiteten sich die von allen Bauern des Dorfes gemeinsam genutzten Weide‑ und Waldflächen aus, die All­mende. Besonders der Allmende­wald, bei uns teils Hoch‑ und teils Buschwald, diente der bäuerlichen Bevölkerung als wichtige ergänzende Nahrungs­quelle. Neben Obst, Beeren und Pilzen und Kräutern konnte hier auch der Bedarf an Bau‑ und Brennholz gedeckt werden. Laub als Winterfutter für das Vieh und Honig sowie das aus den Waben gewonnene Wachs waren ebenfalls von großem Nutzen.

Au­ßerdem diente der teils mit Weideplätzen durch­setzte Buschwald den Bauern als Wald­mast für die Schweine, dem Hauptlieferant von Fleisch. Die Wald‑ und Weidemast bildete dabei die Grundlage der Schweinehaltung. Die Tiere weideten unter der Aufsicht eines Schweinehirten in den Wäldern, wobei besonders im Herbst Eicheln und Bucheckern von besonderer Bedeutung waren.

Mit dem Ausbau der Dorfgemarkung und der Erhöhung der Zahl der Gehöfte wurde die Weidefläche der Allmende empfindlich verkleinert, so daß bäuerliche Verord­nungen den Tierauftrieb zu beschränken versuchten. Eine Besoldungsregelung für den Kesselstädter Zöllner legte im Jahre 1545 unter anderem fest, daß er von der Gemeinde Dörnigheim „notdürftig Brennholz aus der Fron“ erhalten solle und „daß er vier Säue in die Eckern“ treiben dürfe, sofern sol­che im Wald vorhanden seien.

Zu heftigen Konflikten konnte es zwischen Schä­fern und Bevölkerung kommen, wenn die Schafher­den der Grundherren ohne Zustimmung der Bauern dörfliche Allmendeflächen beweideten. Das Bena­gen junger Bäume durch die Schafe konnte den Wald‑ und Buschbestand dauerhaft gefährden. Auch sonst unterlagen Schäfer einer besonderen Reglementierung. So verfügte die Hanauer Kanzlei 1541, daß die Schäfer von Kesselstadt und Dörnig­heim in den Turm gelegt werden, weil sie gegen das Gebot, ihre Hunde an Stricken zu führen und „mit Knebel zu behängen“, gehandelt hatten.

Honig war ein begehrter Süßstoff. Bienenkörbe fanden sich auf vielen Bauernhöfen und wurden regelmäßig in den Waldgebieten ausgesetzt. Be­reits die Volksrechte des früheren Mittelalters ent­hielten. Bestimmungen gegen den Diebstahl von Bienenschwärmen. In den Dörnigheimer Kirchen­baurechnungen ab dem Jahre 1625 findet noch der Wachszins als wichtige Einnahmequelle neben dem Geldzins Erwähnung.

 

Grenzen:

Mit dem knapper werdenden Kulturland mußten auch die Grenzen zu Nachbargemeinden markiert werden. Land­schöffen vermaßen und überwachten deren Verlauf. Grenzsteine wurden gesetzt. Dort, wo die Grenzen von Dörnigheim, Hochstadt und Wachenbuchen zusammenstoßen, steht noch heute ein sogenannter Dreimärker. An seinen drei Seiten sind jeweils die Anfangsbuchstaben der Gemar­kungen eingeritzt: H für Hochstadt, W für Wachen­buchen, auf der Dörnigheimer Seite ist die Oberflä­che des Steines leider zerstört.

Der erste namentlich erwähnte Landschöffe von Dörnigheim ist ab dem Jahre 1654 Niclas Lapp. Jedes Jahr fand am „Asch­tag“ (Aschermittwoch) ein sogenannter „Bann­gang“ statt. Dabei wurden die Gemarkungsgrenzen abgeschritten aber auch das Land auf Flurschäden, Waldschäden oder Weinbergschäden untersucht­. Während des Dreißigjährigen Krieges in
Dörnigheim vernachlässigt, wurde 1656 erstmals wie­der von den benachbarten Wachen­buchern ein solcher Banngang, auch „Abgehen der Mark“, vor­genommen, wie es heißt „so in 40 Jahren nit ge­schen“. Danach wurde mit den Dörnigheimern eine Ohm Bier vertrunken und ein „Imbs“ veranstaltet. (Ein Frankfurter Ohm betrug immerhin 143 Liter).

Zweimal im Jahr wurde „Rüge gehalten“, das heißt, Gericht gehalten über Feld‑ und Waldfrevel. Im Jahre 1743 ist es der Dörnigheimer Gerichtsmärker und Ortsbürger Peter Weber, der über entstandene Flurschäden beim Durchzug von Truppen im Ver­lauf der Österreichischen Erbfolgekriege berichtet und die Höhe der Schäden in Gulden feststellt: „Dörnigheim, den 8. Mai sind die österreichischen, hannoverschen und englischen Truppen bei uns ge­standen im Oberfeld. In dem ist alles rujeniert an Sommer‑ und Winterfrucht am Grundborn und an der Äppelallee (Kesselstädter Weg) und die Wälder niedergehauen und verbrannt worden. Im Lager ist der Wald geschätzt worden an 1.800 Gulden, und die Frucht auf den Feldern ist auch von Unpartei­ischen erkannt auf ungefähr 2.400 Gulden. Sind wieder abmarschiert von. Dörnigheim am 10. Sep­tember.“

Abgesehen von dem Dörnigheim zugeschlagenen Land des ausgegangenen Ortes Vorderhausen und einer zeitlich nicht genau nachvollziehbaren Er­weiterung nach Osten, sind die Grenzen der Gemarkung über die Jahrhundertwende hinweg konstant geblieben. Auch von Grenzstreitigkeiten, wie sie etwa für Hochstadt mit Bischofsheim und Wachenbuchen belegt sind, ist nichts bekannt. Erst im Jahre 1969 wurde im Zuge von Ände­rungen der Hessischen Gemeindeordnung und der Hessischen Landkreisordnung von 1960 die Gren­zen zwischen der Stadt Hanau und der Stadt Dör­nigheim geändert. Es handelt sich hier um eine Be­gradigung der Dörnigheimer Ostgrenze durch Geländetausch.

 

Gewerbe

Die meisten Einwohnerwaren arme Ackerbauern. Soweit es das Leben in der Leibeigenschaft, der dürftige Boden und die Kriegsereignisse zuließen, konnten sie sich vom Ackerbau mühsam ernähren. Reich konnte hier niemand werden.

Im Jahre 1802 war eine Anzahl Strumpfwirker und Leineweber am Ort beschäftigt. Im Jahre 1810 wird mit dem Torfstich in der Nurlache begonnen, dabei wird ein alter Einbaum zutage gefördert. In den Jahren 1810 - 1820 kommt die Edelmetallindustrie in Hanau in Aufschwung, auch Dörnigheimer treten dort in Arbeit ein. Aber die meisten dieser Gewerbe konnten sich nicht lange halten, bis auf die Korbmacher, die ja noch in Dörnigheim vertreten sind. Die Bierbrauer mögen zeitweise stark beschäftigt gewesen sein, damit sie den Bedarf in den Gasthäusern befriedigen konnten.

Im Jahre 1814 wohnen in Dörnigheim 8 Bierbrauer (sie besitzen die Gastwirtschaften), 1 Branntweinzapfer, 1 Schreiner, 3 Schneider, 1 Wagner, 2 Bäcker, 1 Schuster, 1 Zimmermann, 3 Leinweber, 3 Schlachterjuden, 1 Krämer, 2 Schmiede, 1 Brannt­weinbrenner. Alle übrigen arbeiten in der Landwirtschaft.

Um 1820 beginnt die Backstein-Ziegel‑ und Kalkbrennerei sowie das Körbeflechten.

Der erste namentlich bekannte Handwerker war der Fischer Herburt, der 1366 als Schöffe eines der Dörnigheimer Weistümer mit unterschrieben hat. Er bleibt allerdings auf alle Zeiten der einzige Dörnigheimer Fischer, der in den Archi­valien auftaucht. Dagegen zieht sich die Reihe der Wirte und Bierbrauer, Zimmer­männer und Wagner, Hufschmiede und Messerschmiede, Sattler, Schuhmacher und Leinweber durch die ganze Dörnighei­mer Geschichte.

Dann gab es da noch Bäcker und Metzger und einmal wird auch ein Fuhrmann ge­nannt. Im Jahre 1793 taucht ein Heinrich Aßmann auf, der „Simmirmeister“ war, das heißt im heutigen Sprachgebrauch Eichmeister und im Jahre 1800 starb. Um diese Zeit gab es auch einen Peter Kegelmann, der nicht nur Schneidermeister, sondern auch Was­serbauaufsichter war.

Zahlreichwaren die Bierbrauer vertreten, sie besaßen die Gastwirtschaften, die es hier am Ort gab. Insgesamt wohnten im Jahre 1814 in Dörnigheim acht Bierbrauer, ein Branntweinzapfer, ein Schreiner, drei Schneider, ein Wagner, zwei Bäcker, ein Schuster, ein Zimmermann, drei Leineweber, drei Schlachterjuden, ein Krämer, zwei Schmiede und ein Branntweinbrenner. Alle übrigen Bewohner arbeiteten in der Landwirtschaft.

Nachdem 1818 die Napoleonische Konti­nentalsperre gegen England aufgehoben wurde, überschwemmten Waren der engli­schen Industrie und des Fernhandels mit deren Kolonien den europäischen Markt. Auch in Dörnigheim entstanden zu dieser Zeit und auch noch später Kolonialwaren­läden.

Mit der Zeit der Industrialisierung ver­armte das Handwerk. Viele Dörnigheimer fanden Arbeit in den Fabriken in Frank­furt und Offenbach, aber ganz besonders in der Maschinenfabrik Mayfahrt, bei der Bahn oder bei der Casella im nahen Fe­chenheim. Bei ihrer Gründung im Jahre 1870 war Fechenheim noch ein kleines Dorf vor den Toren der Stadt Frankfurt. Die Gründer der „Frankfurter Anilinfar­benfabrik von Gans und Leonhard” kamen aus der Großstadt. Mit zunächst 15 Arbei­tern stellten sie Fuchsin und andere Ani­linfarben her. Bereits 1900 zählte die „Schehmisch”, wie die Fabrik im Volks­mund hieß, über 2000 Mitarbeiter. Das Weltunternehmen „Casella Farbwerke Mainkur Aktiengesellschaft”, mit Ver­kaufsfilialen in Bombay und New York, machte Fechenheim zur reichsten Gemeinde zwischen Frankfurt und Hanau.

Das Handwerk hatte nun keinen goldenen Boden mehr, aber neue Berufe machten sich breit. So bot Emil Schleim in einer Festschrift von 1910 in seinem „Rasier, Frisier- und Haarschneide-Salon” auch „Parfümereien, Toilette-Gegenstände, Kämme, Cigarren und Cigaret­ten” an. Die Bäcker verkauften auch Viehfutter und Kleie. Jakob Bechert warb für seine Fahr­radhandlung mit den Namen Presto und Torpedo, außerdem bot er englische Näh­maschinen der Marke Nothmann an. Eine eigene Reparaturwerkstatt gehörte zu die­ser Zeit zu diesem Handel dazu und den Kunden wurden billigste Preisen und reel­le Bedienung versprochen.

Carl Huf verkaufte in der Lindenstraße Ofen, Herde und die ersten Waschmaschi­nen neben Eisenwaren, Haus- und Küchen­geräten. Jean Birkenstock eröffnete in der Bahnhofstraße ein Kaiser's-Kaffee-Ge­schäft mit Kolonialwaren, Zigarren, Ziga­retten und Tabak, aber auch Wollwaren, Henninger Bier, hell und dunkel und in Flaschen. Acht „Spezereiläden” gab es 1914 in Dörnigheim. Dazu kamen ein „sozialde­mokratisches Konsumgeschäft”, sowie Obst- und Butterhandlungen. Sieben Korb­flechter fanden noch ihr Auskommen. Manufaktur­geschäfte wurden von Isaak Schönfeld, Friedrich Reuter (?) und Dorothea Leis geführt. Die beiden Schmieden gehör­ten jeweils den Gebrüdern Fliedner und Wilhelm Heck. Michel und Karl Seng hat­ten ihre Schmiede aufgegeben und eröffneten nun einen Möbelladen. Im Jahre 1925 warben un­ter anderen Wilhelm Seibel mit seiner Che­mischen Waschanstalt und Färberei, Ernst Fischer mit seinem Unternehmen für Hoch- und Tiefbau, Wilhelm Lotz in der Fi­schergasse mit seiner Bau- und Möbel­schreinerei, und der Glaserei nebst Sarg-Magazin. Konrad Schmidt betrieb in der Wilhelmstraße eine Diamantschleiferei, und Kurt Mitschke bot Elektrische Be­leuchtungs- und Kraftanlagen an. Im Jahre 1927 kam die Wäscherei Stemmler in der Bahnhof­straße

Das Angebot war wahrlich groß für den kleinen Ort Dörnigheim. Aber die Kaufkraft schwand allmählich. Der Bürger­meister meldete resigniert 1932 folgende Zahlen: „Von den 685 Fabrikarbeitern, 180 Bauhandwerkern und 240 Beamten und Angestellten haben 40 Prozent ihre Stel­lung verloren.” Ende 1932 gab es in Dörnig­heim 450 Arbeitslose bei einer Zahl von et­wa 2.500 Einwohnern.

Nach dem Krieg erlebten neue Branchen Konjunktur. Trink- und Imbißhallen an der Bundesstraße 8 / 40 an der Braubach und am Karl-Marx-Platz (heute der Platz vor dem Frankfurter Hof) ent­standen, Adolf Holfeld errichtete die erste Apotheke in Dörnigheim, Elise Kilb be­gann am Fuchsbau einen Handel mit Altmetallen, Auguste Stemmler versuchte es mit einer Toto-Annahmestelle mit Zei­tungsstand an der Hanauer Landstraße. Else Lapp verkaufte in der Schwanen­gasse Bohnerwachs. In der Leuschnerstra­ße und im Backesweg entstanden Miet­waschküchen und Ernst Fassing verkaufte in der Friedrichstraße für die Firma Oel-Becht die Ware, was ihm den Spitznamen „Eele-Ernst” eintrug. An die Stelle des Strumpfwebers Friedrich Engelhard von 1802 traten nun 1952, Hilde Jäger mit einer Strumpfsohlerei, und Elfriede Brühl eröff­nete in der Schwanengasse einen Repas­sierbetrieb, was nichts anderes bedeutete, als daß hier Laufmaschen in Nylon­strümpfen aufgefangen und hochgehäkelt wurden. Johannes Seibel Schloß in der Goethestraße (heute Kantstraße) seinen Handel mit Hüten. Mützen. Damenputz, Herrenartikeln und Hutreparaturen ohne Nachfolger. Die Zeit dafür war vorbei. Dafür begann Ralf Beinder 1954 in der Hasen­gasse einen Lumpen-Sortier-Betrieb.

Im Jahre 1964 eröffnete schließlich der erste Selbst­bedienungsladen „Kaufpark” seine Pfor­ten. Ihm folgte 1978 der Massa-Großmarkt. Das war nun das Aus für die vielen kleinen Colonial-, Spezereien- und Lebensmittellä­den. Eine neue Epoche war angebrochen. Nicht unbedingt zum Nutzen der Mensch­heit. Weltweit vergrößerte sich in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kluft zwischen Arm und Reich. Der durch die Globalisie­rung entstandene Druck auf die Unterneh­men führt seitdem zu einer Verschlechte­rung der Arbeitsbedingungen (nach Ingeborg Schall).

 

Eine Ziegelei wird 1769 einmal erwähnt. In der Gemeinde-Rechnung heißt es, sie sei „Hinter dem Ort“ gewesen. Diese muß wahrscheinlich in der Gegend heutigen Backeswegs gewesen sein. Bis um die Jahrhundertwende gab es in jeder Gemeinde Männer, die den soge­nannten „Feld‑ oder Lehmbrand“ herstellten. Sie wur­den „Russemächer“ genannt und stellten Mauer­steine, die „Russen“ her. Bei entsprechenden Lehmvorkommen wurden die Arbeiten auf dem Feld ausgeführt, daher der Name „Feldbrand“. Nach der mündlichen Überlieferung von Maria Heck befand sich in Dörnigheim noch im Jahre 1901 eine Lehmgrube im Backesweg, Ecke West­endstraße. Das Gelände wurde später verfüllt und wird gegenwärtig bebaut.

Jakob Emmert hat noch in seiner Kindheit bei der Herstellung der Steine zugesehen. Der ursprüngliche Lehmstein wurde in ältester Zeit an der Luft getrocknet, später an Ort und Stelle im Freien gebrannt, wodurch sich die Bezeichnung Lehmbrand oder Feldbrand herleitet. Die Steine bestanden aus reinem Lehm und wurden überall da hergestellt, wo natürlicher Lehmboden vorhanden war. Die Größe der Steine ist in den einzelnen Ge­genden verschieden. Bei uns waren sie in der Regel 26 Zentimeter lang, 13 Zentimeter breit und sieben Zentimeter hoch. Der hierzu verwendete Lehm durfte weder zu fett noch zu mager sein.

Hersteller waren meist die Bauern selbst mit ihren Familienmitgliedern. Zu einer effektiven Arbeit benötigte man vier Personen. Sie trugen den Mut­terboden bis auf eine feste braune Lehmschicht, den „lahme“, ab. Der mit Spaten und Hacken abgestochene Lehmboden wurde mit Schubkarren zu ei­nem Behälter gebracht, der unten einen festen Bo­den hatte und oben offen war. Unter Zusetzung von Wasser wurde der Lehm eingesumpft und mit den bloßen Füßen so lange gestampft und geknetet bis er geschmeidig und gleichmäßig war und möglichst wenige Lufteinschlüsse aufwies. Steine und gröbere, Beimengungen wurden entfernt. Zur größeren Sta­bilität konnten dem Lehm Häcksel, Flachs‑ oder Hanfschäben (kleine Holzteilchen vom Flachs oder Hanf) beigemengt werden.

Für den nächsten Arbeitsvorgang benötigte man einen stabilen Arbeitsstuhl und eine Holz­form mit den Maßen des Steins. Der bearbeitete Lehm wurde in diese Holzform gepreßt und mit einem Abzieh­stab geglättet. Den ausgestülpten Stein legte man auf ein mit Sand bestreutes Brett und ließ ihn an der Luft trocknen. Diese Arbeiten konnten nur vom Frühjahr bis Herbst bei gutem Wetter ausgeführt werden. War einmal Regen in Sicht, so mußten die Steine mit Stroh abgedeckt werden. Zu stark aufge­weichte Steine zerfielen, wurden eingestampft und erneut geformt.

Ungebrannt konnten nun diese luftgetrockneten Steine für Feuerungsanlagen, oder auch zerschla­gen, zur Unterfüllung von Dielenanlagen verwen­det werden. Sollte zum Beispiel eine Dreschtenne gebildet werden, so wurden die Steine mit einem Lehmstrich überzogen. Auch zur Füllung der Gefa­che von Fachwerkgebäuden waren sie geeignet.

Um eine größere Stabilität zu erreichen, konnten diese Rohlinge gebrannt werden. Dazu stapelte man oft bis zu 200.000 Steine zu einem Meiler. Auf jede Schicht Stein folgte eine Schüttung Kohlen­gruß beziehungsweise Steinkohlenabfall. Danach wurde der Meiler an vier Ecken angezündet. Er brannte dann vier bis sechs Wochen. Dabei wurden die äußeren Steine nicht so hart gebrannt wie die inneren und mußten zum Schluß umgesetzt und noch einmal gebrannt werden. Die Feldbrandsteine kamen überwiegend zum Ausmauern von Fach­werk­öffnungen zum Einsatz, da sie hohem Druck nicht standhielten. Zum Schutz vor Nässe mußten sie mit Kalkmörtel verputzt werden. Lehmsteine unterscheiden sich von Handdachziegeln, Backsteinen und Ringofensteinen dadurch, daß diese aus Ton sind und in einem Ofen gebrannt werden.

Nicht von ungefähr beginnt die Geschichte des Zie­gels im Vorderen Orient, sind doch ein trockenes, warmes Klima sehr gute Voraussetzungen für die Herstellung und Lebensdauer luftgetrockneter Mauersteine. Bei uns sind luftgetrocknete, oder auf einfache Weise auf dem Feld gebrannte Ziegel eher ein Zeichen von Armut. Sie finden heute kaum noch Verwendung, stellten aber zumindest in den letzten einhundert bis zweihundert Jahren einen erhebli­chen Teil der Bausubstanz. Da sie keiner hohen Belastung standhielten, fanden sie neben dem Aus­mauern der Gefache bei Fachwerkbauten beson­dere Verwendung in der Befestigung von Scheu­nen‑ und Stallfußböden.

Daß in Dörnigheim in früheren Zeiten Lehm abge­baut wurde, hat sich in dem Flurnahmen „Leimen­kaute“ erhalten. „Leim“ ist das althochdeutsche und „Leimin“ das mittelhochdeutsche Wort für „Lehm- ­oder Schlamm“. Das heutige Vogelschutzgebiet nahe der Nurlache befindet sich in diesem Gebiet. Die Flur östlich der Leimenkaute („Lehmgrube“) hieß früher „Ziegelhütte“, was auf eine Ziegelbren­nerei hinweist. Vielleicht könnten Bodenproben im Vergleich zu verbauten Ziegelsteinen an alten Häu­sern in Dörnigheim hierüber weitere Hinweise geben.

 

Pfarrer Römheld zählt in der Turmknopfurkunde von 1914 auf: „An Bäckereien sind zur Zeit in Dörnigheim vier, Huf, Groß, Schneier und Uhl. Metzgereien: Jakob Lapp, W. Neupert, Friedrich Lapp und zwei jüdische: Stern und Schönfeld. Wirte sind sechs vorhanden: Adler (Inhaber Wilhelm Heck), Weißes Roß (Inhaber Karl Gruber), Schiffchen (Inhaber Friedrich Aßmann), Grüner Baum (Inhaber Georg Hartenfeller), Frankfurter Hof (Inhaber Wilhelm Heck), Mainlust (Inhaber Ernst Fischer).

Acht Spezereiläden, und zwar .Philipp Fassing Erben, Birkenstock, Friedrich Lapp, Jakob Lapp, Karl Manns, Dorothea Leis, Jakob Kegelmann, Jakob Seng. Dazu kommt noch ein sozialdemokratisches Konsumgeschäft sowie die Obst- und Butterhandlungen von Karl Bilz, Karl Schmidt und Heinrich Erb. Manufakturgeschäfte Isaak Schönfeld (jüdisch), Friedrich Reuter, Dorothea Leis.

Die seit langem hier einheimische Industrie ist die Korbflechterei. Die Weiden wachsen an dem Mainufer. Sie wird noch betrieben durch Peter Scheerer, Wilhelm Scheerer, Karl Leis, Heinrich Lotz, Wilhelm Günsler, Karl Engelhard, Peter Lotz. Viele Bewohner finden Arbeit und Lohn in der chemischen Fabrik in Fechenheim, ferner bei Mayfahrt Maschinenfabrik oder an der Bahn, schließlich auch in den Fabriken Mühlheims, Offenbachs und Hanaus. Zwei Schmiede haben wir: Gebrüder Fliedner und Wilhelm Heck, zwei Schlossereien: Peter Ebert und Heinrich Ebert. Selbständige Schreinereien vier: Schreiner Lotz, Friedrich Lapp, Michel und Karl Seng. Letzterer hat neuerdings einen Möbelladen eröffnet.“

 

Brände

Im Jahre 1386 brannte ein Teil des Dorfes ab. Nachdem der Ort im Laufe der Jahrhunderte etliche Male abgebrannt war, konnte man, an einen Wiederaufbau denken. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb zum Beispiel der Pfarrer von Bergen in einer Aufstellung über die Schäden auf dem Kriegsschauplatz rings um Frankfurt hinter Dörnigheim: „ganz abgebrannt“. Auch 1479 wütet in Dörnigheim ein großer Brand. Die Hochstädter Chronik von Konrad Appel bemerkt über Dörnigheim: Am 9. September 1589 hat es in Dörnigheim sehr gebrannt.

Im Jahre 1658 brannten 19 Bauernhäuser nieder, das zweite große Feuer innerhalb von fünf Jahren. Am 8. Mai 1658 trägt der Dörnigheimer Pfarrer in seine Chronik ein: „Es ist zu Dörnigheim auf einen Samstag, ein Brand entstanden durch Tabakrauchen, daß 19 Bauernhäuser, Ställe und Scheunen abgebrannt sind. Gott behüte uns vor fernerem Brand“. Fünf Jahre später 1663 muß derselbe Pfarrer von einem weiteren, noch größeren Brand berichten: „Ist zwischen 11 und 12 Uhr abermals, daß Gott bessere, eine große Feuersbrunst entstanden, soll zwar ausgebrochen sein in demselben Hans Heyl‘s Haus wie vor fünf Jahren, aber viel grausamer, so in einer Stunde an Häusern, Scheunen und Ställen 26 Stück die Asche gelegt worden sind. Ach, der gnädige Gott strafe aber mit Maßen, nicht in seinem Zorn, und lasse solches uns künftig gereichen zur Besserung und schleunigen Buße unsres Lebens. Er erbarm‘ und segne die Betroffenen, stehe solchen ferner bei. Und vor solchem und dergleichen großen Schaden und Plagen sei und bleibe er eine Schutzmauer um Jesu willen, Amen“. Innerhalb von fünf Jahren in dem kleinen Dorf 45 Gebäude abgebrannt.

 

Die Bewohner Dörnigheims

Aus dem Jahre 1681 liegt uns eine Einwohnerliste vor. Am 15. Mai dieses Jahres machte der damalige Pfarrer mit zwei Kirchenältesten Hausbesuche. Er zählte dabei die Einwohner des Dorfes führte ihre Namen in einer Liste auf, die im Presbyterialprotokollbuch der Kirche enthalten ist. Danach wohnten damals folgende Einwohner in Dörnigheim:

            Hans Michel Ebert’s Witwe               und 3 Kinder

            Johannes Glück           und Ehefrau    und 3 Kinder

            Jost Bollinger              und Ehefrau    und 2 Kinder  

            Heinrich Eibelshäuser            und Ehefrau    und 9 Kinder

            Hans Georg Gintz       und Ehefrau

            Gerhard Fassing         und Ehefrau    und 6 Kinder

            Peter Heck                  und Ehefrau    und 4 Kinder

            Hans Heil (Witwer)

            Elans Lommel             und Ehefrau    und 1 Kinder

            Konrad Strohl             und Ehefrau

            Jsaak Kochendörfer    und Ehefrau    und 2 Kinder

            Caspar Ostheimer (Gemeindebäcker)

            Theobald Engel           und Ehefrau   und 1 Kinder

            Juliana  (Witwe)                                 und 1 Kinder

            Stoffel Lapp                und Ehefrau    und 2 Kinder

            Georg Stephan           und Ehefrau    und 4 Kinder

            Martin Thomasbürger und Ehefrau  und 5 Kinder

            Mathes Lamer                       und Ehefrau

            Peter Fritz                   und Ehefrau    und 1 Kinder

            Johannes Lommel                              und 1 Kinder

            Anna Marg. Lapp                               und 4 Kinder

            August Ebert               und Ehefrau    und 5 Kinder

            Joh. Hch. Zinck           und Ehefrau    und 2 Kinder

Stephan Sommerlad                          und 4 Kinder  

Jakob Ebert                und Ehefrau    und 4 Kinder

            Caspar Ebert              und Ehefrau    und 4 Kinder

Johann Strohl             und Ehefrau    und 2 Kinder

Stoffel Heck

Philipp Letray             und Ehefrau    und 3 Kinder

Johann Fritzon            und Ehefrau    und 3 Kinder

Philipp Engelhard       und Ehefrau    und 4 Kinder

Jakob Engelhard         und Ehefrau    und 3 Kinder

Joh. Fritzon ds. Jg. Witwe                  und 4 Kinder

Im ganzen also 33 Familien und 144 Köpfe.

 

Diese Zählung fand also im Jahre 1681 statt, über 30 Jahre nach Be­endigung des großen Krieges. Die Bevölkerung hatte sich bis dahin schon wieder etwas von ihren erlittenen Einbußen erholt. Trotzdem erscheint die Gesamtzahl von 144 Einwohnern heute erschreckend niedrig. Da es nur 33 Familien waren, darf man annehmen, daß höchstens 33 Häuser in Dörnigheim bewohnt waren. Man kann daraus ermessen, wie groß die durch den Krieg in Dörnigheim ent­standenen Schäden waren, wie schwer aber auch die Verluste wogen, die durch so große Brände entstanden wie die obenerwähnten.

Wenn man sich die Namen näher ansieht, so fällt uns auf, daß die meisten Namen heute in Dörnigheim nicht mehr vorkommen. Vertreten sind heute nur noch Ebert, Eibelshäuser, Fassing, Heck, Lapp, Fritz und Sommerlad, von den 23 im Jahre 1681 also nur noch sieben. Dabei scheint es noch zweifelhaft zu sein, ob die heutigen Dörnigheimer Träger des Namens Eibelshäuser ihre Herkunft nicht von auswärti­gen, etwa Hochstädter Vorfahren ableiten.  Außerdem dürfte auch der Name Sommerlad heute in Dörnigheim im Aussterben begriffen sein.

 

Der Hanauer Geschichtsschreiber Zimmermann veröffentlicht in sei­ner Chronik ein Verzeichnis der Familien, sowie des Zugviehs in der Grafschaft Hanau im Jahre 1707. Danach gab es in Dörnigheim in diesem Jahre 55 Familien, darunter eine jüdische, 10 Pferde und 58 Ochsen.

Im Gemeindearchiv findet man eine Aufstellung der im Jahre 1811 in Dörnigheim ansässigen Juden. Es waren dies: Samuel Wolf, Moses Steicherwald, Salomon Strauß, David Strauß, Moses Blum, Abraham Grünewald, Isaak Schenkfeld, Hekiel Kahn, Isaak Kahn, Meyer Kahn, Keile Kahn. Es fällt uns auf, daß sich die Zahl der Juden in Dörnigheim seit 1707 stark vermehrt hat. Wahrscheinlich kamen die meisten dieser Juden erst im Laufe der Franzosenzeit (1806 bis 1811) nach Dörnigheim. Damals begann man nämlich, den Juden gleiche Bürgerrechte zu geben wie den anderen Einwohnern. Es ist anzunehmen, daß die Anzahl der Juden danach wieder abnahm (Anmerkung: Steicherwald = Steigerwald, Schenkfeld = Schönfeld, Hekiel = Hesekiel?)

 

Hartnäckig hält sich im Volksmund der Dörnigheimer und vor allem auch Bewohner der umliegenden Ortschaften die Behauptung, daß die Dörnigheimer von „Zigeuner“ abstammen sollen. Die Zigeuner sind ein asiatisches Wandervolk, das über Kleinasien, Kreta nach Griechenland und Europa gekommen ist. Im Jahre 1477 tauchten sie das erstemal in Deutschland auf. Dörnigheim ist lange vorher gegründet worden. Die ursprünglichen Einwohner Dörnigheims und die bis zum Jahre 1477 hier ansässig waren, könne also unmöglich Zigeuner gewesen sein. Die späteren Quellen, Kirchenbücher und Gemeindebücher weisen keinerlei Anhaltspunkte auf, wonach sich die Annahme oder auch nur die Vermutung rechtfertigen ließe, daß sich Zigeuner mit der einheimischen Bevölkerung vermischt hätten. Wäre dies der Fall gewesen, so hätten die Dörnigheimer Pfarrer, die vom Jahre 1650 an gewissenhaft ihre Kirchenbücher führten, an irgendeiner Stelle einmal darauf hingewiesen.

Man darf deshalb mit Sicherheit annehmen, daß das Gerede von der Abstammung der Dörnigheimer von den Zigeunern jeder geschicht­lichen Grundlage entbehrt. Aber wie kommt ein solches Gerücht auf? Die Dörnigheimer Bevölkerung machte viele Wandlungen durch, bedingt durch die Kriege und die Lage des Ortes an der Straße. Tür und Tor standen hier dem Fremden eher offen als in den anderen, von der Straße weiter abseits liegenden Ortschaften. So kam es, daß auch mancher Fremde hier „hängen“ blieb, wie man im Volksmund sagt. Alles Fremde aber wurde von jeher von den Alteingesessenen mit Mißtrauen betrachtet. Man nennt auch heute noch einen Menschen, der viel hin und her wandert und keine bleibende Wohnstätte hat, einen „Zigeuner“. So mögen also die alt-einheimischen Bewohner Dörnigheims und die auf eine stetigere Ent­wicklung ihrer Bevölkerung stolzen Einwohner der umliegenden Ortschaften mit einem gewissen Hochmut auf die vielen zugewan­derten Fremden herabgeblickt und sie sogar mit dem Schimpfnamen „Zigeuner“ bedacht haben.

 

Einwohnerzahl

Jahr

Einwohner

Um 1500

250 Einwohner

1537

38 Hausgesäß, hiervon 3 Witwen. 31 (80 Prozent) waren Judenschuldner.

1632

38 Familien und. 160 Einwohner

1681

144 (33 Familien, 87 Kinder)

1700

Dörnigheim zählt zu den Hanauer Orten, in denen Juden ansässig sind

1707

54 Familien, 1 jüdische Familie, 10 Pferde und 58 Ochsen

1754

109 Familien ‑ 463 Einwohner, darunter 18 Juden ‑ 89 Wohnhäuser

1760

436

1810

etwa 300

1820

Einwohnerzahl 479 Seelen

1835

Einwohnerzahl 654 Seelen, darunter 28 Juden

1848 ‑ 1849

Eine Anzahl Einwohner wandert nach Amerika aus

1855

Einwohnerzahl 895 Seelen

1860

900

1872

1000

1875

Einwohnerzahl 1.145 Seelen

1890

Einwohnerzahl 1.253 Seelen

1900

Einwohnerzahl 1.555 Seelen

1905

1.875 (1.776 evangelische, 79 katholische und 20 jüdische Einwohner)

1910

Einwohnerzahl 2.167( Volkszählung am 1. Dezember)

1913

2.313

1921

2.300

1928

2.480 Einwohner (15 Prozent Landwirte und 85 Prozent Fabrikarbeiter)

1940

3.000

1945   

3.046  

1950

4.289

1955

5.225

1960

7.043

1964

11.173

1973

17.186

1990

15.650

 

 

Abgaben und Steuern

Dörnigheim hat 1545 an den herrschaftlichen Zöllner als Besoldung 2 Gulden zu zahlen,

im Jahre 1548 sind 6 Gulden Bede jährlich zu zahlen, aber1555 zahlen nur zwei Einwohner von Dörnigheim Beede an Hanau.

Gegen Ende des Mittelalters gibt es wenige freie Bauern, die meisten sind Leibeigene, die ihren Herren Naturalgaben, Fron-, Hand- und Spanndienste leisten müssen.

 

Um teilweise vom Frondienst beim Bau der Kinzigbrücke befreit zu werden, löst sich Dörnigheim 1556 mit 35 Gulden ab. Dörnigheim hatte aber weiter Frondienste zu leisten, sowohl am Mühlenbau als auch am Bau des Hanauer Walles. Frondienste waren außerdem 1561zu leisten bei Bestellung der herrschaftlichen Felder. Der Hofrichter (Verwalter) zu Kesselstadt soll den Leuten Kost geben, beim Einfahren der Ernte, beim Mistladen (pro Wagen täglich 12 Fuhren, zwei bis drei Mann haben dabei zu helfen. Die Leute erhalten im Hof Mittagessen, die Pferde werden im Wirtshaus gefüttert. Der Schnitterlohn beträgt je Morgen 5 Schilling, jede Person erhält außerdem ½ Laib Brot und ¼ Maß Wein.

Im Jahre 1584 gehen von Dörnigheim 29 Gulden 2 Schillinge an herrschaftlicher Beede ein (Grundsteuer). Im Jahre 1585 zahlen 66 Einwohner von Dörnigheim nach Hochstadt Beede.

Im Jahre 1700 haben 26 Dörnigheimer Einwohner Land in der Gemarkung Hochstadt liegen und zahlen nach dort Beede. Im Jahre 1776 hat Dörnigheim an die Hanauer Herrschaft 105 Fastnachtshühner und 63 Sommerhähne zu liefern.

Die Dörnigheimer versuchten sich zu allen möglichen Abgaben zu widersetzen. Besonders erzürnt war der Pfarrer von Kesselstadt, der bis 1720 die Dörnigheimer Gemeinde als Filial mit betreute. Als die Kesselstädter ihre Kirche renovierten, verweigerten die Dörnigheimer schlicht den von ihnen geforderten finanziellen Beitrag. Sie hatten ihre eigene Kirche im Dorf und damit basta.

 

Im Jahre 1776 müssen die Dörnigheimer Bauern in die fürstliche Küche nach Hanau 105 Fastnachtshühner und 114 Sommerhahnen liefern. Im selben Jahr zahlt der Ort an Land- und Gewerbesteuer 1074 Gulden. 19 Albus 3 Heller, Frongeld für Befreiung vom Hof- und Burgbau 123 Gulden. 22 Albus 7 Heller, Fortifikationsgeld (Frongeld für die Befe­stigungsanlage) 101 Gulden. 5 Albus 5 Heller, Magazinfrucht (in Achtel) Korn 26, Hafer 9

 

Wetter ab 1344

Im Jahre 1344 überflutet ein See die Strecke von Gelnhausen bis Frankfurt.

Ein sehr warmer Winter war 1420 / 1421, die Bäume blühen bereits Ende März.

Dagegen war 1538 / 1539 ein sehr strenger Winter.

In den Jahren 1540 und 1682 waren große Hochwasser.

Große Kälte herrschte 1667, am 3. Januar ist ein, Jude, weil er zuviel gesoffen hatte, zwischen Hanau und Dörnigheim auf seinem Pferd erfroren.

Im Jahre 1764 war ein großes Hochwasser, das viel Schaden in den Feldern anrichtete.

Große Kälte. herrschte 1827 / 1828 und auch 1829 /1830 (diese dauerte 83 Tage, der Main war zweimal zugefroren).

Sehr kalte Winter waren in den Jahren 1832/1833, 1835/1836, 1837/1938, 1841/1842, 1849/1850, 1853/1854. In dem sehr kalten Winter 1879 / 1880 ist ein großer Teil der Apfelbäume erfroren. Im Jahre 1882 war wieder großes Hochwasser auf dem Main. Ein strenger Winter war auch wieder 1891 / 1892. In den Jahren 1906 / 1907 war ein strenger Winter und es gab viel Schnee.

Am 7. Februar 1908 war wieder Hochwasser, der Weg zur Bahn war überflutet. Daraufhin wurde die Bahnhofsraße an der Braubach aufgeschüttet. Beim Hochwasser am 5. bis 8. Februar 1909 wurde die Untergasse überflutet. Vom 11 Juni bis Ende August 1911 gab es eine große Hitze und ein Fischsterben. Am 16. November 1911, abends 10 Uhr, wurde ein starkes Erdbeben verspürt.

Im strengen Winter 1947 war der Main zugefroren. Lastwagen fuhren über das Eis nach Mühlheim.

 

Wein ab 1424

Das Reichshofgerichts fällt 1424 die Entscheidung, wonach der Wirt N. zu Dörnigheim das von dem Winzer und Weinhändler N. zu Kronberg im Taunus bezogene Faß Wein umgehend zahlen soll. Im Frankfurt. Archiv wird 1440 erwähnt, daß auch zu Dörnigheim Weinbau betrieben wird. Um 1500 wird Wein allgemein getrunken. Die Herrschaft empfiehlt1700, beim Weinausschank kleinere Maße zu verwenden als es zu Frankfurt üblich ist (Das bringt mehr Getränkesteuer, außerdem müssen die Maße geeicht sein).

 

Rechtswesen ab 1499

Wer auf der geschützten Straße bei einem Überfall oder Raub erwischt wurde, ent­ging seiner Strafe nicht. Die Hinrichtung der Verbrecher erfolgte durch Schwert und Strang, Der Verbrecher wurde aufge­hängt und blieb oft tagelang hän­gen, für jeden sichtbar und zur Abschreckung. Es wird angegeben, in der Nähe des Wachthauses vor den Toren Dörnigheims an der Han­auer Grenze habe ein Galgen gestanden. Dabei kann es sich durchaus um den Galgen nördlich von Kesselstadt gehandelt haben. Das dortige Flurstück heißt „Hochgericht“, aber es wird auch eine Flur „Am Hochgericht“ in Dörnigheim angegeben. Die Richtstätte sei auf einem Sandhügel an der Kesselstädter Grenze gewesen. Aber es wäre schon verwunderlich, wenn so nahe beieinander zwei Galgen gestanden hätten.

Von der Hinrichtung eines Juden am Dörnigheimer Galgen wird 1499 und 1607 berichtet.

Im Jahre 1609 wurde dem H. Weigand von Dörnigheim wegen Ehebruchs an der Kinzig­brücke der Kopf abgeschlagen und 1643 wurde eine Frau von Dörnigheim wegen Kindsmord mit dem Schwert hingerichtet. Der Kuhhirt Nikolaus Meffert wurde 1652 wegen Unzucht des Landes verwiesen. In den Jahren 1703, 1705 und 1710 finden Hinrichtungen am Dörnigheim Galgen statt. Für eine Hinrichtung hat 1751 die Gemeindekasse 17 Gulden zu zahlen. Der 1710 erbaute steinerne Galgen am Hochgericht wurde 1843 (oder 1834) abgebrochen.

Nach dem Weistum von 1366 bestand zu Dörnigheim auch ein sehr selbständiges Schöffengericht. Es werden zweimal öffentliche Gerichtsverhandlungen „unter der Linden an der uffen Straße“ erwähnt. Im Jahre 1539 sollen die Schäfer von Dörnigheim und Kesselstadt in den Turm gesperrt werden, weil sie ihre Hunde nicht an der Kette führen. Im Jahr 1567 kommen Schnellkörbe bei Felddiebstahl in Anwendung.

 

Gesundheitswesen ab 1554

Mitte Oktober 1554 herrschte abermals die Pest in Dörnigheim (Frankfurter Archiv). Konrad Appel aus Hochstadt berichtet: „Am Sonntag, dem 11.Oktober 1607, haben ich und Tobias Stein bei seinem Haus gesessen. Da ist Apollonia, die Frau des Niklas Stefan aus Dörnigheim an uns vorbei gegangen. Da sagte Tobias: Ei, wie eine starke Frau ist das! Aber Apollonia hat sich abends gesund schlafen gelegt und ist in der Nacht eines schnellen Todes gestorben. Das ist ein Beispiel dafür, daß sich niemand auf seine Stärke verlassen kann.“

Im Jahre 1599 kauft sich eine Dörnigheimerin mit ihrem Sohn für die Zeit ihres Lebens ins Hanauer Spital ein und zahlt 330 Gulden (das war für damals eine hohe Summe)

Ein Dekret der Hanauer Regierung wird 1735 von der Kanzel bekanntgegeben, in welchem die werdenden Mütter ernstlich ermahnt werden, ihr Kind im Beisein einer geschworenen Hebamme zur Welt zu bringen.

Im Jahre 1769 ist eine Seuche unter dem Hornvieh, für Medikamente werden 77 Gulden 10 Albus aus der Gemeindekasse gezahlt. . Im Jahre 1840 ist die Fleischbeschau schon in Übung (siehe Gemeinderechnung). Im Jahre 1848 wird die Leichenschau angeordnet Im Jahre 1895 erfolgt die Gründung des Sanitätsfrauenbundes.

Im Jahre 1893 erhält Dörnigheim einen Arzt. Er nimmt zunächst seine Wohnung in der „neuen“ Schule, bis einige Jahre später das neue Arzthaus in der Mühlheimer Straße entsteht.

 

Kriegerische Ereignisse

Seit dem Beginn der Neuzeit waren die Söldnerscharen der Territorialfürsten, das Land unsicher machten. Sie zogen während der Kriege, die Fürsten untereinander austrugen, oft raubend, brennend und sengend durchs Land, zum Schrecken seiner Bewohner. Eine größere Kampfhandlung oder Schlacht hat in unmittelbarer Nähe Dörnig­heims nie stattgefunden, aber die Lasten eines jeden Krieges in unserer deutschen Geschichte hat die Dorfbevölkerung in Form von Einquartierungen, Fouragelieferungen usw. immer zu spüren bekommen.

 

Städtekrieg:

Im Mai 1389 zogen Söldner der freien Reichsstadt Frankfurt gegen die Stadt Hanau. Sie wollten sich dafür rächen, daß Graf Ullrich von Hanau den Herren von Kronberg in ihrem Kampf gegen Frankfurt beigestanden hatte. Einige hanauische Dörfer wurden damals schwer gebrandschatzt. Besonders auf die Plünderung der Kirchen und Pfarrhäuser hatten es die Rächer abgesehen.

So klagt der Pfarrer Heinricius von Kesselstadt und Dörnigheim, er sei von den Frankfurtern gebrannt und beraubt worden; man habe ihm eine rote Kuh, ein Bett mit allem Gerät und Zeug, zwei Mäntel und allen Hausrat, die Schweine und Ferkel und alle Hühner geraubt. Auch die Kirche wurde ausgeraubt, Haus und Scheune des Kaplans verbrannt und Betbücher, Bettgewand und Hausrat weggenommen. Der Pfarrer richtet später ein Bittgesuch an seine Behörde. Das Frankfurter Rechenbuch verzeichnet unter dem 19. Juli 1393: „6 Gulden dem Pfaffen von Kesselstadt für Übergriffe in dem vergangenen Krieg“.

Auch 1392 wird dem Kaplan Conrad zu Dörnigheim all seine Habe weggenommen.

 

Weitere Auseinandersetzungen:

Im Jahre 1566 kommt es zu häufigen Streitigkeiten zwischen Hanau und Friedberg. Dörnigheim muß 40 Mann mitschicken, um wegen eines Friedberger Einfalls ins Hanauische Vergeltung zu üben (Dien Friedberger hatten im Hanauischen wird das Gras abgemäht, nun wird ihnen das Gras abgemäht).

Von einem Hanauer Chronisten erfährt man: „Hanau, den 2. De­zember 1567. Heut ist der Landknecht Kasper Mauß in die Dörfer des Büchertals geschickt worden, um zuzusehen, daß die armen Leut von den durchziehenden Reitern möglichst verschont würden, auch was sie an Fütterung und Essenspeis dargeben, ziemlich bezahlt würde. So ist der kleine Sebastian gen Dörnigheim, bis die Reuter vorüber waren, beordert worden. Er sollte die Untertanen vermahnen, die Reuter, so gut als möglich, aufzunehmen, und dafür zu sorgen, daß die abziehenden Reuter die armen Leut ziemlich bezahlen. Es handelt sich hier um böhmische Truppenteile, die das spanische Heer unter dem Herzog Alba in seinem Kampf gegen die Niederländer unterstützen sollten.

Durchziehende böhmische Truppen richten 1574 auf ihrem Zug nach Spanien im Ort großen Schaden an.

 

Dreißigjähriger Krieg 1618 - 1648:

Gleich im ersten Jahr des Dreißigjährigen Krieges plünderten die Trup­pen des Herzogs Bernhard von Weimar den kleinen Ort. Im Jahre 1621 wird Dörnigheim von durchziehenden Truppen der Spanier unter Spinola geplündert, egal ob Freund oder Feind. Alles was irgend Wert hat, wird mitgenommen. Es sind Spanier unter Spinola, die die Dörfer im Untermaingebiet brandschatzten.

Als 1627 die Pest ausbrach, waren die Men­schen in den Dörfern noch hilfloser. Im Jahre 1632 - in einer Phase relativer Ruhe - wurden die Einwohner in Dörnigheim gezählt und ihre Zahl an die Herrschaft in Hanau über­mittelt. Es waren 38 Familien. Im Winter 1634 auf 1635 wird Dörnigheim von Truppen des Herzogs Bernhard von Weimar geplündert. Im Jahr 1635 flammte erneut die Pest auf. Verseuchtes Trinkwasser aus den Brunnen, zerstörte Häuser und verwüstete Äcker boten den Menschen weder Schutz noch Nahrung.

Von 1634 bis 1636 war die Gegend am Untermain der Hauptkriegsschauplatz. Rings um Frankfurt flammten damals die Dörfer auf. In Kirchenbüchern von Bergen hat man ein Verzeichnis gefunden, dem alle Orte aufgeführt sind, die „von Freundt und Feind angezundt worden“. Hinter Dörnigheim steht zum Beispiel „ganz abgebrannt“, ebenso hinter Wachenbuchen, Oberdorfelden und Oberissigheim.

Im Jahre 1639 berichtet Pfarrer Karl Schnabel, der von 1638 bis 1642 die Gemeinden Dörnigheim und Kesselstadt betreute, daß er „kein Pfarr- noch Schulhaus in unserm Dorf habe, der Krieg habe viel Verwüstung und Schrecken in Dörnigheim hinterlassen“. Am Ende des Krieges lebten in Dör­nigheim immerhin noch 95 Menschen.

Die Menschen, die die Kriegsschrecken überstanden, waren in ihren Sit­ten völlig verwildert. Pfarrer Schnabel schreibt später rückblickend über diese Jahre: „Wenn es nicht mehrfach bezeugt wäre, würde man es nicht für möglich halten, daß das Volk in dem grenzenlosen Jam­mer der damaligen Jahre noch Lust an Tanz und ausgelassenen Ver­gnügungen gefunden habe; aber es war vollständig verwildert, und die längst gewohnten Schrecken des Krieges machten keinen Eindruck mehr; eine Art Galgenhumor war über die Leute gekommen, und ihr Wahlspruch scheint gewesen zu sein: Laßt uns essen und trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot!“

 

Die Französischen Eroberungskriege ab 1675:

Viel Zeit zur Erholung blieb den Bewoh­nern von Dörnigheim nach der Ausrufung des Westfälischen Friedens 1648 nicht. Noch keine dreißig Jahre später, im Janu­ar 1675 begann Frankreichs König Ludwig XIV. seine Eroberungskriege gegen Spa­nien, die spanischen Niederlande, Holland und die Pfalz. Kaiserliche Soldaten unter Kurfürst Wil­helm I. zogen auch durch das Hanauer Land. Sie wurden am Karfreitag des Jahres 1675 in Dörnigheim zusammengezogen und zogen am 3. April in Richtung Bad Vil­bel ab.

Im Jahre 1587 hatte Dörnigheim 43 Büchsenschützen und 7 Feldspießer (wehrhafte Männer) zu stellen. 1599 für die Unterweisung der Schützen sind 3 Gulden 15 Schilling. aus der Gemeindekasse zu zahlen.

 

Österreichischer Erbfolgekrieg 1741 – 1748:

In die Zeit des Wiederaufbaus und der Wie­derherstellung von Ruhe und Ordnung brachen die Österreichischen Erbfolge­kriege herein. Zwischen 1741 und 1745 zo­gen wiederholt die unterschiedlichsten Truppen durch Dörnigheim und richteten besonders in den Fluren großen Schaden an. Im Jahre 1743 war bei dem herrschaftlichen Rat von Spener (im Schlößchen) der General Sommerfeld einquartiert.

 Im Gewannbuch vom Jahre 1743 berichtet uns der Dörnigheimer Gerichtsmärker und Ortsbürger Peter Weber: „Dörnigheim, den 8. Mai sind die österreichi­schen, hannoverschen und englischen Truppen bei uns gestanden im Oberfeld. In dem ist alles rujeniert an Winter- und Sommerfrucht am Grundborn und an der Äppelallee (Kesselstädter Weg) und die Wälder niedergehauen und verbrannt worden. Im Lager ist der Wald geschätzt worden an 1.800 Gulden, und die Frucht auf den Feldern ist auch von Unparteiischen erkannt auf ungefähr 2.400 Gulden. Sind wieder abmarschiert von Dörnigheim den 10. September.“ Diese Truppen nahmen an der Schlacht bei Dettingen teil.

Durchziehende oder einquartierte Landmiliz, Ysenburger Söldner, ungarische Reiter, Panduren und Kroaten verursachten 1745 hohe Kosten. Die ungarischen Reiter lagen mehr als einen Monat in Dörnigheim. Außer den Kosten für die Quartiere wurden Spanndienste verlangt, Stroh und Heu für die Pferde, Fleisch, Wurst, Fische und Eier wurden verzehrt, dazu mußten die Dörnigheimer für Blei, Pulver und Kramwaren aufkommen. In den Weingärten wurde ebenfalls großer Schaden angerichtet und die Mainwiesen verwüstet. Die Gemeinde hat im Jahr 1745 an Kriegskosten 1.284 Gulden zu zahlen. Um frühere Kriegskosten begleichen zu können, mußten 1.372 Gulden geliehen werden. Die Ausgaben für einen Durchmarsch betrugen einmal allein 892 Gulden. Die Pächter werden für ein Jahr von der Zahlung der Pacht befreit.

Ein Jahr später, 1746, lag das Wolfenbüttelsche Regiment, sowie dessen Generalstab im Ort. Kaiserliche Husaren unter General von Thüngen waren 1747 einquartiert. Ungarische Reiter lagen einmal 32 Tage im Dorf. Außer Quartier verlangte man Spanndienste, Stroh, Heu, Fleisch, Wurst, Fische, Hechte und Karpfen, Eier, Blei, Pulver und Kramwaren. In den Weingärten wurde großer Schaden angerichtet. Die Pächter wurden für ein Jahr von der Zahlung der Pacht ent­bunden. Auch die Mainweiden wurden stark verwüstet. Im Jahre 1750 werden hessische Truppen unter Major Wilk einquartiert. Auch 1751 gab es eine mehrmalige starke Einquartierung.

 

 

Siebenjähriger Krieg 1756 – 1763:

Während des Siebenjährigen Krieges hatte die Gemeinde große Kriegslasten zu tragen (siehe Gemeinderechnungen). Als im April 1759 die „Schlacht bei Bergen“ ausgetragen wurde, gehörte Dörnigheim ebenfalls wieder zu den Leidtragenden. In dem nur wenige Kilometer entfernten Ber­gen standen sich 36.000 Franzosen und 26.500 Soldaten der Reichsarmee gegen­über. Die Schlacht ging zugunsten der Franzosen aus. Damit war jedoch das Leid der umliegen­den Dörfer nicht beendet. Umherstreifende Soldaten raubten alles, was nicht niet‑ und nagelfest war. Auch der Krieg war noch nicht zu Ende. Die Aufzeichnungen des Dörnigheimer Pfarrers sprechen für sich. Durchzüge und Einquartierungen von Sol­daten, seien es hessische, preußische oder kaiserliche Truppen, belasteten die Bevöl­kerung sehr.

 

Die Koalitionskriege gegen die Franzosen 1792 – 1798:

Auch nach dem offiziellen Ende des Siebenjährigen Krieges gab es für die Franzosen kein Halten. Gefolgt von französischer Reiterei fluteten die Heere über die alte Straße. Sie zogen zum Rhein oder kamen vom Rhein zurück. Sie plünderten, mordeten und brandschatzten, egal ob Freund oder Feind. Gegen die neuen, wirksamen Feuer­waffen war die Wehrmauer kaum noch ein Schutz. Neben der Zeit des Dreißigjährigen Krieges dürften die Jahre der französischen Herrschaft 1792 bis 1795 und 1806 bis 1813 die größten Kriegslasten für die Bevölkerung Dörnigheims gebracht haben.

 Die Einquartierung hessischer Truppen 1792 / 1793 kostet 100 Gulden, für preußische Truppen wurden 44 Gulden ausgegeben. Im Jahre 1794 müssen an kaiserliche Truppen, die von Frankfurt nach Würz­burg ziehen, 230 Gulden gezahlt werden. Im Jahre 1795 gibt es Einquartierungen, Fuhren nach Lim­burg, Weilmünster, Frankfurt und Bergen mit Kosten von 78 Gulden. Die Einwohner flüchten vor den feind­lichen französischen Truppen nach Hanau.

 

Im Jahre 1796 gab es eine große Ein­quartierung durch französische Reiterei, außer Verpflegung mußte auch Bargeld an die Truppen abgegeben werden, ein Dörnigheimer Wirt muß 176 Gulden eintreiben, die Gesamtkosten betragen in diesem Jahr 4.529 Gulden. Voller Verzweiflung schrieb der Pfarrer 1796 ins Gemeindebuch: „Dies ist das schlimmste Kriegsjahr, wo dieser an der Straße liegende Ort zweimal von den Franzosen und zweimal von den Reichs­truppen besetzt und viele Exzesse verübt und großer Schaden entstand.“ Dieser schlimme Krieg zog sich bis 1798 hin. Im Jahre 1797 wurden für hessische Truppen 795 Gulden, 1798 ebenfalls für hessi­sche Truppen 282 Gulden ausgegeben. Im Juni 1800 streiften französische Truppen plündernd von Frankfurt aus bis Dörnigheim. Die Soldaten streiften bis Hochstadt und Dörnigheim umher. Hanau schloß seine Tore. Bei Hochstadt kam es zu einem Gefecht. In Dörnigheim brachten die Franzosen ge­fangene Preußen unter.

Die Französische Revolution war ausge­brochen, mit Mord und Totschlag im Gefol­ge. Man schrieb das Jahr 1798. Ihre Aus­wirkung sollte sich nicht nur auf Frank­reich beschränken. Am Ende würde sich ganz Europa verändert haben. Als man in Deutschland von der Flucht des französi­schen Königs erfuhr, mobilisierten Preu­ßen und Österreich gemeinsam eine Ar­mee, um in einem Feldzug gegen Frank­reich die Revolution niederzuschlagen und das Königtum wieder einzusetzen.

Ihm schlossen sich viele westdeutsche Fürsten an, so auch der hessische Land­graf Ludwig I. Der Feldzug verlief un­glücklich und das zurückflutende Heer wurde von dem französischen Revoluti­onsheer bis nach Deutschland hinein ver­folgt. Der innerpolitische Krieg wurde geschickt von den Führern der Revolution in einen außenpolitischen verwandelt. Die Gunst der Stunde nutzend, verlangte Frankreich von Deutschland alles Land westlich des Rheins, den es als natürliche Grenze bezeichnete. Zwischen 1792 und 1794 kam es ununterbrochen zu Kriegs­handlungen, die auf deutschem Boden viel Schaden anrichteten. Besonders Hessen,

das wegen seiner zentralen Lage ständig von den hin‑ und herflutenden Heeren be­setzt war, hatte große Verluste.

Kriegsmüde bot Preußen der Französi­schen Republik 1795 den Frieden an und überließ, des schnellen Abschlusses wil­len, den Franzosen das ganze linke Rhein­ufer. Nach einem zweiten europäischen Koalitionskrieg wurde die Abtretung im Friedensvertrag von Luneville bestätigt.

Um die Bestimmungen durchzuführen, kam es 1803 unter dem Einfluß Napoleons auf dem Regensburger Reichstag zum „Reichdeputationshauptschluß“. Viele deutsche Klein‑ und Kirchenstaaten wur­den aufgehoben und größeren Staaten zu­geschlagen. So wurde zum Beispiel die Landgrafschaft Hessen‑Kassel, wesentlich vergrößert, zum Kurfürstentum Hessen­ Kassel, ebenso das Fürstentum Nassau zum Herzogtum Nassau und die Landgraf­schaft Hessen‑Darmstadt zum Großherzog­tum Hessen.

 

Napoleonische Zeit:

Seit 1805 war das Hanauer Land unter französischer Herrschaft. Ab 1806 muß Kaiser Napoleon in das sonntägliche Kirchengebet eingeschlossen werden. Im Jahre 1806 brach der Französisch‑Preußische Krieg offen aus, der bis 1813 dauern sollte. Napoleon setzte den Kurfürsten von Hes­sen‑Kassel ab, zerschlug die Fürstentümer und gliederte sie neu. Die Festung Hanau mußte auf Befehl Napoleons „demoliert“ werden. Im Jahre 1807 soll Napoleon nach mündlicher Überlieferung durch Dörnigheim gekommen sein.

Während Napoleon bei seiner staat­lichen Neugliederung Deutschlands Hessen-Kassel zu dem neu gegrün­deten Königreich Westfalen schlug, ließ er das Fürstentum Hanau zunächst selbständig unter französischer Verwaltungsaufsicht weiterbestehen. Aber im Jahre 1810 gliederte er das Fürstentum in das neu geschaffene Großherzogtum Frankfurt ein, das er dem ihm gänzlich gefügigen Rheinbundfürsten, dem ehemaligen Mainzer Erzbischof von Dalberg, übergab.

Nach dem Sieg über Preußen wurde Deutschland wieder einmal neu verteilt.

 

Das Fürstentum Hanau wurde vorläufig unter franzö­sische Verwaltung gestellt.

Zu einem Zwischenfall mit den Franzosen kam es in Dörnigheim auch einmal, als der Dörnigheimer Schultheiß, der zugleich auch Gastwirt im „Hirsch“ war, einen anmaßenden französischen Leutnant ohrfeigte. Er flüchtete darauf über den Main. Danach wurden Dörnigheimer Männer als Geiseln festgenommen und eingesperrt. Sie sollten er­schossen werden. Die Angehörigen und die Bevölkerung richteten Bittgesuche an die Franzosen. Jedoch ohne Erfolg! Nur durch das Eingreifen eines höheren französischen Offiziers, der mit einem Schiff mainaufwärts von Frankfurt zufällig nach Dörnigheim ge­kommen war, gelang es, die Gefangenen wieder frei zu bekommen.

 

Napoleon zwang deutsche Fürsten mehr oder weniger in den „Rheinbund“. Auch der Großherzog von Hessen-Darmstadt war mehr oder weniger gezwungen dem Rheinbund beigetreten. Er hatte sich eine Machterweiterung und Reformen versprochen. Doch Napoleons Heer verschlang tausende wehrfähige Männer, und die Reformen waren kostspielig und erforderten immer neue Steuererhöhungen. Das Volk hungerte.

Die neuen Fürsten und Herzöge waren mächtig und frankreichhörig. Das Heilige Römische Reich Deut­scher Nation zerbrach jedoch erst dann völlig, als sich 1806 sechzehn westdeutsche Staaten vom Deutschen Reich lossagten und unter der Schutzherrschaft Napo­leons, der sich 1804 zum Kaiser der Franzosen gemacht hatte, zum Rheinbund zusammenschlossen. Das sollte Deutschland teuer zu stehen kommen. Als Napoleon im gleichen Jahr gegen Preußen in den Krieg zog, muß­ten die Rheinbundstaaten 64.000 junge Soldaten zur Verfügung stellen. Dazu hatten sie sich verpflichtet. Die wehrfähige Jugend mußte allerdings unter Andro­hung der Konfiszierung ihres Vermögens oder Erbteils dazu „überredet“ werden.

 

Demandt schreibt in der 1980 erschienen Geschichte des Landes Hessen: „Die Ge­genleistung für die großzügige Zuteilung von 1803 und 1806 bestand in der für die na­poleonische Zeit und Anmaßung übliche Truppenstellung und den dadurch beding­ten schweren Opfern, die die hessen‑darm­städtischen Truppen auf Grund der vom Großherzog in der Rheinbundakte über­nommenen Verpflichtungen in den napo­leonischen Kriegen auf den europäischen Schlachtfeldern gebracht haben.

 

Die Franzosen brachten aber auch Verbesserungen: Napo­leon führte, seinen 1804 in Kraft getretenen „Code Napoléon“ auch hier ein. Alte französische Rechtsgrund­lagen waren mit den Ideen der Revolution verbunden worden. Er gewährte Gleichheit vor dem Gesetz, reli­giöse Toleranz und die Abschaffung aller Privilegien und grundherrschaftlicher Lasten. Für Deutschland bedeutete das die Aufhebung der Leibeigenschaft in den französisch besetzten Gebieten. Das war für viele Menschen in den Dörfern von großer Bedeutung, konnte aber nicht über die Lasten hinwegtäuschen. die der Bevölkerung, aus den Abgaben erwuchsen, mit denen Napoleon seine illegale Sonderkasse, den „Trésor de l’Armé“, füllte.

 

Im Jahre 1810 kam es zur Aufhebung der Fronarbeiten in Dörnigheim, Kilianstädten und Hanau. Die Juden mußten 1811 feste Familiennamen nach freier Wahl führen. Die Ämter Büchertal und Hanau 1811 erhielten eine gemeinsame Verwaltung. In der alten gräflichen und kurfürstlichen Zeit wurde der Schultheiß vom Landesherrn bestellt. In der Napoleonischen Zeit begann man, den Bürgermeister und die Gemeindediener von den Bürgern wählen zu lassen. Alljährlich in den ersten Tagen des Januar trat man zu diesem Zweck zusammen und „bestellte“ die Ämter. Die hierüber seit 1811 angefertigten Protokolle wurden in Protokollbücher nieder­geschrieben, die sich heute noch im Gemeindearchiv befinden. Aus dem Jahre 1811 sei ein solches Protokoll mitgeteilt. Es lautet:

„Nachdem nun abermals ein Jahr verflossen und wir durch Gottes Gnaden ein neues angetreten, so sind wir der Gewohnheit nach unter heutigem Dato, dem 8. Januar 1811, zusammengekommen, die dies­jährigen Ämter zu bestellen:

1. zu Borgemeister sind gezogen worden: 1. Carl Puhl und 2. Peter Kegelmann sen.

2. zu Feldschützen: 1. Caspar Heck und 2. Jakob Bollinger und 3. Peter Kegelmann jun.

3. zum Waldaufseher: Peter Seng und 4. zum Gerichtsdiener: Ernst Engelhardt jun“.

Außerdem wurden ein Gemeindebäcker und sogar ein Gemeindekuhhirt und ein Schweinehirt bestellt.

Nunmehr gab es neben dem alten herrschaft­lichen Schult­heißen - der sich jetzt mit dem französischen Wort „maire“ bezeichnen läßt - zwei weitere Bürgermeister. Diese sind die Rechnungsführer der Gemeinde, die es aber auch schon vorher gab. Während der Schultheiß auf Lebenszeit sein Amt innehat, wer­den die beiden Bürgermeister alljährlich neu gewählt. Diese Regelung dauerte bis zum Jahre 1834. Dann trat in Kurhessen eine Gemeindeordnung in Kraft, wonach von der Gemeinde ein Bürgermeister gewählt und dieser von der Regierung ernannt bzw. bestätigt werden mußte. Sein Amt hatte er dann auf Lebenszeit inne. Ihm zur Seite standen beratend die Schöffen und die Gemeindevertreter. Diese Ordnung ist in ihren Grundzügen bis in unsere Tage erhalten geblieben.

 

Napoleon rüs­tete zu immer neuen Kriegen. Nach dem Willen Napoleons fiel ganz Europa (außer England) im Juni 1812 ohne Kriegserklärung in Rußland ein. Zunächst ging für ihn alles glatt.

Napoleon hatte sich zum uneingesehränk­ten Herrscher über ganz Europa emporge­arbeitet. Es fehlten nur noch England und Rußland. Im Jahre 1812 beschloß deshalb der Kai­ser der Franzosen, mit einem für die dama­lige Zeit unvorstellbar großen Heer von über einer halben Million Soldaten, darun­ter Franzosen, Deutsche, Italiener, Schweizer, Holländer, Spanier und Polen, gen Osten zu ziehen. Er würde zwei Flie­gen mit einer Klappe schlagen, denn Rußland erobern bedeutete auch, England von seinem einzigen verbliebenen Lebensmit­tel‑ und Rohstofflieferanten abzuschnei­den. Aus unserer Heimat machten Tausen­de junger Männer im Corps Westfalen die­sen Feldzug mit.

Nach zwei siegreichen Schlachten stand denn auch Napoleon vor Moskau. Aber die Bewohner hatten die Stadt verlassen und hinter sich angezündet. Es gab keine Lebensmittel für das gigantische Heer, kei­ne Versorgung. Im Oktober. begann der russische Winter. Der Zar bot keinen Frie­den an. Napoleon befahl den Rückzug.

Aber bald wendete sich das Blatt. In der Völkerschlacht bei Leipzig, im Oktober 1813, sieg­ten Preußen, Österreich und Rußland über die französische Armee. Napoleon trat den Rückzug an in Richtung Frank­reich. Und wieder wälzte sich ein riesiges Heer über die alten Heerstraßen.

           

In den Jahren von 1806 bis 1815 waren die Kriegslasten, wie überall im Hanauer Land, so auch in Dörnigheim besonders drückend. Bei einem Etat von 7.439 Gulden Einnahmen und 6.946 Ausgaben betrugen die Kriegskosten im Jahre 1808 zum Beispiel 4.210 Gulden. Für 1807 lauten die Zahlen: 12.449 (E), 11.851 (A), 5.583 (K). Ähnlich lagen die Verhältnisse in den anderen Jahren. Man kann sagen, daß etwa die Hälfte aller Ausgaben durch Kriegslasten verursacht waren. Die Leistungen der Gemeinde bestanden im Bereitstellen von Verpflegung, Futter für die Pferde, in Pflege der Verwundeten, Gestellung von Fuhrwerken für Transporte nach Gelnhausen, Hanau, Frankfurt, Mainz, Friedberg, Kassel.

Die Instandhaltung der Fuhrwerke, der Kleider, der Schuhe, insbesondere auch der der berittenen Truppen kostete die Gemeinde viel Geld. Den in Wäldern jagenden französischen Offizieren mußten von der Gemeinde das Pulver und das Schrot gestellt werden. Dauernd kamen und gingen die Truppenzüge, oft löste der eine den anderen ab. Nur die Verpflegung für die Offiziere wurde den Quartiergebern vergütet aus der Gemeindekasse, und zwar mit 1 Gulden und 40 Kreuzern täg­lich pro Mann. Die Schulden der Gemeinde stiegen infolge der langen Belastungen so hoch an, daß man noch im Jahre 1820 Rückzahlungen zu leisten hatte.

Bei der Durchführung der geforderten Spanndienste mußten auch Knaben mithelfen, weil viele erwachsene Männer als Soldaten eingezogen waren. Es wird berichtet, daß die Franzosen einmal einen vierzehnjährigen Dörnigheimer Knaben als Pferdeknecht mitnahmen bis Oppenheim; hier konnte der Knabe sich schließlich freimachen und in sein Heimatdorf zurückkehren.

Viele junge Männer flüchteten über den Main, um der Verpflichtung zu Dienstleistungen zu entgehen. Das taten auch manche Soldaten. In unserm Gemeindebuch wird von einem Soldaten erzählt, der von seiner Truppe desertiert war und sich in einer Truhe in einem Dörnigheimer Bauernhaus versteckt gehalten hatte, um nach dem Abzug der Soldaten daraus wieder hervorzukriechen und die Freiheit zu erlangen. Der Deckel Truhe war jedoch mit einem Schnappschloß versehen, so daß man ihn nicht mehr von innen öffnen konnte. Als die Bewohner des Hauses, die sich im Wald versteckt gehalten hatten, nach einigen Tagen wieder in ihr Haus zurückkamen, hörten sie stürmisches Klopfen aus der Truhe. Sie glaubten an einen Spuk und getrauten sich nicht an die Kiste heran. Erst später fand man die Leiche des Menschen in dem Todesversteck.

Streitigkeiten der deutschen Behörden untereinander infolge Sachlieferungen an die Franzosen oder Schäden durch die Besatzung fanden erst Jahre nach dem Ende des Krieges gegen Napoleon ihre Erledigung. So entstand zwischen Dörnigheim und Oberrodenbach ein Streit wegen eines Ochsen, den zurückziehende Truppen in Oberrodenbach mitgenommen und in Dörnigheim geschlachtet hatten. Nach langen Verhandlungen, in die sich auch die kurhessische Regierung einschaltete, mußte Dörnigheim den Ochsen bezahlen Dabei gab es in ganz Dörnigheim damals nur noch, wie mündlich überliefert worden ist, eine einzige Kuh, die man stets versteckt hielt.

Nun spielte die alte Wehrmauer keine Rol­le mehr. Gegen die Schußwaffen, mit de­nen jeder Soldat ausgerüstet war, hatte die zivile Bevölkerung ohnehin keine Chance mehr. Bereits im Jahre 1811 hatte die Gemeinde Dörnigheim darum nachgesucht, das vor dem Ort befindliche Wachthaus abbrechen und neben dem Rathaus wieder aufstellen zu dürfen. Aus der Bürgermeisterrech­nung der Jahre 1812 bis 1816 geht hervor, daß man auch das Ober‑ oder Hanauer Tor abbauen wollte. Ein Teil der Wehrmauer war ohnehin schon geschleift und zum Bau von Wohngebäuden außerhalb der Mauer verwendet worden.

 

Man erwartete auch in der Gegend um Hanau mit Schrecken das immer noch ge­waltige rückflutende Restheer von etwa 80.000 Mann (von Leonhard). Eilig verlegte die französische Stadtkommandantur von Hanau ihr Hauptquartier nach Hochstadt. Franzosen besetzten die Dörfer an den Straßen nach Frankfurt. Entlang der Chaussee bis Dörnigheim wa­ren Kavallerie‑Abteilungen von je 100 bis 150 Mann aufgestellt.

Im Königreich Bayern existierte der Wunsch, die Zugehörigkeit zu den gegen Napoleon Alliierten Mächten unter Beweis zu stellen und so stellte sich die bayerische Armee den Franzosen auf dem Rückzug in der Bulau in den Weg. Der Oberbefehlshaber ging allerdings nur von versprengten französischen Truppenteilen aus und wählte eine Gefechtsposition, die keinen Rückzug erlaubte. Allerdings befand sich Napoleon selbst in der Bulau und gab sich nicht so einfach geschlagen, wie die Bayern sich das vorstellten. Der Sieg in der Schlacht bei Hanau vom 30. und 31. Oktober 1813 war der letzte Sieg Napoleons auf deutschem Boden. Durch den Verlust der Völkerschlacht und den Vertrag von Ried sah der Großherzog von Hessen- Darmstadt, ein bisher ergebenes Mitglied im Napoleon-treuen Rheinbund, die Notwendigkeit zu handeln, solange er die eigenmächtige Möglichkeit dazu noch hatte um nicht im Strudel seines Protektors Napoleon mit unterzugehen. Bayerische und österreichische Truppen wollten versu­chen, das französische Restheer beim Rückzug durch das Kinzigtal zu schlagen. Im Lamboywäldchen kam es zum Kampf, den Napoleon - trotz seiner geschwächten Einheiten - für sich entscheiden konnte.

Es ist überliefert, daß Napoleon sich am Abend der Kampfhandlungen an Ort und Stelle zum Schlafen legte. Früh am nächsten Morgen flüchtete er über einen Feldweg zwischen Hochstadt und Dörnigheim zur Mainkur, nach Frankfurt und weiter über den Rhein nach Frankreich.

Das Soldatenheer allerdings benutzte Straßen und das waren nicht wenige, wenn auch 10.000 von ihnen gefangengenommen und etwa 9.000 gefallen oder verwundet worden waren. Ihnen folgten die Reiterverbände der Kosaken, die sie von Rußland aus verfolgten. Noch viele Tage nach Beendigung der Kampfhandlungen irrten versprengte Franzosen in der Gegend herum. Für Verwundete war auch in Dörnigheim in dem Rat‑ und Schulhaus ein Lazarett eingerichtet worden.

Ein Augenzeuge berichtete, daß zu beiden Seiten der Heerstraße die Leichen „sehr gehäuft“ lagen. Durch die eingeschleppt, Krankheiten starben in Dörnigheim 15 Prozent der Bevölkerung. Das war nach dem Dreißigjährigen Krieg, die höchste Todesrate.

 

Nach der Schlacht bei Hanau am 30./ 31. Oktober 1813 erhielt Dörnigheim starke Einquartierung. Das Rathaus wurde als Lazarett eingerichtet. Da es an sach­gemäßer Behandlung fehlte, starben viele. Eine Anzahl dieser Ver­storbenen soll im Rathausgarten beigesetzt worden sein und hielt bei ihrer Auffindung zunächst die Kriminalpolizei in Atem. Kranke französische Soldaten hinterließen eine Krankheit, wahrscheinlich Typhus (auch „Nervenfieber“ wird angegeben).

Am 1 November 1813 wurde das Hauptquartier der bayrischen und österreichischen Armee sowie Truppen nach Dörnigheim verlegt. Der österreichische Generalfeldmarschall nahm im „Hirsch“ Quartier. Am 2. November 1814 wurde der Staatsvertrag zwischen den Verbündeten und Hessen geschlossen, Hessen trat den Verbündeten bei. Am 5. November kamen Kaiser Franz II., Zar Alexander von Rußland und am 13. November König Friedrich Wilhelm III. durch Dörnigheim

 

Vertrag von Dörnigheim:

Mit dem Vertrag von Ried, der ein Vorbild für den Vertrag von Dörnigheim darstellt, tritt das Königreich Bayern am 8. Oktober 1813 aus dem Rheinbund aus und schließt sich den gegen Napoleon verbündeten Mächten unter der Führung Österreichs an. Der Vertrag von Ried wird unmittelbar vor der Völkerschlacht bei Leipzig geschlossen.

Als Napoleon 1813 nach seinem mißglückten Rußlandfeldzug und dem Rückzugsgefecht im Hanauer Lamboywäldchen durch Dörnigheim gen Frankfurt hindurch gezogen war, eilten schleunigst der hessische Hofmarschall und Geheime Rath Freiherr du Thil und der österreichische Feldmarschall‑Leutnant Graf Fresnel im Gasthaus „Zum Adler“ zusammen, um den Vertrag zu Dörnigheim zu beschließen. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde“.

Zwei Tage nach der Schlacht bei Hanau, am 2. November 1813, kam es dann zu dem Vertrag, der in Dörnigheim zwischen einem Vertreter des Großherzogs von Hessen und dem Öster­reichischen Feldmarschall‑Leutnant geschlossen wurde. Das Großherzogtum Hessen‑Darmstadt löste sich aus dem Rheinbund und verbündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, „wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde“.

 

Der Großherzog von Hessen-Darmstadt Ludwig I. hat um diese Unterredung gebeten. Du Thil hat Handlungsfreiheit. Er besitzt vom Großherzog die Vollmacht für uneingeschränkte Ver­handlungen. Ludwig hat die Nase voll von diesem Bündnis mit den Franzosen: Eine Million Fran­ken mußte allein in Form von Anleihen von den Gemeinden in Hessen aufgebracht werden. Kurz da­rauf war die zweite Zwangsanleihe von 75.000 Gulden für Militärausgaben befohlen worden. Ganz zu schwei­gen von den immerwährenden Quartierlasten für die im Land liegenden französischen Truppen: 16.000 Mann und 2.000 Pferde. Dazu mußte man noch wehrhafte junge Männer stellen, wenn Napoleon irgendwo Krieg machte.

Zwei Tage später, am 2. November 1813, kam es dann zu dem Vertrag, der in Dör­nigheim zwischen einem Vertreter des Großherzogtums Hessen und dem Öster­reichischen Feldmarschall‑Leutnant ge­schlossen wurde. Das Großherzogtum Hes­sen löste sich aus dem Rheinbund und ver­bündete sich mit Österreich und Bayern gegen Napoleon, wogegen ihm der Fortbe­stand als souveräner Staat zugesichert wurde. Im Gasthaus „Zum Adler“ in Dörnigheim kam es im November 1813 zu folgendem Vertrag, den der Brockhaus von 1894 den „Vertrag zu Dörnigheim“ nennt: „... Am 2. November 1813 trat Hessen durch den Vertrag zu Dörnigheim den verbündeten Mächten bei, wogegen ihm der Fortbestand als souveräner Staat zugesichert wurde...“ (Brockhaus’ Konversations‑Le­xikon, 1894).

Der Vertragstext lautet: „.Seiner Königlichen Hoheit der Großherzog von Hessen erachten es der Wohlfahrt Ihrer Unterthanen gemäß, Sich von der Rheinischen Conföderation zu trennen, und der heiligen Sache der coallierten Aller­höch­sten Mächte beizutreten. Infolge dieses ist zwischen Seiner Excellenz dem Kaiserlich‑Königlich­ Oester­rei­chischen Herrn Feldmarschall‑Lieutenant und Commandierenden des vereinigten Oester­reichisch‑ Baierischen Armee‑Corps, Herrn Grafen von Fresnel, und zwischen dem Großherzoglichen Herrn Hofmarschall und Geheimen Rath Freiherrn von Du Thil nachfolgende Militair Convention ge­schlossen worden, welche bei dem unverzüglich mit den verbündeten Allerhöchsten Mächten abschließen­den Definitiv‑Tractaten zur Basis dienen soll.

1.) Se Königliche Hoheit machen sich anheischig in der kürzest möglichen Zeit alle disponiblen Truppen in Ihren Staaten zu dem Verbündeten Oesterreichisch Baierischen Armee Corps stoßen zu lassen.

2.) verbinden Sich Sr Königlichen Hoheit diese Truppen nach Möglichkeit die in Ihrer Gewalt stehenden Mittel zu vermehren, und die Zahl und Gattung, der in ihre Folge zu stellenden, in dem Definitiv­-Traktate bestimmt auszudrücken.

3.) Diese Truppen werden stets einen integrierenden Theil der verbündeten Armee ausmachen, und in die­ser Hinsicht, so wie die übrigen Allerhöchsten Alliier­ten verpflegt und behandelt werden.

Gegenwärtige Militair‑Convention wurde zu diesem Ende von den Eingangsgenannten Bevollmächtigten in doppelter Fertigung mit ihrer Unterschrift und ihren Siegeln versehen.

Geschehen zu Dörnigheim am 2. November 1813.

Freiherr Du Thil, Hofmarschall und Geheimer Rath

Graf Fresnel Feldmarschallieutenant

(Du Thil war der Gesandte des Großherzogs von Hessen Darmstadt, Graf Fresnel war Feldmarschall‑Leutnant und Befehlshaber der alliierten Mächte).

 

Eifrig ist der Großherzog bestrebt, nicht allzu viele Vorteile an die bereits verbündeten Österreicher und Bayern zu ver­lieren. Die Bedingungen sind hart genug. Auch hier braucht man junge Männer im wehrfähigen Alter. Auch die Truppen der neuen Verbündeten müssen ver­köstigt werden, solange sie sich auf hessischem Boden befinden. Trotzdem werden auch die einfachen Leute erkennen müssen, daß dies eine Befreiung ist. Man muß sich endlich aus der „Schutzmacht Frankreich“ lösen. Du Thil versichert sich nochmals, daß Hessen trotz des Militär‑Bündnisses ein freier Staat sein wird.

Die Belastung für Hessen-Darmstadt ende­te erst, nachdem Ludwig I. nach der Schlacht bei Leipzig durch die Dörnighei­mer Allianzconvention vom 2. November 1813 als letzter der süddeutschen Fürsten auf die Seite der Alliierten getreten war; jedoch mußte er nun für diese militäri­sche Verpflichtungen übernehmen.

Der Vertag wurde in der Zeitung bekannt gemacht: Nachdem des Großherzogs von Hessen, unseres aller­gnädigsten Souveräns Königliche Hoheit, Sich be­wogen gefunden haben, mit den gegen Frankreich ver­bündeten und im Krieg stehenden Mächten unterm 2. d. M. eine vorläufige Allianz‑Convention abzu­schließen, durch welche Se Königliche Hoheit, aus den bisher mit Frank­reich bestandenen Conföderations­-Verhältnissen getreten und der Sache der gegen Frank­reich verbündeten Mächte beigetreten und Mitalliierter derselben geworden sind; so wird solches allen Dienern, Unterthanen und Angehörigen im ganzen Großherzogthum zur Nachricht und Nachachtung hierdurch zu dem Ende öffentlich bekannt gemacht, daß sie alle in die GroßherzogIichen Lande einrücken­den Truppen der alliierten Mächte, als ihre Freunde anzusehen, sie bestens aufzunehmen, und sich von ihnen diesen Verhältnissen ganz entsprechende Be­handlung zu gewärtigen haben.

Darmstadt, den 5. November 1813, Großherzoglich Hessisches Geheimes Staats‑Ministerium

Freiherr von Lichtenberg“.

 

Dann folgte die Bestätigung durch den Großherzog: „Wir Ludwig n. G. G. Großherzog von Hessen, Herzog von Westphalen, beurkunden und bekennen hiermit: Nachdem Wir, in Gemäßheit und in Folge den von Unsrem Hofmarschall, Geheimen Rath und Kammer­herrn, Wilhelm Carl du Bob Freiherrn du Thil mit dem chefcommandierenden General des Vereinigten Kai­ser­lich‑ Oesterreichischen und Königlich‑Bairi­schen Armee Corps unterm 2. dieses Monats zu Dörnigheim, in Unserem Auftrag und Namen, abge­schlossenen präliminairen Allianz‑Convention, und Unseres dadurch gleichbald bewürkten Beitritts zum Bündnis der gegen Frankreich alliierten Hohen Mächte, vorgedachten Freiherrn du Thil dazu weiters ernannt, beauftragt und bevollmächtigt zu haben, in Gemäßheit und nach Anleitung vorangeführten Con­vention, einen förmlichen Staatsvertrag mit dem oder den von Seiner Kaiserlich-Königlich Apostolischen Majestät von Oesterreich, von Seiner Kaiserlichen Majestät dem Selbstherr­scher aller Reußen und von Seiner des Königs von Preußen Majestät dazu Bevollmächtigten zu unterhandlen und abzuschließen; also ernennen Wir Ihn Unseren Hofmarschall, Geheimen Rath und Kammerherrn, Wilhelm Carl du Bob Freiherr du Thil, hiermit und in Kraft dieses, zu Unserem Bevollmächtigten und ertheilen Ihm volle Macht und Gewalt, diesen Staatsver­trag in Unserem Namen zu unterhandlen und abzuschließen, auch versprechen Wir zugleich, alles das­jenige, was derselbe hierüber handeln und abschließen wird, in allen Puncten ganz genehm zu halten und voll­ziehen zu lassen. (Gegeben in Unserer Residenz­stadt Darmstadt den 6. November 1813) Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und beigedrück­ten Staatssiegel“.

Zuletzt erfolgte auch die Bestätigung in Wien: „Hochwohlgeborener Freyherr, Höchstzu­verehrender Herr Geheimer Rat! Ich gebe mir die Ehre Euer Excellenz zu benach­richtigen, daß das hiesige Gouvernement bei Gelegenheit der gestern herausgegebe­nen außerordentlichen Beilage zur Wie­ner‑Hofzeitung dem hiesigen Publikum die Acception Ihro Königlichen Hoheit zum Krieg gegen Frankreich in folgenden Wor­ten mitgeteilt hat: Am 2ten November ward das Hauptquartier in Dörnigheim zwischen dem die vereinigten Oesterrei­chisch‑ Bairische Armee commandieren­den E M. L. Grafen Fresnel und dem Groß­herzoglich Hessischen Hofmarschall Frey­herrn von Thil eine Miltair‑Convention unterzeichnet, vermöge welcher Se. König­liche Hoheit der Großherzog dem Rhein­bund entsagen, und ihre gesamten Streit­kräfte also gleich mit der Österreichisch­-Bairischen Armee vereinigen. Die Nach­richt hat hier viele Sensation und Freude erregt. Ich aber habe nicht ermangelt meines bis dato noch suspendierten diplomatischen Characters unge­achtet diesen Schritt zu machen, wie er es verdient, zumal wenn man die geographische Lage der Staaten Ihro Königlichen Hoheit in Erwägung zieht.

Der ich in sehnlicher Erwartung baldiger Nachrichten mit Versicherung der reinsten und innigsten Venera­tion zu schließen die Ehre habe. Wien den 11 ten Novbr. 1813. Eure Excellenz ganz gehorsamster Diener, Ludwig Freyherr von Braun“.

Mit dem Abschluß dieses Vertrags stand Dörnigheim im Jahre 1813 für einen Tag im Blickfeld des Weltgeschehens. Die Neuverbündeten verfolgten das Napoleonische Restheer und trieben es über den Rhein nach Frankreich. Aber der Rückzug der verbündeten Truppen 1815 brachte wieder große Lasten für Dörnigheim: Schlachtvieh 111 Gulden, Russische Dolmen 24 und 27 und 24 Gulden, Fourage 138 Gulden. Im Jahre 1823 war aber eine Nachzahlung an Kriegskosten von 2.000 Gulden zu leiten. Die Gemeinde erhält aber 1834 aus der Staatskasse die 1806 / 1807 gezahlten Kriegskosten zurück.

 

Neuere Kriege:

Preußisch-Süddeutscher Krieg 1866:

Noch einmal sollte die alte Heerstraße bei Dörnigheim militärische Auseinanderset­zungen erleben. Nachdem die Nationalversammlung der Fürsten 1848 in der Frank­furter Paulskirche keine Demokratisie­rung des Landes gebracht hatte, brach 1866 der Deutsche Krieg aus, an dessen Ende die Unterwerfung unter die preußische Verwaltung stand. Noch einmal befand sich Dörnigheim im Zentrum des Kriegsge­schehens. Durchziehende Truppen plünderten 1866 die Bäckerläden.

Im Jahre 1866 wurde Dörnigheim zusammen mit dem ganzen Kurhessen, der freien Reichsstadt Frank­furt und dem Herzogtum Nas­sau preußisch und gehörte fortan zum Regierungsbezirk Kassel innerhalb der Provinz Hessen‑Nassau.

 

Krieg 1870 / 1871:

Im Krieg 1870 / 1871 kommen 44 Kriegsteilnehmer aus Dörnigheim (nach Angabe von Pfarrer Biscamp 22). Zunächst heißt es, nur Karl Rauch kehrt nicht zurück (er wird als vermißt gemeldet). Dann aber wird gesagt, zwei Soldaten hätten vor Paris ihr Leben gelassen, schließlich sind es elf Gefallene. In Dörnigheim wurde am 2. September 1895 von der bürgerlichen Gemeinde den am Deutsch-Französischen Krieg 1870 / 1871 beteiligten Soldaten ein Denkmal gestiftet. Die Ehrentafel aus schwarzem Granit enthält die Namen von 44 Dörnigheimern, die am Krieg teilnahmen und verzeichnet elf Gefallene. Ursprünglich war die Tafel in der Kirche befestigt. Nach jahrelanger Lagerung im Kirchturm ist sie nun an der Seitenwand der Kapelle auf dem alten Friedhof der Öffentlichkeit zugänglich.

Im Jahre 1900 nehmen junge Männer aus Dörnigheim in China am Kampf gegen fremdenfeind­liche aufständische Chinesen teil (Boxeraufstand).

Außer der Abstellung der Männer zum Kriegsdienst und den allgemeinen wirt­schaftlichen Folgen des Krieges hat Dörnigheim den Krieg in unmit­telbarer Weise zum Glück weder 1870 / 1871 noch 1914 bis 1918 oder 1939 bis 1945 zu spüren bekommen. Die strategisch wichtige Lage des Ortes, die ja allein die Ursache ist für die vielen Kriegsleiden der Vorfahren, ist allerdings auch in unsren Tagen erwiesen worden durch die Tatsache, daß im März 1945 eine ganze amerikanische Armee bei Dörnigheim über den Main gesetzt ist.

 

Ämter ab 1380

Im Jahre 1380 ist Schultheiß Klaus Kleberger, ein Schöffe ist R. Vischer und Fährmann ist Henne Vischer. Als Bürger von Dörnigheim werden genannt Heinz Delkinheim und Siegfried Ruwe, der an einen Frankfurter Bürger 6/8 Korngült ahlt für eine Erbhube, die er von letzterem gepachtet hat (Frankfurter Archiv). Der Schultheiß von Dörnigheim erhält 1540 von der Herrschaft jährlich eine Kappe für das Überwachen der Braubachfischerei.

Außer dem Schultheißen und den beiden Bürgermeistern gab es vor 1834 noch eine Reihe von besonderen Gemeindeämtern: drei Feldschützen, zwei Waldaufseher, einen Gerichtsdiener, einen Gemeindebäcker, einen Gemeindekuhhirt und einen Gemeindeschweinehirt. Sehr kärglich war die Besoldung dieser Gemeindediener. Der Gerichtsdiener erhielt im Jahr zum Beispiel zwei Paar Schuhe und freie Überlassung der gepachteten Güter, der Gemeindekuhhirt bekam als Jahreslohn 12 Gulden und 10 Malter Korn, der Schweinehirt 12 Gulden und 14 Malter Korn. Selbstverständlich waren diese Leute durch ihre Tätigkeit für die Gemeinde nicht den ganzen Tag in Anspruch genommen. Auch der Bürgermeister erledigte seine Dienstgeschäfte neben seinem eigentlichen bäuerlichen Beruf. Die waren geruhsamer als heute. Die Besoldung der Gemeindebeamten beträgt 703 Gulden im Jahre1840 und 1834 waren es 569 Gulden.

 

Die „Bürgermeister“ sind bis 1829 die Rechnungsführer und werden jedes Jahr neu gewählt.

Sie entstammen nur eingesessenen Dörnigheimer Familien wie Engelhard, Rauch, Lapp, Kegelmann, Fritz, Seng, Fischer, Eibelshäuser, Heck und Ebert.

Nach 1829 wird der frühere Schultheiß als Bürgermeisteramt bezeichnet: Karl Lapp bis 1834, Johannes Scheerer bis 1846, Bürgermeister Fritz bis 1852, Peter Lapp bis 1884, Peter Lapp bis 1901, Peter Lapp bis 1917, Karl Leis bis 1933.

 

Im Jahre 1867 wird die Gemeinderechnung noch nach Thaler, Silbergroschen und Heller geführt, ab 1871 dann in Mark und Pfennig. Der Gemeinderat hält 1877 seine Sitzungen im Saale des ehemaligen Gasthauses „Zur Krone“ ab. Im Jahre 1883 wird die Gendarmerie­station errichtet. Mitte 1945 erfolgt die Neu-Einrichtung einer Gendarmeriestation in Dörnigheim. Diese wird 1959 verlegt nach Hanau, Dörnigheim wird Außenstelle. Aber am 1. Januar 1965 erhielt Dörnigheim wieder eine eigene Polizeistation im Nebengebäude des Bürgermeisteramtes in der Kirchgasse. Am 1. Oktober 1974 erfolgt die Einrichtung eines Polizeipostens für ganz Maintal in Dörnigheim in der ehemali­gen Bürgermeisterei in der Kirchgasse. Am 19. August 1976 wird die Polizeistation in Dörnigheim eine Außenstelle des Landrates des Main-Kinzig-­Kreises.

 

Am 13. April 1927 geschieht die Umwandlung der ehrenamtlichen Bürgermeisterstelle in eine hauptamtliche Stelle.

Bürgermeister von Dörnigheim:

 

1829-1834      Karl Lapp

1834-1846      Johannes Scheerer

1846-1852      Bürgermeister Fritz

1852-1884      Peter Lapp

1884-1901      Peter Lapp

1901-1917      Peter Lapp XV.

1917-1933      Karl Leis, SPD

1933-1941      Jacob Dammköhler, gleichzeitig Bürgermeister von Langenselbold

1941-1945      Bürgermeister Pahl (NSDAP)

1945-1950      Alwin Lapp, KPD

1950-1952      Konrad Dietrich, SPD

1950          Walter Bley, KPD, zum Bürgermeister gewählt, kann aber aus

            parteipolitischen Gründen das Amt nicht antreten;

1950- 1952   Konrad Dierich (SPD)

1952-1955      Wilhelm Lapp, FWG

1955-1962      Karl Schütz, SPD

1962-1968      Franz Fleck, SPD

1968-1969      Wilhelm Lapp, FDP

1969-1974      Erwin Henkel, SPD.

 

Die Mitglieder des Gemeindevorstandes sind 1914: Herr Wilhelm Lapp IV (Beigeordneter), Herr Peter Ebert IX (Gemeinderat), Herr Peter Seng V (Gemeinderat), Herr Karl Leis (Gemeinderat). In der weiteren Gemeindevertretung sind die Herren Philipp Fliedner II, Karl Heck X, Friedrich Seng V, Peter Mankel, Peter Fliedner IV, Wilhelm Heck VIII, Jakob Lapp XV, Ernst Manns, Adam Lapp, Jakob Lotz, Georg Beckenbach, Friedrich Lapp V.

Die Gemeindeverwaltung 1928:

1. Gemeinderats-Mitglieder: Bürgermeister Carl Leis, Beigeordneter Leonhard Alt, Josef Werner, städtischer Beamter; Carl Rauch IV, Schreiner; Friedrich Lapp IX, Landwirt und Wagner.

2. Gemeindevertretungs-Mitglieder: Carl Lapp XV, Dreher; Jakob Lapp XIX, Schlosser; Wilhelm Zimmermann, Büroangestellter; Wilhelm Gruber I., Bauunternehmer; Heinrich Ebert II, Landwirt; Peter Mankel, Landwirt und Wagner; Jakob Dammköhler, Stadtsekretär; Wilhelm Meusert, Schreiner; Jakob Roth, Weißbinder; Curt Mitschke, Hausmeister (Schuldiener); Peter Rauch X, Diamantschleifer.

3. Gemeindebeamten:

Bürgermeister Karl Leis; Andreas Hartenfeller, Gemeinderechner; Wilhelm Schreiber, Verwaltungsassistent (Conrads Sohn); Käthe Lapp, Stenotypistin (Jakobs IXX. Tochter); Carl Fritz I, Polizeiwachtmeister; Wilhelm Wiltheiß, Forstaufseher; Jean Büchner, Bürodiener; Curt Mitschke, Hausmeister (Schuldiener); Friedrich Bilz Feldhüter.

 

Getränke 1711

Im Jahre 1771 erbringt die Getränke-Steuer 138 Gulden. Außer den Bierbrauereien befindet sich eine Schnapsbrennerei im Gasthaus „Zum Adler“ (später kommt noch der „Hirsch“ hinzu).

 

Schule ab 1735

Laut Protokoll erhalten bei der Schulvisitation die Kinder zur Aufmunterung Geldprä­mien. So wird in Kesselstadt an die dort geprüften Dörnigheimer Schulkinder 1 Gulden verteilt.

Inspektor. Grimm verfügt im Jahre 1735: „Der Lehrer soll sich fleißig bestreben im Informieren, Kathechisieren und Buchstabieren, und sich immer vor dem Trunk hüten.“ Das Schulhaus wird 1830 für 900 Gulden an P. Fritz verkauft (es wird als „ reformiertes Schulhaus“ bezeichnet, aber es gab keine andere als die Schule für die evangelisch-reformierten Schüler).

In früheren Zeiten wurde die Schule im alten Rathaus abgeh­alten. Dieses Gebäude enthielt neben den Klassenräumen die Wohnräume für den Lehrer.

 

 

Die Gemeinde entschließt sich 1886 angesichts des Anwachsens der Kinderzahl, die Gebäude im „Herrenhof“ in der Kirchgasse, in denen bisher eine Zuckerfabrik untergebracht war, käuflich zu erwerben und mit einem Kostenaufwand von insge­samt 12.000 Mark zu einer Schule umzubauen.

So entstand die „neue Schule“, in der alten wohnten fortan nur Lehrer. Die Schule erhält 1877 die dritte Lehrerstelle, die drei Lehrsäle werden im Rathaus eingerichtet, außerdem ist im Rathaus die Dienstwohnung des ersten Lehrers.

Im Jahre 1914 gibt es eine achtklassige evangelische Volksschule: 440 Kinder, 7 Lehrer, 1 Rektor mit Namen Geb. Vom 1. April 1915 soll als achte Kraft eine Lehrerin hinzukommen. Es werden noch zwei Schulsäle gebaut und das ganz Schulgebäude mit Zentralheizung versehen. Die Mitglieder des Schulvorstands sind die Herren Pfarrer Römheld (Vorsitzender), Rektor Geb, Bürgermeister Lapp, Peter Seng V, Peter Ebert IX, Wilhelm Lapp II, Wilhelm Fritz II. Rektor Geb schied am 31. März 1925 aus seinem Amte. An seine Stelle trat Rektor Hach.

Schullehrer sind 1928: Josef Hach, Rektor; Wilhelm Wissenbach, Konrektor; Friedrich Geb, Rektor a.D.: August Jung I, Konrektor a.D.; Wilhelm Jung, Lehrer; Bruno Kahl, Lehrer; Heinrich Becker, Lehrer; Magdalene Möller, Lehrerin. Dem Lehrerkollegium ist noch eine Kommission bestehend aus einigen Ortseinwohnern als so genannter Elternbeirat angeschlossen.

 

Im Jahre 1829 wird eine Verordnung bekanntgegeben, wonach das Rauchen auf der Straße verboten ist

 

 

Ortsentwicklung ab 1555

Die Lasten für Brückenbau waren 1555 sehr groß. Dörnigheim löste sich mit 35 ‑ 56 Gulden ab. Die Burgmühle in Hanau hat 1567 das Mahlrecht in Dörnigheim, das heißt: Die Dörnig­heimer durften nur dort malen lassen. Im Jahr 1714 wurde der Krebsbach (?) nach der Brau­bach geleitet, und seit dieser Zeit sind die Braubachwiesen versumpft.

Die beiden Mainpforten werden 1745 neu hergerichtet, sie erhalten hHölzerne Tore und ein kleines Strohdach). Der Bau der Mainmaue mit den Mainpforten bis zum Haingraben erfolgt 1750. Im Jahre 1770 ließ Landgraf Wilhelm IX. die Frankfurter Chaussee ausbauen und mit Apfelbäumen bepflanzen. Auch 1769 wird die Frankfurter Landstraße mit Apfelbäumen bepflanzt. Im Jahre 1780 erfolgt die Beschotterung der „Chaussee“ von der Hanauer Kinzigbrücke über Dörnigheim nach der Mainkur.

Nach den vielen Feuersbrünsten, denen fast regelmäßig der größte Teil, wenn nicht gar alle Gebäude, zum Opfer gefallen waren, scheint es in Dörnigheim immer wieder aufwärts gegangen zu sein. Die Straßen wurden gepflastert und Brunnen angelegt. Im Jahre 1751 war Dörnigheim vollständig gepflastert. In den Jahren 1829 / 1830 wurde das Dorfpflaster erneuert. Die nun entstan­denen Häuser sind zum Teil in ihrer Grundsubstanz noch heute erhalten.

Im Jahre 1823 wird die Straße nach Hochstadt mit Steinen ausgebaut und mit 25 Apfelbäumen bepflanzt. Die Straße führte bis dahin den Namen „Der grüne Weg“. In den Jahren 1829 - 1930 wird das Dorfpflaster erneuert.

Im Jahre 1838 wird die Dorferweiterung nördlich und östlich der Dorfmauer gestattet („sowohl ober- als auch unterhalb des Dorfes“).

Im Jahre 1844 begannen die Bauarbeiten der Eisenbahnlinie Frankfurt‑Ha­nau. Beginn der Bauarbeiten an der Bahnlinie Frankfurt-Hanau in der Gemarkung Dörnigheim (Hanauer Anzeiger). Direktor der „Frankfurt-Hanauer Eisenbahngesellschaft“ ist der Ingenieur Johann Peter Wilhelm Zobel. Der Frankfurter Senator Dr. Souchay hat dieses Projekt, wie bereits 1839 die Bahnlinie Frankfurt-Höchst-Wiesbaden, gegen den Protest der Frankfurter Lohnkutscher durchgesetzt. Die Eisenbahnlinie ermöglicht es den Arbeitern, schnell und leicht zu den Be­trieben in den Industriestandorten zu kommen. Einen weiteren Vorteil bringt der Bahntelegraph, der eigene telegraphische Meldungen über Kursentwicklungen an den Börsen in Paris, Berlin und Wien nach Frankfurt transferiert. Die Entstehung der „Frankfurter Zeitung“ (ehemals „Frankfurter Handelszeitung“ und heute „FAZ“) steht im Zusammenhang mit diesen technischen Vorteilen (nach einem Artikel von Edeling-Teves im Maintal-Tagesanzeiger).

 

 

 Eingeweiht wurde das Stationsgebäude für den Bahnhof Dörnigheim / Hochstadt 1847 (so schreibt der Dörnigheimer, der Bahnhof hieß aber Hochstadt/Dörnigheim), die Bahnlinie 1848.

Dörnigheims Entwicklung ging jahrhundertelang nicht voran. Der Boden der Gemarkung Dörnigheim ist nicht so frucht­bar wie der schwere Lößboden nördlich der Mainebene, die außer vom Mainfluß auch noch von vielen Nebenarmen, Sümpfen und Lachen bildend, durchzogen war. So ist es er­klärlich, daß Dörnigheim lange Zeit ein kleines Dorf blieb. Die Bebauungsgrenzen bildeten der Main, die derzeitige Karl­-Leis‑Straße, die alte Mauer an der heutigen Kennedystraße und die „Wingert“, wo jetzt die Dietesheimer Straße verläuft. Im Volksmund heißt dieser Teil heute noch das „alte Dorf“. Im Jahre 1850 besaß die Gemeinde Dörnigheim rund 40 Morgen mit Obstbäumen bepflanztes Ackerfeld, 50 Morgen Wiesen, 30 Morgen Hutweiden und 1.176 Morgen Wald. Im Wald und an der Braubach befanden sich Torflager. Mit dem Ausbau der Fischergasse wird 1860 begonnen. In den Jahren 1867 ‑ 1869 wird die Mainmauer bis zum Landgraben geführt.

 

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann ein ganz neuer Abschnitt in der Geschichte Dörnigheims. Nicht nur dehnte sich das Dorf nach Norden, Westen und Osten hin aus, sondern die Bevölkerung bekam eine neue innere Struktur. Aus Fischern, Korbflechtern, Bierbrauern und kleinen Kuh‑ und Acker­bauern wurden tüchtige Hand­werker und Industriearbeiter, die, nachdem die Ei­senbahn von Frankfurt‑Ost nach Hanau gebaut war, leicht dorthin zur Arbeit fahren konnten.

In der Zeit der Industrialisierung, kamen die Dörnigheimer zu einem Wohlstand. Die Männer und Söhne fanden Arbeit in den Fabriken der benachbarten Großstädte Frankfurt, Hanau und Offenbach und brachten Bargeld nach Hause, während die Frauen die bescheidenen Felder und Gärten bestellten oder für Frankfurter Gasthäuser, Hotels und Großbetriebe die Wäsche besorgten. Anfangs wurde die Wäsche auf geliehenen Bauernwagen befördert. Mit der Einrichtung der Bahnstrecke konnten die Waschfrauen die Wäsche in großen Körben mit der Bahn transportieren. Die Wäschereien brachten auch Arbeit für Büglerinnen und für Frauen, die sich auf das Stärken von Spitzen und Rüschen verstanden und für den Beruf der Weiß­zeugnäherinnen.

 

 

Im Jahre 1893 wurden Straßenschilder und Hausnummern angeschafft. Um die Jahrhundertwende begann die Bebauung des Gebietes nördlich der Lindenstraße, heute Kennedystraße.

Die soziale Umschich­tung hatte zur Folge, daß bei den Dörnigheimer Einwohnern mehr als in den rein ländlichen, bäuerlichen Gemeinden die politischen Interessen geweckt wurden. Viele Vereine und Vereinigungen wurden gegrün­det, mit sehr vielfältigen Ziel­setzungen. Eine große Rolle spielte die Politik. Schon 1914 wählten die Dörnigheimer Bür­ger einen sozialdemokrati­schen Bürgermeister. Er durfte sein Amt allerdings erst 1917 antreten. So waren in den zwanziger Jahren die sozialistischen Par­teien dominierend.

Im Jahre 1920 wurde der Ort wurde an das Lichtnetz angeschlossen. Erst 1927 konnten die Dörnigheimer fließendes Wasser aus der Wasserleitung entneh­men. Die Gemeinde mußte sich für diese Neuerung mit hunderttausend Mark verschulden. Sie ließ die Arbeiten von den Frankfurter Städtischen Wasserwerken und der Firma Pons ausführen.

Das erste Automobils in Dörnigheim wurde um 1930 angeschafft: Eine Frau hatte eine Wäscherei, ihr Mann übernahm den Transport der Wäsche zu den Kunden im Fahrzeug und legte damit den Grundstock zu einem florierenden Fuhrunternehmen.

 

 

Die Revolution von 1848

Erneute Kleinstaaterei und wirtschaftli­che Not führten zunehmend zur Politisie­rung der Menschen. Sie schlossen sich in Turnvereinen zusammen, die sie als Vor­bereitung zu einem Volksaufstand ansa­hen. In neu gegründeten Gesangsvereinen und Liedertafeln wurden Freiheitslieder gesungen.

Das Jahr 1847 ein Jahr der Miß­ernte gewesen. Wie überall in Deutschland herrschte auch in Dörnig­heim Mangel an Kartoffeln, Brot und Saatgetreide. Die Eintragungen in den Gemeindebüchern beweisen es. Aber erst die Geschehnisse des Revolutionsjahrs 1848 finden in den Dörnigheimer Gemeindeakten einen Niederschlag. Das verwundert nicht bei der Nähe Dör­nigheims zu Frankfurt, das eine führende Rolle gespielt hat.

Man lächelt heute über die Sicherungsmaßnahmen, die die besorgte kurhessische Regierung für alle ihre Gemeinden anordnete, ebenso wie über die Art, wie diese Maßnahmen von den Gemeinden durchgeführt bzw. überhaupt nicht beachtet wurden. In einer Sitzung am 23. März 1848 trug der Dörnig­heimer Bürgermeister seinen Gemeinderäten die Anordnung der Regierung vor, die verlangte, daß in allen Gemeinden eine Bürgergarde eingerichtet werden sollte. Eine solche Bürgergarde hatte in Dörnigheim noch nicht bestanden. Den Dörnigheimer Gemeindevätern schien nun am vordringlichsten, zu beschließen, „daß zum Zusammenkommen der Bürger für die Bürgergarde ein Signalhorn auf Kosten der Gemeinde angeschafft werden müsse“. Ein Signal­horn wurde daraufhin gekauft, aber von einer tatsächlichen Auf­stellung einer Bürgergarde liest man nichts in unsren Akten.

Ein paar Wochen später hatte die Kasseler Regierung angeordnet, daß sich jeweils mehrere, nahe beieinander gelegene Gemeinden zusam­mentun sollten, um sich bei etwaigen Unruhen gegenseitige Hilfe leisten zu können. Der Bürgermeister von Dörnigheim hatte sich zu diesem Zweck mit den Bürgermeistern in Kesselstadt und Hochstadt in Verbindung gesetzt und mit ihnen vereinbart, daß die Bürgergarden der 3 Gemeinden alle 14 Tage auf der Heide am Espen zum Exerzieren zusammentreten sollten. Als Bürgermeister Fritz seinen Gemeindevertretern auf der Sitzung am 18. Mai 1848 diesen Beschluß mitteilte und von ihnen die Gelder zur Anschaffung einer Trommel, weißer Feldhüte und Kittel für die Dörnigheimer Bürgergarde bewilligt haben wollte, lehnten die Gemeindevertreter dieses Ansuchen rundweg ab. Man darf also mit Sicherheit annehmen, daß in Dör­nigheim damals keine Bürgergarde eingerichtet worden ist. Das Signalhorn aber, das für die Bürgergarde angeschafft worden war, hat wahrscheinlich der Nachtwächter benutzen dürfen. Aber immerhin beschafft die Gemeinde 1848 eine Deutsche Fahne in schwarz-rot-gold.

 Im März 1848 kam es zu politi­schen Unruhen, die von Hanau ausgingen und das Ziel hatten, die kurhessische Re­gierung in Kassel zu stürzen. Mit wehenden Fahnen und dem Singen von nationalen Liedern zogen sie über die alte Straße nach Frankfurt, wo sie mit an­deren Gruppen von Gleichgesinnten zu­sammentrafen. Dort kam es zu Barrika­den­kämpfen, die militärisch niederge­schlagen wurden. In Dörnigheim aber hat es während des Revolutionsjahres 1848 / 1849 keine Unruhen gegeben.

Im Herbst des Jahres 1849 waren zwei Kompanien preußischer Soldaten in Dör­nigheim einquartiert, die sich auf dem Durchmarsch nach Süddeutschland befan­den. Sie sollten die Erhebung der aus Frankfurt geflüchteten Demokraten und Republikaner verhindern.

Damals wanderten viele Deutsche nach Amerika aus. Es war üblich, daß diesen Leuten von ihren Heimatgemeinden ein Handgeld, das als Ablösung des Bürgerrechts zu betrachten war, ausgezahlt wurde. Die Gemeinde Dörnigheim entließ auch einige Auswanderer nach Amerika. Sie zahlte ihnen 100 Gulden aus.

 

 

 

Kirchengemeinde

Vorreformatorische Zeit:

Für die älteste Zeit kann man mit Sicherheit aussagen, daß Dörnigheim eine eigene Kirche gehabt hat. Zeugnisse hierfür sind die Schenkungsurkunde Wolfbodos und das Weistum 1366. Wie lang die Selbständigkeit der Dörnigheimer Kirche gedauert hat, kann man nicht mehr feststellen. Aber schon vor der Reformation muß Dörnigheimer Kirche mit der Kirche in Kesselstadt zusammengelegt worden sein. Die beiden Gemeinden hatten ihre eignen Gotteshäuser, aber den Pfarrer gemeinsam. Während die in Dörnigheim geführten Kirchenbücher erst aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg erhalten sind, besitzt das Kesselstädter Kirchenarchiv noch ältere Bücher. Aus ihnen kann man Einiges, wenn auch nicht sehr viel, über die kirchlichen Verhältnisse in Dörnigheim vor dem Jahre 1650 erfahren.

Im Jahre 1235 wird der Erzpriesterstuhl Roßdorf errichtet, dem auch Dörnigheim zugeteilt wird. Aber auch das Bartholomäusstift zu Frankfurt hat 1255 den Zehnten von Gütern in Dörnigheim zu beanspruchen. Im Jahr 1258 genehmigt Berengar, der Vertreter des Johanniterpriors für Deutschland, den Verkauf von Gütern zu Turincheim durch Konrad von Ronneburg an das Frankfurter Bartholomäusstift. Letzteres verpflichtet sich für die Dauer des Besitzes, dem Orden eine Gült zu zahlen (Frankfurter Archiv).

Die Kirche in Kesselstadt wird im Jahre 1275 das erste Mal erwähnt. Um das Jahr 1470 erfährt sie einen Umbau. Zu dieser Zeit muß die Dörnigheimer Gemeinde schon mit der Kesselstädter zusammengelegt gewesen sein. Das geht aus einem von der Hanauer Gräflichen Regie­rung am 30. Dezember 1470 niedergelegten Protokoll hervor. Hierin heißt es: „Auf heute Sonntag vor dem Neuenjahrstag anno 1470 sind die Nachbarn und die ganze Gemeinde zu Kesselstadt zu Hanau vor unserem gnädigen Herrn von Hanau gewesen und beklagen sich über die Gemeinde zu Dörnigheim, daß sie ihr drittes Teil zu dem Kirchbau zu Kesselstadt nicht geben wollen zu Nutzen des Kirchbaus“. Es ist selbstverständlich, daß Kesselstadt nur deshalb an Dörnigheim dieses Ansinnen stellen konnte, weil die Bewohner beider Orte nur eine Kirchengemeinde bildeten.

Aus dem Dörnigheimer Ansatz von einem Drittel kann man schließen, daß Dörnigheim damals min­destens halb so viele Einwohner wie Kesselstadt gehabt hat. Nach einem Regierungsprotokoll von 1470 muß Dörnigheim ein Drittel zu den Baukosten der Kesselstädter Kirche beitragen und hat das Recht, einen der drei Kirchenmeister zu wählen. In demselben Jahre wird beim Grafen zu Hanau Klage erhoben, weil die Dörnigheimer ihr Dritteil noch nicht abgeführt haben (Frankf. Archiv). Das Filialverhältnis ging bis 1720.

 

Im Jahre 1523 wird der Pfarrer Friedrich zu Dörnigheim und Kesselstadt genannt. Im Jahre 1526 beschwert sich Kaplan Heinemann Geiling darüber, daß die Herrschaft den Dörnigheimern verboten habe, den üblichen Zehnten zu geben. Im Jahre 1537 klagt der Vikar Friedrich Reuber, keine Pfarrei sei in der Herrschaft, die beschwerlichere Mühe und Arbeit mache als die seine, Nacht und Tag, es sei kalt oder warm, es regne oder schneie, so müsse er fort zu Pferd oder zu Fuß, und alle Sonntage an zwei Enden, in Kesselstadt und Dörnigheim Gottesdienst halten, und doch habe er nur einen kleinen Lohn und ein knappes Auskommen davon; wenn er sich nicht ein Pferd hielte, so wäre es ihm unmöglich, die Arbeit zu tun.

Dörnigheim sowie alle Orte des Amtes Büchertal haben 1538 zum Hanauer Kirchenbau und der Pfarrbesoldung einen jährlichen Beitrag zu leisten. Vom 29. bis 30. November 1549 ließ der Erzbischof von Mainz durch Sebastian von Heusen­stamm eine geistliche Visitation in der Urgrafschaft Hanau abhalten. Es fand sich aber, daß die meisten Gemeinden, darunter auch Dörnigheim, schon evangelisch waren (Frankfurter Archiv). Der letzte römisch-katholische Geistliche war Pfarrer Voigt, der 1553 an der Pest gestorben ist. Im Jahre

Die evangelische Lehre ist 1554 in Kesselstadt und Dörnigheim von dem aus Windecken stammenden Pfarrer Magister Konrad Cless eingeführt worden. Auch er beklagt sich über die schlechte Besoldung; die Herren von Rüdigheim ließen den von ihren Vorfahre in der Kirche zu Dörnigheim gestifteten Altar der heiligen Jungfrau Maria jetzt, wo das Evangelium verkündet werde, mit Predigten an den Feiertagen von dem Pfarrer zu Hochstadt versehen, dem sie nur 7 Achtel Korn gaben; das übrige behielten sie ein, statt daß sie dem Pfarrer von Kesselstadt die ganze Einkünfte seines Filials (Dörnigheim) ließen.

Um 1525 beklagt der für Kesselstadt und Dörnigheim zuständige Kaplan Heinemann Geiling, daß die Herrschaft den Dörnigheimern verboten habe, den üblichen Zehnten an die Kirche zu geben. Man kann annehmen, daß diese auf eine eigene Pfarrstelle hinarbeiteten. Allerdings geht etwa zehn Jahre später (1536/ 1537) aus den Hanauer Kirchen‑Rechnungen hervor, daß neben Kesselstadt, Rodenbach, Mittelbuchen, Wachenbuchen, Hochstadt, Groschlag, Fechenheim und Windecken auch Dörnigheim seinen Anteil an „Wiesenschar“, Korn, Hafer, Weizen, Öl und Wachs ablieferte. Dennoch beklagt der Vikar Friedrich Reuber bitter sein geringes Einkommen („...habe ich den kleynen gart zu Dornckem, wirt myr auch nyt vil helffen, weder trawen adder gebot“).

 

Reformationszeit:

Im Jahre 1553 stirbt der letzte nach der katholischen Lehre predigende Pfarrer an der Pest. Sein Nachfolger, Magister Konrad Cless, führt die evangelische Lehre ein. Die Herren von Rüdigheim lassen den von ihren Vorfahren in der Kirche zu Dörnigheim gestifteten Altar der heiligen Jungfrau Maria jetzt mit Predigten an den Feiertagen von dem Pfarrer zu Hochstadt versehen, dem sie nur sieben Achtel Korn geben, das übrige behalten sie ein, statt daß sie dem Pfarrer von Kesselstadt die ganzen Einkünfte seines Filiales Dörnigheim lassen.

In der Reformationszeit sind die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Pfarr­­stelleninhaber oft sehr verworren. Wenn man bedenkt, daß die Pfarrer meist nur mit Naturalien bezahlt wurden, so kann man sich vorstellen, welche Schwierigkeiten die Pfarrer in der Zeit der religiösen Wirren hatten, ihre Abgaben von den Gemeinden hereinzubekommen. Umso mehr, wenn sich auch noch die Landesherrschaft in die Regelung dieser Verhältnisse einschaltete bzw. einen Teil des Kirchenzehnten für sich beanspruchte. So haben gar manche Eingaben der damaligen Pfarrstelleninhaber Beschwerden über die wirtschaftlichen Zustände zum Inhalt.

Im Jahre 1563 hielt Pfarrer Cless bei der Hanauer Regierung wegen seiner Arbeitsüberlastung um die Gestellung eines Kaplans an. Man machte ihm den Vorschlag, er möge die Pfarrei Windecken übernehmen. Das lehnte Cless allerdings ab mit der Begründung, er könne nicht ohne Wissen und Einverständnis des Abtes von Limburg die Pfarrei Kesselstadt aufgeben; außerdem sei jetzt in Dörnigheim das Sterben (die Pest) eingerissen; wenn er da seine Pfarrkinder verließe, so würden sie es ihm übel vermerken.

Im Jahre 1607 bekommt als Pfarrgehilfe Nikolaus Beyer die Schule zu Kesselstadt und das Filial Dörnigheim übertragen. Nach ihm hat bis 1611 David Winkler aus Schlesien drei Jahre lang das Filial Dörnigheim geleitet. Nach den beiden übernahm Heinrich Oräus die zwei Gemeinden wieder allein.

Als fünfzehn Jahre später der Pfarrer Heinrich Oräus wegen Differenzen mit dem herrschaftlichen Schultheißen sein Amt aufgeben muß, verwenden sich die Dörnigheimer bei der Regierung für ihn und loben seinen Fleiß. Sie rühmten seine „fleißige Konversation, Lehren und Predigten, auch fleißige Unterweisung des Katechismus zu Winter- und Sommerzeiten“; infolgedessen seien sie und ihre Kinder so weit gekommen, daß sie nicht allein ihre fünf Hauptstücke gefaßt, sondern sie hätten es auch so weit gebracht, daß bei der letztgehaltenen Kommunion über die 60 Personen sich eingestellt hätten. Besondere Erwähnung findet die letztgehaltene Kommunion, bei der sich über sechzig Personen eingefunden hätten.

Im Dreißigjährigen Krieg hatte die Kirche eine große Aufgabe zu erfüllen. An der Spitze der Dörnigheimer Kirche stand in den Jahren 1647 bis 1651 Pfarrer Johann Wolfgang Walther, der in Niederrodenbach geboren war. Obwohl er neben Dörnig­heim auch noch die Gemeinde Kesselstadt zu versorgen hatte, leistete er Vorzügliches in der Betreuung seiner Gemeindemitglieder, in der Wiedereinführung von Zucht und Ordnung und im Wiederaufbau der Dörnigheimer Kirche.

 

Kirchenbuch und Presbyterialprotokolle:

Pfarrer Walther hat im Jahre 1651 ein Kirchenbuch angelegt, das von seinen Nachfolgern bis auf den heutigen Tag fortgesetzt worden ist. Das älteste Dörnigheimer Kirchenbuch enthält die Kopulierten vom 7. Januar 1651 bis 15. Februar 1694, die Getauften vom 5. Januar 1651 bis 11. Januar 1694, die Verstorbenen vom 26. März 1661 bis 27. Januar 1691 und die Presbyterialakten vom  5. März 1651 bis 4. Februar 1694. Für die Familienforschung sind die Trau-, Tauf- und Sterberegister von Bedeutung, über die allgemei­nen kirchlichen Verhältnisse geben die Presbyterialakten Aufschluß.

Die Eintragungen in dem ältesten Buch zeugen von dem Ernst, der Tatkraft und dem sittlichen Verantwortungsgefühl, das diesen Pfarrer Walther beseelte. Immer wieder setzte er sich im Presbyterium mit seinen Kirchenältesten, den Senioren, zusammen und beriet mit ihnen Fragen des Kirchbaues, des Gottesdienstes und der allgemeinen Zucht und Ordnung inner­halb der Gemeinde.

Die Dorfgemeinschaft wird zu dieser Zeit von einem Presbyterium geleitet. Ihm gehörten der Pfarrer und der Schultheiß bis zu ihrem Lebensende an. Die übrigen Mitglieder des Presbyteriums wurden jährlich durch die Gemeinde neu gewählt: vier Kirchenälteste, ein Kirchenbaumeister und zwei Kirchenrüger angehören. Die Kirchenrüger hatten die Aufgabe, auf alle Verstöße gegen Zucht und Ordnung zu achten und auf dem Presbyterium anzuzeigen. Es wurde zum Beispiel vorgebracht, daß „Johannes Fritzens Knecht Peter Sommerlad des Sonntags unter der Predigt das Vieh auf der Weide“ gehütet habe; oder daß „Nicelas Lappens Hausfrau Helena mit Michel Eberts, Nachbars allhier, Ehefrau Anna, ein Gezänk“ gehabt habe.

Pfarrer und Schultheiß arbeiteten Hand in Hand zum Wohl der Dorfgemeinschaft zusammen. In dieser vom gemein­samen evangelischen Glauben her diktierten Zusammenarbeit gab selbstverständlich der Pfarrer, als der sozial und geistig Höherstehende den Ton an. Das bedeutete aber nicht, daß er sich mehr dünkte als seine Glaubensgenossen, sondern er fügte sich in die in der reformierten Kirche übliche demokratische Ordnung. Der Pfarrer leitete nur die Beratungen des Presbyteriums und hatte aber ansonsten das gleiche Stimmrecht wie alle anderen Mitglieder. Das Presbyterium tagte nicht regelmäßig, durchschnittlich etwa im Abstand von acht Wochen. Der Ort der Zusammenkunft war das Pfarrhaus; solange dieses, wie zur Zeit Walthers, noch nicht aufgebaut war, ein Raum in einem Wirtshaus.

Die Sitzung wurde eröffnet mit einem Gebet. Dann wurde „censura morum“ gehalten. Es wurde festgestellt, ob alle Amtsträger ihr Amt richtig ausgeführt haben. Bezeichnend ist nun, daß der Pfarrer als Erster sich der Kritik stellte. In einer Protokollnieder­schrift von 1652 heißt es zum Beispiel: „Mir dem Pfarrer wurde gesagt, ich solle mein Amt treulicher ausführen“. Antwort des Pfarrers: „Ja, mit Gottes Hilfe“. In den meisten Fällen fiel die Formulierung dieses Punktes für den Pfarrer positiv und günstig aus. Etwa so: „Man hat mich, den Pfarrer erinnert, ich soll in meinem Amt fleißig fortfahren“. Antwort: „Ja“.

Dann kam der Schultheiß an die Reihe. Über ihn heißt es zum Beispiel in einer Niederschrift: „Der Herr Schultheiß ist gebeten worden, er solle dem Kirchbau die Hand bieten (das heißt mithelfen), wie er es bisher getan“. Antwort: „Ja“. Keine Sitzung des Presbyteriums fand statt, in der die Kirchenältesten zum mindesten nicht „ihres Ältestenamtes erinnert“ worden wären.

Darauf wurden die Kirchenrüger gefragt, ob sie Klage gegen Gemeindemitglieder vorzubringen hätten. Die Kirchenrüger hatten die spezielle Aufgabe, auf alle Verstöße gegen Zucht und Ordnung zu achten und diese dem Presbyterium anzuzeigen. Da wurde zum Beispiel vorgebracht, daß „Johannes Fritzens Knecht Peter Sommerlad des Sonntags unter der Predigt das Vieh auf der Weide“ gehütet habe; oder das „Nicelas Lappens Hausfrau Helena mit Michel Eberts, Nachbars allhier, Ehefrau Anna, ein Gezänk gehabt habe.

So wurden die Streitenden vor dem Presbyterium versöhnt, bzw. den Schuldigen auch eine Strafe auferlegt, die darin bestand, daß sie für den Kirchenbau einen Beitrag in Geld, Arbeit oder Material leisten mußten. Bei schwierige Streitfällen oder Verstößen gegen die Ordnung wurde der Schultheiß vom Presbyterium beauftragt, einem „hochlöblichen herrschaftlichen Amt zu Hanau Anzeige zu erstatten“.

Nachdem der Punkt „censura morum“ erledigt war, beschäftigte sich das Presbyterium mit anstehenden Fragen der Verwaltung, des Gottesdienstes, des Geldes in der Kirchen- oder Almosenkasse. Einen großen Raum nahmen in den Protokollniederschriften aus Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg die Beratungen über die Geldbeschaffung und die Arbeitsleistung für den Bau des Gotteshauses ein. Die Gemeinde hat wie ein Mann unter ihrem Pfarrer Walther zusammengestanden, und jeder hat nach seinen Kräften geholfen, das Gotteshaus wieder aufzubauen und es auszustatten.

Im Jahre 1654 ist in das Protokollbuch eingetragen: „Habe ich, Pfarrer, unseres gnädigen Herrn, Herrn Friedrich Casimirs, Grafen zu Hanau, gnädi­ges ergangenes Dekret, von Herrn Johann Schorr, Büchertals Ober­schultheißen, instruiert, von der Kanzel abgelesen, dadurch die sonn­täglichen Jahrmärkte und Kirchweihen wie auch die sonn-, fest- und feiertäglichen Tänze und Prellwut ... bei Leibesstrafe verboten werden. Gott gebe dazu seinen göttlichen Segen“.

 

Der erste Pfarrer nach dem Dreißigjährigen Krieg hat dreimal den Versuch gemacht, außer dem Sonntagsgottesdienst mittwochs eine Betstunde einzuführen, weil dieses auf einem Pfarrerkonvent in Hochstadt beschlossen worden war. Das erstemal gaben ihm die Dörnigheimer Kirchenältesten zur Antwort: „Wann die Hochstädter anfangen, wollen wir alsbald folgen“. Ein paar Monate später, als der Pfarrer wieder davon anfing, sagten sie, da es gerade im Sommer war: „Im Winter wäre es besser zu tun“. Der Pfarrer ließ aber nicht locker und brachte sein Begehren im folgenden Jahr ein drittes und letztes Mal vor. Die Kirchenältesten lehnten beharrlich ab: „Der Schulmeister würde zu oft allhier singen und beten müssen“. Aus der Anweisung für öffentlichen Gottesdienst in Dörnigheim, die der hiesige Pfarrer Theobald im Jahre 1777 für seine Nachfolger im Amt verfaßt hat, geht jedoch hervor, daß die Pfarrer es im Laufe der Zeit erreicht hatten, daß nicht nur eine, sondern sogar zwei Betstunden in der Woche abgehalten werden konnten.

 

 

Reformierte und Lutheraner:

Zunächst wurde in Dörnigheim nach dem evangelisch reformierten Bekenntnis gelehrt. Als jedoch im Jahre 1642 die Münzenbergische Linie des Hanauer Grafenhauses ausstirbt, gelangt die lutherische Linie von Hanau-Lichtenberg an die Regierung. Nach dem Motto „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing“, sollten die Dörnigheimer fortan Lutheraner sein. Das führte zu heftigen Streitigkeiten in der Bevölkerung, bei denen sich die Lutheraner nicht durchsetzen konnten.

Wenn man diese Protokolle des Presbyteriums durchliest, so muß man wissen, daß in der Kirche nach reformiertem Bekenntnis gelehrt und gepredigt wurde. Die Hanauer Grafen hatten in ihrem Land das reformierte Bekenntnis eingeführt. Die Kirchenzucht der Reformierten war strenger als die der Lutheraner. Ein weiterer Unterschied gegenüber der lutherischen Kirche bestand darin, daß die Gemeindemitglieder in demokratischer Art zur Mitverwaltung herangezogen wurden.

 

Als im Jahre 1642 die Münzenbergische Linie des Hanauer Grafenhauses ausstarb und mit dem Grafen Friedrich Kasimir die lutherische Linie von Hanau-Lichtenberg zur Regierung gelangte, gab es im Hanauer Land viele Streitigkeiten zwischen den Reformierten und den Lutheranern. Diese wurden von dem regierenden Grafenhaus begünstigt, während die Reformierten in der niederländisch-wallonischen Gemeinde und in den reichen Kaufmannsfamilien Neu-Hanaus ihren Rückhalt fanden. Der Gegensatz zwischen den Reformierten und den Lutheranern war oft größer als zwischen den Evangelischen insgesamt und den Katholiken. Durch das Eingreifen der reformierten Fürstenhäuser Kur-Brandenburg und Hessen-Kassel war es den Reformierten möglich, sich gegenüber der Hanauer Regierung zu behaupten. Diese Gegensätze fanden auch ihren Niederschlag im Protokollbuch des Dörnigheimer Presbyteriums.

Unter dem 24. Januar findet sich der folgende Eintrag: „Es wurde dem Presbyterium vor­getragen, ob es ihnen ratsam und gut zu sein deuchte, daß man die hohen Häuser Kur-Brandenburg und Hessen-Kassel konsultieren solle, daß durch den Kaiserlichen Hofreichsrat eine Kommission wegen der Beschwerungen, so die Reformierten von den Herren Lutheranern im Religionswesen zu erleiden haben, an sie ausgewirket werde. Und dann zweitens: Wann die beiden Hohen Häuser nichts dagegen, ob man deswegen den kaiserlichen Herrn Hofreichsrat supplizieren solle. Und dann drittens wurde das Presbyterium gefragt, ob man das sogenannte „pactum successionis“ dem Herrn Bruder des Hochgeborenen unsres gnädigsten Grafen und Herrn in Original überschicken solle.

Was das erste und zweite anbelangt, haben die Presbyteriales solches mit einem vernünftigen Ja beantwortet; das letztere betreffend haben sie durch ein wohlbedachtes Nein abgeschlagen und haben sich folg­lich auf das hochlöblichen Konsistorium Befehl eigenhändig unterschrie­ben. Hermannus Heusling, zur Zeit Pfarrer zu Kesselstadt und Dörnig­heim, Jakob Eberth (Schultheiß), Jakob Engelhard (Senior), Stephan Sommerlad (Presbyter), Caspar Eberth“.

 

Die Zahl der Lutheraner im Hanauischen war vor dem Regierungs­antritt des Grafen Friedrich Kasimir sehr klein. Nach Zimmermann gab es im Jahre 1641 in Kesselstadt nur 2, im Jahre 1658 daselbst aber schon 13 und in Dörnigheim 6 Lutheraner. Die Zahl der Luthe­raner wuchs allmählich. Da das Dörnigheimer Gotteshaus aber nach wie vor nur von den Reformierten benutzt werden durfte, gingen die Dörnigheimer Lutheraner nach Hochstadt in die Kirche. Hier hatte sich längere Zeit eine lutherische Gemeinde halten können, die ihre Gottesdienste allerdings auch nicht in der Hauptkirche, sondern in einer notdürftig hergerichteten Kirche in der heutigen Lutherstraße in Hochstadt abhalten mußte.

 

Eigene Pfarrei Dörnigheim:

Bis 1720 kam Pfarrer Jakob Jeckel 24 Jahre lang Sonntag für Sonntag von Kesselstadt nach Dörnigheim geritten und hielt hier Predigt für die immer größer werdende Gemeinde. Im Jahre 1720 beschließt endlich das reformierte Konsistorium zu Hanau, die Kirchengemeinden Kesselstadt und Dörnigheim zu trennen. Dörnigheim wird eine selbständige Kirchengemeinde.

Der erste Dörnigheimer Pfarrer hieß Abraham Hemmel aus Buchsweiler im Elsaß (es wird auch angegeben Obereschbach im Taunus, aber das war wohl seine vorherige Pfarrstelle).

Für die neue Pfarrstelle wird offenbar ein Pfarrhaus errichtet, das jedoch 1864 abgerissen und 1867 durch einen Neubau ersetzt wird.

 

Auch aus späteren Eintragungen im Dörnigheimer Presbyte­rialbuch geht hervor, welche Spannungen zwischen den beiden Kirchen bestanden. Am 13. März 1737 dekretiert das evangelisch-reformierte Konsistorium zu Hanau: „ist bekannt geworden, daß reformierte Pfarrer, Lehrer und Schulmeister die Kinder aus gemischten Ehen zum reformierten Bekenntnis zwingen wollen. Das darf nicht sein. Die evangelisch-lutherischen Väter sollen das Recht haben zu bestimmen, nach welchem Bekenntnis die Kinder erzogen werden sollen, es sei denn, zwischen den Eheleuten ist vorher ein Einverständnis erzielt worden“.

Am 26. Februar 1738 verordnet dasselbe Konsistorium: Bei Dispens vom Eheverbot wegen Verwandtschaftsgrad muß die Hälfte des Geldes an die Hohe Landesschule, die andere Hälfte an das lutherisch Kirchenärarium gezahlt werden, falls die Eheleute gemischten Bekenntnisses sind. Wenn die Eheleute reformiert sind, geht Geld an die Hohe Landesschule“.

 

Der Grundcharakter der Dörnigheimer Gemeinde bleibt aber reformiert. Die beiden evangelischen Konfessionen bleiben im Hanauischen gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Für die Kirche in Dörnigheim ist jedoch immer das reformierte Konsistorium in Hanau übergeordnete Behörde. Im Jahre 1818 vereinigte die Union die Lutheraner und die Reformierten im Hanauischen Land zu einer evangelischen Gemeinde. Seitdem nennt sich die Dörnigheimer Kirche „Evangelische Kirche zu Dörnigheim“.

 

Die Kirchenrüger hatten die Aufgabe, darüber zu wachen, daß kein Gemeindemitglied die Kirchengesetze übertrat, vor allem, daß immer das Sonntagsgebot streng ein­gehalten wurde. Die Übeltäter mußten von ihnen dem Presbyterium angezeigt werden. Über die Strenge dieser Kirchenzucht mögen fol­gende Eintragungen in unserm Presbyterialbuch Aufschluß geben:

17. August 1714: Den Weidebuben soll befohlen werden, daß sie beim ersten Geläut nach Hause gehen oder zuvor das Vieh hüten.

4. Oktober 1714: Pfarrer Jeckel und Caspar Eberth haben Hausvisitation gehalten.

12. Februar 1744: Konsistorialdekret: Übertreter der Sabbatordnung sollen dem Konsistorium gemeldet werden zur Bestrafung. Darüber soll jedesmal Protokoll angefertigt, das Bußgeld am Ende des Jahres an das Konsistorium geschickt werden.

23. Juni 1744: Dekret des Landgrafen Wilhelm von Kassel: Die jungen Burschen von 15 bis 16 Jahren entziehen sich den sonntäglichen Katechisationsübungen und berufen sich dabei darauf, daß sie sich denjenigen gleichstellen, die zur Landmiliz gezogen sind. „Nachdem wir aber solchem Unwesen, wodurch bei dem gemeinen Mann die Unwissenheit und Ruchlosigkeit nur noch mehr überhand nehmen muß, durchaus keine Statt geben“ ... befehlen wir, daß die jungen Burschen bis zum 18. Lebensjahr an den Katechisationsübungen teil­nehmen müssen „oder aber widrigenfalls auf erfolgende Anzeige des Pfarrers von den Beamten mit ein, zwei oder nach Befinden auch mehrtägigem Gefängnis bestraft werden sollen. Solches ist von der Kanzel herab bekanntzumachen“.

 

Besonders streng verfuhr man mit den jungen Frauen und Mädchen, die uneheliche Kinder zur Welt brachten. Ein landgräfliches Re­gierungsdekret vom 18. April 1735 befahl, daß „jede Dirne, die ihr Kind ohne Heranziehung einer geschworenen Hebamme zur Welt bringt, tot oder lebendig, soll am Leib und wohl gar am Tod gestraft werden. Dieses ist alljährlich am ersten Sonntag nach Ostern von den Kanzeln herab bekanntzugeben“.

Am 23. Mai 1786 erschien vor dem Dörnigheimer Presbyterium die geschworene Hebamme und zeigte an, daß eines Dörnigheimer Bürgers Tochter ein Kind erwarte. Sie habe sich darum zu derselben begeben und sie in Gegenwart ihres Vaters gefragt, ob es sich so mit ihr verhalte, aber kein Ge­ständnis von ihr herausbringen können. Hierauf habe sie das Mäd­chen visitiert und festgestellt, daß dem so sei. Das Mädchen habe aber trotzdem geleugnet. Der Pfarrer ließ sie darauf in continenti durch den Schulmeister zitieren. Sie erschien und wurde gefragt, erstens ob sie ein Kind erwarte, sie antwortete mit ja und zweitens wer der Vater zu ihrem Kind sei, sie antwortete: Metzger Wolf von Hanau. Sie wurde zur Erkenntnis ihrer Sünden und zur Buße vermahnt und erlegt“.

 

Das Kirchenjahr war eingeteilt in bestimmte Abschnitte, die durch die Feste gegeben waren, und so wurde Jahr für Jahr nach denselben Texten gepredigt und katechesiert. Alles verlief nach genau festgesetzten Regeln. Der Zweck des Gottesdienstes war weniger, Gott zu dienen und die Menschen fromm zu stimmen, sondern sie zu belehren und Bibelkenntnisse zu vermitteln. Ein typisches Anliegen des Rationalismus und der Aufklärung, wobei es mehr um die Bildung des Verstandes und der Vernunft ging als um wahre Herzensfrömmigkeit.

 Doch lassen wir Pfarrer Ernst Philipp Theobald (1743-1789) selbst sprechen:

Anweisung des Pfarrers Theobald, wie der öffentliche Gottesdienst in Dörnigheim gehalten werden solle:

1.) An den drei hohen Festen, Christtag, Ostern und Pfingsten wird am ersten Tag zweimal, morgens und nachmittags gepredigt. Des Morgens allemal über das Festevangelium und zwar so, daß ich sechs6 Predigten in richtiger Ordnung darüber ge­halten und jedes Evangelium in sechs Jahren durchgebracht, und ob ich gleich nur einen Teil des Evangeliums erklärte, so ... (unleserlich) .....teils weil ich bei meinem Hierherkommen mehrere Gemeindemitglieder antraf, die in ihrer Jugend nicht lesen gelernt hatten, auch gegenwärtig davon noch vier vorhanden sind, teils weil gar wenige, wie jetzt Gott lob alle, mit Hand- und so auch Hausbibeln versehen waren, teils weil es wahrscheinlich, daß die solche hatten, die Geschichte zu lesen aus Trägheit unterlassen konnten, demnach hieraus folgern mußte, daß viele die Festtage feierten und nicht ein­mal wußten warum, daher ihnen auf diese Weise wenigstens ein buch­stäblicher Begriff davon beigebracht und weiter durch die göttliche ­Gnade der Weg zum vorteilhaftigeren Feiern gebahnt werden könnte. Am zweiten Tag wird einmal morgens gepredigt und nachmittags eine Betstunde gehalten, ein Kapitel mit Anführung des Inhalts und das Gebet gelesen, aber zum Unterschied der wöchentlichen Bet­stunde zweimal vorher und nachher gesungen.

2.) Das Heilige Abendmahl wird im Jahr viermal, auf Christtag, Ostern, Pfingsten und Michaelistag, die Vorbereitung zwei Tage vorher nachmittags um ein Uhr gehalten, auf Ostern auf den Karfreitag vormittags. Beim Heiligen Abendmahl wird eine frei­willige Kollekte durch zwei Kirchenälteste ... vor- und nachmittags gehoben, welches ich wegen großer Armut unsres Kirchenbaus eingeführt habe. Auf Michaelis wird einmal gepredigt, und ist nach­mittags Betstunde, wie am zweiten Tag unsrer hohen Feste.

3.) Am Neujahrstag und am 13. Juni ist morgens und nachmit­tags Predigt wie an den ersten Feiertagen.

4.) Alle Sonntage des Jahres hindurch ist morgens einmal Predigt. Diese geht an morgens um 8 Uhr von Ostern bis Michaelis, von Michaelis bis Martinstag um ½ 9 Uhr, von Martinstag bis Ostern um 9 Uhr. Und da habe ich wie befohlen und vorgeschrieben ist: 1. über die sonntäglichen Evangelien, 2. über den Heidelberger Katechismus, 3. über selbstbeliebige Texte, alles in richtiger Ordnung gepredigt. Nachmittags wird ein Kapitel . . . nach dem Gesang gelesen, auf daß binnen dieser Zeit der Klingelbeutel umgetragen werden kann. Dann wird katechisiert im Sommer und im Winter (bei meinem Daherkommen geschah dies nur von Ostern bis Michaelis), doch wenn die Kälte gar zu streng ist, wird einige Zeit ausgesetzt. Und zwar habe ich also katechisiert, daß 1. die des Morgens gehaltene Predigt kurz repetiert wird, daß 2. die ältesten Katechesanten müssen des Textes Eingang, Teile, Inhalt und Zweck anzeigen, die übrigen aber nur die in der Predigt zitierten Sprüche aus ihren Bibeln lesen, dann 3. vor allem die Fragen, worüber katechisiert wird, auswendig hersagen und zwar außer der Ordnung, und die jedesmal, von welchen es die Lehrer begehrten, wo es dann in Sonderheit die trifft, welche nicht mehr in die Schule gehen, daher niemals sicher sind, und wann sie sich dann wenigstens nicht schämen wollen, sich bearbeiten, daß sie den Katechismus nicht vergessen, ja immer fester werden und von Zeit zu Zeit besser als in der Schule können. Und dazu ist ihnen nicht wenig dienlich, weil ich jedesmal, wann ich die Katechisation schließe, die Fragen anzeigte, worüber ich den folgenden Sonntag handeln wolle, entweder bei den Knaben oder bei den Mädchen, denn also geht es hier wechselweise ein Sonntag bei den Knaben, ein Sonntag bei den Mädchen. Danach wird gebetet, der 3. Vers aus dem Lied „Herr Christ, der einig Gottes Sohn“ gesungen und endlich mit dem Segen beschlossen (Wenn Taufe oder Leiche ist, fällt Katechese aus).

5.) Zur Adventszeit habe ich jedesmal über Adventstexte, ein Jahr aus dem Alten Testament, das andere aus dem Neuen Testament gepredigt, und so immer wechselweise.

6.) Zur Passionszeit über die Leidensgeschichte der vier Evangelien nacheinander, über die des Matthäus jedesmal vier Jahre, im ersten über die vorbereitenden Leiden, im zweiten über Gethsemane, im dritten über Jerusalem, im vierten über Golgatha; über Markus ebenfalls vier Jahre, aber über Lukas und Johannes nur drei Jahre ein jeder, wovon die Ursache von selbst am Tage ist.

7.) Betstunden wöchentlich zweimal, montags und donnerstags.

8.) Hochzeitspredigten sind hier keine. Ist die Hochzeit nicht privati so passiert die Eheschließung (Copulation) in der Betstunde, wo vor dem Gebet der 127. Psalm, vor der Handlung die zwei ersten Verse aus dem 128. Psalm und nach demselben die zwei letzten Verse gesungen werden. Das Vorhergehen der Musikanten bis vor die Kirche, was sonst hier üblich, ich habe es aber gänzlich abgeschafft.

9.) Leichenpredigten werden nur den Erwachsenen und den Kindern nicht eher gehalten als sie in die Schule gehen, und werden keine Personalien gelesen.

10.) Wird an den Sonntagen von Pfingsten bis Martini, ehe der Prediger auf die Kanzel geht, nach dem ersten Lied gesun­gen: „O Gott, Du unser Vater bist“; „O Gott, Du höchster Gnade Hort“; „Liebster Jesu wir sind hier“; „Herr Jesu Christ, Dich zu uns wend“. Jedesmal ein Lied ganz aus ohne Veränderung der Ordnung, weil so die Gemeinde ohne Anschreiben weiß, was man singt.

11.) Habe ich die Ordnung gemacht, daß an Sonn- und Festtagen das weibliche Geschlecht gleich nach gesprochenem Segen fortgeht, alles aber, was männlich ist, in der Kirche bleibt und vormittags singt einen Vers aus dem Lied „Nun Gott Lob, es ist vollbracht“, nachmittags einen Vers aus dem Lied „Nun danket alle Gott“, damit neben anderem dem jüngeren Volk alle Gelegenheit zur Ausschwei­fung abgeschnitten und die Hinweggehenden durch den Schall des Lobes Gottes erinnert werden, was ihre Pflicht auf dem Heimweg sei.

 

12.) Und endlich die Konfirmation der Kinder, die ich den Winter hindurch in der Schule, dahin ich von Martini bis Ostern die Woche zweimal, montags und donnerstags, ging, präpariert, verrichtete ich jedesmal gleich nach Ostern. Zuvor kündigte ich diesen Akt der Gemeinde von der Kanzel acht Tage vorher. Dann ließ ich die Konfirmanden drei Sonntage nacheinander ihr Glaubensbekenntnis ablegen und konfirmierte sie dann“.

 

Bedeutsam scheint der Geist zu sein, der aus jenen Bestimmungen des Pfarrers Theobald spricht. Der Glaube und das Kirchenleben wurden im 18. Jahrhundert von der Kirchenbehörde reglementiert. Dies war aber nicht nur in Dörnigheim, sondern in ganz Deutschland der Fall. Inspektor Friedrich Grimm, ein Vorfahre der berühmten Gebrüder Grimm, als Professor der Theologie an der Hohen Landesschule in Hanau tätig, hielt 1735 und 1742 in Dörnigheim Kirchenvisitation ab. Er bemängelte vor allem, daß die Katechisationsübungen zu wenig auf das praktische Leben bezogen wären. Der Gottesdienst und die Katechisation dürften nicht durch andere Veranstaltungen gehindert werden. Auch gegenüber dem herrschaftlichen Schultheißen erhob er Forderungen. Er solle sich bessern im Informieren und Katechisieren, die Kinder solle er recht buchstabieren und die Worte richtig aus­sprechen lehren, er selbst solle sich immer mehr vorm Trunke hüten. Man sieht: Die Gewalt der Kirche erstreckte sich in der damaligen Zeit nicht nur auf rein kirchliche Dinge, sondern auch auf die Schule und die weltlichen Beamten.

Auch sonst gab es Mängel, die auf den Sitzungen des Presbyteriums hin und wieder beanstandet wurden. So zum Beispiel, daß die Theologiestudenten der Hohen Landesschule aufs Land gingen und predigten, ohne vorher ordentliche Studien in Theologie, Philosophie und Philologie getrieben zu haben. Es sollte jedem Pfarrer verboten werden, einen solchen Studenten predigen zu lassen, der noch kein Zeugnis vorzeigen könne.

Sehr oft wird auch Klage darüber geführt daß die jungen Burschen während der Kirchzeit das Vieh hüten, daß die Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken und daß die Kinderlehre schlecht besucht wird.

Trotz aller dieser Beanstandungen kann man jedoch feststellen, daß die Kirche, auch in Dörnigheim, am Ende des 18. Jahrhunderts einen großen Einfluß auf das öffentliche Leben der Gemeinde hatte. In einem Streit mit der Gemeinde setzte die Dörnigheimer Kirche in Jahre 1767 durch, daß dem Pfarrer je nach Ausfall der Mast, jährlich 1, 2, 3 oder 4 Schweine zustehen, die für ihn auf allgemeine Kosten gemästet und geschlachtet werden mußten. Im Jahre 1789 starb Pfarrer Theobald, der anscheinend einer der bedeutendsten Pfarrer am Ort war.

 

In den folgenden Jahren mehren sich die Klagen der Kirchenrüger wegen schlechten Kirchen­besuchs und Vergehen gegen die Sabbatordnung. In den Jahren 1797, 1801, 1803 und 1806 finden Kirchenvisitationen durch Inspektor Merz aus Hanau statt. Auch Merz war Theologieprofessor an der Hohen Landesschule in Hanau. Er findet die Kirche in gutem Zustand, hat aber sehr viel an der hiesigen Schule auszusetzen. Der Lehrer Hufnagel war schon von den Kirchenältesten gerügt worden, „weil er sich im Gasthaus zum Schiff total besoffen und mit jungen Leuten geschlagen hatte“. Auch war der Unterricht während der letzten Jahre wegen der vielen Einquartierungen sehr unregelmäßig. Bei seiner letzten Visitation läßt Pfarrer Merz in das Protokollbuch eintragen: „Das Schreiben und Rechnen muß in der hiesigen Schule mit mehr Fleiß getrieben werden“.

 

19. Jahrhundert:

Durch die Französische Revolution und die im Anschluß daran geführten Kriege kommt es zu einem tiefgreifenden Wandel der allgemeinen und der kirch­lichen Verhältnisse

Die Zeit des strengen Kirchenregiments war vorüber. Das Dörnigheimer Pres­byterium beschloß im Jahre 1802, „zur Bequemlichkeit der Gemeinde und zur Beförderung eines fleißigeren Kirchenbesuchs“ die Kirche den Winter über erst um ½ 10 Uhr beginnen zu lassen. Die bisherige enge Bindung zwischen weltlicher Gemeinde und Kirche wird all­mählich gelöst.

Im Jahre 1807 wird der Bußtag abgeschafft und stattdessen Erntedankfest gefeiert.

Alle Burschen bis zum 18. und alle Mädchen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr müssen aber 1810 an den sonntäglichen Katechissationsstunden teilnehmen.

Im Jahre 1818 hat die Union der Lutheraner und die Reformierten im Hanauischen Land zu einer Gemeinde vereinigt. Die Kirche am Main heißt seit dieser Zeit „Evangelische Kirche zu Dörnigheim“.

Die bisherige enge Bindung zwischen weltlicher Gemeinde und Kirche wird um 1838 Allmählich gelöst. Während der Schultheiß in früheren Zeiten in seiner Eigenschaft als herrschaftlicher Beamter zum Presbyterium gehörte, ist er in der Amtszeit des Pfarrers Fenner (1838-1863) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur als Ehrenmitglied Angehöriger des Presbyte­riums.

Ein Vertrag zwischen Gemeinde und Kirche über güter- und besoldungsrechtliche Fragen wird 1863 geschlossen.

Im Jahre 1864 wird das alte Pfarrhaus abgerissen und auf Kosten der Gemeinde ein neues errichtet (neben der Kirche in der Kirchgasse).

 

20. Jahrhundert:

Im kleinen Presbyterium sind die Herrn Pfarrer Römheld (Vorsitzender), Wilhelm Unger (Gemeinde- und Kirchenrechner), Peter Ebert VIII (Schlosser), Jakob Lapp XIV (Landwirt), Friedrich Fritz II (Landwirt). Dazu kommen zur Bildung des großen Presbyteriums noch die Herren Philipp Stier III, Peter Bildhäuser, Wilhelm Lapp II, Philipp Fliedner II, Karl Fassing I, Peter Seng V, Rektor Geb, Karl Dammköhler.

Der Krieg 1914 brachte besonders in der ersten Zeit für Pfarre Römheld bedeutend vermehrte Arbeit, nicht nur deshalb, weil in den Wochen der Mobilmachung und des Ausrückens der Reserve und des Landsturms zunächst fast jeden Abend Gottesdienst meist mit Abendmahl der Ausrückenden zu halten war, nicht nur daß allsonntäglich drei Gottesdienste stattfanden, in denen gar oft unser Gotteshaus überfüllt war, daß auch die Gänge besetzt waren. Das war für den Pfarrer erhebend, wenn er ich auch hütete, das zu hoch einzuschätzen. Aber er hatte ich sich zur Aufgabe gesetzt, den Frauen der ausgerückten Krieger zu helfen und ihre Lage zu verbessern.

Dank der großen Kollekten war er in Lage, sie in der Weise zu unterstützen, daß er für das eingehende Geld Wolle kaufte, dieselbe an die Frauen zum Stricken von Strümpfen und anderem für Ihre Männer übergab und dann jedes Paar Strümpfe ihnen bezahlte und zugleich zur Sendung an die Männer im Felde übergab. Später verdienten die Frauen in den Munitionsfabriken

 

 

In Dörnigheim wirkten, soweit man feststellen kann, folgende Pfarrer:

            1366                Kaplan Konrad

            1393                Pfarrer Heinricius für Kesselstadt und Dörnigheim;

            1492-1520      Theobald Wolffänger

            1520-1546      Friedrich Reuber

            1526                Heinemann Geiling, Kaplan

            1546-1553      Bernhard Voigt

            1554-1588      Konrad Cless aus Windecken, predigt als erster evangelisch

            1582-1588      Diakonus Adam Schmitt

            1588-1594      derselbe als Pfarrer

            1595-1598      Christoph Göbel

            1600-1612      Petrus Pädius

1607-1611       Pfarrgehilfe Nikolaus Beyer, für die Schule in Kesselstadt und den  Filialort Dörnigheim; auch Pfarrgehilfe David Winkler aus Schlesien

            1612-1616      Heinrich Oräus

            1616-1622      Johann Musius

            1622-1627      Philipp Vigelius

            1627-1634      Jakob Rücker

            1635-1638      Johannes Faber

            1638-1642      Karl Schnabel

            1643-1647      Friedrich Schlemmer

            1647-1661      Johann Wolfgang Walther

            1662                Johannes Thoma

            1662-1666      Theodor Schlemmer

            1667~677        Johann Georg Schlemmer

            1678-1688      Heinrich Daniel Bender

            ­1688-1691      Philipp Ludwig Böhm

            1691-1694      Hermann Heusling

            1695-1719      Jakob Jeckel

            1721-1729      Abraham Hemmel

            1729-1743      Johann Fassing

            1743-1789      Ernst Philipp Theobald

            1789-1790      Vikar Hoene

            1790-1809      Johann Philipp Gruber

            ­1809-1831      Johannes Schröder

            1832-1838      Heinrich Jacobi

            1838-1863      Karl Fenner

1863-1896      Heinrich Biscamp (Weber, später in Bergen)

            1896-1898      Adam Meyenschein, später Altenhaßlau

            1898-1913      Gotthelf Wörner, später Wächtersbach

            1913-1929      Wilhelm Römheld

            1930-l951       Edwin Kurz

            1952-1962      Adolf Thorn aus Asch

1961-1969      Manfred Späth

1963               Günther Dauth

1965-1968      Werner Schaaf

1967-1972      Klaus Pfitzner

1968-1974      Eckard Bart

1969-1985      Hermann Drüner

1973-1977      Mechthild Brauer

seit  1975        Ulrich Frick

seit  1980        Manfred Dehnen

1986-1991      Barbara von Teichmann-Keim

seit  1992        Helga Czysewski

 

In Dörnigheim gibt es noch die katholischen Kirchen „Maria Königin“ von 1956 / 1957 (Hasengasse) und „Allerheiligen“ von 1967 /1968 (Waldsiedlung). Dort waren Pfarrer:

1955-1964      Rudolf Gollbach;

1964-1969      Gerhard Dellemann

1968-1972      Ernst Ludwig Grünhage

1969-1986      Alfons Kluge

1972-2013      Hans-Joachim Uhde

1986-2015      Rainer Durstewitz

            2015                Stefan Becker

 

Bürgerrechte 1876

Über das Bürgerrecht wurde von seiten der Gemeindeverwaltung streng gewacht. Außer dem aktiven und dem passiven Wahlrecht enthielt das Bürgerrecht den Anspruch auf den Gemeindenutzen, also auf die Erträgnisse des Waldes und der Weide. Im Jahre 1876 muß es zwischen der Gemeinde Dörnigheim und verschiedenen zuge­zogenen fremden Familien wegen des Bürgerrechts zu einem Streit gekommen sein. Die Fremden verlangten Aufnahme als Ortsbürger. Die Gemeinde lehnte es ab, weil sie sich nicht - wie es in einem Übereinkommen mit dem Landrat in Hanau heißt – „verpflichtet hält, den seit einigen Jahren hierher gezogenen etwa schon 18 frem­den Familien den Gemeindenutzen der hiesigen Ortsbürger zu geben“.

Im Jahre 1877 werden verschiedene Gesuche um Aufnahme in die Ortsbürgerschaft abgelehnt. Hatte ein Neubürger Glück und wurde als Ortsbürger aufgenommen, so mußte er in die Gemeindekasse ein Einkaufsgeld bezahlen, das im Jahre 1883 171 Mark und 43 Pfennige betrug. Ein Fremder, der das Ortsbürgerrecht nicht be­saß, obwohl er hier ansässig war, mußte für sein Kind, das er hier zur Schule gehen ließ, ein Schulgeld in Höhe von 3 Mark im Jahr an die Gemeindekasse zahlen.

Im deutschen Volk vollzog sich im 19. Jahrhundert ein gründlicher Strukturwandel. Dörnigheim war daran wie kaum eine andere Gemeinde der näheren Umgebung beteiligt. Niemals in früheren Zeiten wanderten so viele Bürger von hier fort und zogen neue hier ein wie gerade in den Jahrzehnten vor 1900.

Trotz der politischen Neuerungen während der Franzosenzeit erfuhren die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Dörnigheim während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts noch keine grundlegende Veränderung. Immer noch ernährte sich die Mehrzahl aller Bewohner durch die Landwirtschaft. Es gab zur damaligen Zeit in unserem Ort noch nicht viele Handwerker und Gewerbetreibende.

Dieser Wandlungsprozeß, der durch die Industrialisierung heraufgeführt wurde, hatte überhaupt für die Dörnigheimer Bevölkerung schwerwiegende Folgen. Die meisten Söhne der kleinen Landwirte Dörnigheim erlernten nämlich jetzt ein Handwerk und gingen in die nahegelegenen Städte Hanau, Frankfurt und Offenbach zur Arbeit. ­Fast alle erwarben sich durch ihrer Hände Fleiß, ihren Ehrgeiz und ihre Strebsamkeit so viel Geld, daß sie sich ein kleines Wohn­haus bauen konnten.

 

Ortsentwicklung

Eisenbahn 1845:

Sehr zustatten kam dieser Aufwärtsentwicklung, daß unsre Gemeinde schon verhältnismäßig früh den Anschluß an die Hauptbahn Frankfurt-Hanau bekommen hatte. Diese Bahnstrecke war schon in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut worden. Der Kurfürst von Hessen-Kassel erkannte als einer der ersten deutschen Fürsten die Bedeutung des neuen Verkehrsmittels und ließ in sein Land eine Reihe von wichtigen Bahnlinien bauen, darunter auch diese Verbindung von Frankfurt nach Hanau. Die Gemeinde Dörnigheim stellte das Gelände zur Verfügung. Damit war für die vielen Arbeiter eine Möglichkeit geschaffen, bequem und schnell an ihre außerhalb Dörnigheims liegenden Arbeitsstätten zu gelangen.

Aus einem zeitgenössischen Bericht der „Hanauer Zeitung“ erfahren wir Näheres über den Bau unsrer Eisenbahn. Danach „fand die Eröffnung der Bauarbeiten am 27. Oktober 1845 in der Gemarkung von Dörnigheim an dem ersten Übergang über die Braubach auf feierliche Weise statt“. Lange Verhandlungen waren vorausgegangen. Sollte die Bahn auf kurhessischem Boden, also rechtsmainisch, oder auf groß-herzog­lich-hessischem Boden, also linksmainisch, ihren Verlauf nehmen? Wir lebten damals in der Zeit der Kleinstaaterei. Jedes kleine Länd­chen war nur auf seinen eignen Vorteil bedacht. Auf das große Vater­land nahm man keine Rücksicht. Für die Erbauung auf kurhessischer Seite traten vor allem einflußreiche Frankfurter und Hanauer Kreise ein. Als dann der Kurprinz und Mitregent Friedrich Wilhelm die Bauerlaubnis erteilte und die Bildung einer Aktiengesellschaft, der „Frankfurt-Hanauer Eisenbahngesellschaft“ genehmigte, konnte der Bau beginnen. Auf der linksmainischen Seite wurde etwas später mit dem Bau der „Ludwigsbahn“ begonnen. 1846/47 entstand das Sta­tionsgebäude Hochstadt-Dörnigheim, das übrigens zweimal seinen Namen wechselte. Ursprünglich hieß unser Bahnhof Dörnigheim-­Hochstadt, später Hochstadt, bis man sich schließlich auf „Hochstadt-­Dörnigheim" einigte, welcher Name heute allerdings angesichts des gewaltigen Wachstums Dörnigheims nicht mehr zeitgemäß ist.

 

Als weitere Zeichen des Fortschritts bekommt die „Mainlust“ als erstes Haus in Dörnigheim 1896 einen Gasanschluß und es wird dort eine Gasbeleuchtung installiert.

 

Dorferweiterung seit 1900:

Um die Jahrhundertwende wurde der enge Rahmen der vom Mittelalter her überkommenen Dorfanlage end­gültig gesprengt. Das Dorf wurde nach drei Richtungen hin stark erweitert. Seit 1900 entstanden so viele neue Straßenzüge, daß sich der räumliche Umfang des Dorfes von dieser Zeit an bis 1950 etwa verfünffachen konnte. Vor allem wurde zunächst das Gebiet nördlich der Lindenstraße (heute Kennedystraße) bebaut, die Hasengasse, Nordstraße, Wilhelmstraße und Karlstraße.

Die Lindenstraße selbst wurde im Zuge dieser Arbeiten ebenfalls gründlich ausgebaut. Es ist nur bedauerlich, daß die schöne Mauer zerstört worden ist, die das Ortsbild wesentlich verschönern würde. Aber was einmal geschehen ist, kann man später meistens nicht mehr rückgängig machen. Man hatte vor dem Ersten Weltkrieg anscheinend keinen Sinn für die Tradition und auch nicht für stilvolle Planung.

Das beweisen unter anderem auch die völlig stillosen Protzbauten, die von den reichen und vermögenden Bauern oft mitten in einen altertümlichen Dorfkern hineingestellt wurden. Das war aber nicht nur in Dörnigheim der Fall, sondern in fast allen Gemeinden. Es war ein Zeichen der Zeit. Man hatte das Gefühl, daß eine völlig neue Zeit anbräche, daß man aus der alten nichts mehr mit hinüberneh­men dürfe. Und so sehr hat die Dörnigheimer Bevölkerung das grundsätzlich Neue an der ganzen Entwicklung empfunden, daß sie von dem „neuen Dorf“ sprach, wenn sie die neuen Häuser in der Hasengasse, in der Bahnhofstraße, in der Hanauer und Frankfurter Landstraße meinte.

Auf Gemeindekosten werden im Jahre 1893 Straßenschilder und Hausnummern angeschafft

Die Neupflasterung der Bezirksstraßen nach Hanau und Frankfurt erfolgt 1917 mit einem Kostenaufwand von rund 25.000 Reichsmark für die Gemeinde.

 

Der alte Friedhof

Der alte Friedhof wurde 1814 außerhalb des Dorfes zwischen Zollhaus und einem nach Hochstadt führenden Weg, auf einem Grundstück mit der Flurbezeichnung „Hinter dem Ort“, Flur 13, Flurstück 18/2 angelegt (nach anderer Angabe erst 1838). Man kam damit einer Aufforderung der Oberen Behörden aus dem Jahre 1805 nach, mit der wegen der Seuchengefahr die Anlage von Friedhöfen weit außerhalb der Ortschaft verlangt wurde. Die erste Begrenzung war der ehemalige Landwehrgraben

 

Erste Erweiterung:

Schon nach wenigen Jahren, um 1856, wurde der Friedhof über diesen Weg hinaus nach Westen erweitert. Das Anwachsen der Bevölkerung machte bald erneut eine Erweiterung der Friedhofsanlage erforderlich. Das Zollhaus verhinderte zunächst eine Erweiterung nach Osten. Noch einmal wurde ein schmaler Streifen westlich hinzugenommen und der Weg nach Hochstadt weiter nach Westen außerhalb des Friedhofs verlegt. Der alte Teil des Weges ist noch heute einer der beiden Hauptwege im Friedhof. Auch ein Rest der alten Umfassungsmauer steht noch mitten im Friedhof.

 

Zweite Erweiterung

Im Jahre 1880 begannen die Erweiterungsarbeiten. Im Jahre 1881 wurde die Anlage mit einer Mauer umgeben und umfaßte nun mit 5.082 Quadratmetern das gesamte Flurstück 18. Der noch heute bestehende Haupteingang mit seinem Holztor und den beiden Sandsteinpfosten stammt aus jener Zeit.

Inzwischen wandelte sich das Friedhofswesen. Mit der Säkularisation im Jahre 1804 hatte die Kirche zusammen mit ihren sonstigen Gütern auch die Hoheit über die Friedhöfe verloren. Nun sorgte die Gemeinde für eine ordnungsgemäße Bestattung. Neue Verordnungen wurden erlassen. Eine wesentliche Regelung zur Vermeidung der Beerdigung von Scheintoten war die mehrtägige Leichenschau, die in Hessen drei Tage betrug. Religiöse Aspekte traten in der Verwaltung völlig in den Hintergrund, spielten aber nach wie vor bei der Bevölkerung eine große Rolle. Die Zwistigkeiten der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaft des vorhergehenden Jahrhunderts waren überwunden.

 

Bestattungssitten:

In teilweise recht aufwendigen Zeremonien erwiesen die Hinterbliebenen dem Verstorbenen große Aufmerksamkeit. In der Schulchronik von 1908 heißt es zum Beispiel: „Am 26. März (1908) starb Peter Lapp, Bürgermeister außer Dienst, und wurde derselbe Sonntag, den 29. März, unter großer Betheiligung der Gemeinde zur letzten Ruhestätte gebracht. Der Verstorbene war in hiesiger Gemeinde 21 Jahre Bürgermeister.“

Friedrich Ickes beschreibt in seinem Beitrag über die Dörnigheimer Friedhöfe in dem Buch des Historischen Kulturkreises Dörnigheim, „Dörnigheim nach 1200 Jahren“, den Ablauf einer Beerdigung, wie ihn noch seine Mutter um 1900 erlebt hat. Um diese Zeit gab es noch keine Trauerhalle. Wenn der Arzt den Tod eines Menschen bescheinigt hatte, wurde er daheim aufgebahrt. Dann ging die Totenfrau von Haus zu Haus und bat die Nachbarn zur Beerdigung. Man nannte das die „Leichenbitte“.

Anna Ickes erinnerte sich noch daran, daß auch der Ortsdiener mit der Schelle durch die Gassen ging und zur Leichenbestattung aufforderte. Es war üblich, daß aus jedem Haus mindestens ein Familienmitglied an der Trauerfeierlichkeit teilnahm. Am Tag der Beerdigung formierte sich der Leichenzug vor dem Haus des Verstorbenen und in gemächlichem, feierlichen Schritt ging es dann zum Friedhof. Nicht selten wurde der Trauerzug von einem Spielmannszug begleitet, mit Trommelwirbel und Trauermarsch. Vorneweg ging der Ortsdiener, in Uniform, mit Säbel und Pickelhaube.

Dahinter kam der Leichenwagen, gezogen von zwei Pferden mit schwarzen Pferdedecken und schwarzen Ohrenklappen. Dann folgten die Schulkinder der ersten und zweiten Klasse unter Leitung des Rektors. Das war äußerst wichtig, denn schon vor dem Haus des Verstorbenen und später am Grab wurde von den Schülern das Lied gesungen: „Begrabt den Leib in seiner Gruft, bis ihn des Schöpfers Stimme ruft...!“

Nach den Schülern ging der Pfarrer und dann kamen die Leidtragenden. War der Verstorbene gar in einem Gesangverein - was keine Seltenheit war - wurde ihm auch von dieser Seite her ein Lied dargebracht. Für Vereine, wie Feuerwehr, Gesang‑ oder Turnverein, war es selbstverständlich, daß wenigstens einige Mitglieder mit ihrer Vereinsfahne im Trauerzug mitgingen und am Grab ein Blumengebinde oder einen Kranz niederlegten. Ansprachen wurden gehalten und ewiges Andenken gelobt. Es war schon ein recht ansehnlicher Zug, der sich früher durch die Straßen bewegte.

. Es gab eine viel strengere Friedhofsordnung als heute. Bei kleinen Kindern etwa wurde überhaupt keine Trauerfeier abgehalten und auch der Pfarrer hielt keine Predigt. Aus einer Anweisung des Pfarrers Theobald (1743-1789), wie der öffentliche Gottesdienst gehalten werden solle, steht unter Punkt neun: „Leichenpredigten werden nur den Erwachsenen und den Kindern nicht eher halten als sie in die Schule gehen, und werden keine Personalien gelesen“. Selbstmörder wurden an der Friedhofsmauer in einer Ecke buchstäblich verscharrt. Kein Pfarrer oder Prediger ist in einem solchen Falle mitgegangen. Der alte Brauch des dreimaligen Streuens von Erde auf den Sarg hat sich bis heute erhalten, ebenso nach der Beerdigung der Leichenschmaus.

 

Kriegerdenkmäler:

Am 2. September 1895 wurde von der bürgerlichen Gemeinde den am Deutsch-Französischen Krieg 1870 / 1871 beteiligten Soldaten ein Denkmal gestiftet. Die Ehrentafel aus schwarzem Granit enthält die Namen von 44 Dörnigheimern, die am Krieg teilnahmen und verzeichnet elf Gefallene. Ursprünglich war die Tafel in der Kirche befestigt. Nach jahrelanger Lagerung im Kirchturm ist sie nun an der Seitenwand der Kapelle auf dem alten Friedhof der Öffentlichkeit zugänglich.

Unter großer Beteiligung der Orteinwohner enthüllte der Bürgermeister Karl Leis im Jahre 1922 auf dem alten Friedhof ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. In seiner Ansprache gedachte er der 69 Dörnigheimer Mitbürger, die im Kampf um das Vaterland, um die Heimat und um die Familie ihr Leben lassen mußten. Er gelobte, daß die Gemeinde Dörnigheim jederzeit das Denkmal unter ihrem Schutz in Ehren halten werde. Der große Findling ist heute überwuchert und davor sind angeordnet fünf kleine Findlinge mit den Namen von 71 Soldaten. Dieses Mahnmal steht auf dem alten Friedhofs gegenüber dem Eingangstor von der Kennedystraße.

In den Wirren gegen Ende des Krieges kam es zu Toten ganz anderer Art: Nach den schweren Bombenangriffen auf Hanau flüchteten die Menschen aus der brennenden Stadt in die Nachbargemeinden. Auch in Dörnigheim wurde ein Lazarett eingerichtet, in dem viele ihren schweren Verletzungen erlagen. Sie wurden auf dem Dörnigheimer Friedhof begraben.

KZ-Insassen auf dem Todesmarsch non Frankfurt nach Hünfeld waren erschossen worden und wurden zunächst auf dem Friedhof beigesetzt. Zur Verbreiterung des Backesweges wurden im Jahre 1952 die an der Friedhofsmauer gelegenen Gräber der Kriegstoten, darunter die Opfer des Todesmarsches, in ein waldnahes Gelände zwischen Nurlache und Am Hundsbaum (Flurbezeichnungen in der heutigen Waldsiedlung) umgebettet.

Am 19. August 1945 kam es in dem Materiallager am Bahnhof zu einem Brand, den die örtliche Feuerwehr zu löschen versuchte. Dabei erfolgte eine gewaltige Explosion, bei vier Feuerwehrleute getötet wurden und zwei weitere schwer verletzt zunächst überlebten. Zum Gedenken an dieses schwere Unglück steht heute auf dem Alten Friedhof ein Denkmal mit den Namen der Getöteten. Es sind: Jakob Schneier, Peter Boos, Jakob Rauch und Jakob Kegelmann

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg:

Das rasche Anwachsen der Bevölkerung nach 1945 brachte in Dörnigheim viele Veränderungen. Neue Baugebiete entstanden. Auch die Kapazität des alten Friedhofs reichte bald nicht Im Zuge des Ausbaus und der Verbreiterung des Backeswegs wurde 1952 auf der gesamten Länge die Friedhofsmauer um fünf Meter nach innen versetzt. Gleichzeitig konnte der nördlich vom Friedhof gelegene Holzplatz von der Gemeinde erworben und mit in den Friedhof einbezogen werden. Die Größe des gesamten Areals betrug nunmehr 10.507 Quadratmeter. Für die Verbreiterung des Backeswegs waren vom alten Gelände etwa 440 Quadratmeter abgetrennt worden, das danach noch eine Größe von 4.662 Quadratmeter hatte, und mit dem Einfügen des Holzplatzes 777 Quadratmeter und des östlich gelegenen Geländes 5.088 Quadratmeter hinzu gekommen. Die neuen Teile umfaßten die Parzellen Flur 13, Flurstücke 10/2, 13/2, 13/3 und 14.

Inzwischen war durch den knapp gewordenen Wohnraum eine Aufbahrung der Toten in den eigenen Wohnungen häufig nicht mehr möglich. Auch waren die Trauerzüge durch den Ort für den Straßenverkehr problematisch geworden. So wurde 1950 zunächst eine einfache Aufbewahrungsmöglichkeit auf dem Friedhof geschaffen, der endlich zehn Jahre später, im Jahre 1960, der Bau einer Trauerhalle folgte. Nun konnten die Toten würdig aufgebahrt werden und die Trauerfeiern mußten nicht mehr unter freiem Himmel stattfinden. Durch einen zweiten Zugang konnte man jetzt von der nördlich gelegenen Friedrichstraße auf den Friedhof gelangen.

Die nahe Wohnbebauung ließ keine weitere Erweiterung mehr zu. Es war unumgänglich, an anderer Stelle Gelände für einen neuen Friedhof zu suchen. Der neue Standort wurde östlich des Gewerbegebiets gefunden und 1970 ein neuer Friedhofs eingerichtet. Es fanden aber noch weiter Bestattungen auf dem alten Friedhof statt, allerdings nur noch in bereits bestehenden Familiengräbern und wenn die Ruhezeit von 30 Jahren eingehalten wurde.

 

Versuch der Einebnung:

Allerdings stand das Schicksal des alten Friedhofs auf dem Spiel, als ihn 1987 der damalige Stadtbaudezernent einebnen wollte, um dort einen Kinderspielplatz und einen Grillplatz einzurichten. Von 1987 bis 1994 kämpfte eine Friedhofskommission um den Erhalt. Der Bürgerwille wurde schließlich mit den Stimmen der CDU im Parlament durchgesetzt. Ergebnis war aber die Beseitigung der vielen alten Grabstellen und das Verbringen einiger Grabsteine in ein so genanntes Lapidarium, eine Steinesammlung, entlang der südlichen Mauer. Die Steine wurden recht willkürlich von übergeordneter Stelle ausgewählt, haben leider kaum einen Bezug zur Ortsgeschichte.

Einige der alten Grabmale aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sind noch auf dem Friedhof zu finden, wie der von Wilhelmine Ebert geborene Lapp, die von 1892 bis 1933 gelebt hat. Er steht im Laub versteckt vor der alten Mauer im Inneren des Friedhofs. Diesem Umstand verdankt er seinen Erhalt. Würde er, oder einer der wenigen anderen entfernt, könnte die Mauer einstürzen. Der Sinnspruch auf dem alten Grabstein lautet:

„Manch Tränlein mag wohl fallen, Das Liebe nach mir weint,

Ich hatt’s ja auch mit Allen Im Leben gut gemeint.

Doch habt ihr mich versenket, So lasst das Trauern sein,

Nur wenn ihr mein gedenket, Gedenkt in Liebe mein!“

 

Planung von 1998:

Im Jahre 1998 legte ein junger Landschaftsgärtner in seiner Diplomarbeit eine Studie vor mit Vorschlägen, wie der alte Friedhof durch eine vorsichtige Umgestaltung, unter besonderer Berücksichtigung der Denkmalpflege, aufgewertet werden könne. Der Platz um die Friedhofshalle hatte sich im Laufe der Jahre ungleichmäßig abgesenkt, so daß bei Regen große Pfützen den Zugang behinderten. Auch optisch war eine Aufwertung notwendig. Aus dem Etat für Stadterneuerung der Hessischen Denkmalpflege sollten Gelder hierfür bereit gestellt werden. Sie wurden jedoch kurz vor ihrer Ausschüttung umgewidmet. Im Dezember 2002 beschied die Stadtverordnetenversammlung gegen die Sanierung, um die etwaigen Kosten von 50.000 Euro einzusparen.

Nun lief eine Diskussion darüber, ob der Alte Friedhof nicht mehr für Neubestattungen genutzt werden soll. Der Historische Kulturkreis fürchtet, daß in absehbarer Zeit eines der wenigen Kleinode der Dörnigheimer Ortsgeschichte aus dem Ortsbild verschwinden könnte. Der Er ist der Meinung, daß der alte Friedhof in Dörnigheim eines der wenigen Kulturdenkmale ist und als solches erhalten bleiben muß. Er ist eine wichtige innerstädtische Kultur‑ und Gedenkstätte. Zur Pflege und Betreuung wäre ein Verein denkbar, „Arbeitskreis Alter Friedhof“ der aus Vertretern der Kirchen, der Bestattungsinstitute, der Stadt und interessierter Vereine bestehen sollte und mit den nötigen Kompetenzen und ausreichenden Mitteln ausgestattet werden müßte. Hohe Sachkenntnis und Motivation wären gute Grundlagen für eine effektive Arbeit.

 

Pläne 2004:

Am 3. Januar 2004 meldete der Tagesanzeiger wiederum: „Alten Friedhöfen in Dörnigheim und Wachenbuchen droht die Schließung. In der Dezember‑Sitzung des Stadtparlaments wurde eine entsprechende Vorlage des Magistrats, die sich als „Schnellschuß“ erwies, flugs wieder zurückgezogen. Jetzt soll der Magistrat zunächst eine neue Vorlage erstellen, doch die Zielrichtung bleibt die gleiche.

Vorgesehen war, die beiden Gottesäcker bereits zum 31. Dezember 2003 zu schließen, was bedeutet hätte, daß ein Neuerwerb von Nutzungsrechten an Wahlgräbern sowie die Bestattung in Reihengräbern nicht mehr möglich gewesen wäre. in bereits erworbenen, aber noch nicht belegten Wahlgrabstätten wäre eine Bestattung nur noch dann möglich gewesen, wenn die Nutzungszeit mindestens noch der Ruhefrist entspricht.

Gerade in Dörnigheim und Wachenbuchen seien durch die neuen Friedhöfe mit Trauerhalle und allen weiteren technischen Einrichtungen für Ersatz in vollem Umfang gesorgt. Bs zum 31. Dezember 2045 sollten die beiden Friedhöfe „entwidmet“ werden, sie verlören damit ihre Friedhofseigenschaft. Außerdem, so sah es die zurückgezogene Vorlage vor, wollte der Magistrat Verhandlungen mit der evangelischen Kirchengemeinde Hochstadt aufnehmen, mit der Zielsetzung, auch den alten Hochstädter Friedhof zu schließen.

Stadtrat Schächer sagte in einer Versammlung: Den Alten Friedhof in Dörnigheim zu schließen, bedeute, daß die kommenden zehn Jahre noch beerdigt würde. Die Trauerhalle, die danach nicht mehr benötigt werde, könne abgerissen werden, da sie sonst nur unnötig Kosten verursache. Eine Bebauung sei nach Schächers Wissen dort jedoch nicht geplant. Die Anlage werde danach weitere 40 Jahre als Friedhof bestehen bleiben, da die Gräber ja auf längere Dauer gekauft seien, neue Gräber könnten dann keine mehr erworben werden. Fortan könne das Gelände als Parkfläche genutzt werden. Tote würden keineswegs umgebettet und der besondere Charakter des Geländes werde immer bleiben.

Die Gründe für den Vorschlag lauten: Infolge der baulichen Entwicklung liegen die Friedhöfe mittlerweile inmitten von Wohngebieten. „Eine ungestörte Andacht an die Toten im ursprünglichen Sinne ist nicht mehr gegeben. Außerdem sei nicht auszuschließen, daß von den teilweise mehrfach belegten Grabstätten gesundheitliche Gefahren ausgehen. Grund der Schließungspläne sind aber einmal mehr die Finanzen. Derzeit betreibt die Stadt sieben Friedhöfe. Eine Erhöhung der Maintaler Friedhofsgebühren um zehn Prozent ist geplant. Mit Kassel ist Maintal landesweit Spitze bei der Gebührenerhebung. „Die Unterhaltung der alten Friedhöfe in Maintal verursacht in erheblichem Umfang Kosten bei stetig zurückgehenden Bestattungsfällen“, heißt es in der schriftlichen Begründung des Magistrats. Für den Unterhalt der alten Friedhöfe seien jährlich „beträchtliche Summen“ aufzuwenden, die auch durch die Gebührenerhöhung 1998 nicht hätten kompensiert werden können. Maintal habe Einnahmen für Bestattungskosten in Höhe von etwa 500.000 Euro, die Ausgaben beliefen sich jedoch auf rund 700.000 Euro. Hätte die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren konsequent alle Beerdigungen auf dem alten Friedhof gemacht, hätte es dieses Streitgespräch schon wegen Überfüllung des alten Friedhofes überhaupt nicht gegeben! Noch nicht einmal ein Gräberfeld des neuen Friedhofes hätte auf dem alten Friedhof Platz. Die Einwohnerzahl von Dörnigheim ist eben in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen und sie steigt noch weiter. Daran sollten sich auch die Alt‑Dörnigheimer gewöhnen, die den Friedhof vor der Haustür haben möchten. Der Verdacht wurde geäußert, daß die Maintaler Rathausspitze hier einfach Fakten über die Meinung der Bürgerinnen und Bürger hinweg schaffen wolle: Mit dem Abriß der Trauerhalle wolle man jegliche Beerdigungen auf dem „alten Friedhof“ unmöglich machen. Ferner bestand die Befürchtung, die Trauerhalle würde lediglich abgerissen, um die Fläche Immobilienmaklern zur Bebauung zu überlassen. Dem Gerücht, daß mit dem Ende der Bestattungszeit die Trauerhalle offenbar Wohnhäusern weichen müsse, konnte Stadtrat Schächer nicht entkräften. „Ich weiß nicht, was 2045 ist“ sagte er mit Achselzucken.

Die Gründe gegen die Schließung lauten: Das Argument, die alten Friedhöfe aus Kostengründen schließen zu müssen, kann man nicht nachvollziehen. Wenn man bedenkt, daß Maintal die höchsten Bestattungskosten im Bundesgebiet hat (oder hatte) und man sich den Zustand der Friedhöfe anschaut, weiß man nicht, was mit dem Geld gemacht wird. Und dies, obwohl der Service miserabel ist: Es gibt keinen Bereitschaftsdienst, keine Parallel‑Beerdigungen auf den Maintaler Friedhöfen und vor allem auch kein Provisorium während der Renovierungsarbeiten an der Trauerhalle auf dem neuen Dörnigheimer Friedhof. Kostet die Pflege einer Grünanlage mehr als die eines Friedhofs? Hier wie dort muß der Abfall abtransportiert, Laub entsorgt und ab und zu das Gras gemäht werden. Da im Falle einer Schließung des alten Friedhofs stünde weiterhin die gleiche Menge an Bestattungen an ‑ dann auf dem neuen Friedhof.

Die „Parkanlage Alter Friedhof“ müßte auch gepflegt werden. Ein Abriß der Trauerhalle kaum das Defizit von 200.000 Euro wett machen.

Walter Korn sagte: Die Stadt sollte doch erst einmal auflisten, wie hoch der Anteil des alten Friedhofs am Defizit sei, bevor man von einer Schließung rede. Möglicherweise seien es weniger als 50.000 Euro, spekulierte er. Die Einsparung mache sich überdies erst nach Ablauf der Bestattungsfrist für bereits gekaufte Gräber in zehn bis 20 Jahren bemerkbar: Die paar Euro stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu dem, was hier kaputt gemacht wird. Zudem solle der Magistrat prüfen, ob eine Privatisierung der Friedhofspflege nicht der preiswertere Weg sei. Und wenn das Minus dann immer noch vorhanden sei, könne ein Förderverein die Differenz auffangen.

Für einen Friedhof, der vorwiegend von älteren Leuten genutzt wird, kann eine zentrale Lage doch gar nicht verkehrt sein. Ein Friedhof mit alten Bäumen ist nicht nur ein Ort für gute Luft und Vogelgesang, er ist auch Erinnerung für uns ‑ Geburt und Tod, was jeden Menschen trifft. Unsere Kinder sehen bis abends jede Menge Tote im Fernsehen, wo kann man aber noch beim Einkaufen oder Spazierengehen seine Toten besuchen, von ihnen erzählen, wie sie gelebt haben und wie sie waren. Friedhöfe gehören in das Dorf, die Stadt, zu uns. Im Ort, umgeben von bewohnten Häusern, wo jeder mal schnell vorbei kommen kann, ist der Ort für einen Friedhof. Hier erinnert man sich vielleicht an schöne Dinge, die sie gemeinsam erlebt haben. Ein Friedhof gehöre nicht an den Rand des Orts. Der Tod ist ein Teil des Lebens und darum gehört der Friedhof in Dörnigheim mitten rein.

Der neue Friedhof liegt nicht nur weit außerhalb und ist für schwer erreichbar, er liegt auch ganz am Rand der Dörnigheimer Gemarkung mitten in einem Gewerbegebiet. Diese Lage ist der Ruhe auch nicht dienlicher als die Kennedystraße am alten Friedhof. Wo möchten die Dörnigheimer wohl lieber begraben sein: Am letzten Zipfel vor Hanau, hinter dem Industriegebiet, beim Umspannwerk, neben der Kompostanlage und dem Restmüllplatz, wo laufend sorgsam gepflegte Gräber verwüstet werden, weil es keine Nachbarn gibt und keiner etwas hört?

Bedauerlich ist der Zustand des neuen Friedhofes. Die Wege und Rabatten sind ungepflegt und verholzt. Da der Friedhof so weit draußen liegt, kann man Blumen gar nicht so schnell raus tragen, wie sich die Kaninchen darüber her machen. Die alten Waschbetonplatten sind gute Stolperfallen und dank der neuen Kieselsteinchen hat man jetzt lauter roten Kies auf den Gräbern. Zerstörungswut und schlechte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr lasse den neuen, rund 30 Jahre alten Friedhof am Rand des Gewerbegebietes auf Ablehnung stoßen.

Die Dörnigheimer wollen ihren Friedhof auch weiterhin als solchen nutzen zu wollen, mit der Möglichkeit, Tote zu bestatten; weiterhin, um ein Kulturgut zu bewahren und um die Verstorbenen nicht „auslagern“ zu müssen. De Kirchengemeinde setzt sich dafür ein, „daß weiterhin Erd‑ und Feuerbestattungen auf dem Alten Friedhof möglich sind“: Der alte Friedhof Dörnigheim sei ein Ort der Trauer und einer der Begegnung von Menschen, die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde besuchten. Dieser historische Friedhof habe daher für viele Bürgerinnen und Bürger einen hohen Stellenwert. Er sei ein Ort der Erinnerung für Familien und für unsere Stadt. Durch seine zentrale Lage an belebten Straßen erinnere er im alltäglichen Leben an den Tod.

 

Politische Entwicklung seit 1898

Es lag in der sozialen Struktur der Ein­wohnerschaft begründet, daß die Gedanken des Sozialismus in der Gemeinde auf fruchtbaren Boden trafen. Es gab in Dörnigheim schon vor 1900 viele Sozialdemokraten.

Nach der Einverleibung Kurhessens in Preußen 1866 blieb die kurhessische Gemeindeordnung von 1834 zunächst noch in Kraft, nach der nur die Bauern Wahlrecht hatten und alle die Einwohner, die in Kost und Lohn eines anderen standen, als Gesellen oder Taglöhner sich ernährten, nicht wählen durften. Man kann aus den Wahlen, die nach dieser Ordnung stattfanden, also keine Rückschlüsse ziehen auf die politische Haltung der gesamten Einwohnerschaft.

Pfarrer Römheld aber schreibt 1914 in der Turmknopfurkunde: „An Hochverrat grenzt das Verhalten der deutschen Sozialdemokraten, die in so ernster Zeit, wo alles zusammenstehen sollte, in Versammlung die Gemüter durch unwahre Darstellung der Verhältnisse gegen die Obrigkeit aufhetzt. - „Wir lassen uns nicht als Kanonenfutter gebrauchen.“

Es liegen aber die Ergebnisse der Reichstagswahlen aus den Jahren 1898 und 1903 vor. Zum Reichstag im Bismarckreich wurde bekanntlich schon geheim, allgemein und direkt gewählt.

Man darf annehmen, daß die Ergebnisse aus diesen Wahlen die wahre poli­tische Meinung der Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Im Jahre 1898 wurden von 341 Stimmberechtigten 287 Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf die nationalliberale und konservative Partei 22 Stimmen, auf die freisinnige Volkspartei 43, auf die Sozialdemokraten 222 Stimmen.

Im Jahre 1903 sah das Wahlergebnis so aus: Stimmberechtigte 415, abgegebene Stimmen 358, nationalliberale und konservative Par­tei 53, Freisinnige 21, Sozialdemokraten 282 Stimmen.

Trotz des großen Anhangs, den die Sozialdemokraten in der Dörnig­heimer Bürgerschaft hatten, konnten sie nicht bestimmend in das politische Geschehen in der Gemeinde eingreifen. Mit allen Mitteln versuchten die damals führenden Schichten, die sozialdemokratische Bewegung zu unterdrücken und ihre Führer zu öffentlichen Ämtern nicht zuzulassen. So waren zum Beispiel alle sozialdemokratischen Vereine und Organisationen verpflichtet, ihre Mitglieder den Polizeidienststellen zu melden. Die Wirte, die sozialdemokratische Versammlungen in ihren Lokalen abhalten ließen, bekamen zur Auflage gemacht, an Soldaten keine Getränke abzugeben, den Soldaten wurde verboten, solche Gasthäuser zu besuchen. Im Jahr 1901 war von den Dörnigheimer Gemeindevertretern der Sozialdemokrat Karl Leis zum Bürgermeister gewählt, von der Regierung jedoch nicht bestätigt worden.

Bei der Bürgermeisterwahl am 8. Juni 1909 wurde von der Regierung die Wahlzeit auf mittags 1 Uhr festgesetzt, weil man wußte, daß die Sozialdemokraten, die sich zum größten Teil auf ihren Arbeitsstellen außerhalb Dörnigheims befanden, zu diesem Zeit­punkt nicht zu der Wahlhandlung erscheinen konnten. Fünf sozialdemokratische Gemeindevertreter richteten zwar ein Protestschrei­ben an den Landrat, jedoch ohne Erfolg.

 

Übersicht über die Wahlen:

Jahr

 

Nationalliberale

Freisinnige

SPD

Kommunisten

1898

Reichstag

22

43

222

 

1903

Reichstag

53

21

282

 

1910

Gemeinde

Unter 12 Gemeindevertretern 6 Sozialdemokraten

1925

Landtag

29

 

245

254 *

*Außerdem 89 Hessisch-Nassauische Arbeiter-Gemeinschaft; 51 Haus- und Grundbesitzer; 7 Zentrum.

 

Vor dem Ersten Weltkrieg

In der Turmknopfurkunde von 1914 listet Pfarrer Römheld die Vereine, Gasthäuser, Handwerker und Händler in Dörnigheim ebenso auf wie die öffentlichen Amts- und Würdenträger dieser Zeit. Aber die Urkunde erlaubt uns auch einen Blick in die Sozialstruktur der Gemeinde und läßt einen sehr persönlichen und ehrlichen Blick auf die politischen Verhältnisse zu: „Die Bevölkerung unseres Fleckens, zum größten Teil dem Arbeiterstande angehörend, ist infolge der Nähe der Großstadt eine fluktuierende. Zugleich sind es nicht immer die besten Elemente, die aus der Großstadt Frankfurt hierherziehen. Vielfach helfen sie nur, das Proletariat vermehren. So kommt es denn, daß in unserer Gemeinde die Sozialdemokratie so stark ist, daß selbst gut und loyal gesinnte Bürger sich scheuen, mit ihrem Patriotismus. mit ihrer Liebe zu Thron und Altar hervorzutreten.

Das kleine Kirchlein, das wir haben und das im Verhältnis zur Seelenzahl der Gemeinde dreimal größer sein dürfte, ist außer an Feiertagen meistens schwach besetzt. Die Nähe der Großstadt sowie die vielen Vereine - vier Gesangvereine, drei Turnvereine, darunter auch ein so genannter „freier“ (sozialdemokratischer), ein Kriegerverein, ein Fußballverein, zwei Bürgervereine, ein Rauch- und Spielklub. ein Radfahrverein. ein Fußballverein, ein Frauen- und Sanitätsverein mit Sanitätskolonne - mit ihren Festlichkeiten und Tanzereien halten an so manchem Sonn- und Feiertage viele vom Besuche des Gotteshauses und der Sorge für ihre unsterbliche Seele zurück und verhindern bei nicht wenigen das finanzielle Vorwärtskommen“.
 

Nach dem Ersten Weltkrieg

Nach Ende des Ersten Weltkriegs errichtete die politische Gemeinde Dörnigheims ein Mahnmal für die Kriegsteilnehmer in Form eines großen Findlings, der heute überwuchert ist, und davor angeordnet fünf kleine Findlinge mit den Namen von 71 Soldaten. Dieses Mahnmal steht auf dem alten Friedhofs gegenüber dem Eingangstor von der Kennedystraße.

Nach der Gemeindevertreterwahl am 4. März 1910 waren unter zwölf Gemeindevertretern sechs Sozialdemokraten. Trotzdem wurde erst im Jahre 1917 mit Karl Leis ein Sozialdemokrat Bürgermeister in Dör­nigheim. Was während des Friedens im wilhelminischen Reich nicht möglich war, wurde in der Notzeit des Krieges verwirklicht: Ein Sozialdemokrat wird Bürgermeister. Ein damals unerhörtes Ereignis, mit dem Dörnigheim eine Ausnahme unter allen Gemeinden des Kreises darstellte. Es war gut so, daß in der Zeit des Zusammenbruchs 1918 mit Karl Leis ein Sozialdemokrat an der Spitze der Gemeinde stand. Mit viel Fingerspitzengefühl, Takt und Klugheit hat es dieser Bürgermeister verstanden, in den turbulenten Zeiten, die unmittelbar auf den Zusammenbruch 1918 folgten, die Geschicke der Gemeinde zu leiten.

Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Leis fanden sich am 9. Novem­ber 1918 die Gemeindevertreter und Gemeinderäte in einer Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung stand als einziger Punkt: Maß­nahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung. Es wurde einstimmig beschlossen, daß jeder einzelne dafür einzutreten habe, daß innerhalb der Gemeinde Ruhe und Ordnung herrscht.

Der da­mals sozialdemokratische, später zur kommunistischen Partei überwechselnde Gemeindevertreter Georg Beckenbach stellte den Antrag, in Anbetracht der gegenwärtigen Lage eine Versammlung der Einwohner auf den 10. November.1918 in den „Frankfurter Hof“ einzuberufen, in der die versammelten Männer und Frauen einen Arbeiter- und Bauernrat wählen sollten, dem sich der Bürgermeister nebst der gesamten Gemeindeverwaltung unterzuordnen hätten. Der Bürger­meister erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden und ließ die Einwohner zu der Versammlung durch die Ortsschelle einladen. Die Versammlung fand dann wirklich am folgenden Tag (10. No­vember 1918) im „Frankfurter Hof“ statt. Sie wählte 9 Männer als Arbeiter- und Bauernräte und Beckenbach als Vorsitzenden.

Diese Arbeiter- und Bauernräte nahmen an der Gemeindevertreter­sitzung am 14. November 1918 teil. Auf der Tagesordnung stand: Anerkennung der seitherigen Gemeindevertreter und Schöffen durch den Arbeiter- und Bauernrat. Die Anerkennung wurde anstandslos ausgesprochen. Der Gemeinderat wurde durch zwei Mitglieder des Ar­beiter- und Bauernrats erweitert, die stimmberechtigt sein sollten. Dies war die einzige tatsächliche revolutionäre Neuerung, die sich über die bisher geltenden Ordnungen hinwegsetzte, die aber teil­weise gegenstandslos war, deshalb, weil die zwei abgeordneten Mit­glieder des Arbeiter- und Bauernrats sowieso zugleich in der Gemeindever­tretung saßen.

So war infolge der Durchsetzung der Gemeindeverwaltung mit So­zialdemokraten schon lange vor 1918 und durch die kluge und aus­gleichende Haltung des Bürgermeisters Leis die Gewähr dafür gegeben, daß sich die politische Umwälzung in Dörnigheim in ruhigen und geordneten Bahnen vollzog. Der Arbeiter- und Bauernrat machte sich nur insofern übel bemerkbar, als er durch seinen Führer Beckenbach auch in die Schule eingriff, die historischen Bilder beseitigte und das Gebet abschaffen ließ.

Bürgermeister Leis verstand es besonders, die radikalen Tendenzen, die in erster Linie Georg Beckenbach verkörperte, zurückzuhalten, bzw. da ihre Vertreter in die praktische Arbeit mit einzuschalten. So bekam Beckenbach von ihm den Auftrag, gegen eine wöchentliche Vergütung von 110 Mark die Lebensmittel in der Gemeinde zu erfas­sen und zu verteilen. Es ist selbstverständlich, daß dies in der Notzeit keine leichte Aufgabe war. Aber fürs erste war damit das Bedürfnis Beckenbachs, politische Verantwortung zu übernehmen, befriedigt worden.

Beckenbach tritt in der Folgezeit dann überhaupt als Gegner von Bürgermeister Leis auf. Manch harten Strauß fechten beide mit­einander aus. Einmal kommt es sogar zu einer Verhandlung eines solchen Streitfalls vor dem Landrat. Daraus geht Leis als Sieger her­vor.

Die Stellung des Bürgermeisters Leis ist schließlich absolut ge­festigt, als Beckenbach Anfang der zwanziger Jahre auf ziemlich unklare Weise aus dem Leben scheidet. Der Arbeiter- und Bauernrat tritt ab 1. März 1919 nicht mehr Erscheinung, am 14. Juli 1919 beschließt die Gemeindevertretung einstimmig, daß er aufgelöst wird.

Die Notjahre bis 1923 waren ausgefüllt mit Sorgen um das tägliche Brot für die Einwohnerschaft. Als ein trauriges Zeichen für die Verwor­renheit unsrer wirtschaftlichen Verhältnisse in der damaligen Zeit, zugleich aber auch als ein Beweis für das Verantwortungsgefühl der Gemeindeführer, kann die Tatsache betrachtet werden, daß am 19. Mai 1919 die Dörnigheimer Gemeindevertretung den Beschluß faßte, einen Handelsvertreter namens Paravia zu beauftragen, für die Gemeinde einen Waggon (10 000 Kilogramm) ausländisches Schmalz zu kaufen. Das Kilo sollte 32 Mark kosten. Außerdem 100 Liter Salatöl zu 25 Mark, 300 Pfund Fett zu 25 Mark das Pfund.

Viel Zeit und Aufwand beanspruchten damals in den Gemeindever­tretersitzungen auch die Diskussionen über die Arbeitslosenunter­stützungen und die Besoldung der Gemeindebediensteten. Besonders über die letztere Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Es war verständlich, daß die Gemeindebediensteten, an ihrer Spitze der Bürgermeister, sich während der Inflationszeit in einer beson­deren Notlage befanden, da sie ja auch in der Besoldungsfrage voll­ständig vom Gemeindeparlament abhängig waren.

Pfarrer Römheld schildet in der Turmknopfurkunde von 1928: ,Heute am 26. Oktober 1923 bekam ich meinen Monatsgehalt von 28 Milliarden vom Konsistorium angewiesen, das gibt noch keine vier Brote für eine Woche und fünf Brote stehen mir für meine Familie Frau und drei Töchter zu. Der Laib Brot kostet heute acht Milliarden. Ja ich hätte verhungern können, wenn nicht meine jüngste Tochter Johanna als Kontoristin bei Casella in Frankfurt beziehungsweise Mainkur beschäftigt mit ihrem Gehalt uns durchgehalten hätte.“

In den Jahren vor der Währungsreform 1923 wurden von der Ge­meinde wenige große Aufgaben in Angriff genommen oder gelöst. Im Jahre 1920 beschloß man auch, das elektrische Licht in Dörnig­heim einzuführen. Im Jahr 1922 wurde das Rathaus zu Wohnungen umgebaut. Die Gemeindeverwaltung zog in die Schule. Am 23. No­vember 1923 wurde gemäß den Bestimmungen der Weimarer Ver­fassung ein Vertrag zwischen Kirche und Schule über die Vermögensauseinandersetzung abgeschlossen.

Nach der Stabilisierung der Währung begann in Dörnigheim eine stetige wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung. Vor allem treten nun­mehr die ersten Interessenten für Fabrikgelände innerhalb unsrer Gemarkung auf. Die Frankfurter Firma Peter Gruber will eine Fabrik auf dem Viehweggelände erstellen. Für 1,50 Goldmark je Quadratmeter soll von der Gemeinde das Land verkauft werden. Das Projekt scheitert. 1924 verhandelt die Firma Max (Frankfurt) mit der Ge­meinde wegen Fabrikgeländes. Auch diese Verhandlungen zerschla­gen sich.

Ein wichtiges Ereignis im Leben unsrer Gemeinde stellt auch der Siedlungsbau an der Bahnhofstraße dar, der im Jahre 1925 begonnen wird. In einer Baugenossenschaft hatten sich baulustige Arbeiter zusammengetan, um sich nach den Grundsätzen der Gemeinschafts­hilfe Eigenheime zu erbauen. Mit dieser Siedlung macht die bauliche Entwicklung Dörnigheims einen weiteren großen Fortschritt.

Den 19. Oktober 1928 darf man als den Tag bezeichnen, an dem die Ansiedlung von Industrien in der Gemarkung ihren An­fang nimmt. Es ist die Frankfurter Firma Merle, die sich an diesem Tag um Fabrikgelände an der Eisenbahn bewirbt. Die Gemeinde verkauft ein großes Geländestück; in den folgenden Jahren erstellt die Firma Merle hier eine ansehnliche Fabrik, und damit beginnt Erschließung des Dörnigheimer Industriegeländes an der Bahn und im Wald. Begünstigt wird diese Entwicklu­ng unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg und während dieses Krieges dadurch, daß man bestrebt ist, die Industriewerke wegen der Bombengefahr aus den Großstädten auf das Land zu verlegen.

 

Ortsentwicklung

• In zwei Fragen hat die Dörnigheimer Gemeindeverwaltung vor 1914 kurzsichtig gehandelt, in der Frage der Einführung des elektrischen Lichts und in der Frage des Anschlusses an die Wasserleitung. Bei­des, Licht und Wasser, hätte schon lange vor 1914 in fortschrittlichem Sinne sichergestellt werden können. Im Jahre 1900 lehnten die Gemeindever­treter die Einführung des elektrischen Lichts ab. So wurde Dör­nigheim erst im Jahre 1920 an das Lichtnetz angeschlossen

Im Jahre 1903 sträubten die Gemeindevertreter sich gegen den Anschluß an die Wasserleitung, obwohl die Stadt Frankfurt eine Großleitung durch die Dörnigheimer Gemarkung gelegt hatte. Im Jahr 1926 beschloß die Gemeindevertretung, in Dörnigheim die Wasserleitung zu legen. Mit der Ausführung der Arbeiten werden die Städtischen Wasserwerke Frankfurt und die Firma Pons beauf­tragt. Die Gemeinde muß für diese Arbeiten ein Darlehen von 100.000 Reichsmark aufnehmen. Im Jahre 1927 hatten die Einwohner Dörnig­heims endlich fließendes Wasser und waren an das Leitungsnetz angeschlossen. Leider kostet der Kubikmeter noch 40 Pfennige.

 

• 1920: Die Firma Preußen-Elektra richtet als erstes Industrieunternehmen in Dörnigheim ein Flußkraftwerk im Main bei Kesselstadt ein.

• 1925: Es beginnt der Siedlungsbau an der Bahnhofstraße durch eine Siedlungsgenossenschaft. Zusammengeschlossen in eine Baugenossenschaft erbauen Arbeiter nach den Grundsätzen der Gemeinschaftshilfe Eigenheime.

• 1925: Erweiterung und Erhöhung der Bahnhofstraße von der Station ab und Anlegung eines festen Fußsteigs

• Überhaupt ist in den Jahren 1926 und 1927 viel gebaut worden von den Baufirmen Kühn und Fischer. Auch im Jahr 1928 sollen rund zehn neue Häuser entstehen, vielfach gestützt durch die Hauszinshypotheken, die auf Grund der Hauszinssteuer. vom Staate zu billigem Zinsfuß geliehen werden.

• 1925: Erste Handwerker- und Gewerbe-Ausstellung am. 5. und 6. Dezember

• 1926 – 1927: Anlage der elektrischen Straßenbeleuchtung.

• 1926 – 1927: Regulierung der Braubach zur Vermeidung von Überschwemmungen, durch die die bisher jährlich überschwemmten Wiesen erst wieder voll nutzbar gemacht wurden.

 

Todesfälle 1928:

Drei besondere Todesfälle haben sich in den letzten Tagen in unsrer Gemeinde ereignet. Am 24. Januar 1928 vergiftete sich der Beamtenkonsumverwalter Wilhelm Fischer aus Hochstadt gebürtig infolge finanzieller Schwierigkeiten, nun Frau und zwei Söhne im Alter von 17 und 3 Jahren zurücklassend.

Am 13. Februar 1928 verunglückte der 16-jährige Lehrling Hugo Karl Fassing, der als Elektriker in seiner Fabrik Stempel & Co dem Starkstrom zu nahe kam und sofort getötet wurde.

Am 5. Februar 1928 zog sich der 23-jährige Monteur Karl Gruber beim Fußballspiel eine Verletzung des Daumens zu. Dabei kam infolge Verunreinigung der Tetanuspilz in die Wunde und am 15. Februar starb er an Wundfieber und Wundkrampf trotz aller Gegenmittel im St. Vinzenz-Krankenhaus in Hanau.

 

Schwimmbad 1920

Das Schwimmbad am Main war nur ein großer Holzsteg mit Treppe ins Wasser, dort, wo sich heute der Parkplatz der „Main­terrassen“ befindet. Die Kabinen sind schon in den zwanziger Jahren abgerissen worden. Der Eintritt war übrigens frei. Vorher stillten wir unseren Heißhunger in den Gär­ten mit jungen grünen Erbsen, Karotten und Erd­beeren, die wir stibitzten; dabei mußten wir aufpas­sen, daß uns der „lange Bilz“, der Feldschütz, nicht erwischte.

Der Main floß unter­dessen trage, ungebändigt, in Richtung Frankfurt. Im Winter war er oftmals zugefroren.

Die Derngemer hatten ihren eigenen Bade­platz. Die Hochstädter lagerten am Ufer der schlammigen Bucht unter den Weiden, wo heute der Kinderspielplatz ist. Dort führte ein Rohr mit den Abwässern des Dorfes direkt in den Fluß. Bar­fuß ging es am Ufer entlang. Der Gänsedreck klebte an unseren Fußsohlen. Deshalb sprangen wir gleich ins Wasser.

Unsere Augen suchten in der Ferne einen Lastkahn, der dann hoffentlich ein kleines Beiboot im Schlepp hatte. Wir wollten darin fluß­aufwärts bis zur Schleuse mitfahren. Stromabwärts ging es dann leichter zu schwimmen mit der Strö­mung. Die Buben tauchten unter der Fähre durch, die noch handbetrieben wurde. Der Badeanzug, wenn er naß war, wurde steinhart. Er war aus Mull­binden gehäkelt, die wir in Streifen geschnitten hat­ten. Am gegenüberliegenden Ufer, der Mühlheimer Seite, gab es eine Sandbank, wo wir uns den Teer mit Sand abrieben, damit wir nicht so verschmiert heimkamen.

Sonntags gingen wir ab und zu mit der, Eltern zum „Keuler“, dem Schiffchenwirt, wo Vater beim Äp­pelwoi und Handkäs’ mit Musik aß. Da dies für uns Kinder stinklangweilig war, verzogen wir uns ins alte Dorf, wo wir „Eckenlaufen“ spielten. Einer mußte mit dem Rücken von uns abgewandt warten. bis wir „Kommen“ riefen, dann versuchten wir, uns zu, fangen. Wer gefangen wurde, mußte dann „Ec­kenlaufen“.

Der Vater, der in den Krieg mußte, meinte einmal: „.Sprachen sind Kapital“. Deshalb opferte Mutter jede Woche einen Streifen Speck von der Haus­schlachtung oder ein halbes Pfund getrockneter Erbsen oder Bohnen, damit wir in der „English School“ bei Frau Strobel, einer Lehrerin im Ruhe­stand, Unterricht bekamen. Diese Schule befand sich im Haus der heutigen Bahnhofsstraße / Ecke Beethovenstraße.

Ab der Siedlung Bahnhofstraße / Backesweg / Ric­kerstraße gab es fast nur Gärten und Felder sowie Obstgrundstücke, die mit Schotterwegen durchzo­gen waren, sie reichten bis zum eigentlichen Dorf. Das Quaken der Frösche dauerte manchmal die ganze Nacht. Unser Dorf war als Sumpfgebiet von Lachen und Wassertümpeln umgeben. Morgens kamen dann die Störche, die noch reichlich Nah­rung fanden.

Wenn wir in die Schule gingen, in der heutigen Polizeistation an der Kirchgasse, kam es vor, daß wir uns für zehn Pfennig ein Stückchen warme Fleischwurst mit Brötchen beim Metzger kaufen durften. Es. gab Tage, wo wir am Waldesrand oder von den Kirschbäumen Maikäfer schüttelten, die wir in Zigarrenkästchen mit Löchern im Deckel sammelten. Der mit den meisten hatte gewonnen. Wir ließen sie dann aber wieder frei, denn tote Maikäfer machten schließlich keinen Spaß.

Als wir älter wurden, ging es auf den Tanzboden im Schiffchensaal oder Frankfurter Hof. Fritz Reichert mit seiner Kapelle oder der „schwarze Gruber“ ­spielten Tango und Walzer, aber auch „Caprifi­scher" ‑ das alles natürlich live. Kein lauter Tech­no‑Sound, keine grellen Lichteffekte waren für das Amüsement nötig,

Die erste Dauerwelle gab es bei Frisör Schleim, heute die Kneipe „Maahinkel“ am Frankfurter Hof. Wir malten mit abgebrannten Streichhölzern unse­re Augenbrauen schwarz, das war schick. Ein Kleid aus gefärbter Fallschirmseide oder kariertem Bett­zeug war unser ganzer Stolz. Wer Glück halte, be­kam in der Damenschneiderei Schäfer (heute Bahn­hofstraße / Ecke Zeppelinstraße) ein „Designer dress“. Frau Dietrich kam alle vier Wochen ins Haus zum Flicken und Nähen. Sie brachte Knöpfe und Nähgarn kostenlos mit.

Meine Freundinnen und ich klapperten manchmal alle Tanzlokale von Mühlheim (Saalbau Glock) bis Hochstadt (Tanzboden Strohl) ab, bis wir die richtigen Leute trafen. Es gab keine Angst vor Überfällen, Sex‑Gaunern oder Mord und Totschlag. Es kam auch vor, daß wir nach dem letzten Walzer um 24 Uhr noch einmal in die Backstube von Bäcker­meister Huf gingen, wo es schön warm war und wir noch tanzen konnten (Ursula Zopf­-Benz)

 

Nazizeit

Am 28. Dezember 1931 trägt Bürgermeister Leis den Gemeindevertretern vor, daß die noch ausstehenden Steuerrückstände nur sehr langsam eingehen, daß die gegenwärtigen Vollziehungsarbeiten nicht ausreichen, um die Rückstände hereinzubekommen. Der Bürger­meister weist darauf hin, daß die Finanzlage katastrophal ist, daß es sehr zweifelhaft erscheint, ob die Gemeinde in einer Woche noch zahlungsfähig ist und die Wohlfahrtsempfänger bezahlen kann, der Gemeinde stehe eine Katastrophe bevor, man müsse die Zahlungen einstellen usw. Man trägt sich mit dem Gedanken, auswärtige Beamte als Steuereintreiber einzusetzen. Der Bürgermeister ist ratlos. Mit großer Mühe, unter Aufbietung aller Kräfte wird der Gemeinde­haushalt in Ordnung gehalten. Diese Zeit verlangte von den verantwortlichen Führern der Gemeinde das Letzte an persönlichem Kraftaufwand, an Nerven, an Mut und Umsicht.

Im April 1932 haben von den 685 Fabrikarbeitern, 180 Bauhandwerkern und 240 Beamten und Angestellten haben 40 Prozent ihre Stellung verloren. Ende 1932 gibt es in Dörnigheim 450 Arbeitssuchende (14.668 Erwerbslose beiderlei Geschlechts in Hanau; am 15. Dezember 1932 14.181).

Dazu die Aufpeitschung der politischen Leidenschaften durch die radikalen Parteien! 1932 das Jahr der großen Wahlen! Zweimal Reichspräsidentenwahl, zwei Reichstagswahlen! Dörnigheim als Ar­beiterwohnsitzgemeinde wurde durch diese politischen und wirt­schaftlichen Erschütterungen besonders hart und empfindlich getrof­fen. Die Reichstagswahlen vom Juli 1932 und November 1932 zeigten für Dörnigheim folgendes Bild:

            SPD                                         Juli:      384                  November:      351

            NSDAP                                    414                                         378

            KPD                                         792                                         823

            Zentrum                                   32                                           35

            Deutschnationale                     17                                           30

            Radikaler Mittelstand                           4                                             4

 

Außer den hier genannten Parteien erschienen auf den Wahlzetteln noch die Namen folgender Parteien: Reichspartei des deutschen Mittelstandes, Deutsches Landvolk, Volksrechts­partei, Interessen­gemeinschaft der Kleinrentner und Inflationsgeschädigten, Deutsche Volkspartei, Deutsche Staatspartei, Christlich-sozialer Volksdienst, Deutsch-Hannoversche Partei, Schicksalsgemeinschaft deutscher Er­werbsloser, des Kleinhandels und der Gewerbetreibenden, Großdeutsche Mittelstandspartei für Mittelstandsdiktatur, Sozialrepubli­kanische Partei, Sozialistische Arbeiterpartei, Kampfgemeinschaft der Arbeiter und Bauern, Partei der Kleinrentner, Partei der In­flationsgeschädigten und Vorkriegsgeldbesitzer, Deutsche Reformpartei, Enteigneter Mittelstand, Radikaldemokratische Partei! Hier durfte sich nun jeder das Passende aussuchen!

Das wesentliche Merkmal der letzten Reichstagswahl 1932 war, daß die Kommunisten in Dörnigheim die absolute Mehrheit errungen hatten. Die Stellung des Bürgermeisters Leis war nun stark gefähr­det. Seine Partei hatte jetzt nur noch etwa 20 Prozent der Stimmen er­reicht.

Er hatte 15 Jahre lang in aufopferungsvoller Tätigkeit an der Spitze der Gemeinde gestanden. Bis dahin war er vom Vertrauen der Mehrheit der Dörnigheimer Bevölkerung ge­tragen worden. Die Ereignisse waren jetzt stärker geworden als die Kraft einer einzelnen Person. Am 11. Januar 1933 tritt Bürgermeister Leis, wahrscheinlich in Vor­ahnung kommender Ereignisse, einen Krankheitsurlaub an, von dem er nicht mehr auf seinen Posten zurückkehrt.

Erst nach Amtsenthebung durch die Kreisverwaltung konnten die Nationalsozialisten in Dörnigheim Fuß fassen. So hat Dörnigheim, im Unterschied zu vielen Nachbargemeinden, eine andere, kleinbürgerliche Sozialstruktur. Gründe hierfür sind die Lage an der Durchgangsstraße und dem Einkommenserwerb mit Reisenden, dem Fehlen einer ertragreichen Landwirtschaft aufgrund der unfruchtbaren Böden und einer nicht tief in der Gesellschaft verankerten christlichen Gemeinde. Dieses ist sicher auch der Tatsache geschuldet, daß Dörnigheim lange im Eigentum katholischer Kloster in Mainz stand, aber wiederum den evangelischen Hanauer Grafen zum Lehen gegeben wurde. Auch ist Dörnigheim durch den starken Zuzug von Arbeitnehmern in einer kleinteiligen Struk­tur sehr schnell und stark gewachsen, ohne daß eine der Größe angemessene innerörtliche Struktur mit geplant wurde.

 

Am 16. März 1933 (oder 18l März) wird eine neue Gemeindevertretung gewählt: Die NSDAP erhält 3, SPD 2, KPD 5, bürgerliche Parteien 2 Sitze im Gemeindeparlament. Am 12. April 1933 wurde ein kommissarischer Bürgermeister eingesetzt. Wie im ganzen Reich wurde auch in den Gemeinden „gleichgeschaltet“, d.h. eine Diktatur eingerichtet. Ab 1. Januar 1934 verlor die Gemeindevertretung, die sich allerdings jetzt nur noch aus Nationalsozialisten zusammensetzte, weil die an­deren Parteien verboten worden waren, ihre Funktion als beschlie­ßendes und gesetzgebendes Organ der Gemeinde. Es gab jetzt nur noch Schöffen und Beiräte mit beratender Stimme. Die Entschlüsse traf der Bürgermeister allein. Protokolle über Sitzungen der Ge­meindevertreter bzw. der Beiräte und Schöffen, wie sie sich jetzt nannten, wurden nicht mehr geführt; der Bürgermeister wurde nicht mehr von der Gemeinde gewählt, sondern von der Partei befohlen und auf seinen Posten kommandiert. Er fertigte nunmehr statt der Protokollniederschriften sogenannte Entschlußniederschriften an. „Nach Anhören der Gemeinderäte in ihrer heutigen Sitzung habe ich folgende Entschließung gefaßt“, so lautet die stereotype Formu­lierung, die man in den Akten findet.

 

Der Lehrer Bruno Kahl war das erste Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe. Jacob Dammköhler, Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim, wurde mit Kahls Unterstützung Bürgermeister. Mit der Beschlagnahme des Kapitals der „roten“ und „marxistisch“ eingestellten Arbeitervereine wie der Freien Turnerschaft begannen die Nazis ihre Schreckensherrschaft.

Im Jahre 1940 meldete die gleichgeschaltete örtliche Zeitung, die Gemeinde sei jetzt „endlich judenfrei“. Die geisteskranke Marie Rauch wurde in der Landesheil- und Pflegeanstalt Hada­mar ermordet. In Dörnigheim wurden nicht nur „Befehle empfangen und ausgeführt“. Die Repressionen gegen mißliebige, aufmüpfige und couragierte Personen wurden am Ort teilweise in zynischer Manier selbst inszeniert.

Der Nationalsozialismus war über weite Strecken auch ein Selbstläufer. Die Zahl der Parteigänger stieg im doch so „roten Dörnigheim“ nach Hitlers Machtergreifung sprunghaft an und in der darauffolgenden Gemeindewahl konnte die Partei vor allem die Nichtwähler mobilisieren. Die Sympathisanten und Wähler der NSDAP kamen vorwiegend aus dem Mittelstand und den wirtschaftlich sorgenfreien Bürgern, die in der Armutsphase der Jahrzehntwende im Gegensatz zu vielen anderen nicht darben mußten (Buch Salzmann).

 

88er Prozeß

Zwischen Mai und Juni 1935 kam es vor dem Oberlandesgericht Kassel zu dem berüchtigten 88er‑Prozeß, in dem 88 Antifaschisten im Alter zwischen 21 und 64 Jahren aus Hanau und den umliegenden Ortschaften zu Gefängnis‑ oder Zuchthausstrafen verurteilt werden. Unter ihnen befinden sich die Dörnigheimer Jakob Heck, der nach seinem viermonatigen Gefängnisaufenthalt im Oktober 1935 ins Konzentrationslager kommt.

Drei weitere Dörnigheimer kamen gar nicht erst vor Gericht, sondern wurden ohne Verfahren inhaftiert: Friedrich Kegelmann und Ludwig Hertrich senior brachten die Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Lichtenburg bei Wittenberg. Auch Ernst Heck wurde in dieses Lager verschleppt (laut Gedenkbuch der VVN-Bund der Antifaschisten). Auch sein Vater Jakob Heck wurde 1935 verhaftet und nach dem berüchtigten 88er-Prozess und abgesessener Gefängnishaft in dieses Lager gebracht. Leider wurde dessen Name im genannten Artikel nicht erwähnt.

Das KPD- Mitglieds Ludwig Hertrich junior wurden von Nazis zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Kommunist Ernst Kaiser saß von März 1937 bis Juni 1938 in Frankfurt-Preungesheim ein und sein Siedlungshaus wurde enteignet. Ein Jahr Gefängnis bekam wegen Widerstands der Weißbinder Adam Heinrich Kutger aufgebrummt. Im Jahr 1935 wurde der Schreibwarenladen von Wilhelm Rauch boykottiert, den er zwei Jahre später endgültig schließen mußte. Er war ebenfalls Kommunist, seine Frau Magarethe galt als Halbjüdin, weshalb sie mehrmals als Verkäuferin entlassen wurde.

Ebenfalls Berufsverbot aus politischen Gründen erhielt Karl Prasch. der schon im Jahr 1933 beim Wasserstraßenbauamt entlassen wurde. Der Dörnigheimer Wilhelm Schächer, ein Monteur bei Messer & Co.. war 1938 ein halbes Jahr wegen angeblichen Hochverrats in Haft und wurde im Anschluß daran unter Polizeiaufsicht gestellt.

Des Weiteren gab es einen zweiten Karl Seng. Der Vater wurde im 88er-Prozess wegen Widerstands gegen die Nazis zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Dem Sohn erging es noch schlimmer. Er war wegen kommunistischer Betätigung schon 1933 verhaftet und ins Konzentrationslager Breitenau verschleppt worden. Im Februar 1934 kam er heim, wurde aber ein Jahr später erneut gefangengesetzt. Zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilte ihn die Nazi-Justiz. Nach Absitzen der Haft in Kassel-Wehlheiden wurde er sofort in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Im November 1942 preßten ihn die Faschisten in das berüchtigte Strafbataillon 999.

Wegen „Bereitung von Schwierigkeiten bei der Beschlagnahmung von Gegenständen“ wurde der Weißbinder Paul Strebert in Schutzhaft genommen. Und nicht unerwähnt bleiben werden soll auch der Schuhmacher Franz Wolfsstädter, den die Nazis 1935 für ein Jahr und zwei Monate ins Gefängnis sperrten. Dazu kommen noch weitere Verfolgte aus den anderen Stadtteilen von Maintal.

 

Hier noch einmal eine Übersicht über die Verfolgten des Nazi-Regimes in Dörnigheim, nach Jahren geordnet:

1933

Ludwig Hertrich, geboren 9. 1. 1885, Eisenbahner; KPD; am 11.4.1933 bei der Reichsbahndirektion fristlos entlassen; vom 14.2. bis 25.3.1935 im Gefängnis Hanau, dann nach Kassel in „Schutzhaft“ überführt.

Käthe Jonas, geboren 12.7.1902; KPD-Kreistagskandidatin für die Wahlen im März 1933; im Februar 1933 verhaftet und erst nach den Wahlen wieder freigelassen; am 5.2.1935 wiederum verhaftet und im 88er-Prozeß zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt; 1944 erneut verhaftet und ins Frauen-KZ Ravensbrück gesperrt; 1945 befreit.

Alwin Lapp, geboren 5.9.1905, Schreiner, KPD, „Antifa“ (= Antifaschistische Aktion, eine von der Kommunistischen Partei Deutschlands Ende Mai 1932 geschaffene überparteiliche Massenbewegung gegen den SA­-Terror.); am 8.9.1933 zwölf Wochen im KZ Breitenau; erneut am 5.2.1935 verhaftet und im 88er-Prozeß zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt.

Karl Prasch, geboren 3.11.1887; 1933 aus politischen Gründen beim Wasserstraßen-Bauamt entlassen. Berufsverbot.

Margarete Rauch, geboren 8.11.1887, Verkäuferin; als „Halbjüdin mehr­mals entlassen"“

Karl Seng junior, Schreiner, KPD; im Herbst 1933 zur „Schutzhaft“ in das KZ Breitenau eingeliefert; nach vier Monaten im Februar 1934 entlassen; arbeitete als Kurier der illegalen KPD im Widerstand; am 6.2.1935 erneut verhaftet und im 88er-Prozeß zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt; nach Verbüßung der Strafe sofortige Einlieferung in das KZ Buchenwald; am 15.11.1942 in das Strafbattaillon 999 gepreßt.

1935

Ernst Heck, geboren 22.8.1912, Autoschlosser; wegen antifaschistischer Tätigkeit am 7.2.1935 verhaftet und bis Juli 1935 im KZ Lichtenburg.

Jakob Heck, geboren 20.2.1880, Küfer; am 6.2.1935 verhaftet und im 88er-Prozeß zu vier Monaten Gefängnis verurteilt; anschließend bis 3.10.1935 im KZ Lichtenburg.

Ludwig Hertrich, geboren3.10.1912, Zimmermann; KPD; am 7.2.1935 in Untersuchungshaft genommen und im 88er-Prozeß zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Friedrich Hoffmann, geboren 22.3.1871; eineinhalb Jahre Haft.

Peter Jonas, geboren 23.7.1893, Invalide; am 19.2.1935 in Untersuchungs­haft genommen; im 88er-Prozeß zu zehn Monaten Gefängnis verur­teilt.

Friedrich Kegelmann, geboren 11.5.1892, Schreiner; 1935 ein halbes Jahr in Haft in Hanau und im KZ Lichtenburg wegen „illegaler“ Tätigkeit in Betrieben.

Adam Heinrich Kutger, geboren 28.9.1903, Weißbinder; Mitglied der „Antifa“; am 7.2.1935 in das Gerichtsgefängnis Hanau eingeliefert und im 88er-Prozeß zu einem Jahr Gefängnis verurteilt; verbüßte diese Strafe in Kassel und Freiendiez.

Wilhelm Rauch, geboren 9.11.1910, Kaufmann; KPD; 1935 Boykott sei­nes Schreibwaren-Ladens, den er 1937 schließen mußte, da seine Frau bei den Nazis als „Halbjüdin“ galt.

Adam Seng, geboren 4.11.1899, Milchhändler; KPD; am 5.2.1935 ver­haftet; im 88er-Prozeß zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Anna Seng, geboren 7.3.1906, Hausfrau; im Februar 1935 verhört und anschließend unter Polizeiaufsicht gestellt.

Karl Seng, geboren 19.7.1871, Schreiner; KPD; am 6.2.1935 verhaftet und im 88er-Prozeß zu vierzehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Josef Strauss, geboren 13.6.1891; in das KZ Theresienstadt deportiert und ermordet.

Paul Strebert, Weißbinder; wegen „Bereitung von Schwierigkeiten bei der Beschlagnahme von Gegenständen“ in ,,Schutzhaft" genommen.

Franz Wolfstätter, geboren 19.3.1884, Schuhmacher; am 6.2.1935 verhaf­tet und im 88er-Prozeß zu vierzehn Monaten Gefängnis verurteilt.

1937

Ernst Kaiser, geboren 14.11.1901, Schlosser; KPD; vom 24.3.1937 bis 2.6.1938 im Strafgefängnis Preungesheim; sein Siedlungshaus wurde 1938 enteignet.

Wilhelm Schächer, geboren 18.12.1882, Monteur bei Messer & Co. in Frankfurt; vom 23.3. bis 22.9.1937 wegen angeblichen „Hochverrats“ in Haft, anschließend unter Polizeiaufsicht gestellt.

Karoline Schönfeld, geborene Steigerwald; nach Osten deportiert und ermordet.

 

Käthe Jonas

Großes Engagement in einer schweren Zeit

Die Familie, Freunde und Bekannte da­heim nannten sie „Kätchen“. Für Ihre Kame­radinnen im Zuchthaus und im Lager war sie „Käthe“. Am 12. Juli 1902, wurde Katharina Margarete Jonas als Katharina Seng in der Frankfurter Straße geboren. . Sie war das vierte von sechs Kindern. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnis­sen. Der Vater, Karl Seng, war von Beruf Bauschreiner und im Winter häufig ohne Arbeit. Käthe wuchs in einer sozialistisch geprägten Familie auf. Bereits ihr Großva­ter mütterlicherseits, Andreas Roth, war aktiver Sozialdemokrat.

 

Arbeiterin in Fechenheim:

Katharina Margarete besuchte acht Jahre lang die Volksschule in Dörnigheim. Schon als Schulkind mußte sie nebenher durch Gelegenheitsarbeiten einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten. Vormittags vor der Schule trug sie Brötchen aus nachmittags betreute sie in einer anderen Familie die Kinder. Ihre beiden Brüder durften nach dem Abschluß der Volks­schule einen Beruf erlernen. Für die vier Mädchen reichte das Geld nicht zu einer Lehre. Im Alter von vierzehn Jahren be­gann Käthe als Arbeiterin in einer Muniti­onsfabrik in Fechenheim zu arbeiten. Im Jahre 1921 heiratete Käthe. Ihr Mann Peter Jo­nas stammte aus Mühlheim am Main. Er hatte den Beruf des Weißbinders erlernt. Im Jahre 1922 wurde ihr Sohn, Friedrich geboren. Schon nach wenigen Ehejahren konnte Peter Jonas seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er litt an der Bechterewschen Krankheit, die in einem schleichenden Prozeß über Jahre hinweg zu Lähmungen am ganzen Körper führte.

Mitte der zwanziger Jahre geriet die Familie in bittere Not. Käthe mußte zunächst wieder als Fabrikarbeiterin den Lebensunterhalt der Fami­lie bestreiten. Nach einigen Jahren gelang es, gemeinsam mit ihrem Mann, auf einem Grundstück ihres Vaters eine Versuchs­tierzucht und eine Hühnerfarm aufzubau­en. Hierdurch kam die Familie zu einem bescheidenen Einkommen.

Sie ist in einem sozialistisch geprägten Elternhaus aufgewachsen ist und groß wurde in dem Dorf Dörnigheim, das als Arbeitergemeinde im November 1925 bei der Kommunal-Landtagswahl von 675 abgegebenen Stimmen den Kommunisten den höchsten Anteil von 254 Stimmen sicherte, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 245 Stimmen und unbedeutenden Stimmenanteilen für die übrigen Parteien.

 

Zwölf Jahre Verfolgung:

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland brachte für Käthe und ihre Familie zwölf Jahre Verfolgung und Dis­kriminierung. Nach dem ersten Weltkrieg hatten sich zahlreiche Dörnigheimer der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands angeschlossen, unter Ihnen auch Käthe und eine ganze Reihe ihrer An­gehörigen. Sie standen auch in schwieri­gen Zeiten zu ihrer politischen Überzeu­gung.

Bei den Gemeindewahlen im März 1933 erhielt die KPD fünf von zwölf Sitzen im Gemeindeparlament. Mit im Gemeinderat war zu dieser Zeit bereits Kätchen Jonas. Ihr Einsatz galt hauptsächlich der Sozialpolitik und, was ihr bald schlimmes Leid eintragen sollte, sie mißtraute den Machenschaften Hitlers.

Sie wurde 1933 sowohl ins Gemeindeparlament als auch in den Kreistag gewählt. Allerdings hatte man sie schon Wochen zuvor verhaftet. Auch hinderten die staatlichen Stellen sie daran, ihr Mandat wahrzunehmen. Zwar wurde sie kurz darauf wieder aus der Polizeihaft entlassen, aber bereits 1935 wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Haft saß sie in den Anstalten Ziegenhain, Aichach und Laufen ab. Mit ihr verurteilt wurden neun weitere Dörnigheimer, darunter ihr Ehemann Peter Jonas und ihre Brüder Adam und Karl Seng.

 

Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 begann die Verfolgung der politischen Gegner des Naziregimes. Funktionäre der Kommunistischen Partei in ganz Deutschland wurden verhaftet. Un­ter den ersten Verhafteten war auch Käthe Jonas. Sie kandidierte zu den Wahlen im März 1933 auf der Liste der KPD für den Kreistag in Hanau und für die Gemeinde­vertretung in Dörnigheim. Über die März­wahlen hinweg wurde sie vier Wochen lang im Polizeigefängnis in Frankfurt am Main festgehalten. Dessen ungeachtet wur­de Käthe in Abwesenheit in den Kreistag gewählt. Die KPD ging aus dieser Wahl in Dörnigheim wieder als stärkste Partei her­vor. Der Kreistag wurde jedoch im Zuge der Gleichschaltung durch die Nazis nicht mehr einberufen. Käthes jüngeren Bruder, Karl Seng, brachte man 1933 im Alter von 19 Jahren zur sogenannten Schutzhaft in das Konzentrationslager Breitenau bei Kassel. Dort mußte er vier Monate ver­bringen.

Käthe beteiligte sich weiterhin an der in­zwischen illegalen Arbeit ihrer Partei. in einer Zeit, in der mehr und mehr Men­schen der Propaganda der Nazis glaubten versuchte in Hanau und Umgebung eine kleine Gruppe von Kommunisten durch die Anfertigung und Verteilung von Schriften, Aufklärungsarbeit über Hitler und seine wahren Ziele zu leisten. Sie wa­ren Teil einer von der KPD geführten Widerstandsorganisation, deren Aktivitäten sich über den Raum Frankfurt am Main, Offenbach, Hanau und Aschaffenburg er­streckten. Käthe übernahm die Verteilung des Materials, das für Dörnigheim be­stimmt war. Es gelang den Nazis, einen Spitzel in die Gruppe einzuschleusen, durch den die illegale Arbeit und viele der beteiligten Personen verraten wurden.

Am 27. Mai 1935 begann vor dem Oberlan­desgericht in Kassel der „88er Prozeß“, ein Verfahren gegen 88 Bürgerinnen und Bür­ger aus der Stadt und dem Kreis Hanau we­gen Vorbereitung zum Hochverrat. Haupt­punkt der Anklage war die Verbreitung il­legaler Schriften. Unter den Angeklagten befanden sich allein zehn Personen aus Dörnigheim. Dazu gehörten Käthe Jonas, ihr Mann, Peter Jonas, ihr Vater, Karl Seng, und ihre beiden Brüder, Adam und Karl Seng. Sie wurden alle zu Haftstrafen verurteilt. Käthe mußte ihre dreijährige Zuchthausstrafe in den Strafanstalten Zie­genhain in Oberhessen, Aichach und Lau­fen in Bayern verbüßen.

Ihr Bruder Karl wurde nach Ablauf seiner zweieinhalbjährigen Zuchthausstrafe nicht nach Hause entlassen, sondern in das Konzentrationslager Buchenwald ge­bracht. Während des Krieges steckte man ihn in das berüchtigte Bewährungsbataillon 999. Personen, die aus politischen Gründen be­straft worden waren, galten als wehrun­würdig. Um sie dennoch für den Krieg nutzbar zu machen, faßte man sie zu be­sonderen Einheiten zusammen, in denen sie sich an der Front „bewähren“ sollten. Sie wurden für schwierigste Aufgaben an allen Frontabschnitten eingesetzt. Karl Seng kam nach Griechenland auf die Insel Rhodos.

Käthe wurde 1938 aus dem Zuchthaus ent­lassen. Aber frei war sie deshalb keines­wegs. Die Entlassung erfolgte mit der Auf­lage, sich sofort bei der Gestapo zu melden. Käthe mußte fortan damit rechnen, eben­so wie ihr Bruder Karl in „Schutzhaft“ ge­nommen, das heißt in ein Konzentrations­lager gebracht zu werden.

 

Haft im Frauenkonzentrationslager:

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 lös­te eine große Verhaftungsaktion aus, die insbesondere ehemalige Mandatsträger der KPD und der SPD betraf. Käthe wurde im August 1944

wegen ihrer Zugehörigkeit zur KPD erneut festgenommen und in das Frauenkonzentrationslager Ravens­brück bei Fürstenberg an der Havel verschleppt.

Neben Käthe Jonas waren das unter anderem ihr jüngerer Brüder Karl Seng, der am 30. September 1933 ins KZ Breitenau Kassel gebracht wurde, und der spätere Bürgermeister von Dörnigheim, Alwin Lapp.

Konzentrationslager, das bedeutete Haft ohne Urteil und unbefristet. Die Häftlinge waren bedingungslos der Willkür der Auf­seherinnen ausgeliefert. Sie mußten mit ansehen, wie Mitgefangene gequält und getötet wurden. Jedes auffällige Verhalten könnte für sie das Ende bedeuten. Sie lebten in Todesangst. Käthe berichtete nur wenig über die Verhältnisse im Lager. Der Alltag in Ravensbrück war geprägt durch unzureichende Verpflegung, katastropha­le Massenunterkünfte in primitiven Holz­baracken, mangelnde Hygiene, harte kör­perliche Arbeit, stundenlanges Appellste­hen und den furchtbaren Gestank des Kre­matoriums, in dem die Körper der Getöte­ten verbrannt wurden.

Gegen Ende des Krieges versuchten die braunen Machthaber, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Die Häftlinge der Konzentrationslager im Osten wurden vor den herannahenden Truppen auf den berüchtigten Todesmärschen gen Westen „evakuiert“. Unterwegs erschoß die SS­-Begleitung erbarmungslos jeden, der zu er­schöpft war, um weiter zu gehen.

 

„Odyssee“ zurück nach Dörnigheim:

Am Nachmittag des 28. April 1945 wurde Käthe in einer Kolonne von Häftlingen un­ter SS‑Bewa­chung zu Fuß aus dem Lager getrieben. Unter den Frauen ging das Ge­rücht um, sie sollten in das Lager Malchow gebracht werden ‑ zur Vergasung. Die Befreiung erlebte Käthe auf diesem Todes­marsch. Die SS‑Bewacher hatten die allgemeine Verwirrung der letzten Kriegstage genutzt und sich abgesetzt. Käthe schlug sich auf eigene Faust nach Westen durch. In Deutschland herrschte allgemeines Cha­os, Verkehrswege und Brücken waren zer­stört, der öffentliche Verkehr zusammen­gebrochen. Nach einer mehrwöchigen Odyssee, die sie bis nach Hamburg führte, kam Käthe am 10. Juni 1945 wieder in Dör­nigheim an.

Die Verhaftungen bedeuteten für Käthe stets die Trennung von ihren Kindern. Im Jahre 1933, bei der ersten Inhaftierung, war ihr Sohn elf Jahre alt. Als sie 1944 nach Ra­vensbrück gebracht wurde, blieb ihre drei­jährige Tochter zurück. Ihr Sohn war da­mals schon als Soldat der Hitlerwehr­macht an der Ostfront vermißt. Die Fest­nahmen hatten stets auch zur Folge, daß die Tierzucht der Eheleute zusammen­brach. Peter Jonas konnte wegen seiner Behinderung das Geschäft nicht allein füh­ren. In den letzten Kriegstagen wurden zu­dem die Gebäude durch Beschuß der Alli­ierten völlig zerstört. Der Wiederaufbau der Zucht, der nach Käthes Entlassung 1938 nochmals gelang, war 1945 nicht mehr möglich. Aufgrund ihres schlechten Ge­sundheitszustandes nach der Zeit in Ra­vensbrück konnte Käthe die schwere kör­perliche Arbeit, die mit der Tierzucht ver­bunden war, nicht mehr leisten.

Trotzdem gehörte Käthe Jonas nach Kriegsende zu den Ersten, die sich um die sozialen Belange der Bevölkerung küm­merten und das Gemeinwesen in Dörnig­heim wieder aufbauten. Bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 arbeitete sie in der Gemeindevertretung mit und half,

die soziale Not der Ausgebombten, Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die es nach Dörnigheim verschlagen hatte, zu lindern.

Sie wurde in den Beirat des Kreiswohlfahrtsausschusses berufen und gehörte dem Ausschuß für die Betreuung der politisch, rassisch und reli­giös Verfolgten im Landkreis Hanau an. Bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 war sie Mitglied der Gemeindevertretung in Dörnigheim und hier vor allem im Fürsorgeausschuß und in der Wohnungskom­mission tätig.

Dem Vermächtnis der Opfer des Nazire­gimes und den sozialen Belangen der Ver­folgten widmete sie einen großen Teil ih­rer Zeit und ihrer Kraft. Käthe war Grün­dungsmitglied der Vereinigung der Ver­folgten des Naziregimes (VVN) im Kreis Hanau. Sie gehörte dem Kreisvorstand der VVN Hanau und dem Landesvorstand der VVN Hessen an.

 

Angestellte bei der Stadt Hanau

Im Alter von 44 Jahren fand Käthe 1946 ei­ne Anstellung als Sachbearbeiterin bei der Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte des Landkreises Hanau. Diese Dienststelle wurde jedoch schon im Jahre 1952 wieder aufgelöst. Nach zähen Auseinandersetzungen schaff­te es Käthe, von der Stadt Hanau als Ange­stellte übernommen zu werden. Sie mußte sich jetzt in ein ihr völlig fremdes Arbeits­gebiet als Sachbearbeiterin beim Bauamt der Stadt einarbeiten. Käthe war auf die­sen Arbeitsplatz dringend angewiesen, denn es gab für sie keine Alternative. Die Rente ihres Mannes reichte nicht aus, um eine Person zu ernähren, geschweige denn eine dreiköpfige Familie.

Mit Kommunismus verband Käthe die Vorstellung von einer besseren, humane­ren Welt. Bei ihrer beruflichen Arbeit und bei den Aufgaben, die sich ihr aufgrund der verschiedenen ehrenamtlichen Funk­tionen stellten, stand für sie stets der ein­zelne Mensch im Vordergrund. Sie kannte Not aus eigener Erfahrung und bemühte sich deshalb, soweit sie dazu in der Lage war, gerade den Armen und Schwachen zu helfen. Sie ging in dieser Arbeit auf und gewann hierdurch Ansehen und Achtung in der Bevölkerung, nicht zuletzt auch bei .politisch Andersdenkenden. Bezeichnend für ihr Engagement war die Tatsache, daß sie auch nach dem Verbot der KPD auf Bit­ten der Gemeinde weiterhin der Woh­nungskommission angehörte.

 

Reges Vereinsleben

Käthe war ein fröhlicher und lebensfroher Mensch. Sie liebte die Geselligkeit und be­teiligte sich rege am Vereinsleben in Dörnigheim. Seit ihrer Jugend war sie Mit­glied bei der Freien Turnerschaft und sie war lange Jahre aktive Sängerin im Volks­chor.

Im Jahre 1963 schied Käthe Jonas im Alter von 61 Jahren aus dem Berufsleben aus. Danach begann sie, gemeinsam mit anderen Über­lebenden des Konzentrationslagers Ra­vensbrück die Lagergemeinschaft Ravens­brück in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Die Lagergemeinschaft kon­stituierte sich am 4. Juni 1966 in Frankfurt am Main und wählte Käthe Jonas zur Vor­sitzenden. In Zusammenarbeit mit ehema­ligen Mithäftlingen trug sie die Anschrif­ten von Überlebenden des Konzentrations­lagers Ravensbrück und anderer Frauenla­ger zusammen. Eine der wichtigsten Akti­vitäten der Lagergemeinschaft war damals die Organisation von Fahrten zur Mahn­- und Gedenkstätte Ravensbrück über die Grenze der beiden deutschen Staaten hin­weg. Als Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland nahm Käthe regelmäßig an den Tagungen des Internationalen Ravens­brück‑Komitees teil, die noch heute jähr­lich jeweils in einem anderen europäi­schen Land stattfinden.

Es wirft ein besonderes Licht auf die poli­tischen Verhältnisse in der Bundesrepu­blik Deutschland während der sechziger Jahre, daß zeitgleich zum Aufbau der La­gergemeinschaft die Staatsanwaltschaft er­neut gegen Käthe ermittelte. Dieses Mal wegen „staatsabträglicher Verbindungs­aufnahme“. Das Verfahren wurde im No­vember 1967 ohne Angabe von Gründen eingestellt.

Käthe Jonas blieb Vorsitzende der Lager­gemeinschaft bis 1974. Aus gesundheitli­chen und familiären Gründen mußte sie ihre Aktivitäten mehr und mehr ein­schränken. Ihr Ehemann war zu einem Pflegefall geworden. Käthe betreute ihn zu Hause bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1974.

 

1977 in Essen gestorben

Der Lagergemeinschaft blieb sie weiterhin eng verbunden. Schwer krank nahm sie noch im November 1976 an der Tagung des Internationalen Ravensbrück‑Komitees in Raunheim bei Frankfurt am Main teil. We­nige Wochen später, am 25. Januar 1977, starb Käthe Jonas in Essen, dem Wohnort ihrer Tochter. Ravensbrück konnte sie nie vergessen. Die Erinnerungen an die Grau­samkeiten im Lager verfolgten sie bis an ihr Lebensende. Ebenso wenig konnte sie den Verlust ihres Sohnes überwinden, der für das Naziregime sterben mußte.

Am 12. Juli 2002 wäre Katharina Margarete Jonas, geborene Seng, in Dör­nigheim besser bekannt als Kätchen Jo­nas, einhundert Jahre alt geworden. Ei­ne starke Frau, die wegen ihrer politi­schen Aktivität im Dritten Reich ver­folgt wurde, die in einem sozialistisch geprägten Elternhaus aufgewachsen ist und groß wurde in dem Dorf Dörnig­heim, das als Arbeitergemeinde im No­vember 1925 bei der Kommunal‑Land­tagswahl von 675 abgegebenen Stimmen den Kommunisten den höchsten Anteil von 254 Stimmen sicherte, gefolgt von den Sozialdemokraten mit 245 Stimmen und unbedeutenden Stimmenanteilen für die übrigen Parteien. Bei den Ge­meindewahlen im März 1933 erhielt die KPD fünf von zwölf Sitzen im Gemein­deparlament.

Mit im Gemeinderat war zu dieser Zeit bereits Kätchen Jonas. Ihr Einsatz galt hauptsächlich der Sozialpolitik und, was ihr bald schlimmes Leid eintragen sollte, sie mißtraute den Machenschaften Hitlers. Viele entbehrungsreiche und de­mütigende Jahre in verschiedenen Zuchthäusern konnten ihren Lebenswil­len nicht brechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Ende der Nazi‑Herr­schaft, stand sie wieder ihrer Heimatge­meinde Dörnigheim zur Verfügung. Bis zum Verbot der KPD im Jahre 1956 ar­beitete sie in der Gemeindevertretung mit und half, die soziale Not der Ausge­bombten, Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die es nach Dörnigheim verschlagen hatte, zu lindern.

Kätchen Jonas war eine vitale, starke und selbstbewußte Frau, die, obwohl sie viele schwere Schicksalsschläge hinneh­men mußte, gesellig und fröhlich geblie­ben war. Trotz der späten Erfahrung, daß „ihre“ Partei im neuen Deutsch­land nicht mehr anerkannt war, sind ih­re Stärke, ihr Durchhaltevermögen und ihr Wunsch, Gutes zu bewirken, ein Vorbild an Zivilcourage.

Kätchen Jonas war eine vitale, starke und selbstbewußte Frau, die, obwohl sie viele schwere Schicksalsschläge hinnehmen mußte, gesellig und fröhlich geblieben war. Trotz der späten Erfahrung, daß „ihre“ Partei im neuen Deutschland nicht mehr anerkannt war, sind ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen und ihr Wunsch, Gutes zu bewirken, ein Vorbild an Zivilcourage.

 

Käthe-Jonas-Platz:

Gegen Ende des Jahres 2014 wurde von verschiedenen Seiten (Gewerkschaft, SPD, WAM) vorgeschlagen, den Platz vor dem „Frankfurter Hof“ in „Käthe-Jonas-Platz“ umzubenennen. Die CDU-Ablehnung der Umbenennung führte zu einer Stellungnahme von Herbert Begemann, dem Vorsitzenden des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum. Er kritisierte vor allem den CDU-Stadtverordneten Christoph Feuerbach, weil dieser als Begründung für die Ablehnung seiner Fraktion unter anderem eine eingestellte strafrechtliche Ermittlung angeführt hatte. Dies, so Begemann, stelle eine „Entgleisung“ und „eine perfide Diskreditierung“ dar. Feuerbach hatte auch in seiner Rede vor dem Stadtparlament darauf verwiesen, daß eben nicht alles im Lebenslauf von Käthe Jonas. insbesondere in der Nachkriegszeit, demokratischem Handeln entsprochen hatte. Man darf nicht vergessen, daß sie sich gegen unsere parlamentarische Demokratie eingesetzt hat, rechtfertigen sich die Christdemokraten für ihre Ablehnung des Antrags. Sie war Mitbegründerin des Vereins der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Hanau. Dabei handelt es sich um eine linksextreme Gruppierung, welche in den fünfziger Jahren in einigen Bundesländern verboten war.

Im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes von 2005 wird sie als Vereinigung bezeichnet, die jede andere Regierungsform außer der des Marxismus, somit auch die parlamentarische Demokratie als faschistisch ablehnt. Bis zum Jahr 1989 ist er im Wesentlichen durch die SED finanziert worden.

Feuerbach sagte aber auch: „Wir wollen keinesfalls das mutige Eintreten von Käthe Jonas im Widerstand gegen das Nazi-Regime vergessen. Jedoch dürfen wir auch nicht außer Acht lassen, daß sie später in einer Gruppierung gearbeitet hat, welche unsere Demokratie ablehnte.

Wir hoffen sehr, daß es sich bei den Äußerungen von Herrn Begemann um eine unglückliche Formulierung handelt, wenn er Konsequenzen gegen einen Stadtverordneten fordert. Es kann nicht sein, daß der Vorsitzende des Brüder-Schönfeld-Forums ernsthaft die Meinungsfreiheit einschränken will, nur weil durch die Offenlegung von Tatsachen aus dem Zeitraum nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus das scheinbar makellose Bild einer Kommunistin ins Wanken gerät. Für uns Christdemokraten ist es ein Anliegen, der Opfer des Nationalsozialismus in angemessener Weise zu gedenken. Die Umbenennung des Platzes vor dem Frankfurt Hof in „Platz des Gedenkens“ wäre eine sinnvolle Lösung gewesen. In diesem Zusammenhang bringen wir in Erinnerung, daß auf unseren Vorschlag hin vor langer Zeit das ehemalige Damit wurde ein wichtiger Beitrag zu einer Erinnerungskultur geleistet“.

Die Umbenennung des Platzes gegen die Stimmen der CDU wurde im Dezember 2014 angenommen.

 

Gert Bechert aus Hochstadt äußerte sich am 11. Dezember 2014: „Die Maintaler CDU tut sich auch fast 70 Jahre nach Beendigung der Nazi-Diktatur schwer mit dem Umgang mit Kommunisten der damaligen Zeit. Da wird mit halsbrecherischen Verrenkungen versucht. einer Widerstandskämpferin wie Käthe Jonas jegliche demokratische Reputation abzusprechen. Daß es auch eine menschliche Seite gibt, wird ausgeblendet. Wir Nachgeborenen können uns nicht im Entferntesten vorstellen, welchen Qualen Systemgegner damals ausgesetzt waren. Besonders die Zeit im Frauen-KZ Ravensbrück von Mitte 1944 bis Kriegsende muß für sie traumatisch gewesen sein.

Daß sie sich nach Kriegsende um den Aufbau einer Lagergemeinschaft des KZ Ravensbrück kümmerte, war vielen von der Union wohl ein Dorn im Auge. Selbst die Staatsanwaltschaft ermittelte erneut gegen Jonas wegen „staatsabträglicher Verbindungsaufnahme“. Stadtverordneter Christoph Feuerbach räumte zwar kleinlaut ein, daß die staatsanwaltlichen Ermittlungen ohne Angabe von Gründen wieder eingestellt wurden, der Zweck war aber erreicht, Käthe Jonas in die kommunistische Schmuddelecke zu stellen.

Man hätte sich gewünscht, daß die CDU besonders in den fünfziger Jahren genauso akribisch in den Lebensläufen von früheren NSDAP-Mitgliedern herumgeschnüffelt hätte, die in der noch jungen Bundesrepublik wieder schnell in hohe Ämter kamen.

 

Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) antwortete am 16. Dezember.2014 durch Peter C. Walther, Sprecher der VVN Hessen: Herr Feuerbach hatte in der Sitzung des Stadtparlaments kritisch angemerkt, daß Käthe Jonas Mitglied der VVN gewesen sei, die wiederum seinerzeit vom Verfassungsschutz beobachtet worden sei. Die VVN, sagt diese selbst über sich, sei eine überparteiliche und weltanschaulich neutrale Organisation. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten ehemals Verfolgte und Wi­der­standskämpfer aus allen Nachkriegsparteien, einschließlich der CDU. sowie Persönlichkeiten wie Eugen Kogon, Martin Niemöller und der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Heinz Galinski.

„Zu einem Auseinanderdifferieren kam es erst im Verlauf des Kalten Krieges, in dem es in den fünfziger Jahren auch einzelne Verbotsverfahren gab, die jedoch sämtlich eingestellt oder aufgehoben wurden. Mitglieder und Organisationen der VVN stünden an vorderster Stelle in den Auseinandersetzungen mit Neofaschismus, Antisemitismus und Rassismus, für Demokratie, Frieden und Freiheit. Eine Reihe von Mitgliedern sei wegen ihres demokratischen Engagements bereits ausgezeichnet worden, darunter die Ehrenvorsitzende Esther Bejarano. die 2012 das Große Bundesverdienstkreuz erhielt.

Was die angeblichen Zitate aus dem Bayerischen Verfassungsschutzbericht betreffe, so seien sie falsch wiedergegeben. Die VVN werde dort nicht als „linksextremistisch“, sondern als „linksextremistisch beeinflußt“ bezeichnet. Das werde damit begründet, daß sich in der Mitgliedschaft der VVN auch Kommunisten befänden. „Das ist selbstverständlich, weil sie in der Nazizeit zu den am meisten politisch Verfolgten gehörten. Im übrigen ist Bayern neben Schles­wig-Holstein von allen Bundesländern das einzige, das die VVN in seinem Verfassungsschutzbericht solcherart überhaupt als ,linksextremistisch beeinflußt‘ aufführt“.

Gerade wegen der Erfahrungen mit der völligen Beseitigung der Demokratie durch die Nazis fordere die VVN in ihren Erklärungen zur Verteidigung der Demokratie auf. Daß sie die Demokratie ablehne, sei eine Lüge.

 

Rosel Vadehra-Jonas, die Tochter von Käthe Jonas, nimmt am 2. Januar 2015 Stellung zur Diskussion um das Gedenken an ihre Mutter: „Seit einigen Monaten verfolge ich mit Interesse die Initiative des Maintaler DGB- Ortsvorstands, an einem öffentlichen Ort an diejenigen aus der Gemeinde Dörnigheim zu erinnern, die als Gegner des Nazi- Regimes verfolgt wurden, und stellvertretend für sie alle, den Platz vor dem ,Frankfurter Hof in Dörnigheim nach meiner Mutter Käthe Jonas zu benennen. Ich begrüße sehr den mit großer Mehrheit gefaßten Beschluß der Stadtverordnetenversammlung vom 8. Dezember 2014, mit dem 70 Jahre nach der Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus auch in meiner Heimatgemeinde derer gedacht werden soll, die sich während des nationalsozialistischen Terrors nicht gleichschalten ließen und sich dem Unrecht widersetzten. Damit wird zugleich an den weitgehend vergessenen Widerstand aus der Arbeiterbewegung erinnert.

Diese Leute, die meine Mutter nicht kannten, versuchen mit viel Polemik, sie und ihre Arbeit nach 1945 in den Schmutz zu ziehen. Sie ergehen sich in pauschalen Anschuldigungen, ohne auch nur den geringsten konkreten Hinweis dafür zu bringen, daß angeblich nicht alles im Leben von Käthe Jonas, insbesondere in der Nachkriegszeit, demokratischem Handeln entsprochen‘ habe und ,daß sie sich gegen unsere parlamentarische Demokratie eingesetzt habe. Das ist eine unerhörte Diffamierung meiner Mutter, die ich entschieden zurückweise. Auch der Hinweis, daß durch die Offenlegung von Tatsachen … das scheinbar makellose Bild einer Kommunistin ins Wanken gerät, entbehrt jeglicher Grundlage. Käthe Jonas stand auch im Nachkriegsdeutschland stets offen zu ihrer politischen Meinung und den damit verbundenen Folgen.

Die Mitglieder der CDU sollten sich einmal an die Geschichte ihrer Partei erinnern. Ehemalige NS-Organisationen konnten ungehindert ihre Kameradschaftstreffen durchführen, die mit Grußbotschaften amtierender Politiker bedacht wurden. Demgegenüber wurden die Opfer des Nazi-Regimes und insbesondere dessen Gegner erneut diskriminiert, verfolgt, bespitzelt - so wie meine Mutter, als sie in den sechziger Jahren gemeinsam mit anderen Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück die Lagergemeinschaft Ravensbrück in der Bundesrepublik gründete und dafür die Anschriften ehemaliger Häftlinge zusammentrug.

Während des Verbotsprozesses gegen die VVN vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin im November 1962 gab es bereits am zweiten Verhandlungstag einen Eklat, durch den der Prozeß platzte. Im Beisein ausländischer Prozeßbeobachter aus zahlreichen europäischen Staaten und den USA wurde die Vergangenheit des Präsidenten des Bundesverwaltungsgerichts Dr. Fritz Werner offengelegt. Er war seit 1933 Mitglied der SA, später höherer SA- Führer und gehörte von 1937 der NSDAP an. Das Verfahren gegen die Bundesorganisation der VVN wurde seitdem nicht wieder aufgenommen.

„Es drängt sich der Gedanke auf, daß die CDU Maintal das Denken der fünfziger und sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch nicht überwunden hat. Was meine Mutter anbelangt, empfehle ich den Stadtverordneten der CDU-Fraktion, sich doch einmal unter alten Dörnigheimern umzuhören. Noch leben einige, die meine Mutter persönlich kannten und mit ihr auf kommunaler Ebene zusammenarbeiteten“.

Der Platz wurde umbenannt und eine Stele aufgestellt, die über das Geschehen informiert und stellvertetend für alle anderen Opfer des Faschismus in Maintal stehen soll.

 

Zweiter Weltkrieg

Mitte September 1939 traf auf dem Langenselbolder Bahnhof ein Regi­ment mit etwa 1300 Soldaten ein, die auf die umliegenden Ortschaften verteilt wurden. Es war dies das Regiment List, Hitlers „Traditionsregiment“, in dem er selbst gedient hatte. Das Bataillon, von dem später ein Teil der Kompanie in Dörnigheim liegen soll­te, war in Hag bei Wasserburg am Inn für einen ersten kämpferischen Einsatz in Polen zu Beginn des Zweiten Weltkrie­ges zusam­men­gestellt worden. Von hier aus fuhren die etwa 90 bis 100 Mann mit dem Zug durch Ungarn. Unterwegs tra­fen sie mit den anderen Einheiten des Regiments zusammen. Kurz vor der polnischen Grenze endete die Fahrt, und die letzte Etappe nach Po­len hinein mußte in einem drei‑ bis vier­tägigen Fußmarsch bei sengender Som­merhitze im August 1939 auf staubigen Landstraßen durch die Karpaten zurück­gelegt werden.

Der heute 87‑jährige Max Fischer, der letzte Überlebende, der nach dem Krieg nach Dörnigheim zurückgekehrten Män­ner, erinnert sich. Der Kampf in Polen dauerte nur zwölf Tage und brachte dem Regiment keine Verluste. Lediglich der Major erhielt einen Schulterdurch­schuß, als er sich nach Beendigung der Kämpfe noch einmal auf dem Schlacht­feld umsehen wollte. Der Reitbursche Max Fischer ritt unmittelbar hinter ihm und kam mit dem Schrecken davon. Das Pferd des Majors, von seinem Gut am Starnberger See mitge­bracht, trabte reiterlos selbständig zu­rück zur Einheit. Der Major mußte ins Lazarett und wur­de bis Februar 1940 von einem Offizier, im bürgerlichen Leben ein Rechtsan­walt, vertreten.

Nach einem zwölftägigen Kampf war Po­len besiegt und das Regiment wurde ab­gezogen. In Erwartung weiterer Verwen­dung kamen die Soldaten in Langensel­bold an. Der Regimentsstab nahm in Steinheim Quartier, die vierte Kompanie des ersten Bataillons - eine Einheit mit Maschinengewehren und 70 Pferden - nach Bischofsheim. Die dritte und zweite Kompanie, beides Fußtruppen, lagen in Niederdorfelden und Hochstadt. Die er­ste Kompanie des ersten Bataillons In­fanterie fand Quartier in Dörnigheim.

Nach ihrer Ankunft nahmen die Solda­ten auf den Mainwiesen Aufstellung und wurden einzelnen Familien zugewiesen. Der Stab des ersten Bataillons - unter an­derem zuständig für Nachrichten - richte­te sich im „Frankfurter Hof“ ein. Die Kü­che stellte die „Mainlust“. Treffpunkt und Anlaufstelle für die Kompanie war das „Schiffchen“.

Max Fischer, der eigentlich der zweiten Kompanie angehörte, wurde als Bursche für den Adjutanten nach Dörnigheim ab­kommandiert. Als Bauernbursche war er vier Jahre lang auf einer Reitschule ausgebildet worden, hatte eine Reituni­form erhalten und gehörte fortan dem Stab an. Er betreute das Pferd des Kom­paniechefs zusammen mit seinem eige­nen auf dem Bauernhof der Familie Ic­kes in der Hasengasse 5. Ein weiterer Bursche mit einem Pferd und ein Motor­fahrzeug waren auf dem Heyerschen An­wesen untergebracht.

Zuständig für die Pferde und Schmiede des Bataillons war ein Veterinär der zweiten Kompanie. Die Schmiede ver­sorgten die Tiere reihum auf den Dör­fern. In Dörnigheim beschlug der Mili­tär‑Schmied die Pferde in der Schmiede Heck in der Frankfurter Straße.

Als Max Fischer an einem Februarmor­gen des Jahres 1940 das Pferd des Majors von der Hasengasse zur Schmiede führ­te, vernahm er vom „Frankfurter Hof­“ her einen Zuruf, auf der das Pferd ohne Zögern reagierte. Der Chef, von seiner Verwundung genesen, war zurückge­kehrt. Verwundert fragte der Major Max Fischer, wie der es fertig gebracht hätte, daß das früher bissige und ausschlagge­bende Tier jetzt so zahm wie ein Lamm ohne Zügel hinter ihm her trabte. Ein Schulterzucken war die Antwort. Fischer hatte als Pferdekenner so seine eigenen Methoden, sich ein Pferd gefügig zu machen. Nun folgten häufige Ausritte durch den Dörnigheimer Wald nach Wil­helmsbad. Auf dem Rück­weg setzte der Major dann zuweilen Prämien aus für den, der das Wettrennen bis zur Tank­stelle Heck an der Hanauer Landstraße gewann.

Die gute Zeit vom September 1939 bis zum Mai 1940 endete mit dem Weiterzug der Soldaten des Regiments List nach Frankreich. Über Luxemburg mar­schierten sie in die Normandie. Zahlrei­che Liebschaften Dörnigheimer Frauen mit den jungen bayerischen Soldaten überdauerten den Krieg. Manche Heirat wurde auf abenteuerliche Weise vollzo­gen. Der Max Fischer beispielsweise ver­lobte sich mit seiner Dora Seibel in Neu­wied im Lazarett. Mit der Genesungskompanie aus Ingol­stadt mußte er noch drei Jahre in Rußland verbringen, wo er verwundet wurde und nach erneutem Lazarettaufenthalt das Ende des Krieges im Einsatz auf ei­ner Alm bei Klausen in Südtirol erlebte.

 

Dem Ausbau der alten Heerstraße folgte 1939 der Krieg. Doch diesmal marschierten kaum Soldaten in Kolonnen über die alte Heerstraße, wie in früheren Jahrhunder­ten. Im Zeitalter der Technik wurden sie in langen Lastwagenkonvois an die Front ge­fahren. Auch der Krieg hatte sein Gesicht verän­dert. Nun wurden die Städte aus der Luft mit Bomben belegt. Kampfflugzeuge zer­störten Straßen und Brücken, um den Nachschub für die Versorgung der Ein­satztruppen zu unterbinden.

Als Hanau in Flammen aufging, kamen ob­dachlos gewordene und verwundete Men­schen über die alte Straße nach Dörnig­heim, das nun strategisch ohne Bedeutung und deshalb kein lohnenswertes Ziel für militärische Angriffe war. Auch aus Frankfurt versuchten Menschen auf den Ausfallstraßen dem Inferno zu entkom­men. Und immer wieder rollten die Last­wagen mit Kriegsgütern nach Rußland oder Frankreich. Noch immer hatte die al­te Heerstraße nicht ausgedient.

In den Wirren der letzten Kriegstage wa­ren aber auch noch andere Menschen zu Fuß auf der alten Straße unterwegs. Deser­tierte deutsche Soldaten, entflohene aus­ländische Zwangsarbeiter und Kriegsge­fangene irrten umher, die einen stets da­rauf bedacht, nicht den Nazis in die Hände zu fallen und später die anderen, nicht von amerikanischen Besatzern gefaßt und ge­fangengenommen zu werden.

 

Womit in Dörnigheim niemand gerechnet hatte war die Tatsache, daß die im März 1945 in Deutschland einmarschierenden amerikanischen Soldaten nicht die alte Landstraße benutzten. Sie kamen von Sü­den über den Main. Zwar war die Fähre noch in den letzten Kriegstagen aus Sicher­heitsgründen von den Einheimischen ver­senkt worden, konnte aber den Vormarsch nicht bremsen. An der Stelle der uralten Furt, die nun aber keine mehr war, bauten sie von Mühlheim her eine Pontonbrücke und erreichten mit Jeeps und Panzern das Dörnigheimer Ufer. Dann jedoch verteil­ten sie sich nach Westen und Osten über die alte Straße.

 

Bomben

Auch wenn man es nicht vermuten würde und die Schäden in Dörnigheim lange nicht so schwerwiegende waren wie in Hanau oder Frankfurt, blieb auch Dörnigheim nicht von Bombardierungen und der Zerstörung aus der Luft verschont. Allerdings waren es in Dörnigheim weniger gezielte Angriffe. um kriegswichtige Infrastruktur zu zerstören, sondern eher das Abwerfen von Restbeständen an Bomben, die auf dem Rückflug von Angriffswellen auf die Nachbarstädte über den umliegenden Landgemeinden und hier über Dörnigheim ausgeklinkt wurden.

Während der schweren Luftangriffe auf Hanau und Frankfurt in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1941 kam es zu den ersten Bombenabwürfen über Dörnigheim. In der Hintergasse und in der Schwanengasse wurden Stallungen und Scheunen getroffen. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 1941 detonierte eine Bombe auf dem Leinpfad zwischen „Mainlust“ und „Schiffchen“. Sie brachte „Dach‑, Fenster‑ und Mauerschäden“ an den in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden Häusern, und am Kirchturm ging die Uhr kaputt.

 

Dörnigheim wird dann erst wieder am 4. Februar 1944 gegen 11.45 Uhr getroffen. Auf dem Rückweg von einem Angriff auf Hanau werden Bomben über Dörnigheim abgeworfen. Es kommt an verschiedenen Stellen im Ort und in der gesamten Gemarkung zu Schäden. In der Hintergasse und in der Fischergasse werden Häuser getroffen. Am Mainufer entstanden Spreng­krater von elf Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe. Die Sprengtrichter hatten teilweise einen Durchmesser von acht Meter, in den Mainwiesen gar von elf Meter, und waren vier bis fünf Meter tief. Blindgänger gingen in der Eichwaldstraße, in der Nähe der Eisenbahn, westlich des Dorfes in Höhe der Braubach, und im Wald nieder. In der Eichwaldstraße wurde das Trafohäuschen beschädigt, so daß für mehrere Tage Stromausfall war. Blindgänger werden in der ganzen Gemarkung, im Wald, an der Braubach und in der Nähe der Bahnlinie gefunden.

Frankfurt erlebte die schlimmsten Zerstörungen vom 18. bis 21. März 1944. Am 18. März 1944 schlug eine Bombe in der Untergasse ein und es brannte dort. Pfarrer Kurz schreibt in der Chronik der evangelischen Kirchengemeinde Dörnigheim: „Es ist ein Getöse, als wenn die Hölle los wäre. Die Kellerfenster und Türen klappern und bei jedem Zischen und Pfeifen befürchtet man einen Einschlag. Ringsum ist der Himmel vorn Feuerschein der Brände in Frankfurt, Offenbach und Mühlheim gerötet. In Mühlheim brennt der Pionierpark.“

Am 19. März 1945 kommt es zur schweren Zerstörung Hanaus. Die Hanauer flüchten vor den Feuern der Phosphorbomben an den Main und teilweise weiter nach Dörnigheim. In einem Notlazarett in der Schule im Herrenhof werden viele mit schweren Verbrennungen notdürftig behandelt und etliche Patienten erliegen hier an ihren Verletzungen.

 

Zwangsarbeiter

Zwischen 1940 und 1945 wurden von einem Arbeitskommando eines Lagers bei Bad Orb

Kriegsgefangene der Gemeinde Dörnigheim als Zwangsarbeiter überlassen. Aufgrund des sich immer weiter ausdehnenden Kriegsdienstes an den Fronten und der seit Mai 1935 geltenden Wehrpflicht fehlten in vielen Betrieben und auch in der Land- und Forstwirtschaft, so auch in Dörnigheim, männliche Arbeiter. Aber auch in den Haushalten fehlten an vielen Stellen die Männer, wenn es um die Gartenarbeit, Reparaturen und Instandhaltungen oder das Einlagern und Schlagen von Brennholz ging.

Jeder, der einen Zwangsarbeiter beschäftigen wollte, mußte 11,15 Mark an die Gemeinde zahlen. Die Gemeinde selbst beschäftigte auch Zwangsarbeiter für die Arbeit im Wald. Untergebracht und verpflegt wurden die Zwangsarbeiter im Gasthaus „'Schiffchen“. Ins­gesamt handelte es sich um etwa 80 Personen der unterschiedlichsten Nationalitäten: Belgier, Holländer, Franzosen, Italiener, Polen, Russen, Letten, Litauer, Ukrainer, Ungarn und Slowaken.

Die osteuropäischen Kriegsgefangenen wurden nach Feierabend streng bewacht, während sich zum Beispiel die Holländer abends und am Wochenende recht frei bewegen konnten. Da die Verpflegung sehr dürftig und der Zustand von Kleidung und Schuhen sehr schlecht war, konnten sich die Westeuropäer für Dienste in den Gärten und Häusern der Dörnigheimer eine zusätzliche Mahlzeit verdienen.

Am 25. März 1945 - als bekannt wurde, daß die Amerikaner im Anmarsch wären - wurden hastig die Zwangsarbeiter auf Lastwagen aus Dörnigheim gebracht und die Kriegsgefangenenlager vor den anrückenden Amerikanern geräumt. Über das Schicksal und den Alltag der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und deren Arbeitsbedingungen in Dörnigheimer Betrieben gibt das Buch „Keiner will es gewesen sein“ mit Zeitzeugenberichten sehr detailliert Auskunft.

 

Todesmarsch durch Dörnigheim

Was ist mit „Todesmarsch“ gemeint? Der Begriff „Todesmarsch“ hat sich für die am Ende des Zweiten Weltkrieges hektischen Evakuierungen von Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern eingebürgert. Sie waren von den Machthabern und ihren Kommandostellen in Anbetracht der heranrückenden gegnerischen Armeen veranlaßt worden. Ziel waren die der Frontlinie noch fern erscheinenden Konzentrationslager wie Buchenwald oder Dachau. Auf diesen mehrtägigen, meist nächtlich durchgeführten Märschen starben viele Häftlinge an Erschöpfung oder/und durch willkürliches Erschießen.

Die Räumung der Zwangsarbeiterlager in Dörnigheim steht in direktem Zusammenhang mit der zeitgleichen Räumung des Außenlagers in den Adlerwerken Frankfurt. In den Außenlagern wurden Häftlinge der Konzentrationslager untergebracht, die zum Arbeitseinsatz in Industriebetrieben eingesetzt wurden. Kriegsbedingt fehlten in vielen Betrieben ganze Belegschaften. Diese wurden durch die Arbeitslager aufgefüllt. Anders als die Zwangsarbeiter, die auch in Dörnigheim arbeiteten, unterstanden die Außenlager direkt der SS. Das Außenlager bei den Adlerwerken, genannt „KZ Katzbach“, gehörte zum Stammlager Natzweiler-Struthof im Elsaß.

 

Die Tatsachen:

Um vor den vorrückenden Amerikanern die Spuren der Zwangsarbeit, der schlechten Versorgung und der menschenunwürdigen Unterbringung der Gefangenen zu verwischen, wurde das Konzentrationslager Katzbach im März 1945 aufgelöst. Kranke und derart entkräftete Gefangene wurden zuerst mit dem Zug abtransportiert. Die restlichen 350 bis 400 Gefangenen wurden am Abend des 24. März 1945 zum Appell versammelt. Diese Gruppe brach noch am Abend mit vier Handwagen Richtung Osten auf. Am Morgen des 25. März 1945 passierten sie Dörnigheim auf der heutigen Kennedystraße. Nach fünf Tagen erreichte dieser Zug - einer von vielen Todesmärschen zum Ende der NS-Zeit - Hünfeld. Von dort wurde der Transport mit der Bahn fortgesetzt.

In der Mitgliederversammlung des Schönfeld-Forums hatte Pfarrer Dr. Martin Streck angeregt, den Marsch von über 300 Zwangsarbeitern vom KZ Katzbach in den Frankfurter Adlerwerken nach Buchenwald deutlicher als bisher in Erinnerung zu rufen. Der Marsch führte im Morgengrauen des 25. März 1945, gegen 7 Uhr früh, ab Frankfurt in Richtung Buchenwald bei Weimar und weiter bis nach Dachau. Dort sollen nur noch etwa 80 Menschen angekommen sein.

Den Anwohnern der Hauptdurchgangsstraße war es auf Veranlassung des damaligen Bürgermeisters per Ausrufer verboten worden, aus den Fenstern zu sehen. Dennoch blieb der Todesmarsch nicht unbemerkt. Es war der Sonntag Palmsonntag und Konfirmation in Dörnigheim.

Frau Streck-Plath sagte dazu: „Am Morgen des 25. März 1945 passierte der grausige Zug auch Dörnigheim. Es muß ein schrecklicher Anblick gewesen sein. Ein mutiger Mann forderte - das hat Pfarrer Edwin Kurz in der Chronik der Kirchengemeinde festgehalten - Menschlichkeit für einen Gefangenen. Der junge SS-Mann, der diesen gerade erschießen wollte, drohte dem mutigen Mann an, ihn genauso umzulegen. Elf tote Häftlinge wurden damals auf Dörnigheimer Gemeindegebiet nicht weit von der Straße gefunden und eilig in einem Massengrab beerdigt“.

Allein auf Dörnigheimer Gemarkung blieben 11 von 23 der zwischen der Mainkur und Kesselstadt erschossenen Menschen zurück. Sie wurden ermordet, weil sie entkräftet die Marsch­geschwindigkeit nicht mehr halten konnten. Die SS-Wachmannschaften waren mit den lebenden Beweisen ihrer Grausamkeit auf der Flucht vor den heranrückenden amerikanischen Truppen, die zwei Tage später Dörnigheim besetzten. Am 26. März wurden an der Straße nach Fechenheim elf KZ-Häftlinge tot aufgefunden (sechs Polen, ein Franzose, ein Deutscher und drei weitere Männer).

Der Todesmarsch von Frankfurt nach Hünfeld forderte rund 70 Todesopfer. Für das Gebiet der Gemeinde Dörnigheim sind elf Tote nachgewiesen (Pfarrer Kurz). Da alle elf tödliche Schußwunden hatten, handelte es sich entweder um entkräftete Häftlinge, die nicht weiter laufen konnten und von den SS-Wachleuten erschossen wurden, oder um gescheiterte Fluchtversuche.

 

Bestattung:

Der Bürgermeister beauftragte den Friedhofsarbeiter, die Zugstrecke abzusuchen und die Leichen einzusammeln. Sieben Leichen wurden westlich der Ortschaft zwischen Fechenheim und Dörnigheim gefunden, drei weitere im Wald bei der heutigen Waldsiedlung. Für deren gezielte Ermordung gibt es Augenzeugenberichte. Der Dörnigheimer Wilhelm Nix - in den Berichten meist „Friedhofswärter“ genannt – brachte die in der Gemarkung vorgefundenen Toten zum alten Friedhof, wo sie wie andere Kriegsopfer dieser Zeit längs der westlichen Friedhofsmauer bestattet wurden. Wilhelm Nix erfüllte mit dem Leichentransport eine Aufgabe, zu der er sich gegenüber der Gemeinde Dörnigheim 1931 vertraglich verpflichtet hatte.

Die Leichen wurden eilig in einem Massengrab ohne Särge beigesetzt, da man Strafen der amerikanischen Besatzer fürchtete. Eine weitere Leiche in Häftlingskleidung wurde erst später im Wald gefunden und am 20. November bestattet.

Zur Verbreiterung des Backesweges wurden im Jahre 1952 die an der Friedhofsmauer gelegenen Gräber der Kriegstoten, darunter die Opfer des Todesmarsches, in ein waldnahes Gelände zwischen Nurlache und Am Hundsbaum (Flurbezeichnungen in der heutigen Waldsiedlung) umgebettet. Die Friedhofmauer wurde danach um einige Meter nach innen versetzt.

Vier Wochen nach Baugenehmigung für die Häuser der heutigen Waldsiedlung erfolgte am 9. Februar 1962 die zweite Umbettung der 22 Kriegstoten durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. 21 Tote kamen auf den Ehrenfriedhof Schlüchtern, ein Toter wurde auf Familienwunsch nach Köln überführt. Die Opfer des Todesmarsches, also sechs der 21 von Dörnigheim nach Schlüchtern umgebetteten Toten, werden dort seitdem als „unbekannte polnische Kriegstote“ im Gräberfeld C, Nr. 328-333 geführt. Noch 1958 wurde „bei Dörnigheim“ eine skelettierte Leiche gefunden, die als Erschießungsopfer dem Todesmarsch zugeordnet wurde.

 

 Trauerfeier:

„Kaltblütig erschossen“. So beschreibt Pfarrer Kurz die Trauerfeier, die am 12. August 1945 für zehn der elf Toten abgehalten wurde: „Am Sonntag, dem 12. August 1945, nachmittags 3 Uhr, fand auf dem Friedhof eine Trauerfeier für 10 von der SS ermordete Konzentrations-Häftlinge statt, die vom Totengräber Nix ohne Särge in einem Massengrab verscharrt worden waren.“ Auf Anordnung der Besatzungsbehörde wurden diese in Särgen auf dem Friedhof beigesetzt. Ein elfter Ermordeter sei hiervon ausgeschlossen worden, da er ein Hakenkreuz auf seinem Körper tätowiert hatte. „Bei Annäherung Amerikaner sollten sie [die Gefangenen] in das K.Z.-Lager Buchenwald zurücktransportiert werden, um nicht in ihre Hände zu fallen und Schandtaten ihrer Peiniger zu verraten“, schreibt Kurz weiter. „Infolge der schlechten Ernährung und Behandlung völlig entkräftet und erschöpft, brachen sie unterwegs zusammen und konnten den Weg nicht mehr fortsetzen. Kaltblütig feuerten die herzlosen SS-Männer auf die hilf- und wehrlosen Menschen.“

Es sollten nicht die einzigen Toten des Marsches bleiben. Als der Zug später erste Etappe der über 100 Kilometer langen Strecke über die damalige Reichsstraße 40 (später B 40) erreichte, ein Waldstück bei Hanau, waren bereits 24 Häftlinge - zumeist durch Kopf- oder Genickschüsse - hingerichtet worden. „Hanau war wenige Tage zuvor bei einem Bombenangriff zerstört worden“, erklärt Franz Coy, der sich mit der Rekonstruktion der Ereignisse beschäftigt. Er ist Teil einer Initiativgruppe, die sich gemeinsam mit dem Zentrum für Regionalgeschichte des Main-Kinzig-Kreises um die Aufarbeitung der Geschehnisse bemüht. „Es ist davon auszugehen“, so Coy, „daß der Zug nicht durch die bereits zerstörte Brüder-Grimm-Stadt marschierte“.                  

Die Geschichte der zehn in Dörnigheim getöteten Opfer des Todesmarschs endet aber noch nicht mit ihrer namenlosen Massenbeerdigung. Im Juli 1945 wurden die Amerikaner auf das Massengrab aufmerksam und ordneten eine würdige Trauerfeier an. Diese Trauerfeier fand am 12. August 1945 statt und wurde von dem damaligen Pfarrer Kurz gehalten. Er hat über diese Trauerfeier und die Umstände, die dazu führten, einen umfangreichen Eintrag im Totenbuch der Kirchengemeinde Dörnigheim verfaßt. Die Beisetzung in Särgen wurde im Bereich der Ehrenmäler an der südwestlichen Ecke des Alten Friedhofs vorgenommen.

Im Jahre 1952 kam es zu großen Umbauarbeiten am Alten Friedhof. Die Gräber der Toten des Todesmarschs wurden aufgelöst und auf ein Ehrenmal auf dem damals geplanten Waldfriedhof verlegt. Dieser Waldfriedhof war etwa im Bereich der heutigen Integrativen Kindertagesstätte an der Hermann-Löns-Straße vorgesehen. Als der Plan für den Waldfriedhof aufgrund des hohen Grundwasserstands in dem Gebiet aufgegeben wurde, wurden die Ermordeten des Todesmarschs erneut (zum vierten Mal!) umgebettet. Dann wurde in Schlüchtern ein Friedhof für die Kriegstoten im Main-Kinzig-Kreis angelegt. Sie wurden am 9. Februar 1962 in den Grabstellen C316 bis 337 beigesetzt unter der Bezeichnung „12 Unbekannte, gestorben 1945 in Dörnigheim, Kreis Hanau.“

Mit der Verlegung der Gräber ging das Vergessen der Opfer einher. „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ sei wohl die Devise der damaligen Zeit gewesen, meint Begemann. Auch die undifferenzierte Vermi­schung des Totengedenkens für Soldaten und Verfolgte sei typisch für die Nachkriegszeit, sagte Herbert Begemann, der Vorsitzende des Brüder-Schönfeld-Forums.

Doch die Umbettung der Kriegsopfer auf große Gedenkstätten erfolgte überall in Deutschland auf Betreiben des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge. Sie hat also nichts mit geplantem Wohnungsbau zu tun, zumal Herr Begemann gar nicht angeben kann, ob die Stelle überbaut wurde. Andererseits wird es den Dörnigheimern ganz recht gewesen sein, daß die Gräber aus dem Gesichtsfeld kamen.

 

Gedenkveranstaltung:

Im Bewußtsein der Dörnigheimer ist der Todesmarsch kaum verankert. Das kann an der ideologischen Prägung der NS-Zeit liegen, an der Unsicherheit aufgrund der anrückenden Besatzer, an einem eventuellen Ausgangsverbot für den Morgen des 25. März an der Lindenstraße in Dörnigheim oder an dem alles überlagerndem Ereignis der späteren Detonation am Bahnhof.

In einem Leserbrief vom 9. April.2005 beklagt Gustav Faschung vom DGB Maintal: „Am 24. März 2005 sind in Dörnigheim vor dem Frankfurter Hof Menschen zusammen ge­kommen, um dem 60. Jahrestag des Todes­marsches der Häftlinge aus dem KZ in den Frankfurter Adlerwerken zu gedenken. Auf diesen Marsch wurden die geschunde­nen Menschen wenige Tage vor der Befrei­ung unserer Heimat getrieben. Dieser To­desmarsch kam auch hier durch Dörnig­heim. Er führte direkt über diese Stelle am Frankfurter Hof. Auch hier wurden Men­schen umgebracht. Wir wollten sie mit die­ser Aktion aus der Vergessenheit holen. Denn leider ist es so, daß es auch in unse­rer Stadt so gut wie keinen Hinweis auf die Verbrechen während der Zeit des Fa­schismus gibt. Eine löbliche Ausnahme bildet dabei der Brüder-Schönfeld-Arbeits­kreis, der sich um Aufklärung eines Teilbereichs der Verbrechen während der Na­zi-Zeit bemüht.

Wir Gewerkschafter möchten zusätzlich an die weiteren Opfer der faschistischen Herrschaft erinnern. Dazu gehören die weiteren Häftlinge des KZ Katzbach in den Adlerwerken. Dazu gehören die Angeklag­ten des 88-er Prozeß, der sich in diesem Jahr zum 70. Mal jährt. Die Anklageerhe­bung fand am 16. März 1935 statt. Unter den Angeklagten und später verurteilten Wi­derstandskämpfern waren auch über ein Dutzend aus Dörnigheim. Viele ka­men ins Gefängnis oder Zuchthaus, einige auch ins KZ. Doch niemand Offizielles in dieser Stadt erinnert an sie. Es ist beschä­mend, wie man hier in Maintal mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht.

Der Frankfurter Hof war in der Weimarer Republik der Treffpunkt der Vereine, der Sozialdemokraten und Kommunisten. Sie wurden genauso verboten und zerschlagen wie die Arbeitervereine, so zum Beispiel die Freien Turner und der Rad- und Kraft­fahrerbund Solidarität. Auch hierüber ist in unserer Stadt sehr wenig bekannt.

Wir denken auch an die verfolgten, gepei­nigten und ermordeten jüdischen Mitbür­gerinnen und Mitbürger. An sie erinnern das Brüder-Schönfeld-Forum und auch das Brüder-Schönfeld-Haus im Westend. Doch hier im alten Dorf, wo sie lebten, erinnert nichts an diese Menschen.

Wir denken auch an die, die wegen Behin­derungen, ihrer religiösen Überzeugungen oder ganz einfach ihres Andersseins schi­kaniert, ausgegrenzt und auch umgebracht wurden. Alles das gab es auch hier bei uns.

Vieles ist in dem Buch ,,Keiner will es ge­wesen sein' dokumentiert, das vor zehn Jahren mit Unterstützung des Magistrats unter Dr. Walter Unger (SPD) erschienen ist. Heute scheinen die Rathausverant­wortlichen mehr nach dem Motto zu ver­fahren ,,Keiner will es gewußt haben" Das wollen und werden wir nicht zulassen. Wir fordern die Stadt Maintal ein weiteres Mal auf, eine würdige Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft endlich anzuge­hen. Nach über 60 Jahren ist das eigentlich längst überfällig. Lassen Sie mich zum Schluß eine Mahnung des von den Fa­schisten 1943 im Alter von 40 Jahren er­mordeten tschechischen Journalisten und Widerstandskämpfers Julius Fucik zitie­ren.

Diese Worte standen übrigens für jeden Besucher gut sichtbar auf einem Denkmal - dem Mantel des Schweigens - im Rathausfoyer damals noch in Bischofsheim. Gestaltet hatte es unser DGB-Vor­stands­kolle­ge, der Hochstädter Künstler Günther Han­tel. Zufälligerweise ist es aus unerklärlichen Gründen vor ein paar Jahren ver­schwunden, so die Erklärung des damali­gen und jetzigen Bürgermeisters Rohrbach (CDU). Ein Ersatz wurde bezeichnender­weise nie in Erwägung gezogen. Darüber hinaus fand es kein Magistratsmitglied für nötig, trotz Einladung bei der Gedenkver­anstaltung anwesend zu sein. Offensicht­lich besteht kein Interesse, sich auch im Hinblick auf Hartz IV mit dem Thema Zwangsarbeit auseinander zu setzten.

Wir finden, daß diese Worte von Julius Fucik nichts, aber auch gar nichts von ih­rer Aktualität eingebüßt haben: „Um eines bitte ich: Ihr die diese Zeit überlebt, vergeßt die Guten nicht und nicht die Schlechten. Sammelt geduldig Zeugnisse über die Gefallenen. Eines Ta­ges wird das Heute Vergangenheit sein, wird man von der großen Zeit und den na­menlosen Helden sprechen, die Geschichte gemacht haben. Ich möchte, daß man weiß, daß es keine namenlosen Helden ge­geben hat, daß es Menschen waren, die ih­ren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen hatten und deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ers­ten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, daß sie Euch alle nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie Ihr selbst.“ In diesem Sinne werden wir weiter arbeiten, das sind wir den Opfern des Nazi-Ter­rors schuldig“.

Gustav Faschung, DGB Maintal, Falkenring 20, 63457 Hanau.

 

Am 25. März um 14 Uhr begann die kollektive Performance. Graue Filzfiguren standen an der Kennedystraße / Ecke Hasengasse. Ulrike Streck-Plath fertigte sie an. Sie und viele andere, die die Performance unterstützen, haben die Figuren dann Stück für Stück Richtung Hanau bewegt. Jede und jeder war eingeladen, sich daran zu beteiligen.

Am 25. März 2012, wieder ein Sonntag, um 14.00 Uhr standen lebensgroße Figuren aus Eisen und Filz auf der Kennedystraße/ / Höhe Hasengasse. Die kollektive „Performance 25-3-45“ begann schweigend, ein Text zum Geschehen am 25. März.1945 wurde gelesen. Nach einer Zeit verstellte ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin eine der Figuren Richtung Kesselstadt. Nach einer Zeit des Schweigens verstellte ein weiterer Teilnehmer eine andere Figur und so weiter. So zogen die Gestalten des Jammers auf dem Weg des Erinnerns durch die Stadt, das Ungeheuerliche sichtbar zu machen.

Um 15 Uhr endete die Performance auf der Kennedystraße / Höhe Bahnhofstraße mit einem Text zum Gesehenen und Gelegenheit zum Gespräch. Ein Buch des Gedenkens bot Raum für Namen und Eindrücke. In den folgenden Jahren soll die Performance wiederholt werden, mit weiteren Figuren. Im Jahr 2015, zum 70. Jahrestag, sollen 45 Figuren entstanden sein.

. Mag sein, daß das Geschehene durch Erinnerung in Frieden kommt, die Figuren im Ort einen festen Platz finden.

 

Der Tagesanzeiger schrieb am 26. März: „Beklemmende Stille bei blauem Himmel“. -

Es war bei strahlendem Frühjahrswetter eine fast beklemmende Stille an einem Ort, an dem sonst die Autos und Motorräder nahezu durchweg für einen erheblichen Lärmpegel sorgen. Doch gestern ruhte ab 13.45 Uhr für rund 90 Minuten der Verkehr auf der Kennedystraße zwischen den Einmündungen zur Hasengasse und zur Bahnhofstraße. Auf diesen rund 200 Metern fand eine beeindruckende Kunstperformance zum Gedenken an den „Todesmarsch“ von 300 bis 400 Insassen des Konzentrationslagers Katzbach statt, die gestern vor genau 67 Jahren von SS-Schergen auch durch Dörnigheim getrieben wurden.

Die Dörnigheimer Künstlerin Ulrike Streck-Plath kam nach Gesprächen mit dem Gewerkschafter und WAM-Stadtverordneten Klaus Seibert sowie mit dem Hochstädter Klaus Klee auf die Idee, an dieses dunkle und bisher kaum bekannte Kapitel aus der düstersten Zeit der deutschen Geschichte in Form einer kollektiven Performance zu erinnern. Sie erarbeitete zwölf lebensgroße - zum Teil stehende, aber ebenso liegende - Figuren aus Eisen und Filz, die an die armen Menschen erinnern sollen, die vor 67 Jahren an dem „Todesmarsch“ bis nach Hünfeld teilnehmen mußten.

Die zwölf Figuren, die Ulrike Streck-Plath erarbeitet hatte, wurden nach Pfarrer Strecks einführenden Worten von den Zuschauern, die sich in großer Zahl eingefunden hatten - die Künstlerin sprach von etwa 175 Personen, welche die Performance komplett begleitet hätten-, nach und nach in Richtung Bahnhofstraße getragen. Und dies geschah in einer bemerkenswerten ernsten Stille, die dem Anlaß entsprach. Unter jenen, welche die Figuren trugen, waren unter anderem Bürgermeister Erhard Rohrbach (CDU), der Stadtverordnetenvorsteher Karl-Heinz Kaiser, die Parteichefs Markus Heber (CDU) und Sebastian Maier (SPD), weitere Vertreter der Parteien, die Pfarrer Rainer Durstewitz (Allerheiligen) und Stephan Becker (Maria Königin), Jürgen Malbrich vom Dörnigheimer VdK, die Kinderbeauftragte Monika Böttcher, aber ebenfalls eine Vielzahl von Bürgern, die keine öffentliche Funktion innehaben und die mit ihrer Teilnahme an dieses bisher noch recht wenig bekannte erschütternde Ereignis erinnern wollten. Die zunächst Überlebenden des „Todesmarschs“ wurden von Hünfeld per Güterwaggon ins KZ Buchenwald gebracht, von dort folgte ein weiterer „Todesmarsch“ bis nach Dachau, wo nur wenige von ihnen ankamen. Nach Angaben von Pfarrer Streck leben heute noch drei Überlebende des „Todesmarschs“ von 1945.

Die Gedenkveranstaltung verlief in sehr ruhiger Atmosphäre. Zuvor befürchtete Proteste von Menschen, die den „Todesmarsch“ anzweifeln, oder gar von Neonazis oder rechten Organisationen blieben aus. Auf Nachfrage des Tagesanzeiger teilte die Polizei mit, daß es zu keinen besonderen Vorkommnissen im Zusammenhang mit der Veranstaltung gekommen und alles ruhig geblieben sei.

 

Der Tagesanzeiger schrieb am 27. März 2012: „Viele, die am Sonntag an der Kunstperformance zur Erinnerung an den Todesmarsch durch Dörnigheim vom 25. März 1945 teilnahmen, waren noch geraume Zeit nach der Veranstaltung sichtlich berührt von dem, was sich auf der Kennedystraße zwischen den Einmündungen zur Hasengasse und zur Bahnhofstraße zugetragen hatte. Die Erinnerung an ein bisher kaum bekanntes dunkles Ereignis aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs war in jeder Beziehung bewegend.

Es war vor allem die kollektive Stille, die während der gesamten Veranstaltung vorherrschend war. Immer wieder lösten sich Zuschauer vom Straßenrand, um auf die Fahrbahn zu treten und eine der zwölf Figuren nach vorne zu tragen. Da waren bekannte Personen wie Bürgermeister Erhard Rohrbach, die Pfarrer Rainer Durstewitz und Stephan Becker mit dabei, aber ebenso Bürger, die kein öffentliches Amt bekleiden und denen es ein persönliches Bedürfnis war, sich zu beteiligen, um damit den vor 67 Jahren ermordeten KZ-Häftlingen zu gedenken.

Es war ein beeindruckendes und tiefe Spuren hinterlassendes Ereignis, das sicherlich nicht nur den Organisatoren um die Dörnigheimer Künstlerin Ulrike Streck-Plath unter die Haut gegangen sein dürfte. Sie hat mittlerweile mitgeteilt, daß die Kunstperformance im kom­menden Jahr in ähnlicher Form wiederholt werde. In der Zwischenzeit will sie weitere Figuren erarbeiten.

Die Gesprächspartnerin von Kajetan Kisinski, die in den Jahren 2004 /2005 insgesamt sechs der überlebenden Teilnehmer am Todesmarsch interviewte, war am Sonntag unter den Zuschauern der Veranstaltung. Joanna de Vincenz hat die sehr bewegenden Gespräche unter ihrem Mädchennamen Joanna Skibinska in dem Buch „Die letzten Zeugen des KZ Katzbach“ im Hanauer Co-Con-Verlag veröffentlicht. Zur Zeit arbeitet sie an der polnischen Übersetzung. Im Gespräch mit dem Tagesanzeiger berichtete sie davon, daß das Schicksal der zumeist polnischen Insassen des KZ Katzbach auch in ihrem Heimatland über Jahrzehnte hinweg nicht bekannt beziehungsweise verschwiegen wurde. „Die Auseinandersetzung mit diesen schlimmen Ereignissen begann erst nach Ende des kommunistischen Regimes“, so die heute in Heidelberg lebende Autorin, die von der Veranstaltung in Dörnigheim ebenfalls tief bewegt war.

Mit den Geschehnissen Dörnigheim und deren Wirkung auf das Dorf setzt sich Pfarrer Dr. Martin Streck in der Broschüre „Im Morgengrauen durch Dörnigheim“ auseinander, die der Geschichtsverein Dörnigheim 2013 veröffentlichte.

 

Kriegsende

Ein Dörnigheimer, der im Mai 1945 von der Kriegsfront in Italien kommend, mit dem Fahrrad über Hochstadt nach Dörnigheim wollte, fand die Bahnhofstraße gesperrt. Er nahm seinen Weg auf verschlungenen Pfaden über Wilhelmsbad durch den Wald nach Dörnigheim, immer in Angst, auf dem letzten Kilometer noch von den Amerikanern gefangengenommen zu werden.

Im Morgengrauen des 28. März 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Dörnigheim. Die 90. US-amerikanische Infanterie-Division setzte im Schutz von künstlichem Nebel mit Hilfe einer Ponton-Brücke am frühen Morgen über den Main über. Es hatte nichts genutzt, daß deutsche Soldaten noch in diesen letzten Kriegstagen die Fähre versenkt hatten. Gleichzeitig rückten auch von Frankfurt her amerikanische Soldaten nach Dörnigheim vor.

Ein junger Dörnigheimer Soldat, der sich gerade auf Heimaturlaub befand, wurde bei dem Versuch, die Amerikaner am Ortseingang mit seinem Gewehr aufzuhalten, erschossen: Er hatte den schriftlichen Befehl in der Tasche, sich gegebenenfalls dem Feind entgegenzustellen!

Pfarrer Edwin Kurz schrieb über den 28. März 1945: „Nachdem es nachts noch ordentlich geknattert hat, ist Dörnigheim in aller Frühe zur Freude der Einwohner besetzt worden. Karl Friedrich I. ist als fanatischer Vaterlandsverteidiger beim zweck‑ und nutzlosen Einsatz ( ... ) von den einziehenden Amerikanern erschossen worden, da er sein Gewehr nicht abgab. Die Ami suchen in hysterischer Angst alle Häuser ab und nehmen in den durchwühlten Schubladen Hakenkreuze, Bleisoldaten und gefährliche Instrumente wie feststehende Küchenmesser und so weiter, mit.“

Daß die Amerikaner auf dem Vormarsch waren, war bekannt. Überall wurden weiße Flaggen gehißt und auch am Kirchturm wehten auf allen vier Seiten weiße Flaggen, die aber auf höheren Befehl hin wieder eingeholt werden mußten, da nach Meinung des Befehlsgebers das Dorf Dörnigheim nicht gefährdet war. Auch bei der Ankunft der Amerikaner zeigt sich zum Teil ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite hat die Bevölkerung weiße Flaggen gehißt, auf der anderen Seite wurden diese von der Obrigkeit wieder entfernt, da der Ort nicht gefährdet sei. Was auch immer unter dieser Aussage zu verstehen ist.

 Nach Auskunft von Pfarrer Kurz wurde Dörnigheim „zur Freude aller Anwohner“ besetzt.

In hastiger Eile durchsuchten die Amerikaner alle Häuser und nahmen Hakenkreuze, Abzeichen und Fahnen ebenso an sich wie Messer, Äxte, Beile und Waffen. Auch Lebensmittel, die bei Kriegsende und durch die zusätzliche Anforderung an die Landbevölkerung die durch die Versorgung der Ausgebombten aus Hanau und Frankfurt aufgekommen war, sehr knapp waren, wurden von den Amerikanern in Anspruch genommen.

Der Pfarrer notierte: „Zum Teil sind sie sehr anständig und gegenüber Kirche und Pfarrer sind sie sehr entgegenkommend.“ In den Wäldern fand man wohl häufig weggeworfene Uniformen von Reservisten, die erkannten, daß dieser Krieg nicht gewonnen werden konnte, und die ihr Heil in der Flucht suchten. Einige Wenige, die dem Befehl folgend, einzeln versuchten, eine ganze Armee aufzuhalten, mußten diesen Irrsinn dann noch mit dem Leben bezahlen.

In den Chroniken wird überall erwähnt, daß die Amerikaner als Befreier empfangen wurden und der Bevölkerung gegenüber freundlich waren. Auf der anderen Seite befürchteten die Bürger den Verbrauch ihres Heizmaterials. Teilweise haben die Deutschen ihre Heizungen stillgelegt oder Öfen ausgebaut, um dem Verbrauch ihres Heizmaterials vorzubeugen. Nach jahrelanger Wirkung der nationalsozialistischen Dogmen auf die Bevölkerung und einem, im März 1945 bereits greifbaren, großen Umbruch, ist es sehr schwer, neutrale und unvoreingenommene Sichtweisen auf die Situation vor Ort zu bekommen

Zunächst besetzten die im Dorf zurückbleibenden Amerikaner Wohnungen in der Hanauer Landstraße, der Frankfurter Straße und der Bahnhofstraße, wo sie die spärlichen Lebensmittelvorräte plünderten, teilweise aber auch durch amerikanische Produkte ersetzten. Für die deutsche Bevölkerung wurde zunächst eine Ausgangsbegrenzung angeordnet, von 8 bis 10 Uhr und von 16 bis 18 Uhr durfte man auf die Straße, die aber nach und nach gelockert wurde. Niemand durfte ohne Genehmigung den Ort verlassen.

 

Eine Übergangsregierung wurde eingesetzt. Der Bürger Alwin Lapp wurde als Bürgermeister eingesetzt, da er als Naziverfolgter und Angehöriger der KPD für die Besatzung der richtige Mann war. Er genoß aber auch in der Bürgerschaft so viel Vertrauen, daß er bei späteren Wahlen durch die Dörnigheimer selbst in seinem Amt bestätigt wurde. Es gelang ihm während seiner Amtszeit, oft auch gegen Besatzungsrecht, seine Bürger zu schützen und zu unterstützen. Er war bis 1950 der Bürgermeister. Im April 1948 erfolgte die Wahl der ersten Gemeindevertretung nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ergebnis: KPD 1.024, SPD 717 und CDU 631 Stimmen.

 Langsam pendelte sich die deutsche Verwaltung, wie überall in Deutschland, so auch in Dörnigheim, wieder ein. Alle Personen über zwölf Jahre erhielten eine Kennkarte, die sie, mit Unterschrift und Fingerabdruck versehen, jederzeit bei sich zu tragen hatten.

Bereits zu Anfang entstand in Dörnigheim wieder eine Polizeistation mit deutscher Besetzung. Eine be­sondere Aufgabe bestand darin, die Bevölkerung vor bandenartigen Übergriffen zu schützen, auch vor befreiten Zwangsarbeitern, die noch nicht in ihre Heimat zurückgekehrt waren.

So sah sich ein Dörnigheimer eines Abends drei Personen gegenüber, die sich bei Dunkelheit mit einer Schußwaffe Zugang zu seiner Woh­nung verschaffen wollten. Sie schossen dreimal auf den Mann, flüchteten jedoch, als die Patronen nicht losgingen. Am nächsten Morgen wurden die drei unversehrten Patronen mit den Spuren des Schlagbolzens vor der Tür gefunden.

Im Juni 1945 kam ein größerer Konvoi von Lastwagen mit deutschen Kriegsgefangenen aus Hanau und fuhr in Richtung Frankfurt. Bei der Durchfahrt entdeckte ein Dörnigheimer einen Bekannten, dessen Frau in der Fischergasse wohnte. Er lief zu der Frau, die unverzüglich mit ihrem Fahrrad und einer Flasche Schnaps dem Gefangenentransport hinterher eilte. Das Glück war auf ihrer Seite, denn bei einem Halt an den Schleusenhäusern konnte sie den Konvoi einholen. Sie entdeckte ihren Mann, den sie mit der Flasche Schnaps von dem verant­wortlichen amerikanischen Soldaten freikaufte. Sie konnte ihn mit nach Hause nehmen.

 

Mit der Heimkehr der Kriegsteilnehmer erwachte der Wunsch nach dem alten Vereinsleben. Der Alliierte Kontrollrat untersagte jedoch anfangs jede Vereinstätigkeit aus Angst vor getarnten politischen Verbindungen. Die erste eigene Erlaubnis erhielt der Arbeiter‑Rad‑ und Kraftfahrerverein „Solidarität“, als der am wenigsten Verdächtige. Die anderen Vereine schlossen sich nach der geglückten Fürsprache von Bürgermeister Alwin Lapp und mit Unterstützung einer Gruppe der „Freien ,Turnerschaft 06“ zu einer Sportgemeinschaft zusammen, der SG Dörnigheim, aus der sich die einzelnen Vereine erst 1949 wieder lösen sollten.

Mit der Normalisierung der Lage rollte eine Welle der Entnazifizierung über das Land. Ehemalige Angehörige der NSDAP hatten sich durch ein Entnazifizierungsgesetz der deutschen und der Besatzungsbehörden einem Entnazifizierungsverfahren zu stellen. In den meisten Fällen endete das mit einem Stempel als „Mitläufer“, in anderen Fällen aber auch mit Belastungen für die Betroffenen, die für kurze Zeit in ein Internierungslager kamen. Die Mitläufer hatten sogenannte „Persilscheine“ von Freunden, die für sie gut sprachen und mit denen sie sich „reinwaschen“ konnten.

Die politischen Bürger bildeten in Dörnigheim zuerst eine Antifaschistische Gruppe, die am Anfang allein das Sagen hatte. Nach und nach zeigten sich dann wieder die politischen Parteien der Vornazizeit. Allen voran die KPD mit dem größten Stimmenanteil, dann die SPD und später die CDU.

 

Explosionsunglück

Nördlich und südlich der Bahnlinie war ein großer wilder Lagerplatz von etwa 500 Hektar für militärische und alle Sorten anderer Güter entstanden. Güterzüge, die in einem Stau von der Mainkur bis nach Hanau‑West auf den Gleisen standen, wurden entladen und das Material auf Wiesen und Äckern abgelegt. Bis zu 260 deutsche Kriegsgefangene entluden die Waggons und machten dadurch die Bahnstrecke wieder befahrbar. Beaufsichtigt wurden sie von über 60 amerikanischen Soldaten.

Die Straße nach Hochstadt und der Bahnhof waren monatelang gesperrt. Erst deutsche Kriegsgefangene (darunter ein Reichsgerichtsrat aus Leipzig) brachten im Auftrag der Amerikaner etwas Ordnung in die großen Haufen.

Dann betrieb die Stegorganisation den Lagerplatz rund um den Dörnigheimer Bahnhof

auf beiden Seiten der Bahnlinie und entlang der Braubach Diese Gesellschaft verwertete Materialien der Wehrmacht, die keine Verwendung mehr hatten. Daher wurde das Lager als „Steglager“ bezeichnet. Hier konnten sich Handwerker die benötigten Rohstoffe beschaffen. Dieses Lager hatte bis 1947 Bestand.

Darunter befanden sich auch Behältnisse mit Treibstoff.

 

Beim Inhalt der Behältnisse soll es sich um Treibstoff für die Raketen V 1 und V 2 gehandelt haben. „Dieser hatte sich auf unbekannte Weise erhitzt“, heißt es lapi­dar zum zentralen Dreh‑ und Angelpunkt, und weiter: Da nicht bekannt war, daß dieser Stoff mit Wasser reagiert, ging man mit den Amerikanern - die schon im Einsatz waren - die Sache mit Wasser an. Daraufhin kam es zu einer weiteren ther­mischen Zersetzung des Stoffes.“

Die Chemikalien standen direkt vor dem Verwaltungs­gebäude der Firma Allstahl Merle neben einem Haufen Munition. Die Behälter ähnelten großen Milchkan­nen, in deren Deckeln hatte sich Regenwasser gesammelt. Einer der Deckel ist wohl undicht gewesen. Die bei diesem Prozeß entstandene Hitze wiederum hat einen in unmit­tel­barer Nähe befindlichen Minen‑Stapel bis zur Explosion erwärmt. Die Versuche, das Teufelszeug zu löschen, sollen bereits einige Stunden gewährt haben, als es gegen 18.30 Uhr zu der gewaltigen Explo­sion kam.

Das Kriegsgefangenenlager lag am Dörnig­heimer Bahnhof. Kriegsgefangene waren hier vom April bis zum Dezember 1945 unterge­bracht. Die Männer hatten einen Tag frei, waren gerade aufgestanden und genossen den Vor­mittag, da bemerkte einer von ihnen am etwa 300 Meter entfernten Steglager. „Wir sahen ein bißchen was hochfliegen und ein paar kleine Flammen. Wir haben noch Spaß ge­macht“, sagt der damalige Kriegsgefangene Max Scholz. Aus dem kleinen Feuerchen sollte eine gewaltige Explosion werden.

Die Kriegsgefangenen sahen die Explosion nur aus der Ferne. „Wir rannten in alle Richtungen davon, der Lager­kommandeur hatte die Tore geöffnet“, erinnert sich Scholz. Die Flüchtigen fanden Unterkunft bei der Bevölkerung von Hochstadt und Dörnigheim. Drei Tage nach der Explosion fuhren die Amerikaner mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und forderten die Flüchtigen zur Rückkehr ins Lager auf. Die kamen tatsächlich wieder, und fortan mil­derten sich die Haftbedingungen.

Ob es eine einzige große Explosion gab oder mehrere, ist of­fenbar nicht mehr zu klären. Die Explosion löste eine gewaltige Druckwelle aus, die Fenster, Türen und Dächer in weitem Umkreis zerstörte oder beschädigte. Der Knall war in der ganzen Gegend zu hören Noch in Hochstadt sprangen die Fensterscheiben heraus. Bis in den Ortskern wurden Dä­cher abgedeckt, Türen und Fenster flogen aus den Rahmen und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Das Gebäude der Firma Allstahl Merle in der Mitte der Philipp-Reis-Straße östlich der Braubach wurde bei der Explosion stark beschädigt.

Als gesichert gilt laut der Feuerwehr Dörnigheim, daß die Dörnigheimer Feuerwehr am Katastro­phentag gerufen worden war, weil aus verschiedenen Behältnissen Rauch aufge­stiegen sein soll. Er spricht von „vermut­lich um die 20 amerikanische Soldaten“, die getötet worden seien. In einem auf Augenzeugen gestützten Bericht des städtische Hauptamtes heißt es: „Außerdem star­ben etwa 60 Amerikaner, die in einer Hal­le auf dem Gelände der Firma Allstahl Merle untergebracht waren.“ Sie warteten dort auf den Rücktransport in ihre Heimat.

Eine Sanitätsstaffel aus dem Heidelberger Haupt­quartier der Amerikaner kam zu den Aufräumarbeiten ins Steglager.

Vier Dörnigheimer Feuerwehrleute waren auf der Stelle tot: Ortsbrandmeister Jakob Schneier (57 Jahre), Weißbindermeister Jakob Rauch (51 Jahre), Schuhmachermeister Peter Boos (61 Jahre) und Elektromeister Jakob Kegelmann (43 Jahre). Sie wurden acht Tage nach dem Unglück unter großer Anteilnahme der Dörnigheimer auf dem alten Friedhof bestattet. Alle kamen, um die vier Toten auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Aus keinem Haus in Dörnigheim hat jemand gefehlt. Ein deutscher Kriegsgefangener soll ebenso ums Leben gekommen sein - wie auch amerikanische Soldaten, deren genaue Zahl aber nicht mehr bekannt ist.

Die Feuerwehrleute Friedrich Seng und Philipp Huhn (Kuhn?) überlebten das Unglück zwar schwer verletzt, beide starben aber binnen eines Jahres an den Folgen ihrer Verletzungen. Ein namentlich nicht genannter Feuer­wehrmann soll die Katastrophe deshalb überlebt haben, weil er sich im Moment der Detonation gerade hinter dem Ein­satzfahrzeug befunden haben soll, um eine Schelle zur Reparatur eines geplatz­ten Schlauches zu holen. Außer den Feuerwehrleuten soll noch ein weiterer Deutscher bei der Explosion ge­storben sein, ein Kriegsgefangener, der an diesem Tag Küchendienst im Lager der Amerikaner hatte.

Das Mahn­mal für die vier verstorbenen Feuerwehrleute - ein großer, schwarzer Grabstein - steht auf dem alten Friedhof am Ehrenmal. Der Sonntagabend 19. August 1945 blieb im kollektiven Gedächtnis der Dörnigheimer als der tragischste Tag des Kriegsendes. Hier wird jährlich von der Feuerwehr ein Kranz niedergelegt. Am 50.jährigen Gedenktag wurde eine Gedenkfeier gehalten.

Laut dem damaligen Kriegsgefangenen Wilhelm Danielowitz sind es 28 und nicht 60 US-Amerikaner gewesen, die ums Leben kamen. Im Lager, in dem die Explosion geschah, waren nicht nur Kriegsgüter, sondern auch zivile Güter wie Nähnadeln, Maschinen aller Art, Sirup, Schwimmwesten, Kupfer, Quecksilber, Lastkraftwagen und Personenkraftwagen, Flugzeugteile und anderes mehr untergebracht gewesen. Einer der beiden Feuerwehrleute, die ein Jahr später an den Folgen der Explosion gestorben sind, müsse Philipp Kuhn und nicht Philipp Huhn geheißen haben.

Bei den Chemikalien, die durch den Regen und das Löschwasser der Feuerwehr die spätere Explosion ausgelöst haben, habe es sich laut Danielowitz um Natrium gehandelt, das in Metallfässern gelagert worden sei. Um diese Natriumfässer herum, die durch die Lagerung im Freien zum Teil durchgerostet gewesen seien, sei auf Anordnung des US-Bataillonskomman­deurs sämtliche ausgeladene Munition - wie Fliegerbomben, Artilleriegeschosse, Pistolen- und Gewehrmunition - gelagert worden. Die Einsprüche des damaligen deutschen Lagerkommandanten, eines Feuerwerkers der Deutschen Wehrmacht, seien vergeblich gewesen.

Die Zahl der untergebrachten Kriegsgefangenen habe nach Einschätzung des Dörnigheimers nicht 260, sondern 194 betragen.

Nur ganz allmählich wurde das Lager am Bahnhof geräumt. Die auf dem blanken Boden liegenden Bestände wurden zum Teil vernichtet, soweit sie verwendet werden konnten, wurden sie verkauft, auch an die deutsche Bevölkerung. Zum Schluß endete es unter deutscher Verwaltung erst im Jahre 1946 oder gar 1947.

 

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Krieg blieb die Bausubstanz des Dorfes erhalten. Dies hatte zur Folge, daß viele Bombenge­schädigte aus Frankfurt und Hanau in Dörnigheim Zuflucht suchten und fanden. Trostlose Bilder boten sich dar. Halbbekleidet, Kinderwagen und alte Fahrräder mit wenig geretteten Habseligkeiten vor sich herschiebend, waren die armen Menschen dem Feuerregen in der Stadt entflohen und begehrten eine Unterkunft, auch wenn sie noch so notdürftig war.

In den Jahren 1946 bis 1947 wurden schließlich viele Hunderte Heimatvertriebene aus dem Osten in Dörnig­heim aufgenommen. Sie bildeten in der Folgezeit ein in jeder Hinsicht belebendes und be­fruchtendes Element in der Gemeinde.

An Neubautätigkeit war vorläufig nicht zu denken. Kein Material, keine Fahrzeuge, keine Benzinzuteilung, Gebrauchsgüter und Nah­rungsmittel gab es nur auf Marken. Man hörte vom Morgenthauplan und rechnete nach Kalorien. Der Schwarzmarkt blühte. Man lebte von der Hand in den Mund.

Glücklich, wer ein Stückchen Land hatte und sein Gemüse ziehen konnte. In der Dörnigheimer Gemarkung gab es keinen Feldweg, der nicht des Grünfutters wegen an einen Kleinviehhalter verpachtet war. In ihren Berufen arbeiteten die wenigsten Menschen, weil die Fabriken und Betriebe noch nicht wie­der mit geregelter Arbeit beginnen konnten. Die meisten Einwohner betätigten sich in irgendeiner Form landwirtschaftlich. Wie groß die Not an Nahrungsmitteln war, geht daraus hervor, daß die Kinder die Apfelsinenschalen am Straßenrand aufhoben, die die amerikanischen Soldaten von den Lastwagen herunterwarfen. Für die Flücht­linge hatte die Gemeinde in der Schule, dem jetzigen Rathaus, eine Gemeinschaftsküche eingerichtet.

Einen besonders traurigen Anblick boten die ehemaligen deutschen Soldaten, die in zerschlissenen alten Wehrmachtsuniformen, auf ame­rikanische Lastautos zusammengepfercht, von einem Lager ins andere oder an Arbeitsstellen der amerikanischen Armee transportiert wur­den. Große Beunruhigung in unserer Gemeinde wurde im Sommer 1945 auch hervorgerufen durch die über das Land ziehenden ehe­maligen Fremdarbeiter, vor allem viele Litauer, die in einer Hanauer Kaserne untergebracht waren.

So verging der Winter 1945/46. Man trug noch schwer an den unmit­telbaren Kriegsfolgen. Hart lag noch die Faust des Siegers auf dem Land. Umsiedlung von Menschen, Schwarzmarkt, Kriegsgefangenen­lager, Nahrungsmittel- und Kleidermarken, Bezugsscheinsystem, daneben das Bangen und die Hoffnung auf die Rückkehr gefangener oder vermißter Familienangehöriger! Dann die Entnazi­fizierung! Große Teile der Bevölkerung vom politischen und beruf­lichen Leben ausgeschlossen! Verfahren vor den Spruchkammern! Wiedergutmachungsansprüche! Streitigkeiten hin und her! Es war eine wirre Zeit.

Das Jahr 1946 verging. Der Wein wurde bekanntlich sehr gut in diesem Jahr. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse blieben nach wie vor schlecht. Es war nicht leicht für die Verantwortlichen in der Gemeinde, Wege und Möglichkeiten zu finden, der Bevölkerung in gerechter Weise zu dienen.

Der erste Nachkriegssommer, der übrigens heiß war, ging zu Ende. Der Winter kam. Kohlen gab es nicht. Die Gemeindeverwaltung rief die Bevölkerung zum Holzeinschlag auf. Jeder Haushalt stellte min­destens eine männliche Arbeitskraft. Mit Sägen, Äxten und Beilen zog man in den Wald. Wieder einmal, wie schon früher in großen Notzeiten, war der Wald die Rettung für die Menschen. Man schlug das Holz planmäßig, hauptsächlich an zwei Stellen: zwischen Eichen­heege, Bahnlinie, heutigem Sportplatz, und an der Stelle, wo sich neben dem Weg nach Wilhelmsbad der große Pflanzgarten befindet. Freilich reichte das auf diese Weise von der Gemeinde zur Verfügung gestellte Brennholz nicht aus. Viele statteten zu nächtlicher Stunde dem Wald Besuche ab. Andere verstanden es, Verbindung mit dem Personal auf Lastkähnen aufzunehmen, die mit Briketts oder Kohlen beladen - damals allerdings noch in geringer Zahl - den Main auf­wärts fuhren.

Die Einwohnerzahl stieg von 3.000 im Jahre 1945 auf 4.500 am Anfang der fünfziger Jahre. Im Jahre 1960 wohnten 7.000 Menschen in Dörnigheim, bis 1964 hatte sie sich mit über 11.000 Einwohnern fast vervierfacht. Im Jahre 1973 gar wurde der Höchststand von über 17.000 Einwohnern erreicht.

Die meisten Neubürger kämen aus der nahen Großstadt Frankfurt, womit Dörnigheim eine Trabantenstadt von Frankfurt geworden sei. Die Rede war gar von einer Schlafstadt im Grünen. Die stattliche Zahl von 4.228 Arbeitsplätzen in Dörnigheim spricht allerdings eine eigene Sprache. Zunehmend war eine leistungsfähige Industrie angesiedelt worden. Gewerbe und Handel florierten. Sie erwirtschafteten im Jahre 1964 eine Gewerbesteuer von zwei Millionen Mark.

Aber auch die Ausgaben explodierten. Die Neubaugebiete in der Waldsiedlung, dem Südring und im Westend erforderten enorme Anstrengungen im Straßenbau. Das Wasserleitungsnetz mußte ausgebaut werden. Kindergärten (1962 wurde der erste Kindergarten eingeweiht), Schulen, und Kirchen wurden gebaut. An der Berliner Straße sollte ein Rathaus mit Marktplatz und Bürgerhaus entstehen. Noch im gleichen Jahr öffnete an der Kennedystraße, Ecke Kesselstädter Weg, der erste Selbstbedienungs-Großmarkt „Kaufpark“ seine Pforten.

Das Wachstum des Dorfes ging weiter. Durch die Mo­torisierung und den Straßen­bau begünstigt, zogen immer mehr „Neubürger“ aus den umliegenden Städten und auch von weiter zu. Der Ausdruck „Dorf“ war nun nicht mehr angebracht. Hochhäuser ent­standen, Schulen wurden ge­baut, Industrie siedelte sich an. Alles wurde städtischer. Das Gewerbegebiet an der Philipp‑Reis‑Straße und der Edmund‑Seng‑Straße, das hier als „Gewerbegebiet Mit­te“ mit dem des Stadtteils Hochstadt zusammengewachsen ist, stellt dabei einen großen Schwerpunkt dar. Östlich von Dörnigheim liegt das zweite Gewerbegebiet. Dörnigheim ist auch der zen­trale Einkaufsstandort für unsere Stadt und darüber hinaus.

 

Modell eines Karussells 1946

Mit dem Bau seines schmucken, anti­ken Karussells verwirklichte sich der Maintaler Walter Allmannsdorfer einen Kindheitstraum. Der 1926 geborene alteingesessene Bürger, der ge­lernter Schlosser ist, konnte seine Erinnerungen noch aus der Vorkriegszeit an die Kirmes unten am Mainufer nicht vergessen. Als junger Mann begann er sein Bastelwerk 1943 und stellte es, unterbrochen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges, 1946 fertig.

Frei aus dem Kopf und mit viel Liebe zum Detail schuf Walter Allmannsdörfer ein elektrisches, zweistöckiges Karussell von einem Meter Durch­messer und 90 Zentimeter Höhe von großer Farbenpracht. Gekostet hat das Werk den Hobby­bastler nur etwa 100 Mark für die Pferde, alles andere Arbeitsmaterial sammelte er sich selbst Der ideelle Wert dieser Seltenheit macht das Karussell zu einem unbezahlbaren Stück.

Zwei runde Holzplatten, Boden und Decke, bilden den Rahmen für zwei Etagen, auf der unteren sind zwei Vierspänner mit weißen und braunen Pferd­chen angebracht, dazwischen laden vier Kut­schen zum Einsteigen ein. Im oberen Stockwerk befinden sich kleine Holzschiffchen und zwei „Kaffeemühlen“. Diese altertümliche Bezeich­nung benennt ein Paar sich drehender Gondeln, in denen winzige Schwarzwaldpüppchen Kir­mesluft schnuppern.

Im Jahre 1952 heiratete Walter Allmannsdörfer die damals 18jährige Irmgard. Nach und nach stellte sich eine Kinderschar ein. Irmgard Allmannsdörfer erzählt, daß das Karussell jedes Jahr zu Weihnachten ausgepackt worden sei. Leuchtend und bunt stand es neben dem geschmückten Weihnachts­baum und den verpackten Geschenken. Dann begann die Bescherung. „Die Kinder kamen rein und das Christkind war gerade durch das offene Fenster entschlüpft“, fährt Frau Allmannsdörfer fort. „Sie nahmen meine Hand und zogen mich staunend mit strahlenden Augen vor das Karus­sell. Das ist ein Anblick, den kann ich nie vergessen. Das ist was fürs Herz.“

Heute sind alle Kinder erwachsen und verhetrate4 aber die Enkel kommen voller Freude zu Omas und Opas Karussell. Die Großfamilie ist stolz auf ihren Zusammenhalt und pflegt die Familientradi­tion bewußt. Ein wenig verändert hat sich das Kirmesstück durch das ständige Erneuern, Renovie­ren und Restaurieren in mehr als vierzig Jahren schon. Der Phantasie sind keine Grenzen ge­setzt. Seit Neuestem erklingt sogar Orgelmusik zum Ringelreigen der antiken Kutschen, original vom Frankfurter Weihnachtsmarkt aus einer im Jahr 1905 erbauten Orgel.

 

Flüchtlinge

Mit gemischten Gefühlen trafen im April 1946 rund 300 Menschen aus Asch in Dörnigheim ein. Aus ihrer Heimatstadt im nordwestlichsten Zipfel Böhmens und den umliegenden Dörfern waren sie ausgewiesen worden. Und nun hieß es, daß sie nach Dörnigheim kommen, in ein Dorf mit einem kommunistischen Bürgermeister. Die Sowjetmacht in der Tschechoslowakei und die von ihr unterstützten tschechischen Kommunisten hatten die Ascher monatelang bedrängt und vor dem Transport noch tagelang in einer Fabrikhalle interniert, das Gepäck hatten sie gefilzt.

Der erste Transport mit etwa einhundert Vertriebenen kam am 5. April 1946 am Bahnhof Hochstadt-Dörnigheim an. Sie werden auf Dörnigheim und Hochstadt aufgeteilt. In Dörnigheim wurden sie vorläufig in der Schule an der Kirchgasse untergebracht.

Doch Alwin Lapp, der Bürgermeister in Dörnigheim, hatte alles für die Ankunft der Menschen aus Asch vorbereitet. Als sie nach vier Tagen Fahrt in Viehwagen am Bahnhof Hochstadt-Dörnigheim ankamen, standen Pferdefuhrwerke und ein Lastwagen bereit. Die Ascher luden ihr Gepäck auf und die Dörnigheimer begleiteten sie in ihr Quartier.

In der Schule (heute Polizei) war ein einfaches Lager für die Frauen und Kinder bereitet. Die Männer schliefen in einer ausgedienten Militärbaracke. An der Schule befand sich auch die Volksküche. Margarete Allmannsdörfer von der Gaststätte „Goldene Sonne“ kochte dort mit anderen Frauen aus Dörnigheim für die Vertriebenen. Sie hatten ja keine Gelegenheit, zu kochen.

Mit einem zweiten Transport kamen am 11. Juli 1946 noch einmal 210 Ausgewiesene

am Bahnhof; die Menschen werden zunächst im Saal des Gasthauses „Zur Mainlust“ untergebracht. Dann ging die Gemeinde Dörnigheim ging daran, die Vertriebenen in Häusern unterzubringen. Die Dörnigheimer Bewohner mußten zusammenrücken. Für jeden Menschen wurden sechs Quadratmeter Wohnfläche veranschlagt. Es wurde eng in den Häusern. Man hatte ja bereits Menschen aufgenommen, deren Wohnungen in Hanau oder Frankfurt bei Bombenangriffen zerstört worden waren.

Die Ascher, die aus der Stadt kamen, mußten sich an das Leben im Dorf gewöhnen. Außerdem sprachen sie einen ganz anderen Dialekt. So sagten sie auf der Straße „Grüß Gott“ und ihr Deutsch hatte eine ganz andere Melodie. Die Dörnigheimer nahmen sie so, wie sie waren. Ja, sie wählten vier Jahre später in Adolf Thorn einen Ascher als Pfarrer für die evangelische Kirchengemeinde.

Im Mai 2013 erinnerte die Evangelische Kirche an die Vertriebenen, die aus Asch nach Dörnigheim kamen. Beim Seniorennachmittag der evangelischen Kirchengemeinde Dörnigheim im Gemeindezentrum erzählten Hilde Erkrath, Paul Grobmann und Kurt Lankl, wie sie damals in Dörnigheim aufgenommen worden sind. Sie waren Kinder und Jugendliche. Sie sind heute noch dankbar für die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Dörnigheimer und des Bürgermeisters Alwin Lapp, der das ganze organisiert hat.

Die Bevölkerungszahl stieg plötzlich von etwa 3.000 am Ende des Krieges auf etwa 4.500 am Ende der vierziger Jahre. Das bedeutete, daß sich die Gesamtheit der Einwohner Dörnigheims nunmehr zu 2/3 aus Altbürgern und 113 aus Neubürgern zusammensetzte. Die sudetendeutschen Flüchtlinge nahmen sofort regen Anteil am Dörnigheimer Gemeindeleben. Sie bildeten bald im Gemeindeparlament eine eigene Fraktion, mit deren Hilfe sie sowohl die Verhältnisse der von ihr vertretenen Bevölkerungsgruppe wie auch die allgemeine Ordnung der Gemeinde Dörnigheim tatkräftig mitgestalten halfen.

Auch in kommerzieller Hinsicht gab es für Dörnig­heim durch die Aufnahme der Flüchtlinge einen Auftrieb: zwei sudetendeutsche Bürger richteten hier Wirkwarenfabriken ein. Adalbert Holfeld aus Asch richtete 1950 in Dörnigheim die erste Apotheke ein.

Im Juli 1950 konnten die sudetendeutschen Bürger auf den Mainwiesen ein großes Heimatfest, das „Ascher Vogelschießen“, veranstalten, zu dem viele ehemalige Ascher Bürger den Weg nach Dörnigheim fanden. Am Festzug beteiligten sich alle Dörnigheimer Vereine. Das Fest wurde mindestens noch einmal gefeiert, aber mit der weiteren Integration der Heimatvertriebenen eingestellt.

 

 

Wiederaufbau

Am 28. Februar 1946 kommt es zu einem Großbrand durch Brandstiftung in der Schreinerei Philipp Fischer Söhne in der damaligen Hanauer Landstraße. Der Betrieb brennt vollständig ab.

In aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Not der ersten Jahre nach dem Krieg gab es in Dörnigheim einen Lichtblick, das waren die erfolgreichen Bemühungen der Verantwortlichen, in geisti­ger und kultureller Hinsicht den Einwohnern einen Ersatz zu bieten für das, was an materiellen Gütern verlorengegangen bzw. noch nicht wieder gewonnen war. Noch im Winter 1945 / 1946 schlossen sich die Sänger – über alle Trennungslinien hinwegsehend – zu einem großen Männer- und Gemischten Chor, dem Volkschor, zusammen. Neben einem Besuch und Konzert des Bielefelder Kinderchores in Dörnigheim war die vom Volkschor durch­geführte Aufführung der hayden‘schen „Jahreszeiten“ im Schiffchen-Saal ein glanzvoller Höhe­punkt des bisherigen kulturellen Lebens in Dörnigheim. Erwähnt werden müssen auch die Besuche von Mitgliedern des Frankfurter Opernhausensembles und ihre gesanglichen und schauspielerischen Darbietungen auf den sehr bescheidenen Brettern der damaligen „Mainlust“-Bühne. Keine Geringeren als Elisabeth Rosenkranz, Kurt Wolinski, Adam Vent, Franz Lukaseder - er liegt auf dem Dörnigheimer Friedhof begraben - traten damals hier auf. Für allgemeine geistige Bil­dungsmöglichkeiten sorgten Vortragsabende und musikalische Ver­anstaltungen, die im Rahmen der Volkshochschule durchgeführt wur­den. Sie erfreuten sich durchweg eines regen Zuspruchs.

In der Zeit der schlechten materiellen Verhältnisse gab es keine Möglichkeiten, große bauliche Veränderungen innerhalb der Ge­meinde vorzunehmen. Auch nach der Währungsreform 1948, die uns bald Erleichterungen auf dem Gebiet der Ernährung und der Konsumgüter verschaffte, dauerte es noch eine geraume Zeit, bis die Gemeinde an die Planung größerer Bauvorhaben herangehen konnte.

Im August 1949 wurden die ersten Einfamilienhäuser in der Waldsiedlung von Vertriebenen bezogen. Im Jahr 1952 erfolgt die Genehmigung der Gemeinde an die Baugenossenschaft zum Bau der ersten drei­geschossigen Wohnblöcke an der Ecke Backesweg-Beethovenstraße.

Im Jahre 1953 wird die Hochdruckleitung der Main-Gas-Werke Frankfurt angeschlossen.

Dörnigheim erhält im gleichen Jahr den ersten öffentlichen Kindergarten im Main-Kinzig-Kreis. Er wird in der Schule in der Kirchgasse eingerichtet.

Im Januar 1950 wurde innerhalb der Gemeindevertretung das erste        größere Projekt spruchreif: die neue Volksschule. Die Gemeinde schrieb einen Preiswettbewerb aus, den der Dörnigheimer Architekt Diplomingenieur Doll gewann. Doch bevor man mit den Arbeiten beginnen konnte, verlor Dörnigheim seinen Bürgermeister. Alwin Lapp, der mit Tatkraft und taktischem Geschick die Gemeinde bis­her geleitet hatte, starb an den Folgen eines Autounfalls, den er in            der Nähe von Dieburg erlitten hatte. Die Gemeinde bereitete ihm in Würdigung seiner Verdienste ein Gemeindebegräbnis.

 

Bürgermeisterwahl:

Nach dem Tode von Alwin Lapp begann ein neuer turbulenter Abschnitt des Gemeindelebens. Die Frage der Neubesetzung der Bürgermeisterstelle erregte fast fünf Jahre lang nicht nur die Gemüter der Dörnigheimer Bürger, sondern beschäftigte ebensosehr die Dienststellen der deutschen Behörden. Was war geschehen? Auf Grund des persönlichen Ansehens, das sich Alwin Lapp in der Bürgerschaft erworben hatte, besaßen seine politischen Freunde in der 1948 ge­wählten Gemeindevertretung 7 von 15 Sitzen, eine im Vergleich zu ­den Landtags und Bundestagswahlen recht hohe Anzahl. Da sie die stärkste Fraktion bildeten, erhoben sie den Anspruch auf Besetzung der Bürgermeisterstelle. Ihre Position war besonders stark, weil die anderen Fraktionen sich nicht einigen konnten.

Die Stelle wurde ausgeschrieben. Daraufhin meldeten sich etwa 30 Bewerber, von denen 6 in die engere Wahl gezogen wurden. Einer von diesen trat unmittelbar vor der Wahl zurück, weil er parteilos war und keine Chancen glaubte ausrechnen zu können. Die Gemeindevertretung wählte schließlich mit Mehrheitsbeschluß einen Bewerber, der zwei Tage nach seiner Wahl der Gemeinde mitteilte, daß er die Wahl nicht annehme. Das war nun allerdings ein Schlag für das Ansehen der Gemeinde. In Bürgerversammlungen wurde die Bürgermeister frage erregt diskutiert.

Einige Wochen später schritt man erneut zur Wahl, nachdem ein von der Gemeindevertretung gebildeter Wahlausschuß durch zwei neutrale Bürger ohne Stimmrecht erweitert und die neuen bzw. alten Bewerber von ihm einer Vorauswahl unter­zogen worden waren. Nun wurde der bisherige Gemeindevertreter Walter Bley und erste Sprecher der KPD zum Bürgermeister gewählt. Landrat und Innenminister versagten ihre Zustimmung und lehnten eine Amtseinführung ab. Mittlerweile war nämlich vom Bundesinnen­minister beim Bundesverfassungsgericht ein Verfahren gegen die KPD eingeleitet worden. So blieb der 1. Beigeordnete vorläufig Lei­ter der Gemeindeverwaltung, die Bürgermeisterstelle blieb unbesetzt. Auch nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot der KPD ausgesprochen hatte, änderte sich der Zustand nicht, weil zuerst gerichtlich festgestellt werden mußte, ob in Anbetracht des inzwi­schen erfolgten Verbots der KPD die Bürgermeisterwahl rechtsgültig war oder nicht.

Am 4. Mai 1952 fanden hessische Gemeindewahlen statt. Sie brachten Veränderungen in der Zusammensetzung des Dör­nigheimer Gemeindeparlaments. Die Kommunisten verloren, die Sozialdemokraten gewannen an Stimmen, und eine neue Gruppe zog in die Gemeindevertretung ein. Sie hatte während der Auseinander­setzungen um die Bürgermeisterstelle innerhalb der Bürgerschaft Anhang gefunden. Es war die Freie Wählergemeinschaft, eine Ver­einigung von Bürgern, die ohne parteipolitische Bindung bleiben wollten. Sie stellten in der Person des Diplomvolkswirts Wilhelm Lapp den 1. Beigeordneten, der für drei Jahre die Gemeinde leiten mußte.

Erst im Frühjahr 1954 erklärten die Gerichte die Bürgermeisterwahl für ungültig, und damit war der Weg frei für eine Neubesetzung der Stelle. Im Oktober 1954 wurde ein Wahlausschuß ge­bildet, am 4. Dezember 1954 stellten sich ausgewählte Bewerber der Öffentlichkeit vor, und am 27. Januar 1955 wurde von der Ge­meindevertretung der bis dahin in der Kreisverwaltung Usingen tätig gewesene Karl Schütz zum hauptamtlichen Bürgermeister in Dörnigheim gewählt. Er trat sein Amt am 1. März 1955 an. Damit hatte die Gemeinde wieder einen Bürgermeister.

 

Weiterer Aufbau:

Trotz dieser leidigen Angelegenheit war die äußere Entwicklung Dörnigheims in die Wege geleitet worden. Die Waldsiedlung, mit deren Erstellung schon vor der Währungsreform begonnen worden war, wurde erweitert. Im Sommer 1951 erhielt die evangelische Kirche wieder Glocken. Im Herbst 1953 wurde der Schulhausneubau in Anwesenheit der Vertreter der Behörden und der Kirchen feier­lich eingeweiht. Der private und der soziale Wohnungsbau wurden gesteigert. Maßgeblichen Anteil an der gesamten damaligen Bautätigkeit hatte die Dörnigheimer Baugenossenschaft. Ihr wurde von der Gemeindevertretung im Herbst 1952 gestattet, dreigeschossige Wohngebäude zu errichten. Damit wurde in Dörnigheim die städtische Bauweise eingeführt.

Nachdem das neue Schulgebäude von den Lehrern und Schulkindern bezogen war, siedelte die Gemeindever­waltung aus dem alten Rathaus um in die ehemalige Schule, die für den neuen Zweck umgebaut wurde. Straßenbeleuchtung, Kanali­sation, Einrichtung einer von der Bundesbahn betriebenen Omnibuslinie zwischen Hanau und Frankfurt, sodann der Anschluß an die Ferngasleitung und damit die Versorgung der Dörnigheimer Haus­halte mit Gas waren die wichtigsten zivilisatorischen Errungen­schaften Dörnigheims in der sogenannten bürgermeisterlosen Zeit.

 

Zirkus 1950

Dörnigheims Bürgermeister Karl Schütz hatte Franz Althoff in seine Stadt geholt. Er hoffte auf Gewerbesteuer und Arbeit fürs heimische Handwerk. An der Philipp‑Reis‑Straße schlug der Zirkus künftig sein Winterquartier auf, Hallen gehörten dazu, von denen eine heute noch von einer Plastikfabrik genutzt wird. Ein Probezelt, wo neue Programme studiert oder auch für die TV‑Serie „Salto Mortale“ mit Hans‑Jürgen Bäumler gedreht wurde. Dazu kamen große Flächen, damit die Tiere Auslauf hatten, schließlich die ganze Wagenburg.

Übers Ladegleis zum Bahnhof brachte der Betrieb seine beiden Eisenbahnzüge auf die Reise. Anderthalb Kilometer lang reihten sich Waggons für 120 Beschäftig­te, die großen Herden, darunter bis zu 150 Pferde, das enorme Drei‑Manegen‑Zelt für über 5.000 Besucher. Bis zum Polar­kreis waren Menschen, Tiere, Sensatio­nen unterwegs. Im Stadtarchiv findet sich noch ein aus dem hohen Norden abgeschickter Rei­sebericht des Zirkusdirektors an den Ma­gistrat und ein Antwortbriefchen voll bür­germeisterlicher Anteilnahme.

Naheliegend, daß sich auch die aufkeimende Fastnachterei mit großen Tieren schmücken wollte.

Erster Fastnachtszug nach dem Krieg mit Elefanten, Kamelen und Pferden des Zirkus Alt­hoff fand 1962 statt. Die grauen Kolosse begleiteten die alljähr­lichen Dörnigheimer Karnevalsumzüge. Und darum erkor auch der später gegrün­dete Karnevalszug‑Verein Maintal den Elefanten zu seinem Vereinssymbol. „Alte Derngemer erkennt man daran, daß sie sich nicht umgucken, wenn auf der Straße ein Kamel vorbeitrabt!“

Pferde mit römischen Streitwagen oder wieder die Elefanten zogen im Karnevalszug durch die Stadt. Ein Mann rutschte einem Kamel vom Rücken rutschte und fiel unter den Huf: Er war mit einem Kostüm aus dem Zirkusfundes als Beduine verkleidet, hatte aber vor dem Ritt nicht die einem Wüstensohn geziemende Alkoholabstinenz eingehalten. Zum Glück war er ohne Rippenbrüche davongekommen.

Der Zirkus Franz Althoff schlug an der jetzi­gen Philipp‑Reis‑Straße regelmäßig sein Winterquartier auf. Die Familie wohnte ebenfalls in Dörnigheim und Franz Althoff, der 1987 starb, ist auf dem Neuen Friedhof in Dörnigheim begraben.

Jürgen Wiezcorek begeisterte seine Mitschüler im Turnunterricht mit Trapezkunststücken. Manche alte Zirkusleute lebten spätere noch rund um Maintal, unter ihnen der im „Tigerpalast“ tätige Sohn des damaligen Direktors, Harry Althoff. Wie man hört werden bis heute Bekanntschaften und Freundschaften gepflegt.

Die Althoffs taten mancherlei, um sich am Ort beliebt zu machen. So hatten Dörnigheimer das Privileg, gratis die als Generalproben deklarierten Premieren zu besuchen. Zwar hatte die Stadtverwaltung manche Extra-Arbeit: Die vielen An‑ und Abmeldungen des Saisonpersonals, Baugenehmigungen für Zelte (im Amtsdeutsch „Sitzbankeinrichtung als fliegendes Bauwerk“) oder auch einmal ein Rat bei der Frage. wohin mit einem toten Elefanten? Die Abdeckerei im Alt‑Kreis Friedberg soll für Tage ausgelastet gewesen sein.

Der Zirkus machte sich im Gegenzug in Dörnigheim nützlich. Mal ließ er seine Elefanten im Stadtwald die Stämme rücken. Im Jahre 1956 mußten die Rüsseltiere die Bodenplatte des katholischen Kirchenneubaus in der Beethovenstraße stampfen. Insgesamt 14 Elefanten des Zirkus Althoff stampften und planierten den Bo­den des Kirchenschiffes fest. Darum hieß die Kirche bei Alteingesessenen und im Volksmund „Elefantenkirche“.

Einer der Elefanten war „Tuffi“, der am 21. Juli 1950 aus der Wuppertaler Schwebebahn rund zwölf Meter tief in die Wupper sprang. Der spektakuläre Sprung des damals noch jungen Dickhäu­ters erregte Aufsehen in ganz Deutsch­land. „Tuffi" hatte wohl Angst bekommen bei der quietschenden und mächtig schau­kelnden Schwebebahnfahrt, die vom Zirkus als medienwirksamer Werbegag geplant war. Tuffi randalierte in der Kabine (da­von existiert nur ein einziges Originalfoto) und sprang dann panisch durch die Schei­be (!) in die fast zwölf Meter tiefer gelege­ne Wupper (die nicht gerade als tiefer Fluß bekannt ist). „Über die Wupper“ (Slangbegriff für Sterben) mußte Tuffi trotz des Sturzes nicht gehen: Wie durch ein Wunder blieb die kleine Dickhäuterin fast unverletzt; sie zog sich nur Schram­men am Hinterteil zu. Gelohnt hatte sich die Werbe‑Aktion allemal ‑ jetzt war „Tuf­fi“ mit einem Mal berühmt. Die damaligen Wuppertaler Milchwerke machten den kleinen grauen Star sogar zu ihrem Mar­kenzeichen, unter dessen Namen später bundesweit Produkte vertrieben werden. Tuffi, deren Geschichte auch im Inter­net und in Kinderbüchern ihren Nieder­schlag fand, blieb übrigens mehr als 20 Jahre lang beim Zirkus Althoff und seiner Truppe. Im Jahre 1971 rückte die längst erwachse­ne Elefantendame übrigens noch einmal für einen Film des ZDF ins Rampenlicht. Doch die Bemühungen, Tuffi einen Ruhe­stand im Wuppertaler Zoo zu verschaffen, verliefen im Sande. Der Koloß beendete die Zirkuslaufbahn schließlich in Frank­reich.

 

Ein Neffe von Franz Althoff ist Franz Richard Althoff. Als er in Wolfgang seinen 70. Geburtstag feierte, erzählte er von dem in der Region wegen seines Dörnigheimer Quartiers und der Shows im festen Winterbau des Frankfur­ter Zoos. Mit Franz Althoff und dessen Sohn Harry hat er Dressuren mit bis zu 60 Pferden entwickelt, für die der Zirkus berühmt war. Schon in alten Zei­tungsartikeln klingt au, was heute Aus­hängeschild des Nachfolgebetriebs ist: Vorbildliche Tierhaltung! „Prügel bringen nichts“, sagt der heutige Jubilar und verrät: „Wenn man dem Pferd zart so von oben übers Augen fährt das beruhigt es.“

Hatte Franz Richard früher auch Ele­fanten zum Tanzen gebracht, so schaffte das Unternehmen die Jumbos und Giraffen ab. Es sei unmöglich, sie im Zirkus artgerecht zu halten. Sehnsucht klingt durch, wenn Althoff Se­nior vom Elefanten Dickie erzählt, mit dem er selbst aufgewachsen ist und Fuß­ball spielte. Der avancierte später zum Verladechef des Hauses, weil er Zeltma­sten aufrichten half, Zirkuswagen auf die Bahn schob oder sie aus dem Schlamm zog. Das Tier wurde gegen sibirische Kamele aus den Moskauer Zoo abgegeben, wo Franz Richard ihn Jahre später einmal besuchte. Das Tier erkannte ihn und ge­riet entsprechend in Unruhe. Bis heute verzeiht sich der Tierfreund das nicht.

Beiläufig erzählt Franz Richard, der Zirkus seines Onkels zwischen seinen weiten Tourneen auch an Filmen beteiligt war. In Spanien entstand „Zirkuswelten“ mit Rita Hayworth und John Wayne.

Verschmitzt erzählt der Zirkusmann die Anekdote, die sich während eines an­deren Drehtermins zutrug. In Rom spielten die Althoffs „Arche Noah“ für einen Bibelfilm, als aus einem benachbar­ten Studio jemand verzweifelt einen krä­henden Gockel suchte. Franz Richard sperrte seinen Hahn drei Tage lang bei gutem Futter in einen dunklen Karton. Im Scheinwerferlicht krähte das Tier sich darin fast die Seele aus dem Leib.

Im Alter von 15 Jahren hatte Franz Ri­chard bei Kriegsende auf der Flucht aus Prag seinen er­sten verantwortungsvollen Zirkusjob. Als Quartiermeister ritt er auf seinem Araber dein Treck voraus und suchte Höfe, wo es noch etwas Heu und Wasser gab. „Obwohl uns Tiefflieger beschossen, haben wir alle Tiere heil nach Deutschland gebracht.“ An Dörnigheim erinnert er sich gern. Seiner Erzählung nach muß das ein emsiges Reparieren, Pinseln, Zimmern gewesen sein, unterbrochen von schönen Abenden in einem Hanauer Tanzlokal mit Stehgeiger.

Nachdem der Zirkus des Onkels aus wirtschaftlichen Gründen ‑ vielleicht auch wegen der Konkurrenz des Fernse­hens ‑ um 1970 aufgelöst wurde, ging er mit Tier­gruppen „ins Engagement“: Er arbeitete mit bei Zirkussen in Europa und Afrika. Daß sein eigener Sohn früh starb, veranlaßte ihn, den seit 250 Jahren mit Zirkus verbundenen Familiennamen durch die Adoptivkinder René und Patrizia zu erhalten. Daß es mit anderen Zirkussen des Namens Althoff auch Zwist gibt, verschweigt er nicht.

 

Schulgebäude an der Dörnigheimer‑Siemensallee1953

Der 25. Oktober 1953 fiel auf einen Sonntag. Der Sonntag bot sich für die Einweihung des neuen Schulgebäudes an der Dörnigheimer Sie­mensallee an (heute Busch-Schule), war es doch in dieser Zeit der einzige arbeitsfreie Wochentag. Die alten Fotos zeigen denn auch ein großes Aufgebot an Honoratioren, Bürgern und Schülern. Den Festakt begann der Schulchor mit dem markigen Lied: „Brü­der, reicht die Hand zum Bunde“, von Wolfgang Amadeus Mozart. Danach wechselten Ansprachen, Gedicht‑ und Liedvorträge ab. Die „Weiherede“ des damals an Bürgermeisterstelle amtieren­den Wilhelm Lapp ist nicht überliefert, aber seine Festrede zum Richtfest im Sommer 1952 zeigt die Anstrengungen auf, die zum Bau eines neuen Schulge­bäudes führten.

Hatte die Schule in Dörnigheim auch nur indirekt unter den Auswirkungen des Krieges zu leiden gehabt ‑ in einigen Räumen war ein Behelfslazarett einge­richtet worden, so wuchs die Schüler­zahl nach dem Krieg durch den Zustrom von Evakuierten. Flüchtlingen und Hei­matvertriebenen rasch an. Lag im Jahr 1939 die Zahl der Schulklas­sen bei sechs, mit ebenfalls sechs Lehr­kräften, weist die Statistik von 1954 be­reits eine Verdoppelung auf zwölf Klas­sen mit zwölf Lehrern auf. Standen vor dem Krieg für 240 Schüler sechs Klassen­räume zur Verfügung. So mußten 1954 bereits 511 Kinder untergebracht wer­den.

Galt zunächst der Beschaffung von Wohnraum die Priorität, konnte nach der Währungsreform an eine Verbesse­rung der Schulraumnot gedacht werden. So stellte denn Wilhelm Lapp seine Rede zum Richtfest unter das Motto eines Wortes von Humboldt: „Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an materiellen verloren hat.“ In der Ge­meinde war der Schulneubau umstritten und wurde absolut kontrovers gesehen.

Wie viele Wohnungen hätte man für die­ses Geld bauen können? Mußte der Neubau so „großartig“ sein? Die Gemeinde­vertreter handelten unter zähem Ringen nach der Erkenntnis: Eine Schule muß viele Jahrzehnte den Anforderungen gerecht werden. Neue Bedürfnisse erforderten zusätzliche Räume. Eingeplant wurden Werkräume, ein Zeichensaal, ein Musikraum, ein Handarbeitsraum und Platz für botanische und Naturkundesammlungen.

Den Architektenwettbewerb gewonnen hatte der damals junge Diplomingenieur Karl Heinz Doll, der selbst als Schüler in Dör­nigheim die Schulbank gedrückt hatte. Er leitet die Bauarbeiten an dem „ersten wahrhaft repräsentativen Gebäude in Dörnigheim“ mit großer Umsicht. Die Weiherede endete mit dem Spruch: „Ich weihe dieses Haus dem Geist der Arbeit, dem Geist der edlen Menschlichkeit, dem Geist des Friedens.“

Der erste Rektor der Schule ist Willi Wendelin.

 

Ortsentwicklung ab 1955

Das Interesse der Gemeindeführung konzentrierte sich zunächst darauf, noch mehr Industrie und Gewerbebetriebe in unsrer Gemarkung anzusiedeln, um die Finanzkraft der Gemeinde zu stärken. Die Bemühungen waren erfolgreich. Neben vielen kleineren Betrieben nahmen eine Strumpffabrik und vor allem die Weltfirma Honeywell ihre Ferti­gungsarbeiten in Dörnigheim auf. Für die Firma Honeywell wurde hinter dem alten „Tannenwäldchen“ ein. Dörnigheim nahm diese Entwicklung infolge seiner Lage im Zentrum des Ballungsgebiets Rhein-Main, der ungeheuren Steigerung des Verkehrs und nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Ereignis, das man das deutsche Wirtschaftswunder zu nennen pflegt.

Wenn früher fast alle Dörnigheimer Arbeitnehmer nach außerhalb an ihre Arbeitsstätten fahren mußten, kann der größte Teil von ihnen heute seiner beruflichen Tätigkeit im eignen Wohn­ort nachgehen, während der Anteil der von außerhalb täglich nach Dörnigheim kommenden Arbeitnehmer ständig zunimmt. Am 1. Juli 1964 gab es in Dörnigheim 4.228 Arbeitsplätze. Die Vermehrung der industriellen und gewerblichen Betriebe fand ihren Niederschlag in einer enormen Steigerung der Einnahmen der Gemeinde aus der Gewerbesteuer. Das Volumen des ordentlichen Haushalts der Ge­meinde stieg von rund 500.000 DM im Jahre 1954 auf rund 3.500.000 DM im Jahre 1963.

 

Neben der Ansiedlung neuer Industrie- und Gewerbezweige tritt das gewaltige Ausmaß des Wohnungsbaus in der Entwicklung Dörnigheims am meisten in Erscheinung. Während anfangs der Jahre die Bautätigkeit im wesentlichen bestimmt wurde von akuten Bedarf an Wohnraum für notdürftig untergebrachte Familien, sahen nach 1955 immer mehr auswärtige Baugesellschaften und Privatleute im Dörnigheimer Wohnungsbau eine günstige Möglichkeit der Geldanlage. Da infolge der Vermehrung der Arbeitsplätze Ort echter Wohnungsbedarf vorhanden war, unterstützte die Ge­meinde diese Vorhaben, soweit es sich mit dem Gemeinwohl verein­baren ließ. So entstanden am Ostrand und am Westrand des bis­herigen Siedlungsgebiets große vier- bis fünfgeschossige Wohnblöcke und als nunmehr dominierende Bauten einige zwölfgeschossige Hochhäuser. Zwischen den großen Wohnblöcken und an land­schaftlich besonders schönen Stellen, wie am Main entlang oder am Burgennickel, erbauten sich Privatleute - viele davon der Großstadt Frankfurt entfliehend - schöne, zum Teil sehr geschmackvolle Einfamilien­häuser.

Entsprechend der Bautätigkeit wuchs die Bevölkerungszahl Dörnigheim sehr schnell. 5.000 Einwohner waren es 1955, im Jahre 1960 schon 7.000, und 1963 sind es 10.400. Dörnigheim nahm damals durchschnittlich im Monat um über 100 Einwohner zu. Der Bau ausgedehnter Wohnsiedlungen erforderte nicht nur die gründliche Planung und Verlegung neuer Straßen und Versorgungs­leitungen, sondern auch die Einrichtung eines Kanalnetzes, das den zukünftigen Anforderungen gewachsen ist. Hauptsächlich die Kana­lisation hat den Dörnigheimer Gemeindevätern hinsichtlich der Pla­nung wie auch der Finanzierung Sorgen bereitet. Die Gemeindever­tretung beschloß im Jahre 1960, das Dörnigheimer Kanalnetz an die neue Kläranlage, die die Stadt Hanau in Kesselstadt baut, anzu­schließen.

                                                                 

Eine öffentliche Bibliothek wurde 1956 eingerichtet. In den Jahren 1956 und 1957 erfolgte der Wasseranschluß des Industriegebietes Nord, nördlich der Bahnlinie, an das Ortsnetz.  

Die Turnhalle der Freien Turnerschaft Dörnigheim (FTD) an der Uferstraße wurde 1958 gebaut. Der Fußballclub FC Germania erhielt 1958 einen eigenen Fußballplatz nördlich der Bahn, ehe er 1964 auf die neu errichtete Sportanlage Eichenheege umzieht. Die Turnhalle der Turngemeinde Dörnigheim (TGD) an der Bahn­hofstraße wurde 1959 fertiggestellt. .

 

Die ersten „Gastarbeiter“ kamen 1959 aus Italien nach Dörnigheim. Früher waren die Frank­forter für uns Ausländer un die Milheimer aach“, sagen die alten Dörnigheimer. Viele Ausländer verstehen sich aber gar nicht als solche, weil sie entweder hier aufgewachsen oder mit einem deutschen Partner verheiratet sind. Viele der ausländischen Einwohner leben in der Tat schon länger als zwanzig Jahre in Deutschland. Achtzig Prozent der Kinder, die in Dörnigheim oder der nächsten Umgebung zur Schule gehen, sind hier geboren und aufgewachsen.

 

Es begann 1959 mit den Italienern. Die amtlichen Stellen melden, daß der Zuzug von ausländischen Arbeitnehmern nach Dörnigheim 1959 begann. In diesem Jahr trafen mehrere italienische „Gastarbeiter“ ein. Das erste größere geschlossene Kontingent ausländischer Arbeitnehmer stellte Anfang der sechziger Jahre die Firma Kling Furnierwerke ein.

Es handelte sich um rund fünfzig weibliche und männliche Arbeitnehmer aus Irland. Nach dem Auslaufen der Arbeitsverträge traten in Mitte der sechziger Jahre in größerem Maße griechische Mitarbeiter an ihre Stelle.

Zur gleichen Zeit etwa kamen auch viele Arbeitskräfte aus dem Nordwesten Spaniens hierher, nachdem bereits zuvor schon einzelne Familien aus Katalonien (Mitarbeiter der Firma Dunlop in Hanau) in Dörnigheim ansässig geworden waren. Viele der im Versandhaus Neckermann in Frankfurt beschäftigten Ausländer fanden im Haus Südring 3 Unterkunft. Gleichzeitig mit den Spaniern, jedoch in geringerer Zahl, kamen auch jugoslawische Staatsangehörige nach Dörnigheim. Bedingt durch die verbesserte wirtschaftliche Situation in ihrem Heimatland, kehrten nun ansässig gewordenen Italiener zurück in ihre Heimat. Für sie kamen Männer aus Marokko und Tunesien, die meistens im Baugewerbe beschäftigt wurden. Eine heute sehr große Gruppe, die Türken, kam in nennenswerter Zahl erst in der Mitte der siebziger Jahre nach Dörnigheim, zu einer Zeit, als zum Beispiel die meisten Spanier schon wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

In den Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland waren Gastarbeiter angeworben worden. Der wirtschaftliche Aspekt war und ist auch heute noch in der Regel der Hauptbeweggrund des Hierherkommens der Ausländer. In einzelnen Fällen, wie etwa bei den Iranern und den Kurden, waren allerdings überwiegend politische Gründe ausschlaggebend. Wegen der politischen Verfolgung in ihren Heimatländern haben sie hier um Asyl nachgesucht. Für diesen Personenkreis gelten besondere Einbürgerungsbedingungen.

Die Griechen bilden in Dörnigheim die größte Gruppe. Sie haben bereits 1978 die „Griechische Gemeinde Maintal und Umgebung“ gegründet, die alle ansässigen Landsleute in Maintal umfaßt und ihren Sitz in Dörnigheim hat. Nachdem die Vereinigung viele Jahre im Gemeindezentrum ihr Büro hatte, stellte ihnen die Stadt Maintal 1989 nach der Renovierung des ehemaligen Gasthauses „Frankfurter Hof“ Räumlichkeiten zur Verfügung. Dort hält der Vorstand der griechischen Gemeinde seine Sitzungen ab. Es finden zweimal in der Woche Sprechstunden für Landsleute statt, wo sie Beratung finden für ihre Arbeits- und Sozialprobleme. Hier übt die Folklore-Tanzgruppe. In Zusammenarbeit mit der Stadt Maintal und der Volkshochschule Hanau wird für neu aus Griechenland gekommene Jugendliche Deutschunterricht angeboten. Die Frauen treffen sich einmal in der Woche zur Gymnastikstunde. Die Jugendgruppe organisiert ihre Treffen und gelegentlichen Tanzabende.

Bei den sportlichen Aktivitäten haben sich die Ausländer in Dörnigheim völlig integriert. Sie sind Mitglieder der hiesigen Vereine und man erkennt sie nur, wenn sie in der Zeitung mit ihren anders klingenden Namen erwähnt werden. Die Italiener hatten viele Jahre eine eigene Fußballmannschaft, die „Juve Maintal“, die aber im Jahr 1988 wegen Nachwuchsmangels wieder aufgelöst wurde. Die Griechen unterhalten einen eigenen Fußballverein, den FC Hellas, dessen Sitz zwar in Hochstadt ist, obwohl die meisten Spieler in Dörnigheim wohnen. Der FC Hellas ist übrigens in die Bezirksliga aufgestiegen.

Viele, die Wirtschafts- oder Arbeitsprobleme hatten, haben sich selbständig gemacht. So gibt es unter anderen den griechischen Schneider Kalkan, die ebenfalls griechischen Kürschner Spanidis und Valalas, die italienischen Eisdielen Costa sowie Gaststätten „Al Boschetto“ (italienisch), „EI Greco“, „Hellas“ und „Philippi“ (griechisch), „Hongkong“ (chinesisch) und die Pizzeria „Da Salvatore“ (griechisch-italienisch), die tschechische Ärztin Dr. Dufkova, den verstorbenen Arzt Dr. Sariyiannidis, den iranischen Kinderarzt Dr. Moradof und den italienischen Malermeister Mattia (Der vollständige Beitrag über Ausländer in Dörnigheim ist in dem Buch „Dörnigheim vor 1200 Jahren“ nachzulesen).

Seit 1959 hat sich der Anteil der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf etwa 14,5 Pro­zent an der Gesamtbevölke­rung erhöht. Sie sind fester Bestandteil des Lebens in Dör­nigheim.

Das „Septemberfest“ findet seit 1980 in der zweiten Septemberwoche im Evangelischen Gemeindezentrum in Dörnigheim statt. Ein gelungenes Fest, beliebt und besucht von aus- und inländischen Bürgern Dörnigheims und ganz Maintal. An diesem Fest nehmen Griechen, Italiener, Jugoslawen, Portugiesen, Spanier, Holländer, Iren, Amerikaner, Türken und Kurden (gemeinsam oder getrennt) und Vietnamesen regelmäßig teil.

Mit der Zeit haben sich zunehmend auch einheimische Vereine, Bürgerinitiativen Friedensgruppen und amnesty international dem Fest angeschlossen. Jede Gruppe, vor allem die ausländischen, präsentieren heimatliche Delikatessen, Getränke, Folklore, Tanzgruppen und Theaterstücke. Eine bunte Mischung von Selbstdarstellung, Werbung und nicht zuletzt Integrationsbereitschaft. Man kostet die angebotenen fremden Spezialitäten und spricht ungezwungen miteinander. Wünsche und Erinnerungen werden so geweckt, Bekanntschaften geknüpft und alte Freundschaften aufgefrischt.

                                                                 

Im Jahr 1960 erfolgte der Bau der Trauerhalle auf dem alten Friedhof. Die Kindertagesstätte an der Siemensallee. wird 1962 erbaut.

 

Das Anwachsen der Bevölkerungszahl bedingte eine Erweiterung der neuen Schule. Die Volksschule wurde von 1.000 Schulkin­dern besucht. Es ist beabsichtigt, im Jahre 1965 im Baugebiet West eine Real- und Volksschule mit Förderstufe und im Jahre 1967 eine weitere Volksschule im Osten des Ortes zu errichten. Im Jahre 1962 wurde ein von der Gemeinde erbauter und unterhaltener Kinder­garten eingeweiht, ein weiterer Kindergarten im Baugebiet West wurde geplant.

Die katholische Kirchengemeinde erbaute im Jahre 1957 in der Mitte des „neuen Dorfes“ in der Hasengasse eine schöne moderne Kirche, deren viereckiger, vom Hauptbau abgesetzter Glockenturm das Wohngebiet zwischen Bahn und altem Ortskern beherrscht. Am 19. Mai 1957 erfolgt die Einweihung der katholischen Kirche „Maria Königin“. Ihre vier Glocken erklingen in den Tönen f-as-b-c. Im Jahre 1957 ist der erste Fronleichnamszug der katholischen Kirchengemeinde in Dörnigheim.

Die alte evangelische Kirche am Main wurde 1960 unter Aufsicht des Landeskonservators einer gründlichen Renovierung unterzogen, wobei wichtige geschicht­liche Erkenntnisse gewonnen. Für beide christlichen Kirchen wurden im Ortsbebauungsplan Plätze für die Errichtung zweier weiterer Kirchen ausgewiesen worden. Der Friedhof wurde in den Jahren 1959 und 1960 erweitert und durch eine Kapelle vervollständigt. Er reichte indessen für die Zukunft nicht aus, und man hat bereits ein Gelände für die Anlage eines neuen Friedhofes festgelegt.

 

Die Arbeit der Gemeindeführung in den Jahren des stürmischen Aufbaus erschöpfte sich aber nicht nur in der Planung und Durch­führung der für alle sichtbaren Bauvorhaben, sondern bei der Menge der anfallenden Verwaltungsgeschäfte mußte auch dafür gesorgt werden, daß das innere Organ der Gemeinde, eben die Verwaltung, funktionsfähig blieb. Zu diesem Zweck wurden die Verwaltungsvor­schriften, Satzungen, Gebührenordnungen usw. der Gemeinde immer wieder neu durchdacht, und, wenn notwendig, geändert oder neu aufgestellt. Der Personalstand der im Dienst der Gemeinde tätigen Beamten, Angestellten und Arbeiter mußte ständig erweitert werden.

Bürgermeister Schütz, in dessen Amtszeit die sprunghafte Aufwärts­entwicklung fällt, mußte sein Amt im Anfang des Jahres 1963 wegen Krankheit zur Verfügung stellen. Er hat während seiner achtjährigen Tätigkeit durch eigene Initiative viel zu dem äußeren und inneren Ausbau Dörnigheims beigetragen. Seit dem 1. März 1963 stand der frühere Ober­regierungsrat Franz Fleck als Bürgermeister an der Spitze der Gemeinde. Bei seiner Amtsübernahme prägte er das Wort: „Die Wei­chen sind gestellt!“ Damit ist gesagt, daß die Gemeinde, soweit sie in eigner Verantwortung entscheiden kann, für die nächste Zukunft die wichtigsten öffentlichen Arbeiten gründlich geplant hat. Andere Probleme, für die die Gemeinde nicht allein zuständig ist, zum Beispiel Orts­durchfahrt der Bundesstraße 8, Rhein-Main-Schnellweg, Erholungs­gebiet West und Schwimmbad, harrten noch der Lösung.

Der Dörnigheimer Leichtathlet Marcel Wendelin nimmt 1960 in Rom an den Olympischen Spielen teil.

 

Stadterhebung 1964

Dörnigheim war sowohl in seinem äuße­ren Bild wie in seiner inneren Struktur bereits zu einem städtischen Gemeinwesen geworden ist. Um das Steueraufkommen zu verbessern, wiesen die Gemeindevertreter neue Gewerbegebiete aus und holten mit großer Anstrengung Industrie und Handel nach Dörnigheim. Hunderte von Arbeitsplätzen wurden geschaffen. Die Schlafstadt veränderte ihr Gesicht. Neue Siedlungsgebiete umschlossen bald den alten Ortskern nach Norden, Osten und Westen. Öffentliche Gebäude wie das Evangelische Gemeindezentrum, die Großsporthalle (heutige „Maintal‑Halle“) und das Hallen­- und Freibad, entstanden. Alle Voraussetzungen zur Stadtgründung waren gegeben. Nicht nur auf­grund seiner Einwohnerzahl, sondern weil die ehemalige Landgemeinde in der Tat städtisches Gepräge bekommen hatte. Die Infra­struktur, die Einkaufsmög­lichkeiten, aber auch die kommunalen Einrichtungen hatten einen Stand erreicht, die einer Stadt angemessen waren. Der krönende Abschluß in dieser Entwicklung war die Erhebung Dörnigheims zur Stadt im Jahre 1964. Es war die größte Gemeinde im alten Landkreis Ha­nau. Der zehntausendste Dörnigheimer Einwohner wurde 1964 geboren.

 

In der Urkunde heißt es; „Der Gemeinde Dörnigheim im Landkreis Hanau, Regierungsbezirk Wiesbaden, wird gemäß § 13 Abs. 1 der Hessischen Gemeindeordnung i. d. F. vom 1. Juli 1960 (GVBI. S 103) das Recht verliehen, die Bezeichnung ‚Stadt’ zu führen. Wiesbaden, den 18. September 1964.“ Unterzeichnet wurde die Verfügung vom damaligen Hessischen Innenminister Heinrich Schneider. Die eigentliche Stadterhebung fand dann im Oktober 1964 unter der Leitung von Bürgermeister Franz Fleck statt.

Aber auch kritische Stimmen waren zu hören. So habe Dörnigheim absolut nicht den Charakter einer Stadt. Zwar seien Häuser jeder Größe und Preislage auf das Ackerland hinaus gebaut worden, aber es sei dabei ein Durcheinander von Bauten verschiedenster Art entstanden. Es gäbe kaum Geschäfte und Gastwirtschaften. Die Neubürger müßten in den kleinen Läden im „alten Dorf“ einkaufen, auch wären die beiden Kinos bereits wieder geschlossen worden. Zum Einkaufen und Ausgehen bevorzuge man eben Frankfurt. Bürgermeister Franz Fleck beurteilte die Stadterhebung gelassen. So sei die Verleihung der Stadtrechte nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur völligen Veränderung des Gesichtes der Gemeinde, sagte damals.

Die Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung, in deren Amtszeit Dörnigheim zur Stadt erhoben wurde 1964:

Gemeindevorstand: Bürgermeister Franz Fleck, Erster Beigeordneter Jakob Lapp, Beigeordnete Karl Bechert, Ernst Börner, Fritz Gnoth, Walter Jaeger, Konrad Meier, Friedrich Wich

Gemeindevertretung: Vorsitzender Adam Zahn, stellvertretender Vorsitzender Heinrich v. z. Mühlen. Gemeindevertreter Wilhelm Lapp, Otto Bickert, Anna Bildhäuser, Liselotte Bohné, Jakob Ebert, Fritz Fischer, Richard Geroneit, Heinrich Heck, Friedrich Ickes, Karlheinz Lapp,. Wilhelm Manns, Gregor Neumann, Edmund Seng, Josef Weis, Albert Zehner, Walter Zopf.

 

 

Weiterer Ausbau des Stadtteils (Zusammenstellung nach Ingeborg Schall)

 

1965

Kindertagesstätte an der Eichendorffstraße wird gebaut

1965

Gründung einer Tauchergruppe bei der Freiwilligen Feuerwehr

1967

Einweihung der Dietrich-Bonhoeffer-Schule, erster Rektor Paul Henkel

1968

Einführung des Krankenpflegedienstes (später „MSHD“)

1968

Einweihung der katholischen Kirche „Allerheiligen“ in der Waldsiedlung

1968

Eröffnung des evangelischen Jugendzentrums in der Waldsiedlung

1968

Am 12. November Gründung des „Elternverein Dörnigheim“, des späteren „Jugend-     Musik- und Kunstvereins“ als erster Jugendkunstschule in Hessen. Seit 1992 heißt der Verein „Jugend-Musik- und Kunstschule Maintal“

1970

Im Frühjahr erleidet Dörnigheim eine Hochwasserkatastrophe, die Neubaugebiete am Bootshafen und in der Wingertstraße stehen unter Wasser

1970

Beginn des Unterrichts an der neu errichteten Wilhelm-Busch-Schule in der Waldsiedlung mit dem Rektor Kurt Andreas

1970

Kindertagesstätten an der Vilbeler Straße und der Wingertstraße werden eröffnet

1970

Einrichtung eines neuen Friedhofs im Osten von Dörnigheim

1971

Auflösung der evangelischen Schwesternstation

1971

Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses an der Berliner Straße

1973

Sportanlage „Dicke Buche“ entsteht

1974

Das Mittelpunkt-Schwimmbad nimmt seinen Betrieb auf.

1974

Baubeginn der Autobahn A 66 auf Dörnigheimer Gebiet

1974

Eröffnung des evangelischen Gemeindezentrums (EGZ) mit Kindergarten

 

Im Jahre 1968 wurde die Grenze zwischen der Stadt Hanau und der Stadt Dörnigheim. im Landkreis Hanau geändert: Am 12. November beschloß die Hessische Landesregierung: „Auf Grund der §§ 16 und 17 der Hessischen Gemeindeordnung i. d. F. vom 1.7. 1960 (GVBl. S. 103) und der §§ 14 und 15 der Hessischen Landkreisordnung i. d. F. vom 1. 7. 1960 (GVBl., S. 111) wird mit Wirkung vom 1. Januar 1969 nachstehende Grenzänderung vorgenommen:

1. Aus dem Gebiet der Stadt Hanau werden ausgemeindet und in das Gebiet der Stadt Dörnigheim eingemeindet: Flur 16, Flurstücke 4/4 (3,6111 ha), 4/5 (0,1960 ha), Flur 30, Flurstück 50 (1,5208 ha), 51 (0,40822 ha), 52 (0,0172 ha), insgesamt 5,8163 ha.

2. Aus dem Gebiet der Stadt Dörnigheim werden ausgemeindet und in das Gebiet der Stadt Hanau eingemeindet: Flur 31, Flurstücke 30 (0,1319 ha), 31 (0,0580 ha), 32 (0,0686 ha),33 )0,2146 ha), 34 (0,2483 ha), 35 (0,1471 ha), 36 (0.0576 ha), 37 (0,0885ha), 63/38 (0,8472 ha), 39 (0,0315 ha), 40 (0,0460 ha), 64/38 (0,0310 ha), 65/41 (0,0415 ha), 66/41 (0,0310 ha), 42 (0,7275 ha), 43 (0,0216 ha), 44 (0,2275 ha), 45 (0,2411 ha), 46 (0.0935 ha), 47 (0,3528 ha), 48 (0,0905 ha), 49 (0,0304 ha), 50 (0,0308 ha), 51 (0,3020 ha), 56 (0,0743 ha), 57 (0,0233 ha), 4/1? (0,0446 ha), 54/1 (0,0382 ha), 5/1 (0,2443 ha), 7/1 (0,1528 ? ha), 9/1 (0,1599 ha), 10/1 (0,0512) ha, insgesamt 5.2586 ha. Wiesbaden, 22.11.1968, Der Hessische Minister des Innern.“
 

Die Freude über die Stadterhebung dauerte aber nur zehn Jahre. 1974, mit der Hessischen Gebietsreform, verband sich die flächengrößte, bevölkerungsreichste und finanziell gesicherte Stadt Dörnigheim mit den Gemeinden Bischofsheim. Hochstadt und Wachenbuchen zur Retortenstadt Maintal.

 

Im Jahre 1999 wurde auf einem Ortsschild noch einmal „Dörnigheim“ vorangestellt. Wer von Hanau kommend. an Honeywell vorbei auf Dörnigheim zusteuerte, sah nicht „Maintal“, sondern „Dörnigheim“ auf dem Ortschild. Doch dabei handelte es sich angeblich nur um ein Versehen. Irgendwann (wann es genau war, weiß niemand mehr so genau) mußte das Ortsschild nach einem Verkehrsunfall ausgetauscht werden. Dann wurde das neue angefertigt und aufgestellt. Warum das Straßenbauamt nun plötzlich Dörnigheim und nicht Maintal in den Mittelpunkt rückte, konnte weder im Ordnungsamt noch in der Straßenmeisterei noch im Straßenbauamt selbst nachvollzogen werden. Ein Fehler, der nach den Statuten des Landes Hessen keinen Bestand haben darf und daher baldmöglichst beseitigt wird. Nicht die Stadtteile stehen auf den gelben Schildern an erster Stelle, sondern die Stadt Maintal als Ganzes. Alle Schilder verraten erst „kleingedruckt“, um welchen Stadtteil es sich handelt. Doch wenn man durchs Land fährt sieht man manches Ortsschild, wo der Stadtteil vorangestellt ist und nachher erst die Großgemeinde, besonders im Bereich Büdingen und Gelnhausen

 

Wald

Einer der ältesten Zeugen der Dörnigheimer Geschichte ist eine etwa 800jährige Eiche im Wald beim Sportplatz „Dicke Buche“. Bei Nachforschungen im Dörnigheimer Wald stieß Horst Meisen­zahl auf eine etwa 800 Jahre alte Eiche, die einen Umfang von 6,20 Meter hat. Unter dem Laubdach der Ei­che haben bereits im Mit­tel­alter Schweine der Dörnigheimer Bauern nach Eicheln gewühlt. Meisenzahl war bei seinen Studien zu Dörnigheimer Fluren eine topographische Karte aus der Zeit um 1905 in die Hän­de gefallen, auf der auch Naturdenkmäler verzeichnet sind. Die Eiche wird auch „Huntsbaum“ genannt. Aufgrund ihres Alters und ihrer stark ausgeprägten Krone handelt es sich mit Sicherheit zudem um eine ehemalige Huteeiche. Unter ihr soll der Sammelplatz für die Jagdhunde der Herr­schaf­ten gewesen sein. Das Wort „Hunts­baum“ leite sich aber eher von einem Lesefehler ab, es könnte auch einfach „Hutebaum“ heißen.

Der Reichsbannforst Gelnhausen wurde 1350 durch Karl IV. errichtet. Er reichte bis zur Braubachmündung, wo der Reichsforst Dreieich begann. Im Jahre 1414 wird in einem alten Reichslehenbrief die Grenze des Reichswildbannforstes Gelnhausen genau festgelegt. Sie fällt nach Westen hin mit der alten Gaugrenze (Braubachmündung) zusammen. Im Jahre 1724 beträgt der Waldbestand 238 Hektar. Im Jahr 1836 wird erstmals Steinkohle in Dörnigheim verbrannt. Aber erst im Winter 1881 ‑ 1882 wird der Steinkohlenbrand allgemein üblich. Im Jahre 1902 besaß sind es auch noch 237 Hektar.

 

Heute wird in Maintal der Holzeinschlag sorgfältig geplant. Der Förs­ter beobachtet das Spiel von Licht und Schatten, um die richtige Stelle zu finden, an der nach dem Fällen auch neue Bäume nachwachsen: bei zuviel Licht ver­hindern Brombeeren den Wuchs neuer Bäume. Keine Entscheidungsfreiheit beim Fällen von Bäumen hat der Förster, wenn die Sicherheit von Menschen gefährdet ist. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei beson­ders der 60 Kilometer langen Außengrenze seines Reviers. Aber auch im Wald selbst müssen die Besucher vor herabstürzenden Ästen und Bäumen geschützt werden.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es bei den zahlreichen Besuchern über die soge­nannte Ordnung im Wald. Beschwerden über zuviel herumliegende Äste im Wald begegnet der Förster mit der Erklärung, daß totes Holz für viele Käferarten nötig sei. Auch dem Vorwurf, neues Holz zu schlagen, obwohl doch so viele gefällte Bäume im Wald liegen, weiß der Forst­mann zu entgegenzutreten. Die Baumstäm­me sind bereits alle verkauft, oft wartet der Besitzer auf eine günstige Transportmög­lichkeit oder läßt das Holz aus anderen Gründen liegen.

Freiwillige Helfer, die auch noch Geld be­zahlen, finden sich zum Einsammeln der nicht verwertbaren Teile der gefällten Bäume. „Selbstwerber“ nennt der Förster die 250 Maintalerinnen und Mainta­ler, die ihr Kaminholz im Wald selbst abho­len. Gern hätte er noch mehr solcher Kun­den.

Insgesamt gibt es eine große Zahl von Nutzern des Waldes, deren unterschiedli­che Interessen es zu berücksichtigen gilt. Spaziergänger, Jogger, Reiter und Jäger fordern ihre Rechte. Die Funktion des Waldes als Erholungsgebiet stellt andere Anforderungen als die reine Waldwirtschaft. Dem wird die Stadt Maintal auch durch einen entsprechender finanziellen Zuschuß gerecht, Wanderwege und Bänke müssen den Bedürfnissen der Spaziergänger entsprechen. Zur Sicherheit aller Betroffenen werden besondere Reitwege angelegt.

Sorgen machen dem Förster auch die Müllablagerungen, zu deren Beseitigung die Stadt Maintal im letzten Jahr über 30.000 Mark aufwenden mußte. Zunehmend sind es gewerbliche Abfälle, die auf diese Weise entsorgt werden. Auf der anderen Seite findet sich noch ein Stück Auenwald, ein verwunschenes Stück Natur. Es wird durch Erlenbruchholz vor dem Vordringen anderer Bäume geschützt. Aber dieses Idyll ist durch Wassermangel gefährdet.

 

 

Stadt Maintal 1974

Die Freude an einer selb­ständigen Stadt Dörnigheim währte indessen nur zehn Jah­re. Ähnlich wie das benachbar­te Bergen‑Enkheim, das erst 1968 zur Stadt erhoben worden war, büßte Dörnigheim im Zu­ge der Gebietsreform seine Selbständigkeit im Jahre 1974 wieder ein.

Während Bergen‑Enkheim Stadtteil von Frankfurt wurde, Schloß sich Dörnigheim - um diesem Schicksal zu entgehen - mit den Nachbargemeinden Bischofsheim, Hochstadt und Wachenbuchen zur Stadt Maintal zusammen. Das böse Wort vom „Moloch Frankfurt“ hatte die vier Ge­meinden zum Handeln veranlaßt. Am 1. Juli 1974 entstand, der Not gehorchend, diese Stadt aus der Retorte.

Dem waren indes lebhafte poli­tische Aktivitäten vorausge­gangen. Bereits im April 1970 setzte sich die CDU für einen gemeinsamen Flächennutzungsplan der Stadt Dörnig­heim und der Gemeinden Bi­schofsheim und Hochstadt ein. Dies sollte der erste Schritt zur Entstehung einer integrierten und leistungsfähigen Mittelstadt zwischen Frankfurt und Hanau sein. Ein entsprechender Antrag wurde jedoch im Stadtparla­ment abgelehnt, auch von der SPD, die nichtsdestoweniger in ihrem Parteiblatt „Stadt Prisma Dörnigheim“ für sich in Anspruch nahm, der „Mo­tor“ für ein Zusammenwach­sen der drei Kommunen gewe­sen zu sein. Von einer Einbe­ziehung Wachenbuchens in die Fusion war zunächst nicht die Rede. Wachenbuchen galt als Hanau orientiert, schon wegen seiner geographischen Lage.

Es wurden verschiedenartige Überlegungen angestellt, um der drohenden Gefahr eines Anschlusses der Stadt Dörnig­heim an Frankfurt oder einer Einkreisung nach Offenbach, von der ebenfalls die Rede war, zu entgehen. So schlugen im Dezember 1971 der Dörnighei­mer Bürgermeister Erwin Henkel und der Hanauer Ober­bürgermeister Hans Martin in einer Bürgerversammlung der SPD eine Eingemeindung Dör­nigheims in das Stadtgebiet von Hanau vor.

Anfang 1972 kam dann aus Wiesbaden der Vorschlag des hessischen Innenministers, daß Dörnigheim, Bischofs­heim, Hochstadt und Wachen­buchen eine kommunale Ein­heit bilden sollten. Ein weite­res Schreckgespenst tauchte aber auf: Der sogenannte „Mehrzweckpflichtverband“, dem Dörnigheim angehören sollte, und von dem die CDU befürchtete, daß auf diesem „kalten Wege“ die Stadt ihre Selbständigkeit verlieren sollte. Aus dem Pflichtverband wur­de später eine nicht minder unglückselige Konstruktion, der „Umlandverband Frank­furt“ (kurz UVF), welcher der Stadt Maintal kraft Gesetzes aus Wiesbaden verordnet wur­de.

Mißlich war dies für die neue Stadt deshalb, weil sie als einzige Kommune des Main-Kin­zig‑Kreises diesem Ver­band angehört und sich da­durch Kompetenzverschiebun­gen und eine finanzielle Dop­pelbelastung für Maintal erge­ben. Große Erregung gab es bei den Landwirten, weil die zu­ständige Agrarbehörde des Umlandverbandes in dem nicht gerade be­nachbarten Usingen lag. Das wurde später bekanntlich ge­ändert.

 

Weitere Ereignisse in der Zeit der Stadt Maintal ab 1974

(nach Ingeborg Schall, vergleiche aber hierzu auch die Datei „Maintal, Geschichte“):

 

1974

Die Postleitzahl wird geändert von 6451 in 6457 für ganz Maintal

1975

Mit Jahresbeginn nimmt der Umlandverband Frankfurt seine Arbeit auf

1977

Bau der Sonderkindertagesstätte in der Waldsiedlung

1977

Bau der Altenwohnanlage in der August-Bebel-Straße durch die Stadt Maintal

1977

Postamt an der Berliner Straße fertiggestellt (vorher Post an der Breitscheidstraße)

1978

Einrichtung des Massa-Großmarktes im Osten von Dörnigheim

1979

Inbetriebnahme der Autobahn A 66.

1979

Wiederaufleben des Fastnachtszuges durch den neuen Fastnachtszug-Verein

1979

Der Festplatz am Bahnhof wird eingerichtet.

1980

Bau der Maintal-Halle als Großsporthalle mit Spezial-Fechtballe

1980

Die Stadtbücherei zieht aus der Siemens-Schule in die Maintal-Halle

1980

Der „Maintal~Tagesanzeiger“ löst das „Dörnigheimer Echo“ ab

1980

Absenken des Wasserspiegels auf dem Main um durchschnittlich 1,20 Meter durch die Auflassung der Staustufe Mainkur

1980

Ab diesem Jahr alljährlich das Septemberfest als Woche der ausländischen Bürger im Evangelischen Gemeindezentrum

1980

Im Oktober kauft die Stadt Maintal die drei Baggerseen im Westen von Dörnigheim, die beim Bau der Autobahn A 66 entstanden sind. Zwei werden an Angler und Surfer ver­pachtet, der dritte wird als Naturschutzgebiet ausgewiesen

1980

Erstmals Altstadt-Weihnachtsmarkt in Dörnigheim. Ausrichter ist der in diesem Jahr gegründete „Historische Kulturkreis Dörnigheim“

1984

Das alte Rathaus in der Frankfurter Straße wird nach fast sechsjähriger Renovierungsarbeit am 15. Juni von dem Ehepaar Evelyn und Volker Stragies als Restaurant „Altes Rathaus“ eröffnet

1984

Die Fröbel-Schule für behinderte Kinder erhält Räume in der Siemens-Schule

1985

Das Pfingstfest, hervorgegangen aus dem „Stadtfest“ und der Kerb und veranstaltet vom Blasorchester der Turngemeinde Dörnigheim, wird letztmalig gemeinsam mit dem l25jährigen Vereinsjubiläum des Volkschores Dörnigheim auf dem Festplatz am Bahnhof veranstaltet

1985

Bau der Unterführung am Bahnhof

1986

Eine Schiffsanlegestelle für die Personenschiffahrt westlich der Fähre einge­richtet

1986

Das erste „Derngemer Maafest“ findet unter Beteiligung fast sämtlicher Dörnig­heimer Vereine auf den Mainwiesen statt als Fortsetzung der Kerb

1988

Errichtung eines Glockenturmes auf dem neuen Friedhof

1988

Im März großes Hochwasser auf dem Main und am Schwimmbad

1988

Sprengung des Flußkraftwerkes im Main an der Schleuse Mühlheim

1989

Das Gasthaus „Frankfurter Hof“ wird städtisch und zum Jugendzentrum

1989

Ab 12. Mai Koalition von SPD und „Die Grünen“ als Führungsparteien

1989

Beginn der Verkabelung für das Kabelfernsehen mit 20 Programmen (Post)

1990

Die Flugsanddüne im Westen von Dörnigheim als Naturdenkmal sichergestellt

1990

Im Mai werden die Kindertagesstätten in der Wiöchernstra0ße und an der Siemensallee durch Brandstiftung zerstört

1990

Am 30. Mai Eröffnung der ersten Maintaler Kompostieranlage im Gewerbegebiet westlich des Friedhofs

1990

 Folgende Einwohnerzahlen für Maintal werden durch die Stadtverwaltung am Anfang des Jahres bekanntgegeben: Dörnigheim 15.458, Bischofsheim 13.739, Hochstadt 5.052 und Wachenbuchen 3.411. Eine Auswertung der Kreisverwaltung des Main-Kinzig-Kreises ergibt für Dörnigheim mit 36.242 Einwohnern am 30. Juni die zweithöchste Bevölkerungsdichte im Kreis, das sind 1.119 Menschen pro Quadratkilometer. Der Ausländeranteil beträgt in Maintal 13,2 Prozent, das ist ebenfalls der zweite Platz hinter Hanau

1991

Am 5. und 6. Januar verwüstet der Orkan „Undine“ weite Teile von Deutschland,

 Großbritannien und Irland. Auch in Dörnigheim ist die Feuerwehr Tag und Nacht im Einsatz, um bei der Bergung abgebrochener und entwurzelter Bäume zu helfen

1991

Im Februar werden der Karnevalszug sowie alle karnevalistischen Veranstaltungen

 wegen des Golf-Krieges abgesagt

1991

Der Monteverdi-Chor aus Esztergom in Ungarn hält sich im Juni auf Einladung des Volkschores für einige Tage in Dörnigheim auf und veranstaltet ein brillantes Konzert im evangelischen Gemeindezentrum

1991

Seit November gibt es zwei Telefonzellen in Dörnigheim, in denen bargeldlos mittels einer Telefonkarte telefoniert werden kann (Karten für 12 und 50 Mark)

1991

Im Dezember verkauft die Stadt Maintal 25.000 Quadratmeter Dörnigheimer Bauland hinter der Bonhoeffer-Schule für den sozialen Wohnungsbau an die Stadt Frankfurt und erhält ein Belegungsrecht von 20 Prozent

1992

 Im Januar müssen in der Wingertstraße 35 Meter Schmutzwasserkanal erneuert

 werden, da Baum­wurzeln in die Abflußrohre eingedrungen sind und diese durch

 sogenannte Wurzelbärte verstopfen

1992

Am 24. Januar wird der vierte Dörnigheimer Kinderhort an der Maintal-Halle

 eingeweiht. Das 2,85 Millionen Mark teure Projekt wird auf einem 2.000 Quadratmeter großen Gelände errichtet, das der Eigentümer des Neubaugebietes „An der Maintal-­Halle / Albert-Schweitzer-Straße“ kostenlos zur Verfügung stellt

1992

Anläßlich der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr im Februar weist der Wehrführer dar­auf hin, daß erstmals in der Geschichte der Dörnigheimer Wehr eine Frau der Einsatzabteilung angehört

1992

Am 17. März erfolgt die Einweihung des Neubaus für die Friedrich-Fröbel-Schule

hinter der Werner-von­-Siemens-Schule. Die Friedrich-Fröbel-Schule ist eine Einrichtung für praktisch Bildbare, die bisher in einem Seitenflügel des Schlosses Philippsruhe in Hanau und in mehreren Niederlassungen untergebracht war

1992

Am 8. April wird im Gewerbegebiet Ost das „Dötsch-Haus“ eröffnet. Das von dem Stuttgarter Architekturbüro Kauffmann Theilig konzipierte Haus mit rundem Grundriß ist in seiner Synthese aus Glas, Beton und Stahl einzigartig in Deutschland. Die Firma war allerdings nicht lange dort

1992

Im Mai werden in Dörnigheim die ersten beiden Blockheizkraftwerke der Stadt Maintal in Betrieb genommen. Das Blockheizkraftwerk an der Maintal-Halle hat eine Leistung von 60 Kilowatt­stunden thermischer Energie und 60 Kilowattstunden elektrischer Energie. Es besteht aus zwei Gasmotoren, die einen Generator antrei­ben. Die Abwärme der Gasmotoren, zwei umgebaute PKW-Motoren, und die Abwärme des Gases dienen der Warmwasserproduktion. Angeschlossen sind die Maintal-Halle und der benachbarte Kinderhort, das evangelische Gemeindezen­trum und sechzig Neubauwohnungen. Die Werner-von-Siemens-Schule soll ebenfalls angeschlossen werden. Ein zweites Blockheizkraftwerk deckt den gesamten Energiebedarf des Schwimmbades ab. Für beide Anlagen setzt die Stadt insgesamt 1,25 Millionen Mark ein. Das Land Hessen beteiligt sich mit 190.000 Mark

 

Stadterneuerung in Dörnigheim

Noch vor wenigen Jahren sollte die Dörnigheimer Kennedystraße um eine Fahrspur erweitert werden, um den Durchgangsverkehr noch flüssiger fließen zu lassen. Mit dem Um- und Rück­bau wurde nun genau das Gegenteil angestrebt. Der Durchgangsverkehr - hier vor allem der Schwerlastverkehr - wird nach Möglichkeit aus der Straße herausgehalten. Es soll nunmehr eine Einkaufsstraße mit dem Charakter eines Ortszentrums werden. Bäume sollen rechts und links der Fahrbahn gepflanzt und begrünte Verkehrsinseln geschaffen werden.

Im Jahre 1989 erfolgte der Grundlagenbeschluß durch die Stadtverordnetenver­samm­lung, erst 1994/95 konnte der erste Bauabschnitt der Umgestaltung zwi­schen Backesweg und Hasengasse in An­griff genommen werden. Im Jahre 1998 wurde dann der Bereich zwischen Mainaue und Querspange verwirklicht und 1999 konnte der Abschnitt zwischen Hasengasse und Bahnhofstraße wieder für den Ver­kehr freigegeben werden.

Die Straße soll zu einem richtigen Ortsmittelpunkt entwickeln. Die weiteren Planungen und Umgestaltungsmaßnahmen sollen dabei in enger Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft - vor allem mit den Anwohnern und Geschäftsleuten ‑ erfolgen. Nächster Schritt wird nach den Vorstellungen Stadteilforums sein, die Straße wieder stärker mit Leben zu erfüllen. Dies kann beispielsweise geschehen, wenn vielen ungenutzten Räume - wie alte Scheunen entlang der Wehrmauer - genutzt würden. Hier müßten Durchbrüche geschaffen werden, um mehr Leben hineinzubringen. Alle Bemühungen um eine Verschönerung der Kennedystraße sind zum Scheitern verurteilt, solange die Mauer und Schwarz das Straßenbild dominieren.

Mit den Durchbrüchen in der Mauer würde dann auch der heftig kritisierte breite Flanierbürgersteig einen Sinn machen. Direkte Verbindungen zu den Geschäften in der Kennedystraße, verbunden mit gastronomischen Einrichtungen, würden ein ganz anderes Bild ergeben. Um das alles zu realisieren, müssen erst einmal die Grundstücksbesitzer davon überzeugt werden, ihre bislang ungenutzten Gebäude zu verkaufen oder selbst zu nutzen. Dabei betonte Bauamtsleiter Sachtleber noch mal nachdrücklich: „Gegen den Willen der Leute machen wir gar nichts!“

Seit Juni 1998 ist der Stadtteil Dörnigheim mit den Bereichen Historischer Ortskern / Altstadt und dem Wohngebiet Westend Förderschwerpunkt des Lan­desprogramms „Soziale Stadterneue­rung“. Damit besteht die Möglichkeit, durch Förderung von öffentlichen Maß­nahmen und Projekten dazu beizutra­gen, eine „Nachhaltige Stadterneue­rung“ zu initiieren. Die „Stadterneuerung“ will eine enge Verknüpfung sozialer, kultureller, öko­logischer und ökonomischer Bereiche bewirken und die Akteure vor Ort aktiv an dem Gesamtprozeß beteiligen.

Durch Information und Beteiligungsmöglich­keiten der Bürger soll vor allem die Ak­zeptanz in der Bevölkerung erhöht und die Bereitschaft zur Mitwirkung ge­stärkt werden. Neben investiven baulichen Maßnah­men zur Stadterneuerung sollen bei­spielsweise Maßnahmen und Projekte zur Verbesserung der Beschäftigung und zur nachhaltigen Stabilisierung der so­zialen Verhältnisse und des nachbar­schaftlichen Zusammenlebens in den an­gesprochenen Stadtgebieten unterstützt werden. Vor allem gilt es, vorhandene Möglichkeiten zu nutzen und neue Aktivitäten in Gang zu setzen, die den Stadtteil Dörnig­heim in seiner Entwicklung fördern hel­fen.

Seit Frühjahr 1997 existiert das Stadtteil­forum Dörnigheim, das sich die Reakti­vierung des Stadteilzentrums mit histo­rischer Altstadt und Kennedystraße zum Ziel gesetzt hat. Auch im Wohn­gebiet „Westend“ ist das Bürgerforum aktiv und un­terstützt hier vor allem die sozialen und kulturellen Aspekte des Programms.

Im Jahr 1998 ge­lang die Aufnahme in das Landespro­gramm „Einfache Stadterneuerung“. Doch dann versiegte die Geldquelle, weil sich das Land in den Folgejahren mehr auf das Programm „Soziale Stadterneue­rung“ konzentrierte. Hier sind das Dörnig­heimer Westend und auch das Bischofshei­mer Quartier rechts vom Kreuzstein im Förderprogramm Wiesbadens. Somit fielen für das Aufleben der Dörnigheimer Alt­stadt jegliche finanziellen Mittel weg, die Privatleute sind auf Eigeninitiative angewiesen.

Mit Aufnahme von Dörnigheim in das Landesprogramm „Soziale Stadterneuerung“ wurde ein Stadtteilmanagement entwickelt, das alle Abstimmungsverfahren und Aktivitäten bündeln soll. Ein hoher Modernisierungs‑ und Sanierungsbedarf an historischer Bausubstanz und der zunehmende Leerstand unter anderem von ehemaligen Wirtschaftsgebäuden führt zu einer negativen städtebaulichen Entwicklung in der Altstadt.

Verbunden mit einem Rückgang der privaten Versorgungsangebote (zum Beispiel Geschäfte) ist inzwischen ein gewisser Identifikations‑ und Imageverlust für den Stadtteil zu verzeichnen. Dabei sind gezielte Aufwertungsmaßnahme im öffentlichen wie im privaten Bereich notwendig. Mit dem Umbau der Kennedystraße wurde ein erster Schritt getan.

Die Wiederentdec­kung der Altstadt öffnet aber auch das Bewußtsein für die geschichtliche Bedeutung von Dörnigheim. Dörnigheim soll attrakti­ver werden. So lautet das gemeinsame Ziel, das sich die Stadt Maintal und das Stadt­teilforum Dörnigheim im Rahmen der So­zialen Stadterneuerung gesteckt haben. Dabei richten sie ihr besonderes Augen­merk auf das West­end und den Altstadt­kern. Jetzt hat sich auch die Stadtverordnetenversammlung für den Rahmenplan „Alter Ortskern Dörnigheim“ ausgespro­chen.

In enger Zusammenarbeit des Stadtteilforums mit dem Planungsbüro Kind & Rausch aus Fulda entstand ein Ent­wurf, der die Umwandlung der Altstadt in einen ansprechenden Lebensstandort vorsieht. Die umfassenden Planungen bezie­hen sich auf Privatgrundstücke ebenso wie auf öffentliche Plätze. Zur Verwirklichung der zahlreichen Ideen müßten sich also Anwohner, Geschäftsleute und Kommu­nalpolitiker „in ein Boot“ begeben.

„Wir haben bei unseren Ortsbegehungen ein enormes Flächenpotential entdeckt“, erklärte Ralf Sachtleber. „Würden die zahl­reichen Scheunen im alten Ort ausgebaut, könnte ein komplettes Wohngebiet außer­halb eingespart werden.“ Als öffentliche Aufwertungspunkte sieht er unter ande­rem den Herrenhofplatz, die Fläche vor dem Frankfurt Hof und die Kennedystraße. Hier können sich alle an der Planung betei­ligten Gruppen einen Durchbruch der Wehrmauer vorstellen, um auch die Südseite für Geschäft zu erschließen.

Für die Kennedystraße gibt es Vorschlä­ge, wie auch die alte Stadtmauer mit Durchbrüchen zur Frankfurter Straße auf­gewertet und verschönert werden könnte mit Cafés, Geschäften oder kleinen Gär­ten. Das Stadtteilforum überlegt zusammen mit Maintals Denkmalpfleger Professor von Staden, an verschiedenen Stellen Durchbrüche zu schaffen, um die Mauer lichter und damit attraktiver zu gestalten. Der Denkmalschutz spielt mitt­lerweile mit, so die Stadt. Die Südseite der Kennedystraße mit ihrer abweisenden durchgehenden Stadtmauer ist das Sor­genkind der Stadt. Einzelhandelsgeschäfte an beiden Seiten der Kennedystraße, Schatten spendende Bäume vor dem Frankfurter Hof sowie auf dem Herren­hofplatz, gemütliche Biergartenatmo­sphäre vor den Gaststätten am Main­ufer - so könnte der Dörnigheimer Orts­kern in etwa 10 bis 15 Jahren aus­sehen.

Auch das Mainufer liegt dem Stadtteilforum und Planern am Her­zen. Hier wurden bereits kleine Verschönerungen durchgeführt. Die Laternen er­hielten einen neuen Anstrich, der Grill­platz wurde erneuert, neue Bänke hat die Stadt aufstellen lassen und an unwegsamem Gelände ein Geländer angelegt. Nach Möglichkeit soll das Gestrüpp am Ufer zurückgeschnitten oder durch neue Pflanzen ersetzt werden, um von Schiffen aus ein Auge auf Dörnigheim wer­fen und von den Mainwiesen auch wieder den Flußlauf erblicken zu können.

Zu­sätzliche Baumpflanzungen an anderer Stelle sollen den Alleencharakter am Ufer verstärken. Der Grill­platz soll ein neues Gesicht bekommen. Auch die Anlegestelle für die Ausflugs­schiffe auf dem Main soll neu gestaltet werden, ebenso wird über eine Anlegestel­le für Boote nachgedacht. Außerdem denkt das Stadtteilforum darüber nach, wie sich die Strom­masten am Ufer verschö­nern lassen könnten.

 

Vereinsleben

Eine Folge des steten Zuzugs neuer Einwohner in der Zeit nach 1870 ist natürlich eine rege Bautätigkeit in Dörnigheim und die Gründung vieler Vereine zu dieser Zeit. So wurden unter anderem die Freie Turnerschaft 1906 und der FC Germania 1908 gegründet. In Dörnigheim wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr viele Vereine ins Leben gerufen. Wie Pilze schossen sie aus dem Boden. Gesangvereine, Turnvereine, Rauchklubs, Geselligkeitsvereine aller Art wurden gegründet: Gesangverein „,Harmonie“", Gesangverein „Germania“, Gesangverein „Teutonia“, Gesangverein „Frohsinn“, „Turngesellschaft“, „Turnverein“, „Freie Turnerschaft“, Weihnachtskasse, Spar- und Spielkasse, Radfahrerverein, Bürger­verein, Krankenkasse zur „Standhaftigkeit“, Geflügel- und Brief­tauben­verein, Club „Venus“, Zimmerstutzenverein „Viktoria“, Ziegenversicherungsverein, Evangelischer Frauenverein „Frauenhilfe“, Bürgerlicher Rauchklub, Bürgerverein „Einigkeit“, Kaninchenzuchtverein, Dilettantenverein „Zur Mainlust“, Frauen-Sanitätsverein, Radfahrerverein „Vorwärts“, Gesangverein „Eintracht“.

Das sind die Namen der Vereine, die ihre Statuten auf dem Bürgermeisteramt eingereicht hatten. Es ist anzunehmen, daß es in Wirklichk­eit in Dörnigheim noch mehr Vereine gab. Es ist eine große Zahl, wenn man bedenkt, daß Dörnigheim um die Jahrhundertwende nur etwa 1.500 Einwohner hatte. Der älteste Verein ist der Volkschor, der 1860 gegründet wurde. Der älteste Sportverein. ist die Turngemeinde 1882 Dörnigheim (TGD), entstanden 1923 aus Turnverein (1882-1923) Turngesellschaft (1892-1923),

Natürlich beschränkt sich die Tätigkeit vieler Dörnigheimer Vereine nicht nur auf diesen Stadtteil. Feuerwehr und Deutsches Rotes Kreuz sind schon aufgrund ihres Auftrags als Feuerwehrstützpunkt oder als „gesamtstädtische“ Organisation für alle Stadtteile tätig. Auch einige Vereine treten mit dem Anspruch auf, für ganz Maintal da zu sein. So zum Beispiel der „Jugend‑ Musik- und Kunstverein“, das Maintaler Filmforum oder die zeitweilige Galerie Mo­zartstraße. Umgekehrt sind die Vereine in das Maintaler Vereinsleben integriert, was sich bei den Stadtmeisterschaften in den einzelnen Sportarten oder beiden gemeinsamen Konzerten der Blasorchester und den Chöre zeigt. Nicht zu vergessen der Dörnigheimer Weihnachts­markt des Historischen Kulturkreises, der Besucher aus allen Teilen der Stadt anlockt und ihnen die Schönheiten Dörnigheims näherbringt. Das „Maafest“ im Sommer ist dagegen wieder eingeschlafen. Es gibt aber hin und wieder Verkaufs­schauen wie die „Gewerbe‑Pa­lette“

Organisiert werden diese Veranstaltungen oft vom Vereinsring, der sein Lokal im ehemaligen Bahnhof hat und ein Gästehaus im Osten Dörnigheims hat.

Die Vereine sind auch die Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten aus dem Stadtteil zu treffen, sich zu unterhalten und Informationen auszutauschen und so langsam aber sicher Wurzeln zu schlagen. Das rege Vereinsleben in Dörnigheim ist damit ein Zeichen dafür, daß die Bürger und Bürgerinnen sich in diesem Teil unserer Stadt näher kommen und ein Heimatgefühl entwickeln. Die Stadt Maintal konnte zu dem Vereinsleben einen internationalen Aspekt beisteuern­.

Während manche Dörnigheimer Vereine schon seit langem Kontakt zu ausländischen Schwestervereinen pflegen - so zum Beispiel der Volkschor Dörnigheim zu einem Gesangverein in Neumarkt in Österreich ‑ hatte die Stadt Dörnig­heim keine offiziellen Partnerschaften mit ausländischen Gemeinden. Demgegenüber brachten Hochstadt und Wachenbuchen bei der Gründung der Stadt Maintal ausländische Partner mit Luisant in Frankreich und Moosburg in Kärnten. Diese Partnerschaften sind auch von den Vereinen in Dörnigheim gern aufgegriffen und mit Leben erfüllt worden. Zahlreiche Besuche in Luisant und Moosburg, Gegenbesuche und private Kon­takte von Bürgern zeugen da­von. Auch bei den partnerschaft­lichen Kontakten zur Stadt Esztergom in Ungarn sind Dör­nigheimer Vereine von Anfang an beteiligt gewesen.

Die vielen Dörnigheimer Ver­eine haben hier einen wichti­gen Beitrag dazu geleistet, daß man in Dörnigheim nicht nur wohnt und ‑ sofern man nicht Pendler ist ‑ arbei­tet, sondern sich hier auch heimisch fühlt.

Turngemeinde Dörnigheim:

Die Turngemeinde Dörnigheim ist der mitgliederstärkste Sportverein in Maintal und entsprechend nicht aus dem gesellschaftlichen Leben dieser Stadt wegzudenken. Die Gründung des Vereins erfolgte 1882 durch einige turnbegeisterte Dörnigheimer unter dem Namen „Turnverein von 1882”. Die ersten Vereinssatzungen wurden am 3. Mai 1882 vom damaligen königlichen Landratsamt in Hanau genehmigt und ausgehändigt. Bereits 1888 wurde aus den Reihen der Turner eine neue Abteilung gegründet. Trommler und Pfeiffer umrahmten durch ihr Spiel die turnerischen Veranstaltungen.

Im Jahr 1892 entstand unter dem Namen „Turngesellschaft” ein zweiter Turnverein. Für die damaligen wenigen Aktiven des Turnvereins bedeutete diese Neugründung ein Ansporn zu noch größerer Werbung für die Sache des Turnens. Mit der Zeit wuchs die Anzahl der aktiven Turner. Im Jahre 1922 wurde mit einer Mädchenriege das Frauenturnen eingeführt.

Im Jahre 1923 erfolgte der Zusammenschluß der beiden Dörnigheimer Turnvereine unter dem Namen „Turngemeinde 1882 Dörnigheim”. Die Handballabteilung wurde 1925 gegründet. Eine weitere Aufwärtsentwicklung nahm der Verein durch die Übernahme des bereits im Jahr 1880 gegründeten Gesangvereins „Germania” im Jahr 1932. In diesem Jahr feierte die Turngemeinde auch ihr 50jähriges Jubiläum. Als Vereinslokale dienten damals abwechselnd die Gaststätten „Zur Mainlust” und „Zum Schiffchen”.

Während des Zweiten Weltkrieges mußten alle Abteilungen ihre Tätigkeiten einstellen. Nach Ende des Krieges wurde in Dörnigheim eine Sportgemeinschaft gegründet, in der alle sport­treibenden Vereine zusammengeschlossen waren. Die Sportgemeinschaft wurde 1948 wieder aufgelöst und die alten Vereine bildeten sich wieder. In der Turngemeinde nahmen die Turner, Sänger und Handballer wieder ihre Tätigkeit auf.

Im Jahre 1952 erfolgte unter dem Namen „Musik-und Spielmannszug” eine Neugründung einer Abteilung, die in den folgenden Jahren sehr erfolgreich werden sollte und nicht mehr aus dem Vereinsleben wegzudenken war. Zum 75jährigen Vereinsjubiläum wurde 1957 in Dörnigheim das Gauturnfest veranstaltet. Der Erlös aus dieser Veranstaltung sollte dazu beitragen, eine vereinseigene Turnhalle zu bauen.

Unter tatkräftigem Einsatz vieler Mitglieder und durch Spenden von Freunden und Gönnern wurde die Sporthalle in den Jahren 1957 bis 1959 errichtet und am 11. April 1959 eingeweiht. Damit hatten nicht nur die einzelnen Abteilungen des Vereins eine eigene Übungsstätte, sondern es war auch ein repräsentativer Ort geschaffen für ein reges sportliches und kulturelles Leben in Dörnigheim. Im Jahre 1958 gründete sich die die Tischtennisabteilung und 1962 wurde das Gaststätten-Gebäude fertiggestellt, in welchem man sich bis heute gerne trifft.

Im gleichen Jahr feierten die Mitglieder mit der zehnjährigen Wiedergründung des Musik- und Spielmannszuges das 80jährige Bestehen des Hauptvereins. Im Jahre 1965 bildete sich die Fechtabteilung für Kinder und Jugendliche. In kürzester Zeit konnte diese neue Abteilung Erfolge verzeichnen. Auf Lands- und Bundesebene wurden mehrere Meisterschaften errungen. Der Bau von zwei Kegelbahnen wurde 1966 realisiert.

Der durch die intensive Übungstätigkeit der einzelnen Abteilungen benötigte zusätzliche Raumbedarf führte dazu, 1970 einen Gymnastikraum zu bauen. Hier fand dann der in einem gemischten Chor umstrukturierte Chor „Germania” einen idealen Übungsraum. Auch wurde dieser Raum von der neuen Jazz-Gymnastik-Gruppe genutzt, die es später bis zur Hessenmeisterschaft bringen sollte. „Gymnastik nach Krebs" ist eine Abteilung aller breitensporttreibenden Sportvereine der vier Maintaler Stadtteile. In den achtziger Jahren gründete sich die Tauchabteilung.

Besonderen Wert legte die Turngemeinde in den vergangenen Jahren auf den Übungsbetrieb für ältere Menschen. Mit der „Seniorengymnastik”, der Gruppe „Fit in der zweiten Lebenshälfte”, der „Gruppe vor der Suppe” und dem „Er und Sie-Turnen” bietet der Verein hier ein breites Angebot. Weitere neue Gruppen wie „Aerobic” und „Bodyfeeling” sowie die Kursangebote Rückenschule, Yoga, Becken-Boden-Gymnastik und Skigymnastik runden das Spektrum ab.

Ein besonderes Augenmerk galt und gilt der intensiven Sanierung und Verschönerung der Gebäude. So wurde unter anderem der Raum unter der Bühne der Sporthalle zu einem modernen Mehrzweckraum umgebaut. Die Wände der Sporthalle wurden mit Holzpaneelen verschönert, der Fußboden und die Verglasung erneuert. Der gesamte Technik- und Sanitärbereich wurde erneuert. Im Jahr 2007 wurde der 125. Geburtstag begangen mit der akademischen Feier am Samstag, 17. März und später dem „Tanz in den Mai” in der Sporthalle an der Bahnhofstraße.

 

Weil im Mai 2013 im Maintal Tagesanzeiger geschildert worden war, wie die Freie Turnerschaft unter den Nazis zu leiden hatte, fragte Herbert Begemann, Vorsitzender des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum, in einem Leserbrief, ob es nicht an der Zeit sei, das Bild des Turngemeinde Vorsitzenden Jakob Dammköhler aus dem Gebäude der Turnerschaft zu entfernen. Der Bürgermeister und Nationalsozialist Jakob Dammköhler ist noch heute als einziger Vorsitzender der Turngemeinde im Vereinshaus mit großem Foto portraitiert und wird als einziger Vorsitzender in der online-Vereinschronik namentlich lobend erwähnt.

Jakob Dammköhler war bereits Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim, als er in die NSDAP eintrat und Ende März 1933 den gewählten Dörnigheimer Bürgermeister Karl Leis ablöste. Er war nicht unfreiwilliges Werkzeug der staatlichen Macht, denn er amtierte zeitweise als Ortsgruppenleiter der NSDAP und ließ sich - nach einer kurzen Unterbrechung - in den vierziger Jahren erneut als nationalsozialistischer Bürgermeister bestellen. Nach dem Krieg wurde Jakob Dammköhler wieder Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim - bei Ausblendung der unguten Vorgeschichte.

An Klaus Seibert gewandt wies Begemann darauf hin, daß sein eigener WAM-Fraktionsvor­sitzen­der Jörg Schuschkow es als derzeitiger Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim zuläßt, daß eben jener Jakob Dammköhler immer noch geehrt wird. In der aktuellen WAM-Information heißt es allerdings, die aktuelle Geschichtsschreibung der Turngemeinde Dörnigheim zu ändern „wäre längst an der Zeit“. Da kann Herr Begemann nur zustimmen und sagt: „Sehr geehrte Damen und Herren der WAM, Ihr Vorsitzender Jörg Schuschkow macht in dieser Sache keine gute Figur. Ein aufrechter Gang sieht anders aus!“

Jörg Schuschkow antwortete darauf: Das Porträt von Herrn Jakob Dammköhler in der Halle und seine Erwähnung auf der Internetseite ergeb en sich daraus, daß er der Erste Vorsitzende war, der diese Halle gebaut hat. Seit ich Vorsitzender der Turngemeinde Dörnigheim bin, hat mich die Familie Begemann zweimal auf das Thema „Dammköhler“ angesprochen. Dieses Thema war mir vorher nicht bekannt, aber danach habe ich mich informiert, so gut dies möglich war. Die Information habe ich einerseits aus dem vom Magistrat der Stadt Maintal aufgelegten Buch „Niemand will es gewesen sein“ genommen, das mir dankenswerterweise Herr Begemann zukommen ließ, andererseits aus dem Protokoll des Vorstands, der einmal vor meiner Zeit wegen des Themas mit einem Zeitzeugen, einem Verfolgten des Nationalsozialismus, gesprochen und weitere Informationen eingeholt hatte.

Für mich stellte sich das Bild von Herrn Dammköhler danach so dar, daß er ein Mitläufer (so war er auch bei der Entnazifizierung eingeordnet worden) war, der eine öffentliche Position hatte, in der er regimekonform gehandelt hat, aber eben auch eine andere Seite, in der er zumindest einem Verfolgten auch geholfen hat. Wir haben das Thema im Vorstand der TGD besprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß wir keinen Anlaß sehen, den sicherlich leichten Weg zu gehen, wie er heute gerne gegangen wird und das Portrait einfach abzuhängen.

Meine Erkenntnisse sowie den Beschluß des Vorstands habe ich seinerzeit der Familie Begemann mitgeteilt. Ich habe gefragt, ob darüber hinaus gehende Erkenntnisse vorlägen, was verneint wurde. Daraufhin habe ich vorgeschlagen, da ein Mitglied der Familie Mitglied der TGD ist, doch einen entsprechenden Antrag in der Mitgliederversammlung zu stellen. Das wollte die Familie Begemann nicht, da man sich durch einen solchen Antrag zu sehr exponieren würde und es meine Aufgabe sei, das Problem zu lösen.

Nun stellt der Vorstand zwar ein Organ dar, in dem mit Mehrheit abgestimmt wird und gibt nicht immer meine Meinung wieder, aber in diesem Fall kann ich den Beschluß ohne Bedenken vertreten, sodaß ich mich nicht in der Lage sah, gegen diesen Vorstandsbeschluß die Mitgliederversammlung anzurufen. Außerdem fordere ich, gerade auch in meiner politischen Arbeit, den mündigen Bürger, weil ich mich als solchen auch verstehe, der sich für seine Überzeugungen einsetzt und auch einmal gegen Widerstände vorgeht, selbst wenn das weh tut. Wer meine politische Entwicklung kennt, kann das nachvollziehen.

Wenn Menschen in unserem demokratischen Staat nicht einmal genug Mut haben, ihre Meinung vor einer Mitgliederversammlung zu vertreten, dort einen Antrag zu stellen und sich der folgenden Diskussion zu stellen, frage ich mich, wie diejenigen sich in der Nazidiktatur verhalten hätten. Ich sehe Menschen nicht schwarz oder weiß. Für mich gehört zu einer Aufarbeitung nicht, daß man Portraits abhängt und ein Thema so erledigt, um sich danach als Gutmensch zu fühlen. Ich habe bei meinen Aktivitäten im Internet zu oft mit Jugendlichen zu tun, die diese ganze Betroffenheitskultur mit quasi-rituellem Charakter ablehnen und die man so gar nicht mehr erreicht.

Mir liegt es völlig fern, ein Thema unter den Teppich zu kehren. Ich bin gerne zu einer offenen öffentlichen Diskussion bereit. Aber die sollte man dann auch offen führen und nicht aus einer Position der Vorverurteilung gegenüber einem Menschen, der sicher kein leuchtendes Beispiel abgab, der aber eben ein Mensch seiner Zeit war.

 

Rolf Dewet Klar aus Bischofsheim wies darauf hin, daß man schon 1989 eine Diskussion machen wollte, in der die vor dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Vereine vor Ort darlegen sollten, wie sie in einer noch einzuberaumenden öffentlichen Versammlung zu berichten, wie sie die unsägliche Hitler-Zeit durchlebt haben. . Das Thema wurde abgewürgt und „die Leichen blieben im Keller“, wie später jemand frustriert formulierte. Es galt das Motto: „Schla­fende Hunde soll man nicht wecken“.

Fünf Mitglieder der Turngemeinde meinten am 28. Mai 2013: „Zur Änderung besteht überhaupt kein Anlaß“: Wer glaubt, die Geschichtsschreibung der TGD wegen der Tätigkeit einer einzigen Person außerhalb des Vereins unter einmaligen politischen Bedingungen in Frage stellen zu können, der irrt. Die Geschichte der Turngemeinde Dörnigheim beschreibt die sportlichen und kulturellen Leistungen ihrer Mitglieder in den zahlreichen Abteilungen. Daß die herausragende Leistung des Jakob Dammköhler als Initiator und tatkräftiger Organisator des Baus der TGD-Turnhalle mit einem Foto in eben dieser Halle sowie einer einzigen Erwähnung in unserer Chronik gewürdigt wird, ist völlig gerechtfertigt. Außergewöhnliche Taten öffentlich zu honorieren, ist bei vielen Vereinen - auch in Maintal - üblich.

Bisher hat keines der über 1600 Mitglieder der TGD an dem Foto in der Turnhalle Anstoß genommen. Im Übrigen wurde in der TGD-Vorstandssitzung am 3. April 2012 bereits entschieden, daß in absehbarer Zeit Fotos sämtlicher ehemaligen Vorsitzenden - soweit verfügbar - im Foyer der Turnhalle veröffentlicht werden.

Die TGD ist politisch unabhängig. Voraussetzungen für die Wahl ihres Vorsitzenden sind seine Bereitschaft und seine Führungsqualitäten für die Ziele des Vereins gemäß seiner Satzung. Die politische Unabhängigkeit der TGD zeigen die Parteizugehörigkeiten ihrer Vorsitzenden in den vergangenen Jahrzehnten: CDU, SPD, WAM.

 

Freie Turner Dörnigheim:

Schon seit langem waren Bestrebungen im Gange, auch in Dörnigheim einen Verein zu gründen, der dem Arbeiter-, Turn- und Sportbund angehören sollte. Einer der wohl populärsten Männer im Arbeiter-. Turn- und Sportbund, der Turnfreund Sturz aus Frankfurt, versuchte in leidenschaftlichen Diskussionen die Turnfreunde aus Dörnigheim zu überzeugen, daß es unter den damaligen Verhältnissen notwendig war, auch in Dörnigheim eine neue und fortschrittliche Turnbewegung aufzubauen. Nach mehreren Versammlungen wurde im Dezember 1905 der Grundstein zur Gründung der Freien Turner gelegt.

Die Frankfurter Turnfreunde übten Solidarität und spendeten 80 Reichsmark als finanzielle Grundlage für den neuen Verein. Mehr als 20 Mitglieder traten aus der Turngesellschaft aus und gründeten am 10. Januar 1906 im „Frankfurter Hof“ die Freie Turnerschaft Dörnigheim. Zum Ersten Vorsitzenden wurde Jakob Lapp und zum Kassierer Friedrich Manns gewählt. Welcher Mut dazu gehörte, in dieser Zeit einen Arbeiter-Sportverein zu gründen, ihm als Mitglied oder sogar als Vorstandsmitglied anzugehören, kann nur ermessen, wer weiß, mit welchen Schikanen und Widerständen zu rechnen war. Die Mitglieder waren erfüllt von Kampfgeist und trugen die Bereitschaft in sich, einen erfolgreichen Kampf gegen veraltete Auffassungen zu führen.

Um die Arbeitersportvereine unter Kontrolle zu nehmen, schuf das Wilhelminische Deutschland am 19. April 1908 ein Reichsvereinsgesetz, wonach die dem Arbeiterturnerbund angehörenden Turnvereine als politische Organisationen deklariert wurden. Die Freien Turner mußten innerhalb von 14 Tagen, bei Androhung einer Zwangsstrafe, dem Bürgermeister Vor- und Zuname, Stand und Wohnung jedes einzelnen Vorstandsmitglieds benennen. Außerdem durften nach dem Gesetz bei den Freien Turnern keine Personen unter 18 Jahren Mitglied sein, keine Versammlungen des Vereins besuchen und auch nicht bei Turnveranstaltungen als Zuschauer anwesend sein.

Der Arbeitstag betrug damals zwölf bis vierzehn Stunden. Arbeiter, die während dieser langen Zeit schwer in Fabriken oder im Bergwerk ihren Lebensunterhalt verdienen mußten, konnte man kaum noch für eine sportliche Betätigung begeistern. So war klar, daß die Arbeitersportbewegung , die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag erhob. Obwohl die Kinderarbeit schon verboten war, wurden Massen von Kindern in Fabriken, Bergwerken und noch stärker in Heimarbeit als billige Arbeitskräfte beschäftigt. Diese Kinder konnten mit der sozialen Belastung im Hintergrund natürlich ebenfalls nicht für den Sport gewonnen werden. Deshalb wurde die Forderung nach Einhaltung und Beachtung der bestehenden Gesetze und nach einer Verbesserung der Jugendschutzgesetze gestellt. Dies geschah natürlich nicht zur Freude der Fabrikbesitzer.

Die Arbeitersportbewegung nahm sich durchaus berechtigt auch der sozialen und politischen Forderungen an. Die Entfaltung des Arbeitersports hing eng mit der sozialen und politischen Befreiung der Arbeiter zusammen. Wen wundert es da, daß bei aller Sympathie, die dem jungen Verein insbesondere aus den Reihen der Dörnigheimer Arbeiterschaft entgegengebracht wurde, die Dörnigheimer Gastwirte nicht bereit waren, den Freien Turnern Räume zur Verfügung zu stellen, weil viele Mitglieder dem damaligen SPD-Ortsverein angehörten.

Nach langen Verhandlungen, die unter besonderen Bedingungen verliefen, stellte der Wirt des „Frankfurter Hofs“ den Freien Turnern seine Räumlichkeiten zur Verfügung. Auch dazu gehörte Mut.

Da sich immer mehr Menschen dem Verein anschlossen, konnte die FTD ihre turnerischen Leistungen unter Turnwart Ludwig Kegelmann immer weiter steigern. Schwierig wurde es im Frühjahr 1906, als der Turnbetrieb im Freien stattfinden sollte, denn nun brauchten die Freien Turner dringend einen Sportplatz. Die Kommunen waren damals nicht verpflichtet, den Organisationen Turn- oder Sportplätze zur Verfügung zu stellen.

Als dann endlich das Grundstück Gruber am ehemaligen „Schmalen Weg“ als Sportplatz hergerichtet werden konnte, gingen die Freien Turner mit der ihnen eigenen Begeisterung, die noch heute besteht, mit Hacke und Schippe in jeder freien Minute los, bis das Gelände den Ansprüchen genügte. Die freiwillige Arbeit im Verein stand am Anfang und steht auch heute noch immer an erster Stelle des Vereinslebens. Das war, und das ist die Kraft der Freien Turner, die damit allen Stürmen der Zeit trotzen und sie überstehen konnte.

Der Erste Weltkrieg legte den Turnbetrieb lahm. Was aber noch viel schlimmer war, der Verein verlor im Krieg eine Reihe aktiver Mitglieder, davon sechs seiner besten Turner. So war es nach 1918 sehr schwierig, den Anschluß an die turnerischen Leistungen zu finden. Dazu kamen neue finanzielle Schwierigkeiten. Die Inflation erschwerte die Anschaffung von Sportgeräten. Der alte Turnplatz wurde gekündigt. Ein neuer mußte gefunden und geschaffen werden.

Dennoch bekam der Arbeiterturn- und Sportbund durch die politischen Veränderungen ungeheuren Auftrieb. Die Freien Turner besuchten 1922 mit einer starken Riege das Arbeiter-Turnfest in Leipzig. Im Jahre 1925 nahm die FTD an der Arbeiter-Olympiade in Frankfurt, 1927 am Bundesturnfest in Nürnberg und 1931 an der Arbeiter-Olympiade in Wien teil.

Diese Höhepunkte, von Erfolgen und Siegen gekrönt, zeugen von der turnerischen Aufbauleistung, die im Verein geleistet wurde.

Im Jahre 1926 wurde das heutige Gelände der Freien Turner käuflich erworben und ein Jahr später der Turnplatz eingeweiht. Bis 1933 hat sich die FTD in Dörnigheim zu einer sehr entscheidenden Sport- und Kultur-Organisation entwickelt.

Die Freie Turnerschaft in Dörnigheim wurde hart von der NS-Diktatur getroffen. Viele Dokumente aus jener Zeit - jahrelang nach Kriegsende nicht auffindbar, heute aber im Besitz des Vereins - zeugen von den Schikanen und von dem persönlichen Schicksal, das viele Mitglieder der Freien Turner ertragen mußten.

Klaus Seibert erinnerte am 6. Mai 2013 an das Verbot der FT Dörnigheim im Mai 1933 durch die Nazis. Kaum ein Vierteljahr nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler am 30. Januar 1933 gingen die neuen Machthaber überall in Deutschland auch gegen die Arbeitervereine vor, denen sie „marxistisches Gedankengut“ und „subversive Betätigung“ vorwarfen. Diese Entwicklung machte auch vor der Gemeinde Dörnigheim, die damals weniger als 3000 Einwohner hatte, nicht halt.

Dort betraf es den Arbeitergesangsverein Frohsinn, den Arbeiter Rad- und Fahrverein Solidarität und die Freien Turner Dörnigheim (FTD), die sich schon im Juli 1925 zum „Sport­kartell der freien Arbeitersportvereine“ zusammengetan hatten. Den braunen Machthabern waren besonders die Aktiven des Turnvereins ein Dorn im Auge, da in den Augen der Nazis angeblich der „überwiegende Teil der Freien Turner Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands waren“

Am 5. Mai 1933 war ein unrühmlicher Höhepunkt. Die Freien Turner wurden verboten. Grundlage der Aktion der Nazis war die nur einem Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 erlassene Reichstagsbrand-Verordnung, die es erlaubte, politische und andere Gegner der Nazis willkürlich zu schikanieren und zu drangsalieren. Die Freien Turner, 1906 gegründet, waren der erste Arbeiterverein, bei dem die Nazis in Dörnigheim zuschlugen. Dem Vorstand wurde untersagt, „vorerst“ zu Übungsstunden und Versammlungen einzuladen.

Ortslandjäger Seng tauchte am 5. Mai 1933 überraschend beim FTD-Vereinsvorsitzenden Friedrich Roth, bei Peter Stier und Jakob Roth auf. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde beschlagnahmt. Das Vereinsheim, erst 1927 eingeweiht, Turngeräte, Musikinstrumente, Briefbögen und Protokollbücher wurden genauso konfisziert wie die Vereinsfahne, drei Scheinwerfer und eine „Closettanlage“. Selbst ein Nikolausbart für die Weihnachtsfeier der Kinder war vor den braunen Häschern nicht sicher

Das gesamte Vereinsvermögen, die Turngeräte und sogar Pinsel und Schrauben wurden beschlagnahmt. Die Vereinspapiere und -dokumente wurden verbrannt. Die von den Nazis eingesetzten Statthalter Bürgermeister und Landrat schacherten um das Vermögen des Vereins. Mitglieder und Funktionäre der Freien Turner wurden schikaniert. Selbst die privaten Fahrräder wurden ihnen weggenommen. Sie könnten ja „für illegale Kurierdienste eingesetzt werden“, so die Begründung der Obrigkeit.

Insgesamt weisen die Listen der beschlagnahmten Gegenstände über 60 Positionen aus. Davon wurden 42 im Vereinsheim und der Rest bei den Mitgliedern, die von den Nazis zu Hause aufgesucht wurden, entwendet. Die Begründungen waren haarsträubend. Nöten- und Lehrbücher könnten zur „Schulung der Kommunistischen Partei dienen“. Schränke mußten mitgenommen werden, „weil sie zur Aufbewahrung von Geräten dienten, die im staatsfeindlichen Sinne Verwendung finden könnten“. Ein Tisch sei bei Vereinsveranstaltungen benutzt worden, „welche staatsfeindlichen Charakter hatten“.

Dörnigheims Bürgermeister Jakob Dammköhler, der zugleich die Aufgaben der Ortspolizei innehatte, übernahm über die geraubten Geräte „vorerst die Pflegschaft“. Später verscherbelte er Schränke, Musikinstrumente und anderes an die Feuerwehr und an Naziorganisationen, sogar Verbandszeug wechselte so den Besitzer.

Doch damit waren die neuen Machthaber noch immer nicht zufrieden. Mitte September 1933 meldete sich die Hanauer Hitler-Jugend mit einem Brief an Landrat Löser in Dörnigheim und erhob Anspruch auf die Pfeifen und Trommeln „aus dem dort sichergestellten Vermögensbeständen der früheren Freien Turner“. Dem wurde auch stattgegeben. Nach nicht einmal drei Monaten wollte Dammköhler die Geräte zurück. Denn von den 40 Dörnigheimern Spielleuten der Turn- und Sportgemeinde besäßen nur 22 Instrumente. Um dem Nachdruck zu verleihen, hatten sich die Musiker „sofort verpflichtet“, der „hiesigen Ortsgruppe der NSDAP beziehungsweise der SA jederzeit zur Verfügung zu stehen“. Das restliche Vermögen der FTD ging 1934 bei der proklamierten „endgültigen Liquidierung des Arbeitersports“ in den Besitz des Landes Preußen über

Am 28. Januar 1934 verloren die Freien Turner ihr Grundstück am Main per Enteignungsbeschluß. Weitere Schikanen und Drangsalierungen gegen Mitglieder folgten. Manche wurden im politischen Widerstand aktiv und einige wurden deshalb vor die Gerichte gezerrt. Im großen 88er-Prozess von 1935 wurden auch Mitglieder der Freien Turner abgeurteilt und mußten danach Gefängnis- oder gar KZ-Haft erdulden. Wie andere Dörnigheimer preßten die Nazis auch Mitglieder der Freien Turner in ihren verbrecherischen Krieg. Viele kamen dabei ums Leben, so auch Friedrich Roth, der letzte Vorsitzende der FTD.

 

Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren bei den Freien Turnern. Viele begabte junge Turner kamen nicht mehr zurück. Trotz des Verbots 1933 überlebte die sportliche Idee der FTD. Dies zeigte sich schon 1945 nach der Befreiung vom NS-Terror. Es waren die alten Mitglieder und Funktionäre der Freien Turner, die als erste die Initiative mit Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Alwin Lapp ergriffen, um in Dörnigheim eine gemeinsame Sportorganisation aufzubauen. Sie waren der Meinung, daß man aus der Vergangenheit lernen und alle Kräfte sammeln muß, um in der Einheit eine neue demokratische Sportbewegung aufzubauen. Sie begrüßten deshalb freudig, daß der Gedanke auf höchster Ebene mit der Bildung des Deutschen Turnerbunds (DTB) und des Deutschen Sportbunds (DSB) realisiert wurde.

Wenn es in Dörnigheim - trotz aller Bemühungen - doch zur Wiedergründung der alten Vereine kam, möge das aus heutiger Sicht mit Nachsicht betrachtet werden. Die Gegensätze und Vorurteile waren einfach nicht so ohne Weiteres zu überwinden. Daraufhin nahm die FTD ihr aus der Wiedergutmachung zustehendes Recht in Anspruch und erhielt das vereinseigene Grundstück wieder zurück. Viel Unterstützung erhielten die Turner vom Dörnigheimer Bürgermeister Alwin Lapp.

 

Bei den Freien Turnern wurde der allseitige Turn- und Sportbetrieb dank vieler qualifizierter Übungsleiter und Turnfreunde in unermüdlicher Kleinarbeit aufgebaut. In einigen Sparten reichte es bis zu sportlichen Höchstleistungen. So brachte es die Kunstkraftsportabteilung mit den „zwei Heimers“ bis zur Deutschen Meisterschaft. Aber auch im Handball, ob bei den Damen, den Herren oder der Jugend, in den Turnriegen, in der Budo-Abteilung, immer konnten die Freien Turner mit Erfolgen aufwarten, und ihre Leistungen fanden über die Grenzen der Stadt hinaus Anerkennung. Auch die Gemeinschaftsabteilungen mit der TGD haben sich ebenfalls hervorragend bewährt. Der Vorstand der FTD legt großen Wert auf die Zusammenarbeit mit allen Maintaler Vereinen, doch vor allem soll die Kooperation mit der Turngemeinde Dörnigheim weiter ausgebaut werden.

Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die kulturelle Tätigkeit der FTD in unserer Stadt ein. Insbesondere die Karnevalsabteilung „Blau-Weiß“ tut sich hier hervor. Von den Anfängen im „Frankfurter Hof“ sind ihre Veranstaltungen bis heute immer ein Höhepunkt der „fünften Jahreszeit“. Das Besondere an dieser Abteilung ist, daß sie in enger Verbindung mit dem Geschehen des Vereins zu den Turn- und Sportabteilungen steht, mit ihnen gemeinsam das Programm gestaltet und so lebendige Veranstaltungen organisiert.

Ein alter Traum wurde vom Vorstand und den Mitgliedern erst 1958 verwirklicht. Ende 1958 konnte der erste Bauabschnitt des eigenen Vereinshauses „Zu den Mainterrassen“ zur Einweihung freigegeben werden. Es ist heute wohl kaum von jungen und neuen Mitgliedern der FTD zu ermessen, mit wieviel Elan und persönlichem Einsatz die Verantwortlichen des Vorstands und eine Vielzahl der Mitglieder diesen Bau errichteten. Jede freie Stunde wurde von den Frauen, Männern und den jugendlichen Mitgliedern geopfert, um endlich eine würdige Begegnungsstätte für alle Sportfreunde zu schaffen. Sie ruhten nicht, bis auch die weiteren Bauabschnitte erstellt und das Werk vollendet war.

Stellvertretend für alle Helfer und Organisatoren sollen vier Namen genannt werden, die in der Chronik des Neuaufbaus nach 1945 nicht fehlen dürfen. Das sind Albert Kraft, Walter Bley, August Roth und Georg Keim, deren Verdienste beim Aufbau des Vereinsheims - das heute den Namen von August Roth trägt - besonders zu würdigen sind. Sie haben in dieser schwierigen Zeit alle organisatorischen und finanziellen Klippen gemeistert, und dafür gebührt ihnen mehr als Dank. Damit haben sie den Traum ihrer Vorgänger realisiert. Dank gebührt aber auch dem Darmstädter Architekten Philipp Benz, der mithalf, den Traum zu verwirklichen.

Für die FTD gilt - unter Beachtung der Lehren ihrer eigenen Geschichte - ihr alter und jahrzehntelang gültiger Wahlspruch „Vorwärts zu neuen Taten“ auch für die Zukunft. Es ist die Überzeugung des Vorstands, daß künftige Generationen die Vereinsarbeit im Sinne der Gründer mit neuen Erkenntnissen weiterführen.

Im Jahre 2006 war die Hundertjahrfeier mit akademischer Feier am 14. Januar, Karnevalssitzungen, Abteilungsversammlungen, Jahreshauptversammlung, Schülersportfest, Sommerfest, Halloween-Party und Jahresabschlußfeier. An Pfingsten war vom 2. bis 5. Juni eine große Festveranstaltung mit der Band „The Quinns” im Festzelt auf den Mainwiesen und einer Jubiläumsgala mit bekannten Stargästen, einem Kinder- und Jugendprogramm, Showprogramm mit Tanzgruppen und der Nachwuchs-Rockgruppe, mit Frühschoppen und Tanzturnieren.

Bei der akademischen Feier war die August-Roth-Halle am Samstagnachmittag, dem 14. Januar 2006, voll besetzt. Und jene, die gekommen waren, um einem hundertjährigen Verein ihre Aufwartung zu machen, erlebten eine runde Sache: eine Akademische Feier, die wahrlich nicht akademisch war, sondern einen modernen und jung gebliebenen Jubilaren ehrte. Die Verantwortlichen der Freien Turnerschaft hatten sich zu diesem besonderen Geburtstag ihres Vereins eine ganze Menge einfallen lassen. Das Programm mit zahlreichen Reden, aber vor allem mit künstlerischen Darbietungen und verdienten Mitgliedern, die aus der vitalen Geschichte der FTD erzählten, dauerte rund drei Stunden, wurde aber nie langatmig, sondern präsentierte sich als eine gelungene Mischung.

Alexander Nau, der Vorsitzende des Geburtstagskindes, freute sich besonders darüber, daß so viele Gäste erschienen waren, um der Feierstunde beizuwohnen. Neben dem Bundestagsabgeordneten Dr. Sascha Raabe ließen es sich unter anderem auch Altlandrat Karl Eyerkaufer und der frühere Bundestagsabgeordnete und jetzige Vorsitzende des Hanauer Kreisverbandes des DRK, Bernd Reuter, nicht nehmen, ihre Verbundenheit mit der FTD in besonderer Weise zum Ausdruck zu bringen.

Karl Eyerkaufer fühlte sich besonders geehrt, daß er die Schirmherrschaft für das Jubiläum angetragen bekam und hob die geschichtliche Leistung des Vereins hervor, der ab 1906 als Arbeiterturnverein seinen großen Beitrag dafür geleistet habe, daß wir in Deutschland den Weg in eine freie Gesellschaft gefunden haben.

Gemeinsinn, Solidarität und die Unterstützung jener, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, seien über 100 Jahre hinweg in der Freien Turnerschaft Dörnigheim gelebt und praktiziert worden. Darauf, so Eyerkaufer, Reuter und alle anderen Redner des Nachmittags, könne die FTD sehr stolz sein. Bernd Reuter ging in seiner Festansprache auf die Bedeutung der Arbeiterturnvereine ein, skizzierte die vielen Schwierigkeiten, mit denen sie nach ihren Gründungen im Kaiserreich und später in der NS-Zeit zu kämpfen hatten. Die Freien Turner in Dörnigheim wurden gar verboten, zahlreiche Mitglieder in Konzentrationslager verschleppt und so mancher, der der FTD verbunden war, verlor in einem der beiden Weltkriege sein Leben. Gewürdigt wurden aber nicht nur die Gründerväter, sondern auch jene, die den Verein mach 1945 wieder aufgebaut haben.

Jörg Herpich, der Vorgänger von Alexander Nau, ließ während der Akademischen Feier ältere-Mitglieder zu Wort kommen, die die Zeit ab der Wiedergründung 1950 erlebt haben - eine sehr gute Idee, die Authentizität vermittelte - und die in ihren Aussagen deutlich machten, wie sehr sie mit der FTD verbunden sind und mit wieviel Herzblut sie noch heute an dem Verein hängen. Gretel Keim, die in den 50er Jahren Schriftführerin war und das Ringen um das Vereinshaus - die heutige August-Roth-Halle - hautnah miterlebte, sprach vielen engagierten Mitgliedern aus dem Herzen: „Die FTD ist mein Leben. Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein“.

Interessant waren auch die Ausführungen des Architekten Philipp Benz, die verdeutlichten, daß die Freie Turnerschaft das Vereinshaus trotz weniger finanzieller Mittel auf die Beine stellen konnte - durch unbändiges ehrenamtliches Engagement ihrer Mitglieder. Dieses Engagement betonten auch die weiteren Redner Dr. Sascha Raabe oder Bürgermeister Erhard Rohrbach, der die FTD in Sachen Gemeinschaftssinn und Vorbildfunktion in Maintal sogar an der „Speerspitze der Bewegung“ sah und Alexander Nau dementsprechend einen Speer überreichte, was zweifellos eine sehr originelle Idee darstellte.

Die Leistungen in Sachen Nachwuchsförderung und -betreuung hoben die Festredner ebenso heraus. Großer Dank gehe hier an die vielen Übungsleiter. Stellvertretend für sie alle strich Jörg Herpich die Verdienste von Anneliese Schmitt heraus, die über Jahrzehnte hinweg Kinder und Jugendliche ausgebildet hat. Und einige von diesen sind mittlerweile selbst Übungsleiter bei der FTD geworden. Gerade dies macht das besondere dieses Vereins aus, der ganz zu Recht als große Familie bezeichnet werden kann.

Die Darbietungen der „Hopp Kids“ und der Showtanzgruppe „Dacapo“ unterstrichen das große Potential der FTD. Zum gelungenen Rahmenprogramm trugen zudem das Schulorchester der Bruchköbeler Heinrich-Böll-Schule und der Volkschor Dörnigheim bei.

 

August Roth:

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Meinung vertreten, „da man aus der Vergangenheit lernen und alle Kräfte bündeln muß, um in der Einheit eine neue demokratische Sportbewegung aufzubauen.“ Diese Meinung vertrat auch August Roth junior, der als Aktiver mehr und mehr auch an Verantwortungsposten Interesse zeigte. Er war es auch, der dies einem Bestandteil seiner späteren Vorstandsarbeit machte, da eine zweite Neugründung eines Turnvereins ‑ die Turngemeinde Dörnigheim ‑ auf Grund der noch herrschenden Gegensätze nicht zu vermeiden war.

Er kam am 18. Juli 1922 in der Nordstraße 18 auf die Welt. Er war als vierjähriger Junge 1926 der Turnerschaft beigetreten ‑ selbstverständlich auf Initiative des Vaters, dem Mitbegründer. Die anderen fünf Kinder sowie Mutter Anna durften natürlich bei der FTD nicht fehlen. August Roth junior war das vierte Kind und liebte beim Sport vor allem das Turnen, war später auch dem Handball sehr verbunden.

Im Jahr 1955 wurde August Roth als Zweiter Vorsitzender in den FTD‑Vorstand gewählt, war ab 1966 schließlich bis 1981 Erster Vorsitzender. Unter seiner Mitwirkung konnte unter anderem der langgehegte Wunsch und „Traum der Vorgänger“ ei­ner eigenen Sporthalle und Sportanlage erfüllt werden. Der erste Bauabschnitt hierzu war die Errichtung der Vereinsgaststätte „Zu den Mainterrassen“. Neben den Zuschüs­sen hatte vor allem die finanzielle Hilfe der Mitglieder für ein rasches Fortschreiten des Baus geführt. Die Freien Turner waren aktiv daran beteiligt und arbeiteten in ih­rer Freizeit tatkräftig mit. Binnen weniger Mo­nate konnte der erste Bauabschnitt 1958 fertiggestellt werden.

Weitere Ausbauvorhaben wurden umge­setzt, nicht zuletzt auch deshalb, da August Roth als Bauhofleiter der Gemeinde und späteren Stadt Dörnigheim sowie als Lei­ter des Amtes für öffentliche Einrichtun­gen der Stadt Maintal wesentliche Kontak­te knüpfen konnte. Zudem saß er von 1952 bis 1960 in der Dörnigheimer Gemeinde­vertretung. Seine Einflußmöglichkeiten und Kontakte ließ er aber nicht nur im In­teresse seines eigenen Vereins spielen, sondern förderte generell den Bau von Sportanlagen in Dörnigheim. Die Maintal­-Halle, das Schwimmbad und nicht zu ver­gessen die Sportanlage „Dicke Buche“ ent­standen unter anderem durch seinen Ein­satz.

Beruflich wie ehrenamtlich hatte sich Au­gust Roth also dem Sport verschrieben, privat setzte er die sportliche Familientra­dition ebenfalls fort. Seine Frau Melitta, wie auch seine Tochter Gunda (heute auf Rügen lebend) engagierten sich sportlich. Neben der Freien Turnerschaft Dörnig­heim gehörte August Roth ab 1971 auch dem Turngau Offenbach‑Hanau an und lei­tete als Erster Vorsitzender dort die Ge­schicke, saß im Hauptausschuß des Hessi­schen Turnverbands, war außerdem beim Landessportbund Hessen sowie in weite­ren Sportkreisen und Fachverbänden nicht wegzudenken.

In Erinnerung bleiben für viele Turner bis heute noch der Lan­desturntag in Bischofsheim 1980 und ein Jahr später, anläßlich des 75jährigen Vereinsjubiläums der FTD, der Kunstturnländerwettkampf zwischen Hessen und Berlin, für deren reibungslosen Ab­lauf jeweils August Roth gedankt werden konnte. Über Gauturnfest und Gaukinder­turnfest (1975) hin zu vielen weiteren Ver­anstaltungen: August Roth war immer an vorderster Stelle. Denn nicht nur das Pla­nen war sein Metier, beim Auf‑ und Abbau schritt Roth immer selbst als Erster zur Tat.

Für sein Wirken wurde August Roth liebe­voll als „Vater des Vereins“ genannt. Eine Vielzahl an Titeln, Urkunden und Aus­zeichnungen verliehen die Freien Turner „ihrem“ August. Sämtliche anderen Verei­ne und Verbände, denen er angehörte, ta­ten es der FTD nach, darunter auch die Stadt Maintal, die ihm die Medaille der Stadt in Silber verlieh. August Roth bekam auch die höchste Auszeichnung, die der Hessische Turnverband zu vergeben hat, verliehen: Die Friedrich‑Ludwig‑Weidig­-Plakette. Als August Roth 1981 das Ende seiner Vorstandsarbeit erklärte, wurde er aus gutem Grund zum Ehrenvorsitzenden ernannt. In seiner Vorstandsarbeit hatte er sich in Dörnigheim dafür stark gemacht, daß die Freie Turnerschaft und die Turngemeinde zumindest in gewissen Ab­teilungen zusammenwachsen. Diese Ent­wicklung voranzutreiben ist vor allem für die Turnerinnen und Turner ein bedeutender Nachlaß.

August Roth verstarb in Folge eines Schlaganfalls am 19. April 1994, gut drei Monate vor seinem 72. Geburtstag. Seine gesetzten Ziele konnte er in seinem Leben nahezu alle verwirklichen. Aus der Freien Turnerschaft 06 Dörnigheim ist die „Sport­- und Kulturorganisation“ geworden, die nach dem Weltkrieg als Ziel gesetzt wurde. Denn neben dem sportlichen Geschehen nimmt auch die kulturelle Tätigkeit einen besonderen Stellenwert bei der FTD ein. Die Karnevalsabteilung beispielsweise un­terstreicht erfolgreich den Verbund zum Turnverein mit Tanzdarbietungen aus sel­biger Abteilung. Die Halle wurde 1994 kurz nach dem Tode August Roths nach diesem benannt.                    

 

Schachverein Maintal:

Einer der alten und traditionsreichen Maintaler Vereine feierte im Jahr 2009 sein 75jähriges Bestehen. Beim Schachverein Maintal blickt man gerne auf ein Dreiviertel-Jahrhundert aktiven Sport zurück. Schach wird gern das „königliche Spie“ genannt. Dieser Name geht auf den vermuteten Ursprung in Indien und seiner erstmaligen Dokumentation an den persischen Königshäusern ab dem sechsten Jahrhundert zurück. Abgeleitet vom arabischen, beziehungsweise persischen Begriff, für den König - Schah - läuft das strategisch äußerst anspruchsvolle Spiel bis zum „Tod des König“, denn was wir mit „schachmatt" lautgemäß fast exakt und sinngemäß sehr nahe liegend übersetzt haben, bedeutete im Arabischen schlicht: „der Schah ist gestorben“.

Der Schachverein Dörnigheim wurde in der historischen Gaststätte „Frankfurter Hof“ am 20. Januar 1934, unter anderem vom damaligen „Schachfriseur“ Jean Appel, in dessen Salon sich die Spielbegeisterten schon vorher regelmäßig zu ihren Partien getroffen hatten, und von Adam Allmannsdörfer, der gleich auch Erster Vorsitzender wurde.

Vor kurzem trafen sich nun die heutigen Aktiven des SV Maintal 1934 und feierten ihr großes Jubiläum in den Räumen der „Mainterrasse“ an der Dörnigheimer Uferstraße. In der langen Reihe großer Namen im Vorstand des Vereins - unter anderem leitete ihn Walter Korn - von 1970 bis 1999 Landtagsabgeordneter - steht 2009 mit Daniel Fassing ein ganz junger an erster Stelle. Er ist gerade mal Anfang 20 und bereits ein sehr erfolgreicher Spieler neben seinem Vorstandsamt. Zusammen mit Alexander Wich als seinem Stellvertreter leitet er die Geschicke des Vereins heute und sorgt für Schwung in der doch allgemein nachlassenden Schachszene auf Vereinsebene.

„Internet-Schach“ heißt der große Rivale nicht nur für den Maintaler Verein; der eigentlich ein Dörnigheimer ist und seinen ursprünglichen Namen 1977 in seinen heutigen änderte. Allgemein habe das Interesse am turniermäßigen Schachspiel sehr nachgelassen, und auch der in Dörnigheim trainierende und derzeit mit seiner ersten Mannschaft in der Bezirksliga spielende SV Maintal leidet unter Nachwuchsmangel, sowohl im Bereich der Jugend als bei den Erwachsenen. Dem will man nun aber begegnen, wie auf der Jubiläumsfeier zu hören war, und mit gezielten kleinen Werbekampagnen darauf aufmerksam machen, daß zum Beispiel der Adrenalinschub in einem realen Turnier wesentlich höher ist als auf der Couch zuhause vor dem PC-Monitor. Schach ist ein äußerst spannendes Spiel, und so richtig intensiv wird es erst, wenn man seinem Gegner auch tatsächlich gegenüber sitzt.

Die Feierrunde schwelgte in Erinnerungen. Heinz Schäfer, bekannter und beliebter Dörnigheimer Uhrmacher im Ruhestand war da, mit seinen 83 Jahren auf dem Buckel und seinen 64 Jahren Vereinszugehörigkeit noch immer „fit wie ein Turnschuh“. Bis vor kurzem spielte er auch noch selbst aktiv und erfolgreich, aber heute setzt er mehr auf einen „gemäßigten Adrenalinpegel“ und läßt es gemeinsam mit seiner Frau gemütlicher angehen. Fasziniert lauschte ihm die Runde bei seinen Anekdoten aus der Vereinsgeschichte, wie etwa bei der 25-Jahr-Feier 1959 „die Tassen hoch gingen“, und seinen Erzählungen von der „großen Zeit“ des Dörnigheimer Clubs, etwa den Jahren 1978 und 1980, als die damaligen Mädchenmannschaften die Hessische Meisterschaft erringen konnten. Auch Wolfgang Jung, viele Jahre in der Jugendarbeit für den Verein aktiv, beschwor die „guten alten Zeiten“ des Schachs in der Stadt und schilderte Eindrücke von den einstmals sehr beliebten „Schachfreizeiten“ und dem großen Zusammenhalt in den Mannschaften.

Wer im Stadtteil und in der Umgebung das Schachspiel erlernen, seine Strategie verbessern oder sich einfach mit gleich- oder höherwertigen Partnern messen möchte, der sollte sich aufmachen zur Dörnigheimer „Mainterrasse“, in der sich der SV Maintal jeden Dienstagabend trifft und trainiert. Die Spieler freuen sich auf Interessenten jeden Alters.

 

Dörnigheimer Vereine:

1860    Volkschor Dörnigheim

  1. Gesangverein „Germania“ (1880-1932), seit 1932 Anschluß an die TGD
  2. Turnverein Dörnigheim (1882-1923) fusioniert mit Turngesellschaft (1892-923)

1923 zur Turngemeinde 1882 Dörnigheim (TGD)

1897    SG „Tell“ Hochstadt-Dörnigheim (Sportschützen)

1901    Geflügelzucht-Verein Dörnigheim

1906    Freie Turnerschaft 06 Dörnigheim (FTD)

1908    FC Germania 08 Dörnigheim (Fußballclub)

1912    Rad- und Kraftfahrerverein „Solidarität“ Dörnigheim

1921    Freiwillige Feuerwehr Dörnigheim

1926    Brieftauben-Club „Heimatliebe“

1934    Schachverein Maintal 1934

1945    Sportgemeinschaft Dörnigheim (SG Dörnigheim) (1945-1949)

1946    Bund der Vertriebenen

1947    Touristenverein „Die Naturfreunde“

1949    V. D. K. -Dörnigheim (Verein Deutscher Kriegsbeschädigter)

1955    Club der Heimatfreunde

1958    Bund für Vogelschutz Dörnigheim 1958

1958    Hundefreunde Maintal

1958    Katholische Arbeiterbewegung

1960    Motor-Yacht-Club Dörnigheim

1961    Angelsportverein Dörnigheim

 1963   Kleingärtnerverein Dörnigheim 1963          

Reitclub „Adrian“

1963    Verein für Deutsche Schäferhunde

  1. Elternverein Dörnigheim, später Jugend-Musik- und Kunstverein

heute Jugend-Musik- und Kunstschule Maintal

1969    Akkordeon- und Trachtenclub 1969

1969    1. Tennisclub Blau-Rot Maintal

1969    Verband christlicher Pfadfinder Dörnigheim (VCP)

1972    Frauenaktion Dörnigheim (FRAK)

1973    Dörnigheimer Sportverein 1973

1973    Dörnigheimer Kantorei

1973    Versehrtensportgemeinschaft Maintal

1975    Skatclub „Die Maintaler“

1975    Förderverein Dietrich-Bonhoeffer-Schule

1977    Rollsportclub Dörnigheim

 1978   Karate-Verein „Budokan“ Maintal

1979    1. Maintaler Windsurfing-Club

1979    Rommé- und Canasta-Club

1980    Historischer Kulturkreis Dörnigheim

1980    Karnevalszug-Verein Maintal

1981    Gewerbeverein Dörnigheim

1981    Verein zur Förderung des Fechtsports

1983    1. Squash-Club Maintal

1983    Galerie Mozartstraße

 1988   Griechische Gemeinde Maintal und Umgebung

1988    VCP-Freundeskreis Maintal.

 

 

Kerb

Kerb, das hieß nach dem Krieg noch: Kerbe‑Donnerstag fei­ern bei der Feuerwehr und Samstag und Sonntag Tanz und Unterhaltung im „Schiff­chen“ und im „Weißen Roß“, das hieß, ein, zwei Kinderka­russells am Main und einen Zuckerstand. Kerb, das hieß aber auch: Kartoffelsalat mit Bratwurst und „Kerbekuche“. Damit die Bratwurst frisch war, verkauften die Metzger ausnahmsweise am Kerbe-­Sonntag „übern Hof“. Ver­wandte kamen von außerhalb zu Besuch und feierten mit. Kurz, selbst zur „Nachkerb“ am folgenden Wochenende war alles auf den Beinen.

Das änderte sich mit der Stadt­erhebung von Dörnigheim. Nun wurde die ganze Kerb kurzerhand an die noch wenig bebaute Berliner Straße ver­legt und hieß von nun an „Stadtfest“. Jetzt gab es ein paar Karussells und ein paar Buden mehr, aber nur noch ein Festzelt anstelle der Gasthäu­ser. Es gab keine Kerbebur­schen mehr und auch sonst waren die alten Dörnigheimer nicht so ganz glücklich mit dieser Leistung.

Dann mußte das Stadtfest dem Neubau der Maintal‑Halle wei­chen und 1979 wurde eigens ein Festplatz am Bahn­hof her­gerichtet, mit einer öffentli­chen Bedürfnisanstalt und auch sonst allem drum und dran. Aber da wollten die Bür­ger nicht mehr so recht. Einige Jahre lief die Kerb wieder un­ter ihrem alten Begriff, aber obwohl die Vereine im Wech­sel die Ausrichtung übernom­men hatten, fanden immer we­niger Bürger den Weg zu die­sem Platz. Das änderte sich auch dann nicht, als die Kerb vom zweiten Wochenende im Au­gust zum „Pfingstfest“ wurde.

So begannen Anfang der 80er Jahre die Dörnigheimer ihrer Freude am gemeinsamen Fei­ern auf andere Weise gerecht zu werden. Die große Zeit der Straßenfeste begann. Allen voran die Anwohner der Kant­straße und der Burgernickel­straße. Am Nachmittag saß man gemütlich bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen auf der abgesperrten Straße, und am Abend wurde bei Lampen­schein gegrillt.

Bis heute gehalten hat sich das Straßenfest im oberen Teil der Burgernickelstraße, wo all­jährlich gegen Ende August nicht nur einen ganzen Sonn­tag lang gefeiert wird mit Kin­derspielen, Kaffee, Kuchen und Gegrilltem, sondern auch am Sonntagvormittag ein soge­nanntes Bayerisches Früh­stück stattfindet. Gegessen werden hauptsächlich die Re­ste vom Vortag, und dazu fließt natürlich reichlich Bier.

Im August 1986 fand dann das erste „Derngemer Maafest“ auf den Mainwiesen statt. Fast alle Vereine beteiligten sich mit Festzelten und Ständen, es gab zu Essen und zu Trinken was immer man begehrte. An­fangs kamen die Kinder ein wenig zu kurz mit nur einem Karussell, aber in den folgen­den Jahren standen Ponys zum Reiten zur Verfügung und einige Vereine organisierten Kinderspiele. Einmal ließen die Veranstalter ein Riesenluft­kissen aufblasen, auf dem die Kinder federnd herumhüpfen konnten. Die Hauptattraktion ist aber sicher das Feuerwerk, das alljährlich zum Ausklang des Mainfestes am Sonntag­abend über dem Main abge­schlossen wird ‑ und: So naß wie das erste total verregnete Maafest ist es seitdem nicht mehr geworden.

 

Weihnachtsmarkt 1980

Seit 1980 veranstaltet der Historische Kulturkreis Dörnigheim alljährlich im Dezember vor der Kulisse der alten Fachwerkhäuser in der Frankfurter Straße und der Schwanengasse einen Altstadt-Weihnachtsmarkt. An 40 bis 50 festlich geschmückten Ständen findet sich ein breites Angebot an Geschenkartikeln, Kunsthandwerk und Speisen aller Art. Nach dem Einläuten des Marktes durch die Glocken der Evangelischen Kirche am Samstag des dritten Advents, herrscht ab 14 Uhr im alten Ortskern bis Sonntagabend buntes Treiben. Schulkinder singen, eine Schülerauswahl des Musik-Corps Bischofsheim oder der Akkordeon- und Trachtenclub und das Blasorchester der Turngemeinde spielen weihnachtliche Weisen.

In der Kirche am Main werden Märchen aufgeführt oder die Gospelgruppe „Die Jackson-Singers“ bringen weihnachtliche Stimmung in die Gemeinde. Dörnigheimer Vereine bieten von Schmalzbrot über Schwenksteaks bis hin zum Gyros, vom Glühwein bis zum heißen Slibovic alles, was der Magen begehrt. Kunsthandwerker verkaufen selbstgemachte Puppen oder kunstvolle Keramikarbeiten, und vom Kleinen bis zum Großen finden Geschenkartikel ihre Abnehmer. Eine weihnachtlich geschmückte Pferdekutsche lädt zuweilen zu Rundfahrten ein, und der Nikolaus verteilt kleine Präsente an die Kinder. Am Sonntagabend beendet auch das Kinderkarussell seine Runden, wenn um 21 Uhr die Kirchenglocken das Aus des Marktes läuten.

 

1200‑Jahr‑Feier 1993

Einer der drei Hauptorganisatoren der 1200‑Jahr‑Feier Dörnigheims war Philipp Eibelshäuser vom Amt für Jugend, Kultur und Sport. Um im Vorfeld dieses Festes nichts dem Zufall zu überlassen, wurden drei Ausschüsse gebildet. Dies sind neben dem „Ausschuß für Festlichkeiten und Wer­bung“ noch der „Ausschuß für den Historischen Festzug“ (Federführer Udo Jung, ebenfalls vom Amt für Jugend, Kultur und Sport) und der „Ausschuß für die Festschrift“ (Federführung Werner Jung vom Hauptamt). Die Mitglieder der einzelnen Ausschüsse wurden von den Vorständen der Dörnigheimer Ver­eine benannt. Später waren vier Ausschüsse mit der Vorbereitung der Festlichkeiten beschäftigt.

„Gefeiert wird zwölf Monate lang. Von Neujahr bis Silvester 1993 werden sich die Dörnigheimer über den Geburtstag ihres Örtchens freuen und dies auch durch zahlreiche Feiern zum Ausdruck bringen“, so Udo Jung, verantwortlich für die Gestaltung und den Ablauf des Festzuges.

Jeder Verein, der im nächsten Jahr eine Feier veranstaltet, kann zum Beispiel auf seine Plakate das Dörnigheimer Wappen mit auf­drucken lassen. Es wurde extra für die Geburtstagsfeier angefertigt. Das Festlogo, welches die Dörnigheimer Kirche, den alten Brunnen und das Historische Rathaus zeigte und von dem gebürtigen Dörnigheimer Dieter Konrad entworfen wurde, wurde zum Dörnigheimer Fastnachtsumzug am 29. Februar 1992 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt: Die Mitglieder der drei Festausschüsse warben mit ihm auf einem eigenen Wagen für die 1200‑Jahrfeier.

Am Samstag, 20. März 1993, fand die Akademische Feier „1200 Jahre Dörnigheim“ im evangelischen Gemeindezentrum statt. Zu diesem Anlaß bauten Schülerin­nen und Schüler der Dietrich‑Bonhoeffer‑Schule hi­storische Modelle Dörnigheims und prähistorische Funde wurden gezeigt. Bürgermeister Unger eröffnete das Fest offiziell. Landrat und Vertreter der Landesregierung überbrachten Grußworte. Musikalisch umrahmt wurde die akademische Feier vom Volkschor und vom „Musica mesurata“. Anschließend an das offizielle Programm fand ein Stehempfang mit Musik statt.

Die eigentlichen Festveranstaltungen stiegen dann vom 16. bis 19. Juli 1993. Am Mainufer wurde die Geburtstagsparty feierlich eröffnet. Ein Festzelt für etwa 4.000 Personen wurde am Mainufer aufgestellt. Dazu ein eigenes Weinzelt, in dem sich die Partnergemeinden der Stadt Maintal ‑ Moosburg, Luisant und Esztergom ‑ mit Spezialitäten und Musik vorstellen konnten.

Am Freitag, 16. Juli, begann das Festprogramm auf den Mainwiesen um 20 Uhr mit einer FFH‑Disco. Am Samstag, 17. Juli, begann nachmittags gegen 15 Uhr ein Gemein­schafts­konzert des Blasorchesters Wachenbuchen und des Musik‑Corps Bischofsheim im Festzelt. Gegen Abend mußte das Zelt geräumt werden wegen des Bühnenumbaus für die „Tony‑ Marshall‑Show“ mit Elmar Gunsch, „The Tiffanys‑Piet Knarren“, „Robby & Archie“ und „Lady & Joe“. Nach Ende des Programms spielte das Tony‑Marshall‑Orchester bis gegen 1 Uhr zum Tanz aufspielen.

Am Sonntag, 18. Juli, begann das Festprogramm mit einem ökumenischen Gottesdienst in der evangeli­schen Kirche von Dörnigheim. Ursprünglich war geplant, den Gottesdienst im Festzelt zu feiern, dies scheiterte jedoch am Veto der Kirche. Während der Gottesdienst in der evangelischen Kirche gefeiert wurde, war das Festzelt auf den Mainwiesen von 10 bis 13 Uhr geöffnet für ein Frühkonzert. Gesponsert wurde dieses Konzert von der Frankfurter Sparkasse 1822.

Der Höhepunkt der 1200‑Jahrfeier war am Sonntag­nachmittag gegen 14 Uhr erreicht. Da begann der historische Festzug. Rund 1.100 Personen wirkten am Festzug mit. Hinzu kamen eine größere Zahl von Pferden, Kühen, Eseln und Zie­gen, die als Statisten oder als Gespanne zum Gelin­gen des Zuges beitragen sollten. Etwa 55 Vereine beteiligten sich am Festzug, unter ihnen sind fünfzehn Musikzüge aus Maintal und anderen Kommu­nen. Der Musikzug aus Groß‑Ostheim kam mit fünfzehn Pferden nach Dörnigheim. Neben den Vereinen beteiligten sich auch Schulen und Kindertagesstätten am Festzug. Außerdem gestalteten die Partnergemein­den Luisant, Moosburg und Esztergom eigene Zu­gnummern.

Am Sonntag, 20 Uhr, begann im Festzelt der „Dörnigheimer Abend“. Die Veranstaltung wurde gesponsert von der Sparkasse Hanau und der Braue­rei Henninger. Unter Leitung einer professionellen Agentur gestalteten die Dörnigheimer Vereine diesen Abend. Sie bereiteten ein Unterhaltungspro­gramm vor, das unter dem Motto stand „Reise durch die Zeit“. Anschließend an das Programm spielte der Humor‑ und Musikverein Hochstadt zum Tanz auf.

Am Montag, 19. Juli, um 10 Uhr begann das Festprogramm mit dem „Jubiläumsfrühschoppen“ im Festzelt. Die Gäste wurden unterhalten vom „Franken‑Express“. Am Montagnachmittag ab 15 Uhr gab es ein Kinderspielfest im und um das Festzelt. Gesponsert wurde das Fest von der Raiffei­senbank Maintal. Am Abend gestaltete Gloria Reuter mit ihrer Musikshow den Ausklang der 1200­-Jahrfeier.

Eine „Marktstraße und Kunsthand­werk“ fand in der Schwanengasse und Untergasse statt. Vierzig Handwerker aus historischen Berufen stellten sich und ihren Beruf vor. Man konnte einen Drucker, Uhrmacher, Schuhmacher, Optiker, Seiler Korbflechter, Seidenma­ler, Steinmetz und noch einige andere einheimische Künstler für das Fest verpflichten. Trotz­dem mußte man noch auf auswärtige Teilnehmer zurückgreifen (zwischen 500 und 800 Mark pro engagiertem Mann bzw. Frau). An allen vier Tagen wird außerhalb des Zeltes ein Vergnügungspark aufge­baut werden. Soweit es ging hatte man sich bemüht, Schausteller zu engagieren, die ihr Gewerbe historisch gestalten.

Viel Platz in den Vorbereitungen nahm die geplante Gewerbeschau ein. Fest stand, daß die Gewerbeschau nicht mehr im evangelischen Gemeindezentrum stattfinden wird. Unklar blieb aber noch der Zeitpunkt der Ausstellung des heimischen Gewerbes.

Die Festschrift zum Geburtstag erschien Ende dieses Jahres. Die Geschichte samt Chronik war hierin enthalten. Die Vereine hatten Gelegenheit, sich darzustellen. Und natürlich war auch das Festprogramm hier abgedruckt. Die Auflage wurde mit 15.000 Stück beziffert. An der Herstellung waren alle Dörnigheimer Druckereien beteiligt, finanziert wurde die Schrift durch Werbung;

Die Festschrift zählte 109 Seiten, enthielt wenig Werbung und war unterhaltsam geschrieben

mit einem informativ aufbereiteten Kurzabriß der Dörnigheimer Geschichte. Quer durch die Geschichte geleitet den Leser die Dörnigheimer Zeitung. Der erste Jahrgang dieses imaginären Blattes datiert auf 793. Der Autor des geschichtlichen Abrisses in der Festschrift, Werner Jung, wählte diese Form der Darstellung, um Teile der Dörnigheimer Geschichte in kurzer und zeitge­mäßer Art und Sprache darstellen zu können. So lautet die Meldung vom 14. Juni 1474: „Heute hat der Mainzer Henker Arbeit bekommen. Seine Auf­gabe bestand darin, zwei Bewohner des westlichen Besitztums der Hanauer Grafen hinzurichten. Leider hat sich darunter auch ein Einwohner unseres Dorfes befunden.“

Auch das Jahrtausend‑Hochwasser im Jahre 1477, die erste Kartoffelanpflanzung in der Dör­nigheimer Gemarkung im Jahre 1771 und andere denkwür­dige Ereignisse aus der Dörnig­heimer Geschichte werden auf diese Art präsentiert. Margret Schulz hat einen Text verfaßt mit der Überschrift „Dörnigheimer Frauen machen Ge­schichte“. Wie lebten die Frauen in Dörnigheim und auf welche Art und Weise gestalte­ten sie das Gemeinwesen? Antworten auf diese Fragen und Einblicke in die allgemeinen Lebensum­stände, bei denen Frauen in der Vergangenheit tätig waren, bietet der Text.

Großen Raum widmet man in der Broschüre der Darstellung des vielfältigen und traditionsreichen Dörnigheimer Vereinslebens. In Kurztexten infor­mieren die Vereine über ihre Geschichten und ihre Aktivitäten.

Illustriert ist die Festschrift mit zahlreichen histori­schen Fotos. Selbstverständlich enthält sie auch einen kompletten Überblick über das Festpro­gramm und eine Liste der am Festzug zur 1200-­Jahrfeier Dörnigheims beteiligten Initiativen. Die Festschrift „1200 Jahre Dörnigheim“ wurde an alle Dörnigheimer Haushalte kostenlos verteilt. Interessenten aus anderen Stadtteilen und Kommu­nen konnten sie über das Hauptamt der Stadt Maintal beziehen.

Ein richtiges Buch haben 37 Autoren, drei Fotografen, ein Künstler, zwei Lektoren und sieben Sponsoren auf den Markt gebracht: „Dörnigheim nach 1200 Jahren. Berichte von Zeitzeugen“. Am Donnerstagabend stellten die stolzen Macher vom Historischen Kulturkreis die „unterhaltsame Dokumentation mit Anekdoten, Gedichten und mehr als 120 Bildern“ vor. Das 350 Seiten starke Buch schreibt die von Dr. Heinrich Lapp 1952 verfaßte Ortschronik für die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg fort.

Das neue Buch mit alten Geschichten und aktueller Gegenwart beschreibt liebevoll dieses Gesamt­kunstwerk Dörnigheim. Geschrieben von Laien sind die behandelten Themen schier allumfassend, von der politischen Entwicklung, Chören und Kir­che, Feuerwehr, Karneval, Sport, Handel und Ge­werbe bis zu Kindergärten, Schulen, Polizei, Fried­höfen und Mundart. Erzählt werden Anekdötchen und Schmankerl, geschildert sind Völkerwanderun­gen und Ausländerprobleme, die Kunst kommt nicht zu kurz. Fast drei Jahre hat es gebraucht, von der ersten. Vorbesprechung bis heute, ehe das schöne Werk vollendet war. Den Titel ziert ein Aquarell von Helmut Hellmessen, zahlreiche Fotos schmücken die Seiten. Mit dem Kauf von fünfhundert Exemplaren hat die Stadt Maintal eine kostengünstige Auflage ermög­licht und sich bei den kritischen Dörnigheimern Pluspunkte verschafft. Das Buch kostet 39 Mark und ist im Frankfurter Verlag Waldemar Kramer erschienen.

Vom 26. bis 28. März 1993 war eine Ausstellung im evangelischen Gemeindezentrum in Dörnigheim zu sehen. Titel der Ausstellung ist „Dörnigheim in der Ge­schichte“. Sie wird organisiert von den Vereinen „Historischer Kulturkreis Dörnigheim“ und „Hei­matmuseum Maintal“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Maintal. Gezeigt werden unter anderem ar­chäologische Funde und historische Fotos.

Der am 18. Juli stattfindende „Historische Festzug“ bestand aus etwa 40 Wagen. Jeder Wagen wurde von einem Verein gestaltet und geschmückt. Etwa 1.000 Men­schen, zahlreiche Wagen, Pferde und Rinder, nahmen an dem Umzug teil. Das Konzept des Festzuges sah vor, daß durch jeden einzelnen Wagen ein bestimmter Zeitabschnitt zwischen den Jahren 793 und 1993 dargestellt wird. Der Festzug war also chronologisch aufgebaut und zeigte Bil­der aus der Geschichte Dör­nigheims, angefangen bei den Germanen bis hin zur Gegen­wart. Die Stadt Maintal hatte rund 400 Ko­stüme beim Heimatbund Seli­genstadt geordert. Die Stadt übernahm die Leihgebühren für die Kostüme und die Mate­rialkosten für den Bau der Festzugswagen. In Dörnigheimer Garagen und Scheunen lief der Wagenbau bis zur letzten Minute auf Hochtou­ren. Mit großem zeitlichen Aufwand, viel Phantasie und Geschick, bauten Mitglieder der Dörnigheimer Vereine die Festwagen.

Angeführt wurde der Festzug vom Festwagen der Stadt Maintal. Unter dem Motto 1200 Jahre Dörnigheim wur­den auf dem Motivwagen die drei ältesten Bauwerke von Dörnigheim dargestellt. Dann folgten Bilder aus der Frühge­schichte der Siedlung. Mitglieder der Freien Turner­schaft stellten die Germanen dar, der FC Germania römische Besatzer, die im er­sten und zweiten nachchristli­chen Jahrhundert unser Ge­biet besetzt hielten.

Von der Christianisierung kün­dete die nächste Zugnummer. Irische Mönche, unter ihnen Bonifatius, verbreiten im heutigen Hessen das Christentum und bauten die ersten Kirchen. Der CDU‑Ortsverband und der Schachverein stellten in ih­rer Zugnummer den Anlaß der Jubiläumsfeier dar. Unter dem Titel „Die Schenkungsur­kunde“ zeigen sie, wie Wolf­bodo das Land zwischen Brau­bach und Surdafalache zusam­men mit der Kirche von Turin­cheim an das Kloster Lorsch verschenkte.

Auch Karl der Große hatte sei­nen Platz im Festzug. Der Reit­- und Fahrverein „Hubertus“ Hochstadt und der Ronnebur­ger Reit‑ und Jagdclub erin­nerten in einer Zugnummer an den im Jahre 800 zum Kaiser gekrönten Karl den Großen, der im nahen Frankfurt eine Pfalz unterhielt und auf seinen Reisen und Heerzügen auf der „Alten Straße“ auch über Tu­rincheim kam. Die beiden Reit­vereine erinnerten gemeinsam mit den Dörnigheimer Jägern an das Jahr 1064, als Heinrich IV. die Ländereien von Turincheim aus dem Be­sitz des Klosters Lorsch an das Jakobskloster in Mainz über­gab.

Es folgte eine Szene aus dem Jahr 1333. Damals beerbten die Hanauer Grafen die vom Main­zer Jakobskloster einge­setzten Herren von Rieneck. Das Vogteirecht in Dörnig­heim fiel den Hanauern zu.

Die nächste Zugnummer erin­nerte an das 14. Jahrhundert. In dieser raub‑ und fehdefreudi­gen Zeit erhielt Dörnigheim seine Wehrmauer und die Landwehr mit Graben und Schutzhecke. Die Befesti­gungsanlagen sollten den Ort vor den auf der alten Frank­furt‑Leipziger Straße vorbei­ziehenden Soldaten und Räu­berbanden schützen. Erst gegen Anfang des 19. Jahrhun­derts wurde Dörnigheim über die Wehrmauer erweitert.

Auf das Jahr 1366 wird das Dörnigheimer Weistum da­tiert. Unter den Linden wurde dieser auf dem Lande übliche Rechtsvertrag von den Dorfäl­testen, den Schöffen und einem Vertreter des Mainzer Jakobsklosters verfaßt. In ihm wurden die Rechte des Abtes und die Pflichten der Einwoh­ner gegen ihn festgeschrieben. Die Weistümer sollten Schutz­briefe für die Bevölkerung sein, in Wirklichkeit verloren die Ein­wohner jedoch damit fast alle Rechte.

Besiegelt wurde das Dokument mit dem Zeichen eines großen E, das sich auch im heutigen Dörnigheimer Wappen befindet. Das E ist jedoch nicht als Buchstabe zu verstehen: Die drei Balken deuten auf die drei Parteien hin, die im Dörnigheimer Ge­markungsgericht vertreten wa­ren: das Kloster St. Jakob zu Mainz, die Grafen von Hanau und die Schöffen von Dörnig­heim.

Eine weitere Zugnummer stellte Dörnigheim an der Straße dar. Mit dem Wachstum der Städte und der Bevölkerung, dem Aufblühen von Handel und Handwerk gewann die Frank­furt‑ Leipziger Straße an Be­deutung. Sie wurde nun inner­halb der Wehrmauer durch den Ort, der nun „Dorenkem“ genannt w